
        
                                    Novalis
                            Heinrich von Ofterdingen
                           Erster Teil: Die Erwartung
                                 Erstes Kapitel
Die Eltern lagen schon und schliefen, die Wanduhr schlug ihren einförmigen Takt,
vor den klappernden Fenstern sauste der Wind; abwechselnd wurde die Stube hell
von dem Schimmer des Mondes. Der Jüngling lag unruhig auf seinem Lager, und
gedachte des Fremden und seiner Erzählungen. Nicht die Schätze sind es, die ein
so unaussprechliches Verlangen in mir geweckt haben, sagte er zu sich selbst;
fern ab liegt mir alle Habsucht: aber die blaue Blume sehn' ich mich zu
erblicken. Sie liegt mir unaufhörlich im Sinn, und ich kann nichts anders
dichten und denken. So ist mir noch nie zu Mute gewesen: es ist, als hätt' ich
vorhin geträumt, oder ich wäre in eine andere Welt hinübergeschlummert; denn in
der Welt, in der ich sonst lebte, wer hätte da sich um Blumen bekümmert, und gar
von einer so seltsamen Leidenschaft für eine Blume hab' ich damals nie gehört.
Wo eigentlich nur der Fremde herkam? Keiner von uns hat je einen ähnlichen
Menschen gesehn; doch weiss ich nicht, warum nur ich von seinen Reden so
ergriffen worden bin; die Andern haben ja das Nämliche gehört, und Keinem ist so
etwas begegnet. Dass ich auch nicht einmal von meinem wunderlichen Zustande reden
kann! Es ist mir oft so entzückend wohl, und nur dann, wenn ich die Blume nicht
recht gegenwärtig habe, befällt mich so ein tiefes, inniges Treiben: das kann
und wird Keiner verstehn. Ich glaubte, ich wäre wahnsinnig, wenn ich nicht so
klar und hell sähe und dächte, mir ist seitdem alles viel bekannter. Ich hörte
einst von alten Zeiten reden; wie da die Tiere und Bäume und Felsen mit den
Menschen gesprochen hätten. Mir ist grade so, als wollten sie allaugenblicklich
anfangen, und als könnte ich es ihnen ansehen, was sie mir sagen wollten. Es muss
noch viel Worte geben, die ich nicht weiss: wüsste ich mehr, so könnte ich viel
besser alles begreifen.
    Sonst tanzte ich gern; jezt denke ich lieber nach der Musik. Der Jüngling
verlohr sich allmählich in süssen Fantasien und entschlummerte. Da träumte ihm
erst von unabsehlichen Fernen, und wilden, unbekannten Gegenden. Er wanderte
über Meere mit unbegreiflicher Leichtigkeit; wunderliche Tiere sah er; er lebte
mit mannichfaltigen Menschen, bald im Kriege, in wildem Getümmel, in stillen
Hütten. Er geriet in Gefangenschaft und die schmählichste Not. Alle
Empfindungen stiegen bis zu einer niegekannten Höhe in ihm. Er durchlebte ein
unendlich buntes Leben; starb und kam wieder, liebte bis zur höchsten
Leidenschaft, und war dann wieder auf ewig von seiner Geliebten getrennt.
Endlich gegen Morgen, wie draussen die Dämmerung anbrach, wurde es stiller in
seiner Seele, klarer und bleibender wurden die Bilder. Es kam ihm vor, als ginge
er in einem dunkeln Walde allein. Nur selten schimmerte der Tag durch das grüne
Netz. Bald kam er vor eine Felsenschlucht, die bergan stieg. Er musste über
bemooste Steine klettern, die ein ehemaliger Strom herunter gerissen hatte. Je
höher er kam, desto lichter wurde der Wald. Endlich gelangte er zu einer kleinen
Wiese, die am Hange des Berges lag. Hinter der Wiese erhob sich eine hohe
Klippe, an deren Fuss er eine Öefnung erblickte, die der Anfang eines in den
Felsen gehauenen Ganges zu sein schien. Der Gang führte ihn gemächlich eine
Zeitlang eben fort, bis zu einer grossen Weitung, aus der ihm schon von fern ein
helles Licht entgegen glänzte. Wie er hineintrat, ward er einen mächtigen Strahl
gewahr, der wie aus einem Springquell bis an die Decke des Gewölbes stieg, und
oben in unzählige Funken zerstäubte, die sich unten in einem grossen Becken
sammelten; der Strahl glänzte wie entzündetes Gold; nicht das mindeste Geräusch
war zu hören, eine heilige Stille umgab das herrliche Schauspiel. Er näherte
sich dem Becken, das mit unendlichen Farben wogte und zitterte. Die Wände der
Höhle waren mit dieser Flüssigkeit überzogen, die nicht heiss, sondern kühl war,
und an den Wänden nur ein mattes, bläuliches Licht von sich warf. Er tauchte
seine Hand in das Becken und benetzte seine Lippen. Es war, als durchdränge ihn
ein geistiger Hauch, und er fühlte sich innigst gestärkt und erfrischt. Ein
unwiderstehliches Verlangen ergriff ihn sich zu baden, er entkleidete sich und
stieg in das Becken. Es dünkte ihn, als umflösse ihn eine Wolke des Abendrots;
eine himmlische Empfindung überströmte sein Inneres; mit inniger Wollust
strebten unzählbare Gedanken in ihm sich zu vermischen; neue, niegesehene Bilder
entstanden, die auch in einander flossen und zu sichtbaren Wesen um ihn wurden,
und jede Welle des lieblichen Elements schmiegte sich wie ein zarter Busen an
ihn. Die Flut schien eine Auflösung reizender Mädchen, die an dem Jünglinge sich
augenblicklich verkörperten.
    Berauscht von Entzücken und doch jedes Eindrucks bewusst, schwamm er gemach
dem leuchtenden Strome nach, der aus dem Becken in den Felsen hineinfloss. Eine
Art von süssem Schlummer befiel ihn, in welchem er unbeschreibliche Begebenheiten
träumte, und woraus ihn eine andere Erleuchtung weckte. Er fand sich auf einem
weichen Rasen am Rande einer Quelle, die in die Luft hinausquoll und sich darin
zu verzehren schien. Dunkelblaue Felsen mit bunten Adern erhoben sich in einiger
Entfernung; das Tageslicht [,] das ihn umgab, war heller und milder als das
gewöhnliche, der Himmel war schwarzblau und völlig rein. Was ihn aber mit voller
Macht anzog, war eine hohe lichtblaue Blume, die zunächst an der Quelle stand,
und ihn mit ihren breiten, glänzenden Blättern berührte. Rund um sie her standen
unzählige Blumen von allen Farben, und der köstlichste Geruch erfüllte die Luft.
Er sah nichts als die blaue Blume, und betrachtete sie lange mit unnennbarer
Zärtlichkeit. Endlich wollte er sich ihr nähern, als sie auf einmal sich zu
bewegen und zu verändern anfing; die Blätter wurden glänzender und schmiegten
sich an den wachsenden Stengel, die Blume neigte sich nach ihm zu, und die
Blütenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes
Gesicht schwebte. Sein süsses Staunen wuchs mit der sonderbaren Verwandlung, als
ihn plötzlich die Stimme seiner Mutter weckte, und er sich in der elterlichen
Stube fand, die schon die Morgensonne vergoldete. Er war zu entzückt, um
unwillig über diese Störung zu sein; vielmehr bot er seiner Mutter freundlich
guten Morgen und erwiederte ihre herzliche Umarmung.
    Du Langschläfer, sagte der Vater, wie lange sitze ich schon hier, und feile.
Ich habe deinetwegen nichts hämmern dürfen; die Mutter wollte den lieben Sohn
schlafen lassen. Aufs Frühstück habe ich auch warten müssen. Klüglich hast du
den Lehrstand erwählt, für den wir wachen und arbeiten. Indes ein tüchtiger
Gelehrter, wie ich mir habe sagen lassen, muss auch Nächte zu Hülfe nehmen, um
die grossen Werke der weisen Vorfahren zu studiren. Lieber Vater, antwortete
Heinrich, werdet nicht unwillig über meinen langen Schlaf, den ihr sonst nicht
an mir gewohnt seid. Ich schlief erst spät ein, und habe viele unruhige Träume
gehabt, bis zuletzt ein anmutiger Traum mir erschien, den ich lange nicht
vergessen werde, und von dem mich dünkt, als sei es mehr als blosser Traum
gewesen. Lieber Heinrich, sprach die Mutter, du hast dich gewiss auf den Rücken
gelegt, oder beim Abendsegen fremde Gedanken gehabt. Du siehst auch noch ganz
wunderlich aus. Iss und trink, dass du munter wirst.
    Die Mutter ging hinaus, der Vater arbeitete emsig fort und sagte: Träume
sind Schäume, mögen auch die hochgelahrten Herren davon denken, was sie wollen,
und du tust wohl, wenn du dein Gemüt von dergleichen unnützen und schädlichen
Betrachtungen abwendest. Die Zeiten sind nicht mehr, wo zu den Träumen göttliche
Gesichte sich gesellten, und wir können und werden es nicht begreifen, wie es
jenen auserwählten Männern, von denen die Bibel erzählt, zu Mute gewesen ist.
Damals muss es eine andere Beschaffenheit mit den Träumen gehabt haben, so wie
mit den menschlichen Dingen.
    In dem Alter der Welt, wo wir leben, findet der unmittelbare Verkehr mit dem
Himmel nicht mehr Statt. Die alten Geschichten und Schriften sind jetzt die
einzigen Quellen, durch die uns eine Kenntnis von der überirdischen Welt, so
weit wir sie nötig haben, zu Teil wird; und statt jener ausdrücklichen
Offenbarungen redet jetzt der heilige Geist mittelbar durch den Verstand kluger
und wohlgesinnter Männer und durch die Lebensweise und die Schicksale frommer
Menschen zu uns. Unsre heutigen Wunderbilder haben mich nie sonderlich erbaut,
und ich habe nie jene grossen Taten geglaubt, die unsre Geistlichen davon
erzählen. Indes mag sich daran erbauen, wer will, und ich hüte mich wohl
jemanden in seinem Vertrauen irre zu machen. - Aber, lieber Vater, aus welchem
Grunde seid Ihr so den Träumen entgegen, deren seltsame Verwandlungen und
leichte zarte Natur doch unser Nachdenken gewisslich rege machen müssen? Ist
nicht jeder, auch der verworrenste Traum, eine sonderliche Erscheinung, die auch
ohne noch an göttliche Schickung dabei zu denken, ein bedeutsamer Riss in den
geheimnisvollen Vorhang ist, der mit tausend Falten in unser Inneres
hereinfällt? In den weisesten Büchern findet man unzählige Traumgeschichten von
glaubhaften Menschen, und erinnert Euch nur noch des Traums, den uns neulich der
ehrwürdige Hofkaplan erzählte, und der Euch selbst so merkwürdig vorkam.
    Aber, auch ohne diese Geschichten, wenn Ihr zuerst in Eurem Leben einen
Traum hättet, wie würdet Ihr nicht erstaunen, und Euch die Wunderbarkeit dieser
uns nur alltäglich gewordenen Begebenheit gewiss nicht abstreiten lassen! Mich
dünkt der Traum eine Schutzwehr gegen die Regelmässigkeit und Gewöhnlichkeit des
Lebens, eine freie Erholung der gebundenen Fantasie, wo sie alle Bilder des
Lebens durcheinanderwirft, und die beständige Ernstaftigkeit des erwachsenen
Menschen durch ein fröhliches Kinderspiel unterbricht. Ohne die Träume würden
wir gewiss früher alt, und so kann man den Traum, wenn auch nicht als unmittelbar
von oben gegeben, doch als eine göttliche Mitgabe, einen freundlichen Begleiter
auf der Wallfahrt zum heiligen Grabe betrachten. Gewiss ist der Traum, den ich
heute Nacht träumte, kein unwirksamer Zufall in meinem Leben gewesen, denn ich
fühle es, dass er in meine Seele wie ein weites Rad hineingreift, und sie in
mächtigem Schwunge forttreibt.
    Der Vater lächelte freundlich und sagte, indem er die Mutter, die eben
hereintrat, ansah: Mutter, Heinrich kann die Stunde nicht verläugnen, durch die
er in der Welt ist. In seinen Reden kocht der feurige wälsche Wein, den ich
damals von Rom mitgebracht hatte, und der unsern Hochzeitsabend verherrlichte.
Damals war ich auch noch ein andrer Kerl. Die südliche Luft hatte mich
aufgetaut, von Mut und Lust floss ich über, und du warst auch ein heisses
köstliches Mädchen. Bei Deinem Vater gings damals herrlich zu; Spielleute und
Sänger waren weit und breit herzugekommen, und lange war in Augsburg keine
lustigere Hochzeit gefeiert worden.
    Ihr spracht vorhin von Träumen, sagte die Mutter, weisst du wohl, dass du mir
damals auch von einem Traume erzähltest, den du in Rom gehabt hattest, und der
dich zuerst auf den Gedanken gebracht, zu uns nach Augsburg zu kommen, und um
mich zu werben? Du erinnerst mich eben zur rechten Zeit, sagte der Alte; ich
habe diesen seltsamen Traum ganz vergessen, der mich damals lange genug
beschäftigte; aber eben er ist mir ein Beweis dessen, was ich von den Träumen
gesagt habe. Es ist unmöglich einen geordneteren und helleren zu haben; noch
jetzt entsinne ich mich jedes Umstandes ganz genau; und doch, was hat er
bedeutet? Dass ich von dir träumte, und mich bald darauf von Sehnsucht ergriffen
fühlte, dich zu besitzen, war ganz natürlich: denn ich kannte dich schon. Dein
freundliches holdes Wesen hatte mich gleich anfangs lebhaft gerührt, und nur die
Lust nach der Fremde hielt damals meinen Wunsch nach deinem Besitz noch zurück.
Um die Zeit des Traums war meine Neugierde schon ziemlich gestillt, und nun
konnte die Neigung leichter durchdringen.
    Erzählt uns doch jenen seltsamen Traum, sagte der Sohn. Ich war eines
Abends, fing der Vater an, umhergestreift. Der Himmel war rein, und der Mond
bekleidete die alten Säulen und Mauern mit seinem bleichen schauerlichen Lichte.
Meine Gesellen gingen den Mädchen nach, und mich trieb das Heimweh und die Liebe
ins Freie. Endlich ward ich durstig und ging ins erste beste Landhaus hinein, um
einen Trunk Wein oder Milch zu fordern. Ein alter Mann kam heraus, der mich wohl
für einen verdächtigen Besuch halten mochte. Ich trug ihm mein Anliegen vor; und
als er erfuhr, dass ich ein Ausländer und ein Deutscher sei, lud er mich
freundlich in die Stube und brachte eine Flasche Wein. Er hiess mich
niedersetzen, und fragte mich nach meinem Gewerbe. Die Stube war voll Bücher und
Altertümer. Wir gerieten in ein weitläufiges Gespräch; er erzählte mir viel
von alten Zeiten, von Mahlern, Bildhauern und Dichtern. Noch nie hatte ich so
davon reden hören. Es war mir, als sei ich in einer neuen Welt ans Land
gestiegen. Er wies mir Siegelsteine und andre alte Kunstarbeiten; dann las er
mir mit lebendigem Feuer herrliche Gedichte vor, und so vergieng die Zeit, wie
ein Augenblick. Noch jetzt heitert mein Herz sich auf, wenn ich mich des bunten
Gewühls der wunderlichen Gedanken und Empfindungen erinnere, die mich in dieser
Nacht erfüllten. In den heidnischen Zeiten war er wie zu Hause, und sehnte sich
mit unglaublicher Inbrunst in dies graue Altertum zurück. Endlich wies er mir
eine Kammer an, wo ich den Rest der Nacht zubringen könnte, weil es schon zu
spät sei, um noch zurückzukehren. Ich schlief bald, und da dünkte michs ich sei
in meiner Vaterstadt und wanderte aus dem Tore. Es war, als müsste ich irgend
wohin gehn, um etwas zu bestellen, doch wusste ich nicht wohin, und was ich
verrichten solle. Ich ging nach dem Harze mit überaus schnellen Schritten, und
wohl war mir, als sei es zur Hochzeit. Ich hielt mich nicht auf dem Wege,
sondern immer feldein durch Tal und Wald, und bald kam ich an einen hohen Berg.
Als ich oben war, sah ich die goldne Aue vor mir, und überschaute Türingen weit
und breit, also dass kein Berg in der Nähe umher mir die Aussicht wehrte.
Gegenüber lag der Harz mit seinen dunklen Bergen, und ich sah unzählige
Schlösser, Klöster und Ortschaften. Wie mir nun da recht wohl innerlich ward,
fiel mir der alte Mann ein, bei dem ich schlief, und es gedäuchte mir, als sei
das vor geraumer Zeit geschehn, dass ich bei ihm gewesen sei. Bald gewahrte ich
eine Stiege, die in den Berg hinein ging, und ich machte mich hinunter. Nach
langer Zeit kam ich in eine grosse Höhle, da sass ein Greis in einem langen Kleide
vor einem eisernen Tische, und schaute unverwandt nach einem wunderschönen
Mädchen, die in Marmor gehauen vor ihm stand. Sein Bart war durch den eisernen
Tisch gewachsen und bedeckte seine Füsse. Er sah ernst und freundlich aus, und
gemahnte mich wie ein alter Kopf, den ich den Abend bei dem Manne gesehn hatte.
Ein glänzendes Licht war in der Höhle verbreitet. Wie ich so stand und den Greis
ansah, klopfte mir plötzlich mein Wirt auf die Schulter, nahm mich bei der Hand
und führte mich durch lange Gänge mit sich fort. Nach einer Weile sah ich von
weitem eine Dämmerung, als wollte das Tageslicht einbrechen. Ich eilte darauf
zu, und befand mich bald auf einem grünen Plane; aber es schien mir alles ganz
anders, als in Türingen. Ungeheure Bäume mit grossen glänzenden Blättern
verbreiteten weit umher Schatten. Die Luft war sehr heiss und doch nicht
drückend. Überall Quellen und Blumen, und unter allen Blumen gefiel mir Eine
ganz besonders, und es kam mir vor, als neigten sich die Andern gegen sie.
    Ach! liebster Vater, sagt mir doch, welche Farbe sie hatte, rief der Sohn
mit heftiger Bewegung.
    Das entsinne ich mich nicht mehr, so genau ich mir auch sonst alles
eingeprägt habe.
    War sie nicht blau?
    Es kann sein, fuhr der Alte fort, ohne auf Heinrichs seltsame Heftigkeit
Achtung zu geben. Soviel weiss ich nur noch, dass mir ganz unaussprechlich zu
Mute war, und ich mich lange nicht nach meinem Begleiter umsah. Wie ich mich
endlich zu ihm wandte, bemerkte ich, dass er mich aufmerksam betrachtete und mir
mit inniger Freude zulächelte. Auf welche Art ich von diesem Orte wegkam,
erinnere ich mir nicht mehr. Ich war wieder oben auf dem Berge. Mein Begleiter
stand bei mir, und sagte: du hast das Wunder der Welt gesehn. Es steht bei dir,
das glücklichste Wesen auf der Welt und noch über das ein berühmter Mann zu
werden. Nimm wohl in Acht, was ich dir sage: wenn du am Tage Johannis gegen
Abend wieder hieher kommst, und Gott herzlich um das Verständnis dieses Traumes
bittest, so wird dir das höchste irdische Loos zu Teil werden; dann gieb nur
acht, auf ein blaues Blümchen, was du hier oben finden wirst, brich es ab, und
überlass dich dann demütig der himmlischen Führung. Ich war darauf im Traume
unter den herrlichsten Gestalten und Menschen, und unendliche Zeiten gaukelten
mit mannichfaltigen Veränderungen vor meinen Augen vorüber. Wie gelöst war meine
Zunge, und was ich sprach, klang wie Musik. Darauf ward alles wieder dunkel und
eng und gewöhnlich; ich sah deine Mutter mit freundlichem, verschämten Blick vor
mir; sie hielt ein glänzendes Kind in den Armen, und reichte mir es hin, als auf
einmal das Kind zusehends wuchs, immer heller und glänzender ward, und sich
endlich mit blendendweissen Flügeln über uns erhob, uns beide in seinen Arm nahm,
und so hoch mit uns flog, dass die Erde nur wie eine goldene Schüssel mit dem
saubersten Schnitzwerk aussah. Dann erinnere ich mir nur, dass wieder jene Blume
und der Berg und der Greis vorkamen; aber ich erwachte bald darauf und fühlte
mich von heftiger Liebe bewegt. Ich nahm Abschied von meinem gastfreien Wirt,
der mich bat, ihn oft wieder zu besuchen, was ich ihm zusagte, und auch Wort
gehalten haben würde, wenn ich nicht bald darauf Rom verlassen hätte, und
ungestüm nach Augsburg gereist wäre.
 
                                Zweites Kapitel
Johannis war vorbei, die Mutter hatte längst einmal nach Augsburg ins väterliche
Haus kommen und dem Grossvater den noch unbekannten lieben Enkel mitbringen
sollen. Einige gute Freunde des alten Ofterdingen, ein paar Kaufleute, mussten in
Handelsgeschäften dahin reisen. Da fasste die Mutter den Entschluss, bei dieser
Gelegenheit jenen Wunsch auszuführen, und es lag ihr dies um so mehr am Herzen,
weil sie seit einiger Zeit merkte, dass Heinrich weit stiller und in sich
gekehrter war, als sonst. Sie glaubte, er sei missmütig oder krank, und eine
weite Reise, der Anblick neuer Menschen und Länder, und wie sie verstohlen
ahndete, die Reize einer jungen Landsmännin würden die trübe Laune ihres Sohnes
vertreiben, und wieder einen so teilnehmenden und lebensfrohen Menschen aus ihm
machen, wie er sonst gewesen. Der Alte willigte in den Plan der Mutter, und
Heinrich war über die Massen erfreut, in ein Land zu kommen, was er schon lange,
nach den Erzählungen seiner Mutter und mancher Reisenden, wie ein irdisches
Paradies sich gedacht, und wohin er oft vergeblich sich gewünscht hatte.
    Heinrich war eben zwanzig Jahr alt geworden. Er war nie über die umliegenden
Gegenden seiner Vaterstadt hinausgekommen; die Welt war ihm nur aus Erzählungen
bekannt. Wenig Bücher waren ihm zu Gesichte gekommen. Bei der Hofhaltung des
Landgrafen ging es nach der Sitte der damaligen Zeiten einfach und still zu; und
die Pracht und Bequemlichkeit des fürstlichen Lebens dürfte sich schwerlich mit
den Annehmlichkeiten messen, die in spätern Zeiten ein bemittelter Privatmann
sich und den Seinigen ohne Verschwendung verschaffen konnte. Dafür war aber der
Sinn für die Gerätschaften und Habseeligkeiten, die der Mensch zum
mannichfachen Dienst seines Lebens um sich her versammelt, desto zarter und
tiefer. Sie waren den Menschen werter und merkwürdiger. Zog schon das Geheimnis
der Natur und die Entstehung ihrer Körper den ahndenden Geist an: so erhöhte die
seltnere Kunst ihrer Bearbeitung die romantische Ferne, aus der man sie erhielt,
und die Heiligkeit ihres Altertums, da sie sorgfältiger bewahrt, oft das
Besitztum mehrerer Nachkommenschaften wurden, die Neigung zu diesen stummen
Gefährten des Lebens. Oft wurden sie zu dem Rang von geweihten Pfändern eines
besondern Segens und Schicksals erhoben, und das Wohl ganzer Reiche und
weitverbreiteter Familien hing an ihrer Erhaltung. Eine liebliche Armut
schmückte diese Zeiten mit einer eigentümlichen ernsten und unschuldigen
Einfalt; und die sparsam verteilten Kleinodien glänzten desto bedeutender in
dieser Dämmerung, und erfüllten ein sinniges Gemüt mit wunderbaren Erwartungen.
Wenn es wahr ist, dass erst eine geschickte Verteilung von Licht, Farbe und
Schatten die verborgene Herrlichkeit der sichtbaren Welt offenbart, und sich
hier ein neues höheres Auge aufzutun scheint: so war damals überall eine
ähnliche Verteilung und Wirtschaftlichkeit wahrzunehmen; da hingegen die
neuere wohlhabendere Zeit das einförmige und unbedeutendere Bild eines
allgemeinen Tages darbietet. In allen Übergängen scheint, wie in einem
Zwischenreiche, eine höhere, geistliche Macht durchbrechen zu wollen; und wie
auf der Oberfläche unseres Wohnplatzes, die an unterirdischen und überirdischen
Schätzen reichsten Gegenden in der Mitte zwischen den wilden, unwirtlichen
Urgebirgen und den unermesslichen Ebenen liegen, so hat sich auch zwischen den
rohen Zeiten der Barbarei, und dem kunstreichen, vielwissenden und begüterten
Weltalter eine tiefsinnige und romantische Zeit niedergelassen, die unter
schlichtem Kleide eine höhere Gestalt verbirgt. Wer wandelt nicht gern im
Zwielichte, wenn die Nacht am Lichte und das Licht an der Nacht in höhere
Schatten und Farben zerbricht; und also vertiefen wir uns willig in die Jahre,
wo Heinrich lebte und jetzt neuen Begebenheiten mit vollem Herzen entgegenging.
Er nahm Abschied von seinen Gespielen und seinem Lehrer, dem alten weisen
Hofkaplan, der Heinrichs fruchtbare Anlagen kannte, und ihn mit gerührtem Herzen
und einem stillen Gebete entliess. Die Landgräfin war seine Patin; er war oft
auf der Wartburg bei ihr gewesen. Auch jetzt beurlaubte er sich bei seiner
Beschützerin, die ihm gute Lehren und eine goldene Halskette verehrte, und mit
freundlichen Äusserungen von ihm schied.
    In wehmütiger Stimmung verliess Heinrich seinen Vater und seine
Geburtsstadt. Es ward ihm jetzt erst deutlich, was Trennung sei; die
Vorstellungen von der Reise waren nicht von dem sonderbaren Gefühle begleitet
gewesen, was er jetzt empfand, als zuerst seine bisherige Welt von ihm gerissen
und er wie auf ein fremdes Ufer gespült ward. Unendlich ist die jugendliche
Trauer bei dieser ersten Erfahrung der Vergänglichkeit der irdischen Dinge, die
dem unerfahrnen Gemüt so notwendig, und unentbehrlich, so fest verwachsen mit
dem eigentümlichsten Dasein und so unveränderlich, wie dieses, vorkommen
müssen. Eine erste Ankündigung des Todes, bleibt die erste Trennung
unvergesslich, und wird, nachdem sie lange wie ein nächtliches Gesicht den
Menschen beängstigt hat, endlich bei abnehmender Freude an den Erscheinungen des
Tages, und zunehmender Sehnsucht nach einer bleibenden sichern Welt, zu einem
freundlichen Wegweiser und einer tröstenden Bekanntschaft. Die Nähe seiner
Mutter tröstete den Jüngling sehr. Die alte Welt schien noch nicht ganz
verloren, und er umfasste sie mit verdoppelter Innigkeit. Es war früh am Tage,
als die Reisenden aus den Toren von Eisenach fortritten, und die Dämmerung
begünstigte Heinrichs gerührte Stimmung. Je heller es ward, desto bemerklicher
wurden ihm die neuen unbekannten Gegenden; und als auf einer Anhöhe die
verlassene Landschaft von der aufgehenden Sonne auf einmal erleuchtet wurde, so
fielen dem überraschten Jüngling alte Melodien seines Innern in den trüben
Wechsel seiner Gedanken ein. Er sah sich an der Schwelle der Ferne, in die er
oft vergebens von den nahen Bergen geschaut, und die er sich mit sonderbaren
Farben ausgemahlt hatte. Er war im Begriff, sich in ihre blaue Flut zu tauchen.
Die Wunderblume stand vor ihm, und er sah nach Türingen, welches er jetzt
hinter sich liess mit der seltsamen Ahndung hinüber, als werde er nach langen
Wanderungen von der Weltgegend her, nach welcher sie jetzt reisten, in sein
Vaterland zurückkommen, und als reise er daher diesem eigentlich zu. Die
Gesellschaft, die anfänglich aus ähnlichen Ursachen still gewesen war, fing nach
gerade an aufzuwachen, und sich mit allerhand Gesprächen und Erzählungen die
Zeit zu verkürzen. Heinrichs Mutter glaubte ihren Sohn aus den Träumereien
reissen zu müssen, in denen sie ihn versunken sah, und fing an ihm von ihrem
Vaterlande zu erzählen, von dem Hause ihres Vaters und dem frölichen Leben in
Schwaben. Die Kaufleute stimmten mit ein, und bekräftigten die mütterlichen
Erzählungen, rühmten die Gastfreiheit des alten Schwaning, und konnten nicht
aufhören, die schönen Landsmänninnen ihrer Reisegefährtin zu preisen. Ihr tut
wohl, sagten sie, dass ihr euren Sohn dortin führt. Die Sitten eures Vaterlandes
sind milder und gefälliger. Die Menschen wissen das Nützliche zu befördern, ohne
das Angenehme zu verachten. Jedermann sucht seine Bedürfnisse auf eine gesellige
und reitzende Art zu befriedigen. Der Kaufmann befindet sich wohl dabei, und
wird geehrt. Die Künste und Handwerke vermehren und veredeln sich, den Fleissigen
dünkt die Arbeit leichter, weil sie ihm zu mannichfachen Annehmlichkeiten
verhilft, und er, indem er eine einförmige Mühe übernimmt, sicher ist, die
bunten Früchte mannichfacher und belohnender Beschäftigungen dafür
mitzugeniessen. Geld, Tätigkeit und Waren erzeugen sich gegenseitig, und treiben
sich in raschen Kreisen, und das Land und die Städte blühen auf. Je eifriger der
Erwerbfleiss die Tage benutzt, desto ausschliesslicher ist der Abend, den
reitzenden Vergnügungen der schönen Künste und des geselligen Umgangs gewidmet.
Das Gemüt sehnt sich nach Erholung und Abwechselung, und wo sollte es diese auf
eine anständigere und reitzendere Art finden, als in der Beschäftigung mit den
freien Spielen und Erzeugnissen seiner edelsten Kraft, des bildenden Tiefsinns.
Nirgends hört man so anmutige Sänger, findet so herrliche Mahler, und nirgends
sieht man auf den Tanzsälen leichtere Bewegungen und lieblichere Gestalten. Die
Nachbarschaft von Wälschland zeigt sich in dem ungezwungenen Betragen und den
einnehmenden Gesprächen. Euer Geschlecht darf die Gesellschaften schmücken, und
ohne Furcht vor Nachrede mit holdseligem Bezeigen einen lebhaften Wetteifer,
seine Aufmerksamkeit zu fesseln, erregen. Die rauhe Ernstaftigkeit und die
wilde Ausgelassenheit der Männer macht einer milden Lebendigkeit und sanfter
bescheidner Freude Platz, und die Liebe wird in tausendfachen Gestalten der
leitende Geist der glücklichen Gesellschaften. Weit entfernt, dass
Ausschweifungen und unziemende Grundsätze dadurch sollten herbeigelockt werden,
scheint es, als flöhen die bösen Geister die Nähe der Anmut, und gewiss sind in
ganz Deutschland keine unbescholtenere Mädchen und keine treuere Frauen, als in
Schwaben.
    Ja junger Freund, in der klaren warmen Luft des südlichen Deutschlands
werdet ihr eure ernste Schüchternheit wohl ablegen; die frölichen Mädchen werden
euch wohl geschmeidig und gesprächig machen. Schon euer Name, als Fremder, und
eure nahe Verwandtschaft mit dem alten Schwaning, der die Freude jeder frölichen
Gesellschaft ist, werden die reitzenden Augen der Mädchen auf sich ziehn; und
wenn ihr eurem Grossvater folgt, so werdet ihr gewiss unsrer Vaterstadt eine
ähnliche Zierde in einer holdseligen Frau mitbringen, wie euer Vater. Mit
freundlichem Erröten dankte Heinrichs Mutter für das schöne Lob ihres
Vaterlandes, und die gute Meinung von ihren Landsmänninnen, und der
gedankenvolle Heinrich hatte nicht umhin gekonnt, aufmerksam und mit innigem
Wohlgefallen der Schilderung des Landes, dessen Anblick ihm bevorstand,
zuzuhören. Wenn ihr auch, fuhren die Kaufleute fort, die Kunst eures Vaters
nicht ergreifen, und lieber, wie wir gehört haben, euch mit gelehrten Dingen
befassen wollt: so braucht ihr nicht Geistlicher zu werden, und Verzicht auf die
schönsten Genüsse dieses Lebens zu leisten. Es ist eben schlimm genug, dass die
Wissenschaften in den Händen eines so von dem weltlichen Leben abgesonderten
Standes, und die Fürsten von so ungeselligen und wahrhaft unerfahrenen Männern
beraten sind. In der Einsamkeit in welcher sie nicht selbst Teil an den
Weltgeschäften nehmen, müssen ihre Gedanken eine unnütze Wendung erhalten, und
können nicht auf die wirklichen Vorfälle passen. In Schwaben trefft ihr auch
wahrhaft kluge und erfahrne Männer unter den Layen; und ihr mögt nun wählen,
welchen Zweig menschlicher Kenntnisse ihr wollt: so wird es euch nicht an den
besten Lehrern und Ratgebern fehlen. Nach einer Weile sagte Heinrich, dem bei
dieser Rede sein Freund der Hofkaplan in den Sinn gekommen war: Wenn ich bei
meiner Unkunde von der Beschaffenheit der Welt euch auch eben nicht abfällig
sein kann, in dem was ihr von der Unfähigkeit der Geistlichen zu Führung und
Beurteilung weltlicher Angelegenheiten behauptet: so ist mirs doch wohl
erlaubt, euch an unsern trefflichen Hofkaplan zu erinnern, der gewiss ein Muster
eines weisen Mannes ist, und dessen Lehren und Ratschläge mir unvergessen sein
werden.
    Wir ehren, erwiederten die Kaufleute, diesen trefflichen Mann von ganzem
Herzen; aber dennoch können wir nur in sofern eurer Meinung Beifall geben, dass
er ein weiser Mann sei, wenn ihr von jener Weisheit sprecht, die einen Gott
wohlgefälligen Lebenswandel angeht. Haltet ihr ihn für eben so weltklug, als er
in den Sachen des Heils geübt und unterrichtet ist: so erlaubt uns, dass wir euch
nicht beistimmen. Doch glauben wir, dass dadurch der heilige Mann nichts von
seinem verdienten Lobe verliert; da er viel zu vertieft in der Kunde der
überirdischen Welt ist, als dass er nach Einsicht und Ansehn in irdischen Dingen
streben sollte.
    Aber, sagte Heinrich, sollte nicht jene höhere Kunde ebenfalls geschickt
machen, recht unparteiisch den Zügel menschlicher Angelegenheiten zu führen?
sollte nicht jene kindliche unbefangene Einfalt sicherer den richtigen Weg durch
das Labyrint der hiesigen Begebenheiten treffen, als die durch Rücksicht auf
eigenen Vorteil irregeleitete und gehemmte, von der unerschöpflichen Zahl neuer
Zufälle und Verwickelungen geblendete Klugheit? Ich weiss nicht, aber mich dünkt,
ich sähe zwei Wege um zur Wissenschaft der menschlichen Geschichte zu gelangen.
Der eine, mühsam und unabsehlich, mit unzähligen Krümmungen, der Weg der
Erfahrung; der andere, fast Ein Sprung nur, der Weg der innern Betrachtung. Der
Wanderer des ersten muss eins aus dem andern in einer langwierigen Rechnung
finden, wenn der andere die Natur jeder Begebenheit und jeder Sache gleich
unmittelbar anschaut, und sie in ihrem lebendigen, mannichfaltigen Zusammenhange
betrachten, und leicht mit allen übrigen, wie Figuren auf einer Tafel,
vergleichen kann. Ihr müsst verzeihen, wenn ich wie aus kindischen Träumen vor
euch rede: nur das Zutrauen zu eurer Güte und das Andenken meines Lehrers, der
den zweiten Weg mir als seinen eignen von weitem gezeigt hat, machte mich so
dreist.
    Wir gestehen Euch gern, sagten die gutmütigen Kaufleute, dass wir eurem
Gedankengange nicht zu folgen vermögen: doch freut es uns, dass ihr so warm euch
des trefflichen Lehrers erinnert, und seinen Unterricht wohl gefasst zu haben
scheint.
    Es dünkt uns, ihr habt Anlage zum Dichter. Ihr sprecht so geläufig von den
Erscheinungen eures Gemüts, und es fehlt Euch nicht an gewählten Ausdrücken und
passenden Vergleichungen. Auch neigt Ihr Euch zum Wunderbaren, als dem Elemente
der Dichter.
    Ich weiss nicht, sagte Heinrich, wie es kommt. Schon oft habe ich von
Dichtern und Sängern sprechen gehört, und habe noch nie einen gesehn. Ja, ich
kann mir nicht einmal einen Begriff von ihrer sonderbaren Kunst machen, und doch
habe ich eine grosse Sehnsucht davon zu hören. Es ist mir, als würde ich manches
besser verstehen, was jetzt nur dunkle Ahndung in mir ist. Von Gedichten ist oft
erzählt worden, aber nie habe ich eins zu sehen bekommen, und mein Lehrer hat
nie Gelegenheit gehabt Kenntnisse von dieser Kunst einzuziehn. Alles, was er mir
davon gesagt, habe ich nicht deutlich begreifen können. Doch meinte er immer, es
sei eine edle Kunst, der ich mich ganz ergeben würde, wenn ich sie einmal kennen
lernte. In alten Zeiten sei sie weit gemeiner gewesen, und habe jedermann einige
Wissenschaft davon gehabt, jedoch Einer vor dem Andern. Sie sei noch mit andern
verlohrengegangenen herrlichen Künsten verschwistert gewesen. Die Sänger hätte
göttliche Gunst hoch geehrt, so dass sie begeistert durch unsichtbaren Umgang,
himmlische Weisheit auf Erden in lieblichen Tönen verkündigen können.
    Die Kaufleute sagten darauf: Wir haben uns freilich nie um die Geheimnisse
der Dichter bekümmert, wenn wir gleich mit Vergnügen ihrem Gesange zugehört. Es
mag wohl wahr sein, dass eine besondere Gestirnung dazu gehört, wenn ein Dichter
zur Welt kommen soll; denn es ist gewiss eine recht wunderbare Sache mit dieser
Kunst. Auch sind die andern Künste gar sehr davon unterschieden, und lassen sich
weit eher begreifen. Bei den Mahlern und Tonkünstlern kann man leicht einsehn,
wie es zugeht, und mit Fleiss und Geduld lässt sich beides lernen. Die Töne liegen
schon in den Saiten, und es gehört nur eine Fertigkeit dazu, diese zu bewegen um
jene in einer reitzenden Folge aufzuwecken. Bei den Bildern ist die Natur die
herrlichste Lehrmeisterin. Sie erzeugt unzählige schöne und wunderliche Figuren,
gibt die Farben, das Licht und den Schatten, und so kann eine geübte Hand, ein
richtiges Auge, und die Kenntnis von der Bereitung und Vermischung der Farben,
die Natur auf das vollkommenste nachahmen. Wie natürlich ist daher auch die
Wirkung dieser Künste, das Wohlgefallen an ihren Werken, zu begreifen. Der
Gesang der Nachtigall, das Sausen des Windes, und die herrlichen Lichter, Farben
und Gestalten gefallen uns, weil sie unsere Sinne angenehm beschäftigen; und da
unsere Sinne dazu von der Natur, die auch jenes hervorbringt, so eingerichtet
sind, so muss uns auch die künstliche Nachahmung der Natur gefallen. Die Natur
will selbst auch einen Genuss von ihrer grossen Künstlichkeit haben, und darum hat
sie sich in Menschen verwandelt, wo sie nun selber sich über ihre Herrlichkeit
freut, das Angenehme und Liebliche von den Dingen absondert, und es auf solche
Art allein hervorbringt, dass sie es auf mannichfaltigere Weise, und zu allen
Zeiten und allen Orten haben und geniessen kann. Dagegen ist von der Dichtkunst
sonst nirgends äusserlich etwas anzutreffen. Auch schafft sie nichts mit
Werkzeugen und Händen; das Auge und das Ohr vernehmen nichts davon: denn das
blosse Hören der Worte ist nicht die eigentliche Wirkung dieser geheimen Kunst.
Es ist alles innerlich, und wie jene Künstler die äussern Sinne mit angenehmen
Empfindungen erfüllen, so erfüllt der Dichter das inwendige Heiligtum des
Gemüts mit neuen, wunderbaren und gefälligen Gedanken. Er weiss jene geheimen
Kräfte in uns nach Belieben zu erregen, und gibt uns durch Worte eine
unbekannte herrliche Welt zu vernehmen. Wie aus tiefen Höhlen steigen alte und
künftige Zeiten, unzählige Menschen, wunderbare Gegenden, und die seltsamsten
Begebenheiten in uns herauf, und entreissen uns der bekannten Gegenwart. Man hört
fremde Worte und weiss doch, was sie bedeuten sollen. Eine magische Gewalt üben
die Sprüche des Dichters aus; auch die gewöhnlichen Worte kommen in reizenden
Klängen vor, und berauschten die festgebannten Zuhörer.
    Ihr verwandelt meine Neugierde in heisse Ungeduld, sagte Heinrich. Ich bitte
euch, erzählt mir von allen Sängern, die ihr gehört habt. Ich kann nicht genug
von diesen besondern Menschen hören. Mir ist auf einmal, als hätte ich irgendwo
schon davon in meiner tiefsten Jugend reden hören, doch kann ich mich
schlechterdings nichts mehr davon entsinnen. Aber mir ist das, was ihr sagt, so
klar, so bekannt, und ihr macht mir ein ausserordentliches Vergnügen mit euren
schönen Beschreibungen.
    Wir erinnern uns selbst gern, fuhren die Kaufleute fort, mancher frohen
Stunden, die wir in Welschland, Frankreich und Schwaben in der Gesellschaft von
Sängern zugebracht haben, und freuen uns, dass ihr so lebhaften Anteil an unsern
Reden nehmet. Wenn man so in Gebirgen reist, spricht es sich mit doppelter
Annehmlichkeit, und die Zeit vergeht spielend. Vielleicht ergötzt es euch einige
artige Geschichten von Dichtern zu hören, die wir auf unsern Reisen erfuhren.
Von den Gesängen selbst, die wir gehört haben, können wir wenig sagen, da die
Freude und der Rausch des Augenblicks das Gedächtnis hindert viel zu behalten,
und die unaufhörlichen Handelsgeschäfte manches Andenken auch wieder verwischt
haben.
    In alten Zeiten muss die ganze Natur lebendiger und sinnvoller gewesen sein,
als heut zu Tage. Wirkungen, die jetzt kaum noch die Tiere zu bemerken
scheinen, und die Menschen eigentlich allein noch empfinden und geniessen,
bewegten damals leblose Körper; und so war es möglich, dass kunstreiche Menschen
allein Dinge möglich machten und Erscheinungen hervorbrachten, die uns jetzt
völlig unglaublich und fabelhaft dünken. So sollen vor uralten Zeiten in den
Ländern des jetzigen Griechischen Kaisertums, wie uns Reisende berichtet, die
diese Sagen noch dort unter dem gemeinen Volke angetroffen haben, Dichter
gewesen sein, die durch den seltsamen Klang wunderbarer Werkzeuge das geheime
Leben der Wälder, die in den Stämmen verborgenen Geister aufgeweckt, in wüsten,
verödeten Gegenden den todten Pflanzensaamen erregt, und blühende Gärten
hervorgerufen, grausame Tiere gezähmt und verwilderte Menschen zu Ordnung und
Sitte gewöhnt, sanfte Neigungen und Künste des Friedens in ihnen rege gemacht,
reissende Flüsse in milde Gewässer verwandelt, und selbst die todtesten Steine in
regelmässige tanzende Bewegungen hingerissen haben. Sie sollen zugleich Wahrsager
und Priester, Gesetzgeber und Ärzte gewesen sein, indem selbst die höhern Wesen
durch ihre zauberische Kunst herabgezogen worden sind, und sie in den
Geheimnissen der Zukunft unterrichtet, das Ebenmass und die natürliche
Einrichtung aller Dinge, auch die innern Tugenden und Heilkräfte der Zahlen,
Gewächse und aller Kreaturen, ihnen offenbart. Seitdem sollen, wie die Sage
lautet, erst die mannichfaltigen Töne und die sonderbaren Sympatien und
Ordnungen in die Natur gekommen sein, indem vorher alles wild, unordentlich und
feindselig gewesen ist. Seltsam ist nur hiebei, dass zwar diese schönen Spuren,
zum Andenken der Gegenwart jener wohltätigen Menschen, geblieben sind, aber
entweder ihre Kunst, oder jene zarte Gefühligkeit der Natur verloren gegangen
ist. In diesen Zeiten hat es sich unter andern einmal zugetragen, dass einer
jener sonderbaren Dichter oder mehr Tonkünstler - wiewohl die Musik und Poesie
wohl ziemlich eins sein mögen und vielleicht eben so zusammen gehören, wie Mund
und Ohr, da der erste nur ein bewegliches und antwortendes Ohr ist - dass also
dieser Tonkünstler übers Meer in ein fremdes Land reisen wollte. Er war reich an
schönen Kleinodien und köstlichen Dingen, die ihm aus Dankbarkeit verehrt worden
waren. Er fand ein Schiff am Ufer, und die Leute darin schienen bereitwillig,
ihn für den verheissenen Lohn nach der verlangten Gegend zu fahren. Der Glanz und
die Zierlichkeit seiner Schätze reizten aber bald ihre Habsucht so sehr, dass sie
unter einander verabredeten, sich seiner zu bemächtigen, ihn ins Meer zu werfen,
und nachher seine Habe unter einander zu verteilen. Wie sie also mitten im
Meere waren, fielen sie über ihn her, und sagten ihm, dass er sterben müsse, weil
sie beschlossen hätten, ihn ins Meer zu werfen. Er bat sie auf die rührendste
Weise um sein Leben, bot ihnen seine Schätze zum Lösegeld an, und prophezeite
ihnen grosses Unglück, wenn sie ihren Vorsatz ausführen würden. Aber weder das
eine, noch das andere konnte sie bewegen: denn sie fürchteten sich, dass er ihre
bösliche Tat einmal verraten möchte. Da er sie nun einmal so fest entschlossen
sah, bat er sie ihm wenigstens zu erlauben, dass er noch vor seinem Ende seinen
Schwanengesang spielen dürfe, dann wolle er mit seinem schlichten hölzernen
Instrumente, vor ihren Augen freiwillig ins Meer springen. Sie wussten recht
wohl, dass wenn sie seinen Zaubergesang hörten, ihre Herzen erweicht, und sie von
Reue ergriffen werden würden; daher nahmen sie sich vor, ihm zwar diese letzte
Bitte zu gewähren, während des Gesanges aber sich die Ohren fest zu verstopfen,
dass sie nichts davon vernähmen, und so bei ihrem Vorhaben bleiben könnten. Dies
geschah. Der Sänger stimmte einen herrlichen, unendlich rührenden Gesang an. Das
ganze Schiff tönte mit, die Wellen klangen, die Sonne und die Gestirne
erschienen zugleich am Himmel, und aus den grünen Fluten tauchten tanzende
Schaaren von Fischen und Meerungeheuern hervor. Die Schiffer standen feindselig
allein mit festverstopften Ohren, und warteten voll Ungeduld auf das Ende des
Liedes. Bald war es vorüber. Da sprang der Sänger mit heitrer Stirn in den
dunkeln Abgrund hin, sein wundertätiges Werkzeug im Arm. Er hatte kaum die
glänzenden Wogen berührt, so hob sich der breite Rücken eines dankbaren Untiers
unter ihm hervor, und es schwamm schnell mit dem erstaunten Sänger davon. Nach
kurzer Zeit hatte es mit ihm die Küste erreicht, nach der er hingewollt hatte,
und setzte ihn sanft im Schilfe nieder. Der Dichter sang seinem Retter ein
frohes Lied, und ging dankbar von dannen. Nach einiger Zeit ging er einmal am
Ufer des Meers allein, und klagte in süssen Tönen über seine verlohrenen
Kleinode, die ihm, als Erinnerungen glücklicher Stunden und als Zeichen der
Liebe und Dankbarkeit so wert gewesen waren. Indem er so sang, kam plözlich
sein alter Freund im Meere fröhlich daher gerauscht, und liess aus seinem Rachen
die geraubten Schätze auf den Sand fallen. Die Schiffer hatten, nach des Sängers
Sprunge, sich sogleich in seine Hinterlassenschaft zu teilen angefangen. Bei
dieser Teilung war Streit unter ihnen entstanden, und hatte sich in einen
mörderischen Kampf geendigt, der den Meisten das Leben gekostet; die wenigen,
die übrig geblieben, hatten allein das Schiff nicht regieren können, und es war
bald auf den Strand geraten, wo es scheiterte und unterging. Sie brachten mit
genauer Not das Leben davon, und kamen mit leeren Händen und zerrissenen
Kleidern ans Land, und so kehrten durch die Hülfe des dankbaren Meertiers, das
die Schätze im Meere aufsuchte, dieselben in die Hände ihres alten Besitzers
zurück.
 
                                Drittes Kapitel
Eine andere Geschichte, fuhren die Kaufleute nach einer Pause fort, die freilich
nicht so wunderbar und auch aus späteren Zeiten ist, wird euch vielleicht doch
gefallen, und euch mit den Wirkungen jener wunderbaren Kunst noch bekannter
machen. Ein alter König hielt einen glänzenden Hof. Weit und breit strömten
Menschen herzu, um Teil an der Herrlichkeit seines Lebens zu haben, und es
gebrach weder den täglichen Festen an Überfluss köstlicher Waaren des Gaume[n]s,
noch an Musik, prächtigen Verzierungen und Trachten, und tausend abwechselnden
Schauspielen und Zeitvertreiben, noch endlich an sinnreicher Anordnung, an
klugen, gefälligen, und unterrichteten Männern zur Unterhaltung und Beseelung
der Gespräche, und an schöner, anmutiger Jugend von beiden Geschlechtern, die
die eigentliche Seele reitzender Feste ausmachen. Der alte König, der sonst ein
strenger und ernster Mann war, hatte zwei Neigungen, die der wahre Anlass dieser
prächtigen Hofhaltung waren, und denen sie ihre schöne Einrichtung zu danken
hatte. Eine war die Zärtlichkeit für seine Tochter, die ihm als Andenken seiner
früh verstorbenen Gemahlin und als ein unaussprechlich liebenswürdiges Mädchen
unendlich teuer war, und für die er gern alle Schätze der Natur und alle Macht
des menschlichen Geistes aufgeboten hätte, um ihr einen Himmel auf Erden zu
verschaffen. Die Andere war eine wahre Leidenschaft für die Dichtkunst und ihre
Meister. Er hatte von Jugend auf die Werke der Dichter mit innigem Vergnügen
gelesen; an ihre Sammlung aus allen Sprachen grossen Fleiss und grosse Summen
gewendet, und von jeher den Umgang der Sänger über alles geschätzt. Von allen
Enden zog er sie an seinen Hof und überhäufte sie mit Ehren. Er ward nicht müde
ihren Gesängen zuzuhören, und vergass oft die wichtigsten Angelegenheiten, ja die
Bedürfnisse des Lebens über einem neuen, hinreissenden Gesange. Seine Tochter war
unter Gesängen aufgewachsen, und ihre ganze Seele war ein zartes Lied geworden,
ein einfacher Ausdruck der Wehmut und Sehnsucht. Der wohltätige Einfluss der
beschützten und geehrten Dichter zeigte sich im ganzen Lande, besonders aber am
Hofe. Man genoss das Leben mit langsamen, kleinen Zügen wie einen köstlichen
Trank, und mit desto reinerem Wohlbehagen, da alle widrige gehässige
Leidenschaften, wie Misstöne von der sanften harmonischen Stimmung verscheucht
wurden, die in allen Gemütern herrschend war. Frieden der Seele und innres
seeliges Anschauen einer selbst geschaffenen, glücklichen Welt war das Eigentum
dieser wunderbaren Zeit geworden, und die Zwietracht erschien nur in den alten
Sagen der Dichter, als eine ehemalige Feindinn der Menschen. Es schien, als
hätten die Geister des Gesanges ihrem Beschützer kein lieblicheres Zeichen der
Dankbarkeit geben können, als seine Tochter, die alles besass, was die süsseste
Einbildungskraft nur in der zarten Gestalt eines Mädchens vereinigen konnte.
Wenn man sie an den schönen Festen unter einer Schaar reitzender Gespielen, im
weissen glänzenden Gewande erblickte, wie sie den Wettgesängen der begeisterten
Sänger mit tiefem Lauschen zuhörte, und errötend einen duftenden Kranz auf die
Locken des Glücklichen drückte, dessen Lied den Preis gewonnen hatte: so hielt
man sie für die sichtbare Seele jener herrlichen Kunst, die jene Zaubersprüche
beschworen hätten, und hörte auf sich über die Entzückungen und Melodien der
Dichter zu wundern.
    Mitten in diesem irdischen Paradiese schien jedoch ein geheimnisvolles
Schicksal zu schweben. Die einzige Sorge der Bewohner dieser Gegenden betraf die
Vermählung der aufblühenden Prinzessin, von der die Fortdauer dieser seligen
Zeiten und das Verhängnis des ganzen Landes abhing. Der König ward immer älter.
Ihm selbst schien diese Sorge lebhaft am Herzen zu liegen, und doch zeigte sich
keine Aussicht zu einer Vermählung für sie, die allen Wünschen angemessen
gewesen wäre. Die heilige Ehrfurcht für das königliche Haus erlaubte keinem
Untertan, an die Möglichkeit zu denken, die Prinzessin zu besitzen. Man
betrachtete sie wie ein überirdisches Wesen, und alle Prinzen aus andern
Ländern, die sich mit Ansprüchen auf sie am Hofe gezeigt hatten, schienen so
tief unter ihr zu sein, dass kein Mensch auf den Einfall kam, die Prinzessin oder
der König werde die Augen auf einen unter ihnen richten. Das Gefühl des
Abstandes hatte sie auch allmählich alle verscheucht, und das ausgesprengte
Gerücht des ausschweifenden Stolzes dieser königlichen Familie schien Andern
alle Lust zu benehmen, sich ebenfalls gedemütigt zu sehn. Ganz ungegründet war
auch dieses Gerücht nicht. Der König war bei aller Milde beinah unwillkührlich
in ein Gefühl der Erhabenheit geraten, was ihm jeden Gedanken an die Verbindung
seiner Tochter mit einem Manne von niedrigerem Stande und dunklerer Herkunft
unmöglich oder unerträglich machte. Ihr hoher, einziger Wert hatte jenes Gefühl
in ihm immer mehr bestätigt. Er war aus einer uralten Morgenländischen
Königsfamilie entsprossen. Seine Gemahlin war der letzte Zweig der
Nachkommenschaft des berühmten Helden Rustan gewesen. Seine Dichter hatten ihm
unaufhörlich von seiner Verwand[t]schafft mit den ehemaligen übermenschlichen
Beherrschern der Welt vorgesungen, und in dem Zauberspiegel ihrer Kunst war ihm
der Abstand seiner Herkunft von dem Ursprunge der andern Menschen, die
Herrlichkeit seines Stammes noch heller erschienen, so dass es ihn dünkte, nur
durch die edlere Klasse der Dichter mit dem übrigen Menschengeschlechte
zusammenzuhängen. Vergebens sah er sich mit voller Sehnsucht nach einem zweiten
Rustan um, indem er fühlte, dass das Herz seiner aufblühenden Tochter, der
Zustand seines Reichs, und sein zunehmendes Alter ihre Vermählung in aller
Absicht sehr wünschenswert machten.
    Nicht weit von der Hauptstadt lebte auf einem abgelegenen Landgute ein alter
Mann, der sich ausschliesslich mit der Erziehung seines einzigen Sohnes
beschäftigte, und nebenher den Landleuten in wichtigen Krankheiten Rat
erteilte. Der junge Mensch war ernst und ergab sich einzig der Wissenschaft der
Natur, in welcher ihn sein Vater von Kindheit auf unterrichtete. Aus fernen
Gegenden war der Alte vor mehreren Jahren in dies friedliche und blühende Land
gezogen, und begnügte sich den wohltätigen Frieden, den der König um sich
verbreitete, in der Stille zu geniessen. Er benutzte sie, die Kräfte der Natur zu
erforschen, und diese hinreissenden Kenntnisse seinem Sohne mitzuteilen, der
viel Sinn dafür verriet und dessen tiefem Gemüt die Natur bereitwillig ihre
Geheimnisse anvertraute. Die Gestalt des jungen Menschen schien gewöhnlich und
unbedeutend, wenn man nicht einen höhern Sinn für die geheimere Bildung seines
edlen Gesichts und die ungewöhnliche Klarheit seiner Augen mitbrachte. Je länger
man ihn ansah, desto anziehender ward er, und man konnte sich kaum wieder von
ihm trennen, wenn man seine sanfte, eindringende Stimme und seine anmutige Gabe
zu sprechen hörte. Eines Tages hatte die Prinzessin, deren Lustgärten an den
Wald stiessen, der das Landgut des Alten in einem kleinen Tale verbarg, sich
allein zu Pferde in den Wald begeben, um desto ungestörter ihren Fantasien
nachhängen und einige schöne Gesänge sich wiederhohlen zu können. Die Frische
des hohen Waldes lockte sie immer tiefer in seine Schatten, und so kam sie
endlich an das Landgut, wo der Alte mit seinem Sohne lebte. Es kam ihr die Lust
an, Milch zu trinken, sie stieg ab, band ihr Pferd an einen Baum, und trat in
das Haus, um sich einen Trunk Milch auszubitten. Der Sohn war gegenwärtig, und
erschrak beinah über diese zauberhafte Erscheinung eines majestätischen
weiblichen Wesens, das mit allen Reizen der Jugend und Schönheit geschmückt, und
von einer unbeschreiblich anziehenden Durchsichtigkeit der zartesten,
unschuldigsten und edelsten Seele beinah vergöttlicht wurde. Während er eilte
ihre wie Geistergesang tönende Bitte zu erfüllen, trat ihr der Alte mit
bescheidner Ehrfurcht entgegen, und lud sie ein, an dem einfachen Herde, der
mitten im Hause stand, und auf welchem eine leichte blaue Flamme ohne Geräusch
emporspielte, Platz zu nehmen. Es fiel ihr, gleich beim Eintritt, der mit
tausend seltenen Sachen gezierte Hausraum, die Ordnung und Reinlichkeit des
Ganzen, und eine seltsame Heiligkeit des Ortes auf, deren Eindruck noch durch
den schlicht gekleideten ehrwürdigen Greis und den bescheidenen Anstand des
Sohnes erhöhet wurde. Der Alte hielt sie gleich für eine zum Hof gehörige
Person, wozu ihre kostbare Tracht, und ihr edles Betragen ihm Anlass genug gab.
Während der Abwesenheit des Sohnes befragte sie ihn um einige Merkwürdigkeiten,
die ihr vorzüglich in die Augen fielen, worunter besonders einige alte,
sonderbare Bilder waren, die neben ihrem Sitze auf dem Heerde standen, und er
war bereitwillig sie auf eine anmutige Art damit bekannt zu machen. Der Sohn
kam bald mit einem Kruge voll frischer Milch zurück, und reichte ihr denselben
mit ungekünsteltem und ehrfurchtsvollem Wesen. Nach einigen anziehenden
Gesprächen mit beiden, dankte sie auf die lieblichste Weise für die freundliche
Bewirtung, bat errötend den Alten um die Erlaubnis wieder kommen, und seine
lehrreichen Gespräche über die vielen wunderbaren Sachen geniessen zu dürfen, und
ritt zurück, ohne ihren Stand verraten zu haben, da sie merkte, dass Vater und
Sohn sie nicht kannten. Ohnerachtet die Hauptstadt so nahe lag, hatten beide, in
ihre Forschungen vertieft, das Gewühl der Menschen zu vermeiden gesucht, und es
war dem Jüngling nie eine Lust angekommen, den Festen des Hofes beizuwohnen;
besonders da er seinen Vater höchstens auf eine Stunde zu verlassen pflegte, um
zuweilen im Walde nach Schmetterlingen, Käfern und Pflanzen umher zu gehn, und
die Eingebungen des stillen Naturgeistes durch den Einfluss seiner
mannichfaltigen äusseren Lieblichkeiten zu vernehmen. Dem Alten, der Prinzessin
und dem Jüngling war die einfache Begebenheit des Tages gleich wichtig. Der Alte
hatte leicht den neuen tiefen Eindruck bemerkt, den die Unbekannte auf seinen
Sohn machte. Er kannte diesen genug, um zu wissen, dass jeder tiefe Eindruck bei
ihm ein lebenslänglicher sein würde. Seine Jugend und die Natur seines Herzens
mussten die erste Empfindung dieser Art zur unüberwindlichen Neigung machen. Der
Alte hatte lange eine solche Begebenheit herannahen sehen. Die hohe
Liebenswürdigkeit der Erscheinung flösste ihm unwillkührlich eine innige
Teilnahme ein, und sein zuversichtliches Gemüt entfernte alle Besorgnisse über
die Entwickelung dieses sonderbaren Zufalls. Die Prinzessin hatte sich nie in
einem ähnlichen Zustande befunden, wie der war, in welchem sie langsam nach
Hause ritt. Es konnte vor der einzigen, helldunklen wunderbar beweglichen
Empfindung einer neuen Welt, kein eigentlicher Gedanke in ihr entstehen. Ein
magischer Schleier dehnte sich in weiten Falten um ihr klares Bewusstsein. Es war
ihr, als würde sie sich, wenn er aufgeschlagen würde, in einer überirdischen
Welt befinden. Die Erinnerung an die Dichtkunst, die bisher ihre ganze Seele
beschäftigt hatte, war zu einem fernen Gesange geworden, der ihren seltsam
lieblichen Traum mit den ehemaligen Zeiten verband. Wie sie zurück in den
Pallast kam, erschrak sie beinah über seine Pracht und sein buntes Leben, noch
mehr aber bei der Bewillkommung ihres Vaters, dessen Gesicht zum erstenmale in
ihrem Leben eine scheue Ehrfurcht in ihr erregte. Es schien ihr eine
unabänderliche Notwendigkeit, nichts von ihrem Abenteuer zu erwähnen. Man war
ihre schwärmerische Ernstaftigkeit, ihren in Fantasieen und tiefes Sinnen
verlornen Blick schon zu gewohnt, um etwas Ausserordentliches darin zu bemerken.
Es war ihr jetzt nicht mehr so lieblich zu Mute; sie schien sich unter lauter
Fremden, und eine sonderbare Bänglichkeit begleitete sie bis an den Abend, wo
das frohe Lied eines Dichters, der die Hoffnung pries, und von den Wundern des
Glaubens an die Erfüllung unsrer Wünsche mit hinreissender Begeisterung sang, sie
mit süssem Trost erfüllte und in die angenehmsten Träume wiegte. Der Jüngling
hatte sich gleich nach ihrem Abschiede in den Wald verloren. An der Seite des
Weges war er in Gebüschen bis an die Pforten des Gartens ihr gefolgt, und dann
auf dem Wege zurückgegangen. Wie er so ging, sah er vor seinen Füssen einen
hellen Glanz. Er bückte sich danach und hob einen dunkelroten Stein auf, der
auf einer Seite ausserordentlich funkelte, und auf der Andern eingegrabene
unverständliche Chiffern zeigte. Er erkannte ihn für einen kostbaren Karfunkel,
und glaubte ihn in der Mitte des Halsbandes an der Unbekannten bemerkt zu haben.
Er eilte mit beflügelten Schritten nach Hause, als wäre sie noch dort, und
brachte den Stein seinem Vater. Sie wurden einig, dass der Sohn den andern Morgen
auf den Weg zurückgehn und warten sollte, ob der Stein gesucht würde, wo er ihn
dann zurückgeben könnte; sonst wollten sie ihn bis zu einem zweiten Besuche der
Unbekannten aufheben, um ihr selbst ihn zu überreichen. Der Jüngling betrachtete
fast die ganze Nacht den Karfunkel und fühlte gegen Morgen ein unwiderstehliches
Verlangen einige Worte auf den Zettel zu schreiben, in welchen er den Stein
einwickelte. Er wusste selbst nicht genau, was er sich bei den Worten dachte, die
er hinschrieb:
Es ist dem Stein ein rätselhaftes Zeichen
Tief eingegraben in sein glühend Blut,
Er ist mit einem Herzen zu vergleichen,
In dem das Bild der Unbekannten ruht.
Man sieht um jenen tausend Funken streichen,
Um dieses woget eine lichte Flut.
In jenem liegt des Glanzes Licht begraben,
Wird dieses auch das Herz des Herzens haben?
Kaum dass der Morgen anbrach, so begab er sich schon auf den Weg, und eilte der
Pforte des Gartens zu.
    Unterdessen hatte die Prinzessin Abends beim Auskleiden den teuren Stein in
ihrem Halsbande vermisst, der ein Andenken ihrer Mutter und noch dazu ein
Talisman war, dessen Besitz ihr die Freiheit ihrer Person sicherte, indem sie
damit nie in fremde Gewalt ohne ihren Willen geraten konnte.
    Dieser Verlust befremdete sie mehr, als dass er sie erschreckt hätte. Sie
erinnerte sich, ihn gestern bei dem Spazierritt noch gehabt zu haben, und
glaubte fest, dass er entweder im Hause des Alten, oder auf dem Rückwege im Walde
verloren gegangen sein müsse; der Weg war ihr noch in frischem Andenken, und so
beschloss sie gleich früh den Stein aufzusuchen, und ward bei diesem Gedanken so
heiter, dass es fast das Ansehn gewann, als sei sie gar nicht unzufrieden mit dem
Verluste, weil er Anlass gäbe jenen Weg sogleich noch einmal zu machen. Mit dem
Tage ging sie durch den Garten nach dem Walde, und weil sie eilfertiger ging als
gewöhnlich, so fand sie es ganz natürlich, dass ihr das Herz lebhaft schlug, und
ihr die Brust beklomm. Die Sonne fing eben an, die Wipfel der alten Bäume zu
vergolden, die sich mit sanftem Flüstern bewegten, als wollten sie sich
gegenseitig aus nächtlichen Gesichtern erwecken, um die Sonne gemeinschaftlich
zu begrüssen, als die Prinzessin durch ein fernes Geräusch veranlasst, den Weg
hinunter und den Jüngling auf sich zueilen sah, der in demselben Augenblick
ebenfalls sie bemerkte.
    Wie angefesselt blieb er eine Weile stehn, und blickte unverwandt sie an,
gleichsam um sich zu überzeugen, dass ihre Erscheinung wirklich und keine
Täuschung sei. Sie begrüssten sich mit einem zurückgehaltenen Ausdruck von
Freude, als hätten sie sich schon lange gekannt und geliebt. Noch ehe die
Prinzessin die Ursache ihres frühen Spazierganges ihm entdecken konnte,
überreichte er ihr mit Erröten und Herzklopfen den Stein in dem beschriebenen
Zettel. Es war, als ahndete die Prinzessin den Inhalt der Zeilen. Sie nahm ihn
stillschweigend mit zitternder Hand und hing ihm zur Belohnung für seinen
glücklichen Fund beinah unwillkührlich eine goldne Kette um, die sie um den Hals
trug. Beschämt kniete er vor ihr und konnte, da sie sich nach seinem Vater
erkundigte, einige Zeit keine Worte finden. Sie sagte ihm halbleise, und mit
niedergeschlagenen Augen, dass sie bald wieder zu ihnen kommen, und die Zusage
des Vaters sie mit seinen Seltenheiten bekannt zu machen, mit vieler Freude
benutzen würde. Sie dankte dem Jünglinge noch einmal mit ungewöhnlicher
Innigkeit, und ging hierauf langsam, ohne sich umzusehen, zurück. Der Jüngling
konnte kein Wort vorbringen. Er neigte sich ehrfurchtsvoll und sah ihr lange
nach, bis sie hinter den Bäumen verschwand. Nach dieser Zeit vergingen wenig
Tage bis zu ihrem zweiten Besuche, dem bald mehrere folgten. Der Jüngling ward
unvermerkt ihr Begleiter bei diesen Spaziergängen. Er holte sie zu bestimmten
Stunden am Garten ab, und brachte sie dahin zurück. Sie beobachtete ein
unverbrüchliches Stillschweigen über ihren Stand, so zutraulich sie auch sonst
gegen ihren Begleiter wurde, dem bald kein Gedanke in ihrer himmlischen Seele
verborgen blieb. Es war, als flösste ihr die Erhabenheit ihrer Herkunft eine
geheime Furcht ein. Der Jüngling gab ihr ebenfalls seine ganze Seele. Vater und
Sohn hielten sie für ein vornehmes Mädchen vom Hofe. Sie hing an dem Alten mit
der Zärtlichkeit einer Tochter. Ihre Liebkosungen gegen ihn waren die
entzückenden Vorboten ihrer Zärtlichkeit gegen den Jüngling. Sie ward bald
einheimisch in dem wunderbaren Hause; und wenn sie dem Alten und dem Sohne, der
zu ihren Füssen sass, auf ihrer Laute reitzende Lieder mit einer überirdischen
Stimme vorsang, und letzteren in dieser lieblichen Kunst unterrichtete: so
erfuhr sie dagegen von seinen begeisterten Lippen die Enträtselung der überall
verbreiteten Naturgeheimnisse. Er lehrte ihr, wie durch wundervolle Sympatie
die Welt entstanden sei, und die Gestirne sich zu melodischen Reigen vereinigt
hätten. Die Geschichte der Vorwelt ging durch seine heiligen Erzählungen in
ihrem Gemüt auf; und wie entzückt war sie, wenn ihr Schüler, in der Fülle
seiner Eingebungen, die Laute ergriff und mit unglaublicher Gelehrigkeit in die
wundervollsten Gesänge ausbrach. Eines Tages, wo ein besonders kühner Schwung
sich seiner Seele in ihrer Gesellschaft bemächtigt hatte, und die mächtige Liebe
auf dem Rückwege ihre jungfräuliche Zurückhaltung mehr als gewöhnlich überwand,
so dass sie beide ohne selbst zu wissen wie einander in die Arme sanken, und der
erste glühende Kuss sie auf ewig zusammenschmelzte, fing mit einbrechender
Dämmerung ein gewaltiger Sturm in den Gipfeln der Bäume plötzlich zu toben an.
Drohende Wetterwolken zogen mit tiefem nächtlichen Dunkel über sie her. Er eilte
sie in Sicherheit vor dem fürchterlichen Ungewitter und den brechenden Bäumen zu
bringen: aber er verfehlte in der Nacht und voll Angst wegen seiner Geliebten
den Weg, und geriet immer tiefer in den Wald hinein. Seine Angst wuchs, wie er
seinen Irrtum bemerkte. Die Prinzessin dachte an das Schrecken des Königs und
des Hofes; eine unnennbare Ängstlichkeit fuhr zuweilen, wie ein zerstörender
Strahl, durch ihre Seele, und nur die Stimme ihres Geliebten, der ihr
unaufhörlich Trost zusprach, gab ihr Mut und Zutrauen zurück, und erleichterte
ihre beklommne Brust. Der Sturm wütete fort; alle Bemühungen den Weg zu finden
waren vergeblich, und sie priesen sich beide glücklich, bei der Erleuchtung
eines Blitzes eine nahe Höhle an dem steilen Abhang eines waldigen Hügels zu
entdecken, wo sie eine sichere Zuflucht gegen die Gefahren des Ungewitters zu
finden hoften, und eine Ruhestätte für ihre erschöpften Kräfte. Das Glück
begünstigte ihre Wünsche. Die Höhle war trocken und mit reinlichem Moose
bewachsen. Der Jüngling zündete schnell ein Feuer von Reisern und Moos an, woran
sie sich trocknen konnten, und die beiden Liebenden sahen sich nun auf eine
wunderbare Weise von der Welt entfernt, aus einem gefahrvollen Zustande
gerettet, und auf einem bequemen, warmen Lager allein nebeneinander.
    Ein wilder Mandelstrauch hing mit Früchten beladen in die Höhle hinein, und
ein nahes Rieseln liess sie frisches Wasser zur Stillung ihres Durstes finden.
Die Laute hatte der Jüngling mitgenommen, und sie gewährte ihnen jetzt eine
aufheiternde und beruhigende Unterhaltung bei dem knisternden Feuer. Eine höhere
Macht schien den Knoten schneller lösen zu wollen, und brachte sie unter
sonderbaren Umständen in diese romantische Lage. Die Unschuld ihrer Herzen, die
zauberhafte Stimmung ihrer Gemüter, und die verbundene unwiderstehliche Macht
ihrer süssen Leidenschaft und ihrer Jugend liess sie bald die Welt und ihre
Verhältnisse vergessen, und wiegte sie unter dem Brautgesange des Sturms und den
Hochzeitfackeln der Blitze in den süssesten Rausch ein, der je ein sterbliches
Paar beseligt haben mag. Der Anbruch des lichten blauen Morgens war für sie das
Erwachen in einer neuen seligen Welt. Ein Strom heisser Tränen, der jedoch bald
aus den Augen der Prinzessin hervorbrach, verriet ihrem Geliebten die
erwachenden tausendfachen Bekümmernisse ihres Herzens. Er war in dieser Nacht um
mehrere Jahre älter, aus einem Jünglinge zum Manne geworden. Mit
überschwenglicher Begeisterung tröstete er seine Geliebte, erinnerte sie an die
Heiligkeit der wahrhaften Liebe, und an den hohen Glauben, den sie einflösse, und
bat sie, die heiterste Zukunft von dem Schutzgeist ihres Herzens mit Zuversicht
zu erwarten. Die Prinzessin fühlte die Wahrheit seines Trostes, und entdeckte
ihm, sie sei die Tochter des Königs, und nur bange wegen des Stolzes und der
Bekümmernisse ihres Vaters. Nach langen reiflichen Überlegungen wurden sie über
die zu fassende Entschliessung einig, und der Jüngling machte sich sofort auf den
Weg, um seinen Vater aufzusuchen, und diesen mit ihrem Plane bekannt zu machen.
Er versprach in kurzen wieder bei ihr zu sein, und verliess sie beruhigt und in
süssen Vorstellungen der künftigen Entwicklung dieser Begebenheiten. Der Jüngling
hatte bald seines Vaters Wohnung erreicht, und der Alte war sehr erfreut, ihn
unverletzt ankommen zu sehen. Er erfuhr nun die Geschichte und den Plan der
Liebenden, und bezeigte sich nach einigem Nachdenken bereitwillig ihn zu
unterstützen. Sein Haus lag ziemlich versteckt, und hatte einige unterirdische
Zimmer, die nicht leicht aufzufinden waren. Hier sollte die Wohnung der
Prinzessin sein. Sie ward also in der Dämmerung abgeholt, und mit tiefer Rührung
von dem Alten empfangen. Sie weinte nachher oft in der Einsamkeit, wenn sie
ihres traurigen Vaters gedachte: doch verbarg sie ihren Kummer vor ihrem
Geliebten, und sagte es nur dem Alten, der sie freundlich tröstete, und ihr die
nahe Rückkehr zu ihrem Vater vorstellte.
    Unterdess war man am Hofe in grosse Bestürzung geraten, als Abends die
Prinzessin vermisst wurde. Der König war ganz ausser sich, und schickte überall
Leute aus, sie zu suchen. Kein Mensch wusste sich ihr Verschwinden zu erklären.
Keinem kam ein heimliches Liebesverständniss in die Gedanken, und so ahndete man
keine Entführung, da ohnedies kein Mensch weiter fehlte. Auch nicht zu der
entferntesten Vermutung war Grund da. Die ausgeschickten Boten kamen
unverrichteter Sache zurück, und der König fiel in tiefe Traurigkeit. Nur wenn
Abends seine Sänger vor ihn kamen und schöne Lieder mitbrachten, war es, als
liesse sich die alte Freude wieder vor ihm blicken; seine Tochter dünkte ihm nah,
und er schöpfte Hoffnung, sie bald wieder zu sehen. War er aber wieder allein, so
zerriss es ihm von neuem das Herz und er weinte laut. Dann gedachte er bei sich
selbst: Was hilft mir nun alle die Herrlichkeit, und meine hohe Geburt. Nun bin
ich doch elender als die andern Menschen. Meine Tochter kann mir nichts
ersetzen. Ohne sie sind auch die Gesänge nichts, als leere Worte und Blendwerk.
Sie war der Zauber, der ihnen Leben und Freude, Macht und Gestalt gab. Wollt'
ich doch lieber, ich wäre der geringste meiner Diener. Dann hätte ich meine
Tochter noch; auch wohl einen Eydam dazu und Enkel, die mir auf den Knieen
sässen: dann wäre ich ein anderer König, als jetzt. Es ist nicht die Krone und
das Reich, was einen König macht. Es ist jenes volle, überfliessende Gefühl der
Glückseligkeit, der Sättigung mit irdischen Gütern, jenes Gefühl der
überschwänglichen Gnüge. So werd' ich nun für meinen Übermut bestraft. Der
Verlust meiner Gattin hat mich noch nicht genug erschüttert. Nun hab' ich auch
ein grenzenloses Elend. So klagte der König in den Stunden der heissesten
Sehnsucht. Zuweilen brach auch seine alte Strenge und sein Stolz wieder hervor.
Er zürnte über seine Klagen; wie ein König wollte er dulden und schweigen. Er
meinte dann, er leide mehr, als alle Anderen, und gehöre ein grosser Schmerz zum
Königtum; aber wenn es dann dämmerte, und er in die Zimmer seiner Tochter trat,
und sah ihre Kleider hängen, und ihre kleineren Habseligkeiten stehn, als habe
sie eben das Zimmer verlassen: so vergass er seine Vorsätze, gebehrdete sich wie
ein trübseliger Mensch, und rief seine geringsten Diener um Mitleid an. Die
ganze Stadt und das ganze Land weinten und klagten von ganzem Herzen mit ihm.
Sonderlich war es, dass eine Sage umherging, die Prinzessin lebe noch, und werde
bald mit einem Gemahl wiederkommen. Kein Mensch wusste, woher die Sage kam: aber
alles hing sich mit frohem Glauben daran, und sah mit ungeduldiger Erwartung
ihrer baldigen Wiederkunft entgegen. So vergingen mehrere Monden, bis das
Frühjahr wieder herankam. Was gilts, sagten einige in wunderlichem Mute, nun
kommt auch die Prinzessin wieder. Selbst der König ward heitrer und
hoffnungsvoller. Die Sage dünkte ihm wie die Verheissung einer gütigen Macht. Die
ehemaligen Feste fingen wieder an, und es schien zum völligen Aufblühen der
alten Herrlichkeit nur noch die Prinzessin zu fehlen. Eines Abends, da es gerade
jährig wurde, dass sie verschwand, war der ganze Hof im Garten versammelt. Die
Luft war warm und heiter; ein leiser Wind tönte nur oben in den alten Wipfeln,
wie die Ankündigung eines fernen fröhlichen Zuges. Ein mächtiger Springquell
stieg zwischen den vielen Fackeln mit zahllosen Lichtern hinauf in die
Dunkelheit der tönenden Wipfel, und begleitete mit melodischem Plätschern die
mannichfaltigen Gesänge, die unter den Bäumen hervorklangen. Der König sass auf
einem köstlichen Teppich, und um ihn her war der Hof in festlichen Kleidern
versammelt. Eine zahlreiche Menge erfüllte den Garten, und umgab das prachtvolle
Schauspiel. Der König sass eben in tiefen Gedanken. Das Bild seiner verlornen
Tochter stand mit ungewöhnlicher Klarheit vor ihm; er gedachte der glücklichen
Tage, die um diese Zeit im vergangenen Jahre ein plötzliches Ende nahmen. Eine
heisse Sehnsucht übermannte ihn, und es flossen häufige Tränen von seinen
ehrwürdigen Wangen; doch empfand er eine ungewöhnliche Heiterkeit. Es dünkte ihm
das traurige Jahr nur ein schwerer Traum zu sein, und er hob die Augen auf,
gleichsam um ihre hohe, heilige, entzückende Gestalt unter den Menschen und den
Bäumen aufzusuchen. Eben hatten die Dichter geendigt, und eine tiefe Stille
schien das Zeichen der allgemeinen Rührung zu sein, denn die Dichter hatten die
Freuden des Wiedersehns, den Frühling und die Zukunft besungen, wie sie die
Hoffnung zu schmücken pflegt.
    Plötzlich wurde die Stille durch leise Laute einer unbekannten schönen
Stimme unterbrochen, die von einer uralten Eiche herzukommen schienen. Alle
Blicke richteten sich dahin, und man sah einen Jüngling in einfacher, aber
fremder Tracht stehen, der eine Laute im Arm hielt, und ruhig in seinem Gesange
fortfuhr, indem er jedoch, wie der König seinen Blick nach ihm wandte, eine
tiefe Verbeugung machte. Die Stimme war ausserordentlich schön, und der Gesang
trug ein fremdes, wunderbares Gepräge. Er handelte von dem Ursprunge der Welt,
von der Entstehung der Gestirne, der Pflanzen, Tiere und Menschen, von der
allmächtigen Sympatie der Natur, von der uralten goldenen Zeit und ihren
Beherrscherinnen, der Liebe und Poesie, von der Erscheinung des Hasses und der
Barbarei und ihren Kämpfen mit jenen wohltätigen Göttinnen, und endlich von dem
zukünftigen Triumph der letztern, dem Ende der Trübsale, der Verjüngung der
Natur und der Wiederkehr eines ewigen goldenen Zeitalters. Die alten Dichter
traten selbst von Begeisterung hingerissen, während des Gesanges näher um den
seltsamen Fremdling her. Ein niegefühltes Entzücken ergriff die Zuschauer, und
der König selbst fühlte sich wie auf einem Strom des Himmels weggetragen. Ein
solcher Gesang war nie vernommen worden, und Alle glaubten, ein himmlisches
Wesen sei unter ihnen erschienen, besonders da der Jüngling unterm Singen immer
schöner, immer herrlicher, und seine Stimme immer gewaltiger zu werden schien.
Die Luft spielte mit seinen goldenen Locken. Die Laute schien sich unter seinen
Händen zu beseelen, und sein Blick schien trunken in eine geheimere Welt hinüber
zu schauen. Auch die Kinderunschuld und Einfalt seines Gesichts schien allen
übernatürlich. Nun war der herrliche Gesang geendigt. Die bejahrten Dichter
drückten den Jüngling mit Freudentränen an ihre Brust. Ein stilles inniges
Jauchzen ging durch die Versammlung. Der König kam gerührt auf ihn zu. Der
Jüngling warf sich ihm bescheiden zu Füssen. Der König hob ihn auf, umarmte ihn
herzlich, und hiess ihn sich eine Gabe ausbitten. Da bat er mit glühenden Wangen
den König, noch ein Lied gnädig anzuhören, und dann über seine Bitte zu
entscheiden. Der König trat einige Schritte zurück und der Fremdling fing an:
Der Sänger geht auf rauhen Pfaden,
Zerreisst in Dornen sein Gewand;
Er muss durch Fluss und Sümpfe baden,
Und keins reicht hülfreich ihm die Hand.
Einsam und pfadlos fliesst in Klagen
Jetzt über sein ermattet Herz;
Er kann die Laute kaum noch tragen,
Ihn übermannt ein tiefer Schmerz.
                                       *
Ein traurig Loos ward mir beschieden,
Ich irre ganz verlassen hier,
Ich brachte Allen Lust und Frieden,
Doch keiner teilte sie mit mir.
Es wird ein jeder seiner Habe
Und seines Lebens froh durch mich;
Doch weisen sie mit karger Gabe
Des Herzens Forderung von sich.
                                       *
Man lässt mich ruhig Abschied nehmen,
Wie man den Frühling wandern sieht;
Es wird sich keiner um ihn grämen,
Wenn er betrübt von dannen zieht.
Verlangend sehn sie nach den Früchten,
Und wissen nicht, dass er sie sät;
Ich kann den Himmel für sie dichten,
Doch meiner denkt nicht Ein Gebet.
                                       *
Ich fühle dankbar Zaubermächte
An diese Lippen festgebannt.
O! knüpfte nur an meine Rechte
Sich auch der Liebe Zauberband.
Es kümmert keine sich des Armen,
Der dürftig aus der Ferne kam;
Welch Herz wird Sein sich noch erbarmen
Und lösen seinen tiefen Gram?
                                       *
Er sinkt im hohen Grase nieder,
Und schläft mit nassen Wangen ein;
Da schwebt der hohe Geist der Lieder
In die beklemmte Brust hinein:
Vergiss anjetzt, was du gelitten,
In Kurzem schwindet deine Last,
Was du umsonst gesucht in Hütten,
Das wirst du finden im Palast.
                                       *
Du nahst dem höchsten Erdenlohne,
Bald endigt der verschlungne Lauf;
Der Myrtenkranz wird eine Krone,
Dir setzt die treuste Hand sie auf.
Ein Herz voll Einklang ist berufen
Zur Glorie um einen Tron;
Der Dichter steigt auf rauhen Stufen
Hinan, und wird des Königs Sohn.
                                       *
So weit war er in seinem Gesange gekommen, und ein sonderbares Erstaunen hatte
sich der Versammlung bemächtigt, als während dieser Strophen ein alter Mann mit
einer verschleierten weiblichen Gestalt von edlem Wuchse, die ein wunderschönes
Kind auf dem Arme trug, das freundlich in der fremden Versammlung umhersah, und
lächelnd nach dem blitzenden Diadem des Königs die kleinen Händchen streckte,
zum Vorschein kamen, und sich hinter den Sänger stellten; aber das Staunen
wuchs, als plötzlich aus den Gipfeln der alten Bäume, der Lieblingsadler des
Königs, den er immer um sich hatte, mit einer goldenen Stirnbinde, die er aus
seinen Zimmern entwandt haben musste, herabflog, und sich auf das Haupt des
Jünglings niederliess, so dass die Binde sich um seine Locken schlug. Der
Fremdling erschrak einen Augenblick; der Adler flog an die Seite des Königs, und
liess die Binde zurück. Der Jüngling reichte sie dem Kinde, das darnach
verlangte, liess sich auf ein Knie gegen den König nieder, und fuhr in seinem
Gesange mit bewegter Stimme fort:
                                       *
Der Sänger fährt aus schönen Träumen
Mit froher Ungeduld empor;
Er wandelt unter hohen Bäumen
Zu des Pallastes ehrnem Tor.
Die Mauern sind wie Stahl geschliffen,
Doch sie erklimmt sein Lied geschwind,
Es steigt von Lieb' und Weh ergriffen
Zu ihm hinab des Königs Kind.
                                       *
Die Liebe drückt sie fest zusammen
Der Klang der Panzer treibt sie fort;
Sie lodern auf in süssen Flammen,
Im nächtlich stillen Zufluchtsort.
Sie halten furchtsam sich verborgen,
Weil sie der Zorn des Königs schreckt;
Und werden nun von jedem Morgen
Zu Schmerz und Lust zugleich erweckt.
                                       *
Der Sänger spricht mit sanften Klängen
Der neuen Mutter Hoffnung ein;
Da tritt, gelockt von den Gesängen
Der König in die Kluft hinein.
Die Tochter reicht in goldnen Locken
Den Enkel von der Brust ihm hin;
Sie sinken reuig und erschrocken,
Und mild zergeht sein strenger Sinn.
                                       *
Der Liebe weicht und dem Gesange
Auch auf dem Tron ein Vaterherz,
Und wandelt bald in süssem Drange
Zu ewger Lust den tiefen Schmerz.
Die Liebe gibt, was sie entrissen,
Mit reichem Wucher bald zurück,
Und unter den Versöhnungsküssen
Entfaltet sich ein himmlisch Glück.
                                       *
Geist des Gesangs, komm du hernieder,
Und steh auch jetzt der Liebe bei;
Bring die verlorne Tochter wieder,
Dass ihr der König Vater sei! -
Dass er mit Freuden sie umschliesset,
Und seines Enkels sich erbarmt,
Und wenn das Herz ihm überfliesset,
Den Sänger auch als Sohn umarmt.
Der Jüngling hob mit bebender Hand bei diesen Worten, die sanft in den dunklen
Gängen verhallten, den Schleier. Die Prinzessin fiel mit einem Strom von Tränen
zu den Füssen des Königs, und hielt ihm das schöne Kind hin. Der Sänger kniete
mit gebeugtem Haupte an ihrer Seite. Eine ängstliche Stille schien jeden Atem
festzuhalten. Der König war einige Augenblicke sprachlos und ernst; dann zog er
die Prinzessin an seine Brust, drückte sie lange fest an sich und weinte laut.
Er hob nun auch den Jüngling zu sich auf, und umschloss ihn mit herzlicher
Zärtlichkeit. Ein helles Jauchzen flog durch die Versammlung, die sich dicht
zudrängte. Der König nahm das Kind und reichte es mit rührender Andacht gen
Himmel; dann begrüsste er freundlich den Alten. Unendliche Freudentränen
flossen. In Gesänge brachen die Dichter aus, und der Abend ward ein heiliger
Vorabend dem ganzen Lande, dessen Leben fortan nur Ein schönes Fest war. Kein
Mensch weiss, wo das Land hingekommen ist. Nur in Sagen heisst es, dass Atlantis
von mächtigen Fluten den Augen entzogen worden sei.
 
                                Viertes Kapitel
Einige Tagereisen waren ohne die mindeste Unterbrechung geendigt. Der Weg war
fest und trocken, die Witterung erquickend und heiter, und die Gegenden, durch
die sie kamen, fruchtbar, bewohnt und mannichfaltig. Der furchtbare Türinger
Wald lag im Rücken; die Kaufleute hatten den Weg öfter gemacht, waren überall
mit den Leuten bekannt, und erfuhren die gastfreiste Aufnahme. Sie vermieden die
abgelegenen und durch Räubereien bekannten Gegenden, und nahmen, wenn sie ja
gezwungen waren, solche zu durchreisen, ein hinlängliches Geleite mit. Einige
Besitzer benachbarter Bergschlösser standen mit den Kaufleuten in gutem
Vernehmen. Sie wurden besucht und bei ihnen nachgefragt, ob sie Bestellungen
nach Augsburg zu machen hätten. Eine freundliche Bewirtung ward ihnen zu Teil,
und die Frauen und Töchter drängten sich mit herzlicher Neugier um die
Fremdlinge. Heinrichs Mutter gewann sie bald durch ihre gutmütige
Bereitwilligkeit und Teilnahme. Man war erfreut eine Frau aus der Residenzstadt
zu sehn, die eben so willig die Neuigkeiten der Mode, als die Zubereitung
einiger schmackhafter Schüsseln mitteilte. Der junge Ofterdingen ward von
Rittern und Frauen wegen seiner Bescheidenheit und seines ungezwungenen milden
Betragens gepriesen, und die letztern verweilten gern auf seiner einnehmenden
Gestalt, die wie das einfache Wort eines Unbekannten war, das man fast überhört,
bis längst nach seinem Abschiede es seine tiefe unscheinbare Knospe immer mehr
auftut, und endlich eine herrliche Blume in allem Farbenglanze
dichtverschlungener Blätter zeigt, so dass man es nie vergisst, nicht müde wird es
zu wiederholen, und einen unversieglichen immer gegenwärtigen Schatz daran hat.
Man besinnt sich nun genauer auf den Unbekannten, und ahndet und ahndet, bis es
auf einmal klar wird, dass es ein Bewohner der höhern Welt gewesen sei. - Die
Kaufleute erhielten eine grosse Menge Bestellungen, und man trennte sich
gegenseitig mit herzlichen Wünschen, einander bald wieder zu sehn. Auf einem
dieser Schlösser, wo sie gegen Abend hinkamen, ging es frölich zu. Der Herr des
Schlosses war ein alter Kriegsmann, der die Musse des Friedens, und die
Einsamkeit seines Aufentalt mit öftern Gelagen feierte und unterbrach, und
ausser dem Kriegsgetümmel und der Jagd keinen andern Zeitvertreib kannte, als den
gefüllten Becher.
    Er empfing die Ankommenden mit brüderlicher Herzlichkeit, mitten unter
lärmenden Genossen. Die Mutter ward zur Hausfrau geführt. Die Kaufleute und
Heinrich mussten sich an die lustige Tafel setzen, wo der Becher tapfer
umherging. Heinrichen ward auf vieles Bitten in Rücksicht seiner Jugend das
jedesmalige Bescheidtun erlassen, dagegen die Kaufleute sich nicht faul finden,
sondern sich den alten Frankenwein tapfer schmecken liessen. Das Gespräch lief
über ehmalige Kriegsabenteuer hin. Heinrich hörte mit grosser Aufmerksamkeit den
neuen Erzählungen zu. Die Ritter sprachen vom heiligen Lande, von den Wundern
des heiligen Grabes, von den Abenteuern ihres Zuges, und ihrer Seefahrt, von
den Sarazenen, in deren Gewalt einige geraten gewesen waren, und dem frölichen
und wunderbaren Leben im Felde und im Lager. Sie äusserten mit grosser
Lebhaftigkeit ihren Unwillen jene himmlische Geburtsstätte der Christenheit noch
im frevelhaften Besitz der Ungläubigkeit zu wissen. Sie erhoben die grossen
Helden, die sich eine ewige Krone durch ihr tapfres, unermüdliches Bezeigen
gegen dieses ruchlose Volk erworben hätten. Der Schlossherr zeigte das kostbare
Schwerdt, was er einem Anführer derselben mit eigner Hand abgenommen, nachdem er
sein Castell erobert, ihn getödtet, und seine Frau und Kinder zu Gefangenen
gemacht, welches ihm der Kayser in seinem Wappen zu führen vergönnet hatte. Alle
besahen das prächtige Schwerdt, auch Heinrich nahm es in seine Hand, und fühlte
sich von einer kriegerischen Begeisterung ergriffen. Er küsste es mit
inbrünstiger Andacht. Die Ritter freuten sich über seinen Anteil. Der Alte
umarmte ihn, und munterte ihn auf, auch seine Hand auf ewig der Befreiung des
heiligen Grabes zu widmen, und das wundertätige Kreuz auf seine Schultern
befestigen zu lassen. Er war überrascht, und seine Hand schien sich nicht von
dem Schwerdte losmachen zu können. Besinne dich, mein Sohn, rief der alte
Ritter. Ein neuer Kreuzzug ist vor der Tür. Der Kayser selbst wird unsere
Schaaren in das Morgenland führen. Durch ganz Europa schallt von neuem der Ruf
des Kreuzes, und heldenmütige Andacht regt sich aller Orten. Wer weiss, ob wir
nicht übers Jahr in der grossen welterrlichen Stadt Jerusalem als frohe Sieger
bei einander sitzen, und uns bei vaterländischem Wein an unsere Heimat
erinnern. Du kannst auch bei mir ein morgenländisches Mädgen sehn. Sie dünken
uns Abendländern gar anmutig, und wenn du das Schwerdt gut zu führen verstehst,
so kann es dir an schönen Gefangenen nicht fehlen. Die Ritter sangen mit lauter
Stimme den Kreuzgesang, der damals in ganz Europa gesungen wurde:
Das Grab steht unter wilden Heiden;
Das Grab, worinn der Heiland lag,
Muss Frevel und Verspottung leiden
Und wird enteiligt jeden Tag.
Es klagt heraus mit dumpfer Stimme:
Wer rettet mich von diesem Grimme!
                                       *
Wo bleiben seine Heldenjünger?
Verschwunden ist die Christenheit!
Wer ist des Glaubens Wiederbringer?
Wer nimmt das Kreuz in dieser Zeit?
Wer bricht die schimpflichsten der Ketten,
Und wird das heil'ge Grab erretten?
                                       *
Gewaltig geht auf Land und Meeren
In tiefer Nacht ein heil'ger Sturm;
Die trägen Schläfen aufzustören,
Umbraust er Lager, Stadt und Turm,
Ein Klaggeschrei um alle Zinnen:
Auf, träge Christen, zieht von hinnen.
                                       *
Es lassen Engel aller Orten
Mit ernstem Antlitz stumm sich sehn,
Und Pilger sieht man vor den Pforten
Mit kummervollen Wangen stehn;
Sie klagen mit den bängsten Tönen
Die Grausamkeit der Sarazenen.
                                       *
Es bricht ein Morgen, rot und trübe,
Im weiten Land der Christen an.
Der Schmerz der Wehmut und der Liebe
Verkündet sich bei Jedermann.
Ein jedes greift nach Kreuz und Schwerdte
Und zieht entflammt von seinem Heerde.
                                       *
Ein Feuereifer tobt im Heere,
Das Grab des Heilands zu befrein.
Sie eilen frölich nach dem Meere,
Um bald auf heil'gem Grund zu sein.
Auch Kinder kommen noch gelaufen
Und mehren den geweihten Haufen.
                                       *
Hoch weht das Kreuz im Siegspaniere,
Und alte Helden stehn voran.
Des Paradieses sel'ge Türe
Wird frommen Kriegern aufgetan;
Ein jeder will das Glück geniessen
Sein Blut für Christus zu vergiessen.
                                       *
Zum Kampf ihr Christen! Gottes Schaaren
Ziehn mit in das gelobte Land.
Bald wird der Heiden Grimm erfahren
Des Christengottes Schreckenshand.
Wir waschen bald in frohem Mute
Das heilige Grab mit Heidenblute.
                                       *
Die heil'ge Jungfrau schwebt, getragen
Von Engeln, ob der wilden Schlacht,
Wo jeder, den das Schwerdt geschlagen,
In ihrem Mutterarm erwacht.
Sie neigt sich mit verklärter Wange
Herunter zu dem Waffenklange.
                                       *
Hinüber zu der heilgen Stätte!
Des Grabes dumpfe Stimme tönt!
Bald wird mit Sieg und mit Gebete
Die Schuld der Christenheit versöhnt!
Das Reich der Heiden wird sich enden,
Ist erst das Grab in unsern Händen.
                                       *
Heinrichs ganze Seele war in Aufruhr, das Grab kam ihm wie eine bleiche, edle,
jugendliche Gestalt vor, die auf einem grossen Stein mitten unter wildem Pöbel
sässe, und auf eine entsetzliche Weise gemisshandelt würde, als wenn sie mit
kummervollen Gesichte nach einem Kreuze blicke, was im Hintergrunde mit lichten
Zügen schimmerte, und sich in den bewegten Wellen eines Meeres unendlich
vervielfältigte.
    Seine Mutter schickt eben herüber, um ihn zu holen, und der Hausfrau des
Ritters vorzustellen. Die Ritter waren in ihr Gelag und ihre Vorstellungen des
bevorstehenden Zuges vertieft, und bemerkten nicht, dass Heinrich sich entfernte.
Er fand seine Mutter in traulichem Gespräch mit der alten, gutmütigen Frau des
Schlosses, die ihn freundlich bewillkommte. Der Abend war heiter; die Sonne
begann sich zu neigen, und Heinrich, der sich nach Einsamkeit sehnte, und von
der goldenen Ferne gelockt wurde, die durch die engen, tiefen Bogenfenster in
das düstre Gemach hineintrat, erhielt leicht die Erlaubnis, sich ausserhalb des
Schlosses besehen zu dürfen. Er eilte ins Freie, sein ganzes Gemüt war rege, er
sah von der Höhe des alten Felsen zunächst in das waldige Tal, durch das ein
Bach herunterstürzte und einige Mühlen trieb, deren Geräusch man kaum aus der
gewaltigen Tiefe vernehmen konnte, und dann in eine unabsehliche Ferne von
Bergen, Wäldern und Niederungen, und seine innere Unruhe wurde besänftigt. Das
kriegerische Getümmel verlor sich, und es blieb nur eine klare bilderreiche
Sehnsucht zurück. Er fühlte, dass ihm eine Laute mangelte, so wenig er auch
wusste, wie sie eigentlich gebaut sei, und welche Wirkung sie hervorbringe. Das
heitere Schauspiel des herrlichen Abends wiegte ihn in sanfte Fantasieen: die
Blume seines Herzens liess sich zuweilen, wie ein Wetterleuchten in ihm sehn. -
Er schweifte durch das wilde Gebüsch und kletterte über bemooste Felsenstücke,
als auf einmal aus einer nahen Tiefe ein zarter eindringender Gesang einer
weiblichen Stimme von wunderbaren Tönen begleitet, erwachte. Es war ihm gewiss,
dass es eine Laute sei; er blieb verwunderungsvoll stehen, und hörte in
gebrochner deutscher Aussprache folgendes Lied:
Bricht das matte Herz noch immer
Unter fremdem Himmel nicht?
Kommt der Hoffnung bleicher Schimmer
Immer mir noch zu Gesicht?
Kann ich wohl noch Rückkehr wähnen?
Stromweis stürzen meine Tränen,
Bis mein Herz in Kummer bricht.
                                       *
Könnt ich dir die Myrten zeigen
Und der Zeder dunkles Haar!
Führen dich zum frohen Reigen
Der geschwisterlichen Schaar!
Sähst du im gestickten Kleide,
Stolz im köstlichen Geschmeide
Deine Freundinn, wie sie war.
                                       *
Edle Jünglinge verneigen
Sich mit heissem Blick vor ihr;
Zärtliche Gesänge steigen
Mit dem Abendstern zu mir.
Dem Geliebten darf man trauen;
Ewge Lieb' und Treu den Frauen,
Ist der Männer Losung hier.
                                       *
Hier, wo um krystallne Quellen
Liebend sich der Himmel legt,
Und mit heissen Balsamwellen
Um den Hayn zusammenschlägt,
Der in seinen Lustgebieten,
Unter Früchten, unter Blüten
Tausend bunte Sänger hegt.
                                       *
Fern sind jene Jugendträume!
Abwärts liegt das Vaterland!
Längst gefällt sind jene Bäume,
Und das alte Schloss verbrannt.
Fürchterlich, wie Meereswogen
Kam ein rauhes Heer gezogen,
Und das Paradies verschwand.
                                       *
Fürchterliche Gluten flossen
In die blaue Luft empor,
Und es drang auf stolzen Rossen
Eine wilde Schaar ins Tor.
Säbel klirrten, unsre Brüder,
Unser Vater kam nicht wieder,
Und man riss uns wild hervor.
                                       *
Meine Augen wurden trübe;
Fernes, mütterliches Land,
Ach! sie bleiben dir voll Liebe
Und voll Sehnsucht zugewandt!
Wäre nicht dies Kind vorhanden,
Längst hätt' ich des Lebens Banden
Aufgelöst mit kühner Hand.
Heinrich hörte das Schluchzen eines Kindes und eine tröstende Stimme. Er stieg
tiefer durch das Gebüsch hinab, und fand ein bleiches, abgehärmtes Mädchen unter
einer alten Eiche sitzen. Ein schönes Kind hing weinend an ihrem Halse, auch
ihre Tränen flossen, und eine Laute lag neben ihr auf dem Rasen. Sie erschrack
ein wenig, als sie den fremden Jüngling erblickte, der mit wehmütigem Gesicht
sich ihr näherte.
    Ihr habt wohl meinen Gesang gehört, sagte sie freundlich. Euer Gesicht dünkt
mir bekannt, lasst mich besinnen - Mein Gedächtnis ist schwach geworden, aber
euer Anblick erweckt in mir eine sonderbare Erinnerung aus frohen Zeiten. O! mir
ist, als glicht ihr einem meiner Brüder, der noch vor unserm Unglück von uns
schied, und nach Persien zu einem berühmten Dichter zog. Vielleicht lebt er
noch, und besingt traurig das Unglück seiner Geschwister. Wüsst ich nur noch
einige seiner herrlichen Lieder, die er uns hinterliess! Er war edel und
zärtlich, und kannte kein grösseres Glück als seine Laute. Das Kind war ein
Mädchen von zehn bis zwölf Jahren, das den fremden Jüngling aufmerksam
betrachtete und sich fest an den Busen der unglücklichen Zulima schmiegte.
Heinrichs Herz war von Mitleid durchdrungen; er tröstete die Sängerin mit
freundlichen Worten, und bat sie, ihm umständlicher ihre Geschichte zu erzählen.
Sie schien es nicht ungern zu tun. Heinrich setzte sich ihr gegenüber und
vernahm ihre von häufigen Tränen unterbrochne Erzählung. Vorzüglich hielt sie
sich bei dem Lobe ihrer Landsleute und ihres Vaterlandes auf. Sie schilderte den
Edelmut derselben, und ihre reine starke Empfänglichkeit für die Poesie des
Lebens und die wunderbare, geheimnisvolle Anmut der Natur. Sie beschrieb die
romantischen Schönheiten der fruchtbaren Arabischen Gegenden, die wie glückliche
Inseln in unwegsamen Sandwüsteneien lägen, wie Zufluchtsstätte der Bedrängten
und Ruhebedürftigen, wie Kolonien des Paradieses, voll frischer Quellen, die
über dichten Rasen und funkelnde Steine durch alte, ehrwürdige Haine rieselten,
voll bunter Vögel mit melodischen Kehlen und anziehend durch mannichfaltige
Überbleibsel ehemaliger denkwürdiger Zeiten. Ihr würdet mit Verwunderung, sagte
sie, die buntfarbigen, hellen, seltsamen Züge und Bilder auf den alten
Steinplatten sehn. Sie scheinen so bekannt und nicht ohne Ursach so wohl
erhalten zu sein. Man sinnt und sinnt, einzelne Bedeutungen ahnet man, und wird
um so begieriger den tiefsinnigen Zusammenhang dieser uralten Schrift zu
erraten. Der unbekannte Geist derselben erregt ein ungewöhnliches Nachdenken,
und wenn man auch ohne den gewünschten Fund von dannen geht, so hat man doch
tausend merkwürdige Entdeckungen in sich selbst gemacht, die dem Leben einen
neuen Glanz und dem Gemüt eine lange, belohnende Beschäftigung geben. Das Leben
auf einem längst bewohnten und ehemals schon durch Fleiss, Tätigkeit und Neigung
verherrlichten Boden hat einen besondern Reiz. Die Natur scheint dort
menschlicher und verständlicher geworden, eine dunkle Erinnerung unter der
durchsichtigen Gegenwart wirft die Bilder der Welt mit scharfen Umrissen zurück,
und so geniesst man eine doppelte Welt, die eben dadurch das Schwere und
Gewaltsame verliert und die zauberische Dichtung und Fabel unserer Sinne wird.
Wer weiss, ob nicht auch ein unbegreiflicher Einfluss der ehemaligen, jetzt
unsichtbaren Bewohner mit ins Spiel kommt, und vielleicht ist es dieser dunkle
Zug, der die Menschen aus neuen Gegenden, sobald eine gewisse Zeit ihres
Erwachens kömmt, mit so zerstörender Ungeduld nach der alten Heimat ihres
Geschlechts treibt, und sie Gut und Blut an den Besitz dieser Länder zu wagen
anregt. Nach einer Pause fuhr sie fort: Glaubt ja nicht, was man euch von den
Grausamkeiten meiner Landsleute erzählt hat. Nirgends wurden Gefangene
grossmütiger behandelt, und auch eure Pilger nach Jerusalem wurden mit
Gastfreundschaft aufgenommen, nur dass sie selten derselben wert waren. Die
Meisten waren nichtsnutzige, böse Menschen, die ihre Wallfahrten mit
Bubenstücken bezeichneten, und dadurch freilich oft gerechter Rache in die Hände
fielen. Wie ruhig hatten die Christen das heilige Grab besuchen können, ohne
nötig zu haben, einen fürchterlichen, unnützen Krieg anzufangen, der alles
erbittert, unendliches Elend verbreitet, und auf immer das Morgenland von Europa
getrennt hat. Was lag an dem Namen des Besitzers? Unsere Fürsten ehrten
andachtsvoll das Grab eures Heiligen, den auch wir für einen göttlichen Profeten
halten; und wie schön hätte sein heiliges Grab die Wiege eines glücklichen
Einverständnisses, der Anlass ewiger wohltätiger Bündnisse werden können!
    Der Abend war unter ihren Gesprächen herbeigekommen. Es fing an Nacht zu
werden, und der Mond hob sich aus dem feuchten Walde mit beruhigendem Glanze
herauf. Sie stiegen langsam nach dem Schloss; Heinrich war voll Gedanken, die
kriegerische Begeisterung war gänzlich verschwunden. Er merkte eine wunderliche
Verwirrung in der Welt; der Mond zeigte ihm das Bild eines tröstenden Zuschauers
und erhob ihn über die Unebenheiten der Erdoberfläche, die in der Höhe so
unbeträchtlich erschienen, so wild und unersteiglich sie auch dem Wanderer
vorkamen. Zulima ging still neben ihm her, und führte das Kind. Heinrich trug
die Laute. Er suchte die sinkende Hoffnung seiner Begleiterinn, ihr Vaterland
dereinst wieder zu sehn, zu beleben, indem er innerlich einen heftigen Beruf
fühlte, ihr Retter zu sein, ohne zu wissen, auf welche Art es geschehen könne.
Eine besondere Kraft schien in seinen einfachen Worten zu liegen, denn Zulima
empfand eine ungewohnte Beruhigung und dankte ihm für seine Zusprache auf die
rührendste Weise. Die Ritter waren noch bei ihren Bechern und die Mutter in
häuslichen Gesprächen. Heinrich hatte keine Lust in den lärmenden Saal
zurückzugehn. Er fühlte sich müde, und begab sich bald mit seiner Mutter in das
angewiesene Schlafgemach. Er erzählte ihr vor dem Schlafengehn, was ihm begegnet
sei, und schlief bald zu unterhaltenden Träumen ein. Die Kaufleute hatten sich
auch zeitig fortbegeben, und waren früh wieder munter. Die Ritter lagen in
tiefer Ruhe, als sie abreisten; die Hausfrau aber nahm zärtlichen Abschied.
Zulima hatte wenig geschlafen, eine innere Freude hatte sie wach erhalten; sie
erschien beim Abschiede, und bediente die Reisenden demütig und emsig. Als sie
Abschied nahmen brachte sie mit vielen Tränen ihre Laute zu Heinrich, und bat
mit rührender Stimme, sie zu Zulimas Andenken mitzunehmen. Es war meines Bruders
Laute, sagte sie, der sie mir beim Abschied schenkte; es ist das einzige
Besitztum, was ich gerettet habe. Sie schien euch gestern zu gefallen, und ihr
lasst mir ein unschätzbares Geschenk zurück, süsse Hoffnung. Nehmt dieses geringe
Zeichen meiner Dankbarkeit, und lasst es ein Pfand eures Andenkens an die arme
Zulima sein. Wir werden uns gewiss wiedersehn, und dann bin ich vielleicht
glücklicher. Heinrich weinte; er weigerte sich, diese ihr so unentbehrliche
Laute anzunehmen: gebt mir, sagte er, das goldene Band mit den unbekannten
Buchstaben aus euren Haaren, wenn es nicht ein Andenken eurer Eltern oder
Geschwister ist, und nehmt dagegen einen Schleier an, den mir meine Mutter gern
abtreten wird. Sie wich endlich seinem Zureden und gab ihm das Band, indem sie
sagte, Es ist mein Name in den Buchstaben meiner Muttersprache, den ich in
bessern Zeiten selbst in dieses Band gestickt habe. Betrachtet es gern, und
denkt, dass es eine lange, kummervolle Zeit meine Haare festgehalten hat, und mit
seiner Besitzerin verbleicht ist. Heinrichs Mutter zog den Schleier heraus, und
reichte ihr ihn hin, indem sie sie an sich zog und weinend umarmte. -
 
                                Fünftes Kapitel
Nach einigen Tagereisen kamen sie an ein Dorf, am Fusse einiger spitzen Hügel,
die von tiefen Schluchten unterbrochen waren. Die Gegend war übrigens fruchtbar
und angenehm, ohngeachtet die Rücken der Hügel ein todtes, abschreckendes Ansehn
hatten. Das Wirtshaus war reinlich, die Leute bereitwillig, und eine Menge
Menschen, teils Reisende, teils blosse Trinkgäste, sassen in der Stube, und
unterhielten sich von allerhand Dingen.
    Unsre Reisenden gesellten sich zu ihnen, und mischten sich in die Gespräche.
Die Aufmerksamkeit der Gesellschaft war vorzüglich auf einen alten Mann
gerichtet, der in fremder Tracht an einem Tische sass, und freundlich die
neugierigen Fragen beantwortete, die an ihn geschahen. Er kam aus fremden
Landen, hatte sich heute früh die Gegend umher genau betrachtet, und erzählte
nun von seinem Gewerbe und seinen heutigen Entdeckungen. Die Leute nannten ihn
einen Schatzgräber. Er sprach aber sehr bescheiden von seinen Kenntnissen und
seiner Macht, doch trugen seine Erzählungen das Gepräge der Seltsamkeit und
Neuheit. Er erzählte, dass er aus Böhmen gebürtig sei. Von Jugend auf habe er
eine heftige Neugierde gehabt zu wissen, was in den Bergen verborgen sein müsse,
wo das Wasser in den Quellen herkomme, und wo das Gold und Silber und die
köstlichen Steine gefunden würden, die den Menschen so unwiderstehlich an sich
zögen. Er habe in der nahen Klosterkirche oft diese festen Lichter an den
Bildern und Reliquien betrachtet, und nur gewünscht, dass sie zu ihm reden
könnten, um ihm von ihrer geheimnisvollen Herkunft zu erzählen. Er habe wohl
zuweilen gehört, dass sie aus weit entlegenen Ländern kämen; doch habe er immer
gedacht, warum es nicht auch in diesen Gegenden solche Schätze und Kleinodien
geben könne. Die Berge seien doch nicht umsonst so weit im Umfange und erhaben
und so fest verwahrt; auch habe es ihm verdünkt, wie wenn er zuweilen auf den
Gebirgen glänzende und flimmernde Steine gefunden hätte. Er sei fleissig in den
Felsenritzen und Höhlen umhergeklettert, und habe sich mit unaussprechlichem
Vergnügen in diesen uralten Hallen und Gewölben umgesehn. - Endlich sei ihm
einmal ein Reisender begegnet, der zu ihm gesagt, er müsse ein Bergmann werden,
da könne er die Befriedigung seiner Neugier finden. In Böhmen gäbe es Bergwerke.
Er solle nur immer an dem Flusse hinuntergehn, nach zehn bis zwölf Tagen werde
er in Eula sein, und dort dürfe er nur sprechen, dass er gern ein Bergmann werden
wolle. Er habe sich dies nicht zweimal sagen lassen, und sich gleich den andern
Tag auf den Weg gemacht. Nach einem beschwerlichen Gange von mehreren Tagen,
fuhr er fort, kam ich nach Eula. Ich kann euch nicht sagen, wie herrlich mir zu
Mute ward, als ich von einem Hügel die Haufen von Steinen erblickte, die mit
grünen Gebüschen durchwachsen waren, auf denen breterne Hütten standen, und als
ich aus dem Tal unten die Rauchwolken über den Wald heraufziehn sah. Ein fernes
Getöse vermehrte meine Erwartungen, und mit unglaublicher Neugierde und voll
stiller Andacht stand ich bald auf einem solchen Haufen, den man Halde nennt,
vor den dunklen Tiefen, die im Innern der Hütten steil in den Berg
hineinführten. Ich eilte nach dem Tale und begegnete bald einigen
schwarzgekleideten Männern mit Lampen, die ich nicht mit Unecht für Bergleute
hielt, und mit schüchterner Ängstlichkeit ihnen mein Anliegen vortrug. Sie
hörten mich freundlich an, und sagten mir, dass ich nur hinunter nach den
Schmelzhütten gehn und nach dem Steiger fragen sollte, welcher den Anführer und
Meister unter ihnen vorstellt; dieser werde mir Bescheid geben, ob ich
angenommen werden möge. Sie meinten, dass ich meinen Wunsch wohl erreichen würde,
und lehrten mich den üblichen Gruss »Glück auf« womit ich den Steiger anreden
sollte. Voll fröhlicher Erwartungen setzte ich meinen Weg fort, und konnte nicht
aufhören, den neuen bedeutungsvollen Gruss mir beständig zu wiederholen. Ich fand
einen alten, ehrwürdigen Mann, der mich mit vieler Freundlichkeit empfing, und
nachdem ich ihm meine Geschichte erzählt, und ihm meine grosse Lust, seine
seltne, geheimnisvolle Kunst zu erlernen, bezeugt hatte, bereitwillig versprach,
mir meinen Wunsch zu gewähren. Ich schien ihm zu gefallen, und er behielt mich
in seinem Hause. Den Augenblick konnte ich kaum erwarten, wo ich in die Grube
fahren und mich in der reitzenden Tracht sehn würde. Noch denselben Abend
brachte er mir ein Grubenkleid, und erklärte mir den Gebrauch einiger Werkzeuge,
die in einer Kammer aufbewahrt waren.
    Abends kamen Bergleute zu ihm, und ich verfehlte kein Wort von ihren
Gesprächen, so unverständlich und fremd mir sowohl die Sprache, als der grösste
Teil des Inhalts ihrer Erzählungen vorkam. Das Wenige jedoch, was ich zu
begreifen glaubte, erhöhte die Lebhaftigkeit meiner Neugierde, und beschäftigte
mich des Nachts in seltsamen Träumen. Ich erwachte bei Zeiten und fand mich bei
meinem neuen Wirte ein, bei dem sich allmählich die Bergleute versammelten, um
seine Verordnungen zu vernehmen. Eine Nebenstube war zu einer kleinen Kapelle
vorgerichtet. Ein Mönch erschien und las eine Messe, nachher sprach er ein
feierliches Gebet, worinn er den Himmel anrief, die Bergleute in seine heilige
Obhut zu nehmen, sie bei ihren gefährlichen Arbeiten zu unterstützen, vor
Anfechtungen und Tücken böser Geister sie zu schützen, und ihnen reiche Anbrüche
zu bescheeren. Ich hatte nie mit mehr Inbrunst gebetet, und nie die hohe
Bedeutung der Messe lebhafter empfunden. Meine künftigen Genossen kamen mir wie
unterirdische Helden vor, die tausend Gefahren zu überwinden hätten, aber auch
ein beneidenswertes Glück an ihren wunderbaren Kenntnissen besässen, und in dem
ernsten, stillen Umgange mit den uralten Felsensöhnen der Natur, in ihren
dunkeln, wunderbaren Kammern, zum Empfängnis himmlischer Gaben und zur freudigen
Erhebung über die Welt und ihre Bedrängnisse ausgerüstet würden. Der Steiger gab
mir nach geendigtem Gottesdienst eine Lampe und ein kleines hölzernes Krucifix,
und ging mit mir nach dem Schachte, wie wir die schroffen Eingänge in die
unterirdischen Gebäude zu nennen pflegen. Er lehrte mich die Art des
Hinabsteigens, machte mich mit den notwendigen Vorsichtigkeitsregeln, so wie
mit den Namen der mannichfaltigen Gegenstände und Teile bekannt. Er fuhr
voraus, und schurrte auf dem runden Balken hinunter, indem er sich mit der einen
Hand an einem Seil anhielt, das in einem Knoten an einer Seitenstange
fortglitschte, und mit der andern die brennende Lampe trug; ich folgte seinem
Beispiel, und wir gelangten so mit ziemlicher Schnelle bald in eine
beträchtliche Tiefe. Mir war seltsam feierlich zu Mute, und das vordere Licht
funkelte wie ein glücklicher Stern, der mir den Weg zu den verborgenen
Schatzkammern der Natur zeigte. Wir kamen unten in einen Irrgarten von Gängen,
und mein freundlicher Meister ward nicht müde meine neugierigen Fragen zu
beantworten, und mich über seine Kunst zu unterrichten. Das Rauschen des
Wassers, die Entfernung von der bewohnten Oberfläche, die Dunkelheit und
Verschlungenheit der Gänge, und das entfernte Geräusch der arbeitenden Bergleute
ergötzte mich ungemein, und ich fühlte nun mit Freuden mich im vollen Besitz
dessen, was von jeher mein sehnlichster Wunsch gewesen war. Es lässt sich auch
diese volle Befriedigung eines angebornen Wunsches, diese wundersame Freude an
Dingen, die ein näheres Verhältnis zu unserm geheimen Dasein haben mögen, zu
Beschäftigungen, für die man von der Wiege an bestimmt und ausgerüstet ist,
nicht erklären und beschreiben. Vielleicht dass sie jedem Andern gemein,
unbedeutend und abschreckend vorgekommen wären; aber mir scheinen sie so
unentbehrlich zu sein, wie die Luft der Brust und die Speise dem Magen. Mein
alter Meister freute sich über meine innige Lust, und verhiess mir, dass ich bei
diesem Fleisse und dieser Aufmerksamkeit es weit bringen, und ein tüchtiger
Bergmann werden würde. Mit welcher Andacht sah ich zum erstenmal in meinem Leben
am sechzehnten März, vor nunmehr fünf und vierzig Jahren, den König der Metalle
in zarten Blättchen zwischen den Spalten des Gesteins. Es kam mir vor, als sei
er hier wie in festen Gefängnissen eingesperrt und glänze freundlich dem
Bergmann entgegen, der mit soviel Gefahren und Mühseligkeiten sich den Weg zu
ihm durch die starken Mauern gebrochen, um ihn an das Licht des Tages zu
fördern, damit er an königlichen Kronen und Gefässen und an heiligen Reliquien zu
Ehren gelangen, und in geachteten und wohlverwahrten Münzen, mit Bildnissen
geziert, die Welt beherrschen und leiten möge. Von der Zeit an blieb ich in
Eula, und stieg allmählich bis zum Häuer, welches der eigentliche Bergmann ist,
der die Arbeiten auf dem Gestein betreibt, nachdem ich anfänglich bei der
Ausförderung der losgehauenen Stufen in Körben angestellt gewesen war.
    Der alte Bergmann ruhte ein wenig von seiner Erzählung aus, und trank, indem
ihm seine aufmerksamen Zuhörer ein fröliches Glückauf zubrachten. Heinrichen
erfreuten die Reden des alten Mannes ungemein, und er war sehr geneigt noch mehr
von ihm zu hören.
    Die Zuhörer unterhielten sich von den Gefahren und Seltsamkeiten des
Bergbaus, und erzählten wunderbare Sagen, über die der Alte oft lächelte, und
freundlich ihre sonderbaren Vorstellungen zu berichtigen bemüht war.
    Nach einer Weile sagte Heinrich: Ihr mögt seitdem viel seltsame Dinge gesehn
und erfahren haben; hoffentlich hat euch nie eure gewählte Lebensart gereut?
Wärt ihr nicht so gefällig und erzähltet uns wie es euch seit dem ergangen, und
auf welcher Reise ihr jetzt begriffen seid? Es scheint, als hättet ihr euch
weiter in der Welt umgesehn, und gewiss darf ich vermuten, dass ihr jetzt mehr
als einen gemeinen Bergmann vorstellt. - Es ist mir selber lieb, sagte der Alte,
mich der verflossenen Zeiten zu erinnern, in denen ich Anlässe finde, mich der
göttlichen Barmherzigkeit und Güte zu erfreun. Das Geschick hat mich durch ein
frohes und heitres Leben geführt, und es ist kein Tag vorübergegangen, an
welchem ich mich nicht mit dankbarem Herzen zur Ruhe gelegt hätte. Ich bin immer
glücklich in meinen Verrichtungen gewesen, und unser aller Vater im Himmel hat
mich vor dem Bösen behütet, und in Ehren grau werden lassen. Nächst ihm habe ich
alles meinem alten Meister zu verdanken, der nun lange zu seinen Vätern
versammelt ist, und an den ich nie ohne Tränen denken kann. Er war ein Mann aus
der alten Zeit nach dem Herzen Gottes. Mit tiefen Einsichten war er begabt, und
doch kindlich und demütig in seinem Tun. Durch ihn ist das Bergwerk in grossen
Flor gekommen, und hat dem Herzoge von Böhmen zu ungeheuren Schätzen verholfen.
Die ganze Gegend ist dadurch bevölkert und wohlhabend, und ein blühendes Land
geworden. Alle Bergleute verehrten ihren Vater in ihm, und so lange Eula steht,
wird auch sein Name mit Rührung und Dankbarkeit genannt werden. Er war seiner
Geburt nach ein Lausitzer und hiess Werner. Seine einzige Tochter war noch ein
Kind, wie ich zu ihm ins Haus kam. Meine Ämsigkeit, meine Treue, und meine
leidenschaftliche Anhänglichkeit an ihn, gewannen mir seine Liebe mit jedem Tage
mehr. Er gab mir seinen Namen und machte mich zu seinem Sohne. Das kleine
Mädchen ward nach gerade ein wackres, muntres Geschöpf, deren Gesicht so
freundlich glatt und weiss war, wie ihr Gemüt. Der Alte sagte mir oft, wenn er
sah, dass sie mir zugetan war, dass ich gern mit ihr schäkerte, und kein Auge von
den ihrigen verwandte, die so blau und offen, wie der Himmel waren, und wie die
Krystalle glänzten: wenn ich ein rechtlicher Bergmann werden würde, wolle er sie
mir nicht versagen; und er hielt Wort. - Den Tag, wie ich Häuer wurde, legte er
seine Hände auf uns und segnete uns als Braut und Bräutigam ein, und wenige
Wochen darauf führte ich sie als meine Frau auf meine Kammer. Denselben Tag hieb
ich in der Frühschicht noch als Lehrhäuer, eben wie die Sonne oben aufging, eine
reiche Ader an. Der Herzog schickte mir eine goldene Kette mit seinem Bildnis
auf einer grossen Münze, und versprach mir den Dienst meines Schwiegervaters. Wie
glücklich war ich, als ich sie am Hochzeittage meiner Braut um den Hals hängen
konnte, und Aller Augen auf sie gerichtet waren. Unser alte[r] Vater erlebte
noch einige muntre Enkel, und die Anbrüche seines Herbstes waren reicher, als er
gedacht hatte. Er konnte mit Freudigkeit seine Schicht beschliessen, und aus der
dunkeln Grube dieser Welt fahren, um in Frieden auszuruhen, und den grossen
Lohntag zu erwarten. Herr, sagte der Alte, indem er sich zu Heinrichen wandte,
und einige Tränen aus den Augen trocknete, der Bergbau muss von Gott gesegnet
werden! denn es gibt keine Kunst, die ihre Teilhaber glücklicher und edler
machte, die mehr den Glauben an eine himmlische Weisheit und Fügung erweckte,
und die Unschuld und Kindlichkeit des Herzens reiner erhielte, als der Bergbau.
Arm wird der Bergmann geboren, und arm geht er wieder dahin. Er begnügt sich zu
wissen, wo die metallischen Mächte gefunden werden, und sie zu Tage zu fördern;
aber ihr blendender Glanz vermag nichts über sein lautres Herz. Unentzündet von
gefährlichem Wahnsinn, freut er sich mehr über ihre wunderlichen Bildungen, und
die Seltsamkeiten ihrer Herkunft und ihrer Wohnungen, als über ihren alles
verheissenden Besitz. Sie haben für ihn keinen Reiz mehr, wenn sie Waaren
geworden sind, und er sucht sie lieber unter tausend Gefahren und Mühseligkeiten
in den Vesten der Erde, als dass er ihrem Rufe in die Welt folgen, und auf der
Oberfläche des Bodens durch täuschende, hinterlistige Künste nach ihnen trachten
sollte. Jene Mühseeligkeiten erhalten sein Herz frisch und seinen Sinn wacker;
er geniesst seinen kärglichen Lohn mit inniglichem Danke, und steigt jeden Tag
mit verjüngter Lebensfreude aus den dunkeln Grüften seines Berufs. Nur Er kennt
die Reize des Lichts und der Ruhe, die Wohltätigkeit der freien Luft und
Aussicht um sich her; nur ihm schmeckt Trank und Speise recht erquicklich und
andächtig, wie der Leib des Herrn; und mit welchem liebevollen und empfänglichen
Gemüt tritt er nicht unter seines Gleichen, oder herzt seine Frau und Kinder,
und ergötzt sich dankbar an der schönen Gabe des traulichen Gesprächs!
    Sein einsames Geschäft sondert ihn vom Tage und dem Umgange mit Menschen
einen grossen Teil seines Lebens ab. Er gewöhnt sich nicht zu einer stumpfen
Gleichgültigkeit gegen diese überirdischen tiefsinnigen Dinge und behält die
kindliche Stimmung, in der ihm alles mit seinem eigentümlichsten Geiste und in
seiner ursprünglichen bunten Wunderbarkeit erscheint. Die Natur will nicht der
ausschliessliche Besitz eines Einzigen sein. Als Eigentum verwandelt sie sich in
ein böses Gift, was die Ruhe verscheucht, und die verderbliche Lust, alles in
diesen Kreis des Besitzers zu ziehn, mit einem Gefolge von unendlichen Sorgen
und wilden Leidenschaften herbeilockt. So untergräbt sie heimlich den Grund des
Eigentümers, und begräbt ihn bald in den einbrechenden Abgrund, um aus Hand in
Hand zu gehen, und so ihre Neigung, Allen anzugehören, allmählich zu
befriedigen.
    Wie ruhig arbeitet dagegen der arme genügsame Bergmann in seinen tiefen
Einöden, entfernt von dem unruhigen Tumult des Tages, und einzig von Wissbegier
und Liebe zur Eintracht beseelt. Er gedenkt in seiner Einsamkeit mit inniger
Herzlichkeit seiner Genossen und seiner Familie, und fühlt immer erneuert die
gegenseitige Unentbehrlichkeit und Blutsverwandtschaft der Menschen. Sein Beruf
lehrt ihn unermüdliche Geduld, und lässt nicht zu, dass sich seine Aufmerksamkeit
in unnütze Gedanken zerstreue. Er hat mit einer wunderlichen harten und
unbiegsamen Macht zu tun, die nur durch hartnäckigen Fleiss und beständige
Wachsamkeit zu überwinden ist. Aber welches köstliche Gewächs blüht ihm auch in
diesen schauerlichen Tiefen, das wahrhafte Vertrauen zu seinem himmlischen
Vater, dessen Hand und Vorsorge ihm alle Tage in unverkennbaren Zeichen sichtbar
wird. Wie unzähliche mal habe ich nicht vor Ort gesessen, und bei dem Schein
meiner Lampe das schichte Krucifix mit der innigsten Andacht betrachtet! da habe
ich erst den heiligen Sinn dieses rätselhaften Bildnisses recht gefasst, und den
edelsten Gang meines Herzens erschürft, der mir eine ewige Ausbeute gewährt hat.
    Der Alte fuhr nach einer Weile fort und sagte: Wahrhaftig, das muss ein
göttlicher Mann gewesen sein, der den Menschen zuerst die edle Kunst des
Bergbaus gelehrt, und in dem Schoss der Felsen dieses ernste Sinnbild des
menschlichen Lebens verborgen hat. Hier ist der Gang mächtig und gebräch, aber
arm, dort drückt ihn der Felsen in eine armselige, unbedeutende Kluft zusammen,
und gerade hier brechen die edelsten Geschicke ein. Andre Gänge verunedlen ihn,
bis sich ein verwandter Gang freundlich mit ihm schaart, und seinen Wert
unendlich erhöht. Oft zerschlägt er sich vor dem Bergmann in tausend Trümmern:
aber der Geduldige lässt sich nicht schrecken, er verfolgt ruhig seinen Weg, und
sieht seinen Eifer belohnt, indem er ihn bald wieder in neuer Mächtigkeit und
Höflichkeit ausrichtet. Oft lockt ihn ein betrügliches Trum aus der wahren
Richtung; aber bald erkennt er den falschen Weg, und bricht mit Gewalt
querfeldein, bis er den wahren erzführenden Gang wiedergefunden hat. Wie bekannt
wird hier nicht der Bergmann mit allen Launen des Zufalls, wie sicher aber auch,
dass Eifer und Beständigkeit die einzigen untrüglichen Mittel sind, sie zu
bemeistern, und die von ihnen hartnäckig verteidigten Schätze zu heben.
    Es fehlt euch gewiss nicht, sagte Heinrich, an ermunternden Liedern. Ich
sollte meinen, dass euch euer Beruf unwillkührlich zu Gesängen begeistern und die
Musik eine willkommne Begleiterin der Bergleute sein müsste.
    Da habt ihr wahr gesprochen, erwiederte der Alte; Gesang und Ziterspiel
gehört zum Leben des Bergmanns, und kein Stand kann mit mehr Vergnügen die Reize
derselben geniessen, als der unsrige. Musik und Tanz sind eigentliche Freuden des
Bergmanns; sie sind wie ein fröliches Gebet, und die Erinnerungen und Hoffnungen
desselben helfen die mühsame Arbeit erleichtern und die lange Einsamkeit kürzen.
    Wenn es euch gefällt, so will ich euch gleich einen Gesang zum Besten geben,
der fleissig in meiner Jugend gesungen wurde.
Der ist der Herr der Erde,
Wer ihre Tiefen misst,
Und jeglicher Beschwerde
In ihrem Schoss vergisst.
                                       *
Wer ihrer Felsenglieder
Geheimen Bau versteht,
Und unverdrossen nieder
Zu ihrer Werkstatt gellt.
                                       *
Er ist mit ihr verbündet,
Und inniglich vertraut,
Und wird von ihr entzündet,
Als wär' sie seine Braut.
                                       *
Er sieht ihr alle Tage
Mit neuer Liebe zu
Und scheut nicht Fleiss und Plage,
Sie lässt ihm keine Ruh.
                                       *
Die mächtigen Geschichten
Der längst verflossnen Zeit,
Ist sie ihm zu berichten
Mit Freundlichkeit bereit.
                                       *
Der Vorwelt heilge Lüfte
Umwehn sein Angesicht,
Und in die Nacht der Klüfte
Strahlt ihm ein ewges Licht.
                                       *
Er trift auf allen Wegen
Ein wohlbekanntes Land,
Und gern kommt sie entgegen
Den Werken seiner Hand.
                                       *
Ihm folgen die Gewässer
Hülfreich den Berg hinauf;
Und alle Felsenschlösser,
Tun ihre Schätz' ihm auf.
                                       *
Er führt des Goldes Ströme
In seines Königs Haus,
Und schmückt die Diademe
Mit edlen Steinen aus.
                                       *
Zwar reicht er treu dem König
Den glückbegabten Arm,
Doch frägt er nach ihm wenig
Und bleibt mit Freuden arm.
                                       *
Sie mögen sich erwürgen
Am Fuss um Gut und Geld;
Er bleibt auf den Gebirgen
Der frohe Herr der Welt.
                                       *
Heinrichen gefiel das Lied ungemein, und er bat den Alten, ihm noch eins
mitzuteilen. Der Alte war auch gleich bereit und sagte: Ich weiss noch ein
wunderliches Lied, was wir selbst nicht wissen, wo es her ist.
    Es brachte es ein reisender Bergmann mit, der weit herkam, und ein
sonderlicher Rutengänger war. Das Lied fand grossen Beifall, weil es so
seltsamlich klang, beinah so dunkel und unverständlich, wie die Musik selbst,
aber eben darum auch so unbegreiflich anzog, und im wachenden Zustande wie ein
Traum unterhielt.
Ich kenne wo ein festes Schloss
Ein stiller König wohnt darinnen,
Mit einem wunderlichen Tross;
Doch steigt er nie auf seine Zinnen.
Verborgen ist sein Lustgemach
Und unsichtbare Wächter lauschen;
Nur wohlbekannte Quellen rauschen
Zu ihm herab vom bunten Dach.
                                       *
Was ihre hellen Augen sahen
In der Gestirne weiten Sälen,
Das sagen sie ihm treulich an
Und können sich nicht satt erzählen.
Er badet sich in ihrer Flut,
Wäscht sauber seine zarten Glieder
Und seine Stralen blinken wieder
Aus seiner Mutter weissem Blut.
                                       *
Sein Schloss ist alt und wunderbar,
Es sank herab aus tiefen Meeren
Stand fest, und steht noch immerdar,
Die Flucht zum Himmel zu verwehren.
Von innen schlingt ein heimlich Band
Sich um des Reiches Untertanen,
Und Wolken wehn wie Siegesfahnen
Herunter von der Felsenwand.
                                       *
Ein unermessliches Geschlecht
Umgibt die festverschlossenen Pforten,
Ein jeder spielt den treuen Knecht
Und ruft den Herrn mit süssen Worten.
Sie fühlen sich durch ihn beglückt,
Und ahnden nicht, dass sie gefangen;
Berauscht von trüglichem Verlangen
Weiss keiner, wo der Schuh ihn drückt.
                                       *
Nur Wenige sind schlau und wach,
Und dürsten nicht nach seinen Gaben;
Sie trachten unablässig nach,
Das alte Schloss zu untergraben.
Der Heimlichkeit urmächtgen Bann,
Kann nur die Hand der Einsicht lösen;
Gelingt's das Innere zu entblössen
So bricht der Tag der Freiheit an.
                                       *
Dem Fleiss ist keine Wand zu fest,
Dem Mut kein Abgrund unzugänglich;
Wer sich auf Herz und Hand verlässt
Spürt nach dem König unbedenklich.
Aus seinen Kammern holt er ihn,
Vertreibt die Geister durch die Geister,
Macht sich der wilden Fluten Meister,
Und heisst sie selbst heraus sich ziehn.
                                       *
Je mehr er nun zum Vorschein kömmt
Und wild umher sich treibt auf Erden:
Je mehr wird seine Macht gedämmt,
Je mehr die Zahl der Freien werden.
Am Ende wird von Banden los
Das Meer die leere Burg durchdringen
Und trägt auf weichen grünen Schwingen
Zurück uns in der Heimat Schoss.
                                       *
Es dünkte Heinrichen, wie der Alte geendigt hatte, als habe er das Lied schon
irgend wo gehört. Er liess es sich wiederholen und schrieb es sich auf. Der Alte
ging nachher hinaus und die Kaufleute sprachen unterdessen mit den andern Gästen
über die Vorteile des Bergbaues und seine Mühseligkeiten. Einer sagte: der Alte
ist gewiss nicht umsonst hier. Er ist heute zwischen den Hügeln umhergeklettert
und hat gewiss gute Anzeichen gefunden. Wir wollen ihn doch fragen, wenn er
wieder herein kömmt. Wisst ihr wohl, sagte ein Andrer, dass wir ihn bitten
könnten, eine Quelle für unser Dorf zu suchen? Das Wasser ist weit, und ein
guter Brunnen wäre uns sehr willkommen. Mir fällt ein, sagte ein dritter, dass
ich ihn fragen möchte, oder er einen von meinen Söhnen mit sich nehmen will, der
mir schon das ganze Haus voll Steine getragen hat. Der Junge wird gewiss ein
tüchtiger Bergmann, und der Alte scheint ein guter Mann zu sein, der wird schon
was Rechtes aus ihm ziehn. Die Kaufleute redeten, ob sie vielleicht durch den
Bergmann ein vorteilhaftes Verkehr mit Böhmen anspinnen und Metalle daher zu
guten Preisen erhalten möchten. Der Alte trat wieder in die Stube, und alle
wünschten seine Bekanntschaft zu benutzen. Er fing an und sagte: Wie dumpf und
ängstlich ist es doch hier in der engen Stube. Der Mond steht draussen in voller
Herrlichkeit, und ich hätte grosse Lust noch einen Spaziergang zu machen. Ich
habe heute bei Tage einige merkwürdige Höhlen hier in der Nähe gesehn.
Vielleicht entschliessen sich Einige mitzugehn; und wenn wir nur Licht mitnehmen,
so werden wir ohne Schwierigkeiten uns darin umsehn können.
    Den Leuten aus dem Dorfe waren diese Höhlen schon bekannt: aber bis jetzt
hatte keiner gewagt hineinzusteigen; vielmehr trugen sie sich mit fürchterlichen
Sagen von Drachen und andern Untieren, die darin hausen sollten. Einige
wollten sie selbst gesehn haben, und behaupteten, dass man Knochen an ihrem
Eingange von geraubten und verzehrten Menschen und Tieren fände. Einige andre
vermeinten, dass ein Geist dieselben bewohne, wie sie denn einigemal aus der
Ferne eine seltsame menschliche Gestalt gesehn, auch zur Nachtzeit Gesänge da
herüber gehört haben wollten.
    Der Alte schien ihnen keinen grossen Glauben beizumessen, und versicherte
lachend, dass sie unter dem Schutze eines Bergmanns getrost mitgehn könnten,
indem die Ungeheuer sich vor ihm scheuen müssten, ein singender Geist aber gewiss
ein wohltätiges Wesen sei. Die Neugier machte viele beherzt genug, seinen
Vorschlag einzugehn; auch Heinrich wünschte ihn zu begleiten, und seine Mutter
gab endlich auf das Zureden und Versprechen des Alten, genaue Acht auf Heinrichs
Sicherheit zu haben, seinen Bitten nach. Die Kaufleute waren eben so
entschlossen. Es wurden lange Kienspäne zu Fackeln zusammengeholt; ein Teil der
Gesellschaft versah sich noch zum Überfluss mit Leitern, Stangen, Stricken und
allerhand Verteidigungswerkzeugen, und so begann endlich die Wallfahrt nach den
nahen Hügeln. Der Alte ging mit Heinrich und den Kaufleuten voran. Jener Bauer
hatte seinen wissbegierigen Sohn herbeigeholt, der voller Freude sich einer
Fackel bemächtigte, und den Weg zu den Höhlen zeigte. Der Abend war heiter und
warm. Der Mond stand in mildem Glanze über den Hügeln, und liess wunderliche
Träume in allen Kreaturen aufsteigen. Selbst wie ein Traum der Sonne, lag er
über der in sich gekehrten Traumwelt, und führte die in unzählige Grenzen
geteilte Natur in jene fabelhafte Urzeit zurück, wo jeder Keim noch für sich
schlummerte, und einsam und unberührt sich vergeblich sehnte, die dunkle Fülle
seines unermesslichen Daseins zu entfalten. In Heinrichs Gemüt spiegelte sich
das Mährchen des Abends. Es war ihm, als ruhte die Welt aufgeschlossen in ihm,
und zeigte ihm, wie einem Gastfreunde, alle ihre Schätze und verborgenen
Lieblichkeiten. Ihm dünkte die grosse einfache Erscheinung um ihn so
verständlich. Die Natur schien ihm nur deswegen so unbegreiflich, weil sie das
Nächste und Traulichste mit einer solchen Verschwendung von mannichfachen
Ausdrücken um den Menschen her türmte. Die Worte des Alten hatten eine
versteckte Tapetentür in ihm geöffnet. Er sah sein kleines Wohnzimmer dicht an
einen erhabenen Münster gebaut, aus dessen steinernem Boden die ernste Vorwelt
emporstieg, während von der Kuppel die klare fröliche Zukunft in goldnen
Engelskindern ihr singend entgegenschwebte. Gewaltige Klänge bebten in den
silbernen Gesang, und zu den weiten Toren traten alle Kreaturen herein, von
denen jede ihre innere Natur in einer einfachen Bitte und in einer
eigentümlichen Mundart vernehmlich aussprach. Wie wunderte er sich, dass ihm
diese klare, seinem Dasein schon unentbehrliche Ansicht so lange fremd geblieben
war. Nun übersah er auf einmal alle seine Verhältnisse mit der weiten Welt um
ihn her; fühlte was er durch sie geworden und was sie ihm werden würde, und
begrif alle die seltsamen Vorstellungen und Anregungen, die er schon oft in
ihrem Anschauen gespürt hatte. Die Erzählung der Kaufleute von dem Jünglinge,
der die Natur so emsig betrachtete, und der Eydam des Königs wurde, kam ihm
wieder zu Gedanken, und tausend andere Erinnerungen seines Lebens knüpften sich
von selbst an einen zauberischen Faden. Während der Zeit, dass Heinrich seinen
Betrachtungen nachhing, hatte sich die Gesellschaft der Höhle genähert. Der
Eingang war niedrig, und der Alte nahm eine Fackel und kletterte über einige
Steine zuerst hinein. Ein ziemlich fühlbarer Luftstrom kam ihm entgegen, und der
Alte versicherte, dass sie getrost folgen könnten. Die Furchtsamsten gingen
zuletzt, und hielten ihre Waffen in Bereitschaft. Heinrich und die Kaufleute
waren hinter dem Alten und der Knabe wanderte munter an seiner Seite. Der Weg
lief anfänglich in einem ziemlich schmalen Gange, welcher sich aber bald in eine
sehr weite und hohe Höhle endigte, die der Fackelglanz nicht völlig zu
erleuchten vermocht; doch sah man im Hintergrunde einige Öffnungen sich in die
Felsenwand verlieren. Der Boden war weich und ziemlich eben; die Wände so wie
die Decke waren ebenfalls nicht rauh und unregelmässig; aber was die
Aufmerksamkeit Aller vorzüglich beschäftigte, war die unzählige Menge von
Knochen und Zähnen, die den Boden bedeckten. Viele waren völlig erhalten, an
andern sah man Spuren der Verwesung, und die, welche aus den Wänden hin und
wieder hervorragten, schienen steinartig geworden zu sein. Die Meisten waren von
ungewöhnlicher Grösse und Stärke. Der Alte freute sich über diese Überbleibsel
einer uralten Zeit; nur den Bauern war nicht wohl dabei zu Mute, denn sie
hielten sie für deutliche Spuren naher Raubtiere, so überzeugend ihnen auch der
Alte die Zeichen eines undenklichen Altertums daran aufwies, und sie fragte, ob
sie je etwas von Verwüstungen unter ihren Heerden und vom Raube benachbarter
Menschen gespürt hätten, und ob sie jene Knochen für Knochen bekannter Tiere
oder Menschen halten könnten? Der Alte wollte nun weiter in den Berg, aber die
Bauern fanden für ratsam sich vor die Höhle zurückzuziehn, und dort seine
Rückkunft abzuwarten. Heinrich, die Kaufleute und der Knabe blieben bei dem
Alten, und versahn sich mit Stricken und Fackeln. Sie gelangten bald in eine
zweite Höhle, wobei der Alte nicht vergass, den Gang aus dem sie hereingekommen
waren, durch eine Figur von Knochen, die er davor hinlegte, zu bezeichnen. Die
Höhle glich der vorigen und war eben so reich an tierischen Resten. Heinrichen
war schauerlich und wunderbar zu Mute; es gemahnte ihn, als wandle er durch die
Vorhöfe des innern Erdenpalastes. Himmel und Leben lag ihm auf einmal weit
entfernt, und diese dunkeln weiten Hallen schienen zu einem unterirdischen
seltsamen Reiche zu gehören. Wie, dachte er bei sich selbst, wäre es möglich,
dass unter unsern Füssen eine eigene Welt in einem ungeheuern Leben sich bewegte?
dass unerhörte Geburten in den Vesten der Erde ihr Wesen trieben, die das innere
Feuer des dunkeln Schoosses zu riesenmässigen und geistesgewaltigen Gestalten
auftriebe? Könnten dereinst diese schauerlichen Fremden, von der eindringenden
Kälte hervorgetrieben, unter uns erscheinen, während vielleicht zu gleicher Zeit
himmlische Gäste, lebendige, redende Kräfte der Gestirne über unsern Häuptern
sichtbar würden? Sind diese Knochen Überreste ihrer Wanderungen nach der
Oberfläche, oder Zeichen einer Flucht in die Tiefe?
    Auf einmal rief der Alte die Andern herbei, und zeigte ihnen eine ziemlich
frische Menschenspur auf dem Boden. Mehrere konnten sie nicht finden, und so
glaubte der Alte, ohne fürchten zu müssen, auf Räuber zu stossen, der Spur
nachgehen zu können. Sie waren eben im Begriff dies auszuführen, als auf einmal,
wie unter ihren Füssen, aus einer fernen Tiefe ein ziemlich vernehmlicher Gesang
anfing. Sie erstaunten nicht wenig, doch horchten sie genau auf:
Gern verweil' ich noch im Tale
Lächelnd in der tiefen Nacht,
Denn der Liebe volle Schaale
Wird mir täglich dargebracht.
                                       *
Ihre heilgen Tropfen heben
Meine Seele hoch empor,
Und ich steh in diesem Leben
Trunken an des Himmels Tor.
                                       *
Eingewiegt in seelges Schauen
Ängstigt mein Gemüt kein Schmerz.
O! die Königinn der Frauen
Giebt mir ihr getreues Herz.
                                       *
Bangverweinte Jahre haben
Diesen schlechten Ton verklärt,
Und ein Bild ihm eingegraben,
Das ihm Ewigkeit gewährt.
                                       *
Jene lange Zahl von Tagen
Dünkt mir nur ein Augenblick;
Werd ich einst von hier getragen
Schau ich dankbar noch zurück.
                                       *
Alle waren auf das angenehmste überrascht, und wünschten sehnlichst den Sänger
zu entdecken.
    Nach einigem Suchen trafen sie in einem Winkel der rechten Seitenwand, einen
abwärts gesenkten Gang, in welchen die Fuss[s]tapfen zu führen schienen. Bald
dünkte es ihnen, eine Hellung zu bemerken, die stärker wurde, je näher sie
kamen. Es tat sich ein neues Gewölbe von noch grösserem Umfange, als die
vorherigen, auf, in dessen Hintergrunde sie bei einer Lampe eine menschliche
Gestalt sitzen sahen, die vor sich auf einer steinernen Platte ein grosses Buch
liegen hatte, in welchem sie zu lesen schien.
    Sie drehte sich nach ihnen zu, stand auf und ging ihnen entgegen. Es war ein
Mann, dessen Alter man nicht erraten konnte. Er sah weder alt noch jung aus,
keine Spuren der Zeit bemerkte man an ihm, als schlichte silberne Haare, die auf
der Stirn gescheitelt waren. In seinen Augen lag eine unaussprechliche
Heiterkeit, als sähe er von einem hellen Berge in einen unendlichen Frühling
hinein. Er hatte Sohlen an die Füsse gebunden, und schien keine andere Kleidung
zu haben, als einen weiten Mantel, der um ihn hergeschlungen war, und seine edle
grosse Gestalt noch mehr heraus hob. Über ihre unvermutete Ankunft schien er
nicht im mindesten verwundert; wie ein Bekannter begrüsste er sie. Es war, als
empfing er erwartete Gäste in seinem Wohnhause. Es ist doch schön, dass ihr mich
besucht, sagte er; Ihr seid die ersten Freunde, die ich hier sehe, so lange ich
auch schon hier wohne. Scheint es doch, als finge man an, unser grosses
wunderbares Haus genauer zu betrachten. Der Alte erwiederte: Wir haben nicht
vermutet, einen so freundlichen Wirt hier zu finden. Von wilden Tieren und
Geistern war uns erzählt, und nun sehen wir uns auf das anmutigste getäuscht.
Wenn wir euch in eurer Andacht und in euren tiefsinnigen Betrachtungen gestört
haben, so verzeiht es unserer Neugierde. - Könnte eine Betrachtung erfreulicher
sein, sagte der Unbekannte, als die froher uns zusagender Menschengesichter?
Haltet mich nicht für einen Menschenfeind, weil ihr mich in dieser Einöde
trefft. Ich habe die Welt nicht geflohen, sondern ich habe nur eine Ruhestätte
gesucht, wo ich ungestört meinen Betrachtungen nachhängen könnte. - Hat euch
euer Entschluss nie gereut, und kommen nicht zuweilen Stunden, wo euch bange wird
und euer Herz nach einer Menschenstimme verlangt? - Jetzt nicht mehr. Es war
eine Zeit in meiner Jugend, wo eine heisse Schwärmerei mich veranlasste,
Einsiedler zu werden. Dunkle Ahndungen beschäftigten meine jugendliche Fantasie.
Ich hoffte volle Nahrung meines Herzens in der Einsamkeit zu finden.
Unerschöpflich dünkte mir die Quelle meines innern Lebens. Aber ich merkte bald,
dass man eine Fülle von Erfahrungen dahin mitbringen muss, dass ein junges Herz
nicht allein sein kann, ja dass der Mensch erst durch vielfachen Umgang mit
seinem Geschlecht eine gewisse Selbstständigkeit erlangt.
    Ich glaube selbst, erwiederte der Alte, dass es einen gewissen natürlichen
Beruf zu jeder Lebensart gibt, und vielleicht, dass die Erfahrungen eines
zunehmenden Alters von selbst auf eine Zurückziehung aus der menschlichen
Gesellschaft führen. Scheint es doch, als sei dieselbe der Tätigkeit, sowohl
zum Gewinnst als zur Erhaltung gewidmet. Eine grosse Hoffnung, ein
gemeinschaftlicher Zweck treibt sie mit Macht; und Kinder und Alte scheinen
nicht dazu zu gehören. Unbehülflichkeit und Unwissenheit schliessen die Ersten
davon aus, während die letztern jene Hoffnung erfüllt, jenen Zweck erreicht
sehen, und nun nicht mehr von ihnen in den Kreise jener Gesellschaft
verflochten, in sich selbst zurückkehren, und genug zu tun finden, sich auf
eine höhere Gemeinschaft würdig vorzubereiten. Indes scheinen bei euch noch
besondere Ursachen statt gefunden zu haben, euch so gänzlich von den Menschen
abzusondern und Verzicht auf alle Bequemlichkeiten der Gesellschaft zu leisten.
Mich dünkt, dass die Spannung eures Gemüts doch oft nachlassen und euch dann
unbehaglich zu Mute werden müsste.
    Ich fühlte das wohl, indes habe ich es glücklich durch eine strenge
Regelmässigkeit meines Lebens zu vermeiden gewusst. dabei suche ich mich durch
Bewegung gesund zu erhalten, und dann hat es keine Not. Jeden Tag gehe ich
mehrere Stunden herum, und geniesse den Tag und die Luft soviel ich kann. Sonst
halte ich mich in diesen Hallen auf, und beschäftige mich zu gewissen Stunden
mit Korbflechten und Schnitzen. Für meine Waaren tausche ich mir in entlegenen
Ortschaften Lebensmittel ein, Bücher hab ich mir mitgebracht, und so vergeht die
Zeit, wie ein Augenblick. In jenen Gegenden habe ich einige Bekannte, die um
meinen Aufentalt wissen, und von denen ich erfahre, was in der Welt geschieht.
Diese werden mich begraben, wenn ich todt bin und meine Bücher zu sich nehmen.
    Er führte sie näher an seinen Sitz, der nahe an der Höhlenwand war. Sie
sahen mehrere Bücher auf der Erde liegen, auch eine Ziter, und an der Wand hing
eine völlige Rüstung, die ziemlich kostbar zu sein schien. Der Tisch bestand aus
fünf grossen steinernen Platten, die wie ein Kasten zusammengesetzt waren. Auf
der obersten lagen eine männliche und weibliche Figur in Lebensgrösse eingehauen,
die einen Kranz von Lilien und Rosen angefasst hatten; an den Seiten stand:
                      Friedrich und Marie von Hohenzollern
               kehrten auf dieser Stelle in ihr Vaterland zurück.
Der Einsiedler fragte seine Gäste nach ihrem Vaterlande, und wie sie in diese
Gegenden gekommen wären. Er war sehr freundlich und offen, und verriet eine
grosse Bekanntschaft mit der Welt. Der Alte sagte: Ich sehe, ihr seid ein
Kriegsmann gewesen, die Rüstung verrät euch. - Die Gefahren und Wechsel des
Krieges, der hohe poetische Geist, der ein Kriegsheer begleitet, rissen mich aus
meiner jugendlichen Einsamkeit und bestimmten die Schicksale meines Lebens.
Vielleicht, dass das lange Getümmel, die unzähligen Begebenheiten, denen ich
beiwohnte, mir den Sinn für die Einsamkeit noch mehr geöffnet haben: die
zahllosen Erinnerungen sind eine unterhaltende Gesellschaft, und dies um so
mehr, je veränderter der Blick ist, mit dem wir sie überschauen, und der nun
erst ihren wahren Zusammenhang, den Tiefsinn ihrer Folge, und die Bedeutung
ihrer Erscheinungen entdeckt. Der eigentliche Sinn für die Geschichten der
Menschen entwickelt sich erst spät, und mehr unter den stillen Einflüssen der
Erinnerung, als unter den gewaltsameren Eindrücken der Gegenwart. Die nächsten
Ereignisse scheinen nur locker verknüpft, aber sie sympatisieren desto
wunderbarer mit entfernteren; und nur dann, wenn man im Stande ist, eine lange
Reihe zu übersehn und weder alles buchstäblich zu nehmen, noch auch mit
mutwilligen Träumen die eigenliche Ordnung zu verwirren, bemerkt man die
geheime Verkettung des Ehemaligen und Künftigen, und lernt die Geschichte aus
Hoffnung und Erinnerung zusammensetzen. Indes nur dem, welchem die ganze Vorzeit
gegenwärtig ist, mag es gelingen, die einfache Regel der Geschichte zu
entdecken. Wir kommen nur zu unvollständigen und beschwerlichen Formeln, und
können froh sein, nur für uns selbst eine brauchbare Vorschrift zu finden, die
uns hinlängliche Aufschlüsse über unser eigenes kurzes Leben verschafft. Ich
darf aber wohl sagen, dass jede sorgfältige Betrachtung der Schicksale des Lebens
einen tiefen, unerschöpflichen Genuss gewährt, und unter allen Gedanken uns am
meisten über die irdischen Übel erhebt. Die Jugend liest die Geschichte nur aus
Neugier, wie ein unterhaltendes Mährchen; dem reiferen Alter wird sie eine
himmlische tröstende und erbauende Freundinn, die ihn durch ihre weisen
Gespräche sanft zu einer höheren, umfassenderen Laufbahn vorbereitet, und mit
der unbekannten Welt ihn in fasslichen Bildern bekannt macht. Die Kirche ist das
Wohnhaus der Geschichte, und der stille Hof ihr sinnbildlicher Blumengarten. Von
der Geschichte sollten nur alte, gottesfürchtige Leute schreiben, deren
Geschichte selbst zu Ende ist, und die nichts mehr zu hoffen haben, als die
Verpflanzung in den Garten. Nicht finster und trübe wird ihre Beschreibung sein;
vielmehr wird ein Strahl aus der Kuppel alles in der richtigsten und schönsten
Erleuchtung zeigen, und heiliger Geist wird über diesen seltsam bewegten
Gewässern schweben.
    Wie wahr und einleuchtend ist eure Rede, setzte der Alte hinzu. Man sollte
gewiss mehr Fleiss darauf wenden, das Wissenswürdige seiner Zeit treulich
aufzuzeichnen, und es als ein andächtiges Vermächtnis den künftigen Menschen zu
hinterlassen. Es gibt tausend entferntere Dinge, denen Sorgfalt und Mühe
gewidmet wird, und gerade um das Nächste und Wichtigste, um die Schicksale
unsers eigenen Lebens, unserer Angehörigen, unsers Geschlechts, deren leise
Planmässigkeit wir in den Gedanken einer Vorsehung aufgefasst haben, bekümmern wir
uns so wenig, und lassen sorglos alle Spuren in unserm Gedächtnisse verwischen.
Wie Heiligtümer wird eine weisere Nachkommenschaft jede Nachricht, die von den
Begebenheiten der Vergangenheit handelt, aufsuchen, und selbst das Leben eines
Einzelnen unbedeutenden Mannes wird ihr nicht gleichgültig sein, da gewiss sich
das grosse Leben seiner Zeitgenossenschaft darin mehr oder weniger spiegelt.
    Es ist nur so schlimm, sagte der Graf von Hohenzollern, dass selbst die
Wenigen, die sich der Aufzeichnungen der Taten und Vorfälle ihrer Zeit
unterzogen, nicht über ihr Geschäft nachdachten, und ihren Beobachtungen keine
Vollständigkeit und Ordnung zu geben suchten, sondern nur aufs Geratewohl bei
der Auswahl und Sammlung ihrer Nachrichten verfuhren. Ein jeder wird leicht an
sich bemerken, dass er nur dasjenige deutlich und vollkommen beschreiben kann,
was er genau kennt, dessen Teile, dessen Entstehung und Folge, dessen Zweck und
Gebrauch ihm gegenwärtig sind: denn sonst wird keine Beschreibung, sondern ein
verwirrtes Gemisch von unvollständigen Bemerkungen entstehn. Man lasse ein Kind
eine Maschine, einen Landmann ein Schiff beschreiben, und gewiss wird kein Mensch
aus ihren Worten einigen Nutzen und Unterricht schöpfen können, und so ist es
mit den meisten Geschichtschreibern, die vielleicht fertig genug im Erzählen und
bis zum Überdruss weitschweifig sind, aber doch gerade das Wissenswürdigste
vergessen, dasjenige, was erst die Geschichte zur Geschichte macht, und die
mancherlei Zufälle zu einem angenehmen und lehrreichen Ganzen verbindet. Wenn
ich das alles recht bedenke, so scheint es mir, als wenn ein Geschichtschreiber
notwendig auch ein Dichter sein müsste, denn nur die Dichter mögen sich auf jene
Kunst, Begebenheiten schicklich zu verknüpfen, verstehn. In ihren Erzählungen
und Fabeln habe ich mit stillem Vergnügen ihr zartes Gefühl für den
geheimnisvollen Geist des Lebens bemerkt. Es ist mehr Wahrheit in ihren
Mährchen, als in gelehrten Chroniken. Sind auch ihre Personen und deren
Schicksale erfunden: so ist doch der Sinn, in dem sie erfunden sind, wahrhaft
und natürlich. Es ist für unsern Genuss und unsere Belehrung gewissermassen
einerlei, ob die Personen, in deren Schicksalen wir den unsrigen nachspüren,
wirklich einmal lebten, oder nicht. Wir verlangen nach der Anschauung der grossen
einfachen Seele der Zeiterscheinungen, und finden wir diesen Wunsch gewährt, so
kümmern wir uns nicht um die zufällige Existenz ihrer äussern Figuren.
    Auch ich bin den Dichtern, sagte der Alte, von jeher deshalb zugetan
gewesen. Das Leben und die Welt ist mir klarer und anschaulicher durch sie
geworden. Es dünkte mich, sie müssten befreundet mit den scharfen Geistern des
Lichtes sein, die alle Naturen durchdringen und sondern, und einen
eigentümlichen, zartgefärbten Schleier über jede verbreiten. Meine eigene Natur
fühlte ich bei ihren Liedern leicht entfaltet, und es war, als könnte sie sich
nun freier bewegen, ihrer Geselligkeit und ihres Verlangens froh werden, mit
stiller Lust ihre Glieder gegen einander schwingen, und tausenderlei anmutige
Wirkungen hervorrufen.
    Wart ihr so glücklich, in eurer Gegend einige Dichter zu haben? fragte der
Einsiedler.
    Es haben sich wohl zuweilen einige bei uns eingefunden: aber sie schienen
Gefallen am Reisen zu finden, und so hielten sie sich meist nicht lange auf.
Indes habe ich auf meinen Wanderungen nach Illyrien, nach Sachsen und
Schwedenland nicht selten welche gefunden, deren Andenken mich immer erfreuen
wird.
    So seid ihr ja weit umhergekommen, und müsst viele denkwürdige Dinge erlebt
haben.
    Unsere Kunst macht es fast nötig, dass man sich weit auf dem Erdboden
umsieht, und es ist als triebe den Bergmann ein unterirdisches Feuer umher. Ein
Berg schickt ihn dem andern. Er wird nie mit Sehen fertig, und hat seine ganze
Lebenszeit an jener wunderlichen Baukunst zu lernen, die unsern Fussboden so
seltsam gegründet und ausgetäfelt hat. Unsere Kunst ist uralt und weit
verbreitet. Sie mag wohl aus Morgen, mit der Sonne, wie unser Geschlecht, nach
Abend gewandert sein, und von der Mitte nach den Enden zu. Sie hat überall mit
andern Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt, und da immer das Bedürfnis den
menschlichen Geist zu klugen Erfindungen gerejetzt, so kann der Bergmann überall
seine Einsichten und seine Geschicklichkeit vermehren und mit nützlichen
Erfahrungen seine Heimat bereichern.
    Ihr seid beinah verkehrte Astrologen, sagte der Einsiedler. Wenn diese den
Himmel unverwandt betrachten und seine unermesslichen Räume durchirren: so wendet
ihr euren Blick auf den Erdboden, und erforscht seinen Bau. Jene studieren die
Kräfte und Einflüsse der Gestirne, und ihr untersucht die Kräfte der Felsen und
Berge, und die mannichfaltigen Wirkungen der Erd- und Steinschichten. Jenen ist
der Himmel das Buch der Zukunft, während euch die Erde Denkmale der Urwelt
zeigt.
    Es ist dieser Zusammenhang nicht ohne Bedeutung, sagte der Alte lächelnd.
Die leuchtenden Profeten spielen vielleicht eine Hauptrolle in jener alten
Geschichte des wunderlichen Erdbaus. Man wird vielleicht sie aus ihren Werken,
und ihre Werke aus ihnen mit der Zeit besser kennen und erklären lernen.
Vielleicht zeigen die grossen Gebirgsketten die Spuren ihrer ehemaligen Strassen
und hatten selbst Lust, sich auf ihre eigene Hand zu nähren und ihren eigenen
Gang am Himmel zu gehn. Manche hoben sich kühn genug, um auch Sterne zu werden,
und müssen nun dafür die schöne grüne Bekleidung der niedrigern Gegenden
entbehren. Sie haben dafür nichts erhalten, als dass sie ihren Vätern das Wetter
machen helfen, und Profeten für das tiefere Land sind, das sie bald schützen
bald mit Ungewittern überschwemmen.
    Seitdem ich in dieser Höhle wohne, fuhr der Einsiedler fort, habe ich mehr
über die alte Zeit nachdenken gelernt. Es ist unbeschreiblich, was diese
Betrachtung anzieht, und ich kann mir die Liebe vorstellen, die ein Bergmann für
sein Handwerk hegen muss. Wenn ich die seltsamen alten Knochen ansehe, die hier
in so gewaltiger Menge versammelt sind; wenn ich mir die wilde Zeit denke, wo
diese fremdartigen, ungeheuren Tiere in dichten Schaaren sich in diese Höhlen
hereindrängten, von Furcht und Angst vielleicht getrieben, und hier ihren Tod
fanden; wenn ich dann wieder bis zu den Zeiten hinaufsteige, wo diese Höhlen
zusammenwuchsen und ungeheure Fluten das Land bedeckten: so komme ich mir selbst
wie ein Traum der Zukunft, wie ein Kind des ewigen Friedens vor. Wie ruhig und
friedfertig, wie mild und klar ist gegen diese gewaltsamen, riesenmässigen
Zeiten, die heutige Natur! und das furchtbarste Gewitter, das entsetzlichste
Erdbeben in unsern Tagen ist nur ein schwacher Nachhall jener grausenvollen
Geburtswehen. Vielleicht dass auch die Pflanzen- und Tierwelt, ja die damaligen
Menschen selbst [,] wenn es auf einzelnen Eylanden in diesem Ozean welche gab,
eine andere festere und rauhere Bauart hatten, - wenigstens dürfte man die alten
Sagen von einem Riesenvolke dann keiner Erdichtungen zeihen.
    Es ist erfreulich, sagte der Alte, jene allmählige Beruhigung der Natur zu
bemerken. Ein immer innigeres Einverständnis, eine friedlichere Gemeinschaft,
eine gegenseitige Unterstützung und Belebung, scheint sich allmählich gebildet
zu haben, und wir können immer besseren Zeiten entgegensehn. Es wäre vielleicht
möglich, dass hin und wieder noch alter Sauerteig gährte, und noch einige heftige
Erschütterungen erfolgten; indes sieht man doch das allmächtige Streben nach
freier, einträchtiger Verfassung, und in diesem Geiste wird jede Erschütterung
vorübergehen und dem grossen Ziele näher führen. Mag es sein, dass die Natur nicht
mehr so fruchtbar ist, dass heut zu Tage keine Metalle und Edelsteine, keine
Felsen und Berge mehr entstehn, dass Pflanzen und Tiere nicht mehr zu so
erstaunlichen Grössen und Kräften aufquellen; je mehr sich ihre erzeugende Kraft
erschöpft hat, desto mehr haben ihre bildenden, veredelnden und geselligen
Kräfte zugenommen, ihr Gemüt ist empfänglicher und zarter, ihre Fantasie
mannichfaltiger und sinnbildlicher, ihre Hand leichter und kunstreicher
geworden. Sie nähert sich dem Menschen, und wenn sie ehmals ein wildgebährender
Fels war, so ist sie jetzt eine stille, treibende Pflanze, eine stumme
menschliche Künstlerinn. Wozu wäre auch eine Vermehrung jener Schätze nötig,
deren Überfluss auf undenkliche Zeiten ausreicht. Wie klein ist der Raum, den ich
durchwandert bin, und welche mächtige Vorräte habe ich nicht gleich auf den
ersten Blick gefunden, deren Benutzung der Nachwelt überlassen bleibt. Welche
Reichtümer verschliessen nicht die Gebirge nach Norden, welche günstige Anzeigen
fand ich nicht in meinem Vaterlande überall, in Ungarn, am Fusse der
Carpatischen Gebirge, und in den Felsentälern von Tyrol, Östreich und Bayern.
Ich könnte ein reicher Mann sein, wenn ich das hätte mit mir nehmen können, was
ich nur aufzuheben, nur abzuschlagen brauchte. An manchen Orten sah ich mich,
wie in einem Zaubergarten. Was ich ansah, war von köstlichen Metallen und auf
das kunstreichste gebildet. In den zierlichen Locken und Ästen des Silbers
hingen glänzende, rubinrote, durchsichtige Früchte, und die schweren Bäumchen
standen auf krystallenem Grunde, der ganz unnachahmlich ausgearbeitet war. Man
traute kaum seinen Sinnen an diesen wunderbaren Orten, und ward nicht müde diese
reizenden Wildnisse zu durchstreifen und sich an ihren Kleinodien zu ergötzen.
Auch auf meiner jetzigen Reise habe ich viele Merkwürdigkeiten gesehn, und gewiss
ist in andern Ländern die Erde eben so ergiebig und verschwenderisch.
    Wenn man, sagte der Unbekannte, die Schätze bedenkt, die im Orient zu Hause
sind, so ist daran kein Zweifel, und ist das ferne Indien, Afrika und Spanien
nicht schon im Altertum durch Reichtümer seines Bodens bekannt gewesen? Als
Kriegsmann gibt man freilich nicht so genau auf die Adern und Klüfte der Berge
acht, indes habe ich doch zuweilen meine Betrachtungen über diese glänzenden
Streifen gehabt, die wie seltsame Knospen auf eine unerwartete Blüte und Frucht
deuten. Wie hätte ich damals denken können, wenn ich froh über das Licht des
Tages an diesen dunkeln Behausungen vorbeizog, dass ich noch im Schoss eines
Berges mein Leben beschliessen würde. Meine Liebe trug mich stolz über den
Erdboden, und in ihrer Umarmung hoffte ich in späten Jahren zu entschlafen. Der
Krieg endigte, und ich zog nach Hause, voll froher Erwartungen eines
erquicklichen Herbstes. Aber der Geist des Krieges schien der Geist meines
Glücks zu sein. Meine Marie hatte mir zwei Kinder im Orient geboren. Sie waren
die Freude unsers Lebens. Die Seefahrt und die rauhere Abend ländische Luft
[zer]störte ihre Blüte. Ich begrub sie wenig Tage nach meiner Ankunft in
Europa. Kummervoll führte ich meine trostlose Gattin nach meiner Heimat. Ein
stiller Gram mochte den Faden ihres Lebens mürbe gemacht haben. Auf einer Reise,
die ich bald darauf unternehmen musste, auf der sie mich wie immer begleitete,
verschied sie sanft und plötzlich in meinen Armen. Es war hier nahe bei, wo
unsere irdische Wallfahrt zu Ende ging. Mein Entschluss war im Augenblicke reif.
Ich fand, was ich nie erwartet hatte; eine göttliche Erleuchtung kam über mich,
und seit dem Tage, da ich sie hier selbst begrub, nahm eine himmlische Hand
allen Kummer von meinem Herzen. Das Grabmal habe ich nachher errichten lassen.
Oft scheint eine Begebenheit sich zu endigen, wenn sie erst eigentlich beginnt,
und dies hat bei meinem Leben statt gefunden. Gott verleihe euch allen ein
seliges Alter, und ein so ruhiges Gemüt wie mir.
    Heinrich und die Kaufleute hatten aufmerksam dem Gespräche zugehört, und der
Erstere fühlte besonders neue Entwickelungen seines ahndungsvollen Innern.
Manche Worte, manche Gedanken fielen wie belebender Fruchtstaub, in seinen
Schoss, und rückten ihn schnell aus dem engen Kreise seiner Jugend auf die Höhe
der Welt. Wie lange Jahre lagen die eben vergangenen Stunden hinter ihm, und er
glaubte nie anders gedacht und empfunden zu haben.
    Der Einsiedler zeigte ihnen seine Bücher. Es waren alte Historien und
Gedichte. Heinrich blätterte in den grossen schöngemahlten Schriften; die kurzen
Zeilen der Verse, die Überschriften, einzelne Stellen, und die saubern Bilder,
die hier und da, wie verkörperte Worte, zum Vorschein kamen, um die
Einbildungskraft des Lesers zu unterstützen, reizten mächtig seine Neugierde.
Der Einsiedler bemerkte seine innere Lust, und erklärte ihm die sonderbaren
Vorstellungen. Die mannichfaltigsten Lebensscenen waren abgebildet. Kämpfe,
Leichenbegängnisse, Hochzeitfeierlichkeiten. Schiffbrüche, Höhlen und Paläste;
Könige, Helden, Priester, alte und junge Leute, Menschen in fremden Trachten,
und seltsame Tiere, kamen in verschiedenen Abwechselungen und Verbindungen vor.
Heinrich konnte sich nicht satt sehen, und hätte nichts mehr gewünscht, als bei
dem Einsiedler, der ihn unwiderstehlich anzog, zu bleiben, und von ihm über
diese Bücher unterrichtet zu werden. Der Alte fragte unterdess, ob es noch mehr
Höhlen gäbe, und der Einsiedler sagte ihm, dass noch einige sehr grosse in der
Nähe lägen, wohin er ihn begleiten wollte. Der Alte war dazu bereit, und der
Einsiedler, der die Freude merkte, die Heinrich an seinen Büchern hatte,
veranlasste ihn, zurückzubleiben, und sich während dieser Zeit weiter unter
denselben umzusehn. Heinrich blieb mit Freuden bei den Büchern, und dankte ihm
innig für seine Erlaubnis. Er blätterte mit unendlicher Lust umher. Endlich fiel
ihm ein Buch in die Hände, das in einer fremden Sprache geschrieben war, die ihm
einige Ähnlichkeit mit der Lateinischen und Italienischen zu haben schien. Er
hätte sehnlichst gewünscht, die Sprache zu kennen, denn das Buch gefiel ihm
vorzüglich ohne dass er eine Sylbe davon verstand. Es hatte keinen Titel, doch
fand er noch beim Suchen einige Bilder. Sie dünkten ihm ganz wunderbar bekannt,
und wie er recht zusah entdeckte er seine eigene Gestalt ziemlich kenntlich
unter den Figuren. Er erschrack und glaubte zu träumen, aber beim wiederhohlten
Ansehn konnte er nicht mehr an der vollkommenen Ähnlichkeit zweifeln. Er traute
kaum seinen Sinnen, als er bald auf einem Bilde die Höhle, den Einsiedler und
den Alten neben sich entdeckte. Allmählich fand er auf den andern Bildern die
Morgenländerinn, seine Eltern, den Landgrafen und die Landgräfinn von Türingen,
seinen Freund den Hofkaplan, und manche Andere seiner Bekannten; doch waren ihre
Kleidungen verändert und schienen aus einer andern Zeit zu sein. Eine grosse
Menge Figuren wusste er nicht zu nennen, doch däuchten sie ihm bekannt. Er sah
sein Ebenbild in verschiedenen Lagen. Gegen das Ende kam er sich grösser und
edler vor. Die Guitarre ruhte in seinen Armen, und die Landgräfinn reichte ihm
einen Kranz. Er sah sich am kayserlichen Hofe, zu Schiffe, in tauter Umarmung
mit einem schlanken lieblichen Mädchen, in einem Kampfe mit wildaussehenden
Männern, und in freundlichen Gesprächen mit Sarazenen und Mohren. Ein Mann von
ernstem Ansehn kam häufig in seiner Gesellschaft vor. Er fühlte tiefe Ehrfurcht
vor dieser hohen Gestalt, und war froh sich Arm in Arm mit ihm zu sehn. Die
letzten Bilder waren dunkel und unverständlich; doch überraschten ihn einige
Gestalten seines Traumes mit dem innigsten Entzücken; der Schluss des Buches
schien zu fehlen. Heinrich war sehr bekümmert, und wünschte nichts sehnlicher,
als das Buch lesen zu können, und vollständig zu besitzen. Er betrachtete die
Bilder zu wiederholten Malen und war bestürzt, wie er die Gesellschaft
zurückkommen hörte. Eine wunderliche Schaam befiel ihn. Er getraute sich nicht,
seine Entdeckung merken zu lassen, machte das Buch zu, und fragte den Einsiedler
nur obenhin nach dem Titel und der Sprache desselben, wo er denn erfuhr, dass es
in provenzalischer Sprache geschrieben sei. Es ist lange, dass ich es gelesen
habe, sagte der Einsiedler. Ich kann mich nicht genau mehr des Inhalts
entsinnen. Soviel ich weiss, ist es ein Roman von den wunderbaren Schicksalen
eines Dichters, worinn die Dichtkunst in ihren mannichfachen Verhältnissen
dargestellt und gepriesen wird. Der Schuss fehlt an dieser Handschrift, die ich
aus Jerusalem mitgebracht habe, wo ich sie in der Verlassenschaft eines Freundes
fand, und zu seinem Andenken aufhob.
    Sie nahmen nun von einander Abschied, und Heinrich war bis zu Tränen
gerührt. Die Höhle war ihm so merkwürdig, der Einsiedler so lieb geworden.
    Alle umarmten diesen herzlich, und er selbst schien sie lieb gewonnen zu
haben. Heinrich glaubte zu bemerken, dass er ihn mit einem freundlichen
durchdringenden Blick ansehe. Seine Abschiedsworte gegen ihn waren sonderbar
bedeutend. Er schien von seiner Entdeckung zu wissen und darauf anzuspielen. Bis
zum Eingang der Höhlen begleitete er sie, nachdem er sie und besonders den
Knaben gebeten hatte, nichts von ihm gegen die Bauern zu erwähnen, weil er sonst
ihren Zudringlichkeiten ausgesetzt sein würde.
    Sie versprachen es alle. Wie sie von ihm schieden und sich seinem Gebet
empfahlen, sagte er: Wie lange wird es währen, so sehn wir uns wieder, und
werden über unsere heutigen Reden lächeln. Ein himmlischer Tag wird uns umgeben,
und wir werden uns freuen, dass wir einander in diesen Tälern der Prüfung
freundlich begrüssten, und von gleichen Gesinnungen und Ahndungen beseelt waren.
Sie sind die Engel, die uns hier sicher geleiten. Wenn euer Auge fest am Himmel
haftet, so werdet ihr nie den Weg zu eurer Heimat verlieren. - Sie trennten
sich mit stiller Andacht, fanden bald ihre zaghaften Gefährten, und erreichten
unter allerlei Erzählungen in Kurzem das Dorf, wo Heinrichs Mutter, die in
Sorgen gewesen war, sie mit tausend Freuden empfing.
 
                                Sechstes Kapitel
Menschen, die zum Handeln, zur Geschäftigkeit geboren sind, können nicht früh
genug alles selbst betrachten und beleben. Sie müssen überall selbst Hand
anlegen und viele Verhältnisse durchlaufen, ihr Gemüt gegen die Eindrücke einer
neuen Lage, gegen die Zerstreuungen vieler und mannichfaltiger Gegenstände
gewissermassen abhärten, und sich gewöhnen, selbst im Drange grosser Begebenheiten
den Faden ihres Zwecks festzuhalten, und ihn gewandt hindurchzuführen. Sie
dürfen nicht den Einladungen einer stillen Betrachtung nachgeben. Ihre Seele
darf keine in sich gekehrte Zuschauerin, sie muss unablässig nach aussen
gerichtet, und eine emsige, schnell entscheidende Dienerinn des Verstandes sein.
Sie sind Helden, und um sie her drängen sich die Begebenheiten, die geleitet und
gelöst sein wollen. Alle Zufälle werden zu Geschichten unter ihrem Einfluss, und
ihr Leben ist eine ununterbrochene Kette merkwürdiger und glänzender,
verwickelter und seltsamer Ereignisse.
Anders ist es mit jenen ruhigen, unbekannten Menschen, deren Welt ihr Gemüt,
deren Tätigkeit die Betrachtung, deren Leben ein leises Bilden ihrer innern
Kräfte ist. Keine Unruhe treibt sie nach aussen. Ein stiller Besitz genügt ihnen
und das unermessliche Schauspiel ausser ihnen rejetzt sie nicht, selbst darin
aufzutreten, sondern kommt ihnen bedeutend und wunderbar genug vor, um seiner
Betrachtung ihre Musse zu widmen. Verlangen nach dem Geiste desselben hält sie in
der Ferne, und er ist es, der sie zu der geheimnisvollen Rolle des Gemüts in
dieser menschlichen Welt bestimmte, während jene die äussere[n] Gliedmassen und
Sinne und die ausgehenden Kräfte derselben vorstellen.
    Grosse und vielfache Begebenheiten würden sie stören. Ein einfaches Leben ist
ihr Loos, und nur aus Erzählungen und Schriften müssen sie mit dem reichen
Inhalt, und den zahllosen Erscheinungen der Welt bekannt werden. Nur selten darf
im Verlauf ihres Lebens ein Vorfall sie auf einige Zeit in seine raschen Wirbel
mit hereinziehn, um durch einige Erfahrungen sie von der Lage und dem Character
der handelnden Menschen genauer zu unterrichten. Dagegen wird ihr empfindlicher
Sinn schon genug von nahen unbedeutenden Erscheinungen beschäftigt, die ihm jene
grosse Welt verjüngt darstellen, und sie werden keinen Schritt tun, ohne die
überraschendsten Entdeckungen in sich selbst über das Wesen und die Bedeutung
derselben zu machen. Es sind die Dichter, diese seltenen Zugmenschen, die
zuweilen durch unsere Wohnsitze wandeln, und überall den alten ehrwürdigen
Dienst der Menschheit und ihrer ersten Götter, der Gestirne, des Frühlings, der
Liebe, des Glücks, der Fruchtbarkeit, der Gesundheit, und des Frohsinns
erneuern; sie, die schon hier im Besitz der himmlischen Ruhe sind, und von
keinen törichten Begierden umhergetrieben, nur den Duft der irdischen Früchte
einatmen, ohne sie zu verzehren und dann unwiderruflich an die Unterwelt
gekettet zu sein. Freie Gäste sind sie, deren goldener Fuss nur leise auftritt,
und deren Gegenwart in Allen unwillkührlich die Flügel ausbreitet. Ein Dichter
lässt sich wie ein guter König; frohen und klaren Gesichtern nach aufsuchen, und
er ist es, der allein den Namen eines Weisen mit Recht führt. Wenn man ihn mit
dem Helden vergleicht, so findet man, dass die Gesänge der Dichter nicht selten
den Heldenmut in jugendlichen Herzen erweckt, Heldentaten aber wohl nie den
Geist der Poesie in ein neues Gemüt gerufen haben.
    Heinrich war von Natur zum Dichter geboren. Mannichfaltige Zufälle schienen
sich zu seiner Bildung zu vereinigen, und noch hatte nichts seine innere
Regsamkeit gestört. Alles was er sah und hörte schien nur neue Riegel in ihm
wegzuschieben, und neue Fenster ihm zu öffnen. Er sah die Welt in ihren grossen
und abwechselnden Verhältnissen vor sich liegen. Noch war sie aber stumm, und
ihre Seele, das Gespräch, noch nicht erwacht. Schon nahte sich ein Dichter, ein
liebliches Mädchen an der Hand, um durch Laute der Muttersprache und durch
Berührung eines süssen zärtlichen Mundes, die blöden Lippen aufzuschliessen, und
den einfachen Accord in unendliche Melodien zu entfalten.
    Diese Reise war nun geendigt. Es war gegen Abend, als unsere Reisenden
wohlbehalten und frölich in der weltberühmten Stadt Augsburg anlangten, und
voller Erwartung durch die hohen Gassen nach dem ansehnlichen Hause des alten
Schwaning ritten.
    Heinrichen war schon die Gegend sehr reitzend vorgekommen. Das lebhafte
Getümmel der Stadt und die grossen, steinernen Häuser befremdeten ihn angenehm.
Er freute sich inniglich über seinen künftigen Aufentalt. Seine Mutter war sehr
vergnügt nach der langen, mühseligen Reise sich hier in ihrer geliebten
Vaterstadt zu sehen, bald ihren Vater und ihre alten Bekannten wieder zu
umarmen, ihren Heinrich ihnen vorstellen, und einmal alle Sorgen des Hauswesens
bei den traulichen Erinnerungen ihrer Jugend, ruhig vergessen zu können. Die
Kaufleute hofften sich bei den dortigen Lustbarkeiten für die Unbequemlichkeiten
des Weges zu entschädigen, und einträgliche Geschäfte zu machen.
    Das Haus des alten Schwaning fanden sie erleuchtet, und eine lustige Musik
tönte ihnen entgegen. Was gilt's, sagten die Kaufleute, euer Grossvater gibt ein
fröhliches Fest. Wir kommen wie gerufen. Wie wird er über die ungeladenen Gäste
erstaunen. Er lässt es sich wohl nicht träumen, dass das wahre Fest nun erst
angehn wird. Heinrich fühlte sich verlegen, und seine Mutter war nur wegen ihres
Anzugs in Sorgen. Sie stiegen ab, die Kaufleute blieben bei den Pferden, und
Heinrich und seine Mutter traten in das prächtige Haus. Unten war kein
Hausgenosse zu sehen. Sie mussten die breite Wendeltreppe hinauf. Einige Diener
liefen vorüber, die sie baten, dem alten Schwaning die Ankunft einiger Fremden
anzusagen, die ihn zu sprechen wünschten. Die Diener machten anfangs einige
Schwierigkeiten; die Reisenden sahen nicht zum Besten aus; doch meldeten sie es
dem Herrn des Hauses. Der alte Schwaning kam heraus. Er kannte sie nicht gleich,
und fragte nach ihrem Namen und Anliegen. Heinrichs Mutter weinte, und fiel ihm
um den Hals. Kennt Ihr Eure Tochter nicht mehr? rief sie weinend. Ich bringe
euch meinen Sohn. Der alte Vater war äusserst gerührt. Er drückte sie lange an
seine Brust; Heinrich sank auf ein Knie, und küsste ihm zärtlich die Hand. Er hob
ihn zu sich, und hielt Mutter und Sohn umarmt. Geschwind herein, sagte
Schwaning, ich habe lauter Freunde und Bekannte bei mir, die sich herzlich mit
mir freuen werden. Heinrichs Mutter schien einige Zweifel zu haben. Sie hatte
keine Zeit sich zu besinnen. Der Vater führte beide in den hohen, erleuchteten
Saal. Da bringe ich meine Tochter und meinen Enkel aus Eisenach, rief Schwaning
in das frohe Getümmel glänzend gekleideter Menschen. Alle Augen kehrten sich
nach der Tür; alles lief herzu, die Musik schwieg, und die beiden Reisenden
standen verwirrt und geblendet in ihren staubigen Kleidern, mitten in der bunten
Schaar. Tausend freudige Ausrufungen gingen von Mund zu Mund. Alte Bekannte
drängten sich um die Mutter. Es gab unzählige Fragen. Jedes wollte zuerst
gekannt und bewillkommet sein. Während der ältere Teil der Gesellschaft sich
mit der Mutter beschäftigte, heftete sich die Aufmerksamkeit des jüngeren Teils
auf den fremden Jüngling, der mit gesenktem Blick da stand, und nicht das Herz
hatte, die unbekannten Gesichter wieder zu betrachten. Sein Grossvater machte ihn
mit der Gesellschaft bekannt, und erkundigte sich nach seinem Vater und den
Vorfällen ihrer Reise.
    Die Mutter gedachte der Kaufleute, die unten aus Gefälligkeit bei den
Pferden geblieben waren. Sie sagte es ihrem Vater, welcher sogleich hinunter
schickte, und sie einladen liess heraufzukommen. Die Pferde wurden in die Ställe
gebracht, und die Kaufleute erschienen.
    Schwaning dankte ihnen herzlich für die freundschaftliche Geleitung seiner
Tochter. Sie waren mit vielen Anwesenden bekannt, und begrüssten sich freundlich
mit ihnen. Die Mutter wünschte sich reinlich ankleiden zu dürfen. Schwaning nahm
sie auf sein Zimmer, und Heinrich folgte ihnen in gleicher Absicht.
    Unter der Gesellschaft war Heinrichen ein Mann aufgefallen, den er in jenem
Buche oft an seiner Seite gesehn zu haben glaubte. Sein edles Ansehn zeichnete
ihn vor allen aus. Ein heitrer Ernst war der Geist seines Gesichts; eine offene
schön gewölbte Stirn, grosse, schwarze, durchdringende und feste Augen, ein
schalkhafter Zug um den frölichen Mund und durchaus klare, männliche
Verhältnisse machten es bedeutend und anziehend. Er war stark gebaut, seine
Bewegungen waren ruhig und ausdrucksvoll, und wo er stand, schien er ewig stehen
zu wollen. Heinrich fragte seinen Grossvater nach ihm. Es ist mir lieb, sagte der
Alte, dass du ihn gleich bemerkt hast. Es ist mein trefflicher Freund Klingsohr,
der Dichter. Auf seine Bekanntschaft und Freundschaft kannst du stolzer sein,
als auf die des Kaysers. Aber wie stehts mit deinem Herzen? Er hat eine schöne
Tochter; vielleicht dass sie den Vater bei dir aussticht. Es sollte mich wundern,
wenn du sie nicht gesehn hättest. Heinrich errötete. Ich war zerstreut, lieber
Grossvater. Die Gesellschaft war zahlreich, und ich betrachtete nur euren Freund.
Man merkt es, dass du aus Norden kömmst, erwiederte Schwaning. Wir wollen dich
hier schon auftauen. Du sollst schon lernen nach hübschen Augen sehn.
    Sie waren nun fertig und begaben sich zurück in den Saal, wo indes die
Zurüstungen zum Abendessen gemacht worden waren. Der alte Schwaning führte
Heinrichen und Klingsohr zu, und erzählte ihm, dass Heinrich ihn gleich bemerkt
und den lebhaftesten Wunsch habe mit ihm bekannt zu sein.
    Heinrich war beschämt. Klingsohr redete freundlich zu ihm von seinem
Vaterlande und seiner Reise. Es lag soviel Zutrauliches in seiner Stimme, dass
Heinrich bald ein Herz fasste und sich freimütig mit ihm unterhielt. Nach
einiger Zeit kam Schwaning wieder zu ihnen und brachte die schöne Matilde.
Nehmt euch meines schüchternen Enkels freundlich an, und verzeiht es ihm, dass er
eher euren Vater als euch gesehn hat. Eure glänzenden Augen werden schon die
schlummernde Jugend in ihm wecken. In seinem Vaterland kommt der Frühling spät.
    Heinrich und Matilde wurden rot. Sie sahen sich einander mit Verwunderung
an. Sie fragte ihn mit kaum hörbaren leisen Worten: Ob er gern tanze. Eben als
er die Frage bejahte, fing eine fröliche Tanzmusik an. Er bot ihr schweigend
seine Hand; sie gab ihm die ihrige, und sie mischten sich in die Reihe der
walzenden Paare. Schwaning und Klingsohr sahen zu. Die Mutter und die Kaufleute
freuten sich über Heinrichs Behendigkeit und seine liebliche Tänzerinn. Die
Mutter hatte genug mit ihren Jugendfreundinnen zu sprechen, die ihr zu einem so
wohlgebildeten und so hoffnungsvollen Sohn Glück wünschten. Klingsohr sagte zu
Schwaning: Euer Enkel hat ein anziehendes Gesicht. Es zeigt ein klares und
umfassendes Gemüt, und seine Stimme kommt tief aus dem Herzen. Ich hoffe,
erwiederte Schwaning, dass er euer gelehriger Schüler sein wird. Mich däucht er
ist zum Dichter geboren. Euer Geist komme über ihn. Er sieht seinem Vater
ähnlich; nur scheint er weniger heftig und eigensinnig. Jener war in seiner
Jugend voll glücklicher Anlagen. Eine gewisse Freisinnigkeit fehlte ihm. Es
hätte mehr aus ihm werden können, als ein fleissiger und fertiger Künstler. -
Heinrich wünschte den Tanz nie zu endigen. Mit innigem Wohlgefallen ruhte sein
Auge auf den Rosen seiner Tänzerinn. Ihr unschuldiges Auge vermied ihn nicht.
Sie schien der Geist ihres Vaters in der lieblichsten Verkleidung. Aus ihren
grossen ruhigen Augen sprach ewige Jugend. Auf einem lichtimmelblauen Grunde lag
der milde Glanz der braunen Sterne. Stirn und Nase senkten sich zierlich um sie
her. Eine nach der aufgehenden Sonne geneigte Lilie war ihr Gesicht, und von dem
schlanken, weissen Halse schlängelten sich blaue Adern in reizenden Windungen um
die zarten Wangen. Ihre Stimme war wie ein fernes Echo, und das braune lockige
Köpfchen schien über der leichten Gestalt nur zu schweben.
    Die Schüsseln kamen herein, und der Tanz war aus. Die älteren Leute setzten
sich auf die Eine Seite, und die jüngern nahmen die Andere ein.
    Heinrich blieb bei Matilden. Eine junge Verwandte setzte sich zu seiner
Linken, und Klingsohr sass ihm gerade gegenüber. So wenig Matilde sprach, so
gesprächig war Veronika, seine andere Nachbarin. Sie tat gleich mit ihm
vertraut und machte ihn in kurzem mit allen Anwesenden bekannt. Heinrich
verhörte manches. Er war noch bei seiner Tänzerin, und hätte sich gern öfters
rechts gewandt. Klingsohr machte ihrem Plaudern ein Ende. Er fragte ihn nach dem
Bande mit sonderbaren Figuren, was Heinrich an seinem Leibrock befestigt hatte.
Heinrich erzählte von der Morgenländerin mit vieler Rührung. Matilde weinte,
und Heinrich konnte nun seine Tränen kaum verbergen. Er geriet darüber mit ihr
ins Gespräch. Alle unterhielten sich; Veronika lachte und scherzte mit ihren
Bekannten. Matilde erzählte ihm von Ungarn, wo ihr Vater sich oft aufhielt, und
von dem Leben in Augsburg. Alle waren vergnügt. Die Musik verscheuchte die
Zurückhaltung und reizte alle Neigungen zu einem muntern Spiel. Blumenkörbe
dufteten in voller Pracht auf dem Tische, und der Wein schlich zwischen den
Schüsseln und Blumen umher, schüttelte seine goldnen Flügel und stellte bunte
Tapeten zwischen die Welt und die Gäste. Heinrich begriff erst jetzt, was ein
Fest sei. Tausend frohe Geister schienen ihm um den Tisch zu gaukeln, und in
stiller Sympatie mit den frölichen Menschen von ihren Freuden zu leben und mit
ihren Genüssen sich zu berauschen. Der Lebensgenuss stand wie ein klingender Baum
voll goldener Früchte vor ihm. Das Übel liess sich nicht sehen, und es dünkte ihm
unmöglich, dass je die menschliche Neigung von diesem Baume zu der gefährlichen
Frucht des Erkenntnisses, zu dem Baume des Krieges sich gewendet haben sollte.
Er verstand nun den Wein und die Speisen. Sie schmeckten ihm überaus köstlich.
Ein himmlisches Öl würzte sie ihm, und aus dem Becher funkelte die Herrlichkeit
des irdischen Lebens. Einige Mädchen brachten dem alten Schwaning einen frischen
Kranz. Er setzte ihn auf, küsste sie, und sagte: Auch unserm Freund Klingsohr
müsst ihr einen bringen, wir wollen beide zum Dank euch ein paar neue Lieder
lehren. Das meinige sollt ihr gleich haben. Er gab der Musik ein Zeichen, und
sang mit lauter Stimme:
Sind wir nicht geplagte Wesen?
Ist nicht unser Loos betrübt?
Nur zu Zwang und Not erlesen
In Verstellung nur geübt,
Dürfen selbst nicht unsre Klagen
Sich aus unserm Busen wagen.
                                       *
Allem was die Eltern sprechen,
Widerspricht das volle Herz.
Die verbotne Frucht zu brechen
Fühlen wir der Sehnsucht Schmerz;
Möchten gern die süssen Knaben
Fest an unserm Herzen haben.
                                       *
Wäre dies zu denken Sünde?
Zollfrei sind Gedanken doch.
Was bleibt einem armen Kinde
Ausser süssen Träumen noch?
Will man sie auch gern verbannen,
Nimmer ziehen sie von dannen.
                                       *
Wenn wir auch des Abends beten,
Schreckt uns doch die Einsamkeit,
Und zu unsern Küssen treten
Sehnsucht und Gefälligkeit.
Könnten wir wohl widerstreben
Alles, Alles hinzugeben?
                                       *
Unsere Reize zu verhüllen,
Schreibt die strenge Mutter vor.
Ach! was hilft der gute Willen,
Quellen sie nicht selbst empor?
Bei der Sehnsucht innrem Beben
Muss das beste Band sich geben.
                                       *
Jede Neigung zu verschliessen,
Hart und kalt zu sein, wie Stein,
Schöne Augen nicht zu grüssen,
Fleissig und allein zu sein,
Keiner Bitte nachzugeben:
Heisst das wohl ein Jugendleben?
                                       *
Gross sind eines Mädchens Plagen,
Ihre Brust ist krank und wund,
Und zum Lohn für stille Klagen
Küsst sie noch ein welker Mund.
Wird denn nie das Blatt sich wenden,
Und das Reich der Alten enden?
Die alten Leute und die Jünglinge lachten. Die Mädchen erröteten und lächelten
abwärts. Unter tausend Neckereien wurde ein zweiter Kranz geholt, und
Klingsohren aufgesetzt. Sie baten aber inständigst um keinen so leichtfertigen
Gesang. Nein, sagte Klingsohr, ich werde mich wohl hüten so frevelhaft von euren
Geheimnissen zu reden. Sagt selbst, was ihr für ein Lied haben wollt. Nur nichts
von Liebe, riefen die Mädchen ein Weinlied, wenn es euch ansteht. Klingsohr
sang:
Auf grünen Bergen wird geboren,
Der Gott, der uns den Himmel bringt.
Die Sonne hat ihn sich erkohren,
Dass sie mit Flammen ihn durchdringt.
                                       *
Er wird im Lenz mit Lust empfangen,
Der zarte Schoss quillt still empor,
Und wenn des Herbstes Früchte prangen
Springt auch das goldne Kind hervor.
                                       *
Sie legen ihn in enge Wiegen
In's unterirdische Geschoss.
Er träumt von Festen und von Siegen
Und baut sich manches luft'ge Schloss.
                                       *
Es nahe keiner seiner Kammer,
Wenn er sich ungeduldig drängt,
Und jedes Band und jede Klammer
Mit jugendlichen Kräften sprengt.
                                       *
Denn unsichtbare Wächter stellen
So lang er träumt sich um ihn her;
Und wer betritt die heil'gen Schwellen,
Den trift ihr luftumwundner Speer.
So wie die Schwingen sich entfalten,
Lässt er die lichten Augen sehn,
Lässt ruhig seine Priester schalten
Und kommt heraus wenn sie ihm flehn.
                                       *
Aus seiner Wiege dunklem Schoss,
Erscheint er in Krystallgewand;
Verschwiegener Eintracht volle Rose
Trägt er bedeutend in der Hand.
                                       *
Und überall um ihn versammeln
Sich seine Jünger hocherfreut;
Und tausend frohe Zungen stammeln,
Ihm ihre Lieb' und Dankbarkeit.
                                       *
Er sprützt in ungezählten Strahlen
Sein innres Leben in die Welt,
Die Liebe nippt aus seinen Schalen
Und bleibt ihm ewig zugesellt.
                                       *
Er nahm als Geist der goldnen Zeiten
Von jeher sich des Dichters an,
Der immer seine Lieblichkeiten
In trunknen Liedern aufgetan.
                                       *
Er gab ihm, seine Treu zu ehren,
Ein Recht auf jeden hübschen Mund,
Und dass es keine darf ihm wehren,
Macht Gott durch ihn es allen kund.
                                       *
Ein schöner Profet! riefen die Mädchen. Schwaning freute sich herzlich. Sie
machten noch einige Einwendungen, aber es half nichts. Sie mussten ihm die süssen
Lippen hinreichen. Heinrich schämte sich nur vor seiner ernsten Nachbarin, sonst
hätte er sich laut über das Vorrecht der Dichter gefreut. Veronika war unter den
Kranzträgerinnen. Sie kam frölich zurück und sagte zu Heinrich: Nicht wahr, es
ist hübsch, wenn man ein Dichter ist? Heinrich getraute sich nicht, diese Frage
zu benutzen. Der Übermut der Freude und der Ernst der ersten Liebe kämpften in
seinem Gemüt. Die reizende Veronika scherzte mit den Andern, und so gewann er
Zeit, den ersten etwas zu dämpfen. Matilde erzählte ihm, dass sie die Guitarre
spiele. Ach! sagte Heinrich, von euch möchte ich sie lernen. Ich habe mich lange
darnach gesehnt. - Mein Vater hat mich unterrichtet, Er spielt sie
unvergleichlich, sagte sie errötend. - Ich glaube doch, erwiederte Heinrich,
dass ich sie schneller bei euch lerne. Wie freue ich mich euren Gesang zu hören.
- Stellt euch nur nicht zu viel vor. - O! sagte Heinrich, was sollte ich nicht
erwarten können, da eure blosse Rede schon Gesang ist, und eure Gestalt eine
himmlische Musik verkündigt.
    Matilde schwieg. Ihr Vater fing ein Gespräch mit ihm an, in welchem
Heinrich mit der lebhaftesten Begeisterung sprach. Die Nächsten wunderten sich
über des Jünglings Beredsamkeit, über die Fülle seiner bildlichen Gedanken.
Matilde sah ihn mit stiller Aufmerksamkeit an. Sie schien sich über seine Reden
zu freuen, die sein Gesicht mit den sprechendsten Mienen noch mehr erklärte.
Seine Augen glänzten ungewöhnlich. Er sah sich zuweilen nach Matilden um, die
über den Ausdruck seines Gesichts erstaunte. Im Feuer des Gesprächs ergriff er
unvermerkt ihre Hand, und sie konnte nicht umhin, manches was er sagte, mit
einem leisen Druck zu bestätigen. Klingsohr wusste seinen Entusiasmus zu
unterhalten, und lockte allmählich seine ganze Seele auf die Lippen. Endlich
stand alles auf. Alles schwärmte durch einander. Heinrich war an Matildens
Seite geblieben. Sie standen unbemerkt abwärts. Er hielt ihre Hand und küsste sie
zärtlich. Sie liess sie ihm, und blickte ihn mit unbeschreiblicher Freundlichkeit
an. Er konnte sich nicht halten, neigte sich zu ihr und küsste ihre Lippen. Sie
war überrascht, und erwiederte unwillkührlich seinen heissen Kuss. Gute Matilde,
lieber Heinrich, das war alles, was sie einander sagen konnten. Sie drückte
seine Hand, und ging unter die Andern. Heinrich stand, wie im Himmel. Seine
Mutter kam auf ihn zu. Er liess seine ganze Zärtlichkeit an ihr aus. Sie sagte:
Ist es nicht gut, dass wir nach Augsburg gereist sind? Nicht wahr, es gefällt
dir? Liebe Mutter, sagte Heinrich, so habe ich mir es doch nicht vorgestellt. Es
ist ganz herrlich.
    Der Rest des Abends verging in unendlicher Fröhlichkeit. Die Alten spielten,
plauderten, und sahen den Tänzen zu. Die Musik wogte wie ein Lustmeer im Saale,
und hob die berauschte Jugend.
    Heinrich fühlte die entzückenden Weissagungen der ersten Lust und Liebe
zugleich. Auch Matilde liess sich willig von den schmeichelnden Wellen tragen,
und verbarg ihr zärtliches Zutrauen, ihre aufkeimende Neigung zu ihm nur hinter
einem leichten Flor. Der alte Schwaning bemerkte das kommende Verständnis, und
neckte beide.
    Klingsohr hatte Heinrichen lieb gewonnen, und freute sich seiner
Zärtlichkeit. Die andern Jünglinge und Mädchen hatten es bald bemerkt. Sie zogen
die ernste Matilde mit dem jungen Türinger auf, und verhehlten nicht, dass es
ihnen lieb sei, Matildens Aufmerksamkeit nicht mehr bei ihren Herzensgeschäften
scheuen zu dürfen.
    Es war tief in der Nacht, als die Gesellschaft auseinanderging. Das erste
und einzige Fest meines Lebens, sagte Heinrich zu sich selbst, als er allein
war, und seine Mutter sich ermüdet zur Ruhe gelegt hatte. Ist mir nicht zu Mute
wie in jenem Traume, beim Anblick der blauen Blume? Welcher sonderbare
Zusammenhang ist zwischen Matilden und dieser Blume? Jenes Gesicht, das aus dem
Kelche sich mir entgegenneigte, es war Matildens himmlisches Gesicht, und nun
erinnere ich mich auch, es in jenem Buche gesehn zu haben. Aber warum hat es
dort mein Herz nicht so bewegt? O! sie ist der sichtbare Geist des Gesanges,
eine würdige Tochter ihres Vaters. Sie wird mich in Musik auflösen. Sie wird
meine innerste Seele, die Hüterin meines heiligen Feuers sein. Welche Ewigkeit
von Treue fühle ich in mir! Ich ward nur geboren, um sie zu verehren, um ihr
ewig zu dienen, um sie zu denken und zu empfinden. Gehört nicht ein eigenes
ungeteiltes Dasein zu ihrer Anschauung und Anbetung? und bin ich der
Glückliche, dessen Wesen das Echo, der Spiegel des ihrigen sein darf? Es war
kein Zufall, dass ich sie am Ende meiner Reise sah, dass ein seliges Fest den
höchsten Augenblick meines Lebens umgab. Es konnte nicht anders sein; macht ihre
Gegenwart nicht alles festlich?
    Er trat ans Fenster. Das Chor der Gestirne stand am dunkeln Himmel, und im
Morgen kündigte ein weisser Schein den kommenden Tag an.
    Mit vollem Entzücken rief Heinrich aus: Euch, ihr ewigen Gestirne, ihr
stillen Wandrer, euch rufe ich zu Zeugen meines heiligen Schwurs an. Für
Matilden will ich leben, und ewige Treue soll mein Herz an das ihrige knüpfen.
Auch mir bricht der Morgen eines ewigen Tages an. Die Nacht ist vorüber. Ich
zünde der aufgehenden Sonne mich selbst zum nieverglühenden Opfer an.
    Heinrich war erhitzt, und nur spät gegen Morgen schlief er ein. In
wunderliche Träume flossen die Gedanken seiner Seele zusammen. Ein tiefer blauer
Strom schimmerte aus der grünen Ebene herauf. Auf der glatten Fläche schwamm ein
Kahn. Matilde sass und ruderte. Sie war mit Kränzen geschmückt, sang ein
einfaches Lied, und sah nach ihm mit süsser Wehmut herüber. Seine Brust war
beklommen. Er wusste nicht warum. Der Himmel war heiter, die Flut ruhig. Ihr
himmlisches Gesicht spiegelte sich in den Wellen. Auf einmal fing der Kahn an
sich umzudrehen. Er rief ihr ängstlich zu. Sie lächelte und legte das Ruder in
den Kahn, der sich immerwährend drehte. Eine ungeheure Bangigkeit ergriff ihn.
Er stürzte sich in den Strom; aber er konnte nicht fort, das Wasser trug ihn.
Sie winkte, sie schien ihm etwas sagen zu wollen, der Kahn schöpfte schon
Wasser; doch lächelte sie mit einer unsäglichen Innigkeit, und sah heiter in den
Wirbel hinein. Auf einmal zog es sie hinunter. Eine leise Luft strich über den
Strom, der eben so ruhig und glänzend floss, wie vorher. Die entsetzliche Angst
raubte ihm das Bewusstsein. Das Herz schlug nicht mehr. Er kam erst zu sich, als
er sich auf trocknem Boden fühlte. Er mochte weit geschwommen sein. Es war eine
fremde Gegend. Er wusste nicht wie ihm geschehen war. Sein Gemüt war
verschwunden. Gedankenlos ging er tiefer ins Land. Entsetzlich matt fühlte er
sich. Eine kleine Quelle kam aus einem Hügel, sie tönte wie lauter Glocken. Mit
der Hand schöpfte er einige Tropfen und netzte seine dürren Lippen. Wie ein
banger Traum lag die schreckliche Begebenheit hinter ihm. Immer weiter und
weiter ging er, Blumen und Bäume redeten ihn an. Ihm wurde so wohl und
heimatlich zu Sinne. Da hörte er jenes einfache Lied wieder. Er lief den Tönen
nach. Auf einmal hielt ihn jemand am Gewande zurück. Lieber Heinrich, rief eine
bekannte Stimme. Er sah sich um, und Matilde schloss ihn in ihre Arme. Warum
liefst du vor mir, liebes Herz? sagte sie tiefatmend. Kaum konnte ich dich
einholen. Heinrich weinte. Er drückte sie an sich. - Wo ist der Strom? rief er
mit Tränen. - Siehst du nicht seine blauen Wellen über uns? Er sah hinauf, und
der blaue Strom floss leise über ihrem Haupte. Wo sind wir, liebe Matilde? - Bei
unsern Eltern. - Bleiben wir zusammen? - Ewig, versetzte sie, indem sie ihre
Lippen an die seinigen drückte, und ihn so umschloss, dass sie nicht wieder von
ihm konnte. Sie sagte ihm ein wunderbares geheimes Wort in den Mund, was sein
ganzes Wesen durchklang. Er wollte es wiederholen, als sein Grossvater rief, und
er aufwachte. Er hätte sein Leben darum geben mögen, das Wort noch zu wissen.
 
                               Siebentes Kapitel
Klingsohr stand vor seinem Bette, und bot ihm freundlich guten Morgen. Er ward
munter und fiel Klingsohr um den Hals. Das gilt euch nicht, sagte Schwaning.
Heinrich lächelte und verbarg sein Erröten an den Wangen seiner Mutter.
    Habt ihr Lust mit mir vor der Stadt auf einer schönen Anhöhe zu frühstücken?
sagte Klingsohr. Der herrliche Morgen wird euch erfrischen. Kleidet euch an.
Matilde wartet schon auf uns.
    Heinrich dankte mit tausend Freuden für diese willkommene Einladung. In
einem Augenblick war er fertig, und küsste Klingsohr mit vieler Inbrunst die
Hand.
    Sie gingen zu Matilden, die in ihrem einfachen Morgenkleide wunderlieblich
aussah und ihn freundlich grüsste. Sie hatte schon das Frühstück in ein Körbchen
gepackt, das sie an den Einen Arm hing, und die andere Hand unbefangen
Heinrichen reichte. Klingsohr folgte ihnen, und so wandelten sie durch die
Stadt, die schon voller Lebendigkeit war, nach einem kleinen Hügel am Flusse, wo
sich unter einigen hohen Bäumen eine weite und volle Aussicht öffnete.
    Habe ich doch schon oft, rief Heinrich aus, mich an dem Aufgang der bunten
Natur, an der friedlichen Nachbarschaft ihres mannichfaltigen Eigentums
ergötzt; aber eine so schöpferische und gediegene Heiterkeit hat mich noch nie
erfüllt wie heute. Jene Fernen sind mir so nah, und die reiche Landschaft ist
mir wie eine innere Fantasie. Wie veränderlich ist die Natur, so unwandelbar
auch ihre Oberfläche zu sein scheint. Wie anders ist sie, wenn ein Engel, wenn
ein kräftigerer Geist neben uns ist, als wenn ein Notleidender vor uns klagt,
oder ein Bauer uns erzählt, wie ungünstig die Witterung ihm sei, und wie nötig
er düstre Regentage für seine Saat brauche. Euch, teuerster Meister, bin ich
dieses Vergnügen schuldig; ja dieses Vergnügen, denn es gibt kein anderes Wort,
was wahrhafter den Zustand meines Herzens ausdrückte. Freude, Lust und Entzücken
sind nur die Glieder des Vergnügens, das sie zu einem höhern Leben verknüpft. Er
drückte Matildens Hand an sein Herz, und versank mit einem feurigen Blick in
ihr mildes, empfängliches Auge.
    Die Natur, versetzte Klingsohr, ist für unser Gemüt, was ein Körper für das
Licht ist. Er hält es zurück; er bricht es in eigentümliche Farben; er zündet
auf seiner Oberfläche oder in seinem Innern ein Licht an, das, wenn es seiner
Dunkelheit gleich kommt, ihn klar und durchsichtig macht, wenn es sie überwiegt,
von ihm ausgeht, um andere Körper zu erleuchten. Aber selbst der dunkelste
Körper kann durch Wasser, Feuer und Luft dahin gebracht werden, dass er hell und
glänzend wird.
    Ich verstehe euch, lieber Meister. Die Menschen sind Krystalle für unser
Gemüt. Sie sind die durchsichtige Natur. Liebe Matilde, ich möchte euch einen
köstlichen lautern Sapphir nennen. Ihr seid klar und durchsichtig wie der
Himmel, ihr erleuchtet mit dem mildesten Lichte. Aber sagt mir, lieber Meister,
ob ich recht habe: mich dünkt, dass man gerade wenn man am innigsten mit der
Natur vertraut ist am wenigsten von ihr sagen könnte und möchte.
    Wie man das nimmt, versetzte Klingsohr; ein anderes ist es mit der Natur für
unsern Genuss und unser Gemüt, ein anderes mit der Natur für unsern Verstand,
für das leitende Vermögen unserer Weltkräfte. Man muss sich wohl hüten, nicht
eins über das andere zu vergessen. Es gibt viele, die nur die Eine Seite kennen
und die andere geringschätzen. Aber beide kann man vereinigen, und man wird sich
wohl dabei befinden. Schade, dass so wenige darauf denken, sich in ihrem Innern
frei und geschickt bewegen zu können, und durch eine gehörige Trennung sich den
zweckmässigsten und natürlichsten Gebrauch ihrer Gemütskräfte zu sichern.
Gewöhnlich hindert eine die andere, und so entsteht allmälich eine unbehülfliche
Trägheit, dass wenn nun solche Menschen einmal mit gesammten Kräften aufstehen
wollen, eine gewaltige Verwirrung und Streit beginnt, und alles über einander
ungeschickt herstolpert. Ich kann euch nicht genug anrühmen, euren Verstand,
euren natürlichen Trieb zu wissen, wie alles sich begibt und untereinander nach
Gesetzen der Folge zusammenhängt, mit Fleiss und Mühe zu unterstützen. Nichts ist
dem Dichter unentbehrlicher, als Einsicht in die Natur jedes Geschäfts,
Bekanntschaft mit den Mitteln jeden Zweck zu erreichen, und Gegenwart des
Geistes, nach Zeit und Umständen, die schicklichsten zu wählen. Begeisterung
ohne Verstand ist unnütz und gefährlich, und der Dichter wird wenig Wunder tun
können, wenn er selbst über Wunder erstaunt.
    Ist aber dem Dichter nicht ein inniger Glaube an die menschliche Regierung
des Schicksals unentbehrlich?
    Unentbehrlich allerdings, weil er sich das Schicksal nicht anders vorstellen
kann, wenn er reiflich darüber nachdenkt; aber wie entfernt ist diese heitere
Gewissheit, von jener ängstlichen Ungewissheit, von jener blinden Furcht des
Aberglaubens. Und so ist auch die kühle, belebende Wärme eines dichterischen
Gemüts gerade das Widerspiel von jener wilden Hitze eines kränklichen Herzens.
Diese ist arm, betäubend und vorübergehend; jene sondert alle Gestalten rein ab,
begünstigt die Ausbildung der mannichfaltigsten Verhältnisse, und ist ewig durch
sich selbst. Der junge Dichter kann nicht kühl, nicht besonnen genug sein. Zur
wahren, melodischen Gesprächigkeit gehört ein weiter, aufmerksamer und ruhiger
Sinn. Es wird ein verworrnes Geschwätz, wenn ein reissender Sturm in der Brust
tobt, und die Aufmerksamkeit in eine zitternde Gedankenlosigkeit auflöst.
Nochmals wiederhole ich, das ächte Gemüt ist wie das Licht, eben so ruhig und
empfindlich, eben so elastisch und durchdringlich, eben so mächtig und eben so
unmerklich wirksam als dieses köstliche Element, das auf alle Gegenstände sich
mit feiner Abgemessenheit verteilt, und sie alle in reizender Mannichfaltigkeit
erscheinen lässt. Der Dichter ist reiner Stahl, eben so empfindlich, wie ein
zerbrechlicher Glasfaden, und eben so hart, wie ein ungeschmeidiger Kiesel.
    Ich habe das schon zuweilen gefühlt, sagte Heinrich, dass ich in den
innigsten Minuten weniger lebendig war, als zu andern Zeiten, wo ich frei
umhergehn und alle Beschäftigungen mit Lust treiben konnte. Ein geistiges
scharfes Wesen durchdrang mich dann, und ich durfte jeden Sinn nach Gefallen
brauchen, jeden Gedanken, wie einen wirklichen Körper, umwenden und von allen
Seiten betrachten. Ich stand mit stillem Anteil an der Werkstatt meines Vaters,
und freute mich, wenn ich ihm helfen und etwas geschickt zu Stande bringen
konnte. Geschicklichkeit hat einen ganz besondern stärkenden Reiz, und es ist
wahr, ihr Bewusstsein verschafft einen dauerhafteren und deutlicheren Genuss, als
jenes überfliessende Gefühl einer unbegreiflichen, überschwenglichen
Herrlichkeit.
    Glaubt nicht, sagte Klingsohr, dass ich das letztere tadle; aber es muss von
selbst kommen, und nicht gesucht werden. Seine sparsame Erscheinung ist
wohltätig; öfterer wird sie ermüdend und schwächend. Man kann nicht schnell
genug sich aus der süssen Betäubung reissen, die es hinterlässt, und zu einer
regelmässigen und mühsamen Beschäftigung zurückkehren. Es ist wie mit den
anmutigen Morgenträumen, aus deren einschläferndem Wirbel man nur mit Gewalt
sich herausziehen kann, wenn man nicht in immer drückendere Müdigkeit geraten,
und so in krankhafter Erschöpfung nachher den ganzen Tag hinschleppen will.
    Die Poesie will vorzüglich, fuhr Klingsohr fort, als strenge Kunst getrieben
werden. Als blosser Genuss hört sie auf Poesie zu sein. Ein Dichter muss nicht den
ganzen Tag müssig umherlaufen, und auf Bilder und Gefühle Jagd machen. Das ist
ganz der verkehrte Weg. Ein reines offenes Gemüt, Gewand[t]heit im Nachdenken
und Betrachten, und Geschicklichkeit alle seine Fähigkeiten in eine gegenseitig
belebende Tätigkeit zu versetzen und darin zu erhalten, das sind die
Erfordernisse unserer Kunst. Wenn ihr euch mir überlassen wollt, so soll kein
Tag euch vergehn, wo ihr nicht eure Kenntnisse bereichert, und einige nützliche
Einsichten erlangt habt. Die Stadt ist reich an Künstlern aller Art. Es gibt
einige erfahrne Staatsmänner, einige gebildete Kaufleute hier. Man kann ohne
grosse Umstände mit allen Ständen, mit allen Gewerben, mit allen Verhältnissen
und Erfordernissen der menschlichen Gesellschaft sich bekannt machen. Ich will
euch mit Freuden in dem Handwerksmässigen unserer Kunst unterrichten, und die
merkwürdigsten Schriften mit euch lesen. Ihr könnt Matildens Lehrstunden
teilen, und sie wird euch gern die Guitarre spielen lehren. Jede Beschäftigung
wird die übrigen vorbereiten, und wenn ihr so euren Tag gut angelegt habt, so
werden euch das Gespräch und die Freuden des gesellschaftlichen Abends, und die
Ansichten der schönen Landschaft umher mit den heitersten Genüssen immer wieder
überraschen.
    Welches herrliche Leben schliesst ihr mir auf, liebster Meister. Unter eurer
Leitung werde ich erst merken, welches edle Ziel vor mir steht, und wie ich es
nur durch euren Rat zu erreichen hoffen darf.
    Klingsohr umarmte ihn zärtlich. Matilde brachte ihnen das Frühstück, und
Heinrich fragte sie mit zärtlicher Stimme, ob sie ihn gern zum Begleiter ihres
Unterrichts und zum Schüler annehmen wollte. Ich werde wohl ewig euer Schüler
bleiben, sagte er, indem sich Klingsohr nach einer anderen Seite wandte. Sie
neigte sich unmerklich zu ihm hin. Er umschlang sie und küsste den weichen Mund
des errötenden Mädchens. Nur sanft bog sie sich von ihm weg, doch reichte sie
ihm mit der kindlichsten Anmut eine Rose, die sie am Busen trug. Sie machte
sich mit ihrem Körbchen zu tun. Heinrich sah ihr mit stillem Entzücken nach,
küsste die Rose, heftete sie an seine Brust, und ging an Klingsohrs Seite, der
nach der Stadt hinüber sah.
    Wo seid ihr hergekommen? fragte Klingsohr. Über jenen Hügel herunter,
erwiederte Heinrich. In jene Ferne verliert sich unser Weg. - Ihr müsst schöne
Gegenden gesehn haben. - Fast ununterbrochen sind wir durch reizende
Landschaften gereiset. - Auch Eure Vaterstadt hat wohl eine anmutige Lage? -
Die Gegend ist abwechselnd genug; doch ist sie noch wild, und ein grosser Fluss
fehlt ihr. Die Ströme sind die Augen einer Landschaft. - Die Erzählung eurer
Reise, sagte Klingsohr, hat mir gestern Abend eine angenehme Unterhaltung
gewährt. Ich habe wohl gemerkt, dass der Geist der Dichtkunst euer freundlicher
Begleiter ist. Eure Gefährten sind unbemerkt seine Stimmen geworden. In der Nähe
des Dichters bricht die Poesie überall aus. Das Land der Poesie, das romantische
Morgenland, hat euch mit seiner süssen Wehmut begrüsst; der Krieg hat euch in
seiner wilden Herrlichkeit angeredet, und die Natur und Geschichte sind euch
unter der Gestalt eines Bergmanns und eines Einsiedlers begegnet.
    Ihr vergesst das Beste, lieber Meister, die himmlische Erscheinung der Liebe.
Es hängt nur von euch ab, diese Erscheinung mir auf ewig festzuhalten. - Was
meinst du, rief Klingsohr, indem er sich zu Matilden wandte, die eben auf ihn
zukam. Hast du Lust Heinrichs unzertrennliche Gefährtinn zu sein? Wo du bleibst,
bleibe ich auch. Matilde erschrak, sie flog in die Arme ihres Vaters. Heinrich
zitterte in unendlicher Freude. Wird er mich denn ewig geleiten wollen, lieber
Vater? - Frage ihn selbst, sagte Klingsohr gerührt. Sie sah Heinrichen mit der
innigsten Zärtlichkeit an. Meine Ewigkeit ist ja dein Werk, rief Heinrich, indem
ihm die Tränen über die blühenden Wangen stürzten. Sie umschlangen sich
zugleich. Klingsohr fasste sie in seine Arme. Meine Kinder, rief er, seid
einander treu bis in den Tod! Liebe und Treue werden euer Leben zur ewigen
Poesie machen.
 
                                 Achtes Kapitel
Nachmittags führte Klingsohr seinen neuen Sohn, an dessen Glück seine Mutter und
Grossvater den zärtlichsten Anteil nahmen, und Matilden wie seinen Schutzgeist
verehrten, in seine Stube, und machte ihn mit den Büchern bekannt. Sie sprachen
nachher von Poesie. Ich weiss nicht, sagte Klingsohr, warum man es für Poesie
nach gemeiner Weise hält, wenn man die Natur für einen Poeten ausgibt. Sie ist
es nicht zu allen Zeiten. Es ist in ihr, wie in dem Menschen, ein
entgegengesetztes Wesen, die dumpfe Begierde und die stumpfe Gefühllosigkeit und
Trägheit, die einen rastlosen Streit mit der Poesie führen. Er wäre ein schöner
Stoff zu einem Gedicht, dieser gewaltige Kampf. Manche Länder und Zeiten
scheinen, wie die meisten Menschen, ganz unter der Botmässigkeit dieser Feindinn
der Poesie zu stehen, dagegen in andern die Poesie einheimisch und überall
sichtbar ist. Für den Geschichtschreiber sind die Zeiten dieses Kampfes äusserst
merkwürdig, ihre Darstellung ein reizendes und belohnendes Geschäft. Es sind
gewöhnlich die Geburtszeiten der Dichter. Der Widersacherinn ist nichts
unangenehmer, als dass sie der Poesie gegenüber selbst zu einer poetischen Person
wird, und nicht selten in der Hitze die Waffen mit ihr tauscht, und von ihrem
eigenen heimtückischen Geschosse heftig getroffen wird, dahingegen die Wunden
der Poesie, die sie von ihren eigenen Waffen erhält, leicht heilen und sie nur
noch reitzender und gewaltiger machen.
    Der Krieg überhaupt, sagte Heinrich, scheint mir eine poetische Wirkung. Die
Leute glauben sich für irgend einen armseligen Besitz schlagen zu müssen, und
merken nicht, dass sie der romantische Geist aufregt, um die unnützen
Schlechtigkeiten durch sich selbst zu vernichten. Sie führen die Waffen für die
Sache der Poesie, und beide Heere folgen Einer unsichtbaren Fahne.
    Im Kriege, versetzte Klingsohr, regt sich das Urgewässer. Neue Weltteile
sollen entstehen, neue Geschlechter sollen aus der grossen Auflösung anschiessen.
Der wahre Krieg ist der Religionskrieg; der geht gerade zu auf Untergang, und
der Wahnsinn der Menschen erscheint in seiner völligen Gestalt. Viele Kriege,
besonders die vom Nationalhass entspringen, gehören in diese Klasse mit, und sie
sind ächte Dichtungen. Hier sind die wahren Helden zu Hause, die das edelste
Gegenbild der Dichter, nichts anders, als unwillkührlich von Poesie
durchdrungene Weltkräfte sind. Ein Dichter, der zugleich Held wäre, ist schon
ein göttlicher Gesandter, aber seiner Darstellung ist unsere Poesie nicht
gewachsen.
    Wie versteht ihr das, lieber Vater? sagte Heinrich. Kann ein Gegenstand zu
überschwänglich für die Poesie sein?
    Allerdings. Nur kann man im Grunde nicht sagen, für die Poesie, sondern nur
für unsere irdischen Mittel und Werkzeuge. Wenn es schon für einen einzelnen
Dichter nur ein eigentümliches Gebiet gibt, innerhalb dessen er bleiben muss,
um nicht alle Haltung und den Atem zu verlieren: so gibt es auch für die ganze
Summe menschlicher Kräfte eine bestimmte Grenze der Darstellbarkeit, über welche
hinaus die Darstellung die nötige Dichtigkeit und Gestaltung nicht behalten
kann, und in ein leeres täuschendes Unding sich verliert. Besonders als Lehrling
kann man nicht genug sich vor diesen Ausschweifungen hüten, da eine lebhafte
Fantasie nur gar zu gern nach den Grenzen sich begibt, und übermütig das
Unsinnliche, Übermässige zu ergreifen und auszusprechen sucht. Reifere Erfahrung
lehrt erst, jene Unverhältnissmässigkeit der Gegenstände zu vermeiden, und die
Aufspürung des Einfachsten und Höchsten der Weltweisheit zu überlassen. Der
ältere Dichter steigt nicht höher, als er es gerade nötig hat, um seinen
mannichfaltigen Vorrat in eine leichtfassliche Ordnung zu stellen, und hütet
sich wohl, die Mannichfaltigkeit zu verlassen, die ihm Stoff genug und auch die
nötigen Vergleichspunkte darbietet. Ich möchte fast sagen, das Chaos muss in
jeder Dichtung durch den regelmässigen Flor der Ordnung schimmern. Den Reichtum
der Erfindung macht nur eine leichte Zusammenstellung fasslich und anmutig,
dagegen auch das blosse Ebenmaass die unangenehme Dürre einer Zahlenfigur hat. Die
beste Poesie liegt uns ganz nahe, und ein gewöhnlicher Gegenstand ist nicht
selten ihr liebster Stoff. Für den Dichter ist die Poesie an beschränkte
Werkzeuge gebunden, und eben dadurch wird sie zur Kunst. Die Sprache überhaupt
hat ihren bestimmten Kreis. Noch enger ist der Umfang einer besondern
Volkssprache. Durch Übung und Nachdenken lernt der Dichter seine Sprache kennen.
Er weiss, was er mit ihr leisten kann, genau, und wird keinen törichten Versuch
machen, sie über ihre Kräfte anzuspannen. Nur selten wird er alle ihre Kräfte in
Einen Punkt zusammen drängen, denn sonst wird er ermüdend, und vernichtet selbst
die kostbare Wirkung einer gutangebrachten Kraftäusserung. Auf seltsame Sprünge
richtet sie nur ein Gaukler, kein Dichter ab. Überhaupt können die Dichter nicht
genug von den Musikern und Mahlern lernen. In diesen Künsten wird es recht
auffallend, wie nötig es ist, wirtschaftlich mit den Hülfsmitteln der Kunst
umzugehn, und wie viel auf geschickte Verhältnisse ankommt. Dagegen könnten
freilich jene Künstler auch von uns die poetische Unabhängigkeit und den innern
Geist jeder Dichtung und Erfindung, jedes ächten Kunstwerks überhaupt, dankbar
annehmen. Sie sollten poetischer und wir musikalischer und mahlerischer sein -
beides nach der Art und Weise unserer Kunst. Der Stoff ist nicht der Zweck der
Kunst, aber die Ausführung ist es. Du wirst selbst sehen, welche Gesänge dir am
besten geraten, gewiss die, deren Gegenstände dir am geläufigsten und
gegenwärtigsten sind. Daher kann man sagen, dass die Poesie ganz auf Erfahrung
beruht. Ich weiss selbst, dass mir in jungen Jahren ein Gegenstand nicht leicht zu
entfernt und zu unbekannt sein konnte, den ich nicht am liebsten besungen hätte.
Was wurde es? ein leeres, armseliges Wortgeräusch, ohne einen Funken wahrer
Poesie. Daher ist auch ein Mährchen eine sehr schwierige Aufgabe, und selten
wird ein junger Dichter sie gut lösen.
    Ich möchte gern eins von dir hören, sagte Heinrich. Die wenigen, die ich
gehört habe, haben mich unbeschreiblich ergötzt, so unbedeutend sie auch sein
mochten.
    Ich will heute Abend deinen Wunsch befriedigen. Es ist mir Eins erinnerlich,
was ich noch in ziemlich jungen Jahren machte, wovon es auch noch deutliche
Spuren an sich trägt, indes wird es dich vielleicht desto lehrreicher
unterhalten, und dich an manches erinnern, was ich dir gesagt habe.
    Die Sprache, sagte Heinrich, ist wirklich eine kleine Welt in Zeichen und
Tönen. Wie der Mensch sie beherrscht, so möchte er gern die grosse Welt
beherrschen, und sich frei darin ausdrücken können. Und eben in dieser Freude,
das, was ausser der Welt ist, in ihr zu offenbaren, das tun zu können, was
eigentlich der ursprüngliche Trieb unsers Daseins ist, liegt der Ursprung der
Poesie.
    Es ist recht übel, sagte Klingsohr, dass die Poesie einen besondern Namen
hat, und die Dichter eine besondere Zunft ausmachen. Es ist gar nichts
besonderes. Es ist die eigentümliche Handlungsweise des menschlichen Geistes.
Dichtet und trachtet nicht jeder Mensch in jeder Minute? - Eben trat Matilde
in's Zimmer, als Klingsohr noch sagte: Man betrachte nur die Liebe. Nirgends
wird wohl die Notwendigkeit der Poesie zum Bestand der Menschheit so klar, als
in ihr. Die Liebe ist stumm, nur die Poesie kann für sie sprechen. Oder die
Liebe ist selbst nichts, als die höchste Naturpoesie. Doch ich will dir nicht
Dinge sagen, die du besser weisst, als ich.
    Du bist ja der Vater der Liebe, sagte Heinrich, indem er Matilden
umschlang, und beide seine Hand küssten.
    Klingsohr umarmte sie und ging hinaus. Liebe Matilde, sagte Heinrich nach
einem langen Kusse, es ist mir wie ein Traum, dass du mein bist, aber noch
wunderbarer ist mir es, dass du es nicht immer gewesen bist. - Mich dünkt, sagte
Matilde, ich kennte dich seit undenklichen Zeiten. - Kannst du mich denn
lieben? - Ich weiss nicht, was Liebe ist, aber das kann ich dir sagen, dass mir
ist, als finge ich erst jetzt zu leben an, und dass ich dir so gut bin, dass ich
gleich für dich sterben wollte. - Meine Matilde, erst jetzt fühle ich, was es
heisst unsterblich zu sein. - Lieber Heinrich, wie unendlich gut bist du, welcher
herrliche Geist spricht aus dir. Ich bin ein armes, unbedeutendes Mädchen. - Wie
du mich tief beschämst! bin ich doch nur durch dich, was ich bin. Ohne dich wäre
ich nichts. Was ist ein Geist ohne Himmel, und du bist der Himmel, der mich
trägt und erhält. - Welches selige Geschöpf wäre ich, wenn du so treu wärst, wie
mein Vater. Meine Mutter starb kurz nach meiner Geburt; Mein Vater weint fast
alle Tage noch um sie. - Ich verdiene es nicht, aber möchte ich glücklicher
sein, als er. - Ich lebte gern recht lange an deiner Seite, lieber Heinrich. Ich
werde durch dich gewiss viel besser. - Ach! Matilde, auch der Tod wird uns nicht
trennen. - Nein, Heinrich, wo ich bin, wirst du sein. - Ja wo du bist, Matilde,
werd' ich ewig sein. - Ich begreife nichts von der Ewigkeit, aber ich dächte,
das müsste die Ewigkeit sein, was ich empfinde, wenn ich an dich denke. - Ja
Matilde, wir sind ewig weil wir uns lieben. - Du glaubst nicht Lieber, wie
inbrünstig ich heute früh, wie wir nach Hause kamen, vor dem Bilde der
himmlischen Mutter niederkniete, wie unsäglich ich zu ihr gebetet habe. Ich
glaubte in Tränen zu zerfliessen. Es kam mir vor, als lächelte sie mir zu. Nun
weiss ich erst was Dankbarkeit ist. - O Geliebte, der Himmel hat dich mir zur
Verehrung gegeben. Ich bete dich an. Du bist die Heilige, die meine Wünsche zu
Gott bringt, durch die er sich mir offenbart, durch die er mir die Fülle seiner
Liebe kund tut. Was ist die Religion, als ein unendliches Einverständnis, eine
ewige Vereinigung liebender Herzen? Wo zwei versammelt sind, ist er ja unter
ihnen. Ich habe ewig an dir zu atmen; meine Brust wird nie aufhören dich in
sich zu ziehn. Du bist die göttliche Herrlichkeit, das ewige Leben in der
lieblichsten Hülle. - Ach! Heinrich, du weisst das Schicksal der Rosen; wirst du
auch die welken Lippen, die bleichen Wangen mit Zärtlichkeit an deine Lippen
drücken? Werden die Spuren des Alters nicht die Spuren der vorübergegangenen
Liebe sein? - O! könntest du durch meine Augen in mein Gemüt sehn! aber du
liebst mich und so glaubst du mir auch. Ich begreife das nicht, was man von der
Vergänglichkeit der Reitze sagt. O! sie sind unverwelklich. Was mich so
unzertrennlich zu dir zieht, was ein ewiges Verlangen in mir geweckt hat, das
ist nicht aus dieser Zeit. Könntest du nur sehn, wie du mir erscheinst, welches
wunderbare Bild deine Gestalt durchdringt und mir überall entgegen leuchtet, du
würdest kein Alter fürchten. Deine irdische Gestalt ist nur ein Schatten dieses
Bildes. Die irdischen Kräfte ringen und quellen um es festzuhalten, aber die
Natur ist noch unreif; das Bild ist ein ewiges Urbild, ein Teil der unbekannten
heiligen Welt. - Ich verstehe dich, lieber Heinrich, denn ich sehe etwas
Ähnliches, wenn ich dich anschaue. - Ja Matilde, die höhere Welt ist uns näher,
als wir gewöhnlich denken. Schon hier leben wir in ihr, und wir erblicken sie
auf das Innigste mit der irdischen Natur verwebt. - Du wirst mir noch viel
herrliche Sachen offenbaren, Geliebtester. - O! Matilde, von dir allein kommt
mir die Gabe der Weissagung. Alles ist ja dein, was ich habe; deine Liebe wird
mich in die Heiligtümer des Lebens, in das Allerheiligste des Gemüts führen;
du wirst mich zu den höchsten Anschauungen begeistern. Wer weiss, ob unsre Liebe
nicht dereinst noch zu Flammenfittichen wird, die uns aufheben, und uns in unsre
himmlische Heimat tragen, ehe das Alter und der Tod uns erreichen. Ist es nicht
schon ein Wunder, dass du mein bist, dass ich dich in meinen Armen halte, dass du
mich liebst und ewig mein sein willst? - Auch mir ist jetzt alles glaublich, und
ich fühle ja so deutlich eine stille Flamme in mir lodern; wer weiss, ob sie uns
nicht verklärt, und die irdischen Banden allmählich auflöst. Sage mir nur,
Heinrich, ob du auch schon das grenzenlose Vertrauen zu mir hast, was ich zu dir
habe. Noch nie hab' ich so etwas gefühlt, selbst nicht gegen meinen Vater, den
ich doch so unendlich liebe. - Liebe Matilde, es peinigt mich ordentlich, dass
ich dir nicht alles auf einmal sagen, dass ich dir nicht gleich mein ganzes Herz
auf einmal hingeben kann. Es ist auch zum erstenmal in meinem Leben, dass ich
ganz offen bin. Keinen Gedanken, keine Empfindung kann ich vor dir mehr geheim
haben; du musst alles wissen. Mein ganzes Wesen soll sich mit dem deinigen
vermischen. Nur die grenzenloseste Hingebung kann meiner Liebe genügen. In ihr
besteht sie ja. Sie ist ja ein geheimnisvolles Zusammenfliessen unsers geheimsten
und eigentümlichsten Daseins. - Heinrich, so können sich noch nie zwei Menschen
geliebt haben. - Ich kanns nicht glauben. Es gab ja noch keine Matilde. - Auch
keinen Heinrich. - Ach! schwör es mir noch einmal, dass du ewig mein bist; die
Liebe ist eine endlose Wiederholung. - Ja, Heinrich, ich schwöre ewig dein zu
sein, bei der unsichtbaren Gegenwart meiner guten Mutter. - Ich schwöre ewig
dein zu sein, Matilde, so wahr die Liebe die Gegenwart Gottes bei uns ist. Eine
lange Umarmung, unzählige Küsse besiegelten den ewigen Bund des seligen Paars.
 
                                Neuntes Kapitel
Abends waren einige Gäste da; der Grossvater trank die Gesundheit des jungen
Brautpaars, und versprach bald ein schönes Hochzeitfest auszurichten. Was hilft
das lange Zaudern, sagte der Alte. Frühe Hochzeiten, lange Liebe. Ich habe immer
gesehn, dass Ehen, die früh geschlossen wurden, am glücklichsten waren. In
spätern Jahren ist gar keine solche Andacht mehr im Ehestande, als in der
Jugend. Eine gemeinschaftlich genossne Jugend ist ein unzerreissliches Band. Die
Erinnerung ist der sicherste Grund der Liebe. Nach Tische kamen mehrere.
Heinrich bat seinen neuen Vater um die Erfüllung seines Versprechens. Klingsohr
sagte zu der Gesellschaft: Ich habe heute Heinrichen versprochen ein Mährchen zu
erzählen. Wenn ihr es zufrieden seid, so bin ich bereit. - Das ist ein kluger
Einfall von Heinrich, sagte Schwaning. Ihr habt lange nichts von euch hören
lassen. Alle setzten sich um das lodernde Feuer im Kamin. Heinrich sass dicht bei
Matilden, und schlang seinen Arm um sie. Klingsohr begann:
    Die lange Nacht war eben angegangen. Der alte Held schlug an seinen Schild,
dass es weit umher in den öden Gassen der Stadt erklang. Er wiederholte das
Zeichen dreimal. Da fingen die hohen bunten Fenster des Pallastes an von innen
heraus helle zu werden, und ihre Figuren bewegten sich. Sie bewegten sich
lebhafter, je stärker das rötliche Licht ward, das die Gassen zu erleuchten
begann. Auch sah man allmählich die gewaltigen Säulen und Mauern selbst sich
erhellen; Endlich standen sie im reinsten, milchblauen Schimmer, und spielten
mit den sanftesten Farben. Die ganze Gegend ward nun sichtbar, und der
Wiederschein der Figuren, das Getümmel der Spiesse, der Schwerdter, der Schilder,
und der Helme, die sich nach hier und da erscheinenden Kronen, von allen Seiten
neigten, und endlich wie diese verschwanden, und einem schlichten, grünen Kranze
Platz machten, um diesen her einen weiten Kreis schlossen: alles dies spiegelte
sich in dem starren Meere, das den Berg umgab, auf dem die Stadt lag, und auch
der ferne hohe Berggürtel, der sich rund um das Meer herzog, ward bis in die
Mitte mit einem milden Abglanz überzogen. Man konnte nichts deutlich
unterscheiden; doch hörte man ein wunderliches Getöse herüber, wie aus einer
fernen ungeheuren Werkstatt. Die Stadt erschien dagegen hell und klar. Ihre
glatten, durchsichtigen Mauern warfen die schönen Strahlen zurück, und das
vortreffliche Ebenmaass, der edle Styl aller Gebäude, und ihre schöne
Zusammenordnung kam zum Vorschein. Vor allen Fenstern standen zierliche Gefässe
von Ton, voll der mannichfaltigsten Eis- und Schneeblumen, die auf das
anmutigste funkelten.
    Am herrlichsten nahm sich auf dem grossen Platze vor dem Pallaste der Garten
aus, der aus Metallbäumen und Krystallpflanzen bestand, und mit bunten
Edelsteinblüten und Früchten übersäet war. Die Mannichfaltigkeit und
Zierlichkeit der Gestalten, und die Lebhaftigkeit der Lichter und Farben
gewährten das herrlichste Schauspiel, dessen Pracht durch einen hohen
Springquell in der Mitte des Gartens, der zu Eis erstarrt war, vollendet wurde.
Der alte Held ging vor den Toren des Pallastes langsam vorüber. Eine Stimme
rief seinen Namen im Innern. Er lehnte sich an das Tor, das mit einem sanften
Klange sich öffnete, und trat in den Saal. Seinen Schild hielt er vor die Augen.
Hast du noch nichts entdeckt? sagte die schöne Tochter Arcturs, mit klagender
Stimme. Sie lag an seidnen Polstern auf einem Trone, der von einem grossen
Schwefelkrystall künstlich erbaut war, und einige Mädchen rieben ämsig ihre
zarten Glieder, die wie aus Milch und Purpur zusammengeflossen schienen. Nach
allen Seiten strömte unter den Händen der Mädchen das reizende Licht von ihr
aus, was den Pallast so wundersam erleuchtete. Ein duftender Wind wehte im
Saale. Der Held schwieg. Lass mich deinen Schild berühren, sagte sie sanft. Er
näherte sich dem Trone und betrat den köstlichen Teppich. Sie ergriff seine
Hand, drückte sie mit Zärtlichkeit an ihren himmlischen Busen und rührte seinen
Schild an. Seine Rüstung klang, und eine durchdringende Kraft beseelte seinen
Körper. Seine Augen blitzten und das Herz pochte hörbar an den Panzer. Die
schöne Freia schien heiterer, und das Licht ward brennender, das von ihr
ausströmte. Der König kommt, rief ein prächtiger Vogel, der im Hintergrunde des
Trones sass. Die Dienerinnen legten eine himmelblaue Decke über die Prinzessin,
die sie bis über den Busen bedeckte. Der Held senkte seinen Schild und sah nach
der Kuppel hinauf, zu welcher zwei breite Treppen von beiden Seiten des Saals
sich hinauf schlangen. Eine leise Musik ging dem Könige voran, der bald mit
einem zahlreichen Gefolge in der Kuppel erschien und herunter kam.
    Der schöne Vogel entfaltete seine glänzenden Schwingen, bewegte sie sanft
und sang, wie mit tausend Stimmen, dem Könige entgegen:
Nicht lange wird der schöne Fremde säumen.
Die Wärme naht, die Ewigkeit beginnt.
Die Königin erwacht aus langen Träumen,
Wenn Meer und Land in Liebesglut zerrinnt.
Die kalte Nacht wird diese Stätte räumen,
Wenn Fabel erst das alte Recht gewinnt.
In Freias Schoss wird sich die Welt entzünden
Und jede Sehnsucht ihre Sehnsucht finden.
Der König umarmte seine Tochter mit Zärtlichkeit. Die Geister der Gestirne
stellten sich um den Tron, und der Held nahm in der Reihe seinen Platz ein.
Eine unzählige Menge Sterne füllten den Saal in zierlichen Gruppen. Die
Dienerinnen brachten einen Tisch und ein Kästchen, worin eine Menge Blätter
lagen, auf denen heilige tiefsinnige Zeichen standen, die aus lauter
Sternbildern zusammengesetzt waren. Der König küsste ehrfurchtsvoll diese
Blätter, mischte sie sorgfältig untereinander, und reichte seiner Tochter einige
zu. Die andern behielt er für sich. Die Prinzessin zog sie nach der Reihe heraus
und legte sie auf den Tisch, dann betrachtete der König die seinigen genau, und
wählte mit vielem Nachdenken, ehe er eins dazu hinlegte. Zuweilen schien er
gezwungen zu sein, dies oder jenes Blatt zu wählen. Oft aber sah man ihm die
Freude an, wenn er durch ein gutgetroffenes Blatt eine schöne Harmonie der
Zeichen und Figuren legen konnte.
    Wie das Spiel anfing, sah man an allen Umstehenden Zeichen der lebhaftesten
Teilnahme, und die sonderbarsten Mienen und Gebehrden, gleichsam als hätte
jeder ein unsichtbares Werkzeug in Händen, womit er eifrig arbeite. Zugleich
liess sich eine sanfte, aber tief bewegende Musik in der Luft hören, die von den
im Saale sich wunderlich durcheinander schlingenden Sternen, und den übrigen
sonderbaren Bewegungen zu entstehen schien. Die Sterne schwangen sich, bald
langsam bald schnell, in beständig veränderten Linien umher, und bildeten, nach
dem Gange der Musik, die Figuren der Blätter auf das kunstreichste nach. Die
Musik wechselte, wie die Bilder auf dem Tische, unaufhörlich, und so wunderlich
und hart auch die Übergänge nicht selten waren, so schien doch nur Ein einfaches
Tema das Ganze zu verbinden. Mit einer unglaublichen Leichtigkeit flogen die
Sterne den Bildern nach. Sie waren bald alle in Einer grossen Verschlingung, bald
wieder in einzelne Haufen schön geordnet, bald zerstäubte der lange Zug, wie ein
Strahl, in unzählige Funken, bald kam durch immer wachsende kleinere Kreise und
Muster wieder Eine grosse, überraschende Figur zum Vorschein. Die bunten
Gestalten in den Fenstern blieben während dieser Zeit ruhig stehen. Der Vogel
bewegte unaufhörlich die Hülle seiner kostbaren Federn auf die mannichfaltigste
Weise. Der alte Held hatte bisher auch sein unsichtbares Geschäft ämsig
betrieben, als auf einmal der König voll Freuden ausrief: Es wird alles gut.
Eisen, wirf du dein Schwerdt in die Welt, dass sie erfahren, wo der Friede ruht.
Der Held riss das Schwerdt von der Hüfte, stellte es mit der Spitze gen Himmel,
dann ergriff er es und warf es aus dem geöffneten Fenster über die Stadt und das
Eismeer. Wie ein Komet flog es durch die Luft, und schien an dem Berggürtel mit
hellem Klange zu zersplittern, denn es fiel in lauter Funken herunter.
    Zu der Zeit lag der schöne Knabe Eros in seiner Wiege und schlummerte sanft,
während Ginnistan seine Amme die Wiege schaukelte und seiner Milchschwester
Fabel die Brust reichte. Ihr buntes Halstuch hatte sie über die Wiege
ausgebreitet, dass die hellbrennende Lampe, die der Schreiber vor sich stehen
hatte, das Kind mit ihrem Scheine nicht beunruhigen möchte. Der Schreiber
schrieb unverdrossen, sah sich nur zuweilen mürrisch nach den Kindern um, und
schnitt der Amme finstere Gesichter, die ihn gutmütig anlächelte und schwieg.
    Der Vater der Kinder ging immer ein und aus, indem er jedesmal die Kinder
betrachtete und Ginnistan freundlich begrüsste. Er hatte unaufhörlich dem
Schreiber etwas zu sagen. Dieser vernahm ihn genau, und wenn er es aufgezeichnet
hatte, reichte er die Blätter einer edlen, göttergleichen Frau hin, die sich an
einen Altar lehnte, auf welchem eine dunkle Schaale mit klarem Wasser stand, in
welches sie mit heiterm Lächeln blickte. Sie tauchte die Blätter jedesmal
hinein, und wenn sie bei'm Herausziehn gewahr wurde, dass einige Schriften stehen
geblieben und glänzend geworden war, so gab sie das Blatt dem Schreiber zurück,
der es in ein grosses Buch heftete, und oft verdriesslich zu sein schien, wenn
seine Mühe vergeblich gewesen und alles ausgelöscht war. Die Frau wandte sich zu
Zeiten gegen Ginnistan und die Kinder, tauchte den Finger in die Schaale, und
sprützte einige Tropfen auf sie hin, die, sobald sie die Amme, das Kind, oder
die Wiege berührten, in einen blauen Dunst zerrannen, der tausend seltsame
Bilder zeigte, und beständig um sie herzog und sich veränderte. Traf einer davon
zufällig auf den Schreiber, so fielen eine Menge Zahlen und geometrische Figuren
nieder, die er mit vieler Ämsigkeit auf einen Faden zog, und sich zum Zierrat
um den magern Hals hing. Die Mutter des Knaben, die wie die Anmut und
Lieblichkeit selbst aussah, kam oft herein. Sie schien beständig beschäftigt,
und trug immer irgend ein Stück Hausgeräte mit sich hinaus: bemerkte es der
argwöhnische und mit spähenden Blicken sie verfolgende Schreiber, so begann er
eine lange Strafrede, auf die aber kein Mensch achtete. Alle schienen seiner
unnützen Widerreden gewohnt. Die Mutter gab auf einige Augenblicke der kleinen
Fabel die Brust; aber bald ward sie wieder abgerufen, und dann nahm Ginnistan
das Kind zurück, das an ihr lieber zu trinken schien. Auf einmal brachte der
Vater ein zartes eisernes Stäbchen herein, das er im Hofe gefunden hatte. Der
Schreiber besah es und drehte es mit vieler Lebhaftigkeit herum, und brachte
bald heraus, dass es sich von selbst, in der Mitte an einem Faden aufgehängt,
nach Norden drehe. Ginnistan nahm es auch in die Hand, bog es, drückte es,
hauchte es an, und hatte ihm bald die Gestalt einer Schlange gegeben, die sich
nun plötzlich in den Schwanz biss. Der Schreiber ward bald des Betrachtens
überdrüssig. Er schrieb alles genau auf, und war sehr weitläuftig über den
Nutzen, den dieser Fund gewähren könne. Wie ärgerlich war er aber, als sein
ganzes Schreibwerk die Probe nicht bestand, und das Papier weiss aus der Schaale
hervorkam. Die Amme spielte fort. Zuweilen berührte sie die Wiege damit, da fing
der Knabe an wach zu werden, schlug die Decke zurück, hielt die eine Hand gegen
das Licht, und langte mit der Andern nach der Schlange. Wie er sie erhielt,
sprang er rüstig, dass Ginnistan erschrak, und der Schreiber beinah vor Entsetzen
vom Stuhle fiel, aus der Wiege, stand, nur von seinen langen goldernen Haaren
bedeckt, im Zimmer, und betrachtete mit unaussprechlicher Freude das Kleinod,
das sich in seinen Händen nach Norden ausstreckte, und ihn heftig im Innern zu
bewegen schien. Zusehends wuchs er.
    Sophie, sagte er mit rührender Stimme zu der Frau, lass mich aus der Schaale
trinken. Sie reichte sie ihm ohne Anstand, und er konnte nicht aufhören zu
trinken, indem die Schaale sich immer voll zu erhalten schien. Endlich gab er
sie zurück, indem er die edle Frau innig umarmte. Er herzte Ginnistan, und bat
sie um das bunte Tuch, das er sich anständig um die Hüften band. Die kleine
Fabel nahm er auf den Arm. Sie schien unendliches Wohlgefallen an ihm zu haben,
und fing zu plaudern an. Ginnistan machte sich viel um ihn zu schaffen. Sie sah
äusserst reizend und leichtfertig aus, und drückte ihn mit der Innigkeit einer
Braut an sich. Sie zog ihn mit heimlichen Worten nach der Kammertür, aber
Sophie winkte ernstaft und deutete nach der Schlange; da kam die Mutter herein,
auf die er sogleich zuflog und sie mit heissen Tränen bewillkommte. Der
Schreiber war ingrimmig fortgegangen. Der Vater trat herein, und wie er Mutter
und Sohn in stiller Umarmung sah, trat er hinter ihren Rücken zur reitzenden
Ginnistan, und liebkoste ihr. Sophie stieg die Treppe hinauf. Die kleine Fabel
nahm die Feder des Schreibers und fing zu schreiben an. Mutter und Sohn
vertieften sich in ein leises Gespräch, und der Vater schlich sich mit Ginnistan
in die Kammer, um sich von den Geschäften des Tags in ihren Armen zu erholen.
Nach geraumer Zeit kam Sophie zurück. Der Schreiber trat herein. Der Vater kam
aus der Kammer und ging an seine Geschäfte. Ginnistan kam mit glühenden Wangen
zurück. Der Schreiber jagte die kleine Fabel mit vielen Schmähungen von seinem
Sitze, und hatte einige Zeit nötig seine Sachen in Ordnung zu bringen. Er
reichte Sophien die von Fabel vollgeschriebenen Blätter, um sie rein zurück zu
erhalten, geriet aber bald in den äussersten Unwillen, wie Sophie die Schrift
völlig glänzend und unversehrt aus der Schaale zog und sie ihm hinlegte. Fabel
schmiegte sich an ihre Mutter, die sie an die Brust nahm, und das Zimmer
aufputzte, die Fenster öffnete, frische Luft hereinliess und Zubereitungen zu
einem köstlichen Mahle machte. Man sah durch die Fenster die herrlichsten
Aussichten und einen heitern Himmel über die Erde gespannt. Auf dem Hofe war der
Vater in voller Tätigkeit. Wenn er müde war, sah er hinauf ans Fenster, wo
Ginnistan stand, und ihm allerhand Näschereien herunterwarf. Die Mutter und der
Sohn gingen hinaus, um überall zu helfen und den gefassten Entschluss
vorzubereiten. Der Schreiber rührte die Feder, und machte immer eine Fratze,
wenn er genötigt war, Ginnistan um etwas zu fragen, die ein sehr gutes
Gedächtnis hatte, und alles behielt, was sich zutrug. Eros kam bald in schöner
Rüstung, um die das bunte Tuch wie eine Schärpe gebunden war, zurück, und bat
Sophie um Rat, wann und wie er seine Reise antreten solle. Der Schreiber war
vorlaut, und wollte gleich mit einem ausführlichen Reiseplan dienen, aber seine
Vorschläge wurden überhört. Du kannst sogleich reisen; Ginnistan mag dich
begleiten, sagte Sophie; sie weiss mit den Wegen Bescheid, und ist überall gut
bekannt. Sie wird die Gestalt deiner Mutter annehmen, um dich nicht in
Versuchung zu führen. Findest du den König, so denke an mich; dann komme ich um
dir zu helfen.
    Ginnistan tauschte ihre Gestalt mit der Mutter, worüber der Vater sehr
vergnügt zu sein schien; der Schreiber freute sich, dass die beiden fortgingen;
besonders da ihm Ginnistan ihr Taschenbuch zum Abschiede schenkte, worin die
Chronik des Hauses umständlich aufgezeichnet war; nur blieb ihm die kleine Fabel
ein Dorn im Auge, und er hätte, um seiner Ruhe und Zufriedenheit willen, nichts
mehr gewünscht, als dass auch sie unter der Zahl der Abreisenden sein möchte.
Sophie segnete die Niederknieenden ein, und gab ihnen ein Gefäss voll Wasser aus
der Schaale mit; die Mutter war sehr bekümmert. Die kleine Fabel wäre gern
mitgegangen, und der Vater war zu sehr ausser dem Hause beschäftigt, als dass er
lebhaften Anteil hätte nehmen sollen. Es war Nacht, wie sie abreisten, und der
Mond stand hoch am Himmel. Lieber Eros, sagte Ginnistan, wir müssen eilen, dass
wir zu meinem Vater kommen, der mich lange nicht gesehn und so sehnsuchtsvoll
mich überall auf der Erde gesucht hat. Siehst du wohl sein bleiches abgehärmtes
Gesicht? Dein Zeugnis wird mich ihm in der fremden Gestalt kenntlich machen.
Die Liebe ging auf dunkler Bahn
Vom Monde nur erblickt,
Das Schattenreich war aufgetan
Und seltsam aufgeschmückt.
                                       *
Ein blauer Dunst umschwebte sie
Mit einem goldnen Rand,
Und eilig zog die Fantasie
Sie über Strom und Land.
                                       *
Es hob sich ihre volle Brust
In wunderbarem Mut;
Ein Vorgefühl der künft'gen Lust
Besprach die wilde Glut.
                                       *
Die Sehnsucht klagt' und wusst' es nicht,
Dass Liebe näher kam,
Und tiefer grub in ihr Gesicht
Sich hoffnungsloser Gram.
                                       *
Die kleine Schlange blieb getreu:
Sie wies nach Norden hin,
Und beide folgten sorgenfrei
Der schönen Führerin.
                                       *
Die Liebe ging durch Wüstenein
Und durch der Wolken Land,
Trat in den Hof des Mondes ein
Die Tochter an der Hand.
Er sass auf seinem Silbertron,
Allein mit seinem Harm;
Da hört' er seines Kindes Ton,
Und sank in ihren Arm.
                                       *
Eros stand gerührt bei den zärtlichen Umarmungen. Endlich sammelte sich der alte
erschütterte Mann, und bewillkommte seinen Gast. Er ergriff sein grosses Horn und
stiess mit voller Macht hinein. Ein gewaltiger Ruf dröhnte durch die uralte Burg.
Die spitzen Türme mit ihren glänzenden Knöpfen und die tiefen schwarzen Dächer
schwankten. Die Burg stand still, denn sie war auf das Gebirge jenseits des
Meers gekommen. Von allen Seiten strömten seine Diener herzu, deren seltsame
Gestalten und Trachten Ginnistan unendlich ergötzten, und den tapfern Eros nicht
erschreckten. Erstere grüsste ihre alten Bekannten, und alle erschienen vor ihr
mit neuer Stärke und in der ganzen Herrlichkeit ihrer Naturen. Der ungestüme
Geist der Flut folgte der sanften Ebbe. Die alten Orkane legten sich an die
klopfende Brust der heissen leidenschaftlichen Erdbeben. Die zärtlichen
Regenschauer sahen sich nach dem bunten Bogen um, der von der Sonne, die ihn
mehr anzieht, entfernt, bleich da stand. Der rauhe Donner schalt über die
Torheiten der Blitze, hinter den unzähligen Wolken hervor, die mit tausend
Reizen dastanden und die feurigen Jünglinge lockten. Die beiden lieblichen
Schwestern, Morgen und Abend, freuten sich vorzüglich über die beiden
Ankömmlinge. Sie weinten sanfte Tränen in ihren Umarmungen. Unbeschreiblich war
der Anblick dieses wunderlichen Hofstaats. Der alte König konnte sich an seiner
Tochter nicht satt sehen. Sie fühlte sich zehnfach glücklich in ihrer
väterlichen Burg, und ward nicht müde die bekannten Wunder und Seltenheiten zu
beschauen. Ihre Freude war ganz unbeschreiblich, als ihr der König den Schlüssel
zur Schatzkammer und die Erlaubnis gab, ein Schauspiel für Eros darin zu
veranstalten, das ihn so lange unterhalten könnte, bis das Zeichen des Aufbruchs
gegeben würde. Die Schatzkammer war ein grosser Garten, dessen Mannichfaltigkeit
und Reichtum alle Beschreibung übertraf. Zwischen den ungeheuren Wetterbäumen
lagen unzählige Luftschlösser von überraschender Bauart, eins immer köstlicher,
als das Andere. Grosse Heerden von Schäfchen, mit silberweisser, goldner und
rosenfarbner Wolle irrten umher, und die sonderbarsten Tiere belebten den Hayn.
Merkwürdige Bilder standen hie und da, und die festlichen Aufzüge, die seltsamen
Wagen, die überall zum Vorschein kamen, beschäftigten die Aufmerksamkeit
unaufhörlich. Die Beete standen voll der buntesten Blumen. Die Gebäude waren
gehäuft voll von Waffen aller Art, voll der schönsten Teppiche, Tapeten,
Vorhänge, Trinkgeschirre und aller Arten von Geräten und Werkzeugen, in
unübersehlichen Reihen. Auf einer Anhöhe erblickten sie ein romantisches Land,
das mit Städten und Burgen, mit Tempeln und Begräbnissen übersäet war, und alle
Anmut bewohnter Ebenen mit den furchtbaren Reizen der Einöde und schroffer
Felsengegenden vereinigte. Die schönsten Farben waren in den glücklichsten
Mischungen. Die Bergspitzen glänzten wie Lustfeuer in ihren Eis- und
Schneehüllen. Die Ebene lachte im frischesten Grün. Die Ferne schmückte sich mit
allen Veränderungen von Blau, und aus der Dunkelheit des Meeres wehten unzählige
bunte Wimpel von zahlreichen Flotten. Hier sah man einen Schiffbruch im
Hintergrunde, und vorne ein ländliches fröliches Mahl von Landleuten; dort den
schrecklich schönen Ausbruch eines Vulkans, die Verwüstungen des Erdbebens, und
im Vordergrunde ein liebendes Paar unter schattenden Bäumen in den süssesten
Liebkosungen. Abwärts eine fürchterliche Schlacht, und unter ihr ein Teater
voll der lächerlichsten Masken. Nach einer andern Seite im Vordergrunde einen
jugendlichen Leichnam auf der Baare, die ein trostloser Geliebter festielt, und
die weinenden Eltern daneben; im Hintergrunde eine liebliche Mutter mit dem
Kinde an der Brust und Engel sitzend zu ihren Füssen, und aus den Zweigen über
ihrem Haupte herunterblickend. Die Szenen verwandelten sich unaufhörlich, und
flossen endlich in eine grosse geheimnisvolle Vorstellung zusammen. Himmel und
Erde waren in vollem Aufruhr. Alle Schrecken waren losgebrochen. Eine gewaltige
Stimme rief zu den Waffen. Ein entsetzliches Heer von Todtengerippen, mit
schwarzen Fahnen, kam wie ein Sturm von dunkeln Bergen herunter, und griff das
Leben an, das mit seinen jugendlichen Schaaren in der hellen Ebene in muntern
Festen begriffen war, und sich keines Angriffs versah. Es entstand ein
entsetzliches Getümmel, die Erde zitterte; der Sturm brauste, und die Nacht ward
von fürchterlichen Meteoren erleuchtet. Mit unerhörten Grausamkeiten zerriss das
Heer der Gespenster die zarten Glieder der Lebendigen. Ein Scheiterhaufen
türmte sich empor, und unter dem grausenvollsten Geheul wurden die Kinder des
Lebens von den Flammen verzehrt. Plötzlich brach aus dem dunklen Aschenhaufen
ein milchblauer Strom nach allen Seiten aus. Die Gespenster wollten die Flucht
ergreifen, aber die Flut wuchs zusehends, und verschlang die scheusliche Brut.
Bald waren alle Schrecken vertilgt. Himmel und Erde flossen in süsse Musik
zusammen. Eine wunderschöne Blume schwamm glänzend auf den sanften Wogen. Ein
glänzender Bogen schloss sich über die Flut auf welchem göttliche Gestalten auf
prächtigen Tronen, nach beiden Seiten herunter, sassen. Sophie sass zu oberst,
die Schaale in der Hand, neben einem herrlichen Manne, mit einem Eichenkranze um
die Locken, und einer Friedenspalme statt des Szepters in der Rechten. Ein
Lilienblatt bog sich über den Kelch der schwimmenden Blume; die kleine Fabel sass
auf demselben, und sang zur Harfe die süssesten Lieder. In dem Kelche lag Eros
selbst, über ein schönes schlummerndes Mädchen hergebeugt, die ihn fest
umschlungen hielt. Eine kleinere Blüte schloss sich um beide her, so dass sie von
den Hüften an in Eine Blume verwandelt zu sein schienen.
    Eros dankte Ginnistan mit tausend Entzücken. Er umarmte sie zärtlich, und
sie erwiederte seine Liebkosungen. Ermüdet von der Beschwerde des Weges und den
mannichfaltigen Gegenständen, die er gesehen hatte, sehnte er sich nach
Bequemlichkeit und Ruhe. Ginnistan, die sich von dem schönen Jüngling lebhaft
angezogen fühlte, hütete sich wohl des Trankes zu erwähnen, den Sophie ihm
mitgegeben hatte. Sie führte ihn zu einem abgelegenen Bade, zog ihm die Rüstung
aus, und zog selbst ein Nachtkleid an, in welchem sie fremd und verführerisch
aussah. Eros tauchte sich in die gefährlichen Wellen, und stieg berauscht wieder
heraus. Ginnistan trocknete ihn, und rieb seine starken, von Jugendkraft
gespannten Glieder. Er gedachte mit glühender Sehnsucht seiner Geliebten, und
umfasste in süssem Wahne die reitzende Ginnistan. Unbesorgt überliess er sich
seiner ungestümen Zärtlichkeit, und schlummerte endlich nach den wollüstigsten
Genüssen an dem reizenden Busen seiner Begleiterin ein.
    Unterdessen war zu Hause eine traurige Veränderung vorgegangen. Der
Schreiber hatte das Gesinde in eine gefährliche Verschwörung verwickelt. Sein
feindseliges Gemüt hatte längst Gelegenheit gesucht, sich des Hausregiments zu
bemächtigen, und sein Joch abzuschütteln. Er hatte sie gefunden. Zuerst
bemächtigte sich sein Anhang der Mutter, die in eiserne Bande gelegt wurde. Der
Vater ward bei Wasser und Brod ebenfalls hingesetzt. Die kleine Fabel hörte den
Lärm im Zimmer. Sie verkroch sich hinter dem Altare, und wie sie bemerkte, dass
eine Tür an seiner Rückseite verborgen war, so öffnete sie dieselbe mit vieler
Behendigkeit, und fand, dass eine Treppe in ihm hinunterging. Sie zog die Tür
nach sich, und stieg im Dunkeln die Treppe hinunter. Der Schreiber stürzte mit
Ungestüm herein, um sich an der kleinen Fabel zu rächen, und Sophien gefangen zu
nehmen. Beide waren nicht zu finden. Die Schaale fehlte auch, und in seinem
Grimme zerschlug er den Altar in tausend Stücke, ohne jedoch die heimliche
Treppe zu entdecken.
    Die kleine Fabel stieg geraume Zeit. Endlich kam sie auf einen freien Platz
hinaus, der rund herum mit einer prächtigen Colonnade geziert, und durch ein
grosses Tor geschlossen war. Alle Figuren waren hier dunkel. Die Luft war wie
ein ungeheurer Schatten; am Himmel stand ein schwarzer strahlender Körper. Man
konnte alles auf das deutlichste unterscheiden, weil jede Figur einen andern
Anstrich von Schwarz zeigte, und einen lichten Schein hinter sich, warf; Licht
und Schatten schienen hier ihre Rollen vertauscht zu haben. Fabel freute sich in
einer neuen Welt zu sein. Sie besah alles mit kindlicher Neugierde. Endlich kam
sie an das Tor, vor welchem auf einem massiven Postument eine schöne Sphinx
lag.
    Was suchst du? sagte die Sphinx; mein Eigentum, erwiederte Fabel. - Wo
kommst du her? - Aus alten Zeiten; - Du bist noch ein Kind - Und werde ewig ein
Kind sein. - Wer wird dir beistehn? - Ich stehe für mich. Wo sind die
Schwestern, fragte Fabel? - Überall und nirgends, gab die Sphinx zur Antwort. -
Kennst du mich? - noch nicht. - Wo ist die Liebe? - In der Einbildung. - Und
Sophie? - Die Sphinx murmelte unvernehmlich vor sich hin, und rauschte mit den
Flügeln. Sophie und Liebe, rief triumphirend Fabel, und ging durch das Tor. Sie
trat in die ungeheure Höhle, und ging frölich auf die alten Schwestern zu, die
bei der kärglichen Nacht einer schwarzbrennenden Lampe ihr wunderliches Geschäft
trieben. Sie taten nicht, als ob sie den kleinen Gast bemerkten, der mit
artigen Liebkosungen sich geschäftig um sie erzeigte. Endlich krächzte die eine
mit rauhen Worten und scheelem Gesicht: Was willst du hier, Müssiggängerin? wer
hat dich eingelassen? Dein kindisches Hüpfen bewegt die stille Flamme. Das Öl
verbrennt unnützer Weise. Kannst du dich nicht hinsetzen und etwas vornehmen? -
Schöne Base, sagte Fabel, am Müssiggehn ist mir nichts gelegen. Ich musste recht
über eure Türhüterin lachen. Sie hätte mich gern an die Brust genommen, aber
sie musste zu viel gegessen haben, sie konnte nicht aufstehn. Lasst mich vor der
Tür sitzen, und gebt mir etwas zu spinnen; denn hier kann ich nicht gut sehen,
und wenn ich spinne, muss ich singen und plaudern dürfen, und das könnte euch in
euren ernstaften Gedanken stören. - Hinaus sollst du nicht, aber in der
Nebenkammer bricht ein Strahl der Oberwelt durch die Felsritzen, da magst du
spinnen, wenn du so geschickt bist; hier liegen ungeheure Haufen von alten
Enden, die drehe zusammen; aber hüte dich: wenn du saumselig spinnst, oder der
Faden reisst, so schlingen sich die Fäden um dich her und ersticken dich. - Die
Alte lachte hämisch, und spann. Fabel raffte einen Arm voll Fäden zusammen, nahm
Wocken und Spindel, und hüpfte singend in die Kammer. Sie sah durch die Öffnung
hinaus, und erblickte das Sternbild des Phönixes. Froh über das glückliche
Zeichen fing sie an lustig zu spinnen, liess die Kammertür ein wenig offen, und
sang halbleise:
Erwacht in euren Zellen,
Ihr Kinder alter Zeit;
Lasst eure Ruhestellen,
Der Morgen ist nicht weit.
                                       *
Ich spinne eure Fäden
In Einen Faden ein;
Aus ist die Zeit der Fehden.
Ein Leben sollt' ihr sein.
                                       *
Ein jeder lebt in Allen,
Und All' in Jedem auch.
Ein Herz wird in euch wallen,
Von Einem Lebenshauch.
                                       *
Noch seid ihr nichts als Seele,
Nur Traum und Zauberei.
Geht furchtbar in die Höhle
Und neckt die heil'ge Drei.
                                       *
Die Spindel schwang sich mit unglaublicher Behendigkeit zwischen den kleinen
Füssen; während sie mit beiden Händen den zarten Faden drehte. Unter dem Liede
wurden unzählige Lichterchen sichtbar, die aus der Türspalte schlüpften und
durch die Höhle in scheuslichen Larven sich verbreiteten. Die Alten hatten
während der Zeit immer mürrisch fortgesponnen, und auf das Jammergeschrei der
kleinen Fabel gewartet, aber wie entsetzten sie sich, als auf einmal eine
erschreckliche Nase über ihre Schultern guckte, und wie sie sich umsahn, die
ganze Höhle voll der grässlichsten Figuren war, die tausenderlei Unfug trieben.
Sie fuhren in einander, heulten mit fürchterlicher Stimme, und wären vor
Schrecken zu Stein geworden, wenn nicht in diesem Augenblicke der Schreiber in
die Höhle getreten wäre, und eine Alraunwurzel bei sich gehabt hätte. Die
Lichterchen verkrochen sich in die Felsklüfte und die Höhle wurde ganz hell,
weil die schwarze Lampe in der Verwirrung umgefallen und ausgelöscht war. Die
Alten waren froh, wie sie den Schreiber kommen hörten, aber voll Ingrimms gegen
die kleine Fabel. Sie riefen sie heraus, schnarchten sie fürchterlich an und
verboten ihr fortzuspinnen. Der Schreiber schmunzelte höhnisch, weil er die
kleine Fabel nun in seiner Gewalt zu haben glaubte und sagte: Es ist gut, dass du
hier bist und zur Arbeit angehalten werden kannst. Ich hoffe, dass es an
Züchtigungen nicht fehlen soll. Dein guter Geist hat dich hergeführt. Ich
wünsche dir langes Leben und viel Vergnügen. - Ich danke dir für deinen guten
Willen, sagte Fabel; man sieht dir jetzt die gute Zeit an; dir fehlt nur noch
das Stundenglas und die Hippe, so siehst du ganz wie der Bruder meiner schönen
Basen aus. Wenn du Gänsespulen brauchst, so zupfe ihnen nur eine Handvoll zarten
Pflaum aus den Wangen. Der Schreiber schien Miene zu machen, über sie
herzufallen. Sie lächelte und sagte: Wenn dir dein schöner Haarwuchs und dein
geistreiches Auge lieb sind, so nimm dich in Acht; bedenke meine Nägel, du hast
nicht viel mehr zu verlieren. Er wandte sich mit verbissner Wut zu den Alten,
die sich die Augen wischten, und nach ihren Wocken umhertappten. Sie konnten
nichts finden, da die Lampe ausgelöscht war, und ergossen sich in Schimpfreden
gegen Fabel. Lasst sie doch gehn, sprach er tückisch, dass sie euch Taranteln
fange, zur Bereitung eures Öls. Ich wollte euch zu euerm Troste sagen, dass Eros
ohne Rast umherfliegt, und eure Scheere fleissig beschäftigen wird. Seine Mutter,
die euch so oft zwang, die Fäden länger zu spinnen, wird morgen ein Raub der
Flammen. Er kitzelte sich, um zu lachen. Wie er sah, dass Fabel einige Tränen
bei dieser Nachricht vergoss, gab ein Stück von der Wurzel der Alten, und ging
naserümpfend von dannen. Die Schwestern hiessen der Fabel mit zorniger Stimme
Taranteln suchen, ohngeachtet sie noch Öl vorrätig hatten, und Fabel eilte
fort. Sie tat, als öffne sie das Tor, warf es ungestüm wieder zu, und schlich
sich leise nach dem Hintergrunde der Höhle, wo eine Leiter herunter hing. Sie
kletterte schnell hinauf, und kam bald vor eine Falltür, die sich in Arkturs
Gemach öffnete.
Der König sass umringt von seinen Räten, als Fabel erschien. Die nördliche Krone
zierte sein Haupt. Die Lilie hielt er mit der Linken, die Wage in der Rechten.
Der Adler und Löwe sassen zu seinen Füssen. Monarch, sagte die Fabel, indem sie
sich ehrfurchtsvoll vor ihm neigte; Heil deinem festgegründeten Trone! frohe
Botschaft deinem verwundeten Herzen! baldige Rückkehr der Weisheit! Ewiges
Erwachen dem Frieden! Ruhe der rastlosen Liebe! Verklärung des Herzens! Leben
dem Altertum und Gestalt der Zukunft! Der König berührte ihre offene Stirn mit
der Lilie: Was du bittest, sei dir gewährt. - Dreimal werde ich bitten, wenn ich
zum viertenmale komme, so ist die Liebe vor der Tür. Jetzt gieb mir die Leier.
- Eridanus! bringe sie her, rief der König. Rauschend strömte Eridanus von der
Decke, und Fabel zog die Leier aus seinen blinkenden Fluten. Fabel tat einige
weissagende Griffe; der König liess ihr den Becher reichen, aus dem sie nippte und
mit vielen Danksagungen hinweg eilte. Sie glitt in reizenden Bogenschwüngen über
das Eismeer, indem sie fröliche Musik aus den Saiten lockte.
    Das Eis gab unter ihren Tritten die herrlichsten Töne von sich. Der Felsen
der Trauer hielt sie für Stimmen seiner suchenden rückkehrenden Kinder, und
antwortete in einem tausendfachen Echo.
    Fabel hatte bald das Gestade erreicht. Sie begegnete ihrer Mutter, die
abgezehrt und bleich aussah, schlank und ernst geworden war, und in edlen Zügen
die Spuren eines hoffnungslosen Grams, und rührender Treue verriet.
    Was ist aus dir geworden, liebe Mutter? sagte Fabel, du scheinst mir
gänzlich verändert; ohne inneres Anzeichen hätt' ich dich nicht erkannt. Ich
hoffte mich an deiner Brust einmal wieder zu erquicken; ich habe lange nach dir
geschmachtet. Ginnistan liebkoste sie zärtlich, und sah heiter und freundlich
aus. Ich dachte es gleich, sagte sie, dass dich der Schreiber nicht würde
gefangen haben. Dein Anblick erfrischt mich. Es geht mir schlimm und knapp
genug, aber ich tröste mich bald. Vielleicht habe ich einen Augenblick Ruhe.
Eros ist in der Nähe, und wenn er dich sieht, und du ihm vorplauderst, verweilt
er vielleicht einige Zeit. Indes kannst du dich an meine Brust legen; ich will
dir geben, was ich habe. Sie nahm die Kleine auf den Schoss, reichte ihr die
Brust, und fuhr fort, indem sie lächelnd auf die Kleine hinunter sah, die es
sich gut schmecken liess. Ich bin selbst Ursach, dass Eros so wild und unbeständig
geworden ist. Aber mich reut es dennoch nicht, denn jene Stunden, die ich in
seinen Armen zubrachte, haben mich zur Unsterblichen gemacht. Ich glaubte unter
seinen feurigen Liebkosungen zu zerschmelzen. Wie ein himmlischer Räuber schien
er mich grausam vernichten und stolz über sein bebendes Opfer triumphiren zu
wollen. Wir erwachten spät aus dem verbotenen Rausche, in einem sonderbar
vertauschten Zustande. Lange silberweisse Flügel bedeckten seine weissen
Schultern, und die reitzende Fülle und Biegung seiner Gestalt. Die Kraft, die
ihn so plötzlich aus einem Knaben zum Jünglinge quellend getrieben, schien sich
ganz in die glänzenden Schwingen gezogen zu haben, und er war wieder zum Knaben
geworden. Die stille Glut seines Gesichts war in das tändelnde Feuer eines
Irrlichts, der heilige Ernst in verstellte Schalkheit, die bedeutende Ruhe in
kindische Unstätigkeit, der edle Anstand in drollige Beweglichkeit verwandelt.
Ich fühlte mich von einer ernstaften Leidenschaft unwiderstehlich zu dem
mutwilligen Knaben gezogen, und empfand schmerzlich seinen lächelnden Hohn, und
seine Gleichgültigkeit gegen meine rührendsten Bitten. Ich sah meine Gestalt
verändert. Meine sorglose Heiterkeit war verschwunden, und hatte einer traurigen
Bekümmernis, einer zärtlichen Schüchternheit Platz gemacht. Ich hät[tte] mich
mit Eros vor allen Augen verbergen mögen. Ich hatte nicht das Herz in seine
beleidigenden Augen zu sehn, und fühlte mich entsetzlich beschämt und
erniedrigt. Ich hatte keinen andern Gedanken, als ihn, und hätte mein Leben
hingegeben, um ihn von seinen Unarten zu befreien. Ich musste ihn anbeten, so
tief er auch alle meine Empfindungen kränkte.
    Seit der Zeit, wo er sich aufmachte und mir entfloh, so rührend ich auch mit
den heissesten Tränen ihn beschwor, bei mir zu bleiben, bin ich ihm überall
gefolgt. Er scheint es ordentlich darauf anzulegen, mich zu necken. Kaum habe
ich ihn erreicht, so fliegt er tückisch weiter. Sein Bogen richtet überall
Verwüstungen an. Ich habe nichts zu tun, als die Unglücklichen zu trösten, und
habe doch selbst Trost nötig. Ihre Stimmen, die mich rufen, zeigen mir seinen
Weg, und ihre wehmütigen Klagen, wenn ich sie wieder verlassen muss, gehen mir
tief zu Herzen. Der Schreiber verfolgt uns mit entsetzlicher Wut, und rächt
sich an den armen Getroffenen. Die Frucht jener geheimnisvollen Nacht, waren
eine zahlreiche Menge wunderlicher Kinder, die ihrem Grossvater ähnlich sehn, und
nach ihm genannt sind. Geflügelt wie ihr Vater begleiten sie ihn beständig, und
plagen die Armen, die sein Pfeil trifft. Doch da kömmt der fröliche Zug. Ich muss
fort; lebe wohl, süsses Kind. Sei[ne] Nähe erregt meine Leidenschaft. Sei
glücklich in deinem Vorhaben. - Eros zog weiter, ohne Ginnistan, die auf ihn
zueilte, einen zärtlichen Blick zu gönnen. Aber zu Fabel wandte er sich
freundlich, und seine kleinen Begleiter tanzten fröhlich um sie her. Fabel
freute sich, ihren Milchbruder wieder zu sehn, und sang zu ihrer Leier ein
munteres Lied. Eros schien sich besinnen zu wollen und liess den Bogen fallen.
Die Kleinen entschliefen auf dem Rasen. Ginnistan konnte ihn fassen, und er litt
ihre zärtlichen Liebkosungen. Endlich fing Eros auch an zu nicken, schmiegte
sich an Ginnistans Schoss, und schlummerte ein, indem er seine Flügel über sie
ausbreitete. Unendlich froh war die müde Ginnistan, und verwandte kein Auge von
dem holden Schläfer. Während des Gesanges waren von allen Seiten Taranteln zum
Vorschein gekommen, die über die Grashalme ein glänzendes Netz zogen, und
lebhaft nach dem Takte sich an ihren Fäden bewegten. Fabel tröstete nun ihre
Mutter, und versprach ihr baldige Hülfe. Vom Felsen tönte der sanfte Wiederhall
der Musik, und wiegte die Schläfer ein. Ginnistan sprengte aus dem
wohlverwahrten Gefäss einige Tropfen in die Luft, und die anmutigsten Träume
fielen auf sie nieder. Fabel nahm das Gefäss mit und setzte ihre Reise fort. Ihre
Saiten ruhten nicht, und die Taranteln folgten auf schnellgesponnenen Fäden den
bezaubernden Tönen.
    Sie sah bald von weitem die hohe Flamme des Scheiterhaufens, die über den
grünen Wald emporstieg. Traurig sah sie gen Himmel, und freute sich, wie sie
Sophieens blauen Schleier erblickte, der wallend über der Erde schwebte, und auf
ewig die ungeheure Gruft bedeckte. Die Sonne stand feuerrot vor Zorn am Himmel,
die gewaltige Flamme sog an ihrem geraubten Lichte, und so heftig sie es auch an
sich zu halten schien, so ward sie doch immer bleicher und fleckiger. Die Flamme
ward weisser und mächtiger, je fahler die Sonne ward. Sie sog das Licht immer
stärker in sich und bald war die Glorie um das Gestirn des Tages verzehrt und
nur als eine matte, glänzende Scheibe stand es noch da, indem jede neue Regung
des Neides und der Wut den Ausbruch der entfliehenden Lichtwellen vermehrte.
Endlich war nichts von der Sonne mehr übrig, als eine schwarze ausgebrannte
Schlacke, die herunter ins Meer fiel. Die Flamme war über allen Ausdruck
glänzend geworden. Der Scheiterhaufen war verzehrt. Sie hob sich langsam in die
Höhe und zog nach Norden. Fabel trat in den Hof, der verödet aussah; das Haus
war unterdess verfallen. Dornsträuche wuchsen in den Ritzen der Fenstergesimse
und Ungeziefer aller Art kribbelte auf den zerbrochenen Stiegen. Sie hörte im
Zimmer einen entsetzlichen Lärm; der Schreiber und seine Gesellen hatten sich an
dem Flammentode der. Mutter geweidet, waren aber gewaltig erschrocken, wie sie
den Untergang der Sonne wahrgenommen hatten.
    Sie hatten sich vergeblich angestrengt, die Flamme zu löschen, und waren bei
dieser Gelegenheit nicht ohne Beschädigungen geblieben. Der Schmerz und die
Angst presste ihnen entsetzliche Verwünschungen und Klagen aus. Sie erschraken
noch mehr, als Fabel ins Zimmer trat, und stürmten mit wütendem Geschrei auf
sie ein, um an ihr den Grimm auszulassen. Fabel schlüpfte hinter die Wiege, und
ihre Verfolger traten ungestüm in das Gewebe der Taranteln, die sich durch
unzählige Bisse an ihnen rächten. Der ganze Haufen fing nun toll an zu tanzen,
wozu Fabel ein lustiges Lied spielte. Mit vielem Lachen über ihre possierlichen
Fratzen ging sie auf die Trümmer des Altars zu, und räumte sie weg, um die
verborgene Treppe zu finden, auf der sie mit ihrem Tarantelgefolge hinunter
stieg. Die Sphinx fragte: Was kommt plötzlicher, als der Blitz? - Die Rache,
sagte Fabel. - Was ist am vergänglichsten? - Unrechter Besitz. - Wer kennt die
Welt? - Wer sich selbst kennt. - Was ist das ewige Geheimnis? - Die Liebe. - Bei
wem ruht es? - Bei Sophieen. Die Sphinx krümmte sich kläglich, und Fabel trat in
die Höhle.
    Hier bringe ich euch Taranteln, sagte sie zu den Alten, die ihre Lampe
wieder angezündet hatten und sehr ämsig arbeiteten. Sie erschraken, und die eine
lief mit der Scheere auf sie zu, um sie zu erstechen. Unversehens trat sie auf
eine Tarantel, und diese stach sie in den Fuss. Sie schrie erbärmlich. Die andern
wollten ihr zu Hülfe kommen und wurden ebenfalls von den erzürnten Taranteln
gestochen. Sie konnten sich nun nicht an Fabel vergreifen, und sprangen wild
umher. Spinn' uns gleich, riefen sie grimmig der Kleinen zu, leichte
Tanzkleider. Wir können uns in den steifen Röcken nicht rühren, und vergehn fast
vor Hitze, aber mit Spinnensaft musst du den Faden einweichen, dass er nicht
reisst, und wirke Blumen hinein, die im Feuer gewachsen sind, sonst bist du des
Todes. - Recht gern, sagte Fabel und ging in die Nebenkammer.
    Ich will euch drei tüchtige Fliegen verschaffen, sagte sie zu den
Kreuzspinnen, die ihre luftigen Gewebe rund um an der Decke und den Wänden
angeheftet hatten, aber ihr müsst mir gleich drei hübsche, leichte Kleider
spinnen. Die Blumen, die hinein gewirkt werden sollen, will ich auch gleich
bringen. Die Kreuzspinnen waren bereit und fingen rasch zu weben an. Fabel
schlich sich zur Leiter und begab sich zu Arktur. Monarch sagte sie, die Bösen
tanzen, die Guten ruhn. Ist die Flamme angekommen? - Sie ist angekommen, sagte
der König. Die Nacht ist vorbei und das Eis schmilzt. Meine Gattin zeigt sich
von weitem. Meine Feindinn ist versenkt. Alles fängt zu leben an. Noch darf ich
mich nicht sehn lassen, denn allein bin ich nicht König. Bitte was du willst. -
Ich brauche, sagte Fabel, Blumen, die im Feuer gewachsen sind. Ich weiss, du hast
einen geschickten Gärtner, der sie zu ziehen versteht. - Zink, rief der König,
gieb uns Blumen. Der Blumengärtner trat aus der Reihe, holte einen Topf voll
Feuer, und säete glänzenden Samenstaub hinein. Es währte nicht lange, so flogen
die Blumen empor. Fabel sammelte sie in ihre Schürze, und machte sich auf den
Rückweg. Die Spinnen waren fleissig gewesen, und es fehlte nichts mehr, als das
Anheften der Blumen, welches sie sogleich mit vielem Geschmack und Behendigkeit
begannen. Fabel hütete sich wohl die Enden abzureissen, die noch an den
Weberinnen hingen.
    Sie trug die Kleider den ermüdeten Tänzerinnen hin, die triefend von Schweiss
umgesunken waren, und sich einige Augenblicke von der ungewohnten Anstrengung
erholten. Mit vieler Geschicklichkeit entkleidete sie die hagern Schönheiten,
die es an Schmähungen der kleinen Dienerin nicht fehlen liessen, und zog ihnen
die neuen Kleider an, die sehr niedlich gemacht waren und vortrefflich passten.
Sie pries während dieses Geschäftes die Reize und den liebenswürdigen Charakter
ihrer Gebieterinnen, und die Alten schienen ordentlich erfreut über die
Schmeicheleien und die Zierlichkeit des Anzuges. Sie hatten sich unterdess
erholt, und fingen von neuer Tanzlust beseelt wieder an, sich munter
umherzudrehen, indem sie heimtückisch der Kleinen langes Leben und grosse
Belohnungen versprachen. Fabel ging in die Kammer zurück, und sagte zu den
Kreuzspinnen: Ihr könnt nun die Fliegen getrost verzehren, die ich in eure Weben
gebracht habe. Die Spinnen waren so schon ungeduldig über das hin- und
herreissen, da die Enden noch in ihnen waren und die Alten so toll umhersprangen;
sie rannten also hinaus, und fielen über die Tänzerinnen her; diese wollten sich
mit der Scheere verteidigen, aber Fabel hatte sie in aller Stille mitgenommen.
Sie unterlagen also ihren hungrigen Handwerksgenossen, die lange keine so
köstlichen Bissen geschmeckt hatten, und sie bis auf das Mark aussaugten. Fabel
sah durch die Felsenkluft hinaus, und erblickte den Perseus mit dem grossen
eisernen Schilde. Die Scheere flog von selbst dem Schilde zu, und Fabel bat ihn,
Eros Flügel damit zu verschneiden, und dann mit seinem Schilde die Schwestern zu
verewigen, und das grosse Werk zu vollenden.
    Sie verliess nun das unterirdische Reich, und stieg frölich zu Arkturs
Pallaste.
    Der Flachs ist versponnen. Das Leblose ist wieder entseelt. Das Lebendige
wird regieren, und das Leblose bilden und gebrauchen. Das Innere wird offenbart,
und das Äussre verborgen. Der Vorhang wird sich bald heben, und das Schauspiel
seinen Anfang nehmen. Noch einmal bitte ich, dann spinne ich Tage der Ewigkeit.
- Glückliches Kind, sagte der gerührte Monarch, du bist unsre Befreierin. - Ich
bin nichts als Sophiens Pate, sagte die Kleine. Erlaube dass Turmalin, der
Blumengärtner, und Gold mich begleiten. Die Asche meiner Pflegemutter muss ich
sammeln, und der alte Träger muss wieder aufstehn, dass die Erde wieder schwebe
und nicht auf dem Chaos liege.
    Der König rief allen Dreien, und befahl ihnen, die Kleine zu begleiten. Die
Stadt war hell, und auf den Strassen war ein lebhaftes Verkehr. Das Meer brach
sich brausend an der hohlen Klippe, und Fabel fuhr auf des Königs Wagen mit
ihren Begleitern hinüber. Turmalin sammelte sorgfältig die auffliegende Asche.
Sie gingen rund um die Erde, bis sie an den alten Riesen kamen, an dessen
Schultern sie hinunter klimmten. Er schien vom Schlage gelähmt, und konnte kein
Glied rühren. Gold legte ihm eine Münze in den Mund, und der Blumengärtner schob
eine Schüssel unter seine Lenden. Fabel berührte ihm die Augen, und goss das
Gefäss auf seiner Stirn aus. So wie das Wasser über das Auge in den Mund und
herunter über ihn in die Schüssel floss, zuckte ein Blitz des Lebens ihm in allen
Muskeln. Er schlug die Augen auf und hob sich rüstig empor. Fabel sprang zu
ihren Begleitern auf die steigende Erde, und bot ihm freundlich guten Morgen.
Bist du wieder da, liebliches Kind? sagte der Alte; habe ich doch immer von dir
geträumt. Ich dachte immer, du würdest erscheinen, ehe mir die Erde und die
Augen zu schwer würden. Ich habe wohl lange geschlafen. Die Erde ist wieder
leicht, wie sie es immer den Guten war, sagte Fabel. Die alten Zeiten kehren
zurück. In Kurzem bist du wieder unter alten Bekannten. Ich will dir fröliche
Tage spinnen, und an einem Gehülfen soll es auch nicht fehlen, damit du zuweilen
an unsern Freuden Teil nehmen, und im Arm einer Freundinn Jugend und Stärke
einatmen kannst. Wo sind unsere alten Gastfreundinnen, die Hesperiden? - An
Sophiens Seite. Bald wird ihr Garten wieder blühen, und die goldne Frucht
duften. Sie gehen umher und sammeln die schmachtenden Pflanzen.
    Fabel entfernte sich, und eilte dem Hause zu. Es war zu völligen Ruinen
geworden. Epheu umzog die Mauern. Hohe Büsche beschatteten den ehmaligen Hof,
und weiches Moos polsterte die alten Stiegen. Sie trat ins Zimmer. Sophie stand
am Altar, der wieder aufgebaut war. Eros lag zu ihren Füssen in voller Rüstung,
ernster und edler als jemals. Ein prächtiger Kronleuchter hing von der Decke.
Mit bunten Steinen war der Fussboden ausgelegt, und zeigte einen grossen Kreis um
den Altar her, der aus lauter edlen bedeutungsvollen Figuren bestand. Ginnistan
bog sich über ein Ruhebett, worauf der Vater in tiefem Schlummer zu liegen
schien, und weinte. Ihre blühende Anmut war durch einen Zug von Andacht und
Liebe unendlich erhöht. Fabel reichte die Urne, worin die Asche gesammelt war,
der heiligen Sophie, die sie zärtlich umarmte.
    Liebliches Kind, sagte sie, dein Eifer und deine Treue haben dir einen Platz
unter den ewigen Sternen erworben. Du hast das Unsterbliche in dir gewählt. Der
Phönix gehört dir. Du wirst die Seele unsers Lebens sein. Jetzt wecke den
Bräutigam auf. Der Herold ruft, und Eros soll Freia suchen und aufwecken.
    Fabel freute sich unbeschreiblich bei diesen Worten. Sie rief ihren
Begleitern Gold und Zink, und nahte sich dem Ruhebette. Ginnistan sah
erwartungsvoll ihrem Beginnen zu. Gold schmolz die Münze und füllte das
Behältnis, worin der Vater lag, mit einer glänzenden Flut. Zink schlang um
Ginnistans Busen eine Kette. Der Körper schwamm auf den zitternden Wellen. Bücke
dich, liebe Mutter, sagte Fabel, und lege die Hand auf das Herz des Geliebten.
    Ginnistan bückte sich. Sie sah ihr vielfaches Bild. Die Kette berührte die
Flut, ihre Hand sein Herz; er erwachte und zog die entzückte Braut an seine
Brust. Das Metall gerann, und ward ein heller Spiegel. Der Vater erhob sich,
seine Augen blitzten, und so schön und bedeutend auch seine Gestalt war, so
schien doch sein ganzer Körper eine feine unendlich bewegliche Flüssigkeit zu
sein, die jeden Eindruck in den mannigfaltigsten und reitzendsten Bewegungen
verriet.
    Das glückliche Paar näherte sich Sophien, die Worte der Weihe über sie
aussprach, und sie ermahnte, den Spiegel fleissig zu Rate zu ziehn, der alles in
seiner wahren Gestalt zurückwerfe, jedes Blendwerk vernichte, und ewig das
ursprüngliche Bild festalte. Sie ergriff nun die Urne und schüttete die Asche
in die Schaale auf dem Altar. Ein sanftes Brausen verkündigte die Auflösung, und
ein leiser Wind wehte in den Gewändern und Locken der Umstehenden.
    Sophie reichte die Schaale dem Eros und dieser den Andern. Alle kosteten den
göttlichen Trank, und vernahmen die freundliche Begrüssung der Mutter in ihrem
Innern, mit unsäglicher Freude. Sie war jedem gegenwärtig, und ihre
geheimnisvolle Anwesenheit schien alle zu verklären.
    Die Erwartung war erfüllt und übertroffen. Alle merkten, was ihnen gefehlt
habe, und das Zimmer war ein Aufentalt der Seligen geworden. Sophie sagte: das
grosse Geheimnis ist allen offenbart, und bleibt ewig unergründlich. Aus
Schmerzen wird die neue Welt geboren, und in Tränen wird die Asche zum Trank
des ewigen Lebens aufgelöst. In jedem wohnt die himmlische Mutter, um jedes Kind
ewig zu gebären. Fühlt ihr die süsse Geburt im Klopfen eurer Brust?
    Sie goss in den Altar den Rest aus der Schaale hinunter. Die Erde bebte in
ihren Tiefen. Sophie sagte: Eros, eile mit deiner Schwester zu deiner Geliebten.
Bald seht ihr mich wieder.
    Fabel und Eros gingen mit ihrer Begleitung schnell hinweg. Es war ein
mächtiger Frühling über die Erde verbreitet. Alles hob und regte sich. Die Erde
schwebte näher unter dem Schleier. Der Mond und die Wolken zogen mit frölichem
Getümmel nach Norden. Die Königsburg strahlte mit herrlichem Glanze über das
Meer, und auf ihren Zinnen stand der König in voller Pracht mit seinem Gefolge.
Überall erblickten sie Staubwirbel, in denen sich bekannte Gestalten zu bilden
schienen. Sie begegneten zahlreichen Schaaren von Jünglingen und Mädchen, die
nach der Burg strömten, und sie mit Jauchzen bewillkommten. Auf manchen Hügeln
sass ein glückliches eben erwachtes Paar in lang' entbehrter Umarmung, hielt die
neue Welt für einen Traum, und konnte nicht aufhören, sich von der schönen
Wahrheit zu überzeugen.
    Die Blumen und Bäume wuchsen und grünten mit Macht. Alles schien beseelt.
Alles sprach und sang. Fabel grüsste überall alte Bekannte. Die Tiere nahten
sich mit freundlichen Grüssen den erwachten Menschen. Die Pflanzen bewirteten
sie mit Früchten und Düften, und schmückten sie auf das Zierlichste. Kein Stein
lag mehr auf einer Menschenbrust, und alle Lasten waren in sich selbst zu einem
festen Fussboden zusammengesunken. Sie kamen an das Meer. Ein Fahrzeug von
geschliffenem Stahl lag am Ufer festgebunden. Sie traten hinein und lösten das
Tau. Die Spitze richtete sich nach Norden, und das Fahrzeug durchschnitt, wie im
Fluge, die buhlenden Wellen. Lispelndes Schilf hielt seinen Ungestüm auf, und es
stiess leise an das Ufer. Sie eilten die breiten Treppen hinan. Die Liebe
wunderte sich über die königliche Stadt und ihre Reichtümer. Im Hofe sprang der
lebendiggewordne Quell, der Hain bewegte sich mit den süssesten Tönen, und ein
wunderbares Leben schien in seinen heissen Stämmen und Blättern, in seinen
funkelnden Blumen und Früchten zu quellen und zu treiben. Der alte Held empfing
sie an den Toren des Pallastes. Ehrwürdiger Alter, sagte Fabel, Eros bedarf
dein Schwerdt. Gold hat ihm eine Kette gegeben, die mit einem Ende in das Meer
hinunter reicht, und mit dem andern um seine Brust geschlungen ist. Fasse sie
mit mir an, und führe uns in den Saal, wo die Prinzessin ruht. Eros nahm aus der
Hand des Alten das Schwerdt, setzte den Knopf auf seine Brust, und neigte die
Spitze vorwärts. Die Flügeltüren des Saals flogen auf, und Eros nahte sich
entzückt der schlummernden Freia. Plötzlich geschah ein gewaltiger Schlag. Ein
heller Funken fuhr von der Prinzessin nach dem Schwerdte; das Schwerdt und die
Kette leuchteten, der Held hielt die kleine Fabel, die beinah umgesunken wäre.
Eros Helmbusch wallte empor, Wirf das Schwerdt weg, rief Fabel, und erwecke
deine Geliebte. Eros liess das Schwerdt fallen, flog auf die Prinzessin zu, und
küsste feurig ihre süssen Lippen. Sie schlug ihre grossen dunkeln Augen auf, und
erkannte den Geliebten. Ein langer Kuss versiegelte den ewigen Bund.
    Von der Kuppel herunter kam der König mit Sophien an der Hand. Die Gestirne
und die Geister der Natur folgten in glänzenden Reihen. Ein unaussprechlich
heitrer Tag erfüllte den Saal, den Pallast, die Stadt, und den Himmel. Eine
zahllose Menge ergoss sich in den weiten königlichen Saal, und sah mit stiller
Andacht die Liebenden vor dem Könige und der Königinn knieen, die sie feierlich
segneten. Der König nahm sein Diadem vom Haupte, und band es um Eros goldene
Locken. Der alte Held zog ihm die Rüstung ab, und der König warf seinen Mantel
um ihn her. Dann gab er ihm die Lilie in die linke Hand, und Sophie knüpfte ein
köstliches Armband um die verschlungenen Hände der Liebenden, indem sie zugleich
ihre Krone auf Freias braune Haare setzte.
    Heil unsern alten Beherrschern, rief das Volk. Sie haben immer unter uns
gewohnt, und wir haben sie nicht erkannt! Heil uns! Sie werden uns ewig
beherrschen! Segnet uns auch! Sophie sagte zu der neuen Königinn: Wirf du das
Armband eures Bundes in die Luft, dass das Volk und die Welt euch verbunden
bleiben. Das Armband zerfloss in der Luft, und bald sah man lichte Ringe um jedes
Haupt, und ein glänzendes Band zog sich über die Stadt und das Meer und die
Erde, die ein ewiges Fest des Frühlings feierte. Perseus trat herein, und trug
eine Spindel und ein Körbchen. Er brachte dem neuen Könige das Körbchen. Hier,
sagte er, sind die Reste deiner Feinde. Eine steinerne Platte mit schwarzen und
weissen Feldern lag darin, und daneben eine Menge Figuren von Alabaster und
schwarzem Marmor. Es ist ein Schachspiel, sagte Sophie; aller Krieg ist auf
diese Platte und in diese Figuren gebannt. Es ist ein Denkmal der alten trüben
Zeit. Perseus wandte sich zu Fabeln, und gab ihr die Spindel. In deinen Händen
wird diese Spindel uns ewig erfreuen, und aus dir selbst wirst du uns einen
goldnen unzerreisslichen Faden spinnen. Der Phönix flog mit melodischem Geräusch
zu ihren Füssen, spreizte seine Fittiche vor ihr aus, auf die sie sich setzte,
und schwebte mit ihr über den Tron, ohne sich wieder niederzulassen. Sie sang
ein himmlisches Lied, und fing zu spinnen an, indem der Faden aus ihrer Brust
sich hervorzuwinden schien. Das Volk geriet in neues Entzücken, und aller Augen
hingen an dem lieblichen Kinde. Ein neues Jauchzen kam von der Tür her. Der
alte Mond kam mit seinem wunderlichen Hofstaat herein, und hinter ihm trug das
Volk Ginnistan und ihren Bräutigam, wie im Triumph, einher.
    Sie waren mit Blumenkränzen umwunden; die königliche Familie empfing sie mit
der herzlichsten Zärtlichkeit, und das neue Königspaar rief sie zu seinen
Stattaltern auf Erden aus.
    Gönnet mir, sagte der Mond, das Reich der Parzen, dessen seltsame Gebäude
eben auf dem Hofe des Pallastes aus der Erde gestiegen sind. Ich will euch mit
Schauspielen darin ergötzen, wozu die kleine Fabel mir behülflich sein wird.
    Der König willigte in die Bitte, die kleine Fabel nickte freundlich, und das
Volk freute sich auf den seltsamen unterhaltenden Zeitvertreib. Die Hesperiden
liessen zur Tronbesteigung Glück wünschen, und um Schutz in ihren Gärten bitten.
Der König liess sie bewillkommen, und so folgten sich unzählige fröliche
Botschaften. Unterdessen hatte sich unmerklich der Tron verwandelt, und war
ein prächtiges Hochzeitbett geworden, über dessen Himmel der Phönix mit der
kleinen Fabel schwebte. Drei Karyatiden aus dunkelm Porphyr trugen es hinten,
und vorn ruhte dasselbe auf einer Sphinx aus Basalt. Der König umarmte seine
errötende Geliebte, und das Volk folgte dem Beispiel des Königs, und liebkoste
sich unter einander. Man hörte nichts, als zärtliche Namen und ein Kussgeflüster.
Endlich sagte Sophie: Die Mutter ist unter uns, ihre Gegenwart wird uns ewig
beglücken. Folgt uns in unsere Wohnung, in dem Tempel dort werden wir ewig
wohnen, und das Geheimnis der Welt bewahren. Die Fabel spann ämsig, und sang mit
lauter Stimme:
Gegründet ist das Reich der Ewigkeit,
In Lieb' und Frieden endigt sich der Streit,
Vorüber ging der lange Traum der Schmerzen,
Sophie ist ewig Priesterin der Herzen.
 
                          Zweiter Teil: Die Erfüllung
                          Das Kloster, oder der Vorhof
                                    Astralis
An einen Sommermorgen ward ich jung
Da fühlt ich meines eignen Lebens Puls
Zum erstenmal - und wie die Liebe sich
In tiefere Entzückungen verlohr,
Erwacht' ich immer mehr und das Verlangen
Nach innigerer gänzlicher Vermischung
Ward dringender mit jedem Augenblick.
Wollust ist meines Daseins Zeugungskraft.
Ich bin der Mittelpunkt, der heilge Quell,
Aus welchem jede Sehnsucht stürmisch fliesst
Wohin sich jede Sehnsucht, mannichfach
Gebrochen wieder still zusammen zieht.
Ihr kennt mich nicht und saht mich werden -
Wart ihr nicht Zeugen, wie ich noch
Nachtwandler mich zum ersten Male traf
An jenem frohen Abend? Flog euch nicht
Ein süsser Schauer der Entzündung an? -
Versunken lag ich ganz in Honigkelchen.
Ich duftete, die Blume schwankte still
In goldner Morgenluft. Ein innres Quellen
War ich, ein sanftes Ringen, alles floss
Durch mich und über mich und hob mich leise.
Da sank das erste Stäubchen in die Narbe,
Denkt an den Kuss nach aufgehobnen Tisch.
Ich quoll in meine eigne Flut zurück -
Es war ein Blitz - nun konnt ich schon mich regen,
Die zarten Fäden und den Kelch bewegen,
Schnell schossen, wie ich selber mich begann,
Zu irrdischen Sinnen die Gedanken an.
Noch war ich blind, doch schwankten lichte Sterne
Durch meines Wesens wunderbare Ferne,
Nichts war noch nah, ich fand mich nur von weiten,
Ein Anklang alter, so wie künftger Zeiten.
Aus Wehmut, Lieb' und Ahndungen entsprungen
War der Besinnung Wachstum nur ein Flug,
Und wie die Wollust Flammen in mir schlug,
Ward ich zugleich vom höchsten Weh durchdrungen.
Die Welt lag blühend um den hellen Hügel,
Die Worte des Profeten wurden Flügel,
Nicht einzeln mehr nur Heinrich und Matilde
Vereinten Beide sich zu Einem Bilde. -
Ich hob mich nun gen Himmel neugebohren,
Vollendet war das irrdische Geschick
Im seligen Verklärungsaugenblick,
Es hatte nun die Zeit ihr Recht verloren
Und forderte, was sie geliehn, zurück.
Es bricht die neue Welt herein
Und verdunkelt den hellsten Sonnenschein[,]
Man sieht nun aus bemoossten Trümmern
Eine wunderseltsame Zukunft schimmern
Und was vordem alltäglich war
Scheint jetzo fremd und wunderbar.
Eins in allem und alles im Einen
Gottes Bild auf Kräutern und Steinen
Gottes Geist in Menschen und Tieren,
Dies muss man sich zu Gemüte führen.
Keine Ordnung mehr nach Raum und Zeit
Hier Zukunft in der Vergangenheit[.]
Der Liebe Reich ist aufgetan
Die Fabel fängt zu spinnen an.
Das Urspiel jeder Natur beginnt
Auf kräftige Worte jedes sinnt
Und so das grosse Weltgemüt
Überall sich regt und unendlich blüht.
Alles muss in einander greifen
Eins durch das Andre gedeihn und reifen;
Jedes in Allen dar sich stellt
Indem es sich mit ihnen vermischet
Und gierig in ihre Tiefen fällt
Sein eigentümliches Wesen erfrischet
Und tausend neue Gedanken erhält.
Die Welt wird Traum, der Traum wird Welt
Und was man geglaubt, es sei geschehn
Kann man von weiten erst kommen sehn.
Frei soll die Fantasie erst schalten,
Nach ihrem Gefallen die Fäden verweben
Hier manches verschleiern, dort manches entfalten,
Und endlich in magischen Dunst verschweben.
Wehmut und Wollust, Tod und Leben
Sind hier in innigster Sympatie -
Wer sich der höchsten Lieb' ergeben,
Genest von ihren Wunden nie.
Schmerzhaft muss jenes Band zerreissen
Was sich ums innre Auge zieht,
Einmal das treuste Herz verwaisen,
Eh es der trüben Welt entflieht.
Der Leib wird aufgelöst in Tränen,
Zum weiten Grabe wird die Welt,
In das, verzehrt von bangen Sehnen,
Das Herz, als Asche, niederfällt.
Auf dem schmalen Fusssteige, der ins Gebürg hinauflief, ging ein Pilgrimm in
tiefen Gedanken. Mittag war vorbei. Ein starker Wind sauste durch die blaue
Luft. Seine dumpfen mannichfaltigen Stimmen verloren sich, wie sie kamen. War
er vielleicht durch die Gegenden der Kindheit geflogen? Oder durch andre redende
Länder? Es waren Stimmen, deren Echo nach im Innersten klang und dennoch schien
sie der Pilgrimm nicht zu kennen. Er hatte nun das Gebürg erreicht, wo er das
Ziel seiner Reise zu finden hoffte - hoffte? - Er hoffte gar nichts mehr. Die
entsetzliche Angst und dann die trockne Kälte der gleichgültigsten Verzweiflung
trieben ihn die wilden Schrecknisse des Gebürgs aufzusuchen. Der mühselige Gang
beruhigte das zerstörende Spiel der innern Gewalten. Er war matt aber still.
Noch sah er nichts was um ihn her sich allmälich gehäuft hatte, als er sich auf
einen Stein setzte, und den Blick rückwärts wandte. Es dünkte ihm, als träume er
jezt oder habe er geträumt. Eine unübersehliche Herrlichkeit schien sich vor ihm
aufzutun. Bald flossen seine Tränen, indem sein Innres plötzlich brach. Er
wollte sich in die Ferne verweinen, dass auch keine Spur seines Daseins übrig
bliebe. Unter dem heftigen Schluchzen schien er zu sich selbst zu kommen; die
weiche, heitre Luft durchdrang ihn, seinen Sinnen ward die Welt wieder
gegenwärtig und alte Gedanken fiengen tröstlich zu reden an.
Dort lag Augsburg mit seinen Türmen. Fern am Gesichtskreis blinkte der Spiegel
des furchtbaren, geheimnisvollen Stroms. Der ungeheure Wald bog sich mit
tröstlichen Ernst zu dem Wanderer - das gezackte Gebürg ruhte so bedeutend über
der Ebene und beide schienen zu sagen: Eile nur Strom, du entfliehst uns nicht -
Ich will dir folgen mit geflügelten Schiffen. Ich will dich brechen und halten
und dich verschlucken in meinen Schoos. Vertraue du uns Pilgrimm, es ist auch
unser Feind, den wir selbst erzeugten - Lass ihn eilen mit seinem Raub, er
entflieht uns nicht.
Der arme Pilgrimm gedachte der alten Zeiten, und ihrer unsäglichen Entzückungen
- Aber wie matt gingen diese köstlichen Errinnerungen vorüber. Der breite Hut
verdeckte ein jugendliches Gesicht. Es war bleich, wie eine Nachtblume. In
Tränen hatte sich der Balsamsaft des jungen Lebens, in tiefe Seufzer sein
schwellender Hauch verwandelt. In ein fahles Aschgrau waren alle seine Farben
verschossen.
Seitwärts am Gehänge schien ihm ein Mönch unter einem alten Eichbaum zu knieen.
Sollte das der alte Hofkaplan sein? so dachte er bei sich ohne grosse
Verwunderung. Der Mönch kam ihm grösser und ungestalter vor, je näher er zu ihm
trat. Er bemerkte nun seinen Irrtum, denn es war ein einzelner Felsen, über den
sich der Baum herbog. Stillgerührt fasste er den Stein in seine Arme, und drückte
ihn lautweinend an seine Brust: Ach, dass doch jezt deine Reden sich bewährten
und die heilge Mutter ein Zeichen an mir täte. Bin ich doch so ganz elend und
verlassen. Wohnt in meiner Wüste kein Heiliger, der mir sein Gebet liehe? Bete
du, teurer Vater, jezt in diesem Augenblick für mich.
    Wie er so bei sich dachte fieng der Baum an zu zittern. Dumpf dröhnte der
Felsen und wie aus tiefer, unterirrdischer Ferne erhoben sich einige klare
Stimmchen und sangen:
Ihr Herz war voller Freuden
Von Freuden sie nur wusst
Sie wusst von keinem Leiden
Druckts Kindelein an ihr' Brust.
Sie küsst ihm seine Wangen
Sie küsst es mannichfalt,
Mit Liebe ward sie umfangen
Durch Kindleins schöne Gestalt.
Die Stimmchen schienen mit unendlicher Lust zu singen. Sie wiederholten den Vers
einigemal. Es ward alles wieder ruhig und nun hörte der erstaunte Pilger, dass
jemand aus dem Baume sagte:
    Wenn du ein Lied zu meinen Ehren auf deiner Laute spielen wirst, so wird ein
armes Mädchen herfürkommen. Nimm sie mit und lass sie nicht von dir. Gedenke
meiner, wenn du zum Kayser kommst. Ich habe mir diese Stätte ausersehn um mit
meinem Kindlein hier zu wohnen. Lass mir ein starkes, warmes Haus hier bauen.
Mein Kindlein hat den Tod überwunden. Härme dich nicht - Ich bin bei dir. Du
wirst noch eine Weile auf Erden bleiben, aber das Mädchen wird dich trösten, bis
du auch stirbst und zu unsern Freuden eingehst. Es ist Matildens Stimme, rief
der Pilger, und fiel auf seine Kniee, um zu beten. Da drang durch die Aeste ein
langer Strahl zu seinen Augen und er sah durch den Strahl in eine ferne, kleine,
wundersame Herrlichkeit hinein, welche nicht zu beschreiben, noch kunstreich mit
Farben nachzubilden möglich gewesen wäre. Es waren überaus feine Figuren und die
innigste Lust und Freude, ja eine himmlische Glückseligkeit war darin überall
zu schauen, sogar dass die leblosen Gefässe, das Säulwerk, die Teppiche,
Zierraten, kurzum alles was zu sehn war nicht gemacht, sondern, wie ein
vollsaftiges Kraut, aus eigner Lustbegierde also gewachsen und zusammengekommen
zu sein schien. Es waren die schönsten menschlichen Gestalten, die dazwischen
umhergiengen und sich über die Maassen freundlich und holdselig gegen einander
erzeigten. Ganz vorn stand die Geliebte des Pilgers und hatt' es das Ansehn, als
wolle sie mit ihm sprechen. Doch war nichts zu hören und betrachtete der Pilger
nur mit tiefer Sehnsucht ihre anmutigen Züge und wie sie so freundlich und
lächelnd ihm zuwinkte, und die Hand auf ihre linke Brust legte. Der Anblick war
unendlich tröstend und erquickend und der Pilger lag noch lang in seliger
Entzückung, als die Erscheinung wieder hinweggenommen war. Der heilige Strahl
hatte alle Schmerzen und Bekümmernisse aus seinem Herzen gesogen, so dass sein
Gemüt wieder rein und leicht und sein Geist wieder frei und fröhlich war, wie
vordem. Nichts war übriggeblieben, als ein stilles inniges Sehnen und ein
wehmütiger Klang im Aller Innersten. Aber die wilden Qualen der Einsamkeit, die
herbe Pein eines unsäglichen Verlustes, die trübe, entsezliche Leere, die
irrdische Ohnmacht war gewichen, und der Pigrimm sah sich wieder in einer
vollen, bedeutsamen Welt. Stimme und Sprache waren wieder lebendig bei ihm
geworden und es dünkte ihm nunmehr alles viel bekannter und weissagender, als
ehemals, so dass ihm der Tod, wie eine höhere Offenbarung des Lebens, erschien,
und er sein eignes, schnellvorübergehendes Dasein mit kindlicher, heitrer
Rührung betrachtete. Zukunft und Vergangenheit hatten sich in ihm berührt und
einen innigen Verein geschlossen. Er stand weit ausser der Gegenwart und die Welt
ward ihm erst teuer, wie er sie verloren hatte, und sich nur als Fremdling in
ihr fand, der ihre weiten, bunten Säle noch eine kurze Weile durchwandern
sollte. Es war Abend geworden, und die Erde lag vor ihm, wie ein altes, liebes
Wohnhaus, was er nach langer Entfernung verlassen wiederfände. Tausend
Errinnerungen wurden ihm gegenwärtig. Jeder Stein, jeder Baum, jede Anhöhe
wollte wiedergekannt sein. Jedes war das Merkmal einer alten Geschichte.
    Der Pilger ergriff seine Laute und sang:
                                       1
Liebeszähren, Liebesflammen
Fliesst zusammen;
Heiligt diese Wunderstätten,
Wo der Himmel mir erschienen,
Schwärmt um diesen Baum wie Bienen
In unzähligen Gebeten.
                                       2
Er hat froh sie aufgenommen
Als sie kommen,
Sie geschüzt vor Ungewittern;
Sie wird einst in ihrem Garten
Ihn begiessen und ihn warten,
Wunder tun mit seinen Splittern.
                                       3
Auch der Felsen ist gesunken
Freudentrunken
Zu der selgen Mutter Füssen.
Ist die Andacht auch in Steinen
Sollte da der Mensch nicht weinen
Und sein Blut für sie vergiessen?
                                       4
Die Bedrängten müssen ziehen
Und hier knieen,
Alle werden hier genesen.
Keiner wird fortan noch klagen
Alle werden fröhlich sagen:
Einst sind wir betrübt gewesen.
                                       5
Ernste Mauern werden stehen
Auf den Höhen.
In den Tälern wird man rufen
Wenn die schwersten Zeiten kommen,
Keinem sei das Herz beklommen,
Nur hinan zu jenen Stufen.
                                       6
Gottes Mutter und Geliebte
Der Betrübte
Wandelt nun verklärt von hinnen.
Ewge Güte, ewge Milde,
O! ich weiss du bist Matilde
Und das Ziel von meinen Sinnen.
                                       7
Ohne mein verwegnes Fragen
Wirst mir sagen,
Wenn ich zu dir soll gelangen.
Gern will ich in tausend Weisen
Noch der Erde Wunder preisen,
Bis du kommst mich zu umfangen.
                                       8
Alte Wunder, künftige Zeiten
Seltsamkeiten,
Weichet nie aus meinem Herzen.
Unvergesslich sei die Stelle,
Wo des Lichtes heilge Quelle
Weggespült den Traum der Schmerzen.
Unter seinem Gesang war er nichts gewahr worden. Wie er aber aufsah, stand ein
junges Mädchen nah bei ihm am Felsen, die ihn freundlich, wie einen alten
Bekannten, grüsste und ihn einlud mit zu ihrer Wohnung zu gehn, wo sie ihm schon
ein Abendessen zubereitet habe. Er schloss sie zärtlich in seinen Arm. Ihr ganzes
Wesen und Tun war ihm befreundet. Sie bat ihn noch einige Augenblicke zu
verziehn, trat unter den Baum, sah mit einem unaussprechlichen Lächeln hinauf
und schüttete aus ihrer Schürze viele Rosen auf das Gras. Sie kniete still
daneben, stand aber bald wieder auf und führte den Pilger fort. Wer hat dir von
mir gesagt, frug der Pilgrimm. Unsre Mutter. Wer ist deine Mutter? Die Mutter
Gottes. Seit wann bist du hier? Seitdem ich aus dem Grabe gekommen bin? Warst du
schon einmal gestorben? Wie könnt' ich denn leben? Lebst du hier ganz allein?
Ein alter Mann ist zu Hause, doch kenn ich noch viele die gelebt haben. Hast du
Lust, bei mir zu bleiben? Ich habe dich ja lieb. Woher kennst du mich? O! von
alten Zeiten; auch erzählte mir meine ehmalige Mutter zeiter immer von dir?
Hast du noch eine Mutter? Ja, aber es ist eigentlich dieselbe. Wie hiess sie?
Maria. Wer war dein Vater? Der Graf von Hohenzollern. Den kenn' ich auch. Wohl
musst du ihn kennen, denn er ist auch dein Vater. Ich habe ja meinen Vater in
Eysenach? Du hast mehr Eltern. Wo gehn wir denn hin? Immer nach Hause.
    Sie waren jezt auf einen geräumigen Platz im Holze gekommen, auf welchen
einige verfallne Türme hinter tiefen Gräben standen. Junges Gebüsch schlang
sich um die alten Mauern, wie ein jugendlicher Kranz um das Silberhaupt eines
Greises. Man sah in die Unermesslichkeit der Zeiten, und erblickte die weitesten
Geschichten in kleine glänzende Minuten zusammengezogen, wenn man die grauen
Steine, die blitzähnlichen Risse, und die hohen, schaurigen Gestalten
betrachtete. So zeigt uns der Himmel unendliche Räume in dunkles Blau gekleidet
und wie milchfarbne Schimmer, so unschuldig, wie die Wangen eines Kindes, die
fernsten Heere seiner schweren ungeheuren Welten. Sie giengen durch ein altes
Torweg und der Pilger war nicht wenig erstaunt, als er sich nun von lauter
seltenen Gewächsen umringt und die Reitze des anmutigsten Gartens unter diesen
Trümmern versteckt sah. Ein kleines steinernes Häuschen von neuer Bauart mit
grossen hellen Fenstern lag dahinter. Dort stand ein alter Mann hinter den
breitblättrigen Stauden und band die schwanken Zweige an Stäbchen. Den Pilgrimm
führte seine Begleiterinn zu ihm und sagte: Hier ist Heinrich nach den du mich
oft gefragt hast.
    Wie sich der Alte zu ihm wandte, glaubte Heinrich den Bergmann vor sich zu
sehn. Du siehst den Arzt Sylvester, sagte das Mädchen. Sylvester freute sich ihn
zu sehn, und sprach: Es ist eine geraume Zeit her, dass ich deinen Vater eben so
jung bei mir sah. Ich liess es mir damals angelegen sein, ihn mit den Schätzen
der Vorwelt, mit der kostbaren Hinterlassenschaft einer zu früh abgeschiedenen
Welt bekannt zu machen. Ich bemerkte in ihm die Anzeichen eines grossen
Bildkünstlers. Sein Auge regte sich voll Lust ein wahres Auge, ein schaffendes
Werckzeug zu werden. Sein Gesicht zeugte von innrer Festigkeit und ausdauernden
Fleis. Aber die gegenwärtige Welt hatte zu tiefe Wurzeln schon bei ihm
geschlagen. Er wollte nicht Achtung geben auf den Ruf seiner eigensten Natur.
Die trübe Strenge seines vaterländischen Himmels hatte die zarten Spitzen der
edelsten Pflanze in ihn verdorben. Er ward ein geschickter Handwerker und die
Begeisterung ist ihm zur Torheit geworden. Wohl, versezte Heinrich, hab ich in
ihm oft mit Schmerzen einen stillen Missmut bemerkt. Er arbeitet unaufhörlich
aus Gewohnheit und nicht aus innrer Lust. Es scheint ihm etwas zu fehlen, was
die friedliche Stille seines Lebens, die Bequemlichkeiten seines Auskommens, die
Freude sich geehrt und geliebt von seinen Mitbürgern zu sehn und in allen
Stadtangelegenheiten zu Rate gezogen zu werden, ihm nicht ersetzen kann. Seine
Bekannten halten ihn für sehr glücklich, aber sie wissen nicht, wie lebenssatt
er ist, wie leer ihm oft die Welt vorkommt, wie sehnlich er sich hinwegwünscht,
und wie er nicht aus Erwerblust, sondern um diese Stimmung zu verscheuchen, so
fleissig arbeitet.
    Was mich am Meisten wundert, versezte Sylvester, dass er eure Erziehung ganz
in den Händen eurer Mutter gelassen hat und sorgfältig sich gehütet in eure
Entwicklung sich zu mischen oder euch zu irgend einem bestimmten Stande
anzuhalten. Ihr habt von Glück zu sagen, dass ihr habt aufwachsen dürfen, ohne
von euren Eltern die mindeste Beschränkung zu leiden, denn die Meisten Menschen
sind nur Überbleibsel eine[s] vollen Gastmahls, das Menschen von verschiednen
Appetit und Geschmack geplündert haben.
    Ich weis selbst nicht, erwiederte Heinrich, was Erziehung heisst, wenn es
nicht das Leben und die Sinnesweise meiner Eltern ist, oder der Unterricht
meines Lehrers des Hofkaplans. Mein Vater scheint mir, bei aller seiner kühlen
und durchaus festen Denkungsart, die ihn alle Verhältnisse, wie ein Stück Metall
und eine künstliche Arbeit ansehn lässt, doch unwillkührlich und ohne es daher
selbst zu wissen, eine stille Ehrfurcht und Gottesfurcht vor allen
unbegreiflichen und höhern Erscheinungen zu haben, und daher das Aufblühen eines
Kindes mit demütiger Selbstverleugnung zu betrachten. Ein Geist ist hier
geschäftig, der frisch aus der unendlichen Quelle kommt und dieses Gefühl der
Überlegenheit eines Kindes in den allerhöchsten Dingen[,] der unwiderstehliche
Gedanke einer nähern Führung dieses unschuldigen Wesens, das jezt im Begriff
steht eine so bedenkliche Laufbahn anzutreten, bei seinen nähern Schritten, das
Gepräge einer wunderbaren Welt, was noch keine irrdische Flut unkenntlich
gemacht hat, und endlich die Sympatie der Selbst Errinnerung jener fabelhaften
Zeiten, wo die Welt uns heller, freundlicher und seltsamer dünkte und der Geist
der Weissagung fast sichtbar uns begleitete, alles dies hat meinem Vater gewiss
zu der andächtigsten und bescheidensten Behandlung vermocht.
    Lass uns hieher auf die Rasenbank unter die Blumen setzen, unterbrach ihn der
Alte. Zyane wird uns rufen, wenn unser Abendessen bereit ist, und wenn ich euch
bitten darf, so fahrt fort mir von eurem frühern Leben etwas zu erzählen. Wir
Alten hören am liebsten von den Kinderjahren reden, und es dünkt mich, als liesst
ihr mich den Duft einer Blume einziehn, den ich seit meiner Kindheit nicht
wieder eingeatmet hätte. Nur sagt mir noch vorher, wie euch meine Einsiedelei
und mein Garten gefällt, denn diese Blumen sind meine Freundinnen. Mein Herz ist
in diesen Garten. Ihr seht nichts, was mich nicht liebt, und von mir nicht
zärtlich geliebt wird. Ich bin hier mitten unter meinen Kindern und komme mir
vor, wie ein alter Baum, aus dessen Wurzeln diese muntre Jugend ausgeschlagen
sei.
    Glücklicher Vater, sagte Heinrich, euer Garten ist die Welt. Ruinen sind die
Mütter dieser blühenden Kinder. Die bunte, lebendige Schöpfung zieht ihre
Nahrung aus den Trümmern vergangner Zeiten. Aber musste die Mutter sterben, dass
die Kinder gedeihen können, und bleibt der Vater zu ewigen Tränen allein an
ihrem Grabe sitzen?
    Sylvester reichte dem schluchzenden Jünglinge die Hand, und stand auf, um
ihm ein eben aufgeblühtes Vergissmeinnicht zu holen, das er an einem
Zypressenzweig band und ihm brachte. Wunderlich rührte der Abendwind die Wipfel
der Kiefern, die jenseits den Ruinen standen. Ihr dumpfes Brausen tönte herüber.
Heinrich verbarg sein Gesicht in Tränen an dem Halse des guten Sylvester, und
wie er sich wieder erhob, trat eben der Abendstern in voller Glorie über den
Wald herüber.
    Nach einiger Stille fieng Sylvester an: Ich möcht euch wohl in Eysenach
unter euren Gespielen gesehn haben. Eure Eltern, die vortreffliche Landgräfin,
die biedern Nachbarn eures Vaters, und der alte Hofkaplan machen eine schöne
Gesellschaft aus. Ihre Gespräche müssen frühzeitig auf euch gewürkt haben,
besonders da ihr das einzige Kind wart. Auch stell ich mir die Gegend äusserst
anmutig und bedeutsam vor.
    Ich lerne, versezte Heinrich, meine Gegend erst recht kennen, seit ich weg
bin und viele andre Gegenden gesehn habe. Jede Pflanze, jeder Baum, jeder Hügel
und Berg hat seinen besondern Gesichtskreis, seine eigentümliche Gegend. Sie
gehört zu ihm und sein Bau, seine ganze Beschaffenheit wird durch sie erklärt.
Nur das Tier und der Mensch können zu allen Gegenden kommen; Alle Gegenden sind
die Ihrigen. So machen alle zusammen eine grosse Weltgegend, einen unendlichen
Gesichtskreis aus, dessen Einfluss auf den Menschen und das Tier eben so
sichtbar ist, wie der Einfluss der engern Umgebung auf die Pflanze. Daher
Menschen, die viel gereisst sind, Zugvögel und Raubtiere, unter den Übrigen sich
durch besondern Verstand und andre wunderbare Gaben und Arten auszeichnen. Doch
gibt es auch gewiss mehr oder weniger Fähigkeit unter ihnen, von diesen
Weltkreisen und ihrem mannichfaltigen Inhalt und Ordnung gerührt, und gebildet
zu werden. Auch fehlt bei den Menschen wohl manchen die nötige Aufmerksamkeit
und Gelassenheit, um den Wechsel der Gegenstände und ihre Zusammenstellung erst
gehörig zu betrachten, und dann darüber nachzudenken und die nötigen
Vergleichungen anzustellen. Oft fühl ich jezt, wie mein Vaterland meine frühsten
Gedanken mit unvergänglichen Farben angehaucht hat, und sein Bild eine seltsame
Andeutung meines Gemüts geworden ist, die ich immer mehr errate, je tiefer ich
einsehe, dass Schicksal und Gemüt Namen Eines Begriffs sind. Auf mich, sagte
Sylvester, hat freilich die lebendige Natur, die regsame Überkleidung der Gegend
immer am meisten gewirkt. Ich bin nicht müde geworden besonders die verschiedene
Pflanzennatur auf das sorgfältigste zu betrachten. Die Gewächse sind so die
unmittelbarste Sprache des Bodens; Jedes neue Blatt, jede sonderbare Blume ist
irgend ein Geheimnis, was sich hervordrängt und das, weil es sich vor Liebe und
Lust nicht bewegen und nicht zu Worten kommen kann, eine stumme, ruhige Pflanze
wird. Findet man in der Einsamkeit eine solche Blume, ist es da nicht, als wäre
alles umher verklärt und hielten sich die kleinen befiederten Töne am liebsten
in ihrer Nähe auf. Man möchte für Freuden weinen, und abgesondert von der Welt
nur seine Hände und Füsse in die Erde stecken, um Wurzeln zu treiben und nie
diese glückliche Nachbarschaft zu verlassen. Über die ganze trockne Welt ist
dieser grüne, geheimnisvolle Teppich der Liebe gezogen. Mit jedem Frühjahr wird
er erneuert und seine seltsame Schrift ist nur dem Geliebten lesbar wie der
Blumenstraus des Orients. Ewig wird er lesen und ich nicht satt lesen und
täglich neue Bedeutungen, neue entzückendere Offenbarungen der liebenden Natur
gewahr werden. Dieser unendliche Genuss ist der geheime Reitz, den die Begehung
der Erdfläche für mich hat, indem mir jede Gegend andre Rätsel löst, und mich
immer mehr erraten lässt, woher der Weg komme und wohin er gehe.
    Ja, sagte Heinrich, wir haben von Kinderjahren angefangen zu reden, und von
der Erziehung, weil wir in euren Garten waren und die eigentliche Offenbarung
der Kindheit, die unschuldige Blumenwelt, unmercklich in unser Gedächtnis und
auf unsre Lippen die Errinnerung der alten Blumenschaft brachte. Mein Vater ist
auch ein grosser Freund des Gartenlebens und die glücklichsten Stunden seines
Lebens bringt er unter den Blumen zu. Dies hat auch gewiss seinen Sinn für die
Kinder so offen erhalten, da Blumen die Ebenbilder der Kinder sind. Den vollen
Reichtum des unendlichen Lebens, die gewaltigen Mächte der spätern Zeit, die
Herrlichkeit des Weltendes und die goldne Zukunft aller Dinge sehn wir hier noch
innig in einander geschlungen, aber doch auf das deutlichste und klarste in
zarter Verjüngung. Schon treibt die allmächtige Liebe, aber sie zündet noch
nicht. Es ist keine verzehrende Flamme; es ist ein zerrinnender Duft und so
innig die Vereinigung der zärtlichen Seelen auch ist, so ist sie doch von keiner
Heftigen Bewegung und [k]einer fressenden Wut begleitet, wie bei den Tieren.
So ist die Kindheit in der Tiefe zunächst an der Erde, da hingegen die Wolken
vielleicht die Erscheinungen der zweiten, höhern Kindheit, des wiedergefundnen
Paradieses sind, und darum so woltätig auf die Erstere heruntertauen.
    Es ist gewiss etwas sehr geheimnisvolles in den Wolken, sagte Sylvester und
eine gewisse Bewölkung hat oft einen ganz wunderbaren Einfluss auf uns. Sie ziehn
und wollen uns mit ihrem kühlen Schatten auf und davon nehmen und wenn ihre
Bildung lieblich und bunt, wie ein ausgehauchter Wunsch unsers Innern ist, so
ist auch ihre Klarheit, das herrliche Licht, was dann auf Erden herrscht, wie
die Vorbedeutung einer unbekannten, unsäglichen Herrlichkeit. Aber es gibt auch
düstre und ernste und entsezliche Umwölkungen, in denen alle Schreken der alten
Nacht zu drohen scheinen. Nie scheint sich der Himmel wieder aufheitern zu
wollen, das heitre Blau ist vertilgt und ein fahles Kupferrot auf schwarzgrauen
Grunde weckt Grauen und Angst in jeder Brust. Wenn dann die verderblichen
Strahlen herunterzucken und mit höhnischen Gelächter die schmetternden
Donnerschläge hinterdrein fallen, so werden wir bis ins Innerste beängstigt, und
wenn in uns dann nicht das erhabene Gefühl unsrer sittlichen Obermacht entsteht,
so glauben wir den Schrecknissen der Hölle, der Gewalt böser Geister überliefert
zu sein.
    Es sind Nachhalle der alten unmenschlichen Natur, aber auch weckende Stimmen
der höhern Natur, des himmlischen Gewissens in uns. Das Sterbliche dröhnt in
seinen Grundvesten, aber das Unsterbliche fängt heller zu leuchten an und
erkennt sich selbst.
    Wann wird es doch, sagte Heinrich, gar keiner Schrecken, keiner Schmerzen,
keiner Not und keines Übels mehr im Weltall bedürfen?
    Wenn es nur Eine Kraft gibt - die Kraft des Gewissens - Wenn die Natur
züchtig und sittlich geworden ist. Es gibt nur Eine Ursache des Übels - die
allgemeine Schwäche, und diese Schwäche ist nichts, als geringe sittliche
Empfänglichkeit, und Mangel an Reitz der Freiheit.
    Macht mir doch die Natur des Gewissens begreiflich.
    Wenn ich das könnte, so wär ich Gott, denn indem man das Gewissen begreift,
entsteht es. Könnt ihr mir das Wesen der Dichtkunst begreiflich machen?
    Etwas Persönliches lässt sich nicht bestimmt abfragen.
    Wie viel weniger also das Geheimnis der höchsten Unteilbarkeit. Lässt sich
Musik dem Tauben erklären?
    Also wäre der Sinn ein Anteil an der neuen durch ihn eröffneten Welt
selbst? Man verstünde die Sache nur, wenn man sie hätte?
    Das Weltall zerfällt in unendliche, immer von grössern Welten wieder befasste
Welten. Alle Sinne sind am Ende Ein Sinn. Ein Sinn führt wie Eine Welt allmälich
zu allen Welten. Aber alles hat seine Zeit, und seine Weise. Nur die Person des
Weltalls vermag das Verhältnis unsrer Welt einzusehn. Es ist schwer zu sagen, ob
wir innerhalb der sinnlichen Schranken unsers Körpers wirklich unsre Welt mit
neuen Welten, unsre Sinne mit neuen Sinnen vermehren können, oder ob jeder
Zuwachs unsrer Erkenntnis, jede neu erworbene Fähigkeit nur zur Ausbildung
unsers gegenwärtigen Weltsinns zu rechnen ist.
    Vielleicht ist beides Eins, sagte Heinrich. Ich weiss nur so viel, dass für
mich die Fabel Gesamtwerckzeug meiner gegenwärtigen Welt ist. Selbst das
Gewissen, diese Sinn und Weltenerzeugende Macht, dieser Keim aller
Persönlichkeit, erscheint mir, wie der Geist des Weltgedichts, wie der Zufall
der ewigen romantischen Zusammenkunft, des unendlich veränderlichen
Gesamtlebens.
    Werter Pilger, versezte Sylvester, das Gewissen erscheint in jeder ernsten
Vollendung, in jeder gebildeten Wahrheit. Jede durch Nachdenken zu einem
Weltbild ausgearbeitete Neigung und Fertigkeit wird zu einer Erscheinung, zu
einer Verwandlung des Gewissens. Alle Bildung führt zu dem, was man nicht
anders, wie Freiheit nennen kann, ohnerachtet damit nicht ein blosser Begrif,
sondern der schaffende Grund alles Daseins bezeichnet werden soll. Diese
Freiheit ist Meisterschaft. Der Meister übt freie Gewalt nach Absicht und in
bestimmter und überdachter Folge aus. Die Gegenstände seiner Kunst sind sein,
und stehn in seinem Belieben und er wird von ihnen nicht gefesselt oder gehemmt.
Und gerade diese allumfassende Freiheit, Meisterschaft oder Herrschaft ist das
Wesen, der Trieb des Gewissens. In ihm offenbart sich die heilige
Eigentümlichkeit, das unmittelbare Schaffen der Persönlichkeit, und jede
Handlung des Meisters ist zugleich Kundwerdung der hohen, einfachen,
unverwickelten Welt - Gottes Wort.
    Also ist auch das was ehemals, wie mich däucht, Tugendlehre genannt wurde,
nur die Religion, als Wissenschaft, die sogenannte Teologie im eigentlichsten
Sinn? Nur eine Gesetzordnung, die sich zur Gottesverehrung verhält, wie die
Natur zu Gott? Ein Wortbau, eine Gedankenfolge, die die Oberwelt bezeichnet,
vorstellt und sie auf einer gewissen Stufe der Bildung vertritt? Die Religion
für das Vermögen der Einsicht und des Urteils, der Richtspruch, das Gesetz der
Auflösung und Bestimmung aller möglichen Verhältnisse eines persönlichen Wesens?
    Allerdings ist das Gewissen, sagte Sylvester, der eingeborne Mittler jedes
Menschen. Es vertritt die Stelle Gottes auf Erden, und ist daher so Vielen das
höchste und lezte. Aber wie entfernt war die bisherige Wissenschaft, die man
Tugend oder Sittenlehre nannte, von der reinen Gestalt dieses erhabenen,
weitumfassenden persönlichen Gedankens. Das Gewissen ist der Menschen eigenstes
Wesen in voller Verklärung, der himmlische Urmensch. Es ist nicht dies und
jenes, es gebietet nicht in allgemeinen Sprüchen, es besteht nicht aus einzelnen
Tugenden. Es gibt nur Eine Tugend - - den reinen, ernsten Willen, der im
Augenblick der Entscheidung unmittelbar sich entschliesst und wählt. In
lebendiger, eigentümlicher Unteilbarkeit bewohnt es und beseelt es das
zärtliche Sinnbild des menschlichen Körpers, und vermag alle geistigen
Gliedmaassen in die wahrhafteste Tätigkeit zu versetzen.
    O! trefflicher Vater, unterbrach ihn Heinrich, mit welcher Freude erfüllt
mich das Licht, was aus euren Worten ausgeht. Also ist der wahre Geist der Fabel
eine freundliche Verkleidung des Geistes der Tugend, und der eigentliche Zweck
der untergeordneten Dichtkunst die Regsamkeit des höchsten, eigentümlichsten
Daseins. Eine überraschende Selbsteit ist zwischen einem wahrhaften Liede und
einer edeln Handlung. Das müssige Gewissen in einer glatten nicht widerstehenden
Welt wird zum fesselnden Gespräch[,] zur alleserzählenden Fabel. In den Fluren
und Hallen dieser Urwelt lebt der Dichter, und die Tugend ist der Geist seiner
irrdischen Bewegungen und Einflüsse. Sowie diese die unmittelbar wirkende
Gotteit unter den Menschen und das wunderbare Widerlicht der höhern Welt ist,
so ist es auch die Fabel. Wie sicher kann nun der Dichter den Eingebungen seiner
Begeisterung oder wenn auch er einen höhern überirrdischen Sinn hat, höheren
Wesen folgen und sich seinem Berufe mit kindlicher Demut überlassen. Auch in
ihm redet die höhere Stimme des Weltalls und ruft mit bezaubernden Sprüchen in
erfreulichere, bekanntere Welten. Wie sich die Religion zur Tugend verhält, so
die Begeisterung zur Fabellehre, und wenn in heiligen Schriften die Geschichten
der Offenbarung aufbehalten sind, so bildet in den Fabellehren das Leben einer
höhern Welt sich in wunderbarentstandnen Dichtungen auf mannichfache Weise ab.
Fabel und Geschichte begleiten sich in den innigsten Beziehungen auf den
verschlungensten Pfaden und in den seltsamsten Verkleidungen, und die Bibel und
die Fabellehre sind SternBilder Eines Umlaufs.
    Ihr redet völlig wahr, sagte Sylvester, und nun wird es euch wohl
begreiflich sein, dass die ganze Natur nur durch den Geist der Tugend besteht und
immer beständiger werden soll. Er ist das allzündende, allbelebende Licht
innerhalb der irrdischen Umfassung. Vom Sternhimmel, diesem erhabenen Dom des
Steinreichs, bis zu dem krausen Teppich einer bunten Wiese wird alles durch ihn
erhalten, durch ihn mit uns verknüpft, und uns verständlich gemacht, und durch
ihn die unbekannte Bahn der unendlichen Naturgeschichte bis zur Verklärung
fortgeleitet.
    Ja und ihr habt vorher so schön für mich die Tugend an die Religion
angeschlossen. Alles was die Erfahrung und die irrdische Wircksamkeit begreift
macht den Bezirk des Gewissens aus, welches diese Welt mit höhern Welten
verbindet. Bei höhern Sinnen entsteht Religion und was vorher unbegreifliche
Notwendigkeit unserer innersten Natur schien, ein Allgesetz ohne bestimmten
Inhalt, wird nun zu einer wunderbaren, einheimischen unendlich mannichfaltigen
und durchaus befriedigenden Welt, zu einer unbegreiflich innigen Gemeinschaft
aller Seligen in Gott, und zur vernehmlichen, vergötternden Gegenwart des
allerpersönlichsten Wesens, oder seines Willens, seiner Liebe in unserm tiefsten
Selbst.
    Die Unschuld eures Herzens macht euch zum Profeten, erwiederte Sylvester.
Euch wird alles verständlich werden, und die Welt und ihre Geschichte verwandelt
sich euch in die heilige Schrift, sowie ihr an der heiligen Schrift das grosse
Beispiel habt, wie in einfachen Worten und Geschichten das Weltall offenbart
werden kann; wenn auch nicht gerade zu, doch mittelbar durch Anregung und
Erweckung höherer Sinne.
    Mich hat die Beschäftigung mit der Natur dahin geführt, wohin euch die Lust
und Begeisterung der Sprache gebracht hat. Kunst und Geschichte hat mich die
Natur kennen gelehrt. Meine Eltern wohnten in Sizilien unweit dem weltberühmten
Berge Aetna. Ein bequemes Haus von vormaliger Bauart, welches verdeckt von
uralten Kastanienbäumen dicht an den felsigen Ufern des Meers, die Zierde eines
mit mannichfaltigen Gewächsen besezten Gartens ausmachte, war ihre Wohnung. In
der Nähe lagen viele Hütten, in denen sich Fischer[,] Hirten und Winzer
aufhielten. Unsre Kammern und Keller waren mit allem, was das Leben erhält und
erhöht, reichlich versehn und unser Hausgeräte ward durch wohlerdachte Arbeit
auch den verborgenen Sinnen angenehm. Es fehlte auch sonst nicht an
mannichfaltigen Gegenständen, deren Betrachtung und Gebrauch das Gemüt über das
gewöhnliche Leben und seine Bedürfnisse erhoben und es zu einem angemessenern
Zustande vorzubereiten, ihm den lautern Genuss seiner vollen eigentümlichen
Natur zu versprechen und zu gewähren schienen. Man sah steinerne Menschen
Bilder, mit Geschichten bemahlte Gefässe, kleinere Steine mit den deutlichsten
Figuren, und andre Gerätschaften mehr, die aus andern und erfreulicheren Zeiten
zurückgeblieben sein mochten. Auch lagen in Fächern übereinander viele
Pergamentrollen, auf denen in langen Reihen Buchstaben die Kenntnisse und
Gesinnungen, die Geschichten und Gedichte jener Vergangenheit in anmutigen und
künstlichen Ausdrücken bewahrt standen. Der Ruf meines Vaters, den er sich als
ein geschickter Sterndeuter zuwege brachte, zog ihm zahlreiche Anfragen, und
Besuche, selbst aus entlegenern Ländern, zu, und da das Vorwissen der Zukunft
den Menschen eine sehr seltne und köstliche Gabe dünkt, so glaubten sie ihre
Mitteilungen gut belohnen zu müssen, so dass mein Vater durch die erhaltnen
Geschenke in den Stand gesezt wurde, die Kosten seiner bequemen und genussreichen
Lebensart hinreichend bestreiten zu können.
 
                      Tiecks Bericht über die Fortsetzung
Weiter ist der Verfasser nicht in Ausarbeitung dieses zweiten Teils gekommen.
Diesen nannte er die Erfüllung, so wie den ersten Erwartung, weil hier alles
aufgelöst, und erfüllt werden sollte, was jener hatte ahnden lassen. Es war die
Absicht des Dichters, nach Vollendung des Ofterdingen noch sechs Romane zu
schreiben, in denen er seine Ansichten der Physik, des bürgerlichen Lebens, der
Handlung, der Geschichte, der Politik und der Liebe, so wie im Ofterdingen der
Poesie niederlegen wollte. Ohne mein Erinnern wird der unterrichtete Leser sehn,
dass der Verfasser sich in diesem Gedichte nicht genau an die Zeit, oder an die
Person jenes bekannten Minnesängers gebunden hat, obgleich alles an ihn und sein
Zeitalter erinnern soll. Nicht nur für die Freunde des Verfassers, sondern für
die Kunst selbst, ist es ein unersetzlicher Verlust, dass er diesen Roman nicht
hat beendigen können, dessen Originalität und grosse Absicht sich im zweiten
Teile noch mehr als im ersten würde gezeigt haben. Denn es war ihm nicht darum
zu tun, diese oder jene Begebenheit darzustellen, eine Seite der Poesie
aufzufassen, und sie durch Figuren und Geschichten zu erklären, sondern er
wollte, wie auch schon im letzten Kapitel des ersten Teils bestimmt angedeutet
ist, das eigentliche Wesen der Poesie aussprechen und ihre innerste Absicht
erklären. Darum verwandelt sich Natur, Historie, der Krieg und das bürgerliche
Leben mit seinen gewöhnlichsten Vorfällen in Poesie, weil diese der Geist ist,
der alle Dinge belebt.
    Ich will den Versuch machen, so viel es mir aus Gesprächen mit meinem
Freunde erinnerlich ist, und so viel ich aus seinen hinterlassenen Papieren
ersehen kann, dem Leser einen Begriff von dem Plan und dem Inhalte des zweiten
Teiles dieses Werkes zu verschaffen.
    Dem Dichter, welcher das Wesen seiner Kunst im Mittelpunkt ergriffen hat,
erscheint nichts wiedersprechend und fremd, ihm sind die Rätsel gelöst, durch
die Magie der Fantasie kann er alle Zeitalter und Welten verknüpfen, die Wunder
verschwinden und alles verwandelt sich in Wunder: so ist dieses Buch gedichtet,
und besonders findet der Leser in dem Mährchen, welches den ersten Teil
beschliesst, die kühnsten Verknüpfungen; hier sind alle Unterschiede aufgehoben,
durch welche Zeitalter von ein ander getrennt erscheinen, und eine Welt der
andern als feindselig begegnet. Durch dieses Mährchen wollte sich der Dichter
hauptsächlich den Übergang zum zweiten Teile machen, in welchem die Geschichte
unaufhörlich aus dem Gewöhnlichsten in das Wundervollste überschweift, und sich
beides gegenseitig erklärt und ergänzt; der Geist, welcher den Prolog in Versen
hält, sollte nach jedem Kapitel wiederkehren, und diese Stimmung, diese
wunderbare Ansicht der Dinge fortsetzen. Durch dieses Mittel blieb die
unsichtbare Welt mit dieser sichtbaren in ewiger Verknüpfung. Dieser sprechende
Geist ist die Poesie selber, aber zugleich der siderische Mensch, der mit der
Umarmung Heinrichs und Matildens geboren ist. In folgendem Gedichte, welches
seine Stelle im Ofterdingen finden sollte, hat der Verfasser auf die leichteste
Weise den innern Geist seiner Bücher ausgedrückt:
Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen,
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt in's freie Leben,
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu ächter Klarheit werden gatten,
Und man in Mährchen und Gedichten
Erkennt die ewgen Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.
Der Gärtner, welchen Heinrich spricht, ist derselbe alte Mann, der schon einmal
Ofterdingens Vater aufgenommen hatte, das junge Mädchen, welche Cyane heisst, ist
nicht sein Kind, sondern die Tochter des Grafen von Hohenzollern, sie ist aus
dem Morgenlande gekommen, zwar früh, aber doch kann sie sich ihrer Heimat
erinnern, sie hat lange in Gebirgen, in welchen sie von ihrer verstorbenen
Mutter erzogen ist, ein wunderliches Leben geführt: einen Bruder hat sie früh
verloren, einmal ist sie selbst in einem Grabgewölbe dem Tode sehr nahe
gewesen, aber hier hat sie ein alter Arzt auf eine seltsame Weise vom Tode
errettet. Sie ist heiter und freundlich und mit dem Wunderbaren sehr vertraut.
Sie erzählt dem Dichter seine eigene Geschichte, als wenn sie dieselbe einst von
ihrer Mutter so gehört hätte. - Sie schickt ihn nach einem entlegenen Kloster,
dessen Mönche als eine Art von Geisterkolonie erscheinen, alles ist hier wie
eine mystische, magische Loge. Sie sind die Priester des heiligen Feuers in
jungen Gemütern. Er hört den fernen Gesang der Brüder; in der Kirche selbst hat
er eine Vision. Mit einem alten Mönch spricht Heinrich über Tod und Magie, er
hat Ahndungen vom Tode und dem Stein der Weisen; er besucht den Klostergarten
und den Kirchhof; über den leztern findet sich folgendes Gedicht:
Lobt doch unsre stillen Feste,
Unsre Gärten, unsre Zimmer,
Das bequeme Hausgeräte,
Unser Hab' und Gut.
Täglich kommen neue Gäste,
Diese früh, die andern späte,
Auf den weiten Heerden immer
Lodert neue Lebens-Glut.
Tausend zierliche Gefässe
Einst betaut mit tausend Tränen,
Goldne Ringe, Sporen, Schwerdter,
Sind in unserm Schatz:
Viel Kleinodien und Juwelen
Wissen wir in dunkeln Hölen,
Keiner kann den Reichtum zählen,
Zählt' er auch ohn' Unterlass.
Kinder der Vergangenheiten,
Helden aus den grauen Zeiten,
Der Gestirne Riesengeister,
Wunderlich gesellt,
Holde Frauen, ernste Meister,
Kinder und verlebte Greise
Sitzen hier in Einem Kreise,
Wohnen in der alten Welt.
Keiner wird sich je beschweren,
Keiner wünschen fort zu gehen,
Wer an unsern vollen Tischen
Einmal fröhlich sass.
Klagen sind nicht mehr zu hören,
Keine Wunder mehr zu sehen,
Keine Tränen abzuwischen;
Ewig läuft das Stundenglas.
Tiefgerührt von heilger Güte
Und versenkt in selges Schauen
Steht der Himmel im Gemüte,
Wolkenloses Blau;
Lange fliegende Gewande
Tragen uns durch Frühlingsauen,
Und es weht in diesem Lande
Nie ein Lüftchen kalt und rauh.
Süsser Reitz der Mitternächte,
Stiller Kreis geheimer Mächte,
Wollust rätselhafter Spiele,
Wir nur kennen euch.
Wir nur sind am hohen Ziele,
Bald in Strom uns zu ergiessen
Dann in Tropfen zu zerfliessen
Und zu nippen auch zugleich.
Uns ward erst die Liebe, Leben;
Innig wie die Elemente
Mischen wir des Daseins Fluten,
Brausend Herz mit Herz.
Lüstern scheiden sich die Fluten,
Denn der Kampf der Elemente
Ist der Liebe höchstes Leben,
Und des Herzens eignes Herz.
Leiser Wünsche süsses Plaudern
Hören wir allein, und schauen
Immerdar in selge Augen,
Schmecken nichts als Mund und Kuss.
Alles was wir nur berühren
Wird zu heissen Balsamfrüchten,
Wird zu weichen zarten Brüsten,
Opfern kühner Lust.
Immer wächst und blüht Verlangen
Am Geliebten festzuhangen,
Ihn im Innern zu empfangen,
Einst mit ihm zu sein,
Seinem Durste nicht zu wehren,
Sich im Wechsel zu verzehren,
Von einander sich zu nähren,
Von einander nur allein.
So in Lieb' und hoher Wollust
Sind wir immerdar versunken,
Seit der wilde trübe Funken
Jener Welt erlosch;
Seit der Hügel sich geschlossen,
Und der Scheiterhaufen sprühte,
Und dem schauernden Gemüte
Nun das Erdgesicht zerfloss.
Zauber der Erinnerungen,
Heilger Wehmut süsse Schauer
Haben innig uns durchklungen,
Kühlen unsre Glut.
Wunden gibt's, die ewig schmerzen,
Eine göttlich tiefe Trauer
Wohnt in unser aller Herzen,
Löst uns auf in Eine Flut.
Und in dieser Flut ergiessen
Wir uns auf geheime Weise
In den Ozean des Lebens
Tief in Gott hinein;
Und aus seinem Herzen fliessen
Wir zurück zu unserm Kreise,
Und der Geist des höchsten Strebens
Taucht in unsre Wirbel ein.
Schüttelt eure goldnen Ketten
Mit Smaragden und Rubinen,
Und die blanken saubern Spangen,
Blitz und Klang zugleich.
Aus des feuchten Abgrunds Betten,
Aus den Gräbern und Ruinen,
Himmelsrosen auf den Wangen
Schwebt in's bunte Fabelreich.
Könnten doch die Menschen wissen,
Unsre künftigen Genossen,
Dass bei allen ihren Freuden
Wir geschäftig sind:
Jauchzend würden sie verscheiden,
Gern das bleiche Dasein missen, -
O! die Zeit ist bald verflossen,
Kommt Geliebte doch geschwind!
Helft uns nur den Erdgeist binden,
Lernt den Sinn des Todes fassen
Und das Wort des Lebens finden;
Einmal kehrt euch um.
Die Macht muss bald verschwinden,
Dein erborgtes Licht verlassen,
Werden dich in kurzem binden,
Erdgeist, deine Zeit ist um.
Dieses Gedicht war vielleicht wiederum ein Prolog zu einem zweiten Kapitel.
Jetzt sollte sich eine ganz neue Periode des Werkes eröffnen, aus dem stillsten
Tode sollte sich das höchste Leben hervortun; er hat unter Todten gelebt und
selbst mit ihnen gesprochen, das Buch sollte fast dramatisch werden, und der
epische Ton gleichsam nur die einzelnen Szenen verknüpfen und leicht erklären.
Heinrich befindet sich plötzlich in dem unruhigen Italien, das von Kriegen
zerrüttet wird, er sieht sich als Feldherr an der Spitze eines Heeres. Alle
Elemente des Krieges spielen in poetischen Farben; er überfällt mit einem
flüchtigen Haufen eine feindliche Stadt, hier erscheint als Episode die Liebe
eines vornehmen Pisaners zu einem Florentinischen Mädchen. Kriegslieder. »Ein
grosser Krieg, wie ein Zweikampf, durchaus edel, philosophisch, human. Geist der
alten Chevalerie. Ritterspiel. Geist der bacchischen Wehmut. - Die Menschen
müssen sich selbst untereinander tödten, das ist edler als durch das Schicksal
fallen. Sie suchen den Tod. - Ehre, Ruhm ist des Kriegers Lust und Leben. Im
Tode und als Schatten lebt der Krieger. Todeslust ist Kriegergeist. - Auf Erden
ist der Krieg zu Hause. Krieg muss auf Erden sein.« - In Pisa findet Heinrich den
Sohn des Kaisers Friedrich des Zweiten, der sein vertrauter Freund wird. Auch
nach Loretto kömmt er. Mehrere Lieder sollten hier folgen.
    Von einem Sturm wird der Dichter nach Griechenland verschlagen. Die alte
Welt mit ihren Helden und Kunstschätzen erfüllt sein Gemüt. Er spricht mit
einem Griechen über die Moral. Alles wird ihm aus jener Zeit gegenwärtig, er
lernt die alten Bilder und die alte Geschichte verstehn. Gespräche über die
griechischen Staatsverfassungen; über Mytologie.
    Nachdem Heinrich die Heldenzeit und das Altertum hat verstehen lernen,
kommt er nach dem Morgenlande, nach welchem sich von Kindheit auf seine
Sehnsucht gerichtet hatte. Er besucht Jerusalem; er lernt orientalische Gedichte
kennen. Seltsame Begebenheiten mit den Ungläubigen halten ihn in einsamen
Gegenden zurück, er findet die Familie des morgenländischen Mädchens; (s. den
I.T.); die dortige Lebensweise einiger nomadischen Stämme. Persische Mährchen.
Erinnerungen aus der ältesten Welt. Immer sollte das Buch unter den
verschiedensten Begebenheiten denselben Farben-Charakter behalten, und an die
blaue Blume erinnern: durchaus sollten zugleich die entferntesten und
verschiedenartigsten Sagen verknüpft werden, Griechische, orientalische,
biblische und christliche, mit Erinnerungen und Andeutungen der Indischen wie
der nordischen Mytologie. Die Kreuzzüge. Das Seeleben. Heinrich geht nach Rom.
Die Zeit der Römischen Geschichte.
    Mit Erfahrungen gesättigt kehrt Heinrich nach Deutschland zurück. Er findet
seinen Grossvater, einen tiefsinnigen Charakter, Klingsohr ist in seiner
Gesellschaft. Abendgespräche mit den beiden.
    Heinrich begibt sich an den Hof Friedrichs, er lernt den Kaiser persönlich
kennen. Der Hof sollte eine sehr würdige Erscheinung machen, die Darstellung der
besten, grössten und wunderbarsten Menschen aus der ganzen Welt versammelt, deren
Mittelpunkt der Kaiser selbst ist. Hier erscheint die grösste Pracht, und die
wahre grosse Welt. Deutscher Charakter und Deutsche Geschichte werden deutlich
gemacht. Heinrich spricht mit dem Kaiser über Regierung, über Kaisertum, dunkle
Reden von Amerika und Ost-Indien. Die Gesinnungen eines Fürsten. Mystischer
Kaiser. Das Buch de tribus impostoribus.
    Nachdem nun Heinrich auf eine neue und grössere Weise als im ersten Teile,
in der Erwartung, wiederum die Natur, Leben und Tod, Krieg, Morgenland,
Geschichte und Poesie erlebt und erfahren hat, kehrt er wie in eine alte Heimat
in sein Gemüt zurück. Aus dem Verständnis der Welt und seiner selbst entsteht
der Trieb zur Verklärung: die wunderbarste Mährchenwelt tritt nun ganz nahe,
weil das Herz ihrem Verständnis völlig geöffnet ist.
    In der Manessischen Sammlung der Minnesinger finden wir einen ziemlich
unverständlichen Wettgesang des Heinrich von Ofterdingen und Klingsohr mit
andern Dichtern: statt dieses Kampfspieles wollte der Verfasser einen andern
seltsamen poetischen Streit darstellen, den Kampf des guten und bösen Prinzips
in Gesängen der Religion und Irreligion, die unsichtbare Welt der sichtbaren
entgegen gestellt. »In bacchischer Trunkenheit wetten die Dichter aus
Entusiasmus um den Tod.« Wissenschaften werden poetisirt, auch die Matematik
streitet mit. Indianische Pflanzen werden besungen: Indische Mytologie in neuer
Verklärung.
    Dieses ist der lezte Akt Heinrichs auf Erden, der Übergang zu seiner eignen
Verklärung. Dieses ist die Auflösung des ganzen Werks, die Erfüllung des
Mährchens, welches den ersten Teil beschliesst. Auf die übernatürlichste und
zugleich natürlichste Weise wird alles erklärt und vollendet, die Scheidewand
zwischen Fabel und Wahrheit, zwischen Vergangenheit und Gegenwart ist
eingefallen: Glauben, Fantasie, Poesie schliessen die innerste Welt auf.
    Heinrich kommt in Sophieens Land, in eine Natur, wie sie sein könnte, in
eine allegorische, nachdem er mit Klingsohr über einige sonderbare Zeichen und
Ahndungen gesprochen hat. Diese erwachen hauptsächlich bei einem alten Liede,
welches er zufällig singen hört, in welchem ein tiefes Wasser an einer
verborgenen Stelle beschrieben wird. Durch diesen Gesang erwachen
längstvergessene Erinnerungen, er geht nach dem Wasser und findet einen kleinen
goldenen Schlüssel, welchen ihm vor Zeiten ein Rabe geraubt hatte, und den er
niemals hatte wiederfinden können. Diesen Schlüssel hatte ihm bald nach
Matildens Tode ein alter Mann gegeben, mit dem Bedeuten, er solle ihn zum
Kaiser bringen, der würde ihm sagen, was damit zu tun sei. Heinrich geht zum
Kaiser, welcher hocherfreut ist, und ihm eine alte Urkunde gibt, in welcher
geschrieben steht, dass der Kaiser sie einem Manne zum lesen geben sollte,
welcher ihm einst einen goldenen Schlüssel zufällig bringen würde, dieser Mann
würde an einem verborgenen Orte ein altes talismanisches Kleinod, einen
Karfunkel zur Krone finden, zu welchem die Stelle noch leer gelassen sei. Der
Ort selbst ist auch im Pergament beschrieben. - Nach dieser Beschreibung macht
sich Heinrich auf den Weg nach einem Berge, er trifft unterwegs den Fremden, der
ihm und seinen Eltern zuerst von der blauen Blume erzählt hatte, er spricht mit
ihm über die Offenbarung. Er geht in den Berg hinein und Cyane folgt ihm
treulich nach.
    Bald kommt er in jenes wunderbare Land, in welchem Luft und Wasser, Blumen
und Tiere von ganz verschiedener Art sind, als in unsrer irdischen Natur.
Zugleich verwandelt sich das Gedicht stellenweise in ein Schauspiel. »Menschen,
Tiere, Pflanzen, Steine und Gestirne, Elemente, Töne, Farben, kommen zusammen
wie Eine Familie, handeln und sprechen wie Ein Geschlecht.« - »Blumen und Tiere
sprechen über den Menschen.« - »Die Mährchenwelt wird ganz sichtbar, die
wirkliche Welt selbst wird wie ein Mährchen angesehn.« Er findet die blaue
Blume, es ist Matilde, die schläft und den Karfunkel hat, ein kleines Mädchen,
sein und Matildens Kind, sitzt bei einem Sarge, und verjüngt ihn. - »Dieses
Kind ist die Urwelt, die goldne Zeit am Ende.« - »Hier ist die christliche
Religion mit der heidnischen ausgesöhnt, die Geschichte des Orpheus, der Psyche,
und andere werden besungen.« -
    Heinrich pflückt die blaue Blume, und erlöst Matilden von ihrem Zauber,
aber sie geht ihm wieder verloren, er erstarrt im Schmerz und wird ein Stein.
»Edda (die blaue Blume, die Morgenländerinn, Matilde) opfert sich an dem
Steine, er verwandelt sich in einen klingenden Baum. Cyane haut den Baum um, und
verbrennt sich mit ihm, er wird ein goldner Widder. Edda, Matilde muss ihn
opfern, er wird wieder ein Mensch. Während dieser Verwandlungen hat er allerlei
wunderliche Gespräche.«
    Er ist glücklich mit Matilden, die zugleich die Morgenländerinn und Cyane
ist. Das froheste Fest des Gemüts wird gefeiert. Alles vorhergehende war Tod.
Letzter Traum und Erwachen. »Klingsohr kömmt wieder als König von Atlantis.
Heinrichs Mutter ist Fantasie, der Vater ist der Sinn, Schwaning ist der Mond,
der Bergmann ist der Antiquar, auch zugleich das Eisen. Kaiser Friedrich ist
Arktur. Auch der Graf von Hohenzollern und die Kaufleute kommen wieder.« Alles
fliesst in eine Allegorie zusammen. Cyane bringt dem Kaiser den Stein, aber
Heinrich ist nun selbst der Dichter aus jenem Mährchen, welches ihm vordem die
Kaufleute erzählten.
    Das selige Land leidet nur noch von einer Bezauberung, indem es dem Wechsel
der Jahreszeiten unterworfen ist, Heinrich zerstört das Sonnenreich. Mit einem
grossen Gedicht, wovon nur der Anfang aufgeschrieben ist, sollte das ganze Werk
beschlossen werden.
                         Die Vermählung der Jahrszeiten
Tief in Gedanken stand der neue Monarch. Er gedachte
Jezt des nächtlichen Traums, und der Erzählungen auch,
Als er zu erst von der himmlischen Blume gehört und getroffen
Still von der Weissagung, mächtige Liebe gefühlt.
Noch dünkt ihm, er höre die tiefeindringende Stimme,
Eben verliesse der Gast erst den geselligen Kreis
Flüchtige Schimmer des Mondes erhellten die klappernden Fenster
Und in des Jünglings Brust tobe verzehrende Glut.
Edda, sagte der König, was ist des liebenden Herzens
Innigster Wunsch? was ist ihm der unsäglichste Schmerz?
Sag es, wir wollen ihm helfen, die Macht ist unser, und herrlich
Werde die Zeit, nun du wieder den Himmel beglückst.
Wären die Zeiten nicht so ungesellig, verbände
Zukunft mit Gegenwart und mit Vergangenheit sich,
Schlösse Frühling sich an den Herbst, und Sommer an Winter,
Wäre zu spielenden Ernst Jugend mit Alter gepaart:
Dann mein süsser Gemahl versiegte die Quelle der Schmerzen,
Aller Empfindungen Wunsch wäre dem Herzen gewährt.
Also die Königinn; freudig umschlang sie der schöne Geliebte:
Ausgesprochen hast du warlich ein himmlisches Wort,
Was schon längst auf den Lippen der tiefer fühlenden schwebte
Aber den deinigen erst rein und gedeihlich entklang.
Führe man schnell den Wagen herbei, wir holen sie selber
Erstlich die Zeiten des Jahrs, dann auch des Menschengeschlechts.
Sie fahren zur Sonne, und hohlen zuerst den Tag, dann zur Nacht, dann nach
Norden, um den Winter, alsdann nach Süden, um den Sommer zu finden, von Osten
bringen sie den Frühling, von Westen den Herbst. Dann eilen sie zur Jugend, dann
zum Alter, zur Vergangenheit, wie zur Zukunft. -
    Dieses ist, was ich dem Leser aus meinen Erinnerungen, und aus einzelnen
Worten und Winken in den Papieren meines Freundes habe geben können. Die
Ausarbeitung dieser grossen Aufgabe würde ein bleibendes Denkmal einer neuen
Poesie gewesen sein. Ich habe in dieser Anzeige lieber trocken und kurz sein
wollen, als in die Gefahr geraten, von meiner Fantasie etwas hinzuzusetzen.
Vielleicht rührt manchen Leser das Fragmentarische dieser Verse und Worte so wie
mich, der nicht mit einer andächtigern Wehmut ein Stückchen von einem
zertrümmerten Bilde des Raphael oder Correggio betrachten würde.
                                                                           L. T.
 
    