
        
                            Caroline Auguste Fischer
                                Die Honigmonate
                             Von dem Verfasser von
                              Gustavs Verirrungen
                                   Erster Teil
                                   An die Leser
Wie viel Böses man den Leidenschaften auch nachsagen mag; ohne sie scheint es
gleichwohl dem Menschen unmöglich, sich seiner ganzen moralischen Kraft bewusst
zu werden.
    Wer uns demnach irgend eine dieser wohltätigen Feindinnen treu darzustellen
versucht; darf sich schmeicheln, nichts Überflüssiges unternommen zu haben.
    Den Versuch habe ich gewagt; ob er gelungen ist - mögen die Leser
entscheiden.
 
                                  Erster Brief
                              Wilhelmine an Julie
Nimm Dich in Acht! Ich sehe die Eitelkeit im Hinterhalte lauschen. - Hat sich
freilich auf das Beste herausgeputzt, nennt sich Grossmut, Dankbarkeit,
Selbstüberwindung, und was der schönklingenden Titel mehr sind. - Aber noch
einmal sage ich: nimm Dich in Acht! - Gewisse Bäume sind nur zum Abhauen gut;
und gewisse Schäden können nicht mit Honig, sondern nur mit Schierling geheilt
werden. -
    Von mir heute kein Wort. Ich weiss mich zu bescheiden.
 
                                 Zweiter Brief
                              Julie an Wilhelmine
So ernst, meine Wilhelmine? Du könntest mich bange machen. - Grosser Gott! sollte
ich mich täuschen? - Sollte alles vergeblich sein? -
    Aber Geliebte! jeder Mensch hat ja das Bedürfnis, mit sich selbst einig zu
werden. Dieser unglückliche Mann allein sollte es nicht haben? - Ach glaube mir,
meine Einzige! viele Menschen würden gut sein, wenn es ihnen das Schicksal
erlaubte.
    Lass uns gestehen, dies war bis jetzt Oliviers Fall. Mit dem französischen
Leichtsinne geboren, von seinen Ältern verzärtelt, von den Weibern wechselweise
gemissbraucht und vergöttert, durch seine unersättliche Begierde nach Genuss ins
tiefste Elend gestürzt, nun bei dem gänzlichen Mangel an Ergebung gezwungen alle
Mittel zum Emporkommen wieder zu gebrauchen. - Sage, wie konnte es anders sein?
-
 
                                 Dritter Brief
                              Wilhelmine an Julie
Ey! liebes Kind, davon ist ja gar nicht die Rede! Wer sagt Dir denn, dass sich
das alles nicht ganz vortreflich erklären lasse? - Es frägt sich nur, ob es der
Mühe lohne einen Mohren zu waschen? - und ob man nachher, schwarz oder weiss, mit
ihm vorlieb nehmen wolle? - Das bedenke, mein Täubchen, und lass Dich nicht
blenden.
    Ich weiss recht gut, die Frau Mutter wird alles dazu beitragen. Aus welchen
Gründen? - ist nicht schwer zu erraten. - Mit einem Worte! man will Dich
verhandeln, und zwar so bald und so teuer wie möglich. Ach dass Dein Vater nicht
mehr lebt! es wäre nie dahin gekommen! -
 
                                 Vierter Brief
                              Julie an Wilhelmine
O mein unvergesslicher Vater! Wilhelmine! es war hart, mich daran zu erinnern.
Ach wohl war es damals ganz anders! - Meine Mutter war milder und ich war
glücklicher. Ich weiss nicht - es ist seit einiger Zeit so viel Bitteres in ihrem
Wesen - und doch verdopple ich meine Aufmerksamkeit, suche ihre leisesten
Wünsche zu erraten. - Ach ist es denn meine Schuld, dass wir nicht mehr reich
sind? Gott weiss es! ich gebrauche ja so wenig, und arbeite vom Morgen bis in die
sinkende Nacht.
 
                                 Fünfter Brief
                              Wilhelmine an Julie
Ob es Deine Schuld ist? - Du reines unschuldiges Herz! Siehst Du denn nicht, was
ihr fehlt? - Alle ihre ausgeworfenen Netze zieht sie leer wieder zurück; während
Du köstliche Lilie, ohne es zu wissen und zu wollen, alles um Dich her
versammlest. Und dieser verderbten Frau wolltest Du Dich aufopfern? Dich einem
Mann hingeben, der Dich nicht einmal begreift! Dich nimmt, weil Du ein Weib
bist, und Deinen heiligen Kindersinn, den er jetzt nur duldet, einst auf das
schändlichste verspotten und missbrauchen wird.
    Julie! lass Dir raten! - sorge doch nicht für die Zukunft! Was mein ist ja
Dein! und wie oft soll ich Dir es wiederholen? ich heurate nicht, und wenn mein
Herr Vater das ganze Haus umkehrt. -
 
                                 Sechster Brief
                              Julie an Wilhelmine
Was denkt meine Wilhelmine von mir? - Ich sollte Schuld sein, dass eins der
reizendsten Mädchen einsam verblühte? - dass es einen glücklichen Mann weniger in
der Welt gäbe? - Nimmermehr! Auch ist das alles Schwärmerei. Weisst Du noch, wie
wir einmal beide ins Kloster wollten? - Ach sage was Du willst! sind wir mit
einem Mann nicht glücklich, ohne ihn sind wir es noch weniger.
    Bedarfst Du keiner Stütze, keines Schutzes? Bedarfst Du nicht der
Mutterfreuden, und gewiss auch der Mutterleiden, um ganz gebildet zu werden?
Bedarfst Du nicht der Härte, der Ungerechtigkeit eines gröber gebildeten Wesens,
um Deine ganze Weiblichkeit kennen zu lernen, und in ihrem Heiligtum Deinen
Himmel zu bilden? - Ist es nicht deswegen notwendig, dass es an Deiner Seite
stehe, um die Blicke der Menge anzuziehen? Wie könntest Du sonst, von allen
Weltändeln befreit, in der Stille nur Deiner höhern Bildung leben.
    Ach sage! merkst Du denn nicht den Willen der Natur? - Sie hasst alle
plötzlichen Übergänge, darum stellte sie das Weib zwischen den Mann und die
glücklicheren Wesen der künftigen Welt. Gewiss! dahin deuten alle unsere Leiden
und Freuden! Ja sogar das Bedürfnis der Männer. Sie verlangen offenbar etwas
mehr als bloss menschliches von den Weibern. Das gründet sich nicht auf
Ungerechtigkeit, sondern auf reinen Instinkt. Wenn wir mit Demut und kindlichem
Sinne dies glauben, werden es die Männer wohl dulden.
 
                                Siebenter Brief
                              Wilhelmine an Julie
Dulden! Herzchen, darüber habe ich bis zum Weinen gelacht. Allerdings werden sie
es dulden! Duldeten es doch die amerikanischen Pflanzer, wenn man ihren Sclaven
die Freuden der künftigen Welt recht anschaulich machte, und ihren elenden
Zustand als ein Mittel zur höhern Bildung darstellte. Fahre nur so fort! und Du
wirst bald eine zweite Elise werden.
    Gott! ist es nicht himmelschreiend? dass selbst Weiber unsre Ketten
erschweren! - Kann man sich etwas abgeschmackteres und inkonsequenteres denken,
als eben diese Elise wie sie sein sollte? -
    Trägt ihr Vermögen - was offenbar ihren unmündigen Kindern gehörte, und um
so mehr für sie erhalten werden musste, da ihr Herr Papa ein ausgemachter
Taugenichts war - trägt es hin zu der Buhlerin eben dieses lieblichen Herrn.
    Zwar bringt dieser Heroismus Fussfälle, Anbetungen und Versöhnungen hervor,
und ist, in sofern diese Herrlichkeiten nicht anders zu bekommen waren, in dem
Romane recht nützlich. Im wirklichen Leben aber möchte er wohl etwas ganz
anderes, und höchst wahrscheinlich, eine gänzliche Trennung hervorgebracht
haben.
    Freilich die gute Elise war nun einmal gewohnt, auf ihrem Koturne im
höchstmöglichen Patos einherzuschreiten, und hatte das Glück von ihrer
gutmütigen Schöpferin bis an ihr pompeuses Ende darauf erhalten zu werden.
Meinetwegen mag auch wer da will, ihre Stelzenschuhe erben! Nur meine Julie soll
sie nicht tragen.
    Soll nicht? - habe ich ihr denn zu befehlen? - O ja! ich habe ihr zu
befehlen, dass sie sich nicht unglücklich machen soll - und wenn ich ihr das
nicht mehr befehlen darf; so mag ich nicht mehr leben.
 
                                  Achter Brief
                              Julie an Wilhelmine
Du meine treue Einzige! ich drücke Dich in Gedanken an mein Herz, und bedecke
Dein liebes zorniges Gesicht mit tausend Küssen. O mitten unter Deinem Schelten
fühle ich wie sehr Du mich liebst. Mein lieber Schutzengel! sei doch nur ruhig!
Ja, ja! ich will vorsichtig, behutsam sein, nicht schwärmen, und Deinem Rate
folgen. Aber sage mir auch, dass Du wieder ruhig bist! nicht ängstlich für mein
Schicksal sorgest. Nein, meine Wilhelmine! ich werde nicht unglücklich! gewiss,
ich kann es nicht werden. - Gieb doch dem Boten ein paar Zeilen, damit ich weiss,
dass Du nicht böse bist.
 
                                 Neunter Brief
                              Wilhelmine an Julie
Ein paar Zeilen? - Sieh, das ist es ja eben was Dich unglücklich machen wird!
dieses Herz voll unzerstörbarer Liebe! - Was? ich? ich soll nicht böse sein? -
Hast Du denn gepredigt, gescholten, die Hofmeisterin gespielt? - Sieh! so
verwechselt Dein Kinderherz! Statt empfindlich und zurückhaltend zu werden, wie
ich es wohl verdient hätte, kömmst Du und bittest, ich möge nicht böse sein. -
    Ach wenn nun ein solcher eingefleischter Teufel seine Krallen in dieses
Engelherz schlägt; wie wird es bluten! - Nein! ich dulde es nicht! ich kann es
nicht dulden! -
 
                                 Zehnter Brief
                        Der Obriste Olivier an Reinhold
Was ich treibe? Nicht viel Gescheutes! - Belagern schon seit Jahr und Tag, muss
endlich die Belagerung in eine Blokade verwandeln, und werde meinen Zweck wohl
nur mit Hülfe einer sehr genanten Kapitulation erreichen können.
    Ja! Ja! exclamire nur! - Die Zeiten ändern sich, man ist nicht immer jung,
und die Siege werden schwerer. - Am Ende muss man doch auch für einen Heerd
sorgen, und die Dämchen, womit man sich am meisten amüsirt, taugen gerade am
wenigsten dabei.
    Meine jetzige Prima Donna ist freilich in gewisser Rücksicht verzweifelt
eigen; aber sie wird eine gute Hausfrau. Dafür stehe ich Dir. Etwas ähnliches
von Sanftmut und Geduld! - Nein, ich versichre Dir, es übersteigt allen
Glauben.
    Ob ich ihr denn schon Gelegenheit gegeben habe diese an mir zu üben? - Nein!
nein! so arg ist es nicht. Aber die Mutter! - das Weib ist offenbar von sieben
Teufeln besessen. Ich bedarf alle Augenblicke meines ganzen Savoirfaire, um
meine Wut gegen diesen Beelzebub zu bekämpfen.
    Freilich arbeitet sie doch am Ende zu meinem Nutz und Frommen. Wer weiss ob
ich nicht aufs Alter noch ein bisschen wunderlicher werde, und wie viel Geduld
ich dann verbrauche. -
    Überhaupt wage ich nicht viel bei der Sache. Das gute Schäfchen besorgt mein
Hauswesen und ein paar Buben, die meinen Nahmen fortpflanzen. Wartet mich, wenn
ich krank, und zerstreut mich, wenn ich hypochondrisch bin. Übrigens versteht es
sich von selbst, dass wenn es mir früh oder spät einfällt, einen kleinen
Seitengang zu machen, keine Achs und Ohs vorfallen. Das würde mich wahrhaftig am
wenigsten zurückbringen.
    Aber dafür ist auch gesorgt; der Mund dieses sonderbaren Mädchens scheint
nur zum Lächeln geformt. Wahrhaftig! ich schäme mich es zu gestehen - aber wenn
ich dieses Lächeln sehe - nein, ich kann es Dir nicht sagen, wie mir da wird -
und Du glaubst es mir auch nicht. Schreibe doch bald.
 
                                 Eilfter Brief
                              Olivier an Reinhold
Eine Entdeckung! tausend Element, da musst Du mir dienen! Höre nur! in Br..., und
noch dazu in Deiner Nachbarschaft, wohnt eine Amazone, die mit Julien
correspondirt. Revolutionäre Grundsätze! Eine förmliche Empörung gegen das ganze
Männergeschlecht! - Wie? soll man das dulden? - Es geht nicht! Es bringt Unheil!
- Habe ich auch nichts zu befürchten; so ärgerts mich doch.
    Mit einem Worte: Du musst die Juno bekehren; oder bei Gott! mit der
Correspondenz hat es ein Ende! - Könnte mir dem Mädchen Dinge in den Kopf
setzen, die ich in meinem Leben nicht wieder herausbrächte
    Wollen da raisonniren! - wollen untersuchen, ob wir Recht haben die Herren
zu spielen. Eine schöne Geschichte! - Recht oder Unrecht! genug, was wir sind,
das sind wir, und werden wir, so Gott will, schon bleiben.
    So etwas ist unerhört - und noch dazu in unsern Zeiten! wo das Elisiren
ordentlich Mode wird. - Das kommt von dem vermaledeiten Aufklären. Könntet ihr
dann nur zur rechten Zeit Einhalt tun. Ja! bändigt einmal den Strom; wenn ihr
die Dämme eingerissen habt.
    Aus Grundsätzen sollten die Weiber gut sein? - Zum Henker mit euren
Grundsätzen! Der Spinnrocken und die Nähnadel, allenfalls die Bibel und das
Gesangbuch, und statt aller Grundsätze ein männliches Du sollst! - So hiess es in
alten Zeiten, und unsere Väter befanden sich wohl dabei.
    Wahrhaftig! dafür möchte ich noch lieber in Italien geblieben sein. Man
gewinnt doch an Sinnlichkeit, was man an Herrschaft verliert. Die kleinen
spirituellen Satans halten doch in gewissen Augenblicken schadlos und zwingen
einen nicht, wie die deutschen Jungfrauen, die Katze im Sacke zu kaufen und ihre
ekelhafte Treue Jahre lang mit herumzuschleppen.
    Nun, vergiss nicht meinen Auftrag! -
 
                                 Zwölfter Brief
                              Reinhold an Olivier
Sollte mein Olivier wohl jemals recht gewusst haben was er wollte? - Also noch
immer der Lobredner voriger Zeiten, und alles dessen was er nicht hat? - In
Italien sehnt er sich nach den deutschen Weibern, in Deutschland nach den
Italienerinnen. Dort wurde die Treue, die Reinheit der deutschen Mädchen, das
hohe Jungfräuliche in ihrem Wesen gepriesen; hier scheinen diese belobten
Eigenschaften eben so viele Fehler zu sein.
    Arme Weiber! wann werdet ihr den männlichen Egoismus befriedigen? - Seid ihr
eingeschränkt an Verstande; so glauben wir uns berechtigt euch als blosse Mittel
zur Befriedigung unserer Sinnlichkeit zu gebrauchen. Untersteht ihr euch zu
denken; so beschuldigen wir euch der Unweiblichkeit und betrachten euch als
Empörer. Behandeln könnt ihr uns mit der höchsten Vernunft, nur wissen dürft ihr
nicht, dass ihr sie habt. Alles Grosse und Erhabene an euch dulden wir nur als
Instinkt, nie als Raisonnement.
    Aber Olivier, liegt dieser schreckliche Despotismus in der Natur? und läge
er darin, müssten wir ihn dann nicht eben so wie die Erbsünde bekämpfen? -
Wahrlich ich glaube es ist einmal Zeit, wenn wir anders auf wahre Bildung
Anspruch machen wollen. Achtung der Weiber war immer der richtigste Maasstab für
die Cultur einer Nation.
    Von Deinem Auftrage ein anderes Mal. Nur so viel zur Nachricht: ich kenne
Deine Amazone. Sie ist ein höchst interessantes Mädchen. Eben deswegen habe ich
mich aber sehr vor ihr gehütet. Unsere Angelegenheiten mit dem F...schen Hofe
werden alle Tage ernstafter, der Gesandte wirft alles auf mich, und da muss ich
schlechterdings jede Zerstreuung vermeiden. Doch so bald ich wieder Otem hole,
besuche ich den Vater. Er ist ein alter ehrlicher Brausekopf, der seine Tochter
und ihr ungeheures Vermögen gern in guten Händen wissen möchte. Aber das Mädchen
hat ihm bis diesen Augenblick widerstanden, und scheint sich wirklich über alle
Männer lustig zu machen. Auch Deinem gehorsamen Diener wird es schwerlich besser
ergehen.
 
                               Dreizehnter Brief
                              Olivier an Reinhold
Welch ein verzweifelter Moderomtismus! - Lenke ein; wenn Dir an unsrer
Freundschaft gelegen ist. Wahrlich! das käme mir recht! auch Du auf der Weiber
Seite? - Gott verdamme mich! es scheint eine ordentliche Modekrankheit zu
werden. Wo will das hinaus? - Und nun sogar Du! bist wohl in alten Zeiten ein
solcher Frauenlob gewesen. Aber jetzt! - Ein Mann, der sich acht Jahr in der
grossen Welt herumgetrieben hat! - Was? - Stehe Rede! beichte! Du bist verliebt;
aber in Wen? - In die Amazone! Pfuy! ein solcher Jungfernknecht! Ein Weib das
alle Männer verachtet, sollte ich lieben? - Ich komme! ich komme! verlass Dich
darauf! Mit meinen Augen will ich es sehen und ... Doch davon nachher.
 
                               Vierzehnter Brief
                              Reinhold an Olivier
Hat es noch immer nicht ausgebraust? Noch immer mit der ganzen Welt, und
vieleicht mit sich selbst am meisten im Kriege! - Komme nur! Dann wirst Du sehen
und hören was Du sicher nicht erwartest. Bis diesen Augenblick war ich noch
immer einige hundert Schritte von Wilhelminen K... entfernt. Aber das willst Du
ja nicht, und so möge Dein Wille geschehen. Für den Ausgang kann ich nicht
bürgen.
 
                               Funfzehnter Brief
                              Olivier an Reinhold
Mit der ganzen Welt im Kriege? Ja! so bald sie sich meinem Genusse widersetzt.
Blick um Dich her! ist es anders in der grossen, ewigen Natur? - Die
abgeschmackten Friedensgedanken! Nur in Schafsköpfen können sie entstehen.
Pestartig würde er wirken! euer belobter Friede. - Nur Stürme reinigen die Luft.
Dafür geben wir euch zu, dass es sich bei Zephyren sanfter einschlummern lasse.
    Mit mir selbst im Kriege? O nein! vormals wohl, jetzt nicht mehr. Euer
inkonsequentes Moralsystem verrückte mir den Kopf. Jeden Augenblick war es mit
meinen Leidenschaften im Gedränge, und ich wusste mir nicht zu helfen. Jetzt weiss
ich was ich will, oder vielmehr, was die Natur durch mich will. Ich Tor wollte
klüger sein als sie, die mich zu ihren Zwecken bildete! -
    Gestern Abend war die moralische Dratpuppe, der Xavier bei mir, und
demonstrirte zum rasend werden die Allmacht des Menschen. Ich langweilte mich am
Fenster, und sah endlich zu meinem Vergnügen, am äussersten Horizonte, ein
Donnerwetter sich bilden. Während er noch im besten Declamiren war, trieb es ein
Sturm herüber. Die Menschen flohen, Angst und Schrecken in ihren Gebehrden. Der
Blitz splitterte die grosse Eiche auf meinem Hofe, und ein Bauer, der Vater von
zehn Kindern, wurde erschlagen.
    Der arme Schelm dauerte mich, und ich will auch die Kinder versorgen; aber
ich konnte mich doch nicht entalten dem Schwätzer Xavier zuzurufen: »siehe da
den Commentar zu Deiner Abhandlung! Ihr ohnmächtigen Würmer! was vermöget Ihr
gegen diese grosse Bildnerin und Zerstörerin?
    Von Eurem Willen, von Eurer Freiheit schwatzt Ihr? - Ein Blitzstrahl, ein
Erdstoss! und Ihr seid alle zertrümmert. Dann findet Eure Freiheit, Euren Willen
in den Millionen Stäubchen wieder, die Ihr vormals Euer Ich nanntet. Versucht,
ob Ihr sie zusammen bringen und Euch dieses Ichs bewusst werden könnt. -
Wahnsinnige! hört einmal auf zu grübeln! lebt, geniesst; weil ihr da seid! - Das
Übrige möge die Unergründliche leiten.«
    Und darum Krieg! Krieg gegen alles, was irgend einen Genuss mir verkümmert!
Zum Wohlsein bestimmte mich die Natur. Dafür seh' ich die Ameise streiten; dafür
streite auch ich. Will ein stärkeres Wesen mir dieses Wohlsein rauben; so fliehe
ich. Ein schwächeres; so unterdrücke ich. Hat es Kraft sich zu wehren; gut, so
mögen wir streiten. Dem Sieger ist wohl, darum strebe ich es zu werden. Wer kann
es mir verdenken? Wohlsein ist meine Bestimmung.
    Und, sagt was ihr wollt! all' euer Realismus, und Idealismus läuft doch am
Ende darauf hinaus. Ihr erzeigt euerm gerühmten Popanz, eurem Knecht Ruprecht,
Pflicht genannt, doch nur so viel Ehre; weil ihr hoft, die Christbescheerung
werde darauf folgen.
 
                               Sechszehnter Brief
                              Olivier an Reinhold
Du schweigst? - glaubst Du ich werde meine Drohung erfüllen? Ach nein! diesesmal
kommst Du mit dem Schrecken davon. Ich kann nicht. Das wunderbare Mädchen hält
mich zu fest - und so unbefangen, als wüsste sie nichts davon. Auch weiss sie es
nicht; sie kennt nicht ihre Gewalt. Noch vor wenigen Monden wäre es mir selbst
unglaublich gewesen.
    Sieh, ich denke nicht mehr an die Nützlichkeit ihrer Sanftmut und Güte. Ich
sitze still und bewundere. Die Mutter ist seit einigen Wochen krank. - Ach nein,
es lässt sich nicht beschreiben! Sehen müsstest Du ihn diesen tröstenden Engel. -
Selbst das bitter böse Weib - Gott mag wissen, wie sie zu der Ehre kommt diese
Tochter zu haben! - scheint von der himmlischen Güte ergriffen. Auch in ihren
starren, wilden Furienaugen lese ich Bewundrung.
    Sieh, es ist wahr, ich bin stolz, ich kann es nicht leiden, dass mich jemand
meistert, und ich habe immer gesagt: was ich bin will ich bleiben. Aber, ja! ja!
ich will es nicht bergen, vor diesem Mädchen könnt' ich mich demütigen, könnte
ihr alle meine Fehler bekennen. Ach, über ihren Mund kam ja niemals ein Vorwurf,
und in ihrem Herzen wohnt die ewige Liebe. Auch wenn ich sie nicht sehe,
versinke ich glücklich und selig in das Anschauen ihrer erhabenen
Liebenswürdigkeit. Ihr grosser Verstand, ihre mannichfaltigen Talente, das alles
verschwindet, und man ist sich nur ihrer Güte bewusst.
    Spotte nicht! das sage ich Dir, und antworte bald.
 
                               Siebzehnter Brief
                              Reinhold an Olivier
Spotten? - worüber sollte ich spotten? Meinst Du ich heisse Olivier? - Ich freue
mich, dass ich Recht habe. »Er ist besser als sein System.« Das sagte ich schon
vor mehreren Jahren, und das wiederhole ich noch jetzt.
    Wie abgeschmackt! mich da hin zu setzen, und Dir vorzudemonstriren, dass
Deine Teufelslarve eine Teufelslarve ist. Genug, sie verschiebt sich alle
Augenblicke, und jetzt in Gegenwart dieses Engels, den Du mir schilderst, ist
sie ja ganz abgefallen. Sonderbar genug, weisst Du nicht einmal etwas davon, und
ich habe nun vollkommen Zeit, mir die wohlbekannten Züge wieder einzuprägen.
    Gehe nur! nimm sie wieder vor, und spiele die Komödie so lange es Dir
beliebt. Ich lasse mich nicht täuschen.
    Was? der Mann der da schreibt: »ich denke nicht mehr an die Nützlichkeit
ihrer Sanftmut und Güte, ich sitze still und bewundere,« das wäre der
schändliche Egoist, der wie ein gieriges Raubtier nach Beute hascht, und alles
zerfleischt was sich ihm widersetzt? -
    Glaube mir! Du verstehst, Du kennst Dich selbst nicht. - O dass ein edler
Mensch in Deiner Nähe, Dich wieder an Grösse und Güte glauben lehrte! - Aber was
sage ich! Da hast ja alles was Du bedarfst. Überglücklicher Mensch! beinahe hast
Du zu viel.
 
                               Achtzehnter Brief
                              Julie an Wilhelmine
Beste Wilhelmine! meine Mutter ist krank, und Olivier ... ach, Olivier liebt
mich nicht mehr. - Stundenlang kann er in sich selbst vertieft sitzen, dann
springt er mit einem male auf, tritt vor mich hin, starrt mich an und versinkt
dann wieder in seine vorige Träumerei. Es ist als wäre ich ihm fremd geworden.
Sonst war er doch freundlich, jetzt ist er so ernst, misst mich so sonderbar mit
den Augen. - Sollte er denn wirklich glauben, ich mache alles so schlecht, wie
meine Mutter es sagt? - Aber er bedenkt nicht, dass sie krank ist, und dass man ja
selten einem Kranken etwas recht machen kann. Wenigstens sollte er doch meinem
Bestreben Gerechtigkeit wiederfahren lassen.
    Andere loben mich dann wieder so übermässig. Aber wie kann mir das Freude
machen! - Es sticht gar zu sehr ab, gegen den immerwährenden Tadel meiner
Mutter, und ihn, das sehe ich ja, macht es immer tiefsinniger. O meine
Wilhelmine! schreibe mir doch einmal; damit ich weiss, dass ein menschliches Wesen
mich noch liebt.
    Ich lese den Brief wieder durch - freilich, meine Mutter hat Recht, ich
schreibe jetzt sehr schlecht. Aber Liebste! wie ist es anders möglich? Kaum alle
vier Wochen bekomme ich einmal eine Feder in die Hand, und erholt sich meine
Mutter nicht bald; so werde ich das Sprechen eben so verlernen. Selten kann ich
etwas sagen, worüber sie sich nicht ärgert.
    Ach liebe Wilhelmine! - ich sollte es wohl verschweigen, aber wirklich, ich
leide jetzt sehr viel, und sehne mich unbeschreiblich Dich einmal zu umarmen.
 
                               Neunzehnter Brief
                              Wilhelmine an Julie
Er sollte Dich nicht mehr lieben? - Nimmermehr! Aber Du, Du liebst ihn! das ist
leider bewiesen. So muss ich Dich verlieren? - Dich um dieses Mannes willen
verlieren! - Wie war es möglich! Wie konntest Du den schrecklichen Abstand
übersehen! - Aber da liegt das Unglück! eigentlich liebst Du nicht ihn; denn das
was Du so nennst ist nicht er. Dein eigenes Geschöpf, das Gebilde Deiner
Phantasie ist es; ausgestattet mit allen Eigenschaften, die Dein liebendes Herz
bedurfte. Aber wenn nun der Traum verschwindet, wenn Du nun diesen Menschen, mit
dem ausgebrannten Herzen, als Deinen Herrn ehren, seinen Launen huldigen, und
seinen lasterhaften Wahnsinn den höchsten Verstand nennen sollst? - Wenn Dein
Kindersinn für Dummheit, Deine Sanftmut für sclavische Furcht, und Dein edles
Dahingeben für schwächliche, weibische Anhänglichkeit gelten muss. - Wer wird
mich dann trösten! -
    Und was schwazte ich vorhin! Er liebe Dich noch? Hat er Dich denn jemals
geliebt? - woher käme ihm der Sinn, woher die Kraft dazu! - Er kann nur
zweierlei; Dich sinnlich begehren, oder Dich wie eine fremde Erscheinung
anstaunen. Irre ich nicht; so hast Du ihn gezwungen, sich zu dem letzten zu
erheben, und weiter bringst Du es nicht, verlass Dich darauf.
 
                               Zwanzigster Brief
                              Reinhold an Olivier
Ich habe sie gesehen, Olivier! habe mich eine Stunde mit ihr unterhalten, und
bekenne, dass sie eine durchaus neue Empfindung in mir hervorgebracht hat.
    Denke Dir den Körper der Mediceerin - nur etwas grösser. - Wirf ein weisses
langes Gewand um diesen reitzenden Körper, den Kopf - doch das möchte Deiner
Phantasie schwerlich gelingen, Dir diesen sonderbaren Kopf zu zeichnen. Ein
dunkelbraunes, lockiges Haar auf einer blendenden gebietenden Stirne. Zwei lange
geistvolle Braunen über ein paar schwarzen durchdringenden Augen, voll Unschuld
und jungfräulicher Würde, voll Mut und anziehender Redlichkeit.
    Sonderbar! eben diese Redlichkeit macht den bleibenden herrschenden
Eindruck. Nur einen Augenblick ist man sich seiner Sinnlichkeit bewusst. Dann
aber geht diese Sinnlichkeit nicht, wie bei Andern, in Bewunderung oder in
anspruchlose Zärtlichkeit über. Nein, man vergisst ihr Geschlecht, man vergisst,
dass diese schöne, kraftvolle Seele in einem weiblichen Körper wohnt. Es ist
einem wohl, man wünscht, dass es immer so bleibe. Ohne Leidenschaft, ohne süsse
peinigende Unruhe. Ist man unglücklich; so flüchtet man gewiss zu ihr. Man weiss
es, sie wird einen nicht verlassen, in Not und Tod wird sie treu bleiben.
    So charakterisirt sie sich durch ein paar gehaltvolle Worte, ohne Anspruch
dahingeworfen. Ach, da ist an keine Koketterie, weder feine noch grobe, weder
erlaubte noch unerlaubte zu denken. So wie sie ist, gibt sie sich, gleichviel
was sie dadurch wirkt. An Liebe denkt sie nicht. Das sieht man. Auch - ich
gestehe es - bringt sie sie nicht hervor. Schöne genussvolle Ruhe, kindliches
herzliches Dahingeben, das fühlt man, und damit scheint sie zufrieden. Ohnedem
wäre sie es. - Wahrlich ich glaube sie genüget sich selbst.
 
                           Ein und zwanzigster Brief
                              Reinhold an Olivier
Ich habe geirrt, Olivier! Nein, sie genüget sich nicht. Eine grosse Leidenschaft
herrscht dennoch in dieser grossen Seele. Es ist die Liebe zu ihrer Freundin.
    Gestern war ich bei ihren Ältern. Von ohngefähr kam die Rede auf Julie von
S. Plötzlich überzog ein hohes Rot das schöne Gesicht, und eine Träne
verdunkelte das herrliche Auge.
    »Sie sind mit einander aufgewachsen« - sagte die Mutter, eine herzensgute
Frau - »und meine Wilhelmine treibt eigentlich ein wenig Abgötterei mit ihr« - »
Vor ihr, willst Du sagen« - unterbrach sie der Vater - »deutsch heraus! sie ist
ein wenig vernarrt. Ich glaube, der Weg könnte über Vater und Mutter gehen, wenn
er nur zu der angebeteten Julie führte.«
    Während dieser väterlichen Grobheit beobachtete ich Wilhelmine. Aber da war
keine Spur von Ärger, von Empfindlichkeit zu bemerken. Es schien als sei gar
nicht die Rede von ihr gewesen. Mit ihrem königlichen Anstande - in der Tat,
ich kann ihn nicht anders nennen - näherte sie sich dem Fenster, bereitete der
Mutter ein Glas Selterwasser, und reichte es ihr weder mit Demut noch mit
Stolz; nein, mit einem gutmütigen, beschützenden Lächeln, als wollte sie sagen:
sei ruhig, du weisst, dass ich dich liebe. Habe ich auch gehört was er sagte; es
bleibt darum alles wie es war.
    Die Mutter blickte dankbar zu ihr auf, und der Vater rückte ihr mit einer
wahren Kammerdienerphysionomie, in komischer Verwirrung den Stuhl zurecht.
Wollte sich dann ermannen, und bekam nun, da er vor sie hintrat, das Ansehn
eines gezüchtigten Schulknabens. Gewiss wider ihren Willen; denn sie litt unter
seiner Verwirrung, und schlug ganz sicher nur deswegen einen Spaziergang in den
Garten vor.
    Hier leitete ich unvermerkt das Gespräch auf Julie, und nun öfnete sie ohne
Rückhalt ihr liebendes Herz.
    »Ja ich gestehe es - sagte sie im schönen Entusiasmus - alle meine Wünsche
beziehen sich nur auf sie, sie ist die Hoffnung meines Lebens. Ich weiss es wohl,
man glaubt nicht an Weiberfreundschaften. Aber wüssten Sie, wie wir von Kindheit
auf mit einander gelebt haben - Sie würden es begreifen. - Sehen Sie! ich hatte
einen wilden eigensüchtigen Charakter. Kein Wunder! Ich war das einzige Kind.
Man hatte alles, und leider nichts umsonst getan, mich zu verderben. Gewiss, es
würde ein sehr böses Geschöpf aus mir geworden sein; hätte dieser Engel mir
nicht zur Seite gestanden.
    Konnte meine sogenannte Erzieherin mich nicht mehr bändigen; so schickte sie
zu Julien. Bei ihr vergass ich meinen Eigensinn und alle meine Launen. Wie ein
Friedensengel wurde sie vom ganzen Hause empfangen.
    Alles was ich gelernt habe, weiss ich durch sie. Kein Lehrer konnte bei mir
aushalten. Da geriet man auf den Einfall, Julie mit mir unterrichten zu lassen,
und dieser Einfall tat Wunder; eine Träne, ein Lächeln von ihr beherrschte
mich, mich, die alles um sich her unterdrückte.
    Aber auch das veränderte sich gar bald. Zu ihrer himmlischen Liebe, womit
sie Gute und Böse umfasste, konnte sie mich freilich nicht erheben; aber
Gerechtigkeit hat sie mich wenigstens gelehrt. Gelehrt, sage ich? - Ach in ihrer
stillen Demut wusste sie nichts davon. Tausende würden es nicht geahnet haben.
Nur allein meine heftige, ungestüme Liebe zu ihr wurde sichtbar.
    Für Julie! - sagte ich bei der ersten Blume, bei dem schönsten Apfel, bei
der geschmackvollsten Kleidung. - Stosst sie nicht an! das rate ich Euch - rief
ich, wenn man im Gedränge ihr zu nahe kam. - Ein Bedienter der das Unglück hatte
ein wenig heisse Brühe auf ihre Hand zu schütten, musste seinen Abschied fodern;
weil ich jedesmal laut aufschrie, wenn ich ihn erblickte. Mit einem Worte! sie
ist mein Alles und wenn ich sie verliere, wenn sie unglücklich wird, mag ich das
ekelhafte Leben nicht mehr tragen.«
    Jetzt hielt sie plötzlich inne. Ich sah es, sie bereuete die letzten Worte.
»Teuerstes Fräulein! - sagte ich - mich dünkt, Sie fürchten zu sehr für ihre
Julie.« - »Nein! nein! rief sie - ach, Sie wissen nicht!« - »Ich weiss alles« -
fiel ich ein, und ward erst durch ihr Erstaunen meine Unbedachtsamkeit gewahr.
Sie hatte - aber dieser Brief wird ja ein Buch. Ein andermal davon.
 
                           Zwei und zwanzigster Brief
                              Olivier an Reinhold
Es wäre doch sonderbar, wenn Du mich besser kenntest als ich selbst. - Verändert
bin ich, das ist gewiss. Solltest Du es glauben? Alle meine kleinen Liebschaften
sind aufgegeben, ohne alle sinnliche Schadloshaltung aufgegeben.
    Was ist das nun? Ist es Schwärmerei oder Natur? - Denn sage was Du willst!
Ein Weib ist doch ein Weib, und wenn sie schön ist und ich gesund bin; so muss
ich als Mann ihrer begehren. Gleichwohl - Dank meiner Entaltsamkeit - bin ich
gesünder als jemals, und doch scheint mir jede Berührung Enteiligung.
    Vormals liess es sich erklären, aber jetzt, da ich keinem andern Weibe mich
nähere. - Wirklich! ich bin mir ein Rätsel. - Wenn die Engelgestalt mich
umschwebt, beugen sich unwillkührlich meine Knie, und hätte ich den verdammten
Hofmeister-Ton nicht angenommen, wer wüsste was ich täte.
    Sonderbar! schon seit ihrem zwölften Jahre hat die Mutter sie gewöhnt, mich
als ihren künftigen Mann zu betrachten. Gleichwohl habe ich sie noch immer wie
ein Kind behandelt! und weiss mich der Zeit zu erinnern, wo ich fest entschlossen
war, sie - trotz der Mutter Heiratsprojecten - als ein blosses Amüsement zu
gebrauchen.
    Wodurch ist dieser stillsiegende Geist in das Mädchen gekommen? Von ihrer
Mutter hat sie ihn nicht, von ihrer Freundin Wilhelmine eben so wenig. - Sollte
es denn wirklich höhere Naturen geben, die unabhängig von Beispiel und
Erziehung, sich schwebend über allem Irdischen erhielten? Ach nimm es nur hin
das Bekenntnis, ich bin uneins mit mir selbst - ich weiss nicht mehr was ich
glaube.
 
                           Drei und zwanzigster Brief
                              Reinhold an Olivier
Ob es Schwärmerei oder Natur ist? - Warum soll Schwärmerei der Natur
entgegengesetzt werden; da sie in der Natur gegründet ist? - Man denkt sich
darunter ein Losreissen von allem Sinnlichen, ein Umherschweifen in höhern
Regionen, wo keine Erfahrung uns folgt. Aber diesem Losreissen verdanken wir das
Edelste was wir haben. Ohne Schwärmerei hätten wir keine Philosophen und keine
Dichter, keine Religion, keine Kunst und keine Wissenschaft. Vor der Entdeckung
Amerika's war Kolumbus ein Schwärmer, und den ersten Schiffer hat man vielleicht
einen Wahnwitzigen genannt. Gewiss kann man über einen Menschen keinen
schrecklichern Fluch aussprechen als den: erhebe dich nie über die Erfahrung. -
    Ich weiss nicht mehr was ich glaube - sagst Du - aber Du fühlst es; und das
ist genug, Gott, das Schicksal, die Natur, oder wie Du es nach Deiner
Vorstellungsart nennen willst - liebt Dich und führt Dich weise. Dieses
himmlische Mädchen allein konnte Dein Herz retten. Mögte es auf lange Zeit,
möchte es für immer sein! -
    Freilich, ich gestehe es, kann man sich bei aller Freundschaft einer Art
Unwillens nicht erwehren, dass dieses herrliche Geschöpf Dir aufgeopfert werden
soll. Aber ich bin nun einmal Dein Freund; wie kann ich aufhören es zu sein? -
Mag es das Schicksal verantworten! - Ich darf nichts als Dir treu bleiben.
 
                           Vier und zwanzigster Brief
                              Olivier an Reinhold
Was war das? - Du darfst nichts als mir treu bleiben - Darfst nicht? - Also wenn
Du nun dürftest? - - Mein Herr! das gilt einen Gang! - Von hier bis ... sind nur
dreissig Meilen.
 
                           Fünf und zwanzigster Brief
                              Reinhold an Olivier
Gänge so viel Du willst. Ich habe zwar mit dem berühmten Sieger bei M... zu
tun; aber mein Fechtmeister war doch auch mit mir zufrieden, und für eine
solche Sache kämpft es sich vortreflich.
 
                          Sechs und zwanzigster Brief
                              Olivier an Reinhold
So trotzig? - Du weisst, dass ich Dich liebe; aber baue nicht zu viel darauf.
Mögtest Dich irren. - Nun Du hast sie nicht gesehen! das ist mein Trost. Am Ende
kommt auch wohl alles von der Amazone. Sie mag schöne Gemählde von mir
entwerfen. - So gar arg ist es nicht, Mademoiselle! Machen Sie immer den
Pferdefuss etwas kleiner! - Mit aller Weisheit haben Sie doch wohl auch Ihre
bösen Augenblicke! so wie unser Einer seine guten, und hätten Sie meine Julie
nicht gehabt, wer wüsste. -
    Wahrlich! wenn ich es recht bedenke, bin ich nicht ein Tor, diese
Korrespondenz noch zu dulden? - Als Juliens Vormund, wie leicht konnte ich sie
verbieten. -
    Darum warne die Donna. - Ich fasse mir sonst ein Herz. Mag es mich dann auch
schmerzen.
 
                          Sieben und zwanzigster Brief
                              Reinhold an Olivier
Sei ruhig! Du wirst nichts tun, was Dich schmerzt. Im Notfalle verhindere ich
Dich daran; so wie ich es vormals getan habe. - Du bist Juliens Vormund; nicht
ihr Tyrann. Mässige Dich! es gibt Mittel sie Deiner Gewalt zu entziehen,
 
                           Acht und zwanzigster Brief
                              Olivier an Reinhold
Tod und Teufel! was untersteht Ihr Euch! Mich zwingen! das wäre das erste Mal in
meinem Leben! - Und wenn sie nun meine Verlobte, wenn sie nun meine Frau ist?
Was wollt Ihr dann? - Ah ha! daran habt Ihr nicht gedacht! - Wartet! ich werde
Euch lehren, mir Regeln vorzuschreiben. Noch in dieser Woche ist die Verlobung,
und dann kommt einmal und mischt Euch in meine Angelegenheiten.
 
                           Neun und zwanzigster Brief
                           Wilhelmine an ihre Mutter
Es war die höchste Zeit, beste Mutter! Einen Tag später, und meine Julie war
verloren. Ich fand die Alte noch im Bette, und Julie schöner und duldender als
jemals. Man sah es, sie hatte geweint, gewacht, unbeschreiblich gelitten; aber
es ist und bleibt das Gesicht eines Seraphs. Noch etwas grösser ist sie geworden,
und ihre blonden Haare schattiren jetzt in das Braune. Ihre Haut ist blendender,
und der Blick ihres grossen Himmelauges dringt bis in das Innerste der Seele.
    Der schreckliche Mensch war auch da, und zitterte vor Wut, da ich mich
Julien näherte. »Die Mutter könne sie nicht entbehren, es sei vor dem Winter
unmöglich,« und was dergleichen Ausflüchte mehr waren. - Aber jetzt übergab ich
Ihren Brief. Herr Olivier fand nun für gut die Maske abzuziehen, erklärte gerade
heraus, er werde es nicht dulden, und erhitzte sich während seiner Protestation
so sehr, dass er wirklich schäumte, als der Arzt - Juliens zweiter Vormund -
herein trat.
    Ich wandte mich sogleich an ihn, und bat um seine Entscheidung. Er war ganz
für die Reise und behauptete, Julie werde ohne diese Zerstreuung einer
ernstaften Krankheit nicht entgehen. Um den Herrn Obristen völlig zu schlagen,
bot er seine Schwester zur Wartung der Mutter an, und so konnte man denn
vernünftiger Weise nichts mehr einwenden.
    Noch ehe der Obriste sich von seiner Betäubung erholte, war der Reiseplan
fertig, und Julie fiel mir, wie eine erlöste Gefangne, mit einem Tränenstrome
um den Hals.
    Der Obriste, und sogar die Mutter wurden heftig dadurch erschüttert. Juliens
Lächeln hatte die Peiniger getäuscht, und jetzt erst schien das ganze Bewusstsein
ihrer Schuld zu erwachen.
    Die Mutter sah starr auf den Boden, und der Obriste, nachdem er wie ein
Rasender umhergelaufen war, stürzte mit einem Male vor Julien nieder, und rief
mit seiner fürchterlichen Stimme, halb bittend, halb drohend: »Julie! Sie wollen
mich verlassen!«
    Das unterdrückte Mädchen schloss sich jetzt noch ängstlicher an meine Brust.
Auch bekenne ich, wie ich da den Mann, durch dessen Hand so viele Menschen
starben, wie ich den Koloss da vor uns liegen sah, fühlte ich selbst eine Art
Schauder.
    Doch ermannte ich mich wieder. »Lieben Sie Julie, Herr Obrister - sagte ich,
indem ich das zitternde Mädchen zu einem Stuhle führte - so können Sie sich
dieser Reise nicht widersetzen.« - Er antwortete mir nur mit einem wütenden
Blicke, rafte sich auf, und verfinsterte, indem er mit seinen klirrenden Sporen
an das Fenster trat, das ganze unter seinem Fusstritte bebende Zimmer.
    »Wann werden Sie reisen?« - fragte die Mutter. »Morgen - antwortete ich -
die Wege möchten sich verschlimmern.« - »Morgen! - rief der Obriste - das geht
nicht! Morgen ist die Verlobung.« - »Und davon sagtest Du mir nichts?« - redete
ich Julien an.- »Weil ich es nicht wusste« - antwortete sie mit ihrer
Flötenstimme. - »Du wüsstest es nicht! - rief ich - und so wird es Dir
angekündigt! - Julie! - fuhr ich fort, indem ich ihre beiden Hände ergriff und
sie fest gegen meine Brust drückte - Julie? wirst Du Dich morgen verloben?«
    Ich glaube sie sah die Verzweiflung auf meinem Gesichte. - »Nein -
antwortete sie - ich werde reisen.« - In diesem Augenblicke schrie die Mutter
laut auf: »dem Obristen wird nicht wohl!« - Wir sahen uns um und er hieng bleich
wie eine Leiche über der Lehne des Sopha's. Julie wollte sich zu ihm hinneigen;
aber noch ehe sie sich losmachen konnte, rief ich unsern Bedienten: »Friedrich!
dem Herrn Obristen ist nicht wohl! geschwinde seine Leute!«
    »Er wird krank werden« - sagte Julie wehmütig, als wir in ihre Kammer
traten. »Und Du - antwortete ich - würdest auf Dein ganzes Leben elend werden.
Was ist schlimmer?«
    »O meine Wilhelmine - rief sie, indem sie das Engelgesicht an meine Brust
legte - Gott weiss es wie sehr ich Dich liebe, und wie gern ich Dir folge! aber
hätten wir ihn nicht etwas mehr schonen können? - Sein Kummer ist mir
fürchterlich. - Ich bin nicht daran gewöhnt.« -
    »Liebst Du ihn« - sagte ich, indem ich sie von meiner Brust zurückdrängte
und ihr starr in die Augen sah. - »Wilhelmine! - antwortete sie - Ach Gott! ich
kenne die Liebe nicht! Aber wenn ich ihn liebe; so ist die Liebe kein süsses
Gefühl.« -
    »O es ist gut! es ist alles gut! - rief ich, und drückte sie wieder fest an
mein Herz - Du fürchtest ihn nur, bist an ihn gewöhnt, kannst ihn nicht leiden
sehen - das ist es, und weiter nichts. Fort! fort von hier! damit Du begreifst,
wer Du bist, und von wem Du Dich trennest.«
    »Aber morgen schon?« - sagte sie - »Heute, wenn es möglich ist« - wollte ich
antworten; aber ich besann mich geschwinde, und als hätte ich nichts gehört,
fing mit ihr an, Kleider und Wäsche zum Einpacken hervorzusuchen.
    »Spute Dich - rief ich - Du hast so lange keine Bewegung in freier Luft
gehabt. Wir müssen bei dem herrlichen Wetter schlechterdings noch eine
Spazierfahrt machen. Meine Leute holen Vormittags den Koffer, und so ist auf
morgen alles besorgt.«
    Die Schlüssel fielen ihr aus den zitternden Händen; aber ich hob sie wieder
auf, schloss zu, und steckte sie zu mir. Nun giengen wir zur Mutter, die wir
glücklicher Weise allein fanden. Der Herr Obriste war nach langem Warten endlich
davon gegangen; freilich aber mit der Drohung, gleich nach Tische
wiederzukommen. Die sogenannte Spazierfahrt musste also beschleunigt werden.
    Friedrich wusste Bescheid und noch vor drei Uhr trabte er neben unserm Wagen
auf dem Wege nach P...
    »Hier wird uns der Obriste nicht suchen,« - sagte ich, als wir in das
Wäldchen kamen - »Aber fahren wir auch zu weit?« - fragte Julie. »Nicht weiter
als nötig ist - antwortete ich - diesen Abend sind wir in P...«
    »O mein Gott! - rief sie - ohne Abschied von meiner Mutter!«
    »Mit dem Abschiede wärest Du nie davon gekommen.«
    »Was wird der Obriste sagen?«
    »Alles was ihm beliebt, - die Hauptsache ist, dass er uns nicht findet.«
    »Wilhelmine! Du bist zu rasch gewesen. Man wird es tadeln.«
    »Immerhin! bist Du doch frei. - Auch habe ich einen Brief an Deine Mutter
hinterlassen. Der Doctor will das Übrige auf sich nehmen.«
    Und so ging es nun rasch nach P.... Gestern kamen wir an, und heute sind
wir schon eingerichtet. Die Zahl der Brunnengäste ist ansehnlicher als jemals,
und die mannichfaltigen Zerstreuungen werden auf Julien vorteilhaft wirken.
    Lassen Sie bald etwas von sich hören, beste Mutter, und schonen Sie Ihre
Augen, aber nicht Ihren Secretair. In der Tat, ich glaube Reinhold hat das Amt
gerne übernommen, und Sie können sich ganz auf ihn verlassen.
    Julie umarmt Sie tausendmal und Ihre Wilhelmine küsst die liebe mütterliche
Hand.
 
                               Dreissigster Brief
                             Reinhold an Wilhelmine
Ihre Frau Mutter ist wohl, und hat seit gestern merkliche Besserung an ihren
Augen verspürt. Demohngeachtet wird meine teure Freundin - ich habe ja die
Erlaubnis, Ihnen diesen Nahmen geben zu dürfen - mit einer Secretairsnachricht
vorlieb nehmen müssen.
    Der Herr Vater kann sich, wie gewöhnlich, zu keinem Briefe entschliessen, und
ist tiefer als jemals in seinen Acten vergraben. Kaum war es ihm möglich, mir
einen Gruss für seine Julie zurufen zu können.
    Olivier ist seit drei Tagen bei mir. Fast möchte ich sagen, er dauert mich.
Ich finde ihn nicht sowohl äusserlich als innerlich bis zum Unkenntlichen
verändert, und gestehe, unter allen Zaubereien der Liebe ist mir diese eine der
merkwürdigsten.
    Gleichwohl droht sein oft mit Würde verhaltener, oft wie ein reissender Strom
hervorbrechender Schmerz alle Vernunft zu überwinden. Anfangs wollte er mich
zwingen, ihm Juliens Aufentalt zu entdecken, und nur lange nach einer sehr
ernstaften Scene, war er im Stande meine Verbindlichkeit zu begreifen. Nun will
er fort, Sie aufzusuchen. Ich werde ihn reisen lassen, und hoffe auf diese Weise
seine Genesung am sichersten zu bewirken.
    Empfehlen Sie mich Ihrer teuren Freundin, und bitten Sie ihre Frau Mutter,
mich meines Amtes nicht zu entsetzen.
 
                           Ein und dreissigster Brief
                              Olivier an Reinhold
Warum bin ich abgereist? warum habe ich Dich nicht gezwungen, mir ihren
Aufentalt zu entdecken? - Und hätte ich Dir den Degen auf die Brust setzen
sollen - nicht wahr? endlich musstest Du nachgeben? - Gestehe es! Du wanktest
schon? - O ich knirsche vor Wut, dass ich Dich so entwischen liess!
    Wie ich hier ankam, wie ich das alles überlegte, wollte ich gleich wieder
umkehren. Aber da verwirrten mich die dummen Nachrichten meiner Bedienten. Der
Eine wollte dies, der Andere das gehört haben. Am Ende bist Du auch wohl so
tückisch, Julien eine Veränderung des Aufentalts vorzuschlagen, um Dich nachher
mit Deiner Unwissenheit brüsten, und mich dann völlig rasend machen zu können.
    Siehe! ich schwöre es! Wo ich es Dir, wo ich es Euch allen vergebe; so möge
Gott mir keine meiner Sünden vergeben. Mich diesem entsetzlichen Schmerze,
diesen Höllenquaalen Preis zu geben! - Und was wird nun die Frucht Eurer
Weisheit sein? - Unglück! schreckliches Unglück! denn wenn ich sie nicht finde -
o ich mag es nicht ausdenken, was ich dann tue.
    Dummköpfe! Ihr grausamen Dummköpfe! Wolltet Ihr mich in Euer moralisches
Joch spannen; nur mit Ihrer Hülfe war es möglich. Ach! ich fühlte wie es Tag
ward in meiner Seele, wie mein bessres Selbst anfieng zu erwachen, wie Glaube und
Hoffnung zu lebendigen Gestalten sich entwickelten. Das habt Ihr nun alles
zerstört. Es ist wieder Nacht, tiefe Nacht um mich her, und ein
lebenzerstöhrender Schmerz nagt in meinem Innern. - Was soll ich nun tun? -
Tun? - Hier ist nicht von einem Tun, von einem Leiden ist die Rede. Olivier
leiden? - Nimmermehr! Ehe zerfleischt er sein eigenes Herz.
    Mut! Mut! ich werde sie finden! und dann sollt Ihr alle dafür büssen.
 
                           Zwei und dreissigster Brief
                           Wilhelmine an ihre Mutter
Ich werde also meine teure Mutter mit ein paar recht klaren gesunden Augen
wieder finden? und diese lieben Augen werden segnend auf mir ruhn. - Ach wie hat
sie mich geliebt und getragen! das begreife ich erst jetzt an der Seite meiner
Julie, wo alle gute Empfindungen die herrschenden werden.
    Sie streitet nicht, sie widerspricht mir nicht; und doch habe ich schon wer
weiss wie viele Male meine Meinung aufgegeben. Machte ich irgend eine kleine
boshafte Anmerkung, konnte ich mich eines bittern Urteils über die Männer und
was dahin gehört, nicht entalten; so erwartete ich wenigstens eine
missbilligende Miene von Julien; aber ich sah nichts als das Lächeln, was unser
Zeichenmeister schon in ihrer Kindheit das unnachahmliche nannte.
    Zärtliches Mitleiden, holde Schaam, dass ihr reines Herz sie über den Andern
erhebt, Angst, Vorgefühl der Reue, die es sich bereitet - das alles liegt in
diesem wunderbaren Lächeln. Wahrscheinlich hält sie jeden Fehler, jedes Laster
für eine Krankheit. Wenigstens kann man ihr Betragen nicht anders erklären.
Gerade zu den boshaftesten Menschen fühlt sie sich am meisten hingezogen. So wie
die Ärzte sich bei den gefährlichsten Kranken am längsten verweilen.
    Seit acht Tagen ist hier ein Weib, dessen Zunge nur aus Gift und Galle
zusammengesetzt scheint. Nur, sobald ich Julie vermisse, finde ich sie gewiss an
der Seite dieses Weibes. Jeden Ausbruch der Bosheit scheint sie für einen
Ausbruch des Schmerzes und sich für berufen zu halten, ihn zu lindern. Ein Kind,
eine schöne Blume, eine heitere Aussicht, müssen ihr wechselsweise dienen, die
scheussliche Phantasie des Weibes zu beschäftigen. Oft wenn die blauen Lippen
sich zu einer neuen Lästerung öfnen, schliessen sie sich wieder bei Juliens
Lächeln und das Gift bleibt in dem Drachen zurück.
    Donnerstags Abends. Ich hatte Recht, beste Mutter! Wahrhaftig! sie hält das
scheussliche Weib für krank. Heute war mein Sinn darauf gesetzt, sie zu einem
ordentlichen Widerspruche zu zwingen.
    Aber, sage mir - redete ich sie an - wie kannst Du es nur zwei Minuten bei
dem Weibe aushalten?
    »Ach sie leidet sehr viel!«
    Worüber klagt sie denn?
    »Sie klagt nicht; aber ihr Betragen klagt für sie.«
    Gegen sie! willst Du sagen. Das Weib ist ja aus lauter Gift und Galle
zusammengesetzt.
    »Beste Wilhelmine! wenn das ist, was kann sie denn für ihr Betragen?«
    Nun! was jeder dafür kann, der einen freien Willen hat.
    »Ach Gott! Kannst Du einem Wahnsinnigen freien Willen zuschreiben?«
    Wie? Du hältst sie für wahnsinnig?
    »Nicht in dem gewöhnlichen Sinne. Aber glaube mir, jeder lasterhafte Mensch
ist es minder oder mehr. Nanntest Du nicht selbst einmal Oliviers Denkungsart
lasterhaften Wahnsinn?«
    Ja, wenn ich ihn nicht sehe, wenn ich nicht unmittelbar unter seiner Bosheit
leide. Aber in dem Augenblicke, wo ich beleidigt werde, muss ich die Beleidigung
instinktartig zurückwerfen, muss voraussetzen, der Beleidiger sei ein freier
Mensch, fähig, sich nach vernünftigen Gründen zu bestimmen. Hat er es bis dahin
nicht gekonnt; so verhelfen ihm sehr oft meine Vorwürfe dazu. Er begreift, dass
er anders handeln muss, um mir nicht hassenswürdig zu werden.
    »Liebste Wilhelmine! dies glauben viele Menschen, und doch - was bringt
dieser Glaube hervor? Nach meiner kleinen Erfahrung gerade das Gegenteil von
dem, was man hoft: dass ich in dem Beleidiger - schuldiger oder unschuldiger
Weise - eine unangenehme Empfindung erregt habe, ist ja schon durch die
Beleidigung erwiesen. Sie selbst, obgleich sie ihm eine täuschende Erleichterung
verschafft, bringt wieder eine unangenehme Empfindung hervor. Nun füge ich - um
das Unglück vollkommen zu machen - eine drei doppelt so unangenehme hinzu. Wie
natürlich, dass er durch eine gerechte oder ungerechte Kraftäusserung diese Menge
unangenehmer Empfindungen auf mich, den widrigen Gegenstand zurückwirft. Und so
ist denn der Anfang zu einer, wer weiss wie viele Jahre dauernden Feindschaft
gemacht.«
    Also muss man alles dulden, alles über sich ergehen lassen?
    »Was die Männer sollen, das weiss ich ich nicht. Sie haben ihren Degen und
mit dem lässt sich vielerlei ausmachen. Aber Güte und Sanftmut sind ja unsere
einzigen Waffen? Mir wenigstens, kommt eine Frau die sich auf irgend eine Weise
zu rächen sucht, wie eine ekelhafte Missgeburt vor.«
    Aber Madame R.... ist nicht ekelhaft - -
    »Liebste! viele Kranke sind ekelhaft; muss man sie darum verlassen?«
    Wenigstens folgt Jedermann, der Madame R.... kennt, dieser sehr natürlichen
Empfindung.
    »Gerade dadurch wird sie noch mehr erbittert.«
    So? mich dünkt sie könnte sich aber auch dadurch bewogen fühlen etwas
weniger giftig zu werden. Denn, sage was Du willst, man muss sich doch, wegen
ihrer Bosheit, an sie selbst halten.
    »O ja! wenn man abgerechnet hat, was Erziehung, Umstände und Temperament
dazu beigetragen haben. Wenn man versucht hat, was die äusserste Liebe über sie
vermag.«
    Und dazu bist nun gerade Du berufen? Musst Dich um dieses Weibes willen von
einer Freundin trennen? Ich will es noch erleben! in das Polterkämmerchen wird
man mich stecken.
    »Meine Wilhelmine!« - rief sie - schloss mich in ihre Arme, und erstickte
alle übrige Vorwürfe mit ihren Küssen.
    Da kommt sie! Ich muss schliessen und habe Ihnen noch gar nicht geschrieben,
was ich eigentlich schreiben wollte. Nun, das nächste mal. Viele Grüsse an meinen
lieben Vater und an Reinhold.
 
                           Drei und dreissigster Brief
                              Olivier an Reinhold
Noch habe ich keine Zeile von Dir gesehen. Freilich! wohin kannst Du mir
schreiben! - Ich irre herum wie ein Verbannter, suche Ruhe und finde sie nicht.
    Reinhold! sei menschlich! entdecke mir ihren Aufentalt. Sieh! ich gebe Dir
mein Ehrenwort: ich will sie nicht zwingen. Nein! sie soll frei bleiben. Mag sie
dann auch ihre Freiheit zu meinem Nachteil gebrauchen.
    Wenn ich sie nur sehe, wenn ich nur in ihrer Nähe wieder atme.
    O Reinhold! gieb mir sie wieder! damit ich diesen entsetzlichen Schmerz in
meiner Brust nicht mehr fühle. Ach wie ist alles so wüste seitdem ich sie nicht
mehr habe! - Nur die Hoffnung sie zu finden, konnte mir das Leben erhalten.
    In G.... haben sie das Äusserste versucht mich zu erheitern. Vergebens!
Weiber, Wein, Vergnügungen, alles ist mir zum Ekel. Sprechen sie nun gar von
meinen stachlichten Lorbeeren; so möchte ich davon laufen. Ach was sind meine
Metzeleien gegen ihre stille, himmlische Grösse? - Was sind die gepriesensten
Weiber gegen diese Unvergleichliche! - Wahre Zieraffen! die nicht einmal die
Hälfte von dem, was sie ist, scheinen können.
    Sieh! ich bin unglücklich! auf mein ganzes Leben bin ich unglücklich, wenn
ich sie nicht finde. Ich liess mir aus Verzweiflung den Zügel wieder schiessen,
wollte mich betäuben. - Aber es geht nicht! es geht nicht! - Ach ich fühle mich
dann noch trostloser, noch weiter von ihr entfernt.
    Aber kann ich ihr nicht schreiben? Reinhold! ich will ihr schreiben. Dir
selbst schicke ich den Brief. Du musst, ja Du wirst ihn besorgen! - Nein, das
kannst Du nicht! nein, Du behältst ihn nicht zurück. - Du liebst mich noch, Du
willst nicht, dass ich verzweifle. O Reinhold! Du schickst ihr den Brief. - Ich
schreibe! ich schreibe.
 
                           Vier und dreissigster Brief
                                Olivier an Julie
Julie! haben Sie mich vergessen? O Julie! hassen Sie mich? - Ich bin
unglücklich, unbeschreiblich unglücklich. Ich sehe, ich höre Sie nicht mehr. -
Nein, aus Sich selbst haben Sie das nicht getan. Man hat Sie gezwungen, Sie
gewaltsam mir entrissen.
    Aber dieser Brief wird in Ihre Hände kommen. Sie werden ihn lesen. Julie!
wollen Sie nicht wiederkehren? wollen Sie mich nicht der Verzweiflung entreissen?
- Es ist alles verändert. Gewiss Sie sollen frei bleiben. Aber lassen Sie mich
Ihre Stimme wieder hören! nehmen Sie diese schreckliche Nacht von meiner Seele!
- O Julie! sagen Sie mir, dass Sie mich nicht hassen. Julie! meine einzige Julie!
kehren Sie wieder! Ich nenne, ich schreibe Ihren Namen so oft. Ach es liegt
etwas tröstendes in diesem Namen. -
    Aber Sie können diesen Brief nicht lesen. Meine Hand zitterte so heftig. Ich
muss ihn abschreiben. Wird meine Julie mir antworten? Gewiss! woher nähme sie die
Härte zu schweigen.
    Ich habe den Brief wieder abgeschrieben, und kann mich noch immer nicht von
dem Blatte trennen. So lange es in meinen Händen ist, fühle ich nicht den
entsetzlichen Schmerz in meiner Brust. Mich dünkt, Sie hätten es schon berührt,
hätten es gelesen. Ihre Antwort stünde darauf. O meine Julie! werden Sie mir
antworten? -
 
                           Fünf und dreissigster Brief
                              Olivier an Reinhold
Ein Brief an Dich, darin einer an Julie, ist gestern abgegangen, und nun erst
fällt mir ein, dass ich Dir abermals keine Addresse gegeben habe. Ach, seitdem
sie mich verlassen hat, verwirren sich meine Gedanken. Das Notwendigste
vergesse ich, Kleinigkeiten betreibe ich mit einer lächerlichen Wichtigkeit,
schwatze oft Stundenlang, und weiss am Ende kein Wort davon.
    Nun, wegen der Addresse. - Du schickst Deinen Brief nach P.... Der König
kommt dortin, und will mich sprechen. Ich zittre, dass vom nächsten Feldzuge,
dass von einem Auftrage die Rede sein wird. -
    Zwar habe ich meine Ruhe teuer genug erkauft; aber werde ich nein sagen
können? Werde ich es dürfen? - Auf keinen Fall reise ich, ohne sie gesehen, ohne
ihr Wort zu haben.
    Alles hat sich wider mich verschworen! - Treibe mich nun nicht aufs
Äusserste.
 
                          Sechs und dreissigster Brief
                             Reinhold an Wilhelmine
In diesem Augenblicke empfange ich einen Brief von Olivier, nebst dem
Einschlusse an Ihre Julie. Ich schicke Ihnen beides mit einem reitenden Boten,
der mir versprochen hat, sich und sein Pferd nicht zu schonen. Noch hoffe ich,
er werde früher kommen, als der Obriste, und ihnen Zeit verschaffen, Ihre
Massregeln zu nehmen.
    Dem Himmel sei Dank! dass es meines Rates nicht bedarf. Ich gestehe Ihnen,
bei Oliviers Zustande ist mir die Unparteilichkeit nicht möglich. -
Unvorbereitet konnte ich Sie gleichwohl nicht lassen. - Ach unter diesen
heftigen Erschütterungen verwirren sich meine Geschäfte. Oliviers Leidenschaft
ist unmerklich in mich übergegangen. Oft verwechsele ich mich mit ihm, und mich
dünkt, ich sei es, der Julie verliere. Dann reisst meine Phantasie mich wieder zu
Ihnen hin, und ich zittre Olivier möchte Julie entdecken. Wie wird das enden? -
Sagen Sie mir, beste Freundin! haben Sie keine Ahnung davon? -
 
                          Sieben und dreissigster Brief
                             Wilhelmine an Reinhold
Alle Ahnungen sind überflüssig. Ihr Bote kam nur zwei Stunden später als er
sollte; aber wir sind entdeckt. Der König war schon seit geraumer Zeit hier und
suchte Julie eben so geflissentlich auf, als sie ihn vermied. Welch Wunder! dass
er bei seiner ausserordentlichen Reitzbarkeit, sich angezogen fühlt, wo die
kältesten Männer gerührt werden. - Julie in ihrer Kinderunschuld meinte, es sei
Wohlgefallen an unserm Geschwätz und fürchtete nur das Aufsehen. Aber seine
Augen haben ihn verraten, und jetzt, nach der Ankunft des Obristen ist kein
Zweifel mehr übrig.
    Schon seit mehreren Tagen hatten wir unter dem Vorwande einer Unpässlichkeit
allen Spaziergängen entsagt. Endlich lockte uns das schöne Wetter aus unserm
Zimmer hervor. Wir glaubten überdem, der König sei ausgeritten, und atmeten
sorgenlos die reine erquickende Luft, als wir plötzlich seine Stimme dicht neben
uns hörten. »Lasst ihn hierher kommen,« - sagte er zu seinen Leuten, und stand
vor uns, ehe wir nur versuchen konnten, ihm auszuweichen.
    Ein paar Minuten, und wir sind, trotz unserer Einsylbigkeit, wieder
meisterhaft ins Gespräch verwickelt. Aber mit einem Male ruft der König: »Ah da
ist er! Nicht wahr? Sie verzeihen mir, wenn ich einen alten Freund in Ihrer
Gegenwart bewillkomme?« -
    Wir verneigten uns und schwiegen. Was konnten wir auf diese übertriebene
Höflichkeit antworten? -
    Jetzt erscheint ein grosser entsetzlicher Mann in p... Uniform am Ende der
Allee. Der König verdoppelt die Schritte. Wir müssen folgen. Auch der Mann
nähert sich schneller. »Julie! - rufe ich mit einem Male - wer ist das?« - »Der
Obriste Olivier!« - sagt der König, starrt mich an, und wendet sich dann zu
Julie mit der Frage: »kennen Sie ihn?« - »Es ist mein Vormund« - antwortet sie
gefasst; aber bleich wie eine Leiche. Der König steht still, und seine Augen
ruhen unverwandt auf Julien. So findet uns der Obriste.
    Es war unmöglich den gewaltsamen Kampf zwischen Anstand und überwältigender
Empfindung bei ihm zu verkennen. - »Wahrscheinlich eine ganz unvermutete
Zusammenkunft?« - sagt der König in einem empfindlich höflichen Tone. - »Meine
Braut - antwortet der Obriste, und seine Augen sprühen Flammen - musste sich ohne
Abschied von mir trennen.« - Mit einer tiefen Verbeugung setzt er nach einem
allgemeinen Stillschweigen hinzu: »ich habe nicht säumen wollen Ew. Majestät
Befehlen zu gehorchen.«
    »Verbunden! sehr verbunden!« - ruft der König im lustig sein sollenden Tone
- »Aber jetzt wäre es grausam Ihnen mit meinen Angelegenheiten beschwerlich zu
fallen. Kommen Sie Fräulein! - indem er sich zu mir wendet - Sie müssen Ihr
Versprechen erfüllen, und mir die neue Anlage zeigen.«
    Ich wusste von keinem Versprechen und von keiner Anlage. Aber in ein dummes
Hinbrüten versunken, lasse ich mich halb bewusstlos mit fortreissen.
    »Mein Fräulein - sagt der König - lösen Sie mir das Rätsel! Eine Braut, die
vor ihrem Geliebten erblasst?« -
    »Ihro Majestät! Fräulein S... ist nicht Braut.«
    »Sie ist es nicht?« - ruft er, und weckt mich erst jetzt aus meiner
Betäubung. Ich will mir helfen - Vergebens! er lässt nicht nach mit Fragen,
treibt mich von einer Unbesonnenheit zur andern, und verwickelt mich endlich so
sehr in meine Antworten, dass mir bald nichts mehr zu gestehen übrig bleibt.
    Mit tödtlichem Schrecken sehe ich ihn jetzt meine Hände in unbändiger Freude
ergreifen und sie mit Küssen bedecken. Höre ihn mich beschwören, seine Freundin
zu sein, Julie zu bewegen, seinen Schutz anzunehmen, zu glauben, dass er mein
Vertrauen auf keine Weise missbrauchen werde. - O Gott! ich weiss nicht mehr, was
er mir alles sagte. - Mir war, es habe der Donner vor mir eingeschlagen. Stumm,
zitternd und taumelnd liess ich mich von ihm bis zu meinem Zimmer begleiten.
    Julie fand mich im Fieber. Noch jetzt bin ich nicht davon befreit. Das
Reisen hat uns der Arzt verboten. Haben sie die Güte meine Mutter zu
benachrichtigen. Fort müssen wir, das ist gewiss. Aber wann? wohin? kann ich noch
nicht entscheiden.
    Juliens Gesundheit scheint unverwüstbar. Sie spricht mir Mut ein, und
versichert, es werde noch alles gut gehen. Ach woher nehme ich die Kraft, ihr
meine Unbesonnenheit zu gestehen? Ich suche die Gelegenheit und zittre davor.
Auf jeden Fall melde ich Ihnen unsre Abreise.
 
                           Acht und dreissigster Brief
                              Olivier an Reinhold
Wäre ich nur in dem Gewühle des Krieges geblieben. Hätte irgend ein feindlicher
Säbel, eine wohltätige Kugel sich meiner erbarmt; dann wäre ich jetzt im
Frieden. - Doch wer weiss - Wahrhaftig! man könnte versucht werden schon hier an
eine Vergeltung zu glauben. Wie oft hat mich die Eifersucht der Weiber amüsirt -
und jetzt! - Der König hat sie gesehen - und in meinem Herzen ist die Hölle mit
allen ihren Quaalen.
    Ob ich für sie fürchte? O denke es nicht! Es ist Lästerung. Nein sie ist und
wird ewig bleiben was sie war. Aber er sieht sie, er untersteht sich ihre Hand
zu berühren. Begreifst Du, was ich leide? - Ob ich ihrer denn würdiger bin? Das
sage ich nicht! Keiner ist ihrer würdig. Aber er - er mag es wagen einen seiner
Gedanken laut werden zu lassen.
    Sonderbar müssen wir uns neben einander ausnehmen. Er schmeichelt mir, und
ich, natürlicher Weise, bin gezwungen ihn zu schonen. Aber unsre Blicke mögen
einen schönen Kommentar abgeben. - Weswegen er mit seinem Auftrage noch nicht
hervorrückt? ist mir unbegreiflich. Ich warte darauf, um das Entscheidende zu
wagen.
    Sieh! was hat nun all Eure Vorsicht geholfen? - Das Schicksal führt uns
trotz Euch wieder zusammen. Ohnfehlbar habt Ihr statt zu verbessern
verschlimmert. Wahrlich! Ihr mögtet was darum geben, dass alles im vorigen Gleise
noch fortschlenderte. Dann wüsste ich noch nicht, was es heisst, ohne sie zu
leben. Dann wäre vielleicht eine sanfte allmählige Trennung noch möglich. Jetzt
ist es Raserei daran zu denken. Sie oder den Tod. Darauf könnt Ihr Euch
verlassen.
 
                           Neun und dreissigster Brief
                             Reinhold an Wilhelmine
Bestes Fräulein! ich beschwöre Sie, nichts zu übereilen. Oft wirkt das, was wir
Zufall nennen, mehr, als wir bei dem besten Willen vermocht hätten.
    Versuchen Sie einmal, sich eine kurze Zeit leidend zu verhalten. Besonders
handeln Sie nicht gegen den Obristen. Es ist gefährlich. - Meine teure
Freundin! Lassen Sie uns auch gegen ihn gerecht sein. Wahrlich! er leidet sehr
viel; gewiss mehr, als wir begreifen.
    »Aber Julie?« - Julie, bestes Fräulein! ist sicher. Und wäre sie es nicht -
in der Tat, dann zweifle ich, dass wir ihr Sicherheit verschaffen können. - Nur
Zeit gewonnen! dann ist alles gewonnen. Wenigstens, alles was uns zu gewinnen
übrig bleibt.
 
                               Vierzigster Brief
                              Olivier an Reinhold
Ganz richtig! ich soll wieder Tausende zur Schlachtbank führen; weil es dem
Herrn, weil es seiner allmächtigen Dame so beliebt. Meine braven Kerle lassen
sich in Stücken hauen, ich stürze ihnen nach, wie ein Verrückter, und das alles
wird, gegen eine Nation die für Eigentum und Freiheit kämpft, zu nichts dienen,
als ein paar Lücken in den Zeitungen auszufüllen.
    Sollte nicht eine Zeit kommen, wo die armen hungrigen 4 Groschen Helden,
ihren an der Verdauung laborirenden Gebietern die Waffen zu Füssen legen, und in
Demut anhalten würden: Höchstdieselben mögten, wenn irgend etwas zwischen Ihnen
und Dero Herren Vettern auszumachen sein sollte, die Gnade haben, solches mit
eignen hohen Händen zu bestreiten. Besagte Helden wären indessen gesonnen das
Feld zu bauen und auf diese Weise zu den Tronverzierungen das Ihrige
beizutragen; wofern nur die Hasen und Hirsche der Herren Gebieter nichts
dawider einzuwenden hätten. - - Ja ich glaube, sie wird kommen diese Zeit. Die
Herren Gebieter werden sie selbst herbeiführen und auf diese Weise für die
Unverdaulichkeiten am besten Sorge tragen.
    Welche Antwort ich aber gegeben habe? - Dass ich bereit sei den Augenblick zu
gehen; sobald Fräulein S... mir ihre Hand zur Belohnung reichen wolle.
    »Sonderbarer Einfall!« - riefen Ihro Majestät und beliebten dabei mit
entsetzlichen Schritten das Zimmer zu messen. - »Ich glaube wahrhaftig, Sie
haben mich zum Brautwerber ausersehen.«
    »Ich gestehe, dass unter allen Belohnungen«
    »Mit welchen Sie mich bis jetzt immer zurückwiesen.«
    »Ich wünschte Ew. Majestät von meiner uneigennützigen Anhänglichkeit zu
überzeugen« -
    »Und jetzt?« -
    »Hat das Leben durch Julie von S... einen Wert für mich bekommen.«
    »So! so! nun ich habe nichts dawider.«
    »Was könnten Ew. Majestät dawider haben?«
    »Wahrhaftig, Herr Obrister! Sie spielen heute eine sehr komische Rolle.«
    »Ew. Majestät sind heute vielleicht sehr komisch gestimmt; und daher mag ich
Ihnen wohl so erscheinen. Sonst war das Komische eben nicht meine Sache.«
    »Nun! so haben Sie Sich erst seit Kurzem darauf gelegt. Denn, gestehen Sie!
es war doch sehr komisch, schon bei unsrer ersten Zusammenkunft Fräulein S...
Ihre Braut zu nennen; und jetzt noch einer Vorsprache zu bedürfen.«
    »Dieser Vorsprache würde ich nie bedurft haben, wenn Fräulein S... ihrem
Herzen hätte folgen können.«
    »Ach mein lieber Obrister! es ist eine gar eigene Sache um ein
Frauenzimmerherz. - In unsern Jahren tut man sehr wohl, keine zu grossen
Ansprüche daran zu machen.« -
    Ich hatte etwas sehr Bitteres auf der Zunge; aber glücklicher oder
unglücklicher Weise trat der Günstling herein.
    »Adieu, lieber Olivier! - rief der König - In vier Wochen hoffe ich den
Herrn General zu empfangen.«
    Was ich nun tun will? - Zu Julie will ich gehen, und sie soll entscheiden.
 
                           Ein und vierzigster Brief
                              Reinhold an Olivier
Bester Olivier! wenn Du noch nicht gegangen bist; so höre mich. Ach dass es Dir
möglich wäre Dich zu fassen! die Folgen einer Übereilung zu begreifen. - Hast Du
alles vergessen? - Sie sollte frei bleiben, Du wolltest sie nicht zwingen. - Nun
soll sie sich aufopfern, soll ihr ganzes Leben hindurch weinen. Was hat die
Reine, Unschuldige getan, so in ein entsetzliches Schicksal verwickelt zu
werden? Warum soll sie den Mann ihres Herzens nicht wählen dürfen? - Deine Liebe
selbst müsste sie schützen. Welch eine Gestalt hat diese Liebe angenommen! -
Könnte ihr ärgster Feind schlimmer gegen sie handeln? -
    Olivier reiss Dich einmal los von Dir selbst! Du kannst es, wenn Du es
willst. Schreite mutig aus dem Zauberkreis der Leidenschaft. Jetzt bist Du ein
Dritter, bist nicht mehr der von schrecklicher Eigenliebe bis zum Wahnsinn
verblendete Olivier. Olivier! was fühlt nun Dein menschliches Herz? - Ach sieh!
es kehret nie wieder das Blütenalter der Liebe. - Soll sie es niemals
durchleben? Wenn sie nun einst, wie Du es glaubst, mit uns zerstört wird, wenn
kein Bewusstsein ihres vorigen Zustandes möglich ist, wenn vielleicht kein
besserer ihrer wartet; dann willst Du es sein, der ihr die einzigen Augenblicke
raubt, die den Menschen für sein Dasein trösten können!
    Nicht wahr? Dein innigstes Mitleiden erwacht. Nein, Du willst nicht zum
strafbarsten Mörder an ihr werden!
 
                           Zwei und vierzigster Brief
                              Olivier an Reinhold
Du hast sie nicht gesehen; das macht Dein Philosophiren begreiflich. Auch
bewahre Dich Gott dafür! Du wärest noch unglücklicher als ich, Du würdest leiden
, wo ich handle.
    Wer zweifelt, dass ich mein Verfahren an einem Dritten missbilligen würde?
Aber ich, ich kann nicht anders. »Schreite muhig aus dem Zauberkreis der
Leidenschaft.« Aber in diesen Kreis hat das Schicksal meine ganze Glückseligkeit
gebannt. Ausser ihm ist eine scheussliche, grausenvolle Öde. Ich kenne sie schon
diese Hölle. Nein, nein! dass ich mich vor den Quaalen der Verdammten schütze,
das will ich verantworten.
    Ach wenn das Treiben und Drängen der unglücklichen Erdenwürmer mich
anekelte, wenn Wollust und Ruhmsucht mir schienen was sie sind, wenn ich mich
nach allen Seiten wendete und trostlos fragte; warum? warum wozu? - Dann
erschien sie mir wie ein höheres Wesen, die grübelnde Vernunft war gefangen, und
ich glaubte.
    Nein, Du irrst! nein sie kann nie aufhören zu sein, und sollten wir alle
verschwinden. Sie ist mit sich einig, ist ein unzerstörbares Ganze. In ihr lebt
wahrhaft ein unsterblicher Geist. Darum will ich mich an sie schliessen, will
fest an ihr halten, dass sie mich hinüber ziehe in das unbegreifliche Leben.
    Noch habe ich sie nicht gefragt. Ein sonderbares, linkisches, mutloses
Wesen befällt mich in ihrer Gegenwart. Aber sie sieht was ich leide, sie
begreift, wie unmöglich es ist, dass ich sie einem andern Manne überlasse. Auch
vermeidet sie jede männliche Gesellschaft. Es ist gut, ich weiss ihr Dank dafür;
aber es kann, es darf auch nicht anders sein - ich würde rasen.
    Freilich! manchmal erschrecke ich wohl vor dem Gedanken, sie könne ganz die
Meinige werden. - Aber dann habe ich sie ja, dann wird die Gewohnheit, sie zu
sehen und zu besitzen, diese quaalvolle Empfindung mildern. Dann werde ich nicht
mehr die Gewänder, die sie umschliessen, die Lüfte, die sie umwehen, beneiden.
    Letzt kamen wir von einem Spaziergange. Sie klagte über Durst, und foderte
ein Glas Wasser. Wie sie es so mit Begierde ergriff, es an den Mund brachte, und
nun in hastigen Zügen es leerte - ja, da hatte ich mit mir zu kämpfen. Zweimal
streckte ich die Hand aus nach dem Glase, und liess sie dann beschämt wieder
sinken. - Wer hätte mich begriffen? wer hätte geahnet was ich litt, sie etwas so
mit Begierde verlangen, es körperlich mit sich vereinigen zu sehen. - Endlich
bekam ich das Glas und - freilich stieg mir das Blut dabei ins Gesicht - ja ich
konnte es nicht lassen, heimlich zerschmetterte ich es gegen einen Stein.
    Ach bedaure mich! Ich weiss wohl, es ist weit mit mir gekommen.
 
                           Drei und vierzigster Brief
                             Wilhelmine an Reinhold
Ich soll mich leidend verhalten? - Nun Sie werden sehen, wohin das führt. Sicher
wäre sie? - Mein guter Freund! was nennen Sie sicher? - Dass für ihre Unschuld
nichts zu fürchten ist; wer kann davon mehr überzeugt sein als ich? Aber ihre
Ruhe! - Sie sollten nur hier sein! -
    Wahrlich! Herr Olivier scheint all Ihr Mitleiden verbraucht, und Ihre
Gerechtigkeit nur für sich in Beschlag genommen zu haben. Er kommt mir vor wie
jener Wolf, der sich beklagte, dass er ein schönes Lamm in der Nachbarschaft,
wozu er doch so grossen Appetit habe, nicht zerreissen könne. Darnach mögen Sie
ohngefähr schliessen, welchen Eindruck seine Leiden auf mich machen, und wie sehr
ich gesonnen bin, mich duldend dabei zu verhalten.
    Die unglückliche verblendete Julie sieht freilich mit andern Augen. Jeden
Tag peinigt sie sich, irgend eine neue gute Eigenschaft an dem Herrn Obristen zu
entdecken.
    »Es ist doch ein schöner, grosser Charakter! voll Kraft und ausdauernden
Mut. So weich kann er nun freilich nicht sein, wie ein Weiberherz ihn verlangt.
Aber gewiss! er ist empfänglich für alles Gute und Schöne. - Dass er unser
Geschlecht vormals nicht schätzte? ach das mochte vielleicht seine Schuld nicht
sein. - Dass er ein wenig viel gelebt hat? Es ist eine Schimäre, Reinigkeit der
Sitten von einem Manne zu verlangen. - Seine Hände triefen zwar von Blut; aber
er stritt ja für sein Vaterland« - Wenn ich das Wort höre, beiss ich mir in die
Lippen - »und die Welt nennt ihn einen Helden.«
    Für den Herrn Obristen ist demnach in aller Herzen gesorgt; nur in dem
meinigen wollen seine Vollkommenheiten nicht haften. - Trotz des Schafpelzes,
steht mir leider der Wolf immer vor Augen, und ich kann die Zeit nicht
vergessen, wo er glaubte die jetzige Verkleidung entbehren zu können. Früh oder
spät wird er den alten bequemen Glauben wieder annehmen, und wehe dann einem
Jeden, der nicht auf seiner Hut ist!
    Immerhin wollte ich alles gelten lassen; wenn sie ihn nur liebte. - Es wäre
doch eine befriedigte Leidenschaft, die in dem genussleeren Menschenleben wohl
einige Rücksicht verdient. - Aber, sie fühlt nichts als Mitleiden. Davon bin ich
jetzt lebhafter als jemals überzeugt.
    Dass der König, bei aller sogenannten Liebenswürdigkeit sie nicht gerührt
hat, bedarf wohl keiner Versicherung. - Aber seit einiger Zeit ist hier ein
junger Sicilianer, der, wenn der Obriste für einen Herkules gelten kann, sich
dreist für einen Apoll ausgeben darf. Er spricht das Deutsche nur gebrochen;
aber es klingt wie Musik in seinem Munde. Er kann nur halb dadurch andeuten, was
er wünscht; aber seine Bewegungen voll südlichen Feuers und südlicher Anmut
sagen mehr als die vollkommenste Sprache. Der Obriste ist sein Held und Julie
sein Abgott. Wohl bemerkt! dass dieser Abgott sehr menschlich für ihn empfindet.
    Aber glauben Sie, man überliesse sich dieser sehr natürlichen Empfindung?
behüte! So wie der junge Mann erscheint, läuft man davon und möchte lieber die
Fenster zumauern, um nicht den vierten Teil eines sichtbaren Ermels auf seinem
Gewissen zu haben. Nichts desto weniger geraten der Herr Obriste sehr häufig in
grosse Verlegenheit. - Jetzt muss ich abbrechen; aber nächstens sage ich Ihnen
vielleicht ein Wörtchen darüber.
    Unsere Abreise? - Nun, sie gehört in das Kapitel der guten Vorsätze, und ist
demnach vor jeder Übereilung gesichert.
 
                           Vier und vierzigster Brief
                              Olivier an Reinhold
Heute stehe ich mit dem überlegten Vorsatze auf, sie um eine entscheidende
Antwort zu bitten. Ich trete in die Allee, und halte noch einmal jedes Wider und
Für in meinem Kopfe zusammen; als ein wunderschöner junger Mann mich anredet.
Ich sehe ihn an, und schreie laut auf: »Antonelli!« - »Sein Sohn,« - antwortet
er, und liegt in meinen Armen.
    Als ich ihn so an meine Brust drücke, und mich nicht satt an ihm sehen und
küssen kann; zieht er ein Schreiben hervor. Es war von der Mutter. Wie weich ich
jetzt bin! - ich konnt' es nicht auslesen. - Du weisst, der Vater fiel an meiner
Seite. - Das Mutterherz hatte gesprochen, und - wie gesagt - ich konnt' es nicht
auslesen.
    Ich gab ihm die Hand, und nannte ihn meinen Sohn. Das Wort war heraus.
Einige Minuten darauf hätte ich es nicht sagen können. Julie trat in die Allee
und ein Gewühl von schmerzhaften Ahnungen umpfieng meine Seele. -
    Der junge Mensch blieb staunend und sprachlos vor ihr stehen. Ich musste ihn
an seinen Hut erinnern. - Ach es wird mir zu viel, ich unterliege.
                           Fünf und vierzigster Brief
                              Reinhold an Olivier
Heldenseele erwache! Auf mein Olivier! es gilt! Zum Kampfe gegen das tückische,
grausame Schicksal! Sieh! es will Dich unterjochen! - Meinen Olivier
unterjochen! - O der Schande! Nein, nein! Noch kann er die entehrende
Leidenschaft überwinden. Triumphiret nicht! plötzlich wird er erwachen, und sich
bewusst werden was er ist, Trieb nach einer unendlichen Tätigkeit hat ihn in
dieses Labyrint geführt; aber eine höhere Liebe als die, welche er darin
suchte, wird ihn aus der Finsternis leiten.
    Nein, er soll nicht Verzicht tun auf Glückseligkeit. Im höhern Maasse, als
er es jemals geahnet hat, wird sie ihm zu Teil werden. Nur Mut! nur einige
Schritte! wie viel Anstrengung sie auch kosten! Sie führen zum Lichte, zum
höheren, genussvolleren Leben.
    Mein Olivier, ich umarme Dich, und bitte Deinen Schutzgeist Dich nicht zu
verlassen.
 
                          Sechs und vierzigster Brief
                              Olivier an Reinhold
Guter Mensch! was rufst Du mir zu? Es ist vergebens. Olivier ist an keine
Aufopferung gewöhnt. Mag es das Schicksal verantworten. -
    Ich bedurfte Ruhm; mein Kopf und mein Arm mussten ihn erwerben. Mein Körper
foderte sinnlichen Genuss; für und ohne Geld hatte ich mehr als ich brauchte.
Mein Geist dürstete nach Wahrheit; und ich war glücklich genug, das was ich
gefunden hatte, dafür zu halten.
    Jetzt war mein Lebensplan fertig. Ich wollte geniessen; und es fehlte mir
nicht an den Mitteln. Wer hätte mich nicht glücklich gepriesen? - Aber mein Herz
war vergessen, und rächte sich schrecklich an mir.
    Was bleibt nun übrig? - Aufgeben? Verzicht tun? - Da steht die
Unmöglichkeit! überwinde sie wenn Du kannst. - Ja, wäre die Rede nur von
sinnlichem Wohlgefallen; ich würde den Gegenstand wechseln, mich betäuben, und
vergessen. Aber Sie! - O Gott! -
    Wie konnte ich diese Vortreflichkeit ahnen, in der grässlichen ewig
verschlingenden Natur? In ihr, die ihre Kinder nur zum Tode gebiert, und was sie
schaffen, mörderisch im ewigen Kreislaufe zerstört. Konnte ich glauben, sie
wollte etwas anderes; als vorüberfliegenden sinnlichen Genuss für ihre Geschöpfe?
- Sah ich nicht die Unglücklichen nur darum sich zerfleischen? Fand ich nicht
Dummheit oder Heuchelei, wenn sie vorgaben für etwas Edleres zu kämpfen? Hatte
ich selbst jemals für etwas Erhabeners gestritten? Oft wollten die Andern mich
es glauben machen und würden mich vielleicht zu diesem Glauben bekehrt haben,
wäre er zu meiner Ruhe notwendig gewesen. Aber bei meinem System konnte ich gar
wohl seiner entbehren.
    Uns aufgerichteten Tieren schien mir ganz recht zu geschehen, wenn wir beim
Fluge nach den Sternen durch die mütterliche Erde, etwas unsanft an unsere
Abkunft erinnert würden. Diese Luftschifferei, nach so vielen misslungenen
Versuchen, ferner noch zu treiben, schien mir ganz eigentlicher Wahnsinn, und
der damit Behafteten glaubte ich keinen bessern Weg als zum Arzte vorschlagen zu
können.
    Jedesmal, wenn mir nun das Leben nicht genügte, mir ekelhaft vorkam, suchte
ich den Grund in einem krankhaften Zustande meines Körpers, und war glücklich
oder unglücklich genug, mir durch eine Reise, durch irgend eine andere
Zerstreuung wieder aufzuhelfen.
    Aber da sich dieses Engelherz mir öfnete, war es um mein System, und mit ihm
um meine Ruhe geschehen. Dieser himmlische Sinn, kein Werk des Beispiels, der
Erziehung, war rein und vollendet aus den Händen der Natur hervorgegangen; hatte
alles was ihn enteiligen konnte, mit eigner Kraft zurückgestossen.
    So war es denn gewiss! die Unergründliche wollte mehr als das tierische
Wohlsein - bildete Wesen zu höheren als irdischen Freuden. -
    Denke, wie diese nicht nachgebetete, oder einsam ergrübelte, sondern durch
lebendige Erfahrung abgedrungene Bemerkung auf mich wirken musste! - Mir war, als
träte ich aus einer dumpfigen Gruft an das erquickende Tageslicht, als öfne sich
mir eine Unendlichkeit voll Wünsche und Hoffnungen. - Begreifst Du nun, dass ich
nicht bloss sie, dass ich mich, mein bessres Selbst in ihr liebe? -
    »Sie kann trotz allem - wirst Du sagen - meine Freundin bleiben.« Nein,
nein! das ist ein leerer Schall! Muss ich sie, die mein eigentliches Leben in
sich schliesst, Stunden, Tage lang, ohne die Hoffnung, dass sie mir einst ganz
angehören wird, entbehren, kann ich diesen himmlischen Körper nicht innig mit
mir vereinen, ein Wesen mit ihm ausmachen; so ist es um mich geschehen. Ein
Anderer sollte das alles besitzen? - O dann halte nur die Kette für mich bereit!
-
    »Mut?« - Nun man sagt, ich habe ihn gezeigt. - Von einem andern Mute
sprichst Du? Wohlan! auch gegen das Böse habe ich jetzt Mut. Aber sich von dem
ewig Guten zu trennen, das tut nur ein Wahnwitziger.
 
                          Sieben und vierzigster Brief
                             Wilhelmine an Reinhold
Die Verlegenheiten des Herrn Obristen wollte ich Ihnen zum Besten geben und war
freilich damals gestimmt in einen ziemlich komischen Ton zu verfallen; aber
leider hat es jetzt mit diesen Verlegenheiten eine sehr ernstafte Bewandtnis,
und das Komische gibt sich von selbst.
    Geschlagene Leute sind wir! - Ein schreckliches, unerhörtes Verbrechen
lastet auf unserer Seele. - Mit einem Worte! - fassen Sie sich - wir haben ...
getanzt. - Ob die Erde nicht bebte? ob sich die Sonne nicht verfinsterte? - Ach
nein! Aber der Obriste hat, vor Schrecken und Ärger, einen Schwindel davon
getragen.
    Gott weiss es! Dies hat auch mich fürchterlich erschreckt; aber .... Doch sie
mögen selbst urteilen.
    Nach, wer weiss wie vielen abschlägigen Antworten, bittet uns der König heute
zu dem letzten Balle. Wie gewöhnlich sucht man Entschuldigungen hervor. Aber er
lässt sich nicht irre machen, und besteht darauf, uns wenigstens als
Zuschauerinnen daran Teil nehmen zu sehen. Julie frägt mich unentschlossen mit
den Augen. Ich gebe ihr durch Zeichen zu verstehen, dass ja nichts dabei zu wagen
ist, und ... wir versprechen zu kommen.
    Hoch erfreut eilt der König davon; aber Angst, Reue und Schrecken ziehen nun
augenblicklich bei uns ein. »Was wird der Obriste denken! - Man hätte ihn um
Rat fragen, man hätte schlechterdings nicht zusagen sollen.«
    Ich gestehe, diese übertriebene Bedenklichkeiten erbitterten mich. Um so
mehr, da der König, trotz meiner kindischen Furcht, sich bis diesen Augenblick
mit musterhafter Anständigkeit betragen hat. Wie gesagt, die Bedenklichkeiten
erbitterten mich und ich hielt eine Strafpredigt über Freiheit, Selbstschätzung
u.s.w. die sich vor Meister und Gesellen konnte hören lassen.
    Julie schwieg. Es scheint ihr unmöglich, einem heftigen Menschen zu
widersprechen. Freilich, wer durch die stille Trauer auf diesem Engelgesichte
nicht zur Besinnung kommt, möchte wohl schwerlich dazu gelangen. Ich aber suchte
mich jetzt absichtlich dagegen zu verhärten, verliebte mich immer mehr in meine
Tiraden, und würde ohne Zweifel noch eine gute Stunde damit fortgefahren haben,
hätte mich der Durst nicht in einer der schönsten überfallen.
    Hastig ergrif ich ein Glas Wasser; aber eben so schnell fiel mir Julie in
den Arm: »Trink nicht - sagte sie mit einer Stimme, die sich zu der meinigen wie
eine Flöte zu einem kleinen Brummbass verhielt - das Wasser ist eiskalt, und Du
bist schrecklich erhitzt.«
    Noch wollte ich trotzen; aber da sah ich in das Himmelauge, aus dem die
Liebe nicht weicht, alle meine Tiraden waren vergessen und ich musste froh sein
mich an ihrer Schulter verbergen zu können.
    Das Andenken dieses Augenblicks hat etwas so feierlich rührendes für mich,
dass ich meine Erzählung schlechterdings auf ein andres Mal verschieben muss. Ich
will Sie durchaus weder feierlich, weder rührend noch gerührt machen. Denn,
wahrhaftig! würde hier die ganze Welt gerührt; so möchte es schlimm um uns
aussehen.
    Nur so viel zur Nachricht: Der Obriste ist ausser Gefahr, und wie gewöhnlich
von fünf Uhr an gestiefelt, gespornt und vollkommen marschfertig. Zum
Niederlegen bei Tage haben ihn weder die Bitten des Königs noch des Arztes
vermögen können. Sein Kammerdiener - der ihn, wohlbemerkt, niemals anrühren darf
- versichert, er habe ihn bis diese Stunde noch nicht in Nachtkleidern gesehen.
Dagegen aber müssen eine wohlgereinigte Uniform mit Wäsche und allem Zubehör auf
den andern Tag bereit liegen, um dem Obristen beim Erwachen sogleich in die
Hände zu fallen
    Sonderbar! Ihnen das wie eine Neuigkeit zu erzählen! Was will ich damit? -
Nun es macht eine dumme Empfindung in mir rege. Meine Feinde würden sagen; es
verdrüsst mich.
 
                           Acht und vierzigster Brief
                              Olivier an Reinhold
Sie ist mein! Ach das war zu viel gesagt! - Nein! noch ist sie nicht ganz mein;
aber sie wird nie eines Andern. Das hat sie mir versprochen und das gilt mehr,
als wenn Andre schwören.
    Höre wie es kam! Geschäfte halber war ich den ganzen Tag ihres Anblicks
beraubt gewesen. Nur erst gegen Abend konnte ich auf ein paar Minuten zu ihr
fliegen. Sie war nicht zu Hause. Mir unbegreiflich; denn ich hatte sie ja immer
gefunden. Ich fühlte die Unbescheidenheit; konnte mich aber nicht entalten zu
fragen: »wo ist sie denn?« - »Auf dem Balle.« Ich muss sehr blass geworden sein;
denn ich sah das Mädchen erschrecken. Aber ohne mich weiter einzulassen, eilte
ich davon.
    Wie ich in den Saal trete, finde ich alles in einer Ecke zusammengedrängt.
»Was gibts?« - frage ich den Lieutenant D... - »Der König tanzt mit Fräulein
S....« - antwortet er - »Aber mein Gott! was fehlt Ihnen, Herr Obrister?« -
»Nichts! nichts!« - sage ich, und dränge mich vor.
    Sie! sie selbst! mit ihm, an seiner Hand, tanzte - Nein! nein! das ist nicht
wahr! schwebte leise, unhörbar. Nur von fern berührte er sie, bückte sich
jedesmal, wenn sie sich näherte. Jetzt sollte gewalzt werden, und ich grif
krampfhaft an den Degen. Ob ich es gleich wusste, nicht zweifelte. - O ich hatte
Recht! Er wagte es nicht, und sie konnte es nicht dulden, oder sie wäre nicht
sie selbst gewesen. - Mit schüchterner Achtung - ja wahrhaftig mit
Schüchternheit - führte er sie hinauf, während die Andern ras'ten. O, er ist
noch nicht ganz verwahrlost! Er fühlt noch ihren Wert. - Ich war wieder zu mir
selbst gekommen, ich hatte mich gefasst. Aber jetzt trat Antonelli hervor, und
ehe er noch um ihre Hand bitten konnte, war ich aus dem Saale, riss meinen
Braunen in den Garten, und stürmte mit ihm durch die Felder.
    Mit einem Male - so viel weiss ich noch - ward alles schwarz um mich her,
mein Pferd stürzte und ich verlor das Bewusstsein.
    So hatte man mich gefunden. Mein treuer Brauner war unbeweglich bei mir
stehen geblieben. Ich erwachte in meinem Bette und fand Antonelli an meiner
Seite.
    »Julie! Julie!« - rief er und stürzte zur Tür hinaus. Noch ehe ich recht
zur Besinnung kam, war er wieder da, umarmte mich, küsste meine Kleider und alles
was ihm vorkam.
    Ach es ist ein unbeschreiblich liebenswürdiger Junge! Mit tiefem Schmerz muss
ich es mir gestehen. - - Ich glaubte er würde vor Freuden die Decke zersprengen;
als endlich der Arzt erschien, und ihm Ruhe gebot.
    Aber daran war nicht zu denken. Mit tausend närrischen Vorschlägen plagte er
nun den armen Mann. Ich müsse in die freie Luft. Könne ich nicht gehen; so wolle
er und der Kammerdiener mich tragen. Der grosse Lehnstuhl müsse dazu eingerichtet
werden - u.s.w.
    Alles Kopfschütteln des Arztes half nichts. Er tobte hinaus zu den Leuten.
Stricke, Betten, allerlei Gerätschaften mussten herbeigeholt werden, und ehe wir
es uns versahn, stand er mit seinem Tragsessel vor uns.
    Nun erklärte freilich der Doctor, für diesmal könne nichts daraus werden,
und nötigte ihn, unverrichteter Sache wieder abzuziehen. Aber nach einer
kleinen Weile erschien er abermals und hatte sich wieder ein Anderes ersonnen.
    Der Doctor sollte mit ihm zu Julien gehen und sie bitten, zu mir zu kommen.
Dann sollte sie an meiner Seite sitzen, während er auf der Flöte spielen und
dazu tanzen wollte.
    Der ernstafte Mann konnte sich doch jetzt des Lächelns nicht entalten und
fragte nun, wer denn diese Julie wäre? - Antonelli höchst erstaunt, hier jemand
zu finden, der noch nichts von Julie gehört hatte, zog ihn nun, ohne weiter auf
Einwendungen zu hören, mit Gewalt aus der Türe.
    Was konnte ich von dem grossen Kinde anders erwarten, als dass er das teure
Mädchen mit oder wider ihren Willen herschleppen würde. Darum sprang ich, ohne
meine Schmerzen zu achten, schnell aus dem Bette, warf mich in meine Uniform,
und eilte in das andere Zimmer, um sie zu empfangen
    Ich hatte richtig geahnet. Nach wenigen Minuten hörte ich schon den
Lebendigsten aller Lebendigen - so nennt ihn Wilhelmine - jauchzend und tobend
die Treppe stürmen. Aufgerissen ward die Tür, und wie ein Pfeil schoss er, ohne
mich zu bemerken, in die Kammer.
    In meinem Leben werde ich das Gesicht nicht vergessen, mit dem er wieder
heraus kam. Aber jetzt blickte er nach dem Sopha und würde mich ohnfehlbar
erstickt haben, wäre ihm nicht zu rechter Zeit eingefallen, er müsse sogleich
die fröhliche Botschaft verkündigen.
    Kaum hatte ich mich also von seinen kräftigen Umarmungen erholt, so sah ich
das himmlische Mädchen, von dem Arzte geführt, zu mir eintreten. Mein Zimmer
verwandelte sich von nun an, und hat auch seitdem immer etwas Magisches
behalten.
    Ich wollte ihr entgegen, der Arzt befahl mir zu bleiben. Antonelli ruhte
nicht; sie musste sich zu mir setzen. Ich sah ihre unbeschreibliche Verlegenheit;
aber ach Gott! ihre Nähe tat mir so wohl. - Doch Antonelli war es noch alles
nicht recht. »Ansehen! - rief er - die Hand geben! Sprechen! viel Gutes
sprechen! Ich die Flöte holen!« Jetzt war er wie ein Sturmwind hinaus, und hatte
den Arzt mit sich fortgerissen.
    Wir blieben allein. Ich fühlte es, und sie fühlte es noch tiefer. - Dass sie
zuerst sprechen würde, konnte ich nicht hoffen. Ihre Augen waren an den Boden
geheftet, und ein hohes Rot hatte das Engelgesicht überzogen.
    »Julie! - sagte ich endlich - wollen Sie mir auch nicht die Hand geben;
ansehen können Sie mich wenigstens. Ich habe sehr viel gelitten.«
    Ich glaubte, sie könne nicht schöner werden. Ich hatte geirrt. Mit tiefem
Schmerze ward ich es jetzt inne und mit dem Mute der Verzweiflung ergriff ich
nun ihre Hand, drückte sie fest an mein Herz, und rief: »Julie! Wenn Sie einen
Andern lieben, wenn Sie mich nicht lieben können; so sagen Sie es! Machen Sie
mich mit einem Male so unglücklich, als ich werden kann.«
    Sie schwieg. Mein Urteil war gesprochen. Ich dachte, empfand nichts mehr.
Mein Herz hörte auf zu schlagen; aber mein Auge wandte sich noch einmal zu ihr
hin. Da sah ich, dass sie die Lippen öfnete, und mein Blut begann wieder den
Lauf.
    »Julie! - rief ich - was wollten sie sagen? - Sagen Sie es! sagen Sie es!
was es auch sei! - Lieben Sie einen Andern? können Sie mich nicht lieben?« -
    »Ich achte Sie, und werde nie einem Andern gehören.«
    Ja! ja! das sagte sie; und ich stürzte vor ihr nieder und rief: nun will ich
gehen! will gehen in den Tod! Wann auch das Schicksal gebietet!
 
                           Neun und vierzigster Brief
                             Wilhelmine an Reinhold
Julie sagte mir, der Obriste hätte gestern ein grosses Paquet an Sie abgehen
lassen. Was kann ich nun weiter erzählen? Sie wissen ja alles. - Sie ist
gebunden; und ich werde mich losmachen. Was soll ich hier? - Sie hat meines
Rates nicht bedurft, und wird dessen künftig eben so wenig bedürfen. Ich mag
diese Unnatürlichkeiten nicht länger mit ansehen. Ich bin ihrer müde.
Meinetwegen mag bewundern wer da will; ich kann mir nicht helfen! - Mein
gesunder Menschenverstand sagt mir: es taugt nichts, und wird nie etwas taugen.
- Wenn ich mir die Folgen dieser schrecklichen Überspannung denke, so weine ich
vor Gram und Verdruss.
    Es ist Selbstmord! ja, sagen Sie was Sie wollen! es ist der grausamste,
fürchterlichste Selbstmord. Musste sie sich nicht einem Manne erhalten, der sie
liebte, den sie lieben konnte? - Darf sie sich mutwillig elend machen? -
    Sie ist gut, ja sie ist besser als Alles was wir kennen und kennen werden;
aber einen Fehler hat sie doch: sie ist zu weich, und ohne Härte gibt es keine
Tugend.
    Was wird nun diese übermenschliche Aufopferung hervorbringen? - O Gott, ich
darf nicht daran denken! - Leben Sie wohl.
 
                               Funfzigster Brief
                             Reinhold an Wilhelmine
Bestes Fräulein! Das war nicht Ihr Ernst. Wie könnten Sie sich von Ihrer Julie
trennen; jetzt da sie Ihrer am meisten bedarf? - Ich will sie nicht
rechtfertigen; aber das Mitleiden, die innigste Teilnahme ihrer Freundin darf
ich für sie auffodern. Wie viel mag sie leiden! - sich selbst hat sie verloren,
nun soll sie auch noch ihre Wilhelmine verlieren. -
    Doch welch ein Geschwätz! In der Tat ich verdiene eine Strafe, dass ich von
einer kleinen Aufwallung so viel Wesens mache. Wilhelminen kennen und glauben,
sie werde sich jemals von Julien lossagen! Diese Lächerlichkeit springt in die
Augen. - Kein Wort mehr davon! Es wäre das was die Franzosen nennen: die
Heiligen bekehren.
    Noch einmal! ich wollte Julie nicht rechtfertigen; aber mir selbst das alles
begreiflich machen, der Versuchung konnte ich nicht widerstehen. Wenn sie nun -
dachte ich - ihre Freiheit bewahrt hätte? was würde die wahrscheinliche Folge
gewesen sein? -
    Sie hätte einem Andern ihre Hand gegeben und ... wäre glücklicher geworden?
- Schwerlich! gewiss nicht. Welcher Mann könnte dieser reinen Seele das sein, was
sie ihm sein wird? - In jeder menschlichen Verbindung wird sie aufopfern müssen.
Nie wird sie an ein menschliches Wesen hinauf sehen und sich in seinem Anschauen
mit Wohlgefallen vertiefen können. Nicht einmal ein ähnliches wird sie finden.
Mit einem Worte! hienieden ist kein eigentliches Glück für sie zu erwarten.
Sicher hat sie auch längst Verzicht darauf getan. Findet sie nur einen Mann,
der sie begreift; mehr darf sie nicht hoffen. Und, mein Fräulein, mögen wir es
gestehen wollen oder nicht, diesen Mann hat sie gefunden.
    Hier, lesen Sie diese Briefe, und wenn Sie dann nicht überzeugt werden; so
gebe ich mich gefangen.
 
                           Ein und funfzigster Brief
                             Wilhelmine an Reinhold
Das habe ich nicht gewusst und - aufrichtig gesagt - das würde ich auf keinen
Fall geglaubt haben. Sie selbst fodre ich auf; wenn Sie diese Briefe nicht
empfangen hätten; würden sie geglaubt haben, der Obriste könne sie schreiben? -
    Aber was beweisen sie denn nun, diese Briefe? Dass er Julie begreift?
Immerhin! aber denken Sie an mich! dieses Begreifen wird Julie doppelt elend
machen.
    Sich ganz zu ihr erheben; das vermag er nicht. Die Fieberhitze gibt ihm
jetzt Kraft; aber diese Kraft wird mit dem Fieber verschwinden.
    Könnte Julie immer so unabhängig, so entfernt von ihm bleiben; ich würde
mich selbst zur Täuschung geneigt fühlen. Aber, geben sie Acht! Sie ist in
seiner Gewalt, und bei dem besten Willen wird jede Täuschung unmöglich. Der
Obriste muss in seinen eigentlichen Charakter zurückfallen. Dann wird er seine
Frau für eine Schwärmerin erklären, und diese Schwärmerei entweder verspotten,
oder zu seiner Bequemlichkeit nutzen.
    Auf diese Weise endigt denn noch alles so ziemlich erträglich. Aber wie?
wenn er sich rächt für die Überlegenheit seiner Frau? - Haben sie auch daran
gedacht? -
 
                           Zwei und funfzigster Brief
                             Reinhold an Wilhelmine
Wahrlich, mein Fräulein! Sie sehen weit in die Zukunft; aber wer kann Sie darum
beneiden? - In der Tat! ich halte Sie jetzt für die Unglücklichste von uns
Allen.
    Warum nun der Hoffnung so gänzlich entsagen? warum nun das Schlimmste
ergreifen? - Der Obriste soll sich rächen für die Überlegenheit seiner Frau? -
Nein, mein Fräulein! das liegt nicht in der männlichen Natur; oder diese
Überlegenheit muss sich auf eine sehr unliebenswürdige Weise ankündigen.
    Nur ein Pfaffe könnte mit einem Weibe um Reinheit des Herzens sich streiten.
Könnte sich rächen, wenn sie mehr wäre, als er sich vorgenommen hätte zu
scheinen. Der wahre Mann ist gewöhnlich zu sinnlich, zu sehr durch die Gegenwart
gefesselt, zu sehr von ihr begünstigt, um mit dem Weibe hierinnen wetteifern zu
wollen. Sein Reich ist ganz eigentlich von dieser Welt, und wenn es ihm in
diesem Reiche nicht gar zu übel ergehet; so denkt er nur spät an das Andre.
    Überdem bietet ihm ja diese Reinheit so manches Ruhekissen für seine
irdischen Wünsche. Wo er hervortreten will, da zieht sie sich zurück, wo er
erndten will, da hat sie niemals gesäet. Mit einem Worte! hier ist kein
Wetteifer möglich. Weswegen soll er sich rächen.
    Aber Oliviers Eifersucht kann erwachen. Und freilich, hier gestehe ich
Ihnen, wird mir bange. Doch was kann diese Bangigkeit helfen! Julie hat
entschieden, und wir vermögen nichts, als ihr Schicksal zu mildern.
 
                           Drei und funfzigster Brief
                              Olivier an Reinhold
Morgen reiset der König, und in acht Tagen muss ich ihm folgen. Um mich völlig zu
bestimmen, hat er mir meine alten Kamaraden zugeschickt. Sie bestehen darauf,
ich soll sie anführen und schieben mir ihre Ehre ins Gewissen. Was konnte ich
tun? - ich habe Ja gesagt, und so geht es denn wieder in die feindlichen Säbel.
    Wenn einer mich träfe! - Wenn ich die Einzige nicht wiedersähe! Wenn ich
nach dem Tode fortdauern müsste, ohne sie zu besitzen! - Nein! nein! das ist
nicht möglich! Allentalben durchbreche ich die Schranken und eile wieder zu ihr
hin.
    Der König weiss, dass sie nicht reich ist, und hat ihr eine Pension angeboten,
mit der Erlaubnis sie verzehren zu können, wo es ihr gut dünkt. Natürlich hat
sie sie ausgeschlagen. Man muss ihm verzeihen. Er ist an seine bettelnden
Schranzen gewöhnt. Auch hat er nicht den Mut gehabt, selbst von der Sache zu
sprechen.
    Die Mutter ist wieder hergestellt, und Julie geht mit Wilhelminen nach W...
Antonelli wird unter mir dienen. Es ist ein Trost für mich, den herrlichen
Jungen an meiner Seite zu haben. Wäre er bei Julien geblieben - der Gram hätte
mich getödtet.
    Er liebt sie und mich bis zur äussersten Schwärmerei. Mit seiner kindlichen
Unschuld schlägt er die Eifersucht in dem Augenblicke nieder, wo er sie reizt,
und zwingt sie sich in Liebe zu verwandeln.
    Er hat sich bei mir angesiedelt und weicht nicht mehr von meiner Seite. Oft
erschüttern mich seine kindischen Spiele bis in das Innerste der Seele.
    Eins seiner liebsten ist, wenn er durch die ganze Reihe von Zimmern bis in
das äusserste laufen kann. Dann muss ich rufen: wo bist Du mein Sohn? und nun
stürzt er in meine Arme, und weint und lacht, und bedeckt mein Gesicht mit
unzähligen Küssen.
    Letzt war Julie dabei, und da ruhte er nicht, sie musste die Worte in ein
Rezitativ bringen. Nun hat er eine Antwort komponirt, die er nach den Umständen
verändert.
    Bald hat der Sohn den Vater verloren, und kann ihn, trostlos, nicht finden.
Dann schildert er die Sicherheit des väterlichen Hauses, und die Liebe des
Vaters. Dieser ist immer ein Krieger und hat tausend Gefahren überwunden. Bis
ans Ende der Welt will der Sohn ihm nun folgen. In den Tod will er gehen, um den
Vater zu retten u.s.w.
    Aber der Sohn hat auch eine himmlische Freundin. Von Lichtglanz umflossen,
schwebt sie nur über der Erde und tröstet die leidenden Menschen. Wenn er gut
ist, wird sie ihn lieben ... Ach! und was weiss ich, was die kindische, liebliche
Phantasie sonst noch erdichtet.
    So bin ich den ganzen Tag von seinen Zauberbildern umgaukelt und höre ich
dann einmal wieder von andern Leuten ein vernünftiges prosaisches Wort, ohne
Musik, so wird mir ganz unheimlich zu Mute.
    In dieser Zauberwelt verstärken sich alle meine Gefühle. An den Abschied mag
ich nicht denken.
 
                           Vier und funfzigster Brief
                             Wilhelmine an Reinhold
Diesen Morgen ist der Obriste abgereist. Von ihm und Julien hörte ich kein Wort;
aber Antonelli drückte wechselweise ihre Gefühle aus. Dieser wunderbare Mensch
scheint durch eine Art von Inspiration die geheimsten Empfindungen zu kennen.
Mit bewundernswürdiger Leichtigkeit weiss er sich in jeden Zustand zu versetzen
und spricht andere Gefühle mit einer Kraft und Wahrheit aus, die zur Bewunderung
hinreisst. Wo er sich naht, da werden alle Gegenstände verwandelt. Man befindet
sich nicht mehr auf der kleinen alltäglichen Erde. Alles ist gross, alles
verkündigt ein reicheres, höheres Leben. Selbst der Schmerz wird in seiner Nähe
zum Genuss; denn er muss sich veredlen und verschönern.
    Wahrlich! der Obriste ist und bleibt doch ein verzogenes Kind des
Schicksals. Welcher Mensch kann sich zweier Wesen wie Julie und Antonelli
rühmen? - Wenn jetzt etwas aus ihm wird, so kann er sich nicht damit brüsten.
    Sonnabend gehe ich mit Julien nach ***. Ich habe einen zweiten Bedienten
angenommen, damit Friedrich unser ordentlicher Führer werden kann. Sein Alter,
seine Welt- und Menschenkenntnis und sein äusserst gebildeter Ton macht ihn mir
in dieser Rücksicht unschätzbar.
    In *** kommt er nun recht in seine Sphäre. Er freut sich wie ein Kind auf
die Gemählde-Sammlung und hat mir schon wer weiss was für Wunder davon erzählt.
    Meine Mutter ist wohl und schreibt mir sehr fleissig. Da aber diese Briefe
nur Versicherungen ihrer Liebe und Beschreibungen kleiner häuslicher Scenen
entalten; so habe ich Ihnen bis jetzt nichts davon mitteilen wollen.
    Julie lässt Sie grüssen. Leben Sie wohl, aus *** ein Mehreres.
 
                           Fünf und funfzigster Brief
                              Olivier an Reinhold
Welch ein fürchterliches Wetter. Ist es nicht, als ob der ganze Himmel in Regen
herabstürzen wollte. Meine armen Leute sinken ein bis an die Knie und die
Kanonen sind kaum mehr fortzubringen. Schon den vierten Teil der Mannschaft
haben wir durch Krankheit eingebüsst. Es ist schrecklich! Jeder leidet für sich,
aber ich leide für sie alle. Ich lasse Wein, Brandwein und alles was stärken und
erquicken kann, unter sie austeilen; aber wenn ich des Morgens den bleichen
Gesichtern das Marsch! zurufen soll; so muss ich mich wohl zehnmal räuspern.
    Wären wir nur wo wir sein sollen! Gienge es nur gegen den Feind; dann müsste
alles schon werden. Aber dieses Kämpfen mit den Elementen zerstört die Kraft der
Seele und des Körpers.
    Antonelli freilich scheint von dem allen nichts zu empfinden. Er ist der
Barde unsers kleinen Heeres, und mitten im Sturm und Regen dichtet er seine
Gesänge. Wäre er nur allentalben. Da, wo die Leute ihn sehen, lächeln sie
mitten unter den Schmerzen und lassen sich willig täuschen durch sein
liebliches, tröstendes Geschwätz. Allmählig kommen sie dann auch ins Erzählen.
Besonders den Alten ist er äusserst willkommen. Er frägt, ergänzt und eh' sie es
sich versehen, ist er der Beschreiber. Jetzt erstaunen sie selbst über das was
sie taten, und schwören mit funkelnden Augen: sie wollen alles wahr machen, was
er von ihnen prophezeiht.
    Unser erstes Augenmerk ist nun auf B... gerichtet. Es wird Menschen kosten;
aber wir müssen es haben.
    Was macht die Einzige. Ich will ihr nicht schreiben, um in diesem
allgemeinen Elende meiner eignen Schmerzen nicht zu gedenken.
    Lebe wohl! Bald hoffe ich etwas Entscheidendes melden zu können.
 
                          Sechs und funfzigster Brief
                             Wilhelmine an Reinhold
Ein Kind von fünf Jahren machte Julien vor einigen Tagen ein Kompliment, das der
feinste und gewandteste Dichter kaum schmeichelhafter und passender hätte
ersinnen können.
    Nachdem wir die Gemählde in der äussern Gallerie besehen hatten, wollten wir
eben in die innere treten; als ein kleiner goldlockiger Knabe mit grossem
Angstgeschrei zu seiner Mutter lief, und sich so tief er nur konnte, in ihre
Kleider zu verhüllen suchte.
    »Was fehlt Dir, mein Kind?« - sagte die Mutter - »Ach Mama! die grosse Frau!
Sie ist herunter gestiegen, sie kann gehen!« - und so suchte er sich immer
tiefer zu verbergen. Die Mutter, ein sanftes, vernünftiges Weibchen, liess den
kleinen Krauskopf ohne ihm vorzudemonstriren, in ihren Kleidern, und fragte
erst, nachdem er schon mehrere Male aus seinem Hinterhalte hervorgeschielt
hatte: »Wo ist denn die grosse Frau?« - »Da! da!« - rief der Knabe und zeigte auf
Julie - »Sie hat ein hübsches Kleid angezogen. Aber Mama: wo ist der kleine
Junge? » - »Ach!« - sagte die Mutter - »er meint die grosse Madonna!«
    Nun ward Julie wie mit Blut übergossen, und peinigte mich, sogleich mit ihr
fortzugehen. Natürlich ward ich ein wenig böse. In der Tat, sie hat mir durch
diese übertriebene Schüchternheit schon so manches Vergnügen geraubt. Überdem
ehrte Jedermann ihre Verlegenheit. Nur ein junger Künstler umarmte den Knaben
und lobte ihn gegen die Mutter.
    Demohngeachtet musste ich mich entschliessen, wollte ich sie nicht allein
gehen lassen, für diesen Morgen alles aufzugeben, und mit den anhaltendsten
Bitten habe ich sie noch nicht wieder hinauf bringen können.
    Nun ist sie beständig zu Hause und lässt sich kaum zu einem Spaziergange
bereden. »Der Knabe - sagte sie letzt mit Tränen in den Augen - hat eine
Lächerlichkeit auf mich geworfen. Man wird mich die herumwandelnde Madonna
nennen.« -
    »Nun, und wenn man Dich so nennt? Ein gewaltiges Unglück!!«
    »Ein Frauenzimmer mit einem Beinamen!« - sagte sie und eilte nun, ohne
weiter auf meine Ausrufungen zu hören, mit sehr betrübtem Gesicht in ihr Zimmer.
    Der kleine vorlaute Bube wird mich also wohl zwingen *** weit früher als ich
gewollt hätte zu verlassen. Doch werde ich Ihnen vor meiner Abreise sicher noch
einmal schreiben.
 
                          Sieben und funfzigster Brief
                              Reinhold an Olivier
Hier schicke ich Dir einen Brief von Wilhelminen. Es ist viel von Julien darin
und dies wird Dir angenehmer sein als vielerlei, was ich Dir schreiben könnte.
    Eure Lage ist schrecklich; aber Du hast ja wohl schrecklichere überwunden.
Ich sage mit Dir: möchte es nur gegen den Feind gehen! - Doch bitte ich Dich,
suche die Gefahr nicht so absichtlich wie vormals. Du selbst hast mir gestanden,
es sei oft ganz ohne Nutzen, und bloss um des Ruhms willen geschehen. Ich liebe
Dich und kann den Gedanken nicht ertragen, Dich fern von mir sterben zu lassen.
    Lebe wohl! lebe wohl! mache, dass ich Dich wiedersehe.
 
                           Acht und funfzigster Brief
                              Olivier an Reinhold
Wut, Reue und Verzweiflung zerreissen wechselweise mein Herz. Nichts, nichts
kann ich tun. Ich muss die unglücklichen Menschen vor Hunger und Ermüdung zu
meinen Füssen hinstürzen sehen und kann, kann ihnen nicht helfen.
    O, dass ich mein Wort gegeben! dass ich mich an das schreckliche Leben
gebunden habe! - Liebe und Freundschaft, die Erinnerung alles Sanften und
Schönen ist rein aus meinem Herzen verschwunden. Nur Wut über die Buben, die
uns in dieses Elend geführt haben, beweist mir, dass ich empfinde, Spott und
Schande werden sie erndten, die heillosen Betrüger! - Aber ich, ich schwöre es!
und sollte ich nur zehn Mann gegen den Feind bringen, ich werde mich retten vor
dieser Schande. -
    Leb wohl, und rechne nicht auf die Zukunft.
 
                           Neun und funfzigster Brief
                             Wilhelmine an Reinhold
Wir giengen heute in die Oper, und waren durch das was wir von dem ersten Sänger
gehört hatten, berechtigt, unsre Erwartung aufs höchste zu spannen.
    Er sollte uns Cäsar auf Farmakusa darstellen. Ehe wir hinkamen, hatte ich
meinen Cäsar schon fertig. Es war ein langer stattlicher Mann, mit grossem
brennendem Auge und milder Hoheit auf der Stirne. Sein Gang war fest, seine
Bewegungen waren kraftvoll und edel. Er sprach einen schönen Tenor und, wenn er
es nicht ändern konnte, musste er ihn freilich auch singen. Der singende Cäsar! -
Ey nun ich war ja in der Oper, und war ja nur um des singenden Cäsars willen
hingegangen.
    Der Vorhang flog auf, und nach einer Weile erschien ein kleiner dicker Mann,
der sich alle Mühe gab, sich noch ein wenig dicker zu machen. Recht gern würde
ich ihn für einen mit Macaroni wohl ausgestopften Schäfer gehalten haben; wäre
ich nicht durch eine weiss taffetne mit ponceau Bande eingefasste Toga belehrt
worden, dass ich es mit dem unüberwindlichen Cäsar selbst zu tun habe.
    Welch ein langer Periode! Meinen Helden würde er in Verlegenheit gesetzt
haben. Offenbar fehlte es ihm in der ersten Viertelstunde an Atem. Wir waren
ziemlich weit vom Teater entfernt, und konnten ihn sehr deutlich schnaufen
hören.
    Ich schloss die Augen, um nicht an meinen verlornen Cäsar erinnert zu werden.
Aber jetzt wurde ich durch ein wirklich meisterhaft vorgetragenes Adagio so
lieblich getäuscht, dass ich sie plötzlich wieder öfnete.
    Da stand nun freilich der kleine Schäfer; aber er war jetzt zu Atem
gekommen, hatte seine Toga in einige recht grosse Falten geworfen, und stimmte
eine Bravourarie an, mit deren Eingang er sich vor Meister und Gesellen konnte
hören lassen.
    Ich horchte. - Wie viel Kraft, wie viel Ründung und Biegsamkeit! aber o mein
Gott! wie viel Schnirkel und Verzierungen. Der Komponist hatte schon
allentalben verbrämt; aber unserm Cäsar war es noch viel zu simpel. Triller,
Vorschläge u. s w. nichts ward gespart; aber nichts ging auch verloren. Das
dankbare Publikum nahm alles auf, und äusserte seine Zufriedenheit durch den
lautesten Beifall.
    Wirklich! es heisst bei uns Deutschen noch immer: je mehr, je lieber. Unsre
berühmtesten Sänger mögen in Italien ausgepfiffen werden, glaubwürdige Leute
mögen uns versichern, dass wir nur bekommen was man dort nicht brauchen kann, und
dass unsre hochgepriesenen Schnirkeleien von dem guten Geschmacke längst nicht
mehr anerkannt werden. - Es hilft nichts. Wir müssen bewundern. Dies ist uns
eben so sehr Bedürfnis, wie andern Nationen das Tadeln.
    Julie nach ihrer löblichen Metode, nahm wieder alles von der besten Seite.
Während ich mich ärgerte, sah ich sie ruhig geniessen. Hin und wieder ein kleines
beinah unmerkliches Lächeln abgerechnet, sonst war nichts Tadelndes an ihr zu
bemerken.
    »Liebste Wilhelmine!« - sagte sie, als ich mich darüber ausliess - »der
Freuden sind so wenige! will man sich nur an dem Vollkommnen ergötzen; so wird
es bald gar keine mehr geben.«
    Was macht der Obriste? Hat er noch nicht geschrieben?
 
                               Sechszigster Brief
                              Olivier an Reinhold
Das ist sie, das ist sie! An diesem Bilde erkenne ich die Unvergleichliche. Ja
wohl hatte der Knabe Recht; sollte ein Erlöser der Menschen von einer
Sterblichen geboren werden; so musste sie diese himmlischen Züge haben.
    O dieses Zurückziehen vor allem Glänzenden wird sie mir ewig
verehrungswürdig und unvergesslich machen. Wie mit dieser Erinnerung meine ganze
unzerstörbare Liebe wieder erwachte! Wie mir alles Elend jetzt so nichtig
erscheint. Nein! nein! das Leben hat noch einen Wert; denn sie atmet darin.
    Leb wohl! Morgen geht es nach G... Trage diesen Ring zu meinem Andenken. Wie
ich auch endige; mit Schande wird es nicht sein.
 
                           Ein und sechszigster Brief
                                Olivier an Julie
Meine Julie! ich muss Ihnen schreiben. Ich gehe morgen gegen den Feind. Ich weiss
nicht, ob ich Sie wieder sehe. -
    O meine Julie! nur seitdem ich Sie kenne habe ich mich selbst, habe ich den
Adel der Menschheit begreifen lernen. Haben Sie Dank! Einzige! Geliebte!
Unvergessliche! Welch ein herrliches, unaussprechliches Gefühl durchströmt meine
Seele bei Ihrem Andenken! Wie sind alle meine Kräfte verdoppelt! ja, ja! ich bin
etwas wert! denn ich kann Sie lieben und begreifen.
    Nichts mehr! keine Klagen! Überlebe ich den morgenden Tag; so schliesse ich
selbst diesen Brief. Wo nicht; so besorgt ihn Antonelli oder mein Adjutant.
    Kein Lebewohl meine Julie! -
 
                          Zwei und sechszigster Brief
            Harrison, Adjutant des General Olivier an Julie von S..
                               Gnädiges Fräulein!
Ich habe die Ehre: Ihnen die Einnahme von G.... durch die p.... Truppen zu
melden.
    }Unser tapfrer und allgemein verehrter General ist uns erhalten. Gleichwohl
hat er zwei schwere Wunden davon getragen, über deren Folgen sich die Ärzte bis
jetzt noch zweifelhaft erklären.
    Vielleicht wäre es möglich diesen grossen und seinem Vaterlande unschätzbaren
Mann zu erhalten; wenn Sie, mein Fräulein, sich entschliessen könnten, durch Ihre
Gegenwart seine Leiden zu mildern.
    Muss ich Ihnen beschreiben, wie innig er es wünscht, und wie sehr er dennoch
fürchtet, Sie durch eine Bitte zu beleidigen? -
    Aber meine Kamaraden und ich, wir, mein Fräulein, können und dürfen nicht
fürchten, das Leben unsers Generals im Namen des Vaterlands von Ihnen zu fodern.
    Verzeihen Sie der Freimütigkeit eines Soldaten, und genehmigen Sie die
Versicherung seiner höchsten Achtung, und seiner unwandelbaren Ergebenheit.
 
                          Drei und sechszigster Brief
                       Der Adjutant Harrison an Reinhold
Auf Befehl meines Generals habe ich die Ehre Ihnen folgendes von der Einnahme
der Vestung G.... zu melden:
    Sie liegt auf einem schroffen Felsen und bestreicht acht Hauptstrassen. Hatte
sehr gute Werke und etwa zwölftausend Mann Besatzung.
    Ein Officier der Garnison war zu uns übergegangen. Auch kannten mehrere der
Unsrigen das Innere des Platzes ziemlich genau. Hierauf gründete sich unsre
Hoffnung. Die übrigen, freilich ansehnlichen Schwierigkeiten, machten uns weiter
nicht bange.
    In aller Stille wurde am Neunzehnten Abends ein Detaschement von
sechszehnhundert Mann ausgehoben und erhielt Befehl, sich bei N... zu
versammlen.
    Alles ging so gut, dass die Bestimmung dieses Korps der Armee gänzlich
unbekannt blieb. Nur aus den mitgenommenen Beilen, Äxten und Brecheisen konnte
man vielleicht, doch nur unvollkommen, etwas ahnen.
    Gegen sieben Uhr setzte sich die kleine auserwählte Schaar in Bewegung.
Jeder hatte eine weisse Binde um den Arm, und war übrigens mit allem Nötigen
versehen.
    So ging es schweigend durch die kalte Herbstnacht. Nur einige Wolken
schwebten am Himmel. Oft brach der Mond hinter ihnen hervor und das stille
Häufchen drängte sich dichter an einander.
    Jetzt waren wir bei N... Man nahm Abschied von den Kamaraden, das kleine
Heer ward in zwei Kolonnen, diese in zehn Attacken verteilt, und nun ging es
rasch gegen die Vestung.
    Während der General den Hauptangriff dirigirte, sollte Graf Antonelli sich
der L.... Strasse bemeistern, durch den gewölbten Gang bei des Commandanten
Wohnung hervorbrechen, und sich wieder, nachdem die Tore gesprengt sein würden,
zur Einnahme des ganzen Platzes mit uns vereinigen.
    Jetzt schlug es Zwei, noch einige hundert Schritte, wir hatten die Vestung
umgangen und waren glücklich bei dem Fusse des Glacis angekommen.
    Die erste Schildwache pfiff sich ein Stückchen um munter zu bleiben, dann
und wann schallte ein Zuruf der feindlichen Posten, sonst war kein Laut zu
vernehmen.
    Jetzt hörten wir das dumpfe Hinan! und ehe wir selbst es nur glaubten, war
der Berg schon erstiegen. Aber in dem Augenblicke waren wir auch von der
Schildwache entdeckt. Kein andrer Rat! unsre Bajonette mussten sie zum Schweigen
bringen. Ihren Kamaraden ging es nicht besser, und so waren wir nach kurzem
über die Palisaden hinweg.
    Aber hier änderte sich plötzlich die Scene. Zwei feindliche Posten gaben
Feuer, man hörte den Angrif auf die Stadt und alles kam in Bewegung.
    »Zu den Waffen! zu den Waffen! die Feinde! Hier Kamaraden!« So erscholl es
von allen Seiten. Jetzt schmetterte die Lärmtrommel dazwischen, und das Getöse
stieg bis zur schrecklichsten Betäubung.
    Indessen war der Angrif auf die Stadt glücklich ausgeführt, und wir
erstiegen nun mutig die Wälle. Balken, Steine, Handgranaten stürzten uns
entgegen und zerschmetterten die Brüder vor unsern Augen.
    Der General sah es, hörte das Röcheln dicht um sich her, und sein Schmerz
schien sich in Wut zu verwandeln.
    »Hinan Brüder! hinan! - rief er - dass Menschenblut nicht umsonst vergossen
werde!«
    Es half; noch einige Minuten, und wir waren oben.
    Aber in dem Augenblicke wurden Graf Antonelli und seine Gefährten entdeckt.
Mit fürchterlichem Getöse drang er jetzt durch den unterirdischen Gang, und nun
begann ein wütendes Gemetzel. Zwei Tore hatten wir inne; aber er und der Platz
waren verloren hätte die Verzweiflung unsre Kräfte nicht verdoppelt.
    Wie ein junger Löwe brach er aus seinem Hinterhalte hervor, und befand sich
beinah immer allein unter den Feinden. Unbegreiflich ist es, dass sie ihn nicht
zum Gefangnen machten. Der Gang war so enge, dass nur drei Mann neben einander
stehen konnten. Natürlich wurden diese sogleich getödtet, oder verwundet,
versperrten denen die an ihre Stelle treten wollten den Weg, und machten so die
Grundlage von einem Haufen Leichen. Dichte davor fanden wir Antonelli allein,
unverwundet, aber durch Blut und Staub beinahe unkenntlich.
    Jetzt hörte er die Stimme unsers Generals, und ein sechsfaches Leben schien
ihn zu begeistern. Mehrere der Unsrigen sahen ihn kommen und hörten vor
Erstaunen nicht ihre Führer. Rechts links schlug er die Feinde. Er stand bei
uns, und wir starrten ihn an.
    Aber jetzt wurden wir schrecklich aus unsrer Betäubung geweckt.
    »Der General ist verwundet!« - durchlief es die Reihen. - »Nicht wahr! nicht
wahr!« - rief Antonelli - und so ging es wieder in den dichtesten Haufen der
Feinde.
    Nun keine Rast! wir mussten hindurch, und kamen nur bei dem Worte Sieg zur
Besinnung.
    Die Vestung war unser, der Commandant getödtet, die Garnison gefangen; aber
unser Häufchen zu neunhundert eingeschmolzen und unser allgemein verehrter
General an zwei Stellen verwundet.
    Ich habe Fräulein S... geschrieben und übersende Ihnen hierbei eine
Abschrift dieses Briefes. Ohne meine Bitte werden Sie alles beitragen, unsern
Wunsch zu erfüllen. Ist es möglich, Fräulein Julie zu überreden, so haben wir
Hoffnung.
 
                           Vier und Sechzigster Brief
                             Reinhold an Wilhelmine
Fräulein Julie wird in diesen Tagen einen Brief von dem Adjutanten des Obersten
erhalten, oder schon erhalten haben. Sie verstehen mich - ja bestes Fräulein!
ich wage es für ihn zu bitten. Können Sie mich tadeln? seit meinem achtzehnten
Jahre ist es mein Freund. Gewiss Sie fühlen, was das heisst - fühlen es um so
mehr; wenn Sie bedenken, dass es mir meine Geschäfte unmöglich machen, zu ihm zu
eilen, und seine Pflege zu übernehmen.
    Es sind doch nur Fremde, die ihn umgeben. Wie könnten sie, bei dem besten
Willen, die Teilnahme eines Freundes ersetzen! Dies kann nur ein Wesen - seine
Julie. - O mein Fräulein, rauben Sie ihm, rauben Sie mir nicht diesen Trost.
    Gewiss Sie begreifen eine Männerfreundschaft. Wenn Sie Ihre Empfindung zum
Maasstabe nehmen; so habe ich sicher keine Fehlbitte getan.
 
                           Fünf und sechzigster Brief
                             Wilhelmine an Reinhold
Wie fein Sie mich zu bestechen suchen. Nein! nein! ich darf meine Empfindung
nicht mehr zum Maasstabe nehmen. Sie ist verändert, durchaus verändert! Sonst
würde ich ja Himmel und Erde bewegen diese Reise zu verhindern.
    Wer kann gegen das Schicksal! - Mag nun kommen was da will! Es müsste
sonderbar zugehen; wenn es schlimmer wäre als ich es mir vorstelle.
    Leben Sie wohl. Wir packen ein. Der Oberste - nicht doch! Der General,
wollte ich sagen, ist nach dem Schloss R... gebracht, und für uns eine
prächtigere Wohnung, als wir bedürfen, eingerichtet.
    Ich habe einige Soubertten- und Marketenderkleider mitgenommen. So etwas
Ähnliches werde ich ja wohl vorstellen müssen. Schade nur, dass es mir an der
dazu gehörigen guten Laune zu fehlen scheint.
    Von unserm Residenzschlosse R... ein Mehreres.
 
                          Sechs und sechszigster Brief
                             Wilhelmine an Reinhold
Wir haben den Obersten sehr schlecht gefunden. Aber ich sehe es: alles hat sich
verschworen. Man will sie aufopfern. Mit welcher sonderbaren Gewalt lenkt dieser
Mann aller Herzen nach seinem Willen? - Antonelli, der Adjutant, mehrere
angesehene junge Männer verraten alle Augenblicke: wie tief sie von Juliens
Schönheit gerührt werden; und dennoch scheinen sie sich das Wort gegeben zu
haben, alles zu tun, um sie ihm näher zu bringen.
    Das ist ein Lobpreisen! ein Wehklagen! - Sogar den Arzt haben sie bestochen.
»Fräulein Julie soll ihm die Medizin reichen. Fräulein Julie soll dies, soll
jenes tun.« Und dabei treibt Antonelli ein Wesen, dass ich nicht weiss wie sie es
aushalten kann.
    So wie er naht steigt ihre Verlegenheit bis zur peinlichsten Unruhe.
Glücklicher Weise ist er zu sehr mit seiner eignen Empfindung beschäftigt, um es
zu bemerken. Aber ich sehe bestätigt, was ich schon vor längrer Zeit ahnete. Sie
liebt ihn, - können Sie es begreifen - das Mitleiden wird sie hinreissen, sie
wird sich aufopfern.
    Das alles muss ich nun so mit ansehen - Soll ich sie aufklären über ihre
Empfindung? - soll ich es nicht? Gott mag es wissen! ich weiss nicht mehr was
hier gut ist.
 
                          Sieben und sechzigster Brief
                             Wilhelmine an Reinhold
Alle Zweifel sind gehoben. Was ich vorher sah ist geschehen. Er hat ihr sein
ganzes Vermögen hinterlassen wollen; sie hat es ausgeschlagen. Er hat es gewagt
- der Grausame - um ihre Hand zu bitten; und sie hat sie gegeben.
    Was helfen Klagen? - Das Leben wird darum nicht kürzer.
    Ich will Abschied von meiner Mutter nehmen und mir ein kleines Tal in der
Schweitz aussuchen.
 
                                 Zweiter Teil
                                   Erster Brief
                              Olivier an Reinhold
Wilhelmine hat Dir geschrieben, Du weisst alles. Ach! ich halte nicht mehr die
Menschen, welche Götter zu sein glaubten, für wahnsinnig. Ja! lache nur! ich,
ich selbst, dünke mich ein Gott. Meine Wunden? - o die sind geheilt! vergessen!
Ich lebe, lebe ein Leben, was nur ein Gott leben und begreifen kann.
    Siehe! ich darf sie halten, halten in meinen Armen! - darf mich berauschen
in den himmlischen Zügen - darf sie mein nennen! - O Gott! wer hätte geglaubt,
des Menschen Herz könne so viel Seeligkeit fassen! und darum sage ich Dir: ich
bin ein Gott; ich kann alles was ich will.
    Nein, es sind mehr als menschliche Kräfte, die mich beleben. Du hast es
gehört, wir haben gesiegt; allentalben gesiegt. Die Einnahme von B... war nur
ein Vorspiel. Ich hatte ihr Wort, wusste, dass Sieg mich wieder zu ihr führte. -
Wer konnte mich nun überwinden? -
    Ach! bevor die Himmlische uns ergreift, taumeln wir mit gefesselten Sinnen
auf der herrlichen Erde; verstehen kein Rauschen des Waldes, kein Flöten der
Nachtigall, sehen die Sonne steigen und sinken, und begreifen uns selbst nicht.
Aber sie naht, und der Götterfunke hat gezündet. Lichtglanz ergiesst sich über
alles was uns umgibt. Kein Stillstand, kein Tod mehr für uns. Wir können nur
Leben begreifen, geben, und empfangen.
    Gott sei gelobt! der Feldzug ist geendigt. Wir haben keine Feinde mehr; aber
möchte die ganze Welt sie auch haben, ich kenne nur Freunde.
    Verlange nicht, dass ich Dir beschreibe, aus einander setze. - Könnte ich es;
so wäre ich minder seelig. Wer kann das Unbeschreibliche beschreiben! -
    Errätst Du es nicht, nun, so lies es denn: Sie trägt schon meinen Nahmen.
Er klingt anders seitdem; das behaupte ich, und Du selbst würdest es finden. Ich
verführe die Leute, ihn so oft als möglich auszusprechen, und dann horche ich,
und habe mein innigstes Wohlgefallen daran.
    Ach sag was Du willst! lache wie Du willst! ich kehre mich nicht daran. Ich
bin glücklich und seelig, und wenn Du mich sähest, würdest Du es auch sein.
 
                                 Zweiter Brief
                              Wilhelmine an Julie
Wie geht es Dir? Ich sollte wohl nicht darnach fragen; aber - rechne es unter
meine Gewohnheitssünden. Ich? - Nun, abermalige Kämpfe. - Mein Herr Vater hielt
nicht weniger als drei Heiratsprojecte für mich bereit, und wusste sich vor
lauter Bewunderung nicht zu lassen.
    Was er denn so sehr bewundert? Dich! Dich! Deine Klugheit, Weisheit,
Nachgiebigkeit. Meine Mutter wollte einige Zweifel dagegen erheben; aber er fuhr
sie so wahrhaft ehemännisch an, dass ich zu seinen Ermahnungen weiter keines
Kommentars bedurfte.
    Gottlob! ich bin mündig. Das Vermögen meines Oheims muss mir ausgezahlt
werden, und dann säume ich keinen Augenblick. Das Gut ist verpachtet. Mögen sie
zerstören, was ich angelegt habe. Was kümmert's mich! Meine Hoffnungen sind auch
zerstört.
    Hin will ich noch einmal, Deine Zimmer will ich noch sehen. Das eine ist
recht hübsch. Es ist gerade so, wie Du mir auf unserer Reise ein Zimmer
beschriebest. Sie sollen es zuschliessen. Niemand soll es bewohnen bis .... Nein!
nein! nichts mehr! es ist alles vergeblich!
    Schreib mir noch einmal, dann will ich reisen.
 
                                 Dritter Brief
                              Julie an Wilhelmine
Vormals schien mir meines Oliviers Schmerz der tiefste, jetzt scheint mir der
Deinige noch tiefer. O meine Wilhelmine! was sprichst Du von zerstörten
Hoffnungen? - Glaubst Du, diese Hoffnungen würden jemals erfüllt worden sein? -
Glaubst Du, die Natur würde sich nicht rächen? - Hat sie zwei Weiber geschaffen
sich alles zu werden, und ihre unwandelbaren Gesetze zu verspotten? -
    Gewiss! Du würdest noch früher als ich, Dich elend gefühlt haben. Denn siehe,
Dir kann ich es wohl vertrauen; ich habe niemals etwas von dem Erdenleben
gehofft. Wie soll ich es Dir beschreiben? - Mir ist, als schweben nur
Schattengestalten mir vorüber, als sei nichts wirklich von dem was mich umgibt.
    Töne, Farben, ja die gröberen Sinne des Geschmacks, des Geruchs, scheinen
mir auf etwas Vollkommneres zu deuten. Wenn ich eine Rose, eine Hyacinte
rieche, erwachen Ahnungen in mir, für die ich keinen Nahmen habe. Sehe ich
schöne Gestalten, höre ich harmonisch verbundene Töne; dann verklären sich diese
Ahnungen zur Gewissheit, und mir ist, als sollte ich plötzlich der Erde
entfliehn.
    Was mich dann noch hält, was mir dann hier noch wirklich erscheint, ist: ein
stiller, heiliger Sinn, der sich stets zu dem Vollkommnen neiget; aber darum die
Schattenfreude nicht störet.
    O möchte ich ihn haben diesen Sinn! möchte ich ihn erhalten, wenn er mir einst
zu Teil wird! leider! jetzt bin ich noch weit davon entfernt. Wie könnte sonst
Andrer Schmerz so schrecklich auf mich wirken? - Ist mir die Freude ein
Schatten, warum ist er es nicht auch? warum reisst er mich hin zu Irrtümern?
warum will ich dem Schicksale vorgreifen? -
    Doch was schwatze ich! beste Wilhelmine! versuche keinen Sinn da hinein zu
bringen. Es ist keiner darin. Gewiss keiner.
 
                                 Vierter Brief
                              Wilhelmine an Julie
Wer bedarf des Lichts, wo es Tag ist? - Ich habe mir keine Mühe gegeben, Sinn in
Deine Worte zu bringen. Für mich sind sie nicht dunkel. Auch begreife ich sehr
wohl, dass Dir die Freude wie ein Schatten; aber nicht der Schmerz so erscheint.
    Wollte der Himmel! ich begriffe eben so leicht, wie man sich berufen glauben
kann, der ganzen Welt Schmerzen zu lindern, und gegen seine eigenen die
unmenschlichste Gleichgültigkeit zu behaupten.
    Mag die Natur es verantworten, wenn sie ein Geschöpf dem Andern zum Opfer
bestimmt. Aber das Opfertier darf sich wehren, es darf dem Verderben entfliehn.
Auch in ihm regt sich der Trieb des Lebens, mahnet es zum Genuss und zur
Erhaltung des Wohlseins. Wer verspottet nun die Gesetze der Natur? wer wird
dafür büssen? - -
    Zwei Weiber können sich nicht alles sein? - Schlimm genug? schlimm genug,
dass die Geschöpfe welche den Weibern dieses sogenannte Alles sein sollen, dieses
Alles so elend repräsentiren.
    Im ausschliessenden Besitze dessen, was den Geist erheben, ihn zur
Selbstüberwindung, zur Tugend entflammen kann, glauben sie sich zu den
ausschweifendsten Leidenschaften berechtigt. Nenne mir ein Laster, was sie nicht
an uns abscheulich, und an sich erträglich fänden? Nenne mir eine Tugend, die
sie nicht von uns foderten, um sie nach Wohlgefallen zu zerstören.
    Und die Natur sollte mich strafen; wenn ich mich nicht vor einem dieser
Sultane niederwürfe, überglücklich, dass er mir die Gnade erzeigte, seinen Fuss
auf meinen Nacken zu setzen? -
    Nein! nein! noch haben wir unsre fünf Sinne! und was die Natur auch
versuchen mag sie zu empören, sie sind der Fesseln gewohnt, und ohnehin, unter
allen Umständen, zu einer ewigen Sklaverei verdammt.
    Ich habe nichts zu gewinnen; aber ein unschätzbares Gut zu verlieren. Meine
Freiheit. Welch ein grosses, seelenerhebendes Wort! Wo gäbe es ein Glück ohne
sie! wo gäbe es einen Schmerz, den sie nicht linderte. Wenn mich alles verlässt,
dann wird mein Herz mir die Welt.
 
                                 Fünfter Brief
                              Reinhold an Olivier
Warum verwechseltest Du mich immer mit Dir selbst? Lachen sollte ich? Was gäbe
es da zu lachen? - Es sei denn, dass Du etwas lächerliches ahnetest. Wäre das; so
müsste ich Dich bedauern, müsste glauben: Du sähest schon jetzt die Zeit im
Geiste, wo Dir das Höchste, was dem Menschen gegeben ist, wie ein Kinderspiel
erscheinen wird.
    Möge der Himmel Dich vor dieser törichten Weisheit bewahren. Einen Freund
hättest Du dann weniger.
 
                                 Sechster Brief
                              Olivier an Reinhold
Warum nun gleich so kurz und so bitter? Wahrlich Du irrst! Ach wenn ich ein
Spiel ahne; so ist es ein sehr ernstaftes Spiel, und wobei ich leider der
verlierende Teil sein werde. -
    Mein Glück hat mich berauscht, die Vergangenheit und die Zukunft habe ich
vergessen. Nur so ist es möglich glücklich zu sein. - Aber der Rausch ist
verschwunden, und dafür die Zweifelsucht mit allen Quaalen erwacht.
    Wie? ist das Liebe, was sie mir zeigt? - Ist es Mitleid? Ist es Ergebung? -
Zwar verzeihen wir den Weibern keine Ausbrüche der Sinnlichkeit; aber sollte sie
sich darum niemals verraten? Ist es bei wahrer Liebe möglich, jede Aufwallung
zu unterdrücken? Und wenn auch eine ganze Reihe menschlicher Empfindungen diesem
schwärmerischen Herzen vormals unbekannt war; mussten sie nun nicht erwachen? Ach
was soll ich glauben? - Ihre Aufführung ist untadelhaft. Selbst Antonelli wird
mit einer Art Kälte empfangen. Aber ... ich weiss nichts hinzuzusetzen. Ich fühle
es, ich bin ungerecht, und doch ruft eine Stimme in meinem Innern: es ist nicht
so wie es sein sollte.
    Auch Antonelli ist verändert. Alle seine Munterkeit ist verschwunden. Was
fehlt ihm? - Ich vermeide die Antwort auf diese Frage.
 
                                Siebenter Brief
                              Reinhold an Olivier
Und, setze ich hinzu, Du wirst wohl tun, sie zu vermeiden. - Doch nein! lieber
gleich das Messer an den Schaden! er könnte unheilbar werden.
    Also - denn warum soll ich nicht schreiben, was Du denkst? - Antonelli hat
seine Munterkeit verloren, heisst mit andern Worten; er ist sich seiner
Empfindung bewusst, seine Unschuld ist dahin, er wünscht Julie zu besitzen, das
ist nicht möglich, und er fühlt sich elend.
    Julie? ob sie Dich liebt? - Aber hat sie Dir Liebe versprochen? Ich achte
Sie, und werde nie einem Andern gehören. Das waren ihre Worte. Hast Du sie
vergessen? Woher kommen nun mit einemmale die Träume von Liebe?
    Fasse Dich! was hilft der Zorn? was hilft die Reue? - Ich kenne Dich, und
will Dich vor Dir selbst zu retten suchen.
    Siehe, was vermagst Du über die Vergangenheit? nicht einen Gedanken, viel
weniger eine Handlung kannst Du zurücknehmen. Aber die ganze Zukunft, in so fern
Dein Wille auf sie wirken kann, hängt von Dir ab. Darum nun fasse sie
unerschrocken ins Auge! Was lässt sich von ihr erwarten?
    Entweder Du erhebst Dich zur Gerechtigkeit, Du foderst nicht mehr, als sie
versprach, und suchst zu verdienen, was Du wünschest. Mag immerhin ihre
Sinnlichkeit für einen Andern sprechen, mag es ihr unmöglich sein, lebhafter für
Dich zu empfinden; ihre Pflicht wird die Oberhand behalten. Es ist nicht
gedenkbar, es ist schlechterdings unmöglich, dass sie sich jemals zu etwas
Unedlem herablasse. Worauf soll nun ein anderer Mann seine Hoffnung gründen? Und
was wird aus einer männlichen Liebe ohne Hoffnung? - Sie erstirbt, sie muss
ersterben, und alles kehrt wieder in die ruhige Ordnung zurück.
    Vielleicht bist Du so glücklich Vater zu werden. Dann ist sie mit tausend
Banden an Dich gefesselt. Die ganze Kraft ihres Herzens wird sich in der
Mutterliebe erschöpfen. Ihre Welt ist in Deiner Nähe, Du bist der Gott in dieser
Welt, und was ausserhalb ist wird ihr fremd.
    So empfindet eine Julie; oder alles müsste mich täuschen.
    Aber wie wird sie bei aller Reinheit und Vortrefflichkeit empfinden, wenn Du
der Leidenschaft folgst?
    Du ahnest Mangel an Liebe, und fühlst Dich unglücklich. Aber wird Misstrauen,
Härte und mürrische Kälte, das gewöhnliche Gefolge der Eifersucht, diesen Mangel
ersetzen? - Wirst Du glücklicher sein, wenn Du Furcht, dann Missfallen und
zuletzt Abscheu erregst? - O fort, fort mit den Greueln die ich jetzt ahne!
Nein! nein! Du wirst, Du musst das Beste erwählen.
 
                                  Achter Brief
                              Olivier an Reinhold
Es ist alles gut was Du sagst; aber es passt nicht. Sie ist nicht so rein, wie Du
glaubst. Grade diese Kälte verrät sie. Wenn sie mich, wenn sie ihr eignes Herz
nicht fürchtete, warum blieb sie nicht wie vormals? Nur seit dieser
abschreckenden Kälte ist Antonelli traurig, leidenschaftlich geworden.
    Ach! ihre Sinnlichkeit ist erwacht! sie hat sich auf ihn gewendet, und seine
Unschuld ist ihr lästig. Er soll wünschen, kämpfen, ein Roman soll es werden!
und das unter meinen Augen! Tod und Teufel! Ich müsste nicht ich selbst sein,
wenn ich es duldete!
    Empfindungen kann ich nicht gebieten, das weiss ich; aber die Ehre kann ich
retten, und bei meinem Leben! das werde ich nicht unterlassen.
 
                                 Neunter Brief
                              Olivier an Reinhold
Du antwortest nicht? - ich verstehe Dein Schweigen. Aber höre! höre und
erstaune.
    Ich wollte mit ihr auf meine Güter. Alles war zur Abreise bereit. Ich hatte
sie gebeten, sich wegen der lästigen Besuche, für krank auszugeben.
    Gestern wünscht sie in den Garten zu gehen. Auf meinen Befehl war er
verschlossen. Aber der Gärtner glaubt, weil sie es ist, den Augenblick öffnen zu
müssen, und, der Dummkopf schliesst nicht wieder zu.
    Antonelli kommt, frägt nach mir, der Bediente sieht den Garten offen,
glaubt, ich sei darin, und lässt ihn hinein gehen.
    Jetzt kehre ich von einem Besuche zurück, und höre das Alles. Seit einer
Stunde war Antonelli in dem Garten. Seit einer Stunde! - Ich fasse mich, ich
gehe hinein.
    Es war seine Stimme. Laut rief er ihren Nahmen. Mein Blut wollte erstarren.
Ich nähere mich der Laube, worinnen sie waren. Ja! ja! sie beide! allein -
    Er hält sie bei ihren Kleidern. Sie will entfliehn, sieht mich, und stürzt,
laut schreiend, mir in die Arme.
    Ich dachte, die gegen einander kämpfenden Empfindungen würden mich tödten.
Sie bittet, fleht, ich möge sie auf ihr Zimmer bringen. Sie konnte nicht gehen,
ich musste sie tragen. Der unbesonnene Bube hat die Frechheit mir zu folgen,
klagt sich laut an, spricht von einer unüberwindlichen Leidenschaft, sagt: er
könne nicht leben, ohne sie zu sehen. -
    Die Wut verschliesst mir den Mund; aber ich winke dem Kammerdiener. Er
versteht mich. Der Wagen fährt vor, ich bringe sie hinein und wir rollen davon.
    Also, keine Palliative! Ich bin bei meiner empfindlichsten Seite
angegriffen, und tue was ich muss.
 
                                 Zehnter Brief
                             Wilhelmine an Reinhold
Helfen Sie! helfen Sie schnell! Er hat sie auf seinen Gütern, sie ist
eingesperrt, kein Mensch darf zu ihr. Alles, alles ist gekommen wie ich dachte!
schlimmer als ich dachte. Antonelli, der Unglückliche! ist bei mir. Er liebt sie
mit einer fürchterlichen Leidenschaft. Wahrscheinlich hat sie sich durch Kälte
zu retten geglaubt und ihn dadurch aufs Äusserste gebracht.
    Mit aller Unbesonnenheit, und Heftigkeit eines kunstlosen Herzens, hat er
ihr seine Liebe gestanden, und Olivier, der ihn in dem Augenblick entdeckte, bis
zur schrecklichsten Wut aufgebracht.
    Wenden Sie alles an, dass sie nicht leide, dass sie nicht hart behandelt
werde. Oder ich kenne mich selbst nicht mehr, ich weiss nicht, zu welchen Mitteln
ich greife.
 
                                 Eilfter Brief
                              Reinhold an Olivier
Ist es wahr? ist es möglich! was ich lese, was ich höre? So plötzlich ist es
dahin gekommen? - Du hast nicht einmal den Willen, Dich zu beherrschen! klagst
sie selbst an! Sie in der Du vormals die höchste Reinheit und Güte erkanntest. -
Eine Buhlerin, eine gemeine Buhlerin, der die Unschuld eines junger Mannes
lästig ist, soll sie geworden sein? -
    Wer hätte es wagen dürfen, Dir vor wenigen Monaten auch nur etwas ähnliches
zu sagen? - wer dürfte es jetzt noch wagen, ohne mit seinem Leben dafür zu
büssen?
    Wie krank musst Du sein! dass Dir das Scheusslichste, das Unsinnigste als wahr
erscheint.
    Ich habe um Urlaub angesucht. Erhalte ich ihn; so eile ich zu Dir.
 
                                 Zwölfter Brief
                              Olivier an Reinhold
Komm' nicht! das Übel würde nur ärger. Ich dulde keinen Mann in ihrer Nähe. Kein
Klügeln mehr! Ist die Ehre verloren, dann kann ich vom Morgen bis zum Abend
philosophiren, ich bekomme sie darum nicht wieder.
    Ja, ich will es glauben, sie war rein, bis ich ihre Sinnlichkeit weckte.
Aber jetzt - das verstehst Du nicht! Ein Weib ist ein Weib, und Natur ist
stärker, als Vernunft.
    Warum stürzte sie mir mit dieser Heftigkeit in die Arme? Woher diese
Tränen, diese Todesblässe, und jetzt, dieser unüberwindliche Trübsinn. Ich sehe
es, sie will sich darüber erheben; aber sie vermag es nicht.
    Ist ihr Wille noch so rein wie vormals, was kann ihr dann fehlen? - Sie muss
mir danken, dass ich sie gerettet habe, und scheinbar tut sie das auch. Aber im
Innersten ihres Herzens wütet das Gift - und in dem meinigen? - O es war
Schicksal! wer konnte entrinnen? -
 
                               Dreizehnter Brief
                             Wilhelmine an Reinhold
Antonelli ist fort. Gestern hörte er, Olivier habe R.... zu seinem Aufentalte
gewählt. An Zurückhalten, Überlegen, war gar nicht zu denken.
    Ich habe ihm Friedrich nachgeschickt. Wo er seinen Bedienten gelassen hat?
mag Gott wissen. Ich habe vergessen darnach zu fragen. Aber ihn nun wieder
allein gehen zu lassen war mir unmöglich. Nicht wahr? ich habe Recht getan?
    Man sagt, sie dürfe nicht einmal schreiben. Es ist abscheulich. Meine Mutter
weint, und mein Vater scheint alle Heiratsanträge vergessen zu haben.
    Ich kann nicht aus der Stelle. Alle meine Koffer sind gepackt. Aber was
würde bei einer noch grössern Entfernung aus mir werden. - Sähe ich nur eine
einzige Zeile von ihrer Hand, wüsste ich nur, was sie jetzt denkt und empfindet -
ich wollte mich fassen. Aber diese schreckliche Ungewissheit! - O! lange darf sie
nicht dauern.
 
                               Vierzehnter Brief
                              Reinhold an Olivier
Ob Deine Drohung mich abgehalten haben würde? weiss ich nicht; aber leider ist
mir der Urlaub versagt.
    Ich hoffe, es war nur Übereilung. Du wirst Dich nicht ganz der Leidenschaft
hingegeben, Du wirst Dir gestanden haben, dass alles, was Du von Ehre
vorbrachtest, nur aus dem Bedürfnis entstand, Dich wenigstens scheinbar zu
rechtfertigen.
    Aber gut, ich nehme an: Du habest das Alles wirklich geglaubt; aber jetzt? -
Ich bitte Dich! erspare die Reue und kehre zurück, weil es noch Zeit ist.
    Gewiss ich kann von meinem Leben nicht überzeugter, als Du von der
Nichtigkeit Deiner Besorgnisse sein. Doch gesetzt, sie hätten irgend einen
Grund; offenbarst Du dann Deine Schande nicht selbst, zeigst Du nicht, dass Du
nur der Gewalt Deine sogenannte Ehre verdankst?
    Welch eine geringe Meinung Deines Wertes! welch eine überwältigende Furcht:
Du mögtest das Schlimmste verdient haben! - In der Tat, ich zweifle, ob Dich
irgend jemand wegen eines auf diese Weise erhaltenen Gutes beneiden, und den
Mann ohne Furcht in Dir erkennen wird.
    Ich bitte Dich! nichts Kleinliches! nichts mehr was Deiner unwürdig ist. -
                                  Nachschrift
Ich kann mich der Frage nicht erwehren: wie möchte es wohl gegangen sein, wenn
Du Julien nicht befohlen hättest krank zu werden? - Vielleicht wäre das
Bekenntnis der Liebe noch jetzt, noch in vielen Jahren, wahrscheinlich niemals
über Antonelli's Lippen gekommen.
    Willst Du; so wird es, trotz allem was geschehen ist, auch jetzt noch
unwirksam. - Ich bitte Dich! wolle es! Du mögtest sonst mehr zu bereuen haben,
als Du glaubst.
 
                               Funfzehnter Brief
                              Olivier an Reinhold
Du hast immer Deinen Willen gehabt; wenn es Dir gelungen ist, mich im Voraus mit
mir selbst zu versöhnen. Aber jetzt zweifle ich daran.
    Du kennst sie nicht; sonst würdest Du manches nicht geschrieben haben.
    Ja, ich gebe zu, die Leidenschaft hat mich verblendet. Es ist wohl manches
von dem was ich glaubte, nicht möglich. Aber ich, ich selbst weiss ja, wie man
sie liebt, wie man kein Verbrechen scheut, wenn es auf ihren Besitz ankommt.
    Sieh, bei andern Weibern bleibt noch immer die Hoffnung, man könne etwas
Ähnliches, vielleicht gar etwas Besseres wieder finden. Aber bei ihr ist das
schlechterdings unmöglich.
    Diese Engelgestalt kehrt nicht zum zweitenmale wieder. Dieser stillsiegende
Geist kann nur diesen Körper bewohnen.
    Du solltest sie erwachen, Du solltest sie einschlummern sehen. - Es ist
einzig. Letzt habe ich sie eine halbe Nacht beobachtet. Der Mond schien ihr
gerade in das Engelgesicht und - nun ja, ich nannte mich einen Verrückten, dass
ich je etwas Unedles von ihr geglaubt hatte.
    Aber hoffe darum nicht, dass ich sie fremden Augen wieder Preis gebe. Mein
Glück ist zu gross, und das Schicksal um so tückischer.
    Den groben Tagelöhnern fällt, wenn sie in ihre Nähe kommt, das Arbeitszeug
aus den Händen. Den Sohn meines Gärtners habe ich wegschaffen müssen. Er stahl
Schuhe, Bänder, und alles was er von ihrer Kleidung habhaft werden konnte, um
das alles nachher wie Heiligtümer zu verehren. Brachte ganze Nächte im Garten,
vor unserm Schlafzimmer, auf der feuchten Erde zu.
    Wir wussten nichts davon. Der Bube hatte sich, seitdem ihn der Vater aus der
Fremde kommen liess, immer vor mir verborgen. Kaum sah ich ihn ein paar Mal im
Vorüberlaufen.
    Gestern Morgen öffnet Julie die Tür, und fliegt heftig erschrocken wieder
zurück. »Was ist?« - frag ich nicht minder erschrocken, da ich die Todesblässe
auf ihrem Gesicht bemerke. »Es lag ein Mann - antwortet sie, und taumelt mir
zitternd entgegen - es lag ein Mann auf der Erde. Beinah wäre ich über ihn
gefallen.« - »Wer untersteht sich!« - ruf ich, und reisse die Tür auf - da sehe
ich den Buben in die Wohnung seines Vaters fliehen.
    Nun erzählt mir der Alte, wie oft er ihn gewarnt habe, wie aber alles
fruchtlos gewesen sei. Er irre jetzt ganze Tage in dem benachbarten Walde umher,
und kehre nur des Abends wieder zurück.
    Es versteht sich, dass ich nun auf die Abreise drang. Seitdem habe ich den
Tollkopf nicht wieder gesehen.
    Jetzt läugne, dass ich zu strengen Massregeln gezwungen bin.
 
                               Sechzehnter Brief
                              Olivier an Reinhold
Wer war der Gärtnerbursche? - O mein weiser Freund! das mögtest Du bei Deinem
Sicherheits-System wohl schwerlich erraten. Der Herr Graf Antonelli.
    Nun, was sagst Du dazu? - Auch ich, von Dir eingeschläfert, war dumm genug,
nicht sogleich darauf zu verfallen. War dumm genug, nicht einzusehen, dass nur in
einem südlichen, brennenden Gehirn der Gedanke entstehen konnte, der Geliebten
auf diese Weise zu nahen.
    Ich weiss, wie das in diesem Kopfe lodert, kenne die Wünsche dieses
kindischen, brennenden Herzens. Über ihn wegschreiten sollte sie. Von ihren
Füssen wollte er berührt werden. - Ächt italienisch! - Ein deutscher Mann hat von
dieser Selbstvernichtung, von diesem mit Leib und Seele zu eigen geben, keinen
Begriff. Aber die deutschen Weiber können das alles gar treflich begreifen.
    Wie ich es entdeckt habe? Wie man das meiste entdeckt; durch Zufall.
    Gestern da ich an der Bleiche vorüber gehe, treibt mir ein feines gesticktes
Tuch entgegen. Ich halte es fest, und bemerke ein A. darin. Noch denke ich
nichts bestimmtes; aber in dem Augenblicke sehe ich des Gärtners Frau sich
ängstlich zwischen der übrigen Wäsche umhertreiben, und dem Winde ein Stück nach
dem andern abjagen.
    »Wem gehört denn das alles?« - frage ich - »Meinem Sohne« - antwortet sie
blutrot, stotternd, und zitternd.
    »Ist er noch nicht abgereist?« - »Ach Gott, nein! Er hat ein hitziges
Fieber, und da war es doch nicht möglich.«
    »Versteht sich! - Aber was für einen Arzt habt Ihr denn?«
    »Einen Arzt? - Du lieber Gott!«
    »Nun! Ihr werdet doch nicht wahnsinnig genug sein den Menschen so liegen zu
lassen? Euer einziges Kind so aufzugeben!« -
    »Lasst mir den Alten kommen! oder - setze ich hinzu, indem ich rasch, ohne
weiter auf sie zu hören, fortschreite - besser, ist besser!« Mit diesen Worten
stehe ich an der Tür des Hüttchens; aber da fällt mir das A. wieder in die
Augen, und ich trete einige Schritte zurück.
    Indem kommt mir der Alte entgegen, und ich stürze nun mit einer Art von Wut
hinein zu dem Bette.
    Da lag er, von Fieberhitze glühend. Nannte laut ihren Namen, klagte sich an,
klagte mich an, und wusste nicht, dass ich vor ihm stand.
    »Das, das ist Euer Sohn!« - sage ich zu dem Alten, um mir durch einen
Vorwurf Luft zu verschaffen.
    »Ach gnädiger Herr! machen Sie mich armen Mann nicht unglücklich! Ich hätte
kein Mensch sein müssen« -
    »Schweig! - sage ich - ich will nichts mehr hören. Geh' zum Haushofmeister.
Er soll Leute herschicken und im rechten Flügel ein Zimmer bereit halten.«
    Der Anblick hatte mich erschüttert. Das Herz hatte den Kopf überwältigt.
Jetzt wollte ich den Alten zurückrufen; aber gewaltsam fühlte ich mich wieder
zum Bette hingezogen, und als ich abermals zur Tür ging, war es zu spät.
    Da stand ich nun, und mein böser Geist hielt mir den ganzen Brief der Mutter
wieder vor Augen. Mit Todesangst übergebe ich Ihnen mein Alles. Ich strich und
strich an meiner Stirne, und die Zeile wollte nicht fort.
    Die Leute waren schon gekommen, er war schon in meinem, meinem eigenen
Hause, eh ich das schreckliche Gewühl meiner Empfindungen entwickeln konnte.
    Lass mich Atem schöpfen! Ein ander Mal.
 
                              Siebenzehnter Brief
                             Reinhold an Wilhelmine
Wissen Sie es schon? Antonelli ist krank, ist entdeckt. Der General selbst hat
ihn in sein Haus genommen. O er ist mein Freund! und wird es ewiglich bleiben.
    Sagen Sie! wie ist es möglich, einen Mann zu hassen, bei dem das Herz immer
die Oberhand behält? -
    Allerdings! auch wir hätten unter ähnlichen Umständen dasselbe getan. Aber
er! mit seiner fürchterlichen Heftigkeit! mit seiner glühenden Eifersucht! -
Nein! nein! es war schön! es war wirklich sehr edel.
    Aber, welche Folgen wird es haben? - Ich zittre für Antonelli, für Julie, am
meisten für ihn selbst. Wahrlich! das Schicksal nimmt ihn in eine harte Schule.
Er, der seines Herzens so oft spottete, wie fürchterlich muss er dadurch büssen.
Welch ein Labyrint! Ich würde nicht hineingekommen sein, dass darf ich wohl
behaupten; aber ob, und wie ich mich wieder heraus finden würde? - In der Tat
darauf weiss ich keine Antwort.
 
                               Achtzehnter Brief
                             Wilhelmine an Reinhold
Wenn Sie, mein teurer Freund! am Rande eines Abgrundes lustwandeln, sich noch
dazu auf dem Wege berauschen, und alle Warnungen Ihrer Freunde nicht achten, so
bedarf es keiner Inspiration, um zu wissen, wie es Ihnen gehen wird.
    Wenn Ihnen aber die Abgründe, wie die starken Getränke von Natur zuwider
sind, so braucht niemand zu antworten, denn niemand wird fragen.
    Der Herr General muss erndten, was er gesäet hat. Unser allgemeines
Schicksal. - Wer sich darüber wundert, gehört in das Land der gebratenen Tauben.
    Geben Sie mich auf! Sie sehen, das Bewundern wird mir eben so unmöglich, wie
das Beklagen. Zu dem Ersten gehört immer eine angemessne Entfernung von dem
Gegenstande, zu dem Zweiten ein gewisser Grad von Hoffnung. Leider fehlt es mir
an beiden, und ich bin daher selbst im hohen Grade zu beklagen.
    Ihr Freund hat alle heitere Aussichten meines Lebens zerstört. Mich nun
unter seine Bewundrer aufnehmen zu lassen, würde in der Tat zu den
Übermenschlichkeiten gehören, die ich, grade um sie recht bewundern zu können,
so viel als möglich von mir entfernt halte.
    Hätte das Jedermann getan; so stünden die Sachen vielleicht etwas besser.
Wie sie nach einigen Jahren, vielleicht schon nach einigen Monaten stehen
werden, ist bei mir keinem Zweifel unterworfen. -
 
                               Neunzehnter Brief
                              Olivier an Reinhold
Ob sie es weiss? Ob sie ihn erkannt hat? - Das frage ich mich des Abends, wenn
ich die Augen schliesse, und des Morgens, wenn ich sie wieder öffne.
    Meine Leute haben den strengsten Befehl, seinen Namen nicht zu nennen. Auch
wissen nur drei um die Sache. Doch wäre es möglich. -
    Sie verrät eine Angst, eine Beklommenheit. - Ihr offner, heiterer Sinn ist
gänzlich verschwunden. Oft, wenn ich unvermutet hereintrete, finde ich sie tief
in Gedanken versunken, und nur meine Stimme weckt sie aus ihren Träumereien.
    Diese Schwermut hat sie unbeschreiblich verschönert. Kein Band, keine Blume
kommt in ihr Haar. Ach wer sie so sähe, um dessen Verstand wäre es geschehen.
    Auf meinen Befehl trägt sie beständig einen Schleier. Oft, wenn endlich die
männlichen Bedienten entfernt sind, ich mir stundenlang den Genuss versagt habe,
sie unverhüllt zu sehen, treibt mich mein Wahnsinn den Schleier wegzureissen. Wie
vom Blitze getroffen, stehe ich dann vor ihr.
    Es ist eine neue Erscheinung. Ohne es zu wissen, habe ich diesen Engelzügen
andre, gemeine Züge untergeschoben, habe zur Lindrung meiner Schmerzen, mir ein
andres, minder schönes Bild zusammengesetzt. Jetzt werden sie durch diesen
einzigen Blick zur furchtbarsten Quaal wieder erhöht.
    Mit Wut, mit Todesangst fasse ich sie dann in meine Arme, stürze mit ihr
fort in das entlegenste Zimmer, starre sie an, laufe auf und ab wie ein
Rasender, presse ihre Hände gegen meine Brust, frage sie: ob sie mich liebt? ob
sie mein ist? ob sie mein sein will auf ewig?
    Schwere Tränen rollen dann über das Engelgesicht. Ihr grosses, zartes Herz
fühlt dann alle meine Leiden. Sie sagt mir: dass sie für mich leben und sterben,
dass sie zur Erhaltung meiner Ruhe jeden menschlichen Anblick vermeiden will.
    O! wie wird mir dann! Abermals fasse ich sie in meine Arme, hebe sie hoch
gen Himmel, falle vor ihr nieder, verstumme, versinke mit namenloser Wonne in
ihrem Anblick.
    Aber plötzlich, dünkt mich, ich höre ein Geräusch. »Den Schleier!« - ruf ich
mit gepresster Stimme. Reisse die Vorhänge zusammen, stürze durch drei, vier
Türen, schliesse sie alle hinter mir zu, komme endlich hinaus - Niemand ist da,
und ich erwache zu neuen Zweifeln und zu neuen Quaalen. -
 
                               Zwanzigster Brief
                              Olivier an Reinhold
Er fängt an sich zu bessern, und der Arzt gibt Hoffnung. Was habe ich bei
seinen Phantasien gelitten! - Er glaubte mit ihr vereinigt zu sein, und
schilderte seine Liebe unter glühenden Bildern. Aber dann war es, als ob er mich
plötzlich erkannte, und eine grässliche Vorstellung jagte die andre.
    Gestern lag er wieder in einem halbwachen Traume, erkannte mich; aber nicht
wie vormals, mit Schrecken. Er hielt meine Hand, nannte mich wieder seinen
Vater, erzählte mir von seiner unglücklichen Liebe, beschwor mich, Mitleiden mit
ihm zu haben, ihm ihren Anblick nur ein einziges Mal zu vergönnen. Er wolle dann
alles, alles tun, was ich von ihm verlange.
    Und ich? - O frag mich nicht? ich bin ein unglücklicher Mann.
 
                           Ein und zwanzigster Brief
                              Olivier an Reinhold
Was? bin ich ein Weib geworden? Soll dieser Knabe mich beherrschen? Er darf sie
nicht sehen, er muss fort. Zwei können sie nicht besitzen. Meine Rechte sind die
ältern, und ich habe mehr Nachsicht gehabt, als ich sollte.
    Was irre ich herum bei Nacht und bei Tage? Was zweifle ich? was frage ich?
Nur Eins tut hier Not, und dies Eine muss geschehen.
    Will ich Verzicht tun? Will ich es? - Rasender Gedanke! Will ich leben,
ohne zu atmen? - und, liebt er sie wie ich? Wie viel Weiber kennt er, um die
Einzige zu würdigen.
    Aber sie? - Wenn sie ihn erkannt hätte, wenn sie sich hingerissen fühlte von
Jugend, von Schönheit, überwunden von diesem gänzlichen Dahingeben? - O! fort!
fort! Zum Wahnsinn ist es noch Zeit genug.
 
                           Zwei und zwanzigster Brief
                              Olivier an Reinhold
Jetzt wollte ich Du wärest hier, Du könntest mir raten. Begreife meine Angst!
ihr ist nicht wohl. Ich habe mir den Fall niemals gedacht. Ihre blühende
Gesundheit machte mich sicher.
    Sie klagt nicht, läugnet wenn ich frage; aber der Augenschein straft sie
Lügen.
    Ach ist es ein Wunder! Seit vier Wochen hat sie keinen Atemzug frische Luft
geschöpft. O, ich Grausamer! Wie war es möglich! - Wenn es zu spät wäre, wenn
sie krank würde. - Nein! nein! dahin kommt es nicht. Aber schnell muss man
helfen. Helfen? - Wie, o mein Gott! - Soll ich sie ihm in die Arme führen? -
Nichts! nichts! Keine weibische Schwäche! Er muss fort. Jetzt gleich, jetzt
augenblicklich soll Anstalt gemacht werden.
 
                           Drei und zwanzigster Brief
                              Julie an Wilhelmine
Wie lange habe ich Dir nicht geschrieben. Vergieb mir beste Wilhelmine! Ich war
es meinem teuren Manne schuldig. Ach Du hast keinen Begrif wie er mich liebt,
und wie viel er leidet durch diese Liebe. Wie sehr wäre ich ihrer unwürdig,
suchte ich nicht alles zu vermeiden was irgend seiner Ruhe nachteilig werden
könnte.
    Um jeden Zweifel zu entfernen bin ich sogar eine geraume Zeit nicht aus
meinem Zimmer gekommen, und wäre bald krank darüber geworden. Da hättest Du ihn
sehen sollen! - O gewiss! ich muss um vieles besser werden, diese Liebe ganz zu
verdienen.
    Solltest Du glauben, ich würde noch von der gemeinsten Eitelkeit beherrscht?
- Vor einigen Wochen öffne ich des Morgens die Tür unsers Schlafzimmers, und
sehe einen Mann ausgestreckt auf der Erde liegen. Er hatte das Gesicht unter dem
Arme verborgen; aber seine Gestalt blieb mir unvergesslich.
    Was ist das nun anders als Eitelkeit! - kann es nicht ein wahnsinniger
Mensch gewesen sein? können ihn nicht tausend mir unbekannte Ursachen, zu dem
sonderbaren Entschlusse gebracht haben, sein Nachtlager vor unsrer Tür zu
wählen? Aber nein! die Eitelkeit - oder sollte es wirklich mein Herz sein? -
besteht darauf, um meinetwillen war er da, um meinetwillen ist er wohl oft schon
da gewesen.
    Sonderbar genug verwechsle ich ihn immer, durch eine gewisse Ähnlichkeit
getäuscht, mit Antonelli. Mit Antonelli, der mich lange vergessen hat.
    Ach wie sehr täuscht sich ein junger Mann in diesem Alter. Antonelli glaubte
eine unüberwindliche Leidenschaft für mich zu fühlen, und nach einigen Wochen
bin ich rein aus seinem Gedächtnis verschwunden.
    Wenn ich nun meinem törichten Herzen gefolgt, und jetzt allen Quaalen der
Selbstverachtung Preis gegeben wäre! - Aber Gott sei gelobet! ich bin gerettet.
    Seit ich die milde herrliche Luft unter den Blütenbäumen wieder atme, ist
himmlischer Friede in mein Herz zurück gekehrt und alle meine Gefühle sind
wieder dem Manne geweiht, der mich so einzig, der mich mehr liebt, als ich bis
jetzt noch verdiene.
    Wie sein herrlicher, grosser Charakter sich mir alle Tage mehr entwickelt! So
wie ein Mensch leidet, hört er auf sein Feind zu sein und wäre er es auch Jahre
lang gewesen. Wer hätte dieses tiefe Erbarmen unter dieser rauhen Hülle gesucht!
- Wahrscheinlich hat ihn sein Stand gezwungen, so viel als möglich davon zu
verbergen und sogar zu vertilgen.
    Gewiss erscheint er auch seinen Leuten noch immer wie ein harter Mann. Aber
ich, der er sich so ganz hingibt, ich blicke in sein schönes Herz und bewundre
ihn im Stillen.
    O wie freue ich mich, dass dieses Herz mit allen seinen lieblichen Schwächen,
in meine Hände gefallen ist. Ich will es schonen und ehren. Seine Leidenschaft
soll mir heilig sein, und wenn sie mir auch jemals als Hass erscheint; immer will
ich denken: es war doch nur Liebe.
    Jetzt eben ging er von mir. »An wen schreibest Du?« - fragte er, und sah
mich forschend dabei an. »An Wilhelminen« - sagte ich lächelnd. »Klagst Du
auch?« - fragte er weiter und eine rührende Trauer verbreitete sich über sein
Gesicht. »Weswegen sollte ich klagen?« - antwortete ich heiter - »Etwa deswegen
- setzte ich hinzu, indem ich seine Hand küsste - dass ich unbeschreiblich
geliebt, weit mehr geliebt werde; als ich verdiene?« -
    Ach die Worte kamen grade aus meinem Herzen. Sie schienen mir so einfach,
und so wahr. Gleichwohl erschütterten sie ihn auf eine sonderbare Weise.
    Der teure liebe Mann! wann wird er einmal zur Ruhe kommen? -
 
                           Vier und zwanzigster Brief
                              Wilhelmine an Julie
Gieb Dir keine Mühe! Ich bin zu gut unterrichtet um mich täuschen zu lassen. Aus
freien Willen wärest Du auf Deinem Zimmer geblieben? - Ja, ja! eine ganz gute
Erfindung für Deine Bedienten. Aber bei mir - wie gesagt, Du kannst die Mühe
ersparen.
    Liesse mich auch jemand Jahr aus Jahr ein so viel freie Luft schöpfen, und so
viele Briefe schreiben als mir beliebte; ich würde dumm genug sein mir
einzubilden: dergleichen verstünde sich von selbst.
    Eben so kläglich schicke ich mich zum Bewundern. Freund Reinhold kann Dir
ein Lied davon singen.
    Welche Disharmonie! In der Tat, nehme sich Dein Herz nicht manchmal die
Freiheit, Dir ein Wörtchen zuzuflüstern, unsre Freundschaft würde zum Rätsel.
Aber bei diesen Einschiebseln, die Dir wahrscheinlich als Unregelmässigkeiten
erscheinen, fliegt Dir das Meinige wieder zu. Ich triumphire, dass Dir die
hochbelobte Kunst unsrer französischen Gouvernante de corriger la nature noch
nicht gelungen ist.
    Doch wer weiss! mit der Zeit kann alles noch werden. Hast Du doch schon mit
Hülfe dieser Kunst herausgebracht: Antonelli habe Dich vergessen, habe Dich
vielleicht niemals geliebt.
    Ja! ja! die Vielleichts machen einem viel zu schaffen. Wollte der Himmel,
ich wäre mit denen, die mir noch auf dieser kleinen schwerfälligen Erde übrig
bleiben, schon fertig, dann könnte ich Dir bei den Deinigen helfen.
    Ob ich jetzt immer so lustig bin? O ganz erschrecklich! Du siehst die Spuren
der Freude hier auf dem Papiere.
 
                           Fünf und zwanzigster Brief
                              Julie an Wilhelmine
Die Spuren waren von Tränen. O meine Wilhelmine! noch immer grämst Du Dich;
bestehst darauf: ich sei unglücklich. Warum hältst Du diese Vorstellung so fest?
Das Gegenteil ist ja doch möglich, und wird sogar immer wahrscheinlicher.
    Auch ich, Geliebte, habe manches über mein künftiges Leben nachgedacht.
Hätte ich hoffen können, mit einem Manne, den ich leidenschaftlich liebte,
glücklich zu werden; wer wüsste was ich getan haben würde. -
    Aber welchen Grund konnte ich dieser Hoffnung geben. Alles belehrte mich,
dass es auch dem besten Manne unmöglich wird, leidenschaftliche Liebe an einem
Weibe zu ertragen, dass Leidenschaft und Weib, ihm eben so widrig klingt, wie
Hässlichkeit und Weib, und dass, wo diese traurige Disharmonie sich findet, an
kein Glück zu denken ist.
    Wie wäre es auch möglich? Haben wir uns einmal dem männlichen - für uns
wahnsinnigen Gedanken - überlassen: geniessen zu wollen; so achten wir keine
Schranken. Von einer feinern Organisation, weit mehr als die Männer, zum Streben
nach dem Unendlichen getrieben, wollen wir nun eine Verbindung, die unter zwei
unvollkommnen Wesen, nicht einmal in der Idee bestehen kann.
    Alle Täuschungen des Wissens, der Ruhmsucht und der tierischen
Sinnlichkeit, mit welchen sich die Männer, oft bis an ihr Ende, so glücklich
betäuben, sind bei uns nicht wohl möglich.
    Wir fühlen nun mit allen Kräften unsers Wesens: dass die Verbindung Zweier,
oder Aller zu Eins, der Zweck aller Schöpfung sein muss. Die Zeit, wo wir den
trüben Dunstkreis unsrer Erde zu einem vollkommnern Leben durchbrechen werden,
ist für uns schon verflossen.
    Eins! eins wollen wir sein mit dem Geliebten. Kein Gedanke, keine Ahnung
soll uns entgehen. Ein ewiger seeliger Tausch, Zusammenklang alles Wissens und
Begehrens. Ach! schon mitten in diesem höchsten Wunsche werden wir plötzlich
durch die schreckliche Wirklichkeit unterbrochen, und sinken zurück - - - unter
die Herrschaft eines Mannes.
    Während wir uns so in, ja über den Wolken umhertrieben, wie fürchterlich hat
sich diese Herrschaft ausgedehnt! Gleichwohl macht sie den, der sie ausübt,
nicht glücklich.
    Mit ganz andern Wünschen und Hoffnungen war er zu uns gekommen. Selbst von
den Leidenschaften irre geführt, suchte er ein Wesen, das über alle Leidenschaft
erhaben, ihm himmlischen Frieden entgegen brächte. In dieser seeligen Stille
wird sein Wille sich läutern, sein Verstand von nun an das Beste erwählen.
    Schon der Anblick dieses Wesens, das rein und vollendet aus den Händen der
Natur hervorgieng, hebt ihn über sich selbst. Alles was er mühsam erlernte, ward
diesem Wesen angebohren. An Verstand und Willen weit über ihn erhaben, ist es
dennoch mit dem beseeligenden Irrtume begabt: es werde in beiden von ihm
übertroffen. Was hat er zu fürchten? Es ist die liebende Einfalt, der er sich
übergibt.
    Aber wie schrecklich wird er selbst nun aus diesem Traume erweckt. Statt
heiterer, seeliger Stille, findet er leidenschaftliche Unruhe. Hört Foderungen,
Klagen. - Ach! Rechenschaft soll er geben von seinen Empfindungen. Man will sie
wägen und prüfen. O Gott! statt ertragen zu werden, soll er tragen. Er kann es
nicht, sein ganzes Gefühl empört sich dagegen.
    Um seine Leiden aufs höchste zu bringen sieht er nun noch die Schönheit
entfliehen. Die Schönheit, ohne die er die Weiblichkeit nicht denken kann, mit
der er die ganze Weiblichkeit ausspricht.
    Es ist zu viel! er muss sich rächen! - Ach, er hat sich schon gerächt, er ist
schon ein Tyrann, eh er es selbst nur ahnet. Die unglücklichen Weiber! Hätten
sie gestrebt liebenswürdig - der Liebe würdig - zu sein, statt Liebe zu fodern;
sie hätten das, was sie wünschten, und vielleicht weit mehr noch erhalten.
 
                          Sechs und zwanzigster Brief
                              Wilhelmine an Julie
Liebenswürdig? - Hm! nicht übel. Nun ja, mit dieser Kleinigkeit sind die Männer
so ganz leidlich zufrieden. Freilich gehört dazu eine andre Kleinigkeit: die
unverwelkliche Schönheit und Jugend. Unglücklicher Weise, hat es meiner teuren
Freundin nicht beliebt, anzuzeigen, wie man sich diese Kleinigkeit erhalten,
oder, wenn man sie nicht hat, die Götter zwingen kann, sie zu verleihen.
    Ja! ja! wer kann an alles denken? - Ihr unglücklichen Geschöpfe, die ihr
weder das Eine noch das Andre habt, verzweifelt nur. Mag eure Zahl Legion
heissen, ihr seid zum Elende geboren.
    Vormals standet ihr noch in dem tröstlichen Wahne, ihr könntet den Männern
durch Tugend ersetzen, was die Natur euch an Schönheit versagt hatte; aber
jetzt! - euer Urteil ist gesprochen! So wie eure Schönheit verwelkt, hört ihr
auf Weiber zu sein. Dann sterben die Blumen; aber euch zwingt die Natur zum
martervollen Leben. Leitet nur den herabfahrenden Blitz zu euren Herzen. Oder,
wenn er mit der Natur im tückischen Bunde, euch nicht treffen will, suchet nur
in den Fluten euer Grab. Die beste Welt bleibt dennoch die beste.
    Leb wohl! Du hast mich erbittert. Ich glaube gar, ich kann aufhören Dich zu
lieben. Du bist zu unsern Feinden, zu den Männern übergegangen, und fängst an,
eben so metodisch zu .... pfuy! das war hässlich.
    Ach! da kommt mir ein glücklicher Gedanke! Künftig werde ich statt hässlich,
immer männlich setzen. Nicht wahr? es ist eben so gleichbedeutend, wie schön und
weiblich. Komisch wäre es, wenn das Hässlichste immer das Männlichste wäre. -
    Was meinst Du dazu?
 
                          Sieben und zwanzigster Brief
                              Julie an Wilhelmine
Ich meine, Wilhelmine, die da glaubt erbittert zu sein, und die nie aufhören
wird mich zu lieben, könne wohl, ein wenig ab- und zugerechnet, nicht so ganz
Unrecht haben. Unter dieses Wenige gehört vorzüglich, alles was man den Windeln,
Schnürbrüsten und Ausschweifungen zuschreiben muss. In der Tat, es wäre
ungerecht, dieses sowohl, als mehreres, was Verzärtlung und Verwahrlosung der
weiblichen Schönheit geraubt haben, auf die Natur zu werfen.
    Nimm dies weg, Geliebte, und - so übertrieben es auch klingen mag - ich wage
es, zu behaupten: dass es Dir schwer, ja vielleicht unmöglich werden soll, ein
wirklich hässliches Mädchen zu finden.
    Reise nach H...., gehe in das Haus der liebenswürdigen R...., siehe hier
zwanzig Mädchen, die unter ihrer Aufsicht doch nur seit ihrem siebenten, achten
Jahre erzogen werden, und widersprich mir, wenn Du kannst.
    Wie schnell die Natur ersetzt und verbessert, wenn man ihr nur nicht zu
anhaltend widerstrebt, geht beinahe in das Unglaubliche.
    Aber das alles rechtfertigt mich nicht in Deinen Augen. Dein liebevolles
Herz empört sich gegen die Grausamkeit eines doppelten Todes. Du vergiebst mir
nicht, dass ich die Weiblichkeit mit der Schönheit verschwinden lasse. Gleichwohl
bestätigst Du, kurz darauf, dies, und weit mehr.
    Ja es ist schrecklich; aber es ist wahr: die Sinnlichkeit kann uns auch
nicht einmal Augenblicke befriedigen. In dem gegenwärtigen müssen wir vor dem
künftigen zittern. Welcher Gott wird uns helfen? - In uns ist der Gott. »Erfülle
deine Bestimmung« spricht er - aber suche dich über alles Sinnliche zu erheben.
Dann bist du frei und seelig.
 
                           Acht und zwanzigster Brief
                              Wilhelmine an Julie
Ach Du bist besser als ich! das weiss ich wohl und habe es immer gewusst, so wie
ich alles, was Du mir sagst, lange gefühlt habe. Darum wollte ich mich an Dich
schliessen, in Dir alles wiederfinden, hätte es gefunden.
    Geh! geh! Du hast doch nicht recht an mir gehandelt. Mein Verstand mag Dich
rechtfertigen, mein Herz wird Dich ewig verklagen.
    Morgen will ich reisen.
 
                           Neun und zwanzigster Brief
                              Olivier an Reinhold
Dieser Mensch bringt mich noch um, mit seiner glühenden Phantasie. Meinst Du, er
verberge irgend eine Empfindung vor mir? Mit einer Heftigkeit, mit einem
verzehrenden Feuer spricht er sie aus, reisst mich hin, überwältigt mich. Oft
habe ich, zu meinem eignen Schrecken, mich selbst, und alles, was ich zu
fürchten hatte, vergessen.
    Wenn endlich meine innere Quaal aufs höchste steigt, meine Wut über seine
glühenden Schilderungen hervorbrechen will, ergreift er mich plötzlich mit
seiner gewaltigen Liebe.
    Ich, ich selbst bin es nun, den er schildert. Mit allen meinen Leiden, mit
allen meinen schrecklichen Fragen und Zweifeln.
    Im höchsten Erstaunen sehe ich ihn in das Innerste meines Herzens dringen,
Gefühle entwickeln, für die ich bis jetzt keinen Namen hatte, Begebenheiten
hervorrufen, die ich verworren nur ahnete.
    In dem Augenblicke, wo ich ihn dann mit meinen Händen zerreissen möchte; weil
er sie alle nennt, meine Marter, in dem Augenblicke fällt er ein mit seiner
seelenerschütternden Klage. Mein Grimm löst sich in Wehmut auf, er stürzt in
meine Arme, und, ohne es zu wollen, drücke ich ihn fest an mein Herz.
    Aber ihn hier zu behalten, war mir unmöglich. Alle seine Bitten vermochten
nichts, er musste sich ergeben. Gleichwohl bestand er mit einem unerhörten Trotze
darauf, sich nicht weiter als eine halbe Stunde von hier zu entfernen.
    Nun drohte ich mit meiner eignen Abreise. »Tue es - sagte er - und wenn Du
bis an das Ende der Welt gehst; ich folge Dir nach.«
    »Mir?« - wiederholte ich mit Bitterkeit.
    »Ja Dir! Meinst Du, ich könne ohne Dich, Du ohne mich leben? - Wer versteht
Dich, wer tröstet, wer liebt Dich wie ich?«
    »Bestechungen!«
    »Wehe Dir, wenn Du es glaubst!« -
    »Ich werde schon Mittel finden.« -
    »Sie helfen Dir nichts.«
    »Was unterstehst Du dich? -
    »Ich unterstehe mich, das Unmögliche unmöglich zu nennen. Mache was Du
willst! uns scheidest Du nicht.«
    »Uns?« -
    »Ja! uns.«
    »Sie meinst du.«
    »Wenn ich sie meinte; würde ich es sagen.«
    »Du liebst sie.«
    »Nein, Dich liebe ich, sie bete ich an.«
    »Und das soll ich dulden?«
    »Kannst Du es ändern?«
    »Nicht in mein Haus!«
    »Das verspreche ich Dir.«
    »Nicht in meinen Garten!«
    »Auch das.«
    »Noch auf die Anhöhe!«
    »Sie gehört Dir nicht.«
    »Ich werde sie kaufen.«
    »Ich habe sie schon gekauft.«
    »Das hast Du getan, um sie zu sehen, um von ihr gesehen zu werden.«
    »Das Letzte ist nicht wahr, auch ist es unmöglich.«
    »Aber Du willst sie sehen.«
    »Ja, weil es Dir nicht schadet.«
    »Es beunruhigt mich.«
    »Und mich tödtet es, wenn ich sie nicht sehe. Was willst Du lieber?« -
    »Du trotzest!«
    »Nein. Das sagst Du nur, Du, glaubst es nicht. Sieh mich an! ist es wahr,
dass ich ohne sie nicht leben kann? ist es wahr, dass es mir unmöglich ist, jemals
etwas Schlechtes zu wollen? ist es wahr, dass ich Dich liebe, dass ich mein Leben
für Dich lassen würde?«
    Ach! dann sehe ich in sein grosses, schwarzes Auge, und verstumme.
                               Dreissigster Brief
                              Julie an Wilhelmine
Wo bist Du jetzt, meine Geliebte? Zürnst Du noch mit Deiner Julie? Nein! nein!
Du irrst Dich in Dir selbst. Weder Dein Verstand, noch Dein Herz klagt mich an.
Wir lieben uns, und werden uns ewiglich lieben.
    Noch immer kann ich mich nicht von Deiner Abreise überzeugen. Mich dünkt
sogar, Du wärest in meiner Nähe. Besonders wenn ich in den Garten trete,
überfällt mich ein wunderbar sehnsüchtiges Wonnegefühl.
    Ach es ist der Duft von den vielen, köstlichen Pflanzen, der geheimnisvolle
Schatten dieser hohen unnachahmlich schönen Bäume. Wirklich, unser Garten ist
ein Paradies. Ob er gleich beinahe drei Viertelstunden im Umfange hat, wollte
ihn mein lieber Mann doch noch durch eine benachbarte Anhöhe vergrössern. Aber
sie ist leider schon verkauft, und so werden wir wohl Verzicht darauf tun
müssen.
    Wie sonderbar! sonst war ich mit so Wenigem zufrieden, hätte mich bei einem
einzigen kleinen Blumenbeete überglücklich gefunden. Jetzt, seitdem von der
Anhöhe gesprochen ist, denke ich nur immer: wie viel schöner unser Garten sein
müsste, wenn er sie mit umschlösse.
    Diese wunderliche Grille beherrscht mich sogar im Schlafe. Letzt dünkte
mich, ich werde von einer unsichtbaren Kraft weit über die Mauer unsers Gartens
gehoben, und plötzlich auf der Anhöhe niedergelassen.
    Es war eine andre Welt. Himmlische Kinder wandelten darauf. Ihr Gesicht
blühte wie Rosen im Morgenlichte. Ein glänzendes Flügelpaar erhob sich über ihre
Schultern. Schnell, wie Gedanken, eilten sie hin und her und streiften an meiner
Wange vorüber wie Frühlingshauche.
    Jedesmal, wenn sie mich so berührten durchdrang mich ein unaussprechliches
Wonnegefühl.
    Endlich flogen sie alle auf mich zu, schlossen mich in einen dichten Kreis,
und tanzten mit unglaublicher Schnelligkeit um mich her.
    »Wir wechseln das Leben! wir wechseln das Leben!« - so sangen sie.
    Aber mit einem Male ward ich von einem kalten Hauche angeweht. Kein Tanz
mehr, kein Gesang. Die Kinder standen unbeweglich. Ich eile auf sie zu, da sind
sie plötzlich in Blumen verwandelt und ich erwache mit einer Art wehmütig süssem
Schauder.
    Unser Fenster stand offen, und der Duft eines grossen Rosenstrauchs ward vom
Winde in das Zimmer getrieben. Der kalte Schauder, die Blumen, das alles war
also mehr als begreiflich. Gleichwohl finde ich noch immer wer weiss wie viel
Wunderbares in diesem Traume, und eile, sobald ich in den Garten komme, zuerst
nach dem Orte, wo ich die Anhöhe sehen kann.
    Hier sitze ich oft ganze Stunden, und denke nichts als den Traum. Dann
ergreift mich eine Bangigkeit, eine Sehnsucht. - Letzt - kannst Du Dir etwas
kindischeres denken! - glaubte ich meinen Nahmen von dort her zu hören. Schnell
springe ich auf, eile mit ausgebreiteten Armen durch das Gebüsch, und denke
nicht eher an die Mauer, bis ich dichte davor stehe.
    Mit gefalteten Händen, als geschehe mir Wunder welch Unglück, kehre ich nun
wieder um, und ein Strom unaufhaltbarer Tränen stürzt über meine Brust.
    Nicht wahr? das sieht dem Wahnsinne sehr ähnlich. Gewiss, ich bin krank. Ich
muss mit einem Arzte sprechen.
 
                           Ein und dreissigster Brief
                              Reinhold an Olivier
Gestern war T... bei mir. Ich wollte meinen Augen kaum trauen. Seit er zum
Günstlinge erhoben ist, habe ich ihn nicht gesehen. Seine hämischen Anmerkungen
über Dich führten oft Streit herbei, und so war ich recht wohl damit zufrieden.
    Nun aber gestern überfällt er mich plötzlich mit einem ganzen Heere
Schmeicheleien und Freundschaftsversicherungen. Ich lächle, mache einen stummen
Bückling über den andern und vertiefe mich so hartnäckig in die Zeremonien, dass
ich ihn nach einer Viertelstunde ziemlich in die gehörige Entfernung bringe.
    Gleichwohl erfolgen nun eine Menge Hof-Stadtneuigkeiten, Erkundigungen nach
Dir. - »Wie sich der König sehne Dich einmal bei sich zu haben. Wie es gar nicht
artig sei, so spröde zu tun. Das alles würde Dir nichts helfen. Man könne Dich
aufsuchen.«
    Ich erschrack, und fieng an zu sondiren. »Ja, ich selbst wisse am besten,
wie viel an dem eigentlichen Frieden noch fehle. So still werde es nicht
abgehen. Ein paar Feldzüge müsse man noch in den Kauf geben. Der König werde Dir
das alles schon begreiflich machen und hoffe, Du werdest nicht aufhören, Dein
Vaterland zu lieben.«
    »Darüber ist kein Zweifel; - antwortete ich - aber mich dünkt, man könnte
ihn in Ruhe lassen. Für ein Menschenleben hat er genug getan, und die andern
Herren sind ja auch keine Feinde vom Hinaufrücken.«
    »Ach ja! wenn es nur auf das Rücken ankäme.« -
    »Nun das Andre wird sich auch finden!«
    »Man hat's gesehen!« -
    »Olivier ist kein Freund vom Kriege.«
    »Darüber erstaunt man.«
    »Mich dünkt ohne Grund. Er suchte Lorbeeren; jetzt hat er mehr als er
bedarf.«
    »Aber das Vaterland!« -
    »Eben das Vaterland - sagt er - braucht Ruhe.«
    »Das Wort klingt komisch in seinem Munde! - Männer, Frauen und Mädchen
nannten ihn vormals den Unruhigen.« -
    »Die Zeiten ändern sich; warum sollten sich die Menschen immer gleich
bleiben?« -
    Er antwortete mit seinem gewöhnlichen Faunenlächeln, umarmte mich, zu meinem
grossen Leiden, einmal über das andere, und empfahl sich mit einem Epigramm.
    Ich setze nichts weiter hinzu. Du selbst musst am besten wissen was dabei zu
tun ist. Raten kann ich Dir nicht mehr; aber nie werde ich aufhören, Dich zu
lieben.
 
                           Zwei und dreissigster Brief
                              Olivier an Reinhold
Entweder sie wollen mich los sein und da sie wissen, dass ich die Kugeln nicht
fürchte, mich wieder darunter schicken, in der Hoffnung, eine werde doch
treffen. Oder der König hat gerade Langeweile, erinnert sich der P...schen
Scenen mit Julien, und will die Komödie auf eine andere Art durchspielen.
Wahrscheinlich trifft beides zusammen, und da bin ich denn freilich vor einem
Besuche nicht sicher. Hier lassen kann ich sie nicht; aber wem soll ich sie
anvertrauen? -
    Reinhold Du liebst mich, Du hast es, auch wenn ich nicht daran glaubte,
redlich mit mir gemeint. Reinhold! willst Du sie in Schutz nehmen? Dann lasse
ich schnell mein Gütgen bei G... in Stand setzen. Ich weiss wohl: Du darfst Dich
nicht entfernen. Aber es liegt nur eine Viertelstunde von der Stadt. Da könntest
Du doch täglich einen Gang hinaus machen. Ganz allein kann ich sie nicht lassen,
noch weniger sie der Mutter übergeben. - Begreife wie ich Dich achte! da ich
Dich allen Andern vorziehe.
    Antworte mir bald. Ich kenne ihn. Bei seinen Grillen ist keine Zeit zu
verlieren.
 
                           Drei und dreissigster Brief
                              Reinhold an Olivier
Alles! nur das nicht. Frage nicht weiter. Es geht nicht. Und wenn Du mich auf
die Folter spanntest; ich würde Dir immer dasselbe antworten. Wie? Warum? kann
ich Dir wahrhaftig nicht auseinander setzen. Genug ich weiss, es geht nicht.
Achte mich nun weniger, entziehe mir ganz Deine Freundschaft. Ich muss es
geschehen lassen. Aber ich wiederhole Dir noch einmal: es ist schlechterdings
unmöglich.
                                  Nachschrift
Du hast zwei Fälle angenommen; aber wie, wenn es einen dritten gäbe?
    Wenn sie Dich nicht entbehren könnten? Dich wirklich haben müssten? -
 
                           Vier und dreissigster Brief
                              Reinhold an Olivier
Hätte ich doch meinen Brief nicht abgeschickt! Schnell muss ich Dir noch melden:
dass die Königin ihrem Bruder entgegen reist und auf diese Weise den König
begleitet.
    Sollte es nicht das Sicherste sein, Julie nun bleiben zu lassen? - Ich bin
geneigt es zu glauben. Überlege es, und melde mir Deinen Entschluss.
 
                           Fünf und dreissigster Brief
                              Olivier an Reinhold
Das Sicherste! Eine Falle ist es. Einladungen, Lockspeisen! - Ich kenne das. Und
sollte ich sie Antonelli übergeben, ich wollte es lieber; als sie auf dem
glatten Hofpflaster wissen.
    O wie viel leide ich! Ich bin müde es zu denken. Oft will ich die ganze
schreckliche Leidenschaft von mir werfen, die Freiheit, den Tod suchen; aber
dann sehe ich sie wieder und mein zerrissenes Herz kann nicht von ihr lassen.
    In Dich mag ich nun nicht weiter dringen. Gleichwohl muss Rat geschafft
werden. Zwölf Meilen von hier ist ein Fräuleinstift. Ich will mit ihr davon
sprechen.
    Aber gern muss sie es tun; sonst ist es doppelt so schrecklich. Ach den
ganzen Tag werde ich sie nicht sehen! Aber die Nacht will ich hin zu ihr
fliegen. - Zwölf Meilen! - O Gott es geht nicht! es ist zu weit!
    Da kommt sie. Ich will sie fragen. Sie selbst soll wählen.
 
                          Sechs und dreissigster Brief
                              Olivier an Reinhold
Jetzt habe ich den Mut der Verzweiflung. Ich sehe es, für mich ist kein Glück
mehr zu hoffen.
    Was wählte sie? - Rate es! - Du errätst es nimmermehr.
    »Liebste! - sagte ich - wenn wir uns auf eine kurze Zeit trennen müssten,
wenn Du hier nicht bleiben könntest; welchen Aufentalt würdest Du vorziehen?«
    Sie behauptete für keinen entfernten Ort eine besondere Vorliebe zu haben.
Es sei ihr hier so wohl.
    »Aber wenn du nun schlechterdings wählen müsstest und Dich ganz nach Deinem
Geschmacke bestimmen könntest.« -
    »Nun - antwortete sie - dürfte es in der Nähe sein; dann würde ich das
Häuschen auf der Anhöhe allen Andern vorziehn.«
    »Auf welcher Anhöhe?« - fragte ich, denn ich wollte nicht glauben was ich
gehört hatte.
    »Dort - sagte sie, und zeigte auf Antonelli's Wohnung - diese Gegend hat
etwas unbeschreiblich anziehendes für mich.«
    Ich liess sie nicht ausreden, stürzte fort, warf alles nieder, was mir in den
Weg kam. Mir war als solle ich mir selbst entfliehn. Zum erstenmal in meinem
Leben fühlte ich eine Art Unwillen gegen sie, der allmählig in Wut übergieng.
So stand ich vor Antonelli's Tür ohne zu wissen wie ich dahin gekommen war.
    »Wo ist er« - fragte ich - »Wo er immer ist« - antworteten die Leute, und
zeigten nach dem Walde.
    Schon lange hatte ich vor ihm gestanden, hatte schon eine Menge Flüche
zwischen den Zähnen gemurmelt, noch immer hatte er mich nicht bemerkt. Endlich
wurden meine Flüche lauter, und ich riss ihm das Fernglas aus der Hand. Da schien
er plötzlich aus einem Traume zu erwachen und umarmte mich trotz meiner Flüche.
    »Ein schönes Leben - sagte ich - den ganzen Tag so mit Gaffen hinzubringen.
Der König kommt. Wo ist das, was ich Dir aufgetragen habe?«
    Statt zu antworten, nahm er mich lächelnd bei der Hand, und führte mich zu
einem Zelte, das er sich mitten im Walde hat aufschlagen lassen. Hier sah ich
Karten, Risse, alles in der grössten Ordnung, und weit mehr vorgearbeitet als ich
gewollt hatte.
    »Wann ist denn das alles gemacht?« - fragte ich - nachdem ich es mit
Erstaunen untersucht hatte.
    »Wenn sie nicht da war.«
    »Woher weisst Du denn, wann sie kommt?«
    »Ich fühle es.«
    »Du faselst!«
    »Ich sage die Wahrheit.«
    »Du hast ihr Zeichen gegeben, die Flöte gespielt.« -
    »Niemals!«
    »Nun, woher soll sie denn wissen, dass Du hier bist?«
    »Sie weiss dass ich hier bin?« - fragte er, und sein Gesicht verriet wirklich
das höchste Erstaunen. -
    »O sage mir! - fuhr er fort, und drückte mir die Hände, und schmeichelte wie
ein Kind - sage mir! woher weiss sie es? Hast Du es, hat es irgend jemand anders
verraten?«
    »Gleichviel - antwortete ich vedriesslich - genug sie scheint es zu wissen.«
    »Ach! siehst Du! - rief er - sie fühlt es wie ich.«
    Nun schrie ich laut auf vor Wut, riss meine Hand aus der seinigen, stürzte
den Berg wieder hinunter, und fand sie in Tränen.
    Ach, ich wollte ich wäre bei Dir. Du bist doch mein Einziges. Hier steh ich
allein, verwaist. Sie haben mich ausgestossen aus ihrem Bunde. Von einer höhern
Macht hingerissen, vergessen sie mich und die Welt.
    O ich leide zu viel! Ein Ende! Ein Ende!
 
                          Sieben und dreissigster Brief
                              Reinhold an Olivier
Dein Leiden zerreisst mir das Herz. Armer, unglücklicher Mann! Mit allen Deinen
Schätzen, mit allen Deinen Lorbeeren unglücklich. Ach warum musst Du gerade jetzt
diese Sehnsucht nach Liebe empfinden, jetzt, wo sich das Schicksal so grausam
gegen Dich verschwöret.
    Solltest Du denn gar nicht zu retten sein? - - Hast Du niemals versucht, sie
als Deine Kinder zu denken? - in ihnen, durch ihre Liebe glücklich zu sein? - Du
musst es mehr als einmal in Deinem tatenreichen Leben gefühlt haben: wie schön,
wie überschwänglich die Selbstüberwindung lohnet.
    Wenn ein hartnäckiger, listiger Feind Dich erbitterte, tausend
Schwierigkeiten sich Deiner brennenden Ruhmsucht entgegen stellten, Du endlich
nahe warst das Ziel zu erreichen, hat Dich da nicht oft Erbarmen mitten im Laufe
zurückgehalten, und sind es nicht gerade diese Augenblicke, bei denen Du, wenn
Dich alles Übrige anekelte, mit Wohlgefallen verweiltest? -
    Gewiss! Dein Schicksal liegt mir schwer am Herzen. Ich habe nur einen Wunsch:
Dich mit Dir selbst einig zu sehen. Ich kenne nur eine Möglichkeit - doch, ich
schweige. Aber das lass Dir sagen - denn wer wollte Dich um des augenblicklichen
Schmerzens willen dem tückischen Irrtume preis geben - aufopfern wirst Du
müssen, auf welche Seite Du dich wendest. Auch dann, wenn Du den Tod wählst,
opferst Du auf. Wie viel? - wer kann es bestimmen! -
    Die grosse unergründliche Natur handelt nach unwandelbaren Gesetzen. Erbarmen
ist ihr fremd. Hebst Du gewaltsam ihren Schleier; welche Macht kann Dich retten?
- So weit das Gedenkbare reicht, findest Du die schreckliche wieder. Darum gieb
Dich duldend in ihre Hand. Dann wird sie sanft Dich erlösen.
    Du sagst: ich bin Dein Einziges. So entschliesse Dich dann mutig, und
schnell! Komm an mein Herz! Wir wollen meinen Olivier suchen. Vielleicht finden
wir ihn wieder.
 
                           Acht und dreissigster Brief
                              Olivier an Reinhold
Er ist gefunden! - Wohl! ganz Recht! eben weil ich im Tode noch aufopfere, will
ich mir, was das Leben gewährt, noch erhalten. Ist kein Erbarmen zu hoffen;
warum soll ich mich erbarmen? - Mag ich nun Schmerz hervorbringen; ich selbst
leide den höchsten. Ja ich habe mich schnell und mutig entschlossen. Ich selbst
will sie nicht sehen; aber dann soll auch kein männliches Auge sie erblicken.
    Anfangs wollte ich mich einem deutschen Klotze vertrauen; aber ich sah bald,
dass nur ein Südländer meine Leidenschaft begreifen konnte.
    Ich habe Einen gefunden, der mehr noch begreift als ich empfinde. Er soll
sie bewachen.
    Ein menschenleeres Gütchen ist gekauft, das Haus mit einem Graben umgeben,
und durch eine Zugbrücke geschützt. Drei fremde Mädchen habe ich zur Aufwartung
kommen lassen, und hoffe der braune Wächter wird sie gehorchen lehren.
    Keine Anmerkungen! ich bitte Dich! Es war das Einzige was mir übrig blieb.
 
                           Neun und dreissigster Brief
                              Reinhold an Olivier
Nein! keine Anmerkungen! aber hier einen Brief von Wilhelminen. Sie glaubt, er
würde durch mich am richtigsten besorgt werden. Das gute Mädchen weiss so vieles
noch nicht. - Mein Schutzgeist verhüte nur, dass sie nicht nach Juliens
Aufentalt fragt. Ihre ganze Verachtung würde mich treffen; wenn ich nicht mit
Feuer und Schwerdt drein schlüge. Wäre sie hier, ich stünde Dir vor keiner
zweiten Entführung.
    Das arme Mädchen hat sich nur immer an den Schein gehalten. Sie glaubte Dich
frei, und Julie gefangen. Dich Du Unglücklicher! Einen Sclaven der wütendsten
Leidenschaft frei! -
 
                               Vierzigster Brief
                              Wilhelmine an Julie
Ich bin in der Schweitz; aber meine Erwartung ist nicht befriedigt. Blendender
Schnee auf den Bergen, schneidende Luft in den Tälern, die Menschen eben so
kalt und düster wie sie. O das alles ist mir fürchterlich zuwider!
    Ewiger Zank unter den Hohen, ewige Klage unter den Niedern. Mangel bei allem
Überfluss. Sklaverei bei allem Freiheitstrotz. Ach kein Feuer, keine
Lebendigkeit! Einsylbig, langweilig, das prosaischste Volk auf der Erde. (So
weit meine Wenigkeit sie gesehen hat.)
    Ja! donnernde Wasserfälle und schaurige Klüfte. Überhangende Klippen und
stürzende Lavinen. Wer Lust hat erschlagen zu werden, der kommt hier schon
recht.
    Ob ich das alles in einer andern Laune nicht anders gesehen haben würde?
Kann sein! aber ganz unwahr ist es nicht; darauf kannst Du Dich verlassen.
    Nein! nein! mit dieser grausenden, zügellosen Natur kann ich mich nicht
vertragen, mit diesen Menschen nicht sympatisieren. Was helfen mir die feisten
Kühe und die üppigen Wiesen? Was mir fehlt können sie mir nicht geben.
    Aber was fehlt mir denn? - Nun, fürs erste will ich glauben: ein milderer
Himmel, ein geistvolleres, lebendigeres Volk, Werke der unsterblichen Kunst, an
denen sich mein Geist laben und erheben kann.
    Italien! Italien! da will ich hin. Antonellis Mutter ist da. Auch die will
ich sehen. O was gäbe ich darum, dass sie arm wäre, oder sonst meiner Hülfe
bedürfte! Gewiss! sie wird mich lieben; denn ich werde ihr von dem Lieblinge
erzählen.
    Wäre ich die Mutter dieses Sohnes; Könige und Kaiser müssten mir weichen.
Ach! hätte ich nur ein Kind! nur ein einziges Kind! Ein solches Wesen, das ich
mit Todesquaal mir erkauft, mit Lebensgefahr mir erhalten hätte! - Ich wollte
alles! ja Dich selbst wollte ich darüber vergessen.
    Nur Geduld! nur Geduld! nur nicht gelächelt! es wird sich alles finden! - In
Italien gibt es noch Menschen, die Liebe verstehen. Bauer, oder Bürger,
einerlei! »Mein Freund - sage ich dann - gefalle ich dir; so möchte ich wohl auf
ein Jahr der fünf deine Frau werden. Sind wir glücklich; so geben wir noch vier
Jahre zu. Dann drei, dann zwei, und zuletzt hast du die Freiheit, dich alle Jahr
von mir zu trennen.
    Aber in der Zeit wo du mir gehörst, gehörst du mir ganz. Kein Laufen, kein
Gaffen! das sage ich dir! - Ich binde mich; aber auch du bist gebunden. Hältst
du nicht Wort; so ziehst du weiter. Aber die Kinder bleiben mir, oder aus der
ganzen Sache wird nichts.«
    Du merkst wohl, dass ich die wichtigste Klausel zuletzt bringe. Ist er damit
zufrieden, dann mag er nach den ersten fünf Jahren schon weiter ziehen, und den
grössten Teil meiner Reichtümer mitnehmen. Ich bleibe doch reicher als er.
    Ob er aber dabei glücklich sein wird? - O ja! wenn er vernünftig ist, warum
nicht? - Ich würde für ihn braten und kochen, ihn warten und pflegen und alles,
was mir an Freuden bekannt wäre in unserm Hause versammlen. Aber, die Kinder
gehören mir! damit wecke ich ihn des Morgens, und die Kinder gehören mir!
wiederhole ich ihm des Abends, und wenn er das nicht vertragen kann; so zieht er
weiter; oder zieht gar nicht, weil er nicht kommt.
    Nichts von Inconsequenz! die gewöhnlichen Ehen widerstehen mir noch eben so
sehr wie vormals. Es ist mir unbegreiflich, warum sich die Leute schlechterdings
auf das ganze Leben zusammen schmieden lassen.
    Was wäre denn nun dabei verloren? wenn sie alle vier, oder fünf Jahre
gesetzmässig erinnert würden; wie viel grosse Ränke des Bräutigams und viel kleine
der Braut erfoderlich waren, um des heiligen Joches würdig erachtet zu werden.
    Nein! nein! auf kurze Zeit wenigstens müssten sie getrennt, und ohne
feierliche Erklärung nicht wieder verbunden werden.
    Denke Dir! alle fünf Jahre eine neue Hochzeit! Welch ein Familienfest!
Väter, Mütter, Kinder, Gesinde, alles würde jauchzen, und jede eheliche Frau
würde in ihrem Leben ein paar Dutzend Flitterwochen mehr zählen.
    Sage nur, warum sind die Menschen nicht längst auf diesen Einfall gekommen?
Warum wollen sie schlechterdings vor Langeweile sterben? Bewillkommen sich mit
Gähnen Morgens und Abends, und denken auf kein Mittel zur Rettung.
    Leb wohl! Auf alles was Du mir schreibst antworte ich Dir nichts; die Zeit
wird schon antworten.
 
                           Ein und vierzigster Brief
                              Olivier an Reinhold
Sie ist in Sicherheit, und ich fange an ruhiger zu atmen. Ach wie ist hier
alles verwandelt! - Nachtigallen sind erwacht, Blumen entfaltet, köstliche
Früchte zu tausenden gereift! Wohin sie kommt, da blüht ein Paradies ihr
entgegen.
    Lächelnd schwebte sie über die Zugbrücke und die Ketten bewegten sich nicht.
Nur unter mir fiengen sie an zu rasseln. Sie wandte sich um; aber das himmlische
Lächeln blieb auf dem Engelgesichte.
    Nein! nein! ich habe sie nicht unglücklich gemacht! Ach Du hast Recht! unter
Ketten ist sie frei, und ich bin der Gefangene. Aber Geduld! - sagt Wilhelmine.
- Ich fange an mich mit ihr auszusöhnen. Sie hat mich auf etwas sehr Wichtiges
geleitet. Geduld! aber kein Predigen! kein Vorschreiben! - Was ich tue, muss aus
eigner freier Entschliessung geschehen; nicht, weil es Andern so beliebt, weil es
Andre für das Beste erkennen.
    Euer Einreden, Euer Tadeln, Euer Zurechtweisen hat mich in dieses Labyrint
geführt. Hättet Ihr mich meinen eignen Weg gehen lassen; es wäre jetzt leichter
um mich her. Ich hätte früher gewusst, was ich sollte.
    
    Habe ich kein menschliches Herz? Bin ich ein Tyrann, ein Barbar? Ich fühle
tiefer, lebhafter wie Ihr, mein Vater war einige hundert Meilen südlicher
geboren; daher kommt alles.
    Gebt mir Euer nordisches Blut, und ich werde sie nicht einschliessen, ich
werde nicht wissen, was ein Blick, ein Händedruck bedeutet, woher er kommt, und
wohin er führt. Ihr Eismassen wisst ja nur von Hörensagen, was Leidenschaft ist!
Tauet erst auf an einem südlichen Strahle, und dann richtet über südliche
Naturen.
    Ich gehe, ich verlasse sie. Sie, sie! - Nennt Ihr das nichts? Opfre ich
nicht jetzt schon mein Wohlsein einem höhern Zwecke? - Wer darf mir ein Ziel
stecken? Wer darf sagen: »bis hieher und nicht weiter?« - Darum zähmet Euch, und
redet mir nicht ein. Der Sclave ist frei, sobald er es sein will.
 
                           Zwei und vierzigster Brief
                             Reinhold an Wilhelmine
Ihr Brief, meine teure Freundin, ist so richtig besorgt, als er besorgt werden
konnte. Das heisst: er ist durch des Generals Hände gegangen. Ein anderes Mittel
gibt es jetzt nicht. Heimliche Wege, Bestechungen, das mag für andre Leute gut
sein; für uns ist dergleichen nicht gemacht.
    Ihr Brief war offen, und so ist er geblieben. Der General hat ihn gelesen,
und das kann Ihnen sehr gleichgültig sein. Doch nein! nicht so ganz
gleichgültig. Sie haben ihn - dies sind seine Worte - auf etwas sehr Wichtiges
geleitet. Auf was? - Die Zeit wird es ja lehren.
    Mehr als jemals kämpft er mit sich selbst. Das ist gewiss. Aber wie dieser
Kampf endigen wird? - wer kann es bestimmen! - Auf mich - ich gestehe es - wirkt
das alles ganz sonderbar. Schon seit geraumer Zeit bin ich aufgefodert etwas
Entscheidendes für mich zu wagen. »Ein sorgenloseres, bequemeres Amt - sagen
meine Freunde - Späterhin brauchst Du mehr Ruhe.«
    Aber mir ist wie einem Landmanne, über dessen Saaten ein schweres Gewitter
aufsteigt. Man spricht von der nahen, gesegneten Ärndte. »Verbessre dein Haus!
Erweitre die Scheuren!« - ruft man ihm zu. - Aber sein Ohr ist verschlossen,
sein Auge starrt unverwandt nach der Wetterwolke. Trifft sie die Saaten; was
bedarf er der Scheuren? -
 
                           Drei und vierzigster Brief
                              Julie an Wilhelmine
Du hast noch immer nicht gefunden was Du suchst, meine teure geliebte Freundin;
aber mich dünkt Du bist auf dem Wege dazu. Wohl mir! meine Wilhelmine wird
glücklich sein! was habe ich dann noch zu wünschen?
    Wie sehr hast Du Recht, mir nichts auf mein Geschwätz zu antworten. Es war
ein Fiebergeschwätz. Gott Lob! jetzt bin ich genesen. Der König kommt nach R....
Mein Mann fürchtete mit Recht, mich seinen Zudringlichkeiten auszusetzen, und
brachte mich hieher.
    Julianens Ruh, nennt er diese liebliche Einsiedelei. Macht es der Nahme;
oder was ist es sonst? aber in der Tat, ich bin hier ruhiger. Dort war mir als
fehlte ich mir selbst; hier habe ich mich wieder.
    Zwar ist alles fremd was mich umgibt. Anna ist fortgeschickt, und ein
andres, sehr junges, aber, wie mich dünkt, unschuldiges Mädchen, hat ihre Stelle
bekommen. Ein offenbarer Gewinnst für mich. Anna schien mit ein äusserst
verderbtes Geschöpf, und nur weil ich sie einmal in meines Mannes Diensten fand,
konnte ich sie dulden.
    Gleichwohl macht es mir die arme kleine Marie, durch ihre schreckliche
Demut, beinahe unmöglich, in einen zutraulichern Ton mit ihr zu kommen. Meine
Bitten scheinen ihr immer Befehle. Zitternd und zagend, als ob das Richtschwerdt
sie verfolgte, lauscht sie auf meine Worte, und hat vor Angst immer die Hälfte
vergessen.
    Auch den andern Mädchen geht es nicht besser. Nur Meister Ubaldo, der
Oberaufseher scheint von diesem Schrecken nichts zu wissen. Im Gegenteil bedarf
er aller seiner Feinheit, und wirklich angenehmen Gesprächigkeit, um selbst
nicht ein wenig schrecklich zu werden.
    Mir schien er es nur ein paar Stunden. Jetzt sind wir die besten Freunde von
der Welt. Ich muss mich noch gar in Acht nehmen; sonst werde ich in der Tat sein
verzogenes Kind.
    Nichts ist ihm gut genug, wenn es für Donna Julia sein soll, und darum macht
er freiwillig Koch, Kellermeister und Gärtner. Schönere Blumen und Früchte
erinnere ich mich nicht gesehen zu haben. Zu meiner kleinen Tafel könnte ich
Fürsten einladen. Nur Schade, dass ich sie nicht so benutze wie Meister Ubaldo es
wünscht.
    Den Teller in der Hand steht er mir gegenüber und lauscht mit Ängstlichkeit:
ob ich von diesem oder von jenem versuchen werde. Lobe ich dann die gute
Auswahl, die treffliche Zubereitung; so werden meine Hände, meine Kleider mit
Küssen bedeckt, und der gute Mann scheint wirklich einen Anfall von Wahnsinn zu
bekommen.
    Noch ärger treibt er es, wenn er meinen Flügel, oder meine Stimme hört. Aber
leider versteht er keine Note; sonst würde er bei seinem zum Erstaunen richtigen
Gefühle, ein sehr angenehmer Begleiter für mich werden.
    Sonst lässt er sich freilich das Begleiten sehr angelegen sein. Nur seitdem
ich ihn gebeten habe, kann ich allein in den Garten gehen. Es scheint ihm trotz
seines Misstrauens; oder, wie ich es jetzt lieber nennen möchte - trotz seiner
Anhänglichkeit, unmöglich, mir eine unangenehme Empfindung zu verursachen.
    Und so führe ich dann hier ein sonderbares, beinahe äterisches Leben. Ich
habe angefangen Kräuter und Blumen zu sammlen, Ein unaussprechlich belohnendes
Geschäft. Ich glaube es könnte Götter und Menschenfeinde zähmen.
    Wenn ich so mitten im hohen duftenden Grase die köstlichen Blumen, nur so
weit ich sie erreichen kann, sammle, die ganze Pracht dann über mein weisses
Kleid verbreite, sitze ich oft trunken vom Anschauen der unendlichen
Mannigfaltigkeit und Schönheit.
    O nein! ich bin nicht allein, bin nicht verlassen! Allentalben finde ich
die grosse, gütige Mutter. Im Hauche des Frühlings, im Gesange der Nachtigall, im
Rauschen des Wasserfalles spricht sie zu mir. Mit Empfindungen, mit Gedanken,
mit Tönen, die sie mir gab, darf ich ihr antworten.
    O ich unaussprechlich Glückliche! in meinem Herzen ist Friede. Wohl habe ich
gefehlt, vielleicht meine Wilhelmine betrübt. - Aber wenn es nicht Selbstsucht,
nicht Leidenschaft, wenn es nur Schwäche und Irrtum war, hatte ich dann Strafe
verdient? - Nein! nein! auch meine Wilhelmine wird mir vergeben, und dann bedarf
ich keinen andern Himmel, als den ich schon habe.
    Welche reine köstliche Luft ich hier atme! R.... ist schön; aber es liegt
zu tief. Oft wiederholte ich es mir, meine Schwermut hätte keinen andern Grund.
Aber das Herz überwand die Vernunft. Immer sollte noch etwas anderes,
wunderbares, übersinnliches auf mich wirken. -
    Mein Vater erzählte von einem Manne, der ein äusserst angenehmer
Gesellschafter war, aber oft durch sich selbst, mitten im fröhlichsten Scherze
unterbrochen wurde. Bleich, verstört, beinahe ohnmächtig sank er dann zurück,
verschüttete den köstlichen Wein und hörte nicht mehr das Rufen der fröhlichen
Brüder.
    »Er dachte an mich!« - war dann seine ganze Entschuldigung.
    Ein Freund von ihm war nämlich in türkische Gefangenschaft geraten, und
erzählte wirklich mehrere Jahre nachher: dass er durch mannigfaltige Arbeiten am
Tage zerstreut, nur des Abends, aber dann mit unbeschreiblicher Sehnsucht,
seiner gedacht habe.
    So liebste Wilhelmine war mir in R... »Lass ab! lass ab!« - rief manchmal der
Freund des türkischen Gefangenen. Lass ab! Lass ab! meine Wilhelmine! hätte auch
ich manchmal rufen mögen. Aber, nicht wahr? jetzt denkst Du ruhiger an mich?
ziehst mich nicht mehr so schmerzhaft zu Dir hinüber? - Ja! ich fühle es an
meinem erleichterten Herzen, wir sehen uns wieder meine Wilhelmine! wir sehen
uns wieder!
 
                           Vier und vierzigster Brief
                             Wilhelmine an Reinhold
Ob der General meinen Brief gelesen hat - ja wohl! mir einerlei! Nur Schade, dass
er nicht ein wenig mehr für ihn eingerichtet war. Will es mir merken. Ist er so
sehr für diese heimlichen Näschereien; wie viel heilsame Pülverchen lassen sich
da beibringen. -
    Ob er aber auch Juliens Antworten liest? Das wäre nun freilich eine ganz
eigne Sache. - Hier zum Beispiel, sehen Sie einmal diese Briefe. Wie mögen ihm
wohl die Träume, wie mag ihm wohl das Lass ab! lass ab! gefallen? - Ob er es auch,
wie Julie, auf mich; oder was ein wenig natürlicher wäre, auf gewisse
Bergbewohner1 deutet? - Seit der plötzlichen Abreise mögen ihm diese Leute wohl
ziemlich zu schaffen machen. In der Angst scheint er sie ganz vergessen zu
haben.
    Ja! ja! da herum stehn die Saaten verzweifelt schlecht. Noch ein wenig
schlechter als ich es vor geraumer Zeit verkündigte. Bei andern Orakeln dankt
man dem Himmel, wenn sie nur so halb und halb erfüllet werden. Bei den meinigen
gibt es immer ein gerütteltes und geschütteltes Maass.
    Finde ich nur erst einen bequemen Ort; der Dreifuss und die Pytia ist
fertig. Dann können Sie sich wegen der Häuser und Scheuren gerade an mich
wenden. Mit, und ohne Wetterwolken; ich prophezeihe frisch aus dem Stegreife.
 
                           Fünf und vierzigster Brief
                             Reinhold an Wilhelmine
Die Prophetin scheint, wie alle übermenschliche Wesen, schwächliche Empfindungen
und besonders das Mitleid zu verachten. Aber übermenschlich oder nicht; man ist
nicht immer sicher vor dem was man verachtet. Unsrer Prophetin geht es
vielleicht trotz aller Schadenfreude - wie Uneingeweihte es nennen mögten -
nicht besser. Die Wetterwolken sind ihr sehr wahrscheinlich noch fürchterlicher
als mir.
    Ohne Bilder! Meine Freundin scheint sie nicht zu lieben. Hier sind die
Briefe zurück. Wenn ich Ihnen dafür danke; so danke ich für Schmerz und Freude
zugleich. Beides habe ich im hohen Grade empfunden. Ich begreife, ich
entschuldige jetzt alles. Ja für dieses himmlische Herz gibt es freilich keinen
Ersatz. Der Erste, der Einzige darin sein wollen; ach es ist ein schöner, es ist
ein sehr menschlicher Wunsch! Wäre ich an Oliviers Stelle, wer wüsste wozu er
mich bringen könnte. - Wahrscheinlich zu Vielem, was ich tadeln und doch nicht
unterlassen würde.
    Meister Ubaldo hat mir ein Lächeln abgezwungen. Armer Olivier; wofern Deine
Oberaufseher nicht blind und taub sind; so steht es sehr schlimm mit der
Aufsicht.
 
                          Sechs und vierzigster Brief
                              Olivier an Reinhold
Der König mag bald kommen; sonst muss er sich andre Wirte suchen. Ob er glaubt,
ich könne mich nicht losreissen? Mehr als einmal habe ich ihm den Dienst
aufgekündigt. Immer hat er mich durch allerlei Ränke wieder hineingezogen.
    Hätte ich nur meine Güter verkauft, noch morgen gienge ich aus dem
verwünschten Lande. Das allein hält mich zurück. Nicht die abgeschmackte Puppe,
der Ruhm, womit er mich vormals gelockt hat.
    Von ihr verlassen, bin ich nun dem Wahnsinn des unbändigen jungen Menschen
ausgesetzt. An ihm sehe ich, was aus mir werden würde, wenn ich sie nicht mehr
hätte.
    Erklären soll ich ihm: wie diese Trennung möglich war? - entdecken soll ich:
wo sie ist? Er will sie nicht sehen; aber bewachen, beschützen will er sie. »Von
uns entfernt, droht ihr Gefahr. Der König, tausend Andre können sie rauben. Sie
ist schon geraubt, und ich, ich habe es zu verantworten.« -
    »Was kümmert mich der Dienst und der König! - rief er - Mögt Ihr doch
Standrecht über mich halten! Ich gehe davon und suche sie auf!«
    Kein andrer Rat; ich musste ihn arretiren lassen. Es hat mich Überwindung
gekostet; aber bis der König da ist, muss es so bleiben.
    Bin ich etwa glücklicher? - Um den leisesten Verdacht zu entfernen, habe ich
seit acht Tagen jeder Nachricht von ihr entsagt. Meine Vertrautesten ahnen nicht
wo sie ist, und sollen es nicht ahnen.
    So wie ich sie nicht sehe, bekomme ich meine Festigkeit wieder, bin hart wo
ich es sein muss, und gefasst mit dem Schicksale in die Schranken zu treten; falle
auf dem Wege Freund, oder Feind.
    Und so muss es auch sein. Auf welche Weise ich sie erworben haben möchte; sie
ist mein Eigentum. Wer sich daran wagt, mag es mit mir versuchen.
 
                          Sieben und vierzigster Brief
                              Wilhelmine an Julie
Ich habe sie gesehen. Das war eine Freude! - Ich dachte sie mir - warum weiss ich
selbst nicht - wie ein altes kraftloses Mütterchen, und fand eine angenehme,
lebhafte aber freilich, trotz den Spuren grosser Schönheit, nicht auf nordische
Art, rot und weiss blühende Frau.
    Im vierzehnten Jahre wurde sie verheiratet, Antonelli ist drei und zwanzig;
jetzt kannst Du zusammen rechnen.
    Sie hat Dein Gemählde, und betet alle Tage für Dich. Eine Deutsche kannst Du
nicht sein; das ist ihr nicht auszureden. Schon mehr als ein paar Dutzend
Heiligenbilder hat sie mit Dir verglichen. Von der Einen hast Du die Stirn, von
der Andern die Augen, von der Dritten, Vierten, Fünften, die Nase, den Mund, das
Kinn u.s.w. Wohl bemerkt! unter diesen Allen keine Einzige Deutsche. - Ohne
Zweifel aber sämmtlich Deine Frau Muhmen, Basen, Urgrossmütter im hundert und
funfzigsten, sechzigsten Gliede. - Ach Gott! wer sich doch auch einer solchen
Familie rühmen könnte!
    Ja, hat es mich jemals geschmerzt, aus keinem heiligen Blute entsprossen zu
sein; so ist es gerade jetzt. In allem könnte ich mit dieser liebenswürdigen
Frau sympatisieren; nur die fatale Heiligenfamilie kommt immer dazwischen.
    Gott weiss wie es zugeht! - Sie selbst hat doch so gar nichts Heiliges. -
Nennt alle Dinge bei ihren Nahmen, liebt und hasst so südlich, so unheilig wie
möglich. Allen Rosenkränzen und Heiligenbildern unbeschadet.
    Indessen ist doch die Glückseeligkeit dieser Auserwählten nicht ohne
Wechsel. Auch sie haben ihre Sonnen- und Regentage. Ja manchmal könnten sie den
ersten, besten Unheiligen beneiden.
    Signora Antonelli's Schutzpatron, hat es zwar, im Ganzen genommen, recht
gut. Aber ich weiss mich gleichwohl der Zeiten zu erinnern, wo er, statt vier
Wachskerzen nur zwei, ja wenn er sich um Briefe von dem geliebten Sohne zu lange
bitten liess, wohl gar keine erhielt.
    Die Schutzpatrone der Köche, Schiffer und Fuhrleute haben es viel schlimmer.
Stösse, Schläge, die ärgsten Schimpfnahmen müssen sie sich gefallen lassen, wenn
sie die Bitten ihrer Gläubigen vergessen, oder zu saumseelig erfüllen.
    Bei dem allen hat aber ein solcher Schutzgott für den Besitzer sehr viel
Angenehmes. Ich wenigstens lasse mir einen machen, und zwar nach dem Modelle
eines jungen Bauers hier in der Nähe.
    Jeden Abend trägt er seine alte Mutter in die Kühle, unter ein Laubdach, was
er gerade meinem Fenster gegenüber aufgeschlagen hat. Die Art, wie er ihr Lager
bereitet, die Zweige an einander fügt, Blumen und Früchte herbeiholt, gibt ihm
wirklich etwas Heiliges.
    Letzt, als er sie wieder hinaus trug, hatte er zu gleicher Zeit die Früchte
mitgenommen; aber plötzlich stiess er an einen Stein und da lag der Korb und die
Früchte.
    Geschwinde lief ich hinunter, sammelte sie wieder in den Korb und brachte
sie ihm entgegen. Er nahm sie, sah mich an, konnte mir nichts sagen, ich ihm
auch nicht, und so giengen wir langsam von einander.
    Als er nun den folgenden Tag wiederkam, fand er schon ein recht hübsches
Sopha in der Laube und noch schönere Früchte als die seinigen. Er blickte nach
meinem Fenster, legte die Hand aufs Herz und grüsste mich auf eine Art - ja, die
sich recht gut sehen, aber nicht beschreiben lässt.
    Seitdem haben wir nun unsre ganz eigne Zeichensprache. Mir gefällt sie so
wohl, dass ich den Augenblick fürchte, wo sie sich in Worte verwandeln wird. Auch
suche ich ihn so viel als möglich zu entfernen.
    Aber unterdessen der junge Heilige draussen mit seiner Mutter beschäftigt
war, bin ich in ihrer Wohnung gewesen, und habe mir da verschiedenes gemerkt,
was die arme, kranke Frau entbehrte.
    Jedesmal nun, wenn er ins Haus tritt, findet er irgend etwas neues. Da kommt
er dann gelaufen und peinigt meine Leute: »Sie sollen ihn vorlassen! Es wird zu
viel - Er kann es nicht tragen« u.s.w. - Aber da bin ich nun hart, meine Leute
dürfen nicht wanken, und er muss mit seiner ganzen Schuldenlast wieder zurück.
    Nun, wie gefällt Dir mein Heiliger? - Soll ich Dir eine Kopei machen lassen?
oder willst Du lieber den von Signora Antonelli haben? Er gleicht ihrem Sohne,
wie ein Tropfen Wasser dem andern.
 
                           Acht und vierzigster Brief
                              Olivier an Reinhold
Der König ist hier, und Antonelli ist fort. Kaum war er des Arrests entlassen
und dem Könige vorgestellt; so bat er um seinen Abschied. Bat? sage ich -
trotzte, und zwar so arg; dass ihn der König in völligem Unwillen entliess.
    Er findet sie nicht, das ist gewiss; und doch bin ich auf der Folter. Durch
einige absichtliche Nachlässigkeiten habe ich ihn auf ganz andere Wege zu leiten
gesucht. Er findet sie nicht, er kann sie nicht finden. Auch ist Ubaldo eben so
behutsam, ja noch behutsamer, als ich.
    Volle acht, ja vielleicht zwölf, vierzehn Tage soll ich nun diese Marter so
dulden. Muss täglich auf neue Feste und andere Spielereien denken. Die herrliche
Frau, die Königin, ist noch das Einzige was mich tröstet. Scheinbar glaubt sie
alles, was ich ihr von Juliens Reise zu der Freundin erzähle; aber fühlt sie,
dass es meinem gepressten Herzen Not tut, verstanden zu werden, - o so versteht,
so teilt sie alles, was ich ihr nimmermehr sagen möchte.
    Die Gewalt dieser Frau über sich selbst, geht in das Unbegreifliche. Nach
allen Schrecklichkeiten die sie erleben musste, mit welcher Schonung sie ihn
behandelt! Nein! ich war ein roher, verwahrloster Mensch; aber so vieler Liebe,
so vieler Geistesgrösse könnte ich nicht widerstehn.
    Freilich, es ist wahr, diese ausserordentliche Klugheit - ich könnte sie doch
nicht an der Einzigen ertragen. Ach die hohe göttliche Einfalt ihres Herzens!
beinahe glaube ich: sie ist mir noch reizender, als ihre Schönheit. - Sich
selbst kann sie täuschen; Andre nimmermehr. Nein! nein! wenn ich ihr jemals
untreu würde; möchte sie mich dann verabscheuen, mich verstossen: ich wollte es
lieber, als diese Schonung.
    Auch kann es der König nicht bergen, wie klein er sich fühlt, in der Nähe
dieser wahrhaft grossen Frau. Denn gross ist sie; mangelt ihr auch die unendliche
Liebenswürdigkeit der Einzigen. Ach meiner Einzigen - Ich Überglücklicher! ist
es möglich dass ich sie besitze? dass sie mein bleiben wird? - Ich darf dem
Gedanken nicht nachhängen! Todesangst überfällt mich. - Nein! nein! er wird, er
kann sie nicht finden!
 
                           Neun und vierzigster Brief
                             Reinhold an Wilhelmine
Diesen Brief, bestes Fräulein! ich kann ihn wahrlich nicht abschicken. Wozu die
Anspielung auf Antonelli? - Glauben Sie, mein unglücklicher Freund leide ohnehin
nicht genug? - Er würde den Brief zurückbehalten, und wahrscheinlich täte ich
an seiner Stelle dasselbe.
    Wir können ja nicht bessern, warum sollen wir verschlimmern? Wenn die
Erbitterung des Generals aufs höchste steigt; wird Ihre Freundin dann
glücklicher? - Ich bitte Sie das zu bedenken, und Juliens Ruhe nicht Ihrem
Unwillen zu opfern. Gerecht, oder ungerecht; darauf kommt es ja nicht mehr an.
Noch einmal! wir können nicht bessern, warum wollen wir verschlimmern? -
    Nein, mag Fräulein Wilhelmine den langweiligen Prediger auch schelten -
wahrlich sie ist ein wenig zu mutwillig. Die Heiligenbilder gebe ich ihr preis;
aber meine Freunde sollte sie schonen. Ich glaube sogar, es bedürfe dazu keiner
andern Ursach, als dass sie meine Freunde sind. Sie versicherte mich einst ihrer
Achtung - muss ich nun glauben, sie habe meiner gespottet.
                               Funfzigster Brief
                             Wilhelmine an Reinhold
Sie schicken meinen Brief zurück? - Gut! ich werde mir schon helfen. - Sie
klagen über Mutwillen? Der Ernst gefällt Ihnen besser. O wie Sie wollen! ich
kann auch ernstaft sein.
    Und so sage ich Ihnen denn: dass ich Sie sehr ernstaft schätze, dass ich aber
die Gefangenschaft meiner Freundin - nennen sie es anders, wenn sie können - mit
allem Unwillen, dessen ich fähig bin, verabscheue.
    Sind es Ihre Freunde, die mein Liebstes auf der Welt so schändlich
misshandeln; da bedauere ich Sie um dieser Freunde willen. Aber billiger Weise
könnte ich nun auch einmal fragen: warum es Ihnen denn gar nicht einfällt mich
zu bedauern? - Weil ich mutwillig bin? Also haben Sie noch nicht gehört, dass
oft der tiefste Schmerz sich hinter Mutwillen versteckt?
    Doch mein Mutwille und meine Geduld ist zu Ende. Ich werde andre Massregeln
ergreifen, und glaube Niemandem mehr Rechenschaft geben zu müssen.
 
                           Ein und funfzigster Brief
                              Olivier an Reinhold
Er ist krank, oder will es scheinen, um mich aufs Äusserste zu bringen.
    Die Königin zwingt sich wieder daran zu glauben und erschöpft alles, was der
sorgsamsten Liebe nur möglich ist.
    Ich aber kann mich des Gedankens nicht erwehren: es sind Tücke, er will nur
meine Geduld ermüden, ich soll Julie wiederkommen lassen, und dann glaubt er,
werden seine und seiner Hofschranzen Ränke das Übrige tun.
    Wie mich seine süsslichen Schmeicheleien anekeln! Welche Quaal! das Geschmeiss
den ganzen langen Tag so dulden zu müssen. Er hätte nichts Besseres ersinnen
können, um mein bisschen Ruhe ganz zu zerstören, um mich dem Wahnsinne so nahe
als möglich zu bringen.
    Was macht sie die Einzige, unaussprechlich Geliebte! Ein Blick aus ihrem
Himmelauge würde das unbändige Klopfen dieses zerrissenen Herzens mildern. Kann
ich sie denn nicht einmal, nicht ein einzigesmal sehen! Ach! da überfällt mich
die Todesangst: sie möchte entdeckt werden. -
    Meinen Verstand erhalte mir, o Gott! dass ich der Leidenschaft nicht erliege,
dass ich dieses kostbare Kleinod, für das die Welt keinen Ersatz hat, dass ich es
nicht preis gebe den tückischen Mördern, die nach meinem Herzen zielen.
    Nein, ich will entsagen, für eine kurze Zeit entsagen, und dann will ich
kommen mit aller, aller meiner Liebe, die sie nicht kennt, die ich selbst noch
nicht kannte. Um dieser unendlichen Leidenschaft willen muss sie mich lieben,
kann sie nie einem Andern gehören.
 
                           Zwei und funfzigster Brief
                              Julie an Wilhelmine
So bin ich denn schon von allem was ich liebte geschieden! - Ubaldo redet nur
durch Blicke, die ich nicht verstehen mag. Die Mädchen zittern und schweigen,
mein Mann schweigt, Du, von der ich Verzeihung, Versicherung Deiner
wiederkehrenden Liebe hoffte, Du schweigst auch. - So schweigt denn alles! ist
alles für mich todt. - Ach Gott! so schauderhaft muss die Meeresstille sein vor
einem Sturme.
    Wird man mich diesem Menschen überlassen? Ist er es allein, den ich fürchte;
oder was ist es sonst? - Der süsse Friede ist von mir gewichen. Eine
leidenschaftliche Unruhe, eine Bangigkeit verfolgt mich. - O Gott! was habe ich
getan? was steht mir bevor?
    Habe Dank, Unglücklicher! du hast meinen Schmerz in Wehmut aufgelöst. Ich
kann weinen. Ach lange habe ich nichts seelenerschütterndes gehört.
    Da war ein Mensch an der Pforte und verlangte durch Zeichen, eingelassen zu
werden. Ubaldo fuhr hart gegen ihn heraus. Aber nun stimmte er auf seiner
Klarinette ein Adagio an, das alles, was auf dem Hofe war, herbeilockte und
endlich den harten Oberaufseher überwältigte. Ich selbst stand unbeweglich am
Fenster und horchte auf die schön verbundenen Töne.
    Die Gestalt des fremden Mannes zeugte von dem äussersten Elende. Er war mit
Lumpen bedeckt, und hatte ein grosses Pflaster über dem einen Auge. Seine Sprache
war so unverständlich, dass Ubaldo erst mit vielem Hin- und Herreden, die Bitte
um ein Nachtlager, begreifen konnte. Nach mancherlei Schwierigkeiten ward es ihm
endlich zugestanden. Die Musik hatte aller Herzen für ihn gewonnen.
                              (Am folgenden Tage.)
Der Fremde ist noch hier. Ubaldo, bis zur Narrheit in sein Instrument verliebt,
hat sich bei ihm in die Lehre gegeben. Es ist wahr, der sonderbare Mensch spielt
zum Entzücken. Mir ist es unbegreiflich, wie er bei so ausserordentlicher
Geschicklichkeit, in dieses Elend geraten konnte.
Ubaldo hat mir verschiedenes von seinen überstandenen Abenteuern mitgeteilt.
Aber das alles ist so romanhaft und zum Teil so unzusammenhängend, dass man, wie
Ubaldo, schon ganz und gar eingenommen sein muss, um es zu glauben.
    Sollte er von meinem Manne abgeschickt sollte Ubaldo verdächtig geworden
sein? - Gott gebe es! dann würde ich von diesem, mir jetzt so widrigen Menschen
befreit werden.
    Wenn er meine Briefe unterschlüge! - Wenn dies die Ursache Deines, meines
Mannes Stillschweigens wäre. - O warum bin ich denn so ganz ohne Rat und ohne
Schutz! Warum kommt mein Mann nicht? - Schon nach acht Tagen wollte er mich
abholen.
    Sollte er krank sein? Sollte Ubaldo es verheelen? - O Gott! O Gott! in der
Gewalt dieses Menschen! - Keiner von Euch weiss wo ich bin. Ich selbst kenne
nicht einmal den eigentlichen Nahmen dieses Gutes. Welche Angst überfällt mich!
- Ach Niemand kann mir helfen! ich selbst muss mich retten.
    Wenn ich dem Fremden diesen Brief übergäbe - Wenn ich ihn flehentlich bäte -
Er hat ein menschliches Herz; das verrät sein Instrument.
    Ach ich Unglückliche! einem Landstreicher mich anvertrauen! der vielleicht
mit Ubaldo im genauesten Verständnisse, auf nichts als niedrige Ränke bedacht
ist.
    Es wird dunkel um mich her! Wer rettet mich aus dieser Finsternis! -
 
                           Drei und funfzigster Brief
                              Julie an Wilhelmine
Da liegt der Brief! Ich habe ihn gesiegelt; aber noch weiss ich nicht, wie er in
Deine Hände kommen soll. -
    Wenn ich nun gerade an meinen Mann schriebe - sollte sich der tückische
Mensch wirklich unterstehn, den Brief zurückzubehalten? - Aber, wenn er, seiner
Schuld sich bewusst, ihn erbricht - sieht, dass ich ihn anklage, ihn anklagen muss
- O Gott! was soll ich tun? -
    Der unglückliche Fremde scheint mich sprechen zu wollen. Sollte es eine
Warnung, ein Wink zu meiner Rettung sein? - Nein, er ist kein böser Mensch! das
sagt mir mein Herz. Er will mir wohl, darauf könnte ich sterben. Ich kann mich
ihm anvertrauen. Ja gewiss! ich kann es tun.
Voll Unruhe trat ich an mein Klavier. Alceste lag auf dem Pulte. Ohne an die
Musik zu denken, spielte ich einige Blätter nach einander weg, und kam endlich
an die herrliche Stelle: »noch lebt Admet in deinem Herzen.« Wahrscheinlich
würde ich sie eben so sinnlos abgespielt haben; wäre der Fremde nicht in dem
Augenblicke mit seiner Klarinette eingefallen.
    Wie spielte er! Mit einem Tränenstrome eilte ich zum Fenster. Er muss
gesehen haben, dass ich weinte. Ich war ausser mir. Nein, es ist unmöglich diesem
Instrumente mehr Seele einzuhauchen. Gewiss er hat unglücklich geliebt. O da ist
mehr als Kunst! man fühlt es an seinem eignen Herzen.
    Ich bin entschlossen! ich entdecke mich ihm. Nein! ein Mann der liebt, der
unglücklich liebt, ist wenigstens in dieser Zeit kein böser Mensch.
 
                           Vier und funfzigster Brief
                              Julie an Wilhelmine
O was habe ich getan, dass ich so unglücklich bin! Ich glaubte mich zu retten;
und bin trostloser als jemals. Wäre ich bei Dir meine Wilhelmine! wäre ich bei
Dir! Ich fürchte meinen Mann. Wer rettet mich! Er ist es! er selbst! Antonelli!
Ach das habe ich nicht gewusst! Daran habe ich nicht gedacht. Es hat mich
tödtlich erschüttert.
    Sehr, sehr hat er mich geliebt! und ich? - o ich entfliehe! Entdeckt ihn
mein Mann; er ist verloren! - Ich kann Dir nicht erzählen. Dieser Brief - er
kommt doch nicht in Deine Hände. Ich müsste ihn selbst bringen. Ich schreibe nur
um mich zu fassen, um mir selbst deutlich zu machen, was ich denke.
    Lange war ich so tödtlich betäubt, dass mir alles nur wie ein dunkler Traum
erschien. Wie er da vor mich hinstürzte, die Kleider von sich riss, schwur: es
solle ihn kein Wesen mehr von mir trennen, er kenne die Furcht nicht mehr, Allem
sei er bereit zu widerstehen. O Gott! in seinen Armen war ich! an sein Herz hat
er mich gedrückt! mein Mund brennt noch von seinen Küssen! - Ich bin verloren!
ich bin verloren!
                           Fünf und funfzigster Brief
                              Olivier an Reinhold
Nein, Mutter-Tränen, die trage ich nicht! Er ist dahin! Ja! Antonelli! Ich habe
ihn getödtet. Warum wollte er tückisch mein Eigentum rauben? Ein Herz, für das
ich tausend Leben gegeben haben würde. O dieses Herz! nun ist es auch dahin! -
Ich kann das Leben nicht tragen.
    Komm schnell. Schreibe Wilhelminen. Ich gehe mit dem Könige. Ich will Dich
noch sehen. Komm ohne Verzug. Ich reise.
                                     * * *
Er ging in die Schlacht, und eine Kugel brachte sein unglückliches Herz zur
Ruhe. Julie ward von Wilhelminen und Reinholden schnell aus dem Trauerhause
weggeführt. Nach einigen Jahren sah sie ihre Freundin mit dem edlen jungen
Landmann verbunden, der schon lange Wilhelminens Herz besessen hatte. Sie selbst
konnte sich zu keiner zweiten Verbindung entschliessen. Jedesmal, wenn ihre
Freunde davon sprachen, suchte Reinhold die Einsamkeit; sie aber blickte
lächelnd gen Himmel.
                                    Fussnoten
1 Antonelli
 
    