
        
                               Dorotea Schlegel
                                   Florentin
                                 Vom Herausgeber
Gern flieht der Geist vom kleinlichen Gewühle
Der Welt, wo Albernheiten ernstaft tronen,
Auf zu des Scherzes heitern Regionen,
Verhüllt in sich die heiligsten Gefühle:
Umweht ihn einmal Äter leicht und kühle,
So kann er nimmer wieder unten wohnen;
Und schnell wird jenen Scherz der Ernst belohnen,
Dass er sich neu im eignen Bilde fühle.
Die Wünsche die dich hin zur Dichtung ziehen,
Der frohe Ernst in den du da versankest,
Das sei dein eigen still verborgnes Leben;
Was du gedichtet, um ihr zu entfliehen,
Das musst du, weil du ihr allein es dankest,
Der Welt zum Scheine scherzend wiedergeben.
Lass edlen Mut den weissen Altar gründen,
Hoch Phantasie in Purpurflammen wehen,
Und Liebe wirst du bald im Zentrum sehen,
Wo grün die Feuersäulen sich entzünden;
Durch braune Locken wird sich Myrte winden,
Der Freund mit goldnen Früchten vor dir stehen,
Die Kinder dann in Blumen zu dir gehen,
Mit Ros' und Lorbeer dich die Schwester binden. -
Es war der alten Maler gute Sitte,
Des Bildes Sinn mit einem Strich zu sagen,
Der den Akkord der Farben drunter schriebe;
So mag auch dieses Bild es kühnlich wagen,
Zu deuten auf der Dichtung innre Mitte,
In Farben spielend um die süsse Liebe.
 
                                 Erstes Kapitel
Es war an einem der ersten schönen Frühlingsmorgen. Allentalben, auf Feldern,
auf Wiesen und im Wald, waren noch Spuren des vergangnen Winters sichtbar, und
der Härte, womit er lange gewütet; noch einmal hatte er mächtig im Sturm seine
Schwingen geschüttelt, aber es war zum letztenmal. Die Wolken waren vertrieben
vom Sturm, die Sonne durchgebrochen, und eine laue milde Wärme durchströmte die
Luft. Junge Grasspitzen drängten sich hervor, Veilchen und süsse Schlüsselblumen
erhoben furchtsam ihre Köpfchen, die Erde war der Fesseln entledigt, und feierte
ihren Vermählungstag.
    Mutig trabte ein Reisender den Hügel herauf. Vertieft im Genuss der ihn
umgebenden Herrlichkeit und in Phantasien, die ihn bald vorbald rückwärts
rissen, hatte er den rechten Weg verfehlt, und nun sah er sich auf einmal vor
einem Walde, den er durchreiten musste, wenn er nicht gerade wieder umkehren und
zurückreiten wollte; ein andrer Weg war nicht zu finden. Er war lange
zweifelhaft.
    »Jetzt wieder umkehren wäre ein unnützes Stück Arbeit. Wäre ich etwa umsonst
hierher geraten? In diesen Wald kam ich ungefähr auf eben die Weise wie ins
Leben... wahrscheinlich habe ich im ganzen auch des Weges verfehlt. Und wie?
wenn mir auch hier wie dort die Rückkehr unmöglich wäre?... Sei meine Reise wie
mein Leben und wie die ganze Natur, unaufhaltsam vorwärts!... Was mir nur
begegnen wird auf dieser Lebensreise, oder diesem Reiseleben?... Ich rühme mich,
ein freier Mensch zu sein, und dieser Sonnenschein, dieses laue Umfangen, die
jungen Knospen, das Erwarten der Dinge, die mich umgeben, ist schuld, dass auch
ich erwarte... und was?... War ich doch mit allem bunten Spielzeug schon längst
Hoffnung und Erwartung entflohen!... Närrisch genug wäre es, wenn mich dieser
Weg auch endlich an den rechten Ort führte, wie alles Leben zum unvermeidlichen
Ziel.« -
    Unter diesen Betrachtungen, und Spott über sich selbst, ritt er rasch
weiter, fühlte aber endlich sein Pferd ermüden, auch war er selbst durchnässt vom
nächtlichen Regen. Er wünschte jetzt, bald irgendein Obdach zu finden, um einige
Zeit ausruhen zu können. - »Hab guten Mut, Schimmel! wir müssen beide weiter;
billig ist es aber, dass du es jetzt nicht schlimmer habest als ich.« - Hiermit
sprang er ab, machte Riemen und Schnallen am Sattelzeuge weiter und führte das
Pferd hinter sich am Zaum. Der Schimmel wieherte und stampfte, als wollte er
Zeichen seiner Zufriedenheit geben. Sein Führer drehte sich zu ihm herum, stand
still, legte seine beiden Hände an den Kopf des Pferdes und blickte es ernstaft
an. - »Lass dich umarmen, Schimmel«, sagte er, »du bist ein königliches Tier! ein
Tier für Könige! Was fehlt uns beiden, um in der Geschichte verewigt zu werden,
du als ein Muster der Treue und Unterwürfigkeit, ich als ein Beispiel von
menschenfreundlicher Herablassung, als dass ich einen Tron besässe, und du wärest
mein Untertan? Gewiss bist du ganz verwundert und froh, und ohne Zweifel fühlst
du dich überaus glücklich, gerade von mir und von niemand anders bis ans Ende
deines treuen Lebens geritten zu werden! Ahndest du etwa, dass ich deine Last
bloss deswegen etwas leichter machte, damit du mir nicht völlig unterlägst, und
darüber zugrunde gingest, ehe ich dich missen kann? Ich weiss es freilich, aber
du sollst es nie erfahren, denn du sollst glücklich sein; du sollst, verlass dich
auf meine Wachsamkeit, gewiss nie in dem klugen Glauben gestört werden, dass du in
deiner Unvernunft und demütigen Genügsamkeit ein glückliches Tier bist.« -
    Er liess den Kopf des Schimmels, und stand gedankenvoll eine Weile an ihn
gelehnt. Sein Auge schweifte umher, bald beschaute es die ihn noch umgebenden
Gegenstände mit dem innigsten Vergnügen, bald drang es mit Sehnsucht in die
Ferne. Es gab für ihn Momente, wo er sich keines drückenden und keines
vergangnen Verhältnisses bewusst war. Ihm war, besonders in der Einsamkeit und im
Freien, als hätte er alles, was ihm jemals weh getan, zurückgelassen, und ginge
nun einer heitern Aussicht entgegen. Er konnte sich einbilden, vor einem
Augenblicke gestorben und mit dieser bessern Empfindung in ein schöneres Dasein
übergegangen zu sein. -
    »Welche sehnende, ahndende Hoffnung treibt mich wieder zu euch Menschen?
Warum ergebe ich mich denn aufs neue euren unsinnigen Anstalten? Ist es mir denn
nicht bekannt, dass ich dessen, was ich bei euch suche, schon längst überdrüssig
bin?... Schön ist's hier im Wald! hier möchte ich bleiben,... O hier, hier
sollte ich bleiben!... allein?... ach, nicht allein!... mit ihr!... noch hat
mein Auge sie nicht gesehn, aber ich kenne sie,... o sie wird alles verlassen,
was sie halten will, und hat sie mich gefunden, mir hierher folgen, und hier mit
mir der Liebe leben. Lass dich in meine Arme fassen! komm, ruhe hier aus an
diesem Herzen, das harte Schläge des Schicksals erlitten hat wie deines; lass
mich deine Tränen trocknen, blick um dich. Was du verliessest, war nicht die
Welt: Fesseln, enge Mauern, nanntest du das die freie schöne Welt?... Schwer
hast du geträumt, o erwache, erkenne hier, was du suchtest!...«
    Nicht weit von ihm fiel ein Schuss, und bald darauf hörte man ein Rufen nach
Hülfe. Im Augenblicke hatte er Sattel und Bügel wieder in Ordnung gebracht,
seine Träume, des Schimmels Müdigkeit, so wie seine eigne vergessen, sich aufs
Pferd geschwungen und nach der Gegend hingespornt, von wo er die Stimme vernahm;
er kam auf einen kleinen runden dicht umschlossnen Platz im dicksten Teil des
Waldes; hier sprengte ihm hastig ein reichgekleideter Jockei entgegen, der ein
gesatteltes Handpferd führte. »Retten Sie meinen gnädigen Herrn!« rief der
Knabe. Unser Reisender sah nach der Gegend hin, wo der Knabe mit ängstlicher
Gebärde hinzeigte, und erblickte einen ältlichen Mann, der eben im Begriff war,
ein wildes Schwein abzufangen; er sah eben, wie der Mann noch einen Schritt
zurücktrat, um sich mit dem Rücken an einen Baum lehnen zu können, sah ihn an
eine Baumwurzel stossen, rücklings niederfallen, und in der grössten Gefahr, von
der gereizten Sau zerfleischt zu werden. Im Moment sprang er vom Pferde und
feuerte sein Pistol auf das Tier, wodurch er, ohne es zu treffen, seine ganze
Wut auf sich zog: das war seine Absicht. Das erboste Tier kehrte um und rannte
auf ihn los, er zog sein Jagdmesser und fing es mit Besonnenheit und
Geistesgegenwart auf. Währenddessen war der alte Herr aufgestanden, näherte sich
dem Reisenden und ergoss sich in Danksagungen und Lob wegen seines Mutes und
seiner Geschicklichkeit. Dieser lehnte mit Anstand beides von sich ab,
erkundigte sich freundlich, ob der Gefallne keinen Schaden genommen, und da
dieser mit Nein antwortete, wandte er sich nach seinem Schimmel, der noch ruhig
da stand, wo er ihn gelassen. Der Mann wunderte sich über die Demut eines sonst
so mutig aussehenden Pferdes. - »So eifersüchtig ich sonst auch bin, nichts von
meinem Gefährten sagen zu lassen, als was zu seinem Lobe gereicht«, erwiderte
der Reisende, »so muss ich dennoch gestehen, dass er dieses Mal gezwungen ist,
tugendhaft zu sein; das gute Tier ist erschöpft von Müdigkeit. Führt der Weg,
auf dem ich hier vorbeikam, ganz durch den Wald, und wo führt er hin?« - Er
hatte sich währenddem wieder aufgesetzt, begrüsste den alten Herrn und wollte
zurückreiten. -
    »Ich hoffte, Sie würden mich nicht so schnell wieder verlassen«, sagte der
alte Herr. »Sie haben sich das grösste Recht auf meine Dankbarkeit erworben, es
würde mich schmerzen, wenn Sie mir alle Gelegenheit rauben wollten, sie Ihnen zu
bezeigen. Fügen Sie zu dem grossen Dienst, den Sie mir leisteten, auch noch den
hinzu, sich meiner Familie vorstellen zu lassen. Meine Gemahlin, meine Kinder
würden untröstlich sein, dem Retter meines Lebens nicht ihre Freude bezeigen zu
können. Komm, mein Sohn!« rief er einem jungen Manne zu, der auf einem
Seitenwege zu ihnen heransprengte, vom Pferde sprang und mit besorglicher Freude
auf ihn zueilte; »hilf mir diesen Herrn erbitten, dass er sich nicht in so grosser
Eile von uns trennt, du verdankst ihm nichts weniger als das Leben deines
Vaters.« - »O mein Vater«, rief der junge Mann, »dass ich mich gerade in diesem
Moment entfernen musste, mein Gott, Sie waren so nahe... mein Herr«, indem er
sich zu dem Reisenden wandte, »Sie haben ein kostbares Leben gerettet,
verschmähen Sie nicht den Dank einer liebenden Familie anzunehmen, die durch
Ihre Hülfe einem schrecklichen Unfall entging.« - »Es würde unbescheiden von mir
sein«, antwortete er, »wenn ich mich länger widersetzte.« - Der alte Herr
bezeigte seine Freude über diesen Entschluss in vielen höflichen und
verbindlichen Worten, der junge Mann reichte ihm die Hand herüber und sprach
einiges, das den Ausdruck der höchsten Empfindung bezeichnete. Der Reisende
brachte vollends alles an seinem Zeuge in Ordnung.
    Jetzt eilten alle auf demselben Wege fort, auf dem er zuerst gekommen war. -
»Aber wie ging es eigentlich zu?« fragte der junge Mann, »wie kommen Sie zu dem
gefährlichen Abenteuer, mein Vater?« - »Ganz zufällig!« antwortete dieser. »Du
weisst, dass der Jäger schon seit einigen Tagen angewiesen war, das Lager
aufzusuchen, weil die Klagen über Verwüstungen sich täglich mehren; es war aber
bis jetzt noch immer nicht geschehen. Zufällig entdeckte ich es, da ich eben
einen Vogel aufnehmen wollte, den ich heruntergeschossen. Ich bezeichnete den
Ort, um ihn dem Jäger anzuzeigen, und ging etwas näher hin zum Lager, weil die
Alte nicht dabei war; in dem Augenblick kam sie aber aus dem Dickicht, wo der
Schuss sie aufgeschreckt hatte, und gerade auf mich los.« - Und nun erzählte er
ferner in prächtigen Ausdrücken den ganzen Hergang und was der Fremde so
glücklich ausgeführt hatte. Der junge Mann suchte sich zu entschuldigen, dass er
sich so weit von ihm entfernt; und nun erzählte auch der Jockei seinen
Schrecken, als er Ihre Gnaden hätte fehlschiessen sehen; wie er gleich nach Hülfe
gerufen habe, und dem fremden Herrn begegnet sei, und wie auch dieser
fehlgeschossen; wie er dann in grosser Angst umhergeritten, um den jungen
gnädigen Herrn zu suchen, den er endlich auf dem Berge am Ende des Waldes
gefunden, wo die Aussicht nach dem Schlossgarten frei sei.
    Während dieser weitläufigen Erzählungen, die alle nacheinander gehört
wurden, die niemanden etwas Neues lehrten, und wovon doch keiner ein Wort
verlieren wollte, und die alle mit den grössten Lobeserhebungen für den Fremden
anfingen und endigten, war dieser still und nahm auf keine Weise Anteil daran.
    Man kann doch, dachte er, in der Welt nicht einmal mehr zu seiner Lust, oder
weil es einem gerade in den Weg kommt, ein Tier erlegen, oder man muss dann viel
Langeweile dafür erleben! Zu seinem Glücke ist der gute Mann gerettet worden:
ist es meine Schuld, dass sein Leben an meinem Spiele hing? Den weitläufigen Dank
könnten sie einem grösseren Verdienst aufsparen... Ich hätte die grösste Lust von
der Welt, ihnen das mit eben dem Patos vorzutragen, wie sie einander die
wundervolle Begebenheit. Bei Gott! mich machen diese Leute sehr ungeduldig. Der
feierliche, umständliche, höfliche Alte! der empfindsame exaltierte Knabe!
Repräsentanten ihrer Zeit und ihres Standes,... wenn ich ihre Porträte zu einer
Ahnengallerie zu machen hätte, so malte ich den ersten, wie er mit grosser
Devotion ein von Pfeilen durchbohrtes Herz darbringt, und den andern in
erhabenen und rührenden Betrachtungen vertieft über ein Büschel Vergissmeinnicht.
Es ist das Lächerrlichste von der Welt, ausser ich selbst, der ich mich verleiten
lasse, ihnen zu folgen, und mich in Prozession aufzuführen... Was will ich dort?
Was ich nun schon hier bis zum Überdruss anhören musste, etwa mir von der ganzen
Familie wiederholen lassen? Oder bilde ich mir nicht schon wieder ein, ein
geheimer Zug im Innern meines Herzens ziehe mich hin?... Ich war mein eigner
Narr von jeher. -
    Der alte Herr unterbrach sein Selbstgespräch. »Der Name eines Mannes«, fing
er an, »kann uns zwar wenig mehr lehren, als wovon uns der erste Anblick und
sein ganzes Benehmen unterrichtet: indessen haben Sie keine Gründe den Ihrigen
verschwiegen zu halten, so möchte ich Sie ersuchen, uns damit bekannt zu machen.
Mir sind die besten Familien unsers Landes auf eine oder die andre Weise
bekannt... so wie ich selbst den meisten nicht unbekannt sein werde«; setzte er
mit einer Art von Selbstbewusstsein hinzu. »Mein Name ist Graf Schwarzenberg, ich
bin General in Diensten des Kaisers. Dieser junge Mann Eduard von Usingen, ein
Sohn meines verstorbenen Freundes, und bald mein geliebter Sohn, Gemahl meiner
Tochter.« - »Ich heisse Florentin.« - »Der Name war mir bis jetzt nicht bekannt.«
- »Ich bin ein Fremder.« - »Ihre Bekanntschaft ist mir überaus wert, ich darf
voraussetzen, dass Sie mein Haus als das Ihrige ansehen werden; als Ausländer
dürften Sie einmal sich in dem Fall befinden, Gebrauch davon zu machen.« - »Ihr
Anerbieten«, erwiderte Florentin verbindlich, »fordert meine ganze Dankbarkeit;
ich wünschte nur dieses Mal schon Gebrauch davon machen zu können.« - »Wieso?« -
»Ich will meine Reise durch Deutschland abkürzen, und auf dem kürzesten Wege zum
nächsten Hafen, wo ich mich nach Amerika einschiffen will, um den englischen
Kolonien dort meine Dienste anzubieten.« - »Nach Amerika?« rief Eduard. - »Ihr
Vaterland hält Sie nicht?« fragte der Graf. - »Wo ist mein Vaterland?« rief
jener in wehmütig bitterm Ton; gleich darauf halb scherzhaft: »So weit mich mein
Gedächtnis zurückträgt, war ich eine Waise und ein Fremdling auf Erden, und so
denke ich das Land mein Vaterland zu benennen, wo ich zuerst mich werde Vater
nennen hören.« - Er schwieg, und sein Blick senkte sich trübe und ernst.
    Bescheiden drang der andre nicht weiter in ihn, und unter Gesprächen
verschiednen Inhalts, die bedeutend genug waren, gegenseitig ihre Begierde zu
näherer Bekanntschaft zu reizen, langten sie im Park an, der durch eine blosse
Weissdornhecke vom Walde getrennt war; sie überliessen hier ihre Pferde dem
Knaben. »Meine Gemahlin«, sagte der Graf, »hat durch diese Hecke einen Teil des
Waldes als Park erklärt, oder zur Freistatt für die Hirsche und Rehe, die, vom
Jäger verfolgt, sich hierher retten; denn hier darf weder der Huf eines Pferdes,
noch das Anschlagen der Hunde oder ein Schuss gehört werden. Allenfalls lässt sie
sich ein fröhliches Jägerstückchen gefallen, damit sie mich bei meiner
Zurückkunft von fern höre.«
    Sie gingen den Weg gerade durch den Park auf das grosse hohe Schloss zu, das
in den Zeiten der alten Ritter erbaut zu sein schien, über eine Zugbrücke durch
einen grossen Vorhof, wo ihnen am Gitter zwei Frauen entgegen kamen: ein Mädchen
von ausserordentlicher Schönheit zwischen fünfzehn und sechzehn Jahren, und die
andre eine ebenfalls sehr schöne Frau, die ihre Mutter zu sein schien. Florentin
gewann Fröhlichkeit und Zutrauen beim Anblick der beiden Schönheiten, die ihm
der Graf als seine Gemahlin und seine älteste Tochter vorstellte.
    »Du lässest uns lange warten heute!« rief die Gräfin ihnen entgegen. -
»Dafür meine Liebe, wird dir ein werter Gast zugeführt. Heisse Herrn Florentin
bei dir willkommen. Und unsre Kleinen? sie werden ja wohl nicht weit sein?« -
»Sie erwarten noch immer im Garten des Vaters Ankunft. Terese war mit einer
langen Kette von Blumenstengeln beschäftigt, mit der sie dich festmachen will,
damit du nicht immer von ihr gehest.« - »Du siehst mich nun wieder, meine Liebe,
unverletzt und am Leben, (es hätte leicht anders sein können,) und du ahndest
nicht, wem du es verdankest?« - »Nächst der Güte Gottes, meinem Gebete und
deiner Tapferkeit wüsste ich nicht« - »Verdankst du es dem jungen Helden hier;
komm, ich erzähle dir hernach alles umständlich.« - »Sein Sie mir noch einmal
und herzlich willkommen!« sagte die Gräfin, und reichte dem Fremden freudig die
Hand, die er küsste. Währenddem war auch Juliane wieder näher gekommen, die sich
nach der ersten Begrüssung einige Schritte mit Eduard entfernt hatte, der ihr
lebhaft etwas erzählte, und dem sie, soviel Florentin wahrnehmen konnte, mit
Teilnahme zuhörte. Jetzt ging sie auf ihn zu: »Unser guter Engel führte Sie auf
diesen Weg!« flüsterte sie leise und schüchtern errötend.
    Eben kamen die Kinder aus dem Garten herzugesprungen, zwei Knaben und ein
Mädchen; der Lärm, das Getümmel und Schäkern ward allgemein. Die Kleinen
umwanden den Vater mit ihren Ketten und zogen ihn mit ihren Händchen zur Treppe.
Der Alte gab sich dem Mutwillen der Kinder ganz hin, und die andern folgten. Es
kamen noch einige Hausgenossen hinzu, und man ging zur Tafel.
    Florentin fühlte sich leicht und wohl bei der allgemeinen Heiterkeit und der
gutmütigen Laune, die durch nichts unterbrochen ward. Man begegnete ihm wie
einem längst Bekannten, wie einem Hausgenossen. Die Unbefangenheit der Frauen
bei seinem Empfang, die wenigen bedeutenden Worte, der herzliche Ton, der Blick
von dem sie begleitet waren, hatten ihn leichter zu bleiben bewogen, als die
dankbaren Einladungen der Männer. Auch musste das offne, zutrauliche, arglose
Benehmen der Eltern, Kinder, Geschwister, Hausgenossen, Domestiken gegeneinander
wohl jeden Zwang und jedes Misstrauen verscheuchen. Nicht leicht konnte man eine
Familie finden, in der so wie in dieser jedes Verhältnis zugleich so rein und so
gebildet sich erhielt, die ganz durch einen gemeinschaftlichen Geist belebt zu
sein schien, indem jeder einzelne zugleich seinem eignen Werte treu blieb. Hier
zum erstenmal bemerkte Florentin die wahre innige Liebe der Kinder zu den
Eltern, und die Achtung der Eltern für die Rechte ihrer Kinder. Keiner
verleugnete sich selbst, um dem andern zu gefallen, es bestand alles vollkommen
gut nebeneinander. Ebenso stimmte alles Äussere zusammen. Allentalben blickte
durch die glänzende etwas antike Pracht die Bequemlichkeit und Eleganz anmutig
durch: gleichsam der ernste Wille des Herrn, durch die gefälligere Neigung der
Hausfrau gemildert. Ein allgemeines Wohlsein war ringsum verbreitet, eine
gewisse Reichlichkeit und unbesorgte Ordnung. Nichts von dem Spärlichen neben
der sinnlosen Verschwendung, was man so oft wahrnimmt, wo einseitiges Bestreben
nach einem erzwungenen Glanze das übrige armselig erscheinen macht.
    Jetzt betrachtete Florentin auch die Schönheit der beiden Frauen mit grosser
Bewunderung. Julianens Gesicht gehörte nicht zu den regelmässigen Schönheiten,
die man anstaunt, aber deren Mangel an Lebhaftigkeit kalt lässt: das feine Spiel
der sprechenden Züge, die so sichtbar alles abspiegelten, was in ihrer Seele
vorging, war unwiderstehlich anziehend und liebenswürdig. Sie war im
vollkommensten Ebenmass gebaut, obgleich nicht sehr gross; ein wahrer Reichtum an
lichtbraunen Haaren umfloss in vielen Locken und Flechten das schöngeformte
Köpfchen und den weissen Nacken; an den aufblühenden Busen schloss sich in weichen
Umrissen der schlanke Hals, der oft mit anmutiger Schalkhaftigkeit sich
seitwärts neigte, und dann sich wieder frei und stolz erhob. Eine blühende
Farbe, ein schöngeformter Arm, eine länglichte Hand, durch deren Weisse die Adern
bläulich hindurch spielten, zarte Finger, die sich in ein fein getuschtes Rot
endigten; der helle und doch biegsame Ton ihrer Stimme; der kleine Eigensinn in
den nah zusammenstehenden Augenbrauen und in dem etwas aufgeworfnen Munde; die
Anmut im Spiel der leicht entstehenden und verschwindenden Grübchen in Wange und
Kinn; grosse dunkelblaue Augen, die bald voll Seele und frohem Leben blitzten,
bald tränenschwer, wie taubenetzte Veilchen sich unter die langen seidnen
Wimpern senkten, bald mit kindlicher Unbefangenheit vertrauend in ein andres
Auge schauten, bald mit grosser, beinah zurückschreckender Hoheit um sich her
schauen konnten; besonders das Feine, Zarte und doch Entschiedne und Mutwillige,
gleichsam Durchsichtige, woraus ihr ganzes Wesen geformt zu sein schien: alles
das waren ebenso viele Bezauberungen, von deren vereinigter Macht Florentin
nicht ungerührt bleiben konnte. Auffallend war es ihm, wie ihr Bau und ihre
Reize bei der beinah noch kindlichen Jugend doch schon so vollkommen aufgeblüht
prangten; dieses Wunder glich einem Werk der Liebe, an deren Hauch sich diese
junge Knospe eben zu entfalten schien.
    Auch Eleonore war eine sehr schöne Frau. Ihn dünkte, wie er ihre hohe, etwas
reichliche Gestalt erblickte, über die der Ausdruck der Milde, der innern
fröhlichen Ruhe, der mütterlichen Liebe und des Segens verbreitet war, als sähe
er ein Bild der wohltätigen Ceres: alles an ihr, sogar die runden Hände trugen
das Gepräge dieses Charakters. In ihre schönen blauen Augen sah man wie in einen
wolkenlosen Himmel, die blendend weisse Stirn umgaben freundlich blonde Haare in
kleinen Ringeln; man konnte sie nicht ansehen, ohne vergnügt zu werden, und
jedes Leiden lächelte sie tröstend aus der Menschen Brust.
    Wer sich nach dieser vielleicht etwas zu ausführlichen Beschreibung ein
deutliches Bild der beiden schönen Frauen machen kann, wird es nicht unnatürlich
von Florentin finden, dass er seine Reise und seinen Plan etwas weiter
hinausschob, und recht gern die Einladung des Grafen annahm, noch einige Zeit
bis nach dem Hochzeitfeste bei ihnen zu verweilen. Es war ihm jetzt
schauderhaft, an seine Einsamkeit zu denken, die ihm vor wenig Stunden noch so
lieb war. Hätte er auch seinem ersten Vorsatz treubleiben wollen, der Einladung
der wohlwollenden Eleonore, und dem schmeichelnden Blick Julianens war nicht zu
widerstehen, und so versprach er zu bleiben.
    Nach der Tafel wurden einige schöne Pferde vorgeritten, Florentin lobte sie,
und der Graf freute sich, einen Kenner in ihm zu finden. Die Gräfin führte sie
nun nach dem Park, wo sie ihnen einige neue Anlagen zeigte, die unter ihrer
Aufsicht gemacht wurden. Man ging auf dem Rückwege durch das grosse schöne Dorf
am Fusse des Hügels, worauf das Schloss lag. Auch hier verbreitete Wohlhabenheit
und Reichtum sich wie Segen vom Himmel herab. Voll Ehrerbietung, ohne Furcht und
ohne knechtische Erniedrigung wurden sie von den Landleuten, die ihnen
begegneten, begrüsst. Gesundheit und Vergnüglichkeit leuchtete auf jedem Gesicht,
Ordnung und Reinlichkeit glänzte ihnen aus jedem Hause entgegen. Schöne
fröhliche Kinder tanzten auf dem Rasenplatze im Schein der untergehenden Sonne;
dem Fremdlinge ward das Herz gross, ihm war, als fände er hier die goldne Zeit,
die er auf ewig entflohen geglaubt.
    Man kam aufs Schloss zurück, nachdem sie im Vorbeigehen die schönen
weitläuftigen Wirtschaftsgebäude und einige innere Einrichtungen besehen hatten.
Florentin freute sich kindisch an allem, was er sah, und besonders an der
freundlichen und leichten Ordnung, mit der alles geleitet wurde. Er hatte, was
dahin gehört, immer in so trauriger und widerwärtiger Gestalt gesehen, dass er es
für erdrückend und Geist ertötend halten musste: aber wie ganz anders fand er es
hier! Jetzt erkundigte er sich mit Teilnahme beim Grafen nach mancherlei, was
ihm fremd war. - »Wollen Sie sich nicht gleich«, sagte dieser, »an den grossen
Meister selbst wenden, dessen Schüler auch ich bin? Alles was Sie gesehen haben,
was Sie hier freut, ist das Werk meiner Eleonore, mich hat sie erst zu dem
Geschäft einigermassen gebildet. Eigentlich leben wir wie unsre deutschen Väter:
den Mann beschäftigt der Krieg, und in Friedenszeiten die Jagd, der Frau gehört
das Haus und die innere Ökonomie.« - »Glauben Sie nur«, sagte Eleonore, »der
Mann, der jetzt eben so kriegerisch und wild spricht, muss manche häusliche Sorge
übernehmen.« - »Es geziemt dem Manne allerdings«, erwiderte der Graf, »der
Gehülfe einer Frau zu sein, die im Felde die Gefährtin ihres Mannes zu sein
wagt.« - »Wie das? darf ich erfahren?« fragte Florentin. - »Nichts, nichts«,
rief die Gräfin, »hören Sie nicht auf ihn! Er wird Ihnen bald eine prächtige
Beschreibung meiner Taten und Werke zu machen wissen, die darauf hinaus laufen,
dass ich ihn zu sehr liebte, um mich von ihm zu trennen. Wollen Sie mein Schüler
in der Ökonomie werden, Florentin? dann setze ich mich zur Ruhe und übergebe
Ihnen das Hauswesen.« - »Es soll ja den Frauen angehören.« - »Nun gut, so wählen
Sie unter den Töchtern des Landes und leben hier in Frieden.« - »Das Recht zu
beidem werde ich erst mühevoll erringen müssen, Gräfin Eleonore, jetzt suche ich
die Ferne und den Krieg.« - »Bravo«, rief der Graf; »auch bekömmt die Ruhe nicht
eher, bis man ihrer bedarf.« - Eduard schien hier in einiger Verlegenheit,
Juliane blickte liebevoll zu ihm hin. Das Gespräch nahm eine andere Wendung, und
man ging in einen Gartensaal, wo sich bald alles wieder versammelte, was sich
von der Gesellschaft nach der Tafel zerstreut hatte.
    Juliane setzte sich zum Fortepiano, Eduard und einige andre griffen nach
andern Instrumenten: ein recht gut besetztes Konzert war bald zustande gebracht.
Juliane spielte vortrefflich, und Eduard war Meister auf dem Violoncell.
Eleonore fragte Florentin, ob er nicht musikalisch sei? - »Ich liebe die Musik
als die grösste Wohltäterin meines Lebens«, erwiderte er; »wie oft hat die
Himmlische die bösen Geister zur Ruhe gesungen, die mich drohend umgaben! Und so
bin ich, wenn Sie es so nennen wollen, musikalisch, soviel die Natur mich
lehrte, bis zur Kunst habe ich es noch nicht gebracht.«
    Mit diesen Worten nahm er eine Gitarre, stimmte sie, machte einige Gänge,
und sang Verse, die er aus dem Stegereif dazu erfand. Er besang den Strom, der
dicht unter den Fenstern des Gartensaals vorbeifloss, das Tal, den Wald, das
hohe, entfernte Gebirge, von dem die Gipfel noch von den Strahlen der
untergehenden Sonne beleuchtet waren, da sie selbst schon lange aufgehört hatte,
sichtbar zu sein. Dann sang er von seiner Sehnsucht, die ihn in die Ferne zog,
von dem Unmut, der ihn rastlos umhertrieb, und endigte sein Lied mit dem Lobe
der Schönheit, unter deren Schutz ihm die Morgenröte des Glücks schimmere, und
bei deren Anblick jedes Leiden in seiner Brust in die Nacht der Vergessenheit
zurücksinke.
    Hier hörte er auf und legte die Gitarre nieder. Seine Worte, die frei und
ungebunden und doch sinnvoll und auserwählt, bald gross und ruhig wie der Strom,
den sie besangen, dahin flossen, bald kühn mit dem Gebirge sich über die Wolken
erhoben, bald wie Abendschein lieblich flimmerten, dann die Schmerzen und
Freuden seiner Seele so wundersüss darstellten; seine schöne, reine akzentvolle
Tenorstimme, deren Töne bald von ihm gelenkt zu werden, bald ihn zu übermeistern
schienen; die ganz kunstlose Begleitung die immer mit seinen Worten genau
übereinstimmte, und seine tiefsten Gefühle, das, was keine Worte auszusprechen
vermögen, in die Brust der Zuhörer hinüberströmte - mit seinem kühnen, halb
nachlässigen Anstande, mit der Begeisterung auf dem edlen Gesicht -, es war so
wunderbar und ergriff die Zuhörer so seltsam, dass sie ganz hingerissen von der
Erscheinung, noch immer in Staunen und Horchen verloren waren, wie er schon eine
Weile die Gitarre niedergelegt hatte.
    Juliane unterbrach die augenblickliche Stille. »Jetzt ist es an uns,
Eduard«, rief sie; »Sie haben es vortrefflich gemacht, Florentin, aber nun
sollen Sie auch uns loben müssen.« - Sie suchte unter den Musikalien. die Gräfin
setzte sich zum Fortepiano, und begleitete Julianen und Eduard. Sie sangen ein
komisches Duett mit vieler Laune und in echt italienischer Manier. Julianens
Stimme war überaus süss und schmeichelnd, und sie wusste sie wie eine geübte
Künstlerin zu gebrauchen; auch Eduard hatte eine schöne sonore Bassstimme und
sang sehr angenehm. Bei der Wiederholung des Duetts begleitete Florentin den
Gesang, abwechselnd bald wie eine Flöte bald wie ein Waldhorn singend, es gefiel
allen, und die Fröhlichkeit und das Lachen nahm kein Ende. Es wurden nun
Erfrischungen gereicht, man scherzte und vergnügte sich bis tief in die Nacht.
    »Gute Nacht«, sagte die Gräfin; »ich hoffe, Ihr Entschluss, einige Zeit bei
uns zu verweilen, wird Sie nicht gereuen, wenn Sie erfahren, dass Sie es alle
Tage ungefähr wie heute bei uns finden. Lassen Sie sich Ihr Schlafzimmer
anweisen, und sein Sie morgen früh nicht der Späteste.«
 
                                Zweites Kapitel
Florentin war allein; er lehnte sich in ein Fenster seines Schlafzimmers, aus
dem er die Aussicht über das Dorf nach dem weit sich hindehnenden fruchtbaren
Tale hatte, wodurch der Strom sich majestätisch und ruhig in grossen Schwingungen
hinwand. In grauer Ferne beschloss das hohe Gebirge den Horizont; das Tal war vom
Monde hell erleuchtet. Er sah nach den Schatten, die das Mondlicht bildete, und
die in wunderlichen Gestalten bald hervortraten, dann verschwanden.
    So stand er lange wie gedankenvoll, und dachte doch nichts. Er hatte an
diesem Tage so viel neue Eindrücke empfangen, dass er, wie berauscht, sich selbst
aus den Augen verloren hatte. Allmählich verhallte es in seiner Seele, wie Töne
in den Wellen der Luft immer in weiteren Kreisen verklingen, bis die Bebungen
schwächer werden, und endlich alles ruhig ist. So ward es auch still in ihm, und
das bekannte Bild seiner selbst trat wieder deutlich vor ihn. Doch konnte er
lange keinen fröhlichen Gedanken fassen. Er war schwermütig, es war ihm traurig,
dass er allein hier ein Fremdling sei, wo es ein Gesetz schien, einander
anzugehören, dass er allein stehe, dass in der weiten Welt kein Wesen mit ihm
verwandt, keines Menschen Existenz an die seinige geknüpft sei. Seine
Traurigkeit führte ihn auf jede unangenehme Situation seines Lebens zurück; der
Gesang einer Nachtigall, der aus der Ferne zu ihm herüberklang, löste vollends
seine Seele in Wehmut auf, er gab sich ihr hin und bald fühlte er seine Tränen
fliessen.
    »Es ist sonderbar! höchst sonderbar!« sagte er, als er ruhiger ward; »wie
ich noch die Gesellschaft suchte, lernte ich sie verachten, und nun ich sie
floh, nun ich sie hasste, nun muss sie mir wieder liebenswürdig erscheinen! Und
hier in einem vornehmen Hause, wo ich sonst immer den Mittelpunkt aller
Albernheit der menschlichen Einrichtungen sah: gerade hier muss ich mich wieder
mit der Gesellschaft aussöhnen!... Es ist doch gut, dass mir noch diese schöne
Erinnerung ward auf meine lange Wallfahrt! So liegt doch die Zukunft nicht mehr
so bodenlos vor mir, so zeigt sich mir doch in weiter Entfernung ein Punkt, an
dem die Hoffnung sich erhält! Und damit sei zufrieden, Florentin! Suche nicht
festzuhalten, was bestimmt ist, dir vorüberzugehen. In der Entfernung, als
Hintergrund, als endliches Ziel alles menschlichen Sehnens und Strebens, lächelt
mir die Ruhe süss entgegen: so will ich dich fest im Auge behalten, wenn der
Strudel des Lebens mich wild ergreift, und ich in Not zu versinken drohe. Recht,
guter Alter! jetzt würde sie mir schlecht bekommen; sie ist das Goldne Vliess,
das mit Gefahren erkämpft werden muss.«
    Er dachte nun an alle insbesondre, die er an dem Tage so zufällig gefunden,
und suchte ins klare zu kommen, welchen Eindruck sie auf ihn gemacht hätten.
Eduard war ihm in den wenigen Worten, die er ihn hatte sprechen hören, doch
lieber geworden; das erkannte er besonders daran, weil er nicht mit dem
Leichtsinn an Julianen denken konnte, der ihm sonst beim Anblick einer Schönen
gewöhnlich war. Die Verhältnisse, in denen eine Frau stand, hielten ihn sonst
nicht leicht von Entwürfen ab, wenn er nicht einen Freund dabei zu schonen
hatte. - »Wie ein Frühlingsmorgen erschienst du mir, reizendes Geschöpf, und
dein Anblick erfüllte meine Brust mit Ahndung und Freude. Nur Barbaren können
gefühllos bleiben bei solcher Schönheit! Eure Verabredungen sollten mich nicht
hindern,... auch nicht der unschuldige Bräutigam,... und am Ende?... Betrüge
dich nicht Florentin!« -
    Wünsche und Erinnerungen an den schönen Leichtsinn von ehemals erwachten ihn
ihm, und dann erschien ihm wieder die Geliebte seines künftigen Freundes, und
alle ihre Verhältnisse in einer Würde, die ihn zurückschreckte. Er hatte die
Gitarre mit auf sein Zimmer genommen, und während seiner Betrachtungen und
kleinen Monologen einige Griffe darauf getan; jetzt sang er folgende Worte dazu:
»Unter Myrtenzweigen
Beim Rieseln der Quelle,
Und der Nachtigall Lied,
Auf sanftem Rasen
Durchwirkt mit Blumen,
Im duftenden Hain,
Gebogen die Äste
Von goldener Frucht
Und silberner Blüte,
Wo ewig blau der Himmel,
Ewig lau die Lüfte
Dich umwehen -
Das Mädchen im leichten Gewand
Tanzet den bunten Reihen,
Bricht die labende Frucht,
Schöpfet vom Quell.
Am Felsen ein Hüttchen
Mit weniger Habe,
Dort ruht es die Glieder
Auf reinlichem Lager.
Du blickst dein Verlangen
Ihr tief in das Herz,
Sie hat dich verstanden,
Und teilt die Glut.
Nichts wehrt dir die Küsse
Auf Lippen und Wangen;
Lilien und Rosen,
Blüten und Knospen,
Alles ist dein.
Leicht wie der Westwind,
Scherzend wie er,
Berührst du die Blumen,
Und fliehest vorüber,
Schonend der zarten.
Wer fürchtet da Neid?
Wen lockt der Ruhm?
Zürnet die Mutter?
Das Lächeln kann sie
Doch nicht verbergen;
Denn eigne süsse Schuld
Ruft die Tochter
Zurück ihr ins Herz.
Sei still, mein Sinn! ein andres Land empfängt dich;
Es hebt sich das Gebirge zwischen dir
Und jenen Spielen. -
Ernst umgeben diese Mauern dich,
Gesetze ernst und ernste Sitten;
Gelübde, Priester, Zeugen,
Verein der Wappen,
Zahllose Dinge,
Auf ewig fremd dem Scherz;
Fremd auf ewig dir,
Gehn der Liebe voran,
Legen die Freie
In ernste Bande.
So gefesselt geht sie dir vorüber.
Tröstend reicht sie dir die Hand,
Blickt mit Sehnsucht in die Ferne.
Hier kann ich niemals dein Gefährte sein,
Ruft sie dir zu:
Unter jenen Blumen
Hast du gespielt mit mir,
Auf und ab
Wandert' ich im Scherz mit dir.
Du sollst auch ernst
Mich wieder finden,
Ernst und treu;
Und wieder mein sein:
Nur lass mich frei!«
                                Drittes Kapitel
Die Sonne schien hell und warm herein, als Florentin erwachte. Er schickte sich
sogleich an, zur Gesellschaft zu gehen, die er im Garten vermutete. Vorher ging
er durch einige Prachtzimmer des alten Schlosses, das ihn mit seinen Türmen,
Gängen und hohen gewölbten Sälen lebhaft in die Zeiten des Rittertums versetzte,
von denen er schon als Kind am liebsten erzählen hörte, und die noch jetzt seine
Phantasie hinreissen konnten. Hier in diesen Sälen malte er sich nun die
mannigfachen Szenen aus, die darin gespielt wurden; wie sich alle die
Mitspielenden für ihre Rolle interessierten, als sollte sie niemals endigen. -
»Und nun«, sagte er, »wo sind sie hin? Hier beweinte vielleicht eine Schöne
ihren Geliebten, oder seine Untreue, oder ein hartes Schicksal, das sich ihrem
Glück entgegenstellte; tränenvoll schlug sie das fromme Auge aufwärts, und die
Engelchen, die Heiligen, die so künstlich in der Stukkatur an der Decke geformt
sind, waren Zeugen ihrer Leiden. Hier, an dieses hohe Fenster gelehnt, drückte
der Jüngling, zärtlich und schüchtern, die errötende Jungfrau an sein Herz, und
vernahm mit Entzücken das Geständnis ihrer Gegenliebe. Um diesen geräumigen
Lehnstuhl hingen Kinder und Enkel, und horchten auf die schauerlichen
Gespenstergeschichten, die der Grossvater erzählte, und auf die weise Lehre. Mit
dem begünstigten Jagdhund an dem Boden wurde dann die Belohnung für ihre
Aufmerksamkeit friedfertig geteilt. An diesem künstlich verzierten Tisch sassen
Eltern, gedachten mit freudiger Rührung der ersten Tage ihrer Liebe und der nie
verletzten Treue; hatten auch wohl manchen Kummer, manche sorgenvolle Stunden um
den entfernten Sohn, der ausgezogen war, voll Kraft und mutiger Ehrbegierde sich
zu versuchen, und die Fehde für seinen Vater zu fechten. Ob er sich gut halten
wird? ob die Knechte wacker sind? ob kein feindliches Geschoss ihn getroffen? Er
wählte sich das grösste Schwert; war es seinem Arm nur nicht zu schwer? Zwar ist
er stark und rüstig, und Gott wird den Edlen schützen! Und eh' sie es ausdenken,
öffnet sich jene Tür, der Jüngling tritt ein! Er war allein vorangeeilt, um den
Eltern diese Überraschung zu bereiten; segnend empfangen sie ihn, er hat
gesiegt, vertilgt ist der Feind, und neuer Ruhm und Glanz kommt von ihm über das
Haus!... Sonne, Sterne, Luft und Erde, alles was sie umgab, schien ihnen mit
ihrem Leben so innig verwebt; aber Sonne und Sterne gehen auf, gehen unter, die
Jahreszeiten wechseln; doch ihr Glück und ihre Leiden, Schmerz und Fröhlichkeit
sind vorbeigezogen, wie Schatten der Wolken, die vor der Sonne vorüberfliehen,
keine Spur mehr auf der Erde davon. Was ihnen im Leben heilig war, hat mit dem
Leben geendet; der Ehre allein, unter allem dieser allein, verdanken die Helden
das Andenken ihrer Nachkommen; sie leben in den künftigen Zeitaltern fort, da
Millionen neben ihnen untergehen... Nun so ist es auch billig, dass sie dem
selbstgeschaffenen Götzen vor allen Göttern Opfer bringen; dieser macht sie
unsterblich, da alles, was die Natur in ihre Brust gepflanzt, mit ihnen
untergeht!«
    Eduard trat zu ihm. »Sie sind schon auf, Florentin! ich wollte Sie eben
abholen, die andern sind wahrscheinlich schon im Gartensaal.« - »Ich habe mich
etwas zu lange in den Zimmern und Gängen verweilt, um sie zu betrachten. Dieses
Schloss ist ein vortreffliches Monument seines Jahrhunderts; mich freut es, dass
es so wohl erhalten ist, und so ganz ohne modernen Zusatz. Es wundert mich um so
mehr, da die übrige Einrichtung im ganzen nach dem jetzigen Geschmack mehr
elegant und zierlich, als nach jenem reich und kostbar ist!« - »Weil diese mehr
der Gräfin überlassen bleibt; und da sie die Eigenheit des Grafen schont, der
gerne, was das Altertum seiner Familie bezeugt, in der ursprünglichen Gestalt zu
erhalten wünscht, auch nichts von der Stelle gerückt, und keiner Sache eine
andere Gestalt gibt, die noch als Überrest der alten Zeit sich erhalten hat, so
lässt sich der Graf mit eben der Gefälligkeit ihre übrigen Einrichtungen
gefallen. Sie sehen selbst, wie klug und gewandt sie beides zu vereinigen weiss.
Sie erhält das Alte mit Achtung, und fügt hinzu, was die neuern Erfindungen
Angenehmes verschaffen.
    Die das Innere hier nicht zu kennen Gelegenheit haben, finden es sonderbar,
und erlauben sich manchen Spott über das Gemisch von veraltetem und modernem
Geschmack. Auch sieht es befremdend genug aus, wenn an den alten gewirkten
Tapeten eine neue Flöten-Uhr, grosse Spiegel mit schweren künstlichen
Verzierungen und neue kristallne Kronleuchter, schwerfällige Sessel und
einladende Sofas friedlich nebeneinander bestehen; ebenso werden Sie es im
Garten, im Park, kurz überall finden. Wer aber die Menschen kennt, die hier
wohnen, der wird bald das Übereinstimmende in diesen anscheinenden
Ungleichheiten finden. Die Gräfin ist eine vortreffliche Frau; mit wahrer
Religiosität ehrt sie das Gemüt ihres Gemahls und alles, was ihm heilig ist.
Darf man ihr wohl keinen Sinn für das Schöne zutrauen, weil sie nicht wie die
Kinder alles gewohnte Spielzeug zerstört, immer nach Neuem greift, und das
letzte jedesmal für das Schönste hält?« - »Was ich sie über Werke der Kunst habe
sprechen hören, verriet gewiss keinen gemeinen Sinn«, sagte Florentin. - »Sie hat
grosse Reisen gemacht und viele der vorzüglichsten Kunstwerke selbst zu sehen
Gelegenheit gehabt. Doch kommen Sie jetzt, man wird uns erwarten; ich will
vorher zusehen, ob der Graf nicht in seiner Bibliotek ist, ich habe ihn heute
noch nicht gesehen, vielleicht geht er dann mit uns hinunter.« - »Ich begleite
Sie.« -
    Sie traten in das Kabinett des Grafen, er war nicht mehr darin. Ein grosses
Gemälde zog Florentins Aufmerksamkeit auf sich. - »Einen Augenblick noch,
Eduard! Die heilige Anna, die das Kind Maria unterrichtet.« - »Wie finden Sie
das Gemälde?« - »Es scheinen Porträte zu sein; in dem Kinde erkenne ich Julianen
wieder.« - »Sie ist es auch in der Tat.« - »Es ist nicht übel gemalt; ganz
vorzüglich ist aber das Charakteristische in den Köpfen sowohl, wie in der
ganzen Anordnung des Gemäldes. Die horchende Aufmerksamkeit, die Begierde nach
dem Unterricht, und der Glaube in dem Kinde, wie der Hals, der Kopf, mit dem
Blick zugleich, sich vorwärts und in die Höhe richtet, der halbgeöffnete Mund,
als fürchtete sie etwas zu verhören, und als wollte sie die Lehren durch alle
Sinne in sich auffassen. dabei die Hingebung, das Vergessen ihrer selbst in der
kleinen Figur, die halb liegend sich dem Schoss der Anna anschmiegt; es ist
schön, und zart gefühlt. Und diese Anna, gewiss eine Heilige! Diese Hoheit,
dieser milde Ernst in den verklärten Augen! mit welcher Liebe sich ihr Haupt zu
dem Liebling hinneigt, sich ihre Tugend lehrenden Lippen öffnen! Ruhe und Würde
in der ganzen Gestalt, und wie erhaben diese Hand, die gegen den Himmel zeigt!
Ist auch diese Anna ein Porträt?« - »Es ist eine Schwester des Grafen, die er
vorzüglich liebt; Gräfin Clementina; Sie haben uns schon von ihr sprechen hören,
sie wird von uns gewöhnlich die Tante genannt. Juliane hat ihre erste Erziehung
bei dieser Tante erhalten; die Mutter hatte sie ihr, da sie ihre Jugendfreundin
ist, und ihres ganzen Zutrauens geniesst, bald nach ihrer Geburt überlassen, weil
sie damals ihrem Gemahl nachreisen musste, der gefährlich verwundet war, und den
sie keiner fremden Pflege überlassen wollte. Sie verliess ihn nun nicht wieder,
begleitete ihn sowohl auf seinen Feldzügen, als auf seinen Reisen, da er an
verschiedenen Höfen als Gesandter stand. Unterdessen erreichte Juliane beinahe
ihr vierzehntes Jahr bei der Tante, und verehrt sie als Mutter.« - »Doch muss die
Gräfin Clementina dem Bilde nach noch sehr jung sein, obgleich der Idee und dem
Kostüm zufolge, sie älter sein müsste.« - »Sie haben recht, doch ist sie in der
Tat nicht mehr jung, sie ist älter als die Gräfin Eleonora, dieses Bild aber ist
eigentlich die Kopie eines Gemäldes, das in ihrer Jugend ist gemacht worden. Sie
ward damals als heilige Cäcilia gemalt; sowohl dieses Bild, das sie dem Grafen
auf sein Bitten malen zu lassen erlaubte, um ein Denkmal der Zeit zu stiften, in
der sie Julianens Lehrerin war, als das, welches unter den andern
Familiengemälden in der Galerie hängt, und auch das Miniaturbild, das Juliane an
ihrer Brust trägt, sind Kopien nach dieser Cäcilia, welche von einem schon
verstorbenen fremden Künstler gemalt ward; seinen Namen weiss ich nicht. Die
Tante war nie dazu zu bewegen noch einmal einem Maler zu sitzen. Merkwürdig ist
es, wie diese Bilder alle noch der Gräfin Clementina ähnlich sind, obgleich es
schon vielleicht dreissig Jahre her sein mag, dass sie gemalt ward, und ein tiefer
Gram in ihren Gesichtszügen gewütet hat.« - »Gut, dass mich Ihre gütige
Ausführlichkeit warnte«, rief Florentin lachend; »war ich doch in Gefahr mich in
diese heilige Anna, und das in meinem Leben zum ersten Male ernstlich zu
verlieben. Bald wäre ich ausgezogen, nach echter Rittersitte, das Original zu
meinem Gemälde zu finden, und hätte es dann auch wirklich gefunden... in einer
ehrwürdigen Matrone.« - »Haben Sie wirklich noch nie ernstlich geliebt, so
verdienen Sie ein solches Schicksal. Ich werde Sie bei den Frauen für diesen
Frevel hart anklagen.« - »Wagen Sie es nicht. Sie könnten sich selbst eine
Strafe für Ihre Verräterei zuziehen.« - »Ich wage nichts, man wird es Ihnen nie
verzeihen, sich von einem Gemälde haben hinreissen zu lassen, da Sie die
Gegenwart der schönen Frauen selbst so ruhig lässt.« - »Nun auch dafür müssen Sie
nicht gut sagen; doch im Ernst, das Gemälde hat mich bewegt, und ich stehe mit
wahrer Andacht davor. Guter Eduard! ich hoffe Sie fühlen es, wie glücklich Sie
sind, und wie wenigen es vergönnt wird, eine solche Jugend zu haben!« - Eduard
schien bewegt, und sie gingen beide schweigend hinunter zur Gesellschaft.
 
                                Viertes Kapitel
So verstrich ein Tag nach dem andern. Man kann sich keine angenehmere
Lebensweise denken, als die auf dem Schloss geführt ward. Ein Vergnügen reihte
sich an das andere; Tanz, Musik, Jagd und Spiel wechselte lustig ab, und in der
Einsamkeit suchte jeder nur die Ruhe, um sich zu neuen Ergötzlichkeiten zu
bereiten.
    Die Liebenden erwarteten beide den Tag ihrer Vermählung sorglos und
fröhlich, es stellte sich ja nichts ihren Wünschen entgegen; doch mit ganz
verschiedenen Empfindungen. Eduard hatte eine peinigende Ungeduld Julianen ganz
die Seinige zu nennen; er liebte sie mit der ungestümen Heftigkeit des
Jünglings; er dachte, er träumte nichts als den Augenblick, sich im ungeteilten
ungestörten Besitz der schönen Geliebten zu sehen; seine Phantasie lebte nur in
jenem so heiss ersehnten Moment, alles Leben bis dahin würdigte er nur als
Annäherung zu jener Zeit, wie der Gefangne, der der bestimmten Befreiung
entgegensieht. Von dieser Ungeduld begriff Juliane nichts. Mit aller Innigkeit
ihres reinen Herzens liebte sie ihn; niemand war ihr jemals liebenswürdiger
erschienen; sie gab sich ihm gern, sie war von jeher schon mit der Idee
vertraut, und hatte es als ihr Schicksal ansehen gelernt ihm anzugehören. Aber
den Tag erwartete sie mit grosser Ruhe; klopfte auch ihr Herz stärker bei dem
Gedanken, so war es mehr eine bängliche Ahndung, die furchtsame Scheu des
sittsamen Mädchens, als die Erwartung eines grössern Glücks; sie ahndete kein
grösseres Glück, als dass es immer so bliebe, wie es war, es fehlte ihr so gar
nichts. Sie nahm an allem den gewöhnlichen Anteil, hatte die immer gleiche,
besonnene Aufmerksamkeit auf die Gesellschaft, Eduard mochte zugegen sein, oder
nicht.
    Sie war also nicht so beschäftigt, dass sie nicht hätte wahrnehmen sollen,
welchen Eindruck ihre Schönheit auf Florentin gemacht hatte. Er hatte die
allgemeine Aufmerksamkeit erregt. Es schmeichelte der Eitelkeit des Mädchens,
die seinige auf sich zu ziehen; es interessierte sie kindisch, den stolzen Mann
zu beherrschen. Ohne es sich bewusst zu sein, und sich ganz der fröhlichen
Stimmung hingebend, zog sie ihn mit einer feinen, ihr natürlichen Koketterie an.
    Florentin fand sie immer schön, reizend, liebenswürdig, es ergötzte ihn, sie
so eifrig bemüht und beschäftigt um ihn zu sehen, und die kleinen Schelmereien
des jungen Herzens zu belauschen! Dass er aber gleich am ersten Abend so mit sich
zu Rate gegangen war, schützte ihn gegen jeden tiefern Eindruck. Auch war es ihm
nicht entgangen, dass sie willens war, ihn zum Spiel ihrer Eitelkeit zu machen,
und nichts konnte so seine Phantasie zügeln, als wenn er irgendeine Absicht
merkte. Er war leicht kindlich vertrauend: dann konnte er aber auch bis zur
Ungerechtigkeit argwöhnend sein. Doch interessierte ihn Juliane sehr, die Tiefe
ihres Gemüts war ihm nicht entgangen, trotz der Anlage zur Koketterie, und dem
etwas künstlichen Wesen, welches ihre Erziehung und ihr Stand ihr gegeben hatte,
und das ihn immer etwas entfernte, obgleich er es hier in so schöner Gestalt
erblickte. Lange konnte er es doch nicht aushalten, sie unzufrieden zu sehen; so
oft er sie durch ein zu kühnes Wort, oder eine Anspielung, die ihre Eitelkeit
strafte, erzürnt hatte, so wusste er sie gleich wieder durch irgendeine
Überraschung oder eine kleine schmeichelhafte Aufmerksamkeit zu versöhnen. Er
stimmte nie mit ein, wenn sie in Gesellschaft von den um sie her flatternden
Herrn wegen ihres Gesangs oder Tanzes, oder ihrer Schönheit erhoben ward;
vielmehr suchte er sie dann durch einen kleinen Trotz, eine Art von
Vernachlässigung zu demütigen. Wenn sie sich aber irgendeiner Regung ihres guten
empfindlichen Herzens überliess, oder in ihrer natürlichen Anmut, kunstlos, ohne
Anmassung und ohne Absicht sich gar nicht bemerkt glaubte; dann wusste er ihr
etwas Angenehmes zu sagen, oder sie durch einen Blick seiner Teilnahme zu
versichern. Dann liess er sich auch gern ihre kleine Siegermiene gefallen, und
ertrug gutmütig ihre mutwilligen Neckereien. Nach und nach war die Zufriedenheit
ihres launenhaften Lehrers allein bedeutend für Julianen; der laute Beifall der
Menge ward ihr gleichgültiger, zuletzt beinah verhasst.
    Eduard bemerkte mit Freude diese Veränderung. Er scherzte eines Tages
darüber, dass Florentin mehr Einfluss auf ihre Bildung habe als er. - »Sie haben
mir es niemals merken lassen«, sagte Juliane, »dass ich zu eitel sei.« - »Ich
liebte Sie Juliane, so wie Sie sind.« - »Und jetzt merken Sie erst, dass ich
besser sein könnte! ich kann mich wenig auf Ihre Erziehungskunst verlassen.« -
»Die Liebe weiss nur zu lieben; wie sollte sie erziehen?« - »Sie erzieht
freilich«, sagte Florentin, »aber nicht den andern.« - »Machen Sie meiner Liebe
einen Vorwurf, unartiger Florentin?« erwiderte Juliane. »Nein, vielmehr spreche
ich sie dadurch rein von einem Vorwurf, den man ihr allerdings machen könnte.« -
»Nun?« - »Nun, dass Sie Eduard nicht besser erzogen haben. Denn er wird es doch
nicht leugnen, dass er die Huldigungen Ihrer Eitelkeit mit noch weit grösserer und
sträflicherer Eitelkeit sich hat gefallen lassen. Es ist in der Tat eine
schwierige Untersuchung, wer von Ihnen beiden mehr Erziehung oder weniger Liebe
hat.« - »Trauen Sie sich zu, uns in beiden zu übertreffen?« -
    »Ich, ihr Guten, kann weder mein Leben, noch meine Liebe mit dem Kunstwerk
der Erziehung vergleichen!« - -
    »Man kann nicht anders als sich für ihn interessieren«, sagte Juliane, »aber
er ist doch zu sehr verschlossen gegen seine Freunde, es ist ihm auf keine Weise
beizukommen.« - »Doch hat vielleicht niemand mehr als er die Fähigkeit, Freund
zu sein«, sagte Eduard. »Wissen wir doch nicht, wie oft er schon ist
hintergangen worden; reizbar wie er ist, muss jede üble Behandlung ihn wohl auf
lange verstimmen.«
    Florentin vermied anfangs Eduards Annäherung mit eigensinnigem Stolz, ob er
ihn gleich im Herzen wohl leiden mochte. Eduard liess sich aber nicht dadurch
abschrecken, er gewann immer mehr Anhänglichkeit für ihn, näherte sich ihm mit
freundlicher, bescheidener Aufmerksamkeit, und suchte seinem etwas wilden, nach
Freiheit strebenden Sinn mit dem feinen, gebildeten Geist, der ihm eigen war, zu
begegnen; es musste ihm gelingen. Florentin fühlte endlich, dass er am unrechten
Ort misstrauend gewesen war. Mit der Überzeugung seines Unrechts erweichte sich
auch sein absichtlich verhärtetes Gemüt gegen Eduard, er wurde bald offner und
geselliger gegen ihn. Auf einem Morgenspaziergang öffneten sich ihre Seelen
gegeneinander; sie nannten sich seitdem Freunde. Florentin gewann Eduard so
lieb, dass er ohne Wehmut bald nicht daran denken konnte ihn zu verlassen; doch
musste und sollte es geschehen!
    So waren Wochen verflossen; mit einer jeden nahm er sich's fest vor, in der
nächsten zu reisen; immer hielt ihn aber das Bitten seiner neuen Freunde und
seine eigne Neigung fest. Zum erstenmal empfand er die Bitterkeit der Trennung;
bis dahin hatte er alles, was er jemals verliess, gleichgültig verlassen.
 
                                Fünftes Kapitel
Gräfin Clementina hatte eine junge Anverwandte bei sich. Diese kam, und machte
Julianen einen Besuch, indem sie zugleich einen mündlichen Auftrag der Gräfin
Clementina an Julianens Eltern ausrichtete mit der Bitte, die Vermählung noch
einige Wochen aufzuschieben, weil sie in diesen nächsten Tagen abgehalten würde,
zugegen zu sein, wie sie es doch sehr wünschte. Sollte der Tag aber schon
unwiderruflich festgesetzt sein, und es bei der ersten Verabredung bleiben
müssen, so wäre sie genötigt diesen Wunsch aufzugeben. Doch ersuchte sie ihren
Bruder und Eleonoren, wenigstens noch einen Brief von ihr abzuwarten; sie hätte
ihnen noch einiges zu sagen, wäre aber durchaus in diesem Augenblicke nicht
imstande zu schreiben; doch sollte es in den nächsten Tagen geschehen.
    Eduard war nicht leicht zum Aufschub zu bewegen, seine Ungeduld, die schöne
Juliane ganz die Seinige zu nennen, wuchs mit jedem Tage, und seitdem er
Florentin kannte, schien sie den höchsten Punkt erreicht zu haben. Doch musste er
es sich aus Achtung für die Gräfin Clementina gefallen lassen. Betty eilte
zurück, sobald sie sich ihres Auftrags entledigt hatte.
    Ein Brief, den Juliane folgenden Tag an ihre Tante schrieb, ist ein Beweis,
wie interessant Florentin der ganzen Familie schon geworden war.
                             Juliane an Clementina
Jetzt verdient Betty nicht mehr von Ihnen bestraft zu werden, wegen ihrer zu
grossen Leidenschaft für das Tanzen; sie ist vielmehr zu unser aller Verwunderung
bis zum Kaltsinn mässig darin geworden. Alles unsers Bittens und Zuredens
ungeachtet, wollte sie durchaus nicht länger bei uns verweilen, als sie es Ihnen
zugesagt hatte, ob wir gleich noch denselben Abend einen recht brillanten Ball
hatten. Der Vater erbot sich, Ihnen einen Boten zu Pferde zu schicken, um Sie
nicht in Unruhe ihrentwegen zu lassen; aber sie war nicht zurückzuhalten. Alle
Ihre Aufträge waren ausgerichtet, sie sah mit grosser Gemütsruhe die glänzende
Gesellschaft sich versammeln, ja, sie wagte es sogar den Anfang des Balls
abzuwarten; und indem sie mit Eduard den Saal einmal auf und nieder walzt, winkt
sie uns allen im Vorbeifliegen zu, und sofort aus der Tür in den Wagen, so
hastig, dass Eduard mit noch einigen Herrn ihr kaum folgen konnten. Kaum dass wir
ihr noch einen Gruss für die Tante nachriefen.
    So geht es uns allen, teure Clementina! wenn wir zu Ihnen sollen, was könnte
uns zurückhalten? Keiner fühlt das wohl mehr als Ihre Juliane, ich habe Betty
mehr beneidet als bewundert. - Das war nun alles recht hübsch von dem Mädchen;
aber die Arge, was hat sie Ihnen für loses Zeug erzählt! was meinte sie mit
ihren Eroberungen? und dem sonderbaren Fremden, der den Meister über uns macht,
dem wir alle auf eine so lächerliche Weise ergeben sind, weil wir uns einbilden
ihm Dankbarkeit schuldig zu sein! Und ich, die ich diesen Vorwand so gern nehmen
soll, um ihm ganz unbefangen mit Auszeichnung begegnen zu dürfen! - Alles dieses
hat sie Ihnen wirklich erzählt? - Gut, dass Sie ihren boshaften Erzählungen nicht
so unbedingt Glauben beimessen, dass Sie sich selbst an Ihr Kind wenden, um die
Wahrheit zu erfahren. Liebe Tante, sehen Sie doch einmal dem bösen
leichtfertigen Mädchen scharf in die Augen, wenn sie wieder dergleichen
vorbringt. Allerdings sind wir dem Fremden Dank schuldig! Ist meine Clementina
nicht auch der Meinung? Wenn es ihm selbst wohl geziemt, den wichtigen Dienst,
den er uns geleistet, dem Zufall zuzuschreiben, so würde es sich von uns nicht
ziemen, es ebenso anzusehen, und seinen Mut, mit dem er das Leben unsers Vaters
gerettet hat, zu vergessen.
    Und warum gesteht Ihnen denn Betty nicht, dass der Fremde sich recht
geschäftig um sie gezeigt, und dass sie seine Aufmerksamkeiten recht wohlgefällig
und artig annahm? - Ich hielt sogar die Festigkeit, mit der sie sich losriss und
forteilte für ein Opfer, das sie ihrem eifersüchtigen brauseköpfigen Walter
brächte, und habe ihr im Herzen deswegen wohlgewollt. - Belohnt sie so meine
gute Meinung? böse Betty! Wenn sie Ihnen nicht abbittet, liebe Tante, und Ihnen
gesteht, dass sie ihre Freude daran hat, Unfug zu treiben, so werde ich sie bei
Herrn von Walter verklagen; er traut mir! -
    Von dem Fremden, von diesem Florentin sollte ich Ihnen also erzählen? Es ist
wahr, liebe Tante, dass er uns allen wert geworden ist. Er macht jetzt das Leben
und die Seele der Gesellschaft aus. Mit dem sonderbarsten, oft zurückstossenden
Wesen weiss er es doch jedem recht zu machen, und zieht jedes Herz an sich, ohne
sich viel darum zu bekümmern. Es hilft nichts, wenn man auch seinen ganzen Stolz
dagegen setzt, man wird auf irgendeine Weise doch sein eigen. Oft ist es recht
ärgerlich, dass man nicht widerstehen kann, da er selber nicht festzuhalten ist.
Einmal scheint es, als verbände er mit den Worten noch einen andern Sinn, als
den sie haben sollen; ein andermal macht er zu den schmeichelhaftesten Dingen,
die ihm gesagt werden, ein gleichgültiges Gesicht, als müsste es eben nicht
anders sein; dann freut ihn ganz wider Vermuten einmal ein absichtsloses Wort,
das von ungefähr gesprochen wird; da weiss er immer einen ganz eignen Sinn, ich
weiss nicht, ob hineinzulegen, oder herauszubringen. Uns ist dieses sonderbare
Spiel sehr erfreulich, da wir ihn näher kennen, und besser verstehen. Sie können
aber denken, wie er oft in Gesellschaft Anstoss damit gibt; doch versteht er sich
recht gut darauf, ein solches Ärgernis nicht zu gross werden zu lassen; er macht
bald alles wieder gut. Wir begreifen eigentlich nicht, wie es ihm möglich ist,
diese Fröhlichkeit und gute Laune immer um uns zu erhalten, da er selbst doch
nicht froh ist. Ich und Eduard, wir sind oft allein mit ihm, und da haben wir es
deutlich genug merken können, dass ihn irgendein Kummer drückt. Der Vater machte
ihm neulich den Vorwurf, er wäre zu wenig ernst, und nähme oft die Dinge zu
scherzhaft. Florentin liess es über sich hingehn. Eduard meinte aber, und sagte
es mir allein: der Ernst in ihm wäre vielmehr zu ernst und zu tief, als dass er
ihn in der Gesellschaft anwenden könnte; und da er nie sich so gegen den Scherz
versündigte, dass er ihn ernstaft nähme, so käme es ihm zu, auch wohl einmal den
Ernst scherzhaft zu finden. Am besten findet sich Eduard in ihn, sie sind
Freunde geworden, und man sieht jetzt einen nicht ohne den andern. So
interessant er auch ist, so glauben Sie mir nur, liebe Tante, Eduard verliert
gar nicht gegen ihn, er kömmt mir vielmehr neben seinem Freunde noch
liebenswürdiger vor. Ich weiss gewiss, ich könnte diesen nicht so lieben, wie ich
Eduard liebe. Er gefällt auch dem Vater sehr wohl, der ihn soviel als möglich um
sich zu haben sucht. Er mag seine Einfälle und seine seltsamen Wendungen gern,
so sehr er auch sonst gegen jedes Auffallende, Neue oder Sonderbare spricht. An
Florentin liebt er es, und verteidigt ihn gegen jede Anklage. Sogar das
Geheimnisvolle, das über seinem Namen und seiner Herkunft schwebt, achtet er, zu
unserm Erstaunen. Noch heute war die Rede davon, ihn einem Manne vorzustellen,
den er zu sprechen wünschte. »Von Florentin?« fragte der Vater. Wir erwarteten
alle seine Antwort. »Wenn es durchaus mit meinem Namen allein nicht genug ist«,
sagte er, »so setzen Sie Baron hinzu, das bezeichnet wenigstens ursprünglich,
was ich zu sein wünschte, nämlich ein Mann.« Der Vater liess es sich wirklich so
gefallen. -
    Sogar Tereschen hat er ganz für sich gewonnen. Sie weiss nichts Bessers, als
sich von Florentin etwas vorsingen zu lassen, oder ihn zeichnen zu sehen, sie
vergisst Spiel und alles, wenn sie nur bei ihm sein darf. Sie kennen ihre heftige
Art sich an etwas zu hängen. - Mit den Knaben reitet er viel, und kann sich mit
ihnen balgen und lärmen und Festungen erobern, die sie zusammen bauen, bis sie
ganz ausser sich geraten, und er mit ihnen. - Dem Mütterchen bleibt aber der Kopf
ruhig, wenn er uns auch allen verdreht wird; nicht ein einziges Mal ist es ihm
doch gelungen sie irrezumachen, wiewohl er es oft darauf anlegte; sie lächelt,
und ist freundlich und liebreich gegen ihn, aber Gewalt hat er gar nicht über
sie, er fühlt es: Mutter ist auch die einzige, vor der er gehörigen Respekt hat.
Mit uns andern schaltet er nach Belieben; wenn ich recht aufgebracht bin, und
ihm stolz begegne, so ist er imstande, gar nicht einmal darauf zu merken. -
    So schön hat ihn Betty gefunden? So schön als Eduard ist er auf keinen Fall,
das meint auch die Mutter, er ist auch nicht so gross und herrlich als Eduard;
aber sein Bau ist fein, schlank, und dennoch kräftig. Er hat eine edle
Physiognomie, und überhaupt etwas Interessantes; sein Anstand ist frei und
kunstlos, manchmal sogar trotzig. Was ihn auszeichnet, ist ein gewisses, beinah
verachtendes Lächeln, das ihm um den Mund schwebt; aber der Mund ist doch
hübsch, sowie auch sein Auge, das gewöhnlich fast ganz ohne Bedeutung, still und
farblos, vor sich hinschaut, das aber helle Funken sprüht bei einem Gespräch,
das ihn interessiert, es wird dann sichtbar grösser und dunkler. Er hat eine
schöne helle Stirn, und es kleidet ihn gut, wenn er, wie er oft tut, sich die
dunkelbraunen Locken, die tief darüberher fallen, mit der Hand zurückstreicht,
oder wenn sie vom Wind gehoben werden. Die Mutter findet, er hätte etwas
Altritterliches, besonders wenn er ernstaft aussieht, oder unvermutet in ein
Zimmer tritt, sie müsste sich ihn immer mit einer blanken Rüstung und einem Helm
denken. Terese hat viel mit Auffinden von entfernten Ähnlichkeiten und mit den
alten Bildern zu schaffen, und behauptet, er sähe dem Gemälde vom Pilgrim
ähnlich, das in der Mutter Zimmer hängt. Sie ruhte nicht eher, bis ich es mir
von ihr zeigen liess, und sie hat wirklich recht: es ist eine entfernte
Ähnlichkeit.
    Ich fürchte, Sie werden, trotz meiner umständlichen Beschreibung, doch kein
richtiges Bild von ihm haben.
    Sie sehen aber, liebe Tante, wie gern ich Ihnen alles lieber mit der grössten
Umständlichkeit berichte, damit Sie nur nicht verleumderischen Nachrichten
Glauben beimessen dürfen, und dann mit vorgefassten Meinungen, die uns nachteilig
sind, herkommen. Sie haben noch keinen Tag festgesetzt, an dem wir Sie sehen
sollen. Mit welcher Ungeduld erwarte ich Sie, meine verehrte, liebe Freundin!
    Ich hätte Ihnen gern erzählt, welches fröhliche Leben wir leben, und welche
Dinge wir unter Florentins Anleitung ausführen. Aber heute, und in den nächsten
Tagen kann ich nicht daran denken. Es wird mir wenig Zeit zum Schreiben
gelassen. Kommen Sie bald, und nehmen Sie Teil, und erhöhen Sie unsre
Fröhlichkeit durch Ihre Gegenwart. Ich hoffe heute noch, oder doch morgen einen
Brief von meiner gütigen Freundin zu erhalten, mit der bestimmten Nachricht
Ihrer Abreise. Leben Sie wohl, lieben Sie Ihre Juliane.
 
                                Sechstes Kapitel
Eduard und Florentin hatten einigemal kleine Reisen im Gebirg und in der
umliegenden Gegend gemacht. In abwechselnden Verkleidungen hatten sie die
benachbarten Städtchen und Dörfer durchzogen, auf Kirmsen, Hochzeiten,
Jahrmärkten, bald als Krämer oder als Spielleute. Manches lustige Abenteuer kam
ihnen entgegen, sie wiesen keines von sich. Wenn sie dann von ihren Wanderungen
zurückkamen, hatten sie viel zu erzählen und von den Eroberungen zu sprechen,
die sie wollten gemacht haben. Juliane bekam den Einfall sie einmal zu
begleiten; und das nächste Mal, dass sich die beiden jungen Männer wieder zu
einer solchen abenteuerlichen Reise anschickten, teilte sie Eduard ihren Wunsch
sie zu begleiten mit. Er war voller Freude über diesen Entschluss, der ihm die
Hoffnung gab, Julianen auf ein paar Stunden der Förmlichkeit zu entziehen, die
jetzt bei der vergrösserten Gesellschaft immer mehr überhand nahm, und ihrer in
der Einsamkeit froh zu werden; auch seinem Freunde war es lieb, er hatte einen
solchen Wunsch bei Julianen gar nicht vermutet. Der Graf und seine Gemahlin
hatten aber viel dawider, und wollten es anfangs unter keiner Bedingung zugeben.
Der Wohlstand ward beleidigt, Julianens Gesundheit ausgesetzt, der übrigen
Gefahren und ihrer eignen Ängstlichkeit nicht zu gedenken. Florentin, der seinen
Kopf auf diesen Plan gesetzt hatte, und Eduard, der ein Recht zu haben glaubte,
eine solche Erlaubnis zu fordern, hörten mit Bitten und Vorstellungen nicht eher
auf, bis sie ihnen zugeteilt ward, nur unter der Bedingung, dass sie nicht zu
Pferde sondern zu Fuss gingen, und dass sie nicht die Nacht ausbleiben wollten.
Und nun wurden noch so viele Anstalten gemacht, so viel Regeln und Warnungen
gegeben, dass Juliane, ganz ängstlich gemacht, sich im Herzen vornahm, gewiss
nichts zu übertreten, und gewiss zum letztenmal eine solche Erlaubnis zu
begehren. Eduard aber ward der ganze Einfall beinah zuwider wegen der grossen
Umständlichkeit, und er war eben nicht gesonnen, sich gar zu streng an die
Vorschriften zu halten.
    Nachdem sie endlich alles zustande gebracht, und Juliane den Abend mit
schwerem Herzen von ihren Eltern Abschied genommen hatte, machten sie sich
morgens früh auf den Weg, nur von ein paar Jagdhunden begleitet. Sie waren alle
drei als Jäger gekleidet. Eduard und Florentin trugen Büchsen, Juliane hatte nur
ein Jagdmesser und Tasche, statt der Büchse trug sie die Gitarre, von der sich
Florentin selten trennte. Da Juliane gut zu Pferde sass, und oft in Männertracht
ausritt, so war sie ihrer nicht ungewohnt, sie ging so leicht und ungezwungen
daher, als hätte sie nie eine andere Kleidung getragen, und auch so als Knabe
sah sie wunderschön aus; auch die beiden Freunde nahmen sich gut aus, als ältere
Brüder des lieblichen Kindes. Sie gingen dem Morgen entgegen, der in voller
Pracht heraufstieg, der Frühling in seiner ganzen Herrlichkeit umfing sie, die
Vögel sangen munter, Blüten dufteten und die Bäume glänzten im Schein der Sonne.
    Sie gingen durch den Wald nach dem Gebirge zu, fröhlich und unbekümmert wie
die Kinder. Sie genossen sich selbst in reiner Unbefangenheit; Vergangenheit und
Zukunft war ihren Gedanken fern, der Wille des Augenblicks war ihnen Gesetz.
    »Ach«, rief Eduard auf einmal aus; »so leben, wenn auch nur eine kurze Zeit,
und sterben, eh wir den Tod zu wünschen haben! Schlafen gehen und nicht wieder
aufstehen!« - »Ihr denkt an den Tod«, sagte Florentin, »um zu bedenken wie Ihr
so gern nicht an ihn denken wollt!« - »Torheit!« rief Juliane, »wer will jetzt
vom Tode sprechen?« - Florentin nahm ihr die Gitarre ab, und spielte einen
raschen Tanz, sie drehte sich mit Eduard in schnellen Kreisen. Er hatte sich
unter einem Baume niedergesetzt. Nachdem sie zu tanzen aufgehört hatten, setzten
sich beide neben ihn. - »Es tanzt sich gut auf dem kurzen Grase.« - »Besser und
erfreulicher als auf dem getäfelten Fussboden eurer Säle, das ist gewiss.« - »Wenn
man nun hier im Walde an eine Assemblee denkt!« - »Davon kein Wort, Juliane, ich
mag ebensowenig von Assembleen hören als Sie vom Tode.« - Hiemit nahm er die
Gitarre wieder auf, und sang:
»Sie ist mir fern, wie soll ich Freude finden!
Ich kann dem Kummer nur mein Leben weihn.
Wie um den Baum sich üppig Ranken winden,
Die Nahrung raubend seiner Krone dräun,
So, fern von dir, mich Sorg' und Unmut binden,
Dass keine Erdenlust mich kann erfreun.
Fragt nicht, warum mein Sinn so rastlos eilt;
Für mich ist nirgends Ruh', als wo sie weilt.«
Juliane, erhitzt vom raschen Tanz, lehnte sich an Eduard, ein sanfter Wind, der
hoch in den Wipfeln der jungen Birken rauschte, kühlte ihr das glühende Gesicht,
und wehte die Locken zurück, die in der Bewegung durch ihre eigne Schwere sich
von der Nadel losgemacht hatten, und nun bis tief auf die Hüften herabfielen.
Eduard verlor sich ganz im Anschaun ihrer Schönheit, und die Töne der Gitarre,
die dazu gesungenen Worte drangen in sein Innerstes. Er drückte Julianen mit
Heftigkeit an seine Brust; die Gegenwart des Freundes vergessend hielt er sich
nicht länger, seine Lippen waren fest auf die ihrigen gepresst, seine Umarmung
wurde kühner, er war ausser sich. - Juliane erschrak, wand sich geschickt aus
seinen Armen, und stand auf, ihm einen zürnenden Blick zuwerfend. Eduard war
betroffen, sie reichte ihm beruhigend die Hand, die er mit Küssen bedeckte.
Nunmehr sang Florentin, mit raschen Griffen sich begleitend, gleichsam als
beruhigendes Echo jener ersten sehnsuchtsvollen Anklänge:
»Ich bin dir nah, wie soll die Wonn' ich fassen,
Die mir aus deinen lieben Augen winkt!
Als sollt' ich nimmermehr dich wieder lassen.
Wann voll Verlangen Herz an Herz nun sinkt,
So soll mein Arm den holden Leib umfassen,
Indes mein Mund der Liebe Tränen trinkt.
O Glück der Liebe, seliges Entzücken!
Geschenk der Götter, Menschen zu beglücken!«
»Wie schön«, rief Juliane, als das Lied geendigt war, »wie schön weiss er die
Seligkeit und die Schmerzen eines liebenden Herzens auszusprechen! Florentin,
Sie lieben! gewiss Sie lieben! Sie sollten uns die Geschichte Ihres Glücks
mitteilen! oder, wenn Sie nicht glücklich lieben... armer Florentin!« - Sie nahm
seine Hand in ihre beiden Hände. Er seufzte und lehnte seine Stirn auf ihre
Hand.
    »So öffnen Sie uns Ihr Herz«, fuhr sie mit bewegter Stimme fort, »wir sind
es beide wert.« - Florentin richtete sich auf. - »Wie mich eure Teilnahme rührt,
ihr Guten. Es ist das erste Von-Herzen-zu-Herzen-Gehende, dem ich begegnet bin!
Wohl trage ich Liebe in meiner Brust, Juliane, aber ein Weib, dem sie eigen
gehörte, die sie mit mir teilte... die fand ich noch nie!« - »O das ist
unglaublich. Sie entziehen sich uns.« - »Nein, bei Gott, nein!«
    »Sie werden es weder glückliche noch unglückliche Liebe nennen wollen, wenn
Sie hören, dass ich von meinem sechzehnten Jahre an der Erziehung der
berühmtesten schönen Frauen in Venedig überlassen war. Ich lernte jeden
Sinnenrausch kennen, früher als ich das geheime Feuer im innersten meines
Herzens kannte und verstand, und keine Verderbnis der verderbtesten Welt hat es
daraus vertilgen können. Die Schönheit betete ich an, wo sie sich mir darbot,
ein glückliches Naturell unterstützte mich... kurz, ich ward nirgend grausam
behandelt. Nachher lebte ich eine Zeitlang von aller schönen feinen Welt
entfernt bei armen Hirten in den Gebirgen; dieser schönen Tage werde ich immer
mit Freude gedenken. Ich lebte mit lieben holden Kindern zusammen, wahren
Kindern der Natur, und der ersten Unschuld; bei ihnen heilte meine Phantasie
wenigstens wieder... Einen Gegenstand der Liebe aber, die bis jetzt mir nur
unbelohnt, aber tief im Herzen lebt, wo würde ich den wohl finden? Er existiert
irgendwo, das weiss ich, von dieser frohen Ahndung werde ich im Leben
festgehalten; aber wo er existiert? wo ich ihn finde?« - »Aber welche
Forderungen werden Sie auch machen?« sagte Juliane. »Was wird der Herr verlangen
von einer Frau, die ihm die rechte sei!« - »Unwiderstehlich reizend sind Sie,
Juliane, wenn Sie die kleine Lippe so trotzig aufwerfen, und das Näschen
höhnisch rümpfen!« - »Welche Anmassung!« - »O keinen Zorn, wenn ich meinen Kopf
behalten soll, er kleidet Sie viel zu schön! Was hilft es denn, dass ich in einer
alles vereinigt fand, was meine Wünsche fassen? Sie ist ja die liebende Braut
des Glücklichen dort!« - »Sie sind ausgelassen, Florentin!« -
    »Nun seht, ihr Lieben, ich fordre wenig, ihr werdet es vielleicht nicht
glauben, recht sehr wenig; doch scheint es eine grosse Forderung zu sein, denn
ich fand sie nie erfüllt. Nichts als ein liebenswürdiges Weib, die mich liebt,
liebt wie ich sie, die an mich glaubt, die ohne alle Absicht, bloss um der Liebe
willen, die meinige sei, die meinem Glück und meinen Wünschen kein Vorurteil und
keine böse Gewohnheit entgegensetzt, die mich trägt wie ich bin, und nicht
erliegt unter der Last; die mutig mit mir durch das Leben, und, wenn es sein
müsste, mit mir in den Tod schreiten könnte... Sehen Sie Juliane, das ist
alles!... und ich habe es nicht gefunden, obgleich schöne Frauen jedes Standes
mir überall und ohne Bedenken, die unzweideutigsten Beweise ihrer Liebe, wie sie
es nannten, gaben.« - »Mit welchen Frauen haben Sie gelebt, Florentin!« - »In
der besten, der feinsten Gesellschaft mitunter, sein Sie versichert, gute
Juliane.« - »Sie sollten uns doch bald mit Ihren Schicksalen und Abenteuern
bekannt machen«, sagte Eduard. - »O tun Sie es«, sagte Juliane, »Ihr Lebenslauf
muss sehr interessant sein!« - »Interessant!« rief er aus; »ich bitte euch, was
nennt ihr denn interessant? Ich weiss wahrhaftig nicht, ob er das sein wird. Ich
wollte, mein Lebenslauf gehörte irgendeinem andern zu, vielleicht würde ich ihn
dann auch ergötzlich finden: als mein eigner Lebenslauf aber gefällt er mir eben
nicht. Euch will ich auch einmal die Lust verschaffen, nur jetzt nicht, denn
mich dünkt, es ist Zeit, dass wir uns nach einer Mahlzeit umsehen.« - »Wenn Sie
es zufrieden sind«, sagte Juliane, »so gehen wir, während die Mittagssonne
brennt, nicht von diesem Platz; er ist schattig und kühl. Geben Sie her, was von
kalter Küche da ist, unser grünes Lager mag zugleich unsre Tafel sein.« - »Sehen
Sie, auch für ein sauberes Tuch hat man gesorgt, um es aufzudecken.« - »Sogar
Wein findet sich hier«, sagte Florentin, indem er die Flasche hervorzog. -
»Stellen Sie ihn dort an den Bach hin, damit er abkühle.« - »So reichlich fanden
wir uns noch nie auf unsern Zügen versorgt.« - »So hat die Umständlichkeit, die
meine Begleitung verursachte, doch wieder etwas Angenehmes erzeugt.« - »Wie oft
musste ich nicht schon die Annehmlichkeiten eines bequemen Lebens entbehren!
konnte ich mir aber nur eine grössere Unabhängigkeit damit erkaufen, so geschah
es mit tausend Freuden.« - »Doch wohl auch oft dem Liebchen zu gefallen?« -
sagte Eduard. - »Auch das genug«, sagte Florentin, »ich hatte dann auch süssen
Lohn.«
    Sie lagerten sich um das Tuch und verzehrten ihren Vorrat unter fröhlichen
Scherzen, Gesängen und Lachen. Florentin pflegte durch den Wein lebhafter und
noch heiterer zu werden als gewöhnlich, Eduard aber fühlte seine Lebensgeister
leicht durch ihn erhitzt, reizbarer und zugleich schwerer; Juliane ward von
ihnen mit Bitten bestürmt, diesesmal doch ihren Wein ohne die gewöhnliche
Mischung von Wasser zu trinken, sie war aber nicht dazu zu bewegen. Die
Ausgelassenheit und der steigende Mutwille der beiden fing an sie zu ängstigen,
sie fand jetzt ihr Unternehmen unbesonnen und riesenhaft kühn; die beiden Männer
kamen ihr in ihrer Angst ganz fremd vor, sie erschrak davor, so ganz ihnen
überlassen zu sein; sie konnte sich einen Augenblick lang gar nicht des
Verhältnisses erinnern, in dem sie mit ihnen stand, sie bebte, ward blass. -
Eduard bemerkte ihre Angst. »Was fürchtest du holder Engel! Du bist bei mir,
bist mein«, er umarmte sie mit einigem Ungestüm. - »Lassen Sie mich, Eduard!«
rief sie, sich aus seinen Armen windend; »nicht diese Sprache... Sprechen Sie
jetzt gar nicht zu mir, Ihre Worte vergrössern meine Furcht... ich bin so
erschreckt... ich weiss nicht warum?« - Sie verbarg ihr Gesicht in ihre beiden
Hände. - »Beruhigen Sie sich Juliane!« - »Stille, ich beschwöre Sie, nicht ein
Wort weiter, wenn Sie mich lieben!« - Florentin hatte sich, als er ihre Unruhe
bemerkte, zurückgezogen, die Gitarre genommen, und allerlei Melodien
phantasiert; die beiden Hunde hatten sich zu ihm gelagert, und drückten aufwärts
ihre Köpfe an seine Knie. Gesammelt fing Juliane endlich an: »Die Sonne steht
noch zu hoch, wir können in der drückenden Hitze diese Schatten nicht verlassen.
Sie, Florentin, könnten jetzt Ihr Versprechen erfüllen, und uns einiges aus
Ihrem Leben erzählen!«
    Er schwieg ein Weilchen, dann sang er folgende Worte:
»Draussen so heller Sonnenschein,
Alter Mann, lass mich hinaus!
Ich kann jetzt nicht geduldig sein,
Lernen und bleiben zu Haus.
Mit lustigem Trompetenklang
Ziehet die Reuterschar dort,
Mir ist im Zimmer hier so bang,
Alter Mann, lass mich doch fort!
Er bleibt ungerührt,
Er hört mich nicht:
Erlaubt wird, was dir gebührt,
Tust du erst deine Pflicht!
Pflicht ist des Alten streng Gebot;
Ach, armes Kind! du kennst sie nicht,
Du fühlst nur ungerechte Not,
Und Tränen netzen dein Gesicht.
Wenn es dann längst vorüber ist,
Wonach du trugst Verlangen,
Dann gönnt man dir zu spät die Frist,
Wenn Klang und Schein vergangen!
Was du gewähnt,
Wonach dich gesehnt,
Das findest du nicht:
Doch bleibt betränt
Noch lang dein Gesicht.«
»Was soll uns jetzt das Lied, Florentin?« fiel Juliane ungeduldig ein; »ich
dringe auf die Erfüllung Ihres Versprechens!« - »Sie könnten auch mein Lied als
Einleitung nehmen zu dem, was ich Ihnen zu erzählen habe. Aus meiner Kindheit
weiss ich mir nichts so bestimmt zu erinnern, als den Zwang und das Unrecht, das
mir geschehen ist, und das ich schon damals sehr klar fühlte. Gewiss ist jedem
Kinde so zumute, dem man nach einer vorher bestimmten eigenmächtigen Absicht
eine streng eingerichtete Erziehung gibt.«
 
                               Siebentes Kapitel
Die Gesellschaft lagerte sich bequem, und Florentin erzählte:
    »Wie ein Traum schwebt mir die frühe Erinnerung vor, dass ich in meiner
ersten Kindheit in einem einsamen Hause auf einer kleinen Insel lebte. In dem
Hause wohnte niemand, als eine gute freundliche Frau, die Sorge für mich trug
und mich keinen Augenblick verliess, und ein etwas ältlicher Mann, der die
schweren Haus- und Gartenarbeiten verrichtete, und jeden Tag mit einer kleinen
Barke fortruderte, und die nötigen Vorräte einholte. Es befanden sich gewiss noch
mehrere Häuser auf der Insel; von diesen erinnere ich mich aber nichts, so wenig
als von ihren Bewohnern. Ein paarmal kam eine schöne sehr prächtig gekleidete
Dame, von zwei Herren begleitet, mit der zurückkehrenden Barke. Diese Dame
liebkoste mich zärtlich, gab mir Spielzeug und Konfekt, und ich musste sie Mutter
nennen. Einer von den Herren, der auch schön und glänzend gekleidet war,
bezeigte meiner Mutter viel Aufmerksamkeit, und war sehr freundlich gegen sie,
so wie sie auch gegen ihn. Dem andern Herrn, der, wie ich nachmals erfahren
habe, ein Geistlicher war, begegneten beide mit Ehrfurcht. Gegen mich waren
beide unfreundlich; sie schalten mich, wenn ich mich zu nah an meine Mutter
drängte oder nicht von ihrem Schoss fort wollte. Sie waren mir beide verhasst,
besonders der geistliche Herr, dessen Recht mich zu schelten ich immer im Herzen
bezweifelte. Der Stolz und die Unfreundlichkeit der beiden Männer hatte einen so
verhassten Eindruck auf mein kindliches Gemüt gemacht, dass ich sie fürchtete, und
sie niemals begrüssen und anreden mochte, so sehr meine Mutter darauf bestand.
Empfindlichen Kindern ist Härte und Unfreundlichkeit unerträglicher als jede
Entbehrung, die man ihnen mit Güte und Sanftmut auferlegt.
    Eines Tages kam unser alter Mann mit der Barke zurück. Er war ganz bestürzt
und sprach heftig mit der Frau; diese weinte, küsste mich und stieg mit mir in
die Barke. Der Mann fuhr uns an ein fremdes Ufer, wo der Anblick der vielen
Menschen und Häuser mich in Erstaunen setzte. Ich ward durch viele Strassen in
ein sehr grosses Haus geführt, dann durch eine Menge Zimmer, in denen sich viele
Menschen hin-und herdrängten. Die meisten waren schwarz und wunderlich
gekleidet, und obgleich es so viele waren, und alle besorgt und beschäftigt
schienen, so ging es doch still und feierlich zu. Mein Herz ward kalt bei dem
geistermässigen Anblick, den ich mir so gar nicht erklären konnte. Endlich
gelangte ich in ein sehr grosses Zimmer, dessen Wände und Fussboden schwarz
behängt waren; kein Tageslicht drang herein, ein paar Wachskerzen mit schwarz
umwundenen hohen Leuchtern brannten düster. Ganz am entgegensetzten Ende stand
ein schwarzbehangenes Ruhebett, auf dem eine gleichfalls ganz schwarz gekleidete
Dame sass, die einen langen schwarzen Schleier über das Gesicht hatte.
    Indem ich hineintrat, stand die Dame auf, und ich erkannte die Stimme meiner
Mutter; der geistliche Herr bat sie ruhig zu sein, und ging mir entgegen, um
mich zu ihr zu führen, ich war vor Angst und Schrecken wie im Fieber, und ich
verbarg mich zitternd im Gewand meiner Wärterin. Meine Mutter mochte die Ursache
meines Schreckens erraten, sie kam auf mich zu, und legte ihren Schleier zurück,
so dass ich ihr Gesicht erkannte; aber ich vermisste schmerzlich den glänzenden
Schmuck, den ich sonst mit solchem Ergötzen in ihren Haaren, an Hals und Ohren
hatte schimmern sehen. Ich blieb lange furchtsam und ängstlich; man gab mir
glänzendes Spielzeug, ich konnte mich aber nicht beruhigen. Endlich ward mir ein
kleines Mädchen zugeführt, die mir freundlich zuredete, und den Gebrauch des
schönen Spielzeugs kannte; man sagte mir, sie sei meine Schwester; ich spielte
mit ihr, und meine Furcht verschwand beinah ganz. Dies war das erstemal, dass ich
ein anderes Kind sah, und meine Freude war sehr gross über diese neue
Bekanntschaft. Nun war ich glücklich genug, nur konnte ich mich durchaus nicht
an die finstern Zimmer gewöhnen, ich sehnte mich nach der frischen Luft, nach
dem Himmel und den Bäumen; meine Mutter begegnete mir mit der grössten
Zärtlichkeit, ich liebte sie, aber ich ging doch noch lieber mit meiner Wärterin
ins Freie. Meine Mutter blieb immer in diesen mir verhassten Zimmern, sie weinte
fast immer, wenn ich sie sah, und ich hörte sie oft wiederholen: mein Vater sei
gestorben; aber ich konnte es nicht fassen, ich wusste nicht, wer mein Vater
gewesen sei, ich hatte diese Benennung gar nicht zu brauchen gelernt. Meine
Mutter sagte mir mit Tränen: der schöne Herr, der mich in ihrer Gesellschaft auf
der Insel besucht hätte, wäre mein Vater gewesen. Ich weinte nun auch, und war
nicht wieder zu beruhigen; die Wärterin fragte mich: warum ich denn so sehr
weinte? Ich wollte es nicht sagen, man drang in mich. O dass der Prior nicht mein
Vater war, schrie ich, so wäre der tot, und der andre Herr lebte noch! - Ich
erinnere mich jetzt nicht mehr, was auf diesen Ausruf erfolgte, auch nicht, ob
der Prior zugegen war.
    Von den Hausleuten hörte ich manchmal mit Bedauern sagen: es wäre doch sonst
viel anders im Hause gewesen! Ich erkundigte mich dann bei ihnen und bei meiner
Schwester, wie es eigentlich gewesen wäre? Ihre Erzählungen gaben mir ein
wunderliches buntes Bild von den weltlichen Freuden, die jetzt ganz aus dem
Hause verbannt, und an deren Stelle feierliche Unterredungen und Andachtsübungen
getreten waren. Meine Schwester wusste nicht viel zu erzählen, ausser dass die
Mutter damals sehr reiche glänzende Kleider angehabt hätte.
    Einigemal hörte ich den Prior meine Mutter erinnern, dass es jetzt die
höchste Zeit sei, mir die Erziehung meiner künftigen Bestimmung zu geben, und
mich in die notwendige Lebensart einzuführen. Meine Mutter bat ihn aber, ihr die
Gesellschaft der Kinder noch nicht zu nehmen, sie würde alles Versäumte wieder
nachholen. Ohne dass ich den Sinn dieser Worte verstand, ängstigten sie mich mit
trauriger Ahndung, die auch sehr bald erfüllt ward. Meine Mutter ward immer
ernster und trüber, und bald auch strenger gegen uns. Anstatt unsrer
gewöhnlichen zierlichen leichten Kleidung gab man uns hässliche Kleider von
grobem Zeuge, mit klösterlichem Schnitt, und das während derselben Tage, da ich
die Freude hatte, dass man die schwarzen Vorhänge aus dem Zimmer meiner Mutter
nahm. Die hellen Teppiche kamen nun zum Vorschein, die prächtig vergoldeten
Zieraten glänzten mir entgegen, ich war voller Freude über diese Herrlichkeiten;
und nun musste ich diese Kleidung anlegen, die mir schon an den Mönchen, die ich
gesehen hatte, so widerlich war. Ich war ausser mir, ich wollte es durchaus nicht
leiden, keine Drohung konnte mich bewegen. Endlich zog meine Schwester mit
stillen sanften Tränen an, was man von ihr verlangte, da liess ich mir's auch
gefallen. Noch mehre Schrecken erwarteten mich an diesem unglücklichen Tage.
    Wir wurden zur Mutter hereingerufen; sie war im Gespräch mit dem Prior und
noch einem Mann in geistlicher Kleidung, den ich nicht kannte, der mir aber
einen so fatalen Eindruck machte, dass ich gewiss den Augenblick, wo ich ihn
zuerst gesehen, nie vergessen werde. Er hatte ein finstres kaltes Gesicht wie
der Prior, nur dass dieser, ein vollkommen schöner Mann, mit feierlichem stolzen
Anstand sich sehr gut zu präsentieren wusste, auch über meine Mutter eine
Superiorität hatte, die allen Ehrfurcht einflössen musste. Der neue Ankömmling war
lang und mager, von gelber Gesichtsfarbe, und hatte so durchaus etwas
Jämmerliches und Demütiges. Er bückte sich bei jedem Wort, das meine Mutter mit
einer Protektionsmiene zu ihm sprach, so furchtsam und ungeschickt. Mir entging
nichts von dem allen, meinen Widerwillen wusste ich aber erst später zu erklären.
Er ward mir als mein Hofmeister bekannt gemacht, und zu gleicher Zeit sagte
meine Mutter zu meiner guten Wärterin, sie wäre von nun an die Hofmeisterin
meiner Schwester, die unter ihrer unmittelbaren Aufsicht stehen sollte. Ich
beneidete meine Schwester, ich wäre so gern bei meiner Wärterin geblieben. Es
erfolgte jetzt ein förmliches Abschiednehmen; meine Mutter küsste mich, und
führte mich zum Prior, der mir seinen Segen gab, meine Schwester ward weinend
von mir getrennt, der Hofmeister empfing mich aus den Händen des Priors, der ihm
Wachsamkeit und Fleiss empfahl. Er führte mich fort, ich folgte ihm halb tot vor
Entsetzen und bangem Erwarten. Es war der Anfang einer unglücklichen Reihe von
Jahren, der ich entgegenging.
    Er führte mich in das für uns bestimmte Zimmer, es war ganz entlegen, und
vom geräuschvollen Teile des Hauses entfernt. Eine grosse schwere Türe, am Ende
eines finstern Ganges ward aufgetan. Wir traten hinein, eine kalte Luft umfing
mich, ich schauderte, und derselbe Schauder überfiel mich jedesmal, wenn ich
hineinkam. Das Zimmer war gross und hoch, gotisch gewölbt, die Fenster ganz oben,
und zum Überfluss noch vergittert, die nackten grauen Wände nur von finstern
Heiligenbildern verziert. Am einen Ende bedeckte ein grosses Kruzifix einen Teil
der Wand; drunter ein Tisch, worauf eine Decke und zwei grosse Kerzen sich
befanden, gegenüber unsre Betten, zwei Tische mit Schreibzubehör, ein
Repositorium mit Büchern und einige Stühle: das war alles, was diese Gruft
entielt, in der ich vier lange, bange Jahre mit meinem gespensterhaften
Aufseher, unter unaufhörlichem Zwang verleben musste. Ich mochte ungefähr zehn
Jahre alt gewesen sein, als ich hineingelassen ward. Seltne spärliche
Sonnenstrahlen fielen durch die kleinen Gitter, und diese vermehrten nur immer
mehr meine Traurigkeit und meine Sehnsucht nach dem freien Himmel, wenn sie die
gegenüberstehende Wand erhellten. Jeden Morgen beim Erwachen fiel mir das
Kruzifix in die Augen, auf das oft ein solcher blasser Strahl schräg hinfiel und
es so schauderhaft erleuchtete, dass ich davor zurückbebte. Ich habe mich in
diesen ganzen vier Jahren an den Anblick nicht gewöhnen können; ich war froh,
wenn der Himmel umwölkt war, damit ich die Strahlen nicht mehr sähe, die sonst
meine grösste Freude gemacht hatten. Seitdem war ich noch oft sehr unglücklich,
ich habe Momente der schrecklichsten Verzweiflung erlebt; aber gegen die
Bitterkeit jenes Zustandes, in dem ich die lieblichsten Jahre meiner Kindheit
vertrauren musste... daran reichte seitdem nichts wieder! Wie grenzenlos
unglücklich ein Kind sein kann, dem die Hoffnung noch nicht bekannt ist, das
nichts hat, nichts kennt als den gegenwärtigen Moment, an dem es mit allen
Sinnen, mit aller Kraft und Begierde seiner empfangenden Seele hängt; wenn es
abhängig von fremder Laune, fremder Absicht, seine frohen Wünsche, die
natürlichen Gefährten seines Alters unterdrücken muss, so dass selbst diese ihm
fremd werden... gewiss hat ein jeder dies irgendeinmal erfahren: aber die meisten
vergessen diesen peinvollen Zustand wieder, sobald sie darüber hinaus sind. Ja
oft rächen sie sich für das ausgestandne Übel wiederum an ihren Kindern, so wie
diejenigen gegen ihre Untergebenen am härtesten verfahren, die selbst aus dem
Stand der Dienstbarkeit sind. Kinder werden von einer Generation auf die andre
als angebornes Eigentum angesehen, das man zu seinem eigenen Vorteil, oder nach
Laune, bearbeitet und benutzt. Nun, wenn es unabänderlich so bleiben muss, so ist
es nur eine Inkonsequenz, dass die Eltern nicht auch über Leben und Tod ihrer
Kinder zu richten haben!
    Es hielt schwer, eh ich mich bewegen liess, bei meinem Hofmeister zu bleiben,
der im Hause allgemein der Pater genannt ward. Ich sträubte mich aus allen
Kräften dagegen. Endlich ward mir im Namen meiner Mutter notifiziert, dass ich
mich durchaus fügen müsste, sonst sollte ich sogleich ins Kloster der
Benediktiner, wohin ich durch besondere Vergünstigung des Priors nun erst in
vier Jahren zu gehen brauchte. Er hätte aus Gewogenheit für mich und meine
Mutter es erlaubt, dass der grösste Teil meines strengen Noviziats in ihrem Hause
unter der Aufsicht des Paters vergehen dürfte, und für diese Gunst sollte ich
doppelt gehorsam und dankbar sein.
    Mein Schrecken war übermässig, als ich erfuhr, dass ich zu den Benediktinern
sollte. Der Prior hatte mich einmal im Kloster herumgeführt, mir die Ordnung,
Einrichtung und Gesetze erklärt, und trotz dem, dass er mir alles auf schönste
und unter vielen Schmeicheleien vortrug, konnte doch nichts den Abscheu
überwinden, den ich mit der grössten Heftigkeit gegen Kloster und Mönche fasste.
    Er war sonderbar, dieser Hass, denn ich kannte ja die Welt noch nicht, und
wusste nichts von ihren Freuden. Aber es war mir immer, als spräche etwas in
meinem Innern zu mir: es gibt noch viel schöne Dinge, aber weit von hier! Doch
alles, was ich einwenden mochte, half nichts, wollte ich diese vier Jahre noch
im Hause meiner Mutter bleiben dürfen, so musste ich mir alles gefallen lassen;
und nun war es beschlossen, dass sowohl ich, als meine Schwester zum Kloster
bestimmt wären, und dass wir, dieser Absicht gemäss, schon jetzt unsre Lebensart
daran gewöhnen sollten.
    Anfangs wurde ich und meine Schwester täglich zu meiner Mutter geführt, nach
und nach wurden aber diese Besuche immer seltner, meine Schwester blieb meiner
alten Wärterin ganz überlassen, und ich war allein mit dem Pater. Nur an seltnen
Festtagen durften wir zur Mutter kommen; auch fanden wir immer weniger Trost bei
ihr, sie bezeigte uns zwar viel Liebe, besonders mir; aber sie selbst ward
täglich trüber, und den Andachtsübungen immer mehr hingegeben. Mein einziger
Trost war meine Schwester, die ich aber nie sprechen konnte als im Garten, wohin
mich der Pater regelmässig jeden Abend führte, wo sie sich dann auch mit ihrer
Hofmeisterin einfand; dies war die einzige frohe Stunde, die ich den ganzen Tag
hatte; und auch diese war beschränkt, denn der Pater verliess mich keinen
Augenblick, und gelang es uns auch, uns allein zu unterhalten, so verging sie
unter gegenseitigen Klagen. Das arme kleine Mädchen jammerte besonders sehr über
die hässliche Kleidung, die ihr nicht stehen wollte, ich tröstete sie oft, wenn
ich weniger übelgelaunt war, und einigemal versicherte ich ihr sogar als eine
Prophezeiung, ich würde es, wenn ich erst älter wäre, gewiss ändern, und ich
wollte sie freimachen, sobald ich frei wäre. Darauf wusste sie aber niemals etwas
zu sagen, sie sah mich mit grossen Augen an, und es schien als glaubte sie mir
nicht, was mich denn nicht wenig verdross.
    Meine Tage füllten trostlose Studien, die alle darauf abzweckten, mich zu
meinem künftigen Stande geschickt zu machen; das kanonische Recht, geistliche
Gebräuche, Kirchengeschichte, kurz alles was in dieses Fach gehört: mein armes
Gedächtnis ward mit diesen toten Dingen bis zur Zerstörung gemartert. Das Beste,
was ich davontrug, war die Kenntnis einiger alten, und der deutschen Sprache;
der Pater war ein Deutscher von Geburt, und liebte seine Sprache. Der Prior, der
als ein gelehrter Mann bekannt war, hatte es über sich genommen, meine Studien
zu dirigieren. Er kam jede Woche einmal und untersuchte meine Fortschritte, es
war daher leicht zu begreifen, dass der Pater sein Bestes an mir versuchte. Mit
der grössten Strenge hielt er mich an, mir Sachen einzuprägen, die ich, Gott sei
Dank, in kürzerer Zeit vergass, als ich zu ihrer Erlernung gebraucht hatte; zur
Erholung wurde mir verstattet in den Legenden die Geschichte der Heiligen und
Märtyrer zu lesen, deren Gemälde an den Wänden hingen. Auch versuchte ich es
oft, mit der Feder die Umrisse dieser Bilder nachzuahmen, welches mir immer gut
gelang; mit einiger Anleitung hätte ich vielleicht ein Künstler werden können.
Gewiss ist es aber, dass Kinder von lebhaftem Geiste gegen die Dinge, wozu man
ihnen durch frühe Gewöhnung eine Neigung zu geben sucht, grade dadurch einen
Widerwillen bekommen; nur auf schwache, furchtsame Gemüter vermag die Gewohnheit
etwas. Der Abscheu gegen mein Leben und meine Bestimmung nahm mit jedem Tage zu,
da alles, was mich umgab, mich bis zur Ermüdung darauf hinwies. Freiwillig und
lebensmüde hätte ich sie vielleicht einst selbst gewählt.
    Alle erwachsenen Leute erschienen mir nicht allein mürrisch und hart,
sondern ganz unverständig und blind, ihre Befehle und Verbote sinnlos und
abgeschmackt. Darin ward ich besonders durch einen Zufall aus dem ersten Jahre
meines widrigen Lebens bestärkt. Ich war nämlich einmal mit meiner Schwester im
Zimmer meiner Mutter, sie wollte unsre Fähigkeit im Lesen prüfen. Zufällig war
kein andres Buch in der Nähe, als ein Gedicht, das meine Mutter eben gelesen
hatte. Ich las einige Verse, in denen das Glück der Kindheit gepriesen ward;
meine Mutter war mit der Fertigkeit, womit sie gelesen wurden, zufrieden, und
rühmte, indem sie sich zum Pater wandte, die Schönheit der Verse, und die
rührende Wahrheit des Inhalts; der Pater stimmte laut mit ein. Schwache
Geschöpfe, die in solcher Abhängigkeit leben müssen, glücklich zu preisen, zu
beneiden, das war zu toll! Ich ward ganz wütend, weinte, und war durch nichts zu
bewegen, noch weiter zu lesen, und musste die Strafe für meinen Eigensinn, wie
sie es nannten, erleiden, deren Ungerechtigkeit mich nur noch mehr empörte, und
meine Verachtung gegen die geringe Einsicht meiner Vorgesetzten noch
vergrösserte. Wie seufzte ich nach dem Moment, mich von den harterzigen,
unverständigen Tyrannen loszumachen, sie nicht mehr fürchten zu dürfen! Ich
suchte in den Augen meiner Schwester eine Übereinstimmung mit diesem Gefühle,
ohne sie zu finden; das Kind war durch meine erlittne Strafe erschreckt, und las
gedankenlos, was man ihr aufgab, mit allem Eifer, bloss um den Beifall der Mutter
zu erhalten; ich hatte Mitleid mit ihr, aber mein Zutrauen zu dem schwachen
Kinde war verschwunden.
    Der Eindruck dieser Begebenheit haftete unauslöschlich in meinem Gemüt; ich
war seitdem überzeugt, mehr Verstand zu haben, als die mich beherrschten, und
sie betrügen zu dürfen. Weil sie stärker waren und ihre Stärke gegen mich
anwandten, so glaubte ich meinen Verstand, als die einzige Waffe, wodurch ich
ihnen überlegen wäre, gebrauchen zu müssen. Ich suchte auf jede Weise meine
Unabhängigkeit in meinem Innern zu erhalten, je mehr ich meine Handlungen und
mein äusseres Leben nach ihrem Willen ordnen musste. In jeder Meinung ging ich
geflissentlich von der ihrigen ab, es war mir genug, dass jene etwas fest
glaubten, um starke Zweifel in mir dagegen zu hegen, und gerade das
Entgegengesetzte anzunehmen. Da ich nun meine Freidenkerei sorgfältig verbergen
musste, so hielt ich mich heimlich für den Zwang schadlos; jeder Akt von
Unabhängigkeit, auch der allerunbedeutendste, erfüllte meine Seele mit einem
geheimen Triumph, und dass ich nicht gleich auf der Stelle für meine Unwahrheit
von Gott bestraft wurde, befestigte mich in meiner Überzeugung. So lebte ich, in
anscheinendem Frieden, innerlich in beständigem Krieg mit meinen Vorgesetzten,
dachte auch, sie verachteten mich ebenso, wie ich sie, und suchten mich nur zu
überlisten.
    Wie ward ich nun überrascht und erschüttert, als ich bei einer Krankheit,
die ich aus Stolz einige Tage verbarg, der ich aber endlich unterliegen musste,
die Zärtlichkeit meiner Mutter und die Sorgfalt meines Hofmeisters für meine
Genesung gewahr ward! Es waren die Blattern, die mit gefährlichen Symptomen
herausbrachen. Einige Tage lag ich in heftigem Fieber ohne Bewusstsein; in dem
Augenblick, als ich endlich zu mir kam, und noch ganz entkräftet die Augen
aufschlug, war das erste, was ich unterscheiden konnte, der Anblick meiner
Mutter, die auf ihren Knien lag, und mit heissen Tränen und geängstigtem Herzen
Gebete für ihr Kind zum Himmel schickte. Ich machte eine Bewegung, sie kam zu
mir, ich sah sie bleich und ihre Kleidung und Haare zerstreut und nicht in der
gewöhnlichen Ordnung; ich erkundigte mich nach der Ursache, da hörte ich: sie
wäre in den Nächten meiner Lebensgefahr nicht von meinem Bette gewichen, und
hätte sich auch am Tage nicht von mir entfernen wollen, um gehörig auf ihrem
Bette zu ruhn, oder sich umzukleiden. Ihre Freude, als sie gewahr ward, dass ich
meine Besinnung wiedererlangt hätte, und sie mich wieder ruhig und
zusammenhängend sprechen hörte, auch der Arzt versicherte, ich sei jetzt ausser
aller Gefahr, war unbeschreiblich, und bewegte mich tief. Mein Zustand schien
mir selbst höchst abschreckend und ekelhaft; doch hielt er weder meine Mutter
noch meinen Hofmeister ab, mir alle möglichen Dienste selbst zu leisten, und
Erleichterungen zu verschaffen. Sie verliessen mich fast keinen Augenblick,
begegneten mir mit nie erfahrner Freundlichkeit, und suchten mir sogar durch
kleine Spiele diese Leidenszeit zu verkürzen. Trotz meiner körperlichen
Schmerzen war ich zum erstenmal vergnügt; mein Herz erweichte sich gegen
diejenigen, die ich für meine Feinde gehalten hatte, und die mich jetzt so
freundlich und zärtlich behandelten. Mein Vergehen, sie als Feinde betrogen zu
haben, fiel schwer auf mein Gewissen; es drängte mich, mich ihnen zu entdecken,
und sie selbst um die Auflösung meiner Zweifel zu bitten. In dieser Aufwallung
von frommer Treuherzigkeit legte ich eine vollständige Beichte in Gegenwart
meiner Mutter und des Paters ab; heisse Tränen entfielen meinen Augen bei dem
Bekenntnis meiner Sünden! Der Moment war entscheidend, denn jetzt hing es von
ihnen ab, mich auf immer für sich zu gewinnen. Die Idee vom Kloster ausgenommen,
war ich zu allem bereit, was von mir gefordert würde; ja auch zu diesem hätte
ich mich vielleicht verleiten lassen, wenn sie mich mit weniger sichtbarer
Absicht behandelt hätten; aber sie verstanden mich nicht, dies rettete mich.
    Während meiner Beichte waren beide sehr erschreckt, wegen der Tiefe meiner
Ruchlosigkeit, wie mein Hofmeister sich ausdrückte, meine Mutter aber wegen
meines weltlichen Hanges zur Unabhängigkeit, der durch keine geistliche Übung
und Anstrengung zu unterdrücken sei. Während meiner Genesung ward ich mit
Schonung behandelt, nur musste ich mehr noch als vorher, Gebete hersagen, und
sonst allerlei von mir verachtete Dinge vornehmen. Mit unbeschreiblicher Geduld
verrichtete ich alles, bloss aus Gefälligkeit für die Menschen, die mich liebten,
und die ich beleidigt hatte. Dass sie mir mein Unrecht nicht fühlen liessen, hatte
ihnen mein ganzes Herz wiedergewonnen.
    Ihr Betragen veränderte sich aber, je mehr ich wieder an Kräften zunahm. Mit
der möglichsten Strenge ward ich beobachtet; zu unaufhörlichen, mir
verabscheuungswürdigen Übungen angetrieben; nicht die allergeringste Freiheit
ward mir verstattet; im Hause der Mutter musste ich vollkommen so leben, als im
Kloster; dabei zeigte man mir unaufhörlich das grösste Misstrauen. Ich fühlte mich
hier so rein, war es mir bewusst, dass ich durch meine Aufrichtigkeit vielmehr ihr
Zutrauen hätte erwerben sollen; ich fand jene so klein, so unedel in ihrem
Misstrauen, und mich so unwürdig behandelt, dass mein Entschluss wieder aufs neue
fest ward, mich zu befreien. Wie? und wann? das sah ich, unerfahren und kindisch
wie ich war, durchaus nicht ein. Der Zufall kam mir zu Hülfe.
    Wir machten unsern gewöhnlichen Spaziergang im Garten; der Prior kam dazu
und nahm unsre Aufseher auf die Seite, um etwas mit ihnen zu überlegen; ich
blieb mit meiner Schwester in einem bedeckten Gang allein. Auf einmal hörten wir
auf dem Hof nebenan einige Stimmen und Pferdegetrappel; neugierig, wie jeder
Eingekerkerte, guckten wir durch eine ziemlich grosse Öffnung der Planke, die
unsern Garten von jenem Hofe trennte. Ich erblickte einen Jüngling, der sich in
muntrer militärischer Tracht eben auf ein schönes Pferd schwang, und vom Hofe
herunterritt. Er war nicht mehr zu sehen, und alles still um uns. Ich
betrachtete bald mich, bald meine Schwester. Das Bild des leichten schlanken
Jünglings, wie er sich auf das rasche Pferd schwang, einen reichgekleideten
Knaben hinter sich, schwebte mir noch immer vor Augen; mein Zustand kam mir ganz
unleidlich vor; ich weinte heftig, ich war ausser mir, und in einem Zustande von
Verzweiflung. Meine arme Schwester versuchte mich zu trösten; es gelang ihr aber
nicht eher, bis sie mir versprach, sie wollte ihr möglichstes tun, mich mit dem
Jüngling bekannt zu machen.
    Wirklich gelang es ihr einige Tage darauf, ihn durch die Planke zu sprechen,
und ihn zu bitten, den andern Tag in derselben Stunde wieder an dem Ort zu sein,
zugleich sagte sie ihm von meiner Begierde, ihn zu sprechen. Sie gewann ihre
Hofmeisterin für mich, die mir noch immer sehr gewogen war, öffentlich aber
nichts für mich tun konnte.
    Den andern Tag, als wir im Garten waren, entfernte sie sich um die bestimmte
Zeit mit dem Pater und meiner Schwester, die nur unter der Bedingung nicht dabei
zu sein, sie in ein so gewagtes Unternehmen hatte hineinziehen können. Ich blieb
allein am bestimmten Ort, der Jüngling erschien bald darauf, nicht wenig
neugierig auf eine so abenteuerliche Zusammenkunft. Mit wenigen Worten, und ohne
Zeitverlust, sagte ich ihm kurz die Ursache, warum ich seine nähere
Bekanntschaft wünschte, bei welcher Gelegenheit ich ihn zuerst gesehen, und
welche Hoffnung ich gleich beim ersten Anblick von ihm gefasst habe; zugleich
machte ich ihn mit meiner ganzen Lage bekannt. Er nahm auf der Stelle den
wärmsten Anteil an meiner Not, beklagte mich, versprach mir seine Hülfe und
seinen Rat in allem, was ich unternehmen wollte, und gewann mein ganzes Herz
durch sein edles Wesen. Er bestärkte mich in meinem Vorsatz, mich mutig zu
widersetzen, vorher aber sollte ich zu erlangen suchen, dass wir freundschaftlich
zusammen umgehen könnten. Wir trennten uns, da ich die Stimmen der übrigen
vernahm, mit dem gegenseitigen Versprechen, uns bald wiederzusehen.
    Ich hatte neuen Mut durch diese Bekanntschaft gewonnen; und die erste
Wirkung war die, mich nicht ferner zu verstellen; jetzt verachtete ich meine
Unterdrücker mehr, als ich sie fürchtete.
    Den andern Morgen sagte ich dem Pater in einer ordentlichen Anrede: Ich
dankte ihm für seine bisherige Bemühung, der er aber von nun an überhoben sein
sollte, weil es mit meinen Studien vollkommen aus wäre! Wollte er mich aber etwa
zum Studieren zwingen, so würde ich sogleich zu meiner Mutter gehen und es ihr
selber sagen, dass ich unter keiner Bedingung ins Kloster gehen, noch auch die
geistlichen Studien weiter fortsetzen wolle; ich sei fest entschlossen und ganz
bereit, mich jeder Begegnung auszusetzen, um mich freizumachen. Der Pater war
wie aus den Wolken gefallen, als er mich diese Sprache führen hörte, und wollte
einiges versuchen, mich wieder zum alten Gehorsam zu bringen; da er mich aber
unwandelbar entschlossen sah, nahm er plötzlich eine ganz andre Miene an. Der
arme Teufel mochte wohl fürchten, seine gute einträgliche Stelle, und die
künftige Versorgung, die ihm der Prior zugesagt hatte, zu verlieren, wenn ich
mich meiner Mutter entdeckte; er wusste, diese würde den Fall sogleich dem Prior
mitteilen, der dann vor allen Dingen einen andern Hofmeister für den
rebellischen Knaben herbeischaffen würde; eine Veranstaltung, die zuerst den
Pater zu seinem eignen Nachteil hätte betreffen müssen. Nach einigem Bedenken
fragte er mich nach meinem Plan, sagte viel zu seiner Verteidigung: wie ich ihn
verkennte, wie er mich im Herzen immer bedauert hätte, und mir aufrichtig
zugetan sei; da es ihm aber aufgetragen wäre, mich so zu behandeln, so hätte er
seine Pflicht doch tun müssen. Verlassen wollte er mich aber auf keinen Fall,
und hier würde Gott es ihm verzeihen, wenn er, im Zweifel über seine Pflicht,
seinem Herzen folgte; und was der Worte mehr waren. Sobald ich nur merkte, dass
es sein Vorteil sei, mir nichts in den Weg zu legen, hörte ich nicht weiter
darauf. Alles was er für mich tun könnte, sagte ich ihm, wäre, mir die Erlaubnis
zu geben, dass ich den Sohn unsers Nachbars, des Marchese, besuchen dürfte, mir
auch unverzüglich und insgeheim ein Pferd und eine anständige Kleidung für mich
anzuschaffen, dies alles dann dem jungen Manfredi zu überbringen, und soviel
möglich mir zum Ausgehen zu verhelfen.
    Er versprach alles, nur sollte ich Sorge tragen, dass er mich nicht verlassen
dürfte; ich gab ihm mein Wort, und von dem Augenblick schwur er mir ganz ergeben
zu sein. - Ich traute ihm viel zu leicht: wahrscheinlich hätte er mich bei der
nächsten Gelegenheit verraten, wenn er Zeit dazu gefunden hätte, aber es nahm
schneller eine gute Wendung, als ich selber hoffen durfte. Ich ging sogleich zu
meinem jungen Freunde, der Pater begleitete mich, damit es im Hause keinen
Verdacht erregte, wenn man mich ohne ihn ausgehen sähe. Zu meinem Freunde liess
er mich aber allein, nachdem wir einen Ort verabredet hatten, wo wir uns
jedesmal wieder antreffen wollten. Die Freude, die wahrhaft kindische Lust, als
ich nun im Zimmer meines lieben Manfredi war, und in Freiheit mich mit ihm
unterhalten konnte, beschreibe ich euch nicht. - Ich machte ihm bekannt, wie
weit ich in der Insurrektion gekommen wäre, und dass er nun das Pferd, das mir
der Pater verschaffen würde, versorgen, und meine Kleider bei sich verbergen
möchte, die ich dann immer bei ihm anlegen wollte, sooft wir zusammen ausritten;
denn dass ich gleich zuerst wollte reiten lernen, versteht sich von selbst, mein
guter Manfredi wollte mein Meister sein. In unsern heissen Köpfen fand dieser
ganze Plan nicht die geringste Schwierigkeit, mein Freund versprach mir alles,
was ich verlangte; was am Ende daraus werden sollte, das wollten wir ein
andermal überlegen, in diesem Augenblick hatten wir vor aller Herrlichkeit keine
Zeit dazu. Ich war bei meines Freundes Fechtübungen zugegen, und sogleich ward
beschlossen, auch ich sollte heimlich teil daran nehmen. Jetzt wusste ich
bestimmt, dass ich Soldat werden wollte, und Manfredi bestärkte mich in diesem
Vorsatz. Ich lief ganz voll von allem, was ich gesehen, und betäubt von tausend
Empfindungen zu meinem ehrwürdigen Hofmeister, den ich antrieb mir das Nötige
herbeizuschaffen.
    Als ich das nächste Mal zu Manfredi kam, fand ich seinen Vater bei ihm, und
er stellte mich diesem so vor, dass ich merken konnte, er hätte ihm von mir etwas
gesagt. Ich war ängstlich, ich hatte noch immer eine gewisse Furcht vor allen
erwachsenen, älteren Leuten, als den Feinden der jungen. Der Marchese flösste mir
aber bald Zutrauen ein, er begegnete mir freundlich und mit Schonung. Als ich
einigen Mut gefasst hatte, fragte er mich nach den genauern Umständen meiner
Geschichte, Manfredi hatte ihm nur das Allgemeine davon mitgeteilt. Ich erzählte
nun meine Lebensart, klagte über den Zwang zu Studien, die mir Langeweile
machten; dass ich zum Kloster bestimmt, aber entschlossen wäre, mich bis in den
Tod zu widersetzen; dass an dieser Härte und diesem Zwang niemand schuld wäre,
als der mir fatale Prior, der Beichtvater meiner Mutter, dem sie nicht allein
das Heil ihrer Seele, sondern auch die Führung aller weltlichen Dinge anvertraut
hätte. Ja, rief ich mit dem grössten Affekt, ich will lieber den Tod als das
Kloster! ich will die abscheulichen Mönchskleider nicht länger tragen! ich will
nicht aussehen wie diese Mönche, und nicht werden wie sie; dazu hat man mich
schon seit der zarten Kindheit gewöhnen wollen. Ich klagte sogar mit der grössten
Bitterkeit, dass mir schon angekündigt wäre, mir in den nächsten Tagen die Haare
abzuscheren, die ich, eitler törichter Weise, zu sehr liebte. Bis jetzt hatte
sie meine Mutter trotz der Vorstellungen des schrecklichen Priors immer noch
erhalten, weil sie selbst sie liebte; nun sollten sie aber herunter, weil sie
befürchtete, ihr Herz zu sehr an diesen weltlichen Schmuck zu hängen. -
    Sie lächeln, Juliane, über die Wärme, mit der ich dieser kindischen
Eitelkeit erwähne! Sie können aber wohl schwerlich denken, wie entsetzlich mir
die Idee war, ebenso auszusehen wie die Mönche mit ihren geschornen Köpfen:
meine Haare hielt ich noch für das einzige, was mich von dieser verhassten Klasse
unterschied, das Seil, das mich noch in gewissem Sinn an die Welt knüpfte, die
ich durchaus nicht verlassen wollte, die ich erst wollte kennenlernen; diese
Haare sollte ich nun lassen!« - »Nun, lieber Florentin«, rief Juliane, »halten
Sie sich nicht auf, was sagte der Marchese zu Ihrer tragischen Erzählung?« -
»Dem Marchese schien sie Vergnügen zu machen, er lächelte einigemal mit
Bitterkeit, als ich vom Einfluss des Priors auf meine Mutter sprach. In der Folge
erfuhr ich, dass er durch die Einmischung der Geistlichen in
Familienangelegenheiten schon eine schreckliche Zerrüttung bei einem seiner
Freunde erfahren, und seitdem allem, was zum Mönchstume gehörte, den
unversöhnlichsten Hass geschworen habe. Er ist sowohl durch seine Herkunft als
durch sein Vermögen von grossem Einfluss, und gebraucht diesen soviel er vermag,
und mit der grössten Vorsicht und Klugheit, um allen Orden zu schaden, wenigstens
ihrem zu grossen Einfluss entgegenzuarbeiten.
    Er fragte mich, wozu ich entschlossen wäre, und was ich zunächst tun wollte?
Ich entdeckte ihm mein Verständnis mit dem Pater, und wie ich, sobald mich
Manfredi in den notwendigsten Stücken würde unterrichtet haben, gesonnen sei,
davonzugehen, und im Auslande Soldat zu werden. Mit dem letzten war der Marchese
zufrieden, aber die Heimlichkeit wollte er nicht billigen. Er drang darauf, mich
meiner Mutter zu entdecken. Ich erinnerte ihn, wie meine Mutter so ganz von
ihrem Beichtvater abhinge, und dass ich von diesem ja auf keine Weise etwas
hoffen dürfte. Gegen jeden Mann von Ehre, setzte ich keck hinzu, und der mit
gleichen Waffen gegen mich ficht, werde ich offen und ohne Rückhalt handeln und
sprechen, aber gegen diese Menschen halte ich die List für erlaubt, sie ist mein
einziger Vorteil gegen sie. Den Marchese belustigte wahrscheinlich mein
kindischer Eifer, denn er liess mich eine gute Weile deklamieren. Endlich sagte
er: Nun gut, mein junger Freund! beruhigen Sie sich nur. Sie haben recht, Sie
dürfen sich nicht aussetzen, ich werde Ihre Sache führen, hoffentlich soll es
mir gelingen Sie freizumachen, nur versprechen Sie mir, nichts ohne mein
Vorwissen zu unternehmen. Ich versprach alles, was er wollte, in der Freude
einen Beschützer an dem Vater meines Freundes gefunden zu haben. Jetzt gedachte
ich auch meiner armen Schwester, die, wie ich mir einbildete, in derselben
angstvollen Lage seufzte. Der Marchese erkundigte sich näher nach ihr; da nahm
Manfredi das Wort, und beschrieb ihre rührende Schönheit, ihre Sanftmut und
Geduld mit einiger Wärme. Der Marchese hörte ihn ernstaft an, und sagte dann:
Es tut mir leid, für Ihre Schwester kann ich nichts tun; Familienverhältnisse
machen es für die Töchter oft zur Notwendigkeit den Schleier zu nehmen, und nach
allem, was mir Manfredi sagt, scheint sie sich recht gut in dieses Schicksal zu
fügen. Ich wollte ihn vom Gegenteil überzeugen: - Nein, nein, fuhr er fort, es
geht nicht an, für Ihre Schwester lässt sich nichts tun, und es wäre sehr gut,
wenn ihr junge Herrn ihr nicht Hoffnung machtet, und sie von dem Wege ablenktet,
den sie gehen muss. Was aber Sie betrifft, verhalten Sie sich ganz ruhig, Sie
sollen bald frei sein. Ein Jüngling sollte niemals zum Kloster bestimmt werden,
solange man noch Köpfe und Arme in der Welt braucht, und solange es Armeen gibt.
    Ich folgte dem Marchese, und blieb ruhig auf meinem Zimmer, beim Pater
wurden meine Aufträge widerrufen, und ihm nur empfohlen ein wachsames Auge auf
das zu haben, was bei meiner Mutter vorginge, und es mir zu hinterbringen.
Einige Tage darauf kam er besorgt zu mir, und erzählte: er wäre zu meiner Mutter
gerufen worden, wo er den Prior gefunden hätte; beide hätten mit Heftigkeit
geredet, indem er hineingetreten sei, und ihn scharf befragt: wo ich den
Marchese gesprochen hätte? und bei welcher Gelegenheit? Er, der Pater, hatte
sich dann völlig entschuldigt, und versichert, er wüsste von nichts, er wollte
mich aber darnach fragen. Dies wäre ihm gestattet worden, und nun wollte er sich
bei mir erkundigen, was er berichten sollte? Es ward nun geschwind etwas
ersonnen, das ziemlich glaubwürdig klang, und wobei der Pater zugleich von jedem
Verdacht freiblieb, und alles allein auf mich fiel. Er gab mir zugleich
Nachricht von einigen ernstaften Unterredungen, die meine Mutter mit dem Prior
gehabt, endlich ward ich vorgerufen; der ehrwürdige Pater empfahl mir noch
einmal sein Heil, und nun trat ich nicht ohne Herzklopfen und bange Erwartung in
meiner Mutter Zimmer.
    Hier hatte ich einen schweren Auftritt zu überstehen. Ich ward genau aber
ohne Strenge vernommen; dann wandten sowohl meine Mutter als der Prior jede
Überredung, jede Schmeichelei an, mich zu bewegen, dass ich mich freiwillig zum
Kloster entschliessen sollte. Meine Mutter weinte, bat, rief mir jede Erinnerung
ihrer mütterlichen Zärtlichkeit ins Gedächtnis zurück, beschwor mich mit
aufgehobenen Händen, mit den rührendsten Gebärden, ihr alles was sie je für mich
geduldet hätte durch diesen einzigen Entschluss, der das ewige Heil meiner Seele
und ihrer eigenen sicherte, zu belohnen. Ich war wie gepeinigt, konnte nicht
sprechen, nur durch meine Liebkosungen suchte ich sie zu beruhigen; im Schmerz,
die Frau, die ich ehrte, so leiden zu sehen, und um meinetwillen aus Sorge für
meine ewige Seligkeit so leiden zu sehen, konnte ich durchaus meinen Widerwillen
nicht wiederfinden; halb war ich erweicht, und wirklich in Gefahr nachzugeben;
in dem Augenblick fing aber der Prior an, mit seiner fetten Stimme, die mir in
den Tod zuwider war, mir die grossen Vorteile der Abgeschiedenheit von dieser
verderbten zur ewigen Verdammnis lebenden Welt vorzuzählen, und mir mit allen
Höllenstrafen für meine Widersetzlichkeit gegen meine Mutter zu drohen. Da fiel
mir mein guter Manfredi ein, und sein vortrefflicher Vater, und dass ich, wenn
ich standhaft bliebe, ein Pferd haben und Soldat werden sollte; dies brachte
mich zu mir selbst, und ich war gerettet. Dem Prior antwortete ich nicht, aber
meiner Mutter mit einer für mein Alter seltnen Entschlossenheit und Festigkeit.
    Wie es der Marchese angefangen hatte, begreife ich noch jetzt nicht; denn
ich weiss gewiss, er hat mit meiner Mutter selbst nicht einmal gesprochen: kurz,
ich ward befreit, und das Resultat aller Überlegungen und Unterredungen war, dass
ich nach einer nicht sehr entfernten grossen Stadt, in die adelige Militärschule
daselbst geschickt ward, um mich dort in den nötigen Übungen geschickt zu
machen, eh ich in Dienste treten konnte. Mein Hofmeister, auf den nicht der
geringste Verdacht fiel, bekam die Versorgung nun noch früher, als er gehofft
hatte, er tröstete sich also für meinen Verlust, und mir war es auch nichts
Geringes, ihn so auf gute Art loszuwerden. Der Abschied ward mir leicht; meine
arme Schwester grämte sich aber recht herzlich, dass ich mich von ihr trennen
musste. Das arme Kind war nun ganz den Menschen überlassen, die sich der Schwäche
ihres Charakters bedienten, um sie nach ihrer Willkür zu lenken. Sie fühlte ihre
Abhängigkeit, aber diese drückte sie nicht so wie mich; doch ich konnte es mir
gar nicht denken, dass sie nicht ebenso unzufrieden sein müsste. Beim Abschied
steckte ich ihr einen Zettel zu, ich riet ihr darin mir zu schreiben, wenn ich
ihr helfen sollte, ihre Hofmeisterin würde mir zuliebe gewiss ihre Briefe
bestellen.
    Jetzt erwartete mich aber noch eine grosse Freude: Manfredi kam, und kündigte
mir an, dass er mit mir reise. Er war zwar älter als ich, und hatte seine Übungen
schon vollendet, da der Marchese ihn aber so jung nicht zum Regiment schicken
wollte, so hatte er in die Bitte des Sohns gewilligt, in meiner Gesellschaft
sich noch in manchen Dingen vollkommner zu machen, und mich auch, da ich so
völlig ohne Welt war, und man mich auf eine so unverzeihlich nachlässige Weise
ganz allein reisen liess, dort einzuführen, und meine Studien zu dirigieren.
Auffallend war es in der Tat, wie man mich nach der strengsten Aufsicht
plötzlich mir selbst überliess, ohne Führer, ohne Ratgeber, als ob ich von nun an
für vogelfrei erklärt wäre. Man hielt mich von dem Augenblick an wahrscheinlich
für einen Raub des Satans und jede Sorgfalt für ganz unnötig.
    Der Marchese billigte gleich den Vorsatz seines Sohnes, und befestigte ihn
noch darin. Meine Erziehung schien ihn zu interessieren. In der Folge glaubte
ich zu bemerken, dass es ihm auch darum zu tun war, Manfredi von meiner Schwester
zu entfernen; damals fiel es uns aber beiden gar nicht ein, wir freuten uns
herzlich beisammen zu sein, und waren dem gütigen Marchese dankbar für seine
Wohltaten. Ich war damals etwa vierzehn oder fünfzehn Jahr, Manfredi einige
Jahre älter. Es war in derselben Jahreszeit, in der wir jetzt sind, dass ich
zuerst die schöne Welt frei betrat, an der Hand meines guten Manfredi.« - »Ach«,
rief Juliane, »ich schöpfe endlich freien Odem! Ich fand keinen Ausweg für Sie,
und ängstete mich gewaltig, Sie endlich dennoch unter den Mönchen zu sehen; es
wollte mir gar nicht deutlich werden, dass Sie nun hier sind, und kein Mönch
haben werden müssen.« - »Florentin«, fiel Eduard ein, »hat so gut erzählt, man
musste es ganz aus den Augen verlieren, dass es eigentlich seine Geschichte sei!«
- »In der Tat«, sagte Juliane, »ich hätte nie geglaubt, dass er so
zusammenhängend und in einem Strome fort reden könnte.« - »Ich kann nicht
finden, dass ich so gut erzählt hätte, denn anstatt die einfache Geschichte
geradeweg zu erzählen, bin ich in den Konfessionston hineingeraten. Es ist die
Erinnerung meiner Kindheit, die einzige Epoche meines Lebens, die mich
interessiert, die mich so schwatzhaft gemacht hat. Zum Glück ist es hier nun
aus, denn ich bin es selbst müde.« - »Wie? Aus?« - »Ja, aus! denn was mir nun
noch zu erzählen bleibt, ist des Erzählens kaum wert, und lässt sich in ein
Dutzend Worten ungefähr fassen: nämlich die eine, bis zur Ermüdung wiederholte
Erfahrung: dass ich eigens dazu erkoren zu sein scheine, mich in jeder
Lächerlichkeit bis über die Ohren zu tauchen, immer nur von einem Schaden zum
andern etwas klüger zu werden, mich immer weniger in das Leben zu schicken, je
länger ich lebe, und zuletzt der Narr aller der Menschen zu sein, die schlechter
sind als ich.« - »Nicht so gar bitter, lieber Florentin«, sagte Eduard
freundlich; »vergessen Sie nicht, dass dieses mehr oder weniger das Schicksal
aller Jünglinge ist, nur wirkt diese Allgemeinheit verschieden auf die
verschiedenen Gemüter.« - »Jawohl, aber eben das ist es«, sagte Florentin, »dass
es gerade auf mich so und nicht anders wirken musste! Ist denn diese
Verschiedenheit nicht eigentlicher das Schicksal zu nennen, als die äussern
Begebenheiten?« - Juliane unterbrach ihn: »O lieber Florentin, nur einige von
Ihren Erfahrungen, wie Sie sie nennen, erzählen Sie noch, ich bin sehr begierig
zu hören, wie man Sie so oft hat zum besten haben können, man muss es doch eigen
angefangen haben.« - »Auf die einfachste Weise von der Welt, das sollen Sie
hören.
    Manfredi und ich waren unzertrennlich während unsers Aufentalts auf der
Akademie; noch liebe ich ihn immer herzlich, und ich wünschte wohl, wir träfen
noch einmal im Leben zusammen, wir waren uns gewiss echte Freunde, obgleich wir,
dem Äussern nach, eben nicht füreinander passten: ich war immer wild, ausgelassen,
einigermassen tollkühn und roh; er hingegen sanft, liebend, von schöner Gestalt,
und edlem Gesicht, feinem Anstand, tadellosen, wahrhaft altadeligen Sitten,
strengen Grundsätzen über die Ehre; und doch zog uns diese Verschiedenheit
vielmehr gegenseitig an. Er konnte am ersten mich von irgendeiner
Ausgelassenheit zurückführen, dagegen konnte ich sicher auf ihn rechnen, wenn es
darauf ankam, irgend etwas Rechtes auszuführen, oder wenn meine Ehre zu retten
war. Hatte ich zu irgend etwas mein Wort gegeben, so half er es lösen, wenn auch
mit Lebensgefahr. War es aber vollbracht, so musste ich oft die ernstaftesten
Verweise wegen meiner Unbesonnenheit von ihm hören. Von niemand hätte ich sie
ertragen, als von dem, der den Mut und die Liebe hatte, alles für mich zu wagen.
O du mein guter Genius, der du meine Jugend, mein schönstes Dasein schütztest,
warum haben wir uns trennen müssen? Seitdem, mein Manfredi, wandre ich einsam
und in der Irre.« - Florentin sagte diese letzten Worte mit einer vor Rührung
erstickten Stimme, er hob sein Auge mit Wehmut empor, dann schwieg er, in
Gedanken verloren. Eduard nahm seine Hand; Florentin blickte ihn an und sah
Tränen in seinen Augen glänzen, er warf sich in seine Arme: - »Ich verstehe den
Vorwurf dieses Händedrucks, mein guter Eduard! Nein, ich bin jetzt nicht mehr
allein, nicht mehr in der Irre! ich habe wieder ein Herz gefunden, das verdient
neben dem Andenken an meinen Manfredi zu stehen! Ich bin dein, Eduard, auf
immer!« - »Ewig dein, mein Florentin! « - Sie hielten sich in fester Umarmung
umschlossen. - »Schliesst mich nicht aus, aus eurem Bunde«, sagte Juliane, »auch
ich bin euer« - Eduard umarmte sie zärtlich; sie beugte sich gegen Florentin, er
berührte freundlich lächelnd ihre Stirn mit seinen Lippen.
 
                                 Achtes Kapitel
Nach einer Pause fing Florentin wieder an:
    »Wir waren ungefähr zwei Jahre auf der Akademie, unsre Übungen waren
vollendet, wir sprachen schon von unsrer Rückreise und meinem weitern
Fortkommen, als ganz unerwartet ein Brief an mich ankam, er war von meiner
Schwester. Der Tag ihrer Einkleidung sei bestimmt, schrieb sie mir, und sehr
nah, sie wolle also von mir und meinem Freunde schriftlich Abschied nehmen, und
mich meines Versprechens, ihr zu helfen, entlassen, denn sie dürfe jetzt nicht
mehr auf die Ausführung desselben hoffen. Sie sei nun entschlossen, sich drein
zu ergeben; auch hoffe sie, es würde ihr gewiss am Ende gut gehen, denn seit dem
Jahre, dass sie nun im Kloster gelebt, habe sie viel Liebe und Freundlichkeit von
den Nonnen erfahren; sie habe auch schon einige gute Freundinnen, die sie sehr
liebe, die sie wieder zärtlich lieben, und mit denen sie immer zusammen sei, das
sei doch eine Freude, die sie bei der Mutter entbehre, wo sie ebenso streng
eingezogen leben müsse, als im Kloster, und dabei ganz allein, ohne eine
Gespielin ihres Alters zu haben. Sie wünsche sehr von mir und Manfredi mündlich
Abschied zu nehmen, wir sollten es doch möglich zu machen suchen,
zurückzukommen, um bei der feierlichen Einkleidung zugegen zu sein, und sie in
ihrem Schmuck zu sehen, denn sie würde ganz herrlich geschmückt sein, die Mutter
hätte ihr für ihren Gehorsam einen reichen Anzug zur Zeremonie gegeben, und so
viel Geld zu guten Werken, als sie nur immer verlangte. Ihre vorige Hofmeisterin
habe diesen Brief zu bestellen übernommen, aus alter Liebe für ihre
Pflegekinder, und wolle ihr auch meine Antwort überbringen, wenn ich ihr eine
schreiben wollte.
    Dies war ungefähr der Inhalt ihres Briefes. Die Unschuld aber, das
Unbewusste, Einfältige, das aus jedem Wort hervorblickte, kann ich nicht
ausdrücken. Wir wurden beide auf eine eigne Weise von der Beschränkteit
gerührt, und Manfredi erinnerte sich dabei mit vieler Zärtlichkeit der süssen
Gestalt und der frommen kleinen Miene. Ich beschloss auf der Stelle, sie zu
retten, wenn Manfredi mir zur Ausführung helfen wollte. Dieser war nicht so bald
zu bewegen, aber ich hatte ihm das Geständnis abgedrungen, dass ihr rührendes
Bild, so wie er es durch die Planke des Gartens erblickt hatte, jetzt aufs neue
mit grossen Ansprüchen auf seine Hülfe vor ihn träte, dass er es eigentlich noch
nie aus seiner Seele verloren habe, kurz dass er sie liebe, und gewiss glücklich
sein würde, wenn er sich mit ihr verbinden dürfte. Überdem hatte ich ihr Hülfe
versprochen, und sie schien sogar auf ihn gerechnet zu haben; er ward endlich
überredet, dass unsre Unternehmung gerecht und ehrenvoll sei, und versprach mir
seine Hülfe. Und nun ward ein allerliebster Plan verabredet, der so toll war,
dass es uns alle drei, wenn er gelungen wäre, ins tiefste Elend gezogen hätte.
Uns kam aber damals nichts leichter, nichts natürlicher vor.
    Meiner Schwester schrieb ich in wenigen Worten: Ich wolle mein Versprechen
mit Manfredis Hülfe erfüllen. Sie solle alles tun, was man von ihr verlangte,
nur Sorge tragen, dass sie nicht die erste sei, die an dem Tage das Gelübde
ablegte. Sie werde mich in dem Augenblick sehen, wenn sie zum Altar gehen müsse,
dann solle sie sich gefasst halten, mir auf meinen Wink zu folgen. Mit Manfredi
hatte ich verabredet, gleich zurückzureisen, ohne es jemand wissen zu lassen,
ohne uns zu zeigen, und den Tag der Einkleidung in einem entlegenen Hause vor
dem Tor zu erwarten. Dann wollte ich ganz eingehüllt ins Kloster gehen, und mich
unter das Gedränge mischen; wenn dann meine Schwester sich mit der Begleitung
aller Angehörigen durch die Menge drängte, um zum Altar zu gelangen, und alles
aufmerksam auf die Himmelsbräute wäre, die vor ihr eingekleidet würden, dann
sollte ich den Moment wahrnehmen, sie von den übrigen ab, und zur Tür
zurückführen, sie dann schnell in einen Mantel verhüllen, den ich über meinen
eigenen hängen wollte, und mit ihr durch den nächsten Gang in den Garten eilen.
Da bei einer öffentlichen Feierlichkeit die Türen offen sind, oder doch
nachlässig bewacht werden, so war von dieser Seite kein Hindernis zu befürchten.
Manfredi musste unterdessen eine Strickleiter an die Mauer befestigt haben, und
uns draussen mit einer Chaise und raschen Pferden erwarten; auch müsste er eine
Männerkleidung in Bereitschaft halten, die meine Schwester sogleich anlegen
könnte, wenn wir uns ausser der Stadt sähen, dann wollten wir, ohne zu rasten,
nach Venedig reisen, dort würden sie sogleich getraut. Für die Einwilligung
meiner Schwester war ich Bürge, ich war überzeugt, sie würde sich in ihrem neuen
Lose besser und glücklicher finden, als in dem traurigen, wozu sie sich schon so
geduldig gefügt hatte. Manfredi bleibt mit ihr in Venedig, ich reise zurück,
versöhne den Marchese mit ihnen, der zu edel ist, um sie seinen Zorn lange
empfinden zu lassen, besonders da diese Handlung seinen wahren Grundsätzen gar
nicht entgegen sein kann; was er uns damals darüber gesagt, war gewiss nur, um
uns von allen weiteren Plänen abzuhalten, sein Ernst konnte es aber nicht sein.
Ist nur erst der Marchese versöhnt, so muss es ihm leicht werden, auch unsre
Mutter zu beruhigen, besonders da es doch nun einmal geschehen, und nicht zu
ändern sein wird. Dann hole ich sie wieder von Venedig ab, sie werden beide
glücklich sein, und werden mir ihr Glück danken; ich habe dann redlich meine
grosse Schuld gegen Manfredi abgetragen. Wir haben unser Leben gewagt für die
gute Sache, wir haben den Priestern ein Schlachtopfer aus den Händen gewunden!
Das Bewusstsein dieser grossen Handlung wird uns auf ewig stärken und erheben, und
unser Trost im Tode sein, wenn wir dem Versuche unterliegen sollten! -
    Mit diesen hohen Worten, die wir wechselsweise einander zuriefen, und uns
die Köpfe immer mehr erhitzen, eilten wir an die Ausführung des grossen Werks.
Von den unzähligen Schwierigkeiten fiel uns keine ein. Anfangs ging alles dem
Plane gemäss. Wir reisten ab, kamen an, wohnten im strengsten Inkognito vor dem
Tore in einem unbekannten Hause. Den Morgen nach unsrer Ankunft erzählte uns
unsre Wirtin: es werde heute in dem Nonnenkloster ein grosses Fest gefeiert, wo
die ganze Stadt gewiss hinströmen würde, um es anzusehen, sie selbst wolle auch
nicht zurückbleiben; sie bat uns daher, mit unsrer Abreise zu eilen, wenn wir
nicht etwa auch Zuschauer abgeben wollten. Es würden drei vornehme Fräulein
heute ihr Gelübde ablegen, die alle drei schön und fromm wie die heiligen Engel
wären, und es wohl verdienten, glückselige Bräute des Himmels zu werden. Das
wäre ein sehr schönes und erbauliches Schauspiel, auch freute man sich schon,
die heiligen Reden des vortrefflichen Priors zu hören und seinen Segen zu
erhalten. Sie nannte den wohlbekannten Namen des Priors, und mein ganzer Eifer
entbrannte aufs neue. Manfredi eilte, seine Aufträge zu besorgen, ich in die
Kirche des Klosters.
    Es war noch sehr früh, das Volk versammelte sich allmählich, mir ward die
Zeit lang. Ich ging wieder hinaus, um mir den nächsten Gang nach dem Garten, und
durch denselben nach der Mauer, recht zu merken. In der Tür begegnete mir meine
alte Wärterin; ich wandte mich von ihr, um mich zu verbergen, sie hatte mich
aber schon erkannt und guckte mich scharf an. Mein Jesus! sind Sie wahrhaftig
hier; kommen Sie nur gleich mit mir zum Fräulein, sie erwartet Sie schon, folgen
Sie mir nur. Ei, ei, Sie sind wirklich gekommen!Ihre Anrede befremdete mich, ich
suchte sie so vorsichtig als möglich auszuforschen, sie wusste aber nichts
weiter, konnte mir auf keine Frage antworten, als dass sie mich zu meiner
Schwester führen sollte, die mich sprechen müsste, ich folgte ihr also. Sie
öffnete eine Tür, ich trat hinein, und sah meine Schwester in prächtigem
Brautschmuck in den Armen meiner Mutter, die sie mit Schmeicheleien und Küssen
bedeckte. Meine Schwester schrie laut auf, als sie mich gewahr ward, ihr Gesicht
in beiden Händen bergend; dann kam sie auf mich zu:
    Vergib mir! rief sie, und fiel mir um den Hals, vergib mir, Guter, und lebe
wohl! Sie wollte noch sprechen, meine Mutter verhinderte sie aber daran. Geh,
meine fromme Tochter! sagte sie, lass mich mit ihm allein. Meine Schwester ging
hinaus, ich war unbeweglich und stumm vor Erstaunen. Meine Mutter fing wieder
an: Ich habe nur wenig Zeit, Florentin, mich mit dir zu unterhalten. Dein
entsetzliches gottloses Vorhaben ist entdeckt! Sei ewig gepriesen von mir,
gebenedeite Jungfrau, dass du das Herz meines Kindes gerührt hast, eh' es
unwiderruflich verloren war! In dieser Nacht, die das arme Kind in der Angst
ihres Herzens unruhig und schlaflos zubrachte, ward es ihr in einer wundervollen
Erscheinung offenbar, dass sie auf schlimmem Wege sei, und im Begriff ihre Seele
ewiger Verdammnis zu übergeben, und mit ihr zwei andre Seelen noch, die leider,
ach! vielleicht nicht mehr zu retten sind. Ein Strahl der ewigen Gnade hat das
geliebte Kind des Himmels erleuchtet, und sie fest im Entschluss zum Guten
gemacht. Diesen Morgen, als ich ihr den Brautschmuck anlegen half, und mich
ihrer Schönheit im Herzen erfreute, hat sie mir euer Vorhaben entdeckt, und
deinen Brief gezeigt. Florentin, ich will jetzt nichts davon erwähnen, wie sehr
es mich beugte, noch steht es bei dir, mich in hoher Himmelsfreude wieder
aufzurichten. Auf mein Geheiss hat das fromme Kind gebeichtet, und ihre Seele von
aller Angst lösen lassen. Der Prior, dem sie die Beichte abgelegt, weiss nun
alles; auch habe ich soeben eine Unterredung mit ihm deinetwegen gehabt. Du hast
dich schwer vergangen, er kann und darf es nicht verhindern, dass du schwer dafür
büssest. Ein einziges Mittel gibt es noch, dich mit dem Himmel zu versöhnen.
Entsage der Welt, leb in Ruhe im Schoss der Kirche! - Nimmer, nimmermehr, Mutter!
rief ich in höchster Bewegung. - Nein? durchaus nicht? Nun so fliehe, eile von
hier weg, es ist das einzige, was ich für dich tun kann, wenn ich dich aufs
schnellste entfliehen heisse, denn hier bist du jetzt keinen Augenblick in
Sicherheit, mein Herz blutet für dich, glaub mir das! Hier, nimm diesen Beutel!
Was er entält, ist alles, was du jemals von mir zu erwarten hast. Dein weiteres
Fortkommen bleibt dir selbst überlassen; du hast dir ein müh- und sorgenvolles
Leben erwählt, nun musst du es tragen. Du wirst kümmerlich darben müssen in der
Welt; in der heiligen Zurückgezogenheit hättest du weltliche Not nie gekannt. -
Davon nichts mehr, Mutter! ich will gehen, gleich gehen! Nur ein Wort noch! Ist
es möglich, dass Sie selbst meiner schwachen Schwester zureden konnten, mich dem
Prior zu verraten? - Lästerliche Worte! nennst du die Beichte Verrat? deine
fromme Schwester schwach? Es galt ihre Ruhe auf dieser, ihre Seligkeit auf jener
Welt. Sie ist mein Kind! - Und ich nicht, Mutter? bin ich nicht Ihr Sohn? -
    Ich erzähle euch hier so zusammenhängend als möglich, was mit der äussersten
Verwirrung gesprochen ward, indem eins dem andern immer in die Rede fiel, ich
war besonders wegen dieser unerwarteten Wendung in grosser Verwirrung. Zuletzt
ward ich heftig, meine Worte fallen mir jetzt nicht wieder ein, aber sie mochten
wohl eben nicht sanft sein; ich strömte über von Vorwürfen, dass sie ihren Sohn,
ihren einzigen Sohn, im blinden Aberglauben den Pfaffen aufgeopfert hatte, und
schonte sie vielleicht zu wenig. Sie ward aufgebracht und rief endlich in grosser
Hitze: Trotze nicht länger, Florentin, und höre etwas, wozu ich nicht wieder
einen schicklichen Augenblick finden werde, denn wir werden uns nie wiedersehen!
Ich bin nicht deine Mutter, und meine Tochter ist nicht deine Schwester! - Das
war freilich etwas Neues, ich war wie betäubt. Wo? wer? wer denn? rief ich. -
Dazu ist jetzt nicht Zeit, auch nützt es dir nicht, es zu wissen, deine Eltern
leben nicht mehr; sie waren mir teuer, darum warest auch du es mir. Es wird
geläutet, ich muss jetzt fort. Halte dich nicht länger auf, Florentin, wenn man
dich hier erblickt, so vermag ich dich nicht zu retten. Es ist der letzte
Liebesdienst, den ich dir erweise: lass dich umarmen, mein Sohn! Ich bin zwar
nicht deine Mutter, aber ich habe mütterliche Sorge für dich getragen, vergiss es
niemals! Lebe wohl, Gott segne dich! Flieh! ich höre Stimmen im Nebenzimmer!
Oder kehrst du noch um? wirfst du dich reuig in die Arme der heiligen Kirche? -
Leben Sie wohl! rief ich ihr nach, als sie mich standhaft verneinen sah und sich
mit einem Ausdruck von Schmerz und Unwillen ins Nebenzimmer wandte. Jetzt hörte
ich viele Stimmen, unter allen hervor die mir so verhasste Stimme des Priors.
Betäubt eilte ich fort, im allgemeinen Getümmel kam ich unbemerkt wieder hinaus.
    Manfredi erwartete mich, der Abrede gemäss, an der Gartenmauer; ich setzte
mich in den Wagen, und ohne ihm weiter etwas zu sagen, musste er wieder
hinfahren, wo wir hergekommen waren.
    Dies war das tragische Ende unsrer Heldenunternehmung! Begreifen Sie jetzt
wohl, Juliane, wie leicht es ist, einen Narren aus mir zu machen? Manfredi sah
mich mit grossen Augen an, und wartete mit Gelassenheit, bis der Strom von
Ausrufungen und Schimpfreden, der sich reichlich von meinen Lippen ergoss,
gemässigter wurde. Endlich war ich ruhig genug geworden, ihm den Verlauf meiner
Unternehmung zu erzählen. Er war nicht wenig erstaunt über die Veränderungen,
Erklärungen und Verwicklungen, die diese hervorgebracht hatte. Die Schwäche
meiner Schwester fiel ihm wenig auf, er gestand mir, er hätte gleich anfangs
Hindernis von ihrer Seite befürchtet, und ihre Einwilligung würde ihn weit mehr
gewundert haben. Er war mit mir überzeugt, dass sie einst ihr Gelübde bereuen,
und dann diesen verlornen Moment gern mit ihrem Leben zurückrufen würde. Mein
guter Manfredi trauerte über ihr Schicksal, und suchte sie gegen meine heftige
Anklage in Schutz zu nehmen.
    Von seiner Liebe zu ihr war nicht wieder die Rede zwischen uns. Entweder sie
war in ihm ebenso schnell erloschen als aufgelodert, oder er drängte sie
gewaltsam in sein Innres zurück, um den gemeinschaftlichen Angelegenheiten, die
uns jetzt so nahe lagen, Raum zu lassen. Es ward beschlossen, dass Manfredi
wieder zurück auf die Akademie gehen müsste; von dort sollte er an seinen Vater
schreiben, ihm alles entdecken, und ihn um Rat fragen, ob er es wagen dürfte, in
seine Vaterstadt zurückzureisen, oder wenn der Anteil, den er an meinem
Unternehmen genommen, bekannt geworden, und es gefährlich für ihn wäre, so
sollte er ihn um die Erlaubnis bitten, mir folgen zu dürfen, ich hatte
beschlossen, nach Venedig zu reisen. Dürfte er aber zu seinem Vater reisen, so
sollte ich in Venedig Nachricht von ihm erwarten, er würde alsdann dort alles
anwenden, die bösen Folgen unsers Unternehmens zu unterdrücken, dann wollten wir
uns auf irgendeine Weise wieder zusammen treffen. Manfredi versprach mir auch
vor allen Dingen keine Mühe und keine Nachforschung zu sparen, um etwas über
meine Geburt und meine Eltern zu erfahren: wir hofften, der Marchese selbst
würde sich dafür interessieren, und uns eine Aufklärung dieser seltsamen
Begebenheit verschaffen. Wie die Kinder beschäftigte uns die Dunkelheit über
mein vergangnes Schicksal mehr, als die Sorge für die Zukunft; ein sonderbares
Rätsel war es allerdings, dass fremde Menschen sich eine solche Gewalt über mich
hatten anmassen wollen, und dann mich wieder mit so vieler Sorgfalt behandelt
hatten. Die Nacht hindurch reisten wir, dann trennten uns unsre verschiedenen
Wege. Den Morgen schieden wir unbekümmert und mit der Zuversicht, uns bald
wiederzusehen, um uns dann gewiss nie wieder zu trennen.«
 
                                Neuntes Kapitel
»In wenigen Tagen war meine Reise glücklich und ohne Abenteuer zurückgelegt; da
war ich nun, ohne Aufsicht, ohne Zweck, ohne Plan, als den zu leben, in meinem
siebzehnten Jahr, mit aller meiner eigentümlichen Ausgelassenheit, die noch
ausgelassner war, seitdem ich niemand angehörte, mit einem Vermögen von ungefähr
tausend Dukaten (ein unerschöpflicher Reichtum für meine Unbesorglichkeit und
Unerfahrenheit), sprudelnd vor Gesundheit und Mutwillen und allen erwachenden
Sinnen - in Venedig! - Erwartet hier von mir, ihr lieben Freunde, keine
detaillierte Fortsetzung meiner Lebensgeschichte, es könnte mich leicht zu weit
führen; auch gehören meine tollen Begebenheiten in der majestätischen Republik,
diesem Sammelplatz aller Torheiten in ernstafter zeremoniöser Hülle sowie der
greulichsten Anhäufung aller Grausamkeiten unter die fröhliche Maske gesteckt,
sie gehören nicht in den eigentlichen Lauf meines Lebens: vielmehr ward dieser
durch jene gehemmt; aber sie machen zusammen ein artiges Kapitel in meinen
Konfessionen aus, die ich gewiss noch einmal schreiben, und Ihnen zueignen werde,
Juliane.« - »Gut, ich werde Sie bei Ihrem Wort halten.« - »Und dieses deswegen,
weil sie sich mit einem Bekenntnis endigen sollen, das, aller Wahrscheinlichkeit
nach, das letzte sein wird, das ich abzulegen haben werde, und das Julianen am
nächsten betrifft.« - »O jetzt keine von Ihren niedlichen Possen, Florentin!
Bringen Sie Ihre Geschichte zu Ende, ich bin höchst neugierig.« - »Und ich
höchst ermüdet von den Erinnerungen meiner unnütz vertaumelten Jahre! Doch ich
gehorche.
    In kurzer Zeit war ich nun in Venedig der Polarstern des guten Tons, die
Seele aller Intrigen, der Freund aller lustigen Köpfe, der Anführer aller tollen
Streiche, der Tyrann aller zärtlichen, und der Ehrgeiz aller koketten Frauen
geworden. Es gab kein gutes Haus, in das ich nicht freien Zutritt hatte. Da ich
mit meinen tausend Dukaten zu leben angefangen, als wären es ebenso viele Tonnen
Goldes, so nahmen sie ein rasches Ende. Die Börsen meiner Anhänger benutzte ich
nicht, wiewohl sie mir offen standen, weil ich sie nicht brauchte: ich war sehr
glücklich im Spiel, und spielte viel. Einigen kläglichen dummen Teufeln, die
weder das Spiel, noch sich selbst verstanden (denn sie hatten in wahrer blinder
Wut ihr ganzes Vermögen gegen mich gesetzt und verloren), deren Frauen ich
kannte und bedauerte, hatte ich ihren Verlust zurückgegeben, wodurch ich bald in
den Ruf der Grossmut geriet.
    In dieser brillanten Epoche bekam ich einen Brief von Manfredi. Sein Vater
war gleich nach Empfang seines Briefes zu ihm auf die Akademie gekommen. Durch
unsre Geschichte war der Prior zu sehr in Vorteil gegen den Marchese gesetzt,
als dass er ihn nicht hätte zu benutzen suchen sollen. Manfredi durfte es so
wenig als ich wagen, sich in seiner Vaterstadt sehen zu lassen, aber auch nach
Venedig durfte er nicht kommen, sondern er musste nach Frankreich zu dem
Regiment, worin sein Vater ihm eine Kompanie gekauft hatte. Der Marchese war
sehr aufgebracht wegen des unüberlegten Streichs, besonders weil er es uns
eigentlich untersagt hatte, irgend etwas für Felicita (so heisst sie) zu
unternehmen. Doch liess er mir durch Manfredi wissen, er würde jemand den Auftrag
geben, auf mein Betragen in Venedig achtzugeben, und weiter Sorge für mein
Fortkommen tragen, wenn der Bericht über mich gut ausfiele. Noch habe er nichts
Näheres über meine Geburt und meine Eltern erfahren können, er würde aber keine
Mühe sparen und mir, sobald er etwas Sicheres wisse, Nachricht darüber erteilen.
Unterdessen sollte ich der würdigsten Eltern mich würdig machen.
    Ich hatte eine grosse Freude über den Brief meines Manfredi, denn ausser
diesen Nachrichten fand ich die schönsten Beweise von der Fortdauer seiner Liebe
und einige freundliche Vorschläge, uns wiederzusehen. Auch der väterliche Ton
des Marchese freute und beruhigte mich; doch war es, als ob irgendein Geist mich
abhielt, mich, wie ich gekonnt hätte, ganz seiner Sorge zu überlassen, und
seinem gutgemeinten Rat zu folgen. Es widerstrebte etwas in mir der
Notwendigkeit, einen regelmässigen Stand und ein Amt zu bekleiden, es war mir
nicht bestimmt, auch fühlte ich selbst mich nicht dazu gestimmt. Zwar nahm ich
mir vor, Manfredi aufzusuchen, um bei demselben Regimente, wobei er stand,
womöglich Dienste zu nehmen, und ich schrieb es ihm, aber die Ausführung dieses
vernünftigen Plans schob ich immer weiter hinaus. Bald wollte ich dies nur noch
abwarten, bald jenes ausführen; kurz es ward nichts daraus.
    Unter vielen Reisenden und Fremden, die ich kennenlernte, waren ein paar
Engländer, die sich sehr an mich hingen: reiche Lords, die ihr Geld um sich her
warfen, um ihre Langeweile loszuwerden, und das, was sie für ihr Geld
eintauschten, machte ihnen nur noch grössere. Ihr sonderbares humoristisches
Wesen zog mich an, ihre Langeweile machte mir die grösste Kurzweile. Was ihnen an
mir gefallen haben mochte, weiss Gott; sie waren beständig bei mir und sagten
oft, in ihrer rauhen Mundart, ich wäre der einzige Italiener, der ihnen nicht
unleidlich wäre. Das war freilich sehr schmeichelhaft für mich, wenn ich nur
nicht Venedig mit seinen Herrlichkeiten und meines Lebens dort herzlich
überdrüssig geworden wäre! Ich sehnte mich fort. -
    Ich hatte meine Lords zu allen Kunstwerken, die Venedig entält, geführt,
hatte viele Städte Italiens, wo es etwas Sehenswürdiges gab, mit ihnen
durchreist. Dies und der Umgang mit einigen jungen deutschen Malern, die ich in
der Zeit kennenlernte, brachten mich auf den Gedanken, die Kunst zu studieren
und dann nach Rom zu gehen, um seine Wunder der Kunst zu sehen und zu verstehen.
Diesen Gedanken ergriff ich nun aus ganzer Seele und schob das Soldatwerden
weit, weit zurück. Ich sann und tat und träumte nichts anders, als Zeichnen, die
Werke des Altertums studieren, und mit meinen Malern Kunstgespräche führen. Mit
diesen war ich auch entschlossen, nach Rom zu reisen, und mit ihnen dort zu
leben: durch einen sonderbaren Vorfall sah ich mich aber genötigt, früher noch,
als diese es bewerkstelligen konnten, Venedig zu verlassen.
    In einem grossen Hause ward eines Abends während dem Karneval ein Ball
gegeben; ich ward von den Engländern beredet, mit ihnen hinzugehen. Man spielte,
der eine von meinen Lords spielte hoch, und verlor ansehnlich gegen eine Maske,
die durch ihr anhaltendes Glück wohl Verdacht gegen sich erregen mochte. Mein
ehrlicher Grossbritannier verstand das Ding unrecht, und schimpfte etwas zu laut,
und in der gewohnten kräftigen Manier. Nach einem kurzen heftigen Wortwechsel
warf der Lord seine Karte der Maske an den Kopf. Ich befand mich an einem andern
Ende des Saals in einer Unterhaltung mit ein paar mir unbekannten Masken, die
mich neugierig machten, weil sie mich zu kennen schienen, wenigstens wussten sie
viel von mir; plötzlich hörte ich Tumult, sah Stilette blinken, die Maske sank
nieder; in demselben Moment kam der andre Lord hastig auf mich zu, nannte höchst
unvorsichtig meinen Namen laut, und rief mich seinem Landsmann zu Hülfe. Ich,
noch unvorsichtiger, folgte ihm hin. Man hatte dem Niedergesunkenen die Maske
abgenommen, man erkannte den Sohn eines Nobile, er war tot. Der Lärm nahm zu;
der Lord hatte ganz den Kopf verloren, bewegte sich nicht von der Stelle, und
liess das Gedränge um sich her anwachsen. Ich riss ihm das blutige Stilett, das
zum Glück noch kein andrer bemerkt hatte, aus der schlaffen herunterhängenden
Hand, liess es fallen, indem ich mich zu gleicher Zeit danach bückte, und es
wieder aufnahm. Dem Mörder nach! rief ich aus, dort nach jener Tür! er hat hier
neben mir das noch blutige Stilett fallen lassen, soeben drängt er sich dort
hinaus! Alles folgte mir nach der Tür, die ich bezeichnet hatte. Der Lord ward
verlassen. Seinem Landsmann gab ich einen Wink, und im Vorbeigehen sagte ich
ihm: zu mir! Alsdann mischte ich mich in den dichten Haufen, der nach der Tür
strömte; ich trieb und drängte mit der Menge und kam glücklich hinaus. Ich
mietete sogleich selbst eine Gondel, die ich an einem bestimmten Ort warten
liess, und eilte nach meiner Wohnung, wo ich die beiden Lords schon fand. Ich
kündigte ihnen an, dass sie unverzüglich fort müssten, bezeichnete ihnen den Ort,
wo sie die Gondel in Bereitschaft finden würden, und riet ihnen, gleich nach Rom
zu reisen. Sie waren wegen Geld in Verlegenheit; was sie bei sich gehabt, war im
Spiel verloren und nach ihrem Hause durften sie sich nicht wagen, weil man dort
gewiss schon auf sie wartete. Ich gab ihnen alles, was ich an barem Gelde hatte.
Sie versprachen mir mein Darlehn gleich wieder auszahlen zu lassen, denn auf ihr
zurückgelassnes Vermögen in Venedig war nicht mehr zu rechnen. Sie gingen fort,
und kamen glücklich nach Rom. Ich hatte alles so schnell und vorsichtig
getrieben, dass es selbst vor meinem Bedienten ein Geheimnis geblieben war.
    Ich hatte mir eine Erkältung zugezogen, und musste einige Tage zu Hause
bleiben. Als ich zum erstenmal den Abend wieder in Gesellschaft ging, kam mir
die Dame vom Hause, die meine Freundin war, entgegen, und führte mich, sobald
sie unbemerkt war, in ein Kabinett, Sein Sie auf Ihrer Hut, sagte sie, es ist
bekannt, dass Sie dem Mörder des jungen Nobile durchgeholfen haben, und dass er
Ihr Freund ist. Sie erinnern sich, dass zwei Masken mit Ihnen sprachen, als einer
von den Engländern Sie bei Ihrem Namen zu Hülfe rief. Der Ermordete ist ein
Anverwandter und Freund der einen von den beiden Masken: er erfuhr erst, wer der
Ermordete sei, nachdem Sie sich schon hinausgedrängt hatten. Der Mörder war
gleich nicht zu finden, Sie haben ihm fortgeholfen, und der Freund des Nobile
hat beschlossen, Sie für Ihre unzeitige Hülfe büssen zu lassen. Sie sind
angeklagt, und man wird einen Verhaftsbefehl auswirken. Was diese Massregel gegen
Sie erleichtert, und jeden Verdacht bestärkt, ist: dass man aus Ihrem Geburtsort
einigen Leuten von Bedeutung aufgetragen hat, über Ihre Aufführung genau zu
wachen. Einer von denen, welchen es aufgetragen worden, ist eben der Ermordete,
und dieser hatte es wieder seinem Freunde aufgetragen. Ihre Bekanntschaft zu
machen, um Sie besser zu beobachten; dieser nimmt nun diesen Umstand als einen
Beweis, dass Sie Anteil an der Ermordung gehabt, um sich von seiner Aufsicht zu
befreien.
    Ich beklagte mich gegen meine Freundin über diese sinnlose Beschuldigung.
Sinnlos oder nicht, fiel sie mir ein, Sie wissen, es ist genug, dass man den
leisesten Verdacht erregt, um Sie zu verderben. Sie haben dem Mörder
fortgeholfen, dies ist genug, und mehr als genug gegen Sie. Ihr Feind hat sich
auf das Zeugnis der andern Maske berufen, dass Sie zu Hülfe gerufen worden, und
wirklich hingeeilt sind. Diese Maske nun ist mein sehr guter Freund, der es
weiss, dass ich Ihnen gewogen bin, er hat mich also, kurz vorher, ehe Sie kamen,
von allem unterrichtet. Das Zeugnis abzulegen darf er nun einmal nicht versagen;
aber wenigstens sind Sie gewarnt. Eilen Sie nach Hause, sorgen Sie, dass man
keine Papiere bei Ihnen findet! -
    Ich musste sogleich fort; auf der Treppe, wie ich hinuntergehe, kommt der
eine meiner jungen Deutschen atemlos mir entgegen. Gottlob, dass ich Sie finde!
rief er mir zu, Sie müssen fort, gleich auf der Stelle. Ich begleite Sie bis
hinaus, und erzähle Ihnen unterwegens. Ich war ohne Geld, von dem jungen
Künstler war nichts Überflüssiges zu erwarten. Er musste einen Augenblick auf
mich warten, ich ging wieder zur Gesellschaft zurück; meine Freundin mochte mir
meine Bestürzung ansehen, sie kam mir entgegen, ich vertraute ihr meine
Verlegenheit, sie half mir auf der Stelle heraus, nach einem kurzen zärtlichen
Abschied verliess ich sie und Venedig.
    Ich eilte mit meinem deutschen Freunde durch lauter enge Gässchen, und wir
kamen glücklich hinaus. Er erzählte mir nun, dass er und sein Freund mich hätten
in meiner Wohnung besuchen wollen, zu ihrem Schrecken hätten sie aber
Gerichtspersonen bei mir gefunden, die alles durchsucht, und meine Briefe und
Papiere durchgelesen hätten. Aus den verwirrten Reden, die ihnen entfallen
wären, hätten sie ungefähr vernehmen können, wessen man mich beschuldigte. Sie
wären darauf fortgeeilt mich aufzusuchen, und mir zu helfen, dass ich fortkäme.
Glücklicherweise wäre ihnen nicht weit von meiner Wohnung mein Bedienter
begegnet, von diesem hätten sie erfahren, wo ich hingegangen sei.
    Ich musste fort, das sah ich ein. Meine Papiere waren allein schon
hinreichend mir den Prozess zu machen. Ausser einigen launenhaften possenmässigen
Sachen, die ich zu meiner Lust aufgesetzt, in denen ich das würdige Venedig
nicht geschont hatte, waren auch einige Briefe und Billetts vorhanden von
Frauen, welche die Richter etwas nahe angingen, und die ich unvorsichtigerweise
nicht vernichtet hatte. Gnade war also nicht zu hoffen. Ich machte mich sogleich
auf den Weg, und empfahl meinen guten Deutschen mich bald in Rom aufzusuchen.
Sie versprachen es mir. Der Aufentalt in Venedig war ihnen durch diese
Begebenheit verleidet, auch hatten sie in der Tat viel Anhänglichkeit für
mich.Sie wollten durchaus etwas Deutsches an mir finden, ich hätte es ihnen gern
und mit Vergnügen geglaubt, hätten die Lords nicht zu gleicher Zeit behauptet,
ich habe viel von einem Engländer an mir.«
 
                                Zehntes Kapitel
»Auf meiner einsamen Reise hatte ich Raum etwas nachzudenken. Mir war, als hätte
mich ein bezauberter Wirbelwind aus Venedig und allen Verhältnissen gerissen.
War es aber das Plötzliche des ganzen Ereignisses, oder war es, dass mein Leben
in Venedig mich beschäftigt hatte, ohne mich zu interessieren, kurz mir schwebte
das Ganze wie längst vergangen nur entfernt im Gedächtnis, ich konnte meine
Wünsche und meine Gedanken alle vorwärts richten, nichts zog mich zurück. Dies
machte mich aufmerksam auf mich selbst, und auf die Leere meiner geführten
Lebensart.
    Ich dachte an Manfredi, ich wünschte bei ihm zu sein; zu gleicher Zeit
fühlte ich eine gewisse Abneigung, mich jetzt schon dem Soldatenstand zu
ergeben. Das Leben eines Soldaten in Friedenszeit schien mir eine lustige
Sklaverei, nicht viel besser als Lakaiendienst, und nur durch herrschendes
Vorurteil darüber hinausgesetzt. Soldat wollte ich zwar sein, dabei blieb es,
dies war der Hintergrund meines Lebensplanes, aber nicht in einer Garnison,
nicht bei einer stehenden Armee. Ich wollte nie für den Despotismus, nie für
eine unbekannte, oder gar nach meinen Begriffen ungerechte Sache fechten. Wie
die Helden des Altertums, wollte ich nur für die Freiheit streiten, und in
erkämpftem Frieden, ruhig, frei, mein eigen sein. Bei dem Gedanken an die Helden
des Altertums ward mir zugleich der an mein Vorhaben wieder rege, die Kunst der
Alten in Rom zu studieren. Jetzt fühlte ich ganz bestimmt den Trieb dazu aufs
neue in mir erwachen, und ich beschloss meine ganze Zeit und mein Leben in Rom
dazu anzuwenden. Sobald ich dort ankam, machte ich auch gleich alle Anstalten,
einsam und fleissig meinen Plan auszuführen. Er schien mir so gut und so würdig,
dass ich davon an Manfredi schrieb, und nachdem ich ihm meine letzte Begebenheit
mitgeteilt, wendete ich meine ganze Beredsamkeit an, ihn zu bewegen, dass er
sogleich seine Kompanie in Stich lassen und zu mir nach Rom kommen sollte, um
mir nachzuahmen.
    Ich bekam nach einiger Zeit eine freundschaftliche Antwort von meinem guten
Manfredi. Zu mir könnte er aber nicht kommen, der Marchese halte es nicht für
ratsam, dass er seine Laufbahn unterbreche, und habe es ihm untersagt. Meine
Katastrophe in Venedig habe er schon durch seinen Vater erfahren, der überaus
aufgebracht wegen meiner Unbesonnenheiten gewesen sei. Man hatte es ihm nämlich
aus Venedig mit allen möglichen Verkehrteiten und Verfälschungen berichtet. Vom
Anteil an der Mordtat sprach er mich übrigens zwar frei, aber ich hätte mich
niemals, meinte er, in solche gefährliche Gesellschaften mischen sollen. Da ich
aber doch die Ehre nicht verletzt hätte, so habe er noch nicht aufgehört, sich
für mich zu interessieren, und es sei ihm erfreulich gewesen, aus meinem Briefe
an Manfredi zu erfahren, dass ich in Rom sei. Auch habe er gar nichts dagegen,
dass ich mich dort einem ruhigen Leben und den Studien überlasse, nur sollte ich
meine Zeit zweckmässig benutzen. Zuletzt kam wieder dasselbe Versprechen, er
wolle auch in Rom auf meine Aufführung wachen lassen, und nach den Berichten,
die darüber einliefen, würde er mich behandeln.
    Ich ärgerte mich entsetzlich über diese Aussicht, die so unsichtbar wie die
Allwissenheit über mir schwebte, ohne dass sie mit der Allweisheit verbunden
gewesen wäre, wie diese; denn sie hatte mir in Venedig auf die verkehrteste
Weise von der Welt den grössten Schaden zugefügt. Ich fand kein Mittel, mich von
ihr zu befreien, ohne den Marchese zu erzürnen; er war mir zu wert, niemand als
er hatte noch so viel für mich getan. Ich glaubte aber, man würde es bald müde
werden, mich zu beobachten, da ich äusserst eingezogen, und bloss mit meiner
Absicht beschäftigt lebte. Mit den beiden Lords, die ich noch in Rom fand, und
die mir sehr lästig wurden, musste ich noch viel umherstreifen und ihnen helfen
die Beweise ihres Kunstverstandes zusammentreiben, die sie für ihre baren
Guineen einhandelten. Sie hatten mir meinen Geldbeutel zurückgegeben, ich fand
die geliehene Summe dreifach verdoppelt darin; was mir gehörte, nahm ich davon,
das übrige gab ich ihnen zurück; nicht etwa, als ob ich es unter meiner Würde
gehalten hätte, Geld anzunehmen: unter den Umständen, in denen ich lebte, wäre
dies lächerrlich und zwecklos gewesen. Mein kleines Vermögen war aufgezehrt, dem
Marchese Geld abzufordern, dazu hielt ich mich nicht berechtigt, ob er es mir
gleich durch Manfredi hatte anbieten lassen, mich im Fall der Not an ihn zu
wenden. Diese Not schien mir aber noch nicht eingetreten. Ich machte den
Cicerone, sobald es mir an Geld fehlte, und lebte wieder bei meinen Studien,
solange es vorhielt. Von den Fremden, die meiner bedurften, nahm ich unbefangen
meinen Lohn an, es war kein andres Verhältnis zwischen mir und ihnen, als dass
ich ihnen meine Dienste, sie mir ihr Geld gaben: Mit den Lords stand ich aber
nicht auf demselben Fuss; der Dienst, den ich ihnen geleistet, den konnten sie
mir mit Geld nicht bezahlen. Diese Herren aber fühlten meinen Unterschied nicht,
sie waren, beleidigt, und taten aufgebracht, dass ich ihre vollwichtige
Dankbarkeit verschmähte; ich konnte sie nur mit dem Versprechen beruhigen, sie
in England zu besuchen, wenn ich einst Italien verlassen möchte, und in jeder
Geldverlegenheit von ihrer Freundschaft Gebrauch zu machen. Sie reisten endlich
nach England zurück.
    Unterdessen waren meine guten deutschen Künstler aus Venedig angelangt, und
nun hob eine Zeit für mich an, die wohl immer zu den glücklichsten Epochen
meines Lebens gehören wird. Ich ging mit niemand um, als mit Künstlern,
besonders mit den ausländischen, und unter diesen zeichnete ich besonders wieder
die deutschen aus. Unter ihnen fand ich jederzeit den hellsten Sinn, das
treulichste Bestreben, und am meisten innere Freiheit. Mein angestrengtester
Fleiss brachte mich in kurzem so weit, dass ich mit meinen Gefährten wetteifern
konnte. Sobald meine Gemälde verkäuflich waren, legte ich das Gewerbe eines
Cicerone völlig nieder, zeichnete und malte ununterbrochen. Um den Verkauf
meiner Bilder, meistens Landschaften, bekümmerte ich mich ebensowenig, als um
die Anwendung des gelösten Geldes. Das erste besorgten meine Freunde, und die
Summen, die zu meiner wenig kostbaren Lebensart vollkommen ausreichten,
händigten sie meiner Frau ein.« - »Ihrer Frau?« rief Juliane erstaunt; »doch
wahrscheinlich bloss Ihrer Haushälterin?« - »Nein, meiner Frau!« - »Wie? Sie sind
verheiratet?« - »Wirklich getraut?« fragte Eduard. - »Wahrscheinlich traute sie
mir, und ich habe ihr nur zuviel getraut. Es war ein sehr schönes Mädchen, eine
Römerin, die uns lange zum Modell gesessen hatte. Sie hielt sich klug und
bescheiden, so dass sie von uns allen hochgehalten, und wegen ihrer grossen
Schönheit sehr bewundert ward. Einige Tage fanden wir sie niedergeschlagener als
gewöhnlich, ich bat sie, uns etwas vorzusingen, um sich selbst damit zu
erheitern. Sie sang uns nun ein Lied, dessen Inhalt ungefähr war: wenn sie einen
Mann hätte, der sie liebte, und für sie sorgen wollte, so möchte sie einzig für
ihn und seine Wünsche leben, das würde dann ihr grösstes Glück sein. Sie sang das
Lied mit einer solchen süssen Unschuld, so schüchterner Innigkeit, und sah dabei
so entzückend schön aus, dass ich, da sie während des Gesanges ihre Blicke am
meisten auf mich geheftet hatte, ihren Wunsch erfüllen musste. Sie blieb gleich
bei mir. - Ich hatte meine grosse Freude an dem Kinde, wie gut sie sich nahm, und
mit welchem Anstande sie dem Hauswesen vorstehen konnte. Ich muss aber gestehen,
sie hätte es weit schlechter machen können, sie würde mir doch nicht weniger
gefallen haben, denn ihr kleidete alles, was sie unternahm; man kann sich nichts
Reizenderes erdenken, als dieses kleine anmutige Wesen. Meine grösste Lust war
es, sie zu schmücken, und sie jeden Tag in unsern Zirkel in immer neuem Kostüme
und unerwarteten Abänderungen aufs kostbarste zu kleiden, darauf verwandte ich
nicht eben den kleinsten Teil meiner Einkünfte. Ich malte sie unter jeder
Gestalt, und in allen ersinnlichen Stellungen, als Göttin, als Heilige, als
Priesterin, als Nymphe: diese Bilder sollen mir sehr gut gelungen sein. Wir
führten das einfachste und doch tollste Leben, das sich erdenken lässt. Ich war
der beste Ehemann von der Welt, und liess mich von ihr beherrschen, soviel sie
wusste und vermochte; sie lernte es immer besser. Je mehr sie ihre Gewalt über
mich kennenlernte, desto impertinenter und launenhafter ward sie; da es mir aber
damals auch gar nicht daran fehlte und ich, wenn es darauf ankam, zehnmal
launenhafter und tollköpfiger war als sie, so entstand nicht selten ein gar
artiges Gepolter und Lärmen zwischen uns.
    In unsern gewöhnlichen Abendzusammenkünften, die bei mir gehalten wurden,
ward entweder über das Werk eines grossen Meisters, das wir denselben Tag gesehen
hatten, gesprochen, oder es stellte einer unter uns, der eine Arbeit vollendet
hatte, sie zur Beurteilung auf, oder man las auch wohl einen alten Dichter laut
vor. Mitten in den ernstaftesten Beschäftigungen entstand dann nicht selten,
zur grossen Verwunderung aller Anwesenden, ein plötzlicher lauter Lärm und Zank
zwischen mir und meiner Frau, wovon niemand den Grund erraten konnte. Gewöhnlich
war es aber nichts anders, als dass sie mir, von den andern unbemerkt, ein
Gesicht geschnitten, das mir, wie sie wohl wusste, verhasst an ihr war; dies
beantwortete ich ihr dann mit einer impertinenten Gebärde, die sie nicht leiden
konnte, so ging es eine Zeitlang hin und her, ohne dass es die andern bemerkten,
bis wir dann laut aufeinander losfuhren. Natürlich endigte der Krieg ebenso
lustig, als er entstanden war. Unsre Haushaltung bestand aber herrlich, zur
Erbauung und Belustigung aller Angehörigen.
    Ich hätte füglich eine lange Reihe Jahre in denselben Beschäftigungen und
denselben Freuden hinbringen können, aber eine geheime Unruhe im innersten
Gemüt, ein Treiben nach einem unbekannten Gut liess es mich selten rein geniessen,
dass es mir doch eigentlich recht wohl ging. Ich wünschte mir einen grössern
Wirkungskreis, es kam mir oft ganz verkehrt vor, dass ich Kraft und Jugend einer
einseitigen Ausbildung hingegeben; es dünkte mir lächerrlich, dass ich soviel
angewendet hätte, um mich frei zu machen, und nun diese errungne Freiheit doch
nicht in ihrem ganzen Umfang benutzte. Mein Bestreben schien mir kindisch und
zwecklos, weil ich immer mehr inne ward, dass ich eigentlich gar kein Talent zur
Malerei hatte; dennoch war es mir wieder gar nicht möglich, mich loszumachen, so
wenig von meiner Lebensweise, als vom Anblick und dem Studium der grossen Wunder
der Kunst. In manchen Stunden beunruhigte es mich wieder, nichts über meine
Geburt und meine Eltern zu erfahren, ich musste bei jedem Schritt, den ich
unternehmen wollte, befürchten, dass ich meiner eigentlichen Bestimmung
entgegenarbeite. Oft fühlte ich mich zu diesen unruhigen Betrachtungen geführt,
doch konnte ich mich nicht lange einer trüben Stimmung überlassen, meine Freunde
sowohl als alle meine Übungen führten bald wieder Vergessenheit alles Grams
herbei.
    Endlich ward mir von meiner Kleinen die nahe Aussicht zur Vaterwürde
verkündet. Wie soll ich euch beschreiben, wie mir ward bei dieser Nachricht! Es
geschah eine plötzliche Revolution in mir. Alles, was ich bis dahin geglaubt,
gedacht, gefürchtet, gehofft, geliebt und gehasst hatte, nahm eine andre,
gleichsam glänzendere Gestalt in mir an. Jetzt wusste ich, was ich wollte; ich
dachte nicht mehr an ein entferntes Glück, ich hatte meine Bestimmung gefunden.
Doch mich selbst verlor ich völlig dabei aus den Augen, auf das Kind bezog ich
alles: ich dachte unaufhörlich an die Art, wie ich es erziehen, wie ich für sein
Glück sorgen, und wie ich in diesem Kinde erst meine Kindheit geniessen wollte,
die mir selbst so getrübt worden war. Was ich von Kenntnissen besass, suchte ich
zu ordnen und festzuhalten, um es dann nützen zu können, dabei strengte ich mich
mehr als gewöhnlich an, immer neue zu sammeln. Meine Einkünfte, um die ich mich
sonst nie bekümmert hatte, berechnete ich jetzt mit grosser Genauigkeit; jedes
Goldstück, das ich beiseitelegen konnte, erhielt im voraus seine Bestimmung zum
Besten des Ankömmlings. Lange Reden hielt ich an die Mutter, als sie mit einigen
Einschränkungen unzufrieden war, die ich einführen wollte, in denen ich ihr Sinn
für ihre neue grosse Würde zu geben versuchte. Ich merkte es nicht in meinem
Eifer, dass sie sie mit grossem Leichtsinn aufnahm. Einigemal war ich gegen meine
Freunde, die sich eines Lächelns und leichten Spottes über meinen gutmütigen
Entusiasmus nicht entalten konnten, ernstaft aufgebracht: sie schwiegen und
sahen mir gelassen zu. Kein rauhes Lüftchen durfte die Mutter anwehen, ich
bekümmerte mich um jede Regel der Diät, ich dachte nur daran, sie in der besten
und ruhigsten Stimmung zu erhalten, und vermehrte durch meine Ängstlichkeit ihre
Ungeduld, so dass ich unaufhörlich von ihren Launen litt. Was habe ich nicht
angewandt, sie vom Tanze abzuhalten, dem sie mit grosser Leidenschaft ergeben
war! Geliebt hatte ich sie wohl eigentlich nie, aber jetzt fühlte ich wahre
Zärtlichkeit für sie; sie war mir heilig. Wie weit aber war sie von diesen
Gefühlen entfernt, die mich so entzückten!
    Ich war genötigt, eine Reise nach Florenz vorzunehmen, um eine angefangne
Arbeit dort zu vollenden. Ich arbeitete mit solchem Eifer, dass ich in zwei
Monaten vollendete, wozu ich sonst noch einmal soviel Zeit gebraucht hätte. Ich
erhielt eine ansehnliche Summe, und eilte zurück zu meinen Freunden.
    Ich fand meine Kleine etwas blass bei meiner Zurückkunft, ich erkundigte mich
ängstlich nach ihrem Befinden, ihre Antwort befriedigte mich nicht, indessen
schob ich es in meiner Freude auf ihren Zustand, denn sie war übrigens wohl und
fröhlicher, mutwilliger, als ich sie verlassen hatte. Wir sassen bei Tische, ich
erzählte, fragte, überliess mein Herz den schönsten Eindrücken der Freude.
Endlich fragte ich sie so schonend als nur möglich, wie es zuging, dass ihr Wuchs
noch so unverändert wäre, ich hätte nicht geglaubt, sie noch so schlank zu
finden? Meine zärtlichen bescheidenen Fragen wurden mit lautem Gelächter
beantwortet; ich liess nicht ab, sie ward übel gelaunt, einige heftig ausgestossne
Worte vermehrten meine Besorgnis, ich drang in sie, endlich... sie hatte meine
Abwesenheit benutzt... sie hatte sich durch künstliche Mittel von dem Zustande
befreit. - Die lange Beschwerde,... die ewige Sorgfalt ward dem leichtsinnigen
Geschöpfe sträflich zur Last... sie fürchtete für ihre Schönheit!... Gott! ich
werde noch jetzt ganz verwirrt, wenn ich mich daran erinnere... Ich verlor alle
Fassung, alle Gewalt über mich... Atem und Sinne vergingen mir... meiner selbst
nicht mehr mächtig, warf ich mein Messer, das ich in der Hand hatte, mit solcher
Gewalt zu ihr hinüber... es hätte sie auf der Stelle töten müssen, hätte die Wut
mich nicht blind gemacht; es blieb über ihrem Kopf tief in der Wand stecken. Von
meiner Wildheit erschreckt, schrie sie laut auf, und verliess eilends das Zimmer,
ich war unvermögend, ihr zu folgen.« -
    »O Florentin«, sagte Juliane, »wie fürchterlich erscheinen Sie mir! Sie
hätten eine Mordtat begehen können!« - »Wie! war nicht sie eine harterzige,
treulose, widernatürliche Mörderin? Mich, mich hatte sie höchst unbarmherzig
gemordet! Still nur davon, und erlaubt, dass ich ende. -
    Die Treulose hatte auf der Stelle das Haus verlassen, ich sah sie nicht
wieder. Ein gewisser Kardinal hatte sich ihrer angenommen. Wie ich nun erfuhr,
hatte Se. Eminenz, die übrigens ein Muster der Frömmigkeit für ganz Rom war, ihr
schon längst nachgestellt, und wahrscheinlich während meiner Abwesenheit seine
Absicht erreicht. Ein heftiger Blutsturz, den ich gleich nach jenem Auftritt
bekam, drohte meinem Leben. Ich war zerstört, konnte meine Kraft, meine
Fröhlichkeit und meinen Trieb zur Arbeit nicht wiederfinden. Die Lust zu reisen
kam mir wieder an, ich durfte es aber nicht wagen, wegen meiner angegriffenen
Gesundheit. Ich musste bei jeder etwas heftigen Bewegung Blut auswerfen. An dem
Mädchen rächte ich mich weiter nicht; dem Kardinal konnte ich es aber doch nicht
so hingehen lassen; ich machte einige Verse, in denen ich ihn eben nicht
schonte. Es war Witz und Bitterkeit genug darin, sie kamen bald in Rom herum.
Meine Geschichte war bekanntgeworden, man erriet den Dichter, und zugleich die
Eminenz. Er mochte es wahrscheinlich durch aufmerksame Diener erfahren haben,
und für seinen Heiligenschein besorgt geworden sein.
    Ich suchte nun diese Begebenheit zu vergessen, und strengte mich an, meine
alte Lebensweise wieder einzuführen, als ganz unerwartet ein Billett von meiner
treulosen Schönen an mich kam. Aus einem Rest von Anhänglichkeit für mich, riet
sie mir, so geschwind als möglich Rom zu verlassen. Se. Eminenz wären äusserst
aufgebracht auf mich, und hätten beschlossen, mich auf die Galeeren zu schicken,
ich wäre also keinen Tag sicher in Rom. Se. Eminenz hätten ihr versichert, ich
hätte diese Strafe verdient, nicht allein wegen des boshaften Pasquills, wofür
er sich niemals rächen würde, das er mir auch schon von Herzen vergeben habe,
sondern sowohl wegen der abscheulichen Absicht sie zu ermorden, nachdem ich sie
gewaltsam verführt habe, als auch wegen meiner Irreligiosität, und des gottlosen
Planes, eine heidnische Sekte zu stiften, zu welchem Ende ich geheime
Zusammenkünfte mit jungen Künstlern gehalten habe, wobei wir lästerliche Reden
gegen den katolischen Glauben ausgestossen, und verschiedene heidnische
Gebräuche eingeführt hätten. Überdies wäre ich schon längst verdächtig, und ein
Gegenstand der Aufmerksamkeit für die Polizei, weil von auswärts her von
gewissen Leuten Nachfrage nach meiner Aufführung geschehen sei; ich müsste mich
also schon längst verdächtig gemacht haben. -
    Denkt euch! denkt euch diesen Abgrund von Absurdität! Es lag mir nichts
daran, mich zu verteidigen, ich hätte es leicht gekonnt. Es war mir
gleichgültig, wo ich lebte, Italien war mir aber verhasst. Ich verliess Rom noch
in derselben Stunde. Weil ich die Bewegung des Fahrens nicht ertragen konnte,
ging ich zu Fuss nach Civita Vecchia, einige von meinen guten Gefährten gingen
mit mir bis dahin. Hier schiffte ich mich nach Marseille ein. Dort war die Luft,
und die ruhige Einförmigkeit meines Lebens meiner Gesundheit so zuträglich, dass
ich in einigen Monaten wieder völlig hergestellt war. Auf wiederholte Briefe an
Manfredi bekam ich keine Antwort. In der Folge erfuhr ich, dass sein Regiment die
Garnison verändert habe, und meine Briefe wahrscheinlich nicht an ihn gelangt
waren. Damals glaubte ich aber zu meinem tiefsten Schmerz, er habe sich von mir
gewandt. Ich schrieb dies dem Marchese zu, der wahrscheinlich den Nachrichten
aus Rom zufolge eine schlechte Meinung von mir bekommen, und sie seinem Sohn
mitgeteilt hätte. An den Marchese selbst schrieb ich also nicht, ich glaubte
seine Antwort vorher wissen zu können.
    Nun durchwanderte ich einsam einen grossen Teil von Frankreich; die schönen
Träume und Bilder waren von mir gewichen, die sonst auf jeder neuen Reise vor
mir herflogen. Mein Herz hatte sich verschlossen, und so blieb ihm auch alles
verschlossen. Ich lebte vom Porträtmalen. Hatte ich mir an einem Orte einiges
Geld erworben, so reiste ich weiter. Manches zog mich an, aber nirgends wurde
ich festgehalten. Allentalben fand ich dieselben Gewohnheiten, dieselben
Torheiten wieder, denen ich soeben entgehen wollte. Ein Vorurteil hing am
andern, und an dieser Kette sah ich die Welt gelenkt und regiert. Allentalben
fand ich Sklaven und Tyrannen; allentalben Verstand und Mut unterdrückt und
gefürchtet, Dummheit und niedrige Gesinnung beschützt von denjenigen, denen sie
wieder als Pfeiler diente.
    Ich trieb mich in Paris umher, es war mir nach und nach ein gar schlechter
Spass geworden, Gesichter aller Art für bare Bezahlung zu konterfeien, und für
dieses sündlich erworbene Geld ein leeres törichtes Leben weiter
hinauszuspinnen, und die Erfahrung immer zu wiederholen, dass ich nirgends
hinpasse.
    An einem öffentlichen Ort kam ich zufällig in ein Gespräch mit einem
englischen Manufakturisten, der auf Frankreich schimpfte, und mir die englische
Freiheit rühmte; mir fiel das Versprechen ein, das ich meinen Lords in Rom
gegeben hatte, - in wenigen Tagen war ich in London. Hier fand ich nur den einen
Lord, der andre, der den Nobile getötet hatte, wohnte auf seinem Landsitz. Eine
Zeitlang lebte ich nun mit jenem im Zirkel der Londoner Eleganz. Ich fand aber
keine Lust an ihren Routs und Punsch und tollen Wetten, worin sie den Ehrgeiz
des guten Tons setzten. Die Gesellschaft ihrer Frauen erfreute mich nicht; ihre
Fabriken, Manufakturen, ihr Geld, ihr Hochmut, ihre Nebel und ihre Steinkohlen
machten mich traurig und schwermütig. Und ihre Freiheit, die mir so oft
gepriesene?... Ich war bei einer Debatte im Unterhause zugegen... und nun war
ich bestimmt entschlossen, und es bleibt unwiderruflich dabei, ich gehe zur
republikanischen Armee nach Amerika. Es muss jenen Menschen gelingen, sich
freizumachen, da sie nicht von falschem Schimmer geblendet sind, den man ihnen
anstatt des echten Goldes aufdringen will. Meine Kraft und meine Tätigkeit sei
ihnen geweiht. Bei diesem Gedanken erwachten Mut und Freudigkeit wieder in mir,
für die amerikanische Freiheit fechten, dünkte mir ein würdiger Endzweck.
    Ich setzte einen Tag fest, an dem ich wieder nach Frankreich wollte. Den Tag
vorher hatten meine Londoner Herren ein Pferderennen, zu dem sie mich mitzogen;
ich folgte mit einigen andern den Rennern, mein Pferd stürzte, ich ward heftig
heruntergeschleudert; ohne es zu achten, stieg ich wieder auf, fühlte mich aber,
nach einer kurzen Anstrengung ihnen zu folgen, so angegriffen, dass ich mich nach
Hause musste bringen lassen. Meine Brust war durch den Fall aufs neue verletzt
worden, ich war krank, allein und verlassen. Mein Geldvorrat war erschöpft, was
noch übrig war, reichte kaum hin, mich wiederherzustellen. Um dieses zu
beschleunigen, wollte ich einige Zeit auf dem Lande leben; die Luft in London
war mir höchst schädlich. Sobald ich es nur wagen durfte, soweit zu gehen,
machte ich mich auf, um meinen Lord auf seinem Landhause zu besuchen, und mich
bei ihm völlig zu erholen.
    In seinem mit der gewöhnlichen Pracht der englischen Landpaläste errichteten
Wohnsitz fand ich alles in bunter, lauter Freude und Lustbarkeit. Der Lord hatte
sich vor wenigen Tagen mit einer reichen Erbin vermählt, und man war noch sehr
mit den Festen beschäftigt. Ich kam zu Fuss, war matt, bleich und im Kostüm eines
Fussgängers. Ich musste lange stehen, eh' ich jemanden fand, der mich Sr.
Herrlichkeit melden wollte. Es gab eine Zeit, wo ich es nicht so geduldig
abgewartet hätte, aber ich war krank, und mein Geist gebeugt. Des Stehens im
lärmenden Vorsaal endlich müde, schickte ich eine Karte mit meinem Namen hinein,
und setzte dazu, ich wäre im Garten. Ich ging wirklich dahin und setzte mich auf
die erste Bank, die ich fand. Bald darauf kam auch der Lord mit einem wahren
Festtagsgesicht, das immer länger ward, je näher er mir kam, und mein Aussehen
und meinen Aufzug gewahr ward. Seine ganze Haltung schwebte zwischen Erstaunen
und Verlegenheit. In jeder andern Stimmung hätte mich Se. Herrlichkeit sehr
belustigt, jetzt war es mir aber ganz gleichgültig; es war ein schöner warmer
Herbsttag, der Sonnenschein tat mir wohl, ich legte mich bequem auf den schönen
Sitz und liess den Lord sich wundern und nicht begreifen. Seine Fragen
beantwortete ich ihm zur höchsten Notdürftigkeit; er wusste bald, wie es
gegenwärtig mit mir stand, und mein Begehren, einige Zeit lang bei ihm auf dem
Lande zu wohnen. Nach einigem Husten und Räuspern, und einem sehr bedeutenden
Spiel mit Uhrkette und Hemdkrause, erzählte er mir endlich: während seiner
Rückreise nach England sei sein Vater plötzlich gestorben, und habe viel
Schulden und die Güter in Unordnung gelassen. Auch er habe nach gemachter
Rechnung, auf seinen Reisen weit mehr ausgegeben, als ihm eigentlich erlaubt
gewesen. Schon auf dem Punkt, ganz ruiniert zu sein, habe er seine gesammelten
Schätze der Kunst und die grössten Seltenheiten alle verkaufen müssen, was doch
nicht zugereicht habe, ihn wieder in Ordnung zu bringen; er sei aber jetzt so
glücklich gewesen, eine sehr reiche Frau zu finden, durch deren Vermögen er sich
wieder in den Stand gesetzt sähe, seinen alten Glanz anzunehmen. Er finde sich
überaus glücklich; nur auf das Glück, seinen alten Freunden öffentlich viel zu
sein, müsse er Verzicht tun; heimlich könne er aber manches für sie tun. Seine
Anverwandten und die Familie seiner Gemahlin, die jetzt zu seinem Glück alles
getan habe, müsse er durchaus hierin schonen, und ihnen nicht das Zutrauen
nehmen, dass er von seiner Neigung zur Verschwendung geheilt sei, wovon sie immer
noch einen Rückfall befürchten. Da sie nun seinen Aufentalt in Italien als den
Hauptgrund seines Verderbens ansähen, so sei ihnen alles verdächtig, was von
dort herkomme, besonders alle Künstler, und was damit zusammenhänge. Jetzt sei
die ganze Familie noch in seinem Hause zu den Vermählungsfesten versammelt, und
er sowohl als ich würden viel von ihrer Übeln Laune und ihrem Verdacht zu leiden
haben, wenn er mich als Künstler und Bekanntschaft aus Italien bei ihnen
einführen wollte; das, was er mir schuldig sei, was ich für ihn getan, komme in
keinen Betracht bei ihnen, da er jene Geschichte mit einigen andern Umständen
erzählt habe, und sie nur die Summe berechneten, die er an jenem Abend im Spiel
verloren. Seine Freundschaft und ewige Dankbarkeit sei noch immer dieselbe für
mich; ich sollte nur erst eine andre Toilette machen, und in einem Wagen oder zu
Pferde bei ihm ankommen, dann wollte er mich unter fremdem Namen, als Graf oder
Marquis vorstellen, unter diesem Titel könnte ich eine Zeitlang, wie zum Besuch,
bei ihm bleiben. Alsdann wollte er mir eine bequeme Gelegenheit, nach Frankreich
zu reisen, verschaffen, und mir einige sehr gute Empfehlungen dortin mitgeben.
Sollte ich mich aber nicht in diese Massregeln fügen können, so möchte ich
wenigstens nicht die kleinen Beweise seiner Dankbarkeit und Freundschaft
verschmähen, und erlauben, dass er sich zum Teil der grossen Verbindlichkeiten
entledige, die er mir habe. Wo ich auch wäre, sollte ich mich seiner erinnern,
und immer auf seine Freundschaft rechnen. Währenddessen hatte der grossmütige
Lord einen Geldbeutel hervorgezogen und ihn neben mir auf die Bank hingelegt.
    Als ich merkte, dass er nichts mehr zu sagen hatte, und irgendeine Antwort
erwartete, stand ich auf, setzte meinen Hut gelassen auf, wandte mich und ging
hinaus, ohne ein Wort zu sagen. Überdies war auch eben die Sonne untergesunken.
Wie lange er mir nachgesehen haben mag, weiss ich nicht.
    Mir war leichter, da ich hinausging, als da ich hereintrat. Der Auftritt
hatte meiner Laune ganz wohl getan, mir war so leicht wieder zu Sinn, als seit
lange nicht; es war mir, als hätte ich eine grosse Rechnung im Leben
abgeschlossen, und könnte nun auf neues Konto wieder anfangen.
    Ich genoss im nahen Gastofe einiger ruhigen Stunden, in denen ich überlegte,
was ich nun tun wolle? Zur Armee konnte ich noch nicht, ich hätte bei meiner
angegriffenen Gesundheit das Soldatenleben nicht ertragen, es ging überdies zum
Winter. Ich ging zurück nach London, verkaufte meine überflüssigen
Habseligkeiten, und so mit recht frischem heiterm Sinn, der nicht wenig dazu
beitrug, dass ich bald wieder Kräfte und Gesundheit erlangte, verliess ich England
und schüttelte den Staub von meinen Füssen, als ich wieder zu Calais anlangte.
    Im südlichen Frankreich hoffte ich zuerst meine Gesundheit wiederzuerlangen,
ich beschloss also hinzuwandern und den Winter unter jenem milden Himmel
abzuwarten. Den Fussreisen fing ich an vielen Geschmack abzugewinnen; es gibt
keine lustigere und abenteuerlichere Art zu reisen, wenn es einem eben nicht
darauf ankömmt etwas später an das Ziel seiner Reise zu gelangen, oder wenn man,
was noch schöner ist, seiner Reise kein Ziel zu setzen braucht.
    Freilich musste ich nun wieder zum Porträtmalen meine Zuflucht nehmen, um
durchzukommen. Es ward mir aber schwerer und zuletzt ganz unmöglich, eine Kunst,
die die Göttin, das Glück und die Gefährtin meiner schönen und glücklichen Tage
gewesen war, im Unglück als Magd zu gebrauchen. Ich behalf mich oft lieber
äusserst kümmerlich, litt manchen Tag lieber wirklich Not, ehe ich mich dazu
entschloss. Ich half mir sinnreich genug, und auf unzählige Weisen durch; eine
der angenehmsten war mir darunter, als Spielmann von Dorf zu Dorf versorgt zu
werden.
    Auf meiner Wandrung machte ich zufällig die Bekanntschaft eines Schweizers,
der mit seiner kranken Frau den Winter in Frankreich zubringen wollte, um sie
wenigstens so lang als möglich zu erhalten, da keine Hoffnung zu ihrer völligen
Wiederherstellung war. Sie starb während des Winters, und er, der über ihren
Verlust sehr trauerte, bat mich, ihm auf seiner Rückreise nach Basel
Gesellschaft zu leisten. Ich nahm es gern an, ich hatte die Schweiz noch nicht
gesehen. Um sich zu erheitern, reiste er nicht geradezu nach Basel, wo er
wohnte, sondern begleitete mich vorher auf meinen Zügen in den Alpen. Ich machte
einige gutgelungene Zeichnungen, die er behielt. Unter diesen Beschäftigungen
verstrich wieder der Sommer; nun ging ich mit ihm nach Basel, wo ich durch ihn
in einigen artigen Häusern bekannt ward.
    Die Härte des Winters hielt mich lang in Basel, währenddem gab ich
Unterricht im Zeichnen und Malen. Einigen liebenswürdigen Menschen dort habe ich
gar vieles zu verdanken, ohne dass sie es vielleicht ahnden. Auf ihren Rat, und
durch ihr Lob aufmerksam gemacht, lernte ich Deutsch und einige eurer guten
Dichter kennen. Sie gaben mir glückliche Stunden, und rechtfertigten meine
Vorliebe für die Deutschen. Ich ward durch sie bewogen noch erst durch
Deutschland zu reisen, und mich noch länger den Stürmen eines Ungewissen Lebens
hinzugeben, eh' ich zu meiner Bestimmung gelange. Sobald man nur hoffen durfte,
dass die Kälte nicht mehr zurückkehren würde, habe ich mich von Basel aufgemacht;
ich habe einige schöne Teile von Deutschland durchreist, und fühle mich so
gestärkt an Leib und Seele, dass ich nun meinen Entschluss gewiss auszuführen
gedenke. Mich treibt etwas Unnennbares vorwärts, was ich mein Schicksal nennen
muss. Es lebt etwas in mir, das mir zuruft, nicht zu verzagen, und nicht bloss zu
leben, um zu leben, ich muss meinen Endzweck, ich muss das Glück, das ich ahnde,
wirklich finden. -
    Ihr wolltet es so, meine guten Freunde, da habt ihr also die Erzählung
meiner wichtigsten Begebenheiten. Es sind wunderliche Bilder der Vergangenheit
in mir rege geworden, bei denen ich mich vielleicht zu lange aufgehalten habe,
sie haben sich meiner bemeistert. Lasst es geheim zwischen uns bleiben, was ich
euch erzählt habe. Es gibt Menschen, die das, was man ihnen sagt, selten so
nehmen, wie man es sagt, und wie man es genommen haben will, sondern aus eigner
Bewegung noch ganz etwas anders dahinter suchen und vermuten. Der Himmel gebe,
dass euch meine Erzählung keine Langeweile gemacht, und dass ihr jetzt nicht übler
von mir denkt als vorher.«
    Beide versicherten ihn ihrer freundschaftlichsten Teilnahme, und dass er
ihnen vielmehr jetzt noch werter geworden sei. Sie unterhielten sich noch mit
ihm über diese und jene Begebenheit, die ihnen aufgefallen war. Juliane
erkundigte sich genauer nach den Namen, Verhältnissen und den Personen, die
darin vorkommen. - »Fragen Sie mich nicht um dergleichen Zufälligkeiten, liebe
Juliane, sie gehören nicht auf die entfernteste Weise zu mir, und von mir sollte
ich Ihnen erzählen! Hinz oder Kunz, es ist einerlei. Wenn es Ihnen so um den
deutlichen Begriff der Persönlichkeit zu tun ist, so können Sie sich Personen
nach Ihrer Bekanntschaft dazudenken, man findet sehr leicht passende Vorbilder.
Und nun, bevor wir uns auf den Rückweg machen, lassen Sie uns noch erst tiefer
ins Gebirge hineingehen, dort von dem Gipfel eines Bergs, den ich kenne, ist
eine Aussicht, die ich, eh' die Sonne untergeht, zeichnen und Ihnen, lieben
Freunde, als ein Gastgeschenk und ein Andenken dieses Tages zurücklassen will.
Die Sonne steht nicht mehr hoch, es hat sich ein kleiner Wind erhoben, und Sie
können ohne Beschwerde gehen, Juliane.« -
    Jene waren es wohl zufrieden, man machte sich auf den Weg, und im Gehen
sagte Florentin: »Jene Aussicht habe ich aus einem ganz besondern Grund zum
Abzeichnen ersehen. Man sieht von dort ein Haus, das mich durch seine Bauart und
eine Ähnlichkeit in der Lage an eine lustige Geschichte erinnert, die ich euch
noch erzählen will. Ihr mögt euch meiner dabei erinnern, wenn ich fern bin, und
ihr die Zeichnung beschaut in friedlichen Tagen.
    Als ich in Venedig war, liess ich mich in einer der schönen Nächte mit
einigen Leuten auf dem Golfo herumfahren. Wir machten Musik, und waren voller
Mutwillen und Lust. Einer unter ihnen hatte eine gute Freundin, die in einem
Landhause nicht weit vom Ufer wohnte, es fiel ihm ein, ihr eine Musik unter
ihrem Fenster zu bringen, und er bat uns ihn zu begleiten: wir willigten ein,
und stiegen ans Land. Die Musik ward gebracht, und so gnädig aufgenommen, dass
man uns alle einlud ins Haus zu kommen, um Erfrischungen einzunehmen. Der gute
Freund ging sogleich hinein, wir andern entfernten uns bescheiden, nachdem wir
einen Ort bestimmt hatten, an dem wir uns wieder zusammenfinden wollten. Wir
zerstreuten uns; was die andern anfingen weiss ich nicht; ich ging am Ufer des
Golfo entlang, freute mich über die entzückende Aussicht, die in glänzendem
Mondlicht vor mir lag, und hörte dem Gesang der Gondoliere zu, und der
verschiedenen Musik auf den Gondeln, die hin und her schwammen. So fortwandelnd,
sah ich mich auf einmal vor einem Gitter, das ein anmutiges Blumenparterre
umschloss, von dem die Gerüche die Luft um mich her durchwürzten. Am andern Ende
des Parterrs, dem Gitter gegenüber, war ein Haus sichtbar mit einem Balkon, der
nur wenig von der Erde erhöht war, auf demselben standen die Türen offen, die
nach einem Zimmer zu führen schienen, aus dem ein helles Licht schimmerte, und
der Gesang einer weiblichen Stimme, von einer Gitarre begleitet, erscholl. Das
Ganze zog mich hinlänglich an, um mich etwas näher umzusehen. In einem
Augenblick sprang ich über das Gitter, und stand dicht vor dem Balkon, wo ich
das ganze Zimmer hinter demselben übersehen konnte.
    Es war ein niedlich gebauter Salon, der so geschmackvoll und zugleich
prächtig dekoriert war, als ich es selten gesehen habe. Besonders zog meine
Blicke ein schöner Fussteppich an, mit grünem Grund, auf den zerstreute Rosen
eingewirkt waren, der sich gegen die glänzenden mit Gold verzierten Wände sehr
schön ausnahm. Das Ganze ward von einem kristallnen Kronleuchter zauberisch
beleuchtet. Eine schöne junge Frau, im leichtesten zierlichsten Gewande, die
schwarzen Haare oben auf dem Kopfe zusammengeknüpft, ging singend auf diesem
Teppich mit leichtem Fuss umher, in ihrem Arm ruhte die Gitarre, die sie mit
vieler Anmut spielte. Einige grosse Spiegel an der gegen mir überstehenden Wand
vervielfachten das Bild der reizenden Gestalt im Vorüberschweben. Ich war wie
festgebannt, ich konnte mich nicht satt sehen. Sie legte die Gitarre hin, und
zog eine Schelle, ein Lakai in reicher Livree trat herein und brachte
Erfrischungen, sie setzte sich nun auf den Sofa dicht am offnen Balkon und
verzehrte einige Orangen, die sie erst mit grosser Zierlichkeit schälte. Die
unbedeutendste Bewegung gefiel mir an ihr. Ich musste es wagen, sie zu sprechen,
das war gewiss. Ohne mich lange zu besinnen, sang ich halb leise einige Verse auf
dieselbe Melodie, die sie soeben gesungen hatte. Ich konnte sie genau dabei
beobachten: erst war sie erschrocken, dann staunte sie, zuletzt ward sie
aufmerksam, ich hörte auf und seufzte tief. Einen Augenblick besann sie sich,
dann trat sie auf den Balkon heraus; sie sprach einige Worte, aus denen ich
merkte, dass sie mich für einen andern nehmen musste. Ich antwortete so, dass sie
nicht sogleich aus dem Irrtum gerissen ward. Als ich hoffen durfte, dass die
Unterhaltung sie genugsam interessierte, gab ich ihr zu verstehen, dass ich ihr
unbekannt sei. Sie war aufgebracht, ging zurück, sprach aber doch immer weiter
durch die offen gebliebene Türe; es währte nicht gar lange, so hatte ich sie
wieder durch Bitten und Schmeicheleien auf den Balkon gezogen. Sie wollte meinen
Namen wissen, ich sagte ihn ihr, sie schien einiges Zutrauen zu gewinnen als sie
ihn hörte. Sie hatte schon viel zu meinem Vorteil gehört, sagte sie, und schon
lange gewünscht mich pesönlich zu kennen. Was konnte sie mir Erfreulicheres
sagen? Auch war unsre Bekanntschaft mit diesen wenigen Worten so gut als
befestigt. Meine Rolle war etwas schwierig, ich musste durchaus sie schon
gesehen, gekannt, geliebt haben, sonst wäre mein Eindringen ganz unverzeihlich
gewesen, auch sprach sie ganz so, als ob mir alle ihre Verhältnisse bekannt sein
müssten, da ich doch nicht das mindeste, nicht einmal ihren Namen wusste, und sie
zum erstenmal sah.
    Gewandteit und Dreistigkeit halfen mir glücklich durch. Nach einigen
kleinen Debatten erhielt ich Erlaubnis, sie den folgenden Abend an demselben Ort
wiederzusehen. Ich musste nun zurück, ich fand meine Gefährten am bestimmten Ort
wieder, und schiffte mich mit ihnen ein. Auf meine Erkundigung erfuhr ich von
ihnen, wer meine schöne Unbekannte sei. Die Nachrichten waren gut und
erfreulich. Aus einem grossen Hause, vom Kloster an einen Mann vermählt, der alt
genug war ihr Grossvater zu sein; sie lebte grösstenteils auf dem Lande, wo ihr
Gemahl sie dann und wann besuchte. Sie liebte ihn nicht, war keine Feindin der
muntern Gesellschaft,... kurz ich fand keine Ursache zu verzweifeln.
    Die folgende Nacht fand ich mich wieder vor dem allerliebsten Balkon ein.
Dasselbe Licht, derselbe Glanz. Ich stand nicht lange, als sie heraustrat, sie
sprach freundlich mit mir, ich bat um Erlaubnis zu ihr hinaufzukommen, sie
verweigerte es nur schwach, ich ward dringender, sie nachgebender; mit einem
Sprung war ich auf dem Balkon zu ihren Füssen. Das Geständnis ihrer Liebe
entzückte mich. Nun sass ich ihr gegenüber, auf demselben Teppich, von demselben
Kronleuchter beleuchtet. Sie sass wieder auf demselben Sofa, schälte Orangen, die
sie mit mir teilte, ich war wie berauscht, meine Sinne waren gefangen. Einige
Stunden waren schnell verscherzt, nun verlangte sie, ich sollte wieder fort;
dieser leichte Anstrich von Sprödigkeit, mich nicht länger bei sich zu behalten,
konnte mir nicht sehr imponieren, ich bestand darauf nicht fortzugehen, und es
ward mir erlaubt zu bleiben. Doch musste ich wieder hinaus auf den Balkon, um
dort zu warten, bis sie mich wieder rufen würde, und ihre Frauen erst
fortzuschicken. Die Lichter wurden ausgelöscht, ich musste lange draussen stehen,
es fing an zu regnen, ich ward verdriesslich, Langeweile war mir von jeher unter
jeden Umständen unleidlich. Endlich kam eine Gestalt, die mich bei der Hand
nahm, nicht die bekannte, es war eine vertraute alte Kammerfrau, sie führte mich
durch einige finstre Zimmer, jeder Umstand fiel mir unangenehm auf. Endlich
öffnete sie eine Tür und ging zurück. Die Gebieterin kam mir entgegen, sie war
im nachlässigen Nachtgewande, sehr schön, das Zimmer äusserst prächtig, der
Schein einer Lampe erleuchtete es nur dämmernd, alles war köstlich,
unvergleichlich, aber es war nicht jenes Zimmer, jene Erleuchtung, jene Spiegel,
jener schöne Teppich; mich umgab nicht der süsse Blumenduft, es war nicht
dieselbe Grazie, die umherschwebte. Ich sehnte mich nach dem Schimmer, nach der
Luft jenes kleinen Tempels, der mich zuerst so freundlich begrüsst, und meine
Phantasie gefangengenommen hatte. Das ganze reizende Bild war mir entrückt,
meine Wünsche mir fremd geworden. Ich setzte mich neben die schöne gütige Dame,
und sprach einiges mit ihr, wahrscheinlich waren es höchst gleichgültige
abgeschmackte Phrasen, die die Dame sehr betreten machten, und ebenso
gleichgültig beantwortet wurden. Es gab einen Augenblick der sonderbarsten
verlegensten Stille, ich fühlte das Unschickliche, wollte durchaus wieder in
meine vorige Stimmung kommen, die Anstrengung gelang mir schlecht, ich ward
völlig verdriesslich, und... schlief endlich ein! Als ich erwachte, schien der
Tag hell ins Zimmer hinein; ich fand mich allein, noch auf demselben Sofa: es
währte einige Minuten eh' ich mich entsinnen konnte, wie ich in dieses Zimmer
gekommen, und was mit mir vorgegangen war? Aber mit welcher Beschämung fiel mir
nun mein ganzes Abenteuer und mein unerklärlich albernes Benehmen ein. Die Türen
waren alle offen, kein Mensch kam mir in den Weg, ich schlich mich unbemerkt aus
dem Hause, und eilte aus der Gegend, so schnell als möglich. Ich war überzeugt,
dass meine Geschichte so höchst lächerrlich, als sie wirklich war, und gewiss mit
den unvorteilhaftesten Zusätzen, in Venedig herumkommen würde, und traute mich
gar nicht, mich die erste Zeit wieder dort sehen zu lassen. Ich verliess also
Venedig auf einige Monate, und zog aufs Land. Das war die Zeit, von der ich
Ihnen erzählt, die ich unter Hirten auf dem Lande gelebt habe.« -
    »Dies ist gegen die Abrede, Florentin«, sagte Juliane, »diese Geschichte
gehörte noch zu Ihren Konfessionen!«
 
                                Eilftes Kapitel
Die Zeichnung war beinahe ganz angelegt, als die Sonne sich auf einmal hinter
eine dicke Wolke verbarg, die ein plötzlicher Wind von Abend her am Horizont
herauftrieb; es donnerte in der Entfernung. Unsere Wanderer rafften sich auf, um
vor dem nahenden Gewitter noch ein Dorf zu erreichen, von dem sie nicht weit
entfernt waren. Das Wetter zog sich aber schneller zusammen, als sie dahin
gelangen konnten. Ein Wirbelwind jagte den Staub wie eine dichte Wolke über
ihnen empor, der Donner kam näher, die Blitze wurden stärker, einzelne grosse
Regentropfen fielen. Juliane ward ängstlich, sie lief aus allen Kräften, bald
versetzte der Sturm ihr den Atem, der Staub verdunkelte, und verletzte ihre
Augen. Sie fürchtete ebensosehr auf freiem Felde zu bleiben, als Schutz unten
einem Baume zu suchen. Ihre Füsse waren vom Laufen auf den spitzen Steinen wund
geworden, und sie stiess allentalben an.
    Ein starker Blitz, dem der Donner gleich nachfolgte, fiel vor ihnen nieder,
Julianes Knie wankten, sie fiel halb ohnmächtig zu Boden. Die beiden Freunde
nahmen sie abwechselnd in ihre Arme, und trugen sie fort. Das Gewitter war nun
ganz nahe, Blitz und Donner wechselten unaufhörlich, der Regen strömte in Güssen
herab.
    In der Verwirrung verfehlten sie den rechten Weg zum Dorfe, sie irrten, für
Julianes Gesundheit besorgt, ängstlich umher; endlich erblickten sie, indem sie
an einem Bache hinaufgingen, am jenseitigen Ufer eine Mühle, die einsam im Tale
lag, von Bergen umschlossen. Eine Brücke ging nicht hinüber, sie riefen laut;
aber der Sturm und das Rauschen des Bachs war lauter als ihre Stimmen. Endlich
gelang es ihnen nach vielem Winken und Rufen bemerkt zu werden; einige
Müllerburschen kamen mit einem Kahn zu ihnen herüber, nahmen die beiden Freunde
und die von Angst und Müdigkeit halbtote Juliane ein und brachten sie nicht ohne
Mühe über den vom Regen angeschwollenen Bach nach der Mühle.
    Sie waren vom Müller und von seiner Frau nicht gekannt, wurden aber gastfrei
aufgenommen. Eduards erste Sorge war trockne Wäsche und Kleider für Julianen zu
verschaffen. Eine neue Verlegenheit entstand. Sie mussten Julianens Geschlecht
der Müllerin entdecken, diese war erstaunt und getraute sich nicht, ihnen zu
glauben. Nach vielen Bitten und Beteuerungen liess sie sich endlich bewegen,
Wäsche und Kleider für Julianen herzugeben, und ihr bei der Umkleidung hülfreich
zu sein, denn die Arme war so erschöpft, dass sie kaum zu stehen vermochte.
Während sie umgekleidet und zu Bette gebracht ward, war in der daranstossenden
Stube ein Kaminfeuer gemacht worden; Eduard und Florentin waren dabei
beschäftigt, ihre Kleider zu trocknen. Die Müllerin trat aus der Kammer, und
berichtete ihnen, die Jungfer wäre eingeschlafen! Sie sah die jungen Leute mit
misstrauenden neugierigen Blicken an. Sie konnte sich das Verhältnis auf keine
rechtliche Weise erklären, in dem diese junge schöne Person, von deren
Geschlecht sie nun völlig überzeugt war, mit den beiden Männern stehen müsse.
Sie hatte allerlei Vermutungen, schmiedete sich irgendeinen Zusammenhang, den
sie ihnen in nicht gar feinen Wendungen deutlich zu verstehen gab. Zuletzt sagte
sie etwas ängstlich: sie habe zwar ihre Hülfe nicht versagen dürfen, aber weder
sie noch ihr Mann würden gern Leute beherbergen, die sich zu verbergen Ursache
hätten; und mehr solcher Redensarten, die eben keine günstige Meinung von ihren
Gästen verrieten.
    Die beiden belustigte ihre Besorgnis, und sie vermehrten sie mutwillig durch
geheimnisvolle Bitten, sie nicht zu verraten. Florentin trieb tausend kleine
Possen um sie her und suchte sie durch Schmeicheleien und artigen Scherz
freundlich zu erhalten. Sie schien dafür auch gegen ihn besonders gefällig, und
Eduard zog sie deshalb auf. Bald war sie so dreist gemacht, dass sie sich einige
zweideutige Spässe über Julianen erlaubte, deren Stand sie weit entfernt war zu
ahnden. Sie drang immer mehr mit Fragen in sie, die aber nicht ernstaft
beantwortet wurden. Der Müller war unterdessen seinen Geschäften nachgegangen,
und hatte seiner Frau die Sorge für die Wanderer überlassen.
    Juliane erwachte nach einem kurzen Schlummer und hörte zu ihrer nicht
geringen Beschämung die Zweifel und den Argwohn der Müllerin. Sie gab ein
Zeichen, dass sie erwacht sei, Eduard eilte zu ihr ans Bett, um sich nach ihrem
Befinden zu erkundigen; sie bat ihn, diesen für sie sehr verdriesslichen Auftritt
zu endigen, und die Frau über ihren Irrtum ernstaft aufzuklären; sie hatte zwar
anfangs gewünscht, unbekannt zu bleiben, lieber wollte sie aber diesen Vorsatz
aufgeben und ihren Namen entdecken, um den Vermutungen und den Zudringlichkeiten
der Frau ein Ende zu machen. Eduard ging sogleich wieder hinaus, und verkündigte
ihr nun, wen sie unter ihrem Dache bewirte. Juliane rief sie zu sich, und
bestätigte, was Eduard gesagt hatte; aber die Frau wollte ihnen durchaus nicht
glauben. Alles was sie zu ihrer Beglaubigung vorbringen mochten, schien eben dem
Argwohn der guten, etwas einfältigen Frau nur neue Nahrung zu geben; »das machen
Sie mir nicht weis«, rief sie, »dass meine gnädige Herrschaft zu Fuss, ohne
Bedienten und verkleidet ausgehen wird«! Florentin lachte ausgelassen über diese
tolle Begebenheit, Juliane musste trotz der Verwirrung auch lachen. Die Müllerin
lief hinaus und holte ihren Mann. Dieser sah kaum Julianen etwas genauer an, als
er sie gleich erkannte: er hatte sie oft gesehen, wenn er in seinen Geschäften
aufs Schloss gekommen war, in der Männertracht aber, blass und ohnmächtig, mit
nassen herunterhängenden Haaren, beim Eintritt nicht wiedererkannt; er bat sie
sehr wegen des Verdachts seiner Frau um Verzeihung, suchte diese, so gut als er
vermochte, zu entschuldigen, und verliess sogleich das Zimmer wieder.
    Die Müllerin war beschämt und verwirrt, sie erbot sich zu allen Diensten mit
der grössten Bereitwilligkeit, und erkundigte sich nach den Befehlen der jungen
Gräfin. Vor allen Dingen bat Juliane, ihr einen Boten zu verschaffen, den sie
aufs Schloss schicken könnte, um ihren Wagen herauszuholen, weil sie gleich nach
Hause fahren wolle. Die Nacht war aber unterdessen völlig hereingebrochen, das
Gewitter hatte zwar aufgehört, aber der Sturm war noch stark und der Regen
strömte gewaltig herab, dabei konnte man in der Finsternis nicht einen Schritt
vor sich sehen. Der Müller entschuldigte sich, dass er jetzt niemand über den
Bach könne fahren lassen, es wäre beinahe unvermeidliche Lebensgefahr dabei, da
er vom Regen sehr angeschwollen sei, und der Sturm den Kahn gegen die Pfähle
schleudern möchte. Bis zu Tagesanbruch müsste sie also geduldig warten. Man
erkundigte sich, ob nicht noch ein andrer Weg als der über den Bach nach dem
Schloss führte? Es ging allerdings noch einer durch das Gebirge, dieser führte
aber so weit herum, dass der Bote doch nicht vor dem andern Morgen anlangen
würde.
    Juliane befand sich in unbeschreiblicher Angst, wegen der Angst ihrer
Eltern. Sie zitterte und weinte, ihre Phantasie füllten die schreckhaftesten
Vorstellungen. Eduard war bereit, sich selbst über den Bach zu wagen, nur um sie
desto eher zu beruhigen; hierin willigte sie aber auf keinen Fall ein. - »Wollen
Sie mich hier allein lassen«, rief sie, »und sich selbst in Gefahr geben? Das
würde ja meine Angst noch vermehren?« Sie versprach endlich, geduldig den Tag
abzuwarten. Nun wollte sie versuchen aufzustehen, sie fühlte aber eine solche
Mattigkeit und so grosse Schmerzen an ihren Füssen, dass sie sich entschliessen
musste, im Bette zu bleiben.
    Die Müllerin hatte ein Abendessen bereitet. Eduard und Florentin setzten
sich vor das Bett; auf eine solche Ermüdung fehlte es unsern jungen Wanderern
nicht an Esslust, und wären die Speisen auch noch so niedlich und sorgfältig
zubereitet gewesen, es würde ihnen dennoch gewiss trefflich geschmeckt haben; an
diesen hatte aber die Müllerin wirklich ihre ganze Kunst verschwendet, um ihre
Gäste nach Würden zu bewirten, die sie anfangs zu ihrer grossen Beschämung so
verkannt hatte.
    Es gelang den beiden Freunden, Julianen auf Augenblicke ihre Unruhe
vergessen zu machen, und sie etwas zu erheitern. Sie fanden aufs neue
Gelegenheit über ihre Schönheit zu erstaunen. Die Blässe und die Mattigkeit in
Blick und Stimme verlieh ihr neue Reize, und kontrastierte auf eine interessante
Weise mit der Kleidung, die die Müllerin ihr geliehen hatte, die tüchtig und für
das Bedürfnis gemacht, ihren zarten Gliedern nirgend anpassen wollte. Florentin
wollte sie durchaus in dieser Umgebung zeichnen, damit sie sich künftig in ihrem
höchsten Glanze der Nichtigkeit aller menschlichen Pracht erinnern möge. »Denn«,
setzte er hinzu, »wahrscheinlich wird diese Begebenheit doch die anstrengendste
und abenteuerlichste sein, die Sie in Ihrem ganzen künftigen Leben erfahren
werden.« -
    In den Blicken der beiden Liebenden leuchtete die innigste Zärtlichkeit
hervor. - »Darf er so kühn unser künftiges Leben verspotten?« schien Juliane mit
ihrem beseelten Blick zu fragen; und in Eduards Augen las sie die Versicherung
der ewigen Liebe, des unvergänglichen Glücks. Er hatte seinen Arm um sie
geschlungen, sie lehnte das holde Gesicht an seine Schultern; die Seligkeit der
Liebe hielt ihre Lippen verschlossen, sie sprachen nicht, und sagten sich doch
alles.
    Florentin war hinausgegangen und hatte sich an die Haustüre gelehnt. Er
hörte auf die Wogen des Bachs, der sich reissend fortwälzte, und sprudelnd und
schäumend über die Räder der Mühle hinstürzte; auf das Brausen des Windes im
Walde, und das friedliche Klappern innerhalb der Mühle. Es klang ihm wie
vernehmliche Töne. Wie ein Wettgesang des tätigen zufriedenen Landmanns und des
mutigen, ehrsüchtig drohenden Kriegers tönten Mühle und Waldsturm; der Bach
rauschte in immer gleichen Gesängen ununterbrochen dazwischen, wie die ewige
Zeit, allem Vergänglichen, allem Irdischen trotzend, und seine Bemühungen
verhöhnend.
    Er hörte im Wohnzimmer des Müllers laut reden, er schlich sich aus einem
Anfall von Neugierde unter das offene Fenster, und hörte ein Gespräch zwischen
dem Müller und seiner Frau an, das sie über ihre Gäste führten; diese
Erscheinung mochte ihnen wunderlich genug vorkommen. - Der Müller konnte, wie es
schien, die Sitte nicht billigen, die die vornehmen Leute einführen, inkognito
zu reisen. »Man kennt sie nicht«, rief er, »am Ende werde ich noch in jedem
wandernden Gesellen einen verkleideten Prinzen, oder eine Prinzessin vermuten
müssen, und mich in acht nehmen, dass ich ihm nicht zu nahe trete.« - Die
Müllerin war ganz besänftigt, und wollte ihn mit dieser Sitte aussöhnen: »Sie
hören und sehen doch«, sagte sie, »wenn sie so reisen, manches, was sie sonst
nimmermehr erfahren würden, und dass die yielen Umstände und Weitläuftigkeiten
wegfallen, ist bequemer für sie, und auch für unsereinen.« - »Nun«, sagte der
Müller wieder, »manches brauchen sie auch nicht zu erfahren, und dafür, dass wir
keine Umstände mit ihnen machen dürfen, machen sie auch wieder mit uns keine.« -
»Nun Vater, du wirst dich noch einmal um den Kopf reden, ich dächte doch, wir
hätten nicht zu klagen.« - »Wer spricht davon? Ich meinte nur.« - »Ja dir macht
man's nimmermehr recht! Mit deinem hässlichen Misstrauen machst du einen auch mit
so argwöhnisch; hätte ich mich nicht beinahe ganz erschrecklich gegen die junge
gnädige Herrschaft vergangen? Und wer war schuld als du?« - »Ich will alles
verantworten, was ich spreche, aber das können nicht alle, und darum müssen sie
sich wohl in acht nehmen!« - »Ach und es ist doch gewiss eine liebe allerliebste
Herrschaft! Ich würde mich in meinem Leben nicht zufrieden geben, wenn ich sie
beleidigt hätte.« - »Beleidigt hast du sie doch, aber sie hat es dir wieder
verziehen!« - »Ja so gütig ist sie, und so herablassend, wie eine Heilige, und
dabei so zart und so schön! Vater, wenn du das so gesehen hättest, wie ein
Wachsbild, man kann sie doch gar nicht genug ansehen!« - »Und die beiden jungen
Herren sind wohl auch so gütig wie die Heiligen? Ja ihr Frauen!« - - »Nun, was
fällt dir wieder ein? Du hast immer ganz besondere Gedanken.« - »Ja vorzüglich
der eine, der ist nun vollends lauter Güte! Nicht wahr?« - »Welchen meinst du
denn, Väterchen?« - »Nun den, du weisst wohl, du hast ihn mir ja so schlau
gezeichnet.« - »Ich versteh' dich nicht, mein Schatz!« - »Sieh doch nur seine
grüne Jacke an, der linke Ärmel ist ja ganz weiss! Wo sollte er denn das wohl
herhaben?« - »Weiss? der linke Ärmel? Wie soll ich's denn wissen? In der Mühle
macht man sich leichtin weiss.« - »Ja besonders, wenn die Müllerin so leicht rot
wird!« - »Es muss auch alles zusammentreffen, um dich argwöhnisch zu machen.« -
»Behüte, lieber Schatz«, sagte der Müller laut lachend, und küsste sie, »ich bin
nicht im geringsten argwöhnisch, wenn ich deutlich alles sehe und höre, wo man
mich nicht vermutet.« - »Nun, wenn du alles gesehen hast, so wirst du auch wohl
gesehen haben -« - »Dass du dich wacker gesträubt hast, als er einen Kuss von dir
verlangte. Ja mein Kind, siehst du, daher ist er weiss am Ärmel!« -
    Florentin gefiel die leichte gutmütige Art, womit der Müller über die kleine
Begebenheit scherzte. Er selbst war gemeint; er hatte sich mit der jungen
artigen Müllerin einige Schäkereien erlaubt, um sie bei guter Laune zu erhalten,
als ihre Gäste ihr noch unbekannt waren, und er ihr mit immer neuen Forderungen
für Julianen viel Mühe machen musste.
    Er trat vom Fenster zurück und pfiff und rief den beiden Hunden, um sich vom
Müller bemerken zu lassen. Dieser kam ans Fenster und nötigte ihn, noch ein
wenig in die Stube zu kommen. Florentin ging hinein und unterhielt sich mit ihm;
der heitre, grade Sinn des Mannes und sein guter Verstand gefielen ihm immer
besser. Florentin nahm, während er sprach, mit der grössten Unbefangenheit die
Bürste vom Nagel, die unter dem Spiegel hing, und bürstete sich ruhig das Mehl
vom Ärmel; die Müllerin lief ganz beschämt aus der Stube, aber der Müller
lächelte und liess sich nicht im geringsten aus der Fassung bringen. Er sprach
viel von seinem Stande und seinem Geschäft. Seine sparsamen, ruhigen Worte, und
die Überzeugung der Wichtigkeit, mit denen er die Sorgen und Freuden davon
schilderte, ohne irgendeinen andern Stand im Leben unnötig und mit affektierter
Verachtung mit dem seinigen zu vergleichen, gab ihm eine Würde, der Florentin
mit Ehrerbietung begegnen musste. Er gedachte dabei mit einem Gefühl von
Beschämung an die Unruhe, mit der er selbst sich umtrieb, um einen Zweck zu
finden, der seinem Leben Wert und Bestimmung gäbe.
    Der Müller bemerkte endlich, es wäre nun wohl Zeit für ihn, sich zu Bett zu
legen; Florentin bot ihm eine gute Nacht, und war im Begriff hinauszugehen, als
Eduard hereintrat, und in Julianens Namen den Müller und seine Frau ersuchte,
die Nacht mit den beiden Herren durchzuwachen, sie selbst wollte versuchen zu
schlafen, sie wäre aber so ängstlich, dass sie gewiss nicht würde schlafen können,
wenn nicht alles im Hause wachte. Sie liess die Frau bitten, bei ihr im Zimmer zu
bleiben, und den Müller, ja sobald der Tag anbräche, jemand aufs Schloss zu
schicken. Die Müllerin ging sogleich zu ihr, und der brave Mann war ebenso
willig, den Befehlen der jungen Gräfin zu gehorchen.
    Florentin bemerkte etwas ungewöhnlich Heftiges und Leidenschaftliches an
seinem Freunde. Er liess sich in kein Gespräch mit hineinziehen, gab zerstreute
oder gar keine Antwort, und ging hastig, und mit ungleichen Schritten in der
Stube auf und ab. Florentin glaubte sogar in seinen Augen Spuren von vergossnen
Tränen wahrzunehmen. Diese Äusserungen waren bei dem sonst sanften stillen Eduard
etwas befremdend, doch beunruhigten sie seinen Freund nicht weiter; er hielt es
höchstens für Zeichen eines kleinen Zwistes zwischen ihm und Julianen, von
denen, welche die Liebe ebenso schnell zernichtet, als sie sie erzeugte. Er
redete ihn an und äusserte fein spottend seine Vermutung; Eduard blieb aber ernst
und trübe, und bat ihn kurz darauf, mit ihm hinaus ins Freie zu gehen. Die Nacht
war kalt und stürmisch, er bestand aber darauf dennoch hinauszugehen, und
Florentin begleitete ihn.
    Sie sassen schweigend nebeneinander auf der Bank vor dem Hause. Florentin
unterbrach die Stille zuerst: » - Immer höre ich doch wieder diese Töne des
Waldes, des Stroms und der Mühle mit derselben angenehmen, gleichsam anregenden
Empfindung. Beinah' möcht' ich glauben, dass ich eigentlich für das beschränkte
häusliche Leben bestimmt bin, weil alles dafür in mir anspricht, nur dass ein
feindseliges Geschick wie ein böser Dämon mich immer weit vom Ziele
wegschleudert!« - »Glaub mir«, sagte Eduard, »es weiss selten einer, was er
soll.« - »Jawohl«, fiel Florentin ein, »und es dauert lange, bis er weiss, was er
will! - Es ist auch beinahe alles einerlei, und alles Tun ist das rechte. Nur
dass man etwas tue! - Jawohl! Und darum will ich eilen. Ich will fort! Vielleicht
habe ich schon zu lange verweilt.« -
    Eduard antwortete nicht, Florentin hörte ihn seufzen. »Was ist dir, Eduard?«
fragte er ihn mit herzlicher Liebe, »du hast Schmerz, warum verhehlst du ihn
mir?« - »Nein, ich will ihn dir nicht verhehlen«, rief Eduard aus. »Sieh,
Florentin! Eine Seele, wie die deinige, einen Freund, wie du bist, suchte ich,
seitdem Freundschaft mir ein Bedürfnis ist, und das ist sie, seit ich mich
meiner selbst bewusst bin. Unverhofft fand ich dich; ich vermutete gleich in den
ersten Stunden, du seist der, den ich suchte, und diese Vermutung fand ich in
der Erzählung deiner Schicksale mehr als einmal bestätigt. Und nun soll ich
dich, kaum gefunden, wieder verlieren! Halte es nicht eines Mannes unwürdig,
wenn ich dir mein Leid darüber gestehe. Ich kann dich nicht wieder lassen, es
ist mir in manchen Augenblicken ganz unmöglich zu denken, dass ich dich wieder
lassen soll! Ich bin sehr reich, ich weiss es, vielleicht ist es Unrecht, mehr zu
verlangen, als ich besitze: aber ich bin in der Freundschaft unersättlich, und
an dich fühle ich mich mit unnennbaren Banden geknüpft!« - »Ich begreife dein
Gefühl, mein Freund! Dies sei dir Bürge, dass ich dessen wert bin; du bist mir
teurer, als ich es sagen kann. Dass du bei allen Gütern, die dir nie fehlten,
selbst in dem Besitz der Geliebten noch Raum für Freundschaft hast, und dir den
Sinn dafür erhieltest, macht dich mir verwandt und ewig wert. Wie kann dich aber
eine Trennung so wehmütig ergreifen, die doch eben durch keine besonders
unglücklichen Umstände bezeichnet ist? Wie selten dürfen Freunde ihren Lauf
beieinander beginnen und vollenden? Ist das Band, das Freunde verknüpft, durch
die Trennung gelöst? Muss nicht, in der Welt zerstreut, von ihnen ausgeführt
werden, was sie vereint beschlossen? O, dass ich Armer, Einsamer, dich
Reichbegleiteten trösten soll! Verzeih meinem Zweifel, ich kann nicht glauben,
dass meine Trennung von dir dieses Mal allein die Ursach' deiner Traurigkeit
ist.« - »Es kann sein; aber wie es auch sei, Florentin, ich mag, ich werde dich
nicht lassen! Höre, ich gehe mit dir; ich teile deine Unternehmungen, ich will
die Stelle deines Manfredi ersetzen, ich verschmähe jedes andre Schicksal, als
das deinige. Was mir fehlt, besitzest du so gross und frei! Du wirst auch in mir
manche gute Gabe finden. Vereint, ungetrennt, wollen wir ersinnen und ausführen,
fechten, leben und sterben, sterben für die Freiheit! Ich gehe mit dir nach
Amerika!« - »Wie ist dir? Wie ist dir? Du schwärmst!« - »Nein, ich lasse dich
nicht wieder, ich gehe mit dir!« - »Was kann ich dir anders zurufen, als Juliane
! O Eduard, mir ist dieser ganze Auftritt wie ein Traum. Welches Rätsel! Du bist
durch irgendeinen Vorfall aufgebracht, ja gereizt bis zum Wahnsinn. Mit Fragen
will ich dich nicht quälen. Aber ich beschwöre dich, sei gefasst, sei ruhig, und
wenn du es vermagst, so entdecke mir, was dich so erschüttern konnte. Erinnere
dich, was du so rasch verlassen willst! Mich lass aber ziehen, mir ein Glück zu
erringen, für das und mit dem du geboren wardst, erfreue dich dessen, und bleibe
in Frieden.« - »So bleibe du bei mir, Florentin! Nur noch ein Jahr bleibe bei
mir, dann ziehe ich mit dir, wohin du willst!« - »Ach, Eduard! Du solltest mich
nicht halten wollen!« - »Was du nicht sagen kannst«, fiel Eduard ein, »weiss ich
längst, mein Freund! Du liebst Julianen, ich weiss es, aber -« - »Wer? wer darf
das sagen?« - »Bleib ruhig, Florentin, es blieb mir nicht unbemerkt.« - »Du hast
dennoch falsch gesehen - Kannst du so dein eignes Gefühl verleugnen, und was
hast du zu fürchten?« - »Ich fürchte nichts von dir, sei überzeugt! Ich kenne
dich, dir ist die Freundschaft heilig. Du wirst dich für den Freund aus aller
Kraft deiner Seele zu bekämpfen wissen. Auch wird deine Leidenschaft sich bald
in das reinste Freundschaftsgefühl auflösen. Und dann, von beiden Freunden
geleitet, soll Juliane des schönsten Daseins sich zu erfreuen haben. Keine Lücke
bleibe in ihrem Herzen, ihre Liebe bedürfende Seele sei ganz glücklich im
Genuss.«... »Gemach, mein guter Eduard! gemach! So gelassen wolltest du wirklich
dreinsehen, wie der Freund seine Tage unter Prüfungen der Selbstüberwindung
hinschleichen liesse, sein wärmstes Leben, sein lebendigstes Gefühl ertötete, und
mit halb verschlossnem misstrauendem Herzen keinen fröhlichen Augenblick verlebte?
Ich gestehe dir aufrichtig, diese heroische Tugend darf ich nicht zu der
meinigen zählen. Wäre der Fall so, wie du ihn wähnst, so wäre, aufs schnellste
entfliehen, für mich das ratsamste, und das, was ich gewiss zuerst tun würde.
Aber es ist nichts von dem allen. Wahr ist es, Julianens Schönheit überraschte
mich: sie ist ein anmutiges Wesen, mit immer neuen, immer lieblichen Bildern
erfüllt ihre holde Gestalt die Phantasie, aber -« - »Ach, wenn du ihre Seele
kenntest, so weich! zugleich so voller Kraft und Liebe, ihren Charakter, die
herrlichen Anlagen!« - »Ich verkenne Julianen nicht. Wäre sie aber auch für mich
bestimmt, ich zweifle, dass ich ganz glücklich sein würde.« - »Freund, wer mit
diesem Engel nicht leben könnte, der -« - »Der verdient gar nicht zu leben,
willst du sagen. Leicht wahr! Ich spüre selbst so etwas! Indessen... versteh
mich, mein lieber Freund! Gräfin Juliane, Erbin eines grossen Namens, eines
grossen Reichtums, aus den Händen der höchsten Kultur kommend, im Zirkel der
feinen Welt schimmernd, der Anbetung von allen, die sie umgeben, gewohnt, und
Florentin, der Arme, Einsame, Ausgestossne, das Kind des Zufalls.« - »Wilder,
seltsamer Mensch! Warum nennst du dich so? und warum dünkst du dich noch immer
allein? in unserer Mitte allein?« - »Habe Geduld mit mir, ich darf mich nicht
entwöhnen, allein zu sein; muss ich nicht fort?« - »Was treibt dich, ich
beschwöre dich? Vertraue dich nicht ohne Not dem eigensinnigen Glück, bleibe bei
mir!« - »Ich will's versuchen, lieber Freund, aber ich stehe nicht dafür, ich
muss, ich muss doch endlich dahin, wo meine Bestimmung mich ruft.« -
    Eduard wollte noch etwas sagen, als die Müllerin zu ihnen herauskam. Juliane
liess ihnen sagen, sie möchten in ihr Zimmer kommen und ihr Gesellschaft leisten,
sie könnte unmöglich schlafen.
    Alle, auch der Müller, den sie drum hatte bitten lassen, versammelten sich
nun bei ihr; sie war vom Bett aufgestanden, und sass in einem bequemen Stuhl beim
Kaminfeuer; die Kleider der Müllerin hatte sie noch an.
    In der erhellten Stube sah Florentin nun deutlich die Zerstörung auf Eduards
Gesicht, und in seinem Wesen; kaum dass diese sich etwas legte, da Julianens
zärtlich beredter Blick sich nicht von ihm wandte und ihn um Verzeihung zu
flehen schien. Sie rief ihn zu sich, und sprach leise und beruhigend mit ihm.
Florentin war gewiss, dass etwas Ernstaftes zwischen ihnen vorgegangen sein
musste, während er sie allein gelassen hatte. Es war ihm klar, dass es Eifersucht
sei, was das schöne reine Verhältnis der Liebenden zerstöre. Eine ängstigende
Unruh' drückte sein Herz, da es ihm einfiel, dass er selbst vielleicht,
unglücklicher-oder unvorsichtigerweise, Ursach' dazu gegeben habe. Er überdachte
noch einmal jedes Wort, das ihm Eduard vor der Tür gesagt hatte, er musste ihn
bewundern, dass er, bei einer Leidenschaft, die ihm selbst so fürchterlich und so
zerreissend schien, mit soviel Feinheit und Aufopferung fühlte und sich äusserte.
Sein Glaube an Eduards schöne edle Seele erhielt eine neue Bestätigung, die ihn
mehr als jemals anzog; auf diese Weise fühlte er sich von widersprechenden
Gefühlen durchstürmt, und alles, was er in sich beschliessen konnte war: bald,
sehr bald fortzugehen.
    Während dass er in sich gekehrt, und in seine Gedanken verloren dasass, waren
die übrigen in einem allgemeinen Gespräch begriffen. Juliane erzählte: das
Brausen des Waldes und des Wassers hätten sie entsetzlich zu fürchten gemacht,
es wäre ihr nicht möglich gewesen einzuschlafen, obgleich sie die Augen fest
verschlossen und sich die Decke über den Kopf gezogen habe, um nichts zu hören.
»Als spräche des Waldes und des Wassers Geist drohend zu mir herüber«, sagte sie
noch schaudernd, »so war mir; jeden Augenblick fürchtete ich, sie würden mir in
sichtbaren Gestalten erscheinen; alle alten Romanzen und Balladen, die ich
jemals gelesen habe, sind mir zu meinem Unglück grausend dabei eingefallen. Sie
hätten es nur hören sollen, Florentin!« - »O ich habe auch die Geister zusammen
sprechen hören, aber mich nicht vor ihnen gefürchtet, mir klang es freundlich
und vertraulich; es sind mir freilich keine Balladen und Romanzen dabei
eingefallen.« - »Wissen Sie uns keine Geistergeschichte zu erzählen?« fragte sie
den Müller, »in Gesellschaft mag ich sie gar gerne hören; der Kreis wird gleich
eng und vertraulich dabei.« - »O wir wissen genug«, sagte die Müllerin, da es
der Mann ablehnte zu erzählen, »aber sie sind alle gar zu fürchterlich und
erschrecklich, so dass ich es nicht wagen möchte, sie der gnädigen Gräfin jetzt
zu erzählen.« - »Ich bin der Meinung unsrer guten Frau Wirtin«, fiel Eduard ein;
»es möchte Sie zu sehr beunruhigen, da Sie ohnedem bewegt und angegriffen sind.«
- »Gut«, sagte Juliane, »wenigstens müssen Sie mir aber erlauben, Ihnen etwas zu
erzählen; es fällt mir eben eine Geistergeschichte wieder ein, die weder
schreckhaft noch fürchterlich und doch merkwürdig ist.« Sie setzten sich
insgesamt um sie her, und versprachen ihr Aufmerksamkeit. Sie erzählte nun
folgende Geschichte.
 
                                Zwölftes Kapitel
»Meine Tante Clementina hatte in ihrer Jugend eine Freundin, von der sie sich
oft monatelang nicht trennte. Diese Freundin war verheiratet, ihren Namen habe
ich nicht erfahren, die Tante nannte sie nur immer Marquise. Sie lebte glücklich
mit ihrem Gemahl, den sie sehr liebte, und von dem sie ebenso wieder geliebt
ward. Sie waren schon fünf oder sechs Jahre verheiratet ohne Kinder zu bekommen,
wie sie beide es sehnlichst wünschten. Dem Marquis war es sehr wichtig einen
Erben zu haben, weil der Besitz grosser Güter an diese Bedingung geknüpft war.
Die gute Dame fürchtete für die Liebe ihres Gemahls, und sparte weder Gelübde
noch Gebete, um sich das ersehnte Glück von allen Heiligen zu erflehen. Sie
wallfahrtete nach allen wundertätigen Bildern, und nach den gerühmten Bädern.
Meine Tante die sie auf vielen dieser Reisen begleitete, war Zeuge ihres Grams,
der endlich so tief wurzelte, dass man und nicht ohne Grund, anfing, für ihre
Gesundheit besorgt zu werden: denn nicht allein, dass der Schmerz vergeblicher
Erwartung sie nagte, sie ward auch grösstenteils dadurch untergraben, dass sie
unzählige Gebräuche des Aberglaubens anwandte, und von jeder guten Gevatterin
oder jedem gewinnsüchtigen Betrüger sich Verordnungen und Arzneien geben liess.
    Die Vorstellungen ihrer Freunde gegen diese Verblendung waren vergeblich. Um
diesen endlich zu entgehen, brauchte sie meistens die Mittel heimlich, oder
unter mancherlei Vorwand. Unterdessen versuchten jene alles Ersinnliche, um sie
aufzuheitern, meine Tante verliess sie in dieser Zeit fast gar nicht.
    In der Weihnachtsnacht waren die Freundinnen in der Kirche, die Marquise
betete länger und eifriger als jemals und konnte sich, der häufigen Erinnerungen
und Bitten ihrer Freundin ungeachtet, gar nicht losreissen. Sie gab vor, da diese
sich über den vermehrten Eifer verwunderte, sie hätte viele Dankgebete zum
Himmel zu schicken für die glückliche Errettung ihres Gemahls, der tags vorher
von einer Reise zurückgekommen, auf der er mancherlei Gefahren ausgesetzt
gewesen war.
    Die Tante wagte es nun nicht mehr sie wieder zu stören, da sie sie an den
Stufen des Altars und zu den Füssen eines Wunderbildes tief hinabgebeugt, weinen
und laut schluchzen hörte, denn sie wusste aus Erfahrung, dass sie durch eine
Unterbrechung auf viel Tage unruhig gemacht wurde. Sie erwartete also, teils mit
Geduld, teils mit ihrer eignen Andacht beschäftigt, bis die ihrer Freundin
geendigt wäre. Da diese ihr doch endlich zu lang dünkte, rief sie ihr zu; da sie
aber ohne zu antworten und ohne sich zu bewegen liegenblieb, so beugte sie sich
zu ihr hinunter, hob den Schleier von ihrem Gesicht und fand sie ohne
Bewusstsein, kalt und in tiefe Ohnmacht gesunken.
    Mit Hülfe einiger zunächststehenden Menschen führte meine Tante sie aus der
Kirche, und half sie in den Wagen heben, der vor der Kirchtür hielt. Sie hatten
einen ziemlich grossen Weg nach ihrem Hause zu fahren, währenddem gelang es ihr,
sie durch alle Hülfe, die in dem Augenblick möglich war, wieder zu sich selbst
zu bringen. Als sie wieder sprechen konnte, fragte sie die Tante um die Ursache
ihrer sonderbaren Heftigkeit, und bat sie so dringend und unter so zärtlichen
Liebkosungen, ihr Herz gegen sie zu öffnen, dass sie nicht länger widerstehen
konnte. Sie vergoss in den Armen ihrer Freundin einen Strom von Tränen, und
nachdem diese ihrem Herzen Luft gemacht hatten, erzählte sie ihr: sie hätte
soeben einen Vorsatz ausgeführt, den sie schon seit länger als einem Jahre in
ihrem Herzen gehegt habe, zu dessen wirklicher Ausführung sie noch niemals
Kräfte genug in ihrer Seele gefühlt hätte; aber heute nacht hätte sie diese in
ihrem heissem Gebete zur Heiligen Jungfrau errungen. Sie hätte es glücklich
vollbracht, doch sich so angestrengt, dass sie gleich darauf ihre Besinnung
verloren habe. Dieselbe, an deren Altar sie die augenblickliche Kraft wie einen
Strahl vom Himmel in ihrer Seele empfangen, möge es ihr vergeben, dass gleich
darauf ihren Körper diese Schwäche befallen, und dass sie auch jetzt noch sich
der Tränen nicht entalten könne. - Meine Tante erwartete mit ungeduldiger
Unruhe das Ende dieser Vorrede und das, wohin sie führen sollte. Endlich
sammelte sich ihre Freundin und erzählte ihr: sie habe das Gelübde abgelegt, und
würde es unverbrüchlich halten, sich freiwillig von ihrem geliebten Gemahl zu
trennen, wenn sie länger als das nächste Jahr ohne Kinder bliebe; ihr Gemahl
sollte sich alsdann eine andere Gattin wählen, mit der er glücklicher wäre, sie
selbst aber wollte ihr Leben unter eifrigen Gebeten für sein Wohl in einem
Kloster beschliessen. - Sie kamen bei diesen Worten vor dem Hause an, und wurden
aus dem Wagen gehoben, noch ehe meine Tante ein Wort über dieses traurige
Gelübde hatte vorbringen können. Der Marquis kam ihnen entgegen, voll Besorgnis
wegen ihres ungewöhnlich langen Ausbleibens. Die beiden Frauen sprachen kein
Wort, er sah sie verwundert an, und nahm an der blassen Gesichtsfarbe seiner
Gemahlin und der bekümmerten Miene meiner Tante gleich wahr, dass ihnen etwas
Ausserordentliches müsse zugestossen sein. Er führte sie ins nächste Zimmer, und
liess nicht eher ab, bis er die Ursache ihrer Bestürzung erfahren. Sie erlaubte
es endlich meiner Tante, dem Marquis ihr Gelübde zu entdecken. Dieser suchte
sich ungeachtet seines heftigen Schreckens zu fassen, und bat sie, sich zu
beruhigen; sie liess aber nicht eher mit Tränen und Bitten nach, bis er ihr
versprach, sie durch keine Gegenvorstellung, und keine heimliche Veranstaltung
an der Ausführung ihres Gelübdes zu verhindern. Nun erfolgte eine Szene von
zärtlichen Vorwürfen, von Liebe, Grossmut und Aufopferung, die man sich wohl
leicht vorstellen kann.
    Die Nacht war unterdessen beinahe verstrichen, die Marquise fühlte sich sehr
ermüdet, und bat meine Tante sie nach ihrem Zimmer zu begleiten, weil sie trotz
ihrer Müdigkeit nicht würde schlafen können, und sie ihr noch einiges sagen
wollte. Ihr Gemahl führte sie die Treppe hinauf, ein Gitter verschloss einen
ziemlich langen Gang, an dessen Ende das Schlafzimmer der Dame lag. Der Marquis
zog an der Klingel, die Kammerfrau trat aus dem Zimmer, um zu öffnen, er wollte
eben wieder die Treppe hinuntergehen, als die Marquise ausrief: Ach seht! seht
hin! was kömmt da für ein englisch schönes Kind. Man sah hin durch das Gitter,
wo sie hinzeigte, sah aber nichts als die Kammerfrau, die mit einem Licht in der
Hand den Gang herunterkam, und die Gittertür aufschloss. - Was hast du da für ein
schönes Kind? fragte sie sie hastig. Die Kammerfrau sah sie an, ohne zu
antworten. O seht doch das Engelskind! rief die Marquise wieder, tat einige
Schritte vorwärts, und beugte sich freundlich, wie zu einem Kinde herab.
Entsetzen und Erstaunen bemeisterte sich der Anwesenden, denn sie sahen kein
Kind. Die Marquise ging mit offnen Armen noch einige Schritte, als wollte sie
etwas umfassen, wankte, und sank mit einem lauten Schrei nieder.
    Sie ward zu Bette gebracht. Als sie wieder zu sich selbst kam, fragte sie,
ängstlich die Antwort erwartend, ob denn die andern nicht das Kind am Fusse des
Bettes stehen sähen? Da man nun an der Stelle, die sie bezeichnete, nicht das
geringste wahrnahm, und sie am Achselzucken und am bedauernden Zureden der
andern merkte, dass man sie für krank hielt, und als ob ihr nicht geglaubt würde,
dass sie wirklich das sähe, was sie zu sehen vorgab, beschrieb sie mit der
grössten Genauigkeit und ganz gelassen die Gestalt des Kindes, das sie zu ihren
Füssen an das Bett gelehnt stehen sah. Es schien ihr in einem Alter von drei
Jahren, trug ein leichtes weisses Gewand, Arme und Füsse waren nackt, um den Leib
hatte es einen blauen Gürtel von hellglänzendem Zeuge, dessen Enden hinter ihm
niederflatterten. Das Köpfchen sei mit himmlischen blonden Locken, wie mit den
zartesten Strahlen umgeben, das mit den kindlichen Wangen, dem frischen Munde
und den lachenden blauen Augen wie ein wundersüsses Engelsköpfchen aussehe. Das
ganze Figürchen umschwebe hinreissende Anmut; kurz, sie beschrieb es so
umständlich, dass man gar nicht mehr zweifeln durfte, sie sähe es in der Tat vor
sich; da sie es aber anfangs hätte umarmen wollen, wäre es zurückgewichen, daher
sei ihr Schreck und die Ohnmacht gekommen, denn es hätte sie überzeugt, dass sie
eine Erscheinung sehe.
    Ihre Freunde durften keinen Widerspruch wagen, aus Besorgnis sie
aufzubringen, und man geriet in grosse Verlegenheit. Der Arzt wurde herbeigeholt,
er fand sie in heftiger Wallung, sonst aber keine Spur von irgendeiner
Krankheit. Er verordnete vorzüglich Ruhe. Sie wollte versuchen zu schlafen, rief
aber in dem Augenblick: O seht doch, wie es sich freundlich gegen mich neigt,
und nun geht es, das liebe Gesichtchen immer zu mir gewendet, zurück. Seht, dort
setzt es sich im Winkel nieder, es winkt mir mit den Händchen, ich solle
schlafen! - Man bat sie, die Augen zu verschliessen, damit sie Ruhe fände. Die
Bettvorhänge wurden niedergelassen, und nachdem sie etwas Kühlendes getrunken
hatte, schlief sie ein.
    Bei ihrem Erwachen, nachdem sie einige Stunden ruhig geschlafen hatte und es
unterdessen völlig Tag geworden war, hoffte man, ihre Erscheinung würde
verschwunden sein; aber zum Erstaunen blieb diese, wie in der Nacht. Kaum
erwachte sie, so zog sie die Vorhänge zurück und sah auch sogleich das Kind mit
muntern freundlichen Gebärden auf sich zukommen. Sie unterhielt sich nun auf die
vertraulichste und liebreichste Weise mit ihm, und versicherte, es gäbe ihr
durch sehr ausdrucksvolle Mienen verständliche Antwort. Sie gebot ihm, sich vom
Bett zu entfernen; es ging zurück; drauf winkte sie ihm wieder, und es kam
näher; dann gebot sie ihm, ihr etwas zu reichen, da machte es, wie sie
versicherte, eine Gebärde mit Kopf und Schultern, als wollte es ihr zu verstehen
geben, dies sei über seine Macht.
    Sie stand auf, ging im Zimmer herum, das Kind lief beständig vor ihr her,
immer rückwärts, das Gesicht zu ihr gewendet. Man war in der schrecklichsten
Besorgnis wegen dieser bleibenden Erscheinung; man hielt es für eine völlige
Zerrüttung der Sinne und der Gesundheit; und man drang einigemal in sie, sich
den Händen eines Arztes zu übergeben. Sie war aber nicht zu bewegen Arznei zu
nehmen, weil sie sich so wohl fühlte, als sie seit lange nicht gewohnt war. In
der Tat blühte sie zum Erstaunen aller Bekannten, in kurzer Zeit, ordentlich neu
auf. Sie ward wieder munter, sie konnte wieder gehörig Speisen zu sich nehmen
und ruhig schlafen, sie nahm wieder an der Gesellschaft frohen Anteil, und
schien sogar ihres traurigen Gelübdes nicht mehr zu gedenken. Ein paarmal sprach
sie nur mit ihrem Gemahl davon, aber mit der grössten Geistesruhe; sie
versicherte ihn, sie verlasse sich völlig auf sein Versprechen, ihr in der
Erfüllung nicht entgegen zu sein. Die Erscheinung des Kindes verliess sie keinen
Augenblick. Es begleitete sie bis an die Gittertüre, so oft sie ausging; sobald
die Tür zugemacht war, sah sie es den Gang wieder zurück nach ihrem Zimmer
schweben; wenn sie wiederkam, fand sie es ebenso am Gitter ihr entgegenkommen.
dabei war es, wie sie vorgab, immer traurig, wenn sie es verliess, und vergnügt,
wenn sie es wiedersah. Bei Nacht trug es eine Kerze in der Hand, und am Tage
einen Blumenkranz. Ausser jenem Bezirk hatte es sie nie verfolgt. Man beredete
sie ein anderes Zimmer zu beziehen, dazu war sie aber auch nicht zu bewegen. Sie
weinte, wenn sie nur daran dachte, es von sich zu stossen, und der Marquis liess
es sich endlich gefallen, weil er hoffte, sie würde doch nun ihrer Vision zu
Gefallen nicht ins Kloster gehen. Sie liebte die kleine Gestalt mit wahrer
mütterlicher Leidenschaft; sie ward oft in Gesellschaften unruhig, und sehnte
sich nach dem Kinde hin, wenn sie es einige Stunden verlassen hatte. Man hörte
sie in ihrem Zimmer mit ihm sprechen. Sie hatte ein kleines Bett dem ihrigen
gegenüber stellen lassen, darein legte es sich, wenn sie es ihm sagte, auch sah
sie es des Nachts, wenn sie von ungefähr aufwachte, drin liegen, aber es
erwachte in demselben Moment mit ihr. Ebenso machte sie ihm in einer Ecke des
Zimmers eine Spielanstalt, mit einem kleinen Tisch und Stühlchen, sie sah es
sich dazu niedersetzen; die Spielsachen berührte es aber nicht, es spielte nur
mit den Blumen, die es in der Hand hielt, oder es sass still ihr gegenüber und
lächelte sie mit grossen Augen an. Nur wenn Sie es fassen wollte, dann ward sie
erinnert, dass es eine blosse Täuschung sei, dann wich das Luftbild von ihren
Händen zurück, und liess sich ebensowenig ergreifen, als die farbige Gestalt des
Regenbogens.
    Nach einiger Zeit ereignete sich etwas, welches das Wunderbare dieser
Erscheinung zugleich erklärte und vergrösserte. Die Marquise fühlte nämlich
deutliche Zeichen, dass sie guter Hoffnung sei. Die Freude des Ehepaars war ohne
Grenzen, als sie dessen endlich gewiss waren. Im Taumel der Freude, ihr Gebet
erhört, und sich des trostlosen Gelübdes entbunden zu sehen, eilte sie nach
demselben Altare, vor welchem sie es damals abgelegt hatte, und gelobte nun an
der Stelle ihr Kind, statt ihrer, dem Kloster zu weihen! Der Marquis war mit
diesem Gelübde beinahe so unzufrieden, als mit dem vorigen, doch musste er es
geschehen lassen. Einen Knaben hoffte er mit Golde loszukaufen.
    Neun Monate nach dem Tage der ersten Erscheinung ward sie glücklich von
einer Tochter entbunden. Während ihrer Niederkunft sah sie die Erscheinung an
ihrem Lager unbeweglich stehen, in dem Augenblick aber, dass ihr Kind zur Welt
kam, war jene verschwunden, und sie hat sie niemals wiedergesehen.«
    Juliane endigte hier ihre Erzählung, und ihre Zuhörer dankten ihr einstimmig
für das Vergnügen, das diese ihnen gemacht hatte. - »Wenn ich mir jemals
wünschen könnte, eine Erscheinung zu sehen«, sagte der Müller, »so wäre es eine
solche!« - »Behüte mich Gott und alle heiligen Engel vor Geistern!« rief seine
Frau, indem sie andächtig ein Kreuz machte; »sie mögen auch sein, oder Gestalt
haben, was und wie sie wollen! sie bedeuten gar zu selten etwas Gutes.« - »Eine
sehr niedliche Geschichte!« sagte Eduard; »besonders gefällt mir's, dass sie so
wunderbar, und doch so einfach, so wahrscheinlich ist; man versteht sie
vollkommen, ohne durch eine besondere prosaische Auflösung gestört zu werden,
wie es sonst bei wirklich erlebten Wundern gewöhnlich der Fall ist.« - »Und Sie
sagen gar nichts dazu, Florentin?« fragte Juliane; »Sie sehen so gedankenvoll
aus, haben Sie etwa gar nicht zugehört?« - »Ich habe wohl zuhören müssen«, sagte
dieser, »die Geschichte zwang mich ordentlich zur Aufmerksamkeit. Mir war, als
wären mir sowohl die Begebenheiten, als die Menschen darin nicht fremd;
unwillkürlich schob sich mir bei jedem eine bekannte Person unter; so wie man,
wenn man ein Schauspiel liest, sich die Schauspieler denken muss, von denen man
es einst hat spielen sehen. Und was ich sonst nicht leicht fühle, mich hat ein
leises Grauen dabei überfahren.« - »Grauen?« fragte Juliane, »diese Wirkung
hatte sie doch auf mich gar nicht, da mich sonst schon bei dem blossen Gedanken
an eine Geistergeschichte schaudert; man sollte es aber schon an Ihnen gewohnt
sein, dass die Dinge allezeit auf Sie ganz anders wirken, als auf andere ehrliche
Leute. - Doch sehen Sie, der Tag bricht an«, fuhr sie fort, »nun dächte ich,
während unser guter Herr Wirt Anstalten trifft, dass der Bote aufs Schloss geht,
und die Frau Müllerin uns noch ein Frühstück bereitet, so singen Sie etwas,
Florentin! Ich kann nicht verhehlen, ich bin voller Unruhe und Ungeduld, Musik
wird am ersten fähig sein, diese zu täuschen.«
    Der Müller und seine Frau gingen hinaus, um zu tun, was sie verlangt hatte.
»Nun fangen Sie an«, sagte Juliane, »die Gitarre werden Sie nicht brauchen
können, sie hat wahrscheinlich sehr von der Nässe gelitten.« - »Es tut nicht
viel«, sagte Florentin, »sie wird noch immer gut genug sein, Takt und Tonart
ungefähr drauf zu bemerken, mehr braucht es nicht. Doch was verlangen Sie für
ein Lied?« - »Singen Sie, was Sie wollen, nur etwas Neues und Kluges!« - Nach
einem kurzen Besinnen sang er folgende Strophen:
»Mein Lied, was kann es Neues euch verkünden?
Und welche Weisheit, Freunde, fordert ihr?
Der Hohen meine Jugend zu verbünden,
Dies, wie ihr wisst, gelang noch niemals mir.
Noch Neu, noch Alt wusst' ich je zu ergründen;
Das Schicksal gönn' im Alter Weisheit mir.
Wir irren alle, denn wir müssen irren,
Gelassen mag die Zeit den Knäul entwirren.
Der Waldstrom braust im tiefen Felsengrund,
Gar schroffe Klippen führen drüber hin,
Die furchtbar hängen über'm finstern Schlund;
Wer strauchelt, dem ist sichrer Tod Gewinn!
Ein Müder wankt an Geist und Gliedern wund
Daher, schaut bang hinab, kalt graust der Sinn:
Am Felsen spielt ein Kind, sorglos bemühet
Ein Blümchen pflückend, das am Abgrund blühet.
Oft mühten sinnreich Dichter sich und Weise,
Das Leben mit dem Leben zu vergleichen.
Am glücklichsten geschah's im Bild der Reise!
Ein Tor eröffnet Armen sich, wie Reichen;
Früh ausgewandert auf gewohntem Gleise
Sieht er die Dämmrung kaum dem Licht entweichen,
So treibt der Wahn, ihm dürf's allein gelingen,
Rastlos in nie erreichte Fern' zu dringen.
Es türmen Felsen sich in seinen Wegen,
Des Mittags Strahlen glühn auf seinem Haupt,
In Wüsten Sands muss sich der Fuss bewegen,
Ein Ungewitter naht, der Sturmwind schnaubt,
Wo kommt ein sichres Dach dem Blick entgegen?
Es seufzt nach Ruh', wem stolzer Mut geraubt;
In später Nacht, doch tausendfält'ger Not
Kömmt er ans Ziel - und dieses ist - der Tod!
Der Jüngling tritt, von Ahndung fortgezogen,
Zur Schwelle hin, die in das Leben führt.
An seiner Schulter tönt der goldne Bogen
Der Göttin, so die Welt ihm hold verziert,
Der Phantasie, die ihn auf kühnen Wogen
Sanft fortreisst, ihn mit bunten Bildern rührt.
Wenn er dann so nach schönen Träumen hascht,
Wird unbewusst vom Glück er überrascht.
Gebt acht, gebt acht, Gelegenheit ist flüchtig,
Nicht leicht ihr Stirnenhaar im Flug zu fassen.
Obgleich zu nützen sie ein jeder tüchtig,
Dem's klug gelang, sie nicht entfliehn zu lassen,
So ist dem Würdigen sie nie so wichtig,
Dass er von ihr sich mag bestimmen lassen.
Doch was hilft Mut, was mächtiges Bestreben
Dem Schiff, das tollen Stürmen preisgegeben?
So mancher hat gefunden, was zu suchen
Er gleichwohl nicht verstand, was zu gewinnen
Vergebens er, und mühvoll wird versuchen;
Misslingen droht dem treulichsten Beginnen.
Wie viele hört man dann ihr Los verfluchen
Und klagen: Glück! o musstest du zerrinnen?
Was traut ihr müssig auf des Glückes Gunst?
Natur sei Vorbild, Leben eine Kunst!
Wer hebt des Künstlers Mut in Kampf und Leiden
Als ferne Ahndung hoher heil'ger Liebe?
Was lehrt ihn schellenlaute Torheit meiden
Als eignes Glück der süssen zarten Liebe?
Wo ist ein Port für Hohn und böses Neiden,
Als in den Armen frommer, treuer Liebe?
Und wird des Helden Stirn in Myrtenkränzen
Der Nachwelt schöner nicht, als Lorbeer glänzen?«
Florentin war von seinem eignen Gesange nach und nach so begeistert, dass ihm
Reime und Gedanken je mehr je leichter zuflossen, und die beiden wären es nicht
müde geworden, zuzuhören, wenn er auch noch länger fortgesungen hätte. Die
Müllerin unterbrach aber seinen Gesang und ihre Aufmerksamkeit, indem sie das
Frühstück hereinbrachte. Zu gleicher Zeit kam auch der Bote mit der Nachricht
zurück, der Wagen und die Bediente der Gräfin würden in weniger als einer Stunde
anlangen. Er hatte am jenseitigen Ufer einen Reitknecht vom Schloss zu Pferde
angetroffen, der ihn bei seiner Überfahrt erwartete. Dieser hatte ihn gefragt,
ob er nicht etwa drei Herren in Jagdkleidern gesehen hätte, denen zwei Hunde
gehörten, die er vor der Tür der Mühle liegen sähe? Da er nun gleich gesagt, dass
sie alle drei in der Mühle eingekehret seien, und dort übernachtet hätten, und
dass er eben abgeschickt sei, um den Wagen vom Schloss zu holen, so habe ihm der
Reitknecht befohlen, nur wieder zurückzugehen, und der Herrschaft zu sagen, dass
er sogleich den Wagen, der im Dorfe warte, nach der Mühle schicken würde.
    Juliane hatte wieder ihre Kräfte gesammelt; die Nachricht, dass sie in kurzer
Zeit abgeholt würde, machte sie völlig heiter und gut gelaunt. Um Eduards Stirn
schwebte eine Wolke, die Julianens ganze Heiterkeit nicht völlig zerstreuen
konnte. So oft sie ihre Ungeduld, nach Hause zu ihren Eltern zu kommen, äusserte,
stieg sein Unmut beinah bis zur Bitterkeit. - »Mein geliebter Freund«, sagte
Juliane, »es hilft Ihnen zu nichts, dass Sie Ihre Vorwürfe nicht aussprechen, sie
sind sichtbar auf Ihre Stirn geschrieben; aber wie sie auch erscheinen, sind sie
sehr ungerecht; Sie sollten die angenehmen Stunden nicht mit Missmut endigen!« -
    Das Frühstück war kaum verzehrt, als der Wagen mit der Kammerfrau der Gräfin
Eleonore kam, die ihr Wäsche und Kleider mitbrachte. Juliane erkundigte sich
nach ihren Eltern. Sie hatten die Nacht in erschrecklicher Angst zugebracht,
erzählte die Kammerfrau: der Graf wollte sich trotz dem Ungewitter selbst
aufmachen, um sie aufzusuchen, durfte aber die Gräfin nicht verlassen, die sich
sehr übel befunden, und bei jedem starken Blitz ohnmächtig ward. Im ganzen
Schloss blieb alles die Nacht über auf, und sobald das Gewitter nur etwas
nachgelassen, musste die Kammerfrau mit dem Wagen nach dem Dorfe fahren, weil sie
vermuteten, dass die jungen Leute nach dieser Seite gewandert wären, der
Reitknecht musste indessen zu Pferde das Gebirg und die Gegend durchsuchen. Er
war auch gleich, nachdem er dem Kutscher die Mühle bezeichnet, aufs Schloss
zurückgeritten, um es zu melden, dass sie glücklich gefunden wären.
    Juliane war gerührt über die Angst, die sie ihren Eltern gemacht hatte, und
eilte sich umzukleiden, um so schnell als möglich wieder zu ihnen zu kommen.
Florentin und Eduard beschlossen, zu Fuss zurückzugehen, sie konnten auf dem weit
nähern Fussweg doch noch früher als der Wagen auf dem Schloss ankommen. Sie
nahmen freundlich Abschied von ihren guten Wirten, die es als eine Beleidigung
ansahen, als man davon sprach, ihnen ihre gehabte Mühe und Unkosten zu bezahlen.
Juliane zog einen kleinen Ring vom Finger und gab ihn der Müllerin zum Andenken,
um ihre Erkenntlichkeit zu bezeigen.
    Der Graf und Eleonore kamen ihrer Tochter eine grosse Strecke entgegen, die
beiden Freunde ergötzten sich die Freude zu sehen, mit der sie empfangen ward,
und mit der sie aus dem Wagen in die Arme ihrer Eltern stürzte, als ob sie
jahrelang getrennt gewesen wären. Juliane wurde mit Fragen bestürmt und musste es
feierlich ihrem Vater versprechen, niemals wieder seine Einwilligung zu einer
ähnlichen Unternehmung zu fordern.
    So endigte die abenteuerliche Wanderung. Obgleich ihnen keine andere als
gewöhnliche Begebenheiten zugestossen waren, so war sie ihnen doch wichtig
geworden. Sie hatten auf diesem kurzen Wege, den sie miteinander gewandert,
tiefere Blicke in ihr Inneres zu tun Gelegenheit gefunden, als sie in einem
jahrelangen Nebeneinandergehen in der grossen Welt vermocht hätten. Juliane hatte
die Erfahrung ihrer Abhängigkeit gemacht, und musste es sich gestehen, dass sie es
nicht so unbedingt wagen dürfe, ausser ihren Grenzen, und ohne ihre Bande und
ihre erkünstelten Bequemlichkeiten fertig zu werden.
 
                              Dreizehntes Kapitel
Die Zeit des Aufschubs war verstrichen, es waren nur noch drei Tage bis zu dem
für die Vermählung festgesetzten, und man erwartete jede Stunde die Ankunft der
Gräfin Clementina.
    Unter verschiedenen Anverwandten und Freunden, die sich nun allmählich auf
dem gräflichen Schloss einfanden, kam auch einer ihrer Nachbarn, auf den sich
schon alle längst gefreut hatten, weil er ihnen durch seine Eigenheiten viel zu
lachen gab. Er war vormals Oberstwachtmeister, hatte aber bei seinem
herannahenden Alter den Abschied genommen, und lebte nun auf seinen Gütern, wo
er Ökonomie trieb, seine Besitztümer verbessern, und seine Bauern aufklären
wollte: zu dem Ende las er alles, was in diesem Fache geschrieben ward, und
versuchte alle Menschenfreundlichkeit lehrende Teorien zu realisieren. Da er
nun den grössten Teil seines Lebens sich mit Ideen ganz anderer Art beschäftigt
hatte, so konnte es nicht fehlen, dass er alles falsch anfing, seine oft gute
Absicht verfehlte, und sich nur selten nützlich, desto häufiger hingegen
lächerrlich machte. Da seine Verbesserungen gewöhnlich mehr darauf hinausgingen,
ihn zu bereichern, als wie er vorgab das Gute wirklich gemeinnützig zu machen,
und er bei allen Vorkehrungen, die er traf, seine Bauern zu bilden, sich doch
niemals vorstellte, dass sie klug genug wären, seine eigentliche Absicht
einzusehen, und aus eben dem Grunde nicht allein sie nicht beförderten, sondern
ihr auch noch auf alle ersinnliche Weise entgegenarbeiteten, so lebte er in
ewigen Verdriesslichkeiten und Zänkereien. Übrigens war er, was man einen recht
guten tätigen Mann nennt. Niemals hat wohl jemand, bei so vielem Anspruch auf
Gravität und Würde, mehr Anlass zum Lachen und Bedauern gegeben, als der gute
Oberstwachtmeister. Er brachte bisweilen seine Lächerrlichkeiten mit einer
solchen Naivität vor, dass man geneigt war, zu glauben, er wolle sich selbst
parodieren: so geschah es denn oft, dass seine Hörer ohne alle kränkende Absicht
laut auflachten, wo er eigentlich die ernstafteste Aufmerksamkeit hatte erregen
wollen.
    Bei seinem jetzigen Besuche brachte er das Gespräch auf die ökonomischen
Einrichtungen des Grafen, und konnte seine Verwunderung nicht genug darüber
bezeigen, dass diesem alles so wohl, so leicht und ohne alle Widerwärtigkeiten
gelinge, während er mit aller Arbeit es nur bis zum Streit und zur Verwirrung zu
bringen wisse. Er hatte auf seinem Wege nach dem Schloss sich mit einem alten
Landmann aus dem Schwarzenbergischen Dorfe in eine Unterredung eingelassen, der
die eingeführten Neuerungen und Verbesserungen seiner Herrschaft nicht genug
loben und segnen konnte. Dieses unverdächtige Lob hatte ihn ganz wild gemacht;
er polterte und sprudelte nun eine Anrede an den Grafen heraus, wo neben recht
kräftigen derben militärischen Ausdrücken die Worte Bildung und Verfeinerung
äusserst drollig hervorstachen, und endigte mit dem Anliegen: der Graf solle ihm
Unterricht in der neuesten Verbesserungsmetode geben.
    Um ihn etwas zu besänftigen, und ihn von seiner Mutlosigkeit zu heilen,
erinnerte ihn der Graf an seine Verschönerungen des Parks, des Gartens und des
Wohnhauses. -
    »Ja, ja«, sagte er mit Selbstzufriedenheit, »das ist freilich etwas! Es hat
mir doch auch, muss ich sagen, viel Arbeit und Kopfzerbrechen und viel schweres
Geld gekostet. Nun freilich! so etwas wie mein Ermenonville, meinen
otaheitischen Pavillon, meine chinesischen Brücken, dergleichen haben Sie noch
nicht ausgeführt, das ist wahr! Apropos, ich muss Ihnen doch erzählen: ich habe
von meinem Neffen, der vorigen Sommer von seiner Reise um die Welt
zurückgekommen, eine ganz vortreffliche und genaue Zeichnung von den ägyptischen
Pyramiden erhalten, die ich, sobald ich mit meinem Vesuv zustande bin, ebenso
nachzuahmen gedenke; unter uns, ich hoffe, es soll gewiss ein Meisterwerk und ein
seltnes Glück werden. dabei habe ich den Gedanken, in diesen Pyramiden ein
Monument für mein seliges Lottchen zu stiften. Ich habe auch schon den Platz mit
Trauerweiden und wilden Rosen bepflanzen lassen, und der Neveu will die alten
Inschriften, die er mitgebracht hat, hinein besorgen. Dahin will ich mich dann
in melancholischen Stunden in die Einsamkeit begeben, mich meinen Gedanken
überlassen, und das Andenken meines lieben seligen Lottchens feiern.
    Jetzt meinte ich aber nur die Ökonomie, Ihre Verbesserung des Ackerbaues,
und das ehrbare folgsame Betragen Ihrer Bauern. Sehen Sie, das war's, dahin
bringe ich's mit aller Arbeit nicht. Wie ich es mir sauer werden lasse, das
werden Sie wohl nicht glauben; wie ich mich Tag und Nacht damit beschäftige die
Bestien auszubilden; und wie sollt' es einen nicht dreifach ärgern, wenn man
dahinter kommt, dass sie ihrem Wohltäter Gutes mit Bösem vergelten, und lügen und
betrügen, wo sie nur immer können. Blutsauer habe ich's mir werden lassen! Ja
sollten Sie sich vorstellen, ich bin so weit gegangen: als ich neulich etwas von
ihnen verlangte, wobei ich, wenn es mir gelungen wäre, auf ein paar tausend
Tälerchen jährlich mehr hätte rechnen können, mussten nicht allein meine Töchter,
bei einem Fest, das ich veranstaltete, mit ihnen tanzen, ja ich ging so weit,
dass ich sie selbst in ihren eignen Häusern überraschte, mich mit ihnen zu Tische
setzte, und von ihrer miserablen (Gott verzeih mir die Sünde) Kocherei aus einer
Schüssel mit ihnen verzehrte! Ich tat nicht anders, als ob es mir ganz
vortrefflich schmeckte, dankte ihnen und unterhielt mich mit ihnen, als ob sie
meine Kameraden wären. Ich sage das eben nicht darum, als ob es so besonders
tugendhaft von mir wäre, ich weiss recht wohl, dass es gegen die Aufklärung und
gegen die reine Menschlichkeit liefe, wenn ich anders handelte, aber ich
vermutete, die Halunken würden von meiner Herablassung gerührt sein, und in
alles einwilligen, was ich von ihnen verlangte, es wäre denn doch ein Beweis
ihrer verfeinerten Sitten und ihrer edlen Herzen gewesen. Aber mir nichts, dir
nichts! sie blieben bei ihrem starren Eigensinn, es fehlte nicht viel, so hätten
sie sich gegen mich zusammengerottet, bloss aus Egoismus, weil mir, wie sie
sagten, allein der Vorteil zufliesse, und sie freilich wohl ein wenig mehr Arbeit
und einen kleinen Zeitverlust dabei gehabt hätten. Anfangs wollte ich's nun doch
mit Gewalt durchsetzen, aber sie waren so undankbar, mir mit einem Prozess zu
drohen! Ich liess es gut sein und war zufrieden; aber geärgert hat es mich, dass
ich aus der Haut hätte fahren mögen! Nun, Herr Graf, sagen Sie mir nur, Sie
richten ja aus, was Ihnen beliebt! Tun Sie denn noch mehr?« - »Bei weitem nicht
so viel, als Sie, Herr Obristwachtmeister«, sagte der Graf beruhigend. »Aber Sie
haben selbst sehr richtig bemerkt, ich bin so glücklich, einen Schlag sehr guter
Leute auf meinen Gütern zu besitzen, die mir allentalben kräftig die Hand
bieten. Ich suche nur zu verhüten, dass sie nicht durch zufälliges Unglück bis zu
dem schauderhaften Elend gebeugt werden, wo sie Hülfe in der Niederträchtigkeit
und Vergessenheit ihres Elends in der Völlerei zu suchen haben. Sie werden
erfahren haben, wie meine Schwester für die Kranken sorgt. Auf eine ähnliche
Weise werden sie jedesmal unterstützt, wenn es nötig ist. Da sie nun für die
ersten Bedürfnisse nicht so hart und unablässig zu sorgen brauchen, so kommen
sie von selbst und ganz ohne Zwang darauf, ihren Zustand immer mehr und mehr zu
verbessern. Sie tun mir also zuviel Ehre an, Herr Obristwachtmeister, wenn Sie
mir allein alle Verbesserungen und manches ungewöhnlich Gute zuschreiben, das
Sie auf meinen Gütern bemerken wollen. Sehr viele, ja die meisten Ideen dazu,
kommen von meinen Landleuten selbst; sie kennen den Boden, den sie bearbeiten
müssen, durch ihre Erfahrung am besten, daher sind sie am ersten imstande und
berechtigt, sich die vorteilhafteste Behandlungsart zu ersinnen; ich reiche
ihnen nur hülfreich die Hand, wenn etwa die Ausführung ihre Mittel übersteigt.
Der Vorteil des Gelingens gehört ihnen unbezweifelt, sowie auch billig der
Schaden des Irrtums oder des Verfehlens, der jedoch ihre ganze Bestrafung
ausmacht.« - »Das Wichtigste«, fing Eleonore an, »hat mein Gemahl Ihnen noch
nicht erwähnt, Herr Obristwachtmeister: ich meine den abgeschaften Frondienst.
Die Leute haben nun, was ihnen so wichtig ist, Musse, ihre eignen Geschäfte desto
besser zu besorgen.« - Der Obristwachtmeister hatte, während der Graf
gesprochen, mit komischer angestrengter Aufmerksamkeit zugehorcht, um etwas zu
lernen, auch einigemal Beifall genickt, indem er die Umstehenden nach der Reihe
anguckte. Als aber Eleonore vom Abschaffen des Frondienstes anfing, sprang er
ungeduldig auf. »Gut, dass Sie davon anfangen, Frau Gräfin! Ich hatte es mir
schon längst vorgenommen, Ihnen meine Meinung darüber zu sagen. Sie haben Ihren
Bauern den Frondienst erlassen, der jedem Gutsbesitzer von Gott und Rechts wegen
zukömmt, dadurch haben Sie aber allen Ihren Nachbarn vielen Schaden zugefügt.
Herr Graf! Es ist nicht ein jeder gesonnen, seinen gerechten Vorteil so
mutwillig zu verschleudern, und nun wird uns alles erschwert. Nein, erlauben Sie
mir, dass ich's Ihnen sage, daran taten sie sehr unrecht! Eine alte Gerechtigkeit
muss man nicht aufheben. Unsere Vorfahren haben den Frondienst eingerichtet, und
das waren auch keine Narren; die Nachkommenschaft sollte nur mehr Respekt vor
ihren Einrichtungen haben! Einzelne Verbesserungen, ja einzelne lasse ich mir
gefallen, aber das Ganze darf nicht niedergerissen werden! Alle Teufel! Bei der
Ordnung muss es bleiben. Und nehmen Sie mir's nur nicht übel, Herr Graf, auf
diese Weise geht es Ihren Bauern freilich herrlich und in Freuden, da Sie sich
das Ihrige entziehen! Aber damit wäre mir noch gar nicht gedient, meine Bauern
sollen sich nicht aus Eigennutz vervollkommnen, und meinen Willen ihres eignen
Vorteils wegen vollziehen, sondern aus reiner Liebe und Dankbarkeit sollen Sie
mir meinen Willen tun. Weltlichen Vorteil sollen sie gar nicht vor Augen haben,
sondern Moralität, feine Ausbildung des Kopfs und des Herzens! Lieben sollen
mich die Halunken!« - In diesem Ton fuhr der gute Obristwachtmeister noch ein
Weilchen fort, zur grossen Belustigung der Gesellschaft, die über diesen Freund
der Kultur sich nur mit Mühe das laute Lachen entielt. Eleonore musste einigemal
das Gesicht wegwenden; der Graf versuchte es, ihn zu unterbrechen, und ein
anderes Gespräch auf die Bahn zu bringen, aber das ging nicht so leicht. Er
kramte mit grossem Eifer alles durcheinander aus, und schwieg nicht eher, bis man
zu Tische ging, wo er sich dann wieder beruhigte. Beim Anblick der
mannigfaltigen Flaschen ward er vollends wieder friedlich und freundlich
gesinnt, vergass Kultur, Ökonomie und Moralität, liess es sich trefflich
schmecken, und prüfte so lange die einheimischen und fremden Weine
gegeneinander, bis man ihn nach einem andern Zimmer führte, wo er den Rest des
Tages ruhig verschlief.
    »Wie gefällt dir die herrliche Karikatur?« fragte Eduard. - »Dieses ist
einer der umfassendsten Geister, die es gibt«, erwiderte Florentin; »er
vereinigt in sich alle die Narrheiten, die man sonst in der ganzen Welt
ausgebreitet findet; jedes Rätsel, das uns in ihr verwirrend und ängstigend
entgegenfährt, ist aufs belehrendste in ihm allein aufgelöst.« - Juliane
bedauerte spottend die armen Fräulein, die aus
ökonomisch-politisch-menschenfreundlicher Absicht mit den unwilligen,
aufgebrachten Bauern tanzen mussten, und stellte die Not, sich nach ihrer Weise
fügen zu müssen, sehr komisch und lebhaft vor. Sogar Terese und die Knaben
übten ihren Mutwillen an dem ehrlichen Obristwachtmeister, bis der Graf ihnen
endlich Einhalt tat, der sich bei diesen Gesprächen erinnert hatte, dass seinen
Bauern am Vermählungstage ein Gastmahl auf dem Schloss bereitet werden müsse, und
war verwundert noch keine Anstalten dazu machen zu sehen. - Eleonore gestand
ihm: Sie hätte es zwar nicht vergessen, könnte sich aber immer nicht
entschliessen etwas anzuordnen, was noch jedesmal ihr Missfallen erregt, so oft
sie dabei gewesen. - Der Graf erwiderte: Es lasse sich schwerlich etwas
Gegründetes gegen eine so ehrwürdige Sitte einwenden, die von jeher in seinem
Hause stattgefunden, und die er nicht gern ohne Grund abschaffen würde. -
»Verzeih mir, mein Bester!« sagte Eleonore, »aber ich konnte mir nie weder Gutes
noch Erfreuliches dabei denken, wenn ich diese Leute an einer langen Tafel,
schnurgerade gereiht sitzen sah, Zwang und staunende Langeweile auf allen
Gesichtern, die Männer an der einen, die Frauen auf der andern Seite; zufällig
Feinde sich nah, Freunde und Liebende getrennt, fremd, ängstlich, unbehaglich!
Von der Dienerschaft, wo nicht gar von der herrschaftlichen Familie selbst
bedient, fühlen sie sich in nicht geringer Verlegenheit, so oft ihnen etwas
gereicht ward, und nahmen sich dann natürlich so ungeschickt und link dabei, dass
die übermütigen Lakaien sich berechtigt glauben, sie hohnlachend zu verspotten.
Irgendein Lächeln, oder das Ansehn von Superiorität, das man doch nicht
unterdrücken kann, und das nur auffallender wird, je mehr man's unterdrücken
will, macht ihnen vollends diesen ostensibeln Akt von Herablassung zur Pein. Es
kann nicht fehlen, dass das demütigende und zugleich erniedrigende Bewusstsein
sich nicht in ihre Herzen schleiche: sie seien unter dem Vorwand eines Gastmahls
bloss zur Dekoration für die Vornehmen bestimmt, die sich an einer ländlichen
Szene erlustigen wollten. Dürften diese ehrlichen Leute freimütig ihre Meinung
sagen, so würden sicherlich die meisten, wie Sancho Pansa bei den Ziegenhirten,
ihrem Herrn für die unbequeme Ehre danken, in seiner Gesellschaft zu speisen;
von denen, die es nicht ausschlügen, hätte ich auch nicht die beste Meinung.« -
Eleonore wandte ihre ganze Beredsamkeit an, den Grafen zu bewegen, dass er diesen
alten Gebrauch abstellen, und den Bauern auf eine andere Art ein Andenken des
fröhlichen Tages vergönnen möchte, aber der Graf wollte nichts davon hören. »Es
sind noch Leute darunter«, sagte er, »die sowohl am Tage unserer Vermählung, als
bei Julianens Geburt sind bewirtet worden, was würden diese glauben und glauben
machen, wenn wir es bei dieser Gelegenheit unterliessen? Entweder, dass unsere
Freude nicht von Herzen gehe, oder dass wir die Gebräuche unserer Vorfahren nicht
mehr ehren. Es darf nicht unterbleiben! Doch bleibt dir, Liebe, die ganze
Anordnung unumschränkt überlassen. Die Missbräuche, die du ganz richtig angemerkt
hast, werden sich vielleicht vermeiden lassen.«
    Das Gespräch ward durch Briefe von der Gräfin Clementina an den Grafen und
an Julianen unterbrochen. Beide entfernten sich. Eleonore beratschlagte
währenddem mit Eduard und Florentin wegen des Auftrags, den ihr der Graf
gegeben. Es ward endlich unter ihnen etwas verabredet, und Florentin eilte
sogleich die nötigen Anstalten dazu zu treffen, die Kinder begleiteten ihn.
    Der Graf kam zurück, und als er Eleonoren mit Eduard allein antraf, sagte er
ihnen: sie dürften nun nicht mehr auf Clementinens Gegenwart bei der Vermählung
rechnen, sie hätte es völlig abgeschrieben. Eleonore bat ihn, ihr etwas Näheres
aus dem Briefe mitzuteilen, weil sie auf des Grafen Gesicht einige Sorge
wahrnahm, die sie beunruhigte.
    »Ich befürchte«, sagte er, »dass Clementina von einem ernstaftern Grund zu
kommen abgehalten wird, als der ist, den sie vorschützt. Wenn sie nur nicht
wieder krank ist, und es uns verbirgt!« - Eleonore suchte ihn zu beruhigen; sie
erinnerte, dass ihre fast niemals weichende Kränklichkeit ein ganz ruhiges
Verhalten oft notwendig mache, gefährlich schien es doch nicht zu sein, da sie
beide Briefe eigenhändig geschrieben hätte. Sie schlug dem Grafen einen
verlängerten Aufschub vor, er unterbrach sie aber mit einiger Ungeduld: » - Es
scheint auch Clementinens Wunsch zu sein«, sagte er; »aber, meine Liebe, ich
kann weder dir, noch jener hierin nachgeben. Ich werde es nicht länger
aufschieben, ein so heilig gegebenes Versprechen zu erfüllen, und ich selbst
sehne mich zu lebhaft, dich, Eduard, als meinen Sohn zu umarmen. Es bleibt bei
dem bestimmten Tage, gleich nachher wollen wir zusammen Clementinen besuchen,
mich verlangt recht danach, sie zu sehen.« - Er ging mit Eleonoren in den
Garten, wo er ihr noch einiges aus dem Briefe mitteilen wollte.
    Juliane war traurig, ihre geliebte Tante nun nicht erwarten zu dürfen. Sie
überlas ihren Brief immer wieder aufs neue. Eduard suchte sie bei sich in ihrem
Zimmer auf, und wollte sie durch seine zärtlichen Liebkosungen erheitern. Sie
fühlte seine Liebe, konnte sich aber dennoch nicht aus ihrer trüben Stimmung
reissen, und bat ihn endlich, sie allein zu lassen. Er ging fort und suchte
Florentin auf; er wollte nicht mit seinem Unmut allein sein. Juliane schrieb
folgenden Brief an Clementinen.
                             Juliane an Clementina
Ihr letzter Brief hat mich nicht so froh gemacht, wie sonst alles, was von Ihnen
kommt. Sie selbst erwartete ich, liebe Tante, wie soll ich mir nun an einem
Briefe von derselben Hand genügen lassen, die ich selbst so gern mit Küssen
überdeckt hätte, auf deren Segen ich hoffte!
    Ich habe jetzt Sorgen, meine Tante! Wie soll ich sie aber aussprechen? Wenn
ehedem eine kindische Sorge mein Gemüt traf, dann wussten Sie es zu erraten, ich
war durch Ihre Hülfe davon befreit, ehe ich sie zu nennen wusste. Aber jetzt wird
es bedeutender, ich fürchte mich vor den ernstaften Anstalten. Man kömmt und
geht; Einrichtungen werden gemacht, andere zerstört; Vater und Mutter haben
lange geheime Unterredungen, dann wird oft Eduard dazugerufen. - O hätte ich es
gedacht, dass es soviel Mühe, und mir soviel Angst machen würde! - Und alles ist
weit schlimmer geworden, seit Ihren Briefen, Tante! Nachdem sie gelesen waren,
fielen lange Unterredungen vor; der Vater war sehr bewegt, meine Mutter weinte.
Ich sass unbemerkt an meinem Fenster, da konnte ich sie sehen, sie gingen auf der
Terrasse auf und ab. Ich durfte um nichts fragen, denn es schien, als machten
sie mir absichtlich aus dem Inhalt des Briefs und des Gesprächs ein Geheimnis,
aber es beunruhigte mich. Was kann vorgehen? Ich habe Ihren Brief unzähligemal
durchgelesen, um vielleicht in ihm selbst einen Aufschluss zu finden, aber
umsonst! - Meine teure Clementina schreibt von Pflichten, die mir nun aufgelegt
werden, denen ich vielleicht nicht gewachsen sei. Was sind das für Pflichten?
Gibt es noch andere, als die ich kenne: dass ich Eduard einzig und bis in den Tod
lieben soll? Und wenn es nur diese sind, wie sollten sie mir zu schwer sein?
Kann man zu lieben aufhören? Gibt es eine andere Glückseligkeit, als treu zu
lieben bis in den Tod? - Einst sagten Sie mir: das schönste Glück auf Erden für
eine Frau wäre, wenn der Gatte zugleich ihr Freund sei. Sie sprachen mir aus der
Seele, meine geliebte Clementina; und wenn dem so ist, so dürfen Sie sich mit
Ihrem Kinde freuen; Eduard ist gewiss der Freund seiner Juliane; er liebt mich
ja, und kann man lieben, ohne der Freund der Geliebten zu sein?
    Aber, was ihm nur fehlen mag? Er ist nicht allein besorgt und nachdenklich,
wie ich es bin; er ist traurig, voll Missmut bis zur ungerechten Klage: ich liebe
ihn nicht so, wie er hoffte, von mir geliebt zu sein. Ich weiss seine Zweifel
nicht zu beruhigen, und meine eigne Unruhe wird immer grösser. Vielleicht
zerstreut sich dieser Nebel um uns, wenn wir erst in Ruhe uns selber werden
leben, wenn erst der Lärm, die Wichtigkeit, die Feierlichkeiten vorüber sind.
    Ich hätte vielleicht grösseres Recht zu klagen, als Eduard, dass ihm nicht so
ganz genügt an seiner Freundin, dass er noch eines Freundes zu seinem Glücke
bedarf. Jetzt wünschte ich aber selbst so sehr als er, dass Florentin bei uns
bleiben möchte. In diesen Stunden der Missverständnisse ist er unser guter Engel;
die bösen Geister weichen vor seiner Gegenwart. Es ist ein ganz herrlicher
Mensch, liebe Clementina! Eduard hängt mit der brüderlichsten Freundschaft an
ihm und ich liebe ihn wie einen ältern Bruder. Ich fühle es wohl, was ich ihm
schon jetzt verdanke, und was er uns beiden werden könnte! Aber alles unser
Bitten vermag nicht, ihn zurückzuhalten. Eduard hat eine Vermutung, die ich
Ihnen einmal mündlich mitteilen werde; ich halte sie aber nicht für gegründet,
und auf keinen Fall ist es so ernstaft, als er glaubt.
    Diesen Morgen war ich lang allein mit Florentin. Wir überraschten uns beide
mit der gegenseitigen Frage: »Was fehlt Eduard?« Jeder von uns glaubte den
andern im Verständnis. Er wusste aber so wenig und ist so unruhig über diese
Erscheinung, als ich selbst. Zum ersten Male habe ich ihm mit vollem Zutrauen
begegnet; ich gestand ihm meine kleine Eifersucht, und dass ich für Eduards Liebe
besorgt bin; aber er gab mir Unrecht, er warnte mich, nicht in die gewöhnliche
Schwäche der Frauen zu verfallen und Achtung für die Freundschaft der Männer zu
haben. Es waren Ihre Worte, Clementina. Ich musste voll staunender Achtung vor
ihm stehen, denn so tiefe Blicke in mein Inneres hat niemand noch, ausser Ihnen,
getan; solche Dinge hat mir noch kein Mensch sonst gesagt. Er hat mich aus den
tiefsten Winkeln meines Herzens, da wo ich selbst nicht hinzudringen wagte,
herausgefunden. Es war beinah so hart, mein Stolz empörte sich endlich gegen
seine Beschuldigungen. »Sie kennen freilich meine Schwächen«, sagte ich ihm,
»aber Sie wissen doch nicht, was ich zu tun imstande bin.« - »Das glaube ich«,
sagte er; »wenn Sie das nur in der Tat tun wollten, was Sie zu tun imstande
sind; wenn Sie nur nicht das, was Sie sind, verleugnen, um wie die andern zu
scheinen.« - Drauf sprach er noch viel über Eduard und mich; so süss tröstete er
mich nun, sprach mir so beredt, als ob er für sich selbst spräche, von Eduards
inniger Liebe, wusste mir so fein alle seine Feinheiten herzuzählen. - Ich konnte
nicht länger sorgen, alle meine Bangigkeit war fast verschwunden bei seinem
freundlichen Trost. »Nur vergessen Sie nicht«, sagte er, »was ich Ihnen gesagt;
wenn Sie es auch jetzt nicht verstehen, einst werden Sie es doch verstehen
lernen.« - Ich fühlte eine Träne über mein Gesicht rollen, als ich ihm die
Versicherung gab; seine Worte, seine Stimme, die wie eine scheidende
Prophezeiung klang, hatten mich tief bewegt. Er küsste sanft mir die Träne vom
Gesicht; ich konnte es nicht wehren, er war selbst zu sehr gerührt. - »Auch ich
werde diesen Augenblick nicht vergessen«, sagte er, »so sehe ich Sie niemals
wieder.« - Darauf verliess er mich.
    Aber Clementina, warum sind Sie nicht bei mir? Wo soll ich Mut hernehmen die
ernste Stunde zu überstehen? Mussten Sie gerade jetzt Ihr Mädchen verlassen?
    Ich vergesse alles, wovon ich Ihnen sonst schreiben könnte. Mein Herz ist so
voll! von mir selbst voll! Muss es, wird es nicht bald besser werden? Leben Sie
wohl, Clementina, teure geliebte Freundin! Segnen Sie Ihre Juliane.
 
                              Vierzehntes Kapitel
Es war ein heiterer herrlicher Morgen; ein grosser, von hohen schattigen Bäumen
umgebener Platz im Park, den man aus dem Kabinett der Gräfin übersehen konnte,
und der von der andern Seite die Aussicht ins freie Feld liess, war zur
festlichen Bewirtung der Landleute eingerichtet. Unter den Bäumen rings um den
Platz standen Tische von verschiedener Grösse; jeder Familie war einer
angewiesen, dessen Grösse der Anzahl der Personen angemessen war. Es durfte
keiner aus Mangel an Raum zurückgelassen werden. Jede Hausmutter sah sich im
Kreise der Ihrigen, und sorgte nach ihrer gewohnten Weise für ihre
Bequemlichkeit. Stühle standen umher, geräumige Lehnsessel für die Alten.
Glänzend weisse Tücher waren über die Tische gedeckt. Frauen und Töchter stellten
geschäftig das nötige Gerät umher, kein Lakai, keine Livree war zu erblicken.
Gelassen sorgte jede für die Ihrigen, brachte sorgsam das ererbte, lang geehrte
Glas, das gewohnte Messer des Hausvaters, damit er keine häusliche
Bequemlichkeit vermisse. Mit Braten, Wein und Kuchen waren die Tische reichlich
besetzt, mit Blumen anmutig verziert. Die Mitte des Platzes, ein frischer
dichter Rasen, war zum Tanz für die jungen Leute bestimmt; da konnten die Alten
ruhig an ihren Tischen sitzend dem Tanze zusehen.
    Früh war Eleonore hinausgegangen, um selbst noch einmal nachzusehen, ob
alles nach ihren Befehlen eingerichtet sei, und ob nichts mangle? Nach und nach
kamen alle zusammen in festlichem Anzuge. Junge Mädchen mit Bändern und Blumen
geschmückt, versammelten sich, Terese an ihrer Spitze, um Julianen einen
blühenden Myrtenkranz zu überreichen. Jetzt kamen auch einige Abgeordnete aus
Eduards und des Grafen nah liegenden Gütern. Jeder Tisch war für einige Gäste
mitberechnet, sie fanden also leicht einen Platz. Sie suchten sich sogleich ihre
Verwandte oder Bekannte heraus, und wer keine zu finden hatte, wurde von allen
eingeladen, er wählte selbst seinen Wirt; die freundliche Hausfrau, das
netteste, sittsamste Töchterchen zählten die meisten Gäste, und entschieden die
Wahl auf den ersten Blick. Der Graf hatte einige Söhne aus dem Dorfe unter
seinem Regimente, diesen hatte er heimlich Urlaub gesandt, nach ihrer Heimat
zurückzukehren und sich mit ihren Mädchen zu verbinden, die schon längst auf
diese Erlaubnis geharrt hatten. Jetzt kamen sie muntern Soldaten unvermutet
zwischen den Bäumen hervor, und begrüssten die freudig erschreckten Eltern und
die errötenden Bräute, die sich unter den versammelten Mädchen befanden, und
welche heute ihre Aussteuer von Eleonorens Händen erwarteten. Herzlich froher
lauter Willkommen schallte von allen Seiten; Umarmungen, Glückwünsche und
Händeschütteln gingen im kunstlosen Reihentanz durcheinander, bei dem der
freiere militärische Anstand und die hellen Farben der Uniformen lustig
abstachen gegen das einfältige friedliche Betragen der Einwohner.
    Der Graf und Florentin kamen dazu; er bezeigte Eleonoren seine
Zufriedenheit, und lächelte vergnügt bei dem schönen Anblick. - »Sehen Sie,
Florentin«, sagte Eleonore, »wie das alles lacht und lebt.« - »Mir ist«, sagte
Florentin, »als sähe ich eine Szene von Teniers lebendig werden! Es wäre noch
der Mühe wert zu leben, wenn es immer so auf der Welt aussehen könnte!« -
»Mutter«, rief Terese, »wo bleibt denn Juliane? Ich werde ungeduldig.« - »Es
ist wahr«, sagte Eleonore, »sie müsste schon hier sein, und wo bleibt Eduard?« -
»Sie waren schon diesen Morgen mit ihm aus, Florentin«, sagte der Graf, »ich sah
Sie beide zurückkommen, was hatten Sie schon so früh vor?« - »Die Gesellschaft
trennte sich gestern sehr früh, wir blieben noch zusammen, ein Buch, das wir vor
einigen Tagen zu lesen angefangen hatten, zog uns so fort, dass wir nicht eher
aufhören konnten, bis es geendigt war; es war nun nicht mehr Zeit sich
niederzulegen, wir gingen hinaus, und erwarteten den Morgen.« - »Seit einigen
Tagen«, fing der Graf wieder an, »habe ich ein nachdenklicheres, trüberes Wesen
an Eduard bemerkt, als ihm gewöhnlich ist. Hat er Ihnen etwa die Ursache
vertraut, Florentin? Oder haben Sie sonst Gelegenheit gehabt zu bemerken, was
ihn drückt? Sie müssen uns kein Geheimnis daraus machen, es ist vielleicht nicht
unmöglich seinem Verdruss abzuhelfen, oder irgendeinen geheimen Wunsch zu
erfüllen. Warum verbirgt er sich uns?« - »Mir ist nichts bekannt, Herr Graf, als
was Sie selbst bemerkt haben, nämlich dass er nicht so heiter als gewöhnlich
ist.« - »Haben Sie sonst keine Vermutung?« - »Die steigende Ungeduld, vielleicht
die Erwartung!« - »Unmöglich! Sein Glück ist so nah, so sicher.« - »Vielleicht
ist es etwas... mir hat er... wirklich... ich weiss nicht... Wenn Sie mir
erlauben, so will ich jetzt die Gräfin Juliane aufsuchen.« - Er ging zurück auf
das Schloss. Die Fragen des Grafen hatten ihn verwirrt. Entdeckt hatte Eduard
sich ihm nicht, aber er war fest überzeugt, eine geheime Eifersucht, die er
gerne unterdrücken möchte, marterte ihn, er war bis zur Peinlichkeit reizbar
geworden; Juliane heiterte ihn freilich oft wieder auf, aber nur auf kurze Zeit,
dann war irgendeine Kleinigkeit wieder imstande, ihn zu beunruhigen. Wie ein
Gespenst trat es Florentin vor die Seele, er sei die Ursache dieser Zerstörung.
Auch das, was in jener Nacht in der Mühle vorgegangen war, konnte er sich auf
keine andere Weise sonst erklären.
    Auf dem Korridor nach Julianens Zimmer sah er eine Tür geöffnet, die er bis
jetzt immer verschlossen gefunden hatte; er trat hinein, es war das neu
eingerichtete Schlafzimmer für Julianen, in dem die Kammerfrauen eben noch
einiges ordneten. Ein Basrelief mit Figuren in Lebensgrösse über dem Kamine zog
sogleich seine Augen auf sich. Es war eine Psyche, welche die Lampe in der Hand,
den schlummernden Gott der Liebe mit staunendem Entzücken beschaute. Es war in
edlem Stil gearbeitet, und von vollendeter Ausführung, Florentin betrachtete es
mit innigem Vergnügen, und glaubte die Hand des Meisters darin zu erkennen; er
freute sich es so unverhofft erblickt zu haben. Das ganze Zimmer war übrigens
mit glänzender Pracht eingerichtet. Als er es eben verlassen wollte, und noch
einen Blick umher warf, fiel ihm das grosse Prachtbette auf, das dem
vortrefflichen Kunstwerk gegenüberstand. Am Oberteil des Lagers sowohl, als
zwischen den stolzen Federbüschen, die auf den reich mit goldnen Quasten
verzierten schweren seidnen Vorhängen prangten, breiteten sich mit grosser Würde
die Wappen, gleichsam der schwebenden, beinahe entkörperten Psyche erdrückend
entgegen. - Wir wagen es nicht zu bestimmen, was dem Florentin für Bemerkungen
eingefallen sein mögen, aber er lachte laut auf.
    Juliane und Eduard begegneten ihm, als er zur Türe heraustrat. - »Ich war im
Begriff Sie beide aufzusuchen, Sie werden im Park erwartet.« - »Von wem? Sind
meine Eltern dort?« - »Sie wünschen im Park zu frühstücken, eh' die Gesellschaft
zu gross wird, auch werden Sie eines erfreulichen Anblicks geniessen.« - Sie
eilten hinunter.
    Eine jubelnde Symphonie von vielen Instrumenten, die zwischen den Bäumen
versteckt waren, empfing sie. Juliane trug ein weisses Kleid von der feinsten
Gaze, das in leichten Falten bis zu den Füssen herabfiel, unter der Brust war es
von einer Reihe Smaragden zusammengehalten, ihre Haare in eigner Pracht, ohne
allen Schmuck aufgesteckt; feine goldne Kettchen zierten Hals und Arme, auf dem
schönen Busen wiegte sich ein Stein von Diamanten. So schwebte sie aus dem
Schatten der Bäume hervor, herrlich geschmückt, doch leicht und kunstlos. Augen
und Herzen flogen ihr entgegen. Eine selige Heiterkeit verklärte ihr Gesicht
beim Anblick der frohen Menge. Ihre Eltern an der andern Seite des Platzes
erblickend, wollte sie sogleich zu ihnen herüberfliegen; ihre eiligen Schritte
aber wurden von Kindern gehemmt, welche sie mit Blumenketten umgaben und
festielten; zugleich näherte sich ihr mit Gesang der Trupp junger Mädchen. Sie
hob Teresen zu sich hinauf, küsste sie, und liess sich den blühenden Kranz von
ihr auf die Locken drücken. Mit nassen Augen lächelte sie beim Gesang der
Mädchen, die einen Korb mit den schönsten Blumen zu ihren Füssen niedersetzten.
Kaum hatte sie sich in den Armen ihrer Eltern von der freudigen Rührung erholt,
als die beiden Knaben, Julianens Brüder, einen kleinen Wagen ganz von Rosen
durchflochten herbeizogen, die Kinder zwangen sie scherzend hinauf, sie setzte
sich unter eine Art von Rosentron. Terese stand ihr auf dem Schoss, der
Blumenkorb zu ihren Füssen, so ward sie im Triumph und Freudengeschrei
fortgezogen; das Ganze sah so reizend und zauberisch aus, dass man einen
Feenaufzug zu sehen glaubte.
    So ging es fort nach einem stillen entfernten Teil des Parks, wo das
Frühstück bereitet war. Zwischen den Büschen standen blühende Orangenbäume, die
einen balsamischen Duft verbreiteten. Wo man hinsah, erblickte man Julianens und
Eduards Namen aus Blumengehängen. Die Bäume waren durch ebensolche Blumengehänge
verbunden, und das Ganze bildete einen vollen bedeutenden Blütenkranz. Von
verschiedenen Seiten in kleiner Entfernung liessen sich Oboen und Waldhörner bald
wechselnd, bald zusammenstimmend hören, und wenn sie schwiegen, erschallte ganz
von ferne die fröhliche Musik bei den Landleuten herüber. Jedes Geräusch war
entfernt, alle sassen schweigend und horchend, jedes schien beschäftigt, die
Freuden mit allen Sinnen in sich aufzunehmen. Florentin verglich im stillen den
Eindruck dieses kleinen Tempels mit dem des prangenden Schlafgemachs, das er
gesehen, und es ist leicht zu erraten, welches er sich von beiden am liebsten
zum Allerheiligsten im Heiligtum der Liebe ausersehen hätte.
    Von tausend süssen Gefühlen durchströmt, das Herz pochend von liebevoller
Ahndung, lehnte Juliane das glühende Gesicht an den Busen ihrer Mutter, Eduards
Lippen ruhten auf ihrer Hand, die er mit den seinigen umschlossen hielt. -
»Meine Juliane, mein angebetetes Mädchen!« sprach er im Entzücken der Liebe,
»werde ich dich jemals so glücklich machen können, als du in den Armen der
Mutter bist?« - »Sie bleibt in den Armen ihrer Mutter«, sagte Eleonore, sie
sanft an sich drückend, »auch wenn sie die Ihrige sein wird! Sie rauben sie uns
nicht, lieber Eduard!« - »Mögt Ihr beiden das höchste Glück jedes das seine im
andern finden«, sagte der Graf, indem er sie umarmte, »Ihr seid mein kostbarstes
Kleinod. Gott verleihe euch seinen reichsten Segen in dem meinigen!« - Die Rede
des Grafen schien erst bestimmt zu sein, noch mehreres zu entalten, er brach
aber mitten darin ab, und sah nach seiner Uhr mit einiger Bedenklichkeit. »Ich
hätte sehr gewünscht«, fing er wieder an, »noch einige Zeit in diesem
vertraulichen Kreise zu verweilen, aber ich sehe soeben, dass wir keine Zeit mehr
zu versäumen haben: Juliane, du musst an deine Toilette denken, wir müssen uns ja
noch alle umkleiden.« - »Bleibt die Gräfin Juliane nicht so, wie sie da ist?«
fragte Florentin; »das werden wir bedauern müssen; sie ist so schön in diesem
Anzuge, dass keine Veränderung vorteilhaft für sie sein kann.« - »Es ist wahr«,
sagte der Graf, »aber hier darf nicht die Rede von der Schönheit der Kleidung
sein, sondern von der Schicklichkeit. In dieser kann sie nicht öffentlich
getraut werden, heute müssen wir notwendig in Gala sein. Wenn uns nur die
Fremden nicht überraschen, wir haben zu lange verweilt.« - »Nun lasst uns
zurückgehen«, sagte Eleonore, »wir finden wahrscheinlich schon einige
versammelt. Auch unser wunderlicher Obristwachtmeister wird wohl schon
aufgestanden sein; es wird mich belustigen zu sehen, was er zu unserm Volksfeste
sagen wird; ich wette, er findet etwas gegen die Humanität darin zu tadeln.« -
Man trennte sich. Jeder ging auf sein eignes Zimmer. Eleonore fand, dass sie noch
eine Stunde übrig hatte, sie verschloss sich in ihr Kabinett und schrieb
folgenden Brief an Clementinen, die in der allgemeinen Freude von allen
schmerzlich vermisst ward.
                             Eleonore an Clementina
Mitten aus dem festlichen Getümmel, und in unruhiger Besorgnis, jeden Augenblick
abgerufen zu werden, schleiche ich mich in meine Kammer, um Dir einige Worte
zuzurufen: Ich will meinem Herzen diese Freude nicht versagen, ich will zu Dir
reden, will mir einbilden, Du sässest neben mir, und ich sähe es dem lieben
Gesicht an, wie Dein Herz die Freuden des meinigen teilt.
    Aber auch schelten muss ich mit Dir, Du Unvernünftige! Wie? Juliane wird zum
Altare geführt, und Du bist nicht bei ihr? Wie magst Du es nur verantworten? Du
weisst wohl, wie ich Dein Tun und Deinen Wandel verehre; dennoch glaube ich
nicht, dass Du die Art und Weise von uns Weltkindern so sichtbar verachten
darfst: Es ist wohl ebenso verdienstlich von mir, dass ich mich aus dem Getümmel
losreisse, um an Dich zu schreiben, als dass Du das Haus der Fröhlichkeit nicht
besuchen willst, um den armen kleinen Geschöpfen Deiner Pflege unter Deinen
Augen Hülfe und Nahrung reichen zu lassen. Denkst du nicht daran, wie notwendig
Du auch hier bist? Wer unter uns soll wohl Julianen das Beispiel der Sammlung
und Frömmigkeit geben, das sie von ihrer Tante erhalten würde! Es werden viele
gedankenlos um sie stehen, und sie wird umsonst die Augen suchen, an deren
frommer Andacht sie sonst gewohnt war, die ihrigen zum Himmel zu erheben! Wird
nun nicht die wichtigste Angelegenheit ihres Lebens fast leichtsinnig vollendet
werden?
    Die böse Nachricht, dass wir Dich nicht erwarten dürfen, betrübte uns alle,
und wie sehr Juliane anfangs darüber trauerte, kannst Du wohl denken; bald wusste
sie sich aber zu beruhigen, da wir ihr von Deiner eigentlichen Besorgnis nichts
mitteilten, und sie so gewohnt ist, alles gut und recht zu finden, was von der
Tante kömmt. Jetzt atmet ihre Brust wieder in ihrer natürlichen leichten
Unbefangenheit. Du nennst es gewiss nicht blinde mütterliche Eitelkeit, wenn ich
mich im Herzen freue, die Holdseligkeit des lieben Mädchens zu sehen, diese
stolze zarte Schönheit, die aus ihrem Innern strahlend sie umgibt. Ja Du Teure!
Du würdest, wenn Du sie so vor Dir sähest, leuchtend und glühend im vollen
Ausdruck ihres Glücks, Du würdest nicht länger unzufrieden sein, dass ihr Vater
eilt, sie mit dem Geliebten zu vereinigen, dass sie trotz aller Deiner Gründe so
früh vermählt wird. - Juliane ist beinah noch ein Kind, sagst Du, vieles liegt
unentwickelt und tief verborgen in ihr, das nicht geahndet wird, am wenigsten
von ihr selbst, sie fängt kaum an, sich selbst zu erkennen, sie wird aus einem
Kinde zur Gattin, und wird gewiss einst auf die übersprungene Stufe ihres Lebens
mit Wehmut zurücksehen. - Das ist sehr wahr, Liebe; nicht weniger aber ist es
wahr, dass Juliane vielleicht ihre Bestimmung ganz verfehlen möchte, wenn sie den
ersten vernehmlich ausgesprochenen Wunsch ihres Herzens unterdrücken müsste. Du
weisst, wie sehr Juliane mir in vielen Stücken ähnlich ist, da mein Gemüt von
jeher in schwesterlicher Liebe vor Dir aufgeschlossen lag, so wie auch das
ihrige von der zartesten Kindheit an. Du wirst es nicht vergessen haben, dass
auch die Mutter, wie jetzt die Tochter, sich nur spät und langsam erkannte; wie
nur ihre frühe glückliche Bestimmung verhinderte, dass nicht das lang verborgne
Feuer heftiger Leidenschaftlichkeit verderblich um sich gegriffen. Was anders
bewahrte sie vor jeder Gefahr, die ihr aus ihrem Innern drohte, als die
Zufriedenheit mit ihrem Lose, die sie an den Pforten der Selbsterkenntnis
empfing; als die ruhige Liebe in ihrem Herzen; als der Gatte, die Schwester, die
Kinder! Ihr kostbaren Reichtümer! Meinem Glück verdanke ich meine Tugend!
    Auch das ist wahr, dass Eduard uns von Jugend auf mehr Beweise eines
liebenden Gemüts und der feinen Ausbildung, als eines selbständigen Sinns
gegeben; aber eben dies sein liebendes Gemüt, dächte ich, müsste uns Bürge sein.
Wie hängt er doch mit inniger Liebe an der Geliebten seiner Jugend! Wie ist er
ihr durch alle Wandelbarkeit seines Lebens so wahrhaft treugeblieben! Seine
Liebe war gleichsam der dauernde Grund, auf welchem die bunten Farben des Lebens
wie lose Fäden hin und her gewebt waren. Es fehlt ihm vielleicht nichts weiter,
als die bestimmende Vereinigung mit der Geliebten, um ihn ganz festzuhalten. Ich
habe Sinn für häusliche Freuden an ihm wahrgenommen; ich kann an niemand
verzweifeln, dem dieser Sinn nicht fehlt. Lass uns nur nicht weiter mit unserer
Vorsorge dringen wollen! Unsre Hoffnung ist, sie dauernd glücklich zu sehen.
Doch wer entüllt uns die Zukunft? Dürfen wir uns erlauben. Böses zu verüben, um
ein künftiges Gut zu sichern? Das wäre ja sogar gegen Deinen eignen Grundsatz.
    Du weisst doch, dass Eduard seinen Plan, gleich nach der Vermählung mit
Julianen auf Reisen zu gehen, aufgegeben hat, zu unsrer grossen Freude. Die
Kleine konnte sich nicht entschliessen, uns zu verlassen, er hat sich auf ihr
unablässiges Bitten entschlossen, noch einige Jahre bei uns zu leben, eh' er
seine weiteren Pläne ausführt. Sie bleibt also immer noch in unserer Mitte, er
raubt sie unserm Kreise noch nicht, er selbst ist ein teures Mitglied desselben
geworden. Wir wollen nun alles aufbieten, um ihn seinen neuen Entschluss nicht
bereuen zu lassen. Fest soll sich an Fest ketten, und eine Lust die andere
verdrängen. Wärst Du nur hier, die bange Sorge würde bald von Dir weichen! Dein
Bruder ist in der besten Laune von der Welt;
    Du weisst, wie liebenswürdig er in seiner Heiterkeit sein kann; und überhaupt
sind wir so fröhlich und ausgelassen wie die Kinder, haben alle Sorgen weit
abgeworfen.
    Nun ernstlich an meine Toilette, Juliane ist sicher schon fertig; der Lärm
wird immer lauter, ich darf doch nicht zuletzt erscheinen. Bald siehst Du uns
bei Dir, ich habe Dir viel zu erzählen von den lieblichen Festen, die hier
begangen werden, vorzüglich von einem hier im Park, meinem Fenster gegenüber.
Dies wird Dir gefallen, es ist ganz in Deinem Sinn; das kömmt daher, weil ich
nichts anordne, ohne in meinem Sinn den Deinigen zu Rate zu ziehen.
                                                                       Eleonore.
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Florentin war allein geblieben. Er ging auf den Platz im Park: er war leer, die
Leute waren hinausgegangen auf den Weg zur Kirche, dort wollten sie, in zwo
Reihen geordnet, die herrschaftlichen Wagen durchfahren lassen. Er ging
vedriesslich ins Schloss zurück. Auf Gängen und Treppen war alles voller Tumult
und Gedränge von wichtig tuenden, mit nichts lärmend beschäftigten Menschen.
Allentalben begegneten ihm fremde Gesichter. Unmutig floh er auf sein Zimmer.
Das Gerassel der Wagen zog ihn ans Fenster. Eine lange Reihe von vier- bis
sechsspännigen Equipagen, mit goldbedeckten Lakaien behangen, leerte sich, eine
nach der andern. Unerträgliche Figuren wurden maschinenmässig aus dem glänzenden
Kasten gehoben, und ins Schloss gefördert. Florentin schauderte bei dem Anblick.
Endlich ward er von den prächtigen Kleidungen erinnert, dass er sich wohl auch
noch anders anziehen müsse, und nun fiel es ihm erst ein, dass ihm die
wesentlichen Stücke zum gehörigen Anzug mangelten. Halb verlegen, halb lustig,
war er noch unschlüssig, was er zu tun habe, als ihn ein Bedienter zu Julianen
rief. Er fand sie in ihrem Zimmer völlig angekleidet.
    »Kommen Sie her, Florentin«, rief sie ihm entgegen, »ich will nicht allein
bleiben. Haben Sie die Mutter nicht gesehen? Ist Eduard nicht bei Ihnen? Es
kömmt auch kein Mensch zu mir. Aber wie Sie mich anstaunen! Nicht wahr, es
kleidet mich nicht?« - Sie war mit fürstlicher Pracht gekleidet. Sie blitzte und
funkelte vom köstlichen Geschmeide und reicher Stickerei. An der Stelle des
frischen Morgenkranzes war eine kleine Krone von Juwelen gesetzt, die Arme und
der freie Hals waren mit den auserlesensten Perlenschnüren geschmückt, und
diesen angemessen schimmerte der übrige dazugehörige Schmuck.
    »Wundert Sie mein Erstaunen?« fragte Florentin, »Sie sind blendend,
Juliane!« - »Aber ich gefalle Ihnen nicht, nicht wahr?« - »Ich suche vergebens
den leichtfüssigen schalkhaften Knaben im Walde; wo ist die gedemütigte
Übermütige hin, im geliehenen Wams und kurzen Rock? Wo sind die Umrisse der
gewohnten Gestalt vom heutigen schönen Morgen?« - »Ich glaube es Ihnen gern«,
sagte Juliane. »Der Himmel behüte mich auch vor einer Existenz, wo ich oft so
gekleidet sein müsste; ich glaube, am Ende könnte man das Lachen dabei
verlernen.« - »Ja, es mag wohl ernstaft machen, aber was zwingt Sie dazu?« -
»Wir haben herzlich gewünscht, diesen Tag mit Festen ganz anderer Art zu
begehen; aber Sie wissen, der Vater lässt nicht leicht eine alte Sitte abändern;
um ihm nun seine Freude auf keine Weise zu stören... wären nur erst diese Tage
vorüber!« - »Sie werden durch sie auf alle künftige glücklich!« - »O über alles
glücklich werde ich sein! Ohne diese Hoffnung müsste ich der glänzenden Last
erliegen. Es ist schön von Ihnen, dass Sie meine augenblickliche schlechte Laune
durch diese Erinnerung verscheuchten. Wie man doch oft so undankbar sein kann!«
- »Üble Laune ist freilich am ersten dazu aufgelegt.« - »Lieber Florentin, Sie
müssen ein Andenken von mir nehmen, um sich dieser Stunde und meines Glücks zu
erinnern.« - Sie suchte einen Augenblick unschlüssig in einigen Schubladen. -
»Nehmen Sie diese Brieftasche, die Stickerei darauf ist von mir, dies mag ihr
einigen Wert in Ihren Augen verleihen.« - Er kniete nieder vor ihr und küsste
ihre Hand: »- So empfange ich den Dank aus Euren Händen, schöne Jungfrau; wäre
mir doch der erste Dank bestimmt, so dürfte ich ihn von den holden Lippen
einsammeln!« - Die Tür ward geöffnet, Eduard trat herein, Florentin stand auf. -
»Was hast du vor, Florentin?« - »Anbetung, mein Freund!« - »Tolle Possen! und
noch nicht anders gekleidet? Fort, fort, es kömmt Gesellschaft.« -
    Florentin ging hinaus. Auf der Treppe begegnete ihm der Jockei, der ihn noch
vom ersten Augenblick an, da er ihn im Walde gesehen, zugetan war. - »Sattle mir
gleich den Schimmel, mein guter Heinrich«, sagte er ihm leise, »reite ihn durch
das Hintertor hinaus vor das Dorf, und erwarte mich dort, dass dich aber niemand
sieht; sage es auch niemanden! Hörst du?« - »Verlassen Sie sich auf mich.« - Er
sprang fort; Florentin ging wieder auf sein Zimmer. - »Du hältst es nicht aus«,
rief er unmutig; »was soll dir das widersinnige Wesen? Immer wieder die alte
Weise: wieder einige bessere Menschen, die vom Haufen der Gewöhnlichen bestimmt
werden! Halte es nicht aus!... aber die wenigen Stunden noch; es ist kindische
Ungeduld,... nicht einen Augenblick will ich mir selbst zur Last sein... Was
werden sie aber dabei denken?... Gut gefragt, wer steht mir in irgendeinem Falle
für die Gedanken der Menschen?... Es ist aber ungesittet, wenn ich gehe... es
ist aber unwürdig, wenn ich bleibe. Eduard! wirst du mich verstehen? wirst du
dein schwankendes, zweifelndes Gemüt bald beruhigen können?... Wie hat sich aber
auch die Szene verändert! Wie sind die lieblichen Farben der Morgenröte
hingeschwunden, und haben dem lärmenden Tage Platz gemacht! Wie werden vom
schweren Geschütz der Konventionen deine zarten Freuden zertrümmert, göttliche
Liebe! Alles ist zerstört! Julianens holde Gestalt durch ein Gewicht
angefesselt, verzerrt; das eigne, schöne, bewegliche Leben von versteinertem
Kristall umstarrt. Eduard! was will der blasse Mondschimmer der heimlichen
Kränkung auf deinem Gesicht, worauf der Sonnenschein der glücklichen Liebe sonst
glänzte? O es ist wahr, dass Friede und Freude bald entfliehen, wo ich verweile.
Fort will ich, fort muss ich! Alles wird bald gut werden für dich, Eduard. Nur
der Verbannte wird oft seine Arme umsonst nach einem Freunde ausstrecken, und
sie ohne Trost wieder sinken lassen. Aber fort, fort; allein will ich den Fluch
tragen, der über mich verhängt ist!« -
    Während diesen bald hastigen, bald zögernden Worten war er, indem er sich zu
gleicher Zeit zur Reise anschickte, im Zimmer unruhig auf und ab gegangen. Jetzt
war er ganz reisefertig und stand in der geöffneten Tür, den Hut in der Hand; er
besann sich, es war ihm, als müsste er Abschied nehmen. Zu Eleonoren will ich
noch einmal gehen, dachte er, ich finde sie vielleicht noch allein. -
    Eleonore war mit ihrem Putze ganz fertig, und siegelte eben den Brief an
Clementinen, um ihn noch fortzuschicken. - »Mich dünkt, es ist jemand im kleinen
Korridor«, sagte sie zur Kammerfrau, »sieh zu.« - Florentin ward ihr gemeldet,
und trat gleich darauf selbst hinein. - »Was ist das?« rief die Gräfin;
»Stiefel? Sporen? Was wollen Sie in diesem Aufzuge?« - »Geben Sie mir Ihren
Segen, teuerste Gräfin, ich will fort! « - »Träumen Sie? oder träume ich? Ich
verstehe Sie nicht.«»Gütige Eleonore, fragen Sie nicht, Ihre segnende Hand
lassen Sie mich zum Abschied küssen.« - »Was ist Ihnen, um Himmels willen, was
ist Ihnen widerfahren? Wo wollen Sie hin?« - Die Kammerfrau kam wieder hinein:
»Gnädige Gräfin werden erwartet, es ist geschickt worden.« - »Den Augenblick!
Florentin, Sie dürfen nicht so rätselhaft sein, was wird mein Gemahl sagen?« -
»Ihnen überlasse ich meine Verteidigung, Eleonore, und deswegen komme ich
eigentlich zu Ihnen, leben Sie wohl, ich darf Sie nicht länger aufhalten.« -
»Aber wo wollen Sie hin? Wir sehen Sie doch wieder?« - »Soll ich einst noch so
glücklich sein? Der Ort, wohin ich gleich zuerst komme, ist Ihnen bekannt.« -
»Mein Gott! freilich, Sie reisen zu Clementinen. Wollen Sie uns dort erwarten?
Sobald es hier wieder ruhig ist, werden wir zu ihr reisen.« - Florentin
verbeugte sich: »Geben Sie mir irgendein Zeichen für die Gräfin Clementina mit,
das mich ihr empfiehlt.« - »Hier nehmen Sie diesen Brief, ich hätte nicht
gedacht, dass er durch Sie würde bestellt werden, Ihrer ist nicht darin erwähnt,
aber Sie sind ihr sonst schon bekannt. Sie dürfen nur Ihren Namen nennen.« -
»Gnädige Gräfin!« rief die Kammerfrau wieder. - »Leben Sie denn wohl, Florentin,
auf Wiedersehen!« - »Leben Sie wohl, Eleonore, Ihnen trage ich es auf, Eduard zu
beruhigen, und mein Andenken bei Julianen zu erhalten!« - »Wie, diese wissen
nicht?« - Florentin war wieder zur kleinen Tür hinaus, ohne weiter zu hören,
oder zu antworten. Die Kammerfrau schloss hinter ihm zu; in dem Augenblick führte
von der andern Seite der Graf einige Damen herein.
    Florentin ging durch den Park, wo er hoffen durfte, niemandem zu begegnen,
und sofort zum Dorfe hin, wo er Heinrich, mit dem Schimmel ihn erwartend, fand.
Er nahm Abschied von dem Knaben, drückte ihm eine Belohnung für seinen
Diensteifer in die Hand, setzte sich auf den getreuen Schimmel, und fort
sprengte er im Galopp, ohne sich umzusehen. Heinrich sah ihm noch nach, als er
ihn plötzlich stillhalten und das Pferd herumwenden sah; er kam wieder zurück. -
»Warte noch einen Augenblick«, rief er ihm zu. Heinrich trat hinzu und hielt das
Pferd; Florentin zog seine Schreibtafel heraus, und schrieb mit Bleistift auf
ein Blatt: »Des Schicksals Schläge stählen und geben Kraft sich aufzurichten,
indem sie niederbeugen; aber der Menschen kleinliche Missverhältnisse und
Missverständnisse zerstören grausam das Gemüt. Ich segne meinen Eintritt in Euren
Kreis, aber ich gehe, damit ihn niemand verwünsche! Lebe wohl, Eduard, gedenke
meiner. - Juliane, wer Sie sieht, wird Sie kennen; wer Sie kennt, muss Sie
lieben; wer Sie liebt, kann nie aufhören. Bleiben Sie glücklich!
                                                                     Florentin.«
»Gib es an Eduard von Usingen, guter Heinrich, aber gib es ihm allein. Und nun
Adieu.« - Er ritt langsam fort. Er hatte beschlossen, die Nacht in der bekannten
Mühle zu bleiben, und mit Tagesanbruch vollends zur Stadt zu reiten.
 
                              Sechzehntes Kapitel
Florentin war nach einer verdriesslichen Reise in die Stadt angekommen. Nie war er
mehr mit sich selbst uneins gewesen. Zwar gefiel ihm die Hast, mit der er das
Schloss und alle seine Reizungen, sobald es ihm Zeit zu sein gedünkt, verlassen,
da es ihm nicht unbemerkt geblieben war, dass er die Empfindsamkeit des schönen
Mädchens so hoch hätte hinaufspielen können, als er nur immer gewollt; dennoch
konnte er sich nicht des heimlichen Verdachts gegen sich selbst erwehren, der
Mangel an den üblichen Staatskleidungsstücken hätte ihn so plötzlich auf und
davon getrieben. Vollends lächerrlich erschien es ihm, wenn er überlegte, dass die
gräfliche Familie vielleicht diesen Grund als ausgemacht, und sogar als den
einzig möglichen annehmen würde. Er beschloss, wenigstens in der Zukunft, sich
die beschämende Ungewissheit seiner eigenen Motive zu ersparen. Sobald er daher
im Gastof eingekehrt war, trug er sogleich Sorge, eine Art von Uniform für sich
zu bestellen, die man ihm des andern Tags mit allem Dazugehörigen zu liefern
versprechen musste.
    Soviel er von der grossen Stadt im Hineinreiten gesehen, hatte sie wenig
Anziehendes für ihn. Roher Lärm, nichtstuende Geschäftigkeit, prahlsüchtige
Armseligkeit, leere unteilnehmende Neugierde auf den geräuschvollen Gassen, fiel
ihm dieses Mal mehr als jemals widerlich auf. Wahrscheinlich wäre er, ohne sich
aufzuhalten, gerade zum andern Tor wieder hinausgeritten, aber es lag ihm daran,
Eleonorens Brief an Clementinen selber zu bestellen.
    Bald nach seiner Ankunft ging er hin. Das Haus war leicht zu finden, denn es
ragte durch seine schöne Bauart von allen benachbarten hervor. Am Eingang des
Vorhofs lagen auf einer Erhöhung zwei Sphinxe. Die Ungeheuer sahen den
Eintretenden so klug und prüfend an, als wollten sie seine Absicht erforschen.
Florentin überfiel eine Art Grauen, als er zwischen ihnen durch, über den
stillen Platz nach dem Hauptgebäude schritt.
    Während er gemeldet ward, führte ihn ein Bedienter die breite steinerne
Treppe hinan, durch einige Vorzimmer in einen vortrefflich dekorierten Saal, wo
er ihn einige Augenblicke zu verweilen ersuchte. Florentin betrachtete einige
chinesische Vasen von seltener Grösse, welche an den Pfeilern zwischen den grossen
Flügeltüren sich befanden, die statt der Fenster auf einen Altan führten; hier
standen Orangen- und Zitronenbäume in schön verzierten Gefässen umher, deren
süsser Duft sich im Saal verbreitete. Florentin trat durch eine der offnen Türen
hinaus, und fand sich sehr angenehm überrascht, als er in einen weiten
vortrefflichen Garten hinuntersah. Dieser grenzte in der Ferne an einen See,
dessen lachende Ufer mit weinbepflanzten Hügeln, Kornfeldern, Gebüschen und
netten einzelnen Häusern umgeben waren. Im Garten gingen eine Menge Leute, oder
sassen im Schatten der hohen Bäume, so dass er ungewiss wurde, ob es ein
öffentlicher Garten sei, oder ob er zum Hause gehöre.
    Ein herrlicher Springbrunnen trug seinen hellen Wasserstrahl beinah bis zur
Höhe des Hauses, wo er dann in vielfarbigen glänzenden Kristalltropfen wieder
hinunterfiel und sich in ein weites Marmorbecken sammelte; Weiden und Akazien
spiegelten mit vermischtem Grün ihr Laub im klaren Wasserspiegel. Anmutiger
grünte der Rasen um ihn her, und die Luft ward durch sein Spiel erfrischt und
erquickend. Florentin dachte an das gräfliche Schloss zurück; ein und derselbe
Geist schien dieses sowohl als Clementinens Haus, nur in einem verschiedenen
Sinn, zu bewohnen. So wie dort der alte mit dem modernen Geschmack nebeneinander
bestand, so kontrastierte hier der steinerne Ernst des Eingangs mit der
freundlichen Schönheit des Innern. Er ahndete Clementinens Geist, und ein
Ehrfurchtsschauer durchbebte ihn bei dem Gedanken, sie selbst nun bald zu sehen.
    Indem rauschte ein weiblicher Fusstritt in dem Nebenzimmer, Florentin ging
vom Altan zurück. - Es kann nicht Clementina sein, dachte er, der Schritt ist zu
rasch. - Betty war es. Er hatte es vergessen, dass er diese hier finden müsste;
jetzt freute er sich, das muntere zierliche Mädchen unverhofft erscheinen zu
sehen. Er lief auf sie zu. - »Nicht so ausgelassen!« rief sie mit komischer
Gravität, »begrüssen Sie fein ehrerbietig in mir die Gräfin Clementina. Ich komme
in ihrer Person, als bevollmächtigter Minister, und mir haben Sie Ihr Kreditiv
zu überreichen. Nun so halten Sie nur Ihre ehrfurchtsvolle Anrede! Denn Sie
sehen doch ganz so aus, als hätten Sie sich eine ersonnen, und wollten sie
soeben wieder hinunterschlucken!« - »Betty ist ja eben das Redenhalten nicht an
mir gewohnt worden«, sagte Florentin. - »Nein«, antwortete sie, »Ihre Impromptus
sind mir bekannter; aber ebendarum bin ich neugierig auf Ihre Rede! Mein Auftrag
ist aber, Sie in der Gräfin Clementina Namen hier willkommen zu heissen, und Sie
um Nachrichten vom Schloss zu bitten. Heute kann die Gräfin Sie nicht sehen; sie
erholt sich erst jetzt langsam von einem sehr heftigen Anfall ihrer gewöhnlichen
Krankheit.« - »So hatte der Graf doch richtig geahndet! Die Briefe aber waren
von ihrer Hand.« - »Sie schrieb sie mit der grössten Anstrengung. Ausserdem will
sie sich heute ruhig verhalten, um morgen imstande zu sein, eine Musik aufführen
zu hören, die sie nie versäumt. Sie, Florentin, werden nun durch mich von ihr
ersucht, morgen nach dieser Musik sich bei uns einzufinden.« - - »Ich werde
erscheinen; doch wünschte ich auch wohl diese Musik zu hören; wo wird sie
aufgeführt?« - »Gut, dass Sie fragen! Ich hätte es beinah vergessen; die Tante
lässt Ihnen zugleich sagen, wenn Sie etwa die Musik zu hören wünschten, so soll
Sie jemand zur rechten Zeit abholen und einführen. Sie lässt es Ihnen eigentlich
wissen; das ist eine Auszeichnung, merken Sie sich dies fein. Und nun geschwind,
was macht man auf dem Schloss?« - »Gestern, als ich fort ritt, war man eben
dabei, sich den priesterlichen Segen geben zu lassen.« - »Wie? Gestern? Und wir
haben keinen Brief? Und Sie ritten fort?« - »Hier ist ein Brief für die Gräfin
Clementina, von Eleonoren.« - »Geben Sie her, o geschwind! Warum gaben Sie den
nicht gleich zuerst? Wie wird die Tante sich freuen! Nun so geben Sie doch!« -
    Er zog den Brief hervor, wollte ihn aber nicht ohne einen Kuss von Betty
herausgeben. Mit einer schalkhaft verdriesslichen Miene, als ob sie ihn nur recht
bald loszuwerden wünschte, hielt sie ihm die Wange hin. In demselben Moment ging
die Tür auf, und ein junger Offizier trat herein. Betty fuhr zusammen und
veränderte die Farbe. Der Offizier begrüsste sie mit einem finstern Blick, und
sah nun stumm und störrisch vor sich hin. Halb nur gefasst, mit unsichrer Miene,
stellte sie beide einander vor, den Offizier nannte sie Rittmeister von Walter.
Sie gab sich Mühe, ein haltbares Gespräch auf die Bahn zu bringen, es gelang ihr
aber schlecht. - »Sie müssen mir erlauben«, fing sie endlich an, »dass ich der
Tante nicht länger den ersehnten Brief vorentalte; auf morgen also, Florentin.«
- »Ich möchte Sie bitten, mir einen Augenblick zu schenken«, sagte der
Rittmeister, mehr fordernd, als bittend. - »Jetzt nicht, lieber Walter«, sagte
sie so freundlich als möglich; »aber darf ich nicht hoffen, Sie diesen Abend im
Garten zu sehen?« - »Gut dann«, antwortete er, »diesen Abend!« - Betty verneigte
sich gegen beide und eilte aus dem Saal.
    Florentin erinnerte sich, von Julianen gehört zu haben, dass Betty nächstens
die Braut eines gewissen Walters würde. - Also der Bräutigam! dachte er im
Hinuntergehen, und wie es scheint, wenig geliebt, und noch weit weniger
liebenswürdig. Arme Kleine! Wahrscheinlich wirst du diesen einzigen mutwilligen
Augenblick durch eine Reihe von unangenehmen zu büssen haben! Lass sehen,
vielleicht gelingt es mir, sie dir zu ersparen, es gelingt mir vielleicht,
diesen Drachen zu zähmen. -
    Er ging denselben Weg mit ihm und redete ihn einigemal freundlich an, wurde
aber mit kurzen Worten abgefertigt, bis er es wie absichtslos fallen liess, dass
er höchstens noch einen Tag in der Stadt zu bleiben gedächte. Sogleich nahm der
Rittmeister mehr Anteil an ihm, und erbot sich, ihm noch vor dem Mittagessen
einige Merkwürdigkeiten der Stadt zu zeigen: unser Florentin nahm es an. Diese
Merkwürdigkeiten bestanden nun in allerlei Dingen, die (was sich der Rittmeister
nicht träumen liess) für Florentin weder merkwürdig noch erfreulich waren;
zuletzt wurde dann mit einigen andern jungen Leuten, die zu ihnen kamen, eine
sogenannte Partie fine zum Abend verabredet, und Florentin dazu eingeladen.
Dieser, dem es beinah leid war, sich mit Walter eingelassen zu haben, versuchte
es, von ihren gemeinschaftlichen Bekannten mit ihm zu sprechen; seine rohen
Ansichten traten aber bei dieser Gelegenheit in ein so helles Licht, dass er
Florentin je länger, je mehr unerträglich ward. Er schwieg unmutig still, und
war froh, als er wieder in seinen Gastof gelangte, wo er den lästigen Begleiter
loszuwerden gedachte; zu seinem Verdruss ging dieser aber mit hinein und setzte
sich nebst noch einigen Hinzugekommenen mit zu Tische.
    Hier führte er sehr laut das Wort. Durch einige zweideutige Spässe,
lächerliches Gesichterschneiden, und die Dreistigkeit, durch platte Persiflage,
andere in beschämende Verlegenheit zu setzen, war er bei den bekannten
Tischgenossen in den Ruf eines witzigen Kopfs, und eines angenehmen
Gesellschafters geraten. Man belachte und beklatschte alles, was er vorbrachte;
Florentin, der Langeweile hatte, lachte nicht, und gab sich auch die Mühe nicht
aus Gefälligkeit zu lachen. Waltern schien diese Gleichgültigkeit gegen sein
anerkanntes Verdienst eine beleidigende Anmassung, und um sich zu rächen, kehrte
er die Spitze seines Witzes, mit nicht zu feinen Anspielungen gegen Florentin,
die zur Absicht hatten, den Anwesenden einen Wink zu geben: er hätte sich diesen
heute ganz eigentlich zur Tischbelustigung ausersehen. Der Plan war gut, nur
nicht genau genug berechnet; Florentin, der nicht mehr in der Stimmung war, sich
etwas gefallen zu lassen, hatte gar bald durch ein paar beissende Antworten das
Lachen auf seiner Seite. Dieser Sieg wirkte auf Walters Witz, wie ein Platzregen
auf ein Feuerwerk. Pikiert darf ein solcher Spassmacher nicht sein, oder es ist
um ihn geschehen. Von nun an glückte ihm nichts mehr. In seiner Angst ward er
ziemlich grob, ohne allen Witz.
    Währenddem hatte ein Mann, der nicht weit von Florentin sass, diesen mit
Aufmerksamkeit zu beobachten geschienen: er ward von den andern Doktor genannt.
Zu diesem wandte Florentin sich jetzt, um der Unterredung mit Waltern
auszuweichen. Das Gespräch kam bald auf die Musik, die den andern Tag bei der
Gräfin Clementina aufgeführt werden sollte. - »Es ist eine geistliche Musik?«
fragte Florentin. - »Ja«, antwortete der Doktor, »es ist ein Requiem von ihrer
eignen Komposition, das jährlich auf den bestimmten Tag aufgeführt wird.« -
Walter trällerte einen Gassenhauer; bei den Worten »geistliche Musik« sagte er
einem neben ihm sitzenden Offizier etwas ins Ohr, und beide lachten überlaut.
Der Doktor hatte diesen Ausbruch von Lustigkeit mit Gelassenheit abgewartet, eh'
er weitersprach. - »Sie werden«, fuhr er dann gegen Florentin fort, »ein stark
besetztes Chor von meistens vortrefflichen Stimmen hören. Es ist eine der
liebsten Beschäftigungen der Gräfin, sich dieses Chor auszubilden, von dem sie
sich nicht allein ihre eignen Kompositionen vortragen lässt, sondern auch die
herrlichsten alten Sachen, die man sonst nirgends mehr hört als bei ihr.« - »Für
die alte Dame«, fing der Rittmeister an, »ist diese melancholische Musik
erstaunlich passend, sonst aber hat sich noch jeder honette Mensch dabei
ennuyiert.« - Hier mischten sich noch andere ins Gespräch, teils für, teils
gegen diese Behauptung, der Streit ward allgemein, währenddem fragte Florentin
zum Doktor: »Wenn Sie eben jetzt nichts Besseres zu tun haben, so würde ich Sie
bitten, einen Spaziergang mit mir zu machen.« - »Ich war im Begriff dieselbe
Bitte an Sie zu tun«, erwiderte jener. - Es entstand eine kleine Stille, als man
die beiden aufstehen sah. Im Hinausgehen hörte Florentin ganz deutlich, dass
Walter »Glücksritter« sagte.
    »Ich hatte unrecht«, sagte der Doktor, als sie draussen waren, »in Gegenwart
dieser unmusikalischen Seelen von einer zu sprechen, die ganz Musik ist.« -
    Sie gingen in einen der nah gelegenen öffentlichen Gärten ausserhalb der
Stadt, wo sie sich Erfrischungen geben liessen. Florentin konnte sich nicht
entalten, einiges über die schlechte Tischgesellschaft zu äussern. Er fragte
seinen Begleiter, ob er diesen Walter genauer kenne? - »Ich kenne ihn«, sagte
dieser. »Ich habe das Glück, zu den Freunden der Gräfin Clementina zu gehören,
und fast immer in ihrem Hause zu sein, dort sehe ich ihn nur zu oft! Gewöhnlich
speise ich nicht an der öffentlichen Wirtstafel; darf ich sagen, dass ich mich
heute dort einfand, bloss um Ihre persönliche Bekanntschaft etwas früher zu
machen? Ich bin durch Fräulein Bettys Erzählung zu begierig geworden.« - »Ich
freue mich Ihrer Bekanntschaft«, versetzte Florentin. -
    Nach einigen Fragen und Erläuterungen, ihr beiderseitiges Verhältnis mit der
gräflichen Familie betreffend, rückte Florentin endlich mit der Frage heraus:
wie es komme, dass Clementina, die ihm als der Schutzgeist der Angehörigen sei
bekannt gemacht worden, dass diese die Verbindung zwischen Walter und Betty
wünschen, ja nur zugeben könne? »Wie! Leuchtet es ihr nicht in die Augen«, sagte
er, »dass Betty mit diesem Menschen höchst unglücklich werden, oder ganz zugrunde
gehen muss? Wie ist es so schade um diese liebenswürdige Natur!« - »Ja wohl
schade!« rief der andere, mit einem halb unterdrückten Seufzer. »Ich kenne Betty
seit ihrem zwölften Jahre, ich liebe sie, seit ich sie kenne.« Das sanft
ernstafte Gesicht des Mannes errötete etwas bei diesen Worten. - »Betty hat
einen würdigen Freund, wie ich sehe«, sagte Florentin nach einem kleinen
Schweigen; »wie kann es zugehen, dass sie einem schrecklichen Schicksal sichtbar
entgegengehen darf?« - »Bettys unglückliche Neigung.« - »Wär' es möglich? Was
kann dieses liebenswürdige Kind, im Schoss der Liebe mit aller Sorgfalt
ausgebildet, was kann sie bewegen, sich diesen rohen Gefährten zu wählen? Gehört
sie etwa auch zu jenen Zarten, die sich bloss an die äussere Erscheinung der
Energie halten?« - »Nicht ganz so hart!« fiel ihm jener ein; »es ist ihm
gelungen sie zu fesseln, oder vielmehr sie in einem Moment der Hingebung sich
eigen zu machen. Es ist nicht gewiss, ob sie ihn noch liebt, ja ob sie ihn jemals
liebte. Ist es die schöne wachsende Treue eines unverdorbenen weiblichen
Herzens? Ist es Reue, oder Stolz? Genug sie hält sich für unauflöslich gebunden,
obgleich die Gräfin, der sie sich ohne Rückhalt anvertraute, ihre Vermählung
immer weiter hinauszuschieben sucht. Walter weiss sehr wohl, wie übel er bei der
Gräfin angesehen ist, daher sein Hass gegen diese unvergleichliche Frau. Es ist
sehr wahrscheinlich, dass alles von ihm aus Liebe zu ihrem ansehnlichen Vermögen
angelegt ward; und nur zu wohl ist ihm sein Plan gelungen!« - »So muss denn die
Arme aus Schwachheit um Schwachheit ewig verloren sein? und die Freunde könnten
sie retten und sehen müssig zu, wie sie untergeht!« - »Woher wissen Sie das?« -
»Warum wendet Clementina nicht hier ihre ganze Autorität an? Hier ist es an der
Zeit, sich dem Vorurteile mit Macht entgegenzusetzen!« - »Sie müssten die
Vortreffliche freilich kennenlernen, um sie zu verstehen. Clementina gehört zu
den seltnen Seelen, die wahre Ehrfurcht, die zarteste Scheu für die
Sinnesfreiheit andrer Personen hegen. Diese, in sich und in den sie Umgebenden,
nie zu verletzen und auf das höchste auszubilden, ist ihr grösstes Bestreben. Nie
hat sie aber jemand durch Autorität zum Bessern zu zwingen versucht. Sie hat
nicht versäumt, Betty das Elend vorzustellen, dem sie entgegengeht; da diese
aber fest ist in ihrem Glauben: Walter liebe sie, die Liebe würde ihn ausbilden,
und einer liebenden geliebten Frau sei alles möglich; so erlaubt sie sich weiter
keinen Schritt dagegen zu tun, weder offen noch heimlich; ausser dass sie die
Vermählung noch lange aufgeschoben hat, damit Betty Zeit habe, ihren Irrtum
gewahr zu werden. Auch dann noch, wenn sie vielleicht zu spät zurückkommt, darf
sie gewiss sein, Hülfe und Schutz bei ihr zu finden, sobald sie ihn bedarf und
sucht; denn nie legt sie dem Irrtum eine härtere Strafe auf, als die er selbst
mit sich führt, und auch diese bemüht sie sich, auf jede Weise zu lindern. Sie
hätte es wohl gewünscht, mich mit Bettys Hand beglücken zu können, da es aber
meiner innigen treuen Liebe nicht gelang, so hält sie mit Recht jedes andre
Mittel, sie dazu zu bewegen, für unerlaubt und unwürdig. Sie, deren grosse Seele
jeden Schmerz mit geprüfter Standhaftigkeit trägt, vermag nie andern irgendeine
unangenehme Empfindung zu verursachen; sie findet es bei ihrer Reizbarkeit immer
noch leichter selbst zu dulden, als andre dulden zu sehen; auch findet sie in
ihrem Geist, und ihrer Religion, Kraft und Trost, wo andre verzweifeln würden.
Doch verzeihen Sie, mein Herr, ich sage Ihnen mehr als Sie vielleicht zu wissen
verlangen. Ich weiss in der Tat nicht schicklich aufzuhören, wenn ich von dieser
erhabenen Frau sprechen darf.« - »Ich bitte Sie, fahren Sie fort. Zum Teil bin
ich schon vorbereitet; Eleonorens Freundin, Julianens zweite Mutter, kann nicht
anders als ganz vorzüglich sein. Ich war allerdings begierig mehr von ihr zu
erfahren, und ich wüsste nicht, wen ich lieber über sie sprechen hörte, als einen
würdigen Vertrauten und Hausgenossen.« -
    Florentin sprach diese Worte mit so sichtbarem Anteil, dass der andre
sogleich fortfuhr: »Sie ist immerwährend krank, bald mehr, bald weniger. Sie
erhält ihr Leben nur durch die strengste Diät, die geringste Abweichung bringt
sie dem Tode nahe; so wie sie die Luft zu leben und eine gleichmütige heitre
Laune durch immerwährende Tätigkeit erhält.
    In ihren schönsten heitersten Stunden beschäftigt sie sich mit Musik; und
nicht bloss zum eitlen Zeitvertreib, wie die meisten Frauen, sondern als ernstes
Studium. In ihren Kompositionen atmet die Begeisterung inniger Andacht einer
hohen frommen Seele; wer reines Herzens ist, wer Sinn für Harmonie hat, muss mit
Entzücken von diesen Tönen sich über alles Irdische hinweggehoben fühlen; nur
ein fühlloser Barbar, nur Walter konnte so sich äussern, da von dieser Musik die
Rede war.
    Viel Zeit und Aufmerksamkeit nimmt ihr der Umgang mit Kindern. Sie ist fast
immer von Kindern umgeben, mit denen sie sich stundenlang zu beschäftigen weiss.
Sie wird von ihnen wie eine Mutter geliebt, und sie hat auch die Zärtlichkeit
einer Mutter. Oft habe ich Tränen in ihren Augen glänzen sehen, wenn ein
Säugling in seiner Hülflosigkeit die kleinen Ärmchen nach ihr ausstreckt, oder
auf ihrem Schoss einschläft, und im Schlafe lächelt.
    Clementina ist aber nicht allein die gute Fee aller schönen lieblichen
Kinder; sie schenkt den unglücklichen, mitleidswürdigen noch eine besondere
tätige Aufmerksamkeit. Es war ihr nämlich nicht entgangen, dass die geringere
Klasse der Eltern nur wenig Sorgfalt auf ihre kranken Kinder zu wenden vermag;
dass aus Mangel an der notwendigen Wartung eine grosse Menge davon sterben, oft
als Krüppel ein höchst elendes Leben fortschleppen müssen, den Eltern eine Last,
und von diesen dafür verachtet und schlecht behandelt werden. Das Elend selbst
muss ihnen ein Nahrungszweig werden, indem sie es vorzeigen, um das Mitleid
andrer zu erregen, und sich selbst immer mehr dagegen abstumpfen. Denken Sie
sich, wie diese Vorstellungen eine Seele wie die ihrige erschüttern mussten! Ich
sah sie in der gewaltsamsten Anstrengung, bis es ihr gelang, zu helfen, soweit
menschliche Hülfe reicht.
    Den Garten der Gräfin begrenzt ein See.« - »Ich sah ihn diesen Morgen.
Kleine Häuser, Felder und Gärten umgeben ihn.« - »Ganz recht! Diese Häuser,
diese Gärten, Felder und Hügel sind die Zufluchtsörter der armen kleinen Wesen.
O, mein Herr, wenn Sie hier das Tun und die Art zu handeln der Gräfin je
beobachtet hätten, wie ich es täglich tun darf, Sie würden meinen Entusiasmus
für diese Frau verstehen. Ich darf sie in diesem ehrwürdigen Geschäft als Arzt
unterstützen, und fühle mich unendlich geehrt in diesem Auftrag. Eins der
kleinen Häuser bewohne ich selber, um soviel als möglich gegenwärtig zu sein.
Oft haben wir schon die Freude gehabt, Kinder gesund und blühend in die
mütterlichen Arme zurückzuführen, aus denen sie uns im tiefsten Elende und ohne
Hoffnung des Wiedersehens überliefert waren.
    Doch, eine ausgeführte Beschreibung kann ich Ihnen hier unmöglich geben; sie
dürfte nur weitläuftig werden, ohne Ihnen weiter etwas zu lehren. Der Geist und
die Liebe, in Plan und Ausführung, lässt sich mit Worten nicht beschreiben, diese
können nur durch eigne Anschauung wahrgenommen werden. Sind Sie es zufrieden, so
führe ich Sie hin.« - »Ihre Erzählung ist vollkommen befriedigend; ich habe
berühmte Anstalten der Art gesehen, ich kenne das.« - »Nein«, rief der Arzt,
»eine ähnliche haben Sie wahrlich nie gesehen.« - »Überdies«, fuhr Florentin
fort, »möchte es der Gräfin nicht angenehm sein, mich dort zu sehen, da sie
ausdrücklich verlangte, heute allein zu sein.« - »Ich würde Sie nicht hinführen,
wenn sie selbst dort wäre; bei diesem Geschäft ist sie für niemand sichtbar,
denn sie hasst jede Art von Ostentation. Auch ist es niemand ausser mir erlaubt,
Fremde dort hinzuführen, weil die Aufmerksamkeit für diese die notwendige
Sorgfalt abzieht und zerstreut. Jetzt ist ohnedies die Zeit, in der ich dort
sein muss; kommen Sie doch nur mit!« -
    Florentin liess es sich endlich gefallen. Der Mann gefiel ihm in seinem
schönen Eifer für das Gute, trotz der etwas starken Neigung zur Redseligkeit.
Sie ist doch meistens, dachte er, Zeichen eines offnen, absichtslosen Gemüts;
wenige Menschen sind mit ihren Worten zum Vorteil andrer so freigebig. - »In
wenig Tagen«, fing der Doktor, indem sie gingen, wieder an, »sehen wir sie
wieder in andrer Sorgfalt beschäftigt. Sie werden vielleicht schon von einer
Badeanstalt gehört haben für arme Kranke, diese ist ihr Werk und entstand wie
von selbst. Es ist wenige Meilen von hier entfernt, sie selbst braucht dieses
Bad zu ihrer Erhaltung seit mehreren Jahren. Ihrem mitleidenden, für jeden
fremden Schmerz empfindlichen Herzen war es eine höchst peinvolle Empfindung,
eine Klasse Menschen an allem Mangel leiden zu sehen, die wegen wirklicher, sehr
harter Gebrechen sich am Bade einfanden, unterdessen andre im grössten Überfluss
lebten, die nur Vergnügungen und Zeitverkürzung dort suchten. Auf eigne Kosten
hat sie also jede Bequemlichkeit für die kranken Armen einrichten lassen, und
zwar alles so gut, so sauber und bequem, dass sie für ihre eigne Person sich
derselben jedesmal bedient. So dürfen nun die Armen, Geplagten nicht mehr den
Abhub der Reichen kümmerlich erbetteln, und die Hülfe für ihre Schmerzen nicht
erst dann erwarten, wenn jene, oft weniger Leidende befriedigt sind. Es wird
alles für sie auf das pünktlichste und gefälligste besorgt, so dass sie auf jede
Weise gegen den Einfluss des Übermuts geschützt bleiben. Zu diesen gehören dann
auch die sonst üblichen Kollekten, die oft ganz unzweckmässig verteilt werden;
und das Schauspiel der allgemeinen Abfütterungen, die auf den Kranken, bei ihrer
gewöhnlichen Not und der täglichen schlechten Nahrung von sehr übeln Folgen
sind.« - »O«, rief Florentin, »oft war ich Zeuge, mit welchem Überdruss, mit
welcher Verachtung man seinen Beitrag zollte!« - »Freilich«, antwortete jener,
»doch vergesse man nicht, dass dergleichen auch für viele, die sich nicht
ausschliessen dürfen, oft ein lästiger Tribut sein kann. Freiwillige Beiträge,
von einzelnen, weiset die Gräfin nie zurück; um, wie sie sagt, den Segen des
Wohltuns niemand zu entziehen. Die Gabe wird augenblicklich von der Gräfin
selbst, in der Gegenwart des Gebers, den Armen zum freien Gebrauch eingehändigt.
Bekannt wird aber nichts davon gemacht, weder mit noch ohne Namen.« - »So werden
auch wohl diese milden Beiträge selten genug sein.« - »Das doch nicht; es gibt
viele gute Menschen; und zeigt man ihnen den rechten Weg, so gehen sie ihn auch
wohl.« - In welcher Weise, dachte Florentin, habe denn ich gelebt? -
    Sie waren am Ufer des Sees angelangt, und hatten ein Haus, ein Zimmer nach
dem andern in der kleinen Kolonie besucht. Florentin war dem Arzt gefolgt, teils
aus Gefälligkeit, teils auch um dem Rittmeister desto sichrer auszuweichen,
dessen Gesellschaft er mehr als jedes andre Übel verabscheute. Diese Roheit bei
soviel Anmassung, die Verachtung der feinen Welt im Besitz aller mit ihr
verknüpften Verkehrteiten, sie waren ihm in der Seele zuwider. Er war sich
keiner Menschenfurcht bewusst, doch überfiel ihn etwas Ähnliches von böser
Vorbedeutung bei diesem Walter. Er zog es also vor, mit dem guten Doktor die
wohltätigen Anstalten der Gräfin zu besuchen, obgleich er denselben unangenehmen
Eindruck befürchtete, den er schon oft bei Besuchen der für Elende erbauten
Paläste gefühlt hatte, wo es der einzige wirklich ausgeführte Endzweck war, den
Namen und Reichtum des Stifters bis an das Ende aller Dinge bekanntzumachen.
Freudig ward er aber überrascht beim Anblick dieser Stiftung, wo ohne allen
Prunk und irdische Verherrlichung der Geist der Liebe allein, still und heilig
wirkte. - »Hat Clementina nie geliebt?« fragte Florentin. - »Ich weiss nichts
Eigentliches von ihrer Geschichte, auch weiss diese wohl niemand als Eleonore;
jetzt spricht sie nie darüber.
    Was könnte es aber anders sein, das eine so fromme Seele beugt und erhebt,
als Leiden der Liebe? So wie es nur durch die Liebe allein möglich ist, die
zweckmässigste Wohltätigkeit im schönsten Sinn zu verbreiten.« - »Nur von
liebenden Frauen«, sagte Florentin, »müsste alle Wohltätigkeit kommen. Die Frauen
verstehen auch am besten die Bedürfnisse einer schwachen Natur; der Mann würde
die Schwachheit lieber vertilgen von der Erde, als sie im Leiden unterstützen.«
- »Ei, Sie sagen das einem Arzt!« - »Jawohl; eben darum denke ich, können die
Frauen vortreffliche Wärterinnen und Verpflegerinnen, weniger aber Arzt sein.
Dieser muss auch die härtesten Mittel nicht scheuen, um das Übel zu verderben;
jene würden aus Mitgefühl des äussern Leidens nichts Entscheidendes tun können.«
- »Darin liegt etwas Wahres. Doch sind fromme Stiftungen von unglücklichen
Männern errichtet worden.« - »Immer werden diese doch mehr das Gepräge des
wilden, herben Schmerzes tragen, werden eigentlich mehr für Büssende als für
Leidende taugen. Erinnern Sie sich des Mannes, der den strengsten aller Orden
gestiftet! Auf dem Gipfel der Hoffnung seiner glühenden Liebe von einem
vernichtenden Schlage getroffen, indem er die Geliebte tot unter den Händen der
Wundärzte antraf, die ihren von einer entsetzlichen Krankheit entstellten Körper
öffneten, als er eben von einer Reise zurückkommend, sich durch eine geheime Tür
mit Vorsicht und Ungeduld einschlich, um sie mit seiner unerwarteten Erscheinung
freudig zu überraschen, verbannt er sich auf immer aus der menschlichen
Gesellschaft, und bildet eine um sich her, wo aus keinem Munde je ein andres
Wort erschallt, als die beständige Erinnerung des Todes. Eine Frau an seiner
Stelle würde eine milde Stiftung errichtet haben.« - »Ich habe nicht geglaubt,
einen so beredten Kenner der weiblichen Natur in dem Manne zu finden, den mir
Betty als einen Verächter der Frauen geschildert hat.« - »Diese Ironie ist
stark!« rief Florentin lachend. »Die Frauen haben freilich im Ernst weder Glück
noch Unglück meines Lebens bestimmt. Hat Betty mir das abgemerkt, so werde ich
auch wohl nicht Gnade gefunden haben vor ihren Augen, das ist natürlich. Ist es
aber meine Schuld, wenn es so ist? Wären die Frauen alle wohltätige Engel, wie
Eleonore und Clementina, sie würden der Menschheit jedes Leiden vergüten, das
ihr dummes Vorurteil und selbstsüchtige Eitelkeit zufügen.« - »Sie verlangen
etwas Unmögliches, diese grossen Mittel.« - »Verstehen Sie mich: es ist ja nicht
das, was geschieht, sondern der Sinn, in dem es geschieht. Die freudige,
glückliche Eleonore macht um sich her alles glücklich. Sie sammelt die Freuden
des Lebens, um sie wieder zu spenden. Die erhabene, unglückliche Clementina
haucht ihren eignen Schmerz in göttliche Harmonien aus, und fühlt die Schmerzen
der andern tiefer, um Trost und Hülfe zu verleihen. Die Liebe ist es und nichts
als diese, die hier tröstet, wie sie dort vergnügt. Es scheint die Tugend der
weiblichen Langmut immer mit ruhiger Heiterkeit die Folgen des bösen Prinzips
unschädlich zu machen; sich ihm vernichtend entgegenzustellen ist mehr die
unsrige. Ist unser Bestreben auch grösser, so ist ihr Gelingen desto sicherer!«
    Der Doktor hatte Florentin mit grossem Vergnügen eigentlich mehr sprechen
sehen, als zugehört; denn so wenig auffallend Florentin gewöhnlich erschien, so
wuchs der Ausdruck seiner Gestalt bis zur Schönheit, wenn er im Feuer der Rede
sich selbst und alles um sich her zu vergessen schien. - »Sie sollten uns nicht
sobald wieder verlassen«, sagte er; »Sie würden vielleicht in unsrer Mitte eine
Laufbahn finden, die Ihnen genügte, und Ihrer würdig wäre!« - »Das doch noch
nicht«, antwortete er gelassen; »das darf ich noch nicht. Zuerst will ich, um es
zu dürfen, damit beginnen, dass ich wirklich trotz jeder Lockung das ausführe,
was ich mir vorgenommen, und an dessen Ausführung ich schon soviel Zeit gesetzt.
Sie soll nicht so ganz nur verschwendet worden sein. Sie folgen Ihrem Beruf
unter den Augen der erhabenen Clementina, und werden vielleicht doch noch einst
dauerndes Glück und Lohn aus ihren bildenden Händen empfangen. Mir aber ist es
notwendig, das in grosser Masse arbeiten zu sehen, was ich, seitdem ich denken
kann, in mir trage. Allentalben, wo man sich befindet, kann man den Krieg für
die Freiheit unterstützen und verfechten. Allentalben steht man auf dem
Schlachtfelde, wo Habsucht und Barbarei herrscht, und so hinge man freilich,
wenn auch unsichtbar, mit jener grossen Masse zusammen; wäre es mir nur nicht so
notwendig, andre Menschen, einen andern Weltteil zu sehen, als den, der sich
jetzt der kultivierte nennt. Das Schauspiel eines neuen, sich selbst schaffenden
Staats ist mir interessant. Es häufen sich überdies immer mehr innere und äussere
Gründe, warum ich in einer übertäubenden Tätigkeit mich selbst zu vergessen
suchen muss.« -
    Nach diesen Worten ward er wieder still, und in sich gekehrt. Bald darauf
gingen sie nach dem Haus des Doktors, das wohleingerichtet, zierlich und bequem,
am Ufer des Sees, mitten in der Kolonie lag. Hier zeigte er ihm seine
vortreffliche Naturaliensammlung, seine reiche auserlesene Bibliotek, die
zugleich einen Schatz an seltnen Karten und Reisebeschreibungen entielt.
Florentin sprach über diese Dinge mit einer Sachkenntnis, worüber der Arzt
erstaunte, da er ihm dergleichen nicht zugetraut haben mochte; auch nahm er
seitdem sichtbar an Achtung für ihn zu. Er selbst erschien hier bei seinen
Heiligtümern im vorteilhaftesten Lichte. Florentin hatte niemals weniger den
Mangel an Witz und überraschenden Einfällen in der Unterhaltung vermisst, als bei
diesem wahrhaft verdienstvollen Mann. Er ward nicht müde ihn reden zu hören;
auch sprach er immer besser, je mehr er Gelegenheit fand, seine tiefe
Gelehrsamkeit und die mannigfaltigen gründlichen Kenntnisse anzuwenden. Seine
sonst mehr ruhige Physiognomie ward dann durch Begeisterung erhöht, besonders
bei gewissen, ihm heiligen Dingen. So sprach er das Wort Natur immer mit einer
Art von Ehrfurcht aus, so wie man im Tempel sich vor dem Namen des Allerhöchsten
beugt.
    Eine neue Welt ging vor Florentin auf bei seinem Gespräch. Nie hatte er sich
mehr belehrt gefühlt, nie hatte er grössere Achtung für einen Menschen empfunden.
Nur zu schnell verging ihm der Abend; es graute ihm, als er daran dachte, in die
Stadt zu dem lärmenden Gastof zurückzukehren. Es konnte ihm also nichts
Erwünschteres begegnen, als da der Doktor ihm anbot, dass er die Nacht in seinem
Hause bleiben möchte. Er nahm das Anerbieten ebenso freimütig an, als jener es
getan.
 
                              Siebzehntes Kapitel
Sie waren beim Abendbrot im Garten; von Julianen und Eduard sprachen sie viel.
Florentin verbarg es seinem neuen Freunde nicht, wie sehr ihm beide wert waren.
Der Doktor gab ihm einige Aufschlüsse über das Rätselhafte in Eduards Charakter,
das so tief in ihm lag, dass man lange Zeit mit ihm umgehen konnte, ohne irgend
etwas anderes zu ahnden, als den ausgebildeten Weltmann, der das gefühlvollste
Herz mit einem hellen Kopf verbindet. »Niemand ahndet in ihm«, fuhr er fort,
»diesen Abgrund von Unzufriedenheit und gefährlichem Eigensinn; seine Bildung
liegt wie ein Firnis über diesen scharfen Ecken, die bei weitem noch nicht durch
die Erfahrung verarbeitet und abgerundet sind. Auch diese frühe Vermählung lag
nicht in Clementinens Absicht, und dass sie dennoch geschieht, ist wahrscheinlich
mit ein Grund ihrer letzten verstärkten Krankheit. Sichtbar hat aber der Brief
von der Gräfin Eleonore sie beruhigt, denn er sagte ihr, dass es geschehen sei;
niemals bereut oder beklagt sie aber eine Sache, die geschehen ist.« - Er sprach
ferner von Julianen mit grossem Anteil. »Sie ist Clementinens geliebtester
Liebling, doch glaubte sie neulich, die kleine Terese würde vielleicht Julianen
einmal übertreffen.« - »Nicht mit Unrecht«, sagte Florentin, »sie ist in der Tat
ein seltnes Kind; ich habe nie soviel Ernst und Tiefe bei einem Kinde
wahrgenommen als bei diesem. Ob sie aber eigentlich so wunderbar liebenswürdig,
so wahrhaft bezaubernd wird als Juliane, kann man wohl noch nicht bestimmen, und
auch in dieser liegt noch so vieles in tiefer Verborgenheit.« - »Clementina
sagte einmal, Juliane müsste durch das Leben zur Liebe gebildet werden; aber
Terese würde erst durch die Liebe zum Leben sich ausbilden.«
    Hier sahen sie Betty, nur von einem Bedienten begleitet, über den See auf
einem Kahn zu ihnen kommen. Sie brachte dem Arzt die Nachricht, dass es mit
Clementinen recht gut ginge, sie schliefe ruhig. Sie wäre herübergekommen, teils
ihm das zu verkünden, teils auch, da sie gehört Florentin sei bei ihm, diesen zu
fragen, ob er den Rittmeister nicht irgendwo gesehen hätte? - »Er hat diesen
Abend im Garten zu sein versprochen«, sagte sie, »die bestimmte Stunde ist aber
längst vorüber und er ist nicht gekommen.« - Florentin erinnerte sich, dass er,
des Versprechens an Betty uneingedenk, die Partie fine mit den andern jungen
Leuten verabredet hatte, wozu er selbst mit eingeladen war; er schwieg aber
davon, und erwiderte bloss, er hätte ihn nicht weiter als bei Tische gesehen. -
»Aber Doktor«, rief Betty aus; »lernen Sie doch von Florentin, Fassung zu
behalten, wenn man Sie auch stört. Sie machen ja ein so bedenkliches Ungewisses
Gesicht, als hätte ich Sie eben bei einer Verleumdung von mir selbst überrascht.
Gestehen Sie nur, Sie haben von mir geschwatzt! Doch was liegt daran? Florentin
hat doch nicht recht acht darauf gegeben, er ist viel zu sehr mit sich selber
beschäftigt.« - »Halten Sie mich für so selbstsüchtig, gute Betty?« - »Ei es
wäre mir gar nicht angenehm, wenn Sie es nicht wären. Sie machten dann eine
Ausnahme, die Ausnahme müsst' ich respektieren, das Respektieren macht mir Mühe
und die Mühe Langeweile.« - »Nun und Clementina?« - »Stille wer wird einen
solchen Namen unnötigerweise aussprechen! Hier, setzen Sie sich nieder, und
erzählen Sie mir ordentlich und bedächtig, wie es am Hochzeittage auf dem
Schloss war? War Eduard liebenswürdig? Wie sah Juliane aus?« - Florentin machte
ihr eine drollige Beschreibung von Julianens Putze, von dem er natürlich nichts
zu bestimmen wusste als den Effekt, worüber Betty sich dann totlachen wollte, sie
behauptete, ihn durchaus nicht zu verstehen. - »Nun so will ich zeichnen, wenn
ich mich mit Worten nicht verständlich machen kann!« -
    Er zeichnete darauf eine Karikatur hin, man lachte, und scherzte fröhlich
darüber. Betty war noch lustiger als gewöhnlich; es schien als wollte sie durch
die gewaltsame Anstrengung eine innere Kränkung betäuben und unterdrücken.
Florentin hatte sie nur noch lieber wegen dieser Kraft; um so mehr hasste er aber
den Urheber dieser Kränkung.
    Es ward vorgeschlagen, Florentin sollte ihren Schattenriss machen. - »Das
nicht«, sagte er, »dies Stumpfnäschen schickt sich schlecht zu einem
Schattenriss, aber zeichnen will ich Sie.« - Sie stellte sich in einer leichten
angenehmen Stellung vor ihn hin. Mit wenigen Strichen war das Figürchen
entworfen, im schwebenden Tanz mit beiden Händen ein Tamburin in die Höhe
haltend, Gesicht und Haltung, obgleich nur in flüchtigen Umrissen, zum Sprechen
ähnlich. Florentin war vergnügt mit dem Entwurf, er hatte seiner Hand nicht mehr
diese Sicherheit zugetraut.
    Er war noch nicht ganz fertig, als auf einmal der Rittmeister dazu kam. -
»Sie haben Gesellschaft Herr Doktor«, rief er im Hereintreten; »ich begreife
nun, warum ich Sie Fräulein, vergeblich gesucht und Sie mein Herr vergeblich
erwartet habe; doch ich hätte es auch wohl erraten können.« - »Sie werden mich
entschuldigen«, sagte Florentin, »ich hielt es nicht für ein gegebnes
Versprechen; überdies habe ich den Nachmittag und Abend so angenehm zugebracht.«
- »O das glaube ich gern«, unterbrach ihn Walter; »Sie mein Herr Doktor sind
immer die Gefälligkeit selbst.« - Betty war in der schmerzlichsten Verlegenheit;
Florentin und der Doktor waren es ihrentwegen nicht weniger. - »Lassen Sie doch
sehen«, fuhr Walter fort, indem er näher zum Tisch trat, wo die Zeichnung lag;
»Sie haben hier eine Akademie wie ich sehe; die Künste werden doch immer mehr
getrieben in der Welt!« - Florentin kam ihm zuvor, als jener das Blatt in die
Hand nehmen wollte. Er verdeckte es schnell mit einem andern Blatt.
»Entschuldigen Sie«, sagte er kurz und trocken, »es ist nicht fertig.« - »Mir
können Sie es immer halb fertig zeigen, ich bin gar kein Kenner.« - »Um desto
weniger Herr Rittmeister!« - »Es ist Fräulein Betty ihr Porträt, das habe ich
gesehen.« - »Allerdings ist es das.« - »Nun so muss ich Ihnen dann sagen: ich
habe ein Recht dazu es zu fordern.« - »Das mag sein, aber ich habe kein Recht es
Ihnen zu geben, es gehört dem Fräulein.« - »Sie werden also entscheiden
Fräulein«, rief er aufgebracht. - »In der Tat lieber Walter... es war ein
Scherz... ich bat darum.« - »Nun so wird man es doch wenigstens erkaufen können;
was ist ihr Preis?« fragte er, seine Börse hervorziehend. - Florentin antwortete
nicht, und legte das Blatt mit Gelassenheit in sein Taschenbuch. - »Es ist nicht
für Bezahlung gemacht, lieber Walter«, sagte Betty wieder. - »Es muss doch auf
irgendeine Weise wieder in Ihre Hände kommen, denn weder ich, noch Sie selbst
werden zugeben, dass Ihr Bild in der Welt mit auf Abenteuer zieht.« - »Herr
Rittmeister!« sagte hier der Doktor mit fester Stimme, »Sie scheinen zu
vergessen, dass Sie hier in meinem Hause sind!« - »Ich werde diesem ehrwürdigen
Hause nicht länger beschwerlich fallen.« - Hohnlachend, und aufgedunsen von
wildem Zorn fuhr er zur Tür hinaus. - »O Ihr wisst nicht, was Ihr mir tut!« rief
Betty voller Angst, und ging ihm nach.
    »Das ist zuviel!« sagte Florentin. - »Es ist entsetzlich«, sagte der Doktor.
»So habe ich ihn noch nie gesehen. Ich vermute beinah, dass er einen Rausch
hatte. Offenbar legt er es aber besonders auf Sie an. Sie werden also wohltun
ihm auszuweichen.« - »Ich bin ihm ausgewichen«, sagte Florentin; »doch wenn er
mich geflissentlich sucht, so soll er mich finden! Aber wie dauert mich das gute
Kind, dass der schönste Moment, die Blüte ihres Daseins unter einem solchen
Einfluss verdorren muss! Kann man sie nicht losmachen? Ist es nicht möglich, der
Gräfin Clementina Licht über seine Nichtswürdigkeit zu geben?« - »Diese ist ja
nichts weniger als im Irrtum über ihn, aber ich glaube Ihnen schon gesagt zu
haben, wie sie darüber denkt. Sie lässt jeden auf seine Gefahr nach seiner
Überzeugung handeln, und hält sich durchaus nicht für berechtigt, vermittelst
ihrer Autorität andre zu bestimmen, nicht durch Vorstellungen, viel weniger
durch irgendein Zwangsmittel. Betty ist es bekannt, wie die Gräfin über Walter
denkt, da sie sich aber gebunden glaubt, und in der festen Hoffnung lebt, die
Liebe würde ihn erziehen, so hält Clementina es für einen Wink der Vorsehung,
für ein unabänderliches Verhängnis, dem sie sich nur sträflicherweise, und
dennoch ohne Nutzen entgegensetzen würde.« - »Glaubt Clementina nur an eine
göttliche Vorsehung, und nicht zugleich auch an die vernichtende Einwirkung des
Teufels, so hat sie doch nur eine halbe Religion, das sollten Sie ihr einmal
sagen. Unbegreiflich bleibt immer die verhasste Schwäche (denn lassen Sie es uns
ja nicht Liebe nennen) vieler, ja sogar ausgezeichneten Frauen, für Menschen,
die ihnen in jeder Rücksicht untergeordnet sind; es ist hier nicht das erstemal,
dass ich einen liebenswerten, achtungswürdigen Mann gegen einen Wicht habe
zurücksetzen sehen. Sollte nicht etwa die Täuschung dabei zum Grunde liegen, dass
die Achtung, die sie für jenen zu haben sich gezwungen fühlen, ihre
Oberherrschaft zweifelhaft macht? oder dass sie die Würde der Liebe nicht
verstehen, und sich ihrer als einer Schwäche vor dem Manne schämen, den sie
einer gleichen Schwäche für unfähig halten?« - »Nichts davon! Keinen andern
Grund kann es in diesem liebereichen, unbefangnen Herzen geben, als
unbestechliche Treue, die der Hingebung folgt. Der Verführer verstand es, ihre
Sinne gefangenzunehmen; sie ahndet nicht die Möglichkeit, wie dieses hätte
geschehen können, wenn sie ihn nicht liebte. Sie ist unschuldig trotz ihrer
Schuld, und ihre Treue höchst achtungswert!« - »Lernt sie aber nicht endlich
diesen Irrtum verachten, und erkennt die Liebe; tritt an die Stelle der
blühenden Unbefangenheit nicht die Reife der Achtung vor sich selber, die eine
liebende Frau nur in der Liebe für einen hochverehrten Mann findet, so waren es
dennoch taube Blüten, oder ein giftiger Tau hat die edle getötet. Und darum ist
es Eure Pflicht, sie, wenn auch unter tausend Schmerzen, vom Verderben
zurückzuführen.«
    »Und nun sagen Sie mir doch, wie kann Clementina, nach allem was ich von ihr
gehört habe, in der grossen Welt leben?« - »Schon seit mehrern Jahren lebt sie
auch wirklich nicht in der grossen Welt. Sie geht nie in Gesellschaften; schon
ihre fortdauernde Kränklichkeit leiht ihr einen Vorwand sich davon
auszuschliessen; doch ist ihr Haus immer der guten Gesellschaft offen, auch
Fremde besuchen sie; der feine zwanglose Ton, der in ihrem Hause herrscht,
macht, dass es von allen gesucht wird. Die Unterhaltung der Gräfin ist leicht,
und geistreich, durch diese allein ahndet man in der Gesellschaft die Frau von
ausserordentlichen Gaben. So oft sich Gelegenheit zeigt, gibt sie Konzerte und
Bälle, wo sich immer eine Menge junger Leute einfinden, deren Vergnügen durch
nichts, was die ernste Stimmung der Wirtin verraten könnte, gestört wird. Sie
zieht sich freilich immer sehr bald in ihr einsames Zimmer zurück, aber ohne im
geringsten die Lust zu unterbrechen, so wie sie niemals irgendeine Art von
Aufsehen ihrentwegen erlaubt.« - »Ich denke mir, wie oft diese Güte mag
gemissbraucht worden sein, in der Welt!« - »Dem ist es auch wohl nur allein
zuzuschreiben, dass der Zutritt zu ihr so erschwert worden ist, obgleich sie auf
keine Weise argwöhnender ward durch den wiederholten Betrug. Die Not der
Hülfesuchenden wird jederzeit von ihr selbst geprüft. Dies Geschäft überträgt
sie niemals irgendeinem andern; kann sie nicht selbst prüfen, so hilft sie ohne
Untersuchung. Übrigens lebt sie immer allein, obgleich fast stets von Menschen
umgeben; auch wüsste ich nicht, dass sie eine Freundin hätte, der sie sich
mitteilt, ausser Eleonoren. Da der erste Eindruck gewöhnlich für sie entscheidend
auf das ganze Leben bleibt, und sie wohl erfahren haben muss, dass kein
Räsonnement und keine Vernunft stark genug ist, diesen jemals bei ihr zu
vertilgen, so macht sie so selten als möglich neue Bekanntschaften, und hütet
sich gleichsam vor jedem neuen Eindruck. Sie können es als einen ganz besondern
Vorzug ansehen, dass sie Sie zu sprechen wünscht.« -
    Sie sprachen nun noch manches über Eduard und Juliane sowohl als über Betty.
Was Florentin an diesem Tage über den verworrnen Zusammenhang ihres Betragens so
unzusammenhängend gehört und gesehen hatte, ging ihm wild durcheinander im Kopfe
herum. - »Dies sind also«, rief er aus, »die zarten Verwirrungen der feinen
Verhältnisse und der tugendhaften Missverhältnisse der gebildetsten Welt! O alle
ihr Vortrefflichen, Auserkornen, ihr wisst doch mit euren angestrengtesten
Kräften nichts anders zu tun, als die zahllosen Plagen zu erleichtern, die ihr
euch selbst einander zufügt! Unter meiner plumpen Hand aber zerrisse dies
künstlich gefügte Gebäude, dessen Türme sich prahlend in die Wolken heben,
während sein Fuss im Treibsande wankt. Möchte es mir nur einst gelingen mir eine
niedre, feste Hütte zu erbauen, die Sturm und Wogen trotzt, und auch dem Rütteln
meiner eignen mutwilligen Hand widersteht!« - »Und wo«, fragte der Doktor
lächelnd, »suchen Sie Boden zu diesem Wunderhüttchen?« - »Gewiss nicht hier,
nicht von den wurmzernagten Splittern der feinen Welt gedenke ich es mir
zusammenzubetteln.« - »Ruhig lieber Florentin, wer gedenkt sie Ihnen
aufzudringen? Die feinere Ausbildung lässt sich mit jenem geheimnisvollen Berg
vergleichen, von dem die Dichter unter dem Namen Venusberg viel Wunderbares
erzählen. Berauscht von einer süsstönenden Harmonie, sagen sie, wird man
hineingezogen; wer am Eingange stehenbleibt, ahndet nichts als Schrecknisse in
der Verworrenheit, die sein Blick nicht zu durchdringen vermag; wer aber
unerschrocken vordringt, der findet ewige Freuden; und wer sich voll Ungeduld
wieder hinauszusehnen vermag, findet doch sonst nirgend Ruhe, und unaufhaltsam
zieht der Zauber ihn wieder zurück.« - »Nun mir scheint dieser Zauber doch in
nichts zu liegen, als im Hochmut sich so gern etwas gar Grosses zu dünken. Dies
ist der Rausch, der ihre Sinne gefangenhält, dass sie in die schwindelnde Tiefe
wieder zurück müssen, und in der freien Welt sich nicht zu finden wissen, wo
jeder gleicher Rechte sich erfreut, und niemand sich über den andern erheben
darf.« - »Nun sehen Sie, so ist es doch nur anders maskierter Hochmut, der es
Ihnen so verleidet, unter den Emporstrebenden zu existieren.« - »O guter Gott,
es mag wohl sein, nichts ist ansteckender als das Böse! Doch soll es mir wohl
noch gelingen, die schlechten Gewohnheiten wieder abzustreifen.« - »Ich sehe, es
ist heute nichts mehr mit Ihnen anzufangen, Sie sind bitter.« - »Das noch nicht!
Wo ist der Tor, der auf ein sicheres, dauerndes Lebensglück rechnet? Aber lassen
Sie es mich Ihnen gestehen: Bettys Schicksal und das Ihrige, das ich so deutlich
vor mir sehe, das von Eduard und Juliane, was ich nur ahnde, es hat mich
verwirrt und betrübt. Aus welchen losen Fäden ist der Traum eures Glücks
gesponnen!« - »Es lebt dafür in unsrer Seele etwas, das, dem ungebildeten
Menschen fremd, uns über jeden Glückswechsel erhebt!« -
    »Nein, Siegen oder Untergehen!« rief Florentin aus, als er allein war. - Und
doch hatte die freudige Gelassenheit, mit der der Doktor die letzten Worte
gesprochen, etwas in ihm erregt, das ihn nachdenklich machte. Am Ende blieb er
aber freilich dennoch überzeugt: dass er seinem jetzigen Plane folgen müsse; dass
es für ihn keine andre Tätigkeit gebe, als in einem neuen Leben das zu
vergessen, was ihn im alten gequält hatte. Jene Ahndung war auch noch nicht aus
seinem Herzen geflohen: er müsse in der Welt einen Aufschluss über seine
Bestimmung und seine Geburt aufsuchen.
    Den andern Tag, während der Doktor seine Geschäfte in der Stadt verrichtete,
war Florentin allein zurückgeblieben, weil er ohne Not nicht gern dort verweilen
mochte. Der Doktor schickte ihm sein Pferd und seine übrigen Sachen aus dem
Gastof, und kam zum Mittagsessen selbst wieder zu ihm hinaus. - Er erzählte
ihm: Walter habe den Morgen schon einigemal im Gastofe nach ihm fragen
lassen;... »was wird er wollen?« - »Vielleicht eine Ausfordrung«, sagte
Florentin. - »Leicht möglich, dass er sich von Ihnen beleidigt hält!« - »Sie
sehen«, sagte Florentin, indem er auf seinen Degen zeigte, »ich habe eine
Vorbedeutung gehabt. - Die Uniform ist überhaupt gar nicht übel; gewisse
Menschen haben Respekt vor einer Uniform, weil diese das einzige ist, wodurch
sie selbst sich Respekt zu schaffen wissen.«
    Während sie noch am Tisch sassen, kam folgendes Billett:
    »Florentin wird es nicht vergessen haben, dass er zur Musik abgeholt wird.
Die Tante freut sich sehr, ihn diesen Abend zu sehen. Bereiten Sie ihn darauf
vor, lieber Freund, dass er Waltern hier finden wird, und bitten Sie ihn in
meinem Namen, des gestrigen fatalen Auftritts nicht weiter zu gedenken. Es war
ein Missverständnis. Walter hat seinen Irrtum eingesehen, und es wird nur auf
Florentin ankommen, dass uns der Abend Friede und Freude bringt.
                                                                         Betty.«
»Es war also eine Aussöhnung!« sagte Florentin. - »Ich traue dem nicht so ganz«,
sagte der Doktor; »wegen einer Aussöhnung hätte er sicherlich nicht so oft nach
Ihnen fragen lassen.« - »Ich wollte nur, Betty wäre nicht dabei zu schonen, mir
ist er im innersten Herzen fatal.« - »Lassen wir ihn jetzt. Die Gräfin ist
heiter und sehr wohl; ich musste ihr viel von Ihnen erzählen, sie hörte jedes
Wort mit ganz besonderem Interesse an. Es sind auch Briefe vom Schloss diesen
Morgen gekommen. Juliane und Eduard befehlen Ihnen ja hierzubleiben, bis sie
herkommen.« - »Wollen sie kommen? Wann?« - »Vielleicht noch heute, in den
nächsten Tagen aber gewiss.«
 
                              Achtzehntes Kapitel
Am Eingange des Hauses ward Florentin nach einem Seitenflügel gewiesen. Er trat
in einen hochgewölbten Gang; zwischen den Säulen gingen mehrere Personen still
hinauf, nach dem Ende des Ganges, wo sich eine grosse Flügeltüre öffnete. Es war
alles feierlich ernst; die Schritte hallten von dem Boden wider; die Idee eines
Wohnhauses war verschwunden, es war der Eingang zum Tempel. Jetzt öffneten sich
die Flügeltüren für ihn, ein hoher Dom umfing ihn. Er hörte noch die letzten
Worte der Messe, die Versammlung erhob sich von ihren Knien, einige einzelne
verweilten noch in tiefer Andacht.
    Der Orgel gegenüber befand sich ein Monument. Florentin ging näher hinzu, um
es zu betrachten. Auf einem Sarkophag ruhte ein Genius in Gestalt eines Kindes,
die Fackel entsank verlöschend seiner Hand; es war nicht gewiss, ob er tot oder
schlafend abgebildet war. Auf den Seiten des Sarkophags zeigten sich in halb
erhobener Arbeit die Horen, die traurend, mit verhülltem Angesicht, eine nach
der andern hinschlichen; über dem Monument befand sich das Gemälde der heiligen
Cäcilia, der Beschützerin der Tonkunst und Erfinderin der Orgel. Florentin
erschrak fast, als er seine Augen zu dem Bilde aufhob; es war die göttliche
Muse, die in lichter, freudenreicher Glorie des grossen Gedankens, über Tod und
Trauer siegend schwebte.
    Das Gemälde jener heiligen Anna, das ihn, als er es zuerst gesehen, so
ergriffen hatte, war nur ein schwacher Abglanz dieser Herrlichkeit. Im Anschauen
verloren, vergass er es völlig, dass es Clementinens Porträt sei, von dem er schon
soviel gehört hatte. Nichts was an Menschen und Menschenwerk erinnert, war
seiner Seele dabei gegenwärtig, nie hatte er die Göttlichkeit der Musik so
verstanden, als vor diesem Angesicht.
    Die Sonne warf im Untersinken noch einen blendenden Strahl durch die hohen
Fenster, die weissen Kerzen schimmerten blass hindurch, alle Gegenstände
leuchteten auf eine seltsame Weise, und bewegten sich wie Geister. Der Strahl
fiel gerade auf das Gesicht der heiligen Cäcilia; Farben und Züge waren
verschwunden, es war nur ein blendender Glanz; Florentin hätte in die Knie
sinken mögen vor dieser Herrlichkeit. -
    Die Betenden standen auf: zuletzt erhob sich langsam von den Stufen des
Altars die Gräfin Clementina. Es war eine edle schlanke Gestalt, etwas über die
gewöhnliche Grösse. Ein schwarzes glänzendes Kleid floss in reichen Falten bis zu
ihren Füssen herab, und bedeckte die Arme bis zur weissen, feinen Hand. Auf der
linken Seite trug sie ein Kreuz von Diamanten; ein langer schwarzer Schleier
verhüllte Kopf und Haare, so dass man nur die erhabene Haltung wahrnehmen konnte,
auch das Gesicht war ganz davon verdeckt; in der einen Hand, die sich auf Betty
stützte, hielt sie ein weisses Tuch, die andre trug herabhängend eine Rolle. So
wankte sie, sichtbar ermattet, vor Florentin vorüber, ohne ihn wahrzunehmen,
ihre Augen blieben fest am Boden geheftet. Neben dem Monument war ein halb
vergitterter Sitz, dort setzte sie sich; Betty und einige junge Mädchen, die ihr
gefolgt waren, bemühten sich geschäftig um sie her; diese entfernten sich, und
Clementina blieb allein. Sie hatte ihren Schleier aufgeschlagen, und sah die
Blätter durch, die nun aufgerollt vor ihr lagen. Ihr Gesicht zeigte mehr als
Reste ehmaliger erhabener Schönheit; die Züge standen im reinsten, edelsten
Verhältnis, aber eine Marmorblässe bedeckte sie. Waren ihre Augen unter den
schöngewölbten Lidern gesenkt, so schien sie mit der leuchtenden Stirn, den
bleichen, mit den Spuren des Grams nur leicht gezeichneten Wangen, und den
feinen, fest geschlossnen, farblosen Lippen, nicht mehr dem Leben dieser Erde zu
gehören. Aus diesen Zügen schien das Leben entwichen und ganz nach den grossen
Augen entflohen zu sein, die in ihrem schwarzen nächtlichen Glanze, wenn sie sie
langsam erhob, wie einsame Sterne durch den umwölkten Himmel funkelten.
    Florentin konnte die seinigen nicht von ihr abwenden, sie bemerkte ihn aber
nicht, war auch überhaupt bloss mit den Blättern beschäftigt und sah sich nach
niemand um. Indem er sie aber immer schärfer ansah, dünkten ihm ihre Züge je
länger je mehr bekannt. Die Szenen seiner Kindheit wurden wieder lebendig vor
ihm; die Erinnerung an Manfredi drängte sich ihm besonders wieder auf, und alle
Begebenheiten jener Zeit.
    Nach einer kurzen feierlichen Stille erschollen wie vom Himmel nieder die
Stimmen der unsichtbaren Sänger! Begleitet von den Tönen der allmächtigen Orgel
schwoll der Gesang des heiligen Chorals in tief ausströmenden Akzenten, wälzte
sich an der hohen Kuppel hinauf, und zog die Andacht des tiefsten Herzens wie in
einer Weihrauchsäule mit sich zum Himmel auf. Wie zum ersten Male hörte
Florentin diese himmlische Musik wieder, die er in seiner Jugend so oft gehört
zu haben sich erinnerte. Niemals hatte er aber sich so davon durchdrungen
gefühlt als jetzt. Er wusste nicht, ward sie hier vollkommner noch ausgeführt,
oder war sein Gemüt empfänglicher dafür geworden?
    Der schwebende Nachhall des Chorals erstarb in einen leisen Hauch; da
erscholl die Posaune durch Herz und Gebein rufend, und nun begannen die Chöre
bald abwechselnd sich einander antwortend, bald vereinigt vom Aufruf einer
einzelnen Stimme geweckt, zur mächtigen, alles mit sich fortreissenden Fuge
anzuwachsen, bis Himmel und Erde in den ewigen, immer lauter werdenden Wirbel
mit einzustimmen schienen, und alles wankte und bebte und zusammenzustürzen
drohte. Die Brust des Knaben auf dem Sarkophag schien sich vom gewaltigen
Gesange zu heben; staunend erwartete Florentin, er würde sich aufrichten und
seine Stimme mit einmischen in die Stimmen der ganzen Welt für die Ruhe der
Seelen, und mit der heiligen Cäcilia, die ihre Lippen zu öffnen schien, beten
für die Erlösung der Büssenden.
    Clementina war wie in Entzückung gehoben; ihre Augen ruhten entweder auf der
Rolle, die sie rasch umblätterte, oder sie wendete sie glänzend freudig in die
Gegend, wo die Stimmen der Sänger herabkamen; dann ruhte sie wieder wie verloren
in sich selbst, sanfte Tränen gleiteten langsam über das heilige Gesicht herab,
die sie weder zu hemmen noch zu verbergen bedacht war.
    Florentin war aus der Menge ihr gegenüber getreten, um sie genau mit der
heiligen Cäcilia vergleichen zu können, zu der sie in ihrer Begeistrung ein
wahrhaftes Urbild war. Die Musik war beinah zu Ende; zu Anfang des herrlichen
sanft aushauchenden Schlusschors kam Betty wieder zu Clementinen, die ihr einige
freundliche Worte sagte. Betty sah sich hierauf in der Versammlung umher; da sie
Florentin erblickte, grüsste sie ihn freundlich. Clementina schien sie etwas zu
fragen, worauf jene eine bezeichnende Bewegung mit der Hand machte, gegen
Florentin. Clementina stand auf und suchte ihn mit den Augen; zufällig wichen
einige vor ihm Stehende zurück, so dass er deutlich vor ihr stand. Einige
Augenblicke blieb sie, weit hervor sich beugend, in derselben Stellung, ihre
Augen fest mit sichtbarem Erstaunen auf ihn geheftet; eine schnelle Röte
überflog den Marmor ihres Gesichts, dann erblasste sie wieder, ihre Augen
schlossen sich, und sie sank ohnmächtig zurück. Betty fasste sie in ihre Arme,
einige andre eilten ihr zur Hülfe, sie wurde hinausgetragen, Betty folgte. Bald
darauf war auch die Musik geendigt, deren Schluss Florentin nicht vernommen
hatte. Betäubt eilte er hinaus und in den Garten.
    Der Abend senkte sich dämmernd nieder. Der grosse Garten war voller Menschen.
Fröhliches Lachen und muntere Gespräche ertönten von allen Seiten. Auf dem Rasen
tummelten sich liebliche Kinder; hier sass eine Gruppe, die zu einer Gitarre
sang; dort waren andre um eine Flasche Wein versammelt. Auf den versteckteren
Plätzen im dichteren Gebüsch wandelten liebende Paare in süsser Vertraulichkeit;
der ganze Garten war ein fröhliches liebliches Bild eines kummerfreien
vergnügten Lebens, für jedes Alter und jedes Gemüt.
    In einer andern Stimmung wäre Florentin dieser Anblick höchst erquickend
gewesen; jetzt suchte er aber einen einsamen Ort, um sich zu sammeln; er war
unruhig und zerstreut. - Warum, dachte er, warum ist diese Clementina und alles
was sie umgibt, grade mir wie eine Erscheinung, da sie doch unter den übrigen
Menschen wie eine längst bekannte Mitbürgerin wandelt? Warum wird jede ferne
Erinnerung wieder wach in mir? Was tut sich die Vergangenheit, dies längst
verdeckte Grab, gegen mich auf? Warum kann ich nicht mit den andern des
gegenwärtigen Augenblicks froh werden? - Er suchte endlich dem Eindrucke der
Musik die Unruhe zuzuschreiben, die immer noch in seiner Seele widerhallte.
    Aus dem geöffneten Gartensaal kam ihm der Doktor entgegen. - »Die Gräfin ist
erst jetzt wieder zu sich gekommen«, sagte er, »und ist noch sehr ermattet. Die
Anstrengung war zu gross für sie. Da ihr jede Bewegung und auch das Sprechen
untersagt ist, so hat sie mir aufgetragen, sie bei Ihnen zu entschuldigen, dass
sie nicht zur Gesellschaft herunterkömmt; sie ist heute nicht imstande, Sie zu
sehen, sie hofft, Sie würden noch einige Tage länger hier verweilen.« - Hier
kamen Betty, der Rittmeister und noch einige andre zu ihnen. - Der Doktor
entfernte sich, die Gräfin hatte ihn zu sprechen verlangt.
    Dem Rittmeister schien sein Versprechen, sich gesitteter gegen Florentin zu
betragen, entweder zu reuen, oder unmöglich zu halten, er war widerwärtiger als
jemals gegen ihn. Während Betty zu erwarten schien, dass es zwischen ihnen zu
einem Gespräch kommen sollte, fing der Rittmeister an in seiner gewöhnlichen
Manier Florentin um seine Uniform zu befragen; dieser antwortete kurz ab, mit
sichtbarer Verachtung. Endlich stand Walter auf und ging mit den andern in eine
Ecke des Saals, wo er auf eine beleidigende Weise bald halb laut mit ihnen
flüsterte, dann überlaut lachte. Die arme Betty war wie auf Kohlen. - »Ich kenne
Sie heute gar nicht«, sagte sie leise zu Florentin, »wie zeigen Sie sich so
widerspenstig?« - »Das nicht«, sagte er, »aber auf der Folter bin ich; dieser
Walter und ich sind notwendig Feinde. Auch weiss ich selbst nicht, wie ich
verstimmt bin; erst die Musik -« - »Sie scheint Ihnen also keinen angenehmen
Eindruck gemacht zu haben?« fragte sie, ihn laut unterbrechend. - »Sie
missverstehen mich, Betty!« - Er suchte die unangenehme, drückende Gegenwart der
übrigen zu vergessen, und erzählte ihr ganz so, wie er es fühlte, und als ob er
allein von ihr gehört würde, den Eindruck, den die erhabne Musik auf ihn gemacht
hatte. - »Fragen Sie mich um keine einzelne Stelle«, fuhr er fort, »deren
entsinne ich mich keiner einzigen; aber mein Gemüt war gelöst von allem Kummer
dieses Lebens. Wie auf Engelschwingen fühlt' ich mich durch die allmächtigen
Töne der Erde entnommen und sah eine neue Welt sich vor meinen Augen auftun.« -
Walter kam hier wieder zu ihnen und störte die Unterredung und Florentins
Begeisterung. Man sprach von andern Dingen, und zuletzt vom Monument in der
Kapelle. Florentin erkundigte sich nach der Veranlassung. - »Die Tante«, sagte
Betty, »hat es, soviel ich weiss, nach ihrer Angabe für sich verfertigen lassen,
das ist aber schon sehr lange her, vielleicht noch eh' ich geboren ward. Es ist
ihr heilig, eine nähere Veranlassung hat sie aber keinem von uns mitgeteilt.« -
»Schade nur«, rief der Rittmeister, »dass die ganze Stadt von dem heiligen
Geheimnis sehr wohl unterrichtet ist.« - »Ich weiss nicht, was Sie damit sagen
wollen?« sagte Betty schüchtern. - »Wie sollten Sie das wissen können, Liebe?«
erwiderte er; »es ist ja auch schon, wie Sie selber bemerkten, eine sehr alte
Geschichte.« - Betty schien aufgebracht und verlegen wegen dieser Ausfälle. -
Sie ist gerettet, dachte Florentin, wenn sie erst zum deutlichen Gefühl, sich
seiner zu schämen, zu bringen ist! - Er fragte nun absichtlich nach manchen
Dingen, die sie interessieren mussten, und liess sich geduldig vom Rittmeister
durch boshafte, witzig sein sollende Anmerkungen, hämische Verdrehungen und
unmässiges Lachen unterbrechen. Ihm war es recht, je mehr jener sich selbst
herabsetzte. Betty sprang endlich ungeduldig auf, nahm Florentin am Arm, und
lief nach dem Garten hinaus; die übrigen folgten, Walter mit sichtbarem Grimm.
    Es war stiller in dem Garten geworden, nur einzelne Personen wandelten in
der Entfernung in den hohen Gängen, bis auch diese sich allmählich verloren. Sie
stiegen eine Terrasse hinauf, die mit hohen Bäumen besetzt war, und dem Hause
gegenüber den Garten am Ufer des Sees begrenzte. In der Mitte der Terrasse stand
ein kleiner runder Tempel auf weissen Marmorsäulen mit Rosen- und Jasminbüschen
umgeben. Von hier hatte man die freie Aussicht über den jenseits liegenden,
bekannten See, mit seinem Kranz von wohltätigen Pflanzungen. Darüber hinaus ging
der Blick in weite Ferne, bis dunkel am Horizont das bläuliche Gebirge ihn
begrenzte. Der Mond stieg eben herauf, und schien eine hochrote verzehrende
Flamme durch die fernen Dünste, bis er sich plötzlich völlig hinaufgeschwungen
hatte, und rein und silberhell seine Bahn betrat.
    Tief im Herzen ward nun Florentin die Gegenwart der rohen Gesellen zuwider.
Anfangs war er zwar willens gewesen, sich mit ihnen zu belustigen, aber er war
es nicht imstande. Im Freien, in einer schönen Gegend, dünkten ihm verhasste
Personen noch verhasster als im Zimmer. -
    Er erkundigte sich bei Betty, ob der Garten immer, so wie heute, für
jedermann frei wäre? - »Immer«, sagte sie; »hier ist der beliebteste,
besuchteste Spaziergang der Einwohner, und der liebe Spielplatz der Kinder. Man
kömmt und geht, wenn man will, und jeder geniesst der unumschränktesten
Freiheit.« - Einer von den Begleitern bezeigte seine Verwunderung, dass die
Gräfin weder Beschädigung noch Unordnung befürchtete bei dieser allgemeinen
Freiheit. - »Missbrauch der Freiheit, sagt die Tante, ist bei weitem nicht so
sehr zu befürchten, als Schadloshaltung für den Zwang! Sei es nun dies oder die
allgemeine Achtung und Liebe für sie, kurz es ist noch niemals etwas
Verdrüssliches vorgefallen, soviel ich weiss.« - »Es kömmt darauf an«, fuhr Walter
wieder dazwischen, »was man so dafür annehmen will oder nicht, gegen gewisse
Dinge dieser Art ist man auch ziemlich nachsichtsvoll.« - »Ist denn«, fing
Florentin wieder an, »der Gräfin die Menge niemals lästig? Sehnt sie sich
niemals nach einer einsamen Stille? Im Garten, dächte ich, müsste man diese gern
suchen.« - »Nein, sie liebt es, grade hier viel fröhliche Menschen zu sehen und
zu begegnen. Recht einsam, sagt sie, bin ich doch nur in meinem Zimmer; die
Häuser sind ursprünglich erfunden, sich von den andern abzusondern. Was mich im
Freien umgibt, was ich dort sehe und empfinde, lässt mich von selbst nicht einsam
sein. Der Aufentalt im Freien, sagte sie auch einmal, hätte für sie eine
gewisse Zauberkraft; die Geliebten stehen ihr hier näher und die Beschwerlichen
entfernter.« - »Das heisst«, unterbrach sie der Rittmeister: »die alte Dame
braucht Gesellschaft. Sie selber hat weder zu verlieren noch zu fürchten, wenn
der Garten von Menschen allerlei Art wimmelt, und für die jungen Damen im Gefolg
ist es sehr erwünscht.« - »O Walter! Sie wissen nicht was Sie sprechen«, rief
Betty aus. - »O Betty!« rief er, sie parodierend, »Sie werden nie die Augen
öffnen!« - Betty verbarg ihre hervorströmenden Tränen in ihrem Tuche; und
schluchzte endlich laut, da er nicht aufhörte, sie zu ärgern. Florentin ward
dies zuviel, er verwies ihm mit Mässigung sein Betragen; Walter aber, der es nur
zu erwarten geschienen, dass dieser sich mit einmischen sollte, fragte ihn mit
trotzigem Hohn: ob die irrende Ritterschaft wieder erstanden sei, den
beleidigten Jungfrauen Schutz zu gewähren? - So kam es zu beleidigenden Reden
und Antworten hin und her, denn Florentin hielt sich länger nicht. Bis zur Wut
gereizt zog Walter den Degen, und rief jenem zu, sich zu verteidigen. Betty
schrie laut auf vor Entsetzen. - »Nicht hier, Herr Rittmeister«, sagte
Florentin; »Sie vergessen, was Sie diesem Orte schuldig sind! Kommen Sie,
Fräulein, ich führe Sie nach dem Hause; Sie, Herr Rittmeister, erwarten morgen
früh Nachricht von mir.« - »Nicht hier von der Stelle, feiger Schurke!« rief der
tolle Walter, »nicht von der Stelle! Ich lasse hier mein Leben oder -« - Den
andern, die ihn zurückzuhalten suchten, befahl er drohend, sich ruhig zu
verhalten, und so drang er voll Wut auf Florentin ein, dieser musste sich zur
Wehr setzen. Nach einigen Gängen, da Walter trotz seiner überlegenen Stärke, im
Nachteil gegen Florentins Gewandteit kam, der sich geschickt und gelassen bloss
verteidigte, führte er mit hämischer Wut einen Streich gegen das Gesicht seines
Gegners, der, wenn er ihm gelungen wäre, ihn aufs Leben unglücklich gemacht
hätte. - »Bube!« rief Florentin, dem die boshafte Absicht nicht entging; und im
Moment hatte er durch eine kühne, geschickte Wendung ihm den Degen aus der Hand
gewunden und in Stücken gebrochen zu seinen Füssen geworfen.
    Betty war, sobald der Kampf begann, nach dem Hause zurück mehr geflogen als
gelaufen, unaufhörlich nach Hülfe rufend. Durch den Garten kam sie, ohne jemand
zu begegnen; die Bedienten, die sie unten im Hause fand, liefen sogleich, ohne
zu wissen, was sich zutrüge, ihrer Bezeichnung nach, in den Garten.
Unaufgehalten flog sie die Treppe hinauf, und stürzte, immer noch nach Hülfe
rufend, bleich, atemlos, mit herunterhängenden Haaren, in Clementinens Zimmer,
die eben eingeschlummert war. Der Doktor sass lesend in einer Ecke des Zimmers.
Clementina fuhr erschrocken auf, der Doktor eilte herzu, Betty sank ohnmächtig
an Clementinens Ruhebett nieder. - »Im Tempel ... im Garten ...-« rief sie, als
sie wieder zu sich kam, mehr brachte man nicht von ihr heraus, ihre Sinne waren
wie verwirrt vom Entsetzen. - »Eilen Sie hin, lieber Freund«, sagte Clementina;
»sehen Sie selbst nach, was dem unbesonnenen Kinde widerfahren sein mag.« -
»Walter ... Florentin ... -« rief Betty wieder, noch ausser Atem. - »Um des
Himmels willen«, rief Clementina, »eilen Sie, eilen Sie!« -
    Man hatte in der Verwirrung nicht darauf geachtet, dass ein Wagen rasselnd
vorgefahren, und ein blasender Postillion gehört wurde. Jetzt öffnete sich die
Türe; Juliane und Eduard traten herein. - »Was ist hier? um Gottes willen!« rief
Juliane, indem sie bei Clementina niederkniete. - »Warum haben wir niemand im
Hause gefunden?« rief Eduard, »was geht hier vor? welche Verwirrung!« - Der
Doktor wiederholte ihnen Bettys Ausruf. - »Walter haben wir hier nicht weit vom
Hause stehen, und mit einigen andern heftig sprechen hören; ich irre nicht, es
war Walter.« - »So ist er nicht tot?« rief Betty. - »Tot? Wie das?« - »Und
Florentin?« fragte Clementina. - »Ist Florentin noch hier?« rief Eduard wieder.
    »Mein Kind! mein gutes Mädchen!« sagte Clementina, und küsste die sich fest
an sie schmiegende Juliane. »Müsst ihr, meine Lieben, gerade jetzt erscheinen -«
- »O, lieber Doktor«, unterbrach Betty sie mit Ungeduld, »es kömmt noch niemand
zurück, wollen Sie nicht in den Garten gehen? auf der Terrasse.« - Er ging, die
andern drangen in Betty, den Vorfall zu erzählen. - »Es gab ein Gefecht zwischen
den beiden, auf das übrige muss ich mich erst besinnen, jetzt weiss ich nichts,
gar nichts.« - Sie kniete neben Juliane vor Clementina nieder, und weinte über
ihre dargebotene Hand. - »Fasse dich nur, du heftiges Kind«, sagte Clementina
beruhigend, »geh jetzt auf dein Zimmer, und versuche es, etwas ruhiger zu
werden.« - »O nein, Tante, schicken Sie mich nicht fort, ich kann nicht allein
bleiben, ich fürchte mich.« - Die Bedienten kamen hier zurück, die zuerst auf
Bettys ängstliches Hülferufen in den Garten geeilt waren. Sie hatten den ganzen
Garten durchsucht und niemand gefunden, es war alles ruhig. - »So können wir es
ja auch wohl sein fürs erste«, sagte Clementina, »es wird sich alles aufklären.
Und nun, meine teuren Gäste, sagt mir, wie kommt ihr so unerwartet und doch so
längst erwartet?« - »Wir gedachten Sie eigentlich auf eine ganz andre Art zu
überraschen, als es uns gelungen ist«, sagte Juliane. »Wir wollten noch zur
Musik hier sein, wollten uns unbemerkt unter die Zuhörer mischen, um zu sehen,
ob Sie uns herausfinden würden. Es zerbrach aber etwas an unserm Wagen, wir
mussten uns einige Stunden aufhalten, die Freude war verdorben, und beim Eintritt
fanden wir uns mehr überrascht, als Sie selbst. Aber, liebe Tante, wir kommen
auch eigentlich mit darum, um die Eltern und die Kinder zu melden, sie werden
gewiss in wenigen Stunden hier sein.« - »So müsst ihr mich jetzt verlassen, ihr
Lieben, ich muss nun zu ruhen suchen, um auf die Freude des morgenden Tages
gestärkt zu sein.« - »Erst Ihren Segen, Tante, eh' wir Sie verlassen! Segen für
uns!« - »Gott segne meine lieben Kinder! Mögt ihr nie die Leiden der Liebe
erfahren! Gott segne euch!« - Eduard war über ihre Hand gebeugt, Juliane hob
ihre Augen zum Himmel, um Erfüllung des segnenden Wunsches zu erflehen; Betty
weinte, ihr Gesicht mit beiden Händen verdeckend.
    Eduard ging dem Doktor im Garten nach; da sie nun daselbst alles still
fanden, so gingen sie von der andern Seite der Terrasse am See hinunter, und
suchten an dem bestimmten Ort den Kahn, der zur Überfahrt immer bereit war; da
sie ihn aber nicht fanden, vermuteten sie sogleich, dass Florentin sich nach dem
Hause des Doktors übergesetzt hätte. Sie eilten zurück, liessen anspannen, und
fuhren hinaus. Florentin war nirgends zu finden.
 
    