
        
                               Johann Jakob Engel
                               Herr Lorenz Stark
                              ein Charaktergemälde
                                        I.
Herr Lorenz Stark galt in ganz H ....., wo er lebte, für einen sehr
wunderlichen, aber auch sehr vortrefflichen alten Mann. Das Äusserliche seiner
Kleidung und seines Betragens verkündigte auf den ersten Blick die altdeutsche
Einfalt seines Charakters. Er ging in ein einfarbiges, aber sehr feines Tuch,
grau oder bräunlich, gekleidet; auf dem Kopfe trug er einen kurzen Stutz, oder
wenn's galt, eine wohlgepuderte Troddelperücke; mit seinem kleinen Hute kam er
zweimal ausser die Mode, und zweimal wieder hinein; die Strümpfe waren mit
grosser Zierlichkeit über das Knie hinaufgewickelt; und die stark besohlten
Schuhe, auf denen ein Paar sehr kleiner, aber sehr hell polirter Schnallen
glänzten, waren vorne stumpf abgeschnitten. Von überflüssiger Leinewand vor dem
Busen und über den Händen war er kein Freund; sein grösster Staat war eine feine
Halskrause mit Spitzen.
    Die Fehler, deren dieser vortreffliche Mann nicht wenig hatte, und die denen
welche mit ihm leben mussten, oft sehr zur Last fielen, waren so innig mit den
besten seiner Eigenschaften verwebt, dass die einen ohne die andern kaum
bestehen zu können schienen. Weil er in der Tat klüger war, als fast Alle mit
denen er zu tun hatte, so war er sehr eigenwillig und rechtaberisch; weil er
fühlte, dass man ihm selbst seiner Gesinnungen und Handlungen wegen keinen
gegründeten Vorwurf machen könnte, so war er gegen Andre ein sehr freier, oft
sehr beschwerlicher Sittenrichter; und weil er, bei seiner natürlichen
Gutmütigkeit, über keinen Fehler sich leicht erhitzen, aber auch keinen
ungeahndet konnte hingehen lassen, so war er sehr ironisch und spöttisch.
    In seiner Casse stand es ausserordentlich gut; denn er hatte die langen
lieben Jahre über, da er gehandelt und gewirtschaftet hatte, den einfältigen
Grundsatz befolgt: dass man, um wohlhabend zu werden, weniger ausgeben als
einnehmen müsse. Da sein Anfang nur klein gewesen, und er sein ganzes Glück sich
selbst, seiner eigenen Betriebsamkeit und Wirtlichkeit schuldig war: so hatte
er in frühern Jahren sich nur sehr karg beholfen; aber auch nachher, da er schon
längst die ersten Zwanzigtausend geschafft hatte, von denen er zu sagen pflegte,
dass sie ihm saurer als sein nachheriger ganzer Reichtum geworden, blieb noch
immer der ursprüngliche Geist der Sparsamkeit in seinem Hause herrschend: und
dieser war der vornehmste Grund von dem immer steigenden Wachstum seines
Vermögens.
    Herrn Stark waren von seinen vielen Kindern nur zwei am Leben geblieben: ein
Sohn, der sich nach dem Beispiel des Vaters der Handlung gewidmet hatte; und
eine Tochter. Letztere war an einen der berühmtesten Ärzte des Orts, Herrn
Doctor Herbst, verheiratet: einen Mann, der nicht weniger Geschicklichkeit
besass, Leben hervorzubringen, als zu erhalten. Er hatte das ganze Haus voll
Kinder; und eben dies machte die Tochter zum Liebling des Alten, der ein grosser
Kinderfreund war. Weil der Schwiegersohn unfern der Kirche wohnte, die Herr
Stark zu besuchen pflegte: so war es ausgemacht, dass er jeden Sonntag bei dem
Schwiegersohn ass; und seine Frömmigkeit hätte zuweilen wohl gern die Kirche
versäumt, wenn nur seine Grossvaterliebe den Anblick so werter Enkel und
Enkelinnen hätte versäumen können. Es ging ihm immer das Herz auf, wenn ihm der
kleine Schwarm, beim Hereintreten ins Haus, mit Jubelgeschrei entgegensprang,
sich an seine Hände und Rockschösse hängte, und ihm die kleinen Geschenke
abschmeichelte, die er für sie in den Taschen hatte. Unter dem Tischgebete
schweiften zuweilen die Augen der Kleinen umher, und er pflegte ihnen dann leise
zuzurufen: Andacht! Andacht!; aber der gerade am wenigsten Andacht hatte, war er
selbst: denn sein ganzes Herz war, wo seine Augen waren, bei seinen Enkeln.
    Mit seinem Sohne war dagegen Herr Stark desto unzufriedener. Auf der einen
Seite war er ihm zu verschwenderisch, weil er ihm zu viel Geld verkleidete,
verritt, und verfuhr; insbesondere aber, weil er zu viel auf Caffeehäuser und in
Spielgesellschaften ging. Auf der andern Seite verdross es Herrn Stark, dass der
Sohn als Kaufmann zu wenig Unternehmungsgeist, und als Mensch zu wenig von der
Wohltätigkeit und Grossmut seines eigenen Charakters hatte. Er hielt ihn für
ein Mittelding von einem Geizhalse und einem Verschwender: zwei Eigenschaften,
die Herr Stark in gleichem Grade verabscheute. Er selbst war der wahre Sparsame,
der bei seinem Sammeln und Aufbewahren nicht sowohl das Geld, als vielmehr das
viele Gute im Auge hat, das mit Gelde bewirkt werden kann. Wo er keine Absicht
fand, da gab er sicherlich keinen Heller; aber wo ihm die Absicht des Opfers
wert schien, da gab er mit dem kältesten Blute von der Welt ganze Hunderte hin.
Was ihn aber am meisten auf den Sohn verdross, war der Umstand: dass dieser noch
in seinem dreissigsten Jahre unverheiratet geblieben war, und dass es allen
Anschein hatte, als ob er die Zahl der alten Hagestolzen vermehren würde. Der
Vater hatte den Sohn zu keiner Heirat bereden, der Sohn keine Heirat ohne des
Vaters Einwilligung schliessen wollen: und beide waren in Geschmack und
Denkungsart allzuverschieden, als dass ihre Wahl oder ihr Wunsch je hätte
übereinstimmen können.
    Herr Stark hatte seine ganze Handlung der Aufsicht des Sohns übergeben, und
ihm zur Vergeltung für seine Mühe, einige nicht unwichtige Zweige derselben
völlig abgetreten. Nur die Geldgeschäfte, deren er viele und sehr beträchtliche
machte, hatte er sich selbst vorbehalten. Indes unterliess er nie, besonders
weil er in die kaufmännische Klugheit seines Stellvertreters nicht das meiste
Vertrauen setzte, sich um die übrige Handlung, so wie um das ganze Leben des
Sohns, zu bekümmern; und da er ohne Unterlass etwas versäumt oder nicht ganz
nach seinen Grundsätzen fand, so gab dies zwischen Vater und Sohn zu sehr
unangenehmen Auftritten Anlass, die am Ende von beiden Seiten ein wenig bitter
und beleidigend wurden.
    Man sehe hier zur Probe nur einen der letzten Auftritte, der für die Ruhe
und Glückseligkeit der Familie die bedeutendsten Folgen hatte.
 
                                      II.
Der junge Herr Stark hatte sein Wort gegeben, im öffentlichen Concert zu
erscheinen, und sich zu diesem Ende in ein lichtbraunes sammtnes Kleid mit
goldgestickter Weste geworfen. Er hatte sich über dem Anziehen ein wenig
versäumt, und fuhr jetzt mit grosser Eile in das gemeinschaftliche Arbeitzimmer,
wo eben der Alte beim Geldzählen sass. - Friedrich! Friedrich! rief er, indem er
die kaum zugeworfene Türe mit Geräusch wieder aufriss.
    Gott sei bei uns! sagte der Alte; was gibts? - und nahm die Brille
herunter.
    Der Sohn forderte Licht zum Siegeln, warf sich an seinen Schreibtisch, und
murmelte dem Alten, seitwärts die Worte zu: Ich habe zu arbeiten - Briefe zu
schreiben.
    So eilfertig? sagte der Alte. Ich wiederhol' es dir schon so oft: bedächtig
arbeiten und anhaltend, hilft weiter, als hitzig arbeiten und ruckweis. - Doch
freilich! freilich! Je eher man sich vom Arbeitstisch hilft, desto früher - -
    Kömmt man zum Spieltisch, wollte er sagen; aber weil eben Friedrich mit
Licht hereintrat, so besann er sich, und verschluckte das Wort.
    An wen schreibst du denn da? fing er nach einiger Zeit wieder an.
    An Eberhard Born in S**.
    Den Sohn?
    Der Vater heisst August, nicht Eberhard.
    Gut? Meine Empfehlung an ihn! - Ich denke noch oft an die Reise von vorigem
Sommer, wo ich ihn kennen lernte. Es ist doch ein vortrefflicher junger Mann.
    O ja! murmelte der Sohn in sich hinein. Wer nur auch so wäre!
    Ein ordentlicher, arbeitsamer, gesitteter Mann, wie geboren zum Kaufmann.
Voll Muts, etwas zu unternehmen, aber nie ohne Bedacht; in seinem Äusserlichen
so anständig, so einfach: von Sammt und Stickereien kein Freund, und was ich an
ihm ganz vorzüglich schätze - kein Spieler. Ich denke, er soll in seinem Leben
noch sein erstes Solo verlieren. - Wenn er ja einmal spielt, so ist es nicht in
der Karte, sondern mit seinen Kindern. Er hat so liebenswürdige Kinder! - Ach,
und der Alte, sein Vater! Der kann so ganz aus vollem Herzen gegen ihn Vater
sein. Das ist ein glücklicher Mann! - Ich kenne Väter, fuhr er ein wenig leiser
fort, die sich an ihm versündigen, die ihn beneiden könnten.
    Schreib, oder -! sagte der Sohn, indem er eine Feder nach der andern auf den
Tisch stampfte und hinwarf.
    Der Alte sah das eine Weile mit an. - Du bist ja ganz ärgerlich, wie es
scheint?
    Wer's nicht wäre! murmelte der Sohn wieder in sich.
    Bin etwa ich daran Ursache? Hab' ich deinen Geschmack nicht getroffen? - Er
stand auf, und ging zum Tische des Sohns. - Ich weiss, du bist von Winken und
von Anspielungen eben kein Freund, und ich kann ja auch deutlicher reden.
    O, es braucht dessen nicht, sagte der Sohn, und schrieb fort.
    Der Alte nahm ihm ruhig die Feder aus der Hand, sprützte sie aus, und legte
sie hin. - Sieh! fing er dann an: es wird mir von Tage zu Tage immer
ärgerlicher, dass ich einen Menschen von so weitläuftigem Kopfe und von so engem
Herzen zum Sohn haben muss. Einen Menschen der für seinen Putz, sein Vergnügen,
der in L'hombre und Whist ein Ducätchen nach dem andern, oft auch wohl
dutzendweise, vertändelt; der nur noch gestern wieder bis in die sinkende Nacht
gespielt hat, und der, wenn er eine grossmütige Handlung tun sollte,
vielleicht keines Talers Herr wäre; - einen Menschen, der ewig ledig bleibt,
weil keine Partie ihm reich genug ist, und der doch immer übrig hat, zu fahren,
zu reiten, den Cavalier zu machen, Sammt und Stickereien zu tragen. - Ich muss
wohl nicht Unrecht haben, fuhr er nach einigem Stillschweigen fort; denn du
kannst mir nicht antworten.
    O, ich könnte, sagte der Sohn, indem er mit Hitze aufstand; aber - -
    So sprich! Was verhinderte dich?
    Bei Gott! ich bin es müde, so fortzuleben. -
    Dass ich das hoffen dürfte!
    Ich bin nun, denk' ich, ein Mann, und kein Kind mehr. Warum wird mir denn
noch immer begegnet, wie einem Kinde?
    Sohn! Sohn! Es gibt alte Kinder.
    Ich bin aufmerksam; ich versäume nichts, was zu tun ist: ich setze nie die
Achtung und die Ehrerbietung gegen Sie aus den Augen -
    Nur den Gehorsam ein wenig.
    Ich verwalte das Ihrige mit Redlichkeit und mit Treue: und doch - doch kann
ich keine Stunde in Ruhe leben; doch wird mir durch Vorwürfe ohne Ende jeder
Augenblick meines Daseins verkümmert; doch wird mir jede Zerstreuung, jedes
elende Vergnügen gemissgönnt.
    Du sprichst sehr hart, aber sehr wahr. Jedes elende Vergnügen!
    Elend - weil es mir nichts, oder eine Wenigkeit kostet. Was hab' ich denn
verloren, wenn ich verlor?
    Das Kostbarste, was wir haben: die Zeit.
    Und soll ich denn gar keinen Genuss meiner Jugend haben? Soll ich immer so
fortarbeiten, wie Sie; mich eben so tragen, eben so einschränken, wie Sie? eben
so - -
    Nun, was stockst du? Sprich aus!
    Eben so - bei Talern zusammensparen, um bei Hunderten wegzuwerfen?
    Wegzuwerfen! sagte der Alte, dem nichts in der Welt so unerträglich schien,
als dass Kinder ihre Eltern über den freien Gebrauch eines selbsterworbenen
Vermögens richten sollten. - Dacht' ich es doch, dass der junge Mensch noch
würde mein Vormund werden! Wegzuwerfen? Was verstehst du darunter? Was heisst
bei dir wegwerfen? Sprich! - Er ging ihm nach, und hielt ihn etwas unsanft am
Arme. - Seinen Beutel für jeden ehrlichen Mann offen halten, der Beistand
braucht; etwa das?
    Ehrlich! sagte der Sohn mit ziemlich gesunkener Stimme. Wenn sie es alle
wären!
    O, ich bin noch wenig betrogen. Ich fasse meinen Mann erst ins Gesicht, ehe
ich gebe. Und was nennst du denn wegwerfen? Sprich!
    Sie borgen Allen - ohne das Geringste davon zu haben.
    Tor! Ohne das Geringste davon zu haben? - Er zog die Hand von seinem Arme,
und gab ihm einen Blick voll Verachtung. - Ich habe das davon, zu sehn, dass es
meinem Mitmenschen wohl geht. Rechnest du das für nichts? - Und wenn sie mich
einst die lange Strasse hinabtragen, und ich hier Alles dahintenlasse; so hoff'
ich, es soll da Mancher mit Tränen in seinen Augen sprechen: »Schade um den
rechtschaffenen Mann! Ich hab' ihm mit Weib und Kindern meinen ganzen Wohlstand
zu danken. Ich war in Not und kam zu ihm; da half er mir auf, und ich konnte
bei Ehren bleiben.« - Bei dir hingegen. - - Doch was stehe ich da und predige in
den Wind? Dein Kopf hat einmal seine eigene Philosophie, und wollte Gott, dass
es eine gescheidtere wäre! - Nur immer wieder an deine Arbeit! Schreib! Schreib!
 
                                      III.
Herr Stark setzte sich wieder ruhig an seinen Tisch, und achtete wenig darauf,
dass der Sohn eine geraume Zeit mit grossen, heftigen Schritten umherging. Er
hatte den Grundsatz, dass man einem geschlagnen, weinenden Kinde Zeit lassen
müsse, um auszuschnucken, und dass es unvernünftig sei, von einer aufgeregten
Leidenschaft augenblickliche Stille und Ruhe zu fordern. Der Kampf im Herzen des
Sohnes würde sich auch wahrscheinlich, wie schon so oft, zum Vorteil der
kindlichen Liebe und Ehrerbietung entschieden, und Alles würde seine vorige
Gestalt angenommen haben: wenn nicht unglücklicher Weise ein Mensch
hereingetreten wäre, der dem jungen Herrn Stark aus mehr als einer Ursache
verhasst war. Es war ein gewisser Herr Specht, einer der kleinen Anfänger, die
auf die Güte des alten Herrn bei jeder Gelegenheit Anspruch machten, und die für
die Wünsche des Sohns nur allzuoft darin glücklich waren. Dieser hier hatte den
Vorzug vor allen Übrigen; denn er war Pate und Gevatter zugleich: Verhältnisse,
die dem Herrn Stark, nach alter Sitte, noch sehr wichtig und ehrwürdig schienen.
Was aber den Sohn besonders gegen ihn aufbrachte, war der aus gewissen
aufgefangenen Reden geschöpfte Verdacht, als ob Herr Specht eine junge
liebenswürdige Witwe, Madam Lyk, die bei dem Sohne sehr viel und bei dem Vater
sehr wenig galt, bei letzterm angeschwärzt, und ihm Veranlassung zu allen den
bittern Glossen gegeben hätte, womit er dann und wann über sie herzufahren
pflegte.
    Ei! sagte nach seiner gewöhnlichen gleissnerischen Art der Herr Specht,
indem er gerade beim Hereintreten zu seinem grossen Verdruss auf den Sohn
stiess, der noch immer umherging: - Ei mein wertster Herr Stark! Gleich hier an
der Schwelle bin ich so glücklich - -?
    Seine tiefen Verbeugungen und seine süssen Mienen hatten dem Sohne noch nie
so fade und unausstehlich geschienen, als jetzt. - Was gibts? Was solls? fuhr
er den ganz erstaunten und erschrocknen Besuch ein wenig unartig an.
    Himmel! sagte Herr Specht, und griff wieder nach dem Drücker der Türe; ich
hoffe doch nicht, dass ich ungelegen komme? dass ich Störung verursache?
    Es wäre möglich. Die Zeit ist edel, mein Herr. -.
    Ja wohl! ja wohl! Schon bei unser einem; und erst vollends bei Ihnen! bei
einem Manne, der solche Geschäfte macht, solch ein Werk führt! - Wahrlich, ich
begreife oft nicht - -
    Was es gibt? Was Sie wollen? Hab' ich gefragt. - Borgen etwa? noch ehe die
alte Schuld ganz getilgt ist? - Oder wieder Nachrichten von der Witwe, Ihrer
Nachbarinn, bringen? - Da! Wenden Sie Sich an meinen Vater, und nicht an mich! -
    Indem noch Herr Specht mit den Augen in allen Winkeln war, und nicht wusste,
ob er gehen oder bleiben, ob er schweigen oder antworten sollte, drehte der alte
Herr Stark, dem nachgerade das Gehör ein wenig schwach ward, und der nicht
wusste, ob er etwas und was er hörte, sich auf seinem Stuhle herum, und half ihm
durch ein freundliches Willkommen! von seiner Herzensangst. - Der Sohn warf sich
wieder an seinen Tisch, um weiter zu schreiben.
    Nun? Und was steht denn zu Diensten? sagte Herr Stark, nach mehrern
unbedeutenden Fragen; - denn umsonst pflegt Er nicht zu kommen, mein lieber
Pate.
    Ich - ich wollte so frei sein, stotterte dieser, indem er schielende,
misstrauische Blicke nach dem Sohn zurückwarf - ich habe, diese Tage über,
Gelegenheiten gefunden - so allerhand kleine Gelegenheiten - -
    Das versteh' ich ja nicht. Was für Gelegenheiten?
    Ich meine: einen vorteilhaften Handel zu schliessen, mir einen kleinen
Gewinn zu verschaffen -
    Ja so! - das ist mir lieb; das ist schön. - Immer zugegriffen, mein lieber
Specht!
    Aber - wie's denn bei Anfängern geht - die Beutel sind so eng und so flach.
So wie man hineingreift, hat man auch auf den Boden gegriffen. - Dies war,
beiläufig zu sagen, einer der eigenen Einfälle des Herrn Stark, die Herr Specht
sich sorgfältig zu merken und gelegentlich bei ihm selbst, mit immer gutem
Erfolg, wieder anzubringen pflegte. - Und da wollt' ich denn also - wenn's ohne
Beschwerde geschehen könnte - -
    Frischen Vorrat holen. Nicht wahr? - Nur heraus mit der Sprache!
    Herr Specht lächelte, und schlug den Alten mehrmalen hinter einander, mit
den äussersten Fingerspitzen, sanft und schmeichlerisch auf die Schulter. - Sie
sind doch ein vortrefflicher Mann, liebster Herr Pate - Ja, ja! Weil ich ein so
guter Prophet bin. - Aber was war's denn, das Er vorhin mit meinem Sohne
absprach? Hat Er Sich dem schon entdeckt?
    Ich wollte. - Ich hatte die Absicht; aber - der junge Herr -
    Wird vermutlich bedauert haben? wird sich ausser Stande gesehen haben, zu
dienen?
    So schien's beinahe. -
    Es kann Ernst damit sein. - Die Zeiten sind sich nicht immer gleich, und ich
denke, es mag ihm jetzt selber fehlen.
    Hehehe! - liebster, bester Herr Stark! Wie Sie doch manchmal zu spassen
wissen!
    Zu spassen? sagte der Alte, und wies nach dem andern Tisch auf die
reichgestickte Weste hinüber. - Sieht Er denn nicht, dass mein Sohn sein Gold
hat verarbeiten lassen? - Ein jeder freilich nach seinem Geschmack! Der Eine
hält's mit einer vollen, der Andre mit einer flimmernden Tasche.
    Dieses Wort, in keiner ganz üblen Laune und mit einem ziemlich gutmütigen
Tone gesagt - denn Herr Stark war wohl Spötter, aber kein hämischer; und wenn er
im Verdrusse erst wieder witzig ward, so war das immer ein Zeichen seiner schon
wiederkehrenden Ruhe - dieses Wort folgte auf zu bittre, zu ernstliche Vorwürfe,
und ward in Gegenwart eines zu gehassten, zu verachteten Menschen gesprochen,
als dass es auf das Herz des Sohns nicht eine sehr unglückliche Wirkung hätte
tun sollen. Er sprang mit Ungestüm auf, murmelte heftige unverständliche Worte
zwischen den Zähnen, und warf die Türe.
 
                                      IV.
Mein Gott! sagte Herr Specht, dem vor Schrecken beide Arme am Leibe
niedersanken: der junge Herr war ganz erhitzt, ganz ergrimmt. Ich will doch
nicht hoffen, dass meine Gegenwart -
    Nicht doch! tröstete ihn der Alte, den seine Übereilung schon innerlich zu
gereuen anfing: es ist nur seine Art so; er machts nicht anders. - Dann gab er
Herrn Specht die benötigte Summe, mit hinzugefügter Warnung, dass er sein Geld
nicht verstecken, sich nicht in mehr oder in grössere Geschäfte verwickeln
sollte, als die er verstände, und übersehen könnte. - Übrigens, sagte er,
wünschte ich, um Lebens- und Sterbenswillen, eine kleine Verschreibung. Er kann
sie mir diesen Nachmittag bringen.
    Gewiss! gewiss! sagte Herr Specht; und klopfte ihm wieder, wie zuvor, mit
leichter schmeichelnder Hand, auf die Schulter. - Ich dacht' es doch gleich,
liebster Herr Pate, dass mir von Ihnen würde geholfen werden. Auch meine Frau
sagte: Geh immer! So ein Mann, sagte sie, wie der Herr Stark ist, lebt auf der
Welt nicht weiter. - Nun, guten Morgen! guten Morgen!
    Er hätte ein Vieles darum gegeben, wenn er das unglückliche Wort von der
Frau hätte zurückholen können: aber es war heraus, und mit dem Forteilen wollt'
es nicht glücken. Herr Stark winkte ihm wieder umzukehren, und drohte ihm, nicht
ohne Ernst, mit dem Finger. - Weil Er doch Selbst von ihr anfängt, mein lieber
Specht, und weil ich's bisher immer vergessen habe; - sag' Er mir einmal recht
aufrichtig: wär' Er nicht ein wenig verliebt in die Frau?
    Je nun, stotterte dieser - ein junger Ehemann - freilich -
    Der selige Lyk, denk' ich, war's auch. Und nun, die Witwe - die ihm das
Seinige vertändelte, verputzte, vertanzte, verschmaus'the - Er weiss ja wohl
besser, als ich's Ihm sagen kann, was dort für Umstände sind. Gar nicht mehr so
glänzende, als vordem. - Nehm' Er Sich also in Acht, lieber Specht! Sei Er auf
Seiner Hut!
    Aber wie so, bester Herr Pate? wie so? - Meine Frau - -
    Ist mir gar sehr nach der Mode. Alles was nur aufkömmt, das macht sie mit.
Und darum stell' ich mir vor - weil Er doch nur ein Anfänger ist, und weil ich
Ihn doch sonst als guten Haushälter kenne - ich stelle mir vor: Er hat so eine
gewisse schwache Seite, und die junge Frau hat die ausgekundschaftet. - Hab'
ich's getroffen?
    Liebster, bester Herr Pate - -
    Man gesteht das nicht gern. Schon gut! - Aber ich bitt' Ihn, als Freund,
lieber Specht! nehm' Er Sich in Acht! Sei Er ein Mann! - Bei einer schlechten
Wirtin, geht der beste Wirt von der Welt zu Grunde; da ist kein Haltens. Er
füllt da in ein löcheriges Sieb: und wenn Er Sich auch zu Schanden füllte; Er
bringt in Ewigkeit nichts hinein. - Ich weiss zwar wohl, fuhr er nach einem
Weilchen mit Schmunzeln fort, wie's die Weiber zu machen pflegen -
    Ja freilich, freilich, seufzte hier Specht, und fuhr sich mit dem Finger
hinter die Ohren. Da steckt's!
    Wie sie den jungen Mann in die Enge treiben; Launen haben, Zufälle haben,
Beklemmungen und Ohnmachten haben - Gott weiss, was Alles? -, und wie dann auf
einmal wieder das Wetterglas steigt und heitre Sommerluft wird; wie sie da
schmeicheln, liebkosen, tändeln, und dann so unversehens, als wenn ihnen nichts
drum wäre, damit herausrücken: die da, die trägt dies und trägt das; die geht
hier hin und dort hin; die macht dies mit und das mit: - die Närrinn! - Unser
eine ist doch eben, was sie ist. -
    Nun wahrhaftig! rief Specht, dem über die gute Laune des Alten das Herz
wieder ganz leicht ward: Es ist, als ob Sie hätten dabei gestanden.
    Und wenn sie dann den guten Tropf in der Schlinge haben: wie sie da küssen,
liebäugeln, herzen - Ganz, wie sie's zu machen pflegen! - indem er die grösste
Verwunderung vorgab - ganz nach der Natur! Zug vor Zug!
    Ei, ich weiss das. Ich bin ja alle die Schulen durchgegangen. - Aber zum
Henker, Pate! Der Mann muss Mann sein; er muss ein Herz von Stahl und von Eisen
haben. - Immer, liebreich, nie verliebt: ist die Regel. - Und was verliert man
denn nun, wenn man sich darnach hält? Man gewinnt! Denn wer der Frau nachgibt,
der hat nur dann und wann gute Tage; wer sein Ansehen behauptet, der hat sie
immer. - Oder meint Er etwa, dass die junge Frau des Mannes nicht eben so
bedürftig ist, als der junge Mann ihrer? - Possen, Possen, mein lieber Specht!
Eben so bedürftig; und unter uns: oft wohl mehr!
    Nun wart! - sagte dieser, indem er hinter sich sah, und die strengste Miene
zog, die in sein flaches Gesicht nur hineinwollte - an das Gespräch will ich
denken. Ich will dich mir künftig anders ziehen.
    Aber mit Art, versteht sich. Mit Art!
    Ei freilich! die Art ist die Hauptsache. Die muss nicht vergessen werden. -
Und nun wandt' er Geschäfte vor, die ihn eiligst nach Hause riefen, und ging.
Des festen Vorsatzes vermutlich, nichts zu wagen was ihn vielleicht gereuen,
und nichts anzufangen was er vielleicht nicht durchsetzen möchte.
 
                                       V.
Während Herr Stark über seinen Streifzug gegen das schöne Geschlecht aller
Sorgen vergass, ging der Sohn, voll der äussersten Erbitterung, auf seinem
Zimmer umher. - So mich zu misshandeln, rief er: seinen einzigen leiblichen
Sohn; und das in Gegenwart eines so verächtlichen, eines so nichtswürdigen
Menschen!
    Eines so unbedeutenden, armen Wichts! hätte er sagen können: der sich mit
Bücklingen und Schmeicheleien durch's Leben windet, und der übrigens noch eine
ganz gute, ehrliche Haut ist. -
    Mich der Verachtung, dem Spott, dem bittersten Hohngelächter Preis zu geben;
und das auf eine so hämische, so gesuchte, so recht ausgekünstelte Art!
    Auf eine freilich ärgerliche, aber dem Alten nun einmal gewöhnliche, und
hier von selbst sich darbietende Art, wobei doch, wie sonst immer, der Ehre und
des guten Namens geschont ward. -
    Mir in dem Augenblicke, wo ich mich hinsetze und für ihn arbeite, so
grundlose, so aus der Luft gegriffne, so abscheuliche Vorwürfe zu machen!
    Grundlos nun in der Tat, wenigstens was Spiel und was Nachtschwärmen
betraf; aber darum nicht aus der Luft gegriffen: denn unmöglich konnte der Vater
von den jetzigen geheimen Gängen des Sohns anders, als nach Ähnlichkeit der
ehemaligen, urteilen; und so waren sie, in seinen Gedanken, noch immer auf die
Caffeehäuser und zum Spieltisch gerichtet. - Dass jetzt wirklich die müssigen
Augenblicke des Sohns, und mitunter auch halbe Nächte; zu sehr lobenswürdigen,
sehr edlen Handlungen verwandt wurden: das war niemanden weniger, als dem Vater,
bekannt; und diese lobenswürdigen, edlen Handlungen hatten auch so ein gewisses
Aber, dass sie der Sohn für keinen Preis dem Alten hätte wollen bekannt werden
lassen. -
    Doch zu Bemerkungen, die den Vater hätten entschuldigen oder gar
rechtfertigen können, war fürjetzt der Sohn nicht gestimmt: er sprach vielmehr
sich selbst durch die heftigsten, überspanntesten Ausdrücke immer tiefer in den
Verdruss hinein; und endigte zuletzt mit dem Entschluss, seine Lage auf einmal
und so ganz zu verändern, dass er schlechterdings ausser aller Verbindung mit
dem Vater hinausträte, nicht bloss das väterliche Haus, sondern auch die
väterliche Stadt verliesse, und an einem ganz fremden Orte mit dem Wenigen, was
er vor sich gebracht hatte, ein eigenes Haus errichtete. Die Vernunft selbst,
glaubte er, billigte nicht nur, sondern beföhle diesen Entschluss; denn seine
vollen dreissig Jahre hatt' er bereits verlebt, und zwar in so herznagendem
Kummer, in so tödtenden Ärgernissen und Sorgen, dass die zweiten dreissig zu
hoffen Torheit war: und warum er, eines wunderlichen, grillenhaften,
unverbesserlichen Vaters wegen, mehr als die erste, schönste Hälfte seines
Lebens aufopfern sollte, das konnt' er nicht einsehn. Sein Herz sprach dagegen
zu laut, und im Gesetz fand er's nirgend geschrieben.
    In der Tat war diese Trennung vom Vater kein neuer, sondern ein schon oft
gehegter, und selbst bis zum vollständigsten Entwurf durchdachter Einfall, bei
welchem das Wie? und Wohin? und durch was für Mittel? schon längst beantwortet,
und nur das Wann? noch unentschieden geblieben war. Immer war indes dieser
Einfall mit dem Zorne, der ihn erzeugt, und mit dem Grolle, der ihn genährt
hatte, wieder verschwunden. Wenn er sich jetzt in dem höchsterbitterten Gemüte
des jungen Mannes fester setzte als je, und im kurzen zum entschiednen,
unwiederruflichen Vorsatze ward; so hatte das einen noch ganz andern Grund, als
die Launen des Vaters: aber einen Grund, womit Herr Stark sich so äusserst
geheim hielt, dass er ihn kaum sich selbst zu gestehen wagte. Von jeher war es
sein Lieblingsentwurf gewesen, sich mit einer der reichsten und glänzendsten
Partieen der Stadt zu verbinden: jetzt auf einmal spielte die Liebe ihm den
mutwilligen, hämischen Streich, dass sie ihn mit allen seinen Neigungen zu
einer Person hinriss, die von den Vorzügen, welche sonst Liebe entschuldigen,
auch nicht einen befass. Weder war sie von besonderer Schönheit des Gesichts
oder des Wuchses, noch stand sie in der ersten Blüte der Jugend, noch zeichnete
sie sich durch grosse, schimmernde Geistestalente aus, die auch ohnehin, an
Herrn Stark keinen gar eifrigen Bewunderer mögten gefunden haben. Güter hatte
diese Person vollends nur wenig, ausser solchen, die es eigentlich bloss für den
ersten Besitzer sind, und die auf Andre als Güter nie so recht übergehen können:
ein Paar liebenswürdige Kinder. Kurz, es war eben die Madam Lyk, wegen deren
Herr Specht so verhasst war, und über die wir den Vater so strenge haben
kunstrichtern hören.
    Es ist bekannt, dass man in lebhaften Träumen zuweilen sich selbst fragt: ob
man denn wache oder nur träume? und dass die Antwort immer das Gegenteil des
wirklichen Zustandes auszusagen pflegt: man wache. Herr Stark hatte mehrmalen,
wenn er der Madam Lyk in sehr zärtlichen Empfindungen gegenüber sass, sich ganz
ernstlich befragt: ob er noch frei oder verliebt sei? und immer war noch die
Antwort gefallen: frei. Gleichwohl war ihm bei dieser Freiheit nicht so ganz
wohl zu Mute; denn auf den zwar undenkbaren, aber doch an sich nicht
unmöglichen, und nur zum Scherz, so angenommenen Fall, dass er irre, konnte er
alle die bittrern Höhnereien vorausdenken, womit ihn zu Hause der Vater, und
ausser dem Hause die vielen Familien verfolgen würden, die mit der
beschwerlichen Waare ihrer erwachsenen Töchter auf einen so reichen Erben und
zugleich so schönen, blühenden Mann, als Herr Stark, trotz allen vom Vater
erlittenen Drangsalen, noch immer war, etwa ein Auge haben mögten. Das Beste
wäre auf diesen Fall gewesen, Madam Lyk nicht weiter zu sehen; aber dieses ging,
solange man mit ihr an Einem Orte lebte, aus hundert Gründen nicht an: und so
ward denn jenes erkannte, oder vielmehr nur ganz undeutlich empfundene Beste
dahin näher bestimmt, dass man sich von diesem Orte, je eher je lieber, müsste
loszureissen suchen. - Doch, wie gesagt, mit diesem stärkern, eigentlich
entscheidenden Bewegungsgrunde kam es zu keinem rechten Bewusstsein; Herr Stark
hätte Leib und Leben darauf verschworen, dass es bloss der wunderliche,
unausstehliche Alte sei, der seinen verdienstvollen, einzigen Sohn, welcher so
lange Jahre für ihn und die Familie gearbeitet hatte, in die weite Welt jagte.
Wie gut sein Herz sein müsse, erkannt' er hiebei aus dem Kummer, womit er an den
üblen Ruf und an die ausserordentliche Verlegenheit dachte, in die der Alte
unausbleiblich geraten müsste; aber einmal wollt' es dieser nicht anders haben,
und der Sohn konnte nicht helfen.
 
                                      VI.
Der Einzige in der Familie, der von dem Herzenszustande des jungen Herrn Stark
zwar nicht völlige Kenntnis, aber doch ziemlich wahrscheinliche Spuren hatte,
war der Schwager, Herr Doctor Herbst. Er hatte dem seligen Lyk, als Hausarzt, in
seiner letzten Krankheit gedient; er wusste, dass wegen
Handlungsverdriesslichkeiten grosse Feindschaft zwischen ihm und Herrn Stark dem
Sohne geherrscht hatte, und er selbst war Vermittler bei der sehr rührenden
Aussöhnung gewesen, die vor dem Tode des erstern vorhergegangen war. Bei dieser
Aussöhnung, hatte Herr Stark dem Sterbenden in die Hand versprochen, dass er,
auf den Fall seines Hintritts, die Witwe mit Rat und Tat unterstützen, und
besonders die Handlungsangelegenheiten, von denen Herr Lyk gestand dass sie in
nicht geringer Unordnung wären, möglichst aufs Reine bringen wollte. Dieses
edelmütige Versprechen hatte Herr Stark mit dem grössten Eifer erfüllt: er
hatte ganze Monate hindurch jeden Augenblick, den er eigenen Arbeiten hatte
absparen können, den Angelegenheiten der Witwe gewidmet; und schon mehrmalen
hatte der Doctor, wenn er der sehr kränklich gewordenen Frau noch spät Abends
einen Besuch gab, ihn in voller, eifriger Arbeit über ihren Büchern getroffen.
Er hatte bei dieser Gelegenheit bemerkt, dass die wirklich grossen und
liebenswürdigen Tugenden, welche Madam Lyk in ihrer jetzigen traurigen Lage so
viel Anlässe zu entwickeln fand, und welchen er selbst volle Gerechtigkeit
wiederfahren liess, das Herz des Schwagers nicht ungerührt mögten gelassen
haben. Besonders war ihm die Verwirrung und der rasche Unwille aufgefallen,
womit einst Herr Stark eine ganz unschuldige, mehr im Scherz so hingeworfene
Warnung, sich nicht zu verlieben, aufgenommen hatte; auch hatte er viel Licht
aus der gleich darauf folgenden dringenden Bitte geschöpft, dass er doch, um's
Himmels willen, von dem ganzen Umgange mit Madam Lyk, in den er ja selbst ihn
hineingezogen, der Familie, und besonders dem Vater, kein Wort verraten möchte.
    Indessen, so gewiss, nach der Semiotik des Doctors, dieses Zusammentreffen
von Diensteifer, Blödigkeit, und Geheimtun auf Liebe hindeutete; so glaubte
er's mit dieser Liebe doch keinesweges so weit gediehen, dass er sie in irgend
einiger Verbindung mit dem Entschluss hätte denken sollen, den ihm jetzt der
junge Mann zu seinem grössten Missfallen kund tat. Herr Stark verlangte auch
über diesen Entschluss das Geheimnis; aber dieses schlug der Doctor ihm
förmlich ab: er versicherte sich vielmehr sogleich des lebhaftesten Beistandes
der Frau mit der Schwiegermutter, um den jungen Mann von einem so raschen und
für die ganze Familie so höchst nachteiligen Schritte zurückzuhalten. Dass es
mit diesem Schritte voller Ernst sei: daran konnt' er nach Allem was er sah und
hörte, und besonders nach den Briefen, die man ihm vorgezeigt hatte, nicht
zweifeln.
    Alle Mühe, die man nunmehro vereinigt anwandte, um Herrn Stark zu
besänftigen und ihn von seinem Vorsatze abzuziehen, war rein verloren. Den
Gründen des Schwagers setzte er andere Gründe, den Bitten und Tränen der Mutter
die feurigsten Beteuerungen der Liebe und des Gehorsams, mit Ausnahme dieses
einzigen Puncts, und den abwechselnden Liebkosungen und Spöttereien der
Schwester Unempfindlichkeit und Unart entgegen. Man bemerkte, dass, je mehr man
ihn zu beugen und zu erweichen suchte, desto steifer und hartnäckiger er auf
seiner Meinung bestand; und so ward denn, in einer geheimen Familiensitzung
zwischen Mutter Schwiegersohn und Tochter beschlossen, dass man einen ganz
andern Weg einschlagen, und da mit dem Sohne nichts auszurichten sei, sein Heil
mit dem Vater versuchen wolle. Man hielt sich versichert, dass auf das erste
freundliche Zureden des Vaters, der Sohn mit Freuden einen Entschluss würde
fahren lassen, wobei er selbst am ersten und am meisten verlieren müsste; auch
war man ganz darin einig, dass der hofmeisternde Ton und die spöttelnde Laune
des Alten zuweilen ins Unerträgliche fielen; dass ein Sohn in männlichen Jahren
anders, als im Knaben- und Jünglingsalter müsste behandelt werden; und dass
jeder Mensch seine ihm eigene Sinnesart habe, die man wohl in gewissen
zufälligen Äusserungen leiten, aber nie im Ganzen und im Wesentlichen umschaffen
könne. Der Alte selbst, hoffte man, würde, nach seiner sonstigen Billigkeit und
Vernunft, sich hievon leicht überzeugen lassen.
    Doch, was die Leichtigkeit des Überzeugens betraf, so geriet man bald
wieder in Zweifel. Herr Stark hatte der Proben von Steifheit und Unbiegsamkeit
des Charakters zu viele gegeben; und man ward daher einig, den Angriff auf ihn
ja nicht übereilt und tumultuarisch, sondern behutsam und metodisch zu machen.
Die Beobachtungen, nach welchen man den Plan verabredete, waren folgende. Der
Alte hegte von dem Verstande und der gesunden Beurteilung des Doctors sehr
vorteilhafte Begriffe; der Doctor demnach sollte zuerst erscheinen, ihm die
Entschliessung des Sohns eröffnen, und ihn von der Notwendigkeit sowohl als
Billigkeit, sein Betragen zu ändern, mit Ehrerbietung, aber auch mit Nachdruck,
belehren. - Das Wort der Mutter war in Familienangelegenheiten immer von
grösstem Gewicht gewesen, und schon oft, obzwar nie in einem so kitzlichen
Falle, war ihren dringenden Vorstellungen, wenn auch mit einigem Kopfschütteln,
nachgegeben worden; die Mutter also sollte nach dem Doctor hereintreten, und
wenn die Vernunft des Alten schon wankte, den Widerstand seines Herzens durch
Bitten, und allenfalls auch durch Tränen, zu brechen suchen. - Von der Tochter
wusste man, dass sie mit ihren Schmeicheleien und Einfällen eine wunderbare
Gewalt über den Vater hatte, und dass sie, wegen grosser Ubereinstimmung ihrer
eigenen Gemütsart mit der seinigen, sich in allen Krümmungen und Wendungen
seiner Laune geschickt ihm nachzuschmiegen, und ihn fast immer zu ihrer Absicht
herumzuholen wusste; die Tochter also sollte zuletzt erscheinen, und dem durch
Mann und Mutter schon ganz erschöpften und abgematteten Eigensinne des Alten den
letzten Gnadenstreich geben.
    Bei diesem ganzen schönen Entwurfe, äusserte bloss die Mutter noch etwas
Furcht; der Doctor hielt sich, unter göttlichem Beistande, guten Erfolgs
versichert; und die Tochter vollends vermass sich mit grosser Freudigkeit, dass
keine - wenn nur erlaubte und ehrliche - Sache in der Welt sein müsste, wozu sie
ihren lieben, alten, seelenguten Vater nicht hinschmeicheln oder hinbitten
wollte. Doch säumen, meinte sie, müsse man nicht mit dem Angriff: denn der
Bruder mache schon allerlei bedenkliche Anstalten, die auf eine nahe Abreise
zielten; auch sei nur eben der jährliche Abschluss der Handlungsbücher geendigt,
und dieser Zeitpunct müsse dem Sohn zur Trennung vom Vater notwendig der
schicklichste dünken. Das Scharfsinnige dieser Bemerkung, die den beiden andern
entwischt war, wurde erkannt und gelobt: ihr zufolge ward nun einmütig
festgesetzt, dass man gleich den andern Morgen sich frisch an das Werk machen
wollte.
 
                                      VII.
Es war ein Capital zahlbar, und Herr Stark sass vor einem Tische voll
Sächsischer, Brandenburgischer, Hannöverischer und Braunschweigischer Neuer
Zweidrittelstücke. Er zählte, da der Doctor hereintrat, das angefangene Häufchen
von funfzehn Stück geschwind zu Ende, und hiess ihn dann mit frohem Herzen
willkommen. Seine erste Frage war nach ihm selbst, und gleich die zweite war
nach den Kleinen.
    Die sitzen zu Hause über den Büchern, sagte der Doctor.
    Bravo! bravo! die fangen früh an; die werden schon vorwärts kommen. - Und
ist denn wirklich Trieb da? ist Kopf da?
    So viel ich jetzt noch beurteilen kann: beides. Ich bin zufrieden mit
meinen Kindern.
    Ich auch. Ich auch. - Ha, wenn ich die guten Kleinen nicht hätte! Wär' ich
nicht da ein armer Mann mit alle dem Bettel? - indem er die Hand verächtlich
gegen den Tisch warf. - Für wen in der Welt hätt' ich gesammelt? gearbeitet?
Denn mein Sohn da, der Freigeist - -
    Eben von dem, bester Vater, mögt' ich mit Ihnen reden.
    Sehr gerne. Nun?
    Nur müssen Sie auch Geduld haben, mich anzuhören.
    Ich habe. - Zeit und Geduld; alles beides.
    Sie sind so eingenommen gegen den Sohn. Sie werfen die Schuld seiner Fehler
immer auf ihn allein. - Sollt' es nicht vielleicht einen Andern geben, der mit
ihm teilte?
    Einen Andern? Der möchte mir schwer zu erraten werden. Der ist -?
    Ein sonst guter, billiger, vortrefflicher Mann. - Denn um nur Eins zu
erwähnen, und eben das was Sie doch am meisten auf ihn verdreusst: Ist's so ganz
seine eigene Schuld, wenn er noch ledig blieb?
    Nun? ist es denn meine?
    Ein wenig, dächt' ich.
    O ja! Oder wenn's um und um kömmt, wohl ganz. - Freilich, so ein Weib, wie
man sie jetzt täglich zu seinem Ärger herumflattern sieht; - ein Weib mit
Tausenden, das ihm Tausende durchgebracht hätte, das keinen Ball, keine Redoute
versäumt, Triset und Liebesintriguen gespielt, weder Mann noch Kinder geachtet
hätte; kurz, Herr Sohn - so ein Weib, wie sie die neueste Modeerziehung
ausbrütet, und womit er am Ende wohl gar - mir wird übel und wehe - zu Schimpf
und Spott der ganzen Familie, vor's Geistliche Gericht hätte laufen müssen: so
eins hätt' er wohl gerne gehabt, von Herzen gerne! Und konnt' ich das zugeben?
konnt' ichs recht sprechen, dass er mit sichtlichen Augen in sein Verderben
rennte? - Wenn ich zu ihm sagte: Sieh, Sohn! da ist ein hübsches, stilles,
sittsames Mädchen, braver, ehrlicher Eltern Kind; - das wird zwar nur wenig
haben, wird vielleicht nichts haben; aber es ist in Gottesfurcht und in Einfalt
erzogen: - nimm's! und es wird dankbar gegen dich sein; es wird dich lieben,
wird deine Kinder lieben, wird sie erziehen, dass Gott und Menschen an ihnen
Freude haben; wird dir mehr Tausende ersparen, als dir jenes zubringt: konnt'
ich da durchdringen? - Stand er da nicht vor mir- mit einem Gesichte, mit einer
Unterlippe - so hangend! so albern!
    Sie haben freilich Recht - völlig Recht -
    Nun dann!
    Aber wenn Sie's auch sonst in Allem, wenn Sie's in jeder erdenklichen
Absicht hätten: - in einer einzigen, weiss ich doch nicht, ob Sie's haben? - Er
sagte dies mit einem sehr bescheidnen, beinahe furchtsamen Tone.
    Die mögt' ich doch näher kennen. Die ist -?
    Ihre ganze Art, wie Sie Sich mit ihm nehmen. Ihr Ton, worin Sie von früh bis
in die Nacht mit ihm reden.
    Hm! Aber ich bin nicht unbedeutsam; ich nehme Lehre an. - Wie soll er
gestimmt sein, mein Ton?
    Liebreicher, freundlicher, - väterlicher, wenn ich das sagen darf.
    Und ist er denn rauh? Ist er stürmisch?
    Wenn er das lieber wäre! - Dann und wann ein wenig Jähzorn,
Unfreundlichkeit, Eigenwillen: wer verzeiht das nicht gern einem Vater, und
einem so guten Vater?
    Verzeiht das! - Drollicht!
    Nur dann wieder Güte, Offenheit, Liebe, Vertrauen! - Aber Ihr schneidender,
Ihr empfindlicher Ton - - Hier rückte der Alte am Stutz; und der Doctor fand für
gut, etwas lindernde Mittel hinzuzusetzen - - Sie müssen mir das nicht ungütig
nehmen; es geziemt mir freilich nicht, so zu reden; ich sag' es nur im Vertrauen
auf Ihre Nachsicht - - Ihre ewig fortgesetzten Spöttereien und Anspielungen,
die, gleich kleinen Schlägen, jeder an sich nur sanft sind, aber, zu schnell
hinter einander und immer denselben Fleck treffend, zuletzt unerträglich werden;
- kurz, Ihr Necken; Ihre witzigen Ausfälle - -
    Genug! sagte der Alte: genug! Dagegen lässt sich nichts aufbringen. Sie
haben Recht.
    Und dürft' ich denn also hoffen -?
    Was? - was? - indem er ihn mit ein Paar grossen und stieren Augen ansah, die
den Doctor ganz irre machten: dass ich in meinen Jahren mich ändern; dass ein
alter, verwachsener, knotiger Stamm sich nun noch biegen und ziehen sollte? -
Das ist unmöglich, Herr Doctor, unmöglich!
    Nun ward der Doctor, der es so gut gemeint hatte, auch an seiner Seite
verdriesslich. - Sie verfallen schon wieder in Ihren Ton. - Schon wieder? Und
das mit Ihnen, mit dem ich doch sonst eben nicht witzle? - Er sagte das
Wörtchen: witzeln, mit einem ganz eigenen Nachdruck. - Nun, Sie sehn dann wohl
Selbst: es ist unmöglich, unmöglich! - Gleichwohl - habe ich Mitleiden mit
meinem Sohn; und ich komme da eben auf einen Gedanken - auf einen, glaub' ich,
guten Gedanken - den aber nur Sie würden ausführen können.
    Nur ich? -
    Sie haben mir so eben Ihre grosse Gabe dazu bewiesen.
    Wie versteh' ich das? Welche Gabe?
    Je, die glückliche Gabe, Fehler zu sehn und zu sagen. Wie, wenn Sie nun
gingen, und meinem Sohn auch die seinigen sagten? - denn dass er ihrer hat,
dafür steh' ich. Recht derbe Fehler! - Wenn Sie zu ihm sprächen: »Sie müssen mir
das nicht ungütig nehmen; es geziemt mir freilich nicht so zu reden; ich sag' es
nur im Vertrauen auf Ihre Nachsicht« - oder wie Sie es sonst herumbringen; wie
Sie sonst Ihre Pille versilbern wollten: - Sie werden ja das wissen, Herr Doctor
-
    Gut! gut! sagte dieser, und biss voll Unmuts die Lippen.
    Kurz, wenn Sie sprächen: »Die bewusste Unterredung mit unserm Alten hab' ich
gehabt. Es ist doch ein wunderlicher, eigenwilliger, hartnäckiger, alter Mann.
Steif ist sein Rücken, und steif ist sein Kopf. Beide würden eher brechen, als
biegen. - Wie, wenn lieber Sie, der jüngere Mann, die Fehler ablegten, die den
grämlichen Alten auf Sie verdriessen? wenn Sie, zum Beispiel, ein gesetzterer
Mensch, ein sparsamerer Wirt, ein aufmerksamerer Kaufmann würden? Ich stünde
Ihnen dann mit meiner Ehre dafür« - und hier meine Hand, dass Sie Ihr Wort nicht
bereuen sollten! - »ich stünd Ihnen mit meiner Ehre dafür: der Alte sollte uns
anders werden; er sollte seinen Sohn lieber haben, als seinen Witz; er sollte
keine grössere Sorge auf dem Herzen tragen, als wie er den einzigen Erben seines
Hauses und seines Namens glücklich machte.« - Hier drehte sich Herr Stark wieder
gegen den Tisch, und griff nach den Beuteln - Denken Sie der Sache gelegentlich
nach! Es ist ein Vorschlag zur Güte.
    Ich sehe wohl, sagte der Doctor, der seinen Verdruss kaum mehr bergen konnte
- es ist nichts mit Ihnen zu machen.
    Finden Sie das? - Das hat schon Mancher gefunden. Das ist fast immer so mit
Leuten, die nach Grundsätzen handeln.
    Und so muss ich's Ihnen denn nur gerade heraussagen. Sie werden erschrecken;
aber - - Ihr Sohn - -
    Mein Sohn?
    Er will von Ihnen - will fort!
    Dem Alten war jetzt eben ein Zweidrittelstück in die Hände gefallen, das ihm
nicht so recht echt schien. Er besah es von vorn und von hinten, warf es auf den
Tisch, um den Klang zu hören, und musterte es endlich aus. - Dreizehn, vierzehn,
funfzehn - Will von mir? Wohin?
    So gelassen dabei? - Aber Sie denken vielleicht: es sei nur Vorwand, nur
Kunstgriff. - Ich schwör' es Ihnen dann auf Ehre: er will fort, will nach Br
..., auf nimmer Wiedersehen.
    Will er? - Hahahaha!
    Sie lachen?
    Über etwas sehr Lächerliches.
    Nun beim Himmel! So finde ichs nicht.
    Aber ich! - Lieber, lieber Herr Sohn! So etwas für Ernst zu nehmen!
    Und wofür sonst?
    Für nichtigen, leidigen, elenden Trotz.
    Ich fürchte, Sie werden bald anders denken. - Ja, wenn es das erste mal
wäre, dass er den Einfall hätte! Aber er hatt' ihn schon öfter. - Und so leicht
es mir Anfangs ward ihn zurückzuhalten, so schwer ward mir's nachher.
    Natürlich! Weil Sie Sich gleich Anfangs zu viele Mühe gaben.
    Er geht aber. Denken Sie an mich, lieber Vater! Er geht! - Und nun - was
wird die Welt davon urteilen? Ihr Sohn ist für keinen üblen Mann bekannt, und
Sie Selbst werden ihn so nicht bekannt machen wollen. - Ihre Handlung werden Sie
fremden Händen vertrauen müssen. Sie sind zu alt und mit andern Geschäften zu
überhäuft, um diese Hände genug zu beobachten. - Ihre Frau wird ihren einzigen
Sohn - denken Sie Selbst, wie ungern! verlieren; wir Alle -
    Ach Torheit! Torheit! sagte der Alte, und zählte fort.
    Wenn Sie's so ansehen - -
    Wie anders?
    Ich habe dann das Meinige getan, und muss schweigen.
    Lieber, lieber Herr Sohn! - und er drehte sich zu einem ernstaften Gespräch
herum, mit bei Seite gelegter Brille. - Ihre Gründe sind gut, sind vortrefflich;
aber für wen? Für meinen Sohn, oder für mich? - Wenn ihn die Welt als keinen
üblen Mann kennt; so hoff' ich sagen zu dürfen: mich kennt sie als einen guten.
Auf wen wird also der meiste Vorwurf, der meiste Tadel fallen? - Wenn die
Handlung zu Grunde geht; wer ist's, der den Schaden trägt? der verliert? Ich,
der Greis, der sein Gutes genossen hat und nun auf die Grube geht? oder Er, der
Jüngling, der erst geniessen soll, und - so gerne geniessen mag? - Mit dieser
einzigen, ihm ganz zufällig entfahrenen Spötterei, war der Alte auf einmal
wieder in voller Laune, - Was? was? fuhr er mit einer Art von komischem Unwillen
fort: ein Mensch, der nicht das Herz hat, bei einer Frau zu schlafen; der hätte
Herz, dass er davon ginge? dass er sich auf seine eigene Hand setzte? dass er
hier Alles im Stiche liesse? - Ach Torheit! Torheit!
 
                                     VIII.
Madam Stark, die schon einige Zeit auf ihrem Posten gestanden hatte, glaubte
jetzt eine unglückliche Wendung des Gesprächs zu bemerken, und kam herein. Das
Mutterherz war ihr übergetreten, und sie hielt das Tuch vor die Augen.
    Bist du da, lieber Vater?
    Auch die? sagte der Alte in sich, und sah nun im Geist, mit voller
Überzeugung auch schon die Tochter kommen. - Ja, wie du siehst, liebe Mutter. -
Er stand auf, und ging ihr freundlich entgegen.
    Diese Freundlichkeit beunruhigte Madam Stark; sie hätte, nach dem Antrage
des Doctors, ihn weit lieber mürrisch und verdriesslich gefunden. - O ich sehe
schon, sagte sie, ich werde wieder einmal vergeblich bitten.
    Warum? Weil ich freundlich bin, meinst du? - Ich fürcht' es beinahe auch,
weil du weinst. - So ein vierzig Jahre mit einander leben, macht doch sehr mit
einander bekannt. - Wenn du dein Recht fühlst, weiss ich, da kömmst du so
zuversichtlich, so freudig, und ich bleibe dann in meiner gleichmütigen Ruhe;
aber wenn du dein Unrecht fühlst, da beweinst du den schlechten Erfolg den du
voraussiehst, und ich bin dann fein freundlich, um dich zu trösten. - Nur gleich
die Probe zu machen: Was gibts?
    Dein Sohn will von dir - fuhr sie mit grosser Wehmut heraus.
    Wenn er will; - - du weisst, er ist kein Jüngling mehr; er ist Mann.
    Freilich! Freilich! Und eben darum - -
    Richtig! - Eben darum muss er wissen, was er zu tun hat.
    Aber ihn verlieren zu sollen! -
    Das ist nicht anders. Söhne gehn in die Welt.
    Wenn du nur mit ihm reden, nur ein einziges mal mit ihm freundlich sein, ihm
dein Wort geben wolltest - -
    Wie? - wie? - Nun da sieh einmal, Mutter! Sieh, wie Recht du hast, dass du
weinst! - Ich mein Wort geben? ihm? Und worüber? - Der junge Mensch, seh' ich,
wird mir fein aufsätzig, fein trotzig; es verdreusst ihn, einen so wachsamen
Beobachter, einen so beschwerlichen Erinn'rer zu haben; er möchte gar zu gern den
Mund gestopft wissen, aus dem er so unangenehme Wahrheiten hört; er macht da
Plänchen, mich in Furcht zu setzen, in Respect zu erhalten; er möchte mir - wie
heisst doch die Redensart? - er möchte mir Brillen verkaufen. Eben jetzt hat er
da eine fertig, wovon er glaubt, dass sie mir unvergleichlich stehen müsste; und
da kömmst du nun, und bittest mit heissen Tränen, dass ich die Nase hinhalten
soll, um sie mir aufsetzen zu lassen. - Sage: ist das recht, Mutter? Ist das
vernünftig?
    Sie hören! sagte die Alte, und streckte die Hand mit dem Tuche gegen den
Doctor. - So hat er es immer mit mir getrieben! Das gelt ich bei ihm! Das bin
ich ihm wert! - So hab' ich mich von jeher müssen verächtlich machen und
misshandeln lassen.
    Herr Stark bat, dass sie schweigen möchte: denn das Jammern sei ihm in der
Seele zuwider, und Unvernunft hör' er nicht gerne; aber er bat umsonst, und er
hätte selbst können schweigen. Endlich besann er sich, dass er ja auf dem einen
Ohre taub sei, und dass er über das andre nur den Stutz ziehen dürfe: was er
denn unverzüglich tat, und sich gemächlich wieder an seine Arbeit setzte.
 
                                      IX.
Wo sind sie denn? rief die Doctorinn, indem sie den Kopf zwischen die Türflügel
steckte. - Ei sieh! Alle hier bei dem Vater? - Guten Morgen! guten Morgen!
    Schon so frühe? sagte der Alte. Vor Tische?
    Ich hatte einzukaufen, musste vorbei. Husch flog ich herein, um meinem
Väterchen einen guten Morgen zu sagen. Denn ich weiss, er sieht mich so gerne.
Nicht wahr?
    Als ob das noch Fragens brauchte!
    Wenn ich nicht so ganz zufällig käme, so hätte mich eins von den Kleinen
begleitet; das, was am artigsten oder am fleissigsten gewesen wäre. - Ich küsse
Ihnen in Aller Namen die Hand.
    Danke. Danke. - Er sah sie bedenklich, aber nicht ungütig an. - Du tust ja
heut ausserordentlich freundlich?
    Ich täte nur so? Ich bin's.
    Und hast hier noch niemand gesehen? - Deinen Mann nicht?
    Den wohl. Am Teetisch.
    Deine Mutter noch nicht? - Sie log mit einem Kopfschütteln, um nicht mit
einem ausdrücklichen Nein zu lügen. - Dann ist's aber nicht artig, ihr nicht die
Hand zu küssen.
    Ach verzeihn Sie! sagte die Tochter, und küsste ihr, seitwärts lachend, die
Hand.
    Deinen Bruder wohl noch vielweniger? -
    Gesehn; aber kein Wörtchen mit ihm gesprochen. Er lief mir da mit einem
Gesichte vorbei, mit einem Gesichte! - Huy, dacht' ich, was kümmern mich deine
Gesichter? Lauf immer! - Aus meinem guten Humor bringt mich kein Mensch. Denn
Sie wissen wohl: ich bin ganz Ihre Tochter.
    Bist du? sagte der Alte, und lachte mit innigem Wohlbehagen.
    Immer munter, immer fröhlich und guter Dinge. Wer's nicht mit mir ist, mag
seine Launen für sich behalten. Oder wenn ich mich ja mit ihm abgebe, so
geschieht es nur, um ihn auszulachen. Da, der Herr - indem sie mit dem Finger
auf den Doctor wies - hat die Erfahrung.
    Närrisches Weib! sagte dieser. Hab' ich denn Launen?
    O, du hast! hast! du bist Mann. - Aber doch wirklich, mein lieber Vater;
nahe geht's mir, dass ich den Bruder immer so unlustig sehe. Ich wollte von
ganzem Herzen, er wäre glücklich. - Ich meiner Seits, wenn ich dazu helfen
könnte - ich täte Alles.
    Doch? Tätest du Alles? - Jaja! - Er war aufgestanden, und packte die Beutel
zusammen.
    Wollen Sie denn fort, lieber Vater?
    Ich bin fertig. -
    Aber Sie könnten doch noch immer ein wenig bleiben.
    Wozu? - Er gab ihr einen scharfen, bedeutenden Seitenblick, und drohte ihr
mit dem Finger. - Weib! Weib! du hast mit deinem Mann gesprochen, hast mit
deiner Mutter gesprochen, hast mit deinem Bruder gesprochen.
    Sie meinen: heut? hier im Hause? - Nein wahrlich! Mit Mann und mit Bruder
kein Wort.
    Also doch mit der Mutter!
    Nun? Wäre denn das nicht recht?
    Gar sehr. - Aber da kömmst du nun mit eben der Bitte, wie sie; nur anders
eingekleidet, versteht sich. Was sie tragisch gesagt hat, das willst du komisch
sagen. - - Geh! geh! Mit denen da ward ich fertig; aber mit dir - -
    Da getraun Sie Sich nicht?
    Aus Ursache. - Denn sieh! wenn du bittest, da bitten gleich alle deine
Kinderchen mit; und das möchte mir denn zu viel werden. - Geh!
    O, nun - nun kommen Sie mir gewiss nicht von dannen. Oder wenn Sie gehn,
lauf ich nach. - Gutes, liebes, bestes Väterchen - -
    Schmeichlerinn!
    Schmeichlerinn? - Das bin ich nur dann, wenn Sie Sich nicht erbitten lassen.
    Nun, was willst du? Nimm Alles! - Er hielt ihr beide Geldbeutel hin.
    Nicht doch! Geben sollen Sie nichts. Keinen Heller.
    Aber eine Torheit begehn, für die ich hinterdrein, um sie nicht begangen zu
haben, das Zwiefache, Dreifache gäbe.
    Torheit, sagen Sie? Lieber Gott! - Als ob's Torheit wäre, einmal recht
gütig, recht liebreich zu sein! - Sie sind das gegen mich; sind's so sehr: sein
Sie es um meinetwillen auch gegen den Bruder! - Um meinetwillen! Denn Sie helfen
mir da von der unangenehmsten Empfindung, die ich nur kenne. - Er beneidet mich
- ich habe das mehrmalen bemerkt; - er hat allerhand kleinen Argwohn, dass ich
Ihrer wohltätigen Zärtlichkeit missbrauche: und fast - wenn man bloss nach dem
Scheine geht - hat er Ursache dazu. Denn sagt er nicht eben so gut Vater, als
ich, und geniesst doch so viel weniger Liebe?
    Er von der Mutter, und du vom Vater. So ist's in der Ordnung.
    Nein, ich bitte; bitte, so sehr ich kann: Machen Sie, dass er bleibt! dass
er nicht fortgeht!
    Kann ich ihn halten?
    Mit einem einzigen guten Worte.
    Hm! - Das, meinst du, soll der Vater dem Kinde geben!
    Gut heisst freundlich, nicht bittend. - Wahrlich, er hat Gefühl, er ist
dankbar. Er wartet nur auf die erste Eröffnung des väterlichen Herzens, und Sie
haben den besten Sohn von der Welt. - Wenn er nun glauben müsste, dass ich seine
Entfernung zu seinem Schaden nutzte? dass ich Ihnen für mich und meine Kleinen
abschmeichelte, worauf wir zwar Alle kein Recht haben, was aber doch ihm eben so
gut zukommen würde, als mir? - Sie wissen, dass das nicht ist, und dass ich dazu
ganz unfähig bin; aber er würd' es doch glauben: er würd' es ganz sicher
glauben; und meine Empfindung dabei - - Sie hatte Tränen im Auge.
    Diese Beweise von Zartgefühl, Schwesterliebe, und Uneigennützigkeit, deren
Wahrheit ausser Verdacht war, freuten den Alten innigst, und er sah sie mit
grosser Zärtlichkeit an. Er glaubte, nicht bloss sein Fleisch und sein Blut,
sondern auch sein Herz und seine Seele in ihr zu finden.
    Liebes, gutes, bestes Väterchen, fuhr sie fort, und nahm Alles zusammen, was
sie im Tone Süsses und in der Miene Liebkosendes hatte - alle meine Kinderchen
bitten mit. Könnten Sie's abschlagen?
    Je nun, sagte der Alte, und fuhr sich mit den Fingern ein paar mal über die
grauen, etwas nass gewordenen Augenwimper - dran werd' ich schon müssen. Ich
will mit ihm reden.
    Gewiss? gewiss?
    Ja doch! - So freundlich, wie noch jemal in meinem Leben.
    Und bald?
    So bald sich's tun lässt. In diesen Tagen.
    Ein Mann, ein Wort? Schlagen wir ein?
    Da! - so freundlich, wie noch jemal in meinem Leben.
    Sie lächeln aber so in Sich. Worüber?
    Ach - über mich selbst. - Lass das gut sein! - Er hatte schon ungefähr die
Art, wie er sich nehmen müsste, im Kopfe, und lächelte fort bis zur Türe.
    Armer Mann! sagte er noch, im Vorbeigehen, zum Doctor: Sie sind gewaltig
betrogen. Sie forderten von mir eine Frau, und ich habe Ihnen eine Schlange
gegeben.
 
                                       X.
Nun? triumphirte die Doctorinn, als der Vater hinaus war: hatt' ich nicht Recht,
liebe Mutter? War's des Schreckens und des Aufhebens wert? - So ein kleiner
Zwist in einer Familie gemahnt mich, wie ein Feuer in einer Brandmauer. Das
brennt schon aus, ohne Lärmschlagen.
    Und du glaubst dich am Ende? sagte der Doctor.
    Völlig. Völlig. Der Vater hält Wort.
    Er müsste erst mehr versprochen haben. - Aber gesetzt auch, dass du zu
deinem Zweck kömmst, und dass der Bruder für diesmal bleibt - -
    Für diesmal? Warum denn nicht immer?
    Wird er von seinen Schwachheiten lassen? Wird der Vater von seinem Eigensinn
lassen?
    Niemal! niemal! seufzte die Mutter.
    Schwerlich! stimmte die Tochter mit ein.
    Und also! Was sind wir weiter gekommen? - Wir wollten die inneren Ursachen
der Uneinigkeit heben, wollten die Quellen des Übels verstopfen; und da uns nun
das nicht gelang - da stellen wir uns hin, und pinseln und pflastern an einem
Geschwürchen, das, wenn wir es heute heilen, morgen wieder aufbrechen wird. -
Das ist falsche Heilart, fuhr er mit Kopfschütteln fort, wovon ich bei Zeiten
zurücktrete, und sie dir allein überlasse.
    Klug! klug und gelehrt! sagte die Frau. - Aber auch Pfuscherarbeit wird
manchmal gute Arbeit. Lass mich nur machen! Wie aber, wenn du ein Meisterstück
machen könntest?
    Ein Meisterstück? - Nun?
    Er ging mit einem Blick voll Missmuts umher, und rieb sich die Stirne. -
Ach, es ist nicht zu machen. Es ist ein frommer Wunsch, weiter nichts. -
Heiraten, heiraten müsste der Bruder. Ein kluges, sittsames, zärtliches Weib
müsst' er nehmen.
    So eins, wie du hast. Nicht wahr? - Sie sah ihm freundlichlächelnd unter die
Augen.
    Nun ja! Und wenn auch nur so eins - -
    Boshafter! -
    Er bot ihr liebreich die Hand, und zog sie in seine Arme. - So ein Weib
würd' ihn zu Hause bei seinen Geschäften halten: denn zu Hause wäre ja sie; es
würd' ihm alle die Vergnügungen, denen er jetzt nachläuft, verleiden: denn bei
ihr fänd' er ja bessere; es würd' ihn von den kleinen Torheiten des Putzes und
der Modesucht abziehn: denn man putzt sich ja nicht für die Seinigen, nur für
die Welt. -
    Er fand den grössten Beifall mit dieser Rede. Die Frau liebkoste ihm, und
die Schwiegermutter erteilte ihm Lobsprüche.
    Alle Quellen des Missvergnügens wären dann auf einmal verstopft. Der Vater
und wir alle wären zufrieden. - Ja, wenn es möglich wäre, fuhr er mit einer Art
von Begeisterung fort, indem er lebhafter umherging - wenn es möglich wäre, dass
er die Witwe - die gute Witwe - -
    Hier flogen beide Frauenzimmer zu ihm hinan, und brachten ihm ihre Gesichter
so nahe, dass er erschrack und zurücktrat. - Was ist denn? Was hab' ich gesagt?
fing er an.
    Die Witwe! riefen sie beide aus Einem Munde. - Sprachen Sie nicht von einer
Witwe, Herr Sohn? - Erwähntest du nicht einer Witwe, mein Bester? - -
    Der Doctor war unzufrieden, dass er sich mit seinem Geheimnis so bloss
gegeben, und versuchte sein Möglichstes, um es noch festzuhalten. Er war
durchaus nicht zu bewegen, dass er es im Ganzen hätte herausgeben sollen.
Indessen riss, durch das ewige Fragen, bald die Frau, und bald die
Schwiegermutter, ein Stück davon ab; und so bekamen sie endlich so viel davon in
die Hände, dass er nicht absah, warum er den unbedeutenden Rest nicht noch
freiwillig dazu geben sollte. Überdies hatte man ihm das heiligste
Stillschweigen gelobt, und Mutter und Tochter hatten einander selbst recht
inständig darum gebeten. -
    Jetzt, da die Frauenzimmer ihr Geheimnis zu besichtigen anfingen, fand
sich, dass sie sehr wenig daran erbeutet hatten. - Die Witwe hatte Kinder - war
ohne Vermögen - war nicht mehr jung: - ihr vier oder fünf und zwanzigstes Jahr
mochte sie immer schon zurückgelegt haben; - der Liebhaber schien noch gar nicht
entschieden; - der Vater hatte Vorurteile gegen die Frau; - ihn von
Vorurteilen zurückzubringen, war immer sehr schwer, fast unmöglich: - alle
diese Umstände liessen von der Liebe des Sohns, wie aufrichtig und zärtlich sie
übrigens sein mochte, keine Heirat, und noch weniger von so einer Heirat eine
feste Grundlage für die Ruhe und Zufriedenheit der Familie hoffen. Man war also
wieder in gleicher Verlegenheit, als zuvor.
    Indessen tröstete sich die Doctorinn mit dem Gemeinspruche: dass der Mensch
nicht zu weit vorausdenken, und wenn nur seine nächste Aussicht nicht trübe und
gewitterhaft sei, sich beruhigen müsse. Voller Friede, meinte sie, sei wohl
freilich das Beste; aber auch Waffenstillstand - und diesen wenigstens glaubte
sie für die Familie bewirkt zu haben - sei schon nicht zu verachten.
 
                                      XI.
Abends bei Tisch erlitt der Mut der Frau Doctorinn, durch einen einzigen Blick
des Alten, einen gar unsanften Stoss. Es war Donnerstag, wo, nach der Regel, das
ganze Herbstische Haus, bis auf das kleinste Enkelchen herunter, bei dem Alten
versammelt, und dieser dann gemeiniglich sehr vergnügt und beredt war. Eins der
ersten Gespräche pflegte von denjenigen Kranken des Doctors zu sein, die der
Alte, wenn auch nur von Ansehen, kannte, und an denen er, teils dieser
Bekanntschaft wegen, teils weil sie Kunden seines Schwiegersohnes waren, viel
Teil nahm.
    Diesmal fragte er besonders nach einem gewissen Herrn Heil, einem Manne von
mittlern Jahren, der eine starke Familie hatte.
    Ach, der! sagte der Doctor: der ist schon völlig ausser Gefahr.
    Doch? Das ist mir eine sehr liebe Nachricht! - Der Mann hat viel Unglück
gehabt, und es kann nur sehr wenig Vermögen da sein: was wär' aus den vielen
lieben Kindern geworden? - Es ist übrigens ein so rechtlicher, ein so
stattlicher Mann: er hat mir Tag und Nacht in Gedanken gelegen. - Aber - wenn
ich nicht irre, so sagten Sie ja nur noch vorgestern: er sei der Schlimmste von
Ihren Kranken; es sei Ihnen ganz bange um ihn?
    Da stand's auch mit ihm soso. Er lag da eben in einer Krisis.
    Was heisst das? - Krisis! - Das Wort, deucht mir, hab' ich schon öfter
gehört.
    Das Wort ist griechisch, mein lieber Vater.
    Ei meinetwegen arabisch! Ich möchte den Sinn davon wissen. - Ihr Herrn nennt
immer Alles mit fremden Namen; wozu das? - Eine deutsche Krankheit wird doch
keine griechischen Zufälle haben?
    Aber Zufälle, die sich zu deutsch nicht so kurz wollen sagen lassen. -
Krisis nennt man bei hitzigen Fiebern die letzte, stärkste Anstrengung der
Natur, der Krankheit durch irgend eine hinreichende Ausleerung gekochter
Krankheitsmaterie ein Ende zu machen.
    Gekochter Krankheitsmaterie! wiederholte der Alte langsam, und wiegte mit
dem Kopf vor sich hin. - Das ist nun deutsch: in der Tat!
    Deutsch, wie Griechisch. Nicht wahr?
    Beinahe. -
    Ich will mich näher erklären. Gekocht nennen wir eine Krankheitsmaterie,
wenn sie sich von den gesunden Säften, denen sie beigemischt war, schon so
abgesondert hat, dass der Körper sich ihrer entschütten, oder wo nicht völlig
entschütten, sie doch nach aussen hin absetzen kann. - Hat die Natur zu dieser
Wirkung noch Kraft, so genest der Kranke; hat sie keine, so stirbt er. - So
lange nun dieses glückliche oder unglückliche Bestreben der Natur fortdauert,
sagt man von einem Kranken: er sei in der Krisis.
    Ja nun - nun wird's helle, Herr Sohn; nun versteh' ich. - Und so kann man
denn auch in einer Krisis, wo es sich mit der Krankheit bessert, so herzlich
krank sein?
    Nicht anders. - Während der ganzen Zeit, da die Materie gekocht, und dadurch
die Krisis vorbereitet wird - Sie verstehn mich nun schon - -
    Vollkommen.
    Während dieser ganzen Zeit ist die Krankheit im Wachsen, im Zunehmen; und
kurz vor der Krisis, oder vor dem glücklichen Auswurf der Unreinigkeiten,
pflegen heftige, drohende Bewegungen zu entstehen, die das Übel auf seinen
höchsten Grad treiben, und die man füglich einen kritischen Tumult nennen kann.
    Bewahre Gott! rief der Alte, der einst einen Tumult erlebt hatte, und vor
dem Worte erschrack.
    Nicht doch! - Helfe Gott! muss man sprechen.
    Was? Helfe Gott! zu einem Tumulte? - Doch freilich; wenn's mit dem Bewahren
zu spät ist, da hat man schon Recht, dass man um's Helfen bittet. - Und die
Hülfe kömmt denn wohl durch den Doctor; nicht wahr?
    Der kann dabei wenig, sehr wenig. Das Meiste und das Beste muss die Natur
tun.
    So! - Aber der Doctor nimmt doch sein Geld; und da, dächt ich, wär's denn
auch Pflicht, dass er zur Hand wäre, und mit Allem, was er von Pulvern und
Mixturen nur auftreiben könnte, wacker in den Tumult hineinwürfe, um desto eher
Frieden zu stiften.
    Die Anwesenden lachten - bis auf den Sohn, der in Gedanken vertieft sass -
und am meisten lachte der Doctor. - Sie wären mir ein trefflicher Arzt, lieber
Vater! Wissen Sie, dass Sie durch Ihre zu grosse Tätigkeit, die Krisis stören
und dadurch den Kranken in's Grab bringen könnten?
    Ei wie so? Das mögt' ich doch ungern. Der arme Heil!
    Eine gestörte Krisis zieht immer entweder schleunigen Tod, oder doch
gefährliche, in der Folge tödtliche Versetzungen nach sich, die wir abermals mit
einem griechischen Worte Metastasen nennen.
    Genug! genug! sagte der Alte; kein Griechisch weiter! - Ich merke wohl, Ihr
Herrn macht's Euch bequem, deckt euren Kranken fein warm zu, und gebt mit
untergeschlagenen Armen Achtung, wo die Natur hinaus will.
    Viel besser ist's wirklich nicht. Ich gesteh' es Ihnen.
    Je nun - Wenn's so am sichersten oder am heilsamsten ist, ist's am besten. -
Er sass hier einen Augenblick nachdenkend, und spielte mit seinem Teller. - Lieb
ist mir's denn doch, dass ich bei der Gelegenhei dahinter gekommen, wie ein
kritischer Tumult muss behandelt werden. Ich hätte da einen erzeinfältigen
Streich können machen.
    Wie so? fragte der Doctor.
    Ich hätte mich können verführen lassen, mitten in einer Krisis die Cur zu
versuchen.
    Sie? fragte der Doctor noch einmal.
    Der Alte schwieg; aber ein bedeutender, lächelnder Blick den er nicht sowohl
auf den Sohn, als nach der Seite hinwarf wo dieser sass, liess den drei
Verbündeten keinen Zweifel, dass er mit seinen Reden auf den Zustand des Sohnes
ziele: nur, wie er ihn in diesem Zustande zu behandeln denke, das blieb ein
Rätsel. Nach Tische riet man und riet; aber mit allem Raten ward die Neugier
mehr gespannt als befriedigt. Endlich tat die Doctorinn, die gewissermassen das
Orakel der Familie war, und die seit dem Siege von diesem Morgen noch an Ansehen
gewonnen hatte, den wirklich nicht üblen Vorschlag, dass man sich fürjetzt den
Kopf nicht weiter zerbrechen, sondern die eigne Erklärung, die der Vater durch
sein Betragen geben würde, ruhig abwarten solle: ein Vorschlag, den Mutter und
Mann höchlich billigten; denn dass diese Erklärung völlig befriedigend und
völlig zuverlässig sein müsste, sprang in die Augen.
 
                                      XII.
Herr Stark, der Sohn, war mit seinen Anstalten zur Abreise bis auf's Einpacken
fertig; er war nur noch unschlüssig, wie er Abschied nehmen solle. Heimlich sich
aus dem väterlichen Hause wegzuschleichen, in welchem er kein anderes Andenken,
als an geleistete gute Dienste, zurückzulassen sich bewusst war, fiel ihm nicht
ein; auch legte ihm sein Herz die Verbindlichkeit auf, eh' er ginge, seinem
Vater für die erhaltenen vielen Liebesbeweise so ehrerbietig als zärtlich zu
danken. Er hatte sich eine Art von Anrede ausgedacht, die dem Alten gleich sehr
die Festigkeit und Unabänderlichkeit seines Entschlusses, als die
rechtschaffnen, kindlichen Gesinnungen eines Sohnes beweisen sollte, den er so
harterzig aus seinem Hause stiesse. Die Ausdrücke, womit er besonders den
letzten Zweck zu erreichen hoffte, waren die gewähltesten, die er hatte finden
können; und beim Zusammensetzen derselben war ihm eine Menge Tränen entflossen,
die insoferne wahre Freudentränen waren, als sie ihm für unverkennbare Beweise
des vortrefflichsten Herzens galten. Indessen ward, schon bei dieser
Vorbereitung, dem jungen Manne immer bänger und ängstlicher, je lebhafter in
seiner Einbildung die Züge des ehrwürdigen väterlichen Gesichts hervortraten;
und als er sich endlich zusammennahm, um wirklich sein Wort an den Mann zu
bringen, so geriet dies so äusserst übel, dass der Alte keinen geringen Schreck
davon hatte.
    Die ersten Worte der Anrede: »Mein lieber« - kamen so ziemlich heraus, und
ein Mann von etwas schärferm Gehör, als Herr Stark, möchte sie haben verstehen
können; dann aber geriet der Redner plötzlich in so ein Stottern, Zittern und
Erblassen, dass der Alte, der von den Ursachen dieser Erscheinung keinen
Verdacht hatte, mit grosser Beängstigung auffuhr, dem Sohne kräftigst unter die
Arme griff, und durch sein Rufen um Hülfe das ganze Haus auf die Beine brachte.
Das eigne Zittern, das bei dieser Gelegenheit den Alten befiel, die Eile und
Sorgfalt, womit er selbst einige dienliche Arzeneien, mit Allem was zum
Einnehmen nötig war, herbeischafte, und die unablässigen liebreichen Fragen:
wie dem Sohne jetzt sei? und wie der Zufall ihn angewandelt? machten es diesem,
der nicht wenig dadurch gerührt ward, unmöglich, von dem eigentlichen Grunde der
Sache nur Ein Wort zu erwähnen. Lieber bestätigte er den Alten in der
Voraussetzung, dass eine Lieblingsspeise, wovon des Mittags zu reichlich
genossen worden, an dem ganzen, übrigens unbedeutenden, Zufalle Schuld sei, und
liess sich eine lange, nachdrückliche Ermahnungsrede gefallen, deren Inhalt das
Lob der Mässigkeit war.
    Da er wohl sah, dass es mit dem mündlichen Vortrage durchaus nicht gehen
würde, so entschloss er sich nun zu schreiben, und eh' er in den Wagen stiege,
den Brief an Monsieur Schlicht, einen alten invaliden Handlungsdiener, zu geben;
der, nach geschwächtem Gesicht und Gedächtnis, in dem Hause des Herrn Stark
eine Art von Haushofmeister vorstellte, sich zu allerhand kleinen Geschäften
willigst gebrauchen liess, und, trotz seines wunderlichen Wesens, das Vertrauen
der Eltern, aber noch mehr der Kinder, in hohem Grade besass. -
    Ein andrer peinlicher Abschied, den Herr Stark unmöglich anders als
persönlich nehmen konnte, weil ein schriftlicher nach dem bisherigen engen
Verhältnis, allzukalt würde geschienen haben, war der von der Witwe.
    Die gute Frau befand sich eben in einer sehr beunruhigenden Lage. Ein
harter, ungestümer Gläubiger, der an das Lykische Haus eine zwar nur
unbeträchtliche Forderung hatte, bestand durchaus auf Befriedigung; aber die
Casse hatte schon zu ansehnliche Zahlungen geleistet, um auch noch diese leisten
zu können. Die Witwe wusste, dass, wenn alle aussenstehenden sichern Schulden
eingegangen und dadurch die fremden Forderungen völlig getilgt wären, ihr nur
wenig zu ihrem eigenen und ihrer Kinder Fortkommen übrig bliebe; sie wusste,
dass auch dieses Wenige unausbleiblich verloren gehen, und zu dem Elende der
Armut noch die Schande eines öffentlichen Bruchs hinzukommen würde, wenn das
Beispiel von nur Einem Gläubiger alle übrigen ermunterte, ohne Zeitverlust auf
sie einzubrechen. Der natürlichste Weg, aus dieser Verlegenheit herauszukommen,
war der, sich an ihren so dienstfertigen und zu Diensten dieser Art durch sein
Ehrenwort sogar verpflichteten Freund zu wenden; auch konnt' es kein Hindernis
für sie sein, dass die Entdeckung ihrer Not in der Tat nur eine versteckte
Bitte um tätigen Beistand war: denn niemand wusste so gut als Herr Stark, dass
bei den Vorschüssen, die er ihr etwa machen könne, nichts zu verlieren stehe.
Sie setzte sich also nieder, ihn um seinen, freundschaftlichen Rat zu ersuchen;
allein sie brachte kein Wort aufs Papier: ein noch nie gefühlter,
unüberwindlicher Widerwille zwang sie, von ihrem Schreibtische wieder
aufzustehen. So ging es ein, so ging es mehrere Male.
    Endlich fiel natürlicher Weise die Aufmerksamkeit der Witwe von ihrer
äussern auf ihre innere Lage; sie befragte sich selbst wegen der Ursache eines
Widerwillens, den wenigstens ihr Freund durch sein Betragen nicht verschuldet
haben konnte, da er immer die Güte und die Gefälligkeit selbst gewesen. Sollte
sie die Schuld etwa bloss in ihrer Bescheidenheit, in dem Gefühle suchen, dass
es empfangene Freundschaftsdienste sehr schlecht erkennen heisse, wenn man so
leichtsinnig bereit sei immer neue zu fordern? Ihr innres bess'res Bewusstsein
überzeugte sie, nicht zwar von der Falschheit, aber doch von der
Unzulänglichkeit dieser Erklärung. Sie ward endlich zu einem Geständnis
genötigt, welches ihr, so einsam sie war, vor Scham das Blut in die Wangen
jagte; zu dem leisen, unwillkommnen Geständnis: dass sie ihren Freund mit etwas
zärtlichem, als bloss freundschaftlichen Augen betrachte, und dass sie nur
darum, weil sie ihn liebe, ihm so ungern in ihrer Blösse erscheine. Ihre nach
Entschuldigung umherspähende Selbstliebe fand indes den Grund dieser
Leidenschaft - die sie zwar aufs äusserste bekämpfen zu müssen einsah - nicht
allein verzeihlich, sondern selbst lobenswürdig: dankbare Empfindungen, und mehr
noch für die ihren kleinen Waisen erwiesene Liebe und Achtung, als für alle ihr
selbst erzeigte grosse, nie zu vergeltende Gefälligkeiten, hatten ein Herz
verstrickt, das sich noch immer jeder guten und edlen Empfindung ohne Rückhalt
hingegeben hatte.
    Diese nur eben geendigte Selbstprüfung gab der Miene der Witwe, als Herr
Stark hereintrat, eine Schamhaftigkeit und Verlegenheit, ihrem Tone eine
Sanfteit und Weichheit, wo durch sie einem Manne, der ihr ohnehin schon so sehr
ergeben war, äusserst reizend erscheinen musste. Er forschte nach der Ursache
ihres kränklichen Aussehens und ihrer Blässe; sie schlug voll Verwirrung die
Augen nieder: - Er bat, wenn sie irgend einen geheimen Kummer nähre, sich ihm
mitzuteilen, und seine Dienste, falls er ihr nützlich sein könne, nicht zu
verschmähen; sie dankte ihm mit inniger Rührung, aber ohne den Mut zu haben,
mit ihrem dringenden wichtigen Anliegen herauszugehen: - Er gestand ihr die
Absicht worin er komme, und dass er nichr lange mehr so glücklich sein werde,
ihr seine Dienste persönlich anzutragen; sie war sichtbar erschrocken, forschte
nach den Ursachen eines so unerwarteten Entschlusses, bat ihn, wenn es irgend
möglich sei, davon abzustehen, und klagte, da ihr Bitten vergeblich war, mit
nassen Augen ihr Schicksal an, das sie, nach so mancherlei harten Prüfungen, nun
auch ihres besten, ihres einzigen Freundes beraube. - Ohne Zweifel hatte das
unglückliche Verhältnis mit ihrem Gläubiger, aus welchem sie nun durch Herrn
Stark herausgerissen zu werden nicht mehr hoffte, oder doch, bei seinen jetzt
eintretenden eignen Bedürfnissen, auch nur von fern darauf anzutragen nicht die
Dreistigkeit hatte, den grössten Anteil an ihrer Wehmut; Herr Stark indessen,
der von jenem Verhältnis nicht im mindesten unterrichtet war, konnte unmöglich
anders, als ihre Rührung ganz auf Rechnung ihrer innigen Dankbarkeit, ihrer
zärtlichen Freundschaft setzen: und durch diesen Irrtum stieg seine eigene
Rührung zu einem so hohen Grade, dass er, nach mehrern fruchtlosen Versuchen ein
Lebewohl hervorzustammeln, und nach nur Einem, aber desto heissern, Kusse auf
ihre Hand, sich eiligst von ihr losreissen musste.
    Er segnete, indem er auf die Strasse hinaustrat, die schon eingebrochne
Dunkelheit, die es ihm erlaubte, unbemerkt hinter seinem Tuche zu weinen. Dann
erlauschte er vor dem väterlichen Hause den Augenblick, wo er ungesehen in sein
Schlafzimmer entschlüpfen konnte, warf sich, nur halb entkleidet, aufs Bette,
und erleichterte sein gepresstes Herz durch Seufzer und Tränen. Er ward von
mancherlei zärtlichen Wünschen, von mancherlei schmeichelhaften Hoffnungen
bestürmt; aber endlich gelang es ihm, durch die Rückerinnerung an seine
ausgestandenen Leiden, sie alle von sich zurückzuweisen, und dadurch eine
Seelenstärke und Entschlossenheit an den Tag zu legen, wie er sie, nach der
sonstigen Weichheit seines gar zu guten Charakters, in sich selbst kaum gesucht
hatte. Er sprang auf, zog noch diesen Abend den Reisecoffer aus seiner Kammer,
öffnete Kasten und Schränke, und belegte alle Stühle mit Wäsche und
Kleidungsstücken, um sie am folgenden Morgen beim Einpacken sogleich zur Hand zu
haben.
    Nein! sagte er, während dieser Arbeit, zu sich selbst: wer nicht die Kraft
hat, sich fest und unwandelbar zu entschliessen, der bleibt, was er zu bleiben
wert ist: ein Sklave. - Ich habe angefangen; ich muss hindurch. - Mag es doch
mein Vater nun mit Andern versuchen! Mag er es doch erfahren, was für ein
Unterschied zwischen einem Diener und einem Sohn ist! Mag er es doch erfahren,
und mich zurücksehnen so viel er will! Ich werd' ihm nicht kommen. - Hab' ich
denn sonst keine Pflichten zu erfüllen, als nur gegen ihn? keine gegen mich
selbst? -
 
                                     XIII.
Lass Er's doch gut sein! sagte der Alte zu Monsieur Schlicht, als ihm dieser in
voller Bestürzung die auf dem Zimmer des Sohns gemachte Entdeckung mitteilte,
und nicht fertig werden konnte, das Haus seines guten alten Wohltäters zu
bejammern, wenn es mit dem jungen Herrn seine erste und festeste Stütze
verlieren sollte. Er sah es in Gedanken schon von allen Seiten baufällig werden
und in Trümmer zerfallen.
    Hat nichts zu sagen! meinte der Alte, der sich hinsetzte, um für seinen Sohn
einen offnen Wechsel zu schreiben.
    Nichts zu sagen! erwiederte Schlicht, und war unschlüssig, ob er über die
Gleichgültigkeit des Alten mehr erstaunen oder sich ärgern sollte. - Nichts zu
sagen, Herr Stark? So erwägen Sie doch - -
    Dass dich! rief hier der Alte: - da muss ich nun den Wechsel, der beinahe
schon fertig war, wieder zerreissen, und einen andern anfangen. - Kann Er denn
keinen Augenblick schweigen? Ist Ihm denn das Plaudern so zur andern Natur
geworden? -
    Monsieur Schlicht hatte das Eigne, dass er die Wörter: Plaudern und
Schweigen, wenn sie mit Beziehung auf ihn selbst gesagt wurden, gar nicht hören
konnte, ohne misslaunig und stöckisch zu werden. Er hatte, in jüngern Jahren,
sich lange und viel in der Welt umhergetrieben; hatte, wie er immer zu rühmen
pflegte, seine Augen nie in die Tasche gesteckt: und wenn andre Leute sich
Einsichten und Erfahrungen gesammelt hatten, so hatt' er's wohl auch. Ein
solcher Mann, meinte er, müsste Freiheit zu reden haben, oder es hätte sie
niemand, und alle Welt müsste schweigen.
    Er kehrte kurz um und wollte fort, als Herr Stark ihm ernstlich befahl, zu
warten, und ihn dann zu seinem Sohne zu begleiten, wenn sich etwa noch dieses
oder jenes zu veranstalten fände. -
    Die übrige Familie, die Monsieur Schlicht schon etwas früher, als den Vater,
von seiner Entdeckung benachrichtiget hatte, war eben in vollem fruchtlosen
Kampf mit dem Sohne, als Herr Stark, in Begleitung des alten Handlungsdieners,
hereintrat. Seine Erscheinung auf einem so abgelegenen Zimmer, das er gewiss
seit der Blatternkrankheit der Kinder mit keinem Fusse mehr betreten hatte,
setzte Alle in die grösste Erwartung, und den Sohn in eine sichtbare Verwirrung.
So gut es indessen in der Geschwindigkeit möglich war, raffte sich dieser
zusammen, um den Vorwürfen oder Vorstellungen des Vaters, und wenn er die
letztern auch noch so kräftig mit dem vollen Beutel in seiner linken Hand
unterstützen sollte, nachdrücklich entgegenzuarbeiten. -
    Das sind viel Sachen, Monsieur Schlicht, sagte der Alte, indem er die Augen
auf die vollen Stühle umherwarf: und ich sehe hier nichts, als den einzigen
kleinen Coffer. Da gehn sie ja unmöglich alle hinein.
    So bleiben sie heraus, murmelte Schlicht, ohne dass es der Alte hörte; warum
ist er nicht grösser?
    Wäre denn sonst keiner da? Denn in diesen hier bringt Er ja kaum das Drittel
von allen den Kleidungsstücken. Das könnt Er, dächt' ich, mit halben Augen
sehen.
    Ach, ich - mit meinen Augen, Herr Stark - ich sehe nur mein Leiden an der
Geschichte.
    Warum denn aber? - Sei Er nicht wunderlich, Freund! Geb' er mir Auskunft!
    Der alte Mantelsack mag noch da sein, den Sie vor etwa dreissig oder vierzig
Jahren auf Ihren Reisen brauchten. Er war ja schon damal in lauter Fetzen.
    Der Alte konnte sich kaum entalten zu lachen. - Ich weiss nicht, wie Er mir
manchmal vorkömmt, Monsieur Schlicht. Solche feine und kostbare Kleidungsstücke
- denn Er sieht ja wohl, dass das eine Garderobe ist die für keine tausend
Taler geschafft worden - die will Er in den schmutzigen alten Mantelsack
schnüren?
    Ich nicht. Ich will hier weder packen noch schnüren.
    Noch einmal: Sei Er nicht wunderlich, Freund! Steck' Er Geld ein, und geh'
Er zu dem Manne gegen der Börse über! Der hat Coffers, den ganzen Laden voll,
von allerhand Grösse und allerhand Art: da such' Er sich einen aus! - Zu hoch
und zu breit, denk' ich, wird Er ihn wohl nicht nehmen können; aber mit der
Länge wird Er sich vorzusehn haben. - Am besten, Er geht vorher in den Schuppen,
und nimmt an meiner Chaise das Maass.
    An welcher Chaise? -
    Der Alte sah ihn einen Augenblick an, und schüttelte mit dem Kopfe. - An der
zerbrochenen nun doch wohl nicht? denn von der ist ja nichts als der Kasten
übrig.
    Nun, ich höre ja wohl! An der neuen, die Sie zur Reise von vorigem Sommer
kauften.
    Richtig! - Ich mache sie meinem Sohn zum Geschenk; denn mir steht sie da nur
im Wege: mit meinen Reisen ist's aus. Und, Monsieur Schlicht - dass Er mir das
ja nicht vergisst! - lass Er vorher erst recht nachsehen, ob auch noch Alles in
haltbarem Stande ist: Riemen und Eisenwerk, Räder und Achse. Nichts ärgerlicher,
als wenn man unterwegs mit seinem Fuhrwerk in Krüppeleien gerät! - Die Chaise,
fuhr er mit unwilligem, verweisenden Tone fort, hat mir da, den ganzen Sommer
hindurch, in der Trockniss gestanden. - Woran ich selbst nicht - denke, denkt
niemand.
    Ich wollte, sie wär' in tausend Trümmern, brummte Schlicht vor sich hin, und
verliess das Zimmer in einer noch weit üblern Stimmung, als worin er's betreten
hatte. Sich Mangel an Aufmerksamkeit auf das Haus oder irgend etwas zum Hause
Gehöriges, oder sonst unter seiner Aufsicht Befindliches, Schuld geben zu
lassen, war ihm ganz unerträglich. Ein getreuerer Aufseher, und ein besserer
Ökonom, als Er, sollte auf Erden noch erst gefunden werden. - Übrigens liess er
es bleiben, zur Abreise des lieben jungen Herrn auf irgend einige Art zu helfen;
den Coffer für ihn mochte ein Anderer schaffen.
    Der Alte sah mit einem trüben, mitleidigen Lächeln hinter ihm her. - Wie
schwach einen doch manchmal das Alter macht! sagte er dann, mit einer Wendung
gegen den Doctor. Der gute, ehrliche Schlicht ist meinem Sohne so herzlich, so
herzlich ergeben, dass er ihn, vor lauter Ergebenheit, lieber hier würde
umkommen, als auswärts sein grösstes Glück machen sehen. - Nein, Gottlob! da bin
ich festrer Natur. - Es ist freilich wohl angenehm, die lieben Seinigen immer um
sich zu haben; aber, wenn das einmal nicht sein kann - -
    Und warum nicht? Warum kann das nicht sein? fragte die Alte, die ihre
Bewegung nicht länger bergen konnte. -
    Aus mehr als einer Ursache nicht, gute Mutter.
    Darf ich die hören? - Nur eine einzige, bitt' ich.
    Alle! - Es sind ja keine Geheimnisse.
    Nun? -
    Zuerst schon deswegen nicht: weil ich und er, wenn wir hier länger
zusammenblieben, uns einander das bisschen Leben nur schwer machen würden.
    Das sei Gott geklagt! Und die Schuld? -
    Die ist mein. Das versteht sich. - Ferner deswegen nicht; weil ich so oft
ihm vorgeworfen, dass es ihm an Entschluss und Unternehmungsgeist fehle, und
weil es seltsam herauskommen würde, wenn ich gerade beim ersten Beweise vom
Gegenteil - wie nun dieser auch immer sein mag - ihm durch den Sinn fahren
wollte. Endlich und hauptsächlich deswegen nicht: weil die Errichtung eines
neuen Handlungshauses und der dazu nötige Vorschuss ihn zu einer Tätigkeit
zwingen, ihn zu einer Sparsamkeit und Ordnung gewöhnen werden, wie ich sie ihm
hier, mit allen meinem Predigen, nicht habe beibringen können. Ich hoffe, er
soll mir jetzt eine ganz andere Denkungsart annehmen; soll mir jetzt ganz so
werden, wie ich ihn immer wünschte.
    Und deine Handlung? fuhr die Alte mit etwas gesunkenem Tone fort: deine
Geschäfte? -
    Die, Mutter, sind meine, nicht deine Sache. Wer sie so lange gut zu führen
gewusst hat, wirds auch jetzt wohl noch wissen. - Denke du lieber an das, was
dir noch wird zu besorgen bleiben.
    Mir? - Und das ist?
    Du wirst ihn doch nicht so trocken abfertigen wollen? wirst ihm doch zu
guterletzt noch einen Abschiedsschmaus geben? - Ich hoffe, Sie kommen dazu auch,
lieber Doctor. Und du - indem er die Tochter ansah - und euer ganzer kleiner
Anhang, versteht sich. - Er lächelte mit seiner gewöhnlichen Freundlichkeit
gegen sie hin. - Da wollen wir noch einmal recht von Herzen mit einander
vergnügt sein.
    Vergnügt? Recht von Herzen? seufzte die Mutter. - Wirst du das können?
    Warum nicht? Was in der Welt soll mich hindern? - Der Ort, wohin er zieht,
liegt ja so nahe. Wir dürfen nur auf die Post schicken und anspannen lassen,
wenn uns künftig einmal das Herz zu gross wird; wir dürfen nur zu ihm fahren. -
Ja, wenn es zur See nach America, oder gar bis nach China ginge! oder gar bis
nach der Botanybay!
    Behüte Gott! rief die Alte.
    Amen! Amen! Und nun keine Seufzer weiter! Es ist genug. - - Du hörst, fuhr
er dann fort, indem er sich mit gütigem Ernst gegen den Sohn herumwandte, dass
ich von deinen Absichten weiss, und dass ich sie, nach Lage der Umstände, wie
diese nun einmal sind, eben nicht tadle. - Geh mit Gott, mein Sohn! Meinen Segen
zu deiner Reise! - An deine Stelle hier kann der erste Buchhalter treten,
Monsieur Burg; den kennst du selbst als einen gewandten, tätigen,
rechtschaffnen Mann: und ich, so alt ich bin, habe doch auch noch Kräfte, um
arbeiten, und Augen, um nachsehen zu können. Für meine Handlung also sorge nur
nicht; aber wie es mit deiner gehn wird? - Aller Anfang, sagt man, ist schwer;
und was du dir selbst, bei so mancherlei Nebenausgaben, erübriget haben kannst,
mag dich eben nicht drücken. - Da! indem er den ziemlich schweren Beutel, den er
bisher gegen die linke Hüfte gestützt hatte, auf den Tragkasten unter den
Spiegel setzte - eine kleine Erkenntlichkeit für geleistete Dienste! Ich hob sie
dir immer auf, um eine Zeit damit abzuwarten, wo sie dir eben gelegen käme; und
diese, denk' ich, ist jetzt. - Aber, da es dir doch noch fehlen, und Dieser oder
Jener, wegen unsrer unvermuteten Trennung, bedenklich werden und dir sein
Zutrauen versagen möchte; so ist hier noch ein offner Wechsel, der hoffentlich
allen Bedürfnissen abhelfen und alles Misstrauen entfernen wird.
    Der Alte schwieg, und schien einen Augenblick auf die schuldige Danksagung
des Sohns zu warten; aber es erfolgte nichts, als eine steife, ungeschickte
Verbeugung. - Ich sehe wohl, sagte er dann, dass ich dir in einer Arbeit
gekommen bin, worin man sich eben darum so ungern stören lässt, weil man sie so
ungern anfängt. - Ich will dich jetzt länger nicht aufhalten. Wenn du hier
fertig bist, sprechen wir einander schon weiter. -
 
                                      XIV.
Die Verbündeten sahen dem Alten, als er das Zimmer verliess, mit sehr
verschiednen Empfindungen nach. Die Mutter war voll Ärgers und Jammers, dass er
dem Sohne, den er sollte zu halten suchen, selbst das Fortgehen erleichterte;
die Tochter, voll Empfindlichkeit und Beschämung, dass sie mit dem guten Worte,
welches ihr versprochen und in gewisser Absicht freilich gehalten worden, so
schlau hinter das Licht geführt war; und der Doctor, voll stiller Bewunderung
des scharfen, richtigen Blicks, womit der Vater den Charakter seines Sohns
musste gewürdiget haben. So wie man diesen nur ansah, entdeckte man sogleich
sein ganzes Inners in seinem Äussern. Das Licht der Augen, die bedeutunglos vor
sich hinstarrten, schien bis auf den letzten Funken verlöscht; aus den
Gesichtsmuskeln war alle Festigkeit, alle Spannung verschwunden, und die Arme
hingen an beiden Seiten so schlaff und welk herunter wie die Zweige einer
Zitterespe.
    Erst, als Mutter und Schwester zu ihm hinantraten, um ihre Teilnahme an
seiner Entlassung zu bezeugen, kam auf einmal in die todte, seelenlose Gestalt
wieder Leben; er bat sie, mit abwärts gekehrtem Blick und hinter sich
ausgestreckter verwandter Hand, dass sie, wenn sie noch einige Zärtlichkeit für
ihn hegten, ihn auf der Stelle verlassen mögten. Diese Bitte ward von dem
Doctor, der selbst voranging, mit Wink und Blick unterstützt; er urteilte, dass
der Schwager noch ein wenig mehr beschämt als gekränkt sei: und Scham, glaubte
er, sei eine Empfindung, bei der man überhaupt keine Zeugen, und am wenigsten
die mitleidigen, liebe. -
    Wirklich war die Art, wie sich der Alte benommen hatte, eben weil sie so
äusserst nachgebend und sanft schien, für die Eitelkeit des Sohns sehr
verwirrend. So wenig auch dieser die Absicht gehegt hatte, seinem Vater wehe zu
tun - denn dazu war er, wie wir aus der besten Quelle, nehmlich von ihm selbst,
wissen, viel zu gut und zu fromm -: so lag es doch leider! in der Natur der
Sache, dass der Alte für so manche Kränkungen, die er erwiesen, jetzt an seinem
Teil eine empfinden musste; und da hätt' es der Anstand nun wohl erfordert,
dass er sich diese Kränkung auch ein wenig hätte merken lassen. So ohne die
mindeste Einwendung, und ohne eine Spur von Missmut und Kummer, in den Abgang
des Sohnes einwilligen: das hiess von den Verdiensten desselben um die Handlung
sehr herabwürdigend denken, und gegen seine Unentbehrlichkeit, die doch so
vollgültig durch die Unruhe der Familie und durch das Schrecken des alten
Schlicht bestätiget war, sehr beleidigende Zweifel äussern.
    Noch mehr musste es schmerzen, dass der Alte, durch sein Betragen, eine
heimlichgenährte sichre Hoffnung des Sohns, die zwar dieser sich selbst noch
nicht bekannt hatte, geradehin für eitel und töricht erklärte. Die
Unentbehrlichkeit des Sohnes einmal festgesetzt, liess es sich nehmlich
voraussehn, dass der Vater sich alle ersinnliche Mühe geben würde, ihn zurück zu
halten: und da hätte dann jener, nach seinem so vorzüglich guten Charakter, sich
gewiss am Ende bewegen lassen, über alles Vergangne einen Schleier zu werfen,
und auf gute vorteilhafte Bedingungen wieder an seinen alten Platz zu treten.
Jetzt, da sich einmal der Vater so ganz anders erklärt hatte, war bei seiner
störrischen Sinnesart nichts gewisser, als dass er sich in Ewigkeit nicht zum
Ziele legen, sondern, wenn Not an Mann ginge, lieber seine Geschäfte äusserst
zusammenziehen, als das geringste gute Wort gegen den Sohn verlieren würde. Und
so stand denn dieser mit seiner Wahl zwischen den zwei gleich unangenehmen
Entschlüssen mitten inne: entweder Reue zu zeigen, und das Joch, das er hatte
abschütteln wollen, ganz geduldig wieder auf seinen Nacken zu nehmen; oder den
unglücklichen Vorsatz zur Abreise ins Werk zu setzen, ohne dass er davon die
beabsichtigten Vorteile hätte. Er bereute es jetzt zu spät, dass er sich das
prophetische Herzklopfen bei dem versuchten Abschiede vom Vater nicht ein wenig
mehr hatte warnen lassen.
    Was ihm diese Unannehmlichkeiten noch weit peinlicher machte, war der
Umstand: dass seine Gesinnungen in Betreff der Witwe nicht mehr völlig die alten
waren. Von den Schwierigkeiten, die einer Verbindung mit ihr entgegenstanden,
hatten die meisten, durch das längere und öftere Betrachten, wie das so oft zu
geschehen pflegt, an ihrer Wichtigkeit schon verloren; und vollends seit
gestern, wo sich die Witwe so äusserst liebenswürdig gezeigt hatte, waren sie
fast gänzlich verschwunden. Über den Mangel an Vermögen konnte ein Mann, der
dessen selbst genug hatte, hinwegsehn; die Kinder, da sie Ebenbilder einer so
liebreizenden Mutter waren, schienen eher eine angenehme, als eine beschwerliche
Zugabe; und das Gerede einer albernen Menge, das ohnehin nie lange Dauer hat,
lässt kein Kluger sich irren. Es blieb also von allen Steinen des Anstosses nur
der grösste, der zu fürchtende Widerspruch des Vaters, übrig; und diesen
wegzuräumen, war wohl schwerlich ein bessres Mittel, als dass man die Verbindung
mit Madam Lyk zum ersten und wesentlichsten Vergleichspuncte bei der gehofften
triumphirenden Wiederkehr machte. Statt also, wie es der anfängliche Wunsch des
Herrn Stark gewesen war, seiner Liebe aus dem Wege zu gehen, wollt' er jetzt
dieser Liebe vielmehr entgegeneilen; es war nichts als eine der
Selbsttäuschungen, denen der junge Mann so sehr unterworfen war, wenn er sich am
vorigen Abende zu einem so herrlichen Siege seiner Vernunft über seine
Schwachheit Glück wünschte: denn gar nicht die Vernunft, sondern die
Schwachheit, hatte gesiegt, und in dem Entschluss zur Trennung hatte die
Hoffnung der Vereinigung versteckt gelegen. Seine vielen Tränen hatte inm
weniger der Schmerz des Abschieds, als der heimliche Gedanke entlockt, dass sein
Entwurf nicht vor aller Gefahr des Scheiterns gesichert sein möchte; wenigstens,
wie es jetzt leider! am Tage lag, wäre so ein Gedanke ganz nicht unvernünftig
gewesen. - -
    Der Doctor, der die Gemütslage des Herrn Stark, bis auf den Punct von der
Witwe, durch und durch sah, kam jetzt in der Absicht zurück, ihm mit seinem
guten Rate zu dienen. - Es wandelte ihn einige Verachtung an, als er den
Schwager, in armselig zusammengekrümmter Gestalt, auf dem zugeworfnen Coffer
sitzend fand, wie er mit der einen Hand auf das Knie griff, und mit der andern
das schwere, sorgenvolle Haupt unterstützte. Er sah wohl, dass so einem Manne
sich der Rat unmöglich geben liesse, den er sich selbst, unter ähnlichen
Umständen, in die er aber nie hätte geraten können, ganz gewiss gegeben hätte;
nehmlich: einen Entwurf, mit dem es einmal so weit gediehen, trotz aller
Unannehmlichkeiten lieber durchzusetzen, als schimpflicher Weise davon
zurückzutreten. Für den Schwager, glaubte er, sei nichts anders zu tun, als
dass er irgend eine erträgliche Wendung ausspüre, womit jener sich dem Vater,
ohne zu grosse Beschämung, wieder anbieten könnte; und diese Wendung schien ihm
durch die grossmütigen Geschenke des Vaters, gleichsam absichtlich,
vorbereitet. Es war natürlich, dass das Herz des Sohnes davon gerührt werden
musste, und eben so natürlich, dass diese Rührung das Verlangen erzeugte, einen
so edeldenkenden Vater lieber nie verlassen zu dürfen. Wenn man dann dem Alten
noch in dem Hauptpuncte willfahrte und sich geneigt zu einer Heirat erklärte; so
liess sich erwarten, dass dieser mit Freuden einschlagen, and dass er dem Sohne
wohl gar seine Handlung, mit dem einzigen Vorbehalt der Geldgeschäfte, völlig
abtreten würde.
    Herr Stark hörte diesen Entwurf, den ihm der Doctor mit aller möglichen
Feinheit und Schonung vortrug, zwar nicht ohne Scham, aber doch mit Gelassenheit
an; nur bei dem Worte Heirat Stiess er auf einmal einen so mächtigen, so tief
aus dem Herzen geschöpften Seufzer aus, dass der Doctor sogleich einen neuen
Sorgenstein argwöhnte, der härter als alle übrigen, drücken müsse. Er liess
jetzt, im Fortgange der Rede, ein Wörtchen von Madam Lyk und ihrer
Liebenswürdigkeit fliessen; - die Wirkung davon übertraf alle Erwartung: Herr
Stark riss sich vom Coffer auf, floh in ein Fenster und entdeckte durch laute
Tränen, wie weit es mit seinem Herzen schon müsse gediehen sein. Jetzt ward nun
guter Rat etwas teurer, und der Knoten verwickelte sich allzusehr, als dass
der Doctor ihn auf der Stelle zu lösen gewusst hätte. - Um Zeit zu gewinnen,
fiel er auf das Mittel: dass er sich, als Bruder und Arzt, für die Gesundheit
des Schwagers besorgt stellte, ihn um seine Hand bat, und in seinem Pulse
fieberhafte Bewegungen entdeckte. Herr Stark, als ob er schon sehnlich auf einen
Vorwand, seine Reise aufzuschieben, gewartet hätte, ergriff dieses Wort des
Doctors mit vielem Eifer; er liess sogleich einen kleinen freiwilligen Frost
über sich hinschaudern, setzte sich, wie ermattet, nieder, und versicherte, dass
er wirklich seit einigen Tagen etwas Fieberhaftes verspüre. Der Doctor
verschrieb ihm nun Arzeneien, die weder helfen noch schaden konnten; und Herr
Stark fing an, eines Flussfieberchens wegen, worüber die Familie sich nicht
sonderlich beunruhigen durfte, das Zimmer zu hüten.
 
                                      XV.
Was giebst du mir, wenn ich dir eine Entdeckung mache? - sagte der Doctor, als
er zu seiner Frau zurückkam.
    Lass hören! - Vielleicht eine Gegenentdeckung.
    Der Bruder ist sterblich verliebt in die Lyk. -
    Die Lyk ist sterblich verliebt in den Bruder. -
    Ist's möglich? - Und nun erfolgte von beiden Seiten eine
Herzenserleichterung, die mit allen Holdseligkeiten ehelicher Vertraulichkeit
gewürzt war. -
    Sie ist krank, sagte die Doctorinn, herzlich krank; ich habe die Freundinn
von ihr, die eben da war um dich zu ihr zu bitten, über alle Umstände befragt;
sie hat gestern Abend - und merke dir's wohl: weil eben der Bruder von ihr
gegangen - -
    Der Bruder? Da hat er Abschied genommen!
    Natürlich! - Sie hat, sagt mir die gute Freundinn, gar nicht aufhören können
zu weinen; die ganze Nacht hindurch hat sie kein Auge geschlossen; alle
Munterkeit, alle Esslust ist bei ihr fort; - dazu hat sie Krämpfe - die
schrecklichsten! -
    Krämpfe? Hm!
    Kurz: das arme Weib steckt in Liebe bis über die Ohren. - Und nun bitt' ich
dich, Herzensmann: lass Essen und Alles sein, und mach dass du hinkömmst, damit
wir das Nähere erfahren!
    Sie ist ohnehin nicht die stärkste, sagte der Doctor, der ein wenig
ungläubig schien; - sie ist dem Bruder ungemein viel Verbindlichkeit schuldig; -
sie hat ein dankbares Herz -
    Eben deswegen! Solche Herzen sind dir die brennbarsten; die fangen Feuer,
wie Zunder. - Der Bruder ist ein ganz artiger Mann. -
    Das wohl.
    Und ich kenne dir eine, die Anfangs auch nur dankbar war, weil ein Gewisser
- ein noch artigerer Mann - ihr von einem bösen Fieber geholfen hatte, und die
nachher - -
    Das verdiente einen Kuss, der gegeben ward, und der Doctor flog fort.
    Er fand die Witwe freilich nicht wohl; aber so krank denn doch nicht, als
die gute Freundinn, und dann weiter die Frau Doctorinn, es gemacht hatten. Sie
gestand, nach einigem Kampf mit sich selbst, dass der Hauptgrund ihres
Übelbefindens in einer Unruhe des Herzens liege. Der Doctor horchte mit beiden
Ohren: denn er glaubte schon den ausserordentlichen Fall vor sich zu haben, dass
ein Frauenzimmer die Schwachheiten seines eigenen Herzens verplaudre; aber als
das Geheimnis an den Tag kam, war es weiter nichts, als ihr Verhältnis mit dem
gedachten Gläubiger. Der Doctor war Hausarzt dieses Mannes, und hatte ihm und
seiner Familie grosse Dienste geleistet: die Witwe gründete hierauf die
Hoffnung, dass ein von ihm eingelegtes gutes Wort ihr Nachsicht auf einige
Wochen bewirken könnte; und sie beschwur ihn um dieses Wort, als um eine
Freundschaft, die ihre Genesung mehr, als alle Arzeneimittel, befördern würde.
Ihre Lage, sagte sie, sei die dringendste von der Welt, aber nichts weniger als
verzweifelt: sie sei im Stande, wenn man ihr Zeit lasse, alle ihre Schulden bis
auf den letzten Heller zu tilgen; und sie berufe sich deswegen auf das Zeugnis
seines Schwagers, des Herrn Stark - wenn er anders noch hier sei. -
    Das Eigne in der Modulation der Stimme, womit sie diese letzten Worte
aussprach, zusammengenommen mit einem kleinen übelverhehlten Seufzer, und mit
dem Niedersinken ihres bis dahin aufgehobenen Blicks in den Busen, schien dem
Doctor eine Indication zu geben, die er sich nicht dürfe entschlüpfen lassen.
    Ich bin zu Ihrem Befehl, sagte er, liebe Freundinn; aber ich bitte Sie zu
erwägen; dass die Summe die Sie mir angeben, von keinem Belang, und dass der
Mann mit dem wir zu tun haben, von rauher, unfreundlicher Art ist. So wenig ich
zweifle, meinen Antrag bei ihm durchzusetzen; so könnte er doch leicht sich
herausnehmen, bei dieser Gelegenheit Dinge zu sagen, die mir wehe tun würden. -
Warum denn auch einen rauhen, beschwerlichen Umweg zum Ziele gehen, wenn ein
gerader, gebahnter Weg offen da liegt?
    Welcher? seufzte die Witwe.
    Sie nannten vorhin einen Freund, dem jede Gelegenheit, Ihnen gefällig zu
werden, das grösste Vergnügen erweckt. Ich bürge Ihnen für seine Gesinnungen
gegen Sie.
    Dieser Freund - -
    Gönnen Sie ihm doch das Glück, Madam, Ihnen dienen zu können!
    Das Glück? - Aber wenn's denn ein Glück ist; so gestehn Sie: er hat es nur
zu reichlich genossen. - Ich erliege unter der Last meiner Verbindlichkeiten.
Ich kann sie ewig nicht tilgen. - Und will er jetzt nicht fort, dieser Freund?
Will er uns nicht verlassen? Wird er des Geldes genug nur zu eigener Einrichtung
haben? - Ihre Stimme schwankte, und sie schien in ausserordentlicher Bewegung.
    Es mangelt ihm nicht, Madam; ganz gewiss nicht! - Geben Sie ihm die Freude
mit auf den Weg, Ihre Wohlfahrt gesichert zu haben! Lassen Sie mich hin, ihm es
vorzutragen! Es ist in wenig Augenblicken geschehen. - Er stand auf, und machte
Miene sich zu entfernen.
    Nein! Nein! - war Alles, was die Witwe hervorbringen konnte. Sie hatte die
Hand des Doctors, um ihn zurückzuhalten, mit einer ihr ungewöhnlichen Hitze
ergriffen. Er fühlte das Brennen und Zittern der ihrigen, und bat sie, ihrer
schwachen Gesundheit zu schonen. - Ich rede dann, weil Sie's so wollen, mit
Ihrem Gläubiger, und ich halte die Sache mit ihm für so gut als berichtigt.
Werden Sie ruhiger, liebe Freundinn! - -
    Der Doctor hatte an diesem Wenigen schon genug, um bei seiner Zuhausekunft
seiner Frau zu sagen, dass sie wohl schwerlich geirrt haben möchte. - Aber,
setzte er hinzu, wie in aller Welt soll das werden? Wo soll das hinaus?
    Du fragst? - Wenn sie wirklich so liebenswürdig und sanft und gut ist, wie
du sie mir immer gerühmt hast - -
    Das ist sie wahrlich! wahrlich!
    Nun so lässt man den dritten Mann kommen, den Priester. Der weiss Mittel für
solche Übel.
    Mir wär's recht; in der Tat! Ich nennte die gute Frau mit Vergnügen
Schwester. - Aber ich gestehe dir: dass ich zittre, wenn ich an deinen Vater
denke.
    O, der wunderliche, alte - liebe, böse Mann der, der Vater! - Ich bin so
erbittert auf ihn; ich mögt' ihn gleich - - ja, was mögt' ich, ich Närrinn? - -
Aber je lieber ich ihn habe, desto abscheulicher war's, mich so herumzuführen,
so zum Besten zu haben. - Ich vergess' ihm das nicht; nimmermehr! Ich spiel' ihm
irgend einen Gegenstreich, und einen recht argen. - Wart! Eben mit der Lyk muss
ich ihm einen spielen. - Wie? Soll denn darum, weil er sich gegen die arme Frau
eine wunderliche Grille in den Kopf gesetzt hat - -
    Und eine falsche. Denn nicht sie hatte Hang zur Verschwendung, sondern der
Mann.
    Nun ja! - Und soll denn darum die arme Frau ein so schönes Glück nicht
machen, das sich ihr anbeut? Soll darum der Bruder eine Leidenschaft aufgeben
müssen, die den schönsten, edelsten Grund von der Welt hat? - Da sitzt er nun in
seinem Käfig, der arme Narre! und hängt das Köpfchen. - - Hahahaha! Es ist doch
ein närrisches Ding um's Verliebtsein. - Aber Geduld nur! Geduld! Er soll mir
heraus, und soll mir ins Ehebette zur Lyk, oder ich will nicht das Leben haben.
    Du unternimmst da viel, sagte der Doctor. Wie willst du deinen Vater
gewinnen? - Was Zureden bei ihm vermag, hast du erfahren; und dass du mit List
ihn fangen solltest? - ich fürchte, er geht dir in keine Falle.
    Gesteh nur: es ist doch ein kluger, ein ausserordentlich kluger Mann, mein
Vater.
    Der klügste, den ich in meinem Leben gekannt habe.
    Sieh in mir seine Tochter! - - Sie setzte ihren Zeigefinger auf die Brust,
und streckte ihre kleine Figur in die Höhe.
    Ah! - sagte der Doctor, der sich verbeugte, und über ihr komisches Patos
von Herzen lachte: alle Verehrung, Madam! Aber darf man denn dieses oder jenes
von Ihrem Plane voraus wissen?
    Sobald er da sein wird: ja! - Weisst du indessen, was vor allen Dingen zu
tun ist, und was von Niemanden so gut getan werden kann, als von dir? - Bring
dem Vater bessere Begriffe bei von dem Bruder! Erzähl' ihm sein Betragen gegen
den seligen Lyk! Ich bin versichert, das wird ihm gefallen, recht sehr gefallen.
- Auch das erzähl' ihm, wie edelmütig er sein Versprechen erfüllt, und wie treu
er, ganze Monate lang, für die Witwe gearbeitet hat. Solche Züge, weiss ich,
freuen den alten Mann in die Seele, und ein wildfremder Mensch, von dem er so
etwas hört, wird auf der Stelle sein Blutsfreund. - Gewiss, er hätte das schon
früher erfahren sollen.
    Und würd' auch, so wie Ihr alle, wenn ich nicht dem Bruder hätte mein Wort
geben müssen, zu schweigen. - Jetzt, sobald ich Gelegenheit dazu finde - -
    Willst du tun, was dein braves Weib dir aufgibt. Nicht wahr?
    Schuldigermassen.
    Schön! - Und ich will Bekanntschaft mit unsrer Witwe machen; ehester Tage!
Ich hab' es mit der Freundinn von ihr schon eingeleitet. Ich bin ganz neugierig
auf sie. - Da sind auch die beiden Kleinen von ihr, die hier täglich vorbei in
die Schule müssen: ein paar Engel von Kindern! Morgen ruf' ich sie mir herein,
und da will ich sie herzen und lieb haben, als ob's meine eigenen wären.
 
                                      XVI.
Die Gelegenheit, sein gegebenes Wort zu erfüllen, fand sich für den Doctor gar
bald. - Willkommen! Willkommen! sagte der Alte, als jener das nächste mal zu ihm
hineintrat: wie stehts? - Und vor Allem, Herr Sohn: wie stehts mit unserm
kritischen Kranken? Ich sehe ja die Mutter noch keine Anstalten machen.
    Anstalten, lieber Vater? Wozu?
    Zu dem Abschiedsschmause, den ich bestellt habe. Hat er denn immer noch
Fieber? - Ein ihn: eigenes flüchtiges Muskelnspiel um die Gegend der Lippen
schien anzudeuten, dass er die Krankheit des Sohns eben nicht für die
ernstafteste halte.
    Es steht, wie es steht: sagte der Doctor, der diese Gelegenheit, für den
Schwager zu reden, um so lieber ergriff, da der Alte nur eben seinen schwersten
Posttag abgefertiget hatte, und jetzt, seiner Gewohnheit nach, im Sessel der
Ruhe pflegte. In solchen Augenblicken, wusste er, war das Herz des Alten für
Eindrücke des Angenehmen und Guten immer am meisten offen: denn die Gegenwart,
die allein ihm zuweilen zur Last fiel, hatte er dann bei Seite geschafft; und in
die Vergangenheit pflegte er immer mit grosser Gemütsruhe zurück, so wie in die
Zukunft mit froher Hoffnung vorwärts, zu blicken.
    Sie reden ja ganz bedenklich, erwiederte er dem Doctor. Es wird doch nichts
Schleichendes werden? - Da mögt' es mit der vorhabenden Reise noch langen
Anstand haben. - Er lächelte wieder.
    Bis jetzt ist es Flussfieber, sonst nichts. - Dass sich etwas Schlimmers
dahinter versteckt halten sollte, will ich nicht hoffen. Indessen hat man der
Fälle.
    Aber es lässt sich doch vorbauen? Nicht?
    Allerdings. - Auch wüsst' ich nicht leicht, für welchen Kranken, wenn es zum
Ernst kommen sollte, ich treuer und herzlicher sorgen würde, als für den Bruder.
Ich lieb' ihn gar sehr; denn so wenig ich seine kleinen Schwachheiten an ihm
verkenne, so weiss ich doch, dass er zu unsern rechtschaffensten, selbst zu
unsern edelsten jungen Bürgern gehört.
    Das klingt gar schön; in der Tat! Und am schönsten wohl in dem Ohre eines
Vaters.
    Sie haben mich fast abgeschreckt, über den Bruder mit Ihnen zu reden. - Wie
das? - Wenn Sie mir solche Dinge von ihm zu sagen, und noch mehr, wenn Sie mir
Beweise davon zu erzählen haben; so reden Sie bis in die sinkende Nacht! Ich
will hören! - Leider! würden solche Dinge für mich nur zu sehr den Reiz der
Neuheit haben.
    Und woher wollten Sie auch, dass sie Ihnen bekannt sein sollten? - Ihr Sohn
ist mit dem Guten, das er getan hat, nie laut geworden.
    Das klingt ja immer noch schöner. - Er beugte sich gegen den Doctor vor, und
setzte mit einem kleinen ungläubigen Kopfschütteln hinzu: Sie haben mich ganz
neugierig gemacht. Was für Wunderdinge werd' ich denn hören?
    Der Doctor hatte keine Not, unter den Beweisen von dem Edelmute seines
Schwagers zu wählen; er hatte nur Einen, aber auch desto wichtigern, in seinem
Gedächtnis. - Sie erinnern Sich doch, fing er an, des unglücklichen
Verhältnisses, worin Ihr Sohn mit dem seligen Lyk stand? Sie wissen doch, zu
welchen boshaften, verläumderischen Briefen nach A ... sich dieser leichtsinnige
Mann durch kaufmännischen Eigennutz hatte verleiten lassen?
    Ich weiss das freilich, Herr Sohn. Aber ich bitte: wenn's zu Ihrem Zwecke
nicht unumgänglich nötig ist, so lassen Sie's ruhen! - Als der Mann sich
hinlegte und starb, ging mir das nahe, und da gab ich ihm die Erinnerung daran
in sein Grab.
    Edel! - Und wahrlich! will dort' ich sie nicht wieder hervorziehn. - Nur
gestehen Sie: dass es noch edler, als blosses Vergessen ist, wenn man so bittre
Beleidigungen, die für den Menschen nicht minder kränkend, als für den Kaufmann
waren, mit den wichtigsten, langwierigsten, mühsamsten Diensten erwiedert.
    Und wer tat das? fragte der Alte begierig.
    Ihr Sohn. - Meine wenige Hoffnung, den seligen Lyk zu retten, da sein Fieber
so heftig und sein Körper so sehr entnervt war, ward mir noch vollends durch
eine ganz sichtbare Unruhe seines Gemüts vereitelt. Ich suchte ihr auf den
Grund zu kommen; und es fand sich, dass er die schmerzlichste Sehnsucht fühlte,
sein dem Bruder erwiesenes Unrecht wieder gut zu machen, und dass er nicht ruhig
glaubte sterben zu können, wenn er nicht durch die aufrichtigste und
wehmütigste Bitte um Vergebung sein Gewissen erleichtert hätte. Ich erbot mich
zum Mittelsmanne, und ich ward mit Freuden dazu angenommen. Wenn der Bruder
nicht gleich auf mein erstes Wort bereit war, den unglücklichen Mann zu
besuchen; so lag das nicht, wie ich Anfangs glaubte, an einem Rest von Rachgier
oder an einer natürlichen Herzenshärte, sondern bloss an seinem allgemeinen
Abscheu vor allen Krankenzimmern, und an der Furcht vor dem zu heftigen
Eindrucke, den ein Sterbender auf ihn machen könnte. Als er sich endlich
entschloss mir zu folgen, und nun den Unglücklichen ansichtig ward, der ihm
unter lautem Schluchzen die zitternden Arme entgegenstreckte; da war auf einmal
jener Abscheu und jene Furcht aus seinem Herzen so rein verschwunden, dass er
mit der lebhaftesten Begierde auf den Kranken zustürzte, und ihn mit Inbrunst
umarmte. Das Menschliche, Edle, Grossmütige seines Benehmens rührte jeden
Gegenwärtigen, und auch mich, der ich wahrlich! nicht der Weichmütigste bin,
bis zu Tränen. Wie viel Mühe gab er sich, den armen Leidenden zu beruhigen, und
ihn von einem Bekenntnis zurückzuhalten, das für ihn so beschämend und kränkend
sein musste! Aus wie vollem Herzen strömte ihm das Wort der Versöhnung, als ihm
seine innre Erschütterung es endlich auszusprechen erlaubte! »Fordern Sie, sagte
er, fordern Sie einen Beweis von der Aufrichtigkeit meiner Gesinnungen; und wenn
er irgend in meinen Kräften steht, so beteur' ich Ihnen vor Gott: ich will ihn
mit Freuden geben. Kann ich Ihnen, kann ich den Ihrigen dienen? Kann ich's in
diesem Augenblicke? kann ich's in der Zukunft? Womit? Womit? - Ich erwarte nur
Ihr Wort, bester Lyk; und was es auch immer sein mag - -«
    Der Alte sass in seinem Sessel, vor lauter Zuhören, so stille, dass er kein
Glied bewegte. Nur war er sich gleich Anfangs mit der Hand nach dem Stutz
gefahren, um ihn von dem guten Ohre ein wenig zurückzustossen, und jetzt auf
einmal fuhr er sich mit den Fingern an seine Augenwimper.
    Der Sterbende, fuhr der Doctor fort, nutzte die Erklärung des Bruders zu
einer Bitte, deren Wichtigkeit ich erst hinterher aus der ungeheuren Arbeit
kennen lernte, die ihre Erfüllung kostete. Er gestand, dass seine
Handlungsgeschäfte in Verwirrung, seine Bücher in nicht geringer Unordnung
wären.
    Das will ich glauben, sagte der Alte.
    Er bejammerte das Schicksal seiner Frau und seiner unmündigen Kleinen, wenn
ihn Gott von der Welt rufen sollte.
    Und das mit Recht! Ich denke, er war nicht weit mehr vom Bruche.
    Der auch wohl sicher erfolgt wäre, wenn die unermüdbare Geschäftigkeit Ihres
Sohnes nicht getan hätte.
    Wie? -
    Das Geständnis des Sterbenden war kaum abgelegt, als Ihr Sohn ihm sein
heiliges Wort gab: dass er auf den Fall Seines Todes nicht ruhen wolle, als bis
er Alles, so gut er es immer möglich finde, in Ordnung gebracht habe.
    Und er hielt's? rief hier der Alte hitzig.
    Mit der pünctlichsten Treue. Ganze Monate lang brachte er, Abend vor Abend,
in jenem Hause der Trauer unter den verdriesslichsten Geschäften zu, verglich
Bücher, zog Rechnungen aus, schrieb oder beantwortete Briefe; indessen Sie, mein
lieber Vater, ihn auf Bällen, oder in Concertsäälen, oder an Spieltischen
glaubten. -
    Es wäre besser gewesen, wenn der Doctor diesen unnötigen Zusatz unterdrückt
hätte; denn ohne dem Schwager damit zu nützen, tat er sich selbst damit
Schaden. Er brachte sich um ein Fässchen Weins, oder um irgend ein andres
Geschenk, das er sonst für seine angenehme Erzählung gewiss erhalten hätte.
    Ich habe denn eben keinen Wahrsagergeist, sagte der Alte empfindlich, - Die
Torheiten meines Sohns, die mich verdriessen mussten, durft' ich erfahren; aber
sein Gutes, das mir hätte können Freude machen - -
    Der Doctor entschuldigte sich, wegen seines Geheimhaltens, mit dem
abgenötigten Versprechen zu schweigen: einem Versprechen, das er vielleicht zu
gewissenhaft bis auf den Vater ausgedehnt habe. Die kleine Falschheit, die in
dieser Erklärung lag, da vorzüglich um des Vaters willen jenes Versprechen war
gefordert worden, glaubte er sich vergeben zu können. - Bald darauf erinnerte er
sich einiger Kranken, denen er noch Besuche zu geben hatte, und empfahl sich dem
Alten. -
    Er war schon mehrere Minuten hinaus, als Herr Stark noch in seinem Sessel,
von dem er beide Arme bequem herabhangen liess, mit feuchtem Blick vor sich
hinschmunzelte, und in Gedanken das unbegreifliche Bild seines geputzten und
gepuderten Sohnes anstaunte, wie er vor dem Krankenbett eines Feindes
edelmütige Tränen vergoss, und ganze Monate lang alles Vergnügen aufgab, um in
das Chaos vernachlässigter Handlungsbücher Licht und Ordnung zu bringen. - Er
ward durch den Besuch von ein paar Fremden gestört, die für die abgebrannte
Kirche zu L ... und die mit abgebrannten Pfarr- und Schulgebäude milde Beiträge
sammelten. Er nahm sie mit vieler Leutseligkeit auf, und statt der dreissig oder
funfzig Reichstaler, die er sonst vielleicht geschrieben hätte, schrieb er
jetzt volle hundert. - Der erste Buchhalter, Monsieur Burg, trat herein, und
suchte mit verlegner Miene einen Brief vorzubereiten, worin ein Verlust von
mehrern Tausenden als höchstwahrscheinlich vorausgesagt ward. - So etwas fällt
in einer Handlung schon vor, sagte der Alte, und gab ihm den Brief, nach nur
flüchtiger Durchsicht, mit einer Freundlichkeit wieder, als ob er die
angenehmste Nachricht von der Welt entielte.
    Den ganzen Abend hindurch war er über die Entdeckung, die er so unvermutet
gemacht hatte, ungewöhnlich heiter und froh; es war ihm, als ob ihm erst jetzt,
in seinem hohen Alter, ein Sohn wäre geboren worden. Als er in seine
Schlafkammer ging, gab er vorher der Alten, die solcher ehelichen Zärtlichkeiten
schon seit lieben langen Jahren entwöhnt, und daher nicht wenig, aber auch nicht
unangenehm, erstaunt war, einen recht herzlichen Kuss. Das Einzige, was ihn noch
innerlich ärgerte, war der Umstand: dass an einer Waare, die doch tiefer hinein
ein so gutes und feines Gespinnst zeigte, gerade das Schauende so schlecht sein
musste.
 
                                     XVII.
Unter so angenehmen Vorstellungen der Alte eingeschlummert war, unter so
unangenehmen wachte er auf. Da er sein Herz von der Erzählung des Doctors voll
hatte; so versetzte ihn ein Traum in das Lykische Haus, wo er das Vergnügen
genoss, seinen Sohn, mit Schweiss und Staub bedeckt, unter einem Haufen ganz
verschiedenartiger, höchst undeutlich durcheinander geworfener Waaren zu sehn,
die er mit grossem Fleiss auseinander suchte. Er wollte so eben zugreifen, um
ihm zu helfen, als in seiner Einbildung die mit dem Namen Lyk verbundenen Bilder
lebendig wurden, und ihn aufs bitterste den Entschluss bereuen liessen, in ein
Haus voll so toller Verschwendung und so ärgerlicher Ausschweifung getreten zu
sein. Indessen hielt er den Anblick der prächtigen Zimmer, die in seinen
Gedanken sich eher für einen Fürsten als einen Kaufmann schickten, der mit
grösstem Überflusse besetzten Tafeln, der umherschwärmenden Bedienten, ja sogar
der wilden, lärmenden Trinker, die Champagner wie Wasser hinuntergossen, eine
Zeitlang aus; aber als endlich sein Sohn mit der Hausfrau süsse Blicke zu
wechseln anfing, und beide auf einmal in bebänderten Domino's, mit Masken in den
Händen und roten Absätzen unter den Schuhen, vor ihm standen: so stürzte er,
voll des äussersten Widerwillens, zur Türe, und dankte dem Himmel, auf die
grosse Hausflur hinauszukommen, die ihm aus frühern Jahren, von den Zeiten des
alten Lyk her, so wohl bekannt war. Er hob hier sorgfältig beide Rockschösse
auf, und drückte sie dicht an den Leib, um unbeschmutzt durch die Packen und
Ballen und Kisten und Fässer zu kommen, zwischen denen ehemal nur ein ganz
schmaler Weg hindurchging; aber plötzlich ward er zu seinem Erstaunen inne, dass
seine Vorsicht unnütz, und dass die ganze Flur von Waaren so ausgeleert war, wie
eine Schatzkammer nach einem Kriege von Gelde. Alle Wände umher hingen voll
angezündeter Lampen, und nicht lange, so ertönte aus dem Hintergrunde des Saals
- denn das war die Flur nun geworden - eine lustige Tanzmusik: Paar an Paar
hüpften, wie unsinnig, gegen-und durcheinander; und als er sich leise
niederdrückte, um wo möglich hinter ihnen weg und zum Hause hinauszuschleichen:
tanzte ihm unversehens eine der muntersten und galantesten Frauen der Stadt, von
gar nicht gutem Rufe entgegen, riss ihn, wie sehr er sich sträubte, in die Reihe
hinein, und wirbelte dann, in Verbindung mit der ganzen Gesellschaft, den guten
Alten, der nie als in seiner Jugend ein Tänzchen, und auch da nur ein
Ehrentänzchen, gemacht hatte, so unbarmherzig auf und nieder, dass er bei seinem
endlichen Stillstehen kaum wieder Atem gewinnen konnte. Er fand sich hier einem
Spiegel gegenüber, der ihm seine ganze gegen die übrige Gesellschaft so
abstechende Gestalt, zugleich mit seinen grauen Wimpern und den ehrwürdigen
Runzeln seines Alters zeigte; ein Anblick, worüber er augenblicklich wach ward,
und sich völlig so atemlos und so eingefeuchtet fand, als ob die geträumte
heftige Leibesbewegung wirklich Statt gehabt hätte.
    Gottlob! rief er, indem er die Augen weit auftat, und sich des einsamen
Schimmers seiner Nachtlampe von Herzen freute: es war nichts, als ein Traum.
Hätt' ichs doch kaum geglaubt, dass man im Traume ein so schweres und
angreifendes Stück Arbeit machen könnte! - Die tollen, rasenden Menschen! - Und
nun fing er an, weil die Wallung in seinem Blute noch fortwährte, und die
verhassten Bilder noch ihre volle Lebhaftigkeit hatten, sich recht ernstlich
über den Unsinn zu ärgern, womit so Mancher für die läppischen, armseligen
Vergnügungen, denen er nur eben beigewohnt hatte, Vermögen und Gesundheit und
ehrlichen Namen auf's Spiel setze. Er dachte sich mit dem äussersten Abscheu die
Möglichkeit, dass auch sein so sauer erworbenes Gut, eben wie das Lykische, in
wenig Jahren verprasst, und der Name Stark, den er bisher in Ehre und Ansehen
erhalten, mit Schimpf und Schande belegt werden könnte. Hier fielen ihm die
süssen, zärtlichen Blicke auf's Herz, die er seinen Sohn mit Madam Lyk hatte
wechseln sehen. Es fuhr ihm kalt über den Rücken. Doch tröstete ihn wieder die
Betrachtung: dass die Liebe zum Gelde in dem Herzen seines Sohns keine
schwächere Leidenschaft, als die Eitelkeit, sei, und dass es ihm jene gewiss
nicht erlauben werde, sich mit einer Frau von so mittelmässigen Umständen - denn
was konnte eine so weit getriebne Unordnung und Verschwendung zurückgelassen
haben? - und noch obendrein mit einer Mutter von Kindern, zu belasten. So weit,
sagte er, kann sein Geschmack an Galanterie ihn doch unmöglich verleiten. Zwar,
wandt' er sich wieder ein, hat er ja meine Erwartung schon in Einem Stücke
getäuscht; und so könnt' er es leicht auch in diesem. - Doch ich träume noch,
glaub' ich; die Fälle sind einander zu ungleich. Das Opfer, das er bei so einer
Heirat brächte, wäre zu gross; auch hat er hier volle Zeit zur Besinnung - denn
in eine Liebe verstrickt zu werden, die ihn aller Besinnung beraubte, sieht ihm
nicht ähnlich -; und welche Wahl er treffen kann, wenn ihm nur die Besinnung
frei bleibt, ist keine Frage. Am Krankenbett des seligen Lyk sah er sich
überrascht; er ist nur ein eitler und schwacher, kein verderbter, kein boshafter
Mensch: es war natürlich, dass der erschütternde, ihm so neue Anblick eines
Sterbenden, und die dringende Aufforderung die so sehr zu rechter Zeit an sein
Herz erging, ihn zu einem Versprechen hinrissen, das er bei kalter Überlegung
wohl schwerlich getan hätte, das aber, einmal getan, nicht unerfüllt bleiben
durfte, wenn er nicht geradezu als ein Mann von schlechter Gesinnung erscheinen
wollte. - Und warum sollt' er denn nicht auch freudig getan haben, was einmal
getan werden musste? Warum sollt' er nicht, während er's tat, in dem
Bewusstsein seiner Rechtschaffenheit, und in der Achtung die er gegen sich
selbst empfinden musste, sich so wohl gefallen haben, dass er immer freudiger
fortfuhr? Ich danke dem Himmel, wenn er bei dieser Gelegenheit in den Geschmack
des Guten gekommen. Vielleicht, dass ihn das edlere Vergnügen wohl noch ganz von
den armseligen Eitelkeiten abzieht, zu denen er bisher einen so unglücklichen
Hang hatte; und dann vollends - leben Sie wohl, Madam Lyk, mit aller Ihrer
Feinheit, und Ihrem Weltton, und mit dem ganzen Gefolge von Liebenswürdigkeiten,
das hinter Ihnen drein treten mag! Für meinen Sohn sind Sie nicht. -
    Wenn diese Gedankenfolge des Herrn Stark, so richtig und bündig sie schien,
dennoch nur wenig zutraf; so lag das an den beiden so gewöhnlichen Fehlern: dass
er einen Charakter, der sich bis jetzt nur von gewissen Seiten entwickelt hatte,
und von andern sich selbst, noch ein halbes Rätsel war, als schon völlig
bekannt und ergründet voraussetzte; und dass er in die Vorstellung der
Verhältnisse, worin er diesen Charakter handeln liess, einige bedeutende
Irrtümer brachte, deren Entstehungsart wir vielleicht künftig erfahren werden.
Genug, dass für den Augenblick Herr Stark sich beruhigt fühlte, und wieder
einschlief; doch hatten wirklich die aufgestiegenen Dünste seinen Horizont ein
wenig getrübt, und Sonnenaufgang war daher nicht ganz so heiter, als man bei
Sonnenuntergang hätte erwarten sollen.
 
                                     XVIII.
Frau Doctorinn Herbst hatte den Besuch, den sie der Witwe zugedacht hatte, jetzt
wirklich abgelegt; und kam mit Gesinnungen von ihr zurück, die sich aus denen
womit sie hinging, erraten lassen. - Die Frau war gerade nicht schön, aber
reizend: es gab wohl andere Frauen, die, wenn auch nicht jetzt, wenigstens
ehemal, bei der Vergleichung mit ihr gewonnen hätten, und die trotz aller
Verwüstungen, welche ein zu häufiger Ehesegen anzurichten pflegt, sich noch
immer zum Verwundern erhielten. Allein das Sanfte und Einnehmende in der Miene
und dem Betragen der Lyk, ihre vortreffliche Kinderzucht, ihre Achtung gegen das
Andenken eines Mannes, der durch seine sinnlose Verschwendung sie unglücklich
gemacht, der sie aber gleichwohl geliebt hatte, ihre innige Dankbarkeit gegen
den bewussten Freund, von dem sie nicht ohne Tränen im Auge reden konnte: alles
das war von höherm Werte als Schönheit; und die Doctorinn fühlte sich in solche
Begeisterung dadurch gesetzt, dass sie ihrem Manne wiederholt erklärte: sie
würde ihr Haupt nicht eher sanft legen, als bis sie die Verbindung zwischen
ihrem Bruder und der Witwe zu Stande gebracht hätte. - Es ist kein Weib auf
Erden, sagte sie, womit der Bruder glücklicher leben könnte; sie besitzt in
ihrem natürlichguten Verstande, in ihren durch Erfahrung bestätigten
Grundsätzen, in ihrem zur Ruhe und zur Häuslichkeit so ganz sich hinneigenden
Charakter, gerade das was dem Bruder not tut, und was der Vater selbst an der
Gattinn seines Sohnes nicht besser wünschen könnte.
    Der Doctor nickte hie und da mit dem Kopfe, und murmelte Ja; ging aber
nachdenkend und verdriesslich umher. - Was ist dir? fragte die Doctorinn
endlich.
    Ich komme von dem Gläubiger unserer Witwe, dem Horn. Du weisst, er hat für
gegenwärtigen Augenblick ihr Wohl und ihr Wehe in Händen.
    Nun? - O der nichtswürdige Mensch!
    Kennst du ihn denn?
    Aus seinem Gesichte nicht, aber aus deinem. - Was gilt's, er will ihr nicht
länger nachsehen, will sie zu Grunde richten?
    Das nun nicht; dazu ist er zu gottesfürchtig. Er will nur sein Geld.
    Und aus ihr mag werden, was will! Nicht wahr?
    Kümmert das einen Kaufmann?
    Die Doctorinn bat in hohem Tone um Ausnahme für ihren Vater, die der Doctor
mit Freuden machte; und nun fuhr sie ganz unbarmherzig über den Gläubiger her.
Ohne dass sie diesen Horn je gesehen hatte, ward er vor ihrer Phantasie eins der
hässlichsten, zurückschreckendsten Gesichter der ganzen Stadt. - Ich möchte,
sagte sie, wundershalber den Elenden doch kennen lernen, der ein so braves,
liebenswürdiges Weib, eine Mutter von zwei unmündigen Waisen, so schändlich
verfolgen kann. - Aber nein! nein! Mich schaudert, wenn ich mir das Ungeheuer
nur denke.
    Kind! Es ist ein ganz gemeines, plattes Menschengesicht, aus dem in der Welt
nichts hervorleuchtet, weder Gutes noch Böses. Ein Gesicht, wie es unter den
leeren Geldseelen so viele haben, und wie man sie an Börsentagen zu Dutzenden
kann herumlaufen sehen.
    Aber, fuhr sie fort, dachte denn der Mensch mit keiner Silbe an die
Verbindlichkeiten, die er gegen dich hat? an die Krankheiten seines Weibes und
seiner Kinder, wo du Tag und Nacht, mit Gefahr deiner eignen Gesundheit - -
    Ach schweig doch! Das ist ja Alles bezahlt.
    Bezahlt? - Lässt sich so was bezahlen?
    Und vielleicht, wenn er in seinem Buche mein Folium ausschlägt, bin ich bei
ihm noch tief, tief in der Schuld. Denn: hat er mich nicht zu Tische gebeten?
Hab' ich nicht, in Gesellschaft von Ratsherrn und Matadoren, Fasanen bei ihm
gegessen? Tokaier bei ihm getrunken?
    Der Elende! - Ehre mir Gott meinen Vater!
    Stille! Wer wird in solcher Gesellschaft ihn nennen? - - Aber, mein Kind -
damit wir das Wichstigste nicht vergessen - -
    Ja wohl! Wie wir die arme Witwe aus seinen Klauen reissen -
    Die nicht mehr; aber mich. - Meine Guterzigkeit hat mir einen sehr üblen
Streich gespielt, und ich kann darüber leicht in's Gefängnis wandern.
    Um's Himmels willen! du hast dich an dem Menschen doch nicht vergriffen?
    Pfuy! Dazu acht' ich meine Hände zu hoch. - Ich habe nur aus Verdruss, weil
nichts mit ihm auszurichten war, Feder und Dinte gefordert, habe mir den Betrag
der Schuld auf Mark und Schilling angeben lassen, und habe ein Wechselchen
ausgestellt - auf mich selbst: von etwas über dreitausend Mark; in acht Tagen
zahlbar.
    Bravo! sagte die Doctorinn, und flog ihrem Mann an den Hals. - Aber ist es
möglich, dass der fühllose Mensch den Wechsel annahm? von dir!
    Warum nicht? Ich habe das schöne Haus hier, und habe Dich. Ein drei-,
viertausend Mark, und wenn auch noch etwas mehr, bin ich ihm wert; unbesehens!
    Hast du denn aber Geld zu bezahlen?
    Da steckt der Knoten. - Keine dreihundert Mark.
    Mann! Mann! So lieferst du ja dem Unholde dich selbst in die Hände.
    Freilich! - Denn was ich seit einiger Zeit gesammelt hatte, ist vorige
Woche, wie du weisst, zu Capital gemacht und ausgetan worden. Neue Einnahme,
wenigstens beträchtliche, seh' ich fürs erste nicht ab; und geschrieben ist nun
einmal der Wechsel, und will bezahlt sein. - Indessen - weisst du, worauf ich
mein volles Vertrauen setze?
    Nun? Auf einen Rest von Scham bei dem Horn?
    Nicht doch! - Auf die kluge Tochter des klugen Herrn Stark, die ich
glücklicher Weise zur Frau habe. - Die, mit ihrem Kopfe, hilft mir sicherlich
durch. -
    Eigentlich hatte der Doctor einen Anschlag auf den vollen runden Beutel
gemacht, den der Vater, beim Besuche des Sohns, unter den Spiegel gestellt
hatte, und der seines Wissens noch unangerührt dastand. Allein die Doctorinn,
die nach abgestattetem Danke für das so gütige als gerechte Vertrauen, welches
man in ihren Verstand setzte, ein wenig nachgesonnen hatte, schlug auf einmal in
die Hände, und rief: Ich hab's!
    Das Geld? fragte der Doctor.
    Nein, aber die Art und Weise, wie wir's bekommen. Die Witwe selbst schafft
es an.
    Die Witwe? -
    Und das von unserm Alten. Von meinem Vater.
    Von deinem Vater? -
    Nun ja! ja! Was gibts denn da zu verwundern? - Einmal ist's doch
notwendig, wenn wir unser Ziel erreichen wollen, dass der Alte die Witwe kenne;
und eine bessere Gelegenheit dazu, als diese, wird sich nicht finden. - Kurz,
sie macht einen Besuch bei dem Vater, bittet den Vater, gefällt dem Vater,
bezahlt ihre Schulden, heiratet den Bruder.
    Himmel! rief der Doctor, und ich habe noch kein Kleid auf die Hochzeit. -
Die kömmt mir rasch über den Hals. Ich will nur gleich in den Laden.
    Haha! - Aber spotte nur? spotte! Die Sache ist so gut wie geschehen. Es ist
unmöglich, wenn der Vater die Witwe sieht, dass sie ihm nicht gefalle, und auf
dieses Gefallen bauen wir dann weiter fort, bringen ihn von allen seinen
Vorurteilen zurück, lassen ihn die Heirat nicht bloss genehmigen, sondern
selbst wünschen.
    Wenn er nun aber die Witwe nicht vorlässt; wie da?
    Leere Grille! -
    Oder wenn er wohl gar - was wir doch wirklich zu fürchten haben - sie
ungütig aufnimmt?
    Wenn Er -? Sie stand hier einen Augenblick stille, und sah auf den Boden. -
Mann! rief sie dann aus: Du bist mitunter doch allerliebst. Ich möchte dich
küssen für deinen Einfall.
    Für welchen?
    Dass er sie ungütig aufnehmen könnte. - O, wenn der Himmel das wollte!
    Versteh' Euch Weiber ein Andrer!
    Komm! Ich eröffne dir das Verständnis. - Nicht wahr? Wenn der Vater sie
ungütig aufnimmt: so begeht er, ganz gegen seine sonstige Art, einen Fehler, den
er durchaus, es koste auch was es wolle, wieder wird gut machen wollen; so setzt
er sich selbst aus der guten Laune heraus, in der es immer so schwer wird ihn zu
fassen und mit ihm fertig zu werden; so sind wir auf einmal, und gleichsam durch
einen Sprung, an dem Ziele, zu dem wir uns sonst - wer weiss wie langsam und
durch wie viel Schwierigkeiten? - hindurchwinden müssten.
    Alles gut! sagte der Doctor. Wenn nur nicht zu besorgen wäre - -
    Freilich! - Dass er den Fehler nicht macht.
    Ganz im Gegenteil! - Dass er ihn nicht für Fehler erkennt.
    Ach, wenn er ihn nur erst macht! Die Erkenntnis wollen dann wir ihm schon
verschaffen. -
    Aber, mein Kind - indem er bedenklich den Kopf schüttelte, und eine sehr
ernstafte Miene annahm - dem eignen Vater eine Falle zu legen - ich weiss nicht
- -
    Eine Falle! - Was nun das wieder ist! Eine Falle! - Ich sinne in der Welt
auf nichts Arges, nur auf Liebes und Gutes; und da kömmt der Mann und erhebt ein
Geschrei, als ob ich über Tücke und Hinterlist brütete. - Wer hat mir denn das
Basiliskenei in mein Nest geschoben, als eben Er? Wer hat den unglücklichen
Einfall gehabt, als ob der Vater sich übel benehmen könnte? Er wird sich sehr
gut benehmen, sehr gut. Das soll der Herr Doctor nur wissen! - Mit diesen Worten
ergriff sie ihre Enveloppe, und war schon längst auf der Strasse, als der Doctor
noch immer den Faden suchte, woran er seinen casuistischen Knäuel entwirren
könnte.
 
                                      XIX.
Die Verwunderung, womit Madam Lyk ihre neue Freundinn so schnell zurückkommen
sah, ging in Freude über, als sie den glücklichen Ausgang der Unterhandlung mit
Horn erfuhr; aber diese Freude wieder in Unruhe, als die Doctorinn fragte, ob
sie ausser diesem Horn, den sie nun freilich fürs erste los sei, nicht noch
andere Gläubiger habe?
    Ich hoffe, sagte die Witwe, keine so dringende und so ungestüme.
    Gesetzt aber, dass ihrer mehrere aufwachten; wie da? - Wär' es nicht für
Ihre Ruhe sehr wesentlich, meine Freundinn, lieber allen auf einmal den Mund zu
stopfen?
    Wenn mir das möglich wäre; wie gerne! - Aber ohne Zeit, die man mir lässt,
und ohne Zutrauen, das man mir schenkt - -
    Kennen Sie meinen Vater? fiel die Doctorinn ein.
    Der Person nach - kaum. Sehr von weitem.
    Aber dem Charakter nach? der Denkungsart nach?
    Da hab' ich die höchste Meinung von ihm. Ich schliesse auf den Vater von
seinen Kindern.
    Die geraten nicht Immer. Glauben Sie mir: die Kinder des alten Stark
könnten besser sein, wenn sie dem guten Vater ähnlicher wären.
    Sie sagen für meine Erkenntlichkeit allzuviel.
    Für mein Herz allzuwenig. - Und nun fing sie an, ein Gemälde zu entwerfen,
das zwar wirklich dem alten Herrn ziemlich ähnlich sah, das aber gleichwohl für
ein Bildnis, wofür es doch gelten sollte, zu wenig Eignes und Unterscheidendes
hatte. Eine zu gerührte kindliche Dankbarkeit, und eine zu lebhafte
Begeisterung, die immer idealisirt und verschönert, hatten die Farben gemischt
und den Pinsel geführt. Indessen war eben durch diesen Fehler das Gemälde um so
geschickter, der Witwe ein unbedingtes Vertrauen einzuflössen, und eine lebhafte
Begierde nach einer so vortrefflichen Bekanntschaft bei ihr zu wecken. Wäre
mitten unter den schönen Zügen des verständigen, menschenfreundlichen,
grossmütigen Mannes, auch die ernste Falte des Sittenrichters und das heimliche
Lächeln des Spötters, die doch so sehr zur Physiognomie des Herrn Stark
gehörten, sichtbar geworden: so würde freilich jenes Vertrauen sehr geschwächt,
und diese Begierde sehr gedämpft worden sein.
    Die Witwe bezeugte in den kräftigsten Ausdrücken ihre Bewunderung, ihre
Verehrung, und war nicht wenig neugierig, wohin das Alles gemeint sei.
    Kennen Sie - muss ich noch weiter fragen - das Blumische Haus?
    O sehr wohl. Ich bin Schuldnerinn auch von ihm.
    Und wie nimmt es sich? Gut? -
    Mehr als gut; äusserst edel. Es hat mir die grossmütigste Nachsicht von
vielen Monaten bewilligt.
    Blosse Pflicht, meine Freundinn! - Es hat sich, wie ich sehe, seiner eignen
Geschichte und der grossen Verbindlichkeiten erinnert, die es ehemal gegen den
guten seligen Lyk, Ihren Schwiegervater, hatte.
    Davon weiss ich nichts, sagte die Witwe.
    Mir schwebt es vor, wie im Traume. - Ich war noch ganz jung, als einst mein
Vater sehr spät von der Börse kam, und den ganzen Tag von nichts als von einem
gewissen Blum sprach - dem Grossvater des jetzigen - der seine Zahlungen
eingestellt hatte, und dessen Fall man für unvermeidlich ansah. - Mein Vater,
obgleich in keiner Handlungsverbindung mit ihm, nahm den lebhaftesten Anteil an
seinem Schicksal, und zeigte sich höchst erbittert gegen gewisse heimliche
Neider, die den ehrlichen schuldlosen Mann verfolgten, und seinen Fall zu
befördern suchten. Er fasste den Entschluss, ihn, wo möglich, zu retten; und der
alte Lyk, immer vertrauter Freund unsers Hauses, war von gleicher Gesinnung.
Mein Vater untersuchte hierauf die Bücher von Blum, fand seine Rettung, wenn er
gehörig unterstützt würde, sehr möglich, so wie ihn selbst an seinem Falle -
oder ich sollte sagen, an seiner Verlegenheit - völlig unschuldig.
    Die Witwe sah bei diesem letzten Zuge nieder, und seufzte.
    Und nun nahm er, in Verbindung mit Lyk, die ganze Schuldenlast auf sich,
bezahlte die Ungeduldigen baar, setzte den Andern Termine, und machte mit einem
Worte der Verlegenheit und der Verfolgung des Mannes ein Ende. - Was mir, als
Kind, diesen Auftritt tief ins Gedächtnis prägte, war mein Erstaunen, einen
alten ehrwürdigen Mann mit schlohweissen Haaren, der meines Vaters Vater hätte
sein können, so bitterlich weinen zu sehen. Der gute Mann war ganz aufgelöst in
Dankbarkeit und in Rührung. - Er betrat nachher unser Haus sehr oft, der alte,
freundliche Blum, und befestigte sein Andenken bei mir durch eine Menge kleiner
Spielsachen und Näschereien, die er mir immer zuzustecken pflegte. - - Nun,
meine Freundinn? Darf ich noch erst sagen, wo ich hinaus will? - Mein Vater ist
noch immer der Alte, sein Wille zu helfen der alte, sein Vermögen dazu - aber
nein! das ist nicht mehr das alte; das hat sich indes verdoppelt, vielleicht
verdreifacht: und also - was kann Sie hindern, ihm ohne Umstände den Antrag zu
tun, dass er an Ihnen, wie ehemal an Blum handeln, und alle Ihre Schulden
übernehmen wolle? - Ihre Kinder sind seines Freundes Enkel; überlegen Sie das!
    Die Witwe war über diesen Vorschlag nicht bloss erstaunt, sondern
erschrocken. Ihre Dankbarkeit trieb sie an, den Rat einer so wohlmeinenden, so
zärtlich um sie bekümmerten Freundinn nicht zu verachten; und doch zeigte ihre
natürliche Blödigkeit ihr die Befolgung dieses Rats als für sie untunlich, als
beinahe unmöglich.
    Kann ich - fing sie zu stottern an - kann ich den Mut haben, Frau Doctorinn
- ich eine Fremde - eine ihm völlig Unbekannte - -
    Sie dürfen Sich in der Tat nicht bedenken. Der Dienst, der Ihnen geleistet
wird, ist zwar dankenswert, aber nicht gross. Ihre Sachen, hör' ich, sind durch
meinen Bruder bereits in Ordnung; eine Durchsicht ihrer Bücher ist nicht mehr
nötig; Gefahr zu verlieren ist bei Ihnen keine: und also - - Ich lasse nicht
ab, liebe Freundinn. Ich bin ein eigensinniges Weib. Sie müssen mir Ihr Wort
darauf geben, dass Sie morgen am Tage zu meinem Vater gehen.
    Der Witwe stand der Schweiss vor der Stirne. Aber die Doctorinn, obgleich
nicht ohne Mitleiden mit ihr, hörte nicht auf, ihr zuzusetzen.
    Freilich, sagte sie, wär' es natürlicher, Sie an meinen Bruder, als an
meinen Vater zu weisen; denn jenen kennen Sie schon, und ohne Zweifel wissen Sie
Selbst, wie viele Hochachtung er gegen Sie hegt, mit welcher Herzlichkeit er
Ihnen ergeben ist; - -
    Eine feurige Röte, die sogleich wieder in Blässe überging, flog der Witwe
über die Wangen. Die Doctorinn wollte nicht das Ansehen haben, sie zu bemerken.
- Allein der seltsame Mensch - Gott mag wissen, aus welcher Grille? - will ja
von hier, will sich von seinem Vater trennen, und eine Handlung unter eigner
Firma errichten. - Ausser dass er den Einfluss und das Gewicht nicht hat, wie
mein Vater; so braucht er gegenwärtig sein bisschen Armut für sich: und so sehen
Sie wohl - -
    Ich sehe Alles, sagte die Witwe. Ich bin Ihnen für Ihre Teilnahme, für Ihre
so unverdiente, gränzenlose Güte unaussprechlich verbunden: allein, da doch
gegenwärtig noch keine Not ist; da Horn, wie Sie Selbst mich versichern, fürs
erste schweigt, und da die übrigen Gläubiger mich nicht drängen - -
    Die Doctorinn, ob sie gleich sehr ungern diesen Schritt tat, sah sich
genötigt, mit der vollen Wahrheit herauszugehen, und der Witwe zu sagen, dass,
wenn sie den Gang zu ihrem Vater verweigerte, ihr guter Mann wegen eines für sie
ausgestellten Wechsels ins Gedränge kommen, und nicht wissen würde, wie er den
ungestümen, harterzigen Horn befriedigen solle. - Dieses einzige, unerwartete
Wort war entscheidend; die Witwe versprach nun heilig, obgleich mit schwerem,
mutlosen Herzen, dass sie morgen im Tage dem alten Herrn Stark ihre
Ehrerbietung bezeugen wolle.
 
                                      XX.
Es war um Teezeit; und die Doctorinn, die sich den Mund ganz trocken
gesprochen, aber bei der Witwe den Tee verbeten hatte, kam auf den Einfall, ihn
bei der Mutter zu trinken. Sie fand hier zugleich den Vater, der dann und wann
bei der Alten ein Schälchen nahm; und zufälliger Weise auch Monsieur Burg, den
Madam Stark so eben wegen eines Gerüchtes ausfragte, das ihr zu Ohren gekommen
war. Es hiess: ein ziemlich bemittelter Oheim von Burg, den dieser zu beerben
gehofft hatte, sei noch in seinen alten Tagen schlüssig geworden, sich zu
verheiraten. - Ist das wahr? fragte die Alte.
    Leider wahr! sagte Monsieur Burg.
    Aber wie in aller Welt kömmt er auf den Gedanken? Ich hätt' ihn für
vernünftiger angesehen.
    Wie? sagte der Alte, den die Lust, sie ein wenig zu necken, ankam. Ist
Heiraten Unvernunft, Mutter?
    Behüte! Es wäre Lästerung, das zu sagen. Ehe ist ja eine Einsetzung von
Gott.
    Das mein' ich! Und eben deswegen, Mutter - weil der alte Oheim, nach langer
Verblendung, das endlich einsieht; so bereut er sein bisher geführtes sündliches
Hagestolzenleben, und kriecht zu Kreuze.
    Jaja! rief hier Monsieur Burg, dem der wahrscheinliche Verlust der Erbschaft
schwer auf dem Herzen lag -: Kreuz soll er schon finden, denk' ich, das soll er
finden!
    Lieber Monsieur Burg! sagte die Alte, und nahm einen andächtigen Ton an: auf
Erden hat wohl jeder sein Kreuz; und was der Himmel dem Oheim auferlegt, muss er
tragen, und muss darüber nicht murren. Das ist Pflicht eines Christen.
    Die Doctorinn hatte Not, nicht zu lachen. - Aber, sagte der Alte, du hörst
ja, dass er der Trübsal willig entgegengeht, und dass er sich ganz demütig in
die Schule der Geduld begibt. Was verlangst du denn mehr? - - Alberne Menschen
übrigens sind diese Hagestolzen: das ist gewiss. In der Jugend, hüten sie sich
sorgfältig vor einer Torheit; und im Alter, begehn sie dafür eine Narrheit.
    Ei, ei! rief die Doctorinn aus. Lieber Vater!
    Was ist? -
    Sie waren ja sonst ein so grosser Freund, ein so eifriger Verteidiger des
Ehestandes.
    War ich? - Nun, so will ich's auch bleiben, und will die Torheit geschwind
zurücknehmen. Doch die Narrheit, Kind, musst du mir lassen.
    Drollicht! - Aber ich bin's zufrieden. Es gilt. -
    Und ist's denn wahr, fuhr die Alte zu untersuchen fort, dass die Person, in
welche sich der Oheim verliebt hat - -
    Verliebt, Mutter? Hat er sich denn wirklich verliebt? - Ich dachte, er
heiratete bloss aus Zerknirschung.
    Wenigstens, sagte Monsieur Burg, kann die Zerknirschung noch kommen. Das
Weib soll hässlich sein, wie die Nacht. - Und Kinder bringt sie ihm obendrein in
das Haus. Ganzer zwei.
    Wirklich? - Nun, das war's, sagte die Alte, was ich im Sinne hatte, und
wornach ich vorhin Ihn fragen wollte. - Also eine Witwe nimmt er zur Frau? und
eine Mutter von Kindern? Hm! -
    Von zwei lebendigen Kindern.
    Hmhm! -
    Scheint dir das sonderbar, Mutter? Mir nicht. Mir scheint es das
Vernünftigste bei der Sache. - Wenn Kinder da sind, so wird denn doch der Alte
mit Ehren Vater. - Eine Witwe zu heiraten, ist immer die beste Art, zu fremden
Kindern Vater zu werden.
    Und was gibt's denn für eine andre? fragte die Alte ganz ehrbar. - Ach ja!
- indem die Tochter, die sich nicht länger halten konnte, von Herzen zu lachen
anfing, und der Vater mit einstimmte. - Das treuherzige Ach ja! war nicht
gemacht, dieses Lachen zu dämpfen; und die Mutter, so sehr sie sich Anfangs
dagegen sträubte, lachte am Ende mit. - Herr Stark, wie man sieht, war in seiner
Feiertagslaune; aber sicher hätt' er ihr nicht den Zügel schiessen lassen, und
hätte sich kein's seiner Spässchen erlaubt, wenn nicht Herr Wraker, der alte
Oheim von Burg, ein bekannter Ausschweifling gewesen wäre, der die Hochachtung
von keinem Menschen, und also auch nicht von dem Neffen, hatte. - Indessen, als
in der Folge des Gesprächs sich der gekränkte Eigennutz des jungen Mannes immer
stärker verriet, und er sich endlich zu bittre, zu unanständige Glossen
erlaubte, wies ihn Herr Stark, zwar liebreich, doch alles Ernstes, zurechte. -
Er berührte zuerst den Hauptpunct der wahrscheinlich verlornen Erbschaft, und
erklärte diesen Verlust für nichts weniger als ein Unglück: denn, meinte er,
Monsieur Burg sei ja Manns genug, um durch eigene Kräfte sein Glück zu machen;
und so ein Glück habe immer mehr Wert, als ein anderes, das durch Erben oder
durch Heiraten erlangt werde. - Wenn man, sagte er, die hiesigen grossen Häuser
der Reihe nach durchgeht; so findet man, dass sie alle entweder vom lebenden
Stifter selbst, oder höchstens vom Vater her sind: die vom Grossvater her sind
schon alle wieder im Abnehmen, im Sinken. Selbst ist der Mann! sagt ein
Sprichwort, das für alle Stände, und besonders auch für den unsrigen, wahr ist.
- Dann kam Herr Stark auf die Liebesgeschichte des Herrn Wraker, und fand auch
an ihr eine Seite, von der sie ihm gar nicht mehr so töricht und lächerrlich
vorkam. - Der Bräutigam, sagte er, ist freilich ein altes morsches Geripp von
Manne, das eher für den Sarg als für's Ehebett taugt, und die Braut eine
ziemlich missgeschaffne, klapperdürre Schöne, deren hervorstehender Zahn und
blinzelndes Auge nicht den besten Hausfrieden verspricht; aber, Monsieur Burg!
seh' Er einmal - ich bitt' Ihn - von diesen Hauptpersonen ein wenig ab auf die
Nebenpersonen, die kleinen hülflosen Kinder! Wie, wenn die Mutter bei sich
selbst überlegt hätte, dass sie nur herzlich arm, und dass Armut eine rauhe
Witterung ist, worin solche zarte junge Pflänzchen leicht ersterben oder
verkrüppeln? wenn sie die ihrigen an die sanftere mildere Luft der Wohlhabenheit
hätte bringen wollen, um ihnen ein froheres Wachstum, ein schnelleres Gedeihen,
zu sichern? Dann wäre, von ihrer Seite, die Heirat schon nichts so gar
Törichtes mehr, eher etwas sehr Mütterliches und Kluges. - Und von Seiten des
alten Wraker? Wie, wenn auch der sich durch Gründe hätte bestimmen lassen, die
weit mehr unsre Billigung, als unsern Tadel, verdienten? wenn er, nach einem
Leben voll Ausschweifungen, noch zu guter letzt etwas Verdienstliches hätte
tun, und das Glück von ein paar unschuldigen Wesen hätte gründen wollen, die es
vielleicht erkennen und sein Andenken in Ehren halten? - Freilich kränkt er
darüber den guten Neffen, der sonst sein nächster Erbe gewesen wäre; aber - mag
er gedacht haben - ein Mann wie der, der so reiche Hülfsquellen in sich selbst
hat, und der zu so einem Verluste nur lacht - -
    O, das tu' ich auch; das tu' ich recht von Herzen! sagte Monsieur Burg,
indem er mit grinsender Miene, die ein verachtendes Lachen ausdrücken sollte,
sein Oberschälchen umwandte, und sich empfahl. -
    Die Tochter ergriff die Hand des Vaters, um sie zu küssen. - Das tu' ich im
Namen der Kleinen, sagte sie: für die Sie Sich so nachdrücklich erklärt haben. -
Ach, was solche arme kleine Waisen mich jammern! - So oft mir dergleichen
vorkommen, mögt' ich gleich einen recht wackern jungen Mann zur Hand haben, den
ich ihnen wieder zum Vater gäbe. -
    Und der Witwe zum Manne; nicht wahr? Denn warum er sonst eben jung sein
sollte - -
    Wie? Das sehen Sie nicht? - Damit er mir nicht zu früh wieder wegstürbe; und
ich dann neue Not mit den Kindern hätte.
    Sieh, sieh! sagte der Alte. Kömmt's so herum? Fein genug!
    Aber Sie wollen vielleicht, dass Witwen nur lauter schwache, gebrechliche
Männer heiraten sollen; Krückenstösser, wie den Wraker, die zu nichts weiter
taugen, als fremder Leute Kindern Brot zu verschaffen? - Die armen Witwen! -
    Ei nicht doch! nicht doch! Wenn sie nur selbst noch nicht alt sind - - denn
das gesteh ich dir: eine Heirat zwischen einem jungen Manne und einem alten
Weibe ist mir zuwider. -
    Das ist sie wohl jedem. - Nein; meine Witwen sind so im Anfang der zwanzig,
sind überdies noch brav, gefällig, haushälterisch, fromm - -
    Aber hässlich; nicht wahr?
    Behüte Gott! Eher schön.
    Nun, was fragst du denn lange? - Gieb sie, an wen du willst, an die jüngsten
und die wackersten Männer! Ich bin es herzlich zufrieden. - Brav, Väterchen!
Herrlich, Väterchen! dachte die Tochter; wir wollen dir dieses Wort zu seiner
Zeit wieder vorhalten. Es geht dich näher an, als du wohl denkst. - Und nun
machte sie sich auf leichten Füssen davon, um nach Art braver Eheweiber, die für
den Mann ihres Herzens keine Geheimnisse haben, dem ihrigen alles Vorgefallene
zu berichten.
 
                                      XXI.
Ist wohl nicht möglich! - sagte Herr Stark, als Monsieur Schlicht mit der
Nachricht hineintrat, dass Madam Lyk ihn zu sprechen wünsche. - Er wird sich
verhört haben, mein lieber Schlicht. Meinen Sohn wird sie sprechen wollen.
    Nein, Sie! Sie! Ich hab' ausdrücklich gefragt.
    Hm! Also mich? In der Tat? - Nun, so führ' Er sie gegenüber in das
Besuchzimmer. Ich werd' erscheinen. - Was in aller Welt kann das sein? Wie komm'
ich zu einer so galanten Visite? - Es ist ja wohl kaum halb zehn - indem er nach
seiner Uhr sah; - und die Frau ist schon auf? ist schon angezogen? hat schon
ihre Chocolade getrunken? Das ist ja ganz ausser der Regel! - Er trat, seiner
Gewohnheit nach, vor den Spiegel, um sich den Stutz, gerade zu rücken. - Wirst
schon wieder schief zu stehen kommen, sagte er lächelnd; aber, mein guter Stutz
- - Glück werden wir ohnehin nicht mehr machen. Wir sind zu alt, sind so sehr
ausser der Mode. - -
    Ich sollte erröten, sagte die Witwe, die durch das Studium einer ganzen
langen Nacht keinen bessern Eingang hatte ersinnen können; ich sollte, wegen der
Störung und des Zeitverlustes, die ich verursache - -
    Die Verlegenheit und die Furcht der guten Frau hatten ihre Stimme so sehr
gedämpft, dass der Alte, der nach Art der Schwerhörigen ihr scharf ins Gesicht
sah, und dadurch ihre Verlegenheit noch vermehrte, nur aus der Bewegung ihrer
Lippen abnahm: sie müsse reden. Auch das Zurückstossen des Stutzes liess ihn nur
ein leises, undeutliches Murmeln, keine eigentlichen Töne vernehmen. - Ich muss
Sie bitten, fing er jetzt an, mir eine Schwachheit des Alters zu Gute zu halten;
ich habe, wenn die Witterung kalt wird, einen Fluss auf dem rechten Ohre, der
aber Gottlob! so arg nicht ist, dass ich, wie mein Nachbar, ein Hörnchen mit mir
herumtragen dürfte. Haben Sie nur die Gefälligkeit, ein wenig lauter zu reden,
und ich werde Sie hören.
    Diese Aufforderung zum Lautreden vermehrte das Herzklopfen der Witwe, die
schon so des Atems wenig genug, und dabei ein Anliegen hatte, das seiner Natur
nach nicht wollte geschrieen werden. Es kam ihr äusserst gelegen, dass eben
jetzt Herr Stark sie zum Niedersitzen auf das altmodische rohrgeflochtene Canape
einlud; denn kaum erhielt sie, bei ihrer heftigen innern Bewegung, sich auf den
Füssen. Es gelang ihr jetzt, dem alten Herrn zu bedeuten: dass ihre grosse
Verpflichtung gegen seinen würdigen Sohn, der durch lange mühsame Arbeit sie aus
einer höchst unangenehmen Verwirrung gezogen, ihr ein gerechtes Vertrauen auch
gegen den Vater einflösse, und dass sie hoffe - - Hier sank ihr die Stimme
wieder; und Herr Stark brachte nicht heraus was sie denn hoffe: dass er nehmlich
gleiche Grossmut beweisen, und wenn sie von diesem oder jenem ihrer Gläubiger
gedrängt werden sollte, ihr seinen einsichtvollen Rat und selbst seine tätige
Unterstützung nicht versagen werde. Er bezog die paar Wörter, die er verstand:
Grossmut, Rat, Unterstützung, noch immer auf seinen Sohn; und deutete, weil
sie jetzt auch von Dank sprach, ihre Hoffnung bloss dahin: dass er ihren Besuch
gütig aufnehmen, und sich ihren Dank für die ihr erwiesene Hülfe werde gefallen
lassen. Dem gemäss erwiederte er, zu nicht geringem Erstaunen der Witwe: dass
sie sich in ihm ganz an den Unrechten wende, indem er Alles was sein Sohn für
sie getan, erst spät hinterher erfahren, und dass er also ihren Dank unmöglich
annehmen könne. - Unsre jungen Herren, sagte er, pflegen die Väter nicht zu
ihren Vertrauten zu nehmen; sie fürchten, dass man jede Art von Eröffnung als
schuldige Rechenschaft von ihrem Tun und Lassen ansehen werde; und sich einem
solchen Zwange zu unterwerfen, sind sie ganz und gar nicht gemeint. - Die Witwe
rang, in einer ziemlich langen, ängstlichen Pause, mit sich selbst, wie sie das
nehmen, und ob sie im Gespräche fortfahren oder es abbrechen solle. Sie konnte
kaum anders, als das trockne Hinweggehen über den Hauptpunct in ihrer Anrede für
ein geflissentliches Ausbeugen und Ablehnen nehmen; und was der Vater vom Sohne
sagte, schien sogar das Betragen desselben zu missbilligen. Indessen war es
möglich, dass Herr Stark nur übel gehört hatte; und so raffte sie sich zusammen,
um auf einem andern Wege das Gespräch wieder einzuleiten. - Die Doctorinn, sagte
sie, habe ihr die Freundschaft gerühmt, die ehemal zwischen Herrn Stark und
ihrem verstorbenen Schwiegervater, dem alten Lyk, geherrscht habe; und sie lebe
der Hoffnung - - Auf dieses Wort, welches Herr Stark vollkommen verstand, gab er
die passende Antwort: dass er den alten seligen Lyk von seiner Kindheit an
gekannt, und schon in den ersten Schuljahren sein Freund gewesen; dass sie
nachher, ihr ganzes Leben hindurch, in sehr enger Verbindung gestanden, und dass
sie gewiss, in vorkommendem Falle, ihre gegenseitige herzliche Freundschaft sich
aufs tätigste würden bewiesen haben. - Aber, sagte er, so ein Fall kann,
Gottlob! nicht vor; wir hielten beide unsre Geschäfte in guter Ordnung, und
verschlemmten und verschleuderten nicht: und wo das ist, da ereignen sich die
Umstände nicht leicht, in welchen der Freund dem Freunde einen ausgezeichneten
Dienst leisten oder wohl gar eine Aufopferung für ihn machen könnte. - Wenn
gleich diese Anmerkung nichts weniger als Schmeichelei sein sollte; so hatte sie
doch bei weitem den Sinn nicht, den die Witwe ihr gab, und den sie nach dem
obigen Missverstande - oder jetzt kaum mehr Missverstande - fast gezwungen war
ihr zu geben. Sie glaubte, einen bittern Vorwurf über die Unordnung zu hören,
die ihr verstorbener Mann in seine Geschäfte hatte einreissen lassen, glaubte
sich zum zweitenmale empfindlich zurückgewiesen, und erblasste und errötete, im
Gefühl ihrer peinlichen Lage, eins um das andre. Herr Stark, der ohne Brille
nicht scharf mehr sah, ward von ihrem Zustande nichts inne.
    Sie haben, fing er nach einigen Secundem wieder an, den guten alten
Schwiegervater wohl nicht mehr gekannt?
    Nie - sagte ihm ein stilles, schwaches Kopfschütteln der Witwe.
    Und seine Frau, die alte redliche Mutter Lyk, wohl eben; so wenig?
    Eben so wenig - sagte ihm ein abermaliges Kopfschütteln; denn die Witwe, der
das Herz immer voller und schwerer ward, war nicht im Stande zu reden. -
    Hätte Herr Stark von der jetzigen wirklich bedrängten Lage der Witwe, und
besonders von ihrer Absicht auf ihn, nur die mindeste Ahnung gehabt: so würde
er, bei seiner wahrhaft grossmütigen Denkungsart, und seiner Achtung für
Unglückliche, ihrer sorgfältig geschont, und jedes seiner Worte genau bewacht
haben; aber so hielt er, in seiner Unwissenheit über beides, es gar nicht für
übel getan, wenn er ihr von seinen Gedanken über echten weiblichen Wert eine
kleine Eröffnung machte. -
    Sie haben, sagte er, viel verloren, Madam; Sie hatten eine sehr
vortreffliche Schwiegermutter. - Freilich war sie im Grunde nur Hausfrau; aber
mehr zu sein, kam ihr auch nie in den Sinn: der Mann, glaubte sie, gehöre der
Welt; die Frau, dem Mann und den Kindern. Das war so der ehemalige alte Glaube,
worin man die Töchter erzog, und wobei nun freilich die Mädchen nicht so fein
und niedlich wie jetzt, aber dafür desto braver und wirtschaftlicher, und einem
Manne der an sein Fortkommen dachte, desto lieber und werter wurden. Der alte
Lyk sagte mir oft, dass er diese herrliche Frau als seinen besten Segen von Gott
betrachte, und dass er ohne sie bei weitem nicht in so guten Umständen sein
würde, als er es wäre. Er liebte und achtete sie ungemein; auch wohl mit
deswegen, weil sie ihm viele Ehre machte: denn sie galt in der ganzen Stadt für
die beste und erfahrenste Wirtin, und war für unsre Weiber, in jeder
häuslichen Angelegenheit, das allgemeine Orakel. - dabei war sie nichts weniger,
als peinlich, oder gar mürrisch: Sie hätten sehen sollen, Madam, mit wie
einnehmender Freundlichkeit sie den Gästen entgegen kam, die der alte Lyk fast
jedesmal von der Börse mit sich brachte; wie sie sich freuen konnte, wenn bei
der Bewirtung, die immer nur bürgerlich, aber reichlich und anständig war, ihre
Gerichte schmeckten, und wenn, die kleine Gesellschaft während dem Essen recht
gesprächig, recht laut ward. Sie fragte dann mit den Augen ihren Mann, der alle
ihre Blicke verstand; und sobald er gewinkt hatte, war sie in zwei, drei
Sprüngen zum Keller hinunter, und holte selbst von dem besten alten Rheinwein
herauf, der uns dann noch beredter, noch fröhlicher machte. - Sehn Sie, Madam!
Mit so einer liebreichen, frohen, wirtschaftlichen, Hausfrau waren wir
damaligen Männer über und über zufrieden, und nannten sie, wie sie's auch
wirklich war, unsern Schatz und unser Herz; heut zu Tage, wo sich der
bürgerliche Ton immer mehr in den adlichen, auch wohl hie und da in den
fürstlichen hinaufzieht, wären das gemeine, abgeschmackte Ausdrücke: da nennt
man, glaub' ich, die Frau mein Kind; aber ich weiss doch kaum, wen ich
glücklicher preisen soll, ob den ehemaligen Mann mit dem Schatze, oder den
jetzigen mit dem Kinde. - Doch Sie verzeihen, Madam; ich plaudre da ein Langes,
ein Breites, und weiss selbst nicht, wozu? Denn dass andre Zeiten andre Sitten
bringen, ist ja natürlich. -
    In dieser Art von Standrede auf die verstorbene Schwiegermutter fand sich
wieder so manches Empfindliche, dass die Witwe den Zweck ihres Besuchs nun
völlig aufgab, und sich Herrn Stark auf der Stelle würde empfohlen haben, wenn
nicht ein jäher Schwindel, in welchem Alles vor ihren Augen zu taumeln und zu
tanzen anfing, ihr das Aufstehen verboten hätte. Gleichwohl musste sie dieses
Aufstehen versuchen, als sie sich plötzlich von zwei weiblichen Stimmen
begrüssen hörte, worunter sie die der Doctorinn sogleich unterschied. Die liebe
Neugier hatte diese und die Mutter herbeigeführt: die eine, um zu erfahren wie
es stände, und um nötigenfalls die Witwe zu unterstützen; die andre, um eine
Person näher kennen zu lernen, die ihrem Sohne so verpflichtet, und wie man ihr
nicht verborgen hatte, zugleich ihm so wert war.
    Mein Gott! was ist Ihnen? rief die Doctorinn aus, die den Zustand der Witwe
auf den ersten Blick erkannte, und ihr rasch entgegensprang, um sie zu halten. -
Wohl gar in Ohnmacht? fragte erschrocken Madam Stark; und: Nimmermehr! rief
verwundert der Alte; während die Kranke aus den Armen der Doctorinn auf das
Canapee glitt, und plötzlich ohne Atem und Farbe, wie eine Leiche, dalag. Die
Doctorinn rief nun laut um Hirschhorngeist; die Mutter eilte in die Küche nach
frischem Wasser; Herr Stark holte Hofmannischen Liquor; und in kurzem war auch
Monsieur Schlicht und das ganze Haus in Bewegung. - Endlich war Madam Lyk in so
weit wieder hergestellt, dass sie sich getraute, zu Fuss und ohne Begleitung
nach Hause zu kommen. Aber das gab niemand zu, und am wenigsten der alte Herr
Stark, der sich überhaupt so gütig und herzlich benahm, dass die Witwe an seiner
Gesinnung gegen sie ganz wieder irre ward. Er liess einen Wagen holen, in
welchen, nach seiner Anordnung, die Doctorinn zuerst hineinstieg, um, während
man der Witwe von aussen nachhülfe, ihr von innen die Hand zu reichen. Auch
Monsieur Schlicht, der trotz seines Alters noch sehr berührig und kraftvoll war,
musste hinein, mit der Anweisung: sobald der Wagen hielte, herauszusteigen, um
Madam Lyk den Arm zu bieten, aber ja, wenn sie wieder schwächer würde, erst
Hülfe aus dem Hause zu rufen, und sich nicht zu viel auf eigene Kraft zu
verlassen. -
    Nun? fragte der Alte, sobald er sich mit der Mutter wieder allein sah:
kannst du mir sagen, was das hiess? was das vorstellen sollte? Ich für mein
Teil verstehe kein Wort. - Die Frau kömmt am frühen Morgen gegangen, und reisst
mich aus meinen Geschäften: ich denke nicht anders, als sie will Wechsel auf
England oder auf Holland kaufen; aber am Ende - was hat sie bei mir zu tun? -
In der Welt Gottes nichts, als in Ohnmacht zu fallen. - Ist das etwa jetzt neuer
Ton? Macht man zu London und zu Paris solche Morgenvisiten?
    Wie du nun bist! sagte die Alte. Ein Frauenzimmer wandelt ja leicht etwas
an.
    Ein Frauenzimmer! - Warum denn aber dich und die Doctorinn nicht?
    Je nun - eine ist ja nicht, wie die andre.
    Mutter! - Wenn alle die Weiber, die den ganzen Tag, mit Roman und Komödie in
der Hand, auf dem Sopha liegen, oder die auch den Morgen am Putz-und den Abend
am Spieltisch vergeuden; wenn sie hübsch, wie du und die Doctorinn, von früh bis
spät auf den Beinen wären, um sich in ihrer Wirtschaft herumzutummeln: ich
wette, wir würden von keinen Krämpfen und Schwindeln und Ohnmachten, und wie das
Zeug alles heisst, weiter hören. - Zwar einmal - er drohte ihr erst mit dem
Finger, und nahm dann ihre dürre, welke Hand, um sie zu liebkosen - einmal
spieltest du mir auch einen Streich; da war ich in rechtschaffner Angst. - Doch
das war auf dem Bette der Ehren, bei der Niederkunft mit der Tochter; und für so
eine Ohnmacht alle mögliche Hochachtung! Die hat denn doch Hand und Fuss.
    Böser Mann! sagte die Alte, mit einer Miene die halb schmunzelte und halb
schmollte: lass doch solche Dinge nun aus dem Kopf! Das sind ja alte
Geschichten.
 
                                     XXII.
Bald nach dem Mittagessen erschien der Doctor: teils, um sich nach der
Gesundheit, teils - oder wohl eigentlich und hauptsächlich - um sich nach der
Gesinnung des alten Herrn zu erkundigen. Er fragte fast in einem Atem: Wie
befinden Sie Sich? und: Wie gefiel Ihnen die Witwe?
    Auf das Erste, lautete die Antwort: Wohl! und auf das Zweite: Nicht übel!
    Sie werden gefunden haben, dass es eine sehr feine Frau ist. Nicht wahr?
    Fein? Je nun ja! Wie Sie wollen. Figur und Gesichtchen sind ganz erträglich.
- Es lässt sich schon denken, wie so eine Frau einen schwachen, törichten Mann
hat so weit bringen können, sich um ihretwillen zu Grunde zu richten. -
    Der Doctor, der sich einer günstigern Antwort versehen hatte, war ein wenig
betreten. Indessen hielt er es nicht für gut, in gerader Richtung über den Strom
zu schwimmen. - Sie ist zugleich von sehr sanfter Art; meinen Sie nicht?
    Sie scheint es. Die Weiberchen scheinen Manches, Herr Sohn.
    Aber sind doch Manches auch wirklich?
    Wie man das nimmt. - Was sie jedesmal sind, sind sie wirklich. Heute dies,
morgen das.
    Mein Gott! Sie sind doch auch sehr gegen die Weiber.
    Für sie, für sie, Herr Sohn! - Ich schätze, an dem lieben Geschlechte nicht
bloss die Tugenden, sondern auch die Schwachheiten; aber wohl gemerkt! diese mit
jenen verbunden. Die Welt- und die Modeweiber, die nur die Schwachheiten, aber
nicht die Tugenden, und eben darum jene im höchsten Grade haben; die, Herr Sohn
- wie Sie schon längst gemerkt haben können - sind mir zuwider.
    Und zu diesen, glauben Sie, gehöre die Lyk?
    Ob noch jetzt? kann ich nicht sagen.
    Ich bin Arzt in dem Hause. -
    Da wissen Sie Bescheid um ihre Gesundheit.
    Ja. Aber auch wahrlich um ihre Denkungsart, ihre Sitten, ihren Charakter. -
Ein Arzt hat manchen geheimen, vertraulichen Augenblick mit den Weibern.
    So? - Und das sagen Sie mir so frei ins Gesicht?
    Warum nicht? -
    Mir, dem Vater von Ihrer Frau? - Wenn ich nun der es wieder sage?
    Gerne! gerne! In Gottes Namen!
    Der muntre, freudige Ton des Doctors rührte den Alten, und er ergriff seine
Hand. - Lieber, guter Doctor, sagte er, Sie und meine Tochter machen zusammen
ein braves, ein herrliches Paar. - Gott erhalte euch so! Ich habe ja ausser euch
keine Freude. - Er hatte grosse Lust auf den Sohn zu kommen, dessen noch
fortdauerndes Flussfieber ihm sehr zu missfallen anfing; allein der Doctor liess
ihn nicht los von der Witwe.
    Nehmen Sie einmal an, sagte er, dass die Frau wirklich ist, was sie scheint:
sanft, liebreich, nachgebend, gefällig; - wäre da der unsinnige Aufwand im
Lykischen Hause nicht auch ohne sie zu erklären? Liesse sich's nicht denken,
dass eine so geartete Frau ihre eigene Neigung dem eitlen, auf lauter Pracht und
Vergnügen erpichten Manne hätte aufopfern können; dass sie sich bloss durch ihn,
ohne den mindesten innern Trieb, von einer Gesellschaft zur andern, einem Balle
zum andern, hätte fortreissen lassen?
    Die Wirtschaft aber ging nach der Heirat erst an. -
    Natürlich! Denn da wird das Haus erst ein Haus. Die Frau erst macht es dazu.
    Und der ganze Aufzug - der Staat - die glänzende Equipage - das Alles
scheint mir mehr auf weibliche, als auf männliche Neigung zu deuten -
    Kam aber doch lediglich von dem Manne.
    Hm! - Zwar sind manche Männer Weiber, und ärger als Weiber. -
    Das mein' ich! Und dann, liebster Vater: was hätte die Tochter eines armen
Landpredigers - denn das ist die Lyk - was hätte ein Mädchen, das weder Vermögen
noch Aussteuer in's Haus brachte, für grosse Ansprüche machen können?
    Ungeheure! Das verstehn Sie nur nicht. - Die Waare der eitlen Weiber hat
keinen bestimmten Preis, aber in ihren eigenen Augen einen unermesslichen Wert.
Wenn für so ein Figürchen oder ein Lärvchen - und oft für noch weniger, für ein
bisschen Geschwätz oder Geziere - ein Baron seine Baronie, oder ein Graf seine
Grafschaft vertändelt; so haben sie dabei noch immer verloren, sich noch immer
zu wohlfeil weggegeben: denn mit eben diesen - Herrlichkeiten oder
Armseligkeiten - hätten sie ja ein ganzes grosses Fürstentum unter kaiserlichen
Sequester bringen können.
    Wir reden hier aber von keiner Buhlerinn, sondern von einer Frau -
    Alle Achtung!
    Und deren Glück oder Unglück, Ehre oder Schande, hängt ja so innig mit Glück
oder Unglück, Ehre oder Schande des Mannes zusammen.
    Wird denn das überlegt? -
    Hier wahrlich, hier ward es sehr überlegt. - Dass sich Anfangs das junge,
unerfahrne, in der Welt noch ganz neue Landmädchen in den Strom von Vergnügen
kopfüber hineinstürzte, und nur an den jetzigen süssen Genuss, nicht an die
künftigen herben Folgen dachte: das hoff' ich, wird ein Menschenkenner, wie Sie,
eben so leicht verzeihn, als begreifen. -
    Aber das Ding währte fort - immer fort - ohne Ende.
    Bloss durch Schuld des Mannes, mein lieber Vater. - Die Frau ward schwanger
und kränklich, und ich war nun fast täglich im Hause. Wie oft bezeugte sie mir
ihre Sättigung, ihren Überdruss, ihren Ekel! Wie herzlich wünschte sie sich das
geräuschlose, häusliche, tätige Leben zurück, woran sie von jeher gewöhnt war!
Aber dazu ihren Mann zu bereden, war keine Hoffnung; denn gleich ihr erster
Versuch, ihn umzustimmen, erregte seinen heftigsten Zorn. Sie liebte den Mann;
sie war schwach; sie war der Armut wegen, worin sie zu ihm gekommen war, scheu
und blöde: Er dagegen - war stolz, gebieterisch, auffahrend, gegen die
Liebkosungen und die Tränen der Frau wenig empfindlich. Ich sah das nur zu
sehr, als er von ihrer Mutterliebe das Opfer forderte, den künftigen Säugling
nicht mit eigener Brust zu ernähren.
    Und auch das liess sie gut sein? gab nach?
    Was sollte sie machen? -
    Der Alte schüttelte missbilligend mit dem Kopfe.
    Die Wirtschaft ging indes ihren Gang immer fort, immer dem Abgrunde zu;
und es musste doch wahrlich grosses Vermögen da sein, dass der Mann seine
Verschwendung ganze Jahre lang durchsetzen konnte.
    Das war auch; das war! rief der Alte. Ungemeines Vermögen!
    Indes ward die Frau durch manche Beispiele gewarnt; sie ahnte traurige
Folgen: allein da das Gesicht des Mannes heiter blieb, so verschloss sie, mit
ihrer gewohnten Furchtsamkeit, alle Besorgnisse in ihr Herz. - Endlich, als
wirkliche Verlegenheiten eintraten, denen nur der äusserst vorteilhafte Verkauf
des Gartens ein Ende machte, wirkte sie, durch die nachdrücklichsten,
zärtlichsten, wehmütigsten Vorstellungen, wenigstens einige kleine
Einschränkungen aus, und für die Zukunft Versprechungen, die aber nur zu bald
wieder vergessen wurden. Wäre nicht noch zu rechter Zeit der Tod in's Mittel
getreten; so hätte sie wahrscheinlich den vollen Bruch des Hauses, und tiefe,
bittre Armut erlebt.
    Nur wahrscheinlich? Sagen Sie: gewiss und unfehlbar! - Aber, dass die Schuld
so ganz nur des Mannes gewesen wäre, nicht ihre eigne - - ich gestehe Ihnen,
Herr Sohn, das will mir gar nicht recht in den Kopf. Ich habe Nachrichten, die
anders lauten, ganz anders.
    Von wem? - Ich bitte Sie, lieber Vater -
    Von - -
    Von dem Wolf in der Fabel, hätte er sagen können; denn eben, als schon der
Name ihm auf den Lippen schwebte - -
 
                                     XXIII.
Trat Herr Specht in das Zimmer, und ward von dem Doctor sogleich als derjenige
Mann, an den er sich halten müsste, auf's Korn genommen. Es sei nun, dass die
süsse Miene und die schmeichlerischen Demütigungen des Herrn Specht, oder dass
gewisse Äusserungen des Schwagers, die ihm noch dunkel im Gedächtnis schwebten,
diesen Verdacht bei ihm, rege machten.
    Herr Specht setzte mit wichtiger Miene einen grossen Beutel Geld auf den
Tisch: äusserst froh, wie es schien, dem liebwertesten Herrn Paten seine
bisherige Schuld bei Heller und Pfennig abtragen zu können. - Er hatte bei einer
kleinen Speculation mit Waaren, die gerade damal gesucht wurden, ein
ansehnliches Sümmchen gewonnen; er eilte also, sich durch Abbezahlung die
Geldquelle zu reinigen, die er bei längerer Vernachlässigung leicht einmal hätte
verstopft finden können. -
    Ei potz, potztausend! sagte der Alte, indem Herr Specht den Beutel
ausschüttete: das ist ja gewaltig viel Geld! Das ist ja ein Reichtum, wie des
Mannes im Evangelium! Wo hat Er das Alles her?
    Hehehe! Liebster, bester Herr Stark! Wie Sie doch immer so gerne spassen! -
Reichtum? Daran fehlt viel. - Lieber Gott! - Aber man tut denn das Seinige;
und wenn ein Körnchen zum andern kömmt, sagte einmal der Herr Pate, und immer
neue Körnchen dazu - -
    Ja, sieht Er? Da wird am Ende ein Haufen. Das ist ganz richtig. - Indessen
zählte Herr Specht munter fort, und sah sich dann und wann nach dem Sohne um,
den er diesmal eben so gern, als sonst ungern, hätte kommen sehen, um sich
einmal in seinem Glanze vor ihm zu zeigen. - Die Summen wurden richtig befunden,
das Geld wieder eingesackt, und die eingerissnen Papiere zurückgegeben.
    Nun! sagte der Doctor - weil ich sehe, dass Sie mit Ihrem Geschäfte fertig
sind, mein Herr Specht - wie geht's Ihnen? wie befinden Sie Sich?
    Specht, unter tiefer Verbeugung, wobei sein Kopf eine Art von Schneckenlinie
beschrieb, dankte tausendmal für gütige Nachfrage, und versicherte: er sei wohl.
    Und zu Hause - die Frau Liebste? die Kinder?
    Alles, alles wohl, mein verehrtester Herr Doctor.
    Nun, das ist schön; das erfreut mich. - Wie sieht's denn jetzt in Ihrer
Nachbarschaft ans? Was macht Madam Lyk?
    Hehehe! Die lebt denn immer so fort, ganz im Stillen. - Wie's einer Witwe
denn auch nicht anders ziemt. Ganz im Stillen.
    Vormal war es dort nicht so stille. Da war gewaltiger Lärm.
    Ach, das sagen nur der Herr Doctor noch einmal! Lärm bei Nacht, wie bei
Tage. Keinen Augenblick hatte man Ruhe. - Das war ein Geschrei, Gefahre,
Gelaufe, Getümmel; und wenn Ball oder Maskerade war, ein Gefiedel, Geflöte,
Geblase, Gepauke - man hätte mögen von Sinnen kommen. Meine Frau hat dabei in
dem einen Wochenbette was Rechts gelitten. Sie nahm es dem Herrn nicht so sehr
übel, als der Madam, dass man so gar keine Rücksicht hatte, und so schnell nach
ihrer Niederkunft ein solches Spectakel anfing. - Sie konnte seitdem die Frau
nicht mehr ansehn. - Es war auch wirklich recht gottlos.
    Freilich! Die kurzen sechs Wochen über hätte man sich schon ein wenig still
halten können. - Aber ob denn die Wirtschaft nicht bald wieder angehen wird?
    Damit hat's denn wohl so seinen Haken. - Er kniff das eine Auge ein wenig,
und glaubte Wunder, wie verschlagen er aussähe.
    Wie so? - Der Mann ist doch lange genug unter der Erde. Die grosse Trauer
ist aus.
    Das wohl; aber - - Er schob den Daumen der rechten Hand ein paar mal über
den Zeigefinger, und zuckte dabei die Achseln. - Wo einmal das fehlt, mein
lieber Herr Doctor - -
    Ja, das ist wahr; da fehlt Alles. - Und aufgeräumt mag die Frau unter den
Beuteln des alten Schwiegervaters ein wenig haben; das will ich glauben.
    Ein wenig? Hehehehe! -
    Aber wenn nur noch etwas, auch nur noch ganz wenig da ist; ein kleines,
unbedeutendes Restchen: - solche Menschen, die einmal in der Jugend nicht
rechnen gelernt haben, sind wie vom Bösen besessen. Sie haben nicht eher Ruhe
noch Rast, als bis sie Alles, schlechterdings Alles, auch den letzten Pfennig
durchgebracht haben. Erst müssen die Gerichtssiegel an Kisten und Kasten kleben;
eher ist kein Aufhören bei ihnen.
    Ja, das kann auch hier noch so kommen. Ich widerspreche keinen Augenblick,
mein Herr Doctor. -
    Der Alte, der sehr wohl merkte, wo der Doctor hin wollte, hatte sich im
Rücken des Herrn Specht auf seinen Sorgenstuhl gesetzt, und hielt sich ganz
ruhig. -
    Eins wüsst' ich nur für mein Leben gerne, hob der Doctor wieder an: nicht,
wer von beiden Teilen allein und ausschliessend; - denn dass beide nicht viel
getaugt haben, ist mir gewiss - aber wer wohl so am meisten und vorzüglich, an
dem ewigen Schmausen und Tanzen und Tollen in dem Hause Schuld gewesen ist: ob
die Frau, oder der Mann?
    Die Frau! die Frau, mein lieber Herr Doctor!
    Doch? - Sie sind freilich der nächste Nachbar; Sie können das wissen.
    So wie die Frau nur den Fuss ins Haus setzte, ging's los.
    Ja, das sagt man. - Aber ich habe neulich ein paar recht wackre Männer über
die Frage streiten hören, und da meinte der eine: dieser Umstand beweise wenig,
beweise nichts; es sei ganz und gar nicht die Frau, sondern - was ich nun
freilich für übertrieben halte - einzig und allein der Mann gewesen, der allen
den Unfug getrieben.
    Ach, wer das auch mag gesagt haben, mein liebwertester Herr Doctor - mit
aller Hochachtung von ihm gesprochen -
    Nehm' Er Sich in Acht, sagte der Alte aus seinem Hinterhalte. Red' Er nicht
allzuviel!
    Wie so? wie so, mein bester Herr Pate? Ich hatte nichts Böses im Sinne. -
Die Frau ist von Ansehn recht artig, und ich möchte fast sagen, schön - was ich
mich zwar zu Hause bei Leibe nicht dürfte merken lassen, hehehe! - und da,
meint' ich, könnte einer der jungen Herren, die immer um sie herum waren - -
    Sich in sie vergafft haben? rief der Alte mit Lachen; jaja! - Und so einer
will denn nichts auf sie kommen lassen. Das ist begreiflich. - Ich selbst kenne
einen sonst braven Mann, der sich gewisser vertraulicher Augenblicke mit
allerlei Damen rühmt; und eben der - -
    Der wird's sein, sagte Herr Specht: der wird's sein; ganz gewiss!
    Der Alte und der Doctor lachten von Herzen, und Herr Specht blieb ihnen sein
Hehehe! auch nicht schuldig. - Er trocknete sich die tränenden Augen, und
versicherte, dass er nirgend in der Welt so froh sei, als bei dem liebwertesten
Herrn Paten.
    Aber, nahm der Doctor wieder das Wort: nun einmal im Ernst, lieber Herr
Specht! - Dass Sie keinen Grund zu Ihrer Behauptung haben sollten, lässt sich
von einem so vernünftigen Manne wie Sie, nicht wohl denken. Vermutlich hat
einmal, in einem vertraulichen Abendstündchen, der selige Lyk Ihnen geklagt,
dass er mit dem Wildfang von Frau gar nicht fertig zu werden, sie gar nicht zu
bändigen wisse.
    Geklagt, mein Herr Doctor? Mir? In einem vertraulichen Abendstündchen?
    So vor der Türe, mein' ich. - Bei einem Pfeifchen. - Da schwatzen ja
Nachbarn wohl eins zusammen.
    Ach mein Gott, lieber Herr Doctor! Wo denken Sie hin? - So ein vollwichtiger
Mann bei der Börse, so ein angesehener Kaufherr; der sollte sich gegen mich
kleinen Anfänger so herabgelassen, so erniedriget haben? - Nein, da ist nur
unser einziger Herr Stark, der gegen jedes Kind freundlich ist, und der auch den
kleinsten Bürger etwas gelten lässt; den Ruhm hat er ganz allgemein. -
    Sehr verbunden! sagte der Alte.
    Die andern Herrn - es scheint ihnen schon zu viel, unser Einen nur ansehen
zu sollen. Der höflichste, untertänigste gute Morgen wird mit einem Wesen
erwiedert, mit einer Miene - - Er quälte sich, eine recht stolze, recht
verachtende anzunehmen; aber einmal ging in sein Gesicht, ausser der
Spechtischen Original-Miene, keine andre hinein.
    Nun, dann merke ich schon - dann haben, gewiss die Handlungsdiener, oder
Andre im Hause, die um die Sache Bescheid wussten, ein wenig geplaudert.
    Die Handlungsdiener? - Ja mein Gott! das sind nun vollends die rechten. Die
sind, wo möglich, noch ausgeblas'ner, als ihre Herrn, oder wenigstens
unerträglicher; denn mit allen ihren hohen Salairs - was sind sie? - Diener,
sagt meine Frau, weiter nichts. Unser Einer, sagt sie, wenn er auch nur schmale
Bissen isst, schneidet sie doch von seinem eigenen Brote; aber ein solcher
Mietling - - keinem zu nah gesprochen! setzte er furchtsam hinzu -
    Alles wahr! Alles schön, mein Herr Specht! Aber ich habe damit immer noch
keine Antwort. - Sie wissen die Gesinnung der Frau und ihren Hang zum
Verschwenden nicht durch den Mann, nicht durch Vertraute des Hauses; und woher
denn sonst? - muss ich Sie fragen.
    Durch Ohrenbeichte, sagte der Alte ein wenig bitter, weil er schon merkte,
dass ihn Specht hintergangen habe. - Die Lyk ist heimlich katolisch, und dieser
Specht ist ihr Pater.
    Ach um Gottes willen! rief Specht, indem er mit wahrhaft protestantischem
Schrecken zurücktrat: wenn das der Herr Hauptpastor hörte! oder gar meine Frau!
- Ich ein Pater?
    Das Lachen der beiden Herrn, das zwar bei dem Alten ein wenig verstimmt
klang, brachte ihn bald wieder zu sich. - Nein! sagte er: mein Herr Doctor: was
ich weiss, das weiss ich aus sehr erlaubter und sehr zuverlässiger Quelle.
    Nun? - Darf man denn nicht erfahren - - Kaum, dass ich Herrn Stark von der
tollen Wirtschaft im Lykischen Hause die erste Nachricht brachte; so rief der
Herr Pate sogleich: das kömmt von der Frau her! Das ist die neue
Modewirtschaft der Weiber! Da geht nun wieder einmal, unter Tanzen und
Frohlocken, ein Haus, und ein so herrliches Haus zu Grunde. - Und als ich das
bei Tische wieder erzählte, sagte meine Frau augenblicklich: Er hat Recht, der
Herr Pate! Er hat ganz Recht!
    Ja so - allerliebst! - Und da schoben Sie denn nachher jede ähnliche
Ausschweifung ganz getrost der Frau auf den, Hals?
    Lieber Gott! Wie denn anders? - Meinem Herrn Paten muss ich doch glauben;
denn der hat Erfahrung - o, der kennt die Welt; der weiss Alles.
    Ist Er toll? fragte der Alte, indem er, zu grossem Schrecken des armen
Specht, sich voll Unmuts aus seinem Sessel aufhobt.
    Liebster, bester Herr Pate - -
    Wahrlich! das wird lustig, sagte der Doctor. Sie, mein lieber Vater, haben
die Sache von Herrn Specht, und Herr Specht hat die Sache von Ihnen.
    Der Doctor bekam einen sehr unfreundlichen, und der Pate, der wie
versteinert dastand, einen ganz vernichtenden Blick. - Er ist - murmelte der
Alte zwischen den Zähnen - mit allen seinen Höflichkeiten und Reverenzen - -
Hier begriff er sich noch, riss den Geldbeutel mit Heftigkeit zu sich, und ging
davon.
 
                                     XXIV.
Sie sehen den Lohn der Welt! - sagte der Doctor, indem das Schweisstüchlein des
Herrn Specht in voller Bewegung war; - das ist nun der Dank für alle Ihre
mühsamen Gänge und Ihre gegebenen Nachrichten!
    Mein Herr Doctor! rief Specht, und drehte dabei die Augen gen Himmel: - Wenn
ich nicht so unschuldig bin, wie ein neugeborenes Kind - -
    O das sind Sie! Das will ich Ihnen bezeugen.
    Wenn nicht der Herr Pate Alles, Wort vor Wort, so gesagt hat, wie ich's da
wieder sagte - Er legte zu einer feierlichen Beteurung die Hand auf die Brust.
-
    Keine Schwüre, Herr Specht! Ich glaube Ihnen, eben um Ihrer Unschuld willen.
- Mein Schwiegervater hat Alles gesagt, was Sie ihn sagen liessen; vielleicht
noch mehr: aber wissen Sie auch, warum? - Weil eben damal zwei nicht
unansehnliche Häuser gebrochen waren, und zwar, wie die ganze Stadt wusste,
durch Eitelkeit und Verschwendung von Weibern, die aber der Lyk so ähnlich
sahen, als die Sünde der Tugend. Das eine war eine verlaufene Engländerinn, das
andre eine Tänzerinn aus der Oper. Narren von Männern hatten solche Weiber
geheiratet. - Diese Vorfälle lagen dem alten Mann auf dem Herzen; und auch die
Lyk war eine aus der Fremde hieher Gekommene, eine ihm völlig Unbekannte. - Was
er zu Ihnen sprach, war nur als Frage zu nehmen, die Sie nicht so leichtsinnig
und so beharrlich zum Nachteil einer würdigen Frau - denn das konnte sie
wenigstens sein, und das ist sie - Hätten beantworten sollen.
    Aber ich wusste ja nicht, mein Herr Doctor - ich wusste so wenig, als der
Herr Stark - -
    So wussten Sie doch dies, dass Sie nicht wussten. - Und eben dies, mein Herr
Specht, war die Wahrheit, die Sie als ehrlicher Mann hätten bekennen müssen.
    Ach mein Gott, lieber Herr Doctor! Da hätt' ich ja doch widersprochen.
    Nun? Und wenn Sie nun widersprachen?
    So einem Manne? so einem Herrn? In alle Ewigkeit nicht.
    Wahrheit, Herr Specht - merken Sie Sich das für die Zukunft! - Wahrheit nach
Ihrer besten Erkenntnis sind Sie nicht bloss Ihrer Ehre, sondern auch Ihrer
Glückseligkeit schuldig. Eben mit ihr fahren Sie sicher am besten. - Die Art,
wie man die Wahrheit sagt, macht den Unterschied; sonst sagt man sie dem Könige,
wie dem Bettler.
    Ach mein Herr Doctor! Wenn Sie doch nur wären, wie ich!
    Sie sind sehr gütig. -
    Da sitzt man und sorgt und grübelt, und hat Frau und Kind auf dem Halse, und
weiss oft vor Angst nicht, wo aus wo ein; und wenn man denn da in so ein Haus
kömmt, und alle die grossen Kisten sieht, und die ungeheuren Ballen mit Waaren,
und das Gerenne und Getreibe der Leute, und die Frachtwagen, die ab- und die
aufgeladen werden, und das ganze volle Dutzend Pferde davor: - ach Herr Doctor!
es wandelt einen eine Ehrfurcht an, ein Respect! - Wo um Gotteswillen! nähme man
da den Mut her, auch nur zu muchsen?
    Der Doctor fasste jetzt seinen Mann ein wenig scharf ins Gesicht, und wollte
kein Wort weiter an ihn verlieren. Er versprach ihm auf sein ängstliches Bitten,
bei dem alten Herrn Alles wieder in's Gleis zu bringen, schrieb ihm ein Recipe
zu einem niederschlagenden Pulver, das er sich in der nächsten Apoteke sollte
machen lassen, und wünschte ihm wohl zu leben.
 
                                      XXV.
Obgleich wirklich Herr Stark mehr durch sein eigenes Vorurteil, als durch den
armen Tropf von Paten hintergangen war: so war doch der blosse Schein von dem
letztern ihm ärgerlich; und noch ärgerlicher, dass er bei dieser Gelegenheit die
Fassung verloren, und dadurch jenen Schein bestätiget hatte. Er fühlte recht
gut, dass er die Sache nach seiner gewöhnlichen Art, mit lachendem Munde, hätte
abmachen können. Indessen gereichte dieser Fehler, wenn es ja einer war, ihm zur
Ehre: denn der Grund davon lag weit weniger in seiner gekränkten Eigenliebe, als
in der Rechtschaffenheit seines Herzens, das ihm alle gegen die Witwe begangenen
Ungerechtigkeiten auf einmal bitter vorwarf, und ihm denjenigen der dazu
mitgewirkt hatte, in einem nicht mehr lächerlichen, sondern gehässigen Lichte
zeigte.
    Die Tochter, die teils durch Madam Lyk, teils durch ihren Mann, von allem
Vorgefallenen genau unterrichtet war, glaubte die Herzensstimmung worin sie den
Alten vermutete, zu ihrem Zweck benutzen zu müssen. Sie machte ihm einen nur
ganz kurzen, flüchtigen Besuch, bei dem sie sich nicht einmal setzte, aber
gleichwohl mit sichrer Hand alle die Saiten anschlug, die sie in dem Herzen des
Vaters als die empfindlichsten kannte. Den Vorwand zu diesem Besuche musste die
Bitte geben, die der Alte des Morgens beim Abfahren des Wagens an sie getan
hatte, ihm von dem Befinden der Witwe Nachricht zu bringen.
    Entschuldigen Sie mich, sagte sie, lieber Vater, dass ich Ihren Befehl erst
so spät erfülle. Aber am Vormittage machten es mir Geschäfte, die ich nicht
aufschieben konnte, unmöglich; auch hielt ich mich da bei der Witwe nicht lange
auf: diesen Nachmittag habe ich mich etwas länger verweilt, und komme so eben -
aber ich muss sagen, mit recht schwerem recht bekümmertem Herzen - von ihr.
    Wie so? fragte der Alte nicht ohne Teilnahme. Hat der Zufall sich
wiedergefunden?
    Das nicht. Sie leidet nicht sowohl am Körper, als am Gemüte. - Das arme
Weib fürchtet zu Grunde gerichtet zu werden, weil ein gewisser Horn, der ihr
Gläubiger ist, entweder bezahlt sein, oder gegen sie losbrechen will.
    Horn? - Wenn sie mit dem zu tun hat - - Leider!
    Da beklag' ich das gute Weib. Nachsicht ist bei dem nicht zu hoffen. - Aber
ist denn die Lyk noch immer in Verlegenheit, in Verwirrung? Ich glaubte, dein
Bruder hätte Alles in Ordnung gebracht.
    Das glaubt' ich auch; aber - er mag Termine gesetzt haben, die nun nicht
ganz können gehalten werden.
    Das sollte mir leid um ihn tun.
    Oder er mag - - Ja, wenn ich Handlungskenntnisse hätte; da riete ich
weiter, mein lieber Vater.
    Lass gut sein! Es ist da Mehreres möglich. -
    So viel weiss ich denn jetzt, warum die Witwe diesen Morgen bei Ihnen
gewesen ist.
    Nun? -
    Eben dieser Verlegenheit wegen mit Horn. - Den Bruder zu sich bitten zu
lassen, ging seiner Unpässlichkeit wegen nicht an; ihn zu besuchen, da er noch
ledig ist, schien gegen den Anstand zu sein: und doch war die Sache dringend,
und die Witwe - ich wiederhole ihre eigenen Worte - die Witwe fühlte durch das
edle Benehmen des Bruders, wovon sie nie anders als mit inniger Rührung spricht,
ihr ganzes Vertrauen an den Namen Stark wie gefesselt. Sie wollte also diesmal
bei dem Vater suchen, was die Umstände von dem Sohne zu fordern nicht zuliessen:
Rat, Hülfe, Vermittelung, Unterstützung.
    Und hat geschwiegen? Weswegen?
    Sie hat gesprochen, wie sie mir sagt.
    Nein! -
    Sie hat wohl sicher gesprochen; aber - - Nein! - wiederholte der Alte mit
einem Nachdruck, der seine noch fortdauernde ärgerliche Stimmung verriet.
    Ich denke, mein, guter, lieber Vater hat sie nur nicht gehört, nicht
verstanden.
    Dann hat sie auch nicht gesprochen, sondern gemurmelt. Die verwünschte
Gewohnheit des Murmelns wird von Tage au Tage ärger. In meiner Jugend sprach man
zum Maule heraus. - Am Ende, wahrhaftig! fordern die Menschen noch, man soll
ihre Gedanken hören.
    Sie ist furchtsam, das arme Weib. Verzeihen Sie ihr! Sie Selbst haben sie
dann noch furchtsamer gemacht.
    Ich? - Weisst du, was du da sprichst? - Ich mache niemand furchtsam, der
etwas zu bitten hat, sondern ich muntre ihn auf und höre ihn an; und wenn sich's
ohne meinen eignen zu grossen Nachteil tun lässt, helf' ich ihm ohne Umstände
und gerne. Die elende, nichtswürdige Kunst, durch Achselzucken und Sauersehen
und langes Bedenken seinen Gefälligkeiten Wert zu geben, hab' ich niemal
verstanden. - Das hätte die Frau Tochter wissen und der Witwe schon sagen
können.
    Hab' ichs denn nicht? - Werden Sie doch nicht unwillig, mein lieber Vater!
    Unwillig! Nun werd' ich gar unwillig! - Wie kömmst du mir heute vor?
    Ach, ich kann wohl Unrecht haben; ich glaub' es selbst. - Hätt' ich mich
recht bedacht, so wär' ich lieber gar nicht gekommen. Ich bin so missmütig
gestimmt.
    Über die Witwe? -
    Ja. - Und dann - wie die kleinsten Umstände das Herz oft am meisten rühren -
Nun? -
    Ich sah, eh' ich in das Wohnzimmer der Lyk trat, ein paar Augenblicke durch
das Spiegelglas in der Türe. - Da sass die gute Frau, in die eine Ecke des
Sopha gedrückt, den Arm auf ein Kissen gestützt, und ein Tuch in der Hand, um
sich die Tränen zu trocknen. Ihr zur Seite sassen, jedes auf seinem
Schemelchen, die zwei unschuldigen Kleinen, die sonst immer so froh um sie
herumschwärmten, aber jetzt, wie es schien, an das Spiel gar nicht dachten: sie
sahen so still in den Schoss nieder, als ob sie den Herzenskummer der guten
Mutter teilten; und blickten dann endlich, weil diese vielleicht eben einen
tiefen Seufzer ausstiess, von der Seite zu ihr hinauf, mit einem Ausdruck in
ihren Augen! in ihren grossen, blauen, himmelreinen Augen! mit einer
Bänglichkeit, einer Zärtlichkeit, einem Ernst! - ich dachte an meine eigenen
Kleinen, und dachte an Sie. Wenn Sie das gesehen hätten, mein lieber Vater! -
Sie riss das Tuch heraus, und fuhr sich damit an die Augen.
    Sind's denn so artige Kinder? - fragte der Alte mit einem Tone, der auf
einmal wieder ganz weich war.
    Ach so wohlgezogen und artig! - Freilich hat die Frau nur diese beiden zu
übersehen, und ich ihrer mehrere: aber dennoch erkenn' ich sie in der Kunst der
Erziehung für meine Meisterinn; sie regiert die Kleinen mit Einem Blicke, mit
Einem Winke, und das niemal im Bösen, immer in Liebe. - Doch ich stehe und
plaudre, und vergesse, dass meine Kleinen zu Nacht essen wollen. - Ich muss
fort, lieber Vater. Leben Sie wohl! Verzeihen Sie, wenn ich mit meiner üblen
Laune Sie heute angesteckt habe! Es soll nicht wieder geschehen. - Sie küsste
seine Hand, und verschwand. - -
    Das Herz des Alten war ein an sich so guter und jetzt durch die gehabten
kleinen Erschütterungen so trefflich aufgelockerter Boden, dass es gar nicht
anders sein konnte, als der hineingestreute Same des Mitleids musste reichliche
Früchte tragen. - Herr Stark konnte zu Abend nicht essen, und die Nacht über
nicht schlafen. Immer schwebte ihm die kleine Gruppe vor, die ihm die Tochter
geschildert hatte, und immer war's ihm, als ob er hin müsste, um der Witwe das
Tuch aus der Hand und die kleinen lieben Waisen auf seine Arme zu nehmen.
    Ausser diesem Bilde, waren es noch Gedanken anderer Art, die ihn
beunruhigten, und von einer Seite zur andern warfen. - »Die Witwe fühlte ihr
Vertrauen an den Namen Stark wie gefesselt.« - Das schien ihm gleichsam ein
Schuldbrief zu sein, ein Wechsel, den der Glaube an Tugend auf seine Ehre
gezogen hatte, und den er unmöglich anders als honoriren konnte. - »Sie hatte
bei dem Vater suchen wollen, was die Umstände von dem Sohne zu fordern nicht
zuliessen.« - Wie konnte er sich's nur denken, dass der Vater in Beweisen von
Edelmut hinter einem Sohne zurückbleiben sollte, den er seiner Engherzigkeit
wegen so oft getadelt hatte? - Dann noch der Name der Frau, der ihn an seinen
ehemaligen vertrautesten Freund, den guten, redlichen Lyk, erinnerte; ihre
grosse, bis zur Ohnmacht gehende Schüchternheit, fremde Hülfe zu suchen, die er
als einen sichern Beweis edler Denkungsart ansah; ihre Tränen, die er zum Teil
wohl selbst durch gewisse Züge in der Unterredung mit ihr mochte hervorgelockt
haben; das mannichfaltige Unrecht, das er ihr, von Vorurteil geblendet, durch
Spöttereien getan, die sie so ganz nicht verdiente, und für die nun sein eignes
Herz, ob sie gleich das Ohr der Unschuldigen nie erreicht hatten, Genugtuung
forderte; die Gelegenheit, die sich eben im Hause der Lyk gefunden, das
verborgene Gute in dem Charakter seines Sohnes, das ihm so grosse Freude gemacht
hatte, an's Licht zu bringen: - alle diese und ähnliche Betrachtungen hielten
den Alten bis nach Mitternacht wach, und liessen ihn auch dann noch keinen
festen Schlaf, nur einen unruhigen Schlummer finden.
 
                                     XXVI.
Hier herein, Monsieur Schlicht! - sagte am folgenden Morgen Herr Stark, dessen
Gesicht noch alle Falten und Runzeln vom vorigen Abende hatte. Ich hab' ein
Wörtchen mit Ihm zu reden; und in diesem Zimmer - es war das Schlafzimmer, das
er ihm öffnete - sind wir noch am ersten allein.
    Dem alten Handlungsdiener, der nicht das beste Gewissen hatte, war bei
dieser Anrede nicht wohl. Er war dem Schlafzimmer von alten Zeiten her gram:
denn er hatte hier schon manchen schweren Kampf mit Herrn Stark zu bestehen
gehabt; und eben jetzt war ihm wieder vor einem Examen bange, worin die
Falschheit seines Vorgebens, dass der junge Herr noch immer unpässlich sei, an's
Licht kommen konnte. Er warf sich in den Trotz Kain's, der bekanntlich nichts
als verkappte jämmerliche Furcht war, und fragte auf beide Beine gesteift: Was
soll ich? -
    Monsieur Schlicht, muss man wissen, war treu wie Gold; und wenn das
Interesse seines lieben alten Wohltäters mit irgend einem fremden in Streit
geriet, so war er im Stande, für jenes Leib und Leben zu lassen. Aber, wenn im
Innern des Hauses ein solcher Streit entstand: so war er sicher von der Partei
der Kinder gegen den Vater; und würd' es auch gegen die Mutter gewesen sein,
wenn nicht diese eben so treu, als er, es mit den Kindern gehalten hätte. Er
hatte die letztern ungeboren gedacht, und sie oft auf seinen Armen getragen,
hatte ihnen tausend kleine Dienste und Gefälligkeiten erwiesen, und tausend
kleine Schmeicheleien und Liebkosungen dafür wieder erhalten. Noch jetzt, da sie
schon längst erwachsen waren, nannten sie ihn immer Du, und lieber alter Vater;
was dem fast siebzigjährigen Junggesellen, der es, bei allem guten Willen, nie
bis zum Heiraten und bis zum eignen Kinderzeugen hatte bringen können, jedesmal
in der Seele wohltat. Auch vergassen die Kinder nie, was er selbst immer
richtig vergass: seinen Geburtstag; wenigstens erinnerte die Doctorinn daran
ihren vergesslichern Bruder: und das ward dann ein Tag froher Feier, wo der alte
Schlicht bei den Geschenken, die ihm reichlich dargebracht wurden, und die für
seine Bedürfnisse sorgfältig ausgewählt waren, nicht selten Freudentränen
vergoss, und von der Doctorinn, wenn er dieser zum Dank die Hand küssen wollte,
wohl gar ein Mäulchen davontrug. Durch solche Bande, die weit zarter, aber eben
darum auch fester, als die der Ehrerbietung waren, die ihn an seinen Broterrn
knüpften, hing er unauflöslich an beiden Kindern; auch hatte er eine Schrift auf
das Rathaus getragen, worin er sie zu alleinigen Erben des nicht ganz kleinen
Capitals einsetzte, das er sich in seinen vieljährigen Diensten gesammelt hatte.
-
    Vermöge dieser Anhänglichkeit, vertuschte Monsieur Schlicht, ehe der Sohn
mit zunehmenden Jahren dreister ward, manche geheime Ausflüge desselben, und
hatte darüber, wenn es herauskam, in dem oberwähnten Schlafzimmer manchen harten
Stand mit dem Vater. Jetzt war er abermal Vertrauter des Sohnes, und hatte
selbst die Chaise anspannen lassen, worin vor ein paar Tagen der junge Herr zu
einem Freunde aufs Land gefahren war, weil es ihm gleich Anfangs unerträglich
geworden, ohne Frost und Hitze ein Fieber zu haben, und wie ein Übeltäter
zwischen vier Mauren zu sitzen. Monsieur Schlicht lebte diese Zeit über in
grosser Unruhe, dass der Alte dahinter kommen, und es dann wegen seiner falschen
Nachrichten vom Sohne sehr derbe Vorwürfe absetzen möchte.
    Indes kam er dieses mal mit dem Schrecken davon. - Ich habe etwas vor,
sagte Herr Stark, wozu ich einen Mann brauche, auf den ich mich verlassen kann,
und der zugleich um sich weiss, und in Handlungsgeschäften gewiegt ist.
    Dieses herzerhebende Wort war Trost und Balsam für Monsieur Schlicht. Seine
Kenntnisse und Einsichten geehrt zu wissen, war ihm nie gleichgültig, und im
gegenwärtigen Augenblick höchst erfreulich. - Befehlen Sie, befehlen Sie, sagte
er, mein lieber Herr Stark! indem er ganz nahe zu ihm hintrat, um gleichsam
jedes Wort ihm von den Lippen zu horchen. - Er erfuhr nunmehr, was Madam Lyk am
gestrigen Tage bei dem Alten gewollt habe; erfuhr ihre unangenehme Lage mit
Horn, und vielleicht mit noch andern Gläubigern, die Herr Stark nur näher zu
kennen wünschte; erfuhr die grossen Dienste, die der junge Herr der Lykisohen
Handlung geleistet hatte, nebst der Neigung des alten Herrn, das vom Sohne
angefangene gute Werk zu vollenden, und der Verlegenheit der Witwe, durch
Verwendung seines Credits für sie, ein Ende zu machen.
    Die Herzensfreude des guten Schlicht über Alles was ihm vertraut ward, am
allermeisten aber über die Ehre dieses Vertrauens selbst, war so gross, dass
Herr Stark den Strom der Beredtsamkeit, womit sich der alte Mann über jeden
einzelnen Punct dieser Erzählung auszubreiten im Begriff war, durch ein stets
wiederholtes und immer stärkeres: Hör' Er doch! Wir werden ja vor Abend nicht
fertig! kaum zu hemmen vermochte. - Aber wie plötzlich stand und gefror dieser
Strom, als Herr Stark hinzu setzte: dass er nicht gesonnen sei blindlings zu
verfahren, sondern vor allen Dingen erst von dem Sohne wissen wolle, ob die
Activa der Witwe ihre Passiva wenigstens balancirten, und in wie kurzer oder wie
langer Zeit etwa Hoffnung sei, dass sie völlig aufs Reine kommen und mit allen
ihren Gläubigern auseinander sein werde. Da mein Sohn, sagte er, die Lykischen
Bücher durchgearbeitet, und also von der ganzen Lage der Handlung die
vollständigste Kenntnis hat: so ist dies von ihm ohne Zweifel besser, als von
der Witwe selbst oder von ihrem Buchhalter zu erfahren, der wohl ohnehin nicht
der tätigste und geschickteste sein mag. Geh' Er also gleich zu meinem Sohne
hinauf, Monsieur Schlicht, und lass' Er Sich über die angegebenen Puncte - er
wiederholte ihm diese Puncte langsam und deutlich - eine recht bestimmte,
ausführliche Nachricht - hört Er? recht bestimmt und recht ausführlich - geben.
Ich muss jetzt fort; aber in einer Stunde längstens bin ich zurück, und erwarte
alsdann Seine Antwort. Nachdem die lauten wird, will ich Ihm dann schon weiter
sagen, was Er zu tun hat. - Es wäre unmöglich gewesen, dass Herr Stark die
plötzliche und totale Gesichtsverfinsterung des alten Handlungsdieners nicht
hätte bemerken und irgend etwas Unheimliches wittern sollen, wenn nicht eben
jetzt, zu grossem Glück für Monsieur Schlicht, die alte Wanduhr geschlagen, und
mit ihrem ersten lärmenden Streich auf die Glocke den Gedanken des alten Herrn
plötzlich eine andere Richtung gegeben hätte. Es war die höchste Zeit geworden,
auf die Börse zu gehn, wo Herr Stark gerade heute ein Geschäft von so grosser
Wichtigkeit hatte, dass er nicht schnell genug glaubte hineilen zu können. Mit
einem kurz abgebrochenen: Adieu! Mach' Er Seine Sachen gut! griff er hastig nach
Hut und Stock; und verliess den armen rat- und hülflosen Monsieur Schlicht, der
unbeweglich wie eine Salzsäule dastand, und das einzige Wörtchen Ja! - bis zu
welchem seine ganze Beredtsamkeit jetzt versiegt war - mit immer längeren
Pausen, und immer schwächerem Tone, hinter Alten her sprach.
 
                                     XXVII.
In seiner Seelenangst, da er sich das ehrenvolle Zutrauen des alten Herrn so
gern erhalten hätte, und doch auch nicht wusste wie er es anfangen sollte, irrte
Monsieur Schlicht, wie ein Unkluger, im ganzen Hause umher; und kam zuletzt auch
vor das Zimmer des jungen Herrn, ohne selbst zu wissen was er da wollte. - Man
denke sich sein Erstaunen, als er das Zimmer geöffnet, und den Gegenstand seiner
Sehnsucht mit aufgestütztem Arme am Tische dasitzend fand. Er kreuzte und
segnete sich, eh' er ihm näher trat, und ihn mit zitternder Stimme fragte: ob
er's denn wirklich wäre?
    Da glaubst doch nicht an Gespenster? sagte der junge Herr Stark.
    Ach mein Gott! Wenn's nicht heller lichter Tag wäre; man mögt's beinahe. -
Wie, um's Himmels willen! kommen Sie hier herein?
    Von hinten, mein lieber Schlicht. Durch den Torweg.
    Ha! - Stand der offen?
    Sperrweit. -
    Nun, so soll doch auch den Knecht gleich auf der Stelle der Henker holen! Er
hat Holz gefahren, der Schlingel! und hat mir den Torweg offen gelassen.
    Monsieur Schlicht, in seiner ökonomischen Wut, wollte augenblicklich
hinunter, um den Knecht rechtschaffen auszufenstern. - Aber, sagte Herr Stark,
ist's dir denn nicht lieb, alter Vater, dass ich mich auf diese Art habe in's
Haus schleichen können?
    Ach ja! ja! erwiederte Monsieur Schlicht: gar zu lieb! und ich will ja auch
dem Kerl noch ein Trinkgeld, ein gutes Trinkgeld geben; mit tausend Freuden! -
Aber ausschimpfen muss ich ihn erst, und muss erst sehen ob Alles zu ist. Wir
haben Diebsbanden hier in der Stadt. - -
    Das Geheimnis von der frühen Zurückkunft des Herrn Stark war kein andres,
als seine zur vollen Leidenschaft gediehene Liebe zur Witwe. Diese machte ihn
für jede Gesellschaft, so wie jede Gesellschaft für ihn, ungeniessbar. Sein
Freund, der die unglückliche Stimmung seines Gemüts bald genug inne ward,
suchte ihn auf alle mögliche Weise zu zerstreuen und aufzuheitern: er brachte
Gespräche auf die Bahn, in denen Herr Stark seine Handlungskenntnisse entwickeln
konnte; er stellte eine eigene kleine Jagdpartie für ihn an; er schlug
gesellschaftliche, muntere Spiele vor, bei denen sonst Lachen und Scherz nie
fehlen: aber Alles vergebens. Im Gespräch gab Herr Stark, wenn von Java die Rede
war, über Jamaica Antwort; auf der Jagd liess er die Hasen, die man ihm fast vor
die Füsse trieb, ungesehen davon laufen; und zu den Spielen war er so unlustig
oder nahm sich dabei so linkisch, dass sie fast eben so schnell wieder
abgebrochen, als angefangen wurden. Endlich, wie leicht zu erachten, ward man
der undankbaren Mühe, ihm Vergnügen zu machen, überdrüssig; und Herr Stark hätte
noch ein wenig zerstreuter sein müssen als er es war, um nicht zu merken, dass
er seinem Freunde zur Last, und was noch mehr ihn kränkte, seinen Mitgästen
lächerrlich ward. Er packte also schnell wieder zusammen, und nahm schon am
dritten Tage von seinem gütigen Wirte Abschied, der zwar Ehrenhalber seine zu
frühe Rückreise tadelte, aber im Grunde des Herzens froh war ihn wieder
loszuwerden. -
    Herr Stark hatte nunmehr die völligste Überzeugung, dass er mit seiner
Leidenschaft nur vergebens kämpfe, und dass er ohne den Besitz der Witwe
unmöglich leben könne. Es waren drei Fälle, die bei der Bewerbung um sie Statt
finden konnten; und für jeden war sein Entschluss schon gefasst. Wenn der Vater
seine Einwilligung abschlug, aber die Witwe sie gab; so setzte er sich mit den
Vormündern der Lykischen Kinder, und zog zu der Witwe in's Haus, um ihre
Handlung, die er genugsam hatte kennen lernen, zu übernehmen und fortzuführen.
Wenn der Vater, wie er zwar innig wünschte, aber zu hoffen sich nicht getraute,
seiner Wahl aus vollem Herzen beistimmte - denn ein nur gezwungner oder gar
erbettelter Beifall genügte ihm nicht -; so schlug er die Lykische, ohnehin
gesunkene, Handlung so vorteilhaft los als möglich, und führte die Geliebte
seines Herzens in das väterliche Haus ein, wo er dann mit verdoppeltem Eifer
sich seinen Geschäften widmen, nur ihnen und seiner Liebe leben, und den Vater
überzeugen wollte, dass es ihm so wenig an Talenten als an Tugenden fehle. Wenn
unglücklicher Weise die Witwe selbst - sie, für die er so viel getan hatte, und
die er so innig liebte - seinen Wünschen abhold war; so blieb er keinen
Augenblick länger in einer Stadt, wo er das Weib seines Herzens ohne Hoffnung
des Besitzes vor Augen haben, oder wohl gar einen Dritten - er knirschte bei
dieser Vorstellung - in ihren Armen glücklich sehen müsste. Er begab sich
alsdann, wie er bisher gewollt hatte, nach Br ..., wo schon Alles zu seiner
Aufnahme bereit war, und wohin er den Briefwechsel mit seinem Geschäftsträger
eben in dieser Hinsicht noch fortsetzte.
    So weit stand der Entschluss des Herrn Stark, ohne zu wanken, fest: und
schon dies beruhigte gewissermassen sein Herz; aber noch erhielt ihn die
Ungewissheit, welche von den aufgezählten Möglichkeiten zur Wirklichkeit kommen
würde, in jenem finstern, schwermütigen Staunen, worin ihn der alte Schlicht
überrascht hatte. Um auch dieser Ungewissheit los zu werden, beschloss er jetzt,
sobald der Vater zu Tische sässe, in das Haus des Schwagers zu eilen, der um das
Geheimnis seines Herzens nun einmal wusste, und der ihm seines vollen,
unbedingten Zutrauens wert schien. Mit ihm wollte er sich über die Art und
Weise besprechen, wie er am besten die Gesinnung der Witwe, und dann auch die
des Vaters, erforschen könnte.
 
                                    XXVIII.
Alles gut! Alles sicher! sagte Monsieur Schlicht, indem er mit geriebenen Händen
und frohem Angesichte wieder hereintrat. - Der Knecht hat seinen Ausputzer, und
hat sein Trinkgeld weg; der verwünschte, nachlässige Kerl!
    Den Ausputzer, sagte Herr Stark, hättest du sparen können.
    Nein, nein! Das Trinkgeld eher; denn das hatte der Zufall verdient, aber den
Ausputzer er selbst. - - Ach, was ich mich freue, mein lieber, lieber Herr
Stark, dass Sie wieder zurück sind! Ich war in gewaltiger Not.
    Um mich? - Mir fehlte nichts, lieber Vater.
    Aber mir desto mehr. - Denken Sie Sich nur um's Himmels willen! was für
einen Auftrag mir da der alte Herr gibt.
    Nun? -
    Ich soll zu Ihnen heraufgehn - zu Ihnen, den ich nicht hier wusste! Wie ward
mir dabei? - und soll Sie recht genau und recht umständlich befragen, wie es mit
der Handlung der Madam Lyk steht, um derentwillen ich so oft habe wachen müssen.
    Was? rief Herr Stark, und fuhr mit grosser Bewegung vom Stuhle.
    Jaja! - Ob die Activa die Passiva wenigstens balanciren, und in wie kurzer
oder wie langer Zeit sie etwa realisirt haben werde?
    Schlicht! - Er fasste den alten Handlungsdiener bei beiden Armen. - Mich,
mich sollst du darum befragen? Mich?
    Wen denn sonst? - Ihr Vater weiss alle Ihre Gänge zur Witwe. Sie selbst
scheint ihm davon gesprochen zu haben.
    Sie selbst? - Ich glaube bei Gott, Alter! es ist nicht richtig mit dir; du
bist von Sinnen. - Wie kömmt mein Vater zur Witwe? -
    Hören Sie, junger Herr! sagte Monsieur Schlicht, und schüttelte ärgerlich
mit dem Kopfe; das von Sinnen sein lassen Sie weg! Das bitt' ich mir aus. Ich
habe Gottlob! so alt ich bin, meine fünf Sinne so gut, wie ein Andrer.
    Aber noch einmal, Schlicht! - Antworte, und sei dann böse so viel du willst!
Wie kömmt mein Vater zur Witwe?
    Hab' ich denn schon gesagt, dass Er zu ihr kam? Sie kam zu ihm.
    Sie zu ihm? -
    Gestern Vormittag. Hieher in's Haus. - Und kam hier schlimm genug wieder
weg.
    Ha! rief Herr Stark, und errötete über und über.
    Oder eigentlich stattlich genug. Denn die Frau Doctorinn und ich brachten
sie in einer Kutsche nach Hause.
    In einer Kutsche! Warum? - Er fing an, zu erblassen.
    Je, sie lag ja in einer Ohnmacht, die arme Frau! dass man geschworen hätte,
sie wachte vor dem jüngsten Tage nicht wieder auf.
    Grosser Gott! - Vielleicht der Vorbote von einer Krankheit, von einer
tödtlichen Krankheit!
    Ach, hat sich etwas! - Er warf den Kopf in den Nacken. - Sie denkt Ihnen an
keine Krankheit. Sie war kaum wieder zu Hause; so war sie flink, wie ein Vogel.
    Ist das wahr? Ist das sicher?
    Wird denn Schlicht Sie belügen? - Aber sagen muss ich Ihnen noch, mein
lieber, lieber junger Herr, was ich für eine grosse, für eine ausnehmende Freude
gehabt habe.
    Du? -
    Ihr Vater hat in Ausdrücken von Ihnen gesprochen; in Ausdrücken! - Er nahm
hier einen patetischen Ton an. - »Mein Sohn hat so rechtschaffen gehandelt -
mein Sohn hat sich so brav bewiesen - mein Sohn hat die Grossmut gehabt.« - -
Sehn Sie, mein lieber, lieber junger Herr! So hatt' ich noch in meinem Leben von
Ihnen nicht reden hören.
    Herr Stark hätte sich gern ein wenig geschämt, wenn er vor Vergnügen dazu
hätte kommen können. Er sah den Nebel, der über seiner Zukunft lag, sich schon
ziemlich erheitern, sah den liebsten seiner Wünsche zur Hoffnung werden, und
bestürmte nun den alten Schlicht mit einer Menge von Fragen, die aber
grösstenteils ohne Antwort blieben. - Wenn ich doch nur wüsste, sagte er
endlich, was in aller Welt die Witwe hieher gebracht, was sie gewollt hat?
    O, was das betrifft; damit kann ich aus dem Munde des alten Herrn Ihnen
dienen. Sie ist in Verlegenheit wegen eines gewissen Horn, der ihr zusetzt.
    Horn? rief Herr Stark, und trat mit Heftigkeit gegen den Boden. - Ha! der
elende, nichtswürdige Geizhals! So hat er mir doch das Wort nicht gehalten, das
ich so mühsam, mit so vielem Zureden, von ihm erpresste! - Ich Tor! Warum
bezahlt' ich auch den Bettel nicht gleich? - Und was beschliesst denn mein
Vater? Was will er tun?
    Er reisst die Witwe heraus; ganz gewiss! - Ich werde schon hören, sobald er
von der Börse zurückkömmt.
    Bleibt er dort lange? Was meinst du?
    Ich denke. Er schien ein Geschäft von Wichtigkeit vorzuhaben. Er eilte sehr.
    So will ich zu meiner Mutter hinunter. Vielleicht weiss sie mehr, lieber
Alter, als du. Oder, wenn auch sie nichts weiss - dann zum Schwager, zur
Schwester, zur Witwe selbst!
    Halt! halt! rief Monsieur Schlicht, indem er ihn noch glücklich bei dem
einen Rockschoss erwischte: so haben wir nicht gewettet, junger Herr; so kommen
Sie mir nicht fort! - Erst Nachricht, ob die Activa der Witwe ihre Passiva - -
    Nur decken, meinst du? - Es bleibt noch Capital-Conto. Nicht wenig.
    Schön! - Und die Zeit, wann sie realisirt haben wird?
    Drei, vier Monate längstens.
    Vortrefflich! - Aber nun mögt' ich noch einige Umstände wissen; als erstens
- -
    Fort war Herr Stark.
    Fort ist er! brummte Monsieur Schlicht, und sah mit Kopsschütteln hinter ihm
her. - Das ist mir denn doch wahrlich zu bunt. Dahinter liegt mehr verborgen. -
Junger Herr! junger Herr! Sie haben der Witwe zu tief in die Augen gesehen. Sie
sind verliebt. - - Je nun - wenn er's denn einmal ist - was für ein Unglück? -
Eine hübsche, wackere Frau ist die Witwe; das ist gewiss: und wenn sie ihm
ansteht - - Sie hat viel Lebensart, muss ich sagen; sie dankte mir gestern gar
höflich; sie nannte mich einen lieben Herrn Schlicht über den andern: - Also -
wenn sie ihm ansteht - warum soll er sie nicht zur Frau nehmen? Wer wird's ihm
wehren? - Immer zu, mein Herr Stark! Immer zum Werk geschritten! Das
Junggesellenleben ist ein langweiliges Leben. - Haha! - Da kann ich alter
Kindernarre noch in meinen siebziger Jahren etwas zu tragen und zu hätscheln
bekommen. - In Gottes Namen! - Ich wollte, sie wären schon da, die kleinen
niedlichen Püppchen, und könnten schon laufen.
 
                                     XXIX.
Von der Mutter war wenig oder nichts zu erfahren; und so eilte Herr Stark durch
den Torweg, den ihm Monsieur Schlicht öffnen musste - denn wenn er von vorne
ging, konnt' er dem Vater in den Wurf kommen - zur Schwester.
    Diese, die von seiner Reise gewusst hatte, schien über seine Rückkunst
verwundert. Sie konnte sich's nicht versagen, den ungeduldigen Liebhaber mit
seiner Leidenschaft ein wenig zu necken, sich eben so brennend-neugierig zu
stellen, als er selbst brennend-verliebt war, und ihm auf seine Fragen über die
Witwe lauter Gegenfragen über die Reise zurückzugeben. Doch am Ende brach ihr
das mitleidige Schwesterherz; und sie machte ihn durch die Entdeckung, dass,
nach ihrem und ihres Mannes Dafürhalten, die Witwe wohl eben so verliebt sei als
Er, über alle Beschreibung glücklich. Sie selbst war es in hohem Grade durch das
stolze Gefühl, das immer ihrem Geschlechte so wohl tut, einen Mann in den
Fesseln eines Weibes sich krümmen und winden zu sehn; doch fühlte sie zugleich,
wie alle wohldenkenden Damen, einen lebhaften Trieb, den Leiden des armen
Schmachtenden, so schön und so lieblich anzuschaun sie auch waren, ein baldiges
Ende zu machen. Sie versprach ihm mit Hand und Mund, dass sie nichts was in
ihren Kräften stehe, unversucht lassen wolle, um das Schifflein seiner Liebe,
wenn nur nicht Wind und Wetter allzusehr entgegen wären, glücklich in den Hafen
zu steuren.
    Bei der Zuhausekunft des Doctors, kamen die drei Entwürfe zur Sprache, die
Herr Stark auf die oberwähnten drei Fälle bei sich festgesetzt hatte. Der Doctor
wollte durchaus, dass er sich vor allen Dingen mit dem Vater verständigen, und
seine Geschäfte wieder antreten sollte, wo denn die Einwilligung zur Heirat mit
der Witwe gewiss nicht fehlen würde. Herr Stark hingegen wollte vor allen Dingen
der Gesinnung der Witwe versichert sein, um zu wissen, ob er den Ort seines
Aufentalts nicht verändern müsse, und wie er sich gegen den Vater zu nehmen und
zu erklären habe. In sein altes Verhältnis, sagte er, trete er für keinen Preis
wieder zurück, was auch immer sein Schicksal sein möge; und die Billigung seiner
Liebe betreffend, kenne er die unüberwindliche Beharrlichkeit des Vaters in
seinen einmal gefassten Vorurteilen.
    Der Doctor erzählte ihm jetzt, wie sehr das Vorurteil gegen die Witwe bei
dem Alten bereits erschüttert worden, und bestand noch einmal darauf, dass sein
erster Schritt die Aussöhnung mit einem Vater sein müsse, der von nun an gewiss
auf einen ganz andern Fuss mit ihm leben werde. Die Rückkehr des alten
Verhältnisses, meinte er, sei durchaus nicht zu fürchten, sobald nur nicht der
Sohn selbst daran arbeite es wieder herzustellen. Ob der Vater ihn liebe? sei
nicht die Frage; nur habe dieser Liebe bisher ein notwendiger Zusatz gemangelt,
und dieser Mangel sei die Ursache alles Verdrusses und aller Erbitterung
geworden. - Herr Stark bestand darauf, dass der Doctor sich näher erklären
sollte; und dieser versprach es, wenn er zuvor das feierliche Wort erhielte,
dass ihm seine Freimütigkeit nicht sollte übelgedeutet werden. Dieses Wort ward
gegeben. -
    Nun dann! sagte der Doctor: der Liebe Ihres Vaters mangelte, was jetzt schon
in hohem Grade da ist, und was Sie noch täglich zu vermehren in Ihrer Gewalt
haben werden: Hochachtung für Sie.
    Wahr! Mehr als zu wahr! Er hat mich von jeher verachtet.
    Er hat von jeher gewünscht, Sie innigst hochachten zu können. - Fragen Sie
jetzt Sich Selbst, in welchem Maasse Sie ihm das möglich machten!
    Hab' ich ihm Schande gemacht? rief Herr Stark, indem er mit grosser Bewegung
aufstand. Hab' ich Lastertaten begangen?
    Ist von Schande die Rede? Werden Sie den schon hochachten, der sich mit
keinen Lastertaten befleckt hat? Gehört zur Hochachtung nicht mehr?
    Herr Stark erinnerte sich der Freude des alten Schlicht über den Ton worin,
sein Vater von ihm gesprochen hatte, ward besänftigt, und setzte sich wieder. -
    Ich habe Ihr Wort, dass Sie meine Freimütigkeit mir verzeihen wollen; und
so lassen Sie mich ein für allemal, um Ihrer und Ihres Vaters Zufriedenheit
willen, über diesen Punct meine geheimsten Gedanken sagen! - Ihr Vater hielt Sie
für keinen bösen, aber für einen schwachen, für einen auf sich selbst
beschränkten, zur Sinnlichkeit, Weichlichkeit, Eitelkeit ganz sich hinneigenden
Charakter. Nach dem, was er von Ihnen sah, von Ihnen hörte - denn Ihr Gutes
verbargen Sie ja vor ihm - konnt' er kaum anders, sondern musste Sie dafür
halten. Er dachte Sie im vollen Gegensatz mit sich selbst; und sich selbst
konnt' er doch wahrlich! auch bei der strengsten Unparteilichkeit, mit keinen
andern Augen ansehn, als womit alle Welt ihn ansieht: mit Augen der Billigung
und der Achtung. Daher sein Ton gegen Sie: ein wirklich empfindlicher,
ärgerlicher, kränkender Ton, der mir von jeher missfiel, den ich gegen meinen
Sohn, wie ich auch immer von ihm urteilen möchte, ewig nicht brauchen würde,
auch freilich, weil mir Witz und Laune dazu versagt sind, nicht brauchen könnte;
der aber aus dem ganzen Geiste und Herzen des Alten zu natürlich hervorging, als
dass die Abänderung desselben, solange er Sie in dem alten Lichte betrachtete,
je gehofft werden durfte. - Ihm diesen Ton zu nehmen, war kein anderer Weg als
ihm sein Urteil von Ihnen au nehmen; und dieses - er ergriff hier die Hand des
Schwagers, und drückte sie ihm mit Wärme - dieses ist ihm genommen.
    Herr Stark hatte mit Ruhe gehört, und schwieg auch noch jetzt. Der Doctor
bekannte ihm, dass er die ganze Geschichte der Aussöhnung mit Lyk, nebst Allem
was darauf gefolgt sei, dem Alten erzählt habe, und schilderte ihm die grosse
Rührung desselben nicht ohne eigene Rührung. - Treten Sie ihm jetzt unter die
Augen, und Sie werden einen ganz andern Blick von ihm sehen. Reden Sie jetzt mit
ihm, und Sie werden einen ganz, andern Ton von ihm hören. - Wahrlich, Herr
Bruder! wenn Sie auch alle die kleinen - Schwachheiten will ich nur sagen -
beibehielten, die er sonst an Ihnen bespöttelte: er würde sie nicht mehr
bespötteln; er würde sie immer noch weg wünschen, aber sie dem uneigennützigen,
grossmütigen, edeltätigen Manne, den er jetzt in Ihnen erkennt, mit Freuden,
zu Gute halten. Nur Annäherung, Aussöhnung, Vertrauen! - und ich schwöre Ihnen,
Sie gelten ihm künftig mehr, als wir Alle; Sie führen ihm jede Gattinn, die Sie
wollen, als seine Tochter zu; Sie sind Herr aller Ihrer Handlungen, solange Sie
in dem Geiste, wie seit Lyks Tode, handeln; Sie haben an ihm keinen Tadler und
Sittenrichter mehr; nur einen liebenden Freund, einen zärtlichen Vater.
    So gern Herr Stark dieses Alles nicht bloss als Liebhaber, sondern auch als
Sohn hörte, dessen Gefühle der Natur und der Pflicht nie völlig erstorben waren,
so nahm er es doch mehr für angenehme Vorspiegelung, als für wirkliche Hoffnung.
Er beharrte darauf, dass sein erster Schritt sein müsse, von der Gesinnung der
Witwe gewiss zu werden, um bei dem Versuche der Aussöhnung mit dem Vater
sogleich seine Liebe erklären zu können: weil diese Aussöhnung, wenn man
hinterher seine Liebe verwürfe, von keiner Dauer, und wenn die Witwe selbst ihm
ihre Hand verweigerte, von keinem Nutzen sein würde. Er sei in dem letztern
Falle nun einmal entschlossen, seinen Aufentalt zu verändern. - Man stritt noch
eine Weile hin und her; aber jeder blieb, wie gewöhnlich, bei seiner eigenen
Ansicht: bis die Doctorinn, die sich ihrer Wirtschaft wegen hatte entfernen
müssen, wieder hereintrat, und Mann und Bruder zu Tische abrief. Sie sagte
ihnen, dass sie den Kindern besonders habe decken lassen, und dass sie drei
allein sein würden, um mit voller Freiheit zusammen zu ratschlagen.
    Der Streit zwischen dem Doctor und Herrn Stark ward ihr jetzt zur
Beurteilung vorgelegt, und sie entschied, nach kurzem Besinnen, für beide und
wider beide. - Ihr könnt euch nur darum nicht vereinigen, sagte sie, weil Ihr
Männer, das heisst, weil Ihr Starrköpfe seid, die, wie sie einmal ein Ding
gesehen und gefasst haben, es immer sehen und immer fassen. - Mein Gott! so
werft doch Euer beider Meinungen in Eine zusammen, und Ihr seid ja fertig.
    Wie zusammen? fragten hier beide. Wie geht das an?
    Ja, wenn wir Weiber nicht wären! -
    Ihr holden Friedensstifterinnen! sagte der Doctor, und lachte.
    Das sind wir, mein Herr; das sind wir. Davon sollen Sie gleich die Probe
sehen. - Du, Bruder, willst vorher der Liebe deiner Witwe gewiss sein, ehe du
mit dem Vater sprichst. Nicht?
    Allerdings.
    Und du, Herr Gemahl, willst den Bruder vorher mit dem Vater einverstanden
wissen, eh' er mit der Witwe Richtigkeit macht?
    Nicht anders.
    Nun, was zankt Ihr Euch denn? Da gibt's ja gar keine Schwierigkeiten. Das
geht ja ganz vortrefflich zusammen. - Ich schaffe dem Bruder die vollkommenste
Gewissheit von dem Ja der Witwe, ohne gleichwohl dieses Ja ausdrücklich zu
fordern; und der Bruder, wenn er diese Gewissheit hat, gönnt dem Vater vorher
das Wort, eh' er der Witwe seine Anträge macht. Dann wird er ja hören, und
nachdem er hört, kann er handeln. Der Vater darf nicht klagen, dass der Sohn ihn
vernachlässiget habe, und der Sohn darf nicht fürchten, dass er von einer oder
der andern Seite in Verlegenheit komme. - Lässt sich etwas Leichters, etwas
Einfacheres denken?
    Aber ich sehe nicht ab, sagte der Doctor, wie du, ohne förmlichen Antrag,
des Ja der Witwe gewiss werden kannst.
    Armer Mann! Das siehst du wirklich nicht ab? - Sage mir doch: wie nanntest
du jüngst ein Gesicht, woran du gewiss vorher weisst, dass dein Kranker dir
sterben werde?
    Ein hippokratisches etwa?
    So ungefähr. Ja, so klangs. - Nun, die Freiheit der armen Mädchen und
Witwen, wenn sie im Abfahren begriffen ist, hat eben ein solches hip - hip - wie
heisst es?
    Hippokratisches Gesicht.
    Richtig! - Und darauf verstehn nun wir Weiber - wir klugen, mein' ich - uns
eben so gut, als Ihr Euch, Ihr gelehrten Herrn Doctoren, auf jenes. - Heute
Abend, Bruder, hast du von der Witwe volle Gewissheit, ohne dass ich gleichwohl
das Mindeste mit ihr richtig mache.
    Aber, Schwester, sagte Herr Stark, wenn du deine Gute gegen mich vollenden
wolltest - ich wünschte von dir noch Eines.
    Und was?
    Dass du, ehe ich mit dem Vater spräche, auch seine Gesinnung in Absicht
dieser Heirat - nicht eben geradezu, nur von weitem, ganz von weitem -
erforschtest. Ach, das würde mir die Unterredung mit ihm so unaussprechlich
erleichtern.
    Kann geschehn! sagte die Schwester.
    Er soll ja sein Vorurteil gegen die Witwe schon halb verloren haben?
    Das hat er. Schon mehr als halb. - Aber, lieber Mann, wie ist's denn mit
dir? Du wirst doch auch etwas tun.
    Was in meinen Kräften steht - gerne. Ich bin des Unfriedens in der Familie
schon so überdrüssig! -
    Morgen, weisst du, ist Sonntag, und der Vater isst hier zu Mittage. - Wie,
wenn du ihn da in dein Zimmer nähmst, und ihn zur väterlichen, freudigen
Wiederannahme des Bruders zu stimmen suchtest? wenn du ihm den Bruder von seinem
letzten Geschenke so gerührt schildertest, so dankbar, so gut -
    Dass er ihn selbst wieder zurücksehnte?
    Nun ja!
    Mit Vergnügen. - Aber dann wird er sogleich, wenn er den Bruder gesund
glaubt, ihn rufen lassen, oder wenn er ihn noch für krank hält, zu ihm,
hinaufgehn und ihn umarmen.
    Er umarmt nicht so leicht. -
    Nein, nein! sagte Herr Stark. Verschone mich, Schwester! - Auch hast du mir
ja versprochen - -
    Wahr! Ihn der Heirat wegen erst auszuholen. Und dazu will Zeit sein. So
Schlag auf Schlag geht das nicht. - Und doch mögt' ich so ungern, dass der
Sonntag, wo wir ihn hier allein haben, und wo er gemeiniglich so vergnügt ist,
für die Hauptunterredung verloren ginge. - Halt! Du warst ja auf dem Lande,
Bruder? Bei einem Freunde?
    Nun freilich.
    Besinne dich! Du warst nicht, sondern du bist auf dem Lande. Mein Mann hat
dir zu der Reise geraten, und heute oder gestern - mag es doch heute sein,
heute nach Mittage! - bist du von hier gefahren. Indessen bleibst du bei deiner
Schwester, und kannst wieder zur Stadt kommen, sobald du willst. Schlicht soll
Bescheid darum wissen.
    Ich glücklicher Mann! sagte der Doctor. Was für eine Frau ich doch habe!
    Nicht wahr? -
    Eine kluge, eine herrliche Frau! - Von einer Erfindungskraft! einer
Geistesgewandteit!
    Bosheit! Bosheit! rief sie. Nichts weiter! - Da will er mich nun verführen,
dass ich ihm einmal sagen soll, was eine Frau doch so ungerne sagt: Mann! du
hast Recht.
    Die süsse Miene, womit sie jetzt aufstand, versprach einen Kuss, und der
Doctor fuhr sich schon mit der Serviette über die Lippen; aber plötzlich wandte
sie sich gegen die Türe, befahl den Pudding zu bringen, und setzte sich ganz
ehrbar wieder an ihre Stelle.
 
                                      XXX.
Komm' ich nicht ein wenig zu oft? sagte die Doctorinn, indem sie einen
Augenblick an der Zimmertüre der Witwe stillstand. Werden Sie Sich nicht bald
meine Besuche verbitten?
    O meine Freundiun! mir Ihre Besuche verbitten! Ich, die ich mich lieber
niemal von Ihnen trennte! - Sie tun mir da eine Frage - -
    Die übler klingt, als gemeint ist. Weiss ich's nicht schon, dass Sie mich
recht gerne ertragen?
    Ertragen! - Nun kommen Sie mir vor Mitternacht nicht von dannen.
    Ich Arme! Da wär' ich ja schrecklich gestraft. - -
    Man nahm jetzt Platz, und die Doctorinn wollte so eben auf ihr Haupttema
einlenken; als ein Lehrling aus der Lykischen Handlung hereintrat, und den alten
Mann von gestern ansagte, der Madam Lyk aus dem Wagen gehoben habe.
    Der Doctorinn schoss auf der Stelle das Blatt. Schlicht? rief sie aus. Der
kömmt nicht anders, als wenn er geschickt wird. Was kann der wollen?
    Er will, sagte der Lehrling, und schielte seitwärts die Doctorinn an, Madam
Lyk unter vier Augen sprechen.
    Nicht unter sechsen? Ei mein Gott! da muss ich ja fort. Das ist übel. - Doch
wenn Sie erlauben, Freundinn; so schleich' ich mich hier in dies Seitenzimmer,
und wahrlich! wahrlich! ich will dort recht fromm sein. Ich will an's Fenster
und nicht an die Türe treten.
    Wie Sie mich quälen! sagte die Witwe. Bleiben Sie doch! Was für Geheimnisse
kann er denn haben?
    Wer weiss? Er mag wohl einmal auch nicht geschickt sein. Er ist noch
Junggeselle.
    Leichtfertige Freundinn! - Sie trat jetzt mit vieler Höflichkeit in die
Türe, und nötigte den Alten herein, der sogleich durch die Heiterkeit seines
Gesichts die gute Beschaffenheit seiner Botschaft ankündigte, und die Doctorinn
in ihrer Ahnung bestärkte.
    Sieh da, sagte diese: lieber, guter alter Vater! Bist du's denn wirklich? -
Ach mein Himmel! Und geputzt wie ein Bräutigam, oder wie ein Brautwerber. Was
stellt das vor?
    Der alte Schlicht lachte herzlich. -
    Wirklich, so galant hab' ich dich in meinem Leben nicht gesehen.
    Man hat gut galant sein, liebe Frau Doctorinn, wenn man Gönner hat, die auf
einen was halten. - Er sah hier, wie verstohlen, auf seine neue atlassne Weste,
und von der Weste wieder auf seine Wohltäterin; mit einem Ausdruck von Dank
und Liebe, der ein noch älteres Gesicht, als das seinige, hätte verjüngen
können. - Die Weste war ein Angebinde der Doctorinn an seinem letzten
Geburtstage gewesen, und er trug sie, um seiner Sendung Ehre zu machen, heute
zum ersten male.
    Die Doctorinn, von seiner Pantomime gerührt, schlug ihm sanft auf die
Schulter. - Aber ist es denn wahr, lieber Alter, dass du mit Madam Lyk ganz
allein sein willst? dass ich hier fort muss?
    Wie so? Wie so?
    Der Handlungsbursche, der dich hier anmeldete, sagte - - Ach, der
Handlungsbursche ist - - Bei einem Haare hätt' er ein Kraftwort herausgestossen;
aber zum Glück besann er sich noch, übersetzte den Narren, den er im Sinne
hatte, in: nicht recht klug, und versicherte, dass die Frau Doctorinn sein
ganzes Anbringen hören dürfe; sie komme selbst darin vor. -
    Mit grosser Ernstaftigkeit hielt er dann seinen Vortrag. - Sein Principal,
sagte er, der Herr Stark, bedaure ganz ungemein, dass er gestern, wegen
zunehmender Gehörschwäche, die eigentliche Absicht des von Madame ihm gegönnten
angenehmen Besuchs nicht verstanden, sondern diesen Besuch für eine blosse
überflüssige Höflichkeit genommen habe. Er sei nachher durch seine Frau Tochter,
die hier anwesende Frau Doctorinn Herbst - die bei dieser Gelegenheit einen sehr
herzlichen Blick erhielt - über jene Absicht näher belehrt worden; und da er nun
ihn, den Monsieur Schlicht, teils als einen Handlungskundigen, teils als einen
treuen und verschwiegnen Diener, aus vieljähriger Erfahrung kenne: so habe der
Herr Principal eben ihm den Auftrag gegeben, der Madame die Versicherung seiner
vollkommenen Bereitwilligkeit au ihren Diensten zu überbringen, auch demnächst
sich in das Comtoir des Herrn Horn zu verfügen, um sofort die etwanige Schuld
bei diesem ungestümen, dem Herrn Stark von der schlechten Seite schon
wohlbekannten Manne durch Wechsel oder baar, wie er selbst es wollen würde, zu
tilgen. Übrigens bitte sein Herr Principal, wenn ähnliche Fälle mit noch andern
Gläubigern eintreten sollten, dass Madame sich nur gleich an Ihn wenden, und ihn
überhaupt wie ihren Curator betrachten wolle, als wozu er sich mit Vergnügen
erbiete. Zugleich wünsche er, mit allem Dank verschont zu bleiben, weil er durch
den Herrn Sohn sehr wohl unterrichtet sei, dass er in keinem Falle bei der
Unterstützung von Madame etwas wage, und sich also bei dieser kleinen
Gefälligkeit eigentlich gar kein Verdienst um sie beimessen könne. - Er,
Monsieur Schlicht, ersuche jetzt um beliebige genaue Angabe der ganzen
Hornischen Forderung, damit er dem noch übrigen Teile seines Auftrages genügen,
und dem Herrn Principal die ganze Sache als völlig abgemacht berichten könne. -
-
    Kaum hatte Monsieur Schlicht mit vielem Wohlbehagen seinen Vortrag geendigt:
so ergriff die Doctorinn die Hand der Witwe, und fragte, nicht ohne
töchterlichen Stolz im Herzen: Hatt' ich nun Unrecht?
    O meine Freundinn! - Eine solche Grossmut an einer Fremden, an einer fast
gänzlich Unbekannten! - Aber ich weiss ja, wem ich diese Hülfe zu danken habe.
    Wem? Wem? - indem sie sich vor ihrer Umarmung zurückbeugte. - Meinem Vater;
sonst keinem!
    Er hat die edelste Tochter. -
    Kennen Sie die? - Eine Schwätzerinn ist's, die nichts auf dem Herzen
behalten kann; die dem Alten Alles vorplaudern muss was sie weiss, und die ihm
denn auch gesagt hat, was sie von der unangenehmen Lage ihrer Freundinn und von
der Absicht des gestrigen verunglückten Besuches wusste. - Das ist Alles
gewesen; ich versichere Sie. Kein Wort von Fürsprache, von Aufmunterung Ihnen zu
helfen; kein Gedanke daran! Das hätte die Freundinn herabgesetzt, und den Vater
beleidigt. Der handelt nicht, wie es ihm Andre eingeben; der handelt nach seinem
eigenen Herzen.
    Ich höre Sie mit einer Bewunderung - einer Empfindung - -
    Lassen wir das! - Und nun umarmte sie die Witwe mit wahrer, herzlicher
Freundschaft. - Mein guter Schlicht, der nie viel Zeit hat, wartet auf Antwort;
und ich denke doch, Sie werden ihn durch keine abschlägige kränken?
    Die Witwe bat jetzt Monsieur Schlicht, seinem Herrn Principal ihre innige
Verehrung, ihre tiefe Rührung über den unverdienten Beweis seiner Gewogenheit zu
versichern; aber zugleich ihm zu sagen, dass der Gehorsam gegen den einen Teil
seines Befehls ihr den Gehorsam gegen den andern unmöglich mache. - Ich werde
Sie Selbst, lieber Herr Schlicht, mit einigen Zeilen von meiner Hand beschweren,
die Sie ihm zu überreichen die Güte haben werden. Den persönlichen Dank behalt'
ich mir vor. - Sie erlauben doch, beste Freundinn? - mit einer Wendung gegen das
Seitenzimmer.
    Gehen Sie, gehen Sie nur! Sie tun etwas sehr Überflüssiges; aber ich weiss,
Sie würden es doch nicht lassen. -
    Die Doctorinn nutzte die Augenblicke, da sie mit Schlicht allein war, um ihn
von Allerlei zu unterrichten, was ihm zu wissen Not tat: von dem Wechsel, den
ihr Mann an Horn ausgestellt hatte, um die Witwe ausser Gefahr zu setzen; von
ihrem Wunsche, dass der Vater davon nichts merke, und also nicht ihr Mann
quitirt werde, sondern die Witwe; von ihrer Absicht, den Bruder noch einige Tage
vorgeblich auf's Land zu schicken, bis ein gewisser Entwurf gereift sei, der ihn
von seiner Grille, nach Br ... zu gehen, unfehlbar zurückbringen werde; endlich
von der aufhörenden Notwendigkeit, das Wohlbefinden des Bruders und seine
Abfahrt auf's Land, die aber erst diesen Nachmittag müsste geschehen sein, vor
dem Vater geheim zu halten. - Monsieur Schlicht, mit seiner gewöhnlichen
Gefälligkeit, versprach, sich das Alles zu merken, und fand die Anschläge seiner
lieben Frau Doctorinn ganz vortrefflich.
    Madam Lyk trat mit einem Briefchen und einem Zettelchen in der Hand, auf
welchem die Hornische Schuldforderung verzeichnet war, wieder herein, und gleich
nach ihr erschien ein Mädchen mit einer Flasche süssen Weins und mit Gläsern.
Die Doctorinn verbat, indem sie ihren Widerwillen gegen starke Getränke;
Monsieur Schlicht, indem er seine Geschäfte zu Hause vorschützte, wo er noch so
Manches zu tun habe, dass die Stelle ihm unter den Füssen brenne. Die Witwe,
die sich ihm für seine Mühe so gern erkenntlich bewiesen hätte, bot alle ihre
Beredtsamkeit gegen ihn auf, und schon geriet er mit der seinigen sehr in's
Stocken; aber die Doctorinn, um mit der Witwe allein zu sein, schlug sich auf
seine Seite, und half ihm durch. - Ich kenne, sagte sie, meinen lieben, guten
Schlicht: er tut Alles was ihm obliegt, mit grosser Treue, mit grossem Eifer;
und da ihm das Haus meines Vaters zur Aufsicht übergeben ist, so hängt er daran
nicht anders, als ob er, wie die Schnecke, damit verwachsen wäre. Er trägt es
zwar nicht auf dem Rücken, aber er trägt es dafür auf dem Herzen. Ihm ist nicht
anders wohl, als wenn er darin steckt.
    Das war einmal ein Lob, ganz nach, dem Sinne von Monsieur Schlicht, und er
dankte dafür, indem er es ehrlich annahm, mit vieler Freude. Auch Madam Lyk
sagte ihm noch beim Abschiede viel Schönes; sie erinnerte sich alles des Guten,
was sie aus dem Munde des Herrn Stark von ihm gehört hatte, und freute sich die
Bekanntschaft eines Mannes gemacht zu haben, der einer so hochachtungswürdigen
Familie, als die Starkische, so vorzüglich wert sei. - Kein Madera, noch Cyper,
noch Syrakuser, noch was sonst die Flasche der Witwe entalten mochte, hätte das
Herz des alten Schlicht mehr erquicken, oder ihm den Kopf mehr benebeln können,
als diese lieblichen Worte; denn wirklich schien er, als er auf die Strasse
hinaustrat, ein wenig berauscht. Er sprach in einem fort mit sich selbst, und
gesticulirte dabei so lebhaft, dass Mehrere der Vorübergehenden stillstanden,
und mit Lachen ihm nachsahen. Der Inhalt seines Selbstgespräches war: dass von
allen Frauen der Stadt die Frau Doctorinn ohne Widerrede die beste, aber gleich
nach ihr Madame Lyk die liebenswürdigste und vortrefflichste sei. - Indem, er
sich dachte, dass irgend jemand so frech sein könne ihm das zu läugnen, stiess
er mit dem Stock so heftig gegen das Pflaster, und schnitt so wilde Gesichter,
dass ein paar spielende Kinder vor Schrecken zusammenfuhren, und mit Geschrei in
die Häuser liefen.
 
                                     XXXI.
Es war der Doctorinn peinlich, dass die Witwe kein Ende finden konnte, die
Grossmut ihres Vaters und ihre eigene Freundschaft zu rühmen; aber wie viel sie
auch bat und ablenkte, immer kam die Rede darauf zurück. - Ich hätte, sagte die
Doctorinn endlich, so gern über meinen Bruder mit Ihnen gesprochen; aber wie ich
wohl sehe - -
    In dem Augenblick schloss sich der Mund der Witwe, und desto offner stand
nun ihr Ohr. -
    Sie glauben wohl nicht, dass hinter der scheinbaren Heiterkeit, womit ich zu
Ihnen kam, sich ein sehr bittrer Verdruss versteckte? Gleichwohl ist es nicht
anders. Ich habe über meinen Bruder zu klagen, recht sehr zu klagen.
    Unmöglich! Über so einen Bruder?
    Jaja! Über so einen! - Eben dass er so einer ist - -
    Liebe Frau Doctorinn! - Sie war ganz sichtbar gekränkt.
    Ich kann mir nicht helfen; ich trage mein Herz auf der Zunge. - Sehen Sie,
Freundinn! Nichts in der Welt tut mir weher, als wenn man mir meine guten
Gesinnungen nicht erwiedert, wenn man mich für meine Offenheit mit
Verschlossenheit, für mein herzliches Zutrauen mit kaltem Misstrauen belohnt. -
Sagen Sie, was Sie wollen; so etwas ist ärgerlich, ist abscheulich.
    Will ich es denn verteidigen? Aber dass Ihr würdiger Bruder. - -
    O, ich sehe schon: Sie werden auf ihn nichts kommen lassen; Sie sind zu sehr
seine Freundinn.
    Wenn ich's nicht wäre! - Sie hatte Tränen im Auge.
    Indessen sind Sie doch auch Freundinn von mir, und Sie werden gerecht sein.
- Ich will das Ärgste setzen, was doch sicher nicht ist: dass mein Bruder eine
Sache auf dem Herzen trüge, die ihm eben nicht Ehre machte; kennt er denn nicht
seine Schwester, seine liebreiche Schwester, die Alles in der Welt eher tun
würde, als ihn verraten? Kennt er nicht seinen redlichen Schwager, der von
jeher so innig Teil an ihm nahm, und der ihn auch jetzt mit Rat und Tat so
gern unterstützen würde? Muss er auf tausend Fragen, auf tausend Bitten, dass er
sich öffnen wolle, noch immer verschlossen bleiben?
    Aber darf ich denn hören -?
    Da ist sehr wenig zu hören. Leider weiss ich, oder errat' ich, nur das ganz
Allgemeine: Er liebt!
    Er - liebt? - fragte die Witwe, nicht ohne Stocken; denn in dem Augenblick
sah sie ihn vor sich, den biedern, den edlen Freund, wie er beim Abschiede die
Hand ihr so glühend küsste, dass auch sie sich im Herzen sagte: Er liebt!
    Alle Anzeichen sind wenigstens da: ein unablässiges Seufzen; ein stieres
Hinblicken auf einerlei Fleck; eine weiche, kränkliche Sprache; ein feuchtes,
schmachtendes Auge. - Aber wen er liebt, wen? - mit keinem Bitten, keinem
Zureden ist das herauszubringen. - Es wird doch wohl in Ewigkeit keine Person
sein, die nicht mehr frei wäre? die ihr Herz schon verschenkt hätte?
    O gewiss nicht! gewiss nicht! sagte die Witwe - und geriet über dieses
rasche, ihr entfahrene Wort in eine Verlegenheit - eine Verwirrung -
    Also Sie wissen? indem sie ihr näher ruckte.
    Nichts, liebe Freundinn. Ich weiss davon nichts; aber - - ich schliesse aus
seiner Denkungsart, seinem Charakter, dass - wenn er so etwas merkte - -
    Nun, dann rat' ich nicht länger. Denn dass er eine Person lieben sollte,
die er zu nennen mit Recht Bedenken trüge; die seiner unwürdig wäre: - nein, das
will und das mag ich nicht raten.
    Ich bitte Sie. Keinen solchen Gedanken! - Sie entielt sich kaum einer
Träne; denn so möglich es blieb, dass nicht sie diese Person war, so konnte sie
doch nicht umhin, sich an deren Stelle zu setzen.
    Lassen Sie mich ganz freimütig herausgehn! Ich wende mich nicht ohne
Ursache an Sie. Ich habe meinen Bruder die ganze Zeit über, da er Ihre Bücher
berichtigte, fast gar nicht gesehen; er war hier jeden Abend bei Ihnen. -
Natürlich ward er mit Ihnen vertraut.
    Die Witwe zitterte vor dem, was nun folgen würde. Sie errötete und
erblasste.
    Sollte da in so manchem Gespräche, in so manchem ungezwungenen,
unbelauschten Gespräche - denn Sie waren ja wohl meistens mit ihm allein? - -
    Das freilich; aber - -
    Sollte da nicht irgend ein kleiner Zug ihn verraten haben? Sollte nicht
irgend ein Wörtchen gefallen sein, das uns Licht geben könnte?
    Ich wusste nicht. Ich müsste zurückdenken, sägte die Witwe. Doch überhaupt -
- Was überhaupt, liebe Freundinn?
    Er hatte hier Arbeit vollauf; er hatte zu rechnen. Es ward sehr wenig
gesprochen.
    Rechnungen freilich nehmen den Kopf ein. Aber bei alle dem - der Anfang
seiner Leidenschaft fällt gerade in die Zeit, da er bei Ihnen rechnete; denn bis
dahin war er noch heiter und munter. Gewiss hat er, neben den Zahlen und
Brüchen, noch an etwas Anders gedacht. - Können Sie Sich nicht erinnern, ob Sie
einmal Gesellschaft hatten? ob Frauenzimmer darunter waren?
    Ich hatte - niemal Gesellschaft. - Sie wusste sich keinen Rat mehr. Sie
pflückte und zupfte an ihren Kleidern.
    Nun, so werd' ich wohl auch hier nichts erfahren. Ich werde so klug wieder
gehn, als ich kam. - Mein, Trost muss sein, dass die Zeit endlich Alles an's
Licht bringt, und dass auch diese Liebe nicht ewig Geheimnis sein wird. -
Indessen glauben Sie nur nicht, dass mich blosse Neugier zu Ihnen geführt hat;
es war eben so sehr zärtliche Besorgnis um einen Bruder, den ich Törinn noch
immer liebe, so wenig er es auch wert ist.
    Sie sind hart. - O mein Gott!
    Ich sehe ihn blässer, magerer werden; sehe ihn alle Heiterkeit, allen
Frohsinn verlieren; sehe ihn hinwelken mitten in der Gesundheit: wie kann ich da
ruhig bleiben?
    Hinwelken! - Liebe Frau Doctorinn!
    Nicht anders. Nur noch diesen Morgen sagte mein Mann: das geht nicht; das
tut auf die Länge nicht gut; der Bruder muss sich notwendig erklären.
    Die Witwe geriet hier in eine Wehmut, die sie kaum mehr bezwang. Auf
Erklärung freilich kam's an: und dass er diese zurückhielt; dass er sich lieber
in heimlichem Gram verzehrte, als seine Liebe bekannte: was sollte sie daraus
schliessen? - Missbilligte er selbst diese Liebe? Stand ihm ihr zu geringes
Vermögen; standen ihm ihre Kinder im Wege? -
    Eigennuz mischt sich denn auch mit in's Spiel; ich will es nicht läugnen. -
Ich hatte einst eine Schwester, die ich an den Blattern verlor; ach ein
Geschöpf, liebe Freundinn! - von einer Sanfteit, einer Gefälligkeit, einer
Seelengüte! - Wie gerne hätte ich so eine Schwester wieder! Wie hoffte ich
immer, dass mein Bruder sie mir zuführen sollte! Wie würd' ich sie, und um
ihrentwillen auch meinen Bruder, geliebt haben!
    Auch ich - sagte die Witwe - hatte - Und nun zog sie ihr Tuch hervor, und
weinte es so über und über voll, dass sie es wegwerfen und sich ein frisches
nehmen musste.
    Gewiss war Madam Lyk, das Wenige ausgenommen, was von Verstellungskunst
jedem Frauenzimmer unentbehrlich ist, nicht im mindesten Heuchlerinn; und ihre
Tränen flossen also ohne Zwang, aus der Fülle des Herzens: aber gewundert würde
sich, wenn sie hier hätte zugegen sein können, die kleine Amalie ein wenig
haben, dass, im achten Jahre verstorben, und seit vierzehn Jahren nicht mehr
erwähnt, sie noch jetzt ein so reichliches Tränenopfer erhielt.
    Auch die Doctorinn zog nun ihr Tuch hervor, aber in etwas anderer Absicht;
sie verbarg ein Lächeln dahinter. - Lassen Sie uns, fing sie dann an, von diesem
Gespräche abbrechen; denn wozu einander wehmütig machen? Wir wollen denken; was
hin ist, ist hin, und was im Grabe liegt, kömmt nicht wieder.
    Das kömmt freilich nicht wieder, schluchzte die Witwe.
    Hingegen wo noch Leben ist, da ist Hoffnung. - Mein Bruder ist wohl auch
nicht so hinfällig, als meine Besorgnis ihn macht; wenigstens, wie ich diesen
Mittag sah, hat er noch gute Esslust: und die, denk' ich, ist eben kein Zeichen
zum Tode. Sie lächelte. - Übrigens wird er jetzt schwerlich nach Br ... gehen;
er wird, denk' ich, hier bleiben: und da - -
    Er wird hier bleiben? fragte die Witwe, und schien durch dieses Wort ein
wenig getröstet.
    Ich denk' es, sagt' ich. - Und da wird denn mein Mann, der sich auf solche
Krankheiten versteht, ihn unter der Aufsicht behalten, und wird ihm schon wieder
zu Kräften helfen. Vernünftig wird er ja auch wohl am Ende werden, und wird sich
erklären. Meinen Sie nicht? - Sie. lächelte wieder.
    Die Witwe geriet über die plötzliche Veränderung des Tons und der Gebehrde
der Doctorinn in nicht geringe Verwirrung. Fast musste sie glauben, dass nicht
des Bruders, sondern ihrer selbst wegen geforscht worden sei, und dass jener
seine Liebe zu ihr der Schwester schon erklärt haben müsse. Diese Vermutung
bestätigte sich, als die Doctorinn mit voller Heiterkeit fortfuhr: Ich bekomme
denn, doch noch wohl eine Schwester; o! ich bekomme sie ganz gewiss; eine eben
so gute, sanfte, liebreiche Schwester, als die ich verloren habe. Mich dünkt,
ich sehe die holde Seele schon vor mir. - Sie hatte die Hand der Witwe genommen,
der sie bei diesen letzten Worten einen sanften Druck gab; und die Witwe,
unbewusst was sie tat, und zu spät darüber erschreckend, erwiederte nicht
allein diesen Druck, sondern zeigte auch in ihrem noch feuchten Gesichte ein
sanftes Lächeln. Sie war böse über die Hinterlist ihrer Freundinn, und war's
doch auch nicht; sie ärgerte sich über die heitre Miene derselben, und war doch
auch froh darüber; sie wusste selbst nicht recht, wie sie gesinnt war. Aber
allein wäre sie gerne gewesen, um alles Gesprochne noch einmal zu überdenken,
und bei sich auszumachen, wie viel oder wie wenig sie wohl von ihrem Herzen
verraten habe.
    Die Doctorinn, als ob sie ihr diesen Wunsch aus den Augen gelesen hätte,
stand auf, um Abschied zu nehmen. Es wird spät, sagte sie; ich muss fort. Leben
Sie wohl, meine gute, sanfte, liebe - - ach mein Gott! ich härte bei einem Haare
gesagt: Schwester! Sie sehen, wie voll ich den Kopf von der Herzensangelegenheit
meines Bruders habe. - Was meinen Sie? Soll ich ihm ganz wieder gut sein?
    Ach liebe Freundinn! Sie waren ihm noch keinen Augenblick böse.
    Nicht? Wirklich nicht? - und nun erfolgte eine wärmere, längere Umarmung,
als noch bis jetzt unter ihnen Statt gehabt hatte.
    Auf der Flur fand die weggehende Doctorinn den ältesten Sohn der Lyk, den
sie aufhob und küsste. Der jüngere lag an einer kleinen Unpässlichkeit nieder.
Sie hatte den schnellen Einfall, die Mutter zu bitten: dass es ihr morgen früh
erlaubt sein möchte, den Kleinen holen zu lassen, um ihn einem der grössten
Kinderfreunde, ihrem guten alten Vater, zu zeigen, der an der schönen Gestalt
und dem artigen Betragen des Kindes sich sehr ergötzen würde. - Er kann, sagte
sie, mit meinen eigenen Kleinen spielen, und kann bei uns essen. - Die Mutter
bewilligte das, und der Knabe hüpfte und sprang vor Freuden. - -
    Zu Hause machte die Doctorinn ihren Mann, aber noch mehr ihren Bruder, durch
die mitgebrachten Nachrichten sehr glücklich. Besonders rührte den Letztern die
Unterstützung, die sein Vater der Witwe hatte angedeihen lassen; er empfand
darüber eine Freude und eine Dankbarkeit, wie er sie über die grösste, ihm
selbst erwiesene Wohltat nicht würde empfunden haben. Aber unzufrieden war er,
dass die Schwester mit dem Inhalte des Gesprächs, welches zwischen ihr und der
Witwe vorgefallen war, so sehr zurückhielt, und dass er mit allem Forschen
nichts weiter herausbrachte, als bloss: er werde geliebt; er werde ganz sicher
geliebt; und sie, die Schwester, stehe ihm für ein freudiges Ja, sobald er es
fordern würde, mit ihrem Leben. Was die Witwe Alles gesagt, und durch was für
Züge sie ihr Herz verraten habe: das verhüllte auch ihm, ob er gleich Bruder
und Liebhaber war, der Schleier des weiblichen Zartgefühls; nur dem Ehemanne
ward, im vertraulichen Schlafkämmerlein, dieser Schleier ein wenig gelüpftet.
 
                                     XXXII.
Die Kirche war aus, und die Strasse fing an sich mit wohlgekleideten Leuten zu
füllen, denen es niemand ansah, wie sehr sie ihrer Sünden wegen waren gescholten
worden; als einer der kleinen Herbste von seinem Posten am Fenster, wo er Wache
gestanden hatte, in Eil gegen die Türe rannte, und nun auf einmal der ganze
unruhige Schwarm ihm nach auf die Hausflur stürzte, um den kommenden Grossvater
und die begleitende Mutter - die aber Sonntags, ihrer Alltäglichkeit wegen, nur
wenig galt - mit Freudengeschrei zu bewillkommen. Der Alte empfing die Kleinen
mit den gewöhnlichen scharfen Verweisen wegen ihres ungebührlichen Lärmens, aber
zugleich mit einer Freundlichkeit, die den Eindruck jener Verweise
augenblicklich wieder verwischte. Er wollte jetzt anfangen, seine Tasche für
ihre Leckermäuler, und seinen Geldbeutel für ihre Sparbüchsen zu leeren, als er
auf einmal im Hintergrunde einen holden Knaben einsam und dem Scheine nach
traurig dastehen sah, und seine Tochter fragte, wer denn das wäre?
    Ach ein lieber, süsser Junge, sagte die Doctorinn: der älteste kleine Lyk;
ein Schul- und Spielgenoss meines Wilhelms.
    Lyk? rief der Alte; o lass den Kleinen doch naher kemmen!
    Er kam auf den Ruf der Doctorinn, und ging nach ihrer Anweisung zum Alten,
dem er mit all dem Anstande und der Ehrerbietung die Hand küsste, wozu ihn die
Mutter gewöhnt hatte.
    Wirklich, wirklich, ein allerliebster Knabe! - Herr Stark teilte ihm jetzt,
wie den Übrigen, mit; und hob ihn dann auf einen Tisch, der im Vorsaale stand,
um, wie er sich ausdrückte, zu sehn, ob er ihn kenne. - Jaja! rief er, lieber
süsser Kleiner! wir sind schon alte Bekannte. - Sieh her, liebe Tochter, sieh
her! Wie doch das nachartet! - Diese Stirne und dieses Kinn - -
    Ganz des alten Lyk; unverkennbar!
    Spiel der Natur! rief Herr Stark.
    Ordnung der Natur! rief die Tochter; und setzte auf eben den Tisch ein's
ihrer eigenen Kinder, das wirklich in seiner Gesichtsbildung eine auffallende
Ähnlichkeit mit dem Grossvater hatte. - Der Alte liebkoste jetzt beiden, und war
ausnehmend vergnügt.
    Aber, sagte er: wenn der alte gute Lyk den Mund zum Lachen verzog; da hatt'
er so ganz etwas Eignes in seiner Oberlippe. Ob auch wohl der Kleine das hat? -
Lieber Kleiner! tu mir den Gefallen und lache! Hörst du?
    Der Kleine blieb ernstaft; denn er hatte keinen Anlass zum Lachen, und war
noch nicht fein genug, um in der Aufforderung selbst diesen Anlass zu finden. -
Ich will dich schon dazu bringen, sagte der Alte, und zog aus seiner Börse einen
neuen spiegelhellen Doppelducaten, den er ihm zu geben versprach, wenn er ihm
den Gefallen täte und lachte. - Der Knabe verläugnete hier das mercantilische
Blut nicht, aus dem er entsprossen war, sondern lachte den schönen Ducaten mit
sichtbarer Begierde an, ihn aus der fremden Tasche in die seinige zu spielen;
und nun riss Herr Stark ihn mit vieler Wärme an seine Brust, um ihn zu küssen. -
Sieh! sieh! sagte er zu der Tochter.
    Dem Grossvater wie aus den Augen geschnitten!
    Nicht wahr? - Da nimm hin, lieber Kleiner, und wenn du zu Hause kömmst, so
gieb den schönen Ducaten der Mutter, und bitte sie, ihn in deine Sparbüchse zu
stecken. -
    Bei Tisch war der Alte so ganz in seiner heitersten Laune, sprach und
scherzte mit den Kindern so viel, und machte zu der Nachricht, die man ihm von
dem Wohlbefinden und der kleinen Erholungsreise des Sohnes gab, eine so gute
Miene, dass die nachmittägliche Unterredung zwischen ihm und dem Doctor unter
keinen günstigern Vorzeichen hätte beginnen können.
    Der Doctor fing damit an, dass er dem Alten im Scherz zu der vortrefflichen
Behandlung seines kritischen Kranken Glück wünschte, dessen Übel er mit dem
richtigsten Blicke gefasst, und wie es nicht anders scheine, aus dem Grunde
gehoben habe.
    Doch? sagte der Alte lächelnd. Hab' ich einige Anlage zur Kunst?
    Was Anlage! Sie sind Meister darin.
    Also Alles glücklich vorüber?
    Alles. Die ganze Krisis.
    Der Trotz zum Herzen heraus?
    Völlig, völlig heraus. Und das Herz im frischesten, gesundesten Zustande.
Voll Liebe, Dankbarkeit, Ehrerbietung für einen Vater, der statt zu zürnen, wie
er gekonnt hätte, nur edel wohltat.
    Aber, Herr Sohn, noch bin ich mit meiner Cur nicht am Ende. Sie haben durch
so manche Ihrer Krankheitsgeschichten mir verzweifelt bange vor Recidiven
gemacht; und da will ich denn, Sicherheits halber, meinem Kranken noch eine
kleine Nachcur verordnen, von der ich hoffe, dass sie ihm gute Dienste tun
soll.
    Für jetzt wäre wohl das Beste, dass Sie ihn stärkten.
    Meinen Sie? Und wodurch?
    Durch volles Vergessen, volle zärtliche Vaterliebe.
    Wenn's nur damit nicht noch zu früh ist! - Nein, nein! Ich habe die Sache
nach meinem eigenen Kopfe angefangen, und so will ich sie nun auch durchführen?
Ich will den Vorteil nicht ungenutzt lassen, dass der junge Herr durch seinen
Trotz sich mir in die Hände gegeben hat, und dass er nun schon muss, wie ich
will.
    War er denn nicht immer in Ihren Händen?
    Nicht ganz. Ich musste Rücksichten nehmen. - Gesetzt, dass ich in unsrer
ehemaligen Lage gesagt hätte: »Sohn! das und das ist mein Wille; darauf besteh'
ich durchaus; so und so sollst du's machen; oder ich jage dich aus dem Hause,
schicke dich an einen Ort, der dir nicht ansteht, vor dem dir graut:« - denn
unter uns! dass ihm vor seinem Br ... graut, weiss ich sehr sicher; - sagen Sie
mir: was würden die Mutter, die Schwester, Sie Selbst, alle Menschen, von mir
gedacht haben? Ein Tyrann, ein Barbar, ein harter, unnatürlicher Vater wär' ich
gewesen. - Vor seinem Trotze so zu handeln, war in der Tat ohne Härte nicht
möglich; nach seinem Trotze kann und darf ich so handeln, und ich will den sehn,
der mich tadelt.
    Einer wird es doch, lieber Vater.
    Wer? -
    Ein Mann von dem edelsten Herzen: Sie Selbst.
    Falsch! Mit mir selbst bin ich einig. - Ich werde meinem Sohne gerade
heraussagen: mit unsrer Verbindung ist's aus; auf die rechne nicht länger; in
mein Haus, in meine Handlung, kömmst du nicht wieder.
    Lieber Vater! sagte der Doctor.
    Das steht fest. Das ist nun einmal entschieden.
    Der Doctor war nicht wenig erschrocken. - Sie werden mich wenigstens
anhören, hoff' ich, und dann weiss ich gewiss: Sie werden ganz anders denken.
    Sie anhören? Das will ich gerne. Hier sitz' ich! - Aber ganz anders denken?
Da müssten Sie mir doch etwas sehr Sonderbares zu sagen haben.
    Nichts sehr Sonderbares, aber sehr Wahres.
    Schön! Ich bin neugierig darauf.
    Sie können's nicht sonderbar finden, wenn ich behaupte: dass eine einzige
Tat, zu welcher glückliche oder unglückliche Umstände einen Menschen hinrissen,
ihn von Grundaus verändern, ihm gleichsam eine neue Seele einhauchen kann.
Bewusstsein einer ehrlosen, schändlichen Handlung kann den Menschen auf immer
verschlechtern; Bewusstsein einer guten und grossen, ihn auf immer veredeln.
    Wohin zielt das? fragte der Alte.
    Sie erinnern Sich, was ich Ihnen von dem Benehmen Ihres Sohns am Sterbebette
und nach dem Tode des seligen Lyk erzählte.
    Das war schön! Das war edel von, ihm!
    Hätten Sie's jemal in ihm gesucht?
    Nie.
    Auch wahrlich! Er in Sich selbst nicht. Ein unerwarteter, ihm ganz neuer
Eindruck, ein unwiderstehliches Gefühl rissen ihn hin. Aber einmal getan, diese
Tat; sollte sie ohne Spur, wie ein Blitz, haben verschwinden können? sollte sie
kein Andenken an sich zurückgelassen, nicht durch dieses Andenken mächtig auf
ihn eingewirkt haben? - Glauben Sie mir: das Bewusstsein von Wert, Güte,
Tugend, das Ihr Sohn aus dem Lykischen Hause mit sich nahm, ist für ihn
unendlich wohltätig geworden; es hat ihn von seiner ehemaligen Kleinlichkeit,
Eitelkeit, Selbstsucht schon um Vieles geheilt, und noch immer wirkt es zu
seiner Besserung, seiner Veredelung fort. - Was Sie sonst mit so vielem Recht an
ihm aussetzten, ist schon Alles ganz anders: seine ehemaligen Gesellschafter hat
er verlassen; Spiel und Tanz sind ihm gleichgültig, und gegen den Putz ist er
kälter geworden: schon seit Monaten kein neues Kleid mehr! seit Monaten kein
Gang mehr, als in den Concertsaal, den unschuldigsten aller Vergnügungsörter!
Sein jetziger herrschender Trieb ist: zu wirken, nützlich zu werden, Hochachtung
und Beifall von Andern, wie von sich selbst, zu verdienen. - Ist nicht in diesem
Allen die Wirkung jenes Augenblicks, wo er sich selbst in einem so neuen Lichte
und die Tugend in ihrer Würde und Schönheit sah, unverkennbar?
    Der Alte, der mit grosser Aufmerksamkeit zuhörte, winkte dieser Entwickelung
Beifall; und doch war sie, wenn auch nicht falsch, wenigstens sehr einseitig und
unvollständig. Die Hauptbildnerinn an dem Herzen des Sohns, die Liebe, war aus
guten Gründen vergessen.
    Selbst das, fuhr der Doctor fort, dass er die Torheit beging Ihnen zu
trotzen, stösst meine Meinung von ihm nicht um, sondern bestätigt sie eher. Eben
weil er jetzt edler und also stolzer geworden war, konnt' er die Behandlung, die
er vormal verdient hatte, nicht mehr ertragen; eben weil er Hochachtung gegen
sich selbst zu fühlen anfing, wollt' er auch Hochachtung von Andern, selbst von
seinem Vater, geniessen; und so entstand denn, bei der gewohnten traurigen
Entfernung von Ihnen, und bei dem unseligen Misstrauen, womit er Sie im Irrtum
über sich gleichsam vorsetzlich erhielt, jener Trotz, jener nicht zu
rechtfertigende, übereilte Entschluss, den Sie durch Ihr weises Benebmen ihn so
sehr haben bereuen lassen. Aber, mein bester Vater - wollten Sie einen Fehltritt
aus solchen Gründen, an einem solchen Sohne, der Ihrer täglich würdiger wird,
jetzt so grausam bestrafen?
    Was? rief der Alte, indem er mit lebhafter Bewegung aufstand; was reden Sie,
lieber Doctor? Was fällt Ihnen ein?
    Sie sagten: in Ihr Haus, in Ihre Handlung käm' er nicht wieder.
    Das soll er auch nicht, muss er auch nicht.
    Sind Sie denn noch immer erbittert? -
    Erbittert? Ich? - Nun, beim Himmel! Wenn alle Väter sich so erbittern
wollten, das wäre den jungen Herrn, ihren Söhnen, wohl eben recht.
    Wie versteh' ich denn aber -?
    Ich will aus der Verbindung mit ihm heraus, und will mich zur Ruhe setzen.
Mein Haus soll das seinige, meine Handlung die seinige werden. Verstehen Sie
jetzt?
    Ja, mein Gott! rief der Doctor freudig: wenn Sie Sich so erklären! - Der
Text war dunkel; die Auslegung ist sonnenhelle. - Aber Ihr armer Sohn! Was wird
er nicht für einen Schrecken haben!
    Scherzen Sie nicht zu früh! Die Bedingungen sind zurück.
    O, die wird ein Vater, ein edler, grossmütiger Vater machen. Ich bin sehr
ruhig darüber.
    Dass sie auf sein Bestes berechnet sind, können Sie denken. - Ich hab' ihn
jetzt, wie gesagt, in meiner Gewalt; und so besteh' ich durchaus darauf: er soll
tätiger werden; er soll die Handlung, wenn sie die seinige wird, mit mehr Ernst
und mit mehr Eifer führen, als unter mir; er soll dem abgehenden einen
Buchhalter keinen Nachfolger geben, weil er dessen Arbeiten mit den seinigen
zugleich verrichten kann, ohne dass eben der Schreibtisch eine Galeere werde; er
soll dem Umherschweifen in Gesellschaften und an öffentliche Örter entsagen; und
sich sein Haus dadurch anziehender machen, dass er ein Weib - aber kein
Modeweib, keine Putz-, auch keine Büchernärrinn - nimmt, sondern ein braves,
häusliches, herzliches Weib, das er lieben, das aber auch ich schätzen und ohne
Erröten Tochter nennen kann. - Fügt er sich in diese Bedingungen: - gut! so
übergeb' ich ihm Alles, beziehe meine eigne Wohnung für mich, und betreibe meine
übrigen Geschäfte in Ruhe. - Fügt er sich nicht, - nun, so kann ich weiter nicht
helfen; ich arbeite dann mit meinen Buchhaltern fort, und ihn schick' ich -
wohin der junge Herr nicht mag, und wohin er mir doch zu gehen gedroht hat: nach
seinem Br ... In mein Haus, so lang' es das meinige bleibt, kommt er nicht
wieder.
    Das also, das Ihre Nachcur, mein lieber Vater?
    Das! - Wird sie ihm anständig sein?
    Er wird darin gleich sehr Ihre Liebe und Ihre Einsicht erkennen. - Bereiten
Sie Sich vor, den dankbarsten, den gerührtesten Sohn zu umarmen!
    Meinen Sie? - Nun, so bereiten auch Sie Sich vor, einen Mann zu erblicken,
der Haus und Handlung verliert, und der dazu lächelt!
    Wie freu' ich mich dieser Ihrer Laune, mein Vater! -
    Aber ich mich gar nicht Meinung von mir. - Was? Erbittert wär' ich gewesen?
Erbittert gegen einen einzigen Sohn, von dem Sie mir Dinge erzählt hatten, die
mir Freudentränen in's Auge lockten? erbittert gegen ihn, über den Sie schon
längst mein Wort hatten, dass, wenn er würde, wie ich ihn wünschte, es meine
erste, herzlichste Sorge sein sollte, wie ich ihn glücklich machte? - Ein
solches Wort, meinen Sie, spräche der alte Stark in den Wind? Ein solches Wort
könnt' er brechen? - Gehen Siel - Gehen Sie! - indem er sich selbst zum Gehen
anschickte - Sie haben mein Herz verkannt, meine Ehre gekränkt; und nun komm'
ich Ihnen - er schien sich einen Augenblick zu besinnen - in vollen acht Tagen
nicht wieder!
    Der Doctor lächelte, und ergriff die Hand des Alten, um sie zu drücken; denn
Umarmungen waren zwischen ihnen nicht Sitte. Die Herzlichkeit des Gegendrucks,
den er erhielt, überzeugte ihn von der grossen Zufriedenheit, womit sein
vorteilhaftes Zeugnis über die veränderte Denkungsart des Sohnes war angehört
worden. Gleich sehr überzeugte ihn davon ein angenehmes Geschenk, das ihm noch
diesen Abend gebracht ward; ein grosser Korb voll des herrlichsten alten
Rheinweins, woran, wie die Träger sagten, sich der Herr Doctor erquicken sollte.
 
                                    XXXIII.
Je wichtiger, durch die Erklärung des Vaters, der Punct von der Heirat geworden
war; desto begieriger ward der Sohn, die Meinung desselben über die Witwe zu
wissen, und desto scheuer die Tochter, sie zu erforschen. Gleichwohl wagte sie
am folgenden Nachmittage beim Tee einen Versuch, mit dem es aber nicht zum
glücklichsten ablief.
    Wissen Sie schon, fing sie an, lieber Vater, was sich gestern für eine
wichtige, für eine denkwürdige Begebenheit zugetragen hat?
    Nein, sagte der Alte.
    Der edle Liebesritter Wraker hat seine reizende Dulcinea glücklich zum
Altare geführt.
    Hat er? - Der alte, armselige Stümper!
    O spotten Sie seiner nur nicht! Er soll sich so glücklich, so
überschwenglich glücklich fühlen - -
    Je nun - er ist dem Himmelreich nahe.
    Dem künftigen, meinen Sie? Ich zweifle, dass er daran noch denkt. - Doch was
geht mich der alte Wraker an zusammt seiner Liebesgeschichte? Ich sehe nur, wie
mich mein guter Vater gelehrt hat, auf die unschuldigen kleinen Waisen, die doch
nun wieder einen Beschützer haben. - Ach das liebe kleine Waischen von gestern!
Nicht wahr? wenn doch auch das wieder einen Beschützer hätte!
    Die Mutter gab der Tochter einen abmahnenden Wink, und der Vater ward auf
einmal sehr ernstaft. - Dafür, sagte er, liessest du wohl äm besten den Himmel
sorgen. In solche Sachen sich einzumischen - - Aber was will ich? Ich bin wohl
töricht, sehr töricht.
    Lieber Vater! sagte die Tochter verlegen.
    Ich hätte beinah' einer Frau, wie dir, eine Klugheitsregel gegeben. Als ob
du deren bedürftest!
    Von wem nähm' ich sie lieber an, als von Ihnen?
    Nein, nein! Das hiesse ja wohl, dem Tage ein Licht anzünden. - Auch bist du
für solche Torheiten noch viel zu jung. Das Heiratstiften ist nur Sache für
alte, abgelebte Matronen.
    Die spitzfindige Miene, die er bei diesen Worten zog, und die unwillige,
ärgerliche der Mutter, machten der Tochter so bange, dass sie auf der Stelle
verstummte. Es musste etwas Unangenehmes zwischen den Eltern vorgefallen sein,
das sie durch ihr Gespräch wieder aufgeregt hatte; und das war ihr
ausserordentlich traurig. -
    Um's Himmels willen! fing sie an, sobald der Vater hinaus war: was hab' ich
gemacht, liebe Mutter?
    Ja, der wunderliche, grillenhafte Alte, dein Vater! Wird man je aus ihm
klug? - Ich glaube, wenn ich hundert Jahre mit ihm lebte; ich lernt' ihn dennoch
nicht aus. - Denke dir nur, was ich gestern, der Witwe wegen, für einen Verdruss
mit ihm hatte!
    Der Witwe wegen? - Das ist das Unangenehmste, was Sie mir sagen könnten!
    Er fand sie hier wartend, als er aus deinem Hause zurückkam. -
    Nicht möglich!
    Sie wollte ihm danken, dass er sie aus ihrer Verlegenheit mit Horn gerissen:
aber das verbat er, und hörte kaum danach hin; er kam sogleich auf ihren
ältesten Kleinen, den er bei dir hatte kennen lernen, und sagte von dem Kinde so
viel Liebes und Schönes, dass er der guten Frau das Herz abgewann, und sie recht
munter und zutraulich machte. Er zog sie dann aus einem Gespräch in das andre,
und war so zufrieden mit ihr, so zufrieden -
    O mein Gott, liebe Mutter! Sie machen mich unaussprechlich neugierig. Sagen
Sie mir doch nur dies und jenes, was vorfiel!
    Gerne. Wenn ich's nur wieder zusammenbringe! - Von der Wirtschaft ihres
Vaters, glaub' ich, war gleich zuerst die Rede; jaja!
    Und sie wusste zu antworten? wusste Bescheid?
    Um Alles. Bis ins Kleinste hinein.
    Ah! da begreif' ich. Das wird ihm gefallen haben.
    Gar sehr. - Dann kam er auf den plötzlichen Wechsel, da sie durch ihre
Heirat, von der Arbeit weg, mitten in lauter Vergnügen versetzt worden; und
meinte: dieser Wechsel sei ihr doch wohl äusserst reizend gewesen? sie hätte
wohl für keinen Preis auf's Land zurückgehen mögen?
    Sieh den Alten! Da legt' er ihr eine Schlinge.
    Ob sie so etwas merkte, oder - Genug, sie ward ganz niedergeschlagen, und
versicherte ihm, dass sie mitten im Wohlleben nie ohne Sehnsucht an das
väterliche Haus zurückgedacht habe. Der Mensch, sagte sie, sei zur Arbeit
geschaffen, und nur Arbeit erhalte ihn glücklich; das Vergnügen, wie sie aus
eigner Erfahrung wisse, sei nur Würze, und wolle nur als Würze genossen werden:
wer es zur Nahrung missbrauche, zerstöre seine Gesundheit, und nehme dem
Vergnügen selbst allen Reiz. Jetzt, da sie von sich selbst abhange, sei es ihr
wieder vergönnt ein tätiges Leben zu führen, und eben jetzt, sobald sie nur von
drückenden Sorgen frei sei, führe sie auch wieder ein glückliches Leben.
    Schön! herrlich! Das war ihm wie aus der Seele gesprochen.
    Damit fiel denn das Gespräch auf ihre Handlungsgeschäfte, in die sie sich
schon so hineingearbeitet hatte, so vollkommen Bescheid darum wusste, dass er
ihr recht grosse Lobsprüche erteilte. Aber die lehnte sie alle ab, und gab sie
ihrem Lehrer, wie sie ihn nannte, deinem Bruder zurück, von dem sie nun anfing,
mit so herzlicher Dankbarkeit, mit so inniger Rührung zu reden, dass auch ich
und dein Vater nicht wenig davon gerührt wurden. Sie konnte am Ende vor Wehmut
nicht weiter, und musste schweigen.
    Aber, liebe Mutter! in dem Allen seh' ich noch nicht den mindesten Anlass zu
einem Streite.
    Der ist auch gar nicht gewesen.
    Nicht? - Aber Sie äusserten doch - -
    Höre nur erst zu Ende! - Als die Witwe hinweg war, ging dein Vater hier noch
eine Weile herum, und sprach sehr rühmlich von ihr; und dann auch von deinem
Manne, der sich auf die Menschen sehr gut verstehe, und ihm diese wackere Frau
zuerst in dem rechten Lichte gezeigt habe. - Ewig Schade, setzte er hinzu, dass
sie an einen Menschen, wie diesen Lyk, hat geraten müssen, der ihrer so wenig
wert war, und der sie sammt ihren Kindern an den Bettelstab hätte bringen
können. - Da nutzt' ich denn die Gelegenheit, und fing an: Was meinst du, Vater?
das wäre so recht für unsern Sohn eine Frau gewesen. Und da sie jetzt Witwe ist;
so dächt' ich immer, wir machten ihm einen Antrag darüber: denn sie ist doch
noch jung, und es gäbe gewiss eine recht gute Ehe.
    Ah liebe Mutter! das, fürcht' ich, war zu rasch, war zu deutlich.
    Freilich wohl! Aber, du lieber Gott! ich sah das Eisen so herrlich glühen,
dass ich's für Sünde gehalten hätte, nicht zum Hammer zu greifen und ein wenig
zu schmieden.
    Ja, wenn nur nicht die Funken umherflögen! Es ist so eine Sache damit. -
Aber was hatt' er denn gegen die Heirat? Was bracht' er denn vor?
    Das! sagte Madam Stark, und fuhr mit der flachen Hand über den Teetisch.
    Wie? Er antwortete nicht?
    Kein Sterbenswörtchen, Aber da für sah er mich an - du weisst, wie er einen
ansehen kann! - mit einem paar Augen! - Ich dachte Wunder, was jetzt
herauskommen würde; aber nichts! nicht ein Laut! Er zog mir nur ein saures,
äusserstsaures Gesicht, und ging mit Kopfschütteln davon.
    Das ist doch seltsam, sehr seltsam. Was gäb' ich darum, dass er gesprochen
hätte!
    Abends bei Tisch kam denn so etwas hervor. Da war er wieder in seiner
gewöhnlichen Laune, und schwatzte von der Torkeit des Heiratstiftens, wobei des
Danks so wenig und des Undanks so viel zu gewinnen stehe, und von alten
Mütterchen, denen ihr eigenes Liebesfeuer ausgegangen wäre, und die so gern ein
fremdes anzündeten, um sich daran zu wärmen und an die eignen bessern Tage dabei
zurückzudenken; kurz, so ärgerliches und spitzfindiges Zeug, dass ich's machte,
wie er, und ihm auch ein recht saures Gesicht zog, und auch mit Kopfschütteln
davonging.
    Immer gut, liebe Mutter! Immer besser, als wenn Sie gesprochen hätten! -
Aber wenn ich doch nur begriffe -!
    Und hiemit fingen die Damen an, sich in scharfsinnigen Mutmassungen über
die eigentliche Ursache zu erschöpfen, warum dem Alten die vorgeschlagene Heirat
mit der Witwe so missfalle - denn dass sie ihm missfalle, setzten sie als
erwiesen voraus. - Waren's etwa die beiden kleinen Kinder der Witwe? Das glaubte
die Doctorinn nicht. War's noch ein Rest des alten Vorurteils gegen sie? Das
glaubte Madam Stark nicht. Waren's die zu geringen Vermögensumstände der Frau?
Das glaubten die Damen alle beide nicht. - Kurz, der Alte war ihnen auch
diesmal, wie sonst schon öfter, ein Rätsel.
    Als der Doctor hinzukam, wurden diese Mutmassungen um noch eine vermehrt.
Er sah von der Witwe und ihren Umständen ab, und glaubte, dass dem Vater nicht
sowohl die Heirat missfalle, als das Vorschlagen derselben, das Anmahnen und das
Bereden dazu. Er will gewiss, sagte er, dass der Bruder völlig frei, ohne
fremden Einfluss und Antrieb handeln, und eine Wahl ganz nach seinem eigenen
Herzen treffen soll. - Hätte der Doctor noch hinzugesetzt: dass vielleicht das
Kopfschütteln des Alten weniger der Witwe, als dem Sohne, gegolten, und dass
seiner geäusserten Unzufriedenheit wohl nicht so sehr Missbilligung jener, als
Misstrauen gegen diesen, zum Grunde gelegen; so hätt' er vermutlich, statt der
halben, die volle Wahrheit getroffen. Der Alte konnt' es für möglich halten,
dass der Sohn sich zu dieser Heirat bereden liesse, aber zugleich nach seinem
Charakter für wahrscheinlich, dass er in der Folge diesen Schritt bereute, und
dann seine Ehe unglücklich würde. -
    Auf dem Heimwege wurden Doctor und Doctorinn einig, dass der Bruder nur das
vorteilhafte Urteil des Vaters von der Witwe, nicht den kleinen Vorfall mit
der Mutter, erfahren müsse. Sein Mut, wie beide sehr richtig urteilten, war
eher zu stärken als niederzuschlagen. Übrigens, da jetzt Alles erschöpft war,
was zur Vorbereitung eines guten Ausganges nur immer geschehen konnte; so
hielten sie es für notwendig, dass der Bruder ein Ende machte, und so bald als
möglich dem Vater vor Augen träte.
 
                                     XXXIV.
Gleich am folgenden Tage kam Herr Stark angeblich wieder zur Stadt, und liess
gegen Abend durch Monsieur Schlicht den Vater fragen, ob er so glücklich sein
könne ihn ohne Zeugen zu sprechen. Er ward augenblicklich angenommen, und fand
das Wort des Doctors bestätigt: dass wenn er jetzt dem Vater vor Augen, träte,
er einen ganz andern Blick von ihm sehen, wenn er jetzt mit ihm redete, einen
ganz andern Ton von ihm hören würde. Der Empfang war bei allem Ernste so gütig,
und die Frage: welche Wirkung in der nicht mehr angenehmen Jahreszeit die
Landluft auf ihn gehabt habe, ward mit so vieler Teilnahme vorgebracht, dass
die Ängstlichkeit des Sohnes sich um ein Grosses verminderte.
    Um sein Herz noch mehr zu erleichtern, trat er sogleich auf den Vater zu,
und fing eine Bitte um Verzeihung alles Vorgefallenen an, die aber der Vater
grossmütig genug war ihn nicht vollenden zu lassen. - Hast du, fiel er ihm in
die Rede, mit deinem Schwager gesprochen? Hat er dir meine Absichten mit dir
entdeckt?
    Ja, mein Vater.
    Und deine Meinung darüber? -
    Ich habe für meine Erkenntlichkeit keine Worte. - Er ergriff die Hand des
Alten, und küsste sie ihm mit eben so viel Ehrerbietung, als Rührung.
    Hast du auch die Bedingungen erfahren, die ich dir mache?
    Ich werde sie heilig erfüllen. Nicht bloss als Ihre Befehle, auch als
Wünsche meines eigenen Herzens. Tätig zu werden, ist jetzt mein einziger Trieb.
- Und da mich Ihre Einsicht, Ihr väterlicher Rat, wie ich hoffe, bei jedem
wichtigern Schritte leiten wird; so verspreche ich mir den besten, glücklichsten
Erfolg meiner Bemühungen. Es wird mein eifrigstes Bestreben, mein Stolz, meine
höchste Zufriedenheit sein, Ihnen Freude zu machen.
    Die werd' ich haben, wenn es dir wohlgeht. - Aber warum erwähnst du einer
der Hauptbedingungen nicht, deiner Heirat? - Hast du noch keine Wahl getroffen?
    Mit der gewöhnlichen Schüchternheit, womit Fragen dieser Art pflegen
beantwortet zu werden, sagte der Sohn: Ich habe.
    Kenn' ich deine Geliebte?
    Mit noch grösserer Schüchternheit brachte er die Antwort hervor: Seit Kurzem.
- Aber äusserst schnell flossen ihm am einmal die Worte, als er anfing die
Tugenden seiner Geliebten zu preisen, und auf die Bosheit gewisser Elenden zu
schelten, deren tückischen, giftigen Pfeilen auch die reinste unbefleckteste
Tugend nicht entgehe.
    Diese Vorrede, sagte der Alte, könnte mir bange machen. - Ich bitte um den
Namen deiner Geliebten.
    Es half dem Sohne nichts, dass er den Namen der Witwe nur mit ganz leiser,
gedämpfter Stimme aussprach. Er war genötigt, ihn desto lauter zu wiederholen.
    Also die! sagte der Alte ernstaft, indem er mehrere Schritte umherging: die
Witwe! - Ist das bloss Nachricht, die du mir giebst; oder - -
    Es ist Vortrag meines innigsten, herzlichsten Wunsches, für den ich um Ihren
gütigen Beifall, um Ihre väterliche Bestätigung bitte.
    Unter Euch selbst, hoff' ich, ist doch schon Alles ausgemacht? Ihr seid
einig? -
    Wie freute sich jetzt der Sohn, dem Rate seines Schwagers gefolgt zu sein!
und dem Vater mit voller Wahrheit beteuren zu können: auch nicht das erste Wort
von Liebe sei zwischen ihm und der Witwe gewechselt worden; auch nicht einmal
vorläufig, unter vorausgesetzter Zustimmung des Vaters.
    Um so besser! sagte der Alte. So braucht nichts erst zurückzugehen.
    Zurückzugehen, mein Vater? - Sollt' es denn das? Müsst' es denn das?
    Ich sehe den Gang, den diese Liebe genommen, ganz deutlich. Du hast an der
Witwe mit einer Rechtschaffenheit, einem Edelmute gehandelt, wovon dein Herz
dir das Zeugnis gibt, dass sie dir zur Ehre, zur grössten Ehre gereichen. So
ist natürlich ihr Anblick dir wert geworden; denn er erinnert dich an die beste
Tat deines Lebens: aber eigentliche herzliche Leidenschaft, eigentliche innige
Liebe, die bis in das Alter ausdauern, und dich für Alles entschädigen könnte,
was du ihrentwegen entbehren und aufopfern müsstest - nein, mein Sohn! die kann
ich hier unmöglich voraussetzen; unmöglich!
    Warum unmöglich, mein Vater? - Und was müsst' ich denn ihrentwegen
entbehren? Was müsst' ich ihr aufopfern? - Ich sehe nichts.
    Ist dir der Reichtum nichts, den so manche Andre dir zubringen würde? - Die
Witwe an sich selbst ist ohne Vermögen.
    Wahr! aber - -
    Was von den armseligen Trümmern des ehemaligen Lykischen Reichtums auf ihr
Teil kömmt; ist nach unsern Rechten die Hälfte. Wie viele der Fonds, die ich
aus der Handlung herauszuziehen vielleicht gezwungen bin, glaubst du damit
decken zu können?
    Ich werde mich einschränken, mein Vater. Ich werde die Handlung so viel als
nötig, und mein Hauswesen auf's äusserste einschränken. Ich werde im höchsten
Grade sparsam und tätig werden.
    Gut! Aber das Alles, wirst du am Ende fragen, und muss jetzt ich fragen: für
wen? - Für eine Frau, die schon jetzt nicht die jüngste mehr ist, und von deren
Schönheit vielleicht nach wenig Jahren kaum noch einzelne Spuren da sind.
    Ist's denn ihre Schönheit, auf die ich sehe? - Gott ist mein Zeuge! noch
hab' ich sie mit keiner andern verglichen. Was mich gerührt und mich ihr auf
ewig gewonnen hat, sind die Tugenden, die sie in so mancher traurigen, prüfenden
Lage bewiesen, und von denen ich Monate lang ein naher, glücklicher Zeuge
gewesen.
    Der Alte ging von neuem umher, und schwieg. - Sie hat Kinder, fing er dann
wieder an.
    Die vermehren meine Liebe zu ihr. Es sind ein paar Engel. -
    Aber Engel, die Bedürfnisse haben. - Lass das Wenige, was aus der
Verlassenschaft des Vaters für sie übrig bleibt, durch Zufälle schwinden; so
haben dich diese Kinder Vater genannt, und du wirst verpflichtet sein als Vater
für sie zu sorgen.
    Das werd' ich gewiss, und werd' es mit Freuden.
    Mit Freuden? - Was du ihnen zuwendest, werden deine eigenen Kinder
verlieren. An fremdes Blut wirst du törichter Weise wegwerfen, was deinem
eigenen zu Gute kommen könnte. - Ich bitte dich: wie kannst du einen solchen
Gedanken nur fassen? ihm nur einen Augenblick Raum bei dir geben?
    Der Sohn kannte den Vater zu gut, um nicht äusserst betroffen zu werden. -
Sie reden da nicht aus Ihrer eigenen Seele, mein Vater; unmöglich! -
    Was heisst das? Aus welcher, als aus seiner eigenen, kann man reden?
    Sie schaffen Sich eine fremde, enge, äusserst beschränkte Seele, die Sie mir
als die meinige leihen. Aus ihr nehmen Sie das, womit Sie mich zu verwirren oder
zu überzeugen glauben. - Ich sehe, loh habe Ihre Achtung ganz, und habe sie auf
immer verloren. Ich werde meinen eigenen Weg gehen müssen. Ich will es. - Mein
einziger Wunsch zu Gott ist - indem er die Hände mit Kraft in einander faltete -
dass Sie noch lange, lange leben, und noch mit eigenen Augen sehen, wie sehr Sie
Sich in mir irrten, wie sehr Sie mir Unrecht taten. - Er wandte sich von dem
Vater ab gegen das Fenster mit einem ganz zerrütteten, von den widrigsten
Empfindungen zerrissenen Herzen.
    Mehr, als einen solchen Beweis seiner Gesinnung und der gänzlichen
Umwandlung seines Charakters, konnte der Vater nicht fordern. - Nach einer
tiefen, feierlichen Stille, worin er dem Sohne Zeit liess sich wieder zu
sammeln, rief er ihn sanft bei seinem Vornamen: Karl!
    Durch das Weiche, Zitternde dieses Tones fühlte sich der Sohn gleichsam
unwillkürlich herumgerissen. Wie ward ihm, als er den guten, ehrwürdigen Alten
dastehen sah, die Augen mit Tränen gefüllt, und die Vaterarme weit gegen ihn
offen haltend! Karl!, rief der Alte noch einmal: warum hast da dich mir so lange
verborgen? - Und nun stürzte der Sohn, von Empfindung überwältigt, obgleich noch
ungewiss was er zu hoffen habe, auf den Vater zu, ergriff mit beiden Händen eine
der seinigen, und bedeckte sie ihm mit Küssen.
    Willst du, sagte der Alte, in dieser schönen, uns beiden gewiss
unvergesslichen Stunde, mir schwören, mir heilig schwören, dass du nie anders
denken willst, als du dich jetzt erklärt hast? dass du nie, auch nicht im
Innersten deines Herzens, der guten Lyk ihren, Mangel an Vermögen oder ihre
Kinder vorwerfen willst? dass du Liebe und Tugend ihr für mehr als alles
Vermögen anrechnen und Ihre Kinder stets so ansehen willst, als ob sie die
deinigen wären? -
    Der Sohn war nicht bloss gerührt, er war erschüttert. - Ich will, ich will!
stammelte er, und vermochte kein Wort weiter hervorzubringen.
    Ich nehme deine Rührung für Eidschwur. - Und nun warf er die eine Hand ihm
auf die Schulter, zog ihn an sich, und küsste ihn wiederholt und von Herzen. -
Wegen der Art, wie ich dich setze, verlass dich auf mich; ich bin kein
ungrossmütiger Vater: und so nimm mein Haus und meine Handlung hin, und
obendrein - meinen zärtlichen Vatersegen zu deiner Liebe! - Ein so rascher und
so mannichfaltiger Wechsel der Gefühle war mehr, als das Herz des Sohnes ertrug.
Statt dem Vater zu danken, wankte er rückwärts, um einen Stuhl zu gewinnen, auf
den er sich halb atemlos hinwarf. Ein plötzlich hervorbrechender Strom von
Tränen erleichterte ihn; während der Alte, der sich neben ihm setzte und ihm
selbst seine Tränen trocknen half, ihm unablässig zuredete: Lass doch! lass!
Sei ein Mann! Trockne ab, lieber Karl! Wir müssen ja wahrlich zu deiner Mutter,
um ihr Teil an unsrer Freude zu geben. - Wer weiss, wie lange und wie
ungeduldig sie unser schon wartet? - Und wenn mich nicht Alles täuscht; so
finden wir dort noch, zwei Andre, die unser beider Erscheinung mit Sehnsucht
entgegenharren.
 
                                     XXXV.
Wirklich hatten sich bei der Mutter auch der Doctor und die Doctorinn
eingefunden, um von dem Ausgange der Unterredung, von der sie wussten dass sie
vorfallen würde, desto eher unterrichtet zu sein. Wie gespannt ihre Erwartung
war, lässt sich aus dem grossen Anteil, den sie bisher an dem Bruder genommen,
und aus der mannichfaltigen Mühe, die sie sich seinetwegen gegeben hatten,
ermessen. Sie glaubten überwiegende Gründe zu haben, den besten Ausgang zu
hoffen; und doch liessen sie, eben wegen der Grösse ihres Interesse, sich ein
wenig in die Furcht und Ängstlichkeit der Mutter hineinziehen, die, weil ihr
Interesse das noch grössere, noch lebhaftere war, nichts als traurige Ahnungen
hatte. -
    Desto angenehmer war für Alle der Überraschung, als jetzt der Vater in
Gesellschaft des Sohnes hereintrat, und ihnen, sogleich durch sein Lächeln seine
Zufriedenheit, durch seine feuchten, geröteten Augen seine Rührung verriet. Er
hielt den Sohn an der Hand, der sein Gesicht noch mit dem Tuche verdeckte, und
führte ihn der Alten mit den Worten zu: Hier, liebe Mutter! hier bring' ich dir
einen guten, einen würdigen Sohn, der auf dein Alter Bedacht nimmt, und dich von
den Wirtschaftsorgen befreien will, die dir schon lange zu lästig fielen. Er
will sie einer jungen, wackern Frau übertragen, die er dich bittet zur Tochter
anzunehmen, und deinen Muttersegen über seine Liebe zu sprechen. - Erraten
wirst du wohl seine Wahl nimmermehr; - und du gewiss auch nicht, indem er sich
gegen die Tochter umwandte, und beide zwar anlächelte, aber ihnen zugleich mit
dem Finger drohte.
    Der Sohn konnte unter den Segenswünschen der Mutter, und den
Anteilsbezeugungen der Schwester und des Schwagers seine Augen so bald nicht
trocknen. - Alle vereinigten sich endlich, dem Vater zu danken und ihm zu
liebkosen, der sie der Reihe nach küsste, aber in seine gewöhnliche muntre Laune
für diesen Abend nicht wieder hineinkam. Die Empfindungen, die bei der
Unterredung mit dem Sohne ihn tief durchdrungen hatten, waren von zu ernstafter
Natur gewesen, als dass er sogleich wieder zu den mutwilligen kleinen Scherzen
hätte zurückkehren können, womit er sonst seine Gespräche zu würzen pflegte.
    Er liess es sich nicht nehmen, am folgenden Tage in eigner Person den
Freiwerber seines Sohnes zu machen. - Ob Madam Lyk von diesem Besuche angenehm
oder unangenehm überrascht war; ob sie eine bejahende oder verneinende Antwort
gab? wird wohl niemand erst fragen. - Die Ehe ward eine der glücklichsten in der
Stadt. Die Familie hing, jedes Glied mit jedem, durch die zärtlichste Liebe
zusammen. Herr Stark erfreute sich, bis in's höchste Alter hinauf, des
Wohlstandes und der vollkommenen Eintracht aller der Seinigen, und genoss das
süsse, kaum mehr gehoffte Glück, Enkel an seine Brust zu drücken, die nicht
bloss seines Bluts waren, sondern auch seinen Namen trugen.
                                     ENDE.
 
    