
        
                                Clemens Brentano
                                     Godwi
                                      oder
                         Das steinerne Bild der Mutter
                        Ein verwilderter Roman von Maria
                                Den schönen Launen
                             der lieblichen Minna,
                                      dem
                              guten Geiste Juliens
                                      und
                           dem stillen heitern Sinne
                                  Henriettens
                        weihe ich dies Buch ohne Tendenz
 
                                  Erster Band
 Ihr schönsten Launen, du guter Geist, und du heiterer Sinn, ihr seid mein ganzes
Publikum, oder wenigstens, was es bedarf, aus mir einst einen leidlichen Dichter
zu machen. Neckerei, freundliche Strenge und Duldung können mich von allen
moralischen und künstlerischen Fehlern heilen. Entusiasmus ist in mir, ihr
kennt und liebt seine schöne Quelle. Ich sagte euch ohnlängst, dass ich euch dies
Buch geweiht, die Dedikazion aber vernichtet hätte, weil ich fühlte, wie sehr
wenig mein Buch es verdiene. Aber seit ich einen schönen Abend in einer schönen
Umgebung zubrachte, fühle ich, dass ihr alles hören dürft, was ich weiss und
wusste, ja dass es mir sehr heilsam wäre, wenn ihr alles hörtet, denn ich würde
mir dann Mühe geben, alles so gut zu sagen, als ich kann. Du holde Dreieinigkeit
stehst also nicht hier, meinem nachlässigen Buche einen schönen Vorredner zu
geben, auch steht mein Buch ebenso wenig wie eine üble Nachrede hinter deinem
guten und lieben Namen, noch weniger soll mit den wenigen guten Gedanken darin
dir eine spärliche Ehre erwiesen werden. Nein, wie drei gute Feen stelle ich
euch hierher an die Wiege meiner jüngsten Torheiten (denn das Buch ist schon ein
Jahr alt), damit ich in eurer Miene das Schicksal meines Buchs in der schönsten
Welt ergründen möge. Am meisten aber verführte mich meine grosse Sehnsucht dazu,
eine von euch dreien Du zu nennen, was ich öffentlich nur unter dem Verluste
meiner ewigen Freiheit erlangen könnte, und hier in meiner poetischen Freiheit
mit Recht nach Herzenslust darf. Welche es ist, die kann es sicher fühlen, doch
wird keine je erraten können, ob es die andre ist.
So wende ich mich denn zu dir, liebliche Minna, und rede deine schönsten Launen,
nicht ohne einige Begeisterung, folgendermassen an:
    »Ihr Leichtbeflügelten, die ihr ihr schönes Bild im ewig neuen Wechsel von
tausend glühenden Farbenschimmern in dem bunten Staub eurer Psychen-Flügel
zerstreut, sammelt euch freundlich in ihrem Herzen, wenn sie mein Buch in die
Hand nimmt.«
    Warum ich sie alle gern in dein Herz herein hätte, will ich dir gleich
sagen. Es ist, weil ich sie dann förmlich drinne belagern möchte, denn ich
empfinde, dass sie im freien Felde nicht zu bezwingen sind und mir manche bange
Stunde machen. Etwas würde ich in jedem Falle gewinnen, entweder würden deine
Launen sich ergeben, und du würdest mich in dein Herz hereinlassen, auf das ich
so unendlich begierig bin, oder sie würden siegreich sterben, und dann brauchte
ich nicht mehr herein, denn dein Herz würde sich deutlich auf deiner Oberfläche
aussprechen. Du kannst nicht begreifen, wie ich es wage, gar nicht von der
Gewalt deiner schönen Augen zu sprechen, die deine Lieblinge, wie du meinst,
wohl bald entsetzen würden. So will ich denn von ihnen sprechen. Deine Augen!
auf die verlasse dich nimmer. Du hast keine Macht als deine Launen, deine Augen
sind gerade, was den Feind zu dir hinziehen wird. Es liegt für mich eine dunkle
Tiefe darin, wie in den Augen der Ossianschen Mädchen, in die man leise
hinabgezogen wird. Auch schlägst du sie selbst zu oft nieder, und sind sie zu
weiblich schön, als dass sie je streitbar werden sollten.
    Du selbst weisst nicht, was du mit diesem Buche anfangen sollst; das ist ja
eben die Klage, dass du nicht weisst, was du mit mir anfangen sollst. Du sollst es
lesen und auf den zweiten Teil hoffen, der mehr für dich allein sein wird. Aber
wirst du das je können, wenn deine Launen nicht eingesperrt sind, die dich
zwingen werden, in meinem Buche hin und her zu blättern, bald den Anfang, bald
das Ende vorzunehmen, Druck- und Schreibfehler drinne zu zeigen, und es wieder
von dir zu werfen, was zwar dies Buch, ich aber nie verdiene.
    So nimm sie dann zusammen in dein Herz, die launigten Kinder, nimm ihnen das
gefährliche Spielzeug, deine Waffen, aus den Händen, und lass sie lieber mit sich
selber als mit deinem Besten spielen. Sei nicht unwillig, dass ich wie ein
Pädagoge auf die wilde Natur deiner Lieblinge schmäle, die in holder Verwirrung
über dir herumirren, und sich in deine einzelnen Reize mutwillig vermummt haben.
Sieh, es tut mir nur leid, dass du dir selbst zur Beute wirst; es ist mir oft,
als wäre dein Schmuck nicht an seiner rechten Stelle, wenn Kinder mit ihm
spielen, auch möchte ich dich einmal selbst sehen. Aber du fragst: »Was sollen
meine mutwilligen Launen in meinem Herzen anfangen? Sie werden mein ruhiges Herz
auslachen.« Wenn du mich je hineinlassen wolltest, so wäre dem geholfen, ich
würde ihnen Märchen erzählen, bis sie einschliefen.
    Willst du aber das alles nie zugeben, so verzeihe mir wenigstens, wenn ich
mich unter deine Launen mische, Blindekuh mit ihnen spiele, und wenn ich
gehascht werde, nicht etwa die Binde mit ihnen wechsle; nein, ich will mich
betragen, als wäre ich Meister geworden, will der Laune etwas Mutwilliges ins
Ohr flüstern, und wohl auch ein solches Kind in der Eile küssen. »Oder gar wie
der Popanz in den italienischen Kindermärchen eine solche Königstochter
aufessen, mein Herr,« sagst du. - Fliehet nicht, fliehet nicht, ihr
Leichtbeflügelten, bin ich denn der Schreckliche, vor dem die Spiele des
üppigsten Frühlings, die Blumen, sterben?
Du guter Geist! mein guter Geist hat mich mehr verlassen, da ich dies Buch
schrieb, als da ich es dir weihte; nicht als verdiene es, vor dir zu erscheinen,
nein, es ist fast lauter Eigennutz. Es war weniges in dem Buche, was ich leiden
mochte, aber seitdem dein Name davorsteht, habe ich selbst Freude an ihm, so wie
ich manche Freude an mir habe, seitdem ich öfter, doch oft sehr unerkannt, vor
dir stehe. Das einzige, was dir bei dieser Dedikazion, du guter Geist, gehört,
ist, dass ich dir mit diesem Buche wie mit meiner Bekanntschaft die Freude mache,
deine Lieblingsbeschäftigung zu üben, dein Herz auf Unkosten deines Geistes
sprechen zu lassen; denn dein Geist hat die Oberhand dein Herz aber die Vorhand.
    Ich hätte euch alle drei zugleich angeredet, wenn du guter Geist nicht so
allein stehen müsstest, denn du bist sehr schön wenn du allein stehst, sonst
wärst du nie schön. Denn nach meiner Meinung stehst du in der Welt
mutterseeligallein, und kannst es, weil, könntest du je aus dir heraustreten und
dich selbst betrachten, wärst du weniger unteilbar und konsequent, du vor
Selbstliebe verschwinden, du so zu dir selbst hingerissen werden würdest, dass du
nach aussen alle Tätigkeit verlieren und verschwinden müsstest. Du würdest nach
dir selbst streben, du würdest sehen, dass du den Umriss und das Kolorit, das
Vorzutragende und den Vortrag der Weiblichkeit erschöpft hast. Du hast mir oft
meine bisarre Äusserung vorgeworfen, denn du warst zu bescheiden, um zu gestehen,
dass ich meistens so vor dir stehe, wie ich sage, dass du selbst vor dir stehen
würdest, in dich selbst verloren. Meine Erscheinung ist vor dir zertrümmert,
unharmonisch und halb von dir aufgehoben, denn ich bin eins von den Wesen, die
nur bei einer scharfgezogenen kalten Trennungslinie oder in der schönsten
Auswechslung rein tätig erscheinen, und dies ist, Gott sei Dank und leider! hier
nicht der Fall.
    Sei meinem Buche freundlich, doch lasse an ihm alles aus, was du mir
verzeihst, denn dies Buch hat wenige meiner Tugenden, und alle meine Fehler. Da
ich es schrieb, kannte ich dich noch nicht. Es hat dir daher so wenig, als ich
vieles, zu danken, wovon du guter Geist wohl gar keine Ahndung hast, und was,
sagte ich es hier, du nicht verstehen würdest. So lebe wohl, und denke, dass mein
Buch diesen Zeilen, wie ich dir, gegenüberstehe. -
Was habe ich dir endlich zu sagen, mit dem stillen heitern Sinne, und warum
stehst du hier? Ich bedarf das unbefangenste Urteil, und das ist das deinige,
denn du bist unbefangen, duldend und gerecht. Wenn ich es recht betrachte, so
müsstest du eigentlich im Buche selbst stehen, oder in mir, damit das Buch oder
ich dir nur einen Augenblick gefallen könne, denn beiden fehlt stiller heitrer
Sinn, Duldung, Gerechtigkeit und Fröhlichkeit. Glaube nicht, ich wolle den
Lesern verraten, wer du bist, damit sie dich anhören und ansehen können, um
ihnen zu ersetzen, was mein Buch vermisst, denn wenige werden vermissen, was
darin fehlt, und diese wenigen sind die Vorzüglichern, denen du so ähnlich bist,
und denen ich hier vor dir als einem Repräsentanten des ruhigen, gesunden
Verstandes und der Lesefähigkeit in der Vorrede ein Selbstbekenntnis ablege.
Fahre fort, mit mir freundlich zu sein, damit ich lerne, das Tiefste auf die
Oberfläche zu führen, und mich bestrebe, einstens wie die Natur selbst das dem
Menschen zum frohen erlaubten Genusse hinzugeben, wovor das Vorurteil, wie man
sagt, zurückbebt. Aber man sagt nur so, der Inhalt der ganzen Welt ist immer der
schönste, heiligste, oder freudigste, nur der Vortrag, die Unbeholfenheit des
Vortrags, ist verboten.
 
                                    Vorrede
Dies Buch hat keine Tendenz, ist nicht ganz gehalten, fällt hie und da in eine
falsche Sentimentalität. Ich fühlte es jetzt. Da ich es schrieb, kannte ich alles
das noch nicht, ich wollte damals ein Buch machen, und jetzt erscheint es nur
noch, weil ich mir in ihm die erste Stufe, die freilich sehr niedrig ist, gelegt
habe. Ich vollendete es zu Anfang des Jahres 99, hatte mich damals der Kunst
noch nicht geweiht, und war unschuldig in ihrem Dienste. Ich werde sie an diesem
Buche rächen, oder untergehen. Diese Blätter gebe ich nicht wie ein Opfer hin,
nein, sie sollen die Flamme nähren, in der ich ihr einst mein reines Opfer
bringen will. Du wirst mir darum wohlwollen, lieber Leser, dass ich mich mit
diesem Buche, das nur zu sehr mehr von mir als sich selbst durchdrungen ist,
gleichsam selbst vernichte, um schneller zur Macht der Objektivität zu gelangen,
und von meinem Punkte aus zu tun, was ich vermag. Es ist mir schon jetzt ein
inniger Genuss, alle Mängel, die ich vor zwei Jahren hatte, zu übersehen; sie
alle zu verbessern, dazu müsste ich auf der letzten Höhe stehen, die ewig vor uns
flieht. Doch will ich schneller, kunstreicher und begeisterter immer vorwärts
schreiten, damit der Raum, der mich vom Ziele trennt, stets kleiner wird, und
endlich nur dem Seher sichtbar bleibt.
1800. Juni.
                                                                           Maria
 
                                  Erster Brief
                                 Godwi an Römer
                                                              Schloss Eichenwehen
Hu! es ist hier gar nicht heimisch, ein jeder Federstrich hallt wider, wenn der
Sturm eine Pause macht. Es ist kühl, mein Licht flackert auf einem Leuchter, der
aus einem in Silber gefassten Hirschhorne besteht. In dem Gemache, in dem ich
sitze, herrscht eine eigene altfränkische Natur; es ist, als sei ein Stück des
funfzehnten Jahrhunderts bei Erbauung des Schlosses Eichenwehen eingemauert
worden, und die Welt sei draussen einstweilen weitergegangen. Alles, was mich
umgibt, misshandelt mich, und greift so derb zu wie ein Fehde-Handschuh. Die
Fenster klirren und rasseln, und der Wind macht ein so sonderbares Geheule durch
die Winkel des Hofes, dass ich schon einigemal hinaussah und glaubte, es führen
ein halb Dutzend Rüstwagen im Galopp das Burgtor herein.
    Diesem äussern Sturme hast du meinen Brief zu danken, er stürzt sich zwischen
mir und meiner Umgebung wie ein brausender Waldstrom hin, und alle Betrachtungen
liegen am jenseitigen Ufer. So muss ich dann meine Zuflucht in mich zurück, in
mein Herz nehmen, wo du noch immer in der Stellung der Abschiedsstunde gegen mir
über in unserm Garten sitzest und mir gute Lehren giebst.
    Es ist oft so, wie in diesem Augenblicke, und ich glaube, dass der Sturm in
der Natur und dem Glücke, ja dass alles Harte und Rauhe da ist, um unsern
unsteten Sinn, der ewig nach der Fremde strebt, zur Rückkehr in die Heimat zu
bewegen. Wenn draussen der wilde Sturm in vollen Wogen braust, dann habe ich nie
meinen so oft beklagten Drang nach Reisen empfunden. Mein Ideal - kennst du es
noch? - verschwindet in der Nacht. Ich wünsche nicht, zwischen hohen
schwarzbewachsnen Bergwänden, ein liebliches leichtsinniges Weib an meiner
Seite, auf weisser mondbeglänzter Bahn, im leichten Wagen hinzurollen; dass mir
die schönste Heimat in dem Arme ruht, die mich nie mit trägen Fesseln bindet,
wo, Ring an Ring gereiht, höchstens ein bewegliches Einerlei entsteht; dass vor
mir laut das muntre Horn des Schwagers die lockenden Töne nach der Fremde
glänzend durch die Büsche ruft, und Echo von allen Felsen niederspringt, und
alles frei und froh die verbotenen Worte durch die Nacht ruft:
So weit als die Welt,
So mächtig der Sinn,
So viel Fremde er umfangen hält,
So viel Heimat ist ihm Gewinn.
Nein, alles dieses nicht; ich empfinde dann fast die Zulänglichkeit von guten
Familiengemälden, wo es ohne Zugluft hergeht, und keiner in die Hitze trinkt,
und jeder Husten oder Schnupfen von gutem Adel ist und viele Ahnen zählt.
    Wenn die Katzen vor den Türen Minnelieder singen, und ein Käuzchen vor dem
Fenster das Sterbelied von ehrlichen Bürgern singt, die ohne die Anlage des
Schwans, das letzte Leben in Melodien auszuhauchen, doch ohne Singen nicht
sterben mögen, dann drängt sich wohl das Weib zu dem Manne furchtsam hin, es
wird die Furcht zur Liebe, in der sich alles löst, und alles bindet sich in
dieser schönen Minute; die Sinne, die in Träumen wie in fremden Feenländern
schwebten, sie kehren in sich selbst in die eigentlichste Heimat zurück, und in
dem Traum, der das höchste Wachen unter sich sieht, ersteht nun hier das Denkmal
jener schönen Myte, wo Gott sich mit dem ersten Menschen im Schlafe dicht
verband, und sich seinem Herzen das Schöne, die Poesie, das Weib entwand. Wie
hier Furcht zwischen der Ehe und ihrer Pflicht stand, so steht sie hier zwischen
der Freundschaft und diesem Briefe.
    Das Blatt Postpapier vor mir und ich, wir sind wohl die leichtesten Wesen in
dem ganzen Umkreise, den ich überschielen kann, denn um mich sehen könnte ich um
alles in der Welt nicht; von allen Seiten bin ich eingeschlossen, die Ahnherren
schliessen ein Bataillon carré um mich. Vor mir vereinigt sich die Linie mit
Anfang und Ende. Rechts hängt der bärtige Herr Kunz von Eichenwehen, vom Kopfe
bis zum Fusse in Eisen gehüllt, er hat im eisernen Zeitalter dieses Schloss
erbaut, zur Linken kommt Frau von Eichenwehen mit blosser Brustman schoss in ihrem
Zeitalter nicht mehr mit eisernen Pfeilen; dann kommt ein Hirschkopf, der in die
Wand eingemauert ist, und ach! wer kommt nun? - das liebe schöne Mädchen, das
mich hier verliess, sie hat eine Rose in der Hand, neben mir auf meinem Tische
liegt auch eine - wenn ich der Maler gewesen wäre, so hätte ich der Mutter eine
Spindel in die Hand gegeben, und der Tochter ein Buch, um anzuzeigen, wie Flachs
Leinewand, Leinewand Lumpen, und Lumpen Bücher werden.
    Sie hat ein weisses Kleid an - das war der letzte freundliche Lichtstrahl,
den ich heute erblickte. Mein Blick stand auf der räucherigen Wand, als sie
verschwunden war, und das Ächzen der ungeheuren Türe verschlang ihre freundliche
gute Nacht und meinen Seufzer. Die Rose vor mir sieht mich so freundlich an, - o
du verfluchtes Tischbein! Der Tisch hat Beine, die sich mit meinen leichten
Füssen gar nicht vertragen. - Sonderbar, kaum spreche ich dieses Wort mit Schmerz
und Unwillen aus, so bin ich auch schon wieder mit ihm versöhnt. Unter dem
Gemälde des freundlichen Mädchens steht: Tischbein pinxit. Doch was soll das!
    Ich bin in der Burg irgend eines Landedelmannes, das merkst du wohl, und
fühle nur zu sehr, wie viel langweiliger es hier ohne ein gewisses Etwas wäre
als bei den himmlischen Einfällen in den geschmackvollen Gemächern der einzigen
Molly in B.: aber das gewisse Etwas wird in der unangenehmen Atmosphäre, wie die
Rose vor mir in diesem ungeheuren Saale, wie ein einziger kleiner Stern in der
dunkelsten Gewitternacht, so reizend, so freundlich, dass ich es lieber anschaue
als die Sonne im Glanze des Mittags. Die Rose, der Stern tröstet mich, indes die
Sonne mich nur blendete. Pfui! keine Ungerechtigkeit, sie erwärmte mich.
    Dir zulieb, kalter Freund, steig ich wieder von den Stelzen herab, auf denen
ich das gewisse Etwas anredete, das du am Ende dieses langen langweiligen
Briefes kennen lernen sollst. Geduld!
    Dein letzter Brief machte mir Vorwürfe, dass ein Weib wie Molly (du kennst
sie aber gar nicht) meinen Aufentalt in B. vierzehn Tage verlängern konnte,
machte mir Vorwürfe, dass ich ein Weib bis zu den Sternen erhöbe, die frei und
ohne Fesseln des Geistes, oder irgend eines Verhältnisses mit andern, die
verlassene Bahn der Menschlichkeit wieder betritt; die allein da steht, wo alle
stehen sollten, und wo auch ich bei ihr gestanden habe. Sich selbst genug, und
den meisten zuviel, lebt sie glücklich und wahr, obschon ihre
Geschlechtsgenossen sie einseitig beurteilen, weil ihrem kurzsichtigen Blicke
die Übersicht einer so grossen, so ganzen, so harmonischen Oberfläche zu
unermesslich ist. Du sprachst als ein Freund mit mir, du wolltest retten, aus
Gefahren retten, die es nur dem Schwachen werden können. Du glaubtest, ich hätte
mich in die Arme der zügelloseren Liebe gestürzt - o dann hätte ich bei Molly
nicht um alles bitten müssen, die nur gibt, wo sie liebt, und nur liebt, wo
ihre Liebe im vollen Verstande Belohnung ist. Molly befriedigt nie
Leidenschaften, wo ihre Befriedigung Menschen schaden kann. »Godwi!« sagte sie
an einem Abende, an dem ich, durch ihre Freundlichkeit, durch die trauliche
Anschmiegung ihrer Ideen an die meinigen und meiner Sinnlichkeit an die ihrige
kühner, sehr verwegne Hoffnungen wagte: »Sie sind hier um meinetwillen, Sie sind
hier ohne Zweck, erwarten Sie mehr? Ich kann Ihnen nicht mehr geben, als ich
Ihnen gab, ich gab Ihnen mein Herz - nur dem, der es fassen kann, der es ganz
kennt, bin ich alles, bin ich ein Weib; Sie sind weit, sehr weit davon
entfernt.« Hier ward sie ruhig, und reichte mir ihre Hand, die in der meinigen
bebte, in ihrem Auge glühte eine reine Flamme, die in der Träne, ach! in der
Träne des Abschieds erlosch. »Sie reisen morgen, ich befehl es Ihnen«, sprach
sie ernst, und stand vor mir wie mein Herr. - »Ich bitte Sie um meint - und
Ihrentwillen, folgen Sie meinen Befehlen«, fuhr sie mit einer unwiderstehlichen
Anmut fort; sie hatte sich, wie die Liebe, sanft über mich herabgebogen, und nun
konnte ich ohne Kühnheit die Träne des Abschieds von ihrer Wange küssen -
seltsam süsser Widerspruch von Gefühlen, ihr Befehl macht mich zum Sklaven, ich
muss gehen, ihre Bitte umarmt mich, hält mich fest an sie gefesselt, und indem
sie mich zum Gehen bittet, wird es so süss, ihren Willen zu tun, und ich möchte
doch nicht gehen.
    Der Kuss des Abschieds, er war so inhaltreich, es lag das Bleiben so deutlich
darin, er hatte ja die Scheideträne weggeküsst, denn was ist Scheiden anders als
eine Träne, und Wiedersehen anders als ein Kuss. Ach hätte ein Kuss kein Ende,
Molly hätte mich gerne behalten, und vertrocknete eine Träne nicht, so könnte
ich sie nicht vergessen. Es lag viel Wahrheit in dem Kusse, und da er offenbar
ganz anderer Meinung als Molly war, so musste wohl ein anderer Umstand sie
zwingen, vielleicht gar die Furcht, bald durch die sinnliche Wahrheit der Küsse
im Rausche der Leidenschaft die geistreiche Heuchelei ihrer Entaltsamkeit im
Rausche der Eitelkeit entüllt zu sehen. - Süss waren ihre Lippen, es schwamm ein
stilles liebendes Hingeben auf ihnen, und im Gefühle des Übergehens eines andern
Wesens und seines Genusses in mich und den meinigen lag der entzückende Traum
einer Ewigkeit der Wollust des Kusses. - Doch auf dem Gipfel des Rausches
entsinkt uns der Becher, kalt strömt die Wirklichkeit zwischen unserer glühenden
Lippe und seinem Freuden-Rande durch, reisst den letzten Tropfen los, und wir
erwachen. So löste sich die Raserei des ersten und letzten Kusses. Stumm stand
Molly, um sie her die Trümmer ihres stolzen Befehls, Scham färbte ihre Wange,
Blässe folgte. Der Kuss hatte die Scheideträne und nicht die Scheidestunde
weggenommen. Sie richtete sich auf, und so wie etwa Ludwig der Achtzehnte
aussieht, wenn er in Reval über Frankreich regiert, erschien sie mir in ihrer
Armut, in diesem kleinen Schiffbruche ihres Plans, der mir nicht entging bei
folgenden Worten: »Godwi! Sie gehen morgen, ich bin dem Jünglinge gut, aber ihm
darf nie werden, was Belohnung des handelnden Mannes ist, gekrönte Liebe. Es ist
Verdienst, im Arme des Weibes ruhen zu dürfen; es ist Elend, vom Arme des Weibes
ruhen zu müssen. Müssen Sie nie um zu dürfen.«
    Ach wie klangen diese Sentenzen so kalt und gezwungen nach einem Kusse, der
ihr Verräter war. Mir war dabei zu Mute wie dem Gaste eines geizigen Wirts, der
seinen Gast berauscht glaubt, und die spätere Weinflasche, die also nach ihrer
Herkunft aus dem Keller die jüngere ist, auch immer die jüngere nach ihrer
Herkunft aus dem Weinberge, das heisst, ein bisschen saurer sein lässt; er denkt,
der Rausch der älteren mag die jüngere betten; sehr weislich - der Chirurg
betäubt uns erst die Ohrläppchen, ehe er uns die Ohrlöcher sticht; wer gern
Ohrringe trägt, wer gern zu Gaste geht, und wer gern küsst, muss sich das alles
gefallen lassen.
    Ich teile gern mit dir, sehr gern, aber nur meine Freuden. Lass mich deswegen
von der Nacht schweigen, die ich gepeinigt durchwachte. Du kennst mein Talent,
alles von allen Seiten anzusehen, die lachenden und weinenden Seiten jedes
Gefühls und jeder Geschichte hervorzuziehen, so dass ich nie ganz glücklich und
nie ganz unglücklich werden kann. Auch diese Nacht zerriss mich ein steter
Gefühlswechsel. Den freundlichen Traum, der meinen Morgenschlummer umgaukelte,
kann ich nicht beschreiben; wer kann das süsse Licht der ersten Sonnenstrahlen
nach dem Gewitter, wer den lächelnden Frieden und die holde Versöhnung malen?
Ich selbst fühle nur noch unbestimmt und verwischt die rosigten Fusstapfen dieses
Traums in meiner Erinnerung.
    Ich sass auf meinem Pferde, die Regentropfen schlugen mir um die Nase, und
der wache Donner weckte mich aus dem Seelenschlummer, in den ich versunken war.
Wir können uns durch innen von aussen verhüllen; eine vollfühlende Seele bedeckt
den Körper mit Gefühllosigkeit. Ich kenne kalte Gesichter, ruhige Oberflächen,
unter denen ein warmes Herz pocht. Stille Wasser gründen tief. Wohl dem, der
kalt von aussen ist, weil alle seine Flammen im Innern brennen; er ist Feuer
unter der Asche, und wird keinen entzünden, sicher ruht er auf dem häuslichen
Herde des Lebens. Weh dem, dessen Oberfläche kalt ist, weil Jammer und Elend
eine Eisrinde um ihn gezogen haben. Scheint die Sonne, so wird leicht die
Eisbahn zum Grab, und wird der Winter kälter, so stirbt das Leben auf dem Grunde
des Stroms.
    Mein Tiefsinn hatte mich dichter umhüllt als mein Mantel. Dieser hing über
meine Schulter und ich ward über und über nass. »Was weckst du mich nicht,
Conrad!« rief ich meinem Purschen zu; »da es so stürmt, und da es dir doch
selbst lieb sein muss, bald in eine Herberge zu kommen.«
    »Nun, Herr Junker, unsereiner tut selten, was ihm selbst lieb ist, ich habe
nun einmal meinen Willen vermietet, und der Unterschied zwischen Herrn und
Diener besteht darin, dass der eine seinen Willen aus Armut versetzt, und der
andere ihm auf dieses Pfand geliehen hat; darüber dachte ich nun so nach und
lobte Gott den Herrn, dass Sie nicht immer so grosse Intressen von dem Pfande
nehmen als jetzt.«
    »Und deswegen wecktest du mich nicht?«
    »Nichts vor ungut, Junker, ich dachte, wen dies liebe Wetter nicht wecken
kann, der schläft nicht zum Wecken; wer von der schönsten Frau von der Welt
wegreitet, der reitet nicht schnell; wer dabei einen Kuss von einer so charmanten
Dame auf den Weg hat, ach! der ist so beladen, dass sein Pferd den Schritt kaum
aushält.«
    »Von einem Kusse weiss ich nichts.«
    »Wenn Sie was davon wüssten, so hätten Sie ihn nicht gekriegt, so wüsste ich
nichts davon, und hätte auch nichts gekriegt.«
    »Conrad, sprich deutlich, oder ich werde Intressen von meinem Pfande
nehmen.«
    »Sie drohen ein Geheimnis heraus, das Sie heraus locken sollten. So will ich
denn sprechen, um auch einmal grossmütig gewesen zu sein. Ich war heute nacht
immer um Sie her und packte ein, und konnte nicht recht begreifen, wie Sie nun
so auf einmal fortwollten. Sie wälzten sich im Bette und konnten nicht schlafen,
und ich dachte, wohl eben deswegen, weil Sie reisen müssten. Heute morgen
überfiel Sie endlich der Schlummer, und Sie waren so freundlich dabei, dass ich
mich mitfreute über den verliebten Traum, den Sie wohl haben mochten.«
    »Du vergisst die Intressen; keine Bemerkung. Ja, ich träumte.«
    »Nu, Herr, ich träumte fast dasselbe, nur mit halb offnen Augen. Die Türe
geht leise auf, und, nun kömmts, es kommt Milady auf den Fussspitzen
hereingetrippelt, in der Hand hatte sie einen Brief, den steckte sie in Ihre
Brieftasche, die auf dem Nachttische lag, und, ach! nun« -
    »Du kannst dir denken, lieber Römer, mit welcher Eile ich den Brief aus der
Tasche zog. Welche sonderbare Adresse! »Ich beschwöre meinen lieben Godwi,
diesen Brief nicht eher zu öffnen, als bis ichs ihm selbst erlaube.« Schwer,
sehr schwer ward meinem Gehorsam der Sieg. Nur ihrem Befehle kann man bei dem
Reize, den sie selbst gegeben, gehorchen. Nun weiter!
    »Nun schlief ich fest, bis alles vorbei war, dann wacht ich auf, weil ich
eben nicht dumm bin; und weil die Zeit zu kurz war, als dass die reifen Äpfel
hätten von selbst fallen sollen, so fing ich an zu schütteln.«
    »Lass dich weg aus der Geschichte, oder die Geduld geht mir aus. Was tat sie,
der Engel?«
    »Nun ich habe keinen gesehen, und wollte bei Gott mit Milady zufrieden sein,
und alle Engel entbehren, denn sie machte mir sehr warm, als sie Sie so umarmte
und küsste. Herr, wenn Sie gewacht hätten, hätten Sie ihn, den Kuss, so nicht
gekriegt, das Glück kam Ihnen im Schlafe. Hier tat ich, was ich vorhin das
Schütteln nannte, das heisst, ich dachte, nun ist es Zeit zu wachen und ein
Lebenszeichen von sich zu geben. Ich gähnte und Milady seufzte, beide sehr laut;
ich streckte mich und Milady beugte sich über Sie hin; ich wischte mir den
Schlaf und Milady sich eine Träne aus den Augen. Ei, schon auf, gnädge Frau?
Gott! schweig Er, Conrad! sie drückte mir ein Goldstück in die Hände; schweig Er
wenigstens bis Sein Herr weg ist. Die Äpfel waren gefallen, und nun schlüpfte
sie wie ein Lüftchen davon.«
    »Nie mehr ein Wort hiervon. Das Geld wirst du dem Weibe wohl wiedergeben
müssen, und wenn du noch einmal schüttelst, so sollen dir Stockschläge fallen.«
    Ich gab meinem Pferde die Sporen, und so schnell bin ich lange nicht
geritten, ausser mir flogen die Gegenstände wie Augenblicke vorbei, in mir
drehten sich langsam die Begriffe, Coquetterie, Betrug, Liebe, geheimnisvoller
Brief. - Ach glückliche Stunde, wenn ich ihn erbrechen darf, wann wirst du
erscheinen? war der einzige Zusammenhang, dessen ich mich erinnere, und ich
jagte, als könnte ich die Stunde im Raume ereilen. - Ganz verschiedene Dinge
treten sich in den Weg - ein Fluss, der durch den Regen so angeschwollen war, dass
wir nicht durchreiten konnten, hob meine ganze Liebesqual einstweilen auf; ich
ritt also links einen andern Weg, und meine Sorge schien mir wie die Strasse
durch den Fluss zerschnitten, und blieb rechts liegen. Reite ich nicht in die
Welt, lebe ich nicht in der Welt? Soll ich etwa am Flusse harren, bis die letzte
Welle vorübereilt, und soll ich etwa auf die Stunde passen, bis sie der Strom
der Zeit vorüberwälzt? Über unerklärbare Dinge will ich mich nicht quälen. Ich
und mein Leichtsinn wurden stark genug, die ganze Geschichte einem Ausschusse,
wie die Herren zu Paris, zu übergeben. Der Ausschuss bist du. - Lieber Freund,
sage deine Meinung.
    Der Fluss zwang uns nach einem Dorfe, das an einem Berg lag, zu reiten. Über
dem Dorfe lag ein altes gotisches Schloss, das bewohnt zu sein schien, und ich
träumte gar nicht mehr, weil mich die Hoffnung, bald unter ein Dach zu kommen,
von aller Empfindsamkeit heilte.
    Wir waren kaum einige Minuten weiter geritten, als wir einen Trupp Jäger aus
dem Walde, der an der Seite der Landstrasse lag, hervorspringen sahen, die ebenso
sehr als wir eilten. Die Hauptperson war ein etwas bejahrter Mann, er hatte
einen grünen Tressenrock, ähnlichen Jagdhut und Haarbeutel an. Er ritt immer mit
einer gewissen Grandezza in kurzem Galopp an der Spitze, und wenn einer mit ihm
sprechen wollte, musste er auf die Seite reiten, nach welcher der gnädge Herr
seinen Kopf drehte. Hinter ihm ritt noch ein Grünrock, der dem alten im
verjüngten Massstabe alles nachmachte, er schien mir der Herr Sohn zu sein, ein
derber gesunder Landjunker mit ungeheuren Stiefeln, einem preussischen Zopfe und
Tressenhut; den Zug beschlossen mehrere reitende Jäger und eine Kuppel Hunde.
Die Herren ritten schnell, und wir ritten schnell, und waren kurz hinter
einander, als aus der Tasche der Hauptperson eine Brieftasche fiel. Ich rief,
allein das Geplätscher des häufig herabfallenden Regens und das Geräusch der
Reitenden machten es ihm unhörbar. Mein Pursche hob die Brieftasche auf, und da
wir mit unsern müden Pferden den Besitzer nicht mehr einholen konnten, und uns
eine Schenke am Wege ein Obdach anbot, so warteten wir den Sturm ab. Der Wirt
sagte mir, dass der Jäger der Besitzer des nahe liegenden Schlosses und Dorfes
sei. Ich eilte nun, die Brieftasche zu überbringen und zugleich um Herberge für
eine Nacht zu bitten.
    Es war Abend, der Himmel hatte sich erheitert, und die Natur um uns her
atmete mit vollen Zügen die Ruhe, die alles Leben nach einem heftigen Sturme so
leise und so liebend umweht. Auch dein Freund war ruhig, dachte an dich, wie dir
diese Stunde auch Ruhe gibt, nach deinen vielen Arbeiten des Tages, und war in
der Erinnerung froh bei dir.
    Unsere müden Rosse arbeiteten sich mit Mühe den steilen Burgweg hinan; ein
offnes Tor empfing uns, ein halb Dutzend hungrige Hofhunde bleckten uns die
Zähne, und der Herr Kastellan, Kammerdiener, Minister der auswärtigen Geschäfte
und Torschliesser brachte diese Störer meiner Gefühle von der Ruhe in der grossen
Natur zur Ruhe, indem er sein Phlegma und seine tönernen Pfeifen ihnen zuwarf.
Nachdem er ein bisschen geflucht hatte, und mit den Füssen auf der Erde
herumgestampft, kam er auf einmal in die dritte Position, und sprach: »Herr Jost
Freiherr von Eichenwehen, und Herr Jost, Stammherr von Eichenwehen, zu welchen
Sie vermutlich hinzugelassen zu werden wünschten, sind soeben wieder
weggeritten, weil seine Exzellenz, der Herr Freiherr, seine Brieftasche
verloren, die das ganze Glück der Hochadelichen Familie, seiner Exzellenz
Stammbaum, entält, seine Exzellenz« - »Die Brieftasche habe ich gefunden,
schicken Sie Herrn von Eichenwehen nach, bringen Sie die Pferde in den Stall,
und zeigen Sie mir eine Stube, in der ich mich ein bisschen umkleiden kann.« Das
Umkleiden musste der Herr Kastellan nicht für nötig halten. Er führte mich
etliche Wendeltreppen hinauf - unmutig und träge tappte ich seinen
schwerfälligen Fusstritten nach - ach! so dreht sich die Wendeltreppe meiner
Laune aus dem traulichen wollustdüstern Boudoir meines Herzens hinauf zu dem
wüsten toten Leben in meinem Kopfe, dachte ich, und kaum hatte ich es gedacht,
so entstand eine sonderbare Generation in mir. Ich sah mich im Durchschnitt wie
den Riss eines Gebäudes, in meinem Kopfe war ein grosser Redoutensaal, aber alles
war vorbei, den letzten Ton des Kehraus sah ich dicht bei der Orchesterbühne
meiner Ohren mit sterbendem verschossenen Gewande gähnend zur Türe
hinausschleichen. Eine Menge meiner jugendlichen Plane standen verstört und
missmutig da, der Tanz war vorbei, sie hatten die Masken in den Händen, weinten
aus den trüben erhitzen Augen Abspannungstränen, und guckten sich an, und
gebärdeten sich wie Phöbe, Diane und Proserpina in Wielands Göttergesprächen,
sie konnten nicht glauben, dass sie alle dieselben seien. Unten in meinem Herzen,
da war das düstere Kabinett, Molly stand da wie eine Zauberin, sie kam von dem
Maskenballe herab, meine Zufriedenheit sass bei ihr, sie suchten ihre krausen
Gewänder auseinander zu wickeln, die sich auf der Wendeltreppe verwickelt
hatten, und zeigten beide ziemlich unziemliche Blössen. Gut, dass vor die Fenster
Gardinen, aus rosenroten Träumen gewebt, gezogen waren, und der Luxus der
Sinnlichkeit in dicken wohlriechenden Rauchwolken den kleinen Raum mit Nebel
erfüllt hatte, man konnte sich nicht recht erkennen. Ja räuchert nur, dachte
ich, Goete sagt doch, der Herr vom Hause weiss wohl, wo es stinkt. Nun ward es
ganz dunkel, das letzte Lichtstümpfchen auf dem Kronleuchter im Ballsaale war
erloschen, es schimmerte kein Fünkchen mehr die Treppe herunter. - »Nun, nun,
Herr Baron, wo bleiben Sie denn?« donnerte mich eine Stimme von oben herunter
an, ich war aus der Wendeltreppe des Schlosses auf die meiner Laune geraten, und
hatte vergessen, auf der ersten weiterzugehen, nun schlich ich vorwärts. Die
breite schöne Treppe in Mollys Landhaus, wo führte die mich hin, ach! in das
Amphiteater ihrer Arme, das schöne Schauspiel ihres Geistes in ihren Augen zu
sehen, und diese verdammte Wendeltreppe, wo führt sie mich wohl hin? »Ich
brauche Sie nicht zu melden,« sagte der Kastellan, als wir an eine kleine
gotische Türe kamen, »das Fräulein hält nicht viel davon.« Das Wort Fräulein
lasse ich mir nicht zweimal sagen. Schnell tröstete ich mich, dass ein Fräulein,
welches dem Unangemeldeten verzeiht, wohl auch dem im Reisehabit durch die
Finger sieht. Ich klopfe. »Herein!« Ein niedliches Mädchen von achtzehn Jahren
hüpft mir entgegen, sie entschuldigt die Abwesenheit ihres Vaters, ich meinen
Anzug. Sie setzt sich in den Erker, ich mich ihr gegenüber, auf kleine steinerne
Bänke, die in der Mauer angebracht waren.
    Sie: Wollen Sie Licht, es ist schon Abend.
    Ich: Es ist nicht Abend in uns, wenn es Abend ausser uns ist.
    Sie: Was meinen Sie damit - doch Ihr Name?
    Ich: Godwi.
    Sie: Godwi? Dies ist ein schöner Name, ach! das ist ein schönerer Name als
Eichenwehen, ich möchte wohl auch so heissen. Doch ich will Licht holen.
    Ich: Nein, Fräulein, lassen Sie es, es wäre eine Sünde gegen die Natur und
die Stunde, die ich bei dem Untergang der Sonne mit Ihnen durchleben kann.
    Sie: Nun, so lassen Sie uns denn so sitzen bleiben.
    Ich: Und uns unserer Freunde erinnern, die vielleicht jetzt ebenso glücklich
sind als ich und Sie - Sie verzeihen, ich meine nur durch diese schöne
Naturszene. Sie haben doch auch Freunde?
    Sie: O ja, aber doch nicht viele - Otilien, Sophien, und nein, das sind sie
alle. - Es ist mir recht lieb, dass Sie kein Licht wollen, denn Sie hätten mir
sonst meine Lieblingsstunde verdorben. Sehn Sie, so sitze ich alle Abende hier,
und sehe wie ein Nönnchen in der Klause nach der untergehenden Sonne, manchmal
werde ich ganz traurig; da drüben, wo Sie sitzen, da sass sonst meine gute
Mutter, die war so freundlich, und wir spannen dann immer in die Wette; jetzt
bin ich immer allein, und wenn die Langeweile, ach! die Langeweile - der Vater
ist gut, aber er ist immer auf der Jagd, und Jost, mein Bruder - nu, der ist gar
nicht freundlich. Doch Sie werden bald sehen, dass hier nur ein Jäger froh sein
kann - Doch was plaudere ich - verzeihen Sie, Ihre Ankunft hat mich so
überrascht, dass ich ganz verwirrt spreche.
    Ich: Nein, gnädiges Fräulein, Sie sprechen nicht verwirrt. Sie sprechen eine
schöne seltene Sprache, die Sprache der Wahrheit, der Unschuld und der Natur.
Ich habe lange keinen Menschen, am wenigsten ein Weib, so sprechen hören, und
zwar in einer Minute, wo fast alles heuchelt, in der Minute des ersten
Zusammentreffens.
    Sie: Es ist sonderbar - in einer andern Stunde würde ich nicht so gesprochen
haben - aber hier darf ich nicht mit Fremden sitzen, und nicht in dieser Stunde,
dass ich nicht so sprechen sollte, denn hier habe ich immer alles gesagt, was ich
fühlte, hier hörte mir immer die Mutter zu. - Wir waren aufgestanden, ich hatte
ihre Hand gefasst, Joduno weinte ihrer Mutter eine stille Träne, sie sah in die
letzten Strahlen der sinkenden Sonne, wie wir dem fliegenden Gewande eines
scheidenden Freundes, der nun unserm Nachsehen verschwindet, mit nassem Blicke
folgen, und drückte mir dennoch die Hand, wie einem Freunde beim Wiedersehn.
Mein Herz, Römer, war verloren. Die Sonne ging unter, und Herr von Eichenwehen,
Vater und Sohn, kamen herauf. Joduno machte geschwind Licht, wir setzten uns in
eine ehrerbietige Entfernung, indes unsere Blicke und unsere Herzen ganz dicht
beisammen steckten, so dicht, dass sie seufzten. Alles dieses geschah ohne die
mindeste Verabredung, wir verstanden uns, und obschon es dich wundern mag, so
wunderte es mich doch nicht. Unser Zusammentreffen war ein Wiederfinden. Die
Sonne war unter, und als der Vater mich bewillkommte, und der Sohn mit offnem
Munde vor mir stand, waren wir schon so vertraut, dass ich mit ihr lachte,
schäkerte oder seufzte, wenn der Vater den Rücken wandte. Man dankte mir beim
Abendessen für meinen Fund, und bat mich mit vielen Worten, einige Tage zu
bleiben; ich entschuldigte mich mit vielen Worten, dass ich morgen wieder reisen
müsste. Joduno sah mich an, und ich sprach: »Recht gerne will ich bleiben, wenn
ich Ihnen nicht beschwerlich falle.« Von dem Tischgespräche weiss ich nichts
mehr, als dass ich mehr von meinen Ahnen erzählte, als wahr ist, dass mir der Herr
Sohn nochmals für meinen Fund danken sollte, aber schon schlief, und dass sich
meine Schuhspitzen mit den Fussspitzen Jodunos unterhielten.
    Joduno war etwas früher vom Tische aufgestanden als ich, sie kam wieder.
»Leuchte den Herrn Baron in seine Stube, Joduno« - Sonderbare Sitte - Unbefangen
und ohne ein Wort zu sagen, geht sie vor mir her, eine grosse ungeheure Türe
eröffnet sich, das Licht steht auf dem Tische, eine süsse freundliche Stimme
sagt: »Gute Nacht!« - das übrige weisst du. Ich hatte bei Tische gesagt, dass ich
noch schreiben wollte, Joduno hatte einstweilen alles dazu auf den Tisch gelegt,
selbst den Stuhl hingerückt. Neben das Papier hatte sie die schöne Rose
hingelegt - hat sie den Tisch wohl auch vor ihr Bild hingerückt?
    Ach die Wendeltreppe führte mich doch auch zu einer schönen Aussicht. Molly,
deine Worte »Gekrönte Liebe gehört nur dem Manne« haben einen sonderbaren
Doppelsinn für mich erhalten, seit ich den Hirschkopf gegen mir über habe - das
Bild der lieben Joduno sieht mich so freundlich an, dass ich jetzt fast schon vor
der Dunkelheit erschrecke, wenn ich das Licht auslöschen werde. Gute Nacht, ich
steige ins ungeheure Riesenbette, in dem vielleicht alle Herrn von Eichenwehen,
und wohl auch die liebe Joduno, geboren sind, um heute abend zu sterben, und
morgen früh wieder neu geboren zu sein.
                                                                      Dein Godwi
 
                                 Römer an Godwi
Wo die Herren im Nationalkonvent zu Paris zuviel Arbeit sehen, bei Arbeiten,
deren Erfolg kritisch ist, bei denen sie sich in ihren oder in des Publikums
Augen durch den Erfolg beschämt finden könnten, muss ein Ausschuss dran. Bei der
Verwirrung, bei der Abenteuerlichkeit seiner Streiche stösst mein lieber Karl auf
einen Punkt, der ihm nicht so ganz hell in die Augen leuchtet, und er ernennt
mich zum untersuchenden Ausschuss. O lieber Karl, wann wirst du die gerade
Menschenstrasse wählen und nicht mehr aus dem Hundertsten ins Tausendste denken,
handeln und plaudern; ich kann mir ihn ganz denken, den incroyablen Karl,
vis-à-vis, oder in den Armen - denn ich weiss, du bist kein Freund von Entfernung
- einer andern Merveilleuse. Es ist ein Unglück, dass du auch immer in die Hände
der Extreme fallen musst. Wo wohnt das gute bürgerliche Mädchen, das tugendhaft
und häuslich dir einst den verwirrten Kopf aufräumen und deine Hände zu
nützlicher und zweckmässiger Arbeit geschickt machen wird? War es nicht der
Aufgang der nämlichen Sonne, der dir das Bild weniger Tage vorher neben der
rätselhaften Molly so rosenfarben malte, nicht der Untergang der nämlichen
Sonne, die mit den letzten Strahlen gleich darauf dein wächsernes Herz in eine
andere Form goss? Du nanntest Molly ein göttliches Weib, das heisst: du bedientest
dich zur Bezeichnung ihres Wertes des Namens der höchsten dir denkbaren
Vollkommenheit und schon haben diese Göttin ein paar Hirschgeweihe und ein
lustiges sonderbares Geschöpf gestürzt. Du hast ein Geschöpf kennengelernt, das
du noch höher stellen könntest. Wie heisst denn die Stufe über deinem Götzen?
Oder, lieber Karl, willst du wohl eingestehen, dass der die Menschen und all ihr
Streben und Ringen nach irgend einem Zwecke für die Caprice Gottes halten muss,
der ein Weib göttlich nennt, das mit den Herzen, Gefühlen und Worten ihrer armen
Anbeter spielt? Sie hat nicht genug, dich zu ihren Füssen zu sehen, sie berauscht
sich in den Gefühlen ihres Stolzes, und stösst deine Begierden zurück; sich hätte
sie ganz befriedigt, sie will nur ihrem Betragen noch das Gewand der schönen
Tugend, Entaltsamkeit und Abenteuerlichkeit umhängen; ernst und streng weiset
sie deine feurige Liebe in die Schranken des Wohlstandes zurück, vergisst nicht,
dir mit der feinsten Coquetterie die Mühe zu zeigen, die ihr es kostet, lässt
sich einen Kuss von dir rauben, wo du ihn rauben solltest, um ihr den Schwur der
Ehrerbietung gegen ihre strengen Grundsätze zu besiegeln, und fordert durch das
Feuer eben dieses Kusses dich auf, das Gebäude ihrer ganzen Weisheit zu
zertrümmern.
    Es mag der feinste sinnliche Genuss, das bezauberndste Spiel der Gefühle
sein, allein es ist nichtsdestoweniger das gefährlichste und gewagteste, denn
wer es verliert, hat sich selbst verloren. Molly weiss auf die geschmackvollste
Weise die äussersten letzten Fäden der Sinnlichkeit durch affektierte
Menschlichkeit in die Grenzen einer edlen, empfindungsvollen Sittlichkeit
hinüberzuweben, so dass ihr Betragen zwar ihren Geist, ihren Geschmack, und durch
augenblickliche, liebenswürdige Geistesgegenwart ihre Erfahrung, aber nichts
weniger als ihr Herz, ihre Tugend vor der Verdammnis der Moralität retten kann.
    Danke Gott, mein Lieber, dass du so glücklich aus den Schlingen dieser
liebenswürdigen Verderberin entkommen bist; aber entgehe zugleich dem Gefühle
der Eitelkeit dieses Entgehens. Du selbst warst nicht stark genug, sie hat dich
in den Plan ihres Siegs zurückgestossen, und in der Beendigung der Geschichte mit
dem Morgenbesuche und dem Kusse sehe ich wohl, dass du ihren Waffen nur ein
Spiel, kein Kampf warst. Die Geschichte am Morgen scheint mir das, was den
Mozart ausgezeichnet hätte, der aus Laune, oder auf Bitte eines mächtgen
Geschmacklosen, ein elendes Lied auf seiner Violine hinzauberte. Es war in
Rücksicht auf den moralischen Wert der ganzen Sache das Selbstgefühl eines
Bierfiedlers, der, hat er in seinem Gassenhauer die Beine seines Pöbels genug
zum Tanzen gezwungen, an das Ende des letzten Takts noch einen Ohrenzwang gratis
anhängt. In jedem gefälligen Landschaftsgemälde ist Ferne, und die abgestufte
Verkleinerung und Verundeutlichung reizender Natur im letzten Grade, in eine
Morgenröte überschwebend, gibt uns in gleich nahen Gegenständen das Täuschende
der Perspektive. Hier hat der Künstler den Raum behandelt; Molly, die
Künstlerin, endigte ihre Szene durch eine versprechende Anspielung in die
Zukunft, sie behandelte die Zeit.
    Ich halte sie für bewunderungswert in ihrer Art. Es ist der feinste
Egoismus, den Sieg, der wegen der Schwachheit des Gefesselten ohne Lorbeer war,
seinem Selbstgefühle durch die Kraft und Zierlichkeit, mit der man das
Schlachtfeld verlässt, zur Schmeichelei zu erschaffen.
    Über dein zweites Abenteuer zu urteilen, habe ich keinen Beruf erhalten, und
überhaupt liebe ich nicht, dir, lieber Freund, Lehren zu geben, denn du willst
durch die Zeit und ihren Inhalt geheilet sein.
    Dein Vater ist seit deiner Abreise trauriger und sonderbarer als je
geworden. Er will nicht wissen, was du mir schreibst; »denn«, sagt er, »es ist
unedel, wenn ein Mensch durch die Benutzung zufälliger Rechte im mindesten die
Heiligkeit der Herzensergiessung zweier Freunde stört. Ist ihm wohl, liebt er
mich?« fragt er nur ängstlich, und als er mir diese Fragen bei deinem letzten
Briefe tat, ging er weinend in seine Stube zurück, noch eher als ich ihm
antwortete. Es ist mir unbegreiflich, Karl, dass er dich so unnütze Reisen tun
lässt, da er dich so liebt, und deiner fröhlichen Laune so sehr bedarf. Ich
stellte ihm dieses neulich abends vor, da er sehr heiter war, und mir sagte: »In
diesem Augenblicke, Römer, könnten Sie mich fragen, was Sie wollten; ich würde
nichts übel nehmen.« Er ward sehr betroffen und sprach: »Sie hätten diese Saite
dennoch nicht berühren sollen, Römer; doch Sie sind unschuldig, ich halte Wort,
es liegt ein Geheimnis über Karls Kindheit, das mich töten würde, wenn ich ihn
noch lange um mich gesehen hätte.« Dann entfernte er sich und schloss sich ein.
Ich werde nie mehr hiervon mit ihm sprechen, aber dir musste ich es sagen, damit
du deinen guten Vater nie falsch beurteilen mögest.
    An dem Abende, lieber Freund, an dem unvergesslichen Abende, der uns zum
erstenmal trennte, und uns dennoch durch den erneuerten Bund unserer
Freundschaft um vieles näher brachte, habe ich dir versprochen, aufrichtig und
redlich an dir zu handeln; ich beschwöre dich, Karl, werde ein Mann, der
unveränderlich nach Recht und Billigkeit handelt, denn mir ahndet, du wirst
unglücklich genug werden, ein schweres Urteil über Menschen fällen zu müssen,
denen du unendlich viel, denen du alles verdankst. Die Geschäfte deines Vaters
werden mich bald nötigen, eine Reise machen zu müssen. Ich habe diesen
Augenblick so lange als möglich verschoben, denn es ist mir ein ängstlicher
Gedanke, ihn sich ganz selbst überlassen zu müssen; zwar kann ich seinen
geheimen Kummer nicht heben, allein ich kann ihn doch zerstreuen.
    Vielleicht komme ich nach B., vielleicht höre ich bei Molly ein Kollegium
ihrer praktischen Kriegskunst, das du hoffentlich wie diesen langweiligen Brief
in der Hoffnung eines baldigen Vergessens absolviert hast. Lebe wohl, in F.
werde ich die Messe zubringen. Adressiere deine Briefe an die Herren Gebrüder
Buttlar, bei denen ich wohl absteigen werde.
 
                     Joduno von Eichenwehen an Otilie Senne
Meine Otilie, ich schicke dir hier eine alte Flasche Wein für deinen lieben
Vater, dessen Geburtstag heute ist. Gieb ihm alle meine guten Wünsche und die
Versicherung meiner Achtung mit der deinen hin, und suche, wenn du kannst, ihm
einen recht fröhlichen Tag zu verschaffen. Es ist recht schön, dass ich dir
zugleich schreiben kann, obschon ich lieber etwas anders tun möchte. Ich möchte
lieber mit dem jungen Manne sprechen von dem ich dir schreiben will.
    Du würdest die eine Lügnerin nennen, die dir sagte, Fräulein Joduno von
Eichenwehen sitzt, seit drei Tagen, alle Morgen um fünf Uhr mit einem schönen
Manne unter der grossen Eiche, streicht seit drei Tagen mit einem
zweiundzwanzigjährigen schlanken Manne durch alle Schlupfwinkel und Wildbahnen
im Holze, und sie tun vertrauter als Bruder und Schwester. Es ist nun nicht
anders, man mag treiben, was man will, man wird verleumdet, aber immer gut ist
es doch, dass alles dies wahr ist, und dass dazu noch viel, viel mehr könnte
gesagt werden. Denn wenn einer unter dem Tische stäke, wo wir uns einander auf
die Füsse treten, und wenn einer das blaue Mal sehen könnte, das ich ihm in den
Arm gekneipt habe, als er mir die Locke über dem Auge wegschnitt, die dein
Vater, ich weiss nicht warum, immer die Locke der Erinnerung nannte, so würde er
wunder was für eine alte Bekanntschaft vermuten.
    Ich kann nun nicht anders, ich glaube nicht, dass ich ihn liebe, ich würde
mich schämen, in einer Stunde mein Herz verloren zu haben. Ich vermute, dass
vieles von dem Eindrucke, den er auf mich machte, dem Moment gehört, in dem er
mich sah. Wenn man so wie ich von der Welt abgeschnitten lebt, und von Gestalten
umringt ist, die uns nur durch angeborne Rechte beherrschen, so ist es sehr
verführerisch, aus freier Wahl einem edlen Menschen gut zu sein. Ja man legt
selbst Vorzüge in jeden Bessern, die ihn zum Besten erheben können. Doch
verzeihe, ich spreche über einen Zustand, ohne dich erst mit seinem Entstehen
bekannt gemacht zu haben, und beweise grade so, indem ich eine vermutliche
Leidenschaft entschuldigen will, dass ich ganz von ihr beherrscht werde. Ach, ist
es denn wahr, dass es nur die Liebe ist, die uns ganz und gar verändert, gäbe ich
dir wirklich einen Beweis von meiner Schwachheit, indem ich dir einen längern
Brief schreibe als je? Und wenn ich aufrichtig sein soll, so muss ich noch mehr
sagen, sagen, dass ich nicht einmal wegen dir schreibe. Ich schreibe wegen ihm;
der Vater ist auf der Jagd, und er hat ihm, um ihm zu gefallen, folgen müssen.
Er ging mit mir im Garten, wir waren so freundlich mit einander gewesen, er
hatte mir von seinem Freunde erzählt, den er über alles liebt, und ich erzählte
ihm von dir, wie ich dich liebe, von meiner Mutter; ich hatte ihm gesagt, dass
wir nicht so schnell bekannt geworden wären, wenn er nicht auf dem Sitze meiner
Mutter gesessen und meine Erinnerung an sie so teilnehmend angehöret hätte; ich
hatte ihm noch vieles, vieles zu sagen, da kam der Vater, und er ging mit ihm
weg. Ich sah ihm bis zur Gartentüre nach, und glaubte, er würde gewiss noch
einmal nach mir umsehen, aber er tat es nicht, das machte mich sehr traurig,
warum? das weiss ich nicht. Nun ist er auf der Jagd, und ich schreibe an dich von
ihm, weil ich mich nicht anders mit ihm unterhalten kann, als wenn ich von ihm
spreche. An ihn denken, so ganz allein an ihn denken, das kann ich nicht, es
wird mir dann ganz bange. Wenn ich allein an ihn denke, so sehe ich lauter
Dinge, die man nicht beschreiben und die ich nicht verstehen kann, und da wird
mir so ängstlich, als guckten mich eine Menge weltfremder Menschen an und
flüsterten sich in die Ohren. Aber mit dir will ich über ihn sprechen, da muss
ich alles wieder erzählen, wie er kam, und wie es mir zu Mute wurde; das wird
mir sehr wohltun.
    Doch nun auch kein Wort mehr, bis du weisst, wer der Glückliche ist, und wie
sich denn endlich einmal eine heitere Seele ausser mir in die prachtvolle
Residenz meiner Ahnen und vieler Uhus und Eulen hat verschlagen lassen.
    Du weisst, Otilie, vor drei Tagen war ein schreckliches Gewitter, und der
Vater war mit Josten auf die Jagd geritten. Er kam zurück und hatte seine
Brieftasche verloren, in der unser Stammbaum ist; er kehrte also mit Josten
schnell wieder um, um dies Kleinod zu suchen. Ich bedauerte ihn sehr, dass er in
dem Wetter reiten wollte, und sagte ihm, er möchte den Kastellan wegschicken,
und wenn der ihn nicht fände, so könne er sich ja vom Amtmann, der doch nicht
wisse, was er vor Langeweile treiben soll, einen andern machen lassen. Ich
glaubte nun wunder, was ich Gescheites gesagt hätte, und der Vater machte grosse
Augen, hob die Hand in die Höh, und ich glaubte, nun würde er mich in die Wangen
kneipen, und da wollte ich meine Bitte, dich zu besuchen, vorbringen. Aber,
denke nur, er gab mir eine Ohrfeige. »Gänschen, einen andern machen; nein, dich
und deine Mutter ausstreichen lassen.« Jost sagte: »Und so ists recht, Fräulein
Claudia.« Und nun gings mit ihnen zur Türe hinaus. Ich setzte mich auf das
Plätzchen im Erker, wo sonst meine Mutter sass, wie sie noch lebte und weinte.
Ich dachte an sie und weinte auch. Nun ging die Sonne unter, und das Wetter zog
vorüber, und ich konnte auch nicht mehr weinen. Danke doch deinem Vater, der
mich die Natur lieben lehrte, der mir sagte, so wie die Sonne jeden Abend
untergeht und jeden Morgen wiederkömmt, so kömmt und geht auch jeder Mensch. Man
sieht ihm entgegen, man sieht ihm nach, und freut sich, wenn er gut war. Ich
sehe ihr nach, der lieben Mutter; o könnte ich werden wie sie, und möge man mir
nachsehen wie der Sonne, die einen schönen glücklichen Tag erleuchtet hat. So
stand die Szene, und ich armes beohrfeigtes Mädchen sass mitten drinne.
    Der Vorhang ging auf, es pochte an und es trat ein junger Mann herein,
neigte sich schnell mit dem Kopfe, nicht etwa, um eine Verbeugung zu machen,
nein, um mir die Hand zu küssen. Er behielt meine Hand in der seinigen, führte
mich in den Erker, setzte sich mir gegenüber, nun antwortete er mir erst auf
alle meine Entschuldigungen, dass der Vater nicht dasei, und nun sollte ich kein
Licht holen, er wollte die Sonne untergehen sehen, bis der Vater käme. Ich armes
Mädchen tat alles, was er wollte, und wenn ich dachte, es ist doch ganz
sonderbar, wie dieser Mensch sich beträgt, und sah ihn an, so musste ich doch
heimlich wünschen, ach wenn doch der Vater, wenn doch Jost, der Amtmann, ach
wenn doch alle Menschen so sonderbar wären. Kaum hatte er schweigend ein paar
Minuten die Gegend durchsehen und ich kein Aug von dem seinigen verwandt, so kam
er mir gar nicht mehr sonderbar, er kam mir sanft, heiter und schön vor. Er
entschuldigte die Eigenheit seiner Ankunft und seines Benehmens auf eine äusserst
feine Weise, und ich schämte mich, als er mich hierdurch erinnerte, dass ich
eigentlich hätte ungehalten sein müssen. Ach! nie ist mir eine Stunde so schnell
verschwunden als die zwischen seiner Ankunft und der Rückkunft des Vaters;
selbst wenn ich bei dir bin, Otilie, du musst aber nicht böse werden, selbst bei
dir flieht die Zeit nicht so. Der Vater hatte vor Freude über seinen
wiedergefundenen Stammbaum ganz vergessen, was ich für nasenweise Reden geführt
hatte, und sagte zu Godwi: er bedaure sehr, dass er sich so lange mit mir habe
unterhalten müssen, und er müsse ihn entschuldigen, denn er könne wegen seiner
Standesgeschäfte sich wenig mit meiner Erziehung abgeben. Godwi entschuldigte
mich auf eine äusserst verbindliche Art; dies gehörte meinem Vater, aber ich
beneidete ihn nicht, denn der Blick, den er mir zuschickte, wollte mir doch
nichts anders sagen, als dass er sich lieber mit mir in Kamschatka unterhalten
als mit meinem Vater in Italien langweilen möchte. Bei Tische unterhielt er
meinen Vater von seinen Ahnen, und sagte wohl mehr davon, als er wusste. Jost
stichelte auf des Fremden Kleidung und leichtes Betragen, doch du weisst ja, wie
mein Bruder ist; aber dem Vater gefällt er sehr, denn er stammt von einer alten
Familie her und hat sehr viel edle Männer unter seinen Voreltern. Er wollte den
andern Morgen schon wieder weg, aber sein Pferd wurde krank, und wir haben ihm
schon zugestanden, dass wohl nie ein Pferd zu gelegnerer Zeit krank wurde.
    Der junge Mensch ist aber bei aller seiner Leichtfertigkeit äusserst gut, und
oft, wenn er neben mir geht, leicht wie ein Schmetterling, spricht aus ihm der
Ernst und die Erfahrung eines Greises, so dass man glauben sollte, er heuchelte;
aber dazu sind nun seine Augen wieder zu aufrichtig. Nun sieh nur, da habe ich
mir es doch wieder merken lassen, dass ich ihm nicht allein hineingesehen,
sondern dass ich auch darin gelesen habe. Auch kannst du dir nicht denken, wie
leutselig er ist; unsere Bauern, die ihn kaum einigemal gesehen haben, grüssen
ihn schon viel lieber als Josten, der immer so grob durch sie durchreitet, als
seien sie eine Herde Vieh.
    Gestern abend, als ich mit ihm unter der grossen Eiche sass, erzählte er mir
von seinen Reisen manche rührende Begebenheit, und manchen lustigen Scherz. Und
da ich ihn fragte, warum er denn immer so die Kreuz und Quer herumreite, sagte
er mir mit einer Wärme, die bis in mich herüberdrang denn meine Hand lag in der
seinigen, so ruhig, so aufmerksam dass ich jeden seiner Pulsschläge fühlte: »Ich
liebe den Zufall überlasse mich ihm mit Sorglosigkeit; habe ich ihm nicht vieles
zu danken, hat er mich nicht unter die Eiche, neben Sie, schönes Fräulein,
gesetzt? Sorgenlose Freude soll mich immer begleiten, kein einförmiges Lied,
nein, wie der Gesang der Vögel über uns, in den Schlupfwinkeln der Eiche, frei
und ohne Fessel natürlich und genügsam. Soll ich grübeln, sinnen, kalkulieren
spekulieren, solang ich froh und gut bin, solange Freude in jedem meiner
Blutstropfen pocht und jede meiner Handlungen ihr Gepräge trägt? Und gut bin
ich, wahrlich gut; Sie glauben mir doch, Fräulein?« Er sagte dies so rasch, und
sein Blick war so sonderbar, begehrend und doch so sanft, dass ich hätte schwören
sollen, er sei der nämliche, der mir meine Locke der Erinnerung raubte. Ob ich
aus Angst oder aus Freude und Zutrauen zu ihm sagte: ich würde nimmer froh
werden, wenn ichs nicht glauben könnte, weiss ich nicht. Meine Hand konnte ich
nicht mehr in der seinigen lassen. Ich glaube, ich sprach aus Zutrauen, und zog
meine Hand aus Bangigkeit zurück. Wir sahen beide ein paar Minuten auf ein
Fleckchen, er wurde ernst und sagte feierlich: »Fräulein! lassen Sie uns jetzt
nach Hause gehen und dem Zufalle überlassen, was wir uns morgen sagen sollen;
der Mensch, der vorgreift, tut vergebliche Arbeit, solange die Welt noch von
selbst geht.« Wie edel war es von ihm, dass er abbrach, denn ich glaube doch, ich
hatte zuviel gesagt; was meinst du, Otilie?
    Mit Josten hat ers verdorben, deswegen will er fort, er soll aber erst mit
deinem Vater und dir bekannt werden; dir ist er wohl nicht gefährlich, denn er
ist viel zu kindisch lustig. Lebe wohl und freue dich, bald wirst du mich sehen.
                                                                          Joduno
 
                     Godwis Antwort auf Römers ersten Brief
Ihr Menschen hinter euren Pulten nennt doch alles, was ausser der Poststrasse
liegt, Abenteuer. Ich kam in das Schloss eines Landedelmanns; bin ich deswegen
ein Abenteurer? Ich finde seine Tochter, ein gutes natürliches Mädchen,
liebenswürdig, ich fand Molly, ein schönes, kluges und freies Weib, bezaubernd:
was tue ich denn mehr als meinen Gefühlen, meinen gerechten Gefühlen,
Gerechtigkeit widerfahren zu lassen? Ich liebe das Schöne um meint - und
seinetwillen, bin froh und heiter; soll, muss das nicht jeder gute Mensch ganz
sein? Du bist ein listiger Feind, du weisst meine Stimmung zu benutzen, und
forderst mich zu einem Kampfe auf, indem du meine Günstlinge angreifst, und
weisst, dass ich in diesem Augenblicke nur mit den Waffen der Liebe streiten kann.
Ich bin mit Rosen gefesselt, meine Arme können sich noch sanft zur Umarmung
ausbreiten, und meine Seele sucht, im Blicke über die sanften Gesichtsbeugungen
Jodunos hingleitend, den Umriss ihrer Seele, und tändelt schüchtern um die Falten
ihres Gewandes, die noch üppigere Formen verraten.
    O Römer! in welchem Auserwählten wohnt die Seele, die das Sinnliche in eben
dem schönen Geiste vergisst; es tut mir weh, es vernichtet mich, wenn ich fühle,
dass ich die Majestät, den Schatten und die Kühlung der Eiche nicht geniessen
kann, ohne ihren Stamm, ihre Äste und ihre Blätter zu denken; ich fühle mich
trotz meiner sogenannten Bildung so wenig mehr als die Tiere, und alles, was ich
tue, so wenig wert, so wenig davon gehört nur mir allein. O mein Stolz, mein
armer Stolz! Nun sieh doch, Römer, sieh, welchen Kampf, ich zeige dir alle meine
Blössen, entdecke dir mein Misstrauen in mich selbst, und wage es dennoch, dir
manches meiner sogenannten Philosophie hinzustellen, die freilich nicht fest,
aber rasch, glänzend und lockend ist. Mit allen den schönen Sachen pfleg ich
mich zu trösten, wenn der Gedanke an dich mir in den Weg kömmt - mein Stolz wird
rege, du lächelst so unerträglich, alles, was ich sage, nennst du Phantasien,
Brausen des gärenden Mostes.
    Bleibe nur immer auf deiner geehrten Mittelstrasse, schneckenförmig und
schneckenlangsam windet sie sich, wie die Langeweile durch eure Freundschaft, um
die Berge und Täler eurer Laufbahn. Menschen, die sie wanderten, haben nie die
Adern erzhaltiger Gebirge, nie das heilsame Kraut der Täler gefunden. Sie hören
das Geschrei der Krähen am Rabenstein, der an diesem Weg seiner Genossen steht,
den Gesang der bürgerlichen Gerechtigkeit. Philomele nistet nicht an den
Heerstrassen, sie hören das Gewimmer des Postorns, Warnung dem Beschränkten im
Hohlwege. Sehr bequem. Hast du je auf der Mittelstrasse die Vortrefflichen
gefunden, die nur Revolutionen und Originalität aufstellten? - Grosses Schauspiel
des Vesuvs, der glühende Felsen auswirft, um die fruchtbaren Felder seines Fusses
zu erleuchten; er vernichtet Städte und Dörfer, die Jahrhunderte ängstlich
zusammengestoppelt haben, aber erweckt in Momenten eine Welt von schlafender
Grösse in unserm Busen in unserer Seele erwacht im Widerscheine seiner Glut das
Erhabene, emsig regen sich unsere Hände zur tätigen Sorge der Erhaltung, und
durch das Gefühl des Ungeheuren und seinen Begriff sinken eine grosse Menge von
Schrecken für uns zur Kleinigkeit herab, die Wichtigkeiten ausser uns sterben,
und so wird der Mut geboren und so flieht der Schlaf, der Tod im Leben, das ihr
andern Menschen schlaft. Lass mir, lieber Junge, das, was mir vielleicht gerade
angemessen ist, weil du es weder auf den Rheinischen Fuss noch auf Toisen, weder
auf den vierundzwanzig noch auf den zweiundzwanzig Gulden-Fuss reduzieren kannst.
Du kennst mich schon lange, und wenn du mich messen willst, so siehst du nach
dem an den Türpfosten unserer Familienstube eingeschnittenen Masse. Jetzt siehst
du mich nicht mehr, und kannst nur meinen Schatten messen; täusche dich nicht,
mein Schatten wird noch oft wechseln, weil noch oft die Sonne des Lebens in
einer andern Richtung über mir stehen wird. Ich bin noch immer ein sehr
vorzüglicher Mensch und möchte des Wortspiels halber sagen, dass ich ebenso wenig
reduziert bin, als du mich reduzieren kannst.
    Du glaubst mich wohl so recht in meiner Sphäre, in wohltätiger Ruhe und
Trägheit versunken, die du bedauerst, weil du zu gut bist, mir sie zu beneiden,
und zu mutwillig, mir sie zu gönnen. Nein, schläfrig war ich nie, ich will fort
über die Alpen des Lebens glimmen, wo grenzenlose Aussichten die gebundene
Allgemeinheit in meinem Busen lösen, wo mir euer Sonnenadler zur Schwalbe wird,
die mit ihrer silbernen Brust an der Erde streift - später sehe ich die Sonne am
Abend und früher am Morgen, ich kann dann euren bürgerlichen Kalendertag weit
mit dem Tage meines Geistes überreichen, und wenn ihr glaubt, ich lebe aus dem
Stegreif, so werde ich euer metrisches Leben, ohne dass ihr es merkt, und noch
viel mehr gelebt haben. Ich will durch die Täler des Lebens wandeln, wo die
Schönheit in der Spiegelfläche meiner Phantasie scherzt, wo die Wollust von mir
errungen wird, wo ich ihr Meister bin und sie mir mehr als sich selbst, mir auch
die Ruhe und den Genuss des Genusses gibt. Lass mich immer die Blumen meines
Weges pflücken, Braut- und Trauer- und Dichter-Kronen draus winden, meinen
Becher mit ihnen kränzen, sie über das Lager der Liebe streuen, und endlich sie
mit dem Salze der Erfahrung zu einem Potpourri umschaffen, um sie, wenn die
Kunst eintritt und ich auf Rollwagen meine mangelhafte Natur als Greis in der
Familienstube herumbewege, in der Urne meiner begrabenen Jugend auf den Schrank
zu stellen, in dem die Sparbüchsen meiner Kinder stehen - Lass mich sie pflücken,
die Blumen meines Wegs, wer weiss, ob ich sie nicht einst auch zu Heuhaufen mähen
und wie die heutigen Ökonomen zur häuslichen Stallfütterung anwenden muss. Ich
lebe nun einmal in einer Traumwelt, und tue ich nicht recht, wenn ich darin
lebe, wie man es kann? Du hast mir so oft geklagt, dass doch alles, was wir
wissen, alles, was wir tun, Schatten sei; nun sieh, ich lebe dein Schattenleben,
drum bin ich so glücklich an Jodunos Seite im Schatten der Eichen, drum lernte
ich sie kennen in der Sterbestunde des Tages, in der Abendröte, in der die
Schatten alle geboren werden. Können wir das Glück nicht doppelt geniessen, bei
dessen Geburt wir zugegen sind und das wir uns selbst erziehen? Zweck ist doch
ein Donnerwort in deinem Munde; Zweck des Daseins, des Nützlichseins, den
versäume ich? Mit deinem Zwecke hat es wenig auf sich, durchlaufe dein System,
du kömmst nicht weiter, du stehst im Zirkel, und zwar in dem kleinsten - Arbeit
um Geld, Geld um Brot, Brot um Nahrung, Nahrung um Stärke zur Arbeit; hier ist
Arbeit Mittel und Zweck, indes du der Zweck und nie das Mittel sein müsstest, und
dein Donnerwort ist ein blosser Schreckenberger gewesen. So lebt, so raisonniert
ihr Herrn Bürger, und wer ein Kaufmann obendrein ist, der geht ab von der Wiege
unter Gottes Geleite wie ein Frachtballn, gut oder schlecht conditioniert, wird
unter Gottes Geleite von den Spediteurs gemisshandelt, von den Fuhrleuten
bestohlen oder verfälscht, und kömmt unter Gottes Geleite an dem Grabe an. Eure
Tätigkeit gleicht der eines bigotten Schmiedes, der sich täglich einen goldnen
Nagel zu seinem goldnen Sarge erarbeitet, um sich einstens in diesen Kasten zu
legen und sich in die Schatzkammer einer reichen Abtei beisetzen zu lassen.
Glück und Genuss ist der Zweck unsers Lebens und muss in uns selbst liegen, indem
wir die Umstände so auffassen, so behandeln und so in uns tragen, dass sie in uns
Glück und Genuss erschaffen können, und dann geben wir uns selbst wieder hin und
werden zum Zwecke alles Lebens. Du fühlst das auch wie ich, aber du findest nur
Genuss in deinem stoischen Stolze. Ich kann nichts als gut, froh und vorsichtig
sein, um ein Mensch zu sein; das Rätsel der höhern Moralität kann mir nur der
auflösen, der selbst das grösste Rätsel ist, also so gut als niemand. Ich kann
nur Ahndungen folgen; ihr folgt auch Ahndungen, aber ihr nennt sie nicht so, ihr
glaubt an sie und nennt sie Pflicht. Ich nehme kein Rätsel zum Richter an. Wer
will, dass ich ihm trauen oder meine Handlungen auf seine Waagschale legen soll,
der lehre mich im Dunkeln sehen, oder ist er das Licht, so nehme er seine Maske
ab.
    Ich will gerne helfen, wo ich kann; aber Leben ist eine Freikunst, ich
treibe sie, wo und wie ich will. Bleibe du bei deinem Handwerke, das du von
deinem Vater ererbt hast, bleibe in deiner Zunft, du sollst meinen Namen nie in
einer Sklavenliste lesen, solange jede Gemeinnützlings-Stelle mit Supernumerairs
versehen ist, die dem noch lebenden Besitzer einen Fluch mit den Augen und einen
Segen mit dem Munde bringen.
    Ich will der Welt nützen, ich will besser werden in ihr, indes ihr, in eine
bürgerliche Ordnung zusammengezwängt, nichts kennt, als euch selbst und einer
des andern Ehrgeiz zu Tode ärgern. Kommt ihr weiter mit all eurem Ringen nach
dem Mittel, Geld, da ihr nicht den Zweck, Genuss, habt? Werdet ihr besser mit
eurem Verbessern eurer Umstände, wenn ihr nicht eure verbesserten Umstände in
euch selbst zurückbringt, um euch selbst zu verbessern? Ihr sorgt für eure
Kinder und lehrt eure Kinder für ihre Kinder sorgen; und wer geniesst, wer
verschlingt endlich alle die Früchte? Ein allgemeines Phantom, eine
Nebelgestalt, die aus den Gräbern der aufgeopferten Wirklichkeit eurer
Einzelnheit verpestend emporwallt und oft zur gewitterschwangern Wolke
zusammengetürmt euch eure Freuden in der Verheerung des Blitzes und dem Brüllen
des Donners zurücksendet - Ein Bauch in der Monarchie, mehrere Bäuche im
Freistaat, und diese Bäuche heissen das allgemeine Beste.
    Ich lebe in der Welt, und die Ordnung der Welt geht nach ewigen
unabänderlichen Gesetzen, sie ist die weiteste Schranke und ich der
ausdehnbarste Tropfen in diesem Meere. Ich leihe mein Ohr gerne den Harmonien
der andern, gebe ihnen gerne meine Töne hin; ob sie ihnen nun behagen oder
nicht, der grosse Einklang kömmt doch heraus. Wenn meinesgleichen nicht da wäre,
würde dieser Einklang ein Einerleiklang werden; und wer gibt das Konzert, der,
der das Solo spielt, oder die, welche akkompagnieren? Das Allgemeine würde ohne
meinesgleichen über dem alten Adagio, das ihr von Ewigkeit zu Ewigkeit zum
allgemeinen Besten aufspielet, vor Langeweile einschlafen, und überhaupt müsst
ihr mir erst das allgemein Ähnliche vorzeigen, wenn ich an ein allgemein Bestes
glauben soll, von dem ich eben die Vortrefflichen nicht soviel Lärmens machen
hörte.
    Soll ich mein Leben vielleicht auf einen Karren packen lassen und es auf
Rädern, die sich immer um sich selbst drehen und keiner Pfütze ausweichen,
hinleiern? Nein, auf einem unbändigen Rosse ein mächtiger Reuter, will ich meine
Bahn durch eilen, um auf vielen Umwegen mit euch Langsamen zugleich anzukommen
und doch von manchem goldnen Rande einen Tropfen, von mancher Purpurlippe einen
Kuss gesaugt zu haben. Leben heisst nicht hundert Jahre alt werden, Leben heisst
Fühlen und Fühlenmachen, dass man dasei, durch Genuss, den man nimmt und mit sich
wiedergibt.
    Für zwei Pfennige Gift tötet mehr Fliegen in einer Stunde, als ihr Herrn
Praktiker mit all euren Pantoffeln in einer Woche wegklatscht, und ein Ankertau
von einer halben Elle derb gefasst, rettet einen braven Purschen eher im Sturme
als ein ganzes Knaul Bindfaden.
    Die Folgen! höre ich dich sagen. Die Folgen verfolgen nur den Unmässigen. Die
Leidenschaften des weisen Menschen nach meinem Systeme können ihn zwar in die
Arme der Wollust, aber nie in die des Lasters führen; sein geübter, sein
geschmeidiger Geist leitet ihn, nie führt er ihn zu Ausschweifungen. Denn wie
mag sich der Tropfen einfallen lassen, im Meere auszuschweifen. Betrachte alle
die Unglücklichen, gegen die die Gerechtigkeit Rache erheben muss; du wirst
Feuergeister oder begrenzte Menschen, aber nur Dummköpfe und Abergläubische
finden.
    Ich hoffe, ich fürchte nichts nach meinem Tode. Ich habe kaum Kräfte genug,
mich und meine Sphäre auszufüllen; soll ich mir meinen Raum erweitern, da dieser
schon unermesslich ist? Wer sich ins Unendliche verdünnt, dessen Umfang muss man
mit Mikroskopen suchen, dessen Inhalt muss man mit Säuren finden, und ich mag
gerade nicht allein für einen Optiker oder Chemiker leben. Kleinigkeitsgeister,
verkrüppelte Menschen, Versteinerungen und die liquidesten Solutionen hoffen auf
ein Jenseits, weil sie sich hier in einem Puppenschranke wähnen, oder an einer
Krücke, oder der Stein des allgemeinen Anstosses sind, oder als unschuldig
leidende, verkannte junge Herren herumseufzen. Der erste hofft, Bebe beim
heiligen Christophel zu werden; der andere erwartet ein Hospital, in dem seine
kranke Seele die Hauptrolle spielen wird; der dritte erwartet, dass der Patron
des Steinschleifer Meyer aus Carlsruhe im Himmel sitze und aus ihm eine Garnitur
Knöpfe für den Sonntagsrock des lieben Herrgotts schleifen werde; und der vierte
endlich glänzt schon in seiner Idee als Tauperle an der Keuschheits-Lilie des
heiligen Aloysius, träufelt schon als Jupiters goldner Regen in den Schoss der
Danae oder wird gar aus Landwein zum heiligen Blute. - Doch ich wäre bald bitter
geworden.
    Ich hoffe nichts nach meinem Tode; dies ist mir eine Ursache mehr, gut zu
sein. Ich befestige, ich ermuntere mich so in der Maxime, die mich handeln
macht, weil sie dadurch ganz menschlich, ganz natürlich, ganz mein Eigentum
wird. Sie heisst Genugtuung, die ich empfinde, mit mir selbst zufrieden zu sein.
Nie will ich über meine Menschlichkeit erröten, ich will meine Leidenschaften,
statt sie zu unterdrücken, benutzen; sie verbinden die Menschen unter einander,
und diese Verbindung ist mir alles.
    Geistreiche Freundschaft, geistreiche Liebe, geistreicher Wein und ein Lied
an die Freude von Schiller, an deiner Hand, in Jodunos Arm, in meinem Glase, von
Molly gesungen, schöne Natur um mich her, und der Eichbaum über uns. Wo ist euer
Jenseits? Dein Händedruck hört auf, du musst Geld zählen; Jodunos Kuss fällt von
meinen Lippen, sie muss husten; das Glas entsinkt mir, ich habe zuviel; Molly
schweigt, sie hat zu hoch angefangen; der Winter legt die Natur zur Ruhe und den
Eichbaum, und ich schlafe mein Räuschchen aus; das ist mein Jenseits.
    Du stellst Molly und Joduno zusammen; zwei sehr vollkommene, aber sehr
verschiedene Wesen. Du wirst vielleicht Molly sehen, und dann wird auch gewiss
dein Herz für deine Zunge büssen; sie geht ihren Weg nach Grundsätzen wie der
Mond, den weder das Anseufzen der Hasenfüsse noch das Anbellen der Hunde irre
macht. Deine Auseinandersetzung ihrer Coquetterie ist recht gut geraten. Aber du
hast gar nicht auf den rechten Fleck getroffen. Der Brief, den ich in der Tasche
trage, wird die Sache wohl ausmachen. Übrigens habe innigen Dank für deine
Freundschaft. Unter das Geheimnisvolle in Mollys Betragen gehört noch, dass ich
nie erfahren konnte, wohin sie sonnabends fuhr, sie wollte immer allein sein.
Der Wagen hielt in einem Holze, und sie stieg ab, um in einer Stunde
wiederzukommen. Der Ort, wo der Wagen anhält, ist drei Meilen von B. hieher zu.
Sie soll einigemal Bücher, Knabenkleidung und Musik mitgenommen haben. Alles
dieses hat mir ihr Kutscher erzählt. Sollte sie etwa ein Kind der Liebe im
Verborgenen erziehen lassen? Ich muss auf meiner weitern Reise in dem Walde mich
ein bisschen umsehen, vielleicht dass ich das Geheimnis erfahre.
    Die Traurigkeit meines Vaters ist wohl nur durch Entwickelung zu heben, die
die Zeit und nicht wir durch unsern Trost herbeibringen können. Ich liebe ihn
und er liebt mich, und doch war ihm meine Gegenwart Qual, und nun bin ich weg
und er ist noch nicht getröstet. Ein Geheimnis liegt über meiner Geburt - über
meinem Leben soll keines liegen. Ach! es liegen Geheimnisse über dem Menschen,
die keiner aufdecken möge. Kein Sturmwind in dem Aschenhaufen des häuslichen
Herdes damit die zerstäubte Glut nicht die Säulen des Hauses verzehre. Störe nie
die Geheimnisse der Wiegen, damit Reue nicht durch Verzweiflung zur Schande
werde. Störe nicht in den Geheimnissen der Grüfte, und decke den Inhalt
verlebter Stunden, die wie Särge in dem Gewölbe der Vergangenheit ruhen, nicht
auf, dass Verwesung dir den Glauben an die Freuden des Daseins nicht raube. Ich
werde nie ein Urteil über Handlungen fällen die ausser meiner Erinnerung und
ausser meinem Stolze liegen.
    In einigen Tagen reise ich ab von dem Sohne und dem Vater aber Joduno wird
noch zuvor mich zu einem Greise bringen, der mit seiner Tochter in dieser Gegend
als Einsiedler lebt. Lebe wohl, sage dem Vater, dass ich ihn liebe, und dass es
mir wohl ist, und sei nicht böse auf diesen Brief, denn ich liebe dich sehr.
 
                     Otilie Senne an Joduno von Eichenwehen
Herzlichen Dank, meine Liebe, für deinen Brief, in dem du wieder meine liebe
heitere Freundin warst. Deine Worte sehen ganz aus wie du, du glaubst nicht, wie
sie mir wohltun. Wenn meine Worte so aussähen wie ich, so würdest du gewiss bald
herüberkommen, denn ich fühle mich seit einiger Zeit einsamer als je, und nie
war mir das Leiden meines Vaters und sein geheimnisvolles Benehmen trauriger.
Ich weiss nicht, wer von uns beiden sich verändert hat, er oder ich! Bin ich
anders geworden, und bemerke ich jetzt erst, dass unerklärbare Dinge, die immer
um uns her wandeln, unsere Neugierde und unsere Teilnahme nie ganz einschläfern
können, wenn wir denken und selbst fühlen? Oder ist mein Vater so anders
geworden, so viel trauriger, dass durch ihn mir sein Kummer jetzt so sehr
auffällt? Ich wünschte es nicht, sonst wäre er unglücklicher geworden, und dann
müsste mich die Sorge plagen, dass er durch irgend etwas in mir leide, denn er
sieht ja keinen andern Menschen. Du glaubst nicht, wie sorgfältig ich mich und
mein ganzes Betragen beobachte, wie ich meine augenblickliche Freude erdrücke,
um ihm näherzustehen, und wie sehr ich mich bemühe, mein ganzes Dasein, das ihn
so sehr liebt, an ihn zu schmiegen, ihn ganz zu umfassen, damit ich die Wunde
bedecken muss, die in ihm blutet. Aber auch dies hilft ihm nicht; es scheint mir,
als verdopple sich ihm sein Schmerz, wenn er fühlt, dass er in zwei Herzen wohnt.
Ich bitte dich deswegen umso mehr, bald herüberzukommen, denn über dir ruht
jener freundliche und milde Schimmer der Freude, der auch weinenden Augen wohl
tut. Bringe ein paar freundliche Lieder mit, wir wollen sie zur Ziter spielen.
Mein Vater, dessen Freund und Tröster immer seine Harfe war, und dessen traurige
Lieder so gern auf den Wogen der Musik hinwegschweben, ist vielleicht fähig, auf
demselben Wege die Ruhe wieder in seinen Busen aufzunehmen. Ich liebe dich
herzlich, und will auch deinem sonderbaren Freunde gut sein, wenn er so gut ist,
wie du ihn malst. Du hast eine ganz eigne Empfindung für ihn, die ich gar nicht
kenne, und wenn ich in deinem Briefe lese, wie du an ihn denkst und von ihm
sprichst, so ist mir immer, als müsste er ein Weib sein, und müsste dich schon
einmal gekannt oder mit dir gespielt haben, und dies sonderbare Gefühl, dass er
ein Mann ist und du doch so von ihm sprichst, macht mich sehr neugierig auf ihn.
Vielleicht wird er meinem Vater gefallen und ihn zerstreuen. Er dankt dir für
den Wein. Froh ist uns nicht dabei geworden; er ist so des Kummers gewohnt, dass
selbst seine festlichen Tage durch ihn gefeiert werden. Den Abend vor seinem
Geburtstage war er ganz sonderbar heiter, er erzählte mir viel von meiner
Mutter, von seiner Liebe zu ihr, von seinem glücklichen, eintrachtsvollen Leben;
und da er mir erzählte, dass sie bei meiner Geburt starb, und mich weinen sah, so
kniete er vor mir nieder und sprach, indem er seine gefaltenen Hände auf meine
Knie stützte, in der heftigsten Bewegung: »Liebes, gutes Mädchen, ich habe viel
mit dir verloren, und du hast mir viel gegeben, du bist ein sehr gutes Kind, und
doch muss ich ewig beweinen, was ich ewig vermisse, und was ich nicht lange
besessen habe. Es tut mir weh, sehr weh, dass ich dich immer mit mir leiden sehe
aber es ist gut, denn so werde ich früher sterben, so werde ich eher Ruhe
finden. Wenn ich auch tot bin, so wird es dir nicht fehlen, denn ich habe
manches Gute getan, damit du von meiner Ernte, die ich kaum mehr reif sehen
werde, glücklich leben könnest. Verzeihe mir, es ist nicht recht, dass ich dir in
deine Jugend traurige Gestalten sende, vielleicht wirst du dich später, aber
wahrer freuen als die andern Menschen. Ich kann nicht heiter sein, mein Leben
war Verlust, mein Tod wird mein erster Gewinn sein, ihn werden meine Freuden
begleiten, sie gehören ganz dir, und ich werde nur die mit dir teilen, dass ich
dir ein solches Erbteil erschaffen habe. Heute sind es - Jahre, dass der
Schauspieler zu einer grossen traurigen Rolle der Schicksale geboren wurde. Ich
habe mehr getan als sie gespielet, ich habe sie gefühlt, sie hat mich
vernichtet, der Vorhang ist gefallen, und ich weine hinter der Szene. Du bist zu
früh geboren, du musstest ohne Schuld noch mit aus dem Tränenbecher trinken, den
ich gern, sehr gern allein in der Lebenslinie, die der Funke der Allmacht, der
in mir wohnt, zu durchlaufen hat, ausgeleert hätte, damit dir die reine
ungestörte Freude übrig bleibe. Ich werde bald deine Mutter, mein treues, edles
Weib, wiedersehen, ich werde auch Jene wiedersehen, die mein Wiedersehn tötete.
Ach! wenn ich es nicht glaubte, so wäre ich ganz elend, so hätte ich keinen
Wunsch mehr und nicht einmal den Wunsch zu sterben.« Hier verbarg er sich in
meinen Schoss, ich umklammerte ihn fest, sein Schmerz wütete in mir, und ich rief
aus: »So sterben, ach! so sterben!« Ich weiss nicht, was nachher geschehen ist;
ich weiss nicht, wie er aus meinen Armen gekommen ist. Als ich erwachte, fühlte
ich kalte Tropfen auf meiner Stirne, und eine tiefe schwarze Nacht hatte mich
bedeckt. Plötzlich goss sich das Licht des Mondes durch die Halle, zu meinen
Füssen sass Werdo, ich sah in seine Augen, die mich lange nicht so himmlisch, so
voll Vaterliebe angeblickt hatten. Kaum blickte das Auge, das freundliche Auge
der Nacht so wehmütig und so vertraut in unsere Wohnung, als mein Vater die
Harfe zu spielen und zu singen anfing. Es war mir, als habe er sein Lied an dem
Monde angezündet, es war so rein, so hell, und doch so mild, was er sang, dass
ich nie von ihm so etwas gehört habe; er sang mit einer festern Stimme als je,
und der Inhalt des Liedes brachte in mir die nämliche Empfindung hervor,
erfüllte mich ebenso mit Ahndungen, wie es der Mond tut, wenn ich allein oder
mit Eusebio am Abende am Turme sitze. Es ist dann alles so klar um mich, und
doch kann ich die Ferne hinter mir und die vor mir nicht beschreiben, es verwebt
sich der Himmel mit der Erde; Wolken und Berge, Höhe und Tiefe fliesst in ein
Meer von unergründlich tiefem stillen Leben zusammen, das auf seinem Scheiden
und Kommen ruhig meinen Blick fortbewegt und ihn dem freundlichen Monde
entgegenträgt. Ich nenne den Mond, wenn ich ihn denke, immer, wie Eusebio, la
luna, denn es ist mir lieber, und ich kann mir ihn besser wie ein Weib denken.
Da mein Vater so sang und es wieder dunkel ward, steckte ich unser Lämpchen an,
und hörte ihm wieder zu; sein Lied ward immer tröstender und ging dann in eine
sanfte Freude über. Er stand auf, küsste mich und sagte: »Nun ist uns beiden
wieder wohl; nicht wahr, meine Liebe, so musste ich endigen, damit du ruhig von
mir gehen kannst, und damit ich heute nacht denken kann, dass du nicht um mich
weinst und sanft schläfst?« Er gab mir die Hand, und ich ging auf meine Stube.
Ich setzte mich hin, um deinen Brief nochmals zu lesen, und da ich ihn
auseinanderlegte, fand ich einen Ring an meinem Finger, den ich nie gesehen
habe. Ich wusste nicht, wie er an meine Hand gekommen war, zog ihn ängstlich ab,
betrachtete ihn von allen Seiten, und konnte mir es gar nicht erklären. Er ist
aus zwei Armen gebildet, die einen schönen Diamant halten, und in dem Reif war
der Name Marie *** eingeschnitten. Der Ring machte mir ganz bange; meinen Vater
konnte ich doch nicht mehr wecken, um ihn zu fragen. Ich legte ihn sorgfältig
eingewickelt in meinen Schrank, sah einigemal wieder nach ihm, denn es war mir,
als könnte er wieder verschwinden, da er so sonderbar angekommen war. Nun las
ich deinen Brief, dachte an dich auf alle Weise, wie du ihn schriebst, wie du
dabei ausgesehen, gesessen, und angekleidest warst; ach! es ist so lange, dass
ich nichts von dir gehört habe, ich sehnte mich so nach dir, es war so leer in
meinen Armen, du warst nicht drinne, um die viele Liebe lesen zu können, die in
meinem Herzen erwachte. Ich verschränkte die Arme und umarmte dich in meinem
eignen Herzen. Es ward mir so ruhig; ernstaft war ich nicht, denn vor meinen
Augen tanzten leichte Gestalten, die alle aussahen wie du, auf einer grossen
Blumenfläche, sie schwebten höher und höher, und wiegten sich wie Sonnenstrahlen
auf den Blüten der Bäume, ich sass unten allein, sie grüssten mich freundlich und
winkten mir, aber ich konnte nicht kommen, die Schwermut liegt auf mir und
drückt meine heisse Wange an die kühle Erde; ach! ich mochte nicht kommen, denn
ich war so glücklich, und fühlte mich so gut, so frei, so wohl, ich konnte nie
ein bessres Mädchen sein; ich glaubte die Freundin, dich, verdienen zu können,
ich glaubte die Wunde im Herzen meines Vaters ganz auszufüllen und liebte mich
selber recht sehr. Es wird mir lange nicht mehr traurig sein, ich habe heute
abend Stoff gefunden, mich lange Zeit zu freuen, und dann bin ich beneidenswert.
    Wenn du zu mir kömmst, so will ich eine Stunde mit dir scherzen, die andere
wollen wir miteinander darüber nachdenken, was doch die sonderbaren Bilder, die
ich immer um mich sehe, bedeuten, und die dritte wollen wir uns neben deinen
Freund setzen, er soll uns von seinen Reisen erzählen, und da will ich immer
raten, was dies oder jenes bedeute, wenn er mir von der Welt erzählt. Meine
Kinder sind alle recht freundlich, und du wirst dich an ihren schönen Augen
recht erfreuen, das sind meine vielen Blumen, so und meine Geschwister nennt sie
Eusebio. Unsere Liebe, dein sonderbarer Freund und unsere Lieder werden uns die
Zeit beflügeln; beflügle deine Schritte gegen Werdos Halle.
                                                                    Deine Otilie
 
                                 Römer an Godwi
Zwanzig Meilen bin ich gereiset, und nichts als meine Geldbörse hat gelebt,
recht in den Tag hinein gelebt. Der Anfang meines Traums war ein grosses Konzert
und die allmächtige Stimme eines allmächtigen Weibes, und mein Erwachen ist die
süsse Stimme eines liebenswürdigen Mädchens, die mit ihren kleinen niedlichen
Fingerchen auf einer Pariser Guitarre spielt. Sie ist einzig wie ihr Auge, in
dem die Macht von zweien wohnt, denn sie hat nur ein Auge, aber ein Herz und
einen Geist. - Du wirst sagen, mit dem Römer muss sonderbar gespielt worden sein,
dass er so launig geworden ist; sieh noch einmal nach der Unterschrift, überzeuge
dich. Ja, ich bin es; und wie das alles? Dein Vater hat mich vor vierzehn Tagen
meiner Arbeit entlassen, und mir erlaubt, meine Geschäftsreise anzutreten. Meine
Stelle ersetzt ein Fremder, ein Freund deines Vaters, den er die Woche vor
meiner Abreise ins Haus brachte. Er hat, wie er mir sagt, schon einen Monat auf
unserm Landhause gelebt, und ich kenne ihn nur als einen fleissigen, sanften
Mann, der in seinem Alter von zweiunddreissig Jahren viel muss erfahren haben.
Seine Züge sind durch Leiden verwischt; wenn er lächelt, so rührt er, und wenn
er blickt, so sucht er. In Handlungsgeschäften hat er sehr viel Kenntnisse, was
den Geist und den ganzen Umfang betrifft; doch muss er oft bei Kleinigkeiten sich
sehr anstrengen und besinnen, um das Resultat zu finden. Er ist überhaupt eine
von den zarten grossen Seelen, die sehr viel verzeihen, und doch von sehr wenigen
gekränkt werden können. Ich hätte ihn gern näher kennen gelernt, wenn es nicht
schwer wäre, ihm in kurzer Zeit näherzukommen, weil seine Oberfläche, mit der
man sich zuerst berühren muss, um sie ans Herz zu drücken, zerrüttet ist. Es ist
mir, als habe ihm das Schicksal die Hand gelähmt und so den Freundschaftsdruck
ermordet. Er muss den Menschen, den er lieben soll, gleich umarmen können, sonst
kommt er ihm nimmer nahe. Dein Vater ist innig mit ihm verbunden, denn er ist
oft allein mit ihm in seinem Kabinette, in das noch keiner ausser ihm gekommen
ist, und dennoch zeigt er auch im Umgange mit deinem Vater, dass er nur noch die
Tiefe des Lebens besitzt und das Nächste verlor. Er geht mit ihm um wie ein
schüchterner Anbeter mit einem coquetten Weibe, wie der bigotte Katolik mit
seiner Religion, er ist der unermüdliche, stumme, ängstliche Befolger aller
Winke, die dein Vater gibt, oder die er sich von deinem Vater einbildet. Wenn
er ruhig vor sich hinsieht, und ich wollte dir ihn schildern, so müsste ich dich
auf die Anlage des Kolorits eines Bildes des tiefsten Schmerzes, den das
Bewusstsein verlässt und die Ahndung des Wahnsinns bewohnt, verweisen.
    Froh, deinen Vater in den Armen eines Freundes zurückzulassen, der ihn sehr
beschäftigt, weil er bedarf, stieg ich in unsern freundlichen englischen Wagen,
und dein Vater war so ungewöhnlich munter, dass er mir zurief: »Nehmen Sie sich
in acht, mein lieber Römer! Sie sitzen mitten in der Caprise einer Huldin meiner
Vorzeit, einer Furie meiner Gegenwart.« Ich grüsste ihn, fand ihn sonderbar und
rollte in der Caprise recht bequem weiter. Pläne, dein Bild und das Bild einer
Caprise meines zukünftgen Weibchens setzten sich zu meiner Seite und wurden
meine unterhaltenden Gesellschafter. Die Epochen meiner Reise mit offnen Augen
waren mein Wohlbehagen, als ich durch die reizenden Fassaden von D. fuhr, hinter
denen schlechte Häuser stecken. Chodowiekis und Jurys Titelkupfer zu den Romanen
des Feldpredigers, den spasmodischen Produkten des, Gott sei Dank! im Herrn
selig entschlafenen Vaters der zwölf schlafenden Jungfrauen, fielen mir dabei
ein; - weiter meine Langeweile bei der schlechten Geburtshülfe, die in H. den
Musen geleistet wird, denn ihre Söhne sehn an diesem Orte fürchterlich aus;
weiter die unermüdliche Polizei in -, die den Baum vor dem Walde nicht sieht,
das heisst: den Sparren im Kopf, den Balken im Auge, vor dem Splitterwalde in den
Augen der andern, und gern jeden zum Spitzbuben machte, um allen ihren Häschern
und Polizeiknechten Beschäftigung zu geben. Durch diese Stadt geht der Transito
der gesunden Vernunft, von wackern Marktknechten zu Ballen geschnürt und den
Beschauern der Landesaccise durchwühlt.
    Ich konnte nirgends unterkommen als im Goldnen X. Nicht einmal eine Stube
für mich allein konnte ich haben, und musste, da ich zu Bette ging, das Gespräch
zweier mit mir einquartierten Studenten hören. Der eine von H. kam sehr zerstört
und traurig nach Hause, und schrieb seinen Kummer in das Freudendebet eines
unglücklichen Frauenzimmers, deren Bilanz er heute gezogen und ein grosses
Deficit gefunden habe. Der andere, ein ziemlich trockner Geselle von J., wollte
den Kummer gar in keine Rechnung gebracht wissen, und ärgerte den ersten durch
seinen Trost, F. behaupte, alles läge im Capital-Conto des Ichs, fast bis zu
Tränen. Ich reiste vor Tages-Anbruch ab, und konnte dennoch den hebräischen
Morgengebeten der polnischen Juden nicht entgehen, sie verdarben mir den Gesang
der Nachtigalllieder, die mir durch die Stadt nachhallten. Weiter schlief ich
bis nach B., wo - nun, du kennst den Wert des Ortes schon - nach einem
zweideutigen Aufentalt der geträumte Teil meiner Reise anfing. Ich rollte durch
die schönen breiten Strassen, ein kalter, toter Wind strich mir um jede Ecke
entgegen, alles, was ich sah, waren Leute, die durch Gehorsam grade, und Leute,
die durch Stolz krumm gehen gelernt hatten, Soldaten und Höflinge. Einige Flüche
und das Schallen der Stockschläge der Kinder des Landes, die die Kreide aus
ihren Hosen, den einzigen Überfluss in ihrer Existenz, zur Parade ihrer Arbeit
und die Gastfreunde aus ihren Bettdecken, die ebenso sehr zu den zehrenden
Capitalien als der fürstliche Stall gehören, zur Parade ihrer Ruhe ausklopften,
unterbrachen mich in meiner Angst, die mich jeden Augenblick vor dem
Zauberpalast deiner Calypso vorbeiführte. Jeder zierliche Nachttopf vor einem
grossen breiten Fenster machte mich vor ihrer Schlafstube zittern, jeder
rotseidne Vorhang schien mir das erste Prinzip der Morgenröte ihres heutigen
Tages, jedes Kammerzöfchen, das mit weissem Arme ein silbernes Waschbecken vom
Fenster herausgoss, schien mir ihren Schlaf und ihre süssen Träume von dir zu
vergiessen. Ich stieg in einem Wirtshause ab, das am militairischen Übungsplatze
liegt, und sah, wie sich einige Landes-Junker ihres Lebens freuten, da sie ein
Landeskind mit Spitzruten überzeugen konnten, dass es ihm ein leichtes sei, das
verbotne Volkslied »Freut euch des Lebens« ebenso wenig zu singen und zu denken
als sein Herz Anteil an dem Sinne des »Herr Gott, dich loben wir« bei der Geburt
eines neuen Rutenpflanzers nehmen zu lassen.
    Morgen werden alle Wasser in dem Lustgarten seiner Durchlaucht springen,
weil sich ein neuer Segensstrom in der Geburt des zukünftigen Volksvaters über
das Land ergossen hat, das Wasser in seinem Kopfe und die Tränen seiner
Untertanen abgerechnet, welche sich in ihrer wechselseitigen Austrocknung wie
die Pontinischen Sümpfe zum Schweisse der römischen Päbste verhalten. Doch sein
Kopf und seine Untertanen gehören nicht zu jenen Fontainen1, die wie eine
gewisse Fontaine Wasser und immer Wasser in tausend lang- und kurzwährenden und
-weiligen Strahlen zur Freude grosser Damen und ihrer Kinderstuben und einer
Menge litterarischen Pöbels und seiner Spinnstuben ausspeiet. Sie haben ihre
Stelle im Jammertal.
    Den 22ten. Ich sitze mitten in einer wollenen Schäferei, die gewirkten
Tapeten meiner Stube sind voll von Schafen und Schäferinnen, aus den Zeiten der
arkadischen Schafzucht unsers Geschmacks, aus den Zeiten Gessners. Hinter meinem
Bette ist eine hingewebt, die immer recht mit mir harmoniert, wenn ich
einschlummernd das Ritardando, Decrescendo und Diminuendo meines heutigen Lebens
ertönen lasse. Ihre lange langweilige Taille verträgt sich gar nicht mit unserm
jetzigen kurzgebundnen Geschmack - la pointe de sa taille est encore au bas
ventre et celle d'à présent se finit au coeur. - Da ich, wie du weisst, gewohnt
bin, seit mehrern Jahren vor dem Schlafengehen Gessners Idyllen zu lesen, so sind
mir diese Surrogate sehr willkommen, weil ich, obschon ich sehr auf pag. 5 der
kleinen Taschenausgabe gespannt bin, sie vergessen habe, mitzunehmen. Doch so
wie die Kriegskunst von jeher ein Feind und Zerstörer der hirtlichen Ruhe war,
so verhindert seit zwei Abenden auch die lärmende Taille eines in der
angrenzenden Stube an dem Pharotische eines Bürgers aus F., der seine Bierbank;
zu einer Goldbank exaltiert hat, spielenden Kriegers, den Einfluss der langen
Taille der Schäferin. Dieser Krieger gäbe sein Herz gern zum Karten-Sinnbild
hin, hätte seine ganze Kompagnie je an einem andern Flecke Herz gehabt als unter
dem Ellnbogen, das heisst herzförmige Tuchflecken, damit sie ihre Montur und die
Ellnbogen derselben drei Jahre lang durchbringen könne, denn diese Pursche sind
alle wie Simson und haben die Eselskinnbacke stets in den Händen.
    Es ist Zeit, dass ich in die Caprise steige und mich nach dem Lustschlosse
fahren lasse, wohin heut alles lustwandelt, und ich mir die Leute ansehen will.
Ich bin bei meiner jetzigen Freiheit ein ganz anderer Mensch geworden, und freue
mich über die neuen Seiten, die ich an mir entdecke. Ich glaube fast, könnte ich
mich nur so wenig über meine Sphäre erheben, dass ich die dummen Streiche von
Individuen alle bemerkte, ich wäre fähig, einen satyrischen Almanach wie F. zu
schreiben.
    Hat der, welcher, in einförmigen Arbeiten eingeschlossen, aus langer Weile
gerne moralisiert und guten Freunden gern mit gutem Rate an die Hand geht, wohl
Anlage, in der Freiheit hie und da Bemerkungen zu machen, die unter die launigen
und satyrischen gehören? Können die Umstände aus dem Koturn eines
vortrefflichen Iflandischen Hofrats wohl den Stiefel eines bissigen Katers
erschaffen - mir geht es fast so, ich habe mir durch den einförmigen Gang meiner
Geschäfte einen einförmigen, systematischen Gang meiner Ideen und Grundsätze
erschaffen, die mich selbst am Ende mehr langweilten als Hermann Lange, wenn der
seltene Zufall mir schneller die Bilder vor den Augen vorüberjagte, weil ich
viel gesehen und so wenig bemerkt hatte, als Nikolai in seiner zwölfbändigen
Reisebeschreibung; wenn man umgekehrt geärgert wird, so hat man wenig gesehen
und so viel bemerkt, wie der Verfasser des Romans Godwi, und da kommen nun deine
Briefe hinterdrein und sprechen von Kaufleuten und praktischen Menschen etc. -
Doch die Caprise will fort, sie gefällt allen Leuten wohl, sie ist gewaschen und
geputzt, und erregt allgemeinen Neid. Bis aufs Wiedersehn. Es geht mir bei
dieser Fahrt wie einem Menschen, der immer witzelt, und deswegen manchmal
treffen muss. Er ist zu Menschen von Stande zu Tische gebeten, und will nun recht
witzig sein, weiss aber noch gar nicht, ob er bemerkt werden wird, und es bangt
ihm vor dem Ausfalle der Schlacht, da noch alles im tiefen Frieden liegt. Da bin
ich wieder, und wie blass, zerstört, ängstlich. Haben deine Bemerkungen nicht
getroffen, armer Römer? O! ich wollte gern nicht bemerken, wenn die verdammte
Caprise nicht wäre bemerkt worden. Ich kann dir nicht sagen, Karl, wie mir zu
Mute ist, verliebt bin ich wahrlich nicht, hundert Menschen habe ich umgerennt,
hundert Flegels habe ich erhalten, Xenien habe ich gemacht, Strassen bin ich
durchlaufen, wer weiss, wie viele stille Liebende gestört, wie viele argwöhnische
Alte erweckt, wie vielen Podagristen auf die Zehen getreten, und wie vielen
Laufern zwischen die Beine gekommen. Da ich, um nach Hause zu kommen, über die
Fulda setzen musste, bekam ich fast Händel mit dem Schiffer, dem Übersetzer der
kleinen italienischen Gondel, der gerade auch ein paar Damen mit schwarz und
weissen Federn übersetzte. Merkur soll diesen Charon etwas verdorben haben.
    Gott sei Dank, dass alles dies vorbei ist, ich habe dies alles von B. bis
nach F. ausgeschlafen; aber doch ist es mir sonderbarer und wilder dabei zu
Mute, als es dir sein mochte, als du mir deine sanftern Abenteuer an eben diesem
Orte erzähltest. Ich sass also in der Caprise, und fuhr durch die Leute durch,
die alle geputzt nach W. fuhren, ritten und gingen. Man zog vor meinem Wagen
alle Augenblicke den Hut ab, und ich musste diesem Gruss unaufhörlich antworten;
man ist nun einmal hier gewöhnt, sich vor Caprisen zu beugen. Die Leute, die um
meinen Wagen herum spazierten, hatten alle ihre fette Seite zu Tage gelegt, und
suchten sich gegenseitig in der Beurteilung ihrer Glücksumstände zu übertölpeln.
So sind nun die Menschen, statt ihre Tage der Ruhe und Erholung, wie Beckers
Erholungen, zur Mitteilung ihrer Armut und langen Weile anzuwenden, so wenden
sie sie an, um zu heucheln, und erliegen der Arbeit an ihrer Ruhe. Wie wenig
brauchen doch diese Menschen, um glücklich zu scheinen, und der Schein in
fremden Augen ist ihnen alles, weil sie zu ermüdet und zu geistlos sind, sich
selbst zu geniessen; sie kennen nur den Genuss im Neide des Nachbars, umgekehrt
wie ermüdende und geistlose deutsche Produkte allein im Lobe des Nachbars leben.
- Sonderbar, dass die Engländer uns die guten Arbeiten ihrer Hände so teuer
bezahlen lassen und die schlechten Arbeiten unserer Geister so teuer bezahlen -
Wer ist der angeführte Teil?
    Der ganze Schwarm mit seiner Stimmung war mir unerklärbar; so ist der Pöbel
über die Krone auf dem Haupte und die Krone auf dem Castrum doloris gleich
verwundert; so isst man Brezeln beim Leichen-und beim Hochzeitsschmaus; so lacht
und tanzt der Dummkopf mit dem lustigen Bruder und dem Patienten an der Chorea
sancti Viti; so geht der Marseillaner Marsch vor den Scharen der bekannten
Halsabschneider her, und ist in Deutschen gesellschaftlichen Zirkeln ein sehr
beliebtes Gesellschaftslied. - Ich sitze in der Caprise, und kann nicht
mitlächeln mit dem Lächeln des Schlafenden, dem ein Vampir Kühlung und Ruhe
zufächelt, während er ihm das Blut aussaugt. Viel hübsche Gesichter hab ich
gesehen, aber fast alle gehaltlos, am gehaltlosesten waren immer die, die im
fürstlichen Gehalt standen, und am ausgezeichnetsten und schärfsten waren die
gezeichnet, die pfennigweise ihren Unterhalt bettelten, und sie hatten doch ein
Eigentum, das ihnen der Staat nicht nehmen konnte oder wollte, ihre Armut.
Überhaupt ist jeder Sonntag und jeder Tag der Freude eine wahre
Seelen-Masquerade; mit dem Sonntagsrocke zieht der Bürger auch seinen
Sonntags-Charakter an, und nur der Arme wird nicht oder wenig verändert, weil er
entweder kein Sonntagswams oder ein zerrissenes hat, so dass sein
Werkeltags-Charakter entweder ganz erscheint oder durchsieht. Ich glaube, dass
der Fürst daher ebenso wenig vom Glück des Volks aus seinem Jubeln auf Tanzböden
und eine vernünftige Hostie, die im Hochamt emporgehalten wird, ebenso wenig von
der Andacht der Christen überzeugt werden kann, als das Volk von der Huld und
Güte seines Fürsten aus seinem Grüssen im Schauspiel-Haus, und seinem huldreichen
Lächeln bei der offnen Tafel, und die betende Kirche von der Höhe und Heiligkeit
ihres Gottes aus der Länge und Kürze der Arme des emporhebenden Priesters. Auf
den Tanzböden wird durch Gläsergeklirre und Geigengequieke der Verdruss, der sich
nur in der Ruhe über den Niveau unsers Inhalts verbreitet, niedergeschlagen, so
wie in der Kirche die reine Tätigkeit, die nur in der Ruhe aus unsrer Tiefe
emporwallet, exaltiert wird, so wie der Fürst, wie der Götzendienst nie bei
einer öffentlichen Ausstellung beurteilt werden können, wo alle Sedative der
Sklaven- und Herrscherkunst in voller Arbeit sind.
    Ich war angekommen und lief durch die Menge durch, und es ward mir nicht
schwer, mich allein zu denken; denn wir sind nie mehr allein als bei einer Menge
von Umständen, die ganz und gar verschieden von uns sind. In den Eindrücken der
Anlagen liegt Pracht, Reiz, Rührung und Beruhigung abwechselnd, und der Fehler
nach meiner Meinung liegt in der zu grossen Ähnlichkeit dieser Eindrücke mit dem
Augenblicke und seinen Freuden, die nur einen Augenblick brauchen, es nicht mehr
zu sein. Jedes Einzelne ist nur Einzelnes, indem es das vergangene Einzelne
verschluckt. Man kann hier nichts als dem Tode der Vergangenheit nachweinen,
durch die Geburt der Gegenwart überrascht werden, und kommt man zu sich selbst,
so ist ihr Leben höchstens noch das Nachundnach des Verschwindens. So ist auch
hier durch die Zusammenstellung aller dieser Verschiedenheiten keine Gegenwart,
man sieht nicht, man sieht nur nach und entgegen. Den schweigenden Geist der
Musik, den mir ein marmorner Faun, der in der grössten Vollkommenheit auf einem
hohen Felsen zwischen Gebüschen ausgehauen ist, zu ahnden gibt, zerstört der
Körper der Musik, der mir aus den Glöckchen am chinesischen Hause sinnlich
entgegengaukelt. Der Reiz einer mediceischen Venus, dessen Zauberlicht durch die
Schatten kosender Zweige hervorbricht erfüllt mich mit den Schauern der Kunst
und der Natur. Die Lüge der Kunst ist so unausstehlich wahrscheinlich, dass die
reizendste, seltenste Möglichkeit durch die Verführung der Unmöglichkeit mich in
Begierden durchzittert; ich möchte mich in diese steinerne Flut stürzen, dass die
Wogen des Genusses über mir zusammenschlügen, und kann doch nichts fühlen,
nichts sehen als den Satyr meiner getäuschten Sinnlichkeit, der allmächtig meine
Vernunft wie eine weinende zarte Nymphe davonschleppt. Lüstern folgen meine
Blicke meiner Begierde, die trunken über die Wellenlinie der Grazie hintaumelt
und an der gefährlichsten Stelle hinter dem Aste einer Zypresse entweicht: so
hängt die Angst der Nachwehen um die Schläfe des Genusses - O warum muss der
Trank der Freude ein heller Trank sein, dass man bei dem kleinen Masse, das uns
gereicht ist, immer den Boden sieht? Sollte man nicht, wie Diogenes, den Becher
wegwerfen, und lieber aus seiner Hand trinken, die selbst vom Rausche zittert;
nicht lieber den Rausch aus dem Becher trinken, der selbst berauscht ist, da wir
nicht schwimmen können, um uns in der allgemeinen Masse zu erfreuen, deren Tiefe
uns keinen Boden sehn lässt? Weg mit dir, Freudenstörer! schrie ich den
Zypressenast an, und dies ist wahrlich das Zweckmässigste, was ich in meinem
Leben gesagt habe, sowie das Zweckmässigste, wo nicht das Mässigste, was ich in
meinem Leben gelesen habe, die Worte sind: Weg mit dem dummen Halstuch, was soll
das dumme Halstuch! Weg mit dir, Freudenstörer! Wer über dem Zählen der Falten
auf der Stirne der Zukunft die Küsse der Gegenwart unzählig zu machen vergisst,
der wird alt und blind, ehe er die Fülle seiner Jugend erblickte. Wer nicht
nehmen will, weil er befürchtet, eine Lücke zu machen, der wird auch nie
hingeben, um eine Wunde auszufüllen. Wohl dem, der in dem Leben durch seinen
Genuss eine so tiefe Spur zurücklässt, als die Lücke ist, die er im Grabe
ausfüllen muss. Der Zweig ist weg, eine Hütte steht vor mir, ich schreite
träumend zu, trete hinein, und stehe unter einem halben Dutzend alter Männer,
die sich sehr ernstaft ansehen; ich entschuldige mich, ziehe den Hut ab, sie
sperren die Mäuler auf und sprechen nicht - Husch, fliegt dem einen ein Vogel
aus dem Munde; ich schaue auf und finde mich unter einem halben Dutzend
hölzerner Philosophen der Vorzeit, die zur Dauer mit Ölfarbe angestrichen sind.
Platon, der den Männern mit Bassstimmen die Gefühle der lebendigen Orgelpfeifen
in Rom unterschieben wollte, hatte sich ein Sperling mit allen Freuden seines
Ehebetts in den offnen Mund einquartiert. Nie habe ich einen stummern Lehrer
gesehen, nie ist einem Lehrer Stoff der Selbstverleugnung und die Wahrheit so in
den Mund gelegt worden. Meine verfolgte Begierde war mit dem Sperling
davongeflogen, und ich nahm mir vor, mich hier keiner Laune mehr zu überlassen,
weil das Ganze für Menschen erschaffen ist, die weder froh noch traurig, sondern
amüsiert und zerstreut werden sollen. Ich setzte mich auf eine Bank an einer
Einsiedelei, und sah die ungeheure Menge von Menschen um mich her wandeln, die
mich in die ödeste Einsamkeit versetzten, weil sie mich alle nichts angingen.
Plötzlich geschahen einige Schüsse. »Es lebe der Fürst! es lebe Casimir, der
Fürst!« hallte die ganze Wüste wieder, und strömte dem andern Ende des Gartens
zu. Es war mir wie einem ehrlichen Muselmann zu Mute, der die Wüste Arabiens
hinter sich hat, und der Moschee des grossen Propheten schon entgegensieht. Ich
ging ruhig den Pfad gegen die Moschee hinauf. Chinesische Brücken trugen mich
über tosende Katarakte. Das ewige Stürzen, Wogen und Schäumen flieht und kömmt
wie die unendliche Zeit. Ich hänge mitten darin, auf das schwache Geländer der
Treppe gestützt, Tropfen spritzen mir in das Gesicht, und erwecken mich aus
meinem dumpfen Dahinbrüten, ach! nur so wenige Tropfen, nur Tropfen mir! - Ich
weiss nicht, was ich gefühlt habe, bis (mich) eine Gestalt, die durch die
Säulengänge der prächtigen Moschee, wie die süsse Trunkenheit der Andacht und der
allmächtige Zauber des Traums einer Religion, hinwallte, mich durch ihre fast
handgreifliche Wahrscheinlichkeit aus meinen sonderbaren Reflexionen über die
schreckliche Zeit erweckte. Ich war bis unter die langen Arkaden gekommen, da
ein leiser Fusstritt an dem gegenüberstehenden Gange neben mir vorüberhallte. Nie
habe ich so viel Stolz aus Selbstgefühl, so viel Demut aus Mitgefühl in der
gebildetsten Hoheit eines weiblichen Umrisses, in der heiligsten Tiefe einer
weiblichen Fülle vereint gesehen. Die Moschee, der Turban der Dame, ihr Schleier
versetzten mich in die Feerei des Auslands, schüchtern eilte ich ihr durch alle
die zierlichen Irrgänge nach, oft sah ich eine reizende Falte ihres wallenden
Gewandes um eine Säule herumschweben. Mitleidig bedauerte ich jede Falte ihres
Gewandes, die an den Säulen des Tempels der Religion anstreifte, um einer
Schwester Platz zu machen, die nun innig die Säulen des Tempels der Liebe
umschloss. Ich scheute mich, meine Schritte zu verdoppeln, und sie schien mich zu
vermeiden. Ich ging einen entgegengesetzten Weg, trat in die Moschee, und die
Gotteit stand mitten in dem erhabenen einfachen Betehaus. Nie war ich
verwirrter, ich habe nie mitten im Gebet eine Gotteit vor mir niederschweben
sehen. Eine junge Nonne, deren heilige Jungfräulichkeit sich mit ihrer
menschlichen Jungfräulichkeit verwirrt hat, die die Pfeile im Busen des heiligen
Sebastians nicht mehr von denen der Liebe trennen kann, kann nicht verlegner
sein - ich dachte an dich und wünschte mir deine Kühnheit; hätte ich diese nicht
entbehrt, so würde ich gar nicht an dich gedacht haben.
    Ich grüsste das Weib aus sittlicher Lüge, und sah sie nicht an aus dem
menschlichen Gefühl des Wagstücks der innigsten natürlichsten Vertraulichkeit
mit ihr. Ich glühte und war frei, hingestossen, mich in ihre Arme zu werfen; ich
zitterte und war gefesselt, mit Gewalt zurückgehalten, an ihren Hals zu fallen.
Wir drehten uns den Rücken. Ich sah an die Decke des Gewölbes, weil ich gen
Himmel blickte, und las unter vielen Sprüchen, die mit goldnen Buchstaben an die
Wände geschrieben waren: Hier sei keine Furcht als die Furcht des Herrn. Dies
erfüllte mich mit einem unerwarteten Mut, ich drehte mich um, um die Dame
anzureden, aber sie kam mir zuvor und bat mich mit vieler Anmut um mein
Augenglas, um eine weiter entfernte Sentenz zu lesen. Ich gab es ihr zitternd,
indem ich die äusserst gemeine Bemerkung machte: »So schöne Augen, und ein
Augenglas!« Sie sah mich lächelnd an und sprach mit einer wehmütigen Stimme:
»Die Tränen.« Ich schämte mich und hörte sie die Worte laut lesen: »Lege hier
nicht dein Leiden, lege dein Handeln in die Waagschale«. Hier gab sie mir das
Augenglas zurück, sah tiefgerührt zur Erde, und schien ganz von dem hohen Sinn
der Wahrheit getroffen zu sein. Die Hände nachlässig zur Erde herabsenkend sah
sie nieder, als suche sie ihre Handlungen und fände verlorne Freuden. Ach! ich
wäre gern vor ihr niedergesunken, hätte ich nur die mindeste Hoffnung gehabt, zu
ihren verlornen Freuden zu gehören. Ich seufzte etwas laut, das hohle Gewölbe
ertönte und weckte sie auf. »Sie scheinen ein Fremder zu sein, mein Herr!«
redete mich die Dame an. Ich bejahte die Frage. »Nun so können wir«, fuhr sie
fort, »miteinander nach der Stelle gehen, wo die Wagen die Spaziergänger
erwarten, ohne dass der eine in Gefahr ist, morgen zu hören, was der andere Böses
von ihm gesprochen hat.« Ich konnte sie nicht begreifen und ihr nicht antworten;
ich bot ihr meinen Arm, und wir verliessen die Moschee schweigend. Ich wagte es,
sie zu fragen, wie sie zu so einsamen Spaziergängen verführt würde; auch hierauf
erhielt ich eine eigne sonderbare Antwort. »Ich habe diese Frage schon so oft
beantworten müssen,« erwiderte sie lächelnd, »dass es mir schwer wird, zu
antworten, ohne mir den Vorwurf machen zu müssen, ich hätte die Antwort
auswendig gelernt. Doch ich will es versuchen, mich mit der Vielseitigkeit
meiner Sprachgewalt selbst zu übertreffen: es ist, weil ich nichts an der Welt
zu fodern und ihr nichts zu geben habe. Man hat mir so viel genommen, dass man
bei der Harmonie meines Daseins das zerstümmelt hat, was mir noch zugehört; mehr
kann ich nicht sagen, und Sie werden so gütig sein, Ihre Neugierde zu
unterdrücken und mir die Freude zu lassen, Ihre Frage befriedigend beantwortet
und dennoch mich Ihnen nicht anvertraut zu haben.« »Madam!« erwiderte ich, »ein
Mann, der an Ihrer Seite geht, müsste der undankbarste Mensch sein, wenn er noch
einen andern Wunsch in seinem Busen hegen könnte als den, zu wissen, ob er Ihnen
nicht missfällt.« »Lassen Sie das, mein Herr!« erwiderte sie, »das sind
Zierereien, die Sie nicht hierherbringen müssen, wohin ich den Zierereien des
bürgerlichen Lebens entfloh. Wundern Sie sich nicht über alles, was ich von
Ihnen fodern will; wenn Sie können, so freuen Sie sich darüber. Wir werden uns
wohl nicht mehr sehen; lassen Sie uns das Stückchen Weg, das wir miteinander zu
gehen haben, einstens zu den wenigen Minuten zählen können, die wir Menschen
waren. Wie heisst du?« - »Karl; und du?« - »Molly.« Unsere Arme verschlangen
sich. »Wo bist du her?« - »Aus B.« - »Aus B.«, sagte sie mit gedämpfter Stimme
und liess ihren Arm aus dem meinigen sinken. Der Ton ihres letzten Worts und das
ganze sonderbare, allein dastehende Impromptu in meinem Leben benahm mir den
Mut, weiterzusprechen. Schweigend, wie auf den Wink eines Geistes, der mich
Schätze zu heben führt, ging ich mit ihr. Der Mond hatte sein Licht über die
Gegend gegossen. Ich glaubte den Schritten Glyzerens auf den Pfaden des Lohns
ins Elysium zu folgen. Fern hörte ich das Geräusch des Volks vor den Toren der
Unterwelt. Bald huschte wie ein Geist der Schatten eines wankenden Wipfels durch
die milde Verklärung der Gestalten, bald sahen kalt und weiss Marmorbilder durch
den regellosen zitternden Umriss der Bäume, kleine Vögel schwirrten wie der
Flügelschlag meines ahndenen Genius um mich her. Anspruchslos wankte die kleine
Gondel im Spiegel des Teichs, und das Glöckchen der Eremitage ertönte wehmütig
in dem Wehen des Abendwindes, als wolle es meiner scheidenden Freiheit Lebewohl
sagen. Neben mir schwebte stumm die Zauberin mit leisen Tritten, ihre Locken
wallten glänzend und zügellos durch die himmlischen Lichter. Hieroglyphisch
sprachen flatternd die Wellen ihres Graziengewandes zu meiner Seele, sie
schwebte in den Schatten und Lichtern der Mondnacht, als habe jemand die
Allmacht der Liebe unter die Sternbilder versetzt - und ich, ich war im Zustand
eines hungrigen Dichters, der der Phantasie eines Genies nachläuft.
    Die Abendlieder der Nachtigall verhallten mehr und mehr unter dem sich
nähernden Geräusch der Menschen, und das freundliche Mondlicht ermattete bei dem
Glanze des erleuchteten Schlosses und der mit Fackeln um die Wagen herlaufenden
Bedienten; das Rufen der Kutscher, das Rollen der Wagen, das Pfeifen und Singen
und Plappern der Menge weckte mich unsanft aus meinem Himmel. Umgekehrt, wie ich
oft nach dem Geräusche eines Balls in meiner einsamen Stube weinte, ergriff mich
hier ein Unmut, dessen ich mich jetzt freilich schäme. Alle die Leute, die
fröhlich und munter durcheinanderströmten, hielt ich für gefühllose und
tierische Menschen, und ich wäre gewiss aus mitleidiger Neugierde keine Salzsäule
geworden, wenn Sodoms Feuerregen über sie herabgefallen wäre. Die Dame wurde von
einem jungen Sansfaçon empfangen, der sie nach ihrem Wagen bringen wollte. Sie
drückte mir die Hand und bat mich, wenn ich noch einige Tage in B. bliebe, sie
doch zu besuchen. Ich beteuerte es, und stieg in meinen Wagen. Er war durch die
herumgezogenen Vorhänge verdunkelt, ich setzte mich in die Ecke und fühlte
nichts als den Händedruck der Dame; sehr beschäftigt, auch die kleinste ihrer
Handlungen zu meinem Vorteil auszulegen, kam ich mehr tot als lebend in die Nähe
von B. Das Trommeln in der Stadt erweckte mich, und eine Stimme erschallte in
meinem Wagen: »Madam, lassen Sie mich doch bei meiner Mutter aussteigen.« Ich
wurde wie vom Donner gerührt. »Wer sind Sie? Herr Jesus! ein Mann! ein Mann!«
schrie die andere Stimme; »Kutscher, halt!« Die Kutsche hielt, und die Sache kam
zur Auflösung. Vor allen bat ich Mademoisell zu schweigen, damit der Lärm nicht
eine Menge Menschen herbeilockte, und mir dann zu sagen, wie ich zu der
sonderbaren Ehre ihrer Gesellschaft käme. Aber sie fing nur desto stärker an zu
lärmen: »Was? wie ich hierherkomme? Wie kömmt Er hierher? Wo ist die Lady, wo
ist sie? Dieb! Räuber!« - »So schweigen Sie doch!« sagte ich, »ich kenne keine
Lady, und wie ich in meinen Wagen komme, brauche ich keinem Menschen zu sagen.«
- »Aber, mein Herr, das ist ja Ihr Wagen nicht,« erwiderte sie, als sie bei dem
Anblick meiner Person, beim Schein einer vorübergetragenen Fackel, etwas
höflicher wurde; »es ist der Wagen der Lady Hodefield, die so gut war, mich in
die Stadt mitnehmen zu wollen.« - »Meinen eignen Wagen muss ich besser kennen,
als Sie der Lady ihren. Lärmen Sie nur nicht so, ich will Sie ebenso gern nach
Hause bringen als die Lady. Es kann ja wohl sein, dass unsere Wagen einander sehr
ähnlich sehen; damit Sie sich überzeugen, so lassen Sie uns den Kutscher
fragen.« Der Kutscher war eben derselbe, der mich herausgebracht hatte, und
bestätigte meine Behauptung. Meine Gesellschafterin aber war nicht zu beruhigen
und stieg aus, weil sie mir nicht zu trauen schien. Sie weinte. Das arme Mädchen
dauerte mich recht herzlich, ich bot ihr an, sie zu Fusse zu begleiten; sie
sagte: »Nein, mein Herr! gute Nacht,« und weinte immer dabei, »das geht auch
nicht, denn ich bin mehr, als Sie von mir zu denken scheinen, ich bin ein
ehrliches Mädchen«, und verlor sich unter der Menge. Ich mochte nicht mehr
einsteigen, und da wir nicht mehr weit von einem Gastofe in der Vorstadt waren,
hielt ich still, um ein kleines Abendbrot zu mir zu nehmen. Ich liess meinen
Wagen beleuchten, um mich völlig zu überzeugen, dass ich meinem Gaste nicht
unrecht getan. Aber Himmel, das ist ja die Caprise nicht, auf der Tür steht ja
kein M.H., sonst ganz dieselbe Gestalt. Der Wirt sagte mir, dies sei der Wagen
der Lady Hodefield, die gleich hier in der Gegend ein Gartenhaus bewohne. Ich
entschloss mich also, zu Fusse nach Hause zu gehen, und befahl dem Kutscher, nach
dem Gartenhause hinzufahren und meinen Wagen wieder zurückzubringen.
    Verdrüsslich, den Tag, an dem ich so transparent war, an dem ich zum
erstenmal, da ich in meinen Busen schaute, so fremde und warme Bilder sich
bewegen sah, auf eine so prosaische Weise zu endigen, entschloss ich mich, in ein
Konzert zu gehen, um zu sehen, ob die Harmonie meine süssen Schwärmereien wieder
ins Leben rufen könnte. Dies Konzert, mein Lieber! war der Anfang meines Traums
und des schlafenden Teils meiner Reise. Es sollte meine durch die Szene in dem
Wagen erstarrten Gefühle wieder erwecken, und machte sie so wach, dass ich der
Anstrengung unterlag, und nun wirklich geistig matt einschlief.
    Ich eröffne die Türe; »st! st! st!« lispelte man mir entgegen; ich schleiche
mich durch die Menge durch, allein ich konnte die Sängerin nicht sehen, die den
Saal und die schlechte Begleitung der Instrumente mit dem Himmel ihrer Stimme
durchgoss. Ich steckte mich in eine Ecke und tröstete mich mit dem Unglück der
katolischen Kinder, die vor der Taufe sterben und die Last der Erbsünde noch
nicht abgewaschen haben; sie müssen daher linkerhand neben der Vorhölle eine
kleine Kinderstube beziehen, wo sie die Freuden der getauften Kinder zwar hören,
aber nicht mit ansehen und geniessen können. Ich hatte so ziemlich meinen
Endzweck erreicht, meine Gefühle kamen wieder, so zart als sie uns an der Hand
der Erinnerung zugeführt werden; sie haben dann das Überraschende, das Ungestüme
nicht, das uns immer ihre ersten Küsse raubt, man kämpft nicht mit ihnen, sie
kommen uns sanft und schüchtern entgegen, wie die Umarmungen eines züchtigen
Mädchens, die uns die bürgerliche Ehe ihren von den Sitten aufgedrungenen
Zierereien entrissen hat.
    Die volle gediegene Stimme des Weibes entlief durch unendliche Wendungen
meinem geizenden Ohre, wie meinem suchenden Blicke die hohe Gestalt der Türkin
durch die Irrgänge der Moschee, dann tönte plötzlich ihre Stimme ernst und doch
voll liebender Wärme durch den Saal; alles schwieg; auf der heitern Stirne
manchen Greises las ich die Weisheit und in manchem nassen Blicke eines sanften
Mädchens die warme tröstende Wahrheit der Sprüche im Tempel. Die Göttin stand in
ihrem Werke, in ihrem Lied noch einmal vor mir. Hagestolze und Witzlinge fühlten
ein Herz und konnten es nicht finden, hier fand ich beschämt mich wieder. Mein
Augenglas ist hundertfach in den Händen der umhergaffenden Stutzer, sie drehen
es verwirrt zwischen den Fingern und flüstern mit halboffnem Munde: »Quelle
volubilité de gosier!« und ich machte in der Moschee die schlechte Bemerkung:
»So schöne Augen, und ein Augenglas!«
    Ihre Stimme eilte noch einige Minuten mit leichtem Wechsel durch wehmütig
belebte und sanft ersterbende Akkorde, und verschwand dann in dem allgemeinen
Einstürmen einer unerträglichen Menge Instrumente; ich hörte noch einmal das
Kutschengerassel, eine leichtfertige Pleielsche Sinfonie beschloss das Konzert,
ich sah in ihr den jungen Sansfaçon noch einmal, wir wurden noch einmal
geschieden.
    Meine Erwartung, die Sängerin zu sehen, war äusserst gespannt, ich dachte mir
eine Gestalt wie die Türkin, als ich plötzlich den nämlichen Windbeutel neben
mich hintreten sah, der die Dame in W. in den Wagen gehoben hatte. Ich hätte ihn
gerne gefragt, wer die Sängerin sei, wenn ich diese Klasse Menschen nicht ebenso
sehr hasste, als ich erschrecke, wenn ich eine Grazie schnell und viel essen,
sich jucken oder kratzen sehe. »Madame vient«, flüsterte ihm ein anderer
seinesgleichen zu, und er empfing ein Weib aus der Menge, die keine andere als
meine Türkin war. Sie sah blass und zerstört aus, und da sie an mir vorbeiging,
durchfuhr sie wie ein Blitz jenes Nichtbemerken, das bei Weibern in
Augenblicken, wenn sie sich ganz mit sich selbst schon beschäftigen und dieses
Zurücktreten in sich selbst dennoch sehr merklich wird, ebenso sehr der Beweis
des schärfsten Bemerkens als eine doppelte Verneinung eine Bejahung wird. Ich
beneidete den jungen Herrn, der mit ihr sprach gar nicht, denn er erhielt auf
seine Bitte, sie begleiten zu dürfen, die einfachste Verneinung, eine kaltes
Nein. Ich konnte nicht mehr bleiben, und das Ausrufungszeichen, das der Stutzer
an seinen verzweifelnden Abschied aus der Ortographie seines Tanzmeisters mit
seinen Füssen sehr kühn anhängte, konnte mich nicht aufhalten, obschon es sich in
meine Schritte, die, so wie die langen Gedankenstriche in den »Ruinen des
Schwarzwaldes« den guten Einfällen des Verfassers und seiner Tendenz nachlaufen,
die Dame verfolgten, verwickelt hatte. Auf der Treppe erreichte ich sie und
ihren Namen. Sie sagte mir ihn freundlich, damit ich sie besuchen könne, und
hätte sie mir einen andern als Hodefield genannt, so würde ich ihn gewiss verhört
haben, denn ihr Vortrag war so lieblich, dass er auf den Genuss des Inhalts gar
nicht gierig machte. »Madam! so sind Sie wohl die Dame, deren Wagen ich aus
Versehen genommen habe? Ich muss Sie wegen einer grossen Ähnlichkeit um Vergebung
bitten.« - »Sie sind aus B., der Wagen, in dem ich fuhr, ist der Ihrige?« fragte
sie bestürzt. »Nein, es ist der Wagen des Banquier Godwi, in dessen Geschäfte
ich reise.« - Es stieg ihr eine Röte in die Wangen, sie wurde verlegen und
drückte mir die Hand. »O dass ich dies gestern nicht wusste!« sagte sie; »Sie
können mich nicht sehen, bemühen Sie mich nicht umsonst, und wenn Sie einige
Achtung für mich haben, so entfernen Sie sich, und trösten Sie sich mit dem
Schwur, dass ich Ihnen ein grosses Opfer gebracht habe, ein Opfer, das die Natur
nur selten ohne Unnatur bringt.« Sie beschleunigte ihre Schritte, ich stand, auf
die Treppe hingebannt, bis mich der Schwall der Menschen heruntertrug. Da ich
auf die Strasse kam, sah ich ihren Wagen wegrollen, in dem ich kurz vorher noch
so ruhig sass und mich erkühnte, ihren Eindruck auf mich aus ihrer Coquetterie
herzuleiten. Ich streckte die Arme in die Luft dem Wagen nach; ach! welchem sind
alle seine Grundsätze auf vier Rädern so weggerollt. So streckt der Alchymist
seine Arme dem Vermögen nach, das ihm durch den Rauchfang entwischt, und dennoch
sieht er nach seinem Stein der Weisen zurück, und hofft, aber auch dieser ist
zum Caput mortuum geworden. Ich rannte durch die Strassen und glaubte mich in
einer Wüste, denn Lady Hodefield schien mir die ganze menschliche Gesellschaft.
Ich spazierte durch die grosse Promenade, störte manche höchste
Verindividualisierung, schaute nicht auf bei dem »Aufgeschaut!« der
Sänftenträger, um die Unsanfteit ihrer Rippenstösse zu fühlen, die der
Etymologie des Namens dieser Affenkasten gar nicht parallel liefen, rannte wie
der Jalousieladen, erweckte die Eifersucht, störte manches langerwartete stille
Rendezvous in der Abendstunde und kam so nach Haus, wie ich dir geschrieben
habe. Ich kann nicht mehr bleiben, die wollenen Szenen aus Gessners Idyllen
schienen mir unausstehlich langweilige Tapeten, ich nahm Abschied von ihnen wie
der zärtlichste, durch die Langeweile der Liebe unglücklichste Schäfer. Man
bringt mir ein Billet, es entält folgende Zeilen: »Wenn Sie an den jungen Godwi
schreiben, so melden Sie ihm folgende Worte: Seine Standhaftigkeit würde bald
durch die Erlaubnis, den bewussten Brief zu erbrechen, belohnt werden. Molly.«
    Nun - du hast gesiegt, deine Molly und meine Engländerin, sind sie nicht
beide, wie Phöbe und Proserpina, Hekate? Hier hast du das Billet, mich brennt es
zwischen den Fingern und dir ist es ein Kleinod. Ich stieg in meinen Wagen und
war also auch ein Träumer in B. geworden. Verbrenne meinen ersten Brief, ohne
den dieser nicht eine Sünde gegen meinen so sehr angepriesenen Charakter wäre.
Ich kann die Handlung nicht aufheben, um jene Predigt zu erretten, und könnte
ich es, so würde ich es doch nicht tun, denn die Sünde, durch die ich zur
Selbsterkenntnis gekommen bin, ist mir lieb.
    Dieser ganze Brief besteht aus einzelnen Bruchstücken, die ich nach und
während der Geschichte in B. für dich niedergeschrieben habe. Die liebliche
Stimme, die mich aus dem Traume weckte, die mich wie ein Sirenengesang aus
meinem trüben Leben in mir selbst in das fremde Element des hiesigen leichten
Lebens rief, ist die Stimme der geistreichen, witzigen Mademoiselle Budlar. Ich
hänge mich an die bunte Reihe ihrer Anbeter, wie oft ein kleines beinernes
Totenköpfchen das Ende der Aves und Paternoster im Rosenkranze macht. Ave und
Vale.
 
                         Werdo Senne an Lady Hodefield
Madam! ich schreibe Ihnen im Namen Eusebios, der krank geworden ist und mit
Sehnsucht nach Ihnen verlangt. Er sitzt auf seinem Stühlchen, das er sich aus
Weiden selbst geflochten hat, und weint sehr heftig; er bat mich, Ihnen zu
schreiben, und an das Ende des Briefs will er einige Zeilen von sich anhängen,
die er mir in die Feder sagen will. Jetzt ist er ruhig und denkt nach, was er
Ihnen alles zu sagen hat. Ich bin froh, dass dies ein Mittel ist, ihn etwas zu
zerstreuen; ich werde es noch oft anwenden, er lernt dadurch seine Gedanken
ordnen, und tröstet sich, wenn es anders möglich ist, dass bei der Schnelligkeit
des Wechsels in allen seinen Freuden und Beschäftigungen dies ihm lange
unterhaltend sein könnte. Ich kann ihm wenig Hülfe geben. Meine Otilie allein
hat durch Erzählung von Märchen, die sich in ihrer zarten Phantasie entwickeln,
und durch ihre Lieder das Mittel gefunden, seine mit ausserordentlicher Wärme
auflebende Einbildungskraft zu beschäftigen. Der Arme dauert mich sehr, er
scheint ein mächtiger Beweis für die Glut der Empfindung der Unseligen zu
werden, die ihr Dasein der Glut der Empfindung ihrer Eltern verdanken.
    Überhaupt, Madam! haben Sie mir keinen Dank für die Bildung Ihres Lieblings.
Nur meiner Otilie gehört er. Und sollte ich ein Verdienst um ihn haben, so ist
es mittelbar, so ist es dadurch, dass Otilie so gut durch mich und die Natur ist.
Ich liebe dieses Mädchen unendlich, sie ist eine holde Blume, die sich aus den
Trümmern meines Lebens emporwindet. Sie ist eine liebliche Sprache der
Versöhnung, die aus meinem Grabe zu den Menschen, die mich erdrückt haben,
spricht: Ich verzeihe und liebe euch. O! ich freue mich dieses freundlichen
Nachhalls meines Lebens. Ich habe zuviel gelitten, und hänge noch viel zu innig
an meinen Tränen, den einzigen, die mir treu blieben, als dass ich mehr als
selten zum Bildner taugte. Unter meinen Händen können sich nur in jammervollen
Zügen die still und traurig wandelnden Gestalten meines Lebens entfalten. Ich
wage nichts mehr. - Einen einzigen Weg habe ich Eusebion geführt, den Weg meines
Trostes und meiner Dankbarkeit, den Weg zur Natur und zu Ihnen, edles Weib. Ich
habe ihn schweigend beten gelehrt, aber sein Dank ist laut, wie der meinige
schweigend, weil für das Gefühl meines Dankes die Worte eines Greises zu leise
sind. - Eusebio ist gut und wird tätig werden, ich habe manche Stunde seiner
horchenden Seele meine Wahrheiten hingereicht, die nur, welche ihm so nahe
lagen, wie die Natur den Greis an das Kind gestellt hat. Einigemal sprang er
heftig auf, stürzte in meine Arme und weinte zitternd. Otilie fragte ihn neulich
bei einem ähnlichen Falle, was ihn so bewege. Er erwiderte: »Bei euch kann ich
nicht bleiben; du Vater bist gut, und du Otilie, ach wie gut bist du! bringst du
den Armen das Brot nicht entgegen, und batst du nicht für meinen Freund das Reh,
als es der böse Jost totschiessen wollte? Euch beiden kann ich nichts helfen, ich
will zu den andern armen Menschen, von denen der Vater mir sagt, dass sie nicht
gut seien, die will ich lieben, so lieben, so freundlich mit ihnen sprechen, dass
sie alle werden müssen, wie ihr seid. Ach! und meine Mutter, meine Mutter, die
grosse freundliche Frau, will ich sehen - wie sie meiner denken wird, und wenn
sie mich sieht, dann wird sie erst meiner gedenken.«
    Madam, ich hoffe Sie bald zu sehen, denn ich werde nicht lange mehr hier
wandeln; was soll ein Toter hier im Leben? Meine Augen können das Licht der
Sonne nicht mehr ertragen. Der West erstarret meine Glieder, und das Lied meiner
Harfe hallt nicht mehr so laut aus den Gewölben meiner Wohnung, und ich leide zu
viel, um Otilien mitleiden zu sehen. Meine Hülle vermag die Glut meines Herzens
nicht mehr zu umfassen, ich werde bald ein Aschenhaufen in mich selbst
zusammensinken.
Weste säuseln; silbern wallen
Locken um den Scheitel mir.
Meiner Harfe Töne hallen
Sanfter durch die Felsen hier.
Aus der ewgen Ferne winken
Tröstend mir die Sterne zu.
Meine müden Augen sinken
Hin zur Erde, suchen Ruh.
Bald, ach bald wird bessres Leben
Dieses müde Herz erfreun,
Und der Seele banges Streben
Ewig dann gestillet sein.
Schwarzer Grabesschatten dringet
Um den Tränenblick empor,
Aus des Todes Asche ringet
Schönre Hoffnung sich hervor.
Meines Kindes Klage hallet
Durchs Gewölbe dumpf und hohl,
Idolmios Zunge lallet
Jammernd mir das Lebewohl
Zu der lang ersehnten Reise.
Senkt mich in der Toten Reihn.
Klaget nicht, denn sanft und leise
Wird des Müden Schlummer sein.
Und du Gute nimmst die Beiden
Mütterlich in deinen Arm,
Linderst meiner Tochter Leiden,
Lächelst weg des Knaben Harm.
Aus des Äters lichter Ferne
Blickt dann Trost der Geist euch zu.
Es umarmen sich zwei Sterne
Und ihr Kuss gibt allen Ruh.
Schwermut glänzt des Mondes Helle
In mein tränenloses Aug,
Schatten schweben durch die Zelle,
Seufzer lispeln, Geisterhauch
Rauschet bang durch meine Saiten,
Horchend heb ich nun die Hand,
Und es pochen, Trost im Leiden,
Totenuhren in der Wand.
Sie werden meine Tochter lieben, und werden bald ein glückliches Weib sein. Es
ahndet mir eine grosse, grosse Freude. Dürfte ich ihn wählen, den süssen Tropfen,
in dessen Rausche ich das grosse Mass meines Kummers vergessen möchte, so wäre es
das Bild der Versöhnung durch Reue und der Erkenntnis gegenseitigen Werts, so
wäre es meine Seligkeit, das Kind meiner Marie in einem edlen Manne zu sehen.
Der ist kein edler Mensch, der sich nicht freut der Liebe im Arme seines
Nebenbuhlers, und der ist ein niedriger Mensch, der sich nicht freut des Werts
der Kinder, deren Vater er hätte sein können. Wir beide waren die Betrognen, wir
beide werden verzeihen können, und ich werde fröhlich sterben, vor Freude werde
ich sterben; der einzige Plan meines Lebens, der mir gelingen sollte, sollte der
meines Todes sein. Sonderbar steht dieser ungeheure Gedanke vor mir. Ach! alle
meine Tränen sind geweint. Wo soll ich Tränen der Freude hernehmen? Ich werde in
die Nacht meines Grabes sinken über dem Tage, der an seinem Rande aufgehen wird.
    Sonderbar ist das Gewebe meines Lebens gewesen, ein Geheimnis liegt über
ihm, keine Staaten-Verhältnisse, keine sogenannten Wichtigkeiten, Menschenliebe
und Duldung haben ihm das Siegel eiserner Verschwiegenheit aufgedrückt. Und das
alles wird sich um uns drehen, diese Freudensphäre wird auf meinem Grabe stehen
wie der Fuss des Regenbogens, unter dem in meinem Vaterlande ein freundlicher
Aberglaube Schätze wähnt. Trösten Sie sich, edles Weib, Sie werden hier und ich
dort belohnt sein. Ich breche ab, ein Fremder tritt herein, es ist mir leid um
die Zeilen, die Eusebio Ihnen schreiben wollte.
                                                                     Werdo Senne
 
                                 Godwi an Römer
Wenn du bei mir wärest, mein Lieber! und ich könnte die Lampe auslöschen, und
beim grossen freundlichen Sternenlicht und dem ehrlichen Monde traulich Hand in
Hand mit dir sitzen und plaudern, ich würde dir dann wahrer und wärmer alle die
Freuden und Empfindungen ans Herz legen können, die mich seit unserer letzten
Unterredung umarmen. Ich wandle nicht mehr in den finstern Gängen und düstern
Gemächern ehemaliger Verdienste um das Vorurteil. Verdamme mich nicht mehr, dass
ich vom äussersten aufs äusserste falle; du kannst sehen, dass ich den Weg der Zeit
gegangen bin. Aus einem freundlichen Landhause in eine alte Burg und von da gar
auf eine Ruine, an die der Einsiedler seine Wohnung gebaut hat. Ist dies nicht
der Weg der Zeit? -
    Ich lebe und liebe - denn was bleibt dem Leben ohne Liebe? - der Tod - in
der Wohnung des Einsiedlers, von dem ich dir schrieb. Er hat sie in die Trümmer
des Reinhardsteins, eines alten Schlosses, gebaut, um dort, wie er sagt, die
Menschen seine Klagen nicht hören zu lassen, und ihre Lügen nicht zu hören. Die
Grossen in der Materie, die Ritterschaft, drängte sich in die Städte, um die
Kleinen, die in der Zeit des Geistes mächtiger wurden, in den Schatten zu
stellen; Raubvögel, die das Licht der hellern Sonne nicht mehr ertragen konnten,
drangen sich der brütenden Henne als Gehülfen auf, und so wurde manches
bürgerliche Küchelchen verbrütet, und so entstand das Motto: Sub umbra alarum
tuarum. Faulenzer und Blödsichtige lieben sub umbra. Das war ein grosser Mann,
der nicht sub umbra alarum Alexanders ruhen wollte, und ihn bat, er möge ihm aus
der Sonne gehen. Werdos Glück haben sie auch verbrütet, und, da sie ihm nicht
aus der Sonne gehen wollten, so hat er sich auf diesen hohen Berg geflüchtet,
und sieht sie so aus der ersten Hand. Er sagte mir neulich: »Hierhin in die
Trümmer des Faustrechts habe ich die Trümmer der Freiheit meines Geistes
gerettet, denn, mein Herr, der Kuckuck jagt die Nachtigall aus ihrem Neste; die
Menschen finden es grausam, weil sie es nicht taten, fangen sie sehr naiv in
Schlingen, sperren sie in einen Käfig, schreiben die Geschichte der Stubenvögel
und nennen sie Naturgeschichte, da sie doch gewiss eine Kunstgeschichte ist,
blenden der Nachtigall die Augen, damit sie immer singt, schreiben ihren Gesang
in Worten nieder, füttern sie mit gestohlnen Ameiseneiern, und lassen ihre
Kinder etwa auch mit hölzernen Kuckucken aus Nürnberg dazwischenschreien.« - In
dieser ganzen Rede lag eine seltsame Darstellung seiner Leiden.
    Es ist mir sonderbar zu Mute hier, ich habe nie so gesellig eine Nacht so
einsam zugebracht, es regt sich alles in mir nach Mitteilung, und doch ist mir
die mittelbare des Schreibens etwas unangenehm.
    Die Lampe verdirbt mir den Mond, er sieht über die Erde herab, wie der Trost
über den Jammer, wie das platonsche Auge eines zwanzigjährigen Mädchens über
ihren wallenden Busen. Er steht über dem Harem des Grosssultans von Goldblech,
wie der Orden Pour le mérite über dem Herzen der - und heisst doch ein Brotdieb
der ausserordentlichen Liebe und Diebe im Kleinen. So macht der Stern kein Herz,
und der Mond über dem schlechten Wirtshause in J. hat noch keinem Ermüdeten eine
freundliche Nacht gewährt. - Sieh, so stört mich die Lampe, dass ich den Mond
lästere. Unten im Tale möchte ich auch etwas hemmen, das mir in meine Ruhe
hineinlärmt. Eine Pulvermühle klappt durch die sanfte liebliche Nacht, wie der
Puls der Kunst durch die Natur, wie der taktstampfende Fuss eines Musikers durch
seine Melodien, wie der Pantoffel der Ehe durch die Liebe.
    Senne heisst der Bewohner dieser sonderbaren Wohnung, deren Ganzes mich in
eine schauerliche gerührte Stimmung versetzt. Ich möchte auch hier wohnen, wenn
ich alles verloren hätte, um das ganz geniessen zu können, was jedem Edlen übrig
bleibt, Natur, Ruhe, Erinnerung und innerer Friede.
    Oben auf der Spitze eines grossen Bergs liegt in einem Amphiteater, das ein
dichter Eichenwald bildet, die Burg Reinhardstein, und in einem hohen grossen
Gewölbe, das in der Mitte des Gebäudes unter einer verfallnen Terrasse steht,
hat sich Werdo Senne einige niedliche Gemächer anlegen lassen, die alle einer
vollkommen reinen Luft und einer sehr schönen Aussicht geniessen. Über sich auf
der Terrasse hat er einen kleinen Gemüsgarten angelegt und einzelne Hügel um
seine Wohnung her mit Weinreben bepflanzt. Vor dem Eingange des Gewölbes, der
mit Epheu und Geisblatt umzogen ist, steht eine ewige Eiche; an sie hat er sich
die Rasenbank hingebaut, auf der er seinen Schwärmereien nachhängt. Hier sitzt
er oft halbe Tage lang, und singt Lieder zu seiner Harfe, die er meistens selbst
dichtet. Er hat es auf diesem Instrument zu einer seltnen Fertigkeit und einem
seltsamen Vortrage gebracht, denn seine eigne, durch gewisse Zufälle bestimmte
Ansicht der Dinge und seine heftige Sehnsucht nach etwas, das er allein kennt,
gibt seinem Spiel eine ganz eigene Modulation, die alles um ihn her zur
Teilnahme bewegt. Ich habe mir eins seiner Lieder gemerkt, er singt es sehr oft,
und es scheint mir, als läge viel Aufschluss über seinen Kummer darin.
Die Seufzer des Abendwinds wehen
So jammernd und bittend im Turm;
Wohl hör ich um Rettung dich flehen,
Du ringst mit den Wogen, versinkest im Sturm.
Ich seh dich am Ufer; es wallet
Ein traurendes Irrlicht einher.
Mein liebendes Rufen erschallet,
Du hörest, du liebest, du stürzest ins Meer.
Ich lieb und ich stürze verwegen
Dir nach in die Wogen hinab,
Ich komme dir sterbend entgegen,
Ich ringe, du sinkest, ich teile dein Grab.
Doch stürzt man den Stürmen des Lebens
Von neuem mich Armen nun zu.
Ich sinke; ich ringe vergebens,
Ach nur in dem Abgrund des Todes ist Ruh.
Da schwinden die ewigen Fernen,
Da endet kein Leben mit dir.
Ich kenn deinen Blick in den Sternen,
Ach sieh nicht so traurig, hab Mitleid mit mir.
Bis jetzt hab ich wenig mit ihm gesprochen, denn er spricht nicht gerne, und
ohne zurückzuschrecken hat er durch sein Betragen die Macht, alle Lippen zu
verschliessen. Die Ruhe um ihn her gleicht jener Ruhe, die jeden Gefühlvollen
nach den Arbeiten eines reichlich verlebten Tages am stillen Feierabende
ergreift. Ähnliches Schweigen ergriff mich, als ich die Opfer ihrer Meinungen,
alte aus Frankreich vertriebene Priester, in unsern Promenaden mit Tränen im
Auge ihr trocknes Brot essen sah, als ich den Greis Broglio, als ich den
silberlockigen Condé, den Hut in der Hand, mit zur Erde gesenktem Kopfe auf
Zeitungen warten sah. Ähnliche Ruhe wird mich ergreifen, wenn ich über die Berge
von kalter fester Lava um den Vesuv herum wallen werde. - Er ruht und träumt
nach dem Rausche, den wir uns zu trinken noch beschäftigt sind, und bang sehe
ich nach seiner Ruhe und belausche seine lauteren Träume und passe sie meinem
Rausche an. Spärlich spielen einige Silberlocken um seine Schläfe, wie ein paar
freundliche Augenblicke seines Lebens um sein Gedenken, seine schwarzen Augen
haben eine schauerliche Mischung von Liebe, Verleugnung und Stärke im Blick,
sein Mund ist selten in einen freundlichen Ernst, oft in ein wehmütiges Lächeln
gezogen. Wenn er steht oder sitzt, so vermisst man etwas in seiner Lage, und weiss
nicht was fehlt, bis er die Harfe an seine Brust und seine Stirn an die Harfe
lehnt. An diese Stellung scheint er so gewohnt zu sein, dass, wenn er die Harfe
nicht im Arme hat, man ihn sonderbar findet. Mit der Harfe aber ist er mir ganz
das Sinnbild der wechselseitigen Freundschaft und des Zutrauens. Er lehnt seine
Stirn an sie, wie auf den Arm eines tröstenden Freundes, und klagt ihr seine
Leiden. Sie ruht wie die Teilnahme und das Mitleid an seinem Herzen, und scheint
unter seinen leisen Griffen freiwillig ihm zuzuhören, und dann und wann in
traulichen Worten ihm Trost zuzuflüstern. Er hängt schwärmerisch an ihr, wie die
verwelkten Blumenkränze um ihre Saiten, und wenn durch eine rasche Erbebung des
Instruments ein Blättchen von den Kränzen herabfällt, so schweigt er, und letzt,
da ich ihn belauschte, rollte eine Träne über seine bleichen Wangen, und er
sagte: »Wenn alle diese welken Blumen herabgefallen sind, so will ich nicht mehr
weinen und nicht mehr singen, so will ich sterben.« Dann sang er:
Um die Harfe sind Kränze geschlungen,
Schwebte Lieb in der Saiten Klang:
Oft wohl hab ich mir einsam gesungen,
Und wenn einsam und still ich sang,
Rauschten die Saiten im tönenden Spiel,
Bis aus dem Kranze, vom Klange durchschüttert,
Und von der Klage der Liebe durchzittert,
Sinkend die Blume herniederfiel.
Weinend sah ich zur Erde dann nieder,
Liegt die Blüte so still und tot;
Seh die Kränz an der Harfe nun wieder, -
Auch verschwunden des Lebens Not,
Winken mir traurig wie schattiges Grab,
Wehen so kalt in den tönenden Saiten,
Wehen so bang und so traurig: es gleiten
Brennende Tränen die Wang herab.
Nie ertönt meine Stimme nun wieder,
Wenn nicht freundlich die Blüte winkt;
Ewig sterben und schweigen die Lieder,
Wenn die Blume mir nicht mehr sinkt.
Schon sind die meisten der holden entflohn;
Ach! wenn die Kränze die Harfe verlassen,
Dann will ich sterben; die Wangen erblassen,
Stumm ist die Lippe, verhallt der Ton.
Aber Wonn, es entsprosset zum Leben
Meiner Asche, so hell und schön,
Eine Blume. - Mit freudigem Beben
Seh ich Tilie so freundlich stehn.
Und vor dem Bilde verschwindet mein Leid.
Herrlicher wird aus der Gruft sie ergehen -
Schöner und lieblicher seh ich sie stehen,
Wie meinen Feinden sie mild verzeiht.
Der Gram, unzulänglicher Trost und Täuschungen in seinen Erwartungen von der
Wirklichkeit und ihrer Zeit haben den Kampf und die Niederlage seiner Seele in
seine Gesichtszüge hingezeichnet. Er hat sich mit all seinen Kräften des
Selbstglücks und der Beglückung zur Aschenurne seiner Freuden erschaffen
gesehen, und die Inschrift auf dem Male, das auf seinen Trümmern steht, liest
man in seinem irren Blick, dessen Sprache durch den Jammer, wie die Sprache der
Gräber durch den Zahn der Zeit, verwittert ist. Sein Verlust muss unendlich sein,
denn er sucht noch immer über der Erde mit seinen Augen hin, als habe er noch
Kraft, diesseits eine Blume zu pflücken. Ach Römer! wie werde ich verglühen, da
ich die Flamme noch nicht kenne, die mich durchlodert; o! es ist mehr als
Lebenswärme, was mich ergreift, wenn ich begehre, was mir fehlt. Ich sehe die
Natur um mich her ewig und unermesslich, und wenn ich sie ganz verschlinge, wie
sehr ich es kann, so bleibt es doch öde in meiner Brust, und mein Herz pocht so
eintönig, so allein in meinem Busen. Alles ist Harmonie und Melodie, und
verschwistert sieht sich alles in den Armen eines andern zum zweitenmal gelebt,
zum zweitenmal beseelt; kein Spiegel meinem Bilde, kein Echo dem lauten
verlassenen Rufe aus meinem Herzen, kein Strahl aus der Seele eines Geschöpfs, der
nur mir gehöre, kein Sinn für mich durch das Gepräge der Einzigkeit nur für mich
belebt. Die Natur hat mich nicht gestimmt, dass jeder Künstler meine Töne mit dem
grossen allgemeinen Klang in Akkorde vereinigen kann. Freilich sprach ich anders
in meinem vorigen Briefe, da war mir das Leben noch leicht, - jetzt ist es
anders. Nur einer wird mehr als leichtfertige, tanzende Töne aus mir in das
grosse Meer von Gesang hinüberweben.
    Sonderbar ist es, lieber Römer, wenn ich alles dieses fühle, dass es mich
ganz vernichtet, zu sehen, dass ich nur mich beglücken, nur mich befriedigen
will, dass dieser Drang nach Liebe ein Bedürfnis ist, dass auch mit dem
Bedürfnisse Liebe und Freundschaft schwindet und wächst. Ist der Wunsch, seiner
Liebe alles aufzuopfern, nur zur Selbsttäuschung in unsere Verbindungen gelegt?
Ist mir denn das Gefühl, mich dem Ideale meiner kühnen Hoffnung uneigennützig,
ohne Selbstliebe, nur ganz ihm hinzugeben, nur zur augenblicklichen Schmeichelei
erschaffen, und sucht man uns den Egoismus nur wegzuraisonnieren, damit wir ihn
uns zur Qual sich wieder in unsere lieblichsten Bilder von Menschenglück als
einzig feststehenden Beweggrund eindrängen sehen?
    Ich habe gesündigt. Die Natur spricht aus, was ich beklagt habe. Der Mond
tritt hinter eine Wolke. Es ist dunkel und schwarz in der Nacht, und meine Lampe
schimmert etwas heller durch das Stübchen. Da ist nun die Aussenwelt, die
Hoffnung und die Sehnsucht, die Tiefe des Himmels und die kleinen Sterne von
meiner innern getrennt. Heller leuchtet das Lämpchen, aber nie hell. In meiner
Brust ist eine weite Welt gewölbet, mein Egoism kann sie nicht erleuchten. O die
Nacht! Ist der Mond für die Welt da und nur diese Lampe für mich? Im Dunkel
herrschet Ruhe und Vollendung. Die Dämmerung erzeugt das Handeln und verdirbt
den Raum, ich will ihr Licht nicht. Der Mond schwimmt leise auf dem ewig tiefen
Meere der ewig hohen Welt über die Wolkenburg, wie die Natur über den Worten und
Werken von mir Kind hervor. Stirb, Erdenlichtchen. Gute Nacht! Die Lampe
verlischt.
    Es ist schon wieder Tag geworden. Könnte ich dir das Erwachen eines Seligen
im Elysium malen, den kein Freund, keine Liebe, den nur die Mühe im Leben
begleitete, dem ein einsamer Tod die Augen zudrückte, dessen letzter Blick voll
des sterbenden Lebewohls sich in keiner Träne eines Trauernden brach, und in ihn
selbst zurück einen Trost sich senkte, dessen letzter Kampf mit der Liebe zum
Leben wie Fesselgeräusche von kalten Kerkerwänden wiederhallt. Könnte ich dir
ihn malen, wie er ausruft: »Ich war zu spät geboren!« wenn er in den Garten
tritt, in dem alle seine Erdenfreuden als himmlische Blumen blühn, so hätte ich
dir meine Empfindung, da ich an diesem Morgen in die Welt sah, in einem Bild
zusammengedrängt, hingereicht. Mir selbst zu wenig, und der Welt zu viel, und
umgekehrt, legte ich mich gestern abend nieder; mein Lager war ein mit Moos
ausgestopftes Ruhebett; und die Gastfreundschaft hatte durch ein liebliches
Mädchen wohlriechende Kräuter drüber hingestreut. Die Handlung beschäftigte
freundlich meine Sinne, und die Wirkung berauschte sie zum Schlafe. Guter,
freundlicher Wirt, wusstest du, dass hier ein Schwärmer ruhen sollte, der deine
Hütte entweihen konnte, weil du Kräuter und Blumen wie Hieroglyphen der Liebe
und Unschuld um ihn streutest? Indem ich mit den Bildern spielte, spielten sie
wieder mit mir, und ich schlief. Ein sonderbarer Ton weckte mich auf. Es war mir
leid, dass es die Sonnenstrahlen nicht taten. Ich hätte mich dann eines höheren,
einigeren Lebens freuen können. Die Morgenröte kämpfte spielend mit dem Grün der
Weinblätter, die an dem kleinen Fenster, vom Morgenwinde bewegt, mir um die
Wangen schmeichelten, als wollten sie mich mit meinen Wünschen versöhnen. Die
Liebe hatte den Schmetterling geweckt. Die Sonne stieg leise hinter dem
Gesichtskreise empor, und küsste die Scheidetränen der Nacht von den Blumen. Sie
drang aus sich selbst empor, wie die Glut der Leidenschaft, und das Leben
erwachte in steigendem Glanze, während die unbestimmte Trauer im Schleier des
Nebels feierlich und verheissend in die Erde stieg. So werden die Seufzer der
trauernden Witwe Seufzer der Liebe, und der Kranz schwebender Lichter blühet in
Irrlichtern und Feuerwürmchen über Gräbern und Blumen. Die Tränen der Sehnsucht
und der Hoffnung haben die Erinnerung umfasst. Den Schleier des Kummers hebt die
tröstende Liebe. Ihr Blick dringt in Mitleid in das Herz. Die zitternde Hand
ordnet die vernachlässigte Locke. Man erkennt das Leben im Spiegel. Das Grab ist
hinabgesunken, der Trost ist hingewandelt. Die Freude dreht sich wie
Liebesneckerei um uns, und der Hochzeitstanz, der seine jubelnden Kreise durch
unsere Sinne zieht, ertrinkt mit uns in Lebensallegorien, um die die
Bürgerlichkeit mystische Vorhänge gezogen hat.
    Unter meinem Fenster entwickelte sich ein freundliches Schauspiel. Ein
junges Reh hüpfte durch den kleinen Garten bis an das Fenster unter dem
meinigen, und raschelte blökend im Weinlaube, als erwarte es etwas. Dann eilte
es gegen die Türe, durch die ein Knabe von etwa dreizehn Jahren trat. Der Knabe
ging an einen verschlossnen Behälter, holte einen Bündel Kräuter hervor, womit er
das Reh fütterte. Alles das tat er mit einer heftigen Eile, und doch schien
zwischen ihm und seiner Handlung eine traurige Ruhe zu liegen. Seine schwarzen
Augen und die Züge seines bleichen Gesichts bewegten sich schnell, wie Takt ohne
Ton, indes seine Haare kraus in dem Winde wehten. Er pflückte eine grosse
Sonnenblume ab, und einige Buchszweige, steckte Taxus dazu, ging langsam nach
einer alten Mauer an dem Turme dicht neben meinem Fenster, schwang sich mit
einer unglaublichen Behendigkeit hinauf, setzte sich nieder, sang mit
durchdringender Stimme ein Lied, das mit wenig Melodie in schnelle kurze Takte
gedrängt war. Das Reh war zu ihm hinaufgesprungen, und legte ihm vertraut den
Kopf in den Schoss. Dann und wann sah er mit Sehnsucht in die Ferne, indem er in
einer kühnen Stellung auf der Fussspitze auf dem engen Rande der Mauer stand. Er
schaute gespannt in die Weite, indem er die Hand gegen die Sonnenstrahlen vor
seine Augen hielt; dann winkte er, sprang herab, und sein Begleiter ihm nach.
Die Gartentüre ging auf, und so trat der Engel, von Gott zum erstenmale auf die
Erde gesandt, durch die Türe des Paradieses. Ich stand mit meiner
Unzufriedenheit hinter den Weinblättern meines Fensters so schamhaft wie der
erste Mensch hinter seinem ersten Kleide. Ein Mädchen, weiss wie der Schnee, mit
schwarzen Augen und Locken, wurde von dem Knaben heftig umarmt. Ich verschlang
die schöne Gruppe. Das Reh hatte den Blumenstrauss im Maule, und drängte sich an
das Mädchen, um ihr denselben zu reichen. Es schien mir, als hätten sich die
Geschöpfe Gottes noch nicht veruneinigt und die Sünde die Gewalt noch nicht
hervorgerufen. Das Ganze war so unwillkürlich, war so durch sich selbst
entstanden, dass es so schön werden konnte. Meine Seele war in meinen Augen. Eine
flüchtige Erinnerung meines Unmuts beschämte mich. Die ganze Szene lebte in mir,
und doch sah ich nur das Mädchen. Der Knabe hing an ihrem Halse, wie ein kleiner
Reiz der Schönheit, den wir nur bemerken, weil er unserm Auge erträglicher ist.
In diesem einzigen Geschöpfe, in dieser Gestalt und der augenblicklichen
Zusammenstellung ihrer Umgebung ward ich mit der ganzen Ordnung der Dinge
versöhnt. Die ganze Welt wird uns lieb, wenn sie uns mit dem Blick der Liebe
ansieht; und wer die Sonne für das Auge der Welt ansehen kann, der muss glücklich
sein, wenn sie scheint. Ich habe hier gesehen, dass Schönheit in der Welt wohnt,
und dass diese Welt auch in meiner Brust eine Heimat hat. Das Ganze war zu
überraschend, und meine Seele zum Empfangen solcher Bilder zu wenig vorbereitet,
als dass ich sie ruhig in mir hätte bewirten können. In meiner Seele wechselten
alle Gefühle in der kommenden und fliehenden Eile der Leidenschaft. Scham und
Stärke, Liebe und Demut, kühne Hoffnung und kleinmütige Furcht eilten mit
schmerzlichen Tritten durch mein Herz. Sehnsucht löste sie alle. Die Stimme des
Mädchens zündete sie in mir an; ich sah nicht mehr, ich hörte nur; oder ich
sah, was ich hörte, denn ihre Töne waren freundliche helle Gestalten, sie trugen
ein fremdes Gewand; es war eine fremde Sprache - ich konnte sie nicht verstehen.
Wenn ich in Molly und Joduno etwas geliebt habe, und nicht alles, so finde ich
in diesem Bilde gewiss beides. Es ist keine Kühnheit, dass ich dir sage, wie dies
Mädchen ist, da ich sie nur sah; aber ihre Erscheinung ist ein reines Wort für
ihren Inhalt. Sie könnte nur schlechter sein, als sie scheint, und dann wäre sie
schlechter als alle Schönheit. Molly, durch Erfahrung gewarnt, durch Umstände
gezwungen, zwar kein Produkt der Kunst, aus eigenem Bewusstsein, ist dennoch
durch fremde Einflüsse bestimmt worden. Sie ist gewiss vieles nie geworden, was
sie hätte werden können, wenn die Natur an ihrer Wiege gestanden und sie als
Jungfrau begleitet hätte. Sie ist kein Wesen, das die Mitgabe der Schöpfung
ruhig zu einer eigenen schönen Wohnung erbaut hat. Sie lief nicht glücklich auf
dem Meere des Lebens aus. Sie ist zurückgekehrt, und hat sich aus den Trümmern
ihres Charakters und ihrer Meinungen mit ihren Erfahrungen ein Dasein gebildet,
das ihr gerade deswegen angemessen ist, weil es allen andern auffällt. Sie hat
nicht, was das Weib allein bezeichnen soll, das Schöne allein; sie hat nur das
Grosse, das Erhabene, das uns aus dem Kampfe zurückbegleitet. Huldigung und
Bewunderung ersteht und beugt sich in jedem, der vor sie hintritt, aber keiner
wird es wagen, das Schöne in ihr zu suchen, das wir in dem Weibe suchen sollen,
insofern es edel ist und uns angehört. Sie wird jeden erschüttern, ihn richtig
beurteilen und lieben, insofern es ihm gut sei. Ein Starker kann sie nicht
lieben, denn er findet seine Grösse nur in sich und wollte seine Schönheit in ihr
suchen, wo er aber nichts finden kann als eine bisarre Erhöhung seines Wesens.
Eigenliebe kann zu ihr hinreissen; man staunt und freut sich, wenn man
geschmacklos ist, sich in so bunten und grellen Farben gekleidet zu sehen. Man
liebt aber nicht, weil man sich nicht verschönert wiederfindet. Sie hat es durch
die Kunst weit gebracht. Alle ihre Handlungen sind mit äusserer Anmut angetan,
und tragen das Gepräge einer freien, vorurteillosen Moralität. Dieses ist auch
der stete Ausdruck ihres Gesichts, in der Ruhe und Erregung. Aber jeder
natürliche Mensch wird gerade durch diese Freiheit, durch diese öffentliche
Entblössung von allen Vorurteilen zurückgeschreckt. Er ist gewohnt, dass die Natur
in ihm leise und verschämt die Wahrheit entwickele, zu der er dann wieder das
durchsichtige Gewand wird; - er erschrickt, wenn die Form von dem Geiste
plötzlich wie der Schleier von der Nackteit herabgerissen wird. Es gibt eine
Ansicht der nackten Schönheit, die uns zur Demut niederzwingt. Das bürgerliche
Leben ist zu sehr Kerkerdunkel, als dass wir es wagen könnten, plötzliches Licht
hereinbrechen zu lassen - was uns demütiget, können wir nicht lieben. - Joduno,
das gute, muntere Mädchen, konnte mich nur reizen, weil ich von jener kam. Die
Welt spielte damals mit mir, und es war in mir eine unwillkürliche Erwiderung
dieses Spiels, dass ich mit Joduno auch spielte. Sie war die erste, in der die
Welt vor mich trat, und so kindisch, so zum Spielen geneigt. Mein Umgang mit ihr
verschwindet in seinen Ursprung, in ein undeutliches Gefühl, das über meinem
Herzen wie der Hauch auf dem Spiegel lag. Die seltsamen Zauberspiele Mollys und
alle ihre Rätsel schliefen einen künstlichen Schlaf in mir, und meine ganze
Aussicht war in einen düsteren, undurchdringlichen magischen Mantel gehüllt.
 
                         Lady Hodefield an Werdo Senne
Friede und Ruhe mit Ihnen, treuer, einziger Freund. Ihr Brief hat mich in einer
der wichtigeren Minuten meines Lebens sanft überrascht; er ist wie ein sanfter
Schlaf lösend über meinen Rausch, wie ein winkender bedeutender Traum über den
Zweifel meiner Handlung herabgesunken. Ich habe zweimal der eisernen
Notwendigkeit den süssesten Genuss geopfert. Die Versuchung, der Zeit einen Possen
zu spielen, und selbst mit unendlicher Wollust aufzudecken, was sie in ihrer
stillen, folgenden Gesetzlichkeit entwicklen wird, war für ein tollkühnes Weib
wie ich nicht klein; so nannten Sie mich einst, aber ich darf es ja nicht mehr
sein. Nur die Blüte darf üppig wagen, darf der Frucht wie ein jauchzender Bote
vorausgehen, und ich darf nichts, gar nichts mehr, das ist alles vorbei, die
Zeit bereitet mir nun meine Freuden, damit ich hübsch genügsam sei. Ich habe
sonst zuviel genossen, nun ist die Zeit da, dass ich den Genuss andrer genug ehre,
um ihn nicht zu stören. Und diese Macht danke ich Ihnen allein; Sie lehrten
mich, dass die meisten Unfälle Folgen unserer Voreiligkeit sind, mit der wir der
Zeit in ihrer Konsequenz vorgreifen. Ich war in dem Kampfe gegen meine
schimmerndsten Gelüsten ermüdet; auf meinem Sopha hingestreckt, blickte ich
nicht ohne Neid nach dem Besiegten. Das Bild der Freude, die ich von mir in die
Ferne gewiesen hatte, stand flehend und drohend vor mir, ich war so allein, so
empfänglich, die Freude so reizend in ihrem Schmerz und Unwillen; »ich komme
nicht wieder«, sprach sie, und schien mich zu dem zudringlichsten Besuch der
verwegensten Reue zubereiten zu wollen, falscher Stolz, falsche Scham, waren
ihre Vorwürfe. Doppelt einsam, indem ich die Gesellschaft des einzigen, der
ausser Ihnen Ansprüche auf meine Liebe hat, von mir gewiesen hatte, war ich, als
ich Ihren Brief erhielt. Sie sind ganz gegenwärtig in ihm für mich, obschon Sie
schon leise dem Leben drinne entschweben, denn ich kann Ihnen nachsehen. Alle
meine Leidenschaften, alle meine Wünsche haben sie nun wieder zu jenem
anspruchslosen Frieden gebracht, in den Sie sich Ihren Gram und so freundlich
mir meine Schuld zu verschleiern wissen. -
    Ich habe Karln gesehen - ich wusste nicht, dass er es war, und doch bewies die
Natur ihre geheime Macht, unwiderstehlich zogen mich ihre Bande zu ihm hin,
obgleich Zeit und Ferne sie versteckt hatten. Ich fühlte, dass er mir angehört,
der geistvolle schöne Sohn, auch er war im Innersten seines Herzens gerührt, und
neigte sich gewaltsam zu mir hin, ohne es erklären zu können. Ich erkannte ihn
durch die Erzählung seines Aufentalts bei Godwi und seines Geschäfts. Ich
erkannte ihn in der Trennung, und es war die höchste Wonne und der bitterste
Schmerz in die nämliche Minute gelegt. Nur die Überraschung und die Menge der
Menschen um uns machten mir es möglich, den sanft von meinen Blicken
zurückzuweisen, den ich in meinem Herzen trage, und den ich umso fester in meine
Arme schliessen mochte, da ich ihn als einen edlen ausgebildeten Menschen
wiedersah. Ach ich war nicht standhaft, die Entdeckung zu verhindern, es war
blosser Zufall, dass ich mich und sie nicht verriet!
    Alles was Sie mir überhaupt von Eusebio und insbesondere von seiner
Krankheit schrieben, scheint mir ebenso richtig, als Ihre Bescheidenheit falsch.
Sie wollen gar nichts von dem wenigen, womit ich Ihnen Ihre Existenz
erleichtere, verdient haben, und ich soll Ihre ewige Schuldnerin bleiben.
    Die Trauer Eusebios ist mir sehr verständlich. Wäre er unter dem glücklichen
Himmel seines Vaterlandes, wo sein Herz und der Himmel in einem Gleichgewichte
der Glut ständen, so würde er froh sein. Er erwacht vor der Zeit, weil seine
Umgebung auf seine Anlage einen zu grossen Reiz ausübt. Obschon er keinen Druck
und keine Geschichte zu bedenken hat, so kann er dennoch nicht mehr Kind sein.
Das Missverhältnis seines Temperaments zu seinem Leben, und zum Lande, in dem er
lebt, zwingt ihn zu reflektieren; da er nun keinen bestimmten Gegenstand haben
kann, so entsteht aus seiner Reflexion über das blosse Bedürfnis die Sehnsucht in
ihm. Er schmerzt mich; wehe dem, der kein Kind sein konnte, er kann nicht
Jüngling, nicht Mann werden - die Jahreszeiten fliessen ihm in eines zusammen in
seinem Verlangen - und bedarf in jedem Genusse jeden andern. Eusebio hätte noch
lange Knospe sein müssen, an der der Tautropfen und die Träne hinabrollt, nun
hat sich sein Busen erschlossen, und die Träne liegt still in seiner Kindheit,
ein Bote innerer Trauer für sein ganzes Leben. Die Aussenwelt hat ihn nicht auf
der Stufe, die er einnimmt, gefesselt, es spielte kein Kind mit ihm, und so
treibt ihn seine innere Glut aufwärts, die ihn hätte ausbreiten sollen. Ich
fühle deutlich seine Zukunft, er wird nie die Formen kennen lernen, in denen er
lebt, nur in den zusammengesetztern, reichern länger verweilen, jedem halben
Tone wird er entgehen, und leicht viele Stufen des Lebens übereilen. Das
Verlangen ist früher und begehrender in ihm ausgebildet, als er sich die Welt
gewürdiget hat, er öffnet die Arme mit Sehnsucht, und nimmer kann er mehr
umarmen als sich selbst; so entsteht bei immer neuen Versuchen und einem steten
Zurückkehren ohne Erfolg diese entsagende Trauer in ihm.
    Sein heftiges Begehren nach mir erklärt sich leicht hieraus. Wenn er mit
seiner mächtigen frühreifen Phantasie den kleinen spärlichen Kreis seiner
Erfahrungen durchläuft, so ist ihm sein Aufentalt bei mir der reichhaltigste
Punkt. Das Einfache reizt ihn nicht mehr, weil es zu innig und zu schmerzlich
mit ihm verwebt ist. Schmerzlich sage ich, weil er an ihm ermüdet ist. Je
einfacher das Leben eines phantastischen Gemüts ist, je drückender wird ihm
seine Umgebung; seine Anlage zu erfinden wird vielfältiger gereizt, und weil die
Sache, an der er bildet, ihm nie entgegenkömmt, sondern er ewig an seinem
Zusatze zusetzen muss, um weiterzukommen, ermüdet er eher. Um eine grade Linie
können mehrere Wellenlinien gezogen werden als um die Wellenlinie. Eusebio hat
sich sein Dasein schon so sehr mit den Gewinden seiner Phantasie umschlungen,
dass er die einfache Linie nicht mehr kennt, und gleichsam in den
selbstgesponnenen Netzen seiner Einbildungskraft gefangen liegt.
    Ich würde schon zu Ihnen und dem kleinen Insassen meines Herzens gekommen
sein, wenn ich Godwi, Ihren Gast, nicht vermeiden müsste, denn wir sind uns beide
gleich gefährlich.
    Sie haben mich gelehrt, meine Handlungen nach allgemeinen Gesetzen um der
Ruhe und Gesetze willen zu beschränken, ohne deswegen meine Art zu fühlen,
welche die Eigentümlichkeit meines Zusammenhangs mit der Natur bestimmt, zu
erdrücken - und auch ohne dies ist es mir nie möglich gewesen, mich wie eine
Bürgerin in die freie Welt hinein zu heucheln, das Gepräge meiner Seele ist zu
tief, es konnte nicht erlöschen, und ich bin schon insoweit vor der Verfolgung
der Bürgertugend geschützt, als man von mir, als einer reichen Engländerin,
sonderbare Streiche prätendiert. Doch dies hat mich nicht bestimmt, Godwin zu
lieben, nicht, ihn von mir zu weisen. Ich habe das erste gemusst und das zweite
gewollt. Er ist einer der wenigen, die, bei grosser Macht in sich, dennoch nichts
von ihrer Kraft entbehren können, weil ihnen ein ebenso grosses Leben
entgegenliegt. Das Leben liegt vor solchen Menschen wie ein erzhaltiges Gebirg,
sie müssen hindurch, und alles gewinnen, aber die Kunst des Bergmanns und des
Scheidekünstlers ist ihnen versagt, sie müssen die Strahlen des Lebens in dem
Brennpunkte ihres Herzens vereinigen, um, eine einzige Glut vor sich herwerfend,
sich eine Bahn durch die Goldadern zu glühen, wo andre mit tausend
Hammerschlägen sich kaum den Schacht eines Grabes erarbeiten zwischen
emporgeworfenem Schutte, der Pyramide ihrer Endlichkeit. Hier im Lande klettern
die Kinder an diesem Denkmale des Vaters in die Höhe, um sich in der Kunst des
Sturmlaufens im Dienste des Vaterlandes zu üben.
    Ich habe ihn von mir gedrängt aus Liebe zu ihm. Er ist zu sehr für das
Ganze, und mit zuviel Kraft ausgerüstet, als dass ich ihn hätte unterstützen
dürfen, sich im Einzelnsten, in mir zu verlieren. Er ist nicht für mich gewesen;
wo hätte ihn sein Engel besser hinführen können als in Ihre Arme, wo alle meine
Unruhen entschlummert sind?
    Lieben sie Ihren Gast, wie Abraham den Engel liebte, der ihm verkündigte,
dass ihm ein Sohn auf der Schwelle des Lebens stehe.
    O ich bin sehr stark geworden, ich werde der Zeit nicht vorgreifen, auch
nicht für Sie. Es wäre zuviel, wenn ich vor Ihnen entwickelte, was ich ahnde,
beinah versichert bin. Die lose entwurzelte Eiche würde mit allen den einsamen
Reben, die sich innig an ihr hinaufschlingen, hinabstürzen über den Berg
Getsemane ihres Lebens, und von neuem in den Gräbern ihrer Freude wurzeln. Ich
glaube fast ganz, dass die Ahndungen Ihrer Freuden eintreffen werden, aber dann
werden Sie nicht vor Freuden sterben, Sie werden leben und Jahre mit unendlich
tiefen Stunden.
    Gross und reichlich ist der Tisch des Herrn, und jeglicher hat seinen
freudigen Wein neben sich stehen, und wie er trinkt, so geniesst er. Später,
früher und zu früh ergreifen die Gäste den Becher. Viele nippen sparsam vom
Rande, und wahrlich ihre Höflichkeit ist dem Wirte und seinem Reichtum ein
Schimpf, scheinen sie doch aus der Provinz, aus irgend einer Marktflecken-Welt
des Universums hier zu Tische, und wollen fast genötigt sein. Dies sind die
determiniertesten Herren, in jedem Augenblicke bereit und geschickt, nach einer
kurzen kräftigen Rede für die Tugend auf der Henkerbühne zu sterben, und träfe
jeden seine Geschichte nach seiner Anlage, so wären diese Leutchen ein
ausgesuchtes Chor von Revolutionsopfern, und an ihnen allein würden alle Exempel
statuiert. Sie treten mit beiden Füssen auf dem Laster herum, und tragen auch die
haltbarste Moral so ab, dass man die Fäden zählen kann. Ohne allen Begriff für
eine edle Natur, kämpfen sie sich an der Tugend zu Tode. Ihre Herzensgüte sieht
ihnen zu den Augen heraus, wie ein fauler Hausherr, der immer in der Schlafmütze
am Fenster liegt. Andere Gäste fassen zu derb zu, sie leeren den Kelch zu
schnell, und trinken sich krank in Gesundheiten, übersättigt sitzen sie am
Mahle, wie ein nüchternes Übelbefinden nach einem tollkühnen Rausche; es sind
genialische Renommisten, Sklaven der Freigeisterei, und meistens Parvenus im
Leben. Sie wollten das Mahl begeistern, und fressen die Begeisterung, und viele
unter ihnen, die sich Philosophen nennen, haben keinen andern Wunsch, als ihren
eignen Magen zu verschlingen; sie gehen stolz in so weiten Schuhen, dass sie in
den Schuhen gehen, mit denen sie gehen; zu gar nichts können sie gelangen, weil
sie alles sind, ohne irgend etwas zu haben, und sollten nur sich selbst umarmen
lernen. Viele sitzen noch mit zu Tische, auch wohl welche, die den Spargel
verkehrt essen, oder witzige Devisen zum Munde führen, und so alle Arten. Doch
unten am Tische, wer hat die stillen Kinder vergessen, die Lieblinge des Wirtes,
die ruhig harren, und mit dem Vorwurfe des Unrechts das Mahl nicht stören
wollen, und seine Freude? Man gebe ihnen den wohlschmeckenden Kuchen, und den
süssen freundlichen Wein des Nachtisches, dass sie fröhlich von dannen gehen. Die
Gäste verlassen den Tisch, sie gehen nach Hause, oder werden nach Hause geführt,
so wie jeglicher getrunken hat. Wenige und auch Sie, freundlicher Greis, stehen
am Ausgange, sie haben das Ihrige nicht genossen, und teilen es fröhlich dem
Übermässigen und Unmässigen mit, dass jener nicht hungernd von dannen gehe, und
dieser nicht leer. - O! Ihre Freuden, Werdo, haben Sie sich selbst gepflanzt,
wie die Reben um Ihre Hütte. Sie haben sie auf einen Boden gepflanzt, den Sie
selbst erst urbar machten, Sie haben sie erzogen. Dankbar werden sie sich um
Ihre wankenden Kniee schmiegen, Sie werden Ihre zitternden Schritte nicht mehr
fühlen, wenn Sie durch diesen Frühling wandeln. Grüne blühende Lorbeern
schlingen sich durch die silbernen Locken des grössten Helden des Friedens, sanft
umschatten sie Ihren nackten Scheitel, und leise sinkt dann die Abendsonne Ihres
Lebens in das stille ruhige Meer befriedigter Hoffnung hinab.
    Doch wieder auf Ihren Gast zu kommen: wie gefällt er Ihnen, hat er Sie nicht
erheitert? Sprechen Sie mit ihm über mich; doch nicht eher, als Sie merken, dass
sein Umgang mit Tilien bedeutender wird, denn ich bin versichert, dass er sie
schon liebt, oder doch lieben wird. Sie werden ihn dann sehr überraschen, und
gewiss eine Seite ganz an ihm kennen lernen. Es ist schwer, diesen jungen
Menschen ganz zu beurteilen, denn sein ganzes Wesen wird durch Eindrücke
beherrscht, und der, welcher vor ihm steht, muss nur zu oft falsch über ihn
denken, wenn er ihn und nicht sich zu sehen glaubt. Nur das reinste und
einfachste Wesen, nur ein Weib ohne Träne und ohne Flitter wird ihn begreifen,
und lieben. Er ist der Spiegel der trübbarsten und beweglichsten Flut, und
nichts als ein Spiegel. Wie die Welt vor ihm liegt, so sieht sie ihm aus den
Augen, das grüne Blatt, das auf ihm schwimmt, ruht auf seinem eigenen Abbilde,
und der unendlich hohe Himmel, der auf ihn herniederblickt, sinkt seinem Bilde
entgegen, das aus seiner Tiefe heraufschwebt. Stehen Sie ruhig vor ihm, und Sie
werden sich selbst verschönert sehen, und fällt eine Träne in den Spiegel, so
werden Sie Ihr Bild in den Kreisen der Fläche zerrissen sehen. Er kann nur durch
Liebe, die heftigste, ruhigste Liebe, in der ihm die schönste Menschlichkeit
göttlich dünkt, ruhig und unendlich viel werden. -
    Ich bin während vierzehn Tagen mit ihm zusammen gewesen, und habe nicht mehr
getan als ihn geliebt und mich von ihm lieben lassen. Seine Schmeicheleien habe
ich sanft zurückgewiesen, seine Offenherzigkeit in schwachen Stunden ohne
Neugierde freundlich angehört, und mich mit den Schwingen seiner Hoffnungen
gefächelt, wenn die Glut seiner bilderreichen Phantasie mich erhitzte. -
    Vierzehn Tage habe ich ihm gestohlen, und meine weibliche Eitelkeit glaubte
ihm noch ein grosses Geschenk gemacht zu haben.
    Als ich einstens, unruhig über sein langes Aussenbleiben, abends nach Tische
mich an meinen Schreibtisch setzte, und in meinen älteren Papieren herumsuchte,
fand ich mich wieder in jenen Zauberstrudel von Eitelkeit und Torheit
zurückgezogen, aus dem Sie mich in England wie ein guter Geist herausführten.
Sie hatten damals alle meine Papiere in Päcktchen zusammen gebunden, und ich die
Überschrift gemacht. Ich habe heute aber erst bemerkt, dass auch Sie die
Päcktchen damals überschrieben haben. Nun fing ich an, meine und Ihre
Überschrift zu lesen:
    »Briefe voll wahrer Liebe, voll Uneigennützigkeit des Lords Wallmut, der
meine Gesinnungen und mein Herz schätzte.« Ihre Überschrift - »dessen
Bekanntschaft also jetzt von Ihnen erst gesucht werden sollte, weil Sie jetzt erst
den Entschluss fassen, ein Herz und Gesinnungen zu haben.«
    Ich schämte mich, und las weiter:
    »Bemerkungen über einzelne Tage in einem Umgange mit Lord Derby und
Chevalier Rosier, Beweise meiner innigen Freude über die untadelhafte Reinheit
und den Geschmack meines Umgangs mit diesen beiden reizenden Männern.« - »Freude
eines phantastischen Kindes über Schneeflocken, Seifenblasen und Tagtierchen,
denen man keine Minute stehlen darf, weil es ihre Jahrzehnde sind.« Wehe mir,
mein Freund bleibt lange aus! »Süsse Stunden des Trostes in meiner mühsamen
Arbeit, keine eitle Törin mehr zu sein, Resultate meines Umgangs mit Karl von
Felsen.« - »Sonnenfleckchen, Minutenlichter, die ich, mit dem Spiegel meiner
Toilette, einer Sonne und der Welt, die sie erwärmen sollte, gestohlen habe, um
sie durch die langweilige Nacht meiner Moralität hüpfen zu lassen.« -
    O! das war zuviel, lieber Werdo, müssen Sie mich noch einmal mit Ihrem
kalten Ernste beschämen - so tief hat die Torheit in mir gewurzelt, dass ihre
Narbe noch zeichnen muss. Karl von Felsen und Godwi, steht ihr nach Jahren noch
in der Parallele? Ich erwachte aus meinem Traum, tief rührte mich die
Enteiligung Ihres Angedenkens, ganze vierzehn Tage hatte ich Sie und Ihre
Lehren vergessen. - Ich konnte ihn nun kaum mehr erwarten, den Armen, den ich
betrogen hatte, und so sehr beschämend mir es war, ihn mit solcher Sehnsucht
erwartet zu haben, so süss war mir es jetzt, die Minuten zu zählen, bis ich
seinen leisen Tritt vernehmen würde.
    Es ist eine sonderbare Empfindung, in der nämlichen Handlung rückwärts Reue
und vorwärts Freude zu empfinden.
    Ich gab mir alle Mühe, mich bei meinem guten Vorsatze fest zu erhalten, ich
verliess meine Stube, die nur zu viele Bequemlichkeiten zur Liebe hat, seufzend
blickte ich nach dem wunderheimlichen Sopha, der Wiege so mancher süssen
Annäherung, trat in die Bibliotek, verhüllte meinen Busen, damit mein Herz
nicht zutage liege, setzte mich auf einen unbequemen Stuhl, und legte das letzte
Päcktchen Briefe vor mich auf den kalten Marmortisch. Es war Nacht geworden, ich
sah auf die Bildsäule der Pallas, der ernste spröde Umriss der Hohen stach
schwarz von der letzten Dämmrung des Tages ab, und ich hatte mich schon so
ziemlich mit der Idee beruhigt, dass ich auch so eine Pallas wäre. Der leise
Schritt meines Freundes gleitete durch den Hof, er trillerte ein italienisches
Liedchen, und ich erwachte aus meiner Metamorphose. Einen grossen Sprung mussten
meine Gedanken machen, wie Sie wohl meinen, um ihn zu erreichen? - O der
Schwachheit! nein, nicht einen Schritt, ich hatte die ganze Zeit an seine
liebenswürdige Gestalt, sein süsses Geschwätze gedacht, und recht mitleidig
überlegt, ob ich dem armen Jungen denn gar nichts erlauben sollte.
    Ich hatte alles vergessen, Sie und mich - der Kuss, den er mir raubte, hatte
den ganzen stolzen Tempel meiner Weisheit zusammengestürzt. Der Kontrast war so
gross, dass er mich stärkte. Ich nahm alle meine Gewalt zusammen, und bat ihn,
gleich den andern Tag wegzureisen. Er kniete vor mir, und bat auch; nun musste
ich befehlen, und er reiste.
    Ich weiss nicht, wie ich es anfing, dass er mich nicht verstand. O er hätte
ohne vielen Scharfsinn bemerken können, dass mir mein Befehl soviel Mühe kostete
als einem jungen Fürsten sein erstes Todesurteil. Ich bemerkte sehr deutlich an
seinem stummen Erstaunen, dass er von mir so etwas gar nicht erwartet hätte. Er
konnte mich nicht begreifen und meine Kälte an diesem Abende noch weniger zu
seiner grössern Kühnheit passen. Mit einem rührenden Ernste fragte er mich: »Habe
ich Ihre Liebe verscherzt?« und ich antwortete ihm mit einer Lebhaftigkeit, die
mich zur Lügnerin und Heldin machte: »Nein, ich habe sie Ihnen genommen.« Er
verliess die Stube.
    - Er wohnte in meinem Hause, das hätte ich früher schreiben sollen, und
warum ich es so spät als möglich sagte, ist, weil ich die Falten auf Ihrer
Stirne fürchtete. Ich will mich nicht entschuldigen, er ist bei Ihnen, Sie
werden den Reiz und die Empfänglichkeit, die Mässigkeit und die Entsagung gerecht
zusammenstellen.
    
    Er war nach seiner Stube gegangen, es war zehn Uhr, und ich bemerkte, dass
ich zu lange ohne Licht mit ihm zusammen gewesen war. Und war dies nicht noch
mein Glück? Hätte ich ihn gesehen, hätte ich gesehen, wie alles an ihm Bitte,
mächtiges Bitten gewesen, o ich hätte ihm nicht widerstanden.
    Wer ist der grosse Mensch? der auftreten kann und sagen: »Ich habe eine
Handlung mit meiner Kraft vollendet, die mir Mühe und Überwindung kostete. Ich
habe alle meine Leidenschaften bekämpft, und habe mir den süssesten Genuss
geraubt, der sich mir aufdrang, kein Zufall hat mich begünstigt, der Zufall, die
Umstände waren meine Gegner, und doch habe ich gesiegt. Hier seht mein Auge, ich
habe es ausgerissen, um nicht zu sehen, was vor mir stand.«
    O du grosser Mensch, ich bin nicht im äussersten Grade mit dir verwandt. Und
du magst wohl einsam und allein ohne deinesgleichen in der Welt stehn, denn du
kannst alle entbehren und alle benutzen. Du bist kein Glied des Ganzen, und
unnütz. Unglücklich kannst du nicht sein; was soll dir denn deine Macht? Aber
gross kannst du allein sein. Wenn du Gutes tust, so tust du es frei und
unabhängig, selbst gegen deinen Genuss - Wo ist denn nun hier wieder das
Verdienst; ist es dir nicht leicht, nicht schmeichelhaft, so zu handeln, o wo
ist irgend ein Verdienst? Keine Grösse ohne Selbstüberwindung - auch du kannst
nicht fortdauernd gross sein, du bist es nur bis zur Tat, und diese tötet deinen
ganzen Ruhm - Wo soll ich sie denn finden, die Grösse? sie ist ja nie da.
    Ich sass so verlassen, so trostlos auf meiner Stube, ich wollte ihn bitten
lassen, wiederzukommen. Ich greife im Finstern nach der Klingel, die vor mir auf
dem Tische stand, und ergreife das Päcktchen Briefe. Ihre Aufschrift brannte mir
unter den Fingern, und ich hätte fast einen Schrei getan, wie der Geizhals, dem
ein Schalk im Gewande eines Geistes statt des versprochenen Hecketalers eine
glühende Münze in die Hand drückt. Ich klingelte, man brachte Licht, und ich
setzte mich nieder, an meinen unglücklichen Liebhaber zu schreiben.
    Ich schrieb, und las nachher meinen Brief, der mir ein Meisterstück von
Überwindung schien. Ich entdeckte ihm versteckt unsre Verwandtschaft,
rechtfertigte mein Betragen, bat ihn wegen meiner Liebe um Verzeihung,
schilderte ihm meine Gründe nochmals so dringend, als ich konnte, und sah am
Ende des Briefs wohl ein, dass ich ihn ihm nicht geben konnte, weil er unsern
Plan, meine Geschichte verborgen zu halten, augenblicklich zunichte gemacht
haben würde. Aber der schöne durchdachte Brief voll Selbstüberwindung sollte
umsonst geschrieben sein? - Nein - ich oder vielmehr meine Eitelkeit, (wenn man
uns trennen kann!) machten die Sache noch viel reizender.
    Die Liebe sagte mir: »Giebst du ihm den Brief, so musst du ihn nochmals
sehen, und dann ist dies keine Schwachheit, dann ist es Notwendigkeit;« aber die
kalte Vernunft drohte mit Ihrem Unwillen, lieber Werdo! - ich wollte einen
andern schreiben, da schlug es drei Uhr des Morgens, um sechs Uhr reist er ab,
es ist zu spät - ich sann, und eine alte etwas vernachlässigte Freundin benutzte
meine Verwirrung, sich wieder ihrer Rechte zu bemeistern, die Abenteuerlichkeit
mischte sich ins Spiel, sie entschied. Ich entschloss mich, in seine Stube zu
schleichen und den Brief in seine Brieftasche zu stecken. Die Adresse wurde
abgeändert in: »Ich bitte meinen lieben Freund, diesen Brief nicht eher zu
eröffnen, bis ich es ihm melde. Molly.«
    Ihn nochmals zu sehen, und das Heimliche bei der Sache, spannte meine
Neugierde bis zur Angst. Es war alles so stille, ich hörte mein Herz doppelt
schneller pochen, als das Pendul der Uhr. Die Zeit eilte in mir, und ausser mir
wollte es gar nicht vier Uhr werden.
    Ich schlich so leise, so bange mit meinem Briefe über den Hof nach dem
Gartenhause, wie Emma mit ihrem Eginhard durch den Schnee; wenn meine Diener
mich bemerkten - wie die Hähne schon krähen - die Rosse stampfen - es ist früh
und duftig - der Hofhund, o wenn er nur keine unzeitigen Anstalten zur
Wachsamkeit macht - so, nun bin ich vorüber. Seine Vorhänge sind noch
vorgezogen. Ich wurde von meiner Bangigkeit gleichsam schwebend die Treppe
hinaufgetragen, alles war mir so leicht und schwer, so nachgebend und
widerstrebend, so dumpf elastisch, wie die Handlungen im Traum. Ich trat vor die
Türe der Stube, zitterte, wankte hinein, und wollte, ohne mich nach ihm
umzusehen, wieder wegschleichen, wenn ich den Brief in die Brieftasche gesteckt
hätte, aber dabei blieb es nicht. Ich stand vor dem Schlafenden, und schämte
mich vor ihm, ich war hingewurzelt, er seufzte, meine Träne fiel auf seine
Wange, und mein leiser Kuss schwebte über den sanft geöffneten Lippen. Es war die
schwächste Minute meines Lebens, und nichts wollte mir den letzten kleinen Stoss
geben, dass ich hinab in die tollkühnste und süsseste Umarmung gesunken wäre. O
ich hätte weinen können vor Unwillen, dass die Schwäche so schwach ist, dass sie
mich nicht in seine Arme werfen konnte, und nicht zurück von der Stelle bewegen.
Wie ein Schwindelnder am Rande der Tiefe, der nimmer fällt und nimmer
zurückweicht, stand ich da. Nun krachte ein Stuhl, ich sehe um mich, der
Bediente sass auf dem Stuhle, er erwachte, rieb sich die Augen, öffnete sie etwas
unmässig, und grüsste mich etwas überlaut. Ich gab ihm Geld, und bat ihn zu
schweigen, wenigstens bis sein Herr weg sei. Ich weiss nicht, was ich nachher
dachte und tat, als ich wieder glücklich unten war; um zehn Uhr fand ich mich in
meinem Wagen, es regnete stark, und mein Kutscher bat mich, wieder nach Hause zu
fahren.
    Ich habe gesiegt, und dass ich so unwillig auf diesen Sieg bin, ist mir sein
Wert, es ist das Gefühl der Grösse meines Kampfs. Er ist weg, nicht ohne Tränen,
ich bin zurückgeblieben mit dem Bedürfnisse nach einem Menschen wie er. Der
Abschied war in der Dämmerung, und das ist mir Stärke gewesen. Hätte ich lesen
können, was in seinen Zügen geschrieben stand, ich hätte nicht widersprechen
können. Seine Gestalt zerrann in der Scheidestunde aller Gestalten, er schied in
der Dämmrung des Abends, und so ist ihm ein Übergang gewesen von meinem
deutlichen Besitze zum Vermissen. Ich schied in der Dämmerung des Morgens, und
nun scheint mir der leere Tag in die Augen. Ich bin nicht mehr zu bewegen, so
erregt bin ich, ich träume auf meinem Sopha, das ich so spröde abends verlassen
hatte, und das sich mit allen Erinnerungen bitter an mir rächt. Auf das eine
Kissen hat er mit Stecknadeln meinen und seinen Namen verschlungen gesteckt. Ich
mag mich gar nicht mehr ankleiden. Es verbreitet sich eine allgemeine
Nachlässigkeit über mich, und meine Umstände scheinen mir wie Grenzen, die ihren
Inhalt suchen, und sich ewig selbst durchkreuzen. Immer will sich noch kein
Genuss aus mir heraus über diese Welt verbreiten, das gewöhnliche Leben ist mir
wie ein ewiges Halbdunkel, es reizt zur Handlung und zerstört den Raum dazu.
Nacht! Nacht! du undurchdringliche, ewige, du liebende Geliebte, du Gipfel der
unendlichen Tiefe, du Ruhe der Vollendung. -
    Meine Liebe zu diesem Menschen war kunstlos, und mehr als die Kunst, denn
die Kunst kann mich nicht trösten. Allgemeine Träumereien über die Kunst sind
mir am zulänglichsten, ich bringe dann mit, was ihr fehlt zum Leben, die Liebe,
aber sie endigen sich leider meistens mit Sehnsucht nach ihm und sind der Weg
meiner Pflicht zu meiner Sünde. Wer mit einer solchen Tätigkeit in dem Herzen
der Natur liegen kann wie ich, dem genügen ihre einzelnen Sinne nicht, die in
das Leben wie winkende Denkmale hingestellt sind. Und was ist das Herz der Natur
anders als die Minute, wo sich die Arme umschlingen und alle Trennung ein
Einziges wird, und was ist die Umarmung der Liebe anders als der geistigste und
körperlichste Gedanke des Lebens, wo alles nur die Kraft wird, zu bilden, ohne
zu reflektieren, das Objektivste ohne Bewusstsein, das Kunstwerk der Genialität?
Wenn wir die Kunst nur kennen, so werden wir auch Künstler werden können -! Ja
es gibt auch gesunde Kinder der Ehe, aber die Kinder der Liebe sind
genialischer, und schöner, und fähiger.
    Ich will umarmt sein, indem ich mich selbst umarme. Ewig kehre ich an den
Ähnlichkeiten der sogenannten Kunst im Einzelnen zu jener Sehnsucht eines
Umgangs mit einem Höheren, wie an dem Anblick schöner Zerstörung in verflossne
Zeit der Jugend und Fülle des Werks, zurück. Dort scheint mir der Sinn des
Wortes zu liegen, das nur noch silbenweise um mich tönt, als wäre nur noch eine
Silbe der Zeit da, die es ausspricht. Das Element ist in dem ganzen Raume
verbreitet, aber tief unter den Bergen rauscht die kristallene Woge, in einsamen
Klüften dringt sie noch im Quelle rein aus dem Grabe der Jahrtausende. O ihr
werdet sie nimmer zwingen, in den häuslichen Brunnen zu dringen, ihr werdet sie
nicht durch die Fontainen eures Marktes künstlich dem Himmel entgegentreiben,
höchstens zum Schauspiele könntet ihr sie gebrauchen, wenn ihr sie leiten
könntet, denn das Geschlecht ist wahrlich zu krank, um das Reine zu ertragen.
    Mir steht die Musik, die Malerei und Bildnerei und die Poesie jetzt da wie
eine Relique des Ganzen, das die Liebe ist, und das mir auch die meinige immer
war. Ich habe das alles umfasst in Einem, der das alles im Einzelnen nicht war.
    Der Tempel ist über mir zusammengestürzt, und mein Gebet, das so frei und
unwillkürlich an dem Gewölbe der Kuppel sich in Worte ründete, durch die Räume
der erhabenen Säulenordnung in Takte zerklang und in ihren Kronen liebliche
Tonspiele umarmte, ist mit dem Echo zertrümmert. Am freien Himmel hallt es nicht
wider, und mein Dienst trauert wortlos und ewig in sich selbst zurückesinnend an
den schönen Trümmern, die alle zu Altären geworden sind. Soll ich Opfer bringen?
Ein Opfer ist keine Liebe, es müsste sich sonst selbst entzünden. O dieses
Nachsehen, und dieses Nachhallen!
    Wenn ich Musik mache, so ist mir jeder einzelne Teil so traurig wie ein
Brief an eine ferne vertraute Welt, die mich missversteht, weil sie den Takt
meines Herzens, meinen Blick, das Bild des Vorgetragenen in meiner Phantasie,
die Schwäche der Maschine und die Tyrannei des Hebels nicht sieht, den mein
Körper so ungeschickt zwischen mich und meine Äusserung hinlegt; und doch ist
dieses Stammeln, dieser Kampf zwischen Wollen und Können ein Muss, dem der Vorzug
einzelner Töne vor einer weiten stillen Öde wenig Reiz gibt, denn der Starke
ist lieber tot, als er tändelt.
    Doch spiele ich, ich spielte anfangs fremde Erfindung. Das dauerte nicht
lange, es war mir, als schriebe ich an die ferne Welt, um an der
Unzulänglichkeit schuldlos zu sein, aus einem Briefbuche ab, und schämte mich.
Als mich mein Freund begleitete, fand ich in dem Einstimmen seiner Flöte in
meine Akkorde wenigstens das scheinbare freie Schaffen der Liebe zu ähnlichen
Gegengenüssen, wie das Schachspiel ein geistreiches Gespräch scheinen kann. Wer
seine Flötenuhr akkompagniert, oder mit sich selbst Schach spielen mag, der muss
mehr Kraft als Stoff haben, und das habe ich nicht. - Ich phantasierte, und
sprach mich ganz aus, aber bald hemmte mich die sonderbare Empfindung, ich würde
selbst ein wildes gestaltloses Lied, das ewig aus sich selbst ringt, und nie
wieder in sich zurückkehrt: dies war mir schrecklich, ich erschien mir wie eine
kalte Bildsäule, die in der fortstrebendsten Leidenschaft ewig ruht, ohne Ruhe
zu sein, und auch dies war fürchterlich. - Habe ich denn nichts, wenn man mir
nichts gibt, und bin ich denn nichts, wenn ich nicht durch die Augen eines
andern gesehen werde? Kein Genuss ohne Auswechselung; ich hatte gesungen, und
niemand hatte mich gehört. Der Ton, der nicht gehört wird, ist nicht da, ich
hörte mich nicht mehr, denn ich sang mich.
    Ich sang dann in öffentlichen Konzerten und berauschte mich in der
allgemeinen Stille. Es war keine Eitelkeit, es war das Gefühl, als breite ich
mich über alle aus, mit weiten tausendfachen Armen, indem ich mich aus mir
selbst in eine grosse Höhe verfolgte, und wenn ich mich in diesem Zustande in
einem Bilde aussprechen sollte, so war ich der Strahl eines Springbrunnens, der
aus der Mitte eines Bassins emporsteigt, sich in den Sonnenstrahlen spiegelt,
und wieder zurückfällt. Es freute mich, dass ich Reize genug besitze, mir selbst
alles geben zu wollen, und doch noch die Menge zu rühren. Da aber ihr Beifall im
Händeklatschen über mich herfiel, war der schöne Traum geweckt. Sie schienen mit
Gewalt aus sich herauspochen zu wollen, was ich in sie hineingesungen hatte. Die
Männer hatten allein geklatscht, ich verachte die Galanterie wie gemachte
Blumen, und will keinem mehr gefallen. Der scheinbare Umriss der Musik, sein
ewiger Wechsel, und dabei doch die Sklaverei gewisser Verwandtschaften, Fesseln,
denen man nie entgeht, und die, wegen ihres Spielraums, doch solchen Reiz der
Freiheit hinbieten, ihre bildlose Fülle, die ich zu tausend Bildern schaffen
kann, diese unerschöpfliche Menge, die nie das erreichen kann, dessen Teil sie
nur ist, alle Liebe und die meine, die ich doch so ganz umfasste, ängstigte mich
zuletzt, als hätte ich ein Spiel in Händen, das sich kühn über den Meister
erhebt und mit ihm selbst spielt, oder zu dem ich selbst würde.
    Ich bestehe selbst, und so im Kampfe, mit dem Ganzen eins zu sein, dass mir
nur das schnelle Umfassen des Ganzen mit einem Blicke ein Genuss werden kann. In
seinem Blicke sprach sich mir alles Licht, alle Farbe, alle Malerei meiner Welt
deutlich aus. Wenn er an meinem Arme im Garten auf und ab ging, waren mir die
Töne der Natur nicht mehr roher und ungebildeter als die Töne der Kunst. Er war
mir der Mittler; indem ich mich mit ihm verbunden fühlte, war in ihm alle Kunst,
ohne die Härte des Alleinstehens, leise aus der Natur weggeleitet, und so leise,
dass keine Verwunderung, keine Unerklärbarkeit mehr zwischen ihr und mir lag. Ich
war zum Selbstbewusstsein gekommen, dass ich vom Äussern und das Äussere von mir
unzertrennlich sei, und dass wir in einer freundlichen lebendigen Abhängigkeit
voneinander leben.
    Es ist mir nur immer, als hätten die Menschen, da die Liebe die Erde verliess
und mit dem süssesten, tätigsten Nichtstun, mit dem Bestehen durch aus sich
selbst würkende unendliche Kraft die schreckliche Mühe und die Maschinerie ohne
Perpetuum mobile abwechselte, als hätten damals die Menschen in schneller Eile
das Deutlichste und Reinste aus dem herrlichen Haushalte der Welt stückweise
errettet und in künstlichen Kisten und Kasten verschlossen. Das sind nun die
einzelnen Künste, deren Zusammenhang sie ängstlich zusammensuchen, und sie mit
den Resten des allmächtigen Verstandes zusammenkleben und beschreiben wollen.
Mir stehen sie jetzt nur da, wie ich Ihnen schon sagte, wie traurige Denksäulen
verlorner Göttlichkeit, die uns ewig winken; wir sollen hin zu jener Welt, die
vor uns geflohen ist, und die wir mit unendlicher Sehnsucht erwarten.
    Wir liegen halb aufgerichtet vor diesen göttlichen Aposteln, die in alle
Welt versandt sind, und werden von den göttlichen Trümmern eines Ganzen gerührt,
das wir selbst mitbildeten. Wir knieen vor der Reine unsrer eignen Schönheit in
weinender Rührung - und die beste Teorie der Kunst scheint mir immer
antiquarisch und unzuverlässig. Obschon es ein schönes Beginnen ist, die
göttlichen Trümmer mit Mühe zu ergänzen und zu erläutern, so bleibt mir doch der
Gedanke traurig, dass wir uns dann selbst mit zerlegen und zusammensetzen müssen,
um in unserm Einzelnen die wenigen Strahlen, die das Verlorne zurückgelassen
hat, aufzufinden, und so aus uns verderbten und verkehrten Wesen die entarteten
Gliedmassen herzustellen, die den Torso ergänzen sollen.
    Wenige Schöne sind mehr in der Welt, die durch Unwissenheit sich schuldlos
fühlen, die das Verlorne nicht suchen, weil sie es nicht vermissen, indem die
freie Liebe, die Mutter aller Kunst, in ihnen wohnt. Wie reine Wesen erblicken
sie den Spiegel, in dem sie sich spiegeln, und tragen aus der Welt mit ihrem
eignen Bilde die Welt in sich zurück. Sie durchströmt das Leben, das sie selbst
durchströmen, und das Schaffen, das sie mit dem Ganzen in sich aufnahmen,
schafft unwillkürlich wieder in ihnen. Wie alle mit der süssen Gewalt der
Geschlechtsliebe im Innern auf die rege Bahn treten, so treten nur wenige mit
der Allmacht der freien Liebe ins Leben. Denn das Schaffen liegt im
Geschaffenen. So wie die Materie aus ihrem allgemeinen Dasein in der
Geschlechtsliebe in die Vereinzlung und Ähnlichkeit des Liebenden tritt, so
spricht auch die freie Liebe den Geist, oder die Gotteit, in schönen
Kunstwerken aus, indem sie das Unendliche in die Form ihrer Ähnlichkeit trägt
und dieser Form ein Leben im Einzelnen gibt. Durch eben diese Vereinzlung
werden wir sonderbar gerührt, weil die Mannichfaltigkeit bis zur Unkenntlichkeit
in ihr gebunden ist, das Einzelne ungeheurer und seltsamer vor uns steht, und
wir erregt werden, indem wir das vor uns und mit uns leben sehen, worin und
wodurch wir leben. - Über ein schönes Kind kann ich mich ebenso sehr freuen als
über ein schönes Kunstwerk, weil diese zwei Arten sehr in mir zusammenhängen und
ich zu der ersten eine grössere Fähigkeit habe. Je mehr der einzelne Teil der
Göttlichkeit in dem Werke in sich selbst geründet ist, je weniger schmerzhaft
dem Blicke der Übergang von dem Alleinstehen des Einzelnen in die volle
Verbindung des Lebens ist, je schöner ist das Werk, je reiner, je vollkommner
ist ein Sinn hingestellt, ohne uns an das traurige Vermissen des Ganzen zu
mahnen.
    Die meisten Verbindungen der Künste zu einem Einzelnen werden mir daher
grässlich und erhalten etwas sonderbar Totes und Ekelhaftes. Masken und
Wachsfiguren können mir nie schön werden. Unsre Stümperei erscheint hier
verbunden mit unsrer Unwissenheit. Die Farbe darf nie mit der greiflichen toten
Form zusammenkommen, denn sie begleitet nur den Wechsel, indem sie sich selbst
nicht angehört, sondern dem Lichte. - Deswegen sind Augäpfel an der Bildsäule so
unerträglich. Denn eine Bildsäule soll nur die Oberfläche aussprechen, sie
erscheint mir wie ein umgekehrtes erdichtetes Leben, in dem die Seelenäusserung
von aussen nach innen geht. -
    Ich habe Ihnen geschrieben, wie es mir mit dem Singen erging, mit dem
Zeichnen und Malen wird es mir nie anders ergehen. Ja hätte ich das reizende
Bild in mir, das mich in süsser Bewunderung auflösen kann, bestimmt mit allen
seinen feinsten Umrissen, wie es in meinen Glauben, meine Liebe, in mich selbst
hinüberschwebt, ohne Grenze ewig und vollkommen, und könnte ich es fest, wie es
nur die Allmacht kann, auf eine Stelle hinbannen, ohne ängstlich die Linie an
die Linie, den Punkt an den Punkt zu reihen - o des Mechanismus im Lebendigsten!
- so würde ich malen. Wo ist der Künstler, der sich erreichte, und wer kann im
Staube nachbilden, was seine Seele ahndet? Die grossen angestaunten Bildner geben
mir nichts als das Gefühl ihres Übergewichts. Wir stehen in Staunen hingerissen
vor Bildern, die wir nicht begreifen können, wir schreiben dicke Bände über
Gefühle bei einzelnen Kunstwerken, die uns unerklärbar sind. Sein Gemälde, das
er in der Seele trug, hat der Künstler nur hingestümpert, und das Gemälde unsrer
Seele bei weitem übertroffen; ihm selbst wird kein reiner Genuss, denn es ist
unedel, im Gefühle des Schwächeren den Strahl seiner Stärke brechen zu lassen.
Darum muss man weit über mich erhaben sein, um in seinem stets misslungenen Werke
mein gelungenstes Ideal hinzustellen, und ich selbst kann mich also nicht damit
trösten. Ja es ist mir mehr Genuss, mich, durch den leisen schwimmenden Nebel der
Ahndung von meinem Geiste getragen, bescheiden dem grössten Bilde meiner
Phantasie zu nähern, als es schändend zum Spotte meiner Augen in
Handgreiflichkeit vor mein Erröten herabzuzerren. Übrigens ist in meinen Idealen
der Übergang, der Wechsel, die Beweglichkeit zu reissend, um sie je in den
stillen bildenden Künsten zu suchen; nicht der Blick, nein der Augenblick des
Blicks, ist meine Sehnsucht, nicht die Bildung der Glieder, nein der Tanz, reisst
mich fort.
    Wenn ich vortreffliche Kupferstiche oder Gemälde betrachte, überfällt mich
eine Bangigkeit, eine Unruhe, die oft in Schwermut übergeht, wenn gleich diese
Gemälde diese Empfindung nicht schildern. Ich glaube diesen Eindruck durch das
Gesagte hergeleitet zu haben.
    So ergeht es mir, lieber Freund, in den einzelnen Künsten; wie sollte es mir
besser gelingen in der Seele aller, in der Poesie? Bin ich doch selbst ein
Gedicht, und meine ganze Poesie. Aber ich lebe in einer Zeit, wo die schöne Form
verloren ging, und so fühle ich mich geängstet, und unglücklich, weil ich nicht
in meiner eigentlichen Gestalt lebe. Nimmer werde ich der Welt ein Lied
hingeben, denn sie gibt mir nichts hin. Die Gedichte der Natur, sie gehen
stille vor mir auf und nieder, und ich traure, wenn ich in das Morgenrot sehe,
und in das Abendrot, in den heissen treibenden Tag, und die tiefe volle Nacht.
Sie rühren mich, als träten sie vor mich und sagten flehend zu mir: O, gieb uns
eine Seele und ein Leben, dass wir deinesgleichen seien, dass wir mit dir sein
können und mit dir lieben. Ich stehe vor ihnen wie ein Spiegel, sie sehen in
mich und ich in sie, und sie sinken vor mir hinab, denn ich kann sie nicht
befestigen. Im Leben muss ich sie sehen, um sie freudig zu erblicken. Nichts kann
ich umarmen, denn mir ist die freie Liebe versagt. Zwischen mir und dem
Geliebten muss die Poesie stehen, die von mir selbst ausgeht. Wenn er mich
umarmt, und ich mich in ihm umfasse, so ist die Gestalt in mir und ihm, und ich
habe gedichtet.
    So wie mir das einzige Talent des Bildens in der Geschlechtsliebe liegt, so
ist wohl durch die Stummheit mancher Sänger verstummt, so wie der grösste Maler
blind, und der grösste Tonkünstler taub geblieben sein mag. Aber diesen letztern
bleibt ein Ausweg, die Poesie ist und bleibt die Seele ihres Drangs zu bilden,
und sie sind Maler, Sänger oder Tonkünstler geworden durch die grössere Macht
eines einzelnen Organs in ihnen. So kann denn aus den Gemälden des Blinden eine
Musik oder ein Gedicht werden, und aus der Musik des Tauben ein Gemälde. - Nur
der Grösste und Gesundeste und Freudigste kann ein grosser Dichter werden, der
alles dichtet, denn wem die Macht der Ausübung und des Stoffs, das Leben und der
Genuss im vollen blühenden Gleichgewichte stehen, der wird und muss ein Dichter
werden.
    Menschen mit voller Lebensfähigkeit, und so auch ich, stehen immer im Kampfe
mit dem geregelten Leben. Sie sind bloss für das Dasein, und nicht für den Staat
gebildet. Schmerzhaft schlägt sie die bürgerliche Gesellschaft in das eiserne
Silbenmass der Tagesordnung, und sie kämpfen, und verderben, weil die Liebe in
ihr in das Handwerk des Ehestands gewaltsam eingezünftet ist. Häusliches Glück
und gesellige Freude trägt man ihnen auf, die nur weltliches Glück und Freude
des Universums erkennen. Viele, die frühe schon in diesem Kerker eingefangen
sind, ja die in ihm die Augen eröffnen, siechen mit ihrer grössern oder geringern
Anlage fort, oder brechen durch übergrossen Reiz einseitig hervor, und der
geringste muss wenigstens in einem Fieber, in einem Rausche, und oft schrecklich
im Wahnsinn, der ewigen Poesie ihren Tribut bezahlen. Solche heftige Reize sind
Einsamkeit, Freundeslosigkeit, und Eitelkeit. -
    Nimmer werde ich das wunderbare Mädchen vergessen, die ein junges Opfer des
Lebens fiel. Kordelia war innig an mich gefesselt, und glücklich, da ich noch
unfähiger meine Glut in unbestimmte Sehnsucht ergoss, und doch wendete ich mich
schon leise zur Sinnlichkeit, und konnte keine weite Aussicht ertragen. Sie war
eine Schottländerin, und ihren Eltern entflohen. Sie ward dem Prediger, der mich
erzog, zugeführt, man hatte sie bettelnd in den Strassen aufgefangen und meinem
Pflegevater überbracht. Sie sagte ihren Namen nie, so sehr man sich darum
bemühte, denn sie fürchtete sich, zurückgebracht zu werden. Nach dem Tode meines
Pflegevaters, der bald darauf erfolgte, blieb sie bei mir, und war enge mit mir
verbunden. Sie arbeitete nie, ja sie hatte einen seltsamen Abscheu vor der
Arbeit, was sie auch bewogen hatte, ihre Eltern zu verlassen, für die sie nicht
ohne Zärtlichkeit war; aber auch diese Liebe war ihren Eltern nicht begreiflich
gewesen, wie ihr Abscheu vor der Arbeit, wegen dem sie von ihnen öfters hart
behandelt worden war. Ich fand sie einstens abends im Garten auf dem Angesichte
liegen, und erschrak, weil ich glaubte, es müsse ihr etwas zugestossen sein. Ich
rief sie, da sprang sie auf, nahm mich bei der Hand, und lief mit mir den Garten
hinaus, nach unsrer Wohnstube. Ich war heftig erschrocken, und da ich sie
dringend bat, mir die Ursache ihres Zustandes zu erklären, sagte sie mir: »Sieh,
ich sass im Garten, und sah die Abendsonne, ich war froh und glücklich, denn es
war alles schön; aber plötzlich zerriss sich der Himmel, und es war alles noch
herrlicher, und immer anders, und wieder und wieder, da konnte ich es nicht
allein ansehen, es war zu viel und zu schnell. Mir fiel ein, dass meine Mutter
einstens sagte, wie der Abend so schön sei, und mir die Tränen dabei in die
Augen traten, weil ich nicht draussen am Walde sein könnte; da nahm mich meine
Mutter hinaus in den Wald, setzte sich zu mir, und ich liebte sie unendlich,
aber sie lief wieder zurück an die Arbeit, und war traurig, dass sie nicht
dableiben durfte. Wie ich nun jetzt im Garten sass, und den schönen Wechsel der
Farben ansah, fühlte ich, dass meine Mutter jetzt an der Arbeit sitze, und dies
nicht sehe, und dies nicht; so warf ich mich denn auf das Angesicht, um es auch
nicht zu sehen, denn es zerriss mir das Herz, dass die Farben so schnelle
verschwanden, und nicht warteten, bis wohl die Arbeit meiner Mutter vorüber
sei.«
    So war ihre Liebe, die Vorstellung des Todes war ihr nur fürchterlich,
insofern sie fürchtete, die Sonne nicht wieder zu finden, und den Mond; ob ein
andrer stürbe oder lebte, das rührte sie wenig. Nie waren wohl verschiednere
Menschen verbunden als wir beide. Zwischen ihr und der toten Natur war kein
Mittler nötig, so wie ich kein Interesse für die tote Natur habe, wenn sie sich
mir nicht im Auge eines andern reflektiert. Der Abend- oder Morgenschimmer an
den Bergen bestimmte ihre ganze Glückseligkeit. Jeder schöne Morgen war ihr ein
freudiges Geburtsfest, jeder Tag ein glücklicher oder unglücklicher Freund, und
jeder Abend ein Tod. Sie stiftete einzelnen Tagen, die ihr besonders lieb
gewesen waren, Denkmäler, indem sie einzelne Blumen pflanzte, oder mehrere in
eine bestimmte Ordnung stellte. An einem ähnlichen Tage erinnerte sie sich immer
des verflossenen, und lebte mit der Zeit und ihren Gliedern in einer wunderbaren
Verwandtschaft. Bei mondhellen Nächten war sie voll freudiger Wehmut, und sie
sass dann oft in einer wunderbaren Begeisterung im Garten. Sie nannte die Nacht
die entüllte Zukunft und Vorzeit, jeder Stern war ihr das Bild eines Tages in
weiter Entfernung, der vorbei sei oder komme, es ergriff sie dann eine heftige
Sehnsucht, und sie schien sich selbst nicht gegenwärtig; »ich eile nach und eile
entgegen«, so drückte sie ihren Zustand aus. Sie liebte am Tage, und betete in
der Nacht, dies war ihr Leben. Ich lehrte sie mit vieler Mühe schreiben, und sie
schrieb dann die Geschichte ihrer verstorbenen Freunde, der Tage, auf, schrieb
Briefe an sie, und dichtete im Winter elegisch. Sie entwickelte meine Anlage zur
Schwärmerei, aber meine Schwärmerei war die der Sinnlichkeit. Wenn sie in den
weiten Himmel sah, so berührte ich ängstlich, mit wunderbarem Entzücken, die
Blätter und Blumen der Pflanzen, ich sass oder lag immer in mich selbst
verschlungen im Garten, wenn wir solche Nächte zubrachten, und sie stand
aufrecht und frei, mit gehobenem Gesichte. So trennten wir uns im Innern schon
bestimmt, wie wir uns nachher ganz trennten. So wie ich geschlossne heimliche
Gegenden liebte, so war es ihr höchstes Entzücken, von Bergen oder Türmen weit
hinaus zu sehen. Auch hatte sie das Bedürfnis nicht, sich mir zu nähern, wenn
sie mit mir sprechen wollte; jede Entfernung, die die Stimme bequem erfüllen
konnte, war ihr schon hinlänglich und lieber als Annäherung, und jede Umarmung
war ihr unerträglich. Sie erschrak leicht, wenn sie von ungefähr meine Hand oder
irgend etwas Lebendes berührte, und war, bei einem hohen Grade von Schönheit,
mit wunderbar durchsichtigen Bewegungen und Mienen, das keuscheste Weib durch
Anlage. -
    Sie liebte mich, weil ich sie duldete, sonst empfand sie keine Neigung zu
mir, noch zu irgend einem andern Menschen. Als Godwi mich kennen lernte, als er
mir immer näher kam, und endlich am nächsten, war sie in ein kleines
Gartenhäuschen gezogen, und in der Nacht, in der ich Karln gebar, verschwand
sie. Vier Jahre nachher fand ich zufällig eine Sammlung von Gedichten in London,
die ich für die ihrigen erkannte. In der Vorrede fand ich die Anzeige der
Herausgeberin, dass die Verfasserin tot sei. Ich konnte nie erfahren, wer die
Herausgeberin war.
    Meine Freundin hatte in der Zeit, da ich meinen Weg von dem ihrigen trennte,
mehr gedichtet als gewöhnlich, und eines ihrer Lieder hat mich wunderbar
gerührt. Es ist mit dem Namen des Tags nach der Geburt Karls überschrieben, da
sie also schon geflohen war. Das Lied ist ein Quartett zwischen dem Monde, der
Sonne, der Nacht und einer geblendeten Nachtigall, die sich zu Tode singt, weil
sie die Stunden der Ruhe nicht mehr erkennen kann. So gehen ihre Lieder
allegorisch fort, und nähern sich zum Ende einem ganz eignen Sterben in sich
selbst; alles, was mit den Sinnen erkannt wird, schwindet mehr und mehr. So
klagt sie, dass der Mond immer dunkler werde, und die Sonne immer matter. Auch
ist ein Klagelied darunter, an die ewige Dämmerung, die schon mehrere Wochen
daure; dann ein Ruf an die fliehende Natur, die Bitte, nicht so schnell zu
fliehen, damit das Mädchen mitkönne; dann ein Lied an das Leben, das einzige, in
dem sie von Menschen spricht, und das letzte, die Wiedergeburt genannt. Sie
beschreibt in ihm, wie sie in die tote Natur zerrinnt, wie sie nun die Rolle
wechseln und so nach dem Leben schauen und das Lebendige besingen werde, wie sie
bis jetzt der toten Natur getan habe. -
    Wie wenig ich mich zur Dichterin schicke, beweist schon, dass ich immer auf
den Verfasser zurückkehre. Ich kann nicht lange auf dem Gedichte verweilen,
gleich überrasche ich mich auf dem Gedanken: »Welche Seele! die so dichtet«, und
nie habe ich die Schönheit des Werks, immer nur die Kraft und die Fülle des
Meisters geliebt. Die Dichtkunst ist mächtiger als Malerei; wie mir jene
Herabzerrung des Ideals ist, so ist mir diese Beflügelung desselben oder doch
wenigstens völliges Erreichen. In der Poesie übergebe ich das Werk sich selbst,
und die Macht, welche bildet, bildet sich selbst, denn das Werk ist in ihr die
ganze Kraft des Meisters. Ich habe in ihr mit der Phantasie begehrt, und erfülle
mit einer ebenso grossen Gewalt, mit der Phantasie. Die Bildung verhält sich in
ihr zum Ideal wie die Sprache zum Denken, in der Malerei aber wie die Farben,
die Gestalt zum Denken. Ich kann mein Ideal in mir in der gedrängtesten Gestalt
empfinden, und es in der Dichtung unendlich ausbreiten und entfalten, denn das
Wort hat Farbe und Ton, und beide haben Gestalt. So kann ich mit den Geistern
aller Sinne mein Gedicht allen Sinnen übergeben, da ich in der Malerei das ganze
weite vielgestaltete Bild auf die Macht des Auges beschränken muss, ich muss einen
Sinn zum Richter der unendlichen Phantasie machen, und mit den Farben die
Sprache erreichen wollen. - - Die Besinger sind den Malern so unähnlich als die
Sänger den Bemalern - der Dichter ist grösser als der Maler, denn der erste hat
mehr gedichtet als er malen konnte, der letztere aber kann nie malen, was er
dichtete. Zum Maler bin ich zu klein, welch Lied würde das werden?
    Alles dies hatte ich gedacht; und gefühlt, dass die Kunst mir nimmer die
Liebe ersetzen kann. Diese künstliche Kunst! So war ich, als ich meinen Sohn
fand - o könnte jeder, der einen Misston in der Liebe griff, sich auf diesen
Einklang retten. Diesen kann man mir nicht nehmen, nicht ich, nicht die Pflicht,
nicht der Überdruss. Er ist von mir, er ist mein wieder beginnendes Leben, und
wenn ich noch so viele Grundsätze zu befolgen habe, so kann dieser doch nie
wegräsonniert werden.
    Oft ist mirs sehr wunderbar zu Mute mit den Grundsätzen, ich kann sie dann
gar nicht begreifen, und möchte dann so ein halb Dutzend Grundsätze auf den Kopf
stellen, und sie umgekehrt befolgen, gar nicht aus Verachtung der Grundsätze,
nein - aus lauter Langeweile. Grundsätze? - das ist mir so gar schwerfällig, als
sollte ich eine Bastille aus Quadersteinen von Grundsätzen in mir erbauen, um
die Gelüsten darin einzusperren; ich sage die Gelüsten, denn wer kann die Tat
erwischen, wenn sie geboren ist? Erklärt sie vogelfrei, sie ist unendlich
geschwind, und fällt in die Anlage zur Handlung, wie ein Funke in das Pulver;
nimmer werdet ihr sie bändigen, denn sie ist das Leben.
    Godwi hat seinen Bedienten, der mich in meiner Morgens-Wallfahrt so
unangenehm störte, einem Landedelmann, der mit seinem Sohne hier auf dem
Landtage ist, überlassen, und von diesem Bedienten weiss ich, dass er bei Ihnen
ist.
    Der gute naive Landjunker, der aus Unerfahrenheit mit den Sitten der Stadt
einen Platz in meiner Loge nahm, erzählte mir viel von einem seltsamen Herrn
Baron Godwi, der bei ihm gewohnt habe, und ich erfuhr mit einigem Unwillen, dass
er mit der Schwester des Junkers recht vertraut gewesen sei, so dass es diesem
wie eine pur angelegte Sache vorgekommen ist, wie er sich in seiner Unschuld
ausdrückte.
    Nun so bin ich dann schon vergessen; oder ist er einer von den Mächtigen,
deren Leichtsinn Universalität, deren Treue Einseitigkeit, deren Langeweile
Tiefe, deren Schwärmerei Höhe ist? -
    Küssen Sie Ihre Otilie, danken Sie ihr für ihre Mühe an Eusebio.
    Sollte Godwi nicht auf diesen Kleinen wirken, und wie wird er es tun?
                                                                           Molly
 
                 Jost von Eichenwehen an seine Schwester Joduno
Der Papa, liebe Klaudia, hat viel zu viele Geschäfte, darum hat er mir befohlen,
zu schreiben, und siehst du, unter uns gesagt, es wäre auch ohne Geschäfte nicht
so recht seine Sache mit dem Schreiben.
    Man kann es ihm auch nicht verüblen, denn zu seiner Zeit gings noch nicht so
rasch mit der Kultur und der Aufklärung, wie es jetzt geht; da denn der Sohn den
Vater immer überschreiten muss. Es geht dir auch jetzt so höllisch geschwind, dass
man ordentlich recht auf seiner Hut sein muss, um seinen Vormann nicht übern
Haufen zu werfen. Mir brummt der Kopf vor lauter Bildung, und wenn ich mich
nicht fast allein auf die Taktik und Heraldik legte, so würde ich sicher vor
Eilen in der Aufklärung den Atem verlieren.
    Mit dem vierten Band vom Akazienbaum bin ich kaum fertig und habe noch viel
von der Pockennot, und besonders vom Runkelrüben-Zucker vor mir. Ich möchte des
Teufels werden, wenn ich denke, dass unsre Kühe so viel Zucker gefressen haben,
den wir hätten zu unserm Kaffee brauchen können, und so viele Blattern gehabt
haben, die wir hätten den Menschen inokulieren können. So geht es aber, wenn man
in seiner Kindheit fortlebt. Wenn ich nur wieder zurückkomme, da soll eine ganz
andere Bildung losgehen.
    Das Leben in der Residenz ist freilich ein ganz andres Savoir-vivre, da
herrscht dir ein Ton, der sich darf hören lassen, und du musst mirs verzeihen,
wenn ich manchmal in diesem Brief hie und da so etwas durchblitzen lasse, das
dir Kopfbrechens kostet; aber wenn man einmal in dem Strom der Aufklärung drinne
sitzt, so muss man immer weiter mit fort, und ich möchte mir noch so viel ennui
geben, ich kann mich nimmer auf meinen alten Stil und Schreibart besinnen.
    Ich habe aber auch die Ohren gespitzt, um alles recht zu erwischen, gieb
Achtung.
    Morgens um - - zehn Uhr stehen wir auf, dann wirft man sich in eine
Negligence und hat, man sagt aber nur so, nicht gut geschlafen. Dann geht man in
der Stube auf und ab, bis der Friseur kömmt. Da geht es dann gleich mit der
Bildung an, die schönen Wissenschaften nämlich, und zwar das Teater. Der
Friseur macht alle Perücken für die Schauspieler, und wickelt einen mit lauter
Komödienzetteln auf. Gestern hat er mich mit lauter Familienstücken gebrennt,
und jetzt habe ich den Gustav Wasa und Bayart von Kotzebue hinter den Ohren.
    Der Friseur sagt einem auch, was am stärksten gelesen wird, denn er sieht
das immer, wenn er die Leute frisiert, wo er recht schöne Stellen den Leuten
über die Schulter weg aus dem Buche liest und auswendig lernt. So hat er mir
auch gesagt, dass im Wallenstein recht schöne Stellen wären. So komme ich denn so
nebenbei zu den schönen Wissenschaften. Aber ich lese, wenn er mich frisiert,
gewiss so kein Buch mit schönen Stellen, weil ich bemerkt habe, dass einen der
Mensch dann rauft, und manchmal gar über den schönen Stellen dieser grossen Köpfe
an meinem kleinen eine Stelle sehr hässlich macht.
    Im Anfange wollte mir das lange Liegenbleiben des Morgens gar nicht recht
vonstatten gehen; ich hatte schon eine halbe Stunde lang die indianischen Blumen
auf meiner Bettdecke betrachtet, und alle die seltsamen Figuren auf der Tapete,
als ich es nicht mehr aushalten konnte. Ich machte mich also auf, und wollte mir
die Stadt ein bisschen besehn. Die Hunde nahm ich mit, und nun ging es hinaus.
    Keine Menschenseele war zu sehen, nur einigemal kam eine Hetze Soldaten,
guckten mich an, oder fragten mich aus. Auch bin ich in zwei grosse
Verlegenheiten gekommen. Du kennst meine Wissbegierde zu der Taktik, ich stellte
mich also an ein Schilderhaus und erzählte einem schönen grossen Grenadier, der
drinne stand, dass ich hier sei, um auch Soldat zu werden, und noch vieles
dergleichen. Der Kerl antwortete nicht, und da er, als ich ihm einen guten
Morgen bot, mit dem Kopfe nickte, so glaubte ich, dass er auf seinem Posten nicht
sprechen dürfe, und erzählte ihm immer wacker zu. Er stand im Häuschen drinne,
und ich hatte mich auch so halb hineingedrückt, weil es frisch war in der
Morgenluft. Gerade in meinem besten Erzählen da ruft es draussen: Rund! ich weiss
nicht, was das bedeutet, und ein paar Augenblicke darauf prügelt es derb in das
Häuschen herein. Das war dir eine schöne Geschichte, rühren konnte ich mich
nicht, und der Soldat war wie verrückt, er wusste gar nicht, wer ich war, und ich
hatte ihm doch alles erzählt. Endlich ging es an ein Examinieren, wie ich
hierherkomme, was ich mit der Schildwache vorhätte. Ich erzählte alles, aber da
war der Grenadier so undankbar, und schwur, dass ich ihn mit meinen Diskursen
eingeschläfert hätte. Wir konnten gar nicht auseinanderkommen, bis ein
Branntweinschenke seinen Laden aufmachte, und das Schild, das er eben
heraushängen wollte, unter dem Arme haltend, zu uns hintrat. Da nahm das Ding
gleich eine andre Wendung; der Unteroffizier schlug vor, die Sache bei dem Manne
auszumachen, und die ganze Gesellschaft trank meine Gesundheit bei dem
Branntweinschenken. Ich bezahlte die Zeche, und machte die Bemerkung, wie
äusserst wohltätig es im Staate ist, dass der Wehrstand und der Nährstand sich
einander unter die Arme greifen.
    Die zweite Verlegenheit war den andern Tag auch morgens ganz früh. Der Vater
hatte mir abends im Bette, wo er mir denn immer viele gute Lehren aus seinen
Erfahrungen über den Umgang mit Menschen gibt, vieles von Gefahr mit
Seelenverkäufern erzählt, die einen in grossen Städten wegnehmen, und einen zu
Matrosen machen. Das nahm ich mir besonders zu Herzen, denn ihrer Schlingen,
eine arme Seele zu fangen, sind unzählige.
    Ich ging wieder so früh hinaus, denn ein Mensch, der Soldat werden soll,
darf sich von nichts abschrecken lassen. Es war auf dem grossen Platz, wo die
vielen Bäume stehn, da ging ich auf und ab, und denke dir, was das für ein Wesen
mit den Frauenzimmern in dieser Stadt ist, eine ging schon da auf und ab
spazieren. Sie musste wohl melancholisch sein, denn sie sah gar verwirrt aus, und
tat mir leid. Endlich kam sie auf mich zu, und sagte gar freundlich, sie wünsche
bei mir zu deschönieren, sie sei gar wunderbar gestimmt, und ein wenig hungrig,
auch könne ich zu ihr kommen, neben ihr wohne ein Kaffeewirt, da könne ich die
Schokolade holen lassen. Ich verwunderte mich ein bisschen, und meine Hunde
beschniffelten sie. Sie hängte sich mir in den Arm und sagte, es sei ihr gar
heiss auf dem Herzen, deswegen öffnete sie das Halstuch ein wenig; dann sagte
sie: »Was das doch eine seltsame Krankheit ist, mein Herr, sehn Sie, die Hände
sind mir eiskalt«; da reichte sie mir die Hand, und drückte mir sie sehr heftig.
Ich konnte gar nicht begreifen, was das für Manieren seien, und fragte sie, wie
sie heisse? »Ich heisse Aurora«, erwiderte sie, »und erwarte meine Schwester am
Himmel.« Ich verstand, dass ihre Schwester gestorben und im Himmel sei, dass sie
es gar nicht mehr erwarten könne, zu ihr zu kommen, und darum fing ich an, sie
zu trösten. Aber sie guckte mich gross an, und meinte, ihre Schwester werde alle
Morgen geboren. Das machte mich nun ganz verwirrt, es ward mir angst und bange,
denn die musste keinen Vater noch Mutter mehr haben, und närrisch obendrein sein.
    »Sind Sie denn die ganze Nacht hier so spazieren gegangen«, fragte ich. -
    »Ach nein,« sagte sie, »ich komme soeben da aus dem grossen Hause, da war ich
heute nacht bei Freunden. Gehen Sie doch mit mir, kommen Sie geschwind, ich höre
Fusstritte, die Wache« - Da nahm das Mädchen plötzlich den Reissaus, und hinter
mir kamen Kerls mit langen Stangen, ich lief deswegen auch, so gut ich konnte,
denn es waren sicher Matrosenpresser mit Mastbäumen gewesen, und das Mädchen
vielleicht gar eine Schlinge von ihnen. Da ich nach Hause kam, lag der Papa noch
im Bette, und sagte mir ganz ruhig, es würden wohl ein Fill de Schoa und einige
Karson de Poliss gewesen sein, aber das macht nichts aus, ich weiss ja ebenso
wenig als vorher, was die im Sinne hatten.
    In die Komödie gehen wir alle Tage, und sind lustig oder traurig drinne, wie
es seiner Durchlaucht gefällig ist, was man leicht an Dero Schnupftuch oder
lautem Lachen merken kann. Manchmal ist man recht in Verlegenheit, wann Ihro
Durchlaucht der Fürst lacht und die Fürstin weint, was letztin der Fall war, da
muss man sich denn, so gut man kann, herausziehen. Mit der Komödie ging es noch
an, aber mit der Oper mag ich nichts mehr zu schaffen haben. Ich werde mein
Lebetag nicht vergessen, wie es mir da erging. Der Papa bekam ein Billet gratis
vom Hof, und sagte mir, ich möge nur der Schildwache ein paar Groschen geben,
die würde mich schon hereinwischen lassen; ja mit dem Hereinwischen, da kam dir
ohne Billet keine Katze herein.
    Der ersten Wache vorn auf dem Platze gab ich zwei Groschen, denn der Kerl
hatte doch Ehre im Leibe und begehrte nichts; dem an der ersten Türe gab ich
wieder etwas oder musste wohl, denn er begehrte recht derb, und je näher ich der
Musik kam, je gröber forderten die Kerls. Ich hatte mich schon einmal mit dem
Geben verstiegen, und musste immer weiter, endlich war die Musik ganz nah, da
zeigte mir der letzte ein Treppchen, da sollte ich hinabgehen und mich unten nur
immer rechts halten. Aber, ach Gott! was war das ein Elend da unten, es war, als
würde hier die ganze Welt erschaffen im Geigen und Donnern und Singen um mich,
dabei ganz stichdunkel, alle Augenblicke stiess ich mich an. Neben mir kam einer
mitsamt einem Stuhle niedergefahren, ich wusste über den unvermuteten Besuch mir
gar keinen Rat, und steuerte ruhig vorwärts der Musik nach, bis ich einen matten
Schimmer von oben herunter bemerkte. Da griff ich dann nochmals um mich, und
ergriff etwas, das sich wie ein paar Beine anfühlte, und bald war ich fest davon
überzeugt, denn sie fühlten sich auch so, indem sie mir ein paar Tritte in die
Rippen gaben, und eine Stimme, die herunterflüsterte: »Verdammte kleine Katze,
hat Sie denn nimmer Ruhe, Sie wird machen, dass ich falsch souffliere; warte Sie
nur, bis der Vorhang fällt, da wollen wir scherzen«, verstand ich auch nicht;
doch war er freundlich, langte mit der Hand herunter, und kneipte mir in die
Wangen. Ich steuerte endlich weiter und tappte immer mit den Händen voraus, bis
ich endlich den Ausweg fand. Ich war wieder auf einem Gange, die Musik ganz
nahe, sie spielten einen Marsch; ich mache die letzte Türe auf, und denke dir,
ich stand auf der Strasse, der Zapfenstreich zog vorüber, ich hätte fast
geglaubt, es wäre im Stücke, und bloss so natürlich vorgestellt, wenn nicht die
Kutschen vorübergerasselt wären. Da hatten die Schurken mich unterm Teater
weggeschickt, ich biss mir vor Bosheit die Lippen, und zog mit den Trommeln durch
die Stadt, bei denen geht es doch offenherzig zu.
    Du würdest mich gar nicht mehr kennen, wenn du mich sähest, so bin ich dir
zugestutzt, ein leibhaftiger Engländer und Franzose habe ich werden müssen, dem
Allart und dem Packan wird es heute auch so gehen, denen haue ich heute Schwanz
und Ohren ab. Alle dergleichen Tiere werden hier gestutzt, das kömmt vom
Kronprinzen, und der hiesige Sterngucker ist schon in einer grossen Verlegenheit,
wie er den Kometen, der sich jetzt sehen lässt, englisieren soll.
    Du hast dem Vater geschrieben, dass du nach B. willst. Ja, das ist nun so
eine Sache, die Verführung soll dort gross sein, ich habe es in der Kasette de
Kolong gelesen. Was mich hier oft ärgert, ist, dass fast alles französisch
spricht, und man dann kein Pipswörtchen versteht.
    Der Vater meint, dass es wohl nichts schaden könne, wenn du nach F. gingst,
weil du so allein zu Hause bist und leicht das Heimweh kriegen könntest; aber
ich meine, weil es dir nichts nutzt, da der Musje Godwi nicht weit von unserm
Schloss ist, und zu dir schleichen und dich mir nichts dir nichts verführen
könnte. Denn sieh, ein guter Freund von mir hier in der Stadt England, der
Kellner, sagt mir, in jetziger Zeit sei jedes Mädchen zu verführen, täten es die
Männer nicht, so täten es die Bücher. Mit dem Bücherlesen hast du nun schon
einen guten Grund gelegt, wenn nun der Fantast dazukäme, der ohnedies alle
Bücher von Anfang bis zu Ende gelesen hat, da könnten wir leicht einen
Schandfleck in die Familie kriegen.
    Nein! zu Hause kannst du platterdings nicht bleiben, du musst nach F. - Ich
kann dich nicht hinbringen, ich habe viel zu viel zu tun, teils mit meiner
Bildung, teils mit dem Militairwesen; dreimal ist Wachtparade in der Woche, und
die übrigen Tage wird geprügelt und Gassen gelaufen, da kann ich gar nicht
abkommen. Du kannst nur einen von deiner guten Freundin Brüdern verschreiben,
und ihn dem Amtmann vorstellen, der wird mir schon schreiben, wenn du mit ihm
fort bist, was es für ein Mensch war, und ob du mit ihm ohne Gefahr reisen
kannst.
    Der Godwi ist doch bekannt wie ein Pudelhund. - Letztin setzte ich mich zu
einer Dame in ihre Loge, und da mir die Komödie Mackbet nicht gefiel, fing ich
mit ihr an zu sprechen; der Teufel weiss, was das für eine Dame war, die musste
auch von einer schönen Bildung sein, alle die Hexen und Gespenster gefielen ihr,
und ich war schon zu Haus darüber hinaus, als ich mit dem Amtmanne das Buch
gegen den Aberglauben gelesen hatte. Ich fragte sie, wie sie nur an den
Vorurteilen Freude haben könne? Sie lächelte höhnisch, und sagte, es wären
tragische Motive, Gott weiss aber, was das für Dinger sein sollen; dann sah sie
immer wieder nach dem Teater, wo einer den Leuten mit schrecklichem Gebrülle
weismachen wollte, es marschiere ein Dolch vor seinen Augen in der Luft.
    Als ich ihr den Namen Godwi genannt hatte, ja da war ihr freilich alle das
Zeug nicht phantastisch genug, der Name allein war ihr viel toller. Sie liess gar
nicht mehr nach mit Fragen, was ich von ihm wisse; sie sagte auch, er wäre ein
sehr reizender Mensch, und da hatte sie freilich sehr recht; denn, bei meiner
Ehre, du weisst, alle Menschen sind mir lieb, aber wenn mich je einer reizte, so
war es dieser. Da ich ihr anvertraute, dass du in ihn verliebt seist, ward sie
ganz blass vor Unwillen und ganz still. Siehst du, liebe Klaudia, alle Leute
sagen es ja, dass er ein Abenteurer ist, es ist nicht meine Meinung allein. Ich
wollte recht gern, dass du einen braven gesunden Mann kriegtest, denn es ist ein
altes Sprüchelchen, und ein Sprichwort ein Wahrwort: Was macht die Frauen gesund
und aufgeräumt? Alle Jahre ein Kind und eine tüchtige Wirtschaft; dabei bleiben
sie gesund und ehrlich.
    Es ist kein Einfall von mir, liebe Klaudia, viele brave solide Leute denken
so. Du bist schon so mager und sehnsüchtig, um Gotteswillen, lass von diesem Wege
ab, sonst bist du ein armes verlornes Kind!
    Hier gibt es viele schöne Leute, besonders bei den Soldaten; da sind Kerls
bei, wie die Kerzen gerad, und fest wie Brandmauern; auch sind die Strassen sehr
hübsch gepflastert, und stehn gewaltig grosse Häuser in der Stadt, und viele
Industrie ist da, das sägt Holz auf den Strassen und klopft Röcke aus, man muss
fast die Ohren verstopfen.
    Gestern waren wir im grossen Irrgarten, wo mir besonders der grosse
Christoffel gefallen hat, der steht auf einem hohen Berge und guckt in die Welt
hinein, und aus seinen Augen gucken wieder Leute hinaus, denn sein Kopf ist hohl
und seine Augen sind ungeheure Schalusieladen. Er ist von eitel Kupfer, und wenn
man lauter Pfennige davon schlüge, könnte fast jeder Bettler einen im Lande
bekommen; das will was sagen! Da sind auch viele Statuen, aber sie sind alle in
steinerne Bettücher gehüllt, oder unverschämt nackigt, und haben keine Augäpfel,
was gegen alle Moralität und Natur ist. Wasser springt von allen Seiten, und man
kann gar nicht evitieren, etwas nass zu werden. Tabak darf darin nicht geraucht
werden, auch darf man keine Stecken schneiden.
    Der Papa lässt dich grüssen - es trommelt schon, mein Lebetag habe ich keinen
so langen Brief gesehen, du kannst daraus abnehmen, wie sehr ich dich liebe, und
dass ich es gut meine. Adieu, grüsse die alte Margarete, sage ihr, ich würde ihr
etwas mitbringen, und füttre den Star - der ich verbleibe bis ins Grab dein
                                                            Jost von Eichenwehen
                                  Postskriptum
Es ist hier auch ein grosser Lärm, weil der König hierher kömmt. Den ganzen Tag
werden die Strassen gefegt und Lampen geschmiedet zur Illumination vom grossen
Christoffel, es ist ein Gepimper in der Stadt, dass man die Uhren gar nicht hört;
wenn ich nur die Post nicht verhöre. Soeben werden Vivat von hölzernen Stangen
zur Illumination vorbeigetragen und allerlei poetische Sachen in Öl getränkt,
was sich sehr vortrefflich ausnehmen wird, wenn man die Lichter dahintersteckt.
    Auf die grosse Rewü freue ich mich recht, die Soldaten bekommen andre
Kamaschen dazu, und an jeder Seite einen Knopf weniger, damit die Kamaschen
nicht gar zu hoch kommen; auch sollen ihre Röcke verkürzt werden und ihre Gage
erhöht. Bei der Rewü da wird dir es einen rechten Staub geben, wenn sie die
entsetzlich vielen Beine bewegen, und das geht alles auf einen Wink, Links um!
da siehst du zwanzigtausend Haarzöpfe, einen wie den andern - Rechts um! da
siehst du zwanzigtausend Schnurrbärte, das geht alles, als kehrte sich die Welt
um. Ist das nicht schön? Und dabei der rasende Lärm mit Trommeln und Pfeifen.
Dann die Kavalerie, da ist der Mensch wie das Pferd, und das Pferd wie der
Mensch, alles wie es der Herr Kommandant will. Auch werden kleine Attacken
gemacht werden, Einhauen und dergleichen, aber alles zum Vergnügen, denn die
Potentaten stehen alle recht bequem zum Zusehen, und wenn ein gemeiner Soldat
vor Strapaz umfällt oder überritten wird, so schafft man ihn beiseite, damit es
nicht ekelhaft aussieht. Gott sei Dank, liebe Klaudia, dass ich in diesem Säkulo
geboren bin, wo solche erhabene Wissenschaften getrieben werden. Adieu.
 
                                 Godwi an Römer
Werden wir uns wiederkennen, Römer, da der Wechsel die Dinge nun ergriff und in
der Werkstätte des Lebens wir, andere Bilder, dastehen? Werden wir unsre Herzen
herausfinden aus diesen Falten augenblicklicher Stimmungen? und wann werden wir
ewig unveränderlich, nackt und vollkommen die schönste Vollendung unsrer
Eigentümlichkeit sein? wo kein äusseres Zeichen mehr unsre Ordnung bestimmt,
sondern wir selbst ein einziges, unteilbares Zeichen für unser höchstes Dasein
sind.
    Ich fand dich wieder in deinem zweiten Briefe, in dem dich das Leben so bunt
vermummt hatte. Ich kann dich auch so und vielleicht so noch mehr lieben,
obschon du die Narben vieler Abenteuer der äussern und innern romantischern Zeit
deiner Jugend trägst, und mir kein Einzelner mehr erscheinst.
    Wie ist dir? du Armer! Soll ich den aufrichten, der mich nicht aufrichten
konnte?
    Dein Urteil war in deinem ersten Briefe weiter als dein Leben, und dein
Geist richtete an der Wiege deiner Handlungen über die Sünden deiner
Männlichkeit. - Ich erkühne mich nicht, über diese Zufälle auszusprechen, denn
ich achte nicht die Gefahr, nein! nur die Süssigkeit des Lebens.
    Man soll mich nie eines Eingriffs zeihen in das stille feierliche Weben der
Liebe durch die Natur, womit sie uns dicht nebeneinander in die bunten
Farbenmelodieen des Lebens verschlingt.
    Nie habe ich den lächelnden Ernst und die kindische Feier dieses heiligen
Gewerkes mehr empfunden als jetzt. Auch mich hat die Liebe mit unendlich zarten
Armen umfangen, und an das warme lebendige Herz der Natur sanft herangezogen.
Ich stehe nicht mehr allein, trotzig und kühn die Welt zu beschauen, und ihren
tausendfachen Schritt, und das Begehren und Hingeben ihrer glühenden
Pulsschläge. Ich bin im Leben, o Freund, und wo? In seinen unschuldigsten
Blicken, in den freundlichsten Grübchen seiner Wangen, in der teilbarsten Fülle
seiner Lockenflut, und in seinen zartesten Träumen.
    Alle meine Pläne, alle meine Hoffnungen sind freiwillig losgetrennt von mir,
ich sah sie ruhig, mit wehmütigem Entzücken leise über mir hinwegschweben, wie
mächtige, leichte Luftbälle, als habe sie die in uns so traurig gefangene
Allgemeinheit des Lebens als ein Bild ihrer schönen verlornen Freiheit
erschaffen, das sich ungetreu von dem Künstler losreisst, um sein Urbild zu
suchen, als habe die sehnende Einsamkeit meiner Seele einen herrlichen Boten
ihres Verlangens in den unentdeckten Himmel gesandt. Aber Freund! es ist nur ein
freudiges herzerhebendes Schauspiel geworden für meine Liebe und mich; da ich
mit ihr den fliehenden Kugeln nachsah, drückte sie mich sanft in die Arme, und
mein Herz ward grösser, je kleiner die entwichenen aufwärtsschwebten. Sie waren
schon unkenntliche Punkte über mir, und die Welt unermesslich gross unter mir
geworden, als die Liebe zu mir sagte. »O hebe dein Haupt, Jüngling, sieh, wie
weit sind die Sterne und wie leuchtend, deine Pläne sind noch viel näher, und
wir sehen sie nicht mehr.«
    Alles ist mir entschwunden, dem ich sonst ein Spiel war. Die Welt ist von
mir gesprungen, wie eine Form, die nun ein reines Bild gebar, ach! ich werde es
nun nicht mehr beklagen, da ich nun so lieblich begrenzt bin. Das Leben ist hier
oben so mild widerstrebend, und ich fühle, dass ich am Busen der Natur in einer
elastischen Ruhe des Geniessens liege. Mein ganzes verflossenes Leben liegt in
ungestalten, farbenlosen Massen hinter mir. Das alles sollte ein ungeheurer
Tempel werden, und sank vor dem Himmelsbogen erbebend in den Willen eines Kindes
zusammen. Ich stehe an meinem vorigen Leben wie an einem Hügel unordentlich
gesammelter Steine, die eher zur Ruine wurden als zum Gebäude, und bin
zufrieden, wenn nur eine wilde einsame Blume an ihm aufblüht. Vor mir wird alles
so deutlich, so gross im kleinsten, und ein ewiger Spiegel. Kein Geist tritt auf,
den das Wort nicht reichlich, geschmeidig und durchsichtig bekleidet, kein
Vorsatz schreitet ruhmsüchtig mit eitlem Klange vor der bescheidenen Tat her,
ich finde mich in allem, und der Liebe.
    Ach wie braucht es doch so wenig, um zu vergessen, so wenig, unser Dasein
wenige Schritte vorher selbst zu übersehen. Gleichen die Menschen nicht Kindern,
die jedes Spielzeug mit Begierde umfassen, sich mit ihrem ganzen Verstande
darüber hinwerfen und heftig weinen, wenn es ihnen genommen wird? Doch schnell
erholen sie sich, und das neue, das man ihnen hingibt, ist das wahre, nun haben
sie's endlich gefunden, was sie wünschten. So wechseln sie immer, und endlich
löst sich das ganze Spiel von ihnen. Wir wissen nicht, was der liebe Bruder nun
vornimmt, wir kennen den Ort nicht, an den er geführt wird, und was er nun
erhalten wird, um die äussre Natur von sich zurückzudrängen, damit er nicht in
sie zerrinnt. Wir werfen das Spielzeug aus den Händen, und knieen um das Kleid
herum, das er trug, als er bei uns war, »wohin bist du? dass dies schöne Kleid
nicht der Mühe wert war«, und kühle Erde umfasst den engen Schrein, der seine
Hülle versteckt. Wir glauben, um den Toten zu weinen, aber wir weinen um den
Tod, wir empfinden den Schmerz, weil unsre Seele aufwärtsblickt, der Linie nach,
die unser Freund nach dem Ziele unsrer Bestimmung gezogen hat, und weil das
Leben uns gewaltsam zurückzieht. - Aber nimmer lernen sie, zu fühlen, dass selbst
der Tod nur eine solche Trauer des Kindes über das genommene Spiel ist. - Wir
sterben auch im Leben, nur sind die Übergänge sichtbarer, oder ganz unsichtbar,
und immer gebärt uns die Liebe wieder. Ich fühle, dass ich in einer andern Welt
bin, und ein Kind; wenige werden ja mehr als Kinder in der Liebe, und Kinder in
der Kunst; es sind die, welche für die Zurückgebliebenen schon Meister in beiden
scheinen.
    Sieh, Römer! ich habe alles vergessen, und wenn ich dich auch einmal
vergesse, so weine nicht, denke, dass dann noch ein Leben zwischen uns liegt.
Willst du mich aber übereilen, so will ich dir dasselbe tun; wohl uns, wenn wir
gleiche Schritte gehen, und ewig jeder neben dem Freunde.
    Fern liegt mir die vergangene Zeit, nur was mir damals in Dunkelheit gehüllt
bang vor den Augen schwankte, was mit der wundersüssen fremden milden Sprache der
Sehnsucht in tiefen Stunden neben mir erklang, was mit unendlicher Gewalt mich
in schwindelnde augenblickliche Höhe warf, steht jetzt hell, verständlich und mit
gleicher Stärke neben mir. Es waren damals kühne Minuten meiner Zukunft, die
sich in meine Gegenwart wagten, und jetzt wie bekannte Freunde neben mir stehen.
    Ich denke nie zurück, auch wenn ich etwas von dorter sehe, so ist es
Nordschein, oder Blitz, der die Jugend erleuchtet, und wahrlich, ich kann solche
Erinnerungen wehmütig anblicken, die wie verspätete Worte verstorbener Sprachen
um mich wandeln, und nur in den tiefern Narben meiner Wunden eine Heimat finden.
    Nur dann sind wir glücklich, wenn wir nicht wissen, wie wir es sind, wenn
wir geboren sind und Kinder. Wenn wir jeden Mechanismus eines Lebens ergründen
wollen, so sind wir zum Tode reif, und kennen wir ihn, so sind wir vorüber; denn
dann ist das Leben mit uns selbst zusammengeflossen, und ist nicht mehr, und
jedes heftige unwillkürliche Begehren in uns ist Sehnsucht nach dem Tode, wie
jede willkürliche Begierde die Meditation des Selbstmordes ist.
    Vollkommenes Gleichgewicht der Natur in uns und ausser uns, soviel Streben
als Erlangen, soviel Geben als Umfangen ist die Minute des Entzückens der Liebe,
und die tätigste, wo nicht vollendetste des Daseins. Wer je einen solchen Moment
in sich fühlt, der winde ihn sanft und rasch, mit Begeisterung, aus dem Gewirre
seiner Wünsche; denn dies ist sein Glück, seine Bestimmung und all sein Talent.
    So ist es mir geworden!
    Die Dämmerung lag zwischen dem Streben und der Vollendung, der glühende Tag,
im Feuer des Lichtes zu seiner eignen Gestalt geschmiedet, verglimmte in die
dunkle Nacht, in der unendlichen Zahl seiner Brüder unsichtbar untergehend. Ich
sass am Turme zu den Füssen Otiliens. Ihre Hand lag dicht neben der meinigen, und
ich schien mit dem Rande des Gewandes, das sie bedeckte, zu spielen, es war ein
solches Spiel des Lebens. Eusebio stand hinter ihr, und legte ihr die Haare in
Flechten. Ich empfand eine Kühnheit in mir, die schnell in eine grosse Ruhe
zerfloss, als habe mein erhöhtes Dasein meine Kühnheit wieder eingeholt. - Meine
Sehnsucht war durch die ihrige umarmt, und meine Hand lag in der ihrigen. - So
war ich aufgelöst in der Natur, die mich umgab, und in der ich nun alles umgab.
    Leise, wie ein Lied des Danks, zündete sich Eusebios Stimme am Monde an, der
seinen Blick über den Bergen öffnete, ich sah ihr Auge nicht glänzen, denn sie
blickte zu mir herab, ich fühlte den Puls in ihrer Hand, und die sanft
schimmernde Nacht wandelte um uns her. - Eusebio sang:
Sieh, dort kömmt der sanfte Freund gegangen,
Leise, um die Menschen nicht zu wecken;
Kleine Wölkchen küssen ihm die Wangen,
Und die schwarze Nacht muss sich verstecken.
Nur allein
Wer mit Pein
Liebt, den kühlet sein lieblicher Schein.
Freundlich küsset er die stillen Tränen
Von der Liebe schwermutsvollen Blicken,
Stillt im Busen alles bange Sehnen,
Alles Leiden weiss er zu erquicken.
Liebe eint,
Wenn erscheint
Ohnvermutet die Freundin dem Freund.
Auch mich kleinen Knaben siehst du gerne,
Kömmst mit deinen Strahlen recht geschwinde,
Mir zu leuchten aus der blauen Ferne,
Wenn ich Tiliens seidne Locken winde.
Zuzusehn,
Bis wir gehn,
Wenn die kühleren Nachtwinde wehn.
Als Eusebio die Worte sang:
Liebe eint,
Wenn erscheint
Ohnvermutet die Freundin dem Freund, -
fühlte ich, dass sich unsre Hände dichter verschlangen, und dass mein Dasein in
dieser Minute alle Wichtigkeiten meines Lebens aufwog.
    O Römer! es wohnt soviel Freude um uns und schmachtet unerkannt, aber wir
gehen stolz vorüber, und unser ungebärdiges Wesen macht die zarte Tochter des
Himmels so menschenscheu. In dem einklingenden Akkorde unsres äussern und innern
Lebens kömmt sie uns zu umarmen. Wenige Auserwählte nur erreichen das Rückkehren
einer selbstgeschaffenen schönen Welt der Kunst in sich, in die liebende lebende
Natur, und alle Klagenden konnten die Oktave höher nicht erreichen, und sind zu
stolz, aus den paar errungenen Tönen in das Echo des reinen Grundtons
zurückzukehren.
    Itzt sehe ich, dass mir der Stoff des Glückes fehlte, der stille einfache
Friede, in dem sich alle Sehnsucht beantwortet, wie die Welle im Teich. Alles
dieses hat mir die Liebe gegeben. Es ist mir ein reines kunstloses Weib
begegnet, und sie hat alle Hindernisse in mir gehoben, die sie nicht kannte, und
sie hat alle Krankheiten einer Welt in mir geheilt, die sie nicht kannte. Ist
der Tod nicht eine Genesung, und Liebe nicht der Tod? Es gibt eine allgemein
treffende Antwort, eine milde wahre Auflösung aller Rätsel der Kunst, in der
reinen Natur, und die Natur hat sie in die Liebe des reinsten Weibes gelegt. -
Wenn mich Tilie liebt, so habe ich keinen Wunsch, kein Begehren, keine
Geschichte mehr, ich bin aus dem Leben in die Natur getreten, und, guter Römer!
knie dann neben mein Andenken hin, stille deine Tränen, und sprich die wahren,
heiligen Worte: Er ruht sanft, ihm ist es besser als uns, wir müssen alle diesen
Weg, wohl uns! wohl dir!
 
                                 Godwi an Römer
Werdo, der Vater Tiliens, ist heiterer, seitdem ich hier bin. Tilie dankt es
mir, und nennt mich darum den Freund. Da ich sie zum erstenmal sprach, es war in
der Gesellschaft des Alten, waltete für mich eine seltsame Zauberei über ihrer
Rede. Sie sprach in weiten geisterischen Umrissen von der Welt, und ich fühlte,
indem sie mit einer hohen Teilnahme und vielem Geiste die Leiden und das Übel
der Gesellschaft vermutete, dass alles in der Welt recht sei, und wie es sein
könne.
    Unsre Wirklichkeiten wurden unter der zarten Bestimmung ihrer Phantasie zu
einer fremden freundlichen Poesie, so wie ihre Wirklichkeit unsre Poesie sein
könnte. Es ist mir, als sei der Genius der höchsten Kultur auch derselbe der
einfachsten Natur, und habe seinem Kinde die Sitten der Kinder der Gesellschaft
anvertraut, um sie durch die Darstellung jener Unzulänglichkeit für ihr eignes
Leben empfänglicher zu machen.
    Werdo, der mein Erstaunen über sein weissagendes Kind bemerkte, ergriff in
einer seiner traulicheren Stunden meine Hand, und sprach: »Mein Freund! du bist
mein Hausgenosse geworden, und freuen soll es mich, noch lange in stiller Liebe
so mit dir zu teilen. Ich schwieg bis jetzt, ich glaubte, dass auch dich das
Mitleid ekelhaft durchdringe, und alles müsste ich vor dir und deines Herzens
Vorwitz bang verhüllen. Doch freudig habe ich des Herzens stille Teilnahme
gefunden, vor der ich ohne Scheu, dass du in lautes Seufzen, in Verwundern, wie
kein Mensch es darf, verfielest, die lang entwohnte Offenheit ergiesse. Mein
Schmerz ist still, du hast ihn nie mit Klang und lauten Worten angeredet, so
liebt er dich und mag dich wohl in seiner Ruhe leiden. Das Leben, das ich sonst
um gar nichts fragte, es wollte mir auf alles Antwort geben, und tat es rauh mit
scharfen lauten Worten, so dass es mich hinausgedrängt. Itzt frag ich nichts, und
nichts mehr spricht mit mir; so lebe ich in tiefer Einigkeit mit allem, was hier
um und um mich lebet.
Wenn der Sturm das Meer umschlinget,
Schwarze Locken ihn umhüllen,
Beut sich kämpfend seinem Willen
Die allmächtge Braut und ringet,
Küsset ihn mit wilden Wellen,
Blitze blicken seine Augen,
Donner seine Seufzer hauchen,
Und das Schifflein muss zerschellen.
Wenn die Liebe aus den Sternen
Niederblicket auf die Erde
Und dein liebstes Lieb begehrte,
Muss dein Liebstes sich entfernen.
Denn der Tod kömmt still gegangen,
Küsset sie mit Geisterküssen,
Ihre Augen dir sich schliessen,
Sind im Himmel aufgegangen.
Rufe, dass die Felsen beben,
Weine tausend bittre Zähren,
Ach, sie wird dich nie erhören,
Nimmermehr dir Antwort geben.
Frühling darf nur leise hauchen,
Stille Tränen niedertauen,
Komme, willst dein Lieb du schauen,
Blumen öffnen dir die Augen.
In des Baumes dichten Rinden,
In der Blumen Kelch versunken,
Schlummern helle Lebensfunken,
Werden bald den Wald entzünden.
In uns selbst sind wir verloren,
Bange Fesseln uns beengen,
Schloss und Riegel muss zersprengen,
Nur im Tode wird geboren.
In der Nächte Finsternissen
Muss der junge Tag ertrinken,
Abend muss herniedersinken,
Soll der Morgen dich begrüssen.
Wer rufet in die stumme Nacht?
Wer kann mit Geistern sprechen?
Wer steiget in den dunkeln Schacht,
Des Lichtes Blum zu brechen?
Kein Licht scheint aus der tiefen Gruft,
Kein Ton aus stillen Nächten ruft.
An Ufers Ferne wallt ein Licht,
Du möchtest jenseits landen;
Doch fasse Mut, verzage nicht,
Du musst erst diesseits stranden.
Schau still hinab, in Todes Schoss
Blüht jedes Ziel, fällt dir dein Los.
So breche dann, du tote Wand,
Hinab mit allen Binden;
Ein Zweig erblühe meiner Hand,
Den Frieden zu verkünden.
Ich will kein Einzelner mehr sein,
Ich bin der Welt, die Welt ist mein.
Vergangen sei vergangen,
Und Zukunft ewig fern;
In Gegenwart gefangen,
Verweilt die Liebe gern,
Und reicht nach allen Seiten
Die ewgen Arme hin,
Mein Dasein zu erweiten,
Bis ich unendlich bin.
So tausendfach gestaltet,
Erblüh ich überall,
Und meine Tugend waltet
Auf Berges Höh, im Tal.
Mein Wort hallt von den Klippen,
Mein Lied vom Himmel weht;
Es flüstern tausend Lippen
Im Haine mein Gebet.
Ich habe allem Leben
Mit jedem Abendrot
Den Abschiedskuss gegeben,
Und jeder Schlaf ist Tod.
Es sinkt der Morgen nieder,
Mit Fittichen so lind,
Weckt mich die Liebe wieder,
Ein neugeboren Kind.
Und wenn ich einsam weine,
Und wenn das Herz mir bricht,
So sieh im Sonnenscheine
Mein lächelnd Angesicht.
Muss ich am Stabe wanken,
Schwebt Winter um mein Haupt,
Wird nie doch dem Gedanken
Die Glut und Eil geraubt.
Ich sinke ewig unter,
Und steige ewig auf,
Und blühe stets gesunder
Aus Liebes-Schoss herauf.
Das Leben nie verschwindet,
Mit Liebesflamm und Licht
Hat Gott sich selbst entzündet
In der Natur Gedicht.
Das Licht hat mich durchdrungen,
Und reisst mich hervor;
Mit tausend Flammenzungen
Glüh ich zur Glut empor.
So kann ich nimmer sterben,
Kann nimmer mir entgehn;
Denn um mich zu verderben,
Müsst Gott selbst untergehn.«
Die Harfe lag, während er sprach, schon an seiner Brust, wie ein Teil seines
Gemüts und seiner Äusserung.
    Ich empfand erst in der Mitte seines Liedes, dass er sie spielte, so leise
hatte er angefangen. Alles das hatte sich verschlungen und durchdrungen, ohne
dass ich irgend einen Übergang sah.
    Morgen schreibe ich dir weiter; ich habe den Greis verlassen, sitze hier auf
meiner Kammer, weine und bete; der Abend kömmt schon, von ihm den Abschiedskuss
zu fordern. O lebe wohl!
 
                                 Godwi an Römer
Ich will dir nun weiter erzählen, was Werdo sprach. Als er sein Lied geendigt
hatte, sagte er: »Sieh, keiner konnte mich mit Trost erquicken, drum habe ich in
mir das Wort getilget, und lebe wie Natur, in freien und ungebundenen Tönen.
    Du bist ein Mensch wie wenige gebildet, denn aus dir spricht, was andre träg
verstecken, und was mir nur die leblose Natur gezeigt.
    Die Sitte ist in dir Gesetz geworden, nach dem die Sonne auf und nieder
geht, und alles kann ich gleich erwarten, denn nirgends willst du überraschen,
und nimmer folgst du ihr, die dich begleitet.
    Doch das soll dich nicht eitel machen, denn ein Gedicht der ewigen Natur ist
Demut. Auch kannst du es nicht bilden, oder weiter in dieser hohen Gabe
vorwärtsschreiten, denn alles Wissen ist der Tod der Schönheit, die in uns
wohnet und dieselbe wäre, wär gleich die Wissenschaft noch nicht erfunden.
    Mein Lieber, vieles muss ich dir verbergen, und in den ersten Augenblicken
warst du schrecklich. Die Vorzeit, die ich mir mit Mühe und vielen tiefen
Schmerzen abgewöhnte, sie trat aus dir mir drückend bang entgegen, und Zukunft
rann so hell aus den Augen, dass ich mit Sehnsucht schon hinübersah.
    Es war kein Bleiben sonst auf Erden, darum habe ich am Felsen dort den Quell
zum Teich gehemmt, der immer mich auf seinen wilden Wellen in ferne Zeit mit
Sehnsucht hingezogen.
    Itzt steht er still, kein Schwinden und kein Kommen, und jede Welle, die
sich regt, umarmt die andre, die ihr froh entgegenwallt. Und mir ward wohl!
    Als du nun vor mich tratst, so wars, als wollte Vergangenheit mir schnell
zum toten Bilde und Zukunft in der Gegenwart gerinnen. - Das alles ruhet schon,
ich liebe dich.
    Auch Tilie, die holde, will dir wohl, und freue dich. Sie kennet keine Welt,
von Menschenhänden trügerisch erbaut, und du bist wie Natur natürlich, liebt sie
dich.
    Sprich nie von ihr, denn auch der Wahrste lügt, will er mit Worten, was er
fühlet, sagen, und nur die Äusserung ist wahr, die unvermutet und unverschuldet
aus der Tiefe steiget.
    Es leitet unwillkürlich die Natur die Sprache aus der Tiefe unsers Herzens
durch die Oberfläche in sich selbst zurück, und enger, enger ziehen sich die
Kreise und gehen endlich in den Tropfen über, die Tätigkeit so in sich selbst
beschliessend, die in der Ruhe stillen Spiegel fiel.
    Ich weiss nicht, wo mein Kind nach meinem Tode ein Bündnis mit dem Leben
schliessen sollte, drum habe ich sie der Natur verbunden, und so muss sich in ihr
schon alles finden, und nirgends braucht sie Rat zu suchen.
    Es findet selbst ein blindes Kind die Brust der Mutter, deren Schoss es barg.
    O stör sie nicht, und liebe still, und stille Liebe wird dir danken - doch
höre, hüte dich vor ihr, und bleib dir ewig gleich, denn zarte Ordnung bildet
ihr Gemüt; zerreisst du sie, so wird sie dir zur Marter.
    Dem stillen heilgen Leben blieb sie treu, und fasset ohnbewusst vom Ganzen
doch den Geist.
    Nur wenige sind so, von der Natur in tiefen Schöpfungsstunden so geprägt,
und hast du Zeit, noch mehr als Mensch zu sein, füllt dir des Lebens Ernst nicht
alle Tätigkeit, bist du ein Bürger - o so fliehe schnell!
    Denn solchen Reiz bestehet keine Pflicht, sei sie auch noch so fest
gehämmert, Natur ruft dich mit aller Weibes-Allmacht hier, sie reicht die Arme
dir so frei und schön entgegen, und ihres Busens Wellen dich verschlingen. Du
kehrest nimmermehr zurück.
    So muss es die Natur, sie meint es gut.
    Die Mutter sehnt sich ewig nach dem Sohne, den sie aus ihrem Schosse
hervorgerufen, dass er sich ihr an ihrem Busen angesaugt verbinde.
    Er stehet oft fürs Ganze draussen im Kampfe, und sieht den Frieden nicht, der
nur im Innern blüht.
    Sie kennt den Ruhm, die Ehre nimmermehr, der Lorbeer grünt in ihr, und auch
die Myrte, und beide liebt sie nur als frohes heitres Grün, das wir zur
Hoffnung uns erwählten.«
Hier sah mir der Alte mit Begeisterung ins Auge, ich wusste nichts von seiner
Rede. Das Ganze schwebte wie ein unbekanntes Element um mich her. - Nur einige
seiner Äusserungen über Tilien traten mir aus seiner sichtbaren unsichtbaren Rede
entgegen. Sie wurden mir Gesetze, ich kannte keine Pflichten mehr, aller voriger
Glauben sank wie ein gestürzter Götze.
Die Liebe fing mich ein mit ihren Netzen,
Und Hoffnung bietet mir die Freiheit an;
Ich binde mich den heiligen Gesetzen,
Und alle Pflicht erscheint ein leerer Wahn.
Es stürzen bald des alten Glaubens Götzen,
Zieht die Natur mich so mit Liebe an.
O süsser Tod, in Liebe neu geboren,
Bin ich der Welt, doch sie mir nicht verloren.
Ich sank ihm in die Arme, und rief ihn mit dem Namen: Vater! und alles zerrann
um mich.
    Er staunte mich an und sprach wild:
    »Ich war sein Vater nicht, bin keines Menschen Vater, jetzt geh zu meinem
Kinde hin.«
                                                                      Lebe wohl!
 
                                 Godwi an Römer
»Ich war sein Vater nicht, bin keines Menschen Vater, jetzt geh zu meinem Kinde
hin.« Wunderbare Worte; o Römer, wie sie mich ergriffen!
    Der Greis, der rührend vor mir sass, und mit dem Blicke in das Tal hinab und
über die Berge hin, als sei er überall gegenwärtig, mir allen Druck vom Herzen
nahm, dessen begeisterte Rede, ein sanfter leuchtender Engel, meine Wünsche wie
abgeschiedene Seelen in einen freudigen Himmelsfrieden brachte, der nämliche,
der sich in seinem Liede, in seinen Worten der ganzen Welt so schön verbrüderte,
- stiess mich wild zurück da ich mit allen Mächten zu ihm hingezogen, an seinem
Halse den Namen: Vater, nannte. -
    Ach, soll ich keinen denn aus vollem Herzen so nennen können? Muss der es
bleiben, der ein peinlich Leben mir, ohne dass ich leben wollte, gab? Die Worte
dieses Mannes könnten mich befriedigen, könnten das Silber mir im Herzen bis zum
Blicke glühen, wenn mir nicht jener durch eine unselige Mischung ein seltsames
unerfüllbares Sehnen mitgegeben hätte.
    So kann ich nur das Hohe unendlich lieben, so kann ich nur den Sinn
verstehen, und nimmer den Leib, die herrliche Gestalt umfassen. Alles zerbricht
mir unter den Händen, und ewig hoffe ich und will; doch feindlich tritt ein
böser Geist zwischen Willen und Handlung hin, und reisst mich in mich selbst
zurück, das Ziel stets weiterrückend.
    Wo mich die Weisheit schon im Arme zu halten scheint, und ich ihr wie ein
Schwur versichert in die Augen sehe, reisst mich der Wahnsinn wild zurück. Was
kann ich nur ergreifen wie ein Schwert, um jedes Leben, jede Rede zu zerlegen,
damit mir nur das werde, was mir dient, denn keiner ist wohl in der Welt, dem
ich so ganz angehöre, in den ich sorglos und kühn mit allen Zweigen verwachsen
darf; und werde ich je das Leben selbst erschaffen, das alle diese Zwecke mir
erfüllt, oder erschaffe ich jetzt die Welt mir so, dass keiner mir erreichbar
ist?
    Es ist mir, als stritten Wahnsinn und Poesie sich um Werdos Geist, und
siegend fasst ihn diese oder jener. Der Wahnsinn ist mir wie der unglückliche
Bruder der Poesie, er ist im Leben verstossen. Siegt er, dann führt er treu den
schwer erkämpften Preis bis zu den Göttern, der Schwester aber tritt die ekle
Wirklichkeit oft breit in den Weg, und oft muss sie für die Duldung, die man ihr
gewährt, die harte Schmach erdulden, dass ihre Beute der Welt anheimfällt.
    Ich verliess Werdon sehr zerrüttet, er hatte meine Ansicht der Dinge
wunderbar verändert, mich fest mit seinem Glauben verwebt, dass alles, was mir
entgegentrat, mir fremd und neu erschien. Seine letzten Worte hatten meine
Hingebung wieder erschüttert, und ich stand wie ein unentschlossner,
ungeschickter Gott da, der nicht weiss, wie er die Welt erschaffen soll, weil sie
schon da ist.
    Ich näherte mich den Gebüschen, die von einer Seite seine Wohnung einfassen,
und hörte Tilien mit Eusebion sprechen. Der Ton ihrer Stimme rührte mich wie ein
Zauber, es war der Ton, den ich verloren hatte, und alle meine Gedanken reihten
sich, und alles war mir wieder wahr und gut, unbezweifelt - Liebe.
    Eusebio sass zu ihren Füssen, versteckte sich bald, bald sah er traurig in die
Höhe, doch sprach er nicht. Sie redete ihn an: »Eusebio, wie bist nur so still,
versteckst dich und siehst dann wieder so traurig auf; des Knaben Herz muss froh
und heiter sein.«
    Hier sprang er schnell auf und sagte:
    »Tilie, ich will singen, fange an, ich will singen, dass ich froh werde wie
ein Lied.«
Tilie sang:
Frei, frei
Von Trauer sei
Des Knaben Herz.
Hier fiel Eusebio ein:
Von Trauer frei
Ist nicht sein Herz;
Schmerz, Schmerz
Ganz tiefer Schmerz
Ist selbst sein Scherz.
Will nach der Buche,
Will nach der Buche gehn,
Wird sie dort freundlich stehn?
Will sie dort wiedersehn,
Die ich nur suche.
Sehnsucht!
Im Mondschein,
Ganz allein
Will sie bei mir sein.
Fürchte mich nicht,
Ihr Gesicht
Ist Tageslicht.
Hier trat ich auf die Stelle, wo sie beide standen, Tilie kam mir freundlich
entgegen und küsste mich; ich weiss nicht, wie mich gerade in dieser Minute eine
wunderbare Verlegenheit ergriff, da ich sie in den Armen hielt. Der Knabe schien
an Tiliens Klage über seine Trauer sich schalkhaft rächen zu wollen.
    Er drängte sich an mich, fasste meine Hand, dann wendete er sich zu Tilien
und sang:
Mild, mild
Von Liebe, schwillt
Des Mannes Brust;
Von Liebe schwillt
Auch Tiliens Brust.
Lust, Lust,
Ganz stille Lust,
Ihr unbewusst.
Sonst war der Liebe
Stille im Herzen bang,
Bis sie zum Auge drang
Und von der Lippe klang,
Ihr Spiel sie triebe.
Liebestrieb!
Im Mondschein,
Ganz allein
Will sie bei ihm sein.
Fürchtet euch nicht,
Mondeslicht
So freundlich spricht.
Hier liess er mich los und eilte in den Wald. Tilie rief ihm nach:
    »Eusebio! Eusebio! verspäte dich nicht« -
    Aber der Knabe war verschwunden, und das Echo rief aus dem Walde zurück:
    - Verspäte dich nicht!
    Tilie wendete sich zu mir und sprach:
Ich weiss nicht, was in diesem Knaben webet,
Je mehr er fasst, je mehr verschliesst er sich,
Und sollte doch stets reicher auch mehr geben,
So wie Natur, die immer mehr uns bietet,
Je mehr sie Reichtum im dem Schosse fasst.
Wie rührt mich nicht des Frühlings Kindergabe,
Der, kaum des Winters hartem Geiz entflohen,
Schon freundlich grüne Sprossen bringt und Blumen.
Er trägt ein Kleid von dünnem Glanz gewebet,
Und sieht mit lindem Sonnenschein uns an,
Und weckt mit süssen Liedern alle Wesen.
Steht ihm auch gleich die Träne noch im Auge,
Die ihm des harten Winters Frost entlocket,
Und zittert gleich sein zarter Leib von Kälte,
Weil ihn so dünn der strenge Vater kleidet,
So regt er doch zum Tanze und zur Arbeit
Mit leichtem Flug die neugebornen Glieder.
Er schürzet sich, blickt in den festen Spiegel,
Der aller Flüsse wandelnd Leben decket,
Und unter seinem heissen Blicke springet
Der zarten Nymphen und Sirenen Fessel;
Sie fassen dankbar seiner Jugend Schöne
Und eilen, sie in alle Welt zu tragen,
Und tragen sie hinab durch alle Täler.
Mit seinem frohen Bilde kindisch spielend,
Entzünden sie zu seinem Dienst die Ufer,
Durch die sie wollustmurmelnd freudig gehen;
Die Blumen all, die an dem Rande stehen,
Sie winken still hinab, ihr zitternd Bild begrüssend.
Er schwebet liebend über tote Wälder,
Die bang mit kalten Armen aufwärtslangen,
Da zündet er den Wald mit grünen Flammen,
Und alle Blätter küssen sich so lieb zusammen,
Und blicken still, das Götterkind zu fangen.
So sprach Tilie noch lange vom Leben und Geben, und wahrlich, sie gibt alles,
könnte ich nur alles nehmen; aber da wohnt eine unausstehliche Sparsamkeit in
mir, die man immer in eurer ärmlichen Haushaltung von Leben davonträgt.
    Dann stand sie auf und sprach:
Der Name Reichtum kommt allein von reichen;
Hinreichen sollen wir das Eigen; allen,
Die arm sind, sollen froh wir geben,
Weil sie die Arme so gar traurig heben.
Wir wollen mit einander nach dem Walde,
Den Knaben, der allein ist, aufzusuchen;
Er sagte ja, er wollte nach den Buchen.
Hier nahm mich Tilie an der Hand und führte mich durch kleine schmale Wege in
den dunkeln Wald; es war mir recht heilig zu Mute.
    Wir schwiegen lange, und horchten auf das Abendlied der Nachtigall, das mit
glänzenden einzelnen Tönen durch die lebenden Gewölbe zog. Der Mond sprach
wehmütig mit einzeln zündenden Silben durch das Flüstern der Bäume, Ahndung
wehte mit ihren dämmernden Flügeln durch die Büsche, und alle heimlichsten
Gedanken wagten sich aus jeder Seele, wo sie sich vor dem geschäftigen
vorwitzigen Tage versteckt hatten.
    Morgen, Römer! hörst du weiter; ich muss nun schlafen. Tilie sagte heute,
meine Augen seien so verwacht, da bist du schuld dran.
    Dies Mädchen besitzt einen so, dass man, um nur wenige Augenblicke nach einem
Freunde zu sehen, fast vor Anstrengung erblinden muss. Schlafe wohl.
                                                                           Godwi
 
                                 Godwi an Römer
Hat sich die Zeit in ihrem Gange verändert? - Kein Tag schleicht mehr mit seinen
gähnenden Stunden, und keiner stürzt mit seinen Augenblicken hinab. -
    O welche stille Wechsel in mir, im gemessenen Takte schreiten die
Augenblicke wie Töne zu einer schönen Melodie des Lebens hin, und irret mein
Geist durch alle Akkorde auf harmonischen Wegen einen dem andern verbindend, so
gelangt er nicht selten, der schönen Folge zur wunderbaren Erquickung, auf einen
Gipfel, wo aller Takt weicht, und das Lied gleichsam einen freien ungebundenen
Blick in die Ewigkeit tut, und neuerdings kehrt die Melodie zurück, wie das
Atmen unsers Busens, das ein sanfter Seufzer unterbrach.
    Hier eilt das Leben nicht, ich sehe ihm nimmer nach, auch weilt es nicht
träg, und ich brauche es nie zu treiben.
    Ich gehe ruhig mit den Stunden, und jede bietet mir das volle Leben an;
solange ich hier oben bin, habe ich noch nicht an die Zeit gedacht.
    Der Morgen ist schon wieder da, und alle Farben, alle Töne und Gestalten
singen ihm ein Lied, das noch nie gesungen ward, so oft er auch die Welt
begrüsste, die ihm jedesmal mit schönen Worten geantwortet.
    
    So ist und bleibt der Stoff, der des Dichtens wert ist, ewig derselbe und
einfachste, der eben darum unerschöpflich ist. Denn nach dem einzigen Punkt, der
in der Mitte der Welt liegt, kannst du die meisten Linien ziehen, und nur von
ihm aus zu allem gelangen.
    Hier folgt die Fortsetzung meines Tagebuchs.
    So war der Wald, und wir - Tilie unterbrach unser Schweigen:
Du hast mit meinem Vater lang geredet,
Wie war er, war er freundlich, warst du es?
Ich:
Ich sah ihn niemals so, Otilie, niemals
War seine Rede so voll süsser Worte,
Die alle zwischen Ernst und Wehmut schwankten;
Sein Aug war feurig und ein mildes Lächeln
Umschwebte seinen Mund, und um die Wangen
Schwamm eine zarte Röte, wie ein Heilger
Sah friedlich er zum Himmel und zur Erde.
Er sprach von dir, von mir und von der Liebe,
Und hingerissen sank ich vor ihm nieder,
Umfasste ihn und konnte ihn nicht lassen.
Von meinen Lippen drang der Name: Vater!
Da riss er sich von meiner Brust und zürnte,
Sprach wild zu mir: »Ich bin sein Vater nimmer,
Bin keines Menschen Vater; geh! o gehe
Zu meinem Kinde hin«; so komm ich zu dir.
Tilie:
Es tut mir weh, o Freund! denn du wirst glauben,
Dass du den Vater so mit deiner Rede
Gekränkt hast, und das könnte dich verführen,
Was nimmer gut ist, dich in acht zu nehmen.
Ich:
Was nimmer gut ist?
Tilie:
Nein, denn die Natur,
Sie nimmt sich nie in acht, drum handelt sie
So mächtig und so rein, stets zur Genüge.
Willst du gleich alles schon zum voraus sein,
So kannst du in der Handlung nie genügen.
Ich:
Ich konnte nicht, denn alle meine Sinne
Und alles, was geheim in mir verborgen,
Hat er erweckt mit wunderbarem Leben.
Die tiefsten Wünsche kühn in mir bewaffnet,
Ihr Ziel, sonst unerreichlich, zu erreichen.
Ich fühlte mich wie neu geboren, dankend
Nannt ich ihn Vater!
Tilie:
Vater, und er zürnte -
Er liebt den Namen Vater nicht, und nimmer
Darf ich ihn anders als nur Werdo rufen;
Und er hat recht, denn es ist sonderbar,
Den Einzelnen im Leben so zu nennen,
Da wir ja nur ein einzig Leben kennen.
Beruhigtest du ihn?
Ich:
Nein, ich vermied es,
Weil es nach ihm nur eine Ruhe gibt,
Die in der Nacht, wo alle Farben sterben,
Die in der Ferne, wo der Ton verklingt,
Und Grabesruh, die die Gestalt verschlingt.
Als wir an einen kleinen runden Platz kamen, in dessen Mitte zwei junge Pappeln
standen, sagte Tilie, auf die Pappeln zeigend:
Dies ist Joduno, und dies hier Otilie.
Als wir vor zehen Jahren in dem Walde
Still miteinander wandelnd uns verloren,
Verteilten wir uns, um den Weg zu suchen,
Dass eine doch nach Haus zu Werdo komme,
Den Abendtrunk in dem kristallnen Glase
Ihm freundlich vor dem Schlafengehn zu reichen.
Mich traf das Los, den Rückweg bald zu finden,
Joduno irrte lang im Walde hin,
Bis ich sie hier auf dieser freien Stelle
Am Boden ruhig sitzend fand, sie lauschte,
Wie eine Nachtigall die süssen Töne sang.
Ich setzte mich zu ihr, und wir verbanden
Mit kindschen Schwüren unsre kleinen Herzen.
Als sie mich drauf verliess, pflanzt ich und sie
Die Pappeln hier zum ewigen Gedenken.
Und wie die Bäume wachsen, sieh, so sind wir
Uns lange gleich an Mut und Freud geblieben.
Doch sie, Joduno, neigt die schlanken Äste,
Sie trauert; sprich, wie hast du sie gelassen?
Ich:
Sie wollte bald zu dir herüberkommen.
Tilie:
Ich kann es kaum erwarten, bis sie kommt,
Und doch, ich weiss nicht, wie mir bangt,
Dass sie mich überraschen wird, die Gute;
Sonst freute sie mich, wie im Frühling
Die erste Blume, die sich regt, mich freut.
Ich:
Und jetzt - wird sie dich jetzt nicht freuen?
Tilie:
Sonst war sie jung und ihre Mutter brachte
Sie zu mir her. Wir waren beide Kinder;
Die Kinder teilen sich so gern ins Leben,
Weil ihnen allen gleich die Welt erscheint,
Doch meistens bildet sich die grössere Jungfrau
Das Leben schon zur eignen Wohnung aus,
Und formt sich alles, wie's bequem und schicklich
Sich zu dem inneren Geschmacke füget.
So ist es wohl Jodunen auch ergangen. -
Ich blieb stets Kind, ich kenne keinen Zeitpunkt
In meinem Leben; wenn ich rückwärts schaue,
Ergiesst sich alles still in tiefe Ferne,
Und nimmer habe ich mit Sinn gewechselt.
Joduno wird mir nun wohl nicht mehr gleichen,
Und sich nicht - Ach, mich wird es schmerzen!
Wenn ich sie sonsten sah, dacht ich zurücke
Ans letztemal, es ward ein Wiedersehen.
Der Funke brach sich hell in vielen Spiegeln,
Bis zu den fernsten Bildern meiner Jugend
Erleuchtete die Liebliche mein Leben.
Wenn sie verändert mich nun hier umarmt -
Wie war sie, als du sie verlassen? sage -
Ich:
Sie sehnte sich nach dir, und war begierig,
Wie du und ich sich wohl vertragen möchten.
Tilie:
Vertragen möchten? - wir? Das ist nicht gut,
Hieraus wird mir kein Wiedersehen - ach,
Sie ist gewiss verändert, und ich finde
In ihr das treue Gegenbild nicht wieder.
Sie gab als Kind mir alles, was mir fehlte,
Jetzt fehlt mir nichts; wird sie auch alles haben?
Ich glaube nicht, weil sie sich nach uns sehnt.
Sie möchte wissen, wie du mich veränderst,
Da sie durch dich sich selbst verändert fand.
Ich:
Verändert? ach! und hat vielleicht verloren,
Was sie, die Einsame, zu deiner Freundin
Gemacht? Es tut mir weh! Durch mich verloren?
Tilie:
Es tut dir weh? - So wolltest du's; ich bitte,
Ach! wolle, was dich einstens schmerzt, nicht wieder,
Was wird Joduno fühlen? wenn sie sieht,
Dass du nun nicht mehr willst, was du gewollt hast.
Ich:
O! Tilie, ich weiss nicht, ob ichs wollte.
Ich kam auf ihres Vaters Schloss, und trübe,
So trübe Stunden lagen hinter mir,
Schnell wie ein Blitz war eine grosse Freude
Mit vieler Liebe mir hinabgestürzet.
Mein Leben war so dunkel, und ihr Auge
Erweckte freundlich blickend mir im Busen
Zuerst des Friedens holdes Weben wieder.
Es war am Abend, ruhig sank die Sonne
Und mit ihr ging mein müdes Leben unter.
Sie sprach mit mir von allem, was sie liebte,
Von ihrer Mutter, dir und deinem Vater -
Ich liebte nichts, musst ich sie so nicht lieben?
Und ist mir dieser Wille nicht verzeihlich?
Der Wille? Tilie, der so leise war -
Tilie:
Ich fühle wohl, wie dies in dir und andern
So ist; mir selbst ist es schon so ergangen.
Wenn du die Fremde, die du Heimat nennst,
Mit bunten Bildern rauschend um mich weckst,
Von deinen Reisen so beweglich sprichst:
So liebe ich dich nicht; und wenn ich wieder
Für mich allein dran denke, reut es mich -
So ist es umgekehrt, was du getan.
Doch, trübe Stunden lagen hinter dir,
Und eine grosse Freude war verloren;
Du Armer, sprich, wie war das alles?
Ich:
Eins nur
Von allem, was du mir gesagt, betrübt mich,
Sonst wollt' ich gerne alles dir erzählen.
Tilie:
Niemals sollst du durch Tilien verlieren -
Ich:
Ich kann nun fernerhin nichts mehr verlieren,
Denn alle das Vergangne ist verloren,
Und nichts mehr kann vergehen, nichts mehr kommen,
Seit ich zum erstenmal das holde Leben
So gegenwärtig und geliebt empfinde,
Und das, Otilie, hast du mir gegeben,
Du wolltest, dass die Liebe mich entzünde.
Aus deinen Augen helle Lichter schweben,
Dass alles Dunkel rück- und vorwärts schwinde,
Doch sagtest du, du konntest mich nicht lieben.
Wenn ich das bunte Leben dir beschrieben.
So lasse mich vergessend hier gesunden,
Lass mich von meinem alten Leben schweigen,
Da du das neue schon mit grünen Zweigen
Und deiner Küsse Liebesblüt umwunden.
Du öffnest mir die kaum vernarbten Wunden,
Und in die Wunden wie in Gräber steigen,
Sollt deine holde Liebe von mir weichen,
Die ewge Freude und das Licht der Stunden.
Vertreibst du mich aus diesem Heiligtum,
So muss das junge Leben früh verstummen,
Das du mit Liebesseligkeit gewürzet.
Sind dann nicht alle Stunden ohne Schimmer,
Ists weniger als Freude, die auf immer
So unerreichlich tief hinab mir stürzet?
Tilie:
Es sei dir Nacht, und nächtliches Entzücken,
Das mild der Sterne Blumenglut ergiesst,
Erblühe dir aus meinen stillen Blicken.
Und wenn du mir nicht in die Augen siehst,
So will ich deinen Arm gelinde drücken.
Damit sich nie das Leben dir verschliesst,
Sollst du an meinem Arme hängend fühlen,
Wie warm mein Herz, will deines gleich erkühlen.
So sprich mir dann von deinem jüngsten Leben,
Von deiner Freud und Schmerzen Heiligkeit,
Denn über dieser wunderbaren Zeit
Kann nur der Schmerz, kann nur die Freude schweben.
Dem Ältern sind die Stunden hingegeben,
Er führet sie zu Frieden oder Streit,
Er herrschet über sie. So Freud wie Leid
Muss er allein sich selbst bestimmend weben.
Um Vater, Mutter und das Vaterland
Weint oft Eusebio so stille Tränen
Und hat verloren, was er nie gekannt.
Auch mich hält fest ein tief unendlich Sehnen,
Der frühverlornen Mutter zugewandt;
Denn uns besitzt, was wir verloren wähnen.
Besinne dich ein wenig, was du sagest,
Denn selten, lieber Freund, sagst du das Rechte.
So sollte ich mich besinnen, Römer, und wusste doch von nichts, kannte niemand
mehr als sie. O, wie hat mich dies Weib gefangen genommen, und wie werde ich
durch sie leiden müssen, Schmerzen, die sie nimmer verstehen kann. Sie heilt,
wie die Natur, alle Wunden, ohne sich zu einzelnen hinzuwenden; sie heilt mit
einer eigentümlichen heilenden Kraft, mit einem Balsam, der wie ihre eigne
Gesundheit in ihr lebt.
    So bin ich denn einem Wesen hingegeben, das in seiner eigentümlichsten Macht
dasteht; ich liege in der Wiege der Natur, ihr Fusstritt bringt mein Leiden mit
leichten Schwingungen in die Träume der goldnen Zeit; möge ich erwachend an
ihrem Busen von einem Geiste beseelt sein, für den meine jetzige Sprache ein
Stammlen des Kindes ist. Oder werde ich sterben, wenn ich an ihrem Busen
erwache, und die Form aller Formen mir vor den Augen und der Quell aller Nahrung
und Wollust zwischen meinen Lippen schwillt? O wie werde ich dich dann nennen,
Freund! mit aller Macht des Worts, allem Zauber der Poesie nennen können.
                                                                           Godwi
 
                                 Godwi an Römer
Ich habe dir gestern geschrieben, Römer, wie wir sprachen, und will gerne
fortfahren, aber ich habe hier in jeder Minute stets so viel geliebt und gelebt,
dass ein ganzes Leben der Erinnerung immer hinabsinken muss, um die Gegenwart zu
umfangen.
    Wer in der reinen Natur und unter den Menschen Gottes lebt, o! der ist so
von der unendlichen Kraft durchdrungen, dass er keine Augen für die Handlung hat.
Ich bin so gezwungen zu leben, dass alle Reflexion mir Mühe kostet, und wäre ich
nicht so ungeschickt, und so verschroben, dass in jeder Minute des Alleinseins
mir alles Genossene als Bedürfnis erscheint, weil ich noch nicht in mir selbst
fortdauernd empfinde, dass diese Welt ewig in mir entzündet, so könnte ich dir
nichts schreiben als abgebrochene Sätze und Ausrufungen, wie der, der, in dem
tiefsten Schosse der Wollust versunken, sich selbst mit aller Äusserung in ihm
auflöst, und keine Beschreibung als in der Anschauung des Genusses selbst geben
kann. -
                                                                           Godwi
 
                          Fortsetzung meines Tagebuchs
Es ist eine Torheit, Römer, dass ich dir diese Szene zu schildern anfing, da es
keine war - - Es ist, als wollte ein Maler ein wunderbar heiliges, lebendiges
Leben im Mondschein, wo alle Gestalt leise zerrinnt, vor dir in bestimmten
Formen hinzeichnen, wo der Mensch und alles Einzelne in das Ganze zerrinnt, wo
nichts von dem Hintergrunde sich trennt, und alles in ein leises Gefühl des
ewigen Gleichheit verschwimmt, und unser bestimmtester Begriff nur der des
allgemeinen seligen Daseins des Lebens sein kann.
    Es war kein Umriss da und keine Fülle, und kein Selbstgefühl, es war alles
eins, und ich fühlte Tiliens warmen Busen an meiner Brust, wir wandelten leise,
als wollten wir den Schlaf des Waldes nicht erwecken. Mein Herz drängte sich in
meiner Brust schüchtern hinüber zu dem ihrigen, dessen vollen Schlag ich fühlte,
sie drängte sich im Gehen dicht an mich, und alle Fibern zitterten in mir.
    Ich wusste nicht, ob die Eichen oder unsre Locken so sanft über uns
rauschten, ob Tiliens Blicke den Mond oder der Mond ihre Blicke anzündete. Ich
war nie mehr - und doch nichts als ein Lebender. Das Äussre fühlte ich in meiner
Seele in einem stillen Weben, und mich das Äussre bildend und von ihm gebildet.
Es war, als habe ich ein Element um mich erschaffen, das seinen Schöpfer mit
Wellen dankend umschlingt, und ihn von sich selbst trennend zur Einzelheit
erhebt. - - Es war die letzte Empfindung des Geschaffenen, und die erste des
Schöpfers.
    Mit dunkeln Wünschen ist die Ordnung in unserm Herzen angeknüpft, ihr
stiller Strom fliesst zu der Liebe hin, und kehrt mit allem Leben ewig in unser
Herz zurück.
    Ich habe bis jetzt noch keinen Genuss im Leben gehabt, den mir die Reue über
den Missbrauch meiner Fähigkeit, mich zu freuen, nicht begleiten würde, wenn es
nicht nichtswürdig und eine schnöde Verachtung der Gegenwart wäre, etwas zu
bereuen.
Schnell nieder mit der alten Welt,
Die neue zu erbauen.
Der, dem die Liebe sich gesellt,
Darf nicht nach Trümmern schauen.
Aus Kraft und nicht aus Reue dringt,
Was die Vergangenheit verschlingt.
Nie darf die Erinnerung mit Neid nach der Gegenwart blicken, auf den Gräbern
wollen wir tanzen, wenn wir Leben kennen und sterben können.
    Ich stehe wieder wie ein Kind im Leben wie ein mächtigeres Kind eines
mächtigeren Lebens. Und jetzt soll ich mich auf das Ehemals besinnen, da mir die
Gegenwart meine ganze Möglichkeit so süss vereinzelt hinbietet?
    Es ist mir, als ob alle dunkle sehnsüchtige Stunden meiner Jugend voreilige
mutige Boten der Zukunft gewesen wären, die ich jetzt verstehe.
    Meine Liebe zu der Engländerin war voll Kenntnis, voller Übung aller
selbstischen Bemühung des Herzens in der Leidenschaft. Es war eine Liebe, wie
die des Naturforschers zur Natur, die er in Kabinetten mit seinem Leitfaden in
der Hand überrascht, und in seinem Laboratorium chemisch in einem Schmelztiegel
küsst.
    Jetzt hat mich die allgemeine Verbindung einer Schweiz umarmt. Das Leben
wiegt sich wie ein Blumenkranz in meinen Locken, den Tilie hineingelegt. Ich
fühle ihn nicht, und meine Phantasien wohnen in seinen Kelchen. Nie wird ihn
mein Geist entblättern, denn mein Gemüt hat sich wie Dank und Rausch an Frühling
und Liebe entzündet. Die Stimme meines stillen innern Danks spricht wie die
Liebe im Liede der Nachtigall, aus Liebe, ohne Liebe zu dichten.
    Ich liebte die Engländerin, weil sie meinen Sinnen schmeichelte, weil sie
meinem Bedürfnisse und meinem Geschmacke das Bild der Natur hinzureichen schien.
- Aber sie kam nur von der missverstandenen Kunst zurück - dies Bild war nicht
rein, der Zwang hatte hie und da einen schmerzhaften Zug zurückgelassen - es war
Genesung, die nimmer Gesundheit wird.
    Tilien liebe ich, weil sie so ist, denn die Gesundheit allein ist
liebenswürdig. Sie war nie anders, sie ist nie so geworden, und wird nie anders
werden. Sie ist so, und ewig so.
    Sie schafft sich ewig selbst, und weiss es nicht. Jede Minute ihrer Schönheit
wird durch sie, und sie ist das Kind jeder Minute ihrer Schönheit. Wie die Liebe
ihren Busen hebt, so ist ihr Busen das göttliche Gefäss ihres liebenden Herzens.
    Äussere Dinge bestimmen sie nur, insofern sie in die unwandelbare treue Folge
der Lebensaussprache tritt, in deren sittewechselnden Bildungen sie eine
wunderbar ehrwürdige Urgebärde geblieben ist.
    Sie selbst steht da wie die Natur im schönen Menschen; ihre Gedanken, ihre
Worte, Gebärden und Mienen, ihre ganze Erscheinung ist der heiligsten Anschauung
fähig. Man könnte jede Folge ihrer Äusserung mit schönen abwechselnden Bildern
allegorisieren.
    Wenn ich mir sie denke, wie sie sich bewegt, wie sie spricht oder singt, so
sehe ich eine Reihe schöner weiblicher Gestalten in harmonischen Wellen vor mir
hinschweben, die sich bald mit ihren zarten Armen, bald mit einzelnen Blumen
oder Tönen, mit ganzen Blumen- und Tonfolgen, bald mit süssen durchsichtigen
Liedern aus beiden gewebt berühren.
    Diese Gestalten bilden mir dann keinen Zirkel, sondern kommen unmittelbar
aus der Natur, die sie umgibt, und schweben wieder so aus ihr hinüber.
    So fühlte ich, als sie mir befohlen hatte, mich zu besinnen, und besann mich
also nicht -
Tilie:
Hast du denn bald genug gedacht? Ich fürchte,
Du suchst so lange, bis du mehr als findest.
Denn suchst du übers Finden, so erfindst du.
Ich:
Verzeih, ans Suchen dachte ich noch gar nicht.
Tilie:
Was dachtest du?
Ich:
Ich weiss nicht, was ich dachte,
Ich sprach mit dir, und diese ganze Welt,
Der Wald, der Mond, sie lagen mir am Busen.
Ich fühlte, dass sie mit mir sprachen, dass ich,
Mit allem Leben innig tief verbunden,
Doch keinem Einzelnen eröffnen könnte
Und keinem das erwidern, was sie mir vertraut,
Als dir, du liebe Tilie, dir allein.
Tilie:
So sprich mir nun von deinen Kinderjahren,
Du hast dich schon besonnen; was du fühltest,
War Wahrheit, Leben; wo sie einig sind,
Kann sicher nur das Rechte einzig sein.
Lass dies Gefühl um deine Worte währen,
Und reine Dinge wird Otilie hören.
                         Szene aus meinen Kinderjahren
Oft war mir schon als Knaben alles Leben
Ein trübes träges Einerlei. Die Bilder,
Die auf dem Saal und in den Stuben hingen,
Kannt ich genau; ja selbst der Büchersaal,
Mit Sandrat, Merian, den Bilderbüchern,
Die ich kaum heben konnte, war verachtet,
Ich hatte sie zum Ekel ausbetrachtet.
So dass ich mich hin auf die Erde legte
Und in des Himmels tausendförmgen Wolken,
Die luftig, Farben wechselnd oben schwammen,
Den Wechsel eines flüchtgen Lebens suchte.
Kein lieber Spielwerk hatt ich als ein Glas,
Im dem mir alles umgekehrt erschien.
Ich sass oft stundenlang vor ihm, mich freuend,
Wie ich die Wolkenschäfchen an die Erde
Und meines Vaters Haus, den ernsten Lehrer
Und all mein Übel an den Himmel bannte.
Recht sorgsam wich ich aus, in jenen Höhen
Den kleinen Zaubrer selbst verkehrt zu sehen.
Ich wollte damals alles umgestalten,
Und wusste nicht, dass Änderung unmöglich,
Wenn wir das Äussre, nicht das Innre wenden,
Weil alles Leben in der Waage schwebet,
Dass ewig das Verhältnis wiederkehret
Und jeder, der zerstört, sich selbst zerstöret.
Dann lernt ich unsern Garten lieben, freute
Der Blüten mich, der Frucht, des goldnen Laubes
Und ehrte gern des Winters Silberlocken.
An einem Abend stand ich in der Laube,
Von der die Aussicht sich ins Tal ergiesst,
Und sah, wie Tag und Nacht so mutig kämpften.
Die Wolken drängten sich wie wilde Heere,
Gestalt und Stellung wechselnd in dem Streite,
Der Sonne Strahlen schienen blutge Speere;
Es rollte leiser Donner in der Weite,
Und unentschieden schwankt des Kampfes Ehre
Von Tag zu Nacht, neigt sich zu jeder Seite;
Dann sinkt die Glut, es brechen sich die Glieder,
Es drückt die Nacht den schwarzen Schild hernieder.
Da fühlte ich in mir ein tiefes Sehnen
Nach jenem Wechsel der Natur, es glühte
Das Blut mir in den Adern, und ich wünschte
In einem Tage so den Frühling, Sommer,
Herbst, Winter in mir selbst, und spann
So weite, weite Pläne aus, und drängte
Sie enge, enger nur in mir zusammen.
Der Tag war hinter Berge still versunken,
Ich wünschte jenseits auch mit ihm zu sein,
Weil er mir diesseits, mit dem kalten Lehrer
Und seinen Lehren, stets so leer erschien.
Der Ekel und die Mühe drückte mich,
Ich blickte rückwärts, sah ein schweres Leben,
Und dachte mir das Nichtsein gar viel leichter.
Dann wünscht ich mich mit allem, was ich Freude
Und wünschenswertes Glück genannt, zusammen
Vergehend in des Abendrotes Flammen.
Der Gärtner ging nun still an mir vorüber
Und grüsste mich, ein friedlich Liedchen sang er,
Von Ruhe nach der Arbeit und dem Weibe,
Das freundlich ihn mit Speis und Trank erwarte.
Die Vöglein sangen in den dunkeln Zweigen,
Mit schwachen Stimmen ihren Abendsegen,
Und es begann sich in den hellen Teichen
Ein friedlich monotones Lied zu regen.
Die Hühner sah ich still zur Ruhe steigen,
Sich einzeln folgend auf bescheidnen Stegen.
Und leise wehte durch die ruh'ge Weite
Der Abendglocke betendes Geläute.
Da sehnt ich mich nach Ruhe nach der Arbeit,
Und träumte mancherlei von Einfachheit,
Von sehr bescheidnen bürgerlichen Wünschen.
Ich wusste nicht, dass es das Ganze war,
Das mich mit solchem tiefen Reiz ergriff.
Des Abends Glut zerfloss in weite Röte,
So löst der Mühe Glut auf unsern Wangen
Der Schlaf in heilig sanfte Röte auf.
Kein lauter Seufzer hallte schmerzlich wieder,
Es liess ein Leben ohne Kunst sich nieder,
Die hingegebne Welt löst' sich in Küssen,
Und alle Sinne starben in Genüssen.
Da flocht ich trunken meine Ideale,
Durch Wolkendunkel webt ich Mondesglanz.
Der Abendstern erleuchtet, die ich male,
Es schlingt sich um ihr Haupt der Sternenkranz,
Die Göttin schwebt im hohen Himmelssaale
Und sinkt und steigt in goldner Strahlen Tanz.
Bald fasst mein Aug nicht mehr die hellen Gluten,
Das Bild zerrinnt in blaue Himmelsfluten.
Und nie konnt ich die Phantasie bezwingen,
Die immer mich mit neuem Spiel umflocht;
So glaubte ich auf einem kleinen Kahne
In süsser Stummheit durch das Abendmeer
Mit fremden schönen Bildern hinzusegeln.
Und dunkler, immer dunkler ward das Meer,
Den Kahn und mich, und ach, das fremde Bild,
Dem du so ähnlich bist, zogs still hinab.
Ich ruht in mich ganz aufgelöst im Busche,
Die Schatten spannen Schleier um mein Aug,
Der Mond trat durch die Nacht, und Geister wallten
Rund um mich her, ich wiegte in der Dämmrung
Der Büsche dunkle Ahndungen, und flocht
Aus schwankender Gesträuche Schatten Lauben
Für jene Fremde, die das Meer verschlang.
Und neben mir, in toter Ungestalt,
Lag schwarz wie Grab mein Schatten hingeballt.
Und es schien das tiefbetrübte
Frauenbild von Marmorstein,
Das ich immer heftig liebte,
An dem See im Mondenschein,
Sich mit Schmerzen auszudehnen,
Nach dem Leben sich zu sehnen.
Traurig blickt es in die Wellen,
Schaut hinab mit totem Harm,
Ihre kalten Brüste schwellen,
Hält das Kindlein fest im Arm.
Ach, in ihren Marmorarmen
Kanns zum Leben nie erwarmen!
Sieht im Teich ihr Abbild winken,
Das sich in dem Spiegel regt,
Möchte gern hinuntersinken,
Weil sichs unten mehr bewegt,
Aber kann die kalten, engen
Marmorfesseln nicht zersprengen.
Kann nicht weinen, denn die Augen
Und die Tränen sind von Stein.
Kann nicht seufzen, kann nicht hauchen,
Und erklinget fast vor Pein.
Ach, vor schmerzlichen Gewalten
Möcht das ganze Bild zerspalten!
Es riss mich fort, als zögen mich Gespenster
Zum Teiche hin, und meine Augen starrten
Aufs weisse Bild, es schien mich zu erwarten,
Dass ich mit heissem Arme es umschlinge,
Und Leben durch den kalten Busen dringe.
Da ward es plötzlich dunkel, und der Mond
Verhüllte sich mit dichten schwarzen Wolken.
Das Bild mit seinem Glanze war verschwunden
In finstrer Nacht. In Büsche eingewunden,
Konnt ich mit Mühe von der Stelle schreiten.
Ich tappe fort, und meine Füsse gleiten,
Ich stürze in den Teich. Ein Freund von mir,
Der mich im Garten suchte, hört den Fall,
Und rettet mich. Bis zu dem andern Morgen
War undurchdringlich tiefe Nacht um mich,
Doch bleibt in meinem Leben eine Stelle,
Ich weiss nicht wo, voll tiefer Seligkeit,
Befriedigung und ruhigen Genüssen,
Die alle Wünsche, alle Sehnsucht löste.
Als ich am Turm zu deinen Füssen sass,
Erschufst du jenen Traum zum ganzen Leben,
In dem von allen Schmerzen ich genas.
O teile froh mit mir, was du gegeben,
Denn was ich dort in deinem Auge las,
Wird sich allein hoch über alles heben.
Und kannst du mir auf jenen Höhen trauen,
So werd ich bald das Tiefste überschauen.
Ich glaube, dass es mir in jener Nacht,
Von der ich nichts mehr weiss, so wohl erging;
Als ich erwachte, warf sich mir die Welt
Eiskalt und unbeweglich hart ums Herz.
Es war der tötende Moment im Leben,
Du, Tilie, konntst allein den Zauber heben.
Mein Vater sass an meinem Bette, lesend
Bemerkte er nicht gleich, dass ich erwachte.
Es stieg und sank mein Blick auf seinen Zügen
Mit solchem Forschen, solcher Neugierd, dass
Mir selbst vor meiner innern Unruh bangte.
Dann neigte er sich freundlich zu mir hin
Und sprach mit tiefer Rührung: »Karl, wie ist dir?«
Ich hatte ihn noch nie so sprechen hören,
Und rief mit lauten Tränen aus - »O Vater!
Mir ist so wohl, doch, ach! die Marmorfrau -
Wer ist sie? - Wessen Bild? - Wer tat ihr weh?
Dass sie so tief betrübt aufs holde Kind
Und in den stillen See herniederweint?«
Mein Vater hob die Augen gegen Himmel,
Und liess sie starr zur Erde niedersinken,
Sprach keine Silbe und verliess die Stube.
In diesem Augenblicke fiel mein Los.
Ein ewger Streit von Wehmut und von Kühnheit,
Der oft zu einer innern Wut sich hob,
Ein innerliches, wunderbares Treiben
Liess mich an keiner Stelle lange bleiben.
Es war mir alles Schranke, nur wenn ich
An jenem weissen Bilde in dem Garten sass,
War mirs, als ob es alles, was mir fehlte,
In sich umfasste, und vor jeder Handlung,
Ja fast, eh ich etwas zu denken wagte,
Fragt ich des Bildes Widerschein im Teiche.
Entgegen stieg mir hier der blaue Himmel
Und folgte still, wie die bescheidne Ferne,
Der weissen Marmorfrau, die auf dem Spiegel
Des Teiches schwamm. So wie der Wind die Fläche
In Kreisen rührte, wechselte des stillen
Und heilgen Bildes Wille, und so tat ich.
Meine Stimme war nach und nach gesunken, und mein Gefühl konnte ich nicht mehr
erreichen.
    Wir wendeten uns denn, es war spät in der Nacht und kühl, der Mond goss den
kalten Tag der Geister durch die Nacht; in sonderbar wilde fremde Formen zerriss
sich das einsame traute Leben der Dämmerung, Schauer wehte aus den Gebüschen,
und in den Gewölben der Eichen herrschte bange Geisterfeier.
                                                                           Godwi
 
                                 Godwi an Römer
Ich bin krank, und diese Krankheit ist mir nicht schmerzlich, denn ich hoffte
viel für meine Genesung, ich hoffte Genesung für meine Krankheit, und mein
voriges Leben von ihr.
    Ich bin nicht in dem Zeitraume zwischen diesem und meinem letzten Briefe
krank geworden; ich bin es, seit ich dir von meinem Spaziergange mit Tilien in
den Wald schreibe, nur in dieser Minute fühle ich es, dass ich es bin.
    Ich bitte dich, habe hier keine voreiligen bürgerlichen Gedanken, und denke
nicht, dass ich mich sicher verkältet hätte. Es wäre mir fatal, wenn ich glauben
müsste, dass in solchen Momenten man sich verkälten kann, in denen man glüht, und
doch ist es leider so; aber ich will es nicht haben, dass ich es glaube, und du
sollst es mir zum Gefallen tun, und es nicht glauben.
    Meine Spannung, meine Überspannung, meine Abspannung und ein Schrecken,
dessen Ursache nur in dem natürlichsten und künstlichsten Zustande uns eine
ruhige Ansicht sein kann, hat mich krank gemacht.
    Tilie verpflegt mich und der Knabe. Der einzige Arzt in der Gegend ist der,
der Tiliens Mutter, wie Werdo glaubt, umgebracht hat, und der Alte kann ihn
daher nicht leiden; doch hat sie ihn einigemal heimlich zu mir gebracht, nur um
ihn zu fragen, ob meine Krankheit gefährlich sei; aber er versteht nichts davon.
Er sagt, es käme ganz allein von meinem Leben mit den seltsamen Menschen hier
oben, die alle nicht klug seien, das habe mich angesteckt, und der Geist wirke
auf den Körper, und - er wäre ein Schafskopf, dachte ich.
    Seine Arzneien glaubte ich lange genommen zu haben, und war meiner Genesung
schon nah, da sagte mir der Knabe, dass die Tränke alle von Tilien seien; er
suche die Kräuter und sie koche sie.
    Ich habe nur einen Tag zu Bette gelegen, und länger konnte ich auch nicht;
denn könntest du wohl ruhig liegen bleiben wenn sich dir von jeder Seite deines
Lagers eine weite, herrliche Aussicht öffnet, die mit allen Punkten ihres
Eingangs dich ergreift, und mit Gewalt, den Eindruck und sich selbst immer mehr
vereinzelnd, dich in den einzigen Punkt der Perspektive ihres Ausgangs hinreisst?
    Ich habe mancherlei gedacht, indem ich so hinaussah, über Aussichten, ihre
Ansicht und ihren Genuss, aber ich habe dennoch keine Ideen über Landschaften
gehabt. Es ist wunderbar und macht mich immer für meine Nebenmenschen in der
Gegenwart unnütz, dass ich nie eine Sache an sich selbst betrachte, sondern immer
im Bezuge auf etwas Unbekanntes, Ewiges; und überhaupt kann ich gar nichts
betrachten, sondern ich muss drinnen herumgehen, denn auf jedem Punkte möchte ich
leben und sterben, der mir lieb ist, und so komme ich dann nimmer zur Ruhe, weil
mit jedem Schritte, den ich vorwärtstue, der Endpunkt der Perspektive einen
Schritt vorwärtstut.
    Nur der Mensch kann glücklich und ruhig werden, der etwas ansehen kann, und
der nicht den Drang in sich hat, dass ihm alle Ferne Nähe sei.
    Aus eben derselben Art zu fühlen kann ich auch nie spielen, weil ich
platterdings mich nie entschliessen kann, den anerkannten Zweck des Spiels für
mich als Zweck und den Gewinst für mich als Gewinst gelten zu lassen. So stelle
ich mir immer unter den Figuren des Schachbretts eine Menge Charaktere vor, die
ich durch mein Spiel, gegen den gegenarbeitenden Mitspieler, der mir das
Schicksal vorstellt, in eine dramatische Zusammenstellung zu bringen suche, und
so weiss mein Gegner nie, wie ich nur so dumm spielen kann, gerade wenn ich am
zufriedensten bin, und mein Held recht herrlich dasteht. Es wird dann meistens
ein Trauerspiel, und ich stehe recht gerührt und mit tiefen Betrachtungen über
das Geschick auf, während mein Gegner mir vorwirft, dass ich geizig sei, und
unzufrieden, wenn ich gleich meinen Verlust selbst verschuldet hätte. So wie
mancher Dichter allein seine Werke versteht, und tief gerührt von seinen
Geburten, dem Publikum die gutmütige Äusserung abgewinnt, wenn er nur etwas
Lesbareres schrieb, da würde er nicht vor Armut Tränen weinen.
    Auch mit dem Billardspielen geht mir es so; ich möchte immer gerne mit den
schönen weissen Bällen irgend eine Gestirnstellung auf der grünen Fläche
hervorbringen, und der andere stösst mir alles in die Löcher.
    Ich schrieb dir meine Krankheit mit Fleiss nicht eher, bis ich wusste, dass ich
leben bleiben musste, und wäre ich gestorben, so hättest du nichts davon
erfahren, denn nur im Vergessen wird man glücklich.
    Hier folgt die Fortsetzung meines Tagebuchs, und - lebe wohl!
                                                                           Godwi
 
                          Fortsetzung meines Tagebuchs
Ich fühlte plötzlich, dass ich mich in meiner Erzählung verloren hatte, und aus
der Folge meiner innern Erneuerung getreten war.
    Ich hatte mich auf meiner Erzählung in mein wirres Leben zurückgetragen, ich
hatte meinen Talisman abgelegt. Meine ganze Umgebung sprach mich wieder fremd
an. Ich war mit diesem zarten einfachen Leben uneins geworden, und schauerte, in
alle Farben der wilden Welt gehüllt, vor dem Umriss meiner Lage, die mich so
farbenlos wie ein Geist anredete - die Natur kommt uns armen unnatürlichen
Menschen leider oft so übernatürlich vor.
    Tilie, die an meinem Arme hing, schwieg. Ihr Anblick überraschte mich, und
ihre Berührung machte mir bang; die ganze Reihe von Bergen um uns her, deren
Häupter unsre Nachbarn waren, verschwammen im Mondenglanz in die Wolken, und
türmten sich regellos wie Dampfsäulen wechselnd in den Himmel.
    Eine unergründliche Tiefe zwischen Jetzt und Ehedem, wie die Täler zu meinen
Füssen, ohne eine einzige Gestalt, wie siedende Kessel voll weisser Nebel und
Dünste, ein ganzes Klima zu erschaffen.
    Alles um mich her, ohne eine einzige Stelle, etwas hinzustellen, alles so
voll und so wogend wie ein Meer, und in mir die drückende Last und der Drang,
mich ewig von den Erinnerungen zu trennen, die, ohne Frucht üppig in Blätter und
geruchlose Blüten schiessend, jedem Bessern die Nahrung stehlen.
    Alles das hatte mich zugleich umfasst, meine ganze Vergangenheit, die ich
durch meine lebhafte Erzählung erweckt hatte, ergoss sich missgestaltend in meine
Gegenwart, ich war ganz verloren, und wachte in dem abenteuerlichsten Traum.
    Ohne irgend etwas zu denken, meine Seele wie in einem Wirbelwinde unter
tausend Bildern und Ungestalten herumschwindelnd, blickte ich in den Wald,
während ich mit vollem Bewusstsein neben Tilien in der herrlichen Nacht hätte
gehen sollen.
    Ich blickte schon eine Zeitlang auf einen leuchtenden Punkt im Holze, der,
zwischen den Bäumen hin und her schwankend, in der Ferne zwischen die Blätter
leuchtete, und das Grün der Bäume entzündend, schimmernde Zweige in der tiefen
Nacht des Waldes erblühen liess. Meine Zerstreuung suchte dies nicht näher zu
erforschen, sondern reichte bequem lieber zu dem nahen Gefühle, das mir so oft
die erleuchteten Hüttenfenster auf meiner Reise einflössten.
    Unwillkürlich malte ich mir eine kleine Bauernstube, und fühlte das
Behagliche der Ruhe nach der Ermüdung; ich sah die Kinder rund um den Ofen, die
Spinnräder und die Lampe nach der Reihe einschlafen, und dachte gar nicht dran,
dass hier auf eine Meile Wegs keine Bauernhütte sein könne.
    Ich wollte schon anfangen, Tilien meine Gefühle über die Hüttenfenster
mitzuteilen, als es mir auffiel, dass sie so lange geschwiegen habe.
    Ach, es ist sehr traurig, wie ungeschickt uns unsre Erziehung macht; unsre
Seele wird vom bürgerlichen Leben, wie von einem Tanzmeister, in eine wunderbare
steife Konsequenz und eine auswendig gelernte Mannigfaltigkeit geschraubt, die,
sobald wir in die Natur treten, zu höchstverderblicher Ungeschmeidigkeit und
Einseitigkeit führen.
    Mit meiner Rückkehr in meinen vorigen Seelenzustand verbanden sich nach und
nach alle seine Schwächen, so wie ein Weltmann nicht leicht einen französischen
Pas und einen natürlichen Sprung in der Mitte vereinigen kann.
    Ich war zu verwirrt, ich möchte sagen, zu erniedrigt, um Tiliens hohes,
reines Leben voraussetzen zu können, und meine Frage, warum sie so lange
geschwiegen habe, schien nur eine gewöhnliche Dame zu berühren. Ich vermutete,
sie sei ängstlich geworden, meine Erzählung von der weissen Marmorfrau, die Nacht
und die Einsamkeit mit mir habe in ihr jene weibliche Furcht erregt, die uns
Männern so hinreissend wird, weil sie eine der wenigen Aufwallungen ist, in denen
sich das eigne innere Verhältnis noch äussert.
    
    Es ist so selten, dass die blosse Liebe von beiden Seiten gleichtätig die
Geschlechter näher verbindet, dass uns bis jetzt die raschere, bestimmtere
Annäherung zugeteilt wurde; ebendeswegen tut es uns äusserst wohl, wenn wir
einmal der feststehende und nicht der bewegte Teil sind, wenn eine Bewegung der
Luft, oder das Gewicht der Reife, die Rosen oder die Früchte, die wir pflücken
wollen, uns entgegen bewegt.
    Tilie hatte im Gehen dann und wann ihre Hand fester auf die meinige gelegt.
Ich:
Wie ist dir, Tilie, sag, warum so stille?
Tilie:
Dass ich nicht spreche, ist dein eigner Wille,
Wie konntest du das alles so erzählen,
Nur diesen hohlen bangen Ton erwählen,
Der wie durch einen dunkeln, tiefen Gang
In deiner seltsamen Erzählung klang.
Im Anfang folgt ich dir, verliess die helle,
Die sterngezierte Nacht, die ernste Schwelle
Neugierig überschreitend, drang ich vor,
Bis ich mich ganz in Dunkelheit verlor.
Du warst so weit, so tief hinein gegangen,
Und Tilie konnte dich nicht mehr erlangen.
Ich eilte rückwärts, hörte dich nicht mehr,
Nur deine Stimme klang noch zu mir her.
Ich setzte mich still an der Höhle nieder
Und liebte dich nicht, denn du kamst nicht wieder.
Ich schaute einsam durch die dunklen Räume,
Aus Waldestiefen kamen zarte Träume
Und spielten mit des Mondes Geisterbildern,
Um meines Freundes Abschied mir zu mildern.
Nur eins von allen blieb bei mir zurücke,
Die weisse Marmorfrau, und meine Blicke
Liess ich durch Schatten und durch Lichter spähen,
Und hoffte fest, die Arme zu ersehen;
Aus den Gebüschen, glaubt ich, muss sie schauen
Und könne mir allein ihr Leid vertrauen.
Mich ergriffen ihre Worte heftig, wohl war ich Armer in einem langen düstern
Gang, und konnte nicht wieder heraus.
    Ich konnte Tilien nicht antworten; ich wusste nichts, gar nichts, und hätte
fast vom Wetter gesprochen, hätten mir die Hüttenfenster nicht eine freundliche
Unterhaltung angeboten.
Tilie:
Hier oben - Hüttenfenster, sag, wie ist dir?
Hier oben sind ja keine Hütten -
Die Auflösung meines Irrtums, der sich nun schon eine ganze halbe Stunde lang in
meine Gedankenreihe verflochten hatte, vollendete meine Zerstörung. Mit einem
sehr hässlichen Unwillen fuhr ich fort:
Was denn sonst
Solls sein, was dorten leuchtet?
Sie:
Nun, es wird wohl
Ein stilles Licht sein, kennst du diese nicht?
Ich:
Ein stilles Licht? - Das ist ein Aberglaube.
Tilie:
Ein Aberglaube? - Sag, was nennst du so?
Ich:
Ein Aberglaube? Nun, ein falscher Glaube.
Tilie:
Wie sprichst du Mann, wie hast du dich verändert;
Die Worte, falsch und schief, versteh ich nicht.
Woher sind sie gekommen, hast du sie
Aus deiner falschen Welt heraufgebracht?
Ich:
Ich meine, liebe Tilie, dass die Lichter
Aus der Natur entspringen, und dass jeder
Verschiedne Glaube ihres Ursprungs falsch sei.
Tilie:
Von allem diesem weiss ich nichts. Natürlich
Ist alles. Von den stillen Lichtern schweige,
Ich ehre sie, sie sind mir lieb. Sehr selten
Ists, dass sich eines zeigt; es geht dann
In meinem Leben sicher etwas Seltnes
Und Wunderbares vor, sie schimmern
Wie Winke meines Schutzgeists in der Nacht,
Und wandeln ferne in der Gegenwart
Wie kühnere Minuten meiner Zukunft vor mir.
Eusebion lieben sie, er sprach schon oft
Mit ihnen, und sie tanzen freundlich um ihn.
Willst du mir meine zarten Freunde stören,
So gieb mir erst, was sie mir still gewähren.
So weit für heut, ich bin so müde.
                                                                           Godwi
 
                                 Godwi an Römer
Ich bin schon wieder genesen. Ich gehe schon wieder durch Wald und Flur, und
ohne Mühe, ohne Kampf mit dem vorigen. Auch mein Körper ist sanfter gestimmt.
Alles ist einfacher in mir. Ich kann lange an einer Stelle stehen, ohne jene
innere Angst, die mich immer weitertreibt.
    O wie ist die Natur so gross, und wie ist der Mensch grösser! Wie kann er sie
bändigen in sich; wie kann er weit hinaus sehen, und so unendlich viel in sein
Auge fassen, und es mit seinem Geiste ruhig anfühlen und betrachten.
    Es ist mir nun alles erklärbar, alles verstehe ich; es hängen mir nicht mehr
um jede Aussicht alle Erinnerungen, und reissen mich von der Gegenwart gewaltsam
zurück.
    Sonst musste ich immer durch eine düstere Wolke von Reflexionen durchbrechen,
um zu geniessen. Es ist, als sei nach dieser Krankheit mein Bedürfnis kleiner und
mein Begehren heftiger geworden.
    Der Alte ist nun immer freundlicher mit mir, und ich bringe heilige Stunden
mit ihm und Tilien zu.
    Eins nur kann ich noch nicht lösen; wer war sie, die mit dem Knaben auf dem
Arm am Ende der Wiese stand? -
                                                                           Godwi
 
                           Fortsetzung des Tagebuchs
Die Worte Tiliens beschämten mich. Ich schwieg. Ich wollte Tilien ihre Götter
rauben, und sie blieb mir freundlich. Ich sah in mich zurück und um mich her, da
blieb es kalt und leer. Kein Bild sprach mit mir von einem heiligen
Zusammenhange mit einem höhern Leben. O, wer gibt mir diese Religion?
    Wenn ich Tilien und mit ihr den schönen Zusammenhang mit ihren stillen
Lichtern erhalten könnte! Wie ehre ich nun diese stillen Lichter - Sind sie
Tilien, was sie mir ist? - Sollte mich nicht eine schöne Eifersucht bewegen, an
ihre Stelle zu treten, meine Stelle mit ihnen zu vertauschen? - Wie - wie kann
die wilde verzehrende Flamme in mir zum stillen Lichte werden? -
    So war es in mir. Tilie ging ruhig an meiner Seite und sang:
Sprich aus der Ferne
Heimliche Welt,
Die sich so gerne
Zu mir gesellt.
Wenn das Abendrot niedergesunken,
Keine freudige Farbe mehr spricht
Und die Kränze stilleuchtender Funken
Die Nacht um die schattigte Stirne flicht:
Wehet der Sterne
Heiliger Sinn
Leis durch die Ferne
Bis zu mir hin.
Wenn des Mondes still lindernde Tränen
Lösen der Nächte verborgenes Weh,
Dann wehet Friede. In goldenen Kähnen
Schiffen die Geister im himmlischen See.
Glänzender Lieder
Klingender Lauf
Ringelt sich nieder,
Wallet hinauf.
Wenn der Mitternacht heiliges Grauen
Bang durch die dunklen Wälder hinschleicht
Und die Büsche gar wundersam schauen,
Alles sich finster tiefsinnig bezeugt:
Wandelt im Dunkeln
Freundliches Spiel,
Still Lichter funkeln
Schimmerndes Ziel.
Alles ist freundlich wohlwollend verbunden,
Bietet sich tröstend und traurend die Hand,
Sind durch die Nächte die Lichter gewunden,
Alles ist ewig im Innern verwandt.
Sprich aus der Ferne
Heimliche Welt,
Die sich so gerne
Zu mir gesellt.
So sang Tilie durch die Büsche, als bete sie. Der ganze Tempel der Nacht feierte
über ihr, und ihre Töne, die in die dunkeln Büsche klangen, schienen sie mit
goldnen, singenden Blüten zu überziehen.
    Ich selbst war wunderbar gerührt und weinte fast, dass ich an der Seite
dieses hellen freundlichen Bildes so trüb und verschoben dastehe.
    Hier wendete sich Tilie zu mir und sprach:
Dir ist nicht wohl, du magst den Wald nicht leiden,
Weil Dunkelheit schon in dir selbst regiert;
So will ich dich den andern Weg geleiten,
Der über eine helle Wiese führt,
Wo Licht und Schatten nicht so bange streiten
Und sich der Pfad in hellen Glanz verliert.
Durch jene Flur, in sanften grünen Wogen,
Wird sie von leisem Wehen hingezogen.
Tilie trat mit mir aus dem Walde auf die glänzende Wiese heraus, und ich
erschrak fast vor ihrer Schönheit.
Ist des Lebens Band mit Schmerz gelöset,
Liegt der Körper ohne Blick, ohn Leben,
Fremde Liebe weint, und er geneset.
Seine Liebe muss zum Himmel schweben,
Von dem trägen Leibe keusch entblösset,
Kann zu Gott der Engel sie erheben.
Und er hält sie mit dem Arm umfasset,
Schwebet höher, bis das Grab erblasset.
Ist er durchs Vergängliche gedrungen,
Kehrt die Seele in die Ewigkeit,
O, so ist dem Tod genug gelungen,
Und er stürzet rückwärts in die Zeit.
Um die Seele bleibet Wonn geschlungen,
Alles gibt sich ihr, die alles beut,
Wird zum ewgen Geben und Empfangen,
Kann des Wechsels Ende nie erlangen.
So war mir, als ich auf die Wiese trat und Tilie neben mir; es war, als stürze
alles Licht auf sie herab, sie zu verschlingen, oder zu erschaffen, oder sie
erschaffe alles Licht; es war, als entstehe sie aus den Wellen der Grashalmen
und Blumen, über die sie schwebend hinging, wie Venus aus dem Schaume des
Meeres.
Ich:
Wie diese stille Fläche sah der See
In meines Vaters Garten aus; Otilie,
Dort, wo die Büsche sich verengen, stand
Das weisse Bild, o Gott -
Tilie:
Was ist dir?
Ich:
Dort steht die Frau.
Tilie:
Wo? Lass uns zu ihr hin;
Da steht sie, ja ich sehe sie, die Arme!
Ich war in die Erde gewurzelt, die weisse Marmorfrau stand am andern Ende der
Wiese, und hatte den Knaben im Arm.
    Tilie sass neben mir, rief mich dann und wann und rüttelte mich leise, ich
war sinnlos niedergesunken.
Tilie:
Wie ist dir, sprich, du machst mir bange,
Liebst du das weisse Frauenbild nicht mehr?
Hast du ihm wehgetan, dass du es fürchtest?
Mir war es lieb, dass sie sich vor uns stellte.
Ich:
Sahst du sie denn?
Tilie:
Gewiss, bis sie verschwand.
Doch komme, wunderbarer Mann, komm schnell,
Lass uns nach Haus zu meinem Vater eilen,
Mit dir ist es nicht gut allein zu weilen.
Das stille Licht sahen wir schnell durch den Wald hinfliehen, und trennten uns
an der Türe. Ich bin krank -
                                                                           Godwi
 
                    Joduno von Eichenwehen an Sophie Butler
Du hast mich mit dem freundlichen Briefe recht in Versuchung geführt, und ich
war nie so reich in meiner Einsamkeit. Unter zwei Freuden soll ich wählen - ich
armes Mädchen bin an Freuden gar nicht gewöhnt.
    Wenn du wüsstest, was auf der andern Waagschale liegt, und das ist etwas, was
dich schier aufwiegen könnte. Ich soll auf einige Tage nach Reinhardstein zu
meiner Otilie, ihrem Vater und dem kleinen Eusebio. Auch Godwi ist dort, und ich
hätte ihn immer zuerst nennen dürfen.
    Auf deiner Seite liegt eine grosse Stadt mit Spazierfahrten, Schauspielen,
Bällen, neuen Moden, und du, liebes Mädchen, dich hätte ich wohl auch zuerst
nennen können. Der Vater und mein Bruder sind nach B. auf den Landtag gereist,
und ich warte nur auf seine Antwort, ob ich zu dir kommen darf. Es ist mir sehr
lieb, dass mein Bruder mit nach B. ist, er würde sonst mich sicher nach
Reinhardstein oder zu dir begleitet haben. Nach Reinhardstein bringe ich ihn
nicht gerne, weil er meine Otilie mit seiner Liebe quält, und bei dir, sieh, da
möchte ich doch ein wenig brillieren; mein Herr Bruder aber hat gar keine Anlage
zum Chevalier d'honneur. Nun weiss ich noch nicht, wer mich begleiten wird.
Könntest du mir nicht einen deiner Brüder schicken? Ich will sehen, ob es der
Vater erlaubt.
    Ich freue mich recht sehr auf dich; wir wollen dann die kindische Zeit
wieder aufwecken, die wir zusammen im Kloster verlebten. Ob diese Erinnerungen
für dich noch reizend sein können, weiss ich nicht, denn du hast mit einem
glänzenden, bunten Leben das alles vertauscht; aber ich, ich kann nimmer das
zarte Leben vergessen, in dem wir so verschwistert nebeneinander einhergingen;
die grosse, stille Laube, am steilen Abhange des Klostergartens, ist nirgends
mehr in der Welt. Wie die Mühlen klappten, die Bäume rauschten, und sich unten
alles in den dunklen Wellen eines lebenden grünen Meeres bewegte. Immer steht
mir noch ein Abend im Sinn: der Bruder der Priorin und ein freundlicher
geistlicher Herr waren angekommen, und es war ein grosses Fest im Kloster. Nach
Tische mussten wir beide das Ave singen, um den Fremden eine Freude zu machen,
und es war uns so gut gelungen, dass uns erlaubt wurde, eine Bitte zu tun; wir
besannen uns lange, damit wir die rechte tun möchten, und standen beide am
Fenster, miteinander zu überlegen. Es war Abend und ganz dunkel draus, da ging
auf einmal der Mond auf, und der Garten war so schön, die kleinen Springbrunnen
rauschten so freundlich, dass du um die Erlaubnis batst, eine Stunde in den
Garten gehen zu dürfen.
    Als wir unten durch die dunklen Gänge gingen, da wurde uns sehr wohl; wir
setzten uns in die Laube und sahen in das glänzende Tal hinab. Nachher merkten
wir, dass der alte Gärtner noch wachte, wir klopften an sein Fensterchen, da kam
er dann heraus, setzte sich zu uns in die Laube und erzählte uns, wie er sich
als kleiner Knabe bei seinem seligen Vater erinnere, dass hier in der Laube sich
einmal ein wunderschöner junger Prinz in eine Nonne verliebt und sie nachher
entführt habe. Wie der Gärtner fort war, sprachen wir noch lange von der Liebe,
und wählten uns jede einen Ritter, und schufen an ihnen allerlei kleine
Liebenswürdigkeiten, die wir teils an den Freunden unsrer Eltern, teils an
unsern Gespielen bemerkt hatten, zum Heldencharakter um. Ich wollte einen
lustigen, offenherzigen Ritter mit braunen Locken; er brauchte gar nicht alle zu
besiegen, nur meine Lieblingsfarbe Himmelblau musste er tragen, auch tanzen,
singen, und nun, auch sehr zärtlich sein konnte er. Dein Auserwählter war schon
viel preziöser und zusammengesetzter. Er hatte schon den Zug ins heilige Land
vollbracht, du wolltest ihn zum Lohne seiner Arbeiten mit deinem grossen
schwarzen Auge freundlich anblicken, und ihn die Rätsel und Charaden deines
Witzes auflösen lassen. Er war ein ernster, erfahrner Mann, voll Wahrheit und
milder Majestät. Sein Auge musste schwarz sein, und nicht einen süssen Blick
wolltest du ihm verzeihen. Treue und Achtung war das eigentliche Band. Sein
Gewand war grau, braun oder schwarz. Perlen durfte er tragen, und die feinsten
Kanten zur Halskrause, aber alles echt und einfach; auch sollte er die Ziter
spielen, und du wolltest ihm verzeihen, wenn er Lieder der Liebe sänge. Aber die
Erinnerung, die Zeit, die Zukunft müsste sein Vorspiel sein, er sollte sie zur
Ehre der Damen singen, mit denen er in Frankreich getanzt, die er in Italien
geküsst, unter deren Fenstern er in Spanien die süsseste Langeweile empfunden
hatte, und am Ende sollte er dich küssen, einen ernsten Kuss der Überzeugung;
dann griff er wieder in die Saiten und sang ein Lied von dir, in dem sich alles,
seine bunte Welt und sein wilder, strebender Sinn, ruhig gelöst hatte. -
    Wenn das Glöckchen zur Mette läutete, und wir traulich wie zwei verwünschte
Prinzessinnen die langen Gänge an den vielen alten Bildern hinab ins Chor
schlichen, machten wir bei einem von den Bildern immer die Augen zu, es war eine
Martergeschichte, und mussten deswegen Gesichterschneidens halber stehend essen.
Wir waren damals die Ältesten, und freuten uns, wenn es in das Chor ging, immer
über die vielen fröhlichen kleinen Mädchen, die um uns her wallten, über die
neugierigen Nonnen, die die Köpfe zu ihren Türen herausstreckten, oder wie
Gespenster um die Ecken herumschwebten. Wir konnten den eintönigen Gesang von
den vielen Mädchen-Stimmen gar nicht mehr leiden, drehten an dem Rosenkranze und
steckten die Köpfe zusammen, und ich sagte einmal recht offenherzig: »Ach! wenn
doch unsre Ritter mitsängen.« Wir waren immer einig, nur ein einzigesmal haben
wir ein paar Stunden geschmollt; es war, als dein Bruder deine jüngere Schwester
gebracht hatte. Ich vergesse den Abend nie, die Nonnen huschten wie Geister um
ihn her, und keine wollte ihn vor der andern angesehen oder gesprochen haben,
und er scherzte mit allen. Du wurdest aufgebracht und weintest, weil ich in
meiner Einfalt die Schwester Rosalie gegen dich auslachte. Sie wanderte so
sonderbar bewegt mit deinem Bruder im Garten herum, und konnte gar nicht von ihm
loskommen. Die Arme war deiner Tränen wohl wert, sie ist nun tot. - Wenn ich
spröde, dummzierige Mädchen sehe, so wünsche ich sie immer ein paar Jahre ins
Kloster, damit sie fühlen lernen, was die arme Rosalie fühlte. - Seitdem ich
Godwi kenne, fühle ich, dass ich die Männer liebe, und dass nur sehr elende Weiber
sie nicht lieben können. Ich freue mich auch sehr, viele gescheite und schöne
Männer bei dir zu sehen. Es ist so totenstill hier im Schloss, seit der Vater,
Jost und Godwi fort sind, dass ich mich nicht getraue, aus meinem Winkelchen
herauszugehen; das Fleckchen von unserm Garten, das ich aus meiner Stube
übersehe, habe ich fast auswendig gelernt. Der Himmel allein ist es, der mich
unterhält, die Wolken mit ihren tausendfaltigen Gestalten sind meine einzige
Lektüre; bald suche ich Umrisse von Gesichtern, bald Schlösser, bald kämpfende
Drachen und Schlangen in ihnen, und indem sie selbst immer leise zerrinnen, wird
aus meinen einzelnen Arten ein allgemeines Dichten, ohne eigentlichen Stoff;
doch lange dauert es nie, so steht Godwi mitten drinne. Oft sehe ich ihn in
allen Ecken. Stundenlang sitze ich in dem Armstuhl auf seiner ehemaligen Stube;
alles, was von ihm übrig ist, habe ich durchsucht, und ein Stückchen Papier,
worauf er, indem er die Feder probierte, meinen Namen und seinen schrieb, liegt
unter den heiligsten Blättchen meiner Brieftasche. Der Morgen, an dem er
wegging, ist sehr traurig für mich gewesen, ich wusste gar nicht, wo ich bleiben
sollte; ich ging in meiner Stube an die Kommode, in der meiner verstorbenen
lieben Mutter ihre Kleider liegen, nahm sie heraus und betrachtete die schönen
Kanten und schwarzen Paladine, las in dem Kalender, in den sie geschrieben
hatte, wann ich geboren war, und setzte mich dann an ihr künstliches Spinnrad,
das mein Vater ihr zur Hochzeit schenkte, und spann, indem ich heftig weinte, um
Godwi und die Mutter. Es ist so allein, es hallte alles wieder, ich klettere an
jedem Schranke in die Höhe, um zu sehen, ob nicht etwas Vergessenes oben liege,
das mich zerstreuen könnte. Die alte Margarete hat alle ihre
Gespenstergeschichtchen wiederholt, die Legende und hundert königlichen
Jagdgeschichten habe ich durchgelesen und möchte fast, dass mir ein kleiner
Schlosszwerg erschiene, und mir irgend einen geheimen Schrein voll der
seltsamsten Sachen entdeckte. Aber ich glaube, fast alle meine Gross- und
Urgrossherrn waren viel zu trockene Leute, als dass so ein poetisches Männlein bei
ihnen hätte sesshaft werden können. Es ist mir wie einem Indianer, an dem eine
herrliche Musik mit allen ihren blitzenden Tönen vorüberrauschte, die göttlichen
Flammen schlingen sich um seinen unschuldigen Sinn, und er kann nimmermehr
ruhen, weil er die glänzenden Töne vermisst, die in einem Augenblicke einen
Himmel aufschlossen, den er nimmer wiedersieht. Godwi ist nun fort, ich finde
ihn nirgends, aber er hat eine Begierde in mir entzündet, die er selbst nicht
ausfüllen kann, eine Begierde nach Dingen, die ich nie kannte. Ich liebe Godwi
nicht, denn er ist viel weiter als ich in allem Leben. Vieles, was ihn ganze
Stunden beschäftigt, fällt mir gar nicht auf. Seine ganze Stimmung kann durch
einen kleinen Misston, durch eine auf andre gar nicht wirkende Wendung der
Unterhaltung zerstört werden, und oft ergreift ihn wieder die grösste Heiterkeit
bei Dingen, die mich gar nicht rühren. Ich scheine mir viel zu arm für ihn. Er
selbst liebt sich wenig, und oft hat er mir geklagt, er sei sich viel zu wenig
gegen andre Menschen, die er kenne. Und nun sieh das Verhältnis: für mich waren
die Empfindungen, die er in mir hervorbrachte, die unbegreiflichsten, höchsten,
die ich je gehabt habe; er selbst, um den er sich so wenig bekümmert, war mein
einziges Dichten und Trachten. Wenn er scherzend sprach, musste er mir oft vieles
erklären, und wenn er ernst sprach, war er mir oft unverständlich, und doch
hörte ich ihm dann gerne zu, ich hatte die Empfindung der italienischen Musik
dabei, wo ich den Text nicht verstehe, oder sah ihm in die Augen, die ihm oft
abtrünnig mit vielen Dingen umher ein ganz eignes Gespräch führten. Er verband
immer die grösste Delikatesse mit einer hohen Vertraulichkeit, und nie hat er mir
von Liebe gesprochen. Wenn ich an ihn denke, wie er hier war, so zerfällt mir
diese Zeit in eine Menge von Zusammenstellungen und Gruppen, unter denen
einzelne mir besonders hervorspringen. Ich sass einstens in einer kleinen
Gitterlaube mit ihm abends im Garten, ich sah ins Tal hinab, und er sass auf der
Erde zu meinen Füssen, der Mond schien herein, und der Schatten der Gitterlaube
fiel über seine Gestalt; wenn ich ihn ansah, so war mir es, als wäre er
gefangen, aber nicht von mir, als wäre er gefangen von einer andern Welt. Da
legte er seine Hände auf meine Knie, und bald auch seinen Kopf, und wir sprachen
nur wenig mehr. Dass ich sagte: »Ich will schlafen«, und den Kopf auf den Arm
legte, und dass er sagte: »Wir fangen an ganz stumm zu werden«, ist wahr, aber
von beiden Teilen eine kindische Entschuldigung gewesen. Wir gingen sehr still
zurück, er nur sagte etwas schüchtern: »Fräulein! würden Sie auch einem andern
erlaubt haben, seine Arme und seinen Kopf auf Ihre Knie zu stützen, oder wollen
Sie mir besonders wohl, und warum tat ich es?« Hier ging er auf seine Stube, und
diese Fragen stehen beide ganz verlassen und nackt in unserm Leben; diese
Fragen, an die sich eine Folge von schönen Rätseln und Auflösungen hätte knüpfen
lassen. Den Abend vor seiner Abreise schnitt er meinen Namen in die Eiche, er
ging dann auf seine Stube, um einiges in Ordnung zu bringen; ich blieb allein
zurück und musste seinen Namen unter den meinigen setzen, es kostete mir viele
Mühe, und ich habe mir zweimal die Hand dabei verletzt.
    Als ich gestern hinkam, um mich nach den Stunden umzusehen, die hier so
schön gewesen waren, als er noch da war, sah ich das Wort Freunde unter die
Namen geschnitten. Eine schmerzhafte Empfindung durchdrang mich, als ich diese
Hinzusetzung las. Hatte ich mehr erwartet als Freundschaft, und bin ich wert,
dass er mir mehr gebe? Ach! ich törichtes Mädchen weinte, als habe er mir unrecht
getan, und jetzt sehe ich das Wort schon so gerne, dass ich es unterstrichen habe.
    Diesen Mann nun soll ich sehen, ungestört, in der schönsten Gegend, bei der
Einsamkeit und Einfachheit. Fühlst du wohl, wie schwer dies Gegengewicht ist?
Und doch ist es besser, wenn ich ihn nicht sehe, da er mir nie mehr als
Freundschaft geben kann, und die Forderungen meines Herzens noch so vorlaut
sind. O, wenn du doch da wärst, liebes Mädchen, und mich zu dir fortreissen
könntest; ich glaube doch, wenn du vor mir ständest, ich könnte Godwi vergessen.
    Welche Veränderung in mir, wenn ich lese, was ich sonst schrieb - das war
alles so leicht und so deutlich, wie ich es dachte, und jetzt kann ich nicht
einmal alles schreiben, was ich denke, die Worte fehlen, und doch finde ich
viele Worte in diesem Briefe, die mir fremd vorkommen, die ich nie gehört habe
als von Godwi. Auch denke ich vieles, was ich sonst nicht dachte und wieder von
ihm ist. - Doch, was nützt das alles. Hier ist auch von ihm, und vielzuviel.
    Wenn du mir schreibst, so sage mir, welcher von deinen Brüdern mich abholen
soll, ob es der sonderbare undeutliche, ungezwungene, der sonderbare ernstafte,
zierliche oder der sonderbare trockne, spasshafte ist. Jeder dieser sonderbaren
drei Herren erfordert ein eignes Benehmen, bei jedem müsste ich anders in den
Wagen steigen. Dem ersten muss man Zutrauen ohne Vertrauen geben, seine Schwäche
nicht zeigen und ihm nicht sagen, dass er nicht gut sei. Der zweite duldet keine
Schachtel im Wagen, er erfordert lauter Eleganz, und man weiss gar nicht, wie man
ihn eigentlich ansehen soll, weil man noch keine englischen Patentblicke hat.
Der dritte endlich fordert Duldung für Tabak, Widerspruch, Bisarrerie und Spass.
Darum zeige mir meinen Schutzgeist vorher an, damit ich in der Überraschung
meine Rolle nicht fallen lasse. Lebe wohl!
                                                                          Joduno
 
                        Antonio Firmenti an Godwis Vater
Segen über Sie und das Ihrige! Sie haben mir die fröhlichste Nachricht erteilt,
die ich seit zwölf Jahren erwartete. Mein Bruder, mein geliebter Franzesco lebt
und ist in den Armen eines Freundes. Meine Nachfragen sind ganz Europa
durchlaufen, fünf Jahre lang habe ich selbst alle grosse Städte durchreist, ohne
eine Spur von ihm zu finden. Schon wollte ich auf die Freude Verzicht tun, ihn
je wieder zu umarmen, schon löschte die Zeit sein Bild aus meinen Augen, als er
mir plötzlich und unerwartet wiedergefunden ist. Die wenigen Blicke, die er Sie
in sein Schicksal tun liess, will ich Ihnen, soviel als möglich, erläutern. Seine
Geisteszerrüttung, die mich so sehr schmerzt, würde es ihm ohnedies zu
gefährlich machen, in der Darstellung in seine Leiden zurückzukehren. Wenden Sie
alles an, ihn so viel als möglich zu zerstreuen und wieder herzustellen. Ich
sende Ihnen hierbei einen Wechsel auf dreihundert Pfund Sterling; geben Sie mir
von Zeit zu Zeit Nachricht von ihm, und wenn Sie mir endlich den glücklichen
Punkt melden, wenn er fähig ist, die Erschütterung des Wiedersehens zu ertragen,
so komme ich selbst, umarme ihn und führe ihn dem sanften Himmel seines
Vaterlandes zu. Doch jetzt zur Erzählung seiner Geschichte, die die Geschichte
meiner ganzen Familie werden wird, die Sie ganz kennen müssen, da der Himmel Sie
zu ihrem grössten Wohltäter gemacht hat. Ich werde ganz aufrichtig sein, und
Ihnen meine innersten Meinungen über diese Familie aufschliessen.
    Unser Vater war ein redlicher, kluger und reicher Mann, doch alles dieses
aus kaufmännischen Gesichtspunkten betrachtet. Redlich, ohne doch die
sogenannten Handlungsvorteile zu verwerfen, klug in Spekulationen und
bürgerlichen Verhältnissen; auch seine Religion war Spekulation auf den Himmel,
Verhältnisse mit der Menschheit hatte er wenige, und hier waren Mönchsköpfe
seine Maschinen, reich an Gütern des Lebens - Gott segne seine Asche!
    Wir beide waren seine einzigen Kinder; das Taufbuch bezeugte es, sonst
hätten wir es wenig erfahren, denn er war rauh und hart. Ein Glück für uns war
es, dass er auch stolz war, so dass er wenig mit uns sprach, und nur seine Mienen
uns weh taten. Wir standen in keinem Umgange mit ihm, und sahen ihn oft
wochenlang nicht, bis der Tod unsrer vortrefflichen Mutter uns plötzlich in eine
engere Verbindung mit ihm brachte, die um so drückender war, da die freundliche
Mittlerin nun fehlte. Sie war die Tochter eines vornehmen Römers, der wegen
einiger gewagter Ausfälle auf den Nepotismus Rom verlassen und seine Güter
bezogen hatte. Ihr Vater hatte sie zum geistvollen, vorurteillosen Weibe
gebildet, und ihre Mutter ihr Herz und ihre Sitte zu einer Zarteit der
Empfindung und einer Bescheidenheit geleitet, die sie fähig machten, den Flug
ihres Geistes und die Freiheit ihres Denkens auf dem Punkte in der Erscheinung
zu begrenzen, auf dem Weiber, um die Forderungen der sogenannten Weiblichkeit
nicht zu übersteigen, verweilen müssen, und der in sie jenen unergründlich
reizenden Hintergrund legt, der uns wie ein verborgener Schatz aus den tiefen
Augen der wenigen entgegen sieht, die ihn besitzen. Mein Vater, der bei
Bergwerken mehr Sinn für den Inhalt der Tiefe als bei Menschen besass, berührte
mit all seinem Geize diese Fülle nie, die sie in Liebe und inniger Teilnahme
über uns ausgoss. Ihre Handlungen gingen immer mit ihren Äusserungen in gleichem
Schritte; wo ihr Geist viel weiter als ihre Äusserung war, verbreitete er über
diese eine helle, deutliche Allgemeinheit, so dass, indem sie das Ganze im
Einzelnen äusserte, sie weder der Welt durch ihre Grösse drückend, noch sich
selbst ungetreu werden konnte; und wahrlich, nur der Blick nach innen, nur ihr
hohes Selbstbewusstsein konnte sie für den Druck einer rauhen Umgebung, für die
harte Behandlung meines Vaters und seine ungestüme Liebe zu ihr entschädigen.
Ich habe sie nie gegen ihn murren hören, und zu uns, die wir ihre Freunde waren,
sprach sie nie von ihm als mit allgemeinen Worten der Achtung und Pflicht.
    Unsrer Mutter ging es sehr kümmerlich, sie teilte ihr kleines Taschengeld
mit uns und den Armen. Mein Bruder war ihr ganz heimgefallen, mein Vater hasste
ihn, indem er durch seinen allgemeinern Sinn und seinen Künstlerglauben keinen
Berührungspunkt in dem engen Herzen des Kaufmanns hatte. So umfasste die Mutter
den Sohn mit doppelter Liebe, da sie ihn lieben und schützen musste, und legte in
seinem Herzen dadurch den Grund zu der wunderbaren Leidenschaftlichkeit seines
Gemüts, die die Wirkung des wirklichen Lebens auf ihn so rauh und schmerzlich
machte. Er verliess sie selten, sass halbe Tage zu den Füssen dieser Märtyrerin,
und suchte ihren stillen Kummer, den er aus Delikatesse mit Worten nicht zu
zerstreuen wagte, mit Singen, Vorlesen oder Verfertigung kleiner allegorischer
Bilder zu zerstreuen. Seine Liebe ward immer heftiger in ihm, sie brannte
eigentlich ohne Gegenstand und verzehrte ihn selbst; sein ganzes Dasein war
umfassend und voll Wunsch ohne Hoffnung, so dass er ewig in sich selbst
zurückkehrte, und indem er an sich selbst allein immer von neuem und neuem
bestimmen musste, ward er der unbestimmteste, undeutlichste Mensch. Meine Mutter
gab sich ihm ganz mit ihrem innersten Wesen aus Mitleid hin, und er verwuchs mit
seinem eignen Ursprung, aus dem er sich doch hätte entfernen und sich seinen
eignen, freien Raum hätte erfüllen müssen. Bald lag keine einzige Folge mehr in
seinen Gedanken noch seinen Handlungen, und wer nicht sein Bruder oder seine
Mutter war, musste über den zerstückten, seltsamen Menschen trauren. Bald
bemerkte die Mutter selbst diese leidenschaftliche Liebe in ihm mit Angst, und
fühlte nur zu sehr, dass sie ihn ganz vernichten müsse, um sich ihm zu entwinden;
umso lieber ergriff sie die Gelegenheit, die sich ihr darbot, seiner
Leidenschaft einen andern Gegenstand unterzuschieben. Sie nahm die Tochter einer
Freundin zu sich, die ihre Ehre auf dem geradesten Wege der Natur verloren
hatte. Die Mutter des Kindes verlor sich, und die Anverwandten hörten, dass sie
gestorben sei. Cecilie wurde bis ins vierzehnte Jahr bei meiner Muhme in Ancona
erzogen, dann nahm sie unsre Mutter zu sich, voll Freude, ein weibliches Wesen
um sich zu haben, die Jugend, diese verlorne einzige glückliche Zeit ihres
Lebens, noch einmal in einem zarten Herzen zu sehen, und sich gleichsam in
diesem Spiegel nochmals unter Sonne und Liebe zu entwickeln. - Mein Vater fragte
öfters bitter, wo denn das Kind herkomme? und da meine Mutter antwortete: »Von
der Unschuld und Armut« so fragte er: »Was soll aus ihr werden?« - »Meine
Tochter«, antwortete die Mutter. »So!« sagte er bitter, »ich werde nie Ihre
Kinder anerkennen, die nicht die meinigen sind,« und verliess uns.
    Cecilie war nun die stete Gesellschafterin Franzescos und der Mutter, die
mit Freude bemerkte, wie diese beiden sich immer näher und näher kamen, und
endlich sich ganz durchdrangen.
    Ich brachte den grössten Teil des Tages in kaufmännischen Geschäften zu, und
machte nebenher kleine Spekulationen zum besten Ceciliens, der ich für den Fall
der Not einen heimlichen Schatz sammelte, denn ich liebte sie herzlich, und
wusste, dass der Vater ihr nichts geben würde, die Mutter nicht könne und mein
Bruder viel zu sehr aus ihren Augen getrunken hatte, um nur den Gedanken an
Ernähren möglich werden zu lassen. Meine Mutter begünstigte Franzescos
Leidenschaft auf alle Weise, um sich mit ihm selbst wieder in das Verhältnis
kindlicher und mütterlicher Liebe gesetzt zu sehen, denn sie hatte sicher
erfahren, dass Franzesco von dem freisten, allgemeinsten Geiste der Liebe beseelt
war, und keine gefesselte Unterabteilung ihn zu beschränken vermochte.
    Ich sah Cecilien selten, ja es gab eine Epoche, in der ich sie sorgfältig
vermied, denn ich liebte sie; und warum soll ich es nicht gestehen, da alle
diese Lieben nicht mehr sind? Ich fand einen grossen Genuss darin, meinem Bruder
ein stilles Opfer mit dieser Leidenschaft zu bringen. Franzesco hatte sich der
Malerkunst gewidmet, und würde es weit gebracht haben, hätte seine Schwärmerei,
sein nicht ganz heitrer Blick in die Zukunft und sein durch den Umgang mit den
zwei einzigen Weibern tief, aber einseitig bestimmter Umgang seiner Phantasie
kühnere Bilder gereicht. Sein ganzer Stoff lag in ihm und seinem kleinen Zirkel.
Er konnte nur stille, zarte und leidende Gestalten bilden, und das Höchste war
so ewig über seiner Grenze; er fühlte das innerlich, doch wusste er es nicht, und
siechte, wie jede volle Seele leise hinwelkt, die von der Vollendung
zurückgehalten ist. Es lag in allen seinen Bildern eine geheime Sehnsucht nach
irgend einem andern Gegenstande, und es war mir oft vor ihnen, als sagten sie
mit dunkeln unverständlichen Worten: »Wir sind die wahren nicht«; sie schienen
ewig zu entfliehen, um höhern Wesen die Stelle zu räumen, oder standen ängstlich
da, als ständen sie nicht an der rechten Stelle. In Blumen, Stilleben hatte er
es weit gebracht, und in seinen Arabesken lag sehr viel Harmonie und Musik.
Cecilie, welche eine sehr geschickte Stickerin war, hatte ihn zu diesem Teile
der Kunst besonders gestimmt. So lebten wir drei Jahre lang in einem zarten
Wechsel von Arbeit und traulicher Erholung in unserm kleinen Zirkel, der heilige
Stunden umfasste, Stunden, die mir mit seiner Zerstörung nimmer wiederkehrten.
    Der traurige Zeitpunkt trat ein, in dem der innere Harm meiner Mutter ihren
Körper besiegte. Sie bekam heftige Krämpfe auf der Brust. Cecilie und Franzesco
verliessen ihr Lager nicht, sie teilten den kostbaren Schatz ihrer letzten
Augenblicke, und wenn ich einige Minuten von den Geschäften loskommen konnte, so
trat ich zu ihnen, und wir alle hörten die Lehren und den Trost unsers
sterbenden Glücks. Die fürchterliche Stunde kam heran, der Vater wagte es nicht,
sich dem Krankenbette zu nahen, er reiste weg, ohne jemand zu hinterlassen,
wohin. Vor ihrem Tode hatte jeder von uns dreien eine besondere Unterredung mit
ihr. Ich war der letzte, sie starb in meinen Armen, mit den Worten: »Antonio! du
bist der stärkste, nimm dich Ceciliens und deines unglücklichen Bruders an.« Die
Zerrüttung war fürchterlich unter uns; von dem Sterbebette musste ich auf die
Schreibestube, der Vater war weg, Franzesco war in Wahnsinn verfallen, und
Cecilie stumm und ohne Bewegung, nur dann und wann löste sich die Wut ihres
Schmerzes in einem heftigen Schrei, der das ganze Haus durchschallte, und unter
allem diesen Jammer arbeitete ich des Tags und wachte die Nacht bei den zwei
Leidenden. Da Cecilie wieder etwas besser war, liess ich sie in ein Kloster
bringen, in dem eine Freundin unsrer Mutter Äbtissin war, weil sie ihren Kummer
dort ruhiger zerstreuen konnte, bis ich mit meinem Vater weitere Massregeln mit
ihr ergreifen konnte. In Franzesco kehrte mit seinem Verstand auch seine Liebe
zurück, und ich konnte ihn nur mit der Vorstellung über Ceciliens Abwesenheit
beruhigen, dass ich sie meinem Vater und seinem Verdrusse hätte entziehen wollen.
    Der Vater kehrte zurück und mit ihm seine Strenge. Er billigte mein
Verfahren mit Cecilien, doch wohl nicht aus der Ursache, die mich bewogen hatte.
Franzesco und ich besuchten sie öfters, und unsre Zuneigung zu diesem lieben
Wesen ward um so heftiger, als sie uns durch den Verlust der Mutter einziger und
unentbehrlicher geworden war. Mein Vater war einst nach Tische vorzüglich guter
Laune, und einige Mönche, die ihm und seinem Weine Gesellschaft leisteten, nicht
minder. Er äusserte sich, er werde Cecilien eine Nonne werden lassen, und verbot
uns daher für die Zukunft, sie zu besuchen, weil wir beide zu weltlich gesinnt
wären. Meine Bitten rührten ihn nicht, und den schrecklichen Blick Franzescos,
der in seiner Gegenwart immer stumm war, verstand er nicht. Sie ward hierauf in
ein anderes Kloster gebracht, und wir konnten sie nicht mehr sehen.
    Franzesco hatte nun alles verloren, was ihn ans Leben fesselte, er brachte
den ganzen Tag auf einsamen Spaziergängen zu, und ängstigte mich mit seinem
heimlichen, stillen Betragen sehr.
    Eines Abends kam er in die Stube meines Vaters, seine Erscheinung war mir
ungewöhnlich kräftig, er ging auf mich zu, umarmte mich heftig und trat dann vor
den Vater mit den Worten:
    »Vater? wo ist Cecilie?«
    »Sie ist im Kloster«, erwiderte dieser unwillig, »und wird die künftige
Woche eingekleidet werden.«
    »Sie wird nicht eingekleidet,« erwiderte Franzesco, »denn sie liebt mich und
ich sie; sie ist meine Braut, und ich werde ihr Gatte sein.«
    »Sie ist die Braut des Himmels, Bube!« brach mein Vater im Zorne aus:
»denke, wie du leben kannst; reiche ich dir nicht schon zwanzig Jahre Almosen,
Ketzer! An ein Weib denke nicht, denke an Brot.«
    Franzesco erbebte im Innersten, fürchterlich stand er da, wie ein Mensch,
der sich von der Natur losreisst, die Bande des Blutes rissen tief in seiner
Seele; ich fasste ihn in meine Arme, damit er seinem Vater nicht lästern möge,
und er rief mit Wut folgende Worte: »Gerechter Himmel! Gott und meine Mutter
seien meine Zeugen, ich will mich nähren und sie, und kein Bissen mehr von
deinem Tische! Grosse ungeheure Schuld über mir, ich muss dir alles wiedergeben,
was du mir gabst, und habe gegen meinen Vater mich empört.« Ich führte ihn nach
seiner Stube, er stand starr und stumm, sein Blick wurzelte in den Boden, da
floss ein Strom von bittern Tränen über seine Wangen, er umklammerte mich fest -
ach! ich wusste nicht, dass dies der letzte Rest meiner Freude war, die ich zum
letztenmale umarmte. - Er bat mich, ihn allein zu lassen; ich hörte ihn noch
lange über mir mit schnellen Schritten auf und abgehen, bis ich einschlummerte.
    Der folgende Tag erschien, ich eilte auf seine Stube und fand ihn nicht
mehr. Ein Brief lag auf dem Tische:
    »Antonio! o könnte ich neben dir stehen und dich trösten! Lebe wohl! ich
gehe zu sterben, oder fliehe mit ihr; zeige meine Flucht nicht an, bis sie sich
selbst kundtut, denn wahrlich, ich töte mich und sie, wenn man uns ergreift. Die
Gewalt ist schrecklich in mir erstanden, ich habe zwei Wesen dem Schicksal
entrissen, und trage sie mit Macht zu ihrem Ziel. Lebe wohl! du Teurer, in
einigen Monaten sollst du wissen, wo ich bin. Die Träne, die auf dies Blatt
fällt, gehört dir und dem Grabe meiner Mutter. Lebe wohl!«
    O Franzesco, sie war heiss die Träne, die du mir weintest, denn alle meine
Freuden, mein ganzes Leben ist in ihr versiegt. Mein Vater erfuhr die Flucht
meines Bruders, und die Entführung Ceciliens. Die Sache machte ein ungeheures
Aufsehen, denn eine Nonne zu entführen, heisst ein Ehebruch im Bette des Himmels.
Man setzte ihnen von allen Seiten nach, doch vergebens. Mein Vater enterbte ihn,
und er ward mit Cecilien in den Kirchenbann getan. Einige Monate lang zeigte man
mit Fingern auf mich, als den Bruder des Verbrechers; von allen Kanzeln hörte
ich die Namen meiner teuersten Freunde unter den schimpflichsten Benennungen
ablesen, und wenn ich in die Kirche ging, um am Grabe meiner Mutter für ihre
Kinder zu beten, so musste ich erst den Bannfluch über sie an der Türe
angeschlagen sehen. So sehr mir auch von jeher diese Machtsprüche der Kirche in
weltlichen Dingen, und überhaupt alle grobe Versinnlichung von Dingen des
tiefsten Gefühls, erbärmlich schienen, so machte es doch mechanisch den
fürchterlichsten Eindruck auf mich; so wie uns immer schaudert, wenn wir etwas
Ungewöhnliches sehen, ohne dass wir deswegen an Geister zu glauben brauchen. Ich
hatte nun keinen Menschen mehr, dem ich mich offenbaren konnte, und musste dabei
den ganzen Tag dem Feinde meiner verlornen Freunde gegenüber die trockensten und
langweiligsten Arbeiten verrichten. Allein das Mass war noch nicht gefüllt: ich
erhielt einen Brief von Franzesco ohne Datum und Ort, er war ein Bild des
Wahnsinns, der Tod Ceciliens und verwirrte Ideen von Selbstmord waren die
einzigen lichten Stellen. Mein Schmerz war grenzenlos, alle Hoffnung war
gebrochen, ich unterlag, eine Sinnenermattung warf mich nieder, ich konnte nicht
ausser dem Bette sein. Bei allem dem musste ich arbeiten, mein Vater brachte mir
die Briefe ans Bette, die ich beantworten musste. Ihn selbst schien in dieser
Zeit etwas ganz eignes zu rühren. Eines Tages war ich matter als je, einige
Arbeiten hatten meine letzten Kräfte erschöpft, die Gegenstände verschwanden um
mich, und ich starrte träumend vor mich hin, bis ich einschlief. Da ich wieder
erwachte, war es Nacht, der Mond schien in die Stube und erleuchtete eine Statue
der heiligen Marie, die zu den Füssen meines Bettes in einem Glasschranke stand.
Der goldne Mantel des Bildes glänzte schön, und die Glorie leuchtete wunderbar
heilig um das liebliche süsse Angesicht der Mutter. Ich glaubte, Cecilie stehe
vor mir, ich war ganz in die Anschauung der Erscheinung zerflossen, und fühlte
sie in und ausser mir; so schlummerte ich wieder ein, und auf einem seligen
Traume schwebte das Bild in meinen Schlaf hinüber, und bewegte sich lebendig mit
himmlischer Grazie in meinen trunknen Sinnen. Es war mir, als bräche sich des
Bildes Schein in drei grossen Spiegeln in mir, und Franzesco, Cecilie und die
Mutter lebten in mir; dann hörte ich eine rauhe Stimme, Pietro, mein Vater,
stand vor meinem Bette, mit einem Lichte in der Hand, er sprach: »Antonio, ich
verreise, in vierzehn Tagen kehre ich zurück, dann sollst du angenehmere Tage
haben, jetzt arbeite fleissig.«
    Ich stellte ihm vor, er möge bis zu meiner Genesung bleiben. Allein dazu war
er nicht zu bereden. Er befahl und reiste. Nach einigen Tagen konnte ich wieder
auf sein. Der vierzehnte Tag erschien, es kamen einige Neapolitanische Offiziere
zu mir und fragten nach der Signora Fiormenti. »Die ist schon längst tot«,
erwiderte ich. »Nein, nach der jetzigen Gemahlin Fiormentis fragen wir; sollte
er noch nicht angekommen sein?« - »Ich kenne sie nicht,« erwiderte ich
stammelnd, und bat die Herren, mich zu verlassen. Also eine neue Mutter
erwartete ich. Ich fand die Sache mit Vorteil verbunden, denn so wurde mein
Vater doch beschäftiget; und musste nicht jedes Weib besser sein als er, schon
weil sie ein Weib war? Der Gedanke, an ihr ein Organ zu finden, durch das ich zu
ihm sprechen könnte, tröstete mich. Den Mangel des Zutrauens zu mir, der in der
Verheimlichung der Sache lag, war ich gewohnt, und harrte mit einiger Neugierde
auf die Weiblichkeit meiner neuen Hausgenossin.
    Der Abend kam, mein Vater stieg aus dem Wagen, aber es war kein Weib bei
ihm. Ich wagte ihn nicht zu fragen. Er ging auf seine Stube und schrieb, dann
verliess er das Haus um die zehnte Stunde. Ich hüllte mich in meinen Mantel und
folgte ihm. In einem entlegenen Teile der Stadt trat er in ein Haus, dessen
Fenster festlich erleuchtet waren, und aus dem mir das Getümmel muntrer Gäste
und der Klang fröhlicher Musik entgegenschallte. Ich stellte mich dem Hause
gegenüber an eine Gartenmauer, und lauschte ängstlich auf jede weibliche Stimme,
um in ihr die Stimme der Braut zu bemerken. Ich war plötzlich von einer tiefen
Teilnahme für sie ergriffen, ohne sie zu kennen. Ihr Schicksal rührte mich. Als
ich so stand und lauschte, ertönte die Betglocke der Nonnen hinter mir, die mich
tief erschütterte; ich hatte so oft dies Glöckchen in schlaflosen Nächten mit
zärtlichen Wünschen für Cecilien gehört, es war mir eine Sprache aus
untergegangenen Zeiten, die schrecklich an ein verlornes Leben mahnte. Gleich
neben mir flüsterte die Laube, aus der sie sich in Franzescos Arme herabgelassen
hatte, flüsterte die grüne Halle lebendig, aus der sie in ihr Grab gestiegen
war. Von allen Seiten umgaben mich Bilder des Schmerzes. Ich hörte die Pappeln
von dem Kirchhofe der Mutter herüberrauschen, und vor mir den hellen Jubel einer
unsinnigen Verbindung. Der nächtliche Wind spielte in meinem Mantel, ich verbarg
das Gesicht und weinte. Die Musik verstummte und die Gäste verliessen das Haus,
meinen Vater allein hatte ich nicht herausgehen sehen. Die Braut öffnete ein
Fenster, und ich bemerkte an dem Schnupftuche, das sie vor die Augen hielt, und
den Worten meines Vaters: »O liebe Julie, Sie weinen an dem freudigsten Tage
meines Lebens!« dass sie ebenso gestimmt war wie ich. Sie sprach wenig, aber ihre
Stimme war sanft und lieblich, und ihre Worte voll tiefen Gefühls. Die Reden
meines Vaters standen mit den ihrigen in einem widrigen Misston, und in ihren
Antworten lag für mich ein Stolz, der sich aus Überzeugung opfert. Sie sagte
viel über das Kloster, und bat dann meinen Vater zu schweigen, damit sie dem
Gesange der Nonnen zuhören könne. Dann beurlaubte sie meinen Vater, der sie mit
Zärtlichkeiten überhäufte, und ich trat in einen Winkel, um ihn vorüberzulassen.
    Ich wollte schon eilen, um auf einem anderen Wege vor Pietro nach Hause zu
kommen, als mich die Töne einer Laute zurückhielten, an die sich eine süsse
Stimme schloss. Es war mir, als hörte ich Cecilien singen, es war ganz ihre
Stimme. Ich kehrte zurück, und es war Julie, die sang:
So bricht das Herz, so muss ich ewig weinen,
So tret ich wankend auf die neue Bahn,
Und in dem ersten Schritte schon erscheinen
Die Hoffnungen, der Lohn ein leerer Wahn.
Mit Pflichten soll ich Liebe binden,
Die Liebe von der Pflicht getrennt;
Und frohe Kränze soll ich winden,
Die keine Blume kennt.
Der erste Blick muss schon in Tränen schwimmen,
Mir gegenüber steht das stille Haus,
Der Orgelton schwillt bang um helle Stimmen,
Die blassen Kerzen löschen einsam aus.
Ihr Stimmlein kann ich nicht erlauschen,
In Gottes Hand erlosch ihr Licht,
Und aus der schlanken Pappeln Rauschen
Die stumme Freundin spricht.
Eine Menge Lichter, die sich die Strasse herauf bewegten, und einzelne Töne, wie
von getragenen Saiten-Instrumenten, unterbrachen dies Lied, das mich durch seine
dunkeln Andeutungen tief gerührt hatte. Die Musikanten näherten sich, und ich
bemerkte Pietro unter ihnen, zweifelte also nicht, dass es eine Galanterie meines
Vaters gegen seine Braut sei. Der Kreis ordnete sich unter den Fenstern Juliens,
die, als sie es bemerkte, das Licht ausgelöscht und die Fenster zugemacht hatte.
Ich war begierig, wie mein Vater in der Musik gewählt habe, die er seiner
Geliebten brachte; aber wirklich, er übertraf alle meine Erwartung, als er nach
einer rührenden Symphonie selbst eine Arie sang, und zwar:
I miei pensieri,
Corrieri fedeli -
Ihr, meine Gedanken,
Lauft eiligst, geschwind,
Correte, volate
E passion portate -
Verehret die Dame,
Die mich hat entzündt etc.
Ich konnte nicht länger bleiben, ein tiefer Unmut bemeisterte sich meiner bei
dem Gesange Pietros, und ich ging mit dem Gedanken nach Hause, dass der
Verbindung der Liebe und des Alters keine Grazie beiwohne.
    Den folgenden Mittag war bei Tische der Platz meiner verstorbenen Mutter
wieder besetzt, und mit einem, wo nicht so feinen, doch ebenso freundlichen
Wesen. Mein Vater war heftig fröhlich und zärtlich, Julie in einer wehmütigen
Verlegenheit, und da ich einmal ihren Blick überraschte, der lange auf mir
verweilt zu haben schien, überflog eine sanfte Röte ihr Gesicht und drang eine
Träne in ihr Auge. Ich dankte dem Himmel, dass sie in die Familie getreten war,
die seit dem Verluste Ceciliens und Franzescos einer Einöde glich. So wandelte
doch wieder ein sanftes, weibliches Bild wie ein guter Geist durch das stille
Haus, das sonst einen ganzen Himmel umfasst hatte; so konnte sich mein innerer
Kummer doch wieder in der schönen Entsagung einer Mitleidenden erheben. Ich ging
öfters durch alle Gänge des Hauses, nur um sie zu finden, und so oft sie mir
begegnete, überraschte sie mich mit einem süssen Schrecken, Cecilie oder die
Mutter schien mir entgegenzukommen; durch ihre Schritte über die gewohnten Wege
dieser Verlornen, indem sie die häuslichen Verrichtungen besorgte, erhielt sie
über mich die Macht der sinnlichsten Erinnerung. Wenn wir uns begegneten,
schienen wir beide verlegen, und dennoch schienen wir uns zu suchen.
    Ich sass nachmittags in meiner Stube, und in dem Augenblicke, dass ich die
Worte in mein Tagebuch schrieb: »Meine Stiefmutter ist ein gutes, sanftes Weib,
das Leben hat mir durch ihre Nähe einen neuen Reiz erhalten, sie erweckt die
schönste Zeit meines Lebens, indem sie wie ein guter Geist auf den Wegen geht,
die einst Cecilie und die Mutter gingen«, pochte es leise an der Türe, und Julie
trat zu mir herein. Sie bat mich, ihren Besuch zu entschuldigen, und er schien
ihr eine kleine Überwindung gekostet zu haben; sie setzte sich zu mir auf das
Sopha und redete mich mit schüchterner Stimme an:
    »Signor Antonio, wir wohnen unter einem Dache und, ich glaube, uns näher,
als es scheint. Ich habe schon lange auf den Zufall gehofft, der uns bewegen
könnte, uns diese Nähe zu erklären; ich habe nicht länger darauf warten können,
umso mehr, da ich bemerkte, dass Sie mir wohlwollen, und dass es nur der Zufall
ist, der uns bis jetzt von einander entfernt hielt.« - »Signora,« erwiderte ich,
»Sie sind gütig, und es tut mir wohl, dass Sie den Schritt tun, den ich allein
verzögerte, weil ich Ihre Gesinnungen gegen mich nicht kannte.« - Hier schwieg
sie, ihr Blick verweilte mit Rührung auf dem Gemälde meiner Mutter. Es war
allein in meiner Stube, denn Pietro hatte es seit seiner zweiten Verbindung aus
allen Gemächern, in die er treten konnte, verbannt. Es schien ein tiefer Schmerz
in ihr zu erwachen, und helle Tränen traten in ihre glänzenden Augen.
    »Kannten Sie dies Weib?« sprach ich ernst.
    »O, ich kannte sie, ich liebte sie, sie war meine Freundin, meine
Wohltäterin«, erwiderte sie in einer schönen Leidenschaftlichkeit des Schmerzes.
Ich staunte, und sah gespannt einer Auflösung von vielen Rätseln und Ahndungen
entgegen.
    »Sie sind ihr Sohn,« fuhr sie fort, »und mein Freund in dem Grade, als wir
uns gegenseitig in der Liebe zu Ihrer Mutter begegnen.« Hier reichte sie mir
ihre Hand mit unendlicher Anmut, und ich erkannte in ihrer Würde die Freundin
meiner Mutter.
    »Signora!« erwiderte ich, »Sie sind die Freundin dieses Weibes gewesen, Sie
haben die Stelle gekannt, auf der jene untergegangen ist, und konnten die
nämliche Stelle betreten; wissen Sie, was Sie taten?«
    »Es war mein Wille,« sprach sie stark, aber ihre Stimme sank bei den Worten,
»da zu leben, da unterzugehen, wo meine Cecilie, meine Tochter -«
    »Cecilie Ihre Tochter« - rief ich aus, und lag in ihren Armen - »so sind Sie
dann auch meine Mutter!« Sie zog sich zurück und sprach ruhig: »Fassen Sie sich;
ja, ich bin Ceciliens Mutter, ich will Ihnen alles erklären.« -
    Verzeihen Sie, wenn ich hier meiner Stiefmutter etwas in die Rede falle, um
Sie um Ihre Verzeihung zu bitten, dass mich die Freude meines wiedergefundenen
Bruders so gesprächig macht. Es ist eine innerliche Gewalt, die mich zwingt,
Ihnen alles zu erzählen; es ist mir, als hätten Sie mich gefragt, als wären Sie
ein Glied meiner Familie, das, ganz von ihr getrennt, jetzt erst von ihrer
Geschichte unterrichtet werden müsste. Sie müssen es auch dem Nationalcharakter
des Italieners zugute halten, den die Freude allein aufschliessen kann. - Sie
werden meinem Bruder dann und wann wie ein Arzt etwas von diesen Begebenheiten
hinreichen, um ihn zu der grossen Überraschung vorzubereiten, die ihn erwartet.
Ich kehre nun zu meiner Geschichte zurück. Julie sprach mit ruhiger, gelassener
Stimme:
    »Ja, Cecilie ist meine Tochter, ihr Vater war mein Gatte nicht, sie hatte
einen kühnen Schritt getan, auf die Welt zu treten, auf der sie nur das
beleidigte Gesetz erwartete. Meine Eltern lebten nicht mehr; der Mann, der mich
zur Mutter gemacht hatte, wurde von meinen Verwandten ermordet; ich, eine arme
Waise, ward einer Waise Mutter. Ich hatte nichts als meine Schande, und wäre
gewiss dem Hohne und der Rachsucht meiner Verwandten ein Opfer geworden, wie sie
auch noch bis jetzt glauben, hätte Ihre Mutter, die meine Milchschwester und
lange Zeit meine Gespielin war, nicht mich und mein armes Kind gerettet.
    Den täglichen Kränkungen meiner Verwandten ausgesetzt, konnte ich es nicht
länger ertragen, mein Kind, das Einzige, was ich auf Erden hatte, mit Verachtung
behandeln zu sehen, und ich entschloss mich daher, eher mit ihm zu verhungern, ja
lieber zu betteln, als länger in dem Hause einer alten Muhme zu bleiben, bei der
ich lebte, und mit der niedrigsten Arbeit ein Leben voll Undank und Spott
verdiente. Eine alte Frau, die meine Amme gewesen war, die mich sehr liebte und
mir bei der Geburt der unglücklichen Cecilie beigestanden hatte, machte mir den
Vorschlag, zu ihr in ihre kleine Hütte zu ziehen, das Leben wollten wir schon
gewinnen, meinte sie. Der Vorschlag wurde gerne von mir angenommen, ich gab der
Alten mein weniges Eigentum einzeln hin, und sie schaffte es nach und nach weg,
und endlich verliess ich nachts mit Cecilien auf dem Arm das Haus selbst, in dem
ich alles verloren hatte. Nimmer vergesse ich die stille Mitternacht, in der ich
wie eine Geächtete durch die breiten Strassen Roms, wie das Gespenst meiner
gestorbenen Ehre hinschlich. Die Welt war um mich verwandelt, die Häuser, an
denen ich sonst so unbefangen am hellen Mittage vorübergegangen war, rückten wie
schwarze Kerkerwände gegen mich; die Bildsäulen standen kalt und streng vor mir,
und sahen beleidigt auf mich herab, mein Herz bebte, Cecilie schlief in meinem
Arme. Als ich an die Peterskirche kam, riss es mich unwillkürlich auf die Knie
nieder, ich kniete auf den Stufen des Eingangs und betete für mein Kind. Über
diese Stufen war ich zwei Jahre vorher in einer Reihe unschuldiger Mädchen, mit
Blumen gekrönt, zum erstenmale an den Tisch des Herrn gegangen, und nun, wie
kniete ich hier, es war, als wollte die hohe Kirche über mich hinstürzen und
mich begraben. Ich betete mit Inbrunst zur heiligen Jungfrau, plötzlich hörte
ich ein Geräusch innerhalb der Kirche, ich zitterte, die ungeheure Türe öffnete
sich mit einem donnernden, traurigen Tone, und ich zuckte tief auf. Es war ein
Mesner, er bemerkte mich nicht und ging seinen Weg fort. Cecilie war durch das
Geräusch erwacht, sie weinte, ihre Stimme drang jammernd durch die Nacht, und
kehrte in vielfachem Echo von den Säulen der Kirche mit tausendfach schneidenden
Dolchen in mein Herz. Ich setzte mich nieder, lehnte den Kopf an die kalten
Steine, und reichte meinem armen Kinde die Brust. Ich bemerkte eine Laterne, die
sich gegen mich bewegte. Die Alte musste befürchtet haben, es sei mir etwas
zugestossen, weil ich so lange ausblieb; sie suchte mich daher, und Ceciliens
Stimme brachte sie zu mir. Nachdem sie mich ausgeschmäht hatte, so in der Nacht
dazusitzen und zärtliche Gedanken zu haben, wie sie sich ausdrückte, brachte sie
mich zu sich, wo ich hierauf noch einige Monate lebte. Die Alte nährte sich von
einem kleinen geistlichen Handel mit Reliquien und geweihten Wachskerzen, auch
machte sie von Wachs alle Gliedmassen des menschlichen Körpers, welche fromme
Leute kauften, um sie den wundertätigen Bildern zu opfern, wenn sie an irgend
einem Gliede ein Gebrechen oder böses hartnäckiges Übel hatten. Ich arbeitete
fleissig mit, aber wir konnten uns doch nur kümmerlich ernähren. Mein Kummer
stieg täglich und meine Gesundheit sank immer mehr, die Einsamkeit machte mich
mit den fürchterlichsten Gedanken vertraut. Mein altes Mütterchen kam erst spät
abends nach Hause, und ich sass den ganzen Tag verzweifelnd in einer kleinen
dunkeln Stube, Cecilie lag kränklich in meinem Schosse, und das Bild ihres Vaters
hing über meinem Herzen wie ein ewiger Vorwurf. So sass ich an einem von den
vielen langen, langen Tagen abends ohne Licht, und wartete auf die Alte, die mir
manchmal etwas aus der Stadt erzählte, wenn sie zurückkam. Heute blieb sie
länger als gewöhnlich, der Mond blickte schon herein, und ich hatte Cecilien
schon zum Schlafen hingelegt. Ich sass und brütete über meinem Elende, das mit
helleren Farben als je vor mich trat: wenn nun die Alte stürbe, wenn sie
ausbliebe, was würdest du anfangen, dachte ich, du müsstest mit deinem Kinde
betteln. Dieses Gefühl durchdrang mich mit all seiner Schmach, es war mir schon,
als würde die Alte nicht wiederkommen, mein Gram liess sich nicht mehr denken,
ich sank in die dunkelste, tiefste Bewusstlosigkeit meines ganzen Zustands, und
es war mir, als würde mir es wohler, als mischte sich ein banger, heiliger
Leichtsinn in meine Geschichte, starr und kalt standen einzelne Gedanken in
meinem Kopfe, und eine Menge wunderbare nackte Gestalten gaukelten weinend und
lachend mit einer fürchterlich süssen Trunkenheit vor meinen Augen. Ich riss mein
Kind aus der Wiege, entkleidete es und bedeckte es mit heissen Tränen und Küssen,
und alles das mit einem bangen Gefühl von Unrecht und Verbrechen. Das Kind
weinte nicht, es lächelte und bewegte sich freundlich, als spielte ich mit ihm,
ich zitterte dabei am ganzen Körper, und mein Zustand war dem Wahnsinn nah. Ich
hörte die Türe gehen und erwartete die Alte, aber es näherte sich ein fremder
Schritt meiner Stube, und eine Person, in einen Mantel gehüllt, trat herein. Ich
hielt sie anfangs für einen Mann und erschrak vor der Idee, es möge ein junger
Wollüstling sein, der mir Hülfe um das höchste Elend bringen wollte. Ich hatte
diese Erniedrigung schon einigemal ertragen. Aber ihre Stimme flösste mir Mut und
Vertrauen ein, ich erkannte ein edles Weib in der Unbekannten, die mir und
Cecilien helfen wollte. Sie trat an das Fenster und nahm mein Kind in die Arme,
ich war wunderbar durch ihr ganzes Betragen gerührt, und als die Alte mit einem
Lichte hereintrat, sanken wir uns in die Arme; es war Ihre Mutter und ich,
Antonio! die sich erkannten. Sie verliess mich bald darauf, um mich völlig
abzuholen. Als sie weg war, erzählte mir die Alte, warum sie so lange
ausgeblieben, und wie sie die Dame gefunden habe. Sie hatte weniger als je
verkauft, sass ängstlich hinter dem Tischchen mit bunten Lichtern, Rosenkränzen
und Reliquien, es war schon dunkel, die Leute verliessen die Vesper, und kein
Mensch wollte ein Lichtchen kaufen; endlich kam noch eine Dame aus der Kirche,
und als sie sie sehr dringend bat, sie möge ihr doch etwas zu verdienen geben,
weil sie eine gar feine Dame mit ihrem Töchterchen, die ins Elend gekommen, zu
ernähren habe, so hätte sich die fromme Frau erbarmt, hätte sie mit nach Hause
genommen und wäre dann so verkleidet mit ihr hierher gegangen.
    Den folgenden Morgen kam Ihre Mutter mit einem Wagen, mich aus der Wohnung
der Alten abzuholen, die ich nicht ohne Tränen verliess. Emilie bezahlte sie
reichlich für das Gute, das sie an mir und meinem Kinde getan hatte, und
verschafte ihr die Stelle einer Pförtnerin in einem Kloster, dem eine Freundin
von ihr als Äbtissin vorstand.
    Ihre edle Mutter berührte mein Unglück mit keinem Worte mehr, und begehrte
keine Bedingung, als die Befolgung ihres Willens; denn, sagte sie, liebe Julie,
du kannst in deiner Lage keinen Entschluss fassen, du bist zu sehr durch Reue
zerstört, und könntest leicht eine Menschenfeindin werden, weil die andern dich
für geringer halten als sich selbst, und du dich für misshandelt.
    Sie versorgte mich mit allem Nötigen, und brachte mich in die Gesellschaft
zweier Menschen, deren Gesellschaft mir eine immerwährende Darstellung der
Gesetze war, die ich übertreten hatte. Vassi, ein Maler, und Bettina, eine
Jüdin, liebten sich von der frühsten Jugend an, und da sie die grosse Trennung
ihrer Religion an einer engern Verbindung verhinderte, so lebten sie schon
zwanzig Jahre in der reinsten Seelenverbindung. Diesen beiden vortrefflichen
Menschen ward ich zur Gesellschafterin gegeben, und sie nahmen sich meiner und
Ceciliens wie Eltern an. Als Cecilie sechs Jahre alt war, kam sie nach Ancona zu
Ihrer Tante, und nachher zu Ihrer vortrefflichen Mutter im vierzehnten Jahre,
und jetzt - jetzt bin ich an der Stelle, wo mein Kind aufblühte, wo meine Emilie
starb an der Seite ihres Sohnes, meines Freundes.« - - Da mein Vater nach dem
Tode meiner Mutter, um sich zu zerstreuen, nach Rom gereist war, hatte er sie
kennen gelernt, und sie gefiel ihm. Sie wusste wohl, dass sie ihm nicht sagen
durfte, dass sie Ceciliens Mutter sei. Er sprach oft von dem Tode seiner Gemahlin
mit ihr, und da er nicht wusste, dass sie dann um ihre grösste Freundin weinte,
hielt er diese Tränen bloss für eine Folge ihrer Neigung zu ihm. Dies fesselte
ihn immer mehr an sie; er hatte wenig Gründe gegen den Vorschlag, ein junges
Weib zu nehmen, und setzte seine Bewerbung mit ununterbrochnem Eifer fort.
Julien lag in dieser Verbindung, selbst in der Unannehmlichkeit seines Alters
und Charakters, ein schwärmerischer Reiz der Entsagung. Sie wusste, dass er gesagt
hatte, da Emilie ihm Cecilien als ihre Tochter vorstellte, dass er ihr Vater
nicht werden werde; nun konnte sie ihn zwingen, ihres Kindes Vater zu werden.
    »Der Gedanke,« sagte sie zu mir, »auf die Stelle zu treten, wo meine
Freundin stand, alles das zu leiden, was sie erduldet hatte, hatte einen
sonderbaren Reiz für mich. Es war mir, als könnte ich mich in die Form und
Gestalt eines bessern Wesens, als ich selbst war, einschleichen, um auf mich
zurückschauen und meiner Gebrechen lachen zu können. Ich habe Cecilien nicht
mehr gefunden, ich trete in eine aufgelöste Familie, Sie sind der einzige,
letzte Zweig, der Rechte auf mich hat, so nehmen Sie denn meine heilige
Versicherung, dass mein Eintritt in dieses Haus keinen Zweck hat, als Ihnen ein
Herz voll Dank, voll Freundschaft näherzubringen, als in diesen toten verödeten
Mauren Ihnen das Leben wieder in einem zärtlichen vertrauten Umgange zu
entzünden. O, wir sind leider durch die fremde Macht des gewaltigen Geschicks
verbunden, alle unsre Lieben haben wir verloren, unsre Vergangenheit ist ein
Grab aller unsrer Freuden der Gegenwart und der Zukunft geworden. Die Gegenwart,
Antonio, sie ist zu enge, wir müssen sie zersprengen, wir müssen ineinander alle
Zeit zerstören, wir müssen uns lieben. Es umschwebt uns dann das Bild der Mutter
und Ceciliens, und ziehet unser Leben in leiser Sehnsucht hinüber zu sich.« - -
Sie weinte, meine Arme umschlangen das edle Weib, ich glaubte meine verlornen
Freuden alle wiedergefunden an mein Herz zu drücken - »O, so habe ich alles
gefunden!« - rief ich aus, und mein Vater trat herein. Julie blieb ohnmächtig in
meinen Armen. Der Schrecken benahm mir die Sprache, mein Vater drückte nur eine
Minute den verzweifelnden Zustand seiner Seele in einem glühenden Blicke aus,
und stürzte zu Boden. Wir kamen ihm zu Hülfe, aber es war zu spät, der Schlag
hatte ihn gerührt. Er musste geglaubt haben, ich sei der Verführer seines Weibes
gewesen, seine Eifersucht kannte keine Grenze. Sein alter schwacher Körper
konnte den Sturm des Verdachts der Wahrscheinlichkeit und der Überzeugung des
unvermutetsten Betrugs nicht in derselben Minute ertragen, und unterlag.
    Lange nachher noch wagten Julie und ich nicht, sich gegenseitig zu nähern,
sein Tod war gleichsam zwischen unsre Umarmung gefallen, und hatte uns gewaltsam
auseinander geschleudert. So unschuldig wir auch waren, so schreckte uns doch
der Gedanke auseinander, dass er die Welt mit dem Verdacht der schändlichsten
Verräterei von uns verliess.
    Wir näherten uns furchtsam und konnten nur nach und nach die stumme
Betrachtung dieses Zufalls durch Blicke und einzelne wenige Worte unterbrechen.
In dieses Dunkel, das kaum zur Dämmerung übergegangen war, warfen Sie, lieber
Freund! durch Ihre Nachricht von Franzescos Leben ein fröhliches, helles Licht.
Verzeihen Sie daher die Unordnung und Unbestimmteit, die diesen Brief begleiten
könnte. Es ist so lange her, dass ich der Freude entbehrte, dass mir wohl ihre
Sprache etwas ungeläufig ward. Meinem Bruder werden ich und die Mutter seines
Weibes mit offnen Armen entgegenkommen. Sein Vermögen blieb ihm unversehrt, mein
Vater ist ohne Testament gestorben. Er soll kommen und mit mir teilen, was auch
ihm gehört, und in Ruhe seine Tage beschliessen. Ich kann kaum die Zeit erwarten,
ihn an mein Herz zu schliessen. Ob ich ihn wohl noch kennen werde? - Lassen Sie
ihn doch malen, und schicken Sie mir sein Bild, bis ich ihn selbst mit seinem
Bilde vergleichen kann, das fest, unauslöschlich in meinem Herzen steht.
    Wenn Sie können, ohne ihm weh zu tun, so suchen Sie doch einiges von dem
wahren Schicksale seines Weibes zu erfahren, damit ich Julien etwas über ihre
Tochter sagen kann.
    Leben Sie wohl, antworten Sie bald, denken Sie, dass Sie das Glück zweier
Menschen dadurch vermehren, die so lange unglücklich waren, und deren besseres
Geschick Ihr erster Brief begründete.
 
                                 Römer an Godwi
Ich habe eine ganze Reihe von Briefen von dir, und wenn ich sie beantworten
wollte, was könnte ich sagen? Können wir beide uns etwas sagen? da keiner
feststeht, da ein jeder getrieben wird.
    Wir können höchstens einer dem andern das Eigne zeigen und vertauschen; aber
uns erfüllen können wir nicht, ich kann dir nicht geben, was dir fehlt, und du
mir nicht, denn der Streit ist mit einem jeden losgebrochen, und jeder hat nur
mit dem Seinigen zu tun.
    Unsre Seelen treibt eine seltsame Laune des Geschicks; wohl uns, dass ein
Punkt in unsern Herzen ist, wo wir uns beide ewig wiederfinden, die
Freundschaft, denn im Äussern sind wir für einander verloren.
    Unsre Briefe können sich nicht mehr beantworten, denn wo du glühst, starre
ich, und bin ich nur erwärmt, so schmilzst du schon. Dies war gerade der Fall
bei deinem ersten Briefe von Reinhardstein, in dem du gar nicht aus dir selbst
kömmst; du tappst in deinem Herzen herum, dass es mir oft ein Jammer ist, und
zertrittst eine Blume nach der andern.
    Ich habe nie einen Brief gesehen, in dem ein solcher Gefühlswechsel des
Schreibers hervorleuchtete, und dies ist mir um so sonderbarer, da du meistens
vergangene Dinge erzählst, die dich hinrissen, als sie geschahen, denn sie
geschahen alle nur, insofern sie dich hinrissen, die dich aber nicht mehr
hinreissen mussten, wenn du sie nochmals vor den Augen eines Freundes erschaffst;
oder ist es die Illusion der Darstellung, die mir manchmal für deine Nerven ein
wenig bange macht.
    Doch lass das gut sein; ich weiss nicht warum, aber ich hoffe das Beste für
dich. Die Folge deiner Bekanntschaften und deiner Briefe machen mir eine
vollkommene Krise wahrscheinlich.
    Von dem Landhause einer Engländerin in die Burg eines Landedelmanns, von da
zu einer Ruine, zu einem Einsiedler; ist das nicht der Lauf der Zeit?
    So auch deine Briefe: der erste tatendürstend, Molly; der zweite
küssedürstend, Joduno; der dritte tränendürstend, Otilie; und alle die folgenden
ruhedürstend und voller Heimgehenwollen in die Natur.
    Du schläfst, lieber Godwi, einen ruhelosen Schlaf des Lebens, schwere Träume
ängstigen dich, bei deinem Erwachen wird dir es leer und müde sein; aber nicht
wieder einschlafen, um Gottes willen nicht!
    Tilie ist ein Mädchen, über die ich nicht urteilen mag oder auch kann. Es
ist überhaupt eine krittliche Sache, über deine Weiber zu urteilen, und mein
Urteil über Molly ist mir übel bekommen; aber du kannst das Wesen nicht mit der
Ofengabel aus mir heraustreiben, es ist meine Natur, immer etwas über die Leute
zu denken, und zwar laut.
    Tilie nun scheint mir sehr natürlich, und zwar so natürlich, dass sie nach
meinen armen Begriffen schon ein wenig ins Übernatürliche geht. Aber dennoch ist
sie dir ohnstreitig die beste Gesellschaft und bringt dich sicher in die
Wirklichkeit zurück.
    Es war einmal ein seltsamer Engländer, der über den Verlust seines
gewöhnlichen Verstandes, seiner Freuden an der Industrie, der Ökonomie, dem
Pferderennen und Hahnengefechte, und seines Geschmacks an Kotzebues Stücken und
zuckerbunten Kupferstichen, äusserst melancholisch ward. Er las mit tiefen
Schmerzen den phantastischen Shakespeare, und verzweifelte fast darüber, dass er
ihm so wohlgefiel; deswegen verfiel er, wie schicklich, in den Spleen, und war
immer in einem dunkeln Zimmer, obschon das Tageslicht und die Mittagssonne zu
seinen Füssen schien; er aber klagte immer über die Dunkelheit, Tag und Nacht war
ihm ganz einerlei, er hielt immer den tollen Lear in den Händen, und las Tag und
Nacht in ihm, weil er sagte, die Buchstaben glühten. Aus Kotzebues sämtlichen
Werken hatte er sich aus Bosheit einen patent-papiermachénen Fussboden,
Spuckkasten und Leibstuhl machen lassen, und weinte bittre Tränen über diese
verkehrte Überspannteit.
    Seine Freunde konnten ihm nicht helfen, bis endlich einer den Einfall bekam,
ihm das Haus über dem Kopf anzustecken, und das geschah. Kaum war die Flamme bis
zu seiner Stube gekommen, so sagte er, es werde nun Licht, und da alles um ihn
her brannte, und ihm die Hitze sehr zu Leibe ging, deklarierte er, dass es Tag
sei, und ward wieder gescheit. Das erste, was er tat, war, dass er ein halb
Schock Pferde zu Tode ritt, fünfhundert Hahnen tot hetzte, immer in
Kotzebueschen Wortspielen sprach, und diesem so lang verkannten Dichter zu Ehren
einen Patent-Esel, der vor Apollo tanzt, aus kararischem Patent-Marmor in seinem
Park aufrichten liess, welches Monument der Dichter aus Erkenntlichkeit vor sein
bestes Werk in Kupfer stechen liess.
    Sieh, so wird es dir auch gehen; Tilien hältst du für Tageslicht, und sie
ist schon Flamme.
    Wenn sie dich nicht heilt, so bist du unheilbar, denn ihr seid euch völlig
entgegengesetzt, und das in den Extremen. Da du nun natürlich einen ewigen Drang
fühlen wirst, ihr ähnlich zu werden, ihr aber nie ähnlich werden kannst, so
wirst du, um näherzukommen, gerade so weit gehen, als du kannst, bis zum
gesunden Menschenverstand.
    Dass du ihr nicht ähnlich werden kannst, verstehe ich so: sie ist mehr als
natürlich, denn sie ist auf eine gewisse Weise unterrichtet, und ich möchte
sagen, sie sei eine weise Frau in einem früheren Leben, und sei in die Jugend
dieses Lebens herübergewachsen. Sie ist gleichsam für mich ungeboren. Da nun
meine Stufenreihe folgendermassen geht: Natur - Bildung - Überbildung oder Tod -
und alles immer vorwärtsschreitet, so kannst du ihr nicht ähnlich werden, weil
du mit dem Tode aufhören müsstest; du wirst es also bei der Bildung stehen
lassen, weil du von der Überbildung nicht vorwärts, und nur bis zur Bildung
zurück kannst; zur Natur kannst du schon nicht mehr, weil die Bildung die Natur
aufhob, du musst platterdings auf der Bildung stehen bleiben, oder sterben, was
du mit deiner Lebensfähigkeit nur bis zum Wunsche bringen wirst. Ich wünsche dir
also viel Glück zur Bildung.
    Sie wird dich sanft aus deinem Ideenparadies hinausführen du sagtest ja von
ihr: »So trat der Engel von Gott gesandt ins Paradies« -
    Du im höchsten Grade zusammengesetzt, sie von Grund aus einfach - du
stürmend und glühend wie Sirocko, sie sanft und warm wie West - du schmelzend
und glühend wie Lava, sie biegsam und zart wie Wachs - du aus der Welt in ihr
Leben hineinträumend, sie aus ihrem Dasein in deine Welt hineinstaunend -
    Gleich, lieber Junge, wird sie dich nicht lieben, aber vielleicht noch
einstens, und das sehr innig. Du bist ihr jetzt eine Masque, die sie blendet und
reizt, und wenn du bescheiden einen Flitter nach dem andern von deinem Wesen zu
ihren Füssen gelegt hast, wenn sie naiv und neugierig einen Flitter nach dem
andern von dir gelöset hat -?
    Dann wird sie dich lieben, weil wir alles lieben, was wir bildeten; und wenn
es unser erstes Werk ist, und noch dazu ein gutes, o so wird es die erste Liebe
und die letzte.
    Ich fühle, dass Tilie voll von dem Triebe ist, etwas zu bilden, denn ihre
Grundsätze sind hiervon schon ein Beweis; sie sind eine seltsame Moral, die sie
sich selbst erschaffen hat, und die bei ihrem einzelnen Leben so trostreich und
passend ist, als eine allgemeine für unsre Gesellschaft so selten hinreicht und
alle Lücken mit gutem Ton, Freigeisterei und Galanterie verstopfen muss. -
    Das Haus, in dem ich lebe, ist hiervon ein auffallender Beweis, und du
sollst die Leute auch kennen lernen, wenn ich sie ganz kenne.
    Lebe wohl, man ruft mich irgend wohin, wo es allerliebst und wenig mehr ist;
sei versichert, dass ich in dieser folgenden Stunde gar nicht an dich denke, und
halte daher meine Versicherung recht lieb und warm, dass ich ewig bin dein
                                                                           Römer
 
                                 Römer an Godwi
Mein voriger Brief und mein vorletzter scheinen dir wohl nicht recht innig zu
sein. Du wirst glauben, ich sei schon wieder ganz klug geworden, und doch ist es
nicht so.
    Die sogenannte Türkin ist noch immer der Gedanke, der mich beherrscht, wenn
ich Zeit habe, von irgend einem beherrscht zu werden. Aber dies ist hier im
Hause schwer, man kann und darf hier fast nichts, als auf seiner Hut sein und
seinen Kopf auf dem rechten Fleck haben.
    Soeben bekomme ich einen Brief von deinem Vater. Ich bin meiner sogenannten
Geschäftsreise entledigt, und darf noch ein paar Monate ausbleiben und so
fröhlich sein, als mein Aufentalt mich machen kann.
    Du wirst dich aus meinem zweiten Briefe des Fremden erinnern, der zu deinem
Vater kam; er versieht alle meine Geschäfte und ist völlig genesen.
    Ich schrieb dir, dass er immer in deines Vaters heimlichen Kabinette ist; nun
bin ich noch begieriger, was dies Zimmerchen wohl verbirgt, denn dein Vater
schreibt vermutlich in der Vergessenheit, dass ich nichts davon weiss:
    »Ja, es ist mir lieb, einige Zeit mit dem Manne allein zu sein, der mich
durch seine Arbeit in meinem Kabinette so glücklich gemacht; er hat mein
Innerstes aufgedeckt, und zarter verhüllt, als ich es je konnte.«
    Auch nach dir fragt er:
    »Wo ist mein Sohn, wissen Sie von ihm? Ich suche - seine Freundschaft, o dass
ich -«
    Hier brach er ab, Gott weiss, was der Gedankenstrich und das Kabinett
verstecken.
    Du solltest ihm doch schreiben, er glaubt dich beinahe schon auf dem Kapitol
in Rom, und erwartet wohl Antiken von dir, und du sitzest fest für die Ewigkeit
auf dem Reinhardstein, und könntest ihm zur Not einen Eichen- oder Epheukranz
schicken.
    Dein Vater kennt dich nicht, gar nicht, und wenn du so fort in dir
revolutionierst, so wirst du vielleicht um den Zirkel der Bildung herumgereist
auf seinem Punkte stehn, wenn er unter der Erde ist.
    Höre, da fällt mir etwas ein, womit ich dich ärgern will:
    Gestern abend las man hier im Hause den Brief des einen abwesenden Bruders
vor, der dir sehr ähnlich zu sein scheint; den Brief hättest du auch schreiben
können.
    Die Frage an den Bruder war: »Was willst du denn endlich werden?«
    Die Antwort: »Ein Mensch.«
    Weiter: »Du bist extravagant« -
    Die Antwort: »O du armer Bruder, du weisst nicht, was du sprichst; einstens
wünschtest du, ich möge selbstständig sein, und da haben wir es, ihr Leute könnt
nie etwas ganz sein, ihr könnt in nichts die Vollendung; da ich nun
selbstständig bin, versteht ihr mich nicht mehr, weil ihr mit eurer
Selbstständigkeit nicht die Selbstverständigkeit verbindet. - Du hast damals
gemeint, ich sollte standselbstig sein, und auch das bin ich so, wie ich bin,
denn ich bin mein Stand selbst, weil das Ich selbst allein mein Stand ist, und
ich nicht im Stande bin, in irgend einem andern Stande zu sein. Ihr aber seid
nicht in eurem Stande, noch auf eurem Standpunkte, sondern euer Stand ist in
euch, und euer Standpunkt auf euch, so dass ihr übel steht, und euer Stand gut,
denn er lässt euch keinen Platz in Herz und Kopf, und hat euch unter den Füssen.
Was die Extravaganz angeht, hast du dich auch verschrieben, - o wäre ich ein
wenig extravagant, so wäre ich nicht allein intravagant, so ging ich nicht in
mir selbst herum und räumte ängstlich auf. Ihr seid extravagant, denn ihr seid
aus euch heraus, in die Kaufmannschaft geschweift, und eure Seelen klettern wie
Affen auf Kaffeebäumen herum.« etc.
    Nun, bist du böse? Nicht wahr, der Mensch hat recht? -
    Lebe wohl, ich muss ins Bureau d'Esprit der Mademoisell Buttlar. Je, was ist
das für ein Bureau? Nicht viel Kluges, mehr Witziges, keine zwei jungen Pappeln,
keine Tilie. Nächstens lernst du die Menschen kennen.
                                                                           Römer
 
                                 Römer an Godwi
Ich habe dir versprochen, die Leute zu malen, mit denen ich umgehe; ich will es,
aber es ist schwer. Sie sind alle äusserst verschieden, haben alle einen einzigen
auffallenden Zug von Ähnlichkeit, sind alle sehr originell, und doch alle
abgeschliffen.
    Ich möchte die Familie einem Bilde in Mosaik vergleichen, lauter verschiedne
Steine, alle glatt auf einer Seite geschliffen, mit vielem Lapislazuli drinne,
bringen ein kunstreiches, kuriöses, doch nicht ganz geschmackvolles Ganze
heraus. -
    Vor allem gehe mit mir zu den Weibern. Sie sprechen immer in Rätseln; du
hast es nicht erraten, oder so künstlich erraten, dass du wieder ein Rätsel
gemacht hast. Dich ein wenig brüstend, bringst du die Auflösung vor, mehrere
fallen über den neuen Knoten her, die Brünette sieht dich dabei an, als wäre es
deine Schuldigkeit, einem so geistreichen Mädchen die Sache ein wenig leichter
zu machen; die Blonde löst und löst, und fällt darüber in eine italienische
Arie, die sie auch sogleich am Klaviere singt; die Brünette singt mit, und dein
Rätsel? - du wendest dich gegen eine Ernste hin, die in einem Winkel sitzt und
strickt, sie sieht dich mit einem strafenden Blicke an, als hätte sie einen
unrechten Gedanken in deiner Seele gelesen. - -
    Du senkst aus höflichem Bewusstsein deiner Schuld (die du eigentlich gar
nicht kennst), deinen Blick von ihrem Auge herab, und verlierst dich in ihren
gar nicht ernsten, sehr naiven Busen.
    Du fühlst nun, dass der strafende, ernste Blick prophetisch und a priori war,
auf ihrem sanften lächelnden Munde aber vergassest du das Beste, es hing ein
Ablasszettel auf ihren Lippen, den solltest du mitnehmen, die Sünde am Busen
hineinwickeln, und so das Fleisch am Fasttage verschlucken - Nun, wo ist dein
Rätsel? Nun - unterstehe dich nicht, es wieder aufzuwärmen, das wäre ungezogen;
und hast du nicht genug dafür erhalten?
    So geht es hier mit allem, man fängt alles an, aber jedes Bild verliert sich
in Schnörkel, und wahrlich, diese Weiber haben alle etwas vom Sirenenwesen, das
sich in einen Fischschwanz auflöst.
    Il faut dorer la pillule, sagt ein witziger Kopf von dem Goldnen Kopf, der
das Schild des Hauses ist.
    Jede Münze gilt hier, auf der ein Kopf steht, und heller (Kopf) ist hier
soviel wert als alle Pfennige des Römischen Reichs.
    Unter allem diesem Leben und bunten Durcheinanderwühlen wandelt ein
schlankes, sanftes, weisses Bild herum, dessen Geist richtig und ruhig, aber
wenig sieht; dessen Herz wahr, tief, aber kalt fühlt. Sie erscheint unter den
andern, und es ist, als sage sie: »Ich bin euch allen gut.« -
    Sie geht, und es ist, als sage sie: »Mit euch ist es nicht auszuhalten.« -
    Sie kömmt mit dem Herzen, ihr Geist, der richtig und ruhig sieht, sieht, dass
man es nicht aushalten kann; aber, weil er wenig sieht, sieht er nicht, dass man
es wohl aushalten kann, wenn man sie einhalten kann.
    Von den Stürmen der andern verschlagen, lege ich mich oft vor dieser
friedlichen, ruhigen Insel vor Anker, und der kleine Anker von Jaspis, der an
ihrem Halse hängt, mit seinen sanft wogenden, tiefen, stillen Gründen, hat sich
oft so mit meinen Tauen verstrickt, dass ich kappen musste, um wegzukommen.
    In solchen Verlegenheiten kam mir oft unvermutet ein Gedanke so originell,
einsam und wunderbar frei, wie ein Robinson aus der stillen Insel, entgegen, und
half mir grossmütig selbst fortkommen.
    Ein Hauptzug in ihrem Charakter ist, dass sie sich nie mit andern Weibern
geheime Bagatellen in die Ohren flüstert; sie ist offen und geheim im Ganzen, so
dass man nur eins von beiden von ihr sagen könnte. -
    Es lässt sich gut von ihr und mit ihr sprechen, sie tötet keinen Begriff,
fasst jeden mit Liebe, und gibt ihm einen zarten Gesellschafter, sie macht das
Gespräch glücklich.
    Die Brünette, die ich schon in meinem zweiten Briefe anführte, ist mir
gefährlich. Sie lässt fast jede Unterhaltung eines erhabenen Todes sterben, und
spielt das Schicksal dabei; doch blüht auf ihren wohltätigen Wink gleich ein
ganzer Frühling von Blumen um den Rosmarin eines solchen Grabes, und jeder
solcher Hügel wird durch sie ein Berg, von dem du eine fröhliche Weinlese und
Ernte übersiehst.
    Die ganze gegenwärtige Gesellschaft fällt dann über die Kränze her, und das
Gespräch winkt in einzelnen Blumen von Busen, Locken, Lippen und Blumenkrügen
dir entgegen; sie selbst aber nahm einen kleinen Rosmarinzweig und hält ihn
aufmerksam vor ihr einziges grosses Auge, und zieht eine Linie in die Ewigkeit. -
    Die Blonde möchte es auch gerne so machen, aber sie kömmt nicht dazu; es
liegt in ihr zu viel Begierde und Gebärde, so dass fast jede Begierde eine
Gebärde, und jede Gebärde eine Begierde wird. Sie ist zu mimisch, um mehr als
sich und andere nachzumachen, und verliert in jeder Heftigkeit des Vorsatzes die
Kraft zur Handlung. Wenn sie witzig sein will, so ist schon in dem Pfeil, den
sie abschiesst, mehr Drang, als in der Senne des Bogens; ist der Pfeil
angekommen, so kann er nicht mehr verwunden, weil die Spitze sich gierig in sich
selbst umgebogen hat. - Sie kann keinen langen Ton singen, ohne dass er in einen
Triller fällt, und will sie einen Gedanken geradeaus in die Höhe oder Tiefe
schicken, so wird das Ende kraus, und kehrt in sich selbst zurück; sie wird nie
etwas erhalten, wenn nicht einer in die selbsttätigen Schlingen fällt, oder sie
sich nicht selbst umarmt.
    Aber da sitzt noch so eine Rabenschwarze in dem Winkelchen, es dämmert schon
in der Stube, und ich hätte sie übersehen, mit ihren Locken der Nacht, wenn ihre
schönen Augen nicht leuchteten und milde, schöne Blicke aus ihnen stiegen, wie
Strahlen zweier einsamen Sterne am Himmel. Kannst du dir ein Mädchen denken, mit
allen Zeichen der Glut, die sanft und stille ist, ein schöner Busen so sittlich
verhüllt, dass sich jeder umsonst bemühen wird, irgend den Zwiespalt - - in ihrer
Brust zu erkennen?
    O du freundliche begehrende Zufriedenheit, du wohltätige getrennte
Einigkeit, du Streit im Frieden, warum sprichst du nicht? -
    - Ich höre.
    Nein, du bist zum Sehen gemacht.
    - Sehen Sie mich so gerne?
    Nein, du bist zum Sehen und nicht zum Hören gemacht, meinte ich -
    - Ich höre und sehe - doch, warum sagen Sie das, das versteht sich von
selbst.
    Du bist zum Sehen gemacht, weil du so viel mit deinen grossen Augen sprichst,
und nicht zum Hören, weil du so wenig mit deinen kleinen Lippen sprichst; du
bist zum Sehen gemacht, weil du so grosse Augen hast, und nicht zum Hören, weil
du so kleine Ohren hast; ei, wie klein sind deine Ohren -
    - Drum sollten Sie ihnen nicht zumuten, so gross Lob zu hören. -
    Ich schweige, denn, lieber Freund, ihr Busen ist leicht zu erregendes Meer,
und es würde sie schamrot machen, wenn sie bemerkte, dass man in solchen Stürmen
so leicht den Zwiespalt - - in ihrer Brust sieht.
    O weh, es ist Abend, ganz dunkel, es ist eine Fledermaus in der Stube. Ach
je, es ist mir eine Fledermaus was Schreckliches; keine Maus, kein Vogel, gar
nichts, o ich bitte, verschonen Sie mich, das ist mir verhasst bis in den Tod;
von nichts als von der Unsterblichkeit der Seele sprechen Sie, und alles wird
unsterblich, und so langweilig, dass man die Unsterblichkeit zum Guckguck
wünscht, wenn Sie immer während der langen Zeit einem die Zeit lang machen, und
die Fledermaus fliegt mir immer um den Kopf, sehen Sie, gerade wie die
Fledermaus ist Ihre Unsterblichkeit, sie kriecht nicht, wie andre honette Mäuse,
sie fliegt nicht, wie andre honette Vögel. Gott sei Dank, nun ist sie fort, die
Fledermaus; nun die Unsterblichkeit? - sie ist auch fort.
    Alle Lichter sind abgelaufen in der Stube von dem Flattern der Fledermaus. -
    Die Brünette: Wie sind Sie doch so menschenfeindlich.
    Ich: O, ich halte alles, was ich hasse, nicht für Menschen. Zum Beispiel,
solche Leute halte ich für Fledermäuse. Weiter ist mir in Tod verhasst Zwieback,
wie Sie ihn gewöhnlich hier beim Teetrinken essen; er gleicht gewissen Leuten,
deren Witz nie reif wird, obschon er zweimal gebacken ist, und die immer beide
Backen voll nehmen, nichts zu sagen.
    Die Blonde: Und weiter -
    Ich: Und weiter ist mir verhasst eine Art von Zeug, Damis genannt; er hat
einen verdammten Glanz, schreit alles an, ist äusserst spröde, reisst leicht, und
am Ende ist gar nichts dahinter.
    Die Ernste: Und weiter -
    Ich: Und weiter ist mir verhasst: Wandle auf - (Rosen) und (Vergissmeinnicht);
das ist eine dumme Sentimentalität, die einen an allen vier Ecken der Welt
einholt, ein Gedanke, ja, fast so abgeschmackt, wie die Anekdote der Herren von
Viereck, die hinter einander ins Tor ritten; wenn mir die jemand erzählt, möchte
ich ihm immer sagen: Wandle, wo du willst, und denke nach Belieben an mich. -
    Das Schlanke Bild: Und weiter -
    Ich: Und weiter seien weit von mir alle tote Vivat auf Torten und
Illuminationen, Gott weiss warum, es gibt eine Art höfliche Leute, die nichts
als wünschen, und die man verwünschen sollte.
    Das war ein Stückchen der Unterhaltung dieses Abends. Gute Nacht, lieber
Godwi, morgen weiter - ich komme morgen an die Männer.
                                                                           Römer
 
                                 Römer an Godwi
Mein letzter Brief war ein wenig toll, lieber Godwi, aber ich kann es gar nicht
anders einrichten; ich verliere mich so in das Wesen hier, dass ich fast Mass und
Ziel vergesse, und hätte ich nur Zeit, mich ein wenig mit einer einzigen von
allen den Weibern zu beschäftigen, so würde mich vielleicht eine einzige
fesseln, aber so bin ich immer in eine ganze Tapete mit eingewebet, alle
Augenblick fliegt eine andre wie ein Weberschiff an mir vorüber, und reisst mich
hin, an ihrem Punkte mein Kolorit herzugeben; bald muss ich ein Stückchen Blume,
bald einen Punkt im Auge, bald einen Funken, bald eine Perle vorstellen helfen.
    Es wird dir, glaube ich, wohltun, oben auf deinem Berge, wo du halb im
Himmel steckst, solche Menschenbilder zu sehen, und du kannst Tilien meine
Portraits vorlesen, die ohnedies keine Weiber als Joduno und deine Molly kennt,
und keine Männer als dich und den Landjunker.
    Es sind drei Söhne im Hause; die übrigen, zu denen der gehört, der einen
Brief geschrieben hat, den du auch geschrieben haben könntest, sind in der
Fremde. Ich will dir die drei ein wenig einteilen, in den Allzudeutlichen, den
Deutlichen und den Undeutlichen.
 
                               Der Allzudeutliche
Er ist der juristische Codex des Familienarchivs, und lässt in seinen Urteilen
das Ur und Ur Ur noch stark hören. Er steht wie eine Eule geneckt unter den
vielen leichten Vögeln.
    Er trägt die Jurisprudenz wie Atlas die Welt auf seinem Nacken, und hat das
Schöne und Wahre in das Chaos versinken lassen, als er diese Welt auf seinen
Nacken packte.
    Sein Kopf ist gedrückt, sein Leben gebückt, doch schlägt sein Herz edel und
frei, denn da liegt ein liebevolles Naturrecht drinne, das dem Ballen positiven
Rechts, in dem sein Kopf wie ein Türk im Turban (meine Türkin auszunehmen) bis
über die Augen steckt, die Spitze bietet.
    Übrigens ist es ihm gar nicht türkisch zu Mute, denn er liebt den Wein, wie
jene die Weiber, das heisst öffentlich, und die Weiber, wie jene den Wein, das
heisst heimlich.
    Er ist ein sonderbares Wesen, ganz für sich und in sich, und selten in den
andern, die er doch alle liebt, die ihm alle nichts geben, und denen er gerne
gibt, wenn er hat. -
    Jetzt komme ich an den
 
                                  Deutlichen.
Ich wage ihn kaum zu beschreiben, vor ihm neigt sich die ganze Erscheinung, er
ist die Wahrheit, die Güte, die Liebe, die ruhige Sorge, der Friede und der
entsagende Fleiss, der von allen verstanden, geliebt und geachtet wird; in ihm
und der Brünette, die ein inniges Bündnis mit ihm schloss, findet sich alles
wieder, sie halten alles zusammen, sie durch Geist und Sinn, er durch Herz und
Tat, und es ist wirklich viel, so viele zu vereinigen. Es ist ein Künstler in
ihm verdorben, er hat viel Sinn für Gemälde und Zeichnung, und es ist rührend zu
sehen, wie bei dem grossen Mangel solcher Gegenstände um ihn sein Blick oft mit
Aufmerksamkeit auf dem Basrelief seines Ofens oder auf der Arabeske seiner
Papiertapete verweilt. Er hat unendlich viel Sinn für Poesie, und ist es nicht
viel, wenn ein Mann von sechsunddreissig Jahren, mit ungeheuren Geschäften und
Familiensorgen beladen, über Tiecks Genoveva weinen kann, und wenn sein gutes
Weib Tage nach der verflossenen Lektüre sagt: »Lieber, es ist kalt in der
Stube«, dass er ihr antwortete: »Gute Frau, Genoveva hatte mit ihrem Bambino noch
viel kälter im Walde, und jener schrie und war schon auf der Welt, deiner wärmt
sich noch an deinem Herzen.« Es ist mir nicht sowohl für seinen Kunstsinn als
für sein Herz bestimmend, dass unter so vielen gelesenen Gedichten gerade dies
einzige wunderheilige ihn so ergriff - ich schicke dir es hier, du sollst es mit
Tilien lesen im Walde.
    Der Deutliche ist ein Kaufmann, ich habe viel von ihm gelernt; ich ende so,
dass ich sage, jeder sollte in seiner Art sein, wie er, Liebe und Ernst zu dem
Seinigen.
    Sein Herz liegt seit kurzem an den tiefen, stillen Gründen des sanften,
schlanken, weissen Bildes vor Anker - der kleine jaspisne Anker ist von ihm
ausgeworfen worden, er hängt am Halse seines Weibes.
    Jetzt wende ich mich zu dem
 
                                 Undeutlichen.
Dieser Mensch ist in einzelnen Minuten eine wahre Erscheinung doch kämpft
meistens Mode und Genialität mit seiner Oberfläche. Ausser diesen Minuten könnte
man ihn für einen Dichter und nicht für einen Kaufmann halten.
    Er ist selten unter uns, und wenn er es ist, so führt ihn Liebe und
Gefälligkeit her; aber weil er ewig seines Ehrgeizes wegen sich muss gefangen
halten, um seine Nichtanlage zu seinem Stande zu verbergen, so erscheint diese
Liebe fast nie anders als eine notgedrungene Kälte, indem er die Zeit oder die
Gewandteit nicht hat, nur das Einzelne zurückzuhalten.
    Er ist durch diese ewig in ihm gespannte Feder verschlossen, ohne es zu
wissen, und freundlich mit Ängstlichkeit.
    Oft schweigt er wochenlang, und bald ist er die Macht der Unterhaltung; die
Weiber schätzen ihn, und wagen es nicht, ihn zu lieben, weil er sie liebt, und
es nicht wagt, sie zu schätzen.
    Alles ausser seinen Gesichtspunkten nennt er Schwärmerei, und ihm sieht sie
aus den Augen, denn sein Stand hält ihn nur gefangen, weil er in ihm aus
Schwärmerei seine Freiheit hingegeben hat.
    Ein innrer Kummer über alles das drückt sein Herz, und äussre Umstände, denen
er huldigt, fesseln seinen Geist. Er ist ein trauriger Beweis, wie der Stand
einen Menschen verbildet, und der Mensch in seinem Stande unterjocht ist.
    Aus einer freigebigen, schönen, edeln, freien, herrschsüchtigen Seele ist -
ein Kaufmann geworden - ist das einzige, was ihn ganz charakterisiert.
    Er bekümmert sich wenig um mich, weil er dadurch um sich selbst bekümmert
werden könnte, und sucht nur Menschen, die ihn in seiner Sphäre erhalten können,
die er als Bürger mit Ehre erfüllt, und es ist traurig zu sehen, wie er aus
Ehrgeiz mit Menschen umgeht, die seiner nicht wert sind, die ihn, indem er sie
nur als Mittel gebraucht, wieder als Mittel gebrauchen, freilich nicht zum
Mittel einer edlen Entsagung, wozu er sie gebraucht, sondern zum Gegenteil. - Du
würdest ihm ein Schrecken sein. - Er schämt sich fast jeder Rührung aus dem
missverstandnen Worte: »Sei ein Mann«, er, der zu nichts Anlage hat als zu dem
süssen Namen, in dem Schosse eines schönen, liebenden Weibes: »O du lieber,
schöner Junge«. Er schämt sich fast jeder Rührung, und wenn er für sich allein
in seiner Stube Guitarre spielt, so hebt ihn sein eigner Gesang eines einfachen
Liedes in die Höhe, er wendet die Blicke phantastisch zum Himmel, und hebet den
Kopf zärtlich, und schwärmt sich auf seiner runden, vollen Stimme, Gott weiss, in
welche Umarmung eines andern höhern Lebens, einer Liebe, oder einer Kunst.
    Er liebt seine Pflicht zu sehr, und seine gerechte Forderung zu wenig, und
wird einstens sehr unglücklich sein, wenn er nicht ein Weib bekömmt, in deren
Genuss, in deren Genialität selbst das Band der Ehe lüftig, leicht und schön
wird. -
Das wäre so ziemlich das Häufchen, das mich umzingelt, und schon so gefesselt
hat, dass ich nicht weiss, wie ich wieder nach Hause kommen soll.
    Ausser allen diesen Menschen existieren noch zwei auswärtige Mitglieder des
Bureau d'esprit, die sehr aktiv sind, und die ich gelegentlich schildern werde,
wenn sie mich ein wenig geärgert haben, weil er schwer ist, sie gern zu
schildern, wie sie sind, ohne dass man etwas böse auf sie sei.
    Zu dieser Gelegenheit komme ich sicher leicht, denn ich darf den einen nur
einmal recht betrachten und erkennen, und den andern einmal recht obenhin
ansehen, so habe ich mich gewiss über beide geärgert.
    Lebe wohl. Ist heute abend keine Sitzung, so gehe ich ins Teater, die
herrliche Sängerin zu hören. Der Undeutliche ist so von ihr entzückt, dass sie
durch alle seine Vorurteile über Schauspieler eine Lücke, eine Ausnahme gesungen
hat. Ich gehe allein hin, um zu hören, ob sie besser, rührender singt als die -
Türkin in B. - Dein
                                                                           Römer
 
                                 Römer an Godwi
Tröste dich, mein Lieber, du wirst nicht in die Verlegenheit kommen, das Herz
eines treuen, zarten Mädchens zu kränken.
    Joduno von Eichenwehen wird nicht zu Tilien kommen. Sie kömmt hierher zu der
Brünette, zu Sophien. Es hat mich ihr Brief, den ich lesen durfte, weil man
nicht weiss, dass ich dich und sie durch dich kenne, tief gerührt.
    Das arme Mädchen, ja sie liebt dich, und schwankt in ihrem Briefe schüchtern
hin und her, ob sie zu ihrer Freundin oder dir soll; am Ende besiegt sie die
schwere Wahl, und will scheinen, nur ihre Freundin geneckt zu haben mit dem
Nichtkommen.
    Ihr Entscheiden, hierher zu kommen, hat mich erfreut für dich, und mir ist
es wunderbar bang darum geworden, ihr Brief schon hat mich seltsam berührt.
    Es ist seltsam, wie mir das Schicksal deine verlassenen Schmetterlingshüllen
in den Weg führt.
    Vielleicht werde ich bei ihr die Engländerin vergessen, wie du, die
Engländerin vergessen, die mich oft zum Träumer macht. Sie übt eine wunderbare
geheime Gewalt über mich aus, die mich drückt, und von der ich mich um keinen
Preis loskaufen möchte. Ich fürchte mich daher vor Joduno.
    Du weisst, dass ich mit meiner planen, ehrbaren Erziehung, in meinem äusserst
verständlichen Kaufmannsstande, gar nichts Geheimnisvolles habe, als dass ich
nicht weiss, wessen Kind ich bin, und dass ich nichts verberge als den
Einkaufspreis. Nun quält mich das Mystische in der Engländerin Betragen
unendlich, die sich wie ein unbekannter tätiger Genius in unsre beiderseitige
Existenz hineingefunden hat.
    Das Wunderbarste ist, dass sie zu uns beiden eine Art von Liebe hinzog, und
sie plötzlich abbrach, als habe sie nur so lange geliebt, bis sie ein Zeichen in
uns erkannte, dass sie es nicht darf. Doch ich hoffe auf den Brief, den du von
ihr erhieltst, er muss alles erklären. Verliere ihn nur nicht, mache um
Gotteswillen keinen Papierdrachen für Eusebio, noch einen Haarwickel für jemand
anders draus. -
    Joduno also kömmt hierher - und wie das?
    Die Brünette war mit ihr in einem Kloster, wo sie miteinander erzogen
wurden, sie ist ihre innige Freundin, und dies verspricht viel für Joduno.
    Denn wer dieses Mädchens Freundin ist, mag wohl die Achtung der Welt
verdienen; aber wenige sind es ganz, das heisst, wenige können ihr geben, was ihr
fehlt - Sie selbst - und nur der kann es, der ihr Freund nicht so ist, wie es
alle diese sind, die sie nur lieben, weil sie so viel gibt; nur der kann es,
der wie ein Spiegel vor sie tritt, der nur alles nimmt, um es ihr zu geben.
    Ihr Leben war bestimmt, zum Himmel, zu der Kunst, zur unendlichen Liebe
hinzuströmen, aber sie ward aufgefangen zum Strome, sie ward von dürftigen Ufern
eingefasst, und ergoss sich aus Mitleid freundlich rauschend, nährend und
spiegelnd durch das arme Leben andrer; viele taugliche, schiffbare Flüsse,
einige fischreiche Bächlein, und viele Waldströme und wilde Schneegewässer
rannen gierig in sie hinein, um sich vergrössert und auf der Landkarte in ihr
geehrt zu fühlen. Schweigend nimmt sie alle auf, die sich ihre Freunde nennen,
und führt sie weiter; durch diesen Zufluss ist sie aufgehalten zu vergehen, sie
muss langsam die trüben Wellen abwärtswälzen, und ihre Freunde merken es nicht,
dass sie sie aufreiben - über ihr steht die Sonne und saugt sie gierig hinauf,
schon an der Quelle dort strahlt sie dankend der Sonne Bild zurück, und sie wird
wohl bald versiegt sein und im Gedanken leben, wenn das zusammengeflossene
Gewässer ihrer Freunde den Strom allein ausmacht, den man Sophie nennt. - Sie
ward umfasst, und sollte alles gelinde umfassen, und wenn ich sie ansehe, ist
mir, als sei sie nur noch die Form ihres Lebens, und zerbricht diese, so werden
die, die sie so fest zusammenpackten, mit den Köpfen zusammenstossen, und weinen,
dass sie nun auf ihren eignen Füssen stehen müssen.
    Weil ich doch dabei bin, so will ich über die Brünette in einer Fabel
weissagen. -
    Eine kraftvolle, herrliche Eiche wächst in der Mitte von vielen andern
gewöhnlichen Bäumen. Die Menschen kommen und wollen sich Hütten bauen, sie hauen
die gewöhnlichen Bäume nieder, und keiner möchte gern die Eiche verlieren, so
bauen sie denn rund um die Eiche schlechte, baufällige Hütten. Die Eiche, die
sich durch inneres Leben weit und mächtig ausbreitet, wusste gar nichts von den
Hütten und wächst ruhig fort; die Menschen aber glauben, es wäre recht schön,
wenn sie die herumstrebenden Äste der Eiche in ihre Häuser hinein verbauten,
damit sie doch in ihrem toten Holze einen grünen Zweig hätten; und so muss nun
die arme Eiche in dunkle Stuben, feuchte Gewölbe etc. hineinwachsen - sie
vertrauert leise, ohne es zu wissen, sie folgt dem angewiesnen Wege. Ihre Krone
nur spielt noch in der freien Luft, die einzelnen Äste verdorren, und die
Menschen bauen immer näher heran, sie lehnen Überhänge und Altanen auf die
Zweige. Da wächst sie unter dem herrlichen Lobe: »O die gute, herrliche Eiche!«
gegen alles ihr Streben; endlich drängt sich gewaltsam ihre Kraft empor, sie
strebt mit allem ihrem Leben zwischen den engen Hütten hinauf, die Sonne blickt
auf sie, sie blüht heftig im Winter, treibt Frucht und Blüte und Samen mit
Gewalt nebeneinander in die Höhe; dies ist die einzige Minute ihres eignen
Lebens, und die letzte. Alles bricht an ihr herunter, alle die leichten Werke,
auf sie gestützt, zertrümmern, und die Hütten senken sich traurig gegen die
Mitte, wo sie war.
    Lieber, ich habe nicht geglaubt, dass ich das schreiben würde, was ich
schrieb, es hat ein Wort das andre gegeben, und nun, ach! nun ist mir wunderbar
still zu Mute; von der Strasse steigt ein stöhnender, gebrochener Ton herauf, es
ist ein armes Weib, das geistliche Lieder singt, um zu leben. Ihr Gesang hat
mich erweckt, und es ist mir ein wehmütiger Nachklang geblieben. Ich will ihr
ein brennendes Papierchen mit Geld hinabwerfen. Ach! ist das der Stern, der sich
deiner erbarmt, du armes Weib? Es ist schrecklich, dass in der Bürgerschaft das
Beten zum Betteln werden muss. Ach, wie ist es traurig, dass der Mensch aus Armut
singen muss, und dass alle Töne, die Seufzer und Klagen werden möchten, gezwungen
werden, den Gang fröhlicher Töne und des Jauchzens anzunehmen, wodurch der
rührende Anstrich solcher Lieder entstehet.
    Das Weib hört plötzlich auf, ich lausche am Fenster, es ist ein Frauenzimmer
aus dem Hause gewesen, die mit ihr sprach. Ich erkenne die Stimme nicht, und da
ich doch gerne wissen mochte, wer es war, so gehe ich hinab, zu sehen, wer in
der Versammlung der Übrigen fehlt. Du sollst es gleich erfahren, lieber Godwi -
    Es war die Brünette, sie tritt herein, und als ich ihr sage, weil ihr ein
Geldbeutel aus der Hand fällt: »Sind Sie noch so spät wohltätig?« antwortet sie:
»Ich bin noch so spät wohl tätig, und manchmal wohl noch später, denn ich tue
wohl oft in der Nacht lesen; jetzt habe ich meine Kammerfrau bezahlt.«
    Verzeihe, Lieber, ich habe mich verirrt.
    Man will nun debattieren, welcher der Brüder deine Freundin holen soll, und
das wird im Bureau d'esprit geschehen. - Lebe wohl.
                                                                           Römer
 
                                 Römer an Godwi
Ich schreibe dir heute das Resultat der gestrigen Konsultation.
    Es fand sich gleich, dass die möglichen Gesandten nach Eichenwehen nur zwei
seien, entweder der Zudeutliche, oder der Undeutliche.
    Der erste war leichter zu haben als zu wollen, und der zweite war leichter
zu wollen als zu haben.
    Man zieht ihn zur Seite, man lobt ihn, man schmeichelt ihm, man verspricht
ihm, seine feinen Hemden aufs zierlichste zu sticken, alle Hände erbieten sich,
ihm eine elegante Satteldecke für sein Pferd zu machen, alle Finger wollen ihm
Stiefelstrümpfe aus englischer Baumwolle stricken, man nennt ihn das schönste,
edelste, geschmackvollste Mitglied der Familie - wenn er Joduno holen will.
    Er nimmt alles an, um nicht stolz zu scheinen, er geht, um für das
Angenommene nicht verbindlich zu sein, und wahrlich, wer ihn kennt wie ich, wird
gerne gestehen, dass es ihm sehr uninteressant sein muss, ein Mädchen, das er
nicht kennt, wie er glaubt, aus dem Hühnerhof ihres Lebens in den Elstern- und
Pfauenhof seiner Familie einzuführen, und eigentlich geht er frank und frei aus
Liebe und Gefälligkeit, und die Kälte, welche diese zwei Motive verhüllt, ist
durch die missverstandnen Pflichten seines Standes in ihn gekommen.
    Soeben steigt er beklatscht in den Wagen, Grüsse und Kusshändchen von allen
Seiten. - Bald werde ich nun deine Joduno sehen und beurteilen.
    Ich will dir heute abend schreiben, ob ich mich geärgert habe über die zwei
ausserordentlichen Mitglieder, wenn ich aus dem Kabinette der Brünette komme.
Guten Abend! Noch konnte ich mich nicht ärgern, kann also den zwei Leutchen
nicht Gerechtigkeit widerfahren lassen. Das Gespräch war heute zu allgemein, und
ich zu geneckt, als dass ich die zwei Menschen, die gegenwärtig, so obenhin und
durch und durch hätte betrachten können.
    Die ganze Gesellschaft war beschäftigt, sich über einige Charmants riens,
die Titus, Karakallas, Charles douze, Gustav Adolph, Iglou, Vergettes,
Terroristes, Incroyables und Merveilleux Köpfe zu zermartern - Das sind lauter
Arten von Verstand, Denkungsarten, die in verschiednen Gattungen von
unordentlichen Frisuren bestehen, und oft kömmt man in der Gesellschaft durch
unwilliges Wühlen in den Haaren in eine ähnliche Verstandeslage.
    Damit man nun nicht merkt, dass ich am öftersten in diese Verlegenheit komme,
und damit mein Verstand dann nicht so parvenü drein sieht, habe ich mir heute
einen Haarkräusler bestellt, der mir die eklatanteste Frisur machen soll, damit
ich weiss, zu welcher Art von Verstand ich mich mit der grössten Anlage bekennen
soll. - Da ist er; gleich, wenn ich gescheiter bin, sollst du die grosse
Begebenheit hören.
    Ich: Wie heissen Sie?
    - Christ - ich soll Ihnen die Haare schneiden. -
    Ich: Christ? - Schneiden Sie nur keinen Mönchskopf - höchstens etwas aus dem
Dreissigjährigen Krieg - etwa einen Gustav Adolph -
    Es klopft an der Türe - »Herein« - ein zweiter Haarkräusler; der Bediente
hat zwei bestellt. -
    Wie heissen Sie?
    - Heidenblut (mit einem wilden Blick auf Christ), und komme, Ihnen den Kopf
aufzuräumen.
    O wehe! da haben wirs, es wird einen Religionskrieg geben. Nun werden Sie
einen Karakalla aus mir schneiden wollen -
    Christ: Ihr Kopf hat alle Anlage zu einem Gustav Adolph -
    Heidenblut: Ihr Kopf hat alle Anlage zu einem Karakalla -
    Ich: Was wird das nun? Ich schwanke von einem zum andern. -
    Christ: Herr Heidenblut wird Sie unchristlich raufen.
    Heidenblut: Herr Christ, ich weiss, dass Sie immer mein Blut, mein Leben, mein
Unglück verlangen; Sie nehmen mir alle Kunden.
    Christ: Nein, wenn ich Ihr Blut verlangte, müsste ich Sie selbst verlangen,
und ich brauche Sie gar nicht.
    Heidenblut: Er wird Sie ganz gegen die Aufklärung schneiden; er wird Ihnen
eine fromme Frisur schneiden.
    Ich: Nun, so will ich ungläubig geschnitten werden. Herr Christ, wickeln Sie
mich auf, brennen Sie mich, und Sie, Herr Heidenblut, schneiden mir dann die
Haare.
    Beide: Ja - ja, Ihre Haare haben alle Direktion zu einem très incroyable.
    Ach, wie warm wird mir um die Ohren; Herr Christ, nur keinen Märtyrer, nur
keinen Märtyrer - so - ich sehe drollicht aus mit den papiernen Locken - nun
schneiden Sie, Herr Heidenblut. Meine langen Haare fallen mir bündelweise vom
Kopfe - schneiden Sie nur nicht alles weg. -
    Er: Um die Ohren muss alles weg - damit sie besser wachsen können.
    O wehe! die Ohren sollen wachsen -
    Er: Nein, die Haare. -
    Ich fühlte eine sonderbare Kühlung über dem ganzen Gehirne, es ward mir viel
leichter zu Mute; so zugestutzt kam ich in das Kabinett, wo man mich mit grossem
Erstaunen aufnahm. Die Brünette führte mich im Zirkel herum, die Blonde hielt
mir einen Spiegel vor, und alles begann mich zu necken. -
    Morgen fahre ich fort zu erzählen, und dann wird Joduno ankommen und eine
grosse Lücke in der Korrespondenz entstehen.
                                                                      Dein Römer
 
                                 Römer an Godwi
Heute bin ich dazu gekommen, die zwei ausserordentlichen Mitglieder des Bureau
d'esprit zu beschreiben, ich habe mich geärgert.
    Ich trete in die Stube, und will wie gewöhnlich gleich nach dem Heiligtum,
dem Kabinette zu - aber eine Menge Hände fahren mir entgegen, halten mich auf -
»pst - pst - still - sie ist krank - sie hat ein Nervenfieber.« -
    Das ganze Vorzimmer rauscht von Teilnahme seufzende neue Stiefeln und
rauschende seidne Kleider bezeugen ihre Teilnahme, und eigentlich nehmen diese
Leute nur auf zwei Arten teil, erstens, indem sie noch teil an dem bisschen
gesunder Luft der Kranken nehmen, und zweitens, indem in ihnen alle ihr Teil
genommen wird, denn seitdem die erste erregende Potenz, die Brünette, krank ist,
und zwar (wie der Arzt sagt) astenisch, hat sie alle die höchste Stenie
überfallen, sie sind alle fade, man hört keinen guten Gedanken, alle ihre
wunderlichen Frisuren sind nur wunderliche Frisuren, und hören auf, Arten von
Verstand zu sein.
    Ich ärgerte mich über die zwei ausserordentlichen Mitglieder, weil der eine
mit einer ungeheuren Prätension von Teilnahme der armen Sophie dicht vor das
Lager gerückt ist, und ihr mit Gewalt jedes gesunde Wort, das sich ihr
entwindet, dicht vor den Lippen wegfängt, es mit Ungeschicklichkeit in seiner
zerstreuen wollenden Unterredung auffängt und ihr verwickelt wie ein Rätsel
zurückgibt. Er weiss nicht, dass dies Mädchen auch in der Krankheit über seine
kranke Gesundheit Meister ist, und mit einer geteilten Mühe ihm halb aus
Guterzigkeit seine Arbeit an ihrer Zerstreuung mühselig zu erleichtern sucht,
und aus der frohen, natürlichen Wildheit ihres Geistes, die in diesem
Augenblicke etwas mit Überreiz kämpft, wieder hingerissen wird, ihn zu
verwirren. So versetzt er das arme Geschöpf in die schädlichste Arbeit und kann,
indem er mit dem Unglauben an die Lage der Sache durch seine Eigenliebe und
seine Höflichkeit zu kämpfen veranlasst wird, nicht einsehen, dass er ihr
schädlich ist, so wie sie aus dem ewig fatalen, und auf dem Krankenbette fatalen
Motive, das die Franzosen Egard nennen, verhindert wird, ihn fortzuschicken.
    Ich setze mich in der Vorstube schweigend auf den Fussteppich, höre
unwillkürlich diese erbärmliche Konversation, denn ein Gespräch war es nicht,
an, und lasse meine Blicke in der Stube herumschweifen.
    Auf diese Weise tätig, erlitt ich, ohne zu wissen wie, die Handlung des
zweiten ausserordentlichen Mitglieds, durch die ich auch geärgert wurde.
    Der Mann sass da und schnitt meine Silhouette mit der grössten
Gleichgültigkeit aus, und trifft meine Seele so wenig, dass er die
herunterhängende Schlafmütze, die er dran geschnitten hat, ganz allein schnitt,
weil er behauptet, ich hätte geschlafen; ja, denke dir, ich bin versichert, dass
er meinen Schattenriss allein schnitt um der Schlafmütze willen, dass er mich an
eine Schlafmütze hängen wollte.
    Über die übelverstandne Schlafmütze bös, weil ich in demselben Augenblicke
sehr traurig über die Konversation des ersten Mitglieds war und drauf studierte,
wie ich ihn hinausspedieren wollte, beschwerte ich mich; er wollte sich
entschuldigen und sagte:
    »Ihr Profil ist so schön.«
    »Deswegen sollten Sie es nicht in den Schatten stellen«, erwiderte ich.
    »O schneiden Sie mir darum kein Gesicht«, fuhr er fort.
    »O hätten Sie darum mein Gesicht nur ungeschnitten gelassen« - setzte ich
hinzu. -
    Meine Antwort erregte Lachen, die Kranke ward aufmerksam und wollte das
Ganze hören, und den Schattenriss sehen, und ich zog mich traurig zurück, dass
ich, indem ich mehr Ruhe um sie zu bringen suchte, die Unruhe selbst veranlasste.
    So bin ich nun auf meiner Stube über beide geärgert, und kann sie dir beide
beschreiben. -
    Diese zwei Männer, die sich weder von aussen noch innen gleichen, die weder
in ihren Gesinnungen noch in ihrer Äusserung die mindeste Ähnlichkeit haben,
können von einem Gesichtspunkte angesehen werden, dass sie das Produkt der
nämlichen Ursache auf umgekehrten Wegen sind.
    Zusammengeschoben machen sie ein verschobenes Viereck, und einzeln sind sie
gleiche Dreiecke mit zwei spitzen und einem stumpfen Winkel, sie stehen, wie
Figura zeigt:
Der erste hat den stumpfen Winkel nach oben, der andre nach unten gewandt, und
keiner einen rechten in sich.
    Des ersten Erscheinung wird sich leicht in dich drücken, ohne einzudringen
noch zu bleiben, und des zweiten Erscheinung sich scharf, bleibend und
schmerzlich eindrängen.
    An keinen von beiden kannst du etwas erbauen, dass es zugleich fest und
gerade stehe. Gegen den ersten kann sich dein Wesen höchstens schlafend
anlehnen, und an den zweiten kannst du höchstens etwas hängen.
    Der erste, der die gerade Linie zur Basis hat, steht fest, und der zweite,
der den stumpfen Winkel zur Basis hat, schwankt entweder von einer Seite zur
andern, indem er das Gleichgewicht sucht, oder steht auf dem stumpfen Winkel
fest, indem er etwas unterschiebt, oder lehnt sich auf die linke oder rechte
Seite, doch muss er dir ewig den spitzen Winkel entgegenhalten.
    Das wäre das Allgemeinste, was man von ihnen sagen kann; nun will ich etwas
in das Einzelne gehen.
    Es gibt Menschen, die so geschäftig oder träge im Leben waren, dass sie
nichts Eigentliches getan haben, noch irgend tun können, indem immer eine
Handlung die andre durchkreuzte, oder jedes Aufnehmen in sich das andere
verlöschte. Das ist mit beiden der Fall.
    Ich will den mit dem stumpfen Winkel oben B nennen, und den
entgegengesetzten A.
    B ist, der in der Trägheit lebte, ein Mensch der nie etwas getan hat, nie um
etwas gekämpft, er sitzt auf seiner breiten Basis recht kommode, oder er ward
vielmehr von Jugend an drauf gesetzt; so bequem, wie er dalag, hatte er weiter
keinen Drang, als sich gelinde zu erheben, und hat es bis zum stumpfen Winkel in
die Höhe gebracht. Er hat so viel genossen, dass er nicht mehr viel geniessen
kann, und schon so viele Genossen gehabt, dass er keinen Freund mehr haben kann.
Da ihn nun alles langweilt, fängt er an, seinen Verstand zu gebrauchen, aber
untersteht sich, nach seiner Aisance, die nun anfängt wirkliche Mattigkeit zu
werden, nichts zu tun, als nach den Zipfeln der schönen Wissenschaften,
geistreichen Umgangs und der Wohltätigkeit zu greifen, die ins gemeine Leben
herabhängen. Er fasst nie mehr als einen Zipfel, und nie begreift er den Gipfel.
    (Hörst du, ich werde poetisch, ich habe à contre-coeur einen Reim gemacht.)
    Seine einzige Erhebung ist also nichts als folgendes -
    Er legte sich zu Bette aus Wollust, wälzte sich drin herum aus Veränderung,
blieb liegen aus Mattigkeit, und kann nun nicht wieder aufstehen, - aber über
dem Bette des bürgerlichen Lebens hängt der Himmel der Kunst, und in jedem guten
Himmelbette hängt ein Bettzopf herunter, an dem man sich in die Höhe ziehen kann
- nun fasst er also diesen Bettzopf, diesen Zipfel des künstlichen Himmels, um
sich in die Höhe zu bringen, und fällt wieder in die Kissen hinein. Wenn er so
ein wenig in die Höhe ist, regen sich alle erdrückte Möglichkeiten in ihm, und
er hat, solange er sich oben erhalten kann, einige gute Gedanken, Wünsche und
eilfertige Taten, aber pumps fällt er wieder nieder.
    Die Menschen sind zum Aufrechtstehen, zum Herumgehen gemacht, und so auch
liegt ihnen das Herz im Leibe; wenn sie sich aber ins Bette legen, um immer
drinnen zu liegen, kann nichts in ihnen handeln, sondern alles wird zur
Verdauung, es werden keine Weltmenschen, sondern Bettmenschen draus.
    Sein Inneres ist auf vielfache Weise verschoben, und sein Äusseres gelinde
aufgeschwemmt.
    Könnte dieser Mann nicht durch die Liebe geheilt werden? Ja, wenn er die
Liebe nicht meistens mit in sein Bett nähme; er müsste sich in Bettzöpfen
ruiniert haben, so viele heruntergerissen haben, dass er sich keinen mehr kaufen
könnte; dann müsste man ihm eine Liebe recht hoch von einem andern Himmel
herabhängen, und weit von seinem Lager, weil, wäre sie ihm bei seiner
Gewandteit erreichlich nah, so würde er sich mit Gewalt herauslehnen, den
Bettzopf ergreifen und durch sein Übergewicht abreissen. Ist das Band, an dem er
sich hinaufziehen kann, aber weit von ihm, und recht hoch, so wird er sich
entschliessen, herauszusteigen, wird sich wieder ans Gehen gewöhnen, und endlich,
um die Geliebte zu erreichen, sogar springen lernen.
    Alles das könnte als eine Allegorie seiner Lage in einem Feenmärchen recht
schön erzählt werden, am Ende würde dann die Fee, die ihn beschützt, aus dem
Bettzopf eine herrliche Prinzessin machen, das Bett würde zu Asche zerfallen,
der Bettimmel mit seinen seidnen Wolken zum Himmel werden, der über ihm
strahlte, und er würde sicher bei seinem Geiste, seiner Leichtigkeit und seiner
Übung ein achtungswerter, liebenswürdiger Mann sein.
    Du weisst, dass ich in meinen Erzählungen immer den Menschen und den Bürger
trenne; ich sprach hier nur vom Menschen, insofern er sich von der Basis erhebt:
als Basis ist er Bürger und, feststehend, solid und durch seine grosse Fläche
tätig, ist er als solcher ein rechter Quaderstein seines Standes, ein
achtungswerter, geschickter, fleissiger Bürger -
    Wenn er wüsste, lieber Godwi, dass ich dir dies schrieb, und könnte es wahr
fühlen, und könnte begreifen, wie ich ihn bei allem dem mehr als irgend einen
seines Standes liebe, die meistens ganz auf dem Ohr liegen; wenn er begreifen
könnte, wie ich ihn mit Rührung und herzlichen Wünschen den Bettzopf mit seiner
Sehnsucht in die Höhe ergreifen sehe; wenn er wüsste, wie sehr ich den Menschen
und den Talern böse bin, dass sie ihn so zurichteten, und könnte darüber traurig
werden und keinen Groll hegen: so wäre noch Hoffnung für ihn, und ich wollte dem
Himmel danken.
A war so tätig, so geschäftig, dass er nie was getan hat; bei seinem übergrossen
Drang aber ist er mit der ganzen Fläche nach aussen auf sein Schicksal
losgegangen, und sein Schicksal war tausendschneidig und tausendfach, das siehst
du an seiner Fläche, die er nach aussen kehrt.
    Er ist nicht leise von der Seite und offensiv seinem Leben entgegengegangen,
sondern die Augen zu, durch einen Hagel von Widerwärtigkeiten, tappte er
blindlings nach dem, was er erreichen wollte, und hatte es nur in sich; denn
indem sein Höchstes in ihm pochte und rief: »Ergreife mich, bilde mich, stelle
mich ins Leben«, und seine Aufmerksamkeit durch das ewige Balancieren, indem er,
auf seinem stumpfen Winkel stehend, nie Ruhe hat, sondern von einer Seite zur
andern fällt, geteilt, diese Stimme nicht verstand: so fühlte er sein Innres
nicht als Ruf, sondern bloss als Stoss, Reiz, Sehnsucht, und tappte nimmer findend
vorwärts.
    Er hat daher alle Spuren des Lebensstreites auf seinem Äussern, sein Körper
ist ein vernarbter derber Krieger, aber seine Muskeln sind durch dasselbe
abgehärtet. Er ist kein zerstörter, nur ein markierter Mensch; er ist nicht
gebildet, nur geübt; er ist kein geschickter, nur ein abgehärteter Mensch.
    Stosse einen Menschen, der ein Dichter oder ein Philosoph werden sollte, in
das Brausen einer Staatenumwälzung, und mache, dass er, seine Oberfläche nach
aussen, alle Zerstörungen derselben auffangen muss, gieb ihm dabei keinen festen
Punkt, weil er das in sich nicht entwickelt und zur Stütze gemacht hat, was ihn
halten kann; gieb ihm dabei Glut, Liebe, Feuer, gieb ihm Ehrgeiz, sich aufrecht
zu halten, lass das Ganze los, dass die innre Wildheit ihn treibe und die Wellen
der kämpfenden Aussenwelt über ihm zusammenschlagen - und du wirst in der
Erscheinung sein Leben sehen.
    Alles das, durch Dauer und Dauerhaftigkeit zur Gewohnheit, zur Natur
geworden - hier ist A. Es ist angenehm, mit ihm zu leben, er ist treuherzig,
wenn es sein Witz erlaubt, vergnügt, immer voll Hoffnung, und ewig derselbe;
wird nicht aufgerieben werden, er wird einstens zerbrechen, das ist die Art
seines Untergangs.
    Nun bin ich ruhig, und will, da du dir nun alle Glieder des Bureau d'esprit
denken kannst, den Ort der Versammlung, insofern er ein Produkt der Brünette
ist, beschreiben.
    Die äusserst einfache, doch krause, harmonische, doch bunte Meublierung der
Stube zeigt gleich, dass hier ein Weib haust, das die Welt und ihren Inhalt in
sich hält, und das nichts in seine liebenswürdige Caprice, sondern seine
liebenswürdige Caprice in alles trägt.
    Sie herrscht hier, ohne es scheinen zu wollen, aber alles, was man hier mit
geistigen Fühlhörnern und den Händen berühren kann, ist so von ihrem Sinne
übergossen, so von ihr ausgegangen, dass man an keinem Orte der Welt auf eine
angenehmere Weise seinen Willen nicht hat.
    Sie ist ein vollkommnes Wesen, das in allen Saiten, die über die Tonweite
ihres resonannten Daseins gespannt sind, ewig erklingt, und wo sie ist, ist sie
auch so in das ganze Irgendwosein verwebt, dass sie in allen Punkten des
Irgendwos wiedertönt.
    Was sie beherrscht, und was sie umgibt, ist die Variation ihres eignen
Temas, doch leider schon mehr Gesellschaftslied als göttliches Gedicht.
    Und wenn ich sie auf ihre Möglichkeit, die unmöglich geworden ist, nicht
zurückgeführt, gerade wie sie ist, auf Noten setzen könnte, so müsste sie selbst
mit ihrer sehr künstlichen Resignation das ganze Bild, auf ihrem kleinen
Klaviere, mit ihren kleinen Fingern spielen, mit ihrer feinen Stimme singen,
damit es nicht allerliebst langweilig klänge.
    Denn wäre in dieser kleinen irdischen Hütte nicht ein einziges, schön
gewölbtes Fenster (sie hat nur ein Auge), auf das von aussen die Sonne der Welt
blitzte, und durch das von innen die andächtigste, zarteste Seele einer
Sakontala die Augen gegen den Himmel höbe, so könnte man bei den vielen Manieren
und der Eleganz die ganze Erscheinung leicht für so leicht als eine erhabene
Gartenverzierungsidee halten.
    Lebe wohl! morgen kömmt Joduno.
                                                                           Römer
 
                                 Römer an Godwi
Ich eile, wir gehen alle in die Kirche, ich auch, in die katolische Kirche.
    Es ist Allerseelentag, dieses Fest ist das Fest aller Seelen; auf jeder
Gruft brennen so viele Wachsfackeln, als sie geliebter Freunde Körper umfasst.
Die Lichter brannten so heilig, als wollten sie die Seelen vorstellen.
    Alle die Kinder des Hauses gehen nach dem Grabe der Mutter, heute gleichen
sie sich alle, sind alle stille Trauer und Nachdenken, und guter Vorsatz.
    Die Brünette kniete so heilig, so gerührt am Grabe ihrer Mutter, sie betete
und ward ohnmächtig, man brachte sie nach Hause, hier finden wir Joduno und den
undeutlichen Bruder. Alles ist voll Freude. Die Brünette sagt, es sei ihr
gewesen, als wenn es sie leise in die Gruft hinabzöge.
    O Godwi, wo ist deine Mutter! die Schmerzen des steinernen Bildes fielen mir
ein; wo ist meine Mutter!
                                                                           Römer
In dem Bureau d'esprit hängt das Bild der Mutter Sophiens, in einer gelinden,
zarten Zeichnung, die Geschwister gleichen ihr alle, jedes hat seinen schönen
Zug, und den findest du gewiss in dem Bilde ihrer Mutter wieder.
                             Ende des ersten Teils
 
                                  Zweiter Band
  Herausgegeben von den Freunden des Verstorbenen, mit Nachrichten, von seinem
                     Leben, seinen Arbeiten und seinem Tode
                                      An B.
                             unabhängige Dedikazion
 
Es ist unstreitig ein reiner Entusiasmus in mir, denn jeder heller froher
Anklang von aussen öffnet alle Schleusen meiner Seele, das Leben dringt dann von
allen Seiten wohltuend in raschen Strömen auf mich ein, und meine Äusserung
ergiesst sich ihm in gleicher Freude. Ich fühle dann keinen Druck, keine Gewalt,
weder eine Erniedrigung, noch eine Überlegenheit. Ach! in solchen Momenten habe
ich nur eine Reflexion, sie ist Segen, den ich über mein Dasein ausspreche, und
ich fühle dann Egmonts Gebet durch alle meine Adern strömen, ich lebe dann die
Worte:
    So ist es mir, wenn sich ein frohes Gemüt, dem die ausübende Kunst das
Höchste zur lebendigen Kraft, zum bewusstlosen Innewohnen geschaffen hat, rein
und mit klopfenden warmen Pulsen um mich bewegt, und in leichten Spielen ohne
Studium ein Leben vor mir entfaltet, dem das Abstrakte durch eine glückliche
Beugung der Formen zum lebendigen Elemente ward. Die Minuten, in denen ich mich
in ihr verloren fühle, unter den Strahlen seiner gesunden Freude leichter atme,
die Minuten, in denen ich vergesse, dass seine Schönheit auch der Mühe errungenes
Kind ist, sind die einzigen, die ich vertraulich mit dem Leben umgehe und nicht
ein unwillkürlicher Kummer auf meiner Seele liegt. Ich verzweifle dann nicht an
meiner Fähigkeit, die grossen Werke der Künstler erschüttern mich nicht, und in
meiner Brust ist hell und deutlich geschrieben: Dahin magst du auch noch
gelangen; die Werke der grossen Meister erscheinen mir dann wie ferne Städte,
nach denen sich mein wanderndes Leben hinsehnt, und die ich in warmen
Frühlingstagen wohl auch noch erreichen möge.
    Wenn dein holdes Bild vor mich tritt, meine Liebe, so ist mir, als harrtest
du meiner dort, als wohntest du in jenen glänzenden Städten, sie wären deine
Heimat, du sehntest dich nicht heraus: wie eine schöne wunderbare Blume bewachte
dich der Genius der heiligen Fremde und verehrte dich in geheimnisreichem
Gottesdienste.
Als hohe in sich selbst verwandte Mächte
In heilger Ordnung bildend sich gereiht,
Entzündete im wechslenden Geschlechte
Die Liebe lebende Beweglichkeit
Und ward im Beten tiefgeheimer Nächte
Dem Menschen jene Fremde eingeweiht;
Ein stilles Heimweh ist mit dir geboren,
Hast du gleich früh den Wanderstab verloren.
Die Töne ziehn dich hin, in sanften Wellen
Rauscht leis ihr Strom in Ufern von Kristall,
Sirenen buhlen mit der Fahrt Gesellen,
Aus Bergestiefen grüsst sie das Metall,
Der Donner betet, ihre Segel schwellen,
Aus Ferne ruft der ernste Widerhall;
Die Wimpeln wehn in bunten Melodieen,
O wolltest du mit in die Fremde ziehen.
Die Farben spannen Netze aus und winken
Dir mit des Aufgangs lebenstrunknem Blick,
In ihren Strahlen Brüderschaft zu trinken.
Am Berge weilen sie und sehn zurück -
Willst du nicht auch zur Heimat niedersinken?
Denn von den Sternen dämmert dein Geschick;
Die fremde Heimat, spricht es, zu ergründen,
Sollst du des Lichtes Söhnen dich verbünden.
Auch magst du leicht das Vaterland erringen,
Hast du der Felsen hartes Herz besiegt,
Der Marmor wird in süssem Schmerz erklingen,
Der tot und stumm in deinem Wege liegt:
Wenn deine Arme glühend ihn umschlingen,
Dass er sich deinem Bilde liebend schmiegt,
Dann führt dich gern zu jenen fremden Landen
Dein Gott, du selbst, aus ihm und dir erstanden.
Dich schreckt so stiller Gang, so schwer Bemühen,
Du sehnest dich in alle Liebe hin,
Des Marmors kalte Lippe will nicht glühen,
Die Farbe spottet deiner Hände Sinn,
Die Töne singen Liebe dir und fliehen;
Gewinnst du nicht, so werde selbst Gewinn,
Entwickle dich in Form, und Licht, und Tönen,
So wird der Heimat Bürgerkranz dich krönen.
O freier Geist, du unerfasslich Leben,
Gesang der Farbe, Formen-Harmonie,
Gestalt des Tons, du hell lebendig Weben
In Nacht und Tod, in Stummheit Melodie,
In meines Busens Saiten tonlos Beben,
Ersteh in meiner Seele Poesie:
Lass mich in ihrer Göttin Wort sie grüssen,
Dass sich der Heimat Tore mir erschliessen.
Ein guter Bürger will ich Freiheit singen,
Der Liebe Freiheit, die in Fremde rang,
Will in der Schönheit Grenzen Kränze schlingen
Um meinen Ruf, des Lebens tiefsten Klang
Mir eignen, ihn mit Lied und Lieb erringen,
Bis brautlich ganz in Wonne mein Gesang,
Gelöst in Lust und Schmerz das Widerstreben,
Und eigner Schöpfung Leben niederschweben.
Du sollst dies Buch nicht lesen, denn ich liebe dich, und was ich in dir liebe,
ist dieses Buch Unwert, und der Wert des Lebens, die Poesie - dass ich hier zu
dir spreche, ist meines Herzens innrer Drang, du hast mich gefangen, und bist
mir die höchste Lehre. O ich möchte dichten, wie du da stehst, wie du wandelst
und blickst, ich möchte denken, wie du gedacht bist, und bilden, wie du
geschaffen bist.
    Wie freundlich würde dann mein Werk mir in die Augen sehn, wie würdig sich
dem Gedanken des Gebildeten in seiner Unschuld gesellen, denn Würde ist Unschuld
der freien Hoheit; wie würde ich mein innres Leben gleich der Mutter meines
Werkes verehren, und es rein erhalten von dem Übermute einzelner Kräfte, die roh
und gewaltig wie ewiger Sturm die schöne Tätigkeit der Ruhe in mir vernichten.
Ich würde mich selbst schätzen, um des Schatzes willen, der in dem Menschen und
der Natur verborgen liegt, aus dem ich glänzende Edelsteine zu Tage gefördert,
sie geschliffen und zu künstlichen Geschmeiden meiner Liebe, meines Lebens,
aller Liebe und alles Lebens gebildet hätte.
    Dir würde ich den herrlichen Schmuck anlegen, und du wärest eins mit diesem
Schmucke. In deinem Auge und dem Diamant bricht sich der leuchtende Strahl, aber
mein Diamant würde blicken wie dein Aug, mein Werk würde schweben wie dein Gang,
wie deine Lippe würde es singen, den Sinn würde es hinabziehen wie die Woge
deines Busens, es würde umfassen wie dein Arm, und lieben wie dein Kuss; rein
wäre mein Werk, gross, von sich selbst durchdrungen, und vom ganzen Leben tätig
begrenzt, wie die Seele des Menschen.
    Ich fühle tief in meinem Herzen, wie die Jünglinge jetzt dastehen, da sich
die Zeiten trennen und die Philosophie mit der Reflexion alle Töpfe des
Prometeus zerschlägt; traurig sehn sie ihr kindisches Bilden zertrümmert, und
vergehen in weinerlichem Entusiasmus. Gerne möchten sie das Feuer vom Himmel
stehlen, und fürchten, dass der schreckliche Gott sie an den Felsen schmiede, des
Geiers ewige Nahrung. -
    O ihr hängt schon an dem Felsen, unbeweglich seht ihr den Wechsel des Tages
und des Jahres: weder der leichte Flug des Vogels über eurem Haupte, noch das
Rauschen des Stroms, der des Himmels Spiegel zu euern Füssen wälzt, löst eures
Todes Band. Ihr vermögt nicht die Blume des Tales zu ergreifen, denn eure Hand
erreicht kaum den blühenden Dorn neben eurem Lager. Ihr blicket nieder in das
Getümmel der Schlacht mit Sehnsucht nach gekrönter Tat, und die Trommeten des
Kampfes zerreissen euch das Herz. Ihr blicket nieder in die Gebüsche, wo Hirten
in Liebe spielen, und die Flöte des Hirten zerreisst euer Herz.
    Hoch seid ihr erhaben über die Aussicht, aber ihr seid an den Felsen
geschmiedet, die Welt habt ihr erschaffen, die euch erschaffen sollte, und sie
zielet mit Pfeilen des Todes auf euch, der Geier der Reflexion zernagt euer ewig
wiederkehrendes Herz.
    Wohl mir, meine Liebe, dass ich keiner von diesen bin, dass ich noch lieben
kann, und fühlen im Ganzen, ein volles Leben mit vollem Herzen umarmen, und dass
jedes Einzelne getrennt vom schönen Körper, und zergliedert, mich wie tot
zurückschreckt. - Erschaft mich die Welt, oder ich sie? - Die Frage sei die
älteste und verliere sich in die dunklen Zeiten meines Lebens, wo keine Liebe
war, und die Kunst von dem Bedürfnisse hervorgerufen ward. - Du bist meine Welt,
und du sollst mich erschaffen; o bewege dich, öffne mir die Augen, oder sieh
nach deinen Lieblingen den Blumen. -
                                    Hyazint
Wende die hellen,
Heiligen Augen
Zu deiner Liebe,
Dass ich erkenne,
Wie mir das Schicksal
Leben und Liebe
Gütig verteilt.
Schone nicht meiner,
Wende dich zu mir,
Dass ich im Strahle
Liebend erblinde,
Nicht mehr betrachte,
Wie sich das törichte
Leben bewegt.
Scheint dann die Sonne,
Duftet der Frühling,
Wehet die Kühle,
O so erfind ich
Heimlich im Herzen
Glühende Rosen,
Blüten und Blätter,
Dir zu dem Kranz.
Wie sie der Frühling,
Den du entzündet,
Freundlich mir bietet,
Wie sie mir färbet
Glänzend, bescheiden,
Glühend und hoffend
Die Phantasie,
Wie sie mir ordnet,
Festliche Andacht.
Keiner mag wissen,
Was ich im Herzen
Dir nur bewahre,
Keiner verstehen,
Was ich den glühenden
Rosen, den Blüten,
Was ich den kühlenden
Blättern vertraut.
Keiner begleite
Führend den Blinden,
Einsam und ruhend
Will ich verweilen,
Wo du die Augen
Liebend mir schlossest,
Wo du das Leben
Mir in dem Busen
Liebend erschlossest.
Still wie die Blumen
Einsam nur leben,
Freundlichen Kindern
Liebe Gesellen,
Zärtlicher Mädchen
Holde Vertraute,
Und des Vergehens
Schönste Bedeutung
Will ich vergehn.
Schone nicht meiner,
Wende dich von mir,
Dass ich im Dunkel
Berge die Tränen,
Dass ich umschattet
Betend erwarte,
Wie mir geschehe!
Wer mir erglänzet,
Erblühet das Leben,
Blumen eröffnen
Die duftenden Augen.
Glühende Rosen,
Blüten und Blätter,
Zeigst du mir freundlich
Von mir gewandt.
Alle sie pfleg ich,
Verwandle Und bild ich,
Dichtend die eine
Der andren in Liebe
Gattend, und webe
Aus deinen Lieblingen
Zart dir ein Lied.
Und in dem Liede
Werde ich singen,
Wie sich die Göttin
Von mir gewendet,
Wie ich im Dunkeln
Einsam nun stehe,
Wie sie nur glühenden
Rosen, nur Blüten,
Wie sie nur kühlenden
Blättern vertraut.
Werde dir singen,
Wie du mit Liebe
Unter den Blumen
Deinen Getreuen
Einst noch erblickest
Und mit den hellen,
Strahlenden Augen
Auf ihm verweilst.
Zephirus liebt mich:
Als mit den Blumen
Scherzend er spielte,
Hat er mich kindisch,
Scherzend geküsset,
Weil ich so emsig
Blumen verwebte
In deinen Kranz.
Aber Apollo,
Der wohl die mutigen,
Singenden, ringenden,
Freundlichen Knaben
Liebend umarmet,
Spielt auch mit mir,
Lehrt mich die Pfeile
Schiessen, den Diskus
Werfen zum Ziel.
Zephirus eifert,
Dass ich dem ernsten,
Herrlichen Gotte
Mich nur geselle,
Und in den Blumen
Nicht mehr ihn küsse,
Nicht mehr des Lebens
Freuden hinwehe,
Dass sie erwogen,
Ein lustiges Meer.
Und mit Apollo
Werf ich den Diskus,
Und in dem Herzen
Fühl ich dich näher,
Fühle mit süssen
Ahnenden Schmerzen,
Wie ich dir nah. -
Sieh, wie schon kreiset
Höher der Diskus.
Zephirus eifert,
Wirft mir die Scheibe
Tödlich umnachtend
Auf die erhobene,
Blickende Stirn.
Und in dem Busen
Brechen die Saiten,
Die mir Apollo
Liebend verliehen,
Nieder am Boden
Lieg ich erkaltet,
Und mir zur Seite
Trauert der Gott.
Will mich dem ernsten,
Finsteren Tode
Nicht überlassen,
Wandelt mich liebend
Zur Hyazinte;
Zephirus küsst mich,
Nun mit den andern.
Unter den Blumen,
Die du nur liebest,
Weile ich stille -
Trink' mit den glühenden
Rosen, den Blüten,
Und mit den kühlenden
Blättern dein Licht.
Wende die hellen,
Heiligen Augen
Zu deiner Liebe,
Dass ich erkenne,
Wie mir das Schicksal
Leben und Liebe
Gütig verteilt.
 
                                    Vorrede
Wo will es am Ende hinaus! Die Begebenheit steht zuletzt wie ein schwankendes
Gerüste da, das die Behandlung nicht mehr ertragen kann, und jagt den Lesern
Todesangst für sich und sein Intresse ein. Das traurigste aber bleibt es doch
immer, wenn dem Buche der Kopf zu schwer wird, durch Gold, oder mehr noch durch
Blei. Werden beide Arten nicht Holundermännchen? die sich auf den Kopf stellen,
und ist dieses nicht äusserst gefährlich? wenn zarte weibliche Figuren darin
leben sollen.
    Ich habe leider diese Briefe mit dem Meinigen vermischt, und hoffe einige
Entschuldigung, wenn ich erzähle, wie ich zu diesen Briefen gekommen bin.
    Einen Teil meines Lebens brachte ich damit zu, mich zu besinnen, als was ich
eigentlich mein Leben zubringen sollte, einen andern damit, da mich die Teorie
langweilte und meinen Vorgesetzten Faulheit schien, alle Stände wie die Röcke
einer Trödelbude anzuprobieren, und ich stak wahrlich recht unschuldig mit einem
von den besten Willen in allen Arten von Propyläen, aber ebenso willig, ebenso
unschuldig verliess ich sie wieder nach der Reihe.
    So kam ich endlich in meinen vielen nicht ausgehaltenen Lehrjahren zu Herrn
Römer, den die Leser aus meinem Buche kennen; er ist ein reicher Kaufmann in B.,
und ich sollte mich seinem Stande widmen. Ich ward in seiner Familie freundlich
aufgenommen, seine Gemahlin kannte meine Eltern, die ich nicht kenne, und nahm
sich meiner wie eine Mutter an. Ich habe ein leicht bewegliches Gemüt, und Herr
Römer hatte eine sehr schöne Tochter, in die ich mich etwas verliebte. Obschon
mein Herz an einer früheren Leidenschaft litt, die ich nie zur Ruhe bringen
konnte, so ergab ich mich hier dennoch neuen und leichtern Fesseln.
    Herr Römer bemerkte bald, dass diese Leidenschaft weder mir noch seiner
Tochter zuträglich sei, und überhaupt fand er, dass der Stand, den ich unter
seiner Leitung ergriffen hatte, mich nie ergreifen würde.
    Er stellte mir beides mit vieler Freundlichkeit vor, und da er meinen
Schmerz über meine ewige Unbestimmteit bemerkte, gab er mir ein Päcktchen
Briefe mit folgenden Worten:
    »Mein lieber Maria, dies ist ein Briefwechsel zwischen sehr edlen und
intressanten Menschen, er entält auch einen Teil meiner Lebensgeschichte; lesen
Sie ihn durch, ich glaube, die Geschichte dieser Menschen wird Sie über Ihre, im
Verhältnisse mit jener noch sehr einfache, Geschichte trösten. Zu gleicher Zeit
bitte ich Sie, den Versuch zu machen, diese Briefe nach dem Faden, den ich Ihnen
geben will, zu reihen, und hie und da zu ändern, damit mehr Einheit hineinkömmt.
Ich denke das Ganze herauszugeben, und habe die Erlaubnis der vorkommenden
Personen dazu.« Und weiter eröffnete er mir, dass er von unbekannter Hand
reichliche Anweisungen erhalten habe, mich zu unterstützen, und zwar unter der
Bedingung, dass ich auf der naheliegenden hohen Schule studieren solle.
    So sehr mich auch mein Glück erfreute, war es mir doch schmerzlich, meine
Leidenschaft zu der Tochter des Herrn Römers aufzugeben, und da ich diesen
Schmerz recht von Herzen äusserte, sagte er mir:
    »Wenn Sie sich mehr bilden, werden Sie leicht einsehen, was zwischen Ihnen
und meiner Tochter liegt, und es leichter überwinden können.« -
    Wie ich mit den Briefen umging, weiss man; wie ich mich bildete, wird die
Zukunft vielleicht auch wissen, denn bis jetzt habe ich noch nichts gesehen, was
zwischen mir und meiner Liebe liegen konnte.
    Herr Römer erhielt den ersten Band, und über meine ungeschickte Behandlung
aufgebracht, versagte er mir seine Tochter auf immer, und noch trauriger - er
zeigte mir an, dass ich durch meine unbeholfne Buchverderberei einer spanischen
und englischen Büchersammlung sei verlustig geworden, die mir von einem anonymen
Intressenten an der Herausgabe des Buchs sei versprochen gewesen, wenn ich es
gut bearbeiten würde.
    Unmutig über mein Unglück, und ohne alle Quellen zu der weitern Fortsetzung
des Buchs, zu der ich mich doch durch den ersten Band verbindlich fühlte, -
unternahm ich es, Herrn Godwi, von dem ich wusste, dass er sich auf seinem Gute
aufhielt, aufzusuchen, wo möglich seine Freundschaft zu gewinnen, und meinen
zweiten Teil mit seiner Hülfe auszuschreiben; und der zweite Teil ist die treue
Geschichte, wie ich ihn fand, und was mir mit ihm begegnete.
    Der Leser wird hieraus sehen, wie mühsam mir dieser zweite Teil wird, und
mit mir bedauern, dass Herr Römer mir eigentlich nicht mehr und nicht weniger
genützt hat, als dass er mich in neue Lehrjahre hineingestossen. - Denn zu der
gütigen Unterstützung, die mir von unbekannten Händen zufliesst, ist er doch nur
das kaufmännische Werkzeug - und was wird endlich mein Los sein? Ich habe mich
auf einem schwachen Bote auf das unabsehbare Meer gewagt, und treibe den Wellen
überlassen hin. O ihr wenigen Herzen, die ihr liebevoll an mir hängt, ihr seht
mich ohne Mast und Steuer auf gutes Glück hinaustreiben, und ich werde euch
nimmer danken können; schon regen sich die Lüfte von allen Seiten, die Wellen
bewegen sich, und ich werde in meinem kleinen Kahne wohl zu Grunde gehen!
 
                                 Erstes Kapitel
Als ich in der Stadt nahe bei Godwis Gut angekommen war, erkundigte ich mich im
Gastofe auf eine unbefangene Weise nach Godwi, und hörte mancherlei von den
Bürgern, die mit an dem Abendessen teilnahmen, was ihn betraf. Sie erzählten mit
jener gemütlichen Geschwätzigkeit, in der sich gewöhnliche Menschen so gern über
jeden Ausgezeichneten ergiessen, der in ihrer Mitte lebt oder lebte. Ein jeder
hatte eine eigne Ansicht von ihm; ich meine hier den Vater, denn von dem Sohne
erfuhr ich nichts Bestimmtes, als dass er ganz allein auf seinem Gute lebte. Ich
habe das Bestimmteste dieser Urteile gesammelt, und kann mit einiger Gewissheit
folgendes von seiner Erscheinung erzählen.
    Godwis Vater ging mit wenigen um, und wenige liebten ihn; dennoch lagen in
seinem Leben viele schöne Beweise seiner Menschenliebe, aber keines dieser
Bilder zeigte freundlich auf den Meister zurück, keines seiner Werke wollte ihn
als Vater anerkennen. Alle Urteile über ihn waren dunkel, und man sprach immer
von ihm wie von einem Gespenste, das keinen kränkt, abwechselnd mit Ergebenheit,
mit kaltem Absprechen, oder einer Art Frechheit, die am Glauben ermüdet ist.
    Dieses alles berechtigt mich, ihn für einen Mann zu halten, der seine
Umgebung nicht sowohl durch Vorzüge als durch Verschlossenheit beherrschte. Er
lag wie ein Geheimnis zwischen Neugierigen, und alles, was er tat, erhöhte
dieses Geheimnis; denn seine Handlungen waren oft wirklich bedeutend, und wurden
auffallend, indem sie aus innern Gründen auszugehen schienen, die mit seinem
bürgerlichen Standpunkte in keiner Verbindung standen.
    Er war in die Stadt gekommen, hatte sich das Bürgerrecht erkauft, und ein
grösseres Handlungshaus errichtet, als je in diesem Orte gewesen war; aber keiner
seines Standes konnte Nachricht geben, woher er kam, warum er es tat, und wie
die Wege gewesen, die ihn so schnell zu allem diesem geführt hatten.
    Man wusste nur, dass er abends angekommen war und im Wochenblatte gelesen
hatte, dass ein grosses Gut bei der Stadt zu verkaufen sei, welches er auch gleich
den folgenden Morgen kaufte. Dann war er einigemal auf die Börse gekommen, hatte
grosse Händel abgeschlossen, und ein Comptoir in der Stadt errichtet. Er selbst
arbeitete wenig in diesen Geschäften, sondern überliess sie seinen Factoren, die
er sehr begünstigte; und besonders zeichnete er einen jungen Menschen unter
ihnen aus, der ihm als elternlos aus England geschickt worden war; und endlich
zog er sich ganz auf sein Gut zurück.
    Von diesem Gute selbst erzählte man vielerlei, von seiner ganz eignen innern
Einrichtung; doch kannte es eigentlich niemand genau, seit er es bewohnte, denn
die wenigen Diener, die er um sich hatte, waren für jede Erklärung verloren. Er
hatte seinen Sohn dort bei sich, der, nach der Aussage der vielen Erzieher, die
ihn verlassen hatten, ein wunderlicher Mensch sein sollte.
    Das Gut gehörte ehemals einem mennonitischen Edelmann, und die Pächter waren
alle von dieser Glaubenslehre. Da der Besitzer gestorben war, fiel es der
Regierung anheim, und von dieser kam es in Godwis Besitz.
    Seine Gesellschaft auf diesem Gute war stets wechselnd, denn sie bestand aus
durchreisenden Künstlern, die er einige Zeit beschäftigte, und die ihm stets
beteuern mussten, was sie bei ihm gebildet hatten, zu verschweigen. Viele Maler,
Bildhauer und Dichter kannten seine Freigebigkeit, und hatten einige Zeit bei
ihm zugebracht.
    Ein Teil seiner Wohnung soll nach der allgemeinen Sage sogar seinem Sohne
und allen seinen Hausgenossen verschlossen geblieben sein, und hier war es, wo
er die Arbeiten der Künstler, die bei ihm gewesen waren, aufbewahrte. Ehemals
war es eine kleine Kirche, der sich die verstorbenen Besitzer des Gutes zu den
religiösen Versammlungen ihrer Glaubensbrüder bedient hatten; von aussen war es
auch Kirche geblieben, im Innern aber nach dem Plane des Engländers verändert
worden.
    Das Wohnhaus des Gutes hatte er in seinem vernachlässigten Zustande
gelassen; so nicht die Gärten, deren Verunstaltung er zu einer zierlichen
Verwilderung erhob.
    Der gesuchten Nachlässigkeit in der Erhaltung dieses Gutes war sein Haus in
der Stadt völlig entgegengesetzt, wie seine eigene finstre Untätigkeit seinem
kaufmännischen Wohlstande. Dieses Haus war das geschmackvollste und
geräuschvollste; seine Zahlstube wimmelte von zierlichen Arbeitern, seine
Gewölbe waren in voller Tätigkeit, die Treppen und Eingänge waren mit Bedienten
und Türstehern besetzt, und die Einrichtung der Gemächer schimmerte in dem
gediegensten Luxus.
    Seine Factoren gaben Gesellschaften, Gastereien, Konzerte und Bälle, an
denen der ganze gebildete Teil der Stadt und die vielen, an seine Handlung
empfohlenen Reisenden teilnahmen.
    Er allein erschien nur das erstemal bei der Eröffnung eines solchen Zirkels,
und bemühte sich dann mehr ernstlich als teilnehmend, die ganze Gesellschaft zu
einer fröhlichen Anmasslichkeit auf diese Vergnügungen seines Hauses zu bewegen,
und erschien gleich einem Lehnsherrn, der sie mit herkömmlichen Besitzen
belehnt.
    Das Gute, was er tat, wagte er nicht sich anzumassen; dennoch wendete er
ebensowenig Fleiss darauf, es zu verbergen als es bekannt zu machen, und niemand
ehrte seine Wohltaten, wenn gleich jeder Bedürftige sie wünschte. Seine
Wohltaten sahen aus wie Busse.
    Wie er gekommen war, war er auch wieder verschwunden; schon einige Jahre
waren hin, dass er mit einer Gesellschaft, deren Zusammenhang mit ihm man nicht
näher kannte, plötzlich nach Italien gezogen war. Das Gut aber blieb dem Sohne,
der es jetzt bewohnte, und von dem mancherlei Gerüchte gingen.
    Besonders schwatzte man viel von einem prächtigen Grabmale, das er einem
Mädchen habe errichten lassen, welches nicht den besten Ruf habe und mit ihm von
seinen Reisen gekommen sei. Man sprach davon, dass sie verrückt geworden sei, und
dass das Grabmal darauf anspiele; sie habe Violette geheissen, und einige
Offiziere, die den letzten Feldzug am Rheine mitgemacht hatten, wollten sie sehr
gut gekannt haben.
    Dem sei nun, wie ihm wolle, aber alle stimmten darin überein, dass man nichts
Schöneres sehen könne als dieses Grabmal, denn es war in der Stadt öffentlich
gezeigt worden.
    Dies waren ungefähr die Nachrichten, die ich abends in dem Gastofe sammelte
und in dieser Ordnung niederschrieb.
    Ich entschloss mich, den andern Morgen vor Sonnenaufgang meinen Weg nach dem
Gute anzutreten, das einige Stunden von der Stadt entfernt im Gebürge lag.
 
                                Zweites Kapitel
Der Morgen dämmerte kaum, als ich meinen Weg antrat; meine wenigen Geräte hatte
ich im Gastofe zurückgelassen, und mir vorgenommen, ehe ich mich Godwi als
seinen unberufenen Geschichtschreiber zu erkennen gäbe, ihn unter einem andern
Vorwande zu berühren, um seinen guten Willen zu gewinnen. Ich wollte mich für
einen reisenden Künstler ausgeben, der Violettens Grabmal sehen wolle.
    Ich ging unter diesen Gedanken den Berg hinauf, und hatte auch wirklich eine
grosse Begierde, Violettens Grab zu sehen, denn der Gedanke des Bildes konnte
unstreitig sehr schön ausgeführt sein, und ich liebe besonders bedeutungsvolle
Werke, die zugleich schön sind, wenn sie auch nichts als sich selbst bedeuteten.
Durch die Bedeutung erhält ein gutes Bild immer ein höheres Leben, denn es liegt
so eine Geschichte in seiner Erscheinung, indem es, um schön zu sein, seine
Bedeutung besiegt.
    Als ich auf dem Berge angelangt war, ergoss sich eine herrliche Aussicht um
mich, die Sonne ging schön auf, und es war mir sehr wohl. Ein schöner Wald
drängte sich von der entgegengesetzten Seite, und rauschte freudig mit seinen
Zweigen des Friedens in der frischen Morgenluft.
    Ich fühle in einem Walde, bei den grossen lebendigen Säulen der kühlen
zusammenrauschenden Gewölbe, immer eine tiefe Berührung im Innern.
    Friede, Versöhnung, freudigen Ernst und schaffende Ruhe könnte ich nur
singen in Wäldern, bei den allmächtigen Stämmen, die nicht streitbar sind, in
der Ruhe freudig verwachsen, sich umarmen und ausweichen, still und ernst,
leises Wehen ihrer Küsse, und leichtes Sinken sterbender Blätter. Fest auf sich
selbst und aus sich selbst, im Sturme mächtiges Brausen, kräftige, schwingende
Bewegung, oder grosser stürzender Tod, dass die Erde erbebt und die nahen Freunde
mit hinab müssen zu der Ruhe; und wenn die Sonne aufsteigt und weggeht, wie die
Gipfel sie golden begrüssen, und es niedersteigt an den Stämmen leise und
feierlich, wie einer des andern Licht teilt und Dunkel, wie jeder seinen
Schatten dann an den Boden streckt, das Mass seiner Grösse, das endlich in
allgemeiner Herrlichkeit zerrinnt, wenn der Mittag herabstrahlt und ihre Häupter
in Pracht und Leben verglühen, während die Füsse noch im kühlen Grabe der
Schatten weilen, wie dann die Schatten wieder auferstehen, wenn die Sonne
untergeht; wie endlich der letzte Kuss der Sonne noch an den Wipfeln hängt, bis
alle gleich werden in der tiefen Nacht, wie sie es in der Pracht des Mittags
waren, oder der sanfte Mond nach denselben Gesetzen den milden Tag der Liebe und
des innern stillen Treibens im Herzen über sie ausgiesst. Friede, Versöhnung,
freudigen Ernst und schaffende Ruhe möchte ich nur singen in Wäldern.
    An dem Ausgange des Waldes, der das ganze Tal erfüllte und auf der andern
Seite wieder in die Höhe zog, wo er sich endigte, bemerkte ich einen hohen
Rauchfang, auf dem ein Storch sein Nest erbaut hatte, und vermutete, dass dieses
Gebäude zu dem Landgute gehöre. Der Storch war noch nicht wieder da, denn er hat
eine weitere Reise zu machen als der Frühling.
    Die Seite des Bergs, an der ich hinabstieg, war meistens Felsenwand, und hin
und wieder mit reinlichen steinernen Treppen unterbrochen. Es zog sich so
freundlich hinab, um und um rauschte der Wald, die Sonnenstrahlen fielen schräg
das Tal herein, und mein Schatten hüpfte und ging mir gesellig in allerlei
gebrochenen Gestalten zur Seite. Ich war recht munter, blieb manchmal stehn,
wenn mir mein Schatten gar zu wunderlich aussah, bewegte mich auf verschiedene
Weisen, um ihn zu verändern, und freute mich über meine langen grossen
Schattenbeine; dann dachte ich, wenn du nur so auf den Schattenbeinen
hinuntergehen könntest, und hob einen Fuss auf, beinahe zwanzig Stufen wäre ich
unten; da ich aber nicht lange den Fuss so halten konnte, setzte ich ihn wieder
nieder, und war auf dem alten Flecke.
    Über dem engen Tale voll Wald stieg ein zarter Nebel auf, und löste sich um
mich herum in den Sonnenstrahlen, die höchsten Bäume schimmerten schon in der
Sonne, und bald war der ganze Wald unter mir erleuchtet; auch wurden die Vögel
immer lustiger, und ich wünschte nur, auf der andern Seite bald wieder oben zu
sein, damit ich bald an dem Schloss wäre; denn ich vermutete, da unten in der
Wildnis möchte irgend eine allerliebste Anlage, ein Tempelchen oder dergleichen
stecken, in das ich mich hineinsetzen, ausruhen und weiter gar nicht ans
Weitergehen denken könnte. Ich vermutete so etwas, weil ich weiss, dass die
Engländer immer viele Anlagen zu solchen Anlagen haben, und weil ich durch mein
munteres, unregelmässiges Gehen und besonders durch meine Schattenspiele etwas
müde geworden war.
    Ich schritt darum wacker zu, der Rauchfang mit dem Storchneste war mir wie
ein Magnet: es liegt etwas Heimliches, Getreues und Heimatliches in so einem
Storchneste; denn ein gastfreies Dach bedeckt gastfreie Menschen. So
reflektierte ich, denn ich war hungrig, und um mir diese Reflexion zu bemänteln,
machte ich geschwinde noch folgende über das Schreiten auf Schattenbeinen, und
hob, um der Anschauung willen, die Beine noch einigemal, den Schritt des
Schattens beobachtend.
 
                                Drittes Kapitel
Es gibt allerdings Leute, die so mit den Schattenbeinen zu gehen glauben und
grosse Beschreibungen von solchen Reisen zu erzählen wissen. Ich meine eine
gewisse Gattung junger Philosophen, denen die Sonne noch nicht grade über dem
Kopfe steht, sondern hinter dem Rücken.
    Das Licht, das die Sonne vor ihnen hergiesst, nennen sie ihr eignes Produkt,
ihr ganzer Gesichtskreis ist ihnen ihr Objekt, und ihren Schatten nehmen sie als
ihr Subjekt, ihr Ich, an, das ihnen durch Anschauung zum Objekt geworden ist.
Erst stehen sie sehr ernstaft still, schütteln in tiefen Gedanken den Kopf,
schneiden Gesichter, und betrachten das im Schatten, und nennen es zum
Selbstbewusstsein kommen; dann heben sie wechselsweis Arme und Beine - so viel
als möglich zierlich, der Ästetik halber - und haben sie dies im Schatten
beobachtet, so sind sie zum Bewusstsein der reinen Akte gekommen. Haben sie
dieses alles einige Zeit getrieben, so bedenken sie, dass es nützlich sei, die
äussere Welt an sich zu reissen, ihre physische Kraft zu befestigen. Dies
geschieht nun, indem sie ihren Gesichtskreis, ihr Objekt auf alle Weise in sich
herein bringen, das heisst, indem sie durch Hin- und Wiederspringen bald dieses,
bald jenes Stück Wegs mit ihrem Schatten bedecken. Am Ende werden sie dann müde,
sie setzen die Füsse nieder, ihr Schatten wird immer kleiner, denn die Sonne
steigt, und steht ihnen bald grade über dem Kopfe. Es ist voller Mittag, und
sehr heiss, sie haben nichts getan, nicht einmal Optik studiert. Um sich
abzuspannen, trinken sie eiskaltes Wasser in der Hitze, und werden krank, das
heisst, verlieren die Bewusstlosigkeit ihrer Organisation, und sterben. An ihr
Grab stellen sich einige Freunde, und berühren es so lange mit ihrem Schatten,
oder vielmehr, stellen so lang reine Freundschaftsakte an, bis andre Freunde es
ihnen ebenso machen.
    Ich erinnerte mich dabei mehrerer Jünglinge, die ich gekannt hatte, auch
eines Dichters, der zwar nicht zu den Schattenbeinichten gehörte, aber doch gute
Freunde unter ihnen hatte, und mir nicht recht gut war, denn ich hasste stets
allen Schatten-Bombast.
    Während diesen wunderlichen Gedanken war ich weiter hinabgegangen, und
erschrak nicht wenig, als ich plötzlich neben mir an der Bergwand folgende Worte
ängstlich sprechen hörte:
    »Nun kömmt es, nun kömmt es, ach es ist sicher ein wildes Tier, wenn ich nur
erst geschossen hätte, - ein Tier, ein Tier!«
    Ich war von jeher auch nicht sehr mutig, besonders fürchtete ich mich vor
Feuergewehr in ungeschickten Händen, und sprang deswegen schnell beiseite, indem
ich mit furchtsamem Patos ausrief:
    »Wer Sie auch sind, der sich hier zu schiessen fürchtet, so fürchte ich mich,
geschossen zu werden, und bin kein Tier, sondern ein Mensch.« -
    Hierdurch hatte ich meine und seine Furcht vor dem Schiessen aufgehoben, und
ging nach der Stelle hin. Hinter dem Gebüsche fand ich eine kleine Nische in den
Felsen eingehauen, und wer war darin? -
    Niemand anders als der Dichter Haber, dessen ich soeben bei den
Schattenphilosophen gedacht hatte -
    Er sah mich so gross an, als er klein war, und sprach dabei mit Verwunderung:
»Ei, Maria, wo kommen Sie her?« -
    »Ei, Haber, wie finde ich Sie hier,« erwiderte ich, »Sie hätten mich ja
beinahe totgeschossen« -
    Er: Ich bitte sehr, - ehe ich schiesse, spreche ich immer das Wesen an, damit
es, wenn es ein vernünftiger Mensch ist, antworten kann.
    Ich: Sie können auf diese Weise noch die Tauben und Stummen totschiessen. Das
Beste wäre das Ansehen.
    Er: Ich bin von Herrn Godwi zur Jagd beredet worden, der gleich hier im
Gebüsche auf dem Anstande steht. Eigentlich wollte ich bloss hier einige Verse
machen, konnte aber über dem Geräusche, dass Sie durch die dürren Blätter
machten, meine Gedanken nicht sammeln, und noch etwas sehr Seltsames störte
mich: vor einigen Minuten, als ich anfing zu schreiben, flog mir einigemal ein
ungeheurer Schatten über das Papier, gestaltet wie ein ungeheurer Fuss.
    Ich: Der grosse Fuss ist etwas wunderbar, besonders da Sie grade mit den Füssen
der Verse beschäftigt waren, und ebensosehr wundert es mich, dass ich in dem
Augenblicke, in dem Sie mich beinahe erschossen hätten, sehr lebhaft an Sie
dachte.
    Er: Gott weiss, es ist hier in dem ganzen Tale sehr schauerlich, und Ihre
Gesellschaft ist mir recht angenehm.
    Hier wendete ich mich gegen die kleine Flinte, die er zwischen den Ast eines
Baumes gezwängt hatte, und noch immer auf mich zielte, um sie wegzunehmen. Er
hatte vermittelst seines Strumpfbandes und Schnupftuches, die aneinander und den
Drücker der Flinte geknüpft waren, sich eine künstliche Maschine verfertigt, um
bei dem Schusse weit vom Feuer zu sein; ich nahm die Flinte weg, und schoss sie
in die Luft, worüber er etwas erschrak.
    Auf den Schuss kam Godwi herbei; er glaubte, Haber habe etwas geschossen, und
wollte ihm Glück wünschen.
    Haber erzählte den ganzen Hergang, Godwi lächelte, und fragte, wer ich sei.
Der Dichter stellte mich vor, und ich bat ihn um die Erlaubnis, Violettens
Denkmal zu sehen.
    Er ward etwas ernster bei meiner Bitte, und sagte mir, nachdem er mich mit
den Augen gemessen hatte:
    »Sie können es sehen, aber nicht eher als morgen früh, denn es ist niemand
zu Hause, wir sind alle auf der Jagd. Harren Sie also, bis wir heute abend
heimziehen, Sie können die Nacht bei mir zubringen. Bedürfen Sie irgend einer
Erquickung, so lassen Sie sie sich im Jägerhause reichen, und wenn Sie gerne
schiessen, so lassen Sie sich eine Flinte geben.«
    Ich dankte ihm, und nahm alles gerne an.
    Hier wendete er sich zu Haber, bat diesen, mich hinab ins Jägerhaus zu
führen, und verliess uns. Haber hängte seine Flinte mit einem lustigen Stolze und
etwas lächerlichen Vorsicht um, da sie abgeschossen war, und trabte
stillschweigend an meiner Seite tiefer ins Tal hinab.
    Dies war also der Godwi, von dem ich so viel geschrieben habe - es ist eine
eigne Aufklärung, wenn so plötzlich die Wirklichkeit vor das Ideal tritt.
    Ich hatte mir ihn ganz anders vorgestellt.
    Ich fürchtete mich etwas vor ihm, denn es gehört eine grosse Seelenruhe dazu,
einen Autor vor sich zu sehen, der einen so unscheniert herausgibt, und die
Menschen noch im Wahne lässt, als habe er alles das erfunden. Gut, dass er nichts
davon zu wissen schien, und da mein Buch erst einige Wochen in der Welt war,
hoffte ich, der Dichter Haber werde auch nichts davon wissen, ich wendete mich
daher mit der Frage an ihn -
    »Sind Sie schon lange hier?«
    »Sechs Wochen sind es,« erwiderte er, »dass ich Herrn Godwi hier im Walde
fand, und auf eben die Weise mit ihm bekannt ward wie Sie. Ich arbeitete grade
auf meiner Reise an einem allegorischen Gedichte, und machte, um dem Dinge mehr
Leben zu geben, einen Spaziergang hierher, wo ich ihn jagend traf, mit ihm ging,
und bis jetzt bei ihm blieb.«
    Ich bat ihn, mir Godwi etwas zu schildern.
    »Es ist ein ganz eignes Wesen um diesen Mann,« fuhr er fort, »Sie werden
schwerlich mit ihm auskommen, denn er ist sehr einfach, ruhig und verschlossen;
innerlich muss er einen grossen Kummer haben, und ich fühle mich sehr von ihm
angezogen. Er ist ein schöner, kräftiger Mann, voll Seele, ganz zur süssesten
Freundschaft gemacht. Über seine ganze Erscheinung ist ein tiefer Strom von
reiner Wollust ergossen, und dennoch hat er gar keinen Sinn für innige,
dringende, brennende Freundschaft. Er lebt hier in einer ganz eignen Einsamkeit,
und fühlt gar kein Bedürfnis des Umschlingens mit andern Menschen; ich werde
daher nicht lange mehr hiersein, denn in einem so trocknen lieblosen Leben halte
ich es nicht mehr lange aus.«
    »Nach Ihrer Beschreibung zu urteilen,« fuhr ich fort, »werde ich mich besser
zu Herrn Godwi schicken als Sie; denn wenn er keinen Sinn für die verliebte
Freundschaft hat, so ist mir das recht lieb, ich mag sie auch nicht recht
leiden. Der Liebe bin ich gern so nahe als möglich, denn in ihr liegt
Notwendigkeit, man muss sich in ihr wechselsweise recht innig beistehen, sonst
kömmt nimmer nichts heraus, der eine oder der andere Teil wird krank, vor Hunger
und Durst nach dem andern, und es gibt eine elende erbärmliche Ziererei, der
die Sentimentalität zu einer lindernden Salbe werden muss.
    Das nüchterne Lieben ist nur ein Cursus, in dem sich das Wesen der beiden
vor beider Augen entwickelt, damit sie sich erkennen und einsehen, ob sie sich
einander zutrauen können, das körperliche und geistige Dasein ihrer selbst
freudig auseinander zu entwickeln, zu verwickeln und einem Dritten, ihrem Kinde,
zu vertrauen, damit ein lebendiges Produkt, des blossen Liebens und Lebens, des
reinsten, süssesten Geheimnisses unschuldige Verkündigung, hervorgehe, mit
denselben Rechten als sie.
    So wird jedes Paares Liebe unendlich, ein Werk der Ewigkeit, und ein
Heiligtum aller Erkenntnis. Die allgemeine Liebesziererei ist übrigens das
Geschäft eines Complimenteurs, wie es Philander von Sittewald übersetzt: eines
compli menteur, eines vollkommnen Lügners.
    Die verliebte Freundschaft aber ist nichts anders als entweder erbärmliche,
süssliche Schwäche, völlige Unmännlichkeit des einen Teils, oder Täuschung. Ich
bin versichert, dass der Freund, der mir lange in den Armen liegt, entweder
ohnmächtig, sterbenskrank, verwundet und dergleichen ist, oder mich gar nicht
meint, sondern irgend ein hübsches Mädchen, oder eine heimliche, unerreichliche
Geliebte, in deren Armen er gern so rechtlich, so ungestört und frei liegen
möchte.
    Wenn ich es daher ja dulde, dass mein Freund so etwas tue, so tue ich es aus
Mitleid, ich lass ihn an sein Mädchen denken, und denke wo möglich auch an irgend
eine.
    Das Wesen der eigentlichen Freundschaft wird hierdurch gestört, denn es
besteht nicht in Auswechslung, in Vermischung und Durchdringung, es besteht in
blosser Geselligkeit.«
    Hier unterbrach mich Haber, - »blosse Geselligkeit ist nach meinen Gefühlen
noch lange keine Freundschaft, ich kenne sehr gesellige Menschen, die keiner
eigentlichen warmen Freundschaft, die so recht aus der Seele kömmt, fähig sind,
die den Drang, sich an Freundesbrust zu schliessen, Herz an Herz, Aug an Aug,
Lippe an Lippe, Pulsschlag, Blick, Hauch und Wort zu teilen, nicht in sich
haben«, - »oder gar eine Art von Handschuh über den ganzen frierenden guten
Freund werden mögen«, fuhr ich lächelnd fort; »ich zum Beispiel kann schon
keines Menschen Freund werden, der mit seinem Herzen, seinen Augen, seinem
Hauche nicht für sich allein fertig werden kann; seine Worte, auf die mache ich
Anspruch, aber am meisten auf seinen Geist, und seine Wahrheit. -
    Freundschaft ist allein durch die verschiedenen Stufen der Bildung
entstanden, die in einem ewigen Krieg miteinander stehen, und ist daher nichts
als stillschweigendes Bündnis durch gleiches Bedürfnis.«
    »Aber«, versetzte Herr Haber, »die reinste Freundschaft dringt über alle
Stufen hinab und hinauf, sie ist frei, und kein Vorurteil des Standes kann sie
hemmen, sie schliesst sich bloss an den geliebten Menschen, an das blosse Nackte
ohne alle Bekleidung von Sitte, Stand und anderm dergleichen Unsinn.«
    Was Herr Haber sagte, langweilte mich, dennoch wollte ich es der
Freundschaft nicht entgelten lassen, da ich hier unter den hohen Eichen so recht
gestimmt war, ihr eine Rede zu halten.
 
                                Viertes Kapitel
Ich lehnte mich daher an einen Baum, und hielt folgende Rede an Herrn Haber -
    »Was nennen Sie Freundschaft, jenes Weinen aneinander, jenes Lachen
aneinander, jene Würdigung unserer eignen Armut in den Augen des Freundes, das
gegenseitige Erseufzen über die Beschränkteit und Grenzenlosigkeit, das
Hingeben und Annehmen von Dingen, die keiner brauchen kann, und die den, der sie
gibt oder nimmt, zu unserm Freunde machen, weil grade kein andrer die Sache
genommen hätte, das Aufessen einer einzigen Person, dass man endlich, an einem
einzigen übersättigt, allen Sinn für das andre verliert, die gegenseitige
Notülfe der sich Nächsten, weil sie Not haben und faul sind - nennt ihr das
Freundschaft - o dies kann nur in ärmlichen, stolzen und einseitigen Menschen
Raum haben, die einen grossen Nutzen in der Welt zu schaffen glauben mit ihren
Empfindungen, und ihre eigne Armut zu beherbergen, einen Freund brauchen, der
ihr in seinem Herzen ein Obdach verschaffe. -
    Alles dieses ist entweder gleichseitige Erbärmlichkeit oder
Niederträchtigkeit und Barmherzigkeit, Dummheit und mitleidiger Stolz von der
einen oder andern Seite.
    Freundschaft ist nur unter den Vortrefflichen möglich, deren ganzes Leben
ein ewiger Fortgang nach dem Höchsten ist. Sie streben nicht darnach, denn alles
Streben geht von Armut, Bewusstsein der Armut, Begierde und Vorsatz aus, wird
dadurch absichtlich, und hört auf, eine freie schöne Handlung zu sein.«
    Hier fiel Herr Haber wieder ein:
    Streben wäre nicht frei, nicht schön, es dürfe keine Absicht sein. -
    »Lieber Herr Haber,« sagte ich, »stören Sie mich nicht. - Streben ist
freilich erlaubt, auch Absicht, aber nur dem Künstler, der Genie war, und
Künstler geworden ist, an diesem bin ich aber noch nicht - also -
    Sie streben nicht, sie sind ausgesandt von Gott, und wissen es nicht; ihr
Leben ist nichts als das fortgehende Bilden eines Kunstwerks alles Schönen, wozu
sie gleichsam die Zeichen, die Buchstaben sind; sie berühren sich wie Akkorde,
und ihr Zweck ist der schöne Ausdruck des Liedes. So reihen sich Glieder an
Glieder in schön geschwungenen Wellen, und bilden das herrliche Bild, so
wechselt der Schritt der Silben, um des Liedes Tanz hervorzubringen, so giesst
sich Farbe an Farbe und bildet des Gemäldes Zauberei. Diese Berührung ist die
Freundschaft.
    Durch ihre eigne innere Bildung können zwei nebeneinander stehen, aber nur
um der grossen Harmonie ihrer Aufgabe willen.
    Die Eigentümlichkeit eines jeden bleibt unangetastet, und bleibt sie es
nicht, so entsteht bei Farbe eine gebrochene schmutzige Halbtinte, wie bei Form
Verwachsenheit.
    Die Stufen der Bildung, der Rang der einzelnen Freunde, verhält sich wie
Buchstabe, Wort, Periode, Ton, Akkord, Satz, und im Innern sind sie als Zeichen
gleich verwandt und würdig. Ja ich trage das Ideal eines Menschenkenners im
Kopfe, der die Menschenarten in die einzelnen Redeteile oder Tonarten zerteilen
und wirklich eine Grammatik und einen Generalbass des Zusammenlebens hervorführen
könnte. Man könnte nach seiner Wortfügung den Staat oder die Menschenfügung
allein verbessern, und durch seinen Generalbass allein die wahre Freundschaft
finden, die in ebenso geheimnisvollen Gesetzen begründet bleibt als die
Verwandtschaft der Töne. Man könnte dann ganze Völkergeschichten auf dem
Klaviere spielen und in einzelnen Versen absingen, und es wäre das Leben zur
Kunst geworden.
    Übrigens gehören zwei männliche Töne, die sich etwas herausnehmen und nur
sich allein bilden wollen, in keine Melodie, und ihr Durchdringen kann ihnen nie
gelingen, denn dieses liegt nur in der Liebe. Nur die Liebe kann erzeugen aus
sich, die Freundschaft aber kann es durch sich.
    Die Liebe gibt den Ton und die Musik, die Freundschaft ist nur das
Nebeneinanderstehen der Töne zur Melodie, die wieder ein Produkt der Liebe ist.
Die Freundschaft wohnt in der Liebe, aber in ihr selbst ist keine Liebe, sondern
nur Harmonie, Tonverhältnis.
    Die Eichen über uns, der ganze Wald um und um gedrängt, alle einig einem
einzigen Zwecke, sie stehen grad und aufrecht nebeneinander. Jeder einzelne
trägt die Liebe in seiner eignen Blüte, trägt die Liebe in sich - nur aus der
Liebe konnten die Bäume erstehen, nur aus den Bäumen erstehet der Wald. Freunde
sind sie alle, welche den Wald bilden; einzelne stehen sich näher, diese werden
Freunde genannt. Aber alle, die sich so aneinander drängen, stören sich. Sie
mögen noch so malerische Gruppen bilden, noch so schöne Lauben wölben, so ist
dieses doch nur für andere.
    Zwei dringen selten zugleich hervor, denn einer opfert sich immer dem
andern, seinem eignen Leben zum Trotze, das zum Himmel in die Höhe sollte, zu
atmen und zu duften.
    Nebeneinander stehen, vereint grünen oder welken, alles das gehört zum
Walde; sterben früher oder später, sich erkennen und zur selben Gattung gehören,
das alles gehört zur Freundschaft.
    Wer den grössten heiligsten Zweck hat, der hat die gebildetsten und treuesten
Freunde, denn an dem Höchsten arbeitet nur die Wahrheit. Ob sich nun die Freunde
kennen oder nicht, das ist gleichviel; ja sich nicht zu kennen und in
allgemeiner Menschenliebe fortbrennen, ist bei gehörigem Mass und Ziel wohl das
Schönste, denn das allzu innige und angepriesene Freundschaftswesen wird
meistens nichts anders als ein abgekartetes Spiel, einander freundschaftlich zu
hudeln, und ist mir immer wie ein Produkt der langen Weile oder des Kurzweils
erschienen.
    Das letztere wäre wohl das Beste, wenn doch eins von beiden sein sollte,
denn es liegt etwas äusserst Komisches darin, mit grossen, herrlichen Empfindungen
vereinigt zu sein, um kleine lustige Empfindungen zu gewinnen, und dieses
scheint mir die einzige Art von Freundschaft, die unsern grossatmichten
Jünglingen zu erlauben wäre, denn sie lernten dadurch die Würde des kleinen und
bloss scherzhaften, des reinen Spieles oder Spasses kennen, da sie doch zu glauben
scheinen, die Freundschaft gehe allein und schnurstracks zum Tragischen hinauf.
Auch kann man allerdings in einer solchen kurzweiligen Freundschaft vieles
lernen, man übt sich hier an einem tausendfachen Stoffe, dem die
Ungeschicklichkeit der Behandlung nicht schadet.
    Ein junger Stümper voll Drang und Eifer, und dadurch um so tölpischer, soll
sich [nicht] an einem kararischen Marmorblocke üben, um den Stoff eines
Meisterwerks zu zerstören; er mag die ersten Schläge seines Meissels an einem
Sandsteine mildern, und ein fröhliches Bild hauen, dem es auf einen Buckel nicht
ankömmt, und an dem er seiner Ungeschicklichkeit lachend geniesst. Dieses
letztere ist der erste Schritt zu jeder Kunst und auch der des Lebens. Wir
sollen Freunde werden lernen durch Geselligkeit, denn die Freundschaft ist
nichts als Geselligkeit unter ernstern Umständen.
    Die andere Gattung aber oder die innige Freundschaft aus langer Weile will
nie etwas von ihrer Mutter wissen, und kann auch nicht wohl, denn sie müsste
sonst von sich selbst wissen. Sie ist nämlich die lange Weile selbst, und zwar
eine der gediegensten Arten, jene langwierige erbliche, die sich ewig erklären
will und wie blinde, stumme und taube Seuche herumkriecht.
    Zwei Menschen, die nichts zu tun haben, was können sie Schlechteres oder
Besseres anfangen als Freundschaft, und solche nun sind es, denen ich jene
innige brennende Freundschaft vorschlagen möchte; da sie selbst so leer sind,
mögen sie es in der Form wieder einbringen, mögen sich den ganzen Tag umarmen.
    Zu dieser Art Menschen gehöret eine gewisse Gattung, die Sie sehr gut
kennen, mein lieber Haber, ich meine den jugendlichen philosophischen Anflug der
letzten fünf Jahre. Diese Menschen sind in ihrer ganzen Jugend in einem
geräuschvollen Veranstalten ihrer Jugend begriffen, und zernichten sich einer in
dem andern. Ewiges Umklammern ist der Charakter ihrer Freundschaft, und wenn sie
aufhören sich zu umfassen, so hat sicher ihre Verirrung gesiegt, denn dieses
Umfassen ist ein Streich, den ihnen die Natur noch spielte, die sich immer an
die Gestalt hält. Da ihr inneres Wollen und Treiben aber ganz gestaltlos und
daher langweilig ist, so müssen sie sich in solcher Freundschaft entschädigen.
    So wie bei den Griechen, die das gestaltvollste Volk waren, es wirklich eine
blosse Gestaltenliebe gab, die Knabenliebe, eine künstlerische bildende
Verirrung, ebenso liegt in diesen Menschen, welche die gestaltlosesten sind,
eine Gestaltenfreundschaft, die ewig Verderbteit bleiben wird, indem sie eine
krankhafte Metastase der Liebe in die Freundschaft, ein unglückliches Vermischen
der heiligen ersten Ursache mit dem geselligen Zwecke ist.
    Erlauben Sie mir, Ihnen die Geschichte jenes jungen philosophischen Anflugs
in einer Parabel zu erzählen:
    Ein frommer und tapferer Held, im Herzen für den Glauben brennend, forderte
seine Brüder auf, das heilige Grab des Erlösers aus der schändenden Gewalt der
Ungläubigen zu befreien. Mächtig war seine Rede und hinreissend, von allen Seiten
strömten ihm an Andacht, Gesundheit und Kraft gleiche Seelen wie Wogen entgegen.
Alle zogen seinen Weg, ein stürmendes Meer, das sich gegen Orient wälzte.
    Unter dem versammleten Volke, das des Helden Rede verschlang, befand sich
auch eine Schar junger Schüler und unerfahrner Neubekehrten. Leicht, wie
jugendliche Gemüter hingerissen werden, machte auf diese Jünger die glänzende,
ergreifende Rede des frommen Helden einen heftigen Eindruck. Sie standen tief
erschüttert, gerührt oder erregt, wie jedes einzelne Gemüt es werden konnte,
unter den streitbaren Männern. Vorwärts strömte bald die Flut des frommen
Krieges; aber man hatte vergessen, die Jünglinge zu ermahnen, wie sie sich
zuerst durch tieferes Eindringen in die Geheimnisse des Glaubens weihen müssten,
bevor sie an dem heiligen Werke teilnehmen könnten.
    Sie sahen das Bild des Kreuzes in den wehenden Fahnen, sie sahen die
heiligen Zeichen der Erlösung von allen Waffen und Werkzeugen des frommen Bundes
strahlen, und längst war der heilige Zug schon über Berge und Meere, als sich in
hitziger Ungeduld die phantastischeren unter ihnen erhoben mit dem Aufrufe, -
    Auf! auf! lasst uns im schönen Bunde der Freundschaft, dicht von Jugend
umblüht, das heilige Grab erlösen, nach! dem heiligen Kreuzzuge.
    Aus allen Studierwinkeln rannten die jungen Toren heran und schlossen sich
an die Freunde. Sie bezeichneten ihre Schülermäntel mit dem Kreuzeszeichen und
bestachen ihre kleinen Liebschaften, ihnen aus abgedankten seidenen Röckchen
zierliche Fahnen zu verfertigen. In einem lustigen Taumel voll kindischer
Andacht und Prahlerei zogen sie auf demselben Wege, den die andern genommen und
deren tiefe, ernste Fusstapfen ihnen als Führer dienten. Durch lustige Wiesen
zogen sie hin, die Blumen zertretend oder als Futter ihren Eseln opfernd, deren
sie viele bei sich hatten. Wahrlich die Besten im Zuge, denn sie waren doch
bescheiden und führten des Haufens Nahrung mit sich. Da aber der Weg in der
Folge schwerer zu erkennen war, ja wohl hie und da die Spuren vom Winde verwehet
oder auf hartem Boden nicht sichtbar waren, blieben sie stehen, und stritten -
wohin nun?
    Früher schon hob sich der Unmut unter den Jüngsten, sie wollten nicht
begreifen, was das heilige Grab ihnen nützen würde. Von den Mutigern verlacht,
kehrten sie um, und kamen in die Heimat zurück, doch nicht ohne den Ihrigen
lange ein Spott zu bleiben, denn sie hatten sich in die Sprache und Zeichen der
Kreuzfahrer so eingewöhnt, dass sie alle Augenblicke irgend einen dummen Streich
mit Kreuz und Fahne begleiteten, oder etwas ganz Gewöhnliches mit Sehnsucht nach
dem Grabe Christi und tiefer Andacht vollbrachten.
    Unter den übrigen, die weitergezogen waren, entstanden mehrere Sekten. Sie
waren in der Nacht an einen grossen Teich gekommen, den sie meistens für das
Weltmeer hielten, denn es war dunkel, und ein schwerer Nebel lag auf dem
entgegengesetzten Ufer. Die Stärksten unter ihnen hielten nun einen Rat, was zu
tun sei, da sie keine Schiffe bei sich hätten, und der übrige Haufen stellte
sich auch zusammen und hatte seine Redner.
    So schwebte, ruhend die Fittiche, in unentschiedenem Fluge ihr Geschick -«
 
                                Fünftes Kapitel
Hier trat Godwi aus dem Gebüsche und sagte: »Lassen Sie die Kreuzfahrer so
stehen und uns nach dem Jägerhause gehen, um etwas zu essen.«
    Haber lächelte und ging mit. Er hatte mir gegenüber gestanden, an einen
anderen Baum gelehnt in gebückter Stellung, und viel an seinem Stockbande
gespielt.
    »Von Herzen gern,« sagte ich, »denn eigentlich fühle ich mehr Anlage zum
Hunger als zur Allegorie.«
    Godwi erwiderte: »Sie sollen uns dennoch Ihre Allegorie nicht schuldig
bleiben, ich bin begierig, die Reden der einzelnen Haufen und das fernere
Geschick der jungen Kreuzfahrer zu hören, unter denen Sie so artig die letzte
akademische Generation verstecken. Ihre Ideen über Freundschaft gefallen mir,
und es liesse sich darüber noch manches zwischen uns wechseln.«
    »Sie haben das alles gehört?« versetzte ich beschämt, »das war etwas
boshaft, ich glaubte nur vor meinem alten Bekannten so frei sprechen zu dürfen,
und hatte die Nebenabsicht bei der Rede, einen Freund zu gewinnen.«
    Hier versetzte er: »Wenn es diese war, so kann es sich bald entwickeln, ob
Sie Ihre Absicht erreichten, und Sie sagten ja mit so vielem Nachdrucke - ob Sie
sich kennen, ob Sie sich sehen oder nicht, das ist gleichviel - verzeihen Sie
daher, dass ich mich versteckt hatte.«
    dabei war sein Blick fest, es war einer von den seltenen Blicken, die nur
frühe Erfahrung geben kann. Der Blick eines Auges, das Blicke der Lust und des
Rausches gegeben und genommen hatte, und nicht mehr begehrt, sondern bildet und
begründet, der Blick eines Freundes. Wir erreichten bald den tiefsten Teil des
waldigten Tales, und da wir noch einige Schritte links in das Gebüsche getan
hatten, ertönten mehrere Jagdhörner auf eine sehr muntere Art. Es war eine
rufende Melodie, und ich unterschied bald drei Hörner, die von verschiedenen
Punkten aus sich in einem Wechselliede antworteten. Das Echo verdoppelte die
Töne, und brachte in die gedrängte Melodie eine angenehme tonschimmernde
Verwirrung. Bald schien sich auch das Echo zu verdoppeln und aus allen Tiefen
des Waldes tönte es der Melodie nach, als ziehe ein geheimnisvolles
musikalisches Leben durch die Wipfel der Bäume.
    »Das Echo verdoppelt sich,« sagte Haber, »haben Sie es bemerkt?«
    »O ja,« sagte Godwi, »ich habe das leider so oft bemerkt, dass mir durch die
Gewohnheit die Rührung entgeht, welche alles Fremde, Geheimnisartige begleitet.«
    Auch ich war durch den tönenden Wald wunderbar überrascht, und fühlte, was
die Alten in ihren Wäldern empfinden mochten, die noch mit Göttern belebt waren,
welche in wunderbaren Waldstimmen um den Wanderer ertönten.
    Ich mache hier noch die Bemerkung, dass in den Reden Godwis etwas Trocknes,
Ernstes und Bewunderungsloses lag. Er zeigte jene Art von Ruhe, von der die
Erfahrung begleitet wird, und welche die muntere offene Jugend mit dem Stolze
auf ihre wenigen errungenen Begriffe nicht reimen kann, und die ihr daher
drückend wird. Die Jugend sieht solche Wesen wie den traurigen Vorwurf der Menge
an, die sie noch zu erringen hat. Ein solches Wesen wird ihr geheimnisvoll und
erdrückt durch seine anspruchlose Strenge ihre Wissbegierde. Wenn ich mit meinem
muntern, schnellen Sinne eine Zeitlang gelehrte und vortreffliche Freunde
erfreut habe, die sich vertraulich zu mir herablassen, und ich in ihrem Umgange
vergessen habe, wie weit mehr sie umfassen als ich, so befinde ich mich wohl
auch oft in solcher Jugendlichkeit, denn ich darf nur irgend ein Werk solcher
Freunde in die Hand nehmen, um jene Bangigkeit zu empfinden, oder habe ich gar
das Unglück, mit einer solchen leichtsinnigen Fröhlichkeit in eine grosse
Bibliotek zu treten, so werde ich ganz zertrümmert und empfinde einen recht
panischen Schrecken.
    Als wir in einen Winkel gekommen waren, wo sich die Wildnis immer mehr
drängte und der Weg sich verlor, sprach Haber:
    »Nun haben wir uns verirrt, die geheimnisreiche Musik hat uns irregeführt,
denn dies ist nimmermehr der Weg nach dem Jägerhause.«
    Godwi lächelte und sagte:
    »Hier haben wir keine Hülfe als die Hülfe aller Menschenkinder, wir müssen
zurückkehren oder, sind wir fromm, die Unsterblichen anrufen, dies nun ist die
Sache der Dichter. Lassen Sie uns daher unter die grosse Eiche treten, die hier
neben dem Gebüsche steht.«
    Da wir einige Schritte durch das Gebüsch getan hatten, waren wir unter der
grossen Eiche; ich erinnere mich, nie eine solche Säule des Himmels gesehen zu
haben, sie quoll wie ein ungeheurer Strom aus der Erde, und zerstreuete ihre
grünen Flammen in den Himmel.
    Haber fragte, in welchem Silbenmasse er beten sollte, in Stanzen oder
Sonetten?
    Godwi lächelte, und ich sagte: »Überlassen Sie mir das Gebet, mein Hunger
wird mich ein kräftiges lehren, und wenn es mein Eifer nicht ungereimt macht, so
soll es doch sicher reimlos sein.« Dann sprach ich:
Unter des lebenden
Grünenden Tempels
Flüsternde Hallen
Komme ich irrend.
Wie sich die Eiche
Himmelwärts türmet,
Wie in dem Gipfel
Ruhet des mächtigen
Jupiters Fuss.
Und in dem Herzen
Fühl ich die Nähe
Heiliger Wesen,
Die durch die Zweige
Zu dem Olympos
Wandeln empor.
Führt mich, ihr friedlichen
Geister des Haines,
Die mich umschweben
Lachend und rufend,
Führt mich zurück.
Irrende, flüchtige,
Tönende Geister,
Die ihr mit schäkernden
Lispelnden Worten
Irr mich geführt.
Hier wo in mondlichen
Nächten ihr rauschet
Und um die wohnsame
Herrliche Eiche
Tanzend euch schwingt;
Wo ich im Taue
Freudigen Grases
Von euren flüchtigen
Goldenen Sohlen
Ehre die Spur, -
Hört mich ihr freundlichen,
Die ihr verlorene
Götter gepfleget,
Die ihr die fliehende
Daphne umarmt.
Frohe, geheime,
Lindernde Geister,
Die in des Waldes
Rührigen Schauer
Weben den Trost.
Mächtige, lebende,
Stärkende Geister,
Die in der Stämme
Alter und Jugend
Bilden die Kraft.
Wenn ich je frevlend
Eure geheiligten
Stämme verletzet,
O! so verdorre
Welkend die Hand.
Nimmer auch höhnt ich
Echo die Jungfrau,
Die mit euch wohnet,
Teilt ihr vertraulich
Liebe und Schmerz.
Führet mich heimwärts!
Bin nur ein Wandrer,
Bin kein Unsterblicher,
Der mit ambrosischen
Bissen sich nährt.
Wisset, mich hungert,
Führet mich heimwärts,
Dass ich dem Freunde
Von der Dryaden
Hülfreicher Güte
Bringe die Mär.
Während meinem Gebete hörten wir verwirrte Stimmen jenseits der Eiche.
    »Der betet, glaube ich,« sagte eine Stimme, »wer mag das wohl sein?«
    »Ein Narr« - erwiderte die andere.
    »Gott gebe, dass er ihn erhört«, sagte die erste Stimme.
    »Dass wer ihn erhört?« fragte die zweite.
    »Ei nun, Gott« -
    »Das ist ja dumm, Gott soll geben, dass Gott ihn erhört; es wäre wohl besser,
Gott erhörte ihn, damit er ihm gleich was gebe.«
    »Flametta, Flametta, du spaltest die Worte wieder.« -
    »Das Spalten macht mir vielen Spass, wenn ich deinen Verstand
dazwischenklemmen kann, und sollte ich es allein tun, um dich empfinden zu
lassen, wie es den Tieren zu Mute ist, die du lieber in Fallen fängst, als sie,
wie ich, rechtlich totzuschiessen. Glaubst du mich auch so zu fangen? Das lasse
dir nur vergehen.«
 
                                Sechstes Kapitel
Hier ging plötzlich eine Tür auf, die in der grossen Eiche versteckt war. Godwi
hatte mit uns gescherzt. Es war diese Eiche der Eingang eines Parkes, der an die
hintere Seite des Jägerhauses angrenzte und Habern noch nicht bekannt war.
    »Mich bekömmst du nimmer so«, sagte das Mädchen Flametta, das hinter der
Eiche stand und lief davon, als sie uns durch die Türe eintretend bemerkte.
    Ein Jägerbursche, der uns nicht so früh gesehen hatte, rief: »Freilich, du
bist schneller als ein Reh, und wenn du läufst, kriege ich dich nimmer« - nun
bemerkte er uns und lief auch davon.
    Godwi rief ihnen beiden nach, aber sie hörten nicht. »Es ist eigen,« sagte
er, »wie man nimmer den geringeren Ständen die Scheue nehmen kann; es liegt
ihnen mehr Genuss in der Freiheit, davonlaufen zu können, als in der, sich nähern
zu dürfen. In jedem Menschen liegt eine ewige Rache gegen die Bestimmung seiner
Geburt, und aus dieser Rache lässt sich mehr Kraft und Vollkommenheit erweisen
als aus jeder Art der Toleranz.«
    Haber meinte, es sei Mangel an Bildung der Menschen.
    Ich meinte, es sei Mangel an Bildung der Stände, die zu sehr durch blosse
menschliche Bedürfnisse und zu wenig durch ihre innern Standesbedürfnisse
verbunden seien, so dass die Stände die Menschen trennten und die Bedürfnisse
allein sie vereinigten.
    Der Park, in dem wir waren, war nichts anders als der kräftigste Teil des
Waldes, ein kleiner Eichenhain. Alle Stämme waren voll gesunden Lebens, wie eine
Versammlung der Bürger einer grossen Republik standen sie da, alle voll
Selbstgefühls und eignen Sinnes, doch nur eine Absicht.
    Godwi sagte zu Haber: »Sehen Sie, diese sind Freunde, wie man es sein soll.«
    Ich fragte ihn, wie diese brave, wackere Gesellschaft zusammengekommen sei.
    »Es sind lauter Antiken,« erwiderte er, »bis auf einige neue, die mein Vater
gepflanzt hat, und dann noch eine junge Zucht von Flametten.«
    Wir waren wenige Schritte gegangen, als durch die grüne Nacht eine glänzende
weisse Fassade hervorbrach.
    »Wundern Sie sich nicht,« sagte Godwi zu Haber, »dies ist der hintere Teil
des Jägerhauses, von einem Italiäner für meinen Vater angelegt, der in der
letzten Zeit viel bauete.«
    Wir traten durch den geräumigen, luftigen Eingang, an dem keine Tür war, und
links in einen runden gewölbten Saal. Der Türe des Saales gegenüber sprudelte
ein Wasserfall über einen Haufen moosigter Steine nieder. Das Fenster, wodurch
man ihn sah, gab dem Saale allein Licht, ausser einigen grünen Scheiben, welche
von oben herab einen anmutigen Schimmer ergossen. Die Wände ringsherum waren
täuschend mit Gebüschen bemalt, die oben an der Kuppel zusammenliefen und das
Ganze einer Laube ähnlich machten. An dem Fenster standen zierliche Vasen, und
als ich sie betrachten wollte, bemerkte ich, dass dieses kein Fenster war,
sondern ein grosser Spiegel, dem das Fenster, durch welches der Wasserfall
erschien, gegenüberstand. Es war über der Türe angebracht und fiel nicht in die
Augen. In der Mitte des Saales stand ein kleiner marmorner Tisch, der schon
gedeckt war.
    Wir legten unsere Mordgewehre ab, und erfrischten uns mit dem Wasser, das an
der einen Wand des Saales in einem Becken von grünem Glase unter einem Haufen
von Früchten hervorquoll, die auch aus grünem Glase von verschiedenen
Lichtstufen sehr künstlich gebildet waren. Die Früchte drangen unmittelbar aus
der Wand hervor, und lagen in schöner Unordnung übereinander. Die Mitte nahmen
einige grosse Trauben ein, und um sie drängten sich andere Früchte; über den
Trauben lag ein Lorbeerkranz, auf dem ein Schmetterling sass.
    Als ich das kunstreiche Werk betrachtete, sagte Godwi, das alles wäre recht
gut: »Wenn nur der Schmetterling nicht der Hahn wäre, der den Strahl des Wassers
schliesst und öffnet, und der Lorbeerkranz nicht die Wasserröhre verbärge, aus
der die Ströme hervorrinnen und über die Früchte laufen, besonders die Traube
setzt er unter Wasser.«
    »Ja,« sagte ich, »er liegt über der Traube wie ein schlechtes Trinklied, das
uns den Wein verdirbt. Es ist viel Unschuld oder Bosheit in der ganzen Idee.«
    Hier nahm Godwi ein kleines silbernes Jagdhorn von der Wand und tat einige
helle Stösse hinein, die wie Flammen an der Kuppel durch die grünen Wände
hinaufliefen.
    »Die Töne sind ein wunderbarer lebender Atem der Dunkelheit«, sagte ich;
»wie alles rauscht und lebt und mit uns spricht in dem heimlichen Saale, den die
Töne wie glühende Pulsschläge durchzuckten.«
    Godwi sagte: »Die Töne sind das Leben und die Gestalt der Nacht, das Zeichen
alles Unsichtbaren, und die Kinder der Sehnsucht.«
    Es traten einige reinlich gekleidete Jäger herein, und trugen Speisen und
goldenen Rheinwein auf. Godwi sagte ihnen, sie möchten die Speisen hinstellen,
und uns dann an dem Wasserfalle etwas singen und blasen. Er gab ihnen das
silberne Horn dazu, und sagte ihnen, sie möchten Flametta bitten, ihr Konzert zu
unterstützen.
    Wir machten uns nun herzlich über die Gerichte her, und besonders hielt
Haber ein schreckliches Gericht über sie, er sagte:
    »Es ist nichts Vortrefflicheres in der Welt als der Geschmack so eines
wilden Schweinkopfs.« Man verzehrte ihn so siegreich wie ein Indianer seinen
skalpierten Feind.
    »Das Essen überhaupt ist das wahre erste Studium«, sagte Godwi; »in einer
recht gründlichen Naturlehre müsste die erste Einteilung sein - dies kann man
essen, und dies nicht.«
    Ich setzte hinzu, dass recht vernünftig Essen zum vollkommnen Menschen
gehöre, und dass, wer nicht mit ernstlicher Freude esse, weder ein guter
Philosoph noch Dichter sein könne.
    »Wie die Helden im Homer zugreifen«, sagte Haber.
    »Rechten Hunger haben, heisst viel Anlage haben, und verhungern, heisst eine
grössere Anlage haben als die gegenwärtige Bildung«, sagte Godwi.
    »Und der ist der vernünftigste Esser,« fügte ich hinzu, »der die Bildung
durch seinen Hunger so lange steigert, bis sie ihn sättigt.«
    Hier brachte Haber Goetens Gesundheit aus, wir tranken rundum aus voller
Seele und vollen Bechern, und ich sagte: »Es ist seltsam, mit dieser Gesundheit
ist mein Mahl geschlossen, ich bin ordentlich satt.«
 
                               Siebentes Kapitel
Nach Tische hörten wir einige Waldhörner, die lustig erklangen. Godwi sagte:
»Wir wollen uns gegen den Spiegel wenden, da werden wir unser Orchester besser
sehen können, und besonders Flametta, die ein sehr schönes Mädchen ist, und sich
bei solchen Gesängen öfters sehr reizend dekoriert.«
    Wir warteten auch nicht lange, als wir an dem Wasserfalle einen zahmen
Hirsch trinken sahen. Er hatte ein blankes Halsband mit Schellen an, und sah
sehr zierlich aus. Er drehte sich um und sah zu uns herein. Godwi gab ihm etwas
Brot, und er guckte uns mit seinen hellen freundlichen Augen gross an, dann rief
ihn Flametta und er lief wieder weg.
    Godwi sagte: »Das gehört sicher zu dem Liede, und wir können uns nun von
Flametta etwas Dramatisches erwarten.«
    Nun begannen die Hörner wieder ein lustiges Jagdlied zu blasen, verloren
sich dann in der Ferne, und ahmten das Echo nach, als ob eine Gesellschaft Jäger
auszöge, dann verstummten sie ganz, und an dem Wasserfalle erschien eine
liebliche Maske.
    Flametta war es, sie hatte sich in einen jungen Jäger verkleidet. Ein grünes
Mäntelchen hing schön geschürzt über ihren Schultern. Die kräftigen Hüften hatte
sie mit weissen Puffen bedeckt. Sie setzte sich, und streckte die schlanken
behenden Beine nachlässig an den Boden. Ihr hoher Hals drang stolz aus dem
strengen Dianenbusen, den sie leider aus Kostüm soviel als möglich verbarg. Sie
wusste wohl nicht, wie gern solche Fehler übersehen werden. Sie stützte das
trotzige freie Köpfchen, auf dem sie einen schönen Kranz von frischen Blättern
und Flittergold trug, in die Linke, und warf mit der Rechten Bogen und Pfeil von
sich.
    Indem sie sich über das Wasser beugte und ihre Worte mit gelinden Bewegungen
begleitete, sang sie mit heller klingender Stimme, und die Hörner tönten leise
nach.
Cyparissus:
Nicht lachen mehr, nicht singen mehr,
Nicht mehr in Wäldern jagen,
Still sitzen hier und klagen,
Weil ich nun mein Hirschlein geschlagen tot.
Wollt eilen hin, wollt eilen her,
Könnt einer mir nur sagen,
Dass ich es nicht erschlagen,
Dass ich nicht vergossen sein Blut so rot.
O böse Jagd! o böser Pfeil!
Mit liebem Blut gerötet,
Mein Freund hab ich getötet,
Der um mich verlassen die Freiheit sein.
Nicht lachen mehr, nicht singen mehr,
Nicht mehr in Wäldern jagen,
Still sitzen hier und fragen,
Wer hat erschlagen das Hirschlein mein?
O Sonnenschein! o heisser Schein!
Hier sitz ich an der Quelle,
Wo in dem Wasser helle,
Das Hirschlein sah sein güldin Geweih.
Was rauschet wohl, was blinket fein?
Was brauch ichs dann zu hören,
Mein Hirschlein kann nicht kehren,
Es ist ja tot und blinket nicht meh'.
Welch hoher Schritt, welch güldner Schein!
Zwei Hörner seh ich blinken,
Mein Hirschlein kömmt zu trinken,
O Freude gross! dass ich es noch seh.
Hier trat der Jägerbursche mit einer goldenen Leier auf. Flametta hatte ihn als
Phöbus maskiert. Flametta, welche den Cyparissus vorstellte, glaubte nach der
Wendung ihres Liedes, als sie die Leier blinken sieht, es sei das Geweih ihres
Hirschleins.
Phöbus:
O Cypariss! du holder Knab!
Dein Hirschlein ist im Walde,
Mein hoher Tritt so schallte,
Mein güldin Leier gab solchen Glanz.
Seit ich dich nicht gesehen hab
Und hier bei dir gesessen,
Hast du mich schon vergessen,
Und flochte dir doch den grünen Kranz.
Flammetta nahm hier den grünen Kranz und warf ihn in das Wasser, wobei ihr die
schönen langen Haare herabflossen.
Cyparissus:
Den grünen Kranz will ich nicht mehr,
Und bist du nicht mein Hirschelein,
Und gehe und lass mich nur allein,
So habe ich es doch geschlagen tot.
Phöbus:
Deins Hirschleins Tod verdriesst mich sehr,
Will dir ein andres suchen,
In Eich' und grünen Buchen,
Vom Morgen bis zum Abendrot.
In heisser Sonn, in kühler Nacht,
Will ruhn in keiner Stunden,
Bis ich ein solches funden,
Damit ich tröste dein'n bittern Schmerz.
Cyparissus:
In heisser Sonn, in kühler Nacht,
Kannst keins du je erjagen
Wie meins, das ich erschlagen,
Dem ich durchstochen sein treues Herz.
Verlassen hats sein'n freien Stand,
Von selbst kam es gegangen,
Ich hab es nicht gefangen,
Ein'n treueren Freund gibt es wohl kaum.
Am Halse trugs ein güldin Band,
Mit Schellen auch von Golde,
Und wenn ich reiten wollte,
Legt ich ihm auf ein'n Purpurzaum.
Ihm war vergüldt sein hoch Geweih,
Dass mit den vielen Enden
Es alles mocht verblenden,
Wann es rannte durch den dunklen Wald.
Es schien, als obs ein Blitzstrahl sei,
In seinen Ohren hinge
Von Perlin ganz ein Ringe,
So war geziert seine hohe Gestalt.
Phöbus:
O Cypariss! Du holder Freund!
Ich geb dir Pfeil und Bogen,
Mit Gold ganz überzogen,
O höre doch auf betrübt zu sein.
Dein schöne Augen sind ganz verweint,
Von deinen süssen Wangen
Ist ganz das Rot vergangen,
Und deine Lippen sind so voll Pein.
Komm, geh mit durch den dunklen Wald,
Den wilden Schmerz zu kühlen,
Will singen dir und spielen,
Komm und vergesse dein Hirschelein.
Cyparissus:
Dein Pfeil und Bogen nur behalt
Und in den Wald alleine geh,
Denn ich vergess es nimmermeh,
Und sterbe hier voll grosser Pein.
Will setzen zu dem Hirschlein mich,
Am heissen Mittag, wenn alles schweigt,
Will ruhen da,
Will sterben da,
In der Einsamkeit will ich sterben,
Meine Gedanken ganz traurig,
Will sterben bei dem Hirschelein.
Hier verliess Phöbus und Cypariss die Szene. Die Waldhörner spielten eine traurige
Weise, und mehrere Stimmen sangen, ohne gesehen zu werden, folgendes Chor:
Da sass der Jüngling und weinte,
Der Gott konnt ihn nicht trösten,
Und mocht nicht, dass er leide.
Da macht er ihn aus Liebe
Zu einer Trauerweide.
Des Baumes Zweig' sich senken
Und scheinen still zu denken
Und leis herabzuweinen,
Cypressus er nun heisset.
Hier war das Fest zu Ende, und alles schwieg still. Die Sonne hatte recht gut
dekoriert. Im Anfange schien sie ganz heiss auf den Wasserfall und zog dann mit
dem Gesange davon. Sie ging von der Seite des Phöbus, so dass Cypariss nach und
nach ganz in den Schatten kam und auch der Saal viel düstrer ward.
 
                                 Achtes Kapitel
Wir waren alle durch Flamettens Lied bewegt. Godwi allein äusserte nichts
Bestimmtes. Es schien mir überhaupt, als habe er ein ganz eigenes Instrument im
Busen, und seine Rührung sei sich stets gleich. Er hat sein Leben einer schönen
Erinnerung hingegeben, und was ihn rührt, schlägt diese an, dennoch hat er ein
gesundes originelles Urteil. Diese Originalität aber besteht aus einem einzigen
grossen Eindruck in seinem Inneren, von dem er immer seinem Urteil einen Klang
mitgibt und es so stempelt. Unsere Äusserungen über das Lied Flamettens führten
uns zu einem allgemeinen Gespräche über das Romantische, und ich sagte:
    »Alles, was zwischen unserm Auge und einem entfernten zu Sehenden als
Mittler steht, uns den entfernten Gegenstand nähert, ihm aber zugleich etwas von
dem Seinigen mitgibt, ist romantisch.«
    »Was liegt denn zwischen Ossian und seinen Darstellungen?« sagte Haber.
    »Wenn wir mehr wüssten,« erwiderte ich, »als dass eine Harfe dazwischenliegt,
und diese Harfe zwischen einem grossen Herzen und seiner Schwermut, so wüssten wir
des Sängers Geschichte und die Geschichte seines Temas.«
    Godwi setzte hinzu: »Das Romantische ist also ein Perspectiv oder vielmehr
die Farbe des Glases und die Bestimmung des Gegenstandes durch die Form des
Glases.«
    »So ist nach Ihnen also das Romantische gestaltlos,« sagte Haber, »ich
meinte eher, es habe mehr Gestalt als das Antike, so, dass seine Gestalt allein
schon, auch ohne Inhalt, heftig eindringt.«
    »Ich weiss nicht,« fuhr ich fort, »was Sie unter Gestalt verstehen. Das
Ungestaltete hat freilich oft mehr Gestalt, als das Gestaltete vertragen kann;
und um dieses Mehr hervorzubringen, dürften wir also der Venus nur ein Paar
Höcker anbringen, um sie romantisch zu machen. Gestalt aber nenne ich die
richtige Begrenzung eines Gedachten.«
    »Ich möchte daher sagen,« setzte Godwi hinzu, »die Gestalt selbst dürfe
keine Gestalt haben, sondern sei nur das bestimmte Aufhören eines aus einem
Punkte nach allen Seiten gleichmässig hervordringenden Gedankens. Er sei nun ein
Gedachtes in Stein, Ton, Farbe, Wort oder Gedanken.«
    »Es fällt mir ein Beispiel ein,« versetzte ich, »verzeihen Sie, dass es die
so sehr gewöhnliche Allegorie auf die Eitelkeit der Welt ist. Nehmen Sie eine
Seifenblase an, denken Sie, der innere Raum derselben sei ihr Gedanke, so ist
ihre Ausdehnung dann die Gestalt. Nun aber hat eine Seifenblase ein Moment in
ihrer Ausdehnung, in der ihre Erscheinung und die Ansicht derselben in
vollkommner Harmonie stehen, ihre Form verhält sich dann zu dem Stoffe, zu ihrem
innern Durchmesser nach allen Seiten und zu dem Lichte so, dass sie einen schönen
Blick von sich gibt. Alle Farben der Umgebung in ihr schimmern, und sie selbst
steht nun auf dem letzten Punkte ihrer Vollendung. Nun reisst sie sich von dem
Strohhalme los, und schwebt durch die Luft. Sie war das, was ich unter der
Gestalt verstehe, eine Begrenzung, welche nur die Idee festält, und von sich
selbst nichts spricht. Alles andere ist Ungestalt, entweder zu viel, oder zu
wenig.«
    Hier versetzte Haber: »Also ist Tassos Befreites Jerusalem eine Ungestalt« -
    »Lieber Haber,« sagte ich, »Sie werden mich ärgern, wenn Sie mir nicht
sagen, dass Sie mich entweder nicht verstehen, oder mich nicht ärgern wollen.«
    »Ärgern Sie sich nicht,« erwiderte er, »denn ich tue weder das eine, noch
will ich das andere, aber mit Ihrer Ungestalt des Romantischen bin ich nicht
zufrieden, und setzte Ihnen grade den Tasso entgegen, da ich ihn kenne, und
leider nur zu sehr empfinde, wie scharf und bestimmt seine Gestalt ist. Das
fühle ich nur zu sehr, da ich damit umgehe, ihn einstens zu übersetzen.«
    »Dass Sie es zu sehr fühlen, ist ein Beweis für mich«, sagte ich; »die reine
Gestalt fühlt man nicht zu sehr; und nehmen Sie sich in acht, dass Sie es auch
den Leser Ihrer Übersetzung nicht zu sehr fühlen lassen, denn nach meiner
Meinung ist jedes reine, schöne Kunstwerk, das seinen Gegenstand bloss darstellt,
leichter zu übersetzen als ein romantisches, welches seinen Gegenstand nicht
allein bezeichnet, sondern seiner Bezeichnung selbst noch ein Kolorit gibt,
denn dem Übersetzer des Romantischen wird die Gestalt der Darstellung selbst ein
Kunstwerk, das er übersetzen soll. Nehmen Sie zum Beispiel eben den Tasso; mit
was hat der neue rhytmische Übersetzer zu ringen? Entweder muss er die
Religiosität, den Ernst und die Glut des Tasso selbst besitzen, und dann bitten
wir ihn herzlich, lieber selbst zu erfinden; hat er dieses alles aber nicht,
oder ist er gar mit Leib und Seele ein Protestant, so muss er sich erst ins
Katolische übersetzen, und so muss er sich auch wieder geschichtlich in Tassos
Gemüt und Sprache übersetzen, er muss entsetzlich viel übersetzen, ehe er an die
eigentliche Übersetzung selbst kömmt, denn die romantischen Dichter haben mehr
als blosse Darstellung, sie haben sich selbst noch stark.«
    »Bei den reinen Dichtern ist dies der Fall wohl nicht,« sagte Haber, »da sie
doch noch etwas weiter von uns entfernt sind.«
    »Nein,« erwiderte ich, »obschon sie etwas weiter von uns entfernt sind, und
grade deswegen nicht, weil diese grosse Ferne jedes Medium zwischen ihnen und uns
aufhebt, welches sie uns unrein reflektieren könnte. Die Bedingnis ihres
Übersetzers ist blosse Wissenschaftlichkeit in der Sprache und dem Gegenstande,
er darf bloss die Sprache übersetzen, so muss sich seine Übersetzung zu dem
Original immer verhalten, wie der Gipsabdruck zu dem Marmor. Wir sind alle
gleichweit von ihnen entfernt, und werden alle dasselbe in ihnen lesen, weil sie
nur darstellen, ihre Darstellung selbst aber keine Farbe hat, weil sie Gestalt
sind.«
    Godwi sagte scherzend: »Nun also, lieber Haber, fangen Sie nur vorher an,
sich zu übersetzen, schwerere Kontraktionen wollen wir Ihnen erläutern helfen,
und tiefe Stellen, sollten welche vorkommen, müssen Sie erst in Konfessionen
ergiessen, um sie ans Licht bringen zu dürfen. Denn, übersetzen Sie sich nicht
zuerst, so möchte, für alle die Religiosität, den Ernst und die Glut Tassos,
liebenswürdiger Ateismus, süsse Prosa und jene in den Musenalmanachen so häufige
ästetische Glut, Äter-Glut, Rosen-Glut oder Johanniswürmchen-Glut
hervorkommen.«
    »Die Reime allein schon«, fuhr ich fort, »sind in unserer Sprache nur als
Gereimtes wiederzugeben, und ja, sehen Sie, eben diese Reime schon sind eine
solche Gestalt der Gestalt, und wie wollen Sie das alles hervorbringen? Der
italiänische Reim ist der Ton, aus dem das Ganze gespielt wird. Wird Ihr Reim
denselben Ton haben? Ich glaube nicht, dass Sie ein solcher Musiker sind, der aus
allen Tonarten und Schlüsseln auf ein andres Instrument übersetzen kann, ohne
dass das Lied hie und da stillsteht und sich zu verwundern scheint, oder seiner
innern Munterkeit nach aus Neugierde mitgeht und sich selbst in dem luftigen
ästetischen Rock, der hier zu eng und dort zu weit, überhaupt seinem Charakter
nicht angemessen, so ein Rock auf den Kauf ist, wie einen Geniestreich ansieht
oder, wird es blind, wie ein vortrefflicher Adler, dem man eine Papiertute über
den Kopf gezogen hat, dumm in einer Ecke sitzt.«
    Godwi lachte und sagte: »Eine Frage für ein Rezeptbuch - Wie übersetzt man
einen italiänischen Adler ins Deutsche? - Antwort - Recipe eine Papiertute,
ziehe sie ihm über den Kopf, so ist er aus dem Wilden ins Zahme übersetzt, wird
dich nicht beissen; ja er ist der nämliche Adler, und zwar recht treu übersetzt.«
    »Recht getreu,« sagte ich, »denn er sitzt nun unter den deutschen Hühnern
recht geduldig und getreu, wie ein Haustier.«
    »Jede Sprache«, fuhr ich fort, »gleicht einem eigentümlichen Instrumente,
nur jene können sich übersetzen, die sich am ähnlichsten sind; aber eine Musik
ist die Musik selbst und keine Komposition aus des Spielers Gemüt und seines
Instrumentes Art. Sie erschafft sich da, wo das Instrument, der Tonmeister und
die Musik in gleicher Vortrefflichkeit sich berühren. Viele Übersetzungen,
besonders die aus dem Italiänischen, werden immer Töne der Harmonika oder
blasender Instrumente sein, welche man auf klimpernde oder schmetternde
übersetzt. Man versuche es einmal mit dem Petrarch; wenn mehr herauskömmt als
ein gereimtes Florilegium, an dem man die Botanik seiner Poesie studieren kann,
wenn mehr herauskömmt als eine officinelle Übersetzung, wenn nicht jedes Sonett
ein Rezept an ein Wörterbuch wird, wo man des Reimes wegen immer die Surrogate
statt der Sache nehmen muss, statt Zitronensäure Weinstein, statt Zucker
Runkelrüben, so will ich den Entschluss aufgeben, sollte ich je lieben, eine
Reihe deutscher Sonette zu machen, die keiner ins Italiänische übersetzen wird.«
    »Den Dante halten Sie denn wohl für ganz unübersetzlich«, sagte Haber.
    »Grade einen solchen weniger,« fuhr ich fort, »ebenso wie den Shakespeare.
Diese beiden Dichter stehen ebenso über ihrer Sprache wie über ihrer Zeit. Sie
haben mehr Leidenschaft als Worte, und mehr Worte als Töne. Sie stehen
riesenhaft in ihren Sprachen da, und ihre Sprache kann sie nicht fesseln, da
ihrem Geiste kaum die Sprache überhaupt genügt, und man kann sie wohl wieder in
einen anderen wackeren Boden versetzen. Es kann gedeihen, nur muss es ein Simson
getan haben. Transportierte Eichen bleiben sie immer, an denen man die kleinen
Wurzeln wegschneiden muss, um sie in eine neue Grube zu setzen. Die meisten
anderen italiänischen Sänger aber haben ganz eigentümliche Manieren, die in der
Natur ihres Instrumentes liegen, es sind Tonspiele, wie bei Shakespeare
Wortspiele; Tonspiele können nicht übersetzt werden, wohl aber Wortspiele.«
    »Wie sind wir auf die Übersetzungen gekommen?« sagte Godwi. - »Durch das
romantische Lied Flamettens«, sagte ich. »Das Romantische selbst ist eine
Übersetzung« -
    In diesem Augenblick erhellte sich der dunkle Saal, es ergoss sich ein milder
grüner Schein von dem Wasserbecken, das ich beschrieben habe.
    »Sehen Sie, wie romantisch, ganz nach Ihrer Definition. Das grüne Glas ist
das Medium der Sonne.«
 
                                Neuntes Kapitel
Es ging wirklich etwas Bezauberndes mit diesem Becken und seinen Früchten vor,
und die Erscheinung war mir äusserst überraschend.
    Die Früchte, die halb in der Wand verborgen waren, fingen allmählich an zu
schimmern. Zuerst erleuchteten sich der Lorbeerkranz mit dem Schmetterlinge und
die Trauben, ein dunkles ernstaftes Grün, das endlich in verschiedene
Stimmungen über die umgebenden Früchte zerrann. Dann glühte das ganze Becken in
mildem grünen Feuer, und die schillernden Tropfen, die zwischen den Früchten
hervordrangen, leuchteten und sammelten die verschiedenen Grade des Feuers in
dem Boden des Beckens, das mit grünem Spiegel überzogen die immer gleiche Menge
des Wassers mit einer zurückstrahlenden Seele belebte, und in dieser brannte das
Ganze noch einmal reflektiert.
    Wir standen alle erfreut vor dem grossen Smaragde, der zu leben schien, und
ich empfand in mir einen heftigen Eindruck, eine ganz wunderbare Sehnsucht.
    »Ich wollte, das Ding schwiege still, erblasste und verlöre seine Gestalt,«
sagte ich, »denn eins allein von diesen könnte ich nicht sagen. Hier ist Ton,
Farbe und Form in eine wunderliche Verwirrung gekommen. Man weiss gar nicht, was
man fühlen soll. Es lebt nicht und ist nicht tot, und steht auf allen Punkten
auf dem Übergange, und kann nicht fort, es liegt etwas Banges, Gefesseltes
darin.«
    »Aufhören wird es bald,« sagte Godwi, »wenn sich nur die Sonne wendet. In
der Einrichtung liegt das Schöne, dass es mit dem himmlischen Lichte in
Verbindung steht. Wenn die Sonne sich wendet, verliert es sein Leben und
stirbt.«
    Bald wechselte die ganze Beleuchtung gleichsam stossend, einmal, zweimal, und
alles war vorüber.
    Godwi erzählte uns, dass der verborgene Teil des Kunstwerks von aussen der
Sonne ausgesetzt sei, die, wenn sie auf einem gewissen Punkte stehe, durch
mehrere geschliffene Spiegel, die im Inneren sehr künstlich angebracht seien,
das Becken so erleuchte. Sein Vater habe eine Zeitlang viele Künstler um sich
gehabt, denen er vieles verdanke, und unter ihren Arbeiten seien auch manche,
die ihm selbst wohltäten.
    Ich fragte ihn: »Warum nur manche, da doch jedes schöne Werk ein allgemeines
Gefallen zur Bedingung hat?«
    »Mein Vater,« erklärte er, »wollte nicht das Schöne der Kunst, er wollte nur
ihre Macht. Sie sollte ihm dienen, denselben Eindruck, den er wollte, ihm auf
alle Arten zu geben. Sie sollte ihm etwas, was er gern vergessen hätte und nie
vergessen konnte, seinem unerreichlichen Wunsche zum Trotze auf allen Seiten
hinstellen. Nehmen Sie an, er habe sich vor Geistern gefürchtet und sie seien
oft neben ihm getreten, so sei er nun aus Verzweiflung ein zweiter Faust
geworden, habe die Geister zu sich gezwungen, um ihm zu dienen, habe sich unter
sie gestürzt, um sie nicht zu fürchten. So ist er mit der Kunst umgegangen;
alles, was er arbeiten liess, umfasste einzelne Ideen, von denen eine mich in
meiner Jugend schon peinigte, und die mich jetzt, da ich sie kenne, da ich mich
kenne, und meine Bestimmung, nur dann und wann rührt.«
    Hier hielt er ein, und ich durfte ihn nicht fragen, denn mit seiner Rede war
sein Schmerz gestiegen; aber Haber durfte ihn fragen, weil seine Neugierde
grösser war als seine Schonung; - »und diese Idee?« - sagte er.
    Godwi sah ihn an, und sprach lächelnd: - »und diese Idee habe ich in meinen
Worten ganz allein verhüllt, weil ich sie nicht sagen wollte.«
    »Dies Becken aber, das uns soeben erfreuete,« fragte ich, »wie kam er zu
diesem, warum bauete er den wunderbaren Saal, in dem wir sitzen, und das ganze
Jägerhaus?«
    Godwi erwiderte: »Er tat dieses einer gewissen Kordelia2 wegen, die sich
hier aufhielt, und auch hier gestorben ist, einem sehr merkwürdigen Weibe, durch
seine so einseitige Anhänglichkeit an die tote Natur, dass es alle Menschen, und
besonders die Männer, vermied. Diese Kordelia brachte ihre letzten Jahre hier
zu. Sie war ein Jahr vor meines Vaters Abreise nach Italien in meiner
Abwesenheit hierher gekommen. Mein Vater liess ihr dieses Haus nach ihrer
Phantasie erbauen. Sie starb unter freiem Himmel, und liegt hier im Walde
begraben. Ich erbrach ihren letzten Willen, der nichts entielt als die Bitte,
den versiegelten Schrank in ihrer Schlafstube nicht eher zu erbrechen, bis ihr
eigentlicher Name bekannt sei, der immer noch verborgen ist. Dies einzelne Werk,
das Becken, kaufte ich von einer emigrierten Familie auf meiner Reise. Es ist
von einem Strassburger Künstler aus dem funfzehnten Jahrhundert, der nicht
bekannt geworden ist, weil er mit seltsamen, ganz eigentümlichen Zwecken
arbeitete. Alle seine Werke sind in einem solchen phantastischen romantischen
Stil, und bezeichnen seinen wunderbaren Gemütszustand. Dieses Becken war ihm
eigen geblieben, und seine Erben kannten den Gebrauch durch ihn. Da die Wirkung
mir gefiel, kaufte ich es, und schickte es meinem Vater, der es Kordelien zur
Freude hier anbringen liess. Zu gleicher Zeit habe ich mancherlei Papiere dieses
Künstlers gekauft, die wir einmal miteinander durchlesen wollen3.«
    Über diesem war es Abend geworden, und Haber erinnerte an das Heimgehen vor
Nacht.
    »Wenn es Zeit ist,« sagte Godwi, »kömmt mein Jäger von selbst, uns zu rufen.
Er kennt unsere gewöhnliche Zeit, und überdies ist Flametta so spröde gegen ihn,
dass er sicher früh genug aufgebracht sein wird, und dann wird er uns schon
abholen; es wäre unfreundlich, ihn jetzt zu stören, da er bei dem Apollo uns
zuliebe schon so viele Zeit versäumt hat.«
    »Erzählen Sie uns doch etwas näheres von Flametta«, sagte ich.
    Er erinnerte aber, ich sei die Rede der Kreuzfahrer noch schuldig, ich
möchte diese nur erst sprechen lassen; denn es wäre äusserst unartig, solche
entschlossene Jünglinge länger in der Beratschlagung stehenzulassen.
    Haber sagte: »Ihr letzter Satz war -«
    »So schwebte, ruhend die Fittiche, in unentschiedenem Fluge ihr Geschick.«
 
                                Zehntes Kapitel
Drei Haufen standen die Edeln am Ufer des Weltmeers. Nebel lag um sie her, und
die Treuen sahen sich kaum untereinander, doch erkannten sie sich immer noch,
wenn hie und da ein Wort aller im Entusiasmus der Redner lauter schallte. Von
dem einen Haufen hörte man unaufhörlich die Worte:
    Kraft, Ideale Natur, Individualität.
    Von dem andern die Worte:
    Streben in sich zurück, Selbsterkenntnis, Tiefe, Fülle.
    Und von dem dritten hörte man:
    Lebensgenuss, Zurückreissen der Natur in sich, Verindividualisierung.
    Endlich nun erstand ein Redner aus jedem Haufen. Der Redner der Tapfersten
trat hervor, und rief aus:
    »Dränget euch aneinander, ihr Freunde, ein einziger Wille, ein Phalanx dem
Nebel, der uns neidisch einander entreissen will, ich habe ein Wort der Kraft an
euch zu reden, welches gleich einem Magnete alle reine eisenhaltige Herzen an
sich ziehen und zu einer Individualität vereinigen wird.« Die anderen näherten
sich, ihre Redner an der Spitze, und der erste fuhr fort:
    »Stehet fest, fest meine Freunde! lasset euch nicht irren - es gilt jetzt -
    Ihr habt in der Kraft eurer idealen Natur eure Selbsten einer Aufgabe
geweiht; was darf euch berechtigen, sie fallen zu lassen, als die Anschauung
ihrer Nihilität -
    Ich sprach mit euch, da ihr noch schwach waret; jetzt müsst ihr entern - das
nenne ich, mit eigner Kraft eurer Selbst eueren Vorsatz und alle
selbstgefundenen Mittel fassen, halten, durchführen; nur so seid ihr für den
heiligen Krieg - oder diesen Gedanken in euren Seelen in den Abgrund der
Vergessenheit senken, und alle Wellen eurer alten Gedanken über ihm
zusammenschlagen lassen, wie die Wellen des vor uns liegenden Weltmeers über
unsre streitglühenden Körper hinschlagen werden; denn wer dem Weltmeere die
Brust nicht bieten mag, der ist kein Sohn seiner Mutter, die es tut, der Erde -
    O ihr habt mich so oft angestaunt, da ich in objektiver Ruhe unter euch
wandelte; erschrecken werdet ihr, wenn ihr schwach seid, und ich handelnd
auftrete.
    Ergründet schnell eure Subjektivität, und sprechet mit Klarheit, ob ihr
fähig seid, mit mir zu handeln?«
    Hier hielt der edle Mann ein, einige riefen bravo! viele murrten, dann
sprach ein anderer Redner. Mit der zärtlichen Undeutlichkeit eines
menschenliebenden, aber ganz in sich allein zurückkehrenden Gemütes redete er
alle an, indem er sich zu dem vorigen Redner wendete:
    »In der Tiefe deiner Brust bemerke ich eine apriorische Anschauung unsers
Zustandes, die du mit Recht als ein Produkt von dir selbst giebst, weil sie
falsch sein dürfte für die Intensität vieler, die hier stehen und erkannt haben
den Ursitz der Welt, und die einzige Strasse nach dem Besitze und der Gabe.
    Ich spreche daher zu jenen Glücklichen unter uns, deren Wesen dem
unendlichen tiefen Milchbrunnen gleicht, von dem ein kindlicher Aberglauben
sagt, dass die unschuldigen Kindlein aus ihm herauskommen, - zu jenen spreche
ich, welche die Schöpfung in der Brust, in dem reinen tiefen Spiegel ihres
Herzens tragen, und welche mit mir die tiefen Worte des begeisterten Helden, der
damals so feierlich zu dem Volke sprach, verstanden haben. - Er selbst hat sich
nicht verstanden, und war nur ein Organ der Religion, wie hätte er sonst nach
seinen eignen Worten:
    Glaubet aber nicht, das Grab Christi sei ausser euch, und es stehe zu erlösen
im Kriege fanatischer Waffen - in euch selbst ist das Grab des Herrn, von den
Sünden des Unglaubens geschändet, nur in euch könnt ihr es befreien, und die
äusserliche Tat ist nur gesellschaftlich, in euch ist die Tiefe, die Fülle, die
Klarheit, strebet in euch zurück, kommet zur Selbsterkenntnis.
    Wie hätte er sonst nach diesen seinen Worten hinziehen können in
Unendlichkeit und leerem Streben der Individualität ins Universum.
    Wohin fliehet ihr, ihr Geister! - in die Unendlichkeit? Diese Kraft, euch
aufzuschwingen, gab euch die Natur - aber sie treibt euch auch in die
Endlichkeit zurück - schon die unfreundlichen Wellen dieses Weltmeers tun es,
und sind, obschon sehr lange, doch wohl lange noch nicht die Natur - o Freunde,
die ihr in euch, wie ich, den Lampenfunken des heiligen Grabes brennen sehet,
bleibt zurück, denn das heilige Grab ist in euch - o! verliert es nicht in den
Wellen, weil ihr es erobern wollt. Flattert nicht über die Endlichkeit hinaus,
sonst werdet ihr bald, der Unendlichkeit müde, in eure Leerheit zurückkehren -
durch inneres Vergraben erwerbet euch das heilige Grab - und schreitet so in
ewiger Vertieferung in die Unendlichkeit dieses Grabes.
    Wo wollt ihr euch aber finden, als in der Endlichkeit! Wo könnt ihr Kraft
anwenden, als in dieser! - Überfliehet ihr sie, so stumpfen sich eure Kräfte
mehr und mehr ab, es ist kein Rückhalt da, der euch festalte, es ist kein
Schiff auf diesem Weltmeere, und euer endloses Streben, eure schwimmenden Arme
werden endlich doch in einen Wallfischmagen verendlicht, oder gar endlich als
Fischtran auf Schuhen und Stiefeln, oder Fischbein in Schnürbrüsten
(schreckliche Beschränkung schöner Weiblichkeit!) verindividualisieret werden.
    Greifet ein in die Endlichkeit - suchet in euch das Ideal des heiligen
Grabes, das eurem Wesen harmoniert; dieses fasset ganz, und alle Äusserungen,
wonach ihr die Unendlichkeit modifiziert, seien euch nach diesem Ideale
bestimmt. So könnt ihr das heilige Grab in euch erlösen, und von seiner Fülle,
die sich in der Blüte ewiger Herrlichkeit erneuert und füllt, die Wunder auf
alle andere durch euch ausströmen lassen.«
    »Bravo, heiliger göttlicher Ausleger!« schrieen viele Stimmen mit einem
seufzenden sehnsüchtigen Tone.
    Der dritte Haufen und seine Redner hatten sich währenddem über den
Mundvorrat in den Körben der Esel hergemacht, sie lagen umher und schliefen.
    Pumps, pumps, pumps, tat es drei Schläge ins Weltmeer, die wenigen Anhänger
des mutigen ersten Redners stürzten sich hinein.
    Die Anhänger des zweiten traten dicht zusammen und umklammerten, einer dem
andern in den Armen ruhend, die heiligen Gräber; unter diesen waren jene
innigen, dringenden, brünstigen Freunde.
    Sie zogen wankend feldein, und man hat weiter nichts von ihnen gehört, als
in einigen Volksromanzen, welche die Fischer und Schäfer dort singen, allerlei
Überbleibsel ihres selbstischen Wahnsinnes. Auch sollen durch ihre fernern Taten
fast alle Arten von Aberglauben, fliegende Drachen, Beischlaf des Teufels mit
Hexen und besonders das Alpdrücken bei jungen schlafenden Frauenzimmern
entstanden sein.
    Die Eingeschlafenen aber erwachten den folgenden Morgen, und gingen langsam
nach Haus. Sie leben nun in einer Art von Traum, aus ihren Krisen und aus den
Volksliedern habe ich die Geschichte dieser entscheidenden Gemütsschlacht
zusammengetragen.
    Das Weltmeer aber war nichts als ein sumpfichter Fischteich, die Tapfern
brauchten gar nicht zu schwimmen, und auf der andern Seite stand ein Wirtshaus,
in dem sie sich es recht gut schmecken liessen. Auch fanden sie dort einige
zurückgebliebene Bagagewagen des heiligen Zuges. Sie setzten sich mit auf, und
kamen auch in den Krieg. Doch hat man von ihren Taten bis jetzt noch nichts
gehört.
    »Das wäre nun so ziemlich die Geschichte des philosophischen Anflugs der
letzten Jahre.« -
    Haber näherte sich mir, und wollte mich umarmen, aber ich trat zurück und
sprach:
    »Verbannen Sie diesen fabelhaften Zug von inniger Freundschaft aus Ihrem
Gemüte; ich bin Ihr Freund und aller derer, die nach dem Bessern streben, oder
die schon weiter sind als ich.«
    Hier kam der Jägerbursche herein und fragte, ob wir nun gehen sollten.
    »Was macht Flametta?« sagte Godwi.
    »Sie hat bis jetzt nichts getan,« erwiderte er, »als mir gepredigt, dass ich
den Apollo so schlecht gemacht habe. Sie behauptete, wenn sie ihren Aktäon
aufführen würde, werde ich die Szene, wo mir die Hirschgeweihe wachsen würden,
besser spielen. Ich sagte, sie solle sich mir nur einmal nackt im Bade zeigen,
für die Hörner wolle ich schon sorgen; da gab sie mir eine Ohrfeige, die, wäre
sie nicht auf das Ohr gefallen, leicht die Grundlage eines Hornes hätte werden
können - und für diese Ohrfeige gab sie mir denn wieder einen Kuss; weil ich so
geduldig gewesen sei, sagte sie; und sauste mir die Ohrfeige in den Ohren, als
knacke einer die Welt wie eine Nuss auf, so schmeckte auch der Kuss wie der Kern
jener Nuss. Jetzt ist sie in dem Walde mit den Hunden und den kleinen Mädchen des
Försters, denen sie das Fürchten abgewöhnen will, und wir müssen wohl auch
gehen, wenn uns der wilde Jäger nicht die Haare versengen soll.«
    Haber drang auch sehr aufs Gehen, und wir verliessen mit dem Jäger das Haus.
 
                                 Elftes Kapitel
Wir gingen, und die Nacht ging mit uns; um uns her küsste sie den Schatten des
Waldes, und lag in dämmernder Liebe in den Gebüschen. Auf lichten Stellen
standen noch freundliche Sonnenblicke, als wollten sie uns Lebewohl! sagen.
Durch die Tiefe des Waldes drang der rote glühende Himmel, der leise verstummte.
Er sprach wie die jungfräuliche Scham, wenn sie der tiefsten Freude weicht, und
die Natur bebte in leisen Schauer, wie Liebestod.
    Alles verlor seine Gestalt und sank in Einigkeit. Es gab nur einen Himmel
und eine Erde, auf ihr wandelte ich, und mein Fuss rauschte im Laube, in des
Himmels mildem Glanze ging mein Auge und trank grosse herrliche Ruhe. O! wem
hätte ich sagen können, wie mein Herz war, wer hätte mich verstanden, und das
elende Fragment meiner Sprache entziffert, und wer hätte es verdient?
    Ich achtete Godwi, und konnte ihm das nicht sagen, denn ich hätte ihm
gesagt, was Freundschaft sich nicht sagen darf. Hier ist sie klein und erblickt
sich nicht. Freunde schweigen in solchen Momenten, wo die Liebe sich vom Himmel
niedersenkt, und gehen bange einher um die Freundschaft, und schämen sich, dass
sie nicht Mann sind und Weib, um sich niederzusetzen und sich zu küssen.
    Ich dachte an dich, die mich erwartet; »wo bist du, Geliebte?« sprach ich,
»die so zu mir strebt, die in Waldesschatten atmet, und von dem Himmel mit
goldenen Fäden mein Herz umspinnt - wo bist du? die mich küsst im kühlen
Abendwinde - soll ich nimmer zu dir und mit dir sein? wie der Abend, in dem ich
deiner gedenke,« - ach alles sprach mit mir! auch die Brünette drängte sich
leise an mein Herz, und sagte - »ich bin nun wie dir ist« - da sprach ich
folgende Worte zu ihr:
                                     An. S.
Wie war dein Leben
So voller Glanz,
Wie war dein Morgen
So kindlich Lächlen,
Wie haben sich alle
Um dich geliebt,
Wie kam dein Abend
So betend zu dir,
Und alle beteten
An deinem Abend.
Wie bist du verstummt
In freundlichen Worten,
Und wie dein Aug brach
In sehnenden Tränen
Ach da schwiegen alle Worte
Und alle Tränen
Gingen mit ihr.
Wohl ging ich einsam,
Wie ich jetzt gehe,
Und dachte deiner,
Mit Liebe und Treue -
Da warst du noch da
Und sprachst lächlend:
Sehne dich nimmer nach mir,
Da der Lenz noch so freudig ist
Und die Sonne noch scheint -
Am stillen Abend,
Wenn die Rosen nicht mehr glühen
Und die Töne stumm werden,
Will ich bei dir sein
In traulicher Liebe,
Und dir sagen,
Wie mir am Tage war.
Aber mich schmerzte tief,
Dass ich so einsam sei,
Und vieles im Herzen.
O warum bist du nicht bei mir!
Sprach ich, und siehst mich
Und liebst mich,
Denn mich haben manche verschmäht,
Und ich vergesse nimmer,
Wie sie falsch waren
Und ich so treu und ein Kind.
Da lächeltest du des Kindes
Im einsamen Wege,
Und sprachst: Harre zum Abend,
Da bist du ruhig
Und ich bei dir in Ruhe.
Dein Herz wie war es da,
Dass du nicht trautest,
Viel Schmerzen waren in dir,
Aber du warest grösser als Schmerzen,
Wie die Liebe, die süsser ist
Als all ihr Schmerz.
Und die Armut, der du gabst,
War all dein Trost,
Und die Liebe, die du freundlich
Anderen pflegtest,
War all deine Liebe.
Einsam ging ich nicht mehr,
Du warst mir begegnet
Und blicktest mich an -
Scherzend war dein Aug
Und deine Lippe so tröstend -
Dein Herz lag gereift
In der liebenden Brust.
Freundlich sprachst du:
Nun ist bald Abend,
Gehe, vollende,
Dass wir dann ruhen
Und sprechen vom Tage.
Wie ich mich wendete -
Ach der Weg war so schwer!
Langsam schritt ich,
Und jeder Schritt wollte wurzeln,
Ich wollte werden wie ein Baum,
All meine Arme,
Blüten und Blätter,
Sehnend dir neigen.
Oft blickte ich rückwärts
Hin, wo du warst,
Da lagen noch Strahlen,
Da war noch Sonne
Und die hohen Bäume glänzten
Im ernsten Garten,
Wo du gingst.
Ach der Abend wird nicht kommen
Und die Ruhe nicht,
Auf Erden ist keine Ruhe.
Nun ist es Abend,
Aber wo bist du?
Dass ich dir sage,
Wie der Tag war.
Warum hörtest du mich nicht,
Als du noch da warst?
Nun bin ich einsam,
Und denke deiner
Liebend und treu.
Die Sonne scheint nicht,
Und die Rosen glühen nicht,
Stumm sind die Töne -
O! warum kömmst du nicht,
Willst du nicht halten,
Was du versprachst?
Willst du nicht hören,
Soll ich nicht hören,
Wie der Tag war?
Wie war dein Leben
So voller Glanz,
Wie war dein Morgen
So kindlich Lächlen,
Wie habe ich immer
Um dich mich geliebt,
Wie kömmt dein Abend
So betend zu mir,
Und wie bete ich
An deinem Abend.
Am Tage hörtest du mich nicht,
Denn du warst der Tag,
Du kamst nicht am Abend,
Denn du bist der Abend geworden.
Wie ist der Tag verstummt
In freundlichen Worten,
Wie ist sein Aug gebrochen
In sehnenden Tränen,
Ach da schweigen alle meine Worte,
Und meine Sehnsucht zieht mit dir.
Godwi sagte: »Am Abend erschliessen sich alle Tore des Himmels, und die Ferne
besucht uns freundlich.«
    »Es ist kein schönerer Wunsch«, fuhr ich fort, »als Guten Abend! Es heisst,
mögest du ruhig sein und liebend, in stillem Umgange mit allem, was du vermisst.
- Am Abend erschliessen alle Herzen sich selbst, und aus allen Tiefen der Seele
kommen die geliebtesten Gedanken zu uns, und selbst die heftigen Begierden, und
was uns mit Gewalt fesselt, kömmt zu uns und spricht: Lasse dir nicht bange sein
um uns, wir sind nicht so feindlich, als du gedenkst.«
 
                                Zwölftes Kapitel
Haber ging mit dem Jägerburschen weiter vor uns, und unterhielt ihn in einem
dringenden Gespräche. Es schien ihm etwas unheimlich im Walde zu sein. Der Jäger
erzählte ihm allerlei Mordgeschichten, und vom wilden Heere. Das letzte wollte
er nun gar nicht recht glauben, und sagte einmal über das andere Mal, das sei
lauter Aberglauben. Im Walde ertönte dann und wann ein lauter Pfiff, und hatte
Haber geschwiegen, so fuhr er dann schnell den Jäger an: »Hörst du? schon
wieder, was mag das wohl sein, es lautet recht schön.«
    »Was mag es sein,« sagte der Jäger, »Lumpengesindel; aus so einem Busche
heraus fliegt einem mannichmal ein Knüppel an den Kopf, dass man gleich ans
Verzeihen denken muss, ehe man sich noch recht geärgert hat.«
    »Wieso?«
    »Ei nun, was da pfeift, ist meistens niederträchtiges Volk, und schlägt
einen tot; auf dem Todsbette aber muss man verzeihen - und wenns geschwinde geht,
hat man keine Zeit sich zu ärgern.«
    Haber ging hier mehr in der Mitte des Weges, aber es pfiff wieder, und rief;
    »Was sprichst du böser Bube von Lumpengesindel?«
    
    Es war eine wunderliche Stimme, halb erzwungen derb, halb ängstlich und
kindisch. Wir näherten uns, Haber wollte schon auf einen Baum klettern, als
unser Schrecken durch die Worte des Jägers im Gebüsche aufgehoben wurde:
    »Du Waldteufelchen, für den Schrecken muss ich dich küssen.«
    Nun kamen mehrere Mädchen und Knaben aus dem Gebüsche und lachten; die
älteste ging auf Godwi zu, und bat ihn um Verzeihung; die kleine Räuberin sagte:
»Flametta hat mir es befohlen; weil ich mich fürchtete, als Sie gegangen kamen,
so musste ich Sie zur Strafe attakieren.«
    Hier kam Flametta auch mit dem Jäger, und Godwi sagte zu ihr, es sei nicht
artig, die Leute zu erschrecken; aber sie lachte und bat ihn, ihr eine Busse
aufzugeben.
    »Du sollst uns ein Stückchen Wegs Geleit geben«, sagte Godwi, »und etwas
singen.«
    »Ich will Ihnen meine kleinen Gesellschafter etwas singen lassen, und dazu
dann und wann ein wenig auf dem silbernen Horne blasen.«
    Sie zog an der Spitze ihres kleinen Heeres, und begleitete den Gesang mit
ihrem Horne. Das grösste Mädchen sang das Solo, und die Knaben das Chor.
    Die Kleine sagte vorher: »Mein Lied ist das Lied einer Jägerin, deren Schatz
ungetreu, und stellen Sie sich vor - ein Peruckenmacher geworden ist.«
    Wir lachten, und der Gesang begann:
Chor:
O Tannebaum! o Tannebaum!
Du bist mir ein edler Zweig,
So treu bist du, man glaubt es kaum,
Grünst sommers und winters gleich.
Mädchen:
Wenn andere Bäume schneeweiss sein
Und traurig um sich sehen,
Sieht man den Tannebaum allein
Ganz grün im Walde stehen.
Chor:
O Tannebaum! o Tannebaum! etc.
Mädchen:
Mein Schätzel ist kein Tannebaum,
Ist auch kein edler Zweig,
Ich war ihm treu, man glaubt es kaum,
Doch blieb er mir nicht gleich.
Chor:
O Tannebaum! o Tannebaum! etc.
Mädchen:
Er sah die andern schneeweiss sein
Und schimmernd um sich sehn,
Und mochte nicht mehr grün allein
Bei mir im Walde stehn.
Chor:
O Tannebaum! o Tannebaum! etc.
Mädchen:
Der andern Bäume dürres Reis
Schlägt grün im Frühling aus,
Pocht er sein Röckchen, bleibts doch weiss,
Schlägt nie das Grün heraus.
Chor:
O Tannebaum! o Tannebaum! etc.
Mädchen:
Oft hab ich bei mir selbst gedacht,
Er kömmt noch einst nach Haus,
Spricht: Hab mir selbst was weiss gemacht,
Poch' mir mein Röcklein aus.
Chor:
O Tannebaum! o Tannebaum! etc.
Mädchen:
Und klopft ich ihn auch poch, poch, poch,
So fliegt nur Staub heraus;
Das schöne treue Grün kommt doch
Nun nimmermehr heraus.
Chor:
O Tannebaum! o Tannebaum! etc.
Mädchen:
Drum als er mich letzt angelacht,
Ich ihm zur Antwort gab:
Hast dir und mir was weiss gemacht,
Dein Röcklein färbet ab.
Chor:
O Tannebaum! o Tannebaum! etc.
Mädchen:
O Tannebaum! o Tannebaum!
Wie traurig ist dein Zweig.
Du bist mir wie ein stiller Traum
Und mein Gedanken gleich.
Chor:
O Tannebaum! o Tannebaum! etc.
Mädchen:
Du sahest so gar ernstaftig zu,
Als er mir Treu versprach,
Sprich, sag mir doch, was denkest du,
Dass er mir Treue brach.
Chor:
O Tannebaum! o Tannebaum! etc.
So sangen die Kinder lustig in den Wald hinein, und das Wild, aufgeschreckt von
dem Geräusche, stürzte tiefer in das Tal. Der Mond war aufgegangen, und schon in
den Wald herein. Da wir auf der anderen Seite den Berg oben waren, sagten uns
Flametta und die Kinder Gute Nacht, und wir hörten sie in der Ferne noch singen.
    Wir standen oben und sahen über das leuchtende grüne Meer, in dem der Wald
hin und her flutete. Stille Kühle drang mir ans Herz, ich hätte hier stehen und
träumen können von Seen und Meeren, in denen die Götter hausten. Wenn die Bäume
hin und her ihre Schatten wälzten, brausten und wie in geheimnisvollen,
nächtlichen Festen taumelten, so schwoll es wie Ebbe und Flut an meinem Herzen.
    O! der Mensch ist das Gestade, an das alle Wellen des Lebens schlagen, er
steht ewig am Ufer und sehnt sich hinaus in das, was herüberwehet, seine
Gedanken segeln kriegbrütend und goldsuchend wie mächtige Schiffe in die Ferne;
was zu Hause bleibt im Herzen, steht und hoffet und trauert. Soll er
hineinstürzen, oder werden die Wellen rächend zu forschen kommen, was ihnen vom
Gestade herüberwehte?
    Mit solchen Gedanken warf ich einen Blick zurück in diesen untergegangenen
Tag. Die Eiche, unter der ich die Dryaden angerufen hatte, ragte wie ein Tempel
unter allen hervor; einige weisse Gestalten tanzten um sie herum, und man hörte
ein leises Klingen, das durch das Brausen der Bäume manchmal hervortönte, als
schwämme ein goldenes glänzendes Gefäss in Meereswellen. Ich machte Habern darauf
aufmerksam.
    »Sehen Sie die Waldgötter dort tanzen?« Er wunderte sich, und Godwi sagte,
es sei ein Tanz, den er Kordelien zum Gedächtnisse gestiftet, Flametta und die
kleinen Mädchen tanzten ihn alle Abend, wenn es schönes Wetter sei, und die
Musik töne von zwei kolossalischen Äols-Harfen, welche Kordelia in den Gewölben
des Baumes habe anbringen lassen. Es war gut, dass es bei meinem Gebete so
windstille gewesen war, sonst hätte ich sehr erschrecken können.
    Wir legten noch einen kurzen Weg zurück, als sich eine andere Gegend
erschloss.
 
                              Dreizehntes Kapitel
Der Weg zog sich noch eine Strecke durch den Wald, aber man konnte unten durch
die Stämme schon das freie Tal sehen. Es schien mir, als gingen wir langsamer,
als zögen uns die Schatten des Waldes zurück.
    Am Ausgange des Waldes trafen wir auf ein kleines Haus, neben dem ein
grösseres zerstörtes Gebäude stand, und ich bemerkte, dass auf dem Rauchfange des
letztern das Storchnest war, welches ich den Morgen gesehen hatte. Aus dem
Fenster der Hütte schimmerte ein Licht, und ich fragte, wer hier so einsam
wohne. Godwi sagte: »In dem Hause wohnt kein Mensch, das Licht, das darin
brennt, ist eine Lampe, die alle zwei Tage angesteckt wird. Schon seit meiner
frühesten Jugend erinnere ich mich, dass ich eine furchtsame Ehrfurcht vor diesem
Hause hatte. Es ist ein Herkommen, dass dies Licht hier brennt. Wenn eine
Jungfrau oder ein Jüngling unter den Mennoniten stirbt, welche meine Pächter
sind, so wird er hier in diesem Hüttchen einen Tag und eine Nacht hingesetzt,
und hier neben zwischen den Mauern des verfallenen Gebäudes begraben. Warum die
Stube ganz eingerichtet ist, als wohne eine Familie darin, weiss ich nicht; aber
es ist eine freundliche Idee. Der älteste meiner Pächter hat den Schlüssel dazu;
er steigt alle zwei Tage herauf, und steckt die Lampe an, und wenn er tot ist,
so bekömmt der älteste wieder dies Geschäft, so dass es zu einem Sprüchworte
unter ihnen geworden ist: Er trägt den Schlüssel. Die Alten selbst werden unten
im Tale begraben, weil sie sagen: Er habe nicht mehr hinaufgekonnt, drum sei er
unten begraben.«
    Ich sah zum kleinen Fenster hinein, die Lampe stand in der Mitte der Stube
auf dem Tische, an der Wand hingen männliche und weibliche Kleider, und die
ganze Stube sah bewohnt aus; es lag ein ewiges Warten auf den Vater oder die
Mutter, oder auf den Geliebten und die Geliebte in allem; ich wendete mich, und
sprach: »Auch ich habe Ehrfurcht davor.«
    Habern suchten wir mit Mühe dazu zu bringen, auch hineinzusehen. Er kehrte
aber schnell um, als der Wind an den losen Fensterscheiben rasselte, und ging
schweigend mit uns den Berg hinab; vor uns tiefer unten ging ein Licht, und der
Jäger sagte:
    »Das ist der alte Anton, der hat eben die Lampe angesteckt, wenn er sein
Verslein noch nicht gesungen hat, so wird er es bald hören lassen.«
    Bald darauf hörten wir auch eine zitternde Stimme singen, doch konnten wir
sie nicht verstehen, weil sie undeutlich aussprach, und zu entfernt war. Wir
gingen deswegen rascher, bis der Alte stillstand, weil ihm das Treppensteigen
beschwerlich war, und wir hörten die zwei letzten Verse seines Gesanges.
Ich hab das Lämplein angesteckt
Zum langen Angedenken,
Und wenn mich kühle Erde deckt,
Mag Kind und Enkel denken:
Der Vater ruht im Tale aus,
Und kömmt nicht mehr ins stille Haus.
Lischst du, o Herr, mein stilles Licht,
Das tief herab schon brennet
Und werd vor deinem Angesicht
Ich nur ganz rein erkennet,
So geht mit Freude angetan
Erst recht mein schönstes Leuchten an.
Hier löschte der alte Anton sein Licht aus, und war vor uns zu Haus.
    Das Gut lag zu unsern Füssen; von der entgegengesetzten Seite begrenzte es
ein hoher Baumgarten, sonst war es einsam und sah öde aus. Die Wildnis über dem
Berge, wo wir den heutigen Tag zugebracht hatten, schien mir bei weitem
freundlicher. Dies äusserte ich Godwi, und Haber sagte, er habe die nämliche
Empfindung.
    Godwi sagte: »Ich bin von Jugend auf an diese Gegend gewöhnt, dennoch habe
ich die nämliche Empfindung, so oft ich vom Jägerhause komme. Einsam und öde
wird überhaupt alles, was der Mensch berührt, ohne es zu vollenden, nur der
Mensch kann töten. Dieses ganze Tal nun ist das Bild einer Anstalt, die ins
Stecken kam, alles verlangt nach einem Ende, und man könnte sagen, es gleiche
einer interessanten Erzählung, die mitten durch ein Fragezeichen unterbrochen
ist.
    Es liegt etwas Derbes und Selbstständiges in der wilden Natur, sie ist
voller Leben, und scheint sich den Teufel um den Menschen zu bekümmern; sie geht
ihren Weg, ohne sich viel umzusehen, und treibt ihr Geschäft für sich und mit
Kraft. Hierdurch rührt sie uns, und das Gefühl der Einsamkeit in ihr begründet
sich auf die Schwäche des Menschen; man wünscht einen Freund neben sich zur
Unterstützung gegen die Wildnis, die einem so frech in die Bildung hereintritt,
das Echo der Felsen gibt uns kalt und spöttisch die Ausrufungen zurück, in
denen man umsonst versuchte, dieser Natur etwas abzuschmeicheln; man möchte
einen Freund, um seine Empfindungen genommen zu sehen; man wünscht sich ein
williges liebendes Mädchen auf das Moos, um am Fusse der stolzen Eiche in
lebendiger Beweglichkeit das höchste Opfer der Menschen zu feiern, und der
tapfern barschen Natur zu zeigen, dass es im Leben nicht auf kolossalische,
unbewegliche Grobheit ankömmt.« - »Aber hier,« fuhr ich fort, »was will man hier
machen? Hier ist alles so zahm, da steht Kohl und dort steht Weisskraut und
jenseits Korn und dort - wie heissen Sie?« wendete ich mich zum kleinen Dichter.
    - »Haber.«
    - »Und dort steht Haber, und alles sieht aus, als wisse es schon, dass es
nächster Tage werde gefressen werden, vielleicht gar als Futter unvernünftiger
Tiere.«
    »Ja,« sagte Godwi, »hören Sie ein paar Hofhunde klaffen, und einen Hahn
krähen, und ein paar Kühe brüllen, so ist alles in Richtigkeit mit der
genialischen Natur, und man muss sich dann meistens, weil es kotig ist, an dem
Himmel halten.«
    Es war ein schöner Himmel, und alles, was wir hörten, sahen, war still, müde
und ruhend.
    »Hier ist der Abend nicht viel anders«, sagte ich, »als Ruhe ohne alle
Erinnerung, es ist keine Selbsttätigkeit in einem solchen Abend, und er sagt
nichts als: nun ist es recht gut, nun geht es bald ins Bett.«
    »Sie sind etwas zu unbändig,« sagte Godwi, »nehmen Sie sich in acht, dass Sie
nicht werden wie diese öde Landschaft, welche hinlängliche Bildung hat, bei
grosser Fruchtbarkeit, um die Fruchtbarkeit zu unterjochen.«
    Ich schwieg, und mein Gewissen drückte mich.
    Wir kamen nun an das Gut selbst. Einige kleine Häuser bildeten eine Strasse,
auf der verschiedene Ackergerätschaften standen; es war stille, und Godwi sagte:
»Lassen Sie uns ruhig sein, die Leute schlafen schon.« Das Tor des Landhauses
stand offen, die Hunde sprangen freundlich an Godwi herauf, und wir traten in
das bescheidene einfache Haus, in eine Stube gleich bei dem Eingange.
    Godwi hiess uns willkommen, der Jäger brachte Licht, und das Abendessen ward
bestellt. Godwi und Haber sassen auf dem Sopha, ich sass am Fenster auf einem
Armstuhle, es herrschte eine allgemeine Stille unter uns, und jeder schien sich
seinen Gedanken ruhig zu überlassen.
    Die Bilder des ganzen Tages gingen mir vor den Augen herum, ich hatte eine
seltsame Empfindung, in dem Hause Godwis zu sein, und mit ihm selbst so bekannt,
von dem ich so vieles geschrieben hatte. Es schien mir unrecht und nicht
redlich, wenn ich ihm nicht bald sagte, wer ich sei. Dann entwickelte ich, was
ich von seiner Jugend aus seiner Erzählung an Otilien wusste, hier an der Stelle,
wo es geschehen war, und indem ich meine Gedanken so ins vergangene
Geschichtliche hinüberspann, verlor ich mich immermehr ins Allgemeine, dachte an
meine Jugend und alle Jugend, und an den erdrückenden Schmerz, unter dem die
meisten guten Kinder ihr Bestes und Eigentümliches für einige
Gesellschaftsregeln hinopfern müssen.
    Die Grillen zirpten in den Mauern und der Perpendicul der Uhr ging ewig
derselbe, nächtliche Fledermäuse schwirrten über den Hof, und das Licht war weit
heruntergebrannt - mir war es tief im Herzen dunkel und traurig.
    Hier trat ein alter Mann in die Stube, er hatte einen schönen gesunden Kopf,
und einen langen weissen Bart, und war einfach in weisses Tuch gekleidet. Godwi
grüsste ihn und sagte: »Verzeihet, Anton, dass ich so spät komme.«
    Der Alte lächelte und sagte: »Sie sind der Herr und immer willkommen.« Dann
deckte er den Tisch, trug einige kalte Speisen und etwas Wein auf, und wünschte
gute Nacht.
    Der Alte mit seiner Ruhe und seinem Barte schickte sich recht zu dem Ganzen
und hatte mich sehr gerührt. Godwi sagte mir, dass seine Pächter aus einer
Mennoniten-Familie beständen, die so lange auf dem Gute sei, als sie existiere,
und dass dies nun der dritte Grossvater sei, der hier lebe.
    Wir setzten uns nun zu Tische, Haber war eingeschlafen; ich klimperte mit
den Gläsern, um ihn zu erwecken, aber sein Erwachen war nicht hinlänglich, ihn
zum Essen zu bringen, denn er war körperlich und geistig eingeschlafen; er hatte
nämlich in einer Lage auf dem Sopha gelegen, dass mehrere Glieder seines Leibes
seinem Hauptschlafe ungetreu auf ihre eigene Hand eingeschlafen waren. Wir assen
und tranken dann munter miteinander.
    Das Mahl war vorüber, nur die Gläser waren noch ergiebig, und der Wein
bringt in jede Stimmung, in der er mich antrifft, noch eine mutwillige
phantastische Stimmung. Ich muss mich dann äussern, und empfinde etwas ganz
wunderbar Frevlendes, Gewagtes in meinem Herzen; alles wird mir unter den Händen
lebendig; was mein Leben Schmerzliches und Freudiges, Banges und Religiöses
umfasst, reiht sich an meine Worte, und zieht in einem wilden bacchantischen Zuge
von meinen Lippen.
    In solchen Momenten verliere ich mich in meiner Rede, die mit sich selbst zu
witzeln anfängt; eine Grundempfindung, Sehnsucht, unerkannte Liebe oder Druck in
der Kindheit bleiben herrschend, alles andere wird zum frechen Witze, in dem
eben diese Hauptempfindungen, die ich allein in einem bangen Drucke in der Brust
fühle, mutwillig hin und her schwanken.
    Diese Empfindung fühlte ich sich bei mir nahen, eine tiefe Rührung geht
allezeit vorher. Es ist mir, als sollte ich bald mein ganzes Leben wie eine
Braut umarmen, ich sei nun allem gewachsen, was mich einzeln erdrückte; ich
fordere dann alle die Gestalten auf, stosse sie kalt von mir, oder reisse sie mit
einer wilden Buhlerei in mich.
 
                              Vierzehntes Kapitel
»Warum so still,« sagte ich höhnisch zu Haber, »fürchten Sie sich vor
Gespenstern?«
    »Nein, aber das ganze Leben hatte heute etwas Schauerliches für mich.«
    »Hatt' es? - mich rührt so etwas nur oberflächlich, und als der alte Anton
zu sprechen anfing, ärgerte es mich, dass er kein Gespenst gewesen war - hören
Sie, wie die Fahnen am Dache wehen - - o! das geht ewig so und nimmt kein Ende -
und wie es dunkel ist - man möchte ersaufen in eigenen dummen Gedanken - in der
Welt geschieht nichts - es ist der Tod draussen, und wir sind gezwungen, unsre
abgetragenen Erinnerungen zu zerzerren, bis sie wie lumpichte Geister vor uns
treten - sehen Sie, dort steht mein Vater, und dort meine Mutter, und dort meine
Schwester - wie sie mit den Fingern auf mich zeigen - wie der Alte den Kopf
schüttelt - o und du arme Mutter, du schöne Mutter - die Hände abgerungen -
durch den weissen duftigen Busen blutet das warme rote Herz Liebe heraus zu mir -
die Schwester sieht so witzig aus, und so arm mit ihrem liebesuchenden keuschen
Leibe - ha! seid mir willkommen - das Leben ist ein geschwätziges breites Wesen,
von dem man nicht weiss, wie es im Herzen aussieht.«
    Haber sah starr in den Winkel, Godwi sah mich verwundert an, meine Worte
trugen mich fort, ich fühlte die kalte Glut in meinem Gesichte und sprach mit
Tränen:
    »Aber das dauert nicht lange, am Ende wird immer was Bessres daraus, das
Vorige war matt - sehen Sie, unter diese war mein Leben geteilt, sie kommen und
rinnen zusammen, so rann auch mein Leben zusammen, und da steht nun das Weib,
dem ich es in die Arme legte, da steht es wie die schöne Sünde - aber sie hat
mir es vor die Füsse geworfen - o Sie können es in Ihren Garten pflanzen in den
fettesten Boden, es schlägt nie wieder aus - es ist verbrannt, in der Liebe
verbrannt - ha und noch ein Mensch - sagt nicht, er sei schwach - was ist er
schwach? er ist sein Hallunke und sein Henker zugleich, und henkt sich nicht
selbst, weil er seines Henkers Hallunke bleiben muss, und seines Hallunken Henker
nicht werden will.«
    Haber sprang hier wild auf und sagte: »Hören Sie auf, ins Teufelsnamen.«
    »Ha! ha! ha!« lachte ich ganz heiter, »sind Sie so erschrocken; nun, ich
will Ihnen was erzählen -«
    Godwi bat mich, nicht so heftig zu sein. »Obschon ich Sie verstehe,« sagte
er, »so ist die Wirkung davon doch weder gut für Sie noch mich.«
    »Ich will Ihnen ein Lied singen, das hierher gehört, nur muss ich zuerst
erzählen, wo ich es zuerst sang.
    Ich ward in meinem sechsten Jahre von Hause entfernt, und von meiner Mutter,
die es gut meinte, zu einer Anverwandten in die Kost getan, wo sich meine
Schwester schon früher befand.
    Bei dieser Frau lebte ich, Gott möge es sich selbst verzeihen, ein recht
elendes Leben. Ihr Mann war ein ausschweifender Mensch, und sie ein
eingebildetes, eigensinniges Geschöpf, eine von jenen Weibern, welche
Hochteutsch-Sprechen für moralisch halten. Wir sahen sie nur morgens, mittags
und abends zu unserm Schrecken. Denn morgens kam sie mit eiskaltem Wasser,
stellte uns nackt vor sich, und liess es uns aus einem Schwamme über den Rücken
laufen. Ich habe sie nie lachen sehen, als wenn ich ihr die eiskalten
Wasser-Gesichter schnitt; ob es übrigens gesund war, weiss ich nicht, nur weiss
ich, dass ich abends immer grossen Hunger hatte, und dass mein erster Witz war,
Morgenstund hat kalt Wasser im Mund. Mittags assen wir unter den Aufmunterungen:
Halte dich grad, die Hände auf den Tisch, hänge den Kopf nicht so, wie du wieder
den Löffel nimmst! etc. Nach Tisch musste ich dem Lieblingshunde, der die
Originalität besass, Nüsse zu fressen, zehn Nüsse schälen, dafür bekam ich eine,
die ich mit meiner Schwester teilen durfte; nun band man mir und meiner
Schwester, die in eine Schnürbrust gezwängt war, die Ellenbogen hinten zusammen,
und so mussten wir Rücken an Rücken gebunden, um unserer Muhme zum Nachtische
einen Spass zu machen, auswärts stehen, bis wir umfielen; dann wurde auch
gelacht. Den übrigen Tag waren wir bei dem Gesinde oder einem Lehrmeister, der
uns, während er dem Kanarienvogel des Bedienten die Augen mit einem glühenden
Drahte blendete, und seine Stiefel wichste, die Hauptstädte von Europa auswendig
lernen liess und, wenn wir sie ihm zu früh wussten, uns strafte.
    Vor die Haustür kam ich nie, und sah oft meine Schwester neidisch an, wenn
sie die Magd von den Fräuleins zurückbrachte, zu denen sie in Gesellschaft ging.
Die Muhme hielt mich so im Respekt, dass wenn sie mir abends die Hand nicht zu
küssen gab, ich nachts im Bette weinte, und meiner Schwester keinen Schlaf
gönnte, mit dem Ausrufe, dass ich ein Verbrecher sei.
    Hinten am Hause war ein kleiner Garten, an dem ein grosser Saal war, der voll
Ölgemälde hing. Eines, welches das grösste war, stellte das Urteil Salomons über
die zwei Kinder der Buhlerinnen vor, grade wie der Kriegsknecht das lebendige
Kind am Beine hält, und es entzweihauen will; das andere Kind lag tot und blau
an der Erde; die rechte Mutter reckte ihm die Hände in die Höhe, die falsche sass
ruhig am Boden und sah zu; der Kriegsknecht hatte einen recht blutroten Mantel
an, und das ganze Bild war in Lebensgrösse und mit grellen Farben gemalt. In
diesem Saale war ich meistens, wenn ich allein war, und nährte meine kindische
Phantasie an dem Bilde.
    Da ich einmal von meiner Beherrscherin unschuldig viel böse Worte gelitten
hatte, wurde ich weinend zu Bette geschickt; meine Schwester war noch zu
Besuche; ich konnte nicht im Bette bleiben, und schlich herunter in den
Gartensaal, um dort, wie ich oft tat, vor einem kleinen Jesusbilde zu beten, dass
er mich bessern möge, denn ich wusste nicht, was ich begangen hatte, und hielt
mich doch für einen Verbrecher.
    Als ich in den Saal trat, überfiel mich eine grosse Angst; es waren keine
Scheiben in den Fenstern, und Weinlaub über sie gezogen. Der Mond schien herein,
und alle die vielen Ölgemälde schienen zu leben durch das Licht, das sich durch
das Schwanken des Weinlaubs über sie bewegte.
    Ich sank in die Knie, es war kalt, und ich war im Hemde; o! wie war ich so
unglücklich, ich betete laut, und fürchtete mich vor dem Schall meiner Worte.
    O lieber, lieber Gott, sage mir doch, was habe ich getan -
    Da trat meine Schwester herein; sie war zwei Jahre älter als ich, und ging
schon allein zu Bette; sie hatte mich gehört, und sagte zu mir:
    Ei du! was machst du da?
    Ich umklammerte sie heftig, aber sie verstand mich nicht, da führte ich sie
vor das Salomonsbild, und sagte zitternd:
    Sieh, der auf dem Trone, das ist der liebe Gott; die Frau, die die Hände
ausreckt, das ist unsre Mutter; die da so sitzt und ruhig ist, das ist die
Muhme, und der Mann, der das Kind zerhaut, ist auch die Muhme, und das Kind bin
ich, und das tote Kind, ach das bist du -
    Sie zog mich mit sich die Treppe hinauf, und brachte mich zu Bette. Sie
erzählte mir vieles von den Fräulein, die sie besucht hatte, um mich zu trösten,
aber ich weinte immerfort. Da stieg die liebe Schwester aus dem Bette auf, und
setzte sich zu mir ins Bett, das am Fenster stand, wir umarmten uns, und sahen
in den hellen Himmel; dann sagte meine Schwester: Wir wollen das Lied singen von
dem Kinde, dessen Grossmutter eine Hexe war, und das Kind vergiftete.
    Wir sangen dies Lied immer, wenn es uns recht traurig war; meine Schwester
sang die Worte der Mutter, welche das Kind fragt, und ich sang weinend die Worte
des Kindes; in dem Liede lag uns Trost, wir trösteten uns mit der Liebe der
Mutter und des Kindes Tod.
Mutter:
Maria, wo bist du zur Stube gewesen?
Maria, mein einziges Kind!
Kind:
Ich bin bei meiner Grossmutter gewesen.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!
Mutter:
Was hat sie dir dann zu essen gegeben?
Maria, mein einziges Kind!
Kind:
Sie hat mir gebackene Fischlein gegeben.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!
Mutter:
Wo hat sie dir dann das Fischlein gefangen?
Maria, mein einziges Kind!
Kind:
Sie hat es in ihrem Krautgärtlein gefangen.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!
Mutter:
Womit hat sie denn das Fischlein gefangen?
Maria, mein einziges Kind!
Kind:
Sie hat es mit Stecken und Ruten gefangen.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!
Mutter:
Wo ist denn das Übrige vom Fischlein hinkommen?
Maria, mein einziges Kind!
Kind:
Sie hats ihrem schwarzbraunen Hündlein gegeben.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!
Mutter:
Wo ist denn das schwarzbraune Hündlein hinkommen?
Maria, mein einziges Kind!
Kind:
Es ist in tausend Stücke zersprungen.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!
Mutter:
Maria, wo soll ich dein Bettlein hinmachen?
Maria, mein einziges Kind!
Kind:
Du sollst mirs auf den Kirchhof machen.
Ach weh! Frau Mutter, wie weh!«
»Schrecklich, schrecklich!« sagte Haber.
    Ich fing aber lustig an Ça ira zu singen, weil ich selbst weinte, und mir im
Ça ira von jeher alle Adern freudig schwollen, denn ich liebe solche heftige
Übergänge.
    Haber wurde ganz wütend, und schrie, ich müsste der grösste Teufel sein.
    »Nein,« sagte ich, »lieber Haber, sehen Sie dort an der Türe die alte
Grossmutter stehen, mit der Giftschale in der Hand, wie ihr die Augen aus der
Pelzmütze herausstieren; und dort sehen Sie die Mutter, die weinend im Stuhle
sitzt, und der kleinen Maria, die vor ihr steht, und sie liebkoset mit wehe! ach
wehe! Frau Mutter; wie sie dem einzigen Kinde das weisse Totenhemdlein anzieht;
und hier sitze ich mit meiner Schwester« - ich setzte mich auf die Erde, und
nahm ein Küssen in die Arme - »ach meine liebe Schwester, wie geht es mir so
traurig« - hier sprang ich auf, es riss mich wie mit den Haaren in die Höhe - es
war mir als hielt ich sie lebendig in den Armen, und ach! sie ist doch tot.
    Godwi sagte: »Sie übertreiben es«; ich lachte, und ging munter zu Bette.
    Haber fürchtete sich vor mir, er musste mit mir in derselben Stube schlafen
und ich ihm vorher feierlich beteuern, keine Nacht keine solche Streiche mehr zu
machen.
    Aber fröhlich war ich doch wohl nicht -
 
                              Fünfzehntes Kapitel
Haber stellte im Bette noch viele Betrachtungen an, und versicherte mich seiner
Freundschaft; dann sagte er:
    »Obschon ich noch nicht ganz von der Idee kommen kann, Sie für etwas böse zu
halten, so halte ich Sie doch nicht mehr für platt. Sie haben ohnstreitig eine
gewisse Macht über die Gemüter, doch sollten Sie sich mehr applizieren, und
nicht so vom Beispiele hinreissen lassen.«
    »Ich danke Ihnen, und bin eben im Begriffe, mich zu applizieren, nämlich
abzuschlafen; das Beispiel tut bei mir, wie Sie sagten, leider alles, also
schlafen Sie wohl.«
    Ich versuchte hin und her, und Haber schnarchte schon; aber sein Beispiel,
so stark es auch war, nützte nichts, und er hatte Unrecht; ich kam immer auf den
Gedanken, ich müsse mich erst auf die Applikation applizieren, und so kam ich
nicht zum Schlafe. Es war eine helle Nacht, und nicht sehr kühl, meine gereizte
Stimmung ward mir nun selbst zur Betrachtung; alles was sie abends so kaudisch
umfasste, beschäftigte mich nun einzeln. Ich fühlte, dass ich auch mehr genossen
als andere, und gab mich zufrieden über die Leiden. In solchen Gedanken
schlummerte ich ein, und erwachte dann wieder.
    Ich bemerkte Lichtstrahlen, die durch den Fensterladen fielen, und kleidete
mich deswegen an, machte das Fenster auf, aber es war Mondschein und um drei
Uhr.
    Meine Aussicht war sehr reizend, das Fenster ging in den Garten, eine
gebildete Wildnis, und mitten unter den träumenden grünen Bäumen stieg eine hohe
weisse Marmorgruppe zum Himmel. Ich erkannte bald, es müsse Violettens Denkmal
sein, denn ich bemerkte über dem Ganzen einen gehobenen Arm mit einer Lyra.
    Der Mond stand hinter der Lyra, und es war mir, als ströme ein mildes
leuchtendes Lied durch ihre Saiten. Ich stand, und suchte neugierig das Bild in
der Dunkelheit zu enträtseln, aber es war zu unbestimmt, es war mir wie ein
Wort, das man fühlt, und nicht sagen kann.
    Meine durch das Wachen überreizte Augen wurden durch das stete forschende
Blicken auf das mondglänzende Bild noch unbestimmender, und bald schien mir der
ganze Garten durcheinander zu wallen.
    Ich lehnte, am Fenster sitzend, den Kopf auf den Arm, blickte mit sinkenden
Augen hinaus, und der Eindruck der Aussicht verlor bald so sehr die Gewissheit
einer Aussicht, dass ich nichts mehr vom Garten, noch von mir wusste, und es war
mir, als wäre ich das alles zugleich und läge in einem gelinden Traume.
    Da der Mond aber etwas gesunken war, und tief unter der Lyra stand, sah ich
schöne runde, glänzende Hüften und zierliche Füsse und sinkendes Gewand. Ich sah
mit vieler Liebe nach den kernichten Hüften, und den netten feinen Füssen, und
ärgerte mich mit vieler Aufrichtigkeit, dass ich den Busen nicht sehen konnte.
Der Arm mit der Lyra lockte mich nicht, denn eine Leiergestalt ist sehr tonlos;
aber solche weibliche, sanft und fest gewundene Formen können mir alle Saiten im
Busen erklingen machen.
    Ich ärgerte mich über den gehobenen Arm mit seiner Leier, und sagte im
gierigen Unmute meiner Lust:
    »Der kalte Genius, da hängt das göttliche nackte Leben an ihm, und er hebt
die Leier stets gen Himmel; ha, wie wollte ich sie an die Erde werfen - da liege
du alte Leier! - und das Weib wollte ich heraufziehen mit liebender Wut; in die
Arme wollte ich sie nehmen wie ein Kind; der Mond sollte trunken durch die
niederfliessenden Locken blicken, als sei er freigegeben; stand er doch hinter
den Saiten der Lyra, wie hinter einem Kerkerfenster; und opfern wollte ich sie
emporgehoben, wie der Priester opfert; die ganze Natur würde niederknieen und
ans Herz schlagen, wie das Volk, und hätte sie gesprochen, wie der Göttliche
sprach - Nimm hin, das ist mein Leib - o wie sollte sie unter meinen glühenden
Küssen in mich selbst zerrinnen, und ich in sie.«
    Ich konnte nun nicht mehr länger auf der Stube bleiben, der ganze Garten
schien mir wie lebendig und in wunderlichen fantastischen Wesen der Nacht
begriffen.
    Es war mir, als sähe ich auf den Markusplatz in Venedig in der Karneval,
alles strömte durcheinander, und die einzelnen Farben, die unter verschiedenen
Gestalten immer wiederkamen, flossen zusammen; Schatten und Licht rannen in
spielender Beweglichkeit durcheinander, und kaum verfolgte ich eine Gestalt, so
war sie zu hundert andern geworden. Oben über allem hervorragend, wie die
künstlich gewundenen Strahlen eines ungeheueren Springbrunnens, wie wundersam
spielende Flammen eines weissen reinen Feuers zum Himmel, drang das Bild
Violettens zum Himmel über alle das dunkle Gewirre empor, die Apoteose eines
verlornen Kindes, die wohl auch einstens da unten mit Schmerz im Herzen, und
wilder Lust in den Gliedern, herumwandelte, aus der verwirreten Freude die
Grundlage aller Freude in einem Einzelnen zu entwirren - um zu leben - das ist
schrecklich, und ich musste nun hinunter, den armen Kindern Trost zuzusprechen,
die vielleicht noch da wandelten.
    Ich stieg das Fenster hinab an dem Rebengeländer, welches die Mauer
bekleidete, aber unten verliert sich alle der Reiz, der nur bei der Ansicht von
oben herab mit von oben herabkömmt. Nun stand ich zwischen den Bäumen, die sich
bewegt hatten, da ich nur ihre Gipfel sah; sie wurzelten fest im Boden, alles
war wieder von mir getrennt, und ich war allein und einsam.
    Ich setzte mich auf die Stufen des Bildes und war ruhig.
 
                              Sechzehntes Kapitel
Ich mochte das Bild nicht ansehen - warum? das weiss ich nicht, vielleicht des
Inhalts wegen - und dachte:
    Was soll diese liebliche traurige Verirrung auf Erden, was hat so eine arme
Violette getan? Warum sind die Dichter verstossen von der Gesellschaft? bis sie
die Gesellschaft mit ihrem Gesange zwingen, sie zu ernähren - warum sind die
Dichterinnen mit dem Leibe verstossen? bis sie Aspasien werden. - Da singt so ein
armes Völkchen, weil es nur sein bisschen Kehle hat und von allem andern weniger
- da liebt so ein armes Völkchen, weil sein Leib mächtiger ist als die Moral, -
ist denn keine Welt für die armen Mädchen da, die lebendiger sind als die
Pflicht, was haben die Kinder getan, und wer will das Fleisch strafen, dass es in
üppigem Leben den engen Rock des Staates zersprengt, und hervortritt natürlich
an die Sonne und die Liebe.
    Wo ich so ein armes Kind sehe, treten mir die Tränen in die Augen, und ich
fluche, dass nicht Platz genug ist in der Ehre für das Leben.
    O nennt sie nicht unverschämt, die nicht zugegen waren, als die
Erbärmlichkeit siegte, und den Tron bestieg in Purpur der Scham. Sie sind nicht
grösser als die Scham, aber die Scham ist viel zu klein für sie.
    Ich dachte mit einiger Bosheit an die Ehe, die nur in die Breite geht, und
sich so breitmacht, die Fläche des Staates zu begründen, dass alles, was die
Liebe nur in der Eile empfindet, und nicht in der Weile, in die Höhe muss, weil
leider im Staate die Höhe allein noch nicht bevölkert ist.
    Die Ehe kam mir vor wie eine unendliche Fläche mit dem tiefsten Hass gegen
alles Streben in die Höhe. Und der Stand der freien Weiber kam mir vor wie eine
senkrechte Linie zum Himmel, die nirgends fest stehen kann, weil die Ehe keine
Höhe duldet.
    Die arme senkrechte Linie muss daher immer tanzen, wie einer, dem der
Fussboden glühend gemacht wird, und kaum richtet sie sich in die Höhe, so muss sie
fallen. Zum rechten Winkel bringt sie es selten - immer findet man sie in
kleinen schiefen Winkeln und immer zum Fallen bereitet.
    Das Elend der Kinder war mir nun deutlich, wie ihre Freude, sie müssen stets
an den brennenden Boden fallen, und ihre kleine Freude liegt in ihrer
Bestimmung, aufrecht in den Himmel zu dringen, und man soll ihnen nicht länger
Vorwürfe machen, dass sie sich unterstützen lassen, in die Höhe zu kommen, die
ihr Element ist, da die Ehe den ganzen Boden gemietet hat, für ihr monopolisches
Einerlei.
    O wäre eine Fläche auf der Erde, wo die Liebe nicht zünftig wäre, und läge
sie hinter der bürgerlichen Welt und ihren Gewässern, und wären alle die
verlornen Kinder dort, könnte ich sie dann nicht abbilden in ihren verschiedenen
Graden von Streben nach dem Himmel, wie die Strahlen einer aufgehenden Sonne -
[nach] langer Nacht.
    Und die kalte Zone der Ehe würde erwärmt werden, und erleuchtet - wir werden
gesund sein, wenn wir unsere Organisation nicht mehr fühlen, wir werden einen
Staat haben, wenn sich die Gesetze selbst aufheben, wir werden eine Liebe haben,
wenn wir keine Ehe mehr kennen. Bis dahin seien die Tiere des Waldes gepriesen,
wegen ihrer Gesundheit, bis dahin seien die Freiheitsschmerzen edler Seelen
geehret, bis dahin dulde man mein Bild der aufgehenden Sonne für die verlornen
Mädchen.
    Denn ich will ewig glauben, dass sich die Liebe in sie geflüchtet hat, in
dieser Zeit der Ehe, wie alles Gute sich in die Poesie flüchtete zur Zeit der
Barbarei, und sie stehen jetzt noch da, wie einst die romantische Poesie
dastand.
    So hatte ich gedacht, auf den Marmorstufen sitzend, den Kopf mit
geschlossenen Augen in die Hand gelehnt.
    Ich fühlte den kühlen Tau auf meinen Händen, stand auf und öffnete die
Augen. Der Mond zerschmolz in das Licht des Morgens, und es war mir, da ich in
die freudige Welt hineinblickte, als lächelte sie meiner Träume, und ich wäre
aufgestanden wie eine Blume, die in dem Bach ihr Bild nur sieht, und tiefer den
Himmel. Als ich auf die andere Seite des Bildes trat, lag die Röte des Morgens
am Himmel.
    Der Erde gehört dies Rot und nicht der Sonne. Bald drangen die ersten
Strahlen meiner siegenden Kolonie zum Himmel, und küssten alle Tränen des Taues
von der Erde; sind doch Tränen ihr einziges eignes Gedeihen!
    Ich wendete mich nun zum Bilde, und es schien zu leben; das rote Licht
strahlte dem Genius um Haupt und Herz, goss Leben und Blut durch das Ganze, und
spielte dem nackten Mädchen um den Busen und den geheimnisreichen Schoss. Die
Sonne wollte schneller in die Höhe, und jeder Strahl wollte das Denkmal der
Schwester dem schamroten Lichte der Erde entreissen.
    Vor mir war das Bild gleichsam geboren. Ich sah es in der Nacht wie in Liebe
und Traum, im Mondlichte wie mit dem Begehren, erschaffen zu werden, in des
Morgens Dämmerung wie in der Ahndung des Künstlers, mehr und mehr in den Begriff
tretend, und ich stand vor ihm und sah, wie es hervordrang mehr und mehr in die
Wirklichkeit, und endlich zum vollendeten Werke ward im Glanz der Sonne,
getrennt von dem Schöpfer, der nur ein Gebärer ist, für sich selbst, mit allen
Rechten seiner Gattung.
    Als es so vor mir stand, wie aus der Finsternis erstiegen, wie erblühet,
gestaltet und frei, drang es heftig auf mich ein, und forderte von mir, was es
war; es begehrte mit Gewalt, dass ich es erkenne, und ich fühlte mit Freude in
meiner Brust, dass ich es erkannte, und dass es und ich in der Dunkelheit sein
Begehren war, und dass sein Erlangen mit dem Lichte kam, in mir und in ihm.
    Anfangs hatte ich nur den Totaleindruck seiner Eigentümlichkeit und so rein,
als seine Vortrefflichkeit ihn geben musste - Wollust, Jugend, Freiheit, Liebe
und Poesie im Siege des Wahnsinns den Göttern geopfert. Da ich aber von seinem
Ausdruck durchdrungen war, da ich es in mich aufgenommen hatte mit seinem
Willen, da ich es liebte, forschte ich nun freundlich nach seiner Entstehung -
wie ist dir? hatte ich zuerst gefragt; nun fragte ich: wie war dir, und wie ist
dir so geworden? und es war, als sagte es:
    Begreife die Bilder an den Seiten des schweren Würfels, von dem ich zum
Himmel schwebe, und du wirst mein Leben erkennen, das ein schwerer Würfel war -
doch musste ich mit ihm um Glück spielen, bis der Gott das Glück fesselte. Ich
selbst von der obern Seite des Würfels schwebend bin der Gewinnst. Die Liebe
führt den spielenden Wahn zu den Göttern. Die untere Seite des Würfels ist meine
Geburt; der Würfel war falsch, diese Seite musste die Eins entalten, aber sie
entält eine falsche Drei, ach! und nur so konnte der Würfel stehen, dass mein
Sieg oben wohne.
    Ich betrachtete die Reliefs der vier Seiten des Piedestals welche
allegorisch Violettens Geschichte entielten.
    Das erste, wie sich das Kind zum Genusse entscheidet.
    Das zweite, wie sich ihr die Jungfräulichkeit nicht anpassen will.
    Das dritte, wie sie der Genuss besiegt, ihr den Gürtel löset und von dem
Schosse um die Augen legt.
    Das vierte, wie die Liebe sie besiegt, und sie in der Umarmung ihres Genius
die Poesie nur noch im Wahnsinne erringt.
    Die Gruppe auf dem Würfel aber, ihre Apoteose selbst, ihr Tod im Wahnsinne.
    Über ihr schwebte der Genius, an seine Brust drängt sich der fliegende
Schwan, in der einen Hand hebt er die Lyra empor, und schauet selbst zu dem
Himmel. Das Mädchen steigt nackt, halb ringend, halb schwebend und mit Schwere
kämpfend, aus dem Gewande, das in schönen grossen Falten auf den Würfel sinkt.
Ihr Kopf ist auf den Busen sinkend und tot; der Genius hat die eine Hand in ihre
Locken geschlungen, um sie heraufzuziehen; das Mädchen umklammert mit der
Rechten seine Hüfte mit Liebe und Arbeit, und hebt die Linke matt und welk nach
der Lyra, was man an den willenlos sinkenden Fingern dieser Hand erkennt. Die
beiden Vorderseiten der Figuren sind aneinander gelehnt, so dass man von jeder
Seite eine Figur ganz und eine halb sieht. Des Mädchens Brust ruht an dem
Schwane, der die Mitte des Bildes erfüllt, und die beiden Figuren verbindet. Von
der Seite des Genius sieht man den Unterleib Violettens, um den sich das Gewand
noch gierig anschmiegt; ihren Busen und den schmerzlich liebenden Zug ihres
Gesichts, den der Tod nicht ganz besiegt und der Wahnsinn wie ein letzter
heftiger Reiz noch einmal ins Leben zu wecken scheint, sieht man von der einen
Seite genug, damit das Bild seinem Sinne genüge; denn der ganze schöne Leib
Violettens ist durch den einen schwebenden Fuss und den Zug der Hand des Genius
in ihren Haaren auf ihrem andern, schwer an die Erde gebannten Fusse gewendet.
Überhaupt ist es fein von dem Bildhauer gedacht, dass er die ganze Seite des
Mädchens, mit deren Arm sie den Genius umklammert, sinkend und schwer gebildet
und sie zum Anlehnen der Verbindung gebraucht hat, so wie er die andere, mit
deren Hand sie nach der Lyra strebt, und deren Fuss sie hebt, ganz frei und in
gelindem Schweben hielt. Von dieser Seite ist das Bild anzusehen. In der Mitte
des Bildes, wo sich die Hand in die Locken windet, stirbt seine Wollust und
Liebe, die mit dem Mädchen heraufdrang und löst sich sein Stolz und seine
Hoheit, die vom Haupte des schwebenden Genius niederwallet, und erschliesst sich
gleichsam eine Wunde, die dem ganzen Einheit gibt, und in der sich beide schön
durchdringen, und schön ist es, wie der Schwan sich an diese Wunde schmiegt, und
den Schmerz des Anblicks lindert. Wenn ich sagen wollte, wo man das Bild im
Leben fände, so würde ich sagen:
    Gehst du in liebeheischenden Frühlingstagen abends durch wunderbare
kunstreiche Gärten, und suchst Liebe in der Dämmerung traulicher Lauben, und
trittst du in eine, wo ein Weib so ganz ergeben in Schlaf oder Lust auf weichem
Moose ruht, und trittst du hin, bebend in kühnem Rausche und banger
Unerfahrenheit, stehst zitternd vor ihr; sie erwacht nicht; ein dünnes,
formensaugendes Gewand bedeckt sie; der Busen hebt es nicht, und blickt durch
das Gewand, wie deine eigene Lust durch deine bange Unerfahrenheit; du wendest
deine Augen hin zum Haupte, und glaubst das Bild der Würde selbst zu sehen; dein
Entschluss wankt, du sinkest nieder, küssest die schöne Hand, die auf der linken
Brust gelinde zu ruhen scheint, und fühlest im Kuss der Hand des Busens
ergebenden Widerstand, und wenn sich dann in allen deinen Gliedern das Leben
regt, und alle Natur ein Bündnis schliesst in deines Herzens Mitte gegen die
Tyrannei der Furcht, der Sitte, und der Unerfahrenheit, und wenn du dann mit
kühner Hand das Tuch, das dich so von der Liebe trennen will, verachtend,
schüchtern, doch gelinde von den Füssen aufwärtsziehst, und immer höher in
Seligkeit die lustbetränten Augen gleiten, und wenn das geschürzte Gewand das
würdevolle Haupt schon längst bedeckt, den Busen du befreien willst, um
hinzugehn in aller Freiheit in die Lust, wenn dann die schöne holde Brust - - -
- - mit einer offenen Wunde blutgen Lippen zu dir spricht, was dir des Hauptes
Würde nicht, und nicht des Schosses heimliches Vertrauen sagte, wenn alle deine
Lust in diese Wunde wie in ihr Grab dann sinkt, und hülfesuchend das Gewand du
von dem ganzen schönen Leibe niederziehst, und von der schmerzenvollen Wunde
aufwärtsblickst, hin nach dem Haupte, Gebet zu holen, und nieder über des süssen
Leibes Zaubereien, mit dem Traume der irdischen Wonne deinen Schmerz zu lindern,
wie in der Erinnerung des schönen Lebens die Trauer um den Tod sich mildert, und
wenn du ewig zu der Wunde wieder hin musst, bis endlich alles das in ihr
zusammenrinnt, und Lust und Schmerz und Hoheit aus der Wunde blühen - so hast du
voll des Bildes Eindruck, so stehst du vor dem Denkmal Violettens, und wendest
du dich, und trittst ins enge dunkle Haus zu jenen Menschen, die du die Deinigen
zu nennen pflegst, so fühlst du, was du dich vom Bilde wendend fühlest.
 
                              Siebzehntes Kapitel
                               Violettens Denkmal
                 Die vier Reliefs des Würfels und die Apoteose
                                 Erstes Relief
Ein kleines Mädchen sitzet in der Mitte,
Die Arme schalkhaft über sich gerungen,
Hält sie ein junger Faun mit Lust umschlungen,
Sie sträubt sich ihm, der ihr mit wilder Sitte
Ein Tambourin mit Früchten reicht, die Bitte
Ist in des Mädchens Kuss ihm schon gelungen,
Doch nur die milde Frucht hat sie bezwungen,
Dass sie von ihm den wilden Kuss erlitte.
Denn von ihr abgewandt, die jungen Schmerzen
In Tönen lösend, singt ihr Genius,
Die Rechte in der Lyra, was im Herzen
Die Linke fühlt, es neiget von dem Kuss
Sich ihm des Mädchens Aug, voll schlauen Scherzen,
Sie hört sein Lied, doch sieget der Genuss.
                                 Zweites Relief
Die Jungfrau steht, vor ihr ein Weib und zwinget
Die Freie, sich dem Gürtel zu bequemen;
Ihr, die sich schämt, der Nackteit sich zu schämen,
Des Genius Arm die Füsse hold umschlinget.
Indes dem Weib die Gürtung schon gelinget,
Scheint Neugier nur die Jungfrau zu bezähmen,
Sie sieht den Schwan vom Genius Speise nehmen,
Und hebt das Tambourin, das dumpf erklinget,
Hoch mit der Rechten, und mit scheuem Beben
Forscht ihre Linke, was im Spielwerk rauschet,
Und fühlet zarte Flügel kleiner Tauben;
Der Faun, der über ihr auf Felsen lauschet,
Beugt sich herab, die Tauben hinzugeben,
So konnte Lust ihr nur die Wildheit rauben.
                                 Drittes Relief
Im Himmel irrt ihr Blick, und an der Erde
Ringt sie in wilder Blösse hingegeben.
In Lust ersterbend, voll von heissem Leben,
Übt sie, gereizt, so reizende Gebärde.
Auf dass ihm währe, was sie sich gewährte,
Legt schlau der Faun ihr, der in Lustgeweben
Nun gürtellos die freudgen Hüften schweben,
Den Gürtel um das Aug, wie Lust ihn lehrte.
In süssem Schmerz will sie die Arme ringen,
Und schlägt das Tambourin in wilden Lüsten,
Die Tauben buhlen auf den holden Brüsten,
Es bebt der Schwan in seines Todes Singen,
Es bricht in seines Liedes Lieb und Leiden
Der Genius der Lyra goldne Saiten.
                                 Viertes Relief
Der Genius hält siegend sie umwunden,
Aus seiner Lippen liebevollen Hauchen
Trinkt Lieben sie, im Strahle seiner Augen
Trinkt sie den Tod in lusterschlossne Wunden.
Sie stirbt im Licht; die Binde losgebunden,
Muss sie in ewge Blindheit untertauchen,
Da ihre Küsse heilges Leben saugen,
Im Wahnsinn muss der Sinne Wahn gesunden.
Das Haupt verhüllt in loser Locken Fluten,
Streckt sie die Hand, die Lyra zu erlangen,
Die hoch erhebt, der Schwan reckt seine Schwingen,
Das Tambourin, in dem die Tauben ruhten,
Zertritt sein Fuss, den Faun sieht man gefangen
In jenem Gürtel an der Erde ringen.
 
                                 Die Apoteose
                                    Canzone
                                     Gebet
Es ruht ein holdes Bild vor meinen Blicken
So kühn und mild verschlungen,
Wie Lieb und Lied, wie Kuss und Tod verwebet,
In Sehnsucht strebt es auf, weilt mit Entzücken,
Von Wollust ganz durchdrungen,
Des Bildes innres Heiligtum erbebet,
Still zu den Göttern schwebet.
Ich kniee an des Bildes Marmorstufen,
All meine Sinne rufen:
Gieb Liebe mir und Lied in Tod und Leben,
Lass mich mit dir zum stillen Himmel schweben!
                                   Das Gewand
Die Jungfrau steigt von nackter Lust umflossen
Aus des Gewandes Falten,
Die halb in schöner Ungestalt herabgelassen,
Halb gierig noch, so buhlerisch ergossen,
Die üppigen Gestalten
Der Hüften ihr verräterisch umfassen,
Den holden Leib nicht lassen.
So zarte Hülle kann nur Dämmrung weben,
Will Phoebus sich erheben.
So küsst das Meer des Gottes goldne Füsse,
Und fern noch glimmt die Glut der goldnen Küsse.
                                    Violette
Ein schweres Leid strömt durch die holden Glieder,
Die Schwere kämpft mit Schweben,
Die Hüften ringen himmelan zu dringen,
Der Kopf sinkt sterbend auf den Busen nieder;
Um schneller sich zu heben,
Muss sie die Rechte um den Genius schlingen.
Hoch auf des Schwanes Schwingen
Schwebt er, zur Lyra ihre Rechte strebet,
Die seine Linke hebet,
Und mächtig hebt er sie mit seiner Rechten,
Verschlungen in der losen Locken Flechten.
                                   Der Genius
Er, der am Boden freundlich nur geschienen,
Voll Huld und milder Treue,
Schwebt ernst empor in göttlichen Gedanken,
Des Sieges Feier strahlt von seinen Mienen,
Er lässt in stiller Weihe
Sich von des armen Kindes Arm den schlanken
Geschwungnen Leib umranken,
Ihn hebt der Schwan, und um sie nicht zu lassen,
Muss er ihr Hauptaar fassen.
Des hohen Werkes heilgen Schmerz entzündet
Die Hand, die er in ihre Locken windet.
                                   Das Ganze
Das ganze Bild, in Einigkeit verbunden,
Gleicht rührendem Gesange,
Wie heilige Gebete aufwärts dringen.
Im Herzen glühen ihm so tiefe Wunden;
Mit schmerzenvollem Drange
Muss es nach Lieb und süssen Tönen ringen,
Zu Ruhe sich zu schwingen.
So hebt es sich, so strebt es nach der Leier,
So schwebt in hoher Feier
Der Gott empor und in des Bildes Herzen
Schmiegt sich der Schwan und reiniget die Schmerzen.
O harre, hebe mich empor!
Wie es in tiefer Andacht ganz erbebt
Und zu dem Himmel strebt. -
O Götter, löst den Schmerz in süssen Tränen,
Umarmt im kühlen Flug sein heisses Sehnen!
 
                              Achtzehntes Kapitel
Da ich diese Verse niedergeschrieben hatte, hörte ich Habern die Fensterladen
unserer Schlafstube aufstossen, und ging tiefer in den Garten. Ich sah Godwi in
einer Allee mir entgegenkommen; es freute mich, und ich war entschlossen, ihm
mein ganzes Verhältnis zu ihm zu erklären. Er sprach mit mir von gestern abend,
und warnte mich nochmals ernstlich, mich solchen Stimmungen nicht hinzugeben; er
sagte:
    »Solche Stimmungen führen zu einer frevelhaften Ansicht des Lebens, und
unsere Fähigkeit zu rühren erhält endlich so sehr das Übergewicht gegen jene,
gerührt zu werden, dass wir der Welt hart und grausam vorkommen, wenn uns das
Herz blutet - ich kenne dieselbe Empfindung, und es hat mir viele Mühe gekostet,
ihre Narbe zu verlieren.«
    »Sie haben Recht,« fuhr ich fort, »es liegt eine falsche Dramatik in diesem
Zustande, und man zerstört sowohl sein Talent zu fühlen als darzustellen, wenn
man die blosse unbestimmte Rührung durch den Witz gewaltsam zum Eindruck erhöht,
und die Handlung genug zum Leiden herabstimmt, um dieses Mittelding von Rührung
und Eindruck fantastisch äussern zu können. Übrigens habe ich einen solchen
überwiegenden Drang zur Darstellung, dass ich mit grossem Genuss in solchen
Stimmungen verweile, und ich glaube wirklich, dass diese Art von Äusserung mir oft
nützlich ist, da ich nichts weniger ertragen kann als das Stumme und Tonlose.«
    Godwi wollte mich hierauf zu Violettens Grab führen. Ich sagte ihm, dass ich
seiner Güte zuvorgekommen sei, und zwar indem ich zum Fenster herausgestiegen
wäre.
    Er lächelte, und sagte: »Ich danke Ihnen beinah dafür, denn dieses Bild ist
mir mit vielen Schmerzen verbunden.«
    »Auch mir ist es mit Schmerzen und Lust verbunden gewesen, ich habe in mir
vieles an dem Bilde erlebt, und wenn es Sie freuet, so lesen Sie einige Verse,
die mir der schöne Morgen in die Schreibtafel schrieb, als er mich und das Bild
so vertraut fand.«
    Ich gab ihm hier die Sonette und die Canzone; sie schienen ihn zu rühren,
und ich dachte an die geringen Töne des Alphornes, die dem Schweizer in der
Fremde das Herz brechen können.
    »Ich danke Ihnen«, sagte er, und drückte mir die Hand, es standen ihm Tränen
in den Augen; »ich danke Ihnen für die Sonette, und erlauben Sie, dass ich sie
abschreibe.«
    »Ich danke Ihnen für Ihre Tränen,« erwiderte ich, »welche die fehlende
Pointe meiner Sonette so schön ersetzen, und erlauben Sie, dass ich diese Tränen
abschreibe.«
    
    »In einem Sonett? das wäre zu gedehnt - in meinem Leben? wenn Sie wollen, ja
- ich bin Ihnen gut.«
    »Und wenn ich schon manches aus Ihrem Leben abgeschrieben hätte, und Sie
sähen meine schlechte Schrift, und meinen selbstischen Stil, würden Sie mir
diese Tränen dennoch vertrauen?«
    »Auch dann; Sie scheinen mir das Verwirrteste entwirren zu können. Sie haben
Violettens Leben so treu in einer blossen Darstellung ihres Grabmals geschildert,
dass ich Ihnen zutraue, Sie könnten, wenn Sie lange mit mir umgingen, aus mir,
dem Denksteine meines Lebens, meine Geschichte entwicklen.«
    Ich zog hier den ersten Band dieses Romans aus der Tasche, und reichte ihn
ihm mit den Worten hin:
    »Ich halte Sie beim Worte.«
    »Was ist das?« sagte er, schlug das Buch auf, las das Lied: »Und es schien
das tief betrübte usw.«, sah mich an, blätterte weiter - »Römer - Godwi - Otilie
- Joduno« - und lief mit dem Buche davon.
    Ich reihte schon alle meine Entschuldigungen zusammen, als ich in mir durch
die entschuldigende Ansicht meines Buchs auf die Geschichte seiner Sünden kam,
welche aber nichts anders als eine Geschichte meiner Unschuld blieb, und diese
Unschuld selbst hatte für mich ein so liebenswürdiges Ansehen, dass ich nicht
zweifelte, Godwi mit einer naiven Darstellung dieser Unschuld ganz besänftigen
zu können.
    Hier bemerkte ich Habern, der langsam die Allee heruntergeschritten kam; er
las in einem Buche, welches ich am Einbande für Goetens Tasso erkannte, denn
ich hatte es morgens auf seinem Nachttische liegen gesehen. Er ging so langsam
und nachlässig, dass ich vermutete, er lese die Worte der Prinzessin:
Schon lange seh ich Tasso kommen. Langsam
Bewegt er seine Schritte, steht bisweilen
Auf einmal still wie unentschlossen, geht
Dann wieder schneller auf uns los, und weilt
Schon wieder -
Ich zog mich in die Gebüsche zurück, um ihm einen Lorbeerkranz zu flechten, den
ich ihm scherzhaft aufsetzen wollte, fand aber bald seinen eignen Hut, den er
auf einen alten Aloetopf gesetzt hatte, und da er mich einholte, und mir guten
Morgen sagte, nahm ich patetisch ihm das Buch aus den Händen und las, indem ich
seinen Hut berührte, der auf dem Aloetopfe hing, die Worte Alphonsens
parodierend:
»Hat ihn der Zufall, hat ein Genius
Gefilzt ihn und gebracht? Er zeigt sich hier
Uns nicht umsonst. Den Aloe hör ich sagen:
Was ehret ihr den leeren Topf? Er hatte
Schon seinen Lohn und Freude, da ich blühte - «
Ich setzte ihm den Hut auf, und las, die Worte der Prinzessin parodierend,
weiter:
»Du gönnest mir die seltne Freude, Haber,
Dir ohne Wort zu sagen, wie ich denke.«
Haber machte in seiner Verträglichkeit ein Meisterstück, er freute sich meiner
Laune, und fügte hinzu, indem er den Hut wieder auf den Kopf setzte:
»O nehmt ihn weg von meinem Haupte wieder,
Nehmt ihn hinweg! er sengt mir meine Locken -
Denn ich habe ihn allein hierher gehängt, weil es mir zu heiss war. Übrigens
sollten Sie mich nicht necken, dass ich die Idee habe, den Tasso zu übersetzen,
Sie kennen meine Kunst noch nicht, und würden sicher mit ihr keinen Kampf
bestehen -
Denn wer sich rüsten will, muss eine Kraft
Im Busen fühlen, die ihm nie versagt.«
»Ich gehe den Kampf zwar nicht ein,« sagte ich, »aber wir wollen doch zum
Scherze ein italiänisches Lied miteinander übersetzen, das ich für ziemlich
unübersetzlich halte; es kommt mir eigentlich nur darauf an, dass das Lied
übersetzt würde, heute abend wollen wir es beide Godwi vorlegen.«
    Haber willigte ein, und ich schrieb ihm das Lied auf, dann ging er weg. Ich
setzte mich nieder, und versuchte meine Übersetzung, aber ich ward mutwillig,
und konnte es nur frei übersetzen. Ich brachte einen Teil des Vormittags damit
zu, und da ich so ziemlich damit fertig geworden war, ging ich nach dem
Landhause, eine Flöte Douce rief mich in die Familienstube des Pächters.
    In der Stube stand ein Mann von etwa dreissig Jahren, der die Flöte blies;
die Kinder waren um ihn versammelt, und hörten zu; ein besser gekleideter Mann
stand vor ihm und sagte ihm: »Nun ist es bald genug.« Hier trat ich in die
Stube, und er legte die Noten beiseite, putzte seine Flöte mit dem Schnupftuche
sorgsam ab, und legte sie weg. Die Kinder in der Stube kamen nacheinander zu
mir, und reichten mir die Hand, wie es die Mennoniten pflegen. Da ich glaubte,
der Mann habe meinetalben aufgehört, so bat ich ihn fortzublasen; er versetzte
mir: »Ja wenn es der Herr Doktor erlaubte! Sie selbst hätten mich nicht stören
sollen, denn es ist lange, dass ich dies Vergnügen entbehre.«
    Der Herr Doktor war der besser gekleidete Mann, und sagte mir, dieser
Bediente Godwis, der Georg heisse, habe einen bösen Husten, darum habe er ihm das
Flötenblasen untersagt; zugleich flüsterte er mir ins Ohr: »Schwindsucht,
Schwindsucht, ist nicht herauszureissen«, machte dann seinen Diener und ging weg.
Da er fort war, war die ganze Stube stille, und ich sah den armen Georg
mitleidig an.
    »Blase er immer noch eins«, sagte eine junge Frau, die am Spinnrade sass,
»wir hören es gerne, und bei dem Doktor ist es ihm doch nicht recht vom Herzen
gegangen.«
    Georg schien mich mit seinen Blicken zu fragen, ob ich ihn nicht verraten
wolle, und da ich ihn selbst darum bat, blies er, wie er sagte, sein
Lieblingslied, und dann wolle er lange nichts wieder spielen. Die Tränen liefen
ihm dabei aus den Augen, und mir auch; ich dankte ihm. Man rief mich zu Tische.
    Dort fand ich Godwi, der lächlend meinen ersten Band zur Seite legte, und
mich fragte, warum ich so ernstaft sei, ich solle sein Urteil nicht fürchten,
obschon ihm vieles in dem Buche sehr lustig vorgekommen sei.
    »So sehr mich Ihre Verzeihung auch rühren wird,« sagte ich, »so ist es doch
jetzt Ihr Bedienter Georg, der mich so ernst gemacht hat. Warum muss der arme
Mensch auch grade Flöte blasen zu seiner Brustkrankheit, und warum muss er die
Musik so sehr lieben, als seine Krankheit sein Instrument hasst; wenn er
unheilbar ist, so soll man ihm immer erlauben, früher an dieser schönen
Leidenschaft zu sterben als an seiner garstigen Krankheit.«
    »Sie haben recht,« sagte Godwi, »dieser gute Mann ist durch dieses Verbot
unglücklicher als durch seine Krankheit, die er sehr gut kennt. Ich wollte, ich
könnte ihn ein anderes Instrument lehren lassen, das zugleich tragbar wäre, denn
er geht gar zu gern mit seiner Musik spazieren. Es freut mich, dass Sie mich
daran erinnern, besinnen Sie sich doch, ob Ihnen nichts einfällt.«
    Ich fragte ihn, ob er keine Laute oder Ziter in der Gegend wüsste; ich
wollte Georgen darauf Unterricht geben.
    »Gut,« sagte Godwi, »eine Laute ist im Hause, und zugleich erfahre ich, dass
Sie bei mir bleiben, worum ich Sie ohnedies bitten wollte.«
    Ich entschuldigte mich, dass ich mein Hierbleiben so unvorsichtig
vorausgesetzt hätte, versicherte ihn, wie gern ich es täte, und bat ihn, jemand
in die Stadt zu schicken, der meine wenigen Gerätschaften herausbringe.
    Georg wartete uns bei Tische auf, und freute sich sehr, da ich ihm sagte,
dass ich ihn die Laute lehren wolle. Haber schien etwas unzufrieden zu sein; ich
fragte ihn nach der Übersetzung, er klagte über die vielen italiänischen
Wortspiele, übrigens gehe er nach Tische wieder daran. Wir setzten als Wette
fest, dass der, dem die Übersetzung nicht gelänge, die Person in der Absingung
des Wechselliedes übernehmen müsse, welche der andere bestimme. Haber entfernte
sich bald wieder, und Godwi sagte:
    »Es ist etwas boshaft von Ihnen, und doch sehr nützlich, dass Sie ihn
beschäftigen; denn obschon ich ihn recht gern leiden mag, so hat er doch nicht
den Mittelcharakter, dem man sich vertrauen kann; sein Entusiasmus wird
meistens Hitze, und seine Ruhe Frost.«
    »Ist es Ihnen heute nach Tische so vertraulich?« sagte ich, auf das Buch
hinsehend.
    »Ja,« erwiderte er, »wir wollen den zweiten Band miteinander machen.«
    Ich ging mit ihm in den Garten, und er führte mich ans äusserste Ende in eine
Eremitage. Auf unserm Wege zeigte er mir seitwärts einen Teich.
    »Dies ist der Teich, in den ich Seite 146 im ersten Band falle.«
    Dann traten wir in die Eremitage, er stiess den Laden auf, und das erste, was
mir in die Augen fiel, war das steinerne Bild der Mutter, welches gleich neben
diesem Fenster an dem Teiche stand.
    »So ist es nun«, sagte er ruhig; »übrigens haben Sie mich in Ihrem Buche
ziemlich getroffen, weniger Otilien und den Greis, und Sie sind zu
entschuldigen, denn Sie hatten nichts über sie in Händen als die Worte eines
glühenden Jünglings, die meinigen. Es muss Ihnen vor dem zweiten Bande sehr
gebangt haben, denn wo sollten Sie mit Otilien, mit dem Alten, mit mir selbst
hinaus.«
    »Wahrlich ich konnte nur denken, dass ich den zweiten nie schreiben würde,
weil ich den ersten nur schrieb wegen meiner Liebe zu Herrn Römers Tochter, und
musste ich ihn schreiben, nun so -«
    »Ich danke, Sie hätten mich und die ganze Gesellschaft wohl vom Blitze
erschlagen lassen.«
    »Ungefähr so etwas, denn Sie muten mir doch nicht zu, dass ich Ihnen Otilien
hätte zum Weibe geben sollen -«
    »Nein, soviel nicht - aber ich hätte mich wenigstens umbringen müssen, weil
sie mich nicht nehmen wollte oder konnte - einen anderen Ausweg wüsste ich nicht
- ihr untreu werden? - das ganze Publikum hätte auf mich geschimpft - sie
heiraten? - Sie hätten in geheimnisreichen, chemisch-poetischen und doch
deutlichen Worten die Ehe hereinführen müssen, sonst hätte das Volk bei seiner
armseligen Liebe immer noch gelacht, mich bei Otilien im Bette zu wissen, bei
dem sternenreinen Mädchen, die so fein ist, dass Ahndung und Erinnerung wahre
Telegraphsbalken für sie sind. Ich kann mir Ihre Otilie kaum wie eine Hostie
denken.«
    »Sie ist freilich etwas sublime schlecht geraten, und ich hätte Sie nicht
mehr lange oben bei ihr allein lassen dürfen, denn Ihre Phantasien wollten auch
nicht endigen. Was sollte der Greis weiter vorbringen? von seiner Geschichte
wusste ich nichts. Einigemal war ich entschlossen, durch Sie Otiliens Tugend
angreifen zu lassen, nur um ihr etwas Stoff abzugewinnen, weil sie doch auch gar
nichts tat, als unendlich zart sein. Es würde sicher zu einem solchen
ehrenrührigen Komplott gekommen sein, hätte mir der Buchdrucker nicht so
zugesetzt, dass ich nicht Zeit hatte, sie zu verführen. Ich musste mich daher mit
der Freude begnügen, alles, was sie gesagt hatte, mit etwas Bosheit
durchstudiert zu haben, um auf irgend eine Zweideutigkeit zu stossen, auf die ich
den Baum ihres Sündenfalls hätte pflanzen können, damit ich nachher die
verschiedenen vortrefflichen Partieen ihrer Sünde zu verschiedenen Zweigen
verarbeiten könnte, welche wieder Äpfel des Guten und Bösen getragen hätten.«
    »Und was wollten Sie Seite 153 mit den stillen Lichtern? Sie wollten doch
nicht etwa dem Mädchen eine neue Art Mytologie geben?«
    »So etwas für die lange Weile; aber ich fühlte zu sehr, dass ich die alte
noch nicht verstehe.«
    »Eine neue Mytologie ist ohnmöglich, so ohnmöglich wie eine alte, denn jede
Mytologie ist ewig; wo man sie alt nennt, sind die Menschen gering geworden,
und die, welche von einer sogenannten neuen hervorzuführenden sprechen,
prophezeien eine Bildung, die wir nicht erleben.«
    »Sie meinen also, es gäbe keine Mytologie, sondern überhaupt nur Anlage zur
Poesie, wirkliche gegenwärtige Poesie, und sinkende Poesie. Myten sind Ihnen
also nichts anderes als Studien der dichtenden Personalität überhaupt, und eine
Mytologie wäre dann soviel als eine Kunstschule, so wie eine hinreichende
Mytologie eine hinreichende Kunst, und eine letzte endliche Mytologie nichts
als ein goldnes Zeitalter wäre, wo alles Streben aufhört und nichts mehr kann
gewusst werden, weil dann das Wissen das Leben selbst ist; nicht einmal das
Wissen kann dann gewusst werden, da wir keine Einheit mehr denken könnten, indem
die Möglichkeit zu zählen in der blossen Einheit, die allein noch übrig sein
könnte, aufgehoben wäre.«
    Godwi sah am Ende meiner Rede zum Fenster hinaus, und als ich schwieg,
kehrte er sich mit folgenden Worten um:
    »So ein paar Sachen, die ein jeder verstehen kann, wie er will oder kann,
weil sie undeutlich sind, lassen Sie wohl auch im ersten Bande mit einfliessen,
aber im zweiten soll es nicht sein.«
    Er nahm mehrere Papiere aus dem Schreibpulte, und sagte: »Diese Papiere
entalten die Geschichte meines Vaters in Bruchstücken, wie auch die meiner
Mutter und das meiste der Jugendgeschichte des Alten und Mollys, von Kordelien
nichts, auch von mir nichts; aus allem diesem nun müssen Sie Ihren zweiten Band
zusammenschreiben und mir vorlesen, von den Nebenpersonen des ersten Bandes
dürfen Sie nicht viel sagen, weil sie bald abtraten. Das Übrige meines Lebens,
bis jetzt, will ich Ihnen dann erzählen. Sie können hier von dieser Zelle Besitz
nehmen, und darin arbeiten. In der Zwischenzeit führe ich Sie in die
Bildergalerie, welche zu Ihrem Buche hier in dem heiligeren Teile des Hauses
sehr vollständig ist, denn mein Vater liess beinah alle die Hauptszenen aus
seinem Leben malen, daher waren auch immer so viele Künstler bei ihm. Ich habe
diese Eigenschaft mit wenigen anderen nur insoweit von ihm geerbt, dass ich
Violettens Denkmal verfertigen liess, die bestimmendste Szene meines Lebens.«
    Ich dankte ihm für seine Güte, und versprach ihm, es so gut zu machen, als
ich könnte; dann las er mir hintereinander die Aufsätze vor, und ich bildete
daraus, was die Leser nun hören werden.
 
                              Neunzehntes Kapitel
                Geschichte der Mutter Godwis und ihrer Schwester
In einer Handelsstadt an der Ostsee lebte Wellner, ein wohlhabender Kaufmann,
der seine beiden Töchter liebte, und fleissig über ihren Sitten und ihrer Bildung
wachte. Er hatte seine brave Hausfrau früh verloren, da Marie und Annonciata
noch sehr jung waren, und ihr in der letzten Stunde versprochen, diese mehr zu
hüten als sein Geld und Gut, was er auch treu vollbrachte; ja man könnte sagen,
wirklich über Vermögen, denn er verlor in der Zukunft nicht nur sein Vermögen,
und meistens durch die Liebe zu seinen Kindern, sondern er verlor auch beide
Kinder selbst.
    Er gesellte ihnen einen Jüngling zu, welcher elternlos war, und den er in
seinem Hause unterhielt. Dieser, den ich Joseph nennen will, war immer mit den
Mädchen, er hatte gute Schulkenntnisse, und gab ihnen den ersten Unterricht.
    In der Blüte des Lebens, wo sich die Gattung in einer schönen Blume
entfaltet, erklärte sich Marie als ein durchaus sanftes und argloses Geschöpf
mit einem treuen warmen Herzen und einem hellen Geiste, der aber meistens in der
Wahl das Gute dem Schönen vorzog.
    Annonciatens Blüte war schwerer zu bestimmen, ein kühneres und doch
harmonisches Gemisch von Farben ist nicht leicht denkbar. Alles liebte sie, und
keiner mochte sie recht leiden. Man wagte seine Liebe selbst in dem Kinde schon
nicht zu wissen, weil man eben dieses Kind nicht verstand. Sie selbst machte
keine Forderungen an die Welt, und war doch nichts als Begierde; das meiste
genügte ihr nicht, aber sie konnte es nicht sagen, weil sie die Armut der
Gebenden schonte.
    Dieser ganze Zustand war nur Zustand in ihr, denn sie konnte noch nicht
überlegen, als sie schon so im Leben stand, und in der Folge meinte sie, es wäre
wohl nicht anders, und dieses sei das menschliche Leben. Sie liebte nichts so
sehr als Blumen und sang recht artig.
    Wellner glaubte, ihr stilles und oft heftiges Wesen sei eine Folge eines
geschlechtlichheftigen Temperaments, und er wünschte sie daher früh verheiratet
zu sehen. Freilich hatte er in seiner Meinung nicht ganz unrecht; aber der gute
Mann wusste nicht, welcher grosse Unterschied zwischen dem sogenannten heftigen
Temperament und der von Grund aus reinen Weiblichkeit ist.
    Marie war des Vaters Augapfel, denn sie war ruhig und bescheiden, und schien
nichts zu wünschen, als was er ihr geben konnte. Er hatte sich daher fest
entschlossen, sie spät oder nie von sich zu lassen. Da er allein für seine
Kinder lebte, und alle seine Gedanken nur sorgend für ihr Wohl waren, so
durchdachte er ebenso gern seinen Lebenskreis, sich für Marien eine Verbindung
zu erfinden, als er viele Stunden überlegte, wie er Annonciaten glücklicher
machen könne, als es die Welt überhaupt konnte.
    Joseph, den er in seine Handlung genommen hatte, und der seine Töchter
fleissig unterrichtete, ward ihm täglich unentbehrlicher, denn er war ebenso sehr
fein und spekulativ als treu und anhänglich, und die Handlung stieg unter seiner
Einwirkung ebenso schnell, als der Vater mit Freuden besonders Mariens Bildung
sich entwickeln sah.
    Mit Annonciaten war es nicht so, denn lebendige Früchte können in ihrer
Gesundheit nur durch die Sonne reifen. Sie ermüdete leicht an Josephs
Unterricht, und wo ihre Bildung vor sich ging, im inneren Heiligtum ihres
Busens, da konnte Joseph nicht hinsehen. Der junge Mann ward oft durch ihre
auffallenden Fragen gestört, und als sie ihn in einer solchen Verlegenheit recht
von Herzen, wie sie oft pflegte, guter Joseph! nannte, beleidigte ihn dieses,
und er klagte es Wellnern. Dieser stellte ihr diese Beleidigung recht herzlich
vor, und obschon sie ihre Unschuld tief empfand, so bat sie ihren Vater doch mit
bittern Tränen um Vergebung, und versprach, Josephen dasselbe zu tun.
    Es kostete ihr vielen Schmerz, und Joseph konnte ihrer Rührung nicht mehr
Einhalt tun, als sie Verzeihung von ihm erflehte, so dass er anfing, sie für
etwas beschränkt zu halten, da er ihre heftige Ausrufung, wie keine Liebe und
keine Freundlichkeit in der Welt sei, hörte, denn in dieser Opferung ihres
Stolzes löste sich alles in ihrem Herzen, und indem sie um Verzeihung zu bitten
glaubte, beschuldigte sie das ganze Leben.
    Nach dieser Szene wendete Joseph sich immer mehr zu Marien, und auch
Annonciata kehrte mehr in ihr Herz zurück, obschon sie edler als er ihn nichts
davon empfinden liess.
    An einem vertraulichen Abend war Joseph noch spät auf der Stube Wellners,
und sie sprachen vieles über die Lage der Handlung, und eine Reise, die Joseph
übernehmen müsse, um ihr mehr Selbstständigkeit zu geben, und sie den
geldsaugenden Commissionairs zu entziehen. Von dieser Unterredung kehrte Wellner
wie gewöhnlich auf das Schicksal seiner Töchter zurück, Joseph aber schwieg, als
habe er etwas auf dem Herzen. Der Vater sagte:
    »Es ist wunderbar, wie kein Geschäft auf Erden unserm Leben, unserer
Tätigkeit Freiheit gibt, es mag noch so blühend sein, als es Fleiss und Einsicht
machen können. Niemals wird die schöne Gewohnheit einer bezweckten Tätigkeit
hinreichen, und wir kehren auf jedem Punkte, der eine Rundung der Ansicht
erlaubt, in unser eignes armes Herz zurück, und bringen höchstens etwas
Zerstreuung oder Stoff zu neuen Plänen mit, wenn wir zur Arbeit zurückkehren.
Wenn ich nun Ihre Reise bedenke, und alle die schönen Vorteile derselben
betrachtet habe, was habe ich am Ende gewonnen, was wird aus meinen Kindern
werden, wenn ich mit ihnen allein bin? was, wenn Sie wiederkommen?«
    Joseph hatte eine solche Minute erwartet, und sagte ihm gerührt:
    »Ich ehre diese Empfindung in Ihnen, Ihre Güte hat mich Ihnen so nahe
gebracht als Ihren Kindern; für Annonicaten weiss ich nichts, als dass es gut sein
wird, sie bald zu verehlichen, um ihren unbestimmten Empfindungen die allgemeine
Richtung des Weibes zu geben.«
    »Und für Marien?« fuhr Wellner fort.
    »Für Marien«, sagte Joseph, »kann ich nicht wählen, denn ich liebe sie.«
    Dies Geständnis hatte ihm viel Mühe gekostet, weil er nur zu sehr fühlte,
wieviel er Wellnern schon zu danken habe. Wellner fand dies nicht, er fühlte die
Schuld, wäre je eine da gewesen, längst getilgt, und versprach ihm Marien mit
Freuden, als Lohn seiner Treue, wenn sie ihn liebe.
    Dies glaubte Joseph beinahe schon, oder wenigstens, dass sie ihn heftig
lieben werde. Hierin irrte er sich, denn sie liebte ihn sehr; nur war sie keiner
lebhaften Äusserung fähig; auch reizte sie nichts zum Geständnis, da ihr Herz wie
ihr Leben voll stillen Glücks und voll Ruhe war.
    Da nur noch wenige Monate bis zur Abreise Josephs übrig waren, so wurde die
Verbindung und seine Aufnahme in die Handelsfirma bis zu seiner Rückreise
festgesetzt; doch entschlossen sie sich, ihm Marien näherzubringen, und zugleich
für Annonciatens Versorgung zu denken. So hatten die beiden Freunde gesprochen,
und verliessen sich beide zufrieden, voll Hoffnung auf eine schöne Zukunft.
    Als Wellner nach seiner Stube ging, und im Begriffe war, zu Bette zu gehen,
hörte er seine Töchter, die über ihm wohnten, noch wach sein und im Gespräche.
Er war noch ganz von den Worten, die er in Liebe zu ihnen mit Joseph gewechselt
hatte, durchdrungen, und setzte sich an das offne Fenster, um ihnen zuzuhören.
Die Mädchen, von der schönen Nacht ans Fenster gelockt, sprachen vertraulich mit
einander, und von Dingen, die ihn sehr rührten.
    »Wie ist dir?« sagte Marie zu Annonciaten, »wenn du so in den stillen Himmel
siehst und den Mondschein -«
    »Liebe Marie, wie mir dann ist, wenn ich dir das so recht beschreiben
könnte, oder irgend einem Menschen, so wäre ich recht glücklich; ich denke oft
daran, und ich würde dich nicht immer bitten, mit mir ans Fenster zu treten,
wenn mir meine Empfindung dann klar und deutlich wäre, denn überall kann ich
wohl einsam sein, wo mir etwas deutlich ist - o! dann kann ich immerfort so in
mir allein denken, ja wohl ordentliche Gespräche mit meinen Gedanken halten;
aber wenn der Mond in die Stube scheint, kann ich nicht ruhen, und muss ans
Fenster hin. Es ist mir, als rufe er mich, ich müsse ihn wieder ansehen, die
ganze schöne Nacht spräche mit mir, und frage mich scharf aus; die Antwort aber
liegt mir tief im Herzen begraben, und es ist mir oft, als müsse mir das Herz
brechen, damit ich es nur sagen könnte.«
    »Das ist seltsam, da bist du wieder ganz anders als ich, in mir ist es nicht
so.«
    »Wie ist dir dann, was möchtest du tun, was möchtest du haben? Jetzt, da du
siehst, dass es draussen ganz anders in der Welt ist, was möchtest du, das auch
dich verändere? damit du wieder ruhig würdest, und mit der Welt
zusammenstimmtest; denn wenn du schläfst, ist es dir doch nur wohl, weil du
nichts von der Nacht weisst.«
    »Ich verstehe dich nicht, du bist wohl wieder melancholisch, - wenn ich
schlafe, ob ich da nichts wisse; nun das weiss ich nicht. Manchmal träume ich
auch, und wenn ich hier bei dir stehe, und du sprichst nicht, oder ich bin
schläfrig, so wünsche ich, Joseph wäre bei mir, und spräche vertraulich mit mir,
wie er nun bald abreise und wir Briefe mit einander wechseln wollen. Auf diese
Briefe freue ich mich sehr, denn ich habe noch an niemand geschrieben; es ist
mir wie ein neuer Sinn, der mir aufgehen soll, und ich denke schon oft ganze
Briefe an ihn aus.«
    »Du bist glücklich, du liebst Josephen wohl.«
    »Ich denke meistens an ihn, liebe ihn lieber als den Vater, und kann denken,
dass ich gern mein ganzes Leben mit ihm sein möchte: wenn dies Liebe ist, so hast
du recht.«
    »Ich habe recht, das ist Liebe, das ist deine Liebe.«
    »Meine Liebe? gibt es denn mehr als eine Liebe.«
    »Es gibt vielleicht nur eine, aber jeder Mensch hat wohl doch eine andre.
Mir ist nicht so wie dir, wenn ich hier stehe; es ist mir, als müsse ich mich
verlieren in ein anderes Wesen, wie die Bäume dort sich ineinander verlieren;
ich möchte nicht immer Annonciata sein, und doch weiss ich nicht, wie ich das
soll; ich kenne niemand, in den ich mich verwandlen könnte; ich möchte oft
sterben, um nicht mehr alleinzusein, und sterben für wen? das kann ich auch
nicht sagen, und das ist es, was ich immer empfinde, und abends mehr als sonst;
das ist es, was mich im Herzen drückt, und wenn so der kühle Wind weht, wird mir
es besser, ich fühle dann in meinem Herzen, als sei ich gut, als tröste ich mich
mit der Ruhe da draussen in der Nacht und dem Glücke der Natur.«
    So sprachen die beiden Mädchen noch lange, Wellnern flossen die Tränen über
die Wangen; er hätte noch gerne zugehört, aber er konnte die kühle Luft nicht
vertragen. Er schloss deswegen das Fenster mit Geräusch, damit seine Kinder ihn
hören und auch schlafengehen möchten. Marie zog sich zurück, denn sie hatte
einen stillen verstehenden Gehorsam, Annonciata aber blieb allein wach.
    Einige Stunden nach Mitternacht hörte sie den Vater Josephen klingeln, und
diesen auch zu ihm kommen. Da sie ans Kamin trat, welches ihre Stube mit der des
Vaters verband, hörte sie, wie der Vater am Fenster gesessen, ihre Unterredung
gehört habe, und dass ihm nicht ganz wohl sei. Er erzählte Josephen von Marien,
wie sie von ihm gesprochen, mit Freuden; auch von ihr hörte sie ihn sprechen,
wie sie seltsame Dinge gesagt, die ihn sehr bekümmerten, und dass er sie mit dem
jungen Genueser, der hier sei, bekannt machen wolle; es schien ein reicher
kluger Mann zu sein, und es würde ihn glücklich machen, wenn sie ihn lieben
könne.
    Annonciata hörte das alles mit Ruhe an, freute sich des Glücks ihrer
Schwester, und da sie glaubte, es wäre wohl recht hübsch, wenn Marie auch unten
wäre, so näherte sie sich ihr und sagte, um sie zu wecken: »Liebe Marie, stehe
auf, und gehe hinab zum Vater; ich glaube, es ist ihm nicht wohl, er hat jetzt
noch Josephen rufen lassen; frage ihn, was ihm fehlt, und pflege ihn; ich weiss,
dass du es ihm besser tun kannst als ich, und dass es ihm viel Freude macht.«
    Marie dankte ihr, zog sich schnell an, und ging hinab. - Annonciata aber
weinte -
    Wellner freute sich herzlich der Aufmerksamkeit Mariens, sie sass so
freundlich auf seinem Bette, und Joseph still an der Erde: da konnte er sein
Herz nicht mehr erhalten, und legte ihre Hände in dieser Nacht für die Zukunft
versprechend zusammen, und gab ihnen beiden zwei goldne Ringe, die sie vor ihm
verwechselten.
 
                              Zwanzigstes Kapitel
So weit hatte ich geschrieben noch diesen Nachmittag, nachdem mich Godwi
verlassen hatte. Da ich fertig war, kam er zu mir, und ich las es ihm vor. Dann
führte er mich durch den sehr ausgedehnten Garten nach einer andern Seite, die
ich noch nicht kannte, und sagte, dass er mir die Bilder zu meiner heutigen
Arbeit zeigen wolle. Dieses freute mich sehr, und ich versicherte ihm, dass es
mich aufmuntern würde. Bald standen wir vor einem alten Gebäude, welches das
Aussehen einer verfallnen Dorfkirche hatte. Da er die grosse Türe mit rasselnden
Schlüsseln aufschloss, sagte er scherzend: »Es ist mir immer, als sei ich das
Gespenst eines alten Küsters, welches die gewohnten Wege schleicht, wenn ich
diese Kirchtüre aufmache. Ich mag diese Anstalt nicht leiden, sie hat etwas
Abenteuerliches, und wäre sie von meinem Vater nicht in einem Zustande der
grössten Verschlossenheit und Versteckteit gemacht worden, und nur für ihn
allein, so würde ich gar nicht böse sein, wenn die Leute ihn einen Narren
nennen. In meinem Knabenalter lag diese Kirche schon wie ein unerträgliches
Geheimnis vor mir, und es schauderte mir immer, wenn mein Vater mit einem der
fremden Künstler hineinging, und wieder allein herauskam, als habe er ihn
ermordet.« Die Treppe, welche grade der Türe entgegenkam, führte in einen ovalen
Saal, in dessen Mitte eine mit Tuch verkappte Figur stand; ähnliche standen an
den Wänden umher.
    Godwi blieb neben mir in dem Saale stehen, und sagte: »Kann man sich etwas
Tolleres denken, als sein ganzes Leben in Stein hauen zu lassen, und so in einer
Stube zusammenzustellen?«
    »Es liegt etwas Fürchterliches darin, und eine wunderbare Eitelkeit im
Dunkeln, wo einen niemand sieht; es ist, als prahle einer um Mitternacht so
recht auf seine eigne Hand.«
    »Sie sind zu streng«, sagte Godwi; »Eitelkeit war es nicht, und nicht
Prahlerei; toll bleibt es ziemlich, doch hat diese Tollheit eine edle Quelle,
die bitterste Reue mit der Idee, sich alle diese Figuren wie Richter
herzustellen, welche ihn seines Lebens anklagten, das zwar kein Verbrechen, aber
grosse Verirrungen umfasste, bis auf eine Handlung, die zwar auch ein Kind seiner
Leidenschaft, doch bestimmter bösartig war; diese hatte den Scheiterhaufen
angezündet, auf dem er hier in ewiger Reue brennend lebte. Jetzt ist er ruhig.
    Meines Vaters Bisarrerie war die schöne Bisarrerie, das Böse, welches nie
gut gemacht werden kann, schön zu machen; seine Idee war, das Gute sei in der
Zeit, und das Schöne im Raum, und die Möglichkeit des Ersatzes einer verderbten
Jugend sei, ihr in reiferen Jahren Gestalt zu geben. Er sagte, jede Handlung
wird zu einem Denkstein, der mich beschuldigt, und den ich nimmer umwälzen kann;
aber ich kann diesen Stein zwingen, zu einem schönen Bilde der Handlung zu
werden, die er bezeichnet.«
    »Die Idee Ihres Vaters ist gross, und man sollte nie sagen: ich will es
wieder gut machen; denn dies bleibt nur Vorsatz, und ist das Wort der Reue; man
sollte sagen: ich will es schön machen. Auch liegt unstreitig in dem Gedanken,
dass Böses und Gutes in der Zeit liege, viel Tröstliches; wir dürfen dann nur
unsere Handlungen als Folgen denken, so haben wir blosses Leben.«
    »Jeder Mensch,« sagte Godwi, »der in sich selbst gross werden will, sollte in
sich den Stoff und den Geist auffinden. Alles, was in ihm bloss Geschichte wäre,
müsste ihm Stoff zu Idealen seiner selbst werden. So bliebe ihm der grösste Teil
seiner Jugend unverloren, und ein herrlicher Gewinn. Er hätte dann in sich eine
eigne Welt der Kunst und Natur, und büsste er auch alle seine Sinne ein, so
könnte er doch in sich fortbilden, denn in ihm läge ein Universum, und er könnte
sich lieben und anbeten.
    Mein Vater tat dieses mit einer grossen Anstrengung, auch kam er dadurch
immer mehr und mehr zur Ruhe. Doch fing er zu spät an, und hatte seine
Unbefangenheit schon zu sehr verloren. So erschuf er diese Bilder mehr in
phantastischer Busse als in Liebe zu sich. Endlich ward es ihm zur selbstischen
Gewohnheit, ja zur Bequemlichkeit, und hätte sich sein Geschick nicht gelöst, so
würde es ihm zum Laster geworden sein, denn er erhob der Notwendigkeit halber,
eine Form zu erfüllen, oft seine kleinsten Fehler zu Verbrechen, und seine ganze
schöne Leidenschaft war auf dem kürzesten Wege, Pietisterei oder Pedanterei zu
werden. Doch wir wollen uns zu dem Unsrigen wenden.«
    Wir traten zur rechten Seite des Saales in eine Stube, an deren Wänden
mehrere verhüllte Gemälde hingen. Godwi blieb vor einem stehen, zog den Vorhang
in die Höhe, und sprach:
    »Hier ist Annonciata, die Jungfrau, einer Umgebung, dem Spiegel ihrer Seele,
gegenüber.«
    Das Bild war warm und voll Allegorie, der ganze Ausdruck leise vordringend,
und von allen Punkten gleichmässig ausströmend; es war mir, als walle eine laue
leichte Luft von den Farben auf mein Herz, und ich stand mehrere Minuten voll
leichtatmender Lust; doch stieg meine Empfindung mit der Dauer, und das Gemälde
schien fortschreitend erhöht.
    »Es wehet wie aus warmen Tälern zu mir herauf,« sprach ich, »mir ist wohl,
ich werde mild berührt, und in mir erhebt sich ein körperlicher Reiz, der
unbestimmt und doch allgemein ist. In Stunden, in denen ich liebte und nicht
fühlte, wie ich leise auf wolkichten Träumen hinabzog in ein anderes Wesen, wo
die Ströme lieblicher unausgesprochener Rede schneller flossen, und die
gestaltlose Flut der Seele fromm von dem schweigenden Mädchen empfangen wurde -
wo die Liebe schon verstummte, und keinen einzelnen Sinn mehr hatte; wo meine
Brust schon hörte und mein Auge küsste, wo mir die stille Woge ihres Busens
begegnete, und ich so trunken war in dem Widerspruche der milden Annäherung, da
war es mir so. - Doch nimmer weilt solches Leben - wohin, wohin gleitet die
sehnende Fahrt? o Heimat! fliehe ich dich, eile ich dir entgegen? - wie löst
sich aller Besitz! ist die Welt mein, und bin ich ein Bettler? wo ist mein
Vaterland, wo ist meine Liebe? - ach! bist du nicht für die Erde? Annonciata!
wer löst dir die Zauberei des Frühlings, wer löst dir dein Herz? das in
Sehnsucht bricht; will keine Sonne kommen? die tiefen dunkeln Augen der Gedanken
zu öffnen, die aus deinem Herzen steigen, und ist dein Busen eine Wiege der
Kinder, die hier nicht leben dürfen? Schmerz, Schmerz! brennendes Verlangen, wer
bricht dir das Siegel im Herzen, und welchem bist du gesendet? du dunkler
Edelstein im Diademe der weissagenden Zeit - Wunderkind!« -
    Hier liess Godwi den Vorhang niederrollen. - »Es war genug, lieber Maria, der
Maler hat seine Schuldigkeit getan, und Sie waren auf dem besten Wege, den
Eindruck des Bildes auf Sie und nicht das Bild zu betrachten.«
    »Verzeihen Sie, ich dachte bei dem Bilde an ein Mädchen, das ich sehr liebe,
und diesem Bilde gleicht. Lassen sie mich das Bild nur wieder sehen; Gott weiss,
wann mich das unselige Selbstbewusstsein ohne Geistesgegenwart verlassen wird;
ich komme nimmer dazu, etwas wie ein vernünftiger Mensch zu betrachten.«
    »Sie wissen wohl von dem Bilde gar nichts mehr«, sagte Godwi.
    »Nein, das ist ja eben das Unglück, dass ich mich mit jeder Erscheinung
begatte, und der Mutter ewig ungetreu eine Menge unehelicher Kinder habe; nimmer
komme ich zu einer honetten Haushaltung in meiner Seele.«
    Godwi zog den Vorhang wieder in die Höhe, und ich nahm mich recht zusammen:
    »Abend-Dämmerung, rechts sinkt die Sonne, links dunkler Vorgrund, ein
kleiner Hügel mit fetten grossblättrichten Gewächsen, auf dem sich eine
Rebenhütte erhebt. Annonciata, ohngefähr vierzehn Jahre alt, sitzt unter dem
Rebendache, weiss gekleidet, das schwarze Lockenhaar wallend, ihr Gewand mehr als
malerisch, wirklich bürgerlich nachlässig; ihr Blick ruht in der Minute, wo sich
der Himmel und die Abendröte durchdringen; um ihre Stirne schlingt sich
Orangenblüte, sie umfasst mit beiden Händen ein Körbchen voll roter Früchte, das
auf ihrem Schosse steht, so dass sie die jungen keuschen Brüste etwas in die Höhe
drängt, und der Flor sich liebevoll öffnet. Sie sitzt ohne Schamhaftigkeit,
keine Spur von Zucht; sie will nichts, sie wird gewollt; das Leben verlangt sie;
von allen Seiten glüht Liebe und Lust zu ihr hin; alle Blätter giessen ihre
hoffenden Flammen über sie aus; die Blumen geöffnet blicken ihr in die Augen,
und die Kräuter schmiegen sich um ihre Füsse; die Sonne will nicht sinken, und
das schwellende Herz der Nacht sinkt schwerer voll Lust nieder, sie will zu ihr
herab. Die Ferne dringt zu ihr herüber, und die Nähe lehnt sich dieser siegreich
und stolz entgegen. Sie selbst atmet nur, sie ist nicht gefangen in diesem
wunderbaren Kampfe der Liebe; in ihrem Herzen ist Andacht, und ihr Antlitz ist
Gebet. Neben ihr steht eine Urne, in welcher Aloe blüht; auf dem steinernen
Geländer einer Treppe und vor der Urne sitzt ein Pfau, der den goldnen glühenden
Hals der Sonne nachrufend ausstreckt, aus seinem sinkenden Schweife blicken
köstliche Augen von Saphir und Gold nach den Sternen, die still am Himmel
heraufblühen.«
    »Dies Bild«, fuhr Godwi fort, »ist mit einer wunderbaren Resignation gemalt,
man kann es nicht recht geduldig ansehen; der Maler tat auch gar nichts für den
Betrachter.«
    »Ja,« versetzte ich, »Annonciata nur allein kann es betrachten, und wir nur
Annonciaten, denn alles ist nur für sie gemalt, oder vielmehr sie malt es in
jedem Augenblicke. Wenn ich bedenke, dass diese milde Glut der Sonne, der
schwermütige Himmel und die freundlichen Sterne, dass die ganze rührende Melodie
des Bildes nur die aufgelöste Annonciata ist, und Annonciata nichts als die
menschliche Gestalt dieser Umgebung, so erkläre ich deutlich in mir ein Gefühl,
das mich in der Natur begleitet; sie beunruhiget mich, es ist mir, als könne ich
sie nicht betrachten, als belausche ich sie nur in einem stillen treibenden
Geschäfte der Wandlung, und es gibt wenige Gegenden, die nicht einen andern
Menschen als mich bedürften.«
    »Nur der allgemeinste Mensch,« sagte Godwi, »nur ein Mensch, der gross,
glücklich und gesund ist, kann ohne Druck den ganzen Umfang der
Naturanschauungen ertragen. Jeder Einzelne hat seine eigne Natur, vor der er
gleich einem höheren Bilde steht, welches mit Rührung auf seine Geschichte
zurücksieht. Ich empfinde mit Freuden, wie ich seit einiger Zeit mehrere Arten
der Aussicht liebe, die mich sonst verwundeten, und dies ist mir eine Erfahrung,
welche mir eine Erweiterung meiner selbst versichert.«
    »Mir ist noch nicht so,« sagte ich, »ich kenne nur eine Aussicht bis jetzt,
und habe noch keine Landschaft gesehen, die mir wohl tat, als diese, und wäre
meine Gestalt von meinem Gemüte ganz durchdrungen, könnte ich überhaupt jemals
mich selbst vorstellen, so hätte in diese Landschaft ein Maler keine Figur als
die meinige stellen dürfen, um nicht aus der Haltung zu fallen.«
    »Wo ist diese Aussicht?« fragte Godwi, »wenn Sie sie nicht wie eine Geliebte
verbergen.«
    »Am Rhein, auf einer herrlichen Stelle.«
    »Gut, so habe ich sie wahrscheinlich auch gehabt, und es sind wirklich
Gesichtspunkte am Rhein, die ich nicht auszusprechen wage.«
    »Ich sass höher als der höchste Berg der Gegend, auf der Spitze eines jungen
Baumes, den eine mutige Hand in die höchsten Trümmern eines zerstörten Turmes
gepflanzt hatte; über Untiefen von Wald, die wie Katarakte und stürmende Heere
unter meinem Blicke auf und nieder stürzten, brauste der herrliche Fluss des
üppigen Friedens und der trotzigen Ruhe. Ringsum weit die Städte und Flecken
hingesäet, viele tausend Blicke auf meinen Standpunkt gerichtet, in tiefer
Einsamkeit, Vor- und Nachwelt um mich aufgelöst in ein unendliches Gefühl des
Daseins. Ich hatte ein trauriges Herz voll verschmähter Liebe da hinaufgetragen,
so recht gar nichts da oben erwartet, und ging mit einer sehr breiten
Resignation durch den Wald. Aber der Mensch ist so enge in sich selbst gefangen,
dass er sich meistens selbst verzehrt, wo er die Welt verzehren sollte. Ich
weinte, als sich die Aussicht mir erschloss, vor Scham, und fühlte, wie meine
Tränen gelinde auf der Wange trockneten, und sich meine Seele wie der Duft einer
Blume zum Himmel hob; mein Körper wuchs in den Stamm, der mich trug, und meine
Arme streckten sich wie Zweige in die Luft: da war mir wohl, und ich sah den
Zugvögeln nach, die neben mir vorüberreisten, wie Freunden, die noch nicht zur
Ruhe gekommen sind, und wünschte ihnen glückliche Reise.«
    »Es ist recht hübsch, dass grade welche vorbeiflogen«, sagte Godwi; »doch
wollen wir jetzt das Bild Mariens betrachten, ehe es dunkel wird.«
    Godwi entüllte ein anderes Bild, und sagte scherzhaft:
    »Nehmen Sie den Hut hübsch höflich in die Hand, stauben Sie die Schuhe ab,
und sein Sie artig, wir wollen zu einem lieben Mädchen gehen. Welcher Kontrast?
Dies ist Marie, Annonciatens Schwester. Welche Ruhe, welcher Frieden; man
schweigt, sie atmen zu hören, und wünscht, dass die Taube in ihrem Schoss den
Flügel senke, um sie aufmerksam zu machen. Wehet denn kein Lüftchen durch das
enge Fenster? dass die Lilie sich bewege und dem Mädchen sage, wir seien da,
damit sie uns mit den lieben Augen erblicke, die sie so fleissig auf den
Stickrahmen niedersenkt; nur die Lilie darf zusehen, wie sie Blumen stickt, sie
senkt den Kelch stille zu ihr, und tut wie die vertraute Freundin. Wie die
Sonnenstrahlen so nachbarlich zu dem kleinen Fenster hereinsehen; wenn die Sonne
sinkt, so sieht sie uns wohl an, indem sie dem Glanze ausweicht; oder wird sie
nach dem Bilde des jungen Mannes schauen, das an der Wand hängt, und so recht
behaglich und mit Ansprüchen da zu hängen scheint? Ich beneide ihn, er ist
sicher mit des Mädchens Vater einverstanden, und die Sache geht den einfachen
Weg. Lebe wohl, Marie, wir wollen nicht vor dich treten, da wir deiner begehren
müssen, denn du bist schon einem gegeben, der dir genug ist.« Hier liess Godwi
den Vorhang fallen.
    »Dies ist ein Mädchen,« sagte ich, »zu dessen Vater auch der zügelloseste
Mensch sagen könnte: Mein Herr, da ich in den Stand der heiligen Ehe zu treten
gesonnen bin usw. Ich habe noch nirgends ein häusliches Gemälde im Ideal
gesehen, dies ist es, Friede. Und dieses ist Ihre Mutter?«
    »Dies ist sie; ziehen Sie von diesem Bilde bis zum steinernen Bilde eine
Linie, so haben Sie das Unglück meiner Mutter ermessen.«
    Hier verliessen wir die Stube, und gleich darauf den Bildersaal, nachdem
Godwi zuvor ein ruhiges Abendlied auf der kleinen Orgel gespielt hatte, die noch
in der Kirche von ihrer ersten Bestimmung her übriggeblieben war. Die Töne der
Orgel gingen feierlich wie ein betender Geisterzug um die stummen steinernen
Bewohner des Hauses herum, und schienen sie zu trösten. Ich trat dann an Godwis
Seite gerührt in den Garten, und es tat mir im Herzen wohl, wieder im Freien zu
sein; es war ein freundlicher Abend, und wir freuten uns, noch den ganzen Park
durchgehen zu müssen, ehe wir in das Landhaus kamen.
    An der Türe kam uns Haber entgegen, den ich sogleich um seine Übersetzung
fragte, aber er klagte über seine Zerstreuteit, und dass einer der Pächter unter
seinem Fenster geschlachtet habe, und dass das Geschrei des sterbenden Tieres dem
italiänischen Ton und Wortspielen sehr entgegen sei -
    »Sie haben also die Wette verloren, denn ich habe es übersetzt, und wir
wollen nun bald an die Aufführung des Liedes gehen, Sie müssen die Laura
vorstellen, und ich den Hiazint - schreiben Sie sich die Rolle ab, nach Tisch,
wenn die Lämpchen am Himmel angesteckt sind, und Luna uns souffliert, müssen Sie
vom Fenster herunter mir den Korb geben, ich will die Laute erst in Ordnung
bringen, und ein wenig dazu klimpern.«
    Haber wollte nicht daran, und entschuldigte sich, besonders mit seiner
schwachen Stimme.
    »Desto besser,« sagte Godwi, »Sie können dann noch einen Vers anhängen, in
dem Sie ihn ausschimpfen, dass er Ihnen einen Schnupfen zugezogen hat. Doch ich
will sehen, ob die Laute angekommen ist.«
 
                           Einundzwanzigstes Kapitel
Georg, der stille Diener, brachte mir die Laute, er hatte sie selbst aus dem
Jagdhause geholt, wo sie, wie er sagte, noch von Kordelien her in einem Winkel
gestanden habe.
    Es war ein schönes grosses Instrument, und die gotischen Schnirkel, welche
die Resonanzöffnung verschlossen, waren fein mit Gold und Elfenbein durchzogen.
Eine recht freundliche Idee war, dass durch dieses Gitter alle Töne in Gestalt
kleiner Engelsköpfe heraussahn, als seien sie wie himmlische Kinder
hineingebannt, und sängen liebliche Lieder durch das Gitter; sie öffneten nach
der Reihe die Lippen recht kräftig und immer feiner, wie auch ihre Gesichter die
Höhe und Tiefe des Tons durch das Alter ausdrückten. Der Steg stellte eine
Äolsharfe vor, hinter der eine lauschende Jungfrau auf den Arm gestützt in
schlafender Stellung lag.
    Ich brachte die Saiten mit Vergnügen in Ordnung, und ergötzte mich an dem
ruhigen vollen Tone des Instruments. Ich war mit ihm in den Garten gegangen,
denn meine ersten Akkorde opferte ich wie eine Libation eurem Angedenken,
schwesterliche Seelen! Ich hatte lange nicht gespielt, und es war mir, als
erwache ein entschlummertes Götterbild in mir, und breite mit Wollust die Arme
wieder wirkend und schaffend aus. Es war schon dunkel, und die Töne schienen die
Dämmerung zu heben. Ich sang das herrliche katolische Mutter-Gottes-Lied:
Ave maris stella etc.
Meerstern, ich dich grüsse usw.
Dann ging ich zurück, und wir schickten uns nach Tische an, Habern seine Busse
bestehen zu lassen. Die Sache ward recht lustig, er kam oben ans Fenster in ein
Bettuch gewickelt, als jage ich ihn aus dem Schlafe, und wir sangen
wechselsweise zur Laute folgendes scherzhafte italiänische Lied, wie ich es in
der Eile im Deutschen nachgeahmt hatte.
Giacinto:
Dorme la bella, Amor, deh tu con l'ali
Rinfresca tal'hor l'aria, e fagli vento,
Acciochè dell' estate alcun tormento
Non risenta la Dea, ch'è tra mortali.
Se i miseri occhi miei posar non ponno,
Godi la quiete tua la quiete mia,
E quello ch'io perdei, placido sonno,
Sen venga adormentar l'anima mia.
Se ben che tu mi dai cattivi giorni,
Ecco ti vengo a dar la buona notte,
Lontananza, ne tempo far non puote,
Ch'al lume qual farfalla io non ritorni.
Laura:
Chi è colui, che dormire non potendo
Sen vien a perturbar i sonni altrui,
Che dica quanto volei, io non l'intendo,
Son qual Aspide sorda a canti suoi.
Giacinto:
Canto mia bella, ma ne piange il core,
Io canto come il Cigno in sul morire,
Se ben vorrei tacer convengo dire,
E ridir ciò, che va dettand' Amore.
Laura:
Non intendo, Signor, vostre ragioni,
Che fiete, che volete, e cosa fate?
Andate altrove, semplicetto, andate,
Che voglion esser altro, che canzoni.
Giacinto:
Mendico io son, hor eccomi alla porta,
Che chieggio in elemosina del pane.
Deh non mi fate andar d'oggi in dimane,
Doppia è la gratia al fin qua d'ella è corta.
Laura:
Al chieder vostro io sarò sempre muta,
Qui non s'apre la porta, a chi non porta,
Presso di noi la Caritade è morta,
Chi non conta non ha la ricevuta.
Giacinto:
Prendetemi, Signora, per soldato,
Sarò vostro guerriere senza paga,
Di già assueffatto all' amorosa piaga
Non temerò d'esser per voi piagato.
Laura:
Noi non stimiamo l'amoroso drudo,
Non habbiamo questione, e non ci aggrada
Quell' Amante, che sa portar la spada,
Quando non sappia maneggiar lo SCUDO.
Giacinto:
Soldato no, dunque Poeta almeno
Che v'immortalerà ne propri versi.
Famosa vi farò tra Sciti e Persi,
Loderò il crine, gli occhi, il volto, il seno.
Laura:
Poesia e povertà van di concerto,
Che val il saper far un buon Sonetto
E non haver per far un sonno in letto,
Far sempre STANZE, e non haver coperto.
Giacinto:
Vado cercando come Pellegrino
Il più bello del Mondo in ogni parte,
Ma amico il Cielo a voi sola comparte
Il terrestre non solo, ma il divino.
Laura:
Alloggiar Pellegrini già mai si suole
Quando che non venisse di Ungaria.
Solo all' UNGHERO aperta è qui la via,
E molto più s'è armato di PISTOLE.
Giacinto:
Signora, son Barone, e sono Conte,
Nacqui di duca, e son d'alto lignaggio,
Sudditi ho molti, che mi fanno omaggio
Della gran nobiltà nasco dal fonte.
Laura:
Non si fa qui gran stima d'antenati,
E non vale essere Conte a chi non CONTA,
Ogni lignaggio al fin passa e tramonta,
E tutti Duchi son quei, che han DUCATI.
Giacinto:
Non sprezzate, vi prego, Amante fido,
Ch'adorerà in perpetuo il vostro nume,
Che seguirà qual Talpa il vostro lume,
Deh non siate ribelle di Cupido.
Laura:
Seguir nudo fanciul, dite, che vale,
Hor che i vestiti son tutti alla moda,
Se voi sete fedel e senza froda
Per voi solo, è fedel quel ch'è REALE.
Giacinto:
Dunque sprezzate Amor, perfida e ria
Donna vorace più che nero Corvo.
Laura:
Non ch'anzi per il Cieco con voi stia,
Cerchia di quei che fanno calar l'ORBO.
Hiacint:
Liebchen schläft, mit deinen Flügeln fächle,
Amor, dass des Sommers heisse Schwüle
Um des Mädchens Lager bald sich kühle
Und sie in dem Schlafe freundlich lächle.
Kann nimmer ich die armen Augen schliessen,
Ist meine Ruhe nur allein die ihre,
So möge, was ich hier am Schlaf verliere,
Wie Ruhe mir ins kranke Herze fliessen.
Giebst du mir gleich nur immer böse Tage,
So sieh mich hier, dir gute Nacht zu geben,
Nicht Zeit, nicht Ferne lindert mir die Plage,
Ein Schmetterling ein Lämpchen zu umschweben.
Laura:
Wer ist es, der nicht schlafen kann, und andre
So frevlend in dem süssen Schlafe störet,
Ein Felsen bin ich, der sein Lieb nicht höret;
Er sing, doch packe er sich bald und wandre.
Hiacint:
Die Lippe voll Gesang, das Herz voll Zähren
Sing ich, ein Schwan in seines Todes Ringen,
Und schwieg ich gern, so würde ohne Singen
Und Wiedersingen Liebe mich verzehren.
Laura:
In Eurer Schlüsse Wahrheit einzudringen
Hab ich nicht Zeit: was seid Ihr, wollt Ihr, macht Ihr?
Geht, Simpelchen, steht nicht die ganze Nacht hier;
Die Dinger, die ich brauch, kann man nicht singen.
Hiacint:
Ein Bettler bittet hier vor Eurer Türe,
Gebt Liebe ihm, und fristet Euch ein Leben:
O dass er gleich, o dass er bald Euch rühre!
Denn gleich gegeben heisst ja doppelt geben.
Laura:
Wer mir nichts bringt, hat nichts von mir zu hoffen,
Dem Mitleid hab ich längst den Hals gebrochen,
Und ohne Klingen hilft Euch hier kein Pochen,
Nur offnen Händen steht die Türe offen.
Hiacint:
Nehmt mich zum Krieger an, hört auf zu höhnen,
Will streiten für und mit Euch aller Stunden,
Denn abgehärtet fürcht ich keine Wunden,
Die Löhnung sei mir nur, Euch anzulehnen.
Laura:
Bei mir war offner Krieg stets schlecht empfohlen,
Auch führ ich keinen Krieg, wo ich was kriege;
Und weil ich meist dem Degen unterliege,
So ehr ich das Duell nur auf Pistolen.
Hiacint:
Zum Streiter nicht? So nehmet mich zum Dichter!
Bin Dichter ich dem Busen, sing in Versen
Ein Lied ich Euch bei Skyten und bei Persen
Zum Lob des Haares und der Augenlichter.
Laura:
Mit Poesie geht Armut nur gesellt,
Macht Ihr Sonette, macht sie noch so nette,
Ihr bleibt ein armer Sohn und so ohn Bette:
Gebt Geld statt Versen oder Fersengeld.
Hiacint:
Ein Pilger bin ich, suche aller Orten,
Das Göttliche im Irdischen zu finden,
Doch ists umsonst, denn Euch ist nur geworden,
Das Göttliche im Irdschen zu entbinden.
Laura:
Gott helf Euch! geht, ich bitte, geht von hinnen,
Denn wisst, allhier beherbergt man nur Ungern,
Nur Kremnitzer, was sonst woher, muss hungern,
Auch für Zechinen ist die Zeche innen.
Hiacint:
Ein Graf bin ich, ein Duc, bin mit Souvrainen
Verwandt, und habe mehr als sechzehn Ahnen,
Auch frönen mir gar viele Untertanen,
Und Euer Untertan lasst mich Euch frönen.
Laura:
Ein Duka ist mir lieb, doch mit Dukaten,
Souvrainen pflege ich für Severinen,
Baronen ohne Bares nie zu dienen,
Und kann mit Ahnen keine Hahnen braten.
Hiacint:
Verachtet nicht die Liebe des Getreuen,
Vor Eurem Sterne will er ewig knieen,
Nach Eurem Lichte wie ein Maulwurf ziehen;
O suchet nicht, Cupiden zu verscheuen.
Laura:
Auch Ihr seid nackt, drum bleibt nur sein Geselle,
Ich brauche Kleider und des wackren Glauben
An Eure Treu will ich Euch nicht berauben,
Doch nur Reale sind bei mir reelle.
Hiacint:
Mit Spotten siehst du, wie ich hier vergehe,
Du Weib, goldgierig, fleischfressend wie Raben.
Von Ihm ist nichts, Er nur zum Narrn zu haben,
Ich stand Sein Narre hier, Er steh, ich gehe.
Haber zankte noch ein wenig in Prosa über Husten und Schnupfen; ich aber ging
ins Haus, das Bild Annonciatens und Mariens in zwei Sonetten aufzuschreiben.
    Mich reute der Scherz mit Habern, denn die stillen Sitten der Mennoniten
schienen das mutwillige Lied nicht zu vertragen, und der alte Anton rief während
dem Gesange die jungen Burschen und Mädchen weg, welche zuhörten. Die Unschuld
ist sich selbst die grösste Freiheit und andern Beschränkung.
 
                               Annonciatens Bild
Am Hügel sitzt sie, wo von kühlen Reben
Ein Dach sich wölbt durchrankt von bunter Wicke,
Im Abendhimmel ruhen ihre Blicke,
Wo goldne Pfeile durch die Dämmrung schweben.
Orangen sind ihr in den Schoss gegeben
Zu zeigen, wie die Glut sie nur entzücke,
Und länger weilt die Sonne, sieht zurücke
Zum stillen Kinde in das dunkle Leben.
Der freien Stirne schwarze Locken kränzet
Ihr goldner Pomeranzen süsse Blüte,
Zur Seite sitzt ein Pfau; der in den Strahlen
Der Sonne, der er sehnend ruft, erglänzet.
Mit solchen Farben wollte das Gemüte
Von Annonciata fromm ein Künstler malen.
 
                                  Mariens Bild
Im kleinen Stübchen, das von ihrer Seele
An reiner Zierde uns ein Abbild schenket,
Sitzt sie und stickt, den holden Blick gesenket,
Dass sich ins reine Werk kein Fehler stehle.
Was ihres Busens keuscher Flor verhehle
Und ihre Hand in stillem Fleisse lenket,
Die Lilie an ihrer Seite denket,
Das Täubchen dir in ihrem Schoss erzähle.
Durchs Fenster sehen linde Sonnenstrahlen,
Die Josephs Bild, das eine Wand bedecket,
Mit ihrem frohen Glanze heller malen,
Und wär der Schein der Taube zu vereinen,
Die sie herabgebückt im Schoss verstecket,
Marie würde Mutter Gottes scheinen.
Ich ging früh nach der Eremitage an meine Arbeit, und als ich zum Fenster
hinausblickte, und die Fische in dem hellen Teiche munter hin und wieder spielen
sah zu den Füssen des Marmorbildes, wünschte ich recht herzlich, auch nicht mehr
von ihm zu wissen als so ein Hecht oder Karpfe, denn eine Geschichte aus blossem
Respekt gegen den Leser zu schreiben, ist unangenehm; überhaupt bin ich ein
grosser Feind von Arbeiten, wenn die anderen Geschöpfe alle zum frohen Müssiggange
aufstehen. Die Vögel sangen, die Bäume säuselten, die Fische plätscherten im
Wasser, und ich musste schreiben.
 
                           Zweiundzwanzigstes Kapitel
                Fortsetzung der Geschichte der beiden Schwestern
Annonciata hatte dem Glücke ihrer Schwester mit Freuden zugehört; in ihrem Busen
aber war Schmerz, sie verbarg vieles, und hatte keinen Freund.
    Solche Menschen werden nie glücklich, denn das gewöhnliche Leben allein
befriedigt die Bedürfnisse, und ist es gleich so schön, wenn eine Seele in
reinerm, höherm Umgange der Liebe steht, so sind diese Wesen doch nur arme
Kinder, denn vom Himmel kömmt nur Begierde, und zwar die unendliche Begierde,
die auf Erden keine Hülfe, keinen Frieden findet. Wer das Haupt im Himmel trägt,
dem verwelket das Herz in der drückenden, niederen Sphäre.
    Annonciata hatte vieles im Herzen, dessen Vertraute sie selbst nicht war.
Zwar hatte sie eine Freundin an einer Witwe, die von einem kleinen Vermögen in
der nämlichen Stadt lebte; aber auch diese würde keinen Sinn für ihren Zustand
gehabt haben, denn sie erschien bei ihr nur als ein lebhaftes gutes Wesen. Ob
sie ihr nicht mehr vertrauete, oder ob diese Freundin sie nicht verstand, weiss
ich nicht.
    Annonciata besuchte sie manchmal abends, wenn der Bruder der Frau Helsing
zugegen war, welcher sehr gut vorlas, um ihm zuzuhören. Dieser Bruder war der
Hofmeister eines jungen Edelmanns gewesen, der hier in der Gegend lebte. Er
sprach oft mit Entusiasmus von seinem ehemaligen Zöglinge. Die Weiber hörten
ihm gerne zu, und in Annonciatens Herz wurzelte diese Beschreibung wie in einem
fruchtbaren Boden. Wenn Helsing aufgehört hatte, vorzulesen, so war sie immer
die erste, die das Gespräch auf den jungen Edelmann lenkte, so dass Helsing, der
sich in seiner Erzählung gefiel, weil er von alle dem Guten immer etwas
einerntete, bald nichts mehr wusste, und bis zu seinen pädagogischen
Beobachtungen über des Jünglings früheste Jugend zurückkehrte, um Annonciaten zu
befriedigen.
    Sie brachte hier meistens die Abende zu, während Marie die letzte Zeit,
welche Joseph noch in Deutschland war, mit ihm in Liebe teilte. Annonciata war
gern zu Haus, und dass sie jetzt öfter als gewöhnlich ausging, war, um Marien
nicht zu stören. Dieses erkannte man übrigens nicht. Es lag in ihrem Charakter,
Gefälligkeiten, Wohltaten und alles, was sie in den Augen anderer erheben
konnte, durch eine oft künstliche, mühsame Vorbereitung unscheinbar zu machen;
denn nichts tat ihr weher als Lob; doch erkrankte ihr Gemüt in diesem
selbstbereiteten lieblosen Zustande.
    In dieser Zeit empfing sie einen Brief von ihrer Taufpate, einer in der
Gegend wohnenden Gräfin, die sie schon vor einiger Zeit besucht und mit deren
Tochter sie einen freundlichen Umgang angeknüpft hatte. Die Gräfin bat sie
dringend, sogleich zu ihr kommen, weil ihre Tochter Wallpurgis gefährlich krank
sei und sehr nach ihr verlange.
    Annonciaten bestürzte diese Nachricht, sie hatte sich, als sie den vorigen
Abend wie gewöhnlich am Fenster stand, so lebhaft nach dem Schloss gesehnt, und
nun rief sie eine so traurige Nachricht hin.
    Sie brachte den Brief ihrem Vater, der es ihr gern erlaubte, und nachdem er
sich bei der Kammerfrau der Gräfin, die mit einer Kutsche gekommen war,
Annonciaten abzuholen, über die Krankheit erkundigt und erfahren hatte, dass sie
in einer blossen tiefen Melancholie bestehe, so sprach er mit Annonciaten noch
einmal allein, wie man mit Melancholischen umgehen müsse, machte sie aufmerksam
auf ihren eignen Tiefsinn und beurlaubte sie mit den Worten: »gehe mit Gott,
mein Kind«. Annonciata ward durch die Rede ihres Vaters sehr gerührt, die
letzten Worte nämlich, »gehe mit Gott, mein Kind«, bewirkten ihr eine heftige
Bewegung, denn in diesen selbstgebildeten Ausdrücken des Herzens, die wie die
Wünsche: Guten Morgen! Guten Abend! die Frage: Wie geht es? bei den meisten
Menschen durch die Gewohnheit ganz bedeutungslos werden, lag für sie eine tiefe
Bedeutung, und ich glaube dieses mit Recht für den Zug eines kindlichen und
tiefen Gemüts halten zu dürfen, welches fromm an das Wort glaubt, und dem der
Sinn nie verloren geht.
    Annonciata fiel dem Vater um den Hals, und konnte vor Tränen nicht sprechen.
Wellner verstand dies nicht; er dachte nach, ob er sie gekränkt habe, und da ihm
nichts einfiel, so legte er auch das zu seiner allgemeinen Idee von ihr zurück,
und seine Sorge ward erhöht. Zu Marien ging Annonciata auch, wo sie Joseph fand.
Auch hier fühlte sie sich tiefer gerührt, als der Zufall es erforderte, und sie
erstaunte selbst über das Wesen ihrer Trauer.
    Joseph redete viel Freundliches zu ihr, und viel von der Zukunft, aber das
war es grade, was ihr das Herz zerbrach.
    »Die Zukunft!« rief sie, »die Zukunft, o wäre sie vorüber!«
    Dann schnitt sie sich eine Locke über der Stirne ab, und gab sie Marien, die
dasselbe tat. Joseph und Marie sahen ihrem ganzen Betragen mit banger
Aufmerksamkeit zu, denn sie hatten sie nie so vertraulich und so freundlich
gesehen.
    Annonciata brachte Marien noch ein kleines Orangenbäumchen auf die Stube,
und bat sie, es treu zu pflegen und ihrer oft zu gedenken abends, wenn sie nun
nicht mehr bei ihr am Fenster stehe. Dann reiste sie ab, nachdem sie alle Leute
des Hauses noch gegrüsst hatte, und ihre Trauer verbreitete sich über alle die
Zurückgebliebenen, als sollte sie nie wiederkehren.
    Das ganze Haus war nun mit den Zubereitungen zu Josephs Abreise beschäftigt.
Er selbst aber suchte die genauere Bekanntschaft des jungen Genuesers, den sich
Wellner für Annonciaten ersehen hatte. Dies war ihm nicht schwer, denn jener war
ein offener, lustiger Mann und ihm schon durch mehrere Geschäfte bekannt. Er
wohnte in dem Hause eines seiner Schuldner als eine Art Exekution, da er den
Mann nicht zahlbar gefunden hatte.
    Eigentlich war er kein bestimmter Kaufmann, sondern bloss der Erbe einer
grossen aufgelösten Handlung, und reiste, um die Schulden dieser Handlung
einzutreiben. Joseph entschuldigte seinen Besuch bei ihm durch den Vorwand, dass
er ihn um einige genuesische Kaufleute fragte. Da der Italiäner ihm hierüber
Auskunft gegeben hatte, begann er, mit vielem Feuer über sein Vaterland zu
sprechen, und geriet in eine lange Auseinandersetzung der Staatsverfassung von
Genua, bis es Josephen bange ward, er möge seinem Zwecke heute nicht
näherrücken. Der gesprächige Italiäner kam endlich auch auf die Weiber zu
sprechen. Er klagte über die unsittliche Sprödigkeit der Deutschen, und sagte:
    »Ich wollte meinem Hausherrn gern die halbe Schuld erlassen, wenn er nur
eine weise Tochter mit schwarzen Augen und Haaren hätte, die ich ein wenig
lieben könnte; nun aber ist kein Mitleid im ganzen Hause, denn die Tochter hat
rote Haare, und ich muss hier sitzen und unbarmherzig sein. - Ihnen geht es wohl
besser, mein Freund, denn ich habe jüngst bei Ihnen so im Fluge ein paar hübsche
Mädchen bemerkt.«
    Joseph erzählte ihm von Marien und Annonciaten, und der Italiäner versprach,
ihn nächstens zu besuchen.
    Den folgenden Tag war er schon morgens bei Wellner, und abends ass er dort.
Wellnern gefiel er sehr wohl, denn er hatte ein grosses Talent, alte Leute zu
unterhalten. Er ward bald der tägliche Besuch, und man freute sich immer recht
auf ihn. Abends kam er meistens während dem Essen, setzte sich nieder und
plauderte, erzählte italiänische Komödien, und machte die Touren des Harlekins,
Pantalons und Scaramuz. Marien lehrte er auch ein wenig die Colombine zu machen,
und sie spielten manchmal kleine Szenen aus dem Stegreif, um Josephen zu necken,
dessen Liebe er immer hineinzumischen wusste. Marie gewann manche Reize durch
ihn, er lehrte sie tanzen, und all' amore spielen, doch mochte sie ihn nicht
leiden, denn er hatte oft im Spiele zu ernste Bewegungen.
    Wellner glaubte nun, das sei der rechte Mann für Annonciaten, bei ihm werde
sie den Tiefsinn schon verlieren, und wünschte sehr, sie möge hier sein. Er
hatte soeben mit Joseph davon gesprochen, ob man sie nicht rufen sollte, als
Marie einen Brief von Annonciaten brachte.
 
                           Dreiundzwanzigstes Kapitel
                              Annonciata an Marien
Was machst du, liebe Marie? Mir muss es nicht gut gehen, denn ich frage, was du
machst, und weiss es doch. Du bist glücklich und liebst Josephen; o! schreibe mir
doch und frage, wie mir ist, recht mit Liebe frage, vielleicht wende ich mich
dann in mich, und erfahre, wie mir ist.
    Jeder Tag wie der andere, Wallpurgis geht dem Grabe entgegen. Ach sie ist so
liebenswürdig in ihrem Sterben, das Leben will sie nicht lassen, denn sie ist
allem so freundlich. Es ist, als stände der Frühling zu Füssen ihres Lagers, und
wolle sie nicht sterben lassen. Sie ist krank wie ein Weib, und wird auch so
sterben, sie fühlt es und ist ruhig; aber was sie zerreisst, ist das Leben, denn
sie liebt ohne Hoffnung.
    Ich erzählte ihr gestern von dir und Josephen, wie ihr so glücklich seid;
sie bat mich dringend darum, und der Arzt will, dass man ihr allen Willen tue.
Als ich fertig war, gab sie mir die goldne Halsnadel für Josephen, und die
Ohrringe für dich, die hier beiliegen; sie nahm beides von sich, und weinte dann
sehr. Sie liebt einen jungen Edelmann, der es auch verdienen soll; aber wer
verdient, dass die Jugend um ihn sterbe?
    O! es ist ein Jammer, Marie, wie Wallpurgis aussieht, bleich und abgezehrt,
die schönen langen Haare verwirrt, und die herrlichen Augen erloschen. Die
Gräfin möchte verrückt werden vor Kummer. Mir tut es nichts, es ist mir nur
fremd zu Mute; wenn ich es selbst wäre, würde ich noch ruhiger sein.
    Das Schrecklichste ist, wenn sie oft plötzlich auflebt, und der Gedanke an
den Tod ihr fürchterlich wird. Sonst weilt sie oft halbe Tage in einer ruhigen
Betrachtung des Todes, und spricht mit einer schönen Rührung von ihm, so dass man
gern sterben möchte, wenn es so ist; aber dann fasst sie plötzlich der Gedanke,
wie das Leben lächelte, da ihre Liebe noch jung und er mit ihr war. In einer
solchen Minute sagte sie jüngst zu mir:
    »Ach ich kann doch nicht sterben, so sterben ohne Freude, ohne Liebe; wenn
du wüsstest, Annonciata! wie ich meine Kinder lieben könnte, wie sie schön sein
würden und freundlich, und sich die ganze Welt ihrer freuen müsste - aber das ist
alles nicht, und ich muss wohl sterben, nicht wahr, Annonciata!«
    Was soll ich dann sagen? ich, die unbekannt ist mit Leben und Tod, und mit
Liebe - »Alles ist schön in einem solchen Herzen, Wallpurgis,« sage ich dann,
»nur die Trennung ist Schmerz, und alles Erreichte ist Glückseligkeit und
Schönheit.«
    Da erwiderte sie:
    »Schweige, Annonciata, ich werde nichts erreichen, auch über dem Grabe
nichts, ich werde auch dort herumgehen, und so fort immer sterben.«
    Jüngst sagte sie auch:
    »Ich quäle dich recht mit meinem Elend, aber wenn du jenen Mann kenntest, du
wärest auch so. Gott gebe, dass ich nach dem Tode hier sein könne, so will ich
dir alles vergelten, ich will dich mit sanfter Stille erfüllen, und dich stärken
gegen die Liebe; denn sieh, wir Mädchen sind recht arm in der Liebe, wenn wir
lieben können. Wir sind wie die Blumen, die nimmer sagen können, wie es ihnen
ist; wir blicken den Himmel mit schönen Farben an, und sterben.«
    Solchen Worten soll ich Trost geben? solchen Worten? die mein Trost sind -
»Du hast recht, Wallpurgis,« sage ich, »auch ich fühle, wie es sich in meinem
Herzen regt, und wie sich meine Gedanken ausbreiten in einer andern Welt, auf
welche die Blume nur hinweist, und dann verwelkt. Doch ist mein Herz stolz auf
dieses Zeugnis eines höhern Zusammenhangs, und ich will mich seiner als eines
edleren Gedankens erfreuen, wenn mich keiner lieben sollte.«
    Gestern war sie mit mir im Garten, sie sprach kein Wort, und setzte sich mit
mir mitten unter die Blumen. Es war rührend zu sehen, wie sie leise mit den
müden Augen über sie hinblickte, bei einzelnen sinnend verweilte, und keine
Träne in ihr Auge kam.
    Da ich sie fragte, warum sie so nachdenklich sei, sprach sie lange, und
erklärte mir ihre Gedanken; es war ihr schon oft so bei den Blumen gewesen, und
sie gab mir nachher ihr Tagebuch, wo sie folgendes hineingeschrieben hatte:
    »Ich weiss nicht, woher es kömmt, aber es ist wunderbar, was ich vieles
empfinde, wenn ich so über die mancherlei Blumen hinsehe. Mein Denken verliert
sich dann, in jedem Kelche ertrinken einige Begriffe von mir, und ich fühle mich
leichter als vorher, und willenloser müde. Manchmal sehe ich meinem Gedanken
ordentlich zu, wie er sich auf dem sanften Rande der Lilie kindisch schaukelt;
aber bald ängstigt ihn die Welt um ihn herum, es ist ihm, als wären alle Bäume
und Berge, ja alles, die ganze Erde eine Kette von gebundnen Ewigkeiten, und er
hält sich bange am samtnen Blumenblatte fest. Dann fühle ich, wie er die Blicke
aufwärtshebt, und sich nicht mehr erhalten kann; es ist ihm, als stürze er in
den Abgrund der Höhe, über ihm schwimmt das öde Meer des Rausches, der noch in
keiner Traube war, und der Liebe, die noch in keinem Körper webte, und dieses
Meeres Wogen brausen ohne Ton, und Gestaltenstrudel ohne Umriss wühlen in ihm.
Aus allen Tiefen streckten glänzende Polypen ihre Arme nach dem Gedanken aus,
und wo sich die wilden Wogen trennten, war es, als stürzten blitzende Pfeile
nach ihm herüber, die ihm das Innre mit süssem Tode impften, und näher, wo das
Meer ihm um die Locken spielte, da trennt es sich, und öffnet sich ihm ein
heller Schacht durch den öden wühlenden Kampf, in den er gelinde hinabsinkt. Von
allen Seiten drängen blühende Gestalten aus des Schachtes Wänden, und alle
grüssen ihn wie einen Freund von Ewigkeit, und jede reicht die Arme nach ihm aus,
und er ruht in aller Armen, auch will ihm jede der Gestalten einen ewgen Weg
zeigen; doch weilt er nicht, und sinkt hinabgezogen in dichterischer Wollust
immer tiefer, bis dass er in dem Grunde ruht. Er schaut nun aufwärts durch den
Schacht, und alle die Gestalten sieht er wie zwei Säulen emporsteigen, zwei
herrliche Bäume, auf deren einem holde Mädchen wie Blüten und Früchte
auseinander dringen, und auf dem andern Jünglinge; und wie die beiden
tausendarmichten Leben ineinander rauschen, verschwinden ihm die Blicke, er
fühlt um sich ein wunderbares Weben, das höher ist als alle die Gestalten, die
nun ein einziger Baum vor ihm zu werden scheinen, und er fühlt, wie sich des
Baumes Wurzeln unter ihm regen, und umarmt bange den lebendigen Stamm, damit ihr
geheimnisvolles Treiben ihn nicht verschlinge, und blickt er aufwärts, so betet
er, und blickt er nieder, so schwindet er in dem Gewirre der Wurzeln, die wie
lichte Schlangen um ihn wühlen, und schafft, und wo er schuf, dringen goldne
Blitze aufwärts, klingend schiessen sie in die Höhe, und leuchten an dem
herrlichen Stamme bis zu dem Gipfel empor, der in der Glut sich wieder in die
beiden ersten Leben löst. Da fühlt er sich nicht mehr, die leuchtenden Schlangen
der Wurzeln umschlingen ihn, und eine freundlicher und dringender schmiegt sich
um seine Brust, flösst aus dem wollüstig gewundnen Leben, das sie in tausend
Lüsten um ihn windet, den süssen Tod verwandelnd ihm in die Lippen - da sah ich
ihn nicht mehr, hinab blickte ich in den Kelch der Blume, wo er im stillen Tode
lag, und der Auferstehung harrte, welche goldne Bienen singen werden.«
    So sprach sie, und fuhr fort:
    »Sieh, Annonciata, und als ich weiter blickte, so war ich immer weniger,
denn an jedem Kelche musste ich ein Kind meiner Seele zurücklassen als ein Opfer
des Todes. Als ich bei einer Blume niederblickte dem traurigsten Gedanken nach,
denn er hatte alle andere überlebt, so war mir, als sähe ich mich selbst im
Kelch der Blume liegen, eine andere Blume blickte nieder in mein zartes Grab, in
das sie kühle Tränen träufelte, und ich empfand Erinnerung über den Rand der
Blume hinüber wie Ahndung in mir weben.«
    Da Wallpurgis so gesprochen hatte, war sie sehr schwach, und ich trug sie in
meinen Armen nach ihrer Stube. Ich konnte nicht begreifen, dass sie bald nun
nicht mehr sein würde, jetzt noch in meinen Armen warm liebend und denkend, und
bald alles das vorüber, - schon die leuchtende Schlange der Wurzel sich um sie
schlingend, ihre blassen zarten Lippen schon offen dem süssen verwandelnden Tode.
    Da ich in der Stube war, legte ich sie nieder, und fühlte mich zu ihren
Lippen gezogen, ich wollte sie küssen, aber sie erschrack heftig dabei und
drängte mich mit den Worten zurück:
    »O lebe! lebe! dass die Meinige zurückbleibe, denn zwei solche können nicht
sterben, nicht leben, lass uns die Welten verbinden.« Sie war heftig gereizt, ich
rief den Arzt, der nun im Hause wohnt, er war über ihren Zustand sehr verlegen.
Ich konnte nicht mehr zugegensein, ihre Mutter ging zu ihr, und ich trat in den
Garten. Da ich an die Stelle kam, wo wir gesessen hatten, fiel mir Wallpurgis
Rede ein, und ich betrachtete die Blumen aufmerksam. Da steht ein Rosenstock,
den sie einstens selbst gepflanzt, und seiter immer gepflegt hatte, in der
letzten Zeit aber, da sie der Liebe erlag, vernachlässigte sie ihn, und er war
umgekommen bis auf einen Zweig, der eine weisse Rose trug, die dem Verwelken nahe
war. In dieser Blume schien sie sich gesehen zu haben, denn neben ihr steht eine
Lilie, die ich pflanzte, als wir uns das erstemal sahen, die Lilie beugt das
Haupt nieder, und leert ihren Kelch über der Rose aus sie ahndete ihren Tod, und
mir ist es ebenso.
    Mir war eigentlich nur stille zu Mute, traurig nicht, dies Wesen ist nun
schon ganz mein Leben, und man kann in jedem Leben zur ruhigen Erhebung
gelangen. Ich setzte mich in das Gartenhaus, dessen Fenster auf die Landstrasse
geht, und schlief allmählich ein. Ich möchte vergehen, Marie, vor Ärger,
plötzlich störte mich etwas, ich erwachte: ein Mann hatte mich vertraulich
umschlungen, und küsste mich, ich schrie um Hülfe, und er sprang zum offen
stehenden Gartenfenster mit einer lächerlichen Leichtigkeit hinaus. Es war so
närrisch, dass ich mich umsehen musste, da hörte ich ihn in den Büschen singen:
Non gridate per aiuto
O lo farò senz' ogn' aiuto.
Ich empfand nie einen lächerrlichern Widerwillen, die Bedienten der Gräfin liefen
ihm nach, aber sie fanden niemand.
    Ich habe dies gleich nach dem abgeschmackten Vorfalle geschrieben, und jetzt
will ich Wallpurgis noch gute Nacht sagen. Lebe wohl! grüsse Joseph, und sag dem
Vater, ich wäre wieder ruhig. Ich bin gerne hier, denn dieser Aufentalt stärkt
mich für mein ganzes Leben.
                                                                      Annonciata
Marie ward sehr traurig durch diesen Brief, so auch Joseph und der Vater; dieser
sagte:
    »Man sollte nicht denken, was die Umgebung der Mutter auf das Kind für einen
Eindruck machte. Einige Monate lang vor Annonciatens Geburt war ihre Mutter sehr
traurig über den Tod ihrer Eltern, und bald darauf des jungen B. wegen, der sich
aus Liebe zu ihr das Leben nahm; so ist das Mädchen in Kummer und Ängsten
geworden, und muss nun ewig das Zeugnis davon in ihrem trüben Gemüte tragen.«
    Bald hierauf kam noch ein Brief von der Gräfin selbst: sie bat Wellner, ihr
Annonciaten noch zu lassen, weil ihre Tochter gewiss früher ohne sie sterben
würde; sie lobte dabei sehr Annonciatens vortreffliche Seele und versprach, ihr
einstens alles zu vergelten.
    Da einige Tage nachher die Zeit von Josephs Abreise sehr nahe war, und der
Vater sehr gern den Genueser mit Annonciaten bekannt gemacht hätte, so nahm er
den Vorwand, dass Joseph sie noch einmal sehen müsse, und fuhr mit ihm, Marien
und dem Italiäner nach dem Gute.
 
                           Vierundzwanzigstes Kapitel
Ich hatte gegen das Ende meiner Beschäftigung etwas im Gebüsche rauschen hören,
und da ich sah, dass es Georg der Diener war, der am Teiche stand und die Fische
fütterte, rief ich ihn herein, um ihm Unterricht auf der Laute zu geben. Als ich
ihn die ersten Töne und einige Akkorde gelehrt hatte, begriff er es gar bald,
und wünschte nur, dass er besser singen könnte. Ich bat ihn, leise und gelinde
eine Melodie zu singen; er weigerte sich auch nicht lange, und sang folgendes
Lied mit einem wehmütigen Tone:
Ein Fischer sass im Kahne,
Ihm war das Herz so schwer,
Sein Liebchen war gestorben,
Das glaubt' er nimmermehr.
Und bis die Sternlein blinken,
Und bis zum Mondenschein
Harrt er, sein Lieb zu fahren
Wohl auf dem tiefen Rhein.
Da kömmt sie hergegangen
Und steiget in den Kahn,
Sie schwanket in den Knieen,
Hat nur ein Hemdlein an.
Sie schwimmen auf den Wellen
Hinab in tiefer Ruh,
Da zittert sie und wanket;
O Liebchen, frierest du?
Dein Hemdlein spielt im Winde,
Das Schifflein treibt so schnell;
Hüll dich in meinen Mantel,
Die Nacht ist kühl und hell.
Sie strecket nach den Bergen
Die weissen Arme aus,
Und freut sich, wie der Vollmond
Aus Wolken sieht heraus.
Und grüsst die alten Türme,
Und will den hellen Schein
Mit ihren zarten Armen
Erfassen in dem Rhein.
O setze dich doch nieder,
Herzallerliebste mein!
Das Wasser treibt so schnelle,
O fall nicht in den Rhein.
Und grosse Städte fliegen
An ihrem Kahn vorbei,
Und in den Städten klingen
Der Glocken mancherlei.
Da kniet das Mädchen nieder
Und faltet seine Händ
Und seine hellen Augen
Es zu dem Himmel wendt.
Lieb Mädchen, bete stille,
Schwank' nicht so hin und her,
Der Kahn, er möchte sinken,
Das Wasser treibt so sehr.
In einem Nonnen-Kloster
Da singen Stimmen fein
Und in dem Kirchenfenster
Sieht man den Kerzenschein.
Da singt das Mädchen helle
Die Metten in dem Kahn,
Und sieht dabei mit Tränen
Den Fischerknaben an.
Der Knabe singt mit Tränen
Die Metten in dem Kahn,
Und sieht dabei sein Mädchen
Mit stummen Blicken an.
So rot und immer röter
Wird nun die tiefe Flut,
Und weiss und immer weisser
Das Mädchen werden tut.
Der Mond ist schon zerronnen,
Kein Sternlein mehr zu sehn,
Und auch dem lieben Mädchen
Die Augen schon vergehn.
Lieb Mädchen, guten Morgen!
Lieb Mädchen, gute Nacht!
Warum willst du nun schlafen?
Da schon die Sonn erwacht.
Die Türme blinken helle,
Und froh der grüne Wald
Von tausend bunten Stimmen
In lautem Sang erschallt.
Da will er sie erwecken,
Dass sie die Freude hör,
Er sieht zu ihr hinüber
Und findet sie nicht mehr.
Und legt sich in den Nachen
Und schlummert weinend ein,
Und treibet weiter weiter
Bis in die See hinein.
Die Meereswellen brausen
Und schleudern ab und auf
Den kleinen Fischernachen,
Der Knabe wacht nicht auf.
Doch fahren grosse Schiffe
In stiller Nacht einher,
So sehen sie die beiden
Im Kahne auf dem Meer.
Die Tränen standen ihm dabei in den Augen, und als ich ihn fragte, warum er so
traurig sei und das Lied ihn so bewege, sagte er:
    »Die Weise ist von des einen Pächters Tochter; sie sang es oft, ich war dem
Mädchen gut, und sie ist nun gestorben; es ist mir nur immer, als trieb ich auch
in die weite See.«
    Ich spielte ihm einige naive lustige Lieder, um ihn zu trösten, denn das
Naive ist der Trost einfacher Seelen. Dann gab ich ihm einiges, was er lernen
sollte, und ging nach Godwi.
    Ich fand Flametta bei ihm: es schien uns in ihrer Gegenwart allen
wohlzusein. Das Mädchen ist so fest, so rein und kalt wie Marmor, und dabei doch
so unendlich beweglich und lebendig. Ihre Figur ist vollkommen die der Atalanta,
und ich habe eine grosse Liebe für diese Figur. Es ist mir, als könne man sie
noch erbitten, und als habe sie in dem Charakter ihrer Gestalt einen
überwindlichen Gegensatz.
    Sie kam, um Godwi eine kleine dramatische Arbeit vorzulegen, und um seine
Erlaubnis und Unterstützung bei der Aufführung zu bitten; auch bat sie uns, an
allen männlichen Rollen zu ändern, wo es uns gut dünke, weil sie, so sagte sie
lächelnd, dies Geschlecht täglich weniger begreife.
    Godwi sagte scherzend: »Das ist doch schon ein Beweis, dass Sie über dieses
Geschlecht studieren, und Sie werden es vielleicht einstens wohl gar umfassen.«
    Wir nahmen uns dann vor, ihr Gedicht zu lesen, und Godwi gab ihr die
Erlaubnis, eine kleine Summe für die Aufführung anzuwenden. Sie bat sehr um
unser Mitspielen, wir konnten es ihr nicht versagen, und versprachen, bald zu
kommen, sie möge nur einstweilen die Zubereitungen vollenden. Das Gedicht hiess:
Vertumnus und Pomona.
 
                           Fünfundzwanzigstes Kapitel
                Fortsetzung der Geschichte der beiden Schwestern
Die Gesellschaft fuhr fröhlich nach dem Gute hinaus; der Italiäner war vergnügt,
sang scherzhafte Lieder, und schnitt den Bauernmädchen Gesichter aus dem Wagen;
als sie aber den Schlosshof hineinfuhren, ward Wallpurgens Sarg in den
Leichenwagen geschoben, die schwarzen Männer bewegten sich, und stille, wie das
Geschäft einer andern Welt, ging der Zug an ihnen vorüber.
    Sie konnten alle kein Wort sprechen, Joseph und Marie hatten sich angesehen,
da der Wagen vorüberging, und dann nicht wieder.
    Nach dieser Pause sprang der Italiäner aus der Kutsche mit den Worten: »Das
war dumm.« - Dann folgten die andern. Joseph erkundigte sich im Hause, und
brachte die Nachricht, dass die Gräfin mit Annonciaten, gleich nach dem Tode
ihrer Tochter, auf ihr anderes Gut gereist sei. Sie entschlossen sich daher,
sogleich zurückzukehren, nachdem sie einige Erfrischungen eingenommen hätten,
für welche der Hausmeister sorgte.
    Sie waren in den Garten gegangen: Wellner und den Italiäner reizten einige
Statuen, einen andern Weg einzuschlagen, und die beiden Liebenden setzten sich
in eine Laube. Anfangs sprachen sie nicht; es war, als seien sie ganz fremd
geworden, und müssten sich ihre Liebe von neuem gestehen, so war der Tod der
armen Wallpurgis zwischen ihnen durchgefahren. Morgen war nun der Tag, an dem
Josephs Abreise festgesetzt war, und wie traurig der Abend vorher. Er war
herausgefahren, um Annonciaten noch manches zu sagen, was ihm das Herz schwer
machte, denn er hatte in der letzten Zeit vieles verstehen lernen. Er wollte die
Beiden heute in der weihenden Abschiedsstunde sich und einander fester
verbinden, damit sie sich in seiner Abwesenheit gegenseitig unterstützen
könnten, und nun musste er sie in solcher Zerrüttung verlassen.
    Der Hausmeister deckte zwei Tische im Garten, welche nur eine Taxuswand
trennte; an den einen setzte sich unsre Gesellschaft, ohne zu wissen, wer den
andern einnehmen werde. Es war schon dunkel, und man ass mit brennenden Lichtern;
doch blieben sie nicht lange ungestört, und Wellner, Joseph und Marie verliessen
den Tisch, als sie die Leichenträger Wallpurgens sich an der andern Tafel
versammeln sahen, ihren herkömmlichen Schmaus zu halten; der Italiäner allein
blieb zurück.
    Die ganze Begebenheit mit dem Leichenwagen und dem Schmaus war ihm äusserst
fatal; er nahm sich daher ganz allein für sich vor, sich an den schwarzen
Männern zu rächen. Um dieses zu bewerkstelligen, ging er nach dem Tore, einen
der Gesellschaft, der noch kommen sollte, zu erwarten und zu seiner Absicht zu
gebrauchen. Er hatte die übrigen sehnlichst nach diesem verlangen hören, weil er
der vierzehnte war, und sie nach einem alten Aberglauben, dass einer von
dreizehnen, welche miteinander essen, sterben müsse, diesen Retter von Tod und
Hunger wie den Messias erwarteten.
    Der Italiäner empfing diesen am Tor, und bezahlte ihn so gut für einen
Botengang, den er ihn eine halbe Stunde weit machen liess, dass er ihm seinen
schwarzen Mantel hingab, und sich sogleich auf den Weg machte. Er aber hüllte
sich in den Mantel, und ging zu den übrigen hin. Diese machten ihm Vorwürfe über
sein Ausbleiben, er schwieg; sie fuhren fort, ihren Unwillen zu äussern, und er,
stumm zu sein; dann setzten sie sich nieder, um zu essen. Es war dunkel, sie
hatten nur eine Lampe, welche an der entgegengesetzten Seite des Tisches an
einen tiefen Ast des Baumes gehängt war, der neben dem Tische stand, und der
Italiäner sass völlig im Schatten.
    Da der Becher herumging, und die Reihe an ihn kam, zu trinken, war er
weggeschlichen, ohne dass man ihn bemerkt hatte. Die Leichenmänner stutzen
hierüber nicht wenig, denn sie waren nun wieder zu dreizehn, und einer stand
deswegen auf, ihren Kameraden zu suchen und zu prügeln. Die Zurückgebliebenen
aber liessen es sich indessen recht gut schmecken.
    Als der dreizehnte weg war, setzte sich der Italiäner wieder hin, und da sie
ihn bemerkten, fingen sie an sich zu zählen, indem sie ihre Namen hintereinander
her nannten, und als die Reihe an ihn kam, warf er mit einer Erdscholle die
Lampe vom Baum, und schrie laut: eccomi. - Die Leute erschracken hierüber so
sehr, dass sie auseinander liefen, um ihren Kameraden zu rufen, er aber nahm die
grosse Leichenbrezel, kletterte, indem er sie um den Hals hängte, den Baum
hinauf, und erwartete den Ausgang.
    Bald kamen die Leute mit grossem Lärm zurück, sie hatten einen Fremden in
ihrer Mitte, der sich lebhaft verteidigte. Da sie sich dem Tische genähert
hatten, und einer ausrief, dass die Leichenbrezel auch fort sei, fragte der
Fremde, wer gestorben sei, und als er den Namen Wallpurgens hörte, sank er an
die Erde. Nun kam der Hausmeister mit Fackeln gelaufen, auch Wellner, Joseph und
Marie kamen herbei, der Italiäner aber stieg bestürzt vom Baume, und ging nach
der Kutsche, welche schon angespannt war, liess die andern rufen, und sie fuhren
weg.
    Joseph erzählte, dass er in der Verwirrung gehört habe, der junge Mensch sei
der Mann, um dessenwillen Wallpurgis gestorben sei; er habe sie besuchen wollen,
und von ihrem Tode noch nichts gewusst, und als er zur Hintertüre des Gartens
hereingekommen, sei er auf so eine lärmende Weise von den Leichenmännern
empfangen und von ihrem Tode unterrichtet worden, dass er fast vor Schreck
gestorben sei; doch habe er sich nicht zurückhalten lassen, und sei gleich
weitergeritten. Der Italiäner sagte nichts, und der ganze Tag hatte sich traurig
und polternd geendigt.
    Den folgenden Morgen trennten sich Joseph und Marie unter vielen Schmerzen,
sie und der Vater begleiteten ihn bis an den Hafen, und da das Schiff schon weit
weg war, und sie nicht mehr ihre winkenden Schnupftücher sehen konnten,
bedeckten Marie und der ferne Joseph sich die Augen und wendeten sich.
    Sie und der Vater waren beide sehr niedergeschlagen durch die ganze letztere
Zeit, und die Munterkeit des Italiäners ward ihnen unangenehm. An Annonciaten
und die Gräfin schrieben sie mehrmal, um sie zu bewegen, zurückzukommen, aber
die letzte bat dringend, ihr Annonciaten zu lassen, und eröffnete zugleich ihren
Willen, das Mädchen an Kindesstatt anzunehmen, wenn er seine Einwilligung dazu
geben wolle. Sie schrieb:
    »Annonciata soll nichts davon wissen, es würde ihren gereizten Sinn
vielleicht kränken; aber lassen Sie es uns im Stillen über sie verhängen.«
    Von dem Mädchen lag folgender Brief dabei.
                                 Lieber Vater!
Deine Sorgen um mich sind nun meine einzigen Sorgen - Wallpurgis ist tot, und
ich bin ruhig. Jemand so sterben sehen, gibt Ruhe, denn ein solcher Tod ist
gastfrei, und wer zugegen ist, geniesst alles mit: ich bin mit ihr ruhig
geworden. Du sollst deswegen auch nicht mehr um meinen Zustand bekümmert sein,
denn alles, was Bangigkeit und Unruhe in mir war, ist mit ihr hinübergegangen,
und sie wirft einen stillen Abglanz ihrer Seligkeit in mein Herz zurück; sie war
immer ein freundliches, teilendes Wesen, und hat sich auch im Himmel nicht
verändert. Es ist mir, wenn ich an sie denke, als stehe sie vor mir, empfange
meine Gedanken, und gebe sie mir in einen stillen wohltätigen Strom von Ruhe
gelöst zurück.
    Du kannst es nicht glauben, lieber Vater, was das für eine Empfindung ist;
mit allem bin ich versöhnt, und kann so glücklich hier im Garten herumgehen,
denn in jeder Blume liegt mir das ganze Leben. Ich will deswegen recht offen mit
dir reden, denn ich bin nun so, dass ich nichts mehr zu verbergen brauche, da
auch in dieser Einigkeit meiner Seele jenes Verbergen ein Ende nahm: ob ich
denke oder spreche, das ist einerlei.
    Ich weiss, wie du mich liebst, und wie du immer um mich besorgt bist. Die
Erziehung ist etwas, was der Erzieher immer weiss, und ein Gemüt ist etwas, was
er nicht weiss; da er aber doch mit der sorgenden schönen Liebe, die ihn treibt,
erziehen muss, so wird er sehr traurig, wenn er niemals das werden sieht, was er
bezweckt. So warst du und Joseph immer traurig um mich, und ihr würdet noch viel
trauriger geworden sein, wenn ich nicht die Hälfte des Verdrusses in mich
genommen hätte, und obschon ich dadurch eure Einwirkung auf mich scheinbar
wirkender machte, so erlag ich doch oft sichtbar dieser doppelten Tätigkeit des
Selbstbildens und Sichbildenlassens, so dass dieser Betrug, den ihr in mir
bemerktet, euch wieder kränkte.
    Sei versichert, lieber Vater, dass alles aus mir werden wird, was aus mir
werden kann, denn ich bin ernstaft und unbefangen. Was man erkennen kann,
erwäge ich und gebe ich mir mit Sorgfalt und Verstand, und alles, was über den
Menschen schwimmt, wie die Luft über der Pflanze, gibt mir das Leben: ich bin
fromm und andächtig, es zu empfangen, denn fromm ist der, der das Schöne und
Reine mit Liebe sucht und emsig betet, wenn er vor der Natur und schönen Werken
steht, und andächtig ist der, welcher über seinem Denken nicht ein trennendes
Ende fühlt, sondern einen leisen Übergang in die unendliche Liebe. Die Andacht
ist ein gelinder Rausch, der unsre geschlossene Gestalt von allen Seiten
eröffnet, und uns unsere Verwandtschaft zeigt mit vielem, das wir nie sahen,
noch wussten. So sind die halben Töne in der Musik, und die milden Farben des
Übergangs in der Malerei, und die Wellenlinie in der Gestalt fromme Züge, denn
alle sie stehen an der göttlichen Pforte des Überganges. - So auch ist mein
ganzes Herz ein frommes Herz, denn ich stehe zwischen meinem Leben und
Wallpurgis Tod - o! lasse mich diesem Herzen ruhig folgen.
    Ich fühle auch schon, wie ich mich ins Leben zurückwende, und bald ganz froh
sein werde. Sicher hat dir die Gräfin schon geschrieben, wie mein Mut wohl oft
zum Mutwillen wächst - dass ich durch den Tod eines lieben Mädchens so geworden
bin, ist nicht wunderbar, denn durch ihn habe ich erfahren, was ich erdulden muss
- ich bin in meiner Jugend schon mit meinem Tode verbunden, und stiftete
Freundschaft und Vertraulichkeit mit ihm, damit er einstens wie mein
Spielgeselle zu mir komme, wenn er kömmt.
    Lasse mich bei der Gräfin; die arme Frau hat niemand auf der Welt, und sie
liebt mich.
    Es ist vor einigen Tagen ein italiänischer Lautenist hierhergekommen, und
hat vor der Gräfin gespielt. Sie wünschte, dass ich es lerne, und der Mann bleibt
nun einige Wochen hier, mir Unterricht zu geben. Die Gräfin hat mir eine schöne
Laute dazu geschenkt, und ich werde dir einmal viel Freude damit machen.
    Ich lese der Gräfin viel aus dem Shakespeare vor, und finde es sehr
nützlich, denn es härtet mich gegen meine Empfindlichkeit ab. - Ich fürchte mich
ordentlich vor seinen Personen, und vor denen immer am meisten, die ich
besonders liebe. Wenn ich abends allein im Garten gehe, gehe ich oft schnell
oder langsam, und möchte beides zugleich, denn irgend ein Wesen aus diesen
Gedichten geht mir entgegen, und verfolgt mich. In vielen einzelnen finde ich
mich wieder, und erkenne eine ganze Welt in ihnen.
    Könnte ich das nur zusammenstellen und richtig aussprechen, so würden
Begriffe und Erfahrungen draus werden. Nun aber bleibt es immer Empfindung, denn
die ganze Natur um mich her wirkt eben so auf mich, und noch stärker, jede ihrer
Erscheinungen strömt mit diesen Empfindungen zusammen, und dadurch scheinen sie
mir so drückend werden zu können. Jede Beleuchtung des Himmels und jede
berührendere Zusammenstellung von Landschaft erhält für mich ein
phantastischeres Leben, indem sie sich mit diesen Männern und Frauen
Shakespeares verwebt, und nicht mehr allein wie ein hingebotener Genuss daliegt,
sondern in eine Art von Handlung, von dramatischem Leben tritt.
    Sogar meine Empfindungen selbst bestehen so, ja selbst in diesem Briefe sind
Anklänge dieser Hinneigung zu einem blossen allgemeinen Verkehr mit allem, was
lebt, und einer völligen Unfähigkeit, mich bestimmt zu einem einzelnen Wesen zu
wenden.
    Lieber Vater, ich hoffte nicht, dass es dich schmerzen wird, dies so
aufrichtig von mir zu hören, denn es ist mir sehr wohl, indem ich es schreibe,
auch will ich nur immer an dich schreiben, du kannst dann Marien vorlesen, was
dir gut dünkt, dass sie es wisse.
    Lebe herzlich wohl.
                                                                      Annonciata
Obschon für Wellner viel Unverständliches und Fantastisches in diesem Briefe
war, so rührte ihn doch das Vertrauen Annonciatens, und er entschloss sich, sie
noch bei der Gräfin zu lassen.
    Der Italiäner war weggereist, ohne Abschied zu nehmen, das verdross Wellnern,
und es tat ihm nun doppelt wohl, keiner Verbindungen mehr zu bedürfen, da er mit
Mariens Glück auf dem Reinen war, und auch Annonciata glücklich und zufrieden
schien.
    Sein Leben mit Marien währte so einige Monate fort, in einer einsamen
Stille. Dann und wann unterbrachen es die Briefe Josephs, die der Vater mit
Marien freundlich teilte. Annonciatens Briefe wurden seltener, kürzer, und
hatten weniger Verhältnis zueinander, in einigen war sie helle Glut, in andern
schien sie zu verlöschen, und dann schrieb sie wieder ruhig und getröstet.
    Von Joseph erhielt Marie den letzten Brief aus England, in dem er seine
Überfahrt nach Amerika meldete. Dieser Brief war sehr rührend, und Marie war
lange nicht zu trösten. Sie beschäftigte sich nachher meistens mit Bildern aus
diesem Weltteil, sie las ihrem Vater nichts als Reisebeschreibungen durch
Amerika vor. Ihren Geliebten suchte sie unter jeden Umständen dieses Landes auf,
und lebte in der Neuen Welt.
    Dies gab ihrer Phantasie ein bestimmtes Übergewicht über ihre Ruhe, und
neigte sie zu einem anderen sehnsüchtigen Dasein hin. Wellner bemerkte mit
Verdruss diese Veränderung, die doch bloss eine höhere Entfaltung war, denn sie
ward so mannichfacher, und machte auf ihrer Gedankenreise viele merkwürdige
Entdeckungen für ihre Liebe. Sie lernte nun erst wissen, dass sie liebe,
berechtigte sich dazu, und beschützte sich dies Recht.
    Da ihre Einsamkeit aber immer tiefer ward, und es sehr lange her war, dass
Annonciata geschrieben hatte, so entschloss sich Wellner, mit ihr nach dem Gute
der Gräfin zu reisen.
 
                          Sechsundzwanzigstes Kapitel
Als ich so weit geschrieben hatte, führte mich Godwi nach dem Bildersaal, wir
traten vor ein grosses Gemälde, er zog den Vorhang in die Höhe, und wir sahen es
stille an; es stellte Wallpurgis und die Blumen vor, und war von dem nämlichen
Künstler, der das Bild Annonciatens gemalt hatte, in demselben Stil, doch
mystischer gearbeitet, so wie jenes Allegorie des Lebens, so dieses Hindeuten
auf den Tod. Jenes Bild hatte mich heftig bewegt, und in diesem löste ich mich
auf.
    »Vor diesem Bilde«, sagte ich zu Godwi, »kann ein liebes Mädchen ruhig
sterben. Alles schwindet, es ist, als vergehe es unter meinen Augen. Die Farben
sind beweglich, sie fliehen alle gegen die ferne Glut des Himmels, und scheinen
schon im Nachklang zu wallen. Ich habe nicht gedacht, dass der Abend so könne
gefesselt werden, wie er hier aus den dunklen Gewölben der Bäume dringt. Seine
geheimnisreichen Seelen schleichen über den dicht belaubten Boden, fliessen mit
leisen Schimmern an den schlanken Blumen hinab und hinauf, aus deren Kelchen
zarte Geister an der grössten holdesten Blume des ganzen Bildes, dem stillen
liebe- und lebenmüden Mädchen, hinaufsteigen. Es herrscht um das Mädchen eine
wunderbare Haltung des Lichtes, die Farben werden gleichsam zu verschiedenen
Form-Atomen, und scheinen nur im Lichte zu schwimmen, besonders wo die Blumen
ihr näherstehen, gegen ihren Busen wird es schon einiger, um ihre Wangen und
Lippen verschwimmt es ganz, und aus ihren Augen strömt wieder völlige Einheit
des Lichts, doch ein anderes, unbeschreiblicheres. Ihre Stirn und ihre Locken
aber brennen in den Flammen des sinkenden Tages, der von oben durch die
geöffnete grüne Pforte der Bäume niederbricht, ringsum die Zweige in grüne Glut
setzt, und den grossen Früchten, die schwer aus ihnen niederblicken, feurige
Blicke gibt.«
    »Ich habe vergessen,« sagte Godwi, »Ihnen zu sagen, dass diese Gemälde von
Franzesko Firmenti sind, dessen traurige Schicksale im ersten Bande Ihres Romans
Seite 165 sein Bruder Antonio an meinen Vater schreibt, der ihn wieder gefunden
hatte; es ist derselbe, von dem Römer Seite 50 schreibt, dass er seine Stelle
ersetze und mit meinem Vater viel allein sei. Ehe er sich in die
Handlungsgeschäfte einliess, an denen er seinen Geist wieder systematisieren
wollte, hat er hier auf dem Gute diese Bilder gemalt. Es war damals eine
begeisterte Melancholie in seiner Seele, in der sich seine Verrückteit gelöst
hatte. Doch wir werden mehr von ihm hören.
    Alle seine Bilder haben einen eignen Charakter, und zwar den, dass sie
eigentlich nicht sind, sondern ewig werden, und dies entsteht durch eine Manier,
in dem er das Licht der Pflanzen, des Himmels und des Fleisches in verschiedene
Haltungen setzt, obschon nur eine Beleuchtung stattfindet. In Bildern dieser Art
macht dieses oft einen glücklichen Effekt.«
    »Ja,« fuhr ich fort, »es ist auffallend, denn eben hierdurch entsteht diese
Bewegung, ich möchte sagen, dieses leise Wogen der Farben über das Ganze, das
Auge wird vor seinen Bildern ein feines Gehör, das die Schwingungen der
einzelnen Töne durch den vollen Akkord hört, und ich möchte seine Malerei
rhytmisch und deklamatorisch nennen: es ist, als wallen die Wellen sanfter
Jamben durch das Gemälde.
    Es ist wunderbar dargestellt und gemalt, was ich für unmöglich hielt, ein
Bild, das nicht historisch ist, keinen Moment erfüllt, sondern die fortdauernde
stille Bewegung eines dichten Gemütes vorstellt. Ich sehe, dass das Mädchen
spricht, obschon ihre Lippen nur leise geöffnet sind; ich sehe, dass sie sich den
Blumen vergleicht, und die Blumen sich, denn nur auf ihren Lippen, in ihren
Augen wird sie Jungfrau; ihr schlanker Leib hebt sich in leidendem Streben wie
eine Pflanze, ihre Arme gleichen zarten Zweigen, ihre Brüste drängenden
sehnenden Knospen, welche gelinde vorstreben, und um die sich die samtenen
Blätter lebendiger regen. Über diesem Trone des milden Herrschens wallt ihr
Antlitz wie Duft; auf den Lippen wird alles ein stiller Erguss; die Augen sind
reflektierendes holdseliges Sinnen, und das Haupt ergiesst sich mit den Locken in
das flammende Element des Himmels. Alles, was sie empfindet, steht in dem
Lichtgrade, in dem ihre Empfindung selbst steht und es beleuchtet.
    Aber ich werde nimmer fertig, das Bild wächst unter meinen Augen, und hänge
ich an den Formen des Mädchens, und suche sie zu enträtseln, so rufen mich die
Blumen, als sollte ich sie hinaufheben, an ihr keusches begehrendes Herz; gehe
ich nieder, um die stummen Kinder zu brechen, so werde ich zur Biene, und
schwebe über ihren Kelchen, deren Süssigkeit sie selbst nie leeren, dann zieht
mich wieder der feurige Himmel hinauf, und meine Empfindung verliert alle
Gestalt. Diese Geschichte meines Anschauens aber beruhet allein auf diesen drei
Lichtern, die in dem Bilde herrschen und sich auf allen Punkten auswechseln.«
    »Es scheint,« sagte Godwi, »als wären die Blumen in einem Opfer entzündet,
und alles andere sei nur ein Gedicht, das sich in ihren Dampfwolken gebrochen
habe, um zu erscheinen, und als wäre das Mädchen nur der Mittler zwischen ihnen
und dem Himmel, denn in diesen Blumen liegt ganz der Charakter von Wallpurgis
Gestalt und des Himmels. Es ist, als seien die Blumen nur die Darstellung ihres
Leidens, das schon stille geworden, und ihre traurigen Blicke ins Leben, so wie
der feurige Himmel ihr brennendes Begehren nach dem Tod. Nach dieser Ansicht
ruht der Mittelpunkt des ganzes Bildes in ihrem Busen, dessen Schmerz und
Andacht ich deutlich in mir fühle; ist es nicht, als sähe man, wie ihr Herz
bricht? Ihr ganzes Haupt bis auf die Brust wird gierig vom Himmel angesogen, und
von da, wie es schwer niederdringt, als zögen es Bande des Blutes hinab.«
    »Und dennoch ist auch hier kein Ruhepunkt,« sagte ich, »denn auch die Glut
des Himmels ist die Mutter des Ganzen: ist diese Röte des Abends nicht reine
Sehnsucht im Äter reflektiert, und ist Sehnsucht nicht Abendrot in der
Empfindung, und ist das Bild etwas anders als Sehnsucht im Äter, Sehnsucht in
der Pflanze, und Sehnsucht im Mädchen?«
    Godwi sagte: »Es ist schön, wie die Natur unsere Ansicht begleitet hat, es
ist nach und nach dunkel geworden, das Bild hat sich doppelt bewegt, in seinem
Lichte, und in der Beleuchtung des Tages. - Die stille Fackel des Mädchens ist
verloschen, die Blumen sind gestorben, die Schatten der Bäume haben ihre Arme um
den Schmerz gelegt, die glänzende Pforte des grünen Gewölbes schliesst sich der
schönen Bahn, auf der die ganze Bescheinung hingezogen ist, nun ruhet das arme
Herz, lebe wohl, Wallpurgis!«
    Es war dunkel geworden, und wir hatten es nicht bemerkt. Wir verliessen nun
die Stube, um ein anderes Gemälde zu besehen, das den Geliebten Wallpurgis'
vorstellt, wie er abends unter den Leichenmännern die Nachricht von ihrem Tode
empfängt. Godwi sagte mir, dass dieses Bild sehr gut bei Licht gesehen werden
könne, weil es selbst ein Nachtstück sei, und er steckte zu diesem Zwecke eine
Lampe an, die an der Decke angebracht war.
    Vorher teilte er mir aber noch ein Gedicht mit, welches Franzesko, während
er das vorige Gemälde verfertigte, gemacht hatte. Es ist italiänisch, und in
dieser Sprache wirklich voll Wärme, doch gleicht es seiner Schwester, dem
Gemälde, bei weitem nicht; ich habe es den folgenden Morgen zu übersetzen
gesucht, aber es war durch die Eigentümlichkeit seines Ausdrucks ebenso schwer,
als das Gemälde zu kopieren sein würde. Diese Übersetzung füge ich hier bei und
bitte, dass Sie immer Ihre Augen auf das Bild wenden, während Sie sie lesen.
    Über dem Gedichte standen folgende Worte in Prosa, als Einleitung:
    Es wollte Abend werden, da sass ein alter Harfenspieler an einem öffentlichen
Spaziergange, um ihn her wandelten Jünglinge und Männer, die sich teils
geschäftig bewegten, teils gravitätisch schritten und sehr nachdrucksvolle
Bewegungen machten; einige lächelten auch bedeutend, oder sahen gerührt gegen
den Himmel; keine Jungfrau war zugegen, die Schüchternheit hatte sie
zurückgeführt in ihre Wohnungen, sie sassen in dem einsamen Garten des Hauses
oder an dem Fenster ihrer Kammer, und sehnten sich, wie sich die Jungfrau Gottes
sehnte, ehe der Geist über sie kam. Das wusste der Greis, denn es war ihm sein
liebstes Kind gestorben, ach! und er wusste ja nichts als das. Sie sagten von
ihm, wenn sie an ihm vorübergingen, er sei ein schwärmerischer Mann, der nur
Ideale im Kopf habe, und dem es an respektablen Gefühlen mangle. Er aber sang
folgendes Lied zu seiner Harfe.
                                   Der Abend
Nach seiner Heimat kühlen Lorbeerhainen
Schwebt auf der goldnen Schale
Schon Helios, es glühen rings die Wellen,
Der Ozean erschwillt in frohen Scheinen,
Die wie mit Blitzesstrahle
Die ernste Nacht der fernen Ufer hellen,
Und über alle Schwellen
Ergiesst der Gott die stillen Feuerwogen
Zum ewgen Himmelsbogen,
Dass von den Bergen durch das dunkle Leben
Des Tages Flammen wiederhallend beben.
Hoch auf den Bergen wehen seine Flammen,
Den raschen Mann zu führen,
Der seiner Reise Ziel noch nicht errungen,
Er strahlet mit dem Glanze stets zusammen,
Wenngleich die Füsse gleiten,
Bleibt von dem Lichte doch sein Haupt umschlungen.
Nie von der Nacht bezwungen,
Lenkt ruhig nach der Sterne heilgem Feuer
Das ernste Schiff den Steuer
Und wandelt heimwärts durch die dunkeln Fluten,
Vertrauend auf des Leuchtturms hohe Gluten.
Vom kühnen Felsen rinnen Lichter nieder,
Die Täler zu ergründen,
Und wo des Feuers milde Quelle ziehet,
Verglimmen bald des Haines wilde Lieder,
Denn alle Töne schwinden,
Bis sie des Abends Flammen rein geglühet -
Und welch ein Lied erblühet -
Es flicht die Nachtigall die goldnen Schlingen
Und süss gefangen ringen
Im Liede Liebesschmerz und Schmerzes-Liebe,
Dass Schmerz in Liebe, Lieb in Schmerz sich übe4.
So drang der Töne Frühling aus dem Schweigen,
So auch in reinen Seelen
Des Tages wilde Kämpfe bald zerrinnen,
Wenn Lieb und Schmerz sich hold zusammenneigen,
Die Zwietracht zu verhehlen,
Und rührend doch den ewgen Streit beginnen.
Ach keine mag gewinnen! -
Ein Wundergift fliesst beiden von den Pfeilen,
Zu töten und zu heilen -
Denn er muss stets an ihrem Pfeil gesunden,
Und sterbend lebt sie nur in seinen Wunden.
Doch bald wird nun die Ruhe niederschweben,
Dass alle Schmerzen fliehen,
Den heissen Kampf die stillen Schatten kühlen,
Dann mag der Sehnsucht ungelöstes Leben
In heilgen Phantasieen,
In schönen Träumen dichtend sich erwühlen.
Könnt ihr solch Leben fühlen?
So will, mit seinem Rausch euch zu erfüllen,
Mein Bild ich gern entüllen,
Mein Bild, wie in des Abends Heiligtumen
Die Jungfrau redet mit den holden Blumen.
                          Die Jungfrau und die Blumen
Wo leis des Gartens dichte Schatten rauschen
Und in den dunklen Zweigen
Die reifen goldnen Früchte heimlich schwellen,
Gleich holden Engeln, die in Wolken lauschen
Und freundlich sich bezeigen,
Seht ihr die weisse Jungfrau sich erhellen.
Des Lichtes letzte Wellen
Umfliessen sie. Sie sitzt, und ihr zu Füssen
Unschuldge Blumen spriessen;
Sie spricht zu ihnen, weckt mit ihren Blicken,
Die schon die Augen schliessen, schlafend nicken.
Es scheint ihr Wort sie mehr noch einzuwiegen;
Was ihre Lippen sprechen,
Wallt längst im Traum um ihre zarten Seelen
Und wohnt in ihrem Leben still verschwiegen -
Die Stummheit zu zerbrechen,
Sind sie zu schwach, und könnens nicht erzählen;
Doch sie kann nichts verhehlen,
Der stille Abend löst die keuschen Banden,
Die ihren Schmerz umwanden,
Sie klaget leis, und mit den blauen Augen
Will Antwort sie aus ihrer Stummheit saugen.
»Ihr blinden Kinder, wenn der ewge Schlummer
Von euren Augen weichet,
Wenn eure Lippen seufzend sich erschliessen,
Ein warmes Herz euch bebt und eurem Kummer
Die Götter Worte reichen,
Erblüh ich eine Blume euch zu Füssen.
Ihr werdet still mich grüssen
Und für der Liebe jungfrauliches Bangen
Der Blume Trost verlangen,
Denn wir sind Schwestern, sind im harten Leben
Der tiefen Liebe frühem Tod gegeben.
Was, Lilie, keusch in deinem Kelche webet,
Was, Rose, rot dich malet
Und eure Augen, stille Veilchen, sagen,
Auch keusch und bang in meinem Busen strebet,
Von meinen Lippen strahlet
Und still und mild die blauen Augen klagen.
Uns fasst ein gleich Verzagen,
Ach! nimmer kann des Herzens still Verbrennen
Der keusche Mund bekennen,
Ach! nimmer will die wilde Welt verstehen,
Was unsrer Düfte stumme Lippen flehen.
Wenn linde Sonnenstrahlen niedersehen,
Sich laue Weste regen,
Erkennen wir aus uns mit dunklem Sehnen,
Doch nimmer wissen wir, wie uns geschehen.
Was wir im Innern hegen,
Ist süsses Träumen und ein kindisch Wähnen.
Es fliessen alle Tränen
Noch leicht herab, und weilen keine Schmerzen
Im unerschlossnen Herzen,
Bis von der ewgen Liebe tiefen Quellen
Das Herz sich dehnt, und leis die Knospen schwellen.
Im Busen keimet heimliches Begehren,
Und mildes Widerstreben,
Und wie sie liebend miteinander walten,
Erzeuget sich ein hoffendes Entbehren;
Der Blüte junges Leben
Will nun die zarten Blätter schon entfalten.
Die freundlichen Gestalten,
Die in verborgner Werkstatt noch gefangen,
Nach Freiheit sehr verlangen,
Bis uns des Morgens goldner Pfeil erschliesset
Und der geheimen Wunde Träne fliesset.
Nun lösen sich die rätselhaften Triebe,
Und zu dem reinen Trone,
Der aus dem Herzen froh heraufgedrungen,
Steigt schüchtern und verschleiert unsre Liebe.
Es hat die bunte Krone
Der sanften Königin das Licht geschlungen.
Sie hat das Reich errungen,
Und blickt in ihres Sieges junger Wonne
So freudig nach der Sonne,
Die freundlich sich in ihrem Schoss ergiesset
Und sie mit goldnen Strahlen froh begrüsset.
Dir arme Königin, wie wird dir bange,
So einsam und verlassen,
So arm siehst du hinaus, ins weite Leben,
Die eignen Düfte küssen deine Wange,
Du musst dich selbst umfassen,
Kein Volk, kein schöner Freund dir Liebe geben.
Die zarten Säulen beben,
Auf denen sich dein leichter Tron beweget,
Vom Weste selbst erreget.
Die Nacht flieht lieblos dir in dunklen Träumen,
Am Morgen Tränen deine Blicke säumen.
Sind nicht dein Tron des Busens junge Wogen,
Dein Purpur, rote Wangen,
Dein Diadem, der Locken goldne Schlingen?
Ach bald sind all die Wellen weggezogen,
Der Purpur bald vergangen,
Gelöst die Flechten, die dein Haupt umfingen.
Der Liebe Pfeile dringen
Vom Himmel, und der Schmerzen glühes Wühlen
Im Herzen zu erkühlen,
Löst du in stillen Tränen dein Geschmeide;
Der Tränen Weide wirst du, Augenweide!
Du arme Königin! so ohne Wehre
Sollst schweren Kampf du führen,
Will keiner für die holde Braut denn streiten,
Will keinen, dass die Glut sie nicht verzehre,
Solch zarte Schönheit rühren,
Des Schattens liebend Dach um dich zu breiten?
O stummes bittres Leiden!
Welch Leben, wo die Liebe ungedinget
Dir keine Hülfe bringt,
Und wolltest du den dichten Schleier heben,
So würde dir des Schatzes Geist entschweben.
Und heisser, immer heisser dein Begehren,
Und leiser deine Klagen!
Die Farben schon, die deinen Schmerz verkünden,
Der Düfte leise Worte sich verzehren,
Um lauter stets zu sagen,
Wie dich die wilden Flammen ganz entzünden.
Die Hülfe zu ergründen,
Willst du vom freien Trone niedersteigen,
Dem Frevel dich zu neigen?
Noch elender ein Handwerk voller Wehe,
Umzunfte dich der schnöde Tod, die Ehe. -
Nein! solcher Ärmlichkeit dich hinzubieten,
Wird Armut dich nicht zwingen;
Die freie Liebe lässt sich nicht umarmen;
Wo sie den Kuss in Zweck und Absicht schmieden,
Wo Trieb und Freiheit ringen
Und alle Lüste an der Not verarmen,
Dem Handwerk zum Erbarmen,
Wo zwei geübte Langeweilen weilen
Und Pflicht und Notdurft teilen,
Darfst du dich nicht ergeben - heilig Leben!
Dein Bild nicht in des Haushalts Linnen weben.
O könntest ruhig du dein Sterben leben,
Die Andern nicht erkennen,
Die alles Lebens eine Hälfte fassen,
Sich stille wandelnd hohes Ansehn geben
Und hin und wieder rennen,
Als wäre ohne sie die Welt gelassen.
Ach wohl! sie ist verlassen,
Das Leben ist zur Selbstbetrachtung worden,
Die Liebe zu ermorden,
Und forscht die Schönheit tötend nach Gesetzen,
Die Liebe und die Schönheit zu ersetzen.
Sie wähnen gar, die Liebe sei verloren,
Weil sie sich selbst vermissen
Das Leben in Verzeichnisse schon bringen,
Als würde fernerhin nicht mehr geboren,
Als bräch aus Finsternissen
Der Tod herauf, die Mutter zu verschlingen.
Mit solchen Wunderdingen
Vermeinen sie die längst verlornen Grenzen
Der Liebe zu ergänzen,
Und ordnen uns und stellen nach den Flammen
Dem Tode in Systeme uns zusammen.
Wie schöner Sieg! Wir können hier nicht sterben,
Denn hier war uns kein Leben,
Ein Frühling nur, wir sind es selbst gewesen,
Erblühen und Verglühen - kein Verderben
Kann unser Bild entweben,
Nur Opfer kann der Liebe Fessel lösen,
O freudiges Genesen!
Erhebe, sanfte Königin, den Schleier
Dem reinen Himmelsfeuer;
Will liebend nicht das Leben dich erringen,
So lass vom stillen Gotte dich umschlingen.
Wie glüht der Mittag heiss, in tiefem Schweigen
Eröffnet sie den Schleier,
Der Liebe Heiligtum muss sie entüllen,
Und zu dem Trone glühe Strahlen steigen,
Des stillen Gottes Freier,
Die wachen Schmerzen tötend ihr zu stillen.
Sie reicht dem mächtgen Willen
Die Liebe hin, und löset ihre Krone
Und breitet auf dem Trone
Die duftenden Gewänder, an den Gluten
Des Bräutigams sich opfernd zu verbluten.
Mir ist das schöne Opfer bald verglommen,
Es wallt das letzte Düften
Dem lichten Gott, der mit der Krone fliehet,
Er wand sie mir, er hat sie hingenommen,
Und in den reinen Lüften
Das bunte Leben mit ihm heimwärts ziehet,
Mein stiller Abend glühet,
Und wo des hohen Glanzes reine Wellen
In heissem Purpur schwellen,
Da brechen sich der Sehnsucht letzte Wogen,
Und ist der Streit der Liebe hingezogen.«
O Nacht! so voller Liebe,
Ergiesse deine dunkle Flut der Bangen,
Umfange ihr Verlangen,
Lass kühlend um die kämpfenden Gestalten
Das stille Meer der ewgen Liebe walten!
Godwi zog nun den Vorhang des Nachtstückes in die Höhe. Das Bild nahm die eine
Wand der kleinen Stube ganz ein, wir sassen gegenüber auf einem Sopha. -
    Der ganze Moment des Bildes war heftige Spannung, Männer mit schwarzen
Mänteln ringsum, immer dunkler gegen den Rand. Mitten unter dem Baume ragt eine
Fackel heraus, welche grelle Lichter über die hagern plumpen Gesichter der
Leichenmänner wirft; von ihren Hüten fallen schwarze Flöre, welche schön
durchsichtig dem hellen Scheine eine Halbtinte entgegensetzen. Etwas entfernt
von den Fackeln, doch allein in ganzer Beleuchtung, lehnt der Jüngling
ohnmächtig im Arme eines Dieners, sein Kopf sinkt abwärts, so dass er von oben
beleuchtet wird; er hat schöne blonde Locken, und einen edlen Gesichtsschnitt;
der Bediente zieht ihm das Halstuch ab, und hat ihm die Kleider geöffnet, ein
grüner Mantel fällt von seinen Schultern, und antwortet dem Grüne des Baumes,
der durch die Fackel von unten erleuchtet wird; in dem Baume sieht man den
Italiäner dunkel sitzen. Im Ganzen sind keine heftigen Farben, nur starker
Kontrast von Dunkel und Licht.
    Es war, wie dumpfes Murren in den dunkelsten Stellen, um die Flamme der
Fackel einige lauten Schreie, um den Jüngling stille Bangigkeit, und er selbst
leises Atmen und Seufzen. - Man meinte, es müsse sich nun bald ändern, sie
müssten bald auseinandergehn.
    Godwi liess den Vorhang wieder fallen, und ich sagte: »Gut, es war Zeit,
lange konnten die vielen Menschen nicht hier in der kleinen Stube sein, der Atem
ward mir schwer.«
    Wir verliessen den Saal, und ich besuchte Georg, den Diener, der sehr krank
war.
 
                          Sechsundzwanzigstes Kapitel
                Fortsetzung der Geschichte der beiden Schwestern
Marie und der Vater waren sehr stille auf ihrer Fahrt nach dem Gute der Gräfin;
sie waren lange nicht im Freien gewesen, ihre Gemüter waren gleich ruhig, sie
hatten sich nichts mitzuteilen, und es war ihnen beiden, als wären sie allein;
doch fühlten sie eben durch dieses stillschweigende doppelte Dasein ineinander
dies Alleinsein nicht. -
    (Dies mag wohl das eigentliche Wesen der Freundschaft sein, das so selten
lebt, ohne wirkliche Vermischung - blosses stilles wohltätiges Gefühl der schönen
Umgebung, das Nebeneinanderströmen harmonischer Töne. Der Freund kann nichts,
als unser Selbstgefühl aufheben, in dem er das seinige verliert, und sich wohl
befindet. Wo man die Freundschaft selbst fühlt, gibt einer oder der andere zu
viel oder zu wenig, und hat die Sache ihr Ende. Sie ist blosse Verstärkung des
Daseins, und Verminderung des Selbstgefühls im allgemeinen Medium des Lebens;
aus den Einzelnen macht sie eine Summe, stellt sie dem Mächtigen entgegen, und
macht den Begriff Volk allein ehrwürdig, im Gegensatze des Begriffes Herrscher,
Weiser, Dichter. - Sie setzt in der höchsten Unschuld keine Notwendigkeit der
eignen Gattung voraus, der natürliche gesunde Mensch ist ebenso Freund mit dem
Licht und dem Dunkel, den grünen Bäumen, seinen Werkzeugen, Werken und Gedanken,
als seinem menschlichen Freunde; ja die Freundschaft mit dem Menschen
insbesondere ist Folge der verlornen Unschuld, es liegt ein Zusammentreten gegen
die Natur, etwas Feindseliges und Boshaftes in der blossen Freundschaft mit
seiner Gattung, und sie folget dem Verluste der Eigentümlichkeit und der Kraft
des Einzelnen, der die Natur nicht mehr zwingen kann und eine Menge gegen die
grösste Einheit bilden will, um sich ihr entgegenzustemmen. -
    Zwischen zwei Menschen, von denen einer sich die Welt nimmt, und der andre
sich der Welt gibt, kann sie nie stattfinden, denn in ihr kann sich keiner
geben und kann keiner nehmen, sie ist blosses Dasein ohne Tätigkeit. - Sie ist
daher bloss im Frühling und Winter des Lebens, im Spiel und der Ruhe - wo uns der
Zweck beherrscht, kann sie nicht sein.)
    Am Abend kamen sie dem Schloss näher, und ihre Begierde, Annonciaten zu
sehen, war grösser; Marie hatte lange nach dem milden Lichte des Himmels gesehen,
und sagte zu ihrem Vater, mit Tränen in den Augen:
    »Wo mag jetzt Joseph sein? Es ist mir oft, als wäre er doch gar zu weit von
uns, als würde er nicht wiederkommen. - - Annonciaten verstehe ich jetzt viel
mehr, Vater! und es ist mir, als habe sich eine stille Ähnlichkeit mit ihr in
mir gebildet - ich kann es nur nicht so sagen, ich bin nicht so stark« -
    »Warte nur, bis Joseph wieder kömmt,« sagte Wellner - »Du sehnst dich nach
ihm« -
    »Wohl sehne ich mich nach ihm, aber es ist noch mehr; mit ihm ist es nicht
all - Wie wohl Annonciata sein wird? Vater, sie hat uns lange nicht gesehen, ihr
Herz, ist so gut, sie wird recht gerührt sein, uns wiederzusehen.«
    Unter solchen Worten fuhren sie den Schlosshof hinein. Es machte ihnen ein
alter Diener auf, und sie wunderten sich, dass in dem Hause der reichen Gräfin so
wenig Geräusch war.
    Der Alte führte sie langsam die Treppen hinauf, es war ihnen unheimlich zu
Mute. Man brachte sie in das Zimmer der Gräfin; - diese sass allein bei einem
Lichte auf dem Sopha, und als sie Wellnern und Marien hereintreten sah, schrie
sie laut auf, - »o Gott, o Gott!« - und sank ohnmächtig auf die Kissen, - Marie
kam ihr zu Hilfe, ein Kammermädchen trat herein und vereinigte sich mit ihr, und
Wellner stand in einer grossen Angst an das Fenster gelehnt -.
    Als sich die Gräfin zu erholen anfing, bat das Kammermädchen Wellnern und
Marien, in das Vorzimmer zu treten -
    Hier waren sie stille, ohne ein Wort zu sprechen, Marie setzte sich nieder,
und konnte vor Schreck nicht weinen -. Eine kleine Weile drauf brachte man sie
in eine Stube, wo sie die Nacht zubringen möchten; Wellner fragte nach seiner
Tochter, und die Dienerin verliess mit dem schmerzlichen Ausruf die Stube: »Ach
das ist es, dass Gott erbarm, das ist es!«
    Wellnern war es nun gewiss, dass sein Kind gestorben sei, Marie war
untröstlich, und wurde sehr krank in der Nacht; eine Wärterin und Wellner
blieben bei ihr, der Arzt wurde aus der Stadt geholt. -
    Die Wärterin erzählte Wellnern, dass Annonciata nun schon zehn Tage verloren
sei; man wisse nicht, wo sie hingekommen sei; sie sei abends in den Garten, wie
gewöhnlich, allein gegangen, aber nicht wiedergekommen; und wie man den Teich
abgelassen habe, aus der Vermutung, sie sei hineingefallen; wie alle Leute der
Gräfin nun zum zweitenmal abgereist seien, da sie das erstemal keine Nachricht
erhalten hätten.
    Die Gräfin sprach den folgenden Tag mit Wellnern, und beruhigte sich, da er
sie gern schuldlos erkannte. Sie konnten keine andre Idee fassen, als Annonciata
sei geraubt, weil sie bei jeder andern Art von Entweichung sicher einigen Trost
für die Zurückbleibenden dagelassen hätte.
    So war dieser traurige Abend -
    Alle Nachforschungen wurden verstärkt, ein ganzes Jahr hindurch emsig
fortgesetzt, aber umsonst -
    Wellner grämte sich sehr über diesen Verlust, und Marie ward immer stiller
und schwermütiger; sie stand oft abends an ihrem Fenster allein, wo sie sonst
mit Annonciaten gestanden, und fühlte nun alles, was ihr jene damals gesagt
hatte.
    Von Joseph fehlten schon elf Monate die Briefe: der Vater wusste gar nicht,
was er Marien sagen sollte, wenn sie nach Briefen fragte. Diesen beiden Menschen
war alles zerstöret, was sie mit der Zukunft verband, und sie erschraken vor
jedem Stundenschlag.
    Marie war wohl noch trauriger als Wellner, doch versteckte sie ihren
Schmerz, und suchte ihn zu erheitern -. Annonciaten wiederzufinden, gaben sie
die Hoffnung beinahe auf - und auch der Gedanke an Joseph ward schon dunkler und
trauriger -. Wenn Wellner in den Handlungsbüchern blätterte, und sah, wo er
geschrieben hatte, kamen ihm oft die Tränen in die Augen. -
    Es war nun schon beinahe andertalb Jahre, dass Joseph nicht geschrieben
hatte, als Godwi5, ein Engländer, der Sohn einer reichen Handlung, nach dem
Wohnort Wellners kam. Er war ein schöner feiner Mann, von seiner Familie mit
einem Kredite empfohlen, der beinah Wellners Vermögen überstieg, und dabei sehr
einfach und erst bei aller seiner Freimütigkeit; er gefiel diesem sehr wohl, und
auch er befand sich gut bei Wellnern und Marien, und brachte seine meiste Zeit
bei ihnen zu. -
    Er wusste sich bald ihres Vertrauens zu bemeistern, und zog nach einiger Zeit
ganz ins Haus. Marie war ihm gut, und er liebte sie schon sehr - doch war es
nicht zum Geständnis gekommen, weil er zu oft Zeuge ihrer schmerzlichen
Erinnerung an Joseph gewesen war. -
    In Wellnern regte sich oft das Gefühl, dass er nicht mehr lange leben würde,
dann sah er mit Trauer auf Marien, und sehnte sich heftiger nach Josephen - aber
dieser blieb aus, und alle Nachricht von ihm.
    Manchmal, wenn er sah, wie Godwi sich um Marien bewegte, fasste er den Mut,
an die Möglichkeit zu glauben, der reiche Engländer nähere sich seinem Kinde mit
ehrlicher Liebe, leichter aber hielt er es für Freundlichkeit oder Sitte.
    Er ward nun täglich stumpfer, und hatte wenig Freude mehr an seinem
Geschäfte. Bald aber erhielt sein Glück den heftigsten Stoss, mehrere
fehlgeschlagene Operationen und ein grosser Banqueroutt machten ihn unzahlbar, -
er war in der grössten Verzweiflung - und beinahe auf dem Wege, sich sein Leben
zu nehmen. Diese Gemütsstimmung empfand Marie schmerzlich: sie hatte schon
einige Tage bemerkt, dass er sehr traurig war, ihr auswich, und wenig bei Tische
ass. Die Verschlossenheit ihres Vaters gegen sie bei einem sichtbaren Leiden war
ihr sehr drückend; sie hatte es nie erfahren, und konnte nur glauben, sie selbst
sei schuld daran, sie müsse ihn sehr gekränkt haben, dass er nicht einmal mit ihr
sprechen könne. Wenn sie auch alles überdachte, so konnte sie nichts in ihren
Handlungen finden, bis sie endlich vermutete, ihrem Vater missfalle ihre
unbefangene Vertraulichkeit mit Godwi, und er denke Böses von ihr.
    Dieses bewog sie zu einer Kälte gegen den Engländer, welche er sehr
unverständlich fand. Zwei Tage war diese allgemeine Spannung im Hause -, als es
endlich zu einer Erklärung kam.
    Wellner, Godwi und Marie sassen abends zu Tische, alle stumm und traurig.
Gegen das Ende konnte Marie es nicht mehr verbergen. Wellner hatte sie sehr
wehmütig angesehen, sie konnte ihren Schmerz nicht mehr halten, die Tränen
stiegen ihr in die Augen, und sie verliess laut weinend die Stube. Wellner folgte
ihr mit den Ausrufungen »Gott, Gott! du armes Kind!« in die Nebenstube. Godwi
sass nun allein an dem Tische, spielte mit dem Messer, und fühlte jene fatale
Ruhe der Selbstverachtung, um die sich schöner Schmerz bewegt -, er sang ohne zu
wissen die Worte: God save the king, und setzte mit einem fürchterlichen
Bewusstsein die Worte: and damn me, dazu. -
    Er stand auf, ging schnell nach der Türe, und blieb starr vor ihr stehen,
als er Mariens Worte hörte: -
    »O lieber, lieber Vater, ich liebe ihn nicht, ich liebe Godwi nicht, o denkt
nichts Böses von mir -«
    Er hörte erstaunt folgendes Gespräch, und in seinem Herzen waren viele
schmerzliche Anklänge, die wir bald verstehen werden -
    »Liebe Marie, das ist es nicht, was mich ängstigt; o wie konnte ich deinem
armen Herzen diesen Schmerz lassen!«
    »Wir sind sehr unglücklich, lieber Vater, Annonciata ist verloren, Joseph
ist verloren, ach und euer Vertrauen ist verloren, ach mein Vater, gebt mein
Einziges nicht so hin!«
    »Das ist es nicht, Mädchen, das nicht, (hier hob er hart und kalt die
Stimme) aber ich bin ein Bettler, bald, bald, und du die Tochter eines ehrlosen
Bettlers.« - Der Engländer bebte, und ward ruhiger, eine Zeitlang hörte er nicht
mehr sprechen, - dann erhob Marie ruhiger die Stimme -
    »Lieber Vater, nur das, o das ist es nicht, ich verstehe es vielleicht
nicht, aber das wird uns nicht unglücklich machen. - Leben, - das bisschen Leben
wollen wir gewinnen, und nach uns wird doch niemand kommen, der von uns begehrt;
wir werden allein sein, und lebt nur ruhig, sterbt ruhig, ich will ruhig nach
euch sterben.« -
    Godwi verliess die Stube, und ging nach seinem Zimmer, wo er alles empfand,
was ein Mensch leidet, dem das Leben durch innere Fülle und äusseren Überfluss
lange so leicht als Tugend und Laster war, und der mit wenigem geretteten
Selbstgefühl in die Geschichte einfacher liebender Menschen tritt, ohne doch von
diesen eigentlich als ein Wesen anerkannt zu werden, das wirklich teil an ihnen
hat.
 
                          Siebenundzwanzigstes Kapitel
Der Godwi, den ich hier nannte, ist unsers Godwis Vater. Ich las diesem vor, was
ich schrieb, und er gab mir einige Blätter seines Vaters, die er in der Zeit
seines Lebens bei Wellner, und auch an jenem Abend niedergeschrieben hatte: sie
könnten eigentlich alle an diesem Abend, geschrieben sein, weil sich an ihm
alles sammelte, was er damals empfand. Diese Blätter sind lauter Bruchstücke von
Erinnerungen aus seinem Leben, die ihm zu Empfindungen wurden, und die sein Sohn
historisch selbst nicht genau kannte. -
    Ich setze davon das Merkwürdigste hieher, um seine Geschichte aus seinen
Empfindungen den Lesern vermutlich zu machen. - Es wird ihnen um so leichter
werden, dieses zu tun, als es sehr viele Menschen gibt, denen alles leicht und
das Bedürfnis dringend war. Ich lasse diese Fragmente ohngefähr so folgen, wie
sie mir in der Zeit gefolgt zu sein scheinen -.
»Ich möchte oft lachen und weinen über meine sogenannte Ungeschicklichkeit im
Leben, die doch nichts als eine wunderbare Überzeugung bleibt, dass alle
Geschicklichkeit lächerrlich ist - ich bleibe immer stehen, komme nicht weiter,
wenn ich irgend eine Geschicklichkeit erlange, denn ist Geschicklichkeit etwas
anders? als: bei einer Sache länger verweilen zu dürfen, als es schicklich ist.
-«
»Es zieht mich alles an, aber ich stehe immer im Zweifel, ob ich willkommen bin;
nähere ich mich einer Sache, so möchte ich meine Verlegenheit nicht merken
lassen, und mache alle Wissenschaften in mir irren; wenn ich dann sehe, dass sie
sich in mir geirrt, so sage ich etwa, kann ich die Wissenschaft betrügen, so
kann sie das Leben auch betrügen, und sie weiss wohl nicht, was sie will. Ich
achte ihren guten Willen, aber ihr Wissen kommt mir verdächtig vor.«
»Mit ist sehr wohl über alles, was ich nicht weiss; was ich weiss, finde ich
unnütz, weil es wohl kann besser gewusst werden; ich wollte, ich lebte nicht,
mein Leben könnte auch besser gewusst werden.«
»Das ganze Leben ist eine Geheimniskrämerei, eine Delicatesse aller Existenzen
gegeneinander, dass mir es oft ängstlicher drinne ist als bei tugendhaften
Mädchen, die in jeder Stunde heiraten können, wenn nur ein Priester die
Gelegenheit vom Strauche bricht.«
»Es ist wahrhaftig nicht der Mühe wert, sich Mühe zu geben, die Sache bleibt
ewig dieselbe; bohre ich ein Loch mit meinem Verstande in die Welt, so muss es
sich des allgemeinen Gleichgewichts halber wieder zustopfen, und es ist recht
unhöflich, die Natur der Dinge so zu bemühen.«
»Vor vielen Dingen soll man Ehrfurcht haben, man soll sie ehren, und nirgends
möchte ich so gerne laut sprechen oder pfeifen als in der Kirche, nicht um
gehört zu werden, sondern um es zu hören, - ich möchte auch wohl gerne in einem
lüderlichen Hause beten, und über eben diese Gelüste kann ich sehr traurig
werden. -«
»Tugendhaft sein, wie man es heisst, ist, was ein Brownianer schlecht recipieren
nennt; - ich möchte oft toll werden über alle die Dinge, die dazu nötig sind,
und die ich oft gar nicht auftreiben kann.«
»Am Ende sind alle Menschen nur Formeln, um ein Stück Weltgeschichte
herauszubringen; denn warum hielt ich einst nichts auf Tugend, und fange jetzt
wieder an, was drauf zu halten?«
»Ich habe immer eine grosse Anlage gehabt, Weibern, die sich mit ihrer Tugend
breit machten, etwas die Ehre abzuschneiden, und ihre Tugend zu schmälern, damit
die andern sich nicht so ängstlich drücken müssten, die ihre Tugend selbst
schmälerten, und das tat ich vielleicht gar des Wortspiels wegen.«
»Gott weiss, dass meine Wahrheit mein Unglück war! Ich hörte immer schon dann auf
zu lieben, wenn ich merkte, dass meine Geliebte den Engel und den Menschen
getrennt hatte, und habe manchem Menschen seinen Engel genommen, und ihn allein
stehen lassen; das ist bös, aber es war so: ich habe alle Chemie erschöpft, die
Unschuld wieder mit dem Mädchen zu vermischen, aber es ging nicht, und die
Unschuld erschien mir endlich nicht schuld an der Schuldlosigkeit.«
»Eine Zeitlang trieb ich das Leben rückwärts, und tat alles nicht, was ich getan
hatte; ich glaubte, das sei Besserung, aber ich kam mir bald so komisch vor wie
ein Riese, der Alt singt, und ein alter Mann, der die Leute mit seinen
Kinderjahren unterhält - da machte ich denn das gebesserte Stückchen schnell
wieder schlecht, und alle Besserung kam mir vor, als schüttelte ich ewig das
Kissen auf, auf dem ich mit meinem Liebchen ruhe, müsse es immer wieder
niederdrücken, und käme nie zur Ruhe selbst, oder man rasiere mich so langsam,
dass mir der Bart immer unter dem Messer wachse.«
»Ich habe nun so mancherlei getan, viele Freunde gehabt, viel Geld ausgegeben,
viele Mädchen geliebt, viele Ewigkeiten verloren, und das alles ist vorbei, es
bleibt nichts als die Narbe, und die schmerzt, wenn sich das Wetter ändert. Was
soll ich mit allen den süssen Erinnerungen, die vorbei sind, und was mit aller
der Gegenwart, die vorbeigeht, - so raisoniere ich jetzt; sonst war dieses keine
Empfindung, es war Handlung: ich ärgerte mich einmal darüber, dass Jenny eine so
liebenswürdige Dirne war, weil ich glaubte, das Laster müsse hässlich sein; ich
gab mir alle Mühe, sie hässlich zu machen, aber das Mädchen ward der Tugend zum
Trotz immer artiger. - Ich glaubte nun, wenn sie tugendhaft würde, würde sie ein
Engel sein, weil ihre Schönheit grösser war als ihr Laster: das Mädchen bot mir
Hände und Füsse zur Tugend, und ich bekehrte sie so gründlich, dass sie sich die
Haare und Schleppen abschnitt, damit ihre Tugend wachsen solle; aber sie ward
bald so langweilig und so hässlich, dass ich riet, die Busstränen in Reuetränen
über die verlorne Sünde zu verwandlen, und ich brachte sie mit Mühe soweit
zurück, dass ihre Haare wieder wuchsen, und ihre Röcke wieder schleppten.«
»Ich habe auch wohl sechshundert grosse Wohltaten getan, viele kleine
abgerechnet, aber empfinde, dass Taten nur Taten sind, und dass bei den Wohltaten
ich nur durch Danksagungen langweilt ward, mich aber irgend ein dummer Streich
sehr amüsierte, weil die Leute so lustig drauf schimpften.«
»Manchmal ist mirs, als befände ich mich allein schlecht, weil ich andern Leuten
zu sehr traue: sie machen einen Lärm von der Schönheit der Natur, als wäre es
eine Seltenheit, und streichen gewisse Empfindungen so heraus, als wären sie
nicht bloss reingebürstete Stellen des Lebens; sie haben eine Aufrichtigkeit in
allem diesem, dass ihnen die Knöpfe vom Rocke springen, als sei alles dieses
etwas anders als Nacktgehen - und stelle ich mich hin und rüste mich und strecke
die Arme wie ein Fechter hinaus, ich warte und warte auf die entsetzliche
Vortrefflichkeit der Dinge, als sollte nun bald ein Felsenstück auf mich
niederrollen, und am Ende ist es immer das Alte, was sich von sich selbst
versteht, ich werde unwillig, und vergnüge mich in irgend einem Winkel der Erde,
solange es geht -.«
»Es wäre mir recht angenehm, Weib und Kind zu haben, aber ein Weib vom Vater
oder von sich selbst begehren, langweilt mich, und das Stehlen ist verboten.«
»Marie Wellner liebe ich, aber es ist mir leid für sie, ich habe kein Recht auf
sie, und sie alle auf mich: ich will warten, ob sie diese Rechte gebraucht; ich
befinde mich wohl in diesem stillen Leben, ich glaube, es könnte gut werden; ob
ich gut werden kann? Gott weiss, wer schlecht ist.«
(An dem Abend, als die Szene zwischen Wellner und Marien vorfiel, fand sich
Godwi sehr ergriffen: er vergass alles, was vor diesem sein Leben umfasste, und
entschloss sich fest, Marien zu besitzen, an ihr und dem guten Alten ein
einfaches ruhiges Leben zu erbauen, und ruhig zu werden -, er schwor sich
selbst, nur von dem Besitze Mariens aus zu leben, und alles anzuwenden, sie zu
erhalten. Die Lage des Vaters schien ihm dazu eine Hülfe zu bieten, weil er
reich war und ihn durch ein Darlehn decken konnte; er hoffte auf die Dankbarkeit
der Tochter, und fasste die Hoffnung, Joseph werde nicht zurückkommen -, wie ihn
dieser Plan rührte, wie er jetzt schon wieder auflebte, und eine ganz andre
Ansicht seines Lebens bekam, ist leicht aus folgenden Zeilen zu sehen, die er
schrieb, und die mehr Selbstgefühl als Selbstverachtung atmen.) -
    »Ich habe lange auf den gewartet, der mich dem ewigen Zweifel an ein
besseres Leben in mir entrisse, und endlich ist sie erschienen, die mich zur
Einzelnheit erheben kann. Marie hat sorgenvoll mit mir gespielt, und wenn sie
ihren eignen Schmerz an meinen Mängeln wegschneidet, so kann ich immer schöner
werden und einst ihr Glück, das sie verlor, ihr in mir, ihrem Werke, zeigen.«
(Dieses wenige war mir verständlich, alles andere zeigte mehr oder weniger
Bitterkeit und Selbstverachtung, mitunter eine Art von Mutfassen, die einer
gewohnten Frivolität sehr ähnlich war, dabei doch guten Willen, aber selbst für
diesen guten Willen Verachtung.) -
    Er schrieb nach diesem ein Billet an Wellner, bot ihm eine ansehnliche Summe
an, und liess einige Zeilen einfliessen, wie er sehr wünsche, mit ihm in eine
nähere Verbindung zu kommen. Wellner nahm die Summe an, und wünschte auch, dass
ihn Marie lieben möge -.
    Auch dies fand sich. Godwi war mehr um sie, er hatte ihren Vater gerettet,
sie war ihm dankbar, es kamen Briefe, Joseph sei tot, sie war sehr traurig, und
dem Vater war es die letzte Erfahrung: er ward krank, und wünschte Marien noch
bei seinem Leben mit Godwi verbunden zu sehen, sie reichte ihm die Hand, es war
an derselben Stelle, wo er sie einst Josephen versprochen hatte - bald darauf
starb er. -
    Godwi besass nun die ganze Handlung, und führte sie unter Wellners Firma
fort. Marie war nicht glücklich und nicht unglücklich mit ihm, aber sie liebte
ihn nicht - sie liebte immer nur Josephen. -
    Abends ging sie oft, mit ihrem kleinen Sohne auf dem Arm, am Hafen allein
spazieren, und sah noch dahinaus, wo ihr lieber Joseph hingefahren war, und
weinte.
    Als sie auch einmal so da ging, kam ein Schiff gefahren, vorn auf dem
äussersten Rand stand ein Mann, der aussah wie Joseph; er hatte ein Fernrohr in
der Hand, und sah nach ihr, und winkte mit einem Tuch, sie bebte, und trat ganz
hervor an das äusserste Ende des Ufers, so dass der Knabe sie bang um den Hals
fasste. -
    Der Mann sprang in ein Boot, und kam näher, ach er sah immer aus wie Joseph!
Er rief laut: »Marie, Marie!«
    Es war Josephs Stimme, es war Joseph selbst, und er sah, wie Marie die Arme
nach ihm ausstreckte, wie ihr Kind und sie in die See stürzte -.
    Joseph wurde gerettet, das Kind wurde gerettet, aber Marie war tot.
    Godwi nahm den Knaben und floh, Joseph blieb krank zurück, er litt sehr an
seinem Verstande. Als er genas, erzählte man ihm, dass Marie verheiratet gewesen.
Dies brachte ihn zu einem fürchterlichen Ernste, er fand ein Testament Wellners,
in dem er eröffnete, dass Godwi das ganze Vermögen gehöre, weil er darin seinen
Banqueroutt bekannt machte -.
    Er verliess die Gegend, und lebte herumziehend von dem wenigen, was er in
Amerika erworben hatte -.
    Dieses ist die Geschichte von Godwis Eltern, und die Leser werden nun die
Stellen im ersten Bande, wo Werdo Senne Seite 73 singt, manche Stellen aus
Otiliens Brief an Joduno und die meisten dunkeln Stellen in den Reden Werdos
gegen Godwi verstehen, denn Werdo Senne ist niemand anders als dieser Joseph. Er
erkennt in Godwi den Sohn Mariens, und dies bewegt ihn so heftig.
 
                           Achtundzwanzigstes Kapitel
»Gott sei Dank,« sagte ich zu Godwi, »nun bin ich mit den Papieren fertig, und
es ist nun die Reihe an Ihnen zu erzählen, was Sie wissen« -
    »Ich spreche von dem meisten nicht gern,« erwiderte Godwi, »was ich von
meinem Vater weiss, und es ist das einzigemal, dass mir es Mühe kostet, Ihnen bei
Ihrem Buche zu helfen; Sie werden mir daher verzeihen, wenn ich mich sehr kurz
fasse; überhaupt schreiben Sie ja meine und nicht meines Vaters Geschichte; ich
will Ihnen also nur einiges aus dem Leben meines Vaters, ehe er nach Deutschland
kam, erzählen, und etwas von Josephs fernern Schicksalen, damit ich nachher frei
bin, und Ihnen die wenigen Schritte noch aufschreiben kann, die ich von da, wo
Sie mich im ersten Bande liessen, bis hierhin tat, von dem steinernen Bilde der
Mutter bis hierher an Violettens Grabmal. Der Weg scheint lang von dem Denkmale
einer Mutter bis zu dem eines Freudenmädchens; er ist es nicht, aber er umfasst
dennoch mein Gemüt. Sie haben im ersten Bande das Lied von der Marmorfrau, mit
dem das Buch hätte anfangen müssen, hätten Sie die Geschichte meines Lebens, das
ist meiner Empfindungen, schreiben wollen, und mit dem, was Sie von Violetten
sangen, mussten Sie aufhören. -
    In diesem Marmorbilde lag all mein Schmerz gefangen, ich lag wie das Kind in
den kalten Armen des Bildes: was in dem Teiche sich bewegt, das ist dasselbe
immer wieder, nur im beweglichen Leben gesehen; aber was dort über den grünen
Büschen in die Höhe strebt, das ist meine Freiheit; in Marien lag der Schmerz
und die Liebe gefangen, in Violetten ward das Leben frei. -
    Doch ich will die fatalen Geschichten, die nicht zwischen diesen zwei
schönen Polen, diesem Aufgang und Untergang, liegen, schnell erzählen, damit
Sie, lieber Freund, mit meiner Geschichte fertig werden, und wir miteinander
eine bessere lebendige des eignen Lebens anfangen können.
    Mein Vater war früh elternlos und sein eigner Herr, leidenschaftlich und
voll Entusiasmus. Aber reich und frei gab er seinem Entusiasmus keinen Zweck.
Er ergriff alles mit ihm, was ihm in die Hände kam, die ganze Welt brannte ihm
in einem reinen Feuer, so oft er sie auf einem neuen Punkte berührte, aber nur
seine Leidenschaft berührte sie. Er liebte früh, und ward bewundert, nie
geliebt; es konnte sich kein Wesen an ihn hängen, denn er sprach im Arm der
Liebe vom Universum, wo er es hätte sein sollen.
    Die armen Geschöpfe, die er fallen liess, wenn sie sich an seine Brust gelegt
hatten und er, des Mädchens vergessend, die Arme nach der Weiblichkeit
ausstreckte, fielen unsanft, und mussten schmerzlich empfinden, dass er sie nur
dann wieder erheben konnte, wenn er seine Arme eben zufällig nach dem Elend
ausstreckte. -
    So ward ihm nichts, was ihn erquickte, denn der wird sich nie an einem
kühlen Bronnen im einsamen schattichten Tale menschlich erfreuen, der immer die
Idee der alten Philosophen im Kopfe hat, dass das Wasser das Erste und Höchste
sei, von dem alles komme, zu dem alles kehre. -
    Er war daher sehr unglücklich, denn er sehnte sich nach Liebe und
Freundschaft, aber nicht nach Menschen. - Es blieben ihm wenig Freunde, aber er
hatte immer eine Menge; er war nie ohne eine Geliebte, aber er hatte immer eine
verloren - die armen unbefangenen Weiber sehnten sich nach dem Höchsten, wenn er
einige Wochen hohe Worte vor ihnen gesprochen und alles, wovon sie lebten, klein
gemacht hatte; sie sehnten sich nach dem Höchsten, aber er zerbrach ihnen alle
tiefere Sprossen der Leiter: da gaben sie sich hin, um mit ihm das Höchste zu
erringen, aber sie gaben ihm ihr Höchstes hin - er machte sich ein Gedicht aus
der Sache, sprach von der Göttlichkeit der Liebe so göttlich, dass die Menschen
zu Idealen der Kunst zu werden strebten und die Bildsäulen sich begattet hätten,
wenn sie es wie jene gehört hätten. -
    Wer ihn nehmen konnte wie ein Element, wie einen Sommer, dem konnte er
wohltun, denn man konnte ihn durch mancherlei Arten von Verehrung dazu bringen,
dies oder jenes Wetter zu erschaffen; wer ihn aber nahm wie ein angewandtes
Feuer, oder einen Gärtner, und sich von ihm in der Landwirtschaft unterrichten
liess, der konnte mit Weib und Kind verhungern. -
    Er wickelte sich bald mit sehr grossmütigen Gefühlen von den Menschen los,
und kam nach Oxford, um zu studieren: dort ergab er sich dem Skeptizismus, und
sein Entusiasmus, den er doch nun nicht mehr ablegen konnte, ward zu einem
entsetzlichen, viel bösern Ding, zum schwärmenden Spotte. -
    Er zweifelte an allem; doch schien dieses, durch seinen Entusiasmus
gemildert, lauter Bescheidenheit, und alle Menschen waren so lange von ihm
entzückt, bis sie sich selbst an ihn verloren; dann nahm er ihre von ihm
begeisterten Körper in den Arm, hob sie zum Himmel, opferte sie der ganzen
Natur, schlachtete sie mit seinem Spotte, mit der Träne der Rührung, dass es ihm
verliehen sei, sie in so göttlichem Rausche ohne Schmerzen zu töten, verbrannte
sie dann mit schönen Gebeten im reinen Feuer des Entusiasmus, streute ihre
Asche in alle vier Elemente, und verspottete sich hintennach selbst.
    Sein Entusiasmus nahm nun immer mehr ab, und ebenso wuchs sein Spott.
Vorher hatte er die Menschen zernichtet, weil er sie Engel nannte, jetzt
zernichtete er sie, weil sich die schöne Täuschung gelöst hatte - er, der vorhin
mit so grossen herrlichen Wesen öffentlich war gesehen worden - wie konnte er nun
mit den schlechten Menschen umgehen! -
    Er war noch eitel, und genoss nun in der Verachtung, und wenn er vernichtete,
war er in seinem Berufe. -
    Und bei allem dem so unglücklich! - Oft hatte er helle Minuten, und das
waren die traurigsten: was hatte er nur verbrochen? dass die Welt so schlecht
war, und er so vortrefflich - warum war er nicht wie die andern schlechten
Menschen, unter deren Hand alles aufblühte, warum musste er zerstören? -
    Wenn er solche Momente gehabt hatte, gab er das Gold haufenweise an die
Armen, oder setzte sich zu Pferd und ritt im Lande herum - denn das war ihm
gleichviel.
    Man kannte ihn um ganz Oxford herum, denn er kehrte oft bei den adlichen
Familien auf solchen Fahrten ein, weil er doch nicht lange mit der Natur allein
sein konnte, die ihm die Wahrheit zu sehr sagte. -
    Bei diesen Gesellschaften nahm er manchem guten Fräulein die Ruhe, denn er
legte es drauf an, und war ein schöner liebenswürdiger Mann. -
    In Oxford ging er mit ausschweifenden Mädchen um, und bekehrte, was andere
verführt hatten, um sie auf eine richtigere Art zu verführen.
    Alle hielten ihn für einen sehr gefährlichen Mann, und fielen doch gerne in
seine Schlingen, denn es waren die, in denen es Mode und gleichsam honett war,
einmal gefallen zu sein - und es war auch bequem, denn er war diskret aus
Hochmut.
    Er machte auf einer seiner kleinen Reisen die Bekanntschaft eines sehr
schönen, in der ganzen Gegend als ein Wunder von Verstand bekannten Mädchens:
auch sie war lange auf ihn begierig gewesen, sie war stolz, siegreich, und wusste
nicht, wie sinnlich. Sie hatte es lange gewünscht, sich mit ihm zu messen, aber
so hatte sie ihn nicht vermutet.
    Sie sass am Tische neben ihm, und koquettierte mit Todesangst, er aber war
kalt, ohne allen Witz, beissend verständig, zerlegte ihre Reize und ihre Worte
sehr ruhig vor der ganzen Gesellschaft, und sah dabei aus wie ein Engel der Güte
- diese Gattung war seine Hauptstärke. -
    Das arme Mädchen war in der schrecklichsten Not, ihr ganzer Ruhm stand auf
dem Spiel. Sie war daher fest entschlossen, ihn zu besitzen - und fing an, alle
seine kalten Reflexionen, seinen edlen Spott mit einer scheinbaren Unschuld
aufzunehmen und ihr Verstehen vor der Gesellschaft in sehr gefühlvollen
Auslegungen zu entwickeln.
    Es tat seine Wirkung, die Gesellschaft, besonders die Weiber, welche sich
anfangs gefreuet hatten, dass sie endlich doch da gescheitert sei, wo alle
scheiterten, verstanden bald das Gespräch der beiden nicht mehr, und sahen nur
mit Eifersucht die gelogene Zufriedenheit Mollys von Hodefield. -
    Godwi merkte das alles recht gut, und er war zu beschäftigt, seinen Ton fort
zu halten und zugleich auf einen letzten vernichtenden Schlag zu sinnen, als dass
er hätte empfinden können, wie liebenswürdig Molly war. -
    Aber ihr blieb heute der Sieg, denn sie stand schnell vom Tische auf, und
sagte, dass sie zu einer Freundin müsse, die krank sei; zugleich wendete sie
sich, mit einer ziemlichen Vertraulichkeit zu unserm Spötter, und sagte
unbefangen:
    »Ich hoffe, lieber Freund, Sie heute abend überzeugt zu haben, wie ich Sie
sehr gut verstehen und wie ich gar nicht begreifen kann, dass man Ihren
Grundsätzen einen so bösen Ruf gegeben - wahrlich, wenn Sie in Ihrer Güte
fortfahren, mich so wenig zu besuchen, weil Sie glauben, es könne meinem Rufe
schaden, so übertreiben Sie; ich kann nicht begreifen, warum Sie mich nicht
öfter besuchen sollten; wir sind immer so ungestört als das letztemal, denn Sie
wissen, ich bin allein und ganz mein Herr - Sie wackrer Mann, wie kann man Sie
gefährlich nennen? Es ist umgekehrt, Ihnen ist alles gefährlich; doch ich
verspäte mich, denken Sie an den Weg zu mir.« -
    Sie hatte Godwi nie gesehen, trat ihm dabei auf den Fuss, den er mit einem
spottenden Nichtverstehn zurückzog; aber das störte sie nicht, sie legte ihm
freundlich die Hand auf die Schulter, und verliess die Stube.
    Ihm war ein solches Weib interessant, er hatte lange keinen so ehrenvollen
Kampf gehabt - und er nahm es stillschweigend an. Ihre Sicherheit schien ihm nur
Sicherheit, aber sie hatte ihn doch um ihre Verlegenheit betrogen. -
    Als sie weg war, war es nun seine Sache, die Anwesenden zu quälen; er sprach
deswegen mit Begeisterung von der Liebenswürdigkeit Mollys, und liess nachher
jede einzelne Liebenswürdigkeit für sich über die Klinge springen. -
 
                           Neunundzwanzigstes Kapitel
Den folgenden Morgen ritt er schon nach Mollys Landhaus. Als er an ihrem Garten
vorbeikam, und sie in einer offnen Laube mit einem andern Frauenzimmer sitzen
sah, rief er ihr zu: »Ich komme nun öfter« - und sprengte dem Tore hinein.
    Molly war sehr überrascht, ihn zu sehen, und wusste nicht, ob sie sich freuen
oder bedauern sollte; aber sie fühlte sich schon in den bezauberten Strom, den
jede Liebe unter exzentrischen Umständen bildet, hingezogen.
    »Arme Molly! ist dieser die Ursache deines Schweigens seit gestern«, sagte
Kordelia6 zu ihr, und verliess sie.
    Godwi kam nun den Garten herauf, und da er sah, wie Kordelia Molly verliess,
so beugte er um eine Allee herum, um ihr zu begegnen. Dies tat er, um Mollys
Stolz zu mildern, indem er sie sehen liess, dass er nahe bei ihr noch einen Umweg
nehmen konnte, um irgend einem andern Weibe zu begegnen. Kordelia grüsste ihn
nicht, als er an ihr vorüberging - er stand einige Minuten still und sah ihr
nach, bis sie ihm aus den Augen kam. Dieser Moment ist ihm ein Stillstand seines
Lebens geworden, er wusste nie, warum; aber er hat nie vergessen, wie er
stillstand, und sie an ihm vorüberging.
    »Verirren Sie sich nicht«, hörte er Molly rufen, und seine wunderbare
Rührung bei Kordeliens Anblick ward schnell ein Mittel, diese zu demütigen; er
trat vor sie mit den Worten:
    »Ihre Freundin ist so schön, so stolz, dass man leider verloren ist, ohne den
Genuss zu haben, sich zu verlieren.« -
    Molly fühlte die Spitze, und erwiderte ihm, dass sie ihn wieder suchen wolle,
um ihm die Freude zu machen, sich zu verlieren. -
    Es spann sich bald ein Gespräch zwischen ihnen an, wie es zwischen dem
schönen stolzen Spötter und der stolzen sinnlichen Entusiastin sich weben
konnte. Godwi erkannte ihre Schwäche, und ihre Stärke, er fand, dass er ihren
Kopf entwaffnen müsse, um sie zu demütigen, und wie leicht war ihm das - denn
sie antwortete schon auf seine Schönheit, als sein Verstand noch allein mit ihr
koquettierte. -
Seine Besuche wiederholten sich, er schien ihr anhänglich zu werden, denn er
fasste schon oft ihre schöne Hand bei diesen Unterhaltungen, und zählte seine
Ursachen an ihren Fingern her.
    Ihr Umgang erhielt auch schon jenen geheimnisvollen verführenden Reiz, wo
sich das Geschlecht in die entferntesten Ideen mischt, sie waren schon so
vertraut, dass sie hier und da manches sagten, was sie nicht recht ausgesprochen
hatten, ihr Wort fing an Fleisch zu werden. - Molly wehrte sich, und Godwi
ergötzte sich dran, wie sie in dieser Glut stets so heilig, und er immer
witziger ward. -
    Sie liebte ihn nun wirklich: wenn er nicht zugegen war, weinte sie oft heisse
Tränen, und hatte in ihrer Liebe den sehnlichen Wunsch, an ihrem Herzen diesen
Mann der Welt wiederzugebären; aber sie wollte ihn eigentlich nehmen, wie er
war.
    Er war der einzige Mann bis jetzt gewesen, der ihr Punkte vorschreiben
konnte, die sie denkend nicht zu überschreiten wagte, und wenn das sinnliche
Mädchen an ihrer Toilette sass und ihre Locken ringelte, so riss sie oft alle die
schönen Schlingen wieder auseinander, faltete die Hände, drückte sie gegen ihren
entblössten Busen, und sagte mit heissen Tränen in den grossen Augen: »Ach sollte
der kalte Spötter hier an diesen beiden Leben nicht wieder zum Entusiasten
erwarmen können?«
    Kordelia entfernte sich immer mehr von ihr -.«
»Ich will Ihnen«, unterbrach sich hier Godwi, »nicht weiter erzählen, wie mein
Vater dies Weib verführte.« -
    Bald lag er an diesen beiden Leben, aber er war nicht wieder zum
Entusiasten erwarmt, er spielte mit ihnen, wie mit allen Leben, nahm alles, was
die volle Blüte ihm entgegendrängte, schwor ihr, er habe mehr genossen, als er
vermutet habe, und verliess ihr Bett; sie fasste ihn mit ihren zarten Armen und
verstand ihn nicht.
    »Löse deine Bosheit im einzigen Ergeben, lieber Godwi,« sagte sie, »o zürne
nicht, dass du ein Mensch bist, hat dich doch das Leben noch geliebt; ach du
glaubtest nicht, dass noch solche Einheit bestehe« -
    Sie kniete vor ihm, umschlang ihn, ihre holde Blösse bewegte ihn nicht.
    »Fräulein,« sagte er, »Sie erniedrigen sich, schonen Sie Ihrer Gesundheit,
Sie werden sich verkälten,« und eilte aus der Stube. -
    Sie lag noch lange auf den Knien, und konnte am Morgen nicht mehr weinen. -
    Als Godwi durch den Garten ging, stand er in einem Gebüsche still, er sah
Kordelien im Mondscheine stehen, ruhig wie eine Bildsäule: er war wunderbar
erbittert, und kalt, als er sie sah, er konnte sie nicht erdulden - und konnte
er etwas Schlechteres tun, als zu ihr hingehen und sagen: »Guten Abend, Miss,
noch so spät, mit der Natur beschäftigt? gehen Sie doch zu Ihrer Freundin, sie
befindet sich nicht ganz wohl - sehen Sie, es war nicht gut anders möglich, ich
konnte nicht anders -«.
    Kordelia hatte nie mit ihm gesprochen; aber Molly hatte ihm ihr wunderbar
andächtiges Gemüt in ihren Umarmungen verraten.
    Kordelia floh erschrocken vor ihm, und er ritt weiter. Wie es ihm war, weiss
Gott - er konnte nicht begreifen, als er so vor sich hin ritt, warum er ein so
schlechter Mensch sei, und warum er sich nicht mit Molly verbunden habe: da fing
er an, schneller zu reiten, und wusste nicht, warum er sein Gewissen durch einen
starken Trab überreiten konnte. -
Molly fühlte sich so erniedrigt, als es ein Weib je werden kann, die sich nicht
hinbietet: sie hatte Kordelien alles vertraut, und diese liess die merkwürdigen
Worte fallen:
    »Das kenne ich wohl -«.
    Kordelia konnte ihre Freundin nicht trösten, denn sie wusste, dass nichts
trösten kann, wo das Edelste zertrümmert ist - und zu jener Erhebung des
Gemütes, zu der sie selbst sich gerettet hatte, war Molly nie fähig, da sie zu
feste durch die Sinne ans Leben gebunden ward -.
    Molly verliess nun ihre Wohnung nicht mehr, und ihre Trauer bewegte sich in
der einförmigsten Umgebung; hätte sie weniger Leben in sich gehabt, sie würde
wohl den Verstand verloren haben - aber sie sehnte sich dennoch nach Liebe,
obschon nicht nach der ewigen; sie bildete neue Reize in sich, die weniger
witzelten und herrschten, jenen stummen tiefen Reiz, dem man sich ergibt wie
dem Schlummer an heissen Tagen, und dem man am kühlen Abend rüstig entgeht -.
    Sie konnte diese Schwermut nicht bewegen, und war selbst leidend, wenn sie
reizte, - dabei ein Bewusstsein bei allem diesem, das sie zur Frevlerin machte.
    Ihre Liebe zu meinem Vater war nicht ohne Leben geblieben, sie gebar einen
Sohn, (Sie kennen ihn unter dem Namen Römer), und liebte ihr Kind -.
    In der Nacht seiner Geburt verschwand Kordelia von dem Landhause, ohne dass
irgend eine Nachricht von ihr zu finden war.
    Nun war sie ganz allein, und sehr unglücklich: sie schrieb mehreremal an
meinen Vater, ohne Antwort zu erhalten, er möge sich ihrer erbarmen; aber von
seinem Kinde meldete sie nichts: sie gehe auf bösen Wegen, schrieb sie, ihre
Ehre sei verloren, und sie werde noch tiefer sinken ohne ihn, er möge sie wieder
aufrichten; sie erhielt keine Antwort -.
    Um der Verzweiflung zu entgehen, zog sie in die nahgelegne Stadt, machte
vielen Aufwand, und war eine galante Frau, mit einem armen zerrissenen Herzen.
    Man gewöhnt sich an alles, sie gewöhnte sich an den freien Umgang mit
Männern, an ihren üblen Ruf und seine Folge, ihren üblen Beruf, sie hörte ihr
Leben auf und fing eine Lebensart an.
    Sie war also keine exemplarische Frau, aber dennoch eine vortreffliche
Mutter: ihr Sohn erhielt die schlichteste reinste Erziehung, von ihr getrennt;
jährlich sah sie ihn mehrmal, und wer sie in den Minuten gesehen hätte, wo sie
ihn in den Armen hielt, er hätte ihre Lebensart eine Lügnerin gescholten.
    So lebte sie mehrere Jahre: ihr letzter Günstling war Carl von Felsen, ein
Deutscher; er brannte so heftig für sie, und die schönen Trümmer ihres
ehemaligen Gemütes rührten ihn so tief, dass er sie verliess, ohne ihr zu sagen
wie er meinen Vater aufsuche, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen; - er reiste ihm
lange nach, denn er hatte keinen festen Aufentalt mehr. -
    Molly konnte das plötzliche Verschwinden ihres Geliebten nicht begreifen,
und es schmerzte sie um so mehr, da sie den Entschluss gefasst hatte, sich mit ihm
zu verbinden, und in ihm ihr unruhiges Leben zu lösen. Einige Monate nach seiner
Entfernung besuchte sie ein Mann, den Felsen empfohlen hatte wie seinen einzigen
Freund, dieser war niemand als Joseph, der aus Deutschland nun einige Monate weg
war -.
    In dem Briefe, den er von Felsen mitbrachte, standen folgende Zeilen -
    »Geben Sie diesem Menschen Ihr ganzes Vertrauen; ich hoffe, dass er vieles in
Ihrem Herzen wieder erbauet, was ich nicht kenne, und doch vermisse, denn ich
liebe Sie: aus seinen Händen empfange ich Sie gern, er soll unser Mittler
werden.«
    Joseph konnte ihr nicht sagen, wo Felsen war, er hatte seinen Brief in
London ohne Anzeige seines Aufentalts erhalten -.
    Wie Joseph auf sie wirkte, wissen wir aus ihrem Briefe im ersten Bande
dieses Romans, Seite 81 -. Sie ging als ein neues Wesen aus seiner Hand hervor,
und war entschlossen, einstens in Deutschland zu leben, wo er sein werde. -
    Joseph reiste nun nach Amerika. Molly harrte und harrte auf Felsen, aber es
sollte ihr nicht werden, sich ihm als ein ruhiges entschlossnes Weib zu geben.
    Felsen hatte meinen Vater gefunden, hart mit ihm gerechtet, und es kam zum
Zweikampf: mein Vater wäre so gerne totgeschossen worden, aber er sollte seinen
Gegner töten -.
    Molly erhielt diese Nachricht, ohne zu erschrecken; sie sagte nur: »Warum
musste dieser sterben, und ich darf leben?« - Denn sie hatte nur gehört, dass er
getötet worden sei: da sie aber einen Brief von meinem Vater erhielt: »dass er
ihren Geliebten erschlagen habe, und nun sehr gestraft sei für das, was er an
ihr begangen habe«, wollte sie verzweifeln -.
    Mein Vater floh nun nach Deutschland: er hatte sich fest entschlossen, alles
in sich zu verschliessen, und ruhig ein neues einfaches Leben zu beginnen.
    Sie wissen, was er tat, aus Mariens Geschichte; Sie müssen aber noch wissen,
warum Joseph ausblieb. Er hatte einen Sturm erlitten, war lange verschlagen
gewesen, und fing dann wieder an zu schreiben. - Diese Briefe hat mein Vater
aufgefangen, und der Totenschein war falsch. - Als Joseph nach England kam,
besuchte er Molly, er fand sie wieder auf ihrem Landhause, mit wenigen Freunden
umgeben, und hörte Carl von Felsens Tod durch Godwis Hand. Mit Molly traf er die
Verabredung, ihr aus Deutschland zu schreiben, ob und wo sie hinkommen solle -.
    Was er dort fand, wissen Sie. -
 
                              Dreissigstes Kapitel
Joseph war eine Zeitlang umhergeirrt, verband sich endlich mit der Tochter eines
Amtmanns in einem kleinen Städtchen, arbeitete mit seinem Vater zugleich: da
dieser und bald darauf sein Weib gestorben war, zog er auf den Berg, wo wir ihn
unter dem Namen Werde Senne kennen gelernt haben.
    Godwi wendete sich hier lächelnd mit folgenden Worten zu mir:
    »Sie sind wunderbar mit dem guten Joseph im ersten Bande umgesprungen, Sie
haben einen so geheimnisreichen Grabstein aus ihm verfertigt, dass kein Mensch
raten sollte, wen er bedeckt, ebenso mit Otilien.«
    »Ich kann mich nicht entschuldigen,« erwiderte ich, »aber ich wollte, es
reute mich nicht, und ich hätte meine Geschichte ausschreiben dürfen, ich wollte
immer an einem Himmelfahrtstage einen sterben und am Allerseelen-Tage seine
Nachkommen beten lassen, und alle hätte ich am Allerheiligen-Tage noch einmal im
Himmel schlecht grouppiert - doch, Lieber - erzählen Sie fort, damit wir das
Volk nach und nach vom Halse bekommen; ich versichere Sie, es schleppt sich noch
wie ein Leichenwagen, und ich glaube, ich werde ruhig sein, wenn die ganze
Geschichte aus ist, fahren Sie fort.« -
    »Molly zog nun nach Deutschland in die Nähe von Josephs Aufentalt, ihr Sohn
blieb noch in England in einer Handlung.«
    Auf ihrem Wege begegnete ihr folgendes, was wieder einen Knoten in Ihrem
ersten Bande löset.
    In einem Gastofe hörte sie neben ihrer Stube sehr heftig weinen und klagen,
es war eine Italiänerin. Molly ging zu ihr und bat sie, sich ihr zu vertrauen.
Die Italiänerin erzählte ihr nun unter vielen Ausrufungen, dass sie von einem
jungen Manne gegen den Willen seiner Eltern aus dem Kloster sei entführt worden,
dass sie nun hier angekommen und ohne allen Unterhalt seien, sie sei hier in
einem luterischen Lande getraut worden, und fühle nun den ganzen Fluch ihrer
Kirche: »Ach! sagte sie, Madam, hätte ich nur mein Kind geboren, ich wollte
gerne sterben.« -
    Molly versprach Hülfe, sie hörte, dass ihr Mann ein Maler sei, und
verschafte ihm Arbeit in der Stadt. Sie selbst verliess die junge Frau nie - und
schwor ihr, für ihr Kind wie eine Mutter zu sorgen.
    Die Italiänerin brachte einen Sohn zur Welt, und starb. Der Mann kam in die
Stube, sah sein totes Weib, verliess das Haus und war nicht mehr zu finden. - Das
Kind erhielt den Namen Eusebio - und Molly nahm es als das ihre an. - Nachdem
sie den kleinen Eusebio zwei Jahre erzogen hatte, und er immer sehr kränklich
gewesen war, brachte sie ihn zu Joseph hinauf, damit ihm die freie Luft gedeihen
möge. -
    Auch aus diesem Knaben haben Sie ein recht abenteuerliches Geschöpf zu
machen gesucht, mein Freund!« sagte Godwi hier zu mir.
    »Ich verdiene das alles,« erwiderte ich, »aber fahren Sie fort, jedes Wort
der Geschichte langweilt mich so, dass es mir wirklich mehr Strafe ist, sie
anzuhören, als alle mögliche Vorwürfe.« -
    »Sie werden einsehen, lieber Maria,« fuhr Godwi fort, »dass dieser Maler
Franzesko Firmenti, und das junge Weib seine Cecilia ist, von denen Antonio
Firmenti an meinen Vater schrieb. Seinen Brief haben Sie allein unverfälscht
gelassen.
    Ich wende mich nun wieder etwas zu meinem Vater. Dieser hatte während dem,
was ich Ihnen erzählte, sich hier in der nahgelegenen Stadt etabliert, und
dieses Landhaus gekauft. Mariens Tod, Josephs Elend hatten einen mächtigen Riss
in sein Leben gemacht, er ward sehr melancholisch und überliess sich der Reue in
einem fürchterlichen Grade. Er floh mich, und ich verzweifelte in den Händen der
Lehrer. Einen Freund hatte ich, der einige Jahre älter war; er war als elternlos
meinem Vater aus England geschickt worden, denn er hatte jemand gesucht, um mir
einen Gesellschafter zu geben -. Dieses ist Römer, Mollys Sohn. Sie wusste es
wohl, sie wollte Godwi zwingen, Vater zu sein, und hatte durch Römer einen Faden
angelegt, sich wieder mit meinem Vater zusammenzuspinnen. -
    Ich führte ein trauriges Leben, bis mir endlich mein Vater erlaubte, zu
reisen, er wünschte, ich möchte nach Italien gehn -; aber Sie wissen, wie ich
reiste, die Freiheit war so wunderbar, so süss, dass ich oft in einem Dorfe einen
halben Tag zubrachte.
    Als ich nach B. kam, ward ich mit Molly bekannt, von deren Zusammenhang mit
mir ich nichts wusste.
    Die Frau war noch sehr schön, und es hatte mich vorher noch kein Weib in die
Arme gefasst. Sie öffnete mir einen ganz neuen Sinn fürs Leben, ich habe von
niemand mehr gelernt als von ihr.
    Sie ward sonderbar durch mich erregt, ihre Schwärmerei besiegte ihre
Erfahrung, und sie beweist in ihrem Briefe an Joseph, den Sie im ersten Bande
Seite 81 mit Ihren undeutlichen Kunststücken verdorben haben, dass keine
sogenannte Besserung möglich sei, wenn man das als Sünde annimmt, was
unmittelbar aus dem Zentrum unsers Daseins aufflammt. Sie war als ein sinnliches
Weib erschaffen worden, und war so unschuldig geblieben, wie sie Gott erschaffen
hatte, das heisst sinnlich; und hatte ihr die Natur nicht einen Fingerzeig
gegeben, sollte sie etwa begehrend und liebenswürdig geblieben sein länger als
die meisten, um das Rettungsmittel der Moral anzuwenden, da sie nicht zu Grunde
gegangen war?«
    »Es klingt paradox,« sagte ich, »aber es ist doch wahr: wer zur Wollust
geboren ist, und sie nicht übt, führt ein recht lasterhaftes Leben. Es ist
nichts Unkeuscheres als ein recht sinnliches Mädchen, das keusch ist, und eine
Violette, die sich bekehrt, verliert ihre Unschuld. Der Staat aber ist nur auf
eine Gattung eingerichtet, und besteht aus sehr schlechten Menschen, weil ein
Teil gut und der andere schlecht werden muss, um tugendhaft zu sein, wie es der
Staat will -«.
    »Doch siegte das schlechte gute Prinzip in ihr, und sie schickte mich
weiter. Wie ich zu Joduno und dann zu Otilien kam, wissen Sie.
    Es bleibt mir noch etwas zu lösen, es ist die Erscheinung der weissen Frau
mit dem Kinde im Arm, die Sie im ersten Bande Seite 157 so unerklärt erscheinen
lassen; es ist niemand anders gewesen als die Engländerin, die ihren Pflegling
Eusebio besucht hatte, ohne mir doch begegnen zu wollen. Sie trennte sich eben
im Walde von ihm: als ich mit Otilien auf die kleine Wiese hervortrat, hielt sie
ihn in den Armen, und was Sie, mein lieber Maria, zu den stillen Lichtern
gemacht haben, ist nichts anders gewesen als eine kleine Handlaterne, mit der
sie Eusebio zu ihrem Wagen zurückbegleitete -.«
 
                           Einunddreissigstes Kapitel
»Der Mann, welcher sich bei meinem Vater aufhielt,« fuhr Godwi fort, und von dem
ich Ihnen schon gesagt habe, dass er Annonciatens Bild, wie auch das von Marien
und Wallpurgis, malte, war Franzesko Firmenti, wie Sie wissen.
    Er war in London in einem Irrenhause von seiner Verrückteit geheilt worden.
Wie er hingekommen sei, wusste er nicht, und da er wiederhergestellt war, wollte
er nach Deutschland, um eine gewisse Dame aufzusuchen, die, wie er sich
erinnerte, an dem Todesbette seiner Frau gesessen habe; - wie sie hiess, konnte
er sich nicht entsinnen.
    An meinen Vater war er empfohlen worden, und arbeitete bei ihm, während
dieser sich umsonst bemühte, jene Dame auszukundschaften.
    Ein glücklicher Zufall führte ihn endlich: er wollte, Franzesko sollte ihm
Molly malen, nach einem kleinen Gemälde das er noch aus jener Zeit besass.
Franzesko erkannte Molly, und da ihm mein Vater ihren Namen sagte, so war er
gewiss, dass sie seine Wohltäterin gewesen war.
    Er war nun nicht mehr zu halten, und reiste zu ihr hin. Sie freute sich
innig, dem kleinen Eusebio seinen Vater wiedergeben zu können - und freuen Sie
sich, lieber Maria, freuen Sie sich«, unterbrach sich Godwi. -
    Ich fragte ihn verwundert, warum?
    »O es gibt nun bald einen herrlichen Zug, eine Völkerwanderung, die uns
Luft machen wird! Sie erzählten mir, wie Sie auf dem hohen Berge am Rhein auf
einem Baume sassen, und den Zugvögeln glückliche Reise wünschten, solche Zugvögel
werden gleich an uns vorüberziehen.
    Durch Franzesko kamen Molly und mein Vater wieder zusammen. -
    Sie können sich denken, wie ich überrascht ward auf meiner alten Burg, da
mein Vater und Molly ankamen, ich kannte alle diese Verbindungen nicht -.
    Mein Vater reichte mir zuerst die Hand, da er hereintrat.
    »Ich hätte dich nirgend lieber gefunden als hier,« sagte er, »wo ich alles
wiederfinde«, - dann wendete er sich zu Joseph mit folgenden Worten -
    »Joseph, ich bin zu alt, um vor dir niederzuknien, und dich um Verzeihung zu
bitten, reiche mir deine Hand, meine kann nichts Böses mehr tun, und deine kann
noch verzeihen, ich habe schwer gebüsst.« -
    Der alte Joseph stand ruhig auf, weinte, und umarmte ihn: »Wenn die Folgen
sterben,« sprach er, »ist keine Ursache mehr.«
    Otilie stand ruhig neben mir, auch ich stand ruhig -.
    »Lieben sich unsre Kinder?« sagte mein Vater zu Joseph. -
    Ich umarmte Otilien gerührt, und beide sagten wir ruhig: »Nein.« -
    Franzesko sass mit seinem Kinde im Arm stumm in einem Winkel.
    »Es fehlt noch einer,« sagte Molly zu meinem Vater, »dein Pflegesohn Römer,
- wisse, er ist unser Kind! Du hast einen guten Menschen aus ihm erzogen; darum
verzeihe ich dir so gern, dass du mich nicht mehr liebtest, als ich ihn gebar.«
»Nun geht es zu Ende,« unterbrach sich Godwi freudig, »nun sind wir gleich auf
dem hohen Baume am Rhein, und aller Druck stürzet hinab, wir werden gleich der
ganzen fatal verwickelten Geschichte los sein, die Zugvögel regen schon ihre
Schwingen -.«
    Ich erhielt von meinem Vater den Auftrag, nach F. zu reisen, Römern
vorzubereiten, und ihn dann zurück zu seinen Eltern zu bringen. -
    Ich traf ihn aber schon unterweges, und zwar mit Joduno, es war in einem
kleinen Wirtshause, nahe bei Eichenwehen.
    Wir umarmten uns herzlich, Joduno kam mir freundlich entgegen, und küsste
mich; sie sah sehr blass aus, und ich fragte, ob sie krank gewesen sei.
    »Römer wird Ihnen alles erzählen«, sagte sie; »und ich hörte nicht ohne
Rührung von Römer, dass er in seinem letzten Briefe an mich nur zu wahr
geweissagt hatte, denn er sagte mir:
    »Die Brünette ist gestorben, sie hat unsre Liebe gestiftet, meine und
Jodunos Liebe, das war die letzte und schönste Tat ihres Lebens; was sie am
Allerseelen-Tage, da Joduno in F. ankam, gesagt hatte, als sie mit ihren
Geschwistern vom Grabe ihrer Mutter zurückkam, ist wahr geworden. Es hat sie
leise hinabgezogen, sie ist vorige Woche gestorben -«.
    Römer sagte mir noch, dass er Joduno nach Hause begleite, um ihrem Vater
seine Liebe darzustellen, und dann hänge es von der Güte meines Vaters ab, ihn
zu unterstützen, damit er sich irgendwo ehrenvoll niederlassen könne. -
    Hier sagte ich ihm nun, dass sein Vater und seine Mutter gefunden seien, und
ihn auf der Burg erwarteten. Wir eilten dahin. -
    So wunderbar verbunden waren nie Menschen wie diese, aber ich fühlte, dass
ich nicht zu ihnen gehörte.
    Mein Vater ging selbst nach Eichenwehen, um bei dem alten Edelmann die
Tochter für Römer zu begehren, und sie ward ihm gegeben -. Römern aber übergab
er seine Handlung, die dieser nach B. hinzog, damit Joduno näher bei ihrer
Heimat sei -.
    Mir ward dieses Gut und ein beträchtliches Vermögen zuteil, und mit dem
kleinen Eusebio an der Spitze zog nun der Zug nach Italien.
    An der Spitze flog Eusebio, hinter ihm Franzesko und Otilie, und hinter
diesen mein Vater nebst dem alten Joseph, in ihrer Mitte aber Molly von
Hodefield, so piramidalisch, wie die Störche fliegen - adieu -.«
    »Glückliche Reise,« sagte ich, »kommt um Gotteswillen nicht wieder -!«
    »Nein,« sagte Godwi, »eine gute Partie ist davon gestorben. - Otilie lebt
noch, sie hat sich Franzesko vermählt.«
    Nun sind wir mit dem verzweifelten zweiten Bande fertig - ich kniete mich
vor meinen Freund, und bat ihn herzlich um Verzeihung. »Ich will es nicht
wiedertun,« sagte ich. -
    »Eins noch habe ich vergessen,« hob er zu meinem Schrecken wieder an, »ich
muss noch einiges erzählen, was ich auf meinem Gute fand.
    Ich reiste zurück frei und frank, und so gesund an Leib und Seele, wie ich
es nimmer gehofft hatte. Da ich in dem Walde ankam, fand ich das neu angelegte
Jägerhaus, und in ihm Kordelien: wie sie hierhin gekommen war, habe ich nie
erfahren, sie rechtfertigte sich durch ein Legat von meinem Vater, das ihr hier
freien Unterhalt bis zu ihrem Tode versicherte. -
    Auf dem Gute selbst brachte ich noch einige Zeit zu, und beschäftigte mich
teils mit den Gemälden und Statuen, die seit meiner Abwesenheit entstanden
waren, teils mit meinem Gemüte.
    Nachdem ich dann mit den Wiedertäufern meine Rechnungen abgeschlossen und
das Gut völlig übernommen hatte, entschloss ich mich, an den Rhein zur Weinlese
zu reisen.
    Nun sind wir eigentlich fertig.« -
    Hier nahm mich Godwi am Arme, wir gingen aus der Eremitage zurück, und
fanden Habern schon beschäftigt, seine Rolle in Flamettens Lustspiel auswendig
zu lernen. -
 
                   Fragmentarische Fortsetzung dieses Romans
 während der letzten Krankheit des Verfassers, teils von ihm selbst, teils von
                                 seinem Freunde
Georg, der Bediente Godwis, ist vorgestern gestorben. Als man ihn begrub, wo
seine früher verstorbene Braut ruht, war es mir sehr traurig, ich konnte nur
wünschen, auch da zu schlafen. - Warum man dieses wünschen kann, weiss kein
Mensch. Meine Freunde sind wie Engel an meinem Lager, und sprechen mir
freundlich Trost zu.
    Godwi hat mir heute manches von seiner Reise an den Rhein erzählt, was ich
niedergeschrieben habe, so gut es meine Krankheit erlaubt.
Godwi reiste mit frohem Mute nach dem Rhein, trank mit den fröhlichen
Weinlesern, und küsste die schönen lustigen Mädchen, wenn er mit ihnen getanzt
hatte. Es war ein herrliches Leben, eine einzelne Liebe war nicht möglich, der
Mensch konnte sich nicht zum einzelnen Menschen neigen, es war alles wie in
einer goldnen Zeit, man liebte alles und ward von allem geliebt. - Die Berge
waren nicht zu hoch, und die Täler nicht zu tief, und der Rhein nicht zu breit,
die Freude und Gesundheit ebnete und einigte alles zu einem mannichfaltigen
Tummelplatze glücklicher Menschen. In einer Abtei, die er besuchte, fand er
recht lustige Mönche, die ihn gern unter sich behalten hätten, denn er trank mit
ihnen herzlich, und sang ihnen muntre italiänische Arien zur Orgel.
    Bald aber drängte sich ihm alles zusammen. Er ritt auf einem Streifzuge
durch das freudige Land abends durch die Weinberge, rings schallten die Gesänge
der zurückkehrenden Arbeiter, aus den Gärten brannten Feuerwerke in die Höhe,
und jauchzende Stimmen tönten von allen Seiten. Alle Herzen waren erschlossen
und hingegeben, aber er entbehrte doch einen Standpunkt, von dem er das alles
hätte übersehen können. Er wünschte sich einen dunkeln vertraulichen Vorgrund zu
dem freien hellen Gemälde, und eilte aus einem Zirkel in den andern.
    Wie konnte er ein solches Bedürfnis nur auch in andern voraussetzen unter
diesen unbefangnen Menschen, die das Fest des fröhlichen Gottes versammelt
hatte, sie lebten ja nur im Herbste, und waren zu dieser Freude aus dem ganzen
Lande zusammen gezogen, und was wollte er dann, warum lachte und scherzte er,
und ging dann finster weg, konnte er nicht genug haben, wo alle Überfluss fanden?
    Das sind ganz öffentliche Fragen; er aber sehnte sich nach Heimlichkeiten,
er wünschte alle die Freude aus Liebchens Fenster zu sehen, und still vor sich
hinzudenken: mein Herbst klingt nicht, und singt nicht, aber ich gebe ihn nicht
um den eurigen.
    Er hätte zwar sehr leicht ein Liebchen finden können, aber er wollte kein
sehr leichtes, und hätte er sich Mühe gegeben, er wäre auch zu gediegneren
Verbindungen gelangt, aber er fürchtete die Dauer.
    Geniessen wollte er, und wie gern war es ihm zu verzeihen, der so lange in
traurigen Familien-Geschichten verstrickt war. Mit Bequemlichkeit wollte er
geniessen, das Leben oben auf dem Berge hatte ihn mit Bedürfnissen bereichert.
    Otilien und den Greis und Kordelien, und Gott weiss, wie die verschrobenen
edlen Seelen alle hiessen, vergass er gleich bei dem zweiten Becher Wein, bei dem
dritten schwor er, nie ihre Gesundheit zu trinken, und dem vierten, sich selbst
zu bewegen, und nun einmal ohne alle Barmherzigkeit zu leben.
    Da er so abends am Rheine hinabritt, gesellte sich noch ein Reiter zu ihm.
Es dämmerte schon, er konnte ihn nicht erkennen; doch bemerkte er an dem Tone,
mit dem er ihn grüsste, dass es ein sehr junger Mensch sein müsse.
    Man fragte sich, wo der Weg hingehe, Godwi sagte recht aufrichtig:
    »Mein Weg geht schnurstracks irgend wohin, wo ich Vergnügen zu finden
denke.« -
    »Vergnügen? Was nennen Sie so, wollen Sie etwa auf dem nächsten Dorfe mit
ein paar Bäschen irgend eines Weinhändlers Lotto spielen, oder sich von einem
konservierten Mainzer Offizianten alle Weinjahre herzählen lassen? - oder« -
    »Nein, ich bitte Sie, zum Ekel, das habe ich genug! Aber ich reite immerzu,
und käme ich nach Holland, ich suche, was ich eben nicht aussprechen kann, ich
weiss nicht, ob es links oder rechts liegt, ich suche ein Verhältnis.« -
    »Ein Verhältnis?«
    »Nun ja, ich möchte gern lieben, und geliebt werden, und ohne Not und Angst,
ohne Sorgen und Mühe, denn ich fürchte mich vor nichts mehr als der
Zärtlichkeit, einen geschwornern Feind von der sentimentalen Welt können Sie
sich nicht denken: ich habe heute abend einige rührende Gedanken bemerkt, die
mir aus dem Herzen heraufkletterten, wenn die meiner nicht gedenken, so weiss ich
nicht, ich habe ihnen gleich eine solche Quantität Wein entgegengeschickt, dass
ihnen Hören und Sehen verging, und sie Kopf über hinabstürzten.« -
    »Sie scheinen noch recht begeistert von Ihrem Siege, und verdienen einen
Lorbeerkranz, - reiten Sie mit mir links, ich will Sie in eine Gesellschaft
bringen, wo Sie sicher alles finden werden, was man von Weibern verlangen kann.«
-
    »Ich reite mit.« -
    Nun wendete der Begleiter sein Rösslein feldeinwärts, den Berg hinan, und
sang mit einer hübschen Stimme dieses Volkslied. -
Ein Ritter an dem Rheine ritt
In dunkler Nacht dahin,
Ein Ritterlein, das reitet mit
Und fragt: Wohin dein Sinn?
Mein Sinn, der steht nach Minnen,
Ich hab mich rum geschlagen,
Und konnt doch nichts gewinnen,
Und musst das Leben wagen.
Ei, hast du nicht die Ehr davon?
Die Ehr ist hohes Gut -
Ich hätt die liebe Zeit davon,
Die Ehr ist mir kein Gut. -
Mein Blut ist hingeflossen
Rot zu der Erde nieder,
So warm ich es vergossen,
Giebt mirs die Ehr nicht wieder.
Da sprach das kleine Ritterlein:
Dass Gott sich dein erbarm!
Du musst ein schlechter Ritter sein,
Weil deine Ehr so arm. -
Ich will nun mit dir rechten,
Weil du nicht ehrst die Ehre;
Mein Ehr will ich verfechten,
Setz deine nur zur Wehre.
Des Ritters Unwill war sehr gross,
Drum er vom Rosse sprang,
Auch machet sich der Kleine los
Und sich zur Erde schwang. -
Da fühlt sich der Geselle
Von hinten fest umwinden.
Es ist die Nacht nicht helle,
Sie streiten wie die Blinden.
Und sinken beide in den Klee -
Ei sprich! wer hat gesiegt!
Der Ritter ohne Ach und Weh -
Bei einer Jungfrau liegt.
Ei hast du nicht die Ehr davon?
Die Ehr ist hohes Gut -
Ich hätt die liebe Zeit davon,
Die Ehr ist mir kein Gut. -
Godwi erfreute sich an dem muntern Liede seines Gesellschafters, und folgte ihm
recht guten Mutes, und mit dunklen Hoffnungen.
    An dem halben Berge lag ein altes Schloss, das noch bewohnt war, obschon es
nicht ganz so aussah, denn es waren keine Lichter in den Fenstern, die Tore
standen weit auf, und im Hofe regte sich weder Hund noch Mensch.
    »Steiget ab, mein Freund, und lasst Euer Pferd nur laufen,« sagte der kleine
Geselle, herunterspringend.
    Godwi war es manchmal zu Mute, als wäre der kleine Mann ein Gespenst aus
alter Zeit, denn er hatte einen Federhut auf, und war in einen Mantel gehüllt. -
    »Aber wird mein Pferd nicht fortlaufen, wenn es kein Diener anhält - die
Tore stehen ja sperreweit offen - mein Freund.«
    Der kleine Reiter aber machte nicht viel Komplimente fasste Godwi beim Arm,
zog ihn die Treppen hinauf, und lachte, wenn er anstiess.
    Oben sagte er: »Nun legt Euren Mantel ab, nehmt den Hut in die Hand - wir
sind an der Türe, gleich werden wir in der Gesellschaft sein.« -
    Godwi tat, wie er ihm sagte, der Kleine machte die Türe auf, stiess ihn in
die dunkle Stube, in der er in seinem Leben nicht gewesen war, und schloss die
Tür ab.
    Vor der Türe sang er lautlachend, indem er wegging:
Es ist die Nacht nicht helle -
Sie streiten wie die Blinden -,
Da fühlt sich der Geselle
Von hinten fest umwinden.
 
                           Zweiunddreissigstes Kapitel
Godwi stand nun in der Mitte der Stube, und wusste nicht, wie ihm geschehen, er
sah gar kein Licht, die Fenster schienen verschlossen zu sein. Um sich nur ein
wenig zu orientieren, tappte er an den Wänden herum, und was er fühlte, waren
abenteuerliche Schränke mit einer Menge Säulen, dazwischen Teller und
Porcellain-Figuren.
    Er verfolgte seine Entdeckungsreise rechts an der Wand herum, und stiess auf
eine Gipsstatue; das war ihm nun schon interessanter, seine Hand gleitete leis
auf und nieder, und er verweilte hie und da mit mehr Anteil, er konnte auch kein
Stückchen Gewand entdecken, und fand, dass es eine Venus sei.
    Es tat ihm leid, dass er sie nicht ganz zugleich auffassen konnte, um den
reinen Kunsteindruck zu haben, aber sie war nur zu fühlen, und es ging ihm wie
gewissen Kunstforschern, die das Gefühl der Antike in den Fingern haben, und um
sich die Vortrefflichkeit der Formen einzuprägen, vom Nacken mit der Hand
niedergleiten, am Hintern aber etwas modern werden, und einige freundliche
Schläge mit Schalkheit drauf fallen lassen. -
    Er verspätete sich allerdings etwas bei der Venus, und hätte er nicht etwas
leise rauschen hören, so würde er über ihr alles vergessen haben, ausser was er
vermisste, dass sie lebendig sei. -
    Unruhig tappte er weiter, und berührte einen seidnen Bettvorhang: da er den
Stuhl, der vor dem Bette stand untersuchte, fand er weibliche Kleider, ein
gestricktes kurzes Röckchen, und ein gestricktes Jäckchen, seidne Strümpfe:
unter das Bett fasste er mechanisch, und fasste ein paar niedliche Schuhe.
    Als er den Bettvorhang zurückzog, hörte er atmen, das setzte ihn in keine
geringe Verlegenheit, und da er untersuchen wollte, wer es sei, knurrte ein
Hund, und machte grosse feurige Augen. Er wollte nun nach dem Fenster hin, um die
Laden aufzustossen, sein Fuss berührte etwas Tönendes, er fasste nieder, es war
eine Guitarre, die am Stuhle lehnte, er klimperte darauf, aber das Atmen neben
ihm ward nun doppelt, er schritt etwas vorwärts und fand, dass irgend ein Ausgang
sein müsse, denn es herrschte ein Luftzug.
    Da er drauflos ging mit den Händen, wie mit Fühlhörnern durch die dicke
Finsternis, fuhr er heftig zusammen, seine Finger berührten einen Menschen, er
zog die Finger zurück, und bald waren sie wieder vorwärts; er gleitete über
kühlen festen Armen aufwärts, zu einem sehr schmalen Ärmel, eilte über diese
Brücke, und es zitterte unter seinen Fingern, lachte und floh, er wollte nach
dem Luftzug, da schlug eine Türe zu, die ihm dicht an der Nase vorbeiflog.
    Er ging nun unwillig quer durch die Stube, rannte einen Tisch mit Gläsern
um, und trat bald in einen erhobenen Erker, öffnete die Fensterladen, und sah
glühend in die kühle Nacht hinein. Sein Herz pochte heftig, er war ungeduldig,
und immer fühlte er nur noch seine Fingerspitzen.
    Da stand er nun in einem dunklen Vorgrund zu dem hellen Gemälde, aber war
dies Liebchens Fenster?
    Es rauschte der breite Rhein nur noch als Musik aus der Ferne, aus den
Dörfern und dem naheliegenden Städtchen klangen die lustigen Walzermelodien,
unordentlich doch gleich taumelnd und kreisend zusammen. Der süsse Mostgeruch
drang unter seinem Fenster von dem Weinberge herauf, der nahe Wald säuselte, und
in der herrlichen trunknen Landschaft schossen jauchzend Schwärmer und Raketen
in die Höhe, und zerplatzten noch fröhlich im Tode - aber Godwi konnte seinen
bösen Mut nicht bezwingen. Es war ihm wie einem alten Popanz aus den
Kindermärchen, der Menschen gewittert hatte.
    Nun wendete er sich von dem Fenster, um zu versuchen, ob er nicht eine
Klingel in der Stube finden könnte, einigen Lärm zu machen; auch erinnerte er
sich der Gläser, die er umgeworfen hatte, und endlich war er entschlossen, zu
Bette zu gehen, wenn sich nicht bald jemand sehen liesse: als er aber die Stufe
des Erkers herabsteigen wollte, fassten ihn zarte Hände, und zogen ihn auf einen
kleinen Sopha, der an der einen Seite des Erkers angebracht war. -
So weit hat mir heute Godwi erzählt.
    Es ist mir traurig zu Mute, ich muss die Begebenheiten der überfliessenden
Gesundheit in Mensch und Natur beschreiben, und mir löst sich dieser Gegensatz
immer mehr; ich schreibe mechanisch nieder, um meine Begräbniskosten
herauszubringen. -
    Lieber Leser, wenn du wüsstest, wie traurig das ist, singen, fröhliche Lieder
singen, und kaum die Lippe, viel weniger das Herz rühren zu können.
    Während ich beschreibe, wie Godwi den herrlichen Rheinwein trank, muss ich
grosse Arzneigläser leeren, und reicht mir Freund Haber Gerstenschleim.
    Wenn ich schreibe, wie er in der dunklen Stube an der Venus den
Kunsteindruck nur einzeln hatte, habe ich den Eindruck der hässlichen
Wirklichkeit an einer alten Wärterin ganz; - wenn er am seidnen Bettvorhang
rauscht, und die freundlichen Kleidungsstücke mustert, sehe ich traurig über die
Blumen der kattunenen Bettdecke; - für seine Empfindung, wie ihn der Hund mit
glühenden Augen knurrend ansah, habe ich wohl noch einiges Mitgefühl in schweren
Träumen, wenn mich das Alp drückt; aber ich stosse erwachend nicht an eine
tönende Guitarre, wider den Boden des trägen Bettes stösst mein Fuss, meine Hände
klimpern nicht auf den Saiten, sie spielen auf der Bettdecke hin, und Haber
sieht die alte Wärterin bedächtlich an, weil dieses kein gutes Zeichen sein
soll.
    Wo Godwi den süssen Schrecken hatte, und seine Finger über den zitternden
warmen Busen hingleiteten, macht man mir schwerfällige Umschläge auf die Brust -
wenn ich aus dem Bett spränge, würde ich nicht volle Weinflaschen mit dem
freundlichen Tischchen umwerfen, leere Arzneigläser auf dem traurigen
Nachttische würde mein schwankender Tritt erschüttern.
    O! öffnet mir die Vorhänge, öffnet mir die Fenster, dass ich die grünen Bäume
sehe, die kühle Luft hereinwehe, dass mein Auge sich an dem hohen Himmel ergötze.
- Aber mir wird nicht besser, die Krankheit ziehet mich mit kalten Armen auf die
Kissen nieder.
                            Die lustigen Musikanten
Da sind wir Musikanten wieder,
Die nächtlich durch die Strassen ziehn,
Von unsren Pfeifen lustge Lieder
Wie Blitze durch das Dunkel fliehn. -
Es brauset und sauset
Das Tambourin,
Es prasseln und rasseln
Die Schellen drin;
Die Becken hell flimmern
Von tönenden Schimmern,
Um Kling und um Klang,
Um Sing und um Sang
Schweifen die Pfeifen, und greifen
Ans Herz,
Mit Freud und mit Schmerz.
Die Fenster gerne sich erhellen,
Und brennend fällt uns mancher Preis,
Wenn wir uns still zusammenstellen
Zum frohen Werke in den Kreis.
Es brauset und sauset
Das Tambourin,
Es prasseln und rasseln
Die Schellen drin;
Die Becken hell flimmern
Von tönenden Schimmern,
Um Kling und um Klang,
Um Sing und um Sang
Schweifen die Pfeifen, und greifen
Ans Herz,
Mit Freud und mit Schmerz.
An unsern herzlich frohen Weisen
Hat nimmer Alt und Jung genug,
Wir wissen alle hinzureissen
In unsrer Töne Zauberzug.
Es brauset und sauset
Das Tambourin,
Es rasseln und prasseln
Die Schellen drin;
Die Becken hell flimmern
Von tönenden Schimmern,
Um Kling und um Klang,
Um Sing und um Sang
Schweifen die Pfeifen, und greifen
Ans Herz,
Mit Freud und mit Schmerz.
Schlug zwölfmal schon des Turmes Hammer,
So stehen wir vor Liebchens Haus,
Aus ihrem Bettchen in der Kammer
Schleicht sie, und lauscht zum Fenster raus.
Es brauset und sauset
Das Tambourin,
Es rasseln und prasseln
Die Schellen drin;
Die Becken hell flimmern
Von tönenden Schimmern,
Um Kling und um Klang,
Um Sing und um Sang
Schweifen die Pfeifen, und greifen
Ans Herz,
Mit Freud und mit Schmerz.
Wenn in des goldnen Bettes Kissen,
Sich küssen Bräutigam und Braut
Und glaubens ganz allein zu wissen,
Macht bald es unser Singen laut.
Es sauset und brauset
Das Tambourin,
Es prasseln und rasseln
Die Schellen drin;
Die Becken hell flimmern
Von tönenden Schimmern,
Um Kling und um Klang,
Um Sing und um Sang
Schweifen die Pfeifen, und greifen
Ans Herz,
Mit Freud und mit Schmerz.
Bei stiller Liebe lautem Feste
Erquicken wir der Menschen Ohr,
Denn holde Mädchen, trunkne Gäste
Verehren unser klingend Chor.
Es brauset und sauset
Das Tambourin,
Es rasseln und prasseln
Die Schellen drin;
Die Becken hell flimmern
Von tönenden Schimmern,
Um Kling und um Klang,
Um Sing und um Sang
Schweifen die Pfeifen, und greifen
Ans Herz,
Mit Freud und mit Schmerz.
Doch sind wir gleich den Nachtigallen,
Sie singen nur bei Nacht ihr Lied,
Bei uns kann es nur lustig schallen,
Wenn uns kein menschlich Auge sieht.
Es brauset und sauset
Das Tambourin,
Es rasseln und prasseln
Die Schellen drin;
Die Becken hell flimmern
Von tönenden Schimmern,
Um Kling und um Klang,
Um Sing und um Sang
Schweifen die Pfeifen, und greifen
Ans Herz,
Mit Freud und mit Schmerz.
Die Tochter:
Ich habe meinen Freund verloren,
Und meinen Vater schoss man tot,
Mein Sang ergötzet eure Ohren,
Und schweigend wein ich auf mein Brot.
Es brauset und sauset
Das Tambourin,
Es rasseln und prasseln
Die Schellen drin;
Die Becken hell flimmern
Von tönenden Schimmern,
Um Sing und um Sang,
Um Kling und um Klang
Schweifen die Pfeifen, und greifen
Ans Herz,
Mit Freud und mit Schmerz.
Die Mutter:
Ists Nacht? ists Tag? ich kanns nicht sagen,
Am Stabe führet mich mein Kind,
Die hellen Becken muss ich schlagen
Und ward von vielem Weinen blind.
Es sauset und brauset
Das Tambourin,
Es rasseln und prasseln
Die Schellen drin;
Die Becken hell flimmern
Von tönenden Schimmern,
Um Sing und um Sang;
Um Kling und um Klang
Schweifen die Pfeifen, und greifen
Ans Herz,
Mit Freud und mit Schmerz.
Die beiden Brüder:
Ich muss die lustgen Triller greifen,
Und Fieber bebt durch Mark und Bein,
Euch muss ich frohe Weisen pfeifen,
Und möchte gern begraben sein.
Es sauset und brauset
Das Tambourin,
Es rasseln und prasseln
Die Schellen drin;
Die Becken hell flimmern
Von tönenden Schimmern,
Um Kling und um Klang,
Um Sing und um Sang
Schweifen die Pfeifen, und greifen
Ans Herz,
Mit Freud und mit Schmerz.
Der Knabe:
Ich habe früh das Bein gebrochen,
Die Schwester trägt mich auf dem Arm,
Aufs Tambourin muss rasch ich pochen -
Sind wir nicht froh? dass Gott erbarm!
Es brauset und sauset
Das Tambourin,
Es rasseln und prasseln
Die Schellen drin;
Die Becken hell flimmern
Von tönenden Schimmern,
Um Kling und um Klang,
Um Sing und um Sang
Schweifen die Pfeifen, und greifen
Ans Herz,
Mit Freud und mit Schmerz.
 
                           Dreiunddreissigstes Kapitel
Mit sanften Händen zog es ihn nieder, und er setzte sich gerne.
    »Ich weiss es nicht anders zu machen, lieber Freund,« sagte das Mädchen, »es
war mir angst und bange vor Ihnen. Da Sie so wild ans Fenster stürzten, glaubte
ich, Sie wollten hinausspringen.«
    »Aber um Gottes willen, ich weiss ja gar nicht, wo ich bin, wie von einem
Gewitter in ein fremdes Haus, in eine dunkle Stube getragen, und ich glaubte, in
eine grosse Gesellschaft zu kommen.« -
    »Haben Sie eine solche Freude an grosser Gesellschaft?«
    »Nein! aber ich mache gern alle Bekanntschaften bei vielen Lichtern, im
Lichte will ich leben, und in der Nacht sterben.« -
    Mit diesen Worten nahm er das Mädchen freundlich bei der Hand, und zog sie
ans offne Fenster.
    »Kommen Sie ans Sternenlicht, meine Liebe.« -
    Das Mädchen sah schüchtern an die Erde, er fasste sie unter das Kinn, und hob
ihr das Köpfchen in die Höhe: da sah sie ihn freundlich mit ihren grossen dunklen
Augen an, und es rollte eine Träne auf seine Hand - die Träne fiel Godwi aufs
Herz. -
    Es war ihm, als habe er das Mädchen schon gesehen.
    
    »Sie weinen«, sagte er freundlich zu ihr.
    »Ach, mein Herr! es tut mir so manches leid, so leid, das Herz möchte mir
brechen.« - Da wendete sie sich schnell von ihm, und setzte sich auf das Sopha
und weinte laut. -
    Godwi stand am Fenster, er war so verlegen, so gerührt, er machte sich
Vorwürfe, und wusste nicht warum, hatte er die Unschuld verführen wollen? Er
hatte ja an keine Unschuld der ganzen Welt nur gedacht - warum weinte das
Mädchen nur, warum war sie da, warum hatte sie ihn zu sich gezogen?
    Er näherte sich ihr, und sprach mit sanfter gelassener Stimme:
    »Meine Liebe, weinen Sie nicht! ich weiss ja nicht, warum und wie ich
herkomme. - Auch will ich Ihnen gar nichts tun, - sagen Sie mir, wo bin ich, wer
sind Sie, wer hat mich hierher gebracht?«
    Da richtete sie sich in die Höhe und sagte: -
    »Ach, mein Herr, ich bin Violette, die Tochter der Gräfin von G., und das
ist unser Gut. Sie haben mir auch nichts getan, und das ist es nicht; aber ich
muss doch weinen.« -
    »Was fehlt Ihnen nur, und wer hat mich nur hierhergebracht?«
    »Meine Mutter hat Sie hergebracht.« -
    »Ihre Mutter? es war ja ein Reiter.« -
    »Meine Mutter reitet immer wie ein Mann gekleidet.«
    »Aber waren Sie denn in der Stube, als ich hereintrat?« -
    »Nein, meine Mutter schickte mich erst herein! Sie sagte, ich sollte Sie
unterhalten, bis sie käme: dort neben dem Bette war die Tür offen, da kam ich
herein, Sie rührten mich an, ich war fast des Todes vor Schrecken, und ich
durfte doch nicht fortlaufen, da schlug ich die Tür zu und lief hierher.« -
    »Aber ich hörte Sie ja nicht laufen.«
    »Ach, das ist es eben, ich bin mit blossen Füssen.« -
    Das Mädchen drängte sich in den Winkel und sagte:
    »Ach wie schäme ich mich.« -
    Godwi wusste nun gar nicht, was er mit ihr anfangen sollte. -
    »Sind Sie denn nicht gerne hierher gegangen?« -
    »Gewiss nicht, gewiss nicht, heute nun gewiss nicht - die Mutter jagte mich aus
dem Bette, ich war schon eingeschlafen, sie sagte: junge Mädchen müssten immer
lustig sein, und ich sollte mich nicht so kindisch betragen, wenn sie mich nicht
wie ein Kind behandle - sie sei so freundlich gegen mich und wolle mir eine
Freude machen, nun solle ich auch nicht eigensinnig sein; - ach, liebe Mutter,
sagte ich, es macht mir sicher keine Freude; - zier dich nicht, Violette, sagte
sie dann, - tue mir den Gefallen, und gehe hin, und sprich mit dem Manne, sag
ihm, ich käme bald: es ist der artige Mann, der jüngst so freundlich mit dir
tanzte, da zog sie mir die Decke weg, und lachte mich aus, ich musste herüber,
ich konnte mich nicht einmal ankleiden.« -
    »Ihre Mutter ist ein seltsames Weib; glaubt sie denn wirklich, dass Ihnen so
etwas Spass mache?« -
    »Wohl muss sie es glauben, und ein andermal würde es mich auch so nicht
betrüben - aber heute -«
    »Waren Sie denn heute so müde?«
    »Das nicht, aber ich bin lange nicht so zufrieden zu Bette gegangen, ich
hatte den ganzen Tag überdacht, ja zwei Tage, und es fiel mir gar keine Sünde
ein; ich habe am Sonntage erst gebeichtet, und ich verglich mein ganzes Tun mit
dem, was mir der Pater gesagt hatte, und es war auch kein Fleckchen zu finden,
ich betete noch, wie ich es nur machen sollte, der Mutter immer gehorsam zu sein
- da kam sie, da musste ich herüber, und nun ist alle meine Freude hin.« -
    »Meine Liebe, halten Sie es denn für Sünde, bei mir zu sein?« -
    »Ich weiss nicht, aber gut ist es nicht. Die Mutter hat mir es schon einmal
so gemacht, da küsste mich der Mann, und war so heftig - mein Herr, ich kann es
nicht vergessen, - ich konnte es lange nicht vergessen, und seit jener Zeit bin
ich nicht mehr ruhig, ich kann an nichts allein denken, es sind immer andre
ängstliche Gedanken dabei, die ich nicht verstehe - als ich es beichtete,
schmälte mich der Pater sehr, und sagte: ich sollte mir solche Gedanken aus dem
Sinne schlagen, - sie führten zum Verderben - das wären böse weltliche
Gedanken.«
    »Und ist Ihnen das gelungen?«
    »In der Beichte hatte ich gar nicht daran gedacht, dass ich nicht wisse, was
das sei: aus dem Sinn schlagen, aber ich war des Paters Worten recht getreu, und
gab mir alle Mühe, - doch ich konnte so gar nicht recht Reu und Leid erwecken
vor den Gedanken, und je mehr ich mich quälte, je grösser und wunderlicher wurden
die Bilder in mir, - ich wusste mich nicht zu lassen, und gab mir alle Mühe -
meine Mutter bemerkte es, - denn ich schnitt manchmal ordentlich Gesichter, - da
ich ihr sagte, was es sei, lachte sie mich aus und sprach: ich sollte froh sein,
dass ich einmal zu denken anfange, der Pater meine das nicht so, wenn er sage:
Schlage dir es aus dem Sinn, so heisse das: Lasse dir nicht bang drum sein.« -
    Godwi war fest entschlossen, sobald er mit der Mutter zusammenkomme, sie
recht ernstlich darüber zu Rede zu stellen, und sie dazu zu bewegen, das Mädchen
lieber von sich zu entfernen. Er wendete sich wieder zu ihr und sprach:
    »Liebe Violette, Ihr Unglück tut mir sehr weh, wenn ich Sie irgend
erschreckt habe, so sollen Sie mir es verzeihen; ich will auch mit Ihrer Mutter
sprechen, und mich bemühen, dass sie Sie mit allen solchen Anmutungen verschont -
reichen Sie mir die Hand darauf, nicht wahr, wir sind gute Freunde?« -
    Violette gab ihm zitternd die Hand, und näherte sich ihm vertraulich. -
    »Ich gebe Ihnen gern die Hand, und sind Sie so, wie Sie scheinen? Wie froh
wäre ich, wenn Sie mein Freund sein wollten, ich bin recht verlassen hier.« -
    Hier ward sie wieder stumm, und lehnte die Stirne an seine Schulter. - Godwi
umfasste sie leis, und sagte:
    »Gutes Mädchen, wie alt sind Sie?« -
    »Ich bin funfzehn Jahre alt; wie alt sind Sie denn?«
    Diese Frage störte ihn etwas, und er antwortete lieber nicht darauf.
    »Ihr Vater lebt wohl nicht mehr, und Sie haben keine Geschwister?«
    »Mein Vater ist schon einige Jahre tot, ich habe aber noch eine kleine
Schwester, sie ist nun fünf Jahre alt. Ich erinnere mich meines Vaters noch
wohl, er war ein kleiner Mann, und nie recht freundlich; - zweimal erinnere ich
mich recht deutlich, wie er aussah, ich meine, ich sähe ihn noch. - Er sass hier,
wo wir sitzen, und zankte mit einem Pächter. Der Pächter stand in der Mitte der
Stube, und sagte immer: Ich kann nichts davor, gnädiger Herr, - die gnädige Frau
hat mir gesagt, sie würde mich von Haus und Hof peitschen lassen, wenn ich dem
Jungen noch einmal einen Schlag gäbe, was soll ich nun machen? - Er soll den
Burschen unter die Soldaten schicken, oder ich schicke ihn hin - da kam meine
Mutter herein, und mein Vater schwieg still, schickte den Pächter weg, und
sagte: Es ist gut. -
    Meine Mutter aber sagte: Was haben Sie wieder mit dem Manne gehabt, wollen
Sie denn mit aller Gewalt einen Gerichtshof aus meiner Schlafstube machen? Ich
muss genug wesentliche Schwächen hier von Ihnen ertragen, sparen Sie Ihre
unwesentlichen. -
    Ich sorge für meine Ruhe und die Ihrige, Madame, sagte mein Vater. -
    Meine Mutter aber lachte; Sie müssen sehr ruhig sein, sagte sie, dass Ihnen
der Sohn dieses Bauern so viel Unruhe macht; aber er soll nun bald immer um Sie
sein, damit Sie sich an den armen Jungen gewöhnen, ich habe ihn heute als Jokei
angenommen, - da ging sie auf meinen Vater zu, und küsste ihn mit den Worten; -
Sei nicht so kümmerlich, alter Mann, da du ein junges Weib hast, musst du auch
hübsch freundlich sein, - dann ging sie weg, - o ich weiss es noch recht gut, und
kann es nicht vergessen! Ich sass hier auf der Stube des Erkers, und spielte mit
dem Joli, der dort auf dem Bette liegt, er war damals noch ganz klein, - aber
ich glaube, ich hätte es nicht so behalten, wenn nicht geschehen wäre, was
gleich darauf folgte. -
    Mein Vater sass so traurig da, und das tat mir leid: ich näherte mich ihm,
und sagte: Sieh, Vater, der kleine Hund tanzt; da stiess er mich mit dem Fusse,
dass der Hund schrie, und ging zur Türe hinaus. -
    Das anderemal, dass ich mir ihn ganz vorstellen kann, ist das letztemal, er
sass auch hier und hatte mich auf dem Schosse; er war still, und ich las in einem
Buche; meine Mutter sass dort auf dem Stuhle am Bette, und zog lederne
Beinkleider an - sie wollte spazieren reiten, - er sah dann und wann traurig
nach ihr hin, und da sie es bemerkte, hielt sie ein, und sagte fragend, Eh bien?
-
    Ich freue mich über Ihre schönen Beine, Madam. - Das ist sehr freundlich und
gut gemeint, sagte sie. -
    Alle Bauern und Bürger freuen sich auch drüber, fuhr mein Vater fort, - das
ist ein Beweis von Sinn, erwiderte die Mutter - und der Säckler von Mainz,
versetzte der Vater, hat auch Sinn, denn er erzählt allen Domherren von Ihren
Beinen, und das ganze Rheingau hat Sinn, denn jeder sechzehnjährige Bursche, der
Sie reiten sieht, sagt: ich will ein Säckler, ein Hosenschneider werden, wenn
die Gräfin sich neue Beinkleider machen lässt.
    Ja, sagte sie, das ganze Rheingau hat Sinn; aber Sie sind ein Sonderling,
und streben nach dem Gegenteil, da knallte sie mit der Peitsche, stellte sich
vor den Spiegel, kam zu meinem Vater, und sagte, indem sie ihm die Wange hinbot:
Embrassez votre petit Cavalier - adieu! und war zur Türe hinaus. -
    Mein Vater schwieg still, ich knöpfte ihm die Weste auf und zu, - Vater,
sagte ich, warum hast du denn eine so weite Weste an? - Mein Kind, sagte er, das
kommt von Kummer und Sorgen, die Eltern haben immer viel zu sorgen - und davon
wird man mager, und die Kleider werden zu weit; - ich sagte - wenn ich nähen
kann, will ich dir eine Falte hineinlegen, - da ritt meine Mutter lustig zum
Tore hinaus und der Jokei mit ihr. - Sieh, was deine Mutter lustig reitet, sagte
mein Vater, - da setzte meine Mutter mit dem Pferde über den Schlagbaum, und
Friedrich hinterdrein, und fort waren sie um die Bäume herum; - die wird so
lange über die Schranken setzen, sagte mein Vater, - bis sie den Hals zerbricht
- und ging weg.« -
    »Das sind lauter traurige Sachen, meine Liebe« - sagte Godwi - »aber
erzählen Sie fort.«
    »Mein Vater starb bald darauf, - und die Mutter war nicht sehr traurig. -
Friedrich lebte auch nicht mehr lang, er war immer nach meines Vaters Tode um
die Mutter herum gewesen. - Da er krank war, kam die Mutter nicht von seinem
Bette, und da er tot war, musste ich einen Kranz von Rosen flechten, den setzte
sie ihm auf; - er ist in unserm Garten begraben, und über dem Grabe ist ein
Gartenhäuschen erbaut, in dem die Mutter oft von fremden Herrn besucht wird. -
Das Leben geht nun immer so fort, ich habe wenig Freude, auch lerne ich nicht
viel: für mich allein, wenn ich sehr traurig bin, schreibe ich manchmal meine
Gedanken auf und zerreiss es dann wieder. Meine kleine Schwester heisst Flametta.
Man sagt, sie sei Friedrichs Kind, und meine Mutter liebt sie sehr. - Ich bin
immer allein, und denke über meine Mutter und mich.« -
    »Was denken Sie denn von Ihrer Mutter und von sich?«
    »Von meiner Mutter? Warum niemand mit ihr umgeht, warum die Leute sagen, sie
habe keinen guten Ruf, warum ich gar keine Mädchen sehe, - und von mir, ach! da
denke ich immer in die Zukunft, und muss manchmal ausrufen: es wird kein gut Ende
nehmen! Und dann weine ich. - Sagen Sie mir, was ist das nur?« -
    Hier nahm sie Godwi bei der Hand, trat mit ihr ans Fenster: er hatte sie
umschlungen, und ihre Wange lehnte an der seinigen, es war ihm sehr wohl, und
sehr bang. -
    Der Mond stand über der ruhigen Gegend, und wusste nichts von des Kindes
Schmerz, und seiner Rührung, - da sang Violette mit ihrer freundlichen Stimme
folgende Verse eines katolischen Liedes.
Was heut noch grün und frisch dasteht,
Wird morgen schon hinweggemäht,
Die edlen Narcissen,
Die Zierden der Wiesen,
Die schön Hiazinten,
Die türkischen Binden.
Hüte dich, schöns Blümelein!
Viel hunderttausend ungezählt,
Was nur unter die Sichel fällt,
Ihr Rosen, ihr Lilien!
Euch wird man austilgen,
Auch die Kaiser-Kronen
Wird man nicht verschonen,
Hüte dich, schöns Blümelein!
Das himmelfarbne Ehrenpreis,
Die Tulipane gelb und weiss,
Die silbernen Glocken,
Die goldnen Flocken,
Sinkt alles zur Erden,
Was wird daraus werden?
Hüte dich, schöns Blümelein!
Ihr hübsch Lavendel, Rosmarin,
Ihr vielfarbige Röselin,
Ihr stolze Schwertlilgen,
Ihr krause Basilgen,
Ihr zarte Violen,
Euch wird man bald holen. -
Hüte dich, schöns Blümelein! -
Godwi hatte dem kindischen Totenliede schweigend zugehört - - »Das ist ein
trauriges Lied, Violette«, sagte er. -
    »Traurig? es ist ja ein Ernte-Lied - ich kann auch ein Lied vom Säemann, das
fängt an -: Es ist ein Säemann, der heisst Liebe -.«
    Godwi küsste das Mädchen, sie erwiderte es freundlich, aber es war kein Kuss,
der sich getreu blieb, er verweilte so lange, dass die Gemüter sich wechselten,
da klingelte es -.
    »Ich muss nun fort, Lieber,« sagte Violette, »die Mutter klingelt, ich gehe
jetzt schlafen, - ich werde von Ihnen träumen.«
    Godwi führte sie an die Tür, und sie umarmten sich innig. -
    Aber die Tür ging auf und die Mutter trat herein. -
Die Tür ging auf, der Arzt trat herein. Ich soll mich ruhiger halten, nicht
soviel schreiben, sonst sei seine Mühe umsonst, - grade das Gegenteil, wenn ich
gar nicht schreibe, wird seine Mühe umsonst sein, denn ich werde ihn nicht
bezahlen können.
    Es kränkt mich sehr, dass wegen meiner Krankheit Flametten ihre Komödie
verdorben ist, sie ist schon zweimal bei mir gewesen - um zu sehen, ob ich bald
gesund sei - und um mich zu erlustigen, sagte sie mir Stücke aus ihrer Rolle
her. - Das Spiel heisst »Vertumnus und Pomona«, und die Erfindung ist recht
artig, - Flametta gefällt sich sehr als spröde Pomona. - Um ihren Garten, der
mit hohen Zäunen umgeben ist, liegen zweihundert Zwerge, zwölf Riesen,
fünfunddreissig Satyren, zwei Dutzend Faunen, dann noch Pan und Priap und
Hanswurst. Alle diese zusammen halten ein grosses Geschrei, machen ihr die Kur,
und werben um sie, oder prügeln sich untereinander; Hanswurst ist des Vertumnus
Nebenbuhler, beide können sich verwandeln, und können allein in den Garten
kommen.
    »Das Teater«, sagte Flametta, »wird mein Garten sein, der ringsum mit hohen
Hecken umgeben ist, und ich habe immer alle Hände voll zu tun, die Freier
abzuwehren; bald stehe ich mit einem Äpfelhaken da, und schneide den Riesen die
Nase ab, wenn sie herübergucken, und wenn die Zwerge unten durchkriechen, treten
sie in Fuchsfallen, da nehme ich sie dann, stecke sie in die Erde, inokuliere
ihnen Äpfel und Birnen, und sie wachsen wie Zwergobst. -
    Sehn Sie,« sagte Flametta, »so lautet meine erste Szene. -
Und was ich treibe, was ich tue,
Ich komm doch nimmermehr zur Ruhe,
Meine Schönheit ist so weit bekannt,
Dass die ganze Welt in mich entbrannt.
Aus dem Tale und über die Berge,
Kommen Riesen, Satyren und Zwerge,
Viele hundert Waldteufel und Faunen -
Es ist ordentlich zu erstaunen,
Wo sich die Leute her beschreiben,
Zu Haus können sie sich doch nicht gleich auftreiben.
Ich kann kaum den Himmel mehr sehn,
So muss ich täglich den Zaun erhöhn -
Dass mich die plumpen Riesen
Nicht gar zu Tode niesen,
Wenn sie mit ihren grossen Perucken
Über den Zaun herübergucken. -
An der Türe ist ein ewiges Klopfen,
Und ich kann nicht genug Löcher zustopfen,
Dass nicht die Zwerge hereinschlüpfen,
Die draus wie Frösche herumhüpfen. -
Von den vielen Seufzern wird die Luft verderben,
Und meine Bäume wollen schon absterben;
Ich mag noch so viel faule Äpfel hinausschleudern,
Das hilft nichts bei den mancherlei Bärnhäutern.«
Das hatte sie recht lustig deklamiert, und ihr lautes Sprechen hatte einige von
den Mennoniten ans Fenster gelockt.
    »Sie sehen,« sagte sie, »da sind die bärtigen Waldmänner wieder«, da warf
sie einige Äpfel auf die Zuschauer, und lief mit den Worten fort:
    »Nun werden Sie nur gesund, - ich halte es nicht länger bei kranken Leuten
aus.«
Godwi besuchte mich heute abend, er hatte selbst weiter geschrieben, und las mir
vor, wie folgt. -
 
                           Vierunddreissigstes Kapitel
Alles, was Violette gegen mich geäussert hatte, war sich so ungleich, und wendete
so schnell zwischen Heftigkeit und Geschämigkeit; was sie von ihren Eltern
erzählt hatte, war so wenig die Rede eines ganz unschuldigen Mädchens, ihr
ganzes Betragen ergriff mich so schnell, und stiess mich so leicht wieder zurück,
dass ich in einer wechselnden Bewegung während ihren Worten bald Mitleid, bald
Unwillen empfand.
    In jedem Falle musste ihre Mutter ein höchst wunderbares Weib sein, und ohne
allen Charakter, das Mädchen hätte sonst nimmer so schwankend sein können, und
ich entschloss mich fest, diesen Ort schnell wieder zu verlassen; aber es gelang
mir nicht.
    Ich entschloss mich schon in einzelnen Augenblicken meines Gesprächs mit
Violetten dazu, denn ich befand mich in einem widrigen Streite von Lust und
Schonung. Sie webte ihre Tränen, ihre Naivetät und ihre frevelhaften Reden über
ihre Mutter so verwirrt durcheinander, und in ihrem Betragen dabei erschien die
Lüsternheit und Heftigkeit so durch Blödigkeit und Unerfahrenheit gestört, dass
mir es sehr abgeschmackt zu Mute war. Ich konnte sie nicht bedauern, und nicht
liebenswürdig finden, und dabei war ich doch so gespannt und gereizt durch meine
ganze Lage, dass ich wünschte, das Mädchen wäre nicht so, und ergäbe sich ohne
Prätension ihrer und meiner Freude.
    Ich hätte mich gerne bemühet, ihre Verwirrteit für sie und mich zu lösen,
aber ich fürchtete mich vor irgend einem Hinterhalt, der mir hier gelegt sein
und mich zu einer Verbindung zwingen könnte, die mich ewig zum Sklaven um eine
kurze Freude gekauft hätte.
    Ich verhielt mich während ihren Äusserungen ganz leidend, und eben dadurch
schien sie mir einigemal wahr zu werden: die Verse, die sie von dem Totenliede:
»Es ist ein Schnitter, der heisst Tod«, sang, sang sie nicht ohne Rührung, und
ihr Übergang auf das Lied: »Es ist ein Sämann, der heisst Liebe«, war er
vielleicht auch nicht ganz ohne Vorsatz, war doch sehr artig. -
    Was sie von ihrem Streit in der Beichte erzählte, war der Punkt, der mich
eigentlich zuerst aufmerksam machte: ein unschuldiges Mädchen kann nicht von der
Beichte reden, und ein Mädchen von funfzehn Jahren streitet nicht mehr so
kindisch mit ihrem Gemüt, oder sie müsste in der reinsten Umgebung gelebt haben.
    Alle diese Betrachtungen begleiteten mich, und verdarben mir sogar ihre
Küsse, indem sie ihrem ganzen Plan ungetreu recht herzlich und mit Bewusstsein
küsste.
    In dieser Verwirrung fand mich ihre Mutter, die ich mit einigem Unwillen
behandelte, aber sie war nichts weniger als so verwirrt und widersprechend wie
das Mädchen.
    Ich fand in ihr ein leichtsinniges und fröhliches Weib, mit einer Freiheit
ohne Grenzen, die doch nicht ins Gemeine fiel. Sie hatte gar keine Absicht als
zu leben, und lachte alle meinen Unmut hinweg, dabei nahm sie in ihrem
Raisonnement so tollkühne Flüge, dass es eine Lust war, sie anzuhören.
    Das Mädchen hatte sie aus reinem Mutwillen herübergeschickt, und da ich ihr
vorstellte, wie ihr Kind zu Grunde gehen würde, machte sie die Einwendung, dass
das Mädchen so sinnlich sei, dass sie sich an der ganzen schönen Welt festalten
werde; auf dem festen Boden der Sinnenwelt gehe niemand zu Grunde, und wenn
Violette nur einmal aus den Schwärmereien komme, so werde sie recht glücklich
werden.
    Sie äusserte dabei ganz wunderbare Ideen über Religion, und verlor sich in
einen Strom von Phantasien, dass sie mich wirklich ergötzte.
    Violette, behauptete sie, sei bei weitem nicht so unschuldig als sie selbst,
und was das Mädchen von ihrem Streite mit der Andacht vorbringe, sei alles eine
Folge davon, dass sie nicht recht beten könne.
    So bisarr mir alles das schien, so behauptete sie es doch mit einer
trotzigen Lustigkeit, und hatte sich ordentlich ein kleines System erraisoniert.
Ich will ihre Äusserungen so getreu hierherschreiben, als ich mich ihrer
entsinne, denn mich mit der Gräfin selbst redend einzuführen, wage ich nicht
gern, da ich einer langweiligen Beschreibung ihres ganzen Betragens dabei nicht
ausweichen könnte, und doch in die Gefahr kommen dürfte, nicht verstanden zu
werden, oder mich der Beschuldigung auszusetzen, als suche ich meine Schwachheit
zu entschuldigen, indem ich ein heftiges frevelndes Weib als ein bloss
mutwilliges schwärmendes hinstellte. -
    Es schien allerdings, dass sie einstens in einer ähnlichen Verwirrung wie
Violette gewesen sei, und nur ihre Erfahrung aus ihr sprach, wenn sie sich über
diesen Zustand ihrer Tochter so kalt zeigte.
    Sie war im strengsten Katolizismus erzogen, und Violetten hatte der
verstorbene Graf ebenso erziehen lassen. Sie führte ihre eigne jetzige
Lebensart, ihre Fröhlichkeit und Freiheit trotz aller Umgebung, auf ihre
Religion zurück, denn sie sagte, diese habe ihr den ersten Antrieb zu allem
gegeben, und der einzige Missgriff in ihrem Raisonnement war der, dass sie sich in
der Religion voraussetzte, da sie doch die Religion in sich annehmen musste, wenn
sie je welche wollte gehabt haben.
    Es ist mir leid, dass ich alles das nicht so scherzend und so lustig
ernstaft sagen kann, denn sie parodierte sich selbst in jeder Minute,
überraschte mich plötzlich mit einem Kusse, wenn ich Einrede tun wollte, und war
ich darum unwillig, so fuhr sie so patetisch fort zu predigen, bis ich lachen
musste, und war dabei so beweglich, dass sie bald aufsprang, ihre Bilder selbst
vorzustellen, bald sich so schnell wieder niedersetzte, dass sie mir einigemal
etwas unsanft begegnete, dann bat sie mich sehr zärtlich und kindisch um
Verzeihung, und das alles war so rasch und bunt hintereinander, dass ich ein
freudiges, reizendes, freies Weib sein müsste, und mir gegenüber ein junger mehr
ungeduldiger, als gesetzter Mann, wenn ich es so hinstellen sollte, wie sie es
tat. -
    Sie behauptete:
    Der sinnliche Mensch werde erbärmlich, wenn er, wie man es nimmt, tugendhaft
würde, denn er übe dann Tugenden, die von seinem ganzen Leben verachtet würden.
Er müsse sich zwingen, und werde eben dadurch lasterhaft, denn er gäbe, um zu
leben, endlich die Tugend hin, und schweife, um sich zu trösten, nach Prinzipien
aus.
    Religion sei nichts als unbestimmte Sinnlichkeit, das Gebet ihre Äusserung.
    Andacht sei es, wenn man nicht mehr als Mensch bete, wenn man als Weib oder
Mann bete; doch könne der Mann es nie zur Andacht bringen, weil das Menschliche
das Männliche bei ihm überwiege.
    Der schlechteste Moment im Leben sei, wo weder Jungfrau noch Jüngling recht
wisse, woran sie seien, und ein verderblicher Streit zwischen Glauben und Wissen
sich erhebe; in diesem stehe Violette.
    In der Religion sei es ebenso, es komme den Menschen heutzutage eine
boshafte Lust an, sich ihrer selbst zu bemächtigen, um sich zu befreien, aber
nur der sei ein Sklave, der sich selbst besitze, nur im allgemeinen wäre
Freiheit, und in der Person die höchste Tyrannei.
    In diesem schlechten Momente höre der Mensch auf zu glauben und meine,
Wissen sei etwas anderes als ein langweiligeres Glauben, das einen erst mit
einer kleinen Reihe von Schlüssen hinhalte, ehe es einen glauben lasse, denn
endlich müsse man doch glauben, was man wisse.
    Das allererbärmlichste Aberwissen sei, die unbefleckte Empfängnis für einen
Aberglauben zu halten; wer denn irgend eine Empfängnis wisse? und dieses sei
grade der Punkt, wo der Mensch recht überführt werde, dass alle Seligkeit nur
Glauben ist, und kein Bewusstsein, und nur der sei ein Ketzer und Freigeist, der
bei der Empfängnis noch denke, und sich selbst besitze, denn jeder fühle das
Wissen erbärmlich, der aus solchem Glauben kehre.
    Sie bete oft, weil sie ein Weib sei, und wer nicht sinnlich sei, habe keine
Religion, und eine Religion, die nicht sinnlich sei, habe keine Menschen.
    Sie sei eine Heidin, habe viele Götter, und auch Heroen, alle jung, kräftig,
und in der Liebe menschlich.
    Die Heiligen könnten sie so ziemlich rühren, aber sie hätten keine Religion,
wären nichts als angehende Philosophen, welche die Liebe bestritten, die sie
nicht bestreiten könnten, das heisst, der sie nicht gewachsen wären.
    Der Gott der Katoliken sei zu geistig, und substanzlos, und ohne die
Menschwerdung gar nicht da; aber es sei keine rechte Menschlichkeit in der
Menschwerdung, es sei nichts als eine Allegorie auf Leben, Gedanken und Wort,
eine Lehre, die zum Lehrer geworden.
    Jeder Gedanke sei eine unbefleckte Empfängnis, und jedes Wort eine
Menschwerdung.
    Doch sei die katolische Religion keine Religion des Lebens, sondern eine
Religion der Auferstehung und Erinnerung - der untergegangenen herrlichen Welt
der Götter und Menschen werde in ihr ein festliches Totenopfer gebracht.
    Die protestantischen Religionen seien nicht gottlos, aber heillos, denn sie
duldeten keine Heiligen - sie seien keine Religionen, sondern bloss bequemliche
Anstalten, keine Religion zu haben, - Konsistorien, wo keine Liebe mehr sei, um
die Ehe zu unterstützen - auf Noten gebrachte Ehescheidungen zum Absingen -
Religionen für Eunuchen, Amphibien und Hermaphroditen. -
    Die christliche Religion werde vor dem Leben zu Grunde gehen, die heidnische
aber werde länger sein als das Leben, weil sie Leben und Tod umfasse.
    Einmal rief sie aus:
    »Ach, arm ist der, der nur im Tode selig wird - die Erde sei ein Jammertal!
- Ich stehe auf den Bergen und bin glückselig, denn der lebt nicht, dessen Haupt
nicht im Himmel steht, auf dessen Brust nicht die Wolken ruhen, dem die Liebe
nicht im Schosse wohnt, und der Fuss nicht in der Erde wurzelt. Mein Haupt steht
ewig im Himmel, und klage ich, so hören es die Götter allein, dass mir keine
Liebe im Schosse wohnt, und wohnt mir die Liebe im Schosse, so sehen nur die
Götter meines Auges Andacht, weiter wird die Welt, denn mein Busen hebt den
Himmel höher, und die Erde drängt sich bebend unter meinen regen Füssen
zusammen.«
Sie bekehrte mich, aber ich glaubte nichts, als dass sie ein schönes, reizendes
Weib sei, da die Decke des Zimmers sich öffnete, und eine dämmernde
Alabaster-Lampe niedersank, und der Glauben bald das Wissen besiegt hatte. -
                                  An den Leser
Die Krankheit meines Freundes nimmt zu und ist mir um so schmerzlicher, als sie
boshaft ist. - Sie hätte keine unglücklichere Stelle erwählen können, um ihn mir
noch bei seinem Leben zu rauben, sie hätte keine glücklichere Stelle nehmen
können, um die letzten Ergiessungen seines liebevollen Herzens gegen mich zu
hemmen. - Es ist eine bösartige Zungenentzündung, an der ihm das Band mit allen
seinen Freunden erlahmt. - Ich versichere seine menschenfreundlichen Leser, dass
ich viel Schmerz an seinem Lager ertrage, und oft gerührt bin, wie sehr er das
Publikum achtet. Er schrieb mir gestern mit Tränen Folgendes an die
Schiefertafel, die neben seinem Bette hängt, damit er sich deutlich machen kann,
und ich kann nicht umhin es Ihnen mitzuteilen, weil ich fühle, wie sehr sich
sein Charakter hier ans Licht stellt, und wie die Worte eines mit Ruhe dem Tode
entgegensehenden jungen Mannes sicher die Verleumder zum Schweigen bringen
werden, die sein reines fühlendes Herz und sein aufrichtiges frohes Gemüt hie
und da zu beschmutzen suchen - o diese Zungen sind giftig und entzündeter als
die meines Freundes! O dass sie die Krankheit erlähme! die mir das freundliche
Gespräch meines Maria raubt.
    Zugleich bitte ich den Leser, die Darstellung meines Lebens zu
entschuldigen, ich bin nicht geübt, vor das Publikum zu treten, und es
verhindert mich auch der Anteil, den ich an meinem Freunde nehme, an grösserer
Aufmerksamkeit auf meinen Stil. -
                                                                           Godwi
»Was mich mehr drückt, als meine Krankheit, ist der Rückblick auf ein
fruchtloses Leben; - mit dem vollen fröhlichen Mute des Jünglings habe ich
versäumt, eine Spur zurückzulassen, dass ich da war: - ich wusste nicht, dass der
Tod meiner Jugend schon folgen werde, ich hätte sie sonst geschmückt und Künste
gelehrt, damit ihm eine freudige Braut geworden wäre; dann hätte Sie der schöne
Kranz am Wagen erfreuen sollen, der jetzt ungeschmückt die tiefen Gleisen mit
mir hinschleichen wird, die wir mit Recht die Runzeln unserer alten Mutter Erde
nennen dürfen. -
    O! hätten mich die Menschen besiegt, wäre ich im Kampfe um hohen Preis
überwunden, so würde man mich mit dem Sieger nennen, und sein Wert wäre mein
Grabstein und drückte mich nicht. - Aber das Leben hat mich besiegt, nicht mich,
- nein, nur den Jüngling wie viele - denn ich war noch nicht, und warum sollte
ich nicht werden?
    Jetzt, da mein Herz sich öffnen wollte, um alles zu umfassen, was lebt und
liebt, legt sich der Tod ihm in die Arme. -
    Ich habe vieles noch zu tun, so vieles - und soll sterben - die Menschen
wissen nicht, dass ich ihr Bruder bin, und dass ich es verdiene - o mein Freund!
wenn Sie wüssten, was ich verlasse; Einer nur wird wissen, was ich verlasse, und
er wird es nicht glauben. -
    Ich soll das Leben aufgeben? der die Liebe noch nicht aufgegeben, die ihn
aufgab - dies ist kein schöner Tod - es bricht, es löst sich nicht. -
    O! es ist ein grosser Unterschied zwischen dem Traume der Liebe und der Liebe
des Traumes. - Der Traum der Liebe ist in der Liebe, aber die Liebe des Traumes
ist nur im Traume. -
    Wenn die Liebe einschlummert und träumt, träumt sie den Traum der Liebe, und
dieser Traum ist jener stille schöne Schmerz, jenes Bangen, ich möchte sagen,
die Seele aller Sehnsucht, und die sentimentale Poesie der Liebenden. -
    Mir ist jede unvollendete Harmonie in den Naturerscheinungen, jenes Streben
des Formlosen und Toten nach Gestalt und Leben, wo Seele und Stoff mit innerm
Drange zueinander streben, und der Stoff von dem Strahle des Geistes nur erglüht
und schmerzlich wieder in den Tod zurücksinkt, so ein Traum der Liebe. -
    Verstehen Sie mich? - nein. -
    So ist mein Ausdruck selbst ein Beispiel eines solchen Traumes der Liebe, in
dem der Gedanke und das Zeichen nicht zum Worte wurden. -
    Ich glaube es Ihnen aber deutlicher zu sagen, lieber Godwi, wenn ich
schweige, und Sie bitte, ans Fenster zu treten. - Sie sehen die roten Flammen
des Abends, wie die Berge von ihnen entzündet werden und Feuer zu duften
scheinen, und wie diese Flammen sich mannigfach gestalten, und ganze
Landschaften zu werden scheinen. - Was ist die Flamme anders als die Gestalt des
Feuers, und das Feuer anders als die Gestalt der Wärme, und diese als die
Gestalt des Lichts?
    Sie sehen, wie sich das Licht von dem Stoffe ergriffen zur Flamme zu bilden
scheint, und wie die Flamme den Berg und den Wald entzündet, und sich die ganze
Gegend nach dem Lichte sehnt; es ist, als sei nichts in Ruhe, und das innere
willenlose Treiben kehre sich heraus, und doch ist alles Ruhe, eigentliches
Gefühl der Ruhe, in dem sich die Ruhe aufhebt. - Dies ist ein Traum der Liebe.
Und ist Liebe in Ihnen, so müssen Sie einstimmen in diesen allgemeinen Traum,
auch Sie ergreift die allgemeine Sehnsucht; aber Ihre Sehnsucht ist nur die
Ihrige, - und wer keine Liebe hat, möchte sterben in dieser Minute. -
    Aber es gibt einen Traum des Lebens, der Liebe zu umfassen glaubt; aber
Liebe ist nur Wahrheit - und jene luftigen unbestimmten Seelen, die es nur zum
Reize und nie zur Schönheit bringen, träumen dieses Leben, und ihre Liebe ist
eine solche Liebe des Traumes, - sie ist ohne Bestimmung, mit unendlichem Reize,
ohne Ziel, wo sich alle diese Mittel zu einer Schöpfung vereinigten.
    Wer sich ihnen hingibt mit seiner Liebe, muss mit diesen Blumen verwelken -
lieben darf man sie als Frühling und Poesie, aber nie als einzelne Blumen.
    Nur das starke gesunde Gemüt wagt nichts mit ihnen, es blickt auf sie
nieder, wie auf die Blumen, die es seiner Geliebten bricht, die es in den
Triumph seines Lorbeers flicht, damit der Ernst auch lächle, und schützt sie
sogar wie zarte Kinder, wie lieblose Unschuld, und nimmt sie wie ein reines Bild
der blossen Schönheit.
    Wendet er aber seine Liebe zu diesen hin, die sich nach seiner Liebe wenden
müssten, so ist es, als wende sich die Sonne nach der Blume, und die Blume nicht
nach ihr. -
    Ihr Leben ist eine blosse Allegorie, ihre Liebe nur leiser Erguss, nicht der
Schöpfung, nur des Todes. -
    Mir, lieber Godwi, sollte ich sterben, sollen Sie einen einfachen Stein
setzen, und darauf die letzte Terzine dieses schlechten Sonetts.« -
                                     Sonett
O schwerer heisser Tag, ihr leichtes Leben
Schliesst müde weinend seine Augenlider,
Schon senkt der Schlaf das tauende Gefieder,
Um solche Schönheit kühl ein Dach zu weben. -
Von ihren Lippen leise Worte schweben,
»Du Liebe süsser Träume, kehre wieder!«
Da lässt sich ihr der Traum der Liebe nieder,
Um ihres Schlummers kranke Lust zu heben. -
»Du Traum!« - »Ich bin kein Traum,« spricht er mit Bangen,
»O lass uns nicht so holdes Glück versäumen!«
Da weckt er sie, und wollte sie umfangen. -
Sprecht! Wessen bin ich? Wer hat mich besessen?
Ich lebte nie - war eines Weibes Träumen -
Und nimmer starb ich. - Sie hat mein vergessen.
 
                           Fünfunddreissigstes Kapitel
Als ich erwachte, blickte ich durch die Stube hin. Nach der Gräfin zu sehen,
hatte ich den Mut nicht. Es war eine ganz eigne Empfindung, wie ich mich mit
allem verwandt fühlte, mit den alten Schränken und dem Gipsbilde, den Sesseln
und mit dem kleinen Sopha im Erker.
    Meine Augen liefen an den sauren Gesichtern der Ritterbilder und den süsslich
ernsten der neuern Ahnherrn auf und ab, wie auf meinen Verwandten; ich ergötzte
mich ebenso an den Damen, und wunderte mich, wie freundlich ihre Schnürbrüste
aus einem Gesichtspunkte waren; ich nahm sie nämlich als cornu copiae und freute
mich der schönen Früchte, die aus ihnen hervordrangen, und hier und da zierlich
mit Blumen zusammengestellt waren.
    Es war mir, als hätte ich von allen den Leuten erzählen hören, und konnte
mich nicht entalten, dem Bilde des verstorbenen Grafen, der mir gegenüber hing,
ein kleines lächelndes Kompliment zu machen, denn ich erinnere mich nicht, dass
es mir je so leicht und so lustig zu Mute war. -
    Nachdem ich alle fremde Geschäfte besorgt hatte, wendete ich meine Gedanken
auf meine eigne Person, und bekam keine geringe Hochachtung vor ihr. -
    Zuerst in welchem herrlichen, ja herrschaftlichen Bette, vielmehr
Schlafgebäude, Schlummerpalast, Ruhetempel befand ich mich, wenn ich heute nacht
sollte geschnarcht haben, - die hochwürdigen Herrn des Klosters, das ich am
Anfange meiner Herreise besuchte, konnten in ihren Chorstühlen so ehrenvoll
nicht gesungen haben, - ein wahrer Krönungssaal schien dieses vortreffliche
Ehebett zu sein.
    Hierauf die wackere Bettdecke, deren Lob ich keineswegs verschweigen darf,
denn ich fand sie den schwebenden Gärten der Semiramis zu vergleichen, meine
Augen lustwandelten durch die tausend Irrgänge ihres damastnen Grundes, und
ergötzten sich an dem prächtigen verschlungenen Namen des Grafen und der Gräfin,
der in der Mitte allegorisch gestickt war.
    O! und ich selbst - ein blauatlassner Schlafrock, mit roten Aufschlägen, an
dem Ärmel mit dem kleinen gräflichen Wappen gezeichnet, sollte ich nicht stolz
sein, in so ehrenvoller Uniform? Ich drückte die Füsse zusammen, um mich zu
überzeugen, dass ich keine Stiefel anhabe, denn ich hatte die Empfindung, als
wäre ich in Diensten, aber ich sah bald ein, dass es Interimsuniform war. -
    Vor dem Bette knieten vier Untertanen, recht zärtlich abwechselnd, ein
Pantoffel von mir, und dann ein Pantöffelchen, sie harrten untertänigst, dass wir
sie mit Füssen treten sollten.
    Ich wendete mich nun gegen meine Gemahlin, und bemerkte, wie witzig das
batistene Bettuch mit Spitzen durchbrochen war, und wie naiv ihre weisse Schulter
durchblickte. -
    Ach welche reizende Gemahlin habe ich, wie hinreissend, wie fesselnd, es ist
ordentlich unangenehm, und erschwert einem die Menschenfreundlichkeit, sie ruhig
schlafen zu lassen. - Wie glücklich, und wie unglücklich bin ich! - muss ich
nicht eifersüchtig sein?
    Aber was liegt vor mir auf dem Stuhle, ein schwarzer Frack, lederne
Beinkleider, und dort ungrische Stiefeln, ein runder Hut auf dem Tische, das
sind ja meine Kleider nicht. - Welcher junge Herr hat sich hier ausgekleidet, -
habe ich nicht Ursache, eifersüchtig zu sein? - Ich sehe ja meine kaiserliche
Uniform nirgends; sollte ich diese Nacht betrogen worden sein, sollte mein Weib
ihre Untreue hier in meiner Gegenwart - der junge Mann hat in der Dunkelheit
meine Kleider vielleicht ergriffen? -
    Da bewegte sich die Gräfin, und meine Einbildung, als sei ich der
verstorbene Graf, verschwand. -
    Ich stellte mich schlafend, und beobachtete durch die Augen blinzend, was
die Gräfin für Betrachtungen den meinigen entgegensetzen würde.
    Aber sie setzte die Betrachtung meiner Person meinen Betrachtungen entgegen.
    Sie lehnte den Kopf auf ihren weissen Arm, und blickte mich freundlich an,
und ich betrog das Glück, das mir im Schlafe zu kommen glaubte, ich nahm ihre
Küsse stille hin.
    Ich biss auf die Zunge, um nicht zu lächeln, ich biss auf die Zunge, um die
Lust zu ertragen, wie andere es tun, um den Schmerz.
    Moralisch freute ich mich, als ich merkte, dass sie aufstand, ohne mich zu
wecken, denn es war wirklich ein Beweis eines sehr liebenden Herzens, dass sie
mich schlafen liess, da sie wusste, dass ich nicht zu Leiden erwachen würde; ja es
lag mir in dem Augenblick viel Unschuld in dieser Handlung, sie konnte noch
denken, dass der Schlaf süsser sei als die Lust. -
    Wie sie sich leise in die Höhe richtete, als erstehe ein tugendhaftes Weib
zur Seligkeit, wie sie mit Grazie und schüchterner Lust auf mich niedersah, dass
ihr zarter Fuss mich nicht berühre. - Wie die Wurzeln unter der Rose lag ich und
drängte ihr Liebe entgegen, - wie sie über mich hintrat, stand mein Puls still
und mein Leben hielt ein, als griffe ein schöneres Leben in seine Räder. - Ich
ruhte wie die Asche eines Geweihten unter den Säulen des Tempels der Liebe. -
    Und leiser soll mein Geist einst nicht über das Grab meiner Geliebten
schweben, als sie über mich hinschritt. -
    Sie schlüpfte in ihre Pantöffelchen, und zeigte mir, indem sie sich sorglos
vor mir ankleidete, mehr keusche Blösse als eine tugendhafte Jungfrau, die ganz
allein sich auskleidet.
    Da sie ihre männliche Kleidung angelegt hatte, schrieb sie mit Bleistift ein
Zettelchen, kam vor das Bett, kniete nieder und steckte es mir mit einer Nadel
auf das gräfliche Wappen, das am Ärmel meines Schlafrocks war, dann verliess sie
in Stiefeln und Sporn die Stube.
    Auf dem Zettelchen standen folgende Worte -:
    »Guten Morgen, schöner Freund! gut geschlafen? Ich habe ein moralisches
Kunststückchen gemacht, Sie nicht zu erwecken; was kann man von einer Heidin,
gegen die man als Frauenzimmer doch galant sein muss, mehr begehren, wie kann man
seinen Tag besser anfangen? Doch Scherz beiseite - Sie schlafen aber auch, ich
habe Sie herzlich geküsst - und nicht zu erwachen - ei, wo will das hinaus? -
Denken Sie nicht, ich sei eine Zauberin, und noch nicht von der Fahrt
zurückgekommen, wenn Sie sich allein finden, - ich habe nie etwas mit dem Kamine
zu tun gehabt, als dass es mich wärmte und einmal einen Liebhaber zu mir brachte
- ich reite nur ein wenig spazieren, und zwar auf Ihrem Pferde, um an seinen
Launen den Mann kennen zu lernen. Adieu, heio popeio - ich bin eine Heidin, und
will mein Morgengebet unter freiem Himmel verrichten.« -
    Ich ergötzte mich an der muntern Laune der Gräfin, und war ich verführt,
oder idealisierte ich? ich weiss nicht, aber ich fand sie sehr liebenswürdig,
oder sie liebte ein wenig. -
    Ich konnte immer noch nicht aufstehen, obschon ich sonst kein Schläfer bin,
aber ich lag wie an Ketten geschlossen in einer ewgen Betrachtung meines
lustigen Zustandes: ich konnte manchmal gar nicht begreifen, wie ich
hiehergekommen sei, und hatte einen recht deutlichen Begriff, wie es sich so
schön breit auf einem Trone sitzt, und wie unausstehlich es sein muss, Kron und
Zepter hinzureichen. - -
    Wie einem Kinde, das zum erstenmal Komödie gespielt hat, und die bunten
Kleider nicht ausziehen mag, war mir zu Mute - nein, sagte ich, du kannst den
vortrefflichen Schlafrock gar nicht wieder ausziehen, und wünschte wirklich
sehnlich, es möchten ein paar Diebe hereinkommen, und meinen schwarzen Frack und
die ledernen Beinkleider stehlen. -
    Da ging die Türe neben dem Bette leise auf, ich schämte mich ein wenig. -
    »Ach, er ist noch nicht auf!« sagte eine weibliche Stimme; der Vorhang über
meinem Kopfe wurde zurückgezogen. Ich machte die Augen zu, wie der verfolgte
Vogel Strauss mit dem Glauben den Kopf versteckt, wenn er nicht sehe, werde er
nicht gesehen, und es ergoss sich ein Körbchen mit Blumen über mein Gesicht. -
    Da ich hörte, dass die freundliche Geberin forteilte, nachdem sie mir ihren
Liebesdienst erzeigt hatte - sprang ich aus dem Bette und verriegelte die Tür.
    Ich trat in meinem Ornate vor den Spiegel, und freute mich meiner kindischen
Eitelkeit, dann guckte ich etwas zum Fenster hinaus: die Arbeiter waren wieder
rings in den Hügeln und Gärten beschäftigt, ich war recht froh, und die Natur
viel schöner als mein Lebtage - ich sagte recht von Herzen:
    »Dies ist Liebchens Fenster, und ich sehe nun in das heitere Gemälde aus
einem traulichen Vorgrund; leset nur eure Weinbeeren, Küsse sind doch süsser;
mein Herbst klingt nicht, und singt nicht, aber ich gebe ihn doch nicht um den
eurigen.« -
    Dann kleidete ich mich schnell an, und wie ich den seidnen Schlafrock
ablegte, legte ich viel frohen Mut ab, und als ich in meinem schwarzen Fracke
steckte, war ich wieder voller Grundsätze -, aber ich ärgerte mich drüber.
 
                          Sechsunddreissigstes Kapitel
Ich verliess die Stube und ging durch die langen Gänge des Hauses, und
betrachtete die verschiedenen alten Bilder. Da ich neben eine Tür vor ein
solches Bild trat, hörte ich in der Stube sprechen, und erkannte Violettens
Stimme, die mit einem kleinen Mädchen sprach, das Kind sagte: -
    »Violette, nun habe ich dir helfen die Blumen suchen, nun lehre mich auch
singen.«
    »Nun komm her, Flametta,« sagte Violette, »aber höre auch hübsch zu, und
singe mit.«
    Da es das Kind versprochen hatte - sang Violette mit ihm folgendes
Kinderlied: -
Anne Margritchen!
Was willst du, mein Liebchen?
Ich trinke so gerne
Gezuckerten Wein.
Zwei Pfund Zuckerchen,
Ein Pfund Butterchen,
Schütt es ins Kesselchen,
Rühr es mit dem Löffelchen.
Zwei Masse Wein,
So muss es gut sein.
Anne Margritchen,
Was Zipfel ist das?
Eine Weinsupp, eine Weinsupp!
»Nun kann ich es,« sagte Flametta, »nun will ich auch wieder mit in den Garten
gehn, - aber sage mir, warum hast du so ein Holz in deinem Bettchen liegen?« -
    »Das Kissen ist mir zu niedrig,« sagte Violette. -
    Hier trat ich an die Tür, die nur angelehnt war, und fragte: »Darf ich mit
in den Garten gehn, Violette?«
    Als sie meine Worte hörten, sprangen sie hinter die Tür, die ich leise
eröffnete: vor mir stand Violettens Bett, in dem ich ein scharfes eckichtes
Scheit Holz liegen sah. - Violette sprang plötzlich hervor, und riss den Vorhang
des Bettes zu, sie glühte über und über vor Scham.
    »Fort, fort, aus der Mädchen-Stube!« rief sie dann heftig. »Jage ihn fort,
Flametta.« -
    Flametta nahm einen kleinen Stecken, und ging auf mich los, mit den Worten:
    »Fort, fort, aus der Mädchen-Stube!«
    Einer solchen Übermacht konnte ich nicht widerstehen, und verliess die
Kinder. Vor der Türe rief ich:
    »Violette kommen Sie doch zu mir in den Garten.«
    Da rief sie heraus: -
    »Vielleicht - ja, ja ich komme.« -
    Im Hause sah ich wenige Diener, nur zwei hübsche Mädchen in der Küche: sie
lachten, als sie mich sahen, und versteckten sich, ich musste mich
zusammennehmen, und rief der einen zu: -
    »Guten Morgen, Mädchen, war heute nacht dein Schatz bei dir?«
    »Ei gewiss!« sagte sie. -
    Ich ging über den geräumigen Hof nach dem Garten, und sah unterwegs mit
einem seltsamen Gefühle zum Tore hinaus, durch das ich gestern abend in diese
neue Welt eingegangen war.
    Da ich durch den Garten an einem Seitengebäude des Schlosses hinging, wurden
mir aus einem Fenster einige Kränze von Weinlaub auf den Kopf geworfen, und da
ich hinaufblickte, sah ich Violetten und Flametten, die sich lachend
zurückgezogen. -
    Auf der rechten Seite des Gartens war ein grosser Teich, in dessen Mitte ein
hoher alter Turm stand; da ich näher hinging, bemerkte ich noch auf der andern
Seite des Turms eine kleine Insel, auf der ein weisses, mit Laub umzogenes
Häuschen durch dichte Gebüsche hervorsah, aber ich mochte mich nicht in den
gebrechlichen Kahn wagen, um hinüberzufahren - ich ging deswegen nach dem grossen
Gartenhause, das vor mir auf einer Terrasse stand.
    Da ich in den Saal trat, erblickte ich einen jungen Kapuziner-Mönch, der mit
einem Teller voll Trauben in der Hand essend auf und nieder ging: wir grüssten
uns. -
    Ich: Guten Morgen, Ihr Hochwürden!
    Er: Ich wünsche Ihnen, wohl geschlafen zu haben. -
    Ich: Sie geniessen den angenehmen Morgen. -
    Er: Ich bin des Gärtners Bruder, und trete manchmal hier ab, wenn mich mein
Beruf vorüberführt: Sie sind wohl der Herr, für den das gnädige Fräulein die
Blumen holte. -
    Ich: War es das Fräulein, die mir die Blumen brachte? -
    Er: Kennen Sie sie noch nicht? Sie sagte mir doch, sie habe gestern abend
mit Ihnen gesprochen. -
    Ich: Ich lag noch im Bette.
    Er: So! - Ich habe viel Gutes von Ihnen durch das Fräulein gehört.
    Ich: Ich nehme immer Anteil an der Familie meiner Freunde.
    Er: Sind Sie anverwandt mit der gräflichen Familie? -
    Ich: Nein, ich bin der Freund der Gräfin.
    Er: Der Gräfin? -
    Ich: Wundert Sie das?
    Er: Sie verzeihen, Sie müssen mich verstehen; ich vermute, dass Sie der
Gräfin sicher das Bessere raten - und besonders in Hinsicht der Fräulein.
    Ich: Die Gräfin ist Mutter, und eine kluge Frau. -
    Er: O, sie ist eine Dame von vielen Gaben, nur etwas weltlich gesinnt - und
das Wohl ihrer Kinder könnte ihr mehr am Herzen liegen. -
    Ich: Sie hat mir mit vielem Anteil von Violetten gesprochen. -
    Er: Sprechen - sprechen - aber das Kind geht zu Grund! Ich will nicht sagen,
als solle sie den Katechismus auswendig können, und alle Heiligen glauben, die
Welt ist weiter gegangen, aber die Moral -
    Ich: Sie scheinen aufgeklärt, das ist selten in Ihrem Rocke.
    Er: Sie sind gütig, sollen wir ewig fort in altem Unsinn brüten? -
    Ich: Nennen Sie die Geheimnisse Ihrer Religion alten Unsinn, Herr Pater? -
das ist neuer Unsinn. -
    Hier trat die Gräfin herein.
    Sie ging auf mich zu und küsste mich - der Mönch zog sich zurück - und die
Gräfin wendete sich zu ihm mit den Worten: -
    »Ei, Pater Sebastian! sein Sie nicht böse, dass ich Sie nicht auch küsse; ich
hätte es wohl getan, aber Sie verdienen es nicht.«
    Der Mönch sagte beschämt: -
    »Frau Gräfin, ich verdiene solche Freundlichkeit nicht, weil sie mein Stand
verbietet, aber Ihren Unwillen verdiene ich auch nicht.« -
    Die Gräfin erwiderte hierauf gelassen: -
    »Herr Pater, Sie verderben meine Violette, Sie setzen dem Mädchen Gespenster
in den Kopf, und nehmen ihr den schönen Teil ihrer Religion, der für Kinder
gemacht ist. - Sie geben ihr für die goldnen Früchte des Himmels leere
moralische Nussschalen, und verführen mein Kind.« -
    ER: Verführen! Frau Gräfin, das ist ein schändliches Wort. -
    SIE: Kein Wort ist schändlich, die Tat ist schändlich! Sie quälen das
Mädchen, und fragen sie nach allen sieben Sachen, so dass sie keine Ruhe mehr vor
sich hat, und sich allerlei unreif einbildet, was sich reif ausbilden sollte -
und so rauben Sie ihr ihre Unschuld - und verführen sie - ich bitte Sie daher,
dem Seelenheil meiner Violette nicht länger nachzustellen, denn ihre Seele ist
gesund, hat kein Heil nötig, und Sie stiften hier wahres Seelenunheil - wenn Sie
es gut meinten, so kann ich nichts dafür, dass Sie es schlecht machten. - Leben
Sie wohl. -
    Der Mönch ging weg; - die Gräfin rief den Gärtner und sagte ihm: -
    »Er kann heute nachmittag in die Stadt gehen, und seinem Bruder ein Dutzend
Schnupftücher kaufen; sage Er ihm dabei, ich und Violette hätten sie gesäumt,
und schickten sie ihm zum Danke für seine Bemühungen: aber kaufe Er feine weisse,
und bitte Er ihn, Er möge mir zuliebe sich das Tabakschnupfen abgewöhnen, es
steht ihm zu seiner feinen Miene und zu seinem hübschen Barte gar nicht gut.«
    Der Gärtner lächelte und ging weg. -
    Ich war über die Heftigkeit der schönen leichtfertigen Frau verstummt, aber
ihr munterer Nachsatz an den Bruder des Gärtners tat mir wohl, sie gewann durch
diese Szene sehr in meinen Augen. - Da der Gärtner weg war, nahm sie mich bei
der Hand, und sagte, indem sie mich fortzog:
    »Sehen Sie, wie ich zanken kann, sollte man sich es vorstellen? Sie sind
wirklich erschrocken, dass das, was ich Ihnen gestern von meinen Grundsätzen
sagte, mein Ernst zu sein scheint. - Gott weiss, woher ich die Grundsätze habe,
sie sind, glaube ich, meine Natur; ich glaube, es sind solche, die man nicht für
Grundsätze hält, und das ist das Beste.« -
    Sie hing an meinem Arm, und lief mit mir die Terrasse herab. Violette und
Flametta begegneten uns, und die Gräfin führte uns alle nach dem Teich.
    »Sie sollen mich nun auch nach meinem politischen Glauben kennenlernen«,
sagte sie, als wir an den baufälligen Kahn kamen. Sie machte Anstalt
hineinzusteigen. -
    »Er wird uns nicht alle tragen.« -
    Die Kinder sprangen mit ihr hinein.
    »Nun, mein Kind,« sagte sie freundlich zu mir, »willst du allein draus
bleiben, adieu, so fahr ich fort.« -
    Sie sagen das so liebenswürdig - »Und wenn wir miteinander untergehen, wär
es ein freundlicher Tod.« -
    Mit diesen Worten stieg ich in den Kahn, die Gräfin ruderte, und sagte:
    »Dies ist meine ganze Seemacht, ich wollte Sie mit meinem politischen
Glauben bekannt machen, auf der Insel wird sich es aufweisen: - damit Sie sich
aber zuerst etwas abhärten, wollen wir einmal um den Teich fahren. Violette,
singe ein Liedchen!« -
    Violette sang folgendes Lied: -
Zu Bacharach am Rheine
Wohnt eine Zauberin,
Sie war so schön und feine
Und riss viel Herzen hin.
Und brachte viel zu schanden
Der Männer rings umher,
Aus ihren Liebesbanden
War keine Rettung mehr.
Der Bischof liess sie laden
Vor geistliche Gewalt -
Und musste sie begnaden,
So schön war ihr Gestalt.
Er sprach zu ihr gerühret:
»Du arme Lore Lay!
Wer hat dich denn verführet
Zu böser Zauberei?«
»Herr Bischof, lasst mich sterben,
Ich bin des Lebens müd,
Weil jeder muss verderben,
Der meine Augen sieht.
Die Augen sind zwei Flammen,
Mein Arm ein Zauberstab -
O legt mich in die Flammen!
O brechet mir den Stab!«
»Ich kann dich nicht verdammen,
Bis du mir erst bekennt,
Warum in diesen Flammen
Mein eigen Herz schon brennt.
Den Stab kann ich nicht brechen,
Du schöne Lore Lay!
Ich müsste dann zerbrechen
Mein eigen Herz entzwei.«
»Herr Bischof, mit mir Armen
Treibt nicht so bösen Spott,
Und bittet um Erbarmen,
Für mich den lieben Gott.
Ich darf nicht länger leben,
Ich liebe keinen mehr -
Den Tod sollt Ihr mir geben,
Drum kam ich zu Euch her. -
Mein Schatz hat mich betrogen,
Hat sich von mir gewandt,
Ist fort von hier gezogen,
Fort in ein fremdes Land.
Die Augen sanft und wilde,
Die Wangen rot und weiss,
Die Worte still und milde,
Das ist mein Zauberkreis.
Ich selbst muss drin verderben,
Das Herz tut mir so weh,
Vor Schmerzen möcht ich sterben,
Wenn ich mein Bildnis seh.
Drum lasst mein Recht mich finden,
Mich sterben wie ein Christ,
Denn alles muss verschwinden,
Weil er nicht bei mir ist.«
Drei Ritter lässt er holen:
»Bringt sie ins Kloster hin;
Geh, Lore! - Gott befohlen
Sei dein berückter Sinn.
Du sollst ein Nönnchen werden,
Ein Nönnchen schwarz und weiss,
Bereite dich auf Erden
Zu deines Todes Reis'.«
Zum Kloster sie nun ritten,
Die Ritter alle drei,
Und traurig in der Mitten
Die schöne Lore Lay.
»O Ritter, lasst mich gehen
Auf diesen Felsen gross,
Ich will noch einmal sehen
Nach meines Lieben Schloss.
Ich will noch einmal sehen
Wohl in den tiefen Rhein,
Und dann ins Kloster gehen
Und Gottes Jungfrau sein.«
Der Felsen ist so jähe,
So steil ist seine Wand,
Doch klimmt sie in die Höhe,
Bis dass sie oben stand.
Es binden die drei Ritter
Die Rosse unten an,
Und klettern immer weiter
Zum Felsen auch hinan.
Die Jungfrau sprach: »Da geht
Ein Schifflein auf dem Rhein,
Der in dem Schifflein stehet,
Der soll mein Liebster sein.
Mein Herz wird mir so munter,
Er muss mein Liebster sein!« -
Da lehnt sie sich hinunter
Und stürzet in den Rhein.
Die Ritter mussten sterben,
Sie konnten nicht hinab,
Sie mussten all verderben,
Ohn Priester und ohn Grab.
Wer hat dies Lied gesungen?
Ein Schiffer auf dem Rhein,
Und immer hats geklungen
Von dem drei Ritterstein:7
Lore Lay, Lore Lay, Lore Lay,
Als wären es meiner drei.
Als wir an der Insel ausgestiegen waren, sagte die Gräfin: »Der Kahn ist so
schlecht, aber ich liebe ihn und mag keinen andern, ich bin oft recht vergnügt
auf ihm gefahren.«
    Nun kamen wir an das kleine runde Haus, es war ganz mit Epheu überzogen, auf
dem runden Dache stand ein geflügeltes Pferd, das sich in die Höhe bäumt, auf
ihm ein nackter Jüngling, und vor ihm zwei Liebesgötter, die das Pferd am Zügel
niederziehen, auf dem Fussgestell aber war die Inschrift:
                             Friedrich dem Einzigen
»Sehen Sie meinen politischen Abgott, ich freue mich oft über meinen Witz, ich
wollte den neugierigen Baumeister nicht in mein Geheimnis sehen lassen, denn
eigentlich müsste es heissen, Friedrich dem Meinigen.
    Doch Lieber! sei'n Sie nicht böse, weil ich Sie wissen lasse dass ich vor
Ihnen schon liebte.« -
    Wir gingen in das Häuschen, in dem es recht freundlich war aber da ich
wusste, dass ich über einem Grabe sass, was mir die Gräfin verschwiegen hatte,
konnte ich nicht ganz froh werden, - und das zubereitete Frühstück schmeckte mir
nicht recht. -
 
                          Siebenunddreissigstes Kapitel
In dieser Umgebung lebte ich zwei Monden, während denen ich mehrere Streifzüge
an den freudigen Ufern des Flusses und in das Land einwärts machte.
    Ich trat stets mit einer eignen Empfindung solche Wallfahrten an, denn die
bunte Einsamkeit des Lebens bei der Gräfin machte mich immer zu einem
weltfremden Menschen wenn ich durch die ruhige grosse Natur ging, die gar keine
Gattung von Prinzipien hat, und deren Lust und Leid sich in einen schönen
Wechsel von Jahreszeiten flechten.
    So oft ich zurückkehrte, behauptete die Gräfin, ich sei ein ganz neuer
unbekannter Mensch, sie habe aber eine Ahndung oder Erinnerung von einer alten
Bekanntschaft mit mir. -
    »Gott, wie werde ich alt,« sagte sie einmal, »schon wieder jemand, der mir
bekannt scheint, und ich weiss gar nicht, wo ich Sie zum erstenmale gesehen
habe.«
    »Es war am Abend, Madame; war es nicht in der Dämmerung, begegneten wir uns
nicht zu Pferde am Rhein?«
    »Sie haben ganz recht, seien Sie mir willkommen.« -
    Dann küsste sie mich freundlich, ich schien wieder so ernstaft als das
erstemal, und sie bekehrte mich wieder sehr emsig.
    Violette war immer stiller geworden in der letzten Zeit, und schien sich mit
einer schmerzlichen Zuneigung an mich zu hängen. Das Mädchen machte mir bange
und jetzt, da ich meine ganze damalige Lage ruhig übersehe, bemerke ich mit
Scham und Reue, warum ich diese Bangigkeit zu vermeiden suchte. -
    Violette mochte sein, wie sie wollte, war nicht der erste Abend im Schloss,
und meine Unterhaltung mit ihr, das einzige, auf das ich mit reiner Freude
zurücksehen konnte? - Wie hatte sich die Jungfrau in ihrem Streite mit der Lust
mit ihrem Reinsten in mich gerettet, und was versprach ich ihr, das ich ihr
nicht hielt! - Die Gräfin mochte sein, wie sie wollte, aber mit ihrem Kinde
zusammen war sie schlecht. - Das Leben eines genialischen Menschen kann aus sich
selbst hervorgeführt, mit eigner Kraft verteidigt und durchgesetzt, ein gutes
selbstgedeihliches Leben sein, denn es ist das Leben der Eigentümlichkeit, aber
die Jugend kann sich an ihm nicht entwickeln; sie ist eine Allgemeinheit, und
muss an dem Frühling und nicht am Menschen hervorwachsen; denn das letztere heisst
der Psyche die Flügel auseinanderzupfen, oder ihr mit einem künstlichen Lichte
die Sonne ersetzen wollen, ohne die Rücksicht, dass sie hineinfliegt und stirbt.
-
    Brachte ich Violetten nicht zur völligen Uneinigkeit mit sich, indem mein
Verhältnis mit ihrer Mutter immer ihrer unschuldigen Neigung zu mir
entgegentrat? -
    Ich konnte in der letzten Woche gar nicht mehr offen mit ihr reden, denn ich
bemerkte, dass sie stets verlegener ward, wenn ihre Mutter in ihrer Gegenwart mit
mir vertraulich war. -
    Diese Empfindung war es, die zu meinen Spazierritten mitwirkte, und ich
wünschte sogar einigemal, wieder zu Hause zu sein.
    Das letztemal, da ich ausritt, nahm ich meinen Weg nach einem der schönsten
Punkte am Rheine, dem Ostein, einem schönen Lustschlosse auf dem Niederwald,
einem hohen Berge, dem Städtchen Bingen gegenüber; dieser Berg macht den Winkel,
um den sich hier der Rhein scharf herumwendet.
    Der Besitzer des Schlosses war nicht gegenwärtig, und obschon ich den Mann
zu kennen wünschte, der eine solche Anlage bloss zu seinem Vergnügen machen
durfte, war es mir lieb, dass er nicht hier war. Ich hätte ihn hier meines Dankes
ohne einigen Neid nicht versichern können.
    So tröstete ich mich und dachte, er habe dieses Werk vollbracht, wie jeder,
wenn er es gleich nicht weiss, durch irgend etwas ein höchst wichtiger Mensch
ist, so dass ich mir hieraus die Ursache erkläre, warum die Worte: Es war ja ein
gemeiner Mensch, keinen Totschlag entschuldigen. Diese Wichtigkeit des
Lebendigen ist mir der einzige Grund irgend eines Rechtes, so wie mir der
einzige Grund der Moral ist, dass der Mensch aus den Augen heraussieht, dass er
ein Repräsentant des Lebens ist. - Doch ich kehre zurück. -
    Das kleine Lustschloss ist ein wahres Lustschloss, denn es ist voll lustiger
Einrichtungen, voll geheimer Türen, verborgner Treppen und doppelter Wände; man
kann darin herumirren, wie ein verwünschter Prinz, und ich finde diese luftige,
scherzende Gattung von Bauart hier recht angebracht, denn es würde in jedem
Falle eine Stümperei geworden sein, hätte man hier ein gediegenes Gebäude
hersetzen wollen, wo selbst kaum des Menschen Herz sich erhalten kann, gegen die
vollen reichen Ansichten der Natur.
    Wo die Architektur der Natur so erhaben ist, zwischen den Massen der Felsen,
den Ergüssen der Aussichten, den brausenden Wäldern hätte nicht leicht ein
Gebäude stehen können, ohne plump und mühselig auszusehen, das im mindesten
affektieren konnte, als wolle es etwas bedeuten. Ja ich glaube, es ist ein
äusserst trotziger, melancholisch hoffärtiger Gedanke, auf solchen herrlichen
Gesichtspunkten der grössten und reichsten Natur, die durch unendliche
mannigfaltige Freiheit harmonische Unordnung der Aussicht mit einer prahlend
wichtigen Bausymmetrie äffen zu wollen, die in solcher Zusammenstellung nur
unverdaute Matematik an der Stirne trägt.
    Ein leichtes luftiges Freudengezelt müsste hier aufgeschlagen werden, ein
ergötzlicher Feenpalast, voll Mutwill und koquetter Mädchenhaftigkeit, doch ohne
Prüderie und Sittenpedanterei, - und so ist es hier; man möchte sich umsehen, wo
die fröhliche Gesellschaft geblieben ist, die hier in voller fürstlicher Freude,
mit Maitressen, Haiducken, Laufern, Opernmädchen und einem witzigen Hofnarren,
gehaust hat. - Wo ist die junge etwas schmachtende Gräfin, die hier an den
militairisch schönen Prinzen denkt? - wo ist der muntere Dichter, der hier
Singspiele dichtet, und Elegien schreibt, weil er in die junge Gräfin verliebt
ist? - Ich wandelte durch die Stuben mit grossen Spiegeln in buntgemalten
Bretterwänden - verirrte mich auf den kleinen Treppen von Boudoir zu Boudoir; in
den Weiberstuben berührte ich mit Herzklopfen umherliegende Kleinigkeiten,
zerrissene Liebesbriefchen, Locken, und gemachte Blumen, welche die holden
leichten Wesen von Frühling zu Frühling, wie den bunten Staub der
Schmetterlingsflügel, abstreifen. -
    Und verzeihen Sie - aber es ist nicht anders - wenn ich es hin und her
überlegte und, das ganze lustige Haus in einem Zuge zu geniessen, mir einen Plan
erdachte, so war es der, mit einem Schock nackter Mädchen, voll Freude, Witz,
Tanz und Sing-Talent, drinne Haschen zu spielen.
    Auf dem höchsten Punkte des Schlosses steht ein Belvedere, und ein gutes
Perspektiv, für die, welche das ganze Buch nicht verstehen, einzelne Stellen
erklären wollen, und gerne wüssten, ob auch dieses oder jenes Städtchen mit hier
notiert wäre.
    Dieses Türmchen ist die Spitze des Schlosses, und die Pointe des ganzen
epigrammatischen Gebäudes, das wie ein guter freundlicher Einfall hier oben
hingeflogen ist, und mir wie das Lied eines Turmdeckers auf dem Münster
vorkömmt.
    Das Schlösschen scheint sich, wie ein fröhliches scherzhaftes Mädchen in den
Mantel von Königen, hier in die herrlichen Berge zu verstecken, mit den Worten:
Ich bin auch da, liebt mich; am Ende, wenns Nacht wird und nicht grade der Mond
scheint, wenns draussen stürmt, kommt ihr doch zu mir. -
    Ich sprach von dem Schloss zuerst, weil es heisser Mittag war, da ich
heraufkam, und ich mich in den kühlen Stuben erfreute.
    Als sich der Abend nahte, ging ich in den Wald, der, auf wenigen Punkten von
der Kunst berührt, doch nichts von seiner Schönheit verlor. Seine Grenze um den
Berg herum ist die unbeschreibliche Aussicht, die alle Worte übersteigt. Man
kann nicht zurück, der dunkle Wald liegt ängstlich hinter einem. Nirgends ward
mir meine Geschichte so erbärmlich und so klein. Ich glaubte, hier zu stehen,
sei der Zweck und das Ende meines Lebens. - Wie ein kleiner Bach sich durch
dunkle Täler, durch Klippen und Felsen stille oder nur brausend hinwindet, weil
seine Ufer ihm weichen, oder ihm widerstreben, wie er endlich sich in eine
unabsehbare See, sich selbst vernichtend, hinstürzet, so stand ich hier.
    Alles, alles freudig hingeben, Freude und Lust, Freundschaft und Liebe, alle
stolze Leiden der Demut, alle Träume und Pläne freudig hingeben in dieses Wehn
der Luftströme, diese Tiefe voll grosser Natur, diese freundlich herandringende
Ferne, war meine letzte Reflexion, meine Begierde war Schweben, und ich sah mit
gefährlichem schwindelnden Neide den wilden Tauben nach, die sich freudig
hinabstürzten, wo der Rhein den Fuss der grünen Berge küsste, deren Häupter von
seiner rauschenden Umarmung trunken zu drehen schienen, und es war mir, als
walle die Seele des kräftigen Stromes herauf durch die Adern des Berges, wie
warmes lebendiges Blut, und der Boden lebe unter mir, und alles sei ein einziges
Leben, dessen Pulsschlag in meinem Herzen schlage.
    Hier hat alles sein Ende, und alles ist gelöst, hier ist alles vergessen,
und ein neues Leben fängt an. - Der Mensch ist das Höchste nicht im Dasein,
sonst wäre keine Mühe in ihm, und keine Stufung der Vollkommenheit: der Mensch
ist nicht frei, er könnte sonst nicht wieder zurück ins enge dunkle Haus, er
stürzte sich eher hier hinab. - Gefangen sind wir, wie das Weib, das ewig nach
den Schmerzen der Geburt sich gerne wieder zum Werke der Lust hinwendet,
gefangen sind wir, wie Leichtsinn und Schwermut, zwischen Schmerz und Lust, und
die Freiheit besteht in der Wahl zwischen zweien, wo uns das eine schon so
ermüdet, dass wir das andere gern ergreifen - und was ist endlich die heiligste
stolzeste philosophische Ansicht als die Krankheit der Flamme, die zu verlöschen
droht, um sich selbst zu sagen: Ich bin das Licht und entzünde alles. - Man kann
höchstens so eine traurige Ansicht haben, wenn man nach Hause geht, und sich mit
Hoffart trösten will, oder wenn man kömmt und sich vornimmt, doch etwas Besseres
zu sein; - aber was hilft es endlich, wenn man hier steht, da muss das traurige
Zeug, der konsequente eitle Trost doch zurückbleiben, denn wahrlich, er ist das
verdienstliche Bemühen der schweren Arbeit, und es wäre für jeden, der hier
steht, eine sehr mitleidswürdige moralische Betrachtung, an die Verdienste der
Philosophen und Gelehrten zu denken. -
    Fast möchte ich glauben, dass das ruhige volle Geniessen des einfachen
unschuldigen Menschen der Gipfel des Lebens ist, und ich will mich bestreben,
ein Trinker zu werden, und mir meine Weingärtner zu halten.
    Der Punkt, wo ich stand, war ein kleiner runder Tempel auf fünf Säulen, die
voll von den Namen der Menschen standen, die eine solche Minute in ihrem Leben
hatten - und wenn unter den vielen Hunderten nur einem zu Mute war wie mir, so
sind zwei Menschen hier ruhig geworden, und besser. -
    Etwas später ging ich nach einem andern Punkte, einem alten Turme, der auf
dem Winkel steht, der den Berg macht und den Punkt bestimmt, auf dem sich der
Rhein schnell und heftig wendet.
    Die Aussicht ist hier nicht so ergossen, sie ist nicht ein ruhiges,
willenloses Meer, das wie ein lebendiges unendliches Element ohne Fortschreiten
durch die Grösse schon fern und nah ist. Sie ist tätiger, drohender gegen den
Stolzen, umarmender und erwärmender für den Liebenden.
    Dort wird man vernichtet, man vergisst sich, und muss trunken ertrinken; hier
drängen sich die Berge heran, die beiden Ufer wollen sich die Arme reichen oder
die Stirne bieten, die Brust der Berge will zusammendringen, um den reissenden
Fluss zurückzuhalten, der ihnen hier zu entfliehen scheint.
    Dort ist man hingegeben, hier rückt die Natur heran, und bietet einem die
kräftigen Hände, und man rüstet sich im Herzen, die Riesin zu empfangen.
    Der alte Turm ist mit einem bequemen Saale versehen, der ganz in dem derben
Geschmacke jener braven Zeit eingerichtet ist, und auf einem kleinen Pulte am
Fenster fand ich das Heldenbuch, und in einem Schranke in der Wand eine schöne
Sammlung der neuern Werke, welche die Reste der Poesie des deutschen
Mittelalters entalten. -
    An die Wand hatte der Graf selbst die Worte geschrieben: »Was waren das für
gesunde Menschen, welche solcher Natur gegenüber stark warden, die uns
heutzutage nur rührt und erschüttert.« -
    Der Wechsel der Aussicht machte einen sehr wohltätigen Eindruck auf mich,
ich war mir hier als ein besserer Mensch zurückgegeben. Ich war dort mit
unruhigem Gemüte hinausgesegelt, und hier setzte mich das Meer geprüft und reich
ans Land. Ich erkannte hier, wie viel Anteil der Mensch an der Natur hat, denn
hier, wo alles näher an mich herantrat, sah ich in den eignen Busen, und fühlte,
wie ich grösser geworden war, seit wenigen Stunden. -
    Der Sonnenuntergang, zwischen den Felsen und Wäldern, war eine Zwischenrede
der Natur in mein Leben, ich war entzückt, wie ein Heiliger, die Flammen und
Gluten brachen sich so geisterisch, so tausendfaltig lebendig, gestaltlos und
beweglich in der heftig und rauh gruppierten Wildnis, und das Rauschen des
Rheins stieg so mächtig in der allgemeinen Stille, als höre ich das Sieden der
flammenden Geister um mich her, die in einem geheimnisvollen feurigen Tanze sich
gaukelnd über die dunkeln Wälder und Schluchten hinschleuderten. -
    Ich sah mit einer mir noch unbekannten Ruhe zu, wie ein Licht nach dem
andern dem Schatten wich, und fühlte, wie sich zugleich im Ebenmasse mein Gemüt
veränderte.
    Jedem weichenden Lichte zog eine Erinnerung nach, und es schien mir, als
bezeichne ich die Stellen, von denen eine Farbe des Glanzes geschwunden war, mit
Dingen, die mir lieb gewesen oder noch waren.
    Nun war es ganz ruhig, nur glänzte noch die Pforte, durch die alle die
Flammen hingezogen waren, und auch diese schloss sich mit der Aussicht -, ich
dachte an Violetten, und entschloss mich fest, nicht wieder zu der Gräfin
zurückzukehren. - Ich nahm mir vor, graden Weges von hier zurückzureisen, denn
ich schämte mich meines Verhältnisses mit der leichtsinnigen Frau, sie schien
mir so weit unter mir, und ich konnte nicht begreifen, wie sie mich verblendet
hatte.
    Hier rief mich ein Diener aus dem Schloss zurück, er sagte mir, dass jemand
angekommen sei, der mich sprechen wolle. -
    Ich ging mit ihm zurück, und fand Violetten; der Gärtner hatte sie auf ihr
dringendes Begehren hierher geführt. -
    Sie überraschte mich auf eine unangenehme Art, und der gütige Eindruck der
Natur auf mein Gemüt ward durch sie gewaltsam unterbrochen. -
    Als wir allein waren, blieben wir noch lange stumm, bis sie sich mir mit
Tränen näherte, und mich um Verzeihung bat, dass sie hierherkomme, um meine
Freude zu stören - sie müsse mir Vorwürfe machen, dass ich ihr Hülfe versprochen,
und sie noch tiefer verstrickt habe.
    Sie zeigte mir mit geschämiger Umständlichkeit, wie ich so verderblich für
sie mich ihrer Mutter ergeben hätte, wie sie nun ihre Mutter hassen müsse, die
ihr ihren einzigen Freund genommen: - »Ach,« sagte sie, »Sie selbst sind mir ein
peinlicher Gedanke, ich muss immer an Sie denken, und Sie haben mich doch so sehr
gekränkt!« -
    Ich sprach ruhig mit ihr, und sagte, was ich für wahr hielt, wie ich das
alles empfände, und wie ich mich herzlich schämte, mich so hingegeben zu haben;
- doch gestand ich ihr auch offen, wie sie selbst einigen Teil dran habe,
obschon in aller Unschuld, denn ihre Äusserungen gegen mich hätten so zwischen
kindischer Naivetät, Frömmigkeit und Sinnlichkeit geschwankt, ihre Reden gegen
mich hätten am ersten Abende schon eine solche Unbestimmteit verraten, dass ich
oft nicht gezweifelt habe, sie sei eine angehende Koquette, und schon so gut als
verloren. -
    Violette hörte das alles ruhig an. »Sie haben recht geglaubt,« sagte sie,
»hätte ich mich nicht in Ihnen betrogen gefunden in jener ersten Unterhaltung,
so wäre ich es wohl geblieben; aber ich erwartete, dass Sie mich lieben würden,
und da ich eben dieser Liebe meine Mutter aus dem Wege rücken wollte, zeigte ich
mich Ihnen in einem unschuldigen Gewande, um Ihnen meine Mutter verhasst zu
machen; aber ich konnte mich gegen Ihre einfachen Antworten und Fragen nicht
erhalten, und Sie wurden, was ich nicht wollte, nur gerührt; ich fühlte selbst,
dass ich, als ich von meinem Vater und meiner Mutter sprach, mehr sagte, als ein
Kind sagen kann; dennoch konnte ich mich nicht mehr fassen, und redete
gradeheraus, wie es mir mein Verdruss eingab; ich war in meinem Leben nicht so
wunderbar zerrüttet als an diesem Abend, ich fühlte, wie ich so gar nichts
tauge, um zu lügen. - Meine Mutter hatte mich wirklich zu Ihnen geschickt, und
ich stellte mich, als ging ich ungern, um ihr allen Verdacht der Eifersucht zu
nehmen - aber wie ist alles geworden? - Es ist wahr, dass jene Angst in mir war,
und ich habe lange gestritten mit der Andacht, aber das ist nicht mehr - meine
Mutter kennt mich nicht, sie glaubt mich teils schlechter, teils besser, als ich
bin. - Sie haben etwas Fürchterliches in mir hervorgebracht, - ich fasste mich
wieder zusammen und wendete mich mit Gewalt zu Gott. - Ich habe die ganze Nacht
gebetet und geweint nach jenem Abend, - und als ich Sie am Morgen sah, musste ich
mich meiner und Ihrer schämen. - Doch ich muss Ihnen noch sagen, Sie sind nicht
zufällig zu uns gekommen, meine Mutter hat Sie aufgesucht, - wir haben Sie auf
einem Balle gesehen, und sie entschloss sich gleich, Sie zu besitzen, und auch
ich fasste meine kindischen Anschläge. - Ich habe in der letzten Zeit Ihren
Missmut bemerkt, und so sehr es mich schmerzte, dass Sie mir aus dem Wege gingen,
so sehr war es mir lieb, dass Sie über Ihre Lage zu reflektieren schienen. Ich
fühle, dass ich zu Grunde gehen werde, - ich fühle, dass Sie mir helfen können.« -
Ich breche hier Violettens Worte ab, die sich immer mehr verwirrten - sie konnte
bald nicht mehr sprechen, und brach in bittre Tränen aus. -
    Meine Verlegenheit konnte nicht kleiner sein als die ihrige, ich fühlte, dass
sie auch diese Rede mit einer Standhaftigkeit und einer ernsten Gleichheit reden
wollte, der sie, wie jener naiven, unschuldigen Rolle, nicht gewachsen war; ihr
armes verwirrtes Gemüt, das mit Leidenschaft, Selbstverachtung, und Unschuld,
und Vorsatz stritt, - kam endlich zu Tage. -
    Dies arme Geschöpf war auf eine traurige Weise in die Höhe getrieben worden
- ich konnte nichts erwidern, denn auch ich stand sehr unwürdig, ja unwürdiger
als sie, da -
    Sie kniete vor mir nieder, und bat mich heftig, sie mitzunehmen, oder sie
umzubringen; sie wolle mir wie eine Magd dienen, ich solle sie misshandeln, aber
zu ihrer Mutter könne sie nicht zurück. -
    Ich fragte sie, ob ihre Mutter wisse, dass sie hier sei, und erfuhr, dass ihre
Mutter es nicht wisse, dass sie verreist und sie gleich nach ihrer Abreise
hierher gegangen war, um mir alles zu sagen, wie es ihr Gott in den Mund legen
würde. -
    Ich dachte nun nach, wie ich in der Sache handlen sollte, aber ich fand
keinen Ausweg, immer verirrte ich mich in unnütze Betrachtungen, oder ertappte
mich auf einer Bequemlichkeit, mich herauszuziehen.
    Währenddem war es ganz dunkel geworden, Violette hatte sich mir weinend zu
Füssen gesetzt, und meine Hand ergriffen, und wir waren beide in jene dumpfe
Sorglosigkeit gefallen, die einen geselligen Schmerz unter so vertraulichen
Umständen leicht begleitet.
    Ich fuhr auf, denn ich hörte ein Pferd im Hofe ankommen, ich sah zum Fenster
hinab, und es war die Gräfin. -
    »Violette! Ihre Mutter«, sagte ich bestürzt; »wir müssen uns nicht verraten,
Ihr Hiersein wird Sie leicht entschuldigen, sei'n Sie froh und munter, so gut
Sie es können, ich will für Ihr Wohl denken.« -
    Violette sprang von der Erde auf. -
    »Gott! Gott!« sagte sie, und ging mit mir ihrer Mutter entgegen. -
    Diese war, wie immer, leichtfertig und zierlich gemein, sie scherzte mit
Violetten, und freute sich, sie hier zu finden: »Dies ist dein erster
Geniestreich,« sagte sie, »und ich hoffe für dich.« -
    Wir brachten den Abend so gut zu, als ich und Violette heuchlen konnten -
der Schlossvogt wies uns einige Stuben zum Schlafen an - und wir trennten uns.
    Dies war die fürchterlichste Nacht meines Lebens: ich wusste mir nicht anders
zu helfen, als dass ich der Mutter einen Brief schrieb, in dem ich ihr alles
sagte, was ich empfand, und sie dringend bat, ihre Tochter von sich zu
entfernen.
    An Violetten schrieb ich auch und suchte sie aufzurichten, und ihren
Entschluss zum Guten zu befestigen. Dann ging ich hinab, bezahlte den Schlossvogt,
es war drei Uhr des Morgens, und ritt weg. -
    Von meiner Reise lassen Sie mich schweigen, ich reiste Tag und Nacht nach
Haus und war mehr tot als lebend.
Ich zweifle nicht, dass viele meiner Leser unwillig sein werden, dass ich
Violetten verliess, jetzt bin ich selbst unwillig darum, aber damals war es nicht
anders möglich, wenn ich nicht selbst zu Grunde gehen wollte, ich hatte mich
zuerst zu retten.
    Man soll hier nicht denken, als habe mich mein Leben mit der Gräfin um
seiner selbst willen gereut, nichts weniger, aber ich fühlte, dass dies freie
Leben einen Charakter annehmen wollte, und darüber erschrak ich.
    Die freie Luft ist wohltätig, aber eine gebundne Unbändigkeit, die mich mit
Zügellosigkeit zügelt, ist das Verderblichste und alles Gute geht dadurch zu
Grunde.
 
                           Achtunddreissigstes Kapitel
Als ich zu Hause eintraf, fand ich Kordelien sehr krank, und sie starb bald
darauf in der freien Luft, unter der Eiche, am hinteren Eingange des Haines, der
das Jägerhaus umgibt; sie hatte sich dort hinbringen lassen. -
    Ich war auf dem Gute, als sie starb, denn meine Gegenwart war ihr auf dem
Jägerhause beschwerlich. - Als ich sie einige Tage vorher besuchte hatte,
reichte sie mir, ohne mehr als einige Worte zu sprechen, einen versiegelten
Brief, den ich nach ihrem Tode erbrechen sollte.
    Sie war während meiner Abwesenheit mehreremal am steinernen Bilde meiner
Mutter gewesen, und der alte Anton sagte, er habe sie einmal dort heftig weinend
gesehen.
    An der Eiche hatte sie nachts oft gestanden, und sie war überhaupt ihr
liebster Aufentalt. Sie hatte mehrere grosse Äolsharfen in der Eiche anbringen
lassen, und sich besonders mit Blumenzucht und Gesang unterhalten.
    Der Jäger sagte mir, als ich auf die Nachricht ihres Todes hinüberging, dass
sie ihre Stube versiegelt habe, ehe man sie nach der Eiche geführt habe; es sei
gegen Abend gewesen, und um sechs Uhr sei sie dort gestorben.
    Als ich ihren Brief erbrach, las ich nichts, als dass sie wünschte, unter der
Eiche begraben zu werden, und mich beschwor, ihre Stube nicht eher zu öffnen,
bis ihr Name entdeckt sei.
    Sie mochte damals ohngefähr vierzig Jahre alt sein; ihre Figur war schlank,
ihr Haar schwarz, und ihr Auge lebhaft. In der letzten Zeit ihres Lebens sprach
sie beinahe gar nicht. Sie ward unter der Eiche begraben. -
    Bald darauf erhielt ich Briefe von meinem Vater aus Italien, der mich
aufforderte, ihn zu besuchen, und ich reiste gerne und gleich ab. -
    Hier liegt ein Zeitraum von einigen Jahren, die ich in Italien bis zu meines
Vaters Tod zubrachte.
 
                           Neununddreissigstes Kapitel
Da ich nach Deutschland zurückgekommen war, nahm ich meinen Weg zuerst nach dem
Rheine, ehe ich nach meinem Gute ging. Ich fand eine traurige Veränderung, der
französische Revolutionskrieg hat seine Verheerungen dort ausgebreitet; die
Natur war noch dieselbe, aber die Menschen nicht mehr. -
    Ich ritt abends mit pochendem Herzen nach dem Schloss der Gräfin; der Weg war
aufgerissen, und rings die Weinberge zerstört, das Tor stand offen, wie damals,
aber die Torflügel waren zerschmettert, der Hof war mit Gras bedecket; ich rief
nach jemand, und ein alter Diener kam mir mit einer Laterne entgegen; ich fragte
nach der Gräfin.
    »Die ist seit andertalb Jahren tot,« war die Antwort, »das Schloss steht
unter der Aufsicht ihrer Schuldner; sie ist mit den Franzosen herumgezogen, hat
alles zu Grunde gerichtet, und am Ende musste sie auch sterben.« -
    Nach Violetten zu fragen, wagte ich nicht; ich fragte, ob er mich wohl heute
nacht beherbergen könne; er brachte mich hinauf, nach der nämlichen Stube, in
der ich den ersten Abend mit der Gräfin gewesen war.
    »Das ist die einzige Stube, an der noch eine Tür ist,« sagte er, »und in
Ihrem Mantel können Sie wohl hier auf dem Armsessel schlafen.«
    Er stellte mir das Licht hin, und verliess mich.
    Wie ein Toter, der die Welt nach langen Jahren wieder betritt, ging ich in
der Stube umher, in der eine fürchterliche abenteuerliche Verwüstung herrschte.
    Das Brustbild der Gräfin war mit Degenstichen zerfetzt, und auf eine
militairische Art verunreinigt, die Wände waren mit allerlei abgeschmackten
Figuren mit Kohlen bemalt, am Boden umher lagen zerrissene Dokumente in
Haarwickel verwandelt, in einem Winkel stand ein Gemälde, das sonst auf der
Hausflur gehangen hatte, und zwei nackte Weiber vorstellte, die sich um ein Paar
Beinkleider schlugen, alle Möbel waren auf eine mutwillige Art zerschmettert, -
ich rückte den Armstuhl in die Mitte, setzte meine Füsse auf mein Felleisen, und
versuchte zu schlafen, aber es war lange umsonst.
    Gegen Morgen erwachte ich, und Gott! wie erschrak ich, als ich zwischen
meinen Knien ein halb nacktes Mädchen sitzen sah, das eingeschlafen war. Meine
Hände, die ich in meinem Schoss liegen hatte, waren mit ihren langen Haaren
zusammengebunden.
    Ich wickelte mich los, stand auf, ohne sie zu wecken, und betrachtete sie
näher, es war Violette, - ich warf meinen Mantel über sie, sie sass auf dem
Felleisen, und lehnte den Kopf an das Kissen des Armstuhls. -
    Ich trat ans Fenster und sah wieder in dieselbe Gegend, nichts hatte sich
verändert, und wie sah es in meiner Seele aus. Wie der Morgen heraufstieg, und
es heller wurde, sah ich wieder nach Violetten, aber sie öffnete ihre grossen
Augen, schrie laut, und ich fasste sie in meine Arme, sie war ohnmächtig; ich
setzte mich in den Armstuhl, und hielt sie so von Herzen umarmt, heisse Tränen
flossen über meine Wangen, die ganze Vorzeit erwachte um mich, und schlug mich
mit schmerzlichen Schlägen.
    Auch Violette erwachte wieder, und sagte laut weinend: »Ach, warum verliessen
Sie mich damals; hatte ich nicht gesagt, ich würde zu Grunde gehen?« -
    »Ist es denn so, Violette!« -
    »Ach, es ist so, es ist nun alles vorüber.« -
    Die Mutter hatte sich mitten in der Glut des Krieges das freie Zelt ihrer
Lust aufgeschlagen, auch Violetten hatte sie der wilden Liebe hingegeben; die
Mutter war gestorben, Violette war allein zurückgeblieben, Flametten hatte ein
nahewohnender Förster zu sich genommen. Das Schloss und die Güter waren durch
Krieg und die Erpressungen der Gräfin selbst zu Grunde gegangen. Violette hatte
keine Heimat mehr; der letzte Mann, den sie wirklich liebte, - denn er hatte sie
zu sich genommen und wenigstens aus Mangel und Not gerettet, - war ein
französischer General, der am Abende vor der Schlacht meistens alle sein
Vermögen zu verspielen pflegte, um ohne Testament und ohne Erben dem Tode
entgegenzugehen.
    Er setzte Violetten auf die letzte Karte und verlor sie an einen seiner
Waffenbrüder - »Wenn ich tot bleibe,« sagte er, »ist sie dein; und komme ich
davon, so gebe ich dir meine zwei Schimmel.« - Er blieb tot, - Violette floh und
verbarg sich bei dem Förster, der Flametten erzog. - Die Armee drang siegend
vorwärts, und unter den Elenden, die der Krieg hinter sich lässt, war auch sie. -
    Der Förster wollte sie nicht länger um sich haben, das Leben war schwer zu
erwerben, und die Bauern hassten alles, was der Gräfin angehörte, sie war
deswegen nachts in das Schloss zurückgegangen. -
    Es war ja kein Mensch, der sie hinderte, der wilde Krieg hatte ja alle Tore
gesprengt, und die Armut und das Elend konnten aus und eingehen. Sie war nach
der Stube gegangen, in der sie sonst mit Flametten gewohnt und dem Kinde das
Lied von der Weinsuppe vorgesungen hatte, ihr Bettchen stand noch da, aber es
war kein Boden mehr darin, auch waren keine Fenster mehr in der Stube und
keine Tür, der Wind zog traurig durch die leeren Fensterrahmen, und ging
wehklagend durch die wüsten Gänge des Hauses; sie setzte sich auf den Boden auf
ein Stück Holz nieder, und weinte, ihre Kleider waren zerrissen, und es war eine
kühle Nacht. - Ach es war das nämliche Holz noch, das sie mit banger Frömmigkeit
sonst unter ihr Kopfkissen gelegt hatte, um hart zu schlafen, und sich zu
kasteien.
    Sie dachte an Godwi, und erinnerte sich wieder an alle ihr Elend, und ihr
Verderben, seit er sie verlassen hatte. Ihr Schmerz hatte keine Grenzen mehr,
sie lief wie verrückt nach der Stube ihrer Mutter. - Hier schlief der nämliche
Mensch auf einem Stuhle, sie kannte ihn nicht, die Laterne stand in einem Winkel
und brannte dunkel, sie betrachtete ihn aufmerksam, und er war es, er - der sie
in alles Elend gestürzt hatte; sie mochte ihn nicht wecken, setzte sich zu
seinen Füssen, und bedeckte seine Hände mit Tränen und Küssen, - es ergriff sie
eine schreckliche Zerrüttung, sie zerraufte sich die Haare, und rang die Hände;
dann liess sich ein guter Geist auf sie nieder, sie drückte Godwis Hände an ihr
zerrissenes Herz, und fesselte sie mit ihren langen schönen Haaren, dann sanken
ihre Blicke, und sie entschlummerte zu seinen Füssen.
    Violette sprach wenig, aber sie bat mich, sie umzubringen. »Liebe Violette,
ich kann dich nicht zweimal ermorden,« sagte ich, »gehe mit mir nach Hause, und
wohne bei mir, ich will den Förster und Flametten auch mitnehmen.«
    Sie begleitete mich zu dem Förster, ich bot ihm meine Dienste an, er zog
gerne mit mir in ein friedliches Land, und wir wohnten mehrere Monate ruhig
miteinander. Flametta war so geworden, wie meine Leser sie schon kennen;
Violette aber ward nicht wieder froh, aber sie war wie ein Engel; alles
Vortreffliche, was sie in wilden Flammen der Leidenschaft geopfert hatte, gab
der Himmel ihr in mildem strahlenden Glanze wieder. Sie ging nicht von meiner
Seite, und als der Frühling wiederkam, reichte ich ihr meine Hand, und fragte
sie, ob sie ewig mein sein wolle. -
    Kein Priester verband uns, aber auch das Leben nicht, die Liebe war es
allein -
    und da es Morgen wurde, fand ich sie nicht an meiner Seite, ich suchte sie
im ganzen Hause. -
    Im Garten sass sie zwischen den Blumen und sang:
Ihr hübsch Lavendel Rosmarin,
Ihr vielfarbige Röselin,
Ihr stolze Schwertlilgen,
Ihr krause Basilgen,
Ihr zarten Violen,
Und dich Violette,
Euch wird man bald holen,
Hüte dich, schöns Blümelein! -
Ich glaubte, sie scherze, und sang: »Es ist ein Sämann, der heisst Liebe.« -
    Aber sie kannte mich nicht mehr. - Bald starb sie, - wo sie jenen Morgen
sass, steht jetzt ihr Grabmal. -
Maria ist heute morgen gestorben; er wollte einige Minuten vor seinem Tode, da
er sich sehr heiter fühlte, noch auf der Laute spielen, aber seine Krankheit,
die, wie ich erzählt habe, eine Zungenentzündung war, war in eine Herzentzündung
übergegangen, der Schmerz ergriff ihn plötzlich sehr heftig, er liess die Laute
fallen, und sie zerbrach an der Erde. -
    Er starb in meinen Armen, wir haben viel an ihm verloren. In der letzten
Zeit las er meistens in Tiecks Schriften.
In der zerbrochenen Laute, deren sich einstens Kordelia bedient hatte, wie ich
oben angeführt hatte, stand der Name: Annonciata Wellner - Kordelia und
Annonciata sind also dieselben, - nun durfte ich die Stube eröffnen, denn ihr
Name war entdeckt; ich fand viele Papiere von ihrer eignen Hand, und besonders
viele Gedichte an die Natur.
    Ich hoffe in einer weniger traurigen Zeit alles dieses bekannt zu machen,
und eröffne nur folgendes:
    Als Annonciata aus dem Schloss verschwunden war, hatte sie der Geliebte
Wallpurgis' entführt, sie liebte ihn grenzenlos, - aber er verliess sie, nachdem
sie ihm das höchste Opfer gebracht hatte, das ein Weib bringen kann. - Meine
Leser glauben zu wissen, was dieses Opfer sei; aber ich schwöre ihnen auf meine
Ehre, sie irren sich, das höchste Opfer ist nicht das heilige Liebeswerk - ich
kenne es allein, und wenn ich aufgehört habe, zu staunen und zu verehren, will
ich dieses höchste Opfer des Weibes bekannt machen.
 
       Einige Nachrichten von den Lebensumständen des verstorbenen Maria
                     Mitgeteilt von einem Zurückgebliebenen
Der Leser, der in den vorhergehenden Blättern bald mehr bald weniger gerührt und
angesprochen wurde, wird nicht ohne Interesse diesen Erinnerungen an den
verstorbenen Verfasser begegnen. Sein ganzes Leben war so geheimnisvoll, dass
ich, statt einer vollständigen Entwicklung seines Gemüts und seiner Jugend, nur
mitteilen kann, wie ich ihn kennen gelernt, wie er mir und unsern Freunden
erschienen ist und wie wir noch jetzt um ihn weinen. Der Kummer findet in jeder
Klage Trost - und an verlorne Hoffnungen denken wir leichter, wenn wir auch
andere dafür interessiert wissen.
    Seine äussere Erscheinung bizarr oder angenehm, aber immer anziehend - seine
Unterhaltung schnell, sehr lebhaft, immer witzig - vielen fremd, einigen sehr
lieb - in seinem ganzen Dasein ein gewaltsames Ringen seines Gemüts und der
äussern Welt - so sah ich Maria zuerst in J. und fühlte mich schnell zu ihm
hingezogen. Keiner, der in J. war, nennt diesen Abschnitt seines Lebens ohne
Dankbarkeit und angenehme Erinnerung! Elise! - Dieser Sommer, in dem ich Maria
kennen lernte, und das Jahr, das wir miteinander verlebten, sind mir
unvergesslich. Wie es überhaupt Ton in J. war, mit allen bekannt, mit wenigen
vertraut zu sein, denn eine anständige Freiheit schuf eine glückliche
Geselligkeit, in der jeder leicht den fand, den er suchte - so fanden auch wir,
Maria und ich, uns bald in einem fröhlichen Kreise gleichgesinnter Freunde. Ihr
guten Jünglinge, du vor allen treuer Wr., wo ihr auch seid, entfernt, zerstreut
- Maria hat euch nie vergessen - ihr begegnetet den letzten Blicken, die er
zurückwarf - neben seinem Schatten reicht mir die Hand, nicht wahr? wir lieben
uns noch und vergessen ihn nicht? -
    Darf ich nennen, was uns alle verband? Ein Dichter hatte uns alle geweckt;
der Geist seiner Werke war der Mittelpunkt geworden, in dem wir uns selbst und
einander wiederfanden; mannigfach voneinander unterschieden waren wir, wie unsre
Zeitgenossen, ohne Religion und Vaterland; wer die Liebe kannte, fühlte sie
zerstörend - ohne diese Dichtungen wäre der lebendige Keim des bessern Daseins
in uns zerstört, wie in so vielen. Im Genusse dieser Werke wurden wir Freunde,
in Erkenntnis seiner Vortrefflichkeit gebildet, mit dem Leben einig, zu allen
Unternehmungen mutig, zu einzelnen Versuchen geschickt. Deutschland hätte unser
Studium Goetens kennen gelernt, wenn mehrere von uns Marias poetisches Talent
gehabt. Sein Gemüt war früher von einem andern Dichter berührt und seine dunkle
verstimmte Jugend konnte sich lange dem heitern Genius nicht vertrauen; aber
bald verdankte er ihm, dass sein Schmerz Klage, sein Unglück Kraft, seine Trauer
um Liebe Streben nach Kunst wurde.
    Alle Erinnerungen seiner Kindheit verloren sich in den Schmerz, keine Eltern
zu haben, alle Hoffnungen seiner Jugend brach die Verzweiflung der Liebe. Wie
sein Leben bedeckte auch diese Leidenschaft ein Schleier. Dass er ein edles Weib,
getrennt durch Verhältnisse, unglücklich liebe, war keinem von uns verborgen,
denn es war der Inhalt seines ganzen Daseins. Das Geheimnis selbst schläft in
deiner Brust, Clemens Brentano! Du hattest Marias ganzes Vertrauen, und weil du
weisst, was er litt, darum hast du am tiefsten gefühlt, wie wert ihm die Ruhe!
    Er gestand uns gern, wie er sich erheitre in unserm Umgange; er fing an,
sich und seinen Talenten zu vertrauen - mehrere Aufsätze, die noch nicht
gedruckt wurden, sind in dieser Zeit geschrieben - sein Godwi entworfen, hin und
wieder ausgeführt.
    In keinem glücklichern Momente hätte er das angenehmste Verhältnis finden
können, das er jemals hatte - deine Bekanntschaft, T., und den Umgang mit dir,
Fr. S., und deiner edlen Freundin. Freundlicher T., führt dir ein Zufall diese
Blätter in die Hände, siehst du sie lächelnd durch, wie du pflegst, darf ich
dich anreden, darf ich dir sagen, wie wir alle dich liebten, wie du uns im Leben
begegnetest wie in der Dichtung, einfach, gütig, der Gotteit und der Vorzeit
empfänglich, reich an treffendem Witz, reicher an Gefühl, Dichter und Künstler,
wie es wenige sind? Von uns allen hatten deine Werke Maria am meisten gerührt,
er pries sich glücklich, je mehr er dich sah, er ward fleissig, von dir zu
lernen, noch auf seinem Krankenlager erquickten ihn deine Erfindungen.
    T.'s Umgang war ihm ermunternd - S.'s Nähe bildender. Wenige haben sich dir,
gute fromme Seele, mit diesem Vertrauen genähert - deinen Verstand, deinen
Blick, deine tiefe gefühlte Würde, F.S., achtete Maria, - deinen verhüllten
Entusiasmus erkannte er. Sein Schicksal war ein ewiger Irrtum - so hat er euch
verloren.
    Dass ich unter seinen Freunden noch die auszeichne, die am meisten auf ihn
gewirkt haben. Die Wissenschaft mag R.'s Genie, den erfindsamen Fleiss, den
tiefen Geist und die heilige Ahndung seiner Untersuchungen dankbar bewundern -
Maria liebte die Heiterkeit, mit der er ein grosses Leben begann und den kühnen
Witz seiner Unterhaltung. Von einer andern Seite berührte ihn die seltene
Erhabenheit in Kl.'s Gemüte. Trefflicher Spiegel deines Zeitalters! Dich weckte
schon in früher Jugend der Genius, mit verstecken Erfindungen dem Irrtume zu
begegnen - was du geschrieben, ist eine stille Persiflage der herrschenden
Schwäche - mit kluger Mässigung verhüllst du dein Vorhaben und deine Originalität
- viele sind dir begegnet, ohne dich zu erkennen - unbesonnene Kritiker tadeln
deine Werke, die sie dem Äussern nach beurteilen - die Nachwelt wird dir danken!
    Entzündet von der Nähe jener grossen Männer, erheitert durch den Umgang
dieser und der andern Freunde, ward er gesunder, heitrer wie je vorher. In
wenigen fröhlichen Stunden schrieb er das mutwillige Spiel: Gustav Wasa. Wer es
beurteilen wollte, müsste den Witz und die Laune kennen, mit der es geschrieben
wurde, und die Erbitterung, mit der er den verderbten nichtswürdigen Geschmack
um so mehr hasste, je mehr ihn der Geist der Poesie durchdrang.
    Im Sommer 1800 verliess Maria J. und ging nach D. Hier fand er, unvermutet,
wie ich glaube - die Frau, die er liebte, wieder. Sie kam von einer Reise aus
Italien zurück - er sah sie, um sie nie wieder zu sehen - ihm ward sein Unglück
gewiss, uns sein Tod wahrscheinlich. Wie gern vertraut' ich dem teilnehmenden
Leser alle Briefe, die er mir in dieser merkwürdigen Zeit geschrieben - was ich
geben darf, sind nur einige Stellen:
    »Mir ist wohl, recht wohl. Es wird dich freuen, dass ich das sage, aber es
freut mich noch mehr, dass ich es sagen kann. Ich hatte den Frühling nie gesehen,
darum hat er mich so überrascht auf dem Wege hierher. Von meinen Beschäftigungen
kann dir K. erzählen. Auch an Godwi habe ich viel geschrieben.«
    »Hier ist mir alles lieb, nur nicht einige junge Philosophen, die die Kunst
üben, ohne alle Kunst von der Kunst zu reden. Ach, ich wollte gern die
Philosophie achten, aber solange solche Leute ihre Nichtswürdigkeit in den
philosophischen Mantel verhüllen können -«
    »Von meinem Studium der Antiken und der andern Kunstwerke habe ich auch an
K. geschrieben. Ich trete nie ungerührt, immer mit der gespanntesten
Aufmerksamkeit in diese Gesellschaft der Götter, aber nicht lange, so widerstehe
ich mir vergeblich; der Ernst meiner Betrachtungen wird tiefe Wehmut, und wenn
ich hinaufsehe zu der schönen Griechin und der rührenden Trauer in ihren stillen
Mienen, dann ergreift mich das Gefühl von Vernichtung, mit dem mich die Musik zu
erfüllen pflegt, und ich muss hinaus und habe alles vergessen, nur meinen ewigen
Schmerz nicht. -«
    »- Grosser Gott, wie mich das gefasst, zerstört hat! Sie ist wieder in
Deutschland, sie ist hier. Ich werde sie vielleicht heute noch sehen. Denke dir:
ruhig sitz' ich zu Tische, da erzählt ein Fremder, wie unterhaltend es heut in
der Gallerie war; eine grosse schöne Frau ging, die Gemälde zu betrachten, und
wie sie ging, sahen alle Maler von ihrer Arbeit und ihr nach. Alle, so schien
es, vergassen ihre Ideale über den Anblick - Und wer war die Zauberin? - Ach, da
nennt er sie, und von dem Augenblicke weiss ich nicht, wo ich bin und wie mir
geschieht. Diese Menschen vergessen über ihre Erscheinung ihre Ideale, und ich,
der die ganze Gotteit dieses Weibes kennt und fühlt - ich soll sie vergessen,
über dem, was ihr Ideal der Kunst nennt! -«
    »Ich habe dir lange nicht geschrieben, ich werde dir auch wohl nicht viel
mehr schreiben. Ich fühle mich sehr schwach. In dieser romantischen Gegend bin
ich sehr gern, diese Verwirrung zerbrochner Felsstücke, einsame Wasserfälle,
überall Trümmern und Zerstörung, tut mir sehr wohl. Doch werde ich diese Täler
bald verlassen und wieder nach D. gehen. Ich muss in die Welt, in diesen Einöden
bin ich nicht einsam genug, und einsam muss ich doch sein, wenn ich ihr mein Wort
halten und leben und dichten will - darum will ich zurück zu den Menschen.«
    Gegen den Herbst verliess er D. und ging an den Rhein. Von hier schrieb er
selten; aber seine ganze Stimmung drückt sich in folgenden Worten eines Briefes
ganz aus, die ich nie vergessen werde: »Vorige Nacht sass ich oben bei dem
Schloss der Gisella und sah unter mir den Rhein und in den dunkeln Fluten den
Mond und die Gestirne abgespiegelt und von den schäumenden Wellen gegen die
Felsen geworfen, als würden sie zertrümmert. Sieh, so steht die Tugend und die
Schönheit ewig unverrückt und nur ihr Abglanz wird von unserm dunkeln tosenden
Leben bewegt« -
    Dann lebte er auf einem Landhause v.S. Die romantische Gegend und die
einsamen Verhältnisse dieses Aufentalts hat mein Freund im zweiten Teile des
Godwi selbst beschrieben. Den guten Geist dieser Wohnungen, der auch Maria
tröstete, in dessen Armen er gern starb, an dessen Brust er wieder zu erwachen
wünscht, dich, mein S., hat er nicht beschrieben. Und wer könnte die ruhige
Würde deiner Erscheinungen, die stille Güte deiner Mienen und die liebende
Konsequenz deines Lebens mit Worten andeuten? Ich mag dich nicht erinnern, was
du für Maria gewesen bist, aber ich bitte dich, wenn die gestorben sind, für die
ich lebe, lass mich auch in deinen Armen einschlafen.
    Von seiner Krankheit hab ich nichts zu sagen. Seine Liebe war sein Leben,
seine Krankheit und sein Tod. Bis in dem letzten Augenblick war er tätig - wir
mussten seiner Begierde zu lesen und zu schreiben auf den Befehl des Arztes
nachgeben. Er würde nicht sterben, behauptete dieser, wenn er immer
fortschriebe. Die letzten hellen Tage und Stunden verdankt er dir A., deine
Ironie, dein reines Gefühl und dein jugendliches poetisches Dasein heiterten den
Kranken ach, wie sehr! auf. »Nun sterbe ich ruhig,« sagte Maria einst lächelnd,
»ich habe den Humor gesehen.« Die Freude, die dir in Tiecks Dichtungen geworden,
mag dir belohnen, was du an ihm getan. Bleibe um Gotteswillen so lustig, wenn du
ein grosser Physiker wirst.
    Von den Anlagen, die mit ihm verloren gegangen sind, hat der Freund nicht zu
reden. Nur das darf ich bemerken, dass die schönsten lebendigsten Stellen dieses
zweiten Teils wenige Tage vor seinem Ende geschrieben wurden. Der Sinn seiner
Dichtungen spricht sich deutlich genug aus - dass in unserm Zeitalter die Liebe
gefangen ist, die Bedingungen des Lebens höher geachtet sind wie das Leben
selbst, und die Nichtswürdigkeit über die Begeisterung siegen kann, hatte er mit
seiner Jugend und seinem Leben bezahlt. Er wandte seine letzten Kräfte auf,
andern dies Opfer zu ersparen. Streit mit der Liebe war sein Schicksal, Streit
für die Liebe sein Beruf.
    Nahe an S.'s Gute lagen hoch und mit einer reizenden Aussicht die Trümmern
einer Burg - zwischen den Ruinen wohnte in einem kleinen Häuschen ein Kastellan,
bei dem wir in frühern Zeiten oft sehr vergnügt lebten. Es war ein eigener
Aufentalt zwischen den alten Türmen und Mauern: aus einem Teile der alten
Burgkapelle war die Kirche des Dorfes geworden. Maria, der immer mehr seinen Tod
sah und wünschte, bat uns, ihn zu dem alten Kastellan zu bringen. Hier lebte er
einige Wochen oben, fleissig, heiter und freier, je näher sein Tod kam. S. und A.
waren beständig um ihn; die kleine Sophie, des Kastellan Tochter, war seine
Wärterin.
    Von seinem Tode lasst mich schweigen. Ich habe ihn nicht sterben gesehen. S.
las ihm Tiecks Herkules am Scheidewege vor.
»Und da kömmt noch die Ewigkeit,
Da hat man erst recht viele Zeit.«
Maria lachte noch einmal, er drückte S.'s Hand stärker und S. hat ihm nicht
weiter vorgelesen.
    Man hatte mich auf das Schloss gerufen. Als ich hinaufkam, sass S. an dem
alten Turme und sah still in den Abend. Seine Hand wies mich in die kleine
Kirche. Lächelnd lag der bleiche Freund in dem besten Ruhebette. Die kleine
Sophie legte ihm Rosen in die Hände. Als ich heftig an ihm niedersank, ihn zu
umarmen, bat mich das Kind leise: »Wecken Sie ihn nicht! Er hat lange nicht so
gut geschlafen, und wie wird er sich freuen, wenn er aufwacht und die Rosen
sieht!« -
    Wir teilen dem Leser noch die bei dieser traurigen Gelegenheit erschienenen
traurigen Gedichte traurig mit.
                                       I
                                  An S .... y
Erhebe dich von dem verschlossnen Munde,
Komm von dem Lager, wo Maria ruht:
Er schläft so heiter, ruhig, still und gut,
So lächelnd sah er der Befreiung Stunde;
Noch streitend fühlt er schon, dass er gesunde,
Frei wird in seiner Brust der höhre Mut,
In Ahndung löst sich die verschwiegne Glut,
Geheilt ist bald des Lebens tiefe Wunde.
Maria schläft: verschlossen ist sein Mund,
Er ist die Antwort schuldig mir geblieben,
Ach, wirst denn du sie meiner Liebe geben?
Ist es denn wahr? kann denn der Mensch nicht lieben?
Ist keine Wahrheit in dem dunklen Leben?
Wird jeder Schmerz im Tode nur gesund?
 
                                       II
                                   Nachgefühl
                                    von N.M.
Wenn die Blumen wieder blühen,
Regt es sich im stillen Herzen,
Wenn die Rosen wieder glühen,
Fühl' ich tiefer Ahndung Schmerzen.
Tränen rinnen von den Wangen,
Meine Blicke muss ich senken,
Stiller Sehnsucht zart Verlangen,
Fasst des Freundes Angedenken.
Ach und niemand kann mir sagen,
Wo der teure Freund geblieben,
Trauer hätt ich gern getragen,
Gern ein Lied auf ihn geschrieben!
 
                                      III
                                 Als Stammblatt
Bitter tadelst du den Schöpfer,
Dass er deinen Freund zerstöret,
Und dass er ihn nur deswegen
In des Lebens Mitte führte,
Um dann auf dem letzten Blatte
Der Verwesung ihn zu weihen.
Nicht den Schöpfer, nein das Leben,
Trifft, o Freund, dein bittrer Tadel!
Ach, das Leben ist so kurz,
Ach, so kurz und doch so lang!
Ist es denn auch nicht das längste,
Lass es uns zum dicksten machen!
Sein Gebein stürz in den Abgrund,
Lebt er doch im Grunde ewig.
Sein Geist, der ewig schaffende,
Lebt tönend fort in dir und mir,
Von einer Messe zu der andern
Ertönet sein belebend Werde,
Das ist das Los des Schönen auf der Erde.
 
                                       IV
Der duftgen Wolken Schleier
Verhüllt der Landschaft Moor,
Um fallendes Gemäuer
Klagt der Sylphiden Chor.
Was hemmt in goldnen Lüften
Der hehren Ahndung Flug,
Was bringt aus dunkeln Grüften,
Der stillen Gnomen Zug?
Es ist des Jünglings Leiche,
Sie tragen ihn empor,
Der sich im Geisterreiche
An Lauras Hand verlor.
Erglänzt von Lunas Blicken
Ruht dunkel die Gestalt,
Und durch die Dämmrung zücken
Erinnrungsblitze kalt.
 
                                       V
Genius, senke die Fackel, hier ruht der erbleichete Jüngling,
Ach, der heftige Schmerz schliesst uns den klagenden Mund!
Zwischen der Form und der Sache da irren die menschlichen Triebe,
Und ein ewiger Streit trennet das Ich und das Nichts,
Trennet die Pflicht und die Liebe, trennt das Gesetz und die Freiheit,
Bindet zu Formen den Ton, trennt dann den Ton und die Form.
 
                                       VI
Grausam eröffnet schon der alte Tod
Das tiefe Grab, nimmt edle schöne Knochen
Heraus, um unserm Freunde Platz zu machen.
Maria duldet still die Arzeneien,
Wie grausam ist des Edlen Schicksal!
Der nichts, der ach! nichts nachzutrinken hat!
So duldet er sein Schicksal, bis
Der Atem (wehe, wehe dem Verräter!)
Heimtückisch, wie ein Seufzer, ihn verlässt;
Nun liegt er da, die edle schöne Seele,
Wir beben alle, wir verstummen!
Da erscheinest du, der Leichen Muse,
Entwindest dich des Totengräbers Armen,
Hüllst den Verstorbenen freundlich
In deinen dichten Schleier,
Und bringst den Schlummernden
Der dunkeln Erde in die Arme -
Da ruht der Jüngling, bis dem Mutterschosse
In neuen Formen die Geburt entsteigt,
Lebend in Blüten oder Liedern
Den Vater grüsst!
 
                                      VII
                                 Von A. W - nn
Du hattest schon, o Freund! den Weg gefunden,
Vertrauend bald der heilgen neuen Lehre!
Du hattest schon die heilge Drei verbunden,
Bis dir die Viere deutlich worden wäre,
Liess dich der Blick ins Centrum schon gesunden!
Ein tapfrer Krieger für der Gotteit Lehre,
Ein Phönix, wirst du dich der Liebe weihen,
Die junge Brust in ewger Lust erfreuen!
 
                                      VIII
                          (Mel. Der Vogelfänger usw.)
Maria liegt nun schlafend da,
Lustig, mein Mädchen, Hopsasa!
Der Tod ist Schlaf, der Schlaf ist Tod
Zwischen dem Morgen- und Abendrot.
Maria liegt nun schlafend da,
Lustig, mein Mädchen, Hopsasa!
Kann der Begriff die Liebe fassen,
Kann der Kaptain das Fluchen lassen.
Maria liegt nun schlafend da,
Lustig, mein Mädchen, Hopsasa!
Wär ich schon tot, ich kehrte mich um,
Ohne das Salz ist die Erde dumm!
Maria liegt nun schlafend da,
Lustig, mein Mädchen, Hopsasa!
Sieht doch der Kaiser den Sonnenbrand!
Kirschen, o Kirschen! lustiger Tand!
Maria liegt nun schlafend da,
Lustig, mein Mädchen, Hopsasa!
Ackerleute des lustigen Weins,
Liebe! du Tausend und immer Eins!
 
                                       IX
                                    Von K.R.
Heil dir, der du der Dichtung magern Rappen,
Gespornet frisch, wie Ritter Donquixote,
Entrissen kühniglich aus Glück und Note
Hast du dich aus dem Streit poetscher Knappen.
Wozu nach Abenteur und Reimen tappen?
Dich traf der Weltlauf mit gar harter Pfote,
Dann kam des Tods entschuldigender Bote
Und nahm dem Leben seine Schellenkappen.
Nun sind zu Ende alle die Geschichten,
Dich hat ein Gott der Littratur entzogen,
Du badest dich allein in blauen Wogen.
Wozu noch länger reimen, dichten, richten,
Du hast verlassen unsre Katakomben
Und freuest dich der Götter Hekatomben.
 
                              An Clemens Brentano
Dir so teuer wie mir war diese freundliche Jugend,
Die sich, in heiliger Glut sterbend, in Liebe gelöst!
Weinend wendest du dich - wir scheiden mit ewigen Tränen,
Dass diese Liebe verstummt, welche so zart uns vermählt!
Sieh noch einmal zurück auf die schöne heilige Ahndung,
Über der Schlummernden gieb mir zu dem Bunde die Hand.
Ist es uns nicht geworden, zu rächen die Wünsche der Jugend?
Blieb ein Vermächtnis nicht dir, was sie so glühend erstrebt,
Dir, dem die Götter die reiche Fülle der freundlichen Dichtung,
Dem sie die Sprache verliehn und ihre bildende Kraft?
Schon ergreifst du die Leier, zu rächen, zu retten die Liebe,
Und ein neues Geschlecht dankt dir den freien Genuss.
Wie du hinunter jetzt steigst in das Dunkel des irrenden Lebens,
In die Tiefe der Brust kehrst du begeistert zurück,
Dort die verlorne Jugend umringt von Schatten zu finden,
Kühn bezwingend den Tod führst du die Dichtung zurück.
Also zum Orkus hinab stieg einst der trazische Orpheus,
Suchte, die er geliebt, fand sie dem Tode vertraut,
Aber die göttliche Leier bezwang des Tartarus Mächte,
Seinem Gesange vermählt kehrt die Geliebte zurück.
Ja, schon lächelt das Licht, doch an der Schwelle des Lebens
Fasst ihn des Zweifels Gewalt, raubt ihm den schönen Besitz.
Unglückseliger Mann! sie war dem Vertrauen gegeben,
Was dir der Glaube gewährt, kann es der Zweifelnde sehn?
Doch was fürchtetest du, dir nahe tötend der Zweifel
Und dir misslänge dein Werk, kühn zu gestalten den Schmerz?
Dir bewahret die Liebe der Guten das schöne Vertrauen
Und der kindliche Sinn schützt dir das kindliche Glück.
Heilige Jugend erscheint in deinen fröhlichen Werken
Uns dann auf ewig erneut, dir dann auf ewig vermählt!
 
                                    Fussnoten
1 Soll doch wohl nicht eine Anzüglichkeit auf den französischen Schriftsteller
La Fontaine sein? Anmerk des irritierten Setzers.
2 Siehe den ersten Band, pag. [siehe hier], wo Molly von dieser Kordelia
schreibt.
3 Ich besitze durch die Güte des Herrn Godwi jetzt diese Papiere, die nichts
anders als das selbstgeschriebene Tagebuch dieses höchst interessanten Menschen
entalten. Er lebte in dem funfzehnten Jahrhunderte, und ich bin willens, sobald
ich Musse habe, dem Publikum dieses interessante Manuskript mitzuteilen.
                                                                           Maria
4 Ich konnte das schöne Tonspiel des Italiänischen von amare und amaro nicht
anders geben.
5 Der Vater des unsrigen.
6 Siehe erster Band.
7 Bei Bacharach steht dieser Felsen, Lore Lay genannt; alle vorbeifahrende
Schiffer rufen ihn an, und freuen sich des vielfachen Echos.
 
    