
        
                                   Jean Paul
                                     Titan
                                   Erster Band
                           Den vier schönen und edeln
                            SCHWESTERN auf dem Tron
                              Der Traum der Wahrheit
»Aphrodite, Aglaja, Euphrosyne und Talia sahen einst in das irdische Helldunkel
hernieder und, müde des ewig heitern, aber kalten Olympos, sehnten sie sich
herein unter die Wolken unserer Erde, wo die Seele mehr liebt, weil sie mehr
leidet, und wo sie trüber, aber wärmer ist. Sie hörten die heiligen Töne
heraufsteigen, mit welchen Polyhymnia unsichtbar die tiefe bange Erde
durchwandelt, um uns zu erquicken und zu erheben; und sie trauerten, dass ihr
Tron so weit abstehe von den Seufzern der Hülflosen.
    Da beschlossen sie, den Erdenschleier zu nehmen und sich einzukleiden in
unsere Gestalt. Sie gingen von dem Olympos herab; Amor und Amorinen und kleine
Genien flogen ihnen spielend nach, und unsere Nachtigallen flatterten ihnen aus
dem Mai entgegen.
    - Aber als sie die ersten Blumen der Erde berührten und nur Strahlen und
keine Schatten warfen: so hob die ernste Königin der Götter und Menschen, das
Schicksal, den ewigen Zepter auf und sagte: der Unsterbliche wird sterblich auf
der Erde, und jeder Geist wird ein Mensch ! -
    Da wurden sie Menschen und Schwestern und nannten sich Luise, Charlotte,
Terese, Friederike; die Genien und Amorinen verwandelten sich in ihre Kinder
und flogen ihnen in die Mutterarme, und die mütterlichen und schwesterlichen
Herzen schlugen voll neuer Liebe in einer grossen Umarmung. Und als die weisse
Fahne des blühenden Frühlings flatterte - und menschlichere Tronen vor ihnen
standen - und als sie, von der Liebe, der Harmonika des Lebens, selig-erweicht,
sich und die glücklichen Kinder anblickten und verstummten vor Lieb' und
Seligkeit: so schwebte unsichtbar Polyhymnia vorüber und erkannte sie und gab
ihnen Töne, womit das Herz Lieb' und Freude sagt und gibt....«
    - Und der Traum war geendigt und erfüllt; er hatte, wie immer, nach der
Wirklichkeit und dem Wachen sich gebildet. Darum sei er den vier schönen und
edlen Schwestern geweiht, und alles, was ihm im Titan ähnlich ist, sei es auch!
                                                          Jean Paul Fr. Richter.
 
                               Erste Jobelperiode
    Fahrt nach Isola bella - der erste Freudentag im Titan - der Pasquinos-
  Götzendiener - Lob der Reichsintegrität - das Moussieren der Jugend - süsses
  Blutvergiessen - die Erkennung eines Vaters - groteskes Testament - deutsche
   Vorliebe für Gedichte und Künste - der Vater des Todes - Geister-Akt - der
                   blutige Traum - die Schaukel der Phantasie
                                    1. Zykel
An einem schönen Frühlingsabend kam der junge spanische Graf von Cäsara mit
seinen Begleitern Schoppe und Dian nach Sesto, um den andern Morgen nach der
borromäischen Insel Isola bella im Lago maggiore überzufahren. Der
stolz-aufblühende Jüngling glühte von der Reise und von dem Gedanken an den
künftigen Morgen, wo er die Insel, diesen geschmückten Tron des Frühlings, und
auf ihr einen Menschen sehen sollte, der ihm zwanzig Jahre lang versprochen
worden. Diese zweifache Glut hob den malerischen Heros zur Gestalt eines
zürnenden Musengottes empor. In die welschen Augen zog seine Schönheit mit einem
grössern Triumphe ein als in die engen nördlichen, wovon er herkam; in Mailand
hatten viele gewünscht, er wäre von Marmor und stände mit ältern versteinerten
Göttern entweder im farnesischen Palast oder im klementinischen Museum oder in
der Villa Albani; ja hatte nicht der Bischof von Novara mit seinem Degen an der
Seite vor wenigen Stunden bei Schoppen, der zuletzt ritt, nachgefragt, wer es
sei? Und hatte nicht dieser mit einer närrischen Quadratur seines
Runzeln-Zirkels um die Lippen weitläufig versetzt (um dem geistlichen Herrn
Licht zu geben): »Mein Telemach ists, und ich mache den Mentor dabei - ich bin
die Rändelmaschine und der Prägstock, der ihn münzt - der Glättzahn und die
Plattmühle, die ihn bohnt - der Mann, der ihn regelt«?
    Die jugendlich warme Gestalt Cesaras wurde durch den Ernst eines nur in die
Zukunft vertieften Auges und eines männlichfestgeschlossenen Mundes und durch
die trotzige Entschlossenheit junger frischer Kräfte noch mehr veredelt; er
schien noch ein Brennspiegel im Mondlicht, oder ein dunkler Edelstein von zu
vieler Farbe zu sein, den die Welt, wie andere Juwelen, erst durch Hohlschleifen
lichtet und bessert. -
    In dieser Nähe zog ihn die Insel, wie eine Welt die andere, immer heftiger
an. Seine innere Unruhe stieg durch die äussere Ruhe. Noch dazu stellte Dian, ein
Grieche von Geburt und ein Künstler, welcher Isola bella und Isola madre öfters
umschifft und nachgezeichnet hatte, ihm diese Prachtkegel der Natur in feurigen
Gemälden näher vor die Seele; und Schoppe gedachte des wichtigen Menschen
öfters, den der Jüngling morgen zum ersten Male sehen sollte. Als man unten auf
der Gasse einen festschlafenden Greis vorübertrug, dem die untergehende Sonne
Feuer und Leben in das markige starkgegliederte Angesicht warf und der eine nach
italienischer Sitte aufgedeckt getragne - Leiche war: so fragt' er erschrocken
und schnell die Freunde: »Sieht mein Vater so aus?«
    Was ihn nämlich mit so heftigen Bewegungen der Insel zutreibt, ist
folgendes: Auf Isola bella hatt' er die drei ersten irdischen Jahre mit seiner
Schwester, die nach Spanien, und neben seiner Mutter, die unter die Erde ging,
mitten in den hohen Blumen der Natur liegend süss vertändelt und verträumt - die
Insel war für den Morgenschlummer des Lebens, für seine Kindheit, Raffaels
übermaltes Schlafgemach gewesen. Aber er hatte nichts davon im Kopfe und Herzen
behalten als in diesem ein schmerzlich süsses tiefes Aufwallen bei dem Namen, und
in jenem das Einhorn, das als Familienwappen der Borromäer auf der obersten
Terrasse der Insel steht.
    Nach dem Tode der Mutter versetzte ihn sein Vater aus der welschen
Blumenerde - einige blieb an den Pfahlwurzeln hängen - in den deutschen
Reichsforst, nämlich nach Blumenbühl - im Fürstentum Hohenfliess , das den
Deutschen so gut wie unbekannt ist -; hier liess er ihn im Hause eines biedern
Edelmannes so lange erziehen, oder deutlicher und allegorischer, er liess hier
die pädagogischen Kunstgärtner so lange mit Giesskannen, Inokuliermessern und
Gartenscheren um ihn laufen, bis sie an den hohen schlanken Palmbaum voll
Sagomark und Schirmstacheln mit ihren Kannen und Scheren nicht mehr langen
konnten.
    Jetzt soll er nach der Rückreise von der Insel aus dem Feldbeete des Landes
in den Loh- und Treibkübel der Stadt und auf das Gestelle des Hofgartens kommen,
mit einem Worte nach Pestitz, der Universität und Residenzstadt von Hohenfliess,
deren Anblick sogar bisher sein Vater ihm hart verboten hatte.
    Und morgen sieht er diesen Vater zum - erstenmal! - Er musste brennen vor
Verlangen, da sein ganzes Leben eine Anstalt zu dieser gemeinschaftlichen
Landung war, und seine Pflegeeltern und Lehrer eine chalkographische
Gesellschaft waren, die den Autor seines Lebensbuches so herrlich vor das
Titelblatt in Kupfer stach. Sein Vater, Gaspard de Cesara, Ritter des goldnen
Vlieses (ob spanischer oder österreichischer, wünscht' ich selber genauer zu
wissen), ein vom Schicksal dreischneidig und glänzend geschliffner Geist, hatte
in der Jugend wilde Kräfte, zu deren Spiel nur ein Schlachtfeld oder Königreich
geräumig gewesen wäre und die sich im vornehmen Leben so wenig bewegen konnten
als ein Seekraken im Hafen - er stillte sie durch Gastrollen in allen Ständen
und Lust- und Trauerspielen, durch das Treiben aller Wissenschaften und durch
eine ewige Reise - er wurde mit grossen und kleinen Menschen und Höfen vertraut
und oft verflochten, zog aber immer als ein Strom mit eignen Wellen durchs
Weltmeer. - Und jetzt, nachdem er die Land- und Seereise um das Leben, um dessen
Freuden und Kräfte und Systeme gemacht, fährt er (besonders da ihm der Affe der
Vergangenheit, die Gegenwart, immer nachläuft) in seinem Studieren und im
geographischen Reisen fort, aber stets für wissenschaftliche Zwecke, wie er denn
eben die europäischen Schlachtfelder bereiset. Übrigens ist er gar nicht
betrübt, noch weniger froh, sondern gesetzt; auch hasset und liebt, oder tadelt
und lobt er die Menschen so wenig wie sich, sondern schätzet jeden in seiner
Art, die Taube in ihrer und den Tiger in seiner. Was oft Rache scheint, ist bloss
das harte kriegerische Durchschreiten, womit ein Mann Lercheneier und Ähren
ertritt, der nie fliehen und fürchten kann, sondern nur anrücken und stehen. - -
    Ich denke, die Ecke ist breit genug, die ich hier aus der Whistonschen
Kometenkarte von diesem Schwanzsterne für die Menschen abgeschnitten.
Ausbedingen will ich, eh' ich weiterrede, mir dieses, dass ich Don Gaspard auch
zuweilen den Ritter heissen dürfe, ohne das goldne Vlies anzuhängen; - und dass
ich, zweitens, nicht von meiner Höflichkeit gegen die kurze Leser-Memorie
genötigt werde, seinem Sohne Cesara (unter diesem Namen soll der Alte nie
auftreten) den Taufnamen abzuzwicken, der doch Albano heisset. -
    Da jetzt Don Gaspard aus Italien nach Spanien ging: so hatt' er durch
Schoppe unsern Albano oder Cesara aus Blumenbühl hierher führen lassen; ohne dass
man weiss, warum so spät. Wollt' er in den vollen Frühling der jungen Zweige
schauen? - Wollt' er dem Jüngling einige Bauernregel im hundertjährigen Kalender
des Hoflebens aufschlagen? - Wollt' ers den alten Galliern oder den jetzigen
Kapbewohnern nachmachen, die ihre Söhne nur waffenfähig und erwachsen vor sich
liessen? - Wollt' er nichts weniger als das? - Nur so viel begreif' ich, dass ich
ein gut williger Narr wäre, wenn ich mir im Vorhofe des Werks die Last aufbürden
liesse, von einem so sonderbaren Manne mit einer um so viele Grade deklinierenden
Magnetnadel schon aus so wenigen Datis eine Wilkesche magnetische Neigungskarte
zu zeichnen und zu stechen; - er, aber nicht ich bin ja der Vater seines Sohns,
und er soll wissen, warum er ihn erst bärtig vorbeschieden.
    Als es 23 Uhr (die Stunde vor Sonnenuntergang) schlug und Albano die
langweiligen Schläge addieren wollte: war er so aufgeregt, dass er nicht imstande
war, die lange Tonleiter zu ersteigen; er musste hinaus ans Ufer des Lago, in
welchem die aufgetürmten Inseln wie Meergötter aufstehen und herrschen. Hier
stand der edle Jüngling, das beseelte Angesicht voll Abendrot, mit edeln
Bewegungen des Herzens und seufzte nach dem verhüllten Vater, der ihm bisher mit
Sonnenkraft, wie hinter einer Nebelbank, den Tag des Lebens warm und licht
gemacht. Dieses Sehnen war nicht kindliche Liebe - diese gehörte seinen
Pflegeeltern an, weil kindliche nur gegen ein Herz entsteht, woran wir lange
lagen, und das uns gleichsam mit den ersten Herzblättern gegen kalte Nächte und
heisse Tage beschirmte -; seine Liebe war höher oder seltener. Über seine Seele
war der Riesenschatten des väterlichen Bildes geworfen, der durch Gaspards Kälte
nichts verlor; Dian verglich sie mit der Ruhe auf dem erhabenen Angesichte der
Juno Ludovici; und der warme Sohn verglich sie mit einer andern schnellen Kälte,
die im Herzen oft neben zu grosser fremder Wärme einfällt, wie Brennspiegel
gerade in den heissern Tagen matter brennen. Ja er hoffte sogar, er vermöge
vielleicht dieses so quälend ans Eisfeld des Lebens angefrorne Vaterherz durch
seine Liebe abzulösen; der Jüngling begriff nicht, wie einem treuen warmen
Herzen zu widerstehen sei, wenigstens seinem.
    Dieser Heros, in der ländlichen Kartause und mehr unter der Vorwelt als
Mitwelt aufgewachsen, legte an alles antediluvianische Riesenellen; die
Unsichtbarkeit des Ritters machte einen Teil von dessen Grösse aus, und die
Mosisdecke verdoppelte den Glanz, indem sie ihn verhing. - Überhaupt zog unsern
Jüngling ein sonderbarer Hang zu übermässigen Menschen hin, wovor sich andere
entsetzen. Er las die Lobreden auf jeden grossen Menschen mit Wollust, als wären
sie auf ihn; und wenn das Volk ungewöhnliche Geister eben darum für schlimme
hält - wie es alle seltene Petrefakta für Teufelsglieder nimmt -, so wohnte
umgekehrt in ihm immer neben der Bewunderung die Liebe an, und seine Brust wurde
immer zugleich weit und warm. Freilich hält jeder Jüngling und jeder grosse
Mensch, der einen andern für gross ansieht, ihn eben darum für zu gross. - Aber in
jedem edeln so Herzen brennt ein ewiger Durst nach einem edlern, im schönen nach
einem schönern; es will sein Ideal ausser sich in körperlicher Gegenwart, mit
verklärtem oder angenommenem Leibe erblicken, um es leichter zu erstreben, weil
der hohe Mensch nur an einem hohen reift, wie man Diamanten nur an Diamanten
glänzend macht. - Will hingegen ein Literator, ein Kleinstädter, ein
Zeitungsträger oder Zeitungsschreiber einen grossen Kopf zu Gesicht bekommen und
ist er auf einen grossen Kopf ebenso ersessen wie auf eine Missgeburt mit drei
Köpfen - oder auf einen Papst mit ebensoviel Mützen - oder auf einen
ausgestopften Haifisch - oder auf eine Sprach- und Buttermaschine: so tut ers
nicht, weil ein warmes, seinen innern Menschen beseelendes Ideal von einem
grossen Manne, Papste, Haifische, Dreikopfe und Buttermodelle ihn drängt und
treibt, sondern weil er frühmorgens denkt: »Es soll mich doch wundern, wie der
Kauz aussieht«, und weil ers abends bei einem Glase Bier berichten will. -
    Albano blickte am Ufer mit steigender Unruhe über das glänzende Wasser nach
dem heiligen Wohnplatze der vergangnen Kindheit, der vergangnen Mutter, der
weggezognen Schwester hin - die Freudenlieder schwammen auf den fernen Barken
her und berauschten ihn - jede laufende Welle, die schäumende Brandung trieb
eine höhere in seinem Busen auf - die Riesenstatue des heiligen Borromäus1, die
über die Städte wegsah, verkörperte den Erhabnen (seinen Vater), der sich in
seinem Herzen aufrichtete, und die blühende Pyramide, die Insel, wurde der
väterliche Tron - die funkelnde Berg- und Gletscherkette wand sich fest um
seinen Geist und zog ihn empor zu hohen Wesen und hohen Gedanken. - -
    Die erste Reise, zumal wenn die Natur nichts als weissen Glanz und
Orangeblüten und Kastanienschatten auf die lange Strasse wirft, beschert dem
Jüngling das, was oft die letzte dem Mann entführt - ein träumendes Herz, Flügel
über die Eisspalten des Lebens und weit offne Arme für jede Menschenbrust.
    Er ging zurück und bat seine Freunde mit seinem siegenden Auge, noch diesen
Abend abzuschiffen, wiewohl Don Gaspard erst morgen auf die Insel kam. Was er
oft nach einer Woche tun wollte, nahm er sich auf den nächsten Tag vor, und
endlich tat ers - sogleich. Dian klopfte dem eiligen Boreas voll Liebe auf den
Kopf und sagte: »Ungeduldiges Wesen! Du hast hier die Flügel vom Götterboten,
und da unten auch!« (auf die Füsse zeigend) »Aber glühe dich nur ab! In der
schönen Nachmitternacht steigen wir ein, und wenn die Morgenröte am Himmel
leuchtet, landen wir an.« - Dian hatte nicht bloss eine artistische
Aufmerksamkeit für den wohlgestalteten Liebling, sondern auch eine zärtliche,
weil er in Blumenbühl, wo er als Landbaumeister zu tun hatte, oft sein bildender
Kinder- und Jugendfreund gewesen war, und weil er jetzt auf der Insel für einige
Zeit aus seinen Armen nach Rom entwich. Da der Landbaumeister dasselbe
Überströmen im Jüngling für keines hielt, das er im Greise schalt, eine
Überschwemmung für keine in Ägypten, obwohl für eine in Holland; und da er für
jedes Individuum, Alter und Volk eine andere gleichschwebende Temperatur annahm
und in der heiligen Menschennatur keine Saite zu zerschneiden, sondern nur zu
stimmen fand: so musste wohl Cesara am heitern duldenden Lehrer, auf dessen
beiden Gesetztafeln nur stand: Freude und Mass!, recht innig hängen, noch inniger
als an den - Tafeln selber.
    Die Bilder der Gegenwart und der nahen Zukunft und des Vaters hatten die
Brust des Grafen so sehr mit Grösse und Unsterblichkeit gefüllt, dass er gar nicht
begriff, wie jemand sich könne begraben lassen, ohne beide errungen zu haben,
und dass er den Wirt, sooft er etwas brachte, - zumal da er immer sang und wie
Neapolitaner und Russen in Molltönen - bedauerte, weil der Mann nie etwas wurde,
geschweige unsterblich. Das letztere ist Irrtum; denn hier bekommt er seine
Fortdauer, und ich nenne und belebe gern seinen Namen Pippo (der abbrevierte
Filippo). Als sie endlich gingen und bezahlten, und Pippo einen Kremnitzer
Dukaten küsste mit den Worten: »Gelobt sei die heilige Jungfrau mit dem Kinde auf
dem rechten Arm«: so erfreuete sich Albano, dass der Vater dem frommen
Töchterlein nachschlage, das den ganzen Abend ein Jesuskind wiegte und fütterte.
Freilich merkte Schoppe an: auf dem linken Arme trage sie das Kindlein leichter2
; aber der Irrtum des guten Jünglings ist ein Verdienst wie die Wahrheit.
    Unter dem Glanze des Vollmondes bestiegen sie die Barke und glitten über die
leuchtenden Wellen dahin. Schoppe schiffte einige Weine mit ein, »weniger«,
sagt' er, »weil auf der Insel nichts zu haben sei, als weil er, wenn das
Fahrzeug leck würde, dann nichts auszupumpen brauchte als die Flaschen3; dann
höb' es sich wieder«.
    Cesara sank schweigend immer tiefer in die dämmernden Schönheiten des Ufers
und der Nacht. Die Nachtigallen schlugen begeistert auf dem Triumphtore des
Frühlings. Sein Herz wuchs in der Brust wie eine Melone unter der Glocke, und er
hob sie immer höher über der schwellenden Frucht. Auf einmal bedacht' er, dass er
so den Tulpenbaum des prangenden Morgens und die Kränze der Insel nur wie eine
italienische Seidenblume Staubfaden für Staubfaden, Blatt für Blatt
zusammenlegen sehe; - da befiel ihn sein alter Durst nach einem einzigen
erschütternden Guss aus dem Füllhorn der Natur; er verschloss die Augen, um sie
nicht eher zu öffnen als oben auf der höchsten Terrasse der Insel vor der
Morgensonne. Schoppe dachte, er schlafe; aber der Grieche erriet lächelnd die
Schwelgerei dieser künstlichen Blindheit und band selber vor die grossen
unersättlichen Augen das breite schwarze Taftband, das als eine weibliche Binde
und Spitzenmaske sonderbar und lieblich gegen das blühende, aber männliche
Gesicht abstach.
    Nun neckten ihn beide freundlich mit mündlichen Nachtstücken von den
herrlichen Ufer-Ornamenten, zwischen denen sie zogen. »Wie stolz« (sagte Dian zu
Schoppen) »richtet sich dort das Schloss Lizanza und sein Berg, gleich einem
Herkules, mit zwölffachen Gürteln aus Weinlaub in die Höhe!« - »Den Grafen«
(sagte Schoppe leiser zu Dian) »bringt der Augen-Schmachtriemen um viel. Seht
Ihr nicht, Baumeister, poetisch zu reden, den Glimmer von Aronens Stadt? Wie
schön legt sie Lunens blanc d'Espagne auf und scheint sich im umgeworfnen
Pudermantel des Mondscheins für morgen aufzusetzen und zu putzen! - Doch ist das
wenig, sieht man dort den heiligen Borromäus, der den Mond als eine
frischgewaschene Nachtmütze aufhat, besser an: steht der Gigant nicht wie der
Mikromegas des deutschen Staatskörpers dort, ebenso hoch, ebenso starr und so
steif?« -
    Der Glückliche schwieg und gab statt der Antwort einen Handdruck der Liebe -
er träumte nur die Gegenwart und zeigte, er könne warten und entbehren. Wie ein
Kinderherz, dem die Vorhänge und die Nachmitternacht das nahe Weihnachtsgeschenk
verdecken, zog er auf dem Lustschiffe mit fester Binde dem nahen Himmelreiche
entgegen. Dian trug, soweit es das Doppellicht des Mondscheins und der
nachhelfenden Aurora zuliess, eine Zeichnung von dem verhüllten Träumer in sein
Studienbuch. - - Ich wollt', ich hätte sie da und säh' es, wie mein Liebling mit
dem unterbundenen Sehnerven auf ihr zugleich das gegen die innere Welt
gerichtete Auge des Traumes und das gegen die äussere Welt gespjetzte Ohr der
Aufmerksamkeit anstrengt. Wie schön ist so etwas, gemalt - wieviel schöner,
erlebt!
    Der Mantel der Nacht wurde dünner und kühler - die Morgenluft wehte lebendig
an die Brust - die Lerchen mengten sich unter die Nachtigallen und unter die
singenden Ruderleute - und er hörte hinter seiner lichtern Binde die frühen
Entdeckungen der Freunde, die in den offnen Städten der Ufer das Menschengewühl
aufleben und an den Wasserfällen der Berge bald Himmelsrot, bald Nebel wechseln
sahen. - Endlich hing die zerlegte Morgenröte als eine Fruchtschnur von
Hesperidenäpfeln um die fernen Kastaniengipfel; und jetzt stiegen sie auf Isola
bella aus.
    Der verhangne Träumer hörte, als sie mit ihm die zehen Terrassen des Gartens
hinaufgingen, neben sich den einatmenden Seufzer des Freudenschauders und alle
schnelle Gebete des Staunens; aber er behielt standhaft die Binde und stieg
blind von Terrasse zu Terrasse, von Orangendüften durchzogen, von höhern freiern
Winden erfrischt, von Lorbeerzweigen umflattert - und als sie endlich die
höchste Terrasse erstiegen hatten, unter der der See 60 Ellen tief seine grünen
Wellen schlägt, so sagte Schoppe: »Jetzt! jetzt!« - Aber Cesara sagte: »Nein!
Erst die Sonne!« Und der Morgenwind warf die Sonne leuchtend durchs dunkle
Gezweig empor, und sie flammte frei auf den Gipfeln - und Dian zerriss kräftig
die Binde und sagte: »Schau umher!« - »O Gott!« rief er selig erschrocken, als
alle Türen des neuen Himmels aufsprangen und der Olymp der Natur mit seinen
tausend ruhenden Göttern um ihn stand. Welch eine Welt! Die Alpen standen wie
verbrüderte Riesen der Vorwelt fern in der Vergangenheit verbunden beisammen und
hielten hoch der Sonne die glänzenden Schilde der Eisberge entgegen - die Riesen
trugen blaue Gürtel aus Wäldern - und zu ihren Füssen lagen Hügel und Weinberge -
und zwischen den Gewölben aus Reben spielten die Morgenwinde mit Kaskaden wie
mit wassertaftnen Bändern - und an den Bändern hing der überfüllte Wasserspiegel
des Sees von den Bergen nieder, und sie flatterten in den Spiegel, und ein
Laubwerk aus Kastanienwäldern fasste ihn ein Albano drehte sich langsam im Kreise
um und blickte in die Höhe, in die Tiefe, in die Sonne, in die Blüten; und auf
allen Höhen brannten Lärmfeuer der gewaltigen Natur und in allen Tiefen ihr
Widerschein - ein schöpferisches Erdbeben schlug wie ein Herz unter der Erde und
trieb Gebirge und Meere hervor. - - O als er dann neben der unendlichen Mutter
die kleinen wimmelnden Kinder sah, die unter der Welle und unter der Wolke
flogen - und als der Morgenwind ferne Schiffe zwischen die Alpen hineinjagte -
und als Isola madre gegenüber sieben Gärten auftürmte und ihn von seinem Gipfel
zu ihrem im waagrechten wiegenden Fluge hinüberlockte - und als sich Fasanen von
der Madre-Insel in die Wellen warfen: so stand er wie ein Sturmvogel mit
aufgeblättertem Gefieder auf dem blühenden Horst, seine Arme hob der Morgenwind
wie Flügel auf, und er sehnte sich, über die Terrasse sich den Fasanen
nachzustürzen und im Strome der Natur das Herz zu kühlen.
    Er nahm, ohne sich umzusehen, verschämt die Hände der Freunde und drückte
sie ihnen, damit er nicht sprechen müsse. Das stolze Weltall hatte seine grosse
Brust schmerzlich ausgedehnt und dann selig überfüllt; und da er jetzt die Augen
wie ein Adler weit und fest in die Sonne öffnete; und da die Erblindung und der
Glanz die Erde verdeckte und er einsam wurde; und die Erde zum Rauch und die
Sonne zu einer weissen sanften Welt, die nur am Rande blitzte: so tat sich sein
ganzer voller Geist wie eine Gewitterwolke auseinander und brannte und weinte,
und aus der reinen blassen Sonne sah ihn seine Mutter an, und im Feuer und Rauch
der Erde stand sein Vater und sein Leben eingehüllt.
    Still ging er die Terrassen herunter und fuhr oft über die nassen Augen, um
den feurigen Schatten wegzuwischen, der auf alle Gipfel und alle Stufen hüpfte.
-
    Hohe Natur! wenn wir dich sehen und lieben, so lieben wir unsere Menschen
wärmer, und wenn wir sie betrauern oder vergessen müssen, so bleibst du bei uns
und ruhest vor dem nassen Auge wie ein grünendes abendrotes Gebirge. Ach vor der
Seele, vor welcher der Morgentau der Ideale sich zum grauen kalten Landregen
entfärbet hat - und vor dem Herzen, dem auf den unterirdischen Gängen dieses
Lebens die Menschen nur noch wie dürre gekrümmte Mumien auf Stäben in Katakomben
begegnen - und vor dem Auge, das verarmt und verlassen ist und das kein Mensch
mehr erfreuen will - und vor dem stolzen Göttersohne, den sein Unglaube und
seine einsame, menschenleere Brust an einen ewigen unverrückten Schmerz
anschmieden - - vor allen diesen bleibst du, erquickende Natur, mit deinen
Blumen und Gebirgen und Katarakten treu und tröstend stehen, und der blutende
Göttersohn wirft stumm und kalt den Tropfen der Pein aus den Augen, damit sie
hell und weit auf deinen Vulkanen und auf deinen Frühlingen und auf deinen
Sonnen liegen! - -
 
                                    2. Zykel
Ich wüsste einem Menschen, den ich lieb habe, nichts Schöneres zu wünschen als
eine Mutter - eine Schwester - drei Jahre Beisammenleben auf Isola bella - und
dann im zwanzigsten eine Morgenstunde, wo er auf dem Eden-Eiland aussteigt und
alles dieses mit dem Auge und der Erinnerung auf einmal geniessend umfängt und in
die offne Seele drückt - - O du allzuglücklicher Albano auf dem Rosenparterre
der Kindheit - unter Italiens tiefblauem Himmel - in den schwelgerischen
Zitronenlauben voll Blüten - auf dem Schosse der schönen Natur, die dich wie eine
Mutter liebkoset und hält, und vor dem Angesichte der erhabnen, die wie ein
Vater in der Ferne steht - und mit einem Herzen, das heute den seinigen
erwartet! -
    Die drei Menschen durchirrten jetzt langsam und wankend das schwimmende
Paradies. Obgleich die beiden andern es öfters betreten hatten: so wurde doch
aus ihrem silbernen Zeitalter durch die Sympatie mit Albanos Taumel wieder ein
goldenes; der Anblick einer fremden Entzückung weckt den alten Eindruck der
unsrigen auf Wie Leute, die an Brandungen und Wasserfällen wohnen, lauter
sprechen: so gab das herrliche Brausen des aufgeregten Lebens-Meeres ihnen
allen, sogar Schoppen, eine stärkere Sprache; nur konnte dieser nie so
feierliche Worte, wenigstens Gebärden treffen wie ein anderer Mensch.
    Schoppe, der dem guten Italien den Abschiedskuss zuwerfen musste, wollte gern
noch die letzten nur zerstreuet um den Freudenbecher hängenden Tropfen
konservieren, die so süss wie italienische Weine waren, voll deutschem Feuerstoff
ohne deutschen Sauerstoff. Unter Sauerstoff meint' er Abschiednehmen und
Rührung: »Tut das Schicksal«, sagt' er, »irgendeinen Retraiteschuss, beim Himmel!
so wend' ich gelassen den Gaul um und reite pfeifend zurück. Der Henker müsste
darin (oder darauf) sitzen, wenn ein geschickter Bereiter nicht sein Trauerross
so zureiten wollte, dass es sich recht gut zu einem Handgaul des Freudenpferdes
anstellte; ich schule sowohl mein Sonnenross als mein Bagageross viel anders.«
    Vor allen Dingen nahmen sie jetzt die Otaheiti-Insel durch Märsche ein, und
jede Provinz derselben musste ihnen, wie eine persische dem Kaiser, ein anderes
Vergnügen entrichten. - »Die untern Terrassen« (sagte Schoppe)»müssen uns
Majoratsherren den Obst- und Sackzehent in Zitronen- und Orangendüften abliefern
- die oberste trägt die Reichssteuer in Aussichten ab - die Grotte drunten
zahlet, hoff' ich, Judenschutz in Wellen-Gemurmel und der Zypressenwald drüben
seine Prinzessinsteuer in Kühle - die Schiffe werden ihren Rhein- und Neckarzoll
nicht defraudieren, sondern ihn dadurch erlegen, dass sie sich von weitem
zeigen.«- -
    Es wird mir nicht schwer, zu merken, dass Schoppe durch diese scherzhaften
Vexierzüge die heftigen Bewegungen in Cesarens Kopf und Herzen brechen wollte;
denn noch immer ging der Glanz der Morgenentzückung, wiewohl der Jüngling über
kleinere Dinge unbefangen sprach, nicht von dessen Gesicht. In ihm zitterte jede
Erschütterung lange - und eine am Morgen den ganzen Tag - und zwar darum nach,
weswegen eine Sturmglocke länger nachsummt als eine Schafglocke; gleichwohl
konnte ein solcher Nachklang weder seine Aufmerksamkeit noch seine Werke und
Gespräche stören.
Mittags wollte der Ritter kommen. Bis dahin schwärmten und sumseten sie
stiller-geniessend mit Bienenflügeln und Bienenrüsseln durch die honigreiche
Flora der Insel; und sie hatten jene heitere Unbefangenheit der Kinder, der
Künstler und der südlichen Völker, die nur den Honigbehälter der Minute
ausnascht; und daher fanden sie an jeder anfallenden Welle, an jedem
Zitronenspalier, an jeder Statue unter Blüten, an jedem rückenden Widerschein,
an jedem fliehenden Schilfe mehr als eine Blume, die den gefüllten Kelch weiter
unter dem warmen Himmel aufmachte, anstatt dass es uns unter unserm kalten wie
den Bienen geht, vor denen Maifröste die Blumen verschliessen. - O die Insulaner
tun recht. Unser grösster und längster Irrtum ist, dass wir das Leben, d.h. seinen
Genuss, wie die Materialisten das Ich, in seiner Zusammensetzung suchen, als
könnte das Ganze oder das Verhältnis der Bestandteile uns etwas geben, das nicht
jeder einzelne Teil schon hätte. Besteht denn der Himmel unsers Daseins, wie der
blaue über uns, aus öder matter Luft, die in der Nähe und im Kleinen nur ein
durchsichtiges Nichts ist und die erst in der Ferne und im Grossen blauer Äter
wird? Das Jahrhundert wirft den Blumensamen deiner Freude nur aus der porösen
Säemaschine von Minuten; oder vielmehr an der seligen Ewigkeit selber ist keine
andere Handhabe als der Augenblick. Das Leben besteht nicht aus 70 Jahren,
sondern die 70 Jahre bestehen aus einem fortwehenden Leben, und man hat allemal
gelebt und genug gelebt, man sterbe, wenn man will.
 
                                    3. Zykel
Endlich als die drei Frohen sich in die Tafelstube eines Lorbeerwaldes vor ihre
Speis- und Trankopfer, die Schoppe zu Sesto ins Proviantschiff eingepackt hatte,
niedersetzen wollten: ging durch die Zweige ein feiner, elegant und einfärbig
gekleideter Fremder mit langsamen festen Schritten auf die liegende
Tischgesellschaft zu und wandte sich, ohne zu fragen, sofort an Cesara mit der
deutschen, langsam, leise und bestimmt prononcierten Anrede: »Ich habe dem Herrn
Grafen Cesara eine Entschuldigung zu bringen.« - »Von meinem Vater?« fragt' er
schnell. - »Um Verzeihung, von meinem Prinzen;« (versetzte der Fremde) »er
verhinderte Ihren Herrn Vater, der kränklich aufstand, in der Morgenkühle zu
reisen, aber gegen Abend wird er eintreffen. - Indes bring' ich« (setzte er mit
einem wohlwollenden Lächeln und mit einer leichten Verbeugung hinzu) »dem Herrn
Ritter ein Opfer, dass ich den Anfang des Glücks, künftig länger bei Ihnen zu
sein, Herr Graf, mit einer Nachricht Ihres Verlustes mache.« - - Schoppe, der
fein erriet, ohne fein zu sprechen, fuhr sofort heraus - weil er sich von keinem
Menschen imponieren liess -: »Sonach sind wir pädagogische Maskopisten und
Unioten. Willkommen, lieber Grau-Bündner!« - »Es freuet mich«, sagte kalt der
Fremde, der grau angezogen war.
    Aber erraten hatt' es Schoppe; der Fremde sollte künftig das
Oberhofmeistertum bei Cesara bekleiden, und Schoppe war Kollaborator. Mir kommt
es vernünftig vor; der elektrische funkelnde Schoppe konnte das Katzenfell, der
Fuchsschwanz, die Glasscheibe sein, die unsern aus Leiter und Nichtleiter
gebaueten Jüngling vollud, der Oberhofmeister konnte als Leiter der Funkenzieher
sein, der ihn mit feinen Franklinschen Spitzen auslud.
    Der Mann hiess von Augusti, war Lektor bei dem Prinzen und hatte viel in der
grossen Welt gelebt; er schien, wie dieser ganze Hof-Schlag, zehen Jahre älter zu
sein, denn er war wirklich erst 37 Jahre.
    Man hätt' es auszubaden unter dem umgekehrten Dintentopf rezensierender
Xantippen, wenn man die Rezensenten oder Xantippen in der Unwissenheit liesse,
wer der Prinz eigentlich war, dessen wir alle oben erwähnten. Es war der
Erbprinz von Hohenfliess, in dessen Dorfe Blumenbühl der Graf erzogen war und in
dessen Hauptstadt er nun ziehen sollte. Der hohenfliessische Infant jagte aus
Italien, worin er viele Notmünzen und Territorialmandate nachgelassen hatte,
stäubend und keuchend nach Deutschland zurück, um da auf sich Huldigungsmünzen
auszuprägen, weil sein regierender Vater die Treppe in das Erbbegräbnis
hinabging und nur noch einige Stufen zum Sarge hatte.
    Unter dem Essen sprach der Lektor Augusti mit wahrem Geschmack über die
liebliche Gegend, aber mit wenig Sturm und Drang, und zog sie einigen Tempestas4
im borromäischen Palaste bei weitem vor. Dann ging er - um des Ritters öfter zu
gedenken - zu den Personalien des Hofes über und gestand, dass der deutsche Herr,
Mr. de Bouverot, in besonderer Gnade stehe - denn bei Hofleuten und Heiligen tut
die Gnade alles - und dass der Prinz ungemein an Nerven leide u.s.w. Die
Hofleute, die sonst ihr Ich nach dem fremden zuschneiden, fassen doch für einen,
der nicht am Hofe lebt, ihre ministeriellen Blätter darüber so ausführlich und
ernstaft ab, dass ihr Zeitungsleser dabei entweder lacht oder einschläft; ein
Hofmann und das Buch »des erreurs et de la verité« nennen den Jesuitergeneral
Gott - die Jesuiten Menschen und die Nichtjesuiten Tiere. - Schoppe horchte mit
einem fatalen Kräusel- und Schnörkelwerke auf dem Gesichte zu; er hassete Höfe
bitter. Der Jüngling Albano dachte nicht viel besser; ja da er gern wagte,
lieber mit dem Arm des innern Menschen als mit den Fingern desselben arbeitete
und anpackte und vor den Schneepflug und die Egge- und Säemaschine des Lebens
gern Streit- und Donnerrosse vorspannte, anstatt eines Zugs tüchtiger Filial-
und Ackerpferde: so konnt' er Leute, die vorsichtig und bedächtig zu Werke
gingen und die lieber lackierte Arbeit und leichte Frauenzimmerarbeit machten
als Herkulesarbeiten, nicht sonderlich leiden. Gleichwohl musst' er für die auf
einer schönen Selbstständigkeit ruhende Bescheidenheit Augustis, der kein Wort
von sich selber sprach, so wie für seine Reisekenntnisse, Achtung tragen.
    Cesara - beiläufig, in diesem Zykel will ich ihn noch mit C, der spanischen
Ortographie zu Gefallen, schreiben; aber vom vierten an wird er, weil ich in
meiner keines gewohnt bin und mich im langen Buche nicht ewig verschreiben kann,
mit einem Z geschrieben - Cesara konnte den Lektor nicht genug über seinen Vater
abhören. Er erzählte ihm die letzte Handlung des Ritters in Rom, aber mit einer
irreligiösen Kälte, die im Jüngling eine andere wurde. Don Gaspard wettete
nämlich mit einem deutschen Nuntius Gemälde gegen Gemälde, dass er einen gewissen
Deutschen (Augusti wollt' ihn nicht nennen), dessen Leben nur ein längerer
moralischer Kotmonat in Epikurs Marstalle war, in zwei Tagen, ohne ihn zu sehen,
auf so lange bekehren wollte, als der Nuntius verlangen würde. Dieser wettete,
liess aber den Deutschen heimlich umstellen. Nach zwei Tagen sperrte sich der
Deutsche ein, wurde andächtig, bleich, still, bettlägerig und kam im Handeln
einem wahren Christen nahe. Der Nuntius sah dem Übel eine Woche lang zu, dann
verlangt' er schleunige Verwandlung oder den Circes- der die tierische Gestalt
wieder herstellte. Der Ritter berührte den Deutschen mit dem Stabe, und das
epikureische Schwein stand genesen da. Ich weiss nicht, was unerklärlicher ist,
das Wunderwerk oder die Härte. Aber der Lektor konnte nicht sagen, mit welchen
Menstruis Gaspard diese schnellen Auflösungen und Wolken und Präzipitationen
erzwang. - -
    Nun kam der Lektor, den schon lange die Vokation und das Kollaborat des
sonderbaren Schoppe frappiert hatte, auf verbindlichen Umwegen endlich auf die
Frage, wie ihn der Ritter kennen lernen. »Durch den Pasquino!« (versetzt' er)
»Er trat eben um die Ecke des Palazzo degli Ursini, als er einige Römer und
unsern Erbprinzen um einen Menschen stehen sah, der zu den Statuen des Pasquino
und Marforio folgendes Gebet auf den Knien - es waren meine - tat: Lieber Kastor
und Pollux, warum säkularisieret ihr euch nicht aus dem Kirchenstaat und
bereiset mein Deutschland als Bischöfe in partibus infidelium, oder als zwei
arbeitsame Vikarien? - Könntet ihr denn nicht als Gesandtschaftsprediger und
Referendarien in den Reichsstädten herumgehen, oder euch als Chevaliers
d'honneur und Wappenhalter auf beide Seiten eines Trons postieren? - Wollte
Gott, man könnte wenigstens dich, Pasquino, als Oberhofprediger und
Konduitenmeister in Hofkapellen vozieren oder doch darein als Taufengel zum
Namengeben an einem Strick herunterlassen! Sprecht, könnt ihr Zwillinge denn
nicht einmal als Landrequetenmeister in Landtagssälen auftreten und sprechen,
oder als magistri sententiarum in Universitätsgebäuden einander unter dem
Promovieren opponieren? - Pasquino, bist du durch keinen Della Porta5 nur so
weit herzustellen, dass du bei Kongressen und Verträgen des diplomatischen corps
wenigstens als Ofenaufsatz den Silhouetteur machen könntest, sondern taugt ihr
höchstens nur in Universitätsbiblioteken zu Brustbildern kritischer Redakteurs?
- - Ach, munteres Paar, möchte nur Chigi, der da neben mir steht, dich
modellieren zu einer tragbaren Taschenausgabe für Damen: ich steckte dich bei
und zöge dich erst in Deutschland aus der Tasche. - - Ich kanns aber auch hier
auf der Insel tun!« - Und hier bracht' er das spöttische Kunstwerk heraus; denn
der berühmte Architekt und Modellierer Chigi, der ihm zuhörte, hatt' es wirklich
nachgebacken.- Schoppe erzählte weiter, dass Don Gaspard alsdann ernstaft an ihn
trat und ihn spanisch fragte, wer er sei. »Ich bin«, versetzt' er, auch
spanisch, »wirklicher Titularbibliotekar des Grossmeisters zu Malta - und ein
Abkömmling des sogenannten grammatikalischen Hundes, des gezähnten Humanisten
Scioppius (deutsch Schoppe) - mein Taufname ist Pero, Piero, Piètro (Peter).
Aber hier nennen mich viele aus Versehen Sciupio oder Sciopio (Vergeudung).«
    Gaspard hatte ein parteiloses tiefreichendes Auge für jede, sogar die
fremdeste Brust und suchte am wenigsten sein Ebenbild. Er zog daher den
Bibliotekar in sein Haus. Da nun dieser nur vom Porträtmalen zu leben schien
und jetzt ohnehin nach Deutschland zurückwollte: so trug er, hoffend, diesem
reichen, vieläugigen, strengen Geiste Albanos Gesellschaft an, die bloss der
gegenwärtige Mitarbeiter Augusti mit ihm teilen sollte. Aber der Bibliotekar
verlangte vorher vier Dinge voraus, die Schilderung des Grafen, die Silhouette
desselben und - als beides gegeben war - noch das dritte und vierte so: »Soll
ich von den drei Ständen kalandert6 werden und mich glatt und poliert drücken
lassen von Glanzpressen? - Ich will nicht; überallhin, in den Himmel und in die
Hölle will ich Ihren Sohn begleiten, aber nicht in die Poch-, Wasch-, Röst-,
Schmelz- und Treibwerke vornehmer Häuser.« Das wurd' am leichtesten zugestanden;
dazu war ohnehin der zweite Reichsvikarius des väterlichen Oberhaupts, Augusti,
bestimmt. Aber über den vierten Punkt zerfielen sie fast. Schoppe, der lieber
vogelfrei als nicht-frei oder freigelassen sein wollte, und dessen ebenso
reichsunmittelbarer als fruchtbarer Boden keine Zäune litt, konnte sich nur zu
zufälligen unbestimmten Diensten bequemen und musste das Fixum eines Lohns
ablehnen: »Ich will ihm«, sagt' er, »Kasualpredigten halten, aber keine
Wochenpredigten; ja es kann sein, dass ich oft ein halbes Jahr gar nicht auf die
Kanzel steige.« Der Ritter fand es unter sich, Verbindlichkeiten schuldig zu
sein, und zog zurück; bis Schoppe den Diagonalweg ausmittelte, er gebe seine
Gesellschaft als don gratuit und erwarte daher, auch vom Ritter von Zeit zu Zeit
ein don gratuit von Belang. Übrigens war dem Ritter jetzt Schoppe gerade so lieb
wie der erste beste Hoftürke, der ihm auf den Wagenfusstritt geholfen; seine
Prüfung eines Menschen war eine kalte Totenbeschau, und nach dem Prüfen liebt'
er nicht stärker und hasst' er nicht stärker; für ihn waren im Spektakelstück des
polternden Lebens der Regisseur und die ersten und zweiten Liebhaberinnen und
die Lears und Iphigenien und Helden weder Freunde, noch die Kasperls und die
Tyrannen und Figuranten Feinde, sondern es waren verschiedene Akteurs in
verschiedenen Rollen. - - O Gaspard, stehest denn du in der Frontloge und nicht
auch auf dem Teater? Und siehest du nicht, wie Hamlet, im grossen Schauspiele
einem kleinern zu? Ja setzet nicht jede Bühne am Ende ein doppeltes Leben
voraus, ein kopierendes und ein kopiertes? -
    Entweder die wenigen paar Gläser Wein oder auch sein verdriesslicher Abstand
vom zierlichen gehaltenen Lektor setzten Schoppes Fegemühle mit allen Rädern in
Gang - so wenig dieser Humor auf der glänzenden Insel eine vorteilhafte Stelle
fand -; und als Augusti wünschte, Schoppe möchte froher als andere Maler nach
Deutschland gehen: so zog dieser ein Päckchen vergoldeter Heiligenbilder
deutscher Schutzpatrone heraus und sagte Karten-mischend: »Mancher würde hier
ein päpstliches Miserere aufs Pult legen und absingen, zumal wenn er mitten im
Frühling das Winterquartier, die deutsche Eis- und Nebelbank, beziehen muss wie
ich; - und ungern, das sag' ich frei, lass' ich den Arlechino und den Pulcinella
und den Scapin und die ganze Comedia dell' Arte dahinten. - Aber die heiligen
Herren, die ich hier tailliere, haben ihre Patronatsländer aufs Trockne
gebracht; und man passiert sie gern. Baumeister, Ihr lacht, aber Ihr wisset im
ganzen zu wenig von dem, was diese gemalten himmlischen Schirmvögte für deutsche
Kreise stündlich unternehmen. Baumeister, sucht mir überhaupt ein Land, worin so
viele Prügel, Programmen, Professoren, Allongeperücken, gelehrte Anzeigen,
Reichsanzeigen, Klein- und Vorstädter, Zeremonien, Krönungen und Heidelberger
Fässer, aber ohne innewohnende Diogenesse, aufzutreiben sind als im gedachten!
Oder suchen Sie es, mein Herr v. Augusti! - Weiset mir doch nur überhaupt ein
Territorium auf, dem ein ebenso langes Parlament, nämlich ein längster Reichstag
bescheret ist, gleichsam eine ausserordentlich heilsame pillula perpetua7, die
der Patient unaufhörlich einnimmt und die ihn unaufhörlich ausreinigt; und wem
fällt dabei nicht ebensogut wie mir die capitulatio perpetua und überhaupt das
Reichs-corpus als perpetuum immobile aus Gründen ein?« - (Hier trank Schoppe.)
»dabei ist der Reichskörper wie das erste Prinzip der Moral oder wie
Jungfernerde sehr unauflöslich; ja gesetzt, einer von uns nähme ein Kurschwert
und schnitte ihn damit wie einen Ohrwurm entzwei, so würde sich die gezähnte
Hälfte eben wie der gespaltene Ohrwurm umkehren und den Hinterrest rein
aufspeisen - und dann wäre ja der gesamte verknüpfte Ohrwurm wieder da und satt
dazu. Es ist keine schädliche Folge dieses festen Reichsnexus, dass das corpus
seine eignen Glieder wie der Bachkrebs seinen Magen verzehren und verdauen ohne
wahren Schaden, so dass einer das corpus wie einen homerischen Gott nur
verwunden, aber nicht ertöten kann: reibe, sag' ich oft, diesen
Federbuschpolypenstamm mit Rösel zu Brei - stülp ihn um wie einen Handschuh -
schneide den Polypen wie Lichtenberg geschickt mit einem Haare entzwei - stecke
wie Tremblei mehrere abgeschnittene Glieder ineinander und verleibe, wie andere
Naturforscher, Reichsstädte, Abteien, kleine Länder grössern ein oder umgekehrt-
- und schaue nach einigen Tagen darnach: wahrhaftig herrlich und ganz und
genesen sitzt dein Polype wieder dort, oder ich will nicht Schoppe heissen.«
    Der Graf hörte ihn schon länger und konnte also leichter und besser lächeln;
der Lektor musst' es erst lernen, da sogar der komische Akteur für seinen neuen
Zuhörer noch keiner ist. Aber unter allen diesen Zerstreuungen dauerte in
Albanos Seele ein verwirrter Tumult, gleichsam das Rauschen vom Wasserfalle der
kommenden Zeiten fort. Er blickte sehnend durch die wankenden Fugen der
Lorbeerzweige nach den glänzenden Hügeln draussen, da Dian in seiner Malersprache
sagte: »Ist es nicht, als wenn alle Götter mit tausend Fruchtörnern auf den
Bergen um den Lago maggiore ständen und Wein und Kaskaden niedergössen, damit
nur der See wie ein Freudenpokal üppig überlaufe und herunterschäume?« - Schoppe
versetzte: »Freuden von ausnehmendem Geschmack wie Ananas haben das Schlimme,
dass sie wie Ananas das Zahnfleisch bluten machen.« - »Ich glaube,« sagte
Augusti, »man muss über die Freuden des Lebens nicht viel reflektieren, so wie
über die Schönheiten eines guten Gedichts, man geniesst beide besser, ohne sie
zu zählen oder zu zergliedern.« - »Und ich«, sagte Cesara, »würde zählen und
zergliedern schon aus Stolz; was herauskäme, ertrüg' ich, und ich würde mich
schämen, unglücklich zu sein. Ist das Leben wie eine Olive eine bittere Frucht,
so greife nur beide scharf mit der Presse an, sie liefern das süsseste Öl.« -
Hier stand er auf, um bis abends in der Insel allein zu bleiben; er bat um
Nachsicht, machte aber keinen Vorwand. Seine hohe ehrgeizige Seele war unfähig,
sich zur kleinsten Lüge niederzubücken; nicht einmal gegen - Vieh. Er lockte in
Blumenbühl Flugtauben täglich durch Futter näher, und seine Pflegeschwester bat
ihn oft, eine zu ergreifen; aber er sagte immer Nein, weil er sogar ein
tierisches Vertrauen nicht belügen wollte.
    Als sie ihm nachsahen, da er langsam mit nachspringenden Schatten und mit
den an ihm herabschlüpfenden Sonnenblitzen durch die Lorbeerbäume ging und wie
in einem Traume die Zweige mit vorausgehaltenen Händen sanft auseinanderbog: so
brach Dian aus: »Welche Jupiters-Statue!« - »Und die Alten«, fiel Schoppe ein,
»glaubten noch dazu, dass jeder Gott in seiner Statue hause.« - »Eine herrliche
dreifache Breite der Stirn, der Nasenwurzel und der Brust!« (fuhr Dian fort)
»Ein Herkules, der auf dem Olympus Ölbäume pflanzt!« - »Es frappierte mich
sehr,« (sagte der Lektor) »dass ich durch langes Anschauen auf seinem Gesichte
lesen konnte, was ich wollte und was sich widersprach, Kälte - Wärme - Unschuld
und Sanftmut - am leichtesten Trotz und Kraft.« - Schoppe setzte dazu: »Ihm
selber mag es noch schwerer werden, einen solchen Kongress kriegführender Mächte
in sich zu einem Friedenskongress zusammenzuzwingen.« - »Wie schön« (sagte der
menschlich-fühlende Dian) »muss einer so kräftigen Gestalt die Liebe anstehen und
wie erhaben der Zorn!« - »Das sind zwei malerische Schönheiten,« (versetzte
Schoppe) »woraus sich zwei Pädagogiarchen und Xenophone wie wir wenig bei ihrem
Cyrus machen in ihrer Cyropädie.«
 
                                    4. Zykel
Zesara hatte bloss drei Gläser Wein gekostet; aber der Most seines heissen dichten
Blutes gor davon stärker. Der Tag erwuchs immer mehr zu einem daphnischen und
delphischen Hain, in dessen flüsterndes und dampfendes Dickicht er sich tiefer
verlor - die Sonne hing wie eine weisse blitzende Schneekugel im Blau - die
Eisberge warfen ihren Silberblick in das Grün herein - aus fernen Wolken
donnerte es zuweilen8, als rolle der Frühling in seinem Triumphwagen daher und
weiter zu uns - die Lebenswärme des Klimas und der Tagszeit, das heilige Feuer
zweier Entzückungen (der erinnerten und der gehofften) brüteten alle seine
Kräfte an. Jetzt ergriff ihn jenes Fieber der jungen Gesundheit, worin ihm
allemal war, als schlage in jedem Gliede ein besonderes Herz - die Lunge und das
Herz von Blute schwer und voll - der Atem ist heiss wie ein Harmattanwind - und
das Auge trübe in seiner eignen Lohe - und die Glieder sind müde vor Kraft. In
dieser Überfüllung der elektrischen Wolke hatt' er einen besonderen Trieb nach
Zertrümmern. Er half sich jünger oft, dass er Felsenstücke an den Gipfel wälzte
und niederrollen liess; oder dass er im Galopp so lange lief, bis der Atem -
länger wurde, oder am gewissesten dadurch, dass er sich (wie er von Kardan gehört
hatte) mit einem Federmesser Schmerzen und sogar kleine Verblutungen erregte. -
Selten gewinnen gewöhnliche, und noch seltener ungewöhnliche Menschen die volle,
mit allen Zweigen blühende Jugend des Leibes und Geistes; aber desto prangender
trägt dann eine Wurzel einen ganzen Blumengarten. -
    Mit diesen Wallungen stand Albano jetzt hinter dem Palast einsam gegen
Süden, als ihm ein Spiel seiner Knabenjahre einfiel.
    Er war nämlich oft im Mai auf einen säulendicken Apfelbaum, der ein ganzes
hängendes grünes Kabinett erhob, bei heftigem Wind gestiegen und hatte sich in
die Arme seines Gezweigs gelegt. Wenn ihn nun so die schwankende Lustecke
zwischen dem Gaukeln der Lilienschmetterlinge und dem Summen der Bienen und
Mücken und dem Nebeln der Blüten schaukelte und wenn ihn der aufgeblähte Wipfel
bald unter fettes Grün versenkte, bald vor tiefes Blau und bald vor Sonnenblitze
drehte: dann zog seine Phantasie den Baum riesenhaft empor, er wuchs allein im
Universum, gleichsam als sei er der Baum des unendlichen Lebens, seine Wurzeln
stiegen in den Abgrund, die weissen und roten Wolken hingen als Blüten in ihm,
der Mond als eine Frucht, die kleinen Sterne blitzten wie Tau, und Albano ruhte
in seinem unendlichen Gipfel, und ein Sturm bog den Gipfel aus dem Tag in die
Nacht, und aus der Nacht in den Tag. -
    Er sah jetzt zu einer hohen Zypresse empor. In Rom war aus dem
Mittags-Schlaf ein Südostwehen aufgestanden und hatte sich unterwegs fliegend in
Limoniengipfeln und in tausend Bächen und Schatten gekühlt und lag nun gewiegt
auf Zypressenarmen. Da erkletterte er den Baum, um sich wenigstens zu ermüden.
Aber wie dehnte sich die Welt vor ihm aus mit Bergen, mit Inseln und Wäldern, da
er das donnernde Gewölke über Roms sieben Hügeln liegen sah, gleichsam als rede
aus dem Dunkel noch der alte Geist, der in den Hügeln wie in sieben Vesuven
gearbeitet hatte, welche vor der Erde so viele Jahrhunderte lang mit feurigen
Säulen, mit aufgerichteten Gewittern standen und sie mit glühenden Strömen, mit
Aschenwolken und mit Fruchtbarkeit übergossen, bis sie sich selber zersprengten!
Die Spiegelwand der Gletscher stand wie sein Vater unzerrüttet vor der Wärme des
Himmels und wurde nur glänzend und nicht warm und nicht weich - aus dem weiten
See schienen überall die warmen Hügel wie aus ihrem Bade auszusteigen, und die
kleinen Schiffe der Menschen schienen in der Ferne strandend zu stocken - und im
weiten Wehen um ihn gingen die grossen Geister der Vergangenheit vorüber, und
unter ihren unsichtbaren Tritten bogen sich nur die Wälder nieder, aber die
Blumenbeete wenig. - Da wurde in Albano die fremde Vergangenheit zur eignen
Zukunft - keine Wehmut, sondern ein Durst nach allem Grossen, was den Geist
bewohnt und hebt, und ein Schauder vor den schmutzigen Ködern der Zukunft zogen
sein Auge recht schmerzlich zusammen, und schwere Tropfen fielen daraus. - Er
stieg herab, weil das innere Schwindeln zuletzt äusseres wurde. Die ländliche
Erziehung und Dian, welcher den gehaltenen Gang der Natur verehrte, hatte den
Knospengarten seiner Kräfte vor frühzeitiger Morgensonne und schnellem
Aufspringen bewahret; aber durch die Erwartung des Abends und durch die Reise
wurde der Tag seines Lebens jetzt zu warm und zu treibend.
    Zufällig und träumend verlor er sich unter Orangeblüten; plötzlich war ihm,
als mache ein süsses Wühlen im innersten Herzen dieses beklemmend weit und leer
und wieder voll. Ach er wusste nicht, dass es die Düfte waren, die er hier in
seiner Kindheit so oft in die Brust gesogen, und welche nun jede Phantasie und
Erinnerung der Vergangenheit dunkel, aber gewaltsam zurückriefen, eben weil
Düfte, ungleich den abgenützten Merkmalen des Auges und des Ohres, seltener
kommen und also leichter und heftiger die verblichene Empfindung erneuern. Aber
als er in eine Arkade des Palastes, welche bunte Steine und Muscheln stickend
färbten, geriet, und als er die Wogen spielend auf die Schwelle der Grotte
hüpfen sah: so deckte sich ihm auf einmal eine bemoosete Vergangenheit auf - er
durchsuchte seine Erinnerungen - die Farbensteine der Grotte lagen gleichsam
voll Inschriften der vorigen Zeit vor seinem Gedächtnis. - - Ach hier war er ja
tausendmal mit seiner Mutter gewesen, sie hatte ihm die Muscheln gezeigt und die
Nähe der Wellen verboten, und einmal, da die Sonne aufging und da der durchwehte
See und alle Steinchen glänzten, war er auf ihrem Schosse mitten unter den
Lichtern aufgewacht. -
    O war denn nun die Stelle nicht geheiligt und auf ihr seine überwältigende
Sehnsucht nicht entschuldigt, die er heute so lange gehabt, die schöne Armwunde
dem tobenden und quälenden Blute aufzumachen?
    Er ritzte sich, aber zufällig zu tief; und mit einem schönen kühlen Heben
seines leichter atmenden Wesens sah er der roten Quelle seines Armes in der
Abendsonne zu und wurde wie nach abgefallnen Bürden leichter - nüchtern - still
- und weich. Er dachte an die verschwundne Mutter, deren Liebe nun ewig
unvergolten blieb - ach er hätte dieses Blut gern für sie vergossen -; und nun
quoll heisser als je in seiner Brust die Liebe für den kränklichen Vater auf: o
komme bald, sagte sein Herz, ich will dich so unaussprechlich lieben, du lieber
Vater!
    Die Sonne erkaltete an der feuchten Erde - nur noch die zackige Mauerkrone
aus den Goldstufen der Gletscherspitzen glühte über ausgelöschten Wolken - und
die Zauberlaterne der Natur warf ihre Bilder nur noch gezogner und matter: da
ging eine lange Gestalt in einem offnen roten Mantel langsam um die Zedratobäume
auf ihn zu, rieb mit der Rechten an der Stelle des Herzens, woran kleine Funken
verglommen, und zerdrückte mit der halb erhobnen Linken eine Wachslarve zum
Klumpen und blickte in die eigne Brust. Plötzlich erstarrete sie an der Wand des
Palastes in versteinerter Stellung. Albano drückte die Hand auf die kleine Wunde
und ging nahe zu dem Versteinerten - Welche Gestalt! - Aus einem vertrockneten
hagern Angesicht erhob sich zwischen Augen, die halb unter den Augenknochen
fortbrannten, eine verachtende Nase mit stolzem Wurf- ein Cherub mit dem Keime
des Abfalls, ein verschmähender gebietender Geist stand da, der nichts lieben
konnte, nicht sein eignes Herz, kaum ein höheres, einer von jenen
Fürchterlichen, die sich über die Menschen, über das Unglück, über die Erde und
über das - Gewissen erheben, und denen es gleich gilt, welches Menschenblut sie
hingiessen, ob fremdes oder ihres. -
                              Es war Don Gaspard.
Die Funken-werfende Ordenskette aus Stahl und Edelsteinen verriet ihn. Die
Starrsucht, seine alte Krankheit, hatt' ihn ergriffen. »O Vater!« sagte Albano
erschrocken und umfasste die unbewegliche Gestalt, aber er drückte gleichsam den
kalten Tod ans Herz. Er schmeckte die Bitterkeit einer Hölle - er küsste die
starre Lippe und rief lauter - endlich trat er vor ihm mit fallenden Armen
zurück, und die aufgedeckte Wunde blutete ungefühlt nieder - und er blickte,
zähneknirschend vor wilder junger Liebe und vor Schmerz, und mit grossen
Eistropfen in den Augen, den Stummen an und riss ihm die Hand vom Herzen. - -
Hier schlug erwachend Gaspard die Augen auf und sagte: »Willkommen, mein lieber
Sohn!« - Da sank ihm mit unüberschwenglicher Seligkeit und Liebe das Kind ans
Vaterherz und weinte und schwieg. »Du blutest, Albano,« sagte Gaspard, ihn sanft
zurückstemmend, »verbinde dich!«- »Lass mich bluten, ich will mit dir sterben,
wenn du stirbst - o wie hab' ich so lange nach dir geschmachtet, mein guter
Vater!« sagte Albano, noch tiefer erschüttert von dem kranken väterlichen
Herzen, das er jetzt an seinem heftiger schlagen fühlte.
    »Recht gut, verbinde dich aber!« sagt' er; und als der Sohn es tat und
während des schnellsten Umwickelns mit unersättlicher Liebe in das väterliche
Auge schauete, und als das Auge nur kalte Blitze warf wie sein Ring-Juwel - so
schlug auf den Kastaniengipfeln, dem heutigen Trone der Morgensonne, der leise
Mond sein frommes Auge stillend auf, und dem entflammten Albano war es an diesem
kindlichen und mütterlichen Wohnplatze, als schaue der Geist seiner Mutter vom
Himmel und rufe: »Ich werde weinen, wenn ihr euch nicht liebt.« Sein wallendes
Herz zerfloss, und er sagte sanft zu dem im Mondlicht bleichern Vater: »Liebst du
mich denn nicht?« - »Lieber Alban,« versetzte der Vater, »man kann dir nicht
genug antworten - du bist recht gut - es ist recht gut.« Aber mit dem Stolze der
Liebe, die sich kühn mit der väterlichen mass, ergriff er fest die Hand mit der
Larve und sah den Ritter mit feurigen Tränen an. »Mein Sohn,« versetzte der
Müde, »ich habe dir heute noch viel zu sagen und wenig Zeit, weil ich morgen
reise - und ich weiss nicht, wie lange mein Herzklopfen mich sprechen lässet.« -
Ach also war das vorige Zeichen einer gerührten Seele nur ein Zeichen eines
nervenkranken Pulses gewesen.... Du armer Sohn, wie musste vor dieser scharfen
Luft dein bewegtes Meer erstarren - ach wie an einem eiskalten Metall musste
deine warme Hand ankleben und davon sich wundgeschält abziehen!
    Aber guter Jüngling! Wer von uns könnte dich tadeln, dass Wunden dich
gleichsam mit Blut an deinen wahren oder falschen Halbgott binden - wiewohl ein
Halbgott sich öfter mit einem Halbtier als mit einem Halbmenschen schliesset -
und dass du so schmerzlich liebst? Ach welche warme Seele sprach nicht einmal die
Bitte der Liebe vergeblich aus und konnte dann, gelähmt vom erkaltenden Gifte,
gleich andern Vergifteten, die schwere Zunge und das schwere Herz nicht mehr
bewegen? - Aber liebe fort, du warme Seele; gleich Frühlingsblumen, gleich
Nachtschmetterlingen durchbricht die zarte Liebe zuletzt doch den hartgefrornen
Boden, und jedes Herz, das nichts anderes verlangt als ein Herz, findet endlich
seine Brust! -
 
                                    5. Zykel
Der Ritter nahm ihn auf eine über steinerne Säulen geführte Galerie hinauf, die
überall Limonienbäume mit Düften und kleinen, regen, vom Monde silbern
geränderten Schatten vollstreueten. Er zog zwei Medaillons aus seiner
Brieftasche; das eine bildete ein sonderbar-jugendlich aussehendes weibliches
Gesichtchen vor, mit der Umschrift: »Nous ne nous verrons jamais, mon fils.«9
»Hier ist deine Mutter« (sagte Gaspard und gab es ihm) -»und hier deine
Schwester«, und reichte ihm das zweite, dessen Züge zu einer unkenntlichen
veralteten Gestalt einliefen, mit der Umschrift: »Nous nous verrons un jour, mon
frère.«10 Er fing nun seine Rede an, die er in so vielen zwanglosen Heften (das
eine Komma oft am einen Ende der Galerie, das andere am andern) und so leise und
in einem solchen Wechsel von schnellem und trägem Gehen lieferte, dass in das Ohr
eines unter der Galerie mitlaufenden Visitators fremder Gespräche, wenn einer
drunten stand, nicht drei zusammengehörende Laute tropfen konnten. »Deine
Aufmerksamkeit, lieber Alban,« fuhr er fort, »nicht deine Phantasie sollte jetzt
gespannt sein; du bist leider heute zu romantisch bei dem Romantischen, was du
hören sollst. Die Gräfin von Zesara liebte das Feierliche von jeher; du wirst es
aus dem Auftrage sehen, den sie mir wenige Tage vor ihrem Tode gab, und den ich
gerade an diesem Karfreitage auszurichten versprechen musste.«
    Er sagte noch, bevor er anfing, dass er, da seine Katalepsie und sein
Herzklopfen bedenklich stiegen, nach Spanien eilen müsse, seine Sachen und noch
mehr die seiner Mündel - der Gräfin von Romeiro - zu ordnen. Alban tat noch eine
Bruderfrage über seine liebe, so lang' entrückte Schwester; der Vater liess ihn
hoffen, dass er sie bald sehen werde, da sie mit der Gräfin die Schweiz besuchen
wolle.
    Da ich nicht absehe, was die Menschen davon haben, wenn ich die mir
beschwerlichen Gänsefüsse samt dem ewigen »er sagte« hersetze: so will ich den
Auftrag in Person erzählen. Es werden einmal - (sagte der Ritter) - drei
Unbekannte, einer am Morgen, einer mittags und einer abends, zu ihm kommen, und
jeder wird ihm ein eingesiegeltes Kartenblatt zustellen, worauf bloss der Name
der Stadt und des Hauses steht, worin das Bilderkabinett, das Albano noch
dieselbe Nacht besuchen muss, zu finden ist. Im Kabinett soll er alle Nägel der
Bilder durchtasten und drücken, bis er auf einen kommt, hinter welchem der Druck
eine in die Wand eingebaute Repetieruhr zwölf zu schlagen nötigt. Hier findet er
unter dem Bilde eine geheime Tapetentür, hinter welcher eine weibliche Gestalt
mit einem offnen Souvenir und mit drei Ringen an der Linken und mit einem Crayon
in der Rechten sitzt. Drückt er den Ring des Mittelfingers, so richtet sich die
Gestalt unter dem Rollen des innern Getriebes auf, tritt in das Zimmer, und das
auslaufende Gehwerk stockt mit ihr an einer Wand, woran sie mit dem Crayon ein
verstecktes Fach bezeichnet, in welchem ein Taschenperspektiv und der wächserne
Abdruck eines Sargschlüssels liegen. Das Okularglas des Perspektivs ordnet durch
einoptische Anamorphose den Wirrwarr alternder Linien auf dem heute empfangenen
Medallion der Schwester zu einer holden jungen Gestalt, und das Objektivglas
gibt dem unreifen Bilde der Mutter die Merkmale des längern reifern Lebens
zurück. - Dann drücket er den Ringfinger, und sogleich fängt die stumme kalte
Figur mit dem Crayon in das Souvenir zu schreiben an und bezeichnet ihm mit
einigen Worten den Ort des Sarges, von dessen Schlüssel er den wächsernen
Abdruck hat. Im Sarge liegt eine schwarze Marmorstufe, in Gestalt einer
schwarzen Bibel; und wenn er sie zerschlagen hat, trifft er einen Kern darin,
aus dem der Christbaum seines ganzen Lebens wachsen soll. - Ist die Stufe nicht
im Sarge, so gibt er dem letzten Ringe des Ohrfingers einen Druck - was aber
dann dieses hölzerne Guerikes-Wettermännchen seines Schicksals beginne, wusste
der Ritter selber nicht vorauszusagen. - -
    Ich bin völlig der Meinung, dass man dem bizarren Testamente leicht das
Repetier- und das halbe Räderwerk- so wie man jetzt in London Uhren bloss aus
zwei Rädern bauet - ausbrechen könnte, ohne das Vorlege- oder Zeigerwerk zu
beschädigen.
    Auf Alban wirkte das testamentarische Getriebe und Gebläse wider meine
Erwartung - fast nichts; ausgenommen eine weichere Liebe gegen die gute Mutter,
welche so sorgend, da sie unten im Strome des Lebens das fliegende Bild vom
niederfallenden Habicht des Todes erblickte, nur den Sohn bedachte. Seinem Vater
schauete er unter dem Berichte, mit zärtlichem Danke für diese Mühe des
Gedächtnisses und der Erzählung, fast auf Kosten seiner Aufmerksamkeit, in das
befestigte eiserne Angesicht; und im Mondschein und vor seiner Phantasie wuchs
der Ritter zu einem rhodischen, die halbe Gegenwart verdeckenden Kolossus auf,
für welchen ihm dieses testamentarische Memorienwerk fast zu kleinlich schien.
    Bisher hatte Don Gaspard bloss als echter Weltmann gesprochen, der von seinem
Gespräche (ohne besondere nähere Verhältnisse) stets jede Erwähnung oder
Schmeichelei eines Ichs, des fremden so gut wie des eignen, ausschliesset und
sogar historischer Personen nur als Bedingungen von Sachen gedenkt - so dass zwei
solche Nicht-Ichs mit ihrer grimmigen Kälte nur zwei sprechende Logiken oder
Wissenschaften zu sein scheinen, aber keine Wesen mit schlagenden Herzen: o! wie
sanft floss es, wie eine weiche Tonart, in Albanos liebewundes Herz - das der
hellere und lauere Mond und der insularische dämmernde Kindergarten seiner
ersten Vorzeit und die in seiner Seele laut fort- und nachklingende Stimme
seiner Mutter gewaltsam auflöseten -, als nun der Vater sagte: »Das hab' ich von
der Gräfin zu sagen. Von mir hab' ich dir nichts zu sagen als meine bisherige
Zufriedenheit mit deinem bisherigen Leben.« - »O geben Sie, teuerster Vater,
meinem künftigen Gebote, Lehre und Rat«, sagte der begeisterte Mensch, und
Gaspards rechter Hand, die nach dem schnellern Herzen zuckte, folgt' er mit
seiner Linken an die sieche Stelle und drückte heftig das hysterische Herz, als
könn' er diesem bergab umkreisenden Lebensrade in die Speiche greifen. - Der
Ritter versetzte: »Ich habe dir weiter nichts zu sagen. Die Lindenstadt
(Pestitz) ist dir nun geöffnet; deine Mutter hatte sie dir verschlossen. Der
Erbprinz, der bald Fürst sein wird, und der Minister von Froulay, der mein
Freund ist, werden die deinigen sein; ich glaub' es wird dir nützen, ihre
Bekanntschaft zu kultivieren.«
    Der scharfblickende Gaspard sah hier plötzlich über des Jünglings reine
offne Gestalt wunderbare Bewegungen und heisse Rosen fliegen, die aus der
Gegenwart mit nichts zu erklären waren und die sogleich wie getötet vergingen,
als er so fortfuhr: »Für einen Mann von Stande sind gelehrte und schöne
Wissenschaften, die für andre Endzweck sind, nur Mittel und Erholung; und so
gross deine Neigung dafür sein mag: so wirst du doch am Ende Handlungen den
Vorzug vor Genüssen geben; du wirst dich nicht geboren fühlen, die Menschen bloss
zu belehren oder zu belustigen, sondern zu behandeln und zu beherrschen.
    Es wäre gut, wenn du den Minister gewännest und dadurch die Kenntnisse des
Regierungs- und Kammerwesens, die er dir geben kann; denn in dem Abrisse eines
Landes, so wie eines Hofes, besitzest du die Grundzüge eines jeden grössern, wozu
du auch gelangen und dich bilden sollst. Es ist mein Wunsch, dass du sogar dem
Fürsten und dem Hofe lieb wirst, weniger weil du Konnexionen als weil du
Erfahrungen brauchst. Nur durch Menschen besiegt und übersteigt man Menschen,
nicht durch Bücher und Vorzüge. Man muss nicht seinen Wert auslegen, um die
Menschen zu gewinnen, sondern man muss sie gewinnen, und dann erst jenen zeigen.
Unglück ist nichts wie Unverstand, und nicht sowohl durch Tugend als durch
Verstand wird man furchtbar und glücklich. - Du hast höchstens die Menschen zu
fliehen, die dir zu ähnlich sind, besonders die ädeln.« - Das ätzende Sublimat
seines Spottes bestand hier nicht darin, dass er »ädel« mit einem akzentuierten
ironischen Tone sagte, sondern dass ers wider Erwarten kalt ohne einen sagte.
Albanos Hand war in seiner schon längst vom Herzen an der stählernen eckigen
Ordenskette herabgeglitten auf das goldene metallisch-kalte Lamm daran. Der
Jüngling hatte, wie alle Jünglinge und Einsiedler, zu harte Begriffe von Hof-
und Weltleuten, er hielt sie für ausgemachte Basilisken und Drachen - wiewohl
ich das noch entschuldigen will, wenn er nur mit den Naturforschern unter den
Basilisken nichts versteht als ungeflügelte Eidechsen, und unter den Drachen
nichts als geflügelte, so dass er sie für nichts als für kalte, fast so fatale
Amphibien, wie Linné solche definiert, ansieht -; ferner hegt' er (so leicht
wird Plutarch der Verführer von Jünglingen, deren Biograph er hätte sein können
wie ich) mehr Grimm als Achtung gegen die Artolatrie (den Brotdienst) unsers
Zeitalters, das aber umgekehrt immer den Gott ins Brot verwandeln will, gegen
die besten Brotstudien oder Brotwagen, gegen das Machen einer Carrière, gegen
jeden, der kein Waghals war und der statt der Sturmbalken und Kriegsmaschinen
etwa unsichtbare Magnetstäbe, Saugwerke und Schröpfköpfe ansetzte und damit
etwas zog. Jeder Jüngling hat ein schönes Zeitalter, wo er kein Amt, und jede
Jungfrau eines, wo sie keinen Mann annehmen will; dann ändern sich beide und
nehmen oft sich einander noch dazu.
    Als der Ritter die obigen, gewiss keinem Weltmanne anstössigen Sätze
vorbrachte: so stieg in seinem Sohne ein heiliger menschenfreundlicher Stolz
empor - es war diesem, als werde von einem steigenden Genius sein Herz und sogar
sein Körper, wie der eines betenden Heiligen, gehoben über die Laufbahnen einer
gierigen kriechenden Zeit - die grossen Menschen einer grössern traten unter ihre
Triumphbogen und winkten ihm, näher zu ihnen zu kommen - in Osten lag Rom und
der Mond und vor ihm der Alpen-Zirkus, eine grosse Vergangenheit neben einer
grossen Gegenwart - er ergriff mit dem liebend-stolzen Gefühl, dass es noch etwas
Göttlicheres in uns gebe als Klugheit und Verstand, den Vater und sagte: »Der
ganze heutige Tag, lieber Vater, war eine zunehmende Erschütterung meines
Herzens - kann vor Bewegung nicht sprechen und nichts recht bedenken - Vater,
ich besuche alle - ich werde mich über die Menschen hinausreissen aber ich
verschmähe den schmutzigen Weg des Ziels - ich will im Weltmeer wie ein
Lebendiger durch Schwimmen aufsteigen, aber nicht wie ein Ertrunkner durch
Verwesen - Ja, Vater, das Schicksal werfe einen Grabstein auf diese Brust und
zermalme sie, wenn sie die Tugend und die Gotteit und ihr Herz verloren hat.«
    Albano sprach darum so warm, weil er einer unaussprechlichen Verehrung für
die kraftvolle Seele des Ritters nicht entsagen konnte; er stellte sich immer
die Qualen und das lange Sterben eines so starken Lebens, den scharfen Rauch
eines so grossen, kalt ausgegossenen Feuers vor und schloss aus den Regungen
seiner eignen lebendigen Seele auf die der väterlichen, die nach seiner Meinung
nur langsam auf einer breiten Unterlage schwarzer kalter Menschen so zerfallen
war, wie man Diamanten nicht anders verflüchtigt als auf einer Unterlage von
ausgebrannten toten Schmiedekohlen. - -
    Don Gaspard, der die Menschen selten und nur gelinde tadelte - nicht aus
Liebe, sondern aus Gleichgültigkeit -, antwortete dem Jüngling geduldig: »Deine
Wärme ist zu loben. Mit der Zeit wird sich alles geben. - Jetzt lass uns essen.«
 
                                    6. Zykel
Der Speisesaal unserer Eiländer war im reichen Palaste der abwesenden
borromäischen Familie. Man gab der schönen Insel den Parisapfel und
Lorbeerkranz. Augusti und Gaspard schrieben ihr das Belobungsschreiben in einem
leichten klaren Stil, nur Gaspard mit mehr Antitesen. Albanos Brust war mit
einer neuen Welt gefüllt, sein Auge mit einem Schimmer, seine Wangen mit
freudigem Blut. Der Baumeister erhob sowohl den Geschmack als den Kammerbeutel
des Erbprinzen, der durch beide zwar nicht artistische Meister, aber doch
Meisterstücke in sein Land mitbrachte und auf dessen Veranlassung eben dieser
Dian nach Italien ging, um für ihn Abgüsse von den Antiken da zu nehmen. Schoppe
versetzte: »Ich hoffe, der Deutsche ist so gut mit Malerakademien und mit
Malerkoliken versehen als irgendein Volk; unsere Ballenbilder - unsere
Tesesbilder in Augsburg - unsere Leisten über Zeitungsblättern und unsere
Buchdruckerstöcke in jedem dramatischen Werke, durch die wir eine frühere
Shakespeare-Gallery besassen als London - unsere Effigie-Gehangnen am Galgen sind
jedem bekannt und zeigen am ersten, wie weit wirs treiben. - Aber ich will auch
zulassen, dass Griechen und Welsche so malen wie wir: so ragen wir doch dadurch
über sie hinweg, dass wir, gleich der Natur und den adeligen Sponsierern, nie die
Schönheit isoliert ohne angebognen Vorteil suchen. Eine Schönheit, die wir nicht
nebenher braten, verauktionieren, anziehen oder heiraten können, gilt bei uns
nur das, was sie wert ist; Schönheit ist bei uns (hoff' ich) nie etwas anders
als Anschrot und Beiwerk des Vorteils, so wie auch auf dem Reichstage nicht die
angestossenen Konfekttischchen, sondern die Sessionstafeln die eigentlichen
Arbeitstische des Reichs-corpus sind. Echte Schönheit und Kunst wird daher bei
uns nur auf Sachen gesetzt, gemalt, geprägt, welche dabei nützen und abwerfen:
z.B. gute Madonnen nur ins Modejournal - radierte Blätter nur auf Briefe voll
Tabaksblätter - Kameen auf Tabaksköpfe - Gemmen auf Petschafte und Holzschnitte
auf Kerbhölzer - Blumenstücke werden gesucht, aber auf Schachteln - treue
Wouwermanne, aber zwischen Pferdeständen neben Beschälern11 - erhobenes Bildwerk
von Prinzenköpfen, entweder auf Talern oder auf baierschen Bierkrug-Deckeln,
beide nicht ohne reines Zinn - Rosen-und Lilienstücke, aber an tätowierten
Weibern. - Auf ähnliche Weise war in Basedows Erziehungsanstalt stets das schöne
Gemälde und das lateinische Vokabulum verknüpft, weil das Philantropin dieses
leichter unter jenem behielt. - So malte Van der Kabel nie einen Hasen auf
Bestellung, ohne ein frisch geschossenes Modell nach dem andern sich zum Essen
und Kopieren auszubitten. So malte der Maler Calkar schöne Strümpfe, aber
unmittelbar an seine eignen Beine.« -
    Der Ritter hörte so etwas mit Vergnügen an, ob ers gleich weder belächelte
noch nachahmte; ihm waren alle Farben im genialischen Prisma erfreulich. Nur für
den Baumeister wars nicht genug im griechischen Geschmack, und für den Lektor
nicht genug im höflichen. Letzterer kehrte sich, während Schoppe neuen Atem zu
unserer Verkleinerung holte, wie schmeichelnd zum abreisenden Dian und sagte:
»Früher nahm Rom andern Ländern nur die Kunstwerke hinweg, aber jetzt die -
Künstler.« Schoppe verfolgte: »Ebenso sind unsere Statuen keine müssigen
Staatsbürger auf der Bärenhaut, sondern sie treiben alle ein Handwerk; was
Karyatiden sind, tragen Häuser, was Engel sind, halten Taufschüsseln, und
heidnische Wassergötter arbeiten in Springbrunnen und giessen den Mägden das
Wasser in die Scheffel zu.« -
    Der Graf sprach warm für uns, der Lektor hell; der Ritter bemerkte, dass der
deutsche Geschmack und das deutsche Talent für dichterische Schönheiten den
Mangel an beiden für andere Schönheiten vergüte und erkläre (aus Klima,
Regierungsform, Armut etc.). Der Ritter glich den Himmelssehröhren, hinter denen
die Erden grösser erscheinen und die Sonnen kleiner, er nahm wie jene den Sonnen
den geborgten Schimmer ab, ohne ihnen den wahren grössern zurückzugeben; er
schnitt zwar einem Judas den Strick entzwei, aber einem Christuskopfe goss er den
Heiligenschein aus und suchte überhaupt eine Parität und Gleichheit der Schwärze
und des Lichts zu erkünsteln.
    Schoppe verstummte nie; ich sorge, in seinem Toleranzmandat für Europa waren
die deutschen Kreise ausgelassen; er hob wieder an: »Das wenige, was ich eben
zum Lobe der nützenden Deutschen vorbrachte, hat mir, wie es scheint,
Widerspruch zugezogen. Aber die kleine Lorbeerkrone, die ich dem heiligen
Reichskörper aufsetze, soll mich nie abhalten, die Stellen gewahr zu werden, wo
er kahl ist. Ich lobt' es oft an Sokrates und Christus, dass sie nicht in
Hamburg, in Wien, oder gar in einer brandenburgischen Stadt dozierten und mit
ihren Philantropisten gassatim gingen; von Magistrats wegen würde man sie haben
befragen lassen, ob sie nicht arbeiten könnten; und wären beide mit Familie in
Wetzlar gewesen, so hätte man dieser die Neglektengelder12 abgezogen. -
Anlangend die Dichtkunst, Herr Ritter, so kannt' ich manchen Reichsbürger, der
aus einem Karmen - wenn es nicht auf ihn selber war - wenig machte; er glaubte
die Eingriffe der poetischen Freiheit in die Reichsfreiheit zu kennen; ihn, der
gewiss überall ordentlich, gesetzt, bedächtig, in sächsischen Fristen zu Werke
schritt, quälten und störten poetische Schwingen sehr. - Und ists denn so
unerklärlich und so schlimm? - der gute Reichsstädter bindet eine Serviette vor,
wenn er weinen will, damit er die Atlasweste nicht betropft, und die Tränen, die
ihm aufs Kondolenzschreiben entfallen, stippte er wie jede dunklere
Interpunktion: was Wunder, wenn er gleich dem Wildmeister keine schönere Blume
kennt als die hinten am Hirsche, und wenn ihn die poetischen Veilchen gleich den
botanischen13 mit gelinden Brechkräften angreifen.... Das wäre meines Bedünkens
wenigstens eine Art, den Tadel abzulehnen, womit man uns Deutsche anschmjetzt.«
 
                                    7. Zykel
Welche sonderbare Nacht folgte auf diesen sonderbaren Tag! - Alle gingen, vom
Reisen schläfrig, der Ruhe zu; bloss Albano, in welchem der heisse volle Tag
nachbrannte, sagte dem Ritter, dass er heute mit seiner Brust voll Feuer nirgends
Kühlung und Ruhe finde als unter den kalten Sternen und unter den Blüten des
welschen Frühlings. Er lehnte sich auf der obersten Terrasse an eine Statue
neben einem blühenden Dockengeländer aus Zitronen an, um die Augen unter dem
Sternenhimmel schön zu schliessen, und noch schöner zu öffnen. Schon in seiner
frühern Jugend hatt' er sich, so gut wie ich, auf die welschen Dächer warmer
Länder gewünscht, nicht um als Nachtwandler, sondern um als ein Schläfer darauf
zu erwachen.
    Wie herrlich fällt das aufgehende Auge in den erleuchteten hängenden Garten
voll ewiger Blüten über dir, anstatt dass du in deinem deutschen schwülen
Federpfuhl nichts vor dir hast, wenn du aufblickst, als den Bettzopf!
    Als Zesara so Wellen und Berge und Sterne mit stillerer Seele durchkreuzte
und als Garten und Himmel und See endlich zu einem dunkeln Kolosse
zusammenschwammen, und er wehmütig an seine bleiche Mutter und an seine
Schwester und an die verkündigten Wunder seiner Zukunft dachte: so stieg hinter
ihm eine ganz schwarz gekleidete Gestalt mit abgebildetem Totenkopfe auf der
Brust mühsam und mit zitterndem Atem die Terrassen hinauf. »Gedenke des Todes!«
(sagte sie) »Du bist Albano de Zesara?« - »Ja!« (sagte Zesara) »wer bist du?« -
»Ich bin« (sagte sie) »ein Vater des Todes14. Ich zittere nicht aus Furcht,
sondern aus Gewohnheit so.«
    Die Glieder des Mannes blieben auf eine grausende Art in einem allgemeinen
Erbeben, das man zu hören glaubte. Zesara hatte oft seiner müssigen Kühnheit ein
Abenteuer gewünscht; jetzt hatt' ers vor sich; indes wachte er doch behutsam mit
dem Auge, und da der Mönch sagte: »Schaue zum Abendstern hinauf und sage mir,
wenn er untergeht, denn mein Gesicht ist schwach«, so warf er nur einen eilenden
Blick dahin: »Noch drei Sterne« (sagt' er) »sind zwischen ihm und der Alpe.« -
»Wenn er untergeht,« (fuhr der Vater fort) »so gibt deine Schwester in Spanien
den Geist auf, und darauf redet sie dich hier aus dem Himmel an.« - Zesara wurde
kaum von einem Finger der kalten Hand des Schauders berührt, bloss weil er in
keinem Zimmer war, sondern in der jungen Natur, die um den zagenden Geist ihre
Berge und Sterne als Hüter stellt, oder auch, weil die weite dichte Körperwelt
so nahe vor uns die Geisterwelt verdrängt und verbauet; er fragte mit
Entrüstung: »Wer bist du? was weisst du? was willst du?« und griff nach den
zusammengefalteten Händen des Mönchs und hielt beide mit einer gefangen. »Du
kennst mich nicht, mein Sohn!« (sagte ruhig der Vater des Todes) »Ich bin ein
Zahuri15 und komme aus Spanien von deiner Schwester; ich sehe die Toten unten in
der Erde und weiss es voraus, wenn sie erscheinen und reden. Ich aber sehe ihr
Erscheinen über der Erde nicht und hör' ihr Reden nicht.«
    Hier blickte er den Jüngling scharf an, dessen Züge plötzlich so starrer und
länger wurden; denn eine Stimme, wie eine weibliche bekannte, fing über seinem
Haupte langsam an: »Nimm die Krone, nimm die Krone - ich helfe dir.« Der Mönch
fragte: »Ist der Abendstern schon hinunter? Spricht es mit dir?« - Zesara
blickte in die Höhe und konnte nicht antworten; die Stimme aus dem Himmel sprach
wieder und dasselbe. Der Mönch erriet es und sagte: »So hat dein Vater deine
Mutter aus der Höhe gehöret, als er in Deutschland war; aber er liess mich lange
in Fesseln legen, weil er dachte, ich täusche ihn.« - Beim Worte »Vater«, dessen
Geisterunglauben Zesara kannte, riss er den Mönch an den beiden Händen mit der
festaltenden starken die Terrassen hinunter, um zu hören, wo jetzt die Stimme
stehe. Der Alte lächelte sanft, die Stimme sprach wieder über ihm, aber so:
»Liebe die Schöne, liebe die Schöne - ich helfe dir.« - Am Ufer hing ein
Fahrzeug, das er am Tage schon gesehen. Der Mönch, der ihm vermutlich den
Argwohn einer irgendwo verborgenen Stimme nehmen wollte, stieg in die Gondel und
winkte ihm nachzufolgen. Der Jüngling, im Vertrauen auf seine körperliche und
geistige Macht und auf seine Schwimmkunst, entfernte sich mit dem Mönche kühn
von der Insel; aber wie griff der Schauder in seine innersten Fibern, da nicht
nur die Stimme über ihm wieder rief:
    »Liebe die Schöne, die ich dir zeige, ich helfe dir«, sondern da er auch
gegen die Terrasse hin eine weibliche Gestalt sich bis an das Herz aus den
tiefsten Wellen mit langen kastanienbraunen Haaren und schwarzen Augen und mit
einem glänzenden Schwanenhals und mit der Farbe und Kraft des reichsten Klimas,
wie eine höhere Aphrodite, heben sah. Aber in wenig Sekunden sank die Göttin
wieder in die Wogen zurück, und die Geisterstimme lispelte oben fort: »Liebe die
Schöne, die ich dir zeigte.« - - Der Mönch betete kalt und schweigend unter der
Szene und sah und hörte nichts; endlich sagte er: »Am künftigen Himmelfahrtstage
in deiner Geburtsstunde wirst du neben einem Herzen stehen, das in keiner Brust
ist, und deine Schwester wird dir vom Himmel den Namen deiner Braut
verkündigen.«
    Wenn vor uns flüssigen schwachen Gestalten, die gleich Polypen und Blumen
das Licht eines höhern Elementes nur fühlen und suchen, aber nicht sehen, in der
Totalfinsternis unsers Lebens ein Blitz durch den erdichten Klumpen schlägt, der
vor unsere höhere Sonne gehangen ist16: so zerschneidet der Strahl den
Sehnerven, der nur Gestatten, nicht Licht verträgt; - kein heisses Erschrecken
beflügelt das Herz und das Blut, sondern ein kaltes Erstarren vor unsern
Gedanken und vor einer neuen unfasslichen Welt sperrt den warmen Strom, und das
Leben wird Eis. -
    Albano, aus dessen voller Phantasie ebenso leicht ein Chaos als ein
Universum sprang, wurde bleich, aber ihm war, als verlier' er nicht sowohl den
Mut als den Verstand; er ruderte ungestüm, beinahe bewusstlos ans Ufer - er
konnte dem Vater des Todes nicht ins Gesicht schauen, weil seine unbändige,
alles auseinanderreissende Phantasie alle Gestalten gleich Wolken zu grässlichen
umwälzte und ausdehnte - er hört' es kaum, als der Mönch zum Abschiede sagte:
»Vielleicht komm' ich am nächsten Karfreitage wieder.« - Der Mönch bestieg einen
Kahn, der von selber dahinfuhr (wahrscheinlich durch ein unter dem Wasser
umtreibendes Rad), und verschwand bald hinter oder in der kleinen Fischerinsel
(Isola peschiere).
    Eine Minute lang taumelte Alban, und ihm kam es vor, als sei der Garten und
der Himmel und alles eine weichende aufgelösete Nebelbank, als geb' es nichts,
als hab' er nicht gelebt. Diesen arsenikalischen Qualm blies auf einmal von der
erstickenden Brust der Atem des Bibliotekar Schoppe, der lustig zum
Schlaffenster herauspfiff; jetzt wurde sein Leben wieder warm, die Erde kam
zurück, und das Dasein war. Schoppe, der vor Wärme nicht schlafen konnte, stieg
herunter, um sich auch auf die zehnte Terrasse zu betten. Er sah an Zesara ein
heftiges inneres Wogen, aber er war schon daran gewöhnt und forschte nicht.
 
                                    8. Zykel
Nicht von Vernünfteleien, sondern von Scherzen schmilzt leicht das Eis in
unserem stockenden Räderwerke. Nach einer gesprächigen Stunde war dem Jünglinge
nicht viel mehr davon übrig als eine ärgerliche Empfindung und eine frohe; jene
darüber, dass er den Mönch nicht bei der Kutte genommen und dem Ritter
vorgeführt; und die frohe über die hohe weibliche Gestalt und selber über die
Aussicht in ein Leben voll Abenteuer. Gleichwohl fuhren, wenn er die Augen
schloss, Ungeheuer voll Flügel, Welten voll Flammen und ein tiefes wogendes Chaos
um seine Seele.
    Endlich gingen in der Kühle der Nachmitternacht seine müden Sinnen näher
fortgezogen und auseinanderfallend dem Magnetberg des Schlummers zu; - aber
welcher Traum kam ihm auf diesem stillen Berge nach! »Er lag« (so träumte ihm)
»auf dem Krater des Hekla. Eine aufdringende Wassersäule hob ihn mit sich empor
und hielt ihn auf heissen Wellen mitten im Himmel fest. Hoch in der Äternacht
über ihm streckte sich ein finsteres Gewitter, wie ein langer Drache, von
verschlungnen Sternbildern aufgeschwollen, aus; nahe darunter hing ein helles
Wölkchen, vom Gewitter gezogen - durch den lichten Nebel des Wölkchens quoll ein
dunkles Rot entweder von zwei Rosenknospen oder von zwei Lippen und ein grüner
Streif von einem Schleier oder von einem Ölzweige und ein Ring von milchblauen
Perlen oder von Vergissmeinnicht - endlich zerfloss ein wenig Duft über dem Rot,
und bloss ein offnes blaues Auge blickte unendlich mild und flehend auf Albano
nieder; und er streckte die Hände aus nach der umwölkten Gestalt, aber die
Wassersäule war zu niedrig. Da warf das schwarze Gewitter Hagelkörner, aber sie
wurden im Fallen Schnee und dann Tautropfen und endlich im Wölkchen silbernes
Licht, und der grüne Schleier wallte erleuchtet im Dunst. Da rief Albano: Ich
will alle meine Tränen vergiessen und die Säule aufschwellen, damit ich dich
erreiche, schönes Auge! Und das blaue Auge wurde feucht von Sehnen und sank vors
Liebe zu. Die Säule wuchs brausend, das Gewitter senkte sich und drückte das
Wölkchen voraus, aber er konnt' es nicht berühren. Da riss er seine Adern auf und
rief: Ich habe keine Tränen mehr, Geliebte, aber all' mein Blut will ich für
dich vergiessen, damit ich dein Herz erreiche. Unter dem Bluten drang die Säule
höher und schneller auf - der weite blaue Äter wehte und das Gewitter
verstäubte und alle verschlungnen Sterne traten mit lebendigen Blicken heraus -
das flatternde freie Wölkchen schwebte blitzend zur Säule nieder - das blaue
Auge tat sich in der Nähe langsam auf und schneller zu und hüllte sich tiefer in
sein Licht; aber ein leiser Seufzer sagte in der Wolke: Zieh mich in dein Herz!
- O da schlang er die Arme durch die Blitze und schlug den Nebel weg und riss
eine weisse Gestalt, wie aus Mondlicht gebildet, an die Brust voll Glut - Aber
ach der zerrinnende Lichtschnee entwich den heissen Armen - die Geliebte verging
und wurde eine Träne und die warme Träne drang durch seine Brust und sank in
sein Herz und brannte darin und es rann auseinander und wollte vergehen«.... Da
schlug er die Augen auf.
    Aber - welches überirdische Erwachen! - Das weisse ausgeleerte Wölkchen, mit
Gewittertropfen befleckt, hing, auf ihn hereingebückt, noch am Himmel - - - es
war der helle, liebendnahe über ihn hereingesunkne Mond. Er hatte sich im
Schlafe verblutet, weil sich darin die Binde von der Wunde des Armes durch das
heftige Bewegen desselben verschoben hatte. Die Entzückungen hatten den
Nachtfrost des Geisterschreckens zerschmolzen. In einem verklärenden Ersterben
flatterte aufgebunden sein so festes Dasein umher wie ein beweglicher Traum in
den gestirnten Himmel war er wiegend aufgeschwemmt wie an eine Mutterbrust, und
alle Sterne waren in den Mond geflossen und dehnten seinen Schimmer aus - sein
Herz, in eine warme Träne geworfen, ging sanft darin auseinander - ausser ihm
schattete es nur, in ihm strahlte es blendend - der Flug der Erde wehte vor der
aufgerichteten Flamme seines Ichs vorbei und bog sie nicht um. - Ach seine
Psyche glitt mit scharfen ungeregten ungehörten Falkenschwingen entzückt und
still durch das dünne Leben....
    Ihm kam es vor, als sterbe er, denn spät war er die steigende Erwärmung des
linken verblutenden Armes innen geworden, der ihn ins lange Elysium, das aus dem
Traume ins Wachen reichte, gehoben hatte. Er legte ihm die Binde fester um.
    Auf einmal hört' er unter dem Verbinden ein lauteres Plätschern unter sich,
als blosse Wellen machen konnten. Er schauete über das Geländer - und sah seinen
Vater mit Dian ohne Abschied - der für Gaspard nur die giftige Herbstblume in
der Herbstminute einer Abreise war - wie ausgefallne Blütenblätter aus der
Blumenkrone seines Lebens über die Wellen fliehen unter dem Schwanenliede der
Nachtigallen! ... Guter Mensch, wie oft hat dich diese Nacht betört und
beraubt! - Er breitete die Arme ihnen nach - der Schmerz des Traums fuhr fort
und begeisterte ihn - der fliehende Vater schien ihm wieder liebender -
schmerzlich rief er hinab: »Vater, sieh dich um nach mir! - Ach wie kannst du
mich so stumm verlassen? - Und du auch, Dian! - O tröstet mich, wenn ihr mich
hört!« - Dian warf ihm Küsse zu, und Gaspard legte die Hand auf das sieche Herz.
Albano dachte an die Kopistin des Todes, an die Starrsucht, und hätte gern den
verletzten Arm über die Wellen gehalten und das warme Leben als eine Libation
für den Vater vergossen; und rief nach: »Lebt wohl, lebt wohl!« - Schmachtend
drückt' er die kalten steinernen Glieder einer kolossalischen Statue an seine
brennenden Adern an, und Tränen der vergeblichen Sehnsucht überquollen sein
schönes Angesicht, während die warmen Töne der welschen Nachtigallen, die von
dem Ufer und der Insel gegeneinanderschlugen, mit linden Vampyrenzungen das Herz
wundsogen. -
    - Ach wenn du einmal geliebt wirst, glühender Jüngling, wie wirst du lieben!
- Er weckte, im Durste nach einer warmen sprechenden Seele, seinen Schoppe auf
und zeigte ihm die Flucht. Aber indem dieser irgend etwas Tröstendes sagte,
schauete Albano unverwandt dem grauen Punkte des Fahrzeugs nach und hörte
nichts. -
 
                                    9. Zykel
Beide blieben auf und erfrischten sich durch die Streiferei in der betaueten
Insel; und sie wurden durch den Anblick, wie das erhobene Bildwerk des Tages
farbig-gleissend aus den erlöschen den Kreidenzeichnungen des Mondlichts
heraustrat, lebendig und wach. Augusti kam auch und schlug ihnen die
halbstündige Fahrt nach Isola madre vor. Albano flehte beide herzlich an, allein
hinzufahren, ihn aber hier in seinen einsamen Spaziergängen zu lassen. Der
Lektor fasste jetzt die Spuren der nächtlichen Angriffe schärfer ins Auge - wie
schön hatte der Traum, der Mönch, die Schlaflosigkeit, die Verblutung die
tapfere kecke Gestalt gemildert und jeden Laut erweicht, und die Kraft war jetzt
nur ein zauberischer Wasserfall im Mondenlicht. Augusti nahm es für Eigensinn
und fuhr allein mit Schoppe; aber die wenigsten Menschen begreifen, dass man nur
mit den wenigsten Menschen (mit keiner Visiten-Armee), eigentlich nur mit
zweien, mit dem innigsten und ähnlichsten Freunde und mit der Geliebten,
spazieren gehen könne. Wahrlich ich will ebenso gern im Angesichte des Hofes am
Geburtstage der Fürstin zu einer Liebeserklärung öffentlich niederknien als -
denn man zeige mir doch den Unterschied - zwischen einem langen Vor- und
Nachtrabe das trunkne Auge auf dich, Natur, meine Geliebte, heften.
    Wie glücklich wurde durch die Einsamkeit Albano, dessen Herz und Augen voll
Tränen standen, die er schamhaft verbarg und die ihn doch vor seinem eignen
Urteile so rechtfertigten und erhoben! - Er trug sich nämlich mit dem
sonderbaren Irrtume feuriger und starker Jünglinge, er habe kein weiches Herz,
zu wenig Gefühl und sei schwer zu rühren. Aber jetzt gab ihm die Entkräftung
einen dichterischen weichen Vormittag, wie er noch keinen gehabt, wo er alles
weinend umarmen wollte, was er je geliebt - seine guten fernen Pflegeeltern in
Blumenbühl - seinen kranken Vater, ders gerade im Frühling war, wo immer der Tod
sein blumiggeschmücktes Opfertor aufbauet - und seine in die Vergangenheit
gehüllte Schwester, deren Bild er bekommen, deren After-Stimme er diese Nacht
gehört und deren letzte Stunde ihm der nächtliche Lügner näher gemalt. - Sogar
das nächtliche, noch in seinem Herzen verschlossene Schattenspiel machte ihn
durch die Unerklärlichkeit - da ers keinem bekannten Menschen zuzuschreiben
wusste - und durch die Weissagung beklommen, dass er an seiner Geburtsstunde - und
diese stand so nahe, am Himmelfahrtstage - den Namen seiner Braut vernehmen
würde. Der lachende Tag nahm zwar den Geisterszenen die Totenfarbe, gab aber der
Krone und der Wassergöttin frischen Glanz.
    Er durchschwankte alle heilige Stätten in diesem gelobten Lande - Er ging in
die dunkle Arkade, wo er die Reliquien seiner Kindheit und seinen Vater gefunden
hatte, und nahm mit einem bangen Gefühle die auf den Boden entfallne
zerquetschte Larve zu sich. Er bestieg die von Limonien mit Sonnenschein
besprengte Galerie und sah nach den hohen Zypressen und den Kastaniengipfeln im
weiten Blau, wo ihm der Mond wie das aufgegangne Mutter-Auge erschienen war. -
Er trat nahe vor eine Kaskade hinter dem Lorbeerwalde, die sich in 20 Absätze
wie er in 20 Jahre zerteilte, und er fühlte auf den heissen Wangen ihren dünnen
Regen nicht.
    Er stieg nun auf die hohe Terrasse zurück, um seinen Freunden
entgegenzusehen. Wie gebrochen und magisch stahl sich der Sonnenschein der
äussern Welt in den heiligen dunkeln Irrhain der innern! - Die Natur, die gestern
ein flammender Sonnenball gewesen, war heute ein Abendstern voll Dämmerlicht -
die Welt und die Zukunft lagen so gross um ihn und doch so nahe und berührend,
wie vor dem Regen Eisberge näher scheinen im tiefern Blau - er stellte sich auf
das Geländer und hielt sich an die kolossalische Statue, und sein Auge schweifte
hinab zu dem See und hinauf zu den Alpen und zu dem Himmel und wieder herab, und
unter der freundlichen Luft Hesperiens flatterten leicht bedeckt alle Wellen und
alle Blätter auf - weisse Türme blinkten aus dem Ufer-Grün, und Glocken und Vögel
klangen im Winde durcheinander. - Ein schmerzliches Sehnen fasste ihn, da er nach
der Bahn seines Vaters sah; ach nach dem wärmern Spanien voll schwelgerischer
Frühlinge, voll lauer Orange-Nächte, voll umhergeworfener Glieder zerstückter
Riesengebürge, da wäre er gern durch den schönen Himmel hingeflogen! - Endlich
löste sich das Freuen und das Träumen und das Scheiden in jene unnennbare Wehmut
auf, worein das Übermass der Wonne den Schmerz der Grenzen kleidet, weil ja
unsere Brust leichter zu überfüllen als zu füllen ist. - -
    Auf einmal wurde Albano gerührt und ergriffen, als wenn die Gotteit der
Liebe ein Erdbeben in seinen innern Tempel schickte, um ihn für ihre künftige
Erscheinung einzuweihen, da er an einem indischen Bäumchen neben sich den Zettel
mit dessen Namen Liane las. Er sah es zärtlich an und sagte immer: »Liebe
Liane!« Er wollte sich einen Zweig abbrechen; da er aber daran dachte, dass dann
Wasser aus ihm rinne, so sagte er: »Nein, Liane, durch mich sollst du nicht
weinen« und unterliess es, weil in seiner Erinnerung das Gewächs auf irgendeine
Art mit einem unbekannten teuren Wesen in Verwandtschaft stand. Sich
unaussprechlich-hinübersehnend blickte er jetzt nach den Tempeltoren
Deutschlands, nach den Alpen - in einem Frühlingswölkchen schien sich der
schneeweisse Engel seines Traums tief einzuhüllen und nur stumm darin
dahinzuschweben - und es war ihm, als hör' er von fernen Harmonikatöne. - Er
zog, um nur etwas Deutsches zu haben, eine Brieftasche heraus, worauf seine
Pflegeschwester Rabette die Worte gestickt: Gedenke unserer; er fühlte sich
allein und war nun erfreuet über die Freunde, welche heiter von Isola madre
zurückruderten.
    Ach Albano, welch ein Morgen wäre dieser für einen Geist wie deinen zehn
Jahre später gewesen, wo sich die feste Knospe der jungen Pracht schon weiter
und weicher und loser auseinander geblättert hätte! Vor einer Seele wie deiner
wären dann, da die Gegenwart in ihr blass wurde, zwei Welten zugleich - die zwei
Ringe um den Saturn der Zeit - die der Vergangenheit und die der Zukunft
miteinander aufgegangen; du hättest nicht bloss über die kurze rückständige
Laufbahn an das helle weisse Ziel geblickt, sondern dich umgewandt und die krumme
lange durchlaufene überschauet. Du hättest die tausend Fehlgriffe des Willens,
die Fehltritte des Geistes zusammengerechnet und die unersetzliche Verschwendung
des Herzens und des Gehirns. Würdest du auf den Boden haben sehen können, ohne
dich zu fragen: Ach haben die 1004 Erschütterungen17, die durch mich wie durch
das Land hinter mir gegangen sind, mich ebenso befruchtet wie dieses? - O da
alle Erfahrungen so teuer sind, da sie uns entweder unsere Tage kosten oder
unsere Kräfte oder unsere - Irrtümer: o warum muss der Mensch an jedem Morgen vor
der Natur, die mit jedem Tautropfen in der Blume wuchert, so verarmet über die
tausend vergeblich vertrockneten Tränen erröten, die er schon vergossen und
gekostet hat? - Aus Frühlingen zieht diese Allmächtige Sommer auf, aus Wintern
Frühlinge, aus Vulkanen Wälder und Berge, aus der Hölle einen Himmel, aus diesem
einen grössern - - und wir törichte Kinder wissen uns aus keiner Vergangenheit
eine Zukunft zu bereiten, die uns stillt - wir hacken wie die Steindohle nach
jedem Glanze und tragen die Glutkohle als Goldstück beiseite und zünden damit
Häuser an - ach mehr als eine grosse schöne Welt geht unter in der Brust und lässt
nichts zurück, und gerade der Strom der höhern Menschen verspringt, und
befruchtet nichts, wie sich hohe Wasserfälle zersplittern und schon weit über
der Erde verflattern. -
    Albano empfing die Freunde mit vergütender Zärtlichkeit; aber dem Jünglinge
wurde mit der Zunahme des Tages so öde und bange wie einem, der seine Stube im
Gastofe ausgeleeret, der die Rechnung entrichtet und der nur noch einige
Minuten in dem rauhen leeren Stoppelfelde auf- und abzugehen hat, bis die Pferde
kommen. Wie fallende Körper bewegten sich in seiner heftigen Seele Entschlüsse
in jeder neuen Sekunde schneller und stärker; er bat mit äusserer Milde, aber
innerer Heftigkeit seine Freunde, noch heute mit ihm abzureisen. - Und so ging
er nachmittags mit ihnen von der stillen Kindheits-Insel ab, um durch die
Kastanienalleen Mailands eilig auf die neue Bühne seines Lebens und an die
Falltüre zu kommen, die sich in den unterirdischen Gang so vieler Rätsel öffnet.
-
                          Antrittsprogramm des Titans
Eh' ich den Titan dem flachsenfingischen geheimen Legationsrat und Lehnpropst,
Herrn von Hafenreffer, dedizierte: so fragt' ich bei ihm erst so um die
Erlaubnis an:
»Da Sie weit mehr an dieser Geschichte mitarbeiteten als der russische Hof an
Voltairens Schöpfungsgeschichte des grossen Peters: so können Sie meinem
dankbegierigen Herzen nichts Schöneres geben als die Erlaubnis, Ihnen wie einem
Judengotte das zu opfern und zu dedizieren, was Sie geschaffen haben.«
    Aber er schrieb mir auf der Stelle zurück:
    »Aus derselben Raison könnten Sie, wie es Sonnenfels getan, das Werk noch
besser sich selber dedizieren und, in einem richtigern Sinne als andere, den
Verfasser und Gönner desselben zugleich vereinen. - Lassen Sie mich (auch schon
des Herrn von ** und der Frau von ** wegen) aus dem Spiele; und schränken Sie
sich bloss auf die notwendigsten Notizen ein, die Sie dem Publikum von dem sehr
maschinenmässigen Anteil, den ich an Ihrem schönen Werke habe, etwa gönnen
wollen, aber um der Götter willen hic haec hoc hujus huic hunc hanc hoc hoc hac
hoc.«
                                                                 v. Hafenreffer.
Die römische Zeile ist eine Chiffre und soll dem Publikum dunkel bleiben. -
    Was dasselbe vom Antrittsprogramme zu fordern hat, sind vier
Namenerklärungen und eine Sacherklärung.
    Die erste Namenerklärung, welche die Jobelperiode angeht, treff' ich schon
bei dem Stifter der Periode, dem Superintendent Franke, an, der sie für eine von
ihm erfundne Ära oder Zeitsumme von 152 Zykeln erklärt, deren jeder seine guten
49 tropischen Mondsonnenjahre in sich hält. Das Wort Jobel setzt der
Superintendent voran, weil in jedem siebenten Jahre ein kleines, und in jedem
siebenmal 7ten oder 49sten ein grosses Jobel-, Schalt-, Erlass-, Sabbats-oder
Hall-Jahr anbrach, wo man ohne Schulden, ohne Säen und Arbeiten und ohne
Knechtschaft lebte. Glücklich genug wend' ich, wie es scheint, diesen Jobelnamen
auf meine historischen Kapitel an, welche den Geschäftsmann und die
Geschäftsfrau in einem sanften Zykel voll Frei-, Sabbats-, Erlass-, Hall- und
Jobelstunden herumführen, worin beide nicht zu säen und zu bezahlen, sondern nur
zu ernten und zu ruhen brauchen; denn ich bin der einzige, der als
krummgeschlossener pflügender Fröner an dem Schreibtische steht und welcher
Säemaschinen und Ehrenschulden und Handschellen vor und an sich sieht. - Die
siebentausendvierhundertundachtundvierzig tropischen Mondsonnenjahre, die eine
Frankesche Jobelperiode entält, sind auch in meiner vorhanden, aber nur
dramatisch, weil ich dem Leser in jedem Kapitel immer so viel Ideen - und diese
sind ja das Längen- und Kubikmass der Zeit - vortreiben werde, bis ihm die kurze
Zeit so lang geworden, als das Kapitel verlangte.
    Ein Zykel - welches der Gegenstand meiner zweiten Namenerklärung ist -
braucht nun gar keine.
    Die dritte Nominaldefinition hat die obligaten Blätter zu beschreiben, die
ich in zwanglosen Heften in jeder Jobelperiode herausgebe. Die obligaten Blätter
nehmen durchaus nur reine gleichzeitige, mit meinem Helden weniger
zusammenhängende Fakta von solchen Leuten auf, die mit ihm desto mehr
zusammenhängen; auch in den obligaten Blättern ist nicht das kleinste, nur einer
Brandblase grosse satirische Extravasat von Ausschweifung ersichtlich, sondern
der selige Leser und Lektor wandelt mit den Seinigen frei und aufgeweckt und
gerade durch das weite Hoflager und die Reitbahn und Landschaft eines ganzen
langen Bandes zwischen lauter historischen Figuren - auf allen Seiten von
fliegenden Corps, von tätigen Knapp- und Judenschaften, anrückenden
Marschsäulen, reitenden Horden und spielenden Teatertruppen umzingelt - und er
kann sich gar nicht satt sehen.
    Ist aber der Tomus aus: so fängt - das ist die letzte Nominaldefinition -
sich ein kleiner an, worin ich mache, was ich will (nur keine Erzählung), und
worin ich mit solcher Seligkeit mit meinem langen Bienenstachel auf- und
abfliege von einer Blüten-Nektarie und Honigzelle zur andern, dass ich das bloss
zum Privatvorteile meines Ausschweifens gebauete Filialbändchen recht schicklich
meine Honigmonate benenne, weil ich darin Honig weniger mache als esse,
geschäftig nicht als eintragende Arbeitsbiene, sondern als zeidelnder
Bienenvater. - Bisher hatt' ich freilich geglaubt, das Durchfahren meiner
satirischen Schwanzkometen würde jeder Leser von dem ungestörten Gange meines
historischen Planetensystems auf der Stelle absondern, und ich hatte mich
gefragt: »Wird denn in einer Monatsschrift die Einheit einer Geschichte durch
das Abbrechen der letztern und durch die Erbfolge eines andern Aufsatzes
beschädigt; und haben sich denn die Leser darüber beschweret, wenn z.B. in den
Horen-Jahrgängen zuweilen Cellinis Geschichte abgebrochen und ein ganz anderer
Aufsatz eingehoben wurde?« - Aber was geschah?
    Wie im Jahre 1795 eine medizinische Gesellschaft in Brüssel den contract
social unter sich machte, dass jeder eine Krone Strafgeld erlegen sollte, der in
der Session einen andern Laut von sich gäbe als einen medizinischen: so ist
bekanntlich ein ähnliches Edikt vom 9ten Juli an alle Biographen erlassen, dass
wir stets bei der Sache - welches die Historie ist - bleiben sollten, weil man
sonst mit uns reden würde. Der Sinn des Mandats ist der, dass, wenn ein Biograph
in allgemeinen Weltistorien von 20 Bänden, ja in noch längern - wie z.B. in
dieser - ein- oder zweimal denkt oder lacht, d.h. abschweift, Inkulpat auf der
kritischen Pillory als sein eigner Pasquino und Marforio ausstehen soll -
welches man an mir schon mehr als einmal vollstreckte.
    Jetzt aber geb' ich den Sachen eine andere Gestalt, indem ich erstlich
Geschichte und Digression in diesem Werke strenge auseinanderhalte - wenig
Dispensationsfälle ausgenommen -, zweitens indem ich die Freiheiten, die ich mir
in meinen vorigen Werken nahm, im jetzigen zu einem Rechte, zu einer Servitut
verjähre und verstärke; der Leser ergibt sich, wenn er weiss, nach einem Bande
voll Jobelperioden erscheinet durchaus nie etwas anders als einer voll
Honigmonate. Ich schäme mich, wenn ich mich erinnere, wie ich sonst in frühern
Werken mit dem Bettelstabe vor dem Leser stand und um Ausschweifungen bat, indes
ich doch - wie ich hier tue - mir das Anleihen hätte erzwingen können, wie man
von Weibern mit Erfolg nicht nur Tribut als Almosen, sondern auch das don
gratuit als Quatembersteuer zu begehren hat. So macht es nicht bloss der
kultivierte Regent auf dem Landtage, sondern schon der rohe Araber, der dem
Passagier ausser der Barschaft noch einen Schenkungsbrief derselben abnötigt.
    Ich komme nun auf den geheimen Legationsrat von Hafenreffer, welcher der
Gegenstand meiner versprochnen Sacherklärung ist.
    Aus dem 45sten Hundsposttage sollt' es einmal bekannt sein, wer
Flachsenfingen beherrscht - nämlich mein Herr Vater. Im Grunde war meine so
frappante Standeserhöhung mehr ein Schritt als ein Sprung; denn ich war vorher
schon Jurist, mitin schon die Knospe oder das Blütenkätzchen eines noch
eingewickelten Doktors utriusque, und folglich ein Edelmann, da im Doktor der
ganze Rogen und Dotter zum Ritter steckt; daher er auch so gut wie dieser, wenn
gerade etwas vorbeigeht, vom Sattel oder Stegreif lebt, wiewohl weniger in einem
Raubschlosse als Raubzimmer. Ich habe also seit dem Avancement weniger mich
geändert als mein Residenzschloss - das väterliche in Flachsenfingen ist
gegenwärtig mein eignes.
    Ich mag nun nicht gern am Hofe mein Zuckerbrot mit Sünden essen - wiewohl
man gemächlicher Zucker- und Himmelsbrot erwirbt als Schiffsbrot -, sondern ich
stelle, um zu wuchern mit meinem Schiffspfunde, das ganze flachsenfingische
Departement der auswärtigen Angelegenheiten zu Hause im Schloss vor samt der
erforderlichen Entzifferungskanzlei. Das will aber getan sein: wir haben einen
Prokurator in Wien - zwei Residenten in fünf Reichsstädten - einen
Komitialsekretarius in Regensburg unter der Querbank - drei Kreis-Kanzlisten und
einen bevollmächtigten Envoyé an einem bekannten ansehnlichen Hofe unweit
Hohenfliess, welches eben der obgedachte Herr Lehnpropst von Hafenreffer ist.
Letzterem hat sogar mein Herr Vater ein vollständiges Silberservice
vorgestreckt, das wir ihm lassen, bis er den Rappell erhält, weil es unser
eigner Vorteil ist, wenn ein flachsenfingischen Botschafter dem
flachsenfingischen Fürstenhute oder Krönlein auswärts durch Aufwand mehr Ehre
macht als gewöhnliche.
    Auf einem solchen Posten wie meinem steht man nun nicht zum Spasse da; die
ganze Legations-Schreibe- und Lesegesellschaft kouvertiert und schreibt an mich,
die chiffre banal und die chiffre déchiffrant ist in meinen Händen, und wie es
scheint, versteh' ich den Rummel. Unsäglich ists, was ich erfahre - es wäre
nicht zu lesen von Menschen, noch zu ziehen von Pferden, wollt' ich allen den
Seidenwurmsamen von Nouvellen biographisch ausbrüten, grossfüttern und abhaspeln,
den mir das Gesandten-Corpo posttäglich in festen Düten schickt. Ja (in einer
andern Metapher) das biographische Bauholz, das meine Flössinspektion für mich
bald in die Elbe, bald in die Saale, bald in die Donau oben herabwirft, steht
schon so hoch vor mir auf dem Zimmerplatze, dass ichs nicht verbauen könnte,
gesetzt dass ich die ästetischen Bauten meiner biographischen Narrenschiffe,
Redoutensäle und Zauberschlösser forttriebe Tag und Nacht, jahraus, jahrein und
weder mehr tanzte noch ritte noch spräche noch niesete....
    Wahrlich wenn ich oft so meinen schriftstellerischen Eierstock gegen manchen
fremden Rogen abwäge: so frag' ich ordentlich mit einem gewissen Unmut, warum
ein Mann einen so grossen zu tragen bekommen, der ihn aus Mangel an Zeit und
Platz nicht von sich geben kann, indes ein andrer kaum ein Windei legt und
herausbringt. - Wenn ich ein Pikett aus meiner Legations-Division den
Ritterbüchermachern mit dessen offiziellen Berichten zuschicken könnte: würden
sie nicht gern Ruinen gegen Schlösser und unterirdische Klostergänge gegen
Korridore und Geister gegen Körper vertauschen, anstatt dass ihnen jetzt aus
Mangel an offiziellen Berichten des Piketts die Dirnen die Weltdamen, die Feimer
die Justizminister vertreten müssen, so wie die Schalken die Pagen, die
Burgpfaffen die Hofprediger und der Raubadel die Pointeurs? -
    Ich kehre zu meinem Gesandten von Hafenreffer zurück. Am obgedachten
ansehnlichen Hofe sitzt dieser treffliche Herr und fertigt mir - seiner
Nebenarbeiten unbeschadet - von Monat zu Monat so viele Personalien von meinem
hohenfliessischen Helden zu, als er durch sieben Legations-Zeichendeuter oder
Clairvoyants erwischen kann - die kleinsten Lappalien sind ihm erheblich genug
für eine Depesche. Wahrhaftig eine ganz andre Denkweise als die andrer
Gesandten, die nur für Ereignisse, die nachher in die Universalhistorie
einrücken, Platz in ihren Berichten machen! - Hafenreffer hat in jeder
Sackgasse, Bedientenstube und Mansarde, in jedem Schornstein und
Wirtschaftsgebäude seinen Operngucker von Spion, der oft, um eine Tugend meines
Helden auszumitteln, sich zehn Sünden unterziehet. Freilich bei solchen Hand-
und Spanndiensten des Glücks muss es keinen von uns wundernehmen, ich meine
nämlich bei einem solchen Schöpfrade, das mir Fortuna selber umdreht - bei
solchen Diebsdaumen, die man meinem eignen Schreibdaumen anschienet - bei
solchen Silhouetteurs eines Helden, die alles machen ausser der Farbe - kurz bei
einer so ausserordentlichen Vereinigung von Umständen oder Montgolfieren kann es
freilich nichts, als was man erwartet, sein, wenn der Mann, den sie heben,
droben auf seiner Berghöhe ein Werk zusammenbringt und nachher herunterschickt,
das man (denn es verdients) nach dem Jüngsten Tage auf der Sonne, auf dem Uranus
und Sirius frei übersetzt, und auf welches sogar der glückliche Posenschraper,
der die Kiele dazu abzog, und der Setzer, der die Errata druckt, sich mehr
einbilden wollen als der Autor selber, und in welches weder die schnelle Sense
noch der träge Zehn der Zeit - besonders da man dieses Gebiss nach Erfordern mit
der Zahnsäge der kritischen Feile entzweibringen kann - einzuschneiden vermögend
sind. Fügt der Verfasser solchen Vorzügen noch gar den der Demut bei: so ist ihm
niemand weiter zu vergleichen; aber leider hält jede Natur sich, wie Doktor
Crusius die Welt, zwar nicht für die beste, aber doch für sehr gut.
    Der gegenwärtige Titan benutzt noch den andern Vorteil, dass ich gerade den
väterlichen Hof bewohne und schmücke und mitin als Zeichner gewisse Sünden
recht glücklicherweise näher und heller vor dem Auge zum Beschauen habe, wovon
mir wenigstens der Egoismus, die Libertinage und das Müssiggehen gewiss bleiben
und sitzen; denn diese Schwämme und Moose säete das Schicksal so weit, als es
konnte, in die höhern Stände hinauf, weil sie in den niedern und breitern zu
sehr ausgegriffen und sie ausgesogen hätten - welches das Muster derselben
Vorsicht gewesen Zu sein scheint, aus der die Schiffe den Teufelsdreck, den sie
aus Persien holen, stets oben an den Mastbaum hängen, damit sein Gestank nicht
die Fracht des Schiffraums besudle. - - Ferner hab' ich hier oben am Hofe jede
neue Mode zur Beobachtung und Verachtung schon um mich, eh' sie drunten nur
gelästert, geschweige gepriesen worden. Z.B. die schöne Pariser Mode, dass die
Weiber durch einen kleinen Faltenwurf ihre Waden vorzeigen - welches sie in
Paris tun, um sehen zu lassen, dass sie nicht unter die Herren gehören, die
bekanntlich auf Steckenbeinen gehen -, diese wird (denn auf eine einzige Dame
kommt es an) morgen oder übermorgen gewisslich eingeführt. Doch ahmen die
Flachsenfingerinnen diese Mode aus dem ganz andern Grunde nach - denn uns Herren
fehlet nichts -, weil sie zu beweisen wünschen, dass sie Menschen und keine Affen
(geschweige weniger) sind, da nach Camper und andern nur der Mensch allein Waden
anhat. - Derselbe Beweis wurde vor einem Jahrzehend, nur mit höhern Gründen
geführt. Denn da nach Haller sich der Mensch in nichts von einem Affen trennt
als durch den Besitz eines Steisses: so suchten damals die weiblichen
Kronbeamten, die Putzjungfern, an ihren Gebieterinnen diesen
Geschlechtscharakter, der sie unterscheidet, durch Kunst - durch den sogenannten
cul de Paris - so sehr als möglich zu vergrössern, und bei einer solchen
Penultima der Ultima war es damals schon auf 200 Schritte weit ein Spass und ein
Spiel, eine Weltdame von ihrer Äffin abzutrennen, welches jetzt viele, die ihren
Buffon auswendig können, in keiner grössern Nähe sich getrauen wollen als in
einer zu grossen. -
    Ähnliche biographische Denunzianten und Familiaren unterhalt' ich in mehrern
deutschen Städten - mein Herr Vater bezahlts -, in den meisten einen, aber in
Leipzig zwei, in Dresden drei, in Berlin sechse, in Wien ebensoviel in jedem
Stadtviertel. Maschinen solcher Art, die den Perspektiven so sehr gleichen,
womit man aus seinem Bette alles beschauen kann, was unten auf der Gasse
vorfällt, machen es freilich einem Autor leicht, hinter seinem Dintenfasse in
dunkle verbauete Haushaltungen - in einer 20 Meilen entfernten Winkelgasse
geführt - hell hinunterzusehen. Daher kann mir jede Woche der närrische Fall
begegnen, dass ein gesetzter stiller Mann, den niemand kennt als sein Barbier und
dessen Lebensweg eine dunkle Sackgasse ist - dem aber heimlich einer meiner
Gesandten und Spione mit einem biographischen Hohlspiegel nachgeht, welcher des
Mannes Unterkleider und Schritte in meine an dreissig Meilen abliegende
Studierstube hineinspiegelt -, es kann mir der Fall aufstossen, sag' ich, dass ein
solcher entlegner Mann zufällig vor den Ladentisch des Buchhändlers tritt und in
meinem Werke, das rauchend aus dem Backofen dort liegt, sich mit seinen Haaren,
Knöpfen, Schnallen und Warzen so deutlich auf der 371. Seite abgebildet findet,
als man auf den Steinen in Frankreich die Abdrücke indischer Pflanzen antrifft.
Es tut aber nichts.
    Leute hingegen, die mit mir an einem Orte wohnen, welches sonst die Höfer
taten, kommen gut davon; denn neben mir halt' ich keine Gesandten.
    Aber eben dieser Vorzug, dass ich meine Geschichten nicht aus der Luft
greife, sondern aus Depeschen, nötigt mich, mehr Mühe anzuwenden, sie zu
verziffern, als andere hätten, sie aufzuschmücken oder auszusinnen. Kein
kleineres Wunder als das, welches das Mauersche Geheimnis und die unsichtbare
Kirche und die unsichtbare Loge vergittert und verdeckt, schien bisher die
Entdeckung der wahren Namen meiner Historien abzuwenden, und zwar mit einem
solchen Glücke, dass von allen bisher an die Verlagshandlungen eingeschickten,
mit Mutmassungen gefüllten Brieffelleisen keines Mäuse merkte. (Und recht zum
Vorteil der Welt; denn sobald z.B. einer die in der besten Verzifferungskanzlei
verzognen Namen der ersten Bände des Titans auseinanderringelt, so stoss' ich das
Tintenfass um und gebe nichts mehr heraus.)
    Aus den Namen ist bei mir nichts zu schliessen, weil ich die Paten zu meinen
Helden auf den sonderbarsten Wegen presse. Bin ich z.B. nicht oft abends?
während dem Rochieren und Brikolieren der deutschen Heere, die ihre Kreuzzüge
nach dem heiligen Grabe der Freiheit taten, in den Zeltgassen mit der
Schreibtafel in der Hand auf- und abgegangen und habe die Namen der Gemeinen,
die vor dem Bettegehen wie Heiligennamen laut angerufen wurden, so wie sie
fielen, aufgefangen und eingetragen, um sie wieder unter meine biographischen
Leute auszuteilen? Und avancierte dabei nicht das Verdienst, und mancher Gemeine
stieg zum tafel- und turnierfähigen Edelmann auf, Profosse zu Justizministern,
und Rotmäntel zu patribus purpuratis? - Und krähte je ein Hahn im ganzen Heere
nach diesem herumschleichenden, auf zwei Füssen mobil gemachten
Observationskorps? -
    Für Autoren, die wahre Geschichten zugleich erzählen und vermummen wollen,
bin ich vielleicht im ganzen ein Modell und Flügelmann. Ich habe länger als
andre Geschichtsforscher jene kleinen unschuldigen Verrenkungen, die eine
Geschichte dem Helden derselben selber unkenntlich machen können, studiert und
imitiert und glaube zu wissen, wie man gute Regentengeschichten, Protokolle von
Majestätsverbrechern, Heiligenlegenden und Selbstbiographien machen müsse; keine
stärkere Züge entscheiden als die kleinen, womit Peter von Cortona (oder
Beretino) vor dem Herzoge Ferdinand von Toskana ein weinendes Kind in ein
lachendes umzeichnete, und dieses in jenes zurück.
    Voltaire verlangte mehr als einmal - wie bei allen Sachen; denn er gab der
Menschheit wie einer Armee jeden Befehl des Marsches dreimal und wiederholte
sich und alles unverdrossen -, dass der Historiker seine Geschichte nach den
Gesetztafeln des Schauspiels stellen solle, nach einem dramatischen Fokalpunkt.
Es ist aber eine der ersten dramatischen Regeln, die uns Lessing, Aristoteles
und griechische Muster geben, dass der Schauspieldichter jeder historischen
Begebenheit, die er behandelt, alles leihen müsse, was der poetischen Täuschung
zuschlägt, so wie das Entgegengesetzte entziehen, und dass er Schönheit nie der
Wahrheit opfere, sondern umgekehrt. Voltaire gab, wie bekannt, nicht nur die
leichte Regel, sondern auch das schwere Muster, und dieser grosse Teaterdichter
des Weltteaters blieb in seinen historischen Benefiz-Schauspielen von Peter und
Karl nirgends bei der Wahrheit stehen, wo er gewiss sein konnte, er gelange eher
zur Täuschung. Und das ist eigentlich die echte, dem historischen Romane
entsprechende romantische Historie. Nicht ich, sondern andere - nämlich der
Lehnpropst und die Legationssekretäre - können entscheiden, inwiefern ich eine
wahre Geschichte illusorisch behandelt habe. Ein Unglück ists, dass schwerlich je
die echte Geschichte meines Helden zum Vorscheine kommt; sonst dürfte mir
vielleicht die Gerechtigkeit widerfahren, dass Kenner meine dichterischen
Abweichungen von der Wahrheit mit der Wahrheit konfrontierten und darnach
leichter jedem von uns das Seinige geben, sowohl der Wahrheit als mir. Allein
auf diesen Lohn tun alle königliche Historiographen, skandalöse Chroniker nolens
volens Verzicht, weil nie die wahre Historie zugleich mit ihrer erscheint. -
    Aber unter dem Komponieren der Geschichte muss ein Autor auch darauf
auslaufen, dass sie nicht nur keine wahre Personen treffe und verrate, sondern
auch keine falsche und gar niemand. Eh' ich z.B. für einen schlimmen Fürsten
einen Namen wähle, seh' ich das genealogische Verzeichnis aller regierenden und
regierten Häupter durch, um keinen Namen zu brauchen, den schon einer führt; so
werden in Otaheiti sogar die Wörter, die dem Namen des Königs ähnlich klingen,
nach seiner Krönung ausgerottet und durch andere vergütet. Da ich sonst gar
keine jetzt lebende Höfe kannte: so war ich nicht imstande, in den Schlacht- und
Nachtstücken, die ich von den Kabalen, dem Egoismus und der Libertinage
biographischer Höfe malte, es so zu treffen, dass Ähnlichkeiten mit wirklichen
geschickt vermieden wurden; ja für einen solchen Idioten wie mich war es sogar
ein schlechter Behelf, oft den Machiavell vor sich hinzulegen, um mit Zuziehung
der französischen Geschichte durch das Malen nach beiden den Anwendungen
wenigstens auf Länder zu wehren, in denen nie ein Franzos oder ein Welscher den
Einfluss gehabt, den man sonst beiden auf andere deutsche beimisset; so wie
Herder gegen die Naturforscher, welche gewisse missgestaltete Völker aus
Paarungen mit Affen ableiten, die sehr gute Bemerkung macht, dass die meisten
Ähnlichkeiten mit Affen, der zurückgehende Schädel der Kalmucken, die
abstehenden Ohren der Pevas, die schmalen Hände in Karolina, gerade in Ländern
erscheinen, wo es gar keine Affen gibt. Wie gesagt, auffallende Unähnlichkeiten
wollten mir nicht gelingen; jetzt hingegen ist jeder Hof, um welchen meine
Legations-Flottille schifft, mir bekannt und also vor Ähnlichkeiten gedeckt,
besonders jeder, den ich schildere, der flachsenfingische, der hohenfliessische
etc. Die Teatermaske, die ich in meinen Werken vorhabe, ist nicht die Maske des
griechischen Komödianten, die nach dem Gesichte des verspotteten Individuums
gebosselt war18, sondern die Maske des Nero, die, wenn er eine Göttin auf dem
Teater machte, seiner Geliebten ähnlich sah19, oder wenn er einen Gott spielte,
ihm selber.
    Genug! Dieses abschweifende Antrittsprogramm war etwas lang, aber die
Jobelperiode wars auch; je länger der Johannistag eines Landes, desto länger
seine Tomasnacht. - - Und nun lasset uns sämtlich ins Buch hineintanzen, in
diesen Freiball der Welt - ich als Vortänzer voraus und dann die Leser als
Nachhopstänzer -, so dass wir unter den läutenden Tauf-und Totenglöckchen am
sinesischen Hause des Weltgebäudes - angesungen von der Singschule der Musen -
angespielt von der Gitarre des Phöbus oben - munter tanzen von Tomus zu Tomus -
von Zykel zu Zykel - von einer Digression zur andern - von einem Gedankenstrich
zum andern - bis entweder das Werk ein Ende hat oder der Werkmeister oder jeder!
 
                              Zweite Jobelperiode
      Die beiden biographischen Höfe - die Sennenhütte - das Fliegen - der
 Haar-Verschleiss - die gefährliche Vogelstange - das in eine Kutsche gesperrte
Gewitter - leise Bergmusik - das Kind voll Liebe - Herr von Falterle aus Wien -
Tortursouper - das zersplitterte Herz - Werter ohne Bart - mit einem Schusse -
                                 die Versöhnung
                                   10. Zykel
Mit jugendlichen Kräften und Aussichten flog der Graf zwischen seinen Begleitern
durch das helle volle Mailand zurück, wo die Ähre und die Traube und die Olive
oft auf einer Erdscholle zusammen grünen. Schon der Name Mailand schloss ihm
einen Frühling auf, weil er, wie ich, an allen Mai-Wesen, an Maiblumen,
Maikäfern, sogar an der Maibutter in der Kindheit so vielen Zauber fand wie an
der Kindheit selber. Dazu kam, dass er ritt; der Sattel war für ihn ein
Rittersitz der Seligen, wie eine Sattelkammer eine Regensburger Grafenbank, und
jeder Gaul sein Pegasus. Auf der Insel war ihm in jener geistigen und
körperlichen Ermattung, worin die Seele sich lieber in helldunkle Schäferwelten
als in heisse staubige Kriegs-und Fechtschulen begeben will, die Aussicht in die
nahen Rätsel und Kämpfe seines Lebens zuwider gewesen; aber jetzt mit dem Herzen
voll Reise- und Frühlingsblut streckte er die jungen Arme ebensosehr nach einem
Gegner als nach einer Freundin aus, gleichsam nach einem Doppelsiege.
    Je weiter die Insel zurücktrat, desto mehr fiel der Zauberrauch um die
nächtliche Erscheinung zu Boden und hinterliess ihm bloss einen unerklärlichen
Gaukler aufgedeckt. Jetzt erst vertrauete er die Spukgeschichte seinen
Gefährten. Schoppe und Augusti schüttelten Köpfe voll Gedanken, aber jeder über
etwas anders; der Bibliotekar suchte eine physikalische Auflösung des
akustischen und optischen Betrugs; der Lektor suchte eine politische, er konnte
gar nicht fassen, was der Schauspieldirektor dieser Totengräberszene eigentlich
mit allem haben wollen.
    Den einzigen Trost behielt der Bibliotekar, dass Alban an seinem Geburtstage
dem Herzen ohne Brust eine Visite abzustatten habe, die er nur - bleiben lassen
dürfe, um aus dem Seher einen Myopen und Lügner zu fertigen: »Wollte Gott,«
(sagt' er) »mir verkündigte einmal ein Ezechiel, dass ich ihn an den Galgen
bringen würde - ich tät' es um keinen Preis, sondern brächte ihn ohne Gnade
statt um den Hals um Kredit und Kopf.« - Auch seinem ungläubigen Vater schrieb
Albano noch unterwegs mit einigem Erröten die unglaubliche Historie; denn er
hatte zu wenig Jahre und zu viel Kraft und Trotz, um Zurückhaltung an sich oder
andern zu lieben. Nur weiche Blattwickler- und Igel-Seelen ringeln und krempen
sich vor jedem Finger in sich zusammen; unter dem offnen Kopfe hängt gern ein
offnes Herz.
    Endlich kamen sie, da helle Berge und schattige Wälder genug, wie durchlebte
Tage und Nächte, hinter sie zurückgegangen waren, nahe vor das Ziel ihrer mit
Ländern gefüllten Reitbahn, und das Fürstentum Hohenfliess lag nur noch ein
Fürstentum weit von ihnen. Dieses zweite, das ein Tür- und Wandnachbar des
erstern war und mit diesem leicht zu einem Staatsgebäude ausgebrochen werden
konnte, hiess, wie geographische Leser wissen, Haarhaar. Der Lektor erzählte dem
Bibliotekar neben den Grenzwappen und Grenzsteinen, dass beide Höfe sich fast
als Blutfeinde ansähen, nicht sowohl weil sie diplomatische Verwandte wären - da
unter Fürsten Vetter, Oheim, Bruder nicht mehr bedeuten wie bei Postillonen
Schwager und bei alten Brandenburgern Vater oder Mutter - als weil sie wirkliche
wären und einander beerbten. Es würde mir zu viel Platz wegnehmen, wenn ich die
Sippschaftsbäume beider Höfe - die ihre Gift- und Drachenbäume wurden - mit
allen ihren heraldischen Blättern, Wasserschösslingen und Flechtmoosen für den
Leser hereinsetzen wollte; das Resultat kann ihn beruhigen, dass dem
haarhaarschen Fürstentume hohenfliessische Land und Leute zustürben, falls der
Erbprinz Luigi, der letzte hohlröhrige Schuss und Fechser des Hohenfliesser
Mannsstammes, verdorrte. Welche Herden von venezianischen Löwenköpfen Haarhaar
ins künftige Erbland treibt, die da nichts verschlingen sollen als gelehrte
Anzeigen und Wundzettel - und welche Spitzbubenbande von politischen Mechanikern
es da wie in eine Botany-Bay aussetzt, ist gar nicht zu sagen aus Mangel an
Zeit. Doch ist Haarhaar auf der andern Seite wieder so brav, dass es nichts so
herzlich wünscht als den höchsten Flor des Hohenfliesser Finanz-Etats, Handels,
Acker- und Seidenbaues und Gestütes und dass es im höchsten Grade jede
öffentliche Verschwendung - diese Entnervung des grossen Interkostal-Nervens (des
Geldes) - als das stärkste kanonische Impediment aller Bevölkerung hasset und
verflucht: »Der Regent« (sagt der echt menschenfreundliche Fürst von Haarhaar)
»ist der Ober-Hirt, nicht der Schächter des Staats, sogar die Wollenschere nehm'
er nicht so oft als die Hirtenflöte in die Hand; nicht über fremde Kräfte und
Ehen ist unser Vetter (Luigi) Herr, sondern über seine, diese soll er
ruinieren!« -
    Als sie ins Hohenfliessische einritten, hätten sie einen Abstecher nach
Blumenbühl20, das seitwärts von Pestitz liegt, gleichsam in die Kinderstube
Albanos (Isola bella ist die Wiege) machen können, wenn dieser nicht
fortgeritten wäre aus Heisshunger nach der Stadt und aus Wasserscheu vor einem
zweiten Abschiede, der ohnehin nur den reinen Nachklang des ersten verwirrt. Die
Reise, die Reden des Vaters, die Bilder des Gauklers, die Nähe der Akademie
hatten an unserm Vogel Rok die Flügelfedern - die in seinem Alter zu lang sind,
wie die steuernden Schwanzfedern zu kurz - so aufgespreizet, dass sie im
enggehäusigen Blumenbühl sich nur verstauchen konnten; beim Himmel, er wollte ja
etwas werden im Staate oder auf der Erde, weil ihn so tödlich jene narkotische
Wüste des vornehmen Lebens anekelte, durch dessen Lilienopium der Lust man
schläfrig und betrunken wankt, bis man an doppelseitigen Lähmungen umfällt.
    Man wird es aus der ersten Jobelperiode nicht behalten haben - weils in
einer Note stand -, dass Alban niemals nach Pestitz durfte, und zwar aus sehr
guten Gründen, die dem Ritter allein bekannt sind, aber nicht mir. Dieser lange
Torschluss der Stadt schärfte nur seine Sehnsucht darnach noch mehr. - Sie
standen jetzt mit ihren Pferden auf einer weiten Anhöhe, wo sie die Pestitzer
Kirchtürme in Westen vor sich sahen und - wenn sie sich umkehrten - unten den
Blumenbühler Turm in Morgen; aus jenen und aus diesem kam zu ihnen ein verwehtes
Mittagsgeläute her; Albano hörte seine Zukunft und seine Vergangenheit
zusammentönen. Er sah nieder ins Dorf und hinauf an ein nettes rotes Häuschen
auf einem nahen Berge, das ihm wie eine hell bemalte Urne längst ausgewischter
Tage nachglänzte; er seufzete; er blickte über die weite Baustelle seines
künftigen Lebens und sprengte nun mit verhängtem Zügel nach den Lindenstädter
Türmen wie den Palmen seiner Laufbahn zu. -
    Aber das nette Häuschen gaukelte ihm wie ein roter Schatten voraus. Ach
hatt' er denn nicht in dieser Sennenhütte einmal einen träumenden Tag voll
Zufälle verlebt, und noch dazu in jener kindlichen Zeit, wo die Seele auf der
Regenbogenbrücke der Phantasie trocknes Fusses über die Lachen und Mauern der
untern Erde wegschreitet? - Wir wollen in diesen lieben Tag, in dieses kindliche
Vorfest des Lebens, jetzt mit ihm zurückgehen und die frühern Stunden kennen
lernen, die ihm so schön mit diesem Kuhreigen der Jugend aus der Sennenhütte
nachklingen. -
 
                                   11. Zykel
Es war nämlich an einem herrlichen Jakobustage - und zugleich am Geburtstage des
Landschaftsdirektors Wehrfritz, der aber damals noch keiner war -, als dieser am
Morgen den Wagen herausschieben liess, um darin nach Pestitz zum Minister zu
fahren und die Dreschmaschine des Staates als Unterhändler der Landschaft
versuchsweise in eine Säemaschine umzustellen. Er war ein rüstiger Mann, dem ein
Ferientag länger wurde als andern ein Exerzitientag und dem nichts Langweile
machte als Kurzweile: »Aber abends« (dacht' er) »mach' ich mir einen guten Tag,
denn es ist einmal mein Geburtstag.« - Sein Angebinde sollte darin bestehen, dass
er eines - machte; er wollte nämlich aus Pestitz dem kleinen Albano einen
Österleinschen Flügel aus seinem eignen Beutel - so wenig darin war - und
obendrein einen Musikmeister auf Don Gaspards Verlangen mitbringen.
    Aber warum will man das dem Leser nicht vorher auf das deutlichste
auseinandersetzen?
    Don Gaspard hatte nämlich in der Revision des Erziehungswesens für Albano
gewollt, dass auf dessen körperliche Gesundheit mehr als auf die geistige
Superfötation gesehen würde; der Erkenntnisbaum sollte mit dem Lebensbaume
ablaktieret werden. Ach wer der Weisheit die Gesundheit opfert, hat meistens die
Weisheit auch mitgeopfert; und nur angeborne, nicht erworbne Kränklichkeit ist
Kopf und Herzen dienlich. Daher hatte Albano in seinem Bücherriemen nicht die
vielbändige Enzyklopädie aller Wissenschaften gebückt zu schleppen, sondern bloss
Sprachlehren. Nach den Schulstunden der Dorfjugend suchte nämlich der Rektor des
Orts - namens Wehmeier, bekannter unter dem Titel: Schachtelmagister - seine
schönsten Struveschen Nebenstunden, seine Otia und Noctes hagianae darin, dass er
ihn unterwies und in die von innern Strömen angefasste Mühlwelle des ewig regen
Knaben alphabetische Stifte zu einer Sprachwalze einschlug. Freilich aber wollte
Zesara bald etwas Schwerers bewegen als die Sprach-Tastatur; so wurde z.B. die
Sprachwalze im eigentlichen Sinne zur Spielwalze; denn stundenlang versucht' er
auf der Orgel des Orts ohne sonderliche Kenntnis des Kontrapunkts (er kannte
keine Note und Taste und stand unter dem Orgelstücke auf dem fortbrausenden
Pedale fest) sich in den entsetzlichsten Misstönen, wogegen die Enharmonika aller
Piccinisten verstummen muss, senkte sich aber desto länger und tiefer in den
zufälligen Treffer eines Wohllauts ein. - Ebenso arbeitete sich die saftvolle
Seele gleichsam in Laubknöpfen, Holztrieben und Ranken aus und machte Gemälde,
Tongebilde, Sonnenuhren und Plane aller Art, und sogar in den juristischen
Felsen des Pflegevaters, z.B. in Fabris Staatskanzlei, trieb sie, wie oft
Kräuter in Herbarien, ihre durstigen Wurzeln herum und über die dürren Blätter
hinaus. O wie schmachtete er (so wie in der Kindheit von Oktav- zu
Quart-Büchern, von Quart zu Folio, von Folio bis zu einem Buche so gross wie die
Welt - welches eben die Welt ist) jetzt nach geahneten Lehren und Lehrern! -
Aber desto bessert Nur der Hunger verdauet, nur die Liebe befruchtet, nur der
Seufzer der Sehnsucht ist die belebende aura seminalis für das Orpheus-Ei der
Wissenschaften. Das bedenket ihr nicht, ihr Fluglehrer, die ihr Kindern den
Trank früher gebt als den Durst, die ihr wie einige Blumisten in den gespaltenen
Stengel der Blumen fertige Lackfarben, und in ihren Kelchfremden Bisam legt,
anstatt ihnen bloss Morgensonne und Blumenerde zu geben - und die ihr jungen
Seelen keine stille Stunden gönnt, sondern um sie unter dem Stäuben ihres
blühenden Weins gegen alle Winzer-Regeln mit Behacken, Bedüngen, Beschneiden
hantiert. - O könnt ihr ihnen jemals, wenn ihr sie vorzeitig und mit unreifen
Organen in das grosse Reich der Wahrheiten und Schönheiten hineintreibt, gerade
so wie wir alle leider mit dunkeln Sinnen in die schöne Natur einkriechen und
uns gegen sie abstumpfen, könnt ihr ihnen mit irgend etwas das grosse Jahr
vergüten, das sie erlebet hätten, wenn sie ausgewachsen, wie der erschaffne
Adam, mit durstigen offnen Sinnen in dem herrlichen geistigen Universum sich
hätten umherdrehen können? - Daher gleichen auch euere Eleven den Fusspfaden so
sehr, die im Frühling vor allem grünen, später aber sich gelb und eingetreten
durch die blühenden Wiesen ziehen. -
    Wehrfritz erneuerte, da er schon auf der Wagentreppe das Gesicht in diesen
kehrte, wieder den Befehl der Aufsicht über den jungen Grafen und machte die
Signatur, womit Kaufleute kostbare Warenkisten der Post empfehlen, recht dick
auf diesem: er liebte das feurige Kind wie seines (er hatte nur eins, aber
keinen Sohn); - der Ritter hatte Vertrauen auf ihn, und um dieses zu
rechtfertigen, würd' er, da der Ehrenpunkt der Schwerpunkt und die Himmelsachse
aller seiner Bewegungen war, sich ohne Bedenken, wenn der Knabe z.B. den Hals
gebrochen hätte, seinen abgeschnitten haben; - auch sollte Albano abends vor dem
neuen Lehrer aus der Stadt auffallend gut bestehen.
    Albine von Wehrfritz, die Gemahlin, versprach alles hoch und teuer; sie
konnte sich den Evangelisten Markus und Johannes gleichsetzen, weil ihr heftiger
Mann die Gesellschafts-Tiere beider, die Tierkönige Löwe und Adler, öfters
repräsentierte, so wie sich manche andere Gattin in Hinsicht ihrer Begleitung
mit dem Lukas vergleichen mag und meine mit dem Mattäus21. Sie hatte ohnehin
auf abends ein kleines Familienfest voll spielender buntgefärbter Ephemeren der
Freude ausgeschrieben; und zum grössten Glück war schon vor einigen Tagen das
Diplom eingelaufen, das unsern Wehrfritz zum Landschaftsdirektor installierte,
und das man als ein Patengeschenk des Geburtstages auf heute aufhob.
    Aber kaum fuhr Wehrfritz hinter dem Schlossgarten, so trat Alban mit seinem
Projekte hervor und berichtete, er wolle den ganzen Feiertag droben im einsamen
Schiesshäuslein versitzen; denn er spielte gern allein, und ein elterlicher Gast
war ihm lieber als ein Spielknabe. Die Weiber gleichen dem Pater Lodoli, der
(nach Lambergs Tagebuche) nichts so mied als das Wörtchen Ja; wenigstens sagen
sie es erst nach dem Nein. Die Pflegemutter (ich will aber künftig bei ihr und
der Pflegeschwester Rabette das verdriessliche Pflege wegstreichen) sagte ohne
Bedenken Nein, ob sie gleich wusste, dass sie noch keines gegen den Trotzkopf
durchgesetzt. - Dann entlehnte sie sehr gute Dehortatorien vom Willen des
Landschaftsdirektors und hiess ihn bedenken - dann schlug sich die rotbackige
gutmeinende Rabette zum Bruder und bat mit, ohne zu wissen warum - dann
beteuerte Albine, wenigstens das Essen soll' er nur nicht auf den Berg
nachgeliefert erwarten - dann marschierte er zum Hofe hinaus So stand ich schon
öfters dabei und sah zu, wie die weiblichen Ellenbogen und Knochen unter dem
Wegstemmen allmählich vor meinen Augen Knorpel wurden und sich umbogen. Nur in
Wehrfritzens Beisein hatte Albine Kraft zum langen Nein.
 
                                   12. Zykel
Unser Held war aus den kindischen Jahren, wo Herkules die Schlangen erdrückte,
in die gottestischfähigen getreten, wo er sie erwärmte unter der Weste, um sie
in spätern wieder zu köpfen. Jubelnd schlugen draussen - sie flogen nebeneinander
- sein neuer und sein alter Adam die Flügel auf unter einem blauen Himmel, der
gar keinen Ankergrund hatte. Was kümmerte ihn die Mahlzeit? Alle Kinder tragen
vor und unter einer Abreise keinen Magen unter ihren Flügeln, wie auch den
Schmetterlingen jener einschrumpft, wenn ihnen diese aufgehen. Die oftgedachte
Sennenhütte oder das Schiesshäuslein war nichts Geringers als ein Schiesshaus mit
einer Wachtstube für eine abgedankte Soldatenfrau, mit einem Schiessstand im
untern Stock und mit einem Sommerstübchen im obern, worin der alte Wehrfritz in
jedem Sommer eine Landpartie und ein Vogelschiessen haben wollte, es aber nie
hatte, weil der arme Mann sich in der Arbeitsstube, wie andere im Tafelzimmer,
entmastete und abtakelte. Denn obgleich der Staat seine Diener wie Hunde zum
zehntenmal wieder herlockt, um sie bloss zum eilften wieder abzuprügeln; und ob
Wehrfritz gleich an jedem Landtage alle Staatsgeschäfte und Verdienste verschwur
- weil ein redlicher Mann wie er am Staatskörper überall so viel wie an denen
antiken Statuen zu ergänzen findet, wovon nur noch die steinerne Draperie
geblieben -: so kannt' er doch kein weicheres Faul- und Lotterbette zum Ausruhen
als eine noch höhere Ruderbank, und er strebte jetzt vor allen Dingen,
Landschaftsdirektor zu werden.
    Die deutschen Höfe werden das Ihrige dabei denken, dass ich ihnen die
folgende Knaben-Idylle anbiete. Mein schwarzäugiger Schäfer lief gegen die
Bergfestung der Senne Sturm und erhielt von der Soldatenfrau die Torschlüssel
zum weissgrünen Sommerkabinett. Beim Himmel! als alle östliche und westliche
Fensterladen und Fenster aufgestossen waren und der Wind von Osten blätternd
durch die Akten und kühlend durch den Stuben- Schwaden strich - und als aussen
Himmel und Erde um die Fenster herumstanden und nickend hereinsahn - als Albano
unter dem Fenster nach Osten das tiefe breite Tal mit dem steinigen springenden
Bache beschauete, auf welchem alle Glimmerscheiben, die die Sonne wie Steinchen
schief anwarf, auf der Bergseite hinausfuhren - als er vor dem westlichen
Fenster hinter Hügeln und Wäldchen den Schwibbogen des Himmels, den Berg vor der
Lindenstadt sah, der wie ein krummgeworfner Riese auf der Erde schlief - als er
sich von einem Fenster zum andern setzte und sagte: »Das ist sehr prächtig!«: so
wurden seine Lustbarkeiten im Stübchen am Ende so glänzend, dass er hinausging,
um sie draussen noch höher zu treiben.
    Die Göttin des Friedens schien hier ihre Kirche und ihre Kirchstühle zu
haben. - Die rüstige Soldatenfrau legte in einem hochstaudigen Gärtlein
Früherbsen und warf zuweilen einen Erdenkloss in den Kirschbaum unter die
geflügelten Obstdiebe, und begoss wieder unverdrossen die neue Leinwand und den
verpflanzten Salat, und lief doch willig zum kleinen zehnjährigen Mädchen, das,
von Blattern erblindet, auf der Türschwelle strickte und nur bei gefallnen
Maschen sie als Maschinengöttin berief. Albano stellte sich an den äussersten
Balkon des sich lieblich-aufschliessenden Tals, und jeder Windstoss blies in
seinem Herzen die alte kindische Sehnsucht an, dass er möchte fliegen können.
Ach, welche Wonne, so sich aufzureissen von dem zurückziehenden Erdenfussblock und
sich frei und getragen in den weiten Äter zu werfen - und so im kühlen
durchwehenden Luftbade auf- und niederplätschernd, mitten am Tage in die
dämmernde Wolke zu fliegen und ungesehen neben der Lerche, die unter ihr
schmettert, zu schweben - oder dem Adler nachzurauschen und im Fliegen Städte
nur wie figurierte Stufensammlungen, und lange Ströme nur wie graue, zwischen
ein Paar Länder gezogne schlaffe Seile, und Wiesen und Hügel nur in kleine
Farbenkörner und gefärbte Schatten eingekrochen zu sehen - und endlich auf eine
Turmspitze herabzufallen und sich der brennenden Abendsonne gegenüberzustellen
und dann aufzufliegen, wenn sie versunken ist, und noch einmal zu ihrem in der
Gruft der Nacht hell und offen fortblickenden Auge niederzuschauen und endlich,
wenn sich der Erdball darüberwirft, trunken in den Waldbrand aller roten Wolken
hineinzuflattern! ...
    Woher kommt es, dass diese körperlichen Flügel uns wie geistige heben? Woher
hatte unser Albano diese unbezwingliche Sehnsucht nach Höhen, nach dem
Weberschiffe des Schieferdeckers, nach Bergspitzen, nach dem Luftschiffe,
gleichsam als wären diese die Bettaufhelfer vom tiefen Erdenlager? Ach du lieber
Betrogener! Deine noch von der Puppenhaut bedeckte Seele vermengt noch den
Umkreis des Auges mit dem Umkreise des Herzens und die äussere Erhebung mit der
innern und steigt im physischen Himmel dem idealistischen nach! - Denn dieselbe
Kraft, die vor grossen Gedanken unser Haupt und unsern Körper erhebt und die
Brustöhle erweitert, richtet auch schon mit der dunkeln Sehnsucht nach Grösse
den Körper auf, und die Puppe schwillt von den Schwingen der Psyche, ja an
demselben Bande, woran die Seele den Leib aufzieht, muss ja auch dieser jene
heben können.
    Wenigstens flog Albano zu Fuss den Berg hinab, um mit dem Bache fortzuwaten,
der in die weissgrüne Birken-Holzung, sich abzukühlen, floss. Schon öfters hatt'
ihn seine Robinsonaden-Sucht nach allen Strichen und Blättern der Windrose
fortgeweht; und er ging gern mit einer unbekannten Strasse ein hübsches Stück
Weg, um zu sehen, welchen sie selber einschlage. Er lief am silbernen
Ariadnens-Faden des Baches tief ins grüne Labyrint und wollte durchaus unter
die Hintertüre des langen Dickichts vor eine weite Perspektive gelangen - er
gelangte nicht darunter - die Birken wurden bald lichter, bald düsterer, der
Bach breiter - die Lerchen schienen draussen in hoher Ferne über ihm zu singen -
aber er bestand auf seinem Kopf. Die Extreme hatten für ihn von jeher
magnetische Polarität - wie die Mitte nur Indifferenzpunkte -; so war ihm z.B.
ausser dem höchsten Stande des Barometers keiner so lieb als der tiefste, und der
kürzeste Tag so willkommen als der längste, aber die Tage nach beiden fatal.
    Endlich nach dem Fortschritte einiger Stunden in Zeit und Raum hört' er
hinter den lichtern Birken und hinter einem stärkern Rauschen als des Baches
seinen Namen von zwei weiblichen Stimmen öfters leise und lobend nennen. Jetzt
galoppierte er, gleichgültig gegen das Wagen der Lunge und des Lebens, keuchend
wieder zurück - sein Name wurde lange darnach wieder um ihn genannt, aber
schreiend - seine heimliche Schutzheilige, die Kastellanin der Senne, tat
seinetwegen diese Notschüsse unten am Berge.
    Er kam hinauf, und die runde Tafel der Erde lag hell und
sonderbar-erweichend um sein durstiges Auge. Wahrhaftig die weite Ferne samt der
Müdigkeit musste den Zugvogel hinter dem Sanggitter der Brust an seine fernen
Länder und Zeiten erinnern und ihn damit wehmütig machen, als so die mit roten
Dächern buntgefleckte Landschaft vor ihm ihre weissen leuchtenden Steine und
Teiche wie Licht-Magnete und Sonnensplitter auslegte - als der lange graue
Strassendamm nach Lindenstadt, deren Prospekte im Sommerstübchen hingen und wovon
zwei Turmspitzen oben aus dem Gebirge keimten, vor ihm die fernen Wanderer
hinauftrug in die für ihn geschlossene Stadt - und als ja alles nach Westen
flog, die vorbeizischenden Tauben, die über die Saaten wogten, und die
Wolkenschatten, die leicht über hohe Gärten wegliefen Ach das jüngste Herz hat
die Wogen des ältesten, nur ohne das Senkblei, das ihre Tiefe misset! - - Das
gelehrte Deutschland macht sich, merk' ich, seit mehrern Zykeln auf grosse Fata
und Fatalitäten gefasst, die diesem Sennentage meines Helden die nötige Würde
geben; ich, der sie am ersten wissen müsste, weiss gegenwärtig noch von keinen.
Aus der Kindheit - ach aus jedem Alter - bleiben unserm Herzen oft Tage
unvergänglich, die jedes andere vergessen hätte; so ging dieser nie aus Albanos
seinem. Zuweilen wird ein kindlicher Tag auf einmal durch ein helleres
Aufblicken des Bewusstseins verewigt; in Kindern, zumal solchen, wie Zesara ist,
dreht sich das geistige Auge weit früher und schärfer nach der Welt innerhalb
der Brust, als sie zeigen und wir denken.
    Jetzt schlugs ein Uhr im Schlossturme. Der geliebte nahe Ton, der ihn an
seine nahe Pflegemutter - und an das versagte Essen erinnerte - und der Anblick
der kleinen Blinden, die schon ihren Holzzweig vom Brotbaum oder ihr dürres
Renntiermoos in Händen hatte - und der Gedanke, dass doch heute der Geburtstag
des Pflegevaters sei - und die unsägliche Liebe für seine gekränkte Mutter, der
er oft plötzlich einsam an den Hals fiel - und sein von der Natur betauetes Herz
machten, dass er zu weinen anfing. Aber der Trotzkopf ging darum nicht nach
Hause; nur die Älplerin war ungeheissen fortgelaufen, um der suchenden Mutter den
Flüchtling zu verraten.
    Er wollte in dieser Mittagsstille der kleinen blinden Lea, auf deren Gesicht
ein sanftes weiches Zugwerk durch die Punktation der Blattern leserlich
durchlief, einige Worte oder doch den langen Stecken, womit sie die Tauben von
den Erbsen und die Spatzen von den Kirschen treiben musste, mitarbeitend
abgewinnen; aber sie drückte schweigend den Arm fest auf die Augen, blöde vor
dem vornehmen jungen Herrn. Endlich brachte die Frau das Gericht für den
verlornen Sohn und von Rabetten noch dazu ein Riechfläschchen voll Dessert-Wein.
    Albine von Wehrfritz gehörte unter die Weiber, die, ungleich den Staaten,
nur ihr Versprechen halten, aber keine Drohung die den nürnbergischen
Forstämtern gleichen, welche auf den kleinsten Waldfrevel eine Strafe von 100
Fl. setzen und in derselben Stunde sie auf 100 Kreuzer moderieren22 - die aber
ihre Gesetze, wie Solon seine auf 100 Jahre, nach Verhältnis ihres kleinern
Staats doch auf 100 Sekunden hinaus geben.
 
                                   13. Zykel
Ich würde mehr aus Albanos Gedächtnismahl machen, das er wie ein Erwachsener im
Stübchen tranchieren und mit seiner Hausgenossenschaft teilen und wozu er sich
selber einschenken konnte, ging' ich nicht wichtigern Begebnissen entgegen, die
während dem Zurücktragen des Tafelgeschirres vorfielen. Albano ging hinaus,
indem das ganze Meer seines Innern vom Wein und vom Vormittage phosphoreszierend
leuchtete, und der blaue Himmel flatterte heftiger wehend um ihn - er hatte das
Gefühl, als sei der Morgen schon seit langem vorüber, und er erinnerte sich
desselben mit weicher Regung, wie wir uns alle in der Jugend der Kindheit, im
Alter der Jugend, sogar abends des Morgens -, und die Bilder der Natur rückten
näher heran und bewegten ihre Augen wie katolische. So bringt uns die Gegenwart
nur Bilder zu optischen Anamorphosen, und erst unser Geist ist der erhabne
Spiegel, der sie in schöne Menschen-Formen umstellet. Mit welchem süssen
Untertauchen in Träume tat er, wenn er dem östlichen Wehen entgegenging, die
Augen zu und zog das Getöse der Landschaft, das Schreien der Hähne und Vögel und
eine Hirtenflöte gleichsam tiefer in die verschattete Seele hinein! Und wenn er
dann am Gestade des Berges die Augen wieder öffnete, so lagen friedlich drunten
im Tale die geweideten weissen Lämmer neben dem Flötenisten, und oben am Himmel
lagerten sich die glänzenden Lämmerwolken über sie hin!
    Inzwischen mocht' ers einmal versehen und blind zu weit in das Gärtchen -
die Blinde sah ohnehin nicht - tappen, die Arme offen voraushaltend, um sich
nichts auszustossen; - als an seiner Brust eine zweite anlag, und er aufsehend
das bebende Mädchen so nahe an sich fand, das seitwärts abgebogen stammelte:
»Ach nein, ach nein!« - »Ich bins nur,« (sagte der Unschuldige, sie fassend)
»ich tue dir ja nichts« - Und er hielt sie, als sie demütigfurchtsam vertrauete,
noch ein wenig fest und schauete auf den gebückten Kopf mit süsser Regung nieder.
    Herzlich gern hätt' er der Erschreckten Schmerzengelder und Benefiziate in
dieser Komödie für die Armen gegeben; er hatt' aber nichts bei sich, bis ihm zum
Glück seine Schwester Rabette - von welcher Bandagistin er irrig schloss, dass
mehrere Mädchen des Teufels auf Bänder sind und sie wie Taschenspieler
verschlingen, aber nicht wiedergeben - und sein neues Zopfband einfiel. Er
spulte freudig das lange seidne Wickelband von seinem Kopf an ihren. Aber die
liebliche Nachbarschaft, das Flechtwerk eines feinern innern Bandes, und die
Süssigkeit zu geben und das Vivace seines angebornen Übermasses machten, dass er
ihr gern das Dresdner grüne Gewölbe in die Schürze gegossen hätte; als ein
Schnurrjude mit seinem kleinern seidnen auf dem Magen und mit einem Sack voll
eingekaufter Haare auf dem Rücken die Pestitzer Strasse hinzog. Der Jude liess
sich wohl herrufen, aber nichts ableihen, trotz allen ausgestellten Wechseln auf
Eltern und Taschengelder. Ach ein herrliches rotes Haubenband hätte Leas blinden
Augen so gut wie eine rote Aderlassbinde der Wunde getan! Denn eine blinde Frau
putzet sich so gern als eine sehende, sie müsste denn eitel sein und mehr sich im
Spiegel gefallen wollen als andern ausser demselben. Der Handelsmann liess gern
das Band von ihr befühlen und sagte, er handle auf den Dörfern Haare ein, und
gestern hätten ihm die Wirtskinder durch einen brennenden Schwamm seinen ganzen
Sack voll Chignons in kurze Wolle verkrümelt, und wenn ihm die junge Herrschaft
ihr braunes Haar bis an das Genicke ablassen wolle, so solle sie das Band und
einen noch sehr brauchbaren ledernen Zopf aus der würzburgischen Fabrik auf der
Stelle dazu haben. - Was war zu tun? Das Band war sehr rot - Lea wars vor
Hoffnungen - der Jude sagte, er packe ein - der Haarzopf lief ohnehin bisher wie
ein zweites Rückgrat über das ganze erste hinab und wurde für Alban durch das
langweilige Einwindeln an jedem Morgen ein Sperrstrick und eine Trense seines
Feuers - - Kurz der arme Rupfhase trat dem Juden die königlich-fränkische
Insignie ab und schnallte die würzburgische Scheide an.
    Und nun schüttelte er ihre Hand recht derb auf und ab und sagte mit einem
ganzen Paradies voll liebender Freudigkeit auf dem Gesicht: »Das Band ist dir
wohl recht lieb, du armes blindes Ding!« Jetzt bestieg der unaufhörliche Mäzen
gar den Kirschbaum, um droben für Lea als ein lebendiger Popanz den Spatzen die
Kirschen zu verleiden und ihr als ein Fruchtgott mehrere Paternoster- und
Fruchtschnüre von letztern herunterzuwerfen.
    Beim Himmel! droben unter den Herzkirschen schienen ordentliche
Wolfskirschen auf den Kopf des Knaben zu wirken; wie die Erde ihre finstern
Mittelalter hatte, so haben oft Kinder finstere Mitteltage voll lauter
Kapuzinaden und Gickse. Auf den hohen Ästen schimmerten ihn die wachsende
Landschaft und die auf die Berge niederfallende Sonne und besonders die
Pestitzer Turmspitzen so himmlisch an, dass er sich jetzt nicht Höheres denken
konnte als die - Vogelstange neben ihm und keinen glücklicher-tronenden
Kron-Adler als einen auf der Stange....
    Aber nun bitt' ich sämtliche Leserinnen, entweder in das Schiesshaus
einzutreten oder sich mit der Soldatenfrau daraus die fortläuft und den Frevel
der gnädigen Frau anzeigt - mit wegzumachen, weil wenige von ihnen es neben mir
aushalten, dass unser Held, der Stammhalter des Titans, von einigen
Pachters-Knechten - denen noch dazu Albine das Remarsch-Reglement seines
eiligern Kommens mitgegeben - auf ein Querholz, das unterhalb des Hakens der
Vogelstange eingefuget ist, festgesetzet und, mit dem Unterleibe an diese
angebunden und so in der Luft waagrecht liegend, allmählich durch den weiten
Bogen aufgehoben und mitten im luftigen Himmel aufgestellet wird. Es ist arg;
aber die Knechte konnten den Bitten seiner mächtigen Augen, seinem malerischen
Willen und Mute und den angebotnen Rekompensen und Krönungsmünzen unmöglich
widerstehen, und dabei wog er ja nur halb so viel wie der letzte Vogel.
    Ich bin dir doch gut, Kleiner, trotz deinem starren, zwischen Kopf und Herz
gebauten Wagehals! Deine monströsen Barock-Perlen von Kräften wird die Zeit, wie
im grünen Gewölbe Künstler physische Perlen, schon noch zum Bau einer schönen
Figur verbrauchen!
    Die Reichsgeschichte unsers Reichsadlers auf seinem Stativ, die sich
zugleich über die Ereignisse ausbreitet, welche auf dem Berge vorfielen, als der
Schachtelmagister und der Landschaftsdirektor zufällig zur besetzten Vogelstange
kamen, soll ungesäumt gegeben werden, wenn wir den 14ten Zykel haben.
 
                                   14. Zykel
Der Magister Wehmeier, der sich von weitem die Gestalt und das Bewegen des
Vogels nicht erklären konnte, hatte sich heraufgemacht und sah nun zur
Kreuzeserhöhung des Zöglings hinauf. Er stürzte anfangs ins Plongierbad des
Eis-Schauders über die Kühnheit, aber er stieg bald aus ihm heraus unter das
Tropfbad des Angstschweisses, den an ihm der Gedanke ansetzte, in jeder Minute
falle der Eleve herab und zerschelle in 26 Trümmer, wie Osiris, oder in 30, wie
die mediceische Venus: »Und das jetzt,« (dacht' er hinzu) »da ich den jungen
Satan in Sprachen soweit gebracht und einige Ehre an ihm erlebte.« Daher filzte
er nur die Hebemaschinisten, aber nicht den Hochwächter aus, weil zu besorgen
war, unter dem Verantworten rutsch' er droben aus. Den optischen Wagen, mit
welchen der Teufel den im Angstkreise befestigten Magister zu überrennen drohte,
kam endlich ein wahrer nachgefahren, worin der künftige - Landschaftsdirektor
sass. Ach lieber Gott! - Der Direktor schöpfte ohnehin allezeit beim Minister die
ganze Gallenblase voll bitterer Extrakte ein, bloss weil er dort artigere und
stillere Kinder vorfand, ohne doch zu bedenken - wie hundert Väter, die hier mit
angefahren werden müssen -, dass Kinder wie ihre Eltern sich Fremden besser
präsentieren, als sie sind, und dass ihnen überhaupt das Stadtleben statt der
höckerigen dicken Borke des Dorflebens die glatte weisse Birken-Folie überlege,
indes sie am Ende, wie ihre Eltern und Hofleute, nur gleich Kastanien an der
Aussenschale abgeschliffen, innen aber verdammt borstig anzufühlen sind. So gewiss
werden den feinsten Mann vom Lande immer wenigstens Prinzen und Minister
überlisten, die zehn Jahr alt sind, - gesetzt auch, er nehm' es leichter mit
ihren Vätern auf.
    Als Wehrfritz seinen Pflegesohn auf dem Schreckhorne horsten sah und den
Schachtelmagister unten, der hinaufschauete: so bildete er sich ein, der
Instruktor hab' es veranstaltet, und fing laut an, ihm aus dem zugesperrten
Wagen einen kleinen Himmel voll Donnerwetter und Donnerschläge auf den Hals zu
fluchen. Der verfolgte Wehmeier fing auf dem Berge auch an, laut zum
Schreckhorne hinaufzuzanken, um dem Direktor darzutun, dass er seines Amtes warte
und mit dem Hammer des Gesetzes als mit einem bildenden Tiefhammer so gut wie
einer am Zögling schmiede. Die Soldatenfrau rang die Hände - die Knechte
stellten sich zur Kreuzesabnehmung an - der arme glühende Kleine zog sein Messer
und rief herab: »er schneide sich gleich los und werfe sich hinab, sobald einer
jetzt die Stange niederlasse.« Er hätt' es auch getan - und sein Leben und
meinen Titan frühzeitig ausgemacht -, bloss weil er die Schande der väterlichen
Real- und Verbal-Injurien vor so vielen Leuten - ja im Wagen sass gar ein fremder
Herr - ärger noch als Selbstmord und Hölle floh. Allein der Direktor, selber
voll Tollkühnheit und doch voll Hass derselben am Kinde, liess es darauf ankommen
und rief entsetzlich nach dem Bedienten, der den Schlüssel zur Wagentüre hatte;
er wollte heraus und hinauf. Er war unbeschreiblich erboset, erstlich, weil er
hinten dem Wagen einen Österleinschen Flügel als Angebinde des heutigen
Freudentages aufgebunden - ach Albano, warum hören deine Freuden wie die
Schleifer eines Bierfiedlers mit einem Misstone auf? -, und zweitens, weil er
drinnen einen Sing-, Tanz-, Musik-und Fecht-Meister aus dem polierten glänzenden
Ministers-Hause für Albano neben sich auf dem Polster als Zuschauer der
Debutrolle sitzen hatte. Gottlieb sprang vom Bocke vor die Wagentüre, fuhr
fluchend durch alle Taschen, der Wagenschlüssel war in keiner. Der inkarzerierte
Direktor arbeitete im Tierkasten wie ein wedelnder Leopard, und sein Grimm
sprang, wie ein Löwe, den ein Jäger nach dem andern anschiesset, gegen den
dritten an. Alban sägte auf allen Fall im Stricke hin und her. Der
Schachtelmagister war am besten dran; denn er war halbtot und vernahm hinter
seinem in saurem Angstschweisse geronnenen kalten Körper wenig mehr von der
Aussenwelt, sein Ich war fest und gut wie Schnupftabak in kühles Blei verpackt. -
    Ach mit dem geängstigten Knaben leid' ich stärker, als säss' ich mit auf der
Stange; seinem rührend-edlen Angesichte mit der feingebogenen Nase wirft die
westliche Aurora und die Scham den Purpur über, und die tiefe Sonne hängt sich
küssend an seine Wangen, gleichsam an die letzten und höchsten Rosen der dunkeln
Erde; und er muss die trotzig-blickenden Augen von der geliebten Sonne und von
dem Tage, der noch auf ihr wohnt, und von den beiden Lindenstädter Turmknöpfen,
die zu ihren Seiten glimmen, wegziehen und die kräftig-gezeichneten und
scharfwinklichten Augenlider, welche Dian mit den zu heroischen und
durchgreifenden am Christus-Kinde der aufsteigenden Madonna von Raffael
verglich, bange auf den schwülen Zank des tiefen Bodens niederschlagen.
    Gottlieb trieb mit aller Mühe den Wagenschlüssel nicht auf, denn er hatt'
ihn in der Tasche und in der Hand und wollt' ihn aus Schonung für den jungen
Herrn, den die ganze Dienerschaft so »fresslieb« hatte wie den Kegelplatz, nicht
gern herausgeben. Er votierte auf das Herholen des Schlossers, aber der Kutscher
überstimmte ihn mit dem Rate, lieber gleich vor die Werkstatt hinzufahren - und
schnauzte die Pferde an- und fuhr den inhaftierten Kontroversprediger in seiner
Kanzel mit dem aufgepackten Österleinschen Flügel im Trabe davon. Das wenige,
was der Bombardeur unter Gottliebs Aufsitzen noch aus dem Wagen werfen konnte,
bestand darin, dass er ein Fenster einstiess und aus der Schiess-Scharte noch
einige der nötigsten nachbrennenden Schüsse zum Unglücks-Vogel auf der Stange
hinauftat.
    Jetzt bekam der Magister seinen Mut und Ärger wieder, und er gebot kühn das
Herunternehmen des Absaloms. Indem das Kind mit der Sitzstange vor ihm
vorübersank, legte er die fünf Schneidezähne der Finger wie ein Rostral in die
Kopfhaut und rastrierte damit am Hinterkopfe herab, in der Absicht, die krumme
Linie des Haars spielend dadurch zu rektifizieren, dass ers mit seiner Hand wie
mit dem Frosch eines Fiedelbogens mässig anzog, als er zu seinem Erstarren meinem
Helden den würzburgischen Zopf wie eine Schwanzfeder ausriss.
    Wehmeier besah staunend die cauda prendensilis (den Wickelschwanz), und
durch seine auf den kleinern Fehler gelenkte Aufmerksamkeit gewann Albano dabei
soviel wie Alcibiades bei dem abgehackten Schweife seines - Robespierre. Der
Magister dankte Gott, dass er heute nicht mit dem alten Wehrfritz soupieren
durfte, und schickte verblüfft ihn mit dem Vexierzopfe nach Haus.
 
                                   15. Zykel
Die guterzige Albine hatte den ganzen Tag vor dem Ehegemahl allen brennenden
Stoff (da die Vitriolnaphta seines Nervengeistes schon von weitem Zornfeuer
fing) weggeräumt, damit nichts ihre Lustschlösser in Brandstätten der Freude
umkehrte ja als Vorstadt des abendlichen himmlischen Jerusalems hatte Rabette
ein vorbeiziehendes Orchester aus Bergknappen ins Kabinett der Tafelstube
versteckt - und für Albano hatte Albine schon eine heraldische Tracht
ausgesonnen, worin er ihm die Vokation der Landschaft überreichen sollte - ach
was hatte aber die Frau davon als Flammen, die der eintretende Wehrfritz
auswarf, indes er wie ein Kamel in seinem Magen noch einen kalten langen
Wasserstrahl für das Anspritzen des Magisters aufhob! -
    Albine, die, wie die meisten Weiber, das männliche Steinigen mit
Gallensteinen für die 50 Pfd. Passiersteine nahm, die einem Passagier auf der
Ehepost frei passieren, gab ihm anfangs, wie immer, heiter recht und verbarg
jede Zähre des Unmuts, weil kaltes Besprengen Männer und Salat verhärtet - dann
nahm sie das Recht stufenweise zurück - macht' aber den Tadel erst auf ihrer
Zunge mild, wie die Wärterinnen das Waschwasser der Kinder im Munde lau machen -
und sagte zuletzt, er solle das Kind nur ihr überlassen.
    Aber so schwillet uns unter der Hand der alte Wehrfritz zu einem
apokalyptischen Drachen, zu einem Tiere von Gevaudan und Wütriche auf; - und er
ist doch nur ein Lamm mit zwei Hörnchen. - Hatt' er nicht an seinem Geburtsfeste
im Karrenjahre seines frönenden Lebens einen Anspruch auf einen erleichterten
Abend, wenigstens bei einem Kinde, das er stärker liebt als seines und für das
er einen Flügel und Lehrer aufgeladen? Und hatt' er ihm - ob er gleich selber
zuviel wagte und ausdauerte - es nicht hundertmal verboten, ihm nachzuahmen und
sich auf Pferde oder in Sturmwinde, in Platzregen und Schneegestöber zu setzen?
- Und kam er nicht vom pädagogischen Knutenmeister, dem Minister, her, dessen
Erziehungsanstalt nur eine längere Realterrition und kürzere Verdammnis war? Und
macht nicht der Anblick strenger Eltern strenger, der Anblick milder hingegen
nicht milder? -
    Albano begegnete zuerst Rabetten, mit seiner ledernen Hinterachse in der
Hand, auf seinem trotzigen Wege zum Studierzimmer des Vaters und also zur
Regimentsstrafe vom rechten Revolutionstribunale. Aber sie fing ihn von hinten
mit dem englischen Grusse: »Bist du da, Absalom?« und setzte ihn gewaltsam nieder
- und band ihm, nach dem nötigen Erstaunen und Erfragen, die Hohl-Ader der Haare
knapp und unsanft an - und zeigte ihm den Stosswind des väterlichen Zorns im
furchtbaren Lichte - und die Windstille des musikalischen Bergdepartements
wieder im lächerlichen, das neben der Tafelstube, dieser Renn- und Wildbahn des
hin- und herlaufenden Direktors, pausierend Friedenszeiten abwarte - und entliess
ihn mit einem Kusse, sagend: »Du dauerst mich, Schelm!«
    Er marschierte mit einem Trotze, den das spannende Haar verstärkte, ins
Tafelzimmer. »Aus den Augen!« sagte der funkelnde Sturmläufer. Alban trat sofort
aus der Türe zurück, zornig über den ungerechten Zorn und eben darum weniger
betrübt über den ungesunden, da sein Wohltäter heftig an dem für den Geburtstag
gedeckten Tische auf- und ablief und nach der alten Unart die fertig gebrannte
Kalkgrube seines Zorns mit Wein ablöschte.
    Wenige Minuten nach ihm kam auch die musikalische Akademie und Knappschaft
missmutig und in brummende Kontrabassisten verwandelt, gegangen. Es war ihnen im
trocknen Kabinett die Zeit lang geworden, daher hatten der Bassonist und der
Violinist sich durch ein leises Stimmen unterhalten wollen. Der Direktor, der
nicht begreifen konnte, was ihn immer für ein verlornes Getöne umfliege, nahms
lange für melodisches Ohrenbrausen, als plötzlich der Hammermeister des
Hackbretts seinen musikalischen Fäustel auf die besaitete Tenne fallen liess.
Wehrfritz riss den Augenblick die Türe auf und sah das ganze musikalische Nest
und Komplott bewaffnet vor sich im Zirkel sitzen und aufpassen; - er fragte sie
hastig: »was sie im Kabinett zu suchen hätten« und befahl sogleich nach einer
flüchtigen Gabe der ganzen Besatzung, ohne klingendes Spiel mit ihren ledernen
Tändelschürzen und culs de Paris abzuziehen.
    Albine winkte mit einem sanften Gesicht den geächteten Liebling ins
Nähzimmer, wo sie ihn recht gelassen um die Wahrheit befragte, weil sie wusste,
er lüge nie. Nach der Berichtserstattung stellte sie ihm wenig seinen Fehler
(wiewohl sie dem gegenwärtigen Kinde ebenso gegen den abwesenden Mann unrecht
gab, wie vorhin dem gegenwärtigen Manne gegen das abwesende Kind) und mehr die
Folgen vor - sie zeigte (dabei machte sie ihm das Halstuch auf und um und einige
Westenknöpfe zu), wie sich ihr Mann vor dem mitgebrachten zweiten Schulkonsul
mit 24 Faszibus, dem Musik- und Tanz-Meister Herrn v. Falterle, der sich droben
umkleide, in Albanos Seele schäme - wie der Tanzmeister es wohl gar an Don
Gaspard schreiben werde - und wie ihrem guten Manne der ganze süsse bemalte
Gelee-Apfel der heutigen Freude zu Wasser gemacht worden, und er sich gerade an
einem solchen feierlichen Tage einsam härme und vielleicht den Tod hole vom
Trunke auf den Zorn. Die Weiber stimmen gewöhnlich, wie Harfenisten, mit
geringen Fusstritten die ganzen Töne der Wahrheit unter dem Spielen zu halben um.
- Nachdem sie ihm noch die väterlichen Abendgewitter vorgerechnet, die er immer
durch sein Reiten und durch seine Robinsonschen Entdeckungsreisen über sich
hergezogen und deren Schläge nur immer den Wetterableiter (sie selber)
zerschmolzen hätten: so setzte sie mit jener rührenden, nicht aus der knöchernen
Kehle, sondern aus dem wallenden Herzen fliessenden Stimme dazu: »Ach Alban, du
wirst einst an deine Pflegemutter denken, aber zu spät« und weinte recht sanft.
    Bisher waren in ihm die strengflüssigen Schlacken und der geschmolzene Teil
seines Herzens nebeneinander aufgewallet, und der warme Guss war höher und heisser
im Busen emporgedrungen, nur das Gesicht war kalt und hart geblieben - denn
gewisse Menschen haben gerade im Punkte der Zerfliessung den Anschein und die
Anlage der Verhärtung am meisten, wie der Schnee kurz vor dem Zerschmelzen
gefriert -; aber jetzt riss er sich durch das Ziehen am zu dicht angegürteten
Zopfe, welches das verlegne Zeichen des nahen Durchbruchs war, das würzburgische
Anhängsel im Krampfe der Ergrimmung über sich heraus. Eh' Albine es sah, hatte
sie ihm die Direktorats-Bestallung mit den Worten gereicht: »Kaum sollt' ich;
aber brings ihm nur und sage, es wäre mein Angebinde, und du wolltest künftig
ganz anders sein.« - Allein da sie seine Hand bewaffnet sah, fragte sie
erschrocken mit dem tiefen Nachklange einer verschmerzten Vergangenheit:
»Alban?« und kehrte sich sofort vom armen Kinde, dessen Schmerz sie missverstand,
mit zu bittern Tränen weg und sagte: »Was ist denn das wieder? - O wie quält ihr
heute alle mein Herz! - Geh fort!« - »O komm her« (rief sie ihm nach) »und
erzähl die Umstände!« Und als ers unschuldig und wahr getan hatte, so konnte
ihre von Tränen überwältigte Stimme nicht mehr tadeln, sondern nur milde sagen:
»Trage denn das Angebinde hin!« Dennoch hatte sie vor, beim Manne die
Abbreviatur des Haars für einen Gehorsam gegen ihren Willen und gegen die Mode
der vornehmen Stadtkinder auszugeben.
    Alban ging, aber auf dem harten Wege zersprangen die gefüllten Tränendrüsen
und das angehaltene Herz, und er trat mit fortweinenden Augen vor den einsamen
Pflegevater, der den müden und sinnenden Kopf aufstützte, und reichte ihm weit
voraus das grossgesiegelte Schreiben hin und konnte nur sagen: »Das Angebinde«
und weiter nichts und Funken sprangen mit den Gewittertropfen aus den heissen
Augen. Lege dich, Unschuldiger, leise an des Vaters aufgeknöpfte Brust und lasse
dich von seiner Linken, indem er den Zauberkelch der Ehre mit der Rechten hält
und sich aus ihm betrinkt, durchaus nicht wegstemmen! Die abtreibende Hand wird
endlich nur schlaff und ohne Schwere auf deinen nassen Feuerwangen und warmen
Augen voll Busse zu pulsieren kommen - dann wird der Alte das Dekret noch
langsamer wieder überlesen, fast um den ersten Laut zu verschieben - dann wird
er, wenn du unbeschreiblich-ungestüm seine Hand in dein küssendes Angesicht
eindrückest, sich stellen, als wach' er eben auf, und wird salpeter-kalt sagen
mit Schimmern der Augen: »Rufe die Mutter!« - und dann wird er, wenn du dein
glühendes, von Liebe zuckendes Gesicht unter den herübergefallnen Haaren gegen
ihn aufhebst und wenn diese sanft von deinen Kirschenwangen zurückschlagen,
seinem weglaufenden Lieblinge ziemlich lange nachschauen und aus seinen Augen
etwas wegstreifen, damit er die Adresse des Diploms so überlaufen könne, wie er
will.....
    Sag, Albano, hab' ich recht geraten?
 
                                   16. Zykel
Jede Ehrensäule erhebt das Herz eines Mannes, den man daraufstellt, über den
Brodem des Lebens, über die Hagelwolken der Drangsale, über den Frostnebel der
Verdriesslichkeit und über die brennbare Luft des - Zorns. Ich will das
Zauberblatt einer günstigen Rezension einem knirschenden Werwolfe vorhalten; -
sofort steht er als ein leckendes Lamm mit quirlendem Schwänzchen vor mir; und
könnte eine Frau ihrem hitzigen Schriftsteller jedesmal ein kritisches
Trompeterstückchen auf Famas Trompete vorblasen, er würde einem Engel und sie
jenem Bierfiedler gleich, der im Bärenfange den Saul von Petz durch Tanzstücke
besänftigte.
    Wehrfritz kam als ein neugeborner Seraph Albinen entgegen und erzählte die
Ehre. Ja um die Explosionen seines Ätna ihr abzubitten, sagte er nicht, wie
sonst: nolo episcopari, er sagte nicht, eine unersteigliche Bergkette von
Arbeiten setze sich jetzt um ihn fest - sondern statt dieses verlegnen
Zurückziehens der Hand vor dem ausschüttenden Fruchtorne des Glücks, statt
dieser jungfräulichen Blödigkeit des Entzückens, die Gattinnen gemeiner ist,
legt' er die Herzhaftigkeit einer Witwe an den Tag und sagte Albinen, ihre
Wünsche des heutigen Morgens wären schon zu Gaben geworden - und fragte, wo denn
der versprochene Abendschmaus und die Leute und der Magister und der
Tanzmeister, den jener gar noch nicht gesehen hätte, und Rabette und alles
steckte.
    Aber Albine hatte dem Magister schon längst durch Albano die Einladung und
das Verziehen aller Gewitter und des neuen Kommis Ankunft sagen lassen. Wehmeier
ass eigentlich mit dem grössten Widerwillen bei einem Edelmanne, bloss weil er wie
ein speisender Akteur des Tisches mit Reden, savoir vivre, Aufpassen, Halten
aller Gliedmassen und Spedieren aller Esswaren so viel zu tun hatte, dass er aus
Mangel an Musse kleine Dinge - z.B. Essiggurken, Kastanien, Krebsschwänze - bloss
im ganzen und ohne Geschmack verschluckte, so dass er nachher das Hartfutter wie
einen verschlungnen Jonas oft drei Tage in der Weidtasche seines Magens
herumtragen musste. Allein diesesmal zog er sich gern zum Essen an, weil er auf
seinen pädagogischen Nebenmann neugierig und ungehalten war, und das aus Angst,
der neue Mitpächter gebe vielleicht die herrliche Wintersaat in Albans besäetem
Lande für seine eigne Sommersaat aus. Er schrieb seiner abbrevierten Lehrmetode
alle Wunderkräfte seines Lehrlings, d.h. dem Boden aus Wasser den aromatischen
Geist der Pflanze zu, die darin wuchs.23
    Mit grösserer nachsichtiger Liebe kam er, den halbierten Liebling eigenhändig
führend, vor Rabettens Kabinett in einem saftgrünen Flaus mit dreiblättrigem
Kragen an. - - »Herr von Falterle hier« (sagte bei seinem Eintritt Rabette,
nicht aus Neckerei, sondern aus Unbesonnenheit) »meinten vorhin, Sie wärens, als
der Hund hereinwollte.« - »Mein Herr,« (versetzte kalt und ernst der Paradeur
von Falterle neben unserm Ackergaule)»der Hund kratzte an der Türe - aber sowohl
bei dem Minister als in allen grossen Häusern in Paris kratzet jedermann mit dem
Fingernagel, wenn er bloss in ein Kabinett und in kein grosses Zimmer will.« - -
    Welcher herrliche malerische Abstand beider Amtsbrüder! Der
Exerzitienmeister mit der bunten Flughaut oder Rückenschürze eines gelben
Sommerkleidchens, gleichsam mit den gelben Oberflügeln eines Buttervogels,
dessen dunkle Unterflügel das Gilet (wenn ers aufknöpft) vorstellen; - Wehmeier
aber im geräumigen saftgrünen Flause hängend, den ein Zeltschneider um ihn
gespannt zu haben scheint, und mit Unterleib und Schenkeln in der
schwarz-samtnen Halbtrauer der Kandidaten pulsierend, die sie anlegen, ehe sie
sich zur ganzen verkohlen - Falterle hat sein Glatteis von Beinkleidern
plattiert um die Beine gegossen, und jede Falte in diesen bricht sich in seinem
Gesichte zu einer, als wäre dieses das Unterfutter von jenen; indes an den
Schenkeln des Schachtelmagisters die Wendeltreppe seiner Wickel- 24 aufläuft -
jener in Brautschuhen, dieser in Pumpenstiefeln - jener schnalzt als eine weiche
schleimige Goldschleie empor mit den Bauchflossfedern des Jabots, mit den
Seitenflossfedern der Manschetten und mit den Schwanzflossfedern des an drei
Hermelin-Schwänzchen hängenden trinomischen Würzelchens oder Zöpfleins; der
Magister sieht in seinem grünen Flause bloss wie der grüne Schnäpel (Weissfisch)
oder die Kalquappe aus - herrlicher Abstich, wiederhol' ich! -
    Der Schnäpel hätte die Schleie gern gefressen, als der Goldfisch mit dem
rechten Arme Rabetten und mit dem linken Albano zum Essen vorausführte. Aber
jetzt wurd' es viel ärger. Alban hatte mit seiner gewöhnlichen Heftigkeit die
Serviette zuerst offen, die nun gleichsam das Antrittsprogramm und Dokimastikum
von Falterles Lehrart wurde; »posément, Monsieur,« (sagt' er zum Novizen) »il
est messéant de déplier la serviette avant que les autres ayent déplié les
leurs.«25 Nach einigen Minuten gedachte Alban seine Suppe - es war eine à la
Britannière mit Locken - kalt zu blasen: »Il est messéant, Monsieur,« (sagte der
Exerzitienmeister) »de souffler sa soupe.«26. Der Schachtelmagister, der schon
mit dem Gebläse seiner Brust zu einem Zugwinde für einen Löffel voll Locken
angesetzt hatte, schnappte erschrocken mit einer Windstille ab. Als nachher eine
farschierte Weisskohlbombe wie eine Zentralsonne auf das Tischtuch niederfiel:
schlang der Magister den brennenden Kalbfleisch-Farsch kühn hinein, wie ein
Taschenspieler oder Vogel Strauss glimmende Kohlen, und atmete mehr ein- als
auswärts.
    Nach der Bombe kam ein Hecht au four herein, dem bekanntlich der Wegschnitt
des Kopfes und Schwanzes und die Verschlossenheit des Bauchs die Gestalt eines
Rehziemers schenken. Als Alban seinen alten Lehrer fragte, was es wäre,
versetzte solcher: »Ein delikater Rehziemer.« - »Pardonnez, Monsieur« (sagte der
Gegenzüngler) - »c'est du brochet au four, mon cher comte - mais il est messéant
de demander le nom de quelque mets qu'il soit - on feint de le savoir.«27
    Es ist leicht zu zeigen, dass dieser Kernschuss aus einer Doppelbüchse dem
Magister durch Mark und Bein durchfuhr; die Passions-Instrumente, die im
weggeschnittenen Kopfe des Hechts au four wie in einer Gewehrkammer lagen,
arbeiteten in seinem weiter. Wie die meisten Schullehrer glaubt' er so lange die
feinste Lebensart zu haben, als er sie dozierte und die gröbste bekriegte -
ebensolange schätzt' er sie ungemein, so wie den Putz -; wurd' er aber in beiden
besiegt, so musst' er sie von Herzen verachten. Es bracht' ihn wieder auf die
Beine, dass er den Exerzitienmeister im stillen bei sich gegen beide Katos und
die homerischen Heroen hielt, die nicht viel besser assen wie Schweine, und dass
er so den Wiener an einen Schandpfahl anband und ihn daran mit der einen Hand
wacker drasch, indes er mit der andern über ihm die Schandglocke läutete. Ja er
stellte sich, um den Amtsbruder klein zu machen, auf einen fernen Irrstern und
sah herunter auf die Bombe und auf den Hecht au four und musste droben auf seinem
Planeten sehr herablachen, als er den gelbseidnen Ladenhüter der Natur mit dem
Wrack von Gehirn nicht grösser befand als einen Kleisteraal. Dann dauerte ihn der
verlassne Zögling, und er fiel wieder herunter und schwur unterweges, aus ihm
jeden Tag so viel auszujäten, als jener einharke.
    Wir werden es noch bald genug erfahren, wie Albans Nerven auf dieser
Drechselbank unter den Schlichtobeln zuckten. Den Direktor labte dieses
pädagogische Schneiden und Brillantieren eines so grossen Demants
unbeschreiblich, wiewohl der Schnitt (nach Jefferies) allen Demanten die halbe
Schwere nimmt, und wiewohl er selber noch die ganze hatte und mehrere Karats als
Facetten. Wehrfritz konnte nie eher rein vergeben - worauf er jetzt
hinarbeitete, weil er dem Kleinen den Österleinschen Flügel mitgebracht -, als
bis er wenigstens mit einem Worte eine kurze Marter angetan; er teilte also -
blind gegen Albanos verhülltes blutiges Büssen - den Gästen mit, wie strenge der
Minister seine Kinder erziehe, wie sie z.B. für unwillkürliches Husten und
Lachen an der Tafel, gleich preussischen Kavalleristen, welche stürzen oder im
Winde den Hut verlieren, Strafen bekommen und wie sie freilich so alt wären wie
Albano, aber völlig so gesittet wie Erwachsene. Beim Minister hatt' er heute
umgekehrt mit den Kenntnissen des Pflegesohns geprunkt; aber manche Eltern
erbauen in jedem fremden Zimmer Rauchopferaltäre für dasselbe Kind, das sie im
eignen wie Wein und Bienen schwefeln.
    Der Henker hol' es überhaupt, dass sie, wie Landesväter, gerade dann
verdoppelte Forderungen machen, wenn die Kinder unmässige befriedigt haben, so
dass diese durch opera supererogationis von majorennen Lernstunden die
Spielstunden mehrverwirken als erringen. Hält man es nicht grossen Philosophen,
z.B. Malebranche, und grossen Feldherren, z.B. Scipio, zugute, dass sie nach den
grössten Eroberungen, die sie im Reiche der Wahrheiten oder in einem
geographischen gemacht, sich in die Kinderstube setzten und da wahre Kindereien
trieben, um den Bogen, womit sie so viele Lügen und Menschen zu Boden gelegt,
sanft zurückzuspannen? Und warum soll dieses Gleichnis, womit der heilige
Johannes sich verteidigte, wenn er sich eine Spielstunde mit seinem zahmen
Rebhuhne erlaubte, nicht Kinder entschuldigen, dass sie auch Kinder werden, wenn
sie vorher den noch dünnen Bogen zu krumm angezogen haben?
    Aber nun weiter! Der alte Wehrfritz referierte Rabetten ganz freundlich,
»wie er heute die Pupille des Don Zesara, die herrliche Gräfin de Romeiro,
gesehen, wahrhaftig 12 Jahre alt, aber von einer Conduite, wie nur eine Hofdame
habe; und der Herr Ritter erlebe an seiner Mündel mehr Freude als sonst.« Diese
harten klirrenden Worte rjetzten, wie an einem Wasserscheuen, die offnen Nerven
des ehrgeizigen Knaben, da für ihn der Ritter bisher das Lebensziel, der ewige
Wunsch und der frère terrible war, womit man ihn bezwang; - aber er sass still
ohne Zeichen da und erstickte das schreiende Herz. Wehrfritz kannte dieses
stumme Verbeissen; gleichwohl handelte er so, als hab' ihn Albano nicht
verstanden.
    Nun fing auch der Wiener an, in alle Ecken und Nischen des ministerialischen
Vatikans Leuchtkugeln zu werfen, bloss um seine Tanz- und Musikschüler darin und
sich selber günstig zu beleuchten. Kann nicht die Tochter des Ministers, kaum
zehn Jahre alt, alle neue Sprachen und die Harmonika, die Albano noch nicht
einmal gehöret, und schon vierhändige Sonaten von Kotzeluch und singt wie die
Nachtigall schon in unbelaubten Ästen, und zwar Opernauszüge, die ihre zarte
Nachtigallenbrust aushöhlen, daher er fortgemusst? - Ja kann der Bruder nicht
noch weit mehr und hat alle Lesebiblioteken ausgelesen, besonders die
Teaterstücke, die er noch dazu auf Liebhaberbühnen auch spielt? Und wird er
nicht gerade in dieser Stunde im heutigen bal masqué seine Sache recht gut
machen, wenn er anders da den Gegenstand antrifft, der ihn begeistert? -
Wehmeier tat unrecht, dass er unserm Juwelenkolibri Falterle gegenübersass als
eine Ohreule oder Vogelspinne, die bereit ist, den Kolibri jede Minute zu rupfen
und zu fressen. Wahrlich Falterle sagte nichts aus Bosheit, er konnte niemand
verachten und hassen, weil seine geistigen Augen in seinem aufgeschwollenen Ich
so tief sassen, dass er damit gar nicht über das geschwollene Ich herausschauen
konnte; er verletzte keine Seele und umflog die Leute nur wie ein stiller
Schmetterling, nicht wie eine stechende sumsende Bremse, und sog kein Blut,
sondern Honig (d.h. ein kleines Lob).
    »Sollte sich wohl, Herr v. Falterle,« (sagte Wehrfritz, der alsdann, sobald
er nur diesen kalten Wetterstrahl auf Albano heruntergetan hatte, diesen nicht
mehr fliehend und kalt anschielen wollte) »der junge Minister zuweilen auf eine
Vogelstange setzen wie unser Albano da?« - Das war zu viel für dich gequältes
Kind! »Nein!« sagte Albano ehern und mit der Freundlichkeit eines Leichnams,
welche Nachsterben bedeutet, und verliess mit einer optischen Wolke schweifender
Farben den unter seinen stummen Zuckungen knackenden Sessel und ging langsam mit
eingeklemmten Fingern hinaus.
    Der arme junge Mensch hatte heute nach der anscheinenden Vergebung seines
adamitischen Falles und nach dem Anblicke des geschmückten neuen Lehrers, auf
den er sich schon so lange gefreuet und dessen graviertes glänzendes Gehäuse
gerade auf ein Kind imponierend wirkte, die letzte Puppenhaut seines Innern
abgeworfen und sich viel vorgesetzt. Irgendeine Hand riss vor einer Stunde seinen
innern Menschen aus der engen schläfrigen Wiege der Kindheit auf - er sprang auf
einmal aus dem Wärmkorbe - er warf Fallhut und Flügelkleid weit weg - er sah die
weite toga virilis dort hängen und fuhr in sie hinein und sagte: kann ich denn
nicht auch ein Jüngling sein?
    Ach du Lieber, der Mensch, besonders der rosenwangige, hält betrogen so
leicht Bereuen für Bessern, Entschlüsse für Taten, Blüten für Früchte, wie am
nackten Zweige des Feigenbaums scheinbare Früchte spriessen, die nur die
fleischigen Hüllen der Blüten sind!
    Und nun, indes alle Nerven und Wurzeln seiner Seele nackt an der harten Luft
blosslagen - und bei so schönen frischen Trieben, wurd' er jetzt so oft
beschämend zertreten. In seiner Seele glühte die Ehre - durch die künftigen
Jahre wollte sie wie durch eine weisse Kolonnade von Ehrensäulen gehen - schon
ein blosser Alumnus aus der Stadt war seiner ruhm- und wissens-durstigen Seele
ein klassischer Autor - und sollt' ers erdulden, dass ihn bei dem Ritter der
Direktor verklagte und der Wiener verzeichnete? - Harte Tränen wurden wie Funken
aus der stolzen verletzten Seele geschlagen, und den Kometenkern seiner innern
Welt zertrieb die Glut in einen schwülen Nebel. Kurz er beschloss, in der Nacht
nach Pestitz zu rennen - vor seinen Vater zu stürzen, ihm alles zu melden - und
dann wieder nach Hause zu gehen, ohne ein Wort davon zu sagen. Am Ende des Dorfs
fand er einen eiligen Nachtboten, den er nach dem Pestitzer Wege befragte und
der sich wunderte über den kleinen Pilger ohne Hut. -
    Man sehe mit mir vorher nach dem Reste der Tischgenossenschaft. Eben dieser
Bote überbrachte dem Wiener eine böse Neuigkeit, die den so lange gelobten
Ministers-Sohn betraf, der Roquairol hiess.
    Die obengedachte Pupille des Ritters, die kleine Gräfin von Romeiro, war
sehr schön; Kalte hiessen sie einen Engel und Warme eine Göttin. Roquairol hatte
keine belgische Venen, worin wie im Saturn alle Feuchtigkeiten als feste
gefrorne Körper liegen, sondern afrikanische Arterien, worin wie im Merkur
geschmolzene Metalle umlaufen. Als die Gräfin bei seiner Schwester war,
versucht' er, mit der Keckheit vornehmer Knaben, sein mit einem Geäder von
Zündstricken gefülltes Herz als einen guten Brander auf ihres zuzutreiben; aber
sie stellte die Schwester als Feuermauer vor sich. Zum Unglück ging sie zufällig
als Werters Lotte gekleidet in die heutige Redoute, und die Pracht ihrer
despotischen Reize wurde von lauter dunkel-glühenden Augen hinter Larven
verschlungen und umbljetzt; er nahm seine innere und äussere ab, drang an sie und
forderte mit einiger Eile - weil sie abzureisen drohte - und mit einiger
Zuversicht - auf dem Liebhaberteater errungen - und mit pantomimischer
Heftigkeit - womit er auf diesem immer die schönsten Nachtmusiken der
klatschenden Hände gewonnen - nichts vor der Hand als Gegenliebe. Werters Lotte
kehrte ihm stolz den prangenden Rücken voll Locken, er lief ausser sich nach
Hause, nahm Werters Anzug und Pistole und kam wieder. Dann trat er mit einem
physiognomischen Orkan des Gesichts vor sie hin und sagte - das Gewehr
vorzeigend -, er mache sich hier auf dem Saale tot, falls sie ihn verstosse. Sie
sah ihn ein wenig zu vornehm an und fragte, was er wolle. Aber Werter - halb
trunken von Lottens Reizen, von Werters Leiden und von Punsch - drückte nach
dem fünften oder sechsten Nein (an öffentliches Agieren schon gewöhnt) vor der
ganzen Maskerade das Schiessgewehr auf sich ab, lädierte aber glücklicherweise
nur das linke Ohrläppchen - - so dass nichts mehr hineinzuhängen ist - und
streifte den Seitenkopf. Sie entfloh plötzlich und reisete sogleich ab, und er
fiel blutend darnieder und wurde heimgetragen. - -
    Diese Geschichte blies viele Lampen an Falterles Ehrenpforte aus - und an
Wehmeiers seiner an -; aber sie setzte auf einmal Albinen in Angst über den
ebenso wilden Tollkopf Albano. Sie fragte nach ihm in der Domestikenstube; und
der Bote half ihr auf die Spur durch den Knaben ohne Hut. Sie eilte selber in
ihrem gewöhnlichen Übermasse der Angst durch das Dorf hinaus. Ein guter Genius -
der Hofhund Melak - war da der Musculus Antagonista und Schlagbaum des
Flüchtlings geworden. Melak wollte nämlich mit; und Alban wollte einen dem
Schlosshofe so bedienten und öfter als der Nachtwächter darin abrufenden
Schirmvogt und Küstenbewahrer wieder heim haben. Melak war in seinen Sachen
fest; er verlangte Gründe, nämlich nachgeworfene Prügel und Steine - allein der
weinende Knabe, dessen glühende Hände die kalte Schnauze des gutwilligen Viehes
erfrischte, konnte ihm kein böses Wort geben, sondern er drehte bloss den
wedelnden Hund um und sagte leise: »Fort!« - Aber Melaken waren bloss laute
Dekrete etwas; er kehrte immer wieder um; und in diesen Inversionen - während
welchen in Albanos ohnehin immer auf dem Brockengebirge stehenden Geist, der im
Nebel Riesenformen ziehend wachsen sah, seine Tränen und jedes unverdiente Wort
tiefer einbrannten - fand ihn die unschuldige Mutter.
    »Albano,« sagte sie freundlich-verstellt, »in der kalten Nachtluft bist du?«
- Von diesem Nachgehen und Anreden der allein beleidigten Seele wurde seine
volle, der eine Ergiessung, es sei durch Tränen oder Galle, nötig war, so sehr
ergriffen, dass er mit einem gichterischen Reissen des überspannten Herzens an
ihren Hals aufsprang und sich daran aufgelöst und weinend hing. Er konnte ihren
Fragen seinen harten Entschluss nicht gestehen, sondern drückte sich bloss stärker
an ihr Herz. - Jetzt kam besorgt auch der bereuende Direktor nach, den die
kindliche Stellung umschmolz, und sagte: »Närrischer Teufel, hab' ich es denn so
böse gemeint?« und nahm zurückführend die kleine Hand. Wahrscheinlich war
Albanos Zürnen durch die ergossne Liebe erschöpft und durch den versöhnten
Ehrgeiz befriedigt; folgsam und sogar - was sonderbar scheint - mit grösserer
Liebe gegen Wehrfritz als gegen Albine ging er mit ihnen zurück und weinte
unterwegs bloss aus zarter Bewegung.
    Als er ins Zimmer trat, war sein Angesicht wie verklärt, obwohl ein wenig
geschwollen, die Tränen hatten den Trotz verschwemmt und alle sanfte
Schönheitslinien seines Herzens auf sein Gesicht gezogen, wie etwa der Regen die
Himmelsblume, die in der Sonne nicht erscheint, in durchsichtigen zitternden
Fäden zeigt. Er stellte sich aufmerkend an den Vater und behielt den ganzen
Abend dessen Hand; und Albine genoss in der doppelten Liebe ein doppeltes Glück;
und sogar auf den Gesichtern der Bedienten lagen zerstreute Stücke von dem
dritten Nebenregenbogen des häuslichen Friedens, dem Bundeszeichen der
verlaufenen Wassersnot.
    - Wahrlich, ich hab' oft den Wunsch getan - und nachher ein Gemälde daraus
gemacht -, ich möchte dabeistehen können bei allen Aussöhnungen in der Welt,
weil uns keine Liebe so tief bewegt als die wiederkehrende. Es müsste
Unsterbliche rühren, wenn sie die beladnen, vom Schicksal und von der Schuld oft
so weit auseinandergehaltnen Menschen sähen, wie sie, gleich der Valisnerie28,
sich vom sumpfigen Boden abreissen und aufsteigen in ein schöneres Element und
wie sie nun in der freiern Höhe den Zwischenraum ihrer Herzen überwinden und
zusammenkommen. - Aber es muss auch Unsterbliche schmerzen, wenn sie uns unter
dem schweren Gewitter des Lebens gegeneinander auf dem Schlachtfelde der
Feindschaft ausgerückt erblicken, unter doppelten Schlägen und so tödlich
getroffen vom fernen Schicksal und von der nahen Hand, die uns verbinden sollte!
-
 
                              Dritte Jobelperiode
      Metoden der beiden Kunstgärtner in ihrer pädagogischen Pelzschule -
 Schutzschrift für die Eitelkeit - Morgenrot der Freundschaft - Morgenstern der
                                     Liebe
                                   17. Zykel
Wenn wir beide Schulstuben aufmachen, so sehen wir den Schachtelmagister
vormittags über den zweidottrigen Eiern des Eleven sitzen und brüten, und den
Exerzitienmeister nachmittags, so wie der Tauber das Nest in jener Tagszeit, die
Taube in dieser hütet. -
    Wehmeier wollte nun so gut wie sein Nebenrenner sich mit ganz neuen Lehren
des Zöglings bemeistern; aber neue für diesen waren neue für ihn selber. Wie die
meisten ältern Schullehrer wusst' er von der Sternkunde ausser dem wenigen, was im
Buch Josua stand, und von der Naturkunde ausser den wenigen Irrtümern, die in
seinen eher vergessenen als zerrissenen Heften standen, und von der Weltweisheit
ausser der Gottschedianischen, für die aber ein reiferer Eleve gehörte, und von
andern Realien genau gesprochen - nichts, ausgenommen etwas Historie. Kamen ihm
zuweilen in seiner literarischen Sarawüste, in welche ihn die quälende
Schulstunden-Schraube ohne Ende und die Bettel- oder Kröpelfuhre eines mehr
verschlackten als vererzten Lebens ohne Geld verwiesen hatten, neue Lehrmetoden
oder neue Entdeckungen zu Ohren (zu Augen nie): so merkt' er den Augenblick, dass
es seine eignen wären, nur schwach abgeändert; und er verhielt niemand das
Plagium. Ich bitte aber alle seidene und gepuderte und lockige
Prinzen-Instruktoren von Herzen: verdenket meinem armen, von den schweren dicken
Erdlagen des Schicksals tief überbaueten Wehmeier seine unterirdische Optik und
sein Krummstehen nicht zu sehr, sondern zählt seine acht Kinder und seine acht
Schulstunden und seine nahen Funfziger in seiner Lebens-Höhle von Antiparos und
entscheidet dann, ob der Mann damit wieder herauskann ans Licht! Aber von der
Historie wusst' er, wie gesagt, doch etwas; und diese ergriff er als
pädagogischen Diebsdaumen und Fortunatus-Wünschhut. Hatt' er nicht schon mit
jener epischen ausmalenden Paraphrase, womit er die kleinste
Marktflecken-Historie so interessant und lügenhaft erzählte (denn woher will ein
guter Erzähler die 1000 kleinern, aber nötigen Züge nehmen als aus der Luft?),
seinem Albano Hübners biblische äusserst rührend vorgetragen? Und wer weinte
dabei mehr, der Lehrer oder der Schüler?
    Nun hatt' er drei historische Wege vor sich offen. Er konnte den
geographischen einschlagen, der mit der elendesten Geschichte von der Welt
anfängt, mit der Landesgeschichte. Aber bloss höchstens Briten und Gallier können
die Geschichte wie eine epische und eine Erdbeschreibung von hinten anfangen;
hingegen eine haarhaarsche, eine baireutische, eine Mecklenburger
Landesväter-Patristik gibt hohlen Zähnen hohle Nüsse aufzubeissen, ohne Kern für
Kopf und Herz. Und schwellet man nicht dadurch einen Holzzweig der Historie, auf
welchen der Zufall der Geburt den jungen Borkenkäfer abgesetzt,
unverhältnismässig zu einem Stammbaume derselben an? Und was fragt man z.B. in
Berlin nach einer Markgrafen-, oder in Hof nach der hohenzollerischen
Regentenlinie?
    Die zweite Metode ist die chronologische oder die vornen anspannende; diese
hebt vom Geburtstage der Welt an, die nach Petav und den Rabbinen den 22sten
Oktober29 vormittags auf die Welt kam, schreitet zum 28sten Oktober, dem ersten
Flegel- und Tölpeltage des jungen Adams, dann über den 29sten, den ersten Sonn-,
Buss- und Karenztag, hinweg und so fort bis zum Karenz- und Busstage des neuesten
Adamssöhnchens, das eben der Sache zuhorchen muss.
    Diese Milchstrasse war unserm Magister zu lang, zu öde, zu fremd. Er schiffte
die mittlere Strasse zwischen den vorigen, die nach den reichen beiden Indien der
Geschichte führt, nach Griechenland und Rom. Die Alten wirken mehr durch ihre
Taten als durch ihre Schriften auf uns, mehr auf das Herz wie auf den Geschmack;
ein gefallenes Jahrhundert um das andere empfängt von ihnen die doppelte
Geschichte als die zwei Sakramente und Gnadenmittel der moralischen Stärkung;
und ihre Schriften, an welche ihre steinernen Kunstwerke jede Nachwelt heften,
sind die ewige Bibelanstalt gegen jeden Verfall der Cansteinischen Aber nun
lasset uns an einem schönen Sommermorgen etliche Male vor der Rektoratswohnung
vorbeigehen und es aussen mit anhören, mit welcher Stimme der Magister drinnen,
obwohl in altväterischen Wendungen aus dem Plutarch - dem biographischen
Shakespeare der Weltgeschichte -, nicht die Schattenwelt von Staaten, sondern
die darin glänzenden Engel der Gemeine zitiert, die heilige Familie grosser
Menschen, und werfet im Vorbeigehen einen Blick auf das funkelnde Auge, womit
der begeisterte Knabe an den moralischen Antiken hängt, die der Lehrer wie in
einem Abgusssaale um ihn versammelt. O wenn so die grossen Wetterwolken der
heroischen Vergangenheit sich an Zesarens Seele wie an ein Gebirge hingen und
daran mit stillem Blitzen und Tropfen niedergingen: wurde da nicht das ganze
Gebirge mit himmlischem Feuer geladen und alles, was darauf grünte und keimte,
befruchtet, erquickt und herausgetrieben? Und konnt' er dann, so schön bewölkt,
wohl in die tiefe Wirklichkeit schauen? Ja blieb es nicht dem Lehrer wie dem
Schüler unter dem Marktgetöse des römischen und des atenischen Forums, wo sie
im Gefolge Katos und Sokrates' mit herumgingen, völlig unbekannt, dass die
rüstige Magisterin neben ihnen koche, bette, keife und scheuere? Von den acht
lärmenden Kindern vernahmen sie schon der Menge wegen nichts; denn nur eine
sausende Mücke hält man nicht ohne entsetzliche Anstrengung im Zimmer aus,
leicht aber einen ganzen Schwarm. Ebenso wurde die Schulstube, auf deren Boden
nichts fehlte, was man in Kanarien-Heckkasten zum Nestmachen wirft, Heu, Moos,
Rehhaar, ausgezauseter Flanell und fingerlanges Garn, beiden durch den Fussboden
der alten (geographischen und historischen) Welt zugedeckt, welcher, der
römischen Paulskirche ihrem gleich, aus Marmortrümmern voll abgebrochener
Inschriften besteht.
 
                                   18. Zykel
Der Leser ist nun auf den Nachmittag, wo man den Eleven in die Poliermühle des
Wieners schickt, begierig, wie er sich da schleifen lasse. Es muss ihn noch
begieriger machen, wenn ich nachhole, dass Wehmeier, der wie andere Gelehrte dem
Elefanten an Verstand und Plumpheit glich, nichts in der alten Geschichte lieber
fand - und also abmalte - als einen grossen Mann, der wenig anhatte, wie z.B.
Diogenes, oder der barfuss ging, wie Kato, oder unbalbiert, wie die Philosophen;
ja er fiel in die Mittelmark ein und holte sich Friedrichs II. Kleider heraus,
womit er soviel gewann als Mr. Pages in Paris, und trug dessen Hemden wie des
edlen Saladins seines und unter einerlei Ausrufungen auf Stangen zur Schau und
entwarf als ein zweiter Scheiner die beste Karte, die wir von den Sonnenflecken
des Tabaks auf Friedrich haben. Dann nahm er diese nackten rauhen Kolossen und
schlichtete sie sämtlich in die eine Waagschale auf, und in die andere warf er
getäfelte leichte Figuren wie Falterle und die Nürnberger geleckten
Kindergärtchen von neuern Höfen und ersuchte den Scholaren, achtzugeben, wohin
das wägende Zünglein schlage. - -
    Ich bin hier nicht ganz auf deiner Seite, Magister, da kraftvolle Jünglinge
ohnehin die Folie des Zeremonialgesetzes zu leicht zerreissen und oft die
Folienschläger, die Oberzeremonienmeister, dazu; für Schwache ist die Metode
gut.
    Kam nun Albano zum Exerzitienmeister: so konnt' er vor dem lauten Nachklange
der vorigen Stunde - weil Kinder von einer gewissen Tiefe, wie Gebäude von
einiger Grösse, ein Echo geben - das nur schwach vernehmen, was Falterle befahl;
und nur wenn er einige Tage ohne die historische Rührung blieb, wurd' er für die
kleinern Lehrstunden weiter offen, wie vergoldete Sachen erst, wenn das Gold
herunter ist, sich versilbern lassen. Das Unglück war noch, dass er seine
Frontänze gerade neben der Schreibstube des Direktors, der da in eignen
begriffen war, zu machen hatte. Es traf sich oft, dass Wehrfritz, wenn Alban so
zerstreuet wie eine verliebte Moitistin in der Anglaise aufmerkte, drinnen unter
dem Diktieren schrie: »Ins drei Teufels Namen, chassier!« Ebenso viele Fälle
würde man aufzählen können, wo der Mann, wenn der Musikmeister wie ein
Trommelbass mit ewigem Ermahnen zum Piano unter dem Adagio weglief, drinnen mit
dem erdenklichsten Fortissimo rufen musste: »Pianissimo, Satan, Pianissimo!« -
Einige Male musst' er von seinen Arbeiten aufstehen, wenn in der Fechtstunde
alles Zureden zur Quarte nichts half, und die Tür aufmachen und ergrimmt zum
Wiener sagen: »Um Gottes Willen, Herr, sein Sie doch kein Hase und stossen Sie
ihm derb aufs Leder, wenn er nicht aufpasst!« - worauf der höfliche Fechtmeister
nur leise zu Quartstössen anfrischte. -
    Gleichwohl lernt' er viel; in so frühen Jahren setzet man sich weder über
den Putz noch über die schönen Künste eines Falterle hinweg, der noch dazu mit
dem zauberischen Vorzuge mächtig war, in der verbotnen Hauptstadt geglänzt und
gelehrt zu haben. Bloss der laute Aufschritt und die Stiefel waren dem Zöglinge
nicht zu nehmen; aber die Achseln waren in kurzem waagrecht und der Kopf
steilrecht gedrückt und die oszillierenden Finger samt dem regen Körper mit
einem Stahlschen Augenhalter festgemacht. Überhaupt haben Menschen mit einer
liberalen Seele in einem schöngebauten Körper schon ohne Falterles Spalierwand
und Schere einen gefälligen Stand und Wuchs. dabei hatte er den niedlichen
freundlichen Falterle mit jener heiligen ersten Menschenliebe, womit ein
Kinderherz sich an alle Leute des Hauses und des Dorfes anklammert, schon darum
lieb, weil den Wiener eine Dame um den Goldfinger, ja innen um den Goldring
selber aufwickeln konnte, und weil er vom Ritter des goldnen Vlieses wie von
einem Könige sprach und log, und weil er die gefälligste Haut war, die je über
die Erde lief.
    Da ich in meinen Biographien Duldung und eine vielseitige Gerechtigkeit
gegen alle Charaktere lehren will: so muss ich hier mit meinem Muster der
Toleranz vorangehen, indem ich von Falterle bemerke, dass seine arme dünne Seele
sich selber nicht unter den steinernen Gesetztafeln der Etikette und unter dem
hölzernen Joche eines imponierenden Standes aufzubringen vermochte. Wem tat der
arme Teufel etwas an? Nicht einmal Damen, für welche er zwar, gleich einem
Kupferstecher, immer vor dem Spiegel arbeitete an seinem Ich, allein nur um mit
diesem Kunstwerke, gleich andern Figuristen, reine Schönheiten darzustellen,
nicht aber solche zu verführen. Das Seewasser seines Lebens - denn er ist weder
ein Millionär noch eben der grösste Gelehrte des Säkuls, ob er wohl bei vielen
Bücherverleihern herumgelesen - süsset er sich durch das Schönheitswasser ab,
worin er sich stündlich badet. Er säuft und frisset fast nichts; flucht und
schwört er, so tut ers in fremden Sprachen, wie der Päpstler darin betet, und
schmeichelt wenigen ausser sich.
    Der Eitle und noch mehr die Eitle hassen Eitle viel zu stark, die doch mehr
am Kopfe als am Willen siechen. Ich kann mich hier freudig auf jeden denkenden
Leser berufen, ob er sich je, wenn er eben ungewöhnlich eitel einhertrat, tiefe
Gewissensbisse oder Misstöne im Ich verspürt zu haben entsinnt, welche doch
niemals fehlten, wenn er sehr log oder zu hart war; er nahm vielmehr ein
ungemein liebliches Schaukeln seines innern Menschen in der Paradewiege wahr.
Daher wird ein Eitler so schwer wie ein Spieler kuriert. Aber auch noch darum:
die meisten Sünden sind Kasualpredigten und Gelegenheitsgedichte und müssen
häufig ausgesetzet werden, vom 3ten bis loten Gebot inclus. - Die Ehe, den
Sabbat, das Wort kann man nicht zu jeder gegebenen Stunde brechen - Verleumden
kann einer so wenig als kegeln oder duellieren mit sich selber - viele
beträchtliche Laster sind nur an der Ostermesse - oder am Neujahrstage - oder im
Palais royal oder im Vatikan zu verüben - manche königliche, markgräfliche,
fürstliche im ganzen Leben nur einmal - manche gar nicht, z.B. die Sünde gegen
den heiligen Geist. - - Hingegen sich innerlich preisen und bekränzen kann einer
Tag und Nacht, Sommer und Winter, an jedem Orte, auf dem Kateder, im Prater, im
Generalszelte, hinten auf der Schlittenpritsche, auf dem Fürstenstuhle, in ganz
Deutschland, z.B. in Weimar. Wie? und diese perennierende Balsamstaude, die den
innern Menschen immerwährend anräuchert, sollte man sich ausziehen oder
beschneiden lassen? - -
 
                                   19. Zykel
Alle diese Geschäfte und Dornen waren für Albano recht gute spitze
Erdbeben-Ableiter, da in seiner Brust schon mehr unterirdische Gewittermaterie
umherzog, als zum Zersprengen der dünnen Brustöhle eines Menschen nötig ist.
Nun kam er immer tiefer in die wilden Donnermonate des Lebens. Die Sehnsucht,
Don Zesara zu sehen, entflammte sich an der römischen Geschichte mehr, welche
Cäsars kolossalisches Bild vor ihm in die Höhe stellte und darunterschrieb:
Zesara. Die verhüllte Lindenstadt wurde von seiner Phantasie auf sieben Hügeln
getragen und zum Rom erhoben. Ein Postorn schallte in sein Innerstes wie ein
Schweizer Kuhreigen, der alle Höhen unserer Wünsche in langen Bergketten
glänzend in den Äter hinausbauet; und es blies ihm das Zeichen zum Aufbruch,
und alle Städte der Erde lagen mit offnen Toren und mit breiten Fuhrstrassen um
ihn herum. Und wenn er in jener Zeit an einem kalten hellen Sommermorgen neben
einem nach Pestitz gehenden Regimente so lange metrisch mitzog, als die Trommeln
und die Pfeifen lärmten: so feierte seine Seele ein Händelsches Alexanderfest -
sie hörte die Vergangenheit - das Fahren der Triumphwagen - das Gehen der
spartischen Heere und ihre Flöten - und die helle Trompete der Fama - und wie
unter den letzten Posaunen erstand seine Seele unter lauter glänzenden Toten aus
der aufgeriegelten Erde und zog mit ihnen weiter. - -
    Wenn die Geschichte einen edlen Jüngling in die Ebene von Maraton und auf
das Kapitolium führt: so will er an seiner Seite einen Freund, einen
Waffenbruder haben - aber auch weiter nichts, keine Waffenschwester; denn einem
Heros schadet eine Heroine sehr. In den starken Jüngling zieht die Freundschaft
eher als die Liebe ein; jene erscheint wie die Lerche im Vorfrühlinge des Lebens
und geht erst im späten Herbste fort; diese kommt und fliehet wie die Wachtel
mit der warmen Zeit. Albano hörte schon diese Lerche unsichtbar in den Lüften
über ihm schmettern; er fand einen Freund, nicht in Blumenbühl, nicht in der
Lindenstadt, an keinem Orte, sondern in seiner - Brust; aber diesen hiess er -
Roquairol.
    Die Sache war diese: für Leute wie ich ist das Landleben der Honig, worin
sie die Pille des Stadtlebens einnehmen; Falterle hingegen brachte das bittre
Landleben nicht ohne die Versilberung des Stadtlebens hinunter; wöchentlich lief
er dreimal nach Pestitz, entweder in die Logen der Liebhaberteater als
Dramaturg oder auf diese selber als Akteur. Nun nahm er jedesmal sein
Rollenbüchlein aufs Dorf hinaus und studierte da - im Vertrauen auf die
Komödienprobe - - seine Rolle insularisch ohne die kollegialischen ein; so wie
noch jeder Staatsdiener seine ohne einen Blick in die mitspielenden memoriert;
daher jeder von uns nur aus einer Seelenkraft besteht und, wie in der russischen
Jagdmusik, nur einen Ton zu pfeifen weiss und seine Stärke ins Pausieren setzen
muss. - In diesen von Falterle geliehenen Bruchstücken der Bühne ging nun Albano
mit einem Entzücken herum, das jener bald höher zu treiben suchte durch den
Tausch der ganzen dramatischen Weltgloben gegen diese Kugelsektoren.
    Der Wiener hatt' ihm längst den selbstmörderischen Wildfang Roquairol als
ein Genie im Lernen - besonders sich als eines im Lehren - vorgelobt; jetzt
führt' er den Beweis aus den grossen Rollen, die der Wildfang immer gut spiele.
Übrigens war es nicht seine Schuld, dass er den Ministers-Sohn nicht ungemein
heruntersetzte, dem er nicht nur die teatralischen Siege beneidete, sondern
auch die erotischen. Denn der phantasiereiche Roquairol hatte mit dem
Selbstschusse des 13ten Jahres das ganze weibliche Geschlecht salutiert und
gewonnen und sich zum Opferpriester aus einem Opfertiere gemacht und zum
Regisseur des ans Liebhaberteater gestossenen Liebhaberinnenteater, indes der
scheue blöde Falterle mit seiner totgebornen Phantasie keine Schöne zu einem
andern Schritte brachte als zum Rückpas im Menuett und statt der Setzung seines
Ichs zu nichts als zur Fingersetzung. Aber der Eitle kann andern kein Lob
versagen, das sein eignes wird.
    Wie musste das alles unsern Freund für einen Jüngling gewinnen, den er bald
als Karl Moor - bald als Hamlet - als Clavigo - als Egmont durch seine Seele
gehen sah! - Was den bekannten Redoutenschuss in frühern Jobelperioden anlangt,
so musste unser so unerfahrner Herkules, den der blanke Dolch des Kato blendete,
einem so verwandten Herakliden den Schuss als eine seiner tragischen 12 Arbeiten
anrechnen. - Der Lehnpropst Hafenreffer erzählt sogar, Albano habe einmal mit
dem Wiener, der längst aus einem Schullehrer zu einem Schulkameraden herunter
war, über die schönsten Todesarten gestritten und sei gegen den sanften
Falterle, der sich für den Schlaftrunk erklärte, auf Roquairols Seite getreten,
sogar mit dem stärkern Zusatze: »am liebsten stieg' er auf einen Turm und zöge
den Wetterstrahl auf seinen Kopf!« - Im letztern zeigt er das hohe Gefühl der
Alten, die den Donnertod für keine Verdammnis, sondern für eine Vergötterung
hielten; sollt' aber nicht der Körper etwas dabei tun, da seine Ellenbogen und
seine Haare oft im Finstern elektrisches Feuer aussprühen und sein Kopf in der
Wiege mehrmals einen heiligen Zirkel ausstrahlt? Der Lehnpropst ist sehr dafür.
- -
    Albano konnte sein feuriges Herz am Ende nicht anders kühlen, als dass er
Papier nahm und an den Unsichtbaren schrieb und es dem Wiener zu bestellen gab.
Falterle, der die Gefälligkeit selber war - und dabei auch die Unwahrheit selber
-, nahm trotz seiner Abneigung gegen Roquairol die Briefe herzlich gern mit »ich
bin beim Minister ja wie zu Hause«, sagt' er -, bestellte aber, da er sowohl im
stolzen Froulayschen Palaste als bei dem Sohne wenig galt, keinen einzigen und
brachte bloss jedesmal eine neue gültige Ursache mit, warum Roquairol nicht
darauf antworten können; er war entweder zu sehr in der Arbeit - oder auf dem
Krankenstuhle - oder in Gesellschaft - jedesmal aber entzückt darüber gewesen; -
und unser argloser Jüngling glaubte alles fest und schrieb und hoffte fort. Vom
Legationsrate wär' es brav gewesen, wenn er mich, falls er anders konnte, sich
verbindlich gemacht und mir Albanos Palm-Blätter eines liebenden Herzens
eingeliefert hätte; nicht für das Archiv dieses Buchs, sondern bloss für meine
Manualakten, für den Blumenblätterkatalog, den ich mir zu eignem Gebrauche von
Albanos Nelkenflor hefte und leime. -
 
                                   20. Zykel
Plötzlich wurde unser Zesara, der in die Jahre trat, wo der Gesang der Dichter
und der Nachtigallen tiefer in die aufgeweichte Seele quillt, ein anderer
Mensch. Er wurde stiller und wilder zugleich, sanfter und aufbrausender, wie er
denn einmal einem unter Prügeln schreienden Hunde im wildesten Harnische zu
Hülfe lief - Himmel und Erde, die bisher in ihm, wie nach dem ägyptischen
Systeme, ineinander gelegen, nämlich das Ideal und die Wirklichkeit, arbeiteten
sich voneinander los, und der Himmel stieg rein und hoch und glänzend zurück -
über die innere Welt ging eine Sonne auf und über die äussere ein Mond, aber
beide Welten und Halbkugeln zogen sich zu einer ganzen an sein Aufschritt wurde
langsamer, sein helles Auge träumerisch, seine Atleten-Gymnastik seltener - er
musste jetzt alle Menschen wärmer lieben und sie näher fühlen, und er fiel oft
seiner Pflegemutter mit geschlossenen Augen zitternd um den Hals oder nahm
draussen im Freien von dem verreisenden Pflegevater einen einsamern und heissern
Abschied. -
    Und nun wurde vor solchen reinen und scharfen Augen der Isis-Schleier der
Natur durchsichtig, und eine lebendige Göttin blickte mit seelenvollen Zügen
darunter in sein Herz. Ach als wenn er seine Mutter fände, so fand er jetzt die
Natur - jetzt erst wusst' er, was der Frühling sei und der Mond und das Morgenrot
und die Sternennacht Ach wir haben es alle einmal gewusst, wir wurden alle einmal
von der Morgenröte des Lebens gefärbt!
    .... O warum achten wir nicht alle ersten Regungen der menschlichen Natur
für heilig, als Erstlinge für den göttlichen Altar?
    Es gibt ja nichts Reineres und Wärmeres als unsere erste Freundschaft,
unsere erste Liebe, unser erstes Streben nach Wahrheiten, unser erstes Gefühl
für die Natur; wie Adam werden wir erst aus Unsterblichen Sterbliche; wie
Ägypter werden wir früher von Göttern als Menschen regiert; - und das Ideal
eilet der Wirklichkeit, wie bei einigen Bäumen die weichen Bluten den breiten
rohen Blättern, vor, damit nicht diese sich vor das Stäuben und Befruchten jener
stellen. -
    Wenn oft Albano von seinen innern und äussern Irrgängen nach Hause kam,
zugleich trunken und durstig - zugleich mit geschlossenen Sinnen und mit
geschärften, träumend, aber wie Schläfer, die das Auslöschen des Lichts herber
empfinden -: so braucht' es freilich wenige kalte Tropfen von kalten Worten,
damit die heisse, in Fluss gebrachte Seele von den fremden kalten Körpern in
Zickzack und Klumpen zerschoss, indes eine warme Form den Guss zur lieblichsten
Gestalt geründet hätte. -
    Bei so bewandten Umständen wird sich freilich keiner wundern über das, was
ich bald berichten werde. Der Tanz-, Musik- und Fecht-Meister, der wenig auf
seine Pas, Griffe und Stösse grosstat, aber desto mehr auf seine (Reichstags-)
Literatur - denn die neuen Monatsnamen, die Klopstocksche Rechtschreibung und
die lateinischen Lettern in deutschen Briefen hatt' er früher in seinen als
einer von uns -, wollte dem Wehrfritzischen Hause gern zeigen, dass er ein wenig
mehr von Literatur verstehe und da wisse, wo der Hase liegt, als andere Wiener
(um so mehr, da er gar nichts las, nicht einmal politische Zeitungen und Romane,
weil ihm lebendige wahre Menschen lieber waren); - er trat daher nie ins Haus,
ohne zwei Taschen voll Romane und Verse für Rabette und Albano. Dazu half seine
unendliche Dienstbeflissenheit - und sein kollegialisches Wettrennen mit
Wehmeier im Bilden und sein Anteilnehmen am verstummenden Jünglinge, dem er aus
den süssen Träumen, die der Rubin30 des glänzenden jugendlichen Lebens schenkt,
mit den exegetischen Traumbüchern, den Dichterwerken, helfen wollte. Die
Umwälzung des Jünglings, der nun ganze romantische Everdingens-Wiesen abmähete
und ganze poetische Huysums-Blumenrabatten abpflückte, auch nur leidlich zu
schildern, hab' ich jetzt wegen der oben versprochnen Wundersache weder Zeit
noch Lust; genug, dass Albano, so dasitzend - der Himmel der Dichtkunst vor ihm
aufgetan, das gelobte Land des Romans vor ihm ausgebreitet -, einem Erdballe
glich, an welchen mehrere Schwanzsterne sich brausend anwerfen und der mit ihnen
gemeinschaftlich aufbrennt.
    Allein wie weiter? Der Wiener, das muss ich noch vorher sagen, war ein eitler
Narr (wenigstens in Punkten der Demut, z.B. seiner Zwergfüsse, seiner Literatur,
seines Glücks bei Weibern) und liess besonders durch vertraute Gemälde von Grossen
und Damen gern auf sein Föderativsystem mit den Originalen schliessen. Der arme
Teufel war freilich arm und glaubte mit mehrern Autoren, er und diese hätten -
ungleich dem Salomo, der Weisheit erbat und Gold erhielt - umgekehrt das Unglück
gehabt, nur erstere zu empfangen, indes sie um letzteres geworben. Kurz aus
solchen Gründen wollt' er - im Vorbeigehen gesagt - gern den Glauben im
Wehrfritzischen Hause ausgebreitet wissen, dass er sehr gut stehe bei seiner
vorigen Schülerin, der Ministers-Tochter- Liane, glaub' ich, wenn ich anders
Hafenreffer Hand richtig lese -, und dass er sie oft genug sehe und spreche bei
ihrer Mutter. Dazu kam noch, dass kein wahres Wort daran war; durch den Tempel,
worin Liane war, ging kein Durchgang für ihn. Allein um so weniger konnt' er den
Direktor vorauslassen, der sie öfters sah und zu Hause immer eifriger lobte,
bloss um die roh unschuldige, von niemand je erzogne Rabette auszuschelten. Der
Wiener wollte freilich auch noch den Grafen - dem er nur die Küste der
Freundschaftsinsel Roquairols von weitem zeigte, aber keine Anfurt zur Landung -
durch die Schwester listig von dem Bruder ablenken (er war unvermögend, ihn
länger zu belügen und hinzuhalten): denn warum malt' ers ihm so lange aus, wie
giftig vor einigen Jahren der Nacht- und Todesfrost über den Retraiteschuss des
Bruders, den sie zu innig liebe, auf diese so zarten weissen Herzblätter gefallen
sei?
    Öfters hing er unter dem Essen breite, von Wehrfritz kontrasignierte
Meritentafeln von Lianens musikalischen und malerischen Fortschritten auf, um
scheinbar seinen Klavier- und Zeichenschüler zu grössern anzutreiben. Denn wär'
es nicht scheinbar: warum klebt' er ebenso lange Altarsblätter von Lianens
Reizen bei Rabetten auf, bei dieser Unparteiischen, die, nur mit Pfarrers-,
nicht mit Ministers-Töchtern wettrennend, fast so freudig städtische Schönheiten
wie wir Homerische preisen hörte und vor der nur ein windiger Tropf, der sich
vor Weibern aufrecht und im Sattel durch Lobgesänge auf fremde erhalten will,
seine auf Lianen anstimmen konnte? Wahrlich, vor einer so resignierten und
neidlosen Seele, als Rabette war - zumal da ihre Gesichtshaut und Hände und
Haare nicht am weichsten waren, wenigstens härter als die Falterleschen -, wär'
ich um keine Medaille in der Welt imstande gewesen - wie ers doch war -, den
glücklichen Erfolg näher zu kolorieren, womit der Minister, um Lianens
ungewöhnliche Schönheit der jüngern Jahre durch Erziehung in die jetzigen
herüberzubringen, das Seinige getan durch zarte und fast magere Kost - durch
Einschnüren - durch Zusperren seines Orangeriehauses, dessen Fenster er selten
von dieser Blume eines mildern Klimas abhob - noch weniger hätt' ich wie er
malen können, dass sie dadurch ein zartes, nur aus Pastellstaub zusammengelegtes
Gebilde geworden, das die Windstösse des Schicksals und die Passatwinde des
Klimas fast zerblasen können - und dass sie sich wirklich nur mit Seifenspiritus
waschen könne und nur mit den weichsten Linnen ohne Schmerzen trocknen und nicht
drei Stachelbeeren ohne blutende Finger ab nehmen.
    - Der flache Wiener, der vor keinem auf einer Bergkuppe stehenden Manne von
Stande unten im Sumpfe den Hut abziehen konnte, ohne leise dabei zu sagen: »Ihr
ganz Untertänigster!« und der von vornehmen Leuten höchstens nur im vertrauten
oder satirischen Tone (seine Konnexion zu zeigen), aber nie im
ernstaft-kritischen sprach, war freilich - was doch seine Pflicht war - nicht
imstande, den alten Froulay einen festen scharfen Leichenstein zu heissen, unter
welchem zwei so weiche Blumen wie seine Frau mit dem ihr angeschlungenen Efeu,
mit Lianen, sich gebogen und gedrückt ans Licht aufwinden. Herr v. Hafenreffer
macht hier zu seiner Ehre - in Betracht, dass er ein Legationsrat und Lehnpropst
ist - die ganz andere, gefühlvollere Bemerkung, dass die harten Erdschichten
solcher Verhältnisse, wodurch Lianens Lebensquelle dringen und sickern müsse,
diese reiner und heller machen, so wie alle harte Schichten Filtriersteine des
Wassers sind - und alle ihre Reize werden zwar durch ihren Vater Qualen, aber
auch alle ihre Qualen durch ihr Dulden Reize. - Aber, guter Zesara! wenn du nun
das alles täglich hören musst - und wenn der Exerzitienmeister ohnehin nicht zu
schildern vergisset, wie sie ihn nie mit einer ungehorsamen Miene oder einer
Zögerung gekränkt, wie froh sie ihm die papiernen Stundenmarken und am Ende das
Schulgeld oder eine Einladung gebracht - und wie besorgt und mild und höflich
sie gegen ihre Dienerschaft gewesen und wie man hätte denken sollen, ihr Herz,
könne nicht wärmer werden, als schon die Menschenliebe es mache, hätte man nicht
ihre noch heissere Tochterliebe gegen die Mutter gesehn - - guter Zesara, sag'
ich, wenn du das alles neben deinen Romanen vernimmst und noch dazu von der
Schwester deines Roquairols - weil jeder, wenn es nur halb praktikabel ist, sich
gern mit der Schwester seines Freundes einspinnt in eine Chrysalide - und noch
überdies von einem Mädchen in der geheiligten Lindenstadt, um welche Don
Gaspard, wie die alten Preussen31 um ihre Götter-Haine, noch mystische Vorhänge
herumzieht - und was ärger als alles ist, gerade nach deinem 16 1/2 Jahre,
Zesara, wo schon die Moussons und Frühlingswinde der Leidenschaften über die
Blutwellen fahren! Denn früher freilich wars allerdings von dir mitten im
gelehrten Kränzchen von so vielen Linguisten - d.h. von Büchern der Linguisten -
von Eklektikern - Ober-Rabbinern - von 10 Weisen aus Morgen- und aus
Griechenland - und wegen der ungemein blendenden Epiktetslampen, die das
gedachte Weisen-Dezemvirat am Tags-Sterne der Weisen angezündet hatte, da wars
wenig zu vermuten, dass dir Amors Turiner Lichtchen, das er noch unaufgebrochen
in der Tasche hatte, sehr ins Auge fallen möchte! - Aber jetzt, mein Lieber,
jetzt, sag' ich! - Wahrlich nirgends war es uns allen weniger übelzunehmen, wenn
wir ungemein attent darauf sind, was er im 21sten Zykel macht, als im
zwanzigsten.
 
                              Vierte Jobelperiode
 Hoher Stil der Liebe - der gotaische Taschenkalender - Träume auf dem Turme -
 das Abendmahl und das Donnerwetter - die Nachtreise ins Elysium - neue Akteurs
                  und Bühnen und das Ultimatum der Schuljahre
                                   21. Zykel
Wie viele selige Adams von 16 1/2 Jahren werden gerade jetzt in ihrer Sieste im
Grase des Paradieses liegen und aus Teilen ihres eignen Herzens dessen künftige
Schossjüngerin erschaffen sehen! - Aber sie suchen sie nicht, wie der erste Adam,
neben sich auf der Baustelle, sondern recht weit vom eignen Lager, weil die
Ferne des Raums so glänzend verherrlicht wie die Ferne der Zeit. Daher setzet
sich jeder Jüngling mit dem Glauben auf die Post, dass in den Städten, wohin er
eingeschrieben ist, ganz andere und göttlichere Madonnen unter der Haustüre
stehen als in seiner verdammten; - und die Jünglinge jener Städte sitzen wieder
ihrerseits auf dem ankommenden Postwagen und fahren hoffend in seine hinein.
    Ach das klingt für alles, was ich vorhabe, viel zu rauh und roh, und mir
ist, als bring' ich dem Leser statt des lebendigen fliegenden Rosendufts nur die
starre schwere dicke Porzellanrose! - Albano, ich will dein stilles, dicht
verhangenes Herz aufdecken und aufschliessen, damit wir alle darin Lianens
Heiligenbild, die aufschwebende Raffaels-Marie, aber, wie Heiligengestalten in
der Leidenswoche, hinter dem Schleier hängen sehen, den du bebend wegziehest, um
es anzubeten, wenn du die Andachtsbücher - die Romane - aufschlägst und wenn du
darin die Gebete antriffst, die deiner Heiligen gehören. Sogar mir wird es
schwer, nicht, wie du und die Alten, den Namen deiner Schutzgöttin zu
verheimlichen - über innere Geistererscheinungen (denn äussere sind
Körpererscheinungen) schweiget der Seher gern neun Tage lang - und bei deinem
blöden Glauben an einen tausendmal höhern Tugendgehalt Lianens, als deiner ist,
und bei deiner heiligen Ehrliebe, die über die fremde wacht, ist dirs freilich
ein Rätsel, wie andere, z.B. der Wiener oder Wehrfritz, ohne das geringste
Erröten so laut und lieb von ihr sprechen konnten, da du selber kaum wagst, vor
andern viel von ihr zu - träumen. Wahrlich, Albano ist ein guter Mensch! -
Ferner, wie vollends eine solche in gediegnen Äter vererzte lichte Psyche wie
Liane, etwa gleich dem auferstandnen Christus, Karpfen essen und ausgräten könne
- oder mit den langen hölzernen Heugabeln im kleinen den Salatschober im blauen
Napfe umstechen - oder in der Sänfte ein halb Pfund mehr wiegen als ein blauer
Schmetterling - oder wie sie laut lachen könne (das tat sie aber auch nie, mein
Freund!): alles das und überhaupt der ganze kleine Dienst des beleibten
Erdenlebens war dem geflügelten Jünglinge ein Rätsel und eine wahre
Unmöglichkeit oder die Wirklichkeit davon eine Fixsternbedeckung; was soll ichs
verhalten, dass er über ein Paar in welsche Felsen eingestampfte Fusstritte von
Engeln schwächer erstaunet wäre als über ein Paar von Lianen in der Erde, und
dass er für irgendeine irdische Spur und Reliquie von ihr - ich nenne nur einen
Zwirnwickler oder eine Tambourblume - nichts Geringeres hingegeben hätte als
ganze Klaftern vom heiligen Kreuze samt den Fässern der heiligen Nägel und
mehrere apostolische Kleiderschränke samt den heiligen Doubletten-Leibern dazu.
    - So hab' ich oft sehnlich gewünscht, nur ein Pfund Erde vom Monde oder nur
eine Düte voll Sonnenstäubchen aus der Sonne vor mir auf dem Tische zu haben und
anzugreifen. - So schweben wir meisten Autoren von Gewicht einem Leser ausser
Landes als ähnliche feine äterische Gebilde vor, von denen schwer zu fassen
ist, wie sie nur einen Schnitt Schinken oder ein Glas Märzbier oder ein Paar
Stiefel gebrauchen können; es ist, als wenn die Leute zusammenführen, wenn sie
etwas lesen oder sehen müssen von Lessings Rasiermesser - Shakespeares
englischem Sattel Rousseaus Bärenmütze - des Psalmodisten Davids Nabel - Homers
Ärmel - Gellerts Zopfband - Ramlers Schlafmütze - und der Glatze unter der
meinigen, wiewohl sie wenig mehr bedeutet.
    Der alte Landesdirektor tat zur Heiligsprechung Lianens - da eine Jungfrau
durch nichts so viel bei einem Jünglinge gewinnt als durch Lobreden, die ihr
seine Eltern geben - dadurch ansehnliche Zuschüsse, dass er die ländlich- und wie
er selber lachende Rabette häufig mit jener wog, und seine nachgiebige Frau
heimlich mit der strengen Ministerin; er nahm dann Gelegenheit,
auseinanderzusetzen, nach welchen strengen Regeln des reinen Satzes diese
Kontrapunktistin die melodischen Töne Lianens harmonisch ordne und wie sie
besonders Roheit und Gelächter ausmerze. Die weiblichen Seelen sind Pfauen,
deren Juwelen-Gefieder man in reinen und geweissten Wohnungen unterbringen muss,
indes unsere in Entenställen sauber bleiben. - Albano zeichnete sich Mutter und
Tochter bloss in den doppelten Gestalten vor, worin uns Maler die Engel geben,
nämlich die verständige strenge Mutter als einen, der in einer langen Wolke
steckt, nur mit dem Kopfe sichtbar, und Liane als ein verklärtes Kind, das mit
den zarten Flügeln eine weisse Wolke umflattert.
    Nur etwas, und wär's eine verblichene zerfallne Rose aus Seide, wünscht' er
sich herzlich aus Pestitz - und konnte doch verschämt den Wiener um nichts
ersuchen als ganz zuletzt nach langem Sinnen, obwohl verräterisch-erglühend, um
eine Stunden-Marke; »denn er habe noch keine gesehen«, sagt' er. - Falterle
hatte noch eine in der Tasche - die Zahl 15, Lianens voriges Alter, stand darauf
- sie konnte die Zahl recht gut geschrieben haben - etwas wars immer. Ach konnt'
er denn den Direktor nicht lieber um Romane aus der Handbibliotek der
Ministerin angehen, in welchen die Tochter gewiss gelesen, ja sogar einige
Lesezeichen vergessen haben wird? - Er tats auch; aber Wehrfritz verwünschte und
verurteilte zuerst alle Romane als vergiftete Briefe; auch vergass ers über
fünfmal, einige zu fordern; und endlich bracht' er ihm einen von Madame Genlis
mit, samt einem gotaischen Taschenkalender. Diese Bücher der Seligen wogegen
meine eignen Werke und die Alexandriner Bibliotek und die blaue nur elende
remittenda sind - hatten alle Stempel weiblicher Bücher; denn sie trugen alle
Zieraten weiblicher Köpfe, nämlich einen Fingerhut voll Puder wie diese - seidne
Band-Endchen wie diese, als Demarkationslinien und Gedenkzettel der Lektüre -
und einen Wohlgeruch wie diese (den Semler auch an alchymischen rühmt), welchen
sie aus den Blüten des Paradieses angezogen zu haben schienen. Ach seliger Leser
des schönsten Buchs (ich meine den Grafen), willst du mehr?
    Allerdings; und er fand auch mehr, nämlich hinten im gotaischen
Taschenkalender auf den beiden Final-Pergamentblättern die Worte: »Armenkonzert
d. 21. Februar« und »Schauspiel für die Armen d. 1. Nov.« - Ich habe auf meiner
Jagd nach Mysterien oft auf diesen Blättern die wichtigsten aus dem Busche
geklopft. - »Das ist ja meiner Schülerin Hand« (sagte Falterle) - »sie versäumt
mit ihrer Mutter so was selten, weils der Minister nicht leidet, dass sie sonst
den Armen viel geben.« - - Haltet mich hier nicht mit der Schönheit ihrer
Handschrift auf - da man ohnehin auf Pergament und Schiefer schöner schreibt als
auf Papier und da gerade eine Gelehrte, ungleich den Gelehrten, mehr
Kalligraphie hat als Ungelehrte -, sondern lasset mich zur Wirkung dieser
Inkunabeln Lianens eilen, deren Sonntags-Buchstaben einen liebenden Menschen mit
lauter innern hellen Sonntagen bedecken und deren Blätter an Heiligkeit den
Briefen gleichen, die im Mittelalter vom Himmel auf die Erde fielen. Erst jetzt
war ihm, als wenn der fliegende Engel, dessen Schatten nur vorher über die Erde
weglief, die Schwingen falte und auf der Laufbahn des Schattens nicht weit vom
Stande Albanos die Niederfahrt halte. Er lernte den gotaischen Taschenkalender
auswendig.
    Da er glaubte, Liane sei viel sanfter und besser als er, und da sie ihm wie
der Hesperus vorkam, der unter allen Planeten mit der kleinsten Exzentrizität um
die Sonne geht, und er sich als der ferne Uranus, ders mit der grössten tut; -
und da er nicht ohne schamhafte Wangen-Lohe daran denken konnte, einmal vor der
moralischen Politur der Tochter und Mutter mit einer kleinern zurückzustehen: so
wurd' er auf einmal (kein Mensch wusste warum) leiser, milder, williger, über
seine Aussenseite wachsamer, dem Wiener folgsamer - denn Liane wars ja auch
gewesen -, und sein ganzer Vesuv32 wurde vom Schleier einer Heiligen gebändigt.
    Der Nordamerikaner betet die Gestalt, die ihm in dem Traume erscheint, als
seinen Schutzgeist an: o wird nicht oft ebenso für den Jüngling ein schöner
Traum sein Genius?
 
                                   22. Zykel
Ein Pfingsten, wie ichs jetzt beschreiben will, Albano, trifft man ausser in der
Apostelgeschichte wohl in keiner an als in deiner!
    Er hatte bisher oft Lianens Krankengeschichte mit der Taubheit eines
markigen feuerfesten Jünglings angehört, als einmal der Direktor es nach Hause
brachte, dass die fromme Ministerin die Tochter am ersten Pfingsttage das
Abendmahl empfangen lasse, weil sie besorge, der Tod halte solche für eine
Erdbeere, die man pflücken müsse, ehe sie die Sonne beschienen. - Ach Albano sah
nun schon den Tod unter dem Suchen mit der steinernen Ferse auf die bleichrote
Beere tappen und sie ertreten. Und dann hatte diese Philomele ohne Zunge, weil
sie bisher verstummen musste, ihm wie einer Progne nur die gemalte Geschichte
ihres schweren Daseins gesandt und nur die Pergamentblätter! - Alle liebenden
Empfindungen gehen, wie Gewächse, bei gewitterhafter Luft des Lebens schneller
in die Höhe; Albano fühlte zugleich ein weites tiefes Weh und eine quälende
Fieber-Wärme in seinem vom Tode ausgehöhlten Herzen. - Auf eine sonderbare Art
mengten sich bei seinem musikalischen und poetischen Phantasieren auf dem
Österleinschen Flügel die geträumten Töne von Lianens Stimme und das tönende
Weinen, die Harmonika, die sie spielen konnte und die er nie gehört, gleichsam
als ihr Schwanengesang mit seinen Harmonien zusammen. Aber nicht genug: er
schrieb sogar heimlich ein Trauerspiel (du gute Seele!), worin er alle seine
zartesten und bittersten Gefühle mit nassen Augen auf fremde Lippen legte aber
sie fürchterlich anfachte, indem er sie ausdrückte. - Jeder kann merken, dass er
damit dem Schwätzer und Spione, dem Zufalle, entgehen wollte; aber nicht jeder
merkt - etwas ganz Eigenes: in fremdem Namen dürf' er, glaubt' er, dem tiefen
Schmerze eine heftigere Sprache geben, zu welcher er in seinem vor so vielen
stoischen klassischen Helden verschämt den Mut nicht hatte. So aber konnten die
Klassiker nichts anfangen.
    Das stille warme Schwärmen wuchs unter dieser bedeckenden heissen Glasglocke
noch viel grösser; nämlich dergestalt, dass er die Pflegeeltern rührend bat, ihn
am ersten Pfingsttage zum heiligen Abendmahle zu lassen. Die Baufälligkeit der
Dorfkirche, worin man es schwerlich ein Jahr später nehmen konnte, musste für ihn
so gut wie die körperliche für Liane sprechen. - Ewig wird den armen, durch
Leiber und Wüsten zerteilten Menschenseelen die Sehnsucht bleiben, miteinander
wenigstens zu gleicher Zeit dasselbe zu tun, zu einer Stunde Blicke an den Mond,
oder Gebete über ihn hinauf (wie Addison erzählt); und so ist dein Wunsch,
Albano, ein menschlicher, zarter, mit deiner unsichtbaren Liane zu einer Stunde
an der Altarstufe zu knien und dann feurig und regierend aufzustehen nach der
Krönung des innern Menschen! - Er hatte auf dem stillen Lande den Altar der
Religion in seiner Seele hoch und fest gebauet, wie alle Menschen von hoher
Phantasie; auf Bergen stehen immer Tempel und Kapellen.
    Aber ich werde ihn nie früher in die Pfingstkirche begleiten als auf den
Kirchturm. Gibt es etwas Trunkneres, als wenn er damals an schönen Sonntagen,
sobald durch den weiten Himmel nichts als die schwere Sonne schwamm, zum
Glockenstuhle des Turms aufstieg und, überdeckt von den brausenden Wellen des
Geläutes, einsam über die tiefe Erde blickte und an die westlichen Grenzhügel
der geliebten Stadt? - Wenn alsdann der Sturm des Klanges alles ineinander- und
zusammenwehte; und wenn die Juwelenblitze der Teiche und das blumige Lustlager
des hüpfenden Frühlings und die roten Schlösser an den weissen Strassen und die
langsamen verstreueten Kirchleute zwischen dunkelgrünen Saaten und der um reiche
Auen gegürtete Strom und die blauen Berge, diese rauchenden Altäre der
Morgenopfer, und der ganze ausgedehnte Glanz der Sichtbarkeit ihn dämmernd
überfüllte und ihm alles wie eine dunkle Traum-Landschaft erschien: o dann ging
sein inneres Kolosseum voll stiller Götterformen der geistigen Antike auf, und
der Fackelschein der Phantasie33 glitt auf ihnen als ein spielendes wandelndes
magisches Leben umher - - und da sah' er unter den Göttern einen Freund und eine
Geliebte ruhen, und er glühte und zitterte.... Dann schwankten die Glocken
bang-verstummend aus - er trat vom hellen Frühlinge in den dunkeln Turm zurück -
er heftete das Auge nur an die leere blaue Nacht vor ihm, in welche die ferne
Erde nichts heraufwarf als zuweilen einen verwehten Schmetterling, eine
vorbeikreuzende Schwalbe und eine vorüberwogende Taube - der blaue Schleier des
Äters34. flatterte tausendfach gefaltet über verhüllten Göttern in der Weite -
o dann, dann musste das berückte Herz verlassen ausrufen: ach wo find' ich in den
weiten Räumen, in dem kurzen Leben die Seelen, die ich ewig liebe und so innig?
- Ach du Lieber, was wird denn schmerzlicher und länger gesucht als ein Herz?
Wenn der Mensch vor dem Meere und auf Gebirgen und vor Pyramiden und Ruinen und
vor dem Unglücke steht und sich erhebt, so strecket er die Arme nach der grossen
Freundschaft aus. - Und wenn ihn die Tonkunst und der Mond und der Frühling und
die Freudentränen sanft bewegen, so zergeht sein Herz, und er will die Liebe. -
Und wer beide nie suchte, ist tausendmal ärmer, als wer beide verlor. - -
    Lasset uns jetzt in die Pfingstkirche treten, wo der tiefe Strom seiner
Phantasie zum ersten Male in seinem Leben übertrat und sein Herz weit fortriss
und damit in einem neuen Bette brausete; ein physisches Gewitter hatte sich in
diesen Strom ergossen. Schon am Morgen stand der schwarze Pulverturm einer
Gewitterwolke stumm neben der heissen Sonne und wurde an ihr glühend, und nur
zuweilen entfiel einer fernen fremden Wolke unter dem Gottesdienste ein Schlag
auf die Feuertrommel; aber als Albano vor den Altar mit erhobnen verklärten
Gefühlen trat und als er seine Liebe für Liane nur in ein inniges Beten für sie
verkleidete und in ein Gemälde ihrer heutigen Andacht und ihrer blassen Gestalt
im frommen dunkeln Braut-Putze und als er sanft fühlte, jetzt sei seine
gereinigte geheiligte Seele dieser schönen werter: so rückte das Gewitter mit
allen seinen spielenden Kriegsmaschinen und Totenorgeln35 von der Lindenstadt
herüber und trat bewaffnet und heiss über die Kirche. - Aber Albano, im
Bewusstsein einer heiligen Begeisterung, erschrak nicht, sondern er dachte, schon
als er das ferne Rollen der fallenden Lauwine hörte, bloss an Lianen und an das
Einschlagen in die Kirche zu Lindenstadt - und nun als die Sonne den Pulverturm
der Wetterwolke über ihm mit ihren heissen Blicken entzündete und in tausend
Blitze und Schläge zersprengte: dann jagte ihm seine von den Alten genährte
Achtung für den Donnertod die schreckliche Vermutung ins Herz, Liane sei ihm nun
gestorben in der Glorie der verklärten Frömmigkeit. - O dann musst' er ja auch
glauben, dass ihn jetzt die Schwinge des Blitzes über die Wolken schlage. Und als
lange Blitze um die Heiligen und die Engel des Altars loderten und als das
zitternde stärkere Singen und das Wetterläuten der vertrauten Glocken und die
vollströmende Orgel sich mit dem zusammenbrechenden Donner vermischte und er im
betäubenden Getöse einen hohen feinen Orgelton vernahm, den er für den
ungehörten der Harmonika hielt: da stieg er vergöttert auf dem Triumph-und
Donnerwagen neben seiner Liane ein der Teatervorhang des Lebens und die Bühne
brannten unter ihnen ab - und sie flogen verbunden und leuchtend in den kühlen
reinen Äter weiter hinauf....
    Aber die zwölfte Stunde vertrieb diese Geistererscheinungen und das Gewitter
- Albano trat heraus in einen blauern kühlern luftigen Himmel - und die
glänzende Sonne lachte freundlich die erschrockene Erde an, der noch die hellen
Tränen in allen ihren Blumenaugen zitterten. - Da nun Albano nachmittags noch
den friedlichen Durchzug des Donners durch Lianens Stadt vernahm: so wurde durch
den Glauben an ihr neuversichertes Leben - und durch das sanfte Mattgold der
ausruhenden Phantasie - und durch die heilige Stille der bekehrten Brust - und
durch die innigere Liebe aus allen Gegenden seiner Seele ein abendrotes
magisches Arkadien - - und nie betrat ein Mensch ein holderes.- -
 
                                   23. Zykel
Es kommt nicht bloss aus meiner Gefälligkeit gegen die Lese-Nachwelt her, mein
lieber Zesara, sondern auch aus einer wirklichen gegen dich, dass ich alle Akte
in diesem Schäferspiele deines Lebens so treu nachschreibe - in deinen alten
Tagen sollen dir diese melodischen labend aus meinem Buche nachklingen, und du
sollst abends nach deinen Arbeiten nichts lieber lesen als meine hier.
    Die folgende Nacht verdient ihren Zykel. Bald nach Pfingsten wurd' er mit
wöchentlichen medizinischen Bedenken über ein neues Kranksein der armen Liane
gequält, das am Abendmahlstage, gleich als hätt' er recht geahnet, begonnen
hatte. Er hörte, dass sie in Lilar, dem Lust- und Wohngarten des alten Fürsten,
nebst ihrem Bruder lebe oder leide, von dessen Schweigen jetzt der Wiener an
1001 Ursachen aufgebracht hatte. Um Lilar, obwohl nahe an Pestitz, hatte sein
Vater keine Sperrketten gezogen Lianens Nachtlicht konnt' ihm vielleicht
entgegenschimmern, oder gar ihre Harmonika entgegentönen - ja ihr Bruder konnte
wohl noch im Garten herumgehen - die Junius-Nacht war ohnehin hell und herrlich
- - ach kurz er ging.
    Es war spät und still, weit ausser dem schlafenden Dorfe ohne Lichter konnt'
er die Flötenstücke der Stubenuhr im Schloss noch auf dem Pestitzer Berge
vernehmen. Es erquickte ihn, dass sein Weg eine Strecke lang auf der
Lindenstädter Chaussee fortlief. Er drückte das Auge an die westlichen Berge
fest, wo die Sterne Ihr wie weisse Blüten zuzufallen schienen. Oben auf der
weiten Höhe, dem Herkules-Scheidewege, lief der rechte Arm hinunter und wand
sich dem blühenden Lilar durch Haine und Auen zu.
    Schreite nur freudentrunken voll junger lichter Bilder durch die
italienische Nacht, die um dich schimmert und duftet und die wie über Hesperien
nicht weit vom warmen Monde einen vergoldeten Abendstern36 im blauen Westen
aufhängt, gleichsam über der Wohnung der geliebten Seele. Dir und deinen jungen
Augen werfen die Sterne nur Hoffnungen, noch keine Erinnerungen herunter, du
hast einen abgebrochenen starren Apfelzweig voll roter Blütenknospen in der
Hand, die wie Unglückliche zu blassen werden, wenn sie aufblühen, aber du machst
noch nicht solche Anwendungen davon wie wir.
    Jetzt stand er in einer Talrinne vor Lilar glühend und bange, das aber ein
sonderbarer runder Wald aus Laubengängen noch versteckte. Der Wald wuchs in der
Mitte zu einem blühenden Berge auf, den breite Sonnenblumen, Fruchtschnüre von
Kirschen und blinkende Silberpappeln und Rosenbäume in so künstlicher
Verschränkung einhüllten und umliefen, dass er vor den malerischen Irrlichtern
des Mondes ein einziger ungeheurer Kesselbaum voll Früchte und Blüten zu sein
schien. Albano wollte seinen Wipfel besteigen, gleichsam die Sternwarte des
unten ausgebreiteten Himmels oder Lilars; er fand endlich am Walde einen offnen
Laubengang.
    Die Lauben drehten ihn in Schraubengängen in eine immer tiefere Nacht
hinein, durch welche nicht der Mond, sondern nur die stummen Blitze brechen
konnten, von denen der warme Himmel ohne Wolken überschwoll. Der Berg hob die
Zauberkreise immer kleiner aus den Blättern in die Blüten hinauf - zwei nackte
Kinder hatten unter Myrten die Arme liebkosend einander um die zugeneigten Köpfe
gelegt, es waren die Statuen von Amor und Psyche - Rosennachtfalter leckten mit
kurzen Zungen den Honigtau von den Blättern ab, und die Johanniswürmchen,
gleichsam abgesprungene Funken der Abendglut, wehten wie Goldfaden um die
Rosenbüsche - er stieg zwischen Gipfeln und Wurzeln hinter dem aromatischen
Treppengeländer gen Himmel, aber die kleine, mit ihm herumlaufende Spiralallee
verhing die Sterne mit purpurnen Nachtviolen und die tiefen Gärten mit
Orangegipfeln - endlich sprang er von der obersten Sprosse seiner Jakobsleiter
mit allen Sinnen in einen unbedeckten lebendigen Himmel hinaus; ein lichter
Berggipfel, nur von Blumenkelchen bunt-gesäumt, empfing ihn und wiegte ihn unter
den Sternen, und ein weisser Altar leuchtete hell neben ihm im Mondenlichte. - -
    Aber schaue hinunter, feuriger Mensch mit deinem frischen Herzen voll
Jugend, auf das herrliche unermessliche Zauber-Lilar! Eine dämmernde zweite Welt,
wie leise Töne sie uns malen, ein offner Morgentraum dehnt sich vor dir mit
hohen Triumphtoren, mit lispelnden Irrgängen, mit glückseligen Inseln aus der
helle Schnee des gesunknen Mondes liegt nur noch auf den Hainen und Triumphbogen
und auf dem Silberstaube der Springwasser, und die aus allen Wassern und Tälern
quellende Nacht schwimmt über die elysischen Felder des himmlischen
Schattenreichs, in welchem dem irdischen Gedächtnisse die unbekannten Gestalten
wie hiesige Otaheiti-Ufer, Hirtenländer, daphnische Haine und Pappelinseln
erscheinen - seltsame Lichter schweifen durch das dunkle Laub, und alles ist
zauberisch-verworren - was bedeuten jene hohen offnen Tore oder Bogen und die
durchbrochnen Haine und der rötliche Glanz hinter ihnen und ein weisses Kind,
unter Orangelilien und Goldblumen schlafend, aus deren Kelchen weiche Flammen
perlen37, gleichsam als wären Engel zu nahe über sie hingeflogen - die Blitze
erleuchten Schwanen, die unter lichttrunkenen Nebeln auf den Wellen schlafen,
und ihre Flammen lodern golden nach in den tiefen Bäumen38, wie Goldfische den
brennenden Rücken aus dem Wasser drehen - und selber um deine Bergspitze,
Albano, schauen dich die grossen Augen der Sonnenblumen feurig an, gleichsam von
den Funken der Johanniswürmchen entzündet.
    »Und in diesem Reiche des Lichts« (dachte zitternd Albano) »verbirgt sich
der stille Engel meiner Zukunft und verklärt es, wenn er erscheint. - O wo
wohnest du, gute Liane? In jenem weissen Tempel? - Oder in der Laube zwischen den
Rosenfeldern? - Oder drüben im grünen arkadischen Häuschen?« - Wenn die Liebe
schon Schmerzen zu Freuden macht und den Schattenkegel der Erde zum Sternenkegel
aufrichtet, o wie wird sie erst die Entzückung bezaubern! - Albano war in diesem
äussern und innern Glanze unvermögend, sich Lianen krank zu denken; er dachte
sich jetzt bloss die selige Zukunft und kniete sehnsüchtig und umfassend an dem
Altare nieder - er blickte nach dem glänzenden Garten und malte es sich, wie es
wäre, wenn er einmal mit Ihr jede Insel dieses Edens beträte - wenn die heilige
Natur seine und Ihre Hände auf diesen Altarstufen ineinanderlegte wenn er Ihr
unterwegs das Hesperien des Lebens, das Hirtenland der ersten Liebe zeichnete
und ihr frommes Jauchzen und ihr süsses Weinen und wenn er sich dann nicht
umsehen könnte nach den Augen des weichsten Herzens, weil er schon wüsste, dass
sie überfliessen vor Seligkeit. - Jetzt sah er im Mondscheine über die
Triumphbogen zwei beleuchtete Gestalten wie Geister gehen; aber seine brennende
Seele fuhr im Malen fort, und er dachte es sich, wie er vor ihr, wenn die
Nachtigallen in diesem Eden schlagen, wahnsinnig-liebend sagen würde: »O Liane,
ich trug dich früh in meinem Herzen - einstmals droben auf jenem Berge, als du
krank warst.« - -
    Hier kam er erschrocken zu sich - er war ja auf dem Berge aber er hatte die
Krankheit vergessen. - Nun legt' er kniend die Arme um den kalten Stein und
betete für die, die er so liebte, und die gewiss auch hier gebetet; und ihm sank
weinend und verdunkelt das Haupt auf den Altar. Er hörte nähere Menschenschritte
unten am Schneckenberge, und furchtsam-freudig dachte er daran, es könne sein
Vater sein; aber er blieb kühn auf den Knien. - Endlich trat über den Blumenrand
ein grosser gebückter Greis herein, ähnlich dem edlen Bischofe von Spangenberg,
das ruhige Angesicht lächelte voll ewiger Liebe, und keine Schmerzen standen
darauf, und keine schien es zu fürchten. Der Alte drückte dem Jünglinge stumm
und erfreut die Hände zum Fortbeten zusammen, kniete neben ihn hin, und jene
Entzückung, zu welcher öfteres Beten verklärt, breitete den Heiligenschein über
die Gestalt voll Jahre. - Sonderbar war diese Vereinigung und dieses Schweigen.
Die nur noch aus der Erde ragende Trümmer des Mondes brannte düsterer; endlich
sank sie ein; da stand der Alte auf und tat mit der aus Gewohnheit der Andacht
kommenden Leichtigkeit des Übergangs Fragen über Albanos Namen und Ort; - nach
der Antwort sagt' er bloss: »Bete unterwegs zu Gott dem Allgütigen, lieber Sohn,
- und gehe schlafen, eh' das Gewitter kommt.«
    Nie kann diese Stimme und Gestalt aus Albanos Herzen weggehen; die Seele des
alten Mannes ragte, wie die Sonne bei der ringförmigen Finsternis, über den
dunkeln Körper, der sie mit seiner Moder-Erde überdecken wollte, mit dem ganzen
Rande leuchtend hinaus. - Tief bis an die Nervenanfänge getroffen, stand Albano
auf, und die breitern Blitze zeigten ihm jetzt drunten neben dem Zaubergarten
einen zweiten, düstern, verwickelten, schrecklichen, gleichsam den Tartarus des
Elysiums. - Er schied mit seltsamen gegeneinandergehenden Gefühlen - die Zukunft
und die Menschen darin schienen ihm unterwegs ganz nahe zu stehen und hinter dem
durchsichtigen Vorhange schon als Teaterlichter hin- und herzulaufen - und er
sehnte sich nach einer schwerern Tat, als nach der Erquickung dieses entzündeten
Herzens; aber er musste das innere Steppenfeuer auf das Kopfküssen betten; und in
sein Einträumen mischte sich der hohe Donner wie ein Gott der Nacht mit den
ersten Schlägen.
                                   24. Zykel
Der alte unbekannte Mann blieb viele Tage lang in Albanos Seele o stehen und
wollte nicht weichen. Überhaupt war jetzt dem Bette seines Lebens eine Krümmung
nötig, die den Zug des Stromes brach. Menschen wie ihn kann das Schicksal nur
durch den Wechsel der Lagen bilden, so wie Schwache nur durch den Bestand
derselben. Denn ging es länger so fort und kam der Kronleuchter in seinem Tempel
durch innere Erdstösse in immer grössere Schwankungen: so konnt' am Ende keine
Kerze mehr darauf fortbrennen. Welche Reichstags-Beschwerden führen nicht schon
Wehrfritz und Hafenreffer verbunden darüber, dass der Schiffspatron Blanchard in
Blumenbühl mit seinen ärostatischen Seifenblasen aufstieg und dass Zesara beinahe
durch den ganzen Despotismus des Direktors kaum von dem Einschiffen abzuhalten
war! Und wie göttlich stellt' er sich es nicht vor, nicht nur der Erde ihre
Eisenringe und Haftbefehle herunterzuwerfen und über alle ihre Marktaufen und
Grenzbäume und Herkulessäulen steilrecht wegzufliegen und als ein Sternbild um
sie zu ziehen, sondern auch über dem magischen Lilar und der plombierten
Lindenstadt mit verschlingenden Augen zu schweben und eine ganze schwere volle
Welt an der Handhabe eines Blicks zum durstigen Herzen zu heben!
    Aber das Schicksal brach den Fall dieses schnellen Stroms. Es wollte nämlich
zum Glück schon lange die Blumenbühler Kirche täglich einfallen - und ich
wollte, der Pfingstdonner wäre darein gefahren und hätte der Baudirektion Ohren
und Beine gemacht-, als zu noch grösserem Glück der alte Fürst unpass wurde. In
der Kirche war nun das Erbbegräbnis des Fürsten, das nicht schicklich wieder das
Erbbegräbnis der Kirche werden konnte.
    Es musste sich treffen, dass die alte Fürstin mit dem Minister Froulay durch
das Dorf passierte. Beide hatten sich längst zu Reichsvikarien und Geschäfts-
und Zepterträgern des Staates bevogtet, weil der alte matte Herr gern die Spiele
und die Bürden, den Glimmer und das Gewicht der Krone weggegeben und jene beiden
Lehnsvormünder ins Erbamt des Zepters eingelassen hatte.
    - Kurz das Alter der Kirche entschied neben dem Alter des Fürstenpaars die
Baute einer neuen Dachung und Kapsel für die Gruft.
    Der Landschaftsdirektor besichtigte mit; und invitierte die vornehme
Gesellschaft in sein Haus, in welcher aus dem Gefolge besonders der
Landbaumeister Dian und der Kunstrat Fraischdörfer als Kunstverständige, und die
kleine Prinzessin als Naturverständige auszuheben sind.
    Der arme Tanzmeister bekam durch ein Sehrohr Wind von dem Zuge, als er die
Füsse voll Pas eben in ein warmes Fussbad streckte. Es wird niemand vergnügen, dass
der Wiener das einzige mit dem Magister gemein hatte, was der Teufel mit dem
Pferde, nämlich den Fuss, der seine guten andertalb Pariser Fuss mass; und dass
daher sein doppelter Wurzelast in den engen Treibscherben von Schuhen zu einem
fruchttragenden Knotenstock voll Okulier -, d.h. Hühneraugen ausschlug. Heute
hätt' er diese gordischen Knoten im Fussbade zerschnitten; aber so musst' er bei
einer solchen Visite - wie wohl er sie nie ausgezogen- seine engsten
Kinderschuhe anlegen, um Effekt zu tun. So fangen sich die Menschen oft mit zu
leichten, wie die Affen mit zu schweren Schuhen.
    Albano hingegen stand auf Koturnen. Jeder überhaupt, der nur aus Pestitz
kam, hatte für ihn geweihte heilige Erde an den Sohlen; und hier sah' er mit der
liebenden Achtung eines Dorfjünglings der bejahrten, aber rotwangigen und
hochstämmigen Fürstin auf das von der Zeit aufgebogene Kinn und ins freundliche
Gesicht, das sich in ein ganzes tiefes Haubengebüsch - vielleicht zur Decke der
vielen Lebenslinien - vergrub. Sie wiegte diesen Kopf lächelnd-vergleichend, im
Wahne der Verschwisterung, zwischen ihm und Rabetten hin und her, weil Mütter
immer an Müttern zuerst nach den Kindern sehen. Er hätt' es noch wissen sollen,
dass er eine Freundin Lianens an der kleinen krausköpfigen Prinzessin vor sich
hatte, die, wiewohl schon in seinem Alter, noch mit einer freundlichen
Lebhaftigkeit, die nie vom Hofmarschallamte unterschrieben werden kann, an alle
hinansah und sogar Rabetten bei der Hand nahm und ihr ein
unbeschreiblich-gutmütiges und steifes Anlachen abzwang. Furchtbar kam ihm der
Minister vor, ein Mann voll starker Partien an Leib und Seele, voll reissender,
würgender, nur an Blumenketten liegender Leidenschaften, und von welchem, obwohl
sein hartes Gesicht erst höflich mit freundlichen 12 himmlischen Zeichen von
Liebe überschrieben war, doch nicht sonderlich einleuchten wollte, wie von der
nerven-weichen Liane ein Mann der Vater und Führer sein könne, bei welchem die
Eisenteile, deren der Mensch mehrere im Blute trägt als irgendein Tier, sich
nicht, wie bei Götze, auf die Hand geworfen hatten, sondern auf die Stirn und
das Herz.
    Ich gehe über das einzige Glied in der Gesellschaft, das Albanen
unausstehlich war, nur flüchtig weg, über den Kunstrat Fraischdörfer, der sein
Gesicht, wie die Draperie der Alten, in einfache edle grosse Falten geworfen
hatte. Vor vielen Jahren wollt' er nämlich unsern verschämten kleinen Helden bis
auf die Herzgrube zum Sitzen haben, um dessen Gesicht und breite, hohe, aus der
Hemdkrause glänzende Platosbrust, ich weiss nicht, ob nachzupinseln oder
nachzubossieren. Allein das verschämte Kind schlug mit Händen und Füssen um sich,
und es war ihm nichts nachzumünzen als das nackte Gesicht ohne das Postement,
den Torax. - Hingegen vor mir, liebe Akademie, musst du nun jahrelang wie ein
Stylit auf dem Modell-Stative aushalten und meiner Reissfeder deinen Kopf und
deine Brust samt ihrem Kubikinhalt blossstellen, der Gruppierungen gar nicht zu
gedenken! -
    Seiner edlen Gestalt hatt' er es vielleicht zu danken, dass der
schöngebildete geradnasige und herrlich-schlanke Grieche Dian mit seinem
Rabenhaare und schwarzen Adlerauge, der in jeder gelenken Bewegung eine höhere
Freiheit des Anstandes zeigte, als in Tanz- und Cour-Zimmern gewonnen wird,
feurig zu ihm trat und mit wenigen Blicken dem tiefen, aber reinen Meere des
Jünglings auf den grünenden Boden und auf die Perlenbänke sah. Albano stellte
mit seiner zu lauten heftigen Stimme, mit seinen ehrerbietigen, aber scharf
aufschlagenden Blicken, mit seiner eingewurzelten Stellung eine holde Mischung
von innerer Kultur und Übermacht mit äusserer ländlicher Errötung und Milde dar,
gleichsam einen noch zu keinem Tulpenbeete verschnittenen Tulpenbaum, eine
ländliche Eremitage und Waldklafter mit goldner Ausmöblierung. - Er hatte die
Fehler der einsiedlerischen Jugend; aber Menschen und Winterrettiche muss man
weit säen, damit sie gross werden; engstehende Menschen und Bäume haben zwar
einen schlankern Stangenschuss, aber keine Wetterfestigkeit, keine so reiche
Krone und Ästung wie freistehende. Mit der unbefangensten Herzlichkeit entdeckte
der Baumeister dem glühenden Jünglinge: »sie würden sich von nun an jede Woche
sehen, da er täglich, um den Bau der Kirche zu besorgen, komme.« - -
    - Das ganze Wehrfritzische Haus guckt jetzt dem hohen Zuge, bis auf das
letzte verschwindende Wagenrad hinterdrein und ist doch begierig, über das
nachduftende Lavendelwasser der Freude drei Worte zu sagen, das der Zug in alle
Winkel und auf alle Möbeln verspritzet hatte. Vom Exerzitienmeister an, der mit
den Kompressionsmaschinen an den Füssen bloss bis an die Knorren im Fegefeuer
stand und dann bis an den Wirbel im Himmel, weil die gesprächige Prinzessin sich
seiner fünf Positionen sehr gut entsonnen hatte - bis zur bescheidnen Rabette,
der Lobrednerin ihrer Siegerin - und bis zu Albinen, der an einer Fürstin die
warme Mutterliebe gegen die Prinzessin wohltat - und bis zum Direktor, den die
schönbestandne Klingen- und Ankerprobe des Pflegesohns und die allgemeine
Redlichkeit dieses bekehrten Weltteils der grossen Welt nachfreuete, weil der
Mann es nie behielt, dass Fürsten und Minister, so wie sie in ihrer Garderobe
Berghabite zum Einfahren haben, auch Direktoratsanzüge, Justiz-Wildschure,
Konsistorial-Schafspelze und Weiber-Opern-Kleider in der Anziehstube führen -
von allen diesen Menschen bis zum Direktor wuchs der frohe Nachklang, um in
Zesara mit einer - Lärmkanone aufzuhören: sein Ehrgeiz trat unter Waffen sein
Freiheitsbaum fuhr in Blüten aus - die Standarten seiner Jugend-Wünsche wurden
eingeweiht und flatterten aufgewickelt im Himmel - und auf den Myrtenkranz
deckt' er einen schweren Helm mit einem glänzenden hoch-aufwallenden
Federbusche.....
    Der folgende Zykel ist bloss dazu gemacht, um anzugeben, wie man das zu
nehmen habe.
 
                                   25. Zykel
Auch meine Meinung ists, dass das antiphonierende Doppelchor der beiden
Erziehungs-Kollegien, Wehmeier und Falterle, unsern Normann bisher so gut erzog,
als zwei ähnliche Gymnasiarchen, die Gouvernante England und die Hausfranzösin
Frankreich, die Kurrentschülerin Deutschland nach den besten Schulbüchern
wirklich erzogen haben, so dass wir nun wieder unsers Orts imstande sind,
Polacken zu schulen und solche mit dem Schulbakel aus dem Kateder unserer
Fürstenschule herab so viel als nötig zu kantschuen. -
    Aber jetzt war zu viel in Albano aufgewacht. Er fühlte überschwellende
Kräfte, die keinen Lehrer fanden - sein in Italien herumstreifender Vater schien
ihn zu versäumen- den Musensitz Pestitz (der noch dazu eine Muse mehr hatte)
schien er ihm ungerecht zu versperren - er wusste oft nicht zu bleiben -
Phantasie, Herz, Blut und Ehrliebe goren. In solchem Falle ist wie in jedem
gärenden Fasse nichts gefährlicher als ein leerer Raum (es sei an Kenntnis oder
Arbeit).
                            Dian füllte das Fass auf
Er kam in jeder Woche aus der Stadt, als hätt' er das Einhämmern der Kirche so
gut nach Rissen zu ordnen als ihr Aufmauern. Ein Jüngling, der den ersten
Griechen sieht, kanns anfangs gar nicht recht glauben, er hält ihn für
klassisch-verklärt und für einen gedruckten Bogen aus dem Plutarch. Wenn ihm nun
gar das Herz so brennt wie meinem, und wenn sein Grieche noch dazu ein
spartischer Nachkömmling ist wie Dian, nämlich ein unbesiegter Mainotte, der im
klassischen Doppelchore der ästetischen Singschule, in Atiniah (Aten) und Roma
erzogen worden: so ist es natürlich, dass der begeisterte Jüngling jeden Tag in
den Staub- und Moder-Wolken des fallenden Kirchengemäuers steht und darauf
wartet, ob sein Heerführer hinter der Wolkensäule vortrete.
    Dian begleitete den Geliebten auf seine Spaziergänge - las oft halbe Nächte
mit ihm - und nahm ihn auf die architektonischen Landreisen mit, die er immer zu
machen hatte. Er führte ihn mit begeisterter Ehrfurcht in die heilige Welt des
Homers und des Sophokles ein; und ging mit ihm unter die höhern, ganz
entwickelten, von einseitiger ständischer Kultur noch unverrenkten,
schöngegliederten Menschen dieses Zwillings-Prometeus, die wie Salomo für alles
Menschliche, für Lachen, Weinen, Essen, Fürchten und Hoffen eine Zeit hatten und
die bloss die rohe Grenzenlosigkeit flohen; die auf den Altären aller Götter
opferten, aber auf dem der Nemesis zuerst. Und Dian - dessen innerer Mensch ein
ganzer war, dem kein Glied ausgerissen ist, keines aufgeblasen und alle
grossgewachsen - ging selber als ein solcher Sophokles-Homerischer Grieche mit
dem Lieblinge um. Er machte ihm - indes Wehmeier und die Pflegeeltern ihm
überall mit einer Kanzel und einem Kirchenstuhle nachliefen, bei jedem heftigen
Unwillen oder Wunsche oder Jubel, den er zeigte - mit schöner liberaler Freiheit
Raum, sich breit und hoch zu entwickeln. Er ehrte am Jünglinge das St. Elms -
oder Helenen-Feuer, wie am Greise das Eis; das Herz kräftiger Menschen, glaubt'
er, müsse wie ein Porzellangefäss anfangs zu gross und zu weit gedrehet sein, im
Brennofen der Welt laufen beide schon gehörig ein. Ebenso fordr' ich von einem
Jünglinge erst Intoleranz, dann nach einigen Jahren Toleranz, jene als die
steinige saure harte Frucht eines kräftigen jungen Herzens, diese als das weiche
Lager-Obst eines ältern Kopfes.
    Aber indem der Baumeister mit ihm zeichnete, mit ihm Abgüsse der Antiken und
Kunstwerke anschauete: so machte er am schönsten vor diesen seine Liebe für das
artistische Zeichen der Waage am Menschen, der sein eignes Kunstwerk sein soll,
und seine Abneigung vor jedem Paroxysmus offenbar, der die äussere Schönheit in
Falten bricht wie die innere, und seinen Wunsch, seine Gestalt und sein Herz
nach der hohen Stille auf den Antiken zu ordnen.
    Der Baumeister bewahrte, wie oft der Künstler und öfter der Schweizer,
europäische Kultur und ländliche Naivetät und Einfachheit nebeneinander, seiner
geliebten Baukunst gleich, worin mehr als in den andern Künsten Schönheit und
messende Vernunft zusammengrenzen; er liess daher zuerst Albano in den Hörsaal
der Philosophie, aber im Freien aussen am Fenster stehend, hineinsehen und
hineinhören. Er führte ihn nicht in den Steinbruch, vor die Kalkgrube und auf
den Zimmerplatz der Metaphysik, sondern sogleich in das damit fertig gemachte
schöne Betaus, sonst die natürliche Teologie genannt. Er liess ihn keine
eiserne Schlusskette Ring nach Ring schmieden und löten, sondern er zeigte sie
ihm als hinunterreichende Brunnenkette, woran die auf dem Boden sitzende
Wahrheit herauf, oder als eine vom Himmel hängende Kette, woran von den
Untergöttern (den Philosophen) Jupiter heruntergezogen werden soll. Kurz das
Skelett und Muskeln-Präparat der Metaphysik versteckt' er in den Gottmensch der
Religion. - - Und so soll es (anfangs) sein; aus der Sprache lernt man die
Grammatik leichter als jene aus dieser, aus den Kunstwerken leichter die Kritik,
aus dem Leibe das Gerippe, als umgekehrt, wiewohl man es immer umkehrt.
Unglücklich sind unsere jetzigen Jünglinge, die vom Baume des Erkenntnisses
früher die Tropfen und die Käfer schütteln müssen als die Früchte.
    Und nun macht' er ihm kühn alle Stubentüren der philosophischen Schulen auf,
d.h. alle drei Himmel; denn in dieser Jugendzeit hält man noch den Docht jedes
gelehrten Lichtes der Welt für Asbest, wie Brahminen sich in Asbest kleiden -
und die Eisstücke an den Polen unserer geistigen Welt stellen noch, wie die der
hiesigen, Städte und Tempel auf himmelblauen Säulen vor.
    Wenn nun Albano über irgendeine grosse Idee, über die Unsterblichkeit, über
die Gotteit, sich in Flammen gelesen: so musst' er darüber schreiben, weil der
Baumeister glaubte - und ich auch -, dass in der erziehenden Welt nichts über das
Schreiben gehe, nicht einmal Lesen und Sprechen, und dass ein Mensch 30 Jahre mit
weniger Ertrag seiner Bildung lese, als ein halbes schreibe. Dadurch schwingen
eben wir Autoren uns zu solchen Höhen; - daher werden sogar schlechte, wenn sie
aushalten, am Ende etwas und schreiben sich von Schilda nach Abdera und von da
nach Grubstreet hinauf. -
    Allein welche glühende Stunde ging dann für unsern Liebling an! Was sind
alle sinesische Laternenfeste gegen das hohe Fest, wo ein entflammter Jüngling
alle Gehirnkammern erleuchtet und in diesem Glanze seine ersten Aufsätze
hinwirft!
    Vorn auf der Schwelle des Aufsatzes ging Albano vielleicht noch Schritt für
Schritt und bediente sich bloss des Kopfes; aber wenn es weiterkam und das Herz
mit den Flügeln zuckte und er wie ein Komet vor lauter schimmernden Sternbildern
grosser Wahrheiten vorüberfahren musste - konnt' er sich da entalten, dem
rosenroten Flammantvogel nachzuahmen, der im Zuge gegen die Sonne sich zu einem
fliegenden Brande anzufärben und sich mit Doppelflammen zu beschwingen scheint?
- Kam er vollends auf die Nutzanwendung: wahrhaftig! so war jede wie die andere
- in jeder formte und besäete er ein Arkadien voll menschlicher Engel, die in
drei Minuten in das so nahe schwimmende Elysium aussteigen konnten auf einem
dazu hineingeworfenen Charons-Ponton - in jeder Nutzanwendung waren alle
Menschen Heilige, alle Heilige Selige, alle Morgen Blüten und alle Abende
Früchte, Liane gesund und er nicht weit davon ihr Liebhaber - alle Völker
stiegen die Mittagshöhe lichter hinan, und er auf seiner eignen erblickte, wie
Menschen auf Bergen, alles Gute näher - ach die ganze sumpfige Gegenwart voll
Sturzeln und Egeln hatt' er mit einem Fusse seitwärts weggestossen und war nur von
den grünenden Welten voll Auen umflogen, die die Sonnenkugel seines Kopfes in
den Äter geworfen hatte. - -
    Selige, selige Zeit! du bist schon lange vorbei! O die Jahre, worin der
Mensch seine ersten Gedichte und Systeme lieset und macht, wo der Geist seine
ersten Welten schafft und segnet, und wo er voll frischer Morgengedanken die
ersten Gestirne der Wahrheit kommen sieht, tragen einen ewigen Glanz und stehen
ewig vor dem sehnenden Herzen, das sie genossen hat und dem die Zeit nachher nur
astronomische Ephemeriden und Refraktionstabellen über die Morgengestirne
reicht, nur veraltete Wahrheiten und verjüngte Lügen! - O damals wurd' er von
der Milch der Wahrheit wie ein frisches durstiges Kind getränkt und grossgezogen,
später wird er von ihr nur als ein welker skeptischer Hektikus kuriert! - Aber
du kannst freilich nicht wiederkommen, herrliche Zeit der ersten Liebe gegen die
Wahrheit, und diese Seufzer sollen mir eben nur deine Erinnerung wärmer geben;
und kehrst du wieder, so geschieht es gewiss nicht hier im tiefen niedrigen
Grubenbaue des Lebens, wo unsere Morgenröte in den Goldflämmlein auf dem
Goldkiese besteht und unsere Sonne im Grubenlicht - nein, sondern dann kann es
geschehen, wenn der Tod uns aufdeckt und den Sargdeckel des Schachtes von den
tiefen blassgelben Arbeitern wegreisset, und wir nun wieder, wie erste Menschen,
in einer neuen vollen Erde stehen und unter einem frischen unermesslichen Himmel!
    In dieses goldne Zeitalter seines Herzens fiel auch seine Bekanntschaft mit
Rousseau und Shakespeare; wovon ihn jener über das Jahrhundert erhob und dieser
über das Leben. Ich will es hier nicht sagen, wie Shakespeare in seinem Herzen
gebietend regierte - nicht durch das Atmen der lebendigen Charaktere, sondern -
durch die Erhebung aus dem irdischen lauten Reiche ins stumme unendliche. Wenn
man nachts den Kopf unter das Wasser taucht: so ist eine fürchterliche Stille um
uns her; in eine ähnliche überirdische der Unterwelt bringt uns Shakespeare.
    Was viele Schullehrer an Dian tadeln können, ist, dass er dem Jünglinge alle
Bücher untereinander gab, ohne genaue Ordnung der Lektüre. Aber Alban fragte in
spätern Jahren: »Ist eine solche Ordnung etwas anders als Narrheit? - Ist sie
möglich? Ordnet denn das Schicksal die Erscheinung der neuen Bücher oder Systeme
oder Lehrer oder die äussern Begebenheiten oder die Gespräche je so
paragraphenmässig, dass man weiter nichts brauchte, als die Gegenwart
abzuschreiben ins Gedächtnis, um die Ordnung obendrein zu haben? - Braucht und
macht nicht jeder Kopf seine eigne? - Und kommt es mehr auf die Rangfolge der
Speisen oder auf ihre Verdauung an?«
 
                                   26. Zykel
Während Dian einen schönern Tempel in die Höhe steigen liess als den steinichten
im Dorfe: verstarb die Fürstin, deren castrum doloris dieser werden sollte; sie
musste man also vor der Hand in das Absteigequartier einer Pestitzer Kirche
beisetzen. Das änderte ein paar tausend Sachen. Der Hohenfliesser Kronprinz Luigi
sollte und musste nun aus Welschland zum Fürstenstuhle zurück, worauf der alte,
von den Jahren zusammengewickelte Fürst winzig und sprachlos mehr lag als sass -
wiewohl der hinter der Fürstenstuhl-Lehne stehende Minister dessen Figur und
Stimme munter genug nachspielte -; Don Gaspard, der alle bisherige Briefe
Albanos nicht erhöret hatte, fertigte nun diesem die gleich feurigem Weine die
Adern durchbrausende Ordre zu: »Auf meinem Rückwege aus Italien sehen wir uns in
deinem Geburtsorte Isola bella. Man wird dich abholen.« - Auch Leser, die noch
keine Woche lang Briefe eines Gesandten-Personale zugeschnitten und zugesiegelt
haben, merken leicht, dass der Vlies-Ritter gedenkt, seinen Sohn mit dem jungen
Fürsten und ihre ersten Pestitzer Verhältnisse zu verknüpfen und zu mischen.
    Ich bitte aber die Welt, nun das Paradies eines Menschen auszumessen, der
nach so langer Seefahrt endlich die langen Ufer der neuen Welt im Meere
hinliegen sieht. War ihm jetzt nicht das Leben an hundert Ecken aufgetan? -
Lorbeerkränze - Efeukränze - Blumenkränze - Myrtenkränze - Ährenkränze - - alle
diese Girlanden überhingen das Pestitzer Haupttor und seine Haustüre. Du Bruder,
du Schwester (ich meine Roquairol und Liane), welcher volle schmachtende Mensch
zog euch entgegen! - Und welcher träumende und unschuldige! Homer und Sophokles
und die alte Geschichte und Dian und Rousseau - dieser Magus der Jünglinge - und
Shakespeare und die britischen Wochenschriften (worin eine höhere humanere
Poesie spricht als in ihren abstrakten Gedichten), alle diese hatten im
glücklichen Jünglinge ein ewiges Licht, eine Reinheit ohnegleichen, Flügel für
jeden Tabors-Berg und die schönsten, aber schwierigsten Wünsche zurückgelassen.
Er glich nicht den bürgerlichen Franzosen, die wie Teiche die Farbe des nächsten
Ufers, sondern den höhern Menschen, die wie Meere die Farbe des unendlichen
Himmels tragen. -
    Überhaupt war jetzt der reifste beste Zeitpunkt für seine Veränderung. Durch
Dian und durch dessen Reisen war sogar sein äusserer Mensch schöner entwickelt in
Gastzimmern. Die Menschen gehen wie Schiesskugeln weiter, wenn sie abgeglättet
sind; bei Zesara blieben ohnehin genug Demant-Spitzen stehen, woran sich das
Mittelgut stösset und sticht; und selber ungewöhnlicher Wert ist ungewöhnlicher
Fehler - wie hohe Türme eben darum übergebogen scheinen. Zesara lernte eben
ausserhalb des ländlichen Junkerzirkels eine Behendigkeit der Ideen und Worte
ein, die ihm sonst nur im Entusiasmus zu Gebote stand; denn der Witz, sonst ein
Feind des letztern, war bei ihm bloss ein Diener und Kind davon. Er kokettierte
nicht, wie witzige Säuglinge, mit allen Ideen, sondern er wurde von ihnen
entweder angepackt oder gar nicht angestreift; daher kam jenes stumme, langsame,
unscheinbare Reifen seiner Kraft, er glich langsam-aufsteigenden Gebirgen, die
stets mehr Ausbeute abwerfen als schnell-aufstehende. Bei grossen Bäumen ist der
Same kleiner und im Frühlinge die Blüte später als bei dem kleinen Gesträuche.
    Die Zeit, eh' Gaspards abholender Bote kam, wurde dem aufgehaltenen
Jünglinge eine Ewigkeit und das Dorf ein Kerker, es schrumpfte zu den
Wirtschaftsgebäuden eines Klosters ein. Der bedeckte, aber mit Enkaustik in sein
Gehirn geschriebene Plan des Lebens war (wie bei allen solchen Jünglingen) der,
nichts Grösseres zu werden und zu tun als - alles, nämlich zugleich sich und ein
Land zu beglücken, zu verherrlichen, zu erleuchten - ein Friedrich II. auf dem
Trone, nämlich eine Gewitterwolke zu sein, welche Bannstrahlen für den Sünder,
elektrisches Licht für Taube und Blinde und Lahme, Güsse für die Insekten und
warme Tropfen für durstige Blumen, Hagel für Feinde, eine Anziehung für alles,
für Blätter und Staub, und einen Regenbogen für das Ende hat. - - Da er nun
Friedrich II. nicht sukzedieren durfte, so wollt' er künftig wenigstens Minister
werden - zumal da Wehrfritz soviel aus der Länge dieses Nebenzepters, des
Ablegers und Schnittlings vom Mutterzepter, machte -; und in den Freistunden
nebenbei ein grosser Dichter und Weltweiser.
    Es soll mir lieb sein, Graf, wenn du der zweite Friedrich der zweite und
einzige wirst; - mein Buch hier wird davon profitieren, und ich selber poussiere
dadurch mein Glück als ein seltener, aus Xenophon, Curtius und Voltaire
zusammengewachsener Historiograph! -
 
                                   27. Zykel
Zesara wird nie den Frühlingsabend vergessen, woran er einen Passagier im
Überrocke - ein wenig hinkend und mit brauner Reise-Schminke, wogegen die weissen
Augäpfel glänzend abstachen - den seichten Bach neben dem hohen Stege durchwaten
sah, und wie ferner der Passagier einen Wächterspiess, den der zeitige
Bettler-Polizei-Leutnant als seinen vikarierenden Mitarbeiter an seine Haustüre
angelehnt, mitnahm und solchen unterwegs einem Krüppel mit den Worten reichte:
»Alter, ich habe nichts Kleineres bei mir als den Spiess. Wenn Ihn jemand fragt,
so sag' Er nur, Er wach' im Dorfe gegen das verhenkerte Bettelvolk, aber Er habe
nicht Augen genug.« - dabei streckte der Pilger noch sein Schnupftuch einem
Rektors-Söhnchen, dems nötig war, auf drei Minuten vor.
    Natürlich war es unser alter Titularbibliotekar Schoppe, den Don Gaspard
mit der Einladungskarte für Isola bella abgesandt. Albanos Entzückung war so
gross, dass er erst einige Tage später sich im humoristischen Sonderlinge
jugendlich irrte, indes dieser sehr bald den leichten, heissen, stillen Wildling
richtig auswog. Ging es nicht dem alten Landschaftsdirektor noch schlimmer,
welcher, bloss weil er den deutschen Reichskörper so hoch anschlug, als wär' er
die darin eingepfarrte Reichsseele, über Schoppes Ausfälle gegen die
Konstitution in einen patriotischen Harnisch kam? »Herr,« (sagt' er aufgebracht)
»wenns auch wo haperte: so muss ein redlicher Deutscher still dazu schweigen,
wenn er nicht helfen kann, zumal in so verfluchten Zeiten.«
    Das Schönste war, dass auf Luigis Begehr zugleich der Baumeister abzureisen
hatte, um aus Rom Abgüsse der Antiken zu holen.
    - Und nun zieht fort, damit ihr wiederkommt und wir endlich einmal einlaufen
in Pestitz! - Freilich wirst du, gutes Kind (Waldbiene sollt' ich sagen), deinen
Abflug aus dem ländlichen Honigbaume in den städtischen gläsernen Bienenstand
mit tiefern Schmerzen halten, als du vorausgesetzt - reiset nicht sogar der alte
Pflegevater ohne Abschied fort, um nur dem deinigen zu entfliehen - und deiner
guten Mutter ist, als reisse eine zornige Parze ihr einen Sohn von der Brust, als
lange sein zartes, nur aus der kindlichen Gewohnheit gesponnenes Liebes-Band
nicht hinein in die weite Zukunft - und deine Schwester sperret sich in die
Mansardenstube ein mit ihrem ländlichen, von Feuerfoltern tobenden Herzen und
kann dir nichts sagen und nichts geben als eine von ihr bisher heimlich
gestickte Brieftasche mit der seidnen Umschrift: Gedenke unserer! - und selber
auf deinen lorbeer-süchtigen Kopf wird der Triumph- oder Regenbogen des
Abschiedes, wenn du unter ihm durchschreitest, schwere, schwere Tropfen werfen
(ach an den nachblickenden Augen werden sie länger hängen bleiben) - dein alter
redlicher Lehrer Wehmeier wird an dir den letzten Strom seiner Worte und Tränen
vergiessen und sagen (und dein weiches Herz wird nicht lächeln): »er sei ein
alter abgeschabter Kerl und habe nun nichts vor sich als das Loch (das Grab) -
du hingegen seist ein frischer blutjunger Mann, voll Sprachen und Altertümer
und herrlicher Talente von Gott - freilich werd' ers nicht erbeben, dass aus dir
ein berühmter Mann werde, aber seine Kinder wohl; und dieser Würmer sollest du
dich einmal annehmen, junger Herr!«
    - Du reine Seele, an jedem bekannten Hause, an jedem teuren Garten und Tale
wird ja der Schmerz sein Einlegemesser schleifen und damit in dein glühendes
zartes Herz leise-quellende Wunden ritzen - wie? sogar von deinen befreundeten
Abend- und Morgen-Höhen (den Sprachgittern deiner heiligsten Hoffnungen) und von
Lianen selber wirst du zu entweichen glauben. -
    Aber wirf deine weinenden Augen in das offne blaue Italien und trockne sie
an Frühlingslüften - das Leben hebt an - die Signale zu den Waffenübungen und
Lusttreffen der rüstigen Jugend werden gegeben - und mitten in den olympischen
Kampfspielen wirst du herrlich von nahen Konzert- und Tanzsälen umschmettert.
    Was phantasier' ich da her? - Wie, ists nicht uns allen mehr als zu wohl
bekannt, dass er längst fort ist schon seit der ersten Jobelperiode, ja sogar
wieder retour, und er hält schon seit der zweiten - jetzt zählen wir die vierte
- mit dem Bibliotekar und dem Lektor zu Pferde vor Pestitz und kann nicht
hinein wegen der Torsperre der -
 
                              Fünften Jobelperiode
    Prunkeinzug - Doktor Sphex - der trommelnde Kadaver - Retrogradation des
Sterbetags - der Brief des Ritters - Julienne - der stille Karfreitag des Alters
  - der gesunde und verschämte Erbprinz - Roquairol - das Erblinden - Sphexens
     Liebhaberei für Tränen - das fatale Gastgebot - das doloroso der Liebe
                                   28. Zykel
Über den Gabelweg, dessen rechte Zinke nach Lilar geht, spornte Albano sein
Pferd bange hinüber und flog den Berg hinauf, bis die helle Stadt wie eine
erleuchtete Peterskuppel lang und breit in der Frühlingsnacht seiner Phantasien
brannte. Sie legte wie ein Riese den Oberleib (die Bergstadt genannt) auf die
Anhöhe und streckte die andre Hälfte (die Talstadt) in das Tal. Es war Mittag
und keine Wolke am Himmel; in der Mittagszeit steht eine Stadt mit voller
blanker Scheibe da, indes ein Dörfchen erst abends aus dem ersten Viertel ins
Vollicht tritt. Sie war gut fortifiziert, nicht von Rimpler oder Vauban, sondern
von einem wachsenden Pfahlwerke aus Linden. Oben leuchtete unserm Alban die
lange Wand der Paläste der Bergstadt entgegen, und die Statuen auf ihren
welschen Dächern richteten sich wie Wegweiser und Ausrufer der Freude gegen ihn
- über alle Paläste zog sich das eiserne Gebälke der Ableiter als ein
Trongerüst des Donners mit goldenen Zepterspitzen - seitwärts hinab lagerte
sich die Talstadt neben den Fluss zwischen Alleenschatten, mit den bunten
Fassaden gegen die Gassen und mit dem weissen Rücken gegen die Natur gewandt -
die Zimmerleute klopften wie Hammerwerke auf dem Anger unter abgeschälten
Stämmen, und die Kinder klatschten mit den Rinden - die Tuchmacher spannten
grüne Tücher wie Vogelwände gegen die Sonne aus - aus der Ferne zogen
weissbedeckte Fuhrmannswagen die Landstrasse daher, und an den Seiten des Weges
graseten geschorne Schafe unter dem warmen Schatten der fetten hellen
Lindenknospen und über alle diese Massen schwebte das Mittagsgeläute aus den
lieben vertrauten Türmen (diesen Resten und Leuchttürmen aus seiner dunklern
Zeit) gleichsam verknüpfend und beseelend und rief die Menschen freundlich
zusammen.- -
    Betrachtet das erhitzte Gesicht meines Helden, der endlich in die offnen,
aus Sonnentempeln gebaueten Gassen einreitet, wo ja vor jedem langen Fenster,
auf jedem Balkon Liane stehen kann - wo sich die lügnerischen oder prophetischen
Rätsel von Isola bella entwickeln müssen - wo sich alle Hausgötter und
Hausparzen seiner nächsten Zukunft verstecken - wo nun der Montblanc des Hofes
und die Alpen des Parnasses, die er beide zu besteigen hat, dicht mit ihrem Fusse
an ihm liegen. - - Mich hätt' es in etwas beklommen; aber im Jünglinge, zumal
vor dem Kronleuchter der Sonne, loderte ein Leuchtregen nieder. O wenn der
Morgenwind der Jugend weht: so steht die innere Merkuriussäule hoch, gesetzt
auch, das äussere Wetter wäre nicht das beste.
    Wenige von uns werden, da sie die Akademie bezogen, mit ihren Pferden in ein
so labendes Getümmel geraten sein wie mein Held; Schlotfeger sangen oben aus
ihren Kanzeln und schwarzen Höhlen herunter, und ein Bauredner auf dem
Satteldache eines neuen Hauses besprach droben sehr die künftige Feuersbrunst
und dämpfte eine eigne und schleuderte den gläsernen Feuereimer weit über das
Gerüste; ja sind wir mit ihm auch durch die lachende Kirchengemeinde des
Dach-Sprechers geritten und durch die Armreihen blühender Musensöhne, worunter
Alban das feurige Auge nach seinem Roguairol herumdreht: so stossen wir doch vor
seiner künftigen Wohnung auf ein neues Geschrei.
    Es machts der Landphysikus Sphex, sein Mietsherr, der ihm den halben Palast
(denn der Doktor ist begütert durch Kuren) absteht, weil das Haus gerade auf der
Bergstadt oder dem Westmünster des Hofes liegt; denn in der Talstadt hausen die
Studenten und die city. Der kurze untersetzte Doktor Sphex stand, als das
Kleeblatt anritt, neben einem langen Menschen, der auf einer Steinbank sass und
zwei Klöppel über eine Kindertrommel in Bereitschaft hielt. Auf ein Zeichen von
Sphex schlug der Lange auf seiner Trommel einen schwachen Wirbel, und der Doktor
sagte gelassen zu ihm: »Strauchdieb!« Ob sich gleich Sphex ein wenig gegen die
lauten Reiter umdrehte, so liess er doch bald im Wirbeln fortfahren und sagte:
»Range!« - musst' aber unter dem letzten Schlage nur eilig einschalten: »Racker!«
    Die Reiter sassen ab, der Doktor führte sie ohne Zeremonie ins Haus, nachdem
er dem Trommler einen Wink mit der Hand gegeben, sich nicht zu regen. Er machte
ihnen ihre vier oder zwölf Pfähle auf und sagte kalt: »Treten Sie in Ihre drei
Kavitäten.« Albano zog aus dem warmen Glanze des Tages in den kühlen purpurnen
Erebus seines rotverhangnen Zimmers wie in einen Bildersaal malender Träume ein,
gleichsam in die Silberhütte für das dunkle Bergwerk des Lebens. Er fand darin
die geöffnete Hand seines reichen Vaters von den Bildern des Fussteppichs an bis
zu den Alabasterstatuen der Wand; und im Kabinett traf er unter den Gaben seiner
Pflegeeltern alle seine nachgeschickten dichterischen und philosophischen
Studienbücher, holde Reflexe aus der stillen, ihm durch die Reise weit
entrückten Jugend, an, in deren Nelkenscherben nur Konkordien floriert hatten,
indes jetzt Feuerfaxe gesäet werden. Da warf, nicht die Göttin der Nacht den
Mantel, sondern die Göttin der Dämmerung den Schleier über sein Auge und liess im
Helldunkel die Gestalten der Zukunft, manche bewaffnet, manche bekränzt, einen
Trupp aus Parzen und Grazien, an seinem Herzen, das bisher so ruhig war, Hände
und Hebel ansetzen, und sein Herz wurde weich und locker - - auf drei Minuten:
wahrhaftig ein Jüngling, zumal dieser, hat die Seestürme, die den Maler, die
arbeitenden Vulkane, die den Physiker, die Kometen, die den Astronomen erfreuen
in der physischen Welt, ebenso lieb in der moralischen.
    Albano, jetzt von Lianen nur durch Gassen und Tage getrennt, fürchtete sich
fast, dass seine träumerischen Entzückungen ihr Ziel verrieten. »Sind Briefe da?«
fragte der Lektor nach seiner für Bürgerliche abbrevierten kecken Manier. »Hol
ihn herauf, van Swieten!« sagte Sphex zu einem Söhnchen, das mit zwei andern,
Boerhaave und Galenus genannt, bisher eine korrespondierende
Entzifferungskanzlei der neuen Mietsleute hinter einem Vorhange gemacht hatte.
»Unser alter Herr« (setzte Sphex auf einmal dazu, als häng' es mit dem Briefe
zusammen) »hat auch ausgeherret; seit fünf Tagen ist er maustot, wie ich längst
vorausgesagt.« - »Der alte Fürst?« fragte erstaunt Augusti. »Aber warum werd'
ich noch nichts von Trauergeläute, schwarz-angelaufnen Schnallen, Tränentöpfen
und Jammer in der Stadt gewahr?« fragte Schoppe.
    Das erklärte der Physikus. Er hatte nämlich als Leibarzt die Sterbensterzie
des alten Fürsten kühn genug geweissagt und glücklich getroffen. Allein da
gerade einen Tag nach dem Trauerfalle der Erbfolger Luigi in Pestitz einziehen
wollte und da die Publikation des hohen Todes die ganze für den Sohn eingeölte
Illumination ausgegossen hätte mit Tränentöpfen und die geblümten Ehrenpforten
verhangen mit Trauerflor: so hatte man, bevor der Nachfahrer empfangen war,
obwohl zum grössten Schaden des prophetischen Sphex, die Sache nicht wollen laut
werden lassen, so wie jener Grieche bei der Todespost seines Sohnes die Trauer
erst auf die Vollendung seines frohen Opferns verschob. Sphex beteuerte, schon
vor vielen Jahren hab' er dem Höchstseligen aus den weissen Zähnen39 die
Nativität der Schwindsucht gestellt und nie die Todesstunde besser getroffen als
dasmal; er lasse aber jeden selber beurteilen, ob ein Arzt, der seine
Prophezeiung überall kundgegeben, viel Seide spinne bei einer solchen
politischen Unterschlagung. - »Aber« (versetzte Schoppe) »wenn man verstorbene
Herren, gleich ihren toten Soldaten, noch als lebendige in der Liste fortführt:
so kann man fast nicht anders; denn da es bei Grossen überhaupt so verdammt
schwer zu erweisen ist, dass sie leben, so ists auch nicht leicht auszumitteln,
wenn sie tot sind; Kälte und Unbeweglichkeit und Fäulnis beweisen zu wenig. Doch
mag man vielleicht königliche Sterbebetten, wie die Perser königliche Gräber,
auch darum verstecken, um den armen Landeskindern den herben Zwischenraum
zwischen dem Tode und der neuen Huldigung möglichst abzukürzen. Ja da nach der
Fiktion ein König gar nicht stirbt, so haben wir Gott zu danken, dass wirs
überhaupt erfahren und dass es nicht mit dem Tode desselben wie mit dem Tode des
ebenso unsterblichen Voltaire geht, den die Pariser Journalisten gar nicht
melden durften.«
    Van Swieten und Boerhaave und Galenus brachten nach langem Ausbleiben einen
Brief an - Albano mit Gaspards Siegel; er riss ihn jugendlich-arglos auf ohne
einen Blick auf den Umschlag; aber der Lektor nahm diesen in die Hand und drehte
ihn wie ein Postsekretär, Heraldiker und Siegelbewahrer nach seiner Gewohnheit
zur Visitation sphragistischer Wunden herum und schüttelte über die schlechte
Erneuerung des Briefadels, d.h. des Wappens, leise den Kopf. »Haben die Jungen
etwas am Siegel verletzt?« sagte Sphex. »Mein Vater« (sagte lesend Albano, um
eine bis nach aussen reichende Erschütterung zu überdecken, worein ein Flug
schwerer Gedanken plötzlich alle seine innern Zweige setzte) »weiss den Tod des
Fürsten auch schon.« Da schüttelte Augusti noch mehr den Kopf; denn da sich
vorhin Sphex vom Briefe auf einmal auf das fürstliche Sterben versprang, so
setzte dieser Sprung fast die Lesung des erstern voraus. Der Leser ziehe sich
hiervon die Regel ab, dass er über die Entfernung zweier Töne, zwischen welchen
die Leute vor ihm hüpfen, stutzen und daraus auf den Leitton zwischen beiden
raten müsse, den sie verstecken wollen.
    Für den Grafen war es jetzt recht gut, dass der Doktor den Hofmeistern ihre
Zimmer anwies; ach seine vom heutigen Tage schon schwankende Seele wurde jetzt
so heftig vom Inhalte des Briefes erschüttert!
 
                                   29. Zykel
Als Sphex dem Bibliotekar die Stube auftat, war solche schon besetzt von einer
Kiste (auch aus Italien angelangter) Vipern, von 3/4 Zentner Flachs, einem
bleichen Reifrocke und von drei durchbohrten Seidenschuhen der Doktorin samt
einer Weife und einem Vorrate von Kamillenkraut; das medizinische eheliche Paar
hatte gedacht, das pädagogische niste beisammen. Aber Schoppe versetzte recht
gut und fast mit einiger Ironie gegen den vornehmer traktierten Augusti: »Je
kräftiger und geistreicher und grösser zwei Menschen sind, desto weniger
vertragen sie sich unter einem Deckenstück, wie grosse Insekten, die von Früchten
leben, ungesellig sind (z.B. in jeder Haselnuss sitzt nur ein Käfer), indes die
kleinen, die nur von Blättern zehren, z.B. die Blattläuse, nesterweise
beisammenkleben.« - Zesara hätte allerdings an seinem unersättlichen Herzen den
Geliebten, den ihm das Geschick darangelegt hätte, unaufhörlich in jeder Lage
und Stunde wie einen Waffenbruder behalten wollen; aber Schoppe hat recht.
Freunde, Liebende und Eheleute sollen alles gemein haben, nur nicht die Stube;
die groben Forderungen und die kleinlichen Zufälle der körperlichen Gegenwart
sammlen sich als Lampenrauch um die reine weisse Flamme der Liebe. Wie das Echo
immer vielsilbiger wird, je weiter unser Ruf absteht, so muss die Seele, aus der
wir ein schöneres begehren, nicht zu nahe an unsrer sein; und daher nimmt mit
der Ferne der Leiber die Nähe der Seelen zu.
    Der Doktor liess seine lauten Kinder als einen ausräumenden Strom in die
Augiasstube laufen; er aber ging wieder zum Trommler hinunter, mit dem es nach
seiner Erzählung diese Bewandtnis hatte: Sphex hatte schon vor mehrern Jahren
besondere Vermutungen über die Fett-Absonderung und den Durchmesser der
Fett-Zellen in einem Traktate gewagt, den er nicht eher herausgeben wollte, bis
er die anatomischen Zeichnungen dazu konnte stechen lassen, mit denen er auf die
Sektion und Ausspritzung des dasitzenden Trommlers wartete. Diesen kranken,
einfältigen, schlaffen Menschen, Ma: mit Namen, hatt' er vor einem Jahre, als
sich einige Fett-Augen auf ihm ansetzten, unter der Bedingung in die Kost
genommen, dass er sich zerlegen liesse, wenn er verstorben wäre. Zum Unglück
findet Sphex seit geraumer Zeit, dass der Kadaver täglich abfället und eindorret
aus einem Aale zu einer Hornschlange; und es ist ihm unmöglich, herauszubringen,
was es macht, da er ihm nichts Aussaugendes zulässet, weder Denken noch Motion
noch Passionen, Empfindsamkeit, Essig noch sonst etwas.
    Die Trommel muss der Kadaver - da er ebenso hartörig als hartsinnig ist und
schon darum keine Vernunft annimmt, weil er keine hört - immer umgehangen
tragen, weil er unter ihrem Rühren besser vernimmt, was sein Broterr und
Prosektor an ihm aussetzt40. - Der Doktor filzte ihn nun drunten - Schoppe hörte
zum Fenster hinab - so aus: »Ich wollte, der Teufel hätte lieber Seinen
verdammten seligen Vater geholet, als dass er gestorben wäre. Er schiesst ja über
Sein Lamentieren ein wie Soldatentuch und weckt ihn doch nicht auf, und wenn Er
sich die Nase wegweinte. Besser getrommelt, Kahlmäuser! - Weiss Er denn nicht,
Schuft, dass Er mit einem andern einen Kontrakt gemacht, ins Fett zu wachsen, so
gut Er kann, und dass man den Brotdieb kostbar ernährt, bis er brauchbar wird? -
Andere würden gern fett, wenn sie's hätten. - Und Ihr! - Redet, Strick!« Malz
liess die Trommelstöcke unter die Schenkel niederklappen und sagte: »Sie haben
recht Seine Not mit mir - es ist kein rechter Segen bei unserm Schmalz - und
darüber mergelt sich unsereiner im stillen ab. - Meinen Vater sel. schlag' ich
mir wahrhaftig aus dem Kopfe, er mag mir einfallen, wenn er will.«
 
                                   30. Zykel
Der väterliche Brief, der Albanos Seele in allen ihren Fugen erschütterte,
lautet übersetzt so:
»Lieber Albano, im Kampanertal erhielt ich leider einen Brief über die immer
heftiger wiederkommenden Asphyxien deiner Schwester, er war am Karfreitage
geschrieben und setzte ihren Tod schon als ausgemacht voraus. Auch bin ich
darauf gefasset. Desto mehr frappierte mich deine Nachricht vom Gaukler der
Insel, der den Propheten spielen wollen. Eine solche Weissagung setzt
irgendeinen Anteil voraus, dem ich in Spanien näher nachspüren muss. Ich glaube
den Betrüger schon zu kennen. - Sei an deinem Geburtstage vorsichtig, bewaffnet,
kalt und kühn und halte womöglich den Jongleur fest; gib dir aber kein ridicule
durch Sprechen darüber. - Dian ist in Rom und arbeitet recht brav. - Lege
Hoftrauer für den lieben alten Fürsten an aus Gefälligkeit. Addio! -
                                                                       G. de C.«
»Ach teuere Schwester!« seufzte er innig und zog ihr Medaillon heraus und sah
weinend die Züge eines ihr versagten Alters an und las weinend die widerlegte
Unterschrift: Wir sehen uns wieder. Jetzt da sich ihm das Leben lachend und weit
aufschliesset, ging es ihm viel näher, dass das Schicksal die Schwester so eng
bedeckt; ja der harte Gedanke kam dazu, ob er nicht Schuld an ihrem Verschwinden
habe, da seinetwegen der fürchterliche Zahuri der Insel vielleicht eine opfernde
Gaukelei getrieben; sogar der Umstand, dass sie seine schwächliche
Zwillingsschwester war, wurde ein Schmerz. - Allein kämpfend standen jetzt die
Gefühle in seinem Geiste wie auf einem Schlachtfelde gegeneinander. Welches
Schicksal zieht mir entgegen! dacht' er. »Nimm die Krone!« hatte jene Stimme
gesagt; - »welche?« fragte aufstehend sein ruhmdurstiger Geist und untersuchte
kühn, ob sie aus Lorbeeren oder Dornen oder Metallen bestehe. - »Liebe die
Schöne!« hatte sie gesagt; aber er fragte nicht: »welche?« - nur hatt' er,
seitdem der Vater des Todes seinen Namen und seine Glaubwürdigkeit fürchterlich
zu bewähren schien, die Furcht, dass die angekündigte Stimme in der Himmelfahrts-
und Geburtsnacht einen andern Namen nenne als den geliebtesten.
    Abends, nachdem die drei Ankömmlinge ihre häuslichen Einrichtungen, die aus
dem wellenschlagenden Albano noch immer nicht den vervielfältigten Zauberglanz
der Lindenstadt wegbrachten, hinter sich hatten, führte der Lektor den Grafen
zum Erbprinzen Luigi. Dieser kopierte täglich eine halbe Stunde lang im
Bilderkabinett; und beschied beide dahin zum Warten auf ihn. Sie gingen hinein.
Ein andrer als ich würde hier der Welt einen räsonnierenden Küchenzettel aller
Schaugerichte des Kabinetts zustellen; aber ich mag sie nicht einmal mit den 17
Gemälden beschenken, über deren Reizen jene seidnen Tändelschürzen oder Schleier
hingen, die in Paris eine Dame gern von ihren eignen abheben würde, um nur damit
verschämt das Kunstwerk zu bedecken. Man kann leicht denken, dass unserm Alban im
Bilderkabinett das mütterliche41 einfiel und dass er gern an jedem Nagel gerücket
hätte, wäre niemand dagewesen.
    Aber die Prinzessin Julienne war da, die er (und wir alle) noch recht gut
von Blumenbühl her kannte, wie sie ihn. Sie war zwar voll junger Reize, aber man
fand diese doch nicht eher, als bis man ein paar Tage vorher sehr in sie
verliebt gewesen war - das machte sie darauf jede Minute hübscher, wie denn
überhaupt Amor mehr der Vater als der Sohn der Huldgöttin ist, und sein Köcher
das beste Schmuckkästchen und die reichste Toilettenschachtel, und seine Binde
das beste mouchoir de Venus und Schminkläppchen, das ich kenne.
    Sie zeichnete gerade den Gipsabguss eines schönen alten Kopfs, der dem Grafen
gleichsam aus dem Antikenkabinett seiner Erinnerung geholt zu sein schien und
dem sein wallendes Herz recht liebend entgegenfloss; aber er entsann sich des
Urbilds nicht. Endlich sagte Julienne, die Etikette verschmähend, recht gutmütig
und aufblickend: »Ach lieber Augusti, mein Vater ist verschieden in Lilar.« Das
Wort Lilar kolorierte plötzlich in Albano das bleiche Gedächtnisbild - völlig
wie diese blasse Büste sah im Mondscheine der alte Mann aus, der in jener
dichterischen Sommernacht Zesarens Hände auf dem Berge zum Gebet zusammenlegte
und sagte: »Gehe schlafen, lieber Sohn, eh' das Gewitter kommt.« Ein andrer
hätte sich nun nach dem Namen der Büste erkundigt und erst dann die nächtliche
Historie entdeckt; aber der Graf tat im Feuer bloss das letztere, nach einem
kurzen Warten auf das Auslaufen des Gesprächs. Augusti wollte ihn, als er die
ihm fremde Geschichte der Bekanntschaft mit dem Urbilde anhob, sorgend
unterbrechen; aber Julienne gab ihm einen Wink, ihn zu lassen; und der Jüngling
teilte treuherzig der teilnehmenden Seele das schöne Zusammenkommen gerührt und
brennend mit und wurde beides noch mehr, als ihre Augen überflossen in ihr
Lächeln. - »Es war mein Vater, das ist sein Abguss!« sagte Julienne weinend und
freudig; Albano schlug nach seiner Art mit seufzender Brust die Hände vor der
Büste zusammen und sagte: »Du edle, herzlich geliebte Gestalt!« und sein grosses
Auge schimmerte von Liebe und Trauer.
    Die gute weibliche Seele wurde von einer so unhöfischen Teilnahme
fortgerissen, und sie überliess sich ganz ihrem angebornen Feuer. Das weibliche
und das höfische Leben ist zwar nur die längere Strafe des Gewehrtragens -
Oberhofmeisterinnen sind, wie es nach dem Modelle der Jaherren Neinherren gibt,
wahre Neinfrauen - die siebenfarbige Kokarde der heitern tanzenden Freiheit wird
da abgerissen oder läuft schwarz an von der Hoftrauer - jeder weibliche Lustain
ist ein unheiliger - Fataleres kenn' ich nichts - - - aber die kraushaarige
Julienne brach, mir nichts dir nichts, durch das ewige Gefängnis bei süssem Brote
und gebranntem Wasser des Tages wohl zwölfmal hinaus und lachte den freien
Himmel an und beleidigte (- sich und andre nie -) die Oberhofmeisterin stets.
Sie erzählte nun dem Grafen (indem sie aus Nervenschwäche und Lebhaftigkeit
immer stärker lächelte und schneller sprach), wie ihr lieber schwacher, mehr
kindlicher als kindischer Vater, dessen alten Lippen und entkräfteten Gedanken
nur noch nachgelallte Gebete möglich waren, sich mit einem eisgrauen mystischen
Hofprediger in Lilar ins Betzimmer eingeschlossen (ein graues Haupt verbirgt
sich gern, eh' es verschwindet, und sucht wie Vögel einen dunkeln Ort zum
Entschlafen) - und wie sie und das Fräulein von Froulay (Liane) dem halbblinden
Manne abwechselnd Gebete vorgelesen und gleichsam die Abendglocke der Andacht
vor dem müden schlaftrunknen Leben angezogen. Sie malte, wie er in diesem
Vorhofe der Gruft alles Geliebte überlebt oder vergessen habe, wie er immer nach
ihrer Mutter gefragt, deren Sterben ihm stets von neuem entfallen, und wie das
verdunkelte Auge jede Tageszeit für einen Abend und daher jeden Fortgehenden für
einen, der schlafen gehen wolle, genommen habe.
    Wir wollen nicht zu lange auf diese späte Zeit des Lebens blicken, wo sich
die Menschen wieder als Kinder für die längere Wiege des Grabes verkürzen; und
wo sie gleich den abends schlafenden Blumen unkenntlich sind und einander früher
als im Tode gleich werden.
    Besonders dem Lektor war wie allen Hofleuten schlecht mit diesen Funeralien
gedient; auch wollt' er gern die Hiobskrankheit ihres Klagens durch Versetzung
heilen und führte sie näher zu Lianen. Aber eben, indem sie den Anteil und die
Opfer dieser Freundin beschrieb und indem ihr wieder die lange weinende Umarmung
erschien, worin Liane sie und den Schmerz gleichsam fest an sich geschlossen
hatte, so kehrte jeder dunkle schwere Blutstropfe, den die kräftigen Pulsadern
fortgetrieben hatten, wieder in das Herz zurück, und sie hörte auf, zu malen,
sowohl diese Geschichte als den Kopf.
    Die beiden Freundinnen waren keine solche, die sich den Kuss durch zwei Flöre
hinauslangen, oder die einander abzuherzen wissen ohne die kleinste Quetschwunde
der Frisur, oder deren Liebesmahl sich jedes Jahr, wie das Abendmahlbrot jedes
Jahrhundert, leichter und dünner bricht: sondern sie liebten sich innig mit den
Augen, mit den Lippen, mit dem Herzen, wie zwei gute Engel. Und wenn vorher die
Freude ihren Erntekranz nahm und ihn für sie zum Trauring der Freundschaft
machte: so versuchte jetzt der Gram mit seinem Stachelgürtel dasselbe. - Ihr
guten Seelen! mir ist es ganz leicht denklich, wie ein so reiner glänzender
Seelenbund das Herz eures Freundes Albano zugleich peinlich ausdehnt und selig
erhebt, wie die ärostatische Kugel zugleich zerstörend schwillt und steigt. Für
Lianens Einzug standen ohnehin schon geschmückte Ehrenpforten in seinem Innern
in die Höhe!
    Inzwischen hätte ein Fremder ohne diese meine Feder, oder auch ich ohne den
Lehnpropst Hafenreffer, nichts am sprechenden Grafen merken können als ein irres
Glühen im Gesicht und schnelle Worte.
 
                                   31. Zykel
Auf einmal tritt in diese Schilderungen und Genüsse der Tronfolger, oder
vielmehr der Nachwinter des kalten Greises ein, Luigi. Mit einem flachen
Schnitzwerke des schwammigen Gesichts, auf dem sich nichts ausdrückte als der
ewige Missmut der Lebens-Verschwender, und mit einigem reifen Grauwerke auf dem
Kopfe (als Vorläufer der Weisheitszähne) und mit der unfruchtbaren Superfötation
eines voluminösen Unterleibes ging er mit der grössten Höflichkeit auf Albano zu,
in der ein flacher Frost gegen alle Menschen vorstand. Er stäubte sogleich mit
der Kleie von leeren schnellen unähnlichen Fragen um sich und eilte stets; denn
er hatte fast noch mehrere Langweile, als er machte, wie sich überhaupt für
keinen das Leben so widrig verlängert als für den, der es verkürzet. Luigi war
durch die Erde so schnell wie durch ein Puderstübchen gelaufen und war wie in
diesem gehörig grau geworden; die Milchgefässe seines äussern und innern Menschen
hatten sich, weil sie Sahne-oder Rahmgefässe sein sollten, eben deswegen in
Giftgefässe und Leidensbecher verkehrt. Sooft ich vor einer gemalten
Fürsten-Suite in einem Korridor vorbeigehe, so verfall' ich stets auf mein altes
Projekt und sage ganz überzeugt: »Vermöchten wir nur wie die Sparter und alle
ältere Völker es durchzusetzen, dass wir einmal einen Regenten gesund auf den
Tron hinaufbrächten: so hätten wir einen guten obendrein, und alles ginge. Aber
ich weiss, es sind die Zeiten nicht dazu. Sündlicherweise assistieren nur bei der
Tortur, nicht bei der Freude Chirurgen und Ärzte, die auf den Grad der Freude
wie der Folter und auf die unschädlichen Stellen genau hinweisen.«
    Albano, fremd vor und in dieser Menschenklasse, sah anfänglich die Kluft
zwischen sich und Luigi flacher gegraben, als sie war; bloss unbehaglich und
drückend wurd' es ihm, wie gewissen Leuten, wenn ohne ihr Wissen eine Katze im
Zimmer ist. Die fortgehende moralische Entkräftung und Verfeinerung wird alle
unsere Aussenseiten noch so absäubern und ausgleichen - und zwar nach demselben
Gesetze, wornach physische Schwächung die Hautausschläge zurückjagt und in die
edlern Teile verweiset -, dass wahrhaftig ein Engel und ein Satan zuletzt in
nichts zu unterscheiden sind als im Herzen. - Alban brachte schon von Wehrfritz,
den er immer die Rechte der Landschaft gegen den Fürsten verfechten hörte,
Abneigung gegen den Nachfolger mit; desto leichter entbrannte in ihm ein
moralischer Grimm, da Luigi sich gegen die Bilder kehrte und die Vorhänge oder
Bergleder von einigen der indezentesten wegzog, um ihren artistischen Gehalt
nicht ohne Geschmack und Kenntnis auszuwägen. Eine kopierte Venus von Tizian,
auf einem weissen Tuche liegend, war nur die Vorläuferin. Obgleich der
unschuldige Erbprinz die voyage pittoresque durch diese Galerie mit der
artistischen Kälte des Galerieinspektors und Anatomikers machte und mehr seine
Kenntnisse zu zeigen als zu bereichern suchte: so nahm doch der unerfahrene
Jüngling alles mit einer tauben und blinden Entrüstung auf, die ich mit nichts,
nicht einmal mit der Gegenwart der Prinzessin zu verteidigen weiss, um so mehr,
da erstlich diese ihre Seele nur zwischen der Gipsbüste und deren Kopie
arbeitend teilte und da zweitens in unsern Tagen Damenuhren und Fächer (wenn sie
geschmackvoll sind) Gemälde tragen, gegen die Albano wieder Fächer nehmen würde.
Die zwei Flammen des Zorns und der Scham überdeckten sein Angesicht mit einem
glühenden Widerscheine; aber sein unbehülflicher Trotz kontrastierte gegen die
Gewandteit des Lektors, der mit seinem kalten, ebenso bestimmten als leichten
Tone Selbstständigkeit bewahrte und Reinheit schützte. »Sie gefallen mir alle
nicht,« (sagt' er barsch) »ich gäbe sie für ein einziges Gewitter von Tempesta
weg.« Luigi lächelte über sein schülerhaftes Auge und Gefühl. Als sie in das
zweite Bilder-Zimmer traten, hörte Albano die Prinzessin fortgehen. Da ihm
dieses Gemach mit noch mehrern zerrissenen Vorhängen des Allerunheiligsten
drohte: so nahm er seinen Abschied ohne sonderliche Zeremonie und ging ohne den
Lektor zurück, der heute vorzulesen hatte.
    Nie fasste Schoppe seine pulsierende Hand herzlicher an als diesesmal; der
Anblick eines verschämten Jünglings ist fast holder (seltener zumal) als der
einer verschämten Jungfrau: jener erscheint weiblich-sanfter, wie diese
männlich-stärker durch das zugemischte Zürnen der Tugend. Schoppe, der wie Pope,
Swift, Boileau Heiligkeit des Geschlechts mit Zynismus der Kleidung und Sprache
zusammenzwang, leerte die grössten Zornschalen über jede Libertinage aus und fiel
als eine satirische Bellona die besten freien Leute an; dasmal aber nahm er sie
mehr in Schutz und sagte: »Die ganze Gattung liebt fremde Schamröte entschieden
und bekämpfet sie lieber als Schamlosigkeit, so wie (und aus einerlei Gründen)
Blinde die Scharlachfarbe vorziehen. Man kann sie den Kröten vergleichen' die
den kostbaren Krötenstein (ihr Herz) auf kein anderes Tuch wie auf ein rotes
setzen.«
    Der Lektor, der bei aller Reinheit und Zucht doch dem Scarron ohne Bedenken
an der Ode auf das Gesäss einer Herzogin hätte schreiben helfen, wusste - als er
die Flucht des Grafen behandeln wollte - gar nicht, wie ihm geschah, als ihn
dieser mit einigem Rosenessig ansprengte und sagte: »Der Vater liegt dem
schlechten Menschen auf dem Brette, und ihm liegt eines vor der eisernen Stirn:
o der Schlechte!« - Allerdings hatte die physische und moralische Nähe der zwei
schönen weiblichen Herzen und die Liebe dafür den Grafen am meisten gegen Luigis
artistischen Zynismus empört. Der Lektor versetzte bloss: »er werde bei dem
Minister und überall dasselbe hören; und seine falsche Delikatesse werde sich
schon noch geben.« - »Die Heiligen« (fragte Schoppe) »wohnen nur auf, nicht in
den Palästen?« Froulays seiner trug nämlich auf seiner Platteforme einen ganzen
Kordon von steinernen Aposteln; und auf einer Ecke stand eine Marienstatue, die
zwischen lauter Dächern aus Sphexens Hause zu sehen war.
    Junger Zesara! wie jagt dir diese marmorne Madonna Blutwellen durchs
Gesicht, gleichsam die Schwester deiner schönern, oder die Schutz- und
Hausgöttin derselben! - Aber er beschleunigte den Eintritt in dieses Lararium
seiner Seele, die Abgabe des väterlichen Empfehlungsschreibens, mit keinem Laute
aus Scheu des Argwohns: so viele Fehltritte tut der Gute schon im Heidenvorhofe
der Liebe; wie soll er im Weibervorhofe bestehen, oder im finstern
Allerheiligsten fussen?
 
                                   32. Zykel
Der Hof liess jetzt (er konnte vor Schmerz nicht sprechen) ausschreiben, dass der
tote Nestor mit Tode abgegangen. Ich setze hier den Jammer der Stadt samt der
Freude derselben über die neue Perspektive beiseite. Der Landphysikus Sphex
musste den Regenten - anstatt dass man uns Untertanen gleich Schnepfen und
Grundeln mit dem ganzen Eingeweide und Gescheide auf die Tafel des Gewürms
serviert - wie ein grosses Tier ausweiden. Abends ruhte der Erblasste auf seinem
Paradebette aus - der Fürstenhut und der ganze elektrische Apparat des
Trondonners lag ebenso ruhig und kalt neben ihm auf einem Taburett -; er hatte
die gehörigen Kerzen und Leichenwächter um sich. Diese Toten-Schweizer - der
Klang frappiert mich, und ich sehe jetzt die Freiheit auf dem Paradebette der
Alpen liegen und die Schweizer wachen - bestehen bekanntlich aus zwei
Regierungsräten, zwei Kammerräten und so fort. Der eine Kammerrat war der
Hauptmann Roquairol. Es kann hier nur einschaltungsweise berührt werden, wie
dieser Jüngling, der vom Kamerale fast nicht mehr verstand als ein Kammerrat im
**hischen, doch zu einem Rate in Kriegssachen darin aufstieg - nämlich wider
seinen Willen durch den alten Froulay, der (an sich eben kein sentimentalischer
Herr) dem alten Fürsten immer die Jugenderinnerungen auffrischte und auffärbte,
weil man in dieser weichen Laune von ihm erbetteln konnte, was man wollte. Wie
hässlich und niedrig! So kann ein armer Fürst kein Lächeln, keine Träne, kein
freudiges Bild haben, woraus nicht irgendein Hofprezist, ders sieht, einen
Türgriff arbeitet, sich etwas zu öffnen, oder einen Degengriff zum Verwunden;
keinen Laut kann er von sich geben, den nicht ein Weidmann und Wildrufdreher zum
Mundstück und Wildruf verbrauche. -
    Julienne besuchte abends um 9 Uhr das einzige Herz, das am Hofe wie ihres
und für ihres schlug, ihre gute Liane. Diese bot gern ihrer anfangenden Migräne
die Stirn und suchte nur fremde Schmerzen zu fühlen und zu stillen. Die
Freundinnen, die vor fremden Augen nur Scherze und voreinander nur einen weichen
schwärmerischen Ernst entfalteten, versanken immer tiefer in diesen vor der
religiösen strengen Ministerin, die nie an Juliennen so viel Seele fand als in
dieser sanft nachweinenden Stunde, wie Levkojen zu duften anfangen, wenn sie
begossen werden. Nicht der kämpfende Schmerz, sondern der fliehende verschönert
die Gestalt; daher verklärt der Tote seine, weil die Qualen erkaltet sind. Die
Mädchen standen schwärmerisch miteinander am Fenster, das zunehmende Mondenlicht
ihrer Phantasie wurde durch das äussere voll; sie machten den Nonnen-Plan, auf
lebenslang beisammen zu leben und zusammenzuziehen. Es kam ihnen in dieser
stillen Rührung oft mit Erschrecken vor, als wehe der klingende Flug
abgeschiedener Seelen vorüber (bloss ein paar Fliegen hatten auf der Harfe der
Ministerin mit Füssen und Flügeln die Töne gegriffen) -; und Julienne dachte
recht schmerzlich an ihren toten Vater in Lilar.
    Endlich bat sie die Seelenschwester, mit ihr heute nach Lilar zu fahren und
das letzte und tiefste Weh einer Waise zu teilen und zu mildern. Sie tat es
willig; aber der Ministerin war das Ja mühsam abzuringen. Ich sehe die sanften
Gestalten aus der langen Umarmung im Wagen in das Trauerzimmer in Lilar treten,
die kleinere Julienne mit zuckenden Augen und wechselnder Farbe, Liane von
Migräne und Trauer blässer und milder und über jene durch ihre schon vom
zwölften Jahre geschenkte Länge42 erhoben.
    Wie überirdische Wesen strahlten beide die an allen Ecken brennende Seele
Roquairols an. Ein einziger Tränentropfe konnte in diesen Kalzinierofen Sieden
und Verwüstung bringen. Schon diesen ganzen Abend blickte er den Greis mit
furchtsamen Schaudern über das kindische Ende dieses gewichnen Geistes an, der
sonst so feurig gewesen als seiner jetzt; und je länger er hinsah, desto dickere
Rauchwolken schwammen vom offnen Krater des Grabes in das grünende Leben herein,
und er hörte darin donnern, und er sah darin eine Eisenfaust dunkel glühen, die
nach unserm Herzen greift.
    Unter diesen grimmigen Träumen, die jeden innern Schmutzflecken beleuchteten
und die hart ihm droheten, auch an seinem Vulkane werde nichts fruchtbar sein
als einst die - Asche, traten die traurigen Mädchen herein, die unterwegs nur
über die erkaltete Gestalt, und jetzt noch heftiger über die verschönerte
weinten; denn die Hand des Todes hatt' aus ihr das Linienblatt der letzten
Jahre, das vortretende Kinn, die Feuermäler der Leidenschaften und so viele mit
Runzeln unterstrichene Qualen weggelöscht und gleichsam auf die Hülle den
Widerschein des frischen stillen Morgenlichts gemalt, das jetzt den entkleideten
Geist umgab. Aber auf Julienne machte ein schwarzes Taftpflaster auf dem
Augenknochen, das noch von einem Stosse daraufgeblieben war, dieses Zeichen der
Wunden, einen heftigern Eindruck als alle Zeichen der Heilung; sie bemerkte nur
die Tränen, aber nicht die Worte Lianens: »O wie ruht er so schön!« - »Aber
warum ruht er?« (sagte ihr Bruder mit jener aus dem Innersten murmelnden Stimme,
die sie von seiner Liebhaber-Bühne her kannte; und fasste ihre Hand erschüttert,
weil er und sie einander innig liebten, und seine Lava brach nun durch die dünne
Rinde) - »darum, weil das Herz aus seiner Brust geschnitten ist, weil darin das
Feuerrad der Entzückung, das Schöpfrad der Tränen nicht mehr geht.«
    Diese tyrannische Erinnerung an die Leichenöffnung wirkte fürchterlich auf
die kranke Liane, und sie musste die Augen von der zugedeckten Brust abwenden,
weil der Schmerz mit einem Lungenkrampfe den Atem sperrte; und doch fuhr der
wilde, andere wie sich verheerende Mensch, der vorher neben der steifen
Leichengarde geschwiegen hatte, im doppelten Zertrümmern fort: »Fühlst du, wie
sich dieser Fangeball des Schicksals, dieses Ixionsrad der Wünsche so
schmerzlich in uns bewegt? - nur die Brust ohne Herz wird ruhig.« -
    Auf einmal schauete Liane länger und starrer auf die Leiche eine eiskalte
Schneide, wie von der Todessichel, drückte sich durch das warme Gehirn - die
Trauerkerzen brannten (schien es ihr) trüber und trüber - dann sah sie im Winkel
des Zimmers eine schwarze Wolke spielen und aufwachsen - dann fing die Wolke zu
fliegen an und stürzte voll herausquellender Nacht über ihre Augen - dann schlug
die dicke Nacht tiefe Wurzeln in den wunden Augen, und die erschrockne Seele
konnte nur sagen: »Ach Bruder, ich bin blind.«
    Nur der harte Mann, aber kein Weib wird es fassen, dass in Roguairols
entsetzlichen Schmerz einige ästetische Freude über das mörderische Trauerspiel
eindrang. Julienne schied vom Toten und von dem alten Schmerze und warf sich mit
dem neuen an ihren Hals und klagte: »O meine Liane, meine Liane! siehst du noch
nicht? - Sieh mich doch an!« - Der zerrissene und zerreissende Bruder führte die
Schwester, der nur einzelne Tropfen als kaltes hartes Wasser auf die blassen
Wangen schlugen, mit der scharfen Frage fort: »Schwirret kein Würgengel mit
roten Fittichen durch deine Nacht, wirft er keine gelbe Nattern auf dein Herz
und keine Schwertfische in deine Nervengewebe, damit sie sich darin verstricken
und an den Wunden die Sägezähne wetzen? - Mir ist wohl in meiner Pein, solche
Disteln kratzen uns, nach guten Moralisten, auf43 und bereiten uns zu. - - Du
jammervolle Blinde, was sagst du, hab' ich dich wieder recht elend gemacht?« -
»Wahnsinniger,« sagte Julienne, »lassen Sie nach, Sie bringen sie um.« - »O was
kann er dafür;« (sagte Liane) »die Migräne machte mir es schon vorhin neblicht.«
-
    Der Abschied der Freundinnen wurde in mehr als einer Finsternis genommen,
und darin will ich ihn mit allen seinen Qualen lassen. - Dann bat Liane ihr
Mädchen, es der Mutter so kurz vor dem Schlafe zu verschweigen, da es sich
vielleicht in der Nacht noch gebe. Aber umsonst; die Ministerin war es gewohnt,
ihren Tag an der Brust und der Lippe ihrer Tochter zu schliessen. Nun trat diese
geleitet herein und suchte das Mutterherz irrig seitwärts, und dem sanftern
Weinen konnte sie in dieser geliebten Nähe nicht mehr wehren: da wurde ja alles
verraten und alles gestanden. - Die Mutter liess erst den Doktor rufen, eh' sie
mit feuchten Augen und mit leisen Armen an der angedrückten Tochter den Bericht
anhörte. Sphex kam, prüfte die Augen und den Puls und machte nichts daraus als
ein Nerven-Falliment.
    Der Minister, der überall im Hause Leitunde mit feinen Ohren hatte, kam,
unterrichtet, herein und machte in Sphexens Beisein ausser weiten Schritten
nichts als die kleine Note: »Voyez Madame, comme votre le Cain joue son rôle à
merveille44.« -
    Sobald Sphex hinaus war, liess Froulay einige Billionenpfünder und Wachteln
(dreipfündige Handgranaten) auf die Gattin los. »Das sind«, notierte er, »die
Folgen Ihrer visionären Erziehung« (freilich schlug seine eigne am Sohne auch
nicht sonderlich an) - »Warum liessen Sie die kranke Närrin gehen?« (Er hätt' es
selber aus höfischen Rücksichten noch lieber erlaubt; aber Männer tadeln gern
die Fehltritte, die man ihnen - ersparte; überhaupt setzen sie wie Köchinnen das
Messer lieber an Hühner mit weissem Gefieder als an die mit dunkelm.) - »Vous
aimez, ce me semble, à anticiper le sort de cette Rêveuse un peu avant qu'il
soit decidé du nôtre«45 (Ihr Schweigen machte ihn immer bitterer) »Oh! ce sied
si bien à votre art cosmétique que de rendre aveugle et de l'être, le dieu de
l'amour s'y prête de modèle46.« Von dieser schreienden Härte ergriffen -
besonders da bloss der Minister wider die mütterlichen Wünsche eben diese
kosmetische Erziehung Lianens für seine politischen gewählt und befohlen hatte -
musste die Mutter das nasse Auge an der Tochter verbergen und trocknen. Die
Ehemänner - und die neuesten Literatoren halten sich für Feuersteine, deren
Lichtgeben man nach ihren scharfen Ecken berechnet. Unsere Voreltern schrieben
einem Diamant-Gehenke das Vermögen, Liebe unter Ehegatten anzufachen, zu - auch
find' ich in der Tat noch an Juwelen diese Kraft -; nur lässet dieser zum Kiesel
gehörige Stein nach den Ehepakten so kalt und hart, als er selber ist.
Wahrscheinlich war Froulays Eheband ein solches edelsteinernes.
    Allein die Frau sagte nur: »Lieber Minister, lassen wir das; aber schonen
Sie die Kranke!« - »Voilà précisement ce qui fût votre afaire47«, sagt' er
hohnlachend. Vergeblich redete Liane ihn rührend-irrig von der falschen
Weltgegend an und sprach für ihren Bruder - welches ewige, zu viel beweisende
Defensorat aller Leute ihr einziger Fehler war -; vergeblich, denn sein
Mitleiden mit einer Gepeinigten bestand in nichts als im Grimme gegen die
Peiniger, und seine Liebe gegen Liane zeigte sich nur im Hassen derselben:
»Schweig, Närrin! Aber Monsieur le Cain soll mir nicht ins Haus, Madame, bis auf
weitre Ordre!« - Ich sage zum alten Ehe-Bramarbas aus Schonung weiter nichts
als: Geh zum Teufel, wenigstens zu Bett! -
 
                                   33. Zykel
Das deutsche Publikum wird sich noch der vom Antrittsprogramm versprochenen
obligaten Blätter erinnern und mich fragen, wo sie bleiben. Der vorige Zykel war
das erste, bestes Publikum; aber sieh daraus, wie obligate Blätter sind und dass
vielleicht so viel Geschichte darin stecke als in irgendeinem Zykel, wie er auch
heisse.
    Der Graf hatte noch nichts von Lianens Unglück erfahren, als er mit den
andern hinunter zum Diner des Doktors ging, der heute sehr gastfrei war. Sie
fanden ihn im heftigsten Lachen begriffen, die Hände in die Seiten gestützt und
die Augen über zwei Salbennäpfchen auf dem Tische gebückt. Er stand auf und war
ganz ernstaft. In Reils Archiv für die Physiologie hatt' er nämlich gefunden,
dass nach Fourcroy und Vauquelin die Tränen den Veilsaft grün färben und also
Laugensalz entalten. Um nun den Satz und die Tränen zu prüfen, hatt' er sich
hingesetzt und ernstaft stark gelacht, um zu weinen und einige Tropfen für die
Solwaage des Satzes zu gewinnen; er hätte sich gern anders erschüttert, durch
Rührung, aber er kannte seine Natur und wusste, dass nichts dabei herauskäme,
nicht ein Tropfe.
    Er liess die Gäste ein wenig allein - die Frau war auch noch nicht zu sehen -
Malz sass in einer Ottomane - die Kinder hatten satirische Mienen - kurz die
Unverschämteit wohnte in diesem Hause wie in ihrem Tempel. - Auf den Alten
wirkte kein Spott, und er ordnete nur ab, was ihm, nicht was andern missfiel.
    Endlich schwenkte sich als Voressen oder Vorbericht der Suppe die
rosabackige Physikussin in die Stube herein mit 3 oder 4 Esprits oder
Federstutzen - mit einer scheckigen Hals-Schürze - in einem roten Ballkleide,
dem die Walzer die Farbe ausgezogen, die sie ihr aufgelegt - und mit einem
durchbrochnen Putzfächer. Wenn ich wollte, könnt' ich mich ihrer annehmen; denn
anlangend die Esprits (da oft der Esprit, wie bei den Embryonen das Gehirn, sich
auf die Gehirnschale heraussetzt und da sonnet), so dachte sie, Weiber und
Rebhühner würden am besten mit Federn auf dem Kopfe an der Tafel serviert -
anlangend den Fächer, so gab sie vor, sie komme von einem Morgenbesuche (wobei
sie recht deutlich voraussetzte, dass Damen so wenig ohne Fächerstäbe als
Tischler ohne Massstab durch die Gasse dürfen) - anlangend den Rest, so wusste
sie, der Gast sei ein Graf. Sonach scheint es, dass sie unter die Honoratiorinnen
gehöre, die (der grössern Anzahl nach) gleich den Klapperschlangen nie besser zu
geniessen sind, als wenn man vorher ihren Kopf beseitigt; aber das haben wir noch
immer Zeit zu glauben, wenn wir besser hinter sie kommen.
    Der schöne Zesara war für sie blind, taub, stumm, geruch-, geschmack-,
gefühllos; aber manchen Weibern kann man mit der grössten Mühe und Langweile kaum
- missfallen; Schoppe vermocht' es leichter. Sphex machte sich für seine Person
aus einer Fett-Zelle Malzens mehr als aus dem ganzen Zell- und Florgewebe einer
oder seiner Frau; gleich allen Geschäftsleuten hielt er die Weiber für wahre
Engel, die Gott zum Dienste der Frommen (der Geschäftsmänner) ausgesandt.
    Der Zug des Essens hob an - Augusti, ein feiner Esser, freuete sich auf viel
und hielt sich nicht nur ans feine Service, sondern auch an die zerrissenen
Servietten, dergleichen er oft an Höfen auf dem Magen gehabt, weil man da in der
Moral und im Weisszeuge Wunden lieber hat als Pflaster. - Es traten sogar schon
wie gewöhnlich Vorposten und erste Treffen von elenden Speisen auf, die
gewöhnlichen Propheten und Vorläufer des besten Kerns, wiewohl ich an hundert
Tafeln es verwünschte, dass sie nicht wie gute Monatsschriften die besten Stücke
zuerst und die magersten zuletzt geben. - Der Physikus hatte schon zu den drei
Knaben gesagt: »Galenus! Boerhaave! Van Swieten! wie sitzet man artig?« - und
die drei Ärzte hatten schon drei rechte Hände zwischen die Westenknöpfe und drei
linke in die Westentaschen geschoben und passeten steilrecht - als guter
Schabzieger anlangte zum Nachtisch. Sphex gab teils Lust zum Käse, teils Abscheu
davor, wie ers gerade offizinell fand. Er merkte auf der einen Seite an, wie die
Tischler in ihrem Leimtopfe keinen bessern Leim hätten, als was da vor ihnen
stehe - er binde ebenso im Menschen - doch würd' er für seine Person ihn lieber
mit Doktor Junker wie Arsenik äusserlich überschlagen; - aber er gestand auch auf
der andern Seite, dass der Schabzieger für den Lektor Gift sei. »Ich wollte mich
dafür verpfänden,« (sagt' er) »dass Sie, wenn man Sie untersuchen könnte,
hektisch wären; die langen Finger und der lange Hals sprechen für mich, und
besonders sind die weissen schönen Zähne nach Camper ein böses Zeichen. Personen
hingegen, die ein Gebiss haben wie meine Frau da, dürfen sicher sein.«
    Augusti lächelte und fragte bloss die Doktorin, zu welcher Zeit man am besten
zum Minister komme.
    Solche vergiftende Reflexionen so wie den Mittags-Katzentisch gab er nicht
aus satirischer Bosheit, sondern aus blosser Gleichgültigkeit gegen andre, auf
die er, gleich einem Rechtschaffnen, nie unter seinem Handeln Rücksicht nahm.
Mit der Freiheitsmütze des Doktorhuts auf dem Kopfe erhielt er von seiner
medizinischen Unentbehrlichkeit so viele akademische Freiheiten, dass er zwischen
seinen vier Pfählen nicht freier ass und agierte als zwischen dem bunten spitzen
Pfahlwerke des Hofes. Bracht' er da jemals - das frag' ich - einen Tropfen süssen
Wein über die Lippen, ohne vorher einen Ephraimiten, der selber die
Probationstage nicht überlebte, herauszuziehen und ins Glas zu hängen, bloss um
vor dem Hofe zu untersuchen, ob der Ephraimit darin nicht schwarz werde? Und
wenns das Silber tat, war da nicht das Überschwefeln des Weins so gut als
demonstriert, und hätte der Physikus nicht den Hof, die Süssigkeit, das
Schwärzen, Vergiften und Überschwefeln recht artig applizieren können, wenn er
der Mann dazu gewesen wäre? -
    Dem Zufalle, dass der Lektor über die Einlasszeit bei dem Minister für heute
nachforschte, hatt' es Albano zu danken, dass er den schmerzlichen Unfall nicht
im Hause des Ministers oder neben der Blinden selber erfuhr. »Sie können«
(antwortete Sara, die Doktorin) »auch den Bedienten hinschicken; der
unterschreibt sich für Sie alle; mich aber dauert niemand wie die Tochter.« Nun
brach ein Sturm von Fragen nach dem unbekannten Vorfalle los. »Es ist so«, fing
der Physikus mürrisch an, legte sich aber bald, weil er in einigen Augen Wasser
für seine Mühle sah - und weil er alle medizinische Schuld von sich auf den
Hauptmann Roquairol zu wälzen suchte -, so gut er konnte, auf patetisches
Detail und log fast sentimental. Er schob mit einem unbemerkten Winke der
gerührten Frau einen leeren Teller zu als Lakrymatorium, damit nichts umkäme.
Aus den verfinsterten Augen des vergeblich-kämpfenden Jünglings riss der erste
Lebensschmerz einige grosse Tropfen. »Ist wohl eine Herstellung möglich?« fragte
Augusti sehr bekümmert, wegen seiner Verbindungen mit der Familie.
    »Wahrlich ein blosser Nervenzufall ists« (versetzte Schoppe keck) »und weiter
nichts; Whytt erzählt, dass eine Frau, die zu viel Säuere im Magen hatte (im
Herzen wär's noch ärger), alles umnebelt erblickte, wie Mädchen vor naher
Migräne.« - Sphex, der nur des Patos und Laugensalzes wegen gelogen hatte und
den es ärgerte, dass der Bibliotekar seiner heimlichen Meinung gewesen,
antwortete so, als hätte dieser gar nicht geredet: »Der höchste Grad der
Schwindsucht, Herr Lektor, schliesset sich oft mit Erblinden; und zu beiden wäre
hier wohl Rat. Inzwischen kenn' ich eine gewisse nervöse periodische Blindheit -
ich hatte den Fall an einer Frau48, die ich bloss durch Aderlassen, Dampf von
gebrannten Kaffeebohnen und die Abenddünste des Wassers aufbrachte - das wird
nun an der Nervenpatientin wieder versucht. Ein pflichtmässiger Arzt wird aber
immer wünschen, dass der Teufel Mutter und Bruder hole.«
    Nämlich der Wiederstrich von Lianens Zugkrankheit setzte ihn ausser sich.
Beleidigungen der Ehre, der Liebe, des Mitleidens machten den Physikus nie warm,
und er behielt seinen Überzug aus Glatteis an; aber Störungen seiner Kuren
erhitzen ihn bis zum Zerspringen; und so sind wir alle Springgläser, die den
Hammer vertragen und nicht eher in tausend Splitter zerfahren, als bis man die
kleine Spitze abbricht; bei Achilles wars die Ferse, bei Sphexen der
Arznei-Doktor-Ringfinger, bei mir der Schreibfinger. Der Doktor schüttete nun
sein Herz aus, wie einige ihre Gallenblase nennen; er schwur bei allen Teufeln,
er habe mehr für sie getan als jeder Arzt - er hab' es aber schon vorausgewusst,
dass eine so dumme Erziehung bloss für das Schönaussehen und Beten und Lesen und
Singen eine verdammte Wirtschaft wäre er hätte gern oft die Harmonikaglocken und
Tambournadel49 zerbrochen - er habe oft die Mutter ohne Schonen auf Lianens
sogenannte Reize und auf die Empfindsamkeit, helle Wangenröte und sammet-weiche
Haut aufmerksam genug gemacht, hab' aber damit fast mehr zu erfreuen als zu
betrüben geschienen - was ihn allein belustige, sei, dass das Mädchen vor einigen
Jahren todkrank geworden vom ersten heiligen Abendmahle, wovon er sie abzuhalten
versucht, weil er schon an der vierten Patientin die betrübtesten Folgen dieses
heiligen Aktus kennen lernen. - -
    Zum allgemeinen Erstaunen schlug sich mein Graf gegen alle auf Roquairols
Partei. Ach deine ersten Frühlingsstürme zogen jetzt gefangen in deiner Brust
umher ohne eine freundschaftliche Hand, die ihnen einen Ausweg gab, und du
wolltest deinen blutigen Gram bedecken! - Und suchtest du nicht einen Geist voll
Flammen, ein Auge voll Flammen für deine, und hättest du dich nicht lieber mit
einem donnernden Höllengotte verbrüdert als mit einem pietistischen matten,
gleich einer Schabe unterhöhlenden Himmelsbürger? - Barsch fragt' er den Doktor:
»Wo haben Sie das Herz des Fürsten?« - »Ich hab' es nicht,« sagte Sphex
betroffen, »im Tartarus50 liegts - wiewohls der Wissenschaft profitabler gewesen
wäre, hätte man es unter seine Präparate stellen dürfen; gross wars und sehr
singulär.« Er dachte daran, dass er oft - wo er konnte - wie ein Augur unter dem
Sezieren ein oder das andre bedeutende Glied als ein Prinzen- und Junkern-Räuber
à la minuta heimlich beiseite geschafft - für sein Studium, ein Honig, den er
sich gern mit seinem Anatomier- und Zeidelmesser ausschnitt.
    »Hat sonach das Fräulein eine unglückliche Liebschaft oder dergleichen?«
fragte Schoppe. »Mehr als eine!« (sagte Sphex) »Krüppel - Presshafte -
Waisenjungen - blinde Metusalems; alle diese Liebschaften hat sie. Spässe und
junge Herren, sag' ich oft zur Alten, bekämen ihr gesünder.«
    Aber darin, in der Forderung der Heiterkeit, geb' ich ihm nach - Freude ist
die einzige Universaltinktur, die ich präparieren würde - sie wirkt (und stets)
als antispasmoticum, als glutinans und adstringens - das Freudenöl dient zur
Brand- und Frost-Salbe zugleich. - Der Frühling z.B. ist eine Frühlingskur, eine
Landpartie eine Austernkur, eine Brunnenbelustigung eine Mass Bitterwasser, ein
Ball eine Motion, ein Fasching ein medizinischer Kursus - und daher ist der Sitz
der Seligen zugleich der Sitz der Unsterblichen. - -
    »Ja er habe,« beschloss der Doktor, »weils Leute von Stande wären, zuletzt
zum Hochmut geraten, der alle offizinellen Heilkräfte der Freude zeige; sehr
starker wirke völlig wie diese, belebe den Puls, stähle die Fibern, sperre die
Poren auf und jage das Blut durchs lange Aderngewinde51. - Seiner schwächlichen
Frau, wie man sie da sehe, hab' er früher durch Kleider und Doktors-Rang dieses
Medikament beigebracht und ihr damit auf die Beine geholfen. - Aber er wolle
lieber 60 gemeine Weiber als eine vornehme kurieren - und er bedauere als
Hausarzt bloss seine Rezepte und medizinischen Bedenken, falls einmal, wie er
gewiss glaube, die schöne Liane von hinnen fahre.«
    Die erste Frage, die der nie etwas überhörende Albano auf dem Rückwege vom
Doktor an Augusti tat, war, was die Doktorin mit dem unterschreibenden Bedienten
haben wollen. Er erklärte es. Es ist nämlich in Pestitz wie in Leipzig die
Observanz, dass, wenn ein Mensch verstirbt oder sonst verunglückt, dessen Familie
einen leeren Bogen Papier samt Dinte und Feder in den Vorsaal legt, damit
Personen, die nähern Anteil nehmen und zeigen, einen Lakaien dahin schicken
können, der ihren Namen auf den Bogen setzt, so gut er weiss; - dieses
kaufmännische Indossement des nähern Anteils, dieses niedersteigende
repräsentative System durch Bediente, die überhaupt jetzt die Telegraphen unsers
Herzens sind, macht beiden Städten grossen Schmerz und Anteil süss und leicht
durch Dinte und Feder.
    »Ach das, Gott?« - (sagte Alban und erzürnte sich ungewöhnlich, als dringe
man ihm Bedienten zu Chrysographen und Geschäftsträgern seiner Gefühle auf) - »o
ihr egoistischen Gaukler! durch die Feder schreibender Lakaien giesset ihr euch
aus? - Lektor, dem Satan selber würd' ich wärmer kondolieren als so!« -
    Warum ist dieser verhüllte Geist so rege und laut? - Ach alles hat ihn
bewegt. Nicht bloss der Jammer über die von allen nächtlichen Pfeilen des
Verhängnisses verfolgte Liane trat eisern in sein offnes Herz, sondern auch das
Erstaunen über das dunkle Einmischen des Schicksals in sein junges Leben; -
Roquairols wiederkommender Ausdruck »Brust ohne Herz« klang ihm, als wenn er ihm
bekannt sein sollte; endlich fiel ihm die Umkehrung ein, das Wort der
insularischen Sphinx: Herz ohne Brust - - Also sogar dieses Rätsel war gelöset
und der Ort bestimmt, wo er wider jede Erwartung die Weissagung der Geliebten
hören sollte - aber wie unbegreiflich, unbegreiflich!
    »O Liane heisset sie, und kein Gott soll den Namen ändern«, sagte seine
innerste Seele. - Denn in frühern Jahren hat eben der kräftigste Jüngling an
Mädchen reizende Kränklichkeit und weiche Vollgefühle und nasse Augen lieber -
so wie man überhaupt in Albanos Jahren die Flut (später die Ebbe) der Augen zu
hoch anschlägt, ob sie gleich oft wie zu reiches Begiessen die Samenkörner der
besten Entschlüsse wegschwemmen -; indes er später (weil er den Ehestand und die
Wirtschaft antreten will) sich mehr nach hellen und scharfen Augen als nach
feuchten, und mehr nach kaltem und gesundem Blute erkundigt.
    Da Alban das Feuer seiner innern Wolken meistens an den Ausladeketten der
Klaviersaiten niedergehen liess - seltener in die Hippokrene der Poesie -: so
macht' er aus seinem innern Charivari unbewusst einen Klavierauszug. Ich
transponiere seine Fantaisie folgendermassen in meine Phantasie. Auf den
weichsten Molltönen ging die Erblindung mit ihren langen Schmerzen vorüber, und
im Sprachgewölbe der Tonkunst hört' er alle leisen Seufzer Lianens laut. - Dann
führten ihn härtere Molltöne in den Tartarus an das Grab und Herz des alten
freundlichen Mannes, der mit ihm einmal gebetet hatte, und da sank in der
Geisterstunde leise wie ein Tau der Laut vom Himmel: Liane! - Mit einem
Donnerschlage des Entzückens fiel er in den Majore-Ton, und er fragte sich:
»Diese fromme lichte Seele konnte das Schicksal deinem unvollkommnen Herzen
versprechen?« Und da er sich antwortete, dass sie ihn vielleicht lieben werde,
weil sie ihn nicht sehen könne - denn die erste Liebe ist nicht eitel -, und da
er sie von ihrem gigantischen Bruder führen sah und da er an die hohe
Freundschaft dachte, die er ihm geben und abverlangen wollte: so gingen seine
Finger in einer erhebenden Kriegsmusik über die Tasten, und es klangen die
himmlischen Stunden vor ihm, die er geniessen werde, wenn seine zwei ewigen
Träume lebendig aus der Nacht in den Tag herübergingen und wenn ein
verschwistertes Paar seinem so jungen Herzen zugleich den Freund und die
Freundin gäbe. - Hier verklang leise sein inneres und sein äusseres Stürmen - und
die gleichschwebende Temperatur des Instruments wurde die des Spielers....
    Aber eine Seele wie seine wird leichter vom Schmerze befriedigt als vom
Glücke. Als wäre die Wirklichkeit da, so drang er weiter: unbeschreiblich-hold
und überirdisch sah er Lianens Bild in ihrem Leidenskelche zittern; denn die
Dornenkrone veredelt leicht zum Christuskopfe, und das Blut der unverdienten
Wunde ist Wangenrot am innern Menschen, und die Seele, die zu viel gelitten,
wird leicht zu viel geliebt. - Die zarte Liane schien ihm schon für die Flora
der zweiten Welt in den Leichenschleier eingesponnen, wie die weichen Glieder
der Bienennymphe durchsichtig über der kleinen Brust gefaltet liegen - die weisse
Gestalt aus Schnee, die einmal in seinem Traume auf seinem Herzen zerronnen war,
öffnete das helle Wölkchen wieder und sah blind und weinend auf die Erde und
sagte: »Albano, ich werde sterben, eh' ich dich gesehen habe.« - »Und wenn du
mich auch«, sagte das sterbende Herz in seiner Brust, »niemals siehst: so will
ich dich doch lieben. - Und wenn du auch bald vergehst, Liane, so erwähl' ich
gern den Schmerz und gehe treu mit dir, bis du im Himmel bist.«.... Der Himmel
und die Hölle hatten vor ihm zugleich ihre Vorhänge aufgezogen - nur wenige und
dieselben Töne und höchste und unterbrochene konnt' er noch leise bestreifen -
und endlich sanken die Hände unter- und er fing zu weinen an, aber ohne zu harte
Schmerzen, wie das Gewitter, das seine Blitze und Donner aufgelöset hat, nur
noch mit einem leisen weiten Regen über der Erde steht. -
 
                              Sechste Jobelperiode
 Die zehn Verfolgungen des Lesers - Lianens Morgenzimmer - Disputation über die
                          Geduld - die malerische Kur
                                   34. Zykel
Heischesätze - Apophtegmen - Philosopheme - Erasmische Adagia - Bemerkungen von
Rochefoucauld, von La Bruyere, von Lavater ersinn' ich in einer Woche unzählige
und mehrere, als ich in sechs Monaten loszuwerden und als Einschiebeessen in
meinen biographischen petits soupers wegzubringen imstande bin. So läuft der
Lotto-Schlagschatz meiner ungedruckten Manuskripte täglich höher auf, je mehr
ich dem Leser Auszüge und Gewinste gedruckter daraus gönne. Auf diese Weise
schleich' ich aus der Welt und habe nichts darin gesagt. Lavater nimmt sich
hierin vernünftiger, er lässet das ganze mit Schätzen gefüllte Lottorad unter
dem Titel: Manuskripte (so wie wir umgekehrt Manuskripte den Verlegern auf der
Post unter dem Titel gedruckter Sachen zufertigen) selber unter die Gelehrten
laufen.
    Aber warum tu' ichs nicht und lasse wenigstens eine oder ein paar
Wasseradern meines Wasserschatzes springen und auslaufen? - Auf zehn
Verfolgungen des Lesers - bloss so nenn' ich meine zehn Aphorismen, weil ich mir
die Leser als Märtyrer ihrer Meinungen und mich als den Regenten denke, der sie
mit Gewalt bekehrt - schränk' ich mich ein. Der folgende Aphorismus ist wenn man
den vorhergehenden als die erste Verfolgung anschlägt -, hoff' ich,
                                  die zweite.
Nichts fegt und siebt unsere Vorzüge und Liebhabereien besser durch als eine
fremde Nachahmung derselben. Für ein Genie sind keine schärfere Poliermaschinen
und Schleifscheiben vorhanden als seine Affen. - Wenn ferner jeder von uns neben
sich noch ein Doppel-Ich, einen vollständigen Archimimus52 und Repetenten im
Komplimentieren, Hutabnehmen, Tanzen, Sprechen, Zanken, Prahlen etc. herlaufen
sähe: beim Himmel! ein solches genaues Repetierwerk; unsrer Misstöne würde ganz
andre Leute aus mir und andern Leuten machen, als wir gegenwärtig sind. Der
erste und kleinste Schritt, den wir zur Besonnenheit und Tugend täten, wäre
schon der, dass wir unsre körperliche Metodologie, z.B. unsern Gang, Anzug,
Dialekt, unsre Schwüre, Mienen, Leibgerichte etc., nicht besser, sondern gerade
so befänden als alle fremde. Fürsten haben das Glück, dass sich alle Hofleute um
sie zu treuen Supranumerarkopisten und Pfeilerspiegeln ihres Ichs
zusammenstellen und sie durch diese Heloten-Mimik bessern wollen. Aber sie
erreichen selten die gute Absicht, weil der Fürst - und das wäre von mir und dem
Leser auch zu befürchten - wie der Grundsatz des Nichtzuunterscheidenden an
keine wahre Menächmen glaubt, sondern sich einbildet, in der Moral wie in der
Katoptrik zeige jeder Spiegel und Nebenregenbogen alles verkehrt.
                                     Dritte
Es ist dem Menschen leichter und geläufiger, zu schmeicheln als zu loben.
                                     Vierte
In den Jahrhunderten vor uns scheint uns die Menschheit heran zuwachsen, in
denen nach uns abzuwelken, in unserm herrlich blühend aufzuplatzen: so scheinen
uns nur die Wolken unsers Scheitelpunktes gerade zu gehen, die einen vor uns
steigen vom Horizonte herauf, die andern hinter uns ziehen gekrümmt hinab.
                                     Fünfte
Das Alter ist nicht trübe, weil darin unsre Freuden, sondern weil unsre
Hoffnungen aufhören.
                                    Sechste
Das Alter der Weiber ist trüber und einsamer als das der Männer: darum schont in
jenen die Jahre, die Schmerzen und das Geschlecht! - Überhaupt gleicht das Leben
oft dem Fang-Baume mit aufwärtsgerichteten Stacheln, an welchem der Bär leicht
hinauf zum Honig-Köder klettert, wovon er aber unter lauter Stichen wieder
zurückrutschet.
                                    Siebente
Habt Mitleiden mit der Armut, aber noch hundertmal mehr mit der Verarmung! Nur
jene, nicht diese macht Völker und Individuen besser.
                                     Achte
Die Liebe vermindert die weibliche Feinheit und verstärkt die männliche.
                                     Neunte
Wenn zwei Menschen im schnellen Umwenden mit den Köpfen zusammenstossen: so
entschuldigt sich jeder voll Angst und denkt, nur der andre habe den Schmerz und
nur er selber die Schuld. (Nur ich exkusiere mich ganz unbefangen, eben weil ich
aus meinen Verfolgungen weiss, wie der andre denkt.) Wollte Gott, wir kehrtens
bei moralischen Stössen nicht um!
                          Letzte Verfolgung des Lesers
Der hintergangene bedeckte und vom Trauerschleier zum Leichenschleier lebende
Mensch glaubt, es gebe kein Übel weiter als das, was er zu besiegen hat; und
vergisset, dass nach dem Siege die neue Lage das neue mitbringe. Daher geht - wie
vor schnellen Schiffen ein Hügel aus Wasser vorschwimmt und eine nachgleitende
Wellengrube hinter ihm zuschlägt - immer vor uns her ein Berg, den wir zu
übersteigen hoffen, und hinter uns nach eine Tiefe, aus der wir zu kommen
glauben.
    So verhofft der Leser jetzt nach überstandnen zehn Verfolgungen in den
historischen Hafen einzufahren und da ein ruhiges Leben zu führen vom unruhigen
meines Personale; aber kann ihn der geist- und weltliche Arm denn decken gegen
einzelne Gleichnisse - gegen halbseitige Kopfschmerzen - Waldraupen -
Rezensionen - Gardinenpredigten - Regenmonate - oder gar Honigmonate, die nach
dem Ende jedes Bandes einfallen? - -
    Nun zur Historie! Abends fuhren Albano und Augusti mit dem väterlichen
Kreditbriefe zum Minister. Den Frost und Stolz desselben suchte der Lektor
unterwegs durch das Lob seiner Arbeitsamkeit und Einsicht zu überfirnissen. Mit
Herzklopfen fasste der Graf den Türklopfer am Himmels- oder Höllentore seiner
Zukunft an. In der Antichambre - diesem höhern Bedientenzimmer und Limbus
infantum et patrum - standen noch Leute genug, weil Froulay ein Vorzimmer für
eine Bühne hielt, die nie leer sein darf und auf der es, wie im jüdischen Tempel
nach den Rabbinen, denen, die knien und beten, nie zu enge wird. Die Ministerin
war als eine Patientin abwesend, bloss weil sie eine hüten wollte. Der Minister
war auch nicht da - weil er wenig Zeremonien machte und nur ungemein viel
forderte -, sondern in seinem Arbeitskabinett; er hatte bisher den Kopf unter
dem warmen Tronhimmel gehabt und tief in den verbotnen Reichsapfel gebissen,
daher opferte er willig auf (nicht andern, sondern andre) und liess sich als eine
Heiligenstatue mit Votivgliedern behängen, ohne seine zu regen, und wie der
heilige Franziskus zu Oporto mit Dank- und Bittschriften, die er niemals
erbricht.
    Froulay kam und war - wie immer ausser den Geschäften so höflich wie ein
Perser. Denn Augusti war sein Hausfreund d.h. die Ministerin war dessen
Hausfreundin -, -, und Albano war nicht gut vor den Kopf zu stossen, weil man
dessen Pflegevater in Landschafts-Votis brauchte und weil Don Gaspard viel bei
dem Fürsten galt und weil der Jüngling durch einen ihm eignen anständigen Stolz
gebot. - Es gibt einen gewissen edlen, durch welchen mehr als durch
Bescheidenheit Verdienste heller glänzen. Froulay hatte für die Zukunft nicht
die bequemste Rolle; denn der haarhaarsche Hof war dem Vlies-Ritter so ungewogen
wie dieser jenem53; Haarhaar wurd' aber ohne Zweifel (allen welschen
chirurgischen Berichten zufolge) und in wenig Jahren (allen nosologischen gemäss)
der Erbe von dessen Erbschaft oder Trone. - Nun war das Schlimme dabei, dass der
Minister, der wie ein Christ mehr auf die Zukunft sah, sich zwischen dem
deutschen Herrn von Bouverot, der eine haarhaarsche Kreatur heimlich war, und
zwischen der kurzen Gegenwart zugleich durchzuschleichen hatte.
    Er nahm, sagt' ich, den Grafen ungemein verbindlich auf, so wie den Lektor;
und entdeckte beiden, er müsse ihnen seine Frau vorstellen, die ihre
Bekanntschaft wünsche. Er liess es ihr sagen; führte beide aber, ohne Erwarten
der Antwort, in ihr Zimmer. Dem Jünglinge war nun, als drehe sich die schwere
Tür eines heiligen stillen Tempels auf. - Sogar ich bin jetzt, während ihres
Ziehens durch die Zimmer, mit so närrisch, dass ich in eine ebenso grosse Angst
gerate, als ging' ich mit hintennach. Als wir ins Morgenzimmer, welches
Papiertapeten zu einer gegitterten Jelängerjelieber-Laube ausfärbten, eintraten:
sass bloss die Ministerin da, die uns gefällig aufnahm, mit fester und kalter
Haltung in Miene und Ton. Ihre streng-geschlossenen und wenig bezeichneten
Lippen taten stumm einen Ernst, der die Gabe des frommen Herzens, und eine
Stille kund, die der Schmuck der Schönheit ist - wie manche Flügel nur, wenn sie
zugefaltet sind, Pfauenspiegel giessen -, und das Auge glänzte im Wohlwollen der
Vernunft; aber die Augenlider waren von harten Jahren tief und kränklich über
die milden Blicke hereingezogen. Ach wie zwischen Neuvermählten oft ein Schwert
trennend lag, so schliff Froulay täglich am dreischneidigen, das ihn und sie
absonderte. Sonderbar stach mit dem hellen Nachsommertage auf ihrem Angesichte
das unreine Gewühl auf seinem ab, wiewohl er vor Zeugen, wie es schien, seiner
Höflichkeit gegen sie die Ironie benahm und den Hass, wie andre die Liebe, nur
für die Einsamkeit aufhob.
    Zum Glück verpflanzte sich dieser Nussbaum, der einen ungesunden frostigen
Nussbaumschatten auf den ganzen Nelkenflor der Liebe und der Dichtkunst warf,
bald unter ähnlichere Gäste zurück. Die Ministerin richtete sich nach den ersten
Gaben der Gefälligkeit mehr an den Lektor, dessen korrekte bürgerliche Mensur zu
ihrer religiösen ganz stimmte; besonders da nur er über Liane fragen und
kondolieren konnte. Sie versetzte, dieses Zimmer Lianens sei gerade so gelassen,
wie es am Abend der Erblindung gewesen, damit es, wenn sie heile, eine schöne
Erinnerung für sie bleibe, oder eine traurige für andre, wenn sie nicht genese.
- O bewegter Albano, wenn jede Abwesenheit verklärt, wie muss es erst eine mit so
vielen Spuren der Gegenwart tun! Ich bekenne, ausser einer Geliebten kenn' ich
nichts Schöneres als ihr Wohnzimmer in ihrer Abwesenheit.
    Auf Lianens Arbeitstische lag ein umrissener Christuskopf neben der
aufgeschlagenen Messiade - ein zusammengelegter Spazierflor nebst dem grünen
Spazierfächer mit eingeschriebenen Wünschen von Freundinnen - einige
aufgeschnittene Couverts - der Gevatterbrief eines Froulayschen Pachters - eine
ganze lackierte Schäferei mit Wagen, Stallung und Haus, mit deren lilliputischen
Arkadien sie Dians Kinder54 erfreuen wollen - ein aus dem verfliegenden
Stammbüchlein einer Freundin ausgerupftes Blatt, das sie mit einer getuschten
Blumenrabatte gerändert und dann mit holden Wünschen vollgepflanzet hatte, die
das Schicksal aus ihrem eignen Leben weggenommen. - - Ach schönes Herz, wie gern
wollt' ich über alle kleine Rudera deiner lichten Vorzeit etwas Tabellarisches
entwerfen und verteilen, hätte sich der Lehnpropst näher darauf eingelassen! -
Was aber mich und den Grafen am tiefsten bewegt, ist eine aufgespannte
Stickerei, auf welche ihre Nadel wie ein Inokuliermesser an jenem düstern Tage
eine Rose mit zwei Knospen geimpfet hatte und woran nichts mehr fehlte als die
Dornen - - o diese zog an deinen Freudenrosen das Verhängnis nur zu weit hervor
und presste sie dann so tief durch deine Brust bis ans Herz!
    In keiner Stunde seines Lebens war Albanos Liebe so heiligzart als in
dieser, oder sein Mitleiden so innig. Zum Glück blickte die Ministerin immer
durch das Fenster in den Garten und nahm seine Rührung nicht wahr. Zuletzt
zeigte sie noch auf Lianens dastehende Harmonika; nun ward ihm das Herz zu voll
und zu sichtbar, er sprang auf mit den hastigen Worten, er habe noch keine
gehört, und trat davor. Ach er wollte etwas berühren, worauf so oft ihre Finger
gewesen. Er legte die Hand wie an ein Heiligtum an diese Betglocken, die so oft
unter der ihrigen für fromme Gedanken gezittert hatten; aber sie gaben ihm keine
Antwort, bis ihm der Lektor, ein Kenner des Abcs wie der Technologie aller
Künste, das Nötigste in drei Worten gewiesen. Jetzt sog er in die Seele voll
Seufzer und Kriege den ersten Dreiklang ein, die ersten Klagesilben dieser
Muttersprache der lechzenden Brust - ach dieser Stummenglocken, die der innere
Mensch in der Hand schüttelt, weil er keine Zunge hat -; und seine Adern
schlugen wild als Flügel, die ihn vom Boden aufwehten und ihn vor eine höhere
Aussicht trugen, als die in die letzte Freude oder Marter ist. Denn in starken
Menschen werden grosse Schmerzen und Freuden zu überschauenden Anhöhen des ganzen
Lebensweges. - -
    Ich weiss nicht, ob viele Leser den Fehler möglich finden werden, den er
jetzt wirklich beging. Die Ministerin war im Gespräche sehr natürlich - durch
Liane und Roquairol - auf den Satz geraten, dass Kindern keine Schule nötiger sei
als die der Geduld, weil entweder der Wille in der Kindheit gebrochen werde oder
im Alter das Herz. Ach sie und ihre Tochter knieten ja selber voll Geduld vor
dem beladenden Schicksale oder auch vor dem bewaffneten; wiewohl die Mutter mit
einer frommen, die mehr an den Himmel als auf die Wunde sah, Liane mit einer
liebenden, die sich in neue Leiden wie in alte Krankheiten ergibt, wie eine
Königin am Krönungstage in die Schmerzen und Friktionen des schweren
Juwelenputzes und wie ein Kind, das die Wundenmale süss verschläft und süsser
verträumt. - Aber Zesara, der gleich dem Wolfe schon den Klang einer Kette floh
und gegen jede, von den leichten Panster- und Ritterketten an bis zu den
schweren Hafenketten, die den Jünglingen die Fahrt ins arbeitende Meer
verhängen, erbittert ansprengte, konnte sich nicht halten, zumal mit diesem
Herzen voll Bewegungen, in zu grosser zu sagen: »Der Mensch soll sich wehren -
lieber will ich auf dem regen Schlachtfelde freiarbeitend alle Adern ausgiessen
als einen Tropfen daraus über die Folterleiter angebunden.« - »Die Geduld«
(sagte die Ministerin voll davon) »streitet und siegt auch, aber im Herzen.« -
»Lieber Graf,« (sagte Augusti, nicht bloss auf die Arria anspielend) »die Weiber
müssen noch immer zu den Männern sagen: es schmerzet nicht!«
    Ich hatte nicht eher als jetzt Gelegenheit, den Fehler Albans bekannt zu
machen, dass er seine Meinung niemals freier und stärker sagte als da, wo er mit
ihr gerade einen oder ein paar Himmel seines Lebens zu verspielen fürchten
konnte: bei geringerer Gefahr konnt' er nachgiebiger sein. Ob er also gleich
merkte, dass die Ministerin dabei an die muskulöse, aber auch hartgreifende Hand
ihres wilden Sohnes mit schmerzlichen Erfahrungen denke - oder vielmehr, eben
weil ers merkte und weil er für diesen künftigen Freund gern der Waffenschmied
und Waffenträger werden wollte -: so blieb er dabei, warf alles Brechzeug des
jungen männlichen Willens aus den Schulstuben auf die Gasse und sagte in seiner
abstechenden Sprache: »Die Goten schickten ihre Knaben lieber in keine Schule,
damit sie Löwen blieben. Wenn man auch Mädchen einen Tag vor dem Pflanzen in die
bürgerliche Welt in Milch einweichen muss: so soll man doch Knaben wie Aprikosen
mit der steinernen Schale in die Erde stecken, weil sie den Stein durch ihr
Wurzeln und Wachsen schon abwerfen und verlassen.« - Der Lektor mit seiner
feinen Offenheit - ein kristallenes Gefäss mit goldnem Schnitt - bemerkte mit
leiser Rüge von Albans Heftigkeit: wenigstens habe selber die Art, womit beide
ihre Beweise geführt, zu den Beweisen gehört; und die Weiber bedürften und
bewiesen mehr Geduld bei Personen, und wir mehr bei Sachen.
    Die Ministerin, die mehr ihren Sohn als seinen Freund zu hören glaubte,
schwieg und trat näher ans Fenster. Unter den Kriegstroublen hatte der Abend
seinen licht-vollen Mond auf die Morgenberge gewälzt, und die Güsse seines
Lichts flossen jetzt von allen Seiten herein durch den ganzen vor dem
Morgenzimmer ausgespannten Garten und blieben in seinen breiten Alleen und in
seinen Blumenzirkeln stehen: als auf einmal ein rundes Häuschen durch
aufschiessende, vom Mondlicht zu Ehrenbogen entzündete Wasserstrahlen bis an sein
welsches umgittertes Dach umlodert wurde. Stillgerührt sagte die Ministerin:
»Auf jenem Wasserhäuschen steht meine Liane; sie gebraucht die Ausdünstung der
Fontänen; der Arzt verspricht sich viel davon. Und die Vorsicht geb' es!« -
    Allein der erschütterte Zesara konnte mit seinen so scharfen Augen doch
mitten im Blendwerke des waagrechten Mondenscheins und hinter dem zitternden
Nonnengitter aus verschränkten Silber- oder Wasseradern jetzt nichts aus dem
dämmernden Eden absondern als eine unkenntliche stille weisse Gestalt. Aber es
war genug für ein Herz, das weint und glüht. »Du Engel meiner Jugendträume,«
dacht' er, »wirst du es sein? Sei du mir gegrüsset mit tausend Schmerzen und
Freuden. - Ach können denn Leiden in dir sein, du Himmelsseele?« - Und es
ergriff ihn, dass sie mit ihrer gequälten und entzückenden Gestalt, wenn sie hier
im Zimmer wäre, sein ganzes Wesen zerknirschen würde durch Mitleid, und er hätte
jetzt die Umarmung des Bruders verworfen, mit dessen Hand das Verhängnis die
sanften Augen zum langen Traume zugedrückt.
    Die Stickluft des bangsten Mitleids zwang ihn, wegzusehen und sich
umzuwenden und in den aufgeschlagenen Messias die Augen zu heften, deren Tropfen
er nicht zeigen wollte; aber sie wurden durch die Erinnerung, dass er ihre letzte
Lese-Freude wiederhole, nur heisser und dichter. Plötzlich richtete etwas
Verfinsterndes, das vor dem Fenster wie ein fallender Rabe niederflatterte,
seinen Blick wieder auf Lianen, über welcher ein vollgestrahltes Wölkchen stand,
gleichsam ein aufgezogener oder niederkommender Heiligenschein - Unsterbliche
schienen darauf wie auf Ossians Wolken zu wohnen und die Schwester zu erwarten -
und da sie endlich sich bewegte und langsam in das Wasserhäuschen untersank,
schien es da nicht, als gehe ihre Hülle in die Erde und ihr stiller Geist in die
Wolke? -
    Hier gab ihm Augusti, da die Mutter der zurückkommenden Kranken ins
Krankenzimmer folgen musste, den Wink zum Abschiede, den er willig nahm; seine
Liebe befriedigte sich jetzt mit Einsamkeit und mit der Hoffnung des
Wiedersehens: Junge Liebe und junge Vögel haben anfangs nur Wärme durch Bedecken
nötig, erst später Nahrung. -
    Aber ein Paraklet oder Tröster sagte unter dem Weggehen dem Jünglinge leis'
ins Herzohr: morgen siehst du sie wenige Schritte von dir im Garten! - Und das
ist recht leicht zu machen; er darf nur morgen in der Abenddämmerung, wenn die
Abendwandlerin die Augenkur gebraucht, sich in die Allee begeben und aus den
Blättern frei hinauf in das zauberische Antlitz schauen und dann die ganze
Glückseligkeitslehre in einem Paragraphen, in einem Zuge, Atem, Momente
verschlingen - - aber welche Aussicht!
    Der Graf bat den Lektor, nicht lange bei dem beschäftigten Minister zu
sitzen. Als sie ihn wiederfanden, wusst' er hinter einem Aktenstocke kaum nach
einigem (vielleicht maskierten) Besinnen, dass sie dagewesen, und bedauert' es
innig, dass sie fortgingen. - Ach der Tröster lispelt den ganzen Abend und die
ganze Nacht: Morgen, Albano! -
 
                                   35. Zykel
Da unsern Albano die gaukelnde Nacht von einer Seite und Träumerei auf die andre
warf- denn nicht die nahe Vergangenheit' sondern die nahe Zukunft mattet uns mit
Probekomödien unsrer wachen Akte, mit Träumen, ab -, wie war er am Morgen so
froh, dass die schönste Zukunft noch nicht vorüber war. Im Menschen hausen oft
zwei sehr eulenspiegelsche Wünsche: ich tue oft den von ganzem Herzen, dass eine
wahre Freude für mich, z.B. ein Meisterwerk, eine Lustfahrt etc., doch mög'
endlich ein Ende nehmen, und zweitens den obigen, dass eine und die andre Lust
noch ein wenig aussenbleibe.
    Der Abend kam mit der grössten, wo Zesara - wie Le Gentil nach Ostindien -
nach dem östlichen Park des Ministers abreisete, um den Durchgang des Hesperus
und Venussternes, aber nur durch den Mond, zu observieren. Vor den erleuchteten
Palastfenstern hielt er mitten unter den Leuten und sann nach, ob es sehr lasse,
so in den Garten zu laufen; aber wahrhaftig, wär' er umgekehrt, das dürstende
Herz hätte ihn zurück durch einen ganzen davor postierten Klerus und
diplomatischen Kongress hindurch getrieben. Kühn schritt er durch den lauten
Palast vor einer angespannten Wagenburg vorbei, drehte das eiserne Gattertor auf
und trat hastig in den nächsten Laubengang. Hier ging er, von einem Fackeltanze
leuchtender Hoffnungen begleitet, hin und her, aber sein Auge war ein Seh- und
sein Ohr ein Hör-Rohr. Die Lauben-Allee wuchs oben quer über den Garten in eine
andre, dem Wasserhäuschen nahe hinein; in diese trat er, um der Blinden oder
vielmehr ihrer Leiterin nicht zu begegnen.
    Es kam aber nichts. Freilich war er nicht wie der Mond - wie doch zu fordern
war - um eine halbe Stunde später gekommen, sondern gar um eine früher. Der
Mond, dieser Stern, welcher Weise voll Weihrauch zum Anbeten leitet, liess
endlich breite lange Silberblätter als Festtapeten an Lianens Morgenzimmer
niederfallen - die Madonna auf dem Palaste war in den Heiligenschein und
Nonnenschleier seiner Strahlen eingekleidet - die Ministerin stand schon am
Fenster - die Natur spielte das Larghetto eines magischen Abends in immer
tiefern Tönen - als Albano weiter nichts vernahm als ein kleineres, bloss aus
Klängen gemachtes, das aus dem Wasserhäuschen, dem Lustsitze aller seiner
Wünsche, kam, und das sterbend mit dem Frühlingstage vertönen wollte. Aber er
konnte nicht erraten, wer es spiele; man hätt' es herausbringen können, dass es
Roquairol war, bloss weil er nachher, wie ich erzählen werde, nach der
April-Sitte seines musikalischen Gelichters, aus dem Pianissimo in ein zu wildes
Fortissimo hinaufsprang. Der vom Vater relegierte Bruder konnte wenigstens im
Wasserhäuschen die teuere Schwester sehen und trösten und ihr seine Liebe und
seine Reue zeigen; wiewohl seine stürmische Reue eine zweite nötig macht und am
Ende nur eine frömmere Wiederholung seines Fehlers war.
    Obgleich die Phantasie Albanos eine Retina des Universums war, worauf jede
Welt sich scharf abmalte, und sein Herz der Sangboden jeder Sphärenmusik, worin
eine umlief: so konnten doch weder der Abend noch das Larghetto mit ihren
Strahlen und Klängen durch die hohen Wellen hindurch, die in ihm sowohl die
Erwartung als die Sorge (beide verdunkeln die Natur und die Kunst) aufwarf. Das
Ufer der Fontänen umflocht ein grüner Ring von Orangen, deren Blüte im
Morgenlande nach der Selam-Chiffre Hoffnungen ansagt; aber wahrhaftig eine nach
der andern wurde flüchtig, wenn er an die kalte helle Mutter dachte oder an sein
vielleicht leeres Warten. Die Fontänen sprangen noch nicht - er rupfte wie ein
Vorherbst immer mehr breite Fächerblätter aus seiner grünenden spanischen Wand
und sah doch durch alle weitere Fenster Lianen nicht über den Kiesweg herkommen
(welches schon darum unmöglich war, weil sie längst im Wasserhäuschen bei ihrem
Bruder stand) und er verzagte an ihrer Erscheinung: als dieser plötzlich ins
gedachte Fortissimo stürmte und als alle Fontänen vor dem Monde rauschende
Kränze aus Flittersilber aufwarfen. Albano blickte hinaus....
    Liane stand droben im Mondenschimmer hinter dem flatternden Wasser. Welche
Erscheinung! - Er riss die Laubenzweige an seinem Angesichte auseinander und
schauete unbedeckt und atemlos an die heilig-schöne Gestalt! Wie griechische
Götter überirdisch vor der Fackel stehen und blicken, so glänzte Liane vor dem
Monde, von dem umherrinnenden Widerscheine der silbernen Regenbogen beschattet,
und der selige Jüngling sah die junge offne stille Marienstirn bestrahlt, auf
der noch kein Unmut und keine Spannung eine Welle geworfen - und die dünne,
zarte, kaum gebogene Augenbraunen-Linie - und das Angesicht, gleich einer
vollendeten Perle oval und weiss - und die losgeringelte Locke, auf den
Maienblümchen an ihrem Herzen liegend - und den feinen Grazienwuchs, der wie die
weisse Bekleidung die Gestalt zu erhöhen schien - und die idealische Stille ihres
Wesens, mit der sie statt des Arms nur die Finger auf das Geländer legte,
gleichsam als schwebe die Psyche nur über der Lilienglocke des Körpers und
erschüttere und beuge sie nie - und die grossen blauen Augen, die sich, indes das
Haupt ein wenig sank, unaussprechlich-schön aufschlugen und sich in Träume und
in ferne, unter Abendröten widerglänzende Ebenen zu verlieren schienen.
    - Du überglücklicher Mensch! - Dir erscheint die einzige sichtbare Göttin,
die Schönheit, so plötzlich mit ihrer Allmacht und von allen ihren Himmeln
begleitet, und die Göttin gibt dir den Wahnsinn - die Gegenwart mit ihren
Gestalten wird dir unbekannt - die Vergangenheit vergeht - die nahen Töne ziehen
aus tiefer Ferne her - die überirdische Erscheinung überfüllt und überwältigt
mit Glanz die sterbliche Brust!
    Ach warum durfte durch diesen hohen reinen Himmel eine tiefe kalte Wolke
ziehen? - Ach warum fandest du die Himmlische nicht früher oder später? - Und
warum musste sie selber dich an ihren Schmerz erinnern?
    Denn Liane - in deren überflortes Auge nur ein starkes Licht durchsickern
konnte - suchte den Mond, den seine eigne Aurora ein wenig verhing, mit dem
wiegenden Kopfe irrend auf, weil sie dachte, ein Lindengipfel verdecke ihn; -
und dieses Wanken malte ihm ihr Unglück so plötzlich mit tausend Farben! Ein
schneller Schmerz zertrat seine Augen, dass Tränen daraus sprützten und Funken,
und das Mitleiden schrie in ihm: »O du unschuldiges Auge, warum wirst du
verhüllt? Warum wird dieser dankbaren frommen Seele der Mai genommen und die
ganze Schöpfung? - Und sie wirft vergeblich den Blick der Liebe auf die Mutter
und auf die Freundin und - o Gott! - sie weiss nicht, wo sie stehen.«
    Aber der Vorhang des Mondes flatterte bald seitwärts, und sie lächelte den
Schimmer heiter an, wie der blinde Milton in seinem ewigen Gesange die Sonne
oder wie ein Irdischer den ersten Glanz nach dem Leben.
    Eine Nachtigall, die bisher, zwischen weiten Blumen einem leuchtenden
Würmchen nachhüpfend, den Tönen im Zimmer nur mit einzelnen Wildrufen und
Nachschlägen der Freude geantwortet hatte, flog Lianen näher, und die geflügelte
Zwergorgel riss auf einmal alle Flötenregister heraus, dass Liane im Vergessen
ihrer Blindheit niederblickte und Albano erschrocken zurücktrat, als sehe sie
auf ihn. Da wurde unter den Tönen des Bruders und der Nachtigall ihr blasses,
gleich der weissen Federnelke auf den Wangen leicht gerötetes Angesicht zart vom
matten Blütenrot der Rührung überdeckt - die Augenlider zuckten öfter über die
glänzenden Augen hin - und endlich wurde der Glanz eine ruhige Träne - es war
keine des Schmerzes noch der Freude, sondern jene sanfte, worein die Sehnsucht
des Herzens überquillt, wie im Frühling überfüllte Zweige unverwundet weinen. -
    - Im Menschen wohnt ein rauher blinder Zyklope, der allemal in unsern
Stürmen zu reden anfängt und uns Zertrümmerung anrät; furchtbar regte sich jetzt
in Zesara die ganze aufgewachte Kraft der Brust, der wilde Geist, der uns auf
Kuntursfittichen vor Abgründe schleppt, und der Zyklope rief laut in ihm:
»Stürze hinaus - knie vor sie - sag ihr dein ganzes Herz - was ists, wenn du
dann auf ewig verloren bist, hast du nur einen Laut dieser Seele vernommen - und
dann kühle und opfere dich in den kalten Quellen zu ihren Füssen.« - Wahrlich er
dürstete nach dem frischen Bassin, worein die Fontänen zurücksprangen - - Aber
ach vor dieser Sanften, vor dieser Gequälten und Frommen! - »Nein,« sagte der
gute Geist in ihm, »verwunde sie nicht wieder wie ihr Bruder - o schone,
schweige, ehre; dann liebst du sie.«
    Hier trat er heraus in die erleuchtete Erde wie in einen Himmelssaal und
nahm den offnen Sonnenweg, aber leise, vor den Fontänen vorüber. Als er vor ihr
vorbeiging, brach auf einmal die Arkade aus Tropfen, die sie halb vergittert
hatte, zusammen, und Liane stand wolkenlos wie eine reine Luna ohne Nebel-Hof im
tiefen Himmelsblau; eine glänzende Lilie55 aus der zweiten Welt, die sich selber
das Zeichen ist, dass sie bald in diese fliehe. - - O sein Herz voll Tugend
empfand erschüttert die Nähe der fremden; und mit allen Zeichen der tiefsten
Verehrung ging er vor dem ruhigen Wesen vorüber, das sie nicht bemerken konnte.
Erst als ihm mit jedem Schritte ein Himmel entfallen war und er endlich keinen
mehr hatte als den über sich: wurd' er ganz sanft und freuete sich, dass er nicht
kühner gewesen. - Wie glänzt ihm jetzt die Erde, wie nähert sich ihm der
Sonnenhimmel, wie liebt sein Herz! - O noch nach vielen Jahren einst, wenn
dieser glühende Rosengarten der Entzückung schon weit hinter deinem Rücken
liegt, wie wird er dir, wenn du dich umwendest und darnach blickst, so sanft und
magisch als ein weisses Rosenparterre der Erinnerung nachschimmern! -
 
                             Siebente Jobelperiode
     Albanos Eigenheit - das Nestelknüpfen der Politik - der Herostrat der
Spieltische - väterliches mandatum sine clausula - gute Gesellschaft - Herr von
              Bouverot - Lianens Gegenwart des Geistes und Körpers
                                   36. Zykel
- - Wäre der Lehnpropst von Hafenreffer nicht, sondern nur meine Phantasie: so
würd' ich gewiss in meiner Historie fort fahren und der Welt als wahr berichten
(und das ganze romantische Schreibgelag liesse sich darauf totschlagen), Albano
sei am andern Morgen blind und taub hinter der breit vorgebundenen Binde des
Bandagisten Amor dortgesessen - er habe nicht mehr über fünf zählen können,
ausser abends an der Glocke, um nachher das Froulaysche Wasserhäuschen magisch zu
umkreisen wie einer, der das Feuer besprechen will, das sich ihm nach schlängelt
- aus den beiden Blaselöchern, womit sentimentale Walfische sich öffentlich
ausweinen in Buchläden, hab' er beträchtliche Ströme aufgesprjetzt - übrigens
hab' er kein Buch mehr angesehen (ausgenommen einige Bogen im Buche der Natur)
und keinen Menschen mehr (einen blinden ausgenommen) - - »und unter diesen
meinen Wundzettel erotischer Wundfieber« (würd' ich am Schlusse meiner Lüge
sagen) »setzt wohl offenbar die Natur ihr Sekrets-Insiegel.«
    Das tut sie nicht, sagt Hafenreffer; - nichts wie verdammte Lügen sinds; die
Sache ist vielmehr so:
    Zesara schlich kein zweitesmal mehr in Froulays Garten; eine stolze
Schamröte überflog ihn schon bei dem Gedanken an die peinliche, mit der er das
erstemal einem misstrauischen oder fragenden Auge aufgestossen wäre.
    Aber auf diese Weise blieb ihm vor der Heilung die liebe Seele verhüllt wie
ihr der Mai; und er quälte sich still mit Berechnungen ihrer Leiden und mit
Zweifeln an ihrer Kur. Er schämte sich der Freude während ihrer Trauerzeit und
verbot sich den Genuss des Frühlings und den Besuch von Lilar; ach er wusste ja
auch, es würde durch den liebenden Frühling und durch das Lilar, wo sie so viele
Freuden und die letzte Wunde empfangen, sein Herz zu unbändig werden und zu
voll.
    Sein Durst nach Wissen und Wert, sein Stolz, der ihm bei dem Vater und
seinen beiden Freunden in einem rühmlichen Lichte zu stehen gebot, trieben ihn
in seine Laufbahn hinein. Mit allem ihm eignen Feuer warf er sich über die
Jurisprudenz und machte keinen andern Weg mehr als den zwischen dem Hörsaale und
dem Studierzimmer. Zu diesem Eifer zwang ihn ein eigentümlicher Trieb nach
Komplettierung; alles Unvollendete war ihm beinahe ein physischer Greuel; ihn
schmerzten defekte Sammlungen abgebrochene Monatsschriften - eingeschlafne
Prozesse - Biblioteken, weil er sie nie auslesen konnte - Leute, die als
Akzessisten starben, oder in Bau-Planen, oder ohne ein abgeründetes Denksystem,
oder als Gesellen, Tuchknappen und Schuhknechte - und sogar Augustis
Flötenblasen, ders nur so beiher mittrieb. Es war dieselbe Stärke, womit er
Psyches Flügelpferde den Zügel straff hielt und womit er ihm das Spornrad
einstiess; schon als Kind hatte er diese Stärke an der Zurückhaltung des Atems,
oder am peinlichen Pressen einer wunden Stelle versucht - und beim Himmel!
figürlich tat er ja nun beides wieder. In ihm wohnte ein mächtiger Wille, der
bloss zur Dienerschaft der Triebe sagte: es werde! Ein solcher ist nicht der
Stoizismus, welcher bloss über innere Missetäter oder Hämlinge oder
Kriegsgefangene oder Kinder gebeut, sondern es ist jener genialisch-energische
Geist, der die gesunden Wilden unsers Busens dingt und bändigt, und der
königlicher zu sich, als der spanische Regent zu andern, sagt: Ich, der König!
    - Ach freilich - wie konnte seine warme Seele anders? - stand er oft in der
Nachmitternacht am luftigen Fenster und schauete voll Tränen auf die weisse
Madonna des ministerialischen Palastes, die der reine Mond versilberte. Ja am
Tage zeichnete er oft in sein Souvenir (zufällig wars ein Springbrunnen und eine
Gestalt dahinter, weiter nichts) - oder er las im Messias (natürlich fuhr er in
dem Gesange fort, den er schon bei der Ministerin angefangen) - oder er belehrte
sich über Nervenkrankheiten (war er bei seinem Studieren dagegen gedeckt?) -
oder er liess das Feuer seiner Finger über die Saiten laufen - ja er hätte nichts
als Rosen gepflückt, obwohl mit Dornen, wäre ihre Blütezeit gewesen.
    Und diese seufzende schwüle Seele musste sich verschliessen! O er war schon in
Sorge, jede Taste werde eine Schriftpunze, das Klavier ein Letternkasten und
alle Handlungen verräterisch-leserliche Worte. Denn er musste schweigen. Die
erste junge Liebe hat wie die der Geschäftsleute (die kursächsischen
ausgenommen) keine Sprachwerkzeuge, höchstens eine tragbare Schreibfeder mit
Dinte. Nur die Weltleute, die ihre Liebeserklärungen ebenso wiederholen wie
Schauspieler, sind imstande - und aus gleichen Gründen -, sie ebenso zu
publizieren wie diese. Aber in der heiligern Zeit des Lebens wird das Bild der
geliebtesten Seele nicht im Sprach- und Vorzimmer, sondern im dunkeln stillen
Oratorium aufgehangen; nur mit Geliebten spricht man von Geliebten. Ach er hörte
über seine Himmelsbürgerin ungern sogar andre reden; und er entwich oft (mit dem
innern Rauchopferaltar in sich) aus dem Zimmer, worin man für sie eine
Rauchpfanne mehr voll Kohlendampf als Wohlgeruch herumtrug. -
 
                                   37. Zykel
Man erwartete in Pestitz jeden Tag die Zurückkunft des deutschen Herrn, Mr. de
Bouverot, der in Haarhaar an die fest skizzierte Vermählung zwischen Luigi und
einer haarhaarschen Prinzessin, Isabella, die letzte retuschierende Hand gelegt.
Augusti war ihm nicht gut und sagte sogar, Bouverot habe keine honnêteté56; und
erzählte folgendes, aber mit der weichen Ironie eines Weltmannes.
    Vor einigen Jahren wurde Bouverot in Kapitel-Streitigkeiten vom
haarhaarschen Hofe57 nach Rom an den Papst versandt; gerade zur Zeit, wo auch
Luigi den gewöhnlichen Römerzug der Fürsten tat mit seinen Römer-Zinszahlen. Nun
wollte Haarhaar - das eigentlich schon chapeaubas geht mit dem Hohenfliesser
Fürstenhute und das alle mögliche offizinelle Aussicht hat, ihn aufzusetzen -
eben darum nicht gern den Anschein geben, als seh' es das Erlöschen des
Hohenfliesser Stammes mit kalten Augen an, um so mehr, da eben der Stammhalter
Luigi gleich in den ersten Jahren kein Held von nervöser Bedeutung war. Ja dem
Haarhaarer Hofe musste daran liegen, dass der gute dünne Stamm-Herbstflor
womöglich anders wiederkäme, als er ausgezogen war; und eben aus solchen Gründen
war von jenem dem Deutsch-Herrn heimlich aufgetragen, dergestalt über alle seine
Freuden und Leiden als maitre de plaisirs-zumal bei maitresses des plaisirs - zu
walten und zu wachen, dass man damit zufrieden wäre. War inzwischen Abiturient
schon als Fötus eingesessen, so wurd' er leider gar zum punctum saliens
ausgeschliffen zurückgefahren, besonders da er durch mehrere Bocksund andre
Sprünge durch den Reif der Lust verdorben war zu einem Rittersprunge. Es kann
möglich sein, dass der Deutsch-Herr der Verjüngung des Fürsten zu sehr
entgegenging; ja er kanns der jungmachenden Wunderessenz des Marquis d'Aymar58
nachgetan haben, welche eine alte unschuldige Dame, die vom Elixier mehr
versalbte, als gegen ihre Jahre nötig war, durch das übermässige Verjüngen zum
kleinen Kinde einzog. - - Kurz durch diesen Kreuzzug hinter dem Kreuzherrn
Bouverot wird einmal - wie öfters durch Kreuzzüge - der Hohenfliesser
Fürstensessel offen zu rechter Zeit, und Haarhaar setzt sich darauf -
    Ich gestehe ungern, dass Albano anfangs - weil bei aller seiner Scharfsicht
seine Reinheit ebenso gross war - das Faktum nur verworren fasste; als ers aber
begriff, wars für ihn pharmazeutisches Manna, wie für Schoppe israelitisches.
»Der Kreuzherr« (sagte dieser)»trägt sein Kreuz nicht umsonst - es tut ihm
ebensoviel Dienst wie den Häusern in Italien ein darangeschmiertes, es darf
beide keine Seele anpissen, ob mans gleich in Rom vor jedem Vorzimmer mag.«
    Nicht lange darnach gingen unsre drei Freunde in der Stunde, wo die Wagen
lärmend zum Tee und Spiele rollen, auf der Gasse, als man vor ihnen eine Sänfte
mit dem Sitze rückwärts, worin gleichwohl jemand sass, vorübertrug. »Du heiliger
Vater!« (rief Schoppe) »da drinnen sitzt der leibhafte Zefisio aus Rom, der mich
irgendeinmal durchprügeln muss.« - »Leise, leise!« (sagte Augusti) »das ist der
deutsche Herr; Zefisio ist sein arkadischer Name59.« - »Nun, so freu' ich mich
desto mehr, dass ich mit der Rotnase einmal herzlich schlecht umsprang«, sagt' er
und kehrte um und begleitete mit untergesteckten Armen die Sänfte fast zehn
Schritte weit, um den Vogel des Bauers besser zu beschauen, bis dieser die
Vorhänge vorriss. Albano ertappte darin im Vorübereilen nur einen scharfen,
gleich einem Dolche gezognen Blick und einen rotglimmenden Nasenknopf. -
    Schoppe kam wieder und erzählte die Händel in Rom. Nämlich gegen alle
Todsünder, Blutschuldner und Sündenbälge trug er keinen so bittern Ingrimm als
gegen Professions-Bankhalter, Croupiers und Grecs; er sagte, hätt' er ein
Raupeneisen, womit er dieses Gewürm von der Erde wegschaben, oder eine
Kochenille-Mühle, worin er es zerknicken könnte, er tät' es ganz lustig; »O
Himmel,« (rief er dann aus) »hielt' ich vollends über den ringelnden
verwickelten Wurmstock gerade meinen ausgestreckten Fuss (und wäre auch das
Podagra daran), freudig stiess' ich ihn darein und träte den Bettel aus.« - Was
er aber konnte, tat er. Da er sein eigner Reisediener und eine in ganz Europa
hin- und herfahrende Lauferspinne war: so hatt' er recht oft die Freude, diese
Pharao-Blattwickler und Blattminierer unter die Finger zu bekommen - ihr
Schein-Genosse zu werden - ihre Kriegslisten einzulernen - und dann irgendein
Feuerrad in ihre zischende Schlangenhöhle zu rollen. Ich bin nicht näher
unterrichtet, ob man es in Leipzig weiss, wer der Rädelsführer war, der vor
kurzem in der Messe eine Vexier-Polizei mit Schein-Stadtknechten spielte und
eine Bank aufhob; - wenigstens waren die Bankiers darüber irrig, weil sie den
andern Tag der wahren Polizei aufwarteten und um einige Indulgenzen und
Un-Rechtswohltaten anbettelten; aber ich bin hier imstande, den Diebsfänger zu
nennen: Schoppe wars gewesen. - - Die Beute legt' er meistens zu neuen
Fladderminen unter Pharao-Tischen an.
    Mit Zefisio hatt' ers anders gekartet. Er trat vor dessen Bank und sah
einige Minuten zu und belegte endlich ein Blatt mit einem Schildlouisd'or. Es
gewann, und er zeigte hinter der Karte eine lange Rolle von Louis. Bouverot
wollte diese Rolle nicht bezahlen; »er habe« (sagt' er) »nichts gesehen.« -
»Wozu sitzt Ihr Croupier denn dort?« sagte Schoppe und erklärte sie für
Betrüger, wenn sie nicht zahlten. Man zahlte ihm, um grössern Schaden zu
vermeiden, den Gewinst. Er nahm ihn kalt und schied mit den Worten an die
Pointeurs: »Meine Herren, Sie spielen hier doch mit ausgemachten Betrügern; aber
bloss weil ich sie kenne, haben sie mich bezahlt.« Unter dem Steif-und Blasswerden
der Interessenten ging er langsam mit seiner breitschultrigen gedrungnen Figur
und mit seinem Knotenprügel unversehrt davon. -
    Augusti wünschte von Herzen - der Verfolgung wegen -, dass Bouverot den
Bibliotekar nicht mehr kenne. Zu Hause fanden sie eine Einladung vom Minister
auf Tee und Souper; »die arme Tochter!« (sagte Augusti) »Dieses Bouverot wegen
muss die Halbblinde morgen an die Tafel.« - - Indes sieht sie doch unser Jüngling
endlich wieder, und nur ein Frühlingstag sondert ihn vom teuersten Wesen ab! -
Hat Augusti recht: so trifft meine Bemerkung hier ein, dass ein guter Filou immer
der motivierende Hecht wird, der den frommen Karpfensatz der Stillen im - Teiche
zum Schwimmen bringt; die versteckte Blattermaterie, die kalte Kinder auf einmal
lebendig macht.
 
                                   38. Zykel
Lianens Augen heilten, aber nur langsam; die Natur wollte sie nicht auf einmal
aus ihrem düstern Kerker in die Sonne führen; jetzt konnte sie erst, wie die
Philosophen, mehr Licht als Gestalten erkennen. Gleichwohl gab der Minister den
Kabinettsbefehl, sie müsse übermorgen die Harmonika spielen, bei dem Souper
erscheinen und sogar den Salat machen und dabei ihre Blindheit maskieren. Er
befahl zuweilen unmögliche Dinge, um so viel Ungehorsam zu finden, als sein Zorn
zum Bestrafen brauchte; gewisse Leute sind den ganzen Tag schon im voraus voll
Ärger für irgendeine Zukunft, gleich dem Urinphosphor, der immer unter dem
Mikroskope kocht, oder den Eisenhütten, worin jeden Tag Feuer auskommt.
    - Die Ministerin sagte dazu ein sanftes festes Nein. Über die Harmonika,
sagte sie, habe sie in seinem Namen den Doktor gefragt, der es streng' verboten,
und das übrige sei eine Unmöglichkeit. Hier konnt' er schon, so gut wurd' es
ihm, über mehrere Dinge ungehalten werden, besonders über das Fragen des
Doktors, das aber gar noch - nicht geschehen war; er wurde toll genug und
schwur, er handle nach seinen Prinzipien und frage den Teufel nach fremden.
    Dieses Prinzip war dasmal der deutsche Herr. Die obige Anekdote nämlich -
Bouverots Fürsorge für den reisenden Erbprinzen - oder die Absicht dabei war an
beiden Höfen assemblee- und tafelfähig, und nur dem Fürsten Luigi verdeckt; denn
an Tronen gibt es fast für niemand Geheimnisse (kaum für seine Frau) als für
den, der darauf sitzt, wie in Schallgewölben die Leute in fernen Winkeln alles
laut vernehmen, nur der nicht, der in der Mitte steht. Der deutsche Herr war
also im Hohenfliesser Systeme die wichtige Pfortader und Lungenpulsader, womit
auch Froulay sich wässern wollte. Dieser musste durchaus der Gegenwart und der
Zukunft oder zweien Herren dienen, von denen der Haarhaarer sehr bald seiner
werden konnte.
    Bouverot war nicht bloss an Froulay den Minister, sondern auch den Vater
geknüpft; ein Mann wie er, der sich aus Italien ein ganzes Kunstkabinett
nachfahren lässet und dessen Kunst-Kenntnisse eben ihn und den Fürsten so lange
verknüpfen, musste eine Madonna von solcher Karnation wie Liane und aus der
römischen Schule und die noch dazu, von der Leinwand abgelöset, sich als eine
volle atmende Rose bewegte, ein solcher musste dergleichen zu schätzen wissen.
Heiraten konnt' er die Rose nicht wollen, da er deutscher Herr war.
    Er hatte sie seit seiner welschen Reise nicht gesehen - der Graf auch nicht
- beiden wollte sie der Minister zeigen als eine Zahlperle von besonderer Weisse
und Figur. Froulay hatte - was überhaupt öfter ist, als man denkt - gleich viel
Eitelkeit und Stolz; diesen gegen den Tadel, jene für das Lob. Aber ich müsste
nun ein Turnierbuch schreiben, um sein Toben, Rennen, Lanzenstossen in einem
Gefechte, wo er unter den Fahnen der Feindschaft, der Eitelkeit und Habsucht
diente, nur zum Teil auf die Nachwelt zu bringen. Er war so wenig totzujagen als
ein Wolf. Alle Waffen waren ihm gleich, und er nahm immer schärfere und
giftigere. In den alten gerichtlichen Zweikämpfen zwischen Mann und Frau stand
gewöhnlich der Mann bis an den Magen in einem Loche, um seine Stärke zur
weiblichen herabzubringen, und sie schlug gegen ihn mit einem in einen Schleier
gewickelten Stein; in den ehelichen aber scheint der Mann im Freien zu stehen
und die Frau in der Erde und hat oft nur den Schleier ohne den Stein.
    - In diesem Gefechte stellte sich ein glänzender Friedensengel zwischen
beide und fing die Wunden auf, nämlich Liane. Die Tochter, die eine
schwärmerische Liebe für die Mutter und die weibliche Achtung des stärkern
Geschlechts für den Vater hatte, und die so unendlich unter dem Zwiespalte litt,
fiel der Mutter um den Hals und bat sie, ihr das zu erlauben, was der Vater
fordere - sie wolle alles gewiss so machen, dass man nichts merke, sie wolle sich
recht anstrengen und vorher besonders üben - ach er werde sonst ihrem armen
Bruder nur noch ungewogner - diese Uneinigkeit bloss ihrentwegen sei ihr so
schmerzlich und vielleicht schädlicher als das Harmonika-Spiel.
    »Mein Kind, du weisst,« (sagte die Mutter, denn jetzt hatte sie gefragt) »was
gestern der Arzt gegen die Harmonika gesagt hat; das andre kannst du wagen!«
Liane küsste sie freudig. Man musste sie zum Vater führen, damit sie vor ihm die
Freude ihres Gehorsams lautmachte. »Ich dank' euchs mit dem Henker,« (sagt' er
sanft) »es ist eure verfluchte Schuldigkeit.« - Sie ging mit zerstobener Freude,
aber ohne grosse Schmerzen; sie war es schon gewohnt.
 
                                   39. Zykel
Der Lektor bat Albano noch auf dem Wege zum Minister, das Feuer seiner
Behauptungen und seiner Pantomime zu mässigen. Er machte ihm vom Hauskriege nur
so viel bekannt, als nötig war, damit er nicht Lianen durch den Wahn der Heilung
in Verlegenheit setze. Als sie ins Spielzimmer traten, war schon alles im Feuer.
    Da ihm jetzt niemand präsentiert wird: so muss ich es tun; es sind Jünger
(wenigsten zwölfte) des Ministers.
    Zuerst stelle ich dir den Herrn Justizpräsidenten von Landrock vor, eine
gute Apotekerwaage der Temis, die Skrupel auswägt und worin keine falsche
Gewichte liegen, aber, was ebensoschlimm ist, viel Schmutz, Reste und Rost. Die
am L'hombretisch daneben sind die Herren und Frauen von Vei, Flöl und Kob,
glatte feine Seelen, die wie Mineralien in Kabinetten auf der Schauseite
abpoliert sind, nur aber auf der verborgnen Basis noch eckig und kratzend.
    Geh mit mir an den Eingang des andern Zimmers; hier hab' ich dir zu
präsentieren den jungen, aber fetten Domherrn von Meiler, der, um seinen innern
Menschen mit einem dicken warmen äussern zu bekleiden und auszuschlagen, jährlich
nicht mehr Bauern abzurinden braucht, als der Russe Lindenstämme für seine
Bastschuhe abschindet, nämlich 150.
    Das Zimmer, worein du siehst, präsentier' ich dir als ein Fliegenglas voll
Hofbediente, die, um ins Himmelreich zu kommen, nicht bloss Kinder, sondern gar
Embryonen von vier Wochen wurden, die bekanntlich aussehen wie Fliegen; sie
wollen, wenn Swift von seinen Bedienten nichts begehrt als das Zumachen der
Türen, nichts von ihrem Broterrn als das Offenlassen derselben.
    Ich habe die Ehre, dir dort - es ist der, der nicht spielt - den Herrn
Kirchenrat Schäpe, der Oberhofprediger werden will, vorzustellen, einen weichen
Halunken, der die Samenkörner des göttlichen und menschlichen Worts wie
Melonenkerne (sie sollen dadurch früher in den Herzen aufgehen) so lange in
gezuckertem Weine einweicht, bis sie in jenen verfaulen; ein geistlicher Herr,
der in seinem Leben nie andre Bitten tat als die beiden, die er stets abschlägt,
die vierte und die fünfte. -
    - Aber der Lektor wird dir im Fenster ja alle Herren und Damen kalt, leise
und ohne Pantomime nennen. Jetzt führt dich der Minister selber einem spielenden
Herrn mit einem Kreuze zu, der Wasser mit Salpeter trinkt und immer den dürren
Mund beleckt; es ist Bouverot- jetzt steht er vor dir auf, betrachte das kalte,
aber kecke und schneidend-geschliffne Auge, dessen Winkel eine offne Blechschere
oder aufgestellte Falle scheinen - die rote Nase und den harten lippenlosen
Mund, dessen rötliche Krebsschere sich abgewetzt zusammenzwickt - das
aufgestülpte Kinn und die ganze stämmige feste Figur. Albano überraschet ihn
nicht, er hat alle Menschen schon gesehen, und er fragt nach keinem.
    Der Minister erquickte den in sich verworrenen Jüngling mit der Verheissung,
bei dem Souper werd' er ihm seine Tochter vorstellen. Er bot ihm ein Spiel an;
aber Alban versetzte mit einem zu jugendlichen Akzent: er spiele nie.
    Er konnte nun die Spieltischgassen durchstreichen und alles besehen, was er
wollte. In einem solchen Falle postiert man sich, wenn man niemand in der
Gesellschaft ausstehen kann, gerade vor oder neben das Gesicht, das man am
meisten anfeindet, um sich über jedes Wort und jeden Zug des Gesichts heimlich
zu erärgern. Albano hätte viele Gesichter gehabt, die wenigstens in einem
kleinen Grade nicht zu leiden waren und zu denen er sich hätte stellen können; -
ja es wären keine hinlängliche Gründe anzugeben, warum er nicht einen gewissen
ausgespelzten eingetrockneten Kleisteraal, einen Schwächling voll Impertinenz in
einem fort angesehen hätte, da dieser mit einer Flügelbrille die aufgehenden
Kartengestirne observierte, indes Albano die Fühlhörner seiner Sehnerven bis zu
den Kartenfarben des zweiten Zimmers ausstrecken konnte - es wären keine Gründe
dagewesen, wäre nicht der deutsche Herr dagewesen; vor diesen musst' er sich
stellen; von diesem wusst' er das Meiste und Schlimmste; dieser stand ja mit
Schoppe in weiter Verbindung, sogar mit Lianen - - Verdammt! neben gewissen
Gesichtern krümmen und mausern sich die Seelenschwingen, wie neben Adlerkielen
Schwanen-und Taubenfedern zerfallen; allen schuldlosen Gefühlen in der so
geräumigen Brust Albanos wurd' es so unruhig und eng wie einem Taubenfluge, in
dessen Schlag man einen Iltisschwanz geworfen.
    Ich darf es nicht verhehlen, er murrte und grollte innerlich über alles, was
der Mann tat und hatte - dieser mochte nun Finger tragen, deren Spitzen
feingeschabet waren für das Pharaospiel und deren Nägel von einem ganz noch
schlimmern Hasardspiele sich etwas abgeblättert hatten - oder er mochte zuweilen
durch die Haare der Augenbraunen blicken - oder (nur einmal) eine Mücke durch
ein schnelles Schnappen der Lippen erquetschen wie die Fliegenfalle - oder bald
eine deutsche, bald eine gallische Zeile sagen, was ich doch von guten Zirkeln
erwarte, indes nur schlechte kein deutsches Wort vorbringen, wenige solche wie
Lansquenet, canif (Kneif), birambrot (Bier am Brot) ausgenommen - - - genug er
dachte immer an Schoppes schönen Ausspruch: »Es gibt Menschen und Zeiten, wo
einen rechtschaffenen Mann nichts mehr erquicken könnte als - Prügel, die er
gäbe.« Duellieren ist ebensogut, meinte der Graf.
    Indes muss er hier entschuldigt werden durch eine Autorität. Nämlich selber
Schreiber dieses - sonst ein so weiches warmes Schwanenfell - wurde immer zu
einem völligen Kampfhahne hinter Spiel-Sesseln und spreizte den kratzenden
struppigen Flügel weiter auf, je länger er müssig zusah; der Grund ist der, weil
man überhaupt nur die Menschen immer leidlicher und besser findet, mit denen man
einerlei treibt und will.
    Albano wünschte sich herzlich seinen Waffenbruder Schoppe her; er ging zwar
oft zu Augusti, sich auszuschütten; aber dieser linderte stets; ja er schnitt
ihm durch die Verflechtung mit dem Kirchenrate die Gelegenheit ab, seine
jugendliche unerfahrne Seele Horchern zu verraten. Auch wählte der Lektor
nachher auf eine halbe Stunde - was Hausfreunde oft tun in Abwesenheit der
Hausfreundinnen - letztere (die Abwesenheit).
    Der Graf stand einige Zeit hinter Bouverots Sessel und sah in einen innen
mit grotesken Bildern lackierten sinesischen Spiegel und veränderte seine
Stellung so lange, bis er darin Zefisios Gesicht hart neben einem gemalten
Drachen stehen hatte zur blossen Vergleichung; - das alles fiel vor, aber mit
immer stärkern Herzschlägen für Lianen unterbrochen; - - als die Bedienten die
Türen öffneten zu dem Speisesaale; und ihm nun das Herz bis zum Schmerzen pochte
und seine ohnehin so jugendlich-blühende Gestalt ganz voll Rosen der frohen und
verschämten Röte hing.
 
                                   40. Zykel
Schnellatmend und glühend machte er sich in die bunte Wandel-Reihe mit
irgendeiner alten Dame hinein, die ihn eitel missverstand und auf einmal als eine
Armschnalle mit Ressort an seinem Arme hing und die nichts von ihm erhielt als -
Antworten. Mit durchfliegenden Blicken trat er in den hellen, wie aus Licht
kristallisierten Saal voll Köpfe. Er antwortete eben, als er im Tumulte hinter
sich das leise Wort vernahm: »Ich höre ja den Bruder« - und sogleich die leisere
Widerlegung: »Es ist mein Graf.« - Er drehte sich um - zwischen dem Lektor und
der Mutter stand die liebe Liane, der verschämte, erschrockne, blassrote Engel,
im schwarzen Seidenkleide, das nur der blinkende Frühlingsreif einer silbernen
Kette überlief, und mit einem leichten Band im blonden Haar. Die Mutter stellte
sie ihm vor, und die zarte Wange blühte röter auf- denn sie hatte ja die
gleichen Stimmen des Gastes und des Bruders vermengt-, und sie schlug die
schönen Augen nieder, die nichts sehen konnten. Ach Albano, wie zittert dein
Herz so sehr, da die Vergangenheit zur Gegenwart, die Mondnacht zum
Frühlingsmorgen wird und da diese stille Gestalt in der Nähe noch allmächtiger
wirkt als in jedem Traum! - Sie war ihm zu heilig, als dass er vor ihr über die
scheinbare Heilung hätte lügen können; er schwieg lieber; - und so kam der
wärmste Freund ihres Lebens zum ersten Male nur verhüllt und stumm zu ihr.
    Der Lektor führte sie bald weg an ihren Sitz unter dem zweiten Lüster - ihr
gegenüber sass die Mutter (wahrscheinlich darum, damit die gute unwissende
Tochter, die doch nicht immer die Augenlider senken konnte, diese freundlich und
mit Anstand gegen ein geliebtes Wesen heben durfte) - der deutsche Herr, als
Bekannter, setzte sich ohne weiteres zu ihrer Rechten, Augusti, zur Linken -
Zesara als Graf kam oben weit hinauf neben die höchste Dame. - -
    Der Henker hol's! - das ist leider so oft mein eigner Fall! Ich behaupte
oben den Ehrenplatz - und bemerke unten eine Meile von mir die Tochter, aber als
Myop nur halb und kann den ganzen Abend nichts machen. - Rangiert mich doch
ungescheuet hinunter zu ihr - ihr habt mit nichts weniger als einem
aufgeblasenen Manne zu tun - warum sollen denn auf der Erde, wie im Himmel,
gerade die grössten Wandelsterne am weitesten von ihrer Sonne absitzen?
    Ich ziehe jetzt die Leser an des Ministers Tafel, nicht um ihnen die
ministerialische, auf Habsucht eingeimpfte Pracht oder seinen zwischen das
Parallellineal der Etikette eingesperrten Ehrentanz oder auch dessen
Familienwappen zu zeigen, das auf jedem Wärmteller und Salzfass und mit dem Eise
und Senfe herumgegeben wurde - uns sei die Allgegenwart des Wappenwerks auf
seinen Blumentöpfen, Hemden, Bettschirmen, Hunds-Krawatten und Gedanken genug -,
sondern der Leser soll jetzt nur auf meinen Helden sehn.
    Sehr sticht er hervor. Über einen solchen Ankömmling hat man in einer
Residenzstadt noch früher, als er dem Schwager das Trinkgeld gegeben, schon
alles mögliche Licht der Natur und der Offenbarung; 19 Anwesende waren als seine
moralischen Schrittzähler an ihm festgemacht. Die Kühnheit seines Wesens und
sein Rang ersetzten bei ihm die Welt; und diese vermisste man nirgends als darin,
dass er keinen andern Anteil nahm als den stärksten und dass er sich immer in
allgemeine und weltbürgerliche Betrachtungen verlief. Aber seht doch - o ich
wollte, Liane könnt' es sehen -, wie die Rosenglut und das frische Grün seiner
Gesundheit unter den gelben Maroden des Jahrhunderts glänzt denen wie Schiffen
an der afrikanischen Küste der Jugend alles zusammenhaltende Pech abgeflossen
war - und wie ihn das Wangenrot der geistigen Gesundheit, ein zartes, immer
wiederkommendes Erröten (aus Sorge um Lianen), schmückt, indes mehrere Weltleute
am Tische gleich der Baumwolle alle Farben leichter anzunehmen scheinen als die
rote!
    Er schauete und horchte, wider die Ordnung des Visiten-Heils, zu sehr Lianen
zu. Sie ass, unter dem höhern Rote der Furcht, fehlzugreifen, nur wenig, aber
unbefangen; der Lektor sperrte ihr mit leichter Hand den kleinsten Irrweg zu.
Was ihn wunderte, war, dass sie ein so empfindliches und so leicht weinendes Herz
mit einer so unbefangnen Heiterkeit des Angesichts und des Gesprächs bedeckte -
- junger Mann, das ist bei den weichsten Mädchen ohne Schmerzen der Liebe kein
Bedecken und Verstellen, sondern Genuss des Augenblicks und gewohnte
Gefälligkeit! Sie behielt so besonnen die (wahrscheinlich vorher gelernte)
Rangordnung der bekannten Stimmen, dass sie ihre Antwort nie gegen eine falsche
Stelle richtete. Sie blickte aber oft zu ihrer Mutter mit vollen Augen auf und
lächelte dann noch heiterer, aber nicht um zu täuschen, sondern aus rechter
herzlicher Liebe. - Anlangend ihren Salat, so würde die beste und tafelfähigste
Leserin, die ihn mischen sehen, mehrere Gabeln davon nehmen. Ungemein gut liess
es, da sie ernster und röter vor der blauen Himmels-Halbkugel aus Glas die
Handschuhe abzog - mit weissen Händen und mit geschmeidigen Armen ohne eine
seidne Falte zwischen dem gläsernen Blau und seidenem Schwarz im Grünen
arbeitete - bedächtlich nach dem Essig- und Ölgestelle fassete und so viel
zugoss, als ihre Übung (und der verzifferte Rat des Lektors; wenigstens scheint
mirs so) gebot. - - Beim Himmel! das Machen ist hier der Salat; und der eitle
Minister, der sich nicht auf Gemälde verstand, hatte viel Einsichten in Dingen,
die zu Gemälden taugten.
    Die Mutter schien kaum auf die Blätter-Mengerei hinzusehen.
    - - Dem Grafen schien heute die Ministerin nur Welt und keine fromme Strenge
zu haben; aber er kannte noch nicht genug jene hellen Weiber, die Feinheit ohne
Witz, Empfindung ohne Feuer, Klarheit ohne Kälte haben; die von den Schnecken
die Fühlhörner, die Weichheit, die Kälte und den stummen Gang entlehnen und die
mehr Vertrauen verdienen und fordern als erhalten.
    Nun trat Zefisio als ein Engel unter drei Menschen im feurigen Ofen ein,
aber als ein schwarzer. Dem Grafen war dessen Nahesitzen und jedes Wort zu ihr
ohnehin eine Kreuzigung - nur von ihr zu ihm mit dem Blicke zu gehen war schon
ein Jammer, wenig verschieden von dem, den ich haben würde, wenn ich in Dresden
einen Tag im Antiken-Olymp der alten Götter zubrächte und dann bei dem
Herausgehen in ein Refektorium voll geschwollner Mönche oder in ein
Naturalienkabinett voll ausgestopfter Malefikanten-Bälge und einmarinierter
Fötus-Kanker geriete. - Indes wurde er doch dadurch beruhigt - nach meiner
Meinung nur getäuscht -, dass der deutsche Herr nicht neben ihr lyrisch loderte,
noch im Himmel oder ausser sich war, sondern bei sich und ganz gesetzt und sehr
artig. Auf keine Tauben, Graf, - frage die Landwirte - schiessen die Habichte
öfter nieder als auf glänzend-weisse! -
    Der deutsche Herr brachte jetzt eine Tabatiere hervor mit einem niedlichen
Gemälde von Lilar und fragte Lianen, wie es ihr gefalle; ihm gefalle daran das
Sentimentalische vorzüglich.
    Der Lektor erschrak, bog sich dem Dosenstücke entgegen und jagte einige
Urteile voraus, die die Halbblinde in den ihrigen führen sollten; aber nachdem
sie damit ein paarmal schief gegen die Lichter und nahe vor ihren Augen
vorbeigefahren war, konnte sie selber das eigne fällen, dass das von der
halbuntergesunkenen Sonne angestrahlte Kind, das unter dem Triumphbogen eine
Blumenkette in die Höhe zieht, nach ihrem Gefühle »so gar lieblich« sei. Hier
kam - und ich habe denselben Fall an einer halbblinden Frau von mächtiger
Phantasie und offnem Kunstsinne bemerkt - die Anstrengung und der Kunstsinn oder
das geistige Auge dem leiblichen auf halbem Wege entgegen. Die Dose wurde wie
ihr Tabak weiterpräsentiert und stieg hinab zum Kunstrat Fraischdörfer - dem
jetzt die Kunstliebe des neuen Fürsten und die Kunstgelehrsamkeit des Günstlings
neue Kronen aufsetzten -; er rügte nichts als das Blütenweiss: »Der Frühling«
(sagt' er) »ist wegen seines verdriesslichen Weisses ein leeres Monochroma; ich
habe Lilar nur im Herbste besucht.« - »Wir können ja den Nachtigallengesang auch
nicht malen, und hören ihn doch«, sagte Liane heiter; er war ihr Lehrer und
jetzt in der malerischen Technologie sogar ihres Vaters seiner. Über allen ihren
Kenntnissen und innern Früchten und Blüten war die Rose des Schweigens gemalt;
daran hatte sie der gebieterische Vater überhaupt gewöhnt, und vor Männern
besonders; in welchen sie immer kopierte Väter furchtsam ehrte. -
    Als die Landschaft zu Albano kam und er jene Frühlingsnacht verkleinert vor
sich hielt, wo ihm Lilar und der edle Greis so zaubernd erschienen - und da er
berührte, was die liebe Seele angerührt - und da in der seinigen alle Wohllaute
zitterten: so griff wieder der Teufel einen dissonierenden Septimenakkord:
    »Der Fürst, gnädiger Herr,« (sagte der Minister zum deutschen Herrn) »wurde
gestern heimlich beigesetzt; schon in acht Tagen haben wir das öffentliche
Begräbnis. Wir müssen eilen, weil die Suspension der Hoftrauer so lange dauert,
bis die Huldigung am Himmelfahrtstage vorüber ist.« Ich bin zu feurig, mich über
den ewigen Zeremonienmeister Froulay auszulassen, der auf der Sonne
Laternensteuer eingetrieben hätte und Brückenzoll vor Parks- und Eselsbrücken;
aber Albano, von so vielen innern Seiten- und Streiflichtern geblendet -
erinnert an Lianens Trauer über den alten Mann, an seinen Geburtstag, an das
Herz ohne Brust und an den Wahnsinn der Welt -, war nicht imstande, so sehr er
sich vorgesetzt, in Sanftmut und Lammskleidern vor Froulay zu erscheinen,
letztere anzubehalten: sondern er musste (und lauter, als er meinte) gegen seinen
Gegennachbar, den Kirchenrat Schäpe, mit zu grosser Jugend-Ergrimmung (die durch
das nach der Bruderstimme sehnsüchtige Zuhören Lianens nicht kleiner wurde) sich
erklären gegen viel - gegen das ewige tote Vexierleben der Menschen - gegen den
zeremoniellen Hohn einer entseelten Gestalt - gegen dieses Darben an Liebe bloss
aus Vorspiegeln derselben - - ach sein ganzes Herz brannt' auf seiner Lippe....
    Der redliche Schäpe, den ich oben einen Halunken genannt, trat ihm mit
mehreren Mienen bei. - Aber ich gar nicht; Freund Albano! du musst erst noch
lernen, dass die Menschen in Rücksicht der Zeremonien, Moden und Gesetze, gleich
einem Zug Schafe, insgesamt, wofern man nur den Leitammel über einen Stecken
setzen lassen, an der Stelle des Stabes, den man nicht mehr hinhält, noch aus
Vorsicht aufspringen; - und die meisten und höchsten Sprünge im Staate tun wir
ohne den Stecken. Aber ein Jüngling wäre mittelmässig, der das bürgerliche Leben
sehr zeitig lieb hätte; so gewiss auch er und wir alle über die Fehler eines
jeden Amtes zu bitter richten, das wir nicht selber bekleiden.
    Die Gesellschaft hörte schweigend zu und wunderte sich aus Artigkeit nur
innerlich; auf Lianens Gestalt trat weicher Ernst.
    Man stand auf- die Enge verschwand - sein Eifer auch; aber ich weiss nicht,
kam es von der Trunkenheit des Sprechens oder des liebenden Anschauens, oder von
einem jugendlichen Überspringen der Visiten-Zäune - (von Mangel an Lebensart
kams aber nicht her), genug das Faktum ist nicht zu leugnen (und ich tu' auch am
besten, es geradezu zu geben), dass der Graf die arme alte, von ihm hergeführte
Dame - Hafenreffer weiss selber nicht, wie sie heisset - stehen liess und, ich
glaube unbewusst, zum Führen Lianen nahm. - Ach diese! Was soll ich sagen von der
magischen Nähe der geträumten Seele - vom leichten Aufliegen ihrer Hand, das nur
der Arm des innern Menschen, nicht des äussern spürte - von der Kürze des
Himmelsweges, der wenigstens so lang hätte sein sollen als die
Friedrichs-Strasse? - Wahrhaftig er selber sagte nichts - er dachte bloss ans
abscheuliche Inhibitorial-Zimmer, wo ihre Scheidung vorfallen musste er zitterte
unter dem Suchen eines Lauts. »Sie haben wohl« (sagte Liane leicht und offen,
die gern die befreundete Stimme, zumal nach der warmen Rede hörte) »unser Lilar
schon besucht?« »Wahrhaftig nicht, aber Sie?« sagt' er zu verwirrt. - »Ich und
meine Mutter wohnten gern in jedem Frühlinge da.«
    Nun waren sie im Scheide-Zimmer. Leider stand er so mit ihr, die nichts sah,
einige Sekunden fest und sah geradeaus, willens, etwas zu sagen, bis die Mutter
ihn aufweckte, die für ihre von dem ganzen Abend so genährte Liebe eifrig eine
abgetrennte Stunde am Tochterherzen suchte. - Und so war alles vorbei; denn
beide schwanden wie Erscheinungen weg.
    Aber Alban war wie ein Mensch, den ein herrlicher Traum verlässet und der
den ganzen Morgen so innig-selig ist, aber ihn nicht mehr weiss. - Und wie, steht
ihm nicht Lilar offen, und sieht ers nicht gewiss, sobald nur Liane es auch sehen
kann?
    Nie war er sanfter. Der aufmerksame Lektor legte in dieser warmen
fruchtbaren Säezeit einigen guten Samen ein. Er sagte, als sie miteinander noch
in die Mondnacht heraussahn, Albano habe heute fast bloss stachlichte und
sperrige Wahrheiten vorgebracht; die nur erbittern, nicht erleuchten. - Zu einer
andern Zeit hätt' ihn der Graf befragt, ob ers wie Froulay und Bouverot hätte
machen sollen, die einander ganz tolerant Teses und Antiteses vortrugen wie
ein akademischer Respondent und Opponent, die vorher bei einander logische
Wunden und Pflaster von gleicher Länge bestellen; - aber heute war er ihm sehr
gut. Augusti hatte so delikat und liebreich für Mutter und Tochter gesorgt - er
hatte ohne Schwärzen und Schminken viel Gutes, aber nicht hastig gesagt, und man
hatte seinem Auseinandersetzen ruhig zugehört - er hatte weder geschmeichelt
noch beleidigt. Albano versetzte also sanft: »Aber erbittern ist doch besser,
lieber Augusti, als einwiegen. - Und wem soll ich denn die Wahrheit sagen als
denen, die sie nicht haben und nicht glauben? Doch nicht den andern?« - »Man
kann jede sagen,« sagt' er, »aber man kann nicht jede Art und Stimmung, womit
man sie sagt, zur Wahrheit rechnen.«
    »Ach!« sagte Albano und blickte hinauf; unter dem Sternenhimmel stand wie
eine Schutzheilige die Marmor-Madonna des Palastes sanft beglänzt - und er
dachte an ihre Schwester - und an Lilar - und an den Frühling - und an viele
Träume - und dass sein Herz so voll ewiger Liebe sei und dass er doch noch keinen
Freund und keine Freundin habe. -
 
                               Achte Jobelperiode
Le petit lever des Doktor Sphex - Steig nach Lilar - Waldbrücke - der Morgen in
  Arkadien - Chariton - Lianens Brief und Dankpsalm - empfindsame Reisen durch
          einen Garten - das Flötental - über die Realität des Ideals
                                   41. Zykel
Ich bin in voriger Nacht bis gegen Morgen aufgesessen - denn ich kann keinen
fremden Dechiffreur darüberlassen -, um die Jobelperiode bis zum letzten Worte
zu entziffern, so fest hielt mich ihr Reiz; ich hoffe aber, da schon das dünne
Blätterskelett aus Hafenreffers Hand so viel tat, so soll jetzt das Blatt, wenn
ich seine Adern mit Saftfarben und gleissendem Grüne durchziehe, vollends Wunder
tun.
    Mit dem Grafen stand es seit dem letzten Abend betrübt. Denn die duldende
bescheidne Gestalt, die er gesehen, glänzte, wie der Vorsatz einer grossen Tat,
allen Bildern seiner Seele vor, und in seinen Träumen und vor dem Einschlafen
ward ihre holde Stimme die Philomele einer Frühlingsnacht. - dabei hört' er noch
immer von ihr sprechen, besonders den Physikus, der jeden Tag weitere
Fortschritte der Augenkur verkündigte und zuletzt Lianens Abreise nach Lilar
immer näher stellte - (Von einer Geliebten aber hören ist, sei es immer etwas
Gleichgültiges, weit mächtiger als an sie denken) - Er hörte ferner, dass ihr
Bruder sich seit der Ermordung ihrer Augen der ganzen Stadt entzogen, in welcher
er nicht wieder erscheinen will als auf einem sogenannten Freudenpferde bei der
Fürstenleiche - Und um dieses Eden, oder vielmehr um die Schöpferin desselben,
war eine so hohe Gartenmauer gezogen, und er ging um die Mauer und fand kein
Tor.
    Verhassteres kenn' ich nichts als das; aber in welcher Residenzstadt ists
anders? Schrieb' ich jemals einen Roman (wozu es keinen Anschein hat), das
beteur' ich öffentlich, vor nichts würd' ich mich so hüten als vor einer
Residenzstadt und vor einer stiftsfähigen Heldin darin. Denn die Konjunktion der
obern Planeten trägt sich leichter zu als die hoher Amanten. Will Er ein Wort
mit Ihr allein reden am Hofe oder beim Tee oder bei ihrer Familie, so steht der
Hof, die Teegesellschaft, die Familie dabei; will Er Ihr im Park aufstossen, so
reiset Sie, wie die sinesischen Kuriere, doppelt, weil man den Mädchen gern das
Gewissen, wie die Natur alle wichtige Glieder, doppelt gibt, wie gutem Weine
doppelten Boden; - will Er Ihr zufällig wenigstens auf der Gasse begegnen, so
schreitet (wenn diese in Dresden liegt) ein saurer Bedienter hinterdrein als ihr
Pestessig, Seelensorger, curator sexus, chevalier d'honneur, Sokrates-Genius,
Kontradiktor und Pestilenziarius - - Hingegen auf dem Lande läuft (das ist
alles) die Pfarrtochter, weil der Abend so himmlisch ist, um die Pfarrfelder
spazieren, und der Kandidat braucht nun weiter nichts zu tun als Stiefel
anzuziehen. - Wahrlich unter Leuten von Stande scheint der Mantel der
(erotischen) Liebe anfangs ein Doktor Fausts-Mantel zu sein, der alles zu
überfliegen schwört, indes er bloss alles überdeckt; allein am Ende steht einem
das Schreckhorn, der Pilatusberg und die Jungfrau vor der Nase.
    Seliger Held! Am Freitage kam der Lektor und referierte, am Montage werde
der Höchstselige - nämlich dessen leere Särge beigesetzt, und Roquairol reite
das Freudenpferd - und Liane sei fast genesen, denn sie gehe mit der Ministerin
morgen nach Lilar, höchstvermutlich um einigen trüben, mit einem Trauerrande
umfassten Gedenkzetteln und Leichen-Erinnerungen zu entrinnen- und am
Himmelfahrtstage darauf sei Huldigung und Redoute....
    Seliger Held! wiederhol' ich. Denn bisher, was besassest du vom blühenden
Tempe-Tal als die dürre Anhöhe, worauf du standest und in den Zauber
hinuntersahst? -
 
                                   42. Zykel
Am Mai-Sonnabend schwand um 7 Uhr jeder Dunst aus dem Himmel, und die
hell-entweichende Sonne zog einem herrlichen Sonntage entgegen. Albano, der dann
endlich das ungesehene Lilar besuchen wollte, war abends vorher so heilig-froh,
als feiere er den Beichtabend vor dem ersten Abendmahle; - sein Schlaf war ein
stetes Entzücken und Erwachen, und in jedem Traume ging ein betörender
Sonntagsmorgen auf, und die Zukunft wurde das dunkle Vorspiel der Gegenwart.
    Sonntags früh wollt' er fort, als er vor der halben Glastüre des Physikus
vorübermusste: »Herr Graf, auf einen Augenblick!« rief dieser. Da er eintrat,
sagte der Doktor: »Gleich, lieber Herr Graf!« und fuhr fort. - - Den Zeichnern,
die in künftigen Jahrhunderten so aus mir schöpfen wollen wie bisher aus dem
Homer, geb' ich folgende Gruppe des Doktors als einen Schatz: er lag auf der
linken Seite; Galenus bügelte mit einer kleinen Kratzbürste den Rücken des
Vaters, indes neben ihm Boerhaave mit einem weiten Kamme stand und solchen
unaufhörlich steilrecht (nicht schief) durch die Haare führte. Er sagte stets,
er wüsste nichts, was ihn so aufheiterte und öffnete als Bürste und Kamm. Vor dem
Bette stand van Swieten in einem dicken Pelze, den der Züchtling bei warmem
Wetter und schlimmer Aufführung tragen musste, um darin sowohl ausgelacht als
halb gekocht zu werden.
    Zwei Mädchen warteten in voller Sonntagsgala da und gedachten aufs Land zu
einer Pfarrtochter und in die Dorfkirche; diese klopfte er erst von Glied zu
Glied mit dem Hammer des Gesetzes ab. Er stellte seine Kinder, als Gegenfüssler
römischer Beklagter in Lumpen, gern in Manschetten und Quasten und galoniert auf
die Pillory, besonders vor Fremden. Der Graf hatte sich schon längst der roten
Kinder wegen gegen das offne Fenster gekehrt; konnte sich aber doch nicht
entalten, lateinisch zu sagen: »wär' er sein Kind, er hätte sich längst
umgebracht; er kenne nichts mehr Beschämendes, als im Putze gescholten zu
werden.« - »Desto tiefer« (sagte Sphex deutsch) »greift es eben ein« und holte
bei den Mädchen nur noch dieses nach: »Ihr seid ein Paar Gänse und werdet in der
Kirche nur von eurem Lumpenkrame schnattern - warum gebt ihr nicht auf den
Pfarrer acht? Er ist ein Esel, aber für euch Eselinnen predigt er gut genug;
abends sagt ihr mir die Predigt ganz her.«
    »Hier ist ein Laxiertrank, Herr Graf, den ich Sie, da Sie nach Lilar gehen,
der Landbaumeisterin zu geben bitte für ihre kleinen Kröten; aber nehmen Sie es
nicht übel!« - Beim Henker! das sagen gerade die Leute am häufigsten, die sich
nichts übelnehmen. Der Graf- der ihm zu andrer Zeit verachtend den Rücken
zugekehrt hätte - steckt' es errötend und schweigend vor dem Retter seiner Liane
zu sich, auch weil es für die Kinder seines geliebten Dians war, an dessen
Gattin er Grüsse und Nachrichten bringen wollte.
 
                                   43. Zykel
Lilar ist nicht, wie so viele Fürstengärten, ein herausgerissenes Blatt aus
Hirschfeld - ein toter Landschafts-Figurant und Vexier- und Miniaturpark - ein
schon an jedem Hofe aufgesetztes und abgegriffenes Schaugericht von Ruinen,
Wildnissen und Waldhäusern: sondern Lilar ist das Naturspiel und bukolische
Gedicht der romantischen und zuweilen gaukelhaften Phantasie des alten Fürsten.
Wir kommen bald insgesamt hinter dem Helden hinein, aber nur ins Elysium; der
Tartarus ist ganz etwas anders und Lilars zweiter Teil. Die Absonderung der
Kontraste lob' ich noch mehr wie alles; ich wollte schon längst in einen bessern
Garten gehen, als die gewöhnlichen chamäleontischen sind, wo man Sina und
Italien, Lust- und Gebeinhaus, Einsiedelei und Palast, Armut und Reichtum (wie
in den Städten und Herzen der Inhaber) auf einem Teller reicht und wo man den
Tag und die Nacht ohne Aurora, ohne Mitteltinte nebeneinander aufstellt. Lilar
hingegen, wo das Elysium seinen frohen Namen durch verknüpfte Lustlager und
Lustaine rechtfertigt, wie der Tartarus seinen düstern durch einsame überhüllte
Schrecken, das ist mir recht aus der Brust gehoben.
    Aber wo geht jetzt unser Jüngling mit seinen Träumen? - - Noch auf der
romantischen einleitenden Strasse nach Lilar, eigentlich dem ersten Gartenwege
desselben. Er wanderte auf einer belaubten Strasse, die sanft auf Hügel mit
offnen Baumgärten und in gelbblühende Gründe stieg und die wie der Rhein sich
bald durch grünende Felsen voll Efeu drängte, bald fliehende lachende Ufer
hinter den Zweigen auftat. Jetzt wurden die weissen Bänke unter Jesminstauden und
die weissen Landhäuser vielfältiger, er kam näher, und die Nachtigallen und
Kanarienvögel60 Lilars streiften schon hieher, wie Land ansagende Vögel. Der
Morgen wehte frisch durch den Frühling, und das zackige Laub hielt noch seine
leichten äterischen Tropfen fest. Ein Fuhrmann lag schlafend auf seinem
Leiterwagen, den die rechts und links abrupfenden Tiere sicher auf dem glatten
Wege zogen. Albano hörte am stillen Sonntage nicht das Feldgeschrei der
drängenden Arbeit, sondern die Ruhe-Glocken der Türme; im Morgengeläute spricht
die zukünftige, wie im Abendgeläute die vergangene Zeit; und an diesem goldnen
Alter des Tages stand auch eines in seiner frischen Brust.
    Jetzt zuckten gabelschwänzige Rauchschwalben mit der Purpurbrust über das
Himmelblau des wilden Gamanders und kündigten mit ihren Wohnungen unsre an: als
seine Strasse durch ein zerstörtes altes offnes, von fetten dicken Blättern wie
Schuppen behangnes Schloss durchwollte, an dessen Ein- oder Ausgange ein
wegweisender roter Arm sich mit der weissen Aufschrift: »Weg aus dem Tartarus ins
Elysium« gegen eine nahe Waldung ausstreckte.
    Sein Herz fuhr auf bei dieser doppelten Nähe so verschiedener Tage. Mit
weiten Schritten drang er gegen den Elysiums-Wald, den ein breiter Graben
abzuschneiden schien. Aber er kam bald aus dem Buschwerke vor eine grüne Brücke,
die sich in den Bogen der Riesenschlange über den Graben, aber nicht auf die
Erde, sondern in die Gipfel schwang. Sie trug ihn durch die hereinblühende
Wildnis von Eichen-, Tannen-, Silberpappeln-, Frucht- und Linden-Wipfeln. Dann
hob sie ihn hinaus in die freie Gegend, und Lilar warf ihm schon von Osten über
die weite spitzige Gipfel-Saat den Glanz einer hohen Goldkugel entgegen. Die
Brücke senkte sich mit ihm wieder ins duftende dämmernde Geniste, und unter und
neben ihm riefen und flatterten die Kanarienvögel, Singdrosseln, Finken und
Nachtigallen, und die geätzte Brut schlief gedeckt unter der Brücke. Endlich
stieg diese nach einem Bogengange wieder ans Licht - er sah schon die grünende
Bergkuppe mit dem weissen Altar, woran er in einer jugendlichen Nacht gekniet
hatte; und mehr südlich hinter sich die Decke und Scheidewand des Tartarus,
einen hochaufgebäumten Wald - und wie er weitertrat, deckte sich ihm das Elysium
weiter auf - eine Gasse kleiner Häuser mit welschen Dächern voll Bäumchen lachte
den Blick freudig und einheimisch aus der grünen Weltkarte von Tiefen, Hainen,
Bahnen, Seen an - und in Morgen schlossen fünf Triumphtore dem Auge die Wege in
eine weitausgespannte, wie ein grünendes Meer fortwogende Ebene auf, und in
Abend standen ihnen fünf andre mit geöffneten Ländern und Bergen entgegen. -
    So wie Albano die langsam-niederschwebende Brücke herabging, so kamen bald
brennende Springbrunnen, bald rote Beete, bald neue Gärten im grossen entwickelt
hervor, und jeder Tritt schuf das Eden um. Voll Ehrfurcht trat er wie auf einen
geheiligten Boden heraus, auf die geweihte Erde des alten Fürsten und des
frommen Vaters61 und Dians und Lianens; sein wilder Gang wurde wie von einem
Erdbeben umwickelnd gehalten; das reine Paradies schien bloss für Lianens reine
Seele gemacht; und jetzt erst machte ihm die scheue Frage über die
Schicklichkeit seiner hastigen Nachreise und die liebende Furcht, zum ersten
Male ihrem genesenen Auge zu begegnen, den frohen Busen enge.
    Aber wie festlich, wie lebendig ist alles um ihn her! Auf den Wassern, die
durch die Haine glänzen, ziehen Schwanen, in die Büsche schreitet der Fasan,
Rehe blicken hinter ihm neugierig aus dem Walde, über den er gegangen war, und
weisse und schwarze Tauben laufen emsig unter den Toren, und an den Abendhügeln
hängen rufende Schafe neben liegenden Lämmern; sogar der Turteltaube zittert in
irgendeinem verhüllten Tale die Brust vom Languido der Liebe. Er schritt durch
ein langes hochstaudiges Rosenfeld, das die Niederlassung und Pflanzstadt von
Grasmücken und Nachtigallen schien, die aus den Büschen auf die wachsenden
Grasbänke hüpften und vergeblich ausliefen nach Würmchen; und die Lerche zog
oben über diese zweite Welt für die frömmern Tiere und fiel hinter den Toren in
die Saaten nieder.
    Berausche dich immer, guter Jüngling, und kette deine Blumen so ineinander
wie der Knabe, dem du zueilst! - Nämlich oben auf dem welschen Dache, vor dessen
Brustgeländer Silberpappeln von breiten Rebenblättern umgürtet spielen, und das
er in der Frühlingsnacht für eine Laube in Rosen angesehen, stand einkerniger
herübergebückter Knabe, der eine Dotterblumenkette niederliess und dem zu kurzen
grünen Ankerseile immer neue Ringe einsteckte. »Pollux heiss' ich,« (versetzt' er
frisch auf Albans sanfte Frage) »aber meine Schwester heisset Helena62, aber das
Brüderchen heisst Echion.« - »Und dein Vater?« - »Er ist gar nicht da, er ist
weit draussen in Rom; gehe nur hinein zur Mutter Chariton, ich komme gleich.« -
An welchem schönern Tage und Orte, mit welchem schönern Herzen konnt' er in des
geliebten Dians heilige Familie kommen als an diesem Morgen und mit dieser
Brust?
    Er ging ins helle lachende Haus, das voll Fenster und grüner Jalousieladen
war. Als er in die Frühlingsstube eintrat: so fand er Chariton, ein junges,
schmächtiges, fast noch jungfräulichaussehendes Weib von 17 Jahren, mit dem
kleinen Echion an der säugenden Brust, sich wehrend gegen die kränklich-lebhafte
Helena, die, auf einem Stuhle stehend, immer aus dem Fenster eine vielblättrige
Rebenschlinge hereinzog und die Hülle um die Augen der Mutter gürten wollte. Mit
zauberischer Verwirrung, da sie zugleich aufstehen, mit der Linken die belaubten
Fessel ohne Zerreissen abnehmen und den Säugling tiefer verhüllen wollte, trat
sie dem schönen Jünglinge gebückt entgegen, kindlichfreundlich und feurig, aber
unendlich schüchtern, nicht seiner standesmässigen Kleidung wegen, sondern weil
er ein Mann war und so edel aussah, sogar ihrem Griechen ähnlich. Er sagte ihr!
mit einer zauberischen Liebe auf dem kräftigen Angesichte, die sie vielleicht
nie so herrlich gesehen, seinen Namen und den! Dank, den sein Herz ihrem Gatten
aufbewahre, und Nachrichten und Grüsse von diesem. Wie loderte an der furchtsamen
Gestalt das unschuldige Feuer aus den schwarzen Augen! »War denn mein Herr« (so
nannte sie ihren Mann) »sehr gesund und froh?« Und so fing sie jetzt, unbefangen
wie ein Kind, ein langes Verhör bloss über ihren Gatten an.
    Pollux sprang mit seiner langen Kette herein - Alban nahm den Trank vom
Doktor scherzend aus der Tasche und sagte: »Das sollst du einnehmen.« - »Soll
ichs gleich aussaufen, Mutter?« sagte der Heros. Hier erkundigte sie sich ebenso
unbefangen nach dem ausführlichen Rezepte des Doktors und so lange, bis der
kleine Säugling am Busen rebellierte und sie in ein Nebenzimmer über die Wiege
trieb. Sie entschuldigte sich und sagte, der Kleine müsse schlafen, weil sie mit
Lianen spazieren gehe, auf die sie jede Minute aufsehe.
    Kinder lieben kräftige Gesichter; Alban wurde zugleich von Kindern und von
Hunden geschätzt; nur konnte er auf dem kindlichen Spielplatze nie mit der
kleinen springenden Truppe agieren, wenn erwachsene Logen dabei waren.
    »Ich kann sehr viel«, sagte Pollux; - »ich kann auch lesen, Herr!« versetzte
dem Bruder Helena. »Aber doch nur deutsch; ich aber kann lateinische Briefe
prächtig herlesen, du!« erwiderte ihr das junge Männlein und lief in der Stube
nach Lektüre und Leseproben umher, aber umsonst. »Mann! warte ein wenig!« sagte
er und lief die Treppe hinauf in - Lianens Zimmer und holte einen Brief von
Lianen. - -
 
                                   43. Zykel
Albano wusste nicht, dass Liane ordentlich das obere, so blühend beschattete
Zimmer für sich innenhabe, worin sie häufig - zumal wenn die Mutter in der Stadt
zurückblieb - zeichnete, schrieb und las. Die kindliche Chariton, vom
Liebestranke der Freundschaft begeistert, wusste gar nicht, wie sie nur der
schönen liebreichen Freundin ihr Feuer so recht zeigen konnte; ach was war ein
Zimmer! - In dieses immer offne kamen nun die Kinder, die Liane zuweilen lesen
liess; und so konnte jetzt Pollux aus dem einsamen den Bogen holen, den sie an
diesem Morgen geschrieben.
    Als Albano während des Holens so allein im Wohnzimmer des fernen
Jugendfreundes neben dessen stiller, blasser Tochter sass, die bald auf ihn, bald
auf eine ihm noch aus Lianens Morgenzimmer bekannte Spiel-Schäferei hinsah - als
das Morgenwehen durchs kühle Fenster das herrliche Getümmel hereintrieb -
besonders als im lichten Ausschnitte des Fussbodens die sinesischen Schatten des
Wein- und Pappellaubes sich ineinander kräuselten - und als endlich Chariton den
Säugling mit einem eiligern lautern Wiegenliede einsang, das ihm tönte wie ihr
nachhallender Seufzer nach dem schönen Jugendlande: so wurd' ihm das volle, vom
ganzen Morgen angeregte Herz so wunderbar und - besonders durch das wankende
Schattengefecht - fast bis zum Weinen bewegt; und das Kind blickt' ihm immer
bedeutender ins Gesicht.
    Da kam Pollux mit seinen beiden Quartblättern zurück und setzte sich nun
selber auf seine Leseprobe. Schon die erste Seite komponierte zu Albans innern
Liedern die Melodie; aber er erriet weder die Verfasserin noch das Datum des
Briefes, ausser später durch ein hin- und herspringendes Lesen. Die Blätter
gehörten zu vorigen - nicht einmal Streusand bezeugte ihre junge Geburt (denn
Liane war zu höflich, einen zu brauchen) - ferner waren alle Namen anders;
nämlich Julienne, an die sie gerichtet waren, hatte leider, in d'Argensons
bureau décachetage, d.h. am Hofe wohnhaft, verzifferte verlangt, und sie hiess
mitin Elisa, Roquairol Karl und Liane ihre kleine Linda. Linda ist bekanntlich
der Taufname der jungen Gräfin von Romeiro, mit welcher die Prinzessin am Tage
jener für Roquairol so blutigen Redoute ein ewiges Herzens-und
Korrespondenz-Bündnis aufgerichtet hatte; - Liane, vor deren reinen
dichterischen Augen sich jedes edle weibliche Wesen zur Gebenedeieten und
Heroine, der undurchsichtige Edelstein zum durchsichtigen aufhellte und
reinigte, liebte die hohe Gräfin gleichsam mit dem Herzen ihres Bruders und
ihrer Freundin zugleich, und die sanfte Seele nannte sich, ihres Wertes
unbewusst, nur die kleine Linda ihrer Elisa.
    Auch die zarte ausgezogene Handschrift kannte Albano nicht; Julienne liebte
die gallische Sprache bis zu den Lettern, aber Lianens ihre glichen nicht den
gallischen Sudel-Protokollen, sondern der reinlichen geründeten Handschrift der
Briten.
    Hier ist endlich ihr Blatt - - O du holdes Wesen! wie lange hab' ich nach
den ersten Lauten deiner erquickenden Seele gedürstet! -
                                                                 Sonntags-Morgen
- »Aber heute, Elisa, bin ich so innig-froh, und der Abendnebel liegt als eine
Aurora am Himmel. Ich sollte dir wohl das Gestrige gar nicht geben. Ich war zu
bekümmert. Konnt' aber nicht meine liebe Mutter, die doch bloss meinetwegen
hierher gegangen war, dadurch noch kränker werden, so leidlich sie auch eben
deswegen sich gegen mich anstellte? - Und dann kam ja deine Gestalt, Geliebte,
und all dein Schmerz und die harte Nachbarschaft63 und unser letzter Abend hier,
o alles das zog ja so klagend vor mein banges Herz! - Sieh, als wir vor dem
Hause der lieben Chariton hielten und sie meiner Mutter die Hand mit freudigen
Tränen küsste: so war ich so schwach, dass ich auch abgewandte vergoss, aber andre
und über die Frohlockende selber, die ja nicht wissen konnte, ob nicht in dieser
Stunde ihr teurer Freund in Rom erkranke oder untergehe. -
    Nun aber ist der dunkelgraue Nebel auf dem Blumengarten deiner kleinen Linda
ganz verweht, und alle Blüten des Lebens glänzen in ihren reinen hohen Farben
vor ihr. - - Nach Mitternacht wich die Migräne meiner Mutter fast ganz, und sie
schlummerte so süss noch an diesem Morgen. O wie war mir da! - Nach 5 Uhr schon
ging ich in den Garten hinunter und fuhr über den Glanz zusammen, der im Taue
und zwischen den Blättern brannte - die Sonne sah erst unter den Triumphtoren
herein - alle Seen sprühten in einem breiten Feuer - ein glänzender Dampf umfloss
wie ein Heiligenschein den Erdenrand, den der Himmel berührte - und ein hohes
Wehen und Singen strömte durch die Morgenpracht - - -
    Und in diese aufgeschlossene Welt kam ich genesen zurück und so froh; ich
wollte immer rufen: ich habe dich wieder, du helle Sonne, und euch, ihr
lieblichen Blumen, und ihr stolzen Berge, ihr habt euch nicht verändert, und ihr
grünet wieder wie ich, ihr duftenden Bäume! - - In einer unendlichen Seligkeit
schwebt' ich wie verklärt, Elisa, schwach, aber leicht und frei, ich hatte die
drückende Hülle - so war es mir - unter die Erde gelegt und nur das pochende
Herz behalten, und im entzückten Busen flossen warme Tränenquellen gleichsam
über Blumen über und bedeckten sie hell. - -
    Ach Gott, sagt' ich in der grossen Freude schreckhaft, war es denn ein blosser
Schlaf, das unbewegliche Ruhen der Mutter? und ich musste - lächle immer -, eh'
ich weiterging, wieder zu ihr hinauf. Ich schlich atemlos vor das Bette, bog
mich horchend über sie, und die gute Mutter schloss die immer leise schlummernden
Augen langsam auf, sah mich müde, aber liebreich an und tat sie, ohne sich zu
regen, wieder zu und gab mir nur die liebe Hand.
    Nun durft' ich recht selig wieder in meinen Garten gehen; ich brachte aber
der immer heitern Chariton den Morgengruss und sagt' ihr, dass ich auf dem breiten
Wege zum Altare64 bliebe, sollt' ich etwan gesucht werden. - Ach Elisa, wie war
mir dann! Und warum hatt' ich dich nicht an meiner Hand, und warum sah mein
bekümmerter Karl nicht, dass seine Schwester so glücklich war! - Wie nach einem
warmen Regen das Abendrot und das flüssige Sonnenlicht von allen goldgrünen
Hügeln rinnt: so stand ein zitternder Glanz über meinem ganzen Innern und über
meiner Vergangenheit, und überall lagen helle Freudenzähren. Ein süsses Nagen
nahm mein Herz auseinander wie zum Sterben, und alles war mir so nahe und so
lieb! Ich hätte der lispelnden Zitterpappel antworten und den Frühlingslüften
danken mögen, die so kühlend das heisse Auge umwehten! Die Sonne hatte sich
mütterlichwarm auf mein Herz gelegt und pflegte uns alle, die kalte Blume, den
jungen nackten Vogel, den starren Schmetterling und jedes Wesen; ach so soll der
Mensch auch sein, dacht' ich. Und ich ging den Sandweg und schonte das Leben des
armen Gräschens und der liebäugelnden Blume, die ja hauchen und erwachen wie wir
- ich vertrieb die weissen durstigen Schmetterlinge und Tauben nicht, die sich
nebeneinander von der nassen Erdscholle zum Tranke bückten - o ich hätte die
Wellen streicheln mögen- - diese Schöpfung ist ja so kostbar und aus Gottes
Hand, und das noch so klein gestaltete Herz hat ja doch sein Blut und eine
Sehnsucht, und in das Augen-Pünktchen unter dem Blatte kehrt ja doch die ganze
Sonne und ein kleiner Frühling ein. -
    Ich lehnte mich, ein wenig ermattet, unter den ersten Triumphbogen, eh' ich
zum Altare aufstieg; und sah hinaus in die glimmende Landschaft voll Dörfer und
Baumgärten und Hügel; und der flimmernde Tau und das Läuten der Dörfer und das
Glockenspiel der Herden und das Schweben der Vögel über allem füllte mich mit
Ruh' und Licht. Ja, so ruhig und unbekannt und heiter will ich mein eilendes
Leben führen, dacht' ich: redet mir nicht der Trauermantel zu, der vor mir mit
seinen vom Herbste zerrissenen Schwingen doch wieder um seine Blumen flattert;
und mahnet mich nicht der Nachtschmetterling ab, der erkältet an der harten
Statue klebt und sich nicht zu den Blüten des Tages aufschwingen kann? - Darum
will ich nie von meiner Mutter weichen - bleibe nur die teure Elisa auch so
lange bei uns, als ihre kleine Linda lebt, und rufe sie ihre hohe Freundin bald
65, damit ich sie sehe und herzlich liebe!
    Ich stieg den grün-schattigen Berg hinan, aber mit Mühe; die Freude
entkräftet mich so sehr; - denk an mich, Elisa, ich werde einmal an einer grossen
sterben, oder an einem grossen, allzugrossen Weh. Der Schneckenweg zum Altare war
von den Farben des Blütenstaubes gemalt, und droben wanden sich nicht gefärbte
feste, sondern rege brennende Regenbogen durch die Zweige des Berges. Warum
stand ich heute in einem Glanze wie niemals sonst?66 Und als die Morgenluft mich
wie ein Flügel anflatterte und hob und als ich mich tiefer in den blauen Himmel
tauchte, so sagt' ich: nun bist du in Elysium. - Da war mir, als sage eine
Stimme: das ist das irdische, und du bist noch nicht geheiligt für das andre. O
feurig fasst' ich wieder den Entschluss, mich von so manchen Mängeln loszuwickeln
und besonders dem zu schnellen Wahne der Kränkung abzusagen, den ich andern zwar
verhehle, womit ich sie aber doch verletze. Und da betete ich am Altare und
sagte der ewigen Güte Dank und weinte unbewusst vielleicht zu sehr, aber doch
ohne Augenschmerzen.
    Zuletzt schrieb ich das hier beigelegte Dankgedicht, das ich in Verse
bringe, wenn es der fromme Vater guteisset.
                                  Dankgedicht
So schau' ich wieder mit seligen Augen in deine blühende Welt, du Alliebender,
und weine wieder, weil ich glücklich bin? Warum hab' ich denn gezagt? Da ich
unter der Erde ging in der Finsternis wie eine Tote und nur von fern die
Geliebten und den Frühling über mir vernahm: warum war das schwache Herz in
Furcht, es gebe keine Öffnung mehr zum Leben und zum Lichte? - Denn du warst in
der Finsternis bei mir und führtest mich aus der Gruft in deinen Frühling
herauf; und um mich standen deine frohen Kinder und der helle Himmel und alle
meine lächelnden Geliebten! - - O ich will nun fester hoffen; brich immer der
siechen Pflanze üppige Blumen ab, damit die andern voller reifen! Du führest ja
deine Menschen auf einem langen Berge in deinen Himmel und zu dir, und sie gehen
durch die Gewitter des Lebens am Berge nur verschattet, nicht getroffen
hindurch, und nur unser Auge wird nass. - - Aber, wenn ich zu dir komme, wenn der
Tod wieder seine dunkle Wolke auf mich wirft und mich weg von allen Geliebten in
die tiefere Höhle zieht und du mich, Allgütiger, noch einmal freimachst und in
deinen Frühling trägst, in den noch schönern als diesen herrlichen: wird dann
mein schwaches Herz neben deinem Richterstuhle so freudig schlagen wie heute,
und wird die Menschenbrust in deinem äterischen Frühlinge atmen dürfen? O mache
mich rein in diesem irdischen und lasse mich hier leben, als wenn ich schon in
deinem Himmel ginge! - -«
                                       *
Wenn schon euch, ihr Freunde, die duldende reine Gestalt ungesehen lieb und
rührend wird, die sich ergeben freuen kann, dass doch die Wetterwolke nur
Platz-Tropfen und keine check auf sie warf: wie musste sie erst das bewegte
Herz ihres Freundes erschüttern! - Er fühlte eine Heiligung seines ganzen
Wesens; gleichsam als komme die Tugend, in diese Gestalt verkörpert, vom Himmel
nieder, um ihn heiligend anzulächeln, und fliege dann leuchtend zurück und er
folg' ihr begeistert und gehoben nach.
    Er drang eifrig dem Knaben das Zurücktragen der Blätter ab, um ihr und sich,
da sie jede Minute erscheinen konnte, die peinlichste Überraschung zu ersparen;
doch beschloss er fest - was es auch koste -, wahr zu sein und ihr noch heute
sein Lesen zu beichten.
    Der Kleine lief die Treppe hinauf, wieder herab, blieb lange vor der Türe
und kam herein mit - Lianen an der Hand, die weiss gekleidet und schwarz
verschleiert war. Sie sah ein wenig betroffen umher, als sie mit beiden Händen
den Schleier von ihrem freundlichen Gesichte zurückhob, hörte aber Charitons
Wiegenlied. Sie kannt' ihn nicht, bis er sprach; und hier errötete ihr ganzes
schönes Wesen wie eine beleuchtete Landschaft nach dem Abendregen; sie habe die
Freude, sagte sie, seinen Vater zu kennen. Wahrscheinlich kannte sie den Sohn
durch Juliennens und Augustis Malereien noch besser und von verwandtern Seiten;
auch bewegte sich gewiss ihr schwesterliches Herz von seiner Bruderstimme; denn
der Reiz und sogar Vorzug der Ähnlichkeit und Kopie ist so gross, dass sogar
einer, der einem gleichgültigen Wesen ähnlich sieht, uns lieber wird, wie das
Echo eines leeren Rufs, bloss weil hier wie in der nachahmenden Kunst die
Vergangenheit und Abwesenheit eine durch die Phantasie durchscheinende Gegenwart
wird.
    Das immer leisere Einsingen der Mutter sagte das tiefere Einschlummern des
Säuglings an, und endlich verstummte das Diminuendo, und Chariton lief mit
blitzenden Augen der Hand Lianens zu. Eine heitere offne Freundschaft blühte
zwischen den unschuldigen Herzen und verstrickte sie wie der Wein die nahen
Pappeln. Chariton erzählte ihr Albanos Erzählung mit der Voraussetzung der
innigsten Teilnahme; Liane hörte gespannt-aufmerkend der Freundin zu; aber das
war ja so viel, als blicke sie die nahe historische Quelle selber an.
 
                                   44. Zykel
Endlich reisete man in den Garten aus; Pollux blieb ungern und nur auf Lianens
Verheissung, ihm heute wieder ein Pferdstück zu zeichnen, als Schutzheiliger der
Wiege zurück. Alban sagte zur höchsten Freude der Baumeisterin, die nun alles
dem schönen Manne zeigen konnte, er habe noch wenig von Lilar gesehen. Wie
reizend gingen vor ihm die befreundeten Gestalten nebeneinander! Chariton,
wiewohl eine Frau, doch griechisch-schlank, flatterte als die kleinere Schwester
neben der Lilientaille seiner ein wenig längern Liane fort; jene schien, nach
der Einteilung der Landschaftsmaler, die Natur in Bewegung zu sein, Liane die
Natur in Ruhe. Als er wieder neben Liane trat, an deren linken Hand Helena lief
- zur rechten die Mutter -, so fand er ihr weich-niedergehendes Profil
unbeschreiblich-rührend und um den Mund Züge, die der Schmerz zeichnet, die
Narben wiederkehrender Tage; indes das schöne Mädchen in der Sonnenseite des
Vollgesichts wie in ihrem leichten Gespräche eine unbefangene beglückende
Heiterkeit entfaltete, die Albano, der noch an keiner Schultüre eines weiblichen
Philantropins angeklopft, mühsam mit ihrer weinenden Dichtkunst ausglich. O
wenn die weibliche Träne leicht flieht, so entflattert ja noch leichter das
weibliche Lächeln, und dieses ist ja noch öfter als jene nur Schein!
    Er suchte aus Sehnsucht des durstigen Herzens das Händchen der Kleinen zu
fassen, allein sie hing sich mit beiden auf Lianens Linke; entlief aber gleich
und holte drei Irisblumen - wie sie, den Schmetterlingen ähnlich - und teilte
der Mutter eine zu und Lianen mit den Worten zwei: »Gib dem auch eine!« Und
Liane reichte sie ihm freundlich-anschauend mit jenem heiligen Mädchenblicke,
der hell und aufmerksam, aber nicht forschend, kindlich-teilnehmend ohne Geben
und Fordern ist. Gleichwohl senkte sie diese heiligen Augen heute mehrmals
nieder; aber - das zwang sie dazu - auf Zesaras felsigem, obwohl von der Liebe
erweichtem Gesichte ruhte ein physiognomisches Recht des Stärkern, er schien
eine scheue Seele mit hundert Augen anzusehen, und seine beiden wahren loderten
so warm, obwohl ebenso rein, wie das Sonnenauge im Äter.
    Die Irisblumen haben das Sonderbare, dass der eine sie riecht, der andre aber
nicht; nur diesen dreieinigen Menschen taten sich die Kelche gleich weit auf,
und sie erfreueten sich lange über die Gemeinschaft desselben Genusses. Helena
lief voraus und verschwand hinter einem niedrigen Gebüsche; sie erwartete auf
einer Kinderbank neben einem Kindertische lächelnd die Erwachsenen. Der gute
alte Fürst hatte überall für Kinder niedrige Moosbänke, kleine Gartenstühle,
Tischchen und Scherben-Orangerien und dergleichen um die Ruheplätze ihrer Eltern
gestellt; denn er trug diese erquickenden offnen Blumen der Menschheit so nah'
an seinem Herzen! - »Man wünscht so oft,« (sagte Liane) »in der
patriarchalischen Zeit, oder in Arkadien und auf Otaheiti zu leben; die Kinder
sind ja - glauben Sie es nicht? - überall dieselben, und man hat eben an ihnen
das, was die fernste Zeit und die fernste Gegend nur gewähren mag.« - Er glaubt'
es wohl und gern; aber er fragte sich immer: wie wird aus dem toten Meere des
Hofes eine so unbefleckte Aphrodite geboren, wie aus dem salzigen Seewasser
reiner Tau und Regen steigt? - Unter dem Sprechen zog sie zuweilen ein ungemein
holdes - wie soll ichs beziffern - »Hm« nach, das, wiewohl ein
Cour-Donatschnitzer, eine unsägliche Gutmütigkeit verriet; ich schreibe es aber
nicht dazu her, damit den nächsten Sonntag alle Leserinnen diesen
Interpunktionsreiz hören lassen.
    »Das nämliche« (versetzte Albano, aber gutmeinend) »gilt von den Tieren; der
Schwan dort ist wie der im Paradiese.« Sie nahm es ebenso auf, wie ers meinte;
aber die Ursache war der fromme Vater, Spener, ihr Lehrer; denn auf Albans Frage
über Lilars Fülle an schönen sanften Tieren antwortete sie: »Der alte Herr
liebte diese Wesen ordentlich zärtlich, und sie konnten ihn oft bis zu Tränen
bringen. Der fromme Vater denkt auch so; er sagt, da sie alles auf Gottes Geheiss
tun durch den Instinkt, so sei ihm, wenn er die elterliche Sorge für ihre Jungen
sehe, so, als tue der Allgütige alles selber.« Sie stiegen jetzt eine
halbbelaubte Brücke über einen langen, von Pappeln umflatterten Wasserspiegel
hinauf, worin Lianens Ebenbild, nämlich ein Schwan, auf den Wasserringen
schlief, den gebognen Hals schön auf den Rücken geschlungen, den Kopf auf dem
Flügel, und leise mehr von den Lüften gedreht als von den Wellen. »So ruht die
unschuldige Seele!« sagte Albano und dachte wohl an Liane, aber ohne Mut zum
Bekenntnis. »Und so erwacht sie!« setzte bewegt Liane dazu, als diese weisse
vergrösserte Taube den Kopf langsam von dem Flügel aufhob; denn sie dachte an das
heutige Erwachen ihrer Mutter.
    Chariton wandte sich, wie ganz aus hüpfenden Punkten zusammengesetzt, immer
fragend an Liane: »Wollen wir dahin? Oder dortinein? oder hier hinaus? - Wäre
nur mein Herr da! der kennt alles!« - Sie hätte ihn gern um jede Quelle und
Blume herumgeführt; und blickte dem Jünglinge so liebend wie der Freundin ins
Gesicht. - Liane sagte ihr auf dem Kreuzwege an der Brücke: »sie glaube, das
Flötental dort mit der leuchtenden Goldkugel sei vielleicht am schönsten,
besonders für einen Freund der Musik; auch werde man sie da suchen, wenn man
ihrer Mutter die Harfe bringe.« Sie hatte ihr mit dieser zurückzukommen
versprochen. Sie mied alle Steige nach Süden, wo der Tartarus hinter seinem
hohen Vorhange drohte.
    Liane sprach jetzt über den Wettstreit der Malerei und Musik und über
Herders reizenden offiziellen Bericht von diesem Streite; sie, wiewohl eine
Zeichnerin, ergab sich, dem weiblichen und lyrischen Herzen gemäss, ganz den
Tönen, und Albano, obwohl ein guter Klavierist, mehr den Farben. »Diese
herrliche Landschaft« (sagte Albano) »ist ja ein Gemälde und jede menschliche
schöne Gestalt.« - »Wär' ich blind,« (sagte Chariton naiv) »so säh' ich ja meine
schöne Liane nicht.« - Sie versetzte: »Mein Lehrer, der Kunstrat Fraischdörfer,
setzte auch die Malerei über die Musik hinauf. Mir ist aber bei ihr, als hört'
ich eine laute Vergangenheit oder eine laute Zukunft. Die Musik hat etwas
Heiliges, sie kann nichts als das Gute67 malen, verschieden von andern Künsten.«
- Wahrlich sie war selber eine moralische Kirchenmusik, die Engelstimme in der
Orgel; der reine Albano fühlte neben ihr die Notwendigkeit und das Dasein einer
noch zärtern Reinheit; und ihm schien, als könne ein Mann diese Seele, deren
Verstand fast nur ein feineres Fühlen war, verletzen, ohne es selber zu wissen,
wie Fenstergläser von reiner Durchsichtigkeit oft zerstossen werden, weil sie
unsichtbar erscheinen. Er drehte sich, weil er immer um einen Schritt voraus
war, mechanisch um, und nicht nur das blühende Lilar, sondern auch Lianens volle
Gestalt leuchtete ihm auf einmal und neugestaltet in die Seele. - - Nicht sie an
sein Herz zu drücken, war jetzt sein Sehnen, sondern dieses Wesen, das so oft
gelitten, aus jeder Flamme zu reissen, für sie mit dem Schwerte auf ihren Feind
zu stürzen, sie durch die tiefen kalten Höllenflüsse des Lebens mächtig zu
tragen - - das hätte sein Leben erleuchtet.
 
                                   45. Zykel
Sie sahen schon einige nasse Lichter der hohen, oben hereinspringenden Fontänen
des Flötentals hochschweben: als Liane wider Charitons Erwartung beide in einen
unwegsamen Eichenhain mitzugehen bat - sie sah ihn so vergnügt und offenherzig
dabei an und ohne jenen weiblichen Argwohn, missverstanden zu werden! Im düstern
Haine stand ein wilder Fels auf, mit den Worten: »Dem Freunde Zesara«. Die
vorige Fürstin hatte diese erinnernde Alpe Albanos Vater setzen lassen. -
Ergriffen, erschüttert, mit Schmerzen in den Augen stand der Sohn davor und
lehnte sich daran wie an Gaspards Brust und drückte den Arm an den scharfen
Stein hinauf und rief innigst bewegt: »O du guter Vater!« - Seine ganze Jugend -
und Isola bella - und die Zukunft überfielen auf einmal das vom ganzen Morgen
bestürmte Herz, und es konnte sich der zudringenden Tränen nicht länger
erwehren. Chariton wurde ernstaft, Liane lächelte weich fort, aber wie ein
Engel im Gebet. - Wie oft, ihr schönen Seelen, hab' ich in diesem Kapitel mein
ergriffenes Herz bezwingen müssen, das euch anreden und stören wollte! aber ich
will es wieder bezwingen.
    Sie traten schweigend in den Tag zurück. Aber Albanos Wogen fielen nie
schnell, sie dehnten sich in weite Ringe aus. Sein Auge war noch nicht trocken,
als er in das himmlische Tal kam, in diesen Ruheplatz der Wünsche, wo Träume
frei, ohne Schlaf, herumgehen konnten. Chariton - durch den Ernst viel
geschäftiger - war nach einer Augenfrage an Liane, ob sie es solle - nämlich das
Spielenlassen gewisser Maschinen -, voraus hineingeeilt. Sie gingen durch den
weichenden blühenden Schleier; - und Albano erblickte nun vor sich den
jugendlichen Traum von einem bezauberten, mit Düften und Schatten umstrickenden
Zaubertale in Spanien lebendig auf die Erde herausgestellt. An den Bergen
blühten Orangengänge, den Untersatz in die höhere Terrasse versteckt - alles,
was grosse Blüten auf seinen Zweigen trägt, von der Linde bis zur Rebe und zum
Apfelbaume, sog unten am Bache oder bestieg oder bekränzte die zwei langen
Berge, die sich mit ihren Blüten um die Blumen der Tiefe wanden und sich
miteinander bogen, um ein unendliches Tal zu versprechen - schiefgestellte
Fontänen an den Bergen warfen hintereinander silberne Regenbogen über die Bäume
in den Bach - in Osten brannte der Goldglobus neben der Sonne, der letzte
Spiegel ihres sterbenden Abendblicks. - »Habe Dank, du edler Greis!« wiederholte
Albano immer.
    Liane ging mit ihm am westlichen Berge bis zu einer überblühten Bank unter
dem herüberflatternden Bogen, wo man die erste und zweite Krümmung des Tals und
oben in Norden hohe Fichten und hinter ihnen eine Kirchturmspitze und unten eine
Aurikeln-Wiese überschauen kann, indes Chariton auf dem östlichen gegenüber
hinter einer Musen-Statue - denn die neun Musen glänzten aus dem grünen Tempe -
an Gewichten zu winden und auf Springfedern zu drücken schien. »Mein Bruder«
(brach Liane leise das Schweigen und strickte die Arbeit fort, die sie der
Freundin abgenommen) »wünscht recht sehr, Sie zu sehen.« Die nun mit allen
heiligen Kräften aufgewachte Seele Albanos fühlte sich ihr ganz gleich und ohne
Verlegenheit, und er sagte: »Schon in meiner Kindheit hab' ich Ihren Karl wie
einen Bruder geliebt; ich habe noch keinen Freund.« Die bewegten Seelen merkten
nicht, dass der Name Karl aus dem Briefe sei.
    Auf einmal flogen einzelne Flötentöne oben auf den Bergen und aus den Lauben
auf- immer mehrere flogen dazu - sie flatterten schön-verworren durcheinander -
endlich stiegen mächtig auf allen Seiten Flötenchöre wie Engel auf und zogen gen
Himmel - sie riefen es aus, wie süss der Frühling ist und wie die Freude weint
und wie unser Herz sich sehnt, und schwanden oben im blauen Frühlinge - und die
Nachtigallen flogen aus den kühlen Blumen auf die hellen Gipfel und schrien
freudig in die Triumphlieder des Maies - und das Morgenwehen wiegte die hohen
schimmernden Regenbogen hin und her und warf sie weit in die Blumen hinein. - -
    Lianen entsank die Arbeit in den Schoss, und sie schlug nach einer ihr eignen
Weise, indes sie den Kopf wie eine Muse vorsenkte, den Blick empor, ihn in eine
träumerische Weite heftend; ihr blaues Auge schimmerte, wie der blaue wolkenlose
Äter in der lauen Sommernacht blitzend überquillt; - aber des Jünglings Geist
brannte in der Bewegung auf wie das Meer im Sturme. Sie zog den schwarzen
Schleier - gewiss nicht allein gegen Sonne und Luft - herab; und Albano, mit
einer innern Welt auf seiner bewegten Gestalt, spielte - erhaben mit sich selber
kontrastierend - an den Löckchen der hergezogenen Helena und sah ihr mit grossen
Tränen in das blöde kleine Gesicht, das ihn nicht verstand.
    Jetzt eilte die Mutter ins Schweigen herüber und fragte recht freundlich,
wie es ihm gefiele. Seine andern Entzückungen löseten sich in ein Lob der Töne
auf; und die liebe Griechin erhob das, was sie so oft gehört, selber immer
stärker, als wär' es ihr neu, und horchte sehr mit zu.
    - Ein Mädchen mit der Harfe blickte durch das Eingangsgesträuch des Tales
herein, und Liane sah den Wink und stand auf. Indem sie den Schleier heben und
scheiden wollte: so fiel dem grossherzigen Jünglinge sein Bekenntnis ein: »Ich
habe Ihren heutigen Brief gelesen, bei Gott, das muss ich jetzo sagen«, sagt' er.
Sie rückte den Schleier nicht höher und sagte mit zitternder Stimme: »Sie haben
ihn gewiss nicht gelesen, Sie waren wohl nicht in meinem Zimmer« und sah Chariton
an. Er versetzte, ganz hab' er ihn auch nicht, aber doch viel; und erzählte mit
drei Worten eine mildere Geschichte, als Liane ahnen konnte. »Der böse Pollux!«
sagte immer Chariton. - »O Gott, vergeben Sie mir diese Sünde der Unwissenheit!«
sagte Albano; sie hob den dunkeln Schleier auf eine Terzie lang zurück und sagte
hochrot, mit niedergesenktem Blicke - vielleicht durch die Freude über die
Widerlegung der schlimmern Erwartung versöhnt -: »Er gehörte bloss an eine
Freundin - und Sie werden wohl, wenn ich Sie bitte, nichts wieder lesen« - und
unter dem Falle des Schleiers ging das Auge mildernd und vergebend auf, und sie
schied langsam mit ihren Geliebten von ihm.
    O du heilige Seele, liebe meinen Jüngling! - Bist du nicht die erste Liebe
dieses Feuerherzens, der Morgenstern in der dämmernden Frühe seines Lebens, du,
diese Gute, Reine und Zarte! O die erste Liebe des Menschen, die Philomele unter
den Frühlingslauten des Lebens, wird ohnehin immer, weil wir so irren, so hart
vom Schicksale behandelt und immer getötet und begraben; aber wenn nun einmal
zwei gute Seelen im blütenweissen Lebens-Mai - die süssen Frühlingstränen im Busen
tragend - mit den glänzenden Knospen und Hoffnungen einer ganzen Jugend und mit
der ersten unentweihten Sehnsucht und mit dem Erstlinge des Lebens wie des
Jahres, mit dem Vergissmeinnicht der Liebe im Herzen - wenn solche verwandte
Wesen sich begegnen dürften und sich vertrauen und im Wonnemonat den Bund auf
alle Wintermonate der Erdenzeit beschwören und wenn jedes Herz zum andern sagen
könnte: Heil mir, dass ich dich fand in der heiligsten Lebenszeit, eh' ich
geirret hatte; und dass ich sterben kann und habe niemand so geliebt als dich! -
O Liane, o Zesara, so glücklich müssen euere schönen Seelen werden!
    Der Jüngling blieb noch einige Minuten in der um ihn fortarbeitenden
Zauberwelt, deren Töne und Fontänen wie die Wasser und Maschinen in dem einsamen
Bergwerke rauschten; aber am Ende war etwas Gewaltsames im einsamen Forttönen
und Schimmern des Tals, worin er so allein zurückgelassen war. Hastig schritt er
auf dem nähern Wege, und mit Wasseradern beworfen, durch den Lauben-Vorhang und
trat wieder in die freie Morgen-Erde Lilars hinaus. Wie sonderbar! wie fern! wie
verändert war alles! In seine weit offne innere Welt drang die äussere mit vollen
Strömen ein. Er selber war verändert; er konnte nicht in die Eichennacht an das
felsichte Ebenbild des Vaters treten. Als er über die in Zweigen stehende Brücke
war, sah er auf dem breiten silberweissen Gartenwege die sanfte Gesellschaft
langsam gehen, und er pries Lianen selig, die nun an ihr bewegtes Herz das
mütterliche drücken konnte. - Die Kleine drehte sich oft tanzend um und sah ihn
vielleicht, aber niemand wandte sich zurück. Durch die nachgetragne Harfe riss
sich der Morgenwind und führte von den erregten Saiten Töne wie von Äolsharfen
mit sich weiter; und der Jüngling hörte wehmütig dem zurückklingenden Fliehen
wie von Schwanen zu, die über die Länder eilen, indes hinter ihm das leere Tal
einsam in den flötenden Hirtenliedern der Liebe fortsprach und ihn wehende
nachziehende Laute matt und dunkel erreichten. Aber er ging auf den Berg des
Altars zurück; und da er über die helle Gegend schauete und noch die fernen
weissen Gestalten gehen sah, liess er seine ganze schöne Seele weinen - Und hier
schliesse sich der reichste Tag seines jungen Lebens!
    - Aber, ihr guten Menschen, die ihr ein Herz tragt und keines findet, oder
die ihr die geliebten Wesen nur in und nicht an dem Herzen habt, bild' ich nicht
alle diese Gemälde der Wonne, wie die Griechen, gleichsam an den Marmorsärgen
euerer umgelegten schlafenden Vorzeit ab? Bin ich nicht der Archimimus, der vor
euch die zerfallnen Gestalten nachspielt, die euere Seele begrub? Und du,
jüngerer oder ärmerer Mensch, dem die Zeit statt der Vergangenheit erst eine
Zukunft gab, wirst du mir nicht einmal sagen, ich hätte dir manche selige
Gestalten wie heilige Leiber verbergen sollen aus Furcht, du würdest sie
anbeten, und wirst du nicht dazusetzen, du hättest ohne diese Phönix-Bildnisse
leichtere Wünsche genährt und manche erreicht? - Und wie wehe hab' ich dann euch
allen getan! - Aber mir auch; denn wie konnt' es mir besser ergehen als euch
allen?
    Euer Schluss wäre demnach dieser: Da ihr schöne Tage nie so schön erleben
könnt, als sie nachher in der Erinnerung glänzen oder vorher in der Hoffnung: so
verlangtet ihr lieber den Tag ohne beide; und da man nur an den beiden Polen des
elliptischen Gewölbes der Zeit die leisen Sphärenlaute der Musik vernimmt, und
in der Mitte der Gegenwart nichts: so wollt ihr lieber in der Mitte verharren
und aufhorchen, Vergangenheit und Zukunft aber - die beide kein Mensch erleben
kann, weil sie nur zwei verschiedene Dichtungsarten unsers Herzens sind, eine
Ilias und Odyssee, ein verlornes und wiedergefundnes Miltons-Paradies - wollt
ihr gar nicht anhören und heranlassen, um nur taubblind in einer tierischen
Gegenwart zu nisten.
    Bei Gott! Lieber gebt mir das feinste stärkste Gift der Ideale ein, damit
ich meinen Augenblick doch nicht verschnarche, sondern verträume und dann daran
versterbe! - Aber eben das Versterben wäre mein Fehler; denn wer die poetischen
Träume ins Wachen68 tragen will, ist toller als der Nordamerikaner, der die
nächtlichen realisiert; er will wie eine Kleopatra den Glanz der Tauperlen zum
Labetrunk, den Regenbogen der Phantasie zum haltbaren, über Regenwasser
geführten Schwibbogen verbrauchen.
    - Ja, o Gott, du wirst und kannst uns einmal eine Wirklichkeit geben, die
unsre hiesigen Ideale verkörpert und verdoppelt und befriedigt - wie du es uns
ja schon in der hiesigen Liebe bewiesen hast, die uns mit Minuten berauscht, wo
das Innere das Äussere wird und das Ideal die Wirklichkeit - aber dann - nein,
über das Dann des Jenseits hat dieses kleine Jetzt keine Stimme; aber wenn
hienieden, sag' ich, das Dichten Leben würde und unsre Schäferwelt eine
Schäferei und jeder Traum ein Tag: o so würde das unsere Wünsche nur erhöhen,
nicht erfüllen, die höhere Wirklichkeit würde nur eine höhere Dichtkunst gebären
und höhere Erinnerungen und Hoffnungen - in Arkadien würden wir nach Utopien
schmachten, und auf jeder Sonne würden wir einen tiefen Sternenhimmel sich
entfernen sehen, und wir würden - seufzen wie hier! -
 
                              Neunte Jobelperiode
   Lust der Hoftrauer - das Begräbnis - Roquairol - Brief an ihn - die sieben
letzten Worte im Wasser - die Huldigung - Redoute - Puppenredoute - der Kopf in
  der Luft, der Tartarus, die Geisterstimme, der Freund, die Katakombe und die
                              vereinigten Menschen
                                   46. Zykel
Die werdende Liebe ist die stillste; die schattigen Blumen in diesem Frühlinge
meiden, wie die im andern, das Sonnenlicht. Albano spann sich tief in seine
Sonntagsträume ein und zog, so gut er konnte, das grüne Wohn-Blatt der
Wirklichkeit in sein Gespinste; nämlich den Montag, der ihm bei dem
Paradebegräbnisse des Fürsten den Bruder seiner Freundin zeigen sollte.
    Dieses Trauerfest, wo der dritte, aber grösste fürstliche Sarg sollte zur
Ruhe bestattet werden, brach endlich an und war schon durch das Vorfest wichtig
gemacht, wo man die zwei ersten Särge samt dem Greise beigesetzt, wie man etwa
Tugenden schon im Anfange eines Jahrhunderts beerdigt und erst am Ende desselben
ihre leeren Namen, Gehäuse und Franzbände. Am Probe- und Vorbildsbegräbnisse des
Höchstseligen war noch dazu der alte fromme Vater, Spener, sein letzter Freund,
mit in die Gruft hinabgegangen, um sich das hölzerne und zinnerne Gehäuse des
ausgelaufenen Gehwerks öffnen zu lassen und auf die stille Brust des lieben
Schläfers noch dessen Jugend-Porträt und sein eignes mit der umgestürzten
Farbenseite zu decken, ohne zu reden und zu weinen; und der Hof machte viel aus
dieser Morgen- und Abendgabe der Freundschaft.
    Alles schwillt für die Menschen ungeheuer an, wovon sie lange reden müssen -
alle Pestitzer Gesellschaften waren Sterbebeitragsgesellschaften und voll
Leichenmarschalle - jedes Gerüste der benachbarten Zukunft war ein Trauergerüste
und jedes Wort ein Leichensermon oder eine Grabschrift auf den blassen Mann
Sphex als Leibmedikus freuete sich auf seinen Anteil am Leidtragen und Mitziehen
- der Lektor hatte statt der versetzten Winterkleider die Hoftrauer schon an-
und approbiert - der Hofmarschall hatte keine Minute Rast, und der Jüngste Tag,
der die Gräber auf-, aber nicht zumacht, wär' ihm heute schief gekommen - der
Minister von Froulay, den der kalte Luigi willig alles machen liess, war als
Liebhaber alles altfürstlichen Pompes und als Kreisausschreibender Direktor des
gegenwärtigen so gut im Himmel als der Höchstselige - die Weiber waren als
Hochselige aus den Betten gestiegen, weil für diese fleissigen Gewändermalerinnen
eine lange Wesenkette von Röcken und von deren Trägern wohl so schwer wiegt als
für ihre Männer eine gekuppelte Sippschaft von Pferden.
    Albano harrte ungeduldig am Fenster auf Lianens Bruder und liebte den
Unsichtbaren immer heisser; wie zwei Flügel hoben und regten Freundschaft und
Liebe in ihm einander verbunden auf. Die Trauerspule - nämlich der leere Sarg -
war im Tartarus angelegt und wurde allmählich abgespulet, und man konnte das
dunkle Trauerband nun bald bis in die Bergstadt spannen. Schon andertalb
Stunden vor Ankunft des Zuges war der Salpeter der weiblichen Volksmenge an den
Mauern und Fenstern angeschossen. Sara, die Frau des Doktors, kam mit den
Kindern und dem tauben Kadaver in Schoppes Zimmer herauf, dessen zweite Türe in
Albanos seines offen stand, und sagte liebäugelnd zum Grafen hinein: »hier oben
wäre alles besser zu übersehen, und Seine Gnaden würden verzeihen.« - »Bleibt
nur zusammen da und molestiert mir den Herrn Grafen nicht«, sagte sie
zurückgewandt zu den Kindern und wollte ins gräfliche Zimmer, auf dessen
Schwelle sie der von Albano kommende Schoppe auffing und anhielt.
    Sara war nämlich eine jener gemeinen Frauen, die von ihren Reizen mehr
selber hingerissen werden als damit andre hinreissen - sie setzte bloss ihr
Gesicht auf den Sessel und liess es zünden und sengen und brennen, indes sie
ihres Orts (im Vertrauen auf ihren faulen Heinz69 des Gesichts) ruhig und kalt
andre Dinge machte, entweder einfältiges Zeug oder bösen Leumund; und dann, wenn
sie eine Kleidergeissel der Weiber gewesen war, wie Attila eine Göttergeissel der
Völker, so schauete sie auf und besah den Feuerschaden ihres Gesichts in den
männlichen Tabaksschwämmen umher. Besonders auf den reichen schönen Grafen hatte
sie ein Auge - unter der Amors-Binde. Ihr Kopf lag voll guter physiognomischer
Fragmente; und Lavaters Vorwurf, dass die meisten Physiognomisten leider am
ganzen Menschen nichts studierten als das Gesicht, konnte ihren reinen
physiognomischen Sinn niemals treffen.
    Schoppe, leicht erratend, dass bei der Seelen-käuferin der Gang ein Pressgang,
das Weisszeug Jagdzeug, der Shawl eine Schlagwand sei und der Hals ein
Schwanenhals für einen nahen Fuchs, fasste sie auf der Schwelle beider Stuben an
der Hand und fragte sie: »Nehmen Sie auch so viel Anteil an der allgemeinen
Landesfreude und erwünschten Hoftrauer wie ich? Ihre Augen lassen dergleichen
lesen, Frau Landphysikussin.« - »Was für einen Anteil?« sagte die Physika, ganz
dumm gemacht. - »An der Lust der Hofleute, die sich ohnehin wie die Urangutangs
dadurch von den Affen unterscheiden, dass sie selten Freudensprünge tun;
wenigstens trommeln sie wie junge Klavieristen ihre traurigsten und ihre
lustigsten Stückchen ungerührt hintereinander weg. Wenn nur dem Hofstaate nichts
Herbes die Trauer versalzt! -
    Wünschen Sie, dass die Lieben die schwarzen Freudenkleider, worin sie, wie
die Nepoten der in der leuktrischen Schlacht Gebliebnen, dem Jubel eines neuen
Fürsten entgegengehen' umsonst angezogen haben? Wie?« - Unglücklicherweise
versetzte sie spöttisch: »Schwarz ist hierzulande Trauerfarbe, Herr Schoppe.« -
»Schwarz, Frau Doktorin?« (prallt' er staunend zurück) »Schwarz? - Schwarz ist
Reisefarbe und Brautfarbe und Galafarbe und in Rom Fürstenkinderfarbe, und in
Spanien ists ein Reichsgesetz, dass die Hofleute wie in Marokko die Juden70
schwarz erscheinen.
    Pestalozzi, Madame - aber Malz, versteht Er mich denn?« fuhr Schoppe herum
und munterte den Menschen, der seine Trommel anhatte und sie heimlich unter dem
Zuge rühren wollte, um etwas vom gedämpften Leichentrommeln zu vernehmen, zum
Schlegel auf, damit er vom Diskurse profitierte. - »Malz,« sagt' er lauter,
»Pestalozzi bemerkt ganz gut, dass die Grossen unsrer Zeit sich in Gesicht,
Kleidung, Stellung, Bilderdienst, Aberglauben und Liebe zu Scharlatanen den
Asiaten täglich nähern; - es spricht für Pestalozzi, dass sie den Sinesern, die
sich für die Freude schwarz und für die Trauer weiss anziehen, nicht bloss Tempel
und Gärten und Fratzenbilder, sondern auch eben dieses Freudenschwarz abborgen.«
    Unter den Kindern - wovon die unerzognen allein noch nicht ungezogen waren -
hoben sich Boerhaave, Galenus und van Swieten am meisten durch eingelegte Arbeit
und Handzeichnungen, die sie von den Anwesenden mit den Fingern auf ihr
Butterbrot gravierten, und Galenus wies seine satirische Projektion von der
Mama, sagend: »Schau't, was Mama'n für 'ne lange Nas' an'setzt hab'.«
    Der Bibliotekar, der etwas Ähnliches drehte, hielt sie, als sie
hineinwollte, indem er versicherte, er lasse sie nicht, bis sie sich ergebe; die
Trauermarschsäule könne kaum einen Acker lang aus dem Tartarus heraus sein und
geb' ihm Zeit genug. Er fuhr fort:
    »Echte Trauer hingegen, Liebe, macht immer wie der Zorn bunt oder wie der
Schrecken weiss; z.B. die Kreaturen eines toten Papstes trauern violett, der
französische König auch, seine Frau kastanienbraun, der venezianische Senat um
den Doge rot. - Allein Trauer können Sie so gut wie ich keinem Regenten
verstatten; dem Hohenpriester und einem Judenkönige71 war sie ganz verboten;
warum wollen wir der Dienerschaft mehr verstatten als dem Herrn? - Und müsste ein
Landesherr, Beste, der die kostbare Landtrauer zuliesse, nicht offenbar die
abgestellte Privattrauer aufwecken? Und könnt' er, indem er durch sein Exilium,
wie Cicero durch seines72, 20 000 Leute in Trauerhabit steckte, es verantworten,
dass sein letzter Akt ein droit d'Aubaine, eine Beraubung wäre und dass das
Sterbebette, worauf man sonst Bedienten und Armen Kleider vermacht, ihnen welche
auszöge? Nein, Madame, das sieht wenigstens Regenten nicht ähnlich, die sogar
durch ihr Sterben oft, wie Marcion73 von Christi Höllenfahrt behauptete, einen
Kain, Absalon und mehrere alttestamentliche Verdammte aus der Hölle bringen in
den Himmel der neuen Regierung.
    Sie ergeben sich noch nicht, und der Kadaver sieht mich an wie ein Vieh;
aber bedenken Sie das: Perücken- und Zeugmacher haben häufig gekrönte Häupter
angefleht, ihre Produkte zu tragen, damit sie abgingen; - ein Erb- und Kronprinz
zieht sich gleich am ersten frohen Huldigungs- und Regierungstage, wo er den
Vorfahrer absetzt, d.h. begräbt, kohlenschwarz an, weil die schwarze Wolle wenig
taugt und wenig abgeht, und ein solches Exempel beschlägt auf einmal den ganzen
Hofstaat, sogar Vieh, Pauken, Kanzeln schwarz. - Nur noch ein Wort, Liebe;
wahrlich es kommt noch nichts als die Chorschülerschaft. Eben deswegen wird der
fürstliche Leichnam, der leicht die ganze Freude des Leichenbegängnisses stören
könnte, vorher beseitigt und nur ein vakanter Kasten mitgeführt, damit der Zug
keine andere pensées habe als anglaises74 ... - O Traute, das letzte Wort; was
sehen Sie denn am Stall- und Pagenkorps? - Meinetwegen! auch ich freue mich, auf
einmal so viele Menschen und Fürsten mitten unter seinen Kindern so froh zu
sehen.« -
    Aber je länger er die Prozession, dieses schlaffe Gauklerseil, woran man den
leeren, aber figurierten Cypselus-Kasten in die Familiengruft einliess, werden
sah, desto zorniger wurde sein Spott. - Er passete die Hypotese jedem beflorten
Gliede der schwarzen Kette an. - Er lobte es, dass man den Bal masqué der neuen
Regierung mit diesen langsamen Menuettpas eröffne und sich auf den Walzer der
Vermählung und den Grossvatertanz der Huldigung anschicke. - Er sagte, da man
sich und Tieren an Freudentagen gern alles leicht mache, wie daher die Juden am
Schabbes sich und ihr Vieh nichts, nicht einmal die Hühner die angehangnen
Läppchen tragen lassen, so seh' ers gern, dass in den Zeremonienwägen und im
Paradekasten und auf den Klagepferden nichts sässe, ja dass sogar die Schleppen
der Trauermäntel von Pagen und die vier Leichentuchzipfel von vier handfesten
Herren fortgebracht würden. - Nur tadelte er es, dass die Soldateska in der Lust
das Gewehr verkehrt ergriffen und dass gerade die Personen vom höchsten Range,
Luigi, Froulay, Bouverot, da sie vom schnellen Leichentrunke auf einmal ins
Freie kämen, sich wankend müssten auf beiden Seiten führen lassen. - -
 
                                   47. Zykel
In Albano sprach ein andrer Geist als in Schoppe, aber beide begegneten sich
bald. Dem Grafen machten die Nachtgestalten aus Flor, die stillen Trauerfahnen,
der Totenmarsch, der schleichende Krankengang, das Glockengetöse die Totenhäuser
der Erde weit auf, zumal da vor seine blühenden Augen zum ersten Male diese
Totenspiele kamen; aber lauter als alles rief vor ihm etwas - das man kaum
erraten wird - die Scheidungen des Lebens aus, der vom Leichentuche erstickte
Trommelschlag; eine gedämpfte Trommel war ihm ein von allen irdischen Katakomben
gebrochener Widerhall. Er hörte die stummen erwürgten Klagen unsrer Herzen; er
sah höhere Wesen oben herunterschauen auf das dreistündige weinerliche Lustspiel
unsers Lebens, worin das rote Kind des ersten Akts im fünften zum Jubelgreis
ermattet und dann erwachsen und gebückt vor dem herablaufenden Vorhange
verschwindet.
    Wie wir im Frühlinge mehr an Tod, Herbst und Winter denken als im Sommer, so
malet sich auch der feurigste kräftigste Jüngling öfter und heller in seiner
Jahreszeit die dunkle entblätterte vor als der Mann in seiner nähern; denn in
beiden Frühlingen schlagen sich die Flügel des Ideals weit auf und haben nur in
einer Zukunft Raum. Aber vor den Jüngling tritt der Tod in blühender
griechischer Gestalt, vor den müden ältern Menschen in gotischer.
    Mit komischem Humor fing Schoppe gewöhnlich an und endigte mit tragischem;
so führte auch jetzt der leere Trauerkasten, die Flöre der Pferde, die
Wappen-Schabaracken derselben, des Fürsten Verachtung des schwerfälligen
deutschen Zeremoniells und die ganze herzlose Mummerei, alles das führte ihn auf
eine Anhöhe, wohin ihn immer das Anschauen vieler Menschen auf einmal trieb und
wo er mit einer schwer zu malenden Erhebung, Ergrimmung und lachenden Kümmernis
ansah den ewigen, zwingenden, kleinlichen, von Zwecken und Freuden verirrten,
betäubten schweren Wahnsinn des Menschengeschlechts; - und seinen dazu.
    Plötzlich durchbrach die schwarze Kette ein bunter glänzender Ritter,
Roquairol auf dem paradierenden Freudenpferde, und erschütterte unsre zwei
Menschen, und keinen weiter. Ein blasses eingestürztes Angesicht, vom langen
innern Feuer verglaset, von allen Jugendrosen entblösset, aus den Demantgruben
der Augen unter dem schwarzen Augenbraunen-Überhange blitzend, ritt in einer
tragischen Lustigkeit daher, deren Linien-Geäder sich unter den frühen Runzeln
der Leidenschaft verdoppelte. Welch ein Mensch voll verlebten Lebens! - Nur
Hofleute oder sein Vater konnten dieses tragische Frohlocken zu einer
schmeichlerischen Freude über die neue Regierung herabsetzen; aber Albano nahm
ihn ganz in sein Herz hinein und wurde bleich vor inniger Bewegung und sagte:
»Ja, er ists! - O guter Schoppe, er wird gewiss unser Freund, dieser zerrissene
Jüngling. - Wie schmerzlich lacht der Edle über diesen Ernst und über Kronen und
Gräber und alles! Ach er starb ja auch einmal.« - »Daran tut der Reiter recht,«
(sagte Schoppe mit zuckenden Augen und tippte schnell an Albanos Hand und dann
an seinen eignen Kopf) »mir kommt schon der Schädel da als ein enger bonsoir,
als ein Lichttöter vor, den mir der Tod aufgesetzt - wir sind artige, mit Silber
überzogne Figuren, in einem elektrischen Tanze begriffen, und vom Funken
springen wir auf, ich bewege mich zum Glücke doch noch.... und dort schleicht
unser guter Lektor auch daher und zieht seinen langen Flor« - - wobei freilich
Augustis bürgerlich-ernste Stimmung sehr gegen die menschlich-ernste des
Bibliotekars abstach.
    Auf einmal sagte Schoppe vedriesslich über die Rührung: »Welche Maskerade
wegen einer Maske! Lumperei wegen Lumpenpapier! Werft einen Menschen still in
sein Loch und rufet niemand dazu. Ich lobe mir London und Paris, wo man keine
Sturmglocken läutet und die Nachbarschaft rege macht, wenn der Undertaker einen
Eingeschlafnen zu Bette bringt.« - »Nein, nein,« (sagte Zesara, voll Kraft zum
Schmerz) »ich lob' es nicht - wem die heiligen Toten gleichgültig sind, dem
werden es die Lebendigen auch - nein, ich lasse gern mein Herz in eine Träne
nach der andern zerreissen, kann ich nur des lieben Wesens noch gedenken.«
    O wie traf die Nachbarschaft mit seinem Herzen zusammen! In einer Zisterne,
wovor der Sarg des Sarges vorüberging, stand der abgebildete Greis auf einem
Pferde in Bronze und sah unter sich vorübergehen die abgesattelten Trauerpferde
und das berittne Freuden-Ross - ein Taubstummer machte mit seiner Glocke an den
Türen ein bettelndes Geläute, das er wie der Begrabne nicht vernahm - und war
nicht der vergessene Fürst ungesehen und einsamer unter die Erde gelegt als
irgendeiner seiner Untertanen? - O Zesara, dir fiel es aufs Herz, wie leicht der
Mensch vergessen wird, er liege in der Urne oder in der Pyramide - und wie man
unser unsterbliches Ich wie einen Schauspieler für abwesend ansieht, sobald es
nur in der Kulisse steht und nicht auf der Bühne unter den Spielern poltert. - -
    Aber legte nicht der graue Einsiedler Spener dem tiefern Einsiedler eine
doppelte Jugend auf die gesunkne Brust? O zählet nicht in dieser frostigen
Stunde des Gepränges die treue Julienne alle Töne des Leichengeläutes an ihren
Tränen ab, diese arme, durch Krankheit nur vom Zeremoniell, nicht vom Schmerze
befreiete Tochter, die nun den vorletzten, vielleicht den letzten Verwandten
verloren, da ihr Bruder kaum einer ist? - Und wird Liane in ihrem Elysium nicht
das Nachspiel des Schmerzes erraten, das so nahe vor ihr hinter den hohen Bäumen
im Tartarus gegeben wird? Und wenn sie etwas vermutet, o wie wird sie nicht so
innig trauern!
    - Dieses alles hörte der edle Jüngling in seiner Seele an, und er dürstete
heiss nach der Freundschaft des Herzens; - ihm war, als wehe ihre Berg- und
Lebensluft aus der Ewigkeit herab und treibe den Totenstaub weg vom Lebenssteige
und er sehe droben den Genius die umgestürzte Fackel auf den kalten Busen
stellen, nicht um das unsterbliche Leben auszulöschen, sondern um die
unsterbliche Liebe anzuzünden.
    Er konnte nun nicht anders, sondern musste ins Freie gehen und unter dem
fliegenden Getöne des Frühlings und unter dem dumpf-zurückmurmelnden
Totenmarsche die folgenden Worte an Lianens Bruder schreiben, womit er ihm
jugendlich sagte: sei mein Freund!
                                    An Karl
»Fremder! jetzt in der Stunde, wo uns im Totenmeere und in den Tränen die
Siegessäulen und Tronen der Menschen und ihre Brückenpfeiler gebrochen
erscheinen, fragt dich frei ein wahres Herz - und deines antwort' ihm treu und
gern!
    Wurde dir das längste Gebet des Menschen erhört, Fremder, und hast du deinen
Freund? Wachsen deine Wünsche und Nerven und Tage mit seinen zusammen wie die
vier Zedern auf Libanon, die nichts um sich dulden als Adler? Hast du zwei
Herzen und vier Arme, und lebst du zweimal wie unsterblich in der kämpfenden
Welt? - Oder stehst du einsam auf einer frostigen verstummten schmalen
Gletscherspitze und hast keinen Menschen, dem du die Alpen der Schöpfung zeigen
könntest, und der Himmel wölbt sich weit von dir und Klüfte unter dir? Wenn dein
Geburtstag kommt, hast du kein Wesen, das deine Hand schüttelt und dir ins Auge
sieht und sagt: wir bleiben noch fester beisammen? -
    Fremder, wenn du keinen Freund hättest, hast du einen verdient? - Wenn der
Frühling glühte und alle seine Honigkelche öffnete und seinen reinen Himmel und
alle hundert Tore an seinem Paradiese: hast du da schmerzlich aufgeblickt wie
ich und Gott um ein Herz gebeten für deines? - O wenn abends die Sonne einsank
wie ein Berg und ihre Flammen aus der Erde fuhren und nur noch ihr roter Rauch
hinanzog an den silbernen Sternen: sahest du aus der Vorwelt die verbrüderten
Schatten der Freundschaft, die auf Schlachtfeldern wie Gestirne eines
Sternbildes miteinander untergingen, durch die blutigen Wolken als Riesen
ziehen, und dachtest du daran, wie sie sich unvergänglich liebten, und du warst
allein wie ich? - Und, Einsamer, wenn die Nacht, wo der Geist des Menschen, wie
in heissen Ländern, arbeitet und reiset, ihre kalten Sonnen verkettet und
aufdeckt und wenn doch unter allen weiten Bildern des Äters kein geliebtes
teures ist und die Unermesslichkeit dich schmerzlich aufzieht und du auf dem
kalten Erdboden fühlest, dass dein Herz an keine Brust anschlägt als nur an
deine: o Geliebter, weinest du dann und recht innig?
    - Karl, oft zählt' ich am Geburtstage die wachsenden Jahre ab, die Federn im
breiten Flügel der Zeit; und bedachte das Verrauschen der Jugend; da streckt'
ich weit die Hand nach einem Freunde aus, der bei mir im Charons-Nachen, worin
wir geboren werden, stehen bliebe' wenn vor mir die Jahreszeiten des Lebens am
Ufer vorüberlaufen mit Blumen und Blättern und Früchten und wenn auf dem langen
Strome das Menschengeschlecht in tausend Wiegen und Särgen hinunterschiesset.
    Ach nicht das bunte Ufer fliehet vorüber, sondern der Mensch und sein Strom;
ewig blühen die Jahreszeiten in den Gärten des Gestades hinauf und hinab, aber
nur wir rauschen einmal vor den Gärten vorbei und kehren nicht um.
    Aber der Freund geht mit. O wenn du in dieser Stunde der Gaukeleien des
Todes den bleichen Fürsten mit den Jugend-Bildern auf der Brust ansiehst und an
den grauen Freund denkst, der ihn verborgen im Tartarus betrauert: so wird dein
Herz zerfliessen und in sanften warmen Flammen in der Brust umherrinnen und leise
sagen: ich will lieben und dann sterben und dann lieben; o Allmächtiger, zeige
mir die Seele, die sich sehnet wie ich!
    Wenn du das sagst, wenn du so bist, so komm an mein Herz, Fasse meine Hand
und behalte sie, bis sie welkt Ich habe heute deine Gestalt gesehen und auf ihr
die Wunden des Lebens; tritt an mich, ich will neben dir bluten und streiten.
Ich habe dich schon früh gesucht und geliebt. Wie zwei Ströme wollen wir uns
vereinigen und miteinander wachsen und tragen und eintrocknen. Wie Silber im
Schmelzofen rinnen wir mit glühendem Lichte zusammen, und alle Schlacken liegen
ausgestossen um den reinen Schimmer her. Lache dann nicht mehr so grimmig, dass
die Menschen Irrlichter sind; gleich Irrlichtern brennen und fliegen wir fort im
regnenden Sturme der Zeit. - Und dann, wenn die Zeit vorbei ist, finden wir uns
wie heute, und es ist wieder im Frühlinge.
                                                              Albano de Cesara.«
 
                                   48. Zykel
Wie herrlich - eh' dem innern Menschen, wie dem äussern im Alter, alle Pulsadern
zu Knorpeln erstarren und alle Gefässe unbiegsam und erdig werden und das
moralische Herz wie das andre kaum sechzig Schläge in der Minute tut und eh' der
alte scheue Narr sich bei jeder Rührung ein Stück seines Wesens aufhebt, das er
kalt und trocken erhält und das aufpassen soll, wie benetzte Himbeerblätter
stets auf der rauhen Seite trocken bleiben - wie herrlich, sag' ich, tritt
dagegen vor dieser Spionen-Periode ein Jüngling, zumal ein Albano, seine Bahn
daher, wie frei, keck und froh! Und sucht gleich dreist den Freund wie den Feind
und tritt dicht an ihn, um zu kämpfen entweder für ihn oder wider ihn! -
    Damit entschuldige man Albanos feurigen Brief! Den andern Tag erhielt er von
Roquairol diese Antwort:
»Ich bin wie du. Am Himmelfahrtsabende will ich dich suchen unter den Larven.
                                                                          Karl.«
Dem Grafen stieg die Röte der Kränkung über dieses gesuchte Verschieben der
Bekanntschaft ins Gesicht; er wäre - fühlt' er nach einem solchen Laute des
Herzens, ohne ein totes Interim von fünf Tagen und ohne eine Huldigungsredoute
im doppelten Sinne, sofort zum Freunde gegangen und seiner geworden. Jetzt aber
schwor er, ihm nicht weiter entgegenzulaufen, sondern ihn nur zu erwarten. -
Gleichwohl verflatterte bald das gerührte Zürnen, und er bewilligte dem ersten
Blättchen des so lange gesuchten Lieblings immer schönere Milderungen; - Karl
konnte ja z.B. in dieses huldigende Getöse nicht gern die heilige Zeit des
ersten Erkennens mengen wollen - oder die erste selbst-mörderische Redoute
machte ihm jede zur begeisternden Ära eines neuen zweiten Lebens - oder er wusste
wohl gar um Albanos Geburtstag - oder endlich dieser glühende Mensch ging oder
flog seinen eignen Pfad. - -
    Indes machte dessen Blatt, dass sich der Graf sein eignes vorrückte als eine
Sünde gegen seinen - Schoppe; er hielt das Sehnen in der Freundschaft nach der
Freundschaft für Sünde; aber du irrest, schöne Seele! Die Freundschaft hat
Stufen, die am Trone Gottes durch alle Geister hinaufsteigen bis zum
unendlichen; nur die Liebe ist ersättlich und immer dieselbe und wie die
Wahrheit ohne drei Vergleichungsgrade, und ein einziges Wesen füllet ihr Herz.
Auch hatten sich Albano und Schoppe bei einer so gegenseitigen Seelenwanderung
ihrer Ideen und einer so nahen Verwandtschaft ihres Trotzes und Adels weit
lieber, als sie sich zeigten. - Denn da Schoppe überhaupt nichts zeigte, so
konnte man ihn wieder nur mit dem Finger auf der Lippe, aber vielleicht desto
stärker lieben. Albano war ein heissbrennender Hohlspiegel, der seinen Gegenstand
nahe hat und ihn aufgerichtet hinter sich darstellt, Schoppe einer, der ihn
ferne hat und ihn verkehrt in die Luft wirft.
    Abends vor seinem Geburts- und dem Huldigungstage stand Albano einsam am
Fenster und wog seine Vergangenheit - denn ein letzter Tag ist feierlicher als
ein erster; am 31sten Dezember überrechn' ich 365, Tage und deren Fata, am 1sten
Jenner denk' ich an nichts, weil ja die ganze Zukunft durchsichtig ist oder in
fünf Minuten aus sein kann -; er mass, während über sein zu Ende gehendes
zwanzigstes Jahr die Vesperglocke läutete und die Vesperhora in ihm anging, die
Apsidenlinie75 seines moralischen Wesens und sah an den aufgetürmten morgenden
Tag hinauf, der vollhing entweder von Frühlingsregen oder von Hagelkörnern. Noch
nie hatt' er so weich den Kreis geliebter Menschen überschauet oder durch die
offnen Tore der Zukunft geblickt als dasmal.
    Aber die schöne Stunde störte Malz, der mit der Nachricht hereinbrach, der
hinkende Herr sei ins Wasser gesprungen. Aus dem Dachfenster sah man einen
zurückkehrenden Dorf-Leichenzug um die Ufer- gehäuft, wo sich Schoppe
hineingestürzt. Mit fürchterlicher Wildheit - denn Zorn war in Albano der
Nachbar des Schreckens und Schmerzes - riss er den trägen Landphysikus zur Hülfe
mit fort und sogar durch harte drohende Worte; denn Sphex wollte auf einen Wagen
passen, auch mögliche Fälle von zu späten Rettungsanstalten auseinandersetzen
und hatte überhaupt vielleicht die Hoffnung gern, den Bibliotekar auf den
Anatomiertisch als Doktorschmaus der Wissenschaft aufzutragen.
    Der Jüngling rannte mit ihm hinaus - durch Kornfelder unter Tränen - unter
Flüchen - mit geballter, mit ausgespreizter Faust, und immer mehr schwindelte
sein Auge und brannte sein Herz, je näher sie dem dunkeln Zirkel zuliefen.
Endlich konnten sie den Bibliotekar nicht nur sehen, sondern auch - hören;
wohlbehalten drehte er ihnen den kraushaarigen Kopf aus dem Schilfrohre entgegen
und hob zuweilen, weil er das Trauerkondukt haranguierte, feurig den behaarten
Arm über die Wasserpflanzen.
    Freilich wars so:
    Sein Sorites war, solang' er lebte, dieser: »er sei keine Steiss-, sondern
eine Gesichtsgeburt und trage mitin Kopf und Nase hoch und empor76, weil er
müsse - nun kenn' er keine echtere Freiheit als Gesundheit - jede Krankheit
schliesse die Seele krumm, und die Erde sei bloss darum ein allgemeines Stockhaus
und eine la Salpetrière, weil sie ein Quetschhaus77 sei - wer eine Austern-,
Schnecken-, Vipern-Kur gebrauche, sei selber eine schleimige geschlängelte
klebende Viper, Auster, Schnecke, und daher töteten die semperfreien Wilden die
Siechlinge, und die kräftigen Sparter gaben keinem Patienten ein Amt, geschweige
die Krone - besonders sei Stärke vonnöten, um in unsern niedrigen Zeiten
qualifizierte Subjekte auszuprügeln, weil seines Wissens die Faust mit einigem
Inhalte die beste Injurienklage und actio ex lege diffamari sei, die ein Bürger
anstellen könne.«
    Darum badete er Sommer und Winter eiskalt, so wie er eben darum in allem
entaltsam blieb.
    Nun war er bei dem hässlichen Wonnemonatswetter bloss in seinem grauen
Husarenmantel - daheim sein Schlafrock - und mit niedergetretenen Schuhen ans
Wasser gegangen; zu Hause hatt' er sich vorher ordentlich ausgezogen, um am
Gestade sogleich fertig zu sein. Die Trauerkompagnie, die ihn mit seinem
schnellen Schritte am Wasser gehen und endlich alles zurückwerfen und
hineinspringen sah, musste glauben, der Mensch wolle sich ertränken, und rannte
vereinigt seinem Badeorte zu, um ihn nicht zu lassen. »Ersäuf' Er sich nicht!«
schrie die Trauer-Negerei von weitem. Er liess sie erst heran, um mit ihr näher
aus der Sache zu reden: »Ich nehme noch Vernunft an, ob ich gleich schon im
Wasser stehe; aber lasset euch auch bedeuten, lieben Kerstene insgemein, denn so
hiess man zu Karls Zeiten die Christen! Ich bin ein armer Sakramenter und
erinnere mich kaum, wovon ich bisher lebte, so blutwenig wars. Was ich in der
Welt nur anfing, dabei war kein Segen, sondern Krebsgang hinten und vorn. Ich
legte in Wien ein hübsches Magazin von Schnepfendreck an, aber ich setzte nichts
ab, aus Mangel an Schnepfen. Ich griffs am andern Ende an und hausierte in
Karlsbad für grosse Herren, die sonst auf jeden Bettel und Sessel ein Gemälde
setzen, mit hübschen Kupferstichen für den Abtritt, damit sie da statt des
blossen gedruckten Papiers etwas Geschmackvolles hätten zum Verbrauche; behielt
aber die ganze Suite auf dem Halse, weil die Manier zu hart war und nicht
idealisch genug. - In London macht' ich Reden voraus (denn ich bin ein
Gelehrter) für Menschen, die gehangen werden und doch noch etwas sagen wollen;
ich trug sie den reichsten Parlamentsrednern und selber Spitzbuben von
Buchhändlern an, hätte aber die Reden beinah selber gebraucht. - Ich hätte mich
gern vom Vomieren genährt78, aber dazu gehört Fond. - Ich suchte einmal bei
einem gräflichen Regimente als Notenpult unterzukommen, weils bei der
Wachtparade dumm aussieht, dass jeder einen musikalischen Lappen auf der Schulter
hängen hat, den der andre vom Blatte spielt; ich wollte für ein weniges alle
Musikalien an mir tragen und mit den Noten vor ihnen stehen, aber der
Premier-Leutnant (er sitzt zugleich in der Regierung und Kammer) glaubte, die
Pfeifer würden lachen, wenn sie bliesen. So ging mirs von jeher, teuere
Kerstene; aber trabt nicht auf meinem teuren Mantel herum! Zum Unglück schritt
ich gar in die Ehe mit einer mit eingeschmolzenen Siegeln79 ausgestatteten
Wienerin, namens Praenumerantia Elementaria Philantropia80- ihr wisset nicht,
was es zu deutsch heisst -, einem wahren Höllenbesen, der mich wie einen
Parforcehirschen hier ins Schilfrohr hereingehetzt. Kerstene, ich blamiere mich
im Wasser, wenn ich mit unserm Wehestande ganz herausgehe; kurz meine
Philantropia war vor der Ehe wie die Stacheln eines neugebornen Igels weich,
aber in der Ehe, als das Laub herunter war, sah ich wie auf Bäumen im Winter ein
Raben-und Teufels-Nest nach dem andern. Sie zog sich stets so lange an, bis sie
sich wieder ausziehen musste - wenn ein Fehler an mir oder den Kindern gehoben
war, zankte sie noch ein wenig fort, wie man sich noch fort erbricht, wenn das
emeticum und alles schon heraus ist- sie gönnte mir wenig, und hätt' ich ein
Fontanell gehabt, sie hätte mir die frische Erbse vorgerückt, die ich jeden Tag
hätte hineinlegen müssen - kurz wir wollten beide verschieden hinaus, der
Rungnagel der Liebe war ausgezogen, und ich fuhr mit den Vorderrädern ins Wasser
herein, und meine Praenumerantia hält mit den Hinterrädern zu Hause. - Seht,
meine Weiber, darum tu' ich mir mein Leid an - der Atzmann81 hätte mich ohnehin
bei der Kehle gegriffen -; spiegelt euch aber! Denn wenn ein Mann, der ein
Gelehrter ist und darum, wie ihr von Fichten noch wisset, als angestellter
Aufseher, Lehrherr und Mentor des Menschengeschlechts herumgeht, vor seiner Frau
ins Wasser springt und seine Ephorie und Hofmeisterstelle fahren lässet: so
könnt ihr schliessen, wozu eure Männer, die sich mit mir gar nicht messen dürfen
in der Gelehrsamkeit, kapabel sind, falls ihr solche Pränumerantien,
Elementarien und Philantropien seid, wie ihr leider das Ansehen habt. - - Aber«
(beschloss er plötzlich, da er Albano und den Doktor sah) »schert euch fort, ich
will ersaufen!« -
    »Ach lieber Schoppe!« sagte Albano - Schoppe errötete über die Lage - »Es
will ein Hanswurst sein«, sagte das weichende Leichen-Kondukt - »Was ist denn
das für eine Kinderei?« fragte Sphex, nachzürnend über Albanos vorige Heftigkeit
und über den anatomischen Fehlschuss, und nahm sich Genugtuung durch die
Erzählung von dessen Toben. Schoppe erkannte, wie herzlich ihn der edle Jüngling
liebe, und er wollte nichts sagen, weil er sich schämte, aber er schwur sich,
ihn nächstens (nach seinem auch im stummen Denken bizarren Ausdrucke) in seine
Brustöhle einzulassen und ihm darin ein ganzes wildes Herz voll Liebe hängend
zu weisen.
 
                                   49. Zykel
Der blaue Tag, wo eine Himmelfahrt, eine Huldigung und ein Geburtstag gefeiert
wurde, stand schon über Pestitz nach abgelegter Morgenröte - zwei Pferde waren
schon die Vorläufer von vieren, der niedrige Kutschbock vom höchsten - der
Landadel ging schon unbequem-frisiert in die Wirtsstuben herab und kränkte sich
über das gestohlne schönste Wetter zur Birkhahn-Falz, und der Stadtadel sprach
noch ungepudert über den Tag, aber ohne wahren Ernst - der Hof-Mikrometer82, der
Hofmarschall, war von allen seinen Furiers umgeben - die Hof-Passage-instrumente
83, die Hofleute, hatten statt ihres halben Feiertages, wo sie nur nachmittags
fronen, einen ganzen Werkeltag und standen schon am Waschtische - der
Huldigungsprediger Schäpe glaubte fast alles von seiner Rede, weil er sie zu oft
gelesen, und die Nähe der Publikation flösste ihm Rührung ein - kein Domino für
den Abend war mehr zu haben, ausser bei den Juden - - als ein Mann vor der
Haustüre des Doktors abstieg, ders unter allen mit der Huldigung am redlichsten
und wärmsten meinte, der Direktor Wehrfritz. Es war ein Sohn und ein Vater
einander in den Armen, ein feuriger Jüngling und ein feuriger Mann. Albano
schien ihm nicht mehr der Alte zu sein, sondern noch - wärmer als sonst. Er
brachte von »seinen Weibern«, wie er sie nannte, glückwünschende Briefe und
Angebinde für den Geburtstag mit; er selber machte nicht viel aus dem Tage oder
vergass ihn, und Albano hatt' ihn nur nach dem Erwachen ein wenig gefeiert. Diese
Feste gehören mehr weiblichen Wesen an, die gern mit Zeiten liebend und gebend
tändeln.
    Der Titularbibliotekar marschierte auf ein Dorf, namens Klosterdorf,
hinaus, wo der Schulz mit seiner Familie nach einer alten Sitte den Fürsten mit
der seinigen nachmachen und so als Kommissionär die Huldigung des benachbarten
Umkreises eintreiben musste; diese, sagte Schoppe, lass' er sich noch gefallen,
aber die andre wirke zu fatal auf seine Eingeweide. Der vom heutigen Tage
geblendete und mit einer Amtsrede vorn an die Ritterschaft postierte Direktor
biss sich mit Schoppe herum: »Die Kammer und der Hof«, sagt' er, »sind freilich
von jeher, wie sie sind; aber die Fürsten, lieber Herr, sind gut, sie werden
selber ausgesogen, und dann scheinen sie auszusaugen.« - »Wie etwan«, versetzte
Schoppe, »die Leichen-Vampyren nur Blut von sich geben, indes sie es zu nehmen
scheinen; aber das bring' ich dadurch wieder ein, dass ich den Regenten ausser den
fremden Sünden auch fremde Verdienste, Siege und Opfer ganz beimesse; hier sind
sie die Pelikane, die ein Blut für ihre Kinder vergiessen, das wirklich ihr
eignes zu sein scheint von weitem.«
    Alle gingen; Schoppe aufs Land; Wehrfritz in die Kirche mit der Prozession;
Albano in eine Zuschauer-Loge am Huldigungssaale; denn er wollte auf keine Weise
in die Schleppe des Fürsten eingestickt sein, nicht einmal als Besatz. Das
Prunk-Getümmel rauschte bald in den Saal zurück. - Die Ritterschaft, die
Geistlichkeit und die Städte bestiegen die Schwurbühne. - Im Schlosshofe stand
ein Fuss auf dem andern, und eine Nadel konnte zwar zur Erde kommen, aber kein
Mensch, um sie aufzuheben; jeder sah auf den Balkon herauf und fluchte früher,
als er schwur. Der Fürst blieb auch nicht weg - der Tron, dieser graduierte und
paraphrasierte Fürstenstuhl, stand offen, und Fraischdörfer hatt' ihn mit
schönen mytologischen und heraldischen Verkröpfungen und Aussenwerken dekoriert.
    Dem Grafen gegenüber blühten die Hofdamen und darunter eine Rose und eine
Lilie, Julienne und Liane. - - Wie man das Auge von der frostigen starren
Wintergegend zum blauen wehenden Himmel aufhebt, der unsre Frühlingsabende ansah
und worin die leichten Sommerwolken gingen und der Regenbogen stand: so blickte
er über das glänzende Schneelicht des Hofes zur lieblichen Grazie des Lenzes
hin, um welche Erinnerungen wie Blumen hingen, und die nun so fern stand, so
abgetrennt, so eingekerkert in den schweren Putz des Hofes! Nur durch die nahe
Freundin wurde sie leise mit der grellen Gegenwart verschmolzen und versöhnt. -
    Nun fingen schöne Amtsreden an, die längste hielt der alte Minister, die
kürzeste Wehrfritz; der Fürst liess an seinem Dezember-Gesicht, ohne aufzutauen,
die warmen Lobreden vorüberstreichen; eine fehlerhafte Gleichgültigkeit! Denn
das Lob vom Minister wie von andern Hof-Bedienten kann ihm noch bei der Nachwelt
helfen, da nach Bako keines gültiger ist als das, so Bediente geben, weil sie ja
den Herrn am besten kennen.
    Dann las der Obersekretär Heiderscheid Luigis Stammtafel ab und beleuchtete
den hohlen Stammbaum samt seiner Baumtrocknis und dem letzten blassgrünen
Ästchen; - mit gesunknen Augen hörte Julienne dieses unter dem Vivat des Volks
an, und Albano, nie von einem Gedanken allein bezwungen, sah ihre Augen und
konnte, so hart auch der Regent zuhörte, sich des Leichengemäldes nicht
erwehren, wie einmal, d.h. sehr bald, dieser erloschne Mensch den Namen seines
ganzen Stammes in die Gruft nachziehen werde; er sah das Wappen verkehrt
einhauen und den Schild verkehrt aufhängen und hörte die Schaufeln, die den Helm
zerstiessen und dem Sarge nachwarfen. - - Düstre Idee! die weiche Schwester hätte
gewiss geweint, wäre sie nur allein gewesen!
    Zuletzt kam die Reihe auch an die, an welche sie nie zuerst kommt, ob sie
gleich die einzigen sind, die es mit solchen Zeremonien herzlich meinen;
Heiderscheid trat auf den Balkon und liess die wimmelnde laute Menge die
Vorderfinger und den Daum ausstrecken und den Eid nachsagen. Diese immer
bezauberte jauchzete Vivat - in den geblendeten Augen funkelte die Zuversicht
einer bessern Regierung und die Liebe für einen Ungekannten. - Der Graf, den
ohnehin eine Menge feurig, so wie Schoppen trübe machte, glühte begeistert von
Bruderliebe und Tatendurst; er sah die Fürsten wie Allmächtige auf ihren Höhen
walten und sah die blühenden Landschaften und die heitern Städte eines weise
regierten Landes aufgedeckt - er stellte es sich vor, wie er, wär' er ein Fürst,
mit dem schlagenden Funken aus der Zepterspitze in Millionen verknüpfter Herzen
auf einmal belebend und erschütternd strahlen könnte, indes er jetzt so mühsam
einige nächste entzünde - er sah seinen Tron als einen Berg in Morgenlicht, der
schiffbare Ströme statt der Lava in die Länder herabgiesset und die Stürme bricht
und um dessen Fuss Ernten und Feste rauschen - er dachte sichs, wie weit er von
einer so hohen Stelle das Licht umherstreuen könnte, gleichsam ein Mond, der
nicht die Sonne am Tage verbauet, sondern ihr fernes Licht aus seiner Höhe der
Nacht zuwirft - und wie er die Freiheit, statt sie nur zu verteidigen,
erschaffen und erziehen und ein Regent sein wollte, um Selbstregenten84 zu
bilden; »aber warum bin ich keiner?« sagt' er traurig.
    Edler Jüngling! geben denn dir deine Rittergüter keine Untertanen? - Aber
ebenso glaubt der kleinere Fürst, ein Herzogtum wollt' er ganz anders regieren,
und der höhere glaubt es von einem Königreiche und der höchste von der
Universalmonarchie.
    Indes zogen sich den ganzen sonderbaren unruhigen Tag wilde
Jünglings-Perspektiven vor ihm hin und her, und die alte Geisterstimme, der er
heute entgegenging, wiederholte in ihm den dunkeln Zuruf: Nimm die Krone! -
Wehrfritz kam abends mit rotem Gesichte vom feurigen Huldigungsmahle zurück, und
Albano nahm von ihm einen bewegten Abschied, gleichsam von der Ebbe und
Windstille des Lebens, von der kindlichen Jugend; denn heute tritt er tiefer in
die Wellen desselben. Schoppe kam zurück und wollte ihn vor das Loch seines
Guckkastens haben, worin er die Vikariats-Huldigung in Klosterdorf in komischen
Bildern vorbeischob; aber diese stachen zu hart mit höhern ab und machten wenig
Glück.
    Nachts legte Albano seine schöne ernste Charaktermaske an, die eines
Tempelherrn - zu einer komischen war seine Gestalt und fast seine Gesinnung zu
gross -; die letztere wurde noch feierlicher durch dieses Totenkleid eines ganzen
ermordeten Ritterordens. Nachdem er sich noch einmal die schauerlichen Gänge des
Tartarus und die Begräbnisstätte des Fürstenherzens wegen des nächtlichen
Verirrens beschreiben lassen: so ging er um 10 Uhr fort mit einer
hochschlagenden Brust, welche die Nachtlarven der Phantasie und die Freundschaft
und die Liebe und die ganze Zukunft vereinigt aufregten.
 
                                   50. Zykel
Albano trat zum ersten Male in die verkehrte Marionettenwelt einer Redoute wie
in ein tanzendes Totenreich. Die schwarzen Gestalten - die aufgeschljetzten
Larven - die darhinter wie aus der Nacht blickenden fremden Augen, die wie an
jenem zerstäubten Sultan im Sarge allein lebendig blieben - die Vermischung und
Nachäffung aller Stände - das Fliehen und Ringrennen des klingenden Tanzes und
seine eigne Einsiedelei unter der Larve, das versetzte ihn mit seiner
shakespeareschen Stimmung in eine Zauber- und Geister-Insel voll Gaukeleien,
Schattenbilder und Verwandlung. Ach das ist das Blutgerüste, dacht' er zuerst,
wo der Bruder deiner Liane sein junges Leben wie ein Trauergewand zerriss; und er
sah bange umher, als fürcht' er, Roquairol versuche wieder den Tod.
    Unter den Masken fand er keine, worunter er ihn vermuten konnte; - diese
geistlose Vetterschaft von stehenden Rollen, die Läufer, die Fleischer, die
Mohren, die Altvordern etc., diese konnten keinen Geliebten Albanos verbergen.
Einsam und umherblickend schritt er hinter den Reihen der Anglaise auf und ab;
und mehr als zehn Augen, die gegenüber in der ringförmigen Finsternis der
Spitzenmaske blitzten - denn die Weiber lieben aus Offenherzigkeit die Masken
nicht, sondern zeigen sich gern -, folgten der kräftig und geschmeidig gebaueten
Gestalt, die mit dem kühnen Helme und Federbusche, mit dem bekreuzten weissen
Mantel und dem Panzerglanze auf der Brust einen Ritter aus der heroischen Zeit
zu bringen schien.
    Endlich ging eine verlarvte Dame, die zwischen unverlarvten plauderte, mit
grossen Schritten und Füssen auf ihn zu und fasste keck wie zum Tanze seine Hand.
Er war äusserst verlegen über die Kühnheit der Aufforderung und über die Wahl der
Antwort; gerade die Tapferkeit ist gern mit Galanterie vermählt, wie die
Damaszener Waffe ausser der Härte noch einen ewigen parfümierten Geruch besitzt;
- aber die Dame schrieb nur die Frage nach seinem Namen - v. C.? - in die Hand;
und nach dem Ja sagte die reizende leise: »Kennen Sie mich nicht mehr? - den
Exerzitienmeister von Falterle?« Albano bezeugte, ungeachtet seines Widerwillens
gegen die Rolle, eine wahre Freude über den Fund eines Jugend-Genossen. Er
fragte, welche Maske der Oberst Roquairol sei; Falterle versicherte, er sei noch
nicht da.
    Nun gingen - da die Läufer, die Fleischer, Falterle u.s.w. nur die
Schneeglöckchen dieses Redoutenfrühlings waren - schon bessere Blumen, Veilchen,
Vergissmeinnicht und Primeln, auf oder herein. Für ein solches Vergissmeinnicht
seh' ich einen hereinkommenden, hinten und vornen ausgewachsenen und wie ein
Brennglas konvexen Kerl an, der bald das Hintergebäude öffnete und Konfekt aus
dem Buckel ausschüttete, und dann das Vordergebäude und Bratwürste gebar.
Hafenreffer aber schreibt, die Invention sei schon einmal auf einer Wiener
Redoute gewesen. Dann kam eine Gesellschaft deutscher - Spielkarten, die sich
selber mischten und ausspielten und stachen; ein schönes Sinnbild des Ateismus,
das ihn ganz ohne das Ungereimte darstellt, womit man ihn so gern beschmjetzte! -
Herr von Augusti erschien auch, aber im einfachen Kleide und Domino; er wurde
(dem Grafen unbegreiflich) sehr bald der Polarstern der Tänzer und der
regierende kartesianische Wirbel der Tanzschule.
    Mit welchem elenden schwarzen Kommiss- und Bettelbrote von Freude - dachte
Albano, dem den ganzen Tag seine Träume, diese Tauben Jupiters, Götterbrot
zutrugen - kommen diese Menschen aus - Und wie kahl und fahl ist ihr Feuer, ihre
Phantasie und Sprache (dacht' er dazu), ein wahres Leben unten in einer finstern
Gletscherspalte! Denn er glaubte, jeder müsse so angespannt und glühend sprechen
und fühlen wie er.
    Jetzt kam ein hinkender Mann mit einem grossen Glaskasten auf dem Bauche; -
freilich war der Bibliotekar leicht zu kennen; er hatte - entweder weil er zu
spät nach einem Domino schickte oder keinen bezahlen wollte - vom
Leichenmäntel-Verleiher etwas Schwarzes an und war von der Achsel bis auf das
Schienbein mit greulichen Masken besetzt, die er mit vielen Fingerzeigen
meistens den Leuten antrug, die hinter entgegengesetzten agierten, z.B.
langnasigen kurznasige. Er wartete auf den Anfang einer Hopsanglaise, deren
Noten gerade auf der Spielwalze seines Kastens standen; dann fing er auch an; er
hatte darin eine treffliche, von Bestelmaier gehobelte Puppen-Redoute und liess
nun die kleinen Larven hopsen parallel mit den grossen. Es war ihm um
vergleichende Anatomie beider Maskeraden zu tun, und der Parallelismus war
betrübt. dabei hatt' ers noch mit Beiwerken aufgeputzt - kleine Stummen
schwenkten im Kasten ihr Glöcklein - ein ziemlich erwachsenes Kind schüttelte
die Wiege eines unbelebten Püppchens, womit das Närrchen noch spielte - ein
Mechanikus arbeitete an seiner Sprachmaschine, durch welche er der Welt zeigen
wollte, wie weit blosser Mechanismus dem Leben der Puppen nachkommen könne - eine
lebendige weisse Maus85 sprang an einem Kettchen und hätte viele vom Klub
umgeworfen, falls sie es zerrissen hätte - ein lebendiger eingesargter Star,
eine wahre erste griechische Komödie und Lästerschule im kleinen, verübte an der
Tanzgesellschaft den Zungentotschlag ganz frei und distinguierte nicht - eine
Spiegelwand ahmte die lebendigen Szenen des Kastens täuschend nach, so dass jeder
die Bilder für wahre Puppen nahm. - -
    Auf Albano traf die Schneide dieses kosmisch-tragischen Dolches senkrecht
genug, da ihm ohnehin das hüpfende Wachs- figurenkabinett der grossen Redoute die
Einsamkeit des Menschen zu verdoppeln und zwei Ichs durch vier Gesichter zu
trennen schien; aber Schoppe ging weiter.
    In seinem Glasschranke stand eine Pharaobank und daneben ein Männchen, das
den verlarvten Bankier in schwarzes Papier ausschnitt, aber dem deutschen Herrn
ähnlich; diese Schilderei trug er ins Spielzimmer, wo eine bankhaltende Maske -
ganz gewiss Zefisio - ihn hören und sehen musste. Der Bankier sah ihn einigemal
fragend an. Dasselbe tat eine ganz schwarz gekleidete Maske mit einer sterbenden
Larve, die das hippokratische Gesicht vorstellte86. Albano sah feurig nach ihr,
weil ihm vorkam, es könne Roquairol sein, denn sie hatte dessen Wuchs und
Fackelauge. Die bleiche Larve verlor viel und verdoppelte immer den Verlust;
dabei trank sie aus einem Federkiele unmässig Champagner-Wein. Der Lektor kam
dazu; Schoppe spielte vor den zulaufenden Augen weiter; die bleiche Larve sah
unverrückt und strenge den Grafen an. Schoppe nahm vor Bouverot seine eigne
herab - aber eine Unterzieh-Maske sass darunter - er zog diese aus - eine
Unterzieh-Maske der Unterzieh-Maske erschien - er triebs fort bis zur fünften
Potenz - endlich fuhr sein eignes höckeriges Gesicht hervor, aber mit
Goldschlägergold bronziert und sich gegen Bouverot fast fürchterlich-gleissend
und lächelnd verziehend.
    Die bleiche Larve selber schien zu stutzen und eilte mit weiten Schritten
weg in den Tanzsaal; sie warf sich wild in den wildesten Tanz. Auch das bewährte
Albanos Vermutung, so wie ihr grosser trotzender Hut, der ihm eine Krone schien,
weil er an dem männlichen Anzuge nichts höher schätzte als Pelz, Mantel und Hut.
    Immer mehrere Finger zogen die Lettern v. C. in seine Hand, und er nickte
unbekümmert. Die Zeit umgab ihn mit vielfachen Dramas, und überall stand er
zwischen Teater-Vorhängen. Als er mit dem unruhigen Kopfe und Herzen ins
Bogenfenster trat, um zu sehen, ob er bald Mondschein für seinen Nachtgang habe:
so sah er über den Markt einen schweren Leichenwagen zwischen Fackeln ziehen,
der einen Rittergutsbesitzer seiner Familiengruft zufuhr; und der ungestörte
Nachtwächter rief dem schleichenden Toten den Anfang der Geister- und einer uns
teuren Geburtsstunde nach. Musste nicht sein getroffnes Herz es ihm sagen, wie
der harte, feste, unauflösbare Tod mit seiner Gletscherluft so scharf durch die
warmen Szenen des Lebens rückt und alles, worüber er wegweht, hinter sich starr
lässet und schneeweiss? Musst' er nicht an die erkaltete junge Schwester denken,
deren Stimme jetzt seiner im Tartarus wartete? - Und als Schoppe mit seiner
Puppen-Travestierung zu ihm kam und er ihm die Gasse zeigte und dieser sagte:
»Bon! der Freund Hein sitzt auf seinem Pürschwagen und guckt ruhig herauf, als
wolle der Freund sagen: bon! tanzt nur zu, ich fahre retour und bring' euch auch
an Ort und Stelle« - wie musst' es ihm so enge werden unter dem schwülen Visier!
- In dieser Sekunde kam die bleiche Larve mit andern ins Fenster - er öffnete
das glühende Gesicht der Kühlung - ein schneller Weintrunk und noch mehr seine
Phantasie zeigte ihm die Welt in brennenden Oberflächen - die Larve beschauete
ihn nahe mit einer ungewissen dunkeln Augen-Glut, die er am Ende nicht länger
vertrug, weil sie ebensogut vom Hasse als von der Liebe angezündet sein konnte,
so wie Sonnenflecken bald Gruben, bald Gebürgen ähnlich schienen.
    Eilf Uhr war vorbei, er entwich plötzlich den heissen Blicken und dem
kreischenden Gedränge und begab sich auf den Weg zum Herzen ohne Brust.
 
                                   51. Zykel
Indes er am Tore auf seinen Degen wartete: lief eine Gruppe neuer Masken
(meistens Repräsentanten der Leblosigkeit, z.B. ein Stiefel, ein Perückenstock
u.s.w.) in die Stadt, und sie guckten verwundert den fremden weissen langen
Ritter an. Er nahm den Degen mit, aber nicht den Bedienten. Übrigens liess ihm
sein Charakter bei aller Gefahr, worein der Besuch eines abgelegnen düstern
Katakombenganges und das fremde Vorauswissen dieses Besuches ihn stürzen konnte,
doch keine andre Wahl als die getroffne; nein, er hätte sich lieber morden
lassen als vor seinem Vater geschämt.
    Wie stieg dein Geist empor, gleich einem Blitze, der aufwärts gegen den
Himmel hineinschlägt, als die grosse Nacht mit ihrem Heiligenscheine aus Sternen
aufgerichtet vor dir war! - Unter dem Himmel gibt es keine Angst, nur unter der
Erde! Breite Schatten legten sich ihm in den Weg nach Elysium, den am Sonntage
Tautropfen und Schmetterlinge färbten. In der Ferne wuchsen feurige Zacken aus
der Erde und gingen; es war der Leichenwagen mit den Fackeln in der tiefen
Strasse. Als er an den Scheideweg kam, der durch die Schlossruinen in den Tartarus
führt: sah er sich nach dem Zauberhaine um, auf dessen gewundner Brücke ihm
Leben und Freudenlieder begegnet waren; alles war stumm darin, und nur ein
langer grauer Raubvogel (wahrscheinlich ein papierner Drache) drehte sich
darüber hin und her.
    Er kam durch das alte Schloss in einen abgesägten Baumgarten, gleichsam ein
Baumkirchhof; dann in einen bleichen Wald voll abgeschälter Maienbäume, die alle
mit verblühten Bändern und erblassten Fahnen gegen das Elysium sahen; - ein
verdorrter Lustain so vieler Freudentage. Einige Windmühlen griffen mit langen
Schattenarmen dazwischen, um immer zu fassen und zu schwinden.
    Ungestüm lief Albano eine von Überhängen verfinsterte Treppe hinab und kam
auf ein altes Schlachtfeld - eine dunkle Wüste mit einer schwarzen Mauer, nur
von weissen Gipsköpfen durchbrochen, die in der Erde standen, als wollten sie
versinken oder auferstehen - ein Turm voll blinder Tore und blinder Fenster
stand in der Mitte, und die einsame Uhr darin sprach mit sich selber und wollte
mit der hin- und hergeführten eisernen Rute die immer wieder zusammenrinnende
Welle der Zeit auseinanderteilen - sie schlug drei Viertel auf 12 Uhr, und tief
im Walde murmelte der Widerhall wie im Schlafe und sagte noch einmal leise den
entfliegenden Menschen die fliegende Zeit. Der Weg umlief im ewigen Kreise ohne
Pforte die Gottesackermauer; Alban musste, nach der Nachricht, eine Stelle an ihr
suchen, wo es unter ihm brausete und schwankte.
    Endlich trat er auf einen mit ihm sinkenden Stein, da fiel ein Ausschnitt
der Mauer um, und ein verstrickter Wald aus Baumklumpen, deren Stämme sich in
Buschwerk einwickelten, war vor jeden Strahl des Mondes gewälzt. Als er unter
der Pforte sich umsah, hing über der schattigen Treppe ein bleicher Kopf gleich
einer Büste des Mordfeldes und ging ohne Körper herab, und die verbluteten Toten
schienen aufzuwachen und ihm nachzulaufen der kalte Höllenstein des Schauders
zog sein Herz zusammen; er stand; - der Leichenkopf schwebte unbeweglich über
der letzten Staffel.
    Auf einmal sog das Herz wieder warmes Blut, er wandte sich gegen den
unförmlichen Wald mit gezogenem Degen, weil er sein Leben neben dem bewaffneten
Tode vorbeitrug. Er folgte in der Finsternis der grünenden Türme dem Getöse des
unterirdischen Flusses und dem Wiegen des Bodens. Zum Unglück sah er sich wieder
um, und der Leichenkopf stand noch hinter ihm, aber hoch in den Lüften auf dem
Rumpfe eines Riesen. - - Der höchste Schauer trieb ihn allzeit mit zugedrückten
Augen auf ein Schreckbild los; er rief zweimal durch den hallenden Wald: »Wer
ist da?« Aber als jetzt auf einmal ein zweiter Kopf neben dem ersten zu stehen
schien; so klebte seine Hand an dem eiskalten Schloss der Pforte der Totenwelt
gefroren an, und er riss sie blutig ab.
    Er floh und stürzte durch immer dichtere Zweige endlich hinaus in einen
freien Garten und in den Glanz des Mondes; - hier, ach hier als er den heiligen
unsterblichen Himmel und die reichen Sterne im Norden wieder schimmern sah, die
nie auf- und untergehen, den Pol-Stern und Friedrichs Ehre, die Bären und den
Drachen und den Wagen und Kassiopeja, die ihn mild wie mit den hellen winkenden
Augen ewiger Geister anblickten; da fragte der Geist sich selber: »Wer kann mich
ergreifen, ich bin ein Geist unter Geistern«; und der Mut der Unsterblichkeit
schlug wieder in der warmen Brust. - -
    Aber welcher sonderbare Garten! Grosse und kleine blumenlose Beete voll
Rosmarin, Raute und Taxus zerstückten ihn - ein Kreis von Trauerbirken umgab wie
ein Leichengefolge gesenkt den stummen Platz - unter dem Garten murmelte der
begrabne Bach - und in der Mitte stand ein weisser Altar, neben welchem ein
Mensch lag.
    Albano wurde gestärkt durch die gemeine Kleidung und durch den
Handwerksbündel, worauf der Schläfer ausruhte; er trat ganz dicht an ihn und las
die goldne Inschrift des Altars: »Nimm mein letztes Opfer, Allgütiger!« - Das
Herz des Fürsten sollte hier zur Asche werden im Altare.
    Ach nach diesen starren Szenen linderte es seine Seele bis zu Tränen, hier
Menschenworte zu finden und einen Menschenschlaf und die Erinnerung an Gott;
aber als er gerührt dem Schläfer zusah, sagte ihm plötzlich die Schwesterstimme,
die er auf Isola bella gehört, leise ins Ohr: »Linda de Romeiro geb' ich dir.« -
»Ach guter Gott!« rief er und fuhr herum - und nichts war um ihn - und er hielt
sich an die Altarecke - »Linda de Romeiro geb' ich dir«, sagte es wieder -
fürchterlich packte ihn der Gedanke, der schwebende Leichenkopf rede neben ihm -
und er riss am festen Schläfer, der nicht erwachte - und riss und rief noch
gewaltsamer, als die Stimme zum dritten Male sprach.
    »Wie?« - (sagte der Schlaftrunkene) »Gleich! - Was will Er? - Sie?« und
richtete sich unwillig und gähnend auf, aber er fiel bei dem Anblicke des
nackten Degens wieder auf die Knie und sagte: »Barmherzigkeit! ich will ja alles
hergeben!«
    »Zesara!« rief es im Walde, »Zesara, wo bist du?« und er hörte seine eigne
Stimme; aber kühn rief er nun zurück: »Am Altare!« - Eine schwarze Gestalt drang
heraus mit einer weissen Maske in der Hand und stockte im Mondlichte vor der
bewaffneten; da erkannte endlich Albano den Bruder Lianens, nach dem er so lange
gelechzet - er schleuderte den Degen zurück und lief ihm entgegen - Roquairol
stand stumm, bleich und mit einer erhabnen Ruhe auf dem Gesichte vor ihm -
Albano blieb nahe stehen und sagte gerührt: »Hast du mich gesucht, Karl?« -
Roquairol nickte stumm und hatte Tränen in den Augen und öffnete die Arme. - Ach
da konnte der selige Mensch mit allen Flammen und Tränen der Liebe an die
langgeliebte Seele stürzen, und er sagte unaufhörlich: »Nun haben wir uns, nun
haben wir uns!« Und immer heftiger umschlang er ihn wie den Pfeiler seiner
Zukunft und strömte in Tränen hin, weil ja nun die verschlossene Liebe so langer
Jahre und so viele zugedrückte Quellen des armen Herzens auf einmal fliessen
durften. - Roquairol drückte ihn nur zitternd an sich und leise mit einem Arme;
und sagte, aber ohne Heftigkeit: »Ich bin ein Sterbender, und das ist mein
Gesicht,« (indem er die gelbe Totenmaske emporhielt) »aber ich habe meinen
Albano, und ich sterbe an ihm.«
    Sie verstrickten sich wild - das Mark des Lebens, die Liebe, durchdrang sie
schöpferisch - der Boden über dem rollenden Erdenflusse wankte heftiger - und
der Sternenhimmel zog mit dem weissen Zauberrauche seiner zitternden Sterne um
die magische Glut - -
    Ach ihr Glücklichen!
 
                                   52. Zykel
Einige Menschen werden verbunden geboren, ihr erstes Finden ist nur ein zweites,
und sie bringen sich dann als zu lange Getrennte nicht nur eine Zukunft zu,
sondern auch eine Vergangenheit; - die letztere forderten einander die
Glücklichen ungeduldig ab. Roquairol antwortete auf Albans Frage, wie er hieher
komme, mit Feuer: »er sei ihm diesen ganzen Abend gefolgt - er habe ihn am
Fenster unter dem Leichengepränge so peinlichschmachtend angeschauet und beinahe
umarmen müssen - er sei schon vorhin dicht an ihm gestanden und habe auf seine
Frage: wer da? sogleich die Maske abgetan.« - - Jetzt griff wieder Albanos
gefallner Arm straff durch das dünne Schattenspiel der Geisterfurcht, da er nun
erfuhr, der zweiköpfige Riese sei bloss vom optisch-vergrössernden Wahne der Ferne
einer so nahen Gestalt erwachsen, und der Leichenkopf habe auf der Treppe seinen
Rumpf nur eingebüsst durch die finstern Überhänge und durch die schwarze
Bekleidung; sogar die harte Geisterszene am Altare schien ihm jetzt
bezwinglicher durch den reichen Gewinst der lebendigen Liebe.
    Roquairol fragte ihn, welche Qual oder Freude ihn in der Mitternacht hierher
auf einen herrnhutischen Gottesacker getrieben und wohin er den Menschen mit dem
Degen abgeschickt. Albano wars unbekannt, dass hier Herrnhuter ruhen; und ebenso
hatt' er den wahrscheinlich aus Furcht des Gebrauchs verübten Diebstahl des
Degens nicht bemerkt. Er antwortete: »Meine tote Schwester wollte am Altare mit
mir reden; und sie hat geredet«; aber er fürchtete sich, mehr davon zu sprechen.
Da änderte sich plötzlich Roquairols Gesicht - er starrte ihn an und forderte
Beteuerung und Erklärung - unter dieser schauete er in die Luft, als wollt' er
aus ihr durch Blicke Gesichter ziehen, und sagte, indem er doch Albano ansah,
eintönig: »Tote, Tote, rede wieder!« - Aber nur der Totenfluss redete unter ihnen
fort und nichts weiter. Aber er warf sich vor dem Altare auf die Knie und sagte
vermessen und doch mit bebenden Lippen: »Spring auf, Geisterpforte, und zeige
deine durchsichtige Welt - ich fürcht' euch Durchsichtige nicht, ich werde einer
von euch, wenn ihr erscheint, und gehe mit und erscheine auch.« - »O mein Guter,
lasse nach«, bat Albano, nicht nur aus Gottesfurcht, auch aus Liebe; denn ein
Zufall, ein vorüberschiessender Nachtvogel konnte sie ja durch ein Entsetzen
töten; - auch stand dieses Entsetzen nicht weit von ihnen; denn auf der
erleuchteten Seite der Trauerbirken trat eine majestätische weisse alte Gestalt
heraus. Aber da Roquairol, durch Wein und Phantasie wahnsinnig, die sterbende
Larve in die Lüfte reichte und gegen das Grab des Herzens sagte: »Nimm dieses
Gesicht, wenn du keines hast, alter Mann, und blicke mich an hinter ihr!« so riss
ihn Albano auf die weisse Gestalt trat mit gebücktem Kopfe und gefalteten Händen
in die Zweige zurück - der runde Turm auf dem Schlachtfelde schlug die Stunde
aus, und die träumende Gegend schlug sie murmelnd nach.
    »Komm an mein warmes Herz, du heftige Seele - o dass ich dich gerade an
meinem Geburtstage in meiner Geburtsstunde erhalten durfte!« - Dieser Laut
schmolz auf einmal den immer wechselnden Menschen, und er hing sich mit nassen
Freudenaugen an ihn und sagte: »- und bis in unsre Sterbestunden hinein! O sieh
mich nicht an, du Unveränderlicher, weil ich so schwankend und gebrochen
erscheine - in den Wogen des Lebens bricht sich und ringelt sich der Mensch, wie
der Stab im Wasser flattert, aber das Ich steht doch fest wie der Stab. - Ich
will dir folgen in andre Orte des Tartarus; aber erzähle auch die Geschichte.«
    Diese Geschichte geben, hiess ein Allerheiligstes des Innern oder auch einen
Sarg dem Tageslichte öffnen; aber glaubt ihr, dass Albano sich eine Minute
bedachte? Oder ihr selber? - Wir sind alle bessere, offnere, wärmere Freunde,
als wir wissen und zeigen; es begegne euch nur der rechte Geist, wie ihn die
dürstende Liebe ewig fordert, rein, gross, hell und zart und warm, dann gebt ihr
ihm alles und liebt ihn ohne Mass, weil er ohne Fehler ist. Albano fand in diesem
Fremdlinge den ersten Menschen, der sein ganzes Herz mit gleichen Tönen
erwiderte, das erste Auge, das seine schüchternen Gefühle nicht flohen, eine
Seele, vor deren erster Träne aus seinem ganzen künftigen Leben Blumen auffuhren
wie aus den trocknen Wüsten heisser Länder unter der Regenzeit; - daher gab die
Liebe seinem starken Geiste nur die gleiche weite Bewegung eines Meeres, indes
der obwohl Ältere und länger gebildete Freund ein Strom mit Wasserfällen war.
    Karl führte ihn in die sogenannte Katakombe, indes er der Geistergeschichte
von Isola bella zuhörte, aber, von der vorigen erschöpft, mit fallender Furcht.
Ein ödes verkohltes Tal voll offner verfallner Schachte sonnte sich grau im
Mondscheine; aus dem Walde kroch unter ihren Füssen der Totenfluss hervor und
sprang auf eine steinerne Treppe in die Katakomben hinein; beide folgten ihm auf
einer darneben. Der Eingang trug als Stirnblatt ein altes Zifferblatt, wovon
einmal der Donner gerade die Stunde Eins weggeschlagen: »Eins?« (sagte Alban)
»Sonderbar! Gerade unsre künftige Stunde?«
    Wie abenteuerlich zieht sich die Katakombe fort! Der lange Totenfluss murmelt
verfinstert tief hinein und blitzt zuweilen unter dem silbernen Dampfe, den das
Mondlicht durch die Schachtlöcher hereintreibt - feste Tiere, Pferde, Hunde,
Vögel, stehen saufend am finstern Ufer, nämlich ihre ausgepolsterten Häute -
schmale, von der Zeit geschleifte Leichensteine mit wenigen Namen und Gliedern
sind das Pflaster - an einer hellern Nische lieset man, dass hier eine Nonne
eingemauert gewesen in einer andern steht das vererzte Skelett eines
verschütteten Bergmanns mit vergoldeten Rippen und Schenkeln - an zerstreueten
Orten waren schwarze Papierherzen arkebusierter Menschen und Blumensträusser
armer Sünder gesammlet, die Rute, die einen Begnadigten durch Bestreifen
getötet, eine gläserne Büste mit einem Phosphorpunkte im Wasser, Westerhemdchen
und andre Kinder-Kleider und Spielwaren und ein Zwergskelett - -
    Als ihm Roquairols erklärende Worte, dessen Lebensweg immer in Grüfte hinab-
und auf Gräber hinauflief, das Leben immer durchsichtiger und flitterhafter
schlugen; so fuhr Zesara nach seiner Art auf einmal kopfschüttelnd, die Brust
vorhebend, in den Sand einstampfend und fluchend (was er leicht im Erschrecken
und in grosser Rührung tat) mit den Worten auf: »Beim Teufel! - Du zerdrückst mir
und dir die Brust. Es ist ja nicht so! Sind wir nicht beisammen? Hab' ich nicht
deine warme lebendige Hand? Brennt in uns nicht das Feuer der Unsterblichkeit?
Ausgebrannte Kohlen sind diese Gebeine und weiter nichts; und das himmlische
Feuer, das sie zerlegte, hat wieder andres Brennholz ergriffen und lodert fort.
- O,« (setzt' er wie getröstet dazu und trat in den Bach und blickte durch die
Schacht-Öffnung zum reichen Monde empor, der vom Himmel herunterströmte, und
seine grossen Augen standen voll Glanz) »o, es ist ein Himmel und eine
Unsterblichkeit - wir bleiben nicht in der dunkeln Höhle des Lebens - wir ziehen
auch durch den Äter wie du, du glänzende Welt!«
    »Ach du Herrlicher!« (sagte Karl, dessen Seele aus Seelen bestand) »ich will
dich nun auch zu einer frohern Stelle bringen.« Sie waren kaum acht Schritte
weg, als es sich hinter ihnen verdunkelte und ein oben hereingeworfener Degen
aufrecht mit der Spitze in den Sand der Wellen fuhr. »O du höllischer Teufel
droben!« rief der ergrimmte Roquairol; aber Alban wurde weich über die eiserne
Jungfrau der Sterbensstunde, die so nahe an ihm die scharfen Arme
zusammengeschlagen hatte. Sie fassten sich wärmer und gingen still und bange
einem leisen Getöne und einem Grabhügel entgegen. Sie setzten sich auf ihn,
gegenüber einem mit der quälenden Katakombe einen rechten Winkel bildenden Gang,
den grünes Moos auslaubte und dessen Länge die zerbröckelten Funken von faulem
Holze bezeichneten. Er verlor sich in eine offne Pforte und Aussicht ins -
Elysium, von welchem nur die weissen Gipfel einiger Silberpappeln zu erkennen
waren, und in der Ferne sah man das Frühlingsrot der Mitternacht am Himmel
blühen, und zwei Sterne blitzten darüber. Doch wurde die Pforte vergittert und
bewacht durch ein Skelett mit einer Äolsharfe in der Hand, das auf ihr die
dünnen Molltöne zu greifen schien, mit denen jetzt der Zugwind in die Höhle
floss.
    »Erzähle hier« (sagte Karl an der schönen Stelle und neugieriger durch den
Mörderwurf von Albans Degen) »das Heutige aus!« Albano berichtete ihm redlich
das Wort der Schwesterstimme: »Linda de Romeiro geb' ich dir.« Er dachte im
Geräusche seines Innern nicht an die Anekdote, dass ja Karl für eben diese als
Knabe sterben wollen. »Die Romeiro?« (fuhr dieser auf) »Sei still! - O diese? -
Spielender Scharfrichter, du Schicksal! Warum sie und heute? Ach Albano, für
diese ging ich früh dem Tode entgegen,« (fuhr er weinend fort und sank ihm an
die Brust) »und darauf ist mein Herz so schlecht geworden, weil ich sie verloren
habe - Nimm sie nur hin, denn du bist ein reiner Geist - die herrliche Gestalt,
die dir auf dem Meere erschien, so sieht sie aus, oder jetzt noch schöner. - -
Ach Albano!« - Dieser edle Mensch erschrak über die Verwickelung und über das
Schicksal und sagte: »Nein, nein, du lieber Karl, du denkst über alles ganz
falsch.«
    Plötzlich war es, als tönten alle Gestirne und ein melodisches Geisterchor
dränge unsichtbar durch die Pforte herein; Albano war betroffen. »Nichts, lass
es!« (sagte Karl) »Es ist das Skelett nicht; der fromme Vater geht im Flötentale
und zieht jetzt seine Flöten, weil er betet - - Aber wie sagst du, ich dächte
über alles falsch?« - - »Wie?« wiederholte Albano und konnte im zauberischen
Kreise dieser Nachklänge, die den Sonntagsmorgen allmächtig wiederbrachten,
nicht denken und reden. Wehten denn nicht die Silberpappeln an den Sternen hin
und her, und Rosenwolken lagerten sich um den Himmel, und das ganze Elysium zog
offen vorüber mit den Lauten, die es durchschwebet, mit den Tränen, die es
benetzet hatten, und mit den Träumen, die kein Herz vergisset, und mit der
heiligen Gestalt, die ewig in seinem bleibt? - Die Hand ihres Bruders hielt er
jetzt so fest; der Liebe und der Freundschaft, diesen zwei Brennpunkten in der
Ellipse der Lebensbahn, war er so nahe; - ungestüm umfassete er den Bruder mit
den Worten: »Bei Gott, sag' ich dir, die, so du genannt, geht mich nichts an -
und sie wird es nie.«
    »Aber, Albano, du kennst sie ja nicht?« sagte Karl, viel zu hart
fortfragend; denn der edle Jüngling neben ihm war zu blöde und zu fest' dem
Verwandten der Geliebten - einem Fremden viel leichter - das Heiligtum seiner
Wünsche aufzuschliessen. »O martere du mich nicht!« (antwortete er empfindlich;
aber er setzte sanfter hinzu) »glaube mir doch das erstemal, mein guter
Bruder!«- Karl gab ebenso selten nach wie er und sagte, obwohl den Fragton
verschluckend und recht liebend, doch dieses: »Bei meiner Seligkeit, ich tu' es;
und mit Freude - ein Herz muss herrlichgeliebt und göttlich-glücklich sein, das
ein solches entbehren kann.« Ach weiss denn das Albano? - Nur schweigend lehnt'
er sich mit der Feuerwange voll Rosen an Lianens Bruder, verschämt das
Erforschen scheuend; bloss als die schwindenden Rufe des Flötentals sich wie
Seufzer in seiner Brust versammelten und ihn zu oft erinnerten, wie der
Sonntagsmorgen schloss, wie Liane wich und wie er ihr mit nassen dunkeln Blicken
vom Altare nachsah: so brach sein Auge, obwohl nicht sein Herz, und er weinte
heftig, aber schweigend an seinem ersten Freunde.
    Dann kehrten sie mit stummen Seelen nach Hause und schaueten sinnend den
langen schwindenden Wegen der Zukunft nach; und als sie schieden, fühlten sie
wohl, dass sie sich recht von Herzen liebten, nämlich recht schmerzlich. -
    Am Morgen darauf lag der fromme Vater an einer Erschütterung darnieder, die
mehr selig als traurig war; denn er sagte, er habe in der Nacht seinen Freund,
den verstorbenen Fürsten, weissgekleidet im Tartarus gehen sehen. -
                             Ende des ersten Bandes
 
                                  Zweiter Band
                               Zehnte Jobelperiode
          Roquairols advocatus diaboli - der Feiertag der Freundschaft
                                   53. Zykel
Nicht nach den Kinderjahren, sondern nach der Jünglingszeit würden wir uns am
sehnsüchtigsten umkehren, wenn wir aus dieser so unschuldig wie aus jenen
herkämen. Sie ist unser Lebensfesttag, wo alle Gassen voll Klang und Putz sind
und um alle Häuser goldne Tapeten hängen, und wo Dasein, Kunst und Tugend uns
noch als sanfte Göttinnen mit Liebkosungen locken, die uns im Alter als strenge
Götter mit Geboten rufen! - Und in dieser Zeit wohnt die Freundschaft noch im
heiter offnen griechischen Tempel, nicht wie später in einer engen gotischen
Kapelle.
    Herrlich und reich schimmerte jetzt um Albano das Leben, mit Inseln und
Schiffen bedeckt; er hatte die ganze Brust voll Freundschaft und Jugend und
durfte die drängende Kraft der Liebe, die auf Isola bella an einer Statue, am
Vater, zurückprallte, nun ungebändigt und fröhlich auf einen Menschen stürmen
lassen, der ihm völlig so erschien, wie ihn der Jünglingstraum entwirft. Er
konnte keinen Tag von Karl lassen - - er deckte ihm seine Seele auf und sein
ganzes Leben (nur Lianens Name stieg tiefer in sein Herz zurück) - alle
Vorbilder der Freundschaft unter den Alten wollt' er nachbilden und erneuern und
alles tun und leiden für seinen Geliebten - sein Dasein war jetzt ein
Doppelchor, er trank jedes Glück mit zwei Herzen, sein Leben schloss ein
doppelter Himmel in lauter Äter ein.
    Als er am andern Tage die befreundete feste Gestalt antraf, die ihm aus dem
nächtlichen Spektakelstück der Geisterwelt übrig geblieben war, wie ein blasser
Mond aus den weggelöschten Sternen der Nacht; und als er sie so kahlköpfig und
bleich fand - wie die feurige Ätnas-Rauchsäule am Tage grau aufsteigt -: so sah
er gleichsam den vorigen Selbstmörder vor sich stehen; freier, aber desto wärmer
reicht' er dem einsamen Wesen, das nach dem Sprunge über das Leben nur noch auf
seinem Grabe wie auf einem fernen Eiland wohnte, die Hand hinüber. Andere ziehen
sie eben darum weg; der gestörte Selbstmörder, der das schöne feste Leben
durchrissen, kehrt aus seiner Todesstunde als ein fremder unheimlicher Geist
zurück, dem wir nicht mehr trauen können, weil er in seiner Ungebundenheit jede
Minute das wegwerfende Spiel mit der Menschengestalt wieder treiben kann.
    Daher sah Albano im chaotischen Leben des Hauptmanns nur die Unordnung eines
Wesens, das einpackt und auszieht. Als er das erstemal in dessen Sommerstube
trat, so hatt' er freilich darin eine Bedienten-, eine teatralische Anziehstube
und ein Offizierszelt auf einmal vor sich. Auf der Tafel lagen verworrene
Völkerschaften von Büchern, wie auf einem Schlachtfeld, und auf Schillers
Tragödien das hippokratische Gesicht von der Redoute, und auf dem Hofkalender
eine Pistole - das Bücherbrett bewohnte die Degenkuppel neben ihrer Seifenkugel
aus Kreide, ein Schokoladequerl, ein leerer Leuchter, eine Pomadebüchse,
Fidibus, das nasse Handtuch und die eingetrocknete Mundtasse - das Glashaus der
ausgelaufenen Standuhr und der Wasch- und der Schreibtisch standen offen, auf
welchem letztern ich mit Erstaunen umsonst nach Unterlage und Streusand suche -
der Pudermantel lehnte sich in der Ottomane zurück, und ein langes Halstuch ritt
auf dem Ofenschirm, und das Hirschgeweihe an der Wand hatte zwei Federhüte aufs
rechte und linke Ohr geschoben - Briefe und Visitenkarten waren wie
Schmetterlinge an die Fenstervorhänge gespiesset. Ich wäre nicht fähig, darin ein
Billet zu schreiben, geschweige einen Zykel.
    Gibt es aber nicht ein sonnenhelles freiflatterndes Alter, wo man alles
gerne sieht, was reisefertige Unruhe, Abbrechen der Zelte und Nomadenfreiheit
verkündigt, und wo man mit Dank in einem Reisewagen haushielte und darin
schriebe und schliefe? Und hält man nicht in diesen Jahren gerade eine solche
Studentenstube für geistiges Studentengut des Genies und jedes Chaos für ein
infusorisches voll Leben? Man gönne meinem Helden diese irrende Zeit; es hielt
ihn doch etwas Edles in seiner Natur zurück, aus einem Lobredner ein Nachahmer
zu werden.
    Wie nach einem weggeschmolznen Nachwinter auf einmal die grüne Erdendecke in
Blumen und Blüten hoch aufflattert, so fuhr in der warmen Luft der Freundschaft
und Phantasie auf einmal Albanos Wesen üppig blühend und grünend aus. Karl hatte
und kannte alle Zustände des Herzens, er erschuf sie spielend in sich und
andern, er war ein zweites Sanenland, das alle Klimate von Frankreich bis Nova
Sembla beherbergt, und worin eben darum jeder seines findet; er war für andere
alles, wiewohl für sich nichts. Er konnte sich in jeden Charakter werfen,
wiewohl ihm eben darum zuweilen einkam, bloss den bequemsten durchzusetzen. Die
Gurt-, Brust-, Schwanz-und Sattelriemen des höfischen, kleinstädtischen und
bürgerlichen Lebens hatte sein Buzephalus längst abgesprengt; und wenn sich der
Graf jeden Tag über den Sprach-Laufzaum des Lektors ärgerte, der alles richtig
sagte, Kanaster statt Knaster, Juften statt Juchten, funfzig statt fufzig, und
barbieren (welches R ich selber für eine dumme Härte halte): so war Roquairol
ein Freidenker bis zum renommistischen Freiredner und sprach nach seinem eignen
Ausdruck, der zugleich das Beispiel war, »von der Leber und vom Maule weg«. Dem
Grafen klebte zu seinem Verdruss eine gewisse epische, von Büchern anerzogene
Sprach-Würde an. Sie überdachten und verwünschten oft miteinander das
erbärmliche Glatzen-Leben, das man hätte, wenn man, wie der Lektor, als ein
wohlgewachsener Staatsbürger von Extraktion dahinlebte, Konduite und einen
saubern Anzug hätte und hübsche, nicht unebene Kenntnisse von mehreren Fächern
und zur Erholung seinen Tischwein und Geschmack an trefflichen Maler- und andern
Meistern, und wenn man zu höhern Posten avancierte, bloss um von da aus zu noch
höhern aufzusteigen, und man so nach allem diesen sich frisiert und gewaschen in
den Sarg streckte, damit doch die gigantische Körperwelt ihren Pestitzer auch
der erhabenen Geisterwelt einhändige. - - Nein, sagte Albano, lieber wirf eine
schwarze Bergkette von Schmerzen ins platte Leben, damit nur eine Aussicht
dasteht und etwas Grosses. -
    Aber Roquairol war nicht der, der er ihm schien; - die Freundschaft hat ihre
Täuschungen wie die Liebe - und oft wenn er diesen liebestrunknen hochherzigen
Jüngling mit keuschen Mädchenwangen und stolzer Männerstirn, der ein solches
Vertrauen auf seine wankende Seele setzte, und dessen Herz so weit offen stand,
und an dessen Phantasie sogar er die Heiligkeit beneidete, lang anblickte: so
rührte ihn die Täuschung des Edeln bis zum Schmerz, und sein Herz drängte sich
vor und wollte ihm mit Tränen sagen: Albano, ich bin deiner nicht wert. Aber
dann verlier' ich ihn, setzt' er allemal hinzu; denn er scheuete die moralische
Ortodoxie und die Entschiedenheit eines Mannes, der nicht wie ein Mädchen
spielend zu erzürnen und wieder zu gewinnen war.
    Und doch kam der wichtige Tag für beide, wo ers tat. Wie hätt' er je der
Phantasie widerstanden, da er nur durch Phantasie widerstand! - Ich tu' ihm halb
unrecht; höret den bessern Engel, der seinen Mund aufschloss.
    Roquairol ist ein Kind und Opfer des Jahrhunderts. Wie die vornehmen
Jünglinge unserer Zeit so früh und so reich mit den Rosen der Freude überlaubt
werden, dass sie wie die Gewürzinsulaner den Geruch verlieren und nun die Rosen
zum Sybariten-Polster unterbetten, Rosensirup trinken und in Rosenöl sich baden,
bis ihnen davon nichts zum Reiz mehr dasteht als die Dornen: so werden die
meisten - und oft dieselben - von ihren philantropischen Lehrern anfangs mit
den Früchten der Erkenntnis vollgefüttert, dass sie bald nur die honigdicken
Extrakte begehren, dann den Apfel-Wein und Birnmost davon, bis sie sich endlich
mit den gebrannten Wassern daraus zersetzen. Haben sie noch dazu wie Roquairol
eine Phantasie, die ihr Leben zu einem Naphtaboden macht, aus welchem jeder
Fusstritt Feuer zieht: so wird die Flamme, worein die Wissenschaften geworfen
werden, und die Verzehrung noch grösser. Für diese Abgebrannten des Lebens gibt
es dann keine neue Freude und keine neue Wahrheit mehr, und sie haben keine alte
ganz und frisch; eine vertrocknete Zukunft voll Hochmut, Lebensekel, Unglauben
und Widerspruch liegt um sie her. Nur noch der Flügel der Phantasie zuckt an
ihrer Leiche.
    Armer Karl! - Du tatest noch mehr! Nicht bloss die Wahrheiten, auch die
Empfindungen antizipierte er. Alle herrliche Zustände der Menschheit, alle
Bewegungen, in welche die Liebe und die Freundschaft und die Natur das Herz
erheben, alle diese durchging er früher in Gedichten als im Leben, früher als
Schauspieler und Teaterdichter denn als Mensch, früher in der Sonnenseite der
Phantasie als in der Wetterseite der Wirklichkeit; daher als sie endlich
lebendig in seiner Brust erschienen, konnt' er besonnen sie ergreifen, regieren,
ertöten und gut ausstopfen für die Eisgrube der künftigen Erinnerung. Die
unglückliche Liebe für Linda de Romeiro, die ihn später vielleicht gestählet
hätte, öffnete so früh alle Adern seines Herzens und badete es warm im eignen
Blute; er stürzte sich in gute und böse Zerstreuungen und Liebeshändel und
stellte hinterher alles auf dem Papier und Teater wieder dar, was er bereuete
oder segnete; und jede Darstellung höhlte ihn tiefer aus, wie der Sonne von
ausgeworfenen Welten die Gruben blieben. Sein Herz konnte die heiligen
Empfindungen nicht lassen, aber sie waren eine neue Schwelgerei, höchstens ein
Stärkungsmittel (ein tonicum); und gerade von ihrer Höhe lief der Weg zu den
Sümpfen der unheiligsten abschüssiger. Wie im dramatischen Dichter engelreine
und schmutzige Zustände nebeneinander stehen und folgen, so in seinem Leben; er
fütterte wie in Surinam die Schweine mit Ananas; gleich den ältern Giganten
hatt'er hebende Flügel und kriechende Schlangenfüsse.
    Unglücklich ist die weibliche Seele, die sich in ein so grosses, mitten im
Himmel aufgespanntes Gewebe verfliegt; und glücklich ist sie, wenn sie sich
unvergiftet durchreisset und bloss die Bienenflügel beschmutzt. Aber diese
allmächtige Phantasie, diese strömende Liebe, diese Weichheit und Stärke, diese
erobernde Besonnenheit wird jede weibliche Psyche mit Gespinsten überziehen,
sobald sie nicht die ersten Fäden wegschlägt. - Könnt' ich euch warnen, arme
Mädchen, vor solchen Kunturs, die mit euch in ihren Krallen auffliegen! Der
Himmel unserer Tage hängt voll dieser Adler. Sie lieben euch nicht, aber sie
glauben es; weil sie wie die Seligen in Muhammeds Paradies statt der verlornen
Liebes-Arme nur Fittiche der Phantasie haben. Sie sind gleich grossen Strömen nur
am Ufer warm und in der Mitte kalt.
    Bald Schwärmer, bald Libertin in der Liebe, durchlief er den Wechsel
zwischen Äter und Schlamm immer schneller, bis er beide vermischte. Seine
Blüten stiegen am lackierten Blumenstabe des Ideals hinauf, der aber farbenlos
im Boden verfaulte. Erschreckt, aber glaubt es: er stürzte sich zuweilen
absichtlich in die Sünde und Marter hinab, um sich drunten durch die Wunden der
Reue und Demut den Schwur der Rückkehr tiefer einzuschneiden; wie etwan die
Ärzte (Darwin und Sydenham) behaupten, dass stärkende Mittel (China, Stahl,
Opium) kräftiger wirken, wenn vorher schwächende (Aderlass, Brechmittel etc. )
verschrieben worden.
    Äussere Verhältnisse hätten ihm vielleicht etwas helfen können, und das
Gelübde der Armut hätt' ihm die beiden andern erleichtert; hätte man ihn als
Neger verkauft, sein Geist wäre ein freier Weisser und ein Arbeitshaus ihm ein
Purgatorium geworden. Daher gaben die ersten Christen den Besessenen immer
Geschäfte, z.B. Kirchenausfegen87 u.s.w. Aber das müssige Offiziersleben
arbeitete ihn bloss noch eitler und kecker aus.
    So stand es in seiner Brust, als er an Albanos seine kam - Liebe
schwelgerisch aufjagend, aber bloss um mit ihr zu spielen - mit einem unwahren
Herzen, dessen Gefühl mehr lyrisches Gedicht als wahres dichtes Wesen ist -
unfähig, wahr, ja kaum falsch zu sein, weil jede Wahrheit zur poetischen
Darstellung artete und diese wieder zu jener - leichter vermögend, auf der Bühne
und auf dem tragischen Schreibpult die wahre Sprache der Empfindung zu treffen
als im Leben, wie Boileau nur Tänzer nachmachen konnte, aber keinen Tanz -
gleichgültig, verschmähend und keck gegen das ausgeschöpfte stofflose Leben,
worin alles Feste und Unentbehrliche, Herzen und Freuden und Wahrheiten,
zerschmolzen herumschwammen - mit ruchloser Kraft vermögend, alles zu wagen und
zu opfern, was ein Mensch achtet, weil er nichts achtete, und immer nach seinem
eisernen Schutzheiligen umblickend, nach dem Tode - an seinen Entschlüssen
verzagend und sogar in seinen Irrtümern schwankend - aber doch nur des
Stimmhammers, und nicht der Stimmgabel der feinsten Moralität beraubt und mitten
im Brausen der Leidenschaft stehend im hellen Lichte der Besonnenheit, wie der
Wasserscheue seinen Wahnsinn kennt und davor warnt. - -
    Nur ein guter Engel war nicht mit den andern entflohen, die Freundschaft.
Zur Liebe konnte sich sein so oft aufgeblähtes und zusammengefallenes Herz
schwer aufheben; aber die Freundschaft hatt' er noch nicht verschwendet. Seine
Schwester hatt' er bisher befreundet geliebt, so brüderlich, so ungehemmt, so
wachsend! Und jetzt tritt ihm Albano glänzend-gewaffnet entgegen! -
    Anfangs spielt' er auch mit ihm lügend wie mit sich, in der Redoute und im
Tartarus. Er merkte bald, dass ihn der ländliche Jüngling vor eignen Strahlen
falsch und geblendet sehe; aber er wollte lieber den Irrtum wahrmachen als
benehmen. Die Menschen - und er - gleichen der Quelle der Sonne neben dem Tempel
des Jupiter Ammon, die am Morgen nur kalt war, mittags lau, abends warm,
mitternachts heiss; von den Tageszeiten hing er nun so sehr ab - wie der rüstige
gesunde Albano so wenig, der sich daher vorstellte, ein grosser Mann sei den
ganzen Tag vom Aufstehen bis zum Niederlegen gross, wie die Heraldiker dem Adler
immer die Schwingen ausspreizen -, dass er selten am Morgen und meistens abends
zu Albano ging, wenn die ganze Girandole seiner Kräfte und Gefühle brannte in
dem Weingeist, den er vorher aus Flaschen zugegossen. - -
    Aber kennt ihr die Arzenei des Beispiels, die Heilkraft der Bewunderung und
der seelenstärkenden Achtung? »Es ist schändlich von mir;« (sagte Roquairol)
»ist er nicht so gläubig und offen und bieder? - Nein, die ganze Welt will ich
belügen, nur seine Seele nicht! -« Solche Naturen wollen die Verheerung der
Menschheit durch Treue gegen einen vergüten. Die Menschheit ist ein Sternbild,
in welchem ein Stern oft die Hälfte des Bildes malet.
    Von dieser Stunde an stand sein Entschluss der herzlichsten Beichte und Busse
fest; und Alban, vor welchem das Leben noch nicht in einen Brei der Verwesung
zerlief, sondern sich fest und scharf und organisch zergliederte und der nicht
wie Karl klagte, dass ihn nichts recht erpacke und alles nur luftig umspüle,
dieser sollte dessen kranken Wünschen Jugend wiederbringen, und mit dem
unwandelbaren Sinn des reinen Jünglings und mit der Gefahr der Freundschaft
wollte Roquairol sich zwingen, diesem das Wort der fruchttragenden Bereuung zu
halten, das er sich selber zu oft gebrochen.
    Lasset uns ihm folgen in den Tag, wo er alles sagt.
 
                                   54. Zykel
Einst kam Albano schon vormittags zum Hauptmann, wo dieser sonst nach seiner
Sprache noch »ein von gestern herabgebranntes Lichtstümpfchen auf Stacheln« war;
aber heute stand er brausend-arbeitend wechselnd am Pianoforte und am
Schreibepult und war wie ein verdorrtes Infusionstierchen schon so früh der Rege
und Alte, weil Wein genug aufgegossen war, nämlich viel. Voll Entzückung lief er
dem willkommnen Freunde zu. Albano bracht' ihm von Falterle die kindischen
Blätter der Liebe (- denn der Exerzitienmeister hatte nicht den Mut gehabt, sie
ins Feuer zu werfen), die er aus Blumenbühl an das unbekannte Herz geschrieben.
Karl wäre darüber bis zu Tränen gerührt geworden, wär' ers - nicht schon vor der
Ankunft gewesen. Der Graf musste dableiben - den ganzen Tag - und alles versäumen
- es war sein erster unordentlicher Tag - komisch wars, wie sich der sonst so
unbändige, aber einer langen Gewohnheit täglicher Anstrengungen dienstbare
Jüngling gegen die kurze Meerstille, worin er keine Schiffe trieb, wie gegen
eine Sünde sträubte.
    Indessen wars himmlisch; der tiefliegende Kindertag, der ihn sonst
beflügelte, wenn das Haus voll Gäste war und er - wo er nur wollte, kam wieder
herauf; die Gespräche spielten und beschenkten mit allem, was uns hebt und
bereichert; alle Kräfte waren ohne Ketten und im trunknen Tanz. Genialische
Menschen haben so viele Festtage als andere Werkeltage, und daher ertragen jene
so schwer einen Trivial- und Schlendrians-Schalttag und vollends an solchen
Jünglingstagen! - Wenn ihm Karl tragische Gewitterwolken aus Shakespeare,
Goete, Klinger, Schiller vorführte und sich das Leben kolossalisch im
dichterischen Vergrösserungsspiegel beschauete: so standen alle schlafenden
Riesen seines Innern auf, sein Vater kam und seine Zukunft, selber sein Freund
stand neu wie aus jener glänzenden phantastischen Kinderzeit herausgehoben da,
wo er sich ihn in diesen Rollen vorgeträumt, und in den innern Heldenzug wurde
sogar die Wolke, die durch den Himmel schwamm, und die über den Markt
wegmarschierende Wach-Truppe eingeschichtet. Zu gross erschien ihm der Freund,
weil er wie alle Jünglinge noch von Schauspielern und Dichtern glaubte, dass sie
wie die Bergleute immer die Metalle in den Leib bekommen, in denen sie arbeiten.
Wie oft sagten beide in der Jünglings-Metapher: »Das Leben ist ein Traum« und
wurden bloss froher und wacher dadurch! Der Greis sagt es anders. Und die
schwarze Todespforte, an welche Karl so gern hinführte, wurde vor dem
Jünglingsauge eine Glastür, hinter welcher das helle goldne Zeitalter des
verspäteten Herzens in unermesslichen Auen lag.
    Mädchen, bekenn' ich, - da ihre Gespräche zerstückter, faktischer und
weniger berauschend sind - erstehen statt eines solchen Eden-Parks einen
hübschen holländischen Garten, gut zugeschnitten von Krebs- und Damesscheren und
(nachmit-)täglich dargereicht von der schwarzen Stunde, die ihnen auf dem
Kaffee- oder Teebrette das schmale schwarze Brett einiger übeln Nachreden, ein
paar neue dasitzende Shawls, einen wohlgewachsenen Menschen, der mit einem
Testamente oder Trauschein vorbeigeht, und letztlich die Hoffnung des häuslichen
Referats serviert. - Kommt zu den Jünglingen zurück!
    Gegen Abend bekam der Hauptmann ein rotes Billet. »Es ist ganz gut!« sagt'
er zur Überbringerin und nickte. »Wird nichts daraus, Madame!« (sagt' er, sich
gegen Albano kehrend) - »Bruder, wahre dich nur gegen Eheweiber! Schnappe einmal
zum Spasse nach einem roten Schminkläppchen von ihnen: flugs schieben sie dir die
Angelhaken in die Rückenhaut88. Der Haken sieben sind in meiner allein, wie du
sie da siehst, sesshaft.« Das unschuldige Kind Albano! Es nahm es für etwas
moralisch-Grosses, die Freundschaft von sieben Eheweibern auf einmal zu
behaupten, und wäre froh in Karls Fall gewesen; er konnte das Schlimme nicht
finden, dass die Freundinnen, wie die Römer, der Viktoria (nämlich uns) gern die
Flügel abschneiden, damit die Gotteit nicht weiterfliege. -
    An einem schönen Tag ist nichts so schön als sein Sonnenuntergang; der Graf
schlug vor, ins Abendrot hinauszureiten und auf der Höhe nach der Sonne zu
schauen. Sie trabten durch die Strassen; Karl zog bald vor einer schönen Nase,
bald vor einem grossen Augenpaar, bald vor durchsichtigen Stirnlocken den grossen
schiefsitzenden Hut ab. Sie flogen in die Lindenallee, die sich mit einer bunten
Lambris von Spazier-sitzerinnen festlich putzte. Ein grosses, feurig
durchblickendes Weib schritt im roten Shawl und gelben Kleide durch das
weibliche Blumenbeet, hoch wie die Blumengöttin; es war die Konzipientin des
roten Blattes; sie war aber aufmerksamer auf den schönen Grafen als auf ihren
Freund. An allen Wänden und Bäumen blühte das Rosenspalier des Abendrots. Sie
brauseten die weisse Strasse nach Blumenbühl hinauf - an beiden Seiten schlug das
goldgrüne Meer des Frühlings die lebendigen Wellen - eine geflügelte Welt
ruderte darin, und die Vögel tauchten sich tief in die Blumen unter - hinter den
Freunden brannte die Sonne, und vor ihnen lag die Blumenbühler Höhe ganz
rosenrot. Oben wandten sie die Pferde gegen die Sonne, die hinter den Kuppeln
und Rauchsäulen der stolz-brennenden Stadt in fernen hellen Gärten ruhte.
Nahegerückt lag die erleuchtete Erde um sie her, und Albano konnte die weissen
Statuen auf Lianens Dach lebendig unter dem blühenden Gewölk erröten sehen. Er
drängte sein Pferd an das fremde, um die Hand auf Karls Achsel zu drücken; und
so sahen sie schweigend zu, wie die liebevolle Sonne die goldne Wolkenkrone
ablegte und mit dem flatternden Laubgewinde um die heisse Stirn ins Meer
hinunterzog. Und als es dämmerte auf der Erde und glühte am Himmel und Albano
sich hinüberneigte und seinen Freund ans brennende Herz herüberzog: so stieg das
Abendgeläute in Blumenbühl herauf - »Und dort drunten«, sagte Karl mit sanfter
Stimme und kehrte sich hin, »liegt dein friedlich Blumenbühl wie ein stiller
Kirchhof deiner Kindertage. - Wie sind die Kinder glücklich, Albano, ach, wie
sind die Kinder glücklich!« - »Sind wirs nicht?« (antwortete er mit freudigen
Tränen) »Karl, wie oft stand ich auf den Höhen an Abenden wie dieser und
streckte inbrünstig meine kindischen Hände aus nach dir und nach der Welt. - Nun
hab' ichs ja alles. Wahrlich du hast nicht recht.« - Aber er, am brausenden
Ohrenklingen vergangner weiter Zeiten krank, blieb taub gegen das Wort und
sagte:,»Nur die Wiegenlieder, nur die zurücktönenden Wiegenlieder schläfern die
Seele ein, wenn sie heiss geweinet hat.«
    Stiller und langsamer ritten sie zurück. Albano trug eine neue Welt der
Liebe und der Wonne in der Brust; und der Jüngling - noch nicht ein Schuldner
der Vergangenheit, sondern ein Gast der Gegenwart - sank, vom langen Jubel des
Tags süss abgespannt, in helldunkle Träume unter, gleichsam ein hoher Raubvogel,
still auf entzückt-offnen Schwingen hängend.
    »Wir wollen die ganze Nacht bei Ratto bleiben«, sagte Karl in der Stadt.
 
                                   55. Zykel
Sie stiegen in Rattos italienischen Keller hinunter. Das Haus kam anfangs nach
dem Anblicke der weiten Natur dem Grafen wie ein Felsenstück darübergewälzt vor
- wiewohl ja jedes Stockwerk unter architektonischen Lasten liegt -; aber das
schwere Gefühl des unterirdischen Zwingers vergass sich bald, und sonderbar klang
in die welsche Grube das hohe Rasseln der Wagen herein. Der Hauptmann bestellte
einen Punch royal - - Wenn er so fortfährt in seiner guten Feuerordnung und
immer ein volles Gefäss im Hause hat als Löschanstalt und die Schlangenspritzen
probiert: so kann mein Buch nie der Vorwurf treffen, dass man darin wie im
Grandison zuviel Tee konsumiere; eher zuviel starkes Getränk geht auf.
    Schoppe sass im welschen Souterrain. Er liebte den Hauptmann nicht, weil sein
unversöhnliches Auge an ihm zwei ihm herzlich unleidliche Fehler auswitterte,
»das chronische Geschwür der Eitelkeit und ein unheiliges Schlemmen und Prassen
in Gefühlen«. Karl gab die Abneigung zurück; die heissesten Wellen seines
Entusiasmus setzten sogleich vor des Titularbibliotekars Gesichte Eisspiesse
an. Nur heute nicht! - Er trank so hinlänglich vom Königspunsch - wovon ein paar
Gläser durch alle Köpfe des Briareus oder der lernäischen Schlange durchbrennen
konnten -, dass er dann alles sagte, sogar das Fromme. »Bei Gott!« (sagt' er,
sich im Betesda-Teich durch -Herausschöpfen heilend) »da es doch Lumperei mit
dem Besserwerden ist, so sollte man sich etwas vor die Stirn drücken, damit der
gehetzte Geist nur einmal loskäme von seinen Wunden und Sünden.« »Von Sünden?« -
(sagte Schoppe) »Läuse und Bandwürmer der bessern Art werden allerdings aus
meinem Gebiet auswandern, wenn ich mich kalt mache; aber die schlimmen trägt
mein innerer Mensch gewiss mit hinauf. Beim Henker! wer sagt Euch denn, dass dort
der ganze hiesige Armesünders-Kirchhof auf einmal als eine unsichtbare Kirche
voll Märtyrer und Sokratesse einziehen werde und jedes Bedlam als eine Loge zum
hohen Licht? - Ich dachte heute ans andere Leben, als ich eine Frau auf dem
Markte mit fünf Schweinchen sah, die sie, jedes mit einem Strick am Bein, vor
sich hertreiben wollte, die ihr aber wie elektrische Strahlenbüschel
auseinanderfuhren; jetzt schon, sagt' ich, mit unsern wenigen Kräften und
Wünschen, die das kultivierende Säkulum im quintuplo stellte, geht es uns schon
so erbärmlich wie der Frau mit ihrer Kuppel; wenn wir nun vollends zehn und mehr
neue Ferkel (da die zweite Welt wie ein Amerika doch neue Objekte und Wünsche
bringen muss) an den Strick bekommen, wie will da der Ephorus amtieren? - Auf
grössere unbeschreibliche Nöten, Lehnsfrevel und Oppositionen mach' ich mich da
gefasst.« Aber Roquairol war in seiner roten Lohe; er setzte sich über Schoppe
und sich hinweg und leugnete die Unsterblichkeit geradezu, um Schoppen zu
parodieren: »Ein einziger Mensch« (sagt' er) »glaubte seinetwegen allein
schwerlich die Unsterblichkeit; aber da er mehrere sieht, hat er Mitleiden und
hält es der Mühe wert und glaubt, die zweite Welt ist ein Monte testaccio aus
Menschen-Scherben. Der Mensch kann Gott und dem Teufel künftig nicht näher
kommen, als ers hier schon tat; wie ein Wirtshausschild ist sein Revers so
bemalt wie sein Avers - Aber wir brauchen die künstliche Zukunft zur Gegenwart;
wenn wir noch so still schweben über unserem Schlamm, so zappeln wir noch immer
wie stilliegende Karpfen mit den poetischen Flossen und Flügeln. Daher müssen
wir den künftigen Paradiesesgarten so herrlich anlegen, dass nur Götter
hineinpassen, aber, so wie in Fürstengärten, keine Hunde. Lumperei ists! Wir
schneiden uns verklärte Leiber zu, die den Soldatenröcken gleichen: Taschen und
Knopflöcher fehlen; welche Freuden können sie denn fassen? -« Alban sah ihn
staunend an. »Weisst du, Albano, was ich meine? - Just das Gegenteil.« So leicht
wird der Phantasie alles, auch Laune.
    Jetzt wurd' er hinausgerufen. Er kam zurück mit einem roten Billet. Er warf
die Halsbinde um - à la Hamlet war er dagesessen - und sagte zu Albano, in einer
Stunde flieg' er zurück. Unter der Schwelle stockt' er noch sinnend, ob er weg
solle; dann lief er rasch die Treppe hinan.
    In Albano floss der Freudenbecher, worein der ganze Tag zugeschüttet hatte,
mit dem glänzenden Schaume einer schalkhaften Laune über. Beim Himmel! Die
Scherzhaftigkeit stand ihm so lieblich wie eine Rührung, und er ging oft lange,
ohne Sprechen, schalkhaft-lächelnd umher, wie schlummernde Kinder lächeln, wenn,
wie man sagt, mit ihnen Engel spielen.
    Roquairol kam wieder mit sonderbar empörten Augen; er hatte wild in sein
Herz hineingestürmt; er war schlecht gewesen, um zu verzweifeln und unten auf
dem Abgrund kniend dem Freunde sein Leben zu bekennen. Dieser so willkürliche
Mensch lag unwillkürlich auf den Windmühlen-Flügel seiner Phantasie geflochten
und wurde bald von der Windstille gefesselt, bald vom Sturme umgeschleudert, den
er zu durchschneiden glaubte. Er wurde, nach dem Beispiele der Feuerfresser,
jetzt ein Feuersäufer, in der unruhigen Erwartung, dass Schoppe weiche. Dieser
wich endlich trotz Albanos Bitte mit der Antwort: »Kaufet die Zeit, sagte der
Apostel, das heisset aber: fristet euer Leben länger; das ist die Zeit. Dazu
fodern nun die besten Kaufbuden der Zeit, die Apoteken, dass der Mensch nach dem
Punch royal zu Bette gehe und unmässig schwitze.« -
    Wie wurd' es jetzt anders! - Da ihm Zesara freudig um den Hals fiel - da der
Jugend-Rausch zu Liebesmelodien wurde, wie der Regen in der Höhle zu Derbyshire
von ferne zu Harmonien da dem Grafen süss, wie man sich schlummernd verblutet,
das ganze Innere, sein ganzes voriges Leben von der Lippe floss und alle Plane
des künftigen, sogar die stolzesten (nur der zärteste nicht) - und da er sich,
wie (nach der Bourignon) Adam im Unschulds-Stand, so kristallen-durchsichtig vor
das befreundete Auge stellte, nicht aus Schwäche, sondern aus altem Drang und im
Glauben, so müsse der Freund sein: so traten dem unglücklichen Roquairol helle
Tränen der liebevollsten Bewunderung über die ungeschminkte Reinheit und über
die energische, gläubige, noch in nichts schwankende Natur und über den fast zum
Lächeln reizenden naiven hohen Ernst des rotwangigen Jünglings in die Augen. Er
schluchzete an dieser freudetrunknen Brust, und Albano wurde weich, weil er
dachte, er sei es zu wenig und sein Freund so sehr.
    »Hinaus, hinaus!« sagte Karl; und das war lange Albanos Wunsch. Es schlug
ein Uhr, als sie auf der engen Kellertreppe die Sterne des Frühlingshimmels oben
an der Einfahrt des Schachtes blitzen sahen. Wie frisch quoll die eingeatmete
Nacht über die heissen Lippen! - Wie fest bauete sich über die flüchtigen
Zeltgassen der Stadt die Welt-Rotunda mit ihren festen Sternenreihen dahin! Wie
erquickte und erweiterte sich das feurige Auge Albanos an den Riesenmassen des
dämmernden Frühlings, an dem unter dem durchsichtigen Mantel der Nacht
schlummernden Tag! Zephyre, die Schmetterlinge des Tags, flatterten schon um
ihre lieben Blumen und sogen aus den Blüten und trugen Weihrauch für den Morgen
ein, eine schlaftrunkne Lerche fuhr zuweilen in den stillen Himmel hinauf mit
dem lauten Tage in der Kehle, über die dunkeln Auen und Stauden war schon der
Tau gegossen, dessen Juwelenmeer vor der Sonne entbrennen sollte, und in Norden
wehten die Purpur-Wimpel der Aurora, die gen Morgen schiffte. - - Erhebend fasste
der Gedanke den Jüngling an, dass nun dieselbe Minute Millionen kleine und lange
Leben messe und den Gang der Minierraupe und den Flug der Sonne und dass jetzt
dieselbe Zeit durchlebet werde vom Wurm und von Gott, von Welten zu Welten -
überall. - »O Gott,« rief er,»wie herrlich ists, dass man ist!«
    Karl klebte bloss mit dem hängenden schweren Gefieder des Nachtvogels an den
heitern Gestirnen um ihn: »Wohl dir,« sagt' er, »dass du so sein kannst und dass
die Sphinx in deiner Brust noch schläft. Du weisst nicht, was ich will. Ich
kannte einen Elenden, der sie recht gut schildern konnte. In der Brustöhle des
Menschen, sagt' er, liegt das Ungeheuer mit aufgehobenem Madonnengesicht auf
seinen vier Tatzen und lächelt eine Zeitlang umher und der Mensch mit. -
Plötzlich springt es auf, gräbt die Krallen in die Brust, zerschlägt sie mit dem
Löwenschweif und den harten Flügeln und wühlt, drängt und tobt, und überall
rinnt Blut an der zerrjetzten Brustöhle. - Auf einmal legt es sich blutig wieder
hin und lächelt wieder fort mit dem schönen Madonnenangesicht. O er sah ganz
blutlos aus, der Elende, weil das Tier so von ihm zehrte und durstig an seinem
Herzen leckte.«
    »Greulich!« (sagte Albano) »und doch versteh' ich dich nicht ganz.« - - Der
Mond hob jetzt sich und eine finster an seinen Seiten gelagerte Wolken-Herde
empor und zog einen Sturmwind nach, der sie unter die Sterne jagte. Karl fuhr
wilder fort: »Anfangs hatt' es der Elende noch gut, er hatte noch derbe
Schmerzen und Freuden, rechte Sünden und Tugenden; aber als das Untier immer
schneller lächelte und zerriss und er immer schneller Lust und Pein, Gutes und
Böses wechselte; und als Gotteslästerungen und Kotbilder in seine Gebete krochen
und er sich weder bekehren noch verstocken konnte: da lag er in öder Verblutung
in der lauen, grauen, trocknen Nebel-Masse des Lebens da und starb so durch das
Leben fort. -
    Warum weinest du? Kennst du den Elenden?« »Nein«, sagte Albano mild. -,»Ich
bins!« - »Du? - schrecklicher Gott, du nicht!« - »O, ich bins; und wenn du mich
auch verachtest, du wirst, was ich Nein, mein Unschuldiger, ich sag' es nicht.
Sieh, jetzt steht die Sphinx wieder auf. O bete mit mir, hilf mir, dass ich nicht
sündigen muss, nur nicht muss. Ich muss saufen, ich muss verführen, ich muss heucheln
- ich heuchle jetzt -« Zesara sah das starre Auge, das bleiche zerrissene
Gesicht und schüttelte liebend-entrüstet ihn mit beiden Armen und stammelte
gerührt: »Das ist beim Allmächtigen nicht wahr; du bist ja so sanft und blass und
unglücklich und unschuldig.« -
    »Rosenangesicht,« (sagte Karl)»ich scheine dir rein und hell wie der dort
droben89, aber er wirft wie ich den langen Schatten gegen den Himmel hinauf« -
Zesara liess ihn los, sah lange nach dem erhabnen dunklen, wie ein Leichenzug um
das Elysium haltenden Tartarus und drückte bittere Tränen weg, die über die
Erinnerung flossen, dass er darin seinen ersten Freund gefunden, der sich jetzt
neben ihm auflöse. Da brach der Nachtwind eine von der Waldraupe getötete Tanne
daraus ab, und Albano zeigte stumm auf die Niederbrechende; Karl rief
erschrocken:»Ja, das bin ich!« -»Ach Karl, hab' ich dich denn heute verloren?«
sagte der schuldlose Freund mit unendlichem Schmerz, und die schönen Sterne des
Frühlings fielen wie zischende Funken in seine Wunde.
    Vor diesem Worte lösete sich Karls gespanntes Herz in treue gute Tränen, ein
heiliger Geist kam über ihn und gebot ihm, die reine Seele nicht zu quälen mit
seiner, ihr nicht den Glauben zu nehmen, ihr das wilde Ich und jede Eigensucht
stumm zu opfern. Sanft legt' er sich an des Freundes Herz, und mit
zauberischleisen Worten und voll Demut und ohne Feuerbilder sagt' er ihm sein
ganzes Herz - und dass es nicht böse sei, sondern nur unglücklich und schwach -
und dass er nur so herzlich-aufrichtig gegen ihn, der zu gut von ihm denke, habe
sein müssen wie gegen Gott - und dass er schwöre bei der Stunde des Todes, zu
werden wie er, ihm ewig alles zu bekennen, sich zu heiligen an ihm -,»Ach ich
wurde nur noch so wenig geliebt!« beschloss er. - Und Albano, der liebestrunkne,
glühende Mensch, der gute Mensch, der an sich die heiligen Übertreibungen der
Reue kannte und der diese Bekenntnisse für jene hielt, kehrte begeistert in den
alten Bund zurück mit Liebe ohne Mass. »Du bist ein warmer Mensch!« (sagte Karl)
»Warum liegen denn die Menschen immer wie die Toten auf dem Bernhardus-Berg90
einander erfroren an der Brust, mit steifem Aug', mit starren Armen? - O warum
kamest du so spät zu mir? Ich wäre anders geworden. Warum kam jene91 so früh? -
Dort im Dorfe drunten an der engen niedrigen Kirchtüre, da sah ich sie zuerst,
durch die mein Leben zur Mumie ward. Wahrlich ich spreche jetzt gefasset. Man
trug vor mir her, als ich heraus spazieren ging, einen leichen-weissen Jüngling
auf einer Bahre in den Tartarus; es war nur eine Statue, aber sie war das
Ebenbild meiner Zukunft. Ein böser Genius sagte zu mir: liebe die Schöne, die
ich dir zeige. Sie stand an der Kirchtüre, von Kirchleuten umzingelt, die sich
über die Kühnheit wunderten, womit sie mit beiden Händen eine silbergraue
züngelnde Schlange annahm und wog. Wie eine kühne Göttin senkte sie die feste
ebene Stirn, das schwarze Auge, die Rosenblüten ihres Angesichts auf den von der
Natur platt getretnen Otterkopf und spielte damit dicht an ihrem Herzen.
Kleopatra! sagt' ich, obwohl ein Knabe. Auch sie verstand es schon, blickte
ruhig und kalt von der Schlange auf und gab sie zurück und wandte sich um, an
meine junge Brust warf sie die erkältende Leben-fressende Viper. - Aber wahrlich
jetzt ists vorbei, und ich spreche ruhig. Nur in den Stunden, Albano, wo mir aus
jener Nacht meine blutigen Kleider, die meine gute Schwester aufgehoben, zu
Gesichte kommen, da leid' ich mehr und frage: armer gutmeinender Knabe, warum
wurdest du denn älter? Aber wie gesagt, es ist ganz vorbei. Zu dir, nur zu dir
spreche ein besserer Genius: liebe die Schöne, die ich dir zeige!« -
    Aber welche Welt von Gedanken flog jetzt auf einmal Albano zu! »Er martert
sich« (dacht' er) »mit dem alten Argwohne über Romeiro fort - ich will Herz
gegen Herz öffnen und es dem guten Bruder sagen, dass ich ja seine Schwester ewig
liebe.« - Seine Wangen glühten, sein Herz flammte, er stand priesterlich vor dem
Altare der Freundschaft mit der schönsten Gabe, mit der Aufrichtigkeit.
    »O jetzt, Karl,« sagt' er, »wäre sie wohl anders gegen dich - mein Vater
reiset mit ihr, und du wirst sie sehen.« - Er ging Hand in Hand schneller mit
ihm einer dunklen Baumgruppe zu, um im Schatten die zart-errötende Seele zu
öffnen. »Nimm mein teuerstes Geheimnis hin« (fing er an) - »aber sprich nicht
davon - und nicht mit mir - errätst du es nicht, mein erster Bruder? die Seele
nicht, die ich so lange liebte wie dich?« - Leise, leise setzte er dazu: »Deine
Schwester?« und sank ihm auf den Mund, um die ersten Laute wegzuküssen.
    Aber Karl, im Aufruhr des Entzückens und der Liebe wie eine Erde bei dem
Aufgange des Frühlings, bändigte sich nicht; er presste ihn an sich; er liess ihn
los; er umfasste ihn wieder, er weinte selig, er drückte Albanos Augen zu und
sagte neu-verschwistert: »Bruder!« Vergeblich wollte Albano mit der Hand jede
andere Silbe auf seinen Lippen erdrücken. Er fing vor dem betroffenen Jüngling -
der unter der einsamen und poetischen Bücherwelt eine höhere Zarteit gewonnen,
als die Wirklichkeit des Umgangs lehrt - Lianen abzumalen an, wie sie dulde und
handle, wie sie für ihn sorge und rede und sogar verarme, um seine Schulden zu
tilgen; wie sie ihn nie hart tadle, sondern nur mild bitte, und alles das nicht
aus künstlicher Duldung, sondern aus heisser echter Liebe, und wie doch das noch
kaum das Beiwerk ihres Bildes sei. Er war in seiner reinern Begeisterung, als
ihm dieser Abend zugelassen, darum so selig, weil er seine Schwester unter allen
Menschen am meisten und uneigennützigsten und am freiesten von poetischer
Schwelgerei und Willkür lieben konnte - ordentlich dadurch gestärkt, dass er
einmal aus reiner heiliger Liebe jauchzen dürfe, zog er die Hände wieder frei
gemacht heraus, die bisher wie Milos seine im Baum des Glücks und Lebens, den er
zerreissen wollte, eingeklemmt gefangen waren; er atmete frische Lebensluft und
Mut, und der Plan seiner innern Vollendung war jetzt durch neues Glück und
schönes Bewusstsein hold geründet. -
    Der Mond stand hoch, die Wolken waren vertrieben, und nie ging der
Morgenstern zwei Menschen heller auf.
 
                               Elfte Jobelperiode
       Stickrahmen - Anglaise - cereus serpens - musikalische Phantasien.
                                   56. Zykel
Freudig trug Roquairol am ersten Abende, da er seinen Vater verreiset wusste, zum
Freunde die Bitte, zur Mutter mitzugehen. Albano errötete zauberisch über jene
feurige Nacht zum ersten Male, die ihm das älteste Geheimnis abgedrungen; denn
bisher hatten beide in den gemeinen Stunden des Lebens das Heiligtum nicht
wieder berührt. Nur der Hauptmann konnte leicht und gern von Linda so wie von
jedem Verluste sprechen.
    Liane erblickte ihren Bruder - den regierenden Schöpfer ihrer weichsten
Stunden - allezeit mit herzlichster Freude, ob er gleich meistens etwas haben
wollte, wenn er kam; vor Freude trug sie ihm das Buch, woraus sie der stickenden
Mutter vorgelesen, in der Hand entgegen. Sie und die Mutter hatten den ganzen
Tag heiter und einsam mit gegenseitigem Ablösen in Sticken und Lesen verlebt;
sooft der Minister verreiste, waren sie zugleich von Unfriede und
Visiten-Charivari frei. Wie gerührt erkannte Albano das Morgenzimmer wieder, aus
dem er das erstemal das teuere Mädchen nur als Blinde in der Ferne zwischen
Wasserbogen stehen sehen! Die gute Liane nahm ihn unbefangener auf, als er es
durch Karls Einweihung in seine Wünsche bleiben konnte. Welche paradiesische
Mischung von unberechneter Scheu und überfliessender Freundlichkeit, Stille und
Feuer, von Blödigkeit und Anmut der Bewegung, von scherzender Güte, von
schweigendem Wissen! Dafür gebührt ihr der herrliche Beiname Virgils: die
Jungfräuliche. In unsern Tagen der weiblichen Krachmandeln, der akademischen
Kraftfrauen, der Hopstänze und Doubliermarschschritte im platten Schuh kommt der
virgilianische Titel nicht oft vor. Nur zehn Jahre lang (vom 14ten an gezählt)
kann ich ihn einem Mädchen geben; später wird es manirierter. Dreizehn und
siebzehn Jahre zugleich ist gewöhnlich ein solches holdes Wesen alt.
    Warum warest du so reizend-unbefangen, zarte Liane, als weil du wie die
Bourignon nicht einmal wusstest, was zu fliehen war, und weil deine heilige
Schuldlosigkeit noch das verdächtige Ausspähen der entlegensten Absichten, das
an die Erde gebückte Behorchen des kommenden Feindes und alle kokette Manifeste
und Ausrüstungen ausschloss? - Die Männer waren dir noch gebietende Väter und
Brüder; und darum erhobest du zu ihnen noch nicht stolz sondern so freundlich
das treue Augenpaar!
    Und mit diesem gütigen Blick und mit ihrem Lächeln dessen Fortdauer oft auf
männlichen Gesichtern, aber nicht auf jungfräulichen die Titelvignette der
Falschheit ist - nahm sie unsern edeln Jüngling an, aber ihn nicht allein.
    Sie setzte sich an den Stickrahmen; und die Mutter schiffte den Grafen bald
in das kühle Weltmeer allgemeiner Gespräche ein, in das nur zuweilen der Sohn
eine grüne warme Insel herauftrieb. Alban sah zu, wie Liane ihre musivischen
Blumenstücke wachsen liess; wie die kleine weisse Hand auf dem schwarzen
Atlasgrunde (Froulays Torax soll an seinem Geburtstage die Blumen anziehen)
lag, und wie ihre reine Stirn, von gekräuselten Haaren durchsichtig überwebt,
sich vorbückte, und wie sich ihr Angesicht, wenn sie sprach oder wenn sie neue
seidene Farben suchte, mit dem höhern Feuer der Arbeit im Auge und auf der Wange
beseelet aufrichtete. Karl streckte ihr zuweilen hastig die Hand entgegen. Sie
reichte ihre willig hinüber, er legte sie zwischen seine beiden und wandte sie
um, sah in die inwendige, drückte sie mit beiden, und die Geschwister lächelten
einander liebreich an. Und da lächelte Albano allemal treuherzig aus den
Gesprächen mit der Mutter mit herein. Aber armer Held! - Schon an sich ists
herkulische Arbeit, neben einer feinen müssig zu sitzen, neben Sticken,
Miniaturmalen u.s.w. ; aber vollends mit deinem Geiste, der so viele Segel nebst
einem Paar Stürmen hinterdrein hat, untätig neben dem Stickrahmen zu ankern und
nicht etwan ein Herkules zu sein (das wäre leicht), welcher spinnt, sondern
einer, der nur spinnen sieht - und das vor dem grossen Frühling und
Sonnenuntergange draussen - und noch dazu neben der wortkargen Mutter (überhaupt
ists schon neben jeder eine Unmöglichkeit, ein erhebliches Gespräch mit der
Tochter einzuleiten) - - das sind schwere Sachen.
    Er sah scharf gegen die gestickte Flora nieder: »Mich schmerzt nichts so
sehr,« - sagte er, weil er überall philosophierte und weil ihn alles Vergebliche
auf der Erde peinlich beklemmte - »als dass so viele tausend künstliche Zieraten
auf der Welt umsonst geschaffen werden, ohne dass sie je ein Auge trifft und
geniesst. Mir kann es ordentlich nahe gehen, wenn das grüne Blättchen hier nicht
besonders angesehen wird.« Mit derselben Trauer über fruchtlose ungenossene
Pflanzungen der Mühe hielt er oft sein Auge nahe an den Tapeten-Baumschlag, an
geblümte Zeuge, an architektonische Verzierungen.
    Liane konnt' es für einen malerischen Tadel des überladenen Näh-Gartens
nehmen, den sie bloss ihrem Vater zu Liebe so voll säete - denn Froulay, aus den
Zeiten gebürtig, wo man noch mit dem Kleide die Tressen besetzte, knöpfte gern
ein kleines Seidenherbarium an den Leib -; aber sie sagte nichts als lächelnd
das: »Nun das Blättchen ist dem bösen Schicksal ja entgangen, es ist
angeschaut.«
    »Was tut Vergehen und Vergeblichkeit?« (nahm Roquairol voll Gleichgültigkeit
gegen den Lektor, der eben hereintrat, das Wort und voll Gleichgültigkeit gegen
die Meinung der Mutter, der wie dem Vater ihn nur die Bitten der Schwester
zuweilen unterwarfen) »Genug, wenn etwas ist. Über der Wüste singen die Vögel
und ziehen die Sterne, und kein Mensch sieht die Pracht. Wahrlich überall geht
in und ausser dem Menschen mehr ungesehen vorüber als gesehen. Die Natur schöpft
aus ewigen Meeren und erschöpft sich nicht; wir sind auch eine Natur und sollen
schöpfen und ausgiessen und nicht immer bekümmert dem wässernden Nutzen jedes
Strichregens und Regenbogens nachrechnen. - Sticke nur fort, Schwester!«
beschloss er ironisch.
    »Die Prinzessin kommt heute!« sagte der Lektor, und entzückt über die
Hoffnung, küsste Liane der Mutter die Hand. Sie sah oft und vertraulich von der
Stickerei zu dem Hofmann auf, der sehr einheimisch zu sein schien, aber, als ein
feiner Mann, ebenso geehrt und ehrend war, als steh' er zum ersten Male da.
    Die Anmeldung der Prinzessin setzte den Hauptmann in eine reizende gelenke
Freude; eine weibliche Rolle war ihm zur Gesellschaft so nötig wie den Franzosen
zur Oper, und eine Frau, die da war, unterstützte ihn so sehr im Dozieren, wie
Kant ein Knopf, der fehlte92. Er nahm, um seine Schwester von den Blumen
abzuführen, einer Statue auf dem Spiegeltische den roten Flor ab und warf ihn,
wie ein kleines Morgenrot, den Lilien auf dem Gesicht der Stickerin über; - da
gingen die Türen auf und Julienne herein - Liane verwickelte sich in die kleine
Morgenröte unter dem Abheben derselben im Entgegeneilen. - Albano reichte ihr
mechanisch die Hand zum Empfange des Schleiers - und sie gab ihm diesen und
einen weiten lieben Blick dazu - - o wie glänzte seiner trunken!
    Julienne brachte ein Gefolge von Scherzen mit. Der Hauptmann, der wie ein
Feuerwerker seinem Feuer alle Formen und Farben geben konnte, verstärkte sie mit
seinen; und seine Schwester säete gleichsam die Blumen, mit welchen die
Zephyretten der Scherze spielen konnten. Julienne sagte fast zum Ja Nein und zum
Nein Ja. Nur gegen die Ministerin war sie ernst und nachgiebig, ein Zeichen, dass
auf ihrer Disputier-Arena unter den Sandkörnern noch die Goldkörner lagen, indes
für Philosophen die Arena der Preis und der Boden ist, zugleich das Schlacht-,
März- und elysische Feld. Den Grafen fixierte sie leidenschaftlich so kühn, als
nur Fürstinnen dürfen und pflegen; und als er ihr wieder ins braune Auge
blitzte, schlug sie es nicht nieder, sondern sie erinnerte ihn an ihren alten
Besuch in Blumenbühl und fragte nach den Seinigen. Er machte jetzt gern etwas,
das so feurig war wie sein Inneres - Lobeserhebungen. Es ist gegen den feinsten
Ton, Personen - Sachen darf man - mit Heftigkeit zu loben oder zu tadeln. Indem
er mit dankbarer Erinnerung seine Schwester Rabette malte: versank Julienne so
ernst und tief in sein Auge, dass sie auffuhr und den Lektor nach den Touren der
Anglaise fragte, die er in der Redoute vorgetanzt. Als er sein Bestes getan im
Nachschildern: sagte sie, sie habe kein Wort verstanden, man müss' es lieber
exekutieren.
    Und hiemit werden plötzlich sämtliche Leserinnen von mir auf einen Hausball
von zwei Paaren geführt. Sehet die Seelenschwestern nebeneinander wie zwei
Flügel an einer Taube harmonisch auf- und niederfliegen! Albano hatte erwartet,
Julienne werde sich durch feuriges vielgelenkes Geflatter von dem stillen
Schweben ihrer Freundin unterscheiden; aber beide walleten gleich Wellen leicht
neben- und ineinander, und keine Regung war zu viel und keine zu schnell.
    Daher wünscht' ich so oft, die Mädchen tanzten völlig und immer wie die
Grazien und die Horen - nämlich bloss miteinander, nicht mit uns Herren. Der
jetzige Bund der weiblichen Wellenlinie mit dem männlichen Schwalbenzickzack
sowohl in der Bekleidung als in der Bewegung verschönert den Tanz nicht
beträchtlich.
    Liane nahm eine neue äterische Gestalt an, wie etwan ein Engel unter dem
Zurückfliegen in den Himmel seine holde irdische weglegt. Für die weibliche
Schönheit ist der Tanzboden,was für unsere das Pferd ist, auf beiden entfaltet
sich der gegenseitige Zauber, und nur ein Reiter holet eine Tänzerin ein.
Glücklicher Albano! der du kaum von der dargebotenen Hand Lianens die
Fingerspitzen anzufassen wagst mit deinen! du bekommst genug. Und siehe nur
dieses freundliche Mädchen an, dessen Augen und Lippen die Charis so lachend für
den Tanz erheitert, und das doch wieder so rührend erscheinet, weil es ein wenig
erblasset! Wie verschieden von jenen launischen oder ungelenken Stiefschwestern,
die, mit dem halben Kato von Utika auf dem faltigen oder gespannten Gesichte,
hopsen, abfallen und schleifen. Julienne flieht freudig hin und her, und es ist
schwer zu sagen, vor wessen Augen sie am liebsten flattere, vor Lianens oder
Albanos. -
    Als es vorbei war: wollt' es Julienne wieder von vornen anfangen - Liane sah
ihre Mutter an - und bat sogleich ihre Freundin lieber um Abkühlung. Es ist
Vorwand! Eine Freundin ist gern einsam mit der Freundin; beide hatten sich vor
andern nur mit Herzen unter dem Schleier lieb und trachteten nach der dunklen
Laube, wo er fallen durfte. Liane hatte ordentlich eine liebende Ungeduld, bis
sie mit ihrer Nebenseele, ihrem Zwillingsherzen zeugenfreie Minuten im Mai-und
Abendgarten hatte pflücken können. Sie kamen verändert zurück, voll weichen
Ernstes. Die schönen Wesen waren sich vielleicht im Innersten und im stillen so
ähnlich wie im Tanze und mehr, als es schien.
    Und so ging vor dem Jüngling ein schön-gestirnter Abend vorbei! Haltet ihm
aber zugute, dass er diesen Blütenstrauss so fest drückte und fassete, bis er
einige Stacheln darin herausfühlte Sein Herz, dessen Liebe neben dem fremden
schmerzlich wuchs, musste dieses, ohne ein Zeichen der Antwort, zugleich höher
und ferner finden. Ihre Liebe war Menschenliebe - ihr Lächeln galt jedem guten
Auge - sie war so heiter - in Lilar kam sie leicht in Rührung und in allgemeine
Betrachtungen; hier aber nicht - freilich sah sie recht teilnehmend auf den
wild-liebenden Bruder hin, der seit jener Beicht-Nacht gleichsam mit
Eichenwurzeln sich um den Liebling strickte; aber ihre halbblinde Liebe für den
Bruder konnte ja im Trug des Widerscheins auf dessen Freund nachglänzen - - Das
alles sagte sich der Bescheidne. Aber was er im vollen Masse der Entzückung
genossen hatte, war die so steigende, helle, zarte, stete Liebe seines
Seelenbruders. - -
 
                                   57. Zykel
Über Lianens stille Gesinnung und Zesarens Zukunft werd' ich nie Mutmassungen
anstellen, ob ich sie gleich vor ihrem Abdruck wieder wegstreichen könnte. Ich
erinnere mich, was wir herausbrachten, wenn ich und andere auf Hafenreffers
offizielle Berichte über Sachen von Belang vorher die Hände deckten und nun mit
blosser Phantasie entwickeln wollten, wie es möchte gegangen sein - - es war
nicht brauchbar. Und natürlich! Schon an und für sich haben die Weiber und
spanischen Häuser viele Türen und wenige Fenster, und es ist in ihr Herz
leichter zu kommen als zu schauen. Vollends Mädchen! Ich meine, da die Frauen
sowohl physiognomisch als moralisch bestimmter, kecker entwickelt und gezeichnet
sind: so will ich lieber zehn Mütter als zwei Töchter erraten und mitin
abkopieren. Die körperlichen Porträtmaler klagen ebenso.
    Wer die Nacht beobachtet, findet, dass sie die Zweifel und Sorgen, die er den
Abend vorher über die Heldin seines Lebens aufgefangen, meistens bis gegen den
Morgen hin totgemacht. - Albano schlug am Frühlingsmorgen die Augen im Leben wie
in einem Siegeswagen auf, und die frischen Rosse stampften davor, und er durfte
ihnen nur den Zügel lassen.
    Er stieg mit seinem Freund bei Lianen aus nach wenigen Jahren, d.h. Tagen;
der Minister war noch nicht zurück. Himmel! wie neu und blüten-jung war ihre
Gestalt und doch wechsellos ihr Betragen! Warum kann ich, dacht' er, nur ihre
Bewegungen, nicht alle ihre Züge auswendig, warum kann ich dieses Antlitz nicht
bis auf das kleinste Lächeln wie eine heilige Antike rein und tief in mein
Gehirn abdrücken, damit sie in ewiger Gegenwart vor mir schwebe? - Darum,
Lieber: schöne und junge Gestalten sind eben dem Gedächtnis wie dem Pinsel
schwer und alte, schroffe, männliche beiden leichter. - Wieder mit Freuden und
Seufzern füllete er sich durch ihr Schauen - und sie wurden grösser durch den
nahen Garten, worein sich der Junius mit seiner Abendpracht lagerte - o wenn ihm
nur eine Minute käme, wo seine ganze Seele begeistert reden dürfte! Draussen lag
der junge feurige Frühling wie ein Antinous im Garten und sonnete sich, und der
Mond stand, ungeduldig auf die schöne Juniusnacht, schon unter dem Morgentor und
traf noch den lebendigen Tag und die zögernde Sonne an. - - Aber die Mutter
schlug dem fragenden Blicke Lianens den Sonnenuntergang ab - - »des ungesunden
Serein wegen«93. Albano mit dem Herzen voll Männerblut fand diesen mütterlichen
Verhack um die kindliche Gesundheit sehr klein.
    Der Torschluss seines heutigen Edens hätte sich nun in der nächsten Minute
eingeläutet, wäre - der Hauptmann und der cereus serpens nicht gewesen.
    Jener kam vom welschen Dache herabgelaufen und verkündigte, der cereus blühe
diesen Abend um zehn Uhr auf, sage der Gärtner, und er bleibe da, »und du mit«,
sagt' er zu Albano. Alles, was nur die doppelten Grenzen der schonenden Zarteit
gegen Schwester und Freund zufliessen, setzt' er liebend ins Spiel, um diesen zu
erfreuen. Liane bat ihn selber, das Blühen abzuwarten; sie war so entzückt über
das nahe! - Ihre Seele hing, wie Bienen und Tau, an Blumen. Schon ihr Freund,
der fromme Spener, der ein trunknes Auge auf diese lebendigen Arabesken an
Gottes Trone heftete, hatte sie mit diesen stummen, immer schlafenden Kindern
des Unendlichen befreundet; aber noch mehr ihr jungfräuliches Herz und ihr
leidendes. Sind euch nie zarte weibliche Seelen begegnet, in deren Blütezeit das
Schicksal kalte Wolken geworfen und die nun gleich Rousseau andere Blumen als
die der Freude suchten, und die in Tälern und auf Felsen sich ermüdeten und
bückten, um zu sammeln und zu vergessen und von der gestorbnen Pomona zu
flüchten zur jungen Flora? - Der Generalbass und das Latein, womit Hermes Mädchen
zerstreuen will, weichen hier der weiten bunten Bilderschrift der Natur, der
reichen Botanik.
    Eine namenlose Zärtlichkeit für Liane kam in Albanos Seele am kleinen
viersitzigen Esstisch - ihm war, als sei er ihr jetzt näher und ihr Verwandter -
und doch fasste er die Verwandte nicht, wenn sie die Mutter aus jedem Ernst,
worein diese versank, mit Scherzen zurücklockte. - Draussen riefen die
Nachtigallen die Menschen in die schöne Nacht; und keiner schmachtete mehr als
er hinaus.
    Für Seelenaugen ist das Himmelblau, was für körperliche das Erdengrün,
nämlich eine innige Stärkung. Als Zesara endlich aus den Ketten des Zimmers, aus
diesem geistigen Hausarrest, los und ledig hinaustrat unter das freie Reich des
Himmels und aller Sterne und auf den magischen Statuen-Olymp, nach welchem er so
oft sehnsüchtig aufgeblickt: so schlug die gewaltsam zusammengezogne Brust
elastisch auseinander; wie rückten die Sternbilder des Lebens in hellere Formen
zusammen, wie waltete der Frühling und die Nacht! -
    Der alte Gärtner, der bloss aus dankbarer Anhänglichkeit ans »seelengute
leutselige Fräulein« mit seltener Mühe dem cereus serpens solche Früh-Blüten
abgenötigt hatte, stand schon als scheinbarer Beobachter der Blumen, in der Tat
aber aufs grösste Lob aufsehend, mit einem braunen, gezackten, punktierten und
ernsten Gesichte droben, das mit keinem Lächeln zum Lobe ausfoderte.
    Liane dankte dem Gärtner, ehe sie an den Blüten war; dann lobte sie diese
und seine Mühe. Der alte Mann wartete bloss, bis jeder andere von der
Gesellschaft auch erstaunet war, darauf ging er schläfrig mit dem festen Glauben
fort zu Bette, Liane werd' ihn morgen schon so bedenken, dass er zufrieden sein
müsse.
    Der ausländische Nektarduft, der in fünf weissen, gleichsam mit braunem
Blätterwerk bekränzten Kelchen perlte, ergriff die Phantasie. Die Wohlgerüche
aus dem Frühling eines heissern Weltteils zogen sie in entlegne Träume hin. Liane
strich mit leisem Finger, wie man über Augenlider gleitet, nur über die kleinen
Duft-Vasen, ohne das volle Gärtchen von zarten Staubfäden, das sich im Kelche
drängte, raubend anzustreifen: »Wie lieblich, wie so gar zart!« (sagte sie
kindlich-froh) - »Wie fünf kleine Abendsterne! - Warum kommen sie nur nachts,
die lieben scheuen Blumen?« - Karl schien eine brechen zu wollen. »O lass sie
leben« (bat sie) - »morgen sind sie ohnehin tot. - Karl! so welkt so viel«,
setzte sie leiser dazu. »Alles!« sagt' er barsch. -Aber die Mutter hatt' es
wider Lianens Willen gehört: »Solche Sterbe-Gedanken« (sagte sie) »lieb' ich an
der Jugend nicht, sie lähmen ihr die Flügel.« - »Und dann« (versetzte Liane, es
mädchenhaft-umkehrend) »bleibt sie eben; wie der Kranich in Kleists Fabel, dem
man die Flügel brach, damit er nicht fortzog mit den übrigen ins warme Land.«
    Dieser heitere bunte Schleier des tiefen Ernstes war unserem Freunde nicht
durchsichtig genug. Aber später hatte das gute Mädchen Mühe, so auszusehen, wie
die sorgsame Mutter es wollte. Die betäubende Vorstecklilie der Erde, der Mond -
und das ganze blendende Panteon des Sternenhimmels - und die mit Nacht-Lichtern
durchbrochne Stadt - und die majestätischen hohen schwarzen Alleen - und auf
Fluren und Bächen das milchblasse Lunens-Silber, womit sich die Erde in einen
Abendstern einspann - und die Nachtigallen aus fernen Gärten - rührte denn das
nicht jedes Herz allmächtig an, dass es weinend seine Sehnsucht bekennen wollte?
Und das weichste, das jetzt unter den Sternen schlug, hätte vermocht, den
Schleier ganz über sich zu ziehen? - Beinahe! Sie hatt' es vor der Mutter
gewohnt, die Träne, eh' sie wuchs, sozusagen mit dem Auge abzutrocknen.
    Sonderbar erschien sie in der nächsten Minute dem Grafen. Die Mutter sprach
mit dem Sohn. Liane stand, fern von jenem, mit halbverwandtem, vom Monde ein
wenig entfärbtem Gesicht neben einer weissen Statue der heiligen Jungfrau und
blickte in die Nacht. Auf einmal schauete und lächelte sie an, gleichsam als
erschien' ihr ein lebendiges Wesen im Äter-Abgrund, und die Lippe wollte reden.
Erhabner und rührender war ihm noch keine Erdengestalt begegnet; das Geländer,
in das er griff, ging hin und her (aber er selber regte es), und seine ganze
Seele rief: heute, jetzt lieb' ich die Himmlische am höchsten, am innigsten. So
sagt' er neulich auch, und so wird er öfter sagen; kann der Mensch mit den
unzähligen Wogen der Liebe Höhenmessungen anstellen und auf diejenige zeigen,
die am meisten stieg? - So glaubt der Mensch stets, wo er auch stehe, in der
Mitte des Himmels zu stehen.
    Ach in dieser Minute wurd' er wieder überrascht, aber eben mit einem Ach.
Liane ging zur Mutter, und als sie an der Hand der Gefälligen ein kleines
Schaudern fühlte, drang sie in sie, aus der Nachtluft zu gehen, und gab nicht
eher nach, als bis sie mit ihr die Zauberstätte verliess.
    Die Freunde blieben zurück. Nach Albanos Rechnung wär' es freilich nicht zu
viel gewesen, hätte man sich in dieser offenherzigen Zeit, worin unsere
heiligern, vom gemeinen Tage bedeckten Gedanken sich wie Sterne offenbaren, bis
gegen Morgen auf dem Dache aufgehalten. Beide gingen eine Zeitlang schweigend
auf und ab. Endlich hielt sie der Rauchaltar der fünf Blumen fest. Albano fasste
zufällig die nahe Statue mit beiden Händen und sagte: »An hohen Orten will man
gern etwas hinabstürzen - sogar sich oft. - Und hinein in die Welt, in weite
ferne Länder möcht' ich mich auch stürzen, sooft ich in das Nachtrot dort schaue
- und sooft ich unter Orangerie-Blüten komme, wie unter diese. Bruder, wie ist
dir? - Der Himmel und die Erde breiten sich so aus: warum soll denn der Geist so
zusammenkriechen. ?« - »Mir ist ebenso,« (sagt' er) »und im Kopf hat der Geist
überhaupt mehr Gelass als im Herzen.« Aber hier ging er zart-erratend auf schönen
Umwegen zur zufälligen Eröffnung über, warum seine Schwester so bald
hinuntergeeilet.
    »Bis zum Eigensinn« (sagt' er) »treibe sie die Aufmerksamkeit für die Mutter
- das letztemal merkte sie, dass die Mutter das Erblassen unter dem Tanze sehe,
sofort hörte sie auf - nur ihm zeige sie das ganze Herz und jeden Blutstropfen
und alle unschuldigen Tränen darin - besonders glaube sie etwas von der Zukunft,
was sie der Mutter sorgsam verdecke.« - - »Sie lächelte vorhin für sich,« (sagte
Albano und legte auf seine Augen Karls Hand) »als sähe sie ein Wesen aus der
Schleier-Welt droben.« - »Hast du das« (versetzte Karl) »auch gesehen? Und dann
regte sie die Lippe? - O Freund, Gott weiss, was sie betört; aber das ist gewiss,
sie glaubt fest, sie sterbe künftiges Jahr.« - Albano liess ihn nicht
weitersprechen, zu heftig aufgeregt drückte er sich an des Freundes Brust, sein
Herz schlug wild, und er sagte: »O Bruder, bleibe stets mein Freund!«
    Sie gingen hinab. Im Zimmer, das an Lianens ihres stiess, fanden sie ihr
Pianoforte offen. Wahrlich das wars, was dem Grafen fehlte. In der Leidenschaft
(sogar im blossen Feuer des Kopfes) greift man weniger nach der Feder als nach
der Saite; und nur in ihr gelingt das musikalische Phantasieren besser als das
poetische. Albano setzte sich - indem er der Tonmuse dankte, dass es
vierundvierzig Ausweichungen gebe - mit dem Vorhaben an die Tasten, nun eine
musikalische Feuertrommel zu rühren und wie ein Sturm in die stille Asche zu
brausen und ein helles Funkenheer von Tönen aufzujagen. - Er tats auch, und gut
genug und immer besser; aber das Instrument sträubte sich. Es war für eine
weibliche Hand gebauet und wollte nur in weiblichen Tönen, mit Lauten-Klagen
reden, als eine Freundin mit einer Freundin.
    Karl hatt' ihn nie so spielen gehört und erstaunte über die Fülle. Aber die
Ursache war, der Lektor war nicht da; vor gewissen Menschen - und darunter
gehörte dieser - gefriert die spielende Hand, so dass man nur in einem Paar
Blechhandschuhen hin- und herarbeitet; und zweitens, vor einer Menge spielt
sichs leichter als vor einem, weil dieser bestimmt vor der Seele haftet, jene
aber zerflossen. Und noch dazu, beglückter Albano! du weisst, wer dich hört. -
Die Morgenluft der Hoffnung umflattert dich in Tönen - das wilde Jugendleben
schreitet mit rüstigen Gliedern und lauten Schritten vor dir auf und ab - das
Mondlicht, von keinem irdischen groben Lichte verunreinigt, heiligt das tönende
Zimmer. - Lianens letzte Gesänge liegen vor dir aufgeschlagen, und der
anrückende Mondschein kann dich sie bald lesen lassen - und die Nachtigall in
der Mutter nahem Zimmer kämpfet, wie von der Tuba ins Feld gerufen, mit deinen
Tönen. - -
    Liane trat mit ihrer Mutter erst spät herein, weil das heftige Ton-Getümmel
für beide etwas Hartes und Peinigendes hatte.
    Er konnte beide seitwärts am untern Fenster sitzen sehen, und wie Liane die
Hand der Mutter hielt. Karl ging in weiten Schritten nach seiner Sitte auf und
ab und stand zuweilen an ihm still. Albano trat in dieser Nähe der stillen Seele
bald aus der harmonischen Wildnis in mondhelle einfache Stellen heraus, wo nur
wenige Töne sich wie Grazien und ebenso leicht verbunden hold bewegen. Der
künstliche Wirrwarr enharmonischer Irrlichter ist nur der Vorläufer der
melodischen Charitinnen; und nur diese allein schmiegen sich an die weicheren
Seelen an. Ihm war bis zur Täuschung, als sprech' er laut mit Lianen; und wenn
die Töne immer wie Liebende dasselbe wiederholten vor Innigkeit und Lust: meinte
er nicht Lianen und sagte ihr: wie lieb' ich dich, o wie lieb' ich dich? Fragt'
er sie nicht: was klagest du, was weinest du? - Und sagt' er nicht zu ihr: blick
in dies stumme Herz und flieh es nicht, o Reine, Fromme, Meine?
    Wie errötet der Gute, als plötzlich der liebkosende Freund ihm die Hände um
die Augen legte, die bisher ungesehen im Dunkel vor Liebe übergeflossen waren! -
Karl trat heftig zur Schwester, und sie nahm selber seine Hand und sagte Worte
der Liebe. Dann flüchtete sich Albano in die brausende Wildnis so lange, bis die
Augen getrocknet waren für den beleuchteten Abschied - langsam liess er die Wiege
unsers Herzens ausschwanken und schloss so mild' und leise und verstummte ein
wenig und stand langsam auf. - - O in dieser jungen stummen Brust lebte alles,
womit die herrlichste Liebe segnen kann!
    Sie schieden ernst. - Niemand sprach über die Töne - Liane schien verklärt -
Albano wagt' es in dieser Geisterstunde des Herzens nicht, mit einem Auge, das
sich so kurz vorher gestillet hatte, lang' auf ihren milden blauen zu ruhen. -
Ihre gerührte Seele drückte sie, wie Mädchen pflegen, bloss am Bruder durch eine
heissere Umarmung aus. - Und dem heiligen Jüngling konnte sie scheidend den Ton
und den Blick nicht verhehlen, den er nie vergisset. -
    Er erwachte oft in dieser Nacht und wusste nicht, was sein Wesen so selig
wiege - ach der Ton war es, der durch den Schlummer nachklang, und das liebe
Auge, das ihn noch in Träumen anblickte.
 
                              Zwölfte Jobelperiode
  Froulays Geburtstag und Projekte - Extrablatt - Rabette - die Harmonika die
         Nacht - der fromme Vater - die Wundertreppe - die Erscheinung
                                   58. Zykel
Glücklicher Albano! du wärest es nicht geblieben, hättest du am Geburtstage des
Ministers das gehöret, was er da vorbrachte!
    Schon seit geraumer Zeit war Froulay voll bedenklicher gewitterhafter
Zeichen, und jede Minute konnte - musste man fürchten - der Donnerschlag aus ihm
fahren; er war nämlich munter und mild. So drohet auch bei phlegmatischen
Kindern grosse Munterkeit Ausbruch der Pocken. Da er Hausvater war und Despot -
die Griechen hatten für beides nur das Wort Despot-: so erwartete man von ihm
als ehelichem Wettermacher94, er werde die gewöhnlichen Stürme und Ungewitter
für die Familie besorgen. - Eheliche Gewittermaterie zum blossen Trüben der Ehe
kann nie fehlen, wenn man bedenkt, wie wenig sogar zum Scheiden derselben
gehöret, z.B. bei den Juden bloss, dass die Frau zu laut schreie, das Essen
anbrenne, ihre Schuhe am Platze der männlichen lasse u.s.w. Noch dazu war
manches da, worüber gut zu donnern war; z.B. Liane, an welcher man die Missetat
des - Bruders heimsuchen konnte, weil dieser hartnäckig wegblieb und um keine
Gnade bat. Man ist immer gern auf Frau, Tochter und Sohn zugleich ungehalten und
lieber ein Land- als Strichregen; ein Kind kann leichter eine ganze Familie
versalzen als versüssen.
    Aber Froulay verblieb der lächelnde Johannes. Ja trieb ers nicht die Beweise
hab' ich - so weit damit, dass er, da die Tochter der Prinzessin einmal beim
Abschiede um den Hals fiel, anstatt ihr mit blitzenden Augen vorzuhalten, wie
man Vertraulichkeiten bei Höhern nur annehmen, nicht erwidern und sich eben da
nicht vergessen müsse, wo sie sich vergessen - und anstatt ernst zu fragen, ob
sie ihn je in seiner wärmsten Liebe gegen den Fürsten wider die déhors habe
verstossen sehen - dass er, sag' ich, anstatt dieses hagelnd und stürmend zu tun,
diesesmal bloss in die schönen Worte ausbrach: »Kind, du meinst es zu gut mit
deiner vornehmen Freundin; frage deine Mutter, sie weiss auch, was
freundschaftliche liaisons sind.«
    Bloss Liane - obwohl so oft von dieser Meerstille hintergangen - war voll
unsäglicher Hoffnung und Freude über den häuslichen Frieden und glaubte Bestand,
zumal in der Nähe des väterlichen Geburtstages, dieser Olympiade und Normalzeit,
wornach das Haus vieles rechnete. Das ganze Jahr lauerte der Minister auf diesen
Tag, um am Morgen, wenn die Wünsche kamen, das sichtbare Vergessen desselben
nicht zu vergessen, sondern darüber zu erstaunen - die Geschäfte machens, sagt'
er - und um abends, wenn die Gäste kamen - der Geschäfte wegen dinier' er nie,
sagt' er -, erstaunen zu lassen. Er war wechselnd der Anbeter und der
Bilderstürmer der Etikette, ihre Ministerial- und Oppositionspartei, wie es
gerade sein Schimmer gebot.
    Liane drang so lange in den Bruder, bis er den Vater mit etwas zu erfreuen
versprach: er machte dazu ein Familienstückchen, worein er die ganze
Beicht-Nacht zwischen sich und Albano einschob, nur dass er Albano in eine
Schwester verkehrte. Gern lernte Liane noch diese Rolle für den Geburtstag ein,
ob sie gleich die blühende Weste lieferte.
    Der Minister nahm die Weste, den Hauptmann und dessen Komödienzettel des
abendlichen Spiels wider Vermuten - gütig auf; da er sonst wie einige Väter
desto lauter knurrte, je öfter ihn die Kinder streichelten. Er tanzte wie ein
Polacke95 ganz aufgeräumt mit seiner Familie dahin und versteckte die Peitsche
fest unter den Pelz. Es ging ihm jetzt nichts Schlimmers im Kopfe herum als bloss
die Frage, wo das Liebhaberteater am besten, ob im Salon de lecture oder ob im
Salon der bains domestiques aufzuschlagen; denn beide Säle waren ganz von
einander und von andern Zimmern durch die Namen unterschieden.
    Der Tag kam. Albano, dessen Einladung Karl ertrotzen müssen, weil der
Minister seinen Stolz hassete aus Stolz, brachte leider den Ton in seiner Seele
mit, den ihm das letztemal Liane nach Hause gegeben. Seine Hoffnung hatte bisher
von diesem Tone gelebt. O verdenkts ihm nicht! Das luftige Nichts eines Seufzers
trägt oft eine Schäferwelt oder einen Orkus auf dem Ephemeren-Flügel. Alles
Wichtige ist wie ein Fels auf einen Punkt zu stellen, wo es ein Kinderfinger
drehen kann.
    Aber der Ton war verklungen. Liane wusst' es gar nicht anders, als dass man
unter der Visitengemeinde - deren moralische Pneumatophobie96 sie nicht einmal
ganz kannte - vor jede betende Empfindung den Kirchenfächer halten müsse.
    Logen, Parterre und Groschengalerie wurden fast um die gewöhnliche
Schauspielszeit mit stiftsfähigen Gratulanten verziert und ausgefüllt. Der
deutsche Herr ragte sehr hervor durch den reichen Trotz seiner Verhältnisse. Von
der Visitenkompagniegasse kann im Durchgehen nur angemerkt werden, dass in ihr
und im antiphlogistischen System der Sauerstoff die Hauptrolle spielte, welchen
aber weniger die Lunge abschied als das Herz. -
    Als der Vorhang auseinanderging und Roquairol jene Nacht der Vergebung und
Entzückung noch feuriger wieder vorbeiführte, als sie gewesen war; als diese
träumerische Nachäffung erst die rechte Wirklichkeit schien: wie glühend und
tief brannt' er sich dadurch in seines Freundes Seele ein! (Guter Albano! Diese
Kunst, sein eigner révenant, sein Vexier- und After-Ich zu werden und die
Prachtausgabe des eignen Lebens nachzudrucken, hätte dir kleinere Hoffnungen
verstatten sollen!) - Der Graf musste in der ernstaftesten Sozietät, die je um
ihn sass, ausbrechen in ein unschickliches - Weinen. Und warum legte Karl Albanos
Worte in jener Nacht der zauberisch-gerührten Liane in den Mund und machte die
Liebe durch so viele Reize gross bis zum Schmerz? -
    Selber der deutsche Herr gab Lianen, diesem weissen Schwan, der errötend
durch das Abendrot des Phöbus schwamm, mehrere laute und dem Grafen verdrüssliche
Zeichen des Beifalls. Der Minister war hauptsächlich froh, dass das alles zu
seiner Ehre vor falle und dass die Pointe des letzten Aktes ihm noch einen ganz
besondern epigrammatischen Lorbeerkranz auf den Scheitel werfen müsse.
    Er überkam den Kranz. - Das Kinderpaar wurde von der anwesenden Erlanger
Literaturzeitung und von der Belletrischen sehr günstig rezensiert und mit
Kronen überdeckt, mit edlen Märtyrerkronen. - Der deutsche Herr hatte und
brauchte das laute Recht, die Krönung und den Kronwagen anzuführen. Niedriger
Mensch! warum dürfen deine Käfer-Augen über die heiligen Rosen, welche die
Rührung und die Geschwister-Liebe auf Lianens Wangen pflanzt, nagend kriechen? -
Aber wie noch viel munterer wurde der alte Herr - so dass er mit den ältesten
Damen badinierte -, als er den Ritter sein Interesse an Lianen nicht
phantastisch oder sentimentalisch, sondern durch stilles stetes Nähern und
verständige Aufmerksamkeit, durch Scherze und Blicke und kluges Anreden und
endlich durch etwas Entscheidendes herrlich an den Tag geben sah! - Der deutsche
Herr zog nämlich den alten in ein Kabinett hinein und beide kehrten heftigbelebt
daraus zurück.
    Die einsame, ins eigne Herz versenkte Liane flüchtete vom Giftbaum des
Lorbeers weg zur erquickenden Mutter. Liane hatte mitten in den stürmischen
Mühlengängen täglicher Assembleen eine leise Stimme und ein zartes Ohr behalten,
und der Tumult hatte sie eingezogen und fast scheu gelassen.
    Die schöne Seele erriet selten etwas - eine schöne Seele ausgenommen -; so
leicht ihr Ebenbild, so schwer ihr Gegenbild. Bouverots Annäherungen schienen
ihr die gewöhnlichen Vorund Seitenpas der männlichen Höflichkeit; und sein
Ritter-Zölibat erlaubte ihr nicht, ihn ganz zu verstehen; - prangen nicht die
Lilien der Unschuld früher als die Rosen der Scham, wie die Purpurfarbe anfangs
nur bleich färbt und erst später rot anglüht, wenn sie vor der Sonne liegt? -
Sie hielt sich diesen Abend der Mutter nahe, weil sie an ihr einen
ungewöhnlichen Ernst wahrnahm. -
    Als Froulay das Geburtstags-Kränzchen, worin mehr Stacheln und Stiele als
Blumen steckten, oder das Dornenkrönchen von seinem Kopfe heruntergetan hatte
und in der Nachtmütze unter seiner Familie stand: macht' er sich an das
Geschäft, worauf er den ganzen Abend gesonnen hatte. »Täubchen« (sagt' er zur
Tochter und entlehnte einen guten Ausdruck aus der Bastille97) - »Täubchen,
lasse mich und Guillemette allein.« - Er entblösste jetzt das Ober-Gebiss durch
ein eignes Grinsen und sagte, er hab' ihr, wie er hoffe, etwas Angenehmes zu
hinterbringen. »Sie wissen,« (fuhr er fort) »was ich dem deutschen Herrn
schuldig bin« - Er meinte nicht Dank, sondern Geld und Rücksicht.
    - - Man will es sehr preisen an der Familie der Quintier98, dass sie nie Gold
besessen; ich führe - ohne tausend andere Familien aufzustellen, von denen
dasselbe zu beschwören ist - nur die Froulaysche an. Gewisse Familien haben wie
Spiessglas durchaus keine chemische Verwandtschaft mit diesem Metall, wenn sie
auch wollten; - wahrlich Froulay wollte; er sah sehr auf seinen Vorteil (auf
etwas anderes nicht), er setzte (obwohl nur in Kollisionsfällen) gern Gewissen
und Ehre beiseite; aber er brachte es zu nichts als zu grossen Ausgaben und
grossen Projekten, bloss weil er das Geld nicht als Endzweck des Geizes, sondern
nur als Mittel des Ehrgeizes und der Tätigkeit sucht. Sogar für einige Gemälde,
die Bouverot für den Fürsten in Italien gekauft, war er jenem noch den
Kaufschilling schuldig, den er von der Kammer erhoben. Durch seine Schuldbriefe
stand er wie durch Zirkelbriefe in ausgebreiteten Verbindungen. Er hätte gern
seinen Ehekontrakt in einen Schuldbrief umgeschrieben und mit der Ministerin
wenigstens die innigste Gemeinschaft - der Güter gehabt - denn unter den
jetzigen Umständen grenzten Scheidung und Konkurs nachbarlich aneinander -; aber
wie gesagt, manche Menschen haben bei den besten Krallen - wie der Adler des
römischen Königs99 - nichts darin. -
    Er fuhr fort: »Jetzt höret diese Gêne vielleicht auf. Haben Sie bisher
Beobachtungen über ihn gemacht?« - Sie schüttelte. »Ich« (versetzt' er) »schon
lange und solche, die mich wahrhaft soulagierten; - j'avois le nez bon quant à
cela - er hat reelle Neigung für meine Liane.«
    Die Ministerin konnte keinen Verfolg erraten und bat ihn mit verdecktem
Erstaunen, zur angenehmen Sache zu kommen. Komisch rang auf seinem Gesicht der
freundliche Schein mit der Erwartung, er werde sich sogleich erbosen müssen; er
versetzte: »Ist Ihnen das keine? Der Ritter meint es ernstaft. Er will sich
jetzt mit ihr heimlich verloben; nach drei Jahren tritt er aus dem Orden, und
ihr Glück ist gemacht. Vous êtes je l'espêre pour cette fois un peu sur mes
interêts, ils sont les vôtres.« -
    Ihr so schnell und tief getroffenes Mutterherz weinte und konnte kaum
verhüllet werden. »Herr von Froulay!« (sagte sie nach einiger Fassung) »ich
verberge mein Erstaunen nicht. Eine solche Ungleichheit in den Jahren - in den
Neigungen - in der Religion«100 - -
    »Das ist des Ritters Sache, nicht unsere«, versetzt' er, erquickt von ihrer
entrüsteten Verwirrung, und warf wie das Wetter in seiner Kälte nur feinen
spitzen Schnee, keinen Hagel. - »Was Lianens Herz anlangt, dieses bitt' ich Sie
eben zu sondieren.« -»O dieses fromme Herz? - Sie persiflieren!« - »Posito!
desto lieber wird das fromme Herz sich fügen, um das Glück des Vaters zu machen,
wenn sie nicht die grösste Egoistin ist. Ich möchte die gehorsame Tochter nicht
gern zwingen.« - »N'épuisez pas ce chapitre; mon coeur est en presse. - Es wird
ihr das Leben kosten, das ohnehin an so schwachen Fäden hängt.« - - Diese
Erwähnung schlug allezeit Zornfeuer aus seinem Kiesel: »Tant mieux,« (sagt' er)
»so bleibt es bei der Verlobung! hätt' ich bald gesagt - sacre - -! Und wer ist
daran schuld? So gehts mir mit dem Hauptmann auch; anfangs versprechen meine
Kinder alles, dann werden sie nichts. - Aber, Madame,« (indem er sich schnell
und giftig zusammenfasste und statt seiner Lippen und Zähne bloss die
Gehörwerkzeuge eines schlafenden Schosshundes mässig drückte) »Sie allein wissen
ja alles durch Ihren Einfluss auf Liane zu dressieren und zu redressieren. Sie
gehorcht Ihnen vielleicht noch eher als mir. Ich werde dann nicht bei dem Ritter
kompromittiert. - Die Vorteile detaillier' ich nicht weiter.« Seine Brust wurde
hier schön erwärmt unter dem Geierfell der Entrüstung.
    Aber die edle Frau stand jetzt unwillig auf und sagte: »Herr von Froulay!
Bis jetzt sprach ich nicht von mir - Nie werd' ich es raten, oder billigen, oder
zulassen; ich werde das Gegenteil tun. - Herr von Bouverot ist meiner Liane
nicht würdig.« -
    Der Minister hatte während der Rede mehrmals mit der Lichtschere ohne Not
über den Wachslichtern zugeschnappt und nur die Flammenspitze geköpft; die fixe
Luft des Zorns strich jetzt die Rosen seiner Lippen (wie die chemische die
botanischen) blau an. - »Bon!« - (versetzt' er) - »Ich verreise; Sie können
darüber reflechieren - aber ich gebe mein Ehrenwort, dass ich nie in irgendeine
andere Partie konsentiere, und wäre sie« (wobei er die Frau ironisch ansah)
»noch ansehnlicher101 als die eben projektierte - entweder das Mädchen gehorcht,
oder sie leidet - decidez! - - Mais je me fie à l'amour que vous portez au pere,
et à la fille; vous nous rendrez tous assez contents.« Und dann zog er fort,
nicht als Gewitter, sondern als Regenbogen, den er aus der achten Farbe allein
verfertigte, aus der schwarzen, und zwar mit den Augenbraunen.
    Nach einigen mit der Mutter und - Tochter zürnenden Tagen reiste er als
Luigis Geschäftsträger nach Haarhaar zur fürstlichen Braut. Die bedrängte Mutter
vertrauete ihrem ältesten und einzigen Freunde, dem Lektor, das trübe Geheimnis.
Beide hatten jetzt ein reines Verhältnis der Freundschaft gegeneinander, das in
Frankreich durch die höhere Achtung für die Weiber häufiger ist. In den ersten
Jahren der ministerialischen Zwangsehe, die nicht mit Morgentau, sondern mit
Morgenreif anbrach, flatterte vielleicht der Dämmerungsvogel, Amor, ihnen nach;
aber später vertrieben die Kinder diese Sphinx. Über die Mutter wird oft die
Gattin verschmerzt. Sie nahm daher mit der ihr eignen kalten und klaren Stärke
alles Schwankende in ihrem Verhältnis gegen Augusti auf immer weg; und er machte
ihr die Festigkeit durch die seinige leichter, weil er bei mehr Ehr- als
Weiber-Liebe über kein Flechtwerk röter wurde als über das eines Korbes und
irrig glaubte, ein Empfänger habe sich so zu schämen wie eine Empfängerin.
    Der Lektor konnte voraussehen, dass sie auch nach ihrer Ehescheidung - die
sie nur Lianens wegen verschob - schon darum unverbunden bleiben werde, um ihrer
Tochter ein Allodialgut, Klosterdorf, für dessen Vorbehaltung sie nun 21 Jahre
lang den Sturmbalken und Sichelwagen und Doppelhaken des alten Ministers
blossgestanden, nicht zu entziehen. Ob sie einem so festen und zarten Manne, der
in nichts von ihr abwich als in der Weltkälte gegen positive Religion, nicht
ihre teuere Liane selber schweigend zudenke, ist eine andere und schönere Frage.
Eine solche Wechselgabe wäre einer solchen Mutter und Freundin würdig, die aus
ihrem Herzen wusste, dass Zart- und Ehrgefühl zusammen einer geliebten Seele ein
festeres Glück bereiten als die Genieliebe, dieser Wechsel von fliegender Hitze
und fliegender Kälte, dieses Feuer, das wie das elektrische stets zweimal
zertrümmert, bei dem Anfliegen und bei dem Abspringen. Der Lektor selber warf
jene Frage nicht auf; denn er machte nie unsichere, kecke Plane; und welcher
wär' es mehr gewesen als der einer solchen Verbindung bei seiner Armut oder bei
einem solchen Schwiegervater in einem Lande, wo, wie in Kursachsen, ein so
wohltätiges Gesetz (für die Eltern) sogar eine vieljährige Ehe, die kein
elterlicher Konsens geschlossen, wieder abbestellen kann! -
    Mit nassen Augen zeigte die Ministerin ihm die neuen Sturmwolken, die wieder
über sie und ihre Liane heraufstiegen. Sie konnte auf sein feines Auge für die
Welt, auf seine stumme Lippe und auf seine gewandte Hand für Geschäfte bauen. Er
sagte - wie immer -, das hab' er alles vorausgesehen; bewies ihr aber, dass
Bouverot sein Ritterkreuz - schon aus Habsucht - nie gegen den Ehering
vertauschen werde, welche Absichten er auch auf Lianen nähre. Er liess sie,
soweit es die Schonung für ihre wunden Verhältnisse vertrug, es erraten, bis zu
welchem Grade von Bereitwilligkeit für Bouverots Wünsche gerade Lianens
zerbrechliches Leben den Minister locken könne, um es abzuernten, bevor es
abblühe. Denn Froulay brachte Zumutungen gegen die Ehre behender die Kehle hinab
als Verletzungen seiner Eitelkeit, wie der Wasserscheue leichter derbe Brocken
als Flüssiges. Doch klang das alles der Ministerin nicht so unmoralisch-hart,
als Leser aus den mittlern Ständen denken möchten; ich berufe mich auf die
vernünftigern aus den höhern.
    Augusti und die Ministerin sahen, man müsste in der Abwesenheit des Ministers
doch etwas für Liane tun; und beide trafen wunderbar im Projekte zusammen. -
Liane muss aufs Land in dieser schönen Zeit - sie muss ihre Gesundheit rüsten für
die Kriege der Zukunft - sie muss den Besuchen des Ritters entzogen sein, die nun
der Geburtstag vervielfältigen wird - der Minister muss sogar gegen den Ort
nichts einzuwenden haben. - - Und wo kann dieser liegen? - Bloss unter dem Dache
des Direktors Wehrfritz, der den deutschen Herrn nicht ausstehen kann, weil er
sein vergiftendes Verhältnis zum Fürsten weiss. Aber freilich sind vorher noch
andere Berge zu übersteigen als der nach Blumenbühl.
    Selber der Leser muss jetzt über einen niedrigen hinüber; und der ist ein
kurzes komi-tragisches Extrablatt
                       über den grünen Markt mit Töchtern
Folgendes ist gewiss: jeder Inhaber einer sehr schönen oder sehr reichen Tochter
verwahrt gleichsam einen Pitt unter dem Dach, der ihm selber unbrauchbar ist und
den er erst nach langem Ruhen einem Regenten102 verkaufen muss. Genau und
merkantilisch gesprochen sind Töchter eigentlich kein Handelsartikel - denn die
elterlichen Grossavanturhändler kann niemand mit jenen Trödlerinnen und Ständel-
oder Fratschlerweibern vermengen, deren Transitohandel man nicht gern nennt -,
sondern eine Aktie, mit der man in einer Südsee gewinnt, oder eine Scholle,
womit man das Grundstück symbolisch (scotatione) übergibt. »Je ne vends que mes
paysages et donne les figures par dessus le marché«103, sagte Claude Lorraine,
wie ein Vater - und konnt' es leicht, weil er durch andere die Figuren in seine
Landschaften malen liess -; ebenso werden nur die Rittersitze in den Kauf- oder
Ehekontrakt gesetzt und die Braut, die auf jenen sitzt, dareingegeben. Ebenso
höher hinauf ist eine Prinzessin bloss ein blühender Zweig, den ein fürstlicher
Sponsus nicht der Früchte wegen, sondern weil sich ein Bienenschwarm von Land
und Leuten daran angelegt, abnimmt und nach Hause trägt.
    Hat ein Vater - wie unser Minister - nicht viel, so kann er die Kinder, wie
die Ägypter die Eltern (nämlich die Mumien davon), als Schuld- und Faustpfänder
oder Reichspfandschaften, die man nicht einlöset, einsetzen.
    Jetzt hat sich der Kaufmannsstand, der sonst nur fremde Produkte vertrieb,
auch dieses Handelszweigs bemächtigt; mich dünkt aber, er hätte in seinem untern
Kaufgewölbe Spielraum genug, eigennützig und verdammt zu werden, ohne die Treppe
hinaufzusteigen zur Tochter. In Guinea darf nur der Adel handeln; bei uns ist
ihm fast aller Handel, ausser dem kleinen mit den Töchtern und den übrigen
wenigen Dingen, die auf den eignen Gütern wachsen, abgeschnitten und verwehrt;
daher hält er so fest auf diese Handelsfreiheit, und die Noblesse scheint hier
eine für diesen zarten Handelszweig verbundne Hansa zu sein; so dass man
gewissermassen den erhabnen Stand mit dem erhabnern im eigentlichen Sinn
vergleichen mag, den in Rom verkäufliche Leute besteigen mussten104, um besehen
zu werden.
    Es ist eine gemeine Einwendung sogenannter gefühlvoller junger Herzen, dass
dergleichen Verhandlungen die Liebe sehr sperren oder gar sprengen; indes ihr
wohl nichts so sehr vorarbeitet als eben dies. Denn ist nur der Handel
geschlossen und vom Buchhalter (dem Pfarrer) ins Hauptbuch eingetragen: so tritt
ja die Zeit ein, wo die Tochter ihr Herz bedenken und versorgen darf, nämlich
die schöne Zeit nach der Heirat, die allgemein in Frankreich und Italien und
allmählich auch in Deutschland als die schicklichere angenommen wird, wo ein
weibliches Herz frei unter der Männer-Schar erwählen kann; ihr Staat wird dann,
wie der venezianische, aus einem merkantilischen ein erobernder. Auch den Gemahl
selber unterbricht das kurze Handlungsgeschäft so wenig nach-als vorher in
seiner Liebe; nur tritt jetzt - wie in Nürnberg dem Juden eine alte Frau -
unserem immer eine junge nach. Ja oft fasset der eheliche Handels-Mann selber
Neigung für das heimgeführte Subjekt - welches ein ungemeines Glück-, und wie
Moses Mendelssohn mit dem seidnen Waren-Bündel unter dem Arm seine Briefe über
die Empfindungen aussann, so meditieren bessere Männer unter dem Handel
Liebesbriefe an den Handelszweig und handeln mit der Jungfrau - wie Kaufleute in
Messina105 mit der heiligen - - in Compagnie; aber freilich solche profitable
Verbindungen der Liebe mit Geschäften bleiben seltene Vögel und sind wenig zu
prätendieren. - -
    - Das Vorige schrieb ich für Eltern, die gern scherzen mit - kindlichem
Glück; ich will jetzt aus ihrem und meinem Scherz Ernst machen. Ich frage euch
erstlich über euer Recht, moralischen freien Wesen die Neigungen oder gar den
Schein derselben vorzuschreiben und durch eine Machtandlung den giftigen
Bleizepter über ein ganzes freies Leben auszustrecken. Eure zehn Lehrjahre des
Lebens mehr machen so wenig einen Unterschied in der gegenseitigen Freiheit als
Talent oder sein Mangel. Warum befehlt ihr denn Töchtern nicht ebensogut
Freundschaft auf Lebenslang? Warum übt ihr bei der zweiten Ehe nicht dasselbe
Recht? Aber ihr habt eben keines zu verwerfen, ausgenommen in der minorennen
Zeit, wo das Kind noch keines hat, zu wählen. Oder fodert ihr für die Erziehung
zur Freiheit beim Abschiede als Ehrensold das Opfer der Freiheit? - Ihr tut, als
hättet ihr erzogen, ohne selber erzogen zu sein, indes ihr bloss eine schwere
geerbte Schuld, die ihr an eure Eltern nie bezahlen könnt, an eure Kinder
abtragt; und ich kenne hierin nur einen unbezahlten Gläubiger, den ersten
Menschen, und nur einen insolventen Schuldner, den letzten. Oder schützet ihr
euch noch mit dem barbarischen unmoralischen römischen Vorurteil, das Kinder als
weisse Neger der Eltern feilbietet, weil die frühere erlaubte Gewalt über das
nicht-moralische Wesen sich hinter der Allmählichkeit seiner Entwicklung
unbemerkt als eine über das moralische herüberschleicht?
    Dürft ihr aus Liebe Kinder zu ihrem Glück, so dürfen sie später ebensogut
aus Dankbarkeit euch zu eurem zwingen. Aber was ist denn das Glück, wofür sie
ihr ganzes Herz mit allen seinen Träumen wegwerfen sollen? - Meistens eures;
eure Beleuchtung und Bereicherung, eure Feind- und Freundschaften sollen sie mit
dem Opfer des Innersten büssen und kaufen. Dürft ihr eure stillen Voraussetzungen
zum Glück einer Zwangsehe laut bekennen, z.B. die Entbehrlichkeit der Liebe in
der Ehe, die Hoffnung eines Todesfalles, die vielleicht doppelte Untreue sowohl
gegen den ehelichen Käufer als gegen den ausser-ehelichen Geliebten? Ihr müsst
Sünderinnen106 voraussetzen, um nicht Räuber zu sein.
    Tut mir nicht dar, dass Neigungsehen oft schlecht und Zwangsehen oft gut
genug ausgefallen, wie an Herrnhutern, Germanen und Orientalern zu ersehen.
Nennt mir sonst lieber alle barbarische Völker und Zeiten her, worin, weil beide
ja nur den Mann, nie die Frau berechnen, eine glückliche Ehe nichts bedeutet als
einen glücklichen Mann. Niemand steht nahe genug dabei, die weiblichen Seufzer
zu hören und zu zählen; der ungehörte Schmerz wird endlich sprachlos; neue
Wunden schwächen das Bluten der ältesten. Ferner: am Missgeschick der
Neigungs-Ehen ist eben ihr Verwehren und euer Krieg gegen die Verehlichten
schuld. - Ferner: jede Zwangs-Ehe ist ja meistens zur Hälfte eine Neigungs-Ehe.
Endlich: die besten Ehen sind im mittlern Stand, wo mehr die Liebe, und die
schlechtesten in den höhern, wo die Rücksicht bindet; und sooft in diesen ein
Fürst bloss mit seinem Herzen wählte, so erhielt er eines, und er verlor und
betrog es nie. - -
    Welches ist denn nun die Hand, in welche ihr so oft die schönste, feinste,
reichste, aber widersträubende presset? Gewöhnlich eine schwarze, alte, welke,
gierige. Denn veraltete, reiche oder steigende Libertins haben zu viel Kenntnis,
Sättigung und Freiheit, um sich andere Wesen zu stehlen als die herrlichsten;
die minder vollkommnen fallen bloss Liebhabern anheim. Aber wie niedrig ist ein
Mann, der, verlassen vom eignen Wert, bloss vom fremden Machtgebot beschützt,
sein Glück bezahlend mit einem gestohlnen, nun die unbeschirmte Seele von einer
geliebten nachweinenden in ein langes kaltes Leben wegschleppen und sie in seine
Arme wie in frostige Schwerter drücken und sie darin so nahe an seinem Auge
blutend erbleichen und zucken sehen kann! - Der Mann von Ehre gibt schon
errötend, aber er nimmt nicht errötend; und der bessere Löwe, der tierische,
schonet das Weib107; aber diese Seeleneinkäufer erpressen vom bezwungnen Wesen
noch zuletzt das Zeugnis der Freiwilligkeit.
    Mutter des armen Herzens, das du durch Unglück beglücken willst, höre du
mich! Gesetzt, deine Tochter härte sich ab gegen das aufgedrungene Elend: hast
du ihr nicht den reichen Traum des Lebens zum leeren Schlafe gemacht und ihr
daraus die glückseligen Inseln der Liebe genommen und alles, was auf ihnen
blüht, die schönen Tage, wo man sie betritt, und das ewige frohe Umsehen nach
ihnen, wenn sie schon tief im Horizonte mit ihren blühenden Gipfeln liegen?
Mutter, war diese frohe Zeit in deiner Brust, so nimm sie der Tochter nicht; und
war sie dir grausam entzogen, so denk an deinen bittersten Schmerz und erb' ihn
nicht fort.
    Gesetzt ferner, sie macht den Entführer ihrer Seele glücklich, rechne nun,
was sie für den Liebling derselben gewesen wäre und ob sie dann nichts verdiene,
als den zu ihr von einer Gefängnistüre auf immer eingeschlossenen Kerkermeister
zu ergötzen! Aber so gut ists selten; - du wirst ein doppeltes Missgeschick auf
deine Seele häufen, den langen Schmerz der Tochter, das Erkalten des Gatten, der
später die Weigerungen fühlt und rügt. - Du hast die Zeit verschattet, wo der
Mensch am ersten Morgensonne braucht, die Jugend. O macht lieber alle andere
Tageszeiten des Lebens trübe - sie sind sich alle ähnlich, das dritte und das
vierte und fünfte Jahrzehend -, nur bei Sonnenaufgang lasset es nicht ins Leben
regnen; nur diese einzige, nie umkehrende, unersetzliche Zeit verfinstert nicht.
    Aber wie, wenn du nicht bloss Freuden, Verhältnisse, eine glückliche Ehe,
Hoffnungen, eine ganze Nachkommenschaft für deine Plane und Befehle opfertest,
sondern das Wesen selber108, das du zwingst? Wer kann dich rechtfertigen oder
deine Tränen trocknen, wenn die beste Tochter - denn gerade diese wird
gehorchen, schweigen und sterben, wie den Mönchen von La Trappe ihr Kloster
niederbrennt, ohne dass einer das Gelübde des Schweigens bricht109 - wenn sie,
sag' ich, wie eine Frucht halb vor der Sonne, halb im Schatten, nach aussen hin
blüht und nach innen kalt erbleicht, wenn sie, ihrem entseelten Herzen
nachsterbend, dir endlich nichts mehr verhehlen kann, sondern jahrelang die
Blässe und die Schmerzen des Unterganges mitten im Aufgange des Lebens
herumträgt - und wenn du sie nicht trösten darfst, weil du sie zerstöret hast
und dein Gewissen den Namen Kindermörderin nicht verschweigt - und wenn nun
endlich das ermüdete Opfer vor deinen Tränen daliegt und das ringende Wesen so
bang und früh, so matt und doch lebensdurstig, vergebend und klagend, mit
brechenden und sehnsüchtigen Blicken peinlich-verworren und streitend in den
bodenlosen Todesfluss mit den blühenden Gliedern untersinkt: o schuldige Mutter
am Ufer, die du sie hineingestossen, wer will dich trösten? - Aber eine
schuldlose würde ich rufen und ihr das schwere Sterben zeigen und sie fragen:
soll dein Kind auch so untergehen? -
 
                                   59. Zykel
Es war ein romantischer Tag für Zesara, sogar von aussen; Sonnenfunken und
Regentropfen spielten blendend durch den Himmel. Er hatte einen Brief von seinem
Vater aus Madrid bekommen, der auf den gedrohten Tod seiner Schwester endlich
das schwarze Siegel der Gewissheit drückte und worin nichts Angenehmes war als
die Nachricht, dass Don Gaspard mit der Gräfin de Romeiro, deren Vormundschaft er
nun schliesse, in dem Herbste (dem italienischen Frühling) nach Italien gehe.
Zwei Töne waren ihm aus der Tonleiter der Liebe gerissen: er erfuhr nie, wie man
einen Bruder liebe und eine Schwester. Das Zusammentreffen ihrer Sterbenacht mit
der Tartarus-Nacht, dieses ganze Einkrallen in die heiligen Bilder und Wünsche
seines Herzens empörte seinen Geist, und er fühlte zornig, wie ohnmächtig eine
ganze antastende Welt Lianens Bild in ihm wegzurücken suche; und fühlte wieder
schmerzlich, dass eben diese Liane selber an ihr nahes Vergehen glaube. -
    So fand ihn eine unerwartete Einladung von der - Ministerin selber - -
Sonnenfunken und Regentropfen spielten auch in seinem Himmel. - Er flog; im
Vorzimmer stand der Engel, der die sechs apokalyptischen Siegel erbrach -
Rabette. Sie war ihm entgegengelaufen aus Scheu vor der Gesellschaft und hatt'
ihn früher umarmt als er sie. Wie gern sah er ins bekannte redliche Angesicht!
Mit Tränen hört' er den Namen Bruder, da er heute eine Schwester verloren! - -
    Die Ursache ihrer Erscheinung war diese: als der Direktor das letztemal bei
der Ministerin war, hatte diese mit leichter verdeckter Hand seiner Tochter »zur
Kenntnis des leeren Stadtlebens und zur Veränderung« - ihr Haus geöffnet, um
künftig an seines für ihre klopfen zu dürfen. Er sagte, »er spedier' ihr den
weiblichen Wildfang mit Freuden«. Und da ihm in Blumenbühl Rabette Nein, dann
Ja, dann Nein, dann Ja geantwortet und sie mit der Mutter noch vor Mitternacht
eine Reichskammergerichts-Revision, einen Münzprobations-Tag über alles gehalten
hatte, was ein Mensch vom Land anziehen kann in der Stadt: so packte sie dort
auf und hier - ab.
    »Ach ich fürchte mich drinnen,« (sagte sie zu Albano) »sie sind alle zu
gescheut, und ich bin nun so dumm!« - Er fand ausser dem Familienkleeblatt noch
die Prinzessin und die kleine Helena aus Lilar, dieses schöne Medaillon eines
schönen Tages für sein gerührtes Herz. Unbeschreiblich ergriff ihn Lianens
weibliche Annäherung an Rabette, gleichsam als teil' er sie mit ihr. Mit
Leutseligkeit und Zarteit kam die Milde, die ohne Falsch und Stolz war, der
verlegnen Gespielin zu Hülfe, auf deren Gesicht die angeborne lachende und
beredte Natur jetzt sonderbar gegen den künstlichen Stummen-Ernst abstach. Karl
war mit seiner gewandten Vertraulichkeit mehr imstand, sie zu umstricken als
loszuwickeln; bloss Liane gab ihrer Seele und Zunge schon durch den Stickrahmen
freies Feld; Rabette schrieb mit der Sticknadel zwar keine Zier- und
Anfangsbuchstaben, aber doch eine gute Kurrentand.
    Sie gab - das Gesicht gegen das brüderliche gewandt, um Mut davon zu holen -
von dem gefährlichen Wege und Umwerfen einen deutlichen Bericht und lachte
dabei, nach der Sitte des Volks, wenn es sein Unglück erzählt. Der Bruder war
ihr auf Kosten der Gesellschaft selber die Gesellschaft und die Welt; nach ihm
allein strömte ihre Wärme und Rede hin. Sie sagte: sie könn' ihn aus ihrer Stube
»klavieren« sehen. Liane führte beide sofort darein. Wie reich und erhaben über
Rabettens Ansprüche ans Stadtleben war das jungfräuliche Hospitium ausgestattet,
von der Tulpe an - keiner blühenden, sondern einem Arbeitskörbchen von Liane,
wiewohl jede Tulpe eines für den Frühling ist - bis zum Klavier, von dem sie
gegenwärtig freilich nicht mehr verbrauchen kann als sieben Diskanttasten für
einen halben Walzer! Fünf mässige Kleiderkästen - denn damit glaubte sie
auszukommen und der Stadt zu zeigen, dass auch das Land sich kleiden könne -
stellten ihm in ihren wohlbekannten Blumenstücken und Blechbändern gleichsam die
alten Drucke (Inkunabeln) der ersten Lebenstage vor; und heute erquickte ihn
jede Spur der alten Liebes-Zeit. Sie liess ihn seine Fenster suchen, aus deren
einem der Bibliotekar einen soliden Blick auf einen Gassenstein heftete, um ihn
immer zu treffen mit Anspucken.
    Hier einsam neben dem Bruder sagte Liane der Schwester das Wort der
Freundschaft lauter und versicherte, wie sie sie erfreuen wolle und wie gut und
wahr sie es mit ihr meine. O sehet in die Flamme der reinen religiösen
schwesterlichen Liebe mit keinem gelben Auge des Argwohns! Fasset ihr nicht, dass
diese schöne Seele eben jetzt ihre reichen Flammen zerteile für alle
Schwesterherzen, bis die Liebe sie zusammendrängt in eine Sonne, wie nach den
Alten die zerstreueten Blitze der Nacht am Morgen sich zu einer dichten Sonne
sammlen? - Sie war überall Auge für jedes Herz; wie eine Mutter vergass sie nicht
einmal die Kleine über Grosse; - und sie goss - keiner streiche mir dieses kleine
Beispiel weg - der kleinen Helena die Tasse Kaffee, die der Doktor verbot, halb
voll Sahne, damit er ohne Kraft und Nachteil sei.
    Die ungeduldige Prinzessin hatte schon zehnmal nach dem Himmel geschauet,
durch welchen bald Lichtstrahlen, bald Regensäulen flogen - bis endlich aus dem
verzehrten Wolkenschnee das Blau in weiten Feldern wuchs und Julienne die
erfreueten jungen Leute in den Garten zum Anstoss der Ministerin entführen
konnte, die ungern Lianen dem Serein, fünf oder sechs Abendwind-Stössen und dem
Waten durch das 1/19 Linie hoch stehende Regenwasser aussetzte. Sie selber blieb
zurück. Wie war alles drunten so neu geboren, widerscheinend und liebkosend! Die
Lerchen stiegen aus den fernen Feldern wie Töne auf und schmetterten nahe über
dem Garten - in allen Blättern hingen Sterne, und die Abendluft warf das nasse
Geschmeide, die zitternden Ohrrosen aus den Blüten in die Blumen herab und trieb
süsse Düfte den Bienen entgegen. Die Idylle des Jahrs, der Frühling, teilte sein
holdes Schäferland unter die jungen Seelen aus. Albano nahm die Hand seiner
Schwester, aber er hörte mühsam auf ihre Berichte vom Hause. Liane ging mit der
Prinzessin weit voraus und labte sich am offnen Himmel der Vertraulichkeit.
    Plötzlich stand Julienne mit ihr scherzend still, um den Grafen
heranzulassen und zu fragen nach Briefen von Don Gaspard und nach Nachrichten
von der Gräfin Romeiro. Er teilte mit erglühendem Gesicht den Inhalt des
heutigen mit. In Juliennens Physiognomie lächelte fast Neckerei. Auf die
Nachricht von Lindas Reise versetzte sie: »Daran erkenn' ich sie; alles will sie
lernen - alles bereisen. - Ich pariere, sie steigt auf den Montblanc und in den
Vesuv. Liane und ich nennen sie darum die Titanide.« Wie freundlich hörte diese
zu, mit den Augen ganz auf der Freundin! »Sie kennen sie nicht?« fragte sie den
Gepeinigten. Er verneinte heftig. Roquairol kam nach; »Passez, Monsieur« sagte
sie, Platz machend und ihn fortwinkend. Liane blickte sehr ernst nach. »La
voici!« sagte Julienne, indem sie an einem Ringe ihrer kleinen Hand durch einen
Druck die Decke eines Bildnisses aufspringen liess. - - Guter Jüngling! es war
ganz die Gestalt, welche in jener Zaubernacht aus dem Lago maggiore aufstieg,
dir von den Geistern zugeschickt! - »Sie ist getroffen«, sagte sie zu dem
erschütterten Menschen. »Sehr!« sagt' er verwirrt. Sie untersuchte dieses
widersprechende »Sehr« nicht; aber Liane sah ihn an; »Sehr schön und kühn!«
(fuhr er fort) »aber ich liebe Kühnheit an Weibern nicht.« - »O, das glaubt man
den Männern gern«, versetzte Julienne; »keine feindliche Macht liebt sie an der
andern.«
    Sie gingen jetzt in der Kastanienallee vor der heiligen Stätte vorbei, wo
Albano die Braut seiner Hoffnungen zum ersten Male hinter den Wasserstrahlen
hatte glänzen und leiden sehen. O er hätte hier mit dieser vom
Gegeneinanderarbeiten wunderbarer Verhältnisse bang-erhitzen Seele gern vor dem
nahen stillen Engel niederknien mögen! - Die zarte Julienne merkte, sie habe ein
bewegtes Herz zu schonen; nach einem ziemlich lauten Schweigen sagte sie in
ernstem Ton: »Ein holder Abend! Wir wollen aufs Wasserhäuschen. - Liane wurde da
geheilt, Graf! Die Fontänen müssen auch springen.« - » die Fontänen!« sagte
Albano und sah unbeschreiblich-gerührt Lianen an. Sie dachte aber, er meine die
im Flötental. Helena gebot hinter ihnen, zu warten, und kam mit zwei Händchen
voll gepflückter tauiger Aurikeln nachgetrippelt und gab sie alle Lianen, von
ihr als der Kollatorin der Benefizien die Blumen-Spende erwartend; »auch die
Kleine denkt noch an den schönen Sonntag in Lilar«, sagte Liane. Sie gab der
Prinzessin ein paar, und Helena nickte; und als Liane sie ansah, nickte sie
wieder zum Zeichen, der Graf soll' auch etwas haben; - »noch mehr!« rief sie,
als er bekommen; und je mehr jene gab, desto mehr rief sie »mehr!« - wie Kinder
in den Hyperbeln ihres Hanges zur Unendlichkeit pflegen.
    Man ging über eine grüne Brücke und kam in ein niedliches Zimmer. Statt des
vorigen Pianofortes stand ein gläsernes Heiligenhaus der Tonmuse da, eine
Harmonika. Der Hauptmann schraubte innen hinter einem Tapetentürchen, und
sogleich fuhren draussen alle festgebundnen Springwasser mit silbernen Flügeln
gen Himmel. O wie brannte die beregnete Welt, als sie hinaus auf die Höhe
traten!
    Warum warst du, mein Albano, gerade in dieser Stunde nicht ganz glücklich? -
Warum stechen denn durch alle unsre Bündnisse Schmerzen, und warum blutet das
Herz wie seine Adern am reichsten, wenn es erwärmt wird? - Über ihnen lag der
stille verwundete Himmel im Verband eines langen weissen Gewölkes - die
Abendsonne stand noch hinter dem Palast, aber auf beiden Seiten desselben
wallete ihr Purpurmantel aus Wolken in weiten Falten über den Himmel hin - und
wenn man sich umkehrte nach Osten, zu den Bergen von Blumenbühl, so liefen grüne
Lebens-Flammen hinauf, und wie goldne Vögel hüpften die Irrlichter durch die
feuchten Zweige und an die Morgenfenster, aber die Fontänen warfen noch ihr
weisses Silber in das Gold. - -
    Da schwamm die Sonne mit roter heisser Brust, goldne Kreise in den Wolken
ziehend, hervor, und die gebognen Wasserstrahlen brannten hell.... Julienne sah
Albano, neben welchem sie immer gleichsam gutmachend geblieben, herzlich an, als
ob es ihr Bruder wäre, und Karl sagte zu Liane: »Schwester, dein Abendlied!« -
»Von Herzen gern«, sagte sie; denn sie war recht froh über die Gelegenheit, sich
mit dem wehmütigen Ernst ihres Genusses zu entfernen und drunten in der einsamen
Stube auf den Harmonikaglocken alles laut zu sagen, was die Entzückung und die
Augen verschweigen.
    Sie ging hinab, das melodische Requiem des Tages stieg herauf - der Zephyr
des Klanges, die Harmonika, flog wehend über die Garten-Blüten - und die Töne
wiegten sich auf den dünnen Lilien des aufwachsenden Wassers, und die
Silberlilien zersprangen oben vor Lust und Sonne in flammige Blüten - und drüben
ruhte die Mutter Sonne lächelnd in einer Aue und sah gross und zärtlich ihre
Menschen an. - Hältst du denn dein Herz, Albano, dass es mit seinen Freuden und
Leiden verborgen bleibt, wenn du die stille Jungfrau im Mondschein der Töne
wandeln hörst? O wenn der Ton, der im Äter vertropft, ihr das frühe Verrinnen
ihres Lebens ansagt und wenn ihr die langen weichen Melodien als das Rosenöl
vieler zerdrückter Tage entfliessen: denkst du daran nicht, Albano? - Wie der
Mensch spielet! Die kleine Helena wirft mit Aurikeln nach den lodernden
Wasseradern, damit sie eine mit aufschleudern; und der Jüngling Zesara bückt
sich weit über das Geländer und lässet an der schiefen Hand den Wasserstrahl auf
ein heisses Gesicht und Auge abspringen, um sich damit zu kühlen und zu
verhüllen. - Durch seine Schwester wurde ihm der feurige Schleier geraubt;
Rabette gehörte unter die Menschen, welche dieses tönende Beben sogar physisch
zernagt - so wie wieder den Hauptmann die Harmonika wenig ergriff, der immer am
wenigsten gerührt war, wenn es andere am meisten waren -; die Unschuldige war
mit keinen Schmerzen weniger vertraut als mit süssen; die bittersüsse Wehmut,
worein sie in der müssigen Einsamkeit der Sonntage versank, hatten sie und andere
bloss für Verdriesslichkeit gescholten. Jetzt fühlte sie auf einmal mit Erröten
ihr rüstiges Herz wie von heissen Strudeln gefasset, umgedreht und durchgebrannt.
Ohnehin war es heute durch das Wiederfinden des Bruders, durch das Verlassen der
Mutter und die verlegne Bangigkeit vor Fremden und selber durch den sonnenroten
Blumenbühler Berg hin und her bewegt. Umsonst kämpften die frischen braunen
Augen und die überreife volle Lippe gegen den aufwühlenden Schmerz, die heissen
Quellen rissen sich durch, und das blühende Angesicht mit dem kräftigen Kinn
stand errötend voll Tränen. Schmerzlich-verschämt und bange, für ein Kind
gehalten zu werden, zumal da alle Rührungen der andern unsichtbar geblieben
waren, drückte sie das Schnupftuch über das brennende Gesicht und sagte zum
Bruder: »Ich muss fort, mir ist nicht wohl, es will mich ersticken« - und lief
hinab zur sanften Liane.
    Dahin trage nur die scheuen Schmerzen! Liane wandte sich und sah sie schnell
und heftig die Augen trocknen. Ach ihre waren ja auch voll. Da Rabette es sah,
sagte sie mutig: »Ich kanns ja nicht hören - ich muss heulen - ich schäme mich
wohl recht.« - »O du liebes Herz,« (rief Liane, freudig ihr um den Hals fallend)
»schäme dich nicht und blick in mein Auge - Schwester, komme zu mir, sooft du
bekümmert bist, ich will gern mit deiner Seele weinen und will dein Auge noch
eher abtrocknen als meines.« - Ein überwältigender Zauber war in diesen
Liebestönen, in diesen Liebesblicken, weil Liane wähnte, sie trauere über
irgendeinen verfinsterten Stern des Lebens. - Und nie hat die furchtsame
Dankbarkeit ein verehrtes Herz frischer und jugendlicher umarmet als Rabette
Lianen.
    Da kam Albano. Vom Austönen des Wiegenliedes erwachend, war er ihr
nachgeeilt, ohne alle kalte und andere Tropfen von seinen feurigen Wangen zu
wischen; »wie ist dir, Schwester?« fragt' er eilig. Liane, noch in der Umarmung
und Begeisterung schwebend, antwortete schnell: »Sie haben eine gute Schwester,
ich will sie lieben wie ihr Bruder.« Die süssen Worte, die so innig gerührten
Seelen, der feurige Sturm seines Wesens rissen ihn dahin, und er umschloss die
Umarmenden und drückte die verschwisterten Herzen aneinander und küsste die
Schwester; als er über Lianens bestürztes Wegbeugen des Kopfes erschrak und
blutrot aufflammte. - -
    Er musste entfliehen. Mit diesen wilden Erschütterungen konnt' er nicht vor
Lianen und vor den kalten Spiegeln der Gesellschaft bleiben. Aber die Nacht
sollte so wunderbar werden wie der Tag; er eilte mit Lebens-Blicken, die wie
zornige aussahen, aus der Stadt zur Titanide, zur Natur, die uns zugleich
stillet und erhebet. Er ging vor aufgedeckten Mühlenrädern vorbei, um welche
sich der Strom schäumend wand. - Die Abendwolken streckten sich wie ausruhende
Riesen aus und sonnten sich im Morgenrot Amerikas - und der Sturm fuhr unter
sie, und die feurigen Zentimanen standen auf - die Nacht bauete den Triumphbogen
der Milchstrasse, und die Riesen zogen finster hindurch. - Und in jedem Elemente
schlug die Natur wie ein Sturmvogel den rauschenden Flügel.
    Albano lag, ohne es kaum zu wissen, auf der Wald-Brücke Lilars, worunter die
Windströme durchrauschten. Er glühte, gleich den Wolken, von seiner Sonne nach -
seine innern Flügel waren, wie die des Strausses, voll Stacheln und verwundeten
ihn im Erheben - - der romantische Geistertag, der Brief des Vaters, Lianens
Auge voll Tränen, seine Kühnheit und seine Wonne und Reue darüber und jetzt die
erhabne Nacht-Welt auf allen Seiten um ihn her zogen erschütternd im jungen
Herzen hin und her er berührte mit der Feuer-Wange die beregneten Gipfel und
kühlte sich nicht und war dem tönenden fliegenden Herzen, der Nachtigall, nahe
und hörte sie kaum. - - Wie eine Sonne geht das Herz durch die blassen Gedanken
und löschet auf der Bahn ein Sternbild nach dem andern aus. - - Auf der Erde und
an dem Himmel, in der Vergangenheit und in der Zukunft stand vor Alban nur eine
Gestalt;»Liane« sagte sein Herz, »Liane« sagte die ganze Natur.
    Er ging die Brücke hinab und stieg die westlichen Triumphbogen hinauf, das
dämmernde Lilar ruhte vor ihm. - Siehe da sah er den alten »frommen Vater« auf
dem Geländer des Bogens eingeschlummert. Aber wie anders war die verehrte
Gestalt, als er sie sich nach der des verstorbnen Fürsten vorgemalt! Die unter
dem Quäkerhute reichvorwallenden weissen Locken, die weiblich und poetisch runde
Stirn, die gebogne Nase und die jugendliche Lippe, die noch nicht im späten
Leben einwelkte, und das Kindliche des sanften Gesichts verkündigten ein Herz,
das in der Dämmerung des Alters ausruht und nach Sternen blickt. Wie einsam ist
der heilige Schlaf! Der Todesengel hat den Menschen aus der lichten Welt in die
finster überbauete Einsiedelei geführt, seine Freunde stehen draussen neben der
Klause; drinnen redet der Einsiedler mit sich, und sein Dunkel wird immer
heller, und Edelsteine und Auen und ganze Frühlingstage entglimmen endlich - und
alles ist hell und weit! - Albano stand vor dem Schlaf mit einer ernsten Seele,
die das Leben und seine Rätsel anschauet - - nicht nur der Ein- und Ausgang des
Lebens ist vielfach überschleiert, auch die kurze Bahn selber; wie um ägyptische
Tempel, so liegen Sphinxe um den grössten Tempel, und anders als bei der Sphinx
löset das Rätsel nur der, welcher stirbt. -
    Der alte Mann sprach hinter dem Sprachgitter des Schlafs mit Toten, die mit
ihm über die Morgen-Auen der Jugend gezogen waren, und redete mit schwerer Lippe
den toten Fürsten und seine Gattin an. Wie erhaben hing der mit einem langen
Leben übermalte Vorhang des veralteten Angesichts vor der hinter ihm tanzenden
Schäferwelt der Jugend nieder, und wie rührend wandelte die graue Gestalt mit
dem jugendlichen Kranz im kalten Abendtau des Lebens umher und hielt ihn für
Morgentau und sah nach Morgen und der Sonne! - Nur die Locke des Greises rührte
der Jüngling liebend-schonend an; er wollte ihn - um ihn nicht mit einer fremden
Gestalt zu erschrecken - verlassen, ehe der aufgehende Mond seine Augenlider
weckend berührte. Nur wollt' er vorher den Lehrer seiner Geliebten mit den
Zweigen eines nahen Lorbeerbäumchens bekränzen. Als er davon zurückkam: drang
schon der Mond mit seinem Glanze durch die grossen Augenlider; und der Greis
schlug sie auf vor dem erhabnen Jüngling, der mit dem glühenden Rosenmond seines
Angesichts, vom Monde verkläret, vor ihm wie ein Genius mit dem Kranze stand.
»Justus!« (rief der Alte)»bist du es?« Er hielt ihn für den alten Fürsten, der
eben mit blühenden Wangen und offnen Augen in der Unterwelt des Traums mit ihm
gegangen war.
    Aber er kam bald aus dem träumerischen Elysium ins botanische zurück und
wusste sogar Albanos Namen. Der Graf fasste mit offner Miene seine Hände und sagte
ihm, wie lange und innig er ihn achte. Spener erwiderte wenig und ruhig, wie
Greise tun, die alles auf der Erde so oft gesehen. Der Glanz des Mondlichts floss
jetzt an der langen Gestalt herab, und das ruhig-offne Auge wurde erleuchtet,
das nicht sowohl eindringt als alles eindringen lässet. Die fast kalte Stille
der Züge, der junge Gang der langen Gestalt, die ihre Jahre aufrecht trug als
einen Kranz auf dem Haupte, nicht als Bürde auf dem Rücken, mehr als Blumen denn
als Früchte, die sonderbare Mischung von vorigem männlichen Feuereifer und
weiblicher Zarteit, alles dieses weckte vor Albano gleichsam einen Propheten
des Morgenlandes auf. Dieser breite Strom, der durch die Alpen der Jugend
niederbrausete, zieht jetzt still und eben durch seine Auen; aber werft ihm
Felsen vor, so steht er wieder brausend auf.
    Der Greis sah den jugendlichen Jüngling je öfter je wärmer an; in unsern
Tagen ist Jugend an Jünglingen eine körperliche und geistige Schönheit zugleich.
Er lud ihn ein, ihn in dieser schönen Nacht in sein stilles Häuschen zu
begleiten, welches droben neben der Turmspitze steht, die oben ins Flötental
hereinschauet. Auf den sonderbaren Irrsteigen, die sie jetzt wandelten,
verwirrte sich Lilar vor Albano zu einer neuen Welt, wie nächtliche fliegende
Silber-Wolken baueten sich die dämmernden Schönheiten in immer andere Reihen
durcheinander, und zuweilen drangen beide durch ausländische Gewächse mit
grellfärbigen Blüten und wunderlichen Düften. Der fromme Vater fragt' ihm
teilnehmend sein voriges und jetziges Leben ab.
    Sie kamen vor einen dunkeln Gang in der Erde. Spener fasste freundlich
Albanos rechte Hand und sagte, dieser führe zu seiner Bergwohnung hinauf. Aber
bald schien es hinabzugehen. Der Strom des Tales, die Rosana, klang noch herein,
aber nur einzelne Tropfen des Mondlichts sickerten durch zerstreuete, mit
Zweigen übersponnene Bergöffnungen durch. Die Höhlung sank weiter nieder - noch
ferner rauschte das Wasser im Tale. - Und doch sang eine Nachtigall immer nähere
Lieder - Albano schwieg gefasset. Überall gingen sie vor engen Pforten des
Glanzes vorbei, den bloss ein Stern des Himmels hereinzuwerfen schien. - Sie
stiegen jetzt zu einer fernen erleuchteten Zauberlaube hinab, aus hellroten und
giftigen dunkeln Blumen, aus kleinen Zackenblättern und grossem breiten Laube
zugleich gewölbt, und ein verwirrendes weisses Licht, halb von hereinschäumenden
Strahlen lebendig versprjetzt und halb aus Lilien nur als weisser Staub
angeflogen, zog das Auge in einen trunknen Schwindel - Zesara trat geblendet
hinein, und indem er rechts nach dem einregnenden Feuer sah, fand er Speners
Auge scharf links geheftet - er blickte hin und sah im Vorübereilen einen alten
Mann, ganz dem verstorbnen Fürsten ähnlich, in eine Nebenhöhle schreiten - seine
Hand zuckte erschrocken, Speners seine auch - dieser drang eilig weiter hinab -
und endlich glänzte eine blaue gestirnte Öffnung - sie traten hinaus.....
    Himmel! ein neues Sternengewölbe - eine blasse Sonne zieht durch die Sterne,
und sie schwimmen ihr spielend nach - unten ruht eine entzückte Erde voll
Schimmer und Blumen, ihre Berge laufen leuchtend am Himmelsbogen hinauf und
beugen sich herüber nach dem Sirius - und durch das unbekannte Land wandeln
Entzückungen wie Träume, worüber der Mensch vor Freude weint.
    »Was ist das? Bin ich in oder über der Erde?« (sagte Albano erstaunt und
flüchtete das irrende Auge auf das Angesicht eines lebendigen Menschen) - »ich
sah einen Toten.« - - Viel liebreicher als vorher antwortete der Greis: »Das ist
Lilar, hinter uns ist mein Häuschen.« Er erklärte den mechanischen Schein110 des
Hinabsteigens. »Hier stand ich nun schon so viel tausendmal und ergötzte mich
herzinniglich an den Werken Gottes. - Wie sah die Gestalt aus, mein Sohn?« -
»Wie der tote Fürst«, sagte Alban. Betroffen, aber fast gebietend sagte Spener
leise: »Schweig wie ich bis zu seiner Zeit - er wars nicht - dein Heil und
vieler Heil hängen daran - gehe heute nicht mehr durch den Gang.«
    Albano, durch den ganzen sonderbaren Tag halb entrüstet, sagte: »Gut, so
geh' ich durch den Tartarus zurück. Aber was bedeutet das Geister-Wesen, was
mich überall verfolgt?« - »Du hast« (sagte der Alte, ihm liebend und erquickend
auf die Stirn die Finger legend)» lauter unsichtbare Freunde um dich - und
verlasse dich überall auf Gott. Es sagen so viele Christen, Gott sei nahe oder
ferne, seine Weisheit und seine Güte erscheine ganz absonderlich in einem
Saeculo oder in einem andern - das ist ja eitel Trug - ist er nicht die
unveränderliche ewige Liebe, und er liebt und segnet uns in der einen Stunde
nicht anders als in der andern?« Wie wir die Sonnenfinsternis eigentlich eine
Erdfinsternis nennen sollten, so wird nur der Mensch verfinstert, nie der
Unendliche; aber wir gleichen dem Volke, das der Verfinsterung der Sonne im
Wasser zusieht und dann, wenn dieses zittert, ausruft: seht, wie die liebe Sonne
kämpft!
    Albano trat in die Einsamkeit der reinlichen geordneten Wohnung des alten
Mannes nur beklommen, weil in der heissen Asche seines Vulkans alles üppiger
trieb und grünte. Spener zeigte von seinem Bergrücken hinüber auf das sogenannte
»Donnerhäuschen« 111 und riet ihm, es diesen Sommer zu bewohnen. Albano schied
endlich, aber sein bewegtes Herz war ein Meer, in welchem die Morgensonne
glühend noch halb steht und in welches sich in Abend ein bleifarbiges Gewitter
taucht und das glänzend schwillt unter dem Sturm. Er sah aus der Tiefe nach dem
nachblickenden Greise hinauf; aber er hätte sich heut kaum gewundert, wenn
dieser versunken oder aufgestiegen wäre. In zornig-mutigen Entschlüssen, für
seine Liebe, wornach kalte Hände griffen, mit seinem Leben zu bürgen und zu
opfern, schritt er durch den vom Vergrösserungsspiegel der Nacht zum schwarzen
Riesen-Tross aufgezognen Tartarus ohne alle Furcht; so ist die Geisterwelt nur
ein Weltteil unserer innern, und das Ich fürchtet nur das Ich. Da er vor dem
Altare des Herzens in der stummen Nacht, wo nichts laut war als der Gedanke,
stand, so riet ihm der kühne Geist einige Male, den alten Toten zu rufen und
laut zu schwören bei seinem Herzen voll Staub; - aber als er zum schönen Himmel
aufsah, wurde sein. Herz geheiligt, und es betete nur: »O guter Gott, gib mir
Liane!« -
    Es wurde finster, die Wolken, die er für glänzende, in den Himmel
herübergebogne Gebirge einer neuen Erde genommen, hatten den Mond erreicht und
düster überzogen.
 
                            Dreizehnte Jobelperiode
Roquairols Liebe - Philippica gegen die Liebhaber - die Gemälde - Albano Albani
             - das harmonische tête-à-tête - die Blumenbühler Reise
                                   60. Zykel
Aus den Tropfen, welche die Harmonika aus Rabettens Herzen gezogen hatte,
bereitet der alte Zauberer, das Schicksal, wie andere Zauberer aus Blut,
vielleicht finstere Gestalten; denn Roquairol hatte es gesehen und sich über das
Gefühl eines Herzens verwundert, das bisher mehr Arbeiten als Romane in Bewegung
gesetzt hatten. Nun trat er ihr mit Anteil näher. Er hatte seit der Nacht des
Schwurs sein Herz aus allen unwürdigen Ketten gezogen. In dieser Freiheit des
Sieges ging er stolzer einher und streckte die Arme leichter und sehnsüchtiger
nach edler Liebe aus. Er besuchte jetzt seine Schwester unaufhörlich; aber er
hielt noch an sich. Rabette war ihm nicht schön genug neben der zarten
Schwester, eine Bandrose neben einer von van der Ruysch; sie sagte selber naiv,
sie sehe mit ihrer Dorf-Farbe im weissen Linon wie brauner Tee in weissen Tassen
aus. Aber in ihren gesunden, noch nicht von tragischen Tropfen mattgebeizten
Augen und auf den frischen Lippen glühte Leben, ihr kräftiges Kinn und ihre
gebogne Nase drohten und versprachen Mut und Kraft, und ihr aufrichtiges Herz
ergriff und verstiess entschieden und heftig. Er beschloss, sie zu - prüfen. Der
Talmud112 verbietet, nach dem Preis einer Sache zu fragen, wenn man sie nicht
kaufen will; aber die Roquairols feilschen immer und gehen weiter. Sie reissen
eine Seele wie Kinder eine Biene entzwei, um aus ihr den Honig zu essen, den sie
sammlen will. Sie haben vom Aale nicht nur die Leichtigkeit, zu entschlüpfen,
sondern auch die Kraft, den Arm zu umschlingen und zu zerbrechen.
    Er liess nun vor ihr alle blendenden Kräfte seines vielgestaltigen Wesens
spielen - das Gefühl seiner Überlegenheit liess ihn sich frei und schön bewegen,
und das sorglose Herz schien nach allen Seiten offen - er kettete den Ernst an
den Scherz, die Glut an den Glanz, das Grösste ans Kleinste so frei und die Kraft
an die Milde. - Unglückliche! nun bist du sein; und er trägt dich von deinem
festen Boden mit Raubschwingen in die Lüfte, und dann wirft er dich herab. Wie
ein Gewächs am Gewitterableiter wirst du deine Kräfte reich an ihm entfalten und
hinaufgrünen; aber er wird den Blitz auf sich und deine Blüten ziehen und dich
entblättern und zerschlagen.
    Rabette hatte einen solchen Menschen nie gedacht, geschweige gesehen; er
drang gewaltsam in ihr gesundes Herz, und eine neue Welt folgte ihm nach. Durch
Lianens Liebe gegen den Hauptmann ging ihre noch höher auf; und beide konnten
von ihren Brüdern in freundlichem Wechsel sprechen. Die gute Liane suchte der
Freundin mancherlei beizubringen, was sich schwer festsetzen wollte, besonders
die Mytologie, welche ihr durch die französische Aussprache der Götter noch
unbrauchbarer wurde. Sogar mit Büchern suchte Liane sie zusammenzubringen, so
dass Lektüre ihr eine Art von Wochen-Gottesdienst wurde, dem sie mit wahrer
Andacht beiwohnte und dessen Ende sie stets ergötzte. Durch alle diese
Schöpfräder der Erkenntnis strömte Roquairols Liebe hindurch und half treiben
und schöpfen. - Wie viele Errötungen flogen jetzt ohne allen Anlass über ihr
ganzes Gesicht! Das Lachen, womit sie sonst heiter war, kam jetzt zu oft und
bedeutete nur ein unbeholfnes Herz, das seufzen will.
    So stand ihr Verhältnis, als Karl einst scherzend hinter sie schlich und ihr
die Augen mit einer Hand verdeckte, um ihr unter der Maske der brüderlichen
Stimme sanfte schwesterliche Namen zu geben. Sie verwechselte die ähnliche
Stimme, sie drückte inbrünstig die Hand, aber ihr Auge war heiss und nass. Da fand
sie den Irrtum und floh mit der bedeckten Abend- und Morgenröte ihres Angesichts
aus dem Zimmer. Jetzt schaute er Lianen, die ihn darüber tadelte, näher ins
Auge, und auch ihres hatte geweint. Sie wollte ihm anfangs den Gegenstand der
verschwisterten Rührung verhehlen; aber das fremde Nein war für ihn von jeher
ein Hülfswort, ein Rückenwind, der ihn in den Hafen brachte. Liane wurde immer
bewegter, endlich erzählte sie, dass Rabettens Berichte von Albanos
Jugendgeschichte ihr die von der seinigen abgefodert und dass sie ihr die
Sterbe-Nacht auf der Redoute gemalt und sogar sein blutiges Kleid gewiesen habe.
»Und da weinte sie« (sagte Liane) »mit mir so herzlich, als wenn sie deine
Schwester wäre. - O es ist ein liebes Herz!« Karl sah beide wie zwei Auen
miteinander verbunden, nämlich durch den Regenbogen, der auf beiden mit Tropfen
aufsteht; er zog sie mit dankender Liebe an die Brust. »Bist du denn glücklich?«
fragte Liane mit einem Ton, der etwas Trübes weissagt.
    Sie musste ihr volles Herz aufschliessen und ihm alles sagen staunend höret
er, dass ihr die ganze Tartarus-Nacht, worin die unbekannte Stimme Linda de
Romeiro seinem Freunde zugesprochen, bekannt geworden. Durch wen? - Sie schwieg
unerbittlich; er beruhigte sich, weil es doch nur Augusti sein konnte, der
allein es wusste. »Und nun glaubst du, du Herz vom Himmel,« (sagt' er) »ich und
mein Seelenbruder könnten uns je raubend entzweien? O, es ist all' anders, all'
anders! - Er verflucht die Aftergeister und den Zweck der Äfferei - o er liebt
mich; und mein Herz wird am Tage glücklich sein, wo es seines wird.« Der
vielfache rührende Sinn dieser letzten Worte löste ihn in eine heilige Wehmut
auf.
    Aber sie nahm sich mitten in der herzlichsten Ergiessung wie aus Frömmigkeit
der Geister an und sagte: »Sprich nicht so von Geister-Erscheinungen! Sie sind,
das weiss ich. - Nur nicht zu fürchten braucht man sie. -« Sie hielt aber hier
mit fester Hand den Schleier über ihren Erfahrungen fest; auch wusst' er längst,
dass sie, ungeachtet ihres fast zuckend-weichen Gefühls, das sogar den Anblick
der blauen Adern auf der Lilien-Hand wie eine Wunde scheuete, doch vor Toten und
in den Geisterstunden der Phantasie unerwartet beherzt erschien.
    Hinter den Wellen so verschiedener Art, die jetzt sein Herz aufund
abtrieben, war Rabette verdunkelt. Er brannte nun bloss nach der Stunde, wo er
seinem Albano die sonderbare Verräterei des Lektors sagen konnte.
 
                                   61. Zykel
Noch ehe der Hauptmann seinem Freunde Augustis wahrscheinliche Verräterei
entdeckte: war Albano fast ganz mit dem Lehrerpaar in Zwist. In einem Kreise
voll Jünglingsherzen, die für einander schlagen und noch lieber fechten, fassen
immer zwei unzerreisslich ineinander und werden eins auf fremde Kosten.
    Albano schied sich keck von jedem, dem Karl missfiel. Schoppe wurde ohnehin
von wenigen lange geliebt, weil wenige einen ganz freien Menschen erdulden; die
Blumenketten halten besser, denken sie, wenn Galeerenketten durch sie laufen. Er
litt es daher nicht, wenn einer »mit zu enger Liebe sich so fest um ihn
klammerte, dass er die Arme so wenig freibehielte, als trag' er sie in Bandagen
von 80 Köpfen«. Die sarkastische Lebhaftigkeit seiner Pantomime erkältete durch
den Schein einer strengern Beobachtung den Hauptmann mehr als das gelassene
Gesicht des Lektors, der eben darum alles schärfer ins stille Auge fasste.
    Der gute Schoppe hatte einen Fehler, den kein Albano vergibt; nämlich seine
Intoleranz gegen die »weiblichen Heiligenbilder von Hausenblase«, wie er sagte,
gegen die sanften Irrungen des Herzens, gegen die heiligen Übertreibungen, durch
welche der Mensch ins kurze Leben eine noch kürzere Freude einwebt. Einst ging
Karl wie auf einer Bühne mit untergesteckten Armen und niedergesenktem Kopfe auf
und ab und sagte zufällig, dass es der Titular-Bibliotekar vernahm: »ich wurde
noch wenig von den Menschen verstanden in meiner Jugend.« Weiter sagt' er
nichts; aber man schütte aus Scherz ein Mandel Hornisse, ein Schock Krebse, eine
Kanne voll Waldameisen auf einmal über die bibliotekarische Haut und beobachte
flüchtig die Wirkungen des Stechens, Kneipens, Beissens: so kann man sich doch
einigermassen vorstellen, was in ihm zuckte, schwoll und auffuhr, sobald er die
obige Phrasis vernahm. »Herr Hauptmann,« (fing er tief-einatmend an) »ich halte
viel auf dieser rostigen Tölpel-Erde aus, Hungersnot - Pestilenz - Höfe - den
Stein - und die Narren von Pol zu Pol - aber Ihre Phrasis übersteigt meine
Schultern.
    O Herr Hauptmann, Sie dürfen - ganz gewiss - die Redensart mit Fug
gebrauchen, weil Sie, wie Sie sagen, nicht verstanden werden. Aber o Himmel, o
Teufel! ich höre ja 30 000 Jünglinge und Mädchen von Leihbibliotek zu
Leihbibliotek alle mit aufgeblähter Brust rings umher sagen und klagen, es
fasse sie niemand, weder der Grossvater noch die Paten noch der Konrektor, da
doch das packpapierne Alltags-Pack selber nicht fasset. Aber der Junge meint
damit bloss ein Mädchen und das Mädchen einen Jungen; diese können einander
fassen. Aus der Liebe will ich wie aus den Kartoffeln verschiedene Gerichte
zubereiten; man scher' ihr, wie dem Bären in Göttingen, das tierische Haar ab,
kein Blumenbach kennt sie mehr.
    Herr v. Froulay, ich habe diese verdammte Erhebung der Seelen bloss aus
Niedrigkeit wohl öfters mit den englischen Pferdeschwänzen verglichen, die auch
immer gen Himmel stehen, bloss weil man ihre Sehnen durchschnitten. Soll man
nicht toll werden, wenn man alle Tage höret und alle Tage lieset, wie die
gemeinsten Seelen, die Leberreime und Trompeterstückchen der Natur, sich durch
die Liebe über alle Leute erhoben denken wie Katzen, die mit angeschnallten
Schweinsblasen fliegen; - wie sie sich ins Hasenlager und in die Stapelstadt der
Liebe, in die andere Welt bestellen wie auf einen Blocksberg, und wie sie auf
diesem Finkenherd in dieser teatralischen Anziehstube - die dann das Gegenteil
wird - ihr Wesen treiben, bis sie kopuliert sind? Dann ists vorbei, Phantasien
und Poesien, die ihnen jetzt erst recht dienlich wären, sind geholt! Sie laufen
von ihnen weg wie Läuse von Toten, ob diesen gleich die Haare dazu fortspriessen.
Vor der zweiten Welt grauset ihnen; und werden sie Witwer und Witwen, so machen
sie ihre Liebschaft recht gut ab ohne Schweinsblasen und ohne das Federspiel und
die spanische Wand der zweiten Welt. - So etwas, Herr Hauptmann, bringt nun auf,
und dann muss in der Hitze der Gerechte mit dem Ungerechten leiden, wie Sie
leider hören.« - -
    Alban, der nie leichtsinnig vergab, sonderte sich schweigend von einem
Herzen ab, das, wie er unrecht sagte, die Flammen der Liebe mit satirischer
Galle auslöschte.
    In der Kette der Freundschaft mit Augusti brach vollends ein Ring nach dem
andern entzwei. Der Graf fand im Lektor den Kleinigkeitsgeist, der ihm widriger
war als jeder böse; - die Eleganz des guten Hofmanus - sein Anstand, selber in
der Einsamkeit - seine Neigung, die kleinsten Mysterien so gut zu verwahren als
die grossen - seine Sucht, hinter jeder Handlung einen langen Plan aufzutreiben -
sein Wahrheitsdurst nach echten historischen Quellen am Hofe und in der Stadt -
und seine Kälte gegen die Philosophie trocknete das Bild, das sich Albano von
ihm aufgespannt, so aus, dass es einrunzelte und rissig wurde. Solche
Unähnlichkeiten schlagen unter gebildeten Menschen nie zu offnen Fehden aus;
aber sie legen heimlich dem innern Menschen ein Waffenstück nach dem andern an,
bis er hartgepanzert dasteht und losschlägt.
    Nun war noch dazu der Lektor dem Hauptmann von Herzen gram, weil dieser der
Ministerin viele bange Stunden und Lianen und sogar dem Grafen viel Geld kostete
und weil er ihm den Jüngling zu verdrehen schien. Die sonst gerade aufsteigende
Flamme Albanos wurde jetzt durch die Hindernisse der Liebe nach allen Seiten
gebogen und glühte wie Lötfeuer schärfer; aber diese Schärfe schrieb Augusti dem
Freunde zu. Albano erschien, denen, die er liebte, wärmer, denen, die er ertrug,
kälter, als er war, und sein Ernst wurde leicht mit Trotz und Stolz vermengt;
aber der Lektor glaubte, ihm sei dessen Liebe gestohlen von Karl.
    Er versuchte mit gleichviel Feinheit und Freimütigkeit, dem Grafen eine gute
Karte von den Flecken zuzuspielen, die im Himmelskörper dieses Jupiter ausgesäet
waren. Aber er zerriss jede Karte - Karls schmerzliche Bekenntnisse in jener
Nacht löschten alle fremde Nachträge aus - und Albanos herrlicher Glaube, man
müsse den Freund ganz decken und ihm ganz vertrauen, wehrte jeden Einfluss ab. O
es ist eine heilige Zeit, worin der Mensch für den Altar der Freundschaft und
Liebe noch Opfer und Priester ohne Fehl begehrt und - erblickt; und es ist eine
zu harte, worin die so oft belogne Brust sich an der fremden mitten im
Liebestrunk des Augenblicks die kalte Nachbarschaft der Gebrechen weissagt! -
    Da der Lektor überall sah, dass Alban über manche seiner Rügen an Karl, z.B.
dessen Wildheit und Unordnung, darum kalt bleibe, weil er selber unter fremdem
Tadel gemeinet zu sein glauben konnte, wie die Franzosen (nach Tickness) das Lob
eines Fremden an Einheimische richten: so griff er statt der Ähnlichkeit eine
vollendete Unähnlichkeit des Hauptmanns an, seinen Leichtsinn gegen das
Geschlecht. - Aber damit verdarb er noch mehr. Denn in der Liebe war ihm Karl
der höhere Feueranbeter und der Lektor nur der, den die Kohle dieses Feuers
schwärzt. Augusti nährte über die Liebe ziemlich die Grundsätze der grossen Welt,
die er bloss aus Ehre nie in Taten ausprägte, und gab nur den Erde-nahen
Wolkenhimmel der Liebe zu; der Hauptmann aber sprach von einem dritten oder
Freudenhimmel derselben, worin nur Heilige die Seligen sind. Augusti sprach nach
der Sitte der grossen Welt viel freier, als er handelte, und zuweilen so offen,
als speis' er in einem - Brunnensaal; Karl sprach mädchenhaft. Das jungfräuliche
Ohr Albanos - das leicht in guten Visitenzimmern abfällt, und das in
Studierstuben festsjetzt - vereinigt mit seinem Mangel an der Erfahrung, dass sich
eine zynische Zunge oft bei den entaltsamsten Menschen, z.B. bei unsern
possenreissenden Vorfahren, und eine aszetische in bescheidnen Libertins aufhalte
- beides musste den reinen Menschen in einen doppelten Irrtum verwickeln.
    So jagte in ihm Augusti immer mehr Sturmvögel auf. Beide standen oft nahe an
völliger Trennung und Ausforderung; denn der Lektor hatte zu viel Ehre, um sich
vor irgend etwas zu fürchten, und wagte mit kaltem Blut so viel als andere mit
heissem.
    Jetzt entdeckte Karl nun vollends seinem Freunde, obwohl mit aller Zarteit
der Freundschaft, Lianens Bekanntschaft mit jener Tartarus-Nacht. - Der sonst
verschwiegene Lektor muss nähere Vorteile durch sein Plaudern suchen, schloss
Albano, und nun sog sich die Kröte der Eifersucht, die im lebendigen Baume lebt
und wächst ohne sichtbaren Eingang und Ausgang, in seinem warmen Herzen fest.
Die unbeantwortete Liebe ist ohnehin die eifersüchtigste. Gott weiss, ob er nicht
der Maschinendirektor der mit so vielen Rädern ineinander gehenden Geisterszenen
ist. Alles das sind Albanos verhüllte Schlüsse; offne Anklagen waren seinem
Ehrgefühl versagt. Aber sein warmes, sich immer aussprechendes Herz forderte
eine wärmere Nachbarschaft; und diese fand er, wenn er dem frommen Vater folgte
und nach Lilar ins Donnerhäuschen zog - mitten unter die Blumen und Gipfel, um,
näher am Herzen der Natur gelagert, schöner zu träumen und zu genesen.
    Nur eine warme sonnen-helle Stelle war für ihn in Karls historischem
Gemälde: es war die Hoffnung nämlich, dass vielleicht bloss die Irrtümer über sein
Verhältnis zur Gräfin, aus denen der Bruder Lianen geholfen, ihr das bisherige
immer gleich-kalte Benehmen gegen ihn vorgezeichnet haben. Auf diese sonnige
Stelle warf Rabette ein Billet, worin sie ihm schrieb, sie reise Sonnabends zu
ihren Eltern zurück, weil der Minister komme. Jene Hoffnung - diese Nachricht -
die künftig ungünstigern Umgebungen - sein Ziehen nach Lilar, das alles
entschied in ihm den Vorsatz, eine einsame Minute an sich zu reissen und darin
vor Lianen den Schleier von seiner Seele zu werfen und von ihrer.
 
                                   62. Zykel
Sonderbar durchschnitten sich die Zufälle an dem Tage, wo Albano ins
ministerialische Haus zum Abschiednehmen von Rabetten - und von Lianen, sagte in
ihm eine zitternde Stimme - kam. Rabette winkt' ihn aus dem Fenster in ihr
Zimmer. Sie hatte die Ikarusflügel ihres Anzugs in die Kästen zusammengelegt.
Über ihr Inneres fuhr ein beugender Sturm hin und her; Karl hatte das
Gleichgewicht ihres Herzens durch seine Wärme aufgehoben und es durch kein Wort
der Belohnung wieder hergestellt. Gleich den Tauben flattert sie um das hohe
Schadenfeuer; o möge sie nicht wie jene mit verzehrtem Gefieder entweichen und
wiederkommen und endlich darin zerfallen! - Sie sagte, sie sehne sich zu den
Ihrigen, seit sie gestern eine Herde Schafe durch die Stadt treiben sehen. Sie
begleiten am Sonnabend Liane und die Mutter, um der Einweihung der Kirche und
der Beisetzung des Fürstenpaares beizuwohnen. Er bat sie so schnell und hastig,
ihm heute im Garten eine einsame Minute mit der Freundin zuzubereiten, dass er
ihre schöne Nachricht von Lianens Zurückbleiben und Aufentalt bei ihr gar nicht
hörte.
    Leider fand er bei der Ministerin den Vorzeiger herrlicher Gemälde, der wie
die Natur nicht nur den Anfang seines Lenzes, sondern auch das Ende seines
Herbstes mit Giftblumen113 machte, Herrn v. Bouverot. Dian hatt' ihm vier
himmlische Kopien aus Rom gesandt; diese schlug er mit trocknem Kunstgaumen auf.
Liane empfing den Grafen wieder wie immer. War etwan Raffaels Madonna della
Sedia, in deren vom Himmel gesunknes Palladium sich ihre zarte Seele eingesenkt,
die Siegelbewahrerin ihres heiligsten Geheimnisses? Der alles vergessende
Künstlereifer liess ihr so hold! Ihre Sehnerven waren durch ihr langes Malen
gleichsam weiche Fühlfäden geworden, die sich eng um schöne Formen schlossen.
Gewisse weibliche Bilder - wie dieses - regten ihre ganze Seele auf. Sie hatte
nämlich in der Kindheit sich von den Heldinnen der Romane und überall von
ungesehenen Weibern glänzende Sternbilder in ihren innern Himmel hingezeichnet,
grosse Ideen von ihrem Mute, ihrem himmlischen Wandel, ihrer Erhabenheit über
alles, was sie je gesehen, und sie hatte gleichviel Scheu und Sehnsucht
empfunden, einer zu begegnen. Daher ging sie aus diesem kolossalischen Nymphäum
ihrer Phantasie so leicht geblendet und mit solcher feurigen Herzens-Achtung
reinen Freundinnen und der Gräfin Romeiro entgegen. Gewisse Gemälde führten nun
diese Altarblätter wie Kopien zurück. Die Gute dachte nicht daran, aber wohl ihr
Freund, dass man dieser liebend niedersehenden Marie die Augen bloss lebendig zu
regen und diese Lippen bloss mit Lauten zu erwärmen brauche - dann hatte man
Liane.
    Der deutsche Herr fuhr fort und legte nun Raffaels Joseph, der den Brüdern
einen Traum erzählt, und den ältern Joseph, der dem König einen erklärt,
nebeneinander und fing an, die drei Raffaele in Worte zu übersetzen, und das mit
so vielem Glück und nicht nur mit so vieler Einsicht ins Mechanische und
Genialische, sondern auch mit einer so bestimmten Hervorhebung jedes
menschlichen und moralischen Zugs, dass - Alban ihn für einen Heuchler hielt und
Liane für einen sehr guten Menschen. Sie ergriff jedes Wort mit einem weit
offnen Herzen. Als Bouverot den weissagenden Joseph malte, zugleich als
kindlich, unbefangen, still und felsenfest und glühend und drohend: so stand das
Urbild an ihrer Seite.
    Dem deutschen Herrn entfuhr weiter viel Gedachtes über da Vincis
Christus-Knaben im Tempel, über die herrlich vollführte Verbrüderung und
Einkindschaft des Knaben und Jünglings in einem Gesicht. - - Liane hatte die
Kopie auch kopiert, allein sie und die Mutter verschwiegen es bescheiden. -
    Aber endlich störte Franziskus Albani mit seiner »Ruhe auf der Flucht« die
bisherige Ruhe. Indem er den Traumdeuter dieser malerischen Träume machte und
Rabette scharf auf dem mit dem offnen Buche neben Marie sitzenden heiligen
Joseph dieses Bildes haftete, sagte Liane unglücklicherweise: »Ein schöner
Albani!« -,»Ich dächte nicht,« (sagte Rabette leise) »der Bruder ist viel
schöner als dieser betende Joseph!« - Sie hatte Albani mit Albano vermengt, ihre
ganze Bildergalerie steckte in dem Gesangbuch, dessen Lieder sie mit goldnen
roten Heiligen auseinandersperrte. Die andern verstanden nichts - sie kannten
ihn nur als Grafen von Zesara -, aber Liane warf auf Rabette süsserrötend einen
zärtlich strafenden Blick und sah mit stummem Erdulden ein anderes Gemälde näher
an. Nie hatte in Albano in welchem sich die stärksten und die zärtesten Gefühle
paarten, wie das Echo der Donner lauter und die Musik leiser macht-die
bittersüsse Mischung von Liebe und Mitleiden und Schamröte wärmer gearbeitet, und
er hätte vor dem Mädchen zugleich knien und doch schweigen mögen.
    Der deutsche Herr war fertig und sagte zu den Männern mit einer Miene voll
Sieg,»er habe doch noch etwas in der Tasche, was es mit den Raffaels aufnehme;
und er bitte sie, ins Nebenzimmer zu folgen«. Unterwegs merkt' er an, wenige
Werke seien mit so herrlicher Freiheit und keckem Mutwillen ausgeführt. Im
Zimmer packt' er einen erzenen kleinen Satyr aus, gegen den sich eine eingeholte
Nymphe wehrt. »Göttlich,« (sagte Bouverot und hielt die Gruppe an einem Faden,
um den Rost nicht abzugreifen) »göttlich! Ich setze den Satyr an den Christus!«
Wenige haben vom Erstaunen meines Helden nur einen mässigen Begriff, als dieser
auf einmal den Kritikus Tugend und Laster an einen runden Tisch ohne
Rangstreitigkeiten setzen sah.
    Mit einem Feuerblick der Verachtung wandt' er sich ab und wunderte sich, dass
der Lektor blieb. Ihm scheint unbekannt zu sein, dass die Malerei wie die
Dichtkunst sich nur in ihrer Kindheit auf Götter und Gottesdienst bezogen, dass
sie aber später, als sie höher heranwuchsen, aus diesem engen Kirchhof
herausschreiten mussten, wie eine Kapelle ursprünglich eine Kirche mit
Kirchenmusik war, bis man beides weg liess und die reine Musik behielt. Bouverot
hatte die Achtung für reine Form in so hohem Grade, dass ihm nicht nur der
schmutzigste, unsittlichste Stoff, sondern sogar auch der frömmste, andächtigste
nicht den Genuss verunreinigte; gleich dem Schiefer bestand er die beiden Proben,
zu glühen und zu gefrieren, ohne sich zu ändern.
    Albano hatte die Mädchen durch das Fenster in der Allee gesehen und eilte
zum Abschiede von der Schwester hinunter und etwas Wichtigerem. Er kam mit
vollern Rosen auf den Wangen, als um ihn glühten, zu einer Grasbank, wo Liane
neben der Schwester hinter dem roten Sonnenschirm mit halbgesenkten Augenlidern
und seitwärts geneigtem Haupte ruhte - sanft in die Ernte des Abends versunken -
sonnenrot übergossen vom Schirme - im weissen Kleide - mit einem dünnen schwarzen
Kreuzchen auf der zarten Brust - und mit einer vollen Rose; sie blickte unsern
Geliebten so unbefangen an, ihre Stimme war so schwesterlich und alles so reine
sorglose Liebe! Sie sagte ihm, wie sie sich freue auf seinen Jugend-Ort und auf
das Landleben und wie Rabette sie überall hinführen werde - und besonders auf
die Einweihungsrede, die am Sonntage ihr Beicht-Vater Spener halte. Sie sprach
sich ins Feuer durch das Gemälde, wie die grosse Brust des Greises der Klage- und
der Siegsgesang über dem Aschengehäuse des fürstlichen Freundes gross bewegen
werde.
    Rabette hatte nichts im Sinne als die einsame Minute, die sie dem Bruder mit
ihr geben wollte. Sie bat sie aufgeweckt, ihr noch einmal auf der Harmonika
vorzuspielen. Albano pflückte sich bei diesem Antrage einen mässigen Strauss von -
Baumlaub. Liane sah sie warnend an, gleichsam als wolle sie sagen: ich verderbe
dir wieder deine Munterkeit. Aber sie blieb dabei. Albano überflog bei dem
Eintritte ins Wasserhäuschen ein leichtes Erröten über die letzte Vergangenheit
und nächste Zukunft.
    Liane machte eilig die Harmonika auf, aber das Wasser, das Kolophonium der
Glocken, fehlte. Rabette wollte unten ein Glas am Springbrunnen füllen, um -
beide allein zu lassen; aber der Graf kam ihr aus männlicher Unbehülflichkeit,
in eine List schnell einzugreifen, höflich zuvor und holte es selber. Kaum hatte
endlich das liebliche gefällige Wesen seufzend die zarten Hände auf die braunen
Glocken gelegt: als Rabette ihr sagte, sie wolle in die Allee hinunter, um zu
hören, wie es sich von weitem anhöre. Gleichsam zum schmerzlichen Sonnenstich
einer zu schnellen und grossen Lust fuhr sein Herz auf, er hörte den Siegeswagen
der Liebe von ferne rollen, und er wollte in ihn springen und dahinrauschen ins
Leben. Die gläubige Liane hielt das Entfernen für einen Schleier, den Rabette
über das in den Tönen süss brechende Auge werfen wolle, und zog sogleich die
Hände von den Glocken; aber Rabette küsste sie bittend, drückte ihr die Hände
selber darauf und lief hinab. »Das treue Herz!« sagte Liane, aber das arglose
helle Vertrauen auf die Freundin rührte ihn, und er konnte nicht Ja sagen.
    Wenn in den Fluren Persiens ein Glücklicher, der auf der üppigen Aue tief
unter Nelken und Lilien und Tulpen schlief, vor dem ersten Abendrufe der
Nachtigall selig die Augen aufschlägt in die laue stille Welt und in die bunte
Dämmerung, durch welche einige Goldfaden der Abendsonne glühend fliessen: so
gleicht der Selige dem Jüngling Albano im magischen Zimmer - die Jalousiefenster
streueten gebrochne Lichter, grüne zitternde Schatten aus, und es dämmerte
heilig wie in Hainen um Tempel nur tönende Bienchen flogen aus der lauten fernen
Welt durch die schweigende Klause wieder ins Getöse - einige scharfe
Sonnenstreife, gleichsam Blitze vor Schlafenden, wurden romantisch neben der
Rose hin- und hergeweht - und in dieser träumerischen Grotte mitten im
rauschenden Walde der Welt wurde die Einsamkeit nicht einmal durch das
Schattenwesen eines Spiegels gestört. -
    In diesen Zauber liess sie die Töne wie Nachtigallen aus ihren Händen fliegen
- die Töne wurden Albano wie von einem Sturme bald heller, bald matter
zugetrieben - er stand vor ihr mit gefalteten Händen wie betend und ruhte mit
tausend Blicken der Liebe auf der niederschauenden Gestalt. - Einmal hob sie das
heilige Auge von Anteil langsam zu ihm auf, aber sie schlug es schnell vor dem
Sonnenblick des seinigen nieder.
    Nun deckten die grossen Augenlider unbeweglich die süssen Blicke zu und gaben
ihr wie ein Schlaf den Schein der Abwesenheit - sie schien eine weisse Maiblume
auf winterlichem Boden, die das Blütenglöckchen senkt - sie war eine sterbende
Heilige in der Andacht der Harmonie, die sie mehr hörte als machte - nur die
rote Lippe nahm sie als einen feurigen Widerschein des Lebens, als eine letzte
Rose mit, die den eilenden Engel schmückt o konnt'er dieses Beten der Tonkunst
stören mit seinem Wort? -
    Mit immer engern Kreisen fassten ihn die magnetischen Wirbel der Töne und der
Liebe an. - Und nun da das Ziehen der Harmonika wie das Wasserziehen der
stechenden Sonne sein Herz aufleckte - und da die Blitze der Leidenschaft über
sein ganzes Leben fuhren und das Gebirge der Zukunft und die Höhlen der
Vergangenheit beleuchteten und da er sein ganzes Dasein in einen Augenblick
zusammenfasste: so sah er einige Tropfen aus Lianens gesenkten Augen quellen, und
sie blickte heiter auf, um sie fallen zu lassen - da riss Albano die Hand aus den
Tönen und rief mit dem herzzerschneidenden Ton seiner Sehnsucht: » Gott, Liane!«
-
    Sie zitterte, sie errötete, sie sah ihn an und wusste nicht, dass sie
fortweinte und ansah und nicht mehr fortspielte. - »Nein, Albano, nein!« sagte
sie sanft und zog die Hand aus seiner und verhüllte sich - erschrak über den
Stillstand der Töne - und ermannte sich und liess sie wieder langsam strömen und
sagte mit zitternder Stimme:,»Sie sind ein edler Mensch - Sie sind wie mein
Karl, aber ebenso heftig. - Nur eine Bitte! - Ich verlasse die Stadt eine
Zeitlang«.....
    Sein Erschrecken darüber wurde Entzückung, als sie den Ort bestimmte, sein
Blumenbühl. Sie fuhr mühsam fort vor dem Erfreueten - ihre Hand lag oft lange
auf der Dissonanz im Vergessen der Auflösung - - ihre Augen schimmerten
feuchter, ob sie gleich nichts weiter sagte als das folgende: »Sein Sie meinem
Bruder, der Sie unaussprechlich liebt wie noch keinen, o sein Sie ihm alles!
Meine Mutter erkennt Ihren Einfluss - Ziehen Sie ihn - ich sag' es heraus -
besonders vom hohen Spiele ab!«
    Er konnte kaum das Ja verwirrt beteuern, als Rabette mit der fast
unschicklich akzentuierten Botschaft hereilte, dass die Mutter komme.
Wahrscheinlich hatte diese Rabettens Alleinsein gesehen. Albano trennte sich mit
abgebrochnen Reise-Wünschen von dem Paare und vergass im Sturm, Rabettens Bitte
um Besuche zu bejahen. Die begegnende Mutter schrieb sein Feuer dem brüderlichen
Scheiden zu.
    Indem er durch die Fülle der Jahrs-Zeit eilte, dacht' er an die reiche
Zukunft, an Lianens Stammeln und Verhüllen: brauchen nicht schöne weibliche
Seelen wie jene Engel vor dem Propheten nur zwei Flügel zum Erheben, aber vier
zum Verhüllen? - Das Meer des Lebens ging in hohen Wellen, aber überall
leuchtete es auf seiner weiten Fläche, und Funken tropften vom Ruder.
 
                                   63. Zykel
Ach am Morgen darauf wurde freilich aus dem Abendrote eines ganzen Himmels ein
trübes Gewölke. Denn Liane ging dem Jüngling in so langen dichten Schleiern
dahin. Irgendein Geheimnis der Not wirft kalte Klostermauern zwischen nahen
Herzen auf- das ist offenbar. Bis hieher bogen mancherlei Zufälle einige Blumen,
die Liane verhüllend über das Herz gezogen, wie die Erdstockwerke in Städten
durch Blumen und Reben das Einsehen in die Fenster abwehren, von der dunkelsten
Ecke des Hintergrundes weg, in der etwan die Rückseite eines Brustbildes hing,
das umgedreht vielleicht dem Grafen glich. Aber noch hängt das Bild mit dem
Gesichte gegen die Wand. - Indes gleicht ein weibliches Herz oft dem Marmor: der
geschickte Steinmetz tut tausend Schläge, ohne dass der parische Block nur in die
Linie eines Sprunges reisse; aber auf einmal bricht er auseinander eben in die
Form, die der geschickte Steinmetz so lange hämmernd verfolgte.
    Am Sonnabend, wo die Ministerin und das Freundinnen-Paar nach Blumenbühl
abreisen wollten, um das Begraben und Einweihen anzusehen, kam der Hauptmann
nicht nur voll Freude denn er hatte gern aus Liebe zu Rabetten für Lianen zwar
nicht die Flügel , aber doch die Flügeldecken machen und aus dreifachem
Interesse gegen den Freund am Flugwerk spannen helfen-, sondern auch voll Angst
zum Grafen.... Aber ihr Musen! warum sind in der poetischen Welt alle die
Begebnisse selten so vielfach motiviert als häufig in der wirklichen? ...
    Seine Angst war bloss die, dass sein Vater früher anfahre als seine Mutter ab
- denn er kannte den Minister. Letzterer wollte nach seinen Briefen Montags,
Dienstags (spätestens am Sonnabend) anlangen; allein dies konnte - da Froulay
gern die Seinigen im breiten Spielraum des Erwartens schwimmen liess - noch
gewisser drohen, dass er - weil er wie die Basler Uhren immer eine Stunde zu früh
bloss in der Hoffnung ausschlug und kam, seine Leute über irgend etwas recht
Hässlichem zu ertappen - in jeder Minute zum Hoftore hereinjage. Kam er angejagt,
an diesem Vormittage oder in der Minute, wo der Bediente die Tochter in den
Wagen hob und die Mutter schon darin sass: so war so viel durch tausend Schlüsse
aus der Observanz gewiss, dass beide wieder hinauf mussten in die Zimmer - dass er
alle Kisten und Schachteln wieder abpacken hiess und dass er die
Landschafts-Direktors-Tochter nach ihren l0000 Bitten - wiewohl ihr schon die
zweite auf der Lippe erfröre - freundlich mit ganz spasshafter Gleichmut als
einsame Konklavistin im zugemachten Wagen nach Hause würde ziehen lassen.
Gewisse Menschen und er ist ihr Generalissimus - wissen sich kein süsseres
Labsal, als den Ihrigen die Gartentüre irgendeines Arkadiens, wozu sie ihnen
nicht die Reiseroute und die Landkarte aufgesetzt, vor der Nase ins Schloss zu
werfen und solche gerichtlich zu versiegeln. Kurz vor einer Lustfahrt setzen
ohnehin die meisten Eltern Galle ab; konnte Froulay vollends eine verriegeln, so
war ihm das so viel, als komm' er von einer rot und munter nach Hause. -
    Nachmittags um 3 Uhr gingen unsere Freunde unter dem schönsten Himmel
spazieren - alles war schon geordnet, Karl wollte morgen nachgehen, Albano erst
nach der allgemeinen Rückreise, am Montag (seine zarten Rücksichten und fremde
harte entschieden) - und es zog durch das ganze gewölbte Blau kein Nebel als
Karls Besorgnis, die zweite Lokation der Fürstenleichen ziehe seinen Vater noch
heute her - - als er plötzlich herausfluchte: dort fahr' er. Er kannt' ihn an
dem Tiger-Postzug und noch mehr an den lang vorgespannten Vorderpferden. Eine
Fegfeuer-Lebens-Minute! - Der Wagen fuhr rasch die Strasse herab - die
Vorderpferde zogen noch länger ganz unförmlich voraus - man wunderte sich -
endlich wurde die Ziehweite einen Acker lang - das schien ganz unmöglich - als
Albanos Adlerauge keine lederne Verbindung zwischen dem Postzug und zuletzt gar
entdeckte, dass bloss ein fremder Kerl mit zwei Pferden zufällig vor dem Wagen
herreite. Und in dieser Minute sahen sie den offnen Triumphwagen mit der
weiblichen Dreieinigkeit langsam die Blumenbühler Höhe hinaufziehen, und das
vermengte Tulpenbeet der drei Sonnenschirme schimmerte ihnen lange zurück.
 
                            Vierzehnte Jobelperiode
                                Albano und Liane
                                   64. Zykel
In unserer innern Welt fliegen so viele zarte und heilige Empfindungen herum,
die wie Engel nie den Leib einer äussern Tat annehmen können; so viele reiche
gefüllte Blumen stehen darin, die keinen Samen tragen, dass es ein Glück ist, dass
man die Dichtkunst erfunden, die alle jene ungebornen Geister und den Blumenduft
leicht in ihrem limbus aufbewahret. Mit dieser fass' ich, lieber Albano, deinen
herrlich verduftenden Sonntag auf und halte den unsichtbaren Weihrauch fest für
die Schneidersche Haut der Welt!
    Am Sonntage bezog er das Donnerhäuschen in Lilar. Der Lektor hielt sich mit
der Hoffnung aufrecht, der Graf werde das Blumenparterre des neuen Genusses
schon bald so platt und welk zusammentreten wie einen Kreuzweg. Es war ein
schöner Morgen vom Tau ganz beregnet - ein frischer Wind wehte von Lilar über
das blühende Korn - und die Sonne brannte allein in einem kühlen Himmel. Auf der
Blumenbühler Strasse zog ein Menschengewimmel hinan, und niemand ging lange
allein; auf der Morgenhöhe sah' er seinen Freund Karl mit dem gebognen
Federbusch der Sonne entgegensprengen.
    Lilars Lüfte flogen Orangenduft-ausatmend entgegen und wehten die Asche weg,
die auf den glühenden Altarkohlen jenes ersten herrlichen Sonntags stand. Er
ging die Brücke hinab, und der früh geputzte Pollux trieb ihm einen
aufgeblätterten Trutahn entgegen. Eine Soeur servante des alten Speners kochte
schon eine Stunde lang bei der Chariton, bloss um ihn vorbeigehen zu sehen. Diese
lief festlich-geschmückt aus dem Häuschen, das sich heiter mit allen Fenstern
dem ganzen Himmel öffnete, ihm entgegen und brach in der Verlegenheit der Freude
mit der Hauptsache zuerst heraus, es sei nämlich droben im Häuschen alles schön
parat, und ob er das Essen hinaufhaben wollte. Sie wollte mitten im Gespräch
Polluxen aus des Grafen - Fingern ziehen, aber er liess ihn zum Kusse aufschweben
und erntete damit jedes Herz, auch das alte hinter der Küchenflamme.
    Indem er nach seinem Häuschen durch den westlichen Triumphbogen hinausging,
fühlt' er unbeschreiblich stark und süss, dass die holde Jugendzeit unser Welsch-
und Griechenland ist voll Götter, Tempel und Lust - ach und welches so oft Goten
mit Tatzen durchstreifen und ausleeren. -
    Seine blühende Bahn lief endlich in die Tiefen- und Hohentreppe, die er mit
Spener bestiegen - einzelne Tages-Streifen brannten sich dem nassen Boden ein
und färbten zerstreuete Zweige feurig und golden. - An der mystischen Laube, wo
vor ihm der tote Fürst in der Seitenhöhle geschritten war, fand er diese nicht,
sondern nur eine leere Nische. Er trat oben heraus wie aus der Hüfte der Erde.
Sein Häuschen lag auf dem herumgebognen Bergrücken. Drunten ruhten um ihn die
Elefanten der Erde, die Hügel, und das sich in Blüten herrlich blähende Lilar,
und er schauete aus seinen Fenstern in das Lager der Riesen der Natur.
    Inzwischen konnt' er jetzt nicht auf dem Fensterstocke bleiben, oder neben
der begeisternden Äolsharfe, oder im Augenkerker, den Büchern; durch Ströme und
Wälder und über Berge zu schweifen verlangte die frische Natur. Das tat er.
    Es gibt zwischen den Alltags-Tagen des Lebens - wo der Regenbogen der Natur
uns nur zerbrochen und als ein unförmlicher bunter Klumpe am Horizont erscheint
- zuweilen einige Schöpfungstage, wo sie sich in eine schöne Gestalt ründet und
zusammenzieht, ja wo sie lebendig wird und wie eine Seele uns anspricht. Heute
hatte Albano diesen Tag zum erstenmal. Ach es gehen Jahre dahin, und sie bringen
keinen. Indem er so auf dem Bergrücken auf beiden Seiten dahinwandelte, flutete
der Nordost ihm immer voller entgegen - ohne Wind war ihm eine Landschaft eine
steife festgenagelte Wandtapete - und wühlte das feste Land zum flüssigen um.
Die nahen Bäume schüttelten sich wie Tauben süss-schauernd in seinem Bade, aber
in der Ferne standen die Wälder wie gerüstete Heere fest und ihre Gipfel wie
Lanzen. - Majestätisch schwammen durch das Blau die silbernen Inseln, die
Wolken, und auf der Erde schritten Schatten riesenhaft über Ströme und über
Berge - im Tale blitzte die Rosana und rollte in den Eichenhain. - Er trat ins
warme Tal hinab, die Weiden schäumten, und ihr Same spielte in seiner
Wolken-Flocke, eh' ihn die Erde befestigte - der Schwan dehnte wollüstig den
langen Flügel, gepaarte Tauben ätzten sich vor Liebe, und überall lagen die
Beete und Zweige voll heisser Mutterbrüste und Eier. - Wie ein herrlicher blauer
Blumenstrauss schillerte in hohen Gräsern der Hals des ruhenden Pfaues. - Er trat
unter die Eichen, die mit knotigen Armen den Himmel anfassten und mit knotigen
Wurzeln die Erde. - Die Rosana sprach allein mit dem brausenden Wald und frass
schäumend an Felsenstücken und am morschen Ufer - Nacht und Abend und Tag
verfolgten einander im mystischen Hain. - Er trat in den Fluss und ging mit ihm
hinaus vor eine rege warme Ebene voll Dörfer und aus ihnen klang der Sonntag und
aus den Ährenfeldern fuhren Lerchen und an den Bergen krochen Menschen-Steige
hinauf, die Bäume regten sich als Lebendige und die fernen Menschen schienen
festzuwurzeln und wurden nur Schösslinge an der tiefen Rinde des ungeheuern
Lebensbaumes. - -
    Die Seele des Jünglings wurde in das heilige Feuer geworfen, wie
Asbestpapier zog er sie ausgelöscht und unbeschrieben heraus, ihm war, als wiss'
er nichts, als sei er ein Gedanke, und hier trat ihn auf eine wunderbar neue
Weise das Gefühl an: das ist die Welt, du bist auf der Welt - er war ein Wesen
mit ihr - alles war ein Leben, Wolken und Menschen und Bäume. - Er fühlte sich
von unzähligen Polypenarmen ergriffen und zugleich mit ihnen verschlungen und
doch fortrinnend im unendlichen Herz.
    Trunken kam er vor seine Wohnung, von welcher sich ihm der kleine Pollux den
Berg herab entgegenrollte, um ihn zum Essen zu rufen. Im Häuschen wurde das, was
er meinte, ausgesprochen von der Äolsharfe am offnen Fenster. Indes das Kind mit
den Fäustchen auf dem Klaviere nachdonnerte und die Vögel aus den Bäumen freudig
dareinschrien: so fuhr der Weltgeist durch die Äols-Saiten jauchzend und
seufzend, regellos und regelmässig, spielend mit den Stürmen und sie mit ihm; und
Albano hörte, wie die Ströme des Lebens rauschten zwischen den Ufern der Länder
- und durch die Blumen- und Eichenadern - und durch die Herzen - um die Erde,
Wolken tragend - und den Strom, der durch die Ewigkeit donnert, goss ein Gott aus
unter dem Schleier - -
    Albano kam mit dem unschuldigen vortanzenden Knaben zur fortlächelnden
Mutter. Sogar hier zwischen den vier Wänden zogen ihn noch die Segel fort, die
der grosse Morgen aufgebläht. Nichts fiel ihm auf, nichts schien ihm gemein,
nichts fern, die Woge und der Tropfe im unendlichen Meere des Lebens verflossen
unteilbar mit den Strömen und Strudeln, welche darin gingen. Vor Chariton stand
er wie ein glänzender Gott, und sie hätte gern entweder ihn verschleiert oder
sich. Nie war die Menschheit in reinere Formen, die kein Wulst irgendeines
Geburtslandes verkrüppelte, gesondert als in diesem Freudenkreise, worin die
Kindheit, die Weiblichkeit und die Männlichkeit, von Blumen durchwunden, sich
begegneten und sanft anfassten.
    Chariton sprach immer von Liane, nicht bloss aus Liebe zur Fernen, sondern
auch zum Nahen; denn ob sie gleich mit jenen offnen Augen schaute, die mehr
still abzuspiegeln als anzublicken, mehr einzulassen als einzuziehen scheinen,
so war sie doch wie Kinder, Jungfrauen, Landleute und Wilde zugleich
offenherzigwahr und schlau. Sie hatte Albanos Liebe leicht erlauscht, weil
überall den Weibern alles leichter zu verdecken ist, sogar der Hass, als sein
Gegenteil. Sie lobte Lianen unendlich, besonders die unvergleichliche Güte, und
»ihr Herr habe gesagt, wenige Männer hätten so viel Herz als sie, denn sie sei
oft ohne alle Furcht nachts mit ihr im Tartarus gewesen«. Allerdings war das
auch dem Grafen nicht erklärlich. Das Wunderbare ist der Heiligenschein eines
geliebten Hauptes; eine Sonne, zum Menschenantlitz besänftigt ergreift weniger
als ein geliebtes, zum Sonnenbild verklärt.
    Sie, immer heisser erfreuet durch seine Freude, bot ihm an, ihn in Lianens
Zimmer zu führen. Ein einfaches Zimmerchen - vom Weinlaube gründämmernd - einige
Bücher von Fenelon und Herder-alte Blumen noch in ihren Wassergläsern - kleine
sinesische Tassen - Juliennens Porträt und ein anderes von einer verstorbenen
Jugendfreundin, welche Karoline hiess - ein unbeflecktes Schreibzeug mit
englischem gepressten Papier - - das fand er. Die heiligen Frühlingsstunden der
Jungfrau zogen vor ihm wie sonniges Gewölke tauend vorüber.
    Zufällig berührte er ein Federmesser, als ihm Chariton Kiele zum Schneiden
brachte, »weil man« (sagte sie) »so viel Not damit hätte, seit ihr Herr weg
sei«. Denn eine Frau kann leichter jede Feder führen - sogar die epische und
kantische - als eine schneiden; und hier muss wie in mehr Fällen das stärkere
Geschlecht dem schwachen unter die Arme greifen.
    Albano wünschte noch das Arbeits-Zimmer seines Lehrers zu sehen; aber dieses
schlug sie - ob sie gleich durch ein stundenlanges Zusammenessen nicht mutiger
geworden - doch entschieden ab, weil es ihr Herr verboten habe. Er bat noch
einmal; aber sie lächelte immer schmerzlicher und blieb bei dem freundlichen
Nein.
    Er verträumte nun den Rausch des Morgens im magischen Garten, auf dessen
Wasser und Steige der Mond- und Widerschein der Erinnerung spielte. Wie treten
aus den 9 Millionen Quadratmeilen der gemeinen Erde doch einige poetische Länder
heraus durch ein poetisches Herz! Auf dem Berg mit dem Altare, wo er sie unten
einmal verschwinden sehen, wehte ihn, umflattert vom freiern Äter, das
Nachmittagsgeläute von Blumenbühl an; und sein Kindheitsleben und die jetzigen
Szenen dort und Liane gaben ihm ein weiches Herz, und er überschauete mit
dunklern Augen das verklärte Land.
    Abends kamen frohe Kirchgänger aus Blumenbühl und priesen das Einweihen und
Beisetzen gewaltig. Er sah noch den frommen Vater drüben auf dem Bergrücken
stehen. Der Morgen, wo er einen ganzen Tag Lianen sehen und ihr vielleicht alles
sagen konnte, überzog sein Leben mit einem ihn in prächtigen Regenbogenkreisen
umschimmernden Morgentau. Noch im Bette sang er vor Lust das Morgenlied der
Ruderleute auf dem Lago maggiore - die Sternbilder über Blumenbühl glänzten in
das offne Fenster seines Alpenhäuschens herüber an das zusinkende Auge. - Als
ihn der helle Mond und Flötentöne aus dem Tal wieder weckten: glühte das stille
Entzücken unter der Asche des Schlafes noch fort, und das grössere drückte die
Augen wieder zu.
 
                                   65. Zykel
Unter einem frischen Morgenblau ging er voll Hoffnungen, heute sein immer in
weisse Nebel hineinlaufendes Leben aufzuhellen, jenen alten Weg, den er einmal
(im 23sten Zykel) nachts herwärts gemacht, um auf dem Berge Elysium und Liane zu
sehen. Der ganze blühende Steig war ihm eine römische Erde, woraus er
schönbemalte Vasen der Vergangenheit ausgrub; und je näher dem Dorfe, desto
breiter wurden die geheiligten Plätze. Er wunderte sich, dass die Lämmer und
Hirtenknaben nicht, wie das Gras, länger aufgeschossen während seiner
Entfernung, die ihm durch den Wachstum seines Herzens und den bunten Wechsel
seiner Erfahrungen selber verlängert vorkam. Wie ein Morgentrunk von hellem
Alpenwasser rann der alte Klang des Hirtenhorns in seine Brust; aber die enge
Erlenbahn, worin er das Reitpferd des Direktors vor dem Absatteln getummelt, und
selber der Schlosshof, sogar die vier Wände und das Deckengemälde des häuslichen
Glücks krempten seiner treibenden Seele, die in die Erde und in den Himmel
hineinwachsen wollte, Wurzel und Gipfel ein; er war noch in den Jahren, wo man
vom Klavichord des Lebens mit einem Fusstritt den Deckel hochlüftet, damit das
harmonische Brausen überall vorwalle.
    Wie verschwenderisch wurde im Schloss sein Herz mit Herzen bedeckt und die
jüngste Liebe durch alte übertäubt, von der leichtweinenden Mutter Albine an bis
zu den händegebenden alten Bedienten, die seinetwegen die versteinerten Glieder
behender bewegten! - Er fand alle seine Lieben - Liane ausgenommen - in
Wehrfritzens Museum, weil dieser »junges Volk« und Diskurse lieb hatte und
allzeit darauf bestand, dass man das Frühstück auf seinem Aktentisch aufsetzte,
der, wie er sagte, so gut sei als ein Frühstück-Tisch mit lackierten Fratzen,
die niemand ansehe. Albano plagte sich mit der Furcht, die Ministerin sei die
Kirchenräuberin einer Göttin selber geworden und habe gestern Liane
zurückgeführt - bis der Hauptmann die Unsichtbarkeit eilig erklärte. Die gute
Seele hatte gestern die Bewegungen ihres teilnehmenden Herzens mit Migräne büssen
müssen. Ihr geliebter Lehrer Spener mit seiner erhabenen Seelen-Stille - die
Augen, die nicht mehr über die Erde weinten, auf das befreundete Fürstenpaar
gesenkt - mit dem Haupte unter dem kalten Polarstern der Ewigkeit stehend, das
wie der Pol keine Sterne mehr auf- und untergehen sah - ruhig und mit
apostolisch ineinander gelegten Händen allmächtig redend über den Schmerz und
das Ziel des bleichen Lebens, begeistert die Herzen nahe an die weinende Rührung
drängend, und doch sie mit erhabener Besänftigung zurückziehend vom höchsten
Schmerz, damit nur das Herz weine ohne das Auge - und nun die Einsegnung der
gepaarten Särge und der Kirche - o in der weichen Liane mussten diese Rührungen
ja zu Leiden arten, und alles, was ihr Lehrer verschwieg, wurde in ihr
ausgesprochen. Noch dazu hatte sie nicht die gewöhnliche Kur, sich still zu
halten, gebraucht, sondern alle Stiche hinter tätige Freude versteckt, um der
fortreisenden Mutter keine Schmerzen zu geben, obwohl sich viel zu grosse.
    In diese Erzählung trat sie selber freundlich herein im weissen Morgenkleid
mit einem Strauss von sinesischen Röschen - ein wenig blass und müde -
träumerisch-weich aufblickend - die Stimme leiser - die Wangenrosen zu Knospen
geschlossen - und wie ein Kind jedes Herz anlächelnd - - du Engel des Himmels,
wer darf dich lieben und belohnen? Sie erblickte den hohen Jüngling - - alle
Lilien ihres stillen Angesichts wurden wider ihre Gewohnheit in ein himmlisches
Morgenrot der Freude getaucht, und ein zarter Purpur blieb an ihnen.
    Sie fragte ihn offen, warum er gestern nicht zur Festlichkeit gekommen, und
entdeckte angelegentlich, dass sie alle heute den frommen Vater, für welchen ihre
Zwerg-Rosen gebunden waren, besuchen würden. Er nahm gern die vierte Stimme im
Konzert der Lustfahrt. Welcher herrliche hängende Garten mit seinen liebsten
Blumen und Aussichten ist in die Abendstunden hineingebauet! Wie viel Glückliche
bedeckt ein einziges Dach!
    Die redliche Rabette, vor stillem Freuen flinker und geschäftiger, war
unverdrossen Lianens Kranken- und Roquairols Löwen-Wärterin und die maitresse de
plaisirs, welche jeden mütterlichen Grundriss einer Lust noch um die Hälfte
breiter machte, und das ganze Wesen war so glücklich! Ach ihr armes reines Herz
wurde ja noch von keinem geliebt, und darum glüht es mit den frischen Kräften
der ersten Liebe so hell und treu vor einem mächtigen, das zu ihm segnend wie
ein liebender Gott niederzukommen scheint und einen ganzen Himmel nachzieht! -
Roquairol sah, wie reizend die arbeitsame Beweglichkeit im Spielraum ihres
Eigentums und ihrer Geschäfte das schwer niederhängende Laub verschiebe, das im
Visitenzimmer sich finster über ihren Wert herzog; sie wurde sogar schöner durch
das dunklere nette Hauskleid, nachdem er durch Predigten jede weisse Draperie
ihrer brünetten Gestalt in den Kleiderschrank zurückgeschickt. Sie gehorchte der
Mutter hierin nicht eher, als bis er es verlangt hatte. Ja er hatte sie gestern
dahingebracht, die Uhr, womit die stolze Ministerin sie beschenkt, wirklich an
sich herumzutragen mit heissem Erröten über den ungewohnten Schmuck. Indes
wollt'er mit ihr gleichsam einen recht geschlängelten Blumenweg zum Altare
seines lauten Ja's der Liebe nehmen - das stumme sagt' er hinlänglich -; er
wusste, sie sitze sogleich ein, sobald er mit dem Muschelwagen der Venus
vorfahre, wovor er eine Taube und einen Habicht vorgehängt.
    Wie herrlich flog der Vormittag dahin auf goldnen Flügeldecken und auf
durchsichtigen Flügeln! Der geliebte Albano wurde in alle Veränderungen des
Hauses eingeführt; die schönste war in seiner Studierstube, welche Rabette in
ihre Putz-, Näh - und Studierstube umgekleidet hatte, die seit gestern wieder
zum Gast- und Lesestübchen Lianens geworden. Wie gern trat er ans Fenster nach
Abend, wo er so oft im Kristallspiegel seiner Phantasie seinen unsichtbaren
Vater und die Geliebte überirdisch erscheinen lassen! In die Scheiben waren von
seiner Knabenhand viele L und R gezogen. Liane fragte, was die R bedeuteten;
»Roquairol«, sagte er, denn sie fragte nicht nach dem L. Unendlich süss floss die
Betrachtung um sein Herz, dass doch seine Geliebte in der träumerischen Klause
seines ersten grünen Lebens einige blühende Tage verlebe. Liane zeigte ihm mit
kindlicher Freude, wie sie alles, nämlich das Zimmer, redlich mit Rabetten teile
in ihrer Doppelwirtschaft und Stuben-Kameradschaft, und wie sie ihre Wirtin
selber zu ihrem Gaste gemacht.
    Ich habe oft das schöne leichte Nomaden-Leben der Mädchen in ihren
arkadischen Lebens-Abschnitten bewundert mit Neid; leicht flattern diese
Flugtauben in eine fremde Familie und nähen und lachen und besuchen da mit der
Tochter des Hauses ein oder zwei Monate lang, und man hält das Kopulierreis für
einen Familienzweig; - hingegen wir Stubentauben werden schwer versetzt und
einheimisch und reiten meistens nach einigen Tagen wieder zurück. Da wir als
sprödere Materie schwerer mit dem Familien-Guss verschmelzen; da wir unsere
Arbeiten nicht so leicht - weil uns Wagen voll Arbeitsgeräte nachfahren müssen -
wie Mädchen ihre einweben in fremde und da wir viel brauchen und - anstiften: so
ist daraus unser Laufzettel sehr gut abgeleitet ohne unsern geringsten Nachteil.
    Nach einer halben Ewigkeit der Ankleidung - da in der Nähe der Geliebten
eine Stunde der Abwesenheit länger dauert als ein Monat in ihrer Ferne - traten
die reisefertigen Mädchen im schwarzen Schmucke der Bräute herein. Wie reizend
stehen Rabetten die Rosen im dunkeln Haar und der dunkle Spitzen-Saum auf dem
weissen Hals und die furchtsamen Flammen ihres reinen Auges und die anfliegenden
Errötungen! - Und Liane - ich rede nicht von dieser Heiligen. Sogar der gute
alte Direktor musste, als ihn das fromme Angesicht unter dem bloss einfach und
nonnenhaft herübergelegten weissen Kopfschleier von indischer, mit Goldlahn
besprengter Mousseline kindlich anblickte, seinem Wohlgefallen die Worte geben:
»Wie eine Nonne, wie ein Engel!« - Sie antwortete: »Ich wollte auch einmal eine
werden mit einer Freundin; aber nun nehm' ich den Schleier später als sie«,
setzte sie mit wunderbarem Ton dazu.
    Sie hing heute mit zärtlicher Schwärmerei an Rabette, vielleicht aus siecher
Weichheit, vielleicht aus Liebe zu Albano und zu den Eltern und vielleicht, weil
Rabette durch die Liebe so gut und schön war und weil sie selber nichts war als
Herz. Sie hatte den heiligen Fehler zu schwärmerischer Vorstellungen von ihren
Freundinnen - in welchen die edlern Mädchen leicht fallen und womit bloss
Ehefrauen wenig behaftet sind - sonst noch höher getrieben: so konnte sie z.B.
ihre Freundin Karoline, die ihr wie eine Romanheldin nur im romantischen
Spielraum der Freundschaft und der schönen Natur begegnet war, sich anfangs gar
nicht ohne Abbruch des poetischen Heiligenscheins mit Händen denken, welche die
Nähnadel und Plätte und anderes Geräte des weiblichen Ackers führten.
    Wer die zärteste Mitfreude fühlen will, der sehe nicht frohe Kinder an,
sondern die Eltern, die sich über frohe erfreuen. Niemals blickte die blau- und
rundäugige Albine - in deren Gesicht die Zeit manche Lebenstöne dreimal
gestrichen hatte, worunter aber kein stief - und schwiegermütterlicher Misston
vorkam - öfter hin und her und segnender als unter diesen - Paaren; denn das
wurden sie nach der mütterlichen Sterndeuterei der Aberrationen und
Pertubationen dieser Doppelsterne. - Der Vater, der die »Kopf-und Ohrenhängerei
des jetzigen jungen Volks« gegen die Ehrensprünge seiner Kameraden hielt, wurde
an den Hauptmann gekettet, der sich als Regisseur seines innern Teaters heute
die Rolle eines frohen Jünglings zugeteilt hatte. Er gefiel ihm sogar durch die
derben Redeblumen, die das verborgne Wehen von ihm losblätterte; denn da jedes
Genie sein Grobians-Idiotikon, seine Knittelverse haben muss: so hatt' er -
andere haben den Teufel, den Henker - den genialischen Handwerksgruss »Lump« samt
den Derivativis »Lumperei« u.s.w. Aber wie noch hinreissender nahm Albano alle
weibliche Herzen durch die Stille weg, womit er wie ein ruhiger Nachsommer seine
Früchte fallen liess. Die Eltern schrieben diese weiche Haltung dem Stadtleben
zu, als wäre nicht Karl länger in diese Malerschule gegangen. Nein, die Liebe
ist die italienische Schule des Mannes; und der kräftigere und höhere ist eben
der höhern Zarteit fähig, wie auf hohen Bäumen sich das Obst milder und süsser
ründet als auf niedrigen. Nicht an unmännlichen Charaktern entzückt die Milde,
sondern an männlichen; wie nicht an unweiblichen die Kraft, sondern an
weiblichen.
    Der gute Jüngling! - So unschuldig lodert dir - indes Karl es allzeit leider
deutlich wusste, wenn sein Blick brannte und blitzte - aus den Augen ein
glühendes Herz, das es nicht weiss! Möge dein Abend das Samenkorn einer
blütenvollen Jugend werden! Der Wagen rollet vor, dir ungewiss, ob er ein Elias-
oder Phaetons-Wagen wird, ob du durch ihn den Himmel erfliegst oder aus ihm
fällst!
 
                                   66. Zykel
Der Wagen flog durchs Dorf mit den vier jungen Menschen wie tut unserm Jüngling
die Weite des Himmels und der Erde wohl! Das Portal des Lebens, die Jugend, war
mit Blumen und Lichtern behangen. Sie rollten unten am Berge vor der Vogelstange
vorbei, der Zeigerstange eines Knaben-Arkadiens, vor der Wiege, wo er
kindlich-schlaftrunken nach dem hohen Himmel langte mit dem Knaben-Arm - und
durch das ihm jetzt nur zu Gebüsch gesunkne Birkenwäldchen, das er an jenem
goldnen Morgen so breit und lang gefunden - und vorbei vor den östlichen offnen
Triumphbogen, hinter denen das Meer des vielgestaltigen Lilars seine Reize wogen
liess - und hinter der Bergmauer des Flötentals schickten sie den Wagen zurück.
    Sie gingen auf einer herrlichen Erde unter einem herrlichen Himmel. Rein und
weiss schwamm die Sonne wie ein Schwan durch die blaue Flut - Fluren und Dörfer
drängten sich dichter an die fernen niedrigen Gebürge - ein sanfter Wind trieb
die grünen Ähren-Wogen auf der Ebene umher - an den Hügeln ruhten Schatten unter
den Schwingen weisser Wölkchen fest - und hinter den Gipfeln der Anhöhe zogen die
Mastbäume der Rheinschiffe majestätisch weg.
    Wie Albano so nahe neben der Geliebten ging, fiel das unter seinem Eden
brennende Fegfeuer immer tiefer in den Erdkern zurück; voll Unruhe und Hoffnung
warf er das feurige Auge bald auf den Sommer, bald auf den milden
Hesperus-Stern, der so nahe an ihm aus dem Frühlingsäter schimmerte. Die Gute
schien heute stiller, ernster und unruhiger als sonst. Als sie durch ein überall
offnes Laubwäldchen am Hügelrücken, der das Flötental umzog, hingingen: sagte
Liane plötzlich zum Grafen, sie höre Flöten. Kaum konnt' er sagen, er höre nur
ferne Turteltauben: als sie auf einmal sich wie zu etwas Wunderbarem sammlete -
ihr Auge in den Himmel heftete - lächelte - und plötzlich sich nach Albano umsah
und rot wurde. Sie redete ihn an: »Ich will aufrichtig sein, ich höre jetzt in
mir Musik114 - sehen Sie mir heute meine Schwäche und Weichheit nach; es kommt
von gestern.« - »Ich - Ihnen?« sagt' er heftig; denn er, um welchen in
Krankheiten nur brennende Bilder stürmten, wurde zur Verehrung eines Wesens
begeistert, zu welchem gleichsam aus einer höhern Welt in seinen Schmerzen wie
goldne Sonnenstrahlen leise Töne reichen, die verhüllt durch die rauhe Tiefe
gehen.
    Aber Liane, wie um sein Feuer abzuwenden, kam auf ihre Freundin Karoline und
sagte: wie sie ihr an solchen Tagen und zumal auf diesem Spaziergange immer
vorschwebe. »Anfangs sucht' ich sie auf,« (sagte Liane) »weil sie meiner Linda
glich. Sie war meine Lehrerin, ob sie gleich nur einige Wochen älter war als
ich. Ihr frommer, strenger, unerschrockner Charakter und ihre Willigkeit, sich
freudig und stumm aufzuopfern, machte sie sogar, wenn ich es so sagen darf, in
den Augen ihrer Mutter verehrungswürdig. Man sah sie niemals weinen, so weich
sie auch war, bloss um ihre Mutter immer heiter zu machen. Wir wollten
miteinander den Schleier nehmen, um beisammen zu bleiben; ich würde nicht alt
werden, sagte sie, und ich müsste mein kurzes Leben froh und ohne Sorgen, aber
auch in Zubereitung auf das andere verbringen. Ach sie ging selber voran! Die
Nachtwachen am Krankenbette ihrer Mutter und der Schmerz über den Tod nahmen sie
dahin. Sie empfing das heilige Nachtmahl, auf das wir uns miteinander
zubereiteten, im Sterben allein. - Da gab mir der Engel diesen Schleier, worin
ich ihr einst folgen soll. - O, gute, gute Karoline!« - Sie weinte unverhohlen
und drückte bewegt Albanos Hand. »O ich hätte nicht davon anfangen sollen!
    - Dort kommt schon unser Freund; wir wollen recht heiter sein.« -
    Sie waren jetzt durch ein hohes Gebüsche, das neckend die umherschweifenden
Landschaften auf- und zudeckte, nahe an die über das Flötental hereinschauende
Turmspitze gelangt, neben welcher eine einsame Kirche und Speners Wohnung lag
und unten in der Ebene das offne Dorf. Spener ging seiner Schülerin - nach
Greisen-Sitte um andere unbekümmert - entgegen, und ein junges Reh lief ihm
nach. Eine schöne Stelle! Kleine weisse Pfauen - freie Turteltauben - eine
Bienenstadt mitten in ihrer Bienenflora - alles sagte den ruhigen Alten an, dem
nun die ehrende Erde dient und der, gleichgültig gegen sie, nur in Gott lebt. Er
kam gegen die Erwartung eines kirchlichen Ernstes mit einem leichten Scherz über
die bunte Reihe an und legte die segnenden Finger auf Lianens Stirn, die seine
Enkelin zu sein schien, gleichsam eine zweite Baum-Blüte im Späterbst des
Lebens. Sie steckte ihm töchterlich den Strauss der Zwerg-Röschen an die Brust
und gab sehr acht, ob es ihn besonders freue. Sie lächelte ganz heiter, und alle
ihre Tränen schienen verweht; aber sie glich dem beregneten Baum unter der
wiederlachenden Sonne: die kleinste Erschütterung wirft den alten Regen vom
stillen Laub.
    Der alte Mann erfreuete sich über die Teilnahme der jungen Leute und blieb
mit ihnen auf der blühenden und lärmenden Anhöhe, welche zwischen einer weiten
Landschaft und zwischen den reichbeladen ins Elysium hineinlaufenden Bergrücken
tronte. Sie liessen ihn, da zu ihm wie zu einem, der im Luftschiff aufsteigt,
die Töne der Erde nicht so weit nachreichten als die Gestalten, mehr reden als
hören, wie man Alte schonet.
    Er sprach bald von dem, worin sein Herz atmete und lebte; aber in einer
sonderbaren, halb teologischen, halb französischen, Wolffianischen und
poetischen Sprache. Man sollte von manches Schwärmers Poesie und Philosophie
statt der VerbalRealübersetzungen geben, damit man sähe, wie die gold-reine
Wahrheit unter allen Hüllen glühe. Spener sagt in meiner Übersetzung: »er habe
sich sonst, eh' er das Rechte gefunden, in jeder menschlichen Freundschaft und
Liebe gemartert. Er habe, wenn er inbrünstig geliebt wurde, zu sich gesagt, dass
er sich selber ja nie so ansehen oder lieben könne; und ebenso könne ja das
geliebte Wesen nicht so von sich denken wie das liebende, und wär' es noch so
vollkommen oder so eigenliebig. Sähe jeder den andern an wie er sich: so gäb' es
keine feurige Liebe. Aber jede fordere einen unendlichen Wert und sterbe an
jedem unauflöslichen, deutlich erkannten Fehl; sie hebe ihren Gegenstand aus
allen heraus und über alle und verlange eine Gegenliebe ohne Grenze, ohne allen
Eigennutz, ohne Teilung, ohne Stillstand, ohn' Ende. Das sei ja das göttliche
Wesen, aber nicht der flüchtige, sündige, wechselnde Mensch. Daher müsse sich
das liebekranke Herz in den Geber dieser und jeder Liebe selber, in die Fülle
alles Guten und Schönen, in die uneigennützige, unbegrenzte All-Liebe senken und
darin zergehen und aufleben, selig im Wechsel des Zusammenziehens und
Ausdehnens. Dann sieht es zurück auf die Welt und findet überall Gott und seinen
Widerschein - die Welten sind seine Taten - jeder fromme Mensch ist ein Wort,
ein Blick des All-Liebenden; denn die Liebe zu Gott ist das Göttliche, und ihn
meint das Herz in jedem Herz.« - -
    »Aber« - (sagte Albano, dessen frisches energisches Leben aller mystischen
Vernichtung widersträubte) - »wie liebt uns denn Gott?« - »Wie ein Vater sein
Kind, nicht weil es das beste ist, sondern weil es ihn braucht. 115« - »Und
woher« (fragt' er weiter) »kommt denn das Böse im Menschen und der Schmerz?« -
»Vom Teufel«, sagte der Greis und malte ununterbrochen mit verklärter Freude den
Himmel seines Herzens aus, wie es immer umgeben sei vom all-geliebten
All-Liebenden, wie es gar kein Glück und keine Gaben von ihm begehre (die man
nicht einmal in der irdischen Liebe wünsche), sondern nur immer höhere Liebe
gegen ihn selber, und wie es, indem der Abendnebel des Alters immer dichter um
seine Sinne ziehe, sich im Lebens-Dunkel immer fester von den unsichtbaren Armen
umschlungen fühle. »Ich bin bald bei Gott!« sagt' er mit einem Glanze der Liebe
auf dem vom Leben erkälteten und unter den Jahren einbrechenden Gesicht. Man
hätt' es ausgehalten, ihn sterben zu sehen. So steht der Montblanc vor dem
aufgehenden Mond; die Nacht verhüllt seinen Fuss und seine Brust, aber der lichte
Gipfel hängt hoch im dunkeln Himmel, als ein Stern unter den Sternen.
    Liane hatte wie eine Tochter das Auge und die Hand nicht von ihm gelassen
und jeden Laut schmachtend eingesogen; ihr Bruder hatt' ihn mit mehr Freude als
Alban gehört, aber bloss um den mystischen Heros ganz in den mimischen Berg Atos
seiner Nachbildung reiner abzuformen; und Rabette hatt' ihn wie in einer Kirche
unter gläubigen - Nebengedanken angeschauet.
    Er entfernte sich jetzt ohne Umstände, um für seine Tiere zu sorgen, die er
wie alles Unwillkürliche, z.B. die Kinder, wie aus der ersten Hand Gottes
kommend liebte; alles sei göttlich, sagt' er, und nichts irdisch als das
Unmoralische. Er konnte keine Bienen schwefeln, keine Blumen im Scherben-Käfig
verdursten lassen, kein abgetriebnes, wundes Pferd ertragen und ging vor einer
Fleischbank nur mit schaudernden Gliedern vorüber.
    »Wollen wir« (sagte der Freund Karl) »den herrlichen Abend auf der
prächtigen Bergstrasse einnehmen und dein Donnerhäuschen besehen und jeden
Leidens-Kelch herunterwerfen in die Täler hinein?« - Welche magische
Nachbarschaft durchzogen sie nun auf dem gebognen Gebirge zum Donnerhäuschen!
Zur Rechten gleichsam den Okzident der Natur, zur Linken ihren Orient - vor
ihnen das prangende Lilar in der Abendfeerei - der glänzenden Rosana in den
Armen liegend - Ährengold hinter Pappelsilber - und darüber den Himmel, gefüllt
mit lebenstrunknen lärmenden Wesen - und der Sonnengott schreitet über seinen
Abend weg und bückt sich ein wenig unter der Mitternacht, um in Osten das goldne
Haupt zu erheben. Albano ging an Lianens heiliger Hand voraus. »O wie ist alles
so schön!« (sagt' er) »Wie rauschet die aufgeblätterte Weltkarte mit langen
Flüssen und Wäldern - wie sonnen sich die Morgenberge in fester Ruhe - wie
steigen die Haine mit glühenden Stämmen die Hügel hinauf man möchte sich in die
rauchenden Täler stürzen und in die kalten glänzenden Wellen - ach Liane, wie
ist alles so schön!« - »Und Gott ist auf der Welt«, sagte sie - »und in dir!«
sagte er und dachte an das Wort des Greisen, dass die Liebe Gott meine und er im
Herzen wohne, das wir ehren.
    Jetzt rollten ihm schon die grossen Wogen entgegen, welche die Äolsharfe im
Donnerhäuschen schlug; und sein Genius flog vor ihm vorbei mit den Worten: sag
ihr darin dein ganzes Herz.
    Vor der kleinen Hütte der gestrigen Träume ging sein stürmendes Herz
auseinander; und die Sonne und die Erde schwankten vor den wilden Tränen. Da er
hineintrat mit ihr in den füllenden Rosenglanz der Abendsonne und in das
Geistergetümmel der einsam miteinander redenden Töne: so fasste er Lianens Hände
und drückte sie wild an seine Brust und sank vor ihr ohne Laut und geblendet
nieder - Flammen und Tränen flogen über Augen und Wangen - der Wirbelwind der
Töne wehte in seine lodernde Seele - der milde Engel der Unschuld bückte sich
weinend und bebend gegen den brennenden Sonnengott - und es schlängelte sich ein
Schmerz wie eine bleiche Schlange durch die Rosen des milden Angesichts - und
Albano stammelte: »Liane, ich liebe dich -«....
    Da kehrte die Schlange um und fasste und bedeckte die süsse Rosen-Gestalt. »O
guter Mensch, du bist unglücklich, aber ich bin unschuldig.« Sie trat erhaben
zurück und zog schnell den weissen Schleier über ihr Gesicht herab und sagte
ausser sich: »Liebst du die Toten? Das ist mein Leichenschleier; im künftigen
Jahre liegt er auf diesem Gesicht.« - »Das ist nicht wahr«, sagte Albano.
»Karoline, antworte ihm!« sagte sie und sah starr in die brennende Sonne wie
nach einer höhern Erscheinung. Fürchterliche Minute! wie bei dem Erdbeben das
Meer wogt und die Luft fürchterlich still ruht- so war seine Lippe neben der
Verschleierten stumm und das ganze Herz ein Sturm - auf den Saiten wandelte eine
seufzende Geisterwelt vorüber, und der letzte endigte mit einem scharfen Schrei
- die Schönheit der Erde verzerrte sich vor ihm, und in das Abendgewölk waren
breite Feuerfahnen gepflanzt, und das Sonnenauge schloss sich blutend zu. - -
    Auf einmal faltete Liane wie betend die Hände und lächelte und errötete; da
hob sie den Schleier von den göttlichen Augen, und die Verklärte, vom
Rosen-Widerschein angestrahlt, sah ihn zärtlich an - und schlug das Auge nieder
- und hob es wieder auf - und senkt' es nieder - und der Schleier fiel wieder
vor, und sie sagte leise: »Ich will dich lieben, guter Albano, wenn ich dich
nicht elend mache.« - »Ich sterbe mit dir,« sagt' er, »was ists?« - Und nun
verhülle die heilige Wolke den Sonnengott, der flammend durch seine Sterne
zieht! - -
    Seine Einsamkeit und Lianens Auflösung so vieler Wunder wurden durch den
Eintritt Rabettens und Karls verschoben, welche beide mehr gerührt als beglückt
schienen, sie durch die tröstende Nähe des Geliebten, er durch die sonderbare
Lage und durch den zwingenden Abend; denn gewissen Menschen geht ein Sturm nach,
und sie müssen die Schritte, die sie tun, wider Willen schneller machen.
    Als Albano wieder mit dem Friedensengel seines Lebens, mit der Geliebten,
die mitten im Rauschen der Gefühle doch die Stimme ihrer Freundin hörte, allein
vorausging auf den Felsendamm zwischen duftenden Tempetälern in der dämmernden
Welt: so war ihm, als habe sich sein Leben wie ein Adler durch eine Sturmwolke
durchgearbeitet und der schwarze Sturm laufe unter seinen Flügeln weiter und der
ganze Sternenhimmel brenne hell über seinem Haupt. Liane, jungfräulich-edel und
fest, gab ihm, eh' er eine Frage getan, die Antwort: »Ihnen muss ich nun ein
Geheimnis sagen, was ich jedem und sogar meiner Mutter verbarg, weil es sie
beunruhigt hätte. Ich erzählte vorhin von meiner unvergesslichen Karoline. Am
Tage meines Abendmahls, das ich mit ihr empfangen wollen, ging ich nachts von
meinem Lehrer zur Mutter zurück, und zwar durch die sonderbare lange Höhle,
worin man niederzusteigen glaubt, wenn man aufwärts steigt. Mein Mädchen ging
mit der Laterne voraus. In der romantischen Laube, wo ein Hohlspiegel steht,
kehr' ich mich gegen den hereinströmenden Vollmond, aus Furcht vor dem wilden
Spiegel, der den Menschen zu grausam verzieht. Plötzlich hör' ich ein
himmlisches Konzert, wie nachher öfters wieder in Krankheiten - ich denke an
meine selige Freundin - und schaue voll Sehnsucht in den Mond. - - Da sah' ich
sie mir gegenüber, mit unzähligen Strahlen - in ihren schönen Augen war ein
zärtlicher Blick, aber doch etwas Auflösendes; der zarte, fast allein lebendige
Mund glich einer roten, aber durchsichtigen Frucht, und alle ihre Farben
schienen nur Licht zu sein. Doch nur im blauen Auge und roten Munde schien der
Engel Karolinen ähnlich. Ich könnt' ihn zeichnen, wenn man mit Licht malen
könnte. Ich wurde gefährlich krank; da erschien sie mir öfter und erquickte mich
mit unsäglich-süssen Lauten - es waren keine rechte Worte -, worauf ich immer in
einen sanften Schlaf wie in einen süssen Tod versank. Einmal fragt' ich sie -
mehr mit innern Worten -, ob ich denn bald zu ihr ziehe ins Reich des Lichts.
Sie antwortete, ich stürbe jetzt nicht, sondern etwas später, und sie nannte
recht deutlich das künftige Jahr und sogar den Tag, den ich aber vergessen.... O
lieber Albano! vergeben Sie mir nur einige Worte! Ich genas bald und trauerte
über die lange schleppende Zeit«
    »Nein« - (unterbrach Albano sie, dessen Gefühle wie Schwerter
gegeneinanderschlugen) - »ich ehre, aber hasse Ihr gefährliches Schreckbild.
Phantasie und Krankheit sind die Eltern des luftigen Würgengels, der wie ein
taubes Wetterleuchten sengend über alle Blüten der Jugend fliegt.«
    Sie antwortete gerührt: »O du guter, frommer Geist! du hast mich nie
betrübt, du hast mich stets getröstet, geleitet, froh und fromm gemacht. - Ein
Schreckbild ist er, Albano? - Eben gegen alle Schreckbilder, gegen alle
Geisterfurcht bewahrt er mich, weil er immer um mich ist. Warum, wenn er nur ein
Traumbild ist, erscheint er mir nie in meinen Träumen?116 Warum kommt er nicht,
wenn ich will? Sondern bloss in wichtigen Fällen; dann frag' ich ihn und gehorche
sehr gern. Er ist mir heute, Albano,« (setzte sie leiser und blöder hinzu)
»schon zweimal erschienen, unterwegs, als ich die innere Musik hörte, und vorhin
im Donnerhäuschen, als die Sonne unterging, und hat mir liebreich geantwortet.«
    »Und was sagt' er, Himmlische?« fragte Albano unschuldig. - »Ich sah ihn
unterwegs nur an und fragte nichts«, versetzte die Kindliche errötend; und hier
stand auf einmal ihre heilige Seele unwissend ohne Flor vor ihm; denn sie hatte
im Donnerhäuschen von der unsichtbaren Karoline das Ja zu ihrer Liebe empfangen,
weil jene ihr Geschöpf war und dieses ihre - Eingebung. Jawohl, Himmlische! du
stehst vor dem Spiegel mit dem jungfräulichen Schleier über deiner Gestalt, und
wenn dein Bild seinen leise hebt, glaubst du dich noch verhüllt! -
    Kein Wort spricht Albanos Verehrung eines so geheiligten Herzens aus, das
verklärte Wesen so helle träumte - dessen goldne Blumen auf dem Gedanken des
Todes, wie irdische auf Gottesäckern, nur höher wuchsen - das zugleich mit ihm
unsichtbare Hände in zwei ähnliche Träume117 gezogen - dem man sich schämte,
gemeine Wahrheiten zu geben für seine heiligen Irrtümer. - - »Du bist vom
Himmel« - (sagt' er begeistert, und seine Freude wurde die im Auge zerschmolzene
Perle, die den Durst des Menschenherzens löscht) »darum willst du wieder dahin!«
- »O ich weihe dir, mein Freund,« (sagte sie lächelnd-weinend und drückte seine
Hand an ihr frommes Herz) »das ganze kleine Leben, das ich habe, jede Stunde bis
zur letzten, und vorher will ich dich auf alles zubereiten, was Gott schickt.«
    Eh sie in des frommen Vaters Hütte traten, griff Albano nach des Freundes
Hand, und die Schwestern vereinigten sich. Die Freunde gingen eine Zeitlang
stumm voraus; Karl blickte Albano an und fand den Frieden der Seligkeit auf
seinem Angesicht. Als dieser sah, wie Liane das überfüllte Herz an das
schwesterliche drückte: so wurde die Aufrichtigkeit und Freude in ihm zu stark,
und er fiel ohn' ein Wort dem lieben Bruder der ewigen Braut ans Herz und liess
ihn stumm alles erraten aus den Tränen der Seligkeit. O er hätt' es doch erraten
aus dem bräutlichen Blick der Liebe, den seine Schwester von seinem Freunde
seltener wegzog, und aus der Innigkeit, womit sie Rabetten - gleichsam als
würden beide bald einander verwandt, als würde selber der Bruder bald schöner
sprechen, da er sie lange nicht mehr die kleine Linda hiess - an ihrem Herzen
einweihte für das brüderliche. Bei dem frommen Vater versteckte sich der
entzückte Blick wenig, den Albano, gleichsam unter dem Tore der Ewigkeit
stehend, in die Himmel warf, die wie Welten hintereinander schimmerten; er war
still, sanft, und in seinem Herzen wohnten alle Herzen. O liebe eines rein und
warm, so liebst du alle nach, und das Herz in seinem Himmel sieht wie die
wandelnde Sonne vom Tau bis zum Meere nichts als Spiegel, die es wärmt und
füllt.
    Aber in Roquairol fuhr sogleich, als er das himmlische Glück so nahe sah,
der aufrührerische Geist seiner Vergangenheit und schlug epileptisch die Glieder
des innern Menschen blutig - die unsterblichen Seufzer nach dem ewig fliehenden
Frieden quälten ihn wieder, seine Fehltritte und Irrtümer und sogar die Stunden,
wo er unschuldig litt, wurden ihm schmerzlich vorgerechnet und da sprach er (und
rührte jedes Herz, am meisten aber das der armen Rabette, das er, sich zu
erwärmen, an sich presste, wie nach der Sage der Adler die Taube, der dann sie
nicht zerreisset) - da sprach er edel von der Wüstenei des Lebens und vom
Schicksal, das den Menschen wie den Vesuv zum Krater ausbrenne und dann wieder
kühle Auen darein säe und ihn wieder mit Feuer fülle - und vom einzigen Glück
des hohlen Lebens, von der Liebe, und von der Verletzung, wenn das Geschick mit
seinen Winden eine Blume118 reibend hin- und herbewege und dadurch die grüne
Rinde an der Erde durchschneide. - -
    Aber indem er so sprach, sah er die glühende Rabette an und wollte durch
diese Erwärmungen gleichsam die feste Blumenknospe seiner Liebe gewaltsam
sprengen und die Blätter unter die Sonne breiten - o ganz glücklich war doch der
Verworrene und Sehnsüchtige auch heute nicht, und er wollte weniger andere
rühren als sich.
    Wie selig-ahnend traten sie wieder heraus vor die Sphinx der Nacht, welche
lächelnd mit sanften Sternenblicken vor ihnen lag. Gingen sie nicht durch eine
stille, dämmernde Unterwelt, leicht und frei ohne die schwere, klebende Erde an
den Füssen, und im weiten Elysium flattert nur der warme Äter, weil ihn
unsichtbare Psychen mit ihren Flügeln schlagen? Und aus dem Flötentale sendet
ihnen der Greis seine Töne als süsse Liebespfeile nach, damit das schwellende
Herz an ihren Wunden selig blute. - Albano und Liane kamen vor eine Aussicht, wo
die weite Morgenlandschaft mit den Lichtstreifen von blühenden Mohnfeldern und
mit dunkeln Dörfern an die sanften Gebirge hinanstieg, wo der Mond aufwachte und
der Glanz seines Gewandes schon wie der eines Geistes durch den Himmel streifte
- hier blieben sie, auf die Luna wartend, stehen. Albano hielt ihre Hand. Alle
Gebirge seines Lebens standen im glühenden Morgenrot. »Liane,« (sagt' er) »so
unzählige Frühlinge sind jetzt droben auf den Welten, die herunterhängen; aber
dieser ist der schönste.« - »Ach das Leben ist lieblich, und heute wird es mir
zu lieb. - Albano,« (setzte sie leise dazu, und ihr ganzes Angesicht wurde eine
erhabne tränenlose Liebe, und die Sterne webten und stickten ihr Brautkleid)
»wenn mich Gott fodert, so lass' er mich dir immer erscheinen wie mir Karoline;
o wenn ich dich nur so durch dein ganzes liebes Leben begleiten und trösten und
warnen könnte, ich wünschte gern keinen andern Himmel.«
    Aber als er die Fülle seiner Liebe und den zürnenden Schmerz über den
Todeswahn aussprechen wollte, so kam sein wilder Freund, der, wie ein Vesuv
Lava- und Regenströme zugleich über die gläubige Rabette ausgiessend, ihr und
sich das Herz nur voller, nicht leichter gemacht; da sah Karl die verherrlichten
Menschen an und den blauen Horizont, wo schon der Mond seinen Schimmer zwischen
den festen Mastspitzen und Gipfeln vorauswarf, und blickte wieder in den Glanz
der heiligen Liebe. - Da konnt'er sich nicht länger halten, sein qualvolles Herz
stieg wie zu Gott auf zu einem ewigen Entschluss, und er umfasste Albano und
Rabette und sagte: »Geliebter! - Geliebte! - behaltet mein unglückliches Herz!«
-
    Rabette umklammerte ihn mitleidig wie eine Mutter das Kind und gab ihm
heiss-weinend ihre ganze Seele hin. - Albano umschloss staunend den Liebesbund. -
Liane wurde vom Strudel der Wonne an die geliebten Herzen gezogen. - Ungehört
riefen die Flöten fort, ungesehen wehten die weissen Fahnen der Sterne darüber. -
Karl sprach wahnsinnige Worte der Liebe und wilde Wünsche des Freuden-Todes. -
Albano berührte bebend Lianens Blumenlippe, wie Johannes Christum küsste, und die
schwere Milchstrasse bog sich wie eine Wünschelrute hernieder zu seinem goldnen
Glück. - Liane seufzete: »O Mutter, wie sind deine Kinder glücklich.« - Der Mond
war schon wie ein weisser Engel des Friedens in das Blau geflogen und verklärte
die grosse Umarmung; aber die Seligen merkten es nicht. Wie ein Wasserfall
überdeckte sie brausend das reiche Leben, und sie wussten es nicht, dass die
Flöten schwiegen und alle Hügel glänzten.
                            Ende des zweiten Bandes
 
                                  Dritter Band
                             Funfzehnte Jobelperiode
                             Der Mann und das Weib
                                   67. Zykel
Vor der Bühne hab' ich die frohe Erfahrung gemacht, dass ich an den Schmerzen,
die darauf sofort nach dem Aufzuge des Vorhanges erschienen, nur geringen
Anteil, hingegen an Freuden, die sogleich hinter der Musik auftraten mit ihrer
eignen, den grössten nahm; der Mensch will mehr, dass die Klage, als dass die
Entzückung sich motiviere und entschuldige. Ohne Bedenken fang' ich daher einen
dritten Band mit Seligkeiten an, die ohnehin das vorhergehende Paar überflüssig
vorbereitete.
    Jetzt in dieser Minute muss unter allen Adamsenkeln, welche ein freudiges
Gesicht zum Himmel aufhoben und ihm einen noch schönern darauf nachspiegelten,
irgendeiner gewesen sein, der den grössten hatte, ein Allerseligster. - Ach
freilich muss auch unter allen tragenden Wesen auf dieser Kugel, die unser kurzer
Lauf zur Ebene macht, eines das unglücklichste gewesen sein, und möge der Arme
schon im Schlafe liegen unter, nicht auf seinem steinigen Wege! - Ob ichs gleich
wünschte, dass Albano nicht jener Allerglücklichste gewesen wäre - damit es noch
einen höheren Himmel über seinem gäbe -, so ist doch wahrscheinlich, dass er am
Morgen nach der heiligsten Nacht, im jetzigen Traume vom reichsten Traume, tief
in den dreifachen Blüten der Jugend, der Natur und der Zukunft stehend, den
weitesten Himmel in sich trug, den die enge Menschenbrust umspannen kann.
    Er sah aus seinem Donnerhäuschen, diesem kleinen Tempel, an dessen Wänden
noch der Schimmer der Göttin stand, die ihm darin sichtbar geworden, auf die
neugestalteten Berge und Gärten Lilars hinaus, und es war ihm, als säh' er
hinein in seine weiss und rot blühende, mit Berg- und Fruchtgipfeln
aufgeschmückte Zukunft, ein volles Paradies, in die nackte Erde gebauet. Er sah
sich in seiner Zukunft nach Freuden-Räubern um, die seinen Triumphwagen anfallen
könnten; - er fand sie alle sichtbar zu schwach gegen seine Arme und Waffen. Er
stellte Lianens Eltern und seinen eignen Vater und das bisherige in der Luft
arbeitende Geister-Heer mitten auf seinen Weg zur Geliebten hin; - in seinen
Muskeln glühte überflüssige Kraft, sich leicht zu ihr durchzuschlagen und sie in
sein Leben mitzunehmen durch Arbeit und Gewalt. »Ja,« (sagt' er) »ich bin ganz
glücklich und brauche nichts mehr, kein Schicksal, nur mein und ihr Herz!«
Albano, möge dein böser Genius diesen gefährlichen Gedanken nicht gehöret haben,
damit er ihn nicht zur Nemesis trage! O in diesem wildverwachsenen Leben ist
kein Schritt, sogar in den blühenden Lustgängen, ganz sicher, und mitten in der
Fülle dieses Kunstgartens erwartet dich ein fremder finsterer Giftbaum und
hauchet kalte Gifte in das Leben! - Daher war es sonst besser, da die Menschen
noch demütig waren und zu Gott beteten in der grossen Entzückung; denn neben dem
Unendlichen senkt sich das feurige Auge und weinet, aber nur aus Dankbarkeit.
    Kein kleinliches Kalendermass werde an die schöne Ewigkeit gelegt, die er nun
lebte, da er die Geliebte jeden Abend, jeden Morgen in ihrem Dörfchen sah. Als
Abendstern ging sie vor seinen Träumen, als Morgenstern vor seinem Tage her. Den
Zwischenraum füllten beide mit Briefen aus, die sie einander selber brachten.
Wenn sie abends schieden, nicht weit vom Wiedersehen, und dann in Norden unten
am Himmel schon die Rosenknospen-Zweige hinliefen, die unter dem Menschenschlafe
schnell nach Osten hinwuchsen, um mit tausend aufgeblühten Rosen vom Himmel
herabzuhängen, eh' die Sonne wiederkam und die Liebe - und wenn sein Freund Karl
nachts bei ihm blieb und er nach einer Stunde fragte, woher das Licht komme, ob
vom Morgen oder vom Mond - und wenn er aufbrach, da noch Mond und Morgen in den
tauenden Lustwäldern zusammenschienen, und wenn ihm der Weg, vor einigen Stunden
zurückgelegt, ganz neu vorkam und die Abwesenheit zu lange (weil Amors Pfeil
halb ein Sekundenzeiger ist, der den Monatstag, und halb ein Monatszeiger, der
die Sekunde weiset, und weil in der Nähe der Geliebten die kleinste Abwesenheit
länger dauert als in ihrer Ferne die grosse) - und wenn er sie wiederfand: so war
die Erde ein Sonnenkörper, aus welchem Strahlen fuhren, sein Herz stand in
lauter Licht, und wie ein Mensch, der an einem Frühlingsmorgen von dem
Frühlingsmorgen träumt, ihn noch heller um sich findet, wenn er erwacht, so
schlug er nach dem seligen Jugendtraum von der Geliebten die Augen auf vor ihr
und verlangte den schönsten Traum nicht mehr.
    Zuweilen sahen sie sich, wenn der lange Sommertag zu lang wurde, auf
entfernten Bergen, wo sie der Abrede gemäss der Ernte zusahn; zuweilen kam
Rabette allein nach Lilar zum Bruder, damit er einiges von Lianen hörte. Wenn
Liane ein Buch gelesen: las ers nach; oft las ers zuerst und sie zuletzt. Was
die schönsten, unschuldigsten Seelen einander Göttliches zeigen können, wenn sie
sich auftun, ein heiliges Herz, das noch heiliger, ein glühendes, das noch
glühender macht: das zeigten sie sich. Albano wurde gegen alle Wesen mild, und
der Glanz einer höhern Schönheit und Jugend füllte sein Angesicht. Die schönen
Gebiete der Natur oder seiner Kindheit wurden durch die Liebe geschmückt, nicht
diese durch jene; er war von dem blassen, leisen Mondwagen der Hoffnung auf den
rauschenden, glänzenden Sonnenwagen der lebendigen Entzückung gestiegen. Sogar
auf den Ruderschiffen hölzerner Wissenschaften schlugen jetzt, wie von Bacchus'
Wunderhand belebt, Maste und Taue zu Weinstöcken und Trauben aus. - Ging er ins
Froulaysche Haus: so kam er, weil er voll Toleranz hineinging, ohne Kosten
derselben daraus zurück; der Minister, der mit einem Flore von heitern,
blühenden Ideen auf dem Gesichte von Haarhaar zurückgekehrt, gab ihm reizende
Aussichten auf den Jubel mit, womit Stadt und Land das nahe Vermählungsfest des
Fürsten und den Gewinn der schönsten Braut begehen werde.
    Und hatt' er nicht zu allem noch seinen Freund dazu? Wenn man so nahe vor
der Flamme der Freude steht, so flieht man zwar Menschen - weil sie leicht
zwischen uns und die schöne Wärme treten -, aber man sucht sie auch; ein
herzlicher Freund ist unser Wunsch und Glück, welcher den frohen Traum, worin
wir schlafen und sprechen, leise weiterleitet, ohne ihn fortzujagen. Karl
spielte sanft in des Freundes Traum; er hätt' es aber auch schon aus inniger
Liebe gegen die Schwester getan.
    In der Tat mit so viel Jugend - Sommerwetter - Unschuld - Freiheit - schöner
Gegend - und hoher Liebe und Freundschaft lässet sich wohl schon unten auf der
Erde etwas dem Ähnliches zusammensetzen, was man oben im Himmel einen Himmel
nennt; und eine Himmelskarte, ein Elysiums-Atlas, den man davon mappierte, würde
wohl nicht anders aussehen als so: vorne ein langes Hirtenland mit zerstreueten
Lustschlössern und Sommerhäusern - ein Philantropistenwäldchen in der Mitte -
die Taborsberge oben mit Sennen - lange Kampanertäler - darauf der weite
Archipelagus mit Peters-Inseln - drüben die Ufer eines neuen festen
Hirtenlandes, ganz bedeckt mit Daphnischen Hainen und Alkinous-Gärten - dahinter
wieder das weit hineinlaufende Arkadien u.s.w.
    Alles, was nun Albano von Philosophie und Stoizismus in sich hatte - denn er
hielt das, was ihm der Arm aus den Wolken gab, für Ausbeute des eignen -, wandte
er an, um durch sie seiner Entzückung das Mass, das sie geben, zu nehmen.
Mässigen, sagt' er, sei nur für Patienten und Zwerge; und alle jene bekümmerten,
gleichschwebenden Temperaturisten und Taktmesser hätten, es sei in der
Ausbildung einer Freude oder eines Talents, mehr sich als der Welt genützt,
hingegen ihre Antipoden mehr der Welt als sich.119
    Er brachte sich sehr gute Grundsätze vor das Auge: der Mensch, sagt' er, ist
frei und ohne Grenze nicht in dem, was er machen oder geniessen, sondern in dem,
was er entbehren will; alles kann er, wenn er will, entbehren wollen. Überhaupt,
fuhr er fort, hat man bloss die Wahl, entweder immer oder nie zu fürchten; denn
dein Lebenszelt steht auf einer geladenen Mine, und rings umher halten die
Stunden offne Geschosse auf dich. - Nur das tausendste120 trifft; und in jedem
Fall fall' ich doch lieber stehend als feig gebückt. Allein - beschloss er, um
sogar sich darüber zu entschuldigen - ist denn die Standhaftigkeit zu nichts
Besserm gemacht als zu einer Wundärztin und Magd, und nicht vielmehr zu unserer
Muse und Göttin? denn sie ist ja nicht ein Gut, weil sie ein verlornes entbehren
hilft, sondern sie ist selber eines, und ein grösseres als das ersetzte; auch der
Seligste muss sie erwerben, sogar ohne Gelegenheit und Gabe von aussen; ja es ist
desto besser, wenn sie früher besessen wird als angewandt.
    Zum Teil waren diese Täuschungen oder Rechtfertigungen Not und Schutzwehr
gegen den tragischen Roquairol, der jede Freude und auch die seines Freundes mit
düstern Kontrasten heben wollte; zum Teil muss auf jene ein edler Mann, der
bisher sich in den Schmerz warf, ohne dessen Tiefe zu messen, und der immer
seine Kraft, durch das Leben zu schwimmen, fühlen wollte, notwendig geraten,
wenn er innen wird, dass sich der Schwerpunkt seiner Seligkeit und seiner Hölle
verrückt und aus seinem Ich in ein fremdes begeben habe. »O wenn sie stürbe?«
fragt' er sich. Er hatt' es nicht gewohnt, vor irgendeinem Tode so zu
erschrecken wie vor diesem. Daher fasste er diese Disteln der Phantasie recht
scharf in die Hand, um sie zu zerdrücken. Am Ende, da die reine Landluft der
Liebe und der Schäfertanz in diesem Arkadien immer mehr Rosen auf Lianens Wangen
brachten, so hörten seine Disteln zu wachsen auf.
    Allen übrigen Ottern des Lebens - sobald sie nur keinen Durchgang durch
Lianens Herz sich machen konnten - war er unzugänglich. Um jeden Preis - und
sollte er alles verlassen, entbehren, erzürnen, unternehmen - wollt' er Lianen
erkaufen Die Schreckgespenster, die ihm aus zwei Häusern, Froulays und Gaspards,
drohend entgegenliefen, liess er heran und lösete sie auf: steht der Feind einmal
da, dacht' er, so bin ich seiner auch.
    Oft stand er im Tartarus und fand in diesem Stilleben des Todes von erhobner
Arbeit Seelenstille. Die Gegenwart nimmt schneller unsern Widerschein als wir
ihren an; auch hier gewann er sanfte, weite, das Leben lichtende Hoffnungen und
süsse Tränen, die ihm über Lianens Sterbe-Glauben entflossen, nicht weil er die
Wahrscheinlichkeit, sondern weil er die Unwahrscheinlichkeit desselben sich
dachte, die durch Liebe und Freude und Genesung täglich grösser wurde.
    Nur ein Unglück gabs für ihn, woran jede Waffe zersprang, dessen Möglichkeit
er aber für einen sündigen Gedanken hielt, dass nämlich er und Liane durch
Schuld, Zeit oder Menschen aufhören könnten, einander zu lieben; hier, auf zwei
Herzen vertrauend, trotzt' er kühn der Zukunft; - O, wer sagte nicht, wenn er im
Vertrauen auf eine warme Ewigkeit seine Entzückung ausdrückte: die Parze kann
unser Leben zerschneiden, aber sie komme und öffne die Schere gegen das Band
unserer Liebe! Den Tag darauf stand die Parze vor ihm und drückte die Schere zu.
 
                                   68. Zykel
Einst kam Roquairol ganz spät, um Albano mitzunehmen zur »Abendstern-Partie« auf
der Sennenhütte, die jener mit Rabetten verabredet hatte. Der Hauptmann führte
um die warmen Quellen seiner Liebe und Freude gern die Brunnenfassung ganz
auserlesener Tage und Umstände; konnt' ers machen, so erklärte er z.B. seine
Liebe etwan an einem Geburtstage - unter einer totalen Sonnenfinsternis - an
einem Schalttag - in einem blühenden Treibhaus im Winter - hinter dem
Stuhlschlitten auf dem Eise oder in einem Gebeinhaus; ebenso zerfiel er mit
andern gern an bedeutenden Orten und Tagen, in dem Kirchstuhle - in Frühlings-
oder Wintersanfang - in der Kulisse des Liebhaberteaters - auf einer
Brandstätte - unweit des Tartarus oder im Flötental.
    Albano aber war zu jung - wie andere zu alt -, um seine frischen Gefühle
erst mit künstlichen Stunden und Stellen zu würzen; er machte lieber durch jene
diese schöner.
    Mit ungestümer Freude flog Albano auf den ungehofften Weg der Freude. Der
gestrige Abend war so reich gewesen - die vier Paradiesesflüsse waren in einer
Katarakte vom Himmel in sein Herz gestürzt - am heutigen wollt' er in die
stäubenden Wirbel desselben springen. - Schon der Abendhimmel war so schön und
rein, und der Hesperus ging mit wachsendem Glanz seine helldämmernde Bahn hinab.
    Rabette wartete unten am Berge der Sennenhütte (des Schiesshäuschens), um ihn
unbemerkt an die unvorbereitete Freundin zu führen, die im Fenster mit dem
glänzenden Auge am Hesperus sinnend lag und an die vollen glühenden Herbstblumen
dachte, welche nun in ihrem Leben so spät und so nahe neben der längsten Nacht
aufgingen. Sie war heute über manches trübe. Sie hatte überhaupt bisher ihre
Liebe mehr zu verdienen und zu rechtfertigen als zu geniessen und zu vergrössern,
und mehr mit ihr das fremde Herz als das eigne zu beglücken gesucht. Wie sehnte
sie sich unbeschreiblich nach Taten für Ihn - nur Opfer waren ihr Taten - und
beneidete ordentlich ihre Freundin, die für Karl jedesmal doch ein - Getränk zu
bereiten hatte! Da sie nichts weiter wusste, so drückte sie ihren Diensteifer
durch grössere töchterliche Liebe und Annäherung gegen Albanos Eltern und
Schwester aus; und lernte sogar ein wenig kochen, welches ihr andere
Ministers-Töchter, die nichts machen als Salat und Tee, mit Nachsicht und mit
dem Gedanken verzeihen müssen, dass sie in Lianens Falle auch nichts anders
machen würden, sondern eher ein Gericht mehr. Ja, sie hielt Rabette für
tugendhafter, weil diese mehr in die Breite und Länge tätiger sein konnte;
Rabette hielt wieder Lianen für besser, weil sie lieber betete; den ähnlichen
Irrtum verdoppelten sie über die Brüder: Rabetten kam Karl sanfter vor und
Lianen Albano, beiden nach Schlüssen aus ihren gegenseitigen Berichten.
    Solang' ein Weib liebt, liebt es in einem fort - ein Mann hat dazwischen zu
tun -; Liane verwandelte alles in sein Bild und seinen Rahmen; dieser Berg,
dieses Stübchen, diese für ihn einmal gefährliche Vogelstange wurden die
Pastellstifte zu seinem festen Bilde. Sie kam immer darauf zurück, dass er etwas
Besseres verdiene als sie; denn die Liebe ist Demut; der Trauring prangt mit
keinem Juwel. Es rührte sie, dass ihn ihr früher Tod betrübe. Da sah sie noch das
von Blattern erblindete Mädchen, das er einmal unwissend sich ans Herz gedrückt
121; und sie fand sich mit dem Witze der Trauer auch darin der Blinden ähnlich,
nicht bloss in der gleichen, obwohl kürzern Nacht, die einmal der Schmerz über
ihre Augen geworfen.
    So sanft wie ihr Ebenbild, der Hesperus, sich in den Abendhorizont des
Lebens eintauchend, fand sie ihr Geliebter. Sie konnte nie sogleich aus ihrem
Herzen heraus in die überraschende Gegenwart; ihre Wendungen waren immer wie der
Sonnenblume ihre nur langsam, und jede Empfindung lebte lange in ihrer treuen
Brust. Selten findet überhaupt der Liebende den Empfang der Liebenden dem
letzten Bilde ähnlich, das ihm der Abschied mitgegeben; eine weibliche Seele
soll - das begehrt der Mann völlig mit den Flügeln, Stürmen, Himmeln der letzten
Minute wieder in die nächste brausen. Aber von jeher empfing Liane ihren Freund
scheu und sanft und anders, als sie geschieden war; und zuweilen kam dem
Feuergeiste dieses zarte Warten, dieses langsame Heben des Augenlids fast wie
ein Umkehren in die alte Kälte vor.
    Heute ergriff es den wärmern Grafen stärker als sonst. Wie ein Paar fremde
Kinder, die miteinander bekannt werden sollen und sich anlächeln und anrühren,
standen beide freundlich und verlegen nebeneinander. Sie erzählte, dass sie von
seiner Schwester sich sein Kindeswagstück auf diesem Berge erzählen lassen. Eine
Geliebte kennt keine schönere, reichhaltigere Geschichte als die ihres Freundes.
»O da schon« (sagt' er bewegt) »blickt' ich nach deinen Bergen! Dein Name ist
wie eine goldne Inschrift an meine ganze Jugend geschrieben. Ach Liane, hast du
mich wohl geliebt wie ich dich, als du mich noch nicht gesehen?«
    »Gewiss nicht, Albano,« (antwortete sie) »viel später!« Sie meinte aber ihre
Blindheit und sagte, er sei ihr in dieser Augendämmerung an jenem Abend, wo er
bei ihrem Vater ass, wie ein alter nordischer Königssohn, etwan wie Olo122
vorgekommen, und sie habe ihn wie ihren Vater und Bruder ehrend gefürchtet. Ihre
hohe Achtung für die Männer waren die wenigsten kaum zu erraten wert, geschweige
zu veranlassen. »Und als du sehen konntest?« sagte Albano. »Das sagt' ich eben«,
versetzte sie naiv. »Aber da du meinen Bruder so liebtest« (fuhr sie fort) »und
so gut warst gegen deine Schwester: so wurd' ich freilich ganz beherzt und bin
und bleibe nun deine zweite Schwester - du hast ohnehin eine verloren - Albano,
glaube mir, ich weiss es, ich bin gewiss zu wenig, zumal für dich, - aber ich habe
einen Trost.«
    Verwirrt von dieser Mischung von Heiligkeit und Kälte, konnte er sie nur
heftig küssen und musste, ohne sie zu widerlegen, sogleich fragen: »Welchen
Trost?« - »Dass du einmal ganz glücklich wirst«, sagte sie leise. »Liane,
deutlicher!« sagt' er. Denn er verstand nicht, dass sie ihren Tod und Lindas
Verkündigung durch Geister meinte. »Ich meine, nach einem Jahre,« (versetzte
sie) »nach den Prophezeiungen.« Er sah sie stumm, wild, ratend und bänglich an.
Sie fiel ihm weinend ans Herz und lösete plötzlich das Gedränge innerer Seufzer:
»Bin ich denn dann nicht« (sagte sie heftig) »gestorben und seh' aus der
Seligkeit zu, dass du belohnet wirst für deine Liebe gegen Liane? Und das gewiss
recht sehr!«
    Weine, zürne, leide, frohlocke und bewundere immerhin, heftiger Jüngling!
Aber du fassest diese demütige Seele doch nicht! - Heilige Demut! einzige
Tugend, die nicht vom Menschen, sondern von Gott geschaffen wird! Du bist höher
als alles, was du verbirgst oder nicht kennst! Du himmlischer Lichtstrahl, wie
das irdische Licht123 zeigst du alle fremde Farben und schwebst unsichtbar ohne
eine im Himmel! Niemand enteilige deine Unwissenheit durch eine Belehrung! Sind
deine kleinen weissen Blüten gefallen: so kommen sie nicht wieder, und um deine
Früchte deckt dann nur die Bescheidenheit ihr Laub.
    Schmerzhaft zerteilte sich in Albano das Herz in Widersprüche, gleichsam in
seines und in Lianens Herz. Sie war nichts als die lautere Liebe und Demut, und
ihr Talentenglanz war nur ein fremder Besatz, wie Götterbilder von weissem Marmor
den bunten nur als Zierat haben; man konnte nichts tun als sie anbeten, sogar
auf ihren Irrwegen. Auf der andern Seite hatte sie neben weichen, beweglichen
Gefühlen so feste Meinungen und Irrtümer, seine Bescheidenheit bekriegte so
vergeblich ihre Demut, und sein Ansehn ihren Geisterwahn. Das feindselige
Gefolge, das dieser nachschleppte, sah er so deutlich über alle Freuden ihres
Lebens herziehen. Sein ihm ewig nachstellender Argwohn, dass sie ihn liebe, bloss
weil sie nichts hasse, und dass sie immer eine Schwester statt einer Liebhaberin
sei, drang wieder gewaffnet auf ihn ein. So stritt hier alles gegeneinander,
Wunsch, Pflicht, Glück und Ort. Beide waren sich neu und unbekannt aus Liebe;
aber Liane erriet so wenig als er. O wie zwei Menschen, ähnliche Wesen, einander
fremd und ungleich werden, bloss weil eine Gotteit zwischen beiden schwebt und
beide anglänzt!
    Etwas blieb in ihm unharmonisch und unaufgelöset; er fühlt' es so sehr, da
die Sommernacht für höhere Entzückungen schimmerte, als er hatte - da der tief
im Äter zitternde Abendstern der Sonne durch die Wolkenrosen nachdrang,
worunter sie begraben war - da die Ährenfluren dufteten und nicht rauschten, und
die zugeschlossenen Auen grünten und nicht glühten - und da die Welt und jede
Nachtigall schlief, und da das Leben unten ein stiller Klostergarten war, und
nur oben die Sternbilder als silberne Äterharfen vor Frühlingswinden ferner
Erden zu zittern und zu tönen schienen.
    Er musste Liane morgen wiedersehen, um sein Herz auszustimmen. Rabette kam
unendlich erheitert mit ihrem Freunde vom Berge herauf, beide schienen von
Scherzen und Lachen fast ermattet; denn Roquairol trieb alles, sogar den Scherz,
bis zur Pein hinauf. Er hatte den Abendstern, auf den er heute eingeladen, in
ein Treib- und Stammhaus lustiger Einfälle und Anspielungen umgebauet. Anfangs
wollt' er nicht schon morgen mitkommen; aber endlich sagt' ers zu, da Rabette
versicherte, »sie errate den feinen Herrn recht gut, aber er solle doch sie nur
sorgen lassen«.
    Als die Morgenröte aufging, kam Albano mit ihm wieder, aber die Gartentüre
am »Herrschaftsgarten« war schon offen und Liane schon in der Laube. Ein
Akten-Heft (so schien es) lag auf ihrem Schoss und ihre gefalteten Hände daneben,
sie blickte mehr sinnend geradehin als betend empor; doch empfing sie ihren
Albano so mild- und fremdlächelnd, wie ein Mensch einen ins Gebet
hereintretenden Gast grüssend anlächelt und dann weiterbetet. Der Graf hatte sich
bisher immer auf eine Zurückgezogenheit des Empfangs rüsten müssen. Ein
Missverstand, der schnell wiederkommt, wirkt, sooft er auch gehoben sei, immer
wieder so irrend und neu wie zum ersten Male. Er fühlte recht stark, dass ihn
etwas Festeres als die erste jungfräuliche Blödigkeit, womit ein Mädchen für die
blendende Sonne der Liebe immer ausser der Morgenröte noch eine Dämmerung und für
diese wieder eine erfinden will, im feurigen Verschmelzen ihrer Seelen störe.
    Er fragte, was sie lese; sie stockte bedenkend; ein schnell heranfliegender
Gedanke schien ihr Herz zu öffnen; sie gab ihm das Buch und sagte, es sei ein
französisches Manuskript, nämlich geschriebene Gebete - von ihrer Mutter vor
mehreren Jahren aufgesetzt -, welche sie mehr rührten als eigne Gedanken; aber
noch immer blickte durch das zartgewebte Gesicht ein Klostergedanke, der ihr
Herz zu verlassen suchte. - Was konnte Albano dieser Herzens-Psalmistin
vorwerfen, wer kann einer Sängerin Antwort geben? - Eine Betende steht wie eine
Unglückliche auf einer hohen, heiligen Stätte, die unsere Arme nicht erreichen.
- - Aber wie schlecht müssen die meisten Gebete sein, da sie - obwohl früher als
Reize bezaubernd gleich dem Rosenkranz, der aus wohlriechenden Hölzern gemacht
wird - später, im Alter, nur als Flecken und der Reliquie oder dem Totenkopf
ähnlich wirken, womit eben der Rosenkranz aufhört!
    Ohne auf seine Frage zu warten, sagte sie ihm auf einmal, was sie unter
ihrem Gebete gestöret habe; nämlich die Stelle in diesem: »O mon dieu, fais que
je sois toujours vraie et sincère etc.«, da sie doch ihrer lieben Mutter bisher
ihre Liebe verschwiegen habe. Sie setzte dazu, sie komme nun bald, und dann
werde ihr das verschlossene Herz aufgetan. »Nein,« (sagt' er fast zornig) »du
darfst nicht, dein Geheimnis ist auch meines.« - Männer verhärtet oft das in der
Prosa, was sie in der Poesie erweicht, z.B. weibliche Frömmigkeit und
Offenherzigkeit.
    Nun hasste niemand mehr als er das Eingreifen der elterlichen Schreib- und
Zeige- und Ohrfinger in ein Paar verknüpfte Hände; nicht dass er etwan vom
Minister Kriege oder Nebenwerber befürchtete - er setzte eher offne Arme und
Freudenfeste voraus -, sondern weil seinem befreieten und befreienden,
grossmütigen Geiste nichts peinlicher widerstand als die widrige Erwägung, was
nun auf dem Altar der Liebe an das heilige Opferfeuer die Eltern für schmutzigen
Torf zur Feuerung nachlegen oder für Töpfe zum Kochen ansetzen könnten - wie
leicht dann sogar poetische Eltern sich oft mit den Kindern verwandeln in
prosaische oder juristische, der Vater sich ins Regierungs-, die Mutter ins
Kammerkollegium - wie wenigstens dann die Hofluft leibeigen mache, so wie nur
der poetische Himmels-Äter frei - und welche Perturbationen seinem Hesperus von
dem anziehenden Weltkörper, vom alten Minister bevorständen, der bei der Liebe
nichts unnützer fand als die Liebe und dem die heiligsten Empfindungen für
Standesehen so brauchbar schienen wie für Predigtämter das Hebräische, nämlich
mehr im Examen als im Dienste. - So schlimm dacht' er von seinem Schwiegervater,
denn er kannte das Schlimmere nicht.
    Aber die gute Tochter dachte von ihrer Mutter viel höher als ein Fremder,
und ihr Herz widerstrebte schmerzlich dem Schweigen. Sie berief sich auf ihren
hereintretenden Bruder. Aber dieser war ganz Albanos Meinung: »Die Weiber«
(setzte er, nicht in der besten Laune, hinzu) »mögen lieber von als in der Liebe
sprechen, die Männer umgekehrt. « - »Nein,« (sagte Liane entschieden) »wenn mich
meine Mutter fragt, so kann ich nicht unwahr sein.« »Gott!« (rief Albano
erschrocken aus), »wer könnte auch das wünschen?« Denn auch ihm war freie
Wahrheit der offne Helm des Seelenadels; nur sagte er sie bloss aus
Selbstachtung, und Liane sie aus Menschenliebe.
    Rabette kam mit dem Tee-Zeug und einer Flasche, worin für den Hauptmann
Tee-Mark und Elementarfeuer oder Nervenäter war, Arrak. Er ging ungern am
Morgen zu Leuten, bei denen er ihn erst am Abend trinken konnte; Rabette hatte
gestern diese Unart gemeint und heute befriedigt. - »Wie kann das freie Ich«
(sagte der gesunde Albano oft zu ihm) »sich zum Knechte der Sinnen und
Eingeweide machen? Sind wir ohnehin nicht enggebunden genug durch die
Körper-Bande, und du willst noch Ketten durch die Ketten ziehen?« - Roquairol
hatte darauf immer dieselbe Antwort: »Umgekehrt! Durch Körper befreie ich mich
eben von Körpern, z.B. durch Wein von Blut. Sobald du aus der Leibeigenschaft
der leiblichen Sinne nie herauskannst und all dein Bewusstsein und dein Denken
nur durch körperliche Dienstbarkeit, die auf dem Grundstück der Erde haftet, bei
ihrem Adel bleiben: so seh' ich nicht ab, warum du nicht diese Rebellen und
Despoten recht zu deinen Dienern brauchst. Warum soll ich den Körper nur schlimm
auf mich wirken lassen und nicht ebensowohl vorteilhaft?« - Albano blieb dabei,
das stille Licht der Gesundheit sei würdiger als die Mohnöl-Flamme eines
Opiums-Sklaven; und die körperliche Kriegsgefangenschaft, die unser Geist mit
der ganzen menschlichen Mannschaft leide, sei ehrenvoller als der
persönlich-krummschliessende Arrest.
    Indes heute konnte nicht einmal das spirituöse geschwefelte Teewasser eine
gewisse Unbehaglichkeit aus Roquairol verwaschen, den das Nachtwachen bleicher,
wie den Grafen feuriger gefärbt hatte. Es wollt' ihm nicht recht gefallen, dass
der Herrschaftsgarten ganz in den Rahmen eines mannshohen Bretterverschlags
eingezogen war, der weniger wie eine Billardsbande den Augapfel nicht hinaus-,
als wie eine Marktschreierbude nichts hereinlassen sollte und der freilich keine
andere Aussicht gewährte als die eigne Ansicht; ebensowenig erhielt der
Lustgarten dadurch seinen Beifall, dass die Rasenbänke in der Laube, wo sie
sassen, noch nicht gemäht waren - dass auf allen Beeten nur Einfassungsgewächse
des Kochfleisches wehten - dass noch nichts Reifes dahing als ein paar Maulwürfe
in ihren Hängsterbebetten - dass an einer Kugelbahn, worauf man in ein
klingelndes Mittelloch kegelt, die schräge Retour-Rinne die Kugeln leichter
wieder einwandern liess, als sie über das Ackerland der Bahn (wenn man sie nicht
warf) wegzubringen waren, und dass nirgends Orangerie zu sehen war, ausgenommen
einmal, da zum Glücke die Gartentüre offen stand, als eben auf einem
Schiebekarren ein blühender Orangeriekasten nach Lilar vorüberfuhr.
    Der Hauptmann brauchte diese Züge bloss satirisch vorzutragen und damit die
äusserlich lachende Rabette innerlich zu verwunden - weil keine den Tadel ihrer
körperlichen Absenker verträgt, es seien nun Kinder, Kleider, Kuchen oder Möbeln
124 -: so konnten sich seine Berghöhen allmählich wieder entwölken, und Rabette
konnte noch ungemeiner fröhlich sein.
    Albano war in dieser Tags-, gleichsam Kindheits-Frühe und in diesem
Paradiesgärtlein seiner Kinderjahre heimlich-froh denn in der ersten Liebe
kommt, wie in Shakespeares Stücken, nichts auf die bretterne Bühne ihres Spieles
an -; aber der heutige Nachwinter der gestrigen Erkältung wollte doch nicht
schmelzen. Die Morgenbläue wurde mit immer hellern Gold-Flocken gefüllt - er
machte, da der Garten wie kleine Städte nur zwei Tore hatte, das obere und
untere, wie eine Aurora dieses der Morgensonne auf - der Glanz quoll über das
dampfende Grün herein die unten ziehende Rosana fasste Blitze auf und warf sie
herüber - Albano schied endlich voll Liebe und Seligkeit.
    Aber die Liebe war grösser als die Seligkeit.
 
                                   69. Zykel
Fliegender Frühling! (ich meine die Liebe, so wie man den Nachsommer einen
fliegenden Sommer nennt) du eilest selber über uns pfeilschnell dahin, warum
eilen Autoren wieder über dich? - Du gleichst der deutschen Blütezeit - die nie
einen Blütenmond lang ist -; wir lesen den ganzen Winter in Almanachen und
Gleichnissen viel von ihrer Herrlichkeit und schmachten; endlich hängt sie dick
an den schwarzen Ästen sechs Tage lang und noch dazu unter kalten Maigüssen,
reissenden Wonnemondsstürmen und unter dem Stummsitzen aller halb-erfrornen
Nachtigallen - und dann, wenn man endlich in den Garten hinauskommt, ist schon
der Fusssteig blütenweiss und der Baum höchstens voll Grün; dann ists vorbei, bis
wir wieder im Winter den Anfang eines Märchens herzerhoben hören: »Es war eben
in der schönen Blütezeit.« - Ebenso seh' ich wenig Autoren am langen
romantischen Sessions und Schreibetisch rechts und links für das Lesepult
arbeiten, welche nach der langen Vorrede zur Liebe nicht diese, sobald sie wie
ein Krieg erkläret ist, sofort schlössen; - und wirklich gibts zur Liebe mehr
Stufen als in ihr; alles Werden, z.B. der Frühling, die Jugend, der Morgen, das
Lernen, geht vielfärbiger und geräumiger auseinander als das feste Sein; aber
ist dieses nicht wieder ein Werden, nur ein höheres, und jenes ein Sein, nur ein
schnelleres? -
    Albano wollte die fliegende, göttliche Zeit, wo das Herz unser Gott ist,
schöner lenken, sie sollte mehr empor- als hinwegfliegen. Er zürnte den andern
Tag mit niemand als mit sich. Er riss sich durch solche kleine und doch
eng-umschnürende Schmerzen durch, durch einen Zustand wie bei einem Erdbeben, wo
ein unsichtbarer Dunst den verstrickten, schweren Fuss hält; ich will mich lieber
auf Bergen beregnen lassen, sagt' er, als in Tälern. Menschen von Phantasie
söhnen sich leichter mit der ab- als anwesenden Geliebten aus.
    Nach einigen Tagen ging er wieder nach Blumenbühl, kurz vor Sonnenuntergang.
Ein brennendes Rot schnitt durch die Laubnacht. Sein finsterer Holzweg wurd' ihm
von den dareinhüpfenden Flammen zu einem verzauberten gemacht. Er setzte seine
beleuchtete Gegenwart tief in eine künftige, schattige Vergangenheit hinein. O,
nach Jahren, dacht' er, wenn du wiederkommst, wenn alles vergangen ist und
verändert - die Bäume gewachsen - die Menschen entwichen - und nur die Berge und
der Bach geblieben - da wirst du dich selig preisen, dass du einmal in diesen
Gängen so oft zum schönsten Herzen reisen durftest und dass auf beiden Seiten die
klingende und glänzende Natur mit deiner freudigen Seele mitging, wie dem Kinde
der Mond durch alle Gassen nachzulaufen scheint. - Eine ungewöhnliche Entzückung
warf durch sein ganzes Wesen den langen, breiten Sonnenstreif, die fernsten
Blumen seiner Phantasie taten sich auf, alle Töne gingen durch einen hellern
Äter und näher heran. Auch die Blumen ausser ihm dufteten stärker, und der
Glockenschlag tönte näher; und beides sagt Ungewitter an.
    So innigfroh erschien er - und zwar ohne Roquairol, der überhaupt immer
seltner kam - vor der Geliebten oben in seinem Kindheitsmuseum, ihrem
Gastzimmer, das jetzt der gewöhnliche Spielplatz seiner Besuche war. In einem
weissen Kleide mit schwarzem Besatz, wie in schöner Halbtrauer, sass sie am
Zeichentisch, mit schärfern Augen in ein Bild vertieft. Sie flog ihm ans Herz,
aber um ihn bald wieder vor die Gestalt zu führen, an welcher ihres wie in
Mutterarmen hing. Sie erzählte, heute sei mit der Prinzessin ihre Mutter
dagewesen, und diese habe so viele Freude über ihre genesende Farbe gehabt, so
unendliche Güte gegen die glückliche Tochter. »Sie musste sich« (fuhr sie fort)
»von mir ein wenig zeichnen lassen, damit ich sie nur länger ansehen und etwas
von ihr dabehalten konnte. Jetzt zeichn' ich das Gesicht weiter aus, es ist aber
gar zu schlecht geraten.« Sie konnte ihre Phantasie weder vom Bilde, noch
weniger vom Urbilde loswickeln. Freilich kann auf einem töchterlichen Herzen -
oder gar in ihm kein schöneres Medaillon hängen als das mütterliche; aber Albano
glaubte doch heute, das Gehenke nehme eine zu breite Stelle ein.
    Sie sprach bloss von ihrer Mutter: »Ich sündige gewiss« (sagte sie) - »sie
fragte mich so freundlich, ob du oft kämst, aber ich sagte nur Ja und weiter
nichts. O, guter Albano, wie gern hätt' ich ihr die ganze Seele offen
hingegeben!«
    Er antwortete, die Mutter schiene nicht so offen zu sein, sie wüsste
vielleicht schon alles durch den Lektor, und den reinen Trank der Liebe würden
nun lauter fremde Körper trüben. Gegen Augusti erklärt' er sich sehr stark, aber
Liane beschützte ihn ebenso stark. Durch beides gewann der Falschmünzer der
Wahrheit, nämlich der Argwohn - der, dass sie ihn wohl liebe, wie sie alles
liebe, da sie an alles Gute gleichsam lebendig anwachse unter Albanos
Empfindungen, die noch dazu heute so warm und froh gewesen waren, immer mehr
Prägstempel und Umlauf.
    Sie ahnete nichts, sondern sie kam wieder auf ihr Schweigen: »Warum tut mirs
aber weh,« (sagte sie) »wenn es recht ist? Meine Karoline, Geliebter, erscheint
mir auch nicht mehr, und das ist wahrhaftig nicht gut.« - Dieses Geisterwesen
zog immer für ihn so schwül und grau herauf wie eben draussen das
Gewittergewölke. Seine alte Erbitterung gegen die eignen Neckereien durch
Luftaffen, die er nicht packen konnte, ging in eine gegen Lianens optischen
Selbstbetrug über. Jener von Karolinen geschenkte Schleier, womit sie sich
anfangs so erhaben eingekleidet für das Kloster der Gruft, dieser Reiseflor für
die zweite Welt, war diesem Herkules längst ein brennendes, mit Nessus'
Giftblute getränktes Gewand geworden, daher sie ihn nicht mehr vor ihm tragen
dürfen. Der Schluss, dass der Wahn des Todes die Wahrheit desselben säe, und dass
in der herübergerückten tiefen Wolke ein Zufall den schlagenden Funken des Todes
leicht locke, fiel wie eine Trauer in seine Liebesfeste ein. So sind alle fremde
Meerwunder der Phantasie (wie dieser Sterbens-Wahn) nur in der Phantasie (im
Roman), aber nicht im Leben erwünscht, ausser einmal auf phantastischen Höhen;
aber dann müssen solche Schwanzsterne sich wie andere bald wieder aus unserem
Himmel zurückziehen.
    Er sprach jetzt sehr ernst - von selbstmörderischen Phantasien - von
Lebenspflichten - von eigensinniger Verblendung gegen die schönsten Zeichen
ihrer Genesung, zu denen er das Verschwinden der optischen Karoline so gut
rechnete wie das Blühen ihrer Farbe. - Sie hörte ihn geduldig an; aber durch die
Prinzessin, die, ihrer Liebe ungeachtet, ihm selten erfreuliche Spuren
nachgelassen, hatte heute ihre Phantasie einen ganz andern Weg genommen, weit
vor ihrem Ich und ihrem Grabe vorbei. Sie stand bloss vor Lindas Bild, von der
ihr Julienne diesen Nachmittag schärfere Umrisse, als sonst Mädchen von Mädchen
geben - »es ist ein sehr gutes Mädchen«, sagt jedes von jedem -, anvertrauet
hatte; Lindas männlicher Mut, ihre warme Anhänglichkeit an Gaspard bei ihrer
Verachtung des Männerhaufens, ihre Unveränderlichkeit, ihr kühnes Fortschreiten
in männlichem Wissen, ihre herrlichen, oft harten, mehr körnigen als blumigen
Briefe und am meisten ihr vielleicht nahes Hieherkommen nahmen ihr zartes Herz
gewaltig ein. »Mein Albano muss sie haben«, dachte immer dieses uneigennützige
Gemüt und merkte, wenn die Prinzessin die Absicht demütigender Vergleichungen
gehabt, sie nicht, sondern erfüllte sie. dabei fand die Gute so viel höhere
Schickung, - dass z.B. ihr Bruder nun nicht mehr der Nebenbuhler ihres Geliebten
und seines Freundes sein - dass sie selber ihren kräftigen Albano vormalen könne
der stolzen Romeiro, und dass ja, trotz alles Widerstandes, doch alle
Geister-Weissagungen einander eingreifend fassten und hielten. - - Das alles
sagte sie nun, weil sie nur ihre Schmerzen, nicht ihre Hoffnungen verbarg, dem
Grafen gar ins Gesicht.
    Welchen knirschenden Biss in sein weichstes Leben tat jetzt ein böser Genius!
- Diese glühende, ungeteilte, nicht teilende Liebe hatt' er, nicht sie, -
glaubt' er. Er war recht nahe daran, sein wie von einem Gewitterschlag auf
einmal in die Höhe brennendes Wesen auch so zu zeigen; nur die schuldlose, weisse
Stirn mit frohen Rosen in den kleinen Locken, der kindlich-helle Aufblick des
reinen, blauen Augenpaars und das weiche Angesicht, das schon bei einem
musikalischen Fortissimo und bei jeder Heftigkeit im fremden Bewegen oder Lachen
kränklich durch das klopfende Herz errötet, und sein verschämter Hass der
Leichtigkeit, mit der ein Mann seine Allmacht und sein Geschlecht zum
Erschrecken des zarteren missbrauchen kann, hielten ihn wie Schutzgeister ein,
und er sagte bloss in jenem edeln Zorne, der wie eine Rührung klang: »O Liane, du
bist heute hart!«
    »Und ich bin ja so weich!« sagte die Unschuldige. Beide waren bisher am
Fenster vor dem aus Lilar herschwellenden finstern Gewitter gestanden. Sie
kehrte sich schnell um - denn sie konnte seit ihrer Erblindung, wo eine dunkle
Wolke gegen sie zu fliegen geschienen, keine mehr lange ansehen -, und Albanos
hohe Gestalt mit dem ganzen glühend-lebendigen Gesicht und mit den Seelen-Augen
stand vom Abendlicht erhellet vor ihr. Sie legte mit der spielenden Hand, die er
frei liess, sein dunkles Haar aus der trotzigen Stirn sanfter an die Seiten,
strich die gedrängte Augenbrahme glatter und sagte, als sein Blick wie eine
Sonne stach und sein Mund sich ernst schloss: »O freudig, freudig soll künftig
einmal dies schöne Angesicht lächeln!« Er lächelte, aber schmerzlich. »Und dann
will ich noch seliger sein als heute!« sagte sie und erschrak, denn ein Blitz
fuhr über sein ernstes Gesicht wie über ein zackiges Gebürge und zeigte es wie
das des Kriegsgottes von Kriegsflammen erleuchtet.
    Er schied schnell; liess sich nicht halten; sprach von Wetterkühlen, ging ins
Wetter hinaus und liess Lianen in der Freude zurück, dass sie doch heute recht aus
blosser reiner Liebe gesprochen habe. Aus dem letzten Hause des Dorfs sprang ihm
Rabette entgegen; über sein Gesicht fielen die Wetterbäche der verhaltnen Tränen
herab; »was fehlt dir, was weinst du?« rief sie. »Du träumest«, rief er und
eilte vor allen Dingen ins Ungewitter hinaus, das sich plötzlich wie ein
Mantelfisch erstickend über den ganzen Himmel hergeworfen hatte. Er suchte sich
unter dem regnenden Blitzen zuerst die besten Beweise zusammen, dass Liane
heilige Reize, göttlichen Sinn, alle Tugenden habe, besonders allgemeine
Menschenliebe, Mutterliebe, Bruderliebe, Freundesliebe - nur aber nicht die
glühende Einzigen-Liebe, wenigstens nicht gegen ihn. Sie wird nur - er schliesset
immer fort - von der Gegenwart so gänzlich gefasset und gefüllt, von meiner so
gut als von der eines Armbruchs des kleinen Pollux, welche ihr Himmel und Erde
verdeckt. - Darum wird ihr der Untergang des Lebens so leicht wie der eines
Sternchens und alle Scheidungen dabei. - Darum stand ich so lange mit einer
leidenden Brust voll Liebe neben ihr, und sie sah nicht in meine, weil sie keine
in der ihrigen fand. - Und so ists so bitter, wenn der Mensch, unter den
gemeinen Herzen der Erde verarmend, durch das edelste doch nichts wird als zum
letztenmal unglücklich.
    Der Regen zischte durch die Blätter, das Feuer schlug durch den Wald, und
der wilde Jäger des Sturms trieb seine unsinnige Jagd. Das erfreuete ihn als
eine kühlende Hand, woran ein Freund ihn führte. Da er nicht durch die Höhle,
sondern aussen am Bergrücken zu seinem hohen Donnerhäuschen hinaufstieg: so sah
er eine dicke, graue Regennacht das grüne Lilar belasten, und auf dem gebognen
Tartarus ruhte unter dem Blitz der erleuchtete Sturm. Er fuhr zusammen bei dem
Eintritt in sein Häuschen vor einem Schrei, den seine Äolsharfe unter den
Griffen des Windes tat; denn sie hatte einst, von der Abendsonne beglänzt, seine
junge Liebe äterisch wie Sterne eingekleidet und war ihr mit allen Tönen
nachgefolgt, da sie hinausging über das leidende Leben.
 
                                   70. Zykel
Am Morgen darauf waren beide Gewitter aufgelöset in ein stilles Gewölke. - Und
aus den grösseren Schmerzen wurden nur Irrtümer. Wir Schwache! wenn das Schicksal
uns bei unserer Scheinhinrichtung mit der Rute berührt, nicht mit dem Schwerte:
so sinken wie ohnmächtig vom Stuhle und fühlen das Sterben noch weit ins Leben
hinein! - Alle Fieber, so auch die geistigen, kühlt der neue, frische Morgen, so
wie sie alle der bange Abend glühend schürt. Welcher von uns wickelte sich nicht
an Abenden - dieser eigentlichen Geisterstunde der Plage-, Haus- und
Poltergeister in den Faden, den er selber spann, den er aber für fremdes
Fanggewebe hielt, immer enger durch Entfliehen und Wenden ein, bis er am Morgen
seinen Schliesser vor sich sah, nämlich sich!
    Albano sah auf dem ganzen gestrigen Kriegsschauplatz nichts mehr stehen als
eine blasse, gute Gestalt in Halbtrauer, welche nach ihm mit unschuldigen
Mädchenaugen umherblickte, und wornach er doch ewig hinübersah, wenn sie auch
mehr eine Braut Gottes als die eines Menschen blieb. Er fühlte jetzt freilich
mehr, wie hoch seine Foderungen an wirkliche Freunde stiegen, als sonst, wo er
die höchsten an geträumte Wesen, die er immer gerade in die jedesmalige Form
seines Herzens goss, nach Gefallen steigern konnte; und wie in ihm ein niemand
schonender Geist regiere, der jedem fremden die Flügel nach seinen eignen
ausdehnen wolle, weil er keine Eigenheit dulde ausser der kopierten.
    Er hatte bisher von allen seinen Geliebten zu wenig Widerstand erfahren, wie
Liane zu viel; beides schadet dem Menschen. Der geistige wie der physische wird
ohne Widerstand der äussern Luft von der innern aufgeblasen und zersprengt, und
ohne Widerstand der innern von der äussern zusammengequetscht; nur das
Gleichgewicht zwischen innerer Wehr und äusserem Druck hält einen schönen
Spielraum für das Leben und sein Bilden frei. - Männer dulden ohnehin - da nur
die besten an den besten Männern feste, starke Überzeugung achten - diese an
Weibern schwer und wollen letztere nicht bloss zu ihrem Widerschein, sondern auch
zu ihrem Nachhall haben. Sie wollen, mein' ich, nicht bloss die Miene, auch das
Wort bejahend.
    Albano bestrafte sich mit einigen Tagen freiwilliger Entfernung, bis die
unreinen Wolken aus ihm weggezogen wären, die den Sonnenzeiger seines Innern
verschattet hatten. Bin ich ganz heiter und gut, sagt' er, so geh' ich wieder zu
ihr und irre nie mehr. Er irret jetzt; ist ein fremder, unheimlicher Halbton
einmal zwischen alle Harmonien zweier Wesen wiederkehrend durchgedrungen, so
schwillt er immer feindlicher an und übertäubt den Grundton und endigt alles.
Der Scheideton war hier die Stärke der männlichen Tonart neben der Stärke der
weiblichen. Aber die höchste Liebe verwundet sich am leichtesten am kleinsten
Unterschied. O, dann hilft es wenig, wenn der Mensch zu sich sagt: ich will mich
ändern. Nur im schönsten, unverletzten Entusiasmus setzt er sich es vor; aber
eben im verletzten, wo er kaum des Vorsatzes fähig wäre, soll er sich zur
Erfüllung desselben heben und kann es schwer.
    Der Graf ging am Morgen wie gewöhnlich in seine Hörsäle und Sprachzimmer der
Stadt. In den erstern war es ihm schwer, nach den Sternen der Wissenschaften
seine Instrumente und Augen festzurichten und zu visieren, da er auf einem
solchen Meere voll Bewegung ging. In den letztern fand er den Lektor kälter als
sonst, den Bibliotekar wärmer, die Hauswirtsleute aufgeblasener. Er ging zu
Roquairol, den er heute noch inniger liebte und behandelte, um gleichsam der
beleidigten Schwester genugzutun. Karl sagte sogleich mit seinem tragischen
schnellen Aufreissen des Vorhangs der Zukunft: »es sei alles entdeckt - - höchst
wahrscheinlich!« Sooft Liebende sehen, dass die seefahrende Welt ihre
Kalypsos-Insel - die doch frei auf der offnen See daliegt - endlich in die Augen
bekommt und die Segel darauf richtet: so verwundern sie sich zum Verwundern. Hat
denn irgendein Paradies so weite und niedrige Staketen - so dass jeder
Vorbeigehende hineinsehen kann - als ihres?
    Schon längst hatten, erzählt' er, die Doktors-Kinder immer etwas bei der
Baumeisterin in Lilar zu holen, Blumen, Arzneigläser u.s.w.; gewiss als Seh- und
Hörröhre Augustis - dieser sei wieder der Operngucker seiner Mutter - kurz sein
Vater sei wenigstens bei der Griechin gestern gewesen, hab' aber zum Glück nur
ein leeres Paket125 von Rabette an ihn (Karln) gefunden, das er nach den
Freiheiten der ministerialischen Kirche auf- und zugemacht. »Warum zum Glück?«
(sagte Albano) »Ich werde meine Liebe vor der Welt rechtfertigen und ehren.« -
»Ich bezog es auf mich,« (versetzt' er) »denn nie war mein Vater freundlicher
gegen mich, als seitdem er meine letzten Briefe erbrochen. Er ist diesen
Nachmittag in Blumenbühl, und wohl mehr meint - als der Schwester wegen.«
    Albano fürchtete nicht, dass die Stadt Minengänge unter sein Kindheitsland
hintreiben könne, um etwa durch eine Flamme die glückselige Insel zu zersprengen
- durft' er nicht seinem Wert und Mut und Lianens ihrem trauen? - aber es
schmerzte ihn jetzt, dass er so unnütz der kindlichen Liane die Freude und das
Verdienst einer kindlichen Offenherzigkeit genommen. Wie sehnt' er sich nun nach
dem abbüssenden und belohnenden Augenblick des ersten Wiedersehns, nach dem
nächsten Morgen!
    Er blieb bei seinem Freund wie bei einem Troste und ging erst zurück, als
die Abendröte in den Regenwolken umherfloss. - Als er kam, fand er von Lianen
schon einen Brief von heute:
    »O, guter Albano! warum kamst du nicht? Wie viel hatt' ich dir zu sagen! Wie
hab' ich Freitags deinetwegen gezittert, als die wütende Wolke dich mit ihrem
Donner verfolgte! Du hast mich zu sehr vom Schmerz entwöhnt, so fremd und schwer
wird er mir nun. Ich war den ganzen Abend untröstlich, endlich fiel mir nachts
noch dazu ein, dass du wie von Ahnungen beklommen gewesen und dass es gern ins
Donnerhäuschen schlage. Warum bist du doch da? Ich stürzte heraus und kniete
neben meinem Bette und flehte Gott an, obgleich das Wetter längst verzogen war,
dass er dich möge erhalten haben. Lächle über mein spätes Gebet; aber ich sagte
zu ihm: du wusstest es ja, Allgütiger, dass ich beten würde. Ich wurde auch
getröstet, da ich die Sterne ansah, und der gebrochene Strahl der Wonne zitterte
in mir.
    Aber am Morgen machte mich Rabette wieder traurig. Sie hat dich auf dem Wege
weinen sehen. Tausendmal hab' ich untersucht, ob ich daran schuld habe. Sollt'
es daher kommen - denn sie sagts -, dass ich dich mit meinen Sterbegedanken zu
sehr betrübe? Nie mehr sollst du sie hören, auch der Schleier ist
eingeschlossen; aber ich berechnete dich nach meinem Bruder, dem, wie er selber
sagt, das Todes-Dunkel eine Abenddämmerung ist, wo ihm die Gestalten lieblicher
werden. - Wahrlich, ich bin ganz selig - denn du sogar bist es, und hast doch so
wenig an mir, nur eine kleine Blume für dein Herz, aber ich habe dich. Lasse mir
mein Grab; wie von einem Berg kommt bessere fruchtbare Erde davon in mein Tal. O
wie liebt man, Albano, wenn alles neben uns bricht und fällt und verraucht und
wenn doch der Bund und Glanz der Liebe unzerrissen und fest auf dem
wegfliessenden Leben steht, wie ich oft bei Wasserfällen mit Rührung auf den
zerspringenden, reissenden Fluten einen Regenbogen unverrückt und unverändert
schweben sah! - O, ich wollte, die Nachtigallen sängen noch, jetzt könnt' ich
mit ihnen singen; deine Äolsharfe, meine Harmonika wünscht' ich in meiner Hand.
Mein Vater war bei uns und heiterer und freundlicher gegen alle als je. Sieh!
sogar er ist gut. Meine Eltern schicken gewiss kein Gewitter in unser Rosenfest.
Ich tat ihm daher leicht den Gefallen - vergib es -, ihm zu versprechen, dass ich
keine fremde Besuche in einem fremden Hause - weil es unschicklich sei, sagt' er
- annehmen würde Ich muss auf einige Tage nach Hause wegen der fürstlichen
Vermählung; aber ich sehe dich bald. O vergib! Wenn mein Vater sanft spricht, so
kann meine Seele unmöglich Nein sagen. - Lebe wohl, mein Herrlicher!
                                                                              L.
N. S. Bald fliegt wieder ein Blättchen auf deinen Berg. Sei nur in ewiger
Freude! O Gott! warum bin ich nicht mächtiger? Welche Menschen solltest du dann
an deinem Herzen haben! Du Lieber!«
                                       *
Wie beschämt' ihn diese vollblühende Liebe, die es gar nie recht weiss, wenn sie
verkannt wird, und die keine andere Schuld voraussetzt als eigne! - Wie tat ihm
die gebotene Entfernung jetzt nach der freiwilligen weh! - Er konnte sie nun
lieben als einen wehrenden Engel vor dem Paradiese, wie viel mehr als einen
gebenden in ihm! - Aber schwer ists einem Manne, fühlte der Jüngling, im
weiblichen Herzen, zumal in diesem, Absicht von Instinkt, Ideen von Gefühlen
rein zu sondern und an diesem dunkeln, vollen Himmel alle Sterne zu zählen und
zu reihen. - Jede Härte, jede unscheinbare Knospe ging zuletzt als Blume auf;
und ihr Wert breitete sich wie der Frühling stückweise aus; indes gewöhnlich von
andern Mädchen ein Reisender, der sie besucht, sogleich beim ersten Abschiede
abends eine kleine vollständige Blumenlese aller ihrer Reize und Künste
fortnimmt, wie ein Brocken- im Wirtshause einen niedlichen Strauss überkommt, aus
den Moosarten gebunden, welche der Berg trägt.
    Er glaubte, sie sei nun bei den Eltern, und folgte nicht als zerrender
Knabe, sondern als einstimmiger Mann dem Riesen des Schicksals nach. Im Garten
herrschte Regenwetter, die Aussaat jedes starken Gewitters, das immer wie ein
Krieg den Kriegsschauplatz verdirb.
    Das verheissene Blättchen erschien: »Sei nur froh. Wir sehen uns sehr, sehr
bald, und dann recht selig. Vergib mir! - ach, ich sehne mich am meisten. -
                                                                             L.«
Jetzt empfand ers, welche Tage es waren, die sonst - d.h. bloss vor einigen Tagen
- vor ihm wie göttliche Erscheinungen vorübergezogen waren und die nun wieder
heraufsteigen sollten in Osten als wiederkehrende Sterne! - Warum schneidet sich
erst das verlorne Gut wie ein scharfer Demant so tief ins Herz? Warum müssen wir
erst etwas beweinet haben, eh' wir es heiss bis zum Schmerze lieben? -
    Albano warf Vergangenheit und Zukunft von sich weg, um nur ganz rein in der
Gegenwart zu wohnen, die ihm von Lianen versprochen worden.
 
                                   71. Zykel
Am Sonntags-Morgen, als der ganze blaue Himmel offen stand und die Erde festlich
geschmückt mit Perlen und Zweigen, klopfte an Albanos Türe ein leiser Finger,
der einer weiblichen Hand gehören musste. Liane trat so früh schon herein;
Rabette und Karl riefen draussen einen lauten Gruss. An seiner jauchzenden Brust
lag das schöne, vom Gehen blühende Mädchen mit seligen, hellen Augen, eine
frisch-betauete Rosenknospe. Es war sein schönster Morgen, er fühlte rein, dass
Liane liebe. Als die Äolsharfe einklang, sah sie hin, erinnerte sich errötend an
den schönsten Bundes-Abend und hörte still zu und trocknete das Auge, da sie es
wieder auf Albano wandte. - Aber er konnte in diesen Tempel der Freude nicht
eintreten, ohne sich gereinigt und geheiligt zu haben durch Offenheit über seine
neulichen Irrtümer. Welcher süsse Wettstreit um Bekennen und Vergeben, da Liane
liebend erschrak und bekannte, dass sie ihn neulich nicht erraten - dass nur sie
die Schuldige sei und dass sie jetzt schon besser sprechen wolle. Sie konnte sich
über die verdeckten Schmerzen, die sie ihrem Freund gemacht, gar nicht zufrieden
geben. Wie Mahagoni-Geräte in keiner Temperatur bricht und keine Flecken annimmt
und kein Polieren bedarf: so ist dieses Herz, fühlte Albano; der sich nun
schwur, überall, auch wo er sie nicht errate, zu sich zu sagen: sie hat recht.
    Sie lösete ihm das Rätsel ihrer heutigen Erscheinung mit jenen freundlichen
Mienen, welche ein guter Mensch verdoppelt, wenn er etwas zu versüssen hat: »sie
gehe nämlich heute nach Pestitz zurück - aber spät, erst abends, erst um die
Teezeit komme der Wagen, und ihnen bleibe ein ganzer Tag; und sie hoffe nicht,
dass ihr Vater diesen Umweg über Lilar für einen Bruch ihres Versprechens nehmen
werde.« Ein liebendes Mädchen wird unbewusst kühner. - Darauf suchte sie ihn über
die friedlichen Absichten ihres Vaters recht ruhig zu machen und stellte ihm
seine Strenge, womit er sich und andere der Konvenienz unterwarf, als die
Ursache seiner Verbote, so wie ihrer Zurückberufung zum Vermählungsfeste vor.
Albano, so nahe am letzten Schwure, hielt ihn und sagte: sie hat recht.
    Der Hauptmann trat mit der rotwangigen Rabette herein, in deren Augen die
Freude blitzte. Das kleine Zimmer machte durch Enge und Verwirrung die Lust
nicht kleiner. Karl, sonst so sehr dem Vesuve ähnlich, der in den ersten
Morgenstunden noch beschneiet ist, stand schon mit einem warmen Gipfel da; er
setzte sich ans Instrument und donnerte mit einem aufgeschlagnen Prestissimo von
Haydn - diesem rechten Stundenrufer jauchzender Stunden - in die laute Gegenwart
und spielte zur Verwunderung der Weiber das Schwerste so leicht vom Blatte, dass
er mehr hinein- als herausspielte und vieles (z.B. den Bass) immer selber setzte,
indes Albano mit fast komischer Treue in der Musik ebensosehr die Wahrheit
wiedergab als in jeder Geschichte, die immer in Karls Munde wieder eine erlebte.
Der Morgen legte allen Seelen die Flügel an, die der Mittag den Menschen immer
bindet - daher die Aurora mit geflügelten Rossen fährt und der Tagsgott mit
flügellosen. - »Aber wie sind nun unsere sieben Freudenstationen zu machen?«
(fragte Karl) »denn der Tag liegt wie ein Gartensaal mit lauter Lustgängen nach
allen Seiten vor uns offen.« - »Karl, ist es denn nicht einerlei, wo ein Mensch
liebt?« sagte Albano. - Seliger, dessen Herz nichts braucht als noch eines, aber
keinen Park dazu, keine opera seria, keinen Mozart, keinen Raffael, keine
Mondsfinsternis, nicht einmal einen Mondschein und keinen vorgelesenen oder
nachgespielten Roman!
    »Zuerst muss ich meine Chariton sehen«, sagte Liane. - »Die kann uns ja«
(nahm ihr Bruder sogleich auf) »unser Essen in den gotischen Tempel nachtragen.«
- Er wollte an diesem holden Tage im 12ten Jahrhundert essen und bei einem
bänglichen, bunten Scheibenlicht und auf eckigem, schwerem, dickem Gerät und
gleichsam dunkel unter der Erde der oben grünenden Gegenwart mit blühenden
Gesichtern sitzen; denn so überlud er die vollsten Genüsse noch mit äussern
Kontrasten und genoss jede frohe Gegenwart am meisten in der nahen Beleuchtung
und Abspieglung der geschliffnen Sichel, die sie abmähte126. »Gott bewahre und
behüte, Freund!« sagte Rabette. Auch Albano fand die freundliche Griechin, ihre
lachenden Kinder und die nahen Rosenfelder besser dazu; und siegte mit Lianen.
Vor dem belaubten Häuschen liefen ihnen die Kinder entgegen, Helene mit dem
Schürzchen voll aufgelesener Orangenblüten, weil ihr das Brechen verboten war,
und Pollux im letzten, leichten Verbande des gebrochnen Arms, dessen Hand jetzt
mit der Rechten am hohlen Zusammenfalten und Platzen der Rosenblätter hatte
arbeiten müssen. Beide berichteten ein: »die Mutter sei noch nicht fertig und
habe sie zuerst angezogen.« - Aber schon nett und einfach wie zum
Priesterin-Tanze um den Altar froher Götter sprang Chariton ihrer Liane entgegen
und passete die schnell angelegten Kleider nur noch durch ein leichtes Rücken
und Zucken gar an. »Das ist« (sagte Roquairol, nachdem er von Rabetten das
nickende Ja sehr leicht dazu erhalten, weil sie seine französische Bitte um
dasselbe nicht verstanden) »meine Gemahlin seit gestern -«, und er genoss ohne
Umstände das Du-Recht, das sie seit dem freundlichen Zuspruche des Ministers mit
jungfräulichen Ahnungen lieber annahm.
    Da Liane freundlich vier Gäste des Mittags bei Chariton anmeldete: so
standen in den schwarzen Augen der Griechin Freudenblitze, und das kleine
Gesicht mit italienischen grossen Augenbraunenbogen wurde ein feststehendes
Lächeln, das nicht Küchenverlegenheit, sondern nur zungenlose Freudigkeit war,
welche ihren weissen Zahnhalbzirkel noch weiter glänzen liess, da Karl vollends
sagte: »Du kannst ihr ja helfen, Frau!« - »Das versteht sich!« sagte Rabette
ganz entzückt, weil ihr Herz weiter keine andere Lippen hatte als ihre beiden
Hände, für welche es so viel war, als wenn sie von der geliebten gedrückt
würden, wenn sie für sie harte Arbeit angreifen durften. Verwünschte sie nicht
so oft ihre unberedte, stockende Kehle, wenn Roquairol vor ihr seine feurigen
Ströme brausen liess? - Jetzt, da er wieder die Nähe mit künstlichen,
schattierenden Scheidungen ausgeschmückt hatte, drang er freilich darauf, dass
Chariton die expedierende Sekretärin bliebe und Rabette nur unterzeichnete. Auch
Liane wollte aus gleicher Weiblichkeit etwas für ihren Liebling schaffen; aber
da sie als ein Mädchen von Stande nichts kochen konnte, sondern nur etwas
backen, so wurd' ihr - aber ungern von ihrem Freunde, der die süsse Gestalt
nirgendswo gern sah als, wie andere Schmetterlinge, nur unter Blumen bei ihm -
zugestanden, ganz spät und zehn Minuten lang mit den Augen und in seltenen
Fällen mit den drei Schreibfingern an den Schneebällen mitzuarbeiten, welche das
Dessert beschliessen sollten.
    Einen breitern Baldachin oder einen schöner geschnitzten Zepter und Apfel
hatte noch keine Küchen-Ballkönigin, oder gar schönere dames d'atour, als
Chariton; und Geschirr und Feuer wurden ganz dadurch verdunkelt.
    Nun gingen die glücklichen Paare - und die Kinder mit - hinaus in den
freudigen Tag, in den jugendlichen Garten, um wie Wandelsterne mit ihren Monden
einander bald nahe, bald ferne, bald im Gegenschein, bald in der Zusammenkunft
zu stehen auf der himmlischen Kreisbahn um dieselbe Sonne. »Wir wollen auf
geratewohl« (sagte Karl im Hafen) »ausschiffen und zusehen, ob wir uns nicht
treffen.« - Albano ging mit Lianen den Kindern nach, die schon an den kleinen
Häusern durch die Rosengänge hüpften, auf die Brücke über den singenden Wald.
Wem das Herz so ruhig-selig schlägt, der sucht in der unsichtbaren Kirche keine
sichtbare - der ganze Tempel der Natur ist der Tempel der Liebe, und überall
stehen Altäre und Kanzeln. Auf dem glattniedergehenden Lebensstrome steht der
Mensch ohne Ruderselig in seinem Kahn und regiert ihn nicht.
    Dann lenkten die Kinder, eingedenk der mütterlichen Auswanderungsverbote,
auf der Brückenhöhe rechts hinüber zu den westlichen Triumphbogen, und Helene
lief bloss als ziehende Führerin des Rekonvaleszenten mit seiner Hand recht
unerwartet wild voraus. Albano folgte den kleinen Lotsmännchen und Leitündchen
so gern. Himmel! wenn sie sich so auf der herrlichen Höhe umsahn und in den
reich ausgebreiteten Tag und in ihre Augen darauf: wie wölbten sich die Bogen
der Lebensbrücke so frei und weit, und die Schiffe flogen mit aufgeblasenen
Segeln und stolzen Masten hindurch! - Rosenbäume kletterten an den Triumphbogen
herauf, die Kinder langten hinaus, knickten Rosen von ihrem Gipfel und trabten,
den fremden Gehorsam verarbeitend und erprobend, über vier Tore hinweg, um von
dem fünften in den glatten, blanken See darunter zu schauen und in den
»Zauberwald« hinabzusteigen, wo die Kunst wie die Kinder spielte.
    Aus dem Eingange des Waldes traten Karl und Rabette heraus, um zu Chariton
über die Bogen zurückzugehen, jener zum Flaschenkeller - er hatte etwas Leeres
daraus in der Hand -, diese ein wenig in die Küche. Er ging selig wie auf
Flügeln und sagte: »Das Leben fährt heute auf dem Wagengestirn im Blauen dahin.«
Er kehrte aber um, um vor ihnen die Plejaden aufgehen zu lassen, nämlich den
sogenannten »verkehrten Regen«, der bloss fünf Minuten lang und eigentlich nur
bei Illumination steigt. Er führte alle in den Wunderwald durch ein im
Mittagsschlummer liegendes Licht, das unter freien Bäumen glühte, deren
weit-auseinanderstehende Stämme sich nur die langen Zweige boten. Auf dem
Brennpunkt der malerischen Bahnen liess er sie das Spiel des Regens erwarten. Die
Kinder sprangen mit ihren Hoffnungen nach und setzten sich, vom Mute der
Erwachsenen gedeckt, mit diesen auf bezeichnete Götter- oder Kindersitze,
zwischen zwei kleinen runden Seen.
    Während Karl schnell im Zickzack, der hydraulischen und mechanischen
Maschinerie wegen, hin- und herlief - ohngefähr nach den Punkten des Irrgartens
in Versailles -: so konnten sie den überall aufgehenden Zauberwald durchfliegen
- ein allmächtiger Arm der aussen vorbeigehenden Rosana griff unter die Blumen
herein und trug eine schwere, reiche Welt - bald war das Wasser ein fester
Spiegel, bald eine gewundne, wellenschlagende Ader, bald eine Quelle, bald ein
Blitz hinter Blumen, oder ein schwarzes Auge hinter Blätter-Schleiern - schmale
Ufer, kurze Beete, Kindergärten, runde Inseln, kleine Hügel und Landzünglein
wohnten dazwischen, sie hielten ihre bunten, blühenden Kinder auf dem Arm und
Schoss, und die blauen Augen der Vergissmeinnicht und die vollen Tulpenwangen und
die blasswangigen Lilien spielten wie Geschwister, von Fremden geschieden,
beisammen, aber Rosen liefen durch alle. Jetzt hörten die Menschen murmeln und
rauschen, die Seen neben ihnen walleten; an einem abgerindeten, auf eine Insel
eingepfählten Maienbaum fingen oben die gelben Tannennadeln zu tropfen an - von
den Hängebirken auf der Landzunge glitt ein innerer Regen nieder - aus den
beiden Seen neben ihnen flogen Wasserstrahlen wie fliegende Fische gen Himmel -
Jetzt quoll es überall, und Reihen von Quellen, diesen Wasser-Kindern, spielten
mit den Blumenkindern - Wie Vögel flatterten Strahlen mit breiten Flügeln aus
den Lorbeerhecken und fielen in die Rosengruppen nieder - an einem Hügel voll
Eichen kroch eine Wasserschlange hinauf - kriegend schossen aus allen
Ufer-Mündungen belagernde Bogen an die Gipfel - Plötzlich fanden sich die
überlisteten Zuschauer mit Regenbogen überwölbt, denn die Seen warfen ihre
Wasser hoch über sie hinüber, dass durch das Tropfengegitter die wankende Sonne
brannte wie durch eine zersplitterte Juwelenwelt. - Die Kinder schrien
erschrocken. - Die aufgejagten Vögel kreuzten durch den Regen
Nachtschmetterlinge wurden niedergeworfen - die Turteltauben schüttelten sich,
an die Erde gedrückt, in den Güssen - die Ufer und die Beete hielten ihre
blühenden Kleinen dem Himmel unter. -
    Nach fünf Minuten war alles vorbei, und nur in allen Blumen und Augen
zitterte der nasse Glanz und auf den Wellen die Sterne fort. Die Kinder liefen
dem Wundertäter Karl nach. »Vorbei draussen,« (sagte Albano) »aber nicht in uns.
Ich bin heute recht still-froh, denn du liebst mich, und auch die ganze Welt ist
freundlich. - Bist du auch glücklich, Liane?« - Sie antwortete: »Noch froher,
und ich müsste vor Freude weinen, wenn ich es sagte.« - Aber sie weinte schon.
»Sieh! die Tropfen!« sagte sie naiv, als er sie anblickte, und nahm seine vom
Regenbogen angesprützte sanft von seinen Wangen weg. Sein Mund berührte ihr
heiliges, zärtliches Auge, aber das andere stand offen, und ihr Herz und ihre
Liebe blickten ihn daraus an, und nie schwebte ihre heilige Seele ihm näher.
    Nach wenigen Minuten war auch dieser nach dem Himmel gekehrte Regen vorüber.
Sie gingen mitten über den freien Garten den Morgen-Partien und - Toren zu. Wie
lagen in der offnen Welt die Küsten der Zukunft so hell vor ihnen mit dickem,
hohem Grün, und Nachtigallen flogen um die Ufer! - Die Entzückung macht das
männliche Herz weiblicher; die Stimme seiner vollen Brust redete nur leise zu
Lianen, auf deren seitwärts und gen Himmel geneigten Angesicht ein stilles,
frommes Danken lag, sein feuriger Blick regte sich nur langsam und ruhte an der
schönen Welt, und er ging ohne hastiges Überschreiten um die kleinste
Landspitze. Die junge Nachtigall wetzte den abgefütterten Schnabel am Zweige und
schüttelte sich lustig, die alte sang ein kurzes Wiegenlied und hüpfte mit Tönen
nach neuer Kost und überall flogen und schrien die Kinder des Frühlings und ihre
Eltern durcheinander - Kleine, weisse Pfauen liefen ungeputzt wie kleine Kinder
im Grase - Selig floss der Schwan zwischen seinen Wellen mit dem weissen Bogen
über den untergetauchten Augen, und selig schwebte die glänzende Tonmücke wie
ein fester Stern unverrückt in den Lüften über einer fernen, blumigen Glocke. -
Die Schmetterlinge, fliegende Blumen, und die Blumen, angekettete
Schmetterlinge, suchten und überdeckten einander und legten ihre bunten Flügel
an Flügel - Und die Bienen tauschten Blumen nur gegen Blüten, und die Rose, die
keine Dornen für sie hat, nur gegen die Linde. »Liane,« (sagte Alban) »wie lieb'
ich heute durch dich die ganze Welt, ich möchte den Blumen einen Kuss geben und
in die vollen Bäume mich drücken; ich könnte nicht dem langen Käfer da unten in
den Weg treten.« - »Sollte man« (versetzte sie) »je anders fühlen? Wie kann ein
Mensch, dacht' ich oft, der eine Mutter hat und ihre Liebe kennt, das Herz einer
Tiermutter so kränken und zerreissen? Aber wir vergeben den Tieren, sagt Spener,
auch nicht einmal ihre Tugenden.« - »Lass uns zu ihm,« sagt' er.
    Sie kamen ausserhalb der Morgentore an dem Bergweg hinter dem Flötental oben
an dem mittagshellen Häuschen des alten Speners an; aber da sie ihn laut lesen
und beten hörten, gingen sie lieber in grosser Ferne vorüber, um in seinen
heiligen Himmel nicht einmal ihren Schatten zu werfen.
    Sie schaueten ins schöne, stille Flötental und wollten eben hinein; endlich
sprach es zu ihnen mit einer Flöte hinauf. Ihre Freunde schienen drunten zu
sein. Die Flöte klagte lange einsam und verlassen fort, keine Schwestern und
keine Fontänen rauschten darein. Endlich keuchte neben der Flöte eine scheue,
zitternde Singstimme angestrengt daher. Es war hinter den langen Gesträuchen
Rabette. Sie rührte beide in die tiefste Seele, weil die Arme mit dem Arbeiten
ihrer unbehülflichen Stimme dem Geliebten das demütige Opfer des Gehorsams
brachte. »O, mein Albano,« (sagte Liane, sich entzückt an ihn schlingend)
»welche Süssigkeit, dass mein Bruder glücklich ist und Seelenfrieden hat und durch
deine Schwester!« - »Er verdient meinen,« (sagt' er bewegt) »aber wir wollen sie
beide nicht stören, sondern den alten Weg zurückgehen.« Denn Rabettens Töne
wurden oft zerschnitten, aber es war ungewiss, ob von Furcht - oder von Küssen
oder von Rührung.
    Als sie wieder durchs Morgentor hereintraten: kam die Sängerin und Karl
ihnen aus der grünenden Pforte entgegen, beide verweint. Karl, gewaltsam über
lebendige Beete tretend und mit irrenden Augen, griff nach beider Hand mit
seinen und sagte: »Das ist doch einmal ein Tag auf der Regenwelt, der nicht wie
eine Nacht aussieht - Bruder, aber wenn man so innig selig ist und Sphären
vernimmt, so sinds solche Töne, wie man einmal zum Zeichen hörte, dass vom Markus
Antonius sein Schutzgott Herkules weiche.« - So werden die Freuden, wie andere
Edelsteine, mechanische Gifte, welche bloss in der Ferne glänzen, aber berührt
und verschlungen uns zerschneiden. Aber Albano versetzte lächelnd: »Da du dich
jetzt fürchtest, Lieber, so hast du nichts zu fürchten; denn du bist nicht rein
glücklich. Ich aber fürchte leider nichts.« - »Bravo!« (sagte Karl) »Nun geht in
eure Küche, Mädchen!« Er ging in den sogenannten »Tempel des Traums«, drang aber
bald in die verbotene Küche nach.
    Albano besuchte Lianens Frühlingsstübchen. Hier malt' er sich jenen
Glanz-Sonntag zurück, wo ihn Liane durch Lilar geführet, und er liess die
Vergangenheit in die Gegenwart mildernd schimmern; aber diese überstrahlte sie.
Draussen im Garten standen und glänzten, so schien es ihm, die reinen Säulen
seines Himmels, die Träger seines Tempels, die Bäume; und alles, was er hier
neben sich sah, gehörte wieder zu seinem Glück, Lianens Bücher und Bilder und
Blumen und jede kleine Zeichnung von ihrer zarten Hand.
    Endlich trat die Heilige der Rotunda selber - jungfräulich errötend über
diese Nähe und über sein Erröten - herein, um ihn ins kühle Esszimmer
hinabzuholen. Es war klein und dämmernd, aber das Herz bedarf zu seinem Himmel
nicht viel Platz und nicht viel Sterne daran, wenn nur der der Liebe
aufgegangen. Zu den Tischreden - wodurch erst ein Essen ein menschliches wird -
und zu den Scherzen - den feinsten Zwischengerichten, dem Streuzucker des
Gesprächs - lieferten die Kinder das Ihrige, zumal da sie, unfähig, vom
verbotnen Du zum Sie zu steigen, immer Du-Sie zugleich gebrauchten. Die hochrote
Chariton machte Auszüge aus Dians Briefen und aus ihrer Lebensgeschichte und aus
den Wundzetteln von Pollux' Armbruch; sie suchte die Schneeballen zu schätzen,
hörte schalkhaft-gläubig auf den Hauptmann hin, der das scherzhafte Ehe-Du gegen
Rabette zu fünf Akten verspann, und lächelte gern da, wo es verlangt wurde. Am
meisten lief die Spielwelle aller Seelen, Karl, fröhlich um; dieser Jupiter, den
immer die Finsternisse so vieler Trabanten umflogen, konnte einen grossen,
heitern Glanz zeigen, wenn er und man wollte. Sooft Albano wie vorhin nicht in
sein Trauerspiel ging, zog er den Vorhang eines Lustspiels auf. Der guten
Rabette war sein Anreden so viel wie sein Anschauen, obwohl sie nur das letztere
erwiderte, um weder ins Du noch Sie zu fallen. Albano, mit Ohren und Augen an
eine Seele geknüpft, konnte mit den Lippen nicht viel mehr hervorbringen als ein
seliges Lächeln; einen Hymnus hätte er leichter gemacht als ein Bonmot, ein
Tischgebet leichter als eine Tischrede.
    Denn seine Liane war heute zu liebreich! So vergnügt und ermunternd schauete
das süsse Mädchen umher, mit so herzlichem Spiel die gesprächige, neckende Wirtin
machend, dass ein Mann, der es sah und an ihren festen Sterbeglauben dachte, von
diesem Tanz um das Grab mit Blumen auf dem Haupt nur desto inniger gerühret
wurde, wenn er auch merkte - oder vielmehr eben darum -, dass sie hier mit dem
Scherze selber Scherz treibe, bloss um - nach ihrer neuen moralischen
Trauerordnung - ihrem Geliebten jede Scheide-Stunde zu versüssen, sowohl die
nächste als die letzte. Aber das war schwer zu merken, weil in weiblichen Seelen
jedes Scheinen leicht Wahrheit wird, nicht nur das trübe, auch das frohe.
    Wie wurde ihr Freund und jeder gute Mensch so froh, weil die Heilige sich
selber selig sprach! Und dann wurde wieder sie es mehr. So schlägt, wie zwischen
zwei Spiegeln, der Glanz der Wonne zwischen teilnehmenden Herzen in wachsender
Vervielfältigung hin und her und wird unabsehlich.
 
                                   72. Zykel
Die Stunde der Abfahrt rollte auf schnellern Rädern heran, mehrere Sternbilder
der Freude gingen unter, als heraufkamen. So grünen die blühenden Weingärten des
Lebens immer an einem bergigen Hinauf und Hinab, nie in einer ruhigen Ebene. Die
zwei Liebenden brauchten jetzt Stille, keine Gänge. Sie machten den nächsten,
den ins Donnerhäuschen. Sie traten in die wehende Vesper-Erde wie in ein neues
Land; mitten im Tage wird der Mensch aus einem Traum nach dem andern wach und
hat immer vergessen und sieht immer verneuet. In Albano stand der goldne
Saitenglanz der Freude noch unter der wegrückenden Sonne; er sagte ihr froh, wie
oft er sie besuchen würde bei ihren Eltern und wie er diese gewiss befreundet zu
finden hoffte. Liane malte alle seine Hoffnungen noch als Tochter und Liebende
mit ihren aus. Aber jetzt liess sie ihr vorhin leichtes Herz, das auf den Blumen
des Scherzes sich wiegte, auf dem festern Ernst ausruhen.
    Wenn im Menschen Friede und Fülle ist, so will er nichts mehr geniessen als
sich, jede Bewegung, sogar die körperliche, verschüttet den vollen Nektarkelch.
- Sie eilten aus dem lauten, regen Garten ins stille, dunkle Donnerhäuschen.
Aber da sie, wie geschieden von der Welt, die um die Fenster hellglänzend und
sich entfernend hinauslag, in der kleinen Dämmerung einsam nebeneinander standen
und sich ansahen - und da Albanos Seele war wie ein sonnentrunkenes Gebirge am
Abend, licht, warm, fest und schön, und Lianens Seele wie die aufdringende
Quelle am Gebirge, die hellrein und kühl und verborgen dahinrinnt, und nur vom
Abendstrahl berührt, rosenrot glüht - und da diese einzigen Seelen gerade sich
fanden in der weiten uneinigen Erde: so durchschauerte sie eine gewaltsame
Freude wie ein Gebet, und sie stürzten sich ans Herz und glühten weinend und
schaueten sich gross an in der Umarmung; - und an der Äolsharfe taten sich
schnell die Flügeltüren eines begeisterten Konzertsaales auf, und
herausschlagende Harmonien wehten vorbei, und schnell gingen die Pforten wieder
zu.
    Sie setzten sich ans luftige Morgenfenster, vor welchem die Blumenbühler
Berge und Lilars Hügel und Pfade im Sonnenglanze lagen. Um sie war der
Abendschatten und alles still, und die Äterharfe atmete leise. Sie sahen sich
nur an und freueten sich ins Innerste hinein, dass sie einander liebten und
bewahrten. Wie entronnen blickten sie, von dieser Burg beschirmt, hinab in die
rauschende, bewegliche Welt; unten blies der Wind die Mohn und Tulpen-Lohe
breiter und in die schwere, gelbe Ernte - die Silberpappeln, ewigen Mai-Schnee
tragend, flatterten mit aufgewühltem Glanz - ein Taubenflug rauschte eintauchend
ins Blau hinein - und drüben standen unter fliegenden Wolken die runden Tempel
Gottes, die Berge, nebeneinander in Reihen und trugen bald Nächte, bald Tage -
und der fromme Vater stand allein auf seiner Höhe und reichte seinem Rehe weiche
Äste.
    »So bleiben wir!« sagte Albano und drückte ihre liebe Hand mit seinen beiden
an sein Herz. »Hier und dort!« (sagte sie) »Albano, wie oft hab' ich gewünscht,
du wärest zugleich meine Freundin, damit ich mit dir von dir reden könnte. Wer
weiss es auf der Erde, wie ich dich achte, als ich allein!« - »Hier und dort? -
Liane, ich bin glücklicher als du, denn ich allein glaube an unser langes Leben
hier«, sagte er auf einmal verändert.
    Welche Ursache es nun sei - entweder die, dass der Mensch gar nicht gewohnt
ist, in einer von aller Zukunft und Vergangenheit abgelöseten reinen Gegenwart
glücklich zu sein, weil sein innerer Himmel wie der physische immer gerade und
nahe über ihm finsterblau aussieht, und erst um den fernen Horizont herum
glänzend - oder dass es ein so zartes überirdisches Glück gibt, was wie der
Mondschein von jeder Wolke zu dunkel wird, indes rohes wie das Tageslicht die
breiteste verträgt - oder dass Albano zu sehr den Männern glich, die immer in der
Freude ihre Kräfte so stark fühlen, dass sie lieber den Göttertisch umstossen als
ein Gericht und Himmelsbrot weniger darauf sehen wollen, lieber ganz unglücklich
sein als nicht ganz glücklich -: genug er konnte und wollte der Furcht und dem
Verhüllen nichts mehr schuldig sein.
    Daher als Liane ihn statt zu beantworten nur umarmte und schwieg, weil sie
den ganzen Tag ihrem Versprechen treu bleiben wollte, die Festtapeten schöner
Tage mit keinem Trauertuche auszuschlagen: so sagte er, wie von einem fremden
Geiste fortgestossen, geradezu: »Du beantwortest nichts? - Nur Freuden, nicht
Leiden soll ich teilen? - Du hast deinen Schleier nicht? Mich willst du schonen
wie einen Schwachen? Und dich allein drückt dein Todes-Glaube fort? - Liane, ich
will auch Schmerzen haben und alle deine, sag alles!«
    »Wahrlich, nur mein Versprechen wollt' ich halten« (sagte sie) »und mehr
nicht. Aber was soll ich denn zu dir sagen, Lieber?« - »Du stirbst also gewiss
nach einem Jahre, glaubst du, Abergläubige? - Himmlische!« sagte er.
    »Wofern es Gottes Wille so ist, gewiss!« (sagte sie) »O mein guter Albano,
was kann ich denn für meinen Glauben, der dich auch so schmerzt?« Und hier
konnte sie ihre Tränen nicht mehr hindern, und alle Kruzifixe der Erinnerung
regten sich in der schönen Seele lebendig und bluteten heftig.
    »Gottes Wille?« (fragt' er) - »Ebensogut könnt' er jetzt einen Winter wie
einen Eisberg in diesen frohen Sommer stürzen - Gott?« wiederholt' er, sah auf,
kniete hin und betete: »O, du alliebender Gott...«
    »Und du stirbst mir nicht!« kehrt' er sich wie zornig gegen sie, zum
Weiterbeten unfähig vor dem Geschrei seines Herzens und mit beiden Händen hastig
über sein nasses Gesicht wegstreifend - Nun betete er sanfter-zitternd fort:
»Nein, du Alliebender! töte nicht dieses schöne, junge Leben! Lass uns beisammen,
lang und fromm!«
    Sie kniete unwillkürlich neben ihn - heute matter von Freuden und
unbekannten innern Siegen, sogar vom langen Gehen - desto heftiger angefallen
von einer rührenden Wirklichkeit, da sie von rührenden Phantasien verwöhnt und
erweicht war - und unsäglich leidend bei Albanos Schmerz - sie konnte nicht
reden - wie unter einer schnell aufgeworfnen Last bückte sich ihr Haupt und Hals
- und so blickte sie, wie vom ganzen Leben schwer umwölkt, auf den Boden hin -
der umfangende Todesfluss rauschte mit einem Arm um sie - da sah sie, ohne
aufzublicken, irgendwo ihre Karoline im Brautkleide und mit dem weissen,
gold-punktierten Schleier ziehen, der sich lang über das Leben wegschleppte, und
sie sah es deutlich, wie die Gestalt, da Albano um ihr Leben bat, langsam hin-
und herschüttelte.
    »Hör auf zu betenl« (rief sie trostlos) »Du harte Erscheinung, erhöre aber
mich und mache nur Ihn glücklich!« betete sie, aber sie sah nichts mehr; und sie
verbarg das von Qualen durchzogne Gesicht mit unaussprechlicher Liebe an seiner
Brust.
    Hier rief ihr Bruder herauf, der Wagen sei da. Sie warf ein schnelles,
dünnes Ja hinab. »Trennen wir uns?« fragte Albano; der Feuerregen der Entzückung
war nun als ein finsterer Aschenregen in seine offne Seele zurückgefallen - und
darum fuhr er ohne alle Schranken seines Schmerzes fort: »So haben wir uns zum
letztenmal gesehen?« und unter dem geschlossenen Augenlide weinte sein gutes
Auge.
    »Nein, bei dem Allgütigen, nein!« sagte sie und stand auf, um zu gehen.
»Bleibe!« sagt' er, und sie blieb und umarmte ihn wieder. »Aber begleite mich
nicht!« bat sie. »Nicht!« sagt' er und hielt die Wegziehende lang' an den
Fingerspitzen; es schmerzte ihn so sehr, da er die auf diese stille Gestalt
getriebnen Leiden ansah, dass diese weissen Schwingen der Unschuld sich an seinen
Klippen und Berghörnern voll Blut geschlagen. Er zog sie wieder an sich, eh' er
sie und sein Heil entliess. Er sah ihr nach, wie sie langsam an dem sonnigen
Berg, unter den Zweigen sich trocknend, hinunterschlich und gesenkt lauter
heitere, blühende Wege des Vormittags ging. Er schauete aber nicht nach, da ihr
Wagen über den fröhlichen Wald wegrollte; er stand am Morgenfenster und sah
seine Kindheits-Berge zittern, weil er seine Augen zu trocknen vergass.
 
                            Sechzehnte Jobelperiode
                            Die Leiden einer Tochter
                                   73. Zykel
Wolken wie die letzten bestanden für Albano weniger aus niederfallenden Tropfen
als aus niedersinkendem Staub. Sein Leben war noch ein Treibhaus und stand daher
nach der Sonnenseite. Jeder Tag brachte eine neue Schutzschrift für die ferne
schöne Seele, bis sie am Ende gar keine mehr brauchte. Aber jedem Tage gab er
auch einen Ablassbrief ihres Schweigens mit; später wurden Anstandsbriefe
(Moratorien) daraus; endlich als sie immer gar nichts von sich hören und lesen
liess: so fing er an, in den obigen Schutzschriften wieder nachzusehen und
manches darin auszustreichen.
    Ebensowenig fand er für sich oder für ein Blatt eine Treppe zu ihr. Sogar
der Hauptmann war seit einigen Tagen nach Haarhaar verreiset. Mit müden Händen
hielt er den schweren, ausgetrunknen Freudenbecher, der leer am schwersten
wiegt. - Die wilden Hypotesen, welche der Mensch in einem solchen Falle durch
sich traben lässet - wie in diesem z.B. die von Lianens Krankheit, Erkältung
Gefängnis, Abreise -, sind in ihrem Wechsel und Werte mit nichts zu vergleichen
als mit der ebenso grossen Wildheit und Zahl der Plane, die er anwirbt und
abdankt, z.B. den der Entführung, des Hasses, der Duelle, der Verzweiflung.
    Die harte, feststehende Zeit hatte keinen Zeiger auf ihrem Zifferblatte. Er
stand seinem Schicksal so nahe wie der Mensch seinen Träumen; ohne dass er beider
Gestalt erkennen oder vorbereiten kann. Er ging oft in die Stadt, deren
sämtliche Gassen durchritten, durchlaufen und durchfahren wurden, weil man die
Balken zum herrlichsten Trongerüste zusammentragen und - nageln wollte, auf
welchen sich die fürstliche Braut bei ihrem Eintrittskomplimente im Lande am
weitesten umsehen konnte; aber er hörte nichts darin von der seinigen, als dass
sie öfters mit dem Minister die Bildergalerie besuche.
    Dadurch schienen zwei ängstlichen Hypotesen, die ihrer Krankheit und ihres
Hauskriegs, die Stacheln auszufallen. Das Beste, obwohl Schwerste war, geradezu
den Minister wie den Vesuv zu besuchen, um da die schönste Aussicht zu haben. Er
besuchte den Vesuvius. In der Tat war dieser Vulkan nie stiller und grüner; er
fragte nach allem und liess sich über vieles heraus, was das Vermählungsfest
unmittelbar anging; auch sucht' er seine Hoffnungen und Wünsche nicht zu
verbergen, dass der Graf die bewundernswürdige Braut bewillkommen helfen werde.
    Am Ende musste dieser auch die seinigen über die Weiber zu eröffnen wagen.
Der Minister versetzte ungemein heiter, dass beide das »brave Fräulein von
Wehrfritz« eben nach Blumenbühl zurückbrächten; und liess sich sofort aufs Lob
dieser »unverdorbnen Natur« ein. Albano ging bald, aber viel froher. Auf seinem
Wege brannten doch einige Gassenlaternen.
    Aber am Morgen geriet er in ein Winkelgässchen, wo keine einzige war; nämlich
Rabette, das Renntierchen, kam nach Lilar gelaufen, wie gestern nach Pestitz -
denn was ist für ein Landfräulein ein Meilenlauf anders als eine gerade
Allemande? - und schüttete und schüttelte vor ihm ihr Herz bis auf die Herzohren
aus, woraus nichts herausfiel als frohe Bilder, einige Himmel, ein vollständiger
Hochzeittag, ein Paar Schwiegereltern und eine Hauptmännin. »Die Ministers waren
gegen mich so höflich gewesen, aber - nachher noch mehr gegen meine Eltern die
Mutter - und sie haben den Hauptmann so sehr genannt und gelobt kurz, sie wissen
freilich alles, mein herrlicher, herzlieber Bruder!« sagte sie, - aber von
Lianen wusste sie dem herrlichen Bruder nichts zu bringen, ausser ihren
Gesundheitspass; ihr freudiges Auge hatte sich nach gar keiner dunkeln Gegend
gewandt. »Wir waren keine Minute allein, das machts«, setzte sie dazu und kam
wieder auf ihren Huptmann, den der Minister als Marschkommissarius der
einrückenden Fürstin auf die Haarhaarer Strasse versendet habe; doch verwies sie
ihn auf die Illuminations-Nacht in Lilar, wo sie und Liane und beiderseitige
Eltern dabei zu sein ausgemacht hätten. Du gutes Geschöpf! wer gönnt dir nicht
den blitzenden Ring der Freude, den du an deiner braun und hart gesottenen Hand
ansiehst, und wer wünschet nicht gern, dass seine Steine nie ausfallen!
    Bald darauf flog dem Verlassenen der Bruder der vergangnen Feste an das
Herz, Karl. Er wiederholte beinahe Rabettens Aussagen, obwohl nicht ihre
Entzückung; er sagte - aber ohne sonderliche Rührung -, dass der Vater wirklich
ihm den Bruderkuss mit einer Kusshand durch mehrere Zimmer zuwerfe, ihn ganz
besonders aus- und anzeichne und zu Geschäften freundlich verbrauche - und das
alles bloss, seitdem er hinter die Liebe gegen Rabette und das stille Zunicken
der Eltern gekommen sei; denn vom Herzen zwar sei bei dem Vater die Rede nicht,
aber doch von Rabettens Weiberlehn, zumal da man ihm bei der romantischen
Wechselreiterei seines Herzens nicht trauen könne, ob er nicht sonst einmal die
Ärmste bringe.
    Mit einer seufzenden Brust, die gern mehr einer erwartenden mitgebracht
hätte, erzählte Karl bloss, dass er Lianen gesund und still, aber keine Minute
allein gefunden. Die Zusammenhaltung der fremden Dürftigkeit mit dem eignen
offnen, reichen Glück war - so glaubte Albano - die schöne, zarte Ursache, warum
Karl mit so flüchtiger, kühler Freude über die elterliche Einsegnung seines
Seelenbundes weglief. O, wie liebt' er ihn jetzt! Könnt' er ihn je mehr lieben,
so tät' ers, wenn Liane gar seinem Glück verloren wäre, bloss um sich und ihm zu
zeigen, dass die heilige Freundschaft kein drittes Herz begehre, um ein zweites
zu lieben.
    Dieses Gewölke des Schweigens legte sich nun wochenlang und immer finstrer
um seine schönsten Höhen fest, und der Schuldlose ging unter dem Dunkel im
Kreise von Widersprüchen umher. Wie musste dieser Jüngling sich abarbeiten, wenn
er bald dachte, dass die Eltern wohl gar eine Verwandtschaft mit ihm ausschlagen,
da er doch mehr ihre vergessen als vergelten zu müssen glaubte, und dass sie zwei
Herzen der politischen Herzlosigkeit opfern könnten - oder wenn er auf die
fromme Liane den Verdacht des Weichens vor elterlichen Angriffen fallen liess,
der noch aus der Vergangenheit Zufuhr durch die Vermutung erhielt, dass sie ihn
wohl mehr poetisch und fromm und mehr mit Flügeln umhalset als mit Armen und dass
sie überhaupt, an so lange Ergebungen gewöhnt, Opfer und Neigungen kaum
absondern und jene für diese halten könne - oder wenn er bald und am öftersten
alle diese Waffenspitzen gegen seine eigne Brust kehrte und sich fragte, warum
er in der Freundschaft ein so festes Vertrauen habe und in der Liebe ein so
wankendes: Dann führte ihn dieser Vorwurf zu einem zweiten über jeden vorigen,
den er der guten Seele gemacht, bloss um sie nach der Proselytenmacherei und
Reformiersucht, welche die Männer mehr an ihren Weibern als Freunden üben, für
seine eigne Gussform einzuschmelzen Letzteres konnt' er rügen, wie Holberg127
bemerkt, dass die Männer Landgüter nicht so gut erhalten als die Weiber, weil
jene mehr als diese sie reformieren wollen: aus demselben Grunde verderben die
Liebhaber auch die Weiber mehr als diese jene.
    Um nur aus dem langsamen Gerichtshof der Zukunft schneller sein Bluturteil
zu holen oder ein schöneres Blatt, ging er wieder ins ministerielle Haus. Er
wurde vom Minister wieder lächelnd und von der Mutter ernst empfangen, und - auf
seine Frage war Liane nicht wohl auf. - Er legte dem alten, sich jetzt wärmer
andrängenden Schoppe, der seit einiger Zeit neben dem Skalpell des Doktors
weiter kein Herz studierte, als was auszuspritzen und zu präparieren war, eine
kurze Frage über des Doktors Besuche beim Minister vor; wie erstaunt' er, da er
vernahm, dass niemand weiter aus dem Hause welche in jenem mache, da Liane ganz
blühend in alle Zirkel fahre, als bloss der Lektor häufigere!
    Er begriff wohl, dass nur die Medusenköpfe der Eltern das weichste Herz gegen
ihn versteinern könnten; aber eben das fand er nicht recht, er foderte keck, dass
er von ihr mehr als die Eltern geliebt werde; »nicht aus Egoismus,« (sagt' er zu
sich) »nicht meint -, sondern ihrentwegen.« Der Liebende will eine grosse,
unbeschreibliche Liebe - von der er sich immer nur als den zufälligen und
unwerten Gegenstand glaubt -, bloss um selber die höchste zu geben.
    Sogar der schweigende Lektor, der sonst alle neu aufgehende Lichter hinter
Licht- und Ofenschirme stellte, teilte ungebeten dem Grafen die Neuigkeit zu,
Liane werde bei der kommenden Fürstin - etwas, Gesellschaftsdame. Sein alter
eifersüchtiger Argwohn über Augustis Wünsche oder Verhältnisse erlaubte ihm
keine Antwort darauf.
    Jetzt ermannte sich sein Geist, und er schrieb geradezu an die Seele, die
ihm gehörte; und schickte dem Bruder das Blatt zur Übergabe. - Dieser kam den
Tag darauf; schien ihm aber noch keine Antwort zu haben, weil er sie sonst mit
dem ersten Gruss gegeben hätte. Karl führte ihn an den Haarhaarer Hof, wo er
neulich gewesen - sagte, jeder Nerve da hätte Steifstiefeln an und jedes Herz
einen Reifrock - kam weiter preisend auf die jüngste, aber angefeindetste
Prinzessin, Idoine - erklärte, sie besitze nach allen Vorzügen, z.B. der
Heiligkeit, der Güte, des entschiednen Charakters, der sich sogar auf dem Trone
sein eignes Los und Leben aussucht, ferner der Liebenswürdigkeit, da sogar die
niemand liebende Fürstin-Braut an ihrem Herzen hänge, noch den Vorzug der
täuschenden Ähnlichkeit mit Lianen.
    »Hat diese nun mein Blatt?« fragte Albano. Karl händigt' es ihm wieder ein:
»Bei Gott!« (sagt' er feurig und doch doppelsinnig) »ich konnt' es ihr jetzt
nicht beibringen - Aber Bruder, kannst du nur eine Minute lang glauben, sie
bleibe nicht ewig die Deinigste?« - »Ich glaube gar nichts« (sagte Albano
beleidigt und zerriss sein Blatt in Blättchen von der Grösse der Buchstaben
darauf) - »Wollen nur wir« (fuhr er mit gerührter Stimme fort) »bleiben, wir wie
sind, fest wie Eisen und biegsam wie Eisen aus Glut!« Der gerührte Freund suchte
folgenden Trost hervor: »Erwarte doch nur den Illuminations-Abend128 - da
spricht sie mit dir - sie muss durchaus erscheinen, und du sollst dich wundern,
in welcher Rolle und für wen.« Er nickte stumm; er setzte sich ihre Rolle leicht
aus ihrer Ähnlichkeit mit Idoine und aus ihrem angeblichen Hofamte zusammen;
aber was half es seinem Glück?
    Mit der Umkehr seines Blättchens, das er wider seinen Ehrgeiz abgeschickt,
kam dieser verstärkt zurück. Nun war auf Albanos blutende Lippe ein heisses
Siegel gedrückt; er hatte nun nichts für und vor sich als die Zeit, die jetzt
sein Gift wurde, und erst später, wie er hoffte, seine Arzenei. Über sein
aufgerufenes Ehrgefühl wurde überhaupt nichts Herr; er konnte hinaufsehen zu
einer Richtstätte, auf der Blut aufsprang, aber er konnte nicht an einen Pranger
schauen, wo unter gift-schwerer, tötender Pein eigner und fremder Verachtung ein
niederblickendes, verworrenes Gesicht auf die sündige Brust hing.
    Karl näherte sich zuweilen mit einigen Lichtern dem langen, nächtlichen
Rätsel; aber Albano, so sehr er sie wünschte, machte ihn irre durch
Entgegentreten und suchte ihn nicht einmal auszuhören, geschweige auszufragen.
So lag er auf harten, jugendlichen, stachlichten Rosen-knospen, die eine einzige
Stunde zu weichen Rosen aufschliessen kann. Siege geben Siege - - wie Niederlagen
Niederlagen; er fand jetzt gegen die Empfindungen, die ihn belagerten, wenn
nicht einen Entsatz, doch eine auf die Ewigkeit verproviantierte Bergfestung in
einer - Sternwarte. Mit ganzer, festzusammengefasster Seele warf er sich auf die
teoretische Sternkunde, um nicht den Tag, und auf die tätige, um nicht die
Nacht zu sehen. Die Sternwarte stand zwar auf einem Zwischenberge zwischen der
Stadt und Blumenbühl und deckte beide auf; aber er schickte seine Augen nur auf
Sternbilder, nicht auf jene rosenroten Stellen der Erde aus, wo sie jetzt aus
den kalten Blumenkelchen nur Wasser statt Honig hätten saugen können. So ging er
unter den Fest-Zurüstungen in Lilar dem langsamen Abend, wo ihn die Gegenwart
der schönsten Seele entweder segnen oder zerstören sollte, bewahrt entgegen,
vergeblich von Zeit zu Zeit zum fernen Telegraphen seines Schicksals
aufblickend, der sich immer bewegte, ungewiss, ob friedlich oder kriegerisch.
 
                                   74. Zykel
Die Siegel von den inrotulierten Akten der bisherigen Geschichte zur Einsicht
abnehmen - oder die blinden Fenster derselben ab und die wahren aufreissen - oder
so viele bedeckte Wege und Wagen aufdecken - oder endlich die ganze Sache - -
das sind lauter Metaphern - und die unähnlichsten dazu -, welche zu nichts
dienen können, als die lang' erwartete Auflösung, welche sie beschreiben wollen,
nur noch länger und verdriesslicher aufzuhalten; vielmehr, glaub' ich, wird besser
der ganze Kriegs- und Friedensetat im ministeriellen Palaste sogleich frei
entblösset wie folgt:
    Herr von Froulay war, wie schon gedacht, mit einem belle-vue im Gesicht und
mit einem mon-plaisir im Herzen (falls diese Wendungen nicht mehr gesucht als
ausgesucht scheinen) von Haarhaar nach Hause gekommen. Er sagte seiner Frau
offen, was ihn bisher so lange aufgehalten und bezaubert, - die künftige
Fürstin, die für ihn mehr als gewöhnliche Neigung gefasset habe. Er warf ein
volles, prahlendes Licht auf ihren bereicherten Verstand - weiter lobt' er an
Frauen nichts129 -, so wie einen schwachen Streifschatten auf der seinigen
ihren; und schätzte sich glücklich mit der Eroberung einer Person, deren feine,
fortgesetzte Koketterie (sagt' er) er seines Orts als Muster empfehlen könne,
und deren Neigung er, das verhehl' er gar nicht, auf halbem Weg erwidere, aber
nur auf halbem, da der Herzog von Lauzun130 so wahr behaupte: um die Liebe von
Prinzessinnen zu behalten, so halte man sie nur recht hart und kurz. Im alten
Manne schiesst sonach, wie wir sehen, ganz spät - nicht ungleich den frischen
Zähnen, die oft Greise erst als Neunziger trieben - ein Liebhaberherz unter dem
Stern an; allein es ist mehr zu wünschen als zu hoffen, er werde dabei
sonderlich den Lächerlichen spielen. Denn da er die ganze Woche das Steuerruder
des Staats entweder auf der Ruderbank, um es zu bewegen, oder auf der
Schnitzbank hält, um es für den Fürsten fein und leicht zuzuschnitzen: so ist er
Sonnabends so müde, dass ihn kein Virgil und kein Gewitter bereden könnte - und
hätt' er nicht mehr Schritte dahin als Virgils Hexameter Füsse oder Moses Gebote
-, eine Dido aus dem Sturm in die nächste Höhle zu begleiten. Er tuts nicht.
Ebenso frei wie von sinnlicher Liebe bleibt er von sentimentalischer und
weinerlicher, zumal da er besorgt, dass diese ihn am Ende in jene verflechte,
weil sie wie ein Mollton eine ganz andere Tonleiter hat rückwärts- als
hinaufwärtssteigend. Das Ironische und Stachlige am Mann machte ihm wie andern
Weltleuten jede Vermählung - auch die der Seelen - am Ende so sauer als den
Igeln die Stacheln die ihrige. Er hebt also in Zukunft für die Fürstin nur eine
kalte, politische, kokette, höfliche Liebe auf, wie sie wohl selber hat und wie
er braucht, um weniger sie als von ihr zu erobern, und zuerst den ganzen
Fürsten. Ich verspreche mir Welt-Leser, die hoffentlich keine Beleidigung für
diesen in Froulays Neigung für jene finden; denn sobald nur einmal der
Hofprediger die kopulierende Hand auf die Fürstin gelegt, so hat dieser
Haushofmeister gleichsam den Schnitt131 in die Pfauhenne getan, und sie kann
dann unangerührt abgehoben und an andern Orten verspeiset werden.
    Ich habe im zweiten Bande schon die Besorgnis der Ministerin mitgeteilt, dass
der Minister, wenn er (in diesem) wiederkäme und Liane nicht zu Hause fände,
keifen würde; aber wider Erwarten genehmigte er; ihr Gebrauch des Dorfluft-Bads
schlug recht in seine Absicht ein, sie ins Dampfbad der Hofluft zu treiben. Er
sagte der Mutter, es sei ihm nicht missfällig, dass sie sich jetzt gar ausheile,
da die neue Fürstin sie zu ihrer Gesellschaftsdame erlesen werde auf sein Wort.
Er konnte nicht drei Minuten einen Zepter oder ein Zepterlein neben sich liegen
sehen, ohne dessen Polarität für sich zu probieren und damit etwas entweder zu
ziehen oder zu stossen. Wie der berühmte Gottesgelehrte Spener - ein Vorfahr des
unsrigen - so schön täglich zu Gott dreimal für seine Freunde bat: so findet man
mit ähnlicher Freude, dass der Hofmann bei seinem Gotte, dem Fürsten, täglich ein
wenig für seine Freunde bittet und etwas haben will.
    Die Ministerin, gegen seine wechselnden Plane nie im Entwerfen, sondern erst
im Ausführen kriegend, vertrug sich mit seinem neuesten leicht, weil er
wenigstens mit dem alten der Bouverotischen Verlobung eben in keiner helfenden
Gemeinschaft zu stehen schien.
    Eines Abends landete leider der fatale, ängstliche Lektor - der das kleinste
Visitenblatt an eine Fuldaische Geschichtskarte anklebte - vor ihr mit seinem
Postschiff an und stieg mit den Staats- und Reichsanzeigen von ihren beiden
Kindern unter beiden Armen - unter jedem hatt' er eines - ans Land; und doch
warum fahr' ich über den Mann her? Konnte ein Doppelroman, zumal im Freien
gespielt, verborgner bleiben als sonst ein einfacher?
    Ihr Erstaunen kann nur mit dem grösseren ihres Gemahls verglichen werden, der
zufällig im dritten Zimmer sein blechernes Ohr - von Schropp aus Magdeburg -, um
auf die Bedienten zu horchen, eingeschraubt hatte, und der jetzt manches
vernahm. Doch hatte das Doppel-Ohr von Augustis leisen Hoflippen nur einzelne,
lange, eigne Namen, wie Roquairol und Zesara, mit den weiten Maschen seines
Nachtgarns aufgefischt. Kaum war der leise Lektor hinaus, so trat er mit dem Ohr
in der Hand froh ins Zimmer herein und foderte ihr einen Bericht von den
Berichten ab. Er hielt es unter seiner Würde, je seinen Argwohn - der sich auch
in der freundlichsten und frohesten Laune seine Argusohren und - Augen nicht
zumachen liess - oder sein Horchen nur mit einer Silbe oder Schamröte zu
verkleistern oder zu decken; die schönen Lilien der ungefärbtesten
Unverschämteit waren ihm nicht aufgemalt, sondern eingebrannt. Die Ministerin
ergriff sogleich die weibliche Partei, die Wahrheit zu sagen - zur Hälfte;
nämlich die angenehme von Roquairols gut aufgenommenen Annäherungen zum
Wehrfritzischen Hause, dessen Landgut und Landschaftsdirektorat recht anpassend
dem Schwiegervater angegossen waren. Indes hatte dieser in der Gattin Antlitz
den Trauerrand um dieses frohe Notifikationsschreiben viel zu klar und breit
gesehen, um sich nicht nach dem vortönenden Wort Zesara, das sein zartöriger
Blech-Sucher auch mit aufgefasset, obwohl vergeblich zu erkundigen; denn die
Mutter hatte ihre fromme Tochter zu lieb, um ihr diesen Wolf in ihr Eden
nachzuhetzen; sie hoffte sie daraus auf eine sanftere Art durch Gottesstimme und
Engel zu bringen; und umging seine Frage.
    Aber der Wolf rannte nun auf seiner Fährte weiter; er bekam Darmgicht - so
wurde dem Doktor Sphex gesagt -, foderte von diesem schnelle Hülfe und auch
einige Nachrichten von seinem Mietsmann, dem Grafen. Herr und Madame Sphex waren
ohnedies dem aufgeblasenen Jüngling so gram - durch ihre ausgeschickten vier
Kinder, als enfants perdus in jedem Sinn, als vier Gehörknochen jeder
Stadt-Sage, war viel von Blumenbühl und Lilar auf Avisjachten heimzubringen. - -
Kurz die Gehörknochen griffen in fremde so gut ein, dass Froulay in einigen Tagen
imstande war, mit seiner Lilienstirn bei der Griechin nach einem Briefe an
seinen Sohn zu fragen, den er mitnehmen wolle.
    Er fand einen, den er recht freudig erbrach, ohne doch etwas von Albanos
oder Lianens Hand darin zu finden, ausgenommen einige dumme Anspielungen
Rabettens auf jenes Paar, welche für den Minister so viel waren, als hätt' er
mit seinen scharfen Mautners-Suchnadeln in Lianens Herz gebohrt und darin auf
das konterbande getroffen. Ohne langes knechtisches Kopieren des vorigen Siegels
setzte er das zweite auf den Brief und ging erleuchtet davon.
    Wir können ihm alle nachfolgen, wenn wir uns nur wenige Minuten zu seiner
Rechtfertigung aufgehalten haben bei meinem
       Schutz- und Stichblatt für das zweite Briefsiegel in Staatssachen.
Ob dem alten Froulay das Examinatorium fremder Briefe als Minister oder als
Vater zustehe - wiewohl dieser jenen, der Landesvater jeden andern Vater und
seinen eignen dazu voraussetzt -, das will ich nicht entscheiden, ausser durch
die eben hergesetzte Parentese. Der Staat, der die Postpferde vor die Briefe
spannt, hat, scheint es, das Recht, diesen nicht sowohl blinden als blind
machenden Passagieren genauer unter das geschlossene Siegel-Visier zu sehen, um
zu wissen, ob er nicht seinen Feinden Pferde vorlege. Der Staat, ein immer
ziehender Lichtmagnet, will ja nur Licht in der Sache und besonders Licht über
alles Licht überhaupt; er verlangt nur die Wahrheit ganz nackt, ohne Couvert;
alles, was durch seine Tore reitet und fährt, soll nur, sei es auch in ein
Couvert gekleidet, den roten Mund aufmachen und sagen, was für Name und für
Geschäfte. -
    Da der gemeine Soldat seine Briefe vorher seinem Offizier vorweisen muss -
der Bastillen-Garnisonist seine dem Gouverneur der Mönch seine dem Prior - der
amerikanische Kolonist seine dem Holländer132 (damit er sie verbrenne, wenn sie
über ihn klagen) -: so kann wohl kein Staatsmann, er mag nun den Staat für eine
Kaserne - oder für eine Engelsburg - oder für ein monasterium duplex - oder für
eine europäische Besitzung in Europa ansehen, ihm das Recht absprechen, sich
alle Briefe so offen zu erhalten, wie Fracht-, Adelskauf- und Apostelbriefe es
sind. Der einzige Fehler ist bloss, dass er die Briefe nicht eher vorbekommt als
zugepicht und zugesperrt; das ist unmoralisch genug; denn es nötigt die
Regierung, auf- und zuzumachen - den Brief aus der Scheide zu ziehen und in sie
zu stecken, wie der Koch mühsam die Schnecke aus ihrer Schale drehet und dann,
sobald sie vom Feuer weg ist, in diese wieder zurückgeschoben aufsetzt.
    Letzteres ist der Punkt und Hauptwind, der uns weiterzuführen hat. Denn so
allgemein es auch anerkannt, so wie Observanz sei, dass die Regierung aus
demselben Grunde, woraus sie den letzten Willen öffnet, auch jeden vorvorletzten
und endlich den ersten müsse früher entsiegeln können als der Erbe desselben -
und dass ein Fürst noch viel leichter Diener-Briefe in dieselbe
Entzifferungskanzlei (und in ihr Vorzimmer, die Entsieglungskammer) müsse ziehen
können, worin Fürsten- und Legatenbriefe aufgehen vor der Springwurzel -: so ist
doch das Korkziehen der Briefe - das Koppelsiegel - das Vikariatsiegel - das
mühsame Nachmachen des L. S. oder Loco Sigilli etwas sehr Verdrüssliches und
beinahe Abscheuliches; aus dem Unrecht muss daher ein Recht gemacht werden durch
gesetzliche Wiederholung.
    Etwas davon würde, hoff' ich, sein, wenn befohlen würde, die Briefe nur auf
Stempelpapier zu schreiben; ein dazu eingesetztes Schau- und Stempelämtchen läse
dann vorher alles durch.
    Oder man könnte die Pitschafte, als Münzstempel für Privatmünzen, nicht mehr
zulassen. Es schlüge sich dann eine Siegel-Kammer mit grossen Rechten ins Mittel
und verpetschierte, wie jetzt den Nachlass der Verstorbnen, alsdann der
Lebendigen ihren.
    Oder - was vielleicht vorzuziehen - eine Brief-Zensur müsste anfangen.
Ungedruckte Zeitungen, nouvelles à la main, nämlich Briefe, können, weil sie
noch grössere Geheimnisse austragen, nie eine grössere Zensurfreiheit fodern, als
gedruckte Zeitungen geniessen; besonders da jeder Brief jetzt so leicht ein
umherrennender Zirkelbrief wird. Ein Katalog verbotener Briefe (index
expurgandarum) wäre dann für den Korrespondenten immer ein Wort.
    Oder man vereide die Postmeister, dass sie treue Referendarien alles dessen
werden, was sie Wichtiges oder Bedenkliches in den Briefen angetroffen, die sie
vor deren Abgang auf die geistige Briefwaage gelegt und mit der Hoffnung wieder
zugemacht, sie nach dem Leibnizischen Prinzip des nichtzuunterscheidenden
Siegels weiterzuschicken.
    Findet der Staat alle diese Wege, Briefe zu lesen und zu schliessen, neu und
hart: so mag er auf seinem fortfahren, sie aufzumachen.
                                       *
Lachend flog Froulay zur Frau und beteuerte, ihre Falschheit gegen ihn sei ihm
gar nichts Neues - ihren gegenwärtigen Plan, bloss um dem Herrnv. Bouverot und
ihm entgegenzuarbeiten, versteh' er ganz wohl - daherhabe Rabetteherein-, die
Tochter hinausgemusst inzwischen woll' er der Heuchlerin und Betschwester, und
wer es sei, zeigen, dass sie nicht bloss eine Mutter habe, sondern auch einen
Vater. - »Sie muss sogleich herein; je la ferai damer133, mais sans vous et sans
Mr. le Comte«, beschloss er mit Anspielung auf die Hofdamenstelle.
    Aber die Ministerin fing - gemäss ihrer harten Verachtung gegen seine
Projekte und Kräfte - mit jener Kälte, die jeden Warmen mehr erbittert hätte als
diesen Kalten, an, ihm zu sagen, dass sie Lianens und des Grafen Liebe noch mehr
missbilligen und bekriegen müsse als er - dass sie bloss im zu weit getriebenen und
sonst nie widerlegten Vertrauen auf Lianens offne Seele lieber ihr als sich
geglaubt und sie bei so manchen Zeichen der Neigung Albanos nach Blumenbühl
gelassen - dass sie aber ihm ihr Wort hier gebe, mit gleichem Feuer gegen den
Grafen zu wirken wie gegen den deutschen Herrn, und dass sie, so wie sie Lianen
kenne, des schönsten leichten Erfolges fast versichert sei.
    Allerdings war ihm das unerwartet und - unglaublich, zumal nach dem vorigen
Verschweigen; nur die feinste Männerseele sondert in der weiblichen die
zusammenlaufenden Grenzen der Selbsttäuschung und der willkürlichen Täuschung
ab, der Schwäche und des Trugs, des Zufalls und des Entschlusses; die Ministerin
ohnehin gehörte unter die Weiber, die man erst lieben muss, um sie zu kennen, was
sich sonst umkehret. Er akzeptierte auf der einen Seite gern das Bekenntnis der
Beistimmung und Mitwirkung - bloss um es künftig als Waffe gegen sie zu wenden -;
konnt' aber auf der andern ihr nicht verbergen, dass sie also wieder (so sprach
er stets) nach eignem Geständnis über ihre Kinder aus Mangel an Argwohn
fehlgesehen habe. Er behielt die Gewohnheit bei, auf eine offenherzige Seele,
die ihm ihre Lücken zeigte, durch diese Lücken, als hab' er sie selber
gebrochen, gewaffnet einzudringen. Das Beichtkind, das vor ihm um Vergebung
kniete, drückt' er tiefer nieder und zog statt des Löseschlüssels den Hammer des
Gesetzes hervor.
    Ich bin hier den Spaniern, die mich einst aus schlechten Übersetzungen
kennen lernen, und der österreichischen goldnen Vliesritterschaft, die
vielleicht das Original im Nachdruck lieset, es schuldig, die Ursachen
anzugeben, warum nicht das Froulaysche Haus Freudenfeste - statt Hoftrauer -
ansagen liess bei dieser Annäherung ihres Ordenssohnes, eines spanischen Grossen,
der oft einen deutschen Fürstenzepter als Elle an sich legt. - Denn jeder
Spanier muss sich bisher darüber gewundert haben.
    Ich antworte jeder Nation. Die Froulays hatten gegen die Verbindung erstlich
nichts als die - Gewissheit der Trennung; da aus demselben Grunde, den mir die
Vliesritter und Spanier entgegengesetzt, der alte Gaspard de Cesara auf keine
Weise eine Brücke zwischen seinem Gottard und der Jungfrau kann schlagen
lassen. Zweitens konnte eben darum der Minister dieser romantischen Liebe eine
viel ältere, weisere, die er für den deutschen Herrn und dessen Gelder und
Liaisons trug, entgegenstellen, so wie des Vliesritters alten Groll. Drittens
hatte die Ministerin ausser denselben Gründen - und ausser einigen für den Lektor
vielleicht - noch einen ganz entscheidenden, und der war: sie konnte den Grafen
nicht ausstehen; nicht bloss allein darum, weil sie eine harte Ähnlichkeit
zwischen ihm und ihrem Sohne und sogar Gemahle ausfand im Stolze, im Aufbrausen,
in genialischer Wildheit gegen arme Eheweiber, im Mangel an religiöser Demut und
Gläubigkeit, sondern sie konnte ihn vorzüglich deshalb nicht gut ausstehen, weil
sie ihn nicht - leiden konnte. Wie das System der Prädestination einige Menschen
zur Hölle verurteilt, sie mögen nachher den Himmel verdienen oder nicht: so
nimmt eine Frau den Hass, zu welchem sie jemand einmal verdammte, nicht wieder
zurück, es mögen Land und Stadt, Gott, die Jahre und der Person Tugenden dagegen
sagen, was sie wollen.
    Im Friedensschlusse des gewöhnlichen Zimmerkriegs wurden zwischen den
Eheleuten diese geheimen Artikel ausgemacht: der Graf muss des Vaters und des
Direktors wegen mit höflichster Achtung behandelt und beiseite geschoben werden
- und Liane sanft und langsam von Wehrfritzens Hause abgelöset - die ganze
Scheidung des Verlöbnisses muss ohne elterliche Einmischung bloss durch die
abspringende Tochter selber zu geschehen scheinen - und alles ein Geheimnis
bleiben. Froulay hoffte, vor Lianens früherem Verlobten, dem deutschen Herrn,
den ganzen Zwischenakt geheimzuhalten, da er zumal jetzt im August mehr an den
Spieltischen der Bäder als zu Hause war.
    So blieb es; und in dieses kalte, schauerliche Geklüft zog die freundliche
Liane hinein, als sie an jenem lebenswarmen Sonntag das selige, offne Lilar
verliess. Geläutert und geheiligt von der Freude - denn jeder Himmel wurde ihr
ein reinigendes Fegefeuer -, kam sie edel an die Mutterbrust, ohne den fremden
Ernst des Empfangs zu merken vor eignem. Ihr leichtes Geständnis der
Gartengesellschaft öffnete die harte Szene - fast in der Kulisse. Wenn die
Mutter, die anders anfangen wollte, musste sogleich auf den Donnerwagen steigen,
um gegen das unbegreifliche Vergessen der weiblichen Schicklichkeit zu blitzen
und zu donnern; und doch hielt sie die Donnerpferde mitten im Laufe inne, um
Lianen sogleich, da der Minister jede Minute kommen konnte, das Verschweigen der
heutigen Gartengesellschaft aufzulegen. Nun warf sie den tiefsten Schlagschatten
auf ihre bisherige stumme Falschheit gegen eine Mutter; denn sie verlegte die
Säe und Blütezeit dieser Liebe eigenmächtig schon in die Tage vor der Reise aufs
Land. Wie erschrak die warme Seele über die Möglichkeit einer solchen
Lieblosigkeit! Sie führte, so weit sie nur konnte, die Mutter den reinen,
lichten Perlenbach ihrer Geschichte und Liebe hinauf und sagte alles, was wir
wissen, aber ohne sehr zu befriedigen, weil sie gerade die Hauptsache ausliess;
denn aus Schonung gegen die Mutter musste sie die erscheinende Karoline, die
anfangs die Bilderstürmerin ihrer Liebe und dann die begeisternde Muse und
Brautführerin derselben gewesen, mit dem Totenschein der Zukunft in der
Erzählung unsichtbar bleiben lassen.
    Sie hielt mit inbrünstigem Druck die mütterliche Hand unter immer frohern
Versicherungen, wie sie ihr hab' immer alles sagen wollen; sie dachte hoffend,
sie brauche nichts zu retten als ihr offnes Herz. O, du hast mehr zu retten,
dein warmes, dein ganzes und lebendiges! - Die Mutter tadelte nun, ihr aus alter
Gewohnheit halb glaubend, nichts weiter als die ganze Sache, ihre
Unschicklichkeit, Unmöglichkeit, Tollheit. »O, gute Mutter,« (sagte Liane bloss
immer sanft unter dem harten Abmalen des künftigen Albano) »o, so ist er nicht,
gewiss nicht!« - Ebenso sanft sah sie über das mit schwarzen Strichen
vorgezeichnete Nein Don Gaspards weg, weil für ihren Glauben die Erde nur ein im
Äter hängender, blühender Grabeshügel war: »Ach,« (sagte sie, ihre Erden-Eile
meinend) »unsere Liebe ist so wichtig nicht.« Die Mutter nahm dieses Wort und
den ganzen sanften Widerstand für Vorspiele des leichten Siegs.
    Jetzt ging Albanos Schwiegervater herein, mit einer Heerpauke Sturmglocke,
Feuertrommel und Klapperschlange im Gürtel, um sich damit vernehmlich zu machen.
Zuerst fragt' er - er hatte vergeblich gehorcht - ganz erboset die Ministerin,
wohin sie sein Ohr versteckt habe - (es war das blecherne Koppelohr, worin sich,
wie in einem venezianischen Löwenkopfe, alle Geheimnisse und Anklagen der ganzen
Dienerschaft und Familie sammleten) - jetzt brauch' ers ein wenig, zumal seit
den neuesten »Avanturen der frommen Tochter da!« - Die Siamer Ärzte fangen die
Heilung eines Patienten damit an, dass sie ihn mit Füssen treten, welches sie
Erweichen nennen. Auf ähnliche Art erweichte Froulay gern zur moralischen
Vor-Kur; und begann daher sich, mit den gedachten Sprachmaschinen im Gürtel,
deutlich zu erklären über umschlagende Kinder - über deren Ränke und Schliche -
und über Liebschaften hinter Väterrücken - (so dass kein Vater einen Band
Liebesgedichte vorn mit der Prosa-Vorrede begleiten kann) - versah vieles mit
den stärksten politischen Gründen, die sich alle auf ihn selber und seinen
Nutzen bezogen - und schloss mit einigen Verfluchen.
    Liane hörte ihn ruhig, und an solche wie am Gleicher täglich wiederkehrende
Gewittergüsse schon gewohnt, ohne andere Bewegung an, ausser dass sie oft das
niedergeschlagne Auge zu ihm bedauernd aufhob aus zärtlichem Mitleiden mit dem
väterlichen Missvergnügen. In der Stille wurd' er am lautesten: »Sie sorgen
dafür, Madame,« (sagt' er) »dass sie morgen vormittags dem Grafen, was sie von
ihm hat, samt dem Abschied schickt und ihm ihr neues Amt als eine leichte
Entschuldigung notifiziert - du wirst Hofdame bei der regierenden Fürstin - ob
du gleich es nicht wert warest, dass ich für dich arbeitete.«
    »Das ist hart«, rief Liane, mit zerbrechendem Herzen an ihre Mutter fallend.
Er glaubte, sie meine die Trennung von Albano, nicht die von der Mutter; und
fragte zornig: warum? - »Vater, ich will so gern« (sagte sie und wandte nur ihr
Angesicht aus der Umarmung) »bei meiner Mutter sterben!« Er lachte, aber die
Ministerin machte selber den Flammen, die er noch wollte herausschlagen lassen,
die Höllenpforte zu und versicherte ihn, es sei genug, Liane werde gewiss ihren
Eltern gehorchen, und sie selber wolle dafür Bürge sein. Der Gesetzprediger
stieg seine Kanzeltreppe mit einem vernehmlichen Stossgebet um eine bessere
Bürgschaft und unter dem Zurückrufen herab, sein Ohr müsse morgen her, und soll'
ers in allen Schränken selber suchen.
    Die Mutter schwieg nun und liess die Tochter sanft an ihrem Halse weinen;
beiden war nach dieser Seelen-Dürre der Trank der Liebe Erfrischung und Arzenei.
Sie liessen einander ausgeheitert aus den Armen los, aber beide mit ganz irrenden
Hoffnungen.
 
                                   75. Zykel
Ein harter, schwarzer Morgen! - Nur der atmosphärische draussen war dunkelblau,
nichts war stürmisch und laut als etwan die Bienenflüge im Lindendickicht, der
Himmelsäter schien über die steinernen Gassen hoch wegzuflattern, um im hellen,
offnen Lilar sich tief in alle Gipfel und Spitzen einzusenken und blau wie
Pfauengefieder aus den Zweigen zu schillern.
    Liane fand auf ihrem Schreibtisch ein Billet, in Grossquart gebrochen, worin
der wie ein Herz ewig arbeitende Minister schon am frühen Morgen, eh' er für die
einzelnen Regierungs- und Kammerräte die zur Fruchtbarkeit nötigen
Strichgewitter aus den Akten aufgezogen, auf die schauernde Tochter mit einem
kalten Morgenwolkenbruche niederzugehen suchte. Im gedachten Dekretalbriefchen
setzt' ers auf andertalb Bogen mehr auseinander, was er gestern gemeint -
Scheidung auf der Stelle -, und bog sechs Scheidungsgründe an, - erstlich sein
verstimmtes Verhältnis mit dem Vliesritter - zweitens ihre und des Grafen Jugend
- drittens die nahe Hofdamenstelle - viertens sei sie seine Tochter und dieses
das erste Opfer, auf welches ihr Vater für alle seine bisherigen Anspruch mache
- fünftens sehe sie an seinem nachsichtigen Ja zur Liebe ihres Bruders, dessen
anscheinende Besserung er ihr zum Vorbilde vorhalte, dass er nur für das Glück
seiner Kinder lebe und sorge - sechstens send' er sie in die Festung *** zu
seinem Bruder, dem Kommendanten, falls sie widerspenstig sei, um sie zu
entfernen, zu bestrafen und zurechte zu bringen, und weder Weinen noch
Fussfallen, noch Mutter noch Hölle sollen ihn beugen; und er schenk' ihr drei
Tage Zeit zur Vernunft.
    Sie gab stumm mit nassen Augen ihrer bisherigen Trösterin das schwere Blatt.
Aber aus dieser wurde eine Richterin: »Was willst du tun?« sagte die Ministerin.
- »Ich will leiden,« (sagte Liane) »damit Er nicht leide; wie könnt' ich so sehr
gegen Ihn sündigen?« - Die Mutter nahm entweder im wirklichen alten Wahne ihrer
leichten Bekehrung oder aus Verstellung jenen Er für den Vater und fragte: »Mich
nennst du nicht?« Liane errötete über die Vertauschung und sagte: »Ach, ich
Arme, ich will ja nicht glücklich sein, nur treu.« - Wie hatte sie nicht in
dieser Nacht zwischen bangen Kriegen aller ihrer innern Engel betend gelebt und
geweint! Eine so schuldlose, von der heiligen Freundin im Himmel eingesegnete
Liebe - eine vom frühen Tode so sehr abgekürzte Treue - ein so fester, mit
hohem, fruchttragendem Gipfel gen Himmel wachsender Jüngling, den nicht einmal
Geisterstimmen aus seiner treuen Kindheitsliebe gegen sie Unbedeutende schrecken
oder locken konnten - der ewige Unwille und Gram, den er über die erste, grösste
Lüge gegen sein Herz empfinden würde - ihre kurze Durchgangsgerechtigkeit durchs
Leben und die nahe Wegscheide, an der sie nicht Steine, sondern Blumen auf die
andern Pilger zurückwerfen wollte - alle diese Gestalten nahmen sie an der einen
Hand, um sie von der Mutter wegzuziehen, die ihr mit den Worten nachrief: sieh,
wie du undankbar von mir gehst, und ich habe so lange für dich ertragen und
getan. Da zog Liane wieder aus dem warmdunkeln Rosental der Liebe in die
trockne, platte Erdfläche eines Lebens zurück, worin sich nichts hebt als ihr
letzter Hügel. O, wie blickte sie bittend zu den Sternen auf, ob sie sich nicht
als Augen ihrer Karoline regten und ihr es sagten, wie sie sich opfern sollte,
ob für den Geliebten oder für die Eltern; allein die Sterne standen freundlich,
kalt und still am festen Himmel.
    Aber als die Morgensonne wieder ihr Herz anstrahlte, schlug es hoffend und
von neuem gestärkt vom Entschluss, für Albano heute recht viele Leiden zu
erdulden, ach, ja erst die ersten; konnte Karoline, dachte sie, eine Liebe
bejahen, der ich untreu sein müsste? -
    Kaum war sie mit dem Morgengruss von den Lippen der Mutter weg, so suchte
diese, aber ernster als gestern, die Wurzeln dieses festen Herzens aus seinem
fremden Boden zu rücken durch den längern Gebrauch der gestrigen Blumenheber.
Sie wurde in der vergleichenden Anatomie zwischen Albano und Roquairol von der
gleichen Stimme an bis zur ähnlichen Taille immer schneidender, bis Liane mit
dem Mädchenwitz auf einmal fragte: »Aber warum darf denn mein Bruder Rabetten
lieben?« - »Quelle comparaison!« (sagte die Mutter) »Bist du nichts Bessers als
sie?« - »Sie tut eigentlich viel mehr als ich«, sagte sie ganz aufrichtig. -
»Strittest du nie mit dem wilden Zesara?« fragte die Mutter. »Nie, ausser wenn
ich unrecht hatte«, sagte sie unschuldig.
    Erschrocken nahm die Mutter immer heller wahr, dass sie tiefere und stärkere
Wurzeln, als leichte Blumen schlagen, auszuziehen habe; sie sammlete alle ihre
mütterlichen Anziehungskräfte und Hebemaschinen auf einen Punkt zum Sturze der
stillen, grünen Myrte; sie entdeckte ihr des Ministers schwarzen Verlobungsplan
mit dem deutschen Herrn, ihre bisherigen verschwiegenen Kriege und Seufzer
darüber, ihren bisher zurückdrängenden Widerstand und die neueste väterliche
Kriegslist, sie zur Festungsgefangnen bei seinem Bruder zu machen und dadurch
wahrscheinlich den Herrn von Bouverot zum Festungsbelagerer. -
    Für einige Leser und Relikten aus dem schwerfälligen goldnen Zeitalter der
Moral wird hier die Anmerkung gesetzt und gedruckt: dass eine besondere kalte,
nichts schonende, oft grausame und empörende Offenherzigkeit über die nächsten
Verwandten und über die zartesten Verhältnisse in den höhern Ständen so sehr zu
Hause ist, dass auch die schönern Seelen - worunter doch diese Mutter gehört - es
gar nicht anders wissen und machen.
    »O, du beste Mutter!« rief Liane erschüttert, aber nicht vom Gedanken an die
Klapper und den Schlangenatem Bouverots oder an dessen Mordsprung nach ihrem
Herzen - sie dachte so kaltblütig an sein Verloben wie jeder Unschuldige an sein
Sterben auf einem Blutgerüste -, sondern vom Gedanken an das lange Überbauen der
mütterlichen Tränen, der mütterlichen Liebesquellen, welche bisher nährend tief
unter ihren Blumen geflossen waren; sie warf sich dankend zwischen diese
helfenden Arme. Sie schlossen sich nicht um sie, weil die Ministerin durch keine
Woge und Brandung schneller Aufwallungen weich und locker auszuspülen war.
    In diese Umfassung griff oder trat der Minister ein. »So!« sagt' er schnell.
»Mein Ohr, Madame,« (fuhr er fort) »findet sich unter den Domestiken durchaus
nicht wieder vor; das hab' ich Ihnen zu sagen.« Denn er hatte sich heute auf
einen Gesetz-Sinai gestellt und der an dessen Fuss versammelten Dienerschaft in
die Ohren gedonnert, um seines zu erfragen, »weil ich glauben muss,« (hatt' er
ihr gesagt) »dass ihr mirs aus sehr guten Gründen gestohlen habt«. Dann war er
als Hagelschauer, wie ein Küchendampf bei windigem Wetter, durch die einzelnen
Dienerzimmer und Winkel nach dem Ohr gezogen. - »Und du?« sagt' er
halbfreundlich zu Liane. Sie küsste seine Faust, die er, wie der Papst den Fuss,
allezeit als den Lehn- und Lippenträger, Agenten und de latere-Nuntius des
Mundes den Küssen schickte.
    »Sie bleibt ungehorsam«, sagte die strenge Frau. »So gleicht sie Ihnen ein
wenig«, sagt' er, weil der Misstrauische die Umarmung für eine Verschwörung gegen
ihn und seinen Bouverot ansah. Nun barst sein Eis-Hekla und flammte und floss -
bald auf Tochter, bald auf Frau - erstere sei gar erbärmlich, sagt' er, und nur
der Hauptmann etwas wert, den er glücklicherweise allein gebildet - er errat'
alles, hör' alles, wenn man auch sein Ohrblech verborgen - es werde demnach, wie
er sehe (er zeigte auf seinen entsiegelten Morgenpsalm), zwischen beiden
Kollegien kommuniziert - aber Gott soll' ihn strafen, wenn er nicht
»Töchterchen, antwort doch endlich!« bat er.
    »Mein Vater« - (sagte Liane, seit der Bouverotischen Verbrüderung und der
Misshandlung der Mutter ihr Herz mehr fühlend, das aber nur verachten und nie
hassen konnte) - »meine Mutter hat mir heute und gestern alles gesagt; aber ich
habe doch Pflichten gegen den Grafen!« Eine kühnere Lebhaftigkeit, als die
Eltern sonst an ihr vermisset und gefunden hatten, strahlte unter dem
aufgehobenen Auge. »Ach, ich will ihm ja nur so lange treu verbleiben, als ich
lebe«, sagte sie. »C'est bien peu«, versetzte der Minister, über die Keckheit
erstaunend.
    Liane hörte jetzt erst ihr entflognes Wort nach; da ergriff sie, um die
Vergangenheit und ihre Mutter zu rechtfertigen, den schönen und lächerlichen
Entschluss, den alten Herrn zu rühren und zu bekehren durch ihre Geister- oder
Traumseherei. Sie bat ihn um eine einsame Unterredung und nachher - als sie
schwer vergönnet war - darin um sein heiliges Versprechen, gegen die Mutter zu
schweigen, weil sie fürchtete, dieser Liebenden die dem Ausschlagen nahe
rasselnden Uhrräder ihrer Sterbeglocke zu zeigen. Der alte Herr konnte nur mit
einer komischen Miene wobei er aussah wie einer, der in grimmiger Kälte lachen
will hinlängliches Wortalten geloben, weil nie, so viel er sich entsinnen
konnte, das Wort von ihm, sondern bloss oft er vom Wort gehalten wurde. In
solchen Menschen sind Wort und Tat dem teatralischen Donner und Blitze ähnlich,
welche beide, sonst im Himmel gleichzeitig verbunden, auf der Bühne aus
getrennten Ecken und durch verschiedne Arbeiter hervorbrechen. Aber Liane ruhte
nicht eher, als bis er ein wortfestes, offnes Gesicht - ein gemaltes Fenster -
aufgetragen. Darauf fing sie nach einem Faustkuss ihre Geistergeschichte an.
    Mit fortgesetztem Ernst, fest zusammengehaltenen Muskeln hörte er dem
Unerhörten zu; dann nahm er sie, ohne ein Wort zu sagen, an der Hand und führte
sie vor die Mutter zurück, der er sie mit einem langen Lob- und Dankpsalm auf
ihre glückliche Töchterschule überreichte; - »seine Knabenschule mit Karl sei
ihm wenigstens nicht in diesem Grade geglückt«, setzt' er hinzu. Zum Beweise
teilt' er ihr offenherzig - und alle Schmerzen Lianens kaltblütig verarbeitend,
wie der Fassbinder Zypressenzweige zu Tonnenreifen - das wenige mit, was er zu
verschweigen verheissen, weil er immer entweder sich wegwarf oder den andern,
meistens beide. Liane sass hochrot, heisswerdend, mit gesenkten Augen da und bat
Gott um Erhaltung ihrer Kindesliebe gegen den Vater.
    Kein teilnehmendes Auge werde ferner mit dem Eröffnen einer neuen Zeit
gequält, wo das Eis seiner Ironie brach und ein wütender Strom wurde, in welchen
noch dazu mütterliche Tränen des Zorns flossen über ein teueres Wesen und dessen
verderbliches, fieberhaftes Hineinträumen in den letzten Schlaf. Das Ziel und
die Gefahr kopulierte fast die Eheleute zum zweitenmal; wenn es glatteiset,
gehen die Menschen sehr Arm in Arm. »Du hast nichts nach Lilar geschickt?«
fragte der Vater. »Ohne Ihre Erlaubnis würd' ichs gewiss nicht tun«, sagte sie,
meinte aber ihre Briefe, nicht Albanos seine. - Er benutzte den Missverstand und
sagte: »Du hast sie ja aber.« - »Ich will alles gern tun und lassen,« (sagte
sie) »aber nur wenn der Graf einwilligt, damit ich ihm nicht unredlich
erscheine; er hat mein heiliges Wort auf meine Treue.« An diese milde
Festigkeit, an diesen mit weichen Blumen überzognen Petri-Fels stiess sich der
Vater am härtesten. Dazu war der Übertritt eines stolzen Liebhabers von eignen
Wünschen zu den feindlichen, gesetzt man hätte Lianen die Frage an den Grafen
erlaubt, so unmöglich auf der einen Seite, und das Gesuch um diese
Veränderlichkeit, es mochte bewilligt oder abgeschlagen werden, überhaupt so
heruntersetzend auf der andern, dass die betroffne Ministerin stolz aufstand,
wieder fragte: »Ist das dein letztes Wort an uns, Liane?« - und als Liane
weinend antwortete: »Ich kann nicht anders, Gott sei mir gnädig!«, sich zornig
wegwandte an den Minister und sagte: »Tun Sie nun, was Sie für convénable
halten, ich bin unschuldig.« - »Nicht so ganz, ma chere; aber gut!« (sagt' er:)
»Du bleibst von morgen an in deinem Zimmer, bis du dich korrigierst und unsers
Anblicks würdiger bist«, kündigte er hinausgehend Lianen mit zwei auf sie
geworfenen Augen-Salven an, worin meines Ermessens weit mehr
Reverberierfeuer-Plagegeister - ätzende, fressende Medikamente - Gehirn- und
Herzensbohrer versprochen wurden, als sonst ein Mensch gebend halten oder
empfangend tragen kann.
    Armes Mädchen! dein letzter August ist sehr hart und kein Erntemonatstag! -
Du siehst in die Zeit hinaus, wo dein kleiner Sarg steht, an welchem ein
grausamer Engel die schönen, um ihn herumlaufenden, noch frischen Blumenstücke
der Liebe wegwischt, damit er ganz weiss, so rosenweiss wie deine Seele oder deine
letzte Gestalt, herübergetragen werde!
    Dieses Vertreiben von der Mutter in die Einöde ihres Klosterzimmers war ihr
ebenso fürchterlich, nur nicht fürchterlicher als das Zürnen derselben, das sie
heute erst zum drittenmal erlebte, obwohl nicht verdiente. Es war ihr, als wenn
nun nach der warmen Sonne auch noch gar das helle Abendrot unter den Horizont
gesunken wäre, und es wurde dunkel und kalt in der Welt. Sie blieb diesen ganzen
noch eingeräumten Tag bei der Mutter; gab aber nur Antworten, blickte freundlich
an, tat alles gern und behend und hatte - da sie jeden zusammenrinnenden
Tautropfen schnell mit dem Zwergfinger aus den Augenwinkeln schlug, als sei es
Staub, weil sie dachte: nachts kann ich weinen genug sehr trockne Augen; und das
alles, um der belasteten Mutter nicht zu neuer Last zu sein. Aber diese, wie
Mütter so leicht, verwechselte die scheue liebende Stille mit dem Anbruche der
Verstockung; und als Liane in unschuldiger Absicht des Trostes sich Karolinens
Bild aus Lilar wollte bringen lassen, galt auch diese Unschuld für Verhärtung
und wurde mit einer elterlichen gestraft und erwidert; nämlich mit der
Erlaubnis, zu schicken. Nur forderte die Ministerin die französischen Gebete von
ihr zurück, als sei sie nicht wert, diese ihrem jetzigen Herzen unterzulegen.
Nie ist der Mensch kleiner, als wenn er strafen und plagen will, ohne zu wissen
wie.
    Da jeder, der regiert, er sitze auf einem Lehr- oder Fürstenstuhl, oder wie
Eltern auf beiden, dem Fussbewohner desselben den vorigen Gehorsam, sobald er ihn
einmal aussetzt, nicht als Milderung seiner Schuld anschreibt, sondern als
Vergrösserung: so tat es die Ministerin auch gegen ihr von jeher so folgsames
Kind. Sie hasste ihre reine Liebe, die wie Äter ohne Asche, Rauch und Kohle
brannte, um desto mehr und hielt sie für Schadenfeuer oder Feuerschaden,
besonders da ihre eigne bisher fast nie mehr als ein vornehmes Kaminstück
gewesen.
    Liane stieg zuletzt, zu schwer zusammengepresset, da jenseits der Wandtapete
der heitere Tag, der schönste Himmel blühte, aufs welsche Dach hinauf. Sie sah,
wie die Menschen vergnügt von kleinen Lustörtern, weil die Erde ein grosser war,
zurückfuhren und - ritten; auf Lilars Stauden-Pfad wandelten die Spaziergänger
selig-langsam heim - auf den Gassen wurde laut an den Fest-Gerüsten und
Himmelswagen für die Fürstenbraut gezimmert, und die fertigen Räder wurden
prüfend gerollt - und überall hörte man die Übungen der jungen Musik, die
erwachsen vor sie treten sollte. Aber als Liane auf sich blickte und hier ihr
Leben allein im dunkeln Gewande stehen sah - drüben das leere Haus des Geliebten
- hier das ihrige, das auch leer für sie geworden - diese Stelle, die noch an
eine schönere, seltnere Abblüte als des cereus serpens erinnerte - und o! diese
kalte Einsamkeit, da ihr Herz heute zum ersten Male ohne ein Herz lebte; denn
ihr Bruder, der Chorist ihres kurzen Freudengesanges, war verschickt und
Julienne seit einiger Zeit ihr unbegreiflich unsichtbar - nein, sie konnte die
schöne Sonne, die so hell und weiss mit ihrem hohen Abendsterne sich tiefer
wiegte, nicht niedergehen sehen - oder das frohe Abendchor des langen Tages
anhören, sondern verliess die glänzende Höhe. O, die fremde Freude stirbt im
unbewohnten dunkeln Busen, wo sie keine Schwester antrifft, und wird zum
Gespenst darin! So deutet das schöne Grün, diese Frühlingsfarbe, sobald es eine
Wolke malt, nichts als an lange Nässe.
    Da sie bald in die Freistatt des Tags, das Schlafzimmer, trat,
wetterleuchtete draussen der Himmel; o, warum jetzt, hartes Geschick? - Aber
hier, vor dem Stilleben der Nacht, wenn das Leben, von ihrem Flor bezogen,
leiser tönt - hier dürfen alle ihre Tränen fliessen, die ein schwerer Tag
gekeltert hat. Auf dem Kopfkissen, als trüg' es den längsten Schlaf, ruhet
dieses verblutete Haupt sanfter als an der Brust, die ihm seine Tränen zankend
nachzählt; und es weinet sanft nicht über, nur um Geliebte.
    Wie gewöhnlich wollte sie ihre mütterlichen Gebete aufschlagen; als sie
erschrocken daran dachte, dass man sie ihr genommen. Da blickte sie heissweinend
auf zu Gott und bereitete allein aus dem zerbrochnen Herzen ihm ein Gebet, und
nur Engel haben die Worte und die Tränen gezählt.
 
                                   76. Zykel
Der Vater hatte die Zimmer-Gefangenschaft zum strafenden Merkmal ihres Neins
gemacht. Mit hohen Schmerzen sprach sie dieses stumme Nein, indem sie freiwillig
im Zimmer blieb und dem Morgenkuss der Mutter entsagte. Sie hatte in der Nacht
oft das tote Bild ihrer ratgebenden Karoline flammend angeblickt, aber kein
Urbild, kein Fieberbild war ihr erschienen: kann ich länger zweifeln, schloss sie
daraus, dass die göttliche Erscheinung, die das Ja zu meiner Liebe gesprochen,
etwas Höheres als mein Geschöpf gewesen, da ich sie sonst ihrem Bilde gegenüber
müsste wieder bilden können?
    Sie hatte Albanos blühende Briefe in ihrem Pulte und schloss es auf, um
hinüberzusehen aus ihrer Insel in das entrückte Morgenland der wärmern Zeit;
aber sie schloss es wieder zu; sie schämte sich, heimlich froh zu sein, da ihre
Mutter traurig war, die in die trüben Tage nicht einmal wie sie aus schönen kam.
    Froulay liess sie nicht lange allein, sondern bald rufen; aber nicht um sie
zu verhören oder loszusprechen, sondern um sie wozu freilich eine ungeschminkte
Stirne und Backe gehörten, deren Fibern-Garn so schwer wie seine mit dem
türkischen Rot der Scham zu färben war - zu seiner Malersprachmeisterin zu
vozieren und sie in die fürstliche Galerie mitzunehmen, um von ihr die Erklärung
dieser Titelkupfer (für ihn) in diesem Privatstummeninstitut so gut
nachzulernen, dass er imstande wäre sobald die Fürstin sie besieht - etwas
Bessers als einen Stummen bei den Schönheiten der Bilder und der
bilderdienerischen Regentin vorzustellen. Liane musste ihm jedes gemalte Glied
mit dem dazu gehörigen Lobe oder Tadel in sein ernstes Gehirn nachprägen, samt
dem Namen des Meisters. Wie erfreuet und vollständig gab sie diese Kallipädie
ihrem brummenden Malerkornuten, der nicht eine einzige dankbare Miene als
Schulgeld entrichtete!
    Mittags erst fand die Tochter die ersehnte Mutter unter den Speisebedienten
sehr ernst und traurig; sie wagte ihr nicht den Mund, nur die Hand zu küssen und
schlug das liebeströmende Auge nur scheu und wenig zu ihr auf. Das Diner schien
eine Leichenessen. Nur der alte Herr, der auf einem Schlachtfeld seine
Hochzeitmenuett getanzt und seinen Geburtstag gefeiert hätte, war wohlgemut und
bei Appetit und voll Salz. War Hauskampf, so speist' er gewöhnlich en famille
und holte sich unter beissenden Tischreden, wie gemeine Leute im Winter und in
der Teuerung, schärfere Esslust. Zanken stärkt und befeuert schon an sich, wie
Physiker sich bloss dadurch elektrisieren können, dass sie etwas peitschen134.
    Lächerlich und doch schmerzlich war es, dass die arme Liane, die den ganzen
Tag einen Kerker hüten sollte, gerade heute immer daraus gerufen wurde; das mal
wieder in den Wagen, der das traurige Herz und das lächelnde Gesicht vor lauter
hellen Palästen absetzen sollte. Sie musste mit den Eltern zur Prinzessin gehen
und so glücklich aussehen, wie die waren, die sie auf dem trüben Wege zu
beneiden fanden. So blutet das Herz, das nicht weit vom Tron geboren worden,
immer nur hinter dem Vorhang und lacht bloss, wenn er aufgeht; so wie eben diese
Vornehmen sonst nur ingeheim hingerichtet wurden. Der über seine Vermählung
lächerrlich-laute Fürst - der von den Spieltischen oder Kaperbrettern
zurückgekehrte Bouverot, den jetzt Liane seit den neuesten Nachrichten nur
schaudernd litt - und die Prinzessin selber, die ihre bisherige Entfernung von
ihr mit den zerstreuenden Zurüstungen zum Feste entschuldigte, und die ganz
fremd auf einmal über Liebe und Männer spottete - alle diese Menschen und
Zufälle konnten nur einer Liane, die so wenig erriet, so viel litt und so gern
ertrug, nicht die unerträglichsten scheinen.
    Ach, was war unerträglich als die eiserne Unveränderlichkeit dieser
Verhältnisse, die Festigkeit eines solchen ewigen Bergschnees? Nicht die Grösse,
sondern die Unbestimmteit des Schmerzes, nicht der Minotaurus des Labyrints,
der Kellerfrost, die Eckfelsen und Gruben desselben ziehen uns darin die Brust
zusammen, sondern die lange Nacht und Windung seines Ausgangs. Sogar unter den
Körper-Krankheiten kommen uns daher ungewohnte neue, deren letzter Augenblick
über unsere Weissagung hinausliegt, drohender und schwerer vor als
wiederkehrende, die als nachbarliche Grenzfeinde uns immer anfallen und in der
Rüstung finden.
    So stand die stumme Liane im Gewölk, als die frohlockende Rabette mit der
Brust voll alter Freuden und neuer Hoffnung ins Haus lief, diese Schwester des
heiligen, weggerissenen Menschen, die Bundesgenossin so glänzender Tage. Sie
wurde ehrend aufgenommen und immer von einer Ehrenwache, der Ministerin,
begleitet, weil sie ja eine Gesandtin des Grafen ebensogut sein konnte als eine
Wahlherrin ihres Sohnes. Die Listige suchte einige einsame Augenblicke mit
Lianen durch das kühne Betteln um deren Begleitung nach Blumenbühl zu erhaschen;
die Begleitung wurde auch zugestanden und sogar der Mutter ihre dazugetan. Liane
fuhr den Weg nach Blumenbühl, über den noch blühenden Gottesacker eingesenkter
Tage. Welcher Tränenstrom arbeitete in ihrer Brust herauf, da sie von der noch
glücklichen Rabette schied!
    Diese hatte unschuldigerweise dem Hause einen der grössten Zankäpfel für das
Abendessen dagelassen, den je der Minister für die Fruchtschale mit seinem
Apfelpflücker sich geholet hatte; daher soupiert' er wieder en famille. Rabetten
war nämlich ein dummes Wort über das sonntägige Beisammensein in Lilar
entfahren; »davon« (sagte Froulay ganz freundlich) »hast du uns ja kein Wort
merken lassen, Tochter.« - »Der Mutter sogleich!« versetzte sie zu schnell. »Ich
nähme auch gern Anteil an deinen Lustbarkeiten«, sagt' er, Grimm versparend.
Ganz aufgeräumt setzte sich dieser Flössknecht so vieler Tränen und abgehauener
Blütenzweige, die er darauf hinabschwimmen liess, an die Abendtafel. Nach seinem
Verstärkungsohr fragt' er zuerst Bediente und Familie. Darauf ging er ins
Französische über - wiewohl die Tellerwechsler eine grobe Übersetzung davon für
sich, eine versio interlinearis, auf seinem Gesichte fanden -, um zu berichten,
der vornehme Graf sei dagewesen und habe nach Mutter und Tochter gefragt. »Mit
Recht verlangt' er euch beide« (fuhr der moralische Glacier fort, der gern das
warme Essen kühlte) - »ihr verschweigt immer, wie ich heute wieder hörte,
gemeinschaftlich gegen mich; aber warum soll ich euch denn noch trauen?« Er
hasste jede Lüge von Herzen, die er nicht sagte; so hielt er sich ernstlich für
moralisch, uneigennützig und sanft bloss darum, weil er auf das alles bei dem
andern unerbittlich drang. Mit den reichlichen Brennesseln der Persiflage - auch
botanische kommen in kaltem und steinigem Boden am besten fort - überdeckte er
alle seine auf- und zugehenden Hummerscheren, wie wir Bachkrebse in Nesseln
fassen, und nahm zuerst sein weiches Kind zwischen die Scheren. Das sanfte,
ergebene Lächeln desselben nahm er für Verachtug und Bosheit - - Wie kommt diese
Sanfte erklärlicherweise zu seinem Vaternamen, wenn man nicht die alte Hypotese
annimmt, dass Kinder gewöhnlich dem am ähnlichsten werden, wornach sich die
schwangere Mutter vergeblich sehnte, welches hier ein sanfter Gatte war? - Dann
griff er, aber heftiger, die Mutter an, um bei seinem Misstrauen sie mit der
Tochter zu entzweien, ja um vielleicht diese durch die mütterlichen Leiden zu
kindlichen Opfern und Entschlüssen zu peinigen. Ganz frei erklärt' er sich -
denn der Egoist trifft die meisten Egoisten an, wie die Liebe und Liane nur
Liebe und keine Selbstliebe - gegen den Egoismus um und neben sich und verbarg
es nicht, wie sehr er beide immer Egoistinnen (wie die alten Heiden die Christen
Ateisten) innerlich schelte.
    Die Ministerin, gewohnt, mit dem Minister in keiner Ehe weniger zu leben als
in der der Seelen - wie Voltaire die Freundschaft definiert -, sagte bloss zu
Lianen: »Für wen leid' ich so?« - »Ach ich weiss es«, antwortete sie demütig. Und
so entliess er beide voll tiefster Leiden und dachte nachher an seine Geschäfte.
    Dieser allseitige Jammer wurde durch etwas grösser, was ihn hätte kleiner
machen sollen. Der Minister ärgerte sich, dass er täglich den Geschmack der
Weiber mitten im Zorne zu Rate ziehen musste über sein - Äusseres. Er wollte am
Vermählungsfeste - seiner Geliebten wegen - ein wahrer Paradiesvogel, ein
Paradeur, eine Venus à belles Fesses sein. Von jeher macht' er gern die
Doppelrolle des Staats und Hofmanns und wollte, um Stolz und Eitelkeit zusammen
zu kaufen, zu einem Diogenes-Aristipp verwachsen. - Aber etwas davon war nicht
Eitelkeit, sondern der männliche Plagegeist der Ordnungs- und Rechtshaberei
wollte nicht aus ihm fahren. Er war imstande, die Kleidergeissel, womit der
Bediente wenige Stäubchen im Staatsrocke sitzen lassen, gegen die Livree selber
in Schwung zu setzen; noch gefährlicher wars - weil er zwischen zwei Spiegeln
sass, dem Friseur- und dem grossen Spiegel im Ofenschirm -, auf seine eigne Wolle
den Staub recht aufzutragen; und am schwersten wurd' er vom Putze seiner Kinder
befriedigt. Liane als Zeichnerin musste ihm nun jetzt die rechte Farbe eines
neuen Überbalgs vorschlagen - Sachets oder Riechsäcke liess er füllen und mit
diesen die Schubsäcke - und einen Moschuspflanzen-Topf in sein Fenster stellen,
nicht weil er die Blätter zum Riechen (das erwartete er von seinen Fingern),
sondern weil er sie zum Einölen für diese durch Reiben brauchen wollte -
Patentpomade für Fäuste und englisches gepresstes Zierpapier auch für diese (wenn
sie eine Billetdoux-Feder ansetzen wollten) und andere Nippes erregten weniger
Aufmerksamkeit als der Schnupftabak, den er sich anschafte, aber nicht für die
Nase, sondern für die Lippen, um solche rot zu reiben. - In der Tat, vor mancher
lustigen Haut hätt' er sich ganz lächerrlich gemacht, wenn sie ingeheim ihn aus
seinem Souvenir die Haarzange und mit dieser aus seinen Augenbraunen da, wo der
Sattel des Lebens wie auf einem Pferde das Haar weiss gedrückt hatte, letzteres
hätte ausziehen sehen; und nur der Minister selber konnte ernstaft dabei
aussehen, wenn er vor dem Spiegel die feinern Weisen zu lächeln durchlächelte -
die beste hielt er fest oder wenn er die leichtern Würfe anprobierte, womit man
sich aufs Kanapee bringt - wie oft musst' er sich werfen! - und wenn er überhaupt
an sich arbeitete.
    Zum Glück für die Mutter kam der gute Lektor; aus der Hand dieses alten
Freundes hatte sie so oft, wenn nicht eine Himmelsleiter, doch eine
Grubenleiter, um darauf aus dem Abgrund zu steigen, genommen; hoffend brachte
sie jetzt alle ihre Not vor ihn. Er versprach einige Hülfe unter der Bedingung,
mit Lianen allein auf ihrem Zimmer zu sprechen. Er ging zu ihr und erklärte zart
seine Wissenschaft um ihre Lage.
    Wie errötete das kindliche Mädchen über die scharfen Tagsstrahlen, welche
die duftende Nachtviole ihrer Liebe trafen! Aber ihr Kindheitsfreund sprach
sanft an dieses geschlagne Herz - und von seiner gleichen Liebe gegen sie und
ihren Freund - von dem Temperamente des Vaters - und von der Notwendigkeit
bedachtsamer Massregeln - und sagte, die beste sei es, wenn sie ihm heilig
gelobe, dem elterlichen Wunsche, den Grafen strenge zu meiden, nur so lange
nachzugeben, bis er von dessen Vater, den er als Begleiter des Sohnes längst
über das neue Verhältnis benachrichtigen und fragen müssen, das Ja oder Nein
dazu erhalten; sei es ein Nein - was er aber nicht verbürge -, so müsse Albano
das Rätsel lösen; sei es ein Ja, so steh' er selber für das zweite ihrer Eltern;
zugleich müss' er aber auf ihr festestes Schweigen gegen diese über sein
Anfragen, wodurch sie sich vielleicht kompromittiert finden könnten, Anspruch
machen. Damit wurzelte er nur noch tiefer in ihr Vertrauen ein.
    Sie fragte zitternd, wie lange die Antwort verziehe. »Sechs, acht, eilf Tage
nach der Vermählung höchstens!« sagt' er rechnend. - »Ja, guter Augusti! - Ach,
wir leiden ja alle«, sagte sie und setzte vertraulich und aus weinender Brust
hinzu: »es geht Ihm aber wohl?« - »Er ist fleissig«, versetzt' er.
    So brachte er sie, mit zwei Geheimnissen beladen und für jetzt eine
Interims-Absonderung bejahend, zur Mutter zurück; aber diese zahlte nur dem
Lektor den Lohn eines freundlichen Blickes aus. Er verlangte indes - nach seiner
Kartäuser-Manier - keinen andern als das gütigste Schweigen gegen den Minister
über seine Einmischung, da dieser sein Verdienst dabei etwan für grösser halten
könnte, als es wäre.
    Dem Minister wurde die achttägige Besserung und Entaltung angesagt. Er
glaubte - sich Misstrauen in die Frau vorbehaltend - doch weiter in Feindes Land
einzudringen mit seinen Waffen; auch liess er sich die neue Frist und Lianens
Entkerkerung mit darum gefallen, um seine Tochter bei dem Vermählungsfest
blühend und gesund als eine glänzende Pfauhenne an seine Geliebte und vor sich
her zu treiben.
    Roquairol kam jetzt von dieser zurück; und strahlte ein paar Wolken im Hause
mit schönem, hellem Morgenrote voll. Er überbrachte dem Vater Nachrichten und
Grüsse von der Fürstin. Lianen brachte er das Echo jener geliebten Stimme mit,
die einmal zu ihrem Himmel gesagt hatte: er werde! - ach die letzte Melodie
unter den Misstönen der uneinigen Zeit. Er erriet leicht - denn er erfuhr wenig
von der ihn vernachlässigenden Mutter und nichts von der Tochter -, wie alles
stehe. Als er vollends Albanos Blatt an diese ihr am dämmernden Abend in den
Arbeitsbeutel schieben wollte und sie mit einem Ach der Liebe sagte:
    »Nein, es ist wider mein Wort - aber künftig etwan, Karl!« -: so sah er »mit
brausendem Ingrimm seine Schwester im offnen Charons-Kahn zum Tartarus aller
Leiden schiffen«, wie er sagte. An den Freund dacht' er weniger als an die
Schwester. Der freundliche, schmeichelnde Minister - er schenkte zum Beweis dem
Hauptmann einen Sattel von Wert - berichtete ihm den Besuch Rabettens und gab
Winke über Verlobung und dergleichen; Karl sagte keck: er schiebe all sein Glück
hinaus, solange seine liebe Schwester keines voraussehe. Um den alten Herrn
wieder mehr für Lianen einzunehmen, führt' er ihn für das Vermählungsfest auf
eine romantische Invention, die Froulay nicht ahnete, als er schon ganz dicht an
ihr stand: nämlich Idoine (die Schwester der Braut) war Lianen auffallend
ähnlich. Die Fürstin liebte sie unaussprechlich, sah sie aber nur selten, weil
sie ihres starken, einmal zu einer Tron-Ehe neinsagenden Charakters wegen auf
einem von ihr selber gebaueten und regierten Dorfe wohnte, höflich vom Hofe
verbannt. Er legte nun dem Vater die poetische Frage vor, ob Liane nicht in der
Illuminationsnacht einige Minuten lang im Traum-Tempel, der ganz zu diesem
schönen Truge passe, die Fürstin mit dem Widerschein ihrer geliebten Schwester
erfreuen könne.
    Entweder machte den Minister die Liebe gegen die Fürstin kühner, oder der
Wunsch trunkner, Liane als Hofdame glänzend einzuführen: genug er fand in der
Idee Verstand. Wenn etwas für den Separatfrieden, den er mit dem Sohne gemacht,
den Tabak in die Friedenspfeife hergab: so war es dieses Rollenblatt. Er eilte
sogleich zum Fürsten und zur Prinzessin mit der Bitte um seine Erlaubnis und um
ihre Teilnahme; - darauf, als er beides hatte, zu seinem Orest Bouverot und
sagte: »Il m'est venu une idée très singulière qui peut-être l'est trop;
cependant le prince l'a approuvée etc.« - und endlich zu Lianen, um doch auch
diese nicht zu vergessen.
    Der Hauptmann hatte schon früher sie zu bereden gesucht. Die Mutter war
gegen diese Nachspielerei aus Selbstbewusstsein und Liane aus Demut; eine solche
Repräsentation kam dieser als eine zu grosse Anmassung vor. Aber zuletzt gab sie
nach, bloss weil die schwesterliche Liebe der Fürstin ihr so gross und
unerreichbar geschienen, gleich als pflegte sie nicht eine ähnliche in ihrem
Herzen; so fand sie immer nur das Spiegelbild, nie sich schön, wie der Astronom
denselben Abend mit seinem roten Glanze und Nachtschatten zauberischer und
erhabener findet, wenn er ihn im Monde antrifft, als wenn er auf der Erde mitten
darin steht. Vielleicht lag noch eine ganz dunkle Süssigkeit, nämlich eine
schwiegertöchterliche, in Lianens Liebe für die Fürstenbraut; weil diese einmal
des Ritter Gaspards seine hatte werden sollen. Die Weiber achten Verwandtschaft
mehr als wir, daher auch ihr Ahnenstolz immer einige Ahnen älter wird als
unserer.
    So bereitete sie denn das gepresste Herz zu den leichten Spielen des
glänzenden Festes vor, das die künftigen Zykel gleichsam am Neujahrsfest einer
neuen Jobelperiode geben.
 
                            Siebzehnte Jobelperiode
                       Fürstliche Vermählungs-Territion -
                              Lilars Illumination
                                   77. Zykel
Welche allgemeine Landfreude konnte jetzt von einem Grenzwappen zum andern acht
Tage lang jauchzen! Denn so lange war die Landtrauer suspendiert - die Glocken
läuteten zu etwas Besserem als zum Grabe - es war wieder Musik erlaubt allen
Spieluhren und Spielleuten - alle Teater wären geöffnet worden, wäre eines
dagewesen, oder der Hof verschlossen, der beständig spielte - und man konnte
höhern Orts acht Tage ohne schwarzen Rand gehen und dekretieren - - Nachher nach
dem erfrischenden Zwischenakt, wo man das Orchester, Punsch und Kuchen genoss,
sollte wieder aufgeräumter ans Weinen und Trauerspielen gegangen werden.
    Der Fürst ritt am Morgen der langweiligen Einholungs-Wagenfahrt über die
Grenze voraus mit Bouverot und Albano; alle drei als die einzigen im Lande
unabhängigen, bei dem Feste nicht interessierten Leute. Der arme Luigi! Ich hab'
es schon im ersten Band des Titans sehr deutlich gesagt, dass der fürstliche
Bräutigam, der heute die Decke beschlägt, bloss ein Landes-Vater sein kann,
keiner für das Haus; unter seinem Fürsten-Himmel ist wie auf der ersten
Schachfelder-Gasse alles zu machen und zu regenerieren, Offiziere, selber die
Schachkönigin, aber der Schach nicht. Es wäre zu wünschen - da der Umstand das
Fest ins Lächerliche schattiert -, der Bräutigam könnte manchen ihn auslachenden
alten Familien - die es so oft selber im heraldischen und medizinischen Sinne
zugleich sind - zur Beschämung nur einige Dutzend von den Prinzen um den
Traualtar gestellet zeigen, die er in Kalabrien, Wallis, Asturien, in der
Dauphine ganz Europa war ihm eine - sitzen lassen, kurz in so vielen aktiven
Erbländern, d.h. in den Erbinnen, nicht Erbschaften fremder Prinzen; - könnt' er
das, so würd' er vergnügter in die heutigen Glückwünsche dreinschauen, weil
schon einige Dutzende Erfüllungen darneben ständen und zuhorchten. Aber wie das
Bette des Marquis von Exeter in London, das 3000 Pfund kostet, die Marquisin in
einen Tron verwandeln kann: so muss das die Fürstin auch tun, ohne es wie diese
rückwärts verwandeln zu können.
    Ich will ihn daher auf dem heutigen Tanzplatz der Freude gar nicht als
Bräutigam, sondern immer - so wie man Krone sagt ohne gekröntes Haupt - bloss als
Bräutigamsrock aufstellen und vorführen, um ihn nicht lächerrlich zu machen. -
Albano ritt mit einer Brust voll Zorn, Verachtung und Bedauern neben diesem
Opfertiere der schwarzen Staatskunst her und begriff bloss nicht, wie Luigi nicht
den deutschen Herrn, diese gemietete Axt und diesen Wurzelheber seines
Stammbäumleins, mit einem Fersenstosse weit von sich wegschlage. Guter Jüngling!
ein Fürst macht sich leichter von Menschen los, die er liebt, als von solchen,
die er recht lange hasset; denn seine Furcht ist stärker als seine Liebe.
    Der grossherzige, nie eng-, immer weitbrüstige Jüngling fand heute in seiner
feierlichen, schmerzlichen Stimmung alles Tragische, Edle und Unendle grösser,
als es war. Er zeigte zwar nur ein feuriges Auge und heiteres Angesicht, weil er
zu jung und schamhaft war, persönlichen Schmerz prunkend auszulegen; aber unter
dem Auge, das sich nach der hohen Wetterscheide richtete, an der heute sein
dunkles Gewölke auseinandergehen oder zu ihm herunterkommen sollte, brannte der
Tropfe. Der heutige Abend, in den er so oft hineingesehen als in eine Hölle, und
ebensooft als in einen Himmel, stand jetzt als ein verworrenes Mittelding von
beiden so nahe, und doch hart an ihm! - Ein Gewimmel verwandter Gefühle
begleitete ihn zu der (nach seiner Meinung unglücklichen) Braut seines - Vaters
und dieses Fürsten.
    Eine Viertels-Meile jenseits Hohenfliess fuhr schon ihr - Gibbon voraus,
bekannt bei allen Naturforschern - nicht bei den Politikern - durch die langen
Arme, welche bekanntlich dieser Molucken-Besitzer und Affe trägt. »Wo ist mein
Gibbon?« fragte die Fürstin gewöhnlich (gesetzt, dass sie auch den englischen
Namensvetter, den Geschichtsschreiber mit langen Nägeln und kurzen Sätzen gegen
die Christen, in der Hand hatte), denn sie verlangte ihren Langarm.
    Endlich kam sie dahergesprengt - im Federbusch - im Reitrock - auf dem
schönsten Engländer - eine grosse majestätische Gestalt, die, unbekümmert um ihr,
obwohl mit Verwandten befrachtetes Cour-Gefolge, lieber der blauen Morgensonne
hinter einem aufsteigenden Pferd- und Schwanenhals hatte entgegenschauen wollen.
Sie gab dem Bräutigamsrock anständig Gruss und Kuss, aber weder gerührt noch
verstellt noch verlegen, sondern recht frei und frank und froh, zu weit über die
Lächerlichkeit ihres genealogischen Missverhältnisses erhaben, ja sogar über
jedes notdürftige oder gebotene. In ihrem sonst schön gebauten - mehr als schön
gezeichneten - Gesichte war bloss ihre Nase es nicht, sondern eckig geschnitten
und der regierenden Wochentäglichkeit mehr Knochen als Knorpel entgegensetzend.
Bei den Weibern bedeuten ausgezeichnete, regellose Nasen, z.B. mit tiefem
Wurzel-Einschnitt oder mit konkaven oder konvexen Biegungen oder mit Facetten am
Knopfe u.s.w., weit mehr für das Talent als bei den Männern; und - wenige
ausgenommen, die ich selber gesehen - musste immer die Schönheit etwas dem Genie
aufopfern, obwohl nicht so viel als nachher das fremde ihrer, wie wir Männer
sämtlich wohl leider getan.
    Der Graf wurd' ihr vom Fürsten vorgestellt; aber sie hatt' ihn - ob sie
gleich von ihm gehöret und seinen Vater so lange gesehen hatte - nicht gekannt,
sondern eher dem Bräutigamsrock ähnlich gefunden. Dem Rocke konnte - oder sollte
- diese blühende Ähnlichkeit nicht anders als schmeicheln. Die Ähnlichkeit
erklärt den schönen Anteil ganz, den sie jetzt an beiden nehmen musste, weil zu
einer Ähnlichkeit immer ein Paar Menschen gehören.
    Sie sprach mit dem Sohne ohne alle Verlegenheit über den von ihr und ihrem
Hofe mit einem (Blumen-) Korbe beschenkten Vlies-Ritter und rühmte dessen
Kenntnisse der Kunst. »Die Kunst« (sagte sie) »macht am Ende alle Länder gleich
und angenehm. Sobald sie nur da ist, denkt man an weiter nichts. In Dresden in
der innern Galerie glaubt' ich recht eigentlich, ich wäre im fröhlichen Italien.
Ja, wenn man dahin käme, würde man sogar Italien vergessen über alles, was man
da hat.« - Albano antwortete: »Ich weiss, ich werde mich auch einmal im Most der
Kunst berauschen und durch sie glühen, aber für jetzt ist sie bloss ein schöner,
blühender Weinberg für mich, dessen Kräfte ich gewiss voraus weiss, ohne sie noch
zu fühlen.« - Die Fürstin gewann so sehr seine Achtung, dass er ihr, als der
Fürst einige Schritte ferner am Fenster die heranschwellende Flut des Pestitzer
Gefolges besah, die Frage tat, wie ihrem Kunstsinn bei den deutschen Zeremonien
ihres Standes zumute werde; »sagen Sie mir,« (sagte sie leicht) »welcher Stand
unter uns nicht ebenso viele hat, und wo nicht überall Priester und Advokaten
mitspielen! Sehen Sie einmal die Hochzeiten der Reichsstädter an. Die Deutschen
sind hier nicht besser und schlimmer als jede Nation, alte und neue, wilde und
polierte. Denken Sie an Ludwig XIV. Der Mensch ist einmal so; aber ich acht' ihn
freilich nicht darum.«
    Der Fürst erinnerte nun an die Stunde des Einzugs; und die Fürstin rief zu
ihrem Anzuge für den Einzug mehr Putzjungfern und Putzkästchen zusammen, als
Albano nach ihren Worten oder wir nach ihren Nasenknorpeln - die geistige
Flügelknochen schienen - hätten erwarten sollen. Ihre eiligen Leute folgten ihr
mit mehr Furchtsamkeit als Verehrung des Standes oder Wertes; und einige, die
zuweilen aus dem Putzzimmer vorbeiliefen, hatten niedergeschlagene Gesichter.
    Endlich erschien sie wieder, aber viel schöner. Es muss doch dem männlichsten
Weib mehr reizende Weiblichkeit, als wir denken, zugehören, da dieses durch den
weiblichen Putz gewinnet, wodurch der weiblichste Mann nur verlöre. »Der Stand«
(sagte sie zu Albano, eine grosse Offenherzigkeit in Meinungen zeigend, die
leicht mit einer ebenso grossen Verschwiegenheit in Empfindungen besteht) »drückt
und beschränkt eine grosse Seele oft weniger als das Geschlecht.« - Dass sie sich
eine grosse Seele nannte, musste den Grafen frappieren, weil er jetzt das erste
Beispiel - ein anderer Mann kennt unzählige Beispiele - vor sich sah, dass
ausgezeichnete Weiber sich geradezu und weit mehr selber loben als
ausgezeichnete Männer.
    Man brach auf; an einer Grenz-Brücke, zugleich wie der Buchdrucker-Hyphen
das Trennungs- und Verbindungszeichen beider Fürstentümer, hielt schon das halbe
Hohenfliess zu Wagen und Pferd, weil es nicht weiter herankonnte, bevor eine
umgelehnte Kröpel-Fuhre mit Dorf-Komödianten wieder aufs vierte Rad gehoben war
und der mytologische Hausrat, den sie in Händen hatten, aufgepackt. Als aber
die Fürstin mit Gewalt auf die Brücke fuhr, verkehrten sich plötzlich die
Passagiere und Auflader in Musen, Musengötter, Liebesgötter und einen hübschen
Hymen und setzten, im teatralischen Ornat und Apparat, die umrungene Braut
unter poetisches Wasser, den Krieg der andern Götter gegen den Jungfernräuber
Hymen vortragend. Der Musensohn, der die Sache versifiziert hatte, agierte
selber mit als Musenvater. Ich darf sagen, dass diese eigne Erfindung des
Ministers recht gut aufgenommen wurde sowohl von Haarhaar als Hohenfliess.
    Froulay trat geschmückt und gepudert, als streckte er sich auf dem
Paradebette zwischen Trauergueridons aus, vor sie als Sprecher des Landes hin,
das seinen frohen Teil an ihrer Vermählung mit dem Bräutigamsrocke zu bezeugen
wünschte. Die Fürstin kürzte und schnitt alles Festlügen mit einer feinen
Damens-Schere ab.
    Froulay hatt' unter andern Wagen auch einen mit mehrern überallher
verschriebnen Trompetern und Paukern mitgebracht, auf welchem scherzeshalber
Schoppe mit stand, der darum nicht oft aus grossen Aufzügen der Menschen
wegblieb, wie er sagte, weil die Menschen nie lächerlicher aussähen, als wenn
sie etwas in Massa und Menge täten. Um Salz in die Feier zu bringen, stellt' er
auf seinem Wagen die Hypotese auf, das alles tue man bloss, um die Braut aus der
besten Meinung wieder dahin zu treiben, wo sie hergekommen, teils um ihr die
Vexier- und Bühnenehe zu ersparen, teils um dem Lande den neuen Hofstaat. Ihr
Ohr soll nur - nahm er an, als die auf die umstehenden Hügel aufgefahrnen
Kanonen sich mit seinem trompetenden Donnerwagen vereinigten und drei
Postmeister mit funfzehn Postillonen dazu und dareinstiessen, welche nicht
umsonst mit ihren besten Hörnern und Lungenflügeln aufgesessen waren - ihr Ohr
soll sehr gehänselt und sie daran durch einen solchen Willkomm etwan
zurückgezogen werden, daher man sogar leere Staatswagen mitschickt zum Rasseln,
so wie im Ansbachischen der Landmann die Hirsche bloss durch fürchterliches
Schreien, ohne Gewehr und Hund, von seiner Saat vertrieb.135 Wie Schiffe in
Nebeln durch Laternen und Trommeln, so wollen Staaten sich durch Erleuchtung und
Schiessen auseinanderhalten.
    »Sie fährt doch, wie ich sehe, weiter« - sagt' er unterwegs, wo er zuweilen
selber den Doppellauter der Pauke in die Hände nahm mit Nutzen - »und wir müssen
alle sonach nach; aber vielleicht ist das Ohr schon tot, und ihr ist nur noch am
Auge beizukommen.« Sehr erfreueten ihn in dieser Hoffnung die scheckigen
Uniformen sämtlicher Beamten und die Federlappen der Hoflivreen - »jetzt kommt
noch«, weissagt' er freudig, »gar der goldflitterne Ehrenbogen mit Vasen und
Pfeifern, durch den sie gerade durch muss, und scheucht man denn nicht Spatzen
mit Goldblechen und Selzerkrügen aus Kirschenbäumen?«
    »O,« (dacht' er, als sie durch war), »wenn jener gotische Wüterich sich
durch den entgegenkommenden Bittzug des Papstes von dem plündernden Einmarsch
ins heilige Rom rückwärts lenken lassen: so schlägts gewiss durch, dass ihr in der
Vorstadt die Waisenkinder mit ihrem Waisenvater bittend entgegentreten - dann
die Schulmeister mit ihren Pagerien - dann Gymnasium und Universität - was doch
nur erst Gefechte mit Vorposten sind - - denn das Tor ist mit Infanterie
besetzt, der ganze Markt mit der wehrhaften Bürgerschaft - die Hauptkirche wird
von der Geistlichkeit, das Rataus vom Magistrat bewacht - alle bereit, wenn sie
nicht umkehrt, ihr in gewisser Entfernung als Scharwachen und Observationschöre
nachzuziehen - und halten sich nicht am Schlosstore 7 Brautpaare als 7 Bitten und
Busspsalme auf und tragen ihr auf einem Lasterstein von Atlas ein fatales
Pereat-Karmen136 von mir selber verfasset, ein Dekret vom 19. Juni entgegen, des
Effekts ganz ungewiss?«
    »Recht!« sagt' er, als der ganze Zug zu einer leichtern Übersicht für die in
den Schlossfenstern liegende Herrschaft zum zweiten Male den Schlosshof
durchreisete, - »die verdoppelte Dosis soll durchgreifen.« Schoppens Hoffnungen
nahmen am wenigsten ab, als gar oben - weil Gala war - man sich lange verborgen
und verschwiegen hielt und endlich der Fürst als Sieger, aber müde von
Hofkavaliers herabgebracht wurde in die Kapelle, um öffentlich für den Zurückzug
der feindlichen Macht zu danken; ja als bald darauf auch die Braut nachdrang,
aber von Kammerherren an den Armen zurückgehalten, sogar an der Schleppe von
ihren Hofdamen zurückgezogen: so konnte der Bibliotekar leicht ohne Sorgen
bleiben.
    Albanos bewegte, wallende Seele spiegelte die verworrene Hof-Welt noch
wilder und unförmlicher zurück, als sie war. Er hörte es, wie die fürstlichen
Vettern, sogar der künftige Tron- und Stuhlfolger, dem Vetter Luigi Glück zur
Gesundheit, Vermählung und nächsten Zukunft wünschten, ob sie gleich durch ihren
Freund Bouverot - ein lebendiges Sukzessionspulver - ihm von diesen drei Dingen
hatten so viel nehmen lassen, dass sie ihm eben ihre kaltblütige Verwandtin als
die Kronwache ihrer nahen Tronfolge zugeben konnten. Er hörte dieselben
Hochzeitgesänge von allen Hof-Pestitzern, die, wie ein Muskel, ein besonderes
Bestreben äusserten, sich kurz zu machen. Er sah, wie der Fürst - obwohl mit dem
Gefühle, bald in seiner Fett- oder Wassersucht zu ersaufen - alle Lügen leicht
und kalt und schadenfroh dahinnahm - - O, müssen nicht die Fürsten, dacht' er,
selber lügen, weil sie ewig belogen, selber schmeicheln lernen, weil sie immer
geschmeichelt werden? - Er selber konnte sichs nicht abgewinnen, nur den
kleinsten Scherf eines lügenden Glückwunsches in den allgemeinen Lügen-Fiskus zu
werfen.
    Die Fürstin warf dem Grafen - sooft es ging und fast öfter zwei Blicke oder
Worte zu; denn dieser Blühende erinnerte unter den Tron-Küstenbewohnern, von
denen man leichter ein Echo als eine Antwort hört, allein an seinen kräftigen
Vater. Der Hauptmann brachte einigemal - weil er gleich allen Schwärmern wie die
Schaben und Grillen die Wärme liebte und das Licht floh und weil ihn alle
Menschen von blossem Verstande drückten - den Tadel zu Albano, dass die Fürstin
ihm mit ihrem kalten witzigen Verstande missfalle; aber der Graf konnte - aus
Achtung für die väterliche Geliebte und aus Hass gegen ihre Opferpriester und
Schächter - ein Wesen nur bedauern, das vielleicht jetzt hassen muss, weil seine
grösste Liebe unterging. Wie viele edle Weiber, die es sonst für höher hielten zu
bewundern als bewundert zu werden, wurden kräftig, kenntnisreich, beinahe gross,
aber unglücklich und kokett und kalt, weil sie nur ein Paar Arme fanden, aber
kein Herz dazu, und weil ihre heisse hingegebne Seele kein Ebenbild antraf, womit
eine Frau gerade ein unähnliches meint, nämlich ein höheres Bild! Der Baum mit
den erfrornen Blüten steht dann im Herbste hoch, breit, grün und frisch und
dunkel vom Laube da, aber mit leeren Zweigen ohne Früchte.
    Endlich kam man aus den schwülen Speisesälen in den frischen Lilars-Abend
ins Freie und zur Freiheit. Halb zürnend, halb liebestrunken ging Albano einer
verhangnen Stunde entgegen, in welcher so manches Rätsel und sein teuerstes sich
lösen sollte. Was sieht der Mensch vor sich, wenn er endlich mit dem Faden in
der Hand aus der Irrhöhle heraustritt? Nichts als die offnen Eingänge in andere
Labyrinte, und bloss die Wahl darunter ist sein Wunsch.
 
                                   78. Zykel
Am schönsten Abende, als der Himmel bis auf den Boden aller Sterne durchsichtig
war, liess der Fürst die müde Versammlung nach Lilar fahren, um besser mit seinen
beiden Unsichtbarkeiten, mit der Illumination und mit Lianens Rolle, zu trügen.
Wie schlug dem redlichen Albano das weiche Herz banger und sanfter, als er unter
dem Herabrollen von der Waldbrücke ins wartende Volksgetümmel sich dachte: Sie
ist auch diesen Weg in das Lilar gegangen, das ihr sonst so lieb gewesen. Sein
ganzes Ideenreich wurde ein Abendregen dessen eine Hälfte vor der Sonn glänzend
zittert und dessen andere grau verschwindet. Ach, vor Lianen hatt' es ohne
Sonnenschein geregnet, als sie heute verborgen bloss in den Tempel des Treums
herüberfuhr, um nur ein geliebtes Wesen zu spielen, aber keines zu sein.
    Noch brannte keine Lampe. Albano blickte in jede grüne Vertiefung nach
seinem Engel des Lichts. Sogar der Fürst selber, der die plötzliche
Peterskuppel-Entzündung noch mit seinen Winken zurückhielt, sah dem an Höfen so
seltenen Vergnügen entgegen, zweifach zu überraschen. Die Fürstin hatte dem
Minister die Verlegenheit der Lüge oder Antwort erspart, denn sie hatte gar
nicht nach der künftigen Hofdame Liane gefragt, gleich dieser ganzen starken
Weiberklasse gegen ihr Geschlecht gleichgültig, aber desto fester an einer
Auserwählten hangend. Albano erblickte im treibenden, verdunkelten Getümmel
seine Pflegeeltern und Rabette, aber in diesem Taumel des Bodens und der Seele
konnt' er wie andere seine Augen nur auf den selber verhangnen Vorhang richten,
hinter dem er mehr als alle andere zu finden und zu verlieren hatte. Doch in
Jugendjahren hängt kein schwarzer, nur ein bunter herab, und an allen ihren
Schmerzen sind noch Hoffnungen!
    Das Volk wartete auf den Glanz und auf die Musik. Der Fürst führte endlich
seine Braut dem Tempel des Traumes entgegen; Karl, heute blind gegen, nicht für
seine Rabette, nahm den brennenden Grafen mit. Am äussern Tempel liess sich nichts
erraten, was seinem magischen Namen entsprach; bloss die Fenster gingen vom Dache
dieses Pavillons bis auf den Boden nieder und waren, statt von Rahmen und
Fenstersteinen, in Zweige und Blätter gefasset. Aber als die Fürstin durch eine
Glas-Türe eingetreten war, schien ihr der Pavillon verschwunden; man stand,
schien es, auf einem einsamen, von einigen Baumstämmen bewachten freien Platz,
welchen alle Perspektiven des Gartens durchkreuzten. Wunderbar, wie von
spielenden Träumen, waren Lilars Gegenden untereinandergeworfen und die
entgegengesetzten zusammengerückt - neben dem Berg mit dem Donnerhäuschen stand
der mit dem Altare, und hart neben dem Zauberwald bäumte sich der hohe, schwarze
Tartarus auf - Ferne und Nähe verschlangen sich ineinander - ein frischer
Regenbogen von Gartenfarben und ein entfärbter Nebenregenbogen liefen
nebeneinander fort, wie im Erwachen der Schatten des Traumbilds noch sichtbar
vor der blitzenden Gegenwart entläuft. Indes die Fürstin noch in das
träumerische Blendwerk versank137: so trat wie aus der Luft Liane durch eine
gläserne Seiten-Türe in Idoinens Lieblingsanzug, im weissen Kleide mit
Silberblumen und in ungeschmücktem Haar mit einem Schleier, der nur angesteckt
an der linken Seite lang niederfloss, wankend hervor und lispelte, als die
Fürstin getäuscht »Idoine!« ausrief, zitternd und kaum hörbar: »Je ne suis qu'un
songe.«138 - Sie sollte mehr sagen und eine Blume reichen; aber als die bewegte
Fürstin fortrief: »Soeur cherie!« und sie heftig in die Arme schloss, so vergass
sie alles und weinte nur ihr Herz an einem andern Herzen aus, weil ihr das
fremde, vergebliche Schmachten nach einer Schwester so rührend war. - Albano
stand nahe an der erhebenden Szene; der Verband von allen Wunden wurd' ihm
abgerissen, und ihr Blut floss warm aus allen nieder. O, nie war sie oder
irgendeine Gestalt so äterisch-schön, so himmlisch-blühend und so demütig
gewesen!
    Als sie die Augen aus der Umarmung aufhob, fielen sie auf Albanos bleiches
Gesicht. Es war bleich nicht vor Krankheit, sondern vor Bewegung. Sie fuhr
zuckend zurück, umarmte die Fürstin wieder; der bleiche Mensch hatte ihr
bewegtes Herz in eine Träne nach der andern zerrissen; aber beide grüssten sich
nicht und so fing ihr Abend an.
    Während der Täuschung und Umarmung waren auf einen Wink des Fürsten alle
Zweige und Tore des Gartens in einen glänzenden Brand gesteckt - alle
Wasserwerke des Zauberwaldes flatterten mit goldnen Flügeln aufgeschreckt hoch
empor - im umgekehrten Regen spielte eine weisse, grüne, goldne und finstere
Welt, und die Wasser und die Flammenstrahlen flogen wie Silber- und Goldfasanen
mutwillig gegeneinander an. - Und der Glanz des brennenden Edens umfing den
Tempel des Traums, und der Widerschein legte sich in sein inneres grünes
Laubwerk vergoldend.
    Liane trat an der Hand der ehrenden Fürstin mit niedergeschlagnen,
verschämten Augen in die helle, rege Sonnenstadt heraus, ins Getümmel der Musik
und der frohen Zuschauer. Auf Albano schoss die stürmische Gegenwart wie ein
Strom; die entgegengesetzten verworrenen Rollen vor entgegengesetzten Menschen -
der Freudenglanz des Abends - und die nächtliche Verwirrung in seiner Brust
machten seinen festen Gang durch diesen Abend schwer.
    Die Fürstin zog ihn bald in ihren Wirbeln weiter; Lianen liess sie nicht von
sich. Der Minister färbte und steifte mit alten Galanterien den erotischen
Sklaven auf; aber jedem schien er, da die Fürstin den Kredit nach dem Tode des
Fürsten bestimmt, nur die Sitte der Minister nachzumachen, deren Geist gern vom
Vater und Dauphin - filioque - zugleich ausgeht, um sich nicht zwischen, sondern
auf zwei Fürsten-Stühle zu setzen. Sie schien indes seit seiner Maschinerie mit
Lianen ihn stolzer aufzunehmen. Hinlänglich beglückte ihn das Glück der Tochter,
wie seinen Schwiegersohn Bouverot die Nähe derselben genug, und das
Schelmen-Paar lag tief und ganz in Blumen weidend. Albano erriet weiter nichts,
als dass sogar ein kalter Drache, ein Seelenurangutang die Reize dieses Engels
dunkel spüre.
    Die Ministerin und der Lektor teilten sich leicht wechselnd in die Bewachung
Lianens vor jedem Worte - Albanos. Die Fürstin liess sich durch die funkelnden
Lustgänge, durch den in nassen Blitzen stehenden Zauberwald und zuletzt an das
Donnerhäuschen führen, um den brennenden Garten aus allen Punkten in ihr
malerisches Auge zu nehmen; Liane und Albano begleiteten sie durch alle Gänge
ihres welken, kahlen Arkadiens und hielten ihre zertrümmerten Herzen stumm und
fest zusammen. Sie gab, treu ihrem Wort gegen die Eltern, ihm keinen wärmern
Blick und Anklang wie jedem, aber auch keinen kältern; denn ihre Seele wollte ja
nicht quälen, sondern nur leiden und gehorchen. Er machte glaubt' er - alle
Blicke und Laute sanft; auch rächte sich der edle Mensch durch keinen Schein der
Kälte oder gar einer untreuen Befreundung mit der fürstlichen Kron- und
Herzenswerberin.
    Die Fürstin fing an, ihm unverständlich zu werden. Man kam vom Romantischen
auf Roman, dann auf die Frage, warum er die Ehe nicht male; »weil er« (versetzte
sie) »ohne den Amor nicht sein kann.« - »Und die Ehe?« fragte unhöflich Albano.
- »Nicht ohne einen Freund;« (sagte sie) »aber Amor ist ein Gott, nec deus
intersit nisi dignus vindice nodus inciderit139 - - «, setzte sie dazu, weil sie
Latein der Dichter wegen gelernt hatte.
    Bouverot sagte den Vers gar aus, um den Sinn doppelsinnig zu machen:
                    »- nec quarta loqui persona laboret.«140
Niemand verstand das letztere als der Lektor und die Fürstin.
    »Warum sind an jenem Hause« (fragte sie) »keine Lampen, wer wohnt da?« Sie
meinte Speners Haus. Liane beantwortete nur das letztere und schloss das warme
Bild mit den Worten: »Er lebt für die Unsterblichkeit.« - »Was schreibt er?«
fragte die missverstehende Fürstin; und Liane musste eine christliche Erklärung
geben, worüber die Ungläubige lächelte. Es erhob sich sogar für und gegen den
ewigen Schlaf ein Streit, der nicht viel weniger Zeit wegnahm, als sie
brauchten, um das Donnerhäuschen zu umkreisen. Die Fürstin fing an: »Wir würden
gegen unsern täglichen Schlaf ebensoviel, wenn er nicht da wäre, einzuwenden
wissen wie gegen den ewigen.« - »Noch mehr aber gegen das Erwachen daraus«,
griff Albano ein und kürzte die Religionsunruhen ab.
    Die Fürstin kam auf den ihr durch die lange Trauer über ihren verstorbnen
Schwiegervater auffallenden Spener wieder nachfragend zurück; und Liane, des
mütterlichen Beifalls gewiss, ergoss sich in einen Strom der Rede und Rührung -
ihren Augen war einer verboten -, der ein erhabenes Bild ihres Lehrers
vorübertrug. Wie erschütterte die Erhabenheit dieser so weichen, zarten Seele
ihren Freund! So richten sich im blassen, kleinen Mond und Abendsterne höhere
Gebürge als auf der grössern Erde auf! - »Sie war auch einmal für dich
begeistert, aber nun nicht mehr«, sagte Albano zu sich und blieb hinter allen
zurück, weil seine Seele schon längst voll Schmerzen war und weil ihm jetzt die
Fürstin zu missfallen anfing.
    Er stellte sich allein und sah dem rauschenden, leuchtenden Waffentanze der
Freude zu. Die Kinder liefen beglänzt durch den Lärm und im hellgrünen Laub. Die
Töne schwebten, zu einem Kranze ineinandergeschlungen, hoch in ihrem Äter über
den lauten Menschen fest und sangen ihnen ihre Himmelslieder herab. Nur in mir,
sagt' er sich, wälzen die Töne und die Lichter den Schmerz hin und her, in
niemand weiter, in Ihr gar nicht; sie hat für alle das alte erfreuende
Liebesherz mitgebracht, für mich nicht; sie hat bisher nicht gelitten, sie blüht
genesen. Er bedachte aber nicht, dass ja auch seine Kämpfe keinen Tropfen Wasser
in das dunkle Rot seiner Jugend gegossen; in Lianen konnten Wunden aus solchen
Kämpfen nur wie jene der gerjetzten Aphrodite die weissen Rosen zu roten färben.
    Aber er nahm sich vor, ein Mann zu bleiben vor so vielen Augen und die
Entscheidung und Lianens Einsamkeit abzuwarten. Er wechselte daher mit seinen
Pflege-Verwandten aus Blumenbühl mehrere verständige Worte; - er sagte zu
Rabetten: »Nicht wahr, es gefällt dir?« - er schreckte ohne Willen den um einige
neue Gesichter aus Haarhaar schwebenden Hauptmann mit der nichtsmeinenden Frage
auf: »Warum lässest du meine Schwester so allein?«
    Aber sooft er hinübersah zu Lianen, die heute in ihrem langen Schleier als
die einzige ohne schwere dicke Gala-Hülse, gleichsam als eine junge, atmende,
weiche Gestalt unter steinernen angestrichnen Statuen ging, so
verschämt-beschämend, wie eine Zitternadel glänzend und bebend, so oft wälzten
sich Flammenklumpen in ihm los. Die Leidenschaft wirft uns, wie die Epilepsie
oft ihre Elenden, gerade an gefährliche Stellen des Lebens, an Ufer und Klüfte
hin. Er lehnte den Kopf an einen Baum, ein wenig gebückt; da kam Karl aus seinen
Freuden-Walzern daher und fragte ihn erschrocken, was ihn so erzürne; denn das
Niederbücken hatte auf sein straffes, markiges Gesicht düstere, wilde Schatten
geworfen; »nichts«, sagt' er, und das Gesicht leuchtete mild, da ers emporhob.
Jetzt kam auch die unbedachtsame Rabette und wollte ihn in die Freude ziehen und
sagte: »Dir fehlt was!« - »Du«, versetzt' er und sah sie sehr zornig an.
    »Geh in den finstern Eichenhain an Gaspards Felsen!« (rief sein Herz) »dein
Vater beugte sich nie; sei sein Sohn!« Er schritt durch die Glanz-Welt darauf
hin; aber als er innen in der Finsternis mit dem Kopfe am Felsen lehnte und die
Töne neckend hereinspielten und er sich dachte, wie er eine so edle Seele
geliebt hätte, o wie sehr: so war es, als sag' etwas in ihm: »Jetzt hast du
deinen ersten Schmerz: auf der Welt!«
    Wie bei dem Erdbeben Türen springen und Glocken schlagen: so riss bei dem
Gedanken »erster Schmerz« seine Seele auseinander, und harte Tränen schlugen
nieder. Aber er wunderte sich, dass er sich weinen hörte, und trocknete erzürnt
das Gesicht am kalten Moose ab.
    Schwächer, nicht härter trat er in das zauberische, mit glimmenden
Edelsteinen beworfene Land heraus und unter die trunkener entgegenhüpfenden
Töne, die die Seele wegreissen und aufheben und auf Höhen stellen wollten, damit
sie in weite Frühlinge des Lebens hinunterschauete! Hier auf diesem sonst
seligen Boden sah er die zerrissene, zertretene Perlenschnur seiner künftigen
Tage liegen. »O, wie wir an diesem Abende hätten selig sein können!« dacht' er
und sah ins helle Laubhüttenfest, in das vergoldete, aber lebendige Laubwerk -
in den grünen umherirrenden Widerschein, vom Nachtwinde gewiegt - und in das
Lauffeuer brennender Gebüsche in den fliessenden Wassern - auf den bogigen
Triumphtoren standen Lichter wie herabgezogne Himmelswagen - und hinter ihm die
schwarze Klostermauer des Tartarus, der erhaben in seinen Gipfeln nur einzelne
Lichtchen zeigte - und drüben die stillen, schlafenden Berge in der Nacht und
hier das laute Leben der Menschen, mit den Nachtschmetterlingen um die Lampen
spielend!
    So erschafft sich in uns das Feuer selber den Sturmwind, der es noch höher
jagt. Neben ihm liefen die Töne und sagten ihm jeden Gedanken, den er töten
wollte. Wie der Mensch sich selber sieht, so hört er sich selber oft vor dem
Tone.
    Jetzt ging Liane in einiger Ferne von der Menge mit Augusti »Ich will mit
ihr reden, so ists aus«, sagt' er zu sich. Als er neben ihr kämpfend und ringend
ging: merkt' er wohl, dass sie wieder unter fremde Zuhörer zurückwollte. »Liane,
was hab' ich dir denn getan?« sagte er mit dem Seelentone eines zärtlichen
Herzens, bitter des Lektors Gegenwart und Kräfte verachtend. »Verlangen Sie nur
heute keine Antwort, lieber Graf«, sagte sie zurückkehrend und nahm eilig
Augustis Arm; aber er merkte nicht, dass sie es tat, um nicht zu sinken. Hier
warf er auf diesen einen Flammenblick, hoffend, beleidigt und dann gerächt zu
werden verliess sie hastig und stumm - den süssesten Liebes-Wein hatte ein heisser
Strahl zu Essig geschärft - und er verlief sich, ohn' es zu wissen, in den
Traum-Tempel.
    Er ging darin auf und ab, murmelte: »Je ne suis qu'un songe«; wurde aber
bald vom Hasse der mitlaufenden Spiegel-Ichs hinausgetrieben in den Tartarus und
von dem nachfliegenden ewigen Frühling der Töne, der ihm jetzt neben dem
umgeackerten Blumenbeete des Lebens so unerträglich war.
    Im Tartarus fand er alle Anstalten des Schreckens sehr kleinlich und
lächerrlich. Da kamen ihm unweit des Katakombenganges Roquairol und Rabette
entgegen. Roquairols flammendes Gesicht erlosch, und Rabetten ihres kehrte sich
rückwärts, da Albano heftig gegen sie hinschritt und, durch die Erinnerung
gleichzeitiger Himmel mehr erbittert und durch das Anwehen in seine glühenden
Ruinen aufflammend, den Hauptmann anpackte: »Bist du ein Freund? - Bist du kein
Teufel? - - Du hast mich auf diesen Abend verwiesen; nie, nie red ein Wort mehr
von ihm!« - Beide zitterten bestürzt und entfärbt; Albano schrieb das Erbleichen
und Abwenden, ohne weiter nachzudenken, ihrem Anteile an seiner Marter zu.
Welche verwirrende, feindselige Nacht!
    Er schweifte immer weiter, ihn peinigte das nachleckende Freudenfeuer der
Töne unsäglich - lügende entgegenflatternde Tropikvögel der schönern wärmern
Zone waren sie ihm - »Ich will ja bloss in mein Bette, sobald es nur still wird
drinnen!« - Er war eine halbe Meile weit, als das Lilarsche Tönen ihm noch immer
nachzog; er drückte grimmig die Ohren zu, aber Lilar spielte darin noch fort -
da merkte er, dass er nur sich höre. Aber immer war ihm, als müsste sich das
lustige Geklingle wie im Don Juan auflösen in das Zetergetöne von Geistern.
    Fürchterlich spitz lief ihm die Allee der künftigen Tage zu, da er nun aus
ihnen den Mond seines Himmels, der schon über sein kindisches Herz und über die
Blumenbühler Pfade geleuchtet, herausriss. Der blühende, hüpfende Genius seiner
Vergangenheit schlich ungesehen, den Freudenkranz bloss in der Hand, hinter ihm
weg, indes er mit dem vor ihm gehenden schwarzen Engel der Zukunft kämpfte, der
ihn nachschleppte durch brausende Waldungen - durch schläfrige Dörfer - durch
nasse, triefende Täler. - Endlich sah Albano gen Himmel unter die ewigen,
unzähligen Sterne, zu dem hängenden Blüten-Garten Gottes: »Ich schäme mich vor
euch nicht,« sagt' er, »weil ich auf dieser Kugel weine und gepresset bin vor
eurer Unermesslichkeit - droben steht ihr alle weit auseinander - und auf allen
grossen Welten hat jeder arme Geist doch nur eine kleine Stelle unter seinen
Füssen, wo er glücklich oder elend wird. - Ist nur diese Nacht vorbei und ich ins
Bette: morgen bin ich gewiss ein Mann und fest!«
    Plötzlich hört' er mehrmals einen fast erbitterten Klageschrei. Endlich
erblickt' er neben einem Flusse ausgestreckte weisse Ärmel oder Arme; er ging an
die weibliche Gestalt. »Ich bin leider Gottes blind«, sagte sie; »ich war auch
mit bei der Illumination und bin irre gelaufen - ich kenne sonst Weg und Steg,
drüben liegt unser Dorf, ich höre den Hirtenhund - aber ich kann den Steg übers
Wasser nicht finden.« Es war die erwachsene Blinde von der Sennenhütte. »Gehts
noch lustig da zu?« fragt' er unter dem Führen. »Alles aus«, sagte sie. Am
Rosanastege liess sie sich aus Eitelkeit nicht weiter zurechtweisen.
    Er kehrte durch die schönen, schon vom Morgen tauenden Gebüsche auf eine
Höhe vor Lilar - alles war still drunten - wenige zerstreuete Lampen flackerten
im Flötental, und noch am Tartarus das Paar wie Todes-Tigeraugen - er ging in
das leere Land hinunter über das stumme, platte Grab hinweg - seinen finstern,
sinkend-steigenden Höhlengang hinauf - und in sein Bette hinein. »Morgen!« sagt'
er kräftig und meinte seine Standhaftigkeit.
 
                            Achtzehnte Jobelperiode
                   Gaspards Brief - die Blumenbühler Kirche -
                        die Sonnen- und Seelenfinsternis
                                   79. Zykel
Wenn in der vorigen Nacht ein feindseliger fremder Geist die Menschen hinter
Augenbinden hart widereinander und auseinander jagte: so wird er am Morgen
darauf, wenn er auf einer kalten Wolke sein Schlachtfeld mit funkelnden Augen
überblickte, fast gelächelt haben über alle die Freuden und Ernten, die rings um
ihn darniederliegen.
    In Blumenbühl drückt Rabette in einsamen Ecken gewaltsam ihre Hände mit
zitternden Armen ineinander und haucht die Kalkwand an, um die Tränen-Röte
wegzuwaschen - Aus Lilar kommt düster Albano, blickt die Erde statt der Menschen
an und auf der Sternwarte begierig den Himmel und sucht keinen Freund -
Roquairol treibt Pferde und Reiter zusammen und macht sich ausser Lands einen
lustigen, trunknen Abend - Augusti schüttelt den Kopf über Briefe aus Spanien
und sinnt vedriesslich, aber tief nach - Liane lehnt in einem Schlafsessel,
zerknickt mit dem gegen die Schulter fallenden Angesicht, worauf nichts
mehrblüht als die Unschuld - der Vater schreitet rotbraun auf und ab, sie
antwortet nur schwach, indem sie die gefalteten Hände von Zeit zu Zeit ein wenig
hebt - - Vor dem Nachtgeist auf der Wolke geht die Menschen-Zeit schnell als ein
dahinfliegendes Flügelpaar ohne Schnabel und Schweif; der Geist hat die ferne
Woche neben sich, wo Albano nachts auf der Sternwarte sieht, dass in der
Blumenbühler Kirche ein Altarlicht brennt, dass Liane darin mit aufgehobnen
Händen kniet und dass ein alter Mann die seinigen auf ihre heitere, glänzende
Stirn auflegt, die sich mit tränenlosen Augen gen Himmel richtet.
    Der Geist sieht tiefer in die Monate hinab, vor Lust kreiset er sich um sich
und grinset über alle umliegenden Wohn- und Lustörter der Menschen; oft lacht er
um alle seine offnen Höllenzähne herum, nur zuweilen knirscht er sie bedeckt
unter dem Lippenfleisch...
    Seht weg - denn auch das sieht und will es - und tretet herab von dem
winterlichen Gespenst unter die warmen Menschen und auf die feste Wirklichkeit,
wo die fliegende Zeit wie die fliegende Erde auf ruhenden Wurzeln zu liegen und
wo nur die Ewigkeit wie die Sonne zu kommen scheint.
    Albanos Wunde, die seinen ganzen innern Menschen durchschnitt, könnt ihr am
besten am Verbande messen, den er um sie zu bringen suchte. Aus dem Troste und
Selbst-Truge wird unser Schmerz erraten. Am Morgen liess er die Schmerzen
durcheinanderreden und lag still vor ihrem Leichengeschrei als die Leiche; dann
stand er auf und sagte so zu sich: »Nur eines von beiden ist möglich: entweder
sie ist mir noch getreu, und nur die Eltern zwingen sie jetzt - dann muss man
diese wieder bezwingen, und da ist gar nichts zu jammern -; oder sie ist mir aus
irgendeiner Schwäche etwan gegen die wütigen und geliebten Eltern nicht mehr
treu, oder aus Kälte gegen mich, oder aus Religiosität, Irrtum und so weiter -
dann seh' ich« (fuhr er fort und suchte die beiden Füsse tiefer und fester in den
Boden einzutreten, ohne doch einen Widerhalt zu haben) »weiter nichts zu tun als
nichts, nicht ein plärrender Säugling, ein ächzender Siechling, sondern ein
eiserner Mann zu sein - nicht blutig zu weinen über ein vergangnes Herz, über
die tiefe Todesasche auf allen Feldern und Pflanzungen meiner Jugend und über
meinen ungeheuern Schmerz.« So betört' er sich und hielt das Bedürfnis des
Trostes für die Gegenwart desselben.
    Jeden Abend besuchte er die Sternwarte ausser der Stadt auf der Blumenbühler
Höhe. Er fand den alten, einsamen, magern, ewig rechnenden, weib- und
kinderlosen Sternwärtel immer freundlich und unbefangen wie ein Kind, nichts
fragend nach Kriegszeitungen, Modejournalen und Poesien; und nirgends für sein
Vergnügen Geld ausgebend ausser auf der Post an Bode und Zach. Aber funkelnd
blickte das alte Auge unter den sparsamen Augenbraunen in den Himmel, und
poetisch erhob sich ihm Herz und Zunge, wenn er von der höchsten irdischen
Stelle, dem lichten Himmel über der schwarzen, tiefen Erde, sprach - von dem
unübersehlichen Welt-Meer ohne Ufer, worein der Geist, der vergeblich
überfliegen will, ermüdet sinke und dessen Ebbe und Flut nur der Unendliche sehe
unten an seinem Trone - und von der Hoffnung auf den Sternenhimmel nach dem
Tode, den dann keine Erdscheibe wie jetzt durchschneide, sondern der sich um
sich selber ohne Anfang und Ende wölbe.
    Wenn Sokrates den stolzen Alcibiades durch die Erdkarte verkleinerte: so
muss, wenn die Himmelskarte diese selber vernichtet, unser Stolz und Schmerz auf
ihr noch mehr erröten. Albano schämte sich, an sich zu denken, wenn er aufsah in
die ungeheuere aufsteigende Nacht über ihm, worin Tage und Morgenröten stehen
und ziehen. - Er erhob sich und seinen Lehrer, wenn er davon sprach, wie jetzt
droben in der Unermesslichkeit Frühlinge und Paradiese junger Welten und
donnernde Sonnen und zusammenbrennende Erden durcheinanderfliegen, und wir
stehen hier unten als Taube unter dem erhabnen Orkan, und der brausende
Gewitterguss zeigt sich uns in dieser Ferne nur als ein stiller, stehender weisser
Regenbogen auf der Nacht.
    Sooft Albanos grosses Auge vom Himmel kam, fand es die Erde heller und
leichter. Endlich aber kam die Nacht, die der feindselige Geist schon so lange
erlebt. Es war schon sehr spät und der Himmel ganz heiter, die Nebelflecken
drangen sich als höhere Marktflecken näher heran, der Himmel schien mehr weiss
als blau, Albano dachte an die verborgne Geliebte, die neben ihm den Himmel und
ihn noch mehr heiligen würde durch ihr Herz voll unaufhörlicher Gebete: als er
plötzlich durch das niedersinkende Sternrohr in der Blumenbühler Kirche Licht
erblickte - die Fürstengruft offen - Lianen am Altare kniend mit aufgehobnen
Händen - und einen alten Mann neben ihr, sie gleichsam einsegnend - -
Fürchterlich standen die Kerzenflammen und Lianens Gesicht und Arme nach der
Tiefe umgestürzt, weil das Sternrohr alles umgekehrt erscheinen liess.
    Albano bat schaudernd den Astronomen, dahin zu schauen. Auch dieser sah die
Erscheinungen, ihm aber namenlose. »Es sind wohl Leute in der Kirche«, sagt' er
gleichgültig. Aber Albano stürzte hinab - kaum konnt' ihm der verwunderte
Astronom die Einladung auf die morgendliche totale Sonnenfinsternis nachrufen -
und rannte auf Blumenbühl zu. Wie sich sein Herz unter dem Rennen und am meisten
in Vertiefungen, worin er die erleuchtete Kirche verlor, abarbeitete, das bleibt
verhüllt, weil es sich ihm selber verhüllte unter seinem Sturm. Endlich sah er
die weisse Kirche vor sich, aber die Kirchenfenster waren ohne alles Licht. Er
klopfte hart an die eiserne Kirch-Türe und rief: »Aufgemacht!« Er hörte nur den
Nachhall in der leeren Kirche und nichts weiter.
    So ging er mit der stürmenden Vergangenheit in seiner Brust durch die
schlafende Nacht zurück - die Erde war ihm eine Geisterinsel, die Geisterinseln
waren ihm Erden - sein Wesen, seine Stadt Gottes brannte ab, fühlt' er.
    Sie lag am Morgen noch in völliger Glut, als der Lektor zu ihm kam und ihm
die unbegreifliche Bitte von Lianen brachte, dass sie ihn gegen die Mittagszeit
allein in Lilar zu sprechen wünsche. Er wurde diesesmal nicht gegen den
verdächtigen Boten erzürnt und sagte voll Verwunderung Ja. Mit welchen kühnen,
abenteuerlichen Formen steigt unser Lebens-Gewölke den Himmel hinan, eh' es
verschwindet!
 
                                   80. Zykel
Lasset uns zu Lianen gehen, wo die Rätsel wohnen! - Am Morgen nach der
erleuchteten Nacht fühlte sie erst die grausame Anspannung nach, womit sie ihren
Eltern das Versprechen des Schweigens gehalten; mit aufgelöseten Kräften sank
sie darnieder, aber auch mit feuriger erneueter Treue. »Womit« (sagte sie sich
immerfort) »hatt' es denn dieser edle Mensch verdient, dass ich ihm seinen ganzen
Abend voll Schmerzen machte? - Wie oft sah er mich bittend und richtend an! - O,
hätt' ich dein schönes Haupt halten dürfen, da du es schwer an die rauhe
Fichten-Rinde lehntest!« - Was sie in der schweren Mitternacht am wehmütigsten
gemacht, war sein stummes Verschwinden gewesen; wie oft hatte sie nach seinem
aussen mit Lampen erleuchteten Donnerhäuschen hinaufgesehen, wo innen nur
Finsternis am Fenster lag! Jetzt fühlte sie, wie nah' er ihrer Seele wohne; und
sie weinte den ganzen Morgen über die Nacht, und der Strahl der Liebe stach sie
immer heisser, so wie Brennspiegel die Sonne stärker vor uns legen, wenn sie
gerade nach Regen niederblickt. Die Mutter wurd' ihr heute für das opfernde
wortaltende Gestern durch zurückkommende, vertrauende Liebe dankbar - obwohl
der Vater mit nichts, da man bei ihm so wenig wie bei den ältern Luteranern
durch gute Werke selig wurde, sondern nur durch den Mangel derselben verdammt -;
aber eben jetzt, wo die Eltern aus der Nacht die neuesten Hoffnungen der
Entsagung geschöpfet hatten, konnte die Tochter keiner einzigen schmeicheln.
    Wie oft dachte sie an Gaspards Brief! - Ist er ein abgedrückter Pfeil, der
mit der Wunde an der Gift-Spitze auf dem langsamen Weg von Spanien nach
Deutschland ist, oder das freundliche Licht eines nie gesehenen Fixsternes, das
erst auf der weiten Bahn zu uns heruntergeht?
    Augusti hatte aber den Brief schon vor der Illuminationsnacht erhalten,
allein nur Ursachen gefunden, ihn nicht zu übergeben. Hier ist er:
    »Ich muss Ihre Ängstlichkeit sehr schätzen, ohne sie anzunehmen. Albanos
Liebe für das F. v. Fr., an dem ich schon sonst sozusagen eine gewisse
Virtuosität in der Tugend recht gern bemerkte, stellet uns und ihn gegen den
Einfluss der Geister-Maschinerie und gegen anderweitige Verbindungen sicher, die
für seine Studien und sein warmes Blut wohl bedenklicher wären. Nur muss man
dergleichen Jugend-Spiele ihrem eignen Gange überlassen. Hält er an ihr zu fest:
so mag er zusehen, wie sich die Sache entwickelt. Warum sollen wir ihm diese
Freude noch verkürzen, da Sie mir ohnehin leider die Kränklichkeit des schönen
Wesens klagen? Im Späterbste seh' ich ihn. Seine kräftige, brave Natur wird
wohl zu entraten wissen. Versichern Sie das Froulaysche Haus meiner besten
Gesinnungen.
                                                                       G. d. C.«
Der Lektor hätte gern dieses Papier in die Papiermühle geworfen, da so wenig
daran »ostensible« war. Zwar Gaspards mörderisch geschliffne Ironie über Lianens
Kränklichkeit blieb, wenn er ihr das Schreiben zeigte, für diese arglose
Friedensfürstin in der Scheide; - auch der Nordwind des Egoismus, der das Blatt
durchstrich, wurde von der Liebenden, da er doch für Albanos frohe Lebensfahrt
ein günstiger Seitenwind war, nicht gefühlt oder geachtet; - aber eben darum;
denn sie konnte Gaspards verdecktes Nein für ein Ja ansehen und sich gerade in
das Seil tödlich verwirren, woran der Freund sie aus ihrem steilen Abgrund
ziehen wollen.
    Indes der Brief musste übergeben werden - aber er tats mit langen, scheuen
Weigerungen, die ihr gleichsam den Schleier von dem bedeckten Nein wegziehen
sollten. Sie las ihn furchtsam, lächelte weinend bei der mörderischen Ironie und
sagte sanft: ja wohl! - Der Lektor hatte schon eine halbe Hoffnung im Auge.
»Wenn der Ritter« (sagte sie) »so denkt, darf ichs denn weniger? Nein, guter
Albano, nun bleib' ich dir treu! Mein Leben ist so kurz, darum sei es ihm so
lange erfreulich und gewidmet, als ich vermag.«
    Sie dankte dem Lektor so warm und froh für den Pfeil aus Spanien, dass dieser
unfähig war, hart genug zu sein, um dessen schwarz vergiftetes Ende in das
schöne Herz zu stossen. Sie bat ihn, zu seiner Schonung nicht bei ihrer festen
Erklärung gegen ihren Vater zu sein, lieber höchstens zu ihrer und der
mütterlichen die ihrige gegen die Mutter zu übernehmen. Er willigte bloss in -
beides, statt in eines.
    Die sanfte Gestalt trat ruhig vor ihren Vater hin und brachte, vor keinem
Blitz und Donner zusammenfahrend, ihre Erklärung zu Ende, dass sie ihre
gemissbilligte Liebe hart bereue, dass sie alle Strafen tragen und alles opfern,
alles hier und bei der Fürstin tun und lassen wolle, wie »cher père« fodern
würde, dass sie aber länger nicht den schuldlosen Grafen v. Zesara beleidigen
dürfe durch den Schein des pflichtwidrigsten Abfalls. Auf diese Anrede konnte
der Minister - der sich durch das bisherige folgsame Entalten sehr von labenden
Erwartungen hatte heben lassen -, unten auf dem Boden ausgestreckt, von seinem
tarpejischen Felsen dahin geworfen, keinen weitern Laut von sich geben als
diesen; »Imbécile! du heiratest den Herrn v. Bouverot - er malt dich morgen - du
sitzest ihm.« Er zog sie mit harter Hand und drei entsetzlich langen Schritten
zur Ministerin: »Sie bleibt« (sagt' er) »in ihrem Zimmer bewacht, niemand darf
zu ihr ausser mein Schwiegersohn - er will die Imbécile malen en miniature. -
Geh, Imbécile!« sagte er ausser sich. Ihr gänzlicher Mangel an weiblicher
Verschlagenheit hatte wirklich für den Staatsmann eine Decke über ihr tiefes,
scharfes Auge gezogen; ein gerader Mensch und Verstand gleicht einer geraden
Allee, die nur halb so gross erscheint als eine auf krummen Wegen laufende.
    Der Lektor, der nie für einen besondern Liebhaber ehelicher Lusttreffen
wollte angesehen sein, hatte sich schon fortgemacht. Der dreissigjährige Krieg
der Gatten - nur wenige Jahre fehlten daran - gewann Leben und Zufuhr. Der alte
Ehemann verbreitete über sein Gesicht jenes zuckende Lächeln, das bei einigen
Menschen der Zuckung des Korkholzes ähnlicht, welche das Anbeissen des Fisches
ansagt. Er fragte, ob er nun wohl unrecht gehabt, weder der Tochter noch der
Mutter - die er beide eines parteigängerischen Einverständnisses gegen ihn
beschuldigte zu trauen; und versicherte nun, nach solchen Proben wären ihm weder
strengere Massregeln zu verargen noch ein gerades Losgehen auf sein Ziel, und mit
dem Sitzen, um das ihn der deutsche Herr schon zweimal gebeten, höb' er an. Die
Ministerin schwieg zu Lianens Strafe über ein so übergrosses Geschenk an
Bouverot, wie ein Miniaturbild ist.
    Die zarte Tochter, gedrängt und zerquetscht zwischen steinernen,
zuschreitenden Statuen, stellte der Mutter vor, sie sei unmöglich imstande, ein
so langes männliches Anblicken auszuhalten, und am wenigsten von Herrn v.
Bouverot, dessen Blicke oft wie Stiche in ihre Seele führen. Hierauf antwortete
und retorquierte in der Mutter Namen der Vater dadurch, dass er einen Sessel an
den Sekretär hinzog und auf der Stelle den deutschen Herrn auf morgen einlud zum
Malen. Dann wurde Liane mit einem Worte fortgeschickt, das sogar aus dieser
weichen Blume den Blitz eines kurzen Hasses zog.
    Das Reichsfriedensprotokoll lag jetzt vor beiden Gatten aufgeschlagen; und
es fehlte bloss an jemand, der diktierte, als die Ministerin aufstand und sagte:
»Sie sollen mich mehr achten lernen.«
    Sie liess anspannen und fuhr zum Hofprediger Spener. Sie kannte Lianens
Achtung für ihn und seine Allmacht über ihr frommes Gemüt. Sogar ihr selber
imponiert' er noch. Aus jener frühern teologischen Zeit, wo noch der
luterische Beichtvater näher an dem katolischen regierte, hatt' er durch die
Kraft und Grossmut seines Charakters einen Hirtenstab, der vom Bischofsstabe sich
bloss im bessern Holze unterschied, herübergebracht. Sie musst' ihm Lianens
Verhältnisse zweimal erzählen; der feurige, erzürnte Greis konnte eine Liebe gar
nicht fassen und glauben, die sich sogar vor seinen alten Augen sollte
fortgesponnen haben ohne sein Wissen. »Ihro Exzellenz« (antwortete er endlich)
»haben freilich gefehlet, dass Sie mir diese importante Begebenheit erst heute
mitteilen. Wie leicht würd' ich alles durch Gottes Hülfe zu einem gesegneten
Ausgang geleitet haben! Es ist aber nichts verloren. Senden Ihro Exzellenz das
Fräulein noch diese Nacht zu mir, aber allein, ohne Sie; das muss geschehen; dann
steh' ich für das übrige!«
    Einwendungen und Bedenklichkeiten würden bloss den Ehrgeiz und Zorn des
Greises - welche beide unter dem Eis seiner Haare fortarbeiteten - entzündet
haben; sie sagte ihm also vertrauend alles zu mit jenem Gehorsam, den sie auch
auf Lianen vererbet hatte.
    Recht hoffend nahm Liane den Befehl der Nachtreise zum guten frommen Vater
auf. Sie fuhr bloss mit ihrem ergebenen Mädchen ab. Mit tiefbewegter Seele
erschien sie vor ihrem Beichtvater. Sie eröffnete sich ihm wie einem Gott; er
entschied ebenso. Welch ein Anblick für ein anderes, weniger stolzes Auge als
das Spenersche wäre diese demütige, aber gefasste Heilige gewesen, deren Herz
immer wie der Sonnenstrahl am schönsten in der Zerspaltung erschien!
    Aber hier geht die Geschichte in Schleiern! Der Greis befahl ihrem Mädchen
zurückzubleiben und nahm sie allein in das stumme Blumenbühl hinüber. Er schloss
ihr die Kirche auf, zündete noch eine Kerze auf dem Altare an, damit das wüste
Dunkel ihrem scheuen Auge nichts vorspiele, und vollendete, was die Eltern nicht
konnten.
    Wie er es erzwang, dass sie auf ewig ihrem Albano entsagte, wird von der
grossen Sphinx des Eides, den sie ihm schwur, bewacht und bedeckt. - Nur der
ferne Mensch, der die schöne Seele verlor, hatte auf der Sternwarte von den
Sonnen auf die hellen Kirchenfenster geblickt und hinter ihnen zerrüttende
Erscheinungen gefunden, ohne zu wissen, dass sie wahr wären und sein Leben
entschieden.
    Sie ging kalt über die Auen und Berge der alten Tage, die geleuchtet hatten,
wieder in die Wohnung des Greises zurück, der sie mit grösserer Ehrerbietung
entliess, als er sie aufgenommen. Auf dem Nachtweg war sie stumm und in sich
gesenkt gegen ihr Mädchen. Die Eltern erwarteten sie noch, die Mutter blickte
bang' in die Nacht und in die Zukunft. Endlich rollte der lebendige Wagen in den
Hof. Gross und mächtig, wie eine unschuldig Hingerichtete wieder vor dem
Zergliederer auflebt und, ihn für den höhern Richter achtend, entfesselt und
freudig spricht, so trat sie vor die Eltern; wie der kalte Marmor einer
Göttergestalt stand sie bleich, tränenlos, kalt und ruhig da. Sie wusste und
wollt' es nicht, aber sie ging hoch über das Leben, sogar über die kindliche
Liebe - sie konnte die Mutter nicht so inbrünstig küssen wie sonst - sie stellte
sich unerschrocken vor den polternden Vater und sagte dann ohne Träne, ohne
Bewegung, ohne Röte und mit sanfter Stimme: »Ich habe heute vor Gott meiner
Liebe entsagt. Der fromme Vater hat mich überzeugt.« - »Und hatte der Mann
bessere Gründe dazu in petto als ich?« sagte Froulay. - »Ja,« (sagte sie) »aber
ich habe im Tempel geschworen, zu schweigen, bis alles die Zeit entdeckt. - Nun
bitt' ich Sie nur bei dem Allgerechten, mir es zu erlauben, dass ich Ihm seine
Briefe persönlich wiedergebe und ihm es sage, dass ich aufhöre, die Seinige zu
sein, aber nicht aus Wankelmut, sondern aus Pflicht; - das bitt' ich, liebe
Eltern. - Dann walte Gott weiter, und ich werde Ihnen in nichts mehr ungehorsam
sein.«
    Der elende Vater, durch diesen Sieg aufgeblähter, wollte ihr noch die letzte
Bitte des sterbenden Herzens sauer machen und liess sogar Argwohn über die
Absicht der Zusammenkunft blicken; aber die Mutter, in ihrer schönen Seele von
der schönsten ergriffen, trat eitrig und verachtend dazwischen und bejahte es
eigenmächtig. Auch schien Liane das Vater-Nein wenig zu bemerken. Als er fort
war, riss die Mutter die stille Gestalt seligweinend an sich; aber Liane weinte
doch nicht so leicht an ihr wie sonst aus Liebe, es sei, dass ihr Herz zu erhaben
stand, oder dass es ebenso langsam in die alte Lage wiederkam, als es aus ihr
wich. »Habe Dank, Tochter,« (sagte die Mutter) »ich werde dir nun das Leben
froher machen.« - »Es war froh genug. Ich sollte sterben; darum musst' ich
lieben«, sagte sie. - So ging sie lächelnd in die Arme des Schlafes mit
hartklopfendem Herzen. Aber im Traume kam es ihr vor, sie sinke ohnmächtig
dahin, verliere die Mutter und ringe sich aus dem fliegenden Tode bange wieder
auf und weine dann froh, dass sie wieder lebe. Darüber erwachte sie, und die
frohen, durch den Traum sanft abgelöseten Tropfen flossen aus den offnen Augen
fort und erweichten wie Tauwind das starre Leben.
    Ihr grossen oder seligen Geister über uns! Wenn der Mensch hier unter den
armen Wolken des Lebens sein Glück wegwirft, weil er es kleiner achtet als sein
Herz: dann ist er so selig und so gross wie ihr. Und wir sind alle einer
heiligern Erde wert, weil uns der Anblick des Opfers erhebt und nicht
niederdrückt und weil wir glühende Tränen vergiessen, nicht aus Mitleiden,
sondern aus der innersten, heiligsten Liebe und Freude.
 
                                   81. Zykel
Warm und glänzend trat die Sonne, die heute wie die Unglückliche verfinstert
werden sollte, ihren Morgen an. Liane erwachte zum Begräbnis-Tage ihrer Liebe
nicht mit der gestrigen Stärke, sondern weich und matt, aber heiterer durch die
Aussicht in die Wiederkehr der friedlichen Zeit. Die Mutter, obwohl selber
kränklich, drückte sie schon frühe an ihr Herz, um den Puls des teuersten zu
prüfen. - Liane blickt' ihr liebreich und sehnsüchtig recht lange mit nassem
Auge ins nasse und schwieg. »Was willst du?« fragte die Mutter. - »Mutter, liebe
mich jetzt mehr, da ich allein bin«, sagte sie. Dann band sie vor der Mutter
alle Briefe Albanos zusammen, ohne sie zu lesen, den ausgenommen, worin er ihren
Bruder um seine Liebe bittet. Sie scherzte gegen die Mutter, wie das Schicksal
es mit uns wie arme Eltern mit ihren Kindern machte, die ihnen anfangs helle,
bunte Gewänder angäben, weil diese leichter in dunkle umzufärben wären.
    Die Mutter suchte allmählich ihre Geisterphantasien, gleichsam das
Todes-Moos, das an ihrem jungen, grünen Leben sauge, von ihr abzunehmen: »Du
siehst,« (sagte sie) »wie dein Engel irren kann, da er deine Liebe billigte, die
du nun missbilligst.« Aber sie hatte eine Antwort: »Nein, der fromme Vater sagte,
sie sei recht gewesen, bis da er mir das Geheimnis sagte, und die Bibel sage,
man müsse alles verlassen der Liebe wegen.« So steigt denn dieses arme Geschöpf,
wie man vom Paradiesvogel sagt, so lange im Himmel gerade empor, bis es tot
herunterfällt.
    Sie zeigte der Mutter fast eine fieberhafte Heiterkeit, einen Sonnenschein
am letzten Tage des Jahres. Sie sagte, wie es sie erquicke, dass sie nun mit
ihrer lieben Mutter von ihren vorigen schönen Tagen frei reden dürfe - sie malte
ihr Albanos glühendes, grosses Herz, und wie er die Opfer verdiene und die
»Perlenstunden«, die sie zusammen gelebt. »Im Grunde ist« (sagte sie heiter,
aber so, dass dem Zuhörer Tränen ankamen) »ja nichts davon vorbei, Erinnerungen
dauern länger als Gegenwart, wie ich Blüten viele Jahre konservieret habe, aber
keine Früchte.« Ja, es gibt zarte weibliche Seelen, die sich nur in den Blüten
des Weingartens der Freude berauschen, wie andere erst in den Beeren des
Weinbergs. Des Lektors Billet kam an mit der Nachricht, dass Albano sie in Lilar
erwarte.
    Jetzt, da die Stunde der Zusammenkunft so dicht anrückte, wurd' ihr immer
banger. »Wenn ich ihn nur überreden kann,« (sagte sie) »dass ich als ein
rechtschaffenes Mädchen gehandelt habe.« Ehe sie ihr Morgenzimmer gegen den
Trauerwagen vertauschte, legte sie darin alles zum Zeichnen zurecht, wenn sie
wiederkäme; sie habe, sagte sie, einen sehr bösen Traum gehabt, aber sie hoffe,
er treffe nicht ein.
    Sie stieg mit ihrem Arbeitskörbchen, worin die Briefe lagen, am Arme in den
Wagen, den man aufmachen musste, weil seine schwüle Luft sie drückte. Aber die
Schwüle atmete ihr Geist, und alles Schöne, was ihr begegnete, wurd' ihr heute
zur betäubenden Giftblume. Sie fasste und drückte furchtsam immer die Hand der
Mutter, weil sie jeder Schrei, jede schnell vorüberlaufende Gestalt wie ein
Sturmvogel rauschend überflatterte; ein Ausrufer schnitt mit seinem rohen Ton in
ihre Nerven; sie bebten nur erst sanfter wieder, da ein Geistlicher und sein
Diener mit dem Krankenkelch für den Abendtrank der müden Menschen vorübergingen.
O, der schöne Weg wurd' ihr lang! Sie musste das zerfallende Herz, das recht fest
und bestimmt mit dem Geliebten reden sollte, so lange mit ermattenden Kräften
zusammenhalten.
    Der Himmel war blau, und doch merkten beide es nicht, dass es ohne Wolken
anfange dunkel zu werden, da der Mond schon mit seiner Nacht an der Sonne stand.
Als sie über die Waldbrücke in das lebendige Lilar fuhren, wo an allen Zweigen
die alten Brautkleider einer geschmückten Vergangenheit hingen, sagte Liane mit
Heftigkeit zur Mutter: »Um Gottes Willen nicht ins alte Toten-Schloss!«141 -
»Wohin denn aber? Er ist dahin bestellt« sagte die Mutter. - »Überall hin - in
den Traumtempel - Er sieht uns schon, dort geht er auf den Toren«, sagte sie.
»Gott der Allmächtige sei mit dir, und sprich nicht lange«, sagte die weinende
Mutter, als sie von ihr in den Tempel ging, in dessen Spiegeln sie der Trennung
der unschuldigen Menschen zuschauen konnte.
    Albano kam langsam oben in den Gängen daher, er hatte sein Auge von Tränen
rein gemacht und sein Herz von Stürmen. O, wie hatt' er bisher wie ein lang
umhergetriebner Seefahrer in seine dunklen Wolken hineingesehen, um zwischen
ihren Nebelspitzen die Bergspitze eines festen grünen Landes auszufinden! dass er
heute so viel, nämlich alles verlieren sollte, so weit waren seine traurigsten
Schlüsse nicht gegangen; ja er bewahrte so viel Ruhe, dass er oben den kleinen
nachtanzenden Pollux nicht bedrohend, sondern beschenkend zurückschafte.
    Endlich stand er mit zuckenden Lippen vor der geliebten schönen Gestalt, die
kindlich, bleich, zitternd und das Arbeitskörbchen bewachend, ihn ein wenig
anblickte und dann mit ihren niederfallenden Augen kämpfte. Da schmolz sein
Herz; die Flut der alten Liebe rauschte hoch in sein Leben zurück. »Liane,«
(sagt' er im sanftesten Ton, und seine Augen tropften) »bist du noch meine
Liane? Ich bin noch wie sonst; und du hast dich auch nicht verändert?« - Aber
sie konnte nicht Nein sagen. In die Pulsader ihres Lebens wurde geschnitten, und
Tränen sprangen auf statt Blut. Seine gute Gestalt, seine bekannte Bruder-Stimme
standen wieder so nahe an ihr, und seine Hand hielt ihre wieder, und doch war
alles vorbei, ein heisser Sonnenblick streifte über ihr voriges, blumiges
Gartenleben und zeigt' es wehmütig erleuchtet, aber es lag fern von ihr. »Lass
uns« (fuhr er fort) »jetzt stark sein in diesem sonderbaren Wiedersehen - sage
mir recht kurz alles, warum du bisher so schwiegest und so tatest - ich habe
nichts zu sagen - dann sei alles vergessen.« - Er hatte unbewusst ihre Hand
erhoben, aber die Hand drückte sich nieder und zitterte dabei. »Zitterst du oder
ich?« sagt' er. - »Ich, Albano,« (sagte sie) »aber nicht aus Schuld; ich bin
treu, o Gott, ich bin treu bis in den Tod.« - Er sah sie irrend an. »Ihnen,
Ihnen bin ichs, aber alles ist vorbei«, rief sie verwirrt und verwirrend.
»Nein«- (setzte sie gebietend dazu, als er zufällig mit ihr aus der Perspektive
des Traum-Tempels gehen wollte) - »nein, meine Mutter will uns sehen, dort aus
dem Traumtempel.«
    Er wurde rot über die mütterliche Wache, sein Auge blitzte in ihres wider
das »Ihnen«, und die heissen Blicke wollten aus ihrem bewegten Gesicht das
aufhaltende Rätsel ziehen. Die Not gebot Kraft; sie fing an.
    »Hier« - (stammelte sie und konnte zitternd das Körbchen kaum aufbringen) -
»Ihre Briefe an mich!« Er nahm sie sanft. »Ich hab' Ihnen entsagt,« (fuhr sie
fort) »meine Eltern sind nicht schuld, wenn sie gleich unsere Liebe nicht
wollten - ein Geheimnis betrifft bloss Sie und Ihr Glück - das hat mich
bezwungen, dass ich von Ihnen schied und von jeder Freude.« - - »Ihre Briefe
wollen Sie auch« - - sagt' er. »Meine Eltern - - « sagte sie. »Das Geheimnis
über mich« - - sagt' er. - »Ein Schwur bindet mich« - sagte sie. - »Heute nachts
in der Kirche zu Blumenbühl vor dem Priester« - fragt' er. Sie deckte ihre Hand
auf die Augen und nickte langsam.
    »O Gott!« (rief er laut weinend) - »Das ists mit dem Leben und der Freude
und aller Treue? - so? - Wie habt ihr gelogen« (er sah seine Briefe an) »von
ewiger Treue und Liebe. - Wen habt ihr denn gemeint, ihr höllischen Lügner?« Er
warf sie weg. Liane wollte sie aufheben, er trat stark darauf und sah die
Erschrockene bitter an; - nun geriet er in Sturm und goss, wie ein Schöpfrad
unter dem Giessen schöpfend, seine brausende, leidende Brust aus und hörte
grausam gar nicht auf mit den Gemälden seiner Liebe, ihrer Schwäche, ihrer
Kälte, seines Schmerzes, ihrer vorigen Eide und ihres jetzigen meineidigen über
sein geheimnisvolles Glück, das er ja nicht wolle. Ihr Schweigen trieb ihn
wilder um. Ihr schnelles heftiges Atmen hört' er nicht.
    »Quäle dich nicht. Es ist nun alles unmöglich«, antwortete sie bittend. »O,«
(sagt' er zornig) »die Änderung will ich nicht wieder ändern; denn der Lektor
und der Pfaffe würden wieder das ändern!« Er geriet nun in die männliche
Verstockung und Herzensstarrsucht; der Strom der Liebe hing als ein gefrorner
zackiger Wasserfall über den Felsen.
    »Ich dachte nicht, dass du so hart wärest«, sagte sie und lächelte fremd.
»Noch härter bin ich« (sagt' er) - »ich rede, wie du handelst.« - »Hör auf, hör
auf, Albano - es wird mir so finster - o, zu meiner Mutter will ich gleich«,
rief sie plötzlich; die zwei alten, schwarzen Spinnen, vom Schicksal
herabgelassen, standen wieder über ihren schönen Augen und überzogen sie,
emsig-spinnend, immer dichter; und Über die goldnen Streifen des Lebens wuchs
schon grauer Schimmel her.
    »Es ist die Sonnenfinsternis«, sagt' er, das Erblinden der matt glänzenden
Sichel des Sonnenviertels zuschreibend. Er sah oben im blauen Himmel den
Mond-Klumpen wie einen Leichenstein in die reine Sonne geworfen - nicht einmal
recht schattige, sondern entnervte Schatten lebten im ungewissen, grauen Lichte
- die Vögel flatterten scheu umher - kalte Schauder spielten wie Geister der
Mittagsstunde im kleinen, matten Scheine, der weder Sonnen- noch Mondlicht war.
Dunkel, dunkel lag dem Jüngling das Leben vor, im langen schwarzmarmornen
Säulengang der Jahre schritten die Schmerzen als Pantertiere heran und wurden
hell gefleckt unter den weglaufenden Sonnenblicken der Vergangenheit.
    »Das passet ja recht für heute,« (fuhr er fort) »eine solche schnelle Nacht
ohne Abendröte - Lilar muss heute zugedeckt werden - blick hinauf zum Mond, wie
er sich schwarz über die Sonne gewälzt hat, sonst war er auch unser Freund - O,
mach es noch finsterer, ganz Nacht!«
    »Albano, schone, ich bin unschuldig, und ich bin blind - wo ist der Tempel
und die Mutter?« rief sie jammernd: die Spinnen hatten die nassen Augen voll
Tränen zugewebt.
    »Bei dem Teufel; es ist die Sonnenfinsternis«, sagt' er und schauete in das
blind herumirrende bange Gesicht und erriet alles; aber er konnte nicht weinen,
er konnte nicht trösten. Der schwarze Tiger des grausamsten Schmerzes hing an
seine Brust geklammert, und er trug ihn fort. »Nein, nein,« (sagte Liane) »ich
bin blind und bin auch unschuldig.«
    Der frohe, beschenkte Pollux hatte einen bettelnden Stummen nachgeführt, der
mit der läutenden Stummenglocke folgte: »Der stumme Mann kann nur nichts sagen«,
sagte Pollux. - Liane rief: »Mutter, Mutter! Mein Traum kommt, das
Totenglöcklein läutet.«
    Die Ministerin stürzte heraus. »Ihre Tochter« (sagte Albano) »ist wieder
blind, und Gott strafe den Vater und die Mutter und wer daran schuld ist am
Elend.« - »Was gibt es?« rief der schnell heraustretende Spener, der vorhin das
Zusammenwandeln gesehen und zur Mutter gekommen war. »Eine Unglückliche, Euer
Werk auch!« versetzte Albano.
    »Lebe wohl, unglückliche Liane!« sagt' er und wollte scheiden; stand aber,
und nachdem er das gefolterte schöne Gesicht, das mit den blinden Augen weinte,
starr angeblickt, rief er: »Entsetzlich!« und ging. Lange lag er oben im
Donnerhäuschen auf den Armen mit den Augen, und als er sich endlich spät, ohne
zu wissen, wo er sei, wie aus einem Traume aufrichtete: sah er die ganze
Landschaft von einem heitern Tage beleuchtet, die Sonne glänzte unverhüllt und
warm im reinen Blau, und der verschlossene Wagen mit der Blinden rollte schnell
über die Brücke des Waldes. Da sank Albano wieder auf die Arme darnieder.
 
                            Neunzehnte Jobelperiode
            Schoppes Trostamt - Arkadien - Bouverots Porträtmalerei
                                   82. Zykel
Da Albano nun ohne Liebe und Hoffnung lebte - da er den Angelstern seines Lebens
als eine Sternschnuppe in seine totenstille Wüste hatte fallen sehen - da jede
seiner Handlungen jetzt einen Skorpionenstachel ausstreckte und jede Erinnerung,
und er Lianens Briefe zurücksandte, Lilar verliess, das Haus des Doktors, den
Lektor, Lianens Verwandte und den frommen Vater da er sein allmählich bleich
werdendes Gesicht nur auf Bücher und nach Sternen richtete: so mussten Menschen,
die keinen höhern Schmerz kennen als den eigennützigen, glauben, seine Brust
werde von nichts gedrückt als vom Schutte der zertrümmerten Luftschlösser seiner
Hoffnung und Jugendliebe. Aber er war edler unglücklich und trostlos, er wars,
weil er zum erstenmal einen Menschen und den besten elend gemacht - seine
Geliebte blind; - in diese Vertiefung seines Herzens flossen alle benachbarten
Quellen des Leidens zusammen. Die kleinsten bunten Scherben seines Glückstopfes
wurden gleichsam von neuem zerschlagen, wenn er von Tag zu Tag vernahm, dass die
Arme, obwohl täglich auf das Wasserhäuschen vor die heilenden Fontänen gestellt,
doch immer ohne Lichtschein zurückgebracht werde und dass sie jetzt auf dieser
Raub-Erde nichts weiter fürchte und bejammere, als dass der Tod vielleicht die
Augen schliesse, ehe sie noch einmal die Mutter angesehen.
    O die Wunde des Gewissens wird keine Narbe, und die Zeit kühlt sie nicht mit
ihrem Flügel, sondern hält sie bloss offen mit ihrer Sense. Albano rief sich
Lianens bitteres Flehen um Schonung zurück, und da tröstete es ihn nicht, dass er
unter jener Sonnenfinsternis nicht ihre Augen aufopfern wollen, sondern nur ihr
Herz. Im Brenn- und Vergrösserungsspiegel des Erfolges zeigt uns das Schicksal
das leichte, spielende Gewürme unseres Innern als erwachsene und bewaffnete
Erinnyen und Schlangen. Wie viele Sünden gehen wie nächtliche Räuber ungesehen
und mit sanften Mienen durch uns, weil sie, wie ihre Schwestern in Träumen, sich
nicht aus dem Kreise der Brust verlaufen und nichts Fremdes anzufallen und zu
würgen bekommen! - Die schöne Seele entdeckt leicht im Zufall eine Schuld; nur
jene harten Himmels- und Erd-Stürmer, vor deren Siegeswagen vorher eine
Wagenburg voll Wunden und Leichen auffährt, nämlich die Väter des Krieges -
welches in der ganzen Geschichte öfter die Minister waren als die Fürsten -, nur
diese können ruhig alle Vulkane der Erde anzünden und alle ihre Lavaströme
kommen lassen, bloss um - Aussichten zu haben. Sie düngen elysische Felder zum
Schlachtfeld, um darin einen Rosenstock für eine Geliebte röter zu ziehen.
    Das erste, was Albano tat, als er in des Doktors Hause ankam, war, dass er
darauszog in die ferne Talstadt hinab, um weder den verdächtigen Lektor zu
sehen, noch weniger den boshaften Doktor Sphex über das Rezidiv der Blindheit
täglich zu hören. Nur der treue Schoppe zog mit, zumal da er durch ein
zweckmässiges Betragen sich unter der Sphexischen Familie selber hatte eine
Oppositionspartei zu bilden gewusst, die ihn nicht mehr im Hause litt. Die
bibliotekarische Wärme hatte mit des Lektors Kälte sehr gegen den Grafen
zugenommen - und aus gleichen Gründen; das kecke Ausziehen nach Lilar und die
leidenschaftliche Wildheit hatten ihn näher an Albanos Seite geschlossen: »Ich
dachte anfangs,« (sagte Schoppe) »der junge Mann lasse sich zu nichts an als zu
einem ältlichen, als ich ihn so in die Schule schreiten sah. Ich hielt oft den
Mann im Mond, wo es bekanntlich aus Mangel an Durst und Dunstkreis nichts
einzuschenken gibt, für einen grössern Trinker als ihn. Aber endlich greift er
aus. Ein Jüngling muss nicht, wie der alte Spener, alles in der Vogelperspektive,
von oben herab darstellen. Er muss anfangs wie Inzipienten in Schreib- und
Malerstuben alle Züge ein wenig zu gross machen, weil sich die kleinen geben. Es
gibt Donnerpferde, aber keine Donneresel und Donnerschafe, wie doch die
Hofmeister und Lektores gern hätten und gern vor sich hertrieben, die wie die
Billard-Markörs kein offnes Feuer in der Pfeife leiden, sondern nur eines unter
dem Deckel.«
    Jetzt lebte Albano einsam unter den Büchern. Der Bruder Lianens kam selten
und eiskalt zu ihm; und schwieg über die Leidende, ob er gleich immer um diese
blieb. Da er selber das erste Gewebe zu dieser Blindheit einmal gesponnen: so
musst' er, zumal bei seiner ungeschminkten Feuerliebe für seine Schwester, den
ordentlich hassen, der es wieder über sie hereingezogen glaubte Albano und
ertrug es gern zur Strafe. Desto öfter liess sich der Hauptmann zum deutschen
Herrn hinziehen, bei dem er jetzt wider Erwarten gewann. Es ist die Frage -
nämlich keine -, ob nicht seine Fähigkeit und Neigung, sich mit den
unähnlichsten Menschen zu verflechten, blosse Kälte gegen alle Herzen ist, die er
alle nur bereiset, weil er keines bewohnt.
    Auch Rabette schrieb dem Grafen mehrere Klage-Zettel über den weichenden
Hauptmann; in einem sagt sie sogar: »Könnt' ich dich nur sehen, um einmal jemand
zu haben, der mich weinen liesse, denn das Lachen kenn' ich schon seit geraumer
Zeit nicht mehr.« Der gute Albano zeichnete auch dieses Entweichen in sein
Sündenregister ein, gleichsam als Enkel seiner Teufelskinder.
    Die Fürstin vermocht' ihn zuweilen aus der Einsamkeit zu locken, wenn sie
ihre leise Lockpfeife an die schönen Lippen legte. Sie schien des Vaters wegen
wahren Anteil am trüben Sohn zu nehmen, der zwar keine Schmerzen, aber auch
keine Freuden zeigte. Auch das Mann-Weib, das mehr gehelmte als gehaubte, rückt
gern unter das kranke Haupt das Ruhekissen und unter das ohnmächtige als Lehne
den Arm; und tröstet gern und zart, oft zärter als das zu weibliche. Fast
täglich besuchte sie ihre künftige Hofdame und Gesichts-Schwester bei dem
Minister und konnte daher dem Geliebten alles sagen. Indem sie tat, als wisse
sie nichts von Albanos Verhältnissen zur Blinden - schon das Verstellen verrät
zarte Schonung gegen zwei Menschen auf einmal, sagte Albano -: so konnte sie ihm
frei alle Krankenzettel der schönen Dulderin geben, so wie die Gutachten über
sie überhaupt. Nach der Sitte der Kraftweiber liess sie ihr alle lobende
Gerechtigkeit ohne weibisch-kleinlichen Abzug angedeihen und wünschte nichts so
sehr als ihre Herstellung und künftige Gegenwart.
    »Ich bin fähig, für ein ungemeines Weib alles zu tun, so wie alles gegen ein
gemeines«, sagte sie und fragte ihn, ob ihm schon sein Vater über ihren Plan mit
Lianen geschrieben. Er verneint' es; und bat sie darum; aber sie verwies ihn auf
den väterlichen Brief, der bald kommen müsse. Sie tadelte bloss Lianens Neigung,
immer Fantaisie-Blumen in ihr Leben zu sticken, und nannte sie eine reine
Barockperle.
    Aber aus allen diesen Unterhaltungen kehrte Albano nur betäubter zu Schoppe
zurück; er hörte nur Wort-Trost und das Todes-Urteil, dass die geduldige Seele,
der er die Schöpfung gestohlen, noch immer eingemauert sei in die tiefste Höhle
des Lebens, neben welcher bloss die tiefere des Grabes hell und offen liegt.
Jedes sanfte, lindernde, ihm von den Wissenschaften oder Menschen geschenkte
warme Lüftchen ging über jene kalte Höhle und wurde für ihn ein scharfer Nord.
O, hätt' er sie aus seinen sinkenden Armen entlassen müssen unter schöne Tage,
in ein langes, ewiges Paradies, und sie hätte ihn trunken vergessen: das hätt'
er auch vergessen können; aber dass er sie hineingestossen in ein kaltes
Schattenreich und dass sie sich seiner erinnern muss aus Schmerz - - nur das musst'
er sich immer erinnern.
    Schoppe wusste gegen alle diese Not kein »Pflaster als« (nach seinem schönen
Wortspiel) »das Steinpflaster«, nämlich eine Flugreise. Wenigstens, schloss er,
hören ausser Landes die Fragen über das Befinden und die giftigen Sorgen über das
Antworten auf; und bei der Retour finde man viel Schmerz erspart oder gar allen
gehoben.
    Albano gehorchte seinem letzten Freund; und sie reiseten ins Fürstentum
Haarhaar ab.
 
                                   83. Zykel
Wer denkt, dass Schoppe unterwegs für Albano ein fliegendes Feldlazarett des
Trostes - ein antispasmoticum - eine Struvische Not- und Hülfstafel - eine
gepülverte Fuchslunge gegen die Hektik des Herzens u.s.w. gewesen und dass er auf
jedem Meilenstein eine Trostpredigt gehalten, wer das denkt, den lacht er aus.
    »Was tut es denn,« (sagt' er) »wenn das Unglück den jungen Menschen derb
durchknetet? - Das nächste mal wird er den Schmerz, der ihn jetzt in der Gewalt
hat, in der seinigen haben. Wer nichts getragen, lernt nichts ertragen.« Was das
Weinen anlangt, so war er als ein Stoiker wohl am wenigsten davon ein Feind;
Epiktet, Antonin, Kato und mehr solche weniger aus Eis als Eisen gebildete
Männer, sagt' er so oft, hätten sehr gern dem Leibe dergleichen letzte Ölungen
des Schmerzes eingeräumt, falls nur der Geist darhinter sich trocken erhalten
hätte. Es ist echte Trostlosigkeit, sagt' er, Trost zu wünschen und anzunehmen;
warum will man denn nicht einmal den Schmerz rein durchdauern ohne alle Arzenei?
    Allein seine Ansicht und sein Leben wurde ohne sein Zielen über den Grafen
mächtig, den alles Grosse nur vergrösserte, wie es andere verkleinert. Schoppe sass
als ein Kato auf Ruinen, aber freilich auf den grössten; wenn der Weise die
Barometerröhre am Äquator sein muss, in der selber der Tornado wenig verschiebt,
so war er dergleichen. Zufällig riss er in einem Wirtshause dem Grafen durch den
Hamburgischen unparteiischen Korrespondenten, den er da vorfand, die verklebten
Flügel auf. Schoppe las zwei weite Schlachten daraus vor, worin wie durch einen
Erdfall Länder statt der Häuser versanken und deren Wunden und Tränen nur der
böse Genius der Erde konnte wissen wollen; darauf verlas er - nach den
Totenmärschen ganzer Generationen und nach den aufgerissenen Kratern der
Menschheit mit fortgesetztem Ernste die Intelligenz-Anzeigen, wo einer allein
auf ein unbekanntes Gräblein steigt und der Welt, die ihm sonst kondoliert,
ansagt und beteuert: »Fürchterlich war der Schlag, der unser Kind von 5 Wochen«
- oder: »Im bittersten Schmerz, den je« - oder: »Bestürzt über den Verlust
unsers einundachtzigjährigen Vaters etc.«
    Schoppe sagte, das sprech' er für recht, denn jede Not, selber die
allgemeine, hause doch nur in einer Brust; und läg' er selber auf einem roten
Schlachtfelde voll gefällter Garben, so würd' er sich darunter aufsetzen, falls
er könnte, und an die Umliegenden eine kurze Trauerrede über seine Schusswunde
halten; so habe Galvani bemerkt, dass ein Frosch, der in elektrischen
Verbindungen stehe, so oft zucke, als der Donner über der Erde nachrolle.
    Bei diesem Satze blieb er auch im Freien. Er führt' es tadelnd an, dass
Mattison es als eine reisebeschreibende Notiz annotiere, wie man im jetzigen
Avenches in der Schweiz an den Stellen der von den Römern zermalmten
helvetischen Hauptstadt Aventicum in den dünnern Streifen des Grases den Abriss
der Strassen und Mauern finden könne; indes ja offenbar dieselben
stereographischen Projektionen der Vergangenheit überall lägen auf jeder Wiese -
jeder Berg sei das Ufer einer verschwemmten Vorzeit - jede Stelle hienieden sei
ja 6000 Jahre alt und Reliquie alles sei Gottesacker und Ruine auf der Erde -
besonders die Erde selber; »Himmel,« (fuhr er fort) »was ist überhaupt nicht
schon vergangen, Völker - Fixsterne - weibliche Tugend - die besten Paradiese -
viele Gerechtsame - alle Rezensionen - die Ewigkeit a parte ante - und jetzt
eben meine schwache Beschreibung davon! - Wenn nun das Leben ein solches
Nichtigkeitsspiel ist, so muss man lieber der Kartenmaler als der Kartenkönig
sein wollen.«
    Ein kräftiger, stolzer Mensch - wie Albano - wird dann schwerlich mitten
unter dreissigjährigen Kriegen - Jüngsten Tagen wandernden Völkern -
verstäubenden Sonnen sein Kleid ausziehen und sich oder dem Universum die
zerrissene Ader vorzeigen, die auf seiner Brust ausblutet.
    So stand es, als beide abends eine halboffne Waldhöhe erstiegen, von der sie
ein wunderbares Glorien-Land unter sich sahen, so freundlich und ausländisch,
als sei es übrig geblieben aus einer Zeit, da noch die ganze Erde warm war und
ein immer grünes Morgenland - es schien, so weit sie vor den Bäumen und vor der
Abendsonne sehen konnten, ein aus der zusammentretenden Berg-Ecke unabsehlich
nach Westen auseinanderlaufendes Tal zu sein - eine vor der Sonne mit den
breiten Flügeln umschlagende buntgemalte Windmühle verwirrte das Auge, das das
Gedränge von Abend-Lichtern, Gärten, Schafen und Kindern sondern wollte - an
beiden Abhängen hüteten weissgekleidete Kinder mit lang nachflatternden grünen
Hutbändern - eine gefleckte Schweizerei ging im Wiesengrün am dunkeln Bach - auf
einem hochgewölbten Heuwagen fuhr eine wie zum Hochzeitmahle gekleidete Bäuerin,
und nebenher gingen Landleute im Sonntagsputz - die Sonne trat hinter eine
Säulen-Reihe von runden Laubeichen, diesen deutschen Freiheits-Bäumen und
Tempelpfeilern - und sie schwebten verklärt und vergrössert hoch im goldnen Blaue
aufgezogen. - Jetzt sahen die betroffnen Wanderer das nahe beschattete
holländische Dorf unten - wie aus zierlichen, bemalten Gartenhäusern
zusammengerückt, mit einem Lindenzirkel in der Mitte und einem jungen, blühenden
Jäger nicht weit davon, oder eine Amazone, die mit der einen Hand ihren Hut voll
Zweige abnahm und mit der andern den Balken-Arm mit dem Eimer über den Born hoch
aufsteigen liess.
    »Mein Freund,« (fragte Schoppe einen ihnen mit Botenblech und Ranzen
nachkommenden Amtsboten) »wie nennt Er das Dorf?« - »Arkadien«, versetzt' er. -
»Aber ohne alles dichterische Weissglühen und Kulminieren gesprochen, mein
poetischer Freund, wie schreibt sich eigentlich die Ortschaft unten?« fragte
Schoppe wieder. Verdrüsslich antwortete der Amtsbote: »Arkadien, sag' ich, wenn
Ers nicht behalten kann - es ist ein altes Kammergut, unsere Prinzessin Idone
(Idoine) hält sich da auf, jahraus, jahrein, für beständig - und macht da alles
nach eignem Pläsier, was will man mehr?« - - »Ist Er auch in Arkadien?« »Nein,
in Saubügel«, antwortete der Bote sehr laut, schon fünf Schritte weiter vorn,
zurück.
    Der Bibliotekar, der seinen Freund bei der Botenrede in grosser Bewegung
sah, tat ihm freudig die Frage, ob sie ein besseres Nachtquartier hätten treffen
können als dieses, ausgenommen dieses selber im Maimond. Aber wie erstaunt' er
vor Albanos Zurücksturz in die Vorhölle, die das Gewissen und seine Liebe
anzündeten! Idoinens täuschende Ähnlichkeit mit Lianen war plötzlich vor ihn
gezogen: »Weisst du,« (sagt' er, in der Erschütterung durch den Abendzauber
heftiger fortbebend) »worin Idoine Ihr unähnlich ist? - Sie kann sehen,« setzt'
er selber dazu, »denn sie hat mich noch nicht gesehen. O vergib, vergib, fester
Mann, ich bin wahrlich nicht immer so - Sie stirbt jetzt, oder irgendein Unglück
zieht ihr nahe; wie ein Dampf vor der Feuersbrunst steigts düster und in langen
Wolken in meiner Seele auf ich muss durchaus zurück.«
    »Glauben Sie mir,« (sagte Schoppe) »ich werde Ihnen einmal alles sagen, was
ich jetzt denke - gegenwärtig aber will ich Sie schonen.« Auch das verfing
nichts, er kehrte um; aber am ganzen andern Reisetag blieb sein Leidenskelch,
den Schoppe so glänzend gescheuert hatte, nass und schwarz angelaufen. Sie
konnten erst abends ankommen, da ein Zauberrauch von Zwielicht, Mondlicht,
Dampf, Dunst und Wolkenrot die Stadt fremder machte. Albanos Adlerauge teilte
den Rauch entzwei, und er entlief. Die blinde Liane allein sah er auf dem hohen
welschen Dache gegen die Statuen laufen oder zum Abgrund hin. Wild ohn' einen
Laut rannt' er durch die tiefern Gassen - verlor den verbaueten Palast und lief
grimmiger - er glaubte, er finde sie auf dem Steinpflaster zertrümmert - er
sieht die weissen Statuen wieder, sie hält eine umschlungen, und der alte Gärtner
des cereus serpens steht mit dem Hute auf dem Kopfe vor ihr. - Als er endlich
ganz unten am Palaste ankam, stand oben ein fremdes Mädchen bei ihr, und unten
sahen zusammengelaufne Weiber hinauf, einander fragend: »Gott, was gibt es
denn?« - Liane blickte (wie es schien) an den Himmel, worin nur einige Sterne
brannten, und dann lange in den Mond, und darauf herunter auf die Menschen; aber
sogleich trat sie von den Statuen zurück. Der Gärtner kam aus dem Hofe und sagte
vorübergehend seiner fragenden Frau: »Sie sieht.« - »O, guter Mann,« (sagte
Albano) »was sagt Er?« - »Gehen Sie nur hinauf!« versetzt' er und schritt emsig
weiter. Jetzt kam Bouverot zu Fusse - Albano trat ihm mit einem kurzen Verbeugen
und Grusse in den Weg - Bouverot sah ihn ein wenig an: »Ich habe nicht die Ehre,
Sie zu kennen«, sagt' er wild und eilte davon.
 
                                   84. Zykel
Schauet nun die blinde Liane näher an!
    Von dem Tage an, wo sie zerstöret heimgeführet wurde von der Mutter, fing
sich unter ihrer Sonnenfinsternis mit Verweilen ein kühleres, ruhendes Leben für
sie an. Die Erde hatte sich verändert, ihre Pflichten gegen diese schienen ihr
abgetan - der Silberblick der Jugend wie ein Menschenblick nun erblindet, ihre
kurzen Freuden, diese kleinen Maienblümchen, schon unter dem Morgenstern
abgepflückt - ihr erster Geliebter leider, wie die Mutter es weissagte, nicht so
fromm und zart, als sie gedacht, sondern sehr männlich, rauh und wild wie ihr
Vater - die Zeit und Zukunft vertilgt und die künftigen Tage daraus für sie nur
eine blind gemalte Jubelpforte, die Menschenhände nicht öffnen, und durch welche
sie nicht mehr dringen kann, ausser mit der entbundnen Seele, wenn diese den
trägen Schlepp-Mantel des Körpers auf die Erde zurückgeworfen.
    Ihr Herz klammerte sich jetzt - wie Albano dem männlichen noch mehr dem
weiblichen an, das zärter und ohne die Fieber der Leidenschaften schlug; so wie
die Kompassnadel sich als eine gewundne Lilie zeigt, so die Tugend sich ihr als
weibliche Schönheit.
    Ihre Mutter wich nicht von ihrem Blinden-Stuhl, sie las ihr vor, sogar die
französischen Gebete, und hielt sie tröstend aufrecht; und sie wurde leicht
getröstet, denn sie sah nicht das bekümmerte Gesicht der Mutter und hörte nur
die ruhige Stimme. Julienne warf seit dem Begräbnis der ersten Liebe eine alte
Kruste ab, und ein frisches Feuer für die Freundin ging aus dem Herzen auf: »Ich
habe nicht redlich an dir gehandelt«, sagte sie einmal; da erklärten sie sich
verborgen einander, und dann reiheten sich ihre Seelen wie Blumen-Blätter zu
einem süssen Kelche zusammen. Die Fürstin sprach ernst über Wissenschaften und
gewann sogar die Mutter, der sie in männlicher Gesellschaft weniger gefallen.
Abends vor dem Einschlafen flog noch wie aus dem Freudenhimmel Karoline in ihr
Schattenreich herab und wuchs täglich an Glanz und Farbe, sprach aber nicht
mehr; und Liane entschlummerte sanft, indem sie einander anblickten.
    Zuweilen fuhr der Schmerz an sie herüber, dass sie vielleicht ihre teuren
Gestalten, zumal ihre Mutter, nie mehr sehe; dann war ihr, als sei sie selber
unsichtbar und wandle schon allein im dunkeln, tiefen Gange zur zweiten Welt und
höre die Freundinnen an der Pforte weit hinter sich ihr nachrufen - Da liebte
sie zärtlich wie aus dem Tode herüber und freuete sich auf das grosse
Wiedersehen. Spener besuchte seine Schülerin täglich; seine männliche Stimme
voll Stärkung und Trost war in ihrem Dunkel die Abendgebetglocke, die den
Wanderer aus der düstern Waldung wieder zu froheren Lichtern führt. So wurde ihr
heiliges Herz noch heiliger emporgezogen, und die dunkeln Passionsblumen der
Schmerzen schlossen sich in der lauen Augen-Nacht schlafend zu. Wie anders sind
die Leiden des Sünders als die des Frommen! Jene sind eine Mondsfinsternis,
durch welche die schwarze Nacht noch wilder und schwärzer wird; diese sind eine
Sonnenfinsternis, die den heissen Tag abkühlt und romantisch beschattet und worin
die Nachtigallen zu schlagen anfangen.
    Auf diesem Wege bewahrte Liane mitten unter fremden Seufzern um sie und im
Gewitter um sie her eine ruhige, genesende Brust; so zieht oft das zarte, weisse
Gewölke anfangs zerrissen und gejagt, aber zuletzt geründet und langsam durch
den Himmel, wenn unten der Sturm noch über die Erde schweift und alles bewegt
und zerreisset. Aber, gute Liane, alle 32 Winde, sie mögen schöne Tage zu- oder
wegwehen, halten länger an als die Windstille der Ruhe!
 
                                   85. Zykel
Der Minister hatte, als sie aus Lilar mit getöteten Augen heimgekommen, in sein
rechtes eine Hölle, ins linke ein Fegefeuer gelegt; - denn so sehr belogen hatt'
ihn noch kein Geschick; nämlich so sehr gebracht um alle seine Projekte und
Prospekte, um das Hofdamenamt der Tochter, diesen Vorsteckring am Finger der
Fürstin, und endlich um jeden Fang seines doppelt gewebten Gespinstes.
    Unsäglich wehrte sich der Mann vor dem Löffel, worin ihm das Schicksal das
Pulver vorhielt, auf welches er die verschluckten Demante seiner Plane sollte
fahren lassen; er hielt die stärksten Sermone - so hiess er, wie Horaz, seine
Satiren - gegen »seine Weiber«; er war ein Kriegsgott, ein Höllengott, ein Tier,
ein Untier, ein Satan, alles - er war imstande, jetzt alles zu unternehmen -
aber was halfs?
    Viel, als gerade der deutsche Herr ihn in dieser moralischen Stimmung
betraf. Solcher trug kein Bedenken, das väterliche Versprechen der Tochter für
die Miniatur-Malerei wieder aufzufrischen und in Anspruch zu nehmen; er war
übrigens allwissend und schien unwissend. Für die Sitz-Szene einer Blinden hatt'
er eigne romantische Verwicklungen nach den Notizen zugeschnitten, die er aus
dem Hauptmann gelockt. Seine Kunst-Liebe gegen Lianens Gestalt hatte bisher
wenig gelitten, und sein langsames An- und Umschleichen war seiner Vipern-Kälte
und seiner weltmännischen Kraft gemäss. Der alte Vater - der im Leben wie in
einem Reichsanzeiger immer einen Kompagnon mit 60, Tausend Taler zu seiner
Handlung suchte - bezeugte sich nichts weniger als abgeneigt. Diese zwei Falken
auf einer Stange, von einem Falkenmeister, dem Teufel, abgerichtet, verstanden
und vertrugen sich gut. Der deutsche Herr gab zu erkennen, ihr Miniaturbild sei
bei ihrer frappanten Ähnlichkeit mit Idoine, die wie sie niemals sitzen wollen,
zu manchem Scherze bei der Fürstin behülflich, aber noch mehr seiner »Flamme«
für Liane unentbehrlich, und jetzt in ihrer Blindheit könne man sie ja zeichnen
ohne ihr Wissen - und er werde unter das Bild schreiben: la belle aveugle oder
so etwas. Der alte Minister goutierte, wie gesagt den Gedanken ganz. Wie die
welschen Sängerinnen eine sogenannte Mutter statt eines Passes auf ihren Reisen
führen, so hielt er sich für einen solchen sogenannten Vater; er dachte: mit dem
Mädchen wirds ohnehin wenig mehr, es liegt als totes Kapital da und verzinset
sich schlecht; ich kann den angeöhrten Patenpfennig, den der deutsche Herr bei
seinem Gevatterstand mir als dem Vater anbietet wie dem Kinde den Namen, in die
Tasche stecken.
    Das Schelmen-Duplikat wurde in seinem Schusse und Flusse bloss durch einen
Flossrechen aufgehalten, der ihnen den Raub aus den Hechtzähnen zu ziehen drohte:
eine alte, keifende, aber seelentreue Kammerjungfer aus Nürnberg war der Rechen;
diese wäre nicht von Lianen und nicht zum Schweigen zu bringen gewesen. Bouverot
freilich, ein Robespierre und Würgengel seiner Dienerschaft, hätte an Froulays
Stelle die Nürnbergerin ein paar Tage vorher von einem Diener mit einigen
komplizierten Frakturen versehen und dann auf die Gasse werfen lassen; aber der
Minister - sein Herz war weich - konnte das nicht; alles, was ihm möglich war,
das war: er berief sie auf sein Zimmer - hielt ihr es vor, dass sie ihm sein Ohr
aus Magdeburg gestohlen - blieb mit dem anwesenden Gehör taub gegen jede
Einwendung, aber nicht gegen jede Unhöflichkeit - und fand sich endlich gar
genötigt, die diebische Grobianin Knall und Fall aus dem Dienst zu jagen. Bei
jeder Nachfolgerin hatte, als einer neuen, Geld Gewicht, wusst' er.
    Er wollte darauf die Fürstin um eine Einladung für sich und die Ministerin
zu Tee und Souper bitten - den Miniaturmaler bestellen - das neue Kammermädchen
belehren - und alles recht anlegen.
    Zwei Tiger höhlten, nach der Legende, dem Apostel Paulus das Grab; so
scharret hier unser Paar an einem für eine Heilige, um so mehr, da ich sonst
nicht absehe, wozu - wenn nichts gemacht werden soll als ein Bild - so viele
Umstände. Aber den Vater könnt' ich fast entschuldigen; erstlich sagte er
ausdrücklich zum deutschen Herrn, die Zofe könne seiner Meinung nach im Zimmer
oder im anstossenden passen, falls etwan die Patientin etwas haben wolle -
zweitens hatte der sonst weiche Mann von seinem ministerialischen Verkehr mit
der Justiz einen gewissen Kies angesetzt, eine gewisse Grausamkeit angenommen,
welche der hinter der Binde und als Areopag ohne den Anblick der Schmerzen
urteilnden Temis um so natürlicher ist, da schon Diderot142 behauptet, dass
Blinde grausamer wären - und drittens war wohl niemand mehr bereit, sein Kind,
das er, wie sonst angeblich Juden und Hexen Christenkinder, kreuzigte, um wie
jene mit dem Blute etwas zu tun, tiefer zu betrauern, falls es stürbe, als er,
da ohnehin die Eltern und überhaupt die Menschen zwar leicht das Unglück derer,
die ihnen nahe liegen, aber schwer deren Verlust verschmerzen, so wie wir bei
dem noch näher liegenden Haar nicht das Brennen und Schneiden, aber schmerzlich
das Ausreissen desselben verspüren - und viertens hatte Froulay immer das
Unglück' dass Gedanken, die in seinem Kopfe eine leidliche, unschuldige Farbe
hatten, gleich dem Hornsilber oder der guten Dinte auf der Stelle schwarz
wurden, wenn sie ans Licht traten.
    Sonst - und von diesen Milderungen abgesehen - steckt wohl manches in seiner
Handlung, was ich nicht verteidige.
    Der Abend erschien. Die Ministerin ging am ehelichen Arme an den Hof. - Die
neue Kammerjungfer hatte als Brautführerin Bouverots schon vor drei Tagen die
nötigsten Anstalten gemacht, oder Spitzbübereien - sie hatte ihm Lianens Briefe
an Albano sehr leicht, da die Mutter aus Gewohnheit ein gegenwärtiges Auge für
ein sehendes hielt, vorleihen und er sich daraus die historischen Züge oder
Farben-Tusche abholen können, womit er sich bei einer Erkennung auf dem Teater
vor der Blinden den Anstrich ihres Helden, nämlich Albanos, geben konnte - mit
Roquairol hatt' er oft genug gespielt, um dessen Stimme, mitin Albanos seine,
in der Gewalt zu haben.
    Mich dünkt, seine Rüsttage vor dem Festabend waren zweckmässig hingebracht.
    Er konnte, da kleine Residenzen früher Tee trinken, schon so früh
erscheinen, als ein Miniaturmaler im September durchaus muss. Als er die stille
Gestalt im Sorgenstuhl erblickte, mit den entfärbten Blumenkelchen der Wangen,
aber fester gewurzelt in jedem Entschluss, eine kälter gebietende Heilige: so
stieg in ihm die aus ihren Briefen zugleich gesogne Erbitterung und Entzündung
miteinander höher - nur in solchen Brustöhlen, zugleich mit Metall- und mit
Darmsaiten, mit Härte und Wollust, bespannt, ist ein solcher Bund von Lust und
Galle denklich. Bouverots ganze Vergangenheit und Lebens-Geschichtbücher müssten
- wie die von Herodot den neun Musen - so den drei Parzen, jeder eines,
zugeeignet werden.
    Er schlich ins Fenster, setzte sich und sein Farben-Kästchen hin und fing
hastig zu punktieren an. Unterdessen liess sich Liane von ihrem sehr gebildeten,
belesenen Kammermädchen aus dem zweiten Bande der Oeuvres spirituelles von
Fenelon vorlesen. Zefision rührte der Erzbischof gar nicht - was er etwa von
reiner Liebe (sur le pur amour de Dieu) vernahm, setzt' er zu unreiner durch
Anwendungen um und liess sich teuflisch entzünden durch das Göttliche - was
übrigens rührend war in Lianens Bezug, liess er an seinen Ort gestellt, da er
jetzt zu malen hatte. Hässlich leckten seine vielfärbigen Panter-Augen gleich
roten, scharfen Tigerzungen über das süsse, weiche Antlitz! - »Liebe Justa, hör
auf, das Lesen wird dir sauer, du atmest so kurz!« sagte sie endlich, weil sie
den Porträtmaler atmen hörte. Es war für ihn kein Opfer, sondern ein Vor-Genuss,
ein süsser Imbiss, den Kuss dieser zarten, kleinen Hand und Lippe und die ganze
Schaustellung seines brennenden Herzens hinauszusetzen, bis er ihren Abriss mit
den Gift-Tinten auf das weisse Elfenbein durch die schnelle Dupfmaschine seiner
Hand abpunktieret sah.
    Endlich hatt' er sie Bunt auf Weiss. »Gut, liebe Justa,« (sagte sie) »die
Gebetglocke läutet, du kannst nichts mehr sehen. Führe mich lieber zum
Instrument« - nämlich zur Harmonika. Sie tats. Bouverot gab Justen einen
Scheide-Wink - sie tats wieder. Der gelbe Gartenkanker lief nun auf die zarte,
weisse Blume zu. - Der Kanker hörte ihren Abend-Choral nicht ohne Vergnügen, und
das betende Aufschlagen ihrer zerstörten Augen schien ihm eine recht malerische
Idee, die der true Painter143 dem Elfenbein-Stück einzuverleiben beschloss, wenns
gehen würde.
    »Schöne Göttin!« rief er plötzlich mit Albanos gestohlner Stimme unter jene
heiligen Töne, die einmal Albano in einer frohern Stunde, aber edler
unterbrochen hatte. Sie horchte erschrocken auf, aber ungläubig an ihr Ohr in
dieser Nacht. Das Staunen missfiel dem Prospektmaler - denn ihr Gesicht war sein
Prospekt - ganz und gar nicht; »erinnere dich an diese Harmonika im
Donnerhäuschen.« Er verwechselte es mit dem Wasserhäuschen. - »Sie hier, Graf? -
Justa! wo bist du?« rief sie ängstlich. - »Justa, kommen Sie her!« rief er dazu
nach. Das Mädchen folgte seiner Stimme und seinem - Auge. »Gnädiges Fräulein?«
fragte sie. Aber jetzt hatte Liane nicht den Mut, sie um die Pforte und das
Einlassbillet des Grafen zu fragen. Mit dem Liebhaber französisch zu sprechen,
ging nicht, da es die Jungfer verstand; daher verbot man auch in Wien in den
Revolutionsjahren einsichtig diese Sprache, weil sie so zuverlässig eine gewisse
Gleichheit - die Freiheit folgt - zwischen dem Adel und der Dienerschaft
pestartig ausbreitet.
    Boshaft und freudig erinnerte Bouverot, dem sie jetzt über den Grafen ein
brauchbares Misstrauen zu verraten schien, das seiner Charaktermaske einen
freiern Spielraum anwies, die Sinnende an ihre Befehle für Justa; sie musste sie
nun Licht holen lassen.
    »Infidele,« (fing er darauf an) »ich habe alle Hindernisse überwunden, um
mich Ihnen zu Füssen zu werfen und Ihre Vergebung zu erflehen. Je m'en flatte à
tort peut-être, mais je l'ose« (fuhr er fort, heftiger durch sie gemacht) - »O
cruelle! de grâce, pourquoi ces regards, ces mouvements? - Je suis ton Alban, et
il t'aime encore - Pense à Blumenbühl, ce séjour charmant - Ingrate, j'espérois
de the trouver um peu plus reconnaissante. - Souviens-toi de ce que tu m'a
promis« (sagt' er, um sie auszufragen) »quand tu me pressas contre ton sein
divin.....«
    Eine reine Seele spiegelt, ohne sich zu beflecken, die unreine ab und fühlt
unwissend die quälende Nähe, so wie Tauben, sagt man, sich in reinem Gewässer
baden, um darin die Bilder der schwebenden Raubvögel zu sehen. Der kurze Atem,
der wankende Sprachton, jedes Wort und ein unerklärliches Etwas trieben das
schreckliche Gespenst nahe vor ihre Seele, den Argwohn, es sei Albano nicht. Sie
fuhr auf »Wer sind Sie? Gott, Sie sind der Graf nicht. Justa, Justa!« - - »Wer
wär' es sonst,« (versetzt' er kalt) »der sich meinen Namen geben dürfte? Oh, je
voudrais que je ne le fusse pas. Vous m'avez écrit que l'espérance est la lune
de la vie - Ah, ma lune s'est couchée; mais j'adore encore le soleil qui
l'éclaire.«
    Hier fasste er die Hand dieser verfinsterten, mit einem Drachen kämpfenden
Sonne. - Da entdeckten ihr seine weggenagten Fingernägel und die dürren Finger
und ein vorbeistreifendes Berühren seines Ordenskreuzes den wahren Namen. Sie
riss sich schreiend los und lief weg, ohne zu sehen wohin, und geriet wieder an
seine Hand. Er riss ihre heftig an die magern heissen Lefzen hinauf: »Ja, ich bin
es« (sagt' er) »und liebe Sie mehr als Ihr Graf mit seiner étourderie.«
    »Sie sind schlecht und gottlos gegen ein blindes Mädchen - was wollen Sie? -
Justa! hilft mir denn niemand? - Ach, du guter Gott, gib mir meine Augen!« (rief
sie fliehend, unwissend wohin und eingeholt) »Bouverot! du böser Geist!« rief
sie, abwehrend an Orten, wo er nicht war. Er, wie das Schiesspulver, kühlend auf
der Zunge und sengend und zerschmetternd, wenn ihn die Gier zündete, stellte
sich in einiger Schlag-Weite von ihr, warf ein Maler-Auge auf das reizende
Wallen und Beugen ihres aufgestürmten Blumenflors und sagte ruhig mit jener
Milde, die der ätzenden und fressenden Milch der Schwämme ähnlich ist: »Nur
ruhig, Schönste! Ich bin es noch; und was hälf' Ihnen alles, Kind?«
    Taumelnd vom Schlangenhauch der Angst, fing die irre Natur zu singen an,
aber lauter Anfänge. »Freude, schöner Götterfunken« - »Ich bin ein deutsches
Mädchen« - sie lief herum und sang wieder: »Kennst du das Land« - »Du böser
Geist!«
    Jetzt bäumte sich die damit geschmeichelte Riesenschlange auf ihren kalten
Ringen mit zückender Zunge in die Höhe, um hinzuschiessen und zu umflechten: »Mon
coeur« (sagte die Schlange, die immer in der Leidenschaft französisch sprach)
»vole sur cette bouche qui enchante tous les sens.« - »Mutter!« (rief sie) -
»Karoline! - O Gott, lasse mich sehen! O Gott, meine Augen!« Da gab der
Alliebende sie ihr wieder; die Qual der Natur, die lauten Anstalten des
Begräbnisses öffneten der Scheinleiche wieder las Auge.
    Wie behend entflog sie aus der Marterkammer! Das getäuschte Raubtier
rechnete auf Blindheit und Verirrung fort. Aber da Bouverot sah, dass sie leicht
die Treppe zum welschen Dache hinaufstürze: so schickte er bloss das
herbeilaufende Mädchen ihr nach, damit sie keinen Schaden nehme; und hielt jetzt
wieder die bisherige Blindheit für Verstellung. Er selber holte aus dem Zimmer
den Miniatur-Riss ab und schleppte sich wie ein hungriges, verwundetes Ungeheuer
vedriesslich und langsam aus dem Hause hinaus.
                            Zwanzigste Jobelperiode
                           Gaspards Brief-Trennungen
                                   86. Zykel
»Sie sieht wieder«, rief Karl im Freudenrausche am Morgen darauf dem Grafen zu,
ohne sich um alle kalte Verhältnisse der letzten Zeit zu bekümmern; und war ganz
der Alte. Seine Feindschaft war hinfälliger als seine Liebe, denn jene wohnte
bei ihm auf dem Eise, das bald zerfloss, diese auf dem Flüssigen, worauf er immer
schiffte. Errötend fragte Albano, wer der Augenarzt gewesen. »Gutgemeinter
Schreck« (sagt' er) - »der deutsche Herr tat, als wollt' er sie malen, als meine
Eltern auf Verabredung nicht da waren - oder malt' er sie wirklich - ich weiss
jetzt alles nur verwirrt - auf einmal hörte sie eine fremde Mannsstimme, und
Schreck und Furcht wirkten natürlich wie elektrische Schläge.« Obgleich der
Hauptmann alle Stimmen nur verworren unten auf dem Meersboden in sein flutendes
Meer hinunterhörte: so hatt' er doch diesmal richtig gehört; denn Liane hatte
von ihrer Mutter das Zuhüllen der Martergeschichte errungen, um ihrem Bruder den
Anlass zu entziehen, ihr seine Liebe durch einen Zweikampf mit ihrem Widersacher
zu beweisen.
    Albano behielt viele Fragen über die dunkle Geschichte in seiner Brust; und
brach das Gespräch durch seine Reisebeschreibung ab.
    Nach einigen Tagen hört' er, dass Liane mit ihrer Mutter die Stadt verlasse
und ein über Blumenbühl liegendes Bergschloss einer alten einsamen Edelwitwe
beziehe. Auf dem reinen Lande sollte wieder Licht in ihr Leben einfallen, und
die mütterliche Hand sollte dessen nachdunkelnde Farben neu übermalen. Der
Minister, der sonst wie alte Menschen und alte Haare schwer zu kräuseln und zu
formen war, wurde in der letztern tiefen Fallgrube des Schicksals ganz mutlos
angetroffen, so dass er Lianen, die auch darin gefangen war, nicht auffrass,
sondern sie ziehen liess. Die ganze Geschichte wurde vor dem Publikum wie die
Mauer eines Parks sehr verdeckt und umblümt. Nur der Lektor wusste sie ganz, aber
er konnte schweigen. Er foderte im Namen der Mutter vom deutschen Herrn das
Miniaturbild zurück; dieser gab an dessen Statt kalte, leere Lügen; doch konnte
Augusti, von Mutter und Tochter gebeten, sich beherrschen und die Ausfoderung,
womit er für alles Rache nehmen wollte, ihnen opfern.
    Unsern Freund traf jetzt, seitdem sein Gewissen über den Zufall des Erfolgs
besänftigt war, der Schmerz über seine leere Gegenwart neu und unvermischt; die
teuerste Seele ging ihn nichts mehr an; seine Stunden wurden nicht mehr
harmonisch vom Glockenspiel der Dichtkunst und Liebe ausgeschlagen, sondern
einförmig von der Turmuhr der Alltäglichkeit. Daher flüchtete er sich zu Männern
und zur Freundschaft, gleichsam unter die neben dem Schuttaufen des Brandes
noch grünenden Bäume; Weiber floh er, weil sie ihn, wie fremde Kinder eine
Mutter, die ihres verloren, zu schmerzlich erinnerten. Wie heiter geht dagegen
ein Simultanliebhaber, der nur Allerseelen- und Allerheiligenfeste feiert,
ordentlich neugeboren umher, wenn er sich endlich aus einem fassenden Herzen
glücklich ausgehenkt und er nun alle weibliche Gestalten wieder mit der Ansicht
eingelöster Güter überzählen kann! Schon das Gefühl dieser Freiheit kann ihn
ermuntern, sich öfter, um es wieder zu schmecken, einem weiblichen Herzen als
Gefangnen zu überliefern.
    Albano verlief sich an Roquairols und Schoppens Händen in wilde Männerfeste
- die das Sphären-Echo der Freude auf der Heerpauke vortragen wollen -; es waren
nach den Rosenfesten nur die Dornenfeste. So gibt es ein Verzweifeln, das sich
mit Schwelgen hilft; wie z.B. in der Pest zu Aten - oder in der Erwartung des
Jüngsten Tages - oder in der Erwartung des Robespierrischen Schlacht-Messers.
Der Hauptmann ging tiefer in seine alte Verworrenheit und Wildnis zurück und
zog, so weit er konnte, den unschuldigen Jüngling in seine Volksfeste mit
sogenannten Musensöhnen, in seine immerwährende Weinlese und auf seine
Freuden-Werbplätze nach, gleichsam als hab' er seinetwegen nötig, den Freund ein
wenig zu sich herabzubringen.
    Albano bildete sich ein, mit diesen Dityramben sei seine weinende Seele
ganz eingesungen, und er wiegte sie nur noch ein wenig fort. Indes wurden,
wiewohl ers nicht eingestehen wollte, seine jungen Rosenwangen so bleich wie
eine Stirn, und das Gesicht fiel wie eine Taste unter der zersprungnen Saite
ein. Es war rührend und hart zugleich, wenn er lachend unter seinen Freunden und
deren Freunden sass mit einem entfärbten Gesicht - mit höhern, schärfern Knochen
der Augen und der Nase - mit einem wildern Auge, das aus einer dunklern
Knochentiefe loderte. Vor Musik, zumal Roquairols seiner, worin das
leidenschaftliche Wogen und Werfen unsers Schiffs mit dem tonkünstlerischen
abgenützten Wechsel des Dämpfers und Donners zu lebendig arbeitete, entfloh sein
Ohr und Herz wie vor einer aufreibenden Sirene. Der abgebrochne Lanzensplitter
der Wunde zog in seinem ganzen Wesen nagend herum. O, wie in den Kinderjahren,
wenn ihm die Rosen-Wolke am Himmel gerade auf dem Berge aufzuliegen und so
leicht zu ergreifen schien, das herrliche Gewölk weit in den Himmel zurückfuhr,
sobald er den Berg erstiegen hatte: so stand jetzt die Aurora des Lebens und
Geistes, die er nahe fassen wollen, so hoch und ferne droben über seiner Hand im
Blau. Mühsam erreicht der Mensch die Alpe der idealischen Liebe, noch mühsamer
und gefährlicher ist - wie von andern Alpen - das Herabsteigen von ihr.
    Eines Tages kam Chariton in die Stadt, bloss um ihm endlich einen Brief ihres
Mannes - denn Dian machte wie alle Künstler leichter und lieber ein Kunstwerk
als einen Brief - zu überbringen, worin er sich freuete, dass er Albano so bald
sehen würde. »Er kommt also wieder?« fragte der Graf. Sie rief betrübt aus: »Bei
Leibe! - Ja das! - Nach seinem vorigen Schreiben bleibt er noch sein Jahr.« -
»So versteh' ich ihn nicht«, sagte Albano.
    Er wurde an demselben Abend auf herkulanische Bilderbücher - die mit
Charitons Brief eine Post genommen hatten - von der Fürstin eingeladen. Sie trat
ihm mit jener erheiterten Liebesmiene entgegen, welche man vor einem aufspannt,
der vor uns sogleich, wie wir hoffen, seinen grenzenlosen Dank aus dem Herzen
ziehen wird. Aber er hatte nichts daraus zu ziehen. Sie fragte endlich
betroffen, ob er heute keine Briefe aus Spanien erhalten. Sie vergass, dass die
Post gegen kein Haus höflich und eilig ist als gegen das Fürstenhaus. Da aber
sein Brief schon gewiss in seinem Zimmer lag: so erlaubte sie sich, die Rolle der
Zeit zu nehmen, welche alles an den Tag bringt, und sagte, was im Briefe stehe,
»dass sie nämlich im Herbste eine kleine Kunstreise nach Rom unternehme, auf der
sie sein Vater begleiten werde und er diesen, wenn er wolle; das sei das ganze
Geheimnis«. - Es war das halbe; denn sie setzte bald darauf hinzu, dass sie der
besten Zeichnerin in der Stadt am liebsten die Freude dieser Reise zuwende,
sobald diese nur genese - Lianen.
    Wie plötzlich das ganze Herz freudig erleuchtet wird, wenn nach einem langen
finstern Regentage endlich abends die Sonne sich unter dem schweren Wasser ein
goldnes, offnes Abendtor wölbt, darin rein-glänzend wie in einer Rosenlaube vor
der widerscheinenden Erde steht, ihr einen schönern Tag ansagt und dann mit
warmen Blicken verschwindet aus der offnen Rosenlaube: so war es unserem Albano.
    Der schöne Tag war noch nicht da, aber der schöne Abend. Er liess die
herkulanischen Bilder unter ihrem Schutt und eilte, so schnell als es die
Dankbarkeit vergönnte, zum Blatte des Vaters zurück, der so selten eines gab.
    Es war dieses da:
    »Liebster Albano! Meine Geschäfte und meine Gesundheit sind endlich in
solcher Ordnung, dass ich meinen Plan bequem ausführen kann, den ich mit der
Fürstin vorhabe, eine kleine Kunstreise nach Rom noch im Herbste zu machen, zu
der ich dich einlade und im Oktober selber abhole. Die übrige Reisegesellschaft
wird dir nicht missfallen, da sie aus lauter tüchtigen Kunstkennern besteht,
Herrn v. Bouverot, Herrn Kunstrat Fraischdörfer, Herrn Bibliotekar Schoppe
(wenn er will). Leider muss Herr v. Augusti als Lektor zurückbleiben. Dein Lehrer
in Rom (Dian) erwartet dich mit vieler Sehnsucht. Man hat mir geschrieben, dass
du die neue Hofdame der guten Fürstin, Fräulein v. Fr., deren ich mich als einer
sehr braven Zeichnerin entsinne, besonders begünstigest. Es wird dich daher
interessieren, dass die Fürstin sie auch mitnimmt, zumal da ihr, wie ich höre,
eine Gesundheitsreise so nötig ist wie mir. - Im Frühling, der ohnehin nicht die
schönste Jahreszeit in Italien ist, kehrest du wieder zu deinen Studien nach
Deutschland zurück. - Noch etwas im Vertrauen, mein Bester! Man hat meiner
Mündel, der Gräfin von Romeiro, deine Geister-Visionen aus Pestitz unverhohlen
mitgeteilt. Da sie nun den Herbst und den Winter während meiner Abwesenheit bei
ihrer Freundin, der Prinzessin Julienne, zubringt und noch dazu eher ankommt als
ich: so lasse dich es nicht frappieren, dass sie deiner Bekanntschaft ausweicht,
weil sich ihr weiblicher und ihr persönlicher Stolz durch den gauklerischen
Gebrauch ihres Namens gekränkt und gerade zur Widerlegung der Gaukler recht
aufgefodert findet. In der Tat konnte man - wenn die Spielerei anders einen
ernstaftern Zweck hat - wohl kein schlechteres Mittel dazu erwählen. - Du wirst
tun, was die Ehre gebietet, und ob sie gleich meine Mündel ist, sie nicht
zudringlich aufsuchen. Alles bleibt unter uns. Addio!
                                                                       G. v. C.«
Diese Aussichten - die erhebende, neben dem Vater so lange zu sein - die
heilende, aus dieser tiefen Asche herauszuwaten in ein freieres, leichteres Land
- die schmeichelnde, dass das kranke, geplagte Herz im Bergschlosse vielleicht in
Zitronen- und Lorbeerwäldern Freude und Genesung wieder finde, auch wohl wieder
gebe - diese Aussichten waren, was die Freuden der Menschen sind, sehr schöne
Spaziergänge im Hofe des Gefängnisses.
    Auf diesem frohen Spaziergange störte ihn bald das Bild der kommenden Linda
- aber nicht seinet-, sondern seiner armen Schwester und seines Freundes wegen.
Wie feindselig muss dieses fremde Irrlicht, dacht' er, in den nächtlichen Kampf
aller gegeneinander rennenden Verhältnisse hüpfen! Roquairol schien ohnehin die
zu heftig liebende Rabette mit ihren einsamen Wünschen allein zu lassen; sie
schickte wöchentlich ihre durch einen Einschluss an Albano - sonst wars umgekehrt
-, briefliche Seufzer und Tränen, die er alle kalt einsteckte, ohne von ihnen
oder der Verlassenen zu sprechen.
    Albano - im stillen Lianen und Rabetten abwägend - beklagte selber das
ungleiche Los seines übereilten Freundes, über dessen Sonnenpferde nur eine
Amazone und Titanide, aber nicht ein gutes Landmädchen den Zügel werfen konnte
und dessen Psyches- und Donnerwagen ihm zu gut schien zu einem blossen ehelichen
Post- oder Kinderwagen. Erwürgend wird sich alles durcheinanderschlingen, dacht'
er, wenn er, am Traualtar mit Rabetten kniend, zufällig aufsieht und unter den
Zuschauerinnen die unvergessliche hohe Braut seiner ganzen Jugend findet und laut
das entsagende Ja ausstammeln muss!
    Er war daher zweifelhaft, ob er ihm den Inhalt des Briefs entdecken dürfe,
aber doch nicht lange; »soll ich dem Freund« (sagt' er) »verhehlen und
vorgaukeln? Darf ich ihn als schwach voraussetzen und die Beschleunigung der
Verhältnisse scheuen, die doch mit Ihr kommen?«
    Sobald Karl zu ihm kam, sagt' er ihm zuerst die Abreise und sogar die Bitte
um dessen Mitreise; bewegt von der ersten Trennung seines Jugendfreundes. Der
Hauptmann - dessen Herz immer den Sangboden der Phantasie zum Anklang brauchte -
war auf der Stelle nicht vermögend, beträchtliche Empfindungen über den Abschied
zu haben und zu malen. Da gab ihm Albano - über die Lippe konnt' ers nicht
bringen - den ganzen Brief.
    Unter dem Lesen wurde Roquairols ganzes Gesicht hässlich, sogar in des
Freundes Auge. - Er schleuderte dann ein so flammendes Zornauge gegen Albano,
dass dieser es erwiderte unwillkürlich und unwissend. »O, wahrlich, ich versteh'
alles« (sagte Karl) - »So musst' es sich lösen. Warte nur bis morgen!« Alle
Muskeln an ihm waren rege, alle Züge irre, alles bewegt, so wie im heftigen
Gewitter kleine Wölkchen umeinander wirbeln. Albano wollte ihn fragen und
halten. »Morgen, morgen!« rief er und stürmte davon.
 
                                   87. Zykel
Am Morgen erhielt Albano einen sonderbaren Brief von Roquairol, zu dessen
Verständnis einige Nachrichten von seinem Verhältnis mit Rabetten vorausstehen
müssen.
    Nichts ist schwerer, wenn man seinen Freund recht liebt, als dessen
Schwester kaum anzusehen. Nichts ist leichter - nur das Umgekehrte ausgenommen -
als nach der Entzauberung durch, Stadterzen die Bezauberung durch Landherzen.
Nichts ist einem Simultanliebhaber, der alle liebt, natürlicher als die Liebe
gegen eine darunter. Es braucht nicht erwiesen zu werden, dass der Hauptmann in
allen drei Fällen auf einmal gewesen, da er zum ersten Male zu Rabetten sagte,
sie habe sein sogenanntes Herz. Sie hätte freilich die Hamadryade in einem
solchen Giftbaum, durch dessen Saft so viele Amors-Pfeile vergiftet wurden,
nicht so nahe anbeten sollen; aber sie und ihre meisten Schwestern werden von
den männlichen Vorzügen gegen den männlichen Missbrauch davon verblendet.
    Anfangs ging manches gut; die reine Unschuld seiner Schwester und seines
Freundes warf ein fremdes Zauberlicht auf den widernatürlichen Bund. Das
Vorzüglichste war, dass er als Konzertmeister seiner Liebe wenig mehr von
Rabetten bedurfte als die - Ohren; Lieben war bei ihm Sprechen, und Handlungen
sah er bloss für die Zeichnung unserer Seele, Worte aber für die Farben an. Es
gibt eine doppelte Liebe, die der Empfindung und die des Gegenstandes. - Jene
ist mehr die männliche, sie will den Genuss ihres eignen Daseins, der fremde
Gegenstand ist ihr nur der mikroskopische Objekt- oder vielmehr Subjekt-Träger,
worauf sie ihr Ich vergrössert erblickt; sie kann daher leicht die Gegenstände
wechseln lassen, wenn nur die Flamme, in die sie als Brennstoff geworfen werden,
hoch fortlodert; und durch Taten, die immer lang, langweilig und beschwerlich
sind, geniesst sie sich weniger als durch Worte, die sie zugleich malen und
mehren. Hingegen die Liebe des Gegenstandes geniesst und begehret nichts als das
Glück desselben (so ist meistens die weibliche und elterliche), und nur
Handlungen und Opfer tun ihr Genüge und wohl; sie liebt, um zu beglücken, wenn
jene nur beglückt, um zu lieben.
    Roquairol hatte sich längst der Liebe der Empfindung gewidmet. Daher musst'
er so viel Worte machen. Überhaupt wurde sein Herz erst durch den Transport über
die Zunge und Lippe recht feurig und trinkbar; am Rheinfall wär' er nicht von
der besten, nämlich gerührtesten Laune gewesen, bloss weil er zum Lobe desselben
- da der Fluss alles überdonnert - nichts hätte vorbringen können vor erhabenem
Lärm.
    Sein Roman mit Rabetten nach der Liebes-Erklärung war in verschiedene
Kapitel abgeteilt.
    Das erste Kapitel bei ihr versüsste er sich dadurch, dass sie ihm neu war und
zuhörte und bewundernd gehorchte. Er schilderte ihr darin grosse Stücke von der
schönen Natur ab, mischte einige nähere Rührungen dazu und küsste sie darauf; so
dass sie seine Lippen wirklich in zwei Gestalten genoss, in der redenden und in
der handelnden; von ihr wollt' er, wie gesagt, nur ein Paar offne Ohren. In
diesem Kapitel nahm er noch einige Möglichkeit ihrer - Heirat an; die Männer
vermengen so leicht den Reiz einer neuen Liebe mit dem Wert und der Dauer
derselben.
    Er machte sich an sein zweites Kapitel und schwamm darin selig in den
Tränen, aus denen er es zu schreiben suchte. In der Tat gewährte ihm diese
Augenlust mehr wahre Freude als fast die besten Kapitel. Wenn er so neben ihr
sass und trank - denn wie ein totes Fürsten-Herz begrub er gern sein lebendes in
Kelche - und nun anfing zu malen sein Leben, besonders seinen Tod, und seine
Leiden und Irrtümer vorher und seinen Selbst- und Knabenmord auf der Redoute und
seine weggestossene Liebe für Linda: wer war da mehr zu Tränen bewegt als er
selber? - Niemand als Rabette, deren Augen - durch ihren Vater und Bruder so
wenig mit Männertränen bekannt geworden als mit Elefanten-, Hirsch- und
Krokodilstränen - desto reicher in seine Trauer und Liebe, aber nicht so süss als
bitter überströmten. Das goss wieder neues in seine Flamme und Lampe, bis er am
Ende wie jener Schüler des Hexenmeisters von Goete die Besen, welche Wasser
zutrugen, nicht mehr regieren konnte. Poetische Naturen haben eine mitleidige;
gleich der Justiz besolden sie neben der Folterbank einen Wundarzt, der die
gebrochnen Glieder sogleich wieder ordnet, ja sogar vorher die Stellen der
Quetschungen reguliert.
    Der Mann sollte nie seinetwegen, ausgenommen vor Entzückung, weinen. Aber
Dichter und alle Leute von vieler Phantasie sind Zauberer, welche - gerade als
Widerspiele der verbrannten Zauberinnen - leichter weinen, obwohl mehr vor
Bildern als vor dem rohen, wunden Unglück selber, um die armen Zauberinnen auf
die schlimmste Wasserprobe zu setzen. Trauet nicht! Auf dem Machinellen-Giftbaum
werden die Regentropfen giftig, die von seinen Blättern rollen.
    Indes muss es nie verschwiegen werden, dass der Hauptmann in diesem zweiten
Kapitel seinen Entschluss bestärkte, die gute und so weiche Rabette wirklich zu -
ehelichen; »du weisst,« (sagt' er zu sich) »was im ganzen an den Weibern ist, ein
paar Mängel auf oder ab tun wenig; deine männliche Narrheit, sie wie die Zins-
und Deputattiere ohne Fehl zu fodern, ist doch wohl vorüber, Freund.« -
    Jetzt setzt' er sich hin, um zu seinem dritten Kapitel einzutunken, worin er
spasste. Seine Lippen-Allmacht über das zuhorchende Herz erquickt' ihn dermassen,
dass er häufige Versuche machte, ob sie sich nicht halb tot lachen könnte. Weiber
nehmen in der Liebe aus Schwäche und Feuer das Lachkraut am leichtesten; sie
halten den komischen Heldendichter noch mehr für ihren Helden - und beweisen
damit die Unschuld ihres Auslachens. Aber Roquairol liebte die Lachende weniger.
    In seinem vierten Kapitel - oder Sektor, oder Hundsposttag, oder
Zettelkasten, oder wie ich sonst (lächerrlich genug) statt der Zykel abteile - in
seiner vierten Jobelperiode, sag' ich, hielt es sozusagen härter mit ihm.
Rabette wurd' es endlich gewohnt und satt, dass er immer abstieg und den zwischen
den Rädern hängenden Teertopf der Tränendrüse aufmachte, um den Trauerwagen zu
teeren. Tiefes Rühren und Bewegen wurd' ihm täglich sauerer gemacht und
vergället, er musste immer längere und grellere Trauerspiele geben. Da fing er an
zu merken, dass die Zunge des Landmädchens nicht eben die grösste
Landschaftsmalerin, Seelenmalerin und Silhouettrice sei und dass sie zu ihm wenig
mehr zu sagen wisse als: du mein Herz! Er machte deshalb im vierten Kapitel
seltnere Besuche; das half wieder viel, aber kurz. Glücklicherweise gehörte die
halbe Meile von Pestitz nach Blumenbühl zu Rabettens Schönheitslinien und
Strahlen; in der Stadt, in einer Strasse oder gar unter einem Dache wär' er zu
kalt geblieben vor Nähe.
    Die natürlichste Folge aus einem solchen Kapitel ist das fünfte oder das
Wechselkapitel, das einige Flammen noch durch den immer schnellern Wechsel von
Vorwürfen und Versöhnungen aufbläset, so dass beide sich, wie elektrische Körper
kleine, wechselnd anziehen und abstossen. Zuweilen trank er nichts und fuhr sie
bloss an, zuweilen nahm er sein Glas und sagte zu ihr: »Ich bin der Teufel, du
der Engel.« Den grössten Stoss gab seiner Liebe sein Vater durch den Beifall, den
er ihr wider Verhoffen schenkte. Dem Hauptmann war gänzlich so, als begeh' er
die Silberhochzeit, wenn er einmal die goldne feiere. Im Dienste der
Liebesgöttin wird man leichter kahl als grau; er war schon gegen die Silberbraut
moralisch-kahl. Zum Glücke trieb er kurz vor dem Flammensonntag in Lilar144 alle
Vernachlässigungen und Sünden so weit, dass er am Sonntag imstande war, sie zu
verfluchen; nur nach Zürnen und Sündigen konnt' er leichter lieben und beten,
wie der kriechende Springkäfer sich nur aufschnellt, auf den Rücken gekehrt. Es
ist wohl wenigen Lesern aus jenem Sonntag entfallen, wenigstens entgangen, dass
Roquairol morgens mit Rabetten im Flötentale gesessen - dass Rabette da beklommen
und einsam gesungen - und dass er aufgelöset seinem von der Liebe verherrlichten
Freunde aufgestossen. Die Tal-Sache ist natürlich: nach so langem Kühl-(nicht
Kalt-) Sinn - an diesem luftigen, freien Otaheiti-Tage - bei so vielem, was er
in den Händen hatte (eine fremde - und eine Flasche) - neben ihrem Herzen, so
warm und doch so ruhig wie die Sonne droben - neben der einsamen Waisen-Flöte,
die er rufen liess - und bei seinem herzlichsten Wunsche, von einem solchen Tage
und Himmel etwas zu profitieren - - da sah er sich ordentlich genötigt, wahre
Rührung vorzuholen, über seine Vergangenheit sich auszulassen (er glich den
alten Sprachen, die nach Herder viele Präterita und kein Präsens haben) - ja
über seinen Tod (auch ein Bruchstück der Vergangenheit) - und dann wie auf einem
Himmelswege weiterzugehen. Freilich ging er nicht weit; er liess wieder sein
heil. Januars-Blut flüssig werden, nämlich seine Augen, und also vorher sein
eignes und foderte dann der entzückten, im schönsten Himmel umhergeschleuderten
Seele nichts Geringeres ab als - da sie vor dem zugeworfnen Schnupftuch
verstummte wie der Kanarienvogel unter dem übergeworfnen - ein schwaches Singen.
Rabette konnte nicht singen, sie sagte es, sie weigerte sich, sie sang endlich;
aber sie dachte unter dem leeren Singen an nichts weiter als an ihn und sein
wildes, nasses Gesicht.
    Das schlimmste Kapitel unter allen, die er in seinen Roman brachte, ist wohl
das sechste, das er in der Illuminationsnacht in Lilar niederschrieb. Anfangs
hatt' er die stumme, glanzlose Zuschauerin einsam stehen lassen, indem er hinter
dem Venuswagen voll fremder Göttinnen nachlief und aufsprang. Allmählich kroch
eine Freude nach der andern herzu und gab ihm den Tarantelbiss, dem ein krankes
Toben folgte. Da Mässigkeit eine wahre stärkende Arzenei des Lebens ist: so nahm
er zu dieser kräftigen Arzenei, um sie nicht in immer stärkern Dosen brauchen zu
müssen, ungemein selten die Zuflucht und gewöhnte sich durchaus nicht an sie.
Endlich erschienen an ihm wie am sinesischen Porzellan145 die Gestalten durch
Füllen; er trat mitleidend und liebend zu Rabetten und glaubte mit ihr, gegen
sie weich oder gut zu sein, da ers bloss gegen alle war.
    Er wollte sie aus dem feindlichen Augen-Heer entführen, um bei ihr den Kuss
zu suchen, dem das Verbot und die Entbehrung wieder den Honig gab; aber sie
weigerte sich, weil da, wo das Auge aufhört, der Verdacht anfängt, als er zum
Unglück die Blinde aus Blumenbühl ansichtig wurde und zur scheinbaren Wache
Rabettens rufen konnte, um diese aus der Versuchung unter Menschen in die
Versuchung in die Wüste zu führen. Sie ungestüm-liebend an sich drückend wie nie
- dass die arme, diesen Abend so verlassene Seele über die Wiederkehr aller ihrer
Freuden weinte - und zu ihr redend wie ein Engel, der wie keiner handelt,
gelangt' er mit ihr im stillen Tartarus, wo alles blind und stumm war,
unwillkürlich an.
    Rabette hatte die Blinde nicht entlassen; aber als sie in den Katakombengang
eingingen, der nur zwei Personen fasset, wenn nicht die dritte im Wasser
schleichen will, wurde die augenlose Magd an die Pforte gestellt, um so mehr da
er sich nicht gern von einer überflüssigen Zuhörerin wollte hemmen lassen. Und
was war denn mitten im Guckkasten des Grabes auch zu scheuen?
    Drinnen sprach er über die überall ausgestreckten Zeigefinger des Todes,
»und dass sie hinwiesen, das Leben, so dumm es auch sei, nicht noch dümmer zu
machen, sondern lustig«. Er setzte sich mit ihr liebkosend - wie der Würgengel
unsichtbar neben dem blühenden Kinde sitzt, das im alten Gemäuer spielt und dem
er den schwarzen Skorpion in die zarten Händchen drückt -; es war die Stelle, wo
er mit Albano, gegenüber dem Gerippe mit der Äolsharfe, in der ersten
Bundesnacht gesessen, als ihm der Freund die Entsagung Lindas beschwor. Seine
Zunge strömte wie sein Auge - Er war weich, wie nach dem Volksglauben Leichen
weich sind, denen Traurende nachsterben - Er warf Feuer-Kränze in Rabettens
Herz, aber sie hatte nicht wie er Wortströme zum Löschen - sie konnte nur
seufzen, nur umarmen; und die Männer versündigen sich am leichtesten aus
Langerweile an guten, aber langweiligen Herzen - Schneller sprangen Lachen und
Weinen, Tod und Scherz, Liebe und Frechheit ineinander über; das moralische Gift
macht die Zunge so leicht als physisches sie schwer - Die Arme! die
jungfräuliche Seele ist eine reife Rose, aus der, sobald ein Blatt gezogen ist,
leicht alle gepaarte nachfallen; seine wilden Küsse brachen die ersten Blätter
aus - Dann sanken andere - Umsonst wehet der gute Genius fromme Töne aus der
Harfe des Todes und rauschet zürnend im Orkus-Flusse der Katakombe herauf -
Umsonst! - Der schwärzeste Engel, der gern foltert, aber lieber Unschuldige als
Schuldige, hat schon vom Himmel den Stern der Liebe gerissen, um ihn als
Mordbrand in die Höhle zu tragen. Der Wehrlosen enges, armes Lebens-Gärtchen,
worin nur wenig wächst, steht auf dem langen Minengang, der unter Roquairols
ausgedehnten Lustlagern wegläuft; und der schwärzeste Engel hat die Minen-Lunte
schon angesteckt - Feurig frisset der gierige Punkt sich weiter. Noch steht ihr
Gärtchen voll Sonnenschein, und seine Blumen wiegen sich - der Funke nagt ein
wenig am schwarzen Pulver, plötzlich reisst er einen ungeheuern Flammen-Rachen
auf und das grüne Gärtchen taumelt, zersprengt, zerstäubt, in schwarzen Schollen
aus der Luft herab an ganz fernen Stellen - Und das Leben der Armen ist Dampf
und Gruft. -
    Aber Roquairols ausgebreiteten, weiten und zusammengewurzelten Lust-Parks
widerstanden dem Erdstosse viel kräftiger. Beide traten dann betrübt - denn dem
Hauptmann war eine kleine Laube aufgeschleudert - aus dem Miniergange heraus,
trafen aber die Blinde nicht mehr an, die suchend sich verlaufen hatte, sondern
stiessen nur dem umherirrenden Albano auf, der sehr trauerte und tobte, ob er
gleich diesen Abend nichts verloren hatte als - Freuden.
    Lasset uns die Betrogne und ihre Mit-Millionen mit einigen Worten vor einen
milden Richter führen! - Nicht das allein wird dieser Richter wiegen, dass sie,
vom Blütenstaube eines rauchenden Freuden-Frühlings betäubt, stumm-erstickt mit
dem jungfräulichen Schleier, erlegen dem Sturm der Phantasie - da Weiber um so
leichter vor der fremden und poetischen fallen, je seltner ihre eigne weht und
ihnen das Feststehen angewöhnt -, den Lohn eines ganzen jungfräulichen Lebens
sterben liess: sondern das mildert am stärksten das Urteil, dass sie Liebe im
Herzen trug. Warum erkennt es denn das Männer-Geschlecht nicht, dass die Liebende
in der Stunde der Liebe ja nichts weiter tun will als alles für den Geliebten,
dass die Frau für die Liebe alle Kräfte, gegen sie so kleine hat und dass sie mit
derselben Seele und in derselben Minute ebensoleicht ihr Leben hingäbe als ihre
Tugend? - und dass nur der fodernde und nehmende Teil schlecht sei, besonnen und
selbstsüchtig?
    Das letzte oder siebente Kapitel seines Räuberromans ist sehr kurz und
widersprechend. Den dritten Tag besucht' er sie in ihrem Garten, war zärtlich,
vernünftig, nüchtern, zurückhaltend, als wär' er ein Ehemann. Da er sie voll
Kummer fand, den sie doch nur halb aussprach: so kam er aus Angst für ihre
Gesundheit mehrmals wieder; und als diese nicht im geringsten gelitten, blieb er
- weg. Gegen Albano war er während besagter Angst demütig; und nach derselben
wie sonst, aber nicht lange. Denn als seine Schwester, die er vielleicht unter
allen Menschen am reinsten liebte, durch Albanos Wildheit erblindete: warf er,
eben wegen der Ähnlichkeit der Schuld, auf diesen einen wahren Hass und etwas
Ähnliches auf alle dessen Verwandte. Rabette bekam jetzt nichts weiter von ihm
als Briefe und Entschuldigungen, kurze Gemälde seiner wilden Natur, die freien
Spiel-Raum haben müsse und die, einer fremden angeheftet, diese bloss ebensosehr
mit der Kette zerschlagen und drücken müsse als sich selber. Alle Einwürfe
Rabettens wusst' er so gut zu heben, da sie nur in Worten, und nicht in Mienen
und Tränen bestanden, dass er am Ende selber einsah, er habe recht; und der von
diesem stürzenden, glatten Maienbaum erschlagnen Maiblume blieb fast nichts
übrig als das rechte letzte Wort, nämlich die stumme Lippe, die es dem Mörder
nicht erst meldet, dass er das Herz getroffen und zerstöret habe.
 
                                   88. Zykel
Hier ist Roquairols Brief an Albano:
    »Einmal muss es geschehen, wir müssen uns sehen, wie wir sind, und dann
hassen, wenn es sein muss. Ich mache deine Schwester unglücklich, du meine und
mich dazu; das hebt sich auf gegenseitig. Du verzerrest dich aus meinem Engel
immer heftiger zu meinem Würgengel. Würge mich denn, aber ich packe dich auch.
    Jetzt sieh mich an, ich ziehe meine Maske ab, ich habe konvulsivische
Bewegungen auf dem Gesicht, wie Leute, die genossenen Gift überstanden! Ich habe
mich in Gift betrunken, ich habe die Giftkugel, die Erdkugel, verschluckt. Frei
heraus! Ich jauchze nicht mehr, ich glaube nichts mehr, ich jammere nicht einmal
recht tapfer. Ausgehöhlt, verkohlt vom phantastischen Feuer ist mein Baum. Wenn
so zuweilen die Eingeweidewürmer des Ichs, Erbosung, Entzückung, Liebe und
dergleichen, wieder herumkriechen und nagen und einer den andern frisset: so
seh' ich vom Ich herunter ihnen zu; wie Polypen zerschneide und verkehr' ich
sie, stecke sie ineinander. Dann seh' ich wieder dem Zusehen zu, und da das ins
Unendliche geht, was hat man denn von allem? Wenn andere einen
Glaubens-Idealismus haben, so hab' ich einen Herzens-Idealismus, und jeder, der
alle Empfindungen oft auf dem Teater, dem Papier und dem Erdboden durchgemacht,
ist so. Wozu dients? - Wenn du jetzt stürbest, sag' ich mir oft, so wäre ja
alles, da alle Radien des Lebens in den kleinen Punkt eines Augenblicks
zusammenlaufen, weggewischt, unsichtbar; mir ist dann, als wär' ich nichts
gewesen. Oft seh' ich die Berge und Flüsse und den Boden um mich an, und mir
ist, als könnten sie jeden Augenblick auseinanderflattern und verrauchen und ich
mit. Das künftige Leben, da das anwesende kaum eines ist, und alles, was
daranhängt, gehört unter die Entzückungen, denen man zusieht; zumal unter einer,
in der Liebe.
    Da du so leicht jede Verschiedenheit von dir für Entkräftung hältst: so sag'
ich dir gerade heraus: steige nur weiter, knete dich nur mehr durch, hebe nur
den Kopf aus den heissen Wogen der Gefühle höher, dann wirst du dich nicht mehr
in sie zerlaufen, sondern sie allein verwallen lassen. Es gibt einen kalten,
kecken Geist im Menschen, den nichts etwas angeht, nicht einmal die Tugend; denn
er wählt sie erst, und er ist ihr Schöpfer, nicht ihr Geschöpf. Ich erlebte
einmal auf dem Meer einen Sturm, wo das ganze Wasser sich wütend und zackig und
schäumend aufriss und durcheinanderwarf, indes oben die stille Sonne zusah;- so
werde! Das Herz ist der Sturm, der Himmel das Ich.
    Glaubst du, dass die Romanen- und Tragödienschreiber, nämlich die Genies
darunter, die alles, Gotteit und Menschheit, tausendmal durch- und nachgeäfft
haben, anders sind als ich? Was sie - und die Weltleute - noch reell erhält, ist
der Hunger nach Geld und nach Lob; dieser fressende Magensaft ist der tierische
Leim, der hüpfende Punkt in der weichen Fluss-Welt und Fliess-Welt. - Die Affen
sind Genies unter dem Vieh; und die Genies sind - nicht bloss vor höhern Wesen,
wie Pope von Newton sagt - sondern auch hier unten Affen, im ästetischen
Nachmachen, in der Herzlosigkeit, Bosheit, Schadenfreude, Wollust und -
Lustigkeit.
    Letztere und vorletztere beding' ich mir aus. Gegen die Longueurs im
Lebens-Buche, das kein Mensch versteht, gibts nichts als einige lustige Stellen,
an die ich nicht mehr denke, sobald ich sie gelesen. Um nur wegzukommen über das
höckerige, kalte Leben, will ich doch mir lieber Rosenkelche als Dornenreiser
unterstreuen. Die Freude ist schon etwas wert, weil sie etwas verdrängt, eh' man
sich mit schwerem Haupte niederlegt ins Nichts.
    So bin ich; so war ich; da sah ich dich und wollte dein Du werden - aber es
geht nicht, denn ich kann nicht zurück, aber du vorwärts, du wirst mein Ich
einmal - und da wollt' ich deine Schwester lieben! Sie verzeihe es mir! Hier
trinke reinen Wein! Ich weiss am besten, wie weit es mit den Weibern geht - wie
ihre Liebe beglückt und beraubt - wie jede Liebe sich gleich anderem Feuer an
viel besserem Holze entzündet als ernährt - und wie überall der Teufel alles
holt, was er bringt. -
    O, warum kann denn keine Frau nur soweit und nicht weiter lieben, als man
haben will? Gar keine? - Meinetwegen; überall wollen schlaffe Prediger uns von
jeder vergänglichen Lust abhalten durch die nachfahrende Unlust. Ist denn die
Unlust nicht auch vergänglich? - Rabette meint' es gut mit mir, aus demselben
Grunde des Wunsches, warum ichs mit ihr und mir so meinte. Aber weiss es denn
jemand, welche Fegefeuer-Stunden man mit einem fremden Herzen durchwatet, das
voll ist, ohne zu füllen, und dessen Liebe man am Ende hasset - vor welchem,
aber nicht mit welchem man weint und nie über Gleiches und dem man sich jede
Rührung zu entüllen scheuet, aus Furcht, sie in Nahrung der Liebe verwandelt zu
sehen - aus dessen Zorn man den grössern Zorn und aus dessen Liebe man den
kleinern saugt? - Und nun vollends auf immer in diese Peinlichkeit die heitern
Verhältnisse eingeschraubt, die uns sonst über die peinlichen emporhalten sollen
- auf immer das lang gewünschte Götter-Glück des Lebens in einen platten Schein
und Kupferstich verkehrt das Herz in eine Brust und Larve - das Mark des Daseins
in spitze Knochen - Und doch bei allen Vorwürfen der Kälte nur ans Schweigen
gekettet, unschuldig und stumm auf die Folter gebunden - und das eben ohne Ende!
-
    Nein, lieber den Wahnsinn her, den man aus dem Tempel der Liebe sowohl wie
der Eumeniden holt! Lieber recht unglücklich entbrannt, ohne Hoffnung, ohne
Laut, bis zur Bleichheit und Wut, als so geliebt - nicht liebend! - Wer einmal
in dieser Hölle brannte, Albano, der - fährt immerfort in sie; das ist das neue
Unglück. Verschmerz' ich nicht das Leben und den Tod und die Wunden und Stacheln
vorher und bin gewiss nicht schwach? Doch bin ich nicht imstande, einer
empfindsamen Rede - oder Klavierphantasie - oder Vorlesung oder Vorsingung
Einhalt zu tun, und wenn mir der Schmerz in Person eine von allen Göttern
unterschriebne Drohung vorhielte, dass eine Zuhörerin, die ich nicht leiden kann,
sogleich darauf meine Liebhaberin würde und daraus meine Geliebte und Hölle.
    Die Griechen gaben dem Amor und dem Tode dieselbe Gestalt, Schönheit und
Fackel; für mich ists eine Mordfackel, aber ich liebe den Tod und darum den
Amor. Längst war mir mein Leben eine tragische Muse; gern geb' ich dem Dolche
einer Muse die Brust; eine Wunde ist fast ein halbes Herz.
    Höre weiter! Rabette hat eine schöne Natur und folgt ihr, aber meine ist für
sie eine Wolke mit leerer, vergänglicher Bildung und Gestalt; sie versteht mich
nicht. Könnte sie es, so vergäbe sie mir am ersten. O, ich habe sie wohl
misshandelt, als wäre ich ein Schicksal und sie ich. Zürne, aber höre. In der
Illuminationsnacht führte ihre Sehnsucht und meine Leerheit im Feuerregen der
Freude uns wärmer aneinander - unter den glattgepanzerten und mattgeschliffnen
Hofgesichtern blühte ihr aufrichtiges so schön und so lebendig wie ein frisches
Kind auf der Bühne und am Hofe - Wir gerieten in den Tartarus - Wir sassen an der
Stelle, wo du mir deinen Verzicht auf Linda geschworen - In meinen Sinnen glühte
der Wein, in ihren das Herz - O, warum hat sie, wenn man spricht und strömt,
keine andere Worte als Küsse und macht einen sinnlich aus Langeweile - und
zwingt zum Sprechen ihrer Sprache? - Meine wahnsinnige Kühnheit, die mir die
Phantasie und der Rausch einhauchen und die ich kommen sehe und doch erwarte,
ergriff mich und trieb mich wie einen Nachtwandler. - Aber immer ist etwas in
mir Hellblickendes, das selber das Zuggarn des Wahnsinns strickt, über mich
wirft und mich verhüllt darin führt. - So sieh mich in jener Nacht mit dem
brennenden Netz um das Haupt, der Totenbach murmelt zu mir, das Skelett greift
durch die Harfe - Aber umschlungen, vergittert, verdunkelt, geblendet vom
Feuer-Geflechte der Lust, acht' ich weder Vernichtung noch Himmel noch dich und
jenen Abend, sondern ich schlinge alles durcheinander und ins Geflechte - Und so
sank die Unschuld deiner Schwester ins Grab, und ich stand aufrecht auf dem
Königssarg und ging mit hinunter.
    Ich verlor nichts - in mir ist keine Unschuld -, ich gewann nichts - ich
hasse die Sinnenlust -; der schwarze Schatte, den einige Reue nennen, fuhr breit
hinter den weggelaufenen bunten Lustbildern der Zauberlaterne nach; aber ist das
Schwarze weniger optisch als das Bunte?
    Verdamme deine arme Schwester nicht; sie ist jetzt unglücklicher als ich,
denn sie war glücklicher; aber ihre Seele ist unschuldig geblieben. Bewahrt lag
ihre Unschuld in ihrem Herzen wie ein Kern in der steinigen Pfirsichschale; der
Kern selber zersprengte in der nährenden, warmen Erde seinen Panzer und drängte
sich grünend ans Licht.
    Ich besuchte sie nachher. Alle ihre Seelenschmerzen gingen in mich über; zu
allen Taten und Opfern für sie fühlt' ich mich leicht; aber zu keinen
Empfindungen. Macht, was ihr wollt, du und mein Vater, ich werde mich in diesem
dummen Stoppelleben, wo man in der Freiheit so wenig erntet, nicht vollends in
das enge dreissigjährige Gehege der Ehe bannen. Bei Gott! für den erbärmlichen
erpressten Sinnen-Rausch hab' ich schon bisher und unter ihm mehr ausgestanden,
als er wert ist.
    Nicht das, was ich gestern bei dir gelesen, gibt mir diesen Entschluss - das
frage Rabetten über ihn -, und meine Freimütigkeit gegen dich ist ein
willkürliches Opfer, da die Mysterie unter zweien hätte ohne mich eine bleiben
können: sondern ich will nicht von dir verkannt sein, gerade von dir, der du,
bei so wenigen Reflexen deines Innern, so leicht nachteilig vergleichst und
nicht merkst, dass du meine Schwester in Lilar gerade so, nur mit geistigern
Armen, opfertest und ihre Augen und Freuden in den Orkus warfst. Ich tadle dich
nicht; das Schicksal macht den Mann zum Unter-Schicksal des Weibes. Die
Leidenschaften sind poetische Freiheiten, die sich die moralische nimmt. Du
hieltest mich doch nicht für zu gut, ich bin alles, wofür du mich nahmest, nur
aber noch mehr dazu; und das Mehr-Dazu fehlt dir noch selber.
    O, wie fliegt mein Leben schneller, seit ich weiss, dass Sie146 kommt! Das
Schicksal, das so oft Gewicht und Räder spielt und den Perpendikel des Lebens
mit eigner Hand auswirft, hebt den meinigen aus, und alle Räder rollen der
seligen Stunde unbändig entgegen. Sie ist meine erste, meine reinste Liebe; vor
ihr riss ich alle meine blühenden Jahre aus und warf sie ihr hin auf ihren Weg
als Blumen; für Sie opfer' ich, wag' ich, tu' ich alles, wenn Sie kommt. O, wer
in der leeren Schaum- und Gaukel-Liebe nichts fürchtet, was sollte der in der
rechten, lebendigen Sonnen-Liebe scheuen oder weigern? - Du Engel, du Würgengel,
du flogst herein in mein kahles, ebenes Leben, du fliehst und erscheinst, bald
hier, bald da, auf allen meinen Steigen und Auen, o verweile nur so lange, bis
ich vor deinen Füssen mir mein Grab aufgewühlet habe, während du zu mir
heruntersahst!
    Albano, ich schaue die Zukunft und greif' ihr vor; ich sehe recht deutlich
das lange, über den ganzen Strom gespannte Netz, das dich fassen, schnüren und
würgen soll; dein Vater und noch andere ziehen darin euch beide einander zu,
Gott weiss warum.
    Darum kommt Sie jetzt, und dein Reisen ist nur Schein. - Meine arme
Schwester ist bald besiegt, nämlich ermordet; besonders da man dazu bei ihrem
Geisterglauben keine andere Stimme braucht als jene körperlose, die über dem
alten Fürstenherzen dem deinigen die Grenze anwies!
    Welche Lichter in der Zukunft, die zwischen finstern Verhältnissen und
Gebüschen, in Mord-Winkeln brennen! - Wie es sei, ich trete in die Höhlen
hinein; ich danke Gott, dass das ohnmächtige, kaltschwitzende Leben wieder einen
Herzschlag, eine Leidenschaft gewinnt; und dann oder jetzt tue gegen mich, der
ich sicher und versteckt und unredlich handeln konnte, was du magst. Schlage
dich heut oder morgen mit mir. Es soll mich freuen, wenn du mich in den längsten
Schlaf auf den Rücken bringst. O, das Opium des Lebens macht nur anfangs
lebhaft, dann schläfrig, o so schläfrig! Gern will ich nicht mehr lieben, wenn
ich sterben kann. Und so ohne ein Wort weiter hasse oder liebe mich, leb aber
wohl!
                                  Dein Freund
                               oder dein Feind.«
 
                                   89. Zykel
»Mein Feind!« rief Albano. Der zweite heisse Schmerz schlug vom Himmel in sein
Leben ein, und der Wetterstrahl brannte grimmig wieder hinauf. Als ein herzloser
Rumpf der vorigen Freundschaft war ihm Roquairol vor die Füsse geworfen; und er
fühlte den ersten Hass. Diese Giftmischung von sinnlicher und geistiger
Schwelgerei, dieser Gärbottich von Sinnen-Hefe und Herzens-Schaum - dieser
Vertrag von Liebes- und Mordlust und gegen dasselbe schuldlose Herz - dieser
geistige Selbstmord des Gemüts, der nur ein lustiges, umherschweifendes, sich
wechselnd verkörperndes Gespenst übrig liess, auf das kein Verlass mehr bleibt und
das ein tapferer Mann schon zu hassen anfängt, weil er diesen weichen Gift-Nebel
nicht packen und bekämpfen kann - das alles erschien dem Grafen, der ohne die
Übergänge und Mitteltinten der Gewohnheit und Phantasie aus dem vorigen Lichte
der Freundschaft in diese Abenddämmerung geführe wurde, noch schwärzer, als es
war. Neben die flache Wunde, die sein Familienstolz in der gemisshandelten
Schwester empfing, kam die tiefe giftige, dass Roquairol ihn mit sich und Lianens
Zerstörung mit Rabettens ihrer verglich. »Bösewicht!« knirschte er; auch die
kleinste Ähnlichkeit schien ihm eine Verleumdung.
    Allerdings hatte Roquairol an ihm sich verrechnet und seine poetische
Selbst-Verdammnis zu sehr auf Rechnung eines poetischen Richterspruchs
aufgesetzt. Wie man im Geräusche unwissend lauter spricht, so wusste er, wenn die
Phantasie mit ihren Katarakten um ihn brauste, nicht recht, was er rief und wie
stark. Da er oft doch weniger Schwärze an sich fand, als er schilderte: so
setzt' er voraus, der andere finde dann sogar noch weniger als er selber. Auch
hatt' er im poetischen und sündigen Taumel sich am Ende das moralische
Zifferblatt selber beweglich gemacht, dass es mit dem Zeiger ging; in dieser
Verwirrung wurd' ihm nicht gezeigt, wo Unschuld war.
    Hätt' er vorausgesehen, dass seine brieflichen Beichten in feindlichern
Winkeln an- und abprallen würden als einstmals seine mündlichen: er hätte sie
anders gerichtet.
    Vor Erschütterung konnte Albano nicht sogleich den kurzen Scheidebrief -
keinen Fehdebrief - an den Verlornen schreiben, sondern zögerte in der
Gewissheit, dass der Hauptmann nicht selber komme - als er kam. Denn Zögern
vertrug er nicht; körperliche und geistige Wunden nahm er als teatralische auf;
zu sehr gewohnt, Menschen zu gewinnen, verwand ers zu leicht, Menschen zu
verlieren. - Eine schreckliche Erscheinung für Albano; nur der aufgestellte
lange Sarg des getöteten Lieblings! Dass nun über dieses kräftig-knochige
Gesicht, sonst die Feste ihrer Seelen, die Furchen des Unkrauts sich krümmten,
dass dieser Mund, den die Freundschaft so oft auf seinen gelegt, ein Pestkrebs,
eine deckende Rose des Zungenskorpions für die trauendannahende gute Rabette
gewesen, das zu sehen und zu denken war reiner Schmerz.
    Kaum hörbar war Gruss und Dank; stumm gingen sie auf und ab, nicht neben-,
sondern widereinander. Albano suchte seinen Zorn in die Gewalt zu bekommen, um
nichts als die Worte zu sagen: gehe von mir und lasse mich deiner vergessen. Er
wollte Lianen im Bruder schonen, der ihn das Opfermesser derselben gescholten;
ungerechte Vorwürfe erhalten uns in der nächsten Zukunft besser, weil wir sie zu
keinen gerechten wollen werden lassen. - »Offen bin ich, siehst du« - (fing
Roquairol gemässigt an, weil seine Wallungen halb vertropft und verschrieben
waren) »sei es auch und antworte dem Brief.« - »Ich war dein Freund nun nicht
mehr«, sagte Albano erstickt. - » Dir hab' ich doch nichts getan«, versetzte
jener.
    »Himmel! Lass mich nicht viel reden« - (sagte Albano) »Meine elende Schwester
- Meine Unschuld an der Gräfin Kommen Meine elende, verworfne Schwester - - O
Gott! empör mich nicht - Ich achte dich nicht mehr, und da geh!«
    »So schlage dich!« sagte der Hauptmann, halb seelen-, halb wein-trunken.
»Nein!« (sagte Albano, laut-einatmend wie zum Seufzer des Zorns) »dir ist nichts
heilig, nicht einmal ein Leben!« Dieser Zögling des Todes warf den eignen
Lebenstagen und Freuden und Planen so leicht alle fremde nach in die Gruft; das
meinte Albano und dachte nur an die kranke, so leicht an fremden Wunden
sterbende Liane, die Liebe war (statt der Freundschaft) wie ein milderndes Weib
vor seine aufgebrachte Seele gegangen; aber der Feind verstand ihn falsch.
    »Du musst,« (spottete wild der Hauptmann) »deines soll mir teuer sein!«
    »Himmel und Hölle! ich meinte ein besseres« (sagt' er) - »Verleumder, gegen
deine Schwester hab' ich nicht so gehandelt wie du gegen meine - ich habe sie
nicht elend machen wollen, ich bin nicht wie du! - Und ich schlage mich nicht;
ich schone sie, nicht dich.« - Aber der Höllenfluss des Zorns, den er durch Liane
in flaches Land hatte leiten und seichter machen wollen, schwoll davon wie unter
Zauberhand auf, weil Roquairols Lüge ihres Hinopferns dabei so nahe lag.
    »Du fürchtest dich«, sagte der erbitterte Roquairol und nahm doch zwei Degen
von der Wand. »Ich achte dich nicht - und schlage mich nicht«, sagte Albano, ihn
und sich mehr reizend, da er doch sich bezwingen wollte.
    Da trat Schoppe herein; »er fürchtet sich«, wiederholte jener gewaffnet.
Albano gab errötend mit drei brennenden Worten die Geschichte. »Ein wenig müsst
ihr euch vor mir schlagen!« rief der Bibliotekar voll alten Hass gegen
Roquairols poetisches Blend-und Gaukel-Herz. Albano, lechzend nach kaltem Stahl,
griff unwillkürlich darnach. Der Kampf begann. Albano fiel nicht an, aber immer
wütender wehrt' er sich; und wie er so den zornigen Affen des vorigen Freundes
mit dem Dolch in der Hand sah, der aus den blühenden Beeten der schönsten Tage
ausgeackert war und in welchen er mit seinen Wunden getreten; und wie der
Hauptmann mit wachsendem Sturme auf ihn fruchtlos einbljetzte: so sah er auf dem
grimmigen Gesicht den dunkeln Höllenschatten wieder stehen, der darauf gestanden
und gespielet, als er unter sich die sträubende Rabette erwürgte; - die
Aufziehbrücke der Gesichter, worauf sonst beide Seelen zusammenkamen, stand
hoch, auseinandergerissen in die Luft. Glühender blickte Albano, zorntrunkner
griff er den Werwolf der verschlungnen Freundschaft an - plötzlich hieb er ihm
wie eine Tatze das Gewehr ab: als Schoppe, vom ungleichen Schonen und Fechten
entflammt, mit Rabettens Namen die Rache rufen wollte und schrie: »Die
Schwester, Albano!«
    Aber Albano verstand darunter Karls Schwester - und schleuderte das eine
Schwert dem andern nach, und Feuertropfen standen in seinem Auge und verzogen
unförmlich das feindliche Gesicht vor ihm. »Albano!« sagte zorn-erschöpft
Roquairol, auf den weinenden Regenbogen des Friedens bauend; »Albano?« fragt' er
und gab ihm die Hand. »Lebe froh, aber geh, noch bin ich unschuldig, geh!«
versetzte Albano, der hart das Gewitter des ersten Zorns über sich fühlte, das,
zwischen seine Gebürge eingesenkt, fortschlug. »Ins Teufels Namen geht! Am Ende
werd' ich auch angesteckt«, fuhr Schoppe dazwischen. »In solchem Namen geht man
gern!« sagte der Hauptmann, dem in Schoppens Gegenwart immer die Zungenmuskeln
erfroren, und ging schweigend; aber Albano sah ihn längst nicht mehr an, weil er
keine fremde Erniedrigung vertrug, sondern, wie jede starke Seele, mit der
gebückten Menschheit zugleich sich selber niedergebogen empfand, so wie grosse
Tronen keine Knechts-Abzeichen in ihrer Nähe dulden.147
    Schoppe fing nun an, ihn an seine frühesten Weissagungen über Roquairol zu
erinnern und sich das grosse Propheten-Quartett zu nennen - dessen unheilbare
Mund- und Herzensfäule zu rügen - dessen teatralische Festigkeit mit dem
römischen Marmor und Porphyr zu vergleichen, der aussen eine Stein-Rinde habe,
innen aber nur Holz148 - anzumerken, dessen innere Besitzung heisse, wie die des
deutschen Ordens, nur eine Zunge und überhaupt so heftig gegen alle
Selbst-Zersetzung durch Phantasie, gegen alle poetische Weltverachtung sich zu
erklären, dass ein anderer als Albano wohl eben den Eifer für einen Schutz gegen
das leise Gefühl einer Ähnlichkeit nehmen konnte. -
    Schoppe hoffte sehr, Albano hör' ihm glaubend zu und werde zürnen, lachen
und antworten; aber er wurde ernster und stiller; - er sah den rechtschaffenen
Bibliotekar an - und fiel ihm heftig und stumm an den Hals - und trocknete
schnell das schwere Auge. O, es ist ein finsterer Trauertag, der Begräbnistag
der Freundschaft, wo das ausgesetzte, verwaisete Herz allein heimgeht, und es
sieht die Todeseule vom Totenbette derselben schreiend über die ganze Schöpfung
fliegen.
    Albano hatte anfangs noch heute nach Blumenbühl gehen und seine verlassene
Schwester auf das Trauer-Gerüste der Wahrheit führen wollen; aber jetzt war sein
Herz nicht stark genug dazu, seine eignen Worte an die Schwester zu ertragen
oder ihre Tränen ohne Mass und ohne Tröster.
 
                         Einundzwanzigste Jobelperiode
 Die Leseprobe der Liebe - Froulays Furcht vor Glück - der betrogne Betrüger -
                              Ehre der Sternwarte
                                   90. Zykel
Seit dem vertilgten Bunde und seit Gaspards Briefe war Albanos Auge nach der
schönsten Ruine der Zeit-wenn man die Erde selber ausnimmt -, nach Italien
gerichtet, und sein verletzter Blick hielt an diesem neuen Portale seines Lebens
fest, das ihn vor das Schönste und Grösste, was Natur und Menschen schaffen
können, führen sollte. Wie taten ihm die Feuer-Berge und Romas-Ruinen und ihr
warmer, blaugoldner Himmel schon ihren Glanz auf, wenn er die leidende Liane vor
sie führte und die frommen Augen erquickt die Höhen massen! - Ein Mensch, der mit
der Geliebten nach Italien reiset, hat dadurch, eben weil er eines von beiden
entbehren könnte, beide verdoppelt. Und Albano hoffte diese Seligkeit, da alle
Zeugnisse, die ihm über Lianens Genesung begegneten, diese versprachen. Den
Doktor Sphex - der einzige, der für sie eine Grube öffnete und darin die
Totenglocke goss und jedem schwur, mit den Blättern falle sie sah er nicht mehr.
Er wollte indes - sagt' er sich - bei der ganzen Mitreise nur ihr Glück, gar
nicht ihre Liebe. So sah er sich immer in seinem Selbst-Spiegel, nämlich nur
verschleiert; so hielt er sich oft für zu hart, wiewohl er es so wenig war; so
hielt er sich für den Sieger über sein Herz, als sein schönes Angesicht schon
kranke, blasse Farben trug.
    Die Gegenwart stand noch dunkel über ihm, aber ihre benachbarten Zeiten, die
Zukunft und Vergangenheit, lagen voll Licht. Welche Reise, worauf eine Geliebte,
ein Vater, ein Freund, eine Freundin schon unterwegs die Merkwürdigkeiten sind,
zu welchen andere erst ziehen! -
    Die Fürstin war die Freundin. Seit Gaspards Briefen an sie und an ihn, seit
der Hoffnung einer längern und nähern Gegenwart überwältigte sie alles Gewölke
um sich her immer glücklicher, um den Freund nur aus einem blauen Himmel
anzulachen und anzuleuchten. Sie allein am Hofe schien den barschen Jüngling,
dessen stolze Offenheit so oft gegen den verdeckten Hofstolz und besonders gegen
den offnen des Fürsten anrennte, mild und recht zu nehmen; sie allein schien -
da nichts seltener in und von Zirkeln erraten wird als schöne Empfindsamkeit,
zumal von höfischen, zumal die männliche - sanft die seinige auszuspähen und
teilend fortzuwärmen. Sie allein ehrte ihn mit jener strengen, bedeutenden
Achtung, die so selten die Menschen geben so wie fassen können, weil sie immer
nur Liebe und Leidenschaft nötig haben, um - recht zu geben, unfähig, anders als
bei Kometenlicht, bei Kriegsflammen und bei Freudenfeuern die beste Hand zu
lesen. Alles, was er war, setzte sie bei ihm bloss voraus; seine Vorzüge waren
nur ihre Foderungen und seine Schutzbriefe; sie machte seine Individualität
weder zu ihrem Muster noch zu ihrem Widerschein, beide waren Maler, keine
Gemälde. Er hörte zwar oft, dass sie männlich-strenge sei, zumal als
Befehlshaberin, aber doch nicht, dass sie weiblich-grausam werde. Für das
gewöhnliche Höflings-Gewürme, das sich auf seinen Wurm-Ringen nur durch Kriechen
Höhen gibt, war sie abstossend und marternd; ob sie gleich als Neu-Gekommene
hätte ein neugebornes Kind sein sollen, das den ältern Kindern Rosinen
mitbringt. Am Sonntage, wo an Höfen, wie in Berlin auf der Bühne, immer geistige
Volksstücke aufgeführt werden, war sie unter den Sonntagskindern, die mehr
Geister sehen als haben, ein Montagskind, das sich einen zu finden wünscht, der
- sei er immer nicht geadelt - doch ein Original von der Kopie zu unterscheiden
weiss sowohl am eigenen Ich als im - Bilderkabinett. Deswegen dankten viele
Herren und noch mehr Damen Gott, wenn sie ihr nichts zu sagen brauchten als:
Gott befohlen!
    Auf diese Weise erschien sie dem Grafen seines Vaters täglich werter. Wie in
einen warmen Sonnenschein des Frühlings trat er zum erstenmal in den
schmeichelnden Zauberkreis der weiblichen Freundschaft, die auch hier der Liebe
zwei Schwingen goss und formte aus den Wachszellen des genossenen Honigs; es war
aber bei ihm die Liebe gegen Liane, der die Freundin am leichtesten Flügel nach
Italien geben konnte. Er fühlte, dass bald eine Stunde der überfliessenden Achtung
schlagen werde, wo er ihr den hoch ummauerten Klostergarten seiner vorigen Liebe
vertrauend öffnen könnte. Denn sie machte ihm so oft Raum, ihr nahe zu sein, als
es nur der enge Bezirk eines Trones und die alles verratende hohe Lage
desselben vergönnen wollten. Aber etwas störte, bewachte, bekriegte beide, eine,
wie es schien, nebenbuhlerische Nachbarin. Es war die sonderbare Julienne, die
immer, wenn es anging, aus ihrer Loge auf die Bühne der Fürstin trat und das
Spiel verwirrte. Häufig kam sie ihm nach; einige Male hatt' er von ihr
Einladungen bekommen, wenn gerade die der Fürstin nachfolgten, denen also jene,
wie es schien, hatten zuvorkommen sollen. Was wollte sie? - Wollte sie von einem
Jüngling, den sie so oft durch ihre Männer-Verachtung und durch ihr zorniges,
blitzschnelles Funkenschlagen aufgebracht, etwan Liebe, vielleicht bloss weil er
ihr freundliches Anblicken immer so warm erwidert hatte gegen eine so teure -
Freundin seiner Geliebten? - Oder wollte sie von ihm nur Hass gegen die geehrte
Fürstin, und zwar aus Neid und gewöhnlicher Weiberähnlichkeit mit dem Elfenbein,
dessen weisse Farbe so leicht zur gelben wird und das nur durch das Erwärmen
wieder die schöne bekommt?
    Diese Fragen wurden mehr wiederholt als beantwortet von einem Abende, wo er
und Julienne bei der Fürstin waren. Eine gute Vorlesung sollte von Goetes Tasso
die Gemälde-Ausstellung geben. Schöne Kunst und nichts als Kunst war für die
Fürstin die Passauer-Kunst gegen Hof- und Lebens-Wunden; und überhaupt war ihr
das Weltgebäude nur ein vollständiges Bilder und Pembrokisches Kabinett und
Antikenkabinett. - Die Leserollen wurden von der Direktrice, der Fürstin, so
verteilt, dass sie selber die Fürstin bekam - Julienne die vertraute Leonore
Albano den Dichter Tasso - ein jungwangiger Kammerherr den Herzog - und Froulay
Antonio. Dieser letztere - der Kunststücke Kunstwerken vorzuziehen wusste und die
fürstliche Kammer jeder Kunstkammer - stand wider sein Herz zum Einfahren in den
Musenberg fertig da, von der Fürstin mit dem Berghabit dazu angetan. So täglich
mehr in die poetische Mode eingezwängt sah er freilich aus wie sonst eine
Missgeburt, die absichtlich mit angebornen Pluderhosen, Kopfputzen und
dergleichen auf die Welt trat, um den modischen Weltlauf so zu verdammen wie ein
kasselscher Gassenkehrer.
    Albano las mit äusserer und innerer Glut - nicht gegen die lesende, sondern
gegen die vorgelesene Fürstin, aus Angewohnheit seines unter dem Leben
fortglühenden Herzens -, und die Fürstin las die Rolle ihrer Rolle freilich sehr
gut. Ihr artistisches Gefühl sagte ihr es - auch ohne Einblasen des zärtlichen
-, dass in Goetes Tasso - der sich meistens zum italienischen Tasso verhält wie
das himmlische Jerusalem zum befreiten - die Fürstin fast die der Fürstinnen
ist; nie ging der Musen- und Sonnengott schöner durch das Sternbild der Jungfrau
als hier. Nie wurde die verschleierte Liebe glänzender entschleiert.
    Der Minister las den auf Tasso und Albano einzankenden Kraft-Prosaiker
Antonio so gut weg wie ein reitender Trompeter die festen Noten auf seinem
Ärmel; in der Tat, er fand den Mann ganz verständig.
    Die Prinzessin mochte im allgemeinen poetischen Konzert ungefähr einige
Viertelstunden mit der Ripienstimme mitgesprochen haben, als sie plötzlich den
schönen Band von Goetes Werken, der dreimal da war, lebhaft hinwarf und mit
ihrem Ungestüm sagte: »Eine dumme Rolle. Ich mag sie nicht!« Alle Welt schwieg;
die Fürstin sah sie bedeutend an; die Prinzessin diese noch bedeutender und ging
hinaus, ohne wiederzukommen. Eine Hofdame las gelassen fort.
    Für die meisten Anwesenden war dieses Zwischen- eigentlich das
interessanteste; und sie dachten ihm unter dem Lesen des letztern gern weiter
nach. Die Fürstin, welche längst geglaubt, jene liebe den Grafen, freuete sich
über die Unbesonnenheit ihrer Gegnerin. Albano, ob ihm gleich ihr warmes Auge
von jeher aufgefallen war, erklärte sich das Entweichen aus dem Unmut über die
Subordination ihrer Lese-Rolle und überhaupt aus der Unverträglichkeit beider
Frauen. Denn da Julienne auf eigne Kosten die Fürstin vernachlässigte und ihre
Meinung wenig zudeckte: so erschien auch die der Fürstin unwillkürlich; sobald
eine Person ihren Hass entblösset, so kann die zweite schwer den ihren verstecken
vor der dritten.
    Als Albano nach Hause kam, fand er folgendes Blatt auf seinem Tisch:
    »Die F- lockt dich. Sie liebt dich. Mit èclat sendet sie nächstens den M-
zurück, um ihrer Tugend Relief zu geben und dir zu imponieren. Fliehe sie! - Ich
liebe dich, aber anders und ewig.
                                                               Nous nous verrons
                                                            un jour, mon frère.«
                                       *
Wer schriebs? - Nicht einmal über das Entree-Billet dieses Fehde-Billets konnte
der Bediente Rechnung ablegen. Wer schriebs? - Julienne; dahin liefen wenigstens
alle Wege des Wahrscheinlichen zusammen; nur lagen dann rund um ihn Wunder.
Bedeutend war die französische Unterschrift, die gerade unter dem Bilde seiner
Schwester, das ihm der Vater auf Isola bella149 gegeben, ebenfalls stand; aber
Zufall war möglich. Er untersuchte jetzt diese neue Silberader seines Dianen-
und Stammbaums auf dem Probierstein seiner ganzen Geschichte. Seine Mutter und
Juliennens ihre waren mit seinem Vater in einem Jahre nach Italien gegangen;
beide waren ungewöhnliche Weiber und Freundinnen gewesen und von beiden sein
Vater der Freund. Die Möglichkeit eines verhüllten Fehltritts seines Vaters war
da. Ebenso leicht konnten Juliennen die Spuren dieses Irrwegs gewiesen sein.
Dann würde ferner aus ihrer Schwesterliebe Licht auf ihren ganzen bisherigen
Wendelgang fallen: ihr liebender Anteil an Albano, ihr warmer Blick, ihr
Liebes-Wettrennen mit der Fürstin - ihr Briefwechsel mit seinem Vater - ihr
Anwerben des Grafen für die Romeiro, das sie ebenso, wie es schien, erhitzte
gegen die Fürstin als erkältete gegen Lianen - am meisten die Sonderbarkeit
ihrer Liebe gegen ihn, die sich nie weiter und offner entwickelte, alles dieses
gab Anschein, dass es nur ein verwandtes Schwesterblut sei, was so oft auf ihren
runden Wangen loderte, wenn sie ihn zu lange unbewusst angeschauet. Er machte
nach diesem Schritt sogleich den Sprung: er vermutete nun auch, dass sie allein
ihrer Linda zuliebe ihn mit dem Zauberspiegel des Geister-Wesens zu blenden
gesucht.
    Was das Verhältnis der Fürstin gegen den Minister anlangt, so war ihm jedes
Wort darüber eine Lüge. Er liess sich ebenso schwer eine gute Meinung von andern
nehmen als eine schlimme. Gewöhnliche Menschen geben leicht die gute dahin und
halten die schlimme fest; weichere werden leicht versöhnt und schwer entzweiet.
Er war beiden ungleich. Bisher hatt' er sich der Fürstin Freundschaft mit dem
Minister, ihre Landes-Visitationsreisen mit ihm und dergleichen so leicht aus
ihrer männlichen Klugheit und Vorsicht abgeleitet, welche über das künftige
Erbland ihres Bruders zugleich Wache halten und Aufschluss haben wollte; und bei
dieser Wahrscheinlichkeit, da der Minister sich in die verwandten Rollen eines
Cicerone und Aufsehers gleich sehr schickte, beharrte er noch.
    Die Woche darauf führte eine Begebenheit herbei, welche ein grösseres Licht
in das dunkle Billet zu werfen schien.
 
                                   91. Zykel
Die versprochene Begebenheit hat wieder in ältern Begebenheiten ihre Wurzel, die
sich zwischen der Fürstin und dem Minister zugetragen; diese schick' ich hier
voraus.
    Der Minister war sehr bald von seinem Freund Bouverot, der mit seiner
klebrigen Spechts-Zunge das Gewürm aller Geheimnisse ungesehen aus allen mürben
Tron-Ritzen leckte, mit einem Verzeichnis alles dessen, was die Fürstin von
Phönixasche und Schutt in sich verbarg, versehen worden; er hatte ihn belehrt,
dass sie kalt wie ein erhaben-geschliffnes Eisstück nie selber, sondern nur
andere schmelzen wolle; dass sie zu den seltnern Koketten gehöre, welche wie die
süssen Weine durch Wärme sauer werden, und nur durch Kälte süsser; und dass sie
daher eine der schlimmsten Angewohnheiten - die jedem die ärgsten Händel mache -
an sich habe. Es war nämlich folgende: sie hatte ein Herz und wollte es nie wie
ein totes Kapital in der Brust leiden, sondern es sollte sich verzinsen und
umlaufen - Der Liebhaber wurde deshalb anfangs von Tag zu Tag aufgeweckter und
heitrer, dann von Stund zu Stund - Er wusste alle Holzwege, Hohlwege, Diebsgänge
und kürzere Fusssteige in diesem Liebesgarten ordentlich auswendig und wollte die
Schäfer-Viertelstunde auf seiner Repetieruhr voraussagen, wo er anlangen würde
in der Laube - Es war ihm gar nicht unbekannt (sondern komisch), was es bedeute,
dass er bei ihr von Sentenzen zu Blicken, von diesen zum Händekuss, dann zum
Mundkuss gelangte, worauf er sich im Whistonschen Kometenschweif ihres Ellen- und
Meilenlangen Haars wie in einer Vogel-Schneuss, wo aber die Schlinge auch die
Beere war, dermassen verstrickte, verhaftete und krummschloss, dass er wusste,
wieviel Uhr es geschlagen hatte auf seiner Repetieruhr - Aber dann gerade, wenn
alle Wolken vom Himmel gefallen schienen, fiel er selber wie aus beiden in einen
Korb von ihr - Das war der schlimme Punkt. - In der Tat, deutsche Prinzen aus
den ältesten Häusern, die sonst alles versucht hatten, sahen sich unmoralisch,
ja lächerrlich gemacht und wussten gar nicht, was sie dabei denken sollten - Denn
die Fürstin wunderte sich öffentlich über solche Scheusale, gab aller Welt eine
Kopie von ihrem Fehdebrief, zeigte aller Welt die Röte und Höhe ihres
Trutennen-Halses - und liess einen solchen altfürstlichen Versucher, oder wers
war, nie mehr vor ihr stolzes Angesicht.
    Da Prinzen (in solchen Fällen) wissen, was sie wollen: so breiteten sie
freilich aus, sie wisse nicht, was sie wolle; und oft erst lange nach einem
Erb-Prinz kam der apanagierte Bruder desselben Hofes, und später der
legitimierte. Gleichwohl blieb dasselbe; nämlich sie blieb dem sphärischen
Hohlspiegel gleich, der zwar das, was nahe an ihm steht, gross und aufgerichtet
hinter sich malt, es aber, sobald es gar in seinen Brennpunkt tritt, unsichtbar
macht und dann darüber hinaus ganz verkleinert und umgestürzt in die Lüfte
hängt. Ihre Liebe war ein Fieber der Schwäche, bei welchem Darwin, Weikard und
andere Brownianer durch Reizmittel, z.B. Wein, einen langsamern Puls erschaffen
und eben daraus die Kur verheissen. Soweit Bouverot an den Minister!
    Aber dem Minister geschah dadurch ein unsäglicher Gefallen. Denn
Prinzen-Sünden schlugen gar nicht in sein Brotstudium ein. Als sie sich daher
für die Nähe seines Verstandes und seiner kräftigen Physiognomie entschieden und
ihn zum Minister ihrer innersten Angelegenheiten in Haarhaar berufen hatte: so
wars in ihm feierlich niedergelegt und beschworen, niemals, sie mochte immer die
Güte selber sein, ihr Ehrenräuber zu werden aus ihrem Strohwitwer. Anfangs kam
er wie alle Vorgänger leicht mit blossen, reinen Gefühlen und Diskursen davon; es
wurde noch nichts von ihm begehrt, als dass er zuweilen unversehends einen
geheimen Blick voll liebender Zarteit auf sie hinschiesse; auch musst' er sich
sehnen. Jenen schoss er hin; Sehnen trieb er auch auf; - und so stand er sich für
ein solches Liebes-Glück noch glücklich genug.
    Aber dabei blieb es nicht. Kaum war ihr Albano erschienen: so wurde der
Stachelgürtel und das Härenhemd des reinen Ministers unverhältnismässig rauher
und stechender gemacht und die stärksten Foderungen, nämlich Gaben verdoppelt,
damit der arme Joseph schneller ihre Ehre anfiele und dadurch in seinen
Untergang rennte, der des Grafen Köder werden sollte. Jetzt war er schon so weit
herabgebracht, dass er in ihrem Flughaar (für ihn giftiges Raupenhaar) webte und
knöppelte - er musste Seufzerseifenblasen aus seiner Pfeife auftreiben - er musste
öfter ausser sich sein, ja sogar (wollt' er sich nicht als einen heuchlerischen
Schuft fortgejagt sehen) halb-sinnlich werden, obwohl noch dezent genug.
Inzwischen zu einer Versuchung war er vom Teufel selber nicht zu versuchen. Wenn
er nur daran dachte, grausend, dass der kleinste Fehltritt ihn von seinem
Ministers-Posten werfen könne: so liess er sich ebensogut pfählen und vierteilen
als bezaubern. Für einen Dritten, nicht für beide - diese litten wär's
vielleicht ein Fest gewesen, wahrzunehmen, wie sie (wenn ich ein zu niedriges
Gleichnis brauchen darf) einem Paar übereinandergezogner seidner Strümpfe
glichen, welche für- und durcheinander, wenn man sie ausgezogen150 in gewisser
Ferne hält, sich äterisch aufblasen und füllen, sogleich aber platt und matt
zusammenfallen, wenn sie einander berühren.
    
    In die Länge fiels freilich dem alten Staatsmann lästig, der tanzenden
Pagerie der Liebesgötter als ihr Oberältester vorzuspringen, in Cypripors
Triumphwagen eingespannt - einen Blumenkranz auf der Staatsperücke - in den
Augen zwei Vauklusens-Quellen - die Brustöhle eine verschüttete Didos-Höhle im
Knopfloch den Pfeil im Herzen oder das Herz am Pfeile tragend - und auf das
Kapitol fahrend, um da nach römischer Sitte nicht sowohl zu opfern als geopfert
zu werden. - - Es fächelte nichts als die Blech-Kästen, die ihm zu Hause die
Regierungs- und Kammerboten hinsetzten, den schachpatten Mann wieder frisch und
kühl, der ein schachmatter werden wollte.
    Er las mit ihr den Katull, sie mit ihm die bessern Gemälde aus des Fürsten
Kabinett; es wurde ihm erlaubt, sie durch seine Latinität für ihre artistischen
Gaben zu belohnen - aber er blieb doch, wie er war.
    Wenn Weiber etwas durchsetzen wollen, so werden sie, sobald die Hindernisse
immer wiederkehren, am Ende blind und wild und wagen alles. Die Reise nach
Italien rückte so nahe; noch immer wollte der Minister seine Hochachtung für die
Geliebte nicht fahren lassen - wiewohl eben aus ihrem eignen Motive der Abreise,
mit deren Nähe er sich zur frohen Ertragung eines so kurzen Feuers ermunterte -;
ihre Heftigkeit für den Grafen nahm durch dessen Ruhe zu, weil Kälte starke
Liebe stärkt, so wie physische Kälte Starke kräftiger, und Schwache kränker
macht; - Froulay, als ein alter Mann, war, wie es schien, fähig, ein ganzes
Säkulum lang so auf das Ziel loszuschleichen, ohne einen einzigen
unentbehrlichen Sprung zu tun, da Alte wie Schiffe immer langsamer gehen, je
länger sie gingen, und aus einerlei Grund, weil beide durch den Ansatz von
Unrat, Muscheln und dergleichen schwerfälliger geworden - - Kurz die Fürstin
fragte am Ende nach nichts, sondern es ging so:
    Der Fürst war verreiset, die Fürstin zu Gevatter gebeten aufs Land. Der
Schlossvogt auf einem ihrer Landschlösser, der schon im Jahre vorher den Minister
gebeten, hatte sich nicht entblödet, sich an diesem Treppen-Strick mit seinem
Deszendenten unter dem Arm noch weiter herauf zu machen und oben auf dem Trone
ihr, der Fürstin selber, sein Landeskindlein in die Arme zu legen. Gern lassen
sich Fürsten herunter - an dünnen Raupenfaden - wie (hinauf); sie schätzen das
gute dumme Volk und wollen die armen Kriech- und Zwergbohnen - denn sie wissen
wohl, wie wenig daran ist - dadurch etwas heben und sozusagen stängeln und
stiefeln durch das Fürstenstuhl-Bein. Der Minister war als sogenannter
»Altgevatter« ohnedies invitiert. Der Herbsttag war heller, lauterer Frühling,
und die Herbstnacht stand unter einem glänzenden Vollmond. Höfe wünschen sich so
sehr auf das Land, in die Idyllen murmelnder Quellen, rauschender Gipfel und
blökender Schweizereien und Pächter hinein; - Höfe - d.h. Hofleute, Hofdamen und
dienende Kammerherrnstäbe und andere - sehnen sich so sehr unter Menschen; wie
Tiere der Dezember-Hunger, so treibt sie ein edler vom Trongebirge in die
platten Ebenen herab; nicht dass sie die Langweile flöhen, sondern sie begehren
nur eine andere, da ihre Kurzweile eben in der Abkürzung und Abwechslung ihrer
Langweile besteht.
    Kaum hatte der Hof seine erste Sehnsucht nach dem Volke, mit welchem er eine
halbe Viertelstunde auf vertraulichem, dialogischem Fuss lebte, gestillt: so kam
er wieder zu sich selber und zerstreuete sich in den fürstlichen Garten, um die
Sehnsucht nach der Natur in nicht kürzerer Zeit zu befriedigen. Eine Zeugin der
Taufzeugin versprach an der Fürstin und des Kindes Statt Christentum. Diese
selber knüpfte den Minister wie einen Kammerherrn an sich. Der Altgevatter sah
in einen verdammt langen Abend hinaus, worin er ihre Prozessionsfahne würde
herumtragen müssen. Zum Genuss des Abends war Konzert, und zum Genusse des
Konzerts Spiel arrangiert; und zum Genusse des letztern hatte sich die Fürstin
mit Froulay allein gesetzt, um unter dem allgemeinen Spielen der Instrumente und
Karten ungehört mit ihm zu reden. Plötzlich wurden die zwei Pfunde, die in
seiner Brust aufgehangen waren - denn mehr wiegt nach den Anatomen kein Herz -,
um zwei Zentner schwerer, als sie ihn fragte, ob er standhaft sei, vertrauen und
für sie wagen könne. Er schwur, schon als Fürstin dürfe sie jede Aufopferung und
Verehrung von seinem Doppeltpfünder erwarten. Sie fuhr fort: sie hab' ihm heute
wichtige Dinge über sich und den Fürsten anzuvertrauen; sie wolle, wenn die
Foule fort wäre, mit ihm allein sprechen; er brauche bloss von der Gartenseite
die kleine Treppe herauf an die Tür des Bibliotekzimmers zu gehen; diese sei
aufgeschlossen; am poetischen Bücherschrank sei links in der Wand eine
Springfeder, deren Druck ihm die Tapetentüre des Zimmers öffne, wo er sie
erwarten sollte.
    Sogleich stand sie auf, das Ja voraussetzend. Wie es jetzt in den beiden
Pfunden seines 64lötigen Herzens herging, kann bloss seinen Todfeinden ein
Vergnügen, es zu erfahren, sein. So viel lag mit langen, dicken, steinernen
Buchstaben wie auf einem Epitaphium geschrieben ihm vor, dass nach wenig Stunden,
wenn die andern Herren, sonst noch grössere Sünder als er, ruhig in den schönen,
den Schlosshof formierenden Dienerhäusern schnarchen dürften, dass dann für ihn
schuldlosen Schelm bald die Wolfs-, nämlich die Schäferstunde schlagen werde, wo
er auf der blumigsten Aue unter das Schächter-Messer knien müsse. Aber er tat
sich - zornig, dass sein Glaube an weibliche und fürstliche Frechheit wahr rede -
stille Schwüre aller Art, dass er, setze man ihm auch zu wie den grössten Heiligen
und Weltweisen, doch wirtschaften wolle wie beide, z.B. wie der alte Zeno und
Franz.
    Die Fürstin suchte ihn den ganzen Abend weniger als sonst. Endlich empfahl
er sich mit dem ganzen Hof, aber mit der Aussicht, nicht wie dieser unter
Seiden-Matratzen, sondern unter kalte Lauben zu schleichen. Er rückte auch,
seiner gewiss, auf der Treppe an - machte das Bibliotekzimmer auf - fand die
Springfeder - liess sie springen und trat durch die Tapetentüre in das fürstliche
- Schlafgemach. »Es ist also gewiss« - sagt' er und fluchte in seinem Innern
herum, wie er wollte, unter dem Liebesbrief-Beschwerer ganz breit zerdrückt
hinliegend. Im Seitenzimmer linker Hand hört' er sie schon und eine Kammerfrau,
die auskleidete. Rechts klaffte die Türe eines zweiten, aber erleuchteten
Zimmers. Er stand lang' im Zweifel, sollt' er in dasselbe treten, oder unter dem
Lichtschirm des dunkeln Ortes verbleiben. Endlich griff er zum Schirm der Nacht.
    Während seines Passens und ihres Häutens hielt er Leseprobe oder
Probekomödie seiner Rolle; jetzt kam er mit sich überein, im Notfalle - und
falls man ihn zu sehr poussierte - um so mehr, da der Ort mehr gegen sie spräche
als gegen ihn selber, indem jeder fragen müsste, ob er wohl sonst würde
hergekommen sein in einem solchen Notfalle, wo nur die Wahl zwischen Satire und
Satyr bliebe, sich auf der Stelle umzusetzen in einen ehrerbietigen - Faun.
    Schnell schritt die Fürstin herein, aber gegen das helle Zimmer hin: »Ich
brauche dich nicht mehr«, rief sie der Kammerfrau zurück. »Diable!« (schrie sie
im Schlafzimmer, den langen Minister ersehend) »wer steht da? - Hanne, Licht!« -
»Ciel!« (fuhr sie, ihn erkennend, fort, aber französisch, weil Hanne keines
verstand) »Mais Monsieur! - Me voilà donc compromise! - Quelle méprise! - Vous
vous êtes trompé de chambres! - Pardonnez, Monsieur, que je sauve les dehors de
mon sexe et de mon rang. Comment avez-vous pu - - « Sie sagte alles, vielleicht
um die deutsche Zeugin zu blenden, mit zornigem Akzente. Der Altgevatter - der
sich nach allen bisherigen Genüssen so fühlte wie ein Hahn, der viele lebendige
Käfer verschluckte und dem sie nun im geängstigten Kropfe Lebensgefahr drohen -
schwieg nicht, sondern versetzte deutsch, indem er die Tapetentüre aufmachte, er
habe eben, wie sie befohlen, die Bücher aus der Bibliotek in das helle Zimmer
gelegt und sei im Herweg begriffen gewesen. Er ging sogleich durch die Tapete
hindurch, sie aber konnte vor Schrecken schwer sich erhalten, liess am Morgen den
Arzt kommen und schickte ihr Gefolge zurück. Froulay - so sehr er ihre Romane
den spanischen ähnlich fand, worunter nach Fischers Behauptung die besten die
Gauner-Romane sind - wusste zuletzt selber nicht, woran er war.
    Die Kammerfrau musste mit dem Gelübde des Schweigens Profess tun, das sie
hielt, so streng sie konnte, aber nicht strenger. Am Morgen stiegen wenige vor
ihren eignen Haustüren ab, die meisten vor fremden, um die Neuigkeit
auszuschiffen samt dem Verbote der Fürstin, die Sache éclatant zu machen, weils
sonst der Fürst erführe.
    War je das vornehme Pestitz in Massa glücklich: so wars an diesem Morgen.
Nichts fehlte der allgemeinen Freude als eine Kammerfrau, die nur so viel
Französisch verstanden hätte wie ein Jagdhund.
 
                                   92. Zykel
Albano vernahm das Gerücht, der Minister war ihm längst als eine kalte
Seelen-Leiche verunreinigend erschienen; jetzt hasst' er ihn noch mehr als
quälenden, blutsaugenden Toten. Für die Fürstin stand ihm bisher sein Herz. Sie
war ihm ein blauer Taghimmel, worin andern nur eine heisse Sonne blitzt, woran er
aber aus dem Geheimnis der Freundschaft und der Seelentiefe sanfte Sternbilder
gefunden. Allein jetzt seit dem Gerüchte, das, wie die Zauberer neben Moses, Russ
in ihren Himmel warf, stand sie für ihn unter neuen Lichtern glänzend. Der Hass,
den er schon von Natur, d.h. aus Stolz, gegen jedes Gerücht hatte, weil es
beherrscht und nicht zu beherrschen ist, wirkte mit frischem Feuer in ihm; er
entschloss sich, eben weil Liane die Tochter entweder ihres Erbfeindes oder ihres
Liebhabers und weil die Fürstin deren Nebenbuhlerin sein soll, auf sein Herz und
das davon erkannte frei zu wagen und gerade jetzt der Fürstin seine Bitte um
Vermittelung für Lianens Mitreise, d.h. für seinen Himmel, offen zu vertrauen.
    Am Morgen darauf kam der Fürst zurück - die Prinzessin liess sogleich
anspannen - gegen Abend kam sie mit einem Wagen mehr in die Stadt. Das Gerücht
durchlief alle Spieltische, die spanische Gräfin Romeiro sei im Schloss
angelangt. Gerüchte sind wie Polypen: das Verwunden und Zerstören vervielfacht
sie; nur das Ineinanderstecken macht einen aus zweien; - das Gerücht von Lindas
Ankunft schlang das Gerücht von Froulays Ehrenraub in sich.
    Aber Albano! - Wie die Entdeckung einer neuen Welt kehrte diese seine alte
um. Linda, dieser ausländische Tropikvogel, flog seinem nahen Vater voraus, der
wie ein reiches Land vor ihm aus der Ferne aufstieg - Der Boden, wo er so viel
Dornen und Blumen gefunden, sank bald hinter seinem Rücken mit allen Schätzen
und Tagen ein. Nur Liane darf nicht mit verschwinden; diese Muse seiner Jugend
muss er mit ins Land der Jugend ziehen. Durch diese gewöhnlichen Zauberkünste des
Herzens war von Lindas Nähe eine unüberwindliche Sehnsucht nach Lianen in ihm
wach geworden.
    Er war nun entschieden, die Fürstin an ihr früheres Versprechen, den
Lebensbalsam einer südlichen Reise auf Lianens kranke Nerven zu giessen, zu
mahnen und durch sie noch früh genug, eh' die Verwirrung des drängenden
Augenblickes etwas vereitele, die Ministerin zu bestimmen und zu gewinnen,
welche wie alle Hofmenschen gewiss schwer einem fürstlichen Wunsche und einer
Glücks-Perspektive widerstehen werde.
    Blieb aber Liane zurück aus eigner oder fremder Schuld: so war es sein
Vorsatz und Schwur, vor keiner Gewalt, selber der väterlichen nicht, aus dem
Vaterland der ewigen Braut zu weichen, sondern einzuwurzeln vor ihrem
Kranken-Kloster, bis sie daraus entweder frei und heiter wieder in das offne
Leben geht oder dunkel-eingeschleiert sich ins finstere Nonnen-Chor der Toten
verbirgt. O, wiederzukommen, sie im romantischen Boden der alten Zeit zu suchen,
und sie nirgends zu finden als hinter dem Sprach-Gitter der Erbgruft - diesen
Gedanken hielt sein Herz nicht aus.
    Die Fürstin führte ihm selber die Gelegenheit seiner Bitte zu: sie schickte
ihm zu einer astronomischen Partie auf der Sternwarte eine Einladung durch ihre
treue Hofdame Haltermann. »Ich soll Ihnen bloss folgendes wörtlich schreiben«
(schreibt diese:) »Kommen Sie heute auch aufs Observatorium, ich und meine gute
Haltermann gehen dahin.« Diese Haltermann, ein Fräulein von wenigen Reizen und
Geistesschwungfedern, aber vielen Glaubenslehren und frühzeitigen Runzeln, hing
der Fürstin schon seit Jahren unauflöslich an, alles verschweigend und alle ihre
»Stelldicheine« (Rendez-vous) begünstigend, bloss weil sie sagte: meine Fürstin
ist rein wie Gold, und nur wenige kennen sie wie ich.
    Günstiger konnte Albanos Wunsche kein Zufall kommen. Er stand am frühesten
auf der schönen Sternwarte mitten in der lieblichen Nacht. Es war einige Tage
nach dem Vollmond; seine glänzende Welt verschloss sich noch hinter die Erde,
aber das angelassene Springwasser seiner Strahlen hob sich in Ansätzen herauf.
Auf allen Bergspitzen schimmerte schon ein blasses Licht, als falle der ferne
Morgen überirdischer Welten auf sie. Durch die Täler streckte sich noch das
lichtscheue schwarze Erdentier der Nacht aus und bäumte sich auf gegen die
Berge. Das Bergschloss Lianens war unsichtbar und zeigte wie ein Welt-Stern nur
ein Licht. Plötzlich war der Herbstpurpur auf allen Gipfeln um das Schloss vom
Monde silbern betauet, und es regnete leuchtend an den weissen Wänden und in die
weissen Gänge des Gartens nieder - endlich lag ein fremder blasser Morgen, durch
alle Lauben dämmernd, im Garten, gleichsam das zarte Leuchten eines hohen, ganz
reinen Geistes, der nur in der heiligen stillen Nacht die tiefe Erde betritt und
da nichts sucht als die reine, stille Liane.
    Als Albano blickte und träumte und sich sehnte, kam die Fürstin mit ihrer
Haltermann herauf.
    Der Professor brach sich vor Verehrung gegen sie fast entzwei und liess den
Fix-Sonnen keinen astrologischen Einfluss auf sein gerades Stehen zu. - Albano
und die Fürstin fanden sich mit einem Gewinst gegenseitiger Wärme wieder. Aber
die erste Frage der Fürstin war: ob er die spanische Gräfin gesehen.
Gleichgültig sagt' er, von der Prinzessin sei er seit ihrer Ankunft eingeladen
worden, sei aber nicht gekommen. »Ma belle-soeur bewundert sie am meisten,«
(fuhr die Fürstin fort) »aber sie ists ein wenig wert. Sie ist majestätisch
gebauet, länger als ich, und schön, zumal ihr Kopf, ihr Auge und Haar. Doch ist
sie mehr plastisch als malerisch schön, eher einer Juno oder Minerva ähnlich als
einer Madonna. Aber sie hat Eigenheiten. Sie verträgt sich mit keinen Frauen,
ausser den schlichten und blindguten; daher ihre Kammerfrauen für sie leben und
sterben. Die Männer hält sie für schlecht und sagt, sie würde sich verachten,
wenn sie je die Frau oder Sklavin eines Mannes würde; aber sie sucht sie der
Kenntnisse wegen. Dem Fürsten hat sie ohne Not, wenn sie auch recht hatte,
Bitterkeiten gesagt. Er lacht darüber und sagt, sie liebe ohnehin nichts, nicht
einmal Kinder und Schosshunde. Sie müssen sie sehen. Sie lieset viel, sie lebt
bloss mit der Prinzessin und scheint es, nach ihrem Putze zu schliessen,
wenigstens an unserem Hofe auf keine Eroberungen anzulegen.«
    Albano sagte, manche dieser Züge wären ja herrlich, und brach kurz ab.
Während des Gesprächs hatte der Professor fleissig alles recht gestellt und
festgeschraubt und war jetzt des Anfangs gewärtig. Er bemerkte die helle
sommerlaue Nacht - ging mit einigen Einleitungen in den Mond voraus, um die
sechs Augen auf die beträchtlichsten Mondsflecken zu lenken - schattete
vorläufig einige Schatten droben ab - führte an den Krater Bernoulli (»ich
bediene mich Schröterscher Namen«, sagt' er) - das höchste Gebirge Dörfel (»es
besteht freilich aus drei Höhen«, sagt' er) den Landgrafen von Hessen-Kassel
(»den Berg Horeb aber nennt ihn Hevel«, sagt' er) - den Montblanc - die
Ringgebürge überhaupt und schloss mit der listigen Versicherung, es gebreche
freilich der Warte noch sehr an Instrumenten.
    Die Haltermann sehnte sich unbeschreiblich nach dem Landgrafen von
Hessen-Kassel im Mond und trachtete nach dem Sehrohr. »Es ist nur ein Flecken im
Planeten, mein Kind!« sagte die Fürstin. - »Und so ists wohl mit dem Montblanc
droben auch nichts?« fragte sie getäuscht. Die Fürstin nickte und schauete ins
Sternrohr; der magische Mond hing als ein Stück Tag-Welt dicht am Glase: »Wie
vergeht sein schönes blasses Licht und seine ganze Magie in der Nähe! Als wenn
Zukunft Gegenwart wird!« sagte sie zum Erstaunen des Professors, der aus dem
Weltkörper gerade erst in der Nähe etwas machte. Sie ersucht' ihn um den Ring
des Saturns. »Es sind eigentlich zwei, Ihro Durchlaucht; aber der Sternwarte
fehlet zur Zeit noch ein Instrument, es zu sehen«, sagt' er und zielte wieder
nach Vorschuss.
    Albano sah rund umher seine Lebensgärten glänzen vom warmen Schimmer eines
Nachfrühlings; und sein Inneres erbebte süss und schmerzlich. Er nahm einen
Kometensucher und flog unter den Gestirnen umher, nach Blumenbühl, in die Stadt,
auf die Berge, nur nicht auf das weisse Schloss mit dem erleuchteten Eckzimmer und
dem kleinen Garten; das ganze Herz kehrte vor Scham und Liebe um vor der Tür des
Paradieses.
    Jetzt ging die Haltermann auf einen Wink zum Aufbruch mit dem Sternseher
voraus hinab, um der Fürstin einen zeugenlosen, freien Augenblick zuzuwenden.
Albano stand edel im Mondschimmer vor ihr, sein Auge war glänzend, seine Züge
gerührt; sie fasste seine Hand und sagte: »Wir missverstehen einander gewiss nicht,
Graf!« Er drückte die ihrige, und seine Augen quollen voll. »Nein, Fürstin!«
(sagt' er sanft) »Sie geben mir Ihre Freundschaft. Ich verdiene sie nicht, wenn
ich ihr nicht ganz vertraue. Ich geb' Ihnen jetzt die Probe meines offnen
Vertrauens. Sie kennen vielleicht die Geschichte meines Glücks und meines
Verlusts; Sie kennen den Minister.« - »Leider, leider!« (sagte sie) »auch Ihre
harte Geschichte, edler Mann, wurde mir bekannt.«
    »Nein,« (versetzt' er heftig) »ich war härter als mein Schicksal, ich quälte
ein unschuldiges Herz, ich machte eine gehorsame Tochter elend, krank und blind.
- Aber ich habe sie verloren« (fuhr er mit steigender Rührung fort und kehrte
sich seitwärts, um Lianens schimmernde Wohn-Höhe nicht zu sehen) »und ertrag'
es, wie ich kann, aber ohne heimliche Wege zum Wiederbesitz - Nur das Opfer darf
dort drüben nicht gar verbluten bei der harten, engherzigen Mutter. - O, die
Honigtropfen der Freuden, Sie und Italiens Himmel könnten sie wohl heilen - Sie
stirbt, wenn sie bleibt, und ich bleibe, um zuzusehen - Freundin! o, wie gross
ist meine Bitte!«
    »Sie sei Ihnen gern gewährt! Übermorgen fahr' ich zur Mutter und Tochter und
bestimme diese gewiss für die Reise, insofern es von mir abhängt. Aber ich tu' es
- um auch offen zu sein - bloss aus echter Freundschaft für Sie; denn das
Fräulein gefällt mir nicht ganz mit ihrem Mystizismus und liebt gewiss nicht wie
Sie; sie tut alles für die Menschen bloss aus Liebe zu Gott; und das lieb' ich
nicht.«
    »Ach, so dacht' ich sonst auch; aber wen soll die Göttliche sonst lieben als
Gott?« sagt' er, in sich und die Nacht versunken und für die Fürstin zu
hyperbolisch - sein schimmerndes Auge hing fest am weissen Bergschloss, und
Frühlinge wehten vom Monde herab auf dem beglänzten Wege seiner Augen hin und
her; und der schöne Jüngling weinte und drückte heftig der Fürstin Hand, aber er
wusste beides nicht. Sie ehrte sein Herz und stört' es nicht.
    Endlich kamen beide die hohe Treppe herunter, wo sie der Astronom freudig
erwartete und beiden gestand, wie sehr ihn, frei zu reden, ihre Anhänglichkeit
und Achtung für die Sternkunde nicht nur erfreue, sondern auch ermuntere.
    »Übermorgen gewiss!« mit diesen Worten schied die Fürstin, um dem sinnenden,
vollen Jüngling Trost und Träume mitzugeben.
 
                         Zweiundzwanzigste Jobelperiode
              Schoppes Herz - gefährliche Geister-Bekanntschaften
                                   93. Zykel
Jetzt war Albano wieder auf die Ixions-Räder der Uhr geflochten. Die Fahrt und
Antwort der Fürstin sollte plötzlich Lichter in der dunkeln weiten Höhle
aufstecken, in der er so lange gegangen war, ohne zu wissen, ob sie
fürchterliche Bildungen und giftige Tiere verschliesse oder ob sie mit glänzenden
Bogen und unterirdischen Säulenhallen sich wölbe und fülle. Über Lianens Zustand
hatten bisher zwei Hände, Augustis und der Ministerin, den Schleier
festgehalten; beides waren Menschen, die ungern auf die Frage antworteten: wie
befinden Sie sich? Aber auf der Fürstin liess er nun seine ganze Seele ruhen,
seit dem astronomischen Abende; von welchem er jetzt kaum begriff, wie er da
gegen eine Freundin so viel und mehr von seiner Liebe sprechen können als je
gegen einen Freund. Allein ungern spricht der Mann vor einem Manne seine
Empfindung aus und gern vor einem Weibe, ein Weib aber am liebsten vor einem
Weibe. Indes hielt ihn die Fürstin durch die feinste Schmeichelei, die es gibt,
durch entschiednes stilles Achten, in Banden; dem wörtlichen Lobe war er ebenso
gram und gewachsen, als dem tätigen gewogen und zinsbar.
    Bis zur Ankunft der Entscheidung verlief eine verworrene Zeit; wie ein
Mensch, der in der Nacht reiset, hört' er Stimmen und sah Lichter, und ihrer
feindlichen oder freundlichen Bedeutung fehlte ein Morgen. - Rabette lag krank
und verblutet am matten Herzen; denn nicht er hatte aus ihm den blutstillenden
Dolch, nämlich Karls Liebe, herausgezogen, sondern dieser selber war ihm
zuvorgekommen mit bitter-süssen Tränen über die bittersten.
    Letzterer war ihm einmal begegnet, mit hereingedrücktem Hut und
grimmig-stechendem Blick ohne Gruss. - Überall hört' er, dass jener umsonst Lindas
und Juliennens Doppeltor belagere und berenne; dieses und Lianens Kranksein
machte den tropischen Wilden gleichsam zum wilderwachsenen Knaben aus einem
Wald. Auch in der jetzigen Absonderung - auf der Walstatt des Freundes - hielt
es Albano für eine Wunde des Menschen, dass Karl nicht von ihm voraussetzte -
denn diesem Mangel schrieb er den Gassen-Grimm zu -, er werde die Gräfin nicht
zu sehen suchen.
    Sogar im Bibliotekar schien seit einigen Tagen ein Geheimnis zu lauern;
dieser aber ging, seit es ihm in dessen Tiefen immer lichter geworden und er
hinter dessen komische Larve hineingesehen bis zum redlichen Auge und
liebevollen Mund, sein Herz so nahe an, zumal nach so vielen Trennungen. Denn
auch der Lektor hielt sich nach seiner Gewohnheit, um keines Menschen oder gar
abtrünnigen Freundes Liebe zu werben, von ihm geschieden; was denselben Jüngling
kränkte, der es innerlich billigte.
    Seit einigen Tagen war nämlich Schoppe in eine andre Tonart umgesetzt und
sein eigner Restant und Nachsommer geworden. Es fing damit an, dass er an einem
elenden Heulied den ganzen halben Tag auf dem Waldhorn verblies; den übrigen
halben versang er daran mündlich. Statt zu lesen und zu schreiben, ging er in
der Stadt und Stube auf und ab. Alles, was er sonst schnell abmachte, Laufen,
Verschlingen des Essens, Sprechen, Rauchen, Befehlen, Auffahren, das ging jetzt
mit Klöppeln zwischen den Füssen und stand fast. Sein langsames Auffahren und
sein zarter, leiser Schritt konnten Kennern seiner Vorzeit lächerrlich vorkommen.
Seinen grossen, herrlichen Wolf-Hund, von dem er sich täglich zehnmal mit den
Vorder-Pfoten umhalsen liess und dessen am Felle aufgezogne Brust er so gern auf
seine drückte, wenn er mit ihm ein Langisches und Konsistorial-Kolloquium hielt,
vernachlässigte er in dem Grade, dass der Hund attent wurde und nicht wusste, was
er denken sollte. Wie wenig konnt' er sonst das Geschrei eines geprügelten
Hundes ertragen, ohne zur Haustüre als Schutzherr hinauszufahren, weil er
glaubte, man könne wohl Menschen wie Hunde traktieren, aber Hunde nicht! - Jetzt
konnt' er das Schreien hören, bloss weil er es, wie es schien, nicht hörte.
    Wie er sonst oft zu Albano ging, um bloss auf- und ab- und fortzugehen ohne
ein lautes Wort - weil er sagte: »Daran erkenn' ich eben den Freund, dass er mich
oder sich nicht unterhalten, sondern bloss dasitzen will« -, so kam er jetzt noch
stummer, berührte oft wie ein spielendes Kind zärtlich des lesenden Albanos
Achsel und sagte, wenn dieser sich umsah: »Nichts!« Albano fragte indes der
Veränderung nicht nach; denn er wusste, er entschleiere sie ihm doch zur rechten
Zeit. Ihre Herzen standen wie offne Spiegel gegeneinander.
    So lag nun der dunkle Wald des Lebens mit durcheinander- und tief ins
Dickicht hineinlaufenden Steigen vor Albano, als er auf dem Kreuzwege seiner
Zukunft stand und auf den Genius wartete, der entweder als ein feindseliger oder
als ein guter ihm Lianens Entscheidung bringen sollte. Endlich kam aus dem
finstern Wald ein Genius, aber der dunkle, und gab ihm dieses Blatt von der
Fürstin:
»Lieber Graf! Wahr bin ich immer und schone lieber nicht. Das kranke Fräulein v.
F. ist nicht mehr imstande, eine Reise zu machen oder davon zu profitieren. Ich
nehme innigen Anteil daran. Sogern ich Ihnen heute selber Trost zuzusprechen
wünschte: so hoff' ich doch nicht, nach dieser Nachricht die Gelegenheit dazu zu
haben.
                                                                 Ihre Freundin.«
Welcher finstere Wolkenbruch aus dem jugendlichen Morgenrot! So war also die
geheime Freude, die er bisher nährte, der Vorbote des entsetzlichen Schlags
gewesen, das sanfte Tönen vor dem Wasserfall.151 Dass gerade seine Liebe das
glühende Schwert werden musste, das durch Ihr Leben drang, o das betrachtete er
immer so, das schmerzt' ihn so! Aber kein Auge wurde nass; der Wermut des
Gewissens verbittert sogar den Schmerz.
    Wenn der Mensch sein eigner Freund nicht mehr ist, so geht er zu seinem
Bruder, der es noch ist, damit ihn dieser sanft anrede und wieder beseele; -
Albano ging zu seinem Schoppe.
    Er fand ihn nicht, aber etwas anderes. Schoppe führte nämlich ein Tagebuch
über »sich und die Welt«, worin sein Freund lesen durfte, was und wenn er
wollte; nur musst' ers vergeben, wenn er darin - da es durchaus so geschrieben
wurde, als säh' es niemand weiter - zornige Fächerschläge und noch dazu mit dem
harten Ende wegtrug. »Warum soll ich dich mehr schonen als mich?« sagte Schoppe.
Zu diesem Du waren sie gekommen, ohne sagen zu können wann, so sehr sie sonst
mit dieser Herzens-Kurialie, mit diesem heiligsten Seelen-Dualis gegen andere
geizten; »denn ich danke Gott,« (sagte Schoppe) »dass ich in einer Sprache lebe,
wo ich zuweilen Sie sagen kann, ja sogar, wenn die Menschen und Schelme darnach
sind, zwischen jedem Komma Euer sowohl Wohl- als Hoch- und Sonst-Geboren.«
    Albano fand das Tagebuch aufgeschlagen und las mit Erstaunen dieses:
    »Amanlus-Tag. Ein dummer und äusserst merkwürdiger Tag für den bekannten
Hesus oder Hanus152! Ich kann mich schwer bereden, dass es der arme Donnergott
verdiente, hinter der langen Proserpina153 nachzugehen und ihr endlich ins
Gesicht zu gucken, auf die Stirn, auf den Mund, auf den Hals! O Gott! Wenn ein
solcher Gott nun auf dem Platze geblieben wäre! - Als Pastor fido stand er zum
Glück wieder auf und ging davon. O Höllengöttin, Hesi Himmelsstürmerin, du hast
dich zu seinem Himmel gemacht, kann er dich je lassen?
    Nachmittags. Der Pastor wird sein eignes Hatzhaus, er weiss nicht zu bleiben;
er wohnt nun in allen Gassen, um seine Jeanne d'Arc-en-Ciel154 zu erblicken, und
leidet genug. Aber Hesus, sind nicht Leiden die Dornen, womit die Schnalle der
Liebe verknüpft? - Heute ging Freitag155 mit der Fürstin auf die Sternwarte. -
Der Wind ist Südostost - 13 Monatsschriften in 1 Stunde gelesen - Spener sieht
das Leben im glänzenden Vergrösserungsspiegel Gott verklärt und poetisch so gut
als einer.
    Sabinenstag. Mit dem Pastor wirds ärger, wenn ich recht sehe. Er ist auf dem
Wege, sich einen Billetdoux-Beschwerer anzuschaffen, sich nachts im Bette zu
pudern, und der Schelm wirft in der Hitze, wie Milch, die warm steht, schon
poetische Sahne auf.
    Lasse nur der Himmel niemals zu, dass er mit seiner Höllengöttin je in einen
vernünftigen Diskurs gerate, Gesicht vor Gesicht, Atem gegen Atem, und die zwei
Seelen untereinander gemengt! - Wahrlich, der Flins156 raffte ihn weg, Hesus
verschlänge ein tausendjähriges Reich auf einmal; ich sorge, er würde vom
Göttertrank zu wild und wäre zu schwer zu bändigen von mir.
    Abends. Ists nicht schon so weit mit dem Pastor, dass er sich einen Autor aus
dem Wimmer-Jahrzehnt des Säkuls (er schämt sich, ihn zu nennen) geborgt hat und
sich vom dummen Zeuge rühren lassen will, indem er über den Effekt nachsinnt,
den der Autor im 14ten Jahre auf ihn gemacht? Freilich stösset er ihm im jetzigen
wie ein Nachtwächter am Tage auf; aber er ruft sich doch das Rufen zurück und
hat neue Rührung über die alte. So lächelt mich die Deklination cornu in der
Grammatik noch bis auf diese Stunde an, weil ich mich entsinne, wie leicht und
behend ich in den goldnen Kindheitsmonden den ganzen Singularis behielt.
    Simon Jud. Verdammt! Ein schönes Gesicht und ein falscher Maxd'or machen im
Kurs von einem Jahre ein paar hundert Schelme, die sich bloss im Wunsche zu
behalten und wegzuschaffen unterscheiden. Hesus feindet und ficht schon
Millionen Nebenbuhler an; wie Knopfmacher und Posamentierer, oder wie Gelb- und
Rotgiesser, so lassen so nahe Handwerker einander nicht aufkommen. Recht,
Höllengöttin! dass du alle Männer hassest; das ist doch etwas für den Pastor,
eine Wundsalbe. - Scioppius, die beiden Scaliger und die kräftigen Schlegel
u.s.w.« -
    Hier kommt das Tagebuch auf andere Dinge. Ein altes Porträt, zu welchem
Schoppe sich selber gesessen, hatt' er retouchieret; eine Beilage als Inserat
für das Pestitzer Wochenblatt kündigte dessen Bestimmung an:
    »Endes Unterschriebner, ein Porträtmaler aus der niederländischen Schule,
macht bekannt, wie er sich in Pestitz gesetzt, und dass er bereit ist, alles von
jedem Stand und Geschlecht zu malen, was ihm sitzt. Als Probe, was er leiste,
kann man bei ihm ein Selbstporträt besehen, das ihn vorstellt, wie er nieset,
und es zugleich mit ihm daneben zusammenhalten. - Ich schneide auch aus.
                                                                  Peter Schoppe.
                                                                      No. 1778.«
Vermutlich sollte das die Höllengöttin bewegen, einmal dem niesenden Maler zu
sitzen. Albano musste mitten im tiefen Schmerze erstaunen. Anfangs hatt' er nach
seiner einfachen Natur geglaubt, er selber sei unter dem Hanus verstanden.
    Jetzt kam Schoppe. Sanft sagte Albano zuerst: »Ich habe auch dein Tagebuch
gelesen.« Der Bibliotekar fuhr mit einem Exklamations-Fluche zurück und sah
glühend zum Fenster hinaus. »Was ist, Schoppe?« fragte sein Freund. Er drehte
sich um, sah ihn starr an und sagte, die Gesichtshaut auseinander ringelnd, wie
einer, der sich die Zähne putzt, und die Oberlippe aufziehend, wie ein Knabe,
der in ein Butterbrot beisset: »Ich liebe« und lief im Feuer die Stube auf und
ab, klagend dabei, dass er noch so etwas an sich erleben müsse in seinen ältesten
Tagen. - »Lies mein Tagebuch nicht mehr«- (fuhr er fort) »Frage nach keinem
Namen, Bruder; kein Teufel, kein Engel, nicht die Höllengöttin darf ihn wissen -
Einst vielleicht, wenn ich und Sie in Abrahams Schoss sitzen und ich auf ihrem -
- Du bist so betrübt, Bruder!«
    »Fliege froh in der Sonnenatmosphäre der Liebe!« (sagte sein Freund in der
Gewissenstrauer, die den Menschen einfach, still und demütig macht)»Ich werde
dich nie fragen oder stören! Lies das!« Er gab ihm das Blatt der Fürstin und
sagte noch, während jener las, zu ihm:»Verflucht sei jede Freude, wo Sie keine
hat. Ich bleibe hier, bis sie lebt oder nicht!« - »Auch ich bleibe hier«,
versetzte Schoppe unwillkürlich-komisch. »Sei ernstaft!« sagte Albano. »Sonst
konnt' ichs,« (sagte er weinerlich) »seit ehegestern nicht mehr!«
    Albano hiess indes Schoppens Absonderung von der Reisegesellschaft gut; beide
erhielten einander auch in der Freundschaft die köstlichste Freiheit. Von
Hofmeister-Begleitung war bei beiden nicht die Rede. Schoppe lachte oft
Hofmeister von vielen Kenntnissen und Lebensarten aus, wenn sie annahmen, er
erziehe aus oder an Albano etwas. »Das Säkulum erzöge,« (sagt' er) »nicht ein
Tropf - Millionen Menschen, nicht einer eigentlich höchstens ein pädagogisches
Siebengestirn leuchte nach, nämlich die sieben Alter des Menschen, jedes Alter
ins nächste hinein - das Individuum gleiche sehr der ganzen Menschheit, deren
Revolutionen und Verbesserungen weiter nichts als Umarbeitungen einer
Schikanedrischen Zauberflöte durch einen Vulpius wären; indes schwebe doch um
das tolle, dissonierende Stück ein Mozartischer Wohllaut, worüber man den Vater
und den Sprachmeister verwinde.«
    »Wozu schleichen und brummen wir Sünder hier herum? Lass uns zu Ratto!« sagte
Schoppe. Äusserst ungern bequemte sich Albano dazu; er sagte, der Keller habe
etwas Unheimliches für ihn, und eine schwüle Ahnung drücke seine Brust. Schoppe
erklärte die Ahnung aus dem Druck der Balken seines eingestürzten Lustschlosses,
die auf seiner Brust noch lägen, und aus der Erinnerung an den jetzt im Abgrund
fliegenden Roquairol, der einmal ihm im Keller zugetrunken und nachher ihm in
Lilar gebeichtet habe. Albano folgte endlich, erinnerte ihn aber an das
Eintreffen einer andern Ahnung, die er auf der Höhe vor Arkadien gehabt.
    »Wir spielen beide nicht die besten verliebten Figuren, indes ziehen wir in
den Keller«, sagte Schoppe unterwegs und legte seinen Liebling ganz
ungewöhnlich-hart auf die Folterleiter seines Spasses; sonst, als er nicht selber
liebte, war er eines zarten, schonenden, ernsten Schweigens darüber so fähig,
jetzt aber nicht mehr.
 
                                   94. Zykel
Im Keller war der alte Ab- und Zulauf bekannter und fremder Gesichter. Albano
und Schoppe stiegen miteinander auf jene reinen Höhen der Musenberge, wo wie auf
physischen der Dunstkreis des Lebens leichter aufliegt und der Äter näher an
die kürzere Luftsäule reicht. Auf ihrem Ararat trösten sich die Männer leichter
als die Weiber in ihren Tempetälern. Nachdem Schoppe, durch die gewitterhafte
Luft von Punsch und Liebe feuriger, ziemlich lange den Blitz-Funken seines
Humors hatte im Zickzack und verkalkend durch das Weltgebäude schiessen lassen:
so trat plötzlich ein Unbekannter, wie ein Totenkopf gänzlich kahl und sogar
ohne Augenbraunen, aber welk-und rosenwangig, an ihren Tisch und sagte mit
eiserner Miene zu Schoppe: »Binnen heute und 15 Monaten seid Ihr wahnsinnig
geworden, Spassvogel!«
    »Oho!« fuhr Schoppe äusserlich auf, aber innerlich zusammen. Albano wurde
blass. Jener fasste sich wieder, starrete die widerwärtige Gestalt, die die welke,
aber rosenrote Haut auf scharfen hohen Gesichtsknochen hin- und herrollte,
scharf und mutig an und sagte: »Wenn Ihr mich versteht, prophetischer Galgen-
und Spassvogel, und nicht selber wahnsinnig seid: so bin ich imstande, darzutun,
dass man sich sehr wenig daraus zu machen habe aus der Tollheit.« Hierauf bewies
er - aber doch abgekühlt, abgebrannt und verlassen von seinem Bilder-Heer -:
Wahnsinn wie Epilepsie gebe mehr dem Zuschauer als dem Spieler Schmerzen denn er
sei nur ein früherer Tod, ein längerer Traum, eine Tag- statt Nachtwandelung -
meistens geb' er, was das ganze Leben, Tugend und Weisheit nicht könne, eine
fortdauernde angenehme Idee157 - auch wenn er, was selten sei, in eine peinliche
schmiede, so werde diese doch ein Panzer gegen alle körperlichen Leiden des
Menschen - er habe daher nie für sich den Wahnsinn gefürchtet, so wenig als den
Traum, könn' aber an andern weder das Reden in beiden noch den Anblick davon
ertragen. »Uns schaudert« (sagte Albano) »ein Mensch, der schlafend zu uns
spricht wie zu einem Abwesenden oder der wachend nur allein mit sich redet; und
hör' ich mich selber allein, so ist es dasselbe.«
    »Ich bin kein Philosoph«, sagte gleichgültig der Kahlkopf, dessen vollendete
glänzende Kahlheit mehr fürchterlich als hässlich war. Schoppe fragte erbittert,
»wer er denn sei, quis und quid und ubi und quibus auxiliis und cur und quomodo
und quando158« - »Quando? - Nach 15 Monaten komm' ich wieder Quis? - Nichts;
Gott braucht mich bloss, wenn er jemand unglücklich machen muss«, sagte der Kahle
und bat sich ein Glas und die Erlaubnis mitzutrinken aus. Albano sagte, es gern
erlaubend, im Frageton: er sei wohl erst angekommen? »Eben vom grossen Bernhard«,
sagte der Kahle, aber widriger mit jedem Wort, weil sein altes Rosen-Gesicht ein
Zickzack konvulsivischer Verziehungen war, so dass immer ein Mensch nach dem
andern dazustehen schien. Er ging ein wenig hinaus. Schoppe sagte ganz ausser
sich: »Ich ergrimme immer mehr gegen ihn wie gegen ein greuliches, hüpfendes
Fieberbild. Um Gottes Willen lass uns fort. - Es ist mir immer hinter mir, als
stosse mich eine böse Faust auf ihn zu, damit ich ihn abwürge. Auch wird er mir
immer bekannter, wie ein vermooseter Todfeind.«
    Albano versetzte sanft: »Sieh, meine Ahnung! - Aber nun ich ihr nicht
gehorcht, muss ich auch sehen, wo hinaus es geht.« Seine mutige Natur, seine
romantische Geschichte und Lage liessen ihn nicht wegrücken von einer so
abenteuerlichen Perspektive.
    »Aber warum« (fragte Schoppe den Kahlen, da er wiederkam) »schneidet Ihr so
viele Gesichter, die eben nicht zu Eurem Besten ausfallen?« - »Sie kommen«
(sagt' er) »von Gift her, das man mir vor zehn Jahren gegeben - Habt Ihr
gesehen, wie aqua toffana, in Menge genommen, verzieht? - In Neapel zwang ichs
einem sechzehnjährigen schönen Mädchen hinein, das schon einige Jahre damit
gehandelt hatte, und liess es vor mir sterben. Es gibt wohl nichts Gottloseres
als Giftmischerei.« - »Abscheulich!« rief Albano, ergriffen von einem innersten
Widerwillen gegen den Mann; Schoppen hatte der Grimm ordentlich abgespannt.
    Jetzt trat eine arme, magere Tischlersfrau, Likör zu holen, herein, welche
die Augen vor Scham und Schwäche nieder- und halb zugezogen trug; sie getrauete
sich nicht aufzusehen, weil die ganze Stadt wusste, dass sie nachts gewaltsam aus
dem Bette in die Gasse getrieben werde, um einem Leichenzuge, der dann durch
dieselbe nach einigen Tagen wirklich ziehe, in seinem Vorspiele und Vorbilde vor
ihr zuzuschauen. Kaum hatte sie der Kahle erblickt, als er sich das Gesicht
bedeckte: »Es ist ein einziger Unschuldiger unter uns« (sagt' er, ganz bleich
und unruhig) - »der Jüngling hier«, indem er auf Albano zeigte. Eben donnerte
oben ein Wagen mit sechs Pferden vorüber. Schoppe sprang auf, fragte zweimal
schnell den sinnenden Albano: »Gehst du mit?«, kehrte sich zornig von dessen
Nein weg, trat dicht vor den Kahlen und sagte wütend: »Hund!« - und kehrte sich
um und ging fort. Am Kahlen regte sich keine Miene auf der bleichgebliebnen
Haut, sondern nur die Hand ein wenig, als sei in ihrer Nähe ein Stilett zum
Griff; aber er sah ihm mit jenem Blicke nach, vor welchem das Mädchen in Neapel
starb.
    Albano ergrimmte über den Blick und sagte: »Mein Herr, dieser Mann ist ein
durchaus redlicher, treuer, kräftiger Mensch; aber Sie haben ihn selber gegen
sich erbittert und müssen ihn freisprechen.« - Mit sanfter, schmeichelnder
Stimme versetzte er: »Ich kenn' ihn nicht erst seit heute, und er kennt mich
auch.« Albano fragte, ob er vorhin mit dem grossen Bernhard den Schweizerberg
gemeint. »Wohl!« (versetzt, er) »Ich reise jährlich hin, um eine Nacht mit
meiner Schwester zuzubringen.« -
    »Meines Wissens sind nur Mönche da«, sagte Albano. - »Sie steht unter den
Erfrornen in der Klosterkapelle159,« (versetzt' er) »ich bleibe die ganze Nacht
vor ihr und sehe sie an und singe Horen.«
    Sonderbar fühlte sich Albano während des Zuhörens verändert - was er nur dem
Punsch zuschreiben konnte - es war weniger Rausch als Glut, eine fliegende Lohe
brausete über seine innere Welt, und der rote Schein irrte an ihren fernsten
Grenzen umher; nun war ihm, als steh' er ganz mit dem Kahlkopf auf einem Boden
und könne mit diesem bösen Genius ringen. - »Ich hatt' auch eine« (sagte Albano)
- »kann man Tote zitieren?« »Nein, aber Sterbende«, sagte der Kahle. - »Huh!«
sagte Albano bebend. - »Wen wollt Ihr sehen?« fragte der Kahle. - »Eine lebende
Schwester, die ich noch nicht gesehen«, sagte glühend Albano. »Es kommt« (sagte
der Kahle) »auf ein wenig Schlaf an, und dass Ihr noch wisset, wo die Schwester
an ihrem letzten Geburtstag war.« - Zum Glück war Julienne, die er für seine
Schwester nahm, an dem ihrigen im Schloss zu Lilar gewesen. Er sagt' es ihm.
»So kommt mit mir!« sagte der Kahle.
    In dieser Minute brachte ihm Schoppens Bedienter einen Stockdegen und
folgendes Blatt:
»Bruder, Bruder, trau ihm nicht - Hier hast du eine Waffe, denn du bist gar zu
tollkühn - Stich ihn gleich durch, macht er nur Miene - Allerlei unbekannte
Leute haben diesen Abend nach dir und deinem Orte gefragt - Mir ist, als sei mir
vor der Bestie gar kein Leben gesichert, deines, Ihres - Hüte dich und komme!
                                                                        Schoppe.
                       Erstich ihn aber, ich bitte dich.«
                                       *
»Fürchtet Ihr Euch etwa?« fragte der Kahle. - »Das wird sich zeigen«, sagte
Albano zornig und nahm den Stockdegen und ging - mit ihm. Als beide durch das
kleine dunkle Vorzimmer des Kellers gingen, sah Albano in einem Spiegel seinen
eignen Kopf in einen Flammen-Ring gefasset. - Sie kamen aus der Stadt ins Freie.
Der Kahle ging voraus. Der Himmel war sternenhell. Dem Grafen war, als hör' er
die unterirdischen Wasser und Feuer der Erdkugel und der Schöpfung brausen. Kaum
erkannt' er draussen den Weg nach Blumenbühl. Plötzlich lief der Kahle links
feldein; die magere Tischlerin stand auf der Blumenbühler Strasse ganz starr und
sah vertieft eine Leiche ziehen, die unsichtbar vorüberging, und hörte die ferne
Glocke, die der Stumme trägt, der Tod. So schien es.
    Da folgte Albano dem Kahlkopf verwegner nach, die Geisterfurcht tötet die
Menschenfurcht. Beide gingen stumm nebeneinander. In der fernen Tiefe schien es,
als schwebe ein Mensch, ohne zu schreiten und rege zu sein, fest und langsam in
den Lüften weiter. Am Kahlen zuckte unaufhörlich die weisse Haut, und eine
unsichtbare Faust nach der andern zog sich aus dem Ton seines Gesichts und
zeigte den Griff; einmal lief auf ihm das Gesicht des Vaters des Todes160
vorüber.
    Plötzlich hörte Albano um sich das dumpfe Gemurmel und Durcheinandersprechen
eines Gewimmels; nichts war um ihn. »Hört Ihr nichts?« fragte er. »Es ist alles
still«, sagte der Kahle. Aber das Gewimmel murmelte und lispelte begierig und
heiss fort, als könne es nicht fertig und einig werden; - der kühne Jüngling
schauderte, die Tore des Schattenreichs standen weit offen in die Erde, Träume
und Schatten schwärmten aus und ein und flogen nahe ans helle Leben.
    Beide traten ans Laubgehölze vor Lilar; da half sich ein Knabe mit einem
unförmlich-grossen Kopfe auf zwei Krücken heraus und hatte eine Rose, die er dem
Jüngling nickend anbot. Albano nahm sie, aber der Kleine nickte unaufhörlich,
als woll' er sagen, er möge doch daran riechen. Albano tats - und plötzlich zog
ihn die Teaterversenkung des Lebens, ein bodenloser Schlummer, in die dunkle
Tiefe.
    Als er belastet erwachte, war er allein und ohne seine Waffe in einem alten
bestäubten gotischen Zimmer - ein mattes Lichtlein streuete nur Schatten umher -
er sah durch das Fenster - Lilar schien es zu sein, aber auf die ganze
Landschaft war Schnee gefallen und der Himmel weiss bewölkt, und doch stachen
sonderbar die Sterne durch. Was ist das, steh' ich im Larventanz der Träume?
fragt' er sich.
    Da ging eine Tapete auf - eine verhangne weibliche Gestalt mit unzähligen
Schleiern auf dem Angesicht trat herein - stand ein wenig - und flog ihm an sein
Herz. »Wer ists?« fragte er. Sie drückte ihn heftiger an sich und weinte durch
die Schleier hindurch. »Kennst du mich?« fragt' er. Sie nickte. »Bist du meine
unbekannte Schwester?« fragt' er. Sie nickte und hielt ihn mit festen
Schwesterarmen, mit heissen Liebestränen, mit ungestümen Küssen an sich fest.
»Rede, wo lebst du?« Sie schüttelte. »Bist du gestorben oder ein Traum?« - Sie
schüttelte. - »Heissest du Julienne?« - Sie schüttelte. »Gib mir ein Zeichen
deiner Wahrhaftigkeit!« - Sie zeigte ihm einen halben goldnen Ring auf einem
nahen Tisch. »Zeige dein Gesicht, damit ich dir glaube!« - Sie zog ihn vom
Fenster weg. »Schwester, bei Gott, wenn du nicht lügst, so hebe die Schleier!« -
Sie wies mit dem ausgestreckten langen umwickelten Arme nach etwas hinter ihm.
Er bat immer fort, sie deutete heftig nach einem Orte hin und drückte ihn von
sich; endlich folgte er und kehrte sich seitwärts - Da sah er in einem Spiegel,
wie sie schnell die Schleier aufriss und wie darunter die veraltete Gestalt
erschien, deren Bild ihm sein Vater auf Isola bella mit der Unterschrift
gegeben. Aber als er sich umkehrte, fühlt' er auf seinem Gesicht eine warme Hand
und eine kalte Blume; und sein Ich zog wieder ein Schlaf hinunter.
    Als er erwachte, war er allein, aber mit seiner Waffe und an der Waldstelle,
wo er zum ersten Male eingeschlafen war. Der Himmel war blau, und die lichten
Bilder schimmerten - die Erde war grün und der Schnee verwischt - den halben
Ring hatt' er nicht mehr in der Hand - um ihn war kein Laut und kein Mensch. War
alles der verwehte Wolkenzug der Träume gewesen, das kurze Wirbeln und Bilden in
ihrem Zauberrauch?
    Aber das Leben, die Wahrheit hatte ja so lebendig an seiner Brust gebrannt;
und die Schwestertränen lagen noch auf seinem Auge. »Oder wären es nur meine
Brudertränen?« sagte sein verwirrter Geist, als er aufstand und in der hellen
Nacht nach Hause ging. Alles war so still, als schlafe das Leben noch fort - er
hörte sich und fürchtete, es zu wecken - er schauete seinen gehenden Körper an:
ja, dacht' er, dieses dichte, um uns gewickelte Bette spielt uns eben die Qualen
und Freuden des Lebens zu. So wie wir schlafend unter herüberfallenden Bergen zu
ersticken glauben, wenn das Deckbette sich auf unsere Lippen überschlägt, oder
über klebendes Glut-Blech zu schreiten, wenn es mit zu dicken Federn die Füsse
drückt, oder als nackte Bettler zu frieren, wenn es sich kühlend verschiebt: so
wirft diese Erde, dieser Leib in den siebzigjährigen Schlaf des Unsterblichen
Lichter und Klänge und Kälte, und er bildet sich daraus die vergrösserte
Geschichte seiner Leiden und Freuden; und wenn er einmal erwacht, ist nur wenig
wahr gewesen!
    »Gott, warum kommst du so spät - und so blass?« fragte Schoppe, der in
Albanos Zimmer lang' auf ihn gewartet hatte. »O, frag mich heute nicht!« sagte
Albano.
 
                         Dreiundzwanzigste Jobelperiode
                                     Liane
                                   95. Zykel
Nie fuhr sich Schoppe mit mehr Flüchen an als am Morgen unter Albanos Erzählung,
und zwar darüber, dass er nicht geblieben war, um dem Kahlen, dem Schwungrad so
vieler Geister-Bewegungen, mitten unter dem Drehen in die Speichen zu fahren. Er
flehte inständig den Grafen an, doch bei der nächsten Erscheinung - zumal in
Italien - dem Kahlen ohne Schonung die Larve abzureissen, und bliebe das Leben
darin hängen. Den Jüngling hatte die Nacht zu stark bewegt; daher sprach er
ungern und flüchtig davon. Da in ihm alle Empfindungen sich ernster und
übermächtiger regten als in Roquairol: so hatt' er nicht wie dieser Freude an
ihrem Malen, sondern Scheu davor. Er suchte das kleine alte Schwesterbild auf,
das ihm sein Vater auf der Insel gegeben; - welcher treffende Widerschein des
nächtlichen Spiegelbildes! Dieses Alter-Moos an einer Schwester musste, bloss um
damit ihre Ähnlichkeit zu überdecken, durch Kunst gesäet sein. Die Vermutung auf
Julienne gab er nach dem Nein der Verschleierten und bei der
Unwahrscheinlichkeit einer solchen Nachtrolle wieder auf und setzte die
Höhen-Berechnung aller dieser unbegreiflichen Lufterscheinungen auf die Hülfe
seines so nahen Vaters hinaus.
    Ach über allen seinen Gedanken zog in Geier-Kreisen unaufhörlich eine ferne
dunkle Gestalt, der Würgengel, der auf die hülflose Liane hungrig niederfliegen
wollte! Das Starren der Leichen-Seherin auf dem Blumenbühler Weg - zumal nach
dem trüben Blatte der Fürstin - gaukelte jetzt in den dunkeln,
durcheinanderkreuzenden Laubgängen, worein sein Lebensweg getrieben war, als ein
flatterndes Schreckbild fort.
    Ein neuer, einziger Entschluss stand jetzt in seiner Seele wie ein starrer
Arm am Wege fest, der immer nach einer Richtung zeigte, auf die Blumenbühler
Strasse: »Du musst zu ihr« - sagte der Entschluss - »sie darf nicht in dem Wahne
deines Zürnens und deiner alten Härte sterben - du musst sie wiedersehen, um ihr
abzubitten, und dann weinest du, bis ihr Grab aufgeht und sie wegnimmt.« - O,
wie werd' ich dann, sagt' er zu sich, vor dem Sterbetrone dieses Engels mein
hartes, stolzes, wildes Herz zerknirschen und alles, alles, womit ich die sanfte
Seele in Lilar blind und wund gemacht, zurücknehmen, damit sie nicht zu sehr
verachte die kurzen Tage ihrer Liebe und damit doch ihr Herz verscheide mit
einer kleinen letzten Freude von mir! - Und das, o Gott, bescheide uns!
    Vergeblich trug Schoppe darauf an, dass er mit ihm die Expeditionsstube der
Nacht-Wunder, die so wahrscheinlich im gotischen Tempel anzutreffen sein musste,
suchen sollte; noch an diesem Tage wollte er vor die bleiche Geliebte dringen.
Auffallend bestand Schoppe auf dem Besuch von Lilar fort und verlangte diesen
zuletzt, voreilig befehlend; - aber jetzt war es verdorben und Albanos Nein
verpanzert. »Verflucht! wozu lass' ich mich denn in diesen Tränentöpfen kochen«,
sagte Schoppe und fuhr hinaus.
    Aber nach kurzer Zeit kam er wieder, mit einem Blatte von Gaspard, worin
dieser auf heute Relais-Pferde von der Post verlangte, und mit einem Vorschlag
von sich selber, dem Vater entgegenzugehen. Wie erfrischend wehte die väterliche
Nähe über Albanos schwüle Wüste! - Gleichwohl sagte er das zweite Nein: das
lange Wollen und Streiten und jede Stunde hüllte ihm Lianen immer finsterer in
ihre Wolke, und er dachte bange an seinen Traum über sie auf Isola bella161; -
und am Ende stutzte er argwöhnisch über das bedenkliche Zurückzerren.
    Und darin irrt' er nicht; Schoppe handelte nach ganz andern Begebenheiten,
als er noch erfahren hatte. Der Lektor nämlich, der mit alter kluger Redlichkeit
über den abtrünnigen, aber von ihm überall gelobten Jüngling von fernen Wache
hielt durch den stellvertretenden Schoppe, hatte diesem den aufgetürmten
bleischweren Wolkenbruch gezeigt, der sich nun gesenkt gegen das Haupt des edlen
Jünglings herbewegte; nämlich Lianens ganz nahen Tod.
    Früher war der Streit mit den Eltern, gleichsam diese poetische Härte für
Lianens Nerven, noch Eisenwein gewesen, die nachher im weichen Wasser der
Entsagung, Herbstruhe und Andacht schmolzen. Es gibt eine warme Windstille,
welche Menschen wie Schiffe zerlässet; eine Wärme, worin das Wachsbild des
Geistes zerrinnt. Täglich kam noch dazu der fromme Vater und breitete ihre
Schwingen aus, lösete sie ab von den Erden-Hoffnungen und Erden-Bangigkeiten und
führte sie in den Glanz des göttlichen Trones. - Die schönen Frühlingslüfte
ihrer geendigten Liebe liess sie wieder wehen, aber in höherer Stelle, es waren
dünne, milde Äter-Zephyre, Blumen-Hauche. - Sie wusste jetzt zugleich, sie
sterbe und liebe Gott. Sie stand wie eine Sonne schon ruhig und fern an ihrem
Himmel, aber wie eine Sonne schien sie folgsam um den kleinen Tag ihrer Mutter
zu gehen und wärmte sie sanft. - Ihre Tränen entflossen so süss wie Seufzer, wie
Abendtau aus Abendrot - Wie man selig-wogend sinkt in heitern Träumen, so floss
sie mit schwimmendem Körper-Gewand auf dem Todesflusse, lange getragen, langsam
angezogen.
    Nur ein einziger irdischer Widerstand hatte bisher den süssen Fall gebrochen
- die heisse Erwartung der kommenden Romeiro, dieser ihr so innig befreundeten
Freundin ihrer Freundin Julienne. Endlich erschien ihr diese und ergriff ihre
Phantasie zu sehr; denn gerade die Flügel der Phantasie waren an diesem sanften,
steten Schwane162 zu stark. Wie stellte sich die Kranke unter diese glänzende
Göttin herunter! Wie fand sie sich unwürdig der vorigen Liebe für Albano! - So
wenig hatte Spener, der nur vor Gott demütig war, sie hindern können, zwei
Kleinode aus ihrem vorigen Leben in ihr jetziges verklärtes heraufzunehmen, die
alte Demut vor Menschen und das alte bekümmerte Sorgen für Geliebte.
    Julienne mocht' ihr noch so oft abgeraten haben, sie schlang sich doch an
einem Abende - wo sie Albanos Wegziehen nach Italien vernommen - um Lindas Herz
und sagte ihr mit gewöhnlicher Überwallung, nur Albano verdiene sie. Linda
antwortete bewundernd: sie fasse eine Liebe nicht, die sich selber vernichte; in
Ihrem Falle würde sie sterben. »Und tu' ichs denn nicht?« sagte Liane.
    Julienne bat gleich darauf Lianen, die verlegne edle Gräfin darüber zu
schonen. Liane schwieg unbeleidigt; aber der neue Wunsch ergriff sie nun, ihren
verlornen Albano noch einmal wiederzusehen und ihm ihre vorige Treue und seinen
Irrtum zu beweisen und ihm mit sterbendem Herzen ein neues grosses zu vermachen.
Sie war sehr offenherzig mit allen letzten Wünschen ihrer heiligen Seele.
Solange die Mutter und Augusti konnten, hielten sie ihr die Hand, damit sie sich
eine so giftige schwarze Blume, als die Freude eines solchen Wiedersehens sein
müsste, nicht ans kranke Herz steckte. Aber sie versicherte ihre Mutter, was
könn' es ihr in diesem Jahre schaden, da sie ja erst im künftigen - nach
Karolinens Weissagung - von hinnen gehe. - Indes suchte man ihr das letzte Ziel
immer hinauszurücken, in der Hoffnung, dass Gaspard den Grafen wegführe, und mit
dem Vorsatz, nur im Notfalle aller verlornen Hoffnungen ihr diese tödliche zu
stillen.
    Da wandte sie sich mit ihrem Wunsche an ihren Bruder; aber dieser, halb aus
erbitterter Eitelkeit, halb aus Liebe gegen die Schwester, schilderte Albano von
der kältern Seite, sagte, er ziehe in ein frohes Land, verschmerze sie leicht
u.s.w. Wie entrüstete sich beinahe die sanfte Seele, weil sie daraus mit
weiblicher Scharfsicht einen nahen Bruch der Liebe gegen Albano und Rabette und
eine Wiederkehr der Neigung für die dableibende Linda entdeckte! Sie hatte schon
längst die lange Unsichtbarkeit Rabettens untersucht. Denn diese arme Seele war
seit ihrem Falle, seit dem Begräbnis ihrer Unschuld, durch keine Bitten und
Befehle zu zwingen gewesen, vor die Freundin der ewigen Unschuld mit dem
niedergeworfnen Sünder-Auge zu treten; und jetzt war es ihr vollends unmöglich,
seit ihr durch Lindas Ankunft und Besuche auch das kleinste schillernde Gewebe
ihres fliegenden Sommers zertreten war und ihr Mund voll Qual dumpf am
hereingezognen Leichenschleier erstickte. »Bruder, Bruder,« (sagte Liane
begeistert) »bedenke, was unsere armen Eltern von uns Kindern haben! Ich erfülle
ihnen keine Hoffnung; auf dir ruht jede; ach wie wird unser Vater zürnen!«
setzte sie mit alter Scheu und Liebe dazu. Der Bruder hielt es für recht, die
Wahrheit (über Rabettens Hinab- und Wegstossen), welche diesesmal die Gestalt
einer bewaffneten Parze haben würde, von ihr zu entfernen, und setzte an die
Stelle der Wahrheit seine Bruder-Liebe. Daher hatt' er bisher die einzige
Gelegenheit, mit der Gräfin zu sprechen, entbehrt - Lianens Krankenstuhl. »Du
musst sterben,« (sagte er einmal im Entusiasmus zu ihr) »es ist gut, dass dein
Gewebe so zart ist, damit es das Durcheinandergreifen so vieler Tatzen
entzweireisset - Was hättest du bis in dein 70. Jahr nicht leiden können unter
Menschen und Männern!« Auch er glaubte - aus eigner Erfahrung -, dass es mehr
Weiber- als Männerschmerzen gebe, so wie es am Himmel mehr Mond- als
Sonnenfinsternisse gibt.
    So stand es bis in die Nacht, wo Albano den Kahlkopf, die Spiele der
Finsternisse und die verschleierte Schwester sah; in dieser sprang eine Saite
nach der andern in Lianens Leben, sie wurde schnell verändert, und am frühen
Morgen empfing sie schon das Abendmahl aus ihres Speners Hand. Der Lektor bekam
diese trübe Nachricht von der Ministerin um 9 Uhr morgens. Darum sucht' er mit
solchem Eifer durch Schoppe den Jüngling vom Anblick einer verscheidenden Braut
zu verdrängen.
    Später kam Gaspards Billett, welches beide auf den Gedanken brachte, ihn zum
Entgegenfahren zu locken und - durch eine Nachricht an den Vater - diesen zu
bereden, wenigstens auf einige Tage mit Albano vor dem nahen Erdfall umzukehren,
damit dieser sinke, ehe ihn der Sohn betreten.
    Aber auch das, wie schon erzählt worden, schlug fehl; Albano bekannte
Schoppen geradezu seinen Argwohn irgendeiner unheimlichen Begebenheit. Dieser
wollte eben eine Antwort geben, als sie ihm ersparet wurde durch einen
keuchenden Boten aus Blumenbühl, der an Albano folgendes Blatt von Spener
überbrachte:
        »P.P.
Ew. Hochgeboren Gnaden soll in aller Eile melden, dass das todkranke Fräulein von
Froulay noch heute mit Denenselben zu sprechen sehnlichst verlangt, daher Sie um
so mehr zu eilen haben, da selbige nach eigner Aussage höchst wahrscheinlich
(und um so mehr, als Patienten dieses genre immer ihren Tod richtig
vorauszusagen wissen) den heutigen Abend schwerlich überleben, sondern aus
dieser Leiblichkeit einziehen wird in die ewige Herrlichkeit. Ich für meine
Person brauche Ew. Gnaden als einen Christen wohl nicht erst zu vermahnen, dass
wohl ein sanftes, stilles, frommes Betragen und Gebet bei dem Sterbebette dieser
herrlichen Braut Christi, von deren Tod jeder wünschen wird: Herr, mein Tod sei
wie dieser Gerechten!, nicht aber grausame weltliche Trauer sich gebühre und
gezieme, der ich mit sonderbarem Respekte verharre
                             Ew. Hochgeboren Gnaden
                                  Untertäniger
                                 Joachim Spener
                                  Hofprediger
P.S. Kommen Dieselben nicht sogleich mit dem Expressen: so bitte sehr um einige
Zeilen Antwort.«
                                       *
Albano sagte kein Wort - gab das Blatt seinem Freunde drückte leise dessen Hand
- nahm den Hut - und ging langsam und mit trocknen Augen auf die Gasse hinaus,
auf den Weg nach dem Bergschloss.
 
                                   96. Zykel
Schaudernd lief er draussen um die Stelle vorbei, wo in der vorigen Nacht die
Leichen-Seherin gestanden hatte, um ihre in schwarze Menschen verwandelten
Träume langsam von der Bergstrasse herunterziehen zu sehen. - Es war ein stiller,
warmer, blauer Nachsommer-Nachmittag - das Abendrot des Jahres, das rotglühende
Laub, zog von Berg zu Berg - auf toten Auen standen die giftigen Zeitlosen
unverletzt beisammen - auf den übersponnenen Stoppeln arbeiteten noch Spinnen am
fliegenden Sommer und richteten einige Fäden als die Taue und Segel auf, womit
er entfloh - der weite Luft- und Erdkreis war still, der ganze Himmel wolkenlos
- und die Seele des Menschen schwer bewölkt.
    Albanos Herz ruhte auf der Zeit wie ein Kopf auf dem Entauptungsblock - -
Nichts sah er im weiten Himmelsblau als die darin fliegende Liane, nichts,
nichts auf der Erde als ihre liegende leere Hülle.
    Er zuckte, da ihm plötzlich auf der Blumenbühler Höhe das weisse Bergschloss
entgegenglänzte. Er rannte hinab - wild vor dem verhassten entstellten Blumenbühl
vorbei - und draussen in den tiefen Hohlweg hinauf, der zum Bergschloss führet. Da
aber dieser sich in zwei aufsteigende Täler spaltet: so verirrte sich der vom
Schmerz verschleierte Mensch in das linke und eilte zwischen dessen Wänden immer
heftiger, bis er nach langem Treiben auf die Höhe heraustrat und das schimmernde
Trauerschloss hinter sich erblickte. Da war ihm, als rühre sich die weite
hinabliegende Landschaft wie ein stürmendes Meer durcheinander mit wogenden
Feldern und schwimmenden Bergen; und der Himmel schauete still und hell auf das
Bewegen nieder. Nur unten am westlichen Horizonte schlief eine lange dunkle
Wolke.
    Er stürmte wieder bergab und kam in wenigen Minuten im kleinen Blumengarten
des Trauerhauses an. Als er heftig durch ihn schritt, sah er oben an den
Schlossfenstern mehrere Menschenrücken; wenn sie sich umkehren (sagt' er), so
wird sogleich die Sage umlaufen: der Mörder kommt. Jetzt trat die Ministerin an
ein Fenster, wandte sich aber schnell um, da sie ihn erblickte. Er stieg schwer
die Treppe hinauf, der Lektor kam ihm gerührt entgegen, sagte zu ihm: »Fassung
für Sie und Schonung für andere! Sie haben keinen Zeugen Ihrer Unterredung als
Ihr Gewissen« und machte dem stummen Jüngling das stille Krankenzimmer auf.
    Vom Schmerz belastet und gebückt, trat er leise hinein. In einem
Krankenstuhl ruhte eine weissgekleidete Gestalt mit weissen, tiefen Wangen und
ineinandergelegten Händen und lehnte den Kopf, den ein bunter Grasblumenkranz
umzog, an die Seitenlehne. Es war seine vorige Liane. »Sei mir willkommen,
Albano!« sagte sie mit schwacher Stimme, aber mit dem alten, aufgehenden
Sonnen-Lächeln und reicht' ihm die mühsam gehobne Hand entgegen; das schwere
Haupt konnte sie nicht erheben. Er trat hin, sank auf die Knie und hielt die
teuere Hand, und die Lippe zitterte stumm. »Sei mir recht willkommen, mein guter
Albano!« wiederholte sie noch zärtlicher in der Meinung, er hab' es das erstemal
wohl nicht gehört; und alle Tränen seines Herzens riss die bekannte
wiederkommende Stimme in einem Regen nieder. »Auch du, Liane!« stammelte er noch
leiser. Mühsam liess sie ihr Haupt auf die andere, ihm nähere Lehne
herüberfallen; da schaueten ihre lebensmüden blauen Augen recht nahe seine
feurigen nassen an; wie fanden beide ihr Angesicht von einem langen Schmerz
entfärbt und veredelt! Rotwangig und vollblühend und Schmerzen tragend war Liane
in das kalte fremde Totenreich der schweren Prüfung für die höhere Welt
gegangen, und ohne Farbe und ohne Schmerzen war sie wiedergekommen und mit
himmlischer Schönheit auf dem irdisch-verblühten Gesicht - Albano stand vor ihr,
auch bleich und edel, aber er brachte auf dem jungen kranken, eingefallnen
Angesicht die Kämpfe und die Schmerzen zurück und im Auge die Lebens-Glut.
    »Gott, du hast dich verändert, Albano« - fing sie nach einem langen Blicke
an - »Du siehst ganz eingefallen aus - Bist du so krank, Lieber?« - fragte sie
mit der alten Liebes-Bekümmernis, die ihr weder der fromme Vater noch der letzte
Genius, der den Menschen erkältet gegen das Leben und Lieben, eh' er es
entrückt, aus dem Herzen nehmen konnten. - »O, wollte Gott! - Nein, ich bins
nicht«, sagte er und erstickte aus Schonung den innern Sturm; denn er hätte so
gern seinen Jammer, seine Liebe, seinen Todes-Wunsch ausgerufen vor ihr mit
einem tödlichen Schrei, wie eine Nachtigall sich zu Tode schmettert und vom
Zweige stürzt.
    Ihr erkältetes Auge ruhte, sich erwärmend, lange auf seinem Angesicht voll
unaussprechlicher Liebe, und sie sagte endlich mit schwerem Lächeln: »So liebst
du mich also wieder, Albano! - Du hattest dich auch in Lilar ganz geirrt. Erst
nach langer Zeit wird mein Albano es erfahren, warum ich von ihm gewichen bin,
nur zu seinem Wohl. Heute, heute an meinem Sterbetage sag' ich dir, dass mein
Herz dir treu geblieben. - Glaub es mir! - Mein Herz ist bei Gott, meine Worte
sind wahr - Sieh! darum bat ich dich heute zu mir - denn du sollst sanft, ohne
Reue, ohne Vorwurf auf deine erste Jugendliebe herübersehen in deinem künftigen
langen Leben. - Heute wirst du nicht böse über die kleine Linda, dass sie vom
Sterben spricht - Siehst du wohl, dass ich damals recht hatte? - Hole mir das
Blatt dort!«
    Er gehorchte; es war ein mit zitternder Hand gemachter Umriss von ihr, der
Lindas edeln Kopf vorstellte. Albano sah das Blatt nicht an. »Nimm es zu dir«,
sagte sie; er tat es. »Wie bist du so willig und gut!« (sagte sie) »Du verdienst
Sie - ich nenne sie dir nicht - als den Lohn deiner Treue gegen mich. Sie ist
deiner würdiger als ich, sie blüht wie du, siecht nicht wie ich; aber tu ihr nie
unrecht - Deine Liebe zu ihr ist mein letzter Wunsch Wirst du mich betrüben,
festes Gemüt, durch ein heftiges Nein?« -
    »Himmels-Seele!« - (rief er und blickte sie bittend an und brachte ihr das
Totenopfer des erstickten Neins) »ich antworte dir nicht - Ach vergib, vergib
der frühern Zeit!« - Denn nun sah er erst, wie demütig, leise und doch innig die
zarte, stille Seele ihn geliebt, die noch jetzt im zerfallenden Körper ganz wie
an Lilars schönen Tagen sprach und liebte, so wie die schmelzende Glocke im
brennenden Turm noch aus den Flammen die Stunden tönt.
    »So lebe nun wohl, Geliebter!« (sagte sie ruhig und ohne Träne, und ihre
matte Hand wollte seine drücken) »Reise glücklich in das schöne Land! - Habe
ewigen Dank für deine Lieb' und Treue, für die tausend frohen Stunden, die ich
dort erst verdienen will163, für Lilars schöne Blumen ... Die Kinder meiner
Chariton haben sie mir aufgesetzt164 ... Je ne suis qu'un songe - - Was wollt'
ich dir sagen, Albano? Mein Lebewohl! Verlasse meinen Bruder nicht! - O, wie du
weinst! Ich will noch für dich beten!« -
    Die Sterbenden haben trockne Augen. Das Gewitter des Lebens endigt mit
kalter Luft. Sie wissen es nicht, wie ihre lallende Zunge einschneide in die
weit aufgerissenen Herzen. Die sanfteste Seele wusst' es nicht, wie sie ein
Schwert nach dem andern durch ihren Albano stiess, der es nun fühlte, dass er der
Heiligen, der schon die Frühlingswinde, die Frühlingsdüfte des ewigen Ufers
entgegenzogen, nichts mehr sein, nichts mehr geben konnte, nicht einmal die
Demut nehmen.
    Als sie es gesagt, richtete ihr Haupt mit der Blumenkrone sich begeistert
auf, sie zog ihre Hand aus seiner und betete laut mit Inbrunst: »Erhöre mein
Gebet, o Gott! und lasse Ihn glücklich sein, bis er eingeht in deine
Herrlichkeit. Und wenn er irret und wankt, so schon ihn, o Gott! und lasse mich
ihm erscheinen und ihm zureden. - Dir aber allein, du Allgütiger, sei Preis und
Dank gesagt für mein frohes, stilles Leben auf der Erde, du wirst mir nach der
Ruhe droben schenken den schönen Morgen, wo ich arbeiten kann.... Wecke mich
früh aus dem Todesschlafe.... Wecket mich, wecket! ... Mutter, das Morgenrot165
liegt schon auf den Bäumen.« -
    Da stürzte die Mutter ins Zimmer mit andern Menschen. Der todesschlaftrunkne
Blick und das Irrereden sagten an, dass nun der kalte Schlaf mit offnen Augen
komme. »Erscheine mir, du bist ja bei Gott!« rief Albano sinnlos. Umsonst wollt'
ihn Augusti wegführen; ohne Antwort, ohne Regung stand er eingewurzelt fest.
Liane wurde immer blasser, der Tod schmückte sie mit dem weissen Brautkleid des
Himmels an; da hörte sein weinendes Auge auf, die Qual gefror, und das weite,
schwere Eis der Pein füllte die Brust.
    Unverrückt hing Lianens Blick an einer lichten Stelle des sanft bezognen
Abendhimmels, wie forschend und erwartend, dass der Himmel aufgehe und die Sonne
gebe. Gleichgültig gegen alle stürmte ihr Bruder jammernd herein: »Geh nicht zu
Gott, ich seh' dich sonst nie mehr - sieh mich an, segne, heilige mich, gib mir
deinen Frieden, Schwester!« - Sie war still in die lichter aufbrechende
Sonnenwolke vertieft. »Sie hält dich für mich« (sagte Albano zu Karl wegen ihrer
ähnlichen Stimmen) »und gibt dir keinen Frieden!« - »Stiehl meine Stimme nicht«,
sagte Karl zornig. - »O, lasset Sie in Ruhe«, sagte die Mutter, aus deren
gebückten Augen nur kleine, sparsame Tränen auf den Kranz der Tochter zitterten,
deren mattes, nach dem Himmel aufblickendes Haupt sie an sich angelehnt mit
beiden Händen hielt.
    Auf einmal, als die Sonne die Wolken wie Augenlider aufschlug und hell
herunterblickte, erschütterte sich die stille Gestalt; Sterbende sehen doppelt,
sie sah zwei Sonnenkugeln und rief, an die Mutter geschmiegt: »Ach Mutter, wie
gross und feurig sind seine Augen!« - Sie sah den Tod am Himmel stehen. »Bedecket
mich mit dem Leichenschleier« (flehte sie ängstlich) »meinen Schleier!« Ihr
Bruder griff nach ihm und deckte damit die irren Augen und die Blumen und Locken
zu; auch die Sonne zog schonend wieder das Gewölke über sich.
    »Denk an den allmächtigen Gott!« rief ihr der fromme Vater zu. »Ich denke an
ihn«, antwortete leise die Verhüllte. Die Aurora der zweiten Welt steht schwarz
vor den Menschen, sie bebten alle. Albano und Roquairol ergriffen und drückten
einander die Hand, dieser aus Hass, Albano aus Qual, wie man in Metall knirscht.
Das Zimmer war voll unähnlicher, befeindeter Menschen, die der Tod gleich
machte. Seitwärts sah Albano eine fremde hereingeschlichene, ihm widrige
Gestalt; es war sein unkenntlicher Vater, dessen grosse, düstere Augen scharf und
hart auf dem Sohne hafteten. - Aus dem zweiten Zimmer blickten zwei lange
verschleierte weibliche Gestalten auf die dritte und sahen kein Gesicht und
niemand ihres.
    Liane spielte mit den Fingern am Schleier. Der Abend stand im Zimmer und die
Stille zwischen dem Blitze und dem Donnerschlag. »Denke an den allmächtigen
Gott!« rief Spener. - Sie antwortete nicht - er sprach weiter: »An unsere Quelle
und an unser Meer, er allein steht dir jetzt im Dunkeln bei, wo dir die Erde und
die Menschen aus der Hand entsinken und alle Lichter des Lebens.« Plötzlich fing
sie an und sagte ganz freudig-leise und schnell hintereinander, wie wenn der
Mensch im Schlafe spricht, und immer entzückter und schneller: »Karoline - hier,
hier, Karoline - das ist meine Hand - wie bist du so schön!« - Der unsichtbare
Engel, der ihre erste Liebe geheiligt, der ihr Leben begleitet hatte, schimmerte
wieder wie ein aufgegangener Mond über das ganze dunkle Sterben, und der Glanz
verschmolz die kleine Mainacht leise mit dem grossen Frühlingsmorgen der andern
Welt.
    Nun lehnte die verschleierte Nonne des Himmels ganz still an der Mutter- Der
Todesengel stand unsichtbar und zornig unter seinen Opfern - Mit grossen Flügeln
hing die Todes-Eule der Angst sich über die Menschen-Augen und hackte mit
schwarzem Schnabel in die Brust herab, und man hörte nichts in der Stille als
die Eule Düster wälzten sich des Ritters melancholische Augen in ihren tiefen
Höhlen zwischen der stillen Braut und dem stillen Sohne hin und her; und Gaspard
und der Würgengel schaueten einander finster an.
    Da klang aus Lianans Harfe ein heller, hoher Ton lang in die Stille; die
Parze, die an ihrem Leben spann, kannte das Zeichen, hielt innen und stand auf,
und die Schwester mit der Schere kam. Lianens Finger hörten auf zu spielen, und
unter dem Schleier wurd' es still und unbeweglich.
    »Dein Kopf ist schwer und kalt, meine Tochter«, sagte die trostlose Mutter.
»Reisst den Schleier weg«, rief der Bruder; und als er ihn herunterzog, ruhte
Liane zufrieden und lächelnd darunter, aber gestorben - die blauen Augen offen
nach dem Himmel - der verklärte Mund noch Liebe atmend - die jungfräuliche
Lilien-Stirn von der tiefer herabgesunknen Blumenkrone umwunden - und bleich und
verklärt vom Mondschein der höhern Welt die fremde Gestalt, die gross aus den
kleinen Lebendigen unter ihre hohen Toten trat.
    Da quoll die goldne Sonne durch die Wolken und durch die Tränen hindurch und
übergoss mit dem blühenden Abendlicht, mit dem jugendlichen Rosen-Öl ihrer
Abendwolken die entfärbte Himmelsschwester, und das verklärte Antlitz blühte
wieder jung. Am Himmel schlugen alle Wolken, berührt von ihren Flügeln, als sie
durch sie zog, in lange rote Blüten aus - und durch den hohen, über die Erde
geblähten Nebelflor glühten die tausend Rosen hindurch, die gestreuet und
gewachsen waren auf der Wolken-Bahn, worauf die Jungfrau über die Erde zu dem
Ewigen ging.
    Aber Albano, der verlassene Albano stand ohne Tränen und Augen und Worte
unter den gemeinen Klagestimmen des Schmerzes im rosenroten Abendiener des
heiligen Verklärungszimmers, unter dem irdischen Getümmel neben der stillen
Gestalt; in tiefer Vergangenheit zeigte ihm der Schmerz ein Medusenhaupt, und er
sah es noch an, als sein Herz schon davon versteinert war, und er hörte immer
das finstere Haupt die Worte murmeln: »Wie bitter hatte die Tote in Lilar über
den harten Albano geweint!« - Ihr Bruder sagte auf seiner Folter viele grausame
Worte zu ihm; er vernahm sie nicht, weil er dem grausamern Gorgonenhaupt
zuhörte.
    »Sohn!« (rief Gaspard Cesara ernst) »Sohn, kennst du mich nicht?« Durch das
schwere Leichen-Herz blitzt ihm eine Lebensstimme; er blickt umher, und auf den
Vater, ordnet sich erschreckend die Gestalt und stürzt auf seine Brust und ruft
nur »Vater!« und immer wieder »Vater!« - Er rief fort, ihn heftig wie ein Feind
umflechtend, und sagte: »Vater, das ist Liane!« - Noch heftiger wurde die
Umarmung, nicht aus Liebe, nur aus Qual. »Komme zu dir, und zu mir, lieber
Albano!« sagte der Ritter. »O ich will es tun, Sie ist nun gestorben, Vater!«
sagt' er erstickt, und nun zerriss sein Schmerz am Vater, wie ein Gewölke am
Gebürge, in eine unaufhörliche Träne - sie strömte fort, als wollte sich die
innerste Seele verbluten aus allen offnen Adern - aber das Weinen wühlte nur die
Qualen auf wie ein Wolkenbruch ein Schlachtfeld, er wurde trostloser und
ungestümer und wiederholte dumpf das alte Wort.
    »Albano!« (sagte Gaspard nach einiger Zeit mit stärkerer Stimme) »willst du
mich begleiten?« - »Gern, mein Vater!« sagte er und folgte ihm, wie der Mutter
ein blutendes Kind mit seiner Wunde. - »Morgen will ich schon sprechen«, sagte
Albano im Wagen und nahm die väterliche Hand. Die weit offnen Augen hingen
geschwollen und blind an der warmen Abendsonne fest, die schon auf dem Gebürge
ruhte - er blieb lächelnd und bleich und in seinem leisen sanften Weinen - und
er merkt' es nicht, dass die Sonne unterging und er in der Stadt ankam.
    »Morgen, mein Vater!« sagt' er kraftlos und bittend zum Ritter; und schloss
sich ein. Man hörte nichts mehr von ihm.
 
                         Vierundzwanzigste Jobelperiode
                              Das Fieber - die Kur
                                   97. Zykel
Lange blieb Albano im Nebenzimmer stumm. Der Vater überliess ihn der heilenden
Stille. Schoppe wartete auf ihn geduldig, um ihn tröstend anzusehen und
anzuhören. Endlich hörten sie ihn darin heftig beten: »Liane, erscheine mir und
gib mir den Frieden!« Gleich darauf trat er stark und frei wie ein entketteter
Riese heraus, mit allen Blut-Rosen auf seinem Gesicht - mit Blitzen in den Augen
- mit hastigem Schritt. »Schoppe,« (sagt' er) »komm mit auf die Sternwarte, es
hängt am Himmel ein heller, hoher Stern, auf dem wird Sie begraben; ich muss das
wissen, Schoppe!«
    Die edle Seele lag in der gewaltigen Hand des Fiebers. Er wollte mit ihm
hinaus, als er den Ritter erblickte, der ihn starr anschaute. »Erstarre nur
nicht wieder, mein Vater!« sagt' er, umarmte ihn nur leise und vergass, was er
gewollt.
    Schoppe holte den Doktor Sphex. Albano ging wieder in sein Zimmer und
langsam darin mit gesenktem Haupt, mit gefalteten Händen auf und ab und redete
sich tröstend zu: »Warte doch nur, bis es wieder ausschlägt.« - Sphex kam und
sah und - sagte, »es sei ein einfaches entzündliches Fieber«. Aber keine Gewalt
brachte ihn dahin, sich für das Bette oder nur für eine Ader-Wunde zu
entkleiden. »Wie?« (sagt' er schamhaft) »Sie kann mir ja zu jeder Stunde
erscheinen und den Frieden geben - nein, nein!« Der Arzt verschrieb einen ganzen
kühlenden Schneehimmel, um damit diesen Krater vollzuschneien. Auch diesen
Kühlungen und Frost-Zuleitern weigerte der Wilde sich. Aber da fuhr ihn der
Ritter mit der ihm eignen donnernden Stimme und mit dem Grimm des Auges an, der
das immerwährende, aber bedeckte Zornfeuer der stolzen Brust verriet: »Albano,
nimm!« - Da besann und fügte sich der Kranke und sagte: »O, mein Vater, ich
liebe dich ja!«
    Durch die ganze Nacht, deren Wächter und Arzt der treue Schoppe blieb,
spielte der wahnsinnige Körper seine glühende Rolle fort, indem er den Jüngling
auf- und abtrieb und bei jedem Ausschlagen der Glocken betend niederzuknien
zwang: »Liane, erscheine doch und gib mir den Frieden!« Wie oft hielt ihn der
sonst Zeichen-arme Schoppe mit einer langen Umarmung fest, um nur dem
Umhergetriebnen eine kurze Ruhe zuzuspielen. Unbegreiflich waren am Morgen dem
Arzte die Kräfte dieser eisernen und weissglühenden Natur, die Fieber, Pein und
Gehen noch nicht gebogen hatten, und auf welcher alle verordnete Eisfelder
trocken verzischten; - und fürchterlich erschienen ihm die Folgen, da Albano
noch immer sein Selbst-Mordbrenner blieb und bei jedem Stunden-Schlage auf den
Knien nach der himmlischen Erscheinung lechzete und blickte.
    Aber sein Vater überliess ihn wie eine Menschheit den eignen Kräften; er
sagte, er sehe mit Vergnügen eine solche seltne ungeschwächte Jugendkraft und
sei gar nicht in Furcht; auch liess er ungestört alles für die Reise nach Italien
packen. Er besuchte den Hof, d.h. alles. Wer es wusste, was er den Menschen
abzufodern und abzuleugnen pflegte, dem gab diese allgemeine Gefälligkeit gegen
alle Welt die Schmerzen eines verwundeten Ehrgefühls, wenn ihn Gaspard auch
anredete. Er besuchte zuerst den Fürsten, welcher an ihm, ob ihn gleich der
Ritter in Italien ruhig die vergiftete Hostie der Liebe samt ihrem Giftkelch
hatte empfangen lassen, immer mit Angewöhnung hing. Der Ritter besichtigte mit
ihm den Zuwachs der neuen Kunstwerke; beide glichen scharf und frei ihre Urteile
darüber gegeneinander aus und gaben einander Aufträge für die Abwesenheit.
    Darauf ging er zur Reisegefährtin, zur Fürstin, gegen welche zwar sein
aufreibender Stolz nicht ein Blütenstäubchen der vorigen Liebe übrig gelassen,
die aber im glatten, kalten Spiegel seiner epischen Seele, in welchem alle
Figuren sich rein-aufgefasset und frei bewegten, vermöge ihrer kräftigen
Individualität als eine Hauptfigur den Vordergrund bewohnte. Da er Freiheit,
Einheit, sogar Frechheit des Geistes weit über sieches Frömmeln, Nachheucheln
fremder Kräfte und bussfertigen Zwiespalt mit sich selber setzte: so war die
Fürstin sogar mit ihrem Zynismus der Zunge ihm »in ihrer Art lieb und wert«. Sie
erkundigte sich mit vielem Feuer nach seines Sohnes Zustand und Mitreise; er gab
ihr mit seiner alten Ruhe die besten Hoffnungen.
    Die Prinzessin Julienne war unzugänglich. Dass sie es hatte sehen müssen, wie
die treue Gespielin ihrer Jugendzeit ein feindlicher, rauher Arm vom blumigen
Ufer in den Todesfluss hineingezogen und wie die Arme ermattet
hinuntergeschwommen, das warf sie hart darnieder, und sie wäre gern dem Opfer
nachgestürzt. Sie war gestern nicht imstande, mit den zwei Verschleierten
hinzugehen.
    Jetzt eilte Gaspard zur einen davon, zur Gräfin Romeiro, wo er auch die
andere fand - die Prinzessin Idoine. Diese hatte unmöglich so viel von ihrer
Gesichts- und Seelen-Schwester in allen Briefen lesen können, ohne selber aus
ihrem Arkadien zu ihr herzureisen und die schöne Verwandtschaft zu prüfen; aber
als sie im Schleier ankam im Schmerzenhause, hatte schon ihre Verwandte den
ihrigen über das brechende Auge gezogen; und als er aufging, sah sie sich selber
verloschen und im tiefen Spiegel der Zeit ihr eignes Sterbe-Bild. Sie schwieg in
sich selber gleichsam wie vor Gott, aber ihr Herz, ihr ganzes Leben war bewegt.
    Die Ähnlichkeit war so auffallend, dass Julienne sie bat, nie der gebeugten
Mutter zu erscheinen. Idoine war zwar länger, schärfer gezeichnet und weniger
rosenfarb als Liane in ihrer Blütezeit; aber die letzte blasse Stunde, worin
diese neben ihr erschien, machte die bleiche Gestalt länger und das Angesicht
edler und zog die blumige jungfräuliche Verhüllung vom scharfen Umriss weg.
    Idoine sprach wenig zum Ritter und sah nur zu, wie ihre Freundin Linda
ordentlich in kindlicher Liebe überfloss gegen seine fast väterliche. Beide
Jungfrauen behandelte er mit einer achtenden, warmen und zarten Moralität,
welche einem Auge (z.B. dem des Fürsten) wunderbar erscheinen musste, das oft
Zeuge der ironischen Unbarmherzigkeit gewesen, womit er wurmstichige, anbrüchige
Herzen - halb eingepfarret in Gottes Kirche und halb in des Teufels Kapelle -,
scheue, weiche, empfindsame Sünder, innerlich-bodenlose Phantasten, z.B.
Roquairols, gern in einer langsamen Spirale frecher Reden immer tiefer und
froher in den Mittelpunkt der Schlechtigkeit hinabzudrehen pflegte. Der Fürst
dachte dann: »Er denkt gerade wie ich«; aber Gaspard macht' es mit ihm ebenso.
    Auch die wankende, blasse Julienne schlich endlich herein, um ihn zu sehen.
Man umging, so weit man konnte, ihrentwegen das offne Grab der Freundin; aber
sie fragte selber nach dem kranken Geliebten derselben recht angelegentlich. Der
Ritter - welcher für die meisten wichtigen Antworten sich ein eignes Phrasesbuch
des Nichts, besondere Rede-Eisblumen angeschafft hatte, dergleichen waren: »es
geht, so gut es kann« oder »man muss es erwarten« oder »es wird sich wohl geben«
- bediente sich der letzten Redeblume und versetzte: »Es wird sich wohl geben.«
    Als er nach Hause kam, hatte sich nichts gegeben, sondern hoch war die Flut
des Übels gestiegen. Der Jüngling lag nieder angekleidet auf dem Bette -
unvermögend mehr zu gehen - brennend - irre redend - und doch bei jedem
Glockenschlage seine alte Bitte in den hohen versperrten Himmel rufend. Bis
hieher hatte sein kräftiges, festes Gehirn die Vernunft wenigstens für alles,
was Lianen nicht betraf, fest zu behalten gewusst; aber allmählich ging die ganze
Masse in die Gärung des Fiebers über. Vergeblich waffnete sich sein Vater
einmal, da er kniete und um die Erscheinung der Toten bat, mit dem ganzen Sturm
und Donner seiner Persönlichkeit; »gib mir den Frieden«, betete Albano sanft
weiter und sah ihm sanft dabei ins Gesicht.
    Schoppe nahm jetzt mit der Miene eines wichtigen Geheimnisses den Vater
allein und sagte, er wisse ein unfehlbares Mittel. Gaspard bezeugte seine
Neugierde. »Die Prinzessin Idoine« (sagt' er) »muss nach erbärmlichen Kindereien
gar nichts fragen, sondern keck, wenn es eben schlägt und er kniet, ihm als der
selige Geist erscheinen und den fatalen Frieden schliessen.« - Wider alles
Vermuten sagte der Ritter unmutig: »Es ist unschicklich.« Umsonst sucht' ihn der
predigende Schoppe in die Sonnenseite zu rücken - bloss in der Winterseite zog er
weiter hinein bei dem Anschein fremder Absicht; in eine sanfte Wärme konnt' ihn
niemand bringen als nur er sich selber. - Zuletzt liess Gaspard nach seiner Sitte
über dem ewigen Grundeis seines Charakters so viel Treibeis obengenannter
Phrasen schwimmen, dass Schoppe stolz und zornig schwieg. Noch dazu gingen die
Anstalten zur Abreise fort, als sei der Vater willens, den Sohn brennend aus dem
Fieberbrande zu ziehen und wahnsinnig aus den alten Liebes-Zirkeln zu reissen.
Schoppe machte ihm seinen Vorsatz, daheim zu bleiben, bekannt; er sagte, er habe
nichts dagegen.
    Nun fühlte Schoppe an seinem eignen zerrjetzten Gesicht den schneidenden Nord
dieses von ihm sonst beschützten Charakters; »traue keinem langen, schlanken
Spanier, sagte Kardanus mit Recht«166, sagte er.
    Albano war krank und daher nicht trostlos. Er schöpfte aus der Lete des
Wahnsinns die dunkle Betäubung gegen die Gegenwart; nur wenn er kniete,
spiegelte sich im Strom seine zerrissene Gestalt und ein wolkiger Himmel. - Er
hörte nichts davon, wie die Dürftigen ihren Namen nannten, um dankend um die
ruhende Wohltäterin zu weinen, vor deren Klagen jetzt das heilende Saitenspiel
ihrer Mienen taub und stumm lag - Er hörte nichts von dem Toben ihres Bruders,
noch vom lauten (akustisch-gebaueten) Schmerze ihres Vaters, oder von der
starren, in dumpfe Qual gewickelten Mutter - Er wusst' es nicht voraus, dass die
bleiche Charis in ihrem Krönungszimmer an einem Abende zwischen Lichtern zum
letztenmal der Erde erscheinen werde, bekränzt, geschmückt und schlummernd - Ihm
starb zwar in jeder Stunde eine unendliche Hoffnung, aber jede gebar ihm auch
eine neue. - -
    »Armer Bruder,« (sagte Schoppe am andern Tag im edeln Zorn) »ich schwöre
dirs, du bekommst heute deinen Frieden.« Der blasse Kranke sah ihn bittend an.
»Bei Gott!« schwur Schoppe und weinte beinahe.
 
                                   98. Zykel
Schoppe hatte sich vorgesetzt, um den Ritter - der den Abend halb an den
Minister und halb an Wehrfritz in Blumenbühl verteilte - sich gar nicht zu
bekümmern, sondern geradezu vor die Prinzessin Idoine mit der grossen Bitte zu
treten. Vorher wollt' er sich den Lektor dazu holen als Türhüter oder Billeteur
der versperrten Hoftüren und als Bürgen seiner Worte. - Aber Augusti erschrak
unbeschreiblich; er versicherte, das geh' unmöglich an eine Prinzessin und ein
kranker Jüngling - und gar eine ridiküle Geister-Rolle u.s.w., und der eigne
Vater seh' es ja schon ein. Schoppe wurde darüber ein aufspringendes Sturmfass
und liess wenig Flüche und Bilder liegen, die er nicht gebrauchte über den
menschenmörderischen Widersinn der Hof- und Weiber-Dezenz - sagte, diese sei so
schön gebildet und so blutig quälend wie eine griechische Furie - sie binde an
Menschen wie Köchinnen an Gänsen die Hals-Wunde nur nach dem Verbluten zu, damit
sich die Federn nicht befleckten - und er sei so gut ein Courtisan, schloss er
zweideutig, als Augusti und kenne Dezenz; »auch der Fürstin, die ihn doch so
gern hat, darf ichs nicht vortragen?« Augusti sagte: »Der Fall ist nicht
verschieden.« - »Juliennen auch nicht?« - »Auch nicht«, sagt' er. - »Auch dem so
satanischen Satan nicht?« - »Ein guter Engel ist doch dazwischen,« (versetzte
Augusti) »den Sie wenigstens schicklicher als Vorbitter brauchen können, weil er
dem Vliesritter von Cesara Verbindlichkeiten schuldig ist - die Gräfin von
Romeiro.« - »O, warum nicht gar?« sagte Schoppe betroffen.
    Der Lektor - unter die niemals eigenhändigen Menschen gehörig, die alles
gern durch die dritte, sechste, fernste Hand nach einer der Fingersetzung
ähnlichen Hände-Setzung tun - legte seine Bereitwilligkeit, ihn bei Linda
einzuführen, und ihr Vermögen, in dieser »epinösen Affäre« zu wirken, dem
Nachdenker näher vor.
    Schoppe fuhr ungemein hin und her - schüttelte oftmals heftig den Kopf und
stockte doch plötzlich - flog und schüttelte noch heftiger - sah mit scharfer
Frage den Lektor an - endlich stand er fest - schlug mit beiden Armen nieder und
sagte: »Der Donner und das Wetter hole die Welt! Nun gut, es sei! Ich will vor
sie - - Himmel, warum bin ich denn Ihnen sozusagen so lächerrlich, jetzt gerade,
mein' ich?« - Gleichwohl hatte der höfliche Lektor das Lächeln der Lippen nur in
das Lächeln der Augen versetzt. Auf Schoppes Gesicht stand die Wärme und Eile
des Selbst-Siegers. Wie Menschen zugleich hartörig unter dem gemeinen
Lebens-Getöse sein können und doch den feinsten musikalischen Lauten offen167:
so waren Schoppens innere Ohren verhärtet gegen das Volks-Gepolter des
allgemeinen Treibens, aber durstig zogen sie alle weiche, leise Melodien der
heiligern Seelen ein.
    Der Lektor - den Grafen weit herzlicher liebend als dieser ihn - nahm
stürmisch den Bibliotekar sogleich mit fort ins Schloss, in weil eben jetzt die
recht-erlesene Hof-Ferien-Stunde sei, von 4 1/2 bis 5 1/2 Schoppe sagte, er sei
dabei. Im Schloss befahl Augusti einem Diener, der ihn verstand, Schoppen ins
Spiegelzimmer zu führen. Er tats; brachte Lichter nach; und Schoppe ging langsam
mit seinem verdriesslichen Gefolge stummer flinker Spiegel-Urang-utangs auf und
nieder, seiner Rolle und Zukunft nach rechnend. Seltsam fühlt' er sich jetzt
betroffen von seinem jungen, frischen Gefühl der bisherigen Freiheit, die er
eben suspendierte; er erkannte sie an, hielt sie fest, sah sie an, sprach ihr
zu: gehe nur ein wenig fort, rette ihn und dann komme wieder!
    Seine eigne Vervielfältigung ekelte ihn: »Müsset ihr mich stören, ihr Ichs?«
sagt' er, und er legte sichs nun vor, wie er stehe vor der reichsten, hellesten
Minute und feinsten Goldwaage seines Daseins, wie ein Grab und ein grosses Leben
liege auf dieser Waage, und wie sein Ich ihm schwinden müsse wie die
nachgemachten gläsernen Ichs umher. - - - Plötzlich flog ihn eine Freude an,
nicht über den Wert seines Entschlusses, sondern über die Gelegenheit dazu.
    Endlich gingen nahe Türen auf und dann die nächste. - Da trat mit noch halb
zurückgewandtem Kopfe eine grosse Gestalt herein, ganz in lange schwarze Seide
eingehüllt. Wie ein entzückter Mond auf hohen Laubgipfeln, stand auf der seidnen
dunkeln Wolke ein üppig-blühender schmuckloser Kopf voll Leben vor ihm, mit
schwarzen Augen voll Blitze, mit dunkeln Rosen auf dem blendenden Gesicht und
mit einer tronenden Schnee-Stirn unter dem braunen Locken-Überhang. - Schoppen
war, da sie ihn ansah, als liege sein Leben im vollen Sonnenschein, und er
fühlte ängstlich, dass er sehr nahe an der Königin der Seelen stehe. »Herr v.
Augusti« (fing sie ernst an) »hat mir gesagt, dass Sie eine Bitte für Ihren
kranken Freund in meine Hände geben wollen. Sagen Sie mir solche klar und frei,
ich werde Ihnen gern und bestimmt und offen antworten.«
    Alle Rollen-Erinnerungen waren in ihm zu Boden gesunken und aufgelöst; aber
der grosse Schutzgeist, der unsichtbar neben seinem Leben flog, stürzte sich mit
feurigen Flügeln in sein Herz, und begeistert antwortete er: »Auch ich! - Mein
Albano ist tödlich krank - er ist im Fieber seit gestern abends - er liebte das
verstorbene Fräulein Liane - er ist auf die Greifgeier-Schwinge des Fiebers
gebunden und wird hin-und hergerissen - er stürzt bei jedem Glocken-Ausklang auf
die Knie und betet, dicht an der Glutseite der Phantasie liegend, immer heisser;
erscheine mir und gib mir Frieden - er steht aufrecht und angekleidet auf dem
hohen Scheiterhaufen der phantastischen Kreis-Flammen und lechzet und brät und
dorret sehr aus und krümmt sich nieder, wie ich wohl sehe.....«
    »O, finissez donc!« (sagte die Gräfin, welche den Venus-Kopf schaudernd
zurückgebogen und langsam geschüttelt hatte) »Fürchterlich! - Ihre Bitte!«
    »Nur die Prinzessin Idoine« (sprach er, zu sich kommend) »kann sie erfüllen
und ihn erretten, wenn sie ihm erscheint und ihm Frieden zusagt, da sie eine so
nahe Ass- Kos-168, Kopie und Nebensonne von der Verstorbnen sein soll.« - »Ist
das Ihre Bitte?« sagte die Gräfin. »Meine grösste«, sagte Schoppe. »Hat Sie sein
Vater hergeschickt?« sagte sie. »Nein, ich« - (sagt' er) »der Vater, damit ich
klar und frei und bestimmt sei, will es nicht.«
    »Sind Sie nicht der Maler des niesenden Selbst-Porträts?« fragte sie. Er
verbeugte sich und sagte: »Ganz gewiss!« Als sie ihm geantwortet, in einer Stunde
hör' er die Entscheidung, machte sie ihm eine kurze achtende Abschiedsverbeugung
- und die einfache, edle Gestalt verliess ihn mitten in seinem trunknen
Nachschauen; und er war unwillig, dass die kindischen Spiegel umher der einzigen
Göttin so viele Nachschatten nachzuschicken wagten.
    Zu Hause fand er zwar den Wahnsinnigen, dessen Ohren allein nur in der
Wirklichkeit fortlebten, wieder auf den Knien vor dem sechsten Glockenschlage;
aber seine Hoffnung blühte jetzt unter einem warmen Himmel. - Nach einer Stunde
erschien der Lektor und sagte mit bedeutend-froher Miene: es gehe recht gut, er
hole einen Ausspruch des Arztes über die Krankheit, und dann entscheid' es sich
darnach.
    Herr v. Augusti gab ihm mit hofmännischer Ausführlichkeit den bestimmtern
Bericht: die Gräfin flog zur Fürstin, deren Achtung für den künftigen
Reisegefährten sie kannte, und sagte ihr, sie würd' es in Idoinens Falle ohne
Bedenken tun. - Die Fürstin bedachte sich ziemlich und sagte, hierüber könne nur
ihre Schwester entscheiden - Beide eilten zu ihr, malten ihr alles vor, und
Idoine fragte erschrocken, was sie für ihre Ähnlichkeit und ihre wohlwollende
Reise könne, dass man sie so tief in solche phantastische Verwicklungen ziehen
wolle. - In dieser Sekunde trat Julienne blass herzu und sagte, sie habe schon
seit dem Morgen Nachricht davon, das Erscheinen sei einer so guten Seele
Pflicht. - Da antwortete Idoine, sich und alles bedenkend und mit Würde: es sei
gar nicht das Ungewöhnliche und Unschickliche, was sie schrecke, sondern das
Unwahre und Unwürdige, da sie mit dem heiligen Namen einer abgeschiednen Seele
und mit einer flachen Ähnlichkeit einen Kranken belügen solle. - Die Gräfin
sagte, sie wisse darauf keine Antwort, und doch sei ihr Gefühl nicht dagegen -
Alle schwiegen verlegen. - - Die gewissenhafte Idoine war im weichsten Herzen
bewegt, das unter dem Gewichte einer solchen Entscheidung über ein Leben
zitternd erlag. - Endlich sagte Linda mit ihrem Scharfsinn: »Es wird aber doch
eigentlich kein moralischer Mensch getäuscht, sondern ein Schlafender, ein
Träumer, und Einbildung und Lüge soll ja an ihm nicht bestärkt, sondern besiegt
werden.« - Julienne nahm Idoinen mit sich, um ihr den Jüngling, den sie so wenig
wie Linda gesehen, wahrscheinlich näher zu malen. - Bald darauf kam Idoine mit
dem Ausspruche zurück:
    »Wenn der Arzt ein Zeugnis gibt, dass ein Menschen-Leben daran hänge: so muss
ich mein Gefühl besiegen. Gott weiss es,« (setzte sie bewegt dazu) »dass ich es
ebenso willig tue als unterlasse, wenn ich nur erst weiss, was recht ist. Es ist
meine erste Unwahrheit.«
    Der Lektor eilte von Schoppe zum Doktor, um von ihm unter vielen Wendungen
gerade das schicklichste Zeugnis mitzunehmen.
    Schoppe wartete lange und ängstlich - nach 7 Uhr kam ein Blatt von Augusti:
»Halten Sie sich bereit, Punkt 8 Uhr kommt die bewusste Person!« - Sogleich liess
er, um die Fieberaugen zu schonen, im Krankenzimmer statt der Wachslichter die
magische Hänge-Lampe aus Beinglas brennen.
    Den kranken Jüngling zündete er mit Geschichten von Wiedergekommenen noch
stärker an und riet ihm, mit langen Feuergebeten vor der festen Todespforte zu
knien, damit Ihr milder, barmherziger Geist sie aufreisse und ihn auf der
Schwelle heilend berühre.
    Kurz vor acht Uhr kamen in Sänften die Fürstin und ihre Schwester. Schoppe
wurde selber schaudernd von dieser auferstandnen Liane ergriffen. Mit funkelndem
Auge und versperrtem Munde führt' er die schönen Schwestern in die Kulisse, auf
deren Bühne draussen sie schon den Jüngling beten hörten. Aber Idoinens zarte
Glieder zitterten vor der ungeübten Rolle, worin ihr wahrhafter Geist sich
verleugnen sollte; sie weinte darüber, und der fromme schöne Mund war voll
stummer Seufzer; oft musste die Schwester sie umarmen, um ihr Mut zu machen.
    Die Glocke schlug - fürchterlich-heiss flehte der Wahnsinnige drinnen um
Frieden - die Zunge der Stunde gebot - Idoine schickte einen Blick als Gebet zu
Gott. - Schoppe öffnete langsam die Türe. -
    Drinnen kniete mit gen Himmel gehobnen Armen und Augen ein schöner, in der
magischen Dunkelheit blühender Göttersohn im eisernen Zauberkreise des finstern
Wahnsinus und rief nur noch: »O Frieden, Frieden!« - Da trat die Jungfrau
begeistert wie von Gott gesandt hinein; weissgekleidet wie die Verstorbne im
Traumtempel und auf der Bahre, mit dem langen Schleier an der Seite, aber höher
gestaltet, weniger rosenfarb und mit einem schärfern, hellern Sternenlicht im
blauen Äter des Auges und ähnlicher der Liane unter den Seligen und erhaben,
als komme sie als ein verjüngter Frühling von den Sternen wieder, so trat sie
vor ihn - sein greifender Flammenblick erschreckte sie - leise und wankend
stammelte sie: »Albano, habe Frieden!« - »Liane?« stöhnte seine ganze Brust, und
seine weinenden Augen bedeckte er darniedersinkend. »Frieden!« rief sie stärker
und mutiger, weil sie nicht mehr sein Auge traf und irrte; und sie entwich, wie
ein überirdischer Geist die Menschen wieder verlässet.
    Die Schwestern schieden still und voll hoher Erinnerung und Gegenwart.
Schoppe fand ihn noch kniend, aber entzückt dahinblickend, ähnlich einem im
Sturm erkrankten Schiffer auf den tropischen Meeren, der nach langem Schlaf an
einem stillen rosenroten Abend die Augen aufschlägt vor dem brennenden Untergang
der Sonne - und die schlagende Wellen-Bahn wallet als ein Rosen- und Flammenbeet
in die Sonne, und das sprühende Gewölk zerspringt in stumme Feuerkugeln - und
die fernen Schiffe schweben hoch im Abendrot und schwimmen fern über den Wogen.
- So war es dem Jüngling.
    »Ich habe nun meinen Frieden, guter Schoppe,« (sagt' er sanft) »und nun will
ich in Ruhe schlafen.« Verklärt, aber blass stand er auf, legte sich auf das
Bette, und in wenig Minuten sank das matte, so lange im heissen Fieber-Sande
watende Gemüt auf die frische, grüne Rasenbank des Schlummers nieder.
 
                         Fünfundzwanzigste Jobelperiode
                             Der Traum - die Reise
                                   99. Zykel
Spät fuhr der Vlies-Ritter an. Schoppe zeigte ihm erfreuet das schlafende
Gesicht, dessen Rosenknospen wie in feuchter warmer Nacht aufzubrechen schienen.
Der Ritter zeigte sich sehr erheitert darüber und noch mehr der spät
nachschauende Doktor Sphex. Dieser fand den Puls nicht nur voll, auch langsam
und auf dem Wege zu noch mehr Ruhe; er führte zugleich Chaudeson und mehrere
offizielle Beispiele an, dass grosse Geistes-Leiden sich durch das Opium von
innen, die Schlafsucht, sehr glücklich gehoben hätten.
    Zuletzt machte Schoppe den Vater mit Idoinens ganzer Kurmetode bekannt.
Stolz versetzte Gaspard: »Sie wussten aber meine Meinung noch, Herr
Bibliotekar?« - »Gewiss, aber auch meine«, sagte erbittert der betroffne
Schoppe. Der Ritter liess sich indes in nichts weiter ein - ganz nach seiner
Weise, über sein Ich, könnt' es auch noch so viel dabei gewinnen, nie nur das
kleinste Licht zu geben -, sondern erteilte dem Freunde ein sehr kaltes Zeichen
zum Zurückzug.
    Den Morgen darauf fand Schoppe seinen Geliebten noch in der Seelen-Wiege des
Schlafes. Wie er sprosste und blühte! - Wie der Atem der entketteten Brust sich
nun gleich einem freien Menschen nur langsam, aber stark bewegte! - Indes hielt
Gaspards gepackter Wagen, der den Jüngling nach Italien rollen sollte, schon am
Morgen mit schnaubenden, scharrenden Pferden vor der Tür, und der Ritter
erwartete jede Minute das Aufwachen und - Einsitzen.
    Der Arzt kam auch - pries Krisis und Puls - fügte bei, der Weinsteinrahm
(den er mit verschrieben) sei der Lebens-Rahm - und sagte dem Vater geradezu ins
Gesicht, als dieser den Jüngling wecken wollte zur Abfahrt, »er habe in seiner
Praxis noch niemand gekannt, der so wenig von kritischen Punkten gewusst wie er;
jeder Wecker sei hier ein Mörder, und er verbiete es recht ausdrücklich als
Arzt«.
    Von Stunde zu Stunde wurde Schoppe gegen den Vater unwilliger; er dankte -
wenn er des Ritters abspülendes Ein- und Anströmen an dieses fruchttragende
Eiland bedachte - jetzt Gott, dass Albano nicht nur die Hitze, sondern auch die
Härte eines Felsen hatte.
    Der Ehre- und Kunst-liebende Sphex bewachte wie eine drohende
Äskulaps-Schlange das Kopfkissen und wurde heiterer Schoppe verblieb da,
gefasset gegen jede Härte. - Der Ritter nahm in des Sohnes Namen von jedem
Abschied und trieb weiche Herzen nach Hause; denn die Pflegemutter Albine und
andere durften den Schlafenden nicht einmal sehen - weil ihm Tränen ein
verdriesslicher kalter Staubregen waren. - Die Fürstin und ihr Gefolge fuhr schon
mit den bunten Wimpeln der Hoffnung auf dem Wege nach dem glänzenden Italien.
    Der Abend wurde nun unwiderruflich zur Abfahrt angesetzt, zumal da in der
Nacht die entschlummerte Liane in das Schlafgemach geführet werden sollte, das
die Menschen nicht wieder öffnen.
    Den blühenden Endymion überdeckte schon Lächeln und Freuden-Glanz als ein
vorlaufender Morgenstern seines wachen Tags. Seine Seele ging lächelnd in der
funkelnden Höhle der unterirdischen Schätze umher, die der Geist des Traums
aufsperrt; indes das gemeine Auge des Wachens blind vor dem nahen, von Schlaf
ummauerten Geister-Eldorado stand. Endlich öffnete ein unbekanntes Wonne-Übermass
Albanos Auge - der Jüngling erstand sogleich mit Kraft - warf sich mit der
Entzückung der ersten Erkennung dem Vater an die Brust - und schien im ersten,
träumerischen Rausche sich des vorbeigezognen Gewitters hinter seinem Rücken
nicht zu erinnern, sondern nur des seligen Traums - und erzählte trunken diesen:
    »Ich fuhr in einem weissen Kahn auf einem finstern Strom, der zwischen
glatten, hohen Marmorwänden schoss. An meine einsame Welle gekettet, flog ich
bange im Felsen-Gewinde, in das zuweilen tief ein Donnerkeil einfuhr. Plötzlich
drehte sich der Strom immer breiter und wilder um eine Wendeltreppe herum und
hinab. - Da lag ein weites, plattes, graues Land um mich, das die Sonnen-Sichel
mit einem eklen, erdfahlen Licht begoss. Weit von mir stand ein untereinander
gekrümmter Lete-Fluss und kroch um sich selber herum. - Auf einem
unübersehlichen Stoppelfelde schossen unzählige Walküren169 auf Spinnenfäden
pfeilschnell hin und her und sangen: Des Lebens Schlacht, die weben wir; dann
liessen sie einen fliegenden Sommer nach dem andern unsichtbar gen Himmel wallen.
    Oben zogen grosse Weltkugeln; auf jeder wohnte ein einziger Mensch, er
streckte bittend die Arme nach einem andern aus, der auch auf einer stand und
hinüberblickte; aber die Kugeln liefen mit den Einsiedlern um die Sonnensichel,
und die Gebete waren umsonst. - Auch ich sehnte mich. Unendlich weit vor mir
ruhte ein ausgestrecktes Gebürge, dessen ganzer aus den Wolken ragender Rücken
golden und blumig schimmerte. Quälend watete der Kahn in der flachen, trägen
Wüste des abgeplatteten Stroms. - Da kam Sandland, und der Strom drückte sich
durch eine enge Rinne mit meinem zusammengequetschten Kahne durch. Und so neben
mir ackerte ein Pflug etwas Langes aus, aber als es aufstieg, verdeckt' es ein
Bahrtuch - - und das dunkle Tuch zerfloss wieder in eine schwarze See.
    Das Gebürge stand viel näher, aber länger und höher vor mir und durchschnitt
die hohen Sterne mit seinen Purpurblumen, über welche ein grünes Lauffeuer hin-
und herflog. Die Weltkugeln mit den einzelnen Menschen zogen über das Gebürge
hinüber und kamen nicht wieder; und das Herz sehnte sich hinauf und hinüber. Ich
muss, ich will, rief ich rudernd. Mir schritt ein zorniger Riese nach, der die
Wellen mit einer scharfen Mondsichel abmähte; über mir lief ein kleines festes
Gewitter, aus der zusammengepressten Dunstkugel der Erde gemacht, es hiess die
Giftkugel des Himmels und schmetterte unaufhörlich nieder.
    Auf dem hohen Gebürge rief eine Blume mich freundlich hinauf; das Gebürge
watete der See dämmernd entgegen; aber es rührte nun beinahe an die
herüberfliegenden Welten, und seine grossen Feuerblumen waren nur als rote
Knospen in den tiefen Äter gesäet. Das Wasser kochte - der Riese und die
Giftkugel wurden grimmiger - zwei lange Wolken standen wie aufgezogne
Fallbrücken nieder, und auf ihnen rauschte der Regen in Wellensprüngen herab -
das Wasser und mein Schiffchen stieg, aber nicht genug. Es geht hier (sagte der
Riese lachend) kein Wasserfall herauf!
    Da dacht' ich an meinen Tod und nannte leise einen frommen Namen. - -
Plötzlich schwamm hoch im Himmel eine weisse Welt unter einem Schleier her, eine
einzige glänzende Träne sank vom Himmel in das Meer, und es brauste hoch auf -
alle Wellen flatterten mit Flossfedern, meinem Schifflein wuchsen breite Flügel,
die weisse Welt ging über mich, und der lange Strom riss sich donnernd mit dem
Schiffe auf dem Haupte aus seinem trocknen Bette auf und stand auf der Quelle
und im Himmel und das blumige Gebürge neben ihm - und wehend glitt mein
Flügel-Schiff durch grünen Rosen-Schein und durch weiches Tönen eines langen
Blumen-Duftes in ein glänzendes, unabsehliches Morgenland.
    Welch ein entzücktes, leichtes, weites Eden! Eine helle, freudige
Morgensonne ohne Tränen der Nacht sah, von einem Rosenkranz umschwollen, mir
entgegen und stieg nicht höher. Hinauf und hinab glänzten die Auen hell von
Morgentau: Die Freudentränen der Liebe liegen drunten, (sangen oben die
Einsiedler auf den langsam ziehenden Welten) und wir werden sie auch vergiessen.
Ich flog an das Ufer, wo der Honig blühte, am andern blühte der Wein; und wie
ich ging, folgte mir auf den Wellen hüpfend mein geschmücktes Schiffchen mit
breiten, als Segel aufgeblähten Blumen nach - ich ging in hohe Blütenwälder, wo
der Mittag und die Nacht nebeneinander wohnten, und in grüne Täler voll
Blumen-Dämmerungen und auf helle Höhen, wo blaue Tage wohnten, und flog wieder
herab ins blühende Schiff, und es floss tief in Wellen-Blitzen über Edelsteine
weiter in den Frühling hinein, der Rosensonne zu. Alles zog nach Osten, die
Lüfte und die Wellen und die Schmetterlinge und die Blumen, welche Flügel
hatten, und die Welten oben; und ihre Riesen sangen herab: Wir schauen hinunter,
wir ziehen hinunter, ins Land der Liebe, ins goldne Land.
    Da erblickt' ich in den Wellen mein Angesicht, und es war ein jungfräuliches
voll hoher Entzückung und Liebe. Und der Bach floss mit mir bald durch
Weizen-Wälder - bald durch eine kleine duftige Nacht, wodurch man die Sonne
hinter leuchtenden Johanniswürmchen sah - bald durch eine Dämmerung, worin eine
goldne Nachtigall schlug - bald wölbte die Sonne die Freudentränen als
Regenbogen auf, und ich schiffte durch, und hinter mir legten sie sich wieder
als Tau brennend nieder. Ich kam der Sonne näher, und sie stand schon im
Ähren-Kranz; es ist schon Mittag, sangen die Einsiedler über mir.
    Träge, wie Bienen über Honigfluren, schwammen im finstern Blau die Welten
gedrängt über dem göttlichen Lande - vom Gebürge bog sich eine Milchstrasse
herüber, die sich in die Sonne senkte - helle Länder rollten sich auf -
Lichtarfen, mit Strahlen bezogen, klangen im Feuer - Ein Dreiklang aus drei
Donnern erschütterte das Land, ein klingender Gewitterregen aus Glanz und Tau
füllte dämmernd das weite Eden - Er vertropfte wie eine weinende Entzückung -
Hirtenlieder flogen durch die reine, blaue Luft, und noch einige Rosenwölkchen
aus dem Gewitter tanzten nach den Tönen. - Da blickte weich die nahe Morgensonne
aus einem blassen Lilienkranze, und die Einsiedler sangen oben: O Seligkeit, o
Seligkeit, der Abend blüht. Es wurde still und dämmernd. An der Sonne hielten
die Welten umher still und umrangen sie mit ihren schönen Riesen, der
menschlichen Gestalt ähnlich, aber höher und heiliger; wie auf der Erde die edle
Menschengestalt in der finstern Spiegel-Kette der Tiere hinabkriecht: so flog
sie droben hinauf an reinen, hellen, freien Göttern, von Gott gesandt - Die
Welten berührten die Sonne und zerflossen auf ihr - auch die Sonne zerging, um
in das Land der Liebe herabzufliessen, und wurde ein wehender Glanz - Da
streckten die schönen Götter und die schönen Göttinnen gegeneinander die Arme
aus und berührten sich, vor Liebe bebend; aber wie wogende Saiten vergingen sie
Freude-zitternd dem Auge, und ihr Dasein wurde nur eine unsichtbare Melodie, und
es sangen sich die Töne: Ich bin bei dir und bin bei Gott - Und andere sangen:
Die Sonne war Gott!
    Da schimmerte das goldne Gefilde von unzähligen Freudentränen, die unter der
unsichtbaren Umarmung niedergefallen waren; die Ewigkeit wurde still, und die
Lüfte ruhten, und nur das fortwehende Rosenlicht der aufgelösten Sonne bewegte
sanft die nassen Blumen.
    Ich war allein, blickte umher, und das einsame Herz sehnte sich sterbend
nach einem Sterben. Da zog an der Milchstrasse die weisse Welt mit dem Schleier
langsam herauf - wie ein sanfter Mond schimmerte sie noch ein wenig, dann liess
sie sich vom Himmel nieder auf das heilige Land und zerrann am Boden hin; nur
der hohe Schleier blieb - Dann zog sich der Schleier in den Äter zurück, und
eine erhabene, göttliche Jungfrau, gross wie die andern Göttinnen, stand auf der
Erde und im Himmel; aller Rosenglanz der wehenden Sonne sammelte sich an ihr,
und sie brannte, in Abendrot gekleidet. Alle unsichtbaren Stimmen redeten sie an
und fragten: Wer ist der Vater der Menschen und ihre Mutter und ihr Bruder und
ihre Schwester und ihr Geliebter und ihre Geliebte und ihr Freund? Die Jungfrau
hob fest das blaue Auge auf und sagte: Gott ists! - Und darauf blickte sie mich
aus dem hohen Glanze zärtlich an und sagte: Du kennst mich nicht, Albano, denn
du lebst noch. - Unbekannte Jungfrau, (sagt' ich) ich schaue mit den Schmerzen
einer Liebe ohne Mass in dein erhabenes Angesicht, ich habe dich gewiss gekannt -
nenne deinen Namen. - Wenn ich ihn nenne, so erwachst du, sagte sie. Nenn ihn,
rief ich. - Sie antwortete, und ich erwachte.«
 
                                   100. Zykel
»Du kannst doch eine Nacht wachen und fahren?« - mit dieser Frage führte ihn der
Vater eilig an den reisefertigen Wagen, um ihn noch mitten im warmen Traume mit
den eingewiegten Erinnerungen zu entführen und um besonders der bleichen Braut
vorzufahren, die in dieser Nacht auf demselben Weg in die letzte Erbschaft des
Menschen ziehen sollte. »Im Wagen sollst du alles hören«, versetzte Gaspard auf
des Sohnes sanfte Frage nach dem Ziel. Noch lichttrunken vom glänzenden Lande
der Träume, gehorchte Albano willig und blind. Er sah noch Lianen in hoher
Göttergestalt auf dem abendroten, von Freuden übertaueten Sonnenboden stehen,
und sein Auge voll Glanz reichte nicht herunter in den Erden-Keller auf die
abgeworfne enge Puppenhülse der befreieten, fliegenden Psyche.
    Schoppe begleitete ihn an den Fackel-Wagen, aber verschwiegen, um nicht sein
Herz durch eine Nachricht seines Zieles zu wecken; er drückte dem geliebten
schönen Jüngling feurig die wiederdrückende Hand und sagte nichts als: »Wir
sehen uns wieder, Bruder!« Darauf trat er, keines abschiednehmenden Blickes vom
herrischen Vater gewürdigt, bewegt von seinem warm nachgrüssenden Freunde zurück;
und fliegend rollte der Wagen mit zurückwehenden Fackeln in die helle, hohe
Sternennacht hinaus.
    Neu und ernst breitete sich vor dem Genesenen die dämmernde Schöpfung aus.
Der Saturn ging eben auf, und der Gott der Zeit reihte sich als ein sanfter
blitzender Juwel in den schimmernden Zaubergürtel des Himmels. Mit zugebundnen
Augen wurde der unwissende Jüngling von der Senne seiner Jugend herabgeführt und
aus dem Hirtentale seiner ersten Liebe hinweg und den grossen, ewigen
Sternbildern der Kunst entgegen und in das göttliche Land, wo der dunkle Äter
des Himmels golden und die hohen Ruinen der Erde anmutig und die Nächte Tage
sind. Kein Auge schauete auf die Blumenbühler Höhe hinüber, von der eben jetzt
ein schwarzes Wagengefolge langsam mit aufrecht-brennenden Trauerfackeln wie ein
ziehendes Schattenreich herunterging, um das stille gute Herz, worin Albano und
Gott gelebt, mit seinen toten Wunden an den sanften Ort der Ruhe zu führen.
Flammend rollte der Fackel-Wagen die Bergstrasse nach Italien hinan.
    Tränenlos und weit ruhte Albanos Auge am schimmernden, unaufhörlich gehenden
Schöpfrad der Zeit, das ewig Sternbilder in Morgen einschöpfte und in Westen
ausgoss; und seine kindliche Hand fasste leise die väterliche.
                            Ende des dritten Bandes
 
                                  Vierter Band
                         Sechsundzwanzigste Jobelperiode
                    Die Reise - die Quelle - Rom - das Forum
                                   101. Zykel
Solange die Nacht dauerte, schimmerten Albanos Traumbilder mit den Sternbildern
fort, und erst vor dem hellen Morgen erloschen sie alle. Gaspard sagte ihm
lächelnd, er sei auf dem Wege nach Italien. Unerwartet gefasset empfing er die
Nachricht seiner Auswanderung; er fragte bloss, wo sein Schoppe sei. Als er
hörte, er habe nicht mitgewollt: rückte ihm die Lindenstadt plötzlich über die
Berge und Täler nach, und sein letzter Freund stand mitten auf dem Markte, ganz
allein, mit sich selber im Mokierspiele begriffen, um ein treues starkes Herz zu
stillen, das verschmerzen will und lieben. An diesem Freunde, den Albano nicht
aus seiner Seele liess, zog er sich wie an einer Jupiters-Kette die ganze Bühne
und Welt seiner Vergangenheit nach, und jeder traurige Ort kam dicht an ihn.
Ungesehen rollten die Städte, die Länder vor ihm vorbei. Die Wellen, die der
Schmerz um uns auftreibt, stehen hoch zwischen uns und der Welt und machen unser
Schiff einsam mitten im Hafen voll Schiffe. Schaudernd kehrt' er sich von jeder
schönen Jungfrau weg; sie erinnerte ihn wie eine Klage an die erblasste; ewig
aufgedeckt zog Lianens bleiches Angesicht wie eine Leiche in Italien170 - auf
dem unendlichen Weg zum Grabe, und nur unkenntliche Gestalten mit Larven gingen
hinter ihr lebendig. So ist der Mensch und sein Schmerz; zum Widerspiele des
Schiffziehens, wo die Lebendigen den Toten mitschleppen, nimmt der Tote die
Lebendigen mit und zieht sie weit nach in sein kaltes Reich.
    Durch die Zeit wurde allmählich sein Schmerz entwickelt, nicht entkräftet.
Sein Leben war ihm eine Nacht geworden, wo der Mond unter der Erde ist, und er
glaubte nicht daran, dass Luna allmählich mit einem wachsenden Licht-Bogen
wiederkehre. Keine Freuden, nur Taten - diese entfernten Sterne der Nacht waren
jetzt sein Ziel. Er hielt es für unrecht, die Tränen, die oft mitten im fremden
Gespräche aus ihm drangen, darum vor dem Vater zurückzuhalten, weil dieser
keinen Teil an ihnen nahm; doch zeigt' er ihm durch die Kraft seiner Gespräche
und Entschlüsse noch den starken Jüngling. Nur der Vorwurf, den er sich über
seine Schuld an Lianens Tod gemacht, hatte sich in den Frieden aufgelöset, den
ihm Idoine gegeben, ob er gleich jetzt ihre Erscheinung nur für einen wachen
Fiebertraum von Lianen hielt.
    Sein Vater schwieg ganz über Idoinens Auftritt so wie über alle unangenehme
Erinnerungen, er sprach aber viel von Italien und von dem Kunst-Gewinn, den
Albano da erbeuten werde, zumal durch die vorausgehende Gesellschaft der
Fürstin, des Kunstrates und des deutschen Herrn, die man bald einholen könne.
Der Sohn wandte sich endlich mit der kühnen Erkundigung an ihn, ob er wirklich
noch eine Schwester habe, und erzählte die Geschichte mit dem Kahlkopf. »Es
könnte wohl sein,« (sagte Gaspard unangenehm spasshaft) »dass du noch mehr Brüder
und Schwestern hättest, als ich wüsste. Aber was ich weiss, ist, dass deine
Zwillingsschwester Severina in diesem Jahre in ihrem Kloster gestorben ist.
Wofür hältst denn du die Nacht-Geschichte?« - »Beinah für einen Traum«,
versetzt' er. Zufällig kam seine Hand hier in die Tasche und traf zu seinem
Erstaunen auf den halben Ring, den die Schwester ihm geschenkt. Das Wunderbare
trat dicht unter seine Sinne, und jene Schauer-Nacht ging schnell und kalt durch
seinen Mittag. Er und der Vater besahen die Enden des zerschnittenen Rings, an
deren jedem ein abgerissener Namenszug aufhörte. »Es gibt aber nichts
Wunderbares«, sagte der Ritter. »Woher wissen wir alsdann, dass es etwas
Natürliches gibt?« sagte Albano. »Das Wunder« (versetzte Gaspard) »oder die
Geisterwelt wohnt nur im Geiste.« - »Wir müssen uns« (fuhr jener fort) »auch bei
den gemeinsten optischen Kunststücken auf etwas anderes als auf die Auflösung
des Trugs der Phantasie in einen Trug der Sinnen freuen, weil uns sonst nach der
Auflösung das Zauberwerk mehr gefallen müsste als vorher. Das sind die Stellen
und Pole der menschlichen Natur, worüber die ewigen Polarwolken hängen. Unsere
Landkarten vom Wahrheits- und Geisterreiche sind die Landkartensteine, welche
Ruinen und Dörfer abbilden; diese sind erlogen, aber doch ähnlich. Der Geist,
ewig unter Körper gebannt, will Geister.« - »Ungefähr so meint' ich auch«, sagte
Gaspard.
    Albano drang aber bestimmter auf dessen Urteil über den Kahlkopf und die
Schwester. »Von etwas anderem!« (sagte der Ritter ganz vedriesslich) »für mich
ists ein sehr unangenehmes Gespräch. Nimm die Welt nach deiner Weise und sei
ruhig!« - »Lieber Vater,« fragte Albano betroffen, »klären Sie mich irgend
einmal bestimmt darüber auf?« - »Sobald ich kann«, sagte kurz der Ritter, mit so
scharfen und stechenden Blicken auf den Sohn, dass dieser, ihnen wie Pfeilen
ausweichend, den Kopf eilig aus dem Wagen hinausbeugte: als er erst merkte, dass
ihn der Vater gar nicht meine; denn noch blickte er so scharf in der vorigen
Richtung fort, als sei er nahe daran, in seine alte Erstarrung zu fallen.
    Gaspards Wort über das Inwohnen der Geisterwelt im Geiste und sein Blick und
der Gedanke an sein Erstarren gaben für Albano der Stunde und der Stille
romantische Schauer. Drunten am Ufer des Stroms standen zusammengelaufne
Menschen, und einer eilte wie fliehend oder ansagend aus dem Haufen. Ein ferner
Knabe warf sich auf einem Hügel nieder und legte das Ohr an die Erdkugel, um
ihren rollenden Wagen etwan recht zu hören. Im Dorfe, wo sie Mittag hielten,
läutete es unaufhörlich. Ihr Wirt war zugleich ein Müller; das Toben der Wellen
und Räder füllte das ganze Haus; und Kanarienvögel lärmten noch durch den Lärm
hindurch.
    Es gibt Augenblicke, wo die beiden Welten, die irdische und die geistige,
nahe aneinander vorüberstreifen und wo Erdentag und Himmelsnacht sich in
Dämmerungen berühren. Wie die Schatten der himmlischen Glanzwolken über die
Blüten und Ernten der Erde weglaufen: so wirft überall der Himmel auf die
gemeine Fläche der Wirklichkeit seine leichten Schatten und Widerscheine. So
fand es jetzt Albano. Der Ring und das schwärmerische Wort seines kalten Vaters
hatten ihn wie Blitze geblendet. Unten an der Haustüre fand er ein Mädchen, das
ein Warenlager von Zitronen vor sich trug. Plötzlich und unangenehm brach das
Geläute ab; er blickte zum Glockenturm, und ein weisser Geier sass auf der Fahne.
Bald kam der Glocken-Zieher selber, um etwas zu trinken, und fing mit starkem
und doch nicht übel gemeintem Fluchen auf den Kammerherrn an, der ihn seit drei
Wochen läuten lasse und dem er bloss wünsche, dass solcher, wie er selber im
vorigen Jahre, nur drei Tage lang ordentlich hinter der seligen Tochter
nachläuten müsste. Er ermahnte den Müller, »von den Zitronen zu kaufen, weils
gute wären, saftig, von dünner Rinde - und er und der Pfarrbube171 kennten sie
von dem Begräbnis des gnädigen Fräuleins her - und in 14 Tagen brauch' er doch
für die gesamte Geistlichkeit welche, als Brautvater!« - »Wie sind hier die
Sitten?« fragte Albano.
    »Wenn nämlich jemand stirbt,« (sagte der Küster sehr ehrerbietig und
freundlich) »so bekommt der Pfarrer und meine Wenigkeit eine Zitrone und so auch
die Leiche. - Wird aber jemand getrauet, so bekommt die Geistlichkeit und so
auch die Braut dergleichen. Das ist aber bei uns so Sitte, mein gnädigster
Herr!«
    Albano ging in den nahen Garten am Haus, in welchen die aufgedeckten
Mühlenräder ihre Silberfunken warfen und welcher vom Glanze und Getöse des
offnen Wassers wie verschlungen ward. Indem er in die schimmernden fliegenden
Wirbel sah: schwebten die Zitronen, welche die Leiche sowohl als die Braut
bekommt, vor dem bewegten Geist. Die Rührung ist voll Gleichnisse; Liane sollte
einst, dacht' er, in das Zitronenland und in die niedrigen Wälder, wo der Schnee
der Blüten und das Gold der Früchte zwischen Grün und Blau zusammenspielen,
ziehen und erquickt genesen; nun hält sie die Zitrone in der erkalteten Hand,
und sie wurde nicht erquickt.
    Er blickte umher und glaubte in einer fremden Welt zu stehen; im Himmelsblau
rauschte wie ein Geist ein unsichtbarer Sturm ohne Wolken - lange Hügel-Reihen
funkelten bewegt mit roten Früchten und roten Blättern, aus den bunten Bäumen
wurden glühende Äpfel geworfen, und der Sturm flog von Gipfel zu Gipfel und
herunter auf die Erde und rauschte durch den langen aufgewühlten Strom hinab.
Wie wenn Geister um die Erde spielten oder auf ihr erscheinen wollten, so
seltsam schien die helle Gegend bewegt und beleuchtet. Da war Albano unbewusst in
eine dunkle Baum-Wildnis gekommen; darin hüpfte ungesehen, ungehört eine reine
lichte Quelle aus der Erde auf die Erde - der Sturm draussen war still, nur die
Quelle hörte man. - »Die Heilige ist mir nahe,« (sagte sein Herz) »ist die
Quelle nicht ihr Bild, nicht ihrer ewigen Tränen Ebenbild, dringt sie nicht aus
der Erde herauf, wo sie wohnt?« Auf einmal sah er in seiner Hand - als hab' es
ihm eine fremde dareingelegt - die Zeichnung von Lindas Kopf, welche Liane mit
sterbenden Händen gemacht und gegeben hatte; aber seine Phantasie drückte
gewaltsam dem Bilde die Ähnlichkeit mit der Zeichnerin auf, er sah Lianens
sanftes Gesicht so klar auf dem Blatt.
    Er ging wieder hinaus in die glänzende Welt. »Wie arm bin ich!« (rief er)
»Ich sehe Sie auf der goldnen Wolke, die von der Abendsonne nach dem Morgen
zieht, ich sehe Sie in der kalten Quelle im Tal und auf dem Mond und auf der
Blume - ich sehe Sie überall; und Sie ruht nur an einem Ort. O wie arm!« - Und
er blickte zum Himmel, und eine einzige lange Wolke zog darin eilig weiter.
 
                                   102. Zykel
So flogen die Tage mit ihren Städten und Landschaften vorüber, und in Albanos
Leben spiegelte sich wie in einem Gedichte die Welt. Eine Kraft nach der andern,
die ganze gebeugte Ernte seines Innern stand allmählich wieder auf und grünte
tropfend; aber zu gleicher Zeit erstarkte auch der Dorn des Schmerzes. Während
sein Auge und Geist sich mit der Welt und jeder Beute der Kenntnis erfüllte: so
wohnte das böse Gespenst der Pein in der Ruine und drang hervor, wenn das Herz
allein war, und ergriff es.
    Er berührte Wien, wo er sich gefallen lassen musste, einigen vornehmen
Freunden Gaspards vorgestellt zu werden, der ihm erst hier entdeckte, dass er
nicht zu den Cavalleros del Tuzone gehöre, sondern ein österreichischer
Vliesritter sei. »Mir ist es hier« (sagte Albano) »so sonderbar bekannt; woher
kommt das?« »Von irgendeiner ähnlichen Stadt« (sagte Gaspard)- »wer viel reiset,
kommt aus ähnlichen Städten in ähnliche.« Täglich wurd' ihm der Vater lieber und
verständlicher; und doch nicht vertrauter und näher; nach einem warmen Tage und
vertrauten Gespräche mit Gaspard stand man in der nächsten Zusammenkunft darauf
wieder im Vorzimmer seiner Bekanntschaft; wie bei strengen Mädchen fing nach
jedem Wonnemondstag der geschmolzene Maifrost wieder von neuem einzufallen an.
Das Alter achtet die Liebe, aber - ungleich der Jugend - wenig die Zeichen der
Liebe. Indes behielt Albano den Stolz, dass er sich dem Vater ganz und mit allen
Verschiedenheiten sehen liess, ohne den Sommer vor dem Winter zu verstecken.
    Von Tag zu Tag fand Gaspard Briefe an sich auf den Posten, besonders von
Pestitz, wie Albano aussen an den Post-Lettern ersah; denn es wurden ihm keine
gegeben. Er wünschte immer mehr, der Fürstin nachzukommen, die nur noch eine
Tagereise vor ihnen voraushatte. Sie sahen schon die Riesen des Winters, die
Schweizer- und Tiroler Alpen, im Lager; die Göttersöhne standen, mit Lauwinen
und Katarakten und Wintern bewaffnet, Wache um das göttliche Land, wo Götter und
Menschen einander wechselseitig nachahmten. Wie oft blickte Albano, wenn abends
die Sonne sich glühend mit den beschneieten Alpenhöhen vermischte, schmerzlich
ergriffen nach diesen Tronen hin, die er einmal ganz anders, viel goldner, so
hoffend und so glaubend, von Isola bella angeschauet. - Die Höhen deiner
Vergangenheit, sagt' er sich, sind auch weiss, und keine Alphörner tönen mehr
droben unter sonnenhellen Tagen, und du bist tief im Tal!
    Sie kamen noch vor dem Volksfeste einer verspäteten Weinlese vorüber. Der
Ritter erkundigte sich nach allem mit der Wissbegierde eines Weinhändlers und mit
der Kenntnis eines Winzers. So botanisierte er überall auf der Erde nach jedem
Gräschen und Kraut der Erkenntnis. Albano verwunderte sich darüber, da er bisher
geglaubt, Gaspard suche und lange nach nichts als nach den Paris- und
Hesperiden-Äpfeln der Kunst, weil er alle andre Früchte und ihr Fleisch und
ihren Kern in seinem Stande weder zum Geniessen noch zum Säen brauchen konnte.
    Sie versanken in die Tiefen der Tiroler Gebürge. Die Höhen standen schon ins
feste weisse Leichentuch des Winters gehüllt, und durch die Täler ging nur der
kalte Sturm lebendig hin und her. Albanos Sehnen nach dem milden Lande der
Jugend wuchs zwischen den Stürmen und Alpen immer höher; und Roms Bild breitete
sich kolossalisch aus, je länger es sich ihm näherte. Gaspard liess die Reise auf
Flügeln gehen, um den Regenwolken des Herbstes vorzukommen.
    In einer dunkeln Reise-Nacht arbeiteten sie sich gleichsam durch das Gebürge
hindurch, gleich ihrem Gefährten, dem Adigo-Strom, der einen Riesen-Felsen
aufreisset und in die milde Ebene stürzt und darin sanft weitertaumelt. Die Sonne
erschien und Italien.
    Es hatte geregnet, eine laue Luft flatterte von den Zypressenhügeln durch
das Tal und durch die Wein-Gehenke der Maulbeerbäume her und hatte sich zwischen
Blüten und den Früchten der Pomeranzen durchgedrängt - der Adigo schien wie eine
geringelte Riesenschlange auf der vielfarbigen Landschaft an den Landhäusern und
Olivenwäldern zu ruhen und Regenbogen aneinanderzusetzen. - Das Leben spielte im
Äter- nur Sommervögel schweiften in dem leichten Blau - nur der Venuswagen der
Freude rollte über die sanften Hügel.
    Albanos volle Seele ergoss sich gleichsam in das breite Bette, das ihn von
der milden Ebene zu der prächtigen Roma führte! - »Wenn wir rückwärts reisen,«
(sagte Gaspard) »so erinnere dich an deinen Eintritt.« - Sie hielten in einem
Dorfe mit grossen steinernen Häusern. Albano sah das warme ausserhäusliche Leben
um sich an, den unbedeckten Kopf, die nackte Brust und die blitzenden Augen der
Männer - das grosse Schaf mit Seidenwolle - das schwarze kleine muntre Schwein
und den schwarzen Trutahn als er plötzlich vom Balkon herab einen deutschen
Gruss und seinen Namen hörte.
    Es war die Fürstin, ihre Wagen standen seitwärts, Bouverot und Fraischdörfer
bei ihr. Wie dringt es balsamisch durchs Herz, im fremden Lande, und sei es das
schönste, den Bruder, die Schwester des rauhern wiederzufinden, gleichsam in der
zweiten Welt den verwandten Erdensohn! - Auch der Adigo, der vorher ihn im
wilden Gebürge unter dem Namen Etsch begleitet hatte, folgte ihm mit dem
schönern in die Ebene nach. Die Fürstin schien ihm, er wusste nicht warum,
milder, jungfräulicher geworden in Gestalt und Blick, und er warf sich seinen
frühern Irrtum vor. Aber er beging einen spätern: über ihre stark gezeichnete
Physiognomie stiegen hinter Wien die welschen schärfern empor, und die
schreienden Farben, worein sie sich gern kleidete, wurden von den italienischen
überschrien. Ein fremder Boden ist ein Redouten- und Brunnensaal, wo nur
menschliche Verhältnisse und keine politische walten, und in der Fremde ist man
sich am wenigsten Fremdling - alles berührte sich freundlich, wie fremde Hände
sich suchen und fassen unter dem Steigen von Bergen. Wie verehrend sah Albano
die Fürstin an! Denn er dachte: »Sie wollte die Erblasste mitnehmen in das
heilende Eden. - O die Heilige würde ja an diesem Morgen glücklich sein und
weinen mit dem blauen Auge vor Seligkeit.« - Dann tat es seines, aber nicht vor
Seligkeit; und so sind die Feuerwerke des Lebens, wie die andern, immer an und
auf Wasser gebauet. Da wurde in ihm der Schwur feierlich vor dem schönen
Totenhaupte Lianens abgelegt: »Ich will der Freund ihrer Freundin recht sein!« -
Eine neue Rolle des Lebens spielt der Mensch am wärmsten und besten; über unsern
Antrittspredigten schwebt der heilige Geist brütend mit Taubenflügeln - nur
später liegen die Eier kalt. Albano, noch in keine Freundschaft eingeweiht als
in die männliche, betete die weibliche an wie ein aufsteigendes Gestirn, und für
diese fand er, wie für die männliche, weit mehr Opfer-Kräfte in seiner warmen
Seele aufbewahrt als für die Liebe. In der Freundschaft ist der Mann wie in der
Liebe die Frau - und umgekehrt -; nämlich mehr den Gegenstand suchend als die
Empfindung für ihn.
    Mit neuen vollen Segeln und Wimpeln - in geschmückten singenden Schiffen -
mit günstigen Seitenwinden - flog die muntere Fahrt durch Städte und Auen.
    Nichts hängt über einen langen Reise-Korso eine schönere Frucht- und
Blumenschnur hin - für einen Wagen, der vorausgeht - als ein paar Wagen, die
nachkommen. Welche Gemeinschaft der Freude und Gefahr im Nachtquartier! Welches
Besprechen der Marschroute! Welche Freude über die nach- und vorfahrenden
Avanturen, nämlich über die Berichte davon! Und wie liebt einer den andern!
    Nur gegen Bouverot bewies Albano eine feste Kälte; aber der Ritter war
freundlich. Albano, mehr unter Büchern als unter Menschen aufgewachsen, wunderte
sich oft, dass ihm in jenen die Verschiedenheit der Meinungen so leicht
vorüberging, die ihn unter diesen so scharf anfiel. Am Ende fragt' ihn einmal
sein Vater: »Warum benimmst du dich gegen Herrn v. Bouverot so fremd? Nichts
erbittert mehr als ein besonnenes stilles Hassen, das leidenschaftlichste weit
weniger.« - »Weil es mein Gesetz ist,« (antwortete er) »die ewige Unwahrheit der
Menschen in ihren Verbindungen zu fliehen und zu hassen. Aus blosser Humanität
sich Ungleichen gleichstellen, einem irgendeiner Absicht wegen ein freundliches
Gesicht machen, so sein gegen jemand, dass man es ihm nicht auf der Stelle
heraussagen darf, das ist wohl ganze Knechtschaft und verwirrt den Reinsten.« -
»Wer nichts lieben will als sein Ebenbild,« (versetzte Gaspard) »hat ausser sich
nichts zu lieben. Von Bouverot« (setzt' er lachend hinzu) »ist doch ein braver
Wirt und Reise-Kompagnon.« - Albano, der sogar Menschen widerstehen konnte, die
er verehrte, fragte nichts nach seinem Vater, sondern fand den deutschen Herrn
nur desto verächtlicher.
    Dieser, ganz zu Hader und Handel geboren, hatte sich nämlich tiefe
Fussstapfen im Schnee des Ritters und der Fürstin welche beide, wie alle lange
Reisende, ungemein geizig waren dadurch gebahnt, dass er alle Wirte und Welsche,
das Patto berichtigend, übersah und überlistete, und dass er sogar die Kunst
verstand, zur rechten Zeit tief-grob zu sein, indes er, vom Wirte sich
umkehrend, gegen die Fürstin wieder ein Mann von Welt war wie Fontenelle oder
irgendein Franzose, der in solchen Fällen länger rechnet und flucht als zehrt.
Der Vliesritter, der, wie er gestand, nie so wohlfeil gereiset, bedeckte ihn
daher mit dem Lorbeer, der hier überall wuchs, und sah so heiter aus wie
niemals. Nur dem Sohne war der kalte, zornige, grobe Mensch ein Vulkan, der
Schlamm und Wasser auswirft. Reitet einem gekrönten Haupte oder einem
klassischen Autor, der auch eines ist, eine Meile vor und überhaupt Leuten, die
Geld haben und nicht schonen, und erkargt ihnen nur täglich einige Goldstücke:
nie werdet ihr beide Häupter froher oder dankbarer gesehen haben als in diesem
Fall!
    Überall wollte Albano aussteigen und in grosse Ruinen und in den Glanz der
entfallnen Kleinodien treten, welche den Welteroberern auf dem Wege nach Rom von
den Triumphwagen verloren gegangen. Aber der Ritter riet ihm an, seine Augen und
Begeisterung zu sparen und aufzuheben für Rom. Wie schlug sein Herz, als sie
endlich in der wüsten Campagna, die voll Lava-Würfe um den Horst der römischen
Adler, dieser über die Welt getriebnen Sturmvögel, lag, auf der Flaminischen
Strasse rollten! - Aber er und Gaspard fühlten sich wunderbar beklommen - den
stehenden See einer schwülen Schwefelluft glaubt' man zu durchwaten, die sein
Vater den Schwefelhütten zu Baccano zuschrieb er lechzete nach dem Schnee auf
den fernen Bergen - der Himmel war schwarzblau und still - einzelne hohe Wolken
flogen pfeilschnell durch die stille Wüste - ein Mann in der Ferne setzte eine
ausgegrabene Urne wieder hin und betete, ängstlich gen Himmel blickend, seinen
Rosenkranz - Albano wandte sich nach den Gebürgen, denen die Abendsonne, wie
aufgelöset in stechendem Glanz, zusank. - Auf einmal liess der Ritter den
Postillon halten, der heftig die Arme, da es unter dem Wagen noch fortrollte,
gen Himmel warf und rief: »Heilige Mutter Gottes, ein Erdbeben!« Aber Gaspard
berührte den sonnentrunknen Sohn und sagte zeigend: »Ecco Roma!« - Albano
blickte hin und sah in tiefer Ferne die Kuppel der Peterskirche im Sonnenglanz.
Die Sonne ging unter, die Erde bebte noch einmal, aber in seinem Geiste war
nichts als Rom.
 
                                   103. Zykel
Eine halbe Stunde nach dem Erdstosse wickelte sich der Himmel in Meere ein und
warf sie stück- und stromweise herunter. Die nackte Campagna und Heide verdeckte
der Regenmantel - Gaspard war still - der Himmel schwarz - der grosse Gedanke
stand einsam in Albano, dass er dem Blut- und Trongerüst der Menschheit, dem
Herzen einer erkalteten Helden-Welt, der ewigen Roma zueile; und als er auf dem
Ponte molle hörte, dass er jetzt über die Tiber gehe: so war ihm, als sei die
Vergangenheit von den Toten auferstanden und er schiffe im zurücklaufenden
Strome der Zeit; unter den Strömen des Himmels hört' er die alten sieben
Bergströme rauschen, die einst von Roms Hügeln kamen und mit sieben Armen die
Welt aus dem Boden aufhoben.
    Endlich rückte das breitstehende Sternbild der Bergstadt Gottes in Nächte
auseinander, Städte mit sparsamen Lichtern lagen hinauf und hinab, und die
Glocken (für ihn Sturmglocken) schlugen vier Uhr172, als der Wagen durch das
Triumphtor der Stadt, die Porta del Popolo, rollte: so riss der Mond seinen
schwarzen Himmel auf und goss aus der Wolken-Kluft den Glanz eines ganzen Himmels
hernieder; da stand der ägyptische Obeliskus des Tors wolkenhoch in der Nacht,
und drei Strassen liefen glänzend auseinander. So bist du (sagte sich Albano, als
sie im langen Corso nach der zehnten Region fuhren) wirklich im Lager des
Kriegsgottes; hier, wo er das Heft des ungeheuern Kriegsschwertes fasste und mit
der Spitze die drei Wunden in drei Weltteile machte. - Guss und Glanz durchflogen
die weiten, breiten Strassen - zuweilen kam er plötzlich vor Gärten vorbei und in
breite Stadtwüsten und Marktplätze der Vergangenheit. - Das Rollen der Wagen
unter dem Rauschen des Regens glich dem Donner, dessen Tage dieser Heldenstadt
sonst heilig waren, gleichsam der donnernde Himmel der donnernden Erde -
eingemummte Gestalten mit kleinen Lichtern schlichen durch die finstern Strassen
- oft stand ein langer Palast mit Säulen-Reihen im Feuer des Mondes, oft eine
graue einsame Säule, oft eine einzelne hohe Fichte, oder eine Statue hinter
Zypressen. Einmal, da weder Regen noch Mondlicht war, ging der Wagen um die Ecke
eines grossen Hauses, auf dessen Dache eine blühende lange Jungfrau, mit einem
aufblickenden Kinde an der Hand, eine kleine Handleuchte bald gegen eine weisse
Statue, bald gegen das Kind selber richtete und so wechselnd die ganze Gruppe
beleuchtete. Mitten in das erhobene Gemüt drang die freundliche Gesellschaft und
brachte ihm manche Erinnerungen mit; besonders war ihm ein römisches Kind eine
ganz neue und mächtige Idee.
    Sie stiegen endlich aus bei dem Fürsten di Lauria, Gaspards Schwiegervater
und altem Freund. Nah' an seinem Palast lag der Campo vaccino (das alte Forum),
und auf die breiten Treppen und die drei Wunder-Gebäude des Kapitols schien der
helle Mond; in der Ferne stand das Coliseo. Zögernd ging Albano in das
erleuchtete Haus, wovor der Wagen der Fürstin stand, und wandte schwer das Auge
von diesen Höhen der Welt, wovon einst ein leichtes Wort wie eine Schneeflocke
lange rollte und ewig wuchs, bis es in einem fremden Lande eine Stadt erdrückte
mit der Schlaglauwine.
    Die Fürstin mit ihrer Gesellschaft sah erfreuet die neue kommen. Der alte
Fürst Lauria empfing höflich und zurückhaltend seinen Enkel. Seine unzähligen
Bedienten redeten fast alle Sprachen Europas durcheinander. Albano fragte
sogleich den Ritter nach seinem Lehrer Dian, diesem auf den Römer geimpften
Griechen; aber gerade an das Menschlichste hatte, wie immer die Grossen, Gaspard
nicht gedacht. Man schickte in dessen nahe Wohnung; er war nicht zu Hause.
    Man speisete. Der Fürst bewirtete sogleich mit seinem
Lieblings-Schaugericht, mit dem politischen Weltlauf, und gab das Neueste von
der französischen Revolution. Zeitungen waren ihm Ewigkeiten, Nouvellen Antiken;
er hielt alle Blätter Europas und daher zu jedem den deutschen, den russischen,
den englischen, den polnischen Bedienten, der es ihm übersetzte. Bei seiner
satirischen Kälte gegen alle Menschen und Sachen erschien der politische und
welsche Eifer stärker, womit er gegen den Ritter die Franzosen beschirmte, der
sie gelassen verachtete und, sich nach seiner Weise sogar in schlechten
Wortspielen auslassend, den alten Römern das Forum und den neuern das Campo
vaccino, und ebenso den alten Galliern das Marsfeld und den neuern ein Märzfeld
eingab.
    Albano glaubte, so nah' am Forum geb' es keinen Scherz und jedes Wort müsse
gross sein in dieser Stadt. Der kalte Lauria sprach warm für Gallien, wie ein
Minister nur Völker, nicht Individuen achtend, und seine Meinung gefiel dem
Jüngling.
    Da lenkte die Fürstin den Strom auf Roms hohe Kunst. Fraischdörfer zerlegte
den Koloss in Glieder und wog sie auf der engsten Waage. Bouverot stach den
Riesen in historisches Kupfer. Die Fürstin sprach mit vieler Wärme, aber ohne
Bedeutung. Gaspard schmolz alle ein, gleichsam zu einem korintischen Erz, und
umfasste alle, ohne gefasset zu werden. Auf seiner kalt, aber stark aufdringenden
Lebensquelle liess er die Welt wie eine Kugel spielen und schweben.
    Albano bewahrte, mit allen unzufrieden, seine Begeisterung, den
unterirdischen Göttern der Vergangenheit um ihn her nach alter Sitte opfernd,
nämlich mit Schweigen. Wohl hätt' er reden wollen und können, aber anders, in
Oden, mit dem ganzen Menschen, mit Strömen, die aufwärts stiegen und wüchsen.
Immer sehnsüchtiger sah er an die Fenster nach dem Mond im reinen Regenblau und
nach einzelnen Säulen des Forums; draussen glänzte ihm die grösste Welt. - Endlich
stand er zürnend und schmachtend auf und schlich hinunter in die dämmernde
Herrlichkeit und trat vor das Forum; aber die Mondnacht, die Dekorationsmalerin,
die mit unförmlichen Strichen arbeitet, macht' ihm fast die Bühne unkenntlich.
    Welch' eine öde, weite Ebene, hoch von Ruinen, Gärten, Tempeln umgeben, mit
gestürzten Säulen-Häuptern und mit aufrechten einsamen Säulen und mit Bäumen und
einer stummen Wüste bedeckt! Der aufgewühlte Schutt aus dem ausgegossenen
Aschenkrug der Zeit - und die Scherben einer grossen Welt umhergeworfen! Er ging
vor drei Tempel-Säulen173, die die Erde bis an die Brust hinuntergezogen hatte,
vorbei und durch den breiten Triumph-Bogen des Septimius Severus hindurch;
rechts standen verbundne Säulen ohne ihren Tempel, links an einer
Christen-Kirche die tief in den Bodensatz der Zeit getauchte Säulenreihe eines
alten Heidentempels, am Ende der Siegesbogen des Titus und vor ihm in der öden
waldigen Mitte ein Springwasser, in ein Granitbecken sich giessend.
    Er ging dieser Quelle zu, um die Ebene zu überschauen, aus welcher sonst die
Donnermonate der Erde aufzogen; aber wie über eine ausgebrannte Sonne ging er
darüber, welche finstere tote Erden umhängen. O der Mensch, der Mensch-Traum!
riefs unaufhörlich um ihn. Er stand an der Granitschale, gegen das Coliseo
gekehrt, dessen Gebürgsrücken hoch in Mondlicht stand, mit den tiefen Klüften,
die ihm die Sense der Zeit eingehauen scharf standen die zerrissenen Bogen von
Neros goldnem Hause wie mörderische Hauer darneben. - Der palatinische Berg
grünte voll Gärten, und auf zerbrochnen Tempel-Dächern nagte der blühende
Totenkranz aus Efeu, und noch glühten lebendige Ranunkeln um eingesenkte
Kapitäler. - Die Quelle murmelte geschwätzig und ewig, und die Sterne schaueten
fest herunter mit unvergänglichen Strahlen auf die stille Walstatt, worüber der
Winter der Zeit gegangen, ohne einen Frühling nachzuführen die feurige Weltseele
war aufgeflogen, und der kalte zerstückte Riese lag umher, auseinandergerissen
waren die Riesen-Speichen des Schwungrads, das einmal der Strom der Zeiten
selber trieb. Und noch dazu goss der Mond sein Licht wie ätzendes Silberwasser
auf die nackten Säulen und wollte das Coliseo und die Tempel und alles auflösen
in ihre eignen Schatten!
    Da streckte Albano die Arme in die Lüfte, als könnt' er damit umfassen und
zerfliessen wie mit Armen eines Stroms, und rief aus: »O ihr grossen Schatten, die
ihr einst hier strittet und lebtet, ihr blickt herab vom Himmel, aber
verachtend, nicht trauernd, denn euer grosses Vaterland ist euch nachgestorben!
Ach, hätt' ich auf der nichtigen Erde voll alter Ewigkeit, die ihr gross gemacht,
nur eine Tat eurer wert getan! Dann wär' es mir süss und erlaubt, mein Herz zu
öffnen durch eine Wunde und zu vermischen das irdische Blut mit dem geheiligten
Boden und aus der Gräber-Welt wegzueilen zu euch Ewigen und Unvergänglichen!
Aber ich bin es nicht wert!«
    Hier kam plötzlich auf der via sacra ein langer, tief in den Mantel
gewickelter Mann daher an die Fontäne, warf, ohne umzublicken, den Hut hin und
hielt den pechschwarzen, lockigen, fast steilrechten Hinterkopf unter den
Wasserstrahl. Aber kaum erblickte er, sich aufwärts kehrend, das Profil des in
seine Bilder versunknen Albano: so fuhr er tropfend auf- starrte den Grafen an
staunte - warf die Arme hoch in die Luft - sagte: »Amico?« - Albano sah ihn an.
- Der Fremde sagte: »Albano!« - »Mein Dian!« rief Albano; sie nahmen sich heftig
und weinten vor Liebe.
    Dian begriff es gar nicht; er sagte italienisch: »Ihr seid es aber ja nicht,
Ihr sehet alt aus.« - Er glaubte so lange deutsch zu sprechen, bis er hörte, dass
Albano italienisch antwortete. Beide taten und bekamen nur Fragen. Albano fand
den Baumeister bloss bräuner, aber den Blitz der Augen und jede Kraft im alten
Glanz. Mit drei Worten erzählt' er ihm die Reise und die Begleitung. »Wie
bekommt Euch Rom?« fragte Dian heiter. »Wie das Leben,« (versetzte sehr
ernstaft Albano) »es macht zu weich und zu hart. - Ich erkenne hier gar nichts
wieder,« (fuhr er fort) »gehören jene Säulen dem herrlichen Friedenstempel?« -
»Nein,« (sagte Dian) »dem Konkordientempel, von jenem steht dort nichts als das
Gewölbe.« - »Wo ist Saturnus' Tempel?« fragte Albano. »In der St. Adrians-Kirche
begraben«, sagte Dian und setzte eilend hinzu: »Nebenan stehen die zehn Säulen
von Antonins Tempel - drüben Titus' Termen - hinter uns der palatinische Berg
und so weiter. Nun erzählt mir!«
    Sie gingen das Forum auf und ab, zwischen den Bogen des Titus und Severus.
Albano war - zumal neben dem Lehrer, der ihn in der Kinderzeit so oft hieher
geführt - noch voll vom Strome, der über die Welt gezogen war, und das alles
bedeckende Wasser sank nur langsam. Er fuhr fort und sagte: »heute, als er den
Obeliskus erblickt, sei ihm der leise, zarte Schein des Mondes ordentlich
unpassend für die Riesenstadt erschienen; eine Sonne hätt' er lieber auf ihrer
weiten Fahne blitzen sehen; aber jetzt sei der Mond die rechte Leichenfackel
neben dem Alexander, der zusammenfällt, nur angerührt.« - »Mit dergleichen
Gefühlen kommt der Künstler nicht weit,« (sagte Dian) »auf ewige Schönheiten
schau' er, rechts und links.« - »Wo ist« (fragte Albano fort) »der alte
Curtius-See - die Rednerbühne - die pila horatia - der Tempel der Vesta - der
Venus und aller jener einsamen Säulen?« - »Und wo ist das marmorne Forum
selber?« (sagte Dian) »Dreissig Spannen tief liegts unter dem Fuss.« - »Wo ist das
grosse freie Volk, der Senat aus Königen, die Stimme der Redner, der Zug auf das
Kapitolium? Begraben unter den Scherbenberg. O Dian, wie kann ein Mensch, der in
Rom einen Vater, eine Geliebte verliert, eine einzige Träne vergiessen und
bestürzt um sich sehen, wenn er hierhertritt, vor dieses Schlachtfeld der Zeit,
und hineinschauet ins Gebeinhaus der Völker? - Dian, hier wünschte man ein
eisernes Herz, denn das Schicksal hat eine eiserne Hand!«
    Dian, der sich nirgends ungerner als auf solchen tragischen, gleichsam ins
Meer der Ewigkeit hineinhängenden Klippen aufhielt, sprang immer mit einem
Scherze davon; wie die Griechen mischte er Tänze ins Trauerspiel: »Manches
konserviert sich, Freund!« (sagt' er) »dort in der Adrians-Kirche werden Euch
noch von drei Männern die Knochen gewiesen, die im Feuer gewesen.« - »Das ist
eben« (versetzte Albano) »das fürchterliche Spiel des Schicksals, dass es mit den
zu Sklaven geschornen Mönchen die Höhen der alten Grossen besetzt.«
    »Neue Räder treibt der Strom der Zeit,« (sagte Dian) »dort liegt Raffael
zweimal begraben.174 Was macht Chariton und die Kinder?« - »Sie blühen fort«,
sagte Albano, aber in traurigem Ton. »Himmel!« (rief Dian mit allem
Vater-Schrecken) »es ist doch so?« - »Wahrhaftig, Dian!« sagte Albano sanft.
»Kommt noch« (sagte Dian) »Liane oft zu Chariton? Und was macht denn die Holde?«
- Leise versetzte Albano: »Sie ist tot.« - »Was, tot? - Unmöglich! Froulays
Tochter, Albano? Die Gold-Rose? O sprecht!« rief er. Albano nickte bejahend. -
»Nun du gutes Mädchen,« (klagt' er mit Tränen in den schwarzen Augen) »so
freundlich, so liebreizend, so feine Zeichnerin! Wie gings aber zu? Habt Ihr
denn das holde Kind gar nicht gekannt?« - »Einen Frühling lang« (sagte schnell
Albano) - »Mein guter Dian, ich will jetzt zum Vater zurück und antworte nicht
mehr.« - »O meinetwegen! - Ich muss aber mehr erfahren«, beschloss Dian. Und so
stiegen sie schweigend und eilend über Schutt und Säulentorsos, und keiner gab
auf die grosse Rührung des andern acht.
 
                        Siebenundzwanzigste Jobelperiode
Peterskirche - Rotonda - Coliseo - Brief an Schoppe - der Krieg - Gaspard - der
     Korse - Verwicklung mit der Fürstin - die Krankheit - Gaspards Bruder-
                           Peterskuppel und Abschied
                                   104. Zykel
Rom ist wie die Schöpfung ein ganzes Wunder, das sich allmählich in neue Wunder
zergliedert, in das Coliseo, in das Panteon, die Peterskirche, in Raffael
u.s.w.
    Mit dem Durchgang durch die Peterskirche fing der Ritter den schönen Lauf
durch die Unsterblichkeit an. Die Fürstin liess sich von der Kunst mit dem
Männer-Kreise verbinden. Da Albano mehr von Gebäuden als von jedem andern
Kunstwerk ergriffen wurde: so sah er mit heiligem Herzen von weiten das lange
Kunst-Gebürg, das wieder Hügel trug - so trat er vor die Ebene, um welche zwei
ungeheuere Kolonnaden wie Korsos laufen, ein Volk von Statuen tragend; in der
Mitte steigt der Obeliskus und zu seiner Rechten und Linken ein ewiges Wasser
auf, und von den hohen Stufen schauet die stolze Kirche der Welt, innen mit
Kirchen besetzt, auf sich einen Tempel gen Himmel reichend, auf die Erde
herunter. - Aber wie waren in der Nähe ihre Säulen und ihre Felsenwand ungeheuer
aufgestiegen und flohen den Blick!
    Er trat in die Zauberkirche, die der Welt Segen, Fluch, Könige und Päpste
gab, - mit dem Bewusstsein, dass sie wie das Weltgebäude sich immer mehr erweitere
und entferne, je länger man in ihr ist. Auf zwei Kinder von weissem Marmor, die
eine Weih-Muschel von gelbem hielten, gingen sie hin; die Kinder wuchsen durch
das Nahen, bis sie Riesen waren. Endlich standen sie am Hauptaltar und dessen
hundert ewigen Lampen - welch eine Stelle! - Über sich das Himmelsgewölbe der
Kuppel, auf vier innern Türmen ruhend, um sich eine überwölbte Stadt von vier
Strassen, worin Kirchen standen. - Am grössesten wurde der Tempel durch Gehen; und
wenn sie um eine Säule traten, so lag ein neuer vor ihnen, und heilige Riesen
schaueten ernst herab. Hier wurde dem Jüngling nach langer Zeit das grosse Herz
gefüllt: »In keiner Kunst« (sagt' er zu seinem Vater) »wird die Seele so
gewaltig vom Erhabnen angefasset als in der Baukunst; in jeder andern steht der
Riese in ihr und in den Tiefen der Seele, aber hier steht er ausser und dicht vor
ihr.« - Dian, dem alle Bilder deutlicher waren als abstrakte Ideen, sagte: »Er
hat vollkommen recht.« - Fraischdörfer versetzte: »das Erhabene stecke auch hier
nur im Kopfe, denn die ganze Kirche stehe doch in etwas Grösserem, nämlich in Rom
und unter dem Himmel, wobei wir ja nichts empfänden.« Auch klagt' er, »dass dem
Erhabnen der Platz in seinem Kopfe sehr verengt werde durch die unzähligen
Schnörkel und Monumente, die der Tempel zugleich mit sich in ihn hineintreibe«
Gaspard sagte, alles mit einem grossen Sinne nehmend: »Steht nur einmal das
Erhabne wirklich da, so verschlingt und vertilgt es eben seiner Natur nach alle
kleinen Zierden um sich her.« Er führte zum Beweise den Münsterturm und die
Natur selber an, die durch ihre Gräser und Dörfer nicht kleiner werde.
    Die Fürstin genoss unter so vielen Kunstverständigen schweigend.
    Das Ersteigen der Kuppel riet Gaspard einem regen- und wolkenlosen Tage
aufzuheben, um die Welt-Königin Roma auf und von dem rechten Trone zu schauen;
er schlug dafür sehr eifrig den Besuch des Panteons vor, weil er es gern
schnell hinter den Eindrücken der Peterskirche wollte folgen lassen. Sie gingen
dahin. Wie einfach und gross tut sich die Halle auf! Acht gelbe Säulen tragen
ihre Stirn, und majestätisch wie das Haupt des Homerischen Jupiters wölbt sich
sein Tempel! Es ist die Rotonda oder das Panteon. - »O der Niedrigen,« (rief
Albano) »die uns neue Tempel geben wollen! Hebt die alten aus dem Schutte höher,
so habt ihr genug gebauet.«175 - Sie traten hinein; da wölbte sich ein heiliges,
einfaches, freies Weltgebäude mit seinen hinaufstrebenden Himmelsbogen um sie,
ein Odeum der Sphärentöne, eine Welt in der Welt! - Und oben176 leuchtete die
Augenhöhle des Lichts und des Himmels herab, und das ferne Flug-Gewölk schien
die hohe Wölbung zu berühren, über die es wegschoss! Und um sie her standen
nichts als die Tempel-Träger, die Säulen! Der Tempel aller Götter vertrug und
verbarg die kleinlichen Altäre der spätern.
    Gaspard befragte Albano über sein Gefühl. Dieser zog die grössere
Peterskirche vor. Der Ritter billigte es und sagte, »dass überall der Jüngling
gleich den Völkern das Erhabene besser empfinde und leichter finde als das
Schöne, und dass der Geist des Jünglings vom Starken zum Schönen reife, wie der
Körper desselben vom Schönen zum Starken; indes zieh' er selber das Panteon
vor.« - »Wie könnten auch Neuere« (sagte der Kunstrat Fraischdörfer) »etwas
bauen, ausser einige Berninische Türmlein?« - »Dafür« (sagte der verletzte
Land-Baumeister Dian, der den Kunstrat verachtete, weil dieser niemals eine gute
Figur machte als in der ästetischen Richterstube als Richter, nie in dem
Ausstellungssaal als Maler) »sind wir Neuern ohne Widerrede in der Kritik
stärker, wenn wir auch in der Praxis samt und sonders Lumpe sind.« Bouverot
merkte an: »Die korintischen Säulen könnten höher sein.« Der Kunstrat sagte:
»er wisse doch nichts dieser schönen Halbkugel Ähnlicheres als eine viel
kleinere, die er im Herkulanum in Asche ausgedrückt gefunden - vom Busen einer
schönen Flüchtlingin.« Der Ritter lachte, und Albano trat unwillig zur Fürstin.
    Sie fragte er um ihre Stimme über beide Tempel. »Hier Sophokles, dort
Shakespeare; aber den Sophokles fass' ich leichter«, versetzte sie und blickt'
ihm mit neuen Augen in das neue Angesicht. Denn die überirdische Erleuchtung
durch das Zenit des Himmels - nicht durch einen dunstigen Horizont - verklärte
ihr das schöne bewegte Gesicht des Jünglings; und sie setzte voraus, der
Heiligenschein der Kuppel hebe auch ihre Gestalt. Da er ihr antwortete: »Sehr
gut! Aber in Shakespeare steckt auch Sophokles, aber in Sophokles nicht
Shakespeare - und auf der Peterskirche steht Angelos Rotonda!« so ging plötzlich
das hohe Gewölk, wie durch den Schlag einer Hand aus dem Äter, entzwei, und die
entrückte Sonne schauete, wie das Auge der durch den alten Himmel ziehenden
Venus, die sonst auch hier stand, aus hoher Tiefe mild herein - da füllte ein
heiliger Glanz den Tempel und brannte auf dem Porphyr des Bodens, und Albano sah
betroffen und entzückt umher und sagte mit leiser Stimme: »Wie ist jetzt alles
so verklärt an dieser heiligen Stelle! Raffaels Geist geht in der Mittagsstunde
aus seinem Grabe, und alles, was sein Widerschein berührt, erglänzt göttlich!«
Die Fürstin sah ihn zärtlich an, und er legte leicht seine Hand auf ihre und
sagte wie überwältigt: »Sophokles!«
    Am nächsten mondhellen Abende darauf bestellte Gaspard Fackeln, damit das
Coliseo mit seinem Riesen-Kreis zuerst im Feuer vor ihnen stände. Dem Ritter,
der nur allein mit dem Sohne düster im düstern Werke, wie zwei Geister der alten
Zeit, umhergehen wollte, drang sich noch die Fürstin auf, aus zu lebhaftem
Wunsch, mit dem edlen Jüngling grosse Minuten und wohl gar ihr Herz und seines zu
teilen. Die Weiber begreifen nicht genug, dass die Idee, wenn sie den männlichen
Geist erfüllt und erhebt, ihn dann vor der Liebe verschliesse und die Personen
verdränge, indes bei Weibern alle Ideen leicht zu Menschen werden.
    Sie gingen über das Forum auf der via sacra zum Coliseo, dessen hohe
zerspaltene Stirn unter dem Mondlicht bleich herniederschauete. Sie standen vor
den grauen Felsenwänden, die sich auf vier Säulenreihen übereinander
hinaufbaueten, und die Flammen schossen hinauf in die Bogen der Arkaden, hoch
oben das grüne Gesträuch vergüldend; und tief in die Erde hatte sich das schöne
Ungeheuer schon mit seinen Füssen eingegraben. Sie traten hinein und stiegen am
Gebürge voll Felsenstücke von einem Sitze der Zuschauer zum andern; Gaspard
wagte sich nicht zum sechsten oder höchsten, wo sonst die Männer standen, aber
Albano und die Fürstin. Da schauete dieser über die Klippen auf den runden
grünenden Krater des ausgebrannten Vulkans herunter, der einst auf einmal
neuntausend Tiere verschlang und der sich mit Menschenblut löschte - der
Flammenschein fuhr in das Geklüft und ins Geniste des Efeus und Lorbeers und
unter die grossen Schatten des Mondes, die wie Abgeschiedne sich in den Höhlen
aufhielten - in Süden, wo die Ströme der Jahrhunderte und der Barbaren
hereingedrungen waren, standen einzelne Säulen und geschleifte Arkaden - Tempel
und drei Paläste hatte der Riese mit seinen Gliedern genährt und gefüttert, und
noch schauete er lebendig mit seinen Wunden in die Welt.
    »Welch ein Volk!« (sagte Albano) »Hier ringelte sich die Riesenschlange
fünfmal um das Christentum - Wie ein Hohn liegt drunten das Mondlicht auf der
grünen Arena, wo sonst der Kolossus des Sonnengottes stand - Der Stern des
Nordens177 schimmert gesenkt durch die Fenster, und der Drache und die Bären
bücken sich. Welch eine Welt ist vorüber!« - Die Fürstin antwortete, »dass
zwölftausend Gefangne dieses Teater baueten und dass noch weit mehrere darauf
bluteten«. - »O die Bau-Gefangnen haben wir auch,« (sagt' er) »aber für
Festungen; und das Blut fliesset auch noch, aber mit dem Schweiss! Nein, wir haben
keine Gegenwart, die Vergangenheit muss ohne sie die Zukunft gebären.«
    Die Fürstin ging weg, um einen Lorbeerzweig und blühenden Güldenlack zu
brechen. Albano versank ins Sinnen - der Herbstwind der Vergangenheit ging über
die Stoppeln - auf dieser heiligen Höhe sah er die Sternbilder, Roms grüne
Berge, die schimmernde Stadt, die Cestius-Pyramide, aber alles wurde zur
Vergangenheit, und auf den zwölf Hügeln wohnten, wie auf Gräbern, die alten
hohen Geister und sahen streng in die Zeit, als wären sie noch ihre Könige und
Richter.
    »Zum Andenken der Stelle und der Zeit!« sagte die kommende Fürstin, ihm den
Lorbeer und die Blumen gebend. - »Du Gewaltige, ein Coliseo ist dein Blumentopf,
dir ist ja nichts zu gross und nichts zu klein!« sagte er und brachte die Fürstin
in einige Verwirrung, bis sie merkte, dass er die Natur meine. Sein ganzes Wesen
schien neu und schmerzlich bewegt und wie fern entrückt - er sah nach dem Vater
hinab und suchte ihn auf - er blickte ihn scharf an und drückte heftig seine
Hand und sprach diesen Abend über nichts mehr.
 
                                   105. Zykel
Albano wurde wie eine Welt von Rom wunderbar verändert. Nachdem er so mehrere
Wochen zwischen Romas Ruinen und Schöpfungen gelagert war - nachdem er aus
Raffaels kristallenem Zauberbecher getrunken, dessen erste Züge nur kühlen, wenn
die letzten ein welsches Feuer durch alle Adern führen - nachdem er den
Bergstrom Michel Angelos bald als Katarakte, bald als Äterspiegel gesehen -
nachdem er sich vor den letzten grössten Nachkommen Griechenlands gebeugt und
geheiligt hatte, vor dessen Göttern, die mit ruhigem heitern Antlitz in die
unharmonische Welt hereinblicken, und vor dem vatikanischen Sonnengott, welcher
zürnt über die Prosa der Zeit, über diese niedrige Pytonische Schlange, die
sich immer wieder verjüngt-nachdem er lange so vor dem Vollmond der
Vergangenheit im Glanze gestanden: so überzog sich auf einmal seine ganze innere
Welt und wurde ein einziges Gewölk. Er suchte Einsamkeit - er hörte auf zu
zeichnen und Musik zu treiben - er sprach wenig mehr von Roms Herrlichkeit -
nachts, wo der tägliche Regen aufhörte, besucht' er allein die grossen Trümmer
der Erde, das Forum, das Coliseo, das Kapitolium - er wurde heftiger,
ungeselliger, schärfer - ein tief eingesenkter Ernst waltete auf der hohen
Stirn, und durch das Auge brannte ein düsterer Geist.
    Gaspard schickte unbemerkt seinen Blick allen geheimen Entfaltungen des
Jünglings nach. Ein blosser Nachschmerz über Liane schien sein Zustand nicht zu
sein. Im nordischen Winter wäre diese Wunde nur zugefroren und nicht zugeheilt;
aber hier, im Tempel der Welt, wo Götter begraben liegen, stärkte sich ein edles
Herz und schlug für ältere Gräber. Die Fürstin, die unter dem Deckmantel des
Vaters dem Sohne nachjagte, suchte er weniger als den alten kalten Lauria und
den feurigen Dian.
    In derselben Zeit sehnt' er sich schmerzlich nach seinem Schoppe; an dieser
Brust, dacht' er, hätte das Geheimnis der seinigen den rechten Ort und Trost
gefunden. Es war ihm, als hab' er seit dieser Abwesenheit in einem fort mit ihm
zusammengelebt und sich fester verbrüdert. So wohnen und schmelzen die Geister
im unsichtbaren Lande zusammen; und wenn sich die Leiber im sichtbaren wieder
begegnen, finden die Herzen sich bekannter wieder. Leider hört' er, so viel auch
sein Vater Briefe aus Pestitz bekam, keinen Laut von dem Freunde über die Berge
herüber, den er in den dunkeln Verhältnissen einer wunderbaren verwirrenden
Leidenschaft zurückgelassen. Er rechnete Schoppen, dessen Hass und Zank gegen
alles Briefschreiben er kannte, das Schweigen nicht an; aber sein eignes Herz
konnt' es nicht verlängern, und er schrieb so an ihn:
    »Wir wurden schlafend voneinander gerissen, Schoppe! Jene Zeit hat sich
bedeckt und bleibt es. Sehr wach wollen wir uns wieder erblicken. Von dir weiss
ich nichts; wenn mir Rabette nicht schreibt, muss ich die brennende Ungeduld bis
zu unserer Zusammenkunft im Sommer umhertragen und leiden. Was ist von mir zu
schreiben? Ich bin verändert bis ins Innerste hinab und von einer
hineingreifenden Riesenhand. Wenn die Sonne über den Scheitelpunkt der Länder
zieht, so hüllen sie sich alle in ein tiefes Gewölk; so bin ich jetzt unter der
höchsten Sonne und bin eingehüllt. Wie in Rom, im wirklichen Rom, ein Mensch nur
geniessen und vor dem Feuer der Kunst weich zerschmelzen könne, anstatt sich
schamrot aufzumachen und nach Kräften und Taten zu ringen, das begreif' ich
nicht. Im gemalten, gedichteten Rom, darin mag die Musse schwelgen; aber im
wahren, wo dich die Obelisken, das Coliseo, das Kapitolium, die Triumphbogen
unaufhörlich ansehen und tadeln, wo die Geschichte der alten Taten den ganzen
Tag wie ein unsichtbarer Sturmwind durch die Stadt fortrauschet und dich drängt
und hebt, o wer kann sich unwürdig und zusehend hinlegen vor die herrliche
Bewegung der Welt? - Die Geister der Heiligen, der Helden, der Künstler gehen
dem lebendigen Menschen nach und fragen zornig: was bist du? - Ganz anders gehst
du aus dem Vatikan des Raffaels und über das Kapitolium herunter, als du aus
irgendeiner deutschen Bildergalerie und einem Antikenkabinett heraustrittst.
Dort siehst du auf allen Hügeln alte ewige Herrlichkeit, jede Römerin ist mit
Gestalt und Stolz noch ihrer Stadt verwandt, der Transteveriner ist der Sparter,
und du findest so wenig einen Römer als einen Juden stumpf; indes du in Pestitz
fast unduldsam werden musst schon gegen den Kontrast der blossen Gestalt. Sogar
der ruhige Dian behauptet, die hässlichen Masken der Alten sähen wie die
deutschen Gassen-Gesichter und ihre Faunen und andere Tiergötter wie edlere
Hof-Gesichter aus; ihre Kopierbilder Alexanders, der Philosophen, der römischen
Tyrannen wären, so scharf und prosaisch sie sich auch von ihren poetischen
Statuen der Götter abschnitten, den jetzigen Idealen der Maler gleich.
    Tut es da genug, mit Augen voll Bewunderung und gefalteten Händen um die
Riesen zu schleichen und dann welk und klein zu ihren Füssen zu verschmachten?
Freund, wie oft pries ich in den Tagen des Unmuts die Künstler und Dichter
glücklich, die ihre Sehnsucht doch stillen dürfen durch frohe leichte
Schöpfungen, und welche durch schöne Spiele die grossen Toten feiern, Archimimen
der Heldenzeit. - Und doch sind diese schwelgerischen Spiele nur das
Glockenspiel am Blitzableiter; es gibt etwas Höheres, Tun ist Leben, darin regt
sich der ganze Mensch und blüht mit allen Zweigen. - Es ist nicht von den bangen
engen Kleintaten auf der Ruder- und auf der Ruhebank der Zeit die Rede. Noch
stehet an der Krönungsstadt des Geistes ein Tor offen, das Opfertor, das
Janustor. Wo ist denn weiter auf der Erde die Stelle als auf dem Schlachtfeld,
wo alle Kräfte, alle Opfer und Tugenden eines ganzen Lebens, in eine Stunde
gedrängt, in göttlicher Freiheit zusammenspielen mit tausend Schwester-Kräften
und Opfern? Wo sind denn allen Kräften, von dem schnellsten Scharfblick an bis
zu allen körperlichen Fertigkeiten und Abhärtungen, von der höchsten Grossmut und
Ehre an bis auf die weichste Träne herab, von jeder Verachtung des Körpers an
bis zur tödlichen Wunde hinauf, so alle Schranken aufgetan für einen
wetteifernden Bund? Wiewohl eben darum der Spielraum aller Götter auch dem
Larventanz aller Furien freisteht. Nimm nur den Krieg höher, wo die Geister,
ohne Verhältnis des Gewinstes zum Verlust, nur aus Kraft der Ehre und des
Zwecks, sich dem Schicksal verdingen, dass es unter ihren Körpern die Leichen
auslese und das Los des Sieges aus den Gräbern ziehe. - Zwei Völker gehen auf
die Schlacht-Ebene, die tragische Bühne eines höhern Geistes, um ohne
persönlichen Hass die Todesrollen gegeneinander zu spielen - still und schwarz
liegt die Gewitterwolke auf dem Schlachtfeld - die Völker ziehen hinein in die
Wolke, und alle ihre Donner schlagen, und düster und allein brennt die
Todesfackel über ihr - es wird endlich Licht, und zwei Ehrenpforten stehen
aufgebauet, die Todespforte und das Siegestor, und das Heer hat sich geteilt und
ist durch beide gezogen, aber durch beide mit Kränzen. - Und wenn es vorüber
ist, stehen die Toten und die Lebendigen erhaben in der Welt, weil sie das Leben
nicht geachtet hatten. - Wenn aber der grosse Tag noch grösser werden, wenn dem
Geiste das Köstlichste kommen soll, was das Leben heiligen kann: so stellt Gott
einen Epaminondas, einen Kato, einen Gustav Adolph vor das geheiligte Heer - und
die Freiheit ist zugleich die Fahne und die Palme - o selig, wer dann lebt oder
stirbt für den Kriegs-Gott und für die Friedens-Göttin zugleich. -
    Lasse mich das nicht durch Sprechen entweihen. Nimm aber hier mein leises
festes Wort und leg es in deine Brust zurück, dass ich mir, sobald Galliens
wahrscheinlicher Freiheitskrieg anhebt, meine Rolle durchaus nehme in ihm, für
ihn. Abhalten kann mich nichts, auch nicht mein Vater. Dieser Entschluss gehört
zu meiner Ruhe und Existenz. Aus Ehrgeiz ergreif' ich ihn nicht; obwohl aus
Ehrliebe gegen mich selber. Schon in meinen frühern Jahren konnt' ich nie das
platte Lob einer ewigen häuslichen Glückseligkeit geniessen, was gewiss eher
Weibern als Männern geziemt. Freilich deine Stärke oder Gemütsweise, alles Grosse
ruhig aufzunehmen und die Welt still in einen innern Traum zu zerschmelzen, hat
wohl niemand. Du schauest die Abendwolken an und hernach die Milchstrasse und
sagst kalt: Gewölk! Kommst du aber doch nicht zu tief in dieses Gefühl, in diese
kalte Gruft hinunter? Zwar will das Gift dieses Gefühls einen überall und gerade
in Rom, diesem Kirchhof so ferner Völker, so entgegengesetzter Jahrhunderte,
süsser als irgendwo verzehren; aber wüsstest du vom Vergänglichen ohne den
Nebenstand des Unvergänglichen, und wo wohnt der Tod als im Leben? Lasse
verstieben und versiegen! es gibt doch drei Unsterblichkeiten - wiewohl du die
erste, die überirdische, nicht glaubst -: die unterirdische (denn das All kann
verstäuben, aber nicht sein Staub) und die ewigwirkende darin, die, dass jede Tat
viel gewisser eine ewige Mutter wird als eine ewige Tochter ist. Und dieser Bund
mit dem Universum und mit der Ewigkeit macht der Ephemere Mut, in ihrer
Flug-Minute das Blütenstäubchen weiterzutragen und auszusäen, das im nächsten
Jahrtausend vielleicht als Palmenwald dasteht.
    Ob ich mich meinem Vater entdecke, ist mir noch zweifelhaft, weil ich es
noch darüber bin, ob ich seine bisherigen Äusserungen gegen die Neufranken für
scharfen Ernst zu nehmen habe oder nur für die scherzhafte Kälte, womit er sonst
gerade seine Gotteiten - Homer, Raffael, Cäsar, Shakespeare - aus Ekel gegen
den nachsprecherischen Götzendienst, den der Pöbel der wahren Hoheit wie der
falschen erweiset, im Munde führet. - Grüsse meinen braven mannhaften Wehrfritz
und erinner' ihn an unser Bundesfest am Zeitungstage der niedergerissenen
Bastille. Lebe wohl und bleibe bei mir!
                                                                        Albano.«
An dem Abende dieses Briefes ging er mit seinem Vater in eine Conversazione im
Palazzo Colonna - hier fanden sie die schwarzmarmorne Galerie voll Antiken und
Gemälde aus einem Kunst- und Gesellschaftszimmer in einen Fechtboden verkehrt,
alle Arme und Zungen der Römer waren in Bewegung und Kampf über die neuesten
Entwicklungen der gallischen Revolution, und die meisten für sie. Es war damals,
wo fast ganz Europa einige Tage lang vergass, was es aus der politischen und
poetischen Geschichte Frankreichs jahrhundertelang gelernt hatte, dass dasselbe
leichter eine vergrösserte als eine grosse Nation werden könnte. Der Ritter allein
gab sich lieber den Kunstwerken als dem leeren Gefechte seiner Nachbarschaft
hin; endlich aber hört' er von weitem, wie Albano, gleich allen damaligen
Jünglingen, der Himmels-Königin , der Freiheit, jauchzend nachzog, unter den
ewigen Freien und ewigen Sklaven mitgehend nach der damaligen Gleichheit; da
trat er näher und merkte nach seiner Weise an: »die Revolution sei etwas sehr
Grosses; er finde indes an grossen Werken, z.B. an einem Coliseo, Obeliskus, an
dem Flor einer Wissenschaft, an dem Kriege, an der Höhe der Astronomie, der
Physik weniger als andere zu bewundern, denn bloss die Menge in der Zeit oder im
Raume schaff' es, eine beträchtliche Vielheit kleiner Kräfte. Aber nur grosse
achte man178. In der Revolution seh' er mehr jene als diese - Freiheit werde an
einem Tage so wenig gewonnen als verloren; wie schwache Individuen im Rausche
gerade ihr Gegenteil wären, so geb' es auch wohl einen Rausch der Menge durch
die Menge.«
    Bouverot versetzte darauf: »Das ist ganz meine Meinung auch.« Albano
antwortete recht sichtbar nur seinem Vater - weil er den deutschen Herrn tief
verachtete und ihn ganz unwürdig des Genusses hoher Kunstwerke hielt, wofür er
vornehmen Geschmack mitgebracht, obwohl keinen Sinn - und sagte: »Lieber Vater,
die 12000 Juden entwarfen nicht das Coliseo, das sie baueten, aber die Idee war
doch irgendeinmal ganz in einem Menschen, im Vespasian; und so muss überall den
konzentrischen Richtungen kleiner Kräfte irgendeine grosse vorstehen, und wär' es
Gott selber.« - - »Dahin« (sagte Gaspard) »wo alles Göttliche verlegt wird,
magst du es denn auch versetzen.« - Bouverot lächelte. - »Der gallische Rausch«
(versetzte Albano heftig) »ist doch wahrlich kein zufälliger, sondern ein
Entusiasmus, in der Menschheit und Zeit zugleich gegründet; woher denn sonst
der allgemeine Anteil?
    - Sie können vielleicht sinken, aber um höher zu fliegen. Durch ein rotes
Meer des Bluts und Kriegs watet die Menschheit dem gelobten Lande entgegen, und
ihre Wüste ist lang; mit zerschnittenen, nur blutig-klebenden Händen klimmt sie
wie die Gemsenjäger empor.« - »Die Gemsenjäger selber« (sagte der Ritter) »tun
das mehr, wenn sie von der Alpe herabwollen; indes sind solche Hoffnungen
reizend, und wir wollen gern ihre Erfüllung wünschen.« - »Signor Conte« (setzte
Bouverot dazu) »nannte sehr gut den Aufstand einen Rausch. Man schläft ihn aus;
aber am Morgen ist manches zerbrochen und zu bezahlen.« »Rausch?« (sagte Albano)
»Welches Beste ist nicht im Entusiasmus geschehen, und welches Schlechteste
nicht in der Kälte? Welches, Herr von Bouverot? Ja es gibt einen grässlichen,
grimmigen Seelen-Frost, so wie einen ähnlichen physischen, der wie die grösste
Hitze schwarz und blind und wund macht179; so etwas wie die französische
Tragödie, kalt und doch grausam.«
    »Du näherst dich dem Tragischen, Sohn« (unterbrach ihn Gaspard und schützte
den deutschen Herrn)- »Wir dürfen von den Franzosen recht viel politische
Sagazität erwarten, zumal in der Not; das ist ihre Stärke. Darin kommen sie den
Weibern bei Auch sind sie wie die Weiber entweder ungemein zart, sittlich und
human, wenn sie gut sind, oder wie diese ebenso grausam und roh, wenn sie ausser
sich kommen. - Es lässet sich weissagen, dass sie in einem Freiheitskriege, wenn
er ausbräche, an Tapferkeit es allen Parteien zuvortun werden. Das wird sehr
blenden, da doch nichts seltener ist als ein feiges Volk. Man lernt die
Kriegstapferkeit gemässigt schätzen, wenn man sieht, dass die römischen Legionen,
gerade als sie feil, schlecht, sklavisch und zur Hälfte Freigelassene waren,
nämlich unter dem Triumvirat, mutiger stritten als vorher. Für den unbedeutenden
Mordbrenner Katilina stritten und starben die Bürger bis auf den letzten Mann,
und nur Sklaven wurden gefangen.«
    Diese Rede drückte ein heisses Siegel auf Albanos Mund; es schien ordentlich,
als errate ihn der Vater und mache sich die alte Freude, wie ein Schicksal einen
Entusiasmus zu erkälten und Erwartungen Lügen zu strafen, sogar trübe. Der
beleidigte, sich selber ausbrennende Geist blieb nun fest vor Gaspard und
Bouverot zugedeckt.
    Aber seinem Dian zeigt' er alles am Morgen darauf; er wusste, wie dieser mit
dem Arme eines Künstlers und Jünglings zugleich die Freiheitsfahne trug und
schwang, und darum brach er vor ihm das dunkle Siegel seines bisherigen
Trübsinns auf. Er gestand dem geliebtesten Lehrer den grossgewachsenen Vorsatz,
sobald der unheilige Krieg gegen die gallische Freiheit, der jetzt seine
Pechkränze in allen Strassen der Stadt Gottes aushing, in Flammen schlage, an die
Seite der Freiheit zu treten und früher zu fallen als sie. »Wahrlich, Ihr seid
ein wackerer Mensch« (sagte Dian) - »Hätte ich mir nicht Kind und Kegel
aufgehalset, bei Gott! ich zöge selber mit. Der Alte, wie dergleichen, sieht
viel und hört schlecht. Wittern soll er nichts und seine Bestie von Barigello
auch nicht.« Den Kunstrat Fraischdörfer meint' er, den er mit Künstler-Eigensinn
ewig verabscheuete, weil der Kunstrat schlechter malte und besser kritisierte
als er. »Dian, Euer Wort ist schön gesagt, ja wohl macht das Alter physisch und
moralisch weitsichtig für sich und taub gegen den andern«, sagte Albano. »Hab'
ich gut gesprochen, Albano? Aber wahrlich so ist die Sache«, sagt' er, sehr
erfreuet, bei seinem Misstrauen in seine Sprache, über das Lob ihrer Schönheit.
    Nach einiger Zeit sagte der Ritter, gleich als sehe er durch das Siegel
hindurch, einige Worte, die den Jüngling auf allen Seiten griffen: »Es gibt«
(sagt' er) »einige wackere Naturen, die gerade auf der Grenze des Genies und des
Talentes stehen, halb zum tätigen, halb zum idealischen Streben ausgerüstet -
dabei von brennendem Ehrgeize. - Sie fühlen alles Schöne und Grosse gewaltig und
wollen es aus sich wieder erschaffen, aber es gelingt ihnen nur schwach; sie
haben nicht wie das Genie eine Richtung nach dem Schwerpunkt, sondern stehen
selber im Schwerpunkte, so dass die Richtungen einander aufheben. Bald sind sie
Dichter, bald Maler, bald Musiker; am meisten lieben sie in der Jugend
körperliche Tapferkeit, weil sich hier die Kraft am kürzesten und leichtesten
durch den Arm ausspricht. Daher macht sie früher alles Grosse, was sie sehen,
entzückt, weil sie es nachzuschaffen denken, später aber ganz vedriesslich, weil
sie es doch nicht vermögen. Sie sollten aber einsehen, dass gerade sie, wenn sie
ihren Ehrgeiz früh einzulenken wissen, das schönste Los vielartiger und
harmonischer Kräfte gezogen; sowohl zum Genusse alles Schönen als zur
moralischen Ausbildung und zur Besonnenheit ihres Wesens scheinen sie recht
bestimmt zu sein, zu ganzen Menschen; wie etwan ein Fürst sein muss, weil dieser
für seine allseitige Bestimmung allseitige Richtungen und Kenntnisse haben muss.«
    Sie standen gerade, als er dies sagte, auf dem Aventinischen Berge, vor sich
die Cestius-Pyramide, dieses Epitaphium des Ketzer-Gottesackers, worin so
mancher unausgebildete Künstler und Jüngling schläft, und nahe dabei der hohe
Scherben-Berg180 (monte testaccio), wovor Albano immer mit einem ekeln kahlen
Gefühl schaler Ödheit vorbeiging. Der Stoss der väterlichen Ideen gegen seine und
die Verwandtschaft des Scherben-Bergs mit dem Fremden-Kirchhof machten, dass
Albano mehr sich als dem Vater antwortete, mit einem geschmolzenen Eisen-Tropfen
des Unwillens im Auge: »Ein solcher namenloser Töpfer-Berg ist im ganzen auch
die Geschichte der Völker. - Aber man möchte sich doch lieber auf der Stelle
töten, als erst nach einem langen Leben sich so namen- und tatenlos in die Menge
eingraben.«
    Seit seiner Einigkeit mit sich selber wurd' er glücklicher; mit Eifer tat er
sich schon jetzt zum Werk, seiner Natur gemäss, die wie im Samenkorn Stamm und
Wurzel aus einer Samenspitze trieb, Gedanken und Taten.
    Er warf alles andere Treiben weg und studierte alte und neue Kriegskunst,
wozu ihm Dian die Bücher und das Museum borgte und lieferte. Mit namenloser
Entzückung und Erhebung durchlief er wieder die Sonnenkarten der römischen
Geschichte, hier auf dem ausgebrannten Sonnenkörper selber, und oft, wenn er
ihre Entzündungen gezeichnet las, stand er eben in den Kratern, wo sie
aufgegangen waren.
    Dian gab noch dazu seine Kenntnis des kleinen Dienstes und sich gern zu
körperlichen Übungen her, wenn er ihn vorher zu dem Gottesdienste unter Raffaels
Kunstimmel hinaufgezogen, wo Grazien wie Sternbilder im hohen Äter gehen; denn
bei Dian war Leib und Seele ein Guss, der weichste Augennerve und härteste
Armmuskel ein Band. Zuletzt führt' er, da ihm ein Wort viel sauerer wurde als
eine Tat und da er lieber den ganzen Leib als die Zunge regte, dem Grafen einen
rednerischen Kriegs-Genossen zu, einen korsischen Jüngling, lebendig wie aus
lauter Mark des Lebens geformt.
    Beide Jünglinge liebten und übten sich eine Zeitlang in romantischer
Freiheit, ohne einander nur die Namen abzufragen. Sie fochten, lasen, schwammen.
Der Korse vergötterte fast Albanos Gestalt, Kraft, Kopf und Mut und goss sein
ganzes Herz in eines, das er nicht ganz fasste; wie viele Mädchen nirgends als in
der Liebe, so zeigte er nirgends als im Kriegsspiele Seele und Sinn. Albanos
helles Gold spiegelte gefällig die fremde Gestalt zurück, ohne wie Glas dabei
die eigne zu vernichten.
    Einst wurde des Korsen Glut eine Flamme, die das ganze eigne Leben dem
Freunde beleuchtet zeigte und seinen einzigen Zweck und Durst, nämlich den nach
Franzosen-Blut, »den er« (sagt' er) »im kommenden Kriege zu löschen hoffe«. Wär'
ihm Albano ähnlich gewesen, so hätten sie sich wie kämpfende Hirsche in die
Geweihe tödlich verwickelt; denn die störrische, unbiegsame Tapferkeit des
Korsen - mehr eine sinnliche, so wie Albanos seine mehr eine geistige - litt
kein Gegenwort. Gleich seiner Klasse begehrte er auf seine Rede ein recht
starkes Zuwort von Albano; aber dieser sagte: »Das ist eben das Grosse im Kriege,
dass man ohne leidenschaftliche Erbitterung, ohne persönliche Feindschaft alles
kann und wagt, was der Schwächling nur durch sie vermag; wahrlich es wäre edler,
in der Schlacht einen Geliebten als einen Gehassten zu töten.« - »Tolle
Chimären!« (sagte der Korse zornig »wie? du willst die Franzosen töten und sie
doch lieben?« - Albanos Grosssinn warf jede bange Larve ab und sagte: »Mit einem
Wort, ich streite einst für die Gallier mit.« -»Du, Falscher?« (sagte der Korse
»Unmöglich! - Gegen mich?« -»Nein,« (versetzte Albano) »ich bitte Gott, dass wir
uns in jener Stunde nie begegnen.« - »Und ich will ihn recht anflehen,« (sagte
der Korse) »dass wir uns nicht mehr treffen als einmal mit dem Bajonett. Addio!«
So schied er entrüstet von ihm und kam nicht wieder.
 
                                   106. Zykel
Unähnlich andern Vätern war Gaspard gegen Albano seit dem ersten Kriege über den
Krieg noch wie sonst, ja fast besser; mit seiner alten Achtung für jede starke
Individualität nahm er es heiter auf, dass so merklich des Jünglings Sonne in die
Zeichen des Sommers trat und über die Erde sowohl höher stieg als wärmer.
    Er gab ihm den nächsten Beweis dadurch, dass er unter den allmählichen
Anstalten zur Rückreise nach Pestitz ihm einen ganz unerwarteten Wunsch der -
Trennung bejahte. Nämlich Albano, der jetzt wie Efeu mit allen Blüten und
Zweigen immer fester um und in alle Denkmäler der heroischen Vergangenheit ging,
wollte nicht von Rom scheiden, ohne Neapel gesehen zu haben. Zu seiner Sehnsucht
kam noch Dians Begeisterung für dies Tochterland seines Vaterlandes, für dessen
Glanz des Himmels und der Erde, für dessen griechische Trümmer, die der
Baumeister den römischen vorzog. »In Rom« (hatte Dian gesagt) »habt Ihr nur
Vergangenheit, hingegen in Neapel tapfere Gegenwart - ich begleit' Euch hin und
her, und wir gehen zusammen nach Haus. Denn eigentlich versteht Ihr Euch doch
nicht recht auf das Schöne, sondern auf die Natur, auf das Heroische und den
Effekt. Da ist Neapel der Ort.« Der Ritter willigte - obgleich durch Albanos
Erheiterung der ganze Zweck der Reise schon gewonnen war - ohne Zögern in den
Zusatz einer zweiten unter der Bedingung, dass er nicht länger als einen Monat
nachbleibe.
    Aber dieser Zeit, wo sich seine innere Welt so harmonisch stimmen durfte,
kamen feindliche Misstöne immer näher, die er in der Ferne noch für Wohllaut
hielt. Aus seinem unbestimmten Verhältnis mit der Fürstin entwickelte sich
langsam der Misslaut; weil jedes unbestimmte mit Weibern sich endlich hart
entscheidet, seltener zu Liebe als zu Hass.
    Die Fürstin tat und litt bisher alles, um ihm noch früher gefährlich zu
werden als verständlich. Sie spielte Lianen, so gut sie wusste, nach und nahm den
Nonnenschleier einer religiösen Jungfräulichkeit aus ihrer Bühnen-Garderobe
hervor, obgleich genialische Weiber meistens ungläubig sind, wie genialische
Männer gläubig. Sie machte ihn zum Vertrauten ihrer - Vergangenheit und gab die
Geschichte derer, die für sie gestorben waren, oder doch verschmachtet, nach
weiblicher Art mehr froh als reuig; nur das Verhältnis mit seinem Vater liess sie
schonend hinter einem rührenden Leichenschleier auferstehen und ahmte überhaupt
dem Sohne in der Achtung für den Ritter nach, den sie innerlich bitter hasste.
Wenn Albano stundenlang die Gegenwart vergass und starr ins Opferfeuer der
Vergangenheit und Kunst blickte und ihr auf den Bergen seiner Welt Flammen
zeigte, die nicht auf ihrem Altar brannten, so begleitete sie ihn geduldig auf
diesem Kunst-Wege und hielt nur, wo sie konnte, vor Stellen an, wo man einige
Aussicht in die - Gegenwart hatte.
    Er wurde täglich ihr wärmerer Freund, ohne sie nur zu erraten. Nur ein Mann
- keine Frau - kann eine fremde Liebe gänzlich übersehen; die lang übersehene
wird dann selten oder nie eine erwiderte. Albano war zu zart, um in der
Geliebten seines Vaters und in der Frau eines andern und in einer Freundin
seiner eignen Geliebten diesen Wunsch einer Unschicklichkeit vorauszusetzen.
Auch setzt' er auf seinen Wert immer ein ebenso kleines Vertrauen als auf sein
Recht ein grosses.
    Sie zweifelte, aber verzweifelte nicht an einer wärmern Gesinnung. Ein Weib
hofft so lange, als ein zweites nicht mit hofft. Albanos nächtliche Besuche des
Kapitols und Coliseos wurden von nachgeschickten Augen immer seines edlen
Charakters würdig befunden. Täglich lieber wurd' ihr der feste Jüngling durch
sein neues Aufblühen und durch seine männliche Entwickelung. Zuweilen hoffte sie
stark, von seiner freundschaftlichen Redlichkeit und von jener heroischen
Schwermut bestochen, die ihr sonst aus keiner Ferne und Nähe zu erklären war.
Dieses ihr ungewohnte Auf- und Niedersteigen auf ihren Wellen erschütterte ihre
Gesundheit und ihren Charakter, und sie wurde wider Willen der Liane ähnlicher,
mit deren Taubengefieder sie sich anfangs nur weiss schmücken wollen - der
glänzende Sonnenregenbogen wurde ein Mondregenbogen - sie warf mit ihren starken
Kräften die Hälfte ihres vorigen Selbstes weg, die Putz-, Kunst- und Gefallsucht
und sie wurde heftig getroffen, wenn eine Römerin mit südlicher Lebhaftigkeit
oft hinter dem vorbeigehenden Grafen ausrief: »Wie schön er ist!« - Schwer wurde
sie für ihr früheres mutwilliges Lustspiel mit fremden Herzen und Leiden
gezüchtigt durch das eigne; aber in solchen dunkeln Tagen wurzelt eben die Liebe
mehr, wie man Bäume am besten an wolkigen impft.
    Albano merkte ihre Veränderung; die reizende Schwermut ihres sonst kräftigen
Gesichts, dieser Widerschein ihres stillen Nebels, bewegte ihn zur teilnehmenden
Frage über ihr Glück. Sie antwortete immer so verworren und verwirrend -
zuweilen sogar bei Albanos Scharfsinn mit dem Glauben an dessen Verstellung und
Bosheit -, dass sie ihn in den sonderbarsten Irrtum führte.
    Nämlich bei so grosser Gewissheit, dass ein Erdschatte durch ihr ganzes
jetziges Leben gehe und nicht rücke, musst' er den Weltkörper dazu suchen; -
dieser ward ihm Gaspard, den sie, wie er glaubte, noch liebe. Er führte diese
Vermutung leicht durch alle ihre frühern Gespräche und Blicke hindurch; - es war
so natürlich, dass die früher durch einen Tron Getrennten sich jetzt im schönen
Lande der freien Verhältnisse wieder zusammensehnten; - noch dazu hatte der
Ritter nach seiner unerbittlichen Ironie ihren Schein, ihn zu suchen, auch mit
Schein, nämlich mit Ernst aufgenommen und sich daher immer zu ihrem Genusse des
Sohnes als Zukost gesetzt und einen Nachwinter in den Frühling verlegt; - diesen
doppelten Schein rief Albano zurück als doppelte Wahrheit. -
    Da trat das Schicksal plötzlich unter seine neuen Schlüsse - sein Vater
wurde bedenklich krank an einem entnervenden Frühlingsfieber unter dem Scirocco
-Wind. »Nimm keinen besondern Teil« (sagte Gaspard zu ihm) »weder an meinen
Leiden noch Äusserungen; ich habe in solchem Zustande eine Erweichung, deren ich
mich nachher schäme und doch nicht erwehre.« Albano wurde von manchen
unerwarteten Herzens-Ausbrüchen des kranken Mannes bis zur wärmsten Liebe
bewegt. Wenn die Ruinen eines Tempels wehmütig begeistern, dacht' er, warum
sollen es mich nicht noch mehr die Ruinen einer grossen Seele? Es gibt Menschen
voll kolossalischer Überreste, gleich der Erde selber; in ihrem tiefen, schon
erkalteten Herzen liegen versteinerte Blumenbilder einer schönern Zeit; sie
gleichen nordischen Steinen, auf welchen Abdrücke indischer Blumen stehen.
    Die Krankheit grub unter sich. Gaspard blieb ohne Teilnahme an sich selber;
nur seine Geschäfte, nicht sein Ende bekümmerten ihn. Mit seinem Schwiegervater
Lauria hielt er geheime Unterredungen, um auf sein Leben das schwarze
Gerichtssiegel schliessend zu drücken. Ein Eilbote musste fertig stehen, um nach
seinem Todesaugenblick mit einem Brief zu Linda zu fliegen, sein Sohn sollte
einen selber erbrechen und einen versiegelten an die Fürstin übergeben. Sehr
hart und gebietend benahm er sich gegen diesen, als er von ihm den Eid begehrte,
sogleich nach seinem Tode nach Pestitz abzureisen. Denn da Albano, der so gern
Neapel sah und dem alle diese den väterlichen Tod voraussetzenden Bedingungen
schwer ankamen, zögernd weigerte, so sagte Gaspard: »das sei so recht menschlich
und üblich, fremde Schmerzen ungemein zu beklagen und redlich mitzufühlen, sie
aber ohne Anstand zu schärfen, sobald das Geringste getan werden solle.« Albano
gab das Wort und den Eid; und zeigt' es ihm nie mehr, wenn er weinte aus
Kindesliebe.
    Unerwartet erschien vor diesem Krankenbette Gaspards nächster und frühester
Anverwandter, sein Bruder. Albano stand dabei, als das seltsame Wesen ankam und
den Todkranken ansprach und zwei starre gläserne Augen, als wären sie
eingesetzte, weit von dem wegdrehte, womit es redete - so phantastisch und doch
voll kalter Welt gegen den sterbenden Bruder - mit hängender Gesichtshaut auf
bedeutenden Gesichtsknochen - ein aufgerichteter falber Werwolf, erst aus der
tierischen Haut in die menschliche getrieben - gleich dem Würgengel, ein
Würgmensch und doch ohne Leidenschaft. - Es streckte nach Albano die lange Hand
aus, aber dieser, von etwas Unnennbarem abgestossen, konnte sie nicht anfassen.
Dieser Bruder sagte, er komme von Pestitz - übergab zwei Briefe daraus, einen an
Gaspard, einen für die Fürstin - und fing an, einiges über seine Reisen zu
sagen, was ungemein scharfsinnig, phantastisch, gelehrt, unglaublich und oft
recht unverständig schien. Einmal sagte Albano »Das ist geradezu unmöglich.« Er
fing die Erzählung wieder an, machte sie noch unglaublicher und beteuerte, es
sei so in der Tat. Darauf ging er fort, wie er sagte, nach Griechenland, und
nahm vom sterbenden Bruder den kühlsten Abschied.
    Gaspard sagte jetzt zu Albano: »er möge nach seinem Tod diesen Sonderling,
wenn er ihm nahe komme, recht wägen oder lieber meiden, da er nie ein wahres
Wort sage, bloss aus reiner Freude an reiner Lüge ohne Eigennutz; noch mehr«
(fuhr er fort) »weiche dem tiefen tödlichen Skorpionstachel Bouverots aus, so
wie seinem betrügerischen Spiel.« Albano wunderte sich über die Ansicht dieser
Anrede (freudig über die moralische Schärfe), da er bisher ganz andere
Gesinnungen für Bouverot im Vater anzutreffen geglaubt.
    Am Tage darauf fand er den Vater schon wieder auf der Treppe aus der Gruft.
Der Eilbote wurde abgedankt - alle Briefe zurückgefodert - der Fürst Lauria
stand heiter da -: »Bloss eine fremde Krankheit hat meine geheilt«, sagte der
Vater. Der Brief, den ihm der Bruder aus Pestitz gebracht, hatte die Nachricht
entalten, dass sein alter Freund, der dasige Fürst, der letzten Stunde schnell
zueile, weil man seine Wassersucht bloss für Embonpoint gehalten und ihn
versäumet habe. - »Ich hoffe,« (sagte Gaspard) »durch meinen Anteil so heilsam
erschüttert zu sein, dass ich noch früh genug die Reise zur letzten Stunde der
Freundschaft zu machen vermag.« Er setzte dazu, dass dann diese Reise wieder Bahn
zu Albanos seiner nach Neapel mache.
    Da kam die Fürstin in der Bestürzung über den Brief, der ihres Gemahls
Gefahr und ihre Abreise ansagte. - Gaspard antwortete mit einem verlangenden
Winke zur Einsamkeit, den er dem Sohne gab. Sie blieben lange allein. Endlich
kam die Fürstin verändert wieder und bat ihn fast stotternd, heute sie in die
Opera seria zu begleiten. Sie war bewegt und verlegen, ihre Augen schimmernd,
ihre Züge begeistert; - auch den Vater fand er aufgeregt, aber wie gestärkt.
    Hier schoss ihm ein langer Mittagsstrahl durch den ganzen bisherigen Irrwald,
nämlich die bestätigte Vermutung der Liebe seines Vaters, die jetzt durch die
annahende Lösung der Ehekette der Fürstin und in der kränklichen Erweichung
stärker ausgebrochen sei; daher Gaspards Brief an die Fürstin, daher ihr
Beisammenbleiben in Rom und auf dem Wege dahin u.s.w.
    Nie liebte Albano seinen starken Vater mehr als nach dieser Entdeckung einer
zärtern Gesinnung; und gegen die Fürstin wurde nun sein Herz aus einem Freunde
auf einmal ein Sohn. Da er ohnehin von den fünf Treffern der menschlichen
Erb-Liebe nur einen, den Vater, (keine Mutter, keinen Bruder, keine Schwester
und kein Kind) gewonnen: so war er so neu entzückt über den Gewinn einer Mutter.
Was die Achtung tun, die Wärme sprechen und die Hoffnung verraten durfte, das
liess er zu.
    Es war eine Nacht, wo in Rom schon wieder der Frühling Blumen durch die
Wolken des Winters warf. Im Schauspielhause gab man Mozarts Tito. Wie nimmt den
Menschen auf fremdem Boden das vaterländische Lied dahin, das ihm nachgezogen!
Die Lerche, die über römischen Ruinen gerade so singt wie über deutschen
Feldern, ist die Taube, die uns mit ihrem bekannten Gesang den Ölzweig aus dem
Vaterland bringt. - Bis hieher hatte Albano auf dem Alpenwege über Ruinen das
Auge straff nur durch die künftige Kriegs-Laufhahn blicken lassen und es selten
gen Himmel gehoben, wo die verklärte Liane war, und hatte gewaltsam jede Träne
darin zerstäubt. Aber jetzt hatte der kranke Vater den Vorhang des
unterirdischen Bettes aufgezogen, wo ihre Hülle schlief. Nun drang auf einmal
der helle Strom der Töne, der durch seine Jugendländer, in seinen Paradiesen
gegangen war, über die Gebürge herüber und rauschte mit den alten Wellen herab
so nahe an ihm. Anfangs wehrte sich sein Geist gegen die alte eingeschlafne
Zeit, die im Schlummer sprach; aber als endlich die Töne, die Liane selber einst
vor ihm gespielet und gesungen hatte, über die Bahre der Gebürge herüberkamen
und sich herunterhingen als glänzende Teppiche der goldnen Tage; als er daran
dachte, welche Stunden er und Liane hier gefunden hätten, aber nicht fanden: da
lief der schwarze Gram wie ein böser ausplündernder Genius die Tonleiter hinauf,
und Albano sah seinen entsetzlichen Verlust hell im Himmel stehen. Da kehrt' er
das Auge nicht gegen die Fürstin, aber in der Weihe der Töne drückt' er die
Hand, an der einst die Verklärte hatte in diese Gefilde kommen sollen. Spät
sagte er: »Ich werde mich im reichen Neapel immer sehnen nach meiner einzigen
Freundin und den Glücklichen beneiden, der sie begleiten darf.« Sie kam in grosse
Bewegung über diese neue Nachricht von seinem trennenden Abweg, und in eine noch
grössere über seine leidenschaftliche Veränderung, die sie mit der reichsten
Aussteuer für ihre zartesten Hoffnungen aus ihrer Abreise und sogar aus ihres
Gemahls bevorstehender herzuleiten wusste. Aber sie verbarg die grössere Bewegung
hinter die kleinere. Beide schieden mit gegenseitigen Freuden und Irrtümern
auseinander. Albano wurde immer seliger durch den genesenden Vater; die Fürstin
wurd' es durch den wärmern Sohn, und ihr Leben stieg aus dem Kriegsschiff in ein
fliegendes Friedensschiff über. So kamen beide immer dichter an den Vorhang,
dessen Gemälde sie für die Bühne selber hielten, um desto mehr zu staunen, wenn
er aufging.
 
                                   107. Zykel
Im Ritter war das vertrocknete Bette des Lebens wieder reichlich angequollen
durch die Erschütterungen seines Herzens; - eben weil er in gesunden Tagen sich
gleich Bergen durch Eis und Moos zusammenhielt, so stellte in kranken, schien
es, eine rechte innere Bewegung leichter die alte Kraft und Ruhe wieder her. Er
rüstete sich zum Reisen, das am besten seinen eigensinnigen Körper auf- und
nachbauete. Die Fürstin verschob das ihrige von Tag zu Tag, bloss in der festen,
feurigen Erwartung, Albano werde ihr das schönste Endwort ihres ganzen Lebens
mitgeben auf den Weg. In Albano war die Sehnsucht nach - Spanien aufgewacht im
blühenden Land, und Neapel, hofft' er, werde sie stillen. Der Frühling dämmerte
schon in Rom und ging auf in Neapel - die Nächte durchsang die Nachtigall und
der Mensch und die Mandelbäume blühten überall. Aber es schien, als ob die drei
Menschen mit dem Reisen aufeinander warteten. Konnte die Fürstin von dem Herzen
eilen, auf welchem ihr Dasein blühte und wurzelte, gleich einem abgerissenen
Rosmarinzweige, dessen Wurzeln zugleich mit denen eines keimenden Weizenkorns
doppelt in die Erde greifen? - Auch Albano wollte nicht die Stunde
beschleunigen, die ihn zugleich von dem Vater und der Freundin in ferne
Erd-Ecken warf, jene in den Nachwinter, ihn in den Vor- und Nachfrühling; -
gerade jetzt am wenigsten; sein Geist hatte sich durch den Entschluss zum Kriege
befriedigt und versöhnt mit sich, sein Portici war glänzend aufgebauet auf dem
verschütteten Herkulanum seiner Vergangenheit.
    Ein Brief von Pestitz entschied - der todkranke Fürst schrieb an die Fürstin
und bat um das Wiedersehen - der Brief war ein Feuer, das den gemeinschaftlichen
Boden, und wer darauf stand, auseinandersprengte - die drei Verbündeten fassten
den Schluss, an einem Tage abzureisen, an einem Morgen, so dass eine Morgenröte
ihr Gold zugleich in drei Reisewagen würfe.
    Noch etwas begehrte die Fürstin am Abend vor der Abreise: am Morgen Albanos
Begleitung auf die Peterskuppel; sie wollte Rom noch einmal in die scheidende
Seele fassen, wenn es Morgenrot und Morgenglanz bedeckten. Auch Albano wollte
gern den Most einer feurigen Stunde trinken, der sich zu einem ewigen Wein für
das ganze Leben aufhellt; denn er wusste nicht, dass die lebhafte Fürstin - noch
lebhafter durch Italien -, nach langem Harren auf das schönste Wort von ihm,
endlich zornig sich in eine Abschiedsstunde wagte, in der es ihm entfahren
sollte.
    Früh vor Sonnenaufgang, wo in Rom noch mehrere einschlafen als aufstehen,
holte er sie ab; nur ihre treue Haltermann begleitete sie. Von der durchwachten
Nacht glühte sie noch und schien sehr bewegt. Rom schlief noch; zuweilen
begegneten ihnen Wagen und Familien, die eben ihre Nacht beschliessen wollten.
Der Himmel stand kühl und blau über dem dämmernden Morgen, dem frischen Sohn der
schönen Nacht.
    Der weite Zirkus vor der Peterskirche war einsam und stumm, wie die Heiligen
auf den Säulen; die Fontänen sprachen; noch ein Sternbild erlosch über dem
Obeliskus. - Sie gingen die Wendeltreppe von andertalb hundert Stufen auf das
Dach der Kirche und kamen aus einer Gasse von Häusern, Säulen, kleinen Kuppeln
und Türmen durch vier Türen in die ungeheuere Kuppel in eine gewölbte Nacht -
unten in der Tiefe ruhte der Tempel wie ein weites finsteres einsames Tal mit
Häusern und Bäumen, ein heiliger Abgrund, und sie gingen nahe vor den
musivischen Riesen, den farbigen breiten Wolken am Himmel des Doms vorbei.
Während sie in der hohen Wölbung stiegen, blinkte immer röter Aurorens
Goldschaum an den Fenstern, und Feuer und Nacht schwammen im Gewölb' ineinander.
    Sie eilten höher und blickten hinaus, da schon ein einziger Lebensstrahl wie
aus einem Auge hinter dem Gebürg in die Welt zückte - um den alten Albaner
rauchten hundert glühende Wolken, als gebäre sein kalter Krater wieder einen
Flammentag, und die Adler flogen mit goldnen, in die Sonne getauchten Flügeln
langsam über die Wolken. - Plötzlich stand der Sonnengott auf dem schönen
Gebürg, er richtete sich auf im Himmel und riss das Netz der Nacht von der
bedeckten Erde weg; da brannten die Obelisken und das Coliseum und Rom von Hügel
zu Hügel, und auf der einsamen Campagna funkelte in vielfachen Windungen die
gelbe Riesenschlange der Welt, die Tiber - alle Wolken zerliefen in die Tiefen
des Himmels, und goldnes Licht rann von Tuskulum und von Tivoli und von
Rebenhügeln in die vielfarbige Ebene, an die zerstreueten Villen und Hütten, in
die Zitronen- und Eichenwälder - im tiefen Westen wurde wieder das Meer wie am
Abend, wenn es der heisse Gott besucht, voll Glanz, immer von ihm entzündet und
sein ewiger Tau.
    In der Morgenwelt lag unten das grosse stille Rom ausgebreitet, keine
lebendige Stadt, ein einsamer ungeheuerer Zaubergarten der alten verborgnen
Heldengeister, auf zwölf Hügel gelegt. - Der menschenlose Lustgarten der Geister
sagte sich durch die grünen Wiesen und Zypressen zwischen den Palästen an und
durch die breiten offnen Treppen und Säulen und Brücken, durch die Ruinen und
hohen Springbrunnen und den Adonisgarten und die grünen Berge und Götter-Tempel;
die breiten Gänge waren ausgestorben; die Fenster waren vergittert; auf den
Dächern blickten sich die steinernen Toten fest an - nur die glänzenden
Springwasser waren rege, und eine einzige Nachtigall seufzete, als sterbe sie
zuletzt.
    »Das ist gross,« (sagte endlich Albano »dass unten alles einsam ist und man
keine Gegenwart sieht. Die alten Heldengeister können in der Leere ihr Wesen
treiben und durch ihre alten Bogen und Tempel ziehen und oben an den Säulen mit
dem Efeu spielen.«
    »Nichts« (versetzte die Fürstin) »mangelt der Pracht als diese Kuppel, die
wir auf dem Kapitolium gar dazu sähen. Aber nie werd' ich diese Stelle
vergessen.«
    »Was wär' es sonst mit allem!« (sagt' er) »Ohnehin gehen die flachen
Gegenden des Lebens ohne Merkmal vorüber, aus mancher langen Vergangenheit
schlägt kein Echo zurück, weil kein Berg die breite Fläche stört! - Aber Rom und
diese Stunde neben Ihnen leben ewig in uns.«
    »Albano,« (sagte sie) »warum muss man sich so spät finden, und so früh
trennen? Dort geht Ihr Weg neben der Tiber her, Gott gebe in kein
verschlingendes Meer!«
    »Und dort geht Ihrer über die hellen Berge«, sagt' er. Sie nahm seine Hand,
denn sein Ton war so bewegt und bewegend. Göttlich leuchtete die Welt von den
dunkeln Frühlingsblumen bis zum hellen Kapitol empor, und die Horen-Glocken
tönten herauf - die Freudenfeuer des Tags loderten auf allen Höhen - das Leben
wurde weit und hoch wie die Aussicht - sein Auge stand unter der Träne, aber
keiner trüben, sondern unter jener, wo es wie das Weltauge unter dem Wasser
sonnig glänzt und höhere Farben hat, welche die trockne Welt verzehrt. - Er
drückte ihre Hand, sie seine. - »Fürstin, Freundin,« (sagt' er) »wie acht' ich
Sie! - Nach dieser heiligen Stunde trennen wir uns - ich möchte ihr ein
unvergängliches Zeichen geben und meinem Vater ein kühnes Wort sagen, das mich
und meine Achtung ausspräche und das wohl manche Rätsel lösete.«
    Sie schlug das Auge nieder und sagte bloss: »Dürfen Sie wagen?« - »O
verbieten Sie es nicht!« (sagte er) »So manches Götterglück ging durch eine
zaghafte Stunde verloren. Wenn soll denn der Mensch ungewöhnlich handeln als in
ungewöhnlichen Lagen?« Sie schwieg, den Morgenlaut seiner Liebe erwartend, und
beide gingen im fortgesetzten Handdruck von der hohen Stelle herab. Albans Wesen
war eine bebende Flamme. Die Fürstin begriff nicht, warum er noch diesen
Frühlingston verschiebe; er erriet sie ebensowenig, ungeübt, die Weiber und
deren halbe abgeteilte Wörter zu lesen, diese Bildergedichte, halb Gestalt und
nur halb Wort. - Gleichsam als wäre ein Adler aus seinem Morgenglanz
herabgeflogen und hätte als ein Raub-Genius die Flügel über seine Augen
geschlagen: so hatt' ihn der leuchtende Morgen so sehr verblendet, dass er wagen
wollte, jetzt in der Abschiedsstunde zwischen seinem Vater und der Fürstin der
Mittler durch ein Wort zu werden, das beiden die Scheidewand zwischen ihrer
Liebe wegzöge. Vieles wandt' ihm seine Zarteit dagegen ein, aber gegenüber
einem wichtigen Ziele verabscheute er nichts so sehr als zagende Vorsicht; und
Wagen hielt er für einen Mann so viel wert als Gewinnen.
    Die Fürstin, missverstehend, doch nicht misstrauend, folgte ihm in des Vaters
Haus, mit einer Erwartung - kühner als seine -, er bekenne vielleicht gar dem
Ritter die Liebe gegen sie. Sie fanden den Vater allein und sehr ernst. Albano
fiel ihm, wiewohl er dessen Abneigung gegen körperliche Herzenszeichen kannte,
um den Hals mit den halb erstickten Worten des Wunsches: »Vater! Eine Mutter!« -
Zu diesem kindlichen Verhältnis hatte sich sein bisheriges gehoben und
gereinigt. »Gott, Graf!« rief die Fürstin, über Albano bestürzt und entrüstet. -
Der zornfunkelnde Ritter ergriff voll Entsetzen eine Pistole, sagte:
»Unglückliches -«, aber ehe man nur wusste, auf wen von drei Menschen er sie
abdrücken wolle, fasste ihn seine Starrsucht und hielt wie eine umwindende
Schlange ihn in der mörderischen Lage gefangen. »Graf, verstand ich Euch?« sagte
die Fürstin wegwerfend gegen ihn, gleichgültig gegen den versteinerten Feind. -
»O Gott,« (sagte Albano, von der väterlichen Gestalt bewegt) »ich verstand wohl
niemand.« - »Das konnte« (sagte sie) »nur ein Unwürdiger. Lebt wohl. Mög' ich
niemals Euch mehr begegnen!« - Dann ging sie.
    Albano blieb, unbekümmert, ob er nicht selber mit der Pistole gemeint sei,
bei dem Kranken, der einer vornehmen Männer-Leiche gegenüber entgegenstarrte,
die man eben zu schminken beschäftigt war. Allmählich rang sich das Leben wieder
aus dem Winter auf, und der Ritter setzte, wie Starrsüchtige müssen, die mit dem
Worte »unglückliches« angefangne Anrede so fort: »Weib, von wem bist du Mutter?«
- Er kam zu sich und sah wach umher; aber schnell rann wieder die Lava des Zorns
durch seinen Schnee: »Unglücklicher, wovon war die Rede?« Albano entdeckte ihm
mit gerader unschuldiger Seele, dass er bei dem wahrscheinlichen Tode des Fürsten
auf eine Vereinigung zwischen beiden und auf das Glück, eine Mutter zu erhalten,
sich die Hoffnung gemacht.
    »Ihr junges Volk bildet euch immer ein, man könne keine echte Liebe haben,
ohne sie nach aussen zu treiben und auf jemand zu richten«, versetzte Gaspard und
fing an, hart zu lachen und das »sentimentalische Missverständnis« sehr komisch
zu finden; aber Albano fragte ihn nun sehr ernst nach dem Ursprunge des
seinigen. Gaspard gab ihm diesen. Neulich in seiner Krankheit hatt' er bei der
ersten Nachricht von des Fürsten naher Abblüte einen erbitterten Kampf mit der
Fürstin, welche in dessen Todesfalle eine Regentschaft - oder Vormundschaft -
begehrte, schon wegen der Möglichkeit eines Fürstenhut-Erben. Der Ritter sagt'
ihr geradezu, diese Möglichkeit sei eine Unmöglichkeit und er werde mit neuen,
ihr unbekannten Beweisen sie ohne weiteres angreifen. Er gab ihr geradezu zu
verstehen, dass er sogar gegen den Fall gerüstet sei, wo ein augenscheinlicher
Beweis des Gegenteils (ein Erbprinz) ihm entgegengestellet würde. Die Fürstin
versetzte erbittert, sie errate nicht, warum er für die haarhaarsche Linie und
Erbfolge sich im geringsten mehr bekümmere und sorge als für die Hohenfliesser.
Er brachte sie bis zu Tränen; denn er konnte ohne Schonung ihr die grausamsten
Worte wie Widerhaken tief ins Herz werfen; er hatte die vollendete
Entschlossenheit eines Staatsmannes, der wie ein grosser Raubvogel das Opfertier,
das er nicht bezwingen oder schleppen kann, an einen Abgrund treibt und mit den
Flügeln hinunterschlägt, um es drunten besiegt zu finden. Ein Leben, das, so wie
es fortrückt, gleich den fortrückenden Gletschern, alte Leichen aufdeckt! So wie
der Glückliche seine Liebe eines Individuums wärmend über die Menschheit
ausbreitet, so hält der Menschenfeind den stechenden Brenn- oder Frostpunkt
seiner weiten Kälte gegen die Menschheit auf einen grossen Feind allein, indes
vorher jede kleinere Beleidigung dem Einzelnen vergeben und nur der gesamten
Menschheit angeschrieben wurde.
    Das war also jene geheime Unterredung, deren Spuren Albano für schönere
Bewegungen genommen hatte als des Hasses. »Als du nun« (sagte der Ritter jetzt
geradeheraus, um mit der schneidenden Frechheit sein Hochgefühl zu strafen) »die
kurz- und dunkelgefasste Anrede: Eine Mutter! hieltest, musst' ich dich für den
Vater nehmen, und daraus magst du leicht das übrige erklärn.« - »Vater,« (sagt'
er) »das war schreiend unrecht gegen jeden«; und schied mit drei heissen Wunden,
vom Dreizack des Schicksals gerissen. Beim Abschiede erinnerte ihn Gaspard, sein
Wort der monatlichen Zurückkunft zu halten, und fügte noch scherzend bei: »Der
Alte, den man drüben schminke, sei ein deutscher Herr, womit er ehedem wohl den
Spass getrieben, ihn eilig zu bekehren.«181
    Noch in dieser Stunde reisete Albano mit seinem Dian aus dem erleuchteten
Rom. Auf den Höhen und auf der Peterskuppel wogte herunterschwebend der blaue
Himmel, und lange Schatten schliefen noch, mit Tauperlen umkränzt, auf den
Blumen; aber der selige Morgen war weit zurückgeflohen aus dem harten Tage.
Beide begegneten vor dem Tore einer Kreis-Menge, die um einen schönen Ermordeten
stand und, statt unwillig über den Mörder, freudig über die Gestalt wiederholte
»Quanto è bello!«182 - und Albano dachte daran, wie oft man hinter ihm gesagt:
»Quanto e bello!«
 
                         Achtundzwanzigste Jobelperiode
Brief aus Pestitz - Mola - die Himmelfahrt eines Mönchs - Neapel - Ischia - die
                                neue Göttergabe
                                   108. Zykel
Ein kleines Licht in unserm Zimmer kann uns gegen das Blenden des ganzen
himmelbreiten Blitzes schirmen; so braucht es in uns eine einzige fortleuchtende
Idee und Tendenz, damit uns der schnelle Flammen-und Licht-Wechsel von aussen
nicht betäube. Hätte Albano nicht ein weit zu sehendes Ziel, einen Obeliskus in
seiner Lebensbahn vor seinem Auge behalten: wie lange würde ihn die letzte Szene
mit ihren durcheinandergreifenden Schmerzen verwirret haben! - Jetzt glich er
den angezündeten Öl- und Lorbeerblättern um ihn, deren Flammen so gut grünen wie
sie selber.
    Dian, der fremde Schmerzen wegtrieb, weil er leicht beweglich bald aus einem
Zuschauer derselben ein Mitspieler wurde, machte Albano und sich durch seine
feurige Teilnahme an jeder schönen Gestalt, an jeder Ruine, an jeder kleinen
Freude heiter. Er hatte die schöne seltene Gabe, auf Reisen froh zu sein, jede
Blume zu brechen, aber keine Distel; indes der grössere Teil mit der Schlafmütze
unter dem Hute, von Station zu Station unter dem Fahren gähnend und im murrenden
Kriege mit jedem Gesichte, ganze Paradiese wie Vorhöllen durchziehet.
    In den leeren pontinischen Sümpfen, worin nur Büffel gedeihen und die
Menschen erbleichen, suchte Dian alles und auch seine Brieftasche hervor, um
über das letzte Fischwasser des Kirchenstaats aus Petrus-Nachfischern zu kommen,
ohne tödlich einzuschlafen. Da stiess er mit einem neu-griechischen Fluch auf
einen Brief an Albano, der in einen von Chariton eingeschlossen gewesen und den
er in Rom in der Eile der Abreise zu geben vergessen; aber er lachte bald
darüber und fand es gut, dass man in diesem »Teufelstal« etwas gegen den Schlaf
zu lesen habe.
    Es war folgender von Rabette:
    »Herzlieber Bruder, man möchte wohl wissen, ob du noch ein bisschen an deine
Blumenbühler denkst, da du in dem prächtigen Italien gewiss ganz in deinem Essee
bist, dass du in unser aller Herzen lebst, das weisst du längst, und du solltest
nur wissen, wie lange wir alle bei deinem Abschied um dich geweinet haben,
sowohl die Mutter als ich, und ein Gewisser183 denkt jetzunder ganz anders von
dir als vordem. In diesem Winter fiel viel vor. Die Ministerin hat sich von
ihrem Gemahl geschieden und lebt auf ihrem Gute, zuweilen in Arkadien bei der
Prinzesse Idoine, unser Fürst ist an der Wassersucht gefährlich krank, und kann
der Vater ein Stück Arbeit von der Landschaft dabei kriegen, wie er sagt. Dein
Schoppe ist auf ein paar Monate verreiset mit Zurücklassung eines Briefs an
dich, den er dem Vater anvertrauet. Er hielt sich letztlich bei uns auf in
deiner Stube und besuchte fleissig die Gräfin Romeiro. Es ist schade für ihn,
denn er meints gut, aber der Magister Wehmeier und wir alle im Orte sind
überzeugt, dass er in kurzen toll wird, und er glaubts auch und sagt, er bestelle
deshalb schon sein Haus. Was die Gräfin Romeiro anlangt, so ist sie mit der
Prinzess184 abgereiset, kein Mensch weiss aber wohin, man sagt, der Fürst hab' ihr
zu deutliche attentions bewiesen und sie sei lieber fort nach Spanien. Andere
reden von Griechenland, aber mich versichert der Gewisse, sie sei nach Rom zu
ihrem Vormund, das wirst du nun besser wissen als ich. Der Gewisse unternahm
alles Menschmögliche, sie zu gewinnen, teils durch Briefe, teils selber,
umsonst, keinen guten Blick konnt' er erlangen, sooft er sie auch bei cour
anredete. Das alles hab' ich (wirst du es glauben?) aus seinem Munde, denn er
ist wieder oft bei mir und vertraut mir sein ganzes Herz. Meines aber halt' ich
fest zusammen, dass nur kein Blutströpfchen daraus quillt, und Gott allein sieht,
wie es darin hergeht und weint. Ach Albano, ein armes Mädchen, das gesund ist,
muss viel ausstehen, eh' es sterben kann. Oft kann mein Auge nicht länger trocken
bleiben, und ich sage dann, sein Reden tu' es, was doch teils auch wahr ist, dir
aber zeig' ich das dessous des cartes. - Nie, nimmer kann ich mehr die Seinige
werden, denn er hat nicht redlich an mir gehandelt, sondern ganz ruchlos, und er
weiss es auch. Es wird ihm auch kein Kuss gestattet, und ich sag' ihm, er möge das
nur nicht um Gottes Willen für eine kokette Manier halten, ihn an mich zu
ziehen. Die guten Eltern wissen nicht recht, was sie aus unserem Umgang machen
sollen, und ich fürchte, der Vater bricht los, dann hab' ich sehr bittere Tage.
Aber soll ich das arme kranke blasse Gemüt auch von mir verstossen, soll die
glühende Seele wie Rauch verduftend gen Himmel steigen und sich konsumieren? Wem
will nicht das Herz zerspringen, wenn er bei einem Festin ist und sie
seinetwegen sogleich beleidigt nach Hause zurückfährt, wie neulich geschah und
er mir im vollen Toben sagte: Gut, gut, Linda, einmal wird dir doch um mich dein
Auge nass. Da weiss ich ja, dass er nichts Gutes meint, und ich schone ihn aus
Angst davor; sollen denn die zwei Geschwister in ihrer Blüte untergehen? Er wäre
ihr längst nachgereiset, wenn er nicht täglich hoffte, sie komme wieder. Ach
könnt' ich mein liebendes Herz aus meiner Brust ausreissen und in ihre einsetzen
statt des andern, damit sie ihn recht liebte mit meiner ganzen Liebe, Albano,
ich wollt' es gerne tun. Das Papier geht aber auf dieser Seite zu Ende, und die
Mutter will auf die andere einen Gruss schreiben. Lebe wohl, das wünscht
                             deine treue Schwester
                                    Rabette.
Wie geht es meinem teuersten Sohn? Ist er glücklich, noch fromm, und gesund?
Denkt er seiner treuen Pflegeeltern noch? Das fragt und wünscht im Namen des
Vaters und in ihrem eignen
                               seine treue Mutter
                                  Albine v. W.
P.S. Auch der alte Lehrer Wehmeier grüsset seinen Liebling in fernen Landen; und
wir alle freuen uns auf seine Wiederkehr. A.
    P.S. Bruder, ich muss auch ein P.S. machen, Schoppe hat die Bewusste gemalt,
und auch daraus entstanden Szenen. Aber ein Mehres mündlich. Die Prinzesse
Idoine fuhr diesen Winter oft zu unserer.
                                                                             R.«
Da Briefe sich mehr nach dem Orte, wo sie geboren, als nach dem, wo sie
abgegeben werden, richten: so kommt oft, was als Same abging, schon keimend und
mit Wurzeln an nach dem langen Wege und umgekehrt Blüten als trockner Same; und
jedes Blatt ist eine Doppelgeburt von zwei fernen Zeiten, der schreibenden und
der lesenden. So wurde jetzt Albano unter diesem hellern Himmel, auf diesem
Boden einer grössern Vorzeit und mit dem Geiste voll neuer Triebfedern weniger
von Rabettens Brief, durch welchen die nordischen Winternebel zogen, erreicht
und verfinstert. Die redliche Rabette, die linde Albine kamen ihm nur sanft über
die fremden Berge und Lüfte nach und legten an seine heisse Stirn die kühlende
Hand; sein alter Schoppe stand in alter Würde vor ihm, und Liane schwebte wieder
durch das hohe Blau. Gegen den verwitterten Roquairol fühlt' er nicht einmal
Mitleid, sondern eine harte Geringschätzung; und Lindas standhafter Sinn war
recht nach seinem, wie der stolze Blick und Gang der Römerinnen. Jetzt dacht' er
über manches heiterer als sonst und wünschte sogar, einmal jener Heroine ins
Zauber-Gesicht zu schauen.
    In Fondi fing der neapolitanische Weltgarten an, und sie fuhren auf dem Wege
nach Mola in immer dichtere Blüten und Blumen. In fliegenden Blättern -
vielleicht an seinen Vater, noch wahrscheinlicher an seinen Schoppe - sprach
sich sein Glück und seine Seele aus; sie bewahrten gleichsam einige entfallne
Orangenblüten des schnell durchflognen Edens auf. Hier sind sie:
    »Kurz vor Sonnenuntergang kamen wir am Himmelfahrtstag in Mola an, der
eingeborne Dian war ebenso überwunden von der grünenden Herrlichkeit, die er
lange nicht gesehen, wie ich, und ich glaub' ihm noch nicht, dass es um Neapel
schöner blühe und dufte. Ich ging gar nicht in die Stadt, denn die Sonne hing
schon gegen das Meer. Um mich quillt der Blumenrauch aus Zitronenwäldern und
Jesmin- und Narzissen-Auen - zu meiner Linken wirft der blaue Apennin seine
Quellen von Berg zu Berg, und zu meiner Rechten dringt das gewaltige Meer an die
gewaltige Erde an, und die Erde streckt den festen Arm aus und hält eine
glänzende Stadt185, mit Gärten behangen, weit ins Wogen-Gewimmel hinein - und
ins unergründliche Meer sind hohe Inseln als unergründliche Berge186
hineingeworfen - tief in Süden und Osten greift ein schimmerndes Nebelland, die
Küste von Sorrento, wie ein gekrümmter Jupiters-Arm um das Meer, und hinter dem
fernen Neapel steht der Vesuvius mit einer Wolke im Himmel unter dem Mond. Fall
auf deine Knie, Glückseliger, (sagte Dian) vor der kostbaren Weite! O Gott,
warum nicht ernstlich es tun? Wer kann denn im Abendscheine das ungeheuere
Wellen-Reich anschauen, wie dort das Regen sich in der Ferne stillt und nur
glänzt und endlich blau und golden mit dem Himmel verschwebt, und wie hier die
Erde das weiche schwebende Feuer mit ihren langen Ländern in einen rosigen
festen Erdschatten einschliesset, wer kann den Feuerregen des unendlichen Lebens,
den webenden Zauberkreis aller Kräfte im Wasser, im Himmel, auf der Erde
erblicken, ohne niederzuknien vor dem unendlichen Natur-Geiste und zu sagen: wie
bist du mir so nahe, Unaussprechlicher! - O hier ist er in der Nähe und Ferne,
die Seligkeit und die Hoffnung schimmert von der Nebel-Küste her, und auch aus
den nahen Quellen, die das Gebürge in das Meer heruntergiesset, und in der weissen
Blüte über meinem Haupt. O rufet denn nicht diese Sonne, von brennenden Wellen
umflattert, und das Blau droben und drüben und die erglühenden Menschen-Länder,
die Welten in der Welt, rufet nicht diese Ferne das Herz und alle seine stolzen
Wünsche heraus? Will es nicht schaffen und in die Ferne greifen und seine
Lebensblüte vom höchsten Gipfel des Himmels reissen? Wenn es aber sich umsieht
auf seinen Boden, auch da wieder ist der Gürtel der Venus um den blühenden
Umkreis geworfen, hell grünt der hohe Myrtenbaum neben seiner kleinen dunkeln
Myrte, die Orange schimmert im hohen kalten Grase, und oben duftet ihre Blüte,
der Weizen weht mit breiten Blättern zwischen dem Mandel- und
Narzissen-Schmelze, und ferne ist die Zypresse und die Palme stolz; alles ist
Blume und Frucht, Frühling und Herbst. Soll ich hin, soll ich her, das fragt das
Herz in seinem Glück.
    So ging mir die Sonne unter die Wellen hinab - die roten Küsten flohen unter
ihre Nebel - die Welt erlosch von Land zu Land, von einer Insel zur andern - der
letzte Goldstaub auf den Höhen wurde verweht - und die Gebetglocken der Klöster
führten das Herz über die Sterne hinauf. -
    O wie war meines so froh und so sehnend, zugleich ein Wunsch und ein Feuer,
und in meinem Innersten sprach ein Dankgebet fort, dafür, dass ich war und bin
auf dieser Erde.
    Nie vergess' ich das! Wenn wir das Leben wegwerfen als zu klein gegen unsere
Wünsche: gehören nicht diese zu jenem und kamen von ihm? Wenn die bekränzte Erde
solche Blüten-Ufer, solche Sonnen-Gebürge um uns zieht, will sie damit
Unglückliche einschliessen? Warum ist unser Herz enger als unser Auge, warum
erdrückt uns eine kaum meilenlange Wolke, die doch selber unter unermesslichen
Sternen steht? Ist nicht jeder Morgen ein Frühlingsanfang und jede Hoffnung? Was
sind die dichtesten Lebensschranken anders als ein Rebengeländer, zum Reifen der
Weinglut aufgebauet? - Und da das Leben sich immer in Viertel zerhackt, warum
sollen es lauter letzte sein, nicht ebensoofterste, auf welche ein
vollstrahlender Mond nachfolgt? - O Gott, sagt' ich, als ich durch die grünende
Welt zurückging, die am nächsten Morgen eine glühende wird, nie lasse mich deine
Ewigkeit irgendeiner Zeit leihen, ausgenommen der seligsten; die Freude ist
ewig, aber nicht der Schmerz, denn du hast ihn nicht geschaffen.
    Freund, sagte Dian unterwegs zu mir, da ich ihm meine innigste Bewegung
nicht recht verhüllen konnte, wie kann Euch erst sein, wenn Ihr nach Neapel
zurückschauet etwan auf der Überfahrt nach Ischia! - denn man merkts sehr, dass
Ihr in Nordland geboren seid. - Lieber, sagt' ich, jeder wird mit seinem Norden
oder Süden gleich geboren, ob in einem äussern dazu das macht wenig.«
                                       *
So weit sein Blatt über Mola. Aber eine wunderbare Begebenheit schien ihn über
die letzte Versicherung desselben noch diese Nacht beim Worte zu nehmen. Im Hofe
des Gastauses sammelten sich viele Schiffer und andere, alle stritten heftig
über eine Meinung, und die meisten sagten immer: »Es ist doch heute Himmelfahrt,
und Wunder hat er auch getan.« - »Himmelfahrt?« dachte Albano und erinnerte sich
seines Geburtstages, der an diesem Feste oft fiel. Dian kam herauf und erzählte
lachend, das Volk drunten erwarte die Himmelfahrt eines Mönchs, der sie in
dieser Nacht versprochen, und viele glaubten ihm darum, weil er schon ein
Wunderwerk getan, nämlich einem Toten auf zwei Stunden die Sprache gegeben vor
ganz Mola. Beide wurden eins, das Werk mit anzusehen. Die Menge schwoll an - der
versprochene Mensch kam nicht, der sie zu dem Orte der Auffahrt leiten sollte -
alles wurde zornig mehr als ungläubig - endlich spät in der Nacht erschien eine
Maske und gab mit einem Wink der Hand das Zeichen, ihr zu folgen. Alles strömte
nach, auch Albano und sein Freund. Der reine Mond schien frisch aus blauen
Lüften, der weite Garten der Gegend schlief in seinen Blüten, aber alles
duftete, die schlummernden und die wachen Blumen.
    Die Maske führte die Menge an die Ruinen von Ciceros Haus oder Turm und
zeigte aufwärts. Oben auf der Mauer stand ein zitternder Mensch. Albano fand
sein Gesicht immer bekannter. Endlich sprach der Mensch: »Ich bin ein Vater des
Todes - der Vater des Lebens sei mir gnädig. - Wie es mit mir geht, weiss ich
nicht - Unter euch« (setzt' er auf einmal in fremder, nämlich in spanischer
Sprache dazu) »steht einer, dem ich auf Isola bella am Karfreitage erschien und
den Tod einer Schwester kundtat; er reise fort nach Ischia, dort trifft er seine
Schwester an.«
    Ergriffen und ergrimmend musste Albano diese Worte hören, die Gestalt des
Vaters des Todes auf jener Insel sah er jetzt recht klar auf der Ruine; und
dessen Versprechen, ihm an einem Karfreitage zu erscheinen, fiel ihm wieder ein.
Er suchte sich jetzt an der Ruine hinaufzuarbeiten, um den Mönch zu packen. Ein
Molaner rief, da er die fremde Sprache hörte: »Der Mönch spricht mit dem
Teufel.«- Der Himmelfahrer sagte nichts darwider - er zitterte heftiger - aber
das Volk suchte den, der es gesagt, und schrie: der mit der Maske sei es, denn
der sei nicht mehr zu finden. Endlich bat der Mönch bebend, sie möchten still
sein, wenn er verschwinde, und für ihn beten und nie seinen Körper suchen.
Albano war ihm jetzt, von Dian ungesehen, nahe hinter dem Rücken. Da kam hoch im
dunkeln Blau ein Zug Wachteln langsam geflogen. Der Mönch hob sich schnell und
wankend auf zerstreuete die Vögel - rief in dunkler Ferne: »Betet« - und schwand
in die weiten Lüfte dahin.
    Das Volk rief und jauchzete und betete zum Teil, viele glaubten jetzt, der
Teufel sei im Spiel. Unter den Zuschauern lag ein Mensch mit dem Gesicht auf der
Erde und rief immer: »Gott sei mir gnädig!« Aber niemand brachte ihn zu einer
Erklärung. Dian, heimlich ein wenig übergläubig, sagte: hier steh' ihm der
Verstand still. Aber Albano erklärte, schon lange zucke und ziehe ein
Geister-Komplott an seinem Lebensvorhang, allein irgendeinmal greif' er gewiss
glücklich durch den Vorhang durch, und er sei fest entschlossen, sogleich von
Neapel nach Ischia überzugehen, um seine Schwester zu suchen. »Wahrlich,«
(setzt' er dazu) »in diesem Mutterlande der Wunderphantasie und jeder Grösse
glaubt man so leicht schöne gebende Wunder des Schicksals, wie in Norden
entsetzliche raubende Wunder der Geister.«
    Dian war auch für den frühsten Besuch der Insel Ischia, »weil sonst,«
(setzt' er dazu) »wenn Albano in Neapel seine Briefe übergeben hätte und in die
Ricevimenti hinein- oder auf den Posilippo und den Vesuv hinaufgeraten wäre,
dann kein Wegkommen sein würde.«
    Am Tage darauf gingen sie von Mola ab. - Das schöne Meer deckte sich an
ihrem Wege auf und zu, und nur der goldne Himmel verhüllte sich nie. Neapels
Freudenbecher berauschte schon von fernen mit seinem Dufte und Geiste. Albano
warf trunkne Blicke auf die campania felice, auf das Coliseo in Kapua und auf
den weiten Garten voll Gärten und sogar auf die rauhe appische Strasse, die ihr
alter Name sanfter machte.
    Aber er seufzete nach der Insel Ischia, diesem Arkadien des Meers und dieser
Wunderstelle, wo er eine Schwester finden sollte. Sie konnten nicht eher als
Sonnabends in der Vornacht wenn anders Wachen und glänzendes Leben eine ist,
besonders eine welsche Sonnabends-Nacht - in Aversa ankommen. Albano bestand
darauf, in der Nacht fortzureisen nach Neapel. Dian wollte noch ungern. Zufällig
stand ein schönes, etwan vierzehnjähriges Mädchen im Postause, sehr betrübt
über die verfehlte Post und entschlossen, noch diese Nacht nach Neapel zu gehen,
um am heiligen Sonntag noch früh genug nach Ischia zu kommen, wo ihre Eltern
waren. »Aus Santa Agata« (sagte sie) »komme sie her, heisse aber nur Agata, und
nicht Santa.« - »Wahrscheinlich ihr alter Spass«, sagte Dian, war aber nun - bei
seinem Umschweben jeder schönen Form - selber recht zur Nachtreise aufgelegt,
damit man die Schwarzäugige, die freudig und hell in fremdes Augenfeuer blickte,
fortbringen könnte. Sie nahm es lustig an und schwatzte vertraut wie ein
Naturforscher viel vom Epomeo und Vesuv und weissagte ihnen unzählige Freuden
auf der Insel und zeigte überall eine verständige Besonnenheit weit über ihr
Alter. Endlich flogen sie alle unter die hellen Sterne in die schöne Nacht
hinaus.
 
                                   109. Zykel
Albano fährt in der Beschreibung seiner Reise so fort:
»Eine helle Nacht ohnegleichen! Die Sterne allein erhellten schon die Erde, und
die Milchstrasse war silbern. Eine einzige, mit Weinblüten durchflochtene Allee
führte der Prachtstadt zu. Überall hörte man Menschen, bald nahes Reden, bald
fernes Singen. Aus schwarzen Kastanienwäldern auf mondhellen Hügeln riefen die
Nachtigallen einander zu. Ein armes schlafendes Mädchen, das wir mitgenommen,
hörte das Tönen bis in den Traum hinab und sang nach und blickte, wenn es sich
damit geweckt, verwirrt und süsslächelnd umher, mit dem ganzen Ton und Traum noch
in der Brust. Singend rollte auf einem dünnen leichten Wagen mit zwei Rädern ein
Fuhrmann, auf der Deichsel stehend, lustig vorüber. - Weiber trugen in der Kühle
schon grosse Körbe voll Blumen nach der Stadt; - in den Fernen neben uns dufteten
ganze Paradiese aus Blumenkelchen; und das Herz und die Brust sogen zugleich den
Liebestrank der süssen Luft. Der Mond war hell wie eine Sonne an den hohen Himmel
heraufgezogen, und der Horizont wurde von Sternen vergoldet - und am ganzen
wolkenlosen Himmel stand die düstere Wolkensäule des Vesuvs in Osten allein.
    Tief in der Nacht nach zwei Uhr rollten wir in und durch die lange
Prachtstadt, worin noch der lebendige Tag fortblühte. Heitere Menschen füllten
die Strassen - die Balkons warfen sich Gesänge zu - auf den Dächern blühten
Blumen und Bäume zwischen Lampen, und die Horen-Glöckchen vermehrten den Tag,
und der Mond schien zu wärmen. Nur zuweilen schlief ein Mensch zwischen den
Säulengängen gleichsam an seinem Mittagsschlafe. - Dian, aller Verhältnisse
kundig, liess an einem Hause auf der Süd- und Meerseite halten und ging tief in
die Stadt, um durch alte Bekannte die Abfahrt nach der Insel zu berichtigen,
damit man gerade bei Sonnenaufgang aus dem Meere herüber die herrliche Stadt mit
ihrem Golf und ihren langen Küsten am reichsten auffassete. Die Ischianerin
wickelte sich in ihren blauen Schleier gegen Mücken und entschlief am
schwarzsandigen Ufer.
    Ich ging allein auf und ab, für mich gabs keine Nacht und kein Haus. Das
Meer schlief, die Erde schien wach. Ich sah in dem eiligen Schimmer (der Mond
sank schon dem Posilippo zu) an dieser göttlichen Grenzstadt der Wasserwelt, an
diesem aufsteigenden Gebürg von Palästen hinauf, bis wo das hohe Sant
Elmo-Schloss weiss aus dem grünen Strausse blickt. Mit zwei Armen umfassete die
Erde das schöne Meer, auf ihrem rechten, auf dem Posilippo, trug sie blühende
Weinberge weit in die Wellen, und auf dem linken hielt sie Städte und umspannte
seine Wogen und seine Schiffe und zog sie an ihre Brust heran. Wie eine Sphinx
lag dunkel das zackige Kapri am Horizont im Wasser und bewachte die Pforte des
Golfs. Hinter der Stadt rauchte im Äter der Vulkan, und zuweilen spielten
Funken zwischen den Sternen.
    Jetzt sank der Mond hinter die Ulmen des Posilipps hinab, die Stadt
verfinsterte sich, das Getöse der Nacht verklang, Fischer stiegen aus, löschten
ihre Fackeln und legten sich ans Ufer, die Erde schien einzuschlafen, aber das
Meer aufzuwachen. Ein Wind von der sorrentinischen Küste trieb die stillen
Wellen auf - heller schimmerte Sorrentos Sichel vom Monde zurück und vom Morgen
zugleich wie silberne Fluren - Vesuvs Rauchsäule wurde abgeweht, und vom
Feuerberg zog sich eine lange reine Morgenröte über die Küste hinauf wie über
eine fremde Welt.
    O es war der dämmernde Morgen, voll von jugendlichen Ahnungen! Spricht nicht
die Landschaft, der Berg, die Küste gleich einem Echo desto mehr Silben zur
Seele, je ferner sie sind? Wie jung fühlt' ich die Welt und mich, und der ganze
Morgen meines Lebens war in diesen gedrängt!
    Mein Freund kam - alles war berichtigt - die Schiffer angekommen - Agata
wurde zur Freude geweckt - - und wir stiegen ein, als die Morgenröte die Gebürge
entzündete, und aufgebläht von Morgenlüften, flog das Schiffchen ins Meer
hinaus.
    Ehe wir noch um das Vorgebürg des Posilippo herumschifften, warf der Krater
des Vesuvs den glühenden Sohn, die Sonne, langsam in den Himmel, und Meer und
Erde entbrannten. Neapels halber Erdgürtel mit morgenroten Palästen, sein
Marktplatz von flatternden Schiffen, das Gewimmel seiner Landhäuser an den
Bergen und am Ufer hinauf und sein grünender Tron von S. Elmo standen stolz
zwischen zwei Bergen, vor dem Meere.
    Da wir um den Posilippo kamen, stand Ischias Epomeo wie ein Riese des Meers
in der Ferne, mit einem Wald umgürtet und mit kahlem weissen Haupt. Allmählich
erschienen auf der unermesslichen Ebene die Inseln nacheinander wie zerstreuete
Dörfer, und wild drangen und wateten die Vorgebürge in das Meer. Jetzt tat sich,
gewaltiger und lebendiger als das vertrocknete vereinzelte starre Land, das
Wasserreich auf, dessen Kräfte alle, von den Strömen und Wellen an bis zum
Tropfen, zusammengreifen und sich zugleich bewegen. - Allmächtiges und doch
sanftes Element! Grimmig schiessest du auf die Länder und verschlingst sie, und
mit deinen aushöhlenden Polypenarmen liegst du an der ganzen Kugel. Aber du
bändigst die wilden Ströme und zerschmilzest sie zu Wellen, sanft spielest du
mit deinen kleinen Kindern, den Inseln, und spielest an der Hand, die aus der
leichten Gondel hängt, und schickst deine kleinen Wellen, die vor uns spielen,
dann uns tragen, und dann hinter uns spielen.
    Als wir vor dem kleinen Nisita vorbeikamen, wo einst Brutus und Kato nach
Cäsars Tod Schutzwehr suchten - als wir vor dem zauberischen Baja und dem
Zauberschlosse, wo einst drei Römer die Teilung der Welt beschlossen, und vor
dem ganzen Vorgebürge vorübergingen, wo die Landhäuser der grossen Römer standen,
und als wir nach dem Berge von Cuma hinabsahn, hinter welchem Scipio Afrikanus
in seinem Linternum lebte und starb: so ergriff mich das hohe Leben der alten
Grossen, und ich sagte zu meinem Freunde: Welche Menschen waren das! Kaum
erfahren wir es gelegentlich im Plinius oder Cicero, dass einer von ihnen dort
ein Landhaus hat, oder dass es ein schönes Neapel gibt - mitten aus dem
Freudenmeer der Natur wachsen und tragen ihre Lorbeern so gut wie aus dem
Eismeere Deutschlands und Englands, oder aus Arabiens Sand - in Wüsten und in
Paradiesen schlugen ihre starken Herzen gleich fort, und für diese Weltseelen
gab es keine Wohnung, ausser die Welt. Nur bei solchen Seelen sind Empfindungen
fast mehr wert als Taten, ein Römer konnte hier gross vor Freude weinen! Dian,
sage, was kann der neuere Mensch dafür, dass er so spät lebt hinter ihren Ruinen?
    Jugend und Ruinen, einstürzende Vergangenheit und ewige Lebensfülle
bedeckten das misenische Gestade und die ganze unabsehliche Küste - an die
zerbrochnen Aschenkrüge toter Götter, an die zerstückten Tempel Merkurs, Dianens
spielte die fröhliche leichte Welle und die ewige Sonne - alte einsame
Brückenpfeiler im Meer, einsame Tempelsäulen und Bogen sprachen im üppigen
Lebensglanze das ernste Wort - die alten heiligen Namen der elysäischen Felder,
des Avernus, des toten Meers wohnten noch auf der Küste - Felsen- und
Tempeltrümmer lagen untereinander auf der bunten Lava - alles blühte und lebte,
das Mädchen und die Schiffer sangen - die Berge und die Inseln standen gross im
jungen feurigen Tage - Delphine zogen spielend neben uns - singende Lerchen
wirbelten sich im Äter über ihre engen Inseln heraus - und aus allen Enden des
Horizonts kamen Schiffe herauf und flogen pfeilschnell dahin. Es war die
göttliche Überfülle und Vermischung der Welt vor mir, brausende Saiten des
Lebens waren über den Saitensteg des Vesuvs und Posilipps herüber bis an den
Epomeo gespannt.
    Plötzlich donnerte es einmal durch den blauen Himmel über das Meer her. Das
Mädchen fragte mich: Warum werdet Ihr bleich? es ist nur der Vesuv. Da war ein
Gott mir nahe, ja Himmel, Erde und Meer traten als drei Gotteiten vor mich -
von einem göttlichen Morgensturm wurde das Traumbuch des Lebens rauschend
aufgeblättert, und überall las ich unsere Träume und ihre Auslegungen.
    Nach einiger Zeit kamen wir an ein langes, den Norden verschlingendes Land,
gleichsam der Fuss eines einzigen Berges, es war schon das holde Ischia, und ich
stieg selig-trunken aus, und da erst dacht' ich an das Versprechen, dass ich da
eine Schwester finden sollte.«
 
                                   110. Zykel
Bewegt, gleichsam feierlich betrat Albano das kühle Eiland, es war ihm, als
wehten ihm die Lüfte immer die Worte zu: der Ort der Ruhe. Agata bat sie beide,
bei ihren Eltern zu wohnen, deren Haus am Ufer, nicht weit vom Vorstädtchen187,
liege. Als sie über die Brücke gingen, die den grünen, mit Häusern umwundenen
Fels mit dem Ufer und dem Städtchen zusammenhängt: so zeigte sie freudig im
Osten das einzelne Haus. Wie sie so langsam gingen und sich der hohe runde
Felsen und die Häuserreihe im Wasser abspiegelte - und wie auf den flachen
Dächern die schönen Weiber, welche die Feier-Lampen für den Abend ordneten,
zueinander emsig herübersprachen und wie sie die wiederkommende Agata grüssten
und fragten - und wie alle Gesichter so heiter waren, alle Gestalten so zierlich
und selber die ärmste in Seide und wie die lebendigen Knaben kleine
Kastaniengipfel niederzogen - und wie der alte Vater der Insel, der hohe Epomeo,
vor ihnen ganz in Weinlaub und Frühlingsblumen gekleidet stand, aus deren süssem
Grün nur zerstreuete weisse Lustäuser beglückter Berganwohner schaueten: so war
es Albano, als sei ihm das lästige Gepäcke des Lebens in die Wellen entfallen
und die aufrechte Brust sauge weit den kühlen, von Elysium her wehenden Äter
ein; - über dem Meere drüben lag die vorige stürmische Welt mit ihren heissen
Küsten.
    Agata führte beide ins elterliche Haus am östlichen Abhang des Epomeo und
rief sogleich im lauten frohlockenden Empfang ebenso laut: »Das sind zwei brave
Herren, die ins Haus wollen.« Der Vater sagte sofort: »Willkommen, Exzellenzen!
Ihr sollt gern die Zimmer behalten, wenn auch nachher viele Badegäste kommen.
Ihr findet nirgends besseres Quartier. Ich war sonst nur ein Dreher in der
Fayence-Fabrik; aber seit acht Jahren bin ich ein Winzer und kann etwas geben.
Wenn war denn irgendein Dezember und März188 besser als diesmal? Befehlt,
Exzellenzen!« - Plötzlich weinte Agata; die Mutter hatt' ihr das Begräbnis der
jüngsten Schwester berichtet, zu dessen Feier, nach der Sitte der Insel, heute
ein Freuden-Abend angeordnet war, weil man einander zur ewigen seligmachenden
Bestätigung einer Kindes-Unschuld durch den Tod Glück zu wünschen pflegte. Der
Alte wollte erst recht ins Erzählen eingehen, als Dian seinen Albano bat, nach
so langer Seelen- und Körperbewegung schlummern zu gehen bis Sonnenuntergang, wo
er ihn wecke. Agata wies ihm sein kühles Zimmer an, und er ging hinauf.
    Hier vor dem kühlenden See-Zephyr war das Einschlummern schon der Schlummer,
und das nachklingende Träumen schon der Schlaf. Sein Traum war ein
unaufhörliches Lied, das sich selber sang: der Morgen ist eine Rose, der Tag
eine Tulpe, die Nacht ist eine Lilie, und der Abend ist wieder ein Morgen.
    Er träumte endlich sich in einen langen Schlaf hinab.- Spät, im Dunkeln,
schlug er verjüngt wie ein Adam im Paradies das Auge auf, aber er wusste nicht,
wo er war. - Er hörte fernes süsses Tönen - unbekannte Blütendüfte durchschwammen
die Luft - er sah hinaus - der dunkle Himmel war mit goldnen Sternen wie mit
feurigen Blüten bestreuet - an der Erde, auf dem Meere schwebten Lichter-Heere,
und in tiefer Ferne hing eine helle Flamme mitten im Himmel fest. Ein
unbekannter Traum verwirrte noch die wirkliche Bühne mit einer verschwundenen,
und Albano ging durch das stille menschenleere Haus fortträumend heraus ins
Freie wie in eine Geisterinsel.
    Hier zogen ihn Nachtigallen zuerst mit Tönen in die Welt herein. Er fand den
Namen Ischia wieder und sah nun, dass das Schloss auf dem Felsen und die lange
Dächer-Gasse der Ufer-Stadt voll brennender Lampen stand. - Er ging auf die
erleuchtete, von Menschen umlagerte Stelle der Töne zu und fand eine ganz in
Freudenfeuern stehende Kapelle. Einer Madonna und ihrem Kinde in der Nische
wurde unter dem geschwätzigen Rausche der Freude und Andacht eine Nachtmusik
vorgespielt. Hier fand er seine Wirtsleute wieder, die ihn alle im Jubel ganz
vergessen hatten, und Dian sagte: »Ich hätt' Euch schon geweckt, die Nacht und
die Lust währt noch lange.«
    »Hört und seht doch dort den göttlichen Vesuvio, der das Fest so recht gut
mitfeiert«, rief Dian, der sich so tief in die Wellen der Freude eintauchte als
irgendein Ischianer. Albano sah hinüber nach der hoch im Sternenhimmel webenden
Flamme, die wie ein Gott den grossen Donner unter sich hatte, und die Nacht hatte
das misenische Vorgebürg wie eine Wolke neben dem Vulkan aufgerichtet. Neben
ihnen brannten tausend Lampen auf dem königlichen Palaste der nahen Insel
Procita.
    Indem er über das Meer hinblickte, dessen Küsten in die Nacht versunken
waren und das unermesslich und finster als eine zweite Nacht dahinlag: so sah er
zuweilen einen zerfliessenden Glanz darüberschweifen, der immer breiter und
heller floss. Auch zeigte sich eine ferne Fackel in der Luft, deren Lodern lange
Feuer-Furchen durch die flimmernden Wellen zog. Es kam eine Barke näher mit
eingezognem Segel, weil der Wind vom Lande ging. Weibliche Gestalten erschienen
auf ihr, worunter eine nach dem Vesuv gewandte von königlichem Wuchs, an deren
rotem Seidenkleide der Fackelschein lang herunterfloss, das Auge festielt. Wie
sie näher schifften und das helle Meer unter den schlagenden Rudern auf beiden
Seiten aufbrannte: so schien eine Göttin zu kommen, um welche das Meer mit
entzückten Flammen schwimmt und die es nicht weiss. Alle stiegen in einiger Ferne
ans Land, wo bestellte Diener, wie es schien, dazu gewartet hatten, um alles zu
erleichtern. Von der langen Gestalt nahm eine kleine, mit einer Doppellorgnette
versehene einen kurzen Abschied und ging mit einem ansehnlichen Gefolge fort.
Die rotgekleidete zog einen weissen Schleier über das Gesicht und ging, von zwei
Jungfrauen begleitet, ernst und einer Fürstin ähnlich, der Stelle zu, wo Albano
und die Töne waren.
    Albano stand nahe an ihr, zwei grosse schwarze Augen, mit Feuer gefüllt und
mit innigem Ernst auf dem Leben ruhend, strahlten durch den Schleier, der die
stolze gerade Stirn und Nase verriet. In der ganzen Erscheinung war für ihn
etwas Bekanntes und doch Grosses, sie kam ihm als eine Feenkönigin vor, die
vorlängst sich mit einem himmlischen Angesicht über seine Wiege lächelnd und
begabend hereingebückt und die nun der Geist mit alter Liebe wiedererkennt. Er
dachte wohl an einen Namen, den ihm Geister genannt, aber diese Gegenwart schien
hier nicht möglich. Sie heftete ihr Auge mit Wohlgefallen und Aufmerksamkeit auf
das Spiel zweier Jungfrauen, welche, niedlich in Seide gekleidet, mit
Gold-besetzten seidnen Schürzen, zur Tamburine einer dritten anmutig mit
verschämt gesenktem Haupte und gesenkten Augen tanzten; die beiden andern, von
der Fremden mitgebrachten Jungfrauen und Agata sangen mit italienischer halber
Stimme süss zur holden Lust. »Es geschieht alles« (sagte ein alter Mann zur
Fremden) »in der Tat zur Ehre der heiligen Jungfrau und des heiligen Nikola.«
Sie nickte langsam ein ernstes Ja.
    Da stand plötzlich Luna, vom Opferfeuer des Vesuvs umspielet, drüben am
Himmel, als die stolze Göttin des Sonnengottes, nicht bleich, sondern feurig,
gleichsam eine Donnergöttin über dem Donner des Bergs - und Albano rief
unwillkürlich: »Gott, der grosse Mond!« - Schnell hob die Fremde den Schleier
zurück und sah sich bedeutend nach der Stimme wie nach einer bekannten um; als
sie den fremden Jüngling lange angeblickt, wandte sie sich nach dem Monde über
dem Vesuv.
    Aber Albano war von einem Gott erschüttert und von einem Wunder geblendet:
er sah hier Linda de Romeiro. Als sie den Schleier hob, strömte Schönheit und
Glanz aus einer aufgehenden Sonne; zarte jungfräuliche Farben, liebliche Linien
und süsse Fülle der Jugend spielten, wie ein Blumenkranz um eine Götterstirn, mit
weichen Blüten um den heiligen Ernst und mächtigen Willen auf Stirn und Lippe
und um die dunkle Glut des grossen Auges. Wie hatten die Bilder über sie gelogen
und diesen Geist und dieses Leben so schwach ausgesprochen!
    Als wollte die Zeit die glänzende Erscheinung würdig umgeben, so schön
spielten Himmel und Erde mit allen Strahlen des Lebens ineinander -
liebesdurstig flogen Sterne wie Himmelsschmetterlinge ins Meer - der Mond war
über die ungestüme Erdflamme des Vesuvs weggezogen und bedeckte mit seinem
zarten Licht die frohe Welt, das Meer und die Ufer - der Epomeo schwebte mit
seinen versilberten Wäldern und mit der Einsiedelei seines Gipfels hoch im
Nacht-Blau - darneben lebten die singenden, tanzenden Menschen mit ihren Gebeten
und ihren Fest-Raketen, die sie in die Höhe warfen. - - Da Linda lange über das
Meer nach dem Vesuv gesehen: redete sie den stillen Albano, um seinem Ausruf zu
antworten und ihr schnelles anblickendes Umwenden nach ihm gutzumachen, selber
an: »Ich komme vom Vesuv,« (sagte sie) »aber er ist ebenso erhaben in der Nähe
als in der Ferne, was so selten ist.« - Ganz fremd und geistermässig klang es
ihm, dass er diese Stimme wirklich hörte. Mit sehr bewegter versetzt' er: »Aber
in diesem Lande ist ja alles gross, sogar das Kleine durch das Grosse - diese
kleine Menschenfreude hier zwischen dem ausgebrannten Vulkan189 und dem
brennenden - alles ist eins und darum recht und so göttlich.« Zugleich an- und
weggezogen, ihn nicht kennend, obwohl vorhin von seiner Stimmen-Ähnlichkeit mit
Roquairol getroffen, seinen einfachen Worten gern nachdenkend, blickte sie
länger, als sie merkte, das redliche, aber trotzige und warme Auge des Jünglings
an; antwortete nichts, wandte sich langsam ab und sah wieder still den Spielen
zu.
    Dian, der schon lange die schöne Fremde angesehen, fand endlich in seinem
Gedächtnis ihren Namen und kam zu ihr mit der halb stolzen, halb verlegnen Miene
der Künstler gegen den Stand. Sie kannte ihn nicht wieder. »Der Grieche Dian,«
(sagte Albano) »edle Gräfin!« - Verwundert über des Grafen Erkennung sagte sie
zu diesem: »Ich kenne Sie nicht.« - »Meinen Vater kennen Sie,« (sagte Albano)
»den Ritter von Cesara.« - »O dio!« rief die Spanierin erschrocken, wurde eine
Lilie, eine Rose, eine Flamme, suchte sich zu fassen und sagte: »Wie sonderbar!
Eine Freundin von Ihnen, die Prinzessin Julienne, ist auch hier.«
    Das Gespräch floss jetzt ebener. Sie sprach von seinem Vater und drückte als
Mündel ihre Dankbarkeit aus: »Es ist eine mächtige Natur, die sich vor allem
Gemeinen bewahrt«, sagte sie, sogleich gegen die vornehme Sitte schon
teilnehmend von Personen sprechend. Den Sohn beglückte das Lob auf einen Vater,
er erhöhte es und fragte in froher Erwartung, wie sie seine Kälte nehme.
    »Kälte?« - (sagte sie lebhaft) »das Wort hass' ich recht; wenn einmal ein
seltener Mensch einen ganzen Willen hat und keinen halben und auf seiner Kraft
beruht und nicht wie ein Schaltier sich an jedes andere klebt: so heisset er
kalt. Ist die Sonne in der Nähe nicht auch kalt?« - »Der Tod ist kalt,« (rief
Albano sehr bewegt, weil er oft selber mehr Kraft als Liebe zu haben glaubte)
»aber eine erhabene Kälte, eine erhabene Qual kann es wohl geben, die mit
Adlersklaue das Herz in die Höhe entführt, aber es zerreisset mitten im Himmel
und vor der Sonne.«
    Sie sah ihn gross an: »Ihr sprecht ja wie ein Weib,« (sagte sie) »das allein
hat ohne die Macht der Liebe nichts zu wollen und zu tun; aber es war artig.« -
Dian, zu allgemeinen Betrachtungen verdorben und nur zu individuellen tüchtig,
unterbrach sie mit Fragen über einzelne Kunstwerke in Neapel; sie teilte sehr
offen ihre eigentümliche Ansicht mit, obwohl ziemlich entscheidend Albano dachte
zuerst an seinen zeichnenden Freund Schoppe und fragte nach ihm; »bei meiner
Abreise« (sagte sie) »war er noch in Pestitz, ob ich gleich nicht begreife, was
ein so ungemeines Wesen da will es ist ein gewaltiger Mensch, aber verworren und
nicht klar. Er ist sehr Ihr Freund.« - »Was macht« (fragte Dian halb scherzend)
»mein alter Gönner, der Lektor Augusti?« - Sie antwortete kurz und fast über
dessen vertrauliches Fragen empfindlich: »Es geht ihm gut am Hofe. - Wenigen
Naturen« (wandte sie sich, über Augusti fortfahrend, an Albano) »geschieht so
viel Unrecht des Urteils als solchen einfachen, kühlen, konsequenten wie der
seinigen.« Albano konnte nicht ganz Ja sagen; aber er erkannte in ihrer Achtung
für die fremdeste Eigentümlichkeit froh die Schülerin seines Vaters, der ein
Gewächs nicht nach der glatten oder rauhen Rinde, sondern nach der Blüte
schätzte. Nie zeichnet der Mensch den eignen Charakter schärfer als in seiner
Manier, einen fremden zu zeichnen. Aber Lindas hohe Offenherzigkeit dabei, die
feingebildeten Weibern so oft abgeht als kräftigen Männern Feinheit und Hülle,
ergriff den Jüngling am stärkesten, und er glaubte zu sündigen, wenn er nicht
seine grosse natürliche gegen sie verdoppelte.
    Sie rief ihre Jungfrauen zum Fortgehen. Dian ging fort. »Diese sind mir
nötiger,« (sagte sie zu Albano) »als sie es scheinen.« Sie habe nämlich,
erzählte sie, etwas von der Augenkrankheit190 vieler Spanierinnen, nachts
unendlich kurzsichtig zu sein. Er bat, sie begleiten zu dürfen, und es geschah;
er wollte sie führen ihrer Anmerkung wegen, sie verbats.
    Unter dem Gehen stand sie oft still, um nach der schönen Flamme des Vesuvs
zu blicken. »Er steht« (sagte Albano) »in diesem Hirtengedicht der Natur als
eine tragische Muse da und hebt alles wie ein Krieg die Zeit.« - »Glauben Sie
das vom Krieg?« sagte sie. - »Entweder grosse Menschen« (versetzte er) »oder
grosse Zwecke muss ein Mensch vor sich haben, sonst vergehen seine Kräfte, wie dem
Magnet die seinigen, wenn er lange nicht nach den rechten Welt-Ecken gekehrt
gelegen.« - »Wie wahr!« (sagte sie) - »Was sagen Sie zu einem gallischen Krieg?«
- Er bekannte seinen Wunsch für dessen Entstehung und die eigne Teilnahme daran.
Er konnte, sogar auf Kosten seiner Zukunft, gegen sie nichts sein als
offenherzig. »Selig seid ihr Männer,« (sagte sie) »ihr grabt euch durch den
Lebens-Schnee durch und trefft endlich die grüne Saat darunter an. Das kann
keine Frau. Ein Weib ist doch ein dummes Ding der Natur. Ich ehre ein paar
Häupter der Revolution, besonders das politische Kraft-Ungeheuer, den Mirabeau,
ob ich ihn gleich nicht liebhaben kann.«
    Unter diesen Reden stiegen sie am Epomeo auf. Agata begleitete die beiden
Gespielinnen ihrer frühern Zeit mit voller Zunge und hungrigem Ohre für so viele
gegenseitige Neuigkeiten. Da er jetzt neben der schönen Jungfrau ging und
zuweilen in das Angesicht blickte, das durch die geistige Kraft noch schöner
wurde, zugleich Blume, Blüte und Frucht, statt dass sonst umgekehrt der Kopf
durch das Gesicht gewinnt: so richtete er strenge über sein bisheriges Betragen
gegen dieses edle Wesen; ob er gleich wie sie aus Zarteit über das bisherige
Gaukelspiel mit ihrem Namen so wie über das Wunder des heutigen Begegnens
schwieg. Still gingen sie in der seltnen Nacht und Gegend. Auf einmal blieb sie
auf einer Höhe stehen, um welche der Brautschatz der Natur nach allen Seiten in
Bergen aufgehäufet war. Sie blickten im Glanze umher, der Schwan des Himmels,
der Mond, wogte fern vom Vesuve im hohen Äter - die Riesenschlange der Erde,
das Meer, schlief fest in ihrem von Pol zu Pol reichenden Bette - die Küsten und
Vorgebürge dämmerten nur wie Mitternachtsträume - Klüfte voll Baumblüten flossen
über von äterischem Tau aus Licht, und unten in Tälern standen finstere
Rauchsäulen auf heissen Quellen und verwallten oben in Glanz - hoch lagen überall
erleuchtete Kapellen und tief um das Ufer dunkle Städte die Winde standen still,
die Rosendüfte und die Myrtendüfte zogen allein - weich und lau umfloss die blaue
Nacht die entzückte Erde, um den warmen Mond wich der Äter aus, und er sank
liebestrunken mitten aus dem Himmel immer grösser auf den süssen Erdenfrühling
herein - der Vesuv stand jetzt ohne Flamme und ohne Donner, weiss von Sand oder
Schnee, in Morgen - im dunklern Blau waren die Goldkörner der feurigen Sterne
weit auseinandergesäet. -
    Es war die seltene Zeit, wo das Leben den Durchgang durch eine überirdische
Sonne hat. Albano und Linda begegneten sich mit heiligen Augen, und die Blicke
löseten sich wieder sanft auseinander; sie schaueten in die Welt und in das Herz
und sprachen nichts aus. Linda kehrte sich sanft um und ging still weiter.
    Da rief auf einmal eines der nachgehenden geschwätzigen Mädchen aus: »Es
kommt wahrlich ein Erdbeben, ich fühl' es recht, gute Nacht!« - Es war Agata.
»Gott geb' eines«, sagte Albano. »O warum?« sagte Linda eifrig, aber leise. -
»Alles, was die unendliche Mutter will und gibt, ist mir heute kindlich-lieb,
sogar der Tod - gehören wir nicht mit zu ihrer Unsterblichkeit?« sagt' er. -
»Ja, das darf in der Freude der Mensch fühlen und glauben, nur im Schmerze
sprech' er nicht von Unsterblichkeit, in solcher Seelenohnmacht ist er ihrer
nicht würdig.«
    Albanos Geist stand hier von der Fürstenbank auf, um die hohe Verwandte zu
grüssen, und sagte: »Unsterbliche! und wär' es sonst niemand!« Sie lächelte still
und ging fort. Sein Herz war ein beschriebenes Asbestblatt, ins Feuer geworfen,
brennend, nicht verbrennend, das ganze vorige Leben losch weg, das Blatt glänzte
feurig und rein für Lindas Hand.
    Als sie die letzte Anhöhe erreichten, worunter Lindas und Juliennens Wohnung
lag, und sie nebeneinander zur Trennung standen, da rief plötzlich unten das
Mädchen: »Ein Erdbeben!« Aus der Hölle heran rollte ein Donnerwagen in den
unterirdischen Wegen - ein breiter Blitz schlug die Flügel am reinen Himmel
unter den Sternen auf und zu - die Erde und die Sterne zitterten, und
aufgeschreckte Adler flogen durch die hohe Nacht. Albano hatte die Hände der
wankenden Linda ergriffen. Ihr Angesicht war vor dem Monde zu einer blassen
Götter-Statue aus Marmor verblüht. Es war schon vorbei; nur einige Sterne der
Erde schossen noch aus dem festen Himmel ins Meer, und wunderbare Wolken zogen
unten ringsherum auf. »Bin ich nicht recht furchtsam?« sagte sie weich. Albano
schauete ihr lebendig und heiter wie ein Sonnengott im Morgenrot ins Angesicht
und drückte ihre Hände. Sie wollte sie heftig wegziehen. »Gib sie mir ewig!«
sagte er heftig. -»Kühner Mensch,« (sagte sie verwirrt) »wer bist du? - Kennst
du mich? - Wenn du bist wie ich, so schwöre und sage, ob du immer wahr gewesen!«
- Albano sah gen Himmel, sein Leben wurde gewogen, Gott war nahe bei ihm, er
antwortete sanft und fest »Linda, immer!« - »Ich auch!« sagte sie und neigte
schamhaft das schöne Haupt an seine Brust, hob es aber sogleich wieder auf mit
den grossen feuchten Augen und sagte schnell: »Gehen Sie jetzt! Früh morgens
kommen Sie, Albano! Addio, addio!« -
    Die Mädchen kamen herauf, Albano ging hinab, die Brust gefüllt mit
Lebenswärme, mit Lebensglanz - die Natur wehte mit frischern Düften aus den
Gärtern her - das Meer rauschte unten wieder, und auf dem Vesuv brannte eine
Amors-Fackel, ein Freudenfeuer - - durch den Nacht-Himmel zogen noch einige
Adler nach dem Mond wie nach einer Sonne - und an das Himmels-Gewölbe war die
Himmelsleiter aus goldnen Sprossen von Sternen gelehnt.
    Da Albano so einsam in der Seligkeit ging, aufgelöset in die Wonne der
Liebe, in den Duft der Täler, in den Glanz der Höhen, träumend, schwebend: so
sah er Zugvögel über das Meer gegen den Apennin nach Deutschland fliegen, wo
Liane gelebt. »Heilige droben,« (rief sein Herz) »du wolltest dies Glück,
erscheine und segne es!« Unerwartet stand er vor einer Kapellen-Nische, worin
die heilige Jungfrau stand. Der Mond verklärte die blasse Statue die Jungfrau
belebte sich unter dem Glanze und wurde Lianen ähnlicher - er kniete hin, und
heiss gab er Gott die Dankgebete und Lianen die Tränen. Als er aufstand, girrten
in Träumen Turteltauben und schlug eine Nachtigall, die heissen Quellen dampften
schimmernd, und er hörte das frohe Singen der fernen Menschen herauf.
 
                         Neunundzwanzigste Jobelperiode
Julienne - die Insel - Sonnenuntergang - Neapel - Vesuv - Lindas Brief - Streit
                                   - Abreise
                                   111. Zykel
Nach einer langen Nacht wehte der frische Morgen, wo Albano die Schätze des
seligsten Traums, die vom Monde geöffneten Blumen des Glücks, vor der Sonne
wiederfinden sollte. Ihm jauchzete das Leben, da er die gestrigen Höhen, die vom
Firnis des Lichtes überzogen glänzten, wieder bestieg; nicht zu einem Rosenfest,
sondern zu allen Blumen- und Erntefesten auf einmal, zu Myrten- und
Lilienfesten, zu Ährenlesen und Blütenlesen ging die Sonne über den glücklichen
Boden hervor, und wie ein Pfau mit seinem schleppenden Regenbogen in einen
Blütenbaum hineinfliegt, so hob sich der junge Tag farbenschwer und mit Gärten
beladen und voll Widerscheine auf die blauen Höhen und lachte kindlich in die
Welt. - Albano sah jetzt von seiner Höhe unten das Zauberschloss, worein sich
gestern die mächtige Zauberin verloren.
    Er kam unten an. Ein singendes Mädchen auf dem blumenvollen Dache, das auf
ihn gewartet zu haben schien, zeigte, unter dem Fortsingen sich herüberbeugend,
ihm das nahe Zimmer unter ihr, in das er gehen sollte. Er trat hinein; es war
einsam - durch die Fenster aus geöltem Papier quoll ein wunderliches Morgenlicht
- auf die hölzerne Stubendecke waren Figuren aus dem Herkulanum gemalt - in
einer kampanischen Vase standen gelbe Schmetterlingsblumen und Myrtenblüten und
zogen einen süssen Duftkreis um sich her. Die sonderbare Umgebung umschloss ihn
immer enger, da er gar einige Bilder und Geräte fand, die ihm bekannt vorkamen.
Endlich erblickte er bestürzt auf dem Tische einen halben Ring. - Er nahm seinen
halben hervor, den er im gotischen Zimmer in jener Geisternacht von der
angeblichen Schwester bekommen und den er für den Zufall der Vergleichung immer
bei sich trug. Er drückte die Halbzirkel ineinander - plötzlich schlossen sie
einfassend sich zu einem festen Ringe zu - Gott! dacht' er, was greift wieder
ins Leben! -
    Da wurde hastig die Tür geöffnet, und die Prinzessin Julienne eilte lächelnd
und weinend herein und rief, ihm zufliegend: »O mein Bruder! mein Bruder!« -
»Julienne,« (sagt' er ernst und innig) »bist du endlich meine Schwester
wirklich?« - »O lange genug ist sie es«, versetzte sie und sah ihn zärtlich und
selig an und lächelte ins Weinen. Dann umarmte sie ihn wieder und sah ihn wieder
an und sagte: »Du schöner Albano-Bruder! - So lange bin ich wie ein Mond um dich
herumgezogen und musste kälter und weiter bleiben wie er; und will ich dich auch
ausnehmend liebhaben, so recht zurücklieben und vorwärts dazu!« -
»Allmächtiger!« (brach Albano weinend aus, da er sich so plötzlich von einem
gebenden Arm aus der Wolke umschlungen fand) »das alles gibst du mir auf einmal
jetzt?« - »Ach,« (rief Julienne lebhaft) »weint' ich nur auch vor lauter Freude!
Aber ich esse mein bitteres Stück Schmerz mit dazu! Lieber Bruder, Luigi
schreibt mir gestern aus Pestitz, ich sollte zurückeilen, sonst erleb' er
schwerlich meine Wiederkunft. Dacht' ich das bei der Abreise? So soll ich, was
ich mit der einen Hand einnehme, mit der andern ausgeben.« Albano schwieg dazu,
weil er am Fürsten keinen Anteil nehmen konnte. Desto mehr erquickt' er sich mit
frischer klarer Freude am offnen wehenden Orient der frühesten Lebenstage, an
dem Blicke auf diese junge reine Blume, die gleichsam in und aus der hellen
frischen Quelle seiner Kindheit wuchs und spielte.
    »Aber Himmel! erkläre mir,« (fing Albano an) »wie alles zuging.« - »Jetzt,
weiss ich, hebt das Fragen an« (versetzte sie) - »Die ostensible Hauptsumme
sollst du kurz haben - fragst du nach mehr, willst du ins Geheimbuch gucken, so
schlag' ichs zu und sage dir einige Lügen vor. Im nächsten Oktober, wohl eher,
kommt alles ans Licht. Zu allererst! Meine Mutter war und bleib wahrlich rein
und heilig bei dieser Verwandtschaft, bei dem allmächtigen Gott!«
    »Welch ein Rätsel!« (sagt' er) »Bist du die Tochter meines Vaters? Ist Luigi
mein Bruder? Ist meine tote Schwester Severina deine Schwester?« fragt' er.
    Julienne. Frage den Oktober!
    Albano. Ach Schwester!
    Julienne. O Bruder! Traue der Tochter Melchisedeks. Ferner: ich war wohl die
erscheinende Schwester, die der Mensch mit dem kahlen Kopfe dir in Lilar
zuführte; ich konnte nicht, ich musste dich haben, eh' du ins Ausland entflogst.
Das Alter, das ich damals im Spiegel hatte, war, wie du siehst, nur vom
Kunstspiegel191 gemacht.
    Albano. Wahrlich, ich dachte damals an niemand als an dich. Nur wie kommt
ein Mensch wie der Kahlkopf und wie der Vater des Todes - der mir so
unbegreiflich in Mola vorausgesagt, dass ich dich finden würde - -
    Julienne. Das ist unmöglich - Meinen Namen nannt' er?
    Albano. Bloss dieser fehlte. Der Pater ist übrigens nach aller
Wahrscheinlichkeit mit dem Kahlkopf ein Mensch. Er fuhr dabei gen Himmel.
    Julienne. Da bleib' er ja und der andere mit. Geht und ficht mich oder dich
dieser dunkle Zauber-Bund etwas an, der in seinen falschen Wundern bisher immer
durch seltsame wahre unterbrochen wurde? Ich kam damals in Lilar unschuldig dazu
und verhütete vielleicht etwas Fürchterliches.
    Albano. Bei Gott, ich muss fragen. Was ist denn sein Zweck, wer sein Leiter,
sein Oberer?
    Julienne. Vermutlich der Vater der Gräfin, denn der lebt noch unbekannt und
ungesehen, hör' ich, obgleich dein Vater Vormund ist. Erstaune, wenn du zu Hause
bist, und lasse die Rätsel, die sich ja für uns beide schon so freudig
entwickeln, und erwarte die Oktobertage.
    Albano. Aber eins, geliebte Schwester, versage mir doch nicht, ein klares
Wort über mein und dein wunderbares Verhältnis zur edlen Gräfin! Nur das!
    Julienne. Hat dirs denn schon mein Herz versagt? - Die Herrliche! - Wohl ihr
und mir und dir! Dein erstes Wort der Liebe - die Götter setzten dies nun so
fest - sollte das Merkwort zu dem meinigen an dich werden, erst von der
Geliebten durftest du die Schwester empfangen. Was Gaukler und Geister dazu und
davon taten, das weiss niemand besser als der - Oktober; was soll ich erst lange
zwischen Lüge und Meineid auslesen? Ich tat bloss alles, euch beide nur
voreinander hinzustellen; das Übrige wusst' ich voraus. Nichts gelang - lauter
erwürgender Wirrwarr alles ging bergan - ich sah teuere Menschen192 in einem
unseligen Frühling entsetzliche Schmerzen säen und dabei so voll Hoffnungen
lächeln und konnte ihre unglücklichen Hände nicht halten - ich, die so gewiss
allen Jammer vorauswusste. - »O du fromme reine Seele droben!« sagte sie auf
einmal mit zitternder Lippe zum Himmel hinauf - die Geschwister umfassten sich
sanft und weinten still über das unschuldige Opfer.
    »Nein,« (sagte Albano sehr warm) »kein Höllenbund konnte uns scheiden, wäre
sie nur bei mir geblieben oder doch auf der Erde.« - »Sieh, Albano,« (sagte
Julienne, ihre frohern Lebensgeister wieder zusammenrufend, und öffnete alle
dunkele Fenster) »wie der Morgen-Hügel auf und ab prangt und wallet! Lasse mich
ausreden! Recht zum grössten Glück erfuhr ich im Winter, dass du nach Neapel
gedächtest. Linda war schon einmal dagewesen, und ihre Mutter in den hiesigen
Bädern. Mir, (sagt' ich zu ihr) täten Ischias Bäder so wohl als einer, reise
mit, den tristen Vormund in Rom wollen wir gar nicht berühren und besuchen. Sie
willigte leicht ein. Deiner wurde natürlich nicht gedacht, vorher aber oft genug
in Briefen und sonst, wo ich dich immer unmässig lobte. - Und nun nous voici
donc! - Gestern erhielt ich in Neapel den traurigen Brief meines Bruders. Von
deiner Ankunft wusst' ich noch nichts. Ich liess die Gräfin allein zu deinem
Ton-Fest gehen und eilte mit dem schweren Herzen heim. Da sie freudig kam, tat
sie ihres auf und sagte mir alles und dann ich ihr alles. - Ach, gottlob,«
(setzte sie, ihm an den Hals fallend, dazu) »dass wir nun endlich im Elysium
ausgestiegen sind und dass uns der morsche Charons-Kahn nicht hat ersaufen
lassen. - Aber für ganz Europa, auch für deinen Dian, bleibet auf unserer
Verwandtschaft das Sekretsinsiegel daran, merke!« Er musste noch einige Fragen
tun; sie antwortete immer aufgeweckt: »Der Oktober, der Oktober!« bis sie auf
einmal, wie erwachend, ausrief: »O wie kann ich das so lustig sagen?« aber ohne
sich darüber zu erklären.
    »Jetzt will ich dich, wie ichs bisher machte, zur Gräfin bringen, aber über
einen kürzern Weg!« sagte sie, nahm seine Hand, führte ihn hinaus, öffnete das
Zimmer gegenüber, wo Linda wohnte, und sagte: »Ich stelle dir meinen Bruder
vor.« Hoch errötend ging ihnen die edle Gestalt entgegen und umarmte ohne ein
Wort die liebe Freundin. Als ihr Auge Albano wiederfand, wurde sie so betroffen,
dass sie die Hand zurückzuziehen suchte, die er küsste; denn sie hatte gestern
kaum nur dämmernd sein schönes Auge und seine edle Stirn und den Mund der Liebe
gesehen; und dieser blühende Mensch stand, von doppelter Rührung beseelt, so
hell und still und ernst vor ihr, voll edler, rechter Liebe. Ihr Herz wäre gern
an seines gefallen; wenigstens ihre Hand gab sie ihm in seine wieder und
wünschte ihm Glück zu diesem Morgen. Die nahe Antwort: »Und zum gestrigen Abend«
konnt' er nicht über die Lippe bringen, aus eigner verschämter Scheu, Lob zu
geben wie zu nehmen. »Endlich ist der dritte Mann zum Reise-Kollegium gefunden«
(sagte Julienne) - »Denn du musst in einigen Tagen gleich fort, nach Pestitz musst
du mit, Albano.« - »Ich mit, Schwester?« (sagt' er) »ich wollte einen Monat
bleiben, in einige Tage aber ist der Besuch des Vesuvs, Herkulanums und Neapels
zusammengedrängt.« - Er wunderte sich nachher selber über den süssen Gehorsam
unter die schönen Befehle der Liebe, da er sonst zu sagen pflegte: »Befiehl mir,
zu befehlen: so gehorch' ich nicht.« - »Ich begleite meine Freundin,« (sagte
Linda) »so gern ich nach Griechenland gegangen wäre, dem ich schon zweimal so
nahe bin.«
    »Noch in dieser Nacht flieg' ich fort,« (sagt' er) »ich will nur wachen,
sehen, leben, lieben.« Julienne fing schon mit Schwester-Sorgen für seine
Gesundheit und seine Zwecke an - geteilt zwischen zwei Brüder, hätte sie sich
gern, wär' es nur möglich, beiden zugleich geopfert. - »Ischia hat der gute
Mensch auch noch nicht genossen,« (sagte sie) »das muss er heute haben.«
    Albano fühlte bei dieser neuen weiblichen Liebe, das Weib sei das Herz in
der schönsten Gestalt. In ihm klang ein Freudenlied: welch ein Tag liegt vor
dir, und welche Jahre! - Vom Überhang der doppelten Liebes-Blüten süss
umschlungen und eingesponnen, sah er das Leben und die Erde voll Duft und Licht
- über den Morgentau der Jugend war nun eine Sonne heraufgeführt, und die
dunkeln Tropfen strahlten durch alle Gärten hinauf und hinab.
    Er warf endlich einen Blick auf den Ort, der ihn umgab; Niobes Gruppe, der
Genius von Turin, Amor und Psyche standen abgegossen da, aus dem Kabinette eines
Künstlers in Neapel entlehnt - die Wände waren mit seltenen Gemälden geschmückt,
worunter der - niesende Schoppe war. Dieser allein drang mit der nordischen
Vergangenheit heftig in sein erweichtes Herz, und er sagte der Geliebten sein
Gefühl. »Sie ziehen« (sagte sie) »der Kunst die Freundschaft vor, denn das
Porträt ist das Schlechteste in meiner Sammlung; aber das Original verdient wohl
alle Achtung.«
    Sie ging ins Kabinett und holte ein Miniaturbild von sich selber, das sie
nach türkischer Sitte darstellt, eingeschleiert und nur ein Auge aufgedeckt. Wie
neben der Schleier-Dämmerung das offne Seelen-Auge lebendig blickte und traf!
Wie die Flamme ihrer Macht die Hülle der Milde durchbrannte! - Linda nannte den
Meister des herrlichen Bildes, eben diesen Schoppe, und setzte dazu: er habe
gesagt, hier müsse der Meister aus Gegengefälligkeit selber ein Werk loben, das
ihn so parteiisch und kräftig lobe wie noch kein anderes Werk von ihm. Sie
erklärte diese Verschiedenheit seines Pinsels aus einer Ursache, die er ihr
selber fast wörtlich gesagt: er habe nämlich in seiner frühesten Jugend ihre
Mutter so lange geliebt, als er sie gesehen, und hernach niemand weiter, und
darum hab' er, da sie ihr ähnlich sei, sie con amore gemalt und wirklich etwas
zu leisten gesucht.
    »O redlicher alter Mensch!« sagte Albano und konnte sich kaum der Tränen aus
Augen, die so oft glücklich waren, erwehren; aber nur aus heiligem
Freundschafts-Schmerz. Denn es fuhr nun durch ihn - wie ein Wetterstrahl durch
den hellsten Himmel - die durch alles, durch Schoppens Tagebuch und Lindas Worte
und Rabettens Brief gewisse Vermutung, dass Linda die Seele sei, die der
sonderbare Mensch verborgen geliebt. Ein scharfer Schmerz schnitt eilig, aber
tief durch seine Stirn; und er überwand sich bloss durch seine jetzige jüngere
Frische des Geistes, durch neu gesammelte Kraft und Gewalt und durch den freien
Gedanken, dass ein Freund dem Freunde wohl und leicht die Geliebte, aber nicht
die Liebende geben und opfern könne oder dürfe.
    Julienne sagte: »Ein Wunder ists nur, dass der Bruder zwischen zwei solchen
Phantasten - wie dieser Schoppe und Roquairol - nicht selber einer geworden.«
Ein flüchtiger Krieg brach aus. Linda sagte: »Schoppe ist nur eine südliche
Natur im Kampfe mit dem nordischen Klima.« - »Eigentlich mit dem Leben selber«,
sagte Albano. Julienne blieb dabei: »Ich liebe überall Regel im Leben; bei
beiden ist man nie ruhig und a son aise, sondern nur a leur aise.« Sie fragte
ihn geradezu über Roquairol. »Er war einmal mein Freund, und ich spreche nicht
mehr von ihm«, sagt' Albano, dem des zernichteten Lieblings folternde Liebe
gegen Linda und selber dessen Verwandtschaft mit Liane die Zunge band. Linda
ging mit dem blossen Urteile eines überspannten Schwächlings leicht und ohne
besonderes Gedenken seiner Liebe gegen sie oder ihres Abscheues vor ihm darüber
hin; sie vergass in der Ferne ebenso kalt jeden, der ihrem Innern widrig war, als
sie in der Nähe ihn heftig davonstiess.
    Julienne entfernte sich, um die Anstalten zur kleinen Tag- und Inselreise zu
treffen. Albano schickte ein Blatt an Dian als Marschroute nach Neapel; Linda
sagte über Julienne: »Ein tief- und festgegründetes Gemüt!« - »Das Stamm und
Zweige nur in lauter kleine duftende Blüten einhüllt«, setzt' er hinzu. - »Und
gerade, was sie in Büchern und Gesprächen hasset, die Poesie, die treibt sie
recht in Taten. Individualität ist überall zu schonen und zu ehren als Wurzel
jedes Guten. - Sie sind auch sehr gut«, setzte sie mit sanfter Stimme dazu.
»Wahrlich, jetzt bin ichs,« (sagt' er) »denn ich liebe recht; und nur ein
vollendetes Wesen kann man recht lieben und ganz uneigennützig!«
    
    So muss das Sonnenbild vollendet und rund auffallen, um zu brennen. »Oder
eines, das man dafür hält« (sagte sie) - »Ich bin, was ich bin, und werde
schwerlich anders. Wenn nur der Mensch einmal einen Willen hat, der durch das
Leben geht, nicht von Minute zu Minute, von Mensch zu Menschen wechselt - das
ist die Hauptsache.« - »Linda,« (rief Albano) »ich höre meine Seele - es gibt
Wörter, welche Taten sind; Ihre sinds.« Wenn sie so ihre Seele aussprach,
verschwand vor seinem bezauberten Geiste die schöne Gestalt, wie die goldne
Saite verschwindet, wenn sie zu tönen anfängt. Von der Vergangenheit verwundet
und bestraft für seine oft harte Kraft, hauchte er - ob ihn gleich jetzt das
Leben, die Welt und selber das Land kühner, heller, fester und heisser gemacht -
die unisonen Äolssaiten dieser vieltönigen Seele nur mit leisem Atem an. Aber
wie musste sie ein Mann bezaubern, zugleich so mächtig und so zart - ein sanftes
Sternbild aus nahen Sonnen - ein schöner Kriegsgott mit der Lyra - eine
Sturmwolke voll Aurora - ein mutiger, heisser Jüngling, der so redlich dachte! -
Aber sie sagte es nicht, sondern liebte bloss wie er.
    Er warf einen zufälligen Blick auf ihre kleine Tisch-Bibliotek. »Lauter
Franzosen!« sagte sie; er fand den Montaigne, das Leben der Guyon, den Contrat
social und zuletzt Madame Stael: »Sur l'influence des passions«. Er hatte diese
gelesen und sagte, wie ihm die Artikel über die Liebe, die Parteien und die
Eitelkeit unendlich gefallen und überhaupt ihr deutsches oder spanisches
Feuerherz, aber nicht ihre französische kahle Philosophie, am wenigsten ihre
unmoralische Selbstmordsucht. - »Lieber Gott,« (rief Linda) »ist nicht das Leben
selber ein langer Selbstmord? - Albano, alle Männer sind doch irgendwo Pedanten,
die guten in der sogenannten Moralität, und Sie besonders - Kantische Maximen,
breite weite Fächer, Prinzipien müssen sie alle haben. - Ihr seid alle geborne
Deutsche, recht deutsche Deutsche, Sie auch, Freund. Hab' ich recht?« setzte sie
sanft dazu, als begehre sie ein Ja.
    »Nein!« (sagte Albano) »Sobald einmal ein Mensch etwas recht ernstlich und
ausschliessend treibt und verlangt: so heisset er ein Phantast oder Pedant.« -»O
die ewigen Leser und Leserinnen!« rief Julienne, hereintretend, über sein Buch
in der Hand aus. »Nie hat die Prinzessin eine Vorrede und eine Note gelesen,«
(sagte Linda) »wie ich noch keine weggelassen.« - Weiber, die Vorreden und Noten
lesen, sind bedeutende; bei Männern wäre höchstens das Gegenteil wahr. - »Wir
können reisen, alles ist fertig«, sagte Julienne.
 
                                   112. Zykel
Wie wehte draussen - als sie in die festliche Welt kamen - das kühle Himmelsblau
herab statt der Erdenlüfte! Wie glänzte die Welt und der Tag - und die Zukunft!
Wie schäumte im Lebenskelche der Liebestrank, für jeden der drei Menschen aus
zwei berauschenden Mitteln gemacht, glänzend über! -
    Sie folgten dem Wege nach dem Gipfel des Epomeo, aber in ausweichender
Freiheit und in einem Wechsel der Natur, der nirgends weiter auf der Erde so
ist. Sie begegneten Tälern mit Lorbeern und Kirschen, mit Rosen und Primeln
zugleich. - Es kamen kühle Schluchten, mit reifen Orangen und Äpfeln ausgefüllt,
neben heissen Felsen von Aloe und Granaten, und an die Gipfel des Kirsch- und
Apfelbaums rührten oben die Wein- und Orangenblüten. - In den blühenden Klüften
schlugen sichere Nachtigallen, und aus den Ritzen schossen giftlose
Schlangenköpfe ans Licht - Zuweilen kam ein Kloster in einem Zitronenwäldchen,
zuweilen ein weisses Haus am Weingarten, bald eine kühle Grotte, bald ein
Kohlgarten neben rotem Klee, bald eine kleine Aue voll weisser Rosenblumen und
Narzissen, und überall ein Mensch, der singend, tanzend und anredend
vorüberging. - Wechselnd deckten Höhen und Gärten das Land und das Wasser auf
und zu, und lange schimmerte oft das weite ferne Meer und seine Wolken-Küste wie
ein zweiter Himmel durch die grünen Zweige nach. -
    Sie kamen dem Hause des Einsiedlers auf dem Gipfel immer näher, auf bunten
goldnen Schwungfedern des Lebens sich wiegend. Sie sagten einander zuweilen ein
freudiges Wort, aber nicht um sich mitzuteilen, sondern weil das Herz nicht
anders konnte und ein Wort nichts war als ein freudiger Seufzer. Sie standen
endlich auf dem Erden-Tron und blickten wie von der Sonne herunter. Rings um
sie war das Meer gelagert, ins Blau des Horizonts verschmolzen - von Kapua her
zog in der Tiefe der weisse Apennin um den Vesuv und herüber auf der langen Küste
Sorrentos fort - und vom Pausilipp an verfolgten die Länder das Meer bis über
Mola und Terracina - auf der geöffneten Welt-Fläche erschien alles, die
Vorgebürge, die gelben Krater-Ränder auf den Küsten und die Inseln rings umher,
die der verhüllte fürchterliche Gott unter dem Meere aus seinem Feuerreich an
die Sonne getrieben - und das holde Ischia, mit seinen kleinen Städten an den
Ufern und mit seinen kleinen Gärten und Kratern, stand wie ein grünendes Schiff
im grossen Meer und ruhte auf zahllosen Wogen.
    Da verschwanden drunten die Grössen der Erde, nur die Erde allein war gross,
und die Sonne mit ihrem Himmel wars. »O wie sind wir glücklich!« sagte Albano.
Ja, ihr waret glücklich dort, wer wird es nach euch sein? - Sich auf dem Baum
des Lebens wiegend, auf welchen schon sein Kindes-Auge so früh und sehnsüchtig
geblickt, sagt' er alles, was ihn erhob und ergriff: »Daran erkenn' ich die
Allgewaltige, zornig und flammend steigt sie aus dem Meersboden herauf, pflanzt
ein brennendes Land, und dann teilt sie wieder lächelnd an ihre Kinder Blumen
aus; so sei der Mensch, Vulkan - dann Blume.« - »Was sind dagegen« (sagte
Julienne) »alle Winterlustbarkeiten des deutschen Wonnemonds! Ist das nicht eine
kleinere Schweiz, nur in einem grössern Genfersee?« - Die Gräfin, durch ihr
Spanien einheimischer in solchen Reizen, hielt sich meistens still. »Der Mensch«
(sagte sie »ist die Oreade und Hamadryade oder sonst eine Gotteit und beseelet
Wald und Tal, und den Menschen selber beseelet wieder ein Mensch.«
    Der Einsiedler erschien und sagte, ihr heraufgesandtes Mahl sei längst
angekommen; er lobte seine Höhe mit: »Oft« (sagt' er und machte Julienne lachen)
»raucht mein Berg wie der Vesuv, und Badgäste sehen herauf und fürchten etwas,
es ist aber, weil ich mein Brot hier oben backe.« - Sie lagerten sich im
schattigen Freien. Man musste immer wieder auf die liebliche verkleinerte Insel
hinabsehen, die mit ihren in Gärten gesäeten Gärten, mit ihren mit Herbsten
durchflochtenen Frühlingen so ganz und nahe lag, ein grosser Familiengarten, wo
die Menschen alle beisammen wohnen, weil nicht Länder sich mit Ländern
verwirren, und die Bienen und die Lerchen fliegen nicht weit über den Garten des
Meeres hinaus. Gleich offnen stillen Blumen waren die drei Seelen nebeneinander,
duftend fliegt der Blumenstaub hin und her, neue Blumen zu erzeugen. Linda
versank ganz in ihr grosses tiefes Herz; der Liebe ungewohnt, wollte sie sie
darin anschauen und geniessen, indes kein Wort Albanos ihr entfloh, denn es
gehörte zur Liebe im Herzen. Von Milde übergossen und sinnend war sie da, mit
dem grossen Auge halb unter dem niedergehenden Augenlid - nach ihrer Sitte immer
lange schweigend wie lange sprechend. Wie der Diamant ebenso glänzt wie der
Tautropfe, nur aber mit fester Kraft und auch ohne Sonne: war ihr Herz dem
weichsten in jeder weiblichen Milde und Reine gleich und übertraf es nur an
Stärke. Entzückt sah Julienne es an, wenn sie etwa - nach einem kindlichen
Vergessen Albanos, weil ihr Rede-Strom sie von einer Welt in die andere gerissen
- plötzlich und mit unbefangener Freude mit ihrer feingeformten Hand zu des
Jünglings seiner zurückkehrte, dem ihr Händedruck nichts Kleineres war als eine
zärtere Umarmung.
    Sie nahmen den nähern Rückweg gegen Albanos Wohnung herab, die immer in
ihrem Reben-Geniste zu ihnen heraufsah. Man war noch so kurz beieinander - - am
Morgen reisete Albano. Er sollte von Portici aus schreiben, ein Bote den Brief
holen »und er bringt mir auch einen«, sagt' er; - »gewiss nicht!« sagte Linda.
Albano bat. »Sie wird sich schon ändern und schreiben«, sagte Julienne. Sie
verneinte. Allmählich liefen Schattenfurchen neben den schwarzen Lavaströmen den
Berg hinab, und in den Pappeln fingen Nachtigallen schon ihre melodische
Dämmerung an. Sie kamen Albanos Hause nahe; Dian lief entzückt der Prinzessin
entgegen. Albano bat ihn, ohne beide gefragt zu haben, eine Barke zu schaffen,
damit man den Abend geniesse. Gerade zu gewaltsamen Anträgen der Freude sagen die
Mädchen am liebsten das Ja. Dian war sogleich mit einer zur Hand; mit seiner
Freude hing er schnell an jeder fremden.
    Sie stiegen alle ein und fuhren unter die Sonnenblumen, die jeder
Sonnenstrahl auf die Wellen-Beete immer dichter pflanzte. Albano vergass - im
jetzigen Feuer, gewohnt an die Sitten des warmen Landes, wo der Liebende vor der
Mutter spricht und sie von ihm mit der Tochter, wo die Liebe keinen Schleier
trägt, nur der Hass und das Gesicht, und wo die Myrte in jedem Sinne die
Einfassung der Felder ist - sich einen Augenblick vor Dian und nahm Lindas Hand;
schnell entriss sie ihm sie, der Mädchen-Sitte treu, die den Arm verschenkt und
den Finger und Fingerhut verweigert. Aber sie sah ihn sanft an, wenn sie
abgeschlagen.
    
    Sie kamen auf ihrer Fahrt von Osten nach Norden wieder vor dem Felsen mit
den Häusern und vor den Gassen der Ufer-Vorstadt vorüber. Alles war froh und
freundlich - alles sang, was nicht schwatzte - die Dächer waren mit Webstühlen
seidner Bänder besetzt, und die Weberinnen sprachen und sangen zusammen von Dach
zu Dach. Julienne konnte kaum das Auge von diesem südlichen Vereine ablassen.
Sie zogen weiter ins Meer, und die Sonne ging ihm näher zu. Die Wellen und die
Lüfte spielten miteinander, jene wehend, diese wogend - Himmel und Meer wurden
zu einem Blau gewölbt, und in ihrer Mitte schwebte, frei wie ein Geist im All,
das leichte Schiff der Liebe. - Der Umkreis der Welt wurde ein goldner
geschwollner Ährenkranz voll glühender Küsten und Inseln - Gondeln flogen
singend ins Weite und hatten schon Fackeln für die Nacht bereit - zuweilen zog
hinter ihnen ein fliegender Fisch seinen Bogen in der Luft, und Dian sang ihnen
ihre bekannten vorübergleitenden Lieder nach. - Dort segelten stolz und langsam
grosse Schiffe her, mit rotem und blauem Helmbusch gleich dem Himmel flatternd,
und als Sieger dem Hafen zu. - Überall war Lebens-Most ausgegossen und arbeitete
brausend - So spielte eine göttliche Welt um den Menschen! »O hier an dieser
grossen Stelle,« (sagte Albano) »wo alles Platz hat, die Paradiese und die
schwarzen Orkus-Ufer aus Lava - und das weiche Meer - und Vesuvs graues
Gorgonenhaupt - und die spielenden Menschen - und die Blüten und alles - hier,
wo man glühen muss wie eine Lava - dürfte man da nicht sich gleich der heissen
Lava umher in die Wellen begraben in seiner Glut, wenn man wüsste, es könne etwas
vergehen von dieser Stunde, nur etwas vom Andenken davon, oder ein Pulsschlag
für ein Herz? - Wäre das nicht besser?« - »Vielleicht«, sagte Linda. - Julienne
wurde durch die weiche Freude vor das ferne Krankenbette ihres Bruders gezogen
und sagte lächelnd: »Kann man es nicht wie die schöne Sonne drüben machen und
unter die Wellen gehen und doch wiederkommen? - Schauet doch ihrem Untergange
recht zu, nirgends ist er auf der Erde so.«
    Die Sonne stand schon, zu einem grossen Goldschild gewachsen, vom Himmel
gehalten, über den Ponzischen Inseln und vergoldete das Blau derselben - die
weisse Krone aus Felsen-Stacheln, Kapri, lag in Glut, und von Sorrentos bis
Gaetas Küsten war den Welt-Mauern dämmerndes Gold angeflogen - die Erde rollte
mit ihrer Achse wie mit einer Spielwelle nahe an der Sonne und schlug aus ihr
Strahlen und Töne - seitwärts lagerte sich versteckt der Riesen-Bote der Nacht
auf das Meer, der unendliche Schatte des Epomeo.
    Jetzt berührte die Sonne ihr Meer, und ein goldner Blitz zitterte durch den
nassen Äter umher - und sie wiegte sich auf tausend feurigen Wellen-Flügeln -
und sie zuckte und hing liebesbrünstig, liebeglühend an dem Meere, und das Meer
sog brennend alle ihre Glut - Da warf es, als sie vergehen wollte, die Decke
eines unendlichen Glanzes über die erblassende Göttin - - Dann wurd' es still
auf der Welt - eine bewegliche Abendröte überfloss mit Rosen-Öl alle Wogen - die
heiligen Untergangs-Inseln standen verklärt - die fernsten Küsten traten heran
und zeigten ihr Rot der Entzückung - auf allen Höhen hingen Rosenkränze - der
Epomeo glühte bis zum Äter hinauf, und auf dem ewigen Wolkenbaum, der aus dem
hohlen Vesuv aufwächset, verglomm im Gipfel der letzte dünne Glanz.
    Sprachlos wandten sich die Menschen von dem Westen nach dem Ufer um. Die
Schiffer fingen wieder an zu sprechen. »Mache,« (bat Linda ihre Freundin leise)
»dass dein Bruder sich immer nach Abend wendet.« Sie erfüllte die Bitte, ohne
deren Grund sogleich zu erraten. Immer sah Linda in sein schön beglänztes
Angesicht. »Bitt ihn wieder,« (sagte sie zum zweitenmal) »es dämmert zu sehr,
und meine kranken Augen sehen ohne Licht so übel.« Es geschah nicht; denn sie
stiegen sogleich ans Ufer. Die Erde zitterte ihnen, da sie sie betraten, als ein
Sangboden der seligen Stunde nach. Albano war in sprachloser Rührung auf das
geliebte Angesicht geheftet, das er bald wieder verlassen sollte; »ich schreibe
Ihnen«, sagte sie unaufgefodert mit einem so rührenden Widerrufe der vorigen
Drohung, dass er sich, wär' er nicht unter fremden Augen gewesen, danktrunken auf
ihre Hand, an ihr edles Herz gestürzet hätte. Das Scheiden und das Ende eines
harmonischen Tages wurde schwer, worin der Ton jeder einzelnen Minute wieder ein
Dreiklang gewesen. Jetzt schied Dian schon. »Nicht einmal die Rosen des Abends«
(sagte Julienne) »sind ohne Dornen.« - »Abgebrochen, ist überall das beste; wir
wollen nach Hause«, sagte Linda. Albano bat, dass er begleiten dürfe. »Wozu?«
sagte Linda. - Leise setzte sie ihrer Augen wegen dabei: »Ich kann Euch kaum
mehr sehen - indes kommt nur, ich höre doch.« - »Schöne Veränderliche!« sagte
Julienne. »Ich verändere mich,« (sagte sie) »aber kein anderer - nur bis zur
Kapelle, Albano, Ihr schiffet morgen früh fort.« - »Nicht einmal, heute noch
vielleicht«, sagte er.
    Indem sie nun so langsam und immer langsamer den Berg hinangingen und die
Nachtigallen schlugen und die Myrtenblüten dufteten und die lauen Lüfte
flatterten und oben die ganze zweite Welt wie eine verschleierte Nonne durch die
Silber-Gitter der Sternbilder heilig schauete: so überfloss jedes Herz von treuer
Liebe, und der Bruder und die Schwester und die Geliebte nahmen wechselnd
einander die Hand.
    Auf einmal stand Linda an der Stelle der gestrigen Vereinigung und sagte:
»Hier soll er gehen, Julienne!« und zog schnell ihre Hand aus seiner und
streichelte leicht über seine Locken und seine Wange und dann über sein Auge und
fragte: »Wie?« in einen Traum verirrt. »Gleich,« (sagte Julienne) »aber auf den
italienischen Winter muss man doch, um nur heimzukommen, gar warten, auf den
Mond.« Da fiel der Bruder der zarten Schwester, welche ihm dadurch die längere
Gegenwart und der Freundin das Wiedersehen durch die stärkere Beleuchtung
zubereiten wollte, an das Herz und rief mit Tränen aus: »O Schwester, wie viel
hast du nicht für mich getan, eh' ich etwas tun oder dir danken konnte - du
reichst mir ja alles, jedes Glück, die höchste Seligkeit, o wie bist du!« - »Der
Mond ist da!« (rief sie) »nun reise glücklich und scheide!«
    Wie ein silberner Tag war der Mond auf die Gebürge heraufgetreten, und die
verklärte Geliebte sah des Geliebten blühendes Angesicht wieder. Er nahm ihre
Hand und sagte: »Lebe wohl, Linda!« - sie sahen sich lange an, die Augen voll
Seelen, und sie wurden sich fremder und höher - da drückte er, ohne zu wissen
wie, die erhabene Jungfrau, wie ein seliger Geist eine Frühlingssonne, sich an
das Herz - und er berührte das Heiligtum ihres Angesichts mit dem seinigen, und
wie Morgenröten zweier Welten schmolzen ihre Lippen zusammen. Linda schloss die
Augen und küsste zagend, und nur ein einziges Leben und Glück rollte und glühte
zwischen zwei Herzen und Lippen. Julienne umschlang leise die Umarmung mit ihrer
und begehrte kein anderes Glück. Darauf schieden alle, ohne wieder zu sprechen
oder sich umzusehen.
 
                                   113. Zykel
Albano flog mit der neuen Hastigkeit, die jetzt in seinen Handlungen regierte,
schon unter dem kühlen Morgenstern von dem glücklichen Boden davon. Er sagte dem
Baumeister Dian sein ganzes Glück, weil er wusste, wie sehr der Mann noch ein
Jüngling für die Liebe blieb; »bravo!« (antwortete Dian) »Wer kann ohne Liebe in
Italien auskommen? Unsereiner wenigstens nicht. Hoffentlich ist Euere prächtige
Juno gegen Euch nicht so stolz wie gegen andere Leute: dann mags wohl ein
Götterleben geben.«
    In den Morgenlüften, von Sonne und Woge angestrahlt, schwebt' er gleitend
auf dem blauen Spiegel-Meer zwischen zwei Himmeln, und sein Auge war selig, wenn
es nach dem Olymp, Epomeo, zurücksah, und war selig, wenn es wieder auf die
hinauf- und hinabschimmernden Küsten, auf den langen ausgelegten Markt der Erde
blickte.
    Als sie unter den schwimmenden Palästen, den Schiffen, vorbei an die
stehenden kamen: trafen sie das Volk im Taumel eines Heiligen-Festes. Er vergrub
gezwungen den blauen Tag und das Meer in Tempeln - in Bildersälen - in vierten
Stockwerken, wo nach der Sitte einige Grosse wohnten, an welche er von seinem
Vater Briefe abgab - und schöner in der unterirdischen finstern Gasse, die sich
durch den blühenden Posilippo wölbt.
    Nur der Aussicht, dass er in der ersten nächsten Einsamkeit mit dem
entrückten Herzen reden werde, beruhigte seinen immer aus der Gegenwart
fliehenden Geist. Abends bestiegen sie die schönste Höhe über Neapel, das
Kamaldolenser Kloster, wo er unter den Freuden der Aussicht in grauer Ferne
hinter dem Posilippo den hohen Epomeo stehen sah. Er hielt sich nicht länger,
sondern fing an einer dichter umblühten Stelle, die er sich dazu aussuchte,
diesen Brief an Linda an:
    »Endlich, edle Seele, kann ich zu dir reden und deine Insel wieder schauen,
wiewohl nur als eine aufgerichtete sonnenrote Abendwolke am Horizont. Linda,
Linda, o dass ich dich habe und hatte! Dauert denn der zweitägige Götter-Traum
noch herüber ins kalte Heute? Du bist jetzt so fern und stumm, und ich höre kein
Ja. Als ich in Rom auf der Peterskuppel in den blauen Morgenhimmel sah und das
Leben um mich brausend schwoll, wie die Lüfte mich umwehten: so war mir, als
müsst' ich mich in ein fliegendes Königsschiff werfen und ein Ufer suchen, das
unter dem tiefsten Sternbild grünt; als müsst' ich wie eine Kaskade hinabflattern
durch den Himmel und mich drunten durch das steinige Leben reissen, dringend und
zerstörend und tragend. Und so ist mir jetzt wieder und noch stärker; ich möchte
zu dir hinüberfliegen und sagen: du bist mein Ruhm, mein Lorbeerkranz, meine
Ewigkeit, aber ich muss dich verdienen; ich kann nichts für dich tun, ausser für
mich. - In der alten Zeit waren geliebte Jünglinge gross, Taten waren ihre
Grazien und der Panzer ihr Feierkleid. Heute, als ich auf den Golf von Baja und
auf die Ruinen hinübersah, wo die Gärten und Paläste der grossen Römer noch mit
Trümmern oder Namen liegen; und als ich die alten trotzigen Riesen stehen sah
mitten in Blumen und Orangen und in lauen Duftlüften, davon erquickt, aber nicht
erweicht, mit der Hand den schweren Dreizack hebend, der drei Weltteile bewegte,
und mit der markigen Brust entgegentretend dem Winter im Norden, der Glut in
Afrika und jeder Wunde: da fragte mein ganzes Herz: bist du so? O Linda, kann
der Mann anders sein? Der Löwe geht über die Erde, der Adler geht durch den
Himmel, und der König dieser Könige habe seine Bahn auf der Erde und in dem
Himmel zugleich. Noch war und tat ich nichts; aber wenn noch das Leben ein
leerer Nebel ist, kannst du ihn übersteigen, oder festgreifen und zerschlagen?
Willst du einmal, du Uranide, einen Mann lieben, so tret' ich vor keinem zurück.
Aber Worte sind an Taten nur Sägespäne von der Herkuleskeule, wie Schoppe sagt.
Sobald der Krieg und die Freiheit aufeinanderstossen, so will ich dich im Sturm
der Zeit verdienen und dir Taten mitbringen und die unsterbliche Liebe.
    Hier steh' ich auf der göttlichen Höhe des Klostergartens und blicke in ein
grünes Himmelreich ohnegleichen hinab. Die Sonne ist schon über den Golf hinüber
und wirft ihre Rosenfeuer unter die Schiffe, und ein ganzes Ufer voll Paläste
und voll Menschen brennt rot - durch die langen aufgebreiteten Strassen unter mir
rollt das Festgetümmel schon herauf, und die Dächer sind voll geschmückter
Menschen und voll Musik, Balkons und Gondeln erwarten die göttliche Nacht zu den
Gesängen. Und hier bin ich allein und bin doch so glücklich und sehne mich ohne
den Schmerz. Aber wär' ich vor vier Tagen, Linda, wo ich dich noch nicht kannte
und noch nicht hatte, hier gestanden und hätte angesehen diesen Abend - das
goldne Meer - das heitere Portici, das Sonne und Meer mit Flammen anspülen - den
herrlichen Vesuv mit goldgrünen Myrten umwunden und mit dem grauen Aschen-Haupt
voll Sonnenglut - und hinter mir die grüne Ebene voll Wolken aus Blütenstaub,
die aus Gärten steigen und in Gärten regnen - und den ganzen webenden
Zauberkreis freudiger Kräfte, diese in Licht und Leben schwimmende Welt; - dann,
Linda, hätte ohne dich durch die warme Seligkeit ein kalter Schmerz gezückt, und
im goldnen Abendlicht wären Erinnerungen mit Trauer-Larven gegangen.
    O Linda, wie hast du meine Welt gereinigt und erweitert, und ich bin nun
überall glücklich. Du hast den schweren scharfen Pflug des Lebens, der mühsam an
der Ernte arbeitet, in einen leichten Griffel und Pinsel verwandelt, der
umherspielt, bis er eine Götter-Gestalt erschafft. Sah' ich heute nicht jeden
Tempel und jeden Hügel froher, wie von dir vergoldet, und jede Schönheit, sie
mochte an der Statue, auf der Leinwand oder auf der singenden Lippe oder auf den
Gipfeln blühen, prangte und duftete üppiger, und dann flog ich von der kleinen
Blume auf zur blühenden Linda?
    Wie herrschet die dunkle Gewalt hinter der Wolke! Versiegelte Befehle gibt
sie uns mit, damit wir sie auf einer späten fremden Stelle erbrechen. Gott, erst
auf Ischias Epomeo musst' ich meinen öffnen, da ging ein Augenblick über das
Leben und gebar die Ewigkeit, der Schmetterling brachte die Göttin!
    Der Abend geht unter, und ich muss schweigen. Wüsst' ich nur, wie der deinige
ist! Mein Leben besteht jetzt aus zwei Stunden, deinen und meinen, und ich kann
nicht mehr mit mir allein leben. - Dieser Tag sei dir doch reich und mild
entwichen und dein Abend wie meiner! Die Sonne rötet nur noch den Vesuv, die
Inseln verglühen langsam im dunkeln Meer, ich schaue nun, ohne mit dir zu
sprechen, den grossen Abend an, aber o Gott, so anders als in Rom! Selig werd'
ich mein Auge nur an deine auslöschende Insel im Glanz-Getümmel des Abendrots
heften und lange noch hinsehen, wenn schon Epomeos Gipfel in der Nacht
verwittert; und dann werd' ich heiter in das mit Lichtern umstellte Grab der
Farben unter mir schauen - frohe Gesänge werden durch die Dämmerung ziehen - die
Sterne werden liebreich schimmern - und ich werde sagen: Ich bin allein und
still, aber unaussprechlich selig, denn Linda hat mein Herz, und ich weine nur
aus Liebe, weil ich an ihres denke, und trunken werd' ich durch den Blütenrauch
des Bergs hinuntergehen.« -
                                       *
Er kam langsam nach Neapel zu seinem Freunde Dian zurück, alle Fest-Lust, die
ihm begegnete, das ganze Odeum der Wonne, in welchem das klingende Rad der Leier
schwindelnd umrollte, schien ihm bloss sein Nachklang zu sein, indes sonst erst
den äussern sinnlichen Saiten des Menschen die innern nachklingen. Er wollte nur
immer weiter und noch - wenn es ginge - diese Nacht auf den Weg nach dem Vesuv,
für ihn gab es jetzt nur eine Tagszeit. Das wärmere Klima samt der Liebe und dem
Mai schienen alle Frühlingswinde seiner Kräfte zu wecken, sie wehten ungestüm,
ihm selber sogar bewusst; nur vor der Geliebten war er, noch wund von der
Vergangenheit, bloss ein Zephyr, der die stäubende Blüte schont.
Am andern Tage wollt' er nun den Vesuv besteigen und am Morgen darauf seinen
Dian in Portici erwarten, wenn er vorher auf dem Vulkan die Sonne hatte aufgehen
sehen.
 
                                   114. Zykel
Seine Reise beschrieb er seiner Geliebten:
                                      In der Hütte des Einsiedlers auf dem Vesuv
»Warum liegt nicht der Mensch auf den Knien und betet die Welt an, die Berge,
das Meer, das All? Wie erhebt es den Geist, dass er ist und dass er die ungeheuere
Welt denkt und sich! - O Linda, ich bin noch voll von dem Morgen; auch wohne ich
noch auf der erhabnen Hölle. Gestern reisete ich am Morgen mit meinem Bartolomeo
durch den reichen vollen Gartenweg nach dem heitern Portici, das sich an den
Riesen anschmiegt wie Catana an den Ätna. Immer dieselbe grosse, durch dies
erhabene Land ziehende epische griechische Verschmelzung des Ungeheuern mit dem
Heitern, der Natur mit den Menschen, der Ewigkeit mit der Minute. - Landhäuser
und eine lachende Ebene gegenüber der ewigen Todesfackel - zwischen alten
heiligen Tempelsäulen geht ein lustiger Tanz, der gemeine Mönch und der Fischer
- die Glut-Blöcke des Bergs türmen sich als Schutzwehr um Weingärten, und unter
dem lebendigen Portici wohnt das hohle tote Herkulanum - ins Meer sind
Lavaklippen gewachsen, und in die Blumen schwarze Sturmbalken geworfen. Das
Steigen war anfangs meiner Seele Erquickung, der lange Berg wurde der vollen
Wolke ein Ableiter. Spät nachts im ewigen Steigen kamen wir ohne Genuss der
Abendsonne, durch deren roten Glanz auf der Asche wir schnell waten mussten, hier
beim Einsiedler an; der Mond war noch nicht herauf, deine Insel noch unsichtbar.
Oft donnerte es unter dem Fussboden der Stube. Da wurd' ich auf einmal vom
Einsiedler schön an meinen alten Schoppe erinnert, indem er mir erzählte, dass
einmal ein hinkender Reisender mit einem Wolfshund hierüber gesagt: im Vesuv sei
der Stall der unaufhörlich polternden Donnerpferde. Das war nach allem gewiss nur
Schoppe.
    In der Mitternacht, meine Linda, als der Mond über den Apennin herüber war
und mit einem entzückten langen Silberblick vom Himmel sah und ich an dich
dachte, stand ich auf und ging leise hinaus, um wieder zu sehen, wo du wohnest,
meine Linda. Draussen war es überall still, ich hörte gleichsam die Erde auf
ihrer Bahn im Himmel donnern - die Schatten der Lindenbäume um mich schliefen
fest auf dem grünen Rasen - Vesuvs Rauch stieg empor in die reine Luft - über
das dampfende Meer hin glänzte wunderlich der Mond, und mühsam sucht' und fand
ich endlich den einsamen Berg deiner Insel, hoch ins Blau gezogen, silbern
blühend unter den Sternen um ihn her, eine schimmernde Tempelzinne für mein
Herz. - Dort wohnt und schlummert Sie auf dem Tabor, eine Verklärte des
Elysiums! sagte ich mir. Um mich war Asche der Jahrhunderte, Stille des Sargs,
und nur zuweilen ein Poltern, als werfe man auf jenen den Grabhügel ich war
weder im Land des Todes noch der Unsterblichkeit - Die Länder wurden Wolken -
Neapel und Portici lagen verdeckt das weite Himmelsblau umfing mich - ein hoher
Nachtwind bog die Rauchsäule des Vulkans nieder und führte sie
wechselnd-beglänzt in langen Wolken durch den reinen Äter fort. - Da sah ich
nach Ischia, und sah gen Himmel, o Linda, ich bin aufrichtig, hör' es, dass ich
die fromme Liane, die dich so unendlich liebte, bat, jetzt um dich zu schweben
und dir das Glück zu bereiten, das sie dir sonst so gönnte. - - Auf einmal
wurden die Donner des Berges ganz still, die Sterne blitzten heller; da
schauderte mich die Stille und das Leben, und ich ging in die Hütte zurück, aber
lange noch weint' ich vor Entzückung über den blossen Gedanken, dass du glücklich
würdest.
    Der Morgen ging auf; und mitten in seinem dunkeln Winter traten wir die
Reise nach der Feuer-Schlucht und Rauchpforte an. Wie in einer abgebrannten
dampfenden Stadt ging ich neben Höhlen um Höhlen, neben Bergen um Berge vorbei
und auf dem zitternden Boden einer ewig arbeitenden Pulvermühle dem Pulverturm
zu. Endlich fand ich den Schlund dieses Feuerlands, ein grosses glühendes
Dampf-Tal wieder mit einem Berg - eine Landschaft von Kratern, eine Werkstätte
des Jüngsten Tags - voll zerbrochner Welt-Stücken, gefrorner, geborstener
Höllenflüsse - ein ungeheuerer Scherbenberg der Zeit - aber unerschöpflich,
unsterblich wie ein böser Geist und unter dem kalten reinen Himmel sich selber
zwölf Donnermonate gebärend. Dunkelröter steigt auf einmal der breite Dampf,
wilder gehen die Donner ineinander, heisser raucht die schwere Höllen-Wolke -
plötzlich fährt Morgenluft herein und schleppt den flammenden Vorhang den Berg
hinab - - Da stand die helle gütige Sonne auf dem Apennin, und der Somma und
Ottayano und Vesuv blühten im Friedens-Glanz, und die Welt ging langsam nach der
Sonne auf mit Gebürgen, Inseln und Küsten. Der Ring der Schöpfung lag auf dem
Meere vergoldet vor mir, und wie die Zauberstäbe der Strahlen die Länder
berührten, so fuhren sie lebendig empor.
    - Und der alte Königs-Bruder des Vesuvs, der Ätna, sass auf seinem goldnen
Tron und schauete über sein Land und Meer. Und wie Schnee rollte von den
Gebürgen der lichte Tag in das Meer herunter, in Glanz zerrinnend, und floss über
das weite glückliche Kampanien und in dunkle Kastanien-Täler. - Und die Erde
wurde unabsehlich, und die Sonne zog im weiten Strahlen-Netz die süss-gefangne
Welt im schönsten Äter weiter.
    O Linda, da prangte deine Insel ausgebreitet, stolz gelagert im Meer mit
herunterfliessendem Morgenrote, ein hochmastiges Kriegsschiff - und ein Adler,
der Vogel des Donnergottes, flog in die selige Weite, als trag' er mein Herz in
seiner Brust zu deinem Epomeo hin. - O ich möchte ihm nach, sagte mein Geist.
Der heisse Boden tat Donnerschläge, und der Rauch umhüllte mich. - Ich möchte
sterben, damit ich dem Adler nachflöge und jetzt in Ischia wäre...«
                                       *
Hier hielt die heftig erregte Seele sich innen. Er ging oder glitt den Abhang
nach Portici herab. In einem gegenseitig vorher festgesetzten Hause glaubt' er
seinen Freund wiederzufinden. Aber er fand weder Dian noch den erwarteten Brief
von Linda. Entkräftet von Gehen, Wachen und Glühen, fiel er im kühlen, stillen
Zimmer in einen Traumschlaf. Da er erwachte, stand die Mitternacht des
italienischen Tags um ihn, die Siesta - alles ruhte unter dem heissen stillen
Lichte - im Himmel war keine Lerche - die grünen Sonnenschirme neben seinem
Fenster, die Fichten, standen ungeregt in der Erde, und nur die Pappeln wiegten
leise die neugeborne Blüte des Weins, die in ihren Armen lag - und der Efeu, der
von Gipfeln hing, schwankte ein wenig. - Solche Schattenzweige spielten einst in
Lilar in Charitons Zimmer, als er Lianen erwartete und damals an Italien dachte.
- Der grosse ebene einfache Garten von Portici nach Neapel, ein von Wellen
umspültes Garten-Gewebe von Dörfern, Baumwäldchen und Landhäusern, führte sein
Auge über Blüten nach seinem Paradies im Meer. - Diese einsame stille Zeit voll
Sehnsucht erweichte unendlich sein schönes Herz. Er endigte so den abgebrochnen
Brief:
                                                                      In Portici
»O meine Linda! Ich bin dir wieder näher, aber die Ferne zwischen uns wird mir
hier in der Stille so weit! O Linda, ich liebe dich mit Schmerzen, in der Nähe,
in der Ferne - o mit welchen verlör' ich dich erst? - Warum bin ich denn deiner
Liebe so gewiss? Oder so ungewiss? Leise spricht dein Herz zu mir. Leise Musik und
Liebe ist einer entfernten gleich, - und die ferne auch wieder der leisen. Hat
mich der erhabne Säulenstuhl des Donnergottes neben mir so sehr erschüttert,
oder denk' ich zu lebhaft an das hohle tote Herkulanum unter mir, wo eine Stadt
ein Sarg ist: weinend und beklommen seh' ich über das Meer an die stille Insel,
worauf du wohnst. - O dass es so lange wird, bis wir uns sehen, dass du nicht
gleich jeden Gedanken aus meinem Herzen schöpfst und ich aus deinem! Warum
stellt mir das Ausbleiben deines Briefs auf einmal grössere Schmerzen, ach die
grössten vor die Seele? Warum denk' ich: die tiefsten Schmerzensstriche auf
unserer Stirn, die Runzeln des Lebens sind nur kleine Linien aus dem ungeheuern
Bauriss, den der Weltgeist zieht, unbekümmert, welche Stirnen und Freuden seine
Glückslinie schmerzhaft durchschneide? - Wenn diese Linie einmal durch unsere
Liebe ginge vergib den voreilenden Schmerz; in diesem Leben, dem Wechsel
zwischen Strichgewittern und Sonnenblicken, ist er wohl erlaubt...«
                                       *
Hier unterbrach ihn die Freude und Dian in Begleitung eines Ischianers, der
einen Brief von Linda brachte, um seinen mitzunehmen. Er las ihn heftig und gab
seinem noch die Worte wie eine Freudenträne mit: »Übermorgen komm' ich auf die
Insel. Was ist die Erde gegen ein Herz! Du bist mächtig, du hältst mein ganzes
blühendes Dasein empor in den Himmel, und es stürzt auf dich, wenn es stürzt.
Lebe wohl! Ich fürchte wahrlich weder das heisse Öl noch die Flamme der Psyche.«
- Hier ist Lindas Brief:
»Wir beide leben sehr still, seit der artige Flüchtling auf Bergen und in
Palästen umherschwärmt. Wir sprachen fast zu viel von ihm und liessen uns noch
dazu die schwatzende Agata holen, um gar von seiner Reise zu erfahren. Ihre
Julie ist voll Segen und Hülfe für Linda. Noch nie sah' ich eine so klare,
bestimmte, scharf durchblickende und doch kalte Natur, die nur gebend liebt,
mehr als liebend gibt. Sie wird zwar nie die Schmerzen fühlen, die Venus Urania
ihren Erwählten schenkt; aber sie ist eine geborne Mutter und eine geborne
Schwester; und ich frage sie zuweilen: warum hast du nicht alle Brüder und alle
Waisen?
    Seit dem Erdbeben bin ich etwas kränklich. Ich habe es vielleicht nicht
gewohnt, zu lieben und so zu sterben. Ich nehme ein philosophisches Buch - denn
Dichter greifen mich jetzt zu heftig an - und glaub' ihm noch zu folgen, wenn
ich schon längst weggeflogen bin über das Meer. Ich lese jetzt das Leben der
herrlichen Guyon, diese weiss, wie man liebt - dieser göttliche Affekt gegen das
Göttliche, dieses Selbst-Verlieren in Gott, dieses ewige Leben und Bestehen in
einer grossen Idee - diese wachsende Heiligung durch die Liebe und die wachsende
Liebe durch die Heiligung! Mir entsinkt das Buch, ich schliesse die Augen, ich
träume und weine und liebe dich. O Albano, komme früher. Was willst du jetzt an
Bergen und Ruinen suchen? Kommen wir nicht wieder? Aber ihr zerstreueten Männer!
Nur die Weiber lieben, es sei Gott oder euch leider. Die Guyon, die heilige
Terese, die etwas prosaische Bourignon liebten Gott wie kein Mann (ausser der
heilige Fenelon); der Mann geht mit dem höchsten Wesen nicht viel besser als mit
dem schönsten um. Albano, hast du eine andere Sehnsucht als ich, begehrst du
mehr auf der Erde als mich, mehr im Paradies als mich: so sag es, damit ich
aufhöre und sterbe. Wahrlich, wenn du deine Schwester umarmest: so bin ich
eifersüchtig und möchte deine Schwester sein, und dein Freund Schoppe und dein
Vater und alles, was du liebst, und dein Ich, wenn du es liebtest, und dein
ganzer Himmel und dein ganzes Du im Ich, dein Ich im Du.
    Ich will Euch einiges von meiner Geschichte erzählen. Still ging ich lange
über die Erde - ich sah die Höfe, die Nationen und Länder und fand, dass die
meisten Menschen nur Leute sind. Was ging es mich an; Man sage gar von nichts:
das ist bös, sondern nur: das ist dumm - und denke nicht mehr daran. Was ich
nicht liebe, existiert für mich auch nicht, und anstatt lange zu hassen oder zu
verachten, hab' ichs vergessen. Ich wurde für stolz und phantastisch gescholten
und konnt' es niemand rechtmachen. Aber ich bewahrte und nährte mein Inneres,
denn kein Ideal darf aufgegeben werden, sonst erlischt das heilige Feuer des
Lebens, und Gott stirbt ohne Auferstehung. - Ich sah die Männer und fand immer
bloss den Unterschied unter ihnen, dass die einen fein, verständig und zart waren
ohne Entusiasmus und Gemüt, die andern sehr herzlich und entusiastisch mit
bornierter Rohheit, alle aber selbstsüchtig; wiewohl sie, wenn ihr Herz voll und
nicht im Abnehmen ist, eben wie der volle Mond die wenigsten Flecken zeigen.
Neben den Lehren meiner grossen Mutter, neben Ihrem grossen Vater bestand keiner.
Ihren Roquairol konnte man weder lieben noch hassen noch achten noch fürchten,
wiewohl sehr nahe an alles dieses zusammen kommen.
    Es machte viel auch, dass ich immer reisete; Reisen erhält oft kälter. Wenn
ich nach der Küste sehe und denke, dass ein grosser Römer bald in Baja, bald in
Deutschland, bald in Gallien, bald in Rom war, und dass ihm die Erde eine grosse
Stadt wurde: so begreif' ich leicht, dass ihm die Menschen zu Massen wurden.
Reisen ist Beschäftigung, was uns Weibern immer fehlet. Die Männer haben immer
zu tun und schicken die Seele auswärts, die Weiber müssen den ganzen Tag daheim
bei ihrem Herzen bleiben. In der Schweiz legt' ich mir (so wie die Prinzessin
Idoine) eine kleine Ökonomie an, und ich weiss, wie man über kleine Ziele, die
man täglich erreicht, sich über das hohe tröstet, das wie ein Gottes-Tron in
der Höhe liegt.
    Da kam ich gerade in dieser stillen Woche des Lebens an den Eissee in
Montanvert. An pittoresken Bergen, Ebenen, Klüften hatt' ich mich in Spanien
satt gesehen, und an Eisbergen in der Schweiz. Aber ein Eismeer in dieser Höhe,
ein einsames uraltes blaugrünes Meer, von roten Felsen umstanden, eine breite
Wüste voll reger aufstehender Wellen im Sturm, die ein plötzlicher Tod, ein
Medusenhaupt so mitten im Leben starr und fest gemacht! Es schlug ein Gewitter,
mir sonst furchtbar, damals mit Flammen den Berg herauf, ich merkt' es kaum,
meine Seele hing sinnend an der Stille eines versteinerten Sturms, an der Ruhe
des - Eises! Ich erschrak, weinte ungewöhnlich den Berg herab, und in derselben
Woche legt' ich das ökonomische Spielwerk beiseite und reisete fort.
    Ich machte aber keine Wettergebete, sondern wohnte drunten ohne Klage in der
Regenschlucht eines dunkeln kalten Daseins. Da brachte mich das Schicksal auf
den Epomeo, und da wollten die Götter, dass es sich änderte.
    Aber nun muss es so bleiben. Wenn ein seltenes Wesen zu einem seltenen Wesen
gesagt hat: Du bists!, so sind sie nur durch- und füreinander. Die Psyche mit
der Lampe wird es nicht fühlen, wenn die Lampe ihre Locken und ihre Hand und
Herz ergreift und verbrennt, während sie selig den schlummernden Amor anschauet;
aber wenn der entschlüpfende heisse Öltropfe aus der Lampe den Gott berührt und
er aufwacht und ihr zornig entfliegt auf ewig - auf ewig - Ach du arme Psyche! -
Was hilft dir der Tod im aufgelösten Eismeer? - - Hat denn noch kein Mann den
Schmerz der verlornen Liebe empfunden, damit er wisse, wie noch tausendmal
härter er eine Frau verheere? Welcher hat denn Treue, die rechte, die keine
Tugend und keine Empfindung ist, sondern das Feuer selber, das den Kern der
Existenz ewig belebt und erhält?
    Ich bin krank, Albano, sonst weiss ich nicht, wie ich zu diesen tristen Ideen
komme. Ich bin so ruhig im Innersten; ich habe nur die Saiten, nicht die
Stimmung gezeigt. Wir sollen nicht auf die Zukunft wirken und sehen, sondern auf
die nächste Gegenwart. Erschiene je die Zeit - ich habe weder Reue noch Geduld -
je die Zeit, wo du mich nicht mehr und recht liebtest: ach ich würde stiller,
stärker, kürzer sein als jetzt, und was gibt es weiter, als entweder für den
Geliebten sterben oder - durch ihn?
    Komme bald, Holder! Es ist sehr schön um uns, es hat geregnet, alle Welt
jubiliert und sieht die Sonnen-Tropfen und hat sich einen Himmels-Trank
gesammlet; auch ich habe für dich Tassen und Vasen in der Eile hinausgestellt.
Komme, ich will dir das Ölblatt und den Myrtenzweig bringen und um das Haupt
Rosen und Violen winden. Komme, ich dachte sonst nicht, dass ich so oft nach dem
Posilippo sehen würde. -
                                                                             L.«
»N. S. Auch die Nebenbuhlerin sieht nach dem Posilippo und freuet sich auf dein
Wiedersehen. Doch übereile nichts. Addio, caro.
                                                                             J.«
                                       *
Albano fand in diesem Charakter eine stille Rechtfertigung und Erfüllung aller
Foderungen, die er früher bei Lianens Leben immer an ein geliebtes Wesen machen
musste; er nahm aber in der Unschuld seiner Liebe nicht wahr, dass gerade diesem
Wesen die in seinem Briefe regierende Sehnsucht nach Krieg und Taten nicht
gefallen könne.
    Er besuchte nun die unterirdische Stadt in ihrem Gottesacker, gleichsam
neben der Cestius-Pyramide des Vulkans. Dian ging mit ihm das Herkulanum als ein
antiquarisches Lexikon durch, um ihm die ganze Haushaltung der Alten bis zum
Mahlen hinauf aufzublättern; aber Albano war bewegter als sein Freund von dieser
mitten in der Gegenwart wohnenden Vergangenheit, von den stillen Häusern und
nächtlichen Gassen und von den häufigen Spuren der fliehenden Verzweiflung.
»Wären denn nicht diese Leute alle jetzt doch tot ohne den Vesuv?« fragt' ihn
Dian heiter im heitern Lande. »Ich frag' Euch lieber,« (fuhr er fort)»ob ein
Baumeister, wenn er aus dieser Kunstkammer oder Kunststadt gekommen, in Eurem
Deutschland noch viel Lust haben kann, nach der grössten Ruine der Erde die
erbärmlichen winzigen für Eure Fürstengärten anzugeben.« - Sie sahen in einem
dunkeln Vorhaus eben eine irdene Maske an, die man in Gräber stellte, mit Lampen
wie Augen darhinter. Da blickte ihn Albano starr an und sagte: »Sind wir nicht
blitzende Larven aus Erde am Grab?« - »Pfui, die hässliche Idee!« sagte Dian.
    Noch lange draussen im lebendigen Sonnenschein gingen ihm dunkle Gedanken
nach, neben dem glänzenden Portici stand der Vesuv als Scheiterhaufen und der
Todesengel darauf. Er dachte an Hamiltons Weissagung, dass das schöne Ischia
einst auf der Mine eines Erdbebens sterbe. Selber Lindas Brief betrübte ihn mit
dem blossen Gemälde ihres möglichen Verlusts.
    In Neapel besah er noch einige Merkwürdigkeiten; dann schifft' er sich am
andern Morgen nach dem Eden der Wellen ein.
 
                                   115. Zykel
Und als sie sich wieder sahen und wieder fassten: waren sie entzückter und
verbundner, als es jedes glückliche Herz vorausgesehen. Linda sass still und
sanft, sah den schönen Jüngling an und liess ihn und die Schwester erzählen, die
sich oft unterbrach, um beide zu küssen. Er sprach sehr erfreuet über Lindas
Brief; Männer machen überall mehr aus dem Geschriebenen als Weiber.
    Linda sprach gleichgültig: »Ach was! Ists geschrieben und gelesen, so sei es
vergessen. In Ihrem ist zuweilen auch ein nordisches Faux-brillant.« -»Die
Gräfin« (sagte Julienne) »lobt niemand ins Gesicht als sich.« Linda ertrug mit
eigner Gutmütigkeit den Spott. Albano, ihr oft gefallend und missfällig, wo ers
nicht wusste, vergab der Liebe so leicht. Der Freundschaft vergibt die beleidigte
Eitelkeit schwerer.
    »Zwar doch!« (holte Julienne plötzlich unter dem Schleier der Lustigkeit zu
einer ernsten Rede aus) »Dein Emigrier-Projekt nach Frankreich ist ein
Faux-brillant. Kannst du denn glauben, dass man es dir zulässet? dass eine
Prinzessin-Schwester von Hohenfliess dem Bruder Pässe zu einem demokratischen
Feldzuge unterschreibt? Nimmermehr! Und gar kein Mensch, der dich liebt!« Albano
lächelte, wurde aber am Ende ernst. Linda war still und senkte das Auge. »Zeige
mir« (sagte er sanft wie nur mit halbem Ernst und Scherz) »auf der Landkarte
eine bessere Laufbahn!« - »Einen bösern Laufgraben?« (sagte sie spielend) »Wohl
kaum!« Nun schattete sie mit aristokratischen, weiblichen und fürstlichen Farben
zugleich, mit dreifarbigen Farbenerden alle Flammen, Rauchwolken und Wellen ab,
momit der Monte nuovo der Revolution aus dem Grunde aufgestiegen war. Und setzte
dazu »Lieber ein müssiger Graf als das!« - Er wurde rot. Von jeher war ihm das
weibliche Binden der männlichen Kraft, das liebende Krummschliessen zu Blumen
herab, das ungerechte Umschmieden des Liebes-Rings zum Galeeren-Ring so
aufschreckend und verhasset; - »in einer Welt, die nur eine Messwoche und ein
Maskenball ist, nicht einmal Mess- und Maskenfreiheit zu behalten, ist stark«,
hatte einmal Schoppe gesagt und er nie vergessen, weil es aus seiner Seele in
sie kam. »Schwester, du bist entweder nicht mein Bruder, oder ich deine
Schwester nicht,« (sagt' er) »sonst verständen wir uns leichter.« Lindas Hand
zuckte in seiner, und ihr Auge ging langsam zu ihm auf und schnell nieder. -
Julienne schien vom Vorwurfe des Geschlechts betroffen zu sein. Albano dachte an
die Zeit, wo er ein Herz aus Wachs zerdrückte mit einem aus Eisen, und sagte,
heller und kälter: »Julienne, ich will gern kein Nein zu dir sagen, wenn du es
nur für kein Ja ansiehst.« - Er könnte, fiel ihm ein, seinen Widerspruch leicht
hinter die Zukunft verstecken, da ja noch kein Krieg in Europa entschieden war;
aber er fand das nicht ehrlich und stolz genug. - »Quäle nicht!« sagte Linda zu
ihr. »Jawohl,« (sagte Julienne aufspringend) »ich darf ja nur an das und an das
denken was weiss ich!« und sah sehr ernstaft aus. »Noch zwei Tage« (setzte sie
dazu und suchte aus dem Ernst zu kommen) »können wir auf der Insel wie Götter,
ja wie Göttinnen verleben; wiewohl zu einem Gott taug' ich allenfalls, nur zu
keiner Göttin; diese muss länger sein; ich bin nur die Folie der Gräfin aus
unendlicher Güte.« Denn Juliennens Gestalt verlor durch die Nachbarschaft der
majestätischen Linda.
    Aber der Krieg der liebenden Menschen hatte sich durch keinen Frieden
geschlossen und blieb daher in seinen Waffen. Wie der Vesuv glühende Steine, so
wirft der Mensch seine Vorwürfe so lange in sich empor und erhebt und
verschlingt sie wechselnd, bis endlich eine glücklichere Richtung sie über den
Rand hinaustreibt.
    In Albano arbeitete wohl die Frage, was Lindas Schweigen zum kleinen Kriege
über und wider den grossen bedeute; allein er legte sie nicht vor. Der
Unabänderlichkeit seines Entschlusses sich bewusst, war er milder gegen die
Schwester, die er, glaubt' er, doch einmal sehr damit verwunden würde. So war er
durch den kalten und warmen Wechsel des Lebens sanft geworden, wie ein Edelstein
durch schnelles Erglühen und Abkühlen sich in Arzenei verwandelt.
    Schnell und schön gingen die letzten Freudentage über die Insel hinüber, die
nach dem Regen wie ein deutscher Garten grünte. Die weiche kühle Luft - die
Myrten- und die Orangendüfte einzelne Glanzwolken am warmen Himmel - der
Zauberrauch der Küsten - die goldne Sonne am Morgen und am Abend - und die Liebe
und die Jugend schmückten und krönten die einzige Zeit. Hoch brannte auf der
blühenden Erde die Opferflamme der Liebe in den blauen stillen Himmel. Wie zwei
Spiegel voreinander stehen und der eine den andern und sich und die Welt abmalt
und der andere alles dies und auch die Gemälde und den Maler: so ruhten Albano
und Linda voreinander, Seele in Seele ziehend und malend. Wie der Montblanc
herrlich sich im stillen Chedersee hinabspiegelt in einen blassern Himmel: so
stand Albanos ganzer fester lichter Geist in Lindas ihrem. Sie sagte: er sei ein
Redlicher und Edler zugleich und habe, was so selten sei, einen ganzen Willen;
nur woll' er, wie oft die Männer, noch mehr lieben, als er liebe, und daher
merk' er seine stille Erbsünde vor Selbstsucht nicht genug. Gegen nichts
sträubt' er sich zorniger und aufgebrachter als gegen den letztern Tadel, und er
vergab ihn niemand als der Gräfin. Er widerlegte sie, so stark er konnte; aber
ihre Meinung wurde durch die beste Vertilgung nur eine Scheinleiche und trat ihm
in der nächsten Stunde wieder lebendig entgegen.
    Mit sich wurd' er durch sie näher bekannt als mit ihr selber. Er nannte sie
die Uranide, weil sie ihm wie der Himmel zugleich so nahe und so fern erschien;
und sie hatte nichts gegen diesen vollen Lorbeerkranz. Es gibt eine himmlische
Unergründlichkeit, die den Menschen göttlich und die Liebe gegen ihn unendlich
macht; so liessen die Alten die Freundschaft die Tochter der Nacht und des Erebus
sein. Wenn Albano so über den weiten reichen Geist Lindas hinsah - sie, zugleich
ihrer Liebe lebend und jede fremde beschirmend und doch gleichsam vom
Wissens-Durste trunken - zugleich ein Kind, ein Mann und eine Jungfrau - oft
hart und kühn mit der Zunge, für und gegen Religion und Weiblichkeit und doch
voll der zärtesten kindlichsten Liebe gegen beide - glühend zerschmelzend vor
dem Geliebten und schnell erstarrend bei kaltem Anrühren - ohne alle Eitelkeit,
weil sie immer vor dem Trone einer göttlichen Idee stand und der Mensch nie
eitel ist vor Gott, aber sich alles zutrauend und vor niemand demütig, ohne doch
sich oder andere zu vergleichen voll männlicher kecker Aufrichtigkeit und voll
Achtung für Gewandteit und listigen Welt-Verstand - so ohne Eigennutz und
kindlich über Frohe froh, ohne besondere Sorge und Achtung für Menschen - so
unbeständig und unbiegsam, jenes in Wünschen, dieses im Wollen - aber ewig ihr
Auge und Leben gegen die Sonne und den Mond des geistigen Reichs, gegen Würde
und Liebe gerichtet, gegen das eigne und gegen ein geliebtes Herz: wenn Albano
das alles vor sich spielen und weben sah, so lebt' er gleichsam auf dem
einfachen und doch unabsehlichen, dem beweglichen und doch allgewaltigen Meere,
dessen Grenze bloss der klare Himmel ist, der keine hat.
    An dem Himmel der drei Liebenden erschien endlich die Morgenröte des
Reise-Tages. Es wurde von beiden Freundinnen bestimmt, dass Albano sie nur bis
Neapel, wo ihre Leute ihrer warteten, begleiten - dann sie in Rom einmal
zufällig - dann auf Isola bella zum letzten Male zufällig finden dürfte; eine
sehr unfreundliche Unterwürfigkeit unter den Welt-Schein, auf welche aber Linda
so stark als Julienne drang und zu welcher selber Albano, durch seine Geburt
mehr zum Standes-Zwange abgehärtet als ein bürgerlicher Jüngling von gleicher
Seele, leicht das schmerzliche Ja unter dem schweren Schleier aller Verhältnisse
hergab. Julienne entschied über alle kleinern Massregeln; sie war auf der ganzen
Reise die Geschäftsträgerin der Gräfin gewesen, die, wie sie sagte, nicht Kopf
genug habe, um sich einen Hut darauf zu kaufen, so rasch, geldvergessen und
träumend sei sie. Die Schwester war so munter und ganz hergestellt, sagte aber,
alle Fünfunddreissig heisse Quellen der Insel hätten nicht halb so viel für ihre
Genesung getan als ebenso viele Freudentränen, die sie zum Glück vergossen habe.
    Sonderbar erschien alles um sie am Reise-Morgen: ein helles warmes Gewölk'
vertropfte silbern - die Sonne schien zwischen zwei Bergen darein - die
entzückten Eiländer sangen ein neues Volkslied unter der Regen-Ernte oder
Tropfen-Lese - indes ihre Freunde eilig von den Wellen aus ihrem Freuden-Kreise
weggezogen wurden. Agata stand, um sich zu kühlen, mit einer Schlange in der
Hand am Ufer, und Albano fühlte dabei einen Schmerz, den er sich nicht zu
erklären wusste. Jetzt warf der Epomeo den Wolken-Himmel auseinander, und
glänzende Wolken-Stücke zogen langsam ihnen voraus, nach dem Apennin, dem Norden
zu, dem Wohnhimmel der Nebel, und schnell und leicht glitten die Schatten des
Himmels über die wimmelnden Wellenspitzen.
    »Immer« (sagte Albano, nach der nach Westen zurückschwimmenden Insel
blickend) »bestehe mit deinem Berg; nie reisse ein Unglück das schönste Blatt aus
dem Buche der Seligen!« - »Wie wird es mit uns allen sein,« (sagte Linda) »wenn
wir einmal wiederkommen und den schönen Boden wieder suchen?« - Da erblickten
sie einen hochgewölbten Regenbogen, der halb auf der Insel und halb auf den
Wellen stand, die ihn wie einen gewölbten bunten Wasserstrahl auf das Ufer
auszuwerfen schienen »Wir werden« (sagte Julienne entzückt) »durch den Bogen des
Friedens eingehen.« Bei diesem Worte verschwand der Regen und der Farbenkranz;
und allein die Sonne glänzte hinter ihnen.
    Durch den Fackeltanz der Wellen lief die Fahrt. Die Fernen glänzten und
dampften herrlich. »Warum ergreifen die Fernen so mächtig die Seele, obgleich
aus denselben Farben wie die Nähe gemalt?« sagte Albano. »Das ist eben die
Frage«, sagte Dian. Gewaltig lag das Meer wie ein Ungeheuer an den Küsten über
ihren ganzen Weg nach Rom hin ausgestreckt und hob die Schuppen von Wellen auf
und nieder. Albano sagte: »Da ich auf dem Vesuv das Gebürg' ansah und das Meer:
so dacht' ich daran, wie klein und falsch teilt der enge Mensch die zwei
Kolossen der Erde in kleine benannte Glieder entzwei und tut, als reiche nicht
dasselbe Meer um die ganze Erde.«
    Seine Freundinnen konnten, zu innig und trübe bewegt, nichts antworten, und
vor den fremden Augen standen ihnen keine Worte, kaum Blicke frei. Als Albano
wieder das Schlachtfeld der Zeit, die Ruinen-Küste, näher sah, die den Mann ewig
fassen und heben - die alten Tempel und Termen, wie alte Schiffe auf dem Lande
sterbend - hier einen niedergedrückten Riesentempel, dort eine Stadtgasse unten
auf dem Meersboden193 - die heiligen Gedächtnissäulen und Leuchttürme voriger
Grösse leer und ausgelöscht neben der ewig jungen Schönheit der alten Natur: so
vergass er die Nachbarschaft seiner eignen Vergänglichkeit und sagte zu Linda,
deren Auge er dahin gerichtet: »Vielleicht errat' ich, was Sie jetzt denken, dass
die Ruinen der zwei grössten Zeiten, der griechischen und römischen, uns nur an
eine fremde Vergangenheit erinnern, indes andere Ruinen uns nur gleich der Musik
an die eigne mahnen, das dachten Sie vielleicht.« - »Wir denken hier gar
nichts,« (sagte Julienne) »es ist genug, wenn wir weinen, dass wir fort müssen.«
- »Wahrlich, die Prinzessin hat recht«, sagte Linda und setzte wie unmutig über
Albano und alles dazu: »Und was ist das Leben weiter als eine gläserne
Himmelspforte? Sie zeigt uns das Schönste und jedes Glück, aber sie ist doch
nicht offen.«
    Durch Zufälle fremder Umgebung waren sie gezwungen, sich mit kaltem Scheine
zu verlassen und nach der Gewohnheit des neckenden Schicksals eine grosse
Vergangenheit mit einer kleinen Gegenwart zu beschliessen.
    Albano reisete, so schnell sein Sinn es vermochte, über die erhabne Welt um
ihn her. Als er in Mola ankam, hört' er die seltsame Nachricht, dass man in Gaeta
eine ganze lederne Kleidung mit einer Maske weit im Meere schwimmend gefunden,
die des aufgefahrnen Mönchs seine gewesen sein müsse und bei welcher man nichts
so unbegreiflich gefunden als die Leerheit ohne einen toten Leib. - In Mola
verduftete endlich die schöne Ischias-Insel, die hohe Himmelsburg, und der
steigende Pol bedeckte unter andern südlichen Sternbildern auch dieses warme,
das mit Glückssonnen so lange über ihm geschimmert; und der letzte Stern des
kurzen Frühlings ging hinab.
    Das ist das Leben, das ist das Glück. Wie der spielende Mond besteht es aus
ersten und letzten Vierteln, und langsam nimmt es zu und langsam ab - in seiner
Hoffnung, in seiner Furcht -; ein kurzer Blitz ist der Vollmond der innersten
Entzückung, eine kurze Unsichtbarkeit der Neumond der innersten Öde; - und immer
hebt das leichte Spiel wie der Mond seinen Kreis von neuem an.
 
                            Dreissigste Jobelperiode
     Tivoli - Streit - Isola bella - die Kinderstube - die Liebe - Abreise
                                   116. Zykel
Albano trat wieder bei dem Fürsten Lauria ab, der bisher in einem solchen
Zustrom neuer Begebenheiten geschwommen war, dass er die Abwesenheit kaum innen
geworden und sich über die Wiederkunft wundern wollte. Es war unterdessen der
deutsche Krieg gegen Frankreich festgesetzt worden. Diese Botschaft trug er
seinem Enkel voll von der freudigen Erwartung entgegen, welche grosse Szenen ein
solcher Kampf entfalten müsse. Auch Albano wurde lange mit ihm von diesem hohen
Strome gezogen, eh' er daran dachte, dass diese Nachricht anders und
niederschlagender auf seine Schwester wirken würde als auf ihn. Aber das
heroische Feuer, in welches er sich mit dem politischen Lauria hineinsprach,
spielte ihm einen leichten Sieg über die schwesterliche Liebe vor.
    Er wollte den Freundinnen seine Ankunft sagen, als er vom Fürsten vernahm,
dass beide, wie er von der Fürstin Altieri, bei der sie wohnten, gehört, schon
nach Tivoli gegangen. - Wie glücklich reisete er, die freundliche Absicht dieser
Zwischenreise erratend, aus dem von Liebe und Frühling strahlenden Rom und sah
ebenso heiter nach der Zukunft, wo sein Leben sich blühend auseinanderschlug,
als nach Tivoli, wo er zwei Herzen an eines zu drücken hoffte.
    Er fand, da er in der Stadt Tivoli ankam, die feurigen Mädchen schon
entwichen nach der Kaskade. Wie ein Mensch im Tempe-Tal oder vor dem Genfersee
nur im unachtsamen Traum am Ufer vor den Wasserbildern des Himmels und der Erde
vorübergeht, weil ihn die blühenden Urbilder rings umher umfangen und entzünden:
ebenso glitten die Felsen der bevölkerten Landschaft und der runde Vestas-Tempel
und die ineinanderfliessenden Täler vom römischen Tore an bis zum Tempel, diese
glänzenden Reihen glitten nur als Traum- und Wasserbilder vor dem Herzen
vorüber, worin eine Geliebte lebendig blühte und mit der Fülle einer Welt eine
Welt verdrängte.
    Er irrte unter dem Gewühle der Aussichten umher, ohne die schönste zu
finden, als ihn ein kurzer blassgelber reichgekleideter Mensch mit
eingeschrumpftem Gesichte erblickte und mit dem seidnen Arm auf den Weg zur
Kaskade zeigte, ungefragt sagend: wenn er die Damen suche, so seien sie bei der
grossen Kaskade.
    Albano schwieg, ging weiter, sah zwei und erkannte Linda an ihrer hohen
Gestalt. Endlich sahen, fanden, umfassten sich die drei Menschen, und der
herrliche Wassersturm wehte in die Entzückung. Linda sagte zärtliche Worte der
Liebe und glaubte stumm zu sein, denn das schöne Gewitter aus Strömen zerriss die
zarten Silben wie Schmetterlinge. Sie hatten sich nicht gehört und standen,
schmachtend nach ihren Lauten, umrungen von fünf Donnern, mit weinenden Augen
voll Liebe und Freude voreinander. Heilige Stelle, wo schon so viele tausend
Herzen heilig brannten und selig weinten und sagen mussten: das Leben ist gross! -
Heiter und fest glänzt in der Sonne oben die Stadt über dem Wasser-Krater dahin
- stolz schauet Vestas zerrissener Tempel, mit Mandelblüte bekränzt, von seinem
Felsen auf die Strudel nieder, die an ihm graben - und ihm gegenüber spielet der
strudelnde Anio alles auf einmal vor, was Himmel und Erde Grosses hat, den
Regenbogen, den ewigen Blitz und den Donner, Regen, Nebel und Erdbeben.
    Sie gaben sich Zeichen, zu gehen und das stillere Tal zu suchen. Wie klangen
ihnen darin die Worte Bruder, Schwester, Linda wie neue Menschenlaute im
Paradies! Hier, ehe sie den Hügel voll neuer Wasserstürze, Blitze und Farben
bestiegen, suchten sie sich ihre Reisen und ihre Nachrichten einander zu
erzählen. Julienne berichtete die frohe, ihr Bruder, der Fürst, gebe wieder
Hoffnung der Genesung, seitdem er wachend, wie er beteuere, seinen toten Vater
gesehen, der ihm längeres Leben versprochen. Die schöne Linda blühte im Paradies
wie eine verhüllte Göttin, die ihren Geliebten auf der Erde lange suchte und
endlich gefunden hat. Sie nahm oft seine Hand und drückte sie wider ihre Augen
und Lippen und lispelte kaum hörbar, wenn er mit ihr oder Juliennen sprach:
»Lieber! - Freundlicher Mensch!« - Über die Gegend schwieg sie; denn über jede
sprach sie erst, wenn sie aus ihr gekommen war.
    Julienne, über die brüderliche Genesung so froh, fing allerlei Scherze an,
sagte, dass sie bedauere, aus Neapel ihrem Ludwig ein vergebliches Spezifikum
gegen sein Übel gesandt zu haben, und fragte endlich Albano: »Kennst du nicht
einen Jüngling namens Cardito? er will dich kennen.« - Er sagte Nein, erzählte
aber, ein kleiner stämmiger Mensch hab' ihn hier zu kennen geschienen und zur
Kaskade gewiesen. Julienne fuhr auf und sagte, es sei entschieden der
haarhaarische Prinz, der auf Luigis Tod und Tron so boshaft hoffe; er wohne in
Tivoli im Hause des Herzogs von Modena und gehe gewisslich als ihrer aller Spion
umher. Um sich selber nach diesem gehassten Misslaut wieder auszustimmen, setzte
sie die Frage über Cardito fort und sagte: »Es ist ein sehr schöner derber Korse
(der Prinz ist ja die lebendige Ungestalt), und er kündigt dir ganz ernstaft
den Krieg an.«
    »Den soll er wahrlich haben«, sagte Albano, der nun alles begriff; und -
alles erzählte. Cardito war jener Korse, mit dem er früher sich über den
gallischen Krieg entzweiet hatte. »Bruder, das ist noch dein Ernst?« sagte
Julienne mit gedehntem Akzent. »Jetzt besonders!« sagt' er entschieden, um den
Streit sogleich auszuschliessen. Heftig drückte Linda seine Hand in ihre Augen,
als wolle sie sie damit bedecken. »Nun, so verhandle deinen Prozess mit mir, so
vernünftig du kannst, und lasse deine Rechtsgründe hören; aber lass uns erst auf
den Hügel, damit man dabei auch etwas sieht«, sagte die Schwester.
    Auf dem Hügel - vor dem Grün des blitzenden Tals, wo überall der Strom wie
ein verwundeter Adler mit dem Flügel an der Erde schlug - vor den auf die Blumen
herunterblitzenden drei Kaskatellen - fing Albano bewegt und begeistert an: »Ich
habe nur einen Grund, liebe Schwester - ich bin noch nichts - ich bin kein
Dichter, kein Künstler, kein Philosoph, sondern nichts, nämlich ein Graf. Ich
habe aber Kräfte zu manchem, warum soll ichs nicht sagen? - Wahrlich wenn ein Da
Vinci alles ist, oder ein Crichton, oder wenn ein Richelieu, ob er gleich den
politischen Tron behauptet, doch noch den poetischen besteigen will: soll ein
anderer mit kleinern Wünschen nicht entschuldigt sein? Und bei Gott! eigentlich
will ein Mensch doch alles werden, denn er kann nicht anders, er sehnet und
treibt sich dazu hin, und das innige versteckte Herz weint Blutstropfen, die
keine Menschenhand abtrocknet, nur die hohen Eisenschranken der Notwendigkeit
halten ihn auf - Schwester, Linda, was hab' ich denn noch getan auf der Erde?« -
    »Diese Frage; - und diese ist genug vor Gott«, sagte Julienne, bewegt von
der wund-stolzen Bescheidenheit des Jünglings und von seiner schönen Stimme,
welche zornig so klang wie gerührt. »Worte! was sind Worte?« (sagt' er) »O man
schämt sich wohl freilich, dass man etwas früher nur denken und sagen muss, eh'
mans tut, obgleich der dürftige Mensch nicht anders kann, sondern jede Tat wie
eine Statue vorher im elenden Wachs der Worte modellieren muss. Ach, Linda,
liegen hier nicht überall um uns Taten, statt der Worte und Wünsche? - Hab' ich
nicht auch einen Arm, ein Herz, eine Geliebte und Kräfte wie andere und soll mit
einem morschen mürben spanisch- oder deutschen Grafenleben aus der Welt gehen? -
O meine Linda, streite du für mich!«
    »Ich bin« (sagte sie, scharf nach der grossen Kaskatella blickend, die hoch
aus Bäumen herniederstürmte) »nicht von vielen oder beredten Worten und verstehe
Sie auch nicht ganz. Ich muss mir immer die Worte in Ideen und Wahrheiten
übersetzen und vermag es nicht allzeit. Bei Ihren Worten, Graf, denk' ich mir
gar nichts. Wem die Liebe nicht allein genügt, der ist von ihr nicht erfüllet
worden. Freilich, so mit dem Herzen alles vergessend wie wir, so konzentriert in
eine Idee des Lebens sind die Männer nie. Ach und so wenig ist der Mensch dem
Menschen, ein Menschen-Bild ist ihm mehr und jede kleine Zukunft!«
    »Auch du, Brutus?« sagte Albano betroffen. »Würden Sie« (fuhr sich fassend
fort) »dem Elysiums-Leben auf Ischia eine Ewigkeit für einen Mann geben? Würden
Sie ihn als Jüngling ins Kloer der seligsten Ruhe schicken? Gewiss nur als Greis.
Jenes hiesse den Baum mit dem Gipfel in die finstere Erde pflanzen.«
    »Das ist wieder der Deutsche,« (sagte sie) »nur immer recht Betriebsamkeit.
Die ruhigen Neapolitaner, die Völker am Apennin, an den Pyrenäen, am Ganges, in
Otaheiti, voll Genuss und Beschauung, sind diesem Spanier ein Greuel. Ich dächte,
wenn ein Mensch nur für sich etwas würde, nicht für andere, das reichte zu. Was
grosse Taten sind, das kenn' ich gar nicht; ich kenne nur ein grosses Leben; denn
jenen Ähnliches vermag jeder Sünder.«
    »Wahrlich, das ist wahr,« (sagt' er) »es gibt nichts Erbärmlicheres als
einen Menschen, der sich durch dies oder das zeigen will, was ihm selber gross,
selten und ohne Verhältnis zu seinem Wesen vorkommt und ihm daher gar nicht
angehört. Jede Natur treibt ihre eigne Frucht und kann es nicht anders; aber ihr
Kind kann ihr niemals gross erscheinen, sondern immer nur klein oder gerecht. -
Ists anders, so ist ihr eine ganz fremde Frucht an den Zweig gehangen.«
    »Albano! wie wahr! Aber Ihr hattet sonst nie einen halben Willen, wie
ist's?« sagte Linda. »Jetzt auch nicht!« sagt' er ohne Härte. Man ist am
sanftesten, wo man am stärksten ist mit dem Entschluss. Er suchte nun seine
eignen Worte - das Öl und den Wind für sein Feuer - recht zu sparen und zu
meiden; um so mehr, weil Worte doch gegen nichts helfen, sondern vielmehr das
fremde Gefühl anstatt aus- nur anblasen; dabei wurd' er noch der häufigen Fälle
eingedenk, wo er Linda mit einem einzigen Worte bei aller Unschuld zur Flamme
aufgetrieben. Sie standen, und er schauete hin über das göttliche Land, als
Linda, nach einem stummen Blicken in sein Angesicht, ungeachtet ihres
scheinbar-ruhigen Philosophierens, auf einmal heftig seine Hand anfasste und
rief: »Nein, du darfst nicht, bei meiner Seligkeit, bei allen Heiligen - bei der
heiligen Jungfrau - bei dem Allmächtigen! - du darfst, du sollst nicht!« Einen
Raub gibt es, wogegen ewig der Mann unaufhaltsam entbrannt aufsteht, und beging'
ihn eine Göttin aus Liebe und böte sie dafür eine Welt von Paradiesen: es ist
der Raub seiner Freiheit und freien Entwickelung. Ja, dass es Liebe ist, aber
despotische, zugleich Freiheit übende und raubende, das erbittert ihn nur noch
mehr, und aus dem Nebel des Irrtums wird später das Gewitter der Leidenschaft. -
Linda wiederholte: »Du darfst nicht.« Er sah' ihr bewegtes glänzendes Antlitz
an, dessen südliche Heftigkeit doch mehr einem Entusiasmus glich als einem
Zorn, und sagte fest: »O Linda, ich werde wohl dürfen und wollen!« - »Nein, ich
sage Nein!« rief sie. -
    »Bruder!« fing die Schwester an. »O Schwester,« (rief er) »sprich sanft, ich
bin ein Mann und habe heftige Fehler.« Ihn zog der erhabene Krieg des Wassers
mit der Erde und mit Felsen, das Durcheinanderstürmen der blitzenden
Regengestirne umher wie an Flügeln in die Wirbel - die grosse Kaskatella warf aus
hohen Bäumen ihren Wolkenbruch heraus, und aus dem Himmel ohne Donner stäubte
eine schimmernde Welt - und in Osten zeigte sich fern das Meer im dunkeln
Schlaf, und die untergehende Sonne drang glänzend in den Glanz herein.
    »Gewiss werd' ich sanft reden« (sagte die Prinzessin, die, viel empfindlicher
und nachklingender als Linda, einige Mühe hatte, den Sprachton zu ihrem
Versprechen zu stimmen) - »Es braucht nichts weiter als die Betrachtung, dass
unser Streit zu früh ist; ich tue bloss die Bitte, ihn bis zum Oktober
auszusetzen, und das Versprechen, dass er dann anders ausgeht.« - »O es sei!«
sagte Albano. Linda nickte sanft und langsam und legte wider Erwarten seine Hand
mit beiden an ihr Herz und sah ihn an, aus grossen Augen weinend, denen sonst
Feuer gewöhnlicher war als Wasser. Ihn zerschmolz der Anblick, dass diese
kräftige Natur nur Heftigkeit ohne Hassen und Zürnen hatte, und ihn erfrischte
unendlich sein voriges geheimes Niederschlagen seiner auffahrenden Flammen.
    Die Schwester wurde durch beide erweicht, und eine Minute der zärtesten
Liebe umschlang bald die drei Menschen mit einer Umarmung. Die Hyperbeln des
Zorns sind dem Menschen nie so ernst als die der Liebe, jene soll nur der andere
glauben, diese glaubt er selber; alle hatte das Aussprechen ausgeheitert.
    Wenn sonst eine vergangne kalte Minute den Liebenden, wie eine kalte Nacht
den Bienen, noch die Blumen zuschliesset, woraus sie den Honig nehmen, so war
hier nach dem Sturm aus klarer blauer Luft der Himmel reiner und stiller, und
die Ruhe wurde Seligkeit wie die Seligkeit Ruhe. Durch Albano war, obwohl
schnell, die Furie der Furcht gegangen, die ein umgekehrtes Sternrohr hält und
dadurch den Menschen einen ganz fernen ausgeleerten Himmel ohne Sterne zeigt;
aber nicht so durch Linda: sie hatte immer in Liebe und Hoffnung fortgesprochen,
und für ihr glühendes Herz gab es keine Stellen mit Eis. Darum war er jetzt so
selig, und so beglückt vom Anschauen der kräftigen Natur! Eine hohe lange
Tal-Kette, worin Wein und Öl in Blütendüften flossen, führte alle dem grossen Rom
entgegen. Eine Zeitlang durfte sie der Jüngling begleiten; endlich musst' er zu
einer langen Entfernung Herz und Auge von den Geliebten reissen, als über die
grünen Täler her schon die mächtige Peters-Kuppel herüberglänzte und die
Zypressen, stolz nur von Zypressen umgeben, das Gold des Abends auf den Zweigen
trugen, ohne sie zu regen. Alle hatten das Auge am schönen Rom, aber ihr Herz
war nur auf Isola bella, wo sie einander wiederzufinden versprachen.
 
                                   117. Zykel
Auf dem Wege nach Isola bella dacht' er seiner kriegerischen Stunde mit der
heftigen Linda nach und dem Charakter dieser Kriegsgöttin. Er erschrak über die
steile Höhe, über welche er sich vor wenigen Tagen so weit herübergebückt, da
Linda so entschieden ist, nichts kennt als Leidenschaft oder Vernichtung. Und
doch fand er jetzt in der Abkühlung ihre gebietende Foderung an seine Freiheit
noch härter und sagt' es sich stark, das Weib dürfe nicht das heilige Gebiet der
männlichen Entfaltung einengen oder beherrschen. Von der andern Seite war ja
alles Liebe und deren Übermass - und je länger er reisete und verglich, desto
einsamer und dunkler wurd' es auf der Stelle seines Lebens, auf welche nur sie
die grosse Flamme warf. Sie rückte ihm durch sein stilles Beschauen ihres Geistes
im Geiste viel heller und näher als durch die Gegenwart vorher, weil jenes sie
auf einmal in Harmonie, diese sie mit den einzelnen Dissonanzen ohne die
Auflösung gab. Ihre Kraft der allseitigen Unparteilichkeit für alle Charaktere
war ihm an einem Weibe ebenso selten als gross erschienen; zumal da er selber
diese Kraft mehr in der Achtung für sie und in dem freudigen freien Auffassen
grosser, exzentrischer, poetischer Erscheinungen, aber nicht aller und der
platten und schlechten wirken liess.
    Gleich mächtig und gewachsen standen in ihm nebeneinander Liebe und
Freiheit; nur durch einen neuen Entschluss wurden sie verbunden und versöhnt,
sanft zu sein, nicht bloss stark, ihr sein Freiheitsrecht und seine liebende
Seele recht offen hinzulegen und das edle Wesen zu werden, das ihr gehört: bin
ichs nicht, wenn ichs recht will? sagt' er.
    In der höchsten Lebensfreude, in der Einigkeit mit sich und dem Schicksal,
machte er seine Reise nach Isola bella so schnell, als hab' er da die Geliebte
schon zu finden, nicht erst zu erwarten. Wie manches stand jetzt kleiner an
seinem Wege, an das er das römische Mass und nicht das deutsche legte und wovor
er nun, wie ihm sein Vater vorausgesagt, flüchtiger vorüberging!
    Endlich sah er die Kunst-Alpe von Isola bella in den Wellen stehen; und
landete freudig mit seinem Lehrer in dem Kindheits-Garten an, wo er so viel
erwarten und mit neuen welschen Lebens-Blüten am Herzen aus dem gelobten Lande
scheiden sollte.
    Er wartete mehrere lange Tage, sich sehnend und bangend nach den
Freundinnen, ob ihm gleich der heitere Freund immer die Geschwindigkeit seiner
Reise vorrechnete. Sein Entschluss, recht sanft zu sein, wurde immer unnötiger
und unwillkürlicher. Die Insel selber lösete schon mit ihren Frühlingen aus
Düften und mit dem fernen Kranz aus Alpen die Seele auf. Im vorigen Jahre hatt'
er sie mehr in Blättern als in Blüten gesehen. Es war ja sein Kindheitsland - an
vielen Plätzen an der See schimmerten ihm Sterne aus einer tiefen
nachmitternächtlichen Lebens-Frühe herauf - hier hatt' er zuerst seinen Vater
gefunden und zuerst Lindas Gestalt über den Wellen gesehen - hier findet und
verliert er sie nach der längsten Trennung wieder für eine noch längere und hier
steht er im Tore zwischen Norden und Süden. Das freie duftende Land voll Inseln,
die Himmelsleiter des Lebens, steigt ihm in den Äter zurück, und er geht herab
in ein kaltes voll Zwang und voll Augen - seine Liebe wird gerichtet vom Vater,
sie wird angefallen vom untergegangenen Freund. »Ihr Tage in Ischia,« (seufzte
er) »ihr Stunden auf dem Vesuv und in Tivoli, könnet ihr umkehren? könnet ihr je
wiederkommen und das unersättliche Herz von neuem überströmen, dass es trinken
und sagen kann: es ist genug?«
    Zu seinem Dian sprach er, gleichsam um sich und sein grenzenloses Sehnen zu
entschuldigen, häufig von Chariton und ihren Kindern und fragt' ihn, wie es
seinem Herzen dabei gehe; »sprecht mir nicht so viel davon,« (sagt' er, nach
seiner Weise mehr empfindend als erratend und verratend) »wir sind noch so
hässlich weit davon - man verdirbt sich die Reise ohne Grund hab' ich sie alle
aber.... nun ei Gott!« - - Dann schwieg er, riss sich den Jüngling in die Arme
und küsst' ihn nicht.
    An einem blauen frischen Morgen stand Albano, noch eh' die Sonne am Himmel
auferstanden war, auf der hohen umblühten Terrassen-Pyramide, wo er einmal im
Erwachen den teuren Vater ohne Abschied hatte entfliehen sehen - und blickte
bewegt in den leeren weiten See hinab - und an die Gipfel der Eisberge umher,
welche schon im Widerscheine der hoch herabziehenden Aurora blühten - und
niemand war bei ihm als die Vergangenheit. Er blickte auf sich und in seine
Brust und dachte: welche lange schwere Zeit ist seitdem durch diese Brust
gezogen! Eine ganze Welt ist darin zum Traum geworden! Und das Herz schlägt noch
frisch und fest darin! - Auf einmal sah er im lichten Morgen-Rauche des Sees ein
Fahrzeug rudern. Langsam, träge watet' es, denn er sah es aus grosser Ferne.
Endlich glitt es, flog es, das Segel blühte auf im Morgenbrande, und die grünen
Wellen wurden ein umspielendes Lauffeuer wie damals in Ischia um Lindas Schiff.
-
    Linda war es und die Schwester. Sie sahen hinauf und grüssten winkend. Er
rief in eiliger Wonne: »Dian, Dian!« und lief die vielfachen Treppen hinab, ganz
verwundert und entzückt über den ausgebreiteten Glanz, weil er unter der frohen
Erscheinung den Aufgang der Sonne nicht gesehen, welche vor der Geliebten die
schönen Flammen, die Morgenblumen gleichsam in den Weg des Wassers
unterstreuete.
    »Seid ihrs wieder, ihr Göttlichen? O sprecht, weint vor Freude, dass ich
selig werde und euch habe! Kommt ihr denn mit alter, rechter Liebe wieder?« so
sprach er fort in beredter Trunkenheit, aus dem langen träumenden Warten
geschöpft. Linda sah mit heimlicher Engels-Lust, mit lieblichem Widerschein in
die hoch spielenden Flammen seiner Liebe; und die Schwester genoss in süsser
Regung die schöne Milde auf beider Angesicht, welche an der Kraft so bezaubert
wie Mondlicht an einem Gebürg. Reisebeschreibungen wurden von beiden Seiten
angefangen, aber keine geendigt; Tags- und Insel-Ordnungen vorgelegt, aber keine
gewählt. Julienne hielt ihm sein Wort und ihre Bedingung, dass er abends
weiterziehen müsse, ans Herz als eine kleine Kühlung gegen das Freudenfeuer
darin; traurig sah' er zur freundlichen hellen Morgensonne auf, als steige sie
nicht höher, sondern schon tiefer.
    Sie gingen nun in schönem Irren durch die Insel, überall blühte neben der
Gegenwart eine stille Vergangenheit, unter der Rose ein Vergissmeinnicht. Hier in
dieser Grotte vor den aufhüpfenden Wellen hatt' er einst mit seiner Schwester
Severina gespielt, und auf diesem Eiland wurde ihm ihr Tod verkündigt. »Aber
Julie, du bist meine Severina und mehr«, sagt' er; - »ich denke,« (sagte sie
sanft) »ebensoviel.« - Nicht weit von der Arkade hatt' er zum erstenmal in das
Angesicht seines Vaters geschauet: »O wenn findest du aber deinen endlich?
Sprich darüber, gute Linda!« sagt' er. Sie errötete und sagte: »Ich werd' ihn
finden, wenn das Schicksal es zulässet.« - »Wenn aber ist das?« - »Ich weiss
nichts«, sagte sie zögernd sanft. Da rührte ihn Julienne winkend an und sagte in
so vielem französischen Latein, als sie zusammentreiben konnte, aber in einem
gleichgültigen Ton, als spreche sie vor sich selber hin: »Non eam interroga
amplius, nam pater veniet (ut dicitur) die nuptiarum194.« Er blickte sie
verwundert an, sie nickte sehr oft »Julie ist« (sagte Linda lächelnd) »wie die
Weiber, so listig im Handeln als offen im Sprechen. Ich hätte mich keinem Bruder
so lange verstecken können.« - »Dafür« (versetzte sie) »bekamen die Geschwister
einander gleich ausgewachsen und mit allen Vollkommenheiten und können sich
leicht liebhaben, wenn andere Schwestern erst viele Jahre die Fehler des
heranwachsenden Bruders zu verwinden haben.«
    Jetzt kamen sie auf die Galerie zwischen Limonien-Blüten, wo Gaspard seinem
Sohne so viele Schleier und Masken um die Zukunft hängend hatte sehen lassen; da
sagte Albano mit Unwillen: »Hier musst' ich mir viele Rätsel ankündigen lassen -
und dort« (er meinte die Stelle im Meer, wo ihm zuerst Lindas Bild auf den
Wellen erschien) »wurde sogar diese teuere Gestalt nachgeäfft.«
    »Mein Gott,« (sagte Linda heftig) »warum es noch gar aussprechen? o es war
so schlecht, es zu tun!« - »Eingebüsset aber hat doch niemand viel dabei,« (sagte
scherzend Julienne) »ausgenommen ein Paar die Herzen und ich die Anonymität!«
-»Könnten wir beide nicht antworten, Albano?« sagte Linda leise und hob die
Augen auf. »Bei Gott!« sagte er stark, denn ohne jene Vorspiele hätten sie sich
früher gesucht und gefunden.
    Unter diesen Blicken in eine seltsame, mit Zukunft durchwebte Vergangenheit
waren sie in den borromäischen Palast, der diesen Tag zum Glück ohne die
Besitzer war, getreten; weil Albano beide, auf Lindas Gesuch, in die Zimmer
führen sollte, wo er mit Severina erzogen worden. Der Schlosswärter wollte sie,
glaubend, sie suchten nur Aussicht - denn die Kindheitszimmer lagen im fünften
Stockwerk -, auf das Dach hinausbringen; er beteuerte, es wären staubige
Kinderstuben und seit undenklichen Jahren zugesperrt. Mühsam drehte der Mann mit
einem rostigen Schlüssel ein eingerostetes Schloss auf. Sie traten ins bestäubte
helldunkle leere hohe Zimmer, worin eine leere Wiege, ein Blumentopf mit einem
gleich seiner Erde vertrockneten sinesischen Rosenstöckchen, eine
Kinder-Zinn-Uhr, eine weibliche Spiel-Küche mit altmodischem Geschirr, eine
gerollte glänzende Klaviersaite, ein deutscher Kalender von 1772, viele schwarze
Siegel mit blossen antiken Köpfen, ein ausgetrockneter Lianenzweig und
dergleichen verloren umherlag. Der Mensch sieht bewegt in die tiefe Zeit
hinunter, wo seine Lebensspindel fast noch nackt ohne Faden umlief; denn sein
Anfang grenzt näher als die Mitte an sein Ende, und die aus- und einschiffende
Küste unsers Lebens hängt ins dunkle Meer. Albano wurde wehmütig angeregt von
der Umgebung und von dem Blicke auf das Menschenleben und auf seine eignen
grünen, noch winterlich-niedrig stehenden Felder hinaus - und von der Stätte, wo
er mit einer Mutter und Schwester gelebt, die aus der Erde, ja sogar aus seiner
Phantasie entwichen waren. - Er nahm die Zinn-Uhr zu sich und sagte: »Gibt es
für das Alter, das keine Zeit, sondern eine Ewigkeit hat, eine bessere Uhr als
die mit dem Zeiger ohne Gehwerk?«
    Überrascht wurde Linda, als sie von einem Glaskästchen einen Vorhang wegzog
und als ein engelschönes Kind von Wachs darin in die hellen Augen Licht bekam.
»Es ist die tote Severina«, sagte Albano eilig, mit dem rauhen Beiwort »tot«,
was Linda nicht gern litt. Immer mehr wurd' ihm in der helldunkeln Stube
unheimlich - ein Sonnenstreif brannte seltsam durch das hohe Fenster herab -
beseelter auferstandner Staub spielte in ihm - die Geister der Schwester und
Lianens konnten jede Minute durch das Erdenlicht blitzen - und entfernter
standen die Gebürge draussen im Leben. Er sah die blühende Linda an, da kam sie
ihm auf einmal anders vor, fremd, überirdisch, als erscheine sie unter den
Geistern und gehe wieder von hinnen. Sie sah ihn bedeutend an mit den Worten:
»Hier ists unheimlich, gehen wir!« - »Weib,« sagt' er mit starker Stimme auf
deutsch, einem innerlichen Schrecken antwortend, und fasste ihre Hand, »wir
wollen zusammenhalten wie ein lebendiges Herz, wenn man es zerreissen will.«
Linda versetzte: »Ich bleibe nicht länger, Julienne!« Und man ging.
    Auf der Schwelle kam es dem Grafen ein, in das Nebenzimmer zu schauen; er
macht' es auf und fuhr zusammen, rief aber: »Geht nur voraus!« und ging hinein.
Er hatte nämlich sich im Spiegel zweimal nachgespielt erblickt. Drinnen fand er
sich in einer Nische in französischer Uniform stehen in Wachs, aber schon als
Jüngling, und darneben, was die Tür bedeckt hatte, seinen Vater auch als
Jüngling, altmodisch bekleidet, aber schön wie ein griechischer Gott; das warme
volle blumige Gesicht war noch nicht im starren Leben überwintert und blühte
noch liebend. Er stürzte tief ins Meer der Vergangenheit. Die kolossalischen
Statuen draussen und die beglänzten Gebürge hatten sich aus dunkeln Wellen
aufgerichtet und standen in tropfendem Schimmer. Man rief draussen. Er blickte
wieder in sein Gesicht, aber zornig. »Wozu zweimal«, sagt' er und zerquetschte
sein Gesicht, aber ihm war es wie Selbstmord und Betasten des Ichs. Die
väterliche Gestalt gönnte er noch weniger der fremden unbewachten Stelle, aber
sie war ihm zu heilig zur kleinsten Berührung.
    Er ging zurück und schwieg über die Bilder, um nicht an Lindas Phantasie die
grossen widerspenstigen Flügel aufzumachen. Der grünende, blühende, glänzende Tag
verschlang bald die kalten Schatten, die von Höhen und Gräbern der Vergangenheit
hereingefallen waren »Aber jetzt,« (sagte Albano zu Linda) »da Sie eben aus
meiner Kinderstube gekommen sind, führen Sie mich einmal in die Ihrige.« - »Ich
will dich nur erst bekränzen, da wir am rechten Orte sind«, sagte sie und brach
und band aus dem Lorbeerwald, durch dessen Gewimmel von lichten und dunkeln
Wellen sie jetzt gingen, Zweige zum Kranz. Körperliche Geschäftigkeit gab dieser
Jungfrau, welche leichter Töne und Farben und Ideen verknüpfte, ein besonders
rührendes Ansehen von Kindlichkeit und naiver Herablassung. Sie flocht die
Krone, aber mühsam, verwechselte einmal den ähnlichen Erdbeerbaum mit dem
Lorbeerbaum, tat noch einen blühenden Myrtenzweig hinein und schmückte damit
sein lockiges Haar, aber sehr ernst: »Der Kranz geziemt dir; die hohen Lorbeern
oben am Gipfel wirst du dir schon einmal selber holen«, sagte sie. Er glaubte,
sie spiele unter dem Ernst; allein sie sah den Bekränzten freudig und prüfend an
und lächelnd, aber wie eine Mutter, und sagte; -»So ists recht! Was willst du
noch? Ich bring' es. Albano, ich habe in dieser Stunde eine ganz besondere und
neue Liebe zu dir, ich möchte für dich viel tun, viel leiden. Mein Herz ist
bewegt von überschwenglicher Liebe. Küsse mich nicht. Ich will dir erzählen.«
Die schöne Weiblichkeit, die den Geliebten heisser und näher liebt, wenn sie zum
ersten Male sein Eigentum, seine Kindheitsörter, seine Wohnungen betreten,
erfüllte unerkannt ihr starkes Herz. Er küsste sie nicht - er sah sie an und
weinte in Liebes-Wonne - sie neigte sich herüber und sagte, aber heiter: »Ich
weine sehr schwer, Lieber! Ich will dir das von meiner Kindheit erzählen, was du
verlangtest. Von meinen ersten Kindheits-Plätzen ist mir wenig geblieben,
vielleicht weil wir immer reiseten und weil ich auch mehr nach Menschen als nach
Gegenden sehe - ausser mein längster Aufentalt in Valencia. - Vom frühen Reisen
hab' ich wohl meine Reise-Sucht. Am Ende liegt sie doch in mir. Aber ihr glaubt
immer, wie die Deutschen, das zu erlernen, was ihr eigentlich ererbt oder
erschafft. Von meiner Mutter wurd ich mehr als von jemand gehasset und geliebt.
Jetzt bin ich klar über sie. Sie war ganz für die Kunst oder für die Künste
geboren, ob ich wohl glaube, dass sie von den Göttern eigentlich für die Bühne
ausersehen war. Sie war alles in dieser Minute, nichts in der andern - Flüche
und Gebete, Glaube und Unglaube, Hass und Liebe wechselten ab in dieser epischen
Natur. - Sie hätte eine Welt verschenken und eine stehlen können. - Sie drückte
mich einmal an ihr Herz und sagte: Wärst du nicht meine Tochter, ich würde dich
stehlen oder töten aus blosser Liebe; - und das war, als ich gesagt hatte: Ich
liebe die Medea mehr als Kreusa! -
    Indes war sie zu inkonsequent, um ganz geliebt zu werden; meinen
unsichtbaren Vater liebt' ich weit mehr, ich dacht', er sei Gott der Vater. Ich
bildete mir einmal ein, er müsse in Porta Celi195 wohnen; stundenlang ging ich
um den Totengarten des Klosters und blickte sehnsüchtig durch die Palmen über
die Rosen der Gräber. Ich hing an allem Lebendigen bis zum Schmerz; ein
sterbender Kanarienvogel machte mich einmal krank, und die Totenmesse, glaubt'
ich, werde für ihn gelesen. Auch an Gott und Geistern hing ich trunken. Im
Feuer, das ich im Dunkeln einmal aus dem Zucker schlug, blitzten sie mir
vorüber. Ich habe nie gespielt, sondern früh gelesen. Da ich sehr ernst war und
meine Gestalt sich zeitig entwickelte, so wurd' ich früh als eine Erwachsene
behandelt, und ich begehrt' es auch. Niemand war mir ernst genug, ausser der
Vormund, der mit heimlicher Hand meine Entwicklung regierte. Vor Büchern und im
Reisewagen da verging mein erstes Leben. Ich beneidete die Männer um ihr Wissen
und ihre Freiheit, aber sie gefielen mir nicht, die Weiber noch weniger. Ich
galt für stolz - und früher war ichs auch - und für phantastisch; ich nahm es
nicht übel und sagte: Ihr habt euere Weise und ich meine.« - - Durch Dian und
Julienne wurde die Erzählung gestört.
 
                                   118. Zykel
Die erste einsame Minute, die Albano mit seiner Schwester fand, legte er zur
Nachfrage über ihre lateinische Nachricht an, dass Lindas Vater gerade an ihrem
Hochzeittage erscheinen würde; aber sie verwies ihn auf seinen eignen, der ihm
alles über Lindas ihren sagen könne - und bat ihn, »Linda zu schonen, nicht nur
in ihrer Zarteit' sondern auch in ihrer eignen Ehe-Scheu, die sehr weit gehe.
Sie konnte nicht einmal eine Freundin an den Traualtar begleiten,« (setzte
Julienne dazu) »sie nannte diesen den Richtplatz der weiblichen Freiheit, den
Scheiterhaufen der schönsten freiesten Liebe und sagte, das Heldengedicht der
Liebe werde dann höchstens zum Schäfergedicht der Ehe. Freilich weiss sie nicht,
wohin solche Grundsätze endlich führen.« - »Ich hoffe auch, dass du ihr
vertrauest«, sagte Albano, sich diese Seltsamkeit anders und höher ableitend als
seine strenge Schwester. Sie brach schnell ab, um ihm noch den Rat nach Pestitz
mitzugeben, die Fürstin zu fliehen, die ins Innerste hinein kalt, falsch, rach-
und selbstsüchtig sei. »Sie hat etwas und zwar viel mit dir vor - und ihr Hass
gegen die Gräfin kommt jetzt dazu - Linda fasset sie scharf auf, aber doch
lässet sie sich aus Heftigkeit durch alle hinreissen und benutzen, die sie
übersieht und voraussieht.« Albano blieb bei seinem alten sanftern Urteil über
die Fürstin - um so mehr, da er Juliennens moralische Härte gegen jede
genialische schon aus ihrem Missurteil über Lianen kannte -; aber er gab ihr das
leichte Wort, sie zu fliehen, ohne ihr den Grund, nämlich ihre so hart
entzauberte Liebe für ihn, zu sagen. Für sein Zartgefühl gab es keine grössere
Roheit als dieses öffentliche Erbrechen und Vorlesen eines Liebesbriefs, als das
männliche Auffangen und Ausrufen eines weiblichen Seufzers der Liebe durch ein
Sprachrohr fürs Volk.
    Alle kamen wieder zusammen - lagerten sich auf eine Stelle, die den See und
die Alpen und die Blüten-Schatten gab - der Tag glühte sich ab und sank von
Schönheit zu Schönheit zum Abend hinunter. - »Auf dieser feinen Insel« (sagte
Dian) »fängt sich schon das nordische Wesen an, und wir stehen bald zu Hause
unter einem spitzen Dach.« »Nun ja,« (sagte Julienne) »aber endlich hat mans
doch auch gern, wenn man wieder einen reinlichen Menschen, eine Blondine und
einen Schatten sieht und ein paar Vögel hört.«196 - »An Tivoli und Ischia und
den Posilippo denk' ich hier nicht,« (sagte Albano) »ich denke an meine Kindheit
und an die Alpen. - Drüben am Ufer des Langsees (Lago maggiore) mögen sich
freilich die beiden Insel-Zuckerhüte nicht zum besten darstellen; aber dafür
stellet sich hier auf dem Zuckerhut das Ufer und der See desto besser dar, und
für den, der auf dieser Seealpe steht, ist sie doch gemacht.« - »Mir ist alles
gleichgültig,« (sagte Linda) »denn ich finde mich hier ganz wohl. Das
Rezensieren schöner Gegenden ist auch ein nordisch Wesen, weil man sie da nur
aus Büchern kennen kann; der Italiener, der sie hat, geniesst sie wie die
Gesundheit und ist sich nur der Entbehrung bewusst; deswegen ist er nicht einmal
ein grosser Landschaftsmaler.«
    »Man sollte« (sagte Dian) »das prächtige Welschland noch auf der Grenze
besingen, wenn man von dem Kastellan eine Gitarre bekäme.« Er ging und brachte
eine. Nun fing er italienisch zu improvisieren an. Er sang: »In Apollo wurde die
alte Liebe nach dem vorigen Schäferlande auf der Erde und nach der verlornen
verhüllten Daphne wieder wach - er stieg vom Himmel, um beide zu finden - ihm
hatte Jupiter den Momus mitgegeben, der ihm das Hässliche zeigen sollte, damit er
zurückfliege - als ein schöner lächelnder Jüngling ging er über die Inseln,
durch die Ruinen der Tempel, durch ewige Blüten, vor göttlichen Gemälden einer
unbekannten hehren Jungfrau mit einem Kinde und vor neuen Tönen vorüber und zog
wie über die Zauberkreise einer schönern neuen Erde. - Vergeblich zeigte Momus
ihm die Mönche und Seeräuber und seine von der Zeit niedergeworfnen Tempel und
liess ihn spottend Termensäulen für Tempelsäulen nehmen - der Gott sah hinauf
zum hohen kalten Olymp und sah herab auf dies warme Land, auf diese grosse goldne
Sonne, diese hellblauen Nächte, diese ewigblühenden Düfte, diese Zypressen,
diese Myrten-und Lorbeerwälder und sagte: hier ist Elysium, nicht in der
Unterwelt, nicht auf dem Olymp - da gab ihm Momus einen Lorbeerzweig von Virgils
Grabe197 und sagte: das ist deine Daphne. Jetzt erzürnte sich seine grosse
Schwester Diana, sie gab Daphnen ihre Gestalt und Kleidung, als komme sie aus
den Wäldern der Pyrenäen herüber; aber er erkannte die Geliebte und ging mit ihr
in den Olympus zurück.« - Als Dian das sang und die Lieder mit den Saitentönen
fliegen liess, so standen hoch drüben im Himmel die ewigen Glanz-Gebürge aus Eis,
von den Bergen flatterten Quellen und Schatten in den hellen See, und der Abend
bewegte sich entzündet und entzückt. Da ergriff der stille Albano die Saiten,
senkte das Auge in den Blitz der Gebürge ein und fing errötend an: »Verweile, o
Sänger, bei den hohen Geistern, die auf das Schlachtfeld zogen, tötend, sterbend
- und die aufbaueten die ewigen Tempel der Menschheit - verweile bei den reinen
Demanten, die glänzend und fest unter dem Hammer des Schicksals blieben -
verweile bei der alten Zeit, bei dem Meere Roms, das einen Weltteil trug und die
andern untergrub - aber fliehe vor der Zeit, die ihren Gipfel in ihren eignen
Krater senkte. - Verweile, Sänger, auf der Höhe und schaue in den Garten der
Welt herunter, der ein spielendes Menschenleben ist - die Ruine wird Fels, und
der Fels Ruine - auf dem hohen Vorgebürge duftet die Blüte, unten liegt das Meer
mit offnem Rachen über die Scylla glänzen schöne Häuser und Gassen zwischen dem
Lager erschrecklicher Felsen. - Und der Gott fliegt über das Land und sieht das
Kind auf der Tempelsäule am Ufer und die Göttertempel voll Mönche, die Sümpfe
voll namenloser Ruinen und die Küste voll Blüten und Grotten - und die blühenden
Myrten und Reben und die Feuerberge und die Inseln - und Ischia....«
    Aber ihm entsank die bestürmte Gitarre und die Stimme, das Auge ging tief in
den Himmel und in das Leben des Menschen ein, und er entfernte sich, um das
laute Herz zu stillen. In der kühlenden Einsamkeit bemerkte er, wie weit schon
die Sonne hinabgeflogen sei wie mit Amorsflügeln durch einen kältern Himmel; -
er kehrte schnell zurück, in der Abendröte schlug seine Scheidestunde aus.
    Als er wiederkam, war Linda allein - denn Julienne hatte seinen Dian unter
dem Vorwande, das Bilderkabinett zu besehen, von den Liebenden weggezogen, denen
heute ohnehin nur ein kürzester Tag des Glücks beschieden war - und die Geliebte
sah ihn bedeutend an: »Dian sang eigentlich besser« (sagte sie) »und epischer,
aber Euer lyrisches Wesen hab' ich doch auch sehr lieb.« Sie blickte ihn wieder
an, dann wieder, dann in sein Auge, dann umarmte sie ihn schnell, und kein Laut
erklärte den plötzlichen Kuss. »Wir wollen auf die Terrasse«, sagte sie leise.
Sie bestiegen die schöne Höhe der zehn Terrassen, welche mit Lorbeer und
Zitronenbäumen und mit Pyramiden und kolossalischen Statuen und mit der Aussicht
auf das ferne, von Dörfern und Alpen umzogne Ufer das Auge füllt und wo einst
Albano seinen Vater hatt' entfliehen sehen. »Du gefällst mir immer mehr,
Albano,« (sagte Linda) »ich glaube fast, du kannst recht lieben; erzähle mir
deine erste Liebe, ich habe dir auch erzählt.« - »O Linda,« (sagt' er) »wie viel
begehrst du! Aber ich bin wahr und sage dir alles; du wirst Sie lieben, wie Sie
dich liebte. - Sieh hier dein Bild, das Sie sterbend machte und mir gab!«
    Er reichte ihr die kleine Zeichnung, und ihr Auge wurde nass. Darauf fing er
leise und feierlich das Gemälde seiner ersten Liebe an - wie er Sie so früh noch
ungesehen und in ersten Morgenstrahlen des Lebens verehrt und gesucht - und wie
er Sie fand und wie Sie glücklich machte und es nicht wurde - wie sanft Sie war
und er so wild und hart - wie er seinen eignen Ungestüm des Herzens Ihr zumutete
- wie grausam er Ihre Entsagung aufnahm und wie Sie durch ihn unterging. Linda
weinte mehr als gewöhnlich »O ich habe hart gehandelt, gute Linda!« sagt' er.
»Nein,« (sagte sie) »ich wein' über euch beide.« - »Ich habe grosse Mängel«,
sagt' er. »Alle vergeb' ich dir,« (sagte sie) »wenn du nur lieben kannst; aber
das liebliche Wesen hat auch sehr gefehlt und gegen die Liebe.« - Sie hielt
innen, dann fragte sie leise: »Albano, ist Sie noch in deinem Herzen?« - »Ja,
Linda«, sagte er. »O du redlicher und treuer Mensch!« (rief sie begeistert und
legte ihr Haupt an seine Brust und betete:) »heiliger Gott, gib deinen
Unsterblichen alles, nur lass mir ewig dieses Menschen Brust, damit er recht
geliebt wird, recht unaussprechlich, und damit ich nicht untergehe! - Willst du,
Lieber,« (lispelte sie plötzlich und richtete sich auf, ihn anblickend mit
unendlicher Liebe und Hingebung) »dass ich in Lilar wohne, so gebiet es nur.«
    Dieses weibliche gehorchende Ergeben eines so freien mächtigen Geistes
machte ihn sprachlos - wie ein Adler fasste ihn die Liebesflamme und hob ihn
empor - er glühte an ihrem blühenden Angesicht, und die Brautfackel der
untergehenden Sonne schlug mit grossen Flammen zwischen beide herein. »Linda,«
(fing er endlich mit zitternder feierlicher Stimme an) »wenn wir es wissen
könnten, dass wir uns je verliessen oder verlören - O! Linda,« (fuhr er mühsam
fort unter seinen Tränen und Küssen) »wenn das möglich wäre, es sei durch meine
Schuld, oder durch das kalte Schicksal: wär' es dann nicht schöner, wenn wir uns
in dieser Minute hinunterstürzten in den See und in unserer Liebe stürben?« -
Die Sonnenglut brannte wie eine Aurora herein, welche Jünglinge und Jungfrauen
zu den Göttern entführt; und die Lebens-Dämmerung war zu hellem Morgenrot
entzündet. »Wenn du das weisst,« (sagte Linda) »so stirb jetzt mit mir.« - -
    Da weckte beide Juliennens ferne Stimme - endlich kam sie selber mit Dian
zum Abschied. Sie sahen erwachend, von der Sonne und Liebe geblendet, umher, und
alles war verändert - die Sonne war versunken, der weite See mit Nebel-Schatten
bezogen und die Welt erkältet, nur die hohen Eisberge loderten noch rosenrot ins
Blau, wie Gedächtnissäulen der flammenden Bundes-Stunde.
    Vor Albanos Seele stand noch das menschentrennende Schicksal, die kalte
verhüllte Felsen-Gestalt, deren Schleier auch steinern ist und den niemand hebt.
Er wollte nun durchreissen und sogleich ohne feiges Zögern in den Winter
hinunter. »O bis der Hesperus untergegangen, verzieh!« lispelte Linda. Er blieb;
aber beide hatten keine Worte mehr, nur die Augen; die festgehaltenen Adler, die
vorhin den himmlischen Venuswagen durch den Himmel gerissen, flatterten daran
wild auf. Der Abendstern ging unter; der halbe Mond in der Himmelsmitte legte
Strahlen als Zauberstäbe an die Erde an und verwandelte sie in eine heilige
blasse Welt des Herzens. »Nur noch den grossen Stern lass hinab« - sagte sie und
sah ihn sehnsüchtig an. Er tats. Die Nachtigallen hüpften tönend zwischen den
Silberzweigen; nur die Menschen hatten Himmel und Liebe ohne Stimme.
    »Nur noch ein Sternchen!« bat sie; er gehorchte, schon vom Worte gerührt;
aber sie entschied sich selber und sagte: »Nein, geh!« - »Wir wollen, Dian!«
sagt' er. Dieser ging Liebe-schonend die Terrassen voraus hinab. Heftig und
lange lagen die beiden Geschwister einander am Herzen und wünschten sich ein
heiteres unbestürmtes Wiederfinden. Linda gab ihm nur die Hand und sagte kein
Wort; wie der stille Himmel der Nacht seine heisse Sonne bedeckt, so war ihr
flammendes Herz verborgen; und da er ging, schloss sie, ohne nachzublicken, seine
Schwester an die wallende Brust.
    Glanz und Nacht und Duft bestreueten die Himmelsleiter der Terrassen, die er
herunterging. Leise flog sein Schiff durch den Sternen- und Blüten-Schnee, der
auf den Wellen wehte - die Nachtigallen der beiden Inseln klangen zusammen - die
Schiffer sangen ihnen frohe Lieder zurück - die Orangendüfte führte der günstige
Wind dem Schiffchen nach; - aber Albano hatte Herz und Angesicht weinend nach
der versinkenden Pyramide gewandt. Die Schwester hatte allein auf der Höhe
nachgesehen, dann war auch diese verschwunden - die Nachtigallen riefen noch
leise nach - endlich war alles verhüllt. - Er kehrte sich um nach den
blass-schimmernden Eisgebürgen, wie nach den Leuchttürmen seiner Fahrt, und vom
Himmel dieses Tags war ihm nun nichts geblieben als die leitende Liebe, wie der
Schiffer dem Magnete folgt, wenn die heiligen Sterne sich verborgen haben und
ihn nicht mehr führen.
 
                                   119. Zykel
Albano und Dian flogen über die deutschen Gefilde freudig so manchem teuren
Herzen entgegen, und nichts wurde getäuscht als ihre - Furcht vor dem Abstande
ihrer Reise-Länder. Statt des schwarzen Lavasandes und des verbrannten Bodens
hinter ihnen deckte jetzt das helle frische Grün die Ebenen und kühlte das
geblendete Auge. Die Wellen grüner Ähren-Fluren schlugen sich so lustig als die
Wellen des blaugrünen Meers. In dichtern, längern, höhern Wäldern wehten neue
Schatten, gleichsam schöne kleine Abende, die sich vor dem Tag verkrochen. Nach
dem schwarzen Grün der welschen Bäume kehrte das helle lachende der deutschen
Gärten zurück; und neue Vögel-Chöre wiegten sich in Wolken und in Wäldern und
grüssten das Menschen-Herz und schickten ihm ihre leichte schuldlose Freude
herab.
    Von Frühling zu Frühling zog der glückliche Albano mit seinen Liebesträumen;
wie hinter ihm eine südliche Blüte fiel, so tat sich vor ihm eine nördliche auf;
und sein Reisewagen blieb auf dem bunten Wege und unter den Blüten-Schatten
eines langen Gartens.
    Endlich stand er vor dem Hause, wozu ihn der Garten führte, vor der
Lindenstadt; so stand er auch im vorigen Jahre auf der Höhe vor ihr, zum
Wolkenzuge der Zukunft aufsehend, ohne zu erraten, wozu das Gewölk sich bilde,
ob zur Aurora, oder zum Abendgewitter. Wie viele alte Schmerzen streiften jetzt
gleich Schatten von Wolken über die alte Gegend, über die Blumenbühler Höhen und
über die Häuser hinüber, als er die bekannten, zuweilen mit Tränen bezeichneten
Wege der Vergangenheit überschauete! Er ging jetzt, das bedacht' er, seinem
Vater mit der Nachricht seines neuen Glücks entgegen - seinem abtrünnigen
Freunde mit der geraubten Geliebten - mit alter und neuer Liebe seinem
wiederkehrenden Schoppe, dessen Herz und Schicksal ihm jetzt zugleich so dunkel
und so wichtig waren - und der sonderbaren Zeit und Stunde, wo die
unterirdischen Wasser, deren Treiben und Rauschen er bisher so oftmals erfahren,
auf einmal aufgedeckt und mit allen Krümmungen und Quellen entblösse vor dem
Tagslicht liegen sollten - und der heiligen Stelle, wo er die Geliebte, die ihm
jetzt auf dem deutschen Wege und in der Nähe der vorigen Schwierigkeiten noch
grösser und unerreichbarer erschien als auf dem Epomeo in der Nachbarschaft alles
Erhabnen am Himmel und auf der Erde, kühn ans Herz nehmen und schliessen durfte
auf ewig, ohne wieder zu fragen: wirst du mich lieben? - Da dacht' er an ein
Bild zurück, das er auf dem Vesuv198 gefunden, und sagte zu Dian: »Hinter dem
Menschen arbeitet und geht ein langsamer Strom, der glühend ihn verzehrt und
zermalmt, wenn er ihn ergreift; aber der Mensch schreite nur tapfer vorwärts und
schaue oft rückwärts, so entkommt er unbeschädigt. Mein geliebter Lehrer, so
will ichs jetzt in meinen neuen bedenklichen Verhältnissen machen; wende du mich
aber nach der Lava um, wenn ichs in schönen Gegenden zuweilen vergessen sollte!«
-
    »Sprecht bessere, günstigere Worte!« (sagte Dian) »Heil uns, die Götter sind
schon gewogen! - Dort kommt Euer Vater den Schlossberg herauf und sieht so lustig
und glücklich aus, wie ich ihn nie getroffen!«
 
                         Einunddreissigste Jobelperiode
         Pestitz - Schoppe - Ehescheu - Arkadien - Idoine - Verwicklung
                                   120. Zykel
Gaspard hatte gegen seinen Sohn die gewöhnliche vornehme Kälte der ersten
Stunde, wie Briefe kälter anfangen als endigen. Erst als dieser Morgen-Reif
geschmolzen und es wärmer um ihn geworden, entdeckte ihm Albano ohne Furcht und
ohne kleinmütiges Erröten mit gereifter Männlichkeit den Bund, den er mit Linda
und mit sich auf ewig geschlossen, und bat ihn um das dritte Ja. »So hat es
doch« (versetzte der Ritter) »der alte Zauberer am Ende noch durchgesetzt;
freilich unter dem Beistand einer jungen Zauberin. Dass ich dich in dem, was du
mit ganzer Seele und auf immer ergreifest, niemals störe, das weisst du noch vom
vorigen Jahre aus einem ähnlichen Fall.« Albano wurde über die bittere Erwähnung
seiner ersten Liebe rot, hatte aber seit einem halben Jahre die Kraft gewonnen,
da männlich zu schweigen, wo er sonst jugendlich sprach. Gaspard, heute froher
und gegen ihn wärmer als sonst, fuhr doch, als er dessen Empfindlichkeit
bemerkte, fort: »Ich heiss' es gut! Wie der Siegelgräber das Wappen anfangs in
Wachs, und erst dann in den Edelstein sticht, so versucht der Mann das seinige
in mehr als ein Herz zu graben, bis er endlich das festeste hält. Man muss
bekennen, du hast nicht am schlimmsten ausgewählt in meiner Mündel, und ich gebe
gern mein Wort dazu.«
    Albano drückte die Hand, die den süssen Knoten der Liebe noch fester zog, und
sagte im Rausche des Danks: »Auch meine Schwester fand ich, die Prinzessin, aber
ich tue an Sie keine Frage wie neulich, sondern rechne auf die Zeit.« -
»Spötter!« (sagte Gaspard und nahm, ihn abzukühlen, wie es schien, den grausamen
Schein an, als denk' er, der reine edle Sohn hab' ihm mit der Erwähnung der
Schwester den Spott der vielfachen Liebe zurückgeben wollen) »schweige nur über
alles im Innersten wie ich selber bisher; und verbirg dein Wissen dem Hofe; gib
mir dein Ehrenwort.«
    Albano sagte, auch Juliennen hab' ers schon gegeben; er wurd' aber durch
Gaspards ganzes Betragen auf Schlüsse zurückgetrieben, die weder seinem Vater
noch Juliennens Mutter sittliche Kränze aufsetzten.
    Gaspard setzte noch dazu, es sei für einen Mann ein Unglück, mit
phantastischen Weibern - wie Albano schon seine Mutter kenne - und zwar mit
dreien auf einmal verwickelt zu sein, und riet ihm, seinen Schritt wie bisher
tapfer durch alle Rätsel fort zu tun und sie ihrer eignen Auflösung zu
überlassen; darauf legt' er ihm als eine Probe der dritten Phantastin die Frage
vor, ob er schon wisse, dass die Gräfin ungeachtet seiner Vormundschaft ihren
lebendigen Vater noch habe, der erst an ihrem Hochzeittage erscheinen wolle. Er
bejaht' es. Gaspard fuhr nun fort: schon dieser Grund allein - damit Linda ihren
Vater und sie alle endlich die Ruhe der Klarheit fänden - bestimme ihn für eine
frühe heimliche Verbindung beider durch den ehrlichen Spener.
    Albano - ordentlich erschreckend vor der schnellen nahen Verwandlung seliger
Stunden in selige Jahre und ebenso unvermögend, sich seine Titanide als Gattin
zu denken wie als Kind - antwortete bescheiden und mit uneigennütziger Rücksicht
auf Lindas Ehe-Scheu: über die Zeit seines besiegelten Glücks dürfe und könne
niemand entscheiden als Linda selber.
    Gaspard war zufrieden: »Nur um einen Aufschub halt' ich bei euch an,« (fügt'
er noch bei) »mein Freund, der Fürst, ist seinem Ende wieder näher - die
wohltätige Wirkung, die auf ihn eine Geister-Erscheinung gemacht, hat allmählich
nachgelassen, und er fürchtet täglich die Wiederkunft des Phantoms, das ihm die
letzten Stunden vorauszusagen versprochen. - In solcher Zeit taugt mir euer Fest
nicht. - Im Vertrauen gesagt, der arme Kranke hatte selber ein Auge auf die
schöne Braut. - Es ist doch billig, ihn mit der grössten Gewissheit seines
Verlustes zu verschonen. Seinetwegen verschieb' ich auch meine Abreise.«
    Wie wenn ein Mensch in das junge Paradies träte und alle Vögel auf einmal,
Nachtigallen und Adler und Eulen und Paradiesvögel und Geier und Lerchen,
umzögen ihn: so verworren fühlte sich Albano durch diese durchkreuzende
Ansichten erregt, und er merkte, hierin geb' es keinen Verlass und Vorhalt als
auf sein eignes Herz und Linda ihres.
    Gaspard schien ungeduldig auf das Wiedersehen der Gräfin zu sein, die er
seine einzige Freundin nannte. »Ich glaubte leider in Rom meinem Bruder nicht,«
(setzt er dazu) »da er beiden Frauen in Neapel wollte begegnet sein. - Apropos,
dieser ist vor einiger Zeit hier durch nach Spanien gegangen; in Rom behauptete
er, nach Griechenland zu reisen - du siehst, mit welcher poetischen Lust und
Genialität er das reine Lügen treibt.«
    Gaspard schied sehr warm von ihm mit den Worten: »Albano, ich bin mit dir
zufrieden, ich wär' es unendlich, wenn die Reinheit des Jünglings in den Mann
überginge - noch hab' ichs nie gefunden.« - Albano wollte gerührt beteuern und
beschwören. »Darum« (fuhr er mit einer leichten, den Eid wegtreibenden
Handbewegung fort) »fandest du mich so froh über dein Glück, denn die Fürstin,
Freund, hatte mir deine Liebe schon am Morgen verkündigt. Nimm dich in acht vor
ihr, denn sie hasset dich ohne Grenzen.«
    Hart und schauerlich tritt, wie ein neues wunderbares Raubtier hinter dem
Gitter, zum erstenmal ein rechter, wenn auch waffenloser Hass vor ein gutes Herz.
Albano begehrte keine Bekräftigung und Erklärung dieser traurigen Nachricht,
denn der Fürstin Liebe und Irrtum, ihre Bekanntschaft mit seiner vorigen Kälte
gegen Linda, ihr stiller Ingrimm gegen diese selber waren ja für sie Flammen
genug, um daran den stärksten Gift zu kochen.
    Er wohnte wieder auf des Vaters Ersuchen bei dem für ihn unbedeutend in der
Tiefe liegenden Doktor Sphex; und Gaspard wieder im Schloss nahe am kranken
Freund. Der Ritter stellte ihn schnell dem Hofe vor, der das Reise-Braun, den
schärfern Augen-Blitz und die ganze letzte Entwicklung seiner grossen Gestalt
schnell bemerkte und bemerken liess. Die Fürstin empfing ihn mit der leichtesten
feinsten Kälte, gleichsam einer aqua toffana, die nur reines geschmackloses
Wasser scheint. Der Fürst sass im Krankenbette aufrecht mit verdrüsslichem Gesicht
vor herkulanischen Zeichnungen und liess sich darüber von Bouverot belehren. Wie
ein Gesicht, auf welchem in den späten grauen Jahren des Lebens noch schöne
Freudigkeit sich bilden kann, ein schönes Leben und schönes Herz verkündigt: so
lächelt der Heilige nie himmlischer als auf dem Krankenbette, und der Verlorne
nie härter als eben da. Albano wandte sein Auge ab vom siechen verzerrten Bruder
seiner Schwester.
    Schmachtend sah er nach dem vergangnen Hesperien zurück und auf die
Paradieses-Pforte hin, die endlich aufgehen und Linda und die Schwester im Eden
zeigen sollte. »Es wird dir recht sein,« (hatte Gaspard gesagt) »dass ich es
unter dem Vorwand der Krankheit Luigis gemacht, dass beide im alten Schloss zu
Lilar wohnen, wo du sie unbemerkter sehen kannst.« Er begegnete dem Minister
Froulay, und ihm kam entgegen der Lektor; - mit beiden ging ein dunkles
vielfaches Schatten-Gefolge von harten alten Erinnerungen mit. Noch hatt' er den
Hauptmann Roquairol nicht gesehen, jetzt für ihn der Abendnebel eines
untergegangnen Frühlingstags.
    Er trug, so schnell er konnte, sein stummes Herz - das eine Äolsharfe in der
Windstille war - nach dem kindlichen Blumenbühl, um die elterlichen Menschen zu
begrüssen und die Blätter seines nächsten Seelen-Nachbars Schoppe zu lesen, nach
dessen versprochner Wiederkunft er sich jetzt mehr als jemals sehnte.
 
                                   121. Zykel
Es war ein blauer frischer Sommertag, da Albano nach seinem alten Blumenbühl
ging, ohne zu wissen, dass ers gerade an dem Jakobi- oder väterlichen Geburtstag
tue, den er einmal in der Kindheit mit so seltsamen Vorspielen seines Lebens
verbracht. In den alten Gärten und auf den alten Höhen umher bis nach Lilars
Walde hinüber lag überall noch der junge schimmernde Tau der Kindheit
unvertrocknet von der Sonne Hesperiens; auch manche Tränentropfen standen
darunter auf Blumen; aber sein frischer genesender Geist wehrte sich jetzt gegen
weiches Verschwimmen in die laue Verflossenheit, diese Lete der Gegenwart. Im
Dorfe wurd' er über ein Pferd, das man beschlug, betroffen, weil ers am Zeuge
und allem als Roquairols Freudenpferd erkannte.
    Ein Fest trug er in das Fest hinein, als er in die laute Vaters-Stube voll
Geburtstagswähler trat, blühend, entwickelt, gerade, ein befestigter Mann mit
entschiednem Blick und Zug. Rabette schrie auf- Roquairol rief: »Aha!« - und der
alte Lehrer Wehmeier: »Gott und mein Herr!« - und seine Kindheits-Engel, die
Eltern, umfassten ihn unverändert, und aus Albinens blauen Augen rannen die
hellen Tropfen.
    Aber verändert stand die fremde Jugend neben seiner. Rabettens Angesicht,
die vorigen vollen Wangen und blühenden Lippen waren niedergefallen und mit dem
aufliegenden weissen Schleier überlegt und verwachsen, und sie hatte zwei graue
Tränen statt der Augen; indes lächelte sie sehr. Wie sein eignes Gorgonenhaupt
erschien Roquairols Gesicht blass und hart, gleichsam auf seinen Grabstein
gehauen; nur schroffe Pfeiler standen in der Flut ohne die leichten Bogen der
schönen Brücke. Zu Albanos Blüten-Stamme sahen Albine und Rabette unverwandt
hinauf, er schien ein italienisches Gewächs zu sein, ein Neapolitaner, im
täglichen Bade des Golfs genervigt. Roquairol hatte sogleich seine Rolle in der
Gewalt, leichter als Albano seine Wahrheit; er benahm sich gegen den, der ihm
den Zauberstab des Lebens entzweigebrochen und als zwei Bettelstäbe hingeworfen
hatte, mit der höchsten Höflichkeit, küsste ihn auf die Wange, hielt in dem
leichtesten, oft französischen Sprachton aus, zog die nächsten Nachrichten über
Welschland ein und gab wieder die erheblichsten, so gut er sie, sagt' er, für
einen Mann mit hesperischem Massstab auftreibe, aus dem Lande zum besten. Auch
erzählte er, »dass des Ritters Bruder dagewesen, ein Mann voll Talente, zumal
mimischer Art, und von der sonderbar-heftigsten Phantasie bei der höchsten Kälte
des Charakters, vielleicht aber nicht immer wahr genug.« - »Bei meinem
Trauerspiel« (setzt' er dazu) »wär' er Goldes wert. Lieber Bruder, sei bei
dieser Gelegenheit auch gleich eingeladen dazu; es heisset: der Trauerspieler -
Ich geb' es bald - Rabette kennts.« Sie nickte, Albano schwieg unter seiner
Glut. Unter allen Rollen gelang dem Hauptmann die eines Weltmanns am reinsten;
auch ist der Schein der Kälte leichter und wahrer als der Schein der Wärme.
Albano blieb in einem stolzen Abstande. Der gekränkten welken Rabette gegenüber
konnte Roquairol durch nichts gewinnen, auch nicht durch die Vorbitte seiner
Gestalt voll zertrümmerten Lebens; etwas auf ewig Verworrenes und die
Wachsflügel zu einem Klumpen gequetscht fand Albano, und ihm war hier enge wie
einem, der von der hellen Welt herab auf einmal in eine niedrige feuchte
Kellerhöhle kriecht.
    Der Hauptmann stand auf, erinnerte noch einmal an seine Bitte für den
»Trauerspieler« und sprengte auf dem Freudenpferde davon.
    Hinter ihm schwieg jeder von ihm wie verlegen. Die Weiber, von Albanos
glänzender Gegenwart ein wenig scheu, getraueten sich nur schwer mit der alten
einheimischen Vergangenheit hervor, indes der Pflegevater Wehrfritz, in seinen
Meinungen und Sitten fortgewachsen, noch in das alte Geschrei der Kanarienvögel
und Hunde eingefasset, gar keine Zeit kannte, dem Pflegesohne innigen Dank für
die verbindliche Erinnerung und Wahl seiner Geburtstagsfeier sagte, den Albano
notwendig und vergeblich ausschlug, im vorigen Du und Vaterwesen fortfuhr, sich
über die Franzosen und ihre künftigen Siege entzückte und jetzt dem ältern
Pflegesohne mehr Prämien des Lobes als jemals dem jüngern bewilligte, um ihm
dadurch, hofft' er, ein so grosses Vergnügen zu machen wie sonst. Der Magister
unterstützte von weitem das Lob, ob er gleich nicht unterlassen konnte, sofort,
als sein Schüler Napel, Baja, Cuma ausgesprochen hatte, eine Gelegenheit zu
ergreifen, um Neapel, Bajä, Cumä auszusprechen. Albano war rein, wahr,
menschlich, offen und herzlich gegen alle; Eitelkeit war nicht in seinem
selbstvergessenen Stolz.
    Rabette fand endlich ein Hebezeug, den glänzenden und doch trauten Bruder
aus dem Gastzimmer in ihres oder sein voriges aufzuwinden, um allein zu sein an
seiner Brust. Als sie hineintraten, so fing sie sogleich mit den Worten: »Kennst
du die Stube noch, Albano?« unendlich zu weinen an mit den so lange gesammelten
Tränen; und Albano zeigt' ihr in den seinigen sein langes bisheriges Mitleiden,
riss aber dadurch die ganze wundenvolle Vergangenheit auf. Sie griff selber zum
Heilmittel, zum Erzählen - so sehr er auch vorschützte, er wisse und errate ja
alles -; und berichtete, die Augen trocknend, wie alles stehe - und »dass Karl
viel bei seiner Mutter in Arkadien sei - dass der Minister noch gegen das einzige
Kind den alten Wütrich mache und ihm nicht einen Heller mehr als sonst
zuschiesse, ob er gleich immer grosse und grössere Schulden häufe, zumal seitdem
keine Liane sie mehr im stillen tilge - dass er überall borge, nur aber von ihr
nichts annehme - dass er noch immer weiter nichts begehre und kenne als die
Gräfin - und dass Gott wisse, wohinaus das alles noch wolle«. - Allem Fragen
zuvorkommend, setzte sie dazu: »Er weiss schon jetzt alles, dein ganzes Leben mit
derselbigen Person - er tut dabei still und lustig, aber ich kenn' ihn genugsam.
Ach!« seufzete sie in der Jammer-Fülle und setzte sogleich mit derselben Stimme
dazu: »Du siehst mich an, nicht wahr, du findest mich sehr mager gegen sonst?« -
»Jawohl, Arme!« sagte er. »Ich trank viel Essig seinetwegen, weil Karl schlanke
Taillen liebt; und der Gram tut auch viel«, sagte sie.
    Albano wollte sie trösten mit der nähern Möglichkeit einer Verbindung Karls
mit ihr, seit der entschiednen Unmöglichkeit jeder andern, und bot sich ihr gern
zu jedem Vorwort und Zwangsmittel an; - »er ist vor Gott und uns dein Mann«,
sagt' er. »Das hat er nie« (versetzte sie errötend) »sein mögen, nämlich honett;
ich schrieb dir ja, dass ich jetzt auch zu stolz bin dazu.« Nichts bestach ihn
mehr als sittlicher Stolz: »So wirf ihn einmal weg auf immer!« sagt' er. -
»Ach,« (sagte sie bänglich) »weiss ich denn, dass er kein Leid gegen sich selber
vorhat? - Dann würf' ich mirs ewig vor.« Unwillkürlich musste er mit dieser
liebenden heiligen Furcht die Härte der Fürstin vergleichen, die es so froh und
stolz erzählen konnte, dass manches verliebte Leben das Opfer ihres spröden
Herzens und koketten Gesichts geworden. »Was willst du nun tun?« fragt' er. »Ich
weine« (sagte sie) - »ach Alban, das ist ja genug, dass du mir Gehör und Rat
gegeben; ich bin wieder ganz heiter. Aber werde wieder sein Freund.«
    Er schwieg, über die weibliche Unart ein wenig erzürnt, die unter dem
Vorwand, Rat zu suchen, nur Gehör verlangt. »Was ist das,« (fragt' er, ein Blatt
ihr zeigend) »das ist völlig meine Hand, und ich hab' es nie geschrieben?« - Sie
sah es an und sagte: »Karl probiere oft so in den Händen bei ihr.« Es wunderte
ihn, und er sagte: »Überall nur Nachspielen und Nachmachen! Aber wie kannst du
denken, dass ich ihm vergebe?« - Einige Reisebeschreibungen auf ihrem sonst
bücherarmen Nachttisch fielen ihm auf; »ich wollte doch wissen,« (sagte sie)
»wie es dir etwan da und dort mochte ergehen, und las deshalb das lange Zeug.«
»Du bleibst meine Schwester!« sagt' er und küsste sie herzlich. Sie fragte ihn
noch viel und zudringlich über sein neues Verhältnis, aber er eilte wortkarg mit
dem vollen Herzen hinab. -
    Das erste Wort drunten an den Landschaftsdirektor war die Bitte um das
»deponierte Schoppische Schreiben«. Wehrfritz brachte den im Eisenkästchen der
Schuldscheine aufbewahrten breiten Brief und lieferte ihn hoffentlich, wie er
sagte, richtig ab. Kaum hielt Albano die Tränen zurück, als die krausen, aber
werten Spuren der geliebten Hand, die gewisslich nie im Leben gewankt oder sich
befleckt, in der seinigen hielt. Da er nichts erbrach, so fingen sie alle
gutmütig an, ihm seinen Freund Schoppe nach den Mutmassungen und Ansichten, die
sich der Mensch über jeden höhern Geist so keck und froh erlaubt, mit allen
seinen Taten oder Farben vorzuschildern, als wären Taten oder Farben Striche und
Umriss. Wehrfritz und Wehmeier bedauerten, dass er toll würde, wenn ers nicht
schon sei. Der Magister hielt mit seinem Hauptbeweise zurück, bis der
Landschaftsdirektor die kleineren Nebenbeweise beigebracht.
    Sein Leben unter diesem Schlossdache wurde ab-und aufgedeckt, aber im guten.
Er hatte bisher - so gingen die Berichte nichts Reelles oder Solides »bezweckt«.
Wehrfritz schwur, er habe selber zugesehen, dass er die Literaturzeitung so
gelesen, wie sie ineinander Halbbogen-weise steckte, und sagte, dass ers freilich
weniger der Tollheit als einer Geistes-Abwesenheit zuschreibe, weil er wisse,
mit welcher Lust er immer den Reichsanzeiger - den solcher selber für den
Torschlüssel der Reichsstadt Deutschland erkläret - in die Hand genommen und
verständig durchgegangen. Mitten in der Gesellschaft hab' der Bibliotekar seine
Hände angesehen mit den Worten: »Da sitzt ein Herr leibhaftig und ich in ihm,
wer ist aber solcher?« - Gearbeitet hab' er sehr wenig, Bücher von Gewicht, wie
Herr Wehmeier wisse, selten angesehen, leichter die allerschlechtesten von
Bauern, z.B. ganze Traumauslegebücher. - Sein liebster Umgang sei ihm sein
Wolfshund gewesen, mit dem er stundenlang ordentlichen Diskurs geführt und von
dessen Murren er ernstaft behauptet, es klinge wie ein sehr ferner Donner. -
Gern sei er vor dem Spiegel gesessen und habe sich in ein langes Gespräch mit
sich eingelassen; zuweilen hab' er in die camera obscura gesehen, dann schnell
wie der in die Gegend, um beide zu vergleichen, und habe unoptisch genug
behauptet, die laufenden regen Bilder der camera würden von der äussern Welt
vergrössert, aber täuschend nachgeäfft. »Ein schlauer Vogel« (setzte der Direktor
dazu) »bliebs bei alledem; verschiedene meiner Bekannten auf den benachbarten
Rittersitzen liessen sich von ihm malen, weil ers wohlfeil gab; er wusste aber
immer etwas ins Gesicht einzuschieben, dass einem die Physiognomie ganz
lächerrlich oder einfältig vorkam; und das hiess er sein Schmeicheln. Natürlich
sass ihm in die Länge nichts Honettes mehr.«
    »Wär' es mir verstattet,« (fing Wehmeier an) »so würd' ich jetzt dem Herrn
Grafen ein Faktum vom Herrn Bibliotekar mitteilen, das vielleicht, das ist
wenigstens meine Meinung, so frappant ist als manches andere. Die Schulwohnung
ist, wie Sie gewiss noch wohl wissen, dicht an der Kirche.« Darauf gab er in
einer langen Erzählung diese: Einst sei in der tiefen Mitternacht die Orgel
gegangen - Er habe an der Kirchtüre gelauscht und Schoppen deutlich einen kurzen
Vers aus einem Hauptlied singen und orgeln hören - Darauf sei dieser laut vom
Chore herab und auf die Kanzel hinaufgestiegen und habe eine Kasualpredigt an
sich selber mit den Worten angefangen: »Mein andächtiger Zuhörer und Freund in
Christo« - Im Exordium hab' er das stille, leider so schnell vergangne Glück vor
dem Leben berührt, obwohl nicht nach rechter Homiletik, da der zweite Teil fast
den Eingang repetieret - darauf einen Kanzelvers mit sich gesungen und aus Hiob,
Kap. 3 wo dieser die Freude des Nicht-Seins zeigt, den 26sten Vers verlesen, der
so lautet: »War ich nicht glückselig? war ich nicht fein stille? hatt' ich nicht
gute Ruhe? Und kommt solche Unruhe« - Vorgestellt hab' er sich: die Leiden und
Freuden eines Christen; im ersten Teil die Leiden, im zweiten die Freuden -
Hierauf hab' er, aber auf närrische Art und Sprache, aber doch auch mit
Bibelsprüchen, die Not auf der Welt kurz zusammengedrängt, worunter er sehr
unerwartet sonderbare Sachen, lange Predigten, die beiden Pole, hässliche
Gesichter, die Komplimente, die Spieler und die Welt-Dummheit, gezählt Darauf
sei er zum Trost im zweiten Teile vorgeschritten und habe die künftigen Freuden
eines Christen beschrieben, welche, wie er lästerlich gesagt, in einer
Himmelfahrt ins zukünftige Nichts, in dem Tode nach dem Tode beständen, in einer
ewigen Befreiung vom Ich - Da hab' er, grausend sei es zu hören gewesen, die
benachbarten Toten unten in der Kirche und in der fürstlichen Gruft angeredet
und gefragt: ob sie zu klagen hätten »Ersteht,« (sagt' er) »setzt euch in die
Stühle und schlagt die Augen auf, falls sie nass sind. Aber sie sind trockner als
euer Staub. O wie liegt die unendliche Vorwelt so still und schön gewickelt in
den eignen Schatten, auf das Bette der Selbst-Asche weich gelegt, und hat nicht
ein Traum-Glied mehr, in das eine Wunde geht. Swift, alter Swift, der du sonst
so sehr in der letzten Zeit nicht bei Verstande warst und an jedem Geburtstage
das ganze Kapitel durchlasest, woraus der heilige Text unserer Erntepredigt
genommen ist, Swift, wie bist du nun so zufrieden und gänzlich hergestellt, der
Hass deiner Brust ausgebrannt, die Zahlperle, dein Ich, in der heissen Träne des
Lebens endlich zerbeizt und zerlassen, und diese steht allein hell da! - Und du
hattest vor dem Küster gepredigt wie ich.« - Hier habe Schoppe geweint und sich
über die Rührung, Gott weiss vor wem, entschuldigt - Darauf sei er an die
Nutzanwendung gegangen und habe scharf auf Besserung des Zuhörers und Predigers
gedrungen, auf lautere redliche Wahrhaftigkeit, Freundestreue, stolzen Mut,
bittern Hass der Süsslichkeit, des Schlangengangs und weicher Unzucht Endlich hab'
er mit einer Bitte an Gott, dass er ihn, sollt' er einmal Gesundheit oder den
Verstand oder dergleichen verlieren, doch möge sterben lassen wie einen Mann,
die Andacht beschlossen und sei auf einmal aus der Kirchentüre herausgefahren.
»Er brachte mich« (setzte Wehmeier dazu) »fast um meinen Verstand durch
Schrecken, da er auf einmal zornig mich anfuhr: Scheinleiche, was schleichst du
ums Grab? und ich machte mich entfärbt und hurtig nach Hause? ohne ihm das
geringste darauf versetzt zu haben. Was sagen aber der Herr Graf?«
    Albano schüttelte den Kopf mit Heftigkeit, ohne ein belehrendes Wort, mit
Schmerz und Tränen auf dem Gesicht. Er nahm bloss schnell von allen Abschied und
bat sie um Vergebung der Eile; - und suchte Abend-Sonne und die Freiheit, um des
edlen Menschen Brief und die Absicht seiner Reise zu lesen. Er schlug den alten
Weg nach Lilar ein, wo er an der frohen südlichen Brust seines frohen Dians
wieder die südliche Heiterkeit und Gewohnheit zu finden hoffte; denn sein Herz
war durch ein Erdbeben aufgedrängt und aufgehoben, weil ihm in diesem Schoppe
doch manches wilde Zeichen, gleichsam ein übermässiges Leuchten und Blitzen
dieses Gestirns, einen Untergang und Jüngsten Tag zu melden schien, den er zu
seinem höchsten Schmerz dem Aufgehen des neuen Sterns der Liebe, der diese Welt
anzündete, zuzuschreiben gezwungen war.
 
                                   122. Zykel
Er las folgenden Brief von Schoppe:
»Dein Schreiben, mein lieber Jüngling, kam mir richtig zu. Ich preise deine
Tränen und Flammen, die einander wechselnd unterhalten und nicht löschen. Werde
nur etwas, auch viel, nur nicht alles, damit du es in einer so äusserst leeren
Sache, wie das Leben ist - ich möchte wissen, wers erfunden hat -, ausdauern
kannst vor Wüstenei. Ein Homer, ein Alexander, die nun die ganze Welt erobert
und unter sich haben, müssen sich oft mit den verdrüsslichsten Stunden plagen,
weil nun ihr Leben aus einer Braut eine Frau geworden. So sehr ich mich dagegen
verpalisadierte und mich festmachte, um nicht über jedermann zu steigen und als
das Faktotum der Welt oben zu sitzen: so kam ich doch am Ende unvermerkt und
stehend in die Höhe, bloss weil unter meinem langen Besehen der ganze Erdkreis
voll Schaumberge und Nebel-Riesen immer tiefer auftauete und zusammenkroch; und
schaue nun allein und trocken von meinem Berghorn herunter, ganz besetzt mit
Blutigeln des Welt-Ekels.
    Bruder, es wird aber in diesem Jahre anders und ich flott. Deswegen wird dir
hier im Februar ein langer, mir ganz verdriesslicher Brief geschrieben, der dir
über meine nahe Einspinnung und Verpuppung sagt, wo und wie; denn bin ich einmal
eine glänzende Chrysalide, so kann ich mich nur schwach mehr regen und zeigen.
    Ich will mich deutlicher erklären, setzen die Deutschen hinzu, wenn sie sich
deutlich erklärt haben. Es schickt und trifft sich besonders glücklich - was ich
schätze wie einer -, dass gerade Ende des Jahrs Ende meines bisherigen
väterlichen Vermögens ist und folglich, wenn Amsterdam aufhört zu zahlen, ich
auch falle und nichts mehr in Händen habe als schwache chiromantische
Wahrsagungen und nichts im Leibe habe ausser dem Magen. Ich wollte, ich könnte
noch von meinem Nabel leben wie in meinen frühern Zeiten und mich so weich
betten.
    Was soll ich dann machen? Mich von den Herren Menschen jahraus, jahrein
beschenken zu lassen, dazu acht' ich sie nicht genug; und die wenigen, die man
etwa bei Gelegenheit achtet, sollen wieder mich zu hoch achten, es anzubieten.
Was, ein Floh soll ich sein am dünnsten goldnen Kettlein, und ein Herr, der mich
darangelegt, damit ich ihm springe, aber nicht davon, zieht mich öfters auf den
Arm und sagt: saug nur zu, mein Tierchen!? - Teufel! Frei will ich bleiben auf
einer so verächtlichen Erde - keinen Lohn, keinen Befehl in diesem grossen
Bedientenzimmer erhaltend - kerngesund, um kein Mitleiden und keinen Hausarzt zu
erwecken - ja wollte man mir das Herz der Gräfin Romeiro unter der Bedingung
zuschlagen, es zu erknien, so würd' ich das Herz zwar annehmen und es küssen,
aber gleich darauf aufstehen und davonlaufen (entweder in die zweite oder in die
neue Welt), ehe sie Zeit hätte, sich die Sache zu rekapitulieren und mir
vorzurücken.
    Werden freilich etwas - und dadurch ebensoviel verdienen -, das könnt' ich
(schlägt man mir vor) doch versuchen, ohne sonderliche Einbusse von Freiheit und
Ungleichheit. In der Tat seh' ich hier aus meinem Zentrum an 360 Weg-Radien
laufen und weiss kaum zu wählen, so dass man lieber das Zentrum zum Umkreis
auszuplätten oder diesen zu jenem einzuziehen versuchen möchte, um nur
fortzustehen. Dienen, wie die Regimentsstäbe sagen, wäre freilich das nächste am
Herrschen. Du willst selber, wie du schreibst, ins Feld. (Deinen Brief hab' ich
richtig erhalten und darin deine Scheu und Sucht recht und gut gefunden und dich
ganz.) Und in Wahrheit, errichtete der Erzengel Michael eine heilige Legion,
eine legio fulminatrix von einigen schwachen Septuagintas gegen das gemeine
Wesen der Welt, kündigte er den Riesenkrieg dem Pöbelsaufgebote an, um vier oder
fünf Weltteile durch ein sechstes Weltteilchen (auf einer Insel hätt' es vielen
Platz) aus der Welt zu treiben oder in die Kerker und um alle geistige Knechte
zu leiblichen zu machen: sei versichert, in diesem glücklichen Fall stellte ich
mich am ersten hinter die Spitze und führte die Kanonen mit der kurzen
flüchtigen Bemerkung:
    wie Händel zuerst Kanonen in die Musik, so brächte man hier umgewandt zuerst
Musik in die Kanonen. Kämen wir nun sämtlich zurück, wehte der heilige Landsturm
wieder herwärts: so stände Gottes Tron auf der Erde, und heilige Männer gingen
mit hohen Feuern in Händen hinauf, viel weniger um droben den Weltkörper zu
regieren als dem Weltgeiste zu opfern.
    Mit der Franzmannschaft demnach stehst du für deine Person, wie du
schreibst, künftig für einen Mann. Freilich fällt mirs schwer, sonderlich von 25
Millionen zu denken, wovon zwar die Kubikwurzel frei lief und wuchs, aber Stamm
und Gezweig doch jahrhundertelang am Sklaven-Gitter trocknete und dorrte. Wer
nicht vor der Revolution ein stiller Revolutionär war - wie etwan Chamfort, mit
dessen feuerfesten Brust ich einmal in Paris an meiner schönes Feuer schlug,
oder wie Montesquieu und J.J. Rousseau -, der spreize sich mit seiner
Tropfenhaftigkeit nicht breit unter seine Haustür aus. Freiheit wird wie alles
Göttliche nicht gelernt und erworben, sondern angeboren. Freilich sitzen im
Frank- und Deutschreich überall junge Autoren und Musensöhne, die sich über
ihren schnellen Selbst-Gehalt verwundern und erklären, nur verflucht erstaunt,
dass sie nicht früher ihr Freiheitsgefühl gefühlt, weiche Schelme, die sich als
ganze blasende Walfische ansehen, weil sie einiges Fischbein davon um die Rippen
zu schnüren fanden - Immer würd' ich in einem Kriege, wie ihn die tote Zeit
geben kann, glauben, zwar gegen Toren zu kämpfen, aber auch für Toren.
    Die jetzigen zynischen, naiven, freien Naturmenschen - Franzen und Deutsche
- gleichen fast den nackten Honoratioren, die ich in der Pleisse, Spree und Saale
sich baden sah: sie waren, wie gesagt, sehr nackt, weiss und natürlich und Wilde,
aber der schwarze Haarzopf der Kultur lag doch auffallend auf den weissen Rücken.
Einige grosse lange Menschen und Väter der Zeit, wie Rousseau, Diderot, Sidnei,
Ferguson, Plato, haben ihre abgetragnen Hosen abgelegt, und diese tragen ihre
Jungen nach und nennen sich, weil sie ihnen so weit, lang und offen sitzen,
deswegen Ohne-Hosen.
    Zwar statt des Degens könnte ich auch sehr gut das Federmesser ergreifen und
als schreibender Cäsar aufstehen, um die Welt zu bessern und ihr und sie zu
nutzen. Es wird mir denkwürdig bleiben, das Gespräch, das ich darüber mit einem
berlinischen allgemeinen deutschen Bibliotekar aushielt, als wir still im
Tiergarten auf- und abgingen. Jeder wuchere doch seinem Vaterland mit seinen
Kenntnissen, die sonst vergraben liegen, sagte der deutsche Bibliotekar. Zu
einem Vaterland gehört zuvörderst einiges Land, sagt' ich, der Malteser
Bibliotekar aber, der hier spricht, erblickte das Licht der Welt zur See unter
einem pechfinstern Sturm. Kenntnisse besitz' ich freilich genug und weiss, dass
man sie wie ein Glas voll Kuhpocken, vernünftig genommen, nur dazu hat, um sie
einzuimpfen - der Schüler seinerseits schlingt sie wieder nur ein, um sie von
sich zu geben, und so gibt sich das Weitere. So fährt das Licht, wie im Spiel
"stirbt der Fuchs, so gilts den Balg" der glimmende Span, von Hand zu Hand, bis
aber doch der Span in einer - meiner verlöscht und verbleibt.
    Launig genug! (sagte der allgemeine Bibliotekar) Mit einer solchen Laune
verbinden Sie nur noch Studium schlechter Menschen und guter Muster, so bilden
Sie uns einen zweiten Rabener, der die Narren geisselt. - Herr! (versetzt' ich
ergrimmt) ich würde die Weisen vorziehen und Euch den ersten Schlag versetzen.
Weise lassen sich berichten und waschen, haben überall ihr Einsehen und sind
gute Narren und meine Leute; ein Mann wie ein allgemeiner deutscher Kurschmied,
der dem Musenpferd an den Puls greift, halte mir seinen vor, und ich befühl' ihn
gern. Aber der Welt-Rest, Sir? Wer kann das Weltmeer abschäumen, wenn er ihm
nicht die Ufer wegbricht? Ists nicht ein Jammer und Schade, dass alle genialische
Menschen, von Plato bis zu Herder, laut und gedruckt worden und häufig gelesen
und studiert vom gelehrten Pack und Packhof, ohne dass dieser sich im geringsten
ändern können? Bibliotekar, ruft und pfeift doch alles, was in den kritischen
Hundshütten neben jenen Tempeln Wache liegt, heraus und fragt sämtliche
Windspiele, Doggen und Packer, ob in ihren Seelen sich etwas anders bewege als
ein potenzierter Magen, statt eines poetischen und heiligen Herzens! Im
Bergkessel sehen sie den Wurst- und Braukessel, im Laub die Schelle der Karte,
und der Donner hat für sie - als ein grösserer elektrischer Funke - einen sehr
säuerlichen Geschmack, den er nachher dem März-Biere einflösset.
    Spielen Sie an? fragt' er. Sicher! (sagt' ich) - Aber weiter, Bibliotekar,
gesetzt wir beide wären so glücklich, uns auf dem Absatze herumzudrehen und mit
einem Umherhauchen alle Toren wie mit einem Hüttenrauche ganz verpestet
umzuwehen und maustot hinzuwerfen: so kann ich doch nicht absehen, wo der Segen
herauskommen will, weil ich, ausserdem dass wir noch selber nebeneinander stehen
und auch uns anzuhauchen haben, in allen Ecken umher Weiber sitzen sehe, welche
die erlegte Welt von neuem hecken. -
    Bester Püsterich199 voll Feuer, (fuhr ich fort) kann aber das sehr zum
satirischen Handwerke rufen und prägen? - O nein!
    Echte Laune ist bei mir da, vielleicht fremde Tollheit gleichfalls,
vielleicht - aber ach wird nicht der seltsame Scherzmacher, sogar in ihrer
ungemeinen Bibliotek, dem Stachelschweinmanne in London (dem Sohne) gleichen,
der bei dem Tierhändler Brook den Dienst hatte, den Fremden im wilden Viehstand
und ausländischen Tiergarten herumzuführen, und der auf der Schwelle dabei
anfing, dass er sich selber zeigte als Mensch betrachtet? Bedenken Sie es kalt
und vorher! Noch schwing' ich meinen Satyr-Schweif ungebunden und lustig und
etwan gegen eine gelegentliche Bremse; wird mir aber ein Buch darangebunden, wie
in Polen an den Kuh-Schwanz eine Wiege, so rüttelt das Tier die Wiege der Leser
und gibt Lust, der Schwanz aber wird ein Knecht.
    Zu solchen Bildern (sagte der Bibliotekar) wäre allerdings die gebildete
Welt durch keinen Rabener oder Voltaire gewöhnt, und ich erkenne nun selber die
Satire nicht für Ihr Fach. - O so wahr! versetzt' ich, und wir schieden gütlich.
    - Aber ernstaft genommen, Bruder, was hat nun ein Mensch übrig (sowohl an
Aussichten als an Wünschen), dem das Säkulum so versalzen ist wie mir und das
Leben durch die Lebendigen den die allgemeine matte Heuchelei und die glänzende
Politur des giftigsten Holzes verdriesset - und die entsetzliche Gemeinheit des
deutschen Lebensteaters - und die noch grössere des deutschen Teater-Lebens -
und die pontinischen Sümpfe Kotzebuischer ehr- und zuchtloser Weichlichkeit, die
kein heiliger Vater austrocknen und festmachen kann - und der ermordete Stolz
neben der lebendigen Eitelkeit umher, so dass ich mich, um nur Luft zu schöpfen,
stundenlang zu den Spielen der Kinder und des Viehs hinstellen kann, weil ich
doch dabei versichert bin, dass beide nicht mit mir kokettieren, sondern nichts
im Sinne und liebhaben als ihr Werk - was hat, fragt' ich auf der letzten Zeile
des vorigen Blattes, einer nun übrig, den, wie gesagt, so vielerlei anstinkt und
vorzüglich noch der Punkt, dass Besserung schwer ist, aber Verschlimmerung ganz
und gar nicht, weil sogar die Besten den Schlimmsten etwas weismachen und
dadurch sich auch und weil sie bei ihrer verborgnen Verwünschung und Sänften-
und Achselträgerei der Gegenwart wenigstens um Geld und Ehre tanzen und sich
dafür gern vom festern Pöbel brauchen lassen, als Weinfässer zu Fleischfässern -
was hat ein Mann, sag' ich, Freund, in Zeiten, wo man, wie jetzt im Druck, aus
Schwarz zwar nicht Weiss macht, aber doch Grau und wo man, wie Katecheten sollen,
gerade die Fragen auf Nein und Ja vermeidet, noch übrig ausser seinem Hasse der
Tyrannen und Sklaven zugleich und ausser dem Zorne über die Misshandlung sowohl
als über die Gemisshandelten? Und wozu soll sich ein Mann, dem der Panzer des
Lebens an solchen Stellen dünn gearbeitet oder dünn gerieben ist, ernstaft
entschliessen?
    Ich meines Orts, falls von mir die Rede ist, entschloss mich im halben
Scherze zu einer dünnen hellen Anfrage für den Reichsanzeiger, die du vielleicht
schon in Rom gelesen, ohne mich eben zu erraten:
                                   Allerhand.
Wohl zuverlässig steht gesunder Verstand und Vernunft (mens sana in c.s.) unter
den zu würdigenden Gütern des Lebens zunächst nach einem reinen Gewissen obenan.
Ein Satz, den ich bei den Lesern dieses Blattes vorauszusetzen wage. Was sonst
hierüber noch gesagt werden kann (sowohl von als gegen Kantner [so schreibt
Campe statt Kantianer viel richtiger]), gehört gewiss nicht hieher in ein ganz
populäres Volksblatt. Unterzeichneter dieses ist nun in dem betrübten Falle, dass
er hier genötigt die Ärzte Aus-und Deutschlands befragt - Mitleiden mit Leiden
gebe, schicke die Antworten ein -, wenn er (gerade heraus vor Deutschland!!)
ganz toll werden werde, indem der Anfang davon schon einen genommen.
    Das Wenn, aber nicht das Ob liegt edeln Menschenfreunden zu beantworten ob.
Hier meine Gründe, Deutsche! Abgesehen, dass mancher schon aus der Anfrage
folgern könnte - was doch wenig entscheidet -, so sind folgende Stücke
bedenklich und gewiss: 1) des Verfassers bunter Stil selber, der weniger aus
diesem Inserat (in den überlegtesten Intervallen gemacht) als aus der ähnlichen
Schreibart eines sehr beliebten und geschmacklosen Schriftstellers zu erkennen
ist, wie denn ein buntes Übermass ganz wildfremder Bilder so gut am Kopfe wie
buntes Farbenspiel am Glase nahe Auflösung bedeuten - 2) die Weissagung eines
Spitzbuben200, an die er immerfort denkt, was schlimme Folgen haben muss - 3)
seine Liebe und sein Treiben Swifts, dessen Tollheit Gelehrten nicht fremd ist -
4) seine gänzliche Vergesslichkeit - 5) seine häufige schlimme Verwirrung
geträumter Sachen mit erlebten und vice versa - 6) sein Unglück, dass er nicht
weiss, was er schreibt, bis ers nachgelesen, weil er gegen seinen Zweck bald
etwas auslässet oder bald etwas hinsetzt, wie das durchstrichne Manuskript
leider am besten bezeugt - 7) sein ganzes bisheriges Leben, Denken und Spassen,
was hier zu weitläuftig wäre, und 8) seine so unvernünftigen Träume. Nun ist die
Frage, wenn in solchen Verhältnissen (schlagen nämlich keine Fieber, keine
Liebschaften dazu) vollständige Verrückung (Idea fixa, mania, raptus) eintritt.
Bei Swift fiels sehr spät, im Alter, wo er ohnehin schon an und für sich halb
närrisch sein mochte und nachher alles nur mehr zeigte. Wenn man betrachtet, dass
einmal der Professor Büsch ausrechnete, dass seine Augen-Schwäche sehr gut ohne
seinen Schaden von Jahr zu Jahr wachsen könnte, weil die Periode seiner
gänzlichen Erblindung über sein ganzes langes Leben hinausfiele bloss auf sein
Grab, so sollt' ich annehmen, dass meine Schwäche so stufenweise aufschwellen
könnte, dass ich keine petites maisons brauchte als den Sarg selber; so dass ich
vorher dabei heiraten und amtieren möchte wie jeder andere rechtschaffene Mann.
    Was ich hiermit bezwecke, ist bloss, mich hierüber mit irgendeinem
Menschenfreunde (er sei aber philosophischer Arzt!!) in Korrespondenz zu setzen.
Meine Adresse hat die Expedition des Reichsanzeigers. Näher bekannt mach' ich
mich vielleicht körperlich und bürgerlich in eben diesem Blatte auf dem Blatte,
wo ich eine Gattin suche. Pestitz, den Februar.
                                                        S-s, L-d, L-r, G-l, S-e.
Albano, du weisst, unter welchem Gebüsch mein Ernst liegt. Der Reichs- und
Schoppens-Anzeiger hat acht Gründe für die Sache, die nicht nur mein Ernst sind,
sondern auch mein Spass. Seit der Kahlkopf mir nach einem Jahre den Aufgang
meines tollen Hundssterns ansagte, sah ich immer die Aurora dieses Fix-Gestirns
vor mir und sah mich daran zuletzt blind und feige; ich muss es heraussagen. O
ich hatte im Januar, Bruder, acht furchtbare Träume hintereinander - nach der
Zahl der Gründe im Anzeiger und selber unter den achten Grund gehörig -, Träume,
worin ein wilder Jäger des Gehirns durch den Geist jagte und ein reissender Strom
voll Welten, voll Gesichter und Berge und Hände wallete - ich will dich nicht
damit ängstigen - Dante und sein Kopf sind Himmel dagegen.
    Da wurd' ich vedriesslich über die Feigheit und sagte zu mir: Hast bisher so
lange gelebt und die reichsten Ladungen leicht ins Wasser geworfen, sogar diese
und die zweite Welt, und dich von allem, und von Ruhm und von Büchern und Herzen
so rein entkleidet und hast nichts behalten als dich selber, um damit frei und
nackt und kalt auf der Kugel zu stehen vor der Sonne: auf einmal krümmst du dich
unversehends vor dem blossen tollen fixen Gedanken an eine tolle fixe Idee, die
dir jeder Fieber-Pulsschlag, jeder Faust-Schlag, jedes Giftkorn in den Kopf
graben kann, und verschenkst auf einmal deine alte göttliche Freiheit Schoppe,
ich weiss gar nicht, was ich von dir halten soll; wer irgend etwas noch fürchtet
im Universum, und wär' es die Hölle, der ist noch ein Sklave.
    Da ermannte sich der Mann und sagte: ich will das haben, was ich fürchtete;
und Schoppe trat näher an den breiten hohen Nebel, und siehe! es war (man hätte
sich gern auf der Stelle hineingebettet) nur der längste Traum vor dem längsten
Schlaf, mehr nicht, was sie Wahnsinn nennen. Geht man nun auf einige Zeit z.B.
in ein Irrhaus zum Scherz: so kann man den Traum haben, lässet es sich sonst
alles so dazu an wie bei manchem. Und dahinein will ich nun allgemach sinken, in
den Traum, wo an der Zukunft die Dolchspitze abgebrochen ist und an der
Vergangenheit der Rost abgewischt - wo der Mensch ohne Störung in dem
Schattenreich und dem Barataria-Eiland seiner Ideen das regierende Haus allein
ist und der Johann ohne Land und er wie ein Philosoph alles macht, was er denkt
- wo er auch seinen Körper aus den Wellen und Brandungen der Aussenwelt zieht und
Kälte, Hitze, Hunger, Nervenschwäche und Schwindsucht und Wassersucht und Armut
ihn nicht mehr antasten und den Geist keine Furcht, keine Sünde, kein Irrtum im
Irrhaus - wo die 365 Träume jährlicher Nächte sich in einen einzigen, die
flüchtigen Wolken in ein grosses Glut-Abendrot zusammengewebt -
    Da sitzt etwas Böses! Der Mensch muss imstande sein, sich seinen Traum, seine
gute fixe Idee - denn ein hoher Ameishaufen der grimmigsten und der
liebreizendsten wimmelt vor ihm - mit Verstand auszuklauben und zuzueignen,
sonst kann er so schlimm fahren, als wär' er noch bei Verstand. Ich muss nun
besonders meine Anstalten treffen, dass ich einen liebreichen favorablen Fix-Wahn
finde und anerkenne, der gut mit mir umgeht. Kann ichs dahin bringen, etwan der
erste Mensch zu sein im irrigen Hause - oder der zweite Momus - oder der dritte
Schlegel - oder die vierte Grazie - oder der fünfte Kartenkönig - oder die
sechste kluge Jungfrau - oder die siebente weltliche Kur - oder der achte Weise
in Griechenland - oder die neunte Seele in der Arche oder die zehnte Muse - oder
der 41ste Akademiker - oder der 71ste Dolmetscher - oder gar das Universum -
oder gar der Weltgeist selber: so ist allerdings mein Glück gemacht und dem
Lebens-Skorpion der ganze Stachel weggeschlagen. Aber was steht nicht noch für
goldnes edelsteinernes Glück offen! Kann ich nicht ein sehr begünstigter
Liebhaber sein, der den Sonnenkörper einer Geliebten den ganzen Tag im Himmel
ziehen sieht und hinaufschauet und ruft: ich sehe nur dein Sonnen-Auge, aber es
genügt? - Kann ich nicht ein Verstorbner sein, der voll Unglauben an die zweite
Welt in solche gefahren ist und nun da gar nicht weiss, wo er hinaus soll vor
Lust? - O kann ich nicht denn der kürzere Traum und das Alter verkindern ja
schon wieder ein unschuldiges Kind sein, das spielt und nichts weiss, das die
Menschen für Eltern hält und das nun einen aus der bunten Blase des Lebens
zusammengefallenen Tränentropfen vor sich stehen hat und den Tropfen wieder mit
der Pfeife geschickt zum flimmernden Farben-Weltkügelchen aufbläset? Es ist eben
Mitternacht; ich muss jetzt in die Kirche gehen, meine Vesper-Andacht zu halten.
                                                              Drei Wochen später
                                   Nota bene!
Gewissermassen war ich seit deiner Reise verdammt unglücklich bis diesen Morgen
gegen 1 Uhr; - um 2 Uhr fasst' ich meinen Entschluss, jetzt um 5 die Feder, um 6,
wenn ich ausgetrunken und ausgeschrieben, den Reisestab, dessen Stachel nach 2
Monaten in den Pyrenäen steht. O Himmel! musste etwas Gestacheltes längst neben
mir stehen, was ich so lange für einen Herisson nahm, indes es die beste
Spielwalze voll Stifte ist, aus der ich nichts Geringeres (ich drehte sie vor
einigen Stunden) haben kann als das beste Flötengedackt - unverfälschte Sphären-
und Kreismusik zu den Bravourarien der drei Männer im Feuer einen ganzen
lebendigen Vaucansons-Flötenspieler von Holz und unerhörte Sachen, womit die
Maschine nicht sich einen Bruch bläset, sondern einigen Spitzbuben, wovon ich
vorzüglich den Kahlkopf nenne?
    O höre, Jüngling! Es geht dich an. Ich will deinetwegen, was die Welt
offenherzig nennt, jetzt sein, nämlich unverschämt, denn wahrlich ich decke
lieber meinen Steiss als mein Herz auf und bin weniger rot.
    Es gab einmal in alten Zeiten eine junge Zeit, eine voll Feuer und Rosen, wo
der alte Schoppe seines Orts auch jung genug war - wo der alerte, anschlägige
Vogel leicht heraushatte, wo der Hase liegt und die Häsin - wo der Mann sich
noch mit den bekannten vier Weltteilen in Güte setzte, oder auch ebenso leicht
wie ein Stier mit dem Horn nach jeder Fliege stiess - wo er, jetzt ein
Silberfasan kühler Zeit, noch als ein warmer Goldfasan im ganzen Welschland auf-
und abschritt oder flog und bald auf Buonarottis Moses sass, bald auf dem
Coliseo, bald auf dem Ätna, bald auf der Peterskuppel und vor Lust krähete, die
Flügel schlug und gen Himmel stieg.
    Es war nämlich dieselbe Zeit, wo der noch ungerupfte Sturmvogel einmal in
Tivoli sich durch die Wasserfälle hin- und herschwang, kostbar selig war und da
gelegentlich - plötzlich - oben - in Vestas Tempel - zum ersten Male - weiter
nichts erblickte als - die Prinzessin di Lauria, nachher, mutmass' ich, von einem
Vliesritter weggeholt als sein güldnes Vlies. Solche sehen - sich aus einem
Sturmvogel in einen Tauber an der Venus Wagen verwandeln - von Gespann und Zügel
sich abreissen - vor jene Göttin fliegen - sie in immer engern Kreisen umziehen,
das alles war nicht eins, sondern dreierlei. Ich musste erst zu einem
Paradiesvogel wachsen und mich färben, um in ein Paradies zu fliegen; ich musste
nämlich Malerei erlernen, um vor Sie zu dürfen.
    Als ich endlich den Porträt-Pinsel und die Silhouetten-Schere in der Gewalt
hatte und an einem Morgen mit beiden vor der Prinzessin und dem Fürsten
erschien, musst' ich ihn selber malen und schneiden; seine Tochter war schon
vermählet und heimlich abgereiset; denn dein Grossvater weissagt (anstatt wie
andere ihr Treiben voraus) seines nur hintennach und öffnet den Mund bloss zum -
Hören.
    Ich schnitt ihn schnell aus, den Mann - packte ein - ging in alle Welt -
nach beinah drei Jahren stand ich auf der zehnten Terrasse der Isola bella ganz
unerwartet vor der Gräfin Cesara Himmel und Hölle! welch ein Weib war deine
Mutter! Sie warf jeden in beide auf einmal, ich weiss nicht ob deinen Vater auch.
Schreiber dieses stand in seiner letzten ornitologischen Verwandlung vor ihr,
als stiller Perlhahn (Tränen müssen die Perlen sein), und konterfeiete sie ab,
nach wenigen Wochen.
    Sie hatte zwei Kinder, dich - deiner schon damals geschärften Bildung
entsinn' ich mich klar - und deine Schwester, die sogenannte Severina. Dein
Vater war nicht da, aber sein Wachsbild, wornach ich ihn gleich achtzehn Jahre
später in Rom wieder erkannte. Auch deine Schwester war noch wächsern
wiederholt, nur du nicht. Eine dir von weitem ähnliche Wachsfigur, die dich als
einen Mann vorgaukelte, stellte der Bruder deines Vaters, der mit da war, dir
immer als einen Flügelmann deiner Zukunft vor, sagte, du seist hier im voraus
kubiert und schon ins Grosse getrieben, von der Flasche auf das Fass gefüllt, um
dich anzufeuern, damit du erwüchsest. Man musste dir eine ähnliche Uniform, wie
der Wachsmann trug, anziehen - ich weiss nicht welche - Du fordertest dann keck,
um deinen eignen Mikromegas schreitend, ihn heraus, aus der Zukunft in die
Gegenwart. Jetzt weisst du, was du geworden, und magst wohl wieder und mit mehr
Recht so stolz auf den Kleinen herabsehen wie der Kleine sonst zu dem Grossen
hinauf. Ich wollte nie deinem Oheim diese Maschine der geistigen Streckbarkeit
guteissen; dabei hab' ich vor allen Wachs-Marionetten einen so hassenden
Schauder!
    Mein einziger Zweck auf der schönen Insel war die Abreise von ihr und von
der schönen Insulanerin, sobald ich diese abgemalt hätte. Dummes Jahrhundert,
sagt' ich, will ich denn mehr von dir? Sie sass mir gern - wie auf einem Tron -
ich riss, halb im Gewitter, halb im Regenbogen wohnhaft, sie ab und musst' ihr
natürlich das Bild lassen unkopiert. Aber, Jüngling, einige Buchstaben, die
meinen damaligen Namen formierten und die ich aufs Bild an der Stelle des
Herzens unter die Wasser-Farben schrieb und versteckte, können für dich ein
Tetragrammaton, elf Sonntagsbuchstaben und Lesemütter (matres lectionis) deines
Daseins werden, falls ich glücklich nach Spanien komme und in Valencia am
Bildnis die Färberei von meinen Buchstaben weg wischen und nun in dessen Herzen
lesen kann: Löwenskiold. So dänisch hiess ich damals.
    Dann ist die Gräfin Linda de Romeiro ohne Gnade deine Schwester Severina.
Gott schenke nur, dass du sie nicht vor diesem Brief etwan gesehen hast und
geheiratet; sie soll, wie ich gestern hörte, nach Italien abgereiset sein.
    Denn als ich die Gräfin Linda hier zum ersten Male sah, war mir auf dem
Pestitzer Markt-Viereck, als ständ' ich oben auf der Terrasse der Isola bella
und schauete die Alpen, deine Mutter, meine Jugend kaum drei Schritte vor mir!
Bei Gott, wie als wäre aus der tiefen Ferne im Pfeilerspiegel der Zeit auf
einmal das weisse Rosenbild deiner verhüllten Mutter heraufgerissen worden dicht
ans Glas heran und hinge davor nun rotblühend, so stand Linda vor mir! Denn die
göttliche Ähnlichkeit beider ist so gross! Gar kein Arianisches Homoiusion,
sondern ein ganzes ortodoxes Homousion ist hier zu glauben, würd' ich dir gerne
schreiben, hättest du sonst die nötige Kirchengeschichte dazu auf dem Lager.
    Ich malte auch Linda in diesem Winter. Was sie mir vom Charakter ihrer
Mutter erzählte, war ganz dasselbe, was ich ihr hätte vom Charakter der
Prinzessin di Lauria berichten können -
    Lindas Vater oder Herr von Romeiro wollte nie erscheinen, und doch ist er
noch nicht verschwunden, wie ich höre -
    Lindas Mutter hiess sich eine Römerin und eine Verwandte des Fürsten di
Lauria -
    In Spanien, wo ich zweimal war und fragte, wollte nirgends der Name einer
Cesara wohnen -
    Trillionen Spinnenfäden der Wahrscheinlichkeit spinnen sich zum
Ariadnens-Strick im Labyrint -
    Eine neue unbekannte Schwester wird dir im gotischen Hause mit Schleiern und
in Spiegeln vorgeführt -
    Und zwar wird vom redlichen Kahlkopf - dem fast mehr zum Christuskopf fehlt
als die Locken, und den ich im Herbste einen Hund geheissen - dirs vorgespiegelt
aus wirklichen Spiegeln -
    Gedachter Anubis- oder Kahl-Kopf stand nun (der Himmel und der Teufel wissen
am besten warum, aber ich glaub' es) als Vater des Todes auf Isola bella, lag
als Handwerkspursch am Fürstengrabe und in jedem Hinterhalt, um dir deine
Schwester zur Frau zu geben - - falls ichs litte; aber sobald ich jetzt
zugesiegelt, brech' ich nach Spanien auf und in Lindas Bilderkabinett ein, suche
nach einem gewissen Bilde ihrer Mutter, dessen Stelle und Zimmer ich mir
deutlich angeben lassen - und ist es das Bild von mir: so ist alles richtig, und
der Donner kann in alles schlagen -
    Der Kahlkopf ist schon ein Fünfviertelsbeweis - er gehört unter die wenigen
Menschen, die schon, kaum Spinnen-dick, in ihrer Mutter Leib aus Bosheit pissten
-
    Vielleicht treff' ich deinen Oheim, der mich hier, wie er sagte,
wiedererkannte und der wirklich nach Valencia abgereiset ist201 -
    O Himmel, wenn mirs gelänge (aber warum nicht, da meine Zunge von Eisen
bleibt und dieses Blatt in Eisen kommt, beim redlichen Wehrfritz, dessen Herz
ein alter Deutscher ist, und mit Recht stellt in der Jungfer Europa Deutschland
das Herz vor), ich schreibe, wenn mirs gelänge, dass ich anbrennte an einem
verfluchten Geheimnis eine Strohtür, risse alles auf, ein und weg, blinde Tore
und Opfertore, und ein starkes Licht fiele herein auf die tapfere Linda und den
tapfern Jüngling, anleuchtend den nahen Kahlkopf (vielleicht noch jemand), der
eben in der Dunkelheit mit zwei langen blanken Okulier- und Schlachtmessern in
die Geschwister schief herunterstechen will - -
    Wenn mir das einmal gelänge, nämlich im Erntemonat - denn da käm' ich in
Pestitz wieder an und hätte das Bildnis in der Tasche -, und ich hätte mich und
zwei Unschuldige tapfer gerächt an Schuldigen: dann würd' ich mirs für sehr
erlaubt halten, an meinen Kopf zu greifen und zu sagen: a bas, gare, Kopf weg!
Wozu gewiss - da ja von keiner dummen Abtreibung des Leibes durch ein
Werter-Pulver die Rede ist, sondern nur vom Vorsatze, das, was Sachverständige
meinen Verstand nennen, gelegentlich zu verlieren - meine Freunde stimmen
müssten, weil sie mich noch hätten (der Körper wird dabei anbehalten), obwohl als
das Nachtstück eines Menschen, weil ich dann einen vernünftigen Diskurs so gut
über alles (nur den Fix-Wahn greife keiner an) führen wollte als einer und dabei
einen gesitteten guten Spass (wahrlich die wahre Würze) einzustreuen gewiss nicht
vergässe und weil der Staat mich Tag und Nacht gerüstet und gesattelt finden
sollte, ihm nach dem Beispiele der Berliner Irrhäusler, die einmal beim Feuer im
Haus am besten löschten und retteten, zu dienen und zu Hülfe und zupasse zu
kommen, wenn die dunkeln Intervalle seiner andern Staatsdiener nicht anders
auszufüllen wären als mit unsern hellen.
    Lebe wohl! Ich brech' auf. Die Welt lacht mich heiter an. In Spanien find
ich ein Stück Jugend wieder - wie in diesem Schreiben.
                                                                        Schoppe.
Apropos! Stiess dir der Kahlkopf nirgends auf? - Ich kann dir nicht sagen, wie
ich täglich jetzt arbeite, um mir vor dem Wunsche, ihn künftig in der Tollheit
niederzustossen, wahren Abscheu und Greuel im voraus einzuprägen und eigen zu
machen, damit nachher die etwanige Tat mir nicht als eine Spätfrucht des vorigen
vernünftigen moralischen Zustandes könne herüber zugerechnet werden in den
andern.
Vernichte diesen Brief!«
                                       *
Als Albano die feurigen Augen von dem Briefe aufhob, stand er vor Lilar unter
einem hochgewölbten Triumphbogen, und die Sonne ging in Pracht hinter dem
Elysium unter. »Kennst du mich nicht?« fragte leise neben ihm Linda in
Reisekleidern, weinend in heller Liebe und Wonne - und Julienne drängte sich,
beiden Vorsicht zuwinkend, aus dem Eingangsgebüsch des Flötentals hervor und
rief zum listigen Scheine: »Linda, Linda, hörst du denn die Flöten nicht?« - Und
Albano hatte den schweren Brief vergessen.
 
                                   123. Zykel
Wie ein schnell mit hundert Flügeln aufrauschendes Konzert, so schlug die
schnelle Gegenwart alter Liebe und Freude über den verlassenen, um den Freund
bekümmerten Jüngling in schönen Fluten zusammen; und von der Entzückung
getroffen, sah er Linda wieder wie auf Ischia; aber diese sah ihn wieder wie in
einem andern Elysium, sie war weicher, zärter, heisser, eingedenk seiner
Vergangenheit in diesem Garten. Sie wollte gar nichts von ihrer eignen
Reise-Geschichte erzählen oder hören. Albano bedeckte sein Geheimnis von Schoppe
mit mächtiger, aber zitternder Brust; nur seinem Vater brannt' er sie aufzutun.
Unaufhörlich hielt er sich die Unmöglichkeit einer Verwandtschaft vor und die
Leichtigkeit, dass Schoppe die angebliche Schwester mit der wahren, mit
Juliennen, verwechsle; noch diesen Abend wollt' er den Vater fragen.
    Er gab ihr das Ja desselben zu ihrem Bunde mit grosser Freude, aber nicht mit
der grössten, weil Schoppes Brief nachtönte. Julienne nahm es wahr, dass nur eine
Kaskatella statt der Kaskade heute aus ihm komme, und sucht' ihn lustig-listig
auszuholen, indem sie ihn leicht durch das ganze wichtige Personale seiner und
ihrer Bekanntschaft durchantworten liess. Sie hatte einige Neigung, am
Teatervorhang zu weben und zu malen oder auch ein Souffleurloch in ihn zu
stechen. Sie fing die Fragen von Idoine an - welche kurz nach seiner Ankunft
ihren Rückweg aus der Stadt genommen - und hörte mit ihnen bei Schoppen auf -
nach dessen Reise-Ziele sie forschte -; aber Albano hatte jene nicht gesehen,
dieser, sagt' er, hab' es ihm allein vertraut. Eine schöne, unbiegsame
Marmorader der Festigkeit lief durch sein Wesen. Lindas schwarzes Auge war ein
offnes treues deutsches und sah ihn nur an, um ihn zu lieben.
    Aus dem Flötental kam der Rest der Gesellschaft, der Lektor u.a.; Julienne
nötigte die Liebenden zur Scheidung und sagte: »Hier ist kein Ischia; ohne mich
könnt ihr euch hier im Schloss gar nicht sehen; ich werde dirs durch deinen Vater
allzeit sagen lassen, wenn ich da bin.«
    Als er allein stand in Lilar, mit dem schweren Gedanken an Schoppe und
Linda, und er die anmutigen Gegenden und Stellen schöner Stunden übersah: so kam
ihm auf einmal vor, als verziehe sich in der Dämmerung das Elysium wie ein
reizendes Gesicht zu einem Hohn über ihn und über das Leben - kleine boshafte
Feen sitzen an den kleinen Kinder-Tischchen, als wären sie sanfte Kinder und
sähen sehr gern Menschen und Menschenlust - sie fahren auf als wilde Jägerinnen
und rennen durch die Blüten - tausend Hände wenden den Garten mit Blütenbäumen
um und richten sein schwarzes finsteres Wurzeln-Dickicht wie Gipfel im Himmel
auf aus den Zweigen blicken Gorgonenhäupter, und oben im Donnerhäuschen weint
und lacht es unaufhörlich - nichts ist schön und sanft als der tapfere grosse
Tartarus.
    Indes ging Albano, da es der kürzere Weg zu seinem Vater war, hart und
zornig durch den Garten, über die Schwanenbrücke, vor dem Traum-Tempel, vor
Charitons Häuschen, vor den Rosenlauben vorbei und über die Wald-Brücke; und kam
bald im Fürstenschlosse bei seinem Vater an, der eben vom kranken Luigi
zurückgekommen. Mit ironischer Miene erzählte ihm dieser, wie der Patient von
neuem schwelle, bloss weil er fürchte, der tote Vater, der ihm zum zweitenmal als
Zeichen des Todes zu erscheinen versprochen, gebe das Zeichen und hole ihn
darauf. Nun erzählte Albano, ohne allen Eingang und ohne Erwähnung von Schoppen
und von dessen Verhältnissen, die Hypotese der seltsamsten Verwandtschaft, ohne
etwa ausforschende lange Fragen oder auch nur die kurze schnelle: »Ist Linda
meine Schwester?« zu tun aus Achtung für den Vater. Dieser hörte ihn ruhig aus:
»Jeder Mensch« (sagt' er erzürnt) »hat eine Regen-Ecke seines Lebens, aus des
ihm das schlimme Wetter nachzieht; die meinige ist die Geheimnisträgerei. Von
wem hast du die neueste?« - »Darüber muss ich schweigen aus Pflicht«, versetzt'
er »In diesem Falle« (sagte Gaspard) »hättest du besser ganz geschwiegen; wer
den kleinsten Teil eines Geheimnisses hingibt, hat den andern nicht mehr in der
Gewalt. Wie viel glaubst du, dass ich von der Sache weiss?« - »Ach was kann ich
glauben?« sagte Albano. »Dachtest du an meine Erlaubnis deiner Verbindung mit
der Gräfin?« sagte zorniger Gaspard. »Sollt' ich denn schweigen, und entwickelte
sich nicht am Ende aus allen Geheimnissen die Schwester Julienne?« - Hier sah
ihn Gaspard scharf an und fragte: »Kannst du auf das ernste Wort eines Mannes
vertrauen, ohne zu wanken, zu irren, wie auch der Schein dagegen rede?« - »Ich
kanns«, sagte Albano. »Die Gräfin ist deine Schwester nicht; vertraue mir!«
sagte Gaspard. - »Vater, ich tu' es!« (sagte Albano ganz freudig) »und nun kein
Wort weiter darüber.«
    Aber der ruhigere Alte fuhr fort und sagte, dieser neue Irrtum veranlasse
ihn, jetzt ernstlich bei Linda auf ein Ja zur schnellen Verbindung zu dringen,
weil der Vater derselben, vielleicht der geheime bisherige Wundertäter, seine
Erscheinung durchaus an einen Hochzeittag gebunden. Noch einmal liess er den Sohn
seinen Wunsch nach dem Wege merken, auf welchem er zu jener Hypotese gekommen;
aber umsonst, die heilige Freundschaft konnte nicht enteiligt oder verlassen
werden, und seine Brust schloss, wie der dunkle Fels um den hellen Kristall, sich
mächtig um sein offnes Herz.
    So schied er warm und glücklich vom schweigenden Vater. In der harten Stunde
des Briefs hatt' er nur eine künstliche Felsenpartie des Lebens überstiegen, und
die bunten Gärten lagen wieder da bis an den Horizont; - doch der vergebliche
mühvolle Irrtum seines Schoppe und dessen von Hassen und Lieben verheerter
Geist, der sich sogar im Ton des Briefes niederzubeugen schien, und die Zukunft
eines Wahnsinns gingen wie ein fernes Leichengeläute in seiner schönen Gegend
klagend, und das glückliche Herz wurde voll und still.
 
                                   124. Zykel
Bald darauf liess die gütige Schwester Albanos an der Spieluhr seines Glücks,
deren Wächterin sie war, wieder eine hesperische Stunde schlagen und spielen, wo
das ganze Leben hinauf und hinab mittönte und sich aushellte und wo nun wie in
der Schweiz, wenn eine Wolke sich öffnet, auf einmal Höhen, Eisberge, Berghörner
aus dem Himmel blicken. Er sah seine Linda wieder, aber in neuem Licht, glühend,
aber wie eine Rose vor dem glühenden Abendrot; ihr Lieben war ein weiches
stilles Flammen, nicht ein Hüpfen irrer stechender Funken. Er schloss, dass sein
wortfester Vater die Bitte um eine priesterliche Verbindung ihr schon getan und
sogar ihre Bejahung bekommen. Julienne sagt' ihm, sie woll' ihn den nächsten
Abend um 6 Uhr auf dem väterlichen Zimmer sprechen; das macht' ihn noch gewisser
und froher. Mit neuen, noch zärter anbetenden Gefühlen schied er von Linda; die
Göttin war eine Heilige geworden.
    Als er den andern Tag ins väterliche Zimmer kam: fand er niemand darin als
Julienne. Sie küsste ihn kurz und kaum, um schnell mit ihren Nachrichten fertig
zu werden, da ihre Abwesenheit auf so viele Minuten eingeschlossen war, als die
Fürstin brauchte, um vom Krankenbette des Mannes in das Zimmer der Prinzessin zu
kommen. »Sie heiratet dich nicht,« (fing sie leise an) »so sehr und so fein auch
dein Vater ihr bei dem ersten Empfang nach der Reise die Freude über das neue
Glück seines Sohnes ausdrückte, für das er nun bloss nichts mehr zu wünschen
brauchte, sagt' er, als das Siegel der Fortdauer - Es war noch feiner versilbert
und vergoldet, ich weiss es nicht mehr. - Darauf erwiderte sie in ihrer Sprache,
die ich nie behalte, ihr und dein Wille wären das rechte Siegel, jedes andere
politische drücke Ketten und Sklaven auf dem schönsten Leben aus.«
    Hart wurd' Albano von einer offnen Weigerung verletzt, die ihn bisher als
eine stille und als Philosophie auftretende nur wie wesenloser Schatte unberührt
umflossen hatte. »Das war nicht recht; spät konnte sie sagen, aber nicht nie«,
sagt' er empfindlich. - »Gemässigt, Freund,« (sagte Julienne) »darauf erinnerte
sie dein Vater freundlich an die bedingte Erscheinung des ihrigen, indem er
sagte, dass er sehr wünschen müsse, ihr Glück aus seinen Händen in nähere zu
übergeben. Keine künstliche Bedingung darf einen Willen zwingen oder vernichten,
sagte sie. Dein Vater fuhr ruhig fort und setzte dazu, er habe den schönsten
Lebensplan für euch beide in diesem Falle entworfen; im andern aber stehe seine
Einwilligung in die Liebe nur so lange offen als sein Hiersein, das mit dem Tode
seines Freundes endige. Dann ging er gelassen fort, wie die Männer pflegen, wenn
sie uns recht entrüstet haben.«
    »Hesperien, Hesperien!« (rief Albano zornig) »Linda verdoppelte doch ihr
Nein?« - »O leider! Aber Bruder?« fragte staunend Julienne. »Lasse mich,«
(versetzt' er) »ist es denn nicht ungerecht dieses elterliche Antasten der
schönsten zartesten Saiten, deren Klang und Schwung sie auf einmal töten, um
einen neuen aus ihnen zu rupfen? Ists denn nicht sündlich, Göttergeschenke zu
Staats-Zöllen und Partie-Geldern, jawohl Partie-Geldern herabzuziehen? - Gute
Linda, nun stehen wir wieder auf dem Boden, wo man die Blumen der Liebe zu Heu
anschlägt - und wo es im Paradies keine andere Bäume gibt als Grenzbäume. -
Nein, freies Wesen, durch mich sollst du nie aufhören, es zu sein!«
    Julienne trat einige Schritte zurück, sagte: »Ich will dich nur auslachen«,
tat es und setzte ernst dazu: »Sie also, willst du, soll dir den Tag anberaumen,
wo der alte Vater sichtbar werden soll?« - »Das folge gar nicht«, sagte' er. Sie
bemerkte ruhig, dass immer ein hitziger Mann über die Hitze des andern klage und
dass Albano schon in der Ruhe zu strenge auf fremdes und eignes Recht dringe; dass
solche Leute dann in der Leidenschaft etwas über das Recht hinaus verlangten,
wie ein Stift, der in der Uhr zu genau passet, erwärmt sie durch seine Grösse
anhält. Jetzt bat sie ihn liebreich, das Auseinanderzupfen des »ganzen
Wirrwarrs« bloss ihren Fingern zu überlassen und sanft und still zu bleiben,
damit nicht noch mehr Leute, etwa gar ihre »belle-soeur«, zwischen ihren Bund
sich drängten. Albano nahm es freundlich an, bat sie aber ernst, nur keine Plane
zu machen, weil er zu ehrlich dazu gegen Linda sein und ihr sogleich das ganze
Wort der Charade sagen würde.
    Sie entdeckte ihm, sie habe weiter keinen zu etwas gemacht als zu einem
frohen Tag für morgen, den nämlich, mit Linda die Prinzessin Idoine in Arkadien
zu besuchen, der sie ausser dem Besuch noch grössere Dinge schuldig sei, besonders
ihr halbes Herz: »Du reitest uns zufällig nach und triffst uns mitten im
Schäferleben an« (setzte sie dazu) »und überraschest deine Linda.« - Er sagte
sehr entschieden Nein; weil er vor Idoinens Ähnlichkeit mit Lianen - ob er
gleich nur wusste, dass Liane jene im Traum-Tempel vorgespielt, noch nicht aber,
dass Idoine diese vor seinem Krankenbette nachgebildet - und vor der Gegenwart
der Ministerin die Flucht aus Scheu sowohl der bittern Erinnerungen als der
süssen nahm, welchen beiden Roquairol in solchem Falle nachgezogen wäre. Julienne
wandte boshaft ein: »Fürchte nur nichts für die Prinzessin; sie musste, um vom
verhassten Bräutigam nur loszukommen, allen Ihrigen eidlich angeloben, nie einen
unter ihrem Stande zu wählen - und das hält sie, sogar bei dir.« Er beantwortete
den Scherz bloss mit der ernsten Wiederholung des Neins. Nun so bestehe sie
darauf, versetzte sie, dass er ihnen beiden wenigstens auf halbem Weg
entgegenkomme und sie im »Prinzengarten« - einem von Luigi als Erbprinz
angelegten und auf dem Fürstenstuhle vergessenen Park - erwarte. Das ergriff er
sehr freudig.
    Sie fragte scheidend noch scherzhaft: »Wer hat dich von neuem mit einer
Schwester beschenkt?« Er sagte: »Das konnte mein Vater nicht von mir erfahren.«
- »Bruder,« (sagte sie sanft) »ein Herr wars, der Prinzessinnen leicht für
Gräfinnen nimmt und der nächstens noch toller zu werden glaubt, als er schon ist
- dein Schoppe« und flog davon.
 
                                   125. Zykel
Am Morgen darauf fuhren beide Freundinnen nach Arkadien. Julienne - obwohl
betrübter durch ihren kränkern Bruder - heiterte sich durch das Vertrauen auf
einen Plan auf, den sie ungeachtet ihrer Versicherung zum Glücke des gesunden
entworfen, um ihn in Arkadien auszuführen. Sie verbarg öfters, wie andere hinter
den schwarzen Trauerfächern der Trauer und Empfindung, so hinter dem heitern
Putzfächer des Lachens, der den Zuschauern die bemalte Seite zukehrte, ihren
Kopf mit seinen Entwürfen; unter Lachen und Weinen ging und dachte sie diesen
nach. So hatte sie an Albano die Bitte, Idoine mit zu besuchen, nur aus Schein
und in der Gewissheit getan, dass er sie abschlage, oder im Falle er komme, dass es
dann Idoine tue; denn sie wusste aus Idoinens Besuchen im vorigen Winter, dass
diese an den von ihr hergestellten schönen Fieberkranken häufig in Gesprächen
gedacht und dass sie jetzt vor seiner Ankunft geflohen war, um nicht über seine
helle liebende Gegenwart, die ihr am leichtesten durch die Fürstin bekannt
geworden, als ein Gewölke aus der Vergangenheit hereinzuziehen voll trüber
Ähnlichkeiten. Julienne hatte sogar erfahren, dass die Fürstin sie umsonst länger
halten und aufbewahren wollen, um vielleicht den Jüngling durch sie zu erinnern,
zu schrecken, zu ändern, oder zu strafen. Juliennens Liebe gegen die Prinzessin
wäre durch jene zarte Flucht vor Albano vielleicht so warm geworden, als die
gegen Linda war, wenn eben diese Liebe nicht dazwischen gestanden hätte;
wenigstens hatt' ihr diese schöne Flucht ein ungemessenes Vertrauen - was eben
das rechte und einzige ist - auf die Prinzessin gegeben.
    Der Reisetag war ein schöner Ernte-Morgen voll bevölkerter Kornfluren, voll
Kühle und Tau und Lust. Linda freuete sich kindlich auf Idoine und sagte die
Gründe in frohem Tone: »Zuerst weil sie deinem Bruder das Leben gerettet - und
weil sie doch wusste, was sie wollte, und darauf mutig beharrte und sich nicht
wie andere Prinzessinnen zum Opfer des Trones verhandelte - und weil sie die
deutscheste Französin ist, die ich kenne, ausser der Madame Necker - Ja mir
gehört sie ordentlich mit aller schönen Jugend unter die alten Frauen, und diese
sucht' ich von jeher vor, denn es ist doch etwas von ihnen zu lernen. Dich liebt
sie sehr, mich, glaub' ich, weniger, einem so reizenden Mittelding von Nonne und
Ehefrau schein' ich zu weltlich, ob es gleich nicht ist.«
    Beide kamen im schönen Zauberdorfe - als schon die netten Kinder sich zur
Ährenlese verbündeten und die Wagen schon den Sammlern der Garben entgegenfuhren
- nachmittags vor dem Mittagsessen an. Idoinens Bruder, der künftige Erbfürst
von Hohenfliess - der Zwerg in Tivoli -, sah aus dem Fenster, und Julienne
bedauerte fast die Reise. Idoine flog ihr entgegen und drückte sie herzlich an
die Brust. Als Julienne dieses grosse blaue Auge und jeden verklärten Zug der
Gestalt, die einst ihr Bruder so selig und schmerzlich geliebt, vor und auf
ihrem Angesicht hatte: so glaubte sie jetzt, da sie seine Schwester geworden,
gleichsam als seine Stellvertreterin die Liebe der Stellvertreterin Lianens zu
empfangen; und sie musste, wie allzeit seit diesem Tode bei dem ersten Empfange,
innig weinen.
    Linda wurde von der Prinzessin mit einer so tiefen Zärtlichkeit empfangen,
dass sich Julienne wunderte, da sonst beide in einem Wechsel von Kälte und Liebe
lebten. Die Ministerin Froulay stand da, von der Trauer so alt, kalt, still und
höflich, so kalt gegen die Zeit und die Menschen (ausgenommen das Ebenbild ihrer
Tochter), besonders gegen Linda, deren kecker, entschiedner, philosophischer Ton
ihr unweiblich und eine Trommete an zwei Frauen-Lippen zu sein schien.
    Der künftige Erbprinz von Hohenfliess entfernte sich zum Glücke bald von
einem so unbequemen Ort, wo er auf einem Schiffbruchsbrett statt in einer Gondel
fuhr. Nachdem er Julienne mit Anteil um das Befinden ihres Bruders, seines
jetzigen Vorfahrers, gefragt - und sie und Linda an ihre und seine welsche Reise
erinnert hatte: so wurd' er über Juliennens Kaltsinn und über die moralischen
Gespräche der Weiber und über einen gewissen sittlichen Gewitterdruck - den
Lüstlinge bei Weibern empfinden, wo alles Rauhe, die Selbsucht, die Anmassung als
Misston schreiet - und über die allgemeine plagende Heuchelei wofür er sogleich
alles nehmen musste - so vedriesslich und verstimmt, dass er leicht aufbrach und
dieses Schäferleben um den einzigen Wolf verkürzte, der darin schlich. Lüstlinge
halten es unter vielen edlen Frauen, gedrückt von deren vielseitigen scharfen
Beobachtungen, nie lange aus, obwohl leichter bei einer allein, weil sie diese
zu verstricken hoffen. Was ihm am wehesten tat, war, dass er sie alle für
Heuchlerinnen erklären musste. Er fand keine gute Weiber, weil er keine glaubte;
da man sie glauben muss, um sie da zu sehen, wo sie sind; so wie die Tugend üben,
um sie zu kennen, nicht umgekehrt.
    Mit ihm schien eine schwarze Wolke aus diesem Eden und Äter wegzuziehen.
Die Ministerin erhielt eine Karte von ihrem Sohne Roquairol, der eben
angekommen, und ging auch - zu Juliennens Freude, die an ihr ein kleines
Hindernis ihres Bekehrungsplans für Linda fand, weil diese die Ministerin für
eine einseitige, enge, bängliche, unnachgiebige Natur ansah. Idoine bat die
beiden Jungfrauen, ihr kleines Reich mit ihr zu bereisen. Sie gingen hinab ins
reine weite Dorf. Auf den Treppen begegneten ihnen heitere dienstgefällige
Gesichter. Aus den fernen Zimmern des Schlosses hörte man bald Singen, bald
Blasen. Wie am Vogel sich das glänzende Gefieder schnell und glatt in- und
auseinanderschiebt: so bewegten um Idoine sich alle Geschäfte; ihre ökonomische
Maschine war keine plumpe knarrende Turmuhr, sondern eine spielende Bilderuhr,
welche hinter Töne die Stunden, hinter Bilder die Räder versteckt.
    In einem Wiesengarten spielten die jüngsten Kinder wild durcheinander.
Herrnhutische und holländische Reinlichkeit hatten das Dorf zu einer glatten
hellen Putzbude gewaschen und gemalt. Neu und blank hing der Eimer über dem
Brunnen unter der Linden-Rotunda des Dorfs war die Erden-Diele sauber gekehrt -
überall sah man reine, ganze, schöne Kleider und freudige Augen - und Idoine
zeigte unter der fremden Heiterkeit bedeutenden Ernst in den Blicken, womit sie
ihr Arkadien Blume nach Blume prüfte.
    Sie führte ihre Freundinnen über die verschiednen Sonntags-Tanzplätze der
verschiednen Alter, vor dem Hause des Amtmanns vorüber, worin die Ministerin
wohnte und jetzt, zu Juliennens Furcht, ihr Sohn war, in die helle schmucklose
Kirche. Bald kamen ihr der Pfarrer und Amtmann, für welche das Vorübergehen ein
Wink gewesen, in die Kirche nach und holten von ihr Aufträge; beide waren junge
schöne Männer mit offner Stirn und ein wenig Jugendstolz. - Als man aus der
Kirche war, sagte sie: durch diese jungen Männer regiere sie über den Ort, und
sie selber lenke sie sanft; nur junge seien mit Hass und Mut gegen den
Schlendrian und mit Entusiasmus und Glauben ausgerüstet. Sie setzte scherzhaft
dazu, nichts beherrsche sie als eine Schule von Mädchen, an der ihr mehr gelegen
sei als an der andern, weil Erziehung Angewöhnung sei und diese ein Mädchen mehr
als ein Knabe brauche, dem die Welt doch keine lasse; und sie habe einigen Hang,
eine la Bonne zu sein, weil sie es schon als Mädchen oft bei ihren Schwestern
habe sein müssen.
    Sie führte beide darauf in mehrere Häuschen; überall fanden sie ausgeweisste
geordnete Zimmer, Blumen und Weinreben an Fenstern, schöne Weiber und Kinder,
und bald eine Flöte, bald eine Violine, und nirgends ein spinnendes Kind. In
allen hatte sie Aufträge zu geben, und was blosser Spaziergang schien, war auch
Geschäft. Sie zeigte einen scharfen Durchblick durch Menschen und ihr
verwachsenes Treiben und einen Geschäftsverstand, der das Allgemeine und
Besondere zugleich besass und verknüpfte: »Ich wünschte freilich auch« (sagte
sie) »nur Freuden und Spiele um mich; aber ohne Arbeit und Ernst verdirbt das
Beste in der Welt; nicht einmal ein rechtes Spiel ist möglich ohne rechten
Ernst.« - Linda lobte sie, dass sie alle an Musik gewöhnte, diesen rechten
Mondschein in jedem Lebens-Dunkel; »ohne Poesie und Kunst« (setzte sie dazu)
»vermoose und verholze der Geist im irdischen Klima.« - »O was wäre ohne Töne
der meinige?« sagte Idoine feurig.
    Linda fragte nach dem Bürgerrechte in diesem heitern Staate. »Meistens
bekamen es Schweizerfamilien,« (sagte Idoine) »die ich an Ort und Stelle selber
kennen lernte auf meiner Reise. Nach den Französinnen stell' ich sogleich meine
Schweizer.« - Julienne versetzte: »Sie sagen mir Rätsel vor.« Sie lösete ihr
sie, und Linda, die kurz nach ihr in Frankreich gewesen, bestätigte es, dass da
unter den Weibern von gewissem höhern Ton, zu denen kein Crebillon je
hinaufgekommen, eine in Deutschland ungewöhnliche Ausbildung der zartesten
Sittlichkeit, beinahe Heiligkeit gegolten. »Nur« (setzte Linda hinzu) »hatten
sie in der Sittlichkeit, wie in der Kunst, Vorurteile des feinen Geschmacks und
mehr Zarteit als Genie.«
    Sie gingen zum Dorfe hinaus, der schönsten Abendsonne entgegen; auf den
Bergen antworteten sich Alphörner, und im Tale gingen heitere Greise zu leichten
Geschäften. Diese grüsste Idoine mit besonderer Liebe, weil es, sagte sie, nichts
Schöneres gebe als Heiterkeit auf einem alten Gesicht, und unter Landleuten sei
sie immer das Zeichen eines wohl und fromm geführten Lebens.
    Linda öffnete ihr Herz der goldnen Gegenwart und sagte: »Wie müsste dies
alles in einem Gedicht erfreuen! Aber ich weiss nicht, was ich dagegen habe, dass
es nun so in der wirklichen Wirklichkeit da ist.«
    »Was hat Ihnen« (sagte Idoine scherzend) »diese genommen oder getan? Ich
liebe sie; wo sind Sie für uns denn anders zu finden als in der Wirklichkeit?« -
»Ich« (sagte Julienne) »denke an etwas ganz anderes: man schämt sich hier, dass
man noch so wenig tat bei allem Wollen. Vom Wollen zum Tun ists hier doch weit«
(fügte sie dazu, indem sie den kleinen Finger aufs Herz aufsetzte und die Hand
vergeblich nach dem Kopf ausspannte) - »Idoine, sagen Sie mir, wie kann man denn
ans Grosse und Kleine zugleich denken?« - »Wenn man ans Grösste zuerst denkt«
(sagte sie) - »Wenn man in die Sonne hineinsieht, wird der Staub und die Mücke
am sichtbarsten. Gott ist ja unser aller Sonne.«
    Die Erden-Sonne stand ihnen jetzt tief auf einer unabsehlichen Ebene unter
milden Rosen des Himmels entgegen - eine ferne Windmühle schlug breit durch die
schöne Purpur-Glutan den Bergabhängen sangen Kinder neben den geweideten Herden,
und ihre kleinern Geschwister spielten bewacht - die Abendglocke, welche in
Arkadien allzeit unter dem Scheiden der Sonne gezogen wurde, wiegte die Sonne
und Erde mit ihren Tönen ein - nicht nur jugendlich, sogar kindlich lag das
sanfte Dörfchen und seine Welt um sie her - kein Sturm, dachte man, kann
hereingreifen in dies sanfte Land, kein Winter im schweren Eispanzer
hereinschreiten, hier ziehen nur, dachte man, Frühlingswinde und Rosenwolken,
keine Regen fallen als Frühregen und keine Blätter als der Blüten ihre, nur
Staub aus Blumen kann steigen, und den Regenbogen halten nur Vergissmeinnicht und
Maiblumen auf ihren blau und weissen Blättchen - die Gegend und alles und das
Leben schienen hier nur eine unaufhörliche Morgendämmerung zu sein, so frisch
und neu, voll Ahnung und Gegenwart ohne Glut und Glanz, und mit einigen Sternen
über dem Morgenrot.
    Kinder mit Ähren-Sträussern in der Hand sassen auf fremden Wagen voll Garben
und fuhren stolz herein.
    Idoine hing mit inniger Liebe, als wär' alles neu durch diesen Abend, an den
doppelten Gruppen. »Nur der Landmann allein ist so glücklich,« (sagte sie) »dass
er in allen arkadischen Verhältnissen seiner Kindheit fortlebt. Der Greis sieht
nichts um sich als Gerätschaften und Arbeiten, die er auch als Kind gesehen und
getrieben. Endlich geht er jenen Garten drüben hinauf und schläft aus.« - Sie
zeigte auf den Gottesacker am Berge, der ein wahrer Garten mit Blumenbeeten und
einer Mauer aus Fruchtbäumen war. Julienne blickte erschüttert hin, sie sah den
schwarzen Vorhang zittern, hinter welchen ihr kranker Bruder bald getrieben
wurde.
    Mit durchsichtigem Abend-Goldstaub war der Garten überweht - der laute Tag
war gedämpft und das Leben friedlich, Ölzweige und ihre Blüten sanken aus dem
stillen Himmel langsam nieder. - »Dort ist der einzige Ort,« (sagte Idoine) »wo
der Mensch mit sich und andern einen ewigen Frieden schliesset, sagte so schön zu
mir ein französischer Geistlicher.« - »Solchen christkatolischen
Jammergedanken« (versetzte Linda) »bin ich so gram wie den Geistlichen selber.
Wir können so wenig eine Unsterblichkeit erleben als eine Vernichtung.« - »Ich
versteh' das nicht« (sagte Julienne) - »ach Idoine, wenn es nun keine
Unsterblichkeit gäbe, was täten Sie?« - »J'aimerois«202, sagte sie leise zu ihr.
    Plötzlich wurde vor ihnen wie aus weiter Ferne gesungen: »Freut« - dann spät
»euch des« - endlich »Lebens« - »Das ist aus dem Gottesacker das Echo«, sagte
Idoine und suchte zur Rückkehr zu bereden. »Echo und Mondschein und Gottesacker
zusammen« (fuhr sie scherzend fort) »sind wohl zu stark für Frauenherzen.« -
dabei berührte sie ihr Auge mit einem Wink an Julienne, gleichsam als tu' es ihr
weh, dass die Gräfin nur hinter dem Nebel ihrer Augen den schönen Abend von
fernen stehen sehe. »Die Singstimme klingt mir so bekannt«, sagte Linda.
»Roquairol ists, nichts weiter, wollen wir fort!« sagte Julienne; aber Linda bat
zu bleiben, und Idoine willigte höflich ein.
    Nun gab das Echo - das Mondlicht des Klangs - wieder Töne wie Totenlieder
aus dem Toten-Chor; und es war, als sängen die vereinigten Schatten sie in ihrer
stillen Woche unter der Erde nach, als regte sich der Leichenschleier auf der
weissen Lippe und aus den letzten Höhlen tönte ein hohles Leben wieder. Das
Singen hörte auf, Alphörner fingen auf den Bergen an. Da ging wieder das
Nachspiel des Tonspiels feurig herüber, als spielten die Abgeschiednen noch
hinter der Brustwehr des Grabhügels und kleideten sich ein in Nachklänge. Alle
Menschen tragen Tote oder Sterbende in der Brust; auch die drei Jungfrauen; Töne
sind schimmernd zurückflatternde Gewänder der Vergangenheit und erregen damit
das Herz zu sehr.
    Sie weinten, und keine konnte sagen, ob trübe oder froh. Die bisher so
gemässigte Idoine ergriff Lindas Hand und legte sie sanft an ihr Herz und liess
sie wieder sinken. Sie kehrten schweigend und einig um. Idoine behielt Linda an
der Hand. Die unterirdischen Wasser der Toten-Echos und Alphörner rauschten
ihnen nach, obwohl ferner. Juliennen entging es nicht, wie sehr Idoine ihr
Gesicht, bloss um es ihr mit den grossen Tropfen in den grossen Augen zu entziehen,
immer der dicht verschleierten Linda zuwandte; und sie schloss daraus, dass Idoine
vieles wisse und kenne und die Braut des Jünglings ehre, dem sie durch ihre
schöne Ähnlichkeit das frohe Leben zurückgegeben.
»Was haben wir nun davon?« (sagte Idoine spät und nahe am Dorfe) »Wir sehens
voraus, dass wir zu weich würden, und geben uns doch hin. Darum nennen uns eben
die Männer schwach. Sie bereiten sich auf ihre Zukunft durch lauter Abhärtungen
vor, und nur wir uns durch lauter Erweichungen.« - - »Was soll man denn machen,«
(sagte Julienne) »in Flüsse springen, auf Berge, auf Pferde und so weiter?« -
»Nein,« (sagte Idoine) »denn ich seh' es an meinen Bäuerinnen: sie leiden an
Nerven bei aller Muskel-Arbeit so gut wie andere - Mit dem Geiste, glaub' ich,
müssten wir alle mehr tun und suchen; aber wir lassen immer nur die Finger und
Augen sich üben und regen, das Herz selber weiss nichts davon und tut dabei, was
es will, es träumt, weint, blutet, hüpft - Ein wenig Philosophieren wär' uns
dienlich; aber so geben wir uns allen Gefühlen gebunden dahin, und wenn wir
denken, ists bloss, um ihnen noch gar zu helfen.«
    Sie kamen ins Dorf zurück, es war voll geschäftigen Abendlärms, Kinder
tanzten Idoinen entgegen, von den Höhen klangen Alphörner herein und aus den
Häusern Flöten und Lieder heraus. Idoine gab heiter Abendbefehle. »Wie doch«
(sagte sie) »die äussere Ruhe so leicht die innere aufhebt! Ein beschäftigtes
Herz ist wie ein umgeschwungenes Gefäss mit Wasser: man halt' es still, so
fliesset es über.«
    Julienne hatte schon einigemal, aber vergeblich, nach dem Steuerruder der
Zeit und Rede gehascht, um ihren Plan zu vollführen; jetzt, da sie Lindas
Schweigen, Rührung und Träumen bemerkte, glaubte sie die lang' erwartete
günstige Stunde zu treffen, wo einige Worte, die Idoine über die Ehe
ausstreuete, in Linda einen aufgeweichten Boden für ihre Wurzeln finden würden.
Durch die leichte Wendung eines Lobs, dass sie Idoinen über ihren mutigen
Widerstand gegen das Schiffziehen in einer verhassten Fürsten-Ehe und über den
Gewinn eines ewigen Jugendlebens gab, brachte sie die Gräfin dazu, ihren
ketzerischen Hass gegen die Ehe zu offenbaren und zu sagen, dass diese die Blume
mit einem scharfen Eisenringe an ihren Stab peinlich gefangen lege - dass Liebe
ohne Freiheit und aus Pflicht nichts sei als Heuchelei und Hass - und dass das
Handeln nach der sogenannten Moral so viel sei, als wenn einer nach der Logik,
die er vor sich hätte, denken oder dichten wollte, und dass die Energie, der
Wille, das Herz der Liebe etwas Höheres sei als Moral und Logik.
    Jetzt kam ein Briefchen von der Ministerin, worin sie ihre heutige
Abwesenheit mit dem zu traurigen Abschiede entschuldigte, den ihr Sohn diesen
Abend so sonderbar und wie auf immer von ihr genommen. So viele stille Gedanken
auch diese Nachricht in Julienne und Linda nachliess: Idoine kam durch sie nicht
aus der lebhaften Bewegung, worein die vorige Rede sie gesetzt, sondern mit
einem edlen Zürnen, das aus der schönen Jungfrau einen schönen Jüngling machte
und ihr Minervens Helm aufsetzte, erklärte sie der hohen Gegnerin, die weniger
durch fremde Heftigkeit als durch fremde Gesinnung aufzureizen war, diesen
Krieg: gewiss sei nur ihre Abneigung gegen die »Priester« an der zweiten
Abneigung gegen die Ehe schuld sei denn das Eheband etwas anders als ewige
Liebe, und halte sich nicht jede rechte für eine ewige? - eine Liebe, die einmal
zu sterben glaube, sei schon tot, und die ewig zu leben fürchte, fürchte umsonst
- wenn sogar Freunde am Altare verbunden würden, wie irgendwo geschehen soll203,
sie würden höchstens sich nur noch heiliger binden und lieben - man zähle ebenso
viele, wo nicht mehrere unglückliche Liebeshändel als unglückliche Ehen - man
könne zwar eine Mutter, aber nicht ein Vater sein ohne die Ehe, und dieser müsse
jene und sich durch die Sitte ehren - »Ich bin eine Deutsche« (beschloss sie)
»und achte die alten Ritterfrauen, meine Ahnen, hoch; selig ist eine Frau wie
eine Elisabet und ein Mann wie Götz von Berlichingen in ihrer heiligen Ehe.« -
-
    Auf einmal fand sie sich selber überrascht von ihrem Feuer und ihrem Strome:
»Ich bin ja« (setzte sie lächelnd hinzu) »eine pedantische Predigerswitwe
geworden; das macht, ich bin die höchste Obrigkeit von dem Dörfchen und lasse,
da fast in jeder Hütte eine glückliche Widerlegung der Ehelosigkeit wohnt,
ungern andere Meinungen hier aufkommen.«
    »O, Mädchen« (sagte Julienne lustig, weil sie Linda ernst sah) »sprechen
immer mitunter ein wenig von Liebe und Ehe; sie ziehen sich gern aus einem
Brautkranz Blumen.« -
    »Daraus, wissen Sie, könnt' ich mir wohl keine nehmen«, sagte Idoine, auf
das eidliche Versprechen anspielend, welches sie ihren über ihre entusiastische
Kühnheit argwöhnischen Eltern geben müssen, nie unter ihrem Fürstenstande zu
heiraten, was ihr nach ihrer scharfen Gesinnung und Lage so viel hiess als
Ehelosigkeit. »Recht hatten Sie indes,« (verfolgte Julienne und wollte
scherzhaft bleiben) »die Liebe ohne Ehe gleicht einem Zugvogel, der sich auf
einen Mastbaum setzt, der selber zieht; ich lobe mir einen hübschen grünen
Wurzelbaum, der dableibt und ein Nest annimmt.«
    Wider ihre Gewohnheit lachte Linda darüber nicht, sondern ging allein, ohne
ein Wort zu sagen, in den Garten und Mondschein hinunter.
    »Die Gräfin« (sagte Idoine zur Freundin, bekümmert über die Bedeutung des
stummen Ernstes) »hat uns, hoff' ich, nicht missverstanden.« - »Nein,« (sagte
Julienne mit freudigen Mienen über den errungnen Eindruck, den die Rede auf
Linda gemacht) »sie hat die seltenste Gabe, zu verstehen, und das häufigste
Unglück, nicht verstanden zu werden.« - »Das ist immer beisammen«, sagte sie,
sann nach, sah Juliennen an, endlich sagte sie: »Ich muss ganz wahr sein, ich
wusste der Gräfin Verhältnis durch meine Schwester - Freundin, ist Er ihrer ganz
wert?« Eine Frage, deren Quelle die Prinzessin nur in rachsüchtigen Einflössungen
der Fürstin suchen konnte.
    »Ganz!« antwortete sie stark. »Ihnen glaub' ich gern«, versetzte Idoine, mit
den Lauten eilend, aber mit Blicken ruhend. Sie sah die Schwester Albanos immer
länger an - die grossen blauen Augen schimmerten stärker - Minervens Helm war vom
jungfräulichen Haupte abgehoben - das sanfte Angesicht erschien lieblich, ruhig,
klar, nicht stärker bewegt, als es ein Gebet vor Gott erlaubt, und so wenig
begehrend wie eine Verklärte, und doch immer himmlischer glänzend. - Juliennens
schönes Herz stürmte auf, sie sah Liane wieder, als sei sie vom Himmel gekommen,
den geliebten Menschen an einem neuen Herzen einzusegnen; - sie sagte mit
Tränen: »Du, du hast Ihm einst den Frieden gegeben.« - Idoine wurde überrascht -
aus ihren hellen Augen drangen zwei Tränen - mit Nachdruck antwortete sie: »
Gegeben« - erschrocken und heftig drückte sie sich an die Freundin - sagte: »Ich
liebte Sie schon lange«, und weiter sprachen sie nichts.
    Schnell fasste sie sich - erinnerte Julienne an Lindas Nachtblindheit - und
bat sie geradezu, ihr als ihre Freundin nachzugehen, ob sie gleich selber gern
ihr dieses Verdienst abstehlen würde, wenn sie dürfte. Julienne eilte in den
Garten, fühlte es aber nach, dass Idoine ihr Du nicht erwidert hatte. Idoine mied
das weibliche Du; ungleich den Orientalerinnen, welche vor Verwandten den
Schleier weglassen, nahm sie, wie ihre Französinnen, sogar in die Herzlichkeit
die zarten Gesetze der Politesse herüber.
    Julienne fand ihre Freundin im Garten in einer dunkeln Laube still, mit tief
gesenkten Augen, in Träume eingegraben. Linda fuhr auf: »Sie liebt Ihn!« (sagte
sie mit Schmerz und Feuer) »Hör es, Julienne, Sie liebt Ihn!« - Diese konnt' ihr
über das Aussprechen einer Wahrheit, mit der sie gerade aus Idoinens Armen
gekommen war, nichts als ihr Erschrecken zeigen; aber Linda nahm es für
Erstaunen und fuhr fort: »Bei Gott! - Mein Blick hat sie aufgehascht. O sonst
war sie weit nicht so lebhaft und ernst und rührbar und weich - Ihre innerste
Bewegung bei meinem Erblicken - und ihr Weinen bei Roquairols Stimme, weil sie
seiner gleicht - und ihre lange feurige Hochzeitpredigt - Und die Seelenblicke
auf mich - o hat sie Ihn denn nicht im grossen herrlichen Augenblick gesehen, da
der Blühende weinend kniete und das göttliche Haupt gen Himmel hob und die
Verklärte und den Frieden herunterrief? - O dass sie es nur wagte, ihm beides
vorzuspielen! Und kann sie das vergessen?«
    Julienne kam endlich zum Worte »So setz es denn; ist Idoine aber nicht edel
und fromm?« - »Ich habe nichts wider sie und nichts für sie« (antwortete Linda)
- »Wenn aber Er sie nun sieht, wenn er die Fromme noch einmal der Verstorbnen
ähnlich findet, wenn die ganze erste Liebe umkehrt und über die zweite
triumphiert? ... Bei Gott! Nein,« (setzte sie stolz und stark dazu) »nein, das
duld' ich nicht; bitten will ich nicht, weinen nicht, oder resignieren, um ihn
aber kämpfen will ich. - Bin ich nicht auch schön? Ich bin schöner, und mein
Geist ist kühner geschaffen für seinen. Was kann sie geben, was ich ihm nicht
dreifach biete? Ich wills ihm geben, mein Glück, mein Dasein, auch meine
Freiheit, ich kann ihn so gut heiraten wie sie, ich wills.... O sprich,
Julienne! Aber du bist eine kalte Deutsche und ihr heimlich zugetan aus gleicher
Gottesfurcht. O Gott, Julienne, bin ich denn schön? Beteuer' es mir doch! Bin
ich der Verklärten gar nicht ähnlich? Säh' ich nur so aus, wie er es gerade
wollte! Warum war ich nicht seine erste Liebe und seine Liane und wäre auch
gestorben? - Gute Julienne, warum sprichst du nicht?« »Lasse mich nur sprechen«,
sagte diese, wiewohl nicht ganz wahr. Sie war ergriffen und gestraft von Lindas
treffender Wahrheit und vom eignen Bewusstsein, dass sie einen Plan, Lindas
Vorurteile gegen die Ehe aufzulösen, angelegt, dessen Hülfsmittel ihr von Linda
gerade als Rechtfertigungen der Eifersucht vorgezählt worden; und dass sie einen
Felsen auf der Spitze eines Felsen in Bewegung und in den Fall gebracht, den sie
nun nicht mehr regieren konnte. Auch war sie betäubt, ja erzürnt von einem ihr
fremden Ungestüm der Liebe, vor welchem sie den verhassten Trost gar nicht
aussprechen durfte, dass Albano stets nach der Pflicht der Treue handeln würde. -
Schön war sie überrascht von der geglückten Bekehrung zum Trauungs-Ja. Mit
einiger Ungewissheit des Erfolgs bei Linda, die durch das Mondlicht und die ferne
milde Bergmusik nur stürmischer geworden, fuhr sie fort: »Ich wollte dich nicht
gern unterbrechen mit dem Lobe deines Entschlusses zur Ehe - Unrecht hast du
sonst in allen Stücken. Freilich ist Sie jetzt ernster; aber sie stand am
Sterbebette ihres Ebenbildes und sah sich in Lianen erbleichen - das mässigt
sehr. Ihn anlangend: so, hätt' Er dich früher gesehen....«
    »Sah er nicht früh das Bild auf dem Lago maggiore, aber unähnlich, wie er
sagt?«
    »So will ich dirs denn gestehen, Wilde,« (versetzte Julienne) »weil man dich
nicht überraschen soll, dass ich ihn gestern gebeten, mit zur Prinzessin zu
reisen, und dass er eben aus Rücksicht und Kälte gegen alle Ähnlichkeiten mir es
derb abgeschlagen; aber morgen erwartet er uns im Prinzengarten.«
    Verändert - weich - mit verklärten Augen sagte Linda mit gesunkner Stimme:
»Mein Freund liebt mich so sehr? - Ich lieb' ihn aber auch sehr, den Reinen.
Morgen will ich zu ihm sagen: nimm meine Freiheit und bleibe ewig bei mir. Vom
Altare ziehen wir davon, meine Julienne, du und er und ich, nach Valencia, nach
Isola bella, oder wohin er will, und bleiben beisammen. Du guter Mond und Musik!
Wie die Töne und die Strahlen so kindlich miteinander spielen! - Umarme mich,
meine Geliebte, vergib, dass Linda unartig gewesen!« - Hier war der Sturm des
Herzens in süsses Weinen zergangen. So wird in den Ländern unter der
scheitel-rechten Sonne täglich der blaue Himmel Donner, Sturm und schwarzer
Regen, und täglich geht die Sonne wieder blau und golden unter.
    Julienne versetzte bloss: »Schön! nun wollen wir hinauf!«, weniger als sie zu
schnellen Übergängen fähig. Als sie oben die stille, helle, nichts begehrende
Idoine wiedersah - die fest und heiter Handelnde - klagenlos und hoffnungslos -
nur den Ährenkranz der Taten, nie den blumigen Brautkranz tragend - so viele
weisse Blüten zu ihren Füssen, die zu keinem Kranz und Gewinde zusammengehen -
ihre helle reine Seele einem hellen reinen Tone gleich, der seinen Reiz durch
nasse wolkige Luft ungetrübt und ungebrochen trägt: so fühlte sie, Idoine sei
ihr schwesterlicher verwandt als Linda, jene sei ihr ein Ideal und Sternbild in
ihrem Himmel über ihr, diese ein fremdes, das fern und unsichtbar in einer
zweiten Halbkugel des Himmels glänzt; aber in ihr wirkte die weibliche Kraft,
fortzulieben fast bis in den Hass hinein, stärker als in irgendeiner Frau, und
sie blieb der alten Freundin getreu. Idoine gehörte unter die weiblichen Seelen,
die dem Monde ähnlich sind: blass und matt muss er am prächtigen Abendhimmel, den
Glanz und brennende Wolken schmücken, stehen und kann auf der Erde keinen
einzigen Schatten verdrängen und steigt mit unsichtbaren Strahlen, aber das
fremde Licht verbleicht, und seines wächset aus dem Schatten auf, bis zuletzt
sein überirdischer Glanz die Erden-Nacht umzieht und in eine zweite Welt
umkleidet, und alle Herzen lieben ihn weinend, und die Nachtigallen singen in
seinen Strahlen.
    Alles war nun bestimmt und geendigt. Linda hielt sich in ihrer Ferne und
bloss aus Gesetz der geselligen Artigkeit, das sie niemals übertrat. Idoine zog
sich, eine Veränderung erratend, aus der vorigen Nähe sanft zurück. Früh am
dunkeln Morgen schieden sie, aber Julienne sagte es ihrer Freundin nicht, dass
sie Idoinen, als sie voneinander gingen, sich mit nassen Augen hatte wenden
sehen.
                                   126. Zykel
Albano hatte während Lindas Abwesenheit von Roquairol die Bitte bekommen, nur
jetzt nicht lange zu verreisen, damit er in einigen Tagen sein Trauerspiel »den
Trauerspieler«, noch sehen könne. Gaspard, den er unwillig über Lindas Ehescheu
antraf, gab ihm ein sonderbares Kartenblatt für Linda mit, worauf von ihrem
unsichtbaren Vater nichts stand als dies:
»Ich genehmige deine Liebe. Ich erwarte, dass du sie besiegelst, damit ich meine
Tochter endlich umarme.
                                                                Der Zukünftige.«
So viele fremde wichtige Wünsche, die mit dem seinigen zusammenflossen, hielten
nun von seinem zarten Ehrgefühl den Verdacht der Selbstsucht und Zudringlichkeit
ab, wenn er sie um das schönste Fest seines Lebens bat. Er machte seinen Vater
sehr zufrieden durch diesen Entschluss, zu bitten. Gaspard teilt' ihm geheime
Kriegsnachrichten mit und sagte ihm scherzend, nun sei es bald Zeit, dass er für
seine Freunde, die Neufranken, fechten helfe. Albano sagte, es sei sogar sein
Ernst. Das hör' er gern von einem Jüngling - sagte Gaspard - der Krieg bilde für
Geschäfte, und das Recht oder Unrecht desselben tue nichts zur Sache und gehe
andere an, die ihn erklären.
    Albano machte seine Reise froh durch Erinnerung, noch froher durch Hoffnung.
Er hatte jetzt den Mut, sich den Tag auszudenken, wo Linda, eine Königin, in die
glänzende Krone ihres Geistes den weichen Brautkranz schmiegt - wo diese Sonne
als eine Luna aufgeht - wo ein Vater, den der seinige liebt, das hohe Fest
unterbricht durch ein höchstes - und wo einmal zwei Menschen zu sich sagen
dürfen: nun lieben wir uns ewig. - So beglückt und mit einer unendlichen Liebe
und sonnenwarmen Seele kam er im Prinzengarten an.
    Überall kam er viel zu früh nach seiner leidenschaftlichen Pünktlichkeit.
Niemand war noch da als zwei - Abreisende, Roquairol und die Fürstin. Beide sah
man jetzt oft und so öffentlich beisammen, dass das Scheinen Absicht schien.
Roquairol ging ihm höflich entgegen und erinnerte ihn an das erhaltene Billet:
»Das ist der Schauplatz, Lieber,« (sagt' er) »wo ich nächstens spiele, die
meisten Zurüstungen hab' ich schon getroffen, besonders heute. Meine treffliche
Fürstin hat mir diesen Platz vergönnt.« - »Sie kommen doch auch?« sagte diese zu
Albano freundlich. »Ich hab' es ihm schon versprochen«, sagte Albano, den mitten
in seinem Frühling zwei Eiskeller anwehten. Das Fräulein v. Haltermann allein
zeigt' ihm grossen entschiedenen Zorn. »Gehen wir zu meiner Schwester vorher?«
fragte Roquairol die Fürstin unter dem Wegführen. Albano verstand das nicht. Die
Fürstin nickte. Sie nahmen von ihm Abschied. Fräulein v. Haltermann schien ihn
zu vergessen. Sie entflogen, hielten oben auf einem von der ganzen blühenden
Gegend umrungnen Berge neben einem Blumengärtchen still und rollten dann
hinunter.
    Der Himmelswagen mit den geliebten Mädchen kam jetzt in den französischen
Prinzengarten herein. Feurig drückten sich Albano und Linda einander an die
Herzen, die sie sich - gleichsam zum zweiten Male füreinander geschaffen und
geschmückt durch das Schicksal - mit neuen Hoffnungen und Welten heute noch
einmal tauschend geben wollten! - Alles war so glänzend um sie her, alles neu,
selten, ruhig, die ganze Welt ein Garten voll hoher flatternder Springbrunnen,
welche vor der Sonne glanztrunken ihre Bogen durcheinanderwarfen! - Julienne zog
ihn beiseite, um ihm Lindas schönen Entschluss zu sagen; aber er kam ihr mit der
Nachricht des seinigen zuvor. Sie bestärkte ihn durch die ihrige, entzückt über
das seltne Getriebe zusammengreifender Glücksräder.
    Als Albano wieder bei der Braut war, und sie bei ihm, fühlten sie eine neue
Wärme des Herzens - keine von einer ausbrennenden dumpfen Glutkohle, die am Ende
schwarz zerbröckelt, sondern die einer höhern Sonne, die aus lauten Flammen
stille Strahlen macht und die die Menschen mit einem warmen milden Frühlingstag
umgibt. Albano schob nicht auf und leitete nicht ein, sondern er gab ihr das
Blatt ihres Vaters hin und sagte unter dem Lesen mit bebender Stimme: »Dein
Vater bittet mit mir und für mich.« - Lindas Tränen stürzten - der Jüngling
zitterte - Julienne rief: »Linda, sieh, wie er dich liebt!« - Albano nahm sie an
sein Herz - Linda stammelte: »So nimm sie denn hin, meine liebe Freiheit, und
bleibe bei mir« - »bis zu meiner letzten Stunde«, sagt' er - »und bis zu meiner,
und gehst in keinen Krieg«, sagte sie zärtlich-leise - er drückte sie bestürzt
und stark ans Herz - »nicht wahr, du versprichst es, mein Lieber?« wiederholte
sie.
    »O, du Göttliche, denke jetzt an etwas Schöneres«, sagte er. »Nur ja,
Albano, ja?« fuhr sie fort. - »Alles wird sich durch unsere Liebe lösen«, sagt'
er. - »Ja? Sage nur Ja!« bat sie - er schwieg sie erschrak: »Ja?« sagte sie
stärker. - »O Linda, Linda!« stammelte er - sie entsanken einander aus den Armen
- »ich kann nicht«, sagt' er - »Menschen, versteht euch«, sagte Julienne -
»Albano, sprich dein Wort«, sagte Linda hart. - »Ich habe keines«, sagt' er.
    Linda erhob sich beleidigt und sagte: »Ich bin auch stolz - ich fahre jetzt,
Julienne.« Kein Bitten der Schwester konnte die Staunende oder den Staunenden
schmelzen. Der Zorn, mit seinem Sprachrohr und Hörrohr, sprach und hörte alles
zu stark.
    Die Gräfin ging fort und befahl anzuspannen. »O ihr Leute und du
Hartnäckiger,« (sagte Julienne) »geh ihr doch nach und stille sie.« Aber der
empfindlichen Sinnpflanze seiner Ehre waren jetzt Blätter zerquetscht; das ihm
neue Auffahren, der Schlagregen ihres Zorns hatt' ihn erschüttert; er fragte
nach nichts. »Schau hinauf zu jenem Garten,« (sagte die Schwester ausser sich)
»dort liegt deine erste Braut begraben, und schone die zweite!« - Das wirkte
gerade das Gegenteil: »Liane« (sagt' er kalt) »wäre nicht so gewesen; begleite
nur die Gräfin!« - »O die Männer!« rief sie und ging.
    Bald darauf sah er beide davonfahren. Allmählich zerstob das wilde Heer des
Zorns. Aber er hatte, fühlt' er, nicht anders gekonnt. Er war ihr, sie ihm mit
solcher neuen Zärtlichkeit entgegengereiset - keines wusste von der fremden - und
der unbegreifliche Kontrast entrüstete darum beide so sehr - Er hasste schon an
andern Menschen das Bitten, wie viel mehr an sich selber, und nie war er
vermögend, einen Menschen, der ihn verkannte, zurechtzuweisen. Er sah jetzt um
sich, alle prangenden Springbrunnen der Freude waren plötzlich niedergefallen,
die Lüfte verödet, und das Wasser murmelte in den Tiefen. Er ritt hinauf zum
Garten, wo Lianens Grab sein sollte. Nur Blumenbeete, einen Lindenbaum mit einer
Zirkelbank sah er darin, aber kein Grab. Betäubt und verworren blickt' er hinein
und in den glänzenden Gegenden umher. Verstockt - tränenlos - mit einem im
zurückgetriebnen Strom der Liebe erstickenden Herzen - hinschauend in die weite
Zukunft, die zwischen Bergen in krumme Täler ging und sich versteckte, ritt er
düster nach Hause. Hier traf er folgendes Blatt von Schoppe an, das der
vorauseilende Oheim bei ihm abgegeben:
    »Es ist richtig - Ich fand das bewusste Porträt - Ich bring' es in der
Jagdtasche mit - In wenigen Wochen oder Tagen komm' ich - Den Kahlkopf hab' ich
angetroffen und hinlänglich totgemacht - Ich bin sehr bei Sinnen. Dein seltsamer
Oheim reisete lange mit mir.
                                                                             S.«
 
                         Zweiunddreissigste Jobelperiode
                                   Roquairol
                                   127. Zykel
Linda hatte den ganzen Tag darauf in schweigendem Seelenschmerze zugebracht über
den Geliebten, der ihr, wie einst Liane ihm, nicht im ganzen lebendigen Feuer
der Liebe zu leben schien wie sie - sie war lange von der Fürstin umlagert und
dann durch sie Juliennens für eine Lustreise beraubt worden, die ihr nur die
Nachricht zuwerfen konnte, dass Albano diesen Tag auch einen Ausflug gemacht, um
Schoppen früher zu umarmen - sie war still geblieben nach ihrem Grundsatze, dass
der weibliche Stolz hier Schweigen, Ruhe und sogar Vergessen gebiete; - als sie
abends durch das blinde Mädchen aus Blumenbühl, das sie in ihre Dienste
genommen, folgenden Brief erhielt:
»Du Meine! Sei es wieder! Ich will noch sterben, aber für dich, nicht für ein
Volk auf dem Schlachtfeld. Vergib das Gestern und beglücke das Heute. Ich habe
meinen Vorsatz einer Entgegenreise wieder aufgegeben, um dir heute noch an das
Herz zu stürzen und deinen Himmel auszuschöpfen und meinen zu füllen. Ich kann
nicht warten, bis Julienne wiederkommt: mein Herz brennt nach dir. Morgen muss
ich ohnehin im Prinzengarten sein, wo Roquairol einen Trauerspieler endlich
gibt. Komme diesen Abend - ich flehe dich bei unserer Liebe an - um 8 Uhr
entweder, wenn es hell ist, in die Tartarus-Höhle, deren Totengräber-Putz und
Orkus-Ameublement dir gewiss nur lächerrlich sein wird, oder, wenn es wolkig ist,
in das Ende des Flötentals.
    Dein blindes Mädchen nimmst du nur mit. Du kennst ja das Spionenwesen, das
gerade uns umstellt. Ich erwarte und begehre keine Antwort von dir, sondern
Schlags acht Uhr schleich' ich durch das Elysium, um zu sehen, wo die Göttin
steht, der Himmel, die Sonne, die Seligkeit, du.
                                                                            Dein
                                                                        Albano.«
Wie durch einen Wetterstrahl des Himmels war ihr ganzes Wesen geschmolzen zu
weicher seliger Glut; denn sie glaubte der Handschrift, dass das Blatt von Albano
sei - so unerwartet ihr auch an ihm eine so schnelle Umkehrung erschien -, ob es
gleich von Roquairol geschrieben war. Lasset uns zurückgehen bis an die finstere
Quelle des reissenden Höllenflusses, der seinen eiskalten Arm nach der Unschuld
und nach dem Himmel ausstreckt.
    Roquairol war im Winter bei allen Fehlschlagungen seiner unbändigen Wünsche
ziemlich glücklich und gut geblieben; der Abendstern der Liebe, ob er wohl für
ihn mehr ab- und zunahm, stand doch noch nicht unter dem Horizont, sondern nur
unter Gewölke. Aber sobald Linda mit Julienne abgereiset war - und zwar, wie er
sogleich erriet und früh erfuhr, nach Italien -: so bewegte sich ein neuer Sturm
durch sein Leben, der ihm die letzten Blüten abriss und mit dem lange gelegenen
Staub verfinsterte, weil er nun, wie er Albano selber vorausgesagt, das Netz zu
diesem und der Gräfin im Strome heraufkommen sah, das beide eng gefangennahm.
Das fressende Gift der Viel-Liebhaberei und Vielgötterei lief wieder heiss in
allen Adern seines Herzens um -: er machte wilden Aufwand, Spiele, Schulden, so
weit es nur ging - setzte Glück und Leben auf die Waage - warf seinen eisernen
Körper dem Tode zu, der ihn nicht sogleich zerschlagen konnte und berauschte
sich in der Wilden-Trauer um sein gemordetes Leben und Hoffen im Leichentrunk
der Schwelgerei; ein Bund, den Wollust und Verzweiflung schon oft auf der Erde
miteinander auf Kriegsschauplätzen und in grossen Städten geschlossen haben.
    Nur etwas hielt den Hauptmann noch aufrecht, die Erwartung, dass Albano in
seiner Ferne von Linda beharre, und die, dass diese wiederkomme. Jetzt kam die
Fürstin zurück, noch mit allem frischen Hasse gegen den kalten Albano, für
dessen »dupe« sie sich hielt. Roquairol bewog leicht seinen Vater, ihn ihr näher
zu bringen, da er bei ihr über Albano und alles Nachrichten zu finden hoffte. Er
wurd' ihr bald durch die ähnliche Stimme und die vorige Freundschaft gegen ihren
Feind bedeutend, und noch mehr durch seine seltene Gewandteit, einer Frau immer
das zu sein, was sie gerade begehrte.
    Da sie alle seine frühern Verhältnisse und Wünsche schon längst gekannt: so
warf sie, sobald ihre Fernschreiber von Albano ihr die Nachricht von seiner
neuen Liebe gegeben, ihm leicht die Erwähnung davon hin. Trotz der warmen Rolle,
die Roquairol gegen sie zu spielen hatte, wurd' er doch vor ihr wütend-blass,
atemlos, bebend und starrend im Abwechsel; »ists so?« fragt' er leise - sie
zeigt' ihm einen Brief - »Fürstin,« (sagte er wütend, ihre Hand an seine Lippen
fortpressend) »du hattest recht, vergib mir nun alles.«
    Wie gross er von Albano gedacht, sah er erst jetzt aus seiner Verwunderung
über das Natürlichste von der Welt. Nie hasset das Herz bitterer, als wenn es
den Gegenstand, den es vorher unter dem Hassen achten musste, nun ohne Achten
hassen muss; so wie aus demselben Grunde den schlimmen Menschen die Heuchelei des
andern weit tiefer und eigennütziger entrüstet als den frommen. Roquairol
glaubte jetzt, den stolzen Freund recht anfeinden zu dürfen; er wurde aus einer
deutschen Ruine eine welsche voll Skorpionen. Die Fürstin wurde das heisse Klima,
das die Skorpionen erst recht vergiftet. Sie erzählte ihm, wie Albano sie so
lange zu gewinnen und auf seine tiefen Minen zu locken gesucht, bloss um bei
deren Aufspringen den Genuss der Kälte und des Hohns zu haben, und wie er so
gleichgültig vom Hauptmann gesprochen, ohne ihn nur des Hasses zu würdigen.
    Die Fürstin erlaubte dem Hauptmann, eine Stufe nach der andern an ihrem
Trone hinaufzugehen, bis er keine mehr hatte als ihre eigne Person. Sie gab ihm
auch die letzte Stufe unter der Bedingung preis, sie zu rächen. Er sagte, er
räche sie und sich, denn Albano habe feierlich in dem Tartarus der Gräfin für
ihn entsagt. So schienen beide ihre wahre Liebe unter die Larve der Rache zu
stecken, die Fürstin ihre für den Hauptmann, er seine für Linda.
    Sie brachte ihm einen Plan immer dichter vor das Auge, den er nicht
erblickte, so sehr sie ihn reizte durch die Bemerkung, dass Albano ein grösserer
Weiber-Liebling sei und sein werde, als man bisher noch dachte, dass sogar ihre
fromme besonnene Schwester Idoine nach ihren stillen Fragen in Briefen und nach
andern Zeichen fast beides durch ihn verloren, was sie ihm am Krankenbette
wiedergegeben, Gesundheit und Friede, und dass er nie hoffen solle, die Gräfin je
abtrünnig zu sehen oder auch zu machen.
    Endlich sagte sie langsam das fürchterliche Wort: »Roquairol, Sie haben
Seine Stimme, und Sie hat abends kein Auge.« - »Himmel und Hölle!« rief er aus,
wechselnd rot und blass und zugleich in Himmel und Hölle sehend, deren Türen vor
ihm aufsprangen. »Va!« setzt' er schnell dazu, ohne die schwarze Tiefe dieses
weissschäumenden Meers noch durchdrungen zu haben. Die Fürstin umarmt' ihn
feurig, er sie noch feuriger. »In einer poetischen Dichtung« (sagt' er) »wäre
mir dein Gedanke leicht gekommen, aber in der Wirklichkeit hab' ich keine List!«
- »O Schalk!« sagte sie. So früh und so lang' er nur durfte, sagte er Du, weil
er das Herz kannte, besonders das weibliche. - Bald darauf, als sie noch
offenherziger gegeneinander gewesen waren, sagte sie: »Bleibt Sie unschuldig bei
Ihnen, so haben Sie niemand beleidigt, und niemand hat verloren; bleibt Sie es
nicht, so war Sie es entweder nicht, oder Sie verdiente die Probe und Strafe,
getäuscht zu werden.« - »Ja, das ist göttlich - das gehört in den herrlichen
Trauerspieler kurz vor dem Ende«, sagt' er, wollte sich aber nicht darüber
erklären.
    Jetzt kam Ziel und Mittelpunkt in die wilden Kreise seines Treibens. Er
zerlegte kalt Albanos Briefe der Liebe in grosse und kleine Buchstaben, bloss um
sie pünktlich nachzumachen; daher fand einmal Albano bei Rabetten seine
Handschrift ohne seine Gedanken. Er fragte Rabetten alle kleine Verhältnisse
Albanos ab, um seine Rolle bis ins kleinste auszuarbeiten; und ebenso las er
alle italienische Reisebeschreibungen, um mit Linda über jede schöne Stelle frei
zu sprechen, wo er als Schein-Albano mit ihr das hesperische Leben genossen. Es
kitzelte ihn, so mit der Flamme in der Brust und mit dem kalten Eislicht im
Kopfe einmal alle teatralischen Zurüstungen und Verwickelungen, so wie sonst
für die Bühne, jetzt für das Leben anzulegen und besonnen zu regieren.
    Er sah Albano von der Reise kommen, der ihn stolz behandelte - er sah die
blühende Göttin in Lilar gehen - er hörte durch die Spionen der Fürstin von
ihrer Verbindung: hoch ging sein totes Meer in schweren Wellen und suchte die
Opfer aus ihrem Fluge bis vom Himmel herabzuziehen. Unmittelbar nach dem
Trauerspiel, das er mit Linda zu spielen vorhatte, sollte sein eigenes im
Prinzengarten kommen, das er von Zeit zu Zeit zu geben versprach und verschob;
er musste lange harren und spähen, bis eine Zeit erschien, in welche so viele
Zähne eines doppelten Maschinenwerks zugleich eingreifen konnten.
    Endlich erschien die Zeit, und er schrieb das oben mitgeteilte Blatt an
Linda. Alles war berechnet und abgetan und jede Hülfe des Zufalls in den Plan
gewebt. Sein Trauerspiel war von seinen Bekannten längst eingelernt, obwohl
niemals einprobiert, weil er, wie er sagte, die Mitspieler selber mit seiner
Rolle mitten im Spiele überraschen wollte. Die Freude, die er von jeher hatte,
Abschied zu nehmen - weil ihn hier die Rührung zugleich durch Kürze und Stärke
erquickte -, macht' er sich bei so vielen, als ihn liebten. Von Rabette schied
er so stürmisch-weich, dass sie erschrocken zu ihm sagte: »Karl, das bedeutet
doch nichts Böses?«
    - »Jetzt ist alles böse an mir«, sagt' er.
    Durch Verwendung der Fürstin waren für sein Trauerspiel auf den nächsten Tag
die bedeutendsten Zuschauer geworben, auch Gaspard und Julienne samt dem Hof.
Das Geheimnis zog an; auch der Fürstin war seine Rolle verdeckt. Nur seinen
Vater, der dem Hof gern folgen wollte, strich er aus der Zahl durch einen grossen
Zorn, worein er ihn setzte, weil er ihn mit keiner andern als dieser Dornhecke
abzuhalten wusste. Seine Mutter und Rabette hatt' er beschworen bei ihrem Glück,
bei seinem Glück, keine Zuschauerinnen seines Spiels zu werden.
    Ein neuer Wind des Zufalls war ihm zum Heben seiner Flugmaschine durch den
seltsamen Bruder des Ritters gekommen, der mit solcher Freude von der eisernen
Maske seiner tragischen Maske hörte, dass er mit dem Antrag zu ihm kam, er wolle
ihm einen neuen wunderbaren Spieler zuführen. »Alles ist besetzt«, sagte der
Dichter. »Man mache ein Chor zwischen den Akten und geb' es einem«, sagte der
Spanier. Roquairol fragte nach dem Namen des Spielers. Der Spanier führt' ihn in
seinen Gastof; innen im Zimmer rief schon eine tierisch-dumpfe Stimme: »Kommst
du denn schon wieder, mein Herr?« Sie fanden darin nur eine schwarze Dohle. »Man
stelle den Vogel auf das Teater, er sei das Chor, er sage in halbem Gesang
mezza voce bloss zwei, drei Zeilen her, die Wirkung wird kommen«, sagte der
Spanier. Roquairol staunte über die langen Sprüche der Dohle. Der Spanier erbat
sich einen längern von ihm, um ihn ihr vor seinen Ohren einzulernen. Roquairol
gab ihm den: »Im Leben wohnt Täuschung, nicht auf der Bühne.« Der Spanier sagte
anfangs bloss in Wort zum Nachsprechen vor, dann wieder eins, wiederholte es
dreimal, sagte dann, mit den Fingern den Vogel ermunternd:
    »Allons, diablesse!« und das Tier stotterte dumpf die ganze Zeile her.
Roquairol fand in dieser komischen Tier-Larve etwas Fürchterliches und nahm den
Vorschlag, einige Chorzeilen zu dichten und dem Vogel anzuvertrauen, unter einer
eignen Bedingung an, - dass nämlich der Spanier seinen Neffen Albano den Abend
vor her von Pestitz entferne unter irgendeinem Vorwand und dann mit ihm im
Prinzengarten erscheine. Der Spanier sagte: »Herr Hauptmann, ich brauche keinen
Vorwand, ich habe Wahrheit! Ich werde mit ihm seinem Freund Schoppe
entgegenreisen, er will morgen abends kommen; auch dieser wird mit zusehen.« -
    Albano konnte in seiner verworrenen Stimmung gegen Linda und in der
erwartungsvollen gegen Schoppe nichts so leicht annehmen als einen kleinen
Reiseplan, um diesen geliebten Schoppe früher an der Brust zu haben. Julienne
wurde in Gegenwart des kranken Fürsten von der Fürstin gebeten, sie zu Idoine zu
begleiten, die ihrer auf halbem Wege in einem Grenzschloss wartete, und den
andern Tag in den Prinzengarten zurückzugehen. Sie weigerte sich. Der kranke
angestiftete Bruder tat die von ihm erbetenen Bitten dazu. Die Schwester
erfüllte sie.
    Nun war alles für den Abend, woran Roquairol Linda sehen wollte, berichtigt
- So glimmen nachts in den Scheuern eines schuldlosen Dörfchens die eingelegten
Brände - der Sturmwind brauset um die müden schlafenden Einwohner - die Räuber
stehen auf den Bergen im Abendnebel und schauen wartend herab, wenn die
Feuerschwerter der Flammen auf allen Seiten durch die Nebel glänzen und mit
ihnen rauben und morden werden, um zu ihnen herabzukommen.
 
                                   128. Zykel
Linda las das Blatt unzähligemal, weinte vor süsser Liebe und dachte nicht daran,
zu - vergeben. Dieses Wehen der Liebe, das alle Blumen beugt und keine pflückt,
hatte sie schon so lange gewünscht: und jetzt auf einmal nach der nebligen
Windstille des Herzens ging es lebendig und frisch durch den Garten ihres
Lebens. Sie konnte schwer acht Uhr erwarten. Sie half sich über die Zeit hinweg
durch Wählen des Putzes, der zuletzt ganz in dem Schleier, Hute, Kleide und
allem bestand, was sie getragen, als sie ihren Geliebten zum erstenmal auf
Ischia gefunden.
    Sie steckte die Paradieses- oder Orangenblüten, die Zeiger jener Zeit und
Welt, an ihr klopfendes Herz und ging zur bestimmten Stunde, mit dem blinden
Mädchen am Arme, in den Garten hinunter. Sowohl aus Hass gegen den Tartarus als
aus Willigkeit gegen den Brief nahm sie den Weg ins Flötental. Die Nacht war
finster für ihr Auge, und das blinde Mädchen wurde ihre Führerin.
    Oben auf dem Lilarsberg mit dem Altare stand, wie der böse Geist auf der
Zinne des Paradieses, Roquairol und blickte scharf in den Garten herab, um Linda
und ihren Weg zu finden. Sein Freudenpferd war unten im tiefen Gebüsch an
ausländische Gewächse angebunden. Voll Ergrimmung sah er noch Dian und Chariton
mit den Kindern in dem Garten gehen; und oben im Donnerhäuschen ein kleines
Licht. Er verfluchte jede störende Seele, weil er entschlossen war, heute im
Notfall jeden Stürmer seines Himmels zu ermorden. Endlich sah er Lindas lange
rote Gestalt gegen das Flötental zugehen und das Schwellen-Gebüsch aufziehen und
darhinter verschwinden.
    Er eilte den langen Schneckenberg herab, warm wie eine vergiftete Leiche.
Hinter sich hörte er im langen Busch-Gewinde jemand nacheilen - er entbrannte
und zog seinen Stockdegen, den er nebst einem Taschenpistol bei sich hatte -
endlich sah er eine hässliche Gestalt, einem bösen Geiste ähnlich, die ihm
nachrannte - sie packte ihn - es war der Fürstin langarmiger Affe - Er
durchstach ihn auf der Stelle, um nicht von ihm verfolgt zu werden.
    Unten im freien Garten ging er langsam, um keinen Verdacht zu wecken. Er
schlich leise wie der Tod, der auf dem Donnerwagen einer Wolke ungehört durch
Lüfte über den Blütenbaum zieht, worunter eine Jungfrau lehnt, und versteckte
den mörderischen Wetterstrahl in seine Brust. Er öffnete das hohe
Pforten-Gesträuch des Flötentals; alles war darin still und dunkel; nur hoch im
Himmel ging ein seltsamer brausender Sturm und jagte die Wolken-Herde, aber auf
der Erde war es leise, und kein Blatt bewegte sich. »Ist jemand da?« fragte die
blinde Türhüterin. »Guten Abend, Mädchen!« sagte Roquairol, um durch seinen
Sprachton für Albano zu gelten.
    Tief im engern laubigen Tale sang Linda leise ein altes spanisches Lied aus
ihrer Kinderzeit. Endlich wurde sie erblickt - die Riesenschlange tat den
giftigen Sprung nach der süssen Gestalt, und sie wurde tausendfach umwunden.
    Er hing an ihr sprachlos - atemlos - die Wolke seines Lebens brach - Tränen
der Glut und Pein und Wonne rannen brennend fort - alle Arme, worein der Strom
seiner Liebe bisher seicht umhergelaufen war, schossen brausend zusammen und
fassten und trugen eine Gestalt - - »Weine nicht, mein guter Mensch, wir lieben
uns ja immer wieder«, sagte Linda, und die zarte schöne Lippe gab ihm den ersten
innigen Kuss. Da kreisete das Feuerrad der Entzückung mit ihm reissend um, und um
den darauf geflochtenen Kopf wehten die Flammen-Kreise hoch auf. Aus Furcht,
erblickt zu werden, wenn er erblicke, und aus Lust hatt' er die Augen
geschlossen; jetzt tat er sie auf- so nahe an sich und in seinen Armen sah er
nun die hohe Gestalt, das stolze blühende Antlitz und die feuchten warmen
Liebes-Augen. »Du Himmlische,« (sagt' er) »töte mich in dieser Stunde, damit ich
sterbe im Himmel. Wie will ich nachher noch leben? - Könnt' ich meine Seele in
meine Tränen giessen und mein Leben in deines und wäre dann nicht mehr!«
    »Albano,« (sagte sie) »warum bist du heute so anders, so traurig und weich?«
-
    »Nenne mich« (sagt' er) »lieber bei deinem Namen, wie die Liebenden auf
Otaheiti die Namen tauschen. - Vielleicht hab' ich auch etwas getrunken - aber
ich bereue ja das Gestern - ich liebe dich ja neu. Ach, du, liebst du denn auch
mein Innres, Linda?«
    »Süsser Jüngling, kann ich es denn jetzt nicht ewig lieben? - Ich bleibe ja
bei dir und du bei mir.«
    »Ach du kennst mich nicht. Wenn weiss es denn der Mensch, dass gerade er,
gerade dieses Ich gemeinet und geliebt werde? Nur Gestalten werden umfasset,
nur Hüllen umarmt, wer drückt denn ein Ich ans Ich? - Gott etwa.« -
    »Und ich dich« - sagte Linda.
    »O Linda, liebst du mich fort in meinem Grabe, wenn die Spreu des Lebens
verflogen ist - liebst du mich fort in meiner Hölle, wenn ich dich aus Liebe
gegen dich belogen habe? - Ist denn Liebe die Entschuldigung der Liebe?«
    »Ich liebe dich fort, wenn du mich liebst. Bist du die Giftblume, so bin ich
die Biene und sterbe in dem süssen Kelch.«
    Die Braut sank an seinen Hals. Er umklammerte sie heftig und wurde immer
ähnlicher dem Gletscher, der durch Wärme weiterrückt und schmelzend verheert. Um
ihn zogen die Freuden mit glänzenden, mit himmlischen Gesichtern, zeigten ihm
aber in den Händen Furienmasken.
    »Du willst sterben aus Liebe; ich bin schon gestorben aus Liebe - O du weiss
nicht, wie lange ich dich schon liebte!« antwortete er.
    »Glühender,« (sagte sie) »denk an diese Nacht, wenn du einst Idoinen
siehst!« - »So seh' ich nur meine aufgestandne Schwester«, sagt' er, aber
sogleich über die entfahrne Wahrheit erschreckend. »Man sieht« (setzt' er eilig
dazu) »das auferstandne Herkulanum, aber man wohnt im blühenden Portici darüber;
ich und du sahen im Baja-Golf unter dem Meer die versunknen Bogen und Tore, und
wir schifften nach lebendigen Städten weiter. - Ist mir doch auch Roquairol in
so manchem so ähnlich und liebt dich so sehr und so lange und starb auch einmal
wie Liane!« -
    »Aber diesen hatt' ich nie geliebt, und nun bin ich deine ewige Braut.«
    »Der arme Mensch! Aber ich tat, glaub ich, doch nicht recht, da ich einst in
der Tartarushöhle dir Ungesehenen im voraus entsagte aus Liebe gegen den
Freund.«
    »Gewiss nicht; aber wie kommen wir beide auf dieses unheimliche Wesen?« sagte
sie küssend.
    »Heimlich möcht' ichs eher nennen«, versetzt' er, entbrennend in hassender
Liebe, im Zwiespalt der Rache und Lust und entschlossen, nun den Leichenschleier
über ihre ganze Zukunft zu weben. Er schlug die schwarzen Adlerschwingen um das
Opfer und erstickte und erweckte Küsse, er riss die Orangenblüten von ihrer Brust
und warf sie zurück. »Liebe ist Leben und Sterben und Himmel und Hölle,« (sagt'
er) »Liebe ist Mord und Glut und Tod und Schmerz und Lust - Kaligula wollte
seine Cäsonia foltern lassen, um nur von ihr zu wissen, warum er sie so liebe -
ich wäre das auch imstand.«
    »Göttlicher Albano! trinke nicht mehr so! du bist zu ungestüm, deine
Augenbraunen stürmen sogar mit - wie bist du denn?«
    »Alles auf einmal, wie ein Gewitter, voll Glut - und mein Himmel ist hell
durch den Blitz - und ich werfe kalten Hagel - und eine Zerstörung nach der
andern, und es regnet warm auf die Blumen - und Himmel und Erde verknüpft ein
stiller Bogen des Friedens.«
    Jetzt sah er am Himmel die Sturmwolken wie Sturmvögel zwischen den Sternen
und neben dem zornigen Blutauge des Mars schon heller fliegen; der Mond, der ihn
verjagte und verriet, warf bald das Richter-Auge eines Gottes auf ihn. Im Hohne
gegen das Schicksal riss er auf für seine küssende Wut den Nonnenschleier und
Heiligenglanz ihrer jungfräulichen Brust. Fern stand der Leuchtturm des
Gewissens, von dicken Wolken umzogen. Linda weinte zitternd und glühend an
seiner Brust. »Sei mein guter Genius, Albano!« sagte sie. - »Und dein böser;
aber nenne mich nur ein einzigesmal Karl«, sagt' er voll Wut. »O heisse denn
Karl, aber bleibe mein voriger Albano, mein heiliger Albano!« sagte sie. -
    Plötzlich fingen im Tal die Flöten an, die der fromme Vater zu seinen
Abendgebeten spielen liess. Wie Töne auf dem Schlachtfeld riefen sie den Mord
heran - da schmolz Lindas goldner Tron des Glücks und Lebens glühend nieder,
und sie sank herab, und das weisse Brautkleid ihrer Unschuld wurde zerrissen und
zu Asche.
    »Nun die Deinige bis in meinen Tod!« sagte sie leise mit Tränenströmen. »Nur
bis in meinen«, sagte er und weinte jetzt weich mit den weinenden Flöten. An der
goldnen Kugel auf dem Berge glomm schon der Mond, der wie ein bewaffneter Komet,
wie ein einäugiger Riese heraufdrang, den Sünder aus seinem Eden zu jagen.
»Bleibe, bis der Mond kommt, damit ich in dein Angesicht sehe«, bat sie. »Nein,
du Göttliche, mein Freudenpferd wiehert schon, die Todesfackel brennt herab in
meine Hand«, sagte er tragisch-leise. Der Sturm war vom Himmel auf die Erde
gezogen; sie fragte: »Der Sturm ist so laut, was sagtest du, Schöner?« - Er
küsste wild ihre Lippe und ihren Busen wieder; er konnte nicht gehen, er konnte
nicht bleiben: »Gehe morgen nicht« (sagt' er) »in den Trauerspieler, ich flehe
dich, das Ende, hör' ich, ist zu erschütternd.«
    »Ich liebe ohnehin dergleichen nie. O bleibe, bleibe länger, ich seh' dich
ja morgen wieder nicht.« Er presste sie an sich - deckte ihre Augen mit seinem
Angesicht zu - das Gorgonenhaupt des Mondes wurde schon in den Morgen
heraufgehoben - er liess das Leben los, wenn er sie entliess - und doch zehrte
jedes gestammelte Wort der Liebe an der kurzen Zeit. Der Sturm arbeitete in den
gerissenen Bäumen, und die Flötentöne schlüpften wie Schmetterlinge, wie
schuldlose Kinder unter dem grossen Flügel weg. Roquairol, wie betäubt von
solcher Gegenwart, war nahe daran, zu sagen: sieh mich an, ich bin Roquairol;
aber der Gedanke stellte sich schnell dazwischen: »Das verdient sie nicht um
dich; nein, sie erfahr' es erst in der Zeit, wo man den Menschen alles vergibt.«
- Noch einmal heftig hielt er sie an sich gedrückt, das Mondlicht fiel schon auf
beide herein, er wiederholte tausend Worte der Liebe und Scheidung, stiess sie
zurück, fuhr schnell um und schritt in Albanos Kleidung durch das Tal hindurch.
    »Gute Nacht, Mädchen«, sagt' er vorübergehend zur Blinden. Linda sang nicht
wieder wie vorhin. Die Sterne sahen ihn an, die Sturmwinde redeten ihn an - die
Freuden gingen neben ihm, hatten aber die Furienmasken nun auf den Gesichtern -
aus dem Himmel griff ein Arm herab, aus der Hölle griff ein Arm herauf, und
beide wollten ihn fassen, um ihn auseinanderzureissen - »Nu, nu,« (sagt' er) »ich
war wohl glücklich, aber ich hätt' es noch mehr sein können, wär' ich Ihr
verdammter Albano gewesen« - und schwang sich auf sein Freudenpferd und jagte
noch in der Nacht nach dem Prinzengarten.
 
                                   129. Zykel
Albano und sein Oheim zogen dem angekündigten Schoppe von Dorf zu Dorf weiter
entgegen; der Oheim schob die Hoffnung wie einen Horizont immer vor ihnen
voraus; einmal abends glaubte der Graf Schoppes Stimme nahe neben sich zu hören
umsonst, der geliebte Mensch kam noch nicht an sein Herz, und schmachtend sah
Albano die Wolken im Himmel auf dem Weg herziehen, den sein Teuerer unter ihnen
auf der Erde nahm. Der Oheim erzählte ihm lange von einem geheimen Kummer, der
den Bibliotekar oft niederdrücke, und von dessen Ansatz zur Tollheit, der ihn
auch früher von ihm weggetrieben, weil er unter allen Menschen keine so fürchte
als tolle. Von Romeiros Porträt schien er nichts zu wissen. Albano schwieg
vedriesslich, weil der Spanier unter die unleidlichen Menschen gehörte, die mit
glattem festen Gesicht und mit zugeschraubter gehelmter Seele den fremden
Widerspruch ohne eignen Widerspruch, ohne Echo, ohne Spiegel und Änderung um
sich flattern lassen können und für welche die fremde Rede nur ein stiller Tau
ist, dessen Fallen keinen Stein aushöhlt. Dazu kam Albanos Erbitterung gegen
dessen neue Unwahrhaftigkeit über Schoppens Nähe und gegen sein eignes
Unvermögen, eine Stunde lang alles ungläubig anzuhören, was ein Lügner sagt.
    »Schoppe ist auf mein Wort durch einen andern Weg schon im Prinzengarten«,
sagte endlich der Spanier ganz munter und riet umzukehren an, im warmen Genusse
seiner frechen kalten Kraft, jeden, der ihm nicht huldigte, zwischen scharfe
langsame Eisfelder zu pressen.
    Sie kamen vor dem Prinzengarten unter lauter Wagen an, aus welchen die
Zuschauer des heutigen Spielfestes ausstiegen. Albano fand schon unter jenen
seinen Vater, die Fürstin und Julienne; und unter den Mitspielern Bouverot,
seinen alten Exerzitienmeister Falterle und die gelbgekleidete Kaufmannsfrau in
rotem Schal, die einmal weniger in als an Roquairols Herzen gewesen, und diesen
selber. Der Hauptmann trat vor aller Welt sofort den bekannten Albano an und
sagte mit gesuchter Leichtigkeit, das Spiel beginne bald, nur Dian mit seiner
Frau werde noch erwartet. Dian, überall leicht beweglich, am meisten durch eine
Bitte, konnte einer für die Kunst am wenigsten widerstehen; durch ihn wurde bald
auch Chariton für das Spiel gewonnen, aber nicht ohne den Umstand, dass sie im
Stücke eine Geliebte gegen niemand als ihren Gemahl zu spielen hatte. Als
Roquairol mit Albano sprach, so wurde seinem Gesicht so wie einem geschwollnen
oder gefrornen das leichte Lächeln schwer und das Aufheben des Augenlids; und
innen drückte ein strafender beugender Geist den seinigen vor dem frohen reinen
Freunde zur Erde, aus dessen Frühling er die helle Sonne weggerissen und
geworfen und dem er eine ewige Pestwolke über das Leben gehangen.
    Unter dem Getümmel der Gartenreden und im fruchtlosen Wunsche, der Schwester
Julienne drei sanfte Worte für die ihm so lange verdeckte Linda mitzugeben, sah
Albano den Wagen der Gräfin auf die Höhe an Lianens Garten rollen, da halten und
sie und Dian und Chariton aussteigen.
    Da kannt' er weiter nichts als den Flug zur entbehrten Geliebten, der sich
vor den vielen Augen leicht in die Sehnsucht nach Dian einkleidete; und jetzt
fragt' er im Durst der Liebe nach gar keinem Auge. »Ach da bin ich doch!« sagte
Linda und ging ihm entgegen, mit den weichen Rebenschlingen zarter Blicke sich
in seine verwebend - so scheu und so liebevoll - und das Abendrot der
Verschämteit zog, wie Frühlingsröte in der Nacht, um ihren Himmel, und der
weisse Mond der Unschuld stand mitten darin! - Albano zerging vom Tauwind dieser
Verzeihung, warf sich seine süsse Freude an ihrer Umkehrung als selbstsüchtigen
Stolz über sein Siegen vor und konnte in der schönen Verwirrung des Glücks kaum
das süsse Staunen regieren und das aufgelöste Herz, das vor ihr zerrinnen wollte
wie ein Gewitter in Abendtau. Er legte in sein Auge die Seele und gab sie der
Geliebten. Vor Chariton musst' er sich verhüllen. Zu Dian und Linda sagt' er, als
sie in die hinuntersteigende Sonne sahen, bloss das Wort: »Ischia!«
    »Da liegt nun freilich, lieber Anastasius,« (sagte Chariton zu Dian) »meine
gute Fräulein Liane begraben, und man weiss nicht eigentlich wo im Garten, denn
man sieht ja nichts als Blumen und Blumen; sie hats aber so bestellt.« - »Das
ist sehr betrübt und hübsch,« (sagte Dian) »aber lass es, - weg bleibt weg,
Chariton!« und führte sie seitwärts von den Liebenden schonend. An Albano, der
nichts überhörte und übersah, war die Erschütterung davon so sichtbar. Auch
Linda nahm sie wahr. »Sprich nur aus dein Weh,« (sagte sie) »ich liebe sie ja
auch.« - »Ich denke an die Lebendigen« (sagt' er, sich zusammenfassend, und
blickte scheu nicht auf den Blumengarten, sondern auf die sonnentrunkne
Abendgegend) - »kann man denn genug auf der Erde vergeben und erraten? - Linda,
o wie vergibst du mir heut!«
    »Freund,« (sagte sie)»wenn Ihr sündigt, sollt Ihr Vergebung empfangen; aber
bis dahin seid noch still!« Er sah sie bedeutend an: »Hast du nicht schon
vergeben und ich noch nicht? - Aber wüsstest du, wie ich in diesen Tagen auf dem
Weg zu meinem Schoppe innigst bei dir lebte und die göttliche Vergangenheit in
die Zukunft brachte - ach, kann ich dir denn alles sagen an diesem Orte?« - Zum
Glück hörte sie - gleich andern Frauen weniger auf Worte als auf Mienen, Winke
und Taten merkend - mehr mit dem geistigen als leiblichen Ohre und trat nicht in
den so nahe aufgesperrten Abgrund seiner Worte. So spielten jetzt beide, wie
Kinder, neben der kalten, mit Donner durchzognen Gewitterstange, aus welcher bei
der kleinsten nähern Nähe die blitzende Sense des Todes fährt.
    Beide gaukelten neben dem Gewitter fort. Die Sonne zog neben dem kleinen
Berge und ebenen Blumen-Grabe mit ihren Flammen in die fernen Ebenen hinein. Aus
dem tiefen Prinzengarten flatterten Töne durch die langen Abendstrahlen herauf
und vergötterten die goldne Gegend. - Die Töne waren einsame Schwingen, die sich
ihr Herz suchten und dann an ihm weiterflogen - und die liebenden Herzen wurden
voll Flügel - Die Strahlen sanken, die Töne stiegen Um Linda und Albano lag ein
goldner Kreis aus Gärten und Bergen und grünen Tiefen, und jede Blume schwankte
reich unter dem letzten Gold und wurde die Wiege des Auges, die Wiege des
Herzens - Die Liebenden blickten sich und die Erde begeistert an, die glänzende
Welt erschien ihnen nur im Zauberspiegel ihrer Herzen, und beide selber waren
darin leuchtende schwebende Bilder.
    »Linda, ich will sanfter werden,« (sagt' er) »bei der Heiligen schwör' ichs,
in deren Garten wir stehen!« - »Werd es, Lieber, in Lilar warst du es eben
nicht!« sagte sie. Er verstand es von dem Sturme gegen Liane: »Verhülle dies
Andenken in deine Liebe!« sagt' er errötend. Sie sah ihn jungfräulich an, ihr
Inneres war jungfräulich geblieben und unschuldig; wie die Pfirsich sich rot und
glühend der Sonne zukehrt, aber in den Blättern das zarte Weiss erhält. Ihr Auge
trank aus seinem, seines trank aus ihrem, der Himmel vermischte sich mit ihrem
Himmel, die Purpursonne schimmerte aus dem warmen Liebestau der Liebesaugen
zurück. »O dürft' ich dich jetzt küssen!« sagte Albano. »Ach dürftest du es!«
sagte Linda. »So golden ging einst die Sonne auf dem Meere unter!« sagte er. -
»Und nachher gaben wir uns den ersten Kuss!« sagte sie. »Wir wollen uns jetzt
viel öfter sehen«, sagt' er. - »Jawohl, und länger am Tage, nachts hab' ich Arme
ja kein Auge. Nun geht mir dort schon mein Auge unter«, sagte sie, als die Sonne
versank.
    Es war ein guter, sanfter Geist, oder Lianens ihrer - jener, der den
Menschen nur an der Dämmerung in die Nacht führt, der uns mildernde Tränen in
den Jammer und in die Entzückung giesset und der dem Abendstern der Liebe die
kurze Bahn nicht überwölkt dieser Geist war es, welcher ihre Zungen und Ohren
vor dem schrecklichen Laute bewahrte, der auf einmal den goldnen Abendkreis in
eine ringsumher aufbrennende Hölle aufgerissen hätte.
    »Wer kommt dort so eilig?« sagte Linda. »Mein Feind«, sagte Albano.
Roquairol hatte ihn vermisset und Lindas Ankunft vernommen; in der Höllenangst,
dass sich an diesem Abende vor ihnen der gestrige aufdecke, eilte er unter dem
Vorwande, Dian zum Spielen und Albano zum Hören zu holen, den Berg heran. Wie
ein Zentaur, halb Mensch, halb Wild, trat er mit verworrenem dumpfen Kriege
seines ganzen Wesens unter die melodischen Seelen und Freuden. Aber kaum dass er
an ihnen die Weihe der Entzückung wahrnahm und die schwarze Decke noch auf
seinem Morde festliegen sah, so richtete sich in ihm der grimmige Geist der
Eifersucht auf: »Sie ist nun meine Verlobte«, sagt' er sich; und die
Sonnenfinsternis verworrner Reue wurde vom Gewitter des Unmuts verdeckt. Linda,
über seine Stimmenähnlichkeit zürnend aus innerm Schauder, stand vor ihm wie ein
Diamant, hell, glänzend, hart und schneidend, Albano aber sanft, im Nachtönen
der Harmonie, auf dem Gottesacker der Schwester dieses Bruders und in einiger
Verwirrung. In Roquairol schlich wieder der gestrige unreine Argwohn herum, dass
vielleicht Albano und Linda nicht mehr unschuldig sein.
    Zornig bat er heute Linda, sein Trauerspiel mit anzusehen. »Sie sagten mir,«
(sagte sie zu Albano), »es schliesse so tragisch, ich bin davon keine Freundin.«
- »Er kennt es gar nicht«, sagte Roquairol. »Nein«, sagte Albano. - Wie die
Schlange sah er auf das Paradies der ersten Menschen herab, sich froh bewusst,
dass er ihnen vom Baume seines Erkenntnisses den Apfel reichen konnte, der sie
sogleich daraus verjagte. »Zudem« (fügte sie dazu) »seh' ich abends schlecht
oder gar nicht.« Roquairol stellte sich fremde dabei, scherzte über den Gewinn,
den er als erster Liebhaber dabei habe, wenn sie ihn nur höre, und bat Dian,
mitzubitten. Nicht angeborne, sondern erworbene Kälte ist der höchsten
Falschheit mächtig, jene nur der Verstellung, diese auch noch der Anstellung,
weil sie zugleich alle Wege und Mittel des Feuers kennt und nützt und sich auf
dem Glatteis durch die Asche voriger Glut festmacht. Da endlich Albano ihr
selber anriet, an der tragischen Freude teilzunehmen und ihren Freunden und
Freundinnen drunten die schöne, reine ihrer Gegenwart zu gönnen: so willigte sie
ein, verwundert über den Widerruf.
    Sie nahm Chariton in ihren Wagen. Die Männer gingen voraus. Unterwegs sagte
Roquairol zu Dian, der im Stücke Albanos Rolle zu spielen hatte: »Sobald ich im
vierten Akte gesagt habe: Auch die geistige Liebe geht der sinnlichen entgegen
und kommt wie ein Seefahrer auf dem Wege nach Osten endlich doch in den Ländern
des Untergangs an, so fallen Sie ein.« - Dian lachte und sagte: »Ich fall' ein.
In Italien aber fängt die Fahrt gleich südlicher und westlicher an.« Albano
schwieg vedriesslich und bereuete, dass er Linda zu diesem ungewissen Feste
bereden helfen. Die Fürstin warf einige schnelle Blicke der Verachtung auf die
betrogne Linda, und diese antwortete darauf mit gleichen; ausgezeichnete Weiber
verraten ihr Geschlecht am meisten im feindlichen Zusammenstossen mit
ausgezeichneten.
 
                                   130. Zykel
Die meisten Zuschauer waren anfangs mehr der Zuschauer und Spieler wegen als des
Spieles halber gekommen; aber bald wurden sie vom Geheimnis und der seltsamen
Bühne selber angezogen. Die Bühne war auf der sogenannten Schlummerinsel des
Prinzengartens, welche mit einer wilden dicken Vermischung von Blumen, Gebüschen
und hohen Bäumen zugedeckt war. Ihre Morgenseite zeigte einen offnen freien
Vorgrund, auf welchem gespielt werden sollte, mit einer weissen Sphinx auf einem
leeren Grabmal tiefer im Grün. Die Kulissen waren die dunkeln Laubpartien;
Parterre und Logen das jenseitige Ufer, das von der Insel sich durch einen See
abtrennte, der so breit war als ein mässiges Schiff. An zwei Bäume der beiden
Ufer gebunden, hing in die Mitte des Sees wie eine Laterne der Käfig der Dohle
oder des Chors herab, um ihre dumpfe Stimme den Zuschauern zu nähern. »Ich bin
in der Tat neugierig,« (sagte der Ritter zu seinem Sohne) »woher er das
Tragische nehmen wird.« - »Doch!« (sagte Roquairol, der bisher schweigend und
unruhig und auf den Boden schauend auf- und abgegangen war) »Nur muss ich
allgemein um Vergebung des Aufschubs ersuchen. Da ich im fünften Akte den Mond
anrede, so kann ich den wahren sehr gut brauchen, wenn ich nur gerade so
anfange, dass sein Aufgang mit der letzten Szene zusammentrifft.«
    Endlich stieg er blass werdend in den Charons-Nachen, wie er sagte, und fuhr
allein hinüber. Dann schifften die übrigen Spieler nacheinander fort. Alle
verloren sich hinter die Bäume. Nun hob sich hinten in den zugelaubten
Abend-Ländern der Insel die ewige Ouvertüre aus Mozarts Don Juan wie ein
unsichtbares Geisterreich langsam und gross in die Lüfte.
    »Diablesse!« rief darauf der Bruder des Ritters zur Dohle und klatschte
dabei zum Zeichen in die Hände.
    »Macht auf den Sarg« (begann dumpf das Tier, begleitet von einzelnen
lugubern Tönen des Orchesters) »auf dem Gottesacker und zeigt zum letzten Male
die Leichenbrust und Sein trocknes Augenlid, und dann drückt ihn zu auf immer.«
    Jetzt traten Lilia (Chariton) und Carlos (Dian) heraus, zwei Liebende noch
in der ersten Zeit der ersten Liebe - noch kein trüber Tränenregen verschwemmte
den goldnen Morgentau - sie sind sich so treu. Lilia freuet sich mit ihm, dass
jetzt ihr Bruder Hiort von seinen Reisen kommt und seinen Jugendfreund Car los
als ihren ewigen findet. »Vielleicht ist er auch recht glücklich«, sagte Lilia.
»O so gewiss,« (sagte Carlos) »er ist ja sonst alles.« Zuweilen schwiegen beide
im frohen Anblicken, dann gingen Töne aus dem verhüllten Abend der Insel und
trugen die stumme Wonne in den Äter und zeigten sie ihnen schwebend und
verklärt. Unter den Zuschauern breitete sich eine süsse Teilnahme an Dians und
Charitons zartem, aber mit südlicher Glut verwebtem Nachspielen ihrer schönen
Wirklichkeit aus; man hörte und sah die Griechen. - Auf einmal entfloh Lilia
hinter die Blumen-Gebüsche; denn ihr Feind Salera, Carlos' Vater, kam, von
Bouverot gespielt.
    Salera verkündigte dem Sohne zürnend die Ankunft seiner Braut Atenais.
Carlos offenbarte ihm jetzt das Geheimnis seiner frühern Liebe und zeigte sich
gewaffnet gegen eine ganze Zukunft. Salera rief erbittert: »Wäre Sie doch nicht
schön, damit ich dich zwänge und strafte! Aber du wirst Sie sehen und mir
gehorchen, und ich werde dich doch hassen.« Carlos versetzte: »Vater, ich habe
schon Lilia gesehen.« - Salera ging mit zornigen Wiederholungen ab, und Carlos
wünschte jetzt noch heftiger Hiorts Wiederkehr, um mit ihm die Schwester
leichter zu entführen durch dessen Bereden und Begleiten zugleich. Hier schloss
sich der erste Akt.
    Der Bruder des Ritters rief zur Dohle: »Diablesse!« und scharrte zum Zeichen
mit dem Fusse.
    »Erscheine, blasser Mann,« (sprach das Tier) »die Uhr wiegt die Zeit, Mensch
des Jammers, lande auf der stillen Insel an!«
    Hiort trat blass beschminkt hervor mit offner Brust, blickte das Grabmal an
und sagte aus innerster Seele: »Endlich!« Die Musik spielte einen Tanz. »Jawohl
Schlummerinsel - unser Tag endigt mit Schlaf«, setzt' er dazu. Jetzt kam sein
Carlos: »Hiort, bist du tot?« rief er im Schrecken über die Leiche. »Ich bin nur
bleich«, sagt' er. »O wie kommst du so aus der schönen bunten Erde zurück?«
sagte Carlos. »Ausgeschöpft, Karl - mit totgebornen Hoffnungen - meine Gegenwart
ist von der Vergangenheit enterbt das Sinnenlaub ist gefallen - nicht einmal die
schöne Natur mag ich mehr, und Wolken wie Gebürge sind mir lieber als wahre
Gebürge - ich habe das bittere Unkraut auf dem Leben recht abgeerntet - und doch
muss ich in dieser leeren Brust einen Würgengel herumtragen, der ewig gräbt und
schreibt, und jeder Buchstabe ist eine Wunde - Rate nicht! Sie nennens das
Gewissen. Aber ein wenig Schlaftrunk her auf der Schlafinsel, Karl!«
    Man brachte Wein. Er erzählte nun dem Freunde sein Leben seine Fehler,
worunter er auch den aufführte, den er eben fortsetzte, das Trinken - seine sich
wiedergebärende Eitelkeit sogar mit ihrem Selbst-Geständnis - seine
Weiber-Siege, die ihn zu einem Magnet-Berge voll angeflogner Nägel zerfallner
Schiffe machten - seinen Hang, wie Kardan Freunde zu beleidigen, ein eigenes
oder fremdes Glück zu unterbrechen, wie schon als Kind den Prediger, oder im
schönsten Spiel das Klavier zu zerschlagen und in einem Entusiasmus das
Frechste zu denken -
    »Sonst hatt' ich doch noch zwei Ichs, eines, das versprach und log, eines,
das dem andern glaubte; jetzt lügen sie beide einander an, und keines glaubt.«
Carlos antwortete: »Schrecklich! - Aber deine Trauer ist ja selber Hülfe und
Gabe.« - »Ach was!« (versetzt' er) »Der Mensch verdammt weniger das Schlimme als
die vergangne Lage, worin ers beging, indes er es in einer frischen wieder neu
und süss findet und fortliebt. - Was dort kalt liegt, das ist mein Bild,« (indem
er auf die Sphinx zeigte) »das bewegt sich lebendig in meiner blutigen Brust -
hilf mir, ziehe das reissende Untier heraus!« -
    Albano ergrimmte im Innersten über die frevelnde Wiederholung jener
bekennenden zärtlichen Nacht mit ihm204. »Er ist frech genug,« (sagte leise
Gaspard zu Albano) »weil er, wie ich höre, wirklich sich selber spielen soll;
aber da er sich so sieht, ist er doch besser, als er sich sieht.« - »O,« (sagte
Albano) »so dacht' ich sonst! Aber ist denn das Schauen auf den schlechten
Zustand ein guter? Ist er nicht desto schlechter, dass er dieses Bewusst sein
erträgt, und wird desto schwächer, dass er einen unheilbaren Krebsschaden an sich
wachsen sieht? Das Höchste hat er ohnehin verloren, die Unschuld.« - »Eine
flüchtige Wiegen-Tugend! - Ein helles, keckes Reflektieren hat er doch«, sagte
Gaspard. »Nur weichliche, ehrlose, zweideutige, vielseitige Mattigkeit des
Herzens hat er; spricht von Kraft und kann nicht die dünnste Lust- Schlinge
zerreissen«, sagte Albano.
    »Karl,« (sagte Hiort weich, als antwortete er jenen) »ja, noch eine Hülfe
gibts. Wenn am Leben eine frische Farbe nach der andern verschiesset - wenn das
Dasein nun nichts wird, kein Lust-, kein Trauer-Spiel, nur ein fades Schau
-Spiel: so ist dem Menschen noch ein Himmel offen, der ihn aufnimmt, die Liebe.
Schliesset sich dieser zu, so ist er ewig verdammt. Carlos, mein Carlos, ich
könnte noch glücklich werden - denn ich habe Atenais gesehen - aber ich kann
noch unglücklicher werden, denn sie liebt mich nicht. In meinem Herzen liegt
dieser prangende, aber scharf fortschneidende Demant, an dem es blutet, sooft es
schlägt.« - Überall liess jetzt Roquairol Lindas Bild mitspielen. Hier brachte
anfangs Carlos den Freund mit der Nachricht in Aufruhr, dass Atenais von seinem
Vater zu seiner Braut erlesen sei und bald komme; aber er stillte ihn, da seine
Schwester Lilia erschien, indem er schnell ihre Hand nahm und sagte: »Nur diese
lieb' ich.« - Sie sprachen über die Hindernisse von seiten des alten Salera, den
Carlos ein Eisfeld nannte, das unter keiner Sonne trüge und nicht anzubauen
wäre. »Stehe mir bei, Karl,« (sagte Hiort) »denke, was du mir geschrieben: wie
zwei Ströme wollen wir uns vereinigen und miteinander wachsen und tragen und ein
trocknen205.« - So verständigten, verketteten und erhoben die drei Menschen sich
einander wechselseitig, alle hatten ein Ziel, das gemeinschaftliche Glück. -
Carlos beschwor ewigen Wider stand gegen seinen Vater, Hiort den Schutz seiner
Schwester und rief: »Endlich giesset das leere Füllhorn der Zeit, das bisher
nichts gab als Klänge, wieder Blumen aus - O die Weiber! Wie gemein und
alltäglich sind fast alle Männer! Aber fast jede Frau ist neu!« - Lächelnd sagte
Gaspard: »Das Umgekehrte sagen die Weiber von uns und sich.« - Froh und
friedlich schloss der zweite Akt.
    »Diablesse!« rief der Spanier und streckte seine Rechte hoch in die Luft.
    »Flüchtig« (fing die schwarze Dohle unter Tönen an) »ist der Mensch,
flüchtiger ist sein Glück, aber früher stirbt der Freund mit seinem Wort.«
    Der dritte Akt drang sofort nach und hob durch die ununterbrochen
Fortsetzung des Kunst-Zaubers - welche jedem Schauspiel und jedem gelesenen
Kunstwerk gebührte - alles prosaische kalte Erstaunen auf, sogar das über das
wunderbare Sprechen der Dohle auf dem See. Eine grosse schöne stolze Frau
erschien Atenais (von der Kaufmannsfrau, Roquairols Nebengeliebte, gespielt),
voll Hoffnung auf ihre alte Freundin Lilia, die sich »die kleine Atenais«
nannte, und süss nachträumend den Traum der vorigen Zeiten. Lilia sinkt in ihre
Arme mit doppelten Tränen; in ihrer Hand trägt Atenais ja drei Himmel und drei
Höllen. »Wie schön kommst du wieder! - Mein armer Bruder!« sagte Lilia leise. -
»Nenn ihn nicht,« (sagte sie stolz) »er kann für mich sterben, aber ich kann
nicht für ihn leben.« - Hier fliegt Carlos herein zu seiner Lilia - erstarrt im
Fluge - fasset sich und nähert sich Lilia. Diese sagt: »Graf Salera - Atenais«
- er wurde blass, diese rot. Eine peinliche enge Verwirrung verstrickte sie drei;
je der Honigtropfen wurde aus einer Dornhecke geholt. Lilia wird schaudernd
immer stärker Atenais' plötzlichen Sieg über ihr Glück und Lieben gewahr.
Atenais ging ab. Beide Liebenden sehen sich lange zitternd an: »Hab' ich
recht?« fragt Lilia. »Hab' ich schuld?« sagt Carlos. »Nein,« (sagt sie) »denn du
bist ein Mensch und, was noch schlimmer, ein Mann.« - »Was soll ich denn tun?«
versetzt Carlos. »Du sollst« (sagte sie feierlich) »nach einem Jahr in einen
Garten auf einer Höhe gehen und dich um sehen und mich suchen im Garten - im
Garten - unter den Beeten - tief unter einem - ich weiss nicht wie tief« - Sie
eilte wie wahnsinnig davon und sang: »Vorüber, vorüber, das Lieben und Leben!«
    Carlos stand einige Minuten mit dem wilden Blick am Boden und sagte dumpf:
»Du tusts, Gott!« und ging ab - begegnete seinem Freund, der ungestüm und froh
ausrief: »Sie ist da!« - eilte aber stolz weiter und rief nur zurück: »Jetzt
nicht, Hiort!« Zu diesem kam weinend Lilia und führte ihn fort: »Komm,« (sagte
sie) »sieh das Grabmal nicht an, wir sind beide zu unglücklich.«
    Da trat der alte Salera auf mit Atenais - vergriff-sich zwischen Eis und
Brand und nahm seine kalte Münze für warme lobte männlich sie, und väterlich den
Sohn - und sagte wie in einem Schauspiel: da kommt er selber. »Hier stell' ich
dir, Sohn,« (sagt' er) »dein Glück vor, wenn du es verdienen kannst.« Carlos
hatte Lilias Herz verloren - der Wunsch des Vaters, die Macht der Schönheit, die
Allmacht der liebenden Schönheit standen vor ihm, seine Sehnsucht und der
Gedanke der Grausamkeit gegen diese Göttin und endlich eine Welt in ihm, die so
nahe an ihrer Sonne stand, siegten über eine doppelte Treue - er sank aufs Knie
vor ihr und sagte: »Ich bin schuldlos, wenn ich glücklich bin.« - Das Paar geht
auf der einen Seite ab; Salera auf der andern und trifft auf Lilia, deren Hand
er mit den Worten nimmt: »Sie als eine Freundin meines Hauses und Sohnes nehmen
gewiss den innigsten Anteil an dem neuesten Glück desselben durch Atenais.« - So
schloss sich der dritte Akt, der Albano durch ungerechte, alles verdrehende
Anspielungen mit dem erbitterten Wunsche des Endes entflammte und füllte, bloss
um Roquairol über dieses meuchelmörderische Zücken des tragischen Dolchs zur
Rede zu stellen. »Der Patron« (sagte lachend Gaspard) »glaubt mich auch
hereinzumalen; ich wünsche aber, dass er derbere Farben nehme.«
    Ehe der vierte Akt sich anfing, hob der Spanier die Linke empor, und die
schwarze Dohle sprach sogleich: »Die Sünde straft die Sünde und den Feind der
Feind; zaumlos ist die Liebe, zaumlos auch die Rache - Seht, nun kommt der
Mensch, den sie nicht mehr lieben, und bringt seine Wunden mit und seinen Zorn.«
Hiort stand da, wie vor seinem Grab, das seinen Kopf niederzog - unendlich
weinend und trinkend - sanfte Abend-Töne der Musik verschmolzen mit dem
aufgelösten Leben; - »Ach so ists!« (rief er aus tiefer, schmerzender Brust)
»Wirf sie nur endlich weg, die zwei letzten Rosen des Lebens206 - zu viele
Bienen und Stacheln stecken in ihnen - sie ziehen dein Blut und geben dir Gift -
O wie ich liebte! Allmächtiger droben, wie ich liebte! Ach nicht dich! - Und nun
so steh' ich leer und arm und kalt, nichts, nichts ist mir geblieben, kein
einziges Herz, nicht mein eignes - das ist schon hinunter ins Grab - Der Docht
ist aus meinem Leben gezogen, und es rinnt dunkel hin - O ihr Menschen, ihr
dummen Menschen, warum glaubt ihr denn, dass es noch Liebe gebe hienieden?
Schauet mich an, ich habe keine - Wohl ein luftiges Farbenband der Liebe, ein
Regenbogen zieht sich hin und stellt sich fest herüber unter uns wankende
Wolken, als binde und trag' er sie - Spasshaft! er ist auch Wolke und lauter Fall
- anfangs glänzen bunte Freudentropfen, dann schlagen schwarze!«
    Er schwieg - ging langsam auf und ab - sah ernst einem Waffen- und
Larventanz innerer Gespenster zu - stand still - die Schatten schwarzer Taten
spielten durcheinander um ihn - plötzlich fuhr er auf, ein Wetterstrahl eines
Gedankens hatte in sein Herz geschlagen - er lief auf und ab, schrie: »Töne her,
grässliche Töne her!« - und die Hochzeitmusik aus Don Juan, die ihn bisher
begleitet hatte, erhob das Zetergeschrei des Schreckens »Göttlich!« sagte er,
und nur einzelne Worte, nur Tigerflecken erschienen verschwindend am
vorübergehenden Untier - »teuflisch! - das Rosen-Sein, das Blüten-Sein - nun ja!
- - ich wickle mich selber in die Lauwine und rolle hinunter - und dann sterb'
ich schön auf meiner Schlummerinsel«, beschloss er sanft und matt.
    »O Lilia! gewähre mir eine Bitte!« rief er der kommenden Schwester entgegen.
»Jede, die mich nicht am Sterben hindert«, sagte sie. Er legte ihr die Bitte
vor: sie sollte ihre Freundin Atenais in die »Nachtlaube« der Insel jetzt
nachts unter dem Vor wand bereden, dass ihr Bräutigam Carlos ihr zwei Geheimnisse
über Lilia noch heute zeigen wolle - »Ich habe« (setzt' er dazu) »Carlos'
Stimme' mit ihr sag' ich ihr mein liebendes Herz, und dann, wenn sie mich liebt,
nenn' ich mich Hiort.« - »Ist deine Bitte Wahrheit.« fragte die Schwester. »So
wahr ich morgen noch leben will«, sagt' er. »So ist sie bald erfüllt, denn
Atenais erwartet mich eben in der Nachtlaube - komme mir nur nach sieben
Minuten nach.« Sie ging; er sah ihr nach und sprach mit sich: »Eile, bestelle
den Himmel! Schöne Schlummerinsel, zugleich die Schlafstätte für das Brautgemach
und für den ewigen Schlaf- O wie wenige Minuten stehen zwischen mir und ihrem
Herzen!« - -
    »Du bist doch da?« sagt' er und sah nach seiner Pistole. - »Jetzt« (rief er
feierlich im Abgehen) »ists Zeit zur helldunkeln Tat, dann wird das Leichentuch
darübergeworfen« und ging schnell ins Laub hinein.
    Der Spanier warf einen Zweig ins Wasser, und die schwarze Dohle sprach
leise: »Still ist das Glück, still ist der Tod.«
    »Der Mensch« (sagte Gaspard) »hat etwas im ganzen Spiele wie wahren Ernst,
ich stehe nicht dafür, dass er sich nicht wirklich vor uns allen totschiesset.« -
»Unmöglich,« (sagte Albano erschreckend) »zu einer solchen Wirklichkeit hat er
keine Kraft«; indes vermocht' er doch sich selber nicht recht von dieser bangen
Möglichkeit loszubringen.
    Verstört, ungestüm, mit losem Haar kam Hiort zurück und sagte leise: »Es ist
geschehen. - Ich war selig - niemand wirds nach mir.« - »Bei der Gelben und
jetzt in der Nacht steh' ich für nichts«, sagte Gaspard. Albano errötete, über
die freche Vermutung verschämt und noch mehr über Roquairols Frevel erzürnt, im
Spiele die geheiligte Geliebte zu entehren und zu entführen.
    »Töne her, aber weiche, gute!« rief er und liess sich vom Zephyr der Harmonie
umwehen und trank unaufhörlich »Leichentrunk« oder Wein; beides zum Verdrusse
des Ritters, der das Trinken verabscheuete und die Musik vermied, weil diese
oder beide weich machten.
    Er legte sich auf den Rasen und die Pistole neben sich und sagte stammelnd:
»So lieg' ich denn in der warmen Asche meines aufgebrannten Lebens - und meine
kalte kommt dazu« - (Er legte seine Doppellorgnette an die Augen fest und
blickte funkelnd hinüber zu Linda) »Ich habe sie am Herzen gehabt, die göttliche
Schönheit, meine ewige Liebe; meine Tulpe, die sich nun am Abend über der Biene
schliesset, damit sie im Blumenkelche sterbe auf den Rosen meines Abends ruh' ich
und sterb' ich - Ich schaue die Holde noch selig an - Ich kann nicht bereuen -
Vergib nur, armer Carlos, ich streiche die Schuld mit Blut durch, aber mit
Buss-Tränen kann ich nicht - Sollte sich am Ufer der Ewigkeit das, was die Zeit
an diesem Ufer abspült, wieder anlegen: so hab' ichs dort schlimm, ich kann mich
dort so wenig ändern als hier.«
    Jetzt geschah in der Stadt ein Kanonenschuss, um einen Deserteur
anzukündigen. Er nahm seine Pistole in die Hand: »Ja, ja, ein Schuss bedeutet
einen Flüchtling - auch aus der Welt - O wenn hebt sich die scharfe Sichel207 am
Morgen und zerschneidet das Leben! Ich bin so müde.« Er sah nach dem
Morgenhimmel, aber ein Gewitter, das schon leise donnerte, überzog die Pforte
des Monds. Er lächelte bitter:
    »Auch diese kleine letzte Freude missgönnt mir das Geschick!
    Ich soll den Mond nicht mehr sehen - Nun, ich werde wohl höher kommen als er
und sein Gewitter - Nur werden mir meine lieben Zuschauer und Zuhörer des Todes
durch den Regen vertrieben Ja! bist du aus, so bin ich aus!« Er zeigte auf die
Flasche.
    »Wilde, grässliche Töne aus der Tiefe herauf! - Mein blutiges Brautkleid her!
Es ist Zeit, die abgehende Freude wirft einen langen, wachsenden Schatten hinter
sich.« Albano und Julienne erkannten erstarrend im kleinen Rocke, den man ihm
brachte, den mit Blut bespritzen, den er auf der Redoute getragen, wo er als
Knabe sich vor Linda ermorden wollen. »Sie sollen es auf meine kalte Brust
legen«, sagt' er, da ers von Falterle empfing. Der Donner zog näher, die Blitze
wurden glühender, und ans Gewitter wuchs eine Wolke nach der andern. Er trank
die Gläser schnell.
    »Schaden kanns mir jetzt nichts,« (sagte er) »auch der Blitz nicht
sonderlich, ob ich gleich unter Bäumen liege - in dieser Röhre steckt ein Blitz
gegen alle Blitze, ein rechter Gewitterableiter.« -
    Das eilende Wetter drängte ihn der Zuschauer wegen zum Ziel, und er wurde
zornig empört vom Spotte des Zufalls über seine teatralischen Zurüstungen.
    »Nichts ist lustiger und passender als dies Gewitter,« (sagte Gaspard)
»indes scheint ihn das Reden und Warten ziemlich zu ergötzen.« Die andern
Zuschauer wurden von der Szene gepeinigt, und doch riss sich keiner los. Den
Mitspielern war befohlen, den Schuss als das Merkwort zu nehmen und nicht früher
zu kommen.
    Er sagte: »Die Todesschlange klappert in der Nähe - dort auf der Zukunft
schwimmt die Leiche heran« - Man hörte, dass er durch einander sprach und aus dem
Stegreif, vom Gewitter gequält. Er sah die Pistole an: »Dein Aufblick! so ist
der Blick des Lebens getan und wieder unter dem Augenlid - Ein Funke, ein
einziger Funke, so ist der Teatervorhang hinaufgelodert, und ich sehe die
Zuschauer stehen, die Geister - oder auch nichts, und den weiten Äter der Welt
füllt die ewige schwere Wolke - So steh' ich denn am toten Meer der Ewigkeit, so
schwarz, still, weit, tief liegts unter mir, ein Schritt, und ich bin drinnen
und sinke ewig - Meinetwegen! Ich schwamm ja vor der Geburt auch drinnen. -
    - Nu nu« (sagt' er, indem es tröpfelte, und er nahm das letzte Glas) - »der
Regen will den armen Erkaltenden erkälten - Spielt jetzt etwas Sanftes, Schönes,
ihr guten Leute!«
    Darauf spannte er den Hahn des Gewehrs, stand auf, sagte weinend: »Lebe
wohl, schönes und hartes Leben! - Ihr paar schönen Gestirne, die ihr oben noch
niederblickt, mög' ich euch näher kommen - Du heilige Erde, du wirst noch oft
beben, aber der nicht mehr mit, der in dir schläft - Und ihr guten fernen
Menschen, die ihr mich liebtet, und ihr nahen, die ich so liebte, es geh' euch
besser als mir, und verdammt mich nicht zu hart, ich strafe mich ja selber, und
Gott richtet mich sogleich - Lebe wohl, mein lieber beleidigter, aber sehr
harter Albano, und du, du bis in den Tod heiss geliebte Linda, verzeihet mir und
beweinet mich!«
    »Liane, lebst du noch, so stehe deinem Bruder in der letzten Stunde bei und
bitte bei Gott für mich.« Hier drückte er schnell das Gewehr an der Stirne ab
und stürzte hin, einiges Blut floss aus dem zerspalteten Kopfe, und er atmete
noch einmal und dann nicht mehr.
    Bouverot flog nach seiner Rolle heraus und fing sie an: »Eben, mein lieber
Hiort, besinnt sich mein Carlos«; aber er fuhr zurück vor der Leiche, stammelte:
»Mais! - Mon dieu! il s'est tué re vera diable, il est mort - Oh qui me payera?«
208 - Linda sank ohnmächtig an Juliennens Busen, und diese stammelte: »O der
Sünder und Selbstmörder!« - Die Fürstin rief erzürnt: »Oh le traitre!«
    - Albano schrie: »Ach Karl! Karl!« und stürzte in den See und schwamm
hinüber - warf sich über die zertrümmerte Gestalt und jammerte weinend: »O hätt'
ich das gewusst! - Bruder und Schwester tot - und ich bin schuld - o! wäre ich
unglücklich geblieben - ach mein Karl, Karl, vergib - ich war nicht dein Feind -
wie er jammervoll zerworfen daliegt, der grosse Tempel!« »Sei doch ruhiger,«
(sagte Gaspard - der endlich im Kahne herübergekommen war und der mit einer
anatomischen Kälte und Neugier jede Verstümmelung ertrug - ) »er hatte auch
seine Regimentsschulden und fürchtete die Untersuchung bei einer neuen Regierung
- Jetzt kann man doch Respekt vor ihm haben, er hat seinen Charakter wirklich
durchgeführt.«
    Albano richtete sich auf und sagte in der Taubheit der Qual: »Wer sprach
das? Ihr, jammervoller Bouverot, Ihr kennt nur Schulden!« - »Monsieur le Comte!«
sagte dieser trotzig. »Ich sagt' es«, sagte Gaspard zum Sohn. -»O mein Dian,«
(rief Albano und streckte die Hand nach diesem aus, der seine weinende Chariton
selber weinend hielt) »komme du her, lass uns ihn verbinden, es kann ja helfen.«
    Zur bestürzten Fürstin, welche an ihrem Ufer blieb, trat der Kunstrat
Fraischdörfer mit den Worten, die ableiten sollten: »Von der blossen Seite der
Kunst genommen, wäre die Frage, ob man diese Situation nicht mit Effekt
entlehnte. Man müsste wie im genialischen Hamlet ein Schauspiel ins Schauspiel
flechten und in jenem den scheinbaren Tod zum wahren machen; freilich wär' es
dann nur Schein des Scheins, spielende Realität in reellem Spiel und
tausendfacher, wunderbarer Reflex! - Aber wie es jetzt regnet!« - Der Fürstin
wurde von ihrer Haltermann etwas ins Ohr gesagt - sie fuhr auf, mit Armen und
Tönen: »Oh monstre! homicide! - Mein armer, unschuldiger Gibbon! - Du Untier!« -
Den Affen-Mord hatte sie gehört und schied untröstlich.
    Auf einmal trat ins tiefe Blau der entblösste Mond, und jeder merkte ihn,
aber das Regnen vorher hatte niemand ausser Fraischdörfer wahrgenommen. Albano
sah nun die toten Augen und weissen, starren Lippen recht deutlich: »Nein, sie
regen sich nicht«, sagt' er. Da klang es wie aus Roquairols Brust und eisernem
Mund: »Seid still, ich werde gerichtet!« Und sogleich fing die Dohle als
Schluss-Chor des letzten Aktes an: »Der Arme ruht nun fest, und ihr könnt ihn
zudecken!«
    Gaspard sah seinen Bruder sehr ernst an. »Bei Gott!« (erwiderte dieser) »so
steht in seinem Stück.«
    Der ganze Sternenhimmel klärte sich auf. Die Gesellschaft fuhr nach Hause.
Albano und Dian mit Chariton blieben bei der Leiche.
 
                         Dreiunddreissigste Jobelperiode
Albano und Linda - Schoppe und das Porträt - das Wachskabinett - das Duell - das
                              Tollhaus - Leibgeber
                                   131. Zykel
Albano wollte am Tage darauf sich einkerkern, bitter weinen und büssen und sich
nicht erquicken durch den Sonnenschein der Liebe; aber er fand abends folgendes
von unbekannter Hand geschriebene Blatt auf seinem Tisch:
»Herr Graf! Man benachrichtigt Sie hiemit, dass Freitags nachts, da Sie verreiset
waren, der sel. Hauptmann R. v. Froulay Ihre Rolle bei der Gräfin Romeiro durch
alle Akte durch im Flötental gespielt. Sie müssen sich der Nebenbuhler wegen
eine andere Stimme und der Gräfin nachts Augen schaffen, wiewohl es dieser nicht
so ganz unangenehm sein mag, sich auf diese Weise öfters in Ihnen zu täuschen.
Leben Sie wohl und künftig ein wenig bescheidener!«
Bleich starrte er das Totengerippe an, das zwei Riesenhände gewaltsam aus
blühenden jugendlichen Gliedern auf einmal herausgezogen emporhielten. Aber das
Feuer der Pein schoss schnell wieder auf und erleuchtete den Jammer rings umher.
Mit schmerzlicher Gewalt, mit blutigen Armen musste sein Geist den felsenschweren
Gedanken, den Leichenstein seines Lebens hin- und herwerfen, um zu prüfen, ob er
sich einfüge in die Totengruft; - in Roquairols ganzes Spiel und Ende und Leben
griff der Jammergedanke so fassend ein - aber wieder nicht in Lindas Charakter
und in den göttlichen Augenblick, den er mit ihr in Lianens letztem Garten
zugebracht - und doch wieder sehr in ihre schnelle Versöhnung und in einzelne
Worte - und gleich wohl war vielleicht dieses vergiftete Blatt nur eine Frucht
der rachsüchtigen Fürstin, von deren Zorn über Roquairols eignen und Affen-Mord
ihm Dian erzählet hatte.
    So schmerzlich bewegte er sich auf seinen Wunden hin und her und entschloss
sich, noch diesen Abend Linda aufzusuchen, wo sie auch sei: als er von ihr
dieses Briefchen bekam:
»Komme doch diesen Abend zu mir ins Elysium; er wird gewiss heiter sein. Jetzt
lad' ich ein wie du neulich. Du sollst mich auf die schönen Berge führen, und es
soll mir genug sein, wenn du nur sehen und geniessen kannst. Julienne brauchen
wir immer weniger. Dein Vater dringt auf unsere Verbindung durch Vorschläge, die
du heute hören und wägen sollst. - Komme unausbleiblich! - In meinem Herzen
stehen noch so viele scharfe Tränen über das böse Trauerspiel. Du musst sie
verwandeln in andere, du Geliebter!
                                                                    Die Blinde.«
Er lachte über das Verwandeln; »in gefrorne eher«, sagt' er. Die heisse Liebe war
ihm ein heftiger Kuss in die Wunde. Er ging nach Lilar, dumpf, hastig, tief in
einen roten Mantel gewickelt wie gegen böses Wetter - blind und taub gegen sich
und die Welt und wie ein Mensch, der stirbt, den Augenblick erwartend, wo er
entweder vernichtet hinabraucht oder neu belebt in göttliche Welten
hineinfliegt.
    Als er Lilar betrat, verzerrte sich der Garten nicht wie neulich, sondern er
verschwand ihm bloss. Er ging nahe an einigen vermummten Leuten vorüber, die ein
Grab zu machen schienen. »Unrecht ists doch,« (sagte einer davon) »er gehört auf
den Anger wie jedes Vieh.« Albano blickte hin, sah eine bedeckte Leiche, glaubte
schaudernd, es sei der Selbstmörder, bis er den zweiten Gräber sagen hörte: »Ein
Affe, Peter, wenn er vornehm gehalten wird, in Kleidern, sieht reputierlicher
aus als mancher Mensch, und ich glaube, er stände auch wieder von Toten auf,
wenn man ihn nur ordentlich taufte.« -
    Eben da ihm der Gibbon der Fürstin, der hier begraben wurde, wieder jenen
gewittervollen Freitag vor die Seele zog: erblickte er Linda unweit des
Traumtempels am Arme einer sehenden Kammerfrau. Sie grüsste ihn, nach ihrer Weise
vor andern, nur leicht, sagte zur Frau: »Justa, bleib nur hier im Traumtempel,
ich gehe hier auf und ab.«
    Durch diese Einschränkung auf die Perspektive des Traumtempels schloss sie
jedes schöne sichtbare Zeichen der Liebe aus, und Albano kannte an ihr schon
jene stille Zufriedenheit mit der blossen Gegenwart des Geliebten so wie zuweilen
die Wildheit ihres süssen Mundes. Als er sie zitternd berührte und nahe neben
sich wiedersah: so überfiel ihn dieses Wesen voll Macht mit der ganzen
göttlichen Vergangenheit. Aber er verzögerte nicht die Frage der Hölle: »Linda,
wer war Freitag abends bei dir?« - »Niemand, Guter; wenn?« versetzte sie. - »Im
Flötental« - stammelte er. - »Mein blindes Mädchen«, antwortete sie ruhig. -
»Wer noch?« fragte er. - »Gott! dein Ton ängstigt mich« (sagte sie »Roquairol
brachte in jener Nacht den Affen um. Ist er dir begegnet?« -
    »O schrecklicher Mörder! - Mir?« (rief er) »Ich war verreiset die ganze
Nacht, ich war mit dir in keinem Flötental« - - »Sprich aus, Mensch,« (rief
Linda, ihn an beiden Händen mit Heftigkeit ergreifend) »schriebst du mir nicht
die rückgängige Reise und kamst?« »Nichts, nichts,« (sagt' er) »lauter
Höllenlüge. Das tote Ungeheuer Roquairol brauchte meine Stimme - deine Augen und
so ists - sage das übrige.« - »Jesus Maria!« schrie sie, von der Schlagflut
getroffen, worein die schwarze Wolke zerriss - und griff mit beiden Armen durch
die Laubzweige des Laubengangs und presste sie an sich und sagte bittend: »Ach
Albano, du bist gewiss bei mir gewesen.«
    »Nein, bei dem Allmächtigen nicht! - Sage das übrige«, sagt' er. »Weiche auf
ewig von mir, ich bin seine Witwe!« sagte sie feierlich. »Das bleibst du«, sagt'
er hart und rief Justa aus dem Traumtempel.
    »So lebt er fort, dein Schmerz, mein Schmerz, ich sehe dich nie mehr. Ich
will Lebewohl zu dir sagen. Sage du keines zu mir!« sagt' er. Sie schwieg, und
er ging. Justa kam, und er hörte sie noch in der Laube beten: »Lass, o Gott, mir
diese Finsternis morgen, verschone mit deinem Tageslicht die schwarze Witwe!«
Das Mädchen weckte sie auf, nahm sie an der Hand, und sie freuete sich am Arm
derselben ihrer Nachtblindheit.
    Albano ging in die Nacht. Auf einmal stand er wie hinaufgetragen auf einer
jähen Felsenspitze, unten schlug ein schäumender Strom. Er kehrte sich um und
sagte: »Du irrest dich, böser Genius; micht ekelt des Selbstmords, er ist zu
leicht und gehört für Affen-Mörder - aber es gibt etwas Besseres, und du sollst
mich begleiten.«
    Er verirrte sich - konnte den Weg zur Stadt nicht finden - glaubte wieder in
Lilar zu sein und trieb sich bange umher ohne Ausweg, bis er zuletzt ermüdet
niedergezogen in den Arm des Schlummers sank. Als er erwachte am Morgen: war er
im Prinzengarten, und die Schlummerinsel wehte mit ihren Gipfeln vor ihm. Eine
jähe Felsenspitze über einem reissenden Strom gab es in der ganzen Landschaft
nicht.
    Er sah den Himmel an und den Tag und sein Herz. »Ja, so ist denn das Leben
und die Liebe!« (sagt' er) »Ein gutes, rechtes Feuerwerk, besonders wenn man
eine Linda durch viele Zurüstungen haben soll! Lange steht es da mit einem
bunten hohen Schaugerüst, voll Statuen, mit kleinern Gebäuden, Säulen und
wunderlich und verspricht noch mehr, als es schon verkleidet und verrät - Dann
kommt die Nacht in Ischia, ein Funke springt, die Formen reissen, es schweben
weisse, helle Paläste und Pyramiden und eine hängende Sonnenstadt am Himmel - in
der Nachtluft entfaltet sich gewaltig eine rege fliegende Welt zwischen den
Sternen und füllt das Auge und das arme Herz, und der glückliche Geist, selber
ein Feuer zwischen Himmel und Erde, schwebt mit - - einen ganzen Augenblick
lang, dann wirds wieder Nacht und Wüste, und am Morgen steht das Gerüst da, dumm
und schwarz.« -
 
                                   132. Zykel
»Krieg« - dies Wort allein gab Albano Frieden; Wissenschaft und Dichtkunst
steckten ihm ihre Blumen nur in seine tiefen Wunden. Er rüstete sich zur Reise
nach Frankreich. Nur etwas verschob noch den Aufbruch, Schoppens Ausbleiben, den
er mit seinen Rätseln erwarten musste und womöglich mit entführen wollte. Er
hielt sich den ganzen Tag in Wäldern auf, um seinen Vater und Juliennen und
jedem zu entgehen. Lindas unglückliche Nacht wurde tief in seine Brust
hinabgesenkt, und nur er allein sah hinunter, kein Fremder. Er wünschte, dass sie
selber gegen Julienne schweige, weil diese nach ihren frommen weiblichen
Ordensregeln hiegegen keine Nachsicht kannte. In seiner Seele hatte jetzt die
erste eifersüchtige Aufbrausung einem schmerzlichen Mitleiden mit der betrognen
Linda, deren heiliger Tempel ausgeraubt dastand, Platz gemacht. Was ihn
unleidlich schmerzte, war das Gefühl der Demütigung, mit welchem die schöne
Stolze nun, wie er glaubte, an ihn denken musste, und das er bei seiner jetzigen
bittern Verachtung Roquairols desto stärker annahm. »Nie, nie, wenn sie auch
meine Schwester würde, dürfen wir uns mehr erblicken; ich kann sie wohl blutend
vor mir sehen, aber nicht gebeugt«, sagt' er sich. Zuweilen überfiel ihn ein
kalter Grimm gegen das Verhängnis, das immer mit einem schnellen Wirbelwind
zwischen seine Umarmungen fuhr und alles auseinanderdrängte bald ein Zorn gegen
Linda, die nicht wie eine Liane gehandelt hatte und die den Irrtum der
Verwechslung durch ihren Grundsatz, der Liebe alles zu vergeben, selber mit;
verschuldete - bald inniges Mitleiden, da sie ohne alle geistige Ähnlichkeiten
nicht hätte verwechseln können, wie ihm das heimliche Gericht des Gewissens
sagte, und da sie nun allein dafür büsste, dass sie ihm, ihm sich opfern wollte.
    Unaussprechlich hasste er den toten Verführer, weil durch seine Tat sein Tod
nur zu einer feigen Flucht geworden war. Den armen Deserteur, dessen Entwischen
unter dem Trauerspiel laut geworden, sah er gefangen vor sich vorüberführen;
aber der Hauptmann desselben war auf immer der Rache entronnen. Nach einigen
Tagen wurden ihm Papiere von dem Toten zugestellt; aber er sah sie voll Abscheu
nicht an. Sie entielten Rechtfertigungen und zugleich Nach-Sünden. Roquairol
hatte nach der Freuden-Nacht den ganzen Morgen im Prinzengarten schreibend
verlebt, um die Erinnerung zu kolorieren, die allein ihn, schrieb er, belohnet
und beredet habe, dass er nicht schon in der Nacht den fünften Lebens-Akt
ausgespielt.
    Der Lektor gab in Albanos Abwesenheit kleine Briefe von Juliennen ab, worin
sie ihn um seine Erscheinung bat und ihm Ort und Zeit im Schloss bestimmte, wohin
sie aus Lilar gezogen war. Er kam nicht. Sein Vater schien sich nichts um ihn zu
bekümmern. Zuweilen kam ihm vor, als wenn ferne Spür-Menschen ihn in weiten
Kreisen umschlichen.
    Einst stand er abends noch unten an einem Waldhügel, als er oben einen
herausschreitenden Wolf erblickte - der Wolf sah ihn, sprang zu ihm herunter und
wurde Schoppes Wolfhund - bald trat oben sein Freund selber mit einem alten
Manne aus den Bäumen heraus erblickte ihn, gab dem Manne schnell Geld und ging
langsamer zu ihm herunter als er zu ihm hinauf. »Ei, einen guten Abend, Albano«,
sagte Schoppe mit der alten Kälte, womit er sprach, wenn er nicht schrieb, und
lächelte dabei, aber mit so vielen Linien, dass er Albano ganz fremd erschien.
Albano presste ihn heftig ans Herz und verwandelte die heissen Worte, die jener
nicht liebte, in heisse Tränen. Es war ein alter Stern aus dem Frühlingsmorgen,
wo seine Liane noch lebte und liebte; er ging ihm unter an einem Grabe in jener
Reise-Nacht; jetzt ging er auf, und Albano war wieder unglücklich.
    Schoppe besah mit sichtbarem Wohlbehagen Albanos gereifte Gestalt und zog
gleichsam dessen schimmernde Flügel auseinander: »Du hast dich« (sagt' er)
»recht gut gestreckt und angefärbt - hast Mai und August auf einem Ast, wie ein
Pomeranzenbaum.« Albano hatte keine Freude darüber: »Erzähle mir nur dein Leben,
mein Bruder«, sagte er. - »Ich dächte, du erst deines, ich bin müde bis zur
Dummheit«, sagte Schoppe, indem er sich setzte und seine Jagdtasche
aufschnallte. »Künftig!« (versetzte Albano) - »Was du brauchst, will ich dir
sagen - ich bekam deine Briefe - ich liebte wirklich die Bewusste - ein Unglück
trennte uns - ich bin unschuldig, und sie ist gross - o Gott, sei heute damit
zufrieden!«
    Nie konnt' er seinen Freunden Schmerzen klagen; noch weniger jetzt das
Unglück einer Geliebten entblössen. »Noch länger,« (versetzte Schoppe) »nur sage,
setzt es neues Elend, wenn ich die Beweise für eure Schwester- und Bruderschaft
aus Spanien mitbringe und auspacke?« - »Nein,« (sagte Albano) »ich brauche über
keine Vergangenheit zu erschrecken.« - »Du gehst noch nach Frankreich?« fragte
Schoppe. »Morgen, wenn du mitgehst«, versetzte Albano.
    »Allerdings als deine Feldpredigerei - Nicht aus Mangel an Kunstgeist, wie
du aus Rom schreibst, sondern aus Überfluss daran gehst du unter die Soldaten.
Ich säh' es gern, wenn du bedächtest, dass auch Dante, Cäsar, Cervantes, Horaz
vorher dienten, eh sie kostbar schrieben - nur Studenten kehrens um und dichten
etwas Kurzes und Gutes und nehmen später Dienste. - Auf meine Reise zu kommen,
so kostets mich schon viel, nämlich Zeit, wenn ich dir erzähle, dass ich deinen
närrischen Oheim mit einem Wagen Gepäck im Neste Ondres andertalb Posten von
Bayonne ertappte. Ich gestand ihm, ich ginge nach Valencia, um die dasigen
Seidenstrumpfwürkerstühle zu zergliedern, meinen Tropfen Eis und eine
Westentasche voll Valenz-Mandeln da bei zu geniessen und die wenigen Professoren
zu besuchen, die bessere Kompendien für 3000 Realen geliefert209. Er komme vor
mir gewiss an, sagt' er. Wir bestellten uns in einen Gastof in Valencia. Mir war
an ihm gelegen, da er mich am leichtesten einführen konnte in Romeiros Haus.
Aber ich passte da 14 Tage um sonst auf ihn. - Bei dem Haushofmeister fand ich
kein Gehör, ob ich ihm gleich seinen dummen Schatten fünfmal mit der Bitte
ausschnitt, einem reisenden Maler das Bilderkabinett aufzusperren, wo ich das
mütterliche Bild der Gräfin suchte.
    Jetzt war ich halb und halb entschlossen, schwanger zu werden und in diesem
Habit alles für meine Sehnsucht zu fordern, was selber der spanische König
keiner Schwangern abschlägt210. In Italien hat man das Kind auf dem Arm, um zu
erbitten; in Spanien brauchts diese Sichtbarkeit nicht einmal. Aber zum Glück
kam der Oheim. Die Bilderkabinettstür wurde aufgetan. Ich machte mich ans
Kopieren - eines dummen Küchenstücks - und schauete überall nach meinem
Insel-Porträt. Aber nichts war zu sehen« - (Hier zog er ein hölzernes Futteral
aus der Jagdtasche und legt' es vor sich und fuhr fort:) »bis ichs sah zuletzt -
ein Bild lehnte auf der Diele an der Wand, mir die Winter- und Hinterseite
zuweisend - - es war mein Pinsel-Kind, und seine Zurücksetzung ging mich an -
vedriesslich und ruhig steckt' ichs bei und schnappte im Küchenstück mitten in
einem halben Iltis ab - - Sieh das Bildnis an!«
    Er zog den Futteral-Deckel davon ab - und Linda strahlte seinen Freund mit
einem Strom von Geist und Reizen an, nur in ältere Tracht gehüllt. Albano konnte
kaum stammeln vor Bewegung: »Das wäre meines Vaters Gemahlin und meine teuere
Mutter? Und du weisst gewiss, dass dieses hier das Bild ist, das du auf Isola bella
von ihr gemacht?« -
    »Eben tu' ichs dar!« (sagte er und scheuerte an einer Rose des Bildes auf
der Stelle des Herzens) »Mein damaliger Paphos-Name Löwenskiold steckt sub rosa
und wird gleich vorkommen. Hätt' ich ihn schon unterwegs aufgekratzt, so hättet
ihr geglaubt, ich hätte mich erst unterwegs hineingeschrieben.« - Wie vor einer
schreibenden Geisterhand schauderte Albano zurück, als wirklich ein L und ö
unter der Rose vortraten: »Weiter schab' ich« (sagte Schoppe) »nicht vor, das
übrige heb' ich Ihr auf.« Albano goss nun vor seinem biedern Herzenfreund sein
Herz aus; ihm durft' er sagen und einwenden, dass Julienne seine Schwester sei -
»wogegen ich gar nichts habe«, sagte Schoppe - und dass Gaspard eine künftige
Heirat zwischen ihm und Linda genehmigt habe; »es ist kein Ausweg,« (setzt' er
dazu) »ist sie seine Tochter, so bin ich nicht sein Sohn - ich kann sein
heiliges Ehrenwort unmöglich zur Lüge machen - und Gott! in welchen ungeheueren
Lasterpfuhl müsste man dann schauen!« - »Anlangend das Wort und den Pfuhl,«
(sagte Schoppe ganz kalt) »so lassen sich, wie wohl ich überflüssig doch mit
deinem Vater vorher aus der Sache spreche und vorher mit der Gräfin,
wahrscheinliche Beweise führen, dass der Kahlkopf, der, wie er mir selber
berichtete, deines Vaters Messhelfer, Braut-und Bärenführer gewesen, kein Mann
von den frischesten Sitten war, sondern dass er - obwohl sonst in viele Sättel
gerecht, den moralischen ausgenommen - seine Stunden und Jahrhunderte hatte, wo
er als ein solcher Hund und Strauchdieb handelte, dass mein Hund da ein
Monatsheiliger gegen ihn ist und ein Kirchenvater. Ich hätt' ihm nur das
Lebenslicht nicht ausblasen sollen, das freilich mehr stank als glomm.«
    Albano konnt' ihm seinen Schauder über die Tat nicht verhehlen. »Ich kann
nichts bereuen, höre«, sagte Schoppe und berichtete dieses: »Schon in Valencia
erzählte mir dein Oheim, dass er in Madrid einen Kerl so und so - ganz wie der
Kahlkopf angetroffen, der ein Wachsfigurenkabinett von lauter Tollen anführe und
herumzeige; oft spreche das ganze Kabinett, und er sitze selber mit darin als
Wachs und helfe reden - Dein aber gläubiger Oheim warb und lieh ihm Geister dazu
und machte böse und fürchterliche Sachen daraus.
    Einst in einer Posada hört' ich im Schlafzimmer neben dem meinigen allerlei
Stimmen durcheinander murmeln und sagen: Schoppe kommt auch zu uns. Ich stand
auf, das fremde Zimmer war zugeschlossen. Ich hör' es wieder, das teuflische:
Schoppe kommt auch herein. Meine Stube hatte einen Erker, aus dem konnt' ich
durch das nahe Fenster in die Murmel-Stube bei dem Mondlicht sehen. In Graus und
kraus sass sämtliches Wachs drinnen und liess sich hören, der wächserne Kahlkopf
mitten darunter; ich suchte aber den lebendigen auf. Die Wachs-Bestien wechseln
gegeneinander ihre fixen Ideen aus, und mich wechseln sie ein Dort guckt unser
Ehrenmitglied herein, sagte der Wachs-Kahle. - Bei Gott! ich muss kurz sein, mir
brennt das Blut wieder durchs Herz. Ich wüte, hole Geschoss und ersuche Gott um
ein verträgliches Gemüt, das nachgibt. Zum Unglück merk' ich hinten in einer
mondleeren Ecke neben einem Vater des To! des und einer Schwangern von Wachs
einen schwarzen Mantel, der sich regt und aus welchem der lebendige Tongeber,
der Kahlkopf, guckt. Schwarzer Bauchsprachmeister, (rief ich) schweige um Gottes
Willen, ich seh' dich dort hinten und schiesse hinein. Ich hielts für
Bauchsprache.
    Jetzt fing erst das Tollhaus recht an, ich hörte es lachen - mich
hineinrufen und einen Kameraden und Klubisten mich betiteln Präses, (sagt' ich)
ich bin bekanntlich ein Mensch und seh' dich ganz deutlich - Es half nichts, der
wächserne Kahlkopf versetzte vielmehr: Dort sitzt ja Bruder Schoppe schon, und
ich sah wirklich auch mich bossiert und poussiert alldort. - Hier ist er auch zu
haben, rief ich grimmig und schoss auf den Logenmeister hin, der blutend
umstürzte.
    Ich machte mich in dieser Stunde davon. - Dem Oheim kam ich später in den
Wurf für kurze Zeit; er scheuet Tolle und wollte mich aus Furcht, ich schlage
selber dahinein, nicht lange haben. Er befragte mich, ob mir der
Wachsfiguren-Direktor des fahren den Tollhauses aufgestossen; ich konnt' ihm nur
wenig anvertrauen - behalt es allein.« - »Du bist ein wilder, treuer Mensch,«
(sagte Albano mit so innigem Wunsch, ihn zu umarmen) »du tust viel für andere
und bist doch viel für dich. Ich kann dich nun nicht mehr lassen. Meine vorige
Lebens-Insel mit allen Blumen steht tief unter Wasser; und ich muss mich ins
unendliche Weltmeer werfen; gib mir deine Hand und schwimme mit. Wir reisen
morgen nach Frankreich!« -
    »Morgen?« (sagte Schoppe) »Jawohl! so geh' ich heute abends zur Gräfin und
dann zu Don Cesara.« - »Sag ihr,« (bat Albano) »dass ich sie auch als Bruder,
wenn ichs würde, nicht besuche, nicht aus Kälte, sondern weil ich ihr grosses
Gemüt verehre, sag ihrs - und Gott helfe dir.« Albano wollte gehen und ihn
allein ins nahe Lilar wandern lassen. »Nein, begleitet mich, mein Herr,« (sagte
Schoppe ungestüm »ich habe den alten Kerl abgedankt droben im Wald durch
redliche Auszahlung des Geleite-Geldes - und wäre jetzt allein vis-à-vis de
moi.« - »Ich versteh' dich nicht,«
    (sagte Albano) »wovor scheuest du dich?« - »Albano,« (sagte er leise und
wichtig, und seine sonst geraden Blicke schlugen scheu seitwärts, und seinen
lächelnden Mund umzingelten unzählige grosse Faltenkreise) »der Ich könnte
kommen, ja, ja!«
    Verwundert und fragend, wer das sei, blickte ihm Albano ins Gesicht.
»Verflucht,« (sagte Schoppe) »ich errate Euch ganz gut Ihr haltet mich nicht für
achtels so vernünftig als Euch selber, sondern für toll. Wolf, komm herauf! Du
Bestie warst häufig auf einsamen Wegen und Stegen mein Schirmvogt und
Teufelsbanner gegen den Ich. - Herr, wer Fichten und seinen Generalvikar und
Gehirndiener Schelling so oft aus Spass gelesen wie ich, der macht endlich Ernst
genug daraus. Das Ich setzt Sich und den Ich samt jenem Rest, den mehrere die
Welt nennen. Wenn Philosophen etwas, z.B. eine Idee oder sich aus sich ableiten,
so leiten sie, ist sonst was an ihnen, das restierende Universum auch so ab, sie
sind ganz jener betrunkne Kerl, der sein Wasser in einen Springbrunnen
hineinliess und die ganze Nacht davor stehen blieb, weil er kein Aufhören hörte
und mitin alles, was er fort vernahm, auf seine Rechnung schrieb - Das Ich
denkt Sich, es ist also Ob-Subjekt und zugleich der Lagerplatz von beiden -
    Sapperment, es gibt ein empirisches und ein reines Ich - die letzte Phrasis,
die der wahnsinnige Swift nach Sheridan und Oxford kurz vor seinem Tode sagte,
hiess: ich bin ich - Philosophisch genug!« -
    »Und was schliesst du Furchtbares aus allem?« sagte Albano mit innigster
Trauer. »Alles kann ich leiden,« (sagte Schoppe) »nur nicht den Mich, den
reinen, intellektuellen Mich, den Gott der Götter - Wie oft hab' ich nicht schon
meinen Namen verändert wie mein Namens- und Taten-Vetter Scioppins oder Schoppe
und wurde jährlich ein anderer, aber noch setzt mir der reine Ich merkbar nach.
Man sieht das am besten auf Reisen, wenn man seine Beine anschauet und sie
schreiten sieht und hört und dann fragt: wer marschiert doch da unten so mit? -
Ewig redet er ja mit mir; sollt' er einmal leibhaftig vor mir auffahren: dann
wär' ich nicht der letzte, der schwach würde und totenblass. Freilich braucht
kein Hund Zahnpulver. Aber Kinder sollte man schminken, es stände und ginge. Ich
für meinen Teil beobachte das Zeitalter so so und lächle' weil ich nichts sage;
man bricht Menschen wie Servietten auf Tellern in schönste, vielste Formen, zu
Schlafmützen, zu Pyramiden, zu Kreuzschnäbeln, Sapperment, Albano, zu was denn
nicht? Aber die Folge, Bruder? - O Himmel, die Folge? Ich sage nichts,
verflucht, ich bin mausstill wie wenige - aber Zeiten können kommen, wo etwa ein
Herr anmerkt, Menschen und Musiknoten, Musiknoten und Menschen, kurz und gut und
schlecht, bald ist bei beiden der Kopf oben, bald der Schwanz, wenns nämlich
schnell gehen soll. Das sind Gleichnisse, ich weiss wohl, Bester, aber die Bäcker
kündigen das weiche Gebäck durch steinernes oder tönernes im Laden an, Menschen
indes ihre härtesten Sachen, worunter das Herz gehört, durch ihre weichsten,
wozu Worte gehören.«
    Stumm auf diese Ströme führte Albano ihn an der Hand nach Lilar vor Lindas
Wohnung. Alles war an dieser ohne Licht und schwarz. »Sprich droben sanft dein
Wort, mein Schoppe, und morgen ziehen wir weiter!« sagte sehr leise unten Albano
scheidend und liess ihn ins finstere Trauerschloss allein hinaufgehen. - »Welch
eine Gegenwart!« sagte Albano auf dem Rückweg durch den Garten.
                                   133. Zykel
Lange erwartete Albano seinen Freund am andern Tag, niemand erschien, kein
Mensch wusste von ihm. Am zweiten Morgen lief das Gerücht, die Gräfin sei in der
Nacht und Gaspard am Morgen abgereiset. »Hat Schoppe beide durch Wahrheit
fortgetrieben?« fragt' er sich verlassen und allein. Vergeblich spürte er
Schoppe mehrere Tage nach; nicht einmal gesehen war er worden. »Auch du, lieber
Schoppe!« sagt' er und schauderte über die Grausamkeit des Schicksals gegen
sich. Als er so über sich und die stille dunkle Wüste seines Lebens hinsah: so
war ihm auf einmal, als würde sein Leben plötzlich erleuchtet und ein
Sonnenblick fiele auf den ganzen Wasserspiegel der verflossenen dunkeln Zeit; es
sprach in ihm: »Was ist denn da gewesen? Menschen - Träume - blaue Tage -
schwarze Nächte - ohne mich her geflogen, ohne mich fortgeflogen, wie fliegender
Sommer, den die Menschenhand weder spinnen noch befestigen kann. Was ist
dageblieben? Ein weites Weh über das ganze Herz - aber das Herz auch - Es ist
freilich leer, aber fest - unzerrüttet - heiss - Die Geliebten sind verloren,
nicht die Liebe, die Blüten sind her unter, nicht die Zweige - Ich will ja noch,
wünsche noch, die Vergangenheit hat mir die Zukunft nicht gestohlen - - Noch
hab' ich die Arme zum Umfassen, und die Hand, um sie ans Schwert zu legen, und
das Auge zum Schauen der Welt - - Aber was untergegangen ist, wird wieder kommen
und wieder fliehen, und nur das wird dir treu bleiben, was verlassen wird, - du
allein. -
    Freiheit ist die frohe Ewigkeit, Unglück für den Sklaven ist Feuersbrunst im
Kerker - - Nein, ich will sein, nicht halben. Wie, kann der heilige Sturm der
Töne nur ein Stäubchen rücken, indes die roh' bewegte Luft Aschenberge versetzt?
Nur wo gleiche Töne und Saiten und Herzen wohnen, da bewegen sie sanft und
ungesehen. So klinge nur fort, frommes Saitenspiel des Herzens, aber wolle
nichts ändern an der rohen, schweren Welt, die nur den Winden gehört und
gehorcht, nicht den Tönen.«
    Hier fand ihn der Lektor Augusti, der mündlich von der Prinzessin Julienne
inständige Bitten brachte, mit ihm in Gaspards Zimmer zu gehen, wo sie ihm die
wichtigsten Worte über Schoppen zu sagen habe. Er ging leicht mit; über das
bedeckte Schicksal seines Schoppe erwartete er am ersten bei ihr Aufschluss; auch
sah er aus der kühnen Wahl des Boten, wie wichtig der armen Schwester seine
Erscheinung sei.
    In Gaspards Zimmer verliess ihn Augusti schnell, um ihn anzukündigen und -
allein zu lassen. In seinem Leben ging jetzt ein langer Donner; kam er vom
Himmel, von einem Strome, oder nur von einer Mühle, das wusst' er noch nicht.
Julienne stürzte weinend herein, konnte nicht sprechen vor heftigem Herzen: »Du
gehst fort?« fragte sie. »Ja!« sagt' er und bat sie sehr, weniger heftig zu
sein; denn er wusste, wie leicht ihn fremder Ungestüm ansteckte, da er ohne Zorn
nicht einmal lange Schach spielen oder fechten konnte. Sie flehte ihn noch
heftiger, nur zu bleiben, bis Gaspard wiederkomme. - »Kommt er wieder?« fragte
Albano. »Wie anders? Aber die Unwürdige nicht«, sagte sie. - »Julienne,«
(versetzt' er ernst) »o sei nicht so hart gegen sie wie das Schicksal und lasse
mich schweigen!« - »Ich hasse jetzt alle Männer und dich auch« (sagte sie)- »Das
kommt aus poetischen Gemütern heraus. - O welche rechtschaffene Braut hätte sich
so leicht von einem solchen Selbstmörder verblenden lassen, welche? - Aber ich
sehe, du weisst nicht alles.« - »Dients aber zu was?« fragte er. -
    Sie fing, verwundert über diese Frage, ohne Antwort die Erzählung an.
    Am Tage, wo Albano Schoppen gefunden, wollte Julienne ihre Freundin Linda,
die sie seit dem Abende des Trauerspiels nicht gesehen, wieder besuchen. Alle
Zimmer in Lilar waren dicht verhangen gegen den Tag. Julienne fand sie in der
Finsternis sitzend, mit niedergesenkten, halboffnen Augen, äusserlich sehr ruhig.
Nur in langen Zwischenräumen fiel eine kleine Träne aus den Augen heraus. Der
reissende Strom ging hoch über die Räder ihres Lebens, und sie standen tief unten
ihm still. »Bist du es, Julienne?« (sagte sie sanft) »Verzeih die Finsternis;
Nacht ist für meine Augen jetzt Grün. Es tut mir weh, etwas zu sehen.« Die
Brautfackel ihres Daseins war ausgelöscht, nun wollte sie Nacht zur Nacht.
    Julienne tat bange Fragen der Verwunderung; sie gab keine Antwort darauf.
»Ists ein Unglück zwischen dir und meinem Bruder?« fragte Julienne, in welcher
die Verwandtschaft immer wärmer sorgte als die Freundschaft. »Erwarte nur den
Ritter,« (antwortete sie) »ich hab' ihn herbitten lassen.«
    Er trat eben herein. Sie bat ihn, sich in diese kurze Nacht zu fügen. Nach
einigem Schweigen stand sie stolz vom Stuhle auf, die schwarzgekleidete lange
Gestalt hob vor dem Ritter, den sie nicht sah, die grossen Augen gen Himmel, ihr
stolzes Leben, bis jetzt ins Leichentuch gewickelt, schlug das Tuch zurück und
stand blühend von Toten auf, und sie redete den Ritter an: »Verehrter Gaspard,
Sie versprachen es mir, so wie auch mein Vater, dass dieser an meinem
Hochzeitstage mir erscheinen werde. Der Tag ist vorbei. - Ich bin eine Witwe.
Nun erschein' er mir.«
    Hier unterbrach sie der Ritter: »Vorbei? - O, ganz recht! Ist er denn etwas
Gescheuteres und Sittlicheres als ein Mensch?« - und spottete wider seine Weise
zornig-aufglühend, weil er glaubte, von Albano, dem er so lange vertrauet, sei
die Rede.
    »Sie verkennen mich,« (sagte Linda) »ich spreche von einem Verstorbenen.«
Vor Julienne fuhr plötzlich Roquairols Schatte, ferne Anklänge der Fürstin
hatten ihn eingeläutet: »Allmächtiger Gott,« (schrie sie auf) »des verfluchten
Selbstmörders Spiel hat Wahrheit?« - »Er spielte, was geschah« (sagte Linda
ruhig) - »Wir brechen ab. Ich reise. Ich verlange nichts als meinen Vater.« -
    Hier hielt Gaspard den von Starrsucht versteinerten Arm, wie von einem
gezückten Dolch bewaffnet, gegen die Gräfin - die Finsternis machte die
Erscheinung schwärzer und wilder - aber er brach das Eis des Todes wieder mit
kalten Händen entzwei und bewegte sich und antwortete mit gelähmter Zunge:
»Teufel und Gott! Der Vater ist da! - Der wird alles so nehmen - wie es ist Weiss
Ers?« - »Wer?« fragte Linda. - »Und was beschloss Er?
    Himmel! Albano nämlich.« - Gaspard hatte in der Leidenschaft zugleich
Cromwells Blödsinn der Zunge und dessen Schlausinn der Taten; und blieb daher
jeder Aufwallung, sogar der lieben den, so gram und fern wie »der Dummheit, die
ihm« (wie er sagte) »noch viel verhasster sei als das gerade Laster«.
    »Ich weiss nicht« (sagte Linda)- »Ich gehöre allein dem Toten an, der zweimal
für mich gestorben ist. Sagt das meinem Vater. O ich wär' ihm längst
nachgefolgt, dem Ungeheuren, ins tiefe Reich; ich stände nicht hier vor dem
kalten bösen Tadel oder der christlichen Verwunderung, da es noch Dolche gegen
das Leben gibt! - Aber ich bin Mutter, und darum leb' ich!«
    »Noch diesen Abend seh' ich Sie wieder«, sagte Gaspard gefasset und eilte
hinweg. »Ich glaube, liebe Julienne,« (sagte Linda) »jetzt verstehen wir uns
nicht mehr so recht, wenigstens nicht bis zum höchsten Punkte, so wie wir früher
über Ihre belle-soeur differierten und Sie an ihr die Koketterie, ich aber
gerade die Prüderie gross und unsittlich fand.« - »Das ist wohl wahr,« (sagte
Julienne kalt) »Sie sind so wahrhaftig poetisch, ich bin so prosaisch und
altfromm. Ein Ungeheuer darum zu lieben, weil es mich so grausam betrügt wie
seine Regimentskasse, oder weil es sich genialisch so viele Freiheit lässet als
seinem Regimente, oder weil es nach seinem Tode noch Rollen für die übrigen
Schauspieler nachlässet oder Briefe an mich Betrogene« - - »Tat er das?« fragte
Albano. - »Sie pries es sogar als genialisch an ihm« (versetzte Julienne) -
»Einen solchen zu lieben, sagt' ich, oder solche Leute, die ihn lieben, dazu
find' ich in mir kein Herz. Leben Sie denn so wohl, als es gehen mag.« Linda
antwortete: »Ich hasse alle Wünsche«; gab ihr die Hand, drückte sie nicht,
schwieg still und sah in ihre Nacht. Sie wusste wenig vom leichten und schlaffen
Abschied der verlornen Freundin.
    Noch in derselben Nacht reisete Linda, nachdem sie ganz allein lange mit dem
Ritter gesprochen, in einem Wagen ohne Fackeln, in ihre Schleier gehüllt, ganz
einsam ab, und niemand wusste, ob sie geweinet oder nicht.
    Als Albano seine Schwester ausgehört hatte, sagte er mit sanfter, bewegter
Stimme: »Schliesse Frieden mit der Vergangenheit, sie kann der Mensch nicht
stürmen. Der grossen Unglücklichen lasse die Nacht, in die sie selber
hineingezogen ist. - Weswegen wolltest du mich aber so eifrig zu dir haben?
Besonders weisst du etwas von meinem Schoppe, so fleh' ich darum.« - »Ich
antworte dir,« (sagte sie weinend und verwundert) »aber Bruder, beteuere, dass
deine Stille nicht wieder der Vorhang eines neuen Unglücks ist - Ich kenn' euch
Männer darin, man sollt' euch alle hassen, und ich tu' es auch.« - »Ich habe
nichts Trübes vor, vor Gott bezeug' ichs. Ihr Weiber, die ihr euere Hölle erst
ausgiessen wollt mit Tränen und ausblasen mit Seufzern, begreift nicht, dass oft
eine einzige Stunde Denken dem Manne einen Stab oder Flügel geben kann, der ihn
auf einmal aus der Hölle hebt, und dann mag sie fortbrennen.« - »So zeige mir«
(sagte sie weinerlich-komisch) »deinen Flügel.« - »Dass ich« (versetzt' er)
»nicht auf Menschen baue, sondern auf den Gott in mir und über mir. Der fremde
Efeu geht um uns herum, an uns herauf, steht als ein zweiter Gipfel neben
unserem, und der ist dadurch verdorrt. Die Geister sollen nebeneinander, nicht
aufeinander wachsen. Wir sollten lieben wie Gott, als Unvergängliche die
Vergänglichen.« -
    »Recht gut,« (sagte sie) »wenns dir nur Ruhe schafft. Was deinen armen
Schoppe betrifft, so ist er zur Strafe ins Tollhaus gesteckt, aber hör erst
ordentlich. Er kramte ein Märchen von einer zweiten Schwester von dir bei deinem
ohnehin durch so vieles gereizten Vater aus. Man konnt' ihm diese neue
Verstandes-Verwirrung hingehen lassen; aber dein Oheim wurde gerufen, der ihm
ins Gesicht sagte, er habe den Kahlkopf ermordet; und ihm wurde stolz die Wahl
zwischen Gefängnis und Irrhaus gelassen; so begab er sich in dieses. Bleibe,
bleibe! Das Wichtigste kommt.
    Wie ich auch von ihm denke, ich sehe, er ist dein redlicher Freund; und frei
heraus zu reden, sogar Linda legte noch vor der Abreise eine Vorbitte im letzten
Blatte an mich für ihn ein. Nicht bloss die närrische Reise nach Spanien macht'
er für dich, auch deine Kur; vielleicht bist du ihm das Leben schuldig. Mich
wundert, dass ich oder irgend jemand es dir noch nicht gesagt.«
    Sie fing nun an mit Idoinens mildtätigem festen Charakter, mit ihrem
Arkadien und mit dem letzten Tage, da sie bei ihr gelebt und ihr in die helle
Seele geblickt. Sie kam dann an sein Fieber- und Trauerbette neben Lianens Bahre
und auf des alten Schoppe Reden und Laufen und auf seinen schönen Sieg, da er
die verklärte Liane endlich in Idoinens Gestalt vor sein Auge gebracht, damit
sie das Heil-Wort sage: habe Frieden!
    Jetzt war er in Sturm und Julienne in Frieden: »Darum« (fuhr sie fort)
»halt' ichs für Pflicht, mich deines Freundes ein wenig anzunehmen. Der arme
Teufel ist unschuldig - durch Gewissensbisse und selber durch seinen jetzigen
Ort kann er das, was er von Verstand noch hat, vollends verlieren - ganz
unschuldig, sag' ich; denn dein Oheim, den ich längst hasse und der nur erst vor
kurzem, aber vergeblich versuchte, meinem kranken Bruder geistermässig und
mordmässig zu erscheinen - er hätt' es auch bei Lianen wohl getan, wenn sie es
erlebt hätte -, dieser Mensch ist - warum darf ichs nicht ruchbar machen, da
sich alles geändert und umgeworfen - eine und eben dieselbe Person mit dem
Kahlkopf und ein Bauchredner - Bruder!?«
    Aber Albano war ihr schon entflogen.
 
                                   134. Zykel
Albano wollte seinen Freund früher befreien als rächen; daher wollte er erst zu
Schoppe eilen und dann zum Oheim. Aber als er an des letztern erleuchteten
Zimmern vorüberging, erfasste ihn ein plötzlicher Zorn, und er musste hinauf. Der
lange, hagere Oheim ging dem aufgebrachten Jüngling mit der Dohle auf der Hand
langsam entgegen. Albano warf ihm ohne Umstände seine Doppel-Rolle, sein
himmelschreiendes Zerstören Schoppens und die Blendwerke gegen ihn selber mit
Flammenaugen vor und forderte Antwort und Rache. »Ja, ja,« (sagte der Spanier,
seine Diablesse streichelnd) »ich habe die Pistolen - ich habe keine Zeit, keine
Zeit zum Reden.« - »Sie müssen sie haben«, sagte Albano. »Ich habe keine deo
patre et filio et spiritu sancto testibus; es ist bald zwischen 11 und 12, und
der Finstere steht hier.« - »Himmel! wozu diese einfältige tragische Szenerie? O
Gott, ist es denn nicht möglich, dass Ihr einmal Mensch seid,« (sagte Albano, mit
Grausen in seine Gesichtshaut blickend, die durchaus nicht freudig und nicht
liebend aussehen konnte) »dass Ihr erschrecken, erröten, bereuen, Euch erfreuen
könnt? - Was wussten Sie von meinem Schoppe, da Sie sich einst im Keller bei
Ratto als Kahlkopf anstellten, als wüssten Sie eine fürchterliche Tat von ihm?« -
    »Niemand braucht etwas zu wissen,« (versetzt' er) »man sagt zum Menschen:
ich kenne deine verruchte Tat, der Mensch denkt zurück, er findet so eine.« -
»Aber was hatt' er Ihnen getan?« fragte Albano erschüttert. Er versetzte
trocken: »Er hat zu mir gesagt: du Hund! - Es schlägt 11 Uhr, ich sage nichts
mehr, als was ich will.«
    Hier brachte der Spanier zwei Pistolen und einen Sack, wies ihm, dass sie
nicht geladen wären, bat, eine zu laden (er gab ihm Pulver und Blei), aber die
andere nicht. »In den Sack, jede in den Sack,« (sagt' er) »wir losen!« Je
kühner, je besser, dachte Albano. Der Spanier rüttelte beide um und ersuchte
Albano, mit dem Fusse auf eine zu treten zum Wahlzeichen. Es geschah. »Wir
schiessen zugleich,« (sagte der Oheim) »sobald es die zwei Viertel ausschlägt.« -
»Nein,« (sagte Albano) »schiesst bei dem ersten Schlag, ich bei dem zweiten.« -
»Warum nicht?« versetzte jener.
    Sie stellten sich in den entgegengesetzten Zimmer-Winkeln einander gegenüber
- mit den Pistolen in den Händen den Schlag halb zwölf Uhr erwartend. Der
Spanier machte im stummen Horchen die Augen zu. Als Albano in dieses
geschlossene Büsten Gesicht sah, kam ihm vor, als könne an einem solchen Wesen
gar keine Sünde begangen werden, geschweige ein Totschlag. Plötzlich murmelten
im leisen Zimmer fünf Stimmen durcheinander, als kämen sie von den alten
Philosophen-Büsten an den Wänden; der Vater des Todes, der Kahlkopf, die Dohle
schienen zu reden und eine unbekannte Stimme, als sei es der sogenannte
Finstere. Sie sagten untereinander: »Finsterer, nicht wahr, ich habe keine
Wahrheit gesagt? - Ich bringe fünf Tränen, aber kalte - Ich trage die Räder des
Leichenwagens auf dem Kopf - Ich führe das Pantertier am Strick - Ich schneid'
es los - Ich zeige mit dem weissen Finger auf Ihn - Ich bringe den Nebel - Ich
bringe den kältesten Frost - Ich bringe das Schreckliche.«
    Hier tat es den ersten Glockenschlag, und der Spanier schoss ab - bei dem
zweiten feuerte Albano - beide standen unverwundet da; Pulverdampf zog umher,
aber eine Zersplitterung erschien nirgends, als sei die Kugel nur eine mit
Quecksilber gefüllte gläserne gewesen. Mit grimmiger Verachtung sah ihn Albano
wegen der vorigen Stimmen an; »ich musste«, sagte der Oheim.
    Plötzlich brach der Lektor atemlos herein, den Julienne abgeschickt, um
einen wahrscheinlichen Zweikampf zu hindern. »Graf!« (stammelte er) »ist etwas
geschehen?« - »Es muss« (versetzte der Oheim) »in der Nähe etwas geben, der Dampf
zog herein; wir wollten uns eben zur guten Nacht umarmen.« Er klingelte und
befahl dem Bedienten, den Wirt zu befragen, wer so spät noch abfeuere. Albano
staunte und konnte scheidend nur sagen: »Es sei! Aber fürchtet den Wahnsinnigen,
den ich loskette!« - »Ach tuts nicht!« sagte der Spanier und schien zu fürchten.
    Augusti begleitete ihn auf die Gasse und liess ihn nur nach dem Ehrenworte
los, nicht wieder hinaufzugehen. Albano aber flog noch in der späten Nacht dem
Hause des Jammers und dem gekränkten Herzen zu.
 
                                   135. Zykel
Kaum hatte Albano dem Irrhaus-Inspektor, einem jungen glatten roten Männchen,
seinen Namen, den dieser schon kannte, und sein Gesuch um Schoppes Freiheit samt
seiner Bürgschaft für ihn bekannt gemacht: so lächelte der Inspektor ungemein
vergnügt ihn an und sagte: »Still beobacht' ich seit Jahren das ganze Haus - die
kleinsten Züge hasch' ich für ein künftiges philosophisches Publikum; und so
legt' ichs sehr ernstaft auch auf Herrn Schoppen an. Aber nie, mein Herr Graf,
nie ertappt' ich ihn über einem Zuge, der Tollheit versprochen hätte; alle meine
englischen und deutschen Werke darüber lieset er vielmehr und bespricht sich mit
mir über die Heilanstalten in Irrenanstalten. Ein Fichtianer kann er sein (aus
seinem Ich schliess' ichs) und ein Humorist auch; ist nun aber eines von beiden
schon schwer von Verrückung zu trennen, wie viel mehr ihre Einigung! Mit welcher
Freude über das Zusammentreffen unserer Beobachtungen ich Ihnen hier den
Schlüssel zu seiner Stube gebe, das denken Sie sich selber!« - »Wenn er kein
Narr ist,« (sagte seine Frau) »warum zerschlägt er denn alle Spiegel?« - »Eben
darum,« (versetzte der Inspektor) »ist er aber einer, so ist dein Mann ein noch
grösserer.«
    Keine Tür öffnete Albano je beklommener als die zu Schoppens kleinem
Zimmerchen. »Ich hole dich ab, mein Bruder«, rief er sogleich, um sich und ihm
Schamröte zu ersparen; aber als er den alten Löwen näher sah, fand er ihn in
dieser Fanggrube ganz verwandelt, nicht zahm, kriechend, wedelnd, aber
entzweigeschlagen und mit zerbrochnen Tatzen auf die Erde gedrückt; - die
Anklage des Mords, die er rechtschaffen eingeräumt, verbunden mit Gaspards
unbarmherziger Verurteilung, hatten seine stolze freie Brust mit giftiger Scham
gefüllt und zerfressen. »Es geht mir hier wohl, nur verspür' ich mich unpass«,
sagte Schoppe mit glanzlosem Auge und tonloser Stimme. Albano konnte die Tränen
nicht verbergen, er schlang sich um den Kranken und sagte: »Grossmütiger Mensch,
du gabst mir einst in meiner Krankheit Genesung und Heil zurück, und ich wusste
es nicht und dankte dir nicht; gehe mit mir, ich muss dich in der deinigen
pflegen, dich heilen und trösten, wie ich kann, dann reisen wir.«
    »Glaubst du, mein Kriton,« (versetzte er, durch den Balsam seines wunden
Stolzes gestärkt) »dass ich etwan kein Sokrates bin, sondern wirklich herausgehe
aus meinem torre del filosofo? Ein Ehrenwort ist eine dicke Kette.« - »Erzähle
mir alles, verschone niemand; aber ich sage dir darauf eine Neuigkeit, an der
sogleich deine Kette schmilzt«, sagte Albano.
    »Ei! - Indessen ist der Ort hier seines Orts gut genug, wie gesagt ein torre
del filosofo, quai de Voltaire und Shakespeares-Street, und wie man sonst sagen
mag und soll - Auch hör' ich immer nachts einen oder den andern Mann neben mir
an sprechen; und so fürcht' ich gar nicht, dass der Ich kommt. Ich werfe täglich
fünf Brotkügelchen; bilden sie ein Kreuz, so bedeutet es - denke, was du willst
-, dass ich mir noch nicht erscheine - Sie machen aber immer eines. Ich bin hier
in diesem Anticyra über so manches Wahnbild so beruhigt worden - auch durch jene
Bücher - sieh sie an, lauter Traktate über den Wahnsinn -, dass ich, wenns auch
meinen Mordian211 ebensowenig ansteckt wie mich, gern hier gewesen sein will.
Mein Umgang ist freilich nicht ohne Gefahr, es ist das Inspektorats-Ehepaar (ein
Reim), die beide das hiesige Kerkerfieber tüchtig weghaben. Der Mann hat sich -
und dadurch der Frau - die fixe Idee in den Kopf gesetzt, er sei unser zeitiger
Inspektor und habe aufzuhelfen, aufzusehen und treffliche Bücher zu lesen, die
in sein Amt einschlagen - jene Traktate sind vom Narren - Vermutlich hat er
draussen in der Stadt seine Inspektorats-Idee zu breit vorgucken lassen, und das
medizinische Kollegium steckte ihn mit seiner brauchbaren Idee herein, weil sie
am Ende doch jeder Inspektor zum Amtieren haben muss, er sei toll oder nicht.
Unter allen hier im Hause gefallen wir uns beide am meisten. Er sondierte mich
zu meinem Vorteil; und ich kann ihn sehr brauchen zur Freiheit, nur greif' ich
seinen faulen fixen Fleck nicht an. Bloss einen Abendsegen - weil sie kein
Gebetbuch haben - improvisier' ich oft beiden vor und flechte in den Segen
Winke, die kurmässig für das Paar sein könnten, wenns wollte. So wandeln wir
beide in den Irrgängen dieses Irrgartens vor den Patienten vorbei - hinter ihm,
dem unheilbaren Hub von allen, geh' ich ganz tolerant - im Kränzchen herrscht
allgemeine Polemik und Skepsis wie in keinem andern Universitätsgebäude - - Es
ist zum Tollwerden, sagt er leise zu mir, es ist zum Tollsein, sagt man in
diesem Palais d'Égalité, versetz' ich - Ich schneide ihm die Patienten in
Schatten aus für sein Manuskript - Wie die Kinder noch etwas haben, das ihnen
selber kindisch vorkommt, so haben die Tollen etwas, das ihnen selber toll
erscheint - Deutlicher aber werd' ich ihm nie und halte schärfern Spass an mich.
Ach was ist der Mensch, zumal ein gescheuter, und wie dünn sind seine Stecken
und Stäbe! - - Rührt dich etwas an mir, Albano? Etwan mein dummes blasses
Gesicht?«
    Aber Albano konnt' es ihm unmöglich gestehen, dass dieser umgebrochene edle
Mensch mit seinen Täuschungen und sogar mit seinem Stile, dessen Flügel auch
gerädert waren, ihm die Tränen in die Augen treibe, sondern er sagte bloss: »Ach
ich denk' an vieles; aber erzähle doch endlich, Lieber!« - Schoppe hatt' es aber
schon wieder vergessen, was er erzählen sollte; Albano nannte den Ablauf der
Porträt-Geschichte bei der Gräfin, und jener fing an:
    »Die Prinzessin Julienne sprang eben in ihren Wagen, als ich das blinde
Mädchen die Treppen hinaufführte, um sagen zu lassen, Bibliotekar Schoppe sei
aus Spanien da. Ich wurde in ein verfinstertes Gemach gelassen, worin ich ruhig
auf- und abging, auf Leute passend, bis die Gräfin mich grüsste aus dem Dunkeln.
Die Finsternis (sagt' ich) ist mir bei dem Lichte, das ich zu geben habe,
erwünscht, nur möcht' ich lieber irisch oder lettisch oder spanisch sprechen,
weil ich nicht weiss, wer mich behorcht. - Spanisch! sagte sie ernst. Ich
erzählte ihr, ich hätte deine Mutter gekannt und gemalt und so weiter und meinen
Namen ins Bildnis eingeschwärzt - lange darauf, neulich im Herbste, hätt' ich
Sie selber auf hiesigem Marktplatz angetroffen und für das Spiegelbild deiner
Mutter genommen, so ähnlich sei sie ihrer eignen - Ich weiss nicht, fuhr sie hier
mit hitzigem Stolz zwischen meine Narration, inwiefern Ihre Geheimnisse zu
meinen werden können - Dadurch, (sagt' ich ernst) dass Sie mich nach Licht
klingeln lassen; denn ich halte das Porträt der Frau von Cesara und von Romeiro,
zweier Namen einer Person, hier in der Hand. Sie fasste nichts, fragte nichts,
und ich sollte nicht klingeln. Ich bekannte ihr, dass ich mich genötigt sähe, mit
der rhetorischen Schach-Figur mich zu decken, die man allgemein die Wiederholung
der Erzählung nennte; und griff zur Figur. Aber sobald ich darin wieder auf
deinen Namen kam, sagte sie: ich hätte vermutlich ganz aufgehobene Verhältnisse
im Sinne - nein, (sagt' ich) ein ewiges und hergestelltes hab' ich darin, auch
seinen Gruss voll innigster Achtung mit. - Der Gruss schien ihr empfindlich zu
fallen, gleichsam als halte man sie einer solchen Versicherung für bedürftig,
und sie bat mich, dich lieber wegzulassen. Himmel! er ist Ihr Bruder, und hier
hab' ich das Porträt Ihrer Mutter aus Valencia gestohlen bei mir, und nur kein
Licht!
    Da wurde Licht gefodert. Als die Flamme die lange treffliche Gestalt in Gold
einfasste, sagte ich geradezu bei mir selber: Sie war es so gut wert als der
Bruder, dass man den langen Weg nach beider Stammbaum zog, denn sie ist nicht
ohne ihre Annehmlichkeiten - Albano, wär' ich ihr Bruder, wie du die Ehre hast,
mein Blut müsste, wenn sie eine Gondel, aber keinen Paradiesesfluss dazu hätte,
für sie schiffbar sein, ich trüge sie auf den Händen nicht nur, sondern wie ein
Äquilibrist auf Nase und Mund, die Leidliche! Kaum sah sie das Bild, so rief
sie: Mutter, Mutter! und fuhr immer über die Augen, klagend, dass sie jetzt noch
schlechter wären als sonst. Ich hob wieder das Schaben an und grub endlich vor
ihren Augen meinen ganzen Namen: Löwenskiold aus, sogar mit dem Beisatz, der mir
entfallen war: liebt sehr.
    Der Maler hiess so? (fragte sie) Sie sinds? - Sie liebten sie auch? -
Schönheit ist eine Klippe, (versetzt' ich ernst) an der denn ein und der andere
Mann zu scheitern sucht, weil sie voll Perlen und Austern sitzt. Freundlich bat
sie mich um die deutlichste Wiederholung der Wiederholung, sie wolle besser
aufmerken; Hören und Denken werd' ihr jetzt so schwer als Leben. Albano, Ihr
hättet mich mit mehr Vorkenntnissen zu ihr abschicken sollen. So aber wurd' ich
halb verwirrt und neblig, und als ihr unter meiner Schilderei der Langsee-Insel
etwas Nasses aus den Augen sprang, sank ich in den Tropfen hinein und ersoff
beinahe darin und wurd' erst spät von mir ins Leben gerieben. Endes meiner Rede
stand sie langsam auf, faltete die Hände und betete mit Weinen, als wenn sie
dankte: O Gott, o Gott! du hast mich geschonet! - was ich doch nicht ganz
verstehe.«
    Albano verstands wohl, dass sie dem Schicksal für die zufällige Verspätung
Schoppens dankte, welche sie mit der kurzen, aber furchtbaren Verwandlung
Roquairols in einen Bruder verschonet hatte. »Sie brach darauf in zu vielen Dank
gegen den Maler, Räuber und Lieferanten des gemalten Geburtsscheins aus. Wem das
Herz wie ein Arm eingeschlafen und schwer und fühllos zu bewegen ist, dem durch-
und überläufts das erwachende Glied sehr närrisch, wenn ers regt: Weniger (sagt'
ich) konnt' ich nicht tun für den Herrn Bruder; die Sonnenseite ist dann die
Mondseite. -
    Sie sprang auf deinen Vater über und fragte, da er sogleich komme, ob sie
oder ob ich ihm diese Rätsel vorlegen sollte. Oder lieber beide! versetzt' ich
kaum, da trat er wild ein.
    Nun ist Gaspard freilich und entschieden dein dir und der Schwester
angeborner Vater - und kindliche Liebe gegen ihn ist dir nie zu verdenken; -
aber wenn ich zu dir sagen wollte, er sei kein Bär, kein Nashorn, kein Wer- und
anderer Wolf, so tät ichs mehr aus seltener Politesse. Er schnaubte mir einen
guten Abend zu, ich ihm. Viele Menschen gleichen dem Glas, glatt und geschliffen
und stumpf, so lange als man sie nicht zerbricht, dann verflucht schneidend, und
jeder Splitter sticht. Die Sache wurd' ihm vorgehalten und das mitgebrachte
Gesichtsstück. Wärst du weitläuftiger mit ihm verwandt, so liess' ich mich
heraus. Denn sein Gesicht wurde vom Nordschein des Grimms überzogen, aus den
Augen flogen mir gelbe Wespen zu, gerade Linien fuhren auf seiner Gewitterstirn
wie elektrische Spiesse auf, besonders zwei steil rechte Unglückslinien. Aber wie
gesagt, bist du meines Wissens sein Sohn. Mein Freund, (donnert' er los) mit
welchem Rechte stehlet Ihr denn Gemälde? - Das sollte mir (versetzt' ich sanft)
schwer anzusagen fallen; aber ein Unvermögen hab' ich, einem ungerechten Truge
zuzuschauen, ich fahre drein. - Gräfin, (sagt' er dampfend) in drei Minuten
sollen Sie diesen Herrn genau kennen. O nein, nein! Er brauchte ein anderes Wort
als Herr, aber ich greif' ihn einmal dafür an die Brust, und ständen wir auf den
höchsten Stufen des Gottes-Trones und rängen im Glanz.« - »Schoppe!« sagte
Albano. »Erhitze mich nicht!« versetzte Schoppe und fuhr fort:
    »Er klingelte - ein Bedienter flog mit einer Karte - wir alle schwiegen -
Nachsicht, Gräfin, (sagt' er) nur auf eine Minute lang! - Er gab ihr darauf
einige elende Hof-Novitäten, sie aber blickte schweigend zur Erde. Da kam dein
langer Oheim, nickte 16mal mit dem kleinen Kopf, denn das hält er für eine
Verbeugung - und trat weit von mir weg. Bruder, sage bloss, was hat dieser Herr
da hinter Valencia getan? - Umgebracht, umgebracht, sagt' er schnell. Unter
welchen Umständen? fragte dein Vater. Hier fing er an, die kleinsten bei meinem
Notschuss auf den Kahlkopf so unbegreiflich-scharf vorzulegen, dass ich sagte: Das
ist wahr! - und selber fortfuhr und immer fragte: Nicht so? - und er hurtig
nickte - bis ich am Ende war, dann fragt' ich: Aber Spaniard, sagts bei Gott!
woher wisset Ihr es denn? - Von mir, antwortete eine fremde, dumpfe Stimme, ganz
wie des Kahlkopfs seine.
    Das Herz wurde mir kalt wie eine Hundsschnauze und die Zunge voll Stein. Als
convictus und confessus (fing dein Vater an) könnet Ihr Euch nun leicht Euer
Schicksal prophezeien. -
    Freilich, (murmelte der Oheim, packte sein Schnupftuch aus und ein, fasste
das Gemälde an und legt' es weg) prophezeien, prophezeien. - Inzwischen (fuhr
dein Vater fort) bleibt es Euch freigestellt, ob Ihr bis zu näherer Untersuchung
statt des Gefängnisses, das Euch für den Mord und Diebstahl gehört, den
gelindern Ort, das Irrhaus, das Euch für Euere Reise gebührt, erwählen wollt;
wählet Ihr nicht, so wähl' ich. - Ins Tollhaus, ins Tollhaus, (rief ich) wahrer
Geselligkeit wegen, auf meine Ehre - Aber ich frage nach nichts, auf dem
Waschzettel meines Gewissens steht kein Mord - Brennt Ihr Euch nur weiss und rein
- Euer Sonnen- und Ehrenwagen geht bis an den Radnagel in Kot - Gräfin, lasset
Euch doch alles bestens aufklären und denkt unaufhörlich an mich, um einen Vater
zu bekommen, freilich dem Landesvater der Studenten gleich, der in einem Loch
durch den Hut besteht. - Tritt weiter weg, (sagte dein Vater zu deinem Oheim)
die Tollheit ist ausgebrochen. Da tat der Hase achtzehn Sätze über Schwellen und
Treppen hinüber. Ich vollzog mein eignes Marsch- und Sitzreglement. Dein Vater
wedelte mir noch mit einem leckenden Flammenblick nach; ich lud Gift in mein
Auge und sah ihn unter der Türe davon niederstürzen.« - Albano fuhr zusammen,
fragte nach dem Wie. Da schwieg Schoppe, sann lange und sagte betrübt: »Das hat
mir wohl freilich nur geträumt, aber so meng' ich jetzt den Traum ins Wahre und
umgekehrt. Ich sollte mehr über Schoppe gerührt sein - er ist doch ein Greis,
und Greise weinen gleich dem Eulenspiegel, wenn es bergab geht.« - »Ich will
dich nun trösten, mein Freund,«
    (sagte Albano mit zerrissener Brust) »ich will einen Irrtum von deinem
treuen Herzen nehmen, und dann gehst du gewiss mit mir; dieser Kahlkopf, unser
Spötter und Gaukler, ist nach dem heiligen Wort meiner Schwester eine und
dieselbe Person mit meinem Oheim und ist ein Bauchredner.«
    Lange stand Schoppe wie tot, als hab' er nicht gehört; plötzlich stürzte er
mit aufblühendem Gesicht, mit funkelnden Augen auf die Knie und stammelte:
»Himmel! Himmel! Verrücke mich! - Das Weitere tu ich - -« Hier macht' er eine
böse abwürgende Bewegung mit den Händen und sagte erstarkt: »Ich kann dir
folgen.«
    Jetzt konnt' er das wirklich, vorher aber kaum stehen. Und so führte Albano
den unglücklichen gereizten Freund betrübt in seine eigne Wohnung.
                                   136. Zykel
Albano wandte nun alles an, was Freundschaft im Vermögen hat, den edlen Kranken
wieder innerlich und äusserlich aufzurichten und zu verjüngen. Besonders suchte
er den Steg, worüber alle seine Saiten gezogen waren und den der Ritter und sein
Bruder vor Linda umgerissen hatten, wieder aufzustellen, nämlich sein stolzes
Bewusstsein, das an der grausamen Demütigung so sehr darniederlag. Wie nur reine
Bruder-Achtung und heiliges Anbeten einer göttlichen Reliquie einen wunden Stolz
sanft erwärmen und beleben kann, so versucht' es der biedere Albano. Allein ohne
Genugtuung am Spanier, dem Anstifter des Unheils und dem Verführer des Ritters,
laufe, wie Schoppe selber sagte, sein Rückgrat nie wieder steilrecht und sein
Rückenmark bleibe gebogen. Nur Albanos Duell mit dem Oheim war frisches Wasser
für ihn; es musste ihm mehrmals erzählt werden. Sein durstiger Wunsch war, so
gesund zu werden, als er zum Kriege mit dem Spanier brauchte, und dann als ein
Toller ihm die Beichte aller Streiche und Gauklereien auf einem Sterbebette,
worauf er ihn zu legen dachte, abzupressen: »Dann« (setzt' er jedesmal lächelnd
hinzu) »kann es mir wohl egal sein, ob die Welt rund wird oder eckig, und nach
Frankreich ist mein erster Schritt.«
    Albano musste dieses griechische Feuer des Zorns, das am Ende zur stärkenden
Kur des durch Demütigung erfrornen Körpers wirkte, immer tiefer unter sich
brennen lassen, da jedes Löschen es nur nährte; nur musst' er wachen, dass er
keine freie einsame Minute bekäme, um brennend zu entspringen und den Spanier
aufzusuchen. Albano wich Tag und Nacht nicht von seinem Kanapee-Lager, auch aus
andern Gründen. Denn war Schoppe einsam und sein Mordian schlief (den er niemals
weckte, weil der Hund, sagt' er, offenbar träume und da in idealischen Welten
fliege und schnuppere, wovon auf den Gassen der wirklichen kaum eine
Schatten-Spur zu wittern sei), war er also allein mit dem stillen Tier (denn
wacht' es, so hatt' er Gesellschaft genug) und sein Blick fiel zufällig auf
seine Beine oder Hände: so fuhr seine kalte Furcht über ihn her, dass er sich
erscheinen und den Ich sehen könne. Der Spiegel musste verhangen werden, damit er
sich nicht fände.
    Seine Nächte waren ohne Schlaf, aber die Träume gingen nackt und keck um
ihn. Albano opferte ihm leicht seine gesunden Nächte, konnt' aber doch nicht
alle Träume des Freundes, diese Gespenster, die sonst vor Lebendigen entfliegen
und einsinken, von dannen treiben. Sie schlichen und blickten in Winkel-Schatten
der Stube. - Einst gegen Mitternacht war Albano hinausgegangen und traf
wiederkommend ihn an, wie er eben mit einer Hand die andere fing und sagte: »Wen
hab' ich da, Mensch?« - »O guter, bester Schoppe,« (rief Albano halbzürnend)
»solche grundlose Spiele! Ebensogut könnte ein Finger den andern fassen!« - »Ja
freilich«, versetzt' er. »Aber höre,« (sagt' er leise und kauerte sich, bückte
den Kopf und wies mit dem rechten Zeigefinger über die Nase hin in die Höhe) »du
nanntest mich Schoppe - so heiss' ich nicht, aber ich darf meinen Namen nicht
aussprechen, der Ich, der mich so lange sucht, hörts und fährt her - Ein langer
Leichenstein liegt auf dem Namen. Schoppe oder Scioppius konnt' ich mich sehr
wohl nennen, weil mein vielnamiger Namensvetter und Namensvater (im Bayle steht
alles) sich selber bald so, bald so hiess, bald Junipere d'Ancone, bald Denius,
Vargas, oder Grosippe, oder Krigsöder, Sotelo, bald Hay. - Dass der Mann noch
wirklicher Titular-Fürst von Aten und Herzog von Teben war durch ottomanische
Kanzlei und Gnade, muss ich ganz zu vergessen scheinen, wenn ich
Malteser-Bibliotekar bleiben will. In der Tat trat ich sonst in Gastöfe noch
mit manchem Namen ein, der dem nachsetzenden Ich prächtig mitspielte und
vormachte, z.B. Löwenskiold, Leibgeber, Graul, Schoppe ohnehin, Mordian (den ich
meinem Hund schenkte), Sakramentierer und einmal Huleu - manche kann ich ganz
vergessen haben - Der wahre ist« (sagte er scheu lispelnd) »ein ss oder S-s212 -
Gib mir eine dritte Hand her - Aus Totenkleidern wird der Name
herausgeschnitten, und ich liege darin schon unter dem Grabe. - Ich bin ich das
waren zwar des alten hübschen Swifts Endworte, der sonst wenig sagte in seiner
so langen Tollheit - Ich möcht' es aber nicht wagen, so bei mir zu sein - Nu,
getrost, die unendliche Weisheit hat alles geschaffen, auch Tollheit in Menge. -
Aber Gott gebe nur, dass Gott selber niemals zu sich sagt: Ich! das Universum
zitterte auseinander, glaub' ich, denn Gott findet keine dritte Hand.«
    Albano schauderte über den Sinn des Unsinns - Schoppe schien Eis - dann warf
er sich plötzlich an die Bruder-Brust - beide sprachen nichts über die Sache -
und Albano fing heitere Schilderungen vom glücklichen Hesperien an.
    So bracht' er pflegend, schonend, liebkosend, geduldig und einsam die Tage,
die er gern zu seiner Flucht aus Deutschland verwendet hätte, mit dem kranken
Freunde zu; und liebte ihn immer heftiger, je mehr er für ihn tat und ausstand.
Er wollt' es durchaus vom Schicksal nicht leiden, dass eine solche Welt voll
Ideen ihrem Erdbrand und ein so freies Herz voll Redlichkeit dem letzten Schlage
näherkomme. Schoppe hatte in des Jünglings Herzen sogar noch ein grösseres Reich
als Dian; denn er nahm das Leben freier, tiefer, grösser, mutiger; und wenn Dians
Lebensgesetz Schönheit war, so hiess seines Freiheit, und er ging wie unser
Sonnensystem, nach dem Gestirne des Herkules zu.
    Aller Bitten ungeachtet nahm er keine Heilmittel vom Doktor Sphex; denn er
habe schon, sagt' er, sich einem alten bekannten Praktiker und Kreisphysikus
anvertrauet, der Zeit. Er verstattete Sphexen gern, ein Rezept aufzusetzen, es
zu bringen, sah es willig durch, disputierte über den Inhalt, merkte an, es sei
leichter, ein Gesundheitsrat zu sein als einen Gesundheitsrat zu! geben, und er
sehe wohl, dass er seinen Zustand treffe, weil er ihn schwächend behandle, was
bei Wahnsinnigen das erste sei;! aber er setzte dazu, er begehre eben keine
Vernunft, sondern nur ein Paar tapfere Schenkel zum Gehen und Stehen und ein
Paar gefüllte Arme zum Zuschlagen, und übrigens sei er ihm gram, weil er Hunde
zerschneide. Auch Albano nahm zuletzt an, habe Schoppe nur Muskelkräfte zu einer
geselligen Reise mit ihm wiedergewonnen, so fliehe der Wahnsinns-Traum, worein
ihn die ungesellige gewiegt, leicht von selber hinweg.
    Immer fuhr er den Arzt am meisten an. Einst sagte dieser: »Folgen Sie, wenn
nicht mir, doch Ihrem zweiten Ich« und zeigte auf Albano. »Zum Teufel,«
(versetzt' er) »mein zweites Ich, das möget ihr selber sein - ich scheue mich
genug davor - aber der da ist gewiss, das verhoff' ich, kaum mein sechstes,
zwanzigstes oder dergleichen Ich.«
    Indes blieb Sphex bei der Meinung, seine stenische Schlaflosigkeit, die
wechselnd die Tochter und die Mutter seiner Fieberbilder, zumal des Kahlkopfs
sei, versperre die Kur und müsse schwächend bezwungen werden. Als einstmals
Dian, der seinen Freund Albano oft besuchte, dies vernahm, fragte er, warum man
ihn nicht geradezu mit der Nachricht, der Spanier sei aus Furcht vor ihm
abgereiset, etwan nach Frankreich, täuschen und heilen wolle. Albano versetzte:
»Wahrlich ich wollt' es gern sagen, aber ich kanns nicht, ich könnte ebensogut
Gott oder mir eine Lüge sagen wollen.« - »Einbildungen!« (sagte Dian) »ich sag's
ihm selber.« - »Wessen ich mir auch gleich vom Spaniard versehen habe«,
versetzte Schoppe auf die offizinelle Rezept-Lüge. Als Dian fortgegangen war,
fragt' er Albano: »Sitz' ich jetzt nicht viel kühler und eisiger da? Und zwar
seit der Kahlkopf in Frankreich ist, bin ich fast so ein neuer Mensch. Freilich
lüg' ich, aber Dian log früher.«
    Endlich entschloss sich der Arzt, ihm geradezu einen Schlaftrunk in sein
Getränk zu mischen. Albano erlaubt' es. Schoppe bekam ihn; glühte und
phantasierte einige Minuten lang, endlich stieg der Nebel des Schlafs und
überdeckte bald den Kranken.
    Albano besuchte da nach langer Zeit das Grün der Erde und das Blau des
Himmels wieder und seinen Dian in Lilar. Wie viel war seitdem verändert,
durcheinander, übereinander gestürzt! Wie viele Blätter waren wieder Knospen
geworden! Und mancher Schaum des Lebens, der weiss und zart und leicht ihn sonst
erfreuet hatte, erkältete jetzt als graues, schweres Wasser seine Brust, und er
hatte ausser seinen Lebensmut fast wenig behalten. Bei Dian hört' er von neuen
Veränderungen, von des Fürsten nahem Sterben, von Idoinens nahem Kommen zur
Schwester vor der Trauer. Wie wunderbar-verstört schlug seine Seele aus ihrem
Winter-Schlafe in den warmen Sonnenschein, den dieses Ebenbild Lianens um sein
Leben legte, die Augen auf! - In mancher stillen Nacht neben Schoppens
Geister-Lager war ihm schon, seitdem Julienne ihn zum erstenmal die Erscheinung
dieses Friedensengels ohne den Schleier sehen lassen, die vorige Zeit und Liebe
wie ein Himmel ferner Sterne wieder aufgegangen, und in dem Helldunkel der von
Schlaf entkleideten Träume sah er auf dem Meere der Zeit eine ferne, ferne Insel
- hinter sich oder vor sich, wusst' er nicht -, wo eine weisse abgewandte Gestalt
Lianen gleich oder ähnlich schwebte und als Nachhall sang - Jetzt dicht nach dem
Sterbemonat des Bruders folgte der Sterbemonat der Schwester Liane. Wär' es
möglich, dass die Überirdische aus dem stillen Spiegel der zweiten Welt und aus
dessen unabsehlichen Fernen herausträte wieder in den irdischen Luftzug und nach
der Verklärung wieder verkörpert hier ginge?
    Aber die Freundschaft foderte Raum für ihre Schmerzen, und diese
Wolken-Bilder wurden bald von ihr bedeckt oder umgestürzt. Er war nicht
imstande, so sehr ers auch wünschte, von Schoppe eine Beschreibung jener
Heilungs-Nacht zu fodern, ja nur zu leiden, worin Idoine Liane gewesen; und doch
war diese Gestalt der einzige lebendig-spielende Juwel im Totenring an dem
Skelett der harten Zeit, das vor ihm stand. Welche Tage! Was ihm die Gräber
nicht wegschlangen, hatte die Erde dahin- genommen, und Gaspard, sonst sein
hoher Vater auf einem reinen! Tron des Himmels, war nun seiner Phantasie mit
fürchterlichen Höllen-Kräften und Waffen nach unten erschienen, auf einem Trone
des Abgrunds sitzend.
    Desto milder umfloss ihn nun, als er in Dians Hause war, die stillere
Gegenwart, der Gedanke des ruhenden Freundes, der Anblick des nahen
Traum-Tempels, wo Liane einmal Idoine gewesen, und die Verkündigung, dass das
Ebenbild der Geliebten nahe. Er malte sich den süssen und bittern Schrecken ihrer
Erscheinung vor ihm; denn wie in dem Strome die hinübergebogne Blume nicht nur
ihr Bild, auch ihren Schatten entwirft, so ist sie Lianens schönes Bild und
Schatten zugleich - und in der Lebendigen würde ihm eine Verlorne und eine
Verklärte zugleich erscheinen.
    Unter diesem träumerischen Helldunkel und Abendrot, aus Vergangenheit und
Zukunft zusammengeflossen, kam er in sein Haus zurück. Ein scharfer Blitzstrahl
schlug weiss über das träumerische Rot: sein Schoppe war nach wenigen Minuten des
Zwangschlafs wild aufgefahren und wahnsinnig entsprungen, niemand wusste wohin.
Der Arzt kam und sagte entscheidend, entweder hab' er sich ins Wasser gestürzt
oder jeden andern, er sei wild dahingerannt und habe noch seinen Stockdegen
mitgenommen.
 
                         Vierunddreissigste Jobelperiode
 Schoppes Entdeckungen - Liane - die Kreuzkapelle - Schoppe und der Ich und der
                                     Oheim
                                   137. Zykel
Da Schoppe seinen grossen Degenstock mitgenommen: so vermutete Albano, dass er als
Würgengel zum Spanier gegangen. Er eilte in den Gastof des Oheims. Ein
Bedienter sagte ihm, ein Rotmantel mit einem dicken Stocke sei dagewesen und
habe vor den Herrn gewollt, aber man habe ihn auf des letztern Befehl ins Schloss
geschickt, unterdessen sei der Herr nach dem Prinzengarten abgereiset, um dem
starken Bruder entgegenzugehen. Albano fragte: »Wer ist der starke Bruder?« -
»Dero Herr Vater«, versetzte der Bediente. Albano eilte auf das Schloss. Hier war
laufende Verwirrung um das Krankenbette des Fürsten, der es bald mit dem
Paradebette zu vertauschen drohte. Eilige Diener begegneten ihm. Einer konnt'
ihm sagen, er habe einen Rotmantel ins grosse Spiegelzimmer gehen sehen. Albano
trat hinein, es war leer, aber voll seltsamer Spuren. Ein grosser Spiegel lag auf
der Erde, eine Tapetentür darhinter stand offen, ein offnes Souvenir, Räder und
weibliche Kleidungsstücke waren um einen wächsernen alten Kopf verstreuet. Ihm
war, als seh' er etwas, was er schon gesehen, und konnte sichs doch nicht
nennen. Plötzlich erblickte er in einem Eckspiegel tief hinter seinem jungen
Gesicht sich noch einmal, aber mit Alter bedeckt und dem wächsernen Kopfe
ähnlich. Er blickte sich um, ein erhobner Spiegel Zylinder schloss ihm gleichsam
die Zeit auf, und er sah in ihrer Tiefe sein graues Alter.
    Schaudernd verliess er das sonderbare Gemach. Eine Kammerfrau Juliennens
stiess ihm auf, sie konnte ihm sagen, dass sie den »Schatten-Schneider« im roten
Mantel mit einem Perspektive in der Hand über den Schlosshof habe hinausgehen
sehen. Er eilte nach, da kam ihm Augusti unter dem Tore entgegen mit der Bitte
des Fürsten, ihn noch einmal zu besuchen; »jetzt unmöglich, ich muss erst den
wahnsinnigen Schoppe wieder haben«, versetzt' er. In seiner Brust lebte nur der
Freund; auch nahm er den Fürsten nur für die Maske seiner sprechsüchtigen
Schwester. »Ich sah ihn auf dem Wege nach Blumenbühl«, sagte der Lektor. Er flog
davon. Am Tore wurde Augustis Nachricht von der Wache bestätigt.
    Auf der Blumenbühler Strasse begegnete ihm der Wagen des Hofpredigers Spener,
der zum Fürsten fuhr. Albano fragte nach Schoppe. Spener berichtete, er habe mit
ihm, da er vor einem einzelnen Hause, einer kranken alten Beichttochter wegen,
eine Stunde lang gehalten, viel gesprochen, ihn gesund, ungemein vernünftig, nur
älter und zurückhaltender als gewöhnlich gefunden. Auf die Frage nach seinem
Wege versetzte der Hofprediger: er sei nach der Stadt. Das schien ihm unmöglich,
aber Speners Leute bestätigten es vom Grünrock. Albano sprach von einem roten
Mantel, alle und Spener blieben bei dem grünen Rock.
    Er kehrte wieder um in sein eignes Haus, wo vielleicht ihn selber, dacht'
er, Schoppe suche und erwarte. Der Leibeigne des Doktors, der hagere Malz,
sprang ihm mit der Nachricht entgegen, Herr v. Augusti hab' ihn eben gesucht,
und der kranke Herr sei zum alten Tor hinaus spazieren gegangen in einem neuen
grünen Rock. Es war die Strasse nach dem Prinzengarten, die er nach Albanos
Vermutung gewiss genommen, sobald ihm des Spaniers gleiche kund geworden. Draussen
wurde sie durch Falterle bestätigt, welcher erzählte, er habe bei dem Austritt
ihn eingeholt und sogleich befragt: »Wohin so eilig, Herr Bibliotekar?«; darauf
sei er still gestanden, hab' ihn ernstaft angesehen und die Antwort gegeben:
»Wer sind Sie? Sie irren sich« und sei fortgegangen. Albano fragte nach der
Kleidung; »in grüner«, versetzte Falterle. Jetzt war sein Weg entschieden. Der
müssige Reiter konnte sogar bekräftigen, dass der Oheim früher denselben genommen.
    Spät abends kam Albano im Prinzengarten an. Er sah einige Wagen an dem Hofe
des kleinen Gartenschlosses. Endlich begegneten ihm Leute seines Vaters, die ihm
sagen konnten, Schoppe sei ruhig, froh und lange in dem Garten mit einem Herrn
von Hafenreffer aus Haarhaar umhergegangen und mit ihm nach der Stadt gefahren.
»An einem Menschen hat er doch wieder einen Schutzgeist und Wärter«, dachte
Albano, und der kalte Regen, der ihn bisher quälte, war weggezogen, obgleich der
Himmel noch trübe blieb. Er wich mit seinem angegriffnen Herzen, das in dieser
Landschaft nur von einem dunkeln Horizont umgeben war, jeder Gesellschaft und
dem Lustschloss aus. Fern vorübergehend, wagt' er es, einen traurigen Blick auf
die Schlummerinsel zu werfen, wo Roquairols Grabhügel, wie ein ausgebrannter
Vulkan, neben der weissen Sphinx zu sehen war. »Still liegt endlich das unbändige
Schwungrad um, aus dem Strom der Zeit gehoben, nur mit dem Grabe schloss sich der
Janustempel deines Lebens zu, du gequälter und quälender Geist«, dachte Albano
voll Mitleiden, denn er hatte den Toten sonst so sehr geliebt. Droben auf dem
Gartenberg mit einem Lindenbaum ruhte seine sanfte Schwester, der freundliche,
liebliche Friedensengel mitten im Kriegsgetümmel des Lebens, sie der ewige
Friede, wie er der ewige Krieg. Er beschloss, hinaufzugehen und allein oben bei
der Himmelsbraut zu sein und auf dem den Blumen geweihten Boden das Beet
aufzusuchen, unter welchem ihre Blumen-Asche sich vor den Stürmen zugedeckt. Da
er den Vorsatz nur dachte, so drangen Tränenströme wie Schmerzen aus seinen
Augen; denn die bisherigen Nachtwachen und Sorgen hatten ihn träumerisch
aufgelöset und so manches Unglück in so kurzer Zeit dazu, das ihm das schöne
feste Leben von einem Ende zum andern mit giftigem Stachel und Zahn durchgraben
hatte.
    Als er in der noch mondlosen, aber sternenreichen Dämmerung, worin nur der
Abendstern der Mond war, gleichsam ein kleinerer Spiegel der Sonne, den Hügel
hinaufging: sah er aus dem Prinzengarten ein paar graugekleidete Menschen heftig
winken, als wollten sie ihm den Gang verbieten. Er ging unbekümmert weiter, ja
er wusste nicht einmal, ob nicht sein vom Wachen glühendes und von Lebens-Stössen
erschüttertes Gehirn ihm diese Gestalten wie aus einem Hohlspiegel vorflattern
lasse.
    Wie in einen griechischen dachlosen Tempel trat er in den heiligen
Kloster-Garten der stillen Nonne, worin der Lindenbaum laut sprach und die
stillen Blumen wie Kinder über der Ruhenden spielten und sich neigten und
wiegten. Hoch und weit gingen die Sternenbogen wie schimmernde Ehrenbogen über
die kleine Erdenstelle her, über den geheiligten Ort, wo sich Lianens Hülle, das
kleine Licht- und Rosenwölkchen, niedergesenkt, als es den Engel nicht mehr zu
tragen hatte, der in den Äter gegangen war und aller Wolken nicht mehr
bedurfte. Plötzlich erblickte der schaudernde Albano Lianens weisse Gestalt an
die Linde gelehnt und gegen den Abendstern und die Abendröte gewandt; lange
schauete er an der seitwärts gekehrten Gestalt die himmlisch-herabsteigende
Antlitz-Linie an, womit Liane so oft als eine Heilige unbewusst neben ihm
gestanden - noch glaubt' er, ein Traum, der Proteus der menschlichen
Vergangenheit, ziehe das Luftbild aus dem Himmel hernieder und spiel' es vor,
und er erwartete das Vergehen. Es blieb, aber ruhig und stumm. Hinkniend, wie
vor der offnen Pforte des weiten langen Himmels voll Verklärung und Gotteit,
und aufgerissen aus den Erden-Tälern, rief er aus: »Erscheinung, kommst du von
Gott, bist du Liane?«, und ihm war, als sterb' er.
    Schnell blickte die weisse Gestalt sich um und sah den Jüngling, sie stand
langsam auf und sagte: »Ich heisse Idoine, ich bin unschuldig an der harten
Täuschung, sehr unglücklicher Jüngling.« - Da bedeckte er seine Augen, aus
schnellem Schmerz über die Wiederkehr der schweren kalten Wirklichkeit. Darauf
sah er die schöne Jungfrau wieder an, und sein ganzes Wesen zitterte vor ihrer
verklärten Ähnlichkeit mit der Toten; so lächelte sonst Lianens zarter Mund im
Lieben und Trauern, so öffnete sich ihr mildes Auge, so ging ihr feines Haar um
das blendend-weisse, gefällige Angesicht, so war ihr ganzes schönes Gemüt und
Leben aufrichtig in ihr Antlitz gemalt - Nur stand Idoine grösser da, wie eine
Auferstandene, stolzer und länger ihre Gestalt, blasser ihre Farbe, denkender
die jungfräuliche Stirn. Sie konnte, da er sie so schweigend und vergleichend
anblickte, sich der Rührung über den getäuschten Unglücklichen nicht erwehren,
und sie weinte, und er auch.
    »Betrüb' ich Sie auch?« sagte er in höchster Bewegung. Mit dem Sprachtone
der Jungfrau, die unter den Blumen lag, sagte unschuldig Idoine: »Ich weine nur,
dass ich nicht Liane bin.« Schnell setzte sie hinzu: »Ach diese Stelle ist so
heilig, und doch ists der Mensch nicht genug.« - Er verstand ihre Selbst-Rüge
nicht. Ehrfurcht und Offenherzigkeit und Begeisterung bemächtigten sich seiner,
das Leben stand glänzend aus der engen, bangen Wirklichkeit auf, wie aus einem
Sarg, der Himmel sank näher herzu mit hohen Sternen, und beide standen mitten
unter ihnen. »Edle Fürstin,« (sagt' er) »hier entschuldigen wir uns beide nicht
- Die heilige Stelle nimmt, wie eine zweite Welt, das Fremd sein weg - Idoine,
ich weiss es, dass Sie mir einst den Frieden gegeben; und vor der verborgnen Hülle
des Geistes, in dessen Sinne Sie sprachen, dank' ich Ihnen hier.«
    Idoine antwortete: »Ich tat es, ohne Sie zu kennen, und darum konnt' ich mir
den kurzen Gebrauch oder Missbrauch einer entfliehenden Ähnlichkeit erlauben.
Hätt' es von mir abgehangen, so hätt' ich Sie nie mit einer so unbedeutenden,
wie eine äussere ist, doch so schmerzlich erinnert. Aber ihr Herz verdient Ihr An
denken und Ihre Trauer. Man schrieb mir, Sie wären nicht mehr in Lindenstadt.« -
Sie suchte jetzt zum Fortgehen zu eilen. »In einigen Tagen« (antwortete er)
»werd' ich auch reisen. Ich suche Trost im Kriege gegen den Frieden des Grabes
und der Wüste, der mein Leben stille macht.« - »Ernste Tätigkeit, glauben Sie
mir, söhnet zuletzt immer mit dem Leben aus«, sagte Idoine, aber die ruhigen
Worte wurden von einer bebenden Stimme getragen, denn durch Hülfe ihrer
Schwester hatte sie das ganze graue Regenland seiner Gegenwart vor das Auge
bekommen, und ihr Herz war voll tiefen Mitleidens gegen die Menschen.
    Er sah sie hier scharf an, ihre Nonnen-Augenlider, die immer unter dem
Sprechen sich über die ganzen grossen Augen nieder senkten, machten sie einer
entschlummerten Heiligen so ähnlich; - er wurde von ihren letzten Worten an ihr
fruchttragendes Leben in Arkadien erinnert, wo der bunte Blütenstaub ihrer Ideen
und Träume, ungleich dem schweren toten Goldstaub des blossen Reichtums, leicht
im heitern Leben flatternd, unbemerkt belebend, endlich feste Wälder und Gärten
auf der Erde ausbreitete - alles in ihm liebte sie und rief: nur sie könnte
deine letzte wie deine erste Liebe sein - und sein ganzes Herz, durch Wunden
offen, war der stillen Seele aufgetan. Aber ein ernster, harter Geist schloss es
wieder zu: »Unglücklicher, liebe keine mehr, denn ein dunkler Würgengel geht
hinter deiner Liebe mit dem Schwert, und welche Rosenlippe du an dich drückst,
diese berührt er mit der scharfen Schneide oder mit der Giftspitze, und dann
vergeht oder verblutet sie.«
    Er sah schon den Glanz dieses Schwerts im langen Dunkel ziehen; denn Idoine
hatte das Gelübde getan, nie unter ihrem Fürstenstande die Hand zum Bunde der
Liebe zu reichen. So standen beide geschieden nebeneinander in einem Himmel,
eine Sonne und ein Mond, durch eine Erde getrennt. Sie beschleunigte ihre
Entfernung. Albano hielt es nicht für recht, sie zu begleiten, da er jetzt
erriet, dass die graugekleideten Menschen, die ihn zurückgewinket, ihre Bedienten
gewesen, ihr die Einsamkeit zusichern sollen. Sie reichte ihm an der Gartentüre
die Hand und sagte: »Leben Sie glücklicher, lieber Graf; einst hoff' ich Sie so
glücklich wiederzufinden, als Sie sich machen sollen.« Die Berührung der Hand
wie einer himmlischen, die sich aus den Wolken gibt, durchströmte ihn mit einem
verklärten Feuer jener Welt, wo Auferstandne leicht und schimmernd schweben, und
die hohe, Ehrfurcht gebende Gestalt begeisterte sein Herz; - er konnte nicht
sagen, was er in sich besiege und bedecke, aber auch kein anderes kaltes
verkleidetes Wort; - er kniete nieder, drückte ihre Hand an die Brust, sah
weinend an den Sternenhimmel und sagte bloss: »Frieden, Allgütiger!« - Idoine
wandte sich eilig ab und ging nach einigen schnellen Schritten langsam den
kleinen Hügel in den Prinzengarten hinunter.
    Nach wenigen Minuten sah er die Fackeln ihres Wagens durch die Nacht
fliegen, in der sie gern zu reisen wagte. Um den Hügel war es dunkel, die
Abendröte und der Abendstern waren untergegangen, die Erde wurde ein Rauch und
Schutt der Nacht, am Horizont bauete ein Trauergerüst von Wolken sich auf. Aber
in Albano war etwas unbegreiflich Freudiges, ein lichter Punkt in der Finsternis
des Herzens. Und als er den Leucht-Atom anschauete, breitete er sich aus, wurde
ein Glanz, eine Welt, eine unendliche Sonne. Jetzt erkannt' er es, es war die
rechte unendliche und göttliche Liebe, welche schweigen kann und leiden, weil
sie nur ein Glück kennt, aber nicht das eigne.
    Er war erfreuet über das Überhüllen seiner Brust und über seinen Entschluss,
sie nicht wiederzusehen in der Stadt. »So still« (sagt' er halb betend, halb
sprechend) »will ich sie ewig lieben ihre Ruhe, ihr Glück, ihr schönes Streben
bleibe mir heilig und ihre Gestalt mir verdeckt und fern wie die ihrer
Himmels-Schwester - Aber wenn die Schlacht für das Recht anfängt und die Töne
neben den Fahnen in die Höhe wehen und das Herz eifriger schlägt, um stärker zu
bluten, dann ziehe dein Bild, o Idoine, mir im Himmel voran, und ich streite für
dich; und wenn im Getümmel ein unbekannter Würgengel die giftige Schneide über
die Brust zieht: so will ich im ermattenden Herzen dich festalten, bis mir die
Erde vergeht.«
    Er sah sich nach diesem Gebete heiter um auf dem Gottesacker des
jungfräulichen Herzens, er fühlte, Liane allein dürf' es wissen, und sie werd'
ihn segnen.
 
                                   138. Zykel
Albano konnte in einer Gegend, in welcher die einzelnen Säulen und Bogen des
zerstörten Sonnentempels seiner Jugend umherlagen, keine Nacht zubringen:
sondern er begab sich traurig-träumend auf den Weg zur Stadt. Unterwegs fand er
den Landschafts-Direktor Wehrfritz zu Pferd, der ihn suchte. »Herr Sohn,« (sagt'
er) »es sind mir von deinem intimen Freunde, Herrn Schoppe, die wichtigsten
Sachen zu Händen gestellt worden, die ich nur in deine eignen wieder
auszuhändigen habe, was ich denn hiemit eilig tue. Denn Musse hab' ich bei Gott
wenig, der Fürst ist diesen Abend mit Tod abgegangen vor Schreck, weil jemand
sagte, sein alter Vater, der ihm zum Todes-Anzeichen soll zum zweitenmal zu
erscheinen versprochen haben, sei im Spiegelzimmer zu sehen, was aber nur, hör'
ich, was von Wachs gewesen. Es sind die Sachen, die ich auszuliefern habe,
erstlich ein Perspektiv, womit du deine Mutter und Schwester gemalt sehen wirst
(ich bediene mich mit Fleiss Herrn Schoppens eigner Ausdrücke), zweitens ein
geschriebenes Paket, adressiert an Albano, erzogen bei Wehrfritz, das noch halb
in einer zerschlagnen schwarzen Marmorstufe steckt, und drittens dein Porträt.«
Das Porträt stellte Albano im jetzigen Alter dar, fand man - so viel die Sterne
zu sehen gönnten -, indes er sich doch nie malen lassen. Die schwarze
Marmorstufe und das Perspektiv brachten ihm die Prophezeiung seines Vaters auf
Isola bella213 vor die Seele: ihm werde in einem Bilderkabinett eine weibliche
Gestalt aus der Wand entgegentreten und ihm einen Ort aufschreiben, wo er die
schwarze Stufe, und vorher einen zeigen, wo er das Perspektiv zu finden habe,
dessen Okularglas ihm aus dem alten Bilde seiner Schwester ein junges
kenntliches und dessen Objektivglas aus dem jungen Bilde seiner Mutter ein altes
kenntliches machen werde.
    Albano tat ängstliche Fragen nach Schoppe und der Fundgeschichte der
seltsamen Fracht. »Mit Herrn Schoppe geht es gut genug,« (antwortete Wehrfritz)
»er muss hier in der Nähe sein mit einem fremden Herrn.« Albano fragte nach
seiner Kleidung; diese wurde zu seinem Erstaunen wieder aus einer grünen zur
roten. Kaum hatte Wehrfritz die wunderbare Geschichte, wie Schoppe jene
Wunderdinge überkam, zu geben angefangen: so unterbrach Albano, der daraus die
Auflösung der väterlichen Prophezeiung abnahm, vor Erwartung den Bericht mit der
Bitte, ihn zu der nahen Kreuzkapelle zu begleiten, um welche mehrere Laternen
standen. Er hatte beide Medaillons immer bei sich und war jetzt so begierig, das
Angesicht seiner Mutter durch das Objektivglas zu sehen, so wie das Papier zu
lesen.
    Bei der äussersten Laterne hielten sie, Albano nahm das Medaillon der
veralteten Gestalt hervor, worunter stand: Nous nous verrons un jour, mon frère,
er besah es durch das Okularglas: siehe, das alte Gesicht war das junge seiner
Julienne. Vertrauend und ungestüm hielt er das altmachende Glas ans junge Bild,
worunter stand: Nous ne nous verrons jamais, mon fils, - ein freundliches, aus
einem langen Leben herüberlächelndes altes Gesicht erschien, dessen erblicktes
Urbild ihm in einer tiefen, dunkeln Erinnerung lag, aber namenlos; von Lindas
Mutter hatt' es indes keinen Zug.
    Auf einmal hört' er eine bekannte Stimme: »Ecco ecco! - Mein Neveu, mein
Herr!« Es war Albanos Oheim, der den schwarzgekleideten, wehklagenden Schoppe zu
ziehen schien und weinerlich den Neffen anredete: »Ach, Neveu! O ich sage die
Wahrheit, nur Wahrheit pour jamais.« Er sah lachend aus und glaubte zu weinen.
Der Schwarzrock trat näher, wurde ein Grünrock und sagte: »Herr Graf, täuschen
Sie sich keine Minute, unsre Bekanntschaft beginnt mit einem gemeinschaftlichen
Verlust.« - »Mein Schoppe,« (sagte Albano erschüttert) »kennst du mich nicht
mehr?« - »O wär' ich es jetzt! Ich heisse Siebenkäs«, versetzte der Grünrock und
hob jammernd die Hände in die Höhe. »Er liegt aber da in der Kapelle,« (sagte
der Spanier) »ich will alles so wahrhaftig erzählen, dass es schön ist. Ich
glaube nicht, dass der Finstere kommt.« - Albano warf einen Blick in die Kapelle,
und mit einem Schrei des Schmerzens stürzt' er darnieder.
 
                                   139. Zykel
Schoppens Geschichte war nach Wehrfritzens und des Oheims Aussagen diese: er war
aus dem Notschlummer glühend aufgefahren, auf dem schnaubenden Streitross der
Rachsucht gegen den Spanier wurd' er fortgerissen. Im Gastofe des letztern wies
ihn der Bediente mit einer Lüge nach dem Schloss. Hier gelangt' er, im
verworrenen Getümmel um den leidenden Fürsten, ungefragt, ungesehen in das
Spiegelzimmer, wo er einmal die Gräfin Linda um Idoinens Friedenswort für den
wahnsinnigen Freund gebeten hatte. Als der Zylinder-Spiegel, der die langen
Jahre des Alters auf das junge Gesicht gräbt und Moos und Schutt der Zeit darauf
schüttet, ihm sein Bild vermooset und verraset entgegen warf, sagt' er: »Ho ho,
der alte Ich steckt wo in der Nähe« und schauete grimmig umher.
    Aus den Spiegeln der Spiegel sah er ein Ichs-Volk blicken. Er sprang auf
einen Stuhl, um einen langen Spiegel loszumachen. Indem er den Nagel desselben
rückte, schlug in der Wand eine Uhr zwölfmal. Hier fiel ihm die Weissagung
Gaspards ein, die sein Freund ihm anvertrauet hatte, und alle Regeln, die diesem
zur Lösung der Rätsel vorgeschrieben waren. In der Weissagung war zwar die Rede
von einem Bilderkabinette, aber ein Spiegelzimmer ist auch eines, nur flüssiger
und tiefer hinter der Wand.
    Er nahm (folgsam den von Gaspard gegebnen Regeln) den Spiegel herab - fand
und öffnete die Tapetentür in der Grösse des Spiegels - die hölzerne weibliche
Gestalt mit dem offnen Souvenir in der Linken und dem Crayon in der Rechten sass
darhinter - er drückte (nach der Vorschrift) den Ring am linken Mittelfinger -
die Gestalt stand, innen rollend, auf - trat in das Zimmer hinaus - hielt an der
entgegengesetzten Wand still, zeichnete daran mit dem Crayon in der Hand eine
Linie herab, er zog die Wandleiste auf - das Perspektiv und der wächserne
Abdruck des Sargschlüssels lagen in einem Fach darhinter - Jetzt drückt' er den
Ringfinger, die Figur setzte den Crayon aufs Souvenir und schrieb: »Sohn, gehe
in die Fürstengruft in der Blumenbühler Kirche und öffne den Sarg der Fürstin
Eleonore, so findest du die schwarze Stufe.«
    Wenn das geschehen, hatte der Ritter zu Albano gesagt, und die Marmorstufe
doch nicht im Sarge gefunden sei: so soll' er den dritten Ring am Ohrfinger
drücken, worauf etwas geschehe, was er selber nicht vorauswisse. Schoppe
versuchte vorher, eh' er in die Blumenbühler Kirche ging, den Druck dieses
Fingers - die Figur blieb stehen - aber innen fing es zu rollen an - die Arme
dehnten sich aus und fielen ab - Räder rollten heraus - endlich zerlegte sich
die ganze Gestalt durch einen mechanischen Selbstmord, und ein alter Kopf von
Wachs erschien.
    Hier ging Schoppe davon, um nach Blumenbühl zu laufen und aus der Gruft die
Leuchte für dieses Nachtstück zu holen. Eben waren mittags Kirche und Gruft -
vielleicht weil man dem neuen sterbenden Höhlen-Gast Raum vorbereitete - offen
gelassen. Ohne erst den wächsernen Schlüssel in einen eisernen zu verwandeln,
erbrach er ungestüm mit einem Arbeitseisen den Sarg und holte die Marmorstufe
und Albanos Porträt schnell heraus. Er zerschlug jene hinter einem Busch. Als er
die Aufschrift las, untersucht' er nicht weiter; er eilte in Albanos Haus, um
alles zu übergeben. Beide aber suchten sich wechselseitig umsonst. Indes traf er
den rechtschaffenen Wehrfritz an, durch welchen allein er eine so wichtige Beute
abschicken konnte; er selber war jetzt dem Todfeinde, dem Spanier, auf der Spur,
und keine Gewalt konnt' ihn aus der zornigen Jagdbahn treiben.
    Bei Sonnenuntergang erblickte Schoppe den Spanier, der aus dem
Prinzengarten, dem Ebenbilde Siebenkäs entfliehend, ihm in die Hände gelaufen
kam - Er erstarrte vor des Wahnsinnigen Anblick, rief: »Herr und Gott, seid Ihr
hinter mir und vor mir? seid Ihr rot und grün?« - und stürzte seitwärts in die
alte Kreuzkapelle hinein, um die heilige Jungfrau kniend anzurufen. Schoppe
spannte seine Kontursschwingen aus, schoss hinzu und schlug sie vor der Kapelle
zusammen: »Dreh dich um, Spaniard, ich fresse dich von vorne«, sagte er.
»Heilige Mutter Gottes, hilf mir - guter böser Geist, steh mir bei, o
Finsterer!« betete der Kahlkopf. - »Rutsche herum, Spitzbube, ohne weitern
Spass!« sagte Schoppe, indem er mit dem gezognen Stockdegen in der Luft von
hinten ein Hufeisen vor dessen Gesicht beschrieb. Er drehte sich elend auf den
Knien herum, und der Kopf hing schlaff vom Halse herab. Schoppe fing an: »Nun
hab' ich dich, Missetäter, du betest mich ohne Nutzen auf den Knien an - ich
habe das Richtschwert - toll bin ich auch - in wenigen Minuten, wenn wir uns
ausgesprochen haben, stech' ich gegenwärtigen Stockdegen in dich - denn ich bin
ein Toller voll fixer Ideen.« - »Ach Herr,« (versetzte der Kahlkopf) »Ihr seid
gewiss sehr verständig und bei Verstand und bei sich, ich bitte zu leben, es ist
so grosse Todsünde, das Totmachen.« - Schoppe versetzte: »Von meinem Verstande
ein andermal! In effigie hab' ich dich schon erschossen, nun will ich die
Todsünde und den Gewissensbiss nicht umsonst herumtragen, sondern mich in natura
dazutun, du Seelen-Henker, du Herz-Trepan!«
    »Schoppe, Schoppe!« rief es jetzt einigemal von fernen mit Albanos Stimme.
Er sah sich schnell um, nichts war zu sehen. »Guter Schoppe,« (fuhr es fort)
»lasse meinen Oheim gehen!« Jetzt entbrannte Schoppe und hob den Dolch zum
Stich: »Du gar zu versteinerter Bauchredner! Sollte man nicht gleich ins Zeug
hineinstechen wie in ein blessiertes Pferd? Siehst du denn nicht den höllischen
verdammten Mord und Totschlag vor der Nase, deinen Pestwagen schon angespannt,
das ausgepolsterte Gerippe des Todes in mein Fleisch gesteckt und jetzt die
Sense heben? Beichte, Spaniard, um Jesus willen, beichte, Fliege, eh' ich
spiesse, steche! Etwas präkavierst du dich doch damit vor den Teufeln in der
Hölle; bist sonst drüben ein ganz ruinierter Mann.«
    »Wo sitzt der Pater? Ich beichte ja wohl«, sagte der Spanier.
    »Hier steht dein Galgenpater, schau die Schur«, sagte Schoppe, vom gebückten
tonsurierten Kopf den Hut abschüttelnd.
    »Hört meine Beichte! - Aber nachts leidet es der Finstere nicht, dass ich die
Wahrheit sage - er kommt gewiss, er holt mich, Vater, räuchert mich, wässert mich
ein gegen den Teufel.«
    »Stief-Beichtsohn und Dieb, bin ich dir nicht Beichtpaters und Beichtvaters
genug, der dich schon einwässern wird? Sage nur, Hund, alles, ich absolviere
dich und schlage dich dann tot zur Pönitenz. - Sage an, du Krönungsmünze des
Teufels, bist du nicht der Kahlkopf und der Vater des Todes und der Mönch
zugleich, dessen Figur voll Gas in Mola gen Himmel fuhr, und hattest
Bauchrednerei und Wachsbilderei und einige Spitzbüberei bei der Hand?«
    »Ja, Vater, Bauchrednerie und Wachsbildnerie und den Spitzbuben. Aber der
böse Geist war überall dabei, ich sagte oft nichts, und es wurde doch gesagt,
und die Gestalten liefen.«
    »Mordian,« (sagte Schoppe, darüber ergrimmt) »fass den Hund! - Noch lügst du,
du Kloak ins Paradies gegraben, noch ins Ohr der grossen Parze hinein, du
mimische Mumie, dein Totenkopf ohne Lippe und Zunge regt sich noch zur Lüge? O
Gott, was sind deine Menschen!«
    »O Pater, nicht Lügen! Aber der Finstere will sie nachts, ich habe einen
Bund mit ihm angestiftet - Ich hab' ihn heute abends gesehen, er sah wie Ihr aus
und grün - O Maria, o Pater, ich habe die Wahrheit gesagt, dort kommt er grün o
Pater, o Maria, und hat Eure Gestalt und ein feuriges Auge in der Hand - -«
    »Niemand hat meine Gestalt« (sagte Schoppe erschüttert) »als der Ich.«
    »O umguck! Der böse Geist kommt zu mir - absolviere stich - ich will
wegsterben!«
    Schoppe schauete sich endlich um. Der schreitende Abguss seiner Gestalt
bewegte sich her - das Feuerauge in der Hand stieg in das Gesicht - die
Ichs-Larve war grün gekleidet - »Böser Geist, ich bin doch in der Ohrenbeichte,
du kannst nicht her, ich bin heilig«, rief der Spanier und fasste Schoppen. Ihn
fasste der Hund. Schoppe starrte die grüne Gestalt an - der Degen entfiel ihm.
»Mein Schoppe,« (rief sie) »ich suche dich, kennst du mich nicht?«
    »Lange genug! Du bist der alte Ich - nur her mit deinem Gesicht an meins und
mache das dumme Sein kalt«, rief Schoppe mit letzter Mannes-Kraft. »Ich bin
Siebenkäs«, sagte das Ebenbild zärtlich und trat ganz nahe. - »Ich auch, Ich
gleich Ich«, sagt' er noch leise, aber dann brach der überwältigte Mensch
zusammen, und dieser reinigende Sturm wurde ein seufzendes, stilles Lüftchen.
Mit weiss werdendem Gesicht, krampfhaft sich selber die starren Augen zuziehend,
stürzte er um, die spielenden Finger schienen den Hund noch anzulocken, und die
Lippen wollten sich zu einem Spottwort spitzen, das sie nicht sagten - Sein
Freund Siebenkäs, der nichts erraten konnte, hob weinend die kalte,
festgeschlossene Hand an sein Herz, an seinen Mund und rief: »Bruder, blick auf,
dein alter Freund aus Vaduz steht ja neben dir und sieht dich in der Todesnot,
er sagt dir tausend Lebewohl, Lebewohl!«
    Das schien durch die dem Leben noch offnen Ohren ins brechende Herz noch
süsse Töne der alten lieben Zeit und heitere Träume der ewigen Liebe zu führen -
der Mund fing ein kleines Lächeln an, von Lust und Tod zugleich gezogen - die
breite Brust stieg noch einmal voll auf zu einem frohen Seufzer - es war der
letzte des Lebens, und lächelnd blieb der Verstorbne auf der Erde zurück.
    Nun hast du hienieden geendigt, strenger, fester Geist, und in das letzte
Abend-Gewitter auf deiner Brust quoll noch eine sanfte, spielende Sonne und
füllte es mit Rosen und Gold. Die Erdkugel und alles Irdische, woraus die
flüchtigen Welten sich formen, war dir ja viel zu klein und leicht. Denn etwas
Höheres als das Leben suchtest du hinter dem Leben, nicht dein Ich, keinen
Sterblichen, nicht einen Unsterblichen, sondern den Ewigen, den All-Ersten, den
Gott. - - Das hiesige Scheinen war dir so gleichgültig, das böse wie das gute.
Nun ruhst du im rechten Sein, der Tod hat vom dunkeln Herzen die ganze schwüle
Lebens-Wolke weg gezogen, und das ewige Licht steht unbedeckt, das du so lange
suchtest; und du, sein Strahl, wohnst wieder im Feuer.
 
                         Fünfunddreissigste Jobelperiode
Siebenkäs - Beichte des Oheims - Brief von Albanos Mutter - das Kron - Rennen -
                     Echo und Schwanengesang der Geschichte
                                   140. Zykel
Lange lag Albano im einsamen finstern Abgrund, bis endlich Licht die Schlucht
und die grüne Höhe erleuchtete, von welcher er herunterstürzte. Das sonst
lebensfärbige männliche Gesicht des Freundes lag weiss vor ihm, der rote Mantel
erhöhte noch den Leichenschnee. Der Hund lag mit dem Kopfe auf der Brust, als
woll' er sie wärmen und schützen. Als Albano den nackten Degen sah: blickte er
im Kreise umher, schauderte vor dem kalten Oheim, vor dem lebendigen Bruderbild
des Toten und vor dem ersten Argwohn zwischen fremdem und Selbstmord und fragte
leise: »Wie starb er?« - »Durch mich,« (sagte Siebenkäs) »an unserer
Ähnlichkeit, er glaubte sich zu sehen, wie dieser Herr hier versichert.« Der
Oheim erzählte einige Punkte, Albano kehrte Ohr und Auge von ihm ab; aber in den
warmen Widerschein der befreundeten Gestalt senkt' er den Blick, dem das
Tageslicht der Freundschaft untergegangen war. Siebenkäs schien sich in einer
seltenen männlichen Haltung zu behaupten. Auch Albano, der jüngere Freund,
verbarg seinen Jammer, dass er so viel verloren und dass nun sein Waisen-Herz
ausgesetzt sei wie ein hülfloses Kind in die Wüste des Lebens.
    Wehrfritz fragte ihn, ob er ihm ein Pferd zur Reise in die Stadt noch
schicken solle. »Mir? Ich jemals mehr in die Stadt?« (fragte Albano) »Nein,
guter Vater, ich und Schoppe gehen heute in den Prinzengarten.« Er entsetzte
sich vor der blossen schwarzen Kirchhofs-Landschaft der Stadt, wo einmal ein
goldner Sonnenschein und Laubengänge und Himmelspforten voll Blumengewinde für
ihn geblühet hatten. O der junge Honig der Liebe, der alte Wein der
Freundschaft, beide waren ja vom Schicksal in Gräber gegossen! -
    Der Tote wurde in das neue Schloss des Prinzengartens gebracht. Nur Albano
und Siebenkäs folgten ihm nach. Als sie allein waren, sah Albano erst, dass der
Freund seines Freundes bebe und wanke und dass bis jetzt nur der Geist den Körper
getragen. »Nun wir beide« (sagte Albano) »dürfen voreinander trauern; aber nur
Ihnen glaub' ich. Gott, wie war denn sein Ende?« Siebenkäs liess vor ihm die
letzten Mienen und Laute des Armen vorübergehen. »O Gott,« (sagte Albano) »er
starb nicht leicht, wenn der Wahnsinn der Monate zu einer Minute wurde - reissend
musste der Höllenfluss sein, der ein so festes Leben weg riss.« - Siebenkäs nahm
schwer den Glauben an dessen Wahnsinn an, weil der Tote so oft in seinen
schönsten Momenten auf ähnliche Weise verkannt worden; aber Albano überwand ihn
endlich. Er erzählte weiter, dass er auf der Heimreise begriffen gewesen, als ihn
die wiederholte Verwechslung seiner Person mit dem Toten auf die Vermutung
geleitet, hier müsse sein lang entbehrter Leibgeber wandeln, wiewohl er vor der
ersten Erscheinung und Vergleichung sich fast fürchten müssen: »Denn, Herr
Graf,« (sagt' er) »Jahre und Geschäfte, juristische vollends, ach das Leben
selber ziehen den Menschen immer weiter herab, anfangs aus dem Äter in die
Luft, dann aus der Luft auf die Erde - Wird er mich kennen? sagt' ich. Ich bin
ja nicht mehr, der ich war, und die physiognomische Ähnlichkeit möchte wohl die
einzige und festeste noch geblieben sein. Aber auch diese war vergangen; der
Selige sieht noch aus wie vor zehn Jahren. O nur eine freie Seele wird nicht
alt! - Herr Graf, ich war sonst ein Mann, der einen und den andern Spass mit dem
Leben trieb und mit dem Tode auch, und ich konnte ausrufen: Himmel! wenn die
Hölle aufging, und derlei mehr - - Ach Leibgeber, Leibgeber! Die Zeit hat
weiche, kleine Wellen, aber am Ende wird doch der eckigste, schärfste Kiesel
darin glatt und stumpf.«
    »Zählen Sie mir jede Kleinigkeit seiner Vorzeit,« (bat Albano) »jeden
Tautropfen aus seinem Morgenrote zu, er war so karg mit seiner dunkeln
Geschichte!« - »Und das gegen jeden« (sagte der Fremde) - »So viel will ich
Ihnen einmal aus wahren, an Ort und Stelle gesammelten Datis beweisen, dass er
ein Holländer ist wie Hemsterhuis und eigentlich Kees heisset wie Vaillants Affe,
woran er Sieben oder Seven gesetzt; denn Siebenkäs ist sein erster Name. Aus der
Amsterdamer Bank bezog er seine Intraden. An jedem Neujahrsabend verbrannt' er
die Papiere des vorigen Jahrs; und wie seine Clavis Leibgeberiana bekannt
geworden, begreif' ich noch nicht.« - Darauf erzählte er ihren ersten
Namen-Wechsel, wo Schoppe von ihm den Namen Leibgeber annahm, dann jede Stunde
und Tat seines treuen Herzens gegen den vorigen Armen-Advokaten, dann ihren
zweiten Namentausch, wo Siebenkäs sich namentlich begraben liess und als
Leibgeber fortfuhr, und ihren ewigen Abschied in einem voigtländischen Dorf.
    Als Siebenkäs hier stand bei der Erzählung, fasste er die kalte Hand mit den
Worten: »Schoppe, ich dachte, ich fände dich erst bei Gott!« und neigte sich
weinend über den Toten. - Albano liess seine Tränen stürzen und nahm die zweite
tote Hand und sagte: »Wir fassen treue, reine, tapfere Hände.« - »Treue, reine,
tapfere«, wiederholte Siebenkäs und sagte mit einem Schoppischen Lächeln: »Sein
Hund sieht zu und bezeugt es einmal.« Aber er wurde von der Bewegung blass und
sah jetzt ganz wie der 30 Tote aus. Da berührten er und Albano sinkend sich auf
dem kalten Gesicht, und Albano sagte: »Sei auch mein Freund, Lebendiger, wir
können uns lieben, weil er uns liebte. - Blasser, deine Gestalt sei das Siegel
meiner Liebe gegen deinen alten Freund.«
    Albano riss jetzt das Fenster auf und zeigte ihm ein Grab in Osten und eines
in Süden neben dem offnen dritten in der Nacht und sagte: »So weint' ich dreimal
über das Leben.« - Siebenkäs drückt' ihm die Hand und sagte bloss: »Die Parzen
und Furien ziehen auch mit verbundnen Händen um das Leben, wie die Grazien und
die Sirenen.« Er sah den seltenen schönen feurigen Jüngling mit innigster Liebe
an; aber Albano, der nur wenig geliebt zu sein voraussetzte und den die
Feuerzeichen eines Dians und Roquairols verwöhnt, wusst' es nicht, wie sehr er
das ruhigere Herz gewonnen hatte.
 
                                   141. Zykel
Am Morgen kehrte mehr Sonne und Kraft in Albanos Brust zurück. Er musste nun in
der plattgedrückten Ebene seines Lebens sich den Berg selber vorheben. Nur
Pestitz wiederzusehen, wo alle Turniergenossen seiner glänzenden Tage
verschwunden waren, den einzigen Dian ausgenommen, verabscheuete er; »hat dieser
sein Grab auf der Brust, so zieh' ich und scheide von niemand«, sagte er.
    Da langte der verhasste Oheim mit den Wagen voll Zauberstäbe an und sagte
weinerlich, er geh' ins Kartäuser-Kloster, büsse für viele Sünden, und er wolle
vorher dem Neffen gern alles erklären, sowohl mit Worten als mit den Wagen, was
er begehre. »Ich glaub' Euch nichts«, sagte Albano. »Jetzt darf ich alle
Wahrheit sagen, denn der Finstere tut mir nichts, ich denke, Cousin« (versetzte
der Spanier) - »ist der da« (setzt' er leise mit einem scheuen Blick auf
Siebenkäs dazu) »nicht der Finstere, Cousin?« Albano wollte nichts wissen und
hören. Siebenkäs fragt' ihn, wer der Finstere sei. »Es sei der unendliche Mann,«
(begann er) »sehr schwarz und finster, und sei zum erstenmal vor ihn geschritten
über das Meer her, als er an der Küste stand vor einem Nebel - nachts hab' er
ihn oft rufen hören, und zuweilen hab' er seine Bauchreden wiederholt - er sei
ihm sogleich erschienen mit einer Hand voll Drohungen, sobald er nach
Sonnenuntergang viele Wahrheiten gesagt, daher hab' er sich in der Kreuzkapelle
vor dem gegenwärtigen Herrn sehr gefürchtet - aber jetzt, seitdem er sich ohne
allen Schaden in der Kapelle bekehret habe, sag' er den ganzen Tag Wahrheiten,
und im Kartäuser-Kloster gedenk' ers noch mehr.«
    »In Klöstern wohnen sie sonst eben nicht, daher wird, glaub' ich, eben das
Gelübde des Schweigens gefodert, das immer der Wahrheit zuträglicher ist als
dessen Bruch«, versetzte Siebenkäs. »O Ketzer, Ketzer!« rief der Spanier so
unerwartet zornig, dass Albano durch diese Menschlichkeit auf einmal von dessen
jetziger Wahrhaftigkeit Pfänder bekam, so wie von dessen engerm Geistes-Umfang.
Nun erst fragt' er ihn über die Erde und den Samen aus, die er bisher gebraucht,
um seine schnellen Wunderblumen vorzutreiben.
    Er liess auf diese Frage einen Kasten herauftragen. »Fragt!« sagt' er. »Wie
stieg aus dem Lago maggiore Romeiros Gestalt?« sagte Albano. Der Oheim schloss
auf, zeigte eine Wachsfigur und sagte: »Es war nur ihre Mutter.« Albano
schauderte vor dieser nahen Nebensonne seiner untergegangnen Sonne und vor der
Vermutung der Verwandtschaft, die ihm Schoppe eingeflösset: »Bin ich ihr
verwandt?« fragt' er schnell. Der Oheim versetzte bestürzt: »Es wird wohl anders
sein.« Albano fragte nach dem himmelfahrenden Mönch in Mola; »er oben mit Gas
gefüllt, ich unten an der Mauer stand«, sagte der Oheim. Albano wollte nichts
weiter wissen; im Kasten waren noch Hör- und Sprachröhre, eine Gesichtshaut,
blaues Glas, durch welches die Landschaften beschneiet erscheinen, seidene
Blumen mit Pulver von einem endormeur u.s.w.; Albano wollte nichts mehr sehen.
    »Böses Wesen! wer stiftete dich dazu an?« fragte Albano. »Der starke
Bruder,« (sagte der Oheim, denn so nannte er den Ritter gewöhnlich) »er gab mir
zu leben, und er wollte mich totschiessen; denn er lacht sehr, wenn die Menschen
sehr hübsch betrogen werden.« - »O keinen Laut darüber!« (rief Albano peinlich,
dem der Zorn gegen den Ritter alle Adern mit Tränen-Feuer und Gift aussprützte)
- »Unglücklicher! wie wurdest du der?« - »So? Bin ich unglücklich?« fragt' er
eiskalt. Er berichtete - aber abgebrochen und verworren, welches ihm in jeder
Sprache in seiner eignen Rolle begegnete, indes er in fremdem Namen, z.B. des
Kahlkopfs, gut und lange sprechen konnte -: er habe ein schwarzgraues und ein
blaues Auge, seit der Mannbarkeit einen verborgnen Kahlkopf und ein besonderes
Gedächtnis und habe daher Schauspieler werden wollen; weil er nichts zu tun
gehabt, denn er sei nie verliebt gewesen; aber solang' er nicht improvisiert,
sei es nicht gegangen. - Den Joseph Clark, der alle Verwachsene nachmachen
können, und den Betrüger Price, der in dreifacher Person herumgegangen, hab' er
immer im Sinne gehabt - Da sei ihm der Finstere abends wieder in einem Nebel des
Ufers über dem Wasser entgegengetreten und habe wie aus dem Bauche gemurmelt:
»Peppo, Peppo!214 schluck das wahre Wort zurück, ich will das andere schon
aussprechen« - Und von dieser Stunde an hab' er die Bauchsprache gekonnt - Er
habe damit Tote und Stumme und Sprachmaschinen und Papageien und Schlafende und
fremde Leute ins Teater gut reden lassen, aber niemand in der Kirche, und das
hab' ihn wohl ergötzt - Ein unaufhörliches Echo hab' er oft auf Felsen gegeben,
so dass die Menschen gar nicht wussten, wenn sie fortgehen sollten. Er habe auch
einmal ein ganzes Schlachtfeld voll Toter untereinander reden lassen, in allen
Sprachen, zum Erstaunen des alten Generals.
    »Wo war das?« fragte Siebenkäs. - Der Spanier kam zu sich und versetzte:
»Ich weiss es nicht; ist es denn wahr? Omnes homines sunt mendaces, sagt die
heilige Schrift.« - »So wenig wahr« (sagte Albano) »als Euer finsterer Geist!« -
»O Maria, nein« (sagt, er entschieden) - »wenn ich etwas weissagte, so macht' er
ja, dass es doch eintraf; dann erschien er mir und sagte: siehst du, Peppo, aber
sage nur keine Wahrheit! - - Und in der Nacht, da ich neben Euch nach Lilar
ging, ging er unten im Tale als ein Mensch durch die Luft hin.« - »Das sah ich
auch,« (sagte Albano) »er schwebte weiter, ohne sich zu regen.« - »Das war bloss
einer,« (sagte Siebenkäs lächelnd) »der in einem fortschwimmenden Kahne mit
versteckten Beinen stand, und nichts weiter.« - Da blickte der Spanier dieses
Ebenbild der Leiche mit dem alten Grausen an, womit er es bisher heimlich für
den finstern Geist selber gehalten, murmelte Albano ins Ohr: »Sieh, dieses Wesen
weiss es« und sagte zur Entschuldigung der Wahrheiten: »Die Sonne ist noch nicht
untergegangen« und eilte, ohne auf Menschen-Bitten zu hören, deren Kraft ihm nie
bekannt geworden, ohne Leid und Freud' davon, um noch vor Sonnenuntergang ins
nahe Kartäuser-Kloster einzutreten. Alles Trug-Geräte hatt' er stehen lassen.
    »Ein fürchterlicher Mensch!« (sagte Siebenkäs) »Als er vorhin einmal sich
über etwas freuen wollte, sah er aus, als greif' ihm ein Schmerz über das
Gesicht - Und dass er so dünn und hager dasteht und seitab blickt und die Silben
verschluckt! - Ich weiss gewiss, er könnte töten, ohne die Miene zu ändern, nicht
einmal zum Zorn.« - »O, er ist der finstere Geist, den er sieht - zitieren Sie
ihn nicht!« sagte Albano, in eine ganz neue Welt wegeilend, die jetzt plötzlich
vor seinen Geist gezogen war.
                                   142. Zykel
Er dachte nämlich an das bisher vom Nebel des Schmerzens verdeckte Papier, das
Schoppe aus der Fürstengruft geholet, und an das Mutterbild, das er unter dem
Okularglas hatte finden sollen. Eh' er anfing zu lesen, legt' er das Bild unter
dem Glase dem Fremden vor, ob ers etwa zufällig kenne. »Sehr! Es ist die
verstorbene Fürstin Eleonore, so weit ein Kupferstich vor dem Landes-Gesangbuch
Ähnlichkeiten vorauszusetzen verstattet; denn sie selber sah ich nie.«
    Bewegt zog Albano das Papier aus der zerbrochnen Marmorkapsel; aber er wurd'
es noch mehr, da er die Unterschrift »Eleonore« und folgendes in französischer
Sprache las:
                                  »Mein Sohn!
Heute hab' ich dich nach langen Zeiten wiedergesehen215 in deinem B.
(Blumenbühl); mein Herz ist voll Freude und Sorge, und dein schönes Bild
schwebet vor meinen weinenden Augen. Warum darf ich dich nicht um mich haben und
täglich anblicken? Wie ich bin gebunden und geängstigt! Aber von jeher
schmiedete ich mir Fesseln und erbat andere, mich damit zu binden. Höre deine
eigne Geschichte aus dem Munde deiner Mutter an; sie wird dir aus einem andern
nicht lieber und wahrhafter kommen.
    Ich und der Fürst lebten lange in einer unfruchtbaren Ehe, welche unserem
Vetter in Hh. (Haarhaar) immer lebhafter mit der Hoffnung der Sukzession
schmeichelte. Spät vernichtete sie ihnen dein Bruder L. (Luigi). Man konnte uns
das kaum vergeben. Der Graf C. (Cesara) bewahrt die Beweise einiger schwarzen
Handlungen (de quelques noirceurs), die deinen armen, ohnehin schwächlichen
Bruder das Leben kosten sollten. Dein Vater war eben mit mir in Rom, als wir es
erfuhren. Man wird doch endlich über uns siegen, sagte dein Vater. In Rom
lernten wir den Fürsten di Lauria kennen, der seine schöne Tochter dem Grafen.
(Cesara) nicht eher geben wollte, bis er Ritter des goldnen Vlies-Ordens
geworden wäre. Der Fürst wirkte ihm diesen Orden am kaiserlichen Hofe aus.
    Dafür glaubte die Cesara mir sehr dankbar sein zu müssen, une femme fort
decidée, se repliant sur elle même, son individualité exagératrice perça à
travers ses vertus et ses vices et son sexe. Wir lernten uns lieben. Ihr
romantischer Geist teilte sich dem meinigen mit, besonders in dem romantischen
Lande. Dazu half mit, dass ich und sie uns im rechten Zustande der weiblichen
Schwärmerei zugleich befanden, nämlich der Hoffnung zu gebären. Sie kam nieder
mit einem wunderschönen, ihr ganz ähnlichen Mädchen, Severina, oder wie man sie
nachher nannte, Linda. Hier machten wir den seltsamen Vertrag, dass wir, wenn ich
einen Sohn gebäre, austauschen wollten; ich konnte ohne Gefahr eine Tochter
erziehen, und bei ihr konnte mein Sohn ohne diejenige aufwachsen, die deinem
Bruder bei mir schon gedrohet hatte. Auch sagte sie, ich könne besser eine
Tochter, sie einen Sohn leiten, da sie ihr Geschlecht wenig achte. Der Graf war
es gern zufrieden; der Hh. Hof hatte ihm kurz vorher die älteste Prinzessin, um
die er geworben, unter dem spöttischen Vorwande ihrer noch kindischen Jugend
abgeschlagen, und er aus Rache beleidigter Ehre und verletzter Eitelkeit, denn
er war der schönste Mann und aller Siege gewohnt, war zu allen Massregeln und
Kämpfen gegen den stolzen Hof bereit. Nur der Fürst billigte es nicht, er fand
eine Erziehung ausser Landes u.s.w. ganz zweideutig und misslich. Aber wir Weiber
verwebten uns eben desto tiefer in unsere romantische Idee.
    Zwei Tage darauf gebar ich dich und - Julienne zugleich. Auf diesen reichen
Zufall hatte niemand gerechnet. Hier warf sich vieles ganz anders und leichter
sogar. Ich behalte, (sagt' ich zur Gräfin) meine Tochter, du behältst die
deinige; über Albano (so soll er heissen) entscheide der Fürst. Dein Vater
erlaubt' es, dass du zwar als Sohn des Grafen, aber unter seinen Augen, bei dem
rechtschaffenen W. (Wehrfritz), erzogen würdest. Indes traf er Vorkehrungen,
deren guten Wert ich damals im phantastischen Rausche der Freundschaft nicht
ganz abzuwägen imstande war. Jetzt wunder' ich mich nur, dass ich damals so mutig
war. Die Dokumente deiner Abstammung wurden nicht nur dreimal gemacht - ich, der
Graf und der Hofprediger Spener wurden in deren Besitz gesetzt -, sondern später
wurdest du auch dem Kaiser Joseph II. als unser Fürstensohn präsentiert, und
sein gütiges Blatt, das ich einst deinen Geschwistern vertraue, entscheidet
allein genug.
    Der Graf nahm jetzt selber am Geheimnis tätigen Teil, indem er - sei es aus
Liebe für seine Tochter, sei es aus dem Wunsche einer geschärften Rache am Hh.
Hofe - als Lohn des Anteils verlangte, dass einst du und Linda ein Paar werden
möchten. Hier trat wieder die Gräfin mit ihren Wundern und Phantasien ein: Linda
wird mir gewiss ähnlich an Gemüt, wie sie jetzt es ist an Gestalt - Gewalt bewegt
sie dann nie - aber Magie des Herzens, der Feenwelt, Reiz des Wunders mag sie
ziehen und schmelzen und binden. Ich weiss ihre eignen Worte. Ein sonderbarer
Zauberplan wurde dann entworfen, dessen Grenzen der Graf durch die Abhängigkeit,
worin sein tausendkünstlerischer Bruder sich zu allem dingen liess, noch mehr
erweiterte, so wie er den Plan dadurch annehmlicher machte. - Linda wird lange
vorher, eh' du dies gelesen, dir erschienen, ihr Name genannt, deine Geburt
geheimnisvoll verkündigt sein - - Möge, möge dein Geist sich in alles wohl
finden, und möge das schwere Spiel dir Gewinn auf seinen aufgeschlagnen Blättern
reichen! - Ich bin bange, wie soll ich es nicht sein? - O welche Nachrichten
hab' ich nicht eben aus Italien durch den Grafen empfangen, vor denen nun alle
meine Hoffnungen auf meinen Ludwig (Luigi) auf einmal erlöschen! Gesiegt hätte
nun Hh. (Haarhaar) durch den bösen B. (Bouverot), wenn du nicht lebtest. Und ich
muss so froh sein, dass du diesen giftigen Einflüssen entzogen lebst - Ja es
scheint, als habe der Graf die Zernichtung deines Bruders absichtlich gern
geschehen lassen, um desto stärker mit deiner Auferstehung zu schrecken. Doch
will ich ihm nicht unrecht tun. Aber wem soll eine Mutter am Hofe vertrauen und
misstrauen? Und welche Gefahr ist grösser?
    Drei Jahre lang musstest du des Scheines wegen auf Isola bella mit deiner
scheinbaren Zwillingsschwester Severina, obwohl unter den Augen des Fürsten,
bleiben, indes ich mit Juliennen nach Deutschland zurückging. Länger aber durft'
es nicht dauern, so gern es deine Pflegemutter gesehen hätte; du wurdest deinem
Vater zu ähnlich. Diese Ähnlichkeit kostete mich manche Träne - denn darum
durftest du nie aus B. nach P. (Pestitz), solange der Fürst noch Jugendzüge trug
- sogar die Porträts seiner Jugendgestalt musst' ich darum allmählich wegstehlen
und sie dem treuen Spener zu bewahren geben - ja dieser gelehrte Mann sagte mir,
dass ein erhobner Spiegel, der junge Gesichter zu alten formte, beiseite zu
bringen sei, weil du sogleich als der alte Fürst daständest, wenn du
hineinsähest - O, da mein guter, frommer Fürst in seinen matten Tagen allerlei
unbewusst ausplauderte und mich über das sichere Schicksal des wichtigen
Geheimnisses immer sorglicher machte: wie erschrak ich, als er einstens am
Morgen (zum Glück war nur Spener und eine gewisse Tochter des Ministers v. Fr.
dabei, eine sanfte, fromme Seele) geradezu und freudig sagte: Unser lieber Sohn,
Eleonore, war gestern nachts oben am Altar, er wird gewiss ein frommer Mensch, er
kniete und betete schön, und ich sagt' ihm nur, denn ich wollte mich nicht
decouvrieren: nach Haus, nach Haus, mein Freund, es donnert schon nahe.216 Ich
weiss, dass verschiedene über einen natürlichen Sohn des Fürsten schon Winke
fallen liessen.
    Die Gräfin C. (Cesara) ging nun mit S. (Severina) nach V. (Valencia) ab; gab
sich aber vorher den Namen R. (Romeiro) und der Tochter den Namen L. (Linda).
Der Prinz di Lauria musste der Erbschaft wegen mit seiner Einwilligung in dieses
Spiel gezogen werden. Durch diesen Namen-Wechsel konnte alles so dicht
zugehüllet werden, als es jetzt noch steht. Neun Jahre darauf starb die edle R.
(Romeiro), und der Graf hatte unter dem Vorrecht eines Vormunds die Tochter
allein in seinem Schutze und in seiner Vorsorge.
    Ich sah sie kurz nach dem Tode der Mutter hier217; entfaltet sich die Blume
ganz aus dieser vollen Knospe, so gehört sie als die vollste Rose an dein Herz.
Möge nur das Geisterspiel, das ich der Gräfin zu leichtsinnig zugeschworen, ohne
Unglück vorüber ziehen! - Sollt' ich vor dem Fürsten auf das Sterbebette kommen,
so muss ich noch deine Schwester und deinen Bruder in das Geheimnis ziehen, um
ganz gesichert meine Augen zu schliessen. Ach ich werd' es nicht erleben, dass ich
dich öffentlich als meinen Sohn in meine Arme schliessen darf! Die Ahnungen
meiner Hinfälligkeit kommen immer häufiger. Es gehe dir wohl, teueres Kind!
Werde fromm und redlich wie dein Vater! Gott lenke alle unsere schwachen
Hülfsmittel zum besten!
                                     Deine
                                                                    treue Mutter
                                                                       Eleonore.
N. S. Noch sehr wichtige Geheimnisse kann ich nicht dem Papier vertrauen,
sondern sterbend wird sie mein Mund in das Herz deiner Schwester niederlegen.
Leb wohl! Leb wohl!«
 
                                   143. Zykel
Albano stand lange sprachlos, schauete gen Himmel, liess das Blatt fallen und
faltete die Hände und sagte: »Du schickst den Frieden - ich soll nicht in den
Krieg - wohlan, ich habe mein Los!« Lebenslust, neue Kräfte und Plane, Freude am
Trone, wo nur die geistige Anstrengung gilt, wie auf dem Schlachtfelde mehr die
körperliche, die Bilder neuer Eltern und Verhältnisse und Unwille gegen die
Vergangenheit stürmten durcheinander in seinem Geist. Er riss sich von seinem
ganzen vorigen Leben los, die Seile des bisherigen Totengeläutes waren entzwei,
er musste, um die Eurydice aus dem Orkus zu gewinnen, wie Orpheus das
Zurückschauen auf den vergangnen Weg vermeiden. Er entüllte dem neuen Freunde
alles, denn er kämpfe, sagt' er, nunmehr öffentlich auf freier offner Bahn um
sein bisher verstecktes Recht und reise sogleich in die Stadt. Unter dem Er
zählen erzürnte ihn das lange gewagte Spiel mit seinen heiligsten Verhältnissen
und Rechten noch mehr und das Misstrauen in seine Kräfte und Waffen gegen die
Feinde, denen Luigi unterlag, und dieser Bruder selber, der ihn bisher in einer
so harten unbrüderlichen Maske umarmen konnte. »Wie anders war die treue
Schwester!« sagt' er. »Warum« (fuhr er fort) »liess man mich so manchem stolzen
harten Geiste so vielen Dank schuldig werden für mein blosses - Geburtsrecht? -
Warum traute man nicht meinem Schweigen ebensogut? - O so musst' ich die arme
Tote droben218 verkennen, weil sie meinem geoffenbarten Stande in jener
feindlichen Nacht am Altare ihr schönes Herz aufopferte! So musst' ich durch
Vermutungen und Vorsätze so manche rechte Seele verletzen! Wie unschuldig könnt'
ich sein ohne dies alles!« »Beruhigen Sie sich,« (sagte Siebenkäs mit feiner
Rüge) »die Stärke des Feindes wird zu dem Widerstande geschlagen und von der
Niederlage abgezogen; und was wäre ein Sieg auf leerem Schlachtfelde gewesen?«
    Siebenkäs war vor dem glänzenden Stande und vor dem Feuer der
Leidenschaftlichkeit, die er nur in gemeiner, nicht in edler Erscheinung kannte,
um einige Schritte zurückgetreten, die Albano nicht bemerkte, weil er sie nicht
voraussetzte. So gut es ging, suchte Siebenkäs - indem dessen innerer Mensch
seine im Grabe des Freundes starr gefrornen Glieder allmählich wieder
aufwickelte - den sanften Scherz wiederzugewinnen und in diese Blumenketten den
heftigen Jüngling einzuschliessen: »Ich freue mich,« (sagt' er) »dass ich der
erste bin, der zu Ihrem Geburts- und Krönungstage Wünsche bringt, die aber alle
in den einzigen gehen, dass Sie immer Ihren Taufnamen behaupten mögen - denn
Alban ist der bekannte Schutzheilige der Landleute. - Ausser dem haarhaarschen
Prinzen, den der Ritter recht mit der Devise seines Ordensstifters Philipp
trifft: ante ferit quam flamma micet, ist wohl niemand dabei zu bedauern als der
Finanzstempelschneider, der jetzt nichts Neues zu schneiden erhält, da die Linie
weiterregiert« Er setzte noch leicht hinzu, weil er den schweren Wälder- und
Wolken-tragenden Fels Gaspard nie gesehen: »Welches sonderbare Namenspiel, das
noch wenige Cavalleros del Tuzone gespielt, ist es, dass er sich gerade le Cesara
nennt, da, wie Sie wissen, die Spanier sich wie die alten Römer oft die Namen
von ihren Taten und Begegnissen zuteilen. So ists aus den Pièces interessantes
T. I. überall bekannt, dass z.B. Orendayn sich den Namen la Pas zuerkannte, weil
er 1725 den Frieden zwischen Österreich und Spanien unterschrieben - mit einem
dritten Namen, Transport Réal, tauft' er sich ein, um es zu behalten und zu
bemerken, dass er den Infanten nach Italien abgeführt. Cesara ist wohl freilich
mehr Zufall.«
    Albano wurde durch solche geistige Ähnlichkeiten mit dem freien Schoppe erst
recht seinem Herzen zugezogen. Er nahm Abschied von ihm und sagte: »Freund
unsers Freundes, wollen wir beisammen bleiben!« - »Wahrlich, der Zweifel an der
Entscheidung Ihres Schicksals, Prinz,« (versetzte Siebenkäs) »wäre allein dafür
entscheidend, wenn nur mein Herz allein entschiede; aber -« Albano zuckte die
Achseln wie entrüstet, schwieg aber. »Solange bleib' ich indes hier,« (fuhr
jener sanfter fort) »bis der Hügel auf dem Seligen liegt; dann steck' ich das
hölzerne schwarze Kreuz auf ihn und schreibe alle seine Namen daran.« - »Wohl!
So werd' es!« (sagte Albano) »Aber seinen Hund nehm' ich, weil er mich länger
kennt. Ich bin ein junger Mensch, noch jung an verlornen Jahren, aber schon sehr
alt an verlornen Zeiten, und verstehe so gut wie mancher, den die Zeit bückt,
was Menschen Verlieren ist. Sonderbar ists, dass ich immer auf Gräbern Spiegel
finde, worin die Toten wieder lebendig gehen und blicken. So fand ich auf
Lianens Grabe ihr lebendiges Bild und Echo; meinen alten liegenden Schoppe fand
ich, wie Sie wissen, auch hinter einem Spiegelglas aufrecht und rege, durch das
meine Hand ebensowenig durchkann. Ich versichere Sie, sogar meine Eltern werden
mir vorgespiegelt, meinen Vater kann ich in einem Zylinderspiegel, und meine
Mutter durch ein Objektivglas sehen. - Hier ist nun nichts zu tun, wenn man in
einer Nacht steht, wo alle Sterne des Lebens hinunterziehen, als sehr fest darin
zu stehen. - Aber zu meinem alten Humoristen muss ich noch Addio sagen.«
    Er ging ins Leichenzimmer. Schweigend folgt' ihm Siebenkäs, betroffen über
die ungewöhnliche Laune der - Schmerzen. Mit trocknen Augen zog Albano das weisse
Tuch von dem ernsten Gesicht, dessen feste Augenbraunen sich zu keinem Scherze
mehr zogen und das eisern hinschlief ohne Zeit. Der Hund schien den kalten
Menschen zu scheuen. Albano suchte durch scharfe, heftige, trockne Blicke das
Totengesicht bis auf jede Falte tief abzudrücken in sein Gehirn wie in Gips,
zumal da ihm der lebendigste Abdruck, der Freund, entging. Dann hob er sich die
schwere Hand auf die Stirn, die den Fürstenhut tragen sollte, gleichsam um sie
damit zu segnen und einzuweihen. Endlich bückt' er sich auf das Gesicht nieder
und lag lange auf dem kalten und; aber als er sich spät aufrichtete, weinten
seine Augen und sein ganzes Herz, und er reichte dem Zuschauer bebend die Hand
und sagte: »Nun, so lebe du auch wohl!« - »Nein,« (rief Siebenkäs) »ich kann das
nicht, wenn ich gehe - Schoppe! ich bleibe bei deinem Albano!« -
    Da kamen Wehrfritz und Augusti und unterbrachen die weinende Feier der
dreifachen Liebe durch heitere Mienen und Worte.
 
                                   144. Zykel
Der alte Pflegevater nannte ihn zwar Prinz und nicht mehr Du, aber in
landeskindlicher Entzückung drückte er sich den Pflegling seines Hauses innig
ans Herz. Augusti übergab ihm mit ernster Höflichkeit und kurzem Glückwunsch
folgendes Schreiben von Julienne:
    »Liebster Bruder! Nun kann ich dich erst recht Bruder nennen. Ich hab' in
einem Auge Trauertränen und doch im andern frohe, da nun alle Wolken von deiner
Geburt genommen sind und in Haarhaar auch alles ziemlich gut geht. Der Lektor
ist abgeschickt, dir alles zu erzählen, wo hätt' ich Zeit? Auch von Herrn von
Bouverot soll er dir sagen, dessen rote Nase und aufgebognes Kinn und geizige
Grausamkeit gegen seine wenigen Leute und vielen Gläubiger und dessen Grobheit
und Weichlichkeit und trockne Bosheit ich dermassen hasse - - Inzwischen wird er
jetzt durch deine Erscheinung so recht bestraft. Freilich alles ist wie ich in
Unordnung und Bestürzung. Ludwigs Testament wurde diesen Morgen nach seinem
Willen eröffnet, und er gab dir dein ganzes Recht. Ich will nicht über diesen
Bruder mitten unter dem Weinen zürnen; er war eigentlich hart gegen seine zwei
Geschwister, gegen mich sehr auch, denn er hasste alle Weiber, bis zu seiner
Frau, die nur etwas taugt, wenns ihr gut geht, und die Kunstwerke selber
härteten ihn ordentlich ab gegen die Menschen. Aber er ruh' in seinem Frieden,
ach den er wohl wenig gefunden! Diesen Abend muss er schon wegen seiner Krankheit
und wegen des langen Wegs nach Blumenbühl voraus beerdigt werden. Da bin ich nun
bei deinen Pflegeeltern in der Nähe unserer eingeschlossenen Eltern. Deswegen
komm unabänderlich! Du bist allein mein Trost in der trüben Nacht, ich muss dich
wieder am Herzen halten, das sehr an dir klopfen will und weinen und reden, wenn
es nur darf. Nur komme! Nunmehr wird doch Gott, da alles im Tanzsaal zu den
Reigen bereit steht, keine kalte Gespenster und entsetzliche Larven
hineindringen lassen! Ich bete. Ach nur deinetwegen bin ich so froh, und ich
weine genug.
                                                                         Julie.«
Kaum hatte Albano dem Pflegevater das erfreuliche Versprechen, diesen Abend in
seinem Hause zu sein, gegeben, als dieser ohne weiteres davoneilte, um die
Seinigen auf die Freude des zwiefachen Besuches vorzubereiten.
    Der Lektor wurde um seine Nachrichten gebeten, mit welchen er, bedenklich
über Siebenkäs, zu zögern schien, bis Albano bat, ihm und seinem neuen Freund
frei alles mitzuteilen. Seine Erzählung war bis auf einige Einschaltungen, die
Albano später zukamen, diese:
    Bouverot - bei welchem er auf Fragen des neugierig gemachten Albano anfing -
war bisher in verborgner Verbindung mit dem haarhaarschen erbsüchtigen Prinzen
gewesen und hatte in entschiedener Berechnung, durch diesen das längste Glück
und sogar eine unerwartete Heirat zu machen, auf dessen Wort hin sein mit
Ehelosigkeit und Einkünften zugleich verknüpftes Ordenskreuz eines Deutsch-Herrn
abgehangen und an die Schwester dieses Prinzen, an Idoine, durch diesen selber,
der ihm für die Aufhebung ihres ähnlichen Gelübdes219 stand, ein Miniaturbild
von ihr, das er im Fluge gestohlen haben wollte, samt einem halben
Bilderkabinett und mit vielen feinen Anspielungen auf seinen Wahl-Namen Zefisio
als eines römischen Arkadiers und auf den Namen ihres Arkadiens übergehen
lassen. »Oh la différence de cet homme au diable, comme est-elle petite!« sagte
ganz ungewöhnlich-heftig Augusti. Albano musste fragen warum; »ein ganz anderes
Bild gab er für der Prinzessin ihres aus«, sagte der Lektor. Mitin wars Lianens
ihres, schloss Albano und hatte leicht durch wenige Fragen jene traurige
Geschichte von der blinden, vom Tiger Bouverot gejagten Liane erforscht. -
    »O ich Unglücklicher!« rief Albano halb in Grimm und halb in Schmerz. Die
Leiden taten ihm weh, womit das heilige Herz die kurze reine karge Liebe gegen
ihn bezahlen müssen - die zum erstenmal blind wurde, weil sie seinen Vater so
liebte220, und zum zweitenmal, weil sie der Sohn verkannte und liebte. Aber er
bezwang sich und sprach nicht darüber, die Vergangenheit war ihm wie Bienen das
Echo schädlich. Siebenkäs bezeugte seine Freude über Bouverots Bestrafung durch
das Fehlschlagen aller Plane.
    Albano hörte, dass auch Luigi die ehelichen Absichten Bouverots zu
unterstützen den Schein angenommen, bloss um ihn desto höher herabfallen zu
sehen. »Mit welch einer bittern kalten langen Schadenfreude« (dachte Albano)
»konnte mein Bruder in der Hoffnung auf die Grube, die sein Tod dem feindlichen
Hofe und dessen Anhängern graben würde, allen ihren Erwartungen zusehen und alle
ihre Massregeln von der Ehe der Fürstin an bis auf die Glückwünsche dazu
freundlich aufnehmen, indes er die Fürstin und alles hasste! Und wie konnt' er
diese lebenslange schweigende Kälte gegen mich behaupten?« - Aber Albano
bedachte zwei nahe Ursachen nicht, sein eignes stolzes Benehmen gegen den
Fürsten und den gewöhnlichen Fürstengeiz, der sich vor Apanagen-Geldern scheue.
    Gaspards Verhandlungen in Haarhaar, welche der Lektor nur mit einigen von
Juliennen anbefohlnen Auslassungen gab, waren diese:
    Mit eigner Lust und Stille sah der Ritter von jeher den Einwirrungen der
menschlichen Verhältnisse zu und gab sie ihrer eignen Auflösung und Zerreissung
hin. Hier liess er alle fremde Träume immer lebendiger und wilder werden, bis er
mit einem Griff an die Brust sie alle dem Schläfer wegraffte. Der alte Zorn über
die stolze Verweigerung der Fürstenbraut wurde befriedigt, da er ihnen unter dem
schimmernden Triumphtore ihrer Wünsche und Arbeiten die Dokumente über Albanos
Geburt, von der Hand des alten Fürsten an bis auf die des Bruders Luigi, als
ebenso viele bewaffnete Wachen zeigen konnte, die sie aus dem Siegestore wieder
rückwärts trieben. Man erstaunte mitleidig, ging auf nichts ein, Albano war
weder dem Lande noch Reiche vorgestellt. Gaspard trug sehr ruhig eine frühe
Anerkennung von Joseph II. nach. Auch dieses wurde ausser der Regel und als
ungültig gefunden. Darauf gestand er mit dem entschlossenen Zorn, mit dessen
Blitzfunken er so oft plötzlich Menschen und Verhältnisse durchbohrte, dass er
ohne weiteres das ganze Betragen des Hofs gegen Luigis achtes Jahr und dessen
Reise-Jahre allen Höfen entschleiern werde.
    Hier brach man erschrocken die vormittägigen Unterhandlungen ab, um sich zu
neuen nachmittägigen zu rüsten. In diesen - welche der Lektor Albano zu
verheimlichen beordert war - wurde von weitem der Wunsch eines fortdauernden
nähern Bandes zwischen beiden Häusern gezeigt. Unter dem Bande wurde Idoine
verstanden, deren Ähnlichkeit mit Lianen und dadurch Albanos Liebe gegen
letztere längst als Anekdote bekannt gewesen. Aber Gaspards ganzem Entwurfe
seiner vollständigen Genugtuung stand dieser eingemischte schuldlose Engel
entgegen; er - der mit seinem hohen zackigen Geweih doch leicht durch das
verworrene niedrige Gezweig des Weltlebens flog - stiess gegen die Schranke
seiner Vollmacht an, sagte geradezu Nein, und man brach entrüstet ab, mit der
höflichen Erinnerung, dass Herr v. Hafenreffer als Bevollmächtigter ihn begleiten
und in Pestitz das übrige verhandeln solle.
    So kamen beide an. Hafenreffer, ebenso fein und kalt als redlich, erforschte
leicht alle Verhältnisse der Wahrheit. Gaspard teilte Juliennen - noch im Wahne
ihrer alten Liebe gegen seine Tochter Linda - den Wunsch des fremden Hofes mit;
aber er wurde bestürzt über ihre Eröffnungen, welche so sehr für Idoine sprachen
als ihre bisherigen geheimen Einwirkungen auf Albano. Dazu entrüstete sie ihn
noch im verworrenen Helldunkel ihres Zustandes durch den gutgemeinten Antrag,
ihm seine väterlichen Auslagen für Albano einigermassen zu erstatten. »Der
Spanier lieset keine Haushaltungsrechnungen, er bezahlt sie bloss«, sagt' er und
nahm empfindlich Abschied auf immer, um alle Inseln der Erde zu bereisen. Albano
wollt' er nicht mehr sehen, aus Verdruss über den Zufall, dass ihm durch Schoppens
Kirchen- und Gräberraub das Vergnügen entwendet war, Albano durch die
Entdeckung, dass er nur Lindas Vater und nicht seiner sei, für kühne Zweifel an
seinem Werte zu strafen und zu demütigen. Wohin Linda noch in jener Nacht seiner
Entdeckung als Vater gegangen war, verbarg er allen kalt.
    Darauf nahm er auch feierlichen Abschied von seiner vorigen Braut, der
fürstlichen Witwe. »Er halte es für Pflicht,« (sagte er ihr) »ihr die neueste
Erbfolge zu hinterbringen, da er einiger massen sich selber sehr in den Gang der
Sache habe verflechten lassen.« Nie war ihr Blick stolzer und giftiger: »Sie
scheinen« (sagte sie gefasset) »in mehr als einen Irrtum verleitet zu sein. Wenn
es Sie so interessiert, wie Sie sich denn überhaupt für dieses Land zu
interessieren scheinen, so mach' ich mir eine Freude daraus, Ihnen zu sagen, dass
ich das Glück bekannt zu machen nicht mehr anstehen darf, dem ich nun gewiss
entgegensehe, dem Lande vielleicht durch einen Sohn ihres geliebten verstorbnen
Fürsten jede Veränderung zu ersparen. Wenigstens darf man vor der Entscheidung
der Zeit keine fremde Einmischung dulden.« Gaspard, über das Erwartete erzürnt,
versetzte darauf bloss ein unendlich-freches Wort - weil er leichter Geschlecht
als Stand zu vergessen und zu verletzen vermochte und nahm darauf von ihr seinen
höflichen Abschied mit der Versicherung, dass er gewiss sei, die Bestätigung
dieser sonst so angenehmen Nachricht, wo er auch sein werde, zu erhalten und dass
es ihm dann leid tun gerichtliche Papiere entgegensetzen zu müssen, die er
ungern in Umlauf bringe. »Sie sind ein wahrer Teufel«, sagte die Fürstin ausser
sich. »Vis-à-vis d'un ange? Mais pourquoi non?« versetzt' er und schied mit den
alten Zeremonien.
    Albano, dessen Herz in allen diesen Tiefen und Abgründen die nackten
verletzten Wurzeln und Fibern hatte, konnte nichts sagen. Aber sein Freund
Siebenkäs äusserte ohne weiteres, »dass Gaspard bei jedem Schritte und mit dem
ewigen feinen Wanken und Zögern, wie z.B. über die Heirat seiner Tochter und
sonst, nichts dargestellt habe als den lebendigen Spanier, wie ihn Gundling im
1. Teil seiner Otia so gut schildere«. Augusti verwunderte sich über diese
Offenheit; indes erschien sie ihm leidlicher und zierlicher als Schoppens rauhe.
»Was mich am meisten frappieren würde,« (setzte Siebenkäs dazu, der, wie es
schien, die Weltgeschichte zum Nebenfach genommen) »wäre das lange
Verschwiegenbleiben einer so wichtigen Abstammung unter so vielen Teilhabern des
Geheimnisses, wenn ich nicht zu wohl aus Hume wüsste, dass die Pulver-Verschwörung
unter Karl I. über ganze andertalb Jahre von mehr als zwanzig Mitwissern wäre
verborgen gehalten worden.«
    Viel verwundet und durch sich gereinigt ging Albano nach diesen Erzählungen
nachmittags ab ins zwieträchtige Reich, aber mit heiterer heiliger Kühnheit. Er
war sich höherer Zwecke und Kräfte bewusst, als alle harten Seelen ihm streitig
machen wollten; aus dem hellen, freien Äterkreise des ewigen Guten liess er sich
nicht herabziehen in die schmutzige Landenge des gemeinen Seins - ein höheres
Reich, als was ein metallener Zepter regiert, eines, das der Mensch erst
erschafft, um es zu beherrschen, tat sich ihm auf - im kleinen und in jedem
Ländchen war etwas Grosses, nicht die Volksmenge, sondern das Volksglück -
höchste Gerechtigkeit war sein Entschluss und Beförderung alter Feinde, besonders
des verständigen Froulay. - So sprang er nun zuversichtsvoll aus seinem
bisherigen schmalen, nur von fremden Händen getriebnen Fahrzeug auf eine freie
Erde hinaus, wo er allein, ohne fremde Ruder, sich bewegen kann und statt des
leeren, kahlen Wasser-Weges ein festes, blühendes Land und Ziel antrifft. Und
mit diesem Trost schied er von dem toten Schoppe und dem lebendigen Freund.
 
                                   145. Zykel
In der Dämmerung kam er auf dem Berge an, wo er die Stadt, die der Zirkus und
die Bühne seiner Kräfte werden sollte, überschauen konnte, aber mit andern Augen
als sonst; - Er gehört nun einer deutschen Heimat an - die Menschen um ihn sind
seine Landesverwandte - die ahnenden Ideale, die er sich einst bei der Krönung
seines Bruders von den warmen Strahlen entwarf, womit ein Fürst als ein Gestirn
Länder beleuchten und befruchten kann, waren jetzt in seine Hände zur Erfüllung
gelegt - sein frommer, von Landes-Enkeln noch gesegneter Vater zeigte ihm die
reine Sonnenbahn seiner Fürsten-Pflicht - nur Taten geben dem Leben Stärke, nur
Mass ihm Reiz - Er dachte an die um ihn her in Gräber gelegten eingesunknen
Menschen, zwar hart und unfruchtbar wie Felsen, aber auch hoch wie Felsen, an
die vom Schicksal geopferten Menschen, welche die Milchstrasse der Unendlichkeit
und den Regenbogen der Phantasie zum Bogen ihrer Hand gebrauchen wollten, ohne
je eine Sehne darüberziehen zu können. - »Warum ging ich denn nicht auch unter
wie jene, die ich achtete? Wallete in mir nicht auch jener Schaum des Übermasses
und überzog die Klarheit?«
    Das Schicksal trieb jetzt wieder Spiele der Wiederholung mit ihm: ein
flammender Wagen rollte auf einem seitwärts vom Prinzengarten ablaufenden Wege
davon; langsam rückte der Leichenwagen des Bruders mit seinen Totenlichtern den
Blumenbühler Berg hinan. »Den langsamen Wagen kenn' ich, wer ist der schnelle?«
fragte Albano den Lektor. »Herr von Cesara hat uns verlassen«, versetzt' er.
Albano schwieg, aber er empfand den letzten Schmerz, den ihm der Ritter geben
wollte. Er bat den Lektor sehr, ihn allein den Weg nach Blumenbühl gehen zu
lassen, weil er lauter Umwege nehme.
    Er wollte im Tartarus das Grabmal des Vater-Herzens ohne Brust besuchen. Als
er durch die lärmvolle Vorstadt ging, sah ihn ein alter Mann lange starr an,
floh plötzlich mit Schrecken davon und rief einer Frau, die ihm begegnete, zu:
»Der Alte geht um!« Der Mann war in der Jugend ein Bedienter des alten Fürsten
gewesen, war blind und vor kurzem wieder heil geworden; darum sah er den
ähnlichen Sohn für den Vater an. - In der Stadt war die gewöhnliche Volksfreude
über Wechsel laut. In einem Hause war ein Kinderball, in einem andern eine
Treppe von Sprichwörterspielern; indes die Landtrauer jeden Tanzsaal und jede
Bühne verschloss. Aus Roquairols Stube sahen fremde lustige Musensöhne heraus. Im
Wirtshause des Spaniers hatte ein Knabe die Dohle an einem Faden. Einige Leute
hört' er im Vorbeigehen sagen: »Wer hätte sich das träumen lassen?« - »Ganz
natürlich,« (versetzte der andere) »ich mauerte damals auch mit an der
fürstlichen Gruft und sah Ihn wie dich.« In der Bergstadt waren am Trauer-Schloss
alle Fensterreihen hell beleuchtet, als geb' es ein froheres Fest. Im Hause des
Ministers waren alle finster, oben unter den Statuen des Dachs schlich ein
einziges Lichtchen umher.
    »Nein,« (dachte Albano) »ich brauche nicht nachzusinnen, warum sank ich
nicht auch mit unter. O genug, genug fiel von mir in die Gräber - Ich muss mich
doch ewig nach allen entflohenen Menschen sehnen; - wie Taucher schwimmen die
Toten unten mit und halten mein Lebensschiff oder tragen die Anker.« Draussen sah
er die alte Leichenseherin auf dem Blumenbühler Wege stehen, die ihm einst bei
der Begleitung des Kahlkopfs begegnete; sie schauete starr hinauf dem
erleuchteten Leichenwagen nach und glaubte, Träume zu denken und die Zukunft,
als sie der Wirklichkeit zuschauete. Überall lagen in seiner Bahn die zuckenden
Spinnenfüsse, welche der erdrückten Tarantel der Vergangenheit ausgerissen waren.
Durch einen Flor sah er das Leben liegen, wiewohl es kein schwarzer, sondern ein
grüner war.
    Sehnsüchtig kam er im Tartarus, aber schaudernd vor ihm, weil ihm die
Vergangenheit mit ihren Geistern nachzog, auf dem herrnhutischen Gottesacker an,
wo in einem Garten ohne Blumen, den eingesunkne, eingeschlafne Trauerbirken
umstanden, der weisse Altar mit dem Vater-Herzen und der goldnen Inschrift
schimmerte: »Nimm mein letztes Opfer, Allgütiger!« Vor dem in eine Brust von
Stein geschlossenen Herzen, das sich mit nichts regte, nicht mit einem
Stäubchen, tat er sein kindliches Gebet zu Gott und fühlte, dass er seine Eltern
würde geliebt haben, und schwur sich, ihnen zu gefallen, wenn ihre hohen Augen
sich noch in das tiefe Tal des Lebens richten. Er drückte den kalten Stein wie
eine Brust an sich; und ging mit sanften Schritten weg, als ginge der Greis
neben ihm in seiner eignen, ihm so ähnlichen Gestalt.
    Er sah auf von seinem Wege zum Berge, wo ihn der Vater abends am Pfingst-
und Abendmahlstage gefunden, wie zu einem Tabor der Vergangenheit; und im Gange
durch das Birkenwäldchen erinnerte er sich noch wohl der Stelle221, wo einst
zwei Stimmen, seine Eltern, seinen Namen ausgesprochen hatten. So von der
heiligen Vergangenheit eingeweiht, kam er in seinem Kindheits-Dörfchen an und
sah die Kirche wie das Wehrfritzische Haus von Lichtern erfüllt, obwohl jene zu
traurigem Zweck und dieses zum frohen der Gäste.
 
                                   146. Zykel
Albano fand in der Verklärung, worin der Himmel ihm nur der Vergrösserungsspiegel
einer schimmernden Erde war und die Vergangenheit nur das Vater-und Mutterland
heiliger Eltern, in diesem Seelenglanz fand er das Erziehungshaus, worein er
trat, festlich und als einen Tempel und alles Gemeine und Schwere geläutert oder
nur nachgespielt auf einer Bühne. Seine Mutter Albine und die Schwester Rabette
kamen mit ihren freudigen Mienen als höhere Menschen an sein bewegtes Herz. Sie
wichen eilig zurück, Julienne flog die Treppe herab und küsste den Bruder zum
erstenmal öffentlich, in einer schweigenden Vermischung von Lust und Weh. Als
sie ihn losliess, fing aus der Nacht im Kirchturm das Geläute als Zeichen an, dass
der tote Bruder in die Kirche einziehe; da stürzte sie wieder auf Albano zurück
und weinte unendlich. Sie ging mit ihm hinauf, ohne zu sagen, wen er droben
neben dem Pflegevater finde. Eine alte Flötenuhr, deren mühsames Spiel von jeher
seltenen Gästen dargeboten wurde, quoll ihm, als er die Türe öffnete, mit den
Nachklängen der Kindertage entgegen.
    Eine weibliche lange schwarzgekleidete Gestalt mit einem seitwärts
herabgehenden Schleier, welche mit seinem Pflegevater sprach, wandte sich um
nach ihm, da er eintrat. Es war Idoine, aber der alte Zauberschein fuhr wieder
über seine heute so bewegte Seele, als wenn es Liane aus dem Himmel sei, mit
Unsterblichkeit gerüstet, auf überirdische Kräfte stolzer und kühner, nichts von
der vorigen Erde mehr tragend als die Güte und den Reiz. Beide fanden sich mit
gegenseitigem Erstaunen hier wieder. Julienne sah - ihrer kleinen Verhehlungen
und Anstalten sich bewusst - ein rotes Wölkchen des Unwillens über Idoinens
mildes Gesicht fliegen; es war aber bald unter dem Horizont, sobald Idoine es
bemerkte, dass die Schwester unter dem Leichengeläute des Bruders die Tränen
nicht bezwingen konnte, und sie ging ihr freundlich entgegen, ihre Hand
aufsuchend. Idoine hatte, durch ihre Strenge leicht zum launischen Zürnen,
diesem kleinen Kriege des Zorns, geneigt, sich durch scharfe lange Übung von
diesem feinsten, aber stärksten Gift des Seelenglückes freigemacht, bis sie
zuletzt an ihrem Himmel stand als ein reiner, lichter Mond ohne einen Regen- und
Wolkenkreis der Erde.
    Albano, dem die Erde, mit Vergangenheit und Toten gefüllt, eine Luftkugel
geworden war, die in dem Äter ging, fühlte sich frei zwischen seinen Sternen
und ohne irdisches Bangen; er nahete sich Idoinen - obwohl bei dem Bewusstsein
der kämpfenden Verhältnisse ihres und seines Hauses - mit heiligem Mute: »Ihr
letzter Wunsch im letzten Garten« (sagt' er) »wurde vom Himmel gehört.« - Mit
jungfräulich-entschiednem Sinn ging sie durch die Wildnis, worin sie bald
Blumen, bald Dornen auseinanderzubeugen hatte, um weder verlegen noch verletzt
zu werden; sie antwortete ihm: »Ich freue mich von Herzen, dass Sie Ihre treue
Schwester auf immer gefunden haben.« Wehrfritz war über die Freimütigkeit, womit
sie die Wahrheit redlich wider alle Familien-Verhältnisse sprach, ebenso
erfreuet als verwundert. »So muss man immer auf der Erde viel verlieren,«
(erwiderte ihr Albano) »um viel zu gewinnen« und wandte sich an seine Schwester,
als woll' er dadurch diesem Worte einen vieldeutigern Sinn verwehren.
    Das Totengeläute dauerte fort. Die seltsame, frohe und trübe Vermischung der
irdischen Schicksale gab allen eine feierliche und freie Stimmung. Albine und
Rabette kamen herauf, festlich-dunkel gekleidet zum Gange in die
Begräbniskirche. Julienne teilte sich zwischen zwei Brüder, und nie hob sich ihr
Herz romantischer auf? das zugleich in Tränen und in Flammen stand. Sie er riet,
wie über ihren Bruder Albano ihre Freundin Idoine denke, an der sie eine festere
Stimme kannte, als die heutige war, und deren süsse Verwirrung ihr am leichtesten
aus dem kurzen Berichte klar wurde, den ihr die offne Seele von dem Wiedersehen
Albanos in Lianens Garten gemacht; auch das kleine jungfräuliche Zurückzittern
ihres heutigen Stolzes, da sie sich hier überall für eine auferstandene Liane,
diese Geliebte des Jünglings, verlegen musste gehalten finden, machte Juliennen
nicht irrer, sondern gewisser.
    »An einem schönen Abend« (sagte Albano zu Idoinen) »sah ich einst in Ihr
schönes Arkadien herab, aber ich war nicht in Arkadien.« - »Der Name« (versetzte
sie und senkte wieder die klaren Augen bezogen zur Erde) »ist auch bloss Scherz;
eigentlich ists eine Alpe und doch nur mit Sennenhütten in einem Tale.« Sie hob
die grossen Augen nicht wieder auf, als Julienne schweigend ihre Hand nahm und
sie fortzog, weil jetzt das Leichengeläute mit traurigen einzelnen Stössen
ausklang, als Zeichen, dass die Totenfeier angehe, deren Teilnahme Julienne ihrem
schwesterlichen Herzen unmöglich abdingen liess. »Wir gehen in die Kirche«, sagte
Idoine zur Gesellschaft. »Wir wohl alle«, versetzte Wehrfritz schnell. Als die
beiden Mädchen an Albano vorübergingen, bemerkte er zum erstenmal an Idoinen
drei kleine Blatternarben, gleichsam als Erden- und Lebens-Spuren, die sie zu
einer Sterblichen machten. Er blickte der hohen edeln Gestalt mit dem langen
wehenden Schleier nach, welche neben seiner Schwester ebenso majestätisch, nur
zärter gebauet erschien als Linda, und deren heiliger Gang eine Priesterin
verkündigte, die in Tempeln vor Göttern zu wandeln gewohnt gewesen.
    Kaum waren beide verschwunden, als die alten Bekannten Albanos, zumal die
Weiber, denen Juliennens Gegenwart immer Albanos Stammbaum nahe gehalten, mit
allen Zeichen der lang zurückgedrängten Herzlichkeit, voll Wünsche, Freuden und
Tränen auf sein Herz eindrangen. »Bleibt meine Eltern!« sagte Albano. »Bravheit
ist alles auf der Erde«, sagte der Direktor. - »Ich tat das Meinige wie eine
Mutter,« (sagte Albine)»aber wer konnte las wissen?« - Rabette sagte nichts,
ihre Freude und Liebe waren überschwenglich wie ihre Erinnerung. »Meine
Schwester Rabette« (sagte Albano) »hat mir, als ich das erstemal nach Italien
ging, die Worte auf eine Börse gestickt mitgegeben: Gedenke unserer - Diese
werd' ich euch allen in jedem Schicksal erfüllen« - und hier dacht' er, obwohl
zu verschämt-bescheiden, um es zu sagen, an das, was er etwan als Fürst für
seinen Pflegevater tun könnte, worunter die Zurückgabe von dessen heimfallenden
Männer-Lehn zuerst gehörte. »So wird uns denn manches zeiterige Herzeleid -«,
fing Albine an. - »O was Herze, was Leid,« (sagte Wehrfritz) »heute wird alles
richtig und glatt.« Aber Rabette verstand die Mutter sehr wohl.
    Alle begaben sich auf den Weg zum Trauer-Tempel. Sie hörten aus der Kirche
die Musik des Liedes: »Wie sie so sanft ruhn«; in einiger Ferne versuchten sich
Waldhörner zu frohern Tönen. Rabette drückte Albanos Hand und sagte sehr leise:
»Es ist gut mit mir geworden, weil ich alles erfahren habe.« Sie hatte dem
unglücklichen Roquairol, seitdem er ein vielfaches Glück und sich selber
ermordet hatte, ihre ganze Liebe ins Grab zum Verwesen nachgeworfen, ohne eine
Träne dazuzutun. Sie sprang auf Idoinens Güte über, auf ihre Ähnlichkeit, »mit
deren Erwähnung der Vater den Engel heute rot gemacht«, und auf ihr schönes
Trösten Juliennens, die vor Albanos Ankunft unaufhörlich geweint. Albine lobte
mehr Juliennen wegen ihrer Geschwister-Liebe. Rabette schwieg über diese; beide
waren schwesterliche Nebenbuhlerinnen; auch hatte Julienne sie als Schlachtopfer
des von ihr verachteten Roquairols nach ihrem scharfen unerbittlichen System
sehr kalt angesehen, indes Idoine, welche, durch ihre grössere Kenntnis der
Menschen, Milde gegen die weiblichen Irrtümer des Herzens und Augenblicks mit
Strenge gegen Männer verbinden lernen, nur sanft und gerecht gewesen war.
    Als sie in die Kirche voll Trauerlampen traten: schlich sich Albano in eine
unbeleuchtete Ecke weg, um nicht zu stören und gestört zu werden. Am hellen
Altare stand heiter der ehrwürdige Spener mit dem unbedeckten Haupt voll
Silberlocken, der lange Sarg des Bruders stand vor dem Altare zwischen
Lichter-Linien. Am Gewölbe der Kirche hing Nacht, und die Gestalten verloren
sich in das Dunkel, unten durchkreuzten sich Strahlen und Schlagschatten und
Menschen. Albano sah wie eine Todespforte die eiserne Gittertüre des
Erbbegräbnisses aufgetan, worein seine frommen Eltern gezogen waren; und ihm
war, als schreite noch einmal Schoppens brausender Geist hinein, um in das
letzte Haus des Menschen einzubrechen. Der Bruder rührte ihn nur wenig, aber die
Nachbarschaft der stillen Eltern, die so lang für ihn ge sorgt und denen er nie
gedankt, und die unaufhörlichen Tränen der Schwester, die er in der Empor über
der Todespforte sah, er griffen heftig sein Herz, aus welchem die tiefen ewigen
Trauer töne die Tränen, gleichsam das warme Blut der Trauer und Liebe sogen. Er
sah Idoine mit ihrer halb roten, halb weissen Lankaster-Rose auf der schwarzen
Seide neben der Schwester stehen, sich gegen manchen vergleichenden Blick den
Schleier über die Augen ziehend - Hier neben solchen Altarlichtern hatte einst
die bedrängte Liane unter dem Abschwören der Liebe gekniet - das ganze Sternbild
seiner glänzenden Vergangenheit, seiner hohen Menschen war hinunter unter den
Horizont, und nur ein heller Stern davon stand noch schimmernd über der Erde,
Idoine.
    Da erblickte den Jüngling sein Freund Dian und eilte herzu. Ohne viele
Rücksichten umarmte ihn der Grieche und sagte: »Heil, Heil der schönen
Veränderung! Dort steht meine Chariton, auch sie möchte nach ihrer Sprache222
grüssen.« - Aber Chariton blickte unaufhörlich Idoinen wegen ihrer Ähnlichkeiten
an. »Nun, mein guter Dian, ich habe manches Herz und Glück dafür hin gezahlt,
und mich wundert es, dass dich mir das Geschick gelassen«, sagte Albano. - Darauf
fragt' er ihn als den Baumeister der Kirche nach der Beschaffenheit des
Erbbegräbnisses, weil er nachher sich wolle die Asche seiner Eltern aufdecken
lassen, um wenigstens stumm und dankend hinzuknien. »Davon« (sagte Dian
betroffen) »weiss ich sehr wenig; aber ein grausamer Vorsatz ists, und wozu soll
er führen?«
    Die Musik hörte auf, Spener fing leise seine Rede an. Er sprach aber nicht
von dem Fürsten zu seinen Füssen, auch nicht von seinen Geliebten in der
Erbgruft, sondern von dem rechten Leben, das keinen Tod kenne und das erst der
Mensch in sich erzeuge. Er sagte, dass er, obwohl ein alter Mann, weder zu
sterben noch zu leben wünsche, weil man schon hier bei Gott sein könne, sobald
man nur Gott in sich habe - und dass wir müssten unsere heiligsten Wünsche wie
Sonnenblumen ohne Gram verwelken sehen können, weil doch die hohe Sonne
fortstrahle, die ewig neue ziehe und pflege - und dass ein Mensch sich nicht
sowohl auf die Ewigkeit zubereiten als die Ewigkeit in sich pflanzen müsse,
welche still sei, rein, licht, tief und alles.
    Für manche Menschen-Brust in der Kirche wurde durch die Rede der
Vergangenheit die Giftspitze abgebrochen. Auf Albanos steigendes Meer hatte sie
glattes Öl gegossen, und um sein Leben wurd' es eben und glänzend. Juliennens
Augen waren trocken und voll heitern Lichtes geworden; und Idoinens ihre hatten
sich schimmernd gefüllet, weil heute ihr Herz zu oft in Bewegung gekommen war,
um nicht in der süssen, andächtigen und erhebenden zu weinen. Einmal war Albano,
da er zu ihr blickte, als glänze sie überirdisch, und wie auf eine Luna die
Sonne unter der Erde, strahle Liane aus der andern Welt auf ihr Angesicht und
schmücke das Ebenbild mit einer Heiligkeit jenseits der Erde.
    Nach dem Schlusse der Rede ging Albano ruhig zu beiden Freundinnen, drückte
seiner Schwester die Hand und bat sie, nicht das Ende der dunkeln Feier
abzuwarten. Sie war getröstet und willig. Da sie aus der Kirche traten, war ein
wunderbarer heller Mondschein auf der Erde verbreitet wie ein süsses Morgen licht
der höhern Welt. Julienne bat sie, statt zwischen die Mauern, die Kerker der
Augen und Worte, und unter das Getümmel hin einzugehen, lieber vorher die hellen
stillen Gegenden zu schauen. Alle trugen in ihrer Brust die heilige Welt des
heitern Greises in die schöne Nacht hinaus. - Kein Wölkchen, kein Lüftchen regte
sich am weiten Himmel, die Sterne regierten allein, die Erdenfernen verloren
sich in weisse Schatten, und alle Berge standen im silbernen Feuer des Mondes. »O
wie lieb' ich Ihren heitern heiligen Greis« (sagte Idoine zu Albano und hatte
schon oft Juliennens Hand gedrückt) - »Wie gut ist mir! - Ach das Leben wird wie
das Meerwasser nicht eher ganz süss, als bis es gen Himmel steigt.« - Plötzlich
kamen zu ihnen ferne Waldhorntöne heraus, welche gutmeinende Landleute vor
Albanos Erziehungshause als Grüsse brachten. »Wie kommts,« (sagte Julienne) »dass
im Freien und nachts auch die unbedeutendste Musik gefällig und rührend wird?« -
»Vielleicht weil unsere innere heller und reiner dazu mittönt«, sagte Idoine. -
»Und weil vor der Sphärenmusik des Universums menschliche Kunst und menschliche
Ein falt am Ende gleich gross sind«, setzte Albano dazu. »Das meint' ich eben,
denn sie ist doch auch nur in uns«, sagte Idoine und sah ihm liebreich und offen
in die Augen, die vor ihren zusanken, wie wenn ihn jetzt der Mond, der milde
Nachsommer der Sonne, blendend überglänzte.
    Sie wandte sich seit der Kirchenfeier öfter an ihn, ihre süsse Stimme war
teilnehmender, obwohl zitternder, die jungfräuliche Scheu vor Lianens
Ähnlichkeit schien besiegt oder vergessen, so wie an jenem Abende im letzten
Garten; in ihr hatte sich unter Speners Rede ihr Dasein entschieden, und an der
Liebe der Jung frau waren wie an einem Frühling durch einen warmen Abend-Regen
alle Knospen blühend aufgebrochen. Indem er jetzt dieses klare milde Auge unter
der wolkenlosen reinen Stirn anschauete und den feinen, vom unerschöpflichen
Wohlwollen gegen jedes Leben überhauchten Mund: so begriff er kaum, dass diese
weiche Lilie, diesen leichten Duft, aus Morgenrot und Morgenblumen aufgestiegen,
der feste Geist bewohne, der das Leben regieren konnte, so wie die zarte Wolke
oder die kleine Nachtigallen-Brust der schmetternde Schlag.
    Sie standen jetzt auf dem vom Immergrün der Jugenderinnerung bedeckten
hellen Berge, wo Albano sonst in den Träumen der Zukunft geschlummert hatte, wie
auf einer lichten hohen Insel mitten im Schatten-Meere zweier Täler. Die
Lindenstädter Gebürge, das ewige Ziel seiner Jugendtage, waren vom Mond
beschneiet, und die Sternbilder standen blitzend und gross auf ihnen hin. Er sah
Idoine nun an - wie gehörte diese Seele unter die Sterne! »Wenn die Welt rein
ist vom niedrigen Tage - wenn der Himmel mit seinen heiligsten fernsten Sonnen
das Erdenland ansieht - wenn das Herz und die Nachtigall allein sprechen: nur
dann geht ihre heilige Zeit am Himmel an, dann wird ihr hoher stiller Geist
gesehen und verstanden und am Tage nur ihr Reiz«, dachte Albano.
    »Wie manchmal, mein guter Albano,« (sagte die Schwester) »hast du hier in
deinen verlassenen Jugendjahren zu den Bergen nach den Deinigen gesehen, nach
deinen verborgnen Eltern und Geschwistern; denn du hattest immer ein gutes
Herz!« Hier blickte ihn Idoine unbewusst mit unaussprechlicher Liebe an und sein
Auge ihres. »Idoine,« (sagt' er, und ihre Seelen schaueten ineinander wie in
schnell aufgehende Himmel, und er nahm die Hand der Jungfrau) »ich habe noch
dieses Herz, es ist unglücklich, aber unschuldig.« - Da verbarg sich Idoine
schnell und heftig an Juliennens Brust und sagte kaum hörbar: »Julienne, wenn
mich Albano recht kennt, so sei meine Schwester!«
    »Ich kenne dich, heiliges Wesen«, sagte Albano und drückte Schwester und
Braut an eine Brust. - Und aus allen weinte nur ein freudetrunknes Herz. »O ihr
Eltern,« (betete die Schwester) »o du Gott, so segne sie beide und mich, damit
es so bleibe!« Und da sie gen Himmel sah, als die Liebenden im kurzen heiligen
Elysium des ersten Kusses wohnten, so blickten unzählige Unsterbliche aus der
blauen tiefen Ewigkeit - die fernen Töne und die milden Strahlen verwoben sich
ineinander - und das schlummernde Reich des Mondes erklang - »schauet auf zum
schönen Himmel,« (rief die freudentrunkne Schwester den Liebenden zu) »der
Regenbogen des ewigen Friedens blüht an ihm, und die Gewitter sind vorüber, und
die Welt ist so hell und grün - wacht auf, meine Geschwister!« -
                                      Ende
 
                                    Fussnoten
1 Diese 35 Ellen hohe Statue auf einem Gestelle von 25 Ellen, in deren Kopfe 12
Menschen Raum antreffen, steht bei Arona und hält gerade mit der
gegenüberstehenden Isola bella, die mit 10 aufeinander gebaueten Gärten oder
Terrassen aufsteigt, einerlei Höhe. Keisslers Reisen etc. B. I.
2 Die alten Kremnitzer haben das Christuskind auf dem rechten Arm; die neuen und
leichtern auf dem linken.
3 Franklin riet das Aufbewahren und Bouchieren ausgetrunkener Gefässe an, um das
Schiff dadurch oben zu erhalten.
4 Gemälde von Peter Molyn den man wegen seiner guten Gewitter nur Tempesta
nannte.
5 Der Pasquino ist bekanntlich verstümmelt. - Della Porta war ein grosser
Ergänzer alter Statuen.
6 D.h. zwischen zwei hölzernen Walzen und einer metallenen gepresset werden.
7 Diese Pille besteht aus Spiessglaskönig und wird ihrer Festigkeit wegen stets
von neuem mit altem Erfolge gebraucht: man schüttet bloss vorher einen Aufguss von
Wein darüber.
8 Tirare di prima vera nennts das Volk, und Peter Schoppe übersetzt es erhaben
genug: elektrisches Pistolenzeug des Lenzes.
9 Wir sehen uns nie, mein Sohn.
10 Wir sehen uns einst, mein Bruder.
11 Ein guter Wouwermann heisset in der Malersprache ein gut gemaltes Pferd,
dessen Beschauen auf die Schönheit des künftigen Füllen einfliesset.
12 So heisset das Quantum, das man den Beisitzern des Kammergerichts, wenn sie
nicht genug gearbeitet haben, vorentält.
13 Die Ipecacuanha gehört zum Veilchengeschlechte.
14 Aus dem Orden des heiligen Pauls oder memento mori, der in Frankreich im
17ten Jahrhundert erlosch. Die obige Anrede ist ihr gewöhnlicher Gruss.
15 Den Zahuris in Spanien wird bekanntlich die Kraft zugetrauet, Leichname,
Metalladern etc. in der tiefen Erde zu erblicken.
16 Anspielung auf die Erzählung einiger Astronomen, dass die verfinsterte Sonne
zuweilen durch eine Öffnung des Mondes geblitzet habe, wie es z.B. Ulloa einmal
gesehen zu haben versichert.
17 In Kalabrien waren im Zeiträume von Jahren (1785) tausendundvier
Erschütterungen. Münters Reise etc.
18 Reflexions critiques sur la Poesie etc. de Dubos. T. I. Sect. 42.
19 Sueton. Nero.
20 Ich habe schon gesagt, dass er da erzogen wurde bei dem Landschaftsdirektor
von Wehrfritz
21 Bekanntlich wird diesem Evangelisten ein Engel beigesellet.
22 An einen deutsch. Kammerpräsident. 1. B. Seite 296.
23 Denn Boyle fand in seinen Versuchen, dass Ranunkeln, Münze etc., die er im
Wasser grosswachsen lassen, die gewöhnlichen aromatischen Kräfte entwickelten.
24 Modesten wollen einige statt der Beinkleider hören.
25 Gemach, es ist unschicklich, wenn man seine Serviette früher aufmacht als
andre Leute.
26 Es ist unschicklich, wenn man auf seine Suppe bläset.
27 Um Verzeihung, es ist Hecht au four; aber es ist unschicklich, nach dem Namen
einer Schüssel zu fragen - man tut, als wisse man ihn schon.
28 Die weibliche Valisnerie liegt zusammengerollt unten im Wasser, aus welchem
sie mit der Blumenknospe aufsteht, um im Freien zu blühen; die männliche macht
sich dann vom zu kurzen Stengel los und schwimmt mit ihrem trocknen Blütenstaube
der erstern zu.
29 Die vorhergehenden schönen Oktobertage so wie die Kanikularferien und der
April und kurz der Vorrest des Jahres wurden am gedachten 22sten Oktober und
dieser selber nachgeschaffen. So lehn' ich leicht die Frage nach der Vorzeit ab.
Denn datiert einer die Welt anders, z.B. vom 20sten März, wie Lipsius und die
Patres taten. so muss er immer zu meinem Nachschaffen des Vorjahrs greifen, wenn
ich ihm mit seiner eignen obigen Frage zu Leibe gehe.
30 Man glaubte sonst, dass ein Rubin angenehme Träume gebe.
31 Arnolds Kirchengeschichte von Preussen. 1. B.
32 In Catana ist der Schleier der heiligen Agata das einzige Gegengift des
Ätna.
33 Anspielung auf die Fackeln, vor denen man das Kolosseum und die Antiken - und
die Gletscher, die beides sind - magischer glänzen sieht.
34 Wie die Himmelskönigin, Juno, von den Alten immer blau verschleiert wird.
Hagedorn über die Malerei.
35 Eine alte Maschine, die viele Schüsse auf einmal tut.
36 In Italien sehen die Sterne nicht silbern, sondern golden aus.
37 Bei gewitterhafter Luft steigen aus Orangelilien, Goldblumen, Sonnenblumen,
indischen Nelken etc. kleine Flammen.
38 Wahrscheinlich auf flatternden Goldblechen gegen die Vögel.
39 Nach Camper haben Hektiker sehr weisse und schöne Zähne.
40 Derham (in seiner Physiko-Teologie 1750) bemerkt, dass Taube unter dem Getöse
am besten hören, z.B. ein Hartöriger unter dem Glockengeläute; eine taube
Wirtin unter dem Trommeln des Hausknechts. Daher wird vor Fürsten und Ministern,
die meistens schlecht hören, Musik-, Pauken- und Kanonen-Lärm, wenn sie
durchpassieren, geschlagen, damit sie das Volk leichter hören.
41 In dessen Wand die Frau mit dem Souvenir ist.
42 Diese frühzeitige Vollendung des Wuchses hab' ich an mehreren ausgezeichneten
Weibern bemerkt, gleich als sollten diese Psychen Schmetterlingen gleichen, die
nicht wachsen nach der Entpuppung.
43 Mit Disteln wird das Tuch gerauhet, d.h. aufgekratzt, um es besser zu
scheren.
44 »Sehen Sie, wie vortrefflich Ihr Le Cain (ein berühmter Schauspieler) seine
(Mord-)Rolle spielt.«
45 »Sie wollen, wie es scheint, das Schicksal dieser Seherin noch eher
entscheiden, als das unsrige entschieden ist.« Er meint hier die Ehescheidung,
die zwischen beiden nur durch den wechselseitigen Wunsch, Lianen zu behalten,
verschoben wurde.
46 »So gehört sichs für Ihre Verschönerungskunst, sowohl blind zu machen als zu
sein, der Liebesgott ist das Modell dazu.«
47 »Das wäre eben vorher Ihre Sache gewesen.«
48 Eine nervenschwache (ich weiss nicht, obs die nämliche ist), welche viel
Religion, Phantasie und Leiden hatte, wurde, wie sie mir erzählt, auf dieselbe
Weise blind und auf dieselbe geheilt.
49 Das ewige Prickeln der empfindlichern Finger-Nerven durch Strick-, Tambour-
u.a. Nadeln macht vielleicht so gut wie das Berühren der Harmonikaglocken durch
Reizen nervenschwach.
50 Der Tartarus ist die melancholische Partie in Lilar.
51 Den Blutumlauf beschleunigt Hochmut bis zum Wahnsinn. Übrigens ist die ganze
Bemerkung von dem pharmazeutischen Werte des Hochmuts aus Tissots »traité sur
les Nerfs« geholt.
52 So hiess bei den Römern ein Mann, der hinter der Leiche ging und die Gebärden
und das Wesen derselben im Leben nachäffte. Pers. Sat.3.
53 Dieser hatte früher dem spanischen Ritter die Prinzessin abgeschlagen; es
sind mir aber über diesen wichtigen Artikel hinlängliche Dokumente versprochen.
54 Dians Familie wohnt in Lilar.
55 Sonst glaubte man, dass eine im Chorstuhle liegende Lilie den Tod dessen
bedeute, dem er gehörte.
56 Honnêteté schliesset in den höhern Ständen Morden, deshonnêteté, Lügen etc.
völlig aus; ausgenommen in einem gewissen Grade.
57 Dieser Hof ist katolisch, aber das Land luterisch, und zu dieser letztern
Konfession bekennt sich auch der Hohenfliesser.
58 S. des Grafen Lamberg Tagebuch eines Weltmannes.
59 Wer in die Akademie der Arkadier tritt, nimmt einen arkadischen Namen an.
60 Sie haben eine ganze Stube zum Winterleben, der man im Sommer bloss die
Fenster aushebt.
61 So hiess überall der einsiedlerische Emeritus, der da wohnende Hofprediger
Spener, der mit dem edlen alten frommen Spener nicht nur von väterlicher Seite
verwandt war, sondern auch von geistiger.
62 Sie hatten als Zwillinge diese Namen.
63 Der Tartarus mit dem Vaterherzen Juliennens.
64 So heisset jener Berg, den Albano in der bekannten Frühlingsnacht gefunden.
65 Linda de Romeiro.
66 Die Ursache ist, weil sie nach der Genesung noch kurzsichtig war, und ein
Kurzsichtiger sieht den Tau glänzender.
67 Dieser Satz, dass die reine Musik ohne Text nichts Unmoralisches darzustellen
vermöge, verdient von mir mehr untersucht und ausgeführt zu werden.
68 Es kann mir nicht vorgeworfen werden, dass ja die Szenen meines Buchs wirklich
erlebte wären und dass man keine bessere zu erleben wünschte denn in der
Darstellung der Phantasie nimmt die Wirklichkeit neue Reize an Reize, mit
welchen auch jede andere zurückgewichene Gegenwart magisch die Erinnerung
durchschimmert. Ich berufe mich hier auf die Empfindung des Personales selber,
das im Titan handelt, ob es nicht in meinem Buche wenn es anders darüber gerät -
an den abgemalten Szenen, die doch seine eignen sind, einen höhern Zauber
findet, der den wirklichen abging, und ders freilich machen könnte - aber ganz
mit Unrecht -, dass das Personale wünscht, sein eignes Leben zu - erleben.
69 Oder Atanor, ein chemischer Ofen, der lange Zeit ohne Nachschüren
fortarbeitet.
70 Nach Lempriere.
71 Sanhedrin. c. 2. Misch. 3.
72 Cic. ad Quirit. post redit. c. 3.
73 Seine Sekte liess durch Christi Höllenfahrt alle Böse aus der Hölle kommen,
Abraham, Enoch, die Propheten etc. aber nicht. Tertull. adv. Marcion.
74 So heissen schwarze Farben.
75 So heisset die Linie, die man von der Sonnennähe zur Sonnenferne zieht.
76 Ein mit dem Gesichte zuerst in die Welt tretendes Kind kann später den Kopf
nicht vorwärts beugen. Hausmutter V. B.
77 So heisset das Invalidenhospital in Kopenhagen.
78 In Darwins Zoonomie 1. B. S.529, wird einer angeführt, der vor Zuschauern es
machte. In Paris tat ein andrer dasselbe durch Luft, die er in den Magen
schluckte.
79 In Wien machte ein Institut aus altem Lack neuen und steuerte mit dem Ertrage
Arme aus.
80 So geschmacklos wollte Basedow eine Tochter zum Andenken des auf
Pränumeration erscheinenden Elementarwerks taufen lassen. S. Schlichtegrolls
Nekrolog.
81 So heisst an einigen Orten die Schwindsucht.
82 Ein Mikrometer besteht aus feinen, in das Sehrohr eingespannten Fäden, die
zum Messen der kleinsten Entfernung dienen.
83 Das Passageinstrument oder Kulminatorium beobachtet es, wenn ein Stern den
höchsten Stand in seinem Laufe hat.
84 Autarchen; denn Monarchen oder Einherrscher sind von Selbsterrschern
etymologisch verschieden.
85 Spielet er damit auf die fürchterliche weisse Gestalt in meiner Vision von der
Vernichtung an?
86 So heisset die Gestalt eines Sterbenden.
87 Simons christl. Altertümer, von Mursinna etc. p. 143.
88 Anspielung auf die Art, Frösche mit einem Stückchen roten Tuch zu angeln.
89 Der Mond.
90 Die unbekannten Erfrornen werden von den Mönchen unbegraben aneinander, jeder
an die Brust des andern angelehnt.
91 Linda de Romeiro.
92 Er soll lehrend immer auf die leere Knopf-Stätte eines Studenten gesehen
haben; und wurde irre, als dieser sie besetzt hatte.
93 Die Zeit des Sonnenuntergangs, welche die südlichen Länder so sehr fliehen.
94 Tempestiarii oder Wettermacher hiessen im Mittelalter die Hexenmeister, welche
Ungewitter erregen konnten. Man brauchte in Kirchen Wettergebete gegen sie; und
andere Hexenmeister, die jenen entgegenarbeiteten.
95 Die polnischen Tänzer tragen immer eine Peitsche unter dem Pelze damit die
Tänzerin durch die Schläge entschuldigt ist, wenn sie mit ihm fehlet.
Oberschles. Monatsschrift, 1stes St., Jul. 1788.
96 Geistersche
97 So nannten ihre Schliesser die Gefangnen.
98 Alexand. ab Al. V. 4.
99 Um sich von dem Adler des Kaisers zu unterscheiden, der in beiden Fängen
etwas hält.
100 Bouverot war katolisch.
101 meinte eine mit dem armen Lektor.
102 Ich meine nicht (wie es etwa aus dem Verkaufen scheint) Pitt den Minister,
sondern Pitt den Diamanten, den der Vater des jetzigen dem Herzog Regenten von
Frankreich verhandelte und für dessen Splitter er noch 12000 Dukaten bekam.
103 Ich verkaufe bloss die Landschaften und gebe die Figuren zum Kauf darein.
104 Plaut. Bach. Act. 4. Scen. 7. 17.
105 7ter Teil der neuen Sammlung der Reisebeschreibungen.
106 Ich spreche mehr von Töchtern, weil diese die gewöhnlichsten und grössten
Opfer sind; die Söhne sind unblutige Messopfer.
107 Plin. H. N. VIII. 16.
108 Und das ist durchaus wahrscheinlich. Doktor Eduard Hill berechnete dass in
England jährlich 8 000 an der unglücklichen Liebe - am gebrochnen Herzen, wie
die Engländerinnen rührend sagen - sterben. Beddoes erweiset dass die
vegetabilische Kost - und diese lieben gerade diese Wesen - die Schwindsucht
nähre und dass die weiblichen sich zu dieser neigen. Noch dazu fallen die Zeiten
der Sehnsucht, die schon ohne Fehlschlagen, wie das Heimweh zeigt, eine
vergiftend-herumziehende Bleikugel ist, in die Jugend ein, wo der Same der
Brustkrankheiten am leichtesten aufgeht. O manche fallen in der Ehe unter
falschen Auslegungen vor dem Todesengel, dem sie vor ihr das Schwert geschärft
und gegeben.
109 Forsters Ansichten. I. B.
110 Weigel in Jena erfand die Verkehrtbrücke (pons heteroclitus), eine Treppe,
wo der Mensch hinabzugehen glaubt durch Aufsteigen. Busch Handbuch der
Erfindungen. 7. B.
111 Es hatte den Namen von seiner Höhe und von dem öftern Einschlagen des
Blitzes.
112 Basa Mezia. c. 4. m. 10.
113 Bekanntlich sind die Frühlingsblumen wegen der Nässe und des Schattens meist
verdächtige; wie die Herbstblumen.
114 Dieses Selbst-Ertönen - wie die Riesenharfe bei verändertem Wetter unberührt
anklingt - ist in Migräne und andern Krankheiten der Schwäche häufig; daher im
Sterben; z.B. in Jakob Böhme schlug das Leben wie eine Konzertuhr seine Stunde
von Harmonien umrungen aus.
115 Irgendeine uneigennützige Liebe muss ewig gewesen sein. Wie es ewige
Wahrheiten gibt, so muss es auch eine ewige Liebe geben.
116 Darum vielleicht, warum der Dichter seine so bestimmt und oft angeschaueten
Geschöpfe nicht in seinen Träumen unter den Bildern des Tages gehen sieht.
117 Denn an seinem und ihrem Abendmahlstage hatt' er an ihren Tod durch das
Gewitter geglaubt.
118 z.B. die Winterlevkoje.
119 Jede partiale Ausbildung wirkt freilich für das Ganze gut, aber nur darum,
weil dessen entgegengesetzte partiale sie in einer höheren Gleichung und Summe
aufhebt, so dass aus allen einzelnen Menschen nur die Glieder eines einzigen
Riesen werden, wie der Schwedenborgische ist. Aber insofern in dem einen
Individuum ein Mangel entsteht, der einem entgegengesetzten in dem andern
abhilft - so dass der Weg der Menschheit gleich sehr plagt und stösset durch
Vertiefung und durch Erhöhung -, so sieht man, dass jede einseitige Fülle nur Kur
der Zeit ist, nicht Gesundheit derselben; und dass das höhere Gesetz zwar
langsamere individuelle, aber harmonische Ausbildung bleibt; zwar kleinere, aber
allseitige und dadurch in der spätern Zeit sogar schnellere. Wir vergessen
immer, dass - wie in der Mechanik sich Kraft und Zeit gegenseitig ergänzen - die
Ewigkeit die unendliche Kraft sei.
120 Nach dem Ingenieur Borreux trifft wörtlich nur der 1 000te Schuss des kleinen
Gewehrs. - So ists überall, fürchte den Tod, so stehen fallende Blumentöpfe der
Fenster, Blitze aus blauem Himmel, losgehende Windbüchsenschüsse, Herzpolypen,
wütige Hunde, Räuber, jede Fingerwunde, aqua toffana, Schwamm-Leckerei etc.,
kurz die ganze Natur - diese immer fortgehende zerquetschende Kochenillen- -
steht mit unzähligen geöffneten Parzenscheren rings um dich, und du hast keinen
Trost, als dass dem ungeachtet die Leute achtzig Jahre alt werden. - Fürchte die
Verarmung: so fassen dich Feuers-, Wasser-, Teurungs- und Kriegsnöten, eine
Diebs-Vendee, Revolutionen mit gierigen Krallen und Fängen ein, und doch, du
Reicher. Wird der Arme - unter denselben Stossvögeln hinkriechend - am Ende so
reich wie du. Geh also kühn durch die schlummernde Löwenherde rechts und links
liegender Gefahren zum Brunnen hindurch, nur wecke sie nicht mutwillig auf. -
Freilich zieht einzelne ein Höllengott hinab, die nichts fürchteten; aber auch
einzelne ein oberer Gott hinauf, die nichts erwarteten; und Furcht und Hoffnung
gehen hier unter in einer gemeinschaftlichen Nacht.
121 Titan I. B. S. 80.
122 Am Hofe des Königs Olaus bot sich der Königsjüngling Olo, als Landmann
gekleidet, der Tochter zum Schutze gegen Räuber an. Damals galt Feuer der Augen
und Adel der Gestalt als Beweis einer hohen Abkunft; so erkannte z.B. die
Suanhita den König Regner in der Hirtentracht an der Schönheit seines Auges und
Gesichts. Die Königstochter blickte prüfend in Olos Flammenauge und kam der
Ohnmacht nahe; sie versuchte den zweiten Blick und war ohne Besinnung, und bei
dem dritten in Ohnmacht. Der göttliche Jüngling schlug daher das Augenlid
nieder, entüllte aber die Stirn und sein goldnes Haar und seinen Stand. S. der
Deutsche und sein Vaterland von Rosental und Karg I. S. 166, 167.
123 Denn was man Licht nennt, ist nur stärkeres Weiss. Niemand sieht nachts den
Lichtstrom, der vor der Erde vorbei von der Sonne auf den Vollmond hinaufstürzt.
124 Dieses wärmere, zartere, furchtsamere, immer gelobte, mehr in fremder als
eigner Meinung lebende Geschlecht sticht ein Tadel giftig, der uns nur blutig
reisst, wie verletzende Tiere in warmen Ländern und Monaten vergiften, und in
kalten nur verwunden. Daher bedenke der Mädchenschulmeister, dass eine Dosis,
welche Satire auf den Knaben ist - der ohnehin der Meinung widerstehen soll -,
Pasquill wird, wenn sie seine Schwester einbekommt.
125 Nämlich immer waren Briefe von Lianen an Albano dareingeschlagen. Man sehe
hier wieder an zwei Exempeln, wie an der Liebes-Harmonika ein Bruder als
Tastatur für die Schwester vorstehen müsse, die zu den Glocken will. Es sollte
daher immer ein Paar Paare geben, kreuzweise verschwistert und liebend.
126 »Ein solcher Charakter« (schreibt Hafenreffer dabei) »wäre für
Romanen-Kotzebues erwünscht, weil diese, da er seiner Natur nach immer den Wert
der Situation durch den zufälliger, Ort derselben schaffen und heben will, unter
dem Deckmantel seiner Persönlichkeit ganz der ihrigen frönen und die Schwäche
des Dichters in die Schwäche des Helden verkleiden könnten.« Mich dünkt, dieses
ist, so viel ein Biograph von Romantikern urteilen kann, sehr treffend.
127 Dessen moralische Abhandlungen II. 96.
128 Bei der fürstlichen Vermählung.
129 Bei den Ägyptern waren die Zauberer nur Gelehrte, bei ihm die Gelehrten
Zauberinnen.
130 Mémoires secrets sur les règnes de Louis XIV etc. par Duclos. T. I.
131 Bekanntlich wird ein Schnitt in einen ganzgebliebenen Vogel etc. zum Zeichen
gemacht, dass er auf der fürstlichen Tafel gewesen, damit er nicht wieder
aufgesetzt werde, sondern sonst genossen.
132 S. Klockenbrings gesammelte Aufsätze.
133 Damer oder zur Dame machen musste der König vorher ein unverheiratetes
Mädchen von Stande, eh' es nach Versailles an den Hof gehen durfte.
134 Beseke fand es. S. über das Elementarfeuer, von ihm 1786.
135 Fürchterlich schreiet dieses wahre Geschrei der Menschheit im 4. Teil von
Hess's Durchflügen S. 156 nach; jetzt hat es eine wohltätigere Regierung durch
die Wildsteuer gestillt.
136 Für ihn wars innerster Genuss, ein solches Hochzeitgedicht ganz mit den
Reimen, Flügen und Ausrufungs- und Anrufungszeichen des ersten besten
Neujahrsreimers der Welt zu schenken, und das Bewusstsein seiner reinen, obwohl
satirischen Absicht beruhigte ihn ganz über jeden Tadel einzelner schwülstiger
oder zu sklavischer Wendungen.
137 Zwischen zwei Fenstern stand immer ein Pfeilerspiegel und mengte seine
zurückgespiegelte ferne Perspektive unter die der Fenster. Jedem Spiegel stand
nur ein Fenster gegenüber; den Zwischenraum zwischen beiden verbarg und erfüllte
Laubwerk.
138 Ich bin nur ein Traum.
139 Es braucht eben keinen Gott, wenn nicht ein Knoten daliegt, der nicht anders
zu lösen ist.
140 Und ein Vierter (wenn nämlich die Eheleute und der Freund da sind) braucht
nicht mit in die Sache zu reden.
141 Wo der Fürst gestorben und sie erblindet war.
142 Dessen Lettres sur les Aveugles.
143 Die helle Kammer.
144 Wo Albano zum letzten Male selig mit Lianen war.
145 Die Sineser konnten sonst auf Porzellan Fische und andere Gestalten malen,
die nur sichtbar wurden, wenn man das Gefäss anfüllte. Lettres édifiantes etc.
XII. recueil.
146 Linda.
147 z.B. der deutsche kaiserliche Hof keine Bedienten-Livreen.
148 In Rom scheinen Gebäude aus beiden zu bestehen, haben aber nur den Anwurf
davon.
149 Titan I. S. 39.
150 Symmer beobachtete folgendes: weisse und schwarze Strümpfe, bei trocknem,
kaltem Wetter übereinander getragen, sind, wenn man den äussern bei dem untern
Ende, den innern beim obern auseinanderzieht, entgegengesetzt geladen, der weisse
positiv, der schwarze negativ; in der Ferne blasen sie sich gegeneinander auf
und suchen sich; einander berührend, hängen sie platt und breit darnieder.
Fischers physik. Wörterbuch. L B.
151 Auf Wilhelmshöhe geht ein langer musikalischer Ton dem Fallen der Wasser
voraus.
152 Beides ist der Name des alten deutschen Donnergottes; er meint sich aber
damit selber.
153 Die Molosser nannten alle schönen Weiber Proserpinen.
154 So sollte man Schillers heilige Jungfrau nennen.
155 Sein Albano.
156 So nannten die Wenden den Tod.
157 Ein Engländer bemerkte, dass unter den fixen Ideen des Irrhauses selten die
der Unterwürfigkeit vorkomme; meistens bewohnen es Götter, Könige, Päpste,
Gelehrte.
158 Wenn.
159 Bekanntlich lehnen sie da unverweset aneinander.
160 Der ihm auf Isola bella erschienen war.
161 Wo sie ihm in der Wolke zerflossen war, als er sie umfassen wollte.
162 Ein Schwan kann mit dem Flügelschlag einen Arm zerbrechen.
163 Sie hielt ihr hiesiges Leben für ein ruhiges Spiel-und Kinder-Leben, erst
das zweite für das tätige.
164 Hier und weiter redet sie zwar irre; aber sie weiss es doch, dass der
Grasblumenkranz von Charitons Kindern ist.
165 Sie sieht das Herbstlaub.
166 Die Stelle heisset in Cardan. praecept. ad filios c. 16. so: Longobardo
rubro, Germano nigro, Hetrusco lusco, veneto claudo, Hispano longo et procero,
mulieri barbatae, viro crispo, Graeco nulli confidere nolite.
167 z.B. der Kapellmeister Naumann.
168 Er wollte Assonanz und Kosekante sagen.
169 Walküren sind reizende Jungfrauen, die vor der Schlacht diese weben und die
Helden bestimmen, die fallen müssen.
170 Die Leiche geht aufgedeckt zum Begräbnis, ihre Begleiter folgen vermummt.
171 So heisset z.B. in Ungarn der Diakonus.
172 Zehn Uhr.
173 des Jupiter tonans.
174 Der Leib im Panteon, der Kopf in der heiligen Luka-Kirche.
175 Die Panteons-Halle scheint zu niedrig, weil einen Teil ihrer Stufen der
Schutt verbirgt.
176 27 Fuss hat die Dachöffnung im Durchmesser.
177 Der Polstern steht wie andere nördliche Sternbilder in Süden tiefer.
178 Die Summe und das System elektrischer, galvanischer, chemischer,
anatomischer Erfahrungen, die Taktik, ein corpus juris u.s.w. können uns wohl in
Erstaunen setzen, aber die Menschheit selber erscheint nicht grösser durch
Riesengebäude, die von Millionen Elefantenameisen zusammengetragen werden;
allein wenn ein Elefant ein Gebäude trägt, wenn ein Individuum irgendeine Kraft
in neuen Graden und Verhältnissen zeigt, Newton die matematische Anschauung,
Raffael die bildende, Aristoteles, Lessing, Fichte den Scharfsinn, oder ein
anderes die Güte, die Festigkeit, den Witz u.s.w.: dann gewinnt die Menschheit,
und ihre Schranken rücken hinaus.
179 In Grönland macht die heftige Kälte schwarz und blind.
180 Wohin seit Servius Tullius' Zeit alle Scherben geworfen werden.
181 S. Titan 1. S. 28.
182 Wie schön ist er!
183 Roquairol.
184 Julienne.
185 Gaeta.
186 Die Insel Ischia mit dem Berg Epomeo, so hoch wie der Vesuv - Kapri u.s.w.
187 Borgo d'Ischia.
188 Er meint die Traube, die dreimal des Jahres da gewonnen wird, im Dezember,
März und August.
189 Die Insel Ischia selber.
190 Taggesicht (Hemeralopie) ist gewöhnlich in heissen Ländern; der stärkste Grad
ist, nachts sogar gegen Licht blind zu sein und erst am Morgen wieder sehend.
191 Es gibt metamorphotische Spiegel, die junge Gesichter veraltet darstellen.
192 Ihn und Liane.
193 Bei Baja.
194 Frage sie nicht länger, denn ihr Vater soll, wie man sagt, an ihrem
Hochzeittage kommen.
195 Eine sehr schöne Kartause bei Valencia.
196 Die Sangvögel sind in Italien selten, weil man sie für die Küche auf dem
Markt verkauft.
197 Dian liebte den Virgil nicht.
198 So schwer und langsam wälzt sich der breite Lavastrom herunter, dass ein
Mensch vor diesem glühenden Todesfluss, der alles verschlingt, erstickt und
zerschmilzt, was er berührt, vorausgehen und die Zerstörung hinter sich sehen
kann, ohne sich in die Gefahr einer eignen zu setzen.
199 Oder Püster, die bekannte altdeutsche Götzenstatue voll Löcher, Flammen und
Wasser.
200 Des Kahlkopfs, der ihm nach 14 Monaten Wahnsinn prophezeiete.
201 Der Oheim hatte wieder gelogen, denn er war, wie man aus diesem Bande weiss,
vorher nach Rom gegangen, wo er dem Ritter und der Fürstin die Pestitzer Briefe
übergeben.
202 Ich würde lieben.
203 Bei den Morlacken. S. Sitten der Morlacken. Aus d. Italien. 1775.
204 Titan II. S. 273 etc.
205 Eine Stelle aus Albanos Brief an Roquairol. Titan 1. S. 232.
206 Liebe und Freundschaft.
207 Der Mond.
208 Aber! - Gott, er hat sich re vera umgebracht - Teufel, er ist tot! O wer
wird mich bezahlen?
209 So viel bekommt jeder Professor Preis-Geld für jede bessere Grammatik und
jedes bessere Kompendium; so für jede Dissertation 50 Dukaten u.s.w. Tychsens
Zusätze zu Bourgoings Reise. 2. B.
210 Eine verlangte z.B. den König zu sehen; er trat so lange auf den Balkon
heraus, bis sie befriedigt war.
211 seinen Hund.
212 S-s heisset Siebenkäs. Aus den Blumen-, Frucht-und Dornenstücken ist bekannt,
dass Schoppe früher Siebenkäs sich genannt - dann diesen Namen an seinen ihm bis
zum Gesichte ähnlichen Freund Leibgeber abgegeben, von dem er den seinigen
angenommen - und dass der Freund sich zum Schein ein Grabmal als Siebenkäs
errichten lassen.
213 Titan, 1. Band, S. 40 u.s.w.
214 Josephchen.
215 S. 128 im 1. Band des Titans.
216 1. Band des Titans, S. 126.
217 1. Bd. S. 95.
218 Er meint Liane, welche Spener durch die feierliche Entüllung von Albanos
Geburt und Bestimmung einer unter lauter giftigen Blumen aufgewachsenen Liebe zu
entsagen nötigte.
219 Nie unter ihrem Stand zu heiraten.
220 Liane wurde, wie bekannt, als ihr Bruder neben dem alten Fürsten auf die
Brust ohne Herz die Rede hielt, krank und blind. 1. Bd. des Titans, S. 156.
221 Titan, 1. Bd. S. 78.
222 Nämlich: freue dich!
 
    