
        
                            Christoph Martin Wieland
                                    Aristipp
                                   Erster Band.
                                        1.
                       Aristipp an Kleonidas in Cyrene.1
Alle Götter der beiden Elemente, denen du bei unserm Abschied mein Leben so
dringend empfahlst, schienen es miteinander abgeredet zu haben, die Ueberfahrt
deines Freundes nach Kreta zu begünstigen. Wir hatten, was in diesen
Meeresgegenden selten ist, das schönste Wetter, den heitersten Himmel, die
freundlichsten Winde; und da ich dem alten Vater Oceanus den schuldigen Tribut
schon bei einer frühern Seereise bezahlt hatte, genoss ich diesmal der
herrlichsten aller Anschauungen so rein und ungestört, dass mir die Stunden des
ersten Tages und der ersten Hälfte einer lieblichen mondhellen Nacht zu
einzelnen Augenblicken wurden.
    Gleichwohl - darf ich dir's gestehen, Kleonidas? - däuchte mich's schon am
Abend des zweiten Tages, als ob mir das majestätische, unendliche Einerlei
unvermerkt - lange Weile zu machen anfange. Himmel und Meer, in Einen
unermesslichen Blick vereinigt, ist vielleicht das grösste und erhabenste Bild,
das unsre Seele fassen kann; aber nichts als Himmel und Meer, und Meer und
Himmel, ist, wenigstens in die Länge, keine Sache für deinen Freund Aristipp;
und ich glaube wirklich, dass mir ein kleiner Sturm, mit Donner und Blitz und
übrigem Zubehör, bloss der Abwechslung wegen, willkommen gewesen wäre. Du weisst,
dass ausser dem nah an Kreta liegenden Inselchen Gaudos, kein einziges Eiland
zwischen Cyrene und Gortyna2 zu sehen ist; überdiess wollte auch der Zufall, dass
uns auf der ganzen Reise, ausser drei oder vier Cyprischen Kornschiffen, und
einer für Korint befrachteten Tyrischen Pinasse, die sich so nah als möglich an
der Küste hielten, kein einziges Fahrzeug begegnete, womit wir uns auf eine oder
andre Art hätten unterhalten können. Es fehlte mir also, wie du siehest, nicht
an Musse, so viele Grillen zu fangen als ich wollte; und wie weit es endlich mit
mir gekommen sein müsse, kannst du daraus abnehmen, dass ich stundenlang vom
Verdeck in die See hinab schaute, ob nicht irgend einer von den Fischgöttern
oder Götterfischen, womit ihr Dichter den Ocean bevölkert habt, aus der Tiefe
herauffahren, bei unsrer Erblickung in sein krummes Horn stossen, und die übrigen
Meerwunder, seine Gespielen, zusammenrufen werde, um unsre auf den Wellen leicht
dahin gleitende Barke zu umkreisen, und durch mutwillige Spiele und Neckereien
aufzuhalten. Das Schauspiel, das wir ihnen gaben, ist freilich seit der Zeit, da
das erste von Pallas Atene selbst erbaute Schiff3 eine Schaar kühner
Göttersöhne nach Kolchis trug, um - ein goldnes Widderfell zu erobern, etwas so
Alltägliches für diese Meerbewohner geworden, dass ein unbedeutendes Fahrzeug,
wie das unsrige, sich nicht schmeicheln durfte grosses Aufsehen bei ihnen zu
erregen: aber dass in drei langen Tagen auch nicht ein einziges rosenarmiges
Meermädchen mit grünen Locken und milchweissem Busen auftauchen wollte, um meine
des Herumschwebens zwischen Luft und Wasser müden Blicke auf ihrer reizenden
Gestalt ausruhen zu lassen, das war doch wirklich zu grausam, und bewies mir den
grossen Unterschied, den die Götter zwischen euch Dichtern und uns andern
prosaischen Menschen machen, zu meiner nicht geringen Demütigung. Wäre mein
Freund Kleonidas hier, dacht' ich, was würd' er nicht, kraft des Vorrechts, das
die Natur den Musolepten4, ihren Günstlingen, zugestanden hat, in diesen, für
mich Unbegeisterten so leeren, Elementen sehen und hören? Könnt' er gleich den
Nebel, der mir die unsichtbare Welt verbirgt, nicht von meinen Augen treiben, so
würde ich mich doch an seinen Visionen und Entzückungen ergötzen: und im Grunde
könnte mir's ja gleichviel sein, ob ich das alles unmittelbar mit meinen eigenen
Augen, oder im Zauberspiegel der seinigen sähe. Sage dir nun selbst, ob ich
nicht auf dich zürnen sollte, dass du dich nicht erbitten liessest, mich auf
meiner Reise wenigstens nur bis nach Olympia zu begleiten, wo dich ein
Schauspiel erwartete, das auf dem ganzen Erdboden einzig in seiner Art ist, und
durch kein anderes ersetzt werden kann, wenn es auch ein Triumphsaufzug
Poseidons und Amphitritens mit allen ihren Tritonen und Nereiden wäre. Im ganzen
Ernste, Kleonidas, ich kann dir das Unrecht kaum verzeihen, das du durch deine
Unerbittlichkeit noch viel mehr an dir selbst, als an deinem Aristipp begangen
hast. Wer weiss ob dir die versäumte Gelegenheit in deinem ganzen Leben wieder
aufstossen wird? und aus der Welt zu gehen, ohne die Olympischen Spiele und den
Jupiter des Phidias gesehen zu haben, wahrlich, da verlohnte sich's kaum der
Mühe da gewesen zu sein! - Doch, wem sag' ich das? und wie kann ich einen
Augenblick vergessen, dass du von einem Zauber gebunden bist, der dir weder
Gewalt über dich selbst lässt, noch Augen für einen andern Gegenstand, als die
schöne Unerbittliche, deren Blicke die Nahrung deines Lebens sind? Was ist im
Himmel und auf Erden und im Reich des Oceanus, das einen von Amorn verwundeten
Dichter von der süssen Quelle seiner Schmerzen entfernen könnte? Was ist dir die
schimmernde Panegyris5 alles dessen was die ganze Hellas Edles, Grosses und
Schönes hat, ihrer auserlesensten Jünglinge, ihrer berühmtesten Männer, ihrer
reizendsten Weiber, ihrer Künstler, Weisen, Staatsmänner, Feldherren und
Fürsten? dir, der das alles unbemerkt bei dir vorbeiziehen lassen würde, um
deine Augen auf den blossen Schatten der schönen Lycänion zu heften, wenn du sie
selbst nicht erblicken könntest?
    Wundre dich nicht, Kleonidas, dass ich so viel von dem Geheimnis deines
Herzens weiss, wiewohl du es, ich weiss nicht warum, so sorgfältig vor mir
verborgen hast. Ein Verliebter ist so leicht zu entdecken, wie gut er sich auch
zu verstecken glaubt, und die Freundschaft ist scharfsichtig. Befürchte indessen
nichts von der meinigen: sie soll dir nie durch Zudringlichkeit beschwerlich
fallen, aber auch nie entstehen, wenn du dich aus eigenem Drange nach ihr
umsiehst. Alles was ich mir dermalen von der deinigen verspreche, ist, dass du
deinen trautesten Jugendfreund nicht ganz vergessen, und ihm gern erlauben
werdest, sich während einer Abwesenheit, deren Dauer noch unbestimmbar ist, von
Zeit zu Zeit durch Briefe bei dir in Erinnerung zu bringen.
    Widrige Winde zwingen mich einige Tage länger in Kreta zu verweilen, als
meiner Geschäfte wegen nötig war. Ich werde diese Zeit zu einem Ausflug nach
Gnossus6 anwenden, wo, wie man sagt, die vorzüglichsten Merkwürdigkeiten dieser
fabelhaften Insel beisammen sind. Wie dürft' ich mich auch jemals wieder in
Cyrene blicken lassen, wenn ich in Kreta gewesen wäre, ohne den berüchtigten
Labyrint und - das Grab des unsterblichen Königs der Götter und Menschen
gesehen zu haben?
 
                                       2.
                           An Aritades, seinen Vater.
Nach einer glücklichen und grösstenteils angenehmen Reise befinde ich mich seit
zehn Tagen in dem reichen, gewerbevollen, prächtigen und wollüstigen Korint, wo
ich von dem Eupatriden7 Learchus, vermöge der alten Gastfreundschaft, die seit
Perianders Zeiten zwischen unsern Familien besteht, mit der gefälligsten
Freundlichkeit aufgenommen wurde. Meine erste Sorge war, mich der Aufträge zu
erledigen, womit mein Oheim Alketas mich an seine hiesigen Freunde beladen
hatte; die zweite, die mir zum Behuf meines Aufentalts in Griechenland
mitgegebenen Waaren auf die vorteilhafteste Art zu Gelde zu machen. Die Nähe
des grossen Marktes zu Olympia kam mir zu dieser Absicht sehr zu Statten, und der
Gewinn, den ich dabei gemacht, ist so beträchtlich, dass ich - ausser der Summe,
die ich für das nächste Jahr nötig haben mag, um deinem Willen gemäss meiner
Vaterstadt und der Würde, die du in unsrer Republik bekleidest, durch einen
anständigen Aufwand Ehre zu machen - fünfhundert Attische Minen8 in Golde bei
meinem Wirte hinterlegt habe, über welche ich deine Befehle erwarte.
    Korint hat sich seit den vierzig Jahren, da du den Vater des Learchus
besuchtest, sehr verändert. Grosser und täglich zunehmender Reichtum in einem
oligarchischen, äusserst mild regierten und vielleicht nur zu wenig gezügelten
kleinen Freistaat, zumal in der glücklichen Lage von Korint, die es zum
Mittelpunkt des Asiatischen und Europäischen Handels bestimmt, muss, wie mich
däucht, alle Vorzüge, worauf es stolz ist, und alle Uebel, die seinen Verfall
ankündigen, notwendig hervorbringen. Ich gestehe, dass die Wehklagen, die ich
hier, sogar in den reichsten Häusern und von verständigen alten Männern, über
die immer zunehmende Ueppigkeit, Verschwendung, Habsucht und Sittenverderbniss
führen höre, mir keine hohe Meinung von der Weisheit der Korinter geben. Wo
grosser Reichtum ist, muss notwendig auch grosse Armut sein, und von beiden ist
sittliche Verdorbenheit die unausbleibliche Frucht. Der Reiche erlaubt sich
alles, um gränzenlos geniessen zu können, ohne die Quelle seines Genusses zu
erschöpfen; der Arme tut, wagt und duldet alles, um reich zu werden. Dass es so
und nicht anders ist, überzeugte mich schon was ich in Cyrene sah, und Korint
hat mich darin bestätiget. Alle Gesetzgeber, Philosophen und Moralisten in der
Welt können den Korintern nicht helfen: es gibt nur Ein Mittel, das sie und
ihres gleichen retten könnte, und das ist gerade das einzige, wozu sie keine
Lust zu haben scheinen. Sie müssten wieder so arm werden als sie vor dreihundert
Jahren waren. Wer weiss aber auch, ob dies einzige Mittel nicht schon zu spät
käme?
    Doch wohin versteige ich mich? Ich bin noch zu neu in der Welt, um tiefe
Blicke in den Zusammenhang der Dinge getan zu haben, und zu jung, um mich in so
verwickelte Speculationen einzulassen.
    Die Zeit der Olympischen Spiele naht heran, und ich rüste mich ungesäumt
nach Pisa9 abzugehen, um, wo möglich, noch auf eine leidliche Art unterzukommen;
denn der Zusammenfluss von Fremden soll schon unbeschreiblich gross sein. Meine
Ungeduld nach dem herrlichen Schauspiel, das mich dort erwartet, nimmt mit jedem
Tage zu; auch hoffe ich bei dieser in ihrer Art einzigen Gelegenheit
interessante Bekanntschaften zu machen; was am Ende doch wohl der einzige wahre
Vorteil ist, den ich von Olympia zurückbringen werde.
 
                                       3.
                                 An Kleonidas.
Kaum bin ich einige Tage in Korint, und schon hat mir meine leichtsinnige
Unbefangenheit ein Abenteuer zugezogen, welches vielleicht Folgen von Bedeutung
hätte haben können, wenn mir der Zweck meiner Reise einen längern Aufentalt
erlaubte.
    Indem ich nach Vollendung einiger Geschäfte in den Strassen dieser grossen und
prächtigen Stadt umher irre, fällt mir eines von den vielen öffentlichen Bädern,
womit sie versehen ist, in die Augen, dessen zierliche Bauart mir Lust macht,
mich darin abzuwaschen. Ich gehe hinein, und da sich nicht gleich ein Aufwärter
zeigt, öffne ich auf Geratewohl eine der Badekammern und treffe gerade den
Augenblick, da eine junge Frauensperson, die sich ganz allein darin befand, im
Begriff war aus dem Bade zu steigen. Dies war das erstemal in meinem Leben, dass
ich vor einem schönen Anblick zusammenfuhr; gleichwohl weiss ich nicht wie es
kam, dass ich, anstatt zurückzutreten, und die Tür, die ich noch in der Hand
hatte, vor mir wieder zuzuziehen, sie hinter mir zumachte und meine Verlegenheit
dadurch vermehrte. Die Dame, die bei meiner Erblickung plötzlich wieder
untertauchte, schien sich an meiner Bestürzung zu ergötzen. »Wie? (sagte sie
lachend, mit einer Stimme, deren Silberton meine Bezauberung vollendete)
fürchtest du das Schicksal Aktäons10, dass du vor Schrecken sogar zu fliehen
vergissest? Da ich weder so schön wie Artemis noch eine Göttin bin, darf ich
auch weder so stolz noch so unbarmherzig sein wie sie. Du bist ein Fremder, wie
ich sehe, und hast vermutlich die Ueberschrift über der Pforte dieser Termen11
nicht gelesen.«
    Während sie dies sprach, hatte ich, was du mein unverschämtes Gesicht zu
nennen pflegst, wieder gefunden, und erwiederte ihr, von einer so zuvorkommenden
Anrede aufgemuntert: da ich das Glück dieses Augenblicks bloss meiner
Unwissenheit und dem Zufall zu danken habe, so wär' es in der Tat grausam,
schöne Unbekannte, mich dafür zu bestrafen, nicht dass ich, wie Aktäon, zu viel,
sondern dass ich gesehen habe was man nie genug sehen kann. Nur ein längeres
Verweilen, versetzte sie mit einem einladenden Lächeln, würde dich strafbar
machen; denn es ist Zeit dass ich das Bad verlasse.
    Indem sie dieses sagte, traten zwei junge Sklavinnen herein, die in
zierlichen Körben alles, was zum Dienste des Bades erforderlich ist, auf ihren
Köpfen trugen. Sie schienen verwundert einen Unbekannten zu finden, und hefteten
ungewisse fragende Blicke bald auf mich, bald auf ihre Gebieterin. Was für eine
Strafe, sagte die Dame, hat dieser junge Mensch verdient, für die Verwegenheit
sich in ein fräuliches Bad einzudringen, das gewiss noch von keinem männlichen
Fusse betreten worden ist? - Die gelindeste wäre wohl, ihn anzuspritzen und in
einen - Hasen zu verwandeln, sagte die jüngere. Das wäre eine zu milde Strafe
für ein so schweres Verbrechen, versetzte die ältere; ich weiss eine andere, die
dem Verbrechen angemess'ner ist. Ich würde ihn dazu verdammen, so lange bis wir
unsern Dienst verrichtet haben, hier zu bleiben, und dann die Tür hinter uns
zuzuschliessen. Meinst du? sagte die Dame, indem sie sich erhob, und, ihre in
einen dicken Wulst über der Scheitel zusammengebundenen Locken auflösend, von
einer Fülle bis unter die Knie herabfallender gelber Haare, wie von einem
goldenen Mantel, umflossen, aus dem Wasser stieg, und sich, eben so unbefangen
als ob sie mit ihren Mägden allein wäre, abtrocknen und mit wohlriechenden Oelen
einreiben liess. Und mich, schöne Gebieterin, sagte dein unverschämter Freund mit
der ganzen edeln Dreistigkeit, die du an ihm beneidest, mich, den du in Einem
Augenblick zu deinem Sklaven gemacht hast, wolltest du hier müssig stehen lassen?
Erlaube mir, deinen Nymphen zu zeigen, dass ich geschickter bin als sie mir
zutrauen; und indem ich dies sagte, machte ich eine Bewegung, als ob ich einer
der Mägde ein Tuch von der schneeweissesten Wolle, womit sie ihre Gebieterin
abzureiben begriffen war, aus der Hand ziehen wollte. Aber die Dame warf mich
mit einem zürnenden Blick auf einmal wieder in die Schranken der Ehrfurcht
zurück, die der Schönheit und dem Stande, von dem sie zu sein schien, gebühren.
Wenn du mein Sklave bist, sagte sie wieder lächelnd, sobald sie mich in
gehöriger Entfernung sah, so erwarte schweigend meine Befehle und rühre dich
nicht! Ich gehorchte wie einem wohlerzogenen sittsamen Jüngling zusteht, und
erhielt dafür die zweideutige Belohnung, dass man die Mysterien des Bades mit der
grössten Gelassenheit vollendete, ohne sich um meine Gegenwart, oder wie mir
dabei zu Mute sein möchte, im geringsten zu bekümmern.
    Als sie wieder angekleidet war, heftete die Dame im Weggehen einen ernsten
Blick auf mich und sagte: vergiss nicht, dass es dem Ixion12 übel bekam, sich
kleiner Gunstbezeugungen der Götterkönigin zu rühmen! - und ohne meine Antwort
zu erwarten, stieg sie in eine prächtige Sänfte, die von vier Sklaven schnell
davon getragen wurde. Mir war, als ob ich aus einem Traum erwachte. Natürlich
durft' ich es nicht wagen, ihr sogleich zu folgen; und wie ich mich wieder aus
dem Badhause unbemerkt wegschleichen wollte, wurde ich von einem Aufwärter
angehalten, der sich, nicht ohne Mühe, durch eine Handvoll neugeprägter Drachmen
endlich überzeugen liess, dass ich ein Fremder, und bloss aus Unwissenheit seit
wenig Augenblicken hierher geraten sei. Als ich mich wieder frei sah, war es zu
spät, der Spur meiner Unbekannten nachzugehen, und ich kehrte, ungewiss was ich
von meinem Abenteuer denken sollte, nach Hause. Die Dame schien nicht über
achtzehn Jahre alt zu sein, und ihre Gestalt hätte das Glück eines Alkamenes13
machen können, wenn ihn der Zufall so wie mich begünstigt hätte. War sie eine
Hetäre14 von der ersten Classe, die zu Korint unter Aphroditens Schutz einer
Freiheit und Achtung geniessen, welche ihnen in keiner andern Griechischen Stadt
zugestanden werden? Oder war es eine junge Frau von Stande, die im Bewusstsein
ihrer Reizungen sich eine mutwillige Lust daraus machte, einen Unbekannten für
seinen jugendlichen Übermut auf eine neue, wollüstig peinliche Art büssen zu
lassen? Das letztere schien mir, allen Umständen nach, das Wahrscheinlichste.
Indessen trieb mich doch, ich weiss nicht welche Unruhe, an diesem Abend in allen
öffentlichen Spaziergängen herum, wo die Hetären der höhern Ordnung sich
gewöhnlich, von ihren Liebhabern umschwärmt, oder von einem Zuge geputzter Mägde
und Eunuchen begleitet, mit vielem Prunke zu zeigen pflegen. Aber ich sah mich
vergebens unter ihnen nach meiner Anadyomene15 um, und eine schlaflose Nacht war
alles, was ich von meinen Nachforschungen davon trug. Am folgenden Morgen, wie
ich vom Lechäischen Hafen zurückkehrte, glaubte ich eine von den beiden
Sklavinnen aus einem kleinen Myrtengehölz am Wege auf mich zukommen zu sehen.
    Wir erkannten einander ersten Blicks; nur zeigte sich's, dass die Korinterin
meinen Namen besser ausgekundschaftet hatte als ich den ihrigen. Sie grüsste mich
beim Namen, und erkundigte sich lachend, wie dem unbefugten Epopten16 der
Vorwitz, zu sehen was er nicht sollte, bekommen sei? Wir wissen, wie du siehest,
alle deine Gänge, fuhr sie fort, und meine Gebieterin, welcher nicht unbekannt
ist, dass du morgen abzureisen gedenkest, schickt mich zu dir, ein kleines
Denkzeichen des gestrigen Zufalls von ihr anzunehmen. Es war ein zierlich
geflochtnes Deckelkörbchen von Silberdrat, worin eine ihrer goldgelben
Haarlocken, mit einer Schnur von kleinen Perlen umwunden, lag. Du kannst dir
leicht vorstellen, Kleonidas, dass ich alle meine Wohlredenheit aufgeboten haben
werde, den Stand und Namen der Dame zu erfahren, und die dienstbare Iris17 zu
gewinnen, dass sie mir eine Gelegenheit auswirken möchte, ihr meinen Dank in
eigner Person zu Füssen zu legen. Ich ging so weit, dass ich bei allen
Liebesgöttern beteuerte, meine Reise nach Olympia einzustellen, wenn ich hoffen
könnte, einer so grossen Gnade gewürdiget zu werden. Aber die lose Dirne spottete
meiner vorgeblichen Leidenschaft, mit der Versicherung, dass man sich nur desto
mehr vor mir hüten würde, wenn sie ungeheuchelt wäre, und dass alle meine
Bemühungen, ihre Gebieterin wieder zu sehen, vergeblich sein würden. Alles was
ich mit vielem Bitten und einem kleinen Beutel voll Dariken18 von ihr erhielt,
war ein Versprechen, dass sie sich diesen Abend an einem gewissen Orte einfinden
wollte, um eine unbedeutende Kleinigkeit für ihre Dame in Empfang zu nehmen,
wodurch ich auch mein Andenken bei ihr lebendig zu erhalten wünschte. Sie sagte
mir's zu, aber ich erwartete sie vergebens.
    Was dünkt dich von dieser närrischen Begebenheit, Kleonidas? - Für mich ist
sie denn doch nicht ganz so unbedeutend als sie scheint; und da ein weiser Mann
alles in seinen Nutzen zu verwandeln wissen soll, so denke ich einen zweifachen
Vorteil aus ihr zu ziehen. Der erste ist, dass ich mich vor der Hand ziemlich
sicher halten kann, dass die Erinnerung an meine reizende Unbekannte nur sehr
wenigen Schönen gestatten wird, einigen Eindruck auf mich zu machen; der zweite,
dass ich, vorausgesetzt ich könne das, was ich bei dieser Gelegenheit erfahren
habe, als einen Massstab meiner Empfänglichkeit für leidenschaftliche Liebe
annehmen, grosse Ursache habe zu hoffen, dass ich weder meinen Verstand noch meine
Freiheit jemals durch ein schönes Weib verlieren werde.
 
                                       4.
                            An Demokles von Cyrene.
Griechenland zählt nun seit dem ersten Neumond nach der letzten
Sommer-Sonnenwende das erste Jahr seiner vierundneunzigsten Olympiade; die
Spiele sind geendigt, und ich habe gesehen - was zu sehen war. In der Tat
grosse, auffallende, prachtvolle, und, nach der gewöhnlichen Schätzung der
menschlichen Dinge, sehenswürdige Schauspiele! Aber, soll ich dir davon sprechen
wie ich denke, Demokles? - Du hast oft mit mir über meine (wie ich immer mehr zu
glauben Ursache finde) angeborne Maxime »nichts zu bewundern«19 gestritten; und
wenn wir am Ende, wie gewöhnlich, jeder mit seiner eigenen Meinung davon gingen,
söhntest du dich immer durch ein wohlwollendes Mitleiden mit mir aus, mich durch
eine so gleichgültige Gemütsstimmung des hohen Grades von Vergnügen entbehren
zu sehen, welches, wie du sagtest, den gefühlvollen Seelen zu Teil werde, die
gerade durch den Affect der Bewunderung zu erkennen geben, dass sie bei grossen
und schönen Gegenständen ungleich mehr empfinden, als derjenige, der sie ansehen
kann, ohne aus seiner gewöhnlichen Fassung gesetzt zu werden. Es mag sein, dass
meine Maxime mich öfters eines lebhaftern Genusses beraubt: aber dafür gewährt
sie mir auch den Vorteil, mich selten in meiner Erwartung getäuscht zu finden.
Auch begegnet mir öfters, dass ich anstatt mit der Menge zu bewundern, mich (mit
deiner Erlaubnis) nicht wenig verwundere, wie die Leute so gutmütig sein mögen,
über Dinge in Entzückung zu geraten, die, bei kaltem Blute aufs gelindeste
beurteilt, nur lächerrlich sind, und bei strengerer Prüfung leicht in einem noch
ungünstigern Licht erscheinen könnten.
    Nach dieser Vorrede bist du vermutlich schon auf das Geständnis gefasst, dass
dies beim Anschauen der weltberühmten Kampfspiele zu Olympia ganz eigentlich
mein Fall war, und dass ich, während alles um mich her in Entzückung zerfloss,
mich in aller Stille nicht genug verwundern konnte, wie ein Volk, das sich
selbst für das sittigste und aufgeklärteste des ganzen Erdbodens hält, und von
andern dafür erkannt wird, vor einer so grossen Menge ausländischer Zuschauer
sich nicht schämte, einen so hohen Wert auf den Sieg in so kindischen oder
barbarischen Wettkämpfen zu legen, aus den dazu angesetzten Tagen sein höchstes
Nationalfest zu machen, und sogar seine Zeitrechnung nach ihrer Feier zu
bestimmen. Käme, dacht' ich, ein Perser oder Skyte, der noch nichts von diesem
Institut gehört hätte, von ungefähr dazu, wenn im Angesicht einer unzählbaren
Menge Volks, in einem Ehrfurcht gebietenden Kreise der edelsten und
angesehensten Männer der Nation, nach einem dem Könige der Götter dargebrachten
feierlichen Opfer, die Sieger öffentlich erklärt und gekrönt werden, und sähe
das stolze Selbstbewusstsein, womit sie, von ihren wonnetrunkenen Verwandten,
Freunden und Mitbürgern umdrängt, und vom allgemeinen Jubel der Zuschauer
bewillkommt, sich den Kampfrichtern nahen, um die Krone zu empfangen: müsst' er
nicht glauben, diese Menschen könnten nichts Geringeres getan haben, als ganz
Griechenland durch einen Maratonischen20 oder Salaminischen Sieg vom Untergang
gerettet, oder wenigstens jeder um seine eigene Vaterstadt sich durch irgend
eine ausserordentliche Tat unendlich verdient gemacht zu haben? Aber wie
erstaunt und betroffen würde dann ein solcher dastehn, wenn er hörte dass es
weiter nichts ist, als dass der eine dieser gekrönten Helden am besten laufen
kann, ein anderer die schnellsten Rennpferde und den geschicktesten Kutscher
hat, ein dritter der grösste Meister im Faustkampf oder in der edeln Kunst seinen
Gegner zu Boden zu ringen ist? Wahrlich dieser Perser oder Skyte, wiewohl die
Griechen seiner Nation die Ehre erweisen sie nur für Halbmenschen anzusehen,
würde sich schwerlich entalten können, das widersinnische Schauspiel für die
Wirkung irgend einer zürnenden Gotteit zu halten, und zu glauben, die ganze
Nation müsste entweder von einem allgemeinen Wahnsinn befallen, oder, trotz ihrer
übrigen Vorzüge, zu einer ewigen Kindheit der Vernunft verdammt sein. Dass ein
schnellfüssiger Jüngling, ein gewandter Wagenlenker, ein nerviger Kerl der den
Kampfhandschuh am kräftigsten zu gebrauchen wusste, oder um den stärksten Gegner
zu überwältigen, keiner andern Waffe als seiner eigenen eisernen Faust bedurfte,
in den Zeiten, da der Tebanische Hercules diese feierlichen Spiele gestiftet
haben soll, ein wichtiger Mann für seine kleine Vaterstadt war, ist natürlich,
und aus dem rohen Zustand einer von ihrer ursprünglichen Wildheit noch langsam
sich losarbeitenden Horde leicht zu erklären. Aber dass ein so gebildetes Volk,
wie die Griechen dermalen sind, bei so gänzlich veränderter Lage der Sachen,
noch immer ein so grosses Aufheben von Geschicklichkeiten macht, die entweder
ganz unbrauchbar, oder doch verhältnissmässig von sehr geringem Nutzen geworden
sind; dass der Mensch, der zu Olympia21 öffentlich dargetan hat, dass er den
stiermässigsten Nacken, die stärksten Brustknochen und die derbeste Faust seiner
Zeit besitze, oder mit jedem Hasen in die Wette laufen könne, für die höchste
Zierde seiner Vaterstadt gehalten, im Triumph eingehohlt, über alle seine
Mitbürger hinaufgesetzt, und als ein Wohltäter seines Volks öffentlich
unterhalten, geehrt und nur nicht gar vergöttert wird, wiewohl die Stärke seiner
Muskeln und Knochen, oder die Behendigkeit seiner Füsse vielleicht das Einzige
ist, was ihn von dem rohesten und verdienstlosesten seiner Mitbürger
unterscheidet, - das ist doch wirklich so ungereimt, dass man es kaum seinen
eigenen Augen zu glauben wagt.
    Damit ich mich durch diesen verwegenen Tadel eines Instituts22, das allen
Hellenen so ehrwürdig und heilig ist, nicht selbst in den Verdacht einer
Anmassung bei dir setze, die mich sehr übel kleiden würde, will ich dir nicht
verbergen, dass ich meinem Gefühl vielleicht weniger getraut hätte, wenn ich
nicht durch das Urteil eines weiseren Mannes als ich, mit welchem der Zufall
mich bekannt machte, in dem meinigen bestärkt worden wäre. Er schien ein Mann
von funfzig Jahren zu sein, und sein Aeusserliches zeigte eben nichts, was unter
einer so grossen Menge von Menschen die Aufmerksamkeit auf ihn ziehen konnte. Er
war nach Griechischer Sitte äusserst einfach, nach unsrer Cyrenischen beinahe
ärmlich gekleidet, unbeschuht, von etwas finsterem Gesicht, lang, hager, und mit
einem dünnhaarigen Barte geziert, der, wo nicht ihm selbst, wenigstens seinem
Schatten so ziemlich die tragikomische Miene eines - alten Ziegenbocks gab. Bei
dem allen hatte der Mann etwas in seiner Gesichtsbildung, das mir Zutrauen zu
ihm einflösste, und den Wunsch erregte bekannter mit ihm zu werden. Es traf sich,
dass wir beide auf der Anhöhe, von welcher wir den Wettkämpfern zusahn, so nahe
beisammen sassen, dass es nur von ihm abhing, jeden Eindruck, den diese
Schauspiele auf mich machten, bemerken zu können. Er selbst zeigte bei allem was
zu sehen war immer eben dieselbe Miene, die weder merkliches Wohlgefallen noch
Missbelieben andeutete; nur zuweilen, wenn die Zuschauer durch irgend eine
ausserordentliche Probe von Stärke oder Geschicklichkeit zum Ausbruch einer gar
zu unmässigen Bewunderung und Freude hingerissen wurden, verriet er durch ein
leises Zucken der Lippen, dass das allgemeine Gefühl nicht das seinige war. Ich
meines Orts überliess mich eine Zeit lang dem Vergnügen, welches der Anblick so
vieler schönen Jünglinge, denen die Begierde des Sieges Schwingen an die Knöchel
setzte, die Menge auserlesener Rennpferde und prächtiger Wagen, die
Geschicklichkeit der Wagenführer, und mehr als alles andere, die unerschöpfliche
Kraft und Gewandteit, womit die Ringer durch die gelehrteste Fertigkeit in
ihrer Kunst den entscheidenden Augenblick aufzuhalten strebten, einem jungen
Menschen, der das alles zum erstenmale sah, natürlicherweise machen mussten.
Sogar das grausenhafte Schauspiel, das uns gegen die Mittagsstunde, während die
Sonne über unsrer Scheitel brannte, die kaltblütige Wut der Faustkämpfer gab,
und der furchtbare Handschuh, womit einige Paare neuer Eryxen23 und Herculessen
einander zermalmten, erfüllte mich anfangs mit einer seltsamen Art von
schauderlichem tragischen Vergnügen, indem es mich in die alte Heldenzeit zu
versetzen und mir die Erzählungen der Dichter von den unglaublichsten Taten der
Göttersöhne wahr zu machen schien. Ich wähnte eine Art unzerstörbarer
titanischer Naturen vor mir zu sehen, die nur spielweise so grimmig auf einander
losgingen, und an welchen die Wunden, die sie einander schlugen, sich ohne
Zweifel eben so schnell und narbenlos wieder schliessen würden, als die Luft, die
durch ihre gewaltigen Streiche zerrissen wurde. Aber die Täuschung war von
kurzer Dauer; und als ich, nach einem kaum viertelstündigen Kampf, einen der
Atleten, der kurz zuvor die Schönheit eines Paris oder Nireus24 mit der Stärke
eines Milanion25 vereinigt darstellte, und einer Bildsäule des Apollo selbst zum
Modell hätte dienen können, für todt aus den Schranken hinaus tragen sah, so
übel zugerichtet, dass keine Spur seiner vorigen Bildung in seinem zertrümmerten
Gesicht und an seinem ganzen, zu einem unförmlichen Klumpen zusammengeschlagenen
Leibe zu erkennen war, überwältigte mich der grässliche Anblick dermassen, dass ich
mich nicht zurückhalten konnte, meinem Abscheu durch einen lauten Ausruf Luft zu
machen, der zu meinem Glücke, über dem Getümmel und Jubelgeschrei der Zuschauer,
von niemand als dem besagten Fremden gehört wurde. Ich entfernte mich
unverzüglich von dem Schauplatz der grässlichen Scene, und zog mich in die
einsamsten Gänge des geheiligten Hains zurück, der den Tempel des Olympischen
Jupiter umgibt. Nicht lange so sah ich den Fremden mit dem Ziegenbart auf mich
zukommen, von einem stattlichen Manne begleitet, der (wie ich in der Folge
vernahm) eine ansehnliche Würde zu Elea bekleidet. Sie erlaubten mir, mich zu
ihnen zu gesellen, und an dem Gespräche, worin sie begriffen waren, Teil zu
nehmen. Es betraf, wie natürlich, die Spiele, von deren Anschauen beide, dem
Ansehen nach sehr gesättiget, zurückkamen. Mein Fremder machte sich kein
Bedenken, aus Gelegenheit derselben ein strenges Urteil über die Weisheit
seiner Landsleute zu fällen. Wenn, sagte er, die Absicht dieses alle vier Jahre
wiederkehrenden Nationalfestes ist, durch die Wettkämpfe, die man den Zuschauern
zum Besten gibt, und die dazu vorbereitenden Leibesübungen, die Griechische
Jugend zu tüchtigen Verteidigern des Vaterlandes zu bilden, so kann nichts
zweckwidriger sein als diese Spiele. Die Art der Waffen, womit der Krieg
heutzutage geführt wird, und die ganze Kriegskunst überhaupt, ist von dem, was
in den Zeiten des Trojanischen Krieges üblich und nützlich war, so verschieden,
dass dem Staate mit ganzen Heerschaaren zu Olympia und Delphi gekrönter Läufer
und Ringer wenig gedient wäre. Wenn sie noch schwerbewaffnet in die Wette
liefen, möchte eine solche Fertigkeit allenfalls bei einem Eilmarsch oder
plötzlichen Rückzug von einigem Nutzen sein: aber so leicht bekleidet wie unsre
schnellfüssigen Achillen sind, können sie, wo es Ernst gilt, höchstens als
Eilboten gebraucht werden, oder möchten, wenn man sie auch nur bei den leichten
Truppen anstellen wollte, der Versuchung selten widerstehen, in gefährlichen
Fällen vor allen Dingen ihre eigene Person in Sicherheit zu bringen. Was im
Kriege mit nackten Ringern anzufangen wäre, ist schwer zu sehen; und wofern auch
die Faustkämpfer durch ihr gigantisches Ansehen und den raschgeschwungenen
Cestus26 dem Feinde Schrecken einjagen könnten, so sind ihrer doch in der ganzen
Hellas viel zu wenige, als dass man sich eine grosse Wirkung von ihrem Gebrauch
versprechen dürfte. Und doch, wär' es nur der geringe Nutzen, den das
Griechische Gemeinwesen von diesen Spielen zieht, so möchten sie immer ihrem
vergötterten Stifter zu Ehren beibehalten werden: aber der positive Schaden, den
sie tun, scheint mir wichtig genug, um von den Vorstehern unsrer Republiken
ernstlich beherzigt zu werden. Nichts davon zu sagen, dass der leidenschaftliche
und bis zur Tollheit getriebene Wetteifer unsrer Jünglinge, wer die meisten,
schönsten und behendesten Rennpferde zu halten vermöge, schon viele angesehene
wohlbegüterte Häuser zu Grunde gerichtet hat, was für Fortschritte in der Cultur
kann man von einem Volke erwarten, das sich aus so wilden und lebensgefährlichen
Leibesübungen ein Spiel macht, das die Wut, womit Gegen kämpfer, die sich zuvor
nie gesehen, geschweige beleidigt haben, auf einander losgehen, durch die
Lebhaftigkeit seiner Teilnehmung noch mehr anfeuert, und an einem so
barbarischen Schauspiel, wie wir so eben sahen, die angenehmste Augenweide
findet? Mit welcher Stirne können wir auf unsre wirklichen und vermeinten
Vorzüge so stolzen Griechen alle übrigen Erdebewohner Barbaren27 nennen, so
lange es eine unsrer grössten Glückseligkeiten ist, alle vier Jahre
zusammenzukommen, um uns, zu gemeinschaftlicher Belustigung, in die Zeiten
zurückzusetzen, da unsre eigenen Vorfahren wenig besser als rohe Waldmenschen,
Räuber und Abenteurer waren, und an Humanität und Sittigkeit weit hinter den
meisten Asiatischen Völkern zurückstanden? Wie übel ziemt es uns, die an eine
edlere Denkart und Geschmack am Schönen und Erhabenen Anspruch machen, auf die
Kunst einander die Glieder zu verrenken, oder uns mit geballten Fäusten so lange
herumzuschlagen, bis den Kämpfern kaum noch eine Spur der menschlichen Gestalt
übrig bleibt, einen so hohen Wert zu setzen, und rohe Atleten28 ihrer
herkulischen Schultern und eisernen Knochen wegen mit Ehrenbezeugungen zu
überschütten, welche die reinste und vollkommenste Tugend selbst nicht von uns
erhalten kann? - Ich gestehe unverhohlen (setzte mein Unbekannter mit einem
Feuer hinzu, das ich seiner kalten Miene nicht zugetraut hatte), diese
Betrachtung hat mich gegen die allgemeine Freude der zahllosen Menge, die mich
diesen Morgen umgab, unempfindlich gemacht, und bei Schauspielen, die so laut
gegen das sittliche Gefühl und die Humanität meiner Landesleute zeugen, sogar
mit Unmut und Traurigkeit erfüllt. Du bist ein Philosoph, wie ich sehe, sagte
der Mann von Elea mit einem Lächeln, dessen leisen Spott er durch den sanften
Ton seiner Worte mildern zu wollen schien. Wenn ich es auch wäre, versetzte
jener, die Wahrheit dessen, was ich gesagt habe, würde dadurch weder gewinnen
noch verlieren. Du magst in der Hauptsache Recht haben, erwiederte der andere.
Wir Eleer sehen die Sache freilich von einer gefälligern Seite; denn wir machen
kein Geheimnis daraus, dass wir den Wohlstand unsrer Republik dem Institut, gegen
welches du dich so streng erklärst, grössten Teils zu danken haben. Du hast
gesehen, was für eine glänzende Panegyris aus allen Griechischen und
benachbarten Ländern durch diese Spiele nach Pisa gezogen wird. Glaubst du, das
Gedränge von unzählbaren Menschen aus allen Ständen und Classen würde eben so
gross sein, wenn an die Stelle dieser Kampfspiele ein Wettstreit um den Vorzug an
Weisheit und Tugend angeordnet, und die Kronen, die wir jetzt den besten
Rennern, Ringern und Pankratiasten29 zuerkennen, denen aufgesetzt würden, die
sich etwa durch die schönste Handlung der Menschlichkeit, Grossmut und
Selbstüberwindung ausgezeichnet hätten? Desto schlimmer, sagte mein Unbekannter;
das ist es eben was ich beklage! So lange dieses, den Eleern auf Kosten der
übrigen Griechen so vorteilhafte Institut dauern wird, sehe ich nicht, wie eine
richtigere Schätzung des Wertes der Menschen unter uns Platz greifen, und der
Vorzug der geistigen und sittlichen Vollkommenheiten vor den körperlichen und
mechanischen allgemeiner gefühlt und anerkannt werden könnte.
    Lass uns die Welt nehmen wie sie ist, erwiederte der Eleer, denn sie ist doch
wohl - wie sie sein kann. Weisheit und Tugend belohnen sich selbst so reichlich,
dass sie des Beifalls der Menge und der Kronen, die zu Olympia ausgeteilt
werden, leicht entbehren. Wer weiss, ob sie durch eine so öffentliche und
geräuschvolle Auszeichnung nicht an innerm Werte verlieren würden? Wenigstens
zweifle ich sehr, dass die stillen unscheinbaren Tugenden, welche gewöhnlich die
reinsten sind, sich gern aus ihrer Verborgenheit herausziehen und einer so
grossen vermischten Menge zur Schau ausstellen lassen würden. Uebrigens scheint
mir die lebhafte Teilnehmung, womit unsre Panegyrischen Spiele angesehen
werden, so wenig gegen das sittliche Gefühl unsrer Nation zu beweisen, dass ich
mir eher das Gegenteil zu behaupten getraue. Die Kampfspiele zu Olympia,
Delphi,30 Nemea und Korint haben eben darum ein so lebhaftes und eigenes
Interesse für unsre Nation, weil sie uns, gleichsam durch den Augenschein, so
wie durch die Siegesgesänge Pindars und seiner Nacheiferer, in die fabelhaften
Zeiten jener Heroen versetzen, deren Andenken uns aus so vielen Ursachen heilig
ist, die unsre meisten Städte gegründet haben, und von welchen unsre edelsten
Geschlechter ihren Ursprung herleiten. Aber auch ohne diese Beziehung haben wir
noch Ursache genug, sie als eines unsrer schönsten und wohltätigsten
Nationalinstitute anzusehen. Kein anderes vereiniget eine so grosse Menge
Griechen aus allen Städten und Landschaften der ganzen Hellas an Einem Orte zu
gemeinschaftlichen Feierlichkeiten, Opfern, Gastmählern und Ergötzungen. Während
ihrer Feier hören alle Feindseligkeiten auf, in welche die uralte Antipatie der
Dorier und Ionier31 nur zu oft ausbricht. Wir vergessen in diesen halcyonischen
Tagen aller Beleidigungen, aller Eifersucht und Rache, um uns bloss unsers
gemeinsamen Ursprungs zu erinnern, und die Bande von neuem zusammenzuziehen,
womit gemeinschaftliche Götter und Tempel, eine gemeinschaftliche Sprache und
das grosse Interesse unsre Unabhängigkeit gegen auswärtige Mächte zu behaupten,
die in so viele Stämme und Zweige verbreitete Nachkommenschaft Deukalions32 zu
einem einzigen Volke verbunden haben, das durch seine Cultur das erste in der
Welt ist, und durch Eintracht unüberwindlich und unvergänglich dem ganzen
Erdboden Gesetze geben würde.
    Ich verschone dich, lieber Demokles, mit einer Menge anderer schöner
Sprüche, welche der begeisterte Eleer mit einem grossen Erguss von Redseligkeit
hervorströmte, um dem kopfschüttelnden Philosophen eine höhere Meinung von den
Olympischen Spielen abzunötigen. Es versteht sich, dass jeder auf seiner eigenen
beharrte; so wie ohne Zweifel diese Spiele selbst, allen Veränderungen der
Zeiten und allen Einsprüchen der Philosophie zum Trotz, ihre ursprüngliche Form
und Einrichtung so lange Jupiter im Besitze seines Tempels zu Olympia bleibt,
behalten werden, wie leicht es auch wäre, ihnen eine gemeinnützlichere und einem
gebildeten Volk anständigere zu geben. Wir kamen indessen, da der Eleer ein sehr
höflicher Mann war, noch ganz friedlich aus einander; denn die Höflichkeit hat
dies Eigene, dass sie es dem andern unvermerkt unmöglich macht, so grob zu sein
als er wohl Lust hätte. Doch muss ich es auch meinem bocksbärtigen Freunde
nachrühmen, dass er sich beim Abschied mit mehr Urbanität betrug, als ich von
seiner Freimütigkeit erwartet hatte. Dieser Umstand und seine Mundart
bestärkten mich in der Vermutung dass er ein Atener sei; und so fand sich's
auch bei näherer Erkundigung. Man sagte mir, er nenne sich Antistenes, und sei
einer der vertrautesten Freunde des berühmten Sokrates Sophroniskus Sohn, den
der Delphische Gott33, oder (wenn du lieber willst) der eifrigste seiner
Anhänger, Chärephon, durch den gelehrigen Mund der Pytia, für den weisesten
aller Menschen erklärt haben soll. Da mein Verlangen diesen merkwürdigen Mann
persönlich zu kennen und durch seinen Umgang, wo möglich, selbst ein wenig weise
zu werden, einer der ersten Zwecke meiner freiwilligen Verbannung aus dem
schönen und wollüstigen Cyrene war, so kannst du leicht urteilen, dass ich mich
auf diese Nachricht um so eifriger um die Gunst einer Person bewarb, die mir zu
Beförderung meiner Absicht gute Dienste tun konnte. Ohne mir diese Bewerbung
durch ein zuvorkommendes Wesen zu erleichtern, schien er doch eben so wenig
gesonnen, sie gänzlich abzuweisen. Von Sokrates sprach er mit seiner
gewöhnlichen Kälte, als von einem Manne, mit dem er seit vielen Jahren täglich
umgegangen, und den er als seinen ersten, wo nicht einzigen Freund betrachte.
»Wenn ich einen bessern als er gekannt hätte, sagte er, würde ich mich zu diesem
gehalten haben; aber ich kenne keinen bessern, und, insofern diese Benennung
einem Menschen zukommen kann, keinen weisern Mann als Sokrates. Er hat
Eigenheiten, die man ihm lassen muss, und die, weil sie ihm wohl anstehen, darum
nicht einen jeden kleiden würden: aber wenige Menschen sind so gut, dass sie
nicht noch besser werden könnten, wofern sie ihn immer und in allen
Verhältnissen und Vorfällen des Lebens zum Muster nähmen.«
    Da ich von Antistenes vernahm, dass er geraden Weges nach Aten
zurückzukehren gedenke, bat ich ihn um Erlaubnis ihn begleiten zu dürfen, und
äusserte den Wunsch, dass er mich bei Sokrates einführen möchte. »Ein guter
Reisegefährte ist der halbe Weg, sagte er: ich nehme dein Anerbieten willig an;
aber bei Sokrates bedarfst du keines Einführers. Er liebt junge Leute deiner
Art, und du wirst den alten Glatzkopf gewöhnlich von einigen unsrer schönsten
Jünglinge umgeben finden. Seine Absicht ist ihm mit Xenophon, Kritobulus34,
Plato und einigen andern so gut gelungen, dass ein Alcibiades und Kritias35, die
ihm verunglückten, ihn nicht abschrecken konnten, es immer wieder mit andern zu
versuchen. Ein Jüngling guter Art bedarf bei ihm weder einer Empfehlung noch
einer besondern Aufmerksamkeit sich ihm angenehm zu machen; es wird also bloss
auf dich selbst ankommen, wie viel oder wenig du dir seinen Umgang zu Nutze
machen willst. Die Sonne strahlt gleich warm auf ein Stück Gold und auf ein
Stück Blei; nur fasst das eine mehr Wärme, und behält sie länger als das andere.«
    Wir werden unsre Reise über Orchomenos, Korint, Megara und Eleusis machen;
weil Antistenes zu seinem ehrwürdigen alten Freund zurückeilt, welchen er in
der trübseligen und verzweifelten Lage, worin seine Vaterstadt sich seit einiger
Zeit befindet, nicht länger verlassen will. Denn es sind schon mehr als acht
Monate verstrichen, seit er von Aten abgegangen ist, um die Angelegenheiten
eines zu Megalopolis verstorbenen Anverwandten zum Besten seiner Hinterlassenen
in Ordnung zu bringen.
    Die Nachrichten von den abwechselnden Erfolgen der seit einigen Jahren
zwischen den beiden Hauptstädten Griechenlands wieder ausgebrochnen Befehdungen
kommen gewöhnlich so spät zu euch, dass du vielleicht erst aus diesem Briefe
(dessen Abgang noch sehr ungewiss ist) erfährst, dass der Spartanische Feldherr
Lysander, nach einem bei Aigos Potamos am Eingang des Hellesponts erhaltnen
entscheidenden Sieg, die stolze Minervenstadt selbst eingeschlossen, und durch
Hunger und Verzweiflung endlich gezwungen hat, sich auf Bedingungen, denen ihre
Väter den Tod in jeder Gestalt vorgezogen haben würden, von dem schrecklichen
Schicksal, welches sie vor eilf Jahren über die unglücklichen Melier36 verhängt
hatten, loszukaufen. Die übermütige Beherrscherin der Meere ist nun auf zwölf
Schiffe, die ihr noch erlaubt sind, herabgebracht; die Stadt und die Vorstadt
Piräum mit ihrem Hafen sind des herrlichsten Denkmals der Siege des grossen
Temistokles, ihrer prächtigen Mauern beraubt, die Spartaner haben eine
Besatzung in der Akropolis37; und eine von Lysandern beschützte, neuerrichtete
Regierung von dreissig unter seinen Winken willkürlich herrschenden Gewaltabern
macht das Elend der beklagenswürdigen, ihre eigene Torheit zu teuer büssenden
Atener vollständig. Dies sind die neuesten Nachrichten, die uns aus jenen
Gegenden zugekommen sind. Was sagst du, Demokles, zu einer so unerwarteten
Katastrophe? - Du wirst mich vielleicht unklug und verwegen nennen, dass ich mich
gerade in einem so verwirrten und gefährlichen Zeitpunkt nach Aten wage. Aber
ich kann dem Verlangen nicht länger Einhalt tun, diesen Sokrates, von dem ich
schon in Cyrene so viel Wunderbares hörte, und jetzt von Leuten, die ihn sehr
gut zu kennen glauben, oder vorgeben, die seltsamsten und widersprechendsten
Dinge höre, durch mich selbst kennen zu lernen. Auf alle Fälle sind meine
Einrichtungen so getroffen, dass ich mich vielmehr in den Credit eines
vorsichtigen und besonnenen Mannes bei dir zu setzen hoffe. Ich habe meine
Cyrenische Kleidung bereits mit einem äusserst einfachen Costume im Geschmack
meines neuen Freundes Antistenes vertauscht; meine Barschaft bleibt in Korint
niedergelegt, und ich werde nur gerade so viel Geld nach Aten tragen, als ein
Mensch, der täglich drei bis vier Obolen zu verzehren hat, in sechs Monaten
nötig haben mag. Du solltest mich wirklich in meinem neuen Sokratischen
Schülermantel sehen! Er ist zwar etwas grob von Wolle, und reicht nicht sehr
weit unter die Knie; aber Antistenes versichert mich, dass er mir trefflich
stehe. In diesem Aufzuge werde ich wahrscheinlich zu Aten nicht so viel
Eindruck machen, dass die Dreissig sich viel um mich bekümmern werden.
 
                                       5.
                                 An Kleonidas.
Wie sehenswürdig auch die weltberühmten Olympischen Spiele sind, so zweifle ich
doch nicht, dass die Einbildungskraft eines Dichters mit blosser Hülfe des
Hippodroms38 und der Gymnasien39 und Fechtschulen in Cyrene sich eine noch
grössere und den alten Heldenzeiten angemess'nere Vorstellung von ihnen machen
könnte als diejenige ist, die wir andern gewöhnlichen Menschen mittelst unsrer
Leibesaugen erhalten haben. Aber den Jupiter des Phidias muss man sehen, Freund
Kleonidas, wenn man sich einen Begriff von ihm machen will. Also komm und sieh,
und bete an.
    Nach diesem Eingang erwartest du, natürlicher Weise, keine Beschreibung40
von mir, die am Ende doch nur auf ein Verzeichnis der unzähligen einzelnen
Stücke und Teile hinauslaufen würde, aus welchen dieses über allen Ausdruck
grosse und reiche Kunstwerk, dem kein anderes in der Welt vergleichbar ist, mit
hohem Sinne zusammengesetzt, wie eine himmlische Erscheinung vor unsern Augen da
steht. Jeder dieser Teile ist, für sich selbst betrachtet, schön, gross gedacht,
mit reiner sicherer Bestimmteit der Verhältnisse und Formen ausgeführt, und so
zierlich vollendet, dass dem Liebhaber der Kunst nichts zu wünschen, dem Kenner
wenig oder nichts zu erinnern übrig bleibt. Aber alle diese besondern
Schönheiten verlieren sich, oder vereinigen sich vielmehr in dem Haupteindruck,
den das herrliche Ganze - Jupiter auf seinem Tron, von seinem ganzen
Göttergeschlecht umgeben - auf die Seele des Anschauers macht, indem er sich
beim ersten Anblick von einem wunderbaren Schauder ergriffen fühlt, den der
grosse und glaubige Haufe für ein unmittelbares Zeichen der Gegenwart des Gottes
hält.
    Dir, mein Freund, brauche ich nicht zu sagen, dass weder dumpfes Anstaunen
noch Überfluss an Glauben unter die Gebrechen meiner Natur gehören. Ich betrat
den Tempel mit der kaltblütigsten Gewissheit, einen Gott von Elfenbein und Gold
von der Hand eines grossen Bildners zu sehen, und konnte mich doch des besagten
Schauders so wenig erwehren als ein andrer. Mit Blitzesschnelligkeit vermengte
sich der Homerische Nephelegereta41 Zeus mit dem huldreichen Phidiassischen
Göttervater, und ich wähnte einen Augenblick den König des Himmels wirklich auf
seinem Trone zu sehen, wie er der flehenden Tetis die Gewährung ihrer Bitte
zunickt, und das Winken der schwarzen Augenbraunen die ambrosischen Locken auf
seinem unsterblichen Haupte schüttelnd den ganzen Olympus erbeben macht.42
    Du wirst mir indessen gerne zutrauen, dass ich bei dieser schnell vorüber
gehenden Verzückung noch Besonnenheit genug behielt, dem Grunde des Zaubers
nachzuforschen, wodurch dieses göttliche Machwerk eines sterblichen Meisters auf
alle die es erblicken, ohne Ausnahme, eben dieselbe Wirkung tut.
Glücklicherweise brauchte ich nicht tief zu graben; denn er fällt so stark in
die Augen, dass die meisten, denen ich mein Rätsel aufzuraten gab, eher auf
alles andre als das Wahre rieten. Ich gebe willig zu, dass der erhabene
Charakter, womit der Künstler diese Göttergestalt, und alles was sie umgibt, zu
bekleiden gewusst hat, sehr viel dabei tut; aber weder in ihm allein, noch in
der majestätischen Form des dichtgelockten Hauptes, noch in der
unerschütterlichen Festigkeit und Kraft, der ruhig ernsten Weisheit, und der von
aller menschlichen Schwäche gereinigten Huld und Gnade, die, wie man sagt, in
den Formrn und dem Blicke des Angesichts unnachahmlich ausgedruckt sind, kann
der besagte Zauber liegen; oder, wenn Phidias diese nämliche Gestalt, mit allen
diesen Vollkommenheiten, die man an ihr bewundert, nach verjüngtem Massstabe, nur
zehn oder zwölf Zoll hoch ausgearbeitet hätte, müsste das kleine Bild eben
dieselbe Wirkung tun, - welches, denke ich, niemand behaupten wird.
    Und was ist denn die wahre Ursache, warum uns der Olympische Jupiter so
gewaltig ergreift? Es ist, mit Erlaubnis zu sagen, nicht mehr und nicht weniger
als - warum uns ein Elephant mehr Respect gebietet als ein Stier - seine
kolossalische oder vielmehr titanische Statur; denn bekanntermassen war die ganze
Familie des Uranos und der Gea, von welchen Jupiter wie alle übrigen Titanen
abstammte, ein Riesengeschlecht von der ersten Grösse. Alle Majestät, die der
erhabene Künstler dem Angesicht des Gottes zu geben vermochte, würde an einem
Bilde von sechs oder sieben Fuss schwerlich viel mehr gewesen sein, als ein Minos
oder Agamemnon hätte tragen können, ohne darunter einzusinken. An einem
Pygmäenkönige würde diese Majestät - in unsern, nicht in der Pygmäen, Augen -
sogar etwas zum Lächeln Reizendes haben; aber an einem Jupiter von
sechsundzwanzig Ellen erregt sie in uns Pygmäen das Gefühl des Uebermenschlichen
und Göttlichen. Ich hörte einen ehrwürdigen Pytagoräer, den ich eines Tages im
Tempel antraf, sagen: er halte sich überzeugt, dass Phidias der Religion einen
grössern Dienst erwiesen habe, als alle Priester, Hierophanten, Dichter und
Philosophen der ganzen Welt zusammengenommen nicht zu tun vermocht hätten. Der
Mensch, sagte er, ist nun einmal, er wolle oder wolle nicht, durch seine Natur
genötigt, sich die Gotteit unter einer menschlichen Gestalt vorzubilden. Was
Homer und seine Nachfolger leisten konnten, erregt nur schwankende unbestimmte
Phantomen; die Kunst des Bildners muss ihnen zu Hülfe kommen und die
Einbildungskraft auf einer bestimmten Gestalt festalten. Grosse Menschen waren
das Höchste, was die Vorgänger und Zeitgenossen des Phidias in dieser Art zuwege
brachten: er allein hat uns den König der Götter dargestellt. Wer den
Olympischen Jupiter gesehen hat, trägt einen Eindruck in seiner Seele davon, dem
keine Zeit etwas anhaben kann. Die priesterliche Miene und der prächtige Bart
des Pytagoräers, der selbst das Ansehen eines Göttersohns hatte, hielt mich
zurück, etwas, das mir gegen seine Behauptung auf die Zunge kam, laut werden zu
lassen; zumal da ich das Wahre in derselben an mir selbst erfuhr. Denn wie
richtig es auch sein mag, dass klein und gross, für Eigenschaften gewisser Dinge
genommen, nur täuschende Begriffe sind, so gestehe ich doch ohne Bedenken, dass
ich mich so gern von ihnen hintergehen lasse als irgend einer. Von den zehn
Tagen, die ich zu Olympia verweilte, ging keiner vorbei, ohne dass ich den
Jupiterstempel zweimal wenigstens besucht hätte; und ich schwöre dir beim
goldnen Barte des Gottes, dass ich das Bild, das sich durch dies so oft
wiederholte Anschauen meiner Phantasie eingesenkt hat, nicht um die ganze
Cyrenaika missen wollte.
    Mehrere Leute haben mit einer bedenklichen Miene angemerkt, der Olympische
Jupiter könnte nicht von seinem Tron aufstehen, ohne das Dach des Tempels
einzustossen. Ganz gewiss machte Phidias diese scharfsinnige Bemerkung auch, und
tröstete sich und den Baumeister damit, dass sein Jupiter wahrscheinlich wohl
immer sitzen bleiben werde. Nicht Wenige habe ich beklagen gehört, dass ein
prächtig gearbeitetes Brustgeländer nicht erlaube so nahe zum Tron hinzukommen
als man wohl wünschen möchte. Auch dies ist ein Streich, den der lose Phidias
den Leuten gespielt hat. Er machte es ihnen dadurch unmöglich, so nahe
hinzuzutreten, dass sie, anstatt den Götterkönig auf seinem Ton zu sehen, nur
einen Haufen geschnittenes Elfenbein und gegossenes Gold zu sehen bekommen
hätten. Denn damit das Ganze seine gehörige Wirkung tue, muss es aus einem
gewissen Standpunkt betrachtet werden. Vielleicht wollte auch der kluge Künstler
nicht, dass eine Menge Nebendinge und Verzierungen von allerlei farbichten
Edelsteinen, Ebenholz, Perlenmutter und dergleichen, auf deren geschickte
Zusammensetzung er zu Verstärkung des Haupteffects gerechnet hatte, zum
Nachteil desselben stückweise und in der Nähe besehen werden könnten. Denn bei
einem Kunstwerke, wo am Ende doch alles auf eine gewisse Magie, und also auf
Täuschung hinausläuft, muss man die Zuschauer nicht gar zu nahe kommen und zu
gelehrt werden lassen.
    Indem ich überlese, was ich dir von dem grössten und schönsten aller
Menschenwerke geschrieben habe, dünkt mich ich habe nichts gesagt. Aber wenn ich
einen Stachel in dein Gemüte geworfen habe, der dir keine Ruhe lässt bis du
selbst kommst und siehest, so hab' ich genug getan; denn das ist alles was ich
wollte.
 
                                       6.
                                 An Kleonidas.
Ich lebe bereits einige Wochen in dieser weltberühmten und in ihrer Art einzigen
Minervenstadt, welche zu sehen mich schon so lange verlangte. Hat sie meine
Erwartung übertroffen? oder ist sie unter ihr geblieben? Beides, lieber
Kleonidas, und ich werde täglich mehr in der Meinung bestärkt, dass es mir immer
und allentalben mit allen menschlichen Dingen eben so gehen werde. Im Ganzen
genommen kenne ich noch keinen Ort, wo ich lieber leben möchte als zu Aten,
und, meinem Geschmack nach, hat die Stadt durch das Abtragen ihrer Mauern mehr
gewonnen als verloren. Ob sie, vor dieser den Atenern so schmerzlichen
Demütigung, wirklich, wie sie sich schmeichelten, die schönste Stadt in der
Welt war, liesse sich vielleicht noch fragen: aber dass sie jetzt das grösste,
schönste, prächtigste und volkreichste Dorf in allen drei Weltteilen ist, wird
niemand zu läugnen begehren. Auch ohne Mauern bleibt sie immer der erste Tempel
der Musen, der Sitz des Geschmacks, und die Werkstatt aller das Leben
unterstützenden und verschönernden Künste, mit Einem Wort, Alles wozu Perikles
sie machte, dessen Andenken aber, wie ich sehe, bei diesen leichtsinnigen und
undankbaren Republikanern schon lange vergessen ist. Kannst du glauben, dass sie
es sogar ungern hören, wenn ein Fremder mit Ehrerbietung von diesem grossen Manne
spricht, oder ihm die herrlichen Gebäude und Kunstwerke, womit er die Stadt und
die Akropolis geziert hat, zum Verdienst anrechnet? Im Atenischen Styl zu reden
hat das Volk alles getan; ja sie sprechen nicht anders davon, als ob das alles
so hätte sein müssen, und mit ihnen zugleich aus dem Attischen Boden
hervorgewachsen wäre. Selbst die Namen eines Miltiades, Temistokles, Aristides,
Cimon (der Männer, denen Griechenland zu danken hat, dass es nicht zu einer
Persischen Satrapie zusammenschrumpfte) werden selten oder nie gehört; aber
dafür sind die Männer von Maraton und Salamin immer auf ihren Lippen, und der
erste Schuster oder Kleiderwalker, dem du begegnest, ist so stolz darauf, der
Enkel eines Mannes von Maraton zu sein, als ob er selbst dadurch zu einem Manne
von Maraton würde, und schwatzt mit der unbeschreiblichsten Geläufigkeit der
Zunge stundenlang von den Grosstaten seiner Vorfahrer, ohne das mindeste
Bewusstsein, wie viele Ursache diese hätten, sich ihrer ausgearteten
Nachkommenschaft zu schämen. In der Tat kannst du dir nichts Komischeres
vorstellen, als den namenlosen Schmerz, womit sie von dem Verlust ihrer Mauern
sprechen, wenn du zugleich bedenkst, dass es bloss auf sie ankam, durch einen den
Spartanern zu rechter Zeit entgegen gesetzten kräftigen Widerstand, ihre so
zärtlich geliebten Mauern zu erhalten. »Ach! dass wir leben mussten den
Atenischen Namen so geschändet zu sehen!« rufen sie mit einem langen kläglichen
Seufzer aus, und es kommt ihnen alles andere eher in den Sinn, als sich selbst
die Schuld beizumessen, oder zu bedenken, dass sie ja, so gut wie die dreihundert
Spartaner bei Termopylä, mit den Waffen in der Hand sterben konnten, wenn sie
eine solche Schmach nicht erleben wollten, und dass dies in der Tat die einzige
Entschliessung war, die den Söhnen der Männer von Maraton geziemte.
    Doch für jetzt nichts weiter von diesen der Geissel ihres Aristophanes so
würdigen Kechenäern43, weil ich dir nicht bald genug von dem Manne sprechen
kann, um dessentwillen ich hauptsächlich hierher gekommen bin, und der dadurch,
dass auch er ein geborner Atener ist, für alle andern Schonung und beinahe
Achtung fordert.
    Du zweifelst nicht, dass eine meiner ersten Sorgen war, mich von Antistenes
bei seinem ehrwürdigen Freund einführen zu lassen.
    Es wäre schwer, dir den Eindruck zu beschreiben, womit mich der erste
Anblick dieses ausserordentlichen Mannes überraschte. Meine Einbildungskraft
(welcher ich überhaupt wenig Gehör zu geben pflege, weil sie mich fast immer
irre führt) hatte sich ohne Zutun meines Willens eine Vorstellung gemacht, wie
jemand aussehen müsse um Sokrates zu sein: und nun fand sich's, dass diese
Vorstellung unter allen Sterblichen keinem weniger anpasste, als dem wirklichen
Sokrates. Ich stand einen Augenblick etwas betroffen da, war aber kaum eine
halbe Stunde bei ihm gewesen, als ich nicht nur mit dem Unerwarteten in seiner
Gesichtsbildung völlig ausgesöhnt war, sondern mir sogar schon in den Kopf
gesetzt hatte, dass er so aussehen müsse, und dass kein andres Aeusserliches
geschickter gewesen wäre, seinen innern Charakter schneller anzukündigen und
stärker auszusprechen als gerade dieses. Denke dir einen corpulenten,
breitschultrigen alten Mann, mit einem bis an die Seitenhaare kahlen
Silenenkopf, und dem rüstigen Ansehen eines ächten Abkömmlings der Sieger bei
Maraton und Salamin44; und ermiss nun selbst, welch einen Contrast eine solche
Figur mit der Erwartung eines jungen Menschen machte, der sich nach einem
ziemlich allgemeinen Vorurteil, einen wegen seiner Weisheit und Geistesgrösse
berühmten Mann nicht anders als mit dem Kopf eines Pytagoras oder Solon denken
konnte! Aber der vielumfassende Verstand, der in dieser hohen und breiten, über
den buschigen Augenbrauen sich weit hervor wölbenden Stirne wohnt; der Geist,
der aus diesen stieren Augen blitzt, und dir mit jedem Blick bis auf den Grund
deines Innern zu sehen scheint; der entschiedene Ausdruck eines festen,
männlichen, keiner Furcht noch Schwäche fähigen Charakters, einer unwandelbaren
Heiterkeit und Gleichmütigkeit und einer biedern allen Menschen wohlwollenden
Seele, dieser Ausdruck, der seinem ganzen Gesicht scharf und tief aufgeprägt
ist, macht in wenig Augenblicken den ersten widrigen Eindruck schwinden; du
fühlst dich immer stärker und stärker von ihm angezogen; ein unerklärbarer
Zauber hält dich in seinem Kreise fest, und du wünschest, dich in deinem ganzen
Leben nie wieder von ihm entfernen zu dürfen. Wundre dich nicht, Lieber, dass ich
mich so lange bei der Physiognomie des Sokrates verweile; denn ich habe mir in
den fünf bis sechs Wochen, seit ich mit ihm lebe, ein ganz eigenes Studium aus
ihr gemacht, und ich bin gewiss, dass sie einen wesentlichen Anteil an der
ausserordentlichen Gewalt und Ueberlegenheit hat, die dieser Mann - der seinem
Aufzug und seinen Glücksumständen nach in ganz Aten wenige unter sich sieht, -
über alle Menschen, die sich ihm nähern, zu behaupten weiss. Ich habe ihn während
dieser Zeit, da ich selten von seiner Seite komme, nicht einen Augenblick anders
als heiter und freundlich gesehen; aber Antistenes versichert mich, dass sich
nichts Fürchterlicher's denken lasse, als das drohende Gesicht, womit er in
einem Handgemenge vor den Mauern von Potidäa einen feindlichen Trupp, der sich
des verwundeten Alcibiades bemächtigen wollte, zurückgescheucht habe; und ich
begreife vollkommen, dass er, sobald er will, grimmig genug aussehen kann, um
einem Löwen Angst einzujagen. Ohne Zweifel ist gerade dies die Ursache, warum
der Ausdruck von Wohlmeinung und Güte eine so grosse Wirkung in seinem Gesicht
tut, weil die natürliche Schönheit der Züge so wenig dazu beiträgt, und man
also um so gewisser sein kann, dass es der Abdruck wahrer Gesinnungen ist, und
unmittelbar aus dem Herzen kommt. Das Nämliche gilt (in seiner Art) von dem
ziemlich nah an Hohn gränzenden Spotte, der in den aufgestülpten Nüstern seiner
Delphinen-Nase lauert, aber durch die gewöhnliche heitere Freundlichkeit seiner
Augen und das guterzige Lächeln seines dicklippigen Mundes so sonderbar
gemildert wird, dass er aufhört Spott zu sein, oder dass nur gerade so viel davon
übrig bleibt, um seiner Art zu scherzen, und der ihm eigenen Ironie etwas
Säuerlichsüsses zu geben, das unendlich angenehm ist, aber sich weder beschrieben
noch nachmachen lässt. Kurz, ich bin gewiss, diese sonderbare Mischung von
Weisheit und Einfalt, von Ernst und Mutwillen, von Gleichmütigkeit und
genialischer Laune, Stolz und Bescheidenheit, Treuherzigkeit und Causticität,
die das Eigentümliche seines Charakters ausmacht, und wodurch er, mit Einem
Wort, Sokrates ist, könnte gar nicht stattfinden, wenn ihm die Natur eine
regelmässige Gesichtsbildung gegeben hätte, und gerade diese die er hat sei
diejenige, welche der in ihm wohnende Genius sich besser als eine andere
anpassen konnte.
    Ich wurde von ihm mit seiner gewohnten Humanität aufgenommen; doch richtete
er anfangs die Rede selten an mich, liess nur zuweilen einen ziemlich scharfen
Blick auf mich fallen, und setzte übrigens das Gespräch fort, worin er, da ich
ihm vorgestellt wurde, mit seinen meistens noch jungen Freunden begriffen war.
Aber als ich es für Zeit hielt mich wieder wegzubegeben, nahm er mich bei der
Hand und sagte: ich höre du gedenkst dich einige Zeit zu Aten aufzuhalten, um
zu sehen, zu hören und zu lernen was bei uns Sehens, Hörens und Lernens wert
ist. Du wirst dessen von aller Art manches finden; des Gegenteils vielleicht
noch mehr. Um desto weniger getäuscht zu werden, tut ein Fremder bei uns wohl,
wenn er sein Urteil zurückhält und etwas misstrauisch gegen die ersten Eindrücke
ist. Gefällt es dir in meiner Gesellschaft, so steht's bei dir, so oft um mich
zu sein als andere deines Alters, die mir ihr Zutrauen geschenkt haben und durch
meinen Umgang besser zu werden glauben. Ich weiss wenig, wiewohl ich einen Teil
meines Lebens mit Forschen zubrachte. Wo ich nicht weiter kann, behelfe ich mich
mit dem, was mir das Wahrscheinlichste dünkt; denn immer in Zweifeln schweben,
ist für einen besonnenen Menschen ein unerträglicher Zustand; indessen reiche
ich mit dem wenigen, worüber ich gewiss bin, ziemlich aus, und halte mich desto
fester daran. Meine Freunde haben ein Recht an alles, wodurch ich ihnen nützlich
werden kann. Ich lasse mich gerne fragen, frage aber auch gern wieder, und hab'
es aus langer Erfahrung, dass dies die kürzeste und sicherste Art ist, einander
auf die Spur der Wahrheit zu helfen. - Ich bat ihn, mich als einen Jüngling zu
betrachten, der das Schöne und Gute liebe, und in beiden das Wahre, und
vornehmlich das Band das beide zusammenschlinge, durch ihn kennen zu lernen
hoffte. Er schien mit dem was ich ihm sagte nicht unzufrieden, und ich denke, so
muss einem Liebhaber, der von seiner Geliebten scheiden muss, zu Mute sein, wie
mir's war, da ich mich von diesem zauberischen alten Mann entfernte.
    Ich habe mir, so nah als möglich an dem Häuschen des Sokrates, eine kleine
Wohnung bei einem ehrsamen Bürger gemietet, der einer von den fünf bis
sechstausend Richtern dieser processreichen Republik45 ist, und da er wenig
Vermögen hat, und (nach hiesiger Bürgersitte) zu vornehm ist ein Handwerk zu
treiben, ohne sein tägliches Triobolon46 mit seiner zahlreichen Familie sehr
kümmerlich leben müsste. Da vielleicht zwei Drittel der Attischen Bürger sich in
dem nämlichen Falle befinden, so erklärt sich daraus, warum du in dieser
Republik, worin das Volk der Gesetzgeber ist, unter drei bis vier Bürgern immer
unfehlbar einen Richter, nämlich ein Mitglied der zehn grossen Gerichtshöfe
dieser wundervollen Republik findest, und warum alles darauf angelegt ist, das
Processfieber, womit die Atener sammt und sonders - den Sokrates und etliche
seiner Freunde ausgenommen - behaftet sind, zu nähren und unheilbar zu machen.
Das Leben eines Attischen Bürgers ist ein immerwährender Rechtsstreit, und, die
Festtage abgerechnet, vergeht kein Tag im ganzen Jahr, dass er nicht entweder als
Richter oder als Partei, oder als Anwald oder als Zeuge, mit einem Rechtshandel
beschäftigt ist. Wer diesem Uebel abhelfen wollte, würde dem grössten Teil der
Atener ihr tägliches Brot entziehen. Vermutlich ist dies auch die wahre
Ursache, warum eine unbeschreibliche Geläufigkeit der Zunge (sie nennen's
Stomylie) und eine gewisse angeborne Wohlredenheit und Begierde sich selbst
reden zu hören, ein so allgemeiner Charakterzug dieses über allen Begriff
lebhaften Volkes ist.
    Du wirst dich, wie ich sehe, schon daran gewöhnen müssen, lieber Kleonidas,
dass ich nicht lange in meinem Wege fortgehen kann, ohne bald auf diesen bald auf
jenen Gegenstand zu stossen, der mich zu einer kleinern oder grössern Abschweifung
verleitet. Insofern ich dir nur keine Langeweile mache, wird es dir übrigens
gleichviel sein, was für einen Weg ich dich führe, da meine Briefe blosse
Spaziergänge für dich sind.
    Ich denke meinem Vorsatz, eine Zeitlang auf dem Sokratischen Fuss, d.i. ein
wenig armselig zu leben (wiewohl mich der letzte Brief meines Vaters auf einmal
um fünfhundert Minen reicher gemacht hat) so lange getreu zu bleiben - als ich
es aushalten kann. Bis hierher geht es noch gut. In der Tat für einen
Kosmopoliten ist nichts notwendiger, als auf alle Fälle mit zwei bis drei
Obolen des Tages auskommen zu können, wiewohl es zu müssen vielleicht nie mein
Fall sein wird.
    Ich sehe und höre den Sokrates alle Tage, und habe, ausser seinen Freunden
oder eigentlichen Anhängern, noch wenig Bekanntschaften gemacht; doch soll auch
dies mit der Zeit anders werden. Für jetzt ist mein Hauptzweck, den
merkwürdigsten aller Menschen so lange zu beobachten und zu studiren, bis ich
ihn ganz zu kennen und zu verstehen glaube.
    Ein einzigesmal habe ich in dieser Zeit mit Sokrates einem grossen Gastmahl
bei einem Atenischen Kalokagatos47 von der ersten Classe beigewohnt; wo einem
Cyrener die Mischung von Ueppigkeit und Pracht mit übel verhehlter Armut und
Knauserei nicht anders als auffallend sein musste. Reich scheinen zu wollen, so
wie überhaupt mehr zu scheinen als sie sind, ist eines der charakteristischen
Erbübel der Cekropiden48; dafür, dass niemand mehr reich sei, haben die Spartaner
gesorgt, und es wird eine Reihe von Jahren dazu gehören, bis Aten sich von den
Folgen ihres misslungenen Anschlags auf Sicilien, und des so unglücklich für sie
ausgefallenen Peloponnesischen Verheerungskrieges erholt haben wird.
    Sokrates galt ehmals für einen sehr angenehmen Tischgesellschafter, und
viele der vornehmsten Atener würden ein festliches Gastmahl für unvollständig
gehalten haben, wenn Sokrates dabei gefehlt hätte. Jetzt pflegt er eine solche
Einladung nur selten anzunehmen. Ziemlich oft hingegen geschieht es, dass seine
Freunde Abends in seinem Hause speisen, indem jeder sein Gericht hinschickt;
eine in Aten gewöhnliche und meines Erachtens sehr nachahmungswürdige Art, den
Abend in auserlesener Gesellschaft ohne Belästigung des Hauswirts zuzubringen;
vorausgesetzt, dass das Höchste was eine Schüssel kosten darf, durch
gemeinschaftliche Abrede nach einem sehr frugalen Massstabe bestimmt sei. Diese
kleinen freundschaftlichen Symposien49 sind durch die genialische Art, wie
Sokrates Ernst und Scherz bald abzuwechseln bald in einander zu schmelzen weiss,
für mich wenigstens, die unterhaltendste und sogar die lehrreichste Zeit, die
ich in seiner Gesellschaft zubringe.
 
                                       7.
                               An Ebendenselben.
Ich finde je länger je mehr, wie falsch der Begriff ist, den man sich im
Auslande von Sokrates macht, indem man ihn für einen Philosophen oder Sophisten
50 von Profession und das Haupt einer eigenen Schule hält. Er ist, wiewohl er
vielerlei Kenntnisse besitzt, kein eigentlicher Gelehrter, und ob er gleich ein
sehr weiser und kluger Mann ist, weder das, was man einen Philosophen noch was
man einen Staatsmann zu nennen pflegt; oder, richtiger zu reden, seine Weisheit
und Klugheit war es eben, was ihn abhielt sich aus dem einen oder dem andern
dieser Qualitäten eine Lebensart zu machen. Er ist ein zu edler und guter Mensch
um ein blosser Bürger von Aten, und gleichwohl zu sehr Bürger von Aten um ein
ächter Weltbürger zu sein. Man erstaunt, bei einem Manne, der (wenn man ein Paar
Feldzüge ausnimmt) nie aus Aten gekommen ist, einen solchen Umfang von Welt-
und Menschenkenntnis, einen so hellen, von Vorurteilen und Wahnbegriffen so
gereinigten Verstand, und einen so feinen Sinn für die rechte Art mit allen
Gattungen von Menschen umzugehen, zu finden; und doch däucht mich (wenn ich dies
ohne Schein eines törichten Dünkels gestehen darf) ich sehe zuweilen eine
gewisse Beschränkteit in seiner Vorstellungsart, die mir bloss daher zu kommen
scheint, dass er sich unvermerkt angewöhnt hat, Aten, den Mittelpunkt seiner
eigenen Tätigkeit, für den Mittelpunkt der Welt, und was ausser Aten ist,
keiner sonderlichen Aufmerksamkeit wert zu halten. Ob ich mich hierin irre,
darüber werde ich vielleicht in der Folge Gelegenheit finden, dich selbst zum
Richter zu machen.
    Um mir beim Erforschen dieses in seiner Art so ganz einzigen Mannes viele
Zeit und manchen Fehlschluss zu ersparen, habe ich mir Mühe gegeben, über seine
Lebensgeschichte so viele und so zuverlässige Erkundigungen einzuziehen als mir
nur immer möglich war.
    Sein Vater Sophroniskus war ein Steinmetz, und seine Mutter Phänarete die
geschickteste und ihres Charakters wegen geschätzteste Hebamme ihrer Zeit in
Aten. Er scheint sich auf diese Mutter etwas zu gute zu tun; denn er liebt
ihrer bei Gelegenheit öfters zu erwähnen, und soll einst, da ihm über sein
Talent junge Leute zu bilden ein Compliment gemacht wurde, in seiner gewohnten
Manier Ernst in Scherz einzukleiden, zur Antwort gegeben haben: es ist ein
Erbstück von meiner Mutter; meine ganze Kunst besteht in einer gewissen
Geschicklichkeit die Entbindung schwangerer Seelen zu befördern.51 Die Frucht
die ans Tageslicht kommen soll, muss freilich schon lebendig, gesund und
wohlgestaltet in der Seele verborgen liegen, und alles was ich bei der Geburt
tun kann, ist, ihr leicht und mit guter Art herauszuhelfen. Personen, die seine
Eltern gekannt haben, versicherten mich, dass er äusserlich seinem Vater, und dem
Gemüt und der Sinnesart nach seiner Mutter sehr ähnlich sei.
    Sophroniskus tat an seinem Sohne - was er konnte; er gab ihm die
gewöhnliche Erziehung aller jungen Atener jener Zeit, die du aus der Scene der
beiden Streitähne, Dikäos und Adikos Logos52, in den berüchtigten Wolken des
Aristophanes kennst. Der junge Sokrates lernte bei einem Schulhalter vom
gewöhnlichen Schlage den Homer und Hesiod, wo nicht verstehen, wenigstens fertig
lesen; von einem Singmeister auf der Citer klimpern und alte Lieder nach alten
Weisen singen; und übte sich übrigens fleissig im Wettlaufen, Ringen und Fechten
auf der Palästra. Der Vater, um seiner Pflicht (nach einem bekannten Gesetze
Solons) volle Genüge zu tun, lehrte ihn seine eigene Kunst; die Mutter, welche
bei Zeiten merkte, an diesem Sohn etwas mehr als einen künftigen Steinhauer
geboren zu haben, wollte wenigstens einen Bildhauer aus ihm werden sehen; und so
wurde er, ich weiss nicht welchem damaligen Meister dieser Kunst, in die Lehre
gegeben. Es scheint nicht dass er selbst eine besondre Anlage oder Neigung zu ihr
in sich gefühlt habe; indessen bracht' er es doch darin auf einen gewissen Grad;
machte bis über sein dreissigstes Jahr seine hauptsächlichste Beschäftigung
daraus, und fertigte binnen dieser Zeit unter andern Arbeiten verschiedene
Statuen, wovon die meisten in einem Landhause seines Freundes Kriton zu sehen
sind, der sich viele Mühe gegeben hat, so viele derselben zusammenzubringen, als
für Geld zu haben waren. Ich habe sie gesehen, und da ich auch die Werke des
Polyklet und Phidias gesehen habe, so darf ich dir ohne Scheu bekennen, dass
Sokrates, dessen wahre Bestimmung war der weiseste und beste unter den Weisen
und Guten seiner Zeit zu sein, schwerlich weder der erste noch der zweite, noch
der dritte unter den Bildhauern seiner Zeit geworden wäre. Indessen zeichnet
sich doch unter seinen Versuchen in der Kunst eine Gruppe der Grazien aus, an
welcher er wirklich mit Liebe und unter dem Einfluss der holdseligen Töchter
Jupiters gearbeitet zu haben scheint; man sieht, dass ihm Pindars semnai Xarites,
panton tamiai ergon en oyrano53 wirklich erschienen, und dass er im Bestreben,
die Ideale, die seiner Seele vorschwebten, im Marmor festzuhalten, vielleicht
noch mehr geleistet hätte, wenn er weniger hätte leisten wollen. Denn das
einzige was an diesen Grazien auszusetzen ist, und was jedem der sie sieht
auffällt, ist dass sie gar zu ehrwürdig sind.
    Dem besagten Kriton hat es Griechenland zu danken, dass es sich unter seinen
Heroen aller Art auch eines Sokrates rühmen kann; ohne ihn wäre dieser
wahrscheinlich Bildhauer geblieben, und die reinste sittliche Gestalt, in
welcher die Humanität je der Welt persönlich im wirklichen Leben sichtbar
geworden ist, würde wo nicht unentüllt, doch auf ewig mit dem Schleier der
Unbekannteit und Vergessenheit bedeckt geblieben sein. Kriton, noch jetzt der
erste, so wie der älteste unter den Freunden des Sokrates, dem er an Alter
etliche Jahre vorgeht, ist in den Augen aller, die ihn kennen und Menschenwert
zu schätzen wissen, einer der Edelsten, die dieses an vortrefflichen Männern
fruchtbare Land seit Deukalion und Pyrrha hervorgebracht hat. Glücklicher Weise
ist er auch einer der wohlhabendsten Atener, und im Gebrauch seines
ansehnlichen Vermögens so grossmütig und freigebig als der berühmte Cimon, ja
selbst auf eine noch verdienstlichere Weise, da kein Verdacht auf ihn fallen
kann, dass ein ehrsüchtiges Streben nach Volksgunst oder irgend eine andere
unlautere Absicht den mindesten Einfluss auf seine Freigebigkeit habe. Zufälliger
Weise (wie man, vielleicht sehr uneigentlich, zu sagen pflegt) kam er in die
Werkstatt des alten Sophroniskus, als der Sohn die erwähnte Graziengruppe eben
vollendet hatte. Er betrachtete das Werk und den Werkmeister mit gleicher
Aufmerksamkeit, liess sich mit dem angehenden Künstler in ein Gespräch ein, und
beschloss von Stunde an, sich um sein Vertrauen zu bewerben, und wenn er es
gewonnen hätte, alles anzuwenden um ihn mit guter Manier aus der Stein-und
Bildhauer-Werkstatt in eine seinen natürlichen Anlagen angemessenere Art von
Tätigkeit zu versetzen.
    Es befanden sich damals drei Männer in Aten, deren jeder in dem Fache von
Gelehrsamkeit, welches er vorzüglich bearbeitete, für den ersten galt:
Anaxagoras54 von Klazomene, ein Philosoph aus der Schule des Tales, der Sophist
Prodikus von Ceos und Damon, ein geborner Atener, einer der berühmtesten
Tonkünstler seiner Zeit. Der erste hatte das Studium der Natur, wiewohl auf
einem falschen Wege, der zweite die Kunst zu reden, als eines der mächtigsten
Werkzeuge, wodurch man in Republiken auf die Menschen wirken kann, der dritte,
die Teorie der Musik, insofern sie eine Art von magischer Gewalt über das
Gemüt und die Leidenschaften auszuüben fähig ist, zum Hauptgeschäfte seines
Forschens gemacht. Alle drei genossen des Schutzes und der Achtung des grossen
Perikles, die vornehmsten Atener suchten ihren Umgang, und jedermann schätzte
es für ein besondres Glück, wenn er seinem Sohne den Zutritt bei dem ersten, und
den Unterricht der beiden andern verschaffen konnte.
    Sobald Kriton den Vorsatz gefasst hatte, sich des jungen Sokrates mit Ernst
anzunehmen, war seine erste Sorge, ihn mit diesen drei Männern, mit welchen er
selbst auf einem freundschaftlichen Fusse lebte, in Bekanntschaft zu setzen; denn
er zweifelte nicht, dass sie stark auf den jungen Mann wirken und gar bald den
Gedanken in ihm erwecken würden, die Natur habe ihn zu einer höhern Bestimmung
berufen, als in Ton, Holz und Stein zu arbeiten. Verehrern der Kunst, wie du
und ich, mag dies etwas anstössig klingen; aber die meisten Griechen machten sich
damals und noch jetzt einen viel zu geringen Begriff von derselben, und ein
Bildhauer war in ihren Augen am Ende doch nichts weiter als ein Handwerksmann,
der sein Brod durch mechanische Handarbeit in einer harten Materie sauer und
mühselig verdienen müsse. Wahrscheinlich hatte Kriton selbst damals keinen
andern Gedanken, als den jungen Sokrates in eine höhere Classe hinaufzurücken,
und durch Entwicklung und Ausbildung seiner Fähigkeiten in den Stand zu setzen,
dereinst eine bedeutende Rolle in der Republik zu spielen. Auch erreichte er
seine Absicht, wiewohl in einem ganz andern Sinne, und in der Tat auf eine weit
vollkommnere Art als er sich vorgestellt haben mochte. Der Sohn des Sophroniskus
gewann in kurzer Zeit die Zuneigung des gelehrten Triumvirats; sie machten sich
ein Vergnügen daraus, ihm Anleitung zu geben und von ihren Kenntnissen so viel
mitzuteilen als er davon gebrauchen konnte und wollte. Denn, wiewohl er sich
mehrere Jahre lang mit allen Arten der speculativen Wissenschaften, die von der
Ionischen Philosophenschule damals mit ungemeinem Beifall betrieben, und von den
sogenannten Sophisten nach ihrer eigenen Weise popularisirt wurden, mit vielem
Fleiss gelegt haben soll, so scheint er doch ziemlich bald einen Beruf in sich
gefühlt zu haben, seinen eigenen Weg zu gehen, und sich sowohl in Meinungen als
im Leben unabhängig und frei von fremdem Einfluss zu erhalten. Es war ein
Leichtes gewesen seine Wissbegierde zu erwecken: die sogenannte physische
Philosophie, von welcher Anaxagoras Profession machte, hatte unendlich viel
Anziehendes. Denn sie versprach nichts Geringeres, als den undurchdringlichen
Vorhang, hinter welchem die Natur ihre Mysterien treibt, wegzuziehen, und über
die angelegensten Fragen, die der menschliche Geist an sich selbst zu tun sich
nicht erwehren kann, befriedigende Aufschlüsse zu geben. Aber sein guter
Verstand liess ihn bei Zeiten wahrnehmen, nicht nur dass sie nicht hielt was sie
versprach, sondern auch, dass sie weit mehr versprach als sie halten konnte. Er
suchte Wahrheit, und man fertigte ihn mit Hypotesen ab, die man zwar mit vielem
Scharfsinn zu möglich scheinenden Auflösungen der Rätsel, die uns die Natur
aufzuraten gibt, anzuwenden wusste, die aber keinen festen Halt hatten, und,
wenn sie scharf geprüft wurden, weder den Verstand noch die Einbildungskraft
befriedigten. Er suchte nützliche Wahrheit, und man wollte dass er einen grossen
Wert auf Speculationen legen sollte, von welchen nicht der mindeste Gebrauch im
menschlichen Leben zu machen war. Alles was er mit den Nachforschungen, die
einen guten Teil seiner schönsten Jahre aufzehrten, gewonnen zu haben glaubte,
war - und konnte für einen so reinen Wahrheitssinn, wie der seinige, nichts
anderes sein, als »das Bewusstsein, dass er vom Ursprung der Welt und ihren
elementarischen Bestandteilen, von Materie und Geist, von Raum und Zeit, von
den unsichtbaren Kräften, mit deren sichtbaren Wirkungen die Natur uns überall
umgibt, kurz, von den überirdischen und übersinnlichen, himmlischen und
überhimmlischen Dingen, gerade so viel wisse als vorher, nämlich nichts oder
wenig mehr als nichts.« - Dies war ein grosser Abfall von den glänzenden
Erwartungen, die man ihm vorgespiegelt hatte, und was für ein anderes Resultat
konnte aus einer solchen Erfahrung hervorgehen, als die innigste Ueberzeugung,
dass der grösste Teil der Probleme, womit die speculativen Philosophen seiner
Zeit sich selbst und ihre Lehrlinge unterhielten, ganz und gar keine Gegenstände
des menschlichen Wissens seien, und dass ein gesunddenkender Mensch in der kurzen
Lebenszeit, die ihm von der Natur so kärglich zugemessen wird, mehr als genug zu
tun habe, wenn er nur zu einem hinlänglichen Grade von Kenntnis dessen was
allen Menschen zu wissen nötig und was nicht zu wissen ein grosses Uebel ist,
gelangen wolle. Er schätzte diese Ueberzeugung um so höher, je mehr Zeit und
Mühe sie ihm gekostet hatte, und sie war's was seinem Geiste diese Richtung auf
das Sittlichgute und überhaupt auf das Nützliche in allen Dingen gab, die er von
dieser Zeit an nie wieder aus dem Auge verlor. Indessen fuhr er noch immer fort,
die Bildhauerkunst nebenher zu treiben, insofern sie ihm zu Gewinnung seines
notdürftigen Unterhalts unentbehrlich war. Denn es währte ziemlich lange, bis
der edle Kriton so viel über ihn vermochte, dass er, um sich aller mechanischen
Arbeiten entschlagen zu können, diesem mit ganzer Seele an ihm hangenden Freunde
gestattete dafür zu sorgen, dass es ihm für sein übriges Leben nie am
Notwendigen fehlen könne. Auch scheint dies nicht eher geschehen zu sein, als
nachdem Sokrates in der Kenntnis seiner Selbst so weit gekommen war, dass er
seinen innern Beruf, ein Menschenbildner in einem ganz andern und unendlich
höhern Sinne zu sein, nicht länger bezweifeln konnte.
    Eine der wichtigsten Folgen des Verhältnisses, worin er mit Anaxagoras und
Kriton stand, war (meines Erachtens) der freie Zutritt in das Haus des Perikles,
und die Gelegenheit, die er dadurch erhielt, diesen grossen Mann und seine
Staatsverwaltung näher kennen zu lernen, und in dieser Absicht auch den Umgang
mit der berühmten Aspasia, der Juno dieses Attischen Jupiters (wie sie der alte
Kratinus in einer seiner Komödien nennt), sich zu Nutze zu machen. Aus dieser
Zeit schreibt sich auch seine Bekanntschaft mit dem berüchtigten Neffen des
Perikles, Alcibiades, her, von welchem er schon damals sehr richtig urteilte,
dass er entweder zum Heil oder zum Verderben Griechenlands geboren sei, je
nachdem sein guter oder böser Dämon die Oberhand über ihn gewinnen würde; und
diese Ueberzeugung allein war es, was ihn bewog, sich unter die erklärten
Liebhaber, von welchen dieser so viel Gutes und Böses versprechende Jüngling
beständig umgeben war, zu mischen, und alles Mögliche anzuwenden, um das
Vertrauen desselben zu gewinnen, die Liebe des Schönen und Guten in ihm zu
entzünden, und ihm für seine Schmeichler und Verführer Gleichgültigkeit und
Verachtung einzuflössen.
    Ohne Zweifel trugen alle diese Verhältnisse vieles dazu bei ihn auf den
wahren Standpunkt in seinem künftigen Wirkungskreise zu stellen, und über den
Plan seines Lebens in sich selbst gewiss zu machen. Vermutlich fasste er schon
damals den festen Entschluss, dem er bisher immer treu geblieben ist, der
strengsten Erfüllung aller seiner Bürgerpflichten unbeschadet, sich jeder
Einmischung in die Staatsverwaltung zu entalten, so selten als möglich in den
Volksversammlungen zu erscheinen, und nie als öffentlicher Redner aufzutreten.
Weder seine Familie, noch seine Glücksumstände, noch seine Neigung bestimmten
ihn eine politische Rolle in Aten zu spielen; so viele andere hatten dazu einen
nähern Beruf, und waren, wofern sie nur wollten, weit besser im Stande, sich auf
diesem Wege um den Staat verdient zu machen. Ihm hingegen zeigte sich ein neuer,
von keinem andern noch betretener Weg, wie er seinen Mitbürgern und Zeitgenossen
auf eine ihm eigene Weise ungleich nützlicher als auf jede andere werden konnte.
Die Republik hatte ein sehr dringendes Bedürfnis, an welches keiner von ihren
Vorstehern und Ratgebern dachte, und diesem nach Vermögen zu Hülfe zu kommen,
fühlte er sich von seinem Genius berufen. In einer Zeit, wo niemand zu bemerken
schien, dass die täglich zunehmende Ausartung der alten Sitten den Staat eben so
unvermerkt dem Verderben immer näher bringe; in einer Zeit, wo der allzurasche
Uebergang von der ehmaligen goldnen Mittelmässigkeit zu der hohen Stufe von Macht
und Reichtum, worauf Perikles die Republik erhoben hatte, den eiteln Atenern
so glänzende Aussichten eröffnete, dass sie, aller Mässigung vergessend, nichts
als Alleinherrschaft und unbegränzte Vermehrung ihrer Besitztümer und Einkünfte
träumten; zu einer Zeit, wo ein Mann von so ruhigem Blick und gesundem Urteil,
wie er, leicht voraussehen konnte, dass sich ein furchtbares Ungewitter gegen
Aten zusammenziehe und dass bald genug Umstände eintreten würden, in welchen der
allgemeine Mangel an sittlicher und politischer Tugend durch die unseligsten
Folgen tief gefühlt werden müsste: in einer solchen Zeit, sich selbst in
Gesinnungen und Grundsätzen, Worten und Werken zum Vorbilde aller häuslichen und
bürgerlichen Tugenden darzustellen, und Jünglinge von edler Art durch den Reiz
seines Umgangs an sich zu ziehen, um sie zu gleichen Grundsätzen und Gesinnungen
zu bilden; dies war unläugbar der grösste Dienst, den ein Mann dem Vaterlande
leisten konnte; und der einzige Mann der es wollte und konnte - war Sokrates.
    Du siehest nun, lieber Kleonidas, in welchem Sinne Sokrates ein öffentlicher
Lehrer genennt werden kann, wiewohl er nie eine Schule gehalten noch gestiftet,
nichts geschrieben, und mit allen seinen Bemühungen, die Leute die mit ihm
umgehen weiser und besser zu machen, keinen Obolus gewonnen hat. Auch ist
zwischen ihm und den Sophisten, die den Unterricht in den Wissenschaften,
besonders in der Moral, Politik und Demagogik55 als eine Profession treiben,
nicht die geringste Aehnlichkeit. Er gibt sich so wenig für einen Gelehrten aus,
dass er sich vielmehr im Scherz, zuweilen auch wohl in vollem Ernst, auf seine
Unwissenheit viel zu Gute tut. Der ganze Unterschied, hörte ich ihn einmal
sagen, zwischen mir, der nichts weiss, und diesen bewunderten Herren, die alles
wissen und sich dafür bezahlen lassen, besteht darin, dass sie zu wissen glauben
was sie nicht wissen, ich hingegen weiss, dass ich nichts weiss. Offenherzig zu
reden, scheint er sich in diesem Punkte zuweilen ein wenig zu täuschen, und die
Geringschätzung gewisser spekulativer Wissenschaften, deren Nutzen nicht
sogleich in die Augen fällt, oder vielleicht erst künftig noch entdeckt werden
mag, weiter zu treiben, als er tun würde, wenn er sich seiner Unwissenheit
immer bewusst wäre. Uebrigens, und wenn er auch mit einigen Fächern des
menschlichen Wissens zu wenig bekannt ist, um ein vollgültiges Urteil über
ihren Wert fällen zu können, so ist er hingegen desto gelehrter in den Künsten
und Handwerken, die im gemeinen und bürgerlichen Leben von anerkanntem Nutzen
sind. Er spricht mit einem jeden sehr verständig von seiner Profession und gibt
ihnen nicht selten Anleitung oder Winke, wie sie dies oder jenes besser
einrichten oder ihre Fabricate und Kunstwerke zu einer grössern Vollkommenheit
bringen könnten; benimmt sich aber so geschickt dabei, dass er, indem er sich mit
ihnen über ihre Kunst bespricht, vielmehr das Ansehen eines Unwissenden hat, der
durch bescheidene Fragen von ihnen belehrt zu werden sucht, als eines Klüglings,
der sich anmasst den Meistern Lehren zu geben. Er hat sich in verschiedenen
Feldzügen als einen guten Soldaten bewiesen, versteht sich auf alles was zum
Kriegsdienst zu Wasser und zu Lande gehört, und weiss im Notfall das Steuerruder
so geschickt zu führen als der erfahrenste Schiffer. Schwerlich gibt es irgend
ein Geschäft, das durch ruhige Besonnenheit, unerschütterliche Festigkeit,
ausharrende Geduld, Nüchternheit, Wachsamkeit, Gleichgültigkeit gegen Vergnügen
und Schmerz, gegen Hunger und Durst, Frost und Hitze, mit Einem Worte, durch
alle Eigenschaften und Tugenden, die einen ächten Mann von Maraton ausmachen,
und nur durch diese wohl gelingen kann, schwerlich gibt es ein solches Geschäft
im Frieden oder im Krieg, womit er nicht zu seiner Ehre zu Stande kommen würde;
und ich bin gewiss, wenn die Götter den armen Kechenäern zu einem so klugen
Einfall verhelfen wollten, wie der wäre, wenn sie, anstatt ihre Kriegsobersten
zu Duzenden aus dem Glückstopf zu ziehen, ihn zu ihrem Oberfeldherrn machten,
ihre Angelegenheiten sollten gar bald eine bessere Gestalt gewinnen. Mit Einem
Wort, Freund Kleonidas, Sokrates ist ein - tugendhafter Mann im höchsten und
vollständigsten Sinne des Wortes, und darin besteht sein eigentümlicher
Charakter, Wert und Vorzug vor allen seinen Zeitgenossen. Er taugt zu allem
wozu ein Mann taugen soll, kann alles was jedermann können sollte, weiss gerade
so viel als niemand ohne seinen Schaden nicht wissen kann, und ist, in jedem
Verhältnis des Lebens, was man sein muss, um ein Vorbild für alle zu sein.
 
                                       8.
                                 An Kleonidas.
Dass Sokrates, wenn er mit andern philosophirt, sich nur zweier Metoden, der
Induction56 und der Ironie zu bedienen pflege, hat seine Richtigkeit; wenigstens
habe ich nie gesehen, dass er in seinen Gesprächen, es sei nun dass sie auf
Belehrung oder auf Widerlegung abzielen, einen andern als einen dieser beiden
Wege eingeschlagen hätte.
    Diese sonderbare Art zu philosophiren scheint mir deine hohe Meinung von ihm
nicht wenig herabgestimmt zu haben. »Die Induction kann mich, sagst du, nichts
lehren als was ich entweder bereits wusste, oder mir vermittelst eines kleinen
Grades von Besinnung selbst sagen konnte; und wie ein so weiser Mann die Ironie
für eine taugliche Metode die Wahrheit ausfindig oder einleuchtend zu machen
halten könne, ist mir vollends unbegreiflich.« - Ueber beides, lieber Kleonidas
hoffe ich dich ins Klare zu setzen, wenn ich dir sage, bei welchen Personen und
zu welcher Absicht Sokrates von der einen und der andern Gebrauch zu machen
pflegt. Die Personen, mit welchen er sich am meisten abgibt, sind (ausser seinen
nähern Freunden und Günstlingen) entweder solche, die von ihm belehrt zu werden
wünschen, es sei nun dass sie ihre Unwissenheit in der Sache, wovon die Rede ist,
anerkennen, oder so schwach an ihrer bisherigen Meinung hangen, dass sie immer
bereit sind sie mit einer bessern zu vertauschen; oder es sind naseweise
Klüglinge und eingebildete Allwisser, die er, da sie Belehrung weder suchen noch
anzunehmen aufgelegt sind, bloss beschämen und wenigstens zum stillen Bekenntnis
ihrer Unwissenheit nötigen will. Bei den erstern bedient er sich der Induction
als einer Lehrart; gegen die letztern der Ironie als einer sowohl zur
Verteidigung als zum Angriff gleich bequemen Waffe.
    Die Atener verbinden mit dem Worte Ironie ungefähr denselben Begriff (der
Verspottung) wie wir und alle andern Griechen; nur dass sich ihm durch den
gemeinen Gebrauch ein Nebenbegriff bei ihnen angehängt hat, der aus einem
besondern Zug ihres Nationalcharakters zu entspringen scheint. Der Atener
pflegt nämlich seine Meinung nicht leicht so kurz und geradezu herauszusagen,
wie der Spartaner oder Böotier; nicht etwa aus vorsichtiger Zurückhaltung (wie
ich dies an den Korintern bemerkt zu haben glaube), sondern weil es ihm, wenn
er spricht, selten oder nie so viel um Wahrheit oder um die Sache selbst zu tun
ist, als um das eitle Vergnügen mit der Feinheit und Gewandteit seines Witzes
und der Geläufigkeit seiner Zunge zu prunken, und den andern entweder seine
Ueberlegenheit fühlen zu lassen, oder, falls es ein höherer an Stand und Rang
oder ein Mann von vorzüglichen Verdiensten ist, die beiden grossen Geburtsrechte
des Attischen Bürgers, Freiheit und Gleichheit gegen ihn zu behaupten, indem er
ihm zu verstehen gibt, er dünke sich nicht geringer, und mache sich wenig aus
Vorzügen die er nicht selbst besitzt. Du kannst dir kaum vorstellen, auf wie
vielerlei Art die Eitelkeit der Atener sich, in dieser Absicht, durch Mienen,
Gebärden, Ton und Beugung der Stimme, kleine Zwischenwörter u. dergl. zu äussern
pflegt. Daher das Attikon blepos (wie es Aristophanes nennt) diese
unnachahmliche edle Unverschämteit im Blick und im Lächeln, die den Atener aus
tausend andern kenntlich macht, und der höhnische Ton, den sie, sobald sie
merken dass der andere nicht ihrer Meinung ist, in die Frageformeln, »wär's etwa
nicht so?« oder, »was könntest du wohl dagegen haben?« zu legen wissen.
Vermutlich ist es diese Eitelkeit, was in Verbindung mit der lebhaften Ader von
leichtem Witz, wovon der Atener immer sprudelt, diese Neigung zum Spotten,
Necken und Auslachen erzeugt, die einer der gemeinsten Züge dieses Volkes ist.
Ich erkläre mir daraus, dass sie so gern das Gegenteil von dem, was sie sagen
wollen, sagen; zu loben scheinen, wenn sie tadeln, und zu schelten, wenn sie
loben wollen; sich stellen als ob sie den andern unrecht verstanden hätten, um
ihm widersprechen oder seiner Rede eine lächerliche Deutung geben zu können, und
was dergleichen mehr ist. Diese Art von spottender oder auch bloss scherzhafter
Verstellung ist es eigentlich, was die Atener Ironie nennen, und was sie, zumal
bei fröhlichen Tischgelagen, und überall, wo ihre gute Meinung von sich selbst
nicht zu sehr dabei ins Gedränge kommt, einander gern zu gut halten. Auch
Sokrates, der überhaupt einer der witzigsten und gutlaunigsten Sterblichen ist,
macht im gemeinen Umgang ziemlich häufigen Gebrauch von dieser Art von Ironie,
und weiss sie mit so vieler Leichtigkeit und Feinheit zu handhaben, dass sie,
sogar wenn er einen wirklich schraubt, unmöglich beleidigen kann, sondern
entweder für blossen Scherz gilt, oder von einfältigen und sich selbst
gefallenden Personen so aufgenommen wird, als ob er ihnen etwas Schmeichelhaftes
gesagt hätte. Am gewöhnlichsten bedient er sich derselben, um den Verweisen, die
er zuweilen seinen jüngern Freunden zu geben Ursache findet, den Stachel zu
benehmen; und ich muss gestehen, dass er in solchen Fällen, wenn die Operation an
einem seiner Günstlinge zu verrichten ist, eine sehr sanfte Hand hat; wiewohl
ich mich nicht rühmen kann, es an mir selbst erfahren zu haben.
    Aber die Ironie, die ihm als eine besondere Art zu disputiren,
ausschliesslich zugeschrieben wird, ist von jener gewöhnlichen, sowohl der Art
als dem Zweck nach, sehr verschieden. Sie besteht darin, dass er, wenn er's mit
Personen, die ihm in gewissen Stücken entweder wirklich oder in ihrer eigenen
und andrer Leute Einbildung überlegen sind, z.B. mit schlecht denkenden aber
vielvermögenden Männern in der Republik, oder mit angesehenen Sophisten zu tun
hat, sich äusserst einfältig und unwissend stellt, und in diesem Charakter (zu
dessen Simulierung ihm seine Gesichtsbildung ungemein zu Statten kommt) durch
die scheinbare Naivetät seiner Fragen und die verdeckt spitzfindige Art, wie er
aus ihren Antworten immer neue Fragen hervorzulocken weiss, sie endlich in die
Notwendigkeit setzt, sich entweder in offenbare Ungereimteiten zu verwickeln,
oder ihre erste Behauptung wieder zurückzunehmen. Du errätst ohne mein Zutun,
wie viel er durch diese Art von Ironie, eine Zeit lang wenigstens, über seine
Gegner gewinnen musste. Er verschafte dadurch sich selbst desto leichter Gehör,
und vernichtete unvermerkt die Vorteile, welche Stand, Name, Ansehen und
Glücksumstände jenen über ihn hätten geben können. Sie waren nun minder auf
ihrer Hut; antworteten desto rascher und zuversichtlicher, je weniger sie
vorhersehen konnten wo er hinaus wolle; räumten ihm immer mehr ein, als
geschehen wäre, wenn sie die Schlingen gemerkt hätten, die er ihnen durch seine
einfältig scheinenden Fragen legte; und wenn sie sich endlich darin verfingen,
schien er ganz unschuldig daran zu sein, und die Lacher waren auf seiner Seite.
Diese Metode war also da, wo er sie am gewöhnlichsten anwandte, ich meine gegen
die Sophisten, sehr fein ausgedacht und vollkommen zweckmässig. Denn es war ihm
nicht darum zu tun sie zu belehren, sondern sie vor ihren Zuhörern und
Verehrern in ihrer Blösse darzustellen. Aber du siehst auch, dass sie nur so lange
mit Vorteil zu gebrauchen war, als der Gegner die Falle nicht gewahr wurde; und
natürlicherweise konnte dies in einer Stadt, wo beinahe alles öffentlich
geschieht, nicht sehr lange anstehen. Sobald die Sophisten merkten, dass sie
einen Schlaukopf vor sich hatten, der mit den Spitzfindigkeiten und Kunstgriffen
der Dialektik wenigstens eben so bekannt war als sie selbst, so hätten sie noch
zehenmal einfältiger sein müssen als Sokrates sich stellte, wenn sie sich durch
die schülerhafte Miene, womit er sich ihre Belehrung ausbat, und die vorgegebene
Bewunderung ihrer hohen Weisheit länger hätten täuschen lassen. Auch zeigte
sich's bald genug, dass er, ausser dem erklärten Hass der Sophisten, wenig mehr mit
dieser Art zu disputiren gewonnen hatte, als dass er noch jetzt bei dem grossen
Haufen im Ruf eines Spötters steht, der nie seine wahre Meinung sagt, und dessen
Reden man auch dann nicht trauen darf, wenn er etwas ernstlich zu behaupten
scheint, weil man nie gewiss ist, ob es nicht Verstellung sei und was für geheime
Absichten er darunter habe; - ein Ruf, der ihm, wie ich besorge, bei einem so
argwöhnischen Volke wie das Atenische über lang oder kurz noch gefährlich
werden kann.
    Uebrigens muss ich noch bemerken, dass diese ironische Art zu fragen nicht mit
einer andern vermengt werden muss, deren er sich, gewöhnlich in Verbindung mit
der Induction, als einer Lehrart bei seinen Freunden (am häufigsten bei jungen
Leuten) bedient, und in welcher, wenn ich nicht irre, seine Kunst den Seelen zur
Geburt zu helfen besteht, deren ich in einem meiner vorigen Briefe gedacht habe.
Die Fragen werden in dieser Absicht immer so gestellt, dass der Gefragte die
rechte Antwort entweder gar nicht verfehlen kann, oder falls er sie verfehlte,
durch die Folgerungen, welche vermittelst neuer Fragen aus seiner Antwort
hervorgelockt werden, sich selbst gar bald von ihrer Unrichtigkeit überzeugen
muss. Diese Lehrart, ausser dem dass sie die leichteste und populärste ist, scheint
mir vorzüglich darin auf den besondern Charakter der Atener berechnet zu sein,
dass sie die Aufmerksamkeit des Lehrlings fester hält, und indem sie dem Lehrer
das Ansehen gibt, als ob er selbst durch seine Fragen erst belehrt zu werden
wünsche, die Rollen gleichsam verwechselt und den Lehrer zum Schüler macht oder
wenigstens beide auf gleichen Fuss setzt, nämlich in aller Gelassenheit etwas mit
einander zu suchen, das keiner von beiden hat, und woran beiden gleich viel
gelegen ist. Er weiss es dann immer ohne Mühe so einzurichten, dass der Lehrling
das schmeichelhafte Vergnügen hat, derjenige zu sein der das Gesuchte findet,
wiewohl dazu eben keine grosse Scharfsichtigkeit erfordert wird; denn er bringt
ihn unvermerkt Schritt vor Schritt so nahe zu der Sache hin, dass er endlich mit
der Nase darauf stossen muss.
    Ein Beispiel wird dir dies am besten erläutern. Es war dem Sokrates darum zu
tun, den Begriff eines seiner Lehrlinge von der Religiosität gegen die Götter
ins Reine zu bringen. Daraus entstand der folgende Dialog.57
    Sokrates. Sage mir, Eutydem, was hältst du von der Gottesfurcht?
    Eutydem. Ich halte sie für etwas sehr Schönes.
    Sokrates. Kannst du mir also sagen, was du unter einem gottesfürchtigen
Menschen verstehst?
    Eutydem. Einen der die Götter in Ehren hat.
    Sokrates. Steht es aber bloss in eines jeden Willkür, auf welche Weise er die
Götter ehren will?
    Eutydem. Nein; sondern es sind Gesetze vorhanden, deren Vorschrift man
hierin zu befolgen schuldig ist.
    Sokrates. Wer diese Gesetze befolgt, wüsste der also nicht, wie man die
Götter zu ehren schuldig ist?
    Eutydem. Ich sollt' es denken.
    Sokrates. Wer nun weiss wie er die Götter zu ehren schuldig ist, glaubt also
nicht, dass er es auf eine andere Art zu tun schuldig sei, als wie er es weiss?
    Eutydem. Gewiss nicht!
    Sokrates. Meinst du dass es einen Menschen gebe, der die Götter anders ehrt
als er glaubt dass er es zu tun schuldig sei?
    Eutydem. Ich sollt' es nicht meinen.
    Sokrates. Wer also weiss, was die Gesetze in Betreff der Götter verordnen,
ehrt der die Götter gesetzmässig?
    Eutydem. Allerdings.
    Sokrates. Und wer sie gesetzmässig ehrt, ehrt sie wie es seine Schuldigkeit
ist?
    Eutydem. Wie könnt' er denn anders?
    Sokrates. Wer sie also gesetzmässig ehrt, ist gottesfürchtig?
    Eutydem. Ganz unläugbar.
    Sokrates. Wir haben also den Begriff des Gottesfürchtigen richtig bestimmt,
wenn wir sagen: es sei derjenige, der da weiss, was die Gesetze in Betreff der
Götter verordnet haben?
    Eutydem. So dünkt mich's.
    Ich sehe dich zu dieser Manier den Seelen zur Geburt zu helfen die Achseln
ein wenig zucken, Kleonidas; - - unter uns gesagt, auch ich habe schon oft grosse
Not gehabt, die meinigen bei solchen Gelegenheiten im Respect zu erhalten. Aber
es ist nun nicht anders. Dies ist einmal seine Manier, und du wirst wenigstens
gestehen müssen, dass Mangel an Deutlichkeit nicht ihr Fehler ist. - »Sie ist nur
gar zu deutlich, hör' ich dich sagen. Was soll man von dem Verstande der jungen
Atener denken, wenn sie einer so wortreichen Metode nötig haben, um einen so
leichten Satz zu begreifen? Und das Schlimmste ist denn noch, dass er nicht
einmal wahr ist. Denn es ist doch ein täglich vorkommender Fall, dass einer recht
gut weiss, was er nach dem Gesetz zu tun schuldig ist und es doch nicht tut.« -
Auf das letztere hab' ich dir keine andere Antwort zu geben als, bei Sokrates
ist zwischen Wissen und Ausüben dessen was pflichtmässig ist kein Unterschied,
und er bemüht sich, auch seine Zöglinge so zu gewöhnen. Was aber die Lehrart
betrifft, wovon ich dir ein Beispiel aus Tausenden gegeben habe, so weiss ich mir
die Sache selbst nicht anders zu erklären, als dass er sie nötig gefunden haben
muss, um die unsägliche Flatterhaftigkeit der jungen Leute in Aten, wenigstens
einige Minuten lang, bei dem nämlichen Gegenstande festzuhalten. Hätte er zu
Cyrene oder Korint oder Teben gelebt, so würde er vermutlich gefunden haben,
dass er auf einem kürzern Wege zum Ziele kommen könne. Aber nun ist ihm diese
Metode so sehr zur Gewohnheit geworden, dass er sie auch bei solchen Personen
gebraucht, bei denen sie keine gute Wirkung tut. Ich wenigstens bekenne, dass
ich schon mehr als einmal alle meine Geduld aufbieten musste, um die Ehrerbietung
nicht aus den Augen zu setzen, die jedermann, und ein junger Mensch mehr als
irgend ein anderer, einem Greise schuldig ist, der an Naturgaben und
Geisteskräften den Besten gleich ist, an sittlicher Vollkommenheit vielleicht
alle übertrifft; und, da ein Sterblicher doch nicht ganz ohne Tadel sein kann,
sich durch die wenigsten und unbedeutendsten Schwachheiten von dem allgemeinen
Loose der Menschheit, so zu sagen, frei gekauft hat.
    Die neuesten Nachrichten, die mir aus Cyrene zugekommen sind, lassen mich
besorgen, dass die zeiterige Ruhe unsers so glücklich scheinenden Vaterlandes
von keiner langen Dauer mehr sein werde. Doch vielleicht gibt irgend ein guter
Dämon unsern Regenten noch ein Mittel ein, das Ungewitter vor dem Ausbruch zu
beschwören. Auf alle Fälle, mein Lieber, suche dich so lang' als möglich frei zu
erhalten; und siehst du dass die Sachen eine Wendung nehmen, die dich entweder
unvermerkt verwickeln oder wohl gar gewaltsam in eine der Factionen, die sich
bereits zu bilden scheinen, hinein ziehen möchte, so folge meinem Beispiel, und
flüchte dich in Zeiten unter den zwar etwas engen aber sichern Mantel des weisen
Sokrates. Das politische Meer, worin die griechischen Republiken, wie eben so
viele schwimmende Inseln, hin und her treiben, ist zwar immer ein wenig
stürmisch; aber in Vergleichung mit den letztern Zeiten, geniessen wir dermalen
halcyonischer Tage, und für einen aufstrebenden Zögling der Musenkünste ist doch
Aten der einzige Ort in der Welt.
 
                                       9.
                                 An Kleonidas.
Der Komödiendichter, nach welchem du dich so angelegen erkundigest, lieber
Kleonidas, ist hier eine so allgemein bekannte Person, dass es mir nicht schwer
fallen kann, dein Verlangen zu befriedigen, zumal da ich (wie du mit Recht
voraussetzest) Gelegenheiten genug gefunden habe, öfters in seiner Gesellschaft
zu sein, und sogar in eine Art von Vertraulichkeit mit ihm zu kommen. Ungeachtet
er eine gewisse sehr gut zu seiner satyrischen Physionomie passende
Ernstaftigkeit affectiert, wovon sich der Beweggrund leicht erraten lässt, wird
er doch, der witzigen Einfälle wegen, die ihm ohne Anspruch und Absicht
gleichsam unfreiwillig zu entwischen scheinen, für einen der angenehmsten
Tischgesellschafter (einer in Aten sehr zahlreichen Classe) gehalten, und man
findet ihn gewöhnlich bei allen grossen Gastmählern, die in vornehmern Häusern
gegeben werden. Da er sich den Freunden des Sokrates durch seine Wolken58 (die
sie ihm nach mehr als zwanzig Jahren noch immer nicht vergessen haben) sehr übel
empfohlen hat, so wird mir's nicht zum Besten ausgelegt, dass ich kein Bedenken
trage, mit einem so verworfenen Menschen umzugehen. Aber Sokrates selbst scheint
davon keine Kenntnis zu nehmen, und spricht überhaupt weder Gutes noch Böses von
ihm; wiewohl er, so oft sich eine Gelegenheit dazu findet, seine Geringschätzung
der Komödie, wie sie ehmals zu Aten beschaffen war und es zum Teil noch jetzt
ist, mit seiner gewohnten Freimütigkeit zu Tage legt. Nicht als ob er das
komische Drama überhaupt missbilligte; denn ich hörte ihn einst von den Komödien
des Epicharmus59 mit Achtung sprechen; sondern weil er den gränzenlosen
Mutwillen, die leidenschaftlichen Anfälle auf einzelne Personen, und die
pöbelhaften Spässe, Unflätereien und unzüchtigen Darstellungen, womit die Stücke
der neuern Atenischen Komiker besudelt sind, vermöge seiner Grundsätze und
seines ganzen Charakters, unmöglich duldbar finden kann. Nichts ist gewisser,
als dass diese Art von Komödie, worin Kratinus60, Aristophanes und Eupolis mit
einander wetteiferten, schon lange auf immer abgeschafft worden wäre, wenn
Sokrates eine entscheidende Stimme in Aten gehabt hätte: aber ohne allen Grund
ist, was ich in Cyrene von einem unsrer gereisten Leute (die alles besser als
andre wissen wollen) gehört habe: Sokrates und seine Freunde hätten das Gesetz
bewirkt, wodurch unter dem Archon Myrrhichides die Komödie aufgehoben wurde, und
dieser an der komischen Muse begangene Frevel sei die wahre Ursache des Hasses,
den die Komödienschreiber auf den Sokrates geworfen, und der Rache, welche
Aristophanes, im Namen der ganzen Gilde, an ihrem gemeinschaftlichen Feinde
genommen habe. Ich sage, dieses Vorgeben ist ohne allen Grund; denn der Sohn des
Sophroniskus, der im ersten Jahre der fünfundachtzigsten Olympiade, als jenes
Gesetz gegeben wurde, erst achtundzwanzig Jahre zählte, war damals noch ein
unbekannter Steinmetz, und weit entfernt unter den Sophisten selbiger Zeit einen
Namen und Rang zu haben. Das Wahre ist, dass Perikles selbst der unsichtbare
Urheber jenes Gesetzes war, aber es doch mit allem seinem Einfluss nicht länger
als zwei Jahre aufrecht erhalten konnte, weil der pöbelhafte Teil des
souveränen Volks sich eine seiner liebsten Belustigungen schlechterdings nicht
länger vorentalten lassen wollte.
    Es wird dir vielleicht nicht unangenehm sein, bei dieser Gelegenheit die
Substanz einer Unterredung zu lesen, die zwischen Aristophanes und mir, nachdem
wir bekannter mit einander geworden waren, vorfiel. Denn ich darf nicht
vergessen, dir zu sagen, dass sein Satyr, ich weiss nicht warum, eine Art von
Geschmack an meinem - weissen oder schwarzen Genius gefunden, und (da wir beide
so ziemlich unter der Herrschaft unsrer angebornen Hauskobolde stehen) eine Art
von gutem Vernehmen zwischen uns gestiftet hat, welches ich mir gleichwohl in
meinen Verhältnissen weit weniger zu Nutze machen kann, als ich tun würde, wenn
ich bloss dem Antrieb meines Dämons oder der Lockstimme seines Satyrs folgte,
der, sobald er will, der artigste und wohlgezogenste aller Bocksfüssler ist.
    Die Rede war von seinen Wolken, die er noch immer für sein bestes Werk hält,
wiewohl die Atener geschmacklos oder launisch genug waren, ihm die Weinflasche
des neunzigjährigen Kratinus vorzuziehen. Es versteht sich, dass ich ihm so viel
Schmeichelhaftes über das Lieblingskind seines Witzes gesagt hatte, als nötig
sein mag, um einen Autor in gute Laune zu setzen; und so entspann sich denn
folgender Dialog zwischen uns.
    Ich. Wiewohl wir Cyrener dermalen noch kein scenisches Schauspiel besitzen,
so gehen doch vielleicht mehr als zwanzig Abschriften deiner Stücke bei uns aus
einer Hand in die andere; und - abgerechnet, dass unsre Schuhflicker, Sackträger
und Bootsknechte über Werke der Musenkunst keine Stimme haben, - wird das, was
die Wolken zum schönsten deiner Stücke macht, schwerlich in einer griechischen
Stadt mehr Beifall gefunden haben, als bei uns. Um so viel grösser war die
Verwunderung, da man hörte, die Atener, deren Urteil in solchen Dingen im
Auslande einem Götterspruch gleich ist, hätten ganz anders darüber erkannt; und
da das Bestreben sich das Unbegreifliche begreiflich zu machen nun einmal unter
die stärksten Naturtriebe des Menschen gehört, so war und ist noch jetzt die
gemeine Meinung bei uns, das Schicksal, das die Wolken zu zweien Malen betroffen
haben soll, könne von keiner andern Ursache herrühren, als weil dem weisen
Sokrates so übel darin mitgespielt wird.
    Er. Die Cyrener schliessen, wie ich sehe, von sich auf die Atener, und
glauben, weil sie eine so hohe Meinung von Sokrates und seiner Weisheit hegen,
so müssten wir, seine Mitbürger, die das Glück haben, von dieser Sonne täglich
angestrahlt zu werden, notwendig um so viel grösser von ihm denken. Dies ist
aber keineswegs der Fall, und würde es vermutlich auch in Cyrene nicht sein,
wenn er euer Mitbürger wäre. Gesetzt aber, Sokrates gälte zu Aten wirklich für
das, wofür ihn die von seinem Chärephon befragte Pytia erklärt haben soll, so
kennst du die Atener noch wenig, wenn du nicht auf den ersten Blick siehst, dass
ich ihm in diesem Falle keinen grössern Dienst hätte erweisen können, als ihn
dadurch, dass ihn dem öffentlichen Gelächter preisgab, vom Ostracism61 oder einem
vielleicht noch härtern Schicksal zu retten. Denn dass wir keine gar zu
rechtschaffnen, gar zu klugen, gar zu vorzüglichen Leute unter uns dulden
können, ist, sollt' ich denken, durch unser Verfahren gegen einen Miltiades,
Aristides, Temistokles, Cimon, Anaxagoras, Diagoras, und so manche andre, schon
lange ausser allen Zweifel gesetzt. Indessen fehlt viel, dass der Sohn des
Steinhauers Sophroniskus und der Hebamme Phänarete den Atenern in einem eben so
glänzenden Licht erscheinen sollte als Ausländern, die ihn nur dem Namen und
Rufe nach kennen. Wir, die wir ihn leibhaft vor unsern Augen herum wandeln
sehen, und mit unsern Ohren reden hören, wir kennen der Ehrenmänner gar viele,
die eben so barfuss und spärlich gekleidet gehen wie er, ihren Bart eben so
selten dem Barbier untergeben, eben so schlecht essen und wohnen, sich eben so
ehrbar und genügsam mit ihrer Xantippe behelfen, und den ganzen langen Tag eben
so geläufig, und ungefähr eben so gescheidt und witzig, Moral und Politik
sprechen wie er. Natürlich können also alle, die nicht zu seinen besondern
Freunden gehören, ausser seinem silenenmässigen Kopf und Bauch (hinter welchen man
eben nicht die höchste Weisheit zu suchen pflegt) nicht viel mehr an ihm sehen,
als was er mit hundert und tausend andern gemein hat. Was ihn aber von andern
unterscheidet, sein Blick und Gang und Tragen des Kopfs, wodurch er sich gleich
beim ersten Anblick als einen Mann ankündigt, der nichts bedarf, nichts
fürchtet, und seinen Wert nicht erst von andern zu erfahren braucht, ingleichen
die ihm eigene Art von Ironie, die ihm seine Verehrer sogar zum besondern
Verdienst anrechnen; das alles ist gerade das, was ihn dem grossen Haufen seiner
Mitbürger entweder lächerrlich, oder gewissermassen verhasst und furchtbar macht.
Denn wie gesagt, der Atener kann nicht leiden, dass jemand durch seine eigene
Grösse über ihn hervorrage, und er duldet seine Obern nur deswegen, weil er ihnen
die Koturnen, worin sie um so viel grösser als er sind, selbst angeschnallt hat,
und sie, sobald es ihm beliebt, wieder auf ihre eigenen Füsse stellen kann. Du
siehst also, dass die Ursache, warum die Wolken nicht so gut als ich billig
erwarten konnte, aufgenommen wurden, nicht darin zu suchen ist, dass sie die
öffentliche Meinung von dem Manne, der darin verspottet wird, gegen sich gehabt
hätten: auch hat derjenige, der euch sagte, dass sie von den Zuschauern übel
aufgenommen worden, die Sache sehr übertrieben. Ich müsste meine guten Kechenäer
gröblich verleumden, wenn ich nicht bekennte, dass bei weitem der grössere Teil
über die drei ersten und die drei oder vier letzten Auftritte das lebhafteste
Vergnügen äusserte; und ohne den Einfluss des Alcibiades, und die Furcht, in
welche sein Anhang (ein Haufen handfester verwegner Gesellen) den
friedeliebenden Teil der Zuschauer setzte, würde mein Stück wenigstens den
zweiten Preis erhalten haben, da doch einmal der guterzige Entschluss dem alten
halbkindischen Kratinus aus Dankbarkeit für ehmalige Verdienste vor seinem Ende
noch eine Freude zu machen, von den Meisten schon vorausgefasst war, bevor sie
noch beide Stücke gehört hatten.
    Ich. Bei dieser Bewandtnis der Sache muss man sich um so mehr verwundern, dass
die Wolken (wie man sagt) bei der zweiten Aufführung keinen bessern Erfolg
hatten, als bei der ersten.
    Er. Auch hierin hat euch die Sage falsch berichtet. Die Wolken sind nicht
zweimal aufgeführt worden. Anfangs hatte ich zwar den Vorsatz, mein Glück an den
nächsten Dionysien noch einmal zu versuchen. Ich machte zu diesem Ende einige
wenig bedeutende Veränderungen, und schrieb eine Anrede an die Zuschauer,
wodurch ich diese zweite Vorstellung gegen das Schicksal der ersten sicher zu
stellen hoffte. Aber bei kälterm Blute hielt ich für besser, dem Rate meiner
Freunde zu folgen, denen es zu viel gewagt schien, den jungen Alcibiades, der
damals eben auf der höchsten Stufe der Volksgunst stand, so geflissentlich zum
Kampf herauszufordern. Denn dass Alcibiades, der ohnehin sich alles zu erlauben
gewohnt war, sich des feurigsten seiner Liebhaber mit verdoppeltem Eifer
annehmen würde, war leicht genug vorherzusehen.
    Ich. Seiner Liebhaber? - Du willst doch damit nichts sagen, was einen
zweideutigen Schein auf die Sitten des weisen Sokrates werfen könnte?
    Er. Ich weiss nicht wie ihr andern Cyrener diese Dinge nehmt; zu Aten weiss
jedermann genau, was er dabei zu denken hat, wenn sich jemand öffentlich als der
Liebhaber eines so schönen und liederlichen Jünglings beträgt, wie der Sohn des
Klinias damals war.
    Ich. Mich dünkt das Verhältnis des Sokrates zu dem Sohn des Klinias lasse
sich auf eine ganz ungezwungene Art so erklären, dass seine Freundschaft für
einen der Republik so wichtigen jungen Mann, und der moralische Zauber, wodurch
er den hoffärtigsten, mutwilligsten und verwegensten aller Griechischen
Jünglinge an sich zu fesseln wusste, ihm bei einem unbefangenen Richter vielmehr
zum Verdienst als zum Vorwurf gereichen muss. Aber, wenn du (wie es scheint)
anders dachtest, wie kam es, dass du von diesem Umstande keinen Gebrauch in den
Wolken machtest?
    Er. Soll ich dir die reine Wahrheit gestehen? Ich wusste damals noch so wenig
von dem ehrlichen Sokrates, dass mir sogar sein vertrauter Umgang mit dem jungen
Alcibiades unbekannt war, bis mir der Fall meines Stücks Gelegenheit gab,
gelehrter über diesen Punkt zu werden. Ich hatte ihn nur selten in der Nähe
gesehen und nicht für bedeutend genug gehalten, ihm genauer nachzufragen; das
meiste, was ich von ihm wusste, war von zufälligem Hörensagen. Aus seinem öftern
Umgang mit den Sophisten, welche Perikles nach Aten gezogen hatte, schloss ich,
dass er selbst von ihrer Kunst Profession mache. Ich glaubte damals wie viele
andere, und glaub' es noch, dass diese kunstreichen Leute, die sich dafür
ausgaben, dass sie Schwarz zu Weiss und Recht zu Unrecht machen könnten, einen
schädlichen Einfluss auf unsre Jugend hätten, und also dem Staate selbst
gefährlich wären. Nun gehört es, wie du weisst, zum Beruf eines Komödiendichters
bei uns, Leute dieser Art dem Volke auf der Schaubühne in unsrer eignen Manier
zu denunciren; und ich für meinen Teil hatte mir, von der Zeit an da ich mich
der komischen Muse widmete, zu meinem besondern Zweck vorgesetzt, meinen Stücken
eine politische Richtung auf die Verwaltung und den Zustand der Republik
überhaupt zu geben, und mich dadurch von meinen Vorgängern zu unterscheiden, die
ihren stolzesten Wunsch erfüllt sahen, wenn ihnen ein wieherndes Gelächter aus
allen Bänken des Teaters entgegen schallte, und die ihre Pritschenhiebe den
einzelnen Personen, denen sie zum Spass oder aus bösem Willen zu Leibe wollten,
nur im Vorbeigehen auszuteilen pflegten. In der Tat war ich der erste, der den
Mut hatte, nicht nur einen Mann des Volks, wie Kleon, in Person auf die Bühne
zu stellen, und ohne alle Schonung und Barmherzigkeit zu behandeln, sondern
sogar den Heliasten62, dem Senat, den Prytanen63, ja dem souveränen Volke selbst
die derbesten Wahrheiten ins Gesicht zu sagen. Ich hatte dies in den Rittern so
weit getrieben, dass es mir aus mehr als Einem Grunde ratsam schien, in meinem
nächsten Stücke einen andern Weg einzuschlagen, meine Geissel gegen eine andere,
für mich weniger gefährliche Gattung von Menschen zu führen, und aus dem
häuslichen Leben einen Stoff zu wählen, der mir Gelegenheit gäbe, die Nachteile
der neumodischen Erziehung und den verderblichen Einfluss der Sophisten auf die
Denkart und Sitten der Alten und Jungen in Aten nach meiner Weise darzustellen.
Dies, Aristipp, war's im Grunde, was ich mit den Wolken beabsichtigte, und wer
sie für eine Personalsatyre auf den guten Sokrates ansieht, hat meine Meinung
und Absicht ganz unrecht gefasst. Ich kannte den Mann, wie gesagt, zu wenig dazu,
und er war keine so wichtige Person in meinen Augen, dass ich für nötig gehalten
hätte, nun auch an ihm zu tun, was ich ein Jahr zuvor an Kleon getan hatte.
Auch sollt' es, denke ich, aus der ganzen Anlage des Stücks in die Augen fallen,
dass es mit der komischen Person, der ich seinen Namen gab, bloss darauf abgesehen
war, aus den stärksten Charakterzügen eines abgeschmackten Pedanten, eines
sophistischen Taschenspielers, und eines armen Schluckers, ein Zerrbild
zusammenzusetzen, womit ich die ganze löbliche Sophisten-Innung der unverdienten
Achtung, worin sie bei den Unwissenden steht, verlustig machen könnte. Uebrigens
läugne ich nicht, dass die Verachtung, welche Sokrates (wie mir gesagt wurde) bei
allen Anlässen gegen die neuern Komödiendichter und ihre Werke äusserte,
natürlicherweise mit ins Spiel kam, und dass ich es für meine Schuldigkeit hielt,
ihm bei dieser Gelegenheit im Namen der ganzen Brüderschaft unsre Dankbarkeit zu
beweisen.
    Ich. Bei dem allen kann ich - verzeihe meiner Freimütigkeit! - nicht anders
als beklagen, dass, da es dir nur um ein Zerrbild zu tun war, gerade ein so
tugendhafter und ehrwürdiger Mann wie Sokrates seinen Namen und seinen guten Ruf
dazu hergeben musste.
    Er. Vielleicht kann ich deinen Schmerz durch ein paar kleine Betrachtungen
lindern, die auch wohl nebenher zu meiner Rechtfertigung dienen mögen. Ich finde
sehr natürlich, dass dir Sokrates, den du erst in seinem sechs oder
siebenundsechzigsten Jahre kennen gelernt hast, so ehrwürdig vorkommt. Aber
bedenke, dass er seit der Zeit, da ich mir die Freiheit nahm ihn auf die komische
Bühne zu stellen, um ganze zweiundzwanzig Jahre älter, weiser und respektabler
geworden ist. Man hält einem alten Manne manches zu gut, was man ihm vor zwanzig
Jahren nicht zu übersehen schuldig war. Damals war man manches noch nicht an ihm
gewohnt, und es kleidete ihn vielleicht auch nicht so gut als jetzt. Er trug
z.B. die Nase immer höher als andere, schaute über die Leute weg ins Blaue
hinaus, beunruhigte jeden, der ihm in den Wurf kam, durch unerwartete kleine
Fragen, und wenn sich einer in den Antworten, die er ihm treuherzig gab, zuletzt
so verfangen hatte dass er sich nicht mehr zu helfen wusste, ging er lachend
davon.
    Ich. Das tat er, um etwa einen jungen von sophistischem Wind aufgeblasenen
Jüngling zum Gefühl seiner Unwissenheit zu bringen. Ich weiss dass ihm dieses
Mittel bei verschiedenen gelungen ist. Der schöne Eutydem64 z.B., den er
dadurch beinahe zur Verzweiflung brachte, ist jetzt einer seiner eifrigsten und
lehrbegierigsten Anhänger.
    Er. Das mag sein. Aber dafür gibt es Hundert gegen Einen, denen diese neue
Metode, die Leute durch Schrauben und Necken weiser zu machen, nicht ansteht;
und ich finde nichts natürlicher, als dass sie ihm den Ruf eines spitzfindigen,
einbildischen, streitsüchtigen und beschwerlichen Menschen zuzog. Dazu kam denn
noch, dass sein Aeusserliches und der kurze, öfters ziemlich schmutzige Mantel,
der gewöhnlich seine ganze Garderobe ausmachte, wenig dazu beitragen konnte,
denen die ihn nicht genauer kannten eine grosse Ehrfurcht für seine Person
einzuflössen. Mit Einem Wort, er gab den Spöttern und Lachern, und das ist so
viel als neun Zehnteln unsrer Attischen Autochtonen65, zu vielerlei Blössen, als
dass wir Komiker seiner hätten schonen dürfen; und du wirst mir daher auch keinen
meiner Kunstverwandten nennen können, der sich nicht bei jeder Gelegenheit, mehr
oder weniger, über ihn lustig gemacht hätte.
    Ich (lachend). Ihr seid in der Tat gefährliche Leute; da ein Sokrates nicht
sicher vor euch war, wer darf hoffen eurer Pritsche zu entgehen?
    Er. Das soll auch niemand hoffen. Man hört wohl, dass du ein Ausländer bist,
Aristipp: du nimmst die Sache gar zu tragisch. Bei uns lachen die Getroffenen
oft am lautesten; die meisten stecken ihre Hiebe stillschweigend ein; ja, ich
versichre dich, Hyperbolus und seines gleichen wussten es uns sogar Dank, dass wir
ihnen eine Art von Celebrität verschaften, und bei unsern Matrosen, Abladern,
Sackträgern, Wurstmachern und Salzfischhändlern die Meinung erregten, als ob sie
Leute von Bedeutung wären, da ihnen eine Ehre von uns widerfuhr, die
gemeiniglich nur einem Perikles, Lamachus, Kleon, Nicias, Alcibiades und andern
dieses Schlages erwiesen wurde. Ihr andern Fremden könnt euch nicht vorstellen,
wie wenig die Satyre bei uns einem Manne, der nicht ohne allen Wert ist,
Schaden tut; besonders hat unser Volk seine Freude daran, wenn seinen
Günstlingen recht übel von den Komikern mitgespielt wird. Es ist ihnen gesund,
denkt mein grillenhafter, griesgrämischer, kindischer alter Kauz von Demos66, es
ist ihnen sehr gesund wenn sie die Geissel immer über ihrem Rücken schweben
sehen; und hab' ich es doch immer in meiner Gewalt sie zu entschädigen, wenn
ihnen zu viel geschieht. So wurde z.B. der berüchtigte Kleon, bald darauf
nachdem ihn meine Ritter auf eine wirklich grausame und nie erhörte Art
misshandelt hatten, zum Oberfeldherrn gegen die Spartaner erwählt: und bedarf es
wohl eines stärkern Beweises, wie unschädlich das Salz ist, womit wir unsre
Mitbürger zu ihrem eigenen und dem gemeinen Besten reiben, als dass Sokrates seit
mehr als fünf Olympiaden ungestört sein Wesen unter uns treibt, und an Ansehn
und Ruhm zu Aten, und allentalben wo unsre Sprache gesprochen wird, von Jahr
zu Jahr zugenommen hat? Was ihm auch in der Zukunft noch begegnen könnte, immer
bleibt gewiss, dass die Wolken keine Schuld daran haben67, da ihm in einer so
langen Zeit nicht ein Haar um ihrentwillen gekrümmt wurde.
    Ich. Und was könnte denn dem besten aller Menschen, die ich kenne, noch
Uebels begegnen? Wohin müsste es mit euch Atenern gekommen sein, wenn das
untadeligste Leben, die reinste Tugend, und die grössten Verdienste um seine
Mitbürger einem Manne von seinen Jahren kein ruhiges und glückliches Ende
zusicherten?
    Er. Mein guter Aristipp, Unschuld, Tugend und Verdienste schützen weder zu
Aten noch irgendwo vor dem Hasse der Bösen, dem guten Willen der Toren, und
den Gruben, in die uns unsre eigene Sorglosigkeit fallen macht. Überdies denken
nicht alle Atener so günstig von ihm wie du. Sokrates lebt, spricht, und
beträgt sich in allem wie ein freier, aber nicht immer wie ein kluger Mann. Er
hat sich durch seine Freimütigkeit Feinde gemacht; er verachtet sie, und geht
ruhig seinen Weg. Ich bin keiner von seinen Feinden; aber wenn ich einer seiner
Freunde wäre, so würde ich ihn bitten auf seiner Hut zu sein.
    Diese Rede machte mich stutzen, wie du denken kannst: aber ich konnte meinen
Mann nicht dahin bringen sich näher zu erklären; er wich mir immer durch
allgemeine Formeln aus, und ein Dritter und Vierter, die sich zu uns gesellten,
lenkten das Gespräch auf andere Gegenstände.
    Wie ich den Sokrates kenne, würde es zu nichts helfen, wenn ich ihm etwas
von dem Inhalt meiner Unterredung mit dem Komiker, den er weder liebt noch
achtet, mitteilen wollte; und über eine Bitte, auf seiner Hut zu sein, würde er
lachen. Niemand weiss besser als er selbst, wie unzuverlässig die Gemütsart der
Atener ist, und dass es unter seinen Mitbürgern Leute gibt, die ihm übel wollen,
wiewohl keiner von ihnen auftreten und sagen kann: Sokrates hat mir jemals
Unrecht getan. Er weiss dass er Feinde hat: aber (wie der Komiker sagte) er
verachtet sie und geht seinen Weg. Ich erinnere mich, dass einst in einem kleinen
vertrauten Kreise der unerschütterlichen Festigkeit erwähnt wurde, womit
Sokrates, als damaliger Vorsteher der Prytanen68, sich der Wut des Volks, bei
dem gesetzwidrigen Verfahren gegen den Admiral Diomedon und seine Collegen,
entgegen gestellt hatte. Das Gespräch fiel unvermerkt auf die Unmöglichkeit, dass
ein Staatsbeamter in einer Demokratie, bei einer ausdauernden Beharrlichkeit auf
seiner Pflicht, dem Hass und der Verfolgung, die er sich dadurch zuzöge, nicht in
kurzer Zeit unterliegen sollte. Es ist traurig, sagte Kriton, sich gegen seinen
alten Freund wendend, sich's nur als möglich zu denken, dass ein rechtschaffner
Mann, gerade deswegen, weil er rechtschaffen ist, Feinde haben soll. Da es nun
aber nicht anders ist, versetzte Sokrates, was soll es uns kümmern? Das ärgste,
das sie uns zufügen können, ist doch nur, dass sie uns dahin versetzen, wo wir
nichts mehr von ihnen zu leiden haben werden.
    Gestehe, Kleonidas, Sokrates ist ein herrlicher Mann! Ich fühle dies
zuweilen so lebhaft, dass ich - Sokrates sein möchte, wenn mir's möglich wäre
etwas anders zu sein als dein Aristipp.
 
                                      10.
                                 An Kleonidas.
Du bist begierig von mir zu erfahren, was für eine Bewandtnis es mit dem
Dämonion des Sokrates habe, von welchem dir dein Megarischer Gastfreund, wie es
scheint, seltsame und unglaubliche Dinge erzählt hat. »Was denkt sich Sokrates
dabei? Von welcher Gattung Dämonen ist dieses Dämonion? Hat es eine Gestalt?
Oder ist es eine blosse Stimme, die ihm leise ins Ohr flüstert, oder vielleicht
ohne Worte sich nur dem innern Sinne vernehmbar macht? Oder wirkt es etwa bloss
durch leise Berührung? Im Wachen oder im Traum? Gefragt oder ungefragt? Häufig
oder selten? Hat es nie getäuscht? Sind die Dinge, die es ihm vorhersagt, so
beschaffen, dass es schlechterdings unmöglich ist sie vorherzusehen? Oder lässt
sich begreifen, wie ein Mann von scharfem Blick in den Zusammenhang der Dinge
sie auch ohne Dämonion erraten konnte?«
    Alle diese kleinen Fragen, mein Freund, könnte uns niemand besser
beantworten als Sokrates selbst. - »Warum fragst du ihn denn nicht?« - Ich
wollt' es wirklich; zwei oder dreimal lag mir die Frage schon auf der Zunge:
aber immer hielt mich ein ich weiss nicht was, eine Art von Scheu zurück, als ob
ich im Begriff wäre etwas Unziemliches zu tun. Aufrichtig zu reden, Kleonidas,
ich schäme mich ein wenig, mit einem so ehrwürdigen alten Glatzkopfe von -
seinem Dämonion zu reden, und es ist mir gerade so dabei zu Mute, als ob ich
ihn fragen wollte, was ihm diese Nacht geträumt habe? Wenn ich aber auch über
diese Scham Meister werden könnte, so würde ich vermutlich nicht mehr damit
gewinnen als einer meiner Cameraden, Simmias von Teben, der sich das Herz nahm,
eine Frage über sein Dämonion an ihn zu tun, und keine Antwort von ihm erhielt.
Im Gegenteil (sagte mir Simmias in seiner böotischen Treuherzigkeit), er drehte
sich mit einem so finstern Blick von mir weg, dass mir die Lust ihn wieder zu
fragen auf immer vergangen ist.
    Weil also, wie du siehst, die Quelle selbst, aus welcher wir allenfalls die
reinste Wahrheit zu schöpfen hoffen dürften, unzugangbar ist, so wirst du dich
schon an dem begnügen müssen, was ich von seinen ältern Freunden und Anhängern,
nach und nach, meistens nur tropfenweise habe herauspressen können. Denn es ist
als ob sie Bedenken trügen sich offenherzig gegen mich heraus zu lassen; woran
freilich wohl die etwas unglaubige Miene Schuld sein mag, die ich bei solchen
Gelegenheiten nicht völlig in meine Gewalt bekommen kann. Ich habe immer
bemerkt, dass Personen, die mit der Neigung wunderbare Dinge zu glauben etwas
reichlich begabt sind, sich zurückgehalten fühlen, mit kalten Köpfen so
freimütig und nach Herzenslust von solchen Dingen zu sprechen, wie sie mit
ihres gleichen zu tun pflegen. Was ich indessen von der Sache selbst
herausgebracht habe (denn an den Meinungen dieser Leute kann dir nicht viel
gelegen sein) läuft auf Folgendes hinaus.
    Sokrates glaubt, durch eine besondere göttliche Schickung von Kindheit an
eine Art von ihm allein hörbarer Stimme vernommen zu haben, als ein
Warnungszeichen, wenn er etwas beginnen wollte, dessen Ausgang oder Erfolg ihm
nachteilig gewesen sein würde. Ueber die Art und Weise, wie diese angebliche
Stimme ihm vernehmbar werde, hat er sich nie erklärt: gewiss aber ist, dass er sie
für etwas Göttliches (daimonion ti), oder genauer zu reden, für etwas
Divinatorisches von eben der Art, wie die Götter, nach dem gemeinen Volksglauben
(welchem auch er immer zugetan war) durch Orakel, oder die Eingeweide der
Opfertiere, den Flug gewisser Vögel, und andere solche Anzeichen, den Menschen
zukünftige Dinge, die sich durch keinen Grad menschlicher Klugheit und
Erfahrenheit vorhersehen lassen, andeuten sollen. Niemand hat ihn je sagen
gehört, dass er einen eigenen Dämon habe; dies aber ist gewiss, dass er diese
wahrsagende Stimme - die er jedesmal so oft er selbst oder seine Freunde etwas,
das zu ihrem Verdruss oder Schaden ausgefallen wäre, unternehmen wollte, zu
vernehmen glaubte - für eine göttliche Wirkung hielt, und sich daher der
Ausdrücke »die Stimme, oder das Dämonion, oder Gott hat mich gewarnt« als
gleichbedeutend zu bedienen pflegte. Auch darüber, wie er dazu gekommen sei die
Bedeutung dieses göttlichen Warnungszeichens zu verstehen, hat er sich nie
erklärt; vermutlich mag es ihm in seiner frühen Jugend öfters begegnet sein,
einer Stimme, deren Sprache ihm noch unbekannt war, nicht zu achten; weil es ihm
aber jedesmal übel bekam, so wurde er endlich aufmerksamer, und entdeckte auf
diese Weise die Meinung und Absicht derselben. Auch ist bemerkenswert, dass -
nachdem er sich durch häufige Erfahrungen ein für allemal überzeugt hatte, dass
die Stimme sich allezeit richtig hören lasse, so oft er, oder einer seiner
Freunde in seiner Gegenwart, etwas das unglücklich für ihn ausgegangen wäre
unternehmen oder beschliessen wollte - er nun auch das Stillschweigen derselben
für ein sicheres Zeichen nahm, dass der Himmel sein Gedeihen zu dem, was er oder
seine Freunde vornehmen wollten, geben werde: so dass er also diese Wundergabe
sowohl auf der rechten als auf der umgekehrten Seite als Warnungs- und
Billigungszeichen gebrauchen konnte. Zum Beweise, wie übel der Ungehorsam gegen
die Warnungen dieses Orakels einigen Bekannten des Sokrates bekommen sei, sind
mir verschiedene Beispiele erzählt worden, womit ich dich verschonen will, da
dir diese Leute unbekannt sind, und die Umstände, in welche ich mich einlassen
müsste, kein Interesse für dich haben können. Genug, dass ich diese Tatsachen zum
Teil aus dem Munde unverwerflicher Zeugen habe, und dass wenigstens nicht leicht
zu erklären wäre, was den Sokrates hätte bewegen können, die besagten Personen
durch ein erdichtetes Vorgeben, er höre das gewohnte Warnungszeichen, von
Ausführung dessen, was sie im Sinne hatten, zurückzuhalten. Uebrigens muss ich
zur Steuer der Wahrheit noch hinzutun, dass ich den Sokrates selbst in den zwei
Jahren, seitdem ich ihn alle Tage sehe und ihm oft in ganzen Wochen nicht von
der Seite komme, dieser ihm beiwohnenden Art von Divination mit keinem Wort
erwähnen gehört habe. Dies kann zufälliger Weise, oder vielleicht wohl gar auf
Abraten des Dämonions selbst geschehen sein; denn ich habe zuweilen einen
Argwohn, dass es mir nicht recht grün ist, und bin ziemlich geneigt, ihm die
Schuld zu geben, dass Sokrates mich mit einer gewissen Zurückhaltung und Kälte zu
behandeln scheint, die ich mir lieber aus dieser als irgend einer andern Ursache
erklären mag. Indessen beruht die Sache auf so übereinstimmenden Zeugnissen
aller, die schon viele Jahre mit ihm gelebt haben, dass es ungereimt wäre, daran
zweifeln zu wollen, dass er wirklich und schon von langer Zeit her diese
übernatürliche Einwirkung zu erfahren vorgegeben habe.
    Und hat er dies vorgegeben, so zweifle ich nicht, und auch du, Kleonidas,
würdest, wenn du nur ein paar Tage mit ihm umgegangen wärest, keinen Augenblick
zweifeln, dass er selbst von der Realität der Sache vollkommen überzeugt ist.
    »Aber wie sollen wir uns die Möglichkeit einer solchen Ueberzeugung, bei
einem so verständigen, gesetzten und helldenkenden Manne wie Sokrates ist,
erklären?« fragst du. - Es gibt der Dinge so viele, mein Freund, die wir uns
nicht erklären können, dass es auf eines mehr oder weniger nicht ankommt. Soll
ich dir indessen freimütig sagen was ich denke? - Sokrates ist unläugbar ein
sehr weiser Mann; aber am Ende sind wir doch alle - von Weibern geboren; und wem
hängt nicht irgend eine Schwachheit an, die ihn mit allen andern so ziemlich auf
gleichen Fuss setzt? Die seinige ist (unter uns), dass er ein wenig
aberglaubischer ist als einem weisen Manne ziemt. Es scheint wirklich ein
Erbstück von seiner Mutter oder Grossmutter zu sein. - »Aberglaubisch? Sokrates
aberglaubisch?69« rufst du. - Ja, Kleonidas! entweder aberglaubisch, oder der
grösste Heuchler, den je die Sonne beschienen hat. Das letztere ist er nicht, bei
Gott, kann er nicht sein! - Also jenes! oder wie nennst du den, der, nicht
zufrieden in solchen Dingen den Gesetzen seines Landes genug zu tun, in ganzem
Ernst an alle Götter und Göttinnen, von Uranus und Ge bis zum kleinsten
Quellnymphchen auf dem Pernes, an Orakel, prophetische Vögel, Träume und
Anzeichen aller Arten glaubt, und seine Freunde nach Delphi oder Klaros schickt,
um sich Rats zu erholen, ob das, was sie beginnen wollen, wohl von Statten
gehen werde? Der Grund dieser Anhänglichkeit an den gemeinen Volksglauben muss
tief und fest bei ihm sitzen, da Anaxagoras selbst, zu welchem er doch schon in
seiner Jugend freien Zutritt hatte, es nicht weiter bei ihm brachte, als ihm in
den reinern Begriffen von der Gotteit in neues Mittel zu Unterstützung des
Aberglaubens an die Hand zu geben. - »Die Gotteit, oder die Götter (denn er
pflegt sich ohne Unterschied bald auf die eine bald auf die andere Art
auszudrücken), die Gotteit also, sagt er, welche für alle Dinge, um des
Menschen willen, und für den Menschen allein, als ihren Liebling, um seiner
selbst willen sorgt, hat ihn mit einem Körper, woran alles zu seinem bequemsten
Gebrauch und Nutzen aufs künstlichste eingerichtet ist, versehen; und damit er
im Stande sei, alle möglichen Vorteile aus der Natur der Dinge zu ziehen, hat
sie ihm die Vernunft mitgeteilt, um ihre Eigenschaften und Beziehungen auf ihn
zu erkennen und sie zu dem, was sie sein sollen, zu Mitteln seines eigenen
Zwecks zu machen. Aber seine Vernunft dringt nicht so tief in den Zusammenhang
der Dinge, dass sie ihm auch ihre künftigen Verknüpfungen und den Nachteil, der
seinen Unternehmungen dadurch zuwachsen kann, hinlänglich zu entüllen
vermochte. Sie zeigt ihm wohl, wo, wann und wie er handeln soll; aber die Folgen
und der Ausgang seines Tuns und Lassens bleiben meistens ungewiss. Sollten die
Götter für ihren Liebling nicht besser gesorgt haben, als ihn ohne alle Gewähr
und auf blosses Geratewohl im Dunkel der Zukunft umher tappen zu lassen?
Allerdings! sie selbst kommen der Unzulänglichkeit seiner Vernunft zu Hülfe, und
entschleiern, so weit sie es ihm nötig oder zuträglich finden, durch Orakel,
Träume und Vorbedeutungen die Zukunft vor ihm. Da es also in seiner Macht steht,
sich auf diesem Wege über den Ausgang seiner Unternehmungen zu unterrichten, so
wäre es eben so töricht und gottlos, diesen ihm angebotenen Beistand der Götter
zu verachten, als es töricht und vermessen wäre, wenn er in Dingen, worin seine
Vernunft ihm hinlängliches Licht geben kann, zu Orakeln und Divinationen seine
Zuflucht nehmen wollte.«
    Was meinst du, Kleonidas, sollte ein Mann von sehr lebhaftem Geiste, der so
räsonnirt, nicht unvermerkt dahin gelangen können, das divinatorische Vermögen
der Vernunft, das in höherm oder geringerm Grade allen Menschen beiwohnt, zumal
das dunkle Vorgefühl eines Uebels, welches uns oder andere unter gewissen
Umständen und Anscheinungen treffen könnte, für einen Wink der Gotteit, eine
seinem Innern zuflüsternde dämonische Stimme, zu halten, und wenn etwa der
Erfolg zufälligerweise einem solchen vermeinten Wink entsprochen hätte, sich in
seiner Einbildung dergestalt zu bestärken, dass was vielleicht anfangs eine blosse
Vermutung war, ihm endlich zur Gewissheit würde; und dies um so leichter, wenn
er, wie Sokrates, sich angewöhnt hätte, von der Gotteit, nach morgenländischer
Weise, bei allen Gelegenheiten so zu reden, als ob sie die unmittelbare Ursache
aller natürlichen und menschlichen Dinge sei?
    Doch bin ich nicht selbst ein Tor, dich und mich mit einer Sache dieser Art
so lange aufzuhalten? muss denn an einem so ungewöhnlichen Manne wie Sokrates,
alles so begreiflich wie an einem Alltagsmenschen sein?
    Die neuesten Berichte, die ich aus Cyrene erhalte, lassen mich ohne Dämonion
voraussehen, dass Ariston, durch das Uebergewicht, das ihm seine eigennützige
Freigebigkeit bei der zahlreichsten und handfestesten Volksclasse verschafft,
vermutlich in kurzem den Sieg über seine Nebenbuhler davon tragen, und es in
seine Gewalt bekommen wird, der Republik eine neue Gestalt zu geben. Ob auch
eine bessere?
                       - das liegt im Schoss der Götter.
    Immer finde ich, dass deine Familie nicht übel getan hat, sich, wie du mir
meldest, noch in Zeiten und mit guter Art an die Partei anzuschliessen, die,
allen Anscheinungen nach, das Spiel gewinnen wird. Wenn man keine Hoffnung hat,
etwas fürs Allgemeine ausrichten zu können, so gebietet die Klugheit, wenigstens
für sich selbst zu sorgen. Aber sollte denn wirklich für die Republik nichts
mehr zu tun sein? Ich fürchte, nein! und sehe, bei der allgemeinen Verderbnis
unsrer Sitten, es noch für ein Glück an, dass es keine energischen Seelen unter
uns gibt, die uns den schnell verlodernden Entusiasmus für Freiheit und
Gleichheit, unter dessen Gewalt wir gar bald zusammensänken, mit schrecklichen
Krämpfen und Zuckungen büssen lassen würden. In unsrer Lage wäre vielleicht das
schlimmste was begegnen könnte, wenn die demokratische Partei Mittel fände, sich
der Zügel zu bemächtigen. Indessen, da der Ausgang bürgerlicher Unruhen immer
ungewiss ist, rate ich dir und deinen Freunden, es mit keiner Partei ganz zu
verderben, und keine so eifrig zu nehmen, dass ihre Niederlage auch euern
Untergang nach sich ziehen müsste.
 
                                      11.
                                  An Demokles.
So ist sie denn endlich geborsten, die Gewitterwolke, die wir schon so lange
über unser ungewahrsames Vaterland herhangen sahen! Jetzt, lieber Demokles, darf
ich dir doch wohl bekennen, dass die Besorgnis, in eine von den Factionen, die
einander dermalen in den Haaren liegen, wider Willen hineingezogen zu werden,
ein Hauptgrund war, meine Reise nach Griechenland zu beschleunigen. Dächte mein
Verwandter Ariston wie ich, oder hätten meine Vorstellungen Eingang bei ihm
gefunden, so möchte sich unsre Regierung noch lange zwischen Oligarchie und
Demokratie hin und her geschaukelt haben, ohne dass die öffentliche Ruhe viel
dabei gelitten hätte. Aber seine hohe Meinung von sich selbst, die zehn Jahre
die er älter ist als ich, das Unglück zu früh zum Besitz eines beinahe
fürstlichen Vermögens gekommen zu sein, und der Hof von Schmeichlern und
Parasiten, wovon er überall umgeben ist, standen immer zwischen ihm und mir. Die
Republik hat nun einmal den Grad der Verderbnis erreicht, der eine Veränderung
ihrer Regierungsform unvermeidlich macht; unter den drei oder vier Nebenbuhlern,
die sich um die schöne Basileia70 bewerben, muss sie (wie es scheint) am Ende
doch Einem zu Teil werden; und da einer so viel Recht an sie hat als der
andere, warum sollte der eitle und ehrsüchtige Ariston sie einem andern
überlassen, ohne wenigstens zu versuchen, wie weit er es durch seine Gunst beim
Volke, und durch seinen Anhang unter den jungen Leuten der Mittelklassen bringen
könne? zumal, da der Umstand, dass seine Aeltermutter dem königlichen Geschlechte
des Battus angehörte, ihm einen anscheinenden Vorzug vor den übrigen gibt, deren
mehr oder weniger verdeckte Anschläge auf eben dasselbe Ziel gerichtet sind?
    Dass dies nicht meine Vorstellungsart sei, glaube ich durch die Tat bewiesen
zu haben. Aber wie ich sah, dass Ariston seine Partei genommen hatte, was blieb
mir übrig, als mich so weit als möglich zu entfernen, wenn ich nicht in den Fall
kommen wollte, mich öffentlich entweder für oder wider einen Mann zu erklären,
der seit dem Tode seines Vaters als das Haupt unsrer Familie angesehen, und aus
leicht begreiflichen Ursachen von allen übrigen Gliedern derselben teils
geschont, teils offenbar begünstiget wird?
    Aber auch ohne diesen besondern Bewegungsgrund würde ich sehr verlegen sein,
wenn ich eine von euern Factionen schlechterdings zur meinigen machen müsste.
Seit Erlöschung des letzten männlichen Sprösslings der Battiaden, ging Cyrene
(wie dir bekannt ist) in eine ziemlich anarchische Demokratie über, auf welche
unser Volk, zur Ehre seines Menschenverstandes, gar bald freiwillig Verzicht
tat, um sich einer Art von Aristokratie zu unterwerfen, bei welcher es sich
(wie es immer zu gehen pflegt) so lange wohl befand, als die Regenten redliche
und verständige Männer waren, keinen andern Zweck als die allgemeine Wohlfahrt
hatten, und Einsicht genug besassen, sich in der Wahl der Mittel nicht zu
vergreifen. Dass diese goldne Zeit nicht bis zur dritten Generation dauerte,
versteht sich von selbst. Die Geschichte aller Oligarchien ist auch die unsrige,
und es ist leicht vorauszusehen, dass wir in dem krampfhaften Zustande, worin
sich unsre Republik dermalen befindet, noch von Glück zu sagen haben werden,
wenn wir, ohne die fürchterlichen Folgen einer langwierigen Anarchie zu
erfahren, recht bald, es sei nun durch Wiederherstellung der Demokratie, oder
Einwilligung in die Oberherrschaft eines Einzigen, wieder zur Ruhe kommen, bevor
das mächtige Cartago unsern Händeln auf eine Art, die uns noch weniger behagen
dürfte, ein Ende macht. Zwischen zweien Uebeln das kleinste zu wählen, ist oft
eine schwere Aufgabe. Ich danke den Göttern, dass ich bei dieser Wahl keine
entscheidende Stimme habe; müsste ich aber schlechterdings meine Meinung sagen,
so würde ich raten, das, was man sich am Ende doch gefallen lassen wird, weil
man muss, lieber freiwillig und zu einer Zeit zu verfügen, da es noch in unsrer
Gewalt ist, die Bedingungen selbst zu machen, unter welchen wir die Regierung
mit dem wenigsten Nachteil des Gemeinwesens in die Hände eines Einzigen legen
könnten.
    Meines Erachtens gibt es für einen kleinen oder mittelmässigen Staat keine
bessere Verfassung, als diejenige, welche Solon den Atenern gab, gewesen wäre,
wenn ihm Pallas Atene den guten Gedanken eingeflüstert hätte, den Pisistratus
von freien Stücken zur Uebernahme eines zehnjährigen Archontats zu berufen;
allenfalls mit der Bedingung, ihm diese höchste Würde nach zehn Jahren, wenn das
Volk mit seiner Regierung zufrieden wäre, auf seine ganze Lebenszeit zu
verlängern. Die Atener sind nie glücklicher gewesen als unter der Regierung des
Pisistratus und Hipparchus. Es fehlte ihr nichts als dass sie nicht
verfassungsmässig war. Wäre sie es gewesen, so würde der Tyrann71 Pisistratus ein
Muster guter Fürsten heissen; so würde Aten wahrscheinlich der blühendste,
mächtigste und dauerhafteste unter den Griechischen Staaten geworden sein, und
so viele tragische Glückswechsel und alles Unheil des siebenundzwanzigjährigen
Verheerungskrieges, der sich so übel für sie endigte, nicht erfahren haben.
Möchten die Factionen welche unsre Republik zerreissen, und deren keine noch
stark genug ist die Oberhand zu erhalten, sich auf diese Weise zu Rettung des
Vaterlandes vereinigen! Auf allen Fall, und da mein besagter Rat alles ist, was
ich für dasselbe tun kann, sei es dir frei gestellt, von diesem Briefe nach
deinem Gutbefinden Gebrauch zu machen. Damit ich dir bei meinem Vorschlage nicht
etwa einer eigennützigen Rücksicht verdächtig werde, erkläre ich unverhohlen,
dass Ariston meine Stimme, wofern ich eine zu geben hätte, nie erhalten würde, so
lange Cyrene noch mehr als Einen Mann aufweisen kann, dem ungleich grössere
Verdienste ein besseres Recht geben, der erste im Staate zu sein. Lebe wohl,
Demokles, und berichte mir mit der ersten Gelegenheit, was für eine Wendung
diese Händel nehmen, deren Ausgang mir um so weniger gleichgültig sein kann, da
ich aller Wahrscheinlichkeit nach in jedem Falle mehr dabei zu verlieren als zu
gewinnen haben werde.
 
                                      12.
                               An Ebendenselben.
Es fehlt viel daran, lieber Demokles, dass mir die Nachrichten von dem immer
wahrscheinlicher werdenden Erfolg der Anschläge meines Verwandten, die du mir
durch den Schiffer von Gortyna zugefertiget hast, so angenehm wären, als du zu
glauben scheinst. Sie würden es auch dann nicht sein, wenn ich nicht voraussähe,
dass meiner Familie vielleicht kein grösseres Unglück zustossen könnte, als wenn
Ariston in seinem Unternehmen glücklich wäre. Denn wie lange glaubst du wohl,
dass die willkürliche Regierung eines jungen Schwindelkopfes dauern würde, der
sich selbst nicht zu regieren weiss, und immer das Spielzeug seiner eigenen und
fremder Leidenschaften ist? Ich beklage es, dass mein Bruder, durch täuschende
Aussichten verblendet, seine Partei so eifrig zu unterstützen scheint, dass, wenn
die kurze Herrlichkeit vorüber sein wird, sein Fall notwendig auch der ihrige
sein muss. Lass' mich's wiederholen, mein Freund, um unsre Republik vor einer
unabsehbaren Reihe unseliger Folgen der gegenwärtigen Störung ihres innern
Gleichgewichtes zu retten, ist kein anderes Mittel als eine neue Regierungsform:
und dies vorausgesetzt, fordere ich alle Weisen unter Griechen und Barbaren
heraus, in diesem Augenblick eine bessere für euch zu ersinnen, als die
Solonische unter der Bedingung, deren ich neulich erwähnte; wenn ihr euch
nämlich von freien Stücken entschlösset, unter den vier Ehrgeizigen, die
einander die Tyrannie über Cyrene streitig machen, den tauglichsten, d.i. den,
der den besten Kopf mit der meisten Stärke des Charakters vereiniget, an die
Spitze der Republik zu stellen. Da du, wie ich aus deiner Antwort sehe, meine
Meinung nicht ganz gefasst zu haben scheinst, so erlaube mir, mich über diesen
Punkt deutlicher zu erklären.
    Als die Atener nach dem Tode des edelmütigen Kodrus beschlossen, dass
Jupiter allein würdig sei, der Nachfolger eines solchen Königs zu sein, gingen
sie nicht plötzlich zu einer demokratischen Verfassung über. Die Republik wurde
von einem Archon regiert, welcher anfänglich auf Lebenslang, hernach auf zehn
Jahre mit dieser höchsten Würde bekleidet wurde: und auch, nachdem man in der
Folge für besser hielt, die Verrichtungen derselben unter neun jährliche
Archonten zu verteilen, war die Verfassung zu Solons Zeiten noch immer
aristokratisch. Das Volk schmachtete unter dem Druck der vornehmen und reichen
Familien, in deren Händen die ganze Staatsverwaltung lag, und selbst die
blutigen Gesetze Drakons scheinen einen aristokratischen Geist zu atmen, und
dahin abgezielt zu haben, durch ihre furchtbare Strenge dieser Regierungsform
eine ewige Dauer zu verschaffen. Natürlicher Weise erfolgte das Gegenteil. Das
zur Verzweiflung getriebene Volk fühlte endlich seine Stärke; die Republik
zerfiel in Parteien; jede hatte einen mächtigen Aristokraten an der Spitze,
dessen wahre Absicht wohl keine andere war, als sich seines Anhangs zu
Ueberwältigung der übrigen zu bedienen, und sich zum einzigen Stellvertreter des
Königs Jupiter zu erklären. In dieser Lage der Sachen fand Solon in dem
allgemeinen Vertrauen auf seine Weisheit ein Mittel, alle Parteien zu
vereinigen. Man bevollmächtigte ihn, nicht nur die alten Gesetze zu verbessern,
sondern auch (was alle Parteien für das Nötigste hielten) der Republik selbst
eine neue Verfassung zu geben. Ein so weiser Mann, wie Solon, konnte, da er
selbst ohne Ehrgeiz war, unmöglich auf den Gedanken fallen, dass den Gebrechen
der Aristokratie abgeholfen wäre, wenn er eine reine Demokratie an ihre Stelle
setzte: er war bloss darauf bedacht, die Republik durch Verteilung der Gewalten
unter die Archonten, den Areopagus, einen Senat von Vierhundert, und die
Volksgemeine, dergestalt zu ordnen, dass er sich eine dauerhafte Harmonie des
Ganzen davon versprechen konnte. Indessen bewies der Erfolg in wenig Jahren, dass
seine neue Staatseinrichtung mit Einem Gebrechen behaftet war, welchem hätte
vorgebeugt werden können, wenn er etwas weiter vor sich hinausgesehen, und der
momentanen Stimmung des Volkes auf der einen, und der verstellten Mässigung der
ehmaligen Oligarchen auf der andern Seite, nicht zu viel getraut hätte. Das Volk
nämlich war durch die plötzliche Befreiung von den bisherigen Bedrückungen und
die Aussicht auf die Vorteile, die es von der Solonischen Gesetzgebung mit
Recht erwartete, so zufrieden gestellt, dass es sich mit dem sehr beschränkten
Anteil an der Staatsverwaltung, der ihm durch dieselbe eingeräumt wurde, vor
der Hand willig abfinden liess: auf der andern Seite sahen die Ehrgeizigen, die
es während der Unruhen auf Alleinherrschaft angelegt hatten, dass sie die
Ausführung ihrer Anschläge auf einen günstigern Zeitpunkt verschieben müssten.
Aber Solon hätte billig unbefangen genug sein sollen, vorauszusehen, dass weder
die untern Volksclassen noch die Häupter der mächtigsten Familien sich in den
Schranken, worein er sie eingeschlossen hatte, lange halten lassen würden; und
dass er also, um der Ruhe des Staats Dauer zu verschaffen, auf ein haltbares
Mittel bedacht sein müsse, den einen und den andern jede Ausdehnung ihrer
politischen Rechte unmöglich zu machen. Dieses Mittel würde er in einem Eparchen
(oder wie man ihn sonst nennen wollte) gefunden haben, dem die Constitution
nicht mehr, aber auch nicht weniger Macht in die Hände gegeben hätte, als
erfordert wurde, um das Volk durch die Aristokratie, die Aristokratie durch das
Volk, und beide durch die Allmacht des Gesetzes in ihren Schranken zu erhalten.
Der Einwurf, »die Atener hätten das Nachteilige eines solchen Vorstehers an
den ehmaligen lebenslänglichen Archonten bereits erfahren,« wäre von keiner
Erheblichkeit gewesen. Das Nachteilige lag bloss darin, dass die Gewalt der
ersten Archonten zu unbestimmt und zu willkürlich war: denn im Grunde stellten
sie eine Art von Königen unter einem andern Namen vor. Aber dies würde bei
meinem Eparchen der Fall nicht gewesen sein, da er durch den aristokratischen
Areopagus, den aus den drei ersten Bürgerclassen gezogenen Senat der
Vierhundert, und die allgemeinen Volksversammlungen gesetzmässig beschränkt
gewesen wäre, und diese drei Gewalten einander (wie es ihr Interesse erforderte)
mit gehörigem Nachdruck unterstützt haben würden. Jeder Versuch des Eparchen
sich über die Gesetze wegzuschwingen und unabhängig zu machen, hätte notwendig
misslingen müssen. Wie gut und wie nötig es gewesen wäre, dass Solon seinem
übrigens so verständig angelegten Staatsgebäude diesen Gipfel aufgesetzt hätte,
zeigte sich nach seiner Entfernung nur zu bald. In wenig Jahren wachten die
alten Factionen wieder auf: Lykurgus bearbeitete die mittlern Bürgerclassen,
Megakles die Aristokraten, Pisistratus das gemeine Volk; weder Solon noch seine
Gesetze konnten dem überhandnehmenden Uebel wehren; kurz, es bedurfte der
Alleinherrschaft des Pisistratus, der zuletzt die Oberhand behielt, Ordnung und
Ruhe wieder herzustellen, und die Gesetze Solons wieder in Wirksamkeit zu
setzen.
    Ich hoffe nun, Freund Demokles, dir meine Gedanken über das, was in den
dermaligen Umständen zum Besten unsrer Vaterstadt getan werden könnte, durch
dieses so genau auf unsre Umstände passende Beispiel einleuchtend genug gemacht
zu haben, um dich von selbst auf die Betrachtungen zu leiten, die ich deiner
anscheinenden Vorliebe für die reine Demokratie entgegenstellen könnte, wenn ich
ein Freund dieser Art von Kämpfen wäre, wo man Stirn an Stirn und Knie auf Knie
mit dem andern um seine Meinung ringt, oder wenn ich sie für eine gute Art,
jemand von seiner Meinung zurückzubringen, hielte. Zudem würde auch ein solcher
Streit in diesem Augenblick ein wahres Schattengefecht sein. Denn nach allem was
du mir berichtest zu urteilen, würde, wenn auch du und deine Freunde euch
tätig für die Demokratie erklären wolltet, schwerlich zu hoffen sein, dass ihr
eine Partei zusammenbringen könntet, die nur jeder einzelnen der bestehenden
Gegenparteien, geschweige allen zusammen, die Spitze zu bieten vermöchte. Und
gewiss würden diese sogleich gemeine Sache gegen jeden machen, der sich nur den
leisesten Verdacht zuzöge, als ob er mit einem solchen Anschlage umgehe.
Hingegen müsste ich mich sehr betrügen, wenn mein Vorschlag nicht noch
durchzusetzen wäre, wofern die redlichen Freunde des Vaterlandes und der
Freiheit mit gehöriger Mässigung und Klugheit zu Werke gingen, und sich zu
rechter Zeit für denjenigen erklärten, der sich an der höchsten Würde im Staat
unter den Einschränkungen der Solonischen Constitution genügen lassen wollte.
    Ich habe meinen Verwandten ausführlich und nachdrücklich über diese Sache
geschrieben; aber ich gestehe, dass ich mir wenig Erfolg davon verspreche. Auf
alle Fälle hab' ich das Meinige getan, vielleicht mehr als von einem noch nicht
volljährigen Staatsbürger gefordert werden kann. Geschehe nun was die Götter
über uns beschlossen haben, oder - um den guten Göttern kein Unrecht zu tun -
was von dem allgewaltigen Einfluss der beiden grossen Regenten unsers
wetterlaunischen Planeten, der Torheit, die uns von innen, und dem Zufall, der
uns von aussen beherrscht, vernünftigerweise zu erwarten ist. Es wäre viel Glück,
wenn wir, indem wir so blindlings in den Glückstopf des Schicksals greifen,
gerade das beste Loos herauszögen. Ich für meine Person bin auf alles gefasst,
und falls ich dahin kommen sollte, wie Bias72 alles was ich mein nennen kann bei
mir zu tragen, so tröste ich mich damit, dass ich wenigstens nicht schwer zu
tragen haben werde.
 
                                      13.
                                 An Kleonidas.
Ich gestehe unverhohlen, dass ich ein grosser Freund aller Tage bin, die von
unsern frommen Vorfahrern dem allgemeinen Müssiggang und Wohlleben gewidmet
wurden. Immerhin mögen Arbeitsamkeit und Entaltsamkeit, wo sie nicht Töchter
der Notwendigkeit sind, unter die preiswürdigsten Tugenden gerechnet werden:
wenigstens sind sie es bloss als Mittel zu dem was der letzte Wunsch aller
lebenden Natur ist; Ruhe ist die angenehmste Belohnung des Arbeiters, und der
Arme behilft sich die meiste Zeit schlecht, um sich zuweilen einen guten Tag
machen zu können. An Festtagen seh' ich allentalben fröhliche Gesichter;
jedermann ist besser als gewöhnlich gekleidet, tut sich gütlicher, geht ins
Bad, kränzt sich mit Blumen. Gemeinschaftliche Opfer, Gesänge und Gebete,
feierliche Aufzüge, Uebungsspiele, Tänze und Schauspiele nähren und erhöhen den
sympatetischen Trieb, und lassen uns vom geselligen Bürgerleben, dessen
tausendfache Collisionen die Tage der Arbeit und Geschäftigkeit so häufig
erschweren und verbittern, nur das Gefügige, Angenehme und Tröstliche empfinden.
Die Natur hat mir wie du weisst, zu einem ziemlich kalten Kopf ein warmes Herz
gegeben. Mir ist nie wohler, als wenn ich mich so ganz aufgelegt fühle allen
Menschen hold zu sein, und dies bin ich immer wenn ich sie in Gemeinschaft
fröhlich sehe. Denn da wiege ich mich unvermerkt in die süsse Täuschung ein, sie
alle für gut und wohlwollend zu halten, und mache mir selbst weiss, sie würden es
immer sein, wenn sie sich immer glücklich fühlten. Du wirst es also ganz
begreiflich finden, lieber Kleonidas, dass ich, ungeachtet der schelen Gesichter,
die ich mir von meinen gravitätischen Mitgesellen, und zuweilen auch wohl von
dem Meister selbst gefallen lassen muss, keine Gelegenheit versäume, wo ich mir
diesen behäglichen Lebensgenuss verschaffen kann.
    Einer meiner hiesigen Bekannten, ein Mann von Geist und angenehmem Umgang,
der nach Atenischer Art reich ist, und (was hier in den Augen einer gewissen
Classe noch mehr zu sagen hat) sein Geschlechtsregister auf mütterlicher Seite
von Kodrus ableitet, besitzt ein schönes Landgut auf der Insel Aegina, die nicht
viel über zweihundert Stadien73 von Aten entfernt liegt, und wiewohl von Natur
nur ein kahler Felsen, durch eine fünfhundertjährige Anbauung und den Wetteifer
ihrer durch Gewerbe und Handelschaft reich gewordenen Einwohner sie auf alle nur
mögliche Weise zu verschönern, eines der anmutigsten Eilande ist, die im
Myrtoischen Meer und im Saronischen Meerbusen zerstreut umher liegen. Eurybates
(so nennt sich mein Freund), der das vornehmste Fest der Aeginer, die Poseidonia
74, gewöhnlich auf seinem Gute zuzubringen pflegt, bat mich ihm diesmal
Gesellschaft zu leisten, und ich nahm seine Einladung um so williger an, da
diese Festtage gerade in die schönste Jahreszeit fallen, und durch einen grossen
Markt belebt werden, der eine Menge Fremde vom festen Lande und den benachbarten
Inseln herbeizieht.
    Wir hatten bereits einige Tage in allerlei festlichen Lustbarkeiten verlebt,
als Eurybates mir den Antrag machte: ob ich nicht Lust hätte, den Abend in
Gesellschaft der schönen Lais75 zuzubringen? Er setzte, vermutlich um mir desto
mehr Lust zu machen, hinzu: »wenn ich meinen Augen glauben darf, so ist
schwerlich ein Weib im ganzen Griechenlande, das ihr den Preis der Schönheit
streitig machen kann.« Da mir die Landessitte bekannt ist, so konnt' ich
natürlicherweise nichts anders denken, als die Rede sei von einer Hetäre, mit
deren Gesellschaft Eurybates seine Freunde diesen Abend zu bewirten gedenke;
und, wiewohl ich bisher den Umgang mit Frauenzimmern aus dieser Classe immer zu
vermeiden suchte, so kamen doch hier mehrere Umstände zusammen, die eine
Ausnahme schicklich zu machen schienen. Kurz, ich sagte meinem Wirte, es werde
mir um so angenehmer sein, ihm eine so interessante Bekanntschaft zu danken zu
haben, da ich gestehen müsste, dass ich eine Art von Ideal in meinem Kopfe hätte,
dem die schöne Lais den Vorzug abzugewinnen einige Mühe haben würde. Indessen
kam der Abend heran, und wie ich eben mit Verwunderung zu bemerken anfing, dass
sich nirgends eine Anstalt zu einem Gastmahl im Hause zeigte, kam Eurybates, mir
zu sagen, es wäre nun Zeit ihm zu seiner schönen Nachbarin zu folgen. - Zu
welcher Nachbarin? - »Zu welcher andern als der schönen Lais, die vor einigen
Tagen hierher gekommen ist, um von einem kleinen Gute Besitz zu nehmen, das ihr
durch den Tod eines Freundes zugefallen ist, und das glücklicherweise
unmittelbar an das meinige stösst.« - Die Rede ist also nicht von einer Hetäre?
sagte ich. - »Nun ja, Hetäre oder auch nicht Hetäre, wie du willst; im Grunde
lässt sie sich nicht wohl in eine andere Classe stellen, wenn sie ja
classificiert sein muss: aber dann ist sie eine Hetäre, wie es, zwei oder drei
ausgenommen, noch keine gegeben hat. Sie kommt nicht zu uns, mein guter
Aristipp; man muss zu ihr kommen, und auch dies ist eine Gunst, die nicht jedem
zu Teil wird, der sie allenfalls bezahlen könnte. Die schöne Lais liebt
ausgesuchte Gesellschaft, und dem müssen die Grazien sehr hold sein, der ihr bis
auf einen gewissen Grad gefallen zu können hoffen darf. Ohne diese Bedingung ist
sie, wie man sagt, um keinen Preis zu haben. Ob es immer so sein werde, lässt
sich vielleicht, ohne sich an Amor und Aphrodite zu versündigen, bezweifeln; dass
es aber jetzt so sei, ist um so glaublicher, da sie kaum zwanzig Jahre zählt,
und von ihrem ersten Liebhaber in einer sehr glücklichen Lage hinterlassen
worden ist.«
    Dieser Vorbericht spannte meine Neugier und Erwartung so stark, dass mir der
Weg, der uns nach dem Hause der schönen Korinterin führte, dreimal länger
vorkam als er in der Tat war. Wir fanden sie in einem geräumigen, auf Ionischen
Marmorsäulen ruhenden Gartensaale, von einem kleinen Kreise dem Ansehn nach
feiner junger Männer umgeben, und, wie es schien, in einem lebhaften Gespräche
begriffen. Schon von ferne, bevor es möglich war ihre Gesichtszüge genau zu
unterscheiden, däuchte mir ihre Gestalt die edelste, die ich je gesehen hätte.
Ihr Anzug war mehr einfach als gekünstelt und eher kostbar als schimmernd;
leicht genug, um einen Bildner, der keine schöne Form unangedeutet lassen will,
zu befriedigen, aber zugleich so anständig dass selbst die Grazie der Scham nicht
untadeliger bekleidet werden könnte. - Die hat einen feinen Tact für ihre Kunst,
dachte ich. Aber stelle dir vor, mein Freund, wie gewaltig ich überrascht wurde,
da ich ein paar Schritte näher die nämliche Dame in ihr zu erkennen glaubte, mit
welcher ich vor drei Jahren zu Korint auf eine so seltsame Art in Bekanntschaft
gekommen war, ohne damals ihren Stand und Namen erfahren zu können. Ich musste
alle meine Gewalt über mich selbst zusammenraffen, um der edeln Unbefangenheit,
womit sie mich empfing, keine grössere Betroffenheit entgegenzusetzen, als sich
allenfalls mit der Wirkung ihrer Schönheit auf jeden, der sie zum erstenmale
sah, entschuldigen liess. Dass ich es wollte, war ich mir deutlich genug bewusst;
doch zweifle ich sehr, ob es mir in der ersten Viertelstunde so gut gelang als
ich wünschte; denn gewöhnlich verrät einer durch die Bemühung, etwas unter
seinem Mantel zu verbergen, dass er etwas verberge, und dies ist genug, um die
Aufmerksamkeit aller Umstehenden zu erregen. Das Wahre ist, dass die Furcht mich
zu irren und das Verlangen mich nicht zu irren, den Blicken, womit ich sie durch
und durch zu erspähen und nach allen Dimensionen auszumessen scheinen musste, mir
(wie sie mir in der Folge selbst sagte) etwas zu gleicher Zeit so schüchtern
Unverschämtes, Gieriges und Erstauntes gab, dass sie selbst Mühe gehabt hätte
sich in gehöriger Fassung zu erhalten, wenn sie nicht auf diese, bloss von meiner
Seite unerwartete Zusammenkunft vorbereitet gewesen wäre. In der Tat hatte sie
sich in den drei Jahren, die seit der ersten verflossen waren, dermassen
verschönert, dass, ungeachtet das Bild meiner Korintischen Anadyomene noch wenig
in meiner Erinnerung verloren hatte, oder vielmehr eben deswegen, ein kleines
Misstrauen in meine Augen oder in mein Gedächtnis ganz natürlich war. Sie war
indessen merklich grösser geworden, und die Blüte ihrer prächtigen Gestalt
schien so eben den Augenblick der höchsten Vollkommenlieit erreicht zu haben;
den Augenblick, wo die Fülle der hundertblättrigen Rose sich nicht länger in der
schwellenden Knospe verschliessen lässt, sondern mit Gewalt aufbricht, um ihre
glühenden Reize der Morgensonne zu entfalten. Dies verbreitete einen so
blendenden Glanz um sie her, dass ich, wiewohl die Aehnlichkeit mit sich selbst
zu entschieden war um nicht jeden aufsteigenden Zweifel sogleich wieder
niederzuschlagen, doch nicht aufhören konnte, mich durch immer wiederholtes
Anschauen von einer so angenehmen Wahrheit immer gewisser zu machen. Bei allem
dem behielt ich doch noch so viel Besonnenheit, um, zu meinem Troste,
wahrzunehmen, dass die andern Anwesenden (den einzigen Eurybates vielleicht
ausgenommen), jeder für sich zu stark mit unsrer schönen Wirtin beschäftigt
waren, um sich viel um mich zu bekümmern. Auch blieb mir nicht unbemerkt, dass
sie selbst am wenigsten gewahr zu werden schien, dass etwas Besonderes in mir
vorgehe; und wenn mich ein paar verstohlne Seitenblicke nicht verständiget
hätten, würde die höfliche Kälte, womit sie sich gegen mich benahm, neue Zweifel
haben erregen müssen. Diese nur mir verständlichen Blicke sagten mir so
zuverlässig sie sei es, dass keine Möglichkeit zu zweifeln übrig blieb; und nun
war es auch um so viel leichter, die Rolle einer ganz neuen Bekanntschaft
natürlich genug zu spielen, um selbst den beobachtenden Eurybates dadurch zu
täuschen, und den leisesten Verdacht eines frühern Verhältnisses zwischen uns
unmöglich zu machen. Ich überliess mich jetzt mit meinem gewöhnlichen Frohsinn
oder Leichtsinn, wenn du willst, dem heitern Genuss des schönsten Abends, den ich
bisher erlebt hatte, und ich wollte alles in der Welt wetten, dass Tantalus an
der Tafel Jupiters nicht halb so glücklich war, als ich im Speisesaal dieser
irdischen Göttin, welche, nicht zufrieden, uns mit dem Ambrosia und Nektar ihrer
Schönheit und ihres Witzes zu sättigen, ausserdem noch allem aufgeboten hatte,
was Land und Meer und die Kunst eines Korintischen Kochs vermochte, um selbst
den Gaumen eines Sybariten zu befriedigen.
    Nimm es als einen Beweis der Stärke meiner Liebe zu dir auf, dass ich in
diesen Stunden der süssesten Seelenberauschung, wo es so leicht war, ein
leteisches Vergessen alles dessen, was man sonst liebte, aus den Augen dieser
neuen Circe zu trinken, mehr als einmal herzlich wünschte: möchte doch mein
Kleonidas hier sein, wär' es auch auf Gefahr seiner ersten Liebe ein wenig
ungetreu zu werden! Es ist, denke ich, dem Menschen überhaupt, und vor allen dem
Künstler, zuträglich, in allen Gattungen und Arten das Höchste gesehen zu haben.
    Eine vollkommene Schönheit ist in Griechenland und vermutlich allentalben
etwas sehr Seltenes; die Vereinigung einer solchen Schönheit mit geistigen
Reizungen noch seltner. Dies vorausgesetzt, ist die schöne Lais unter den
Griechischen Weibern, was der Phönix unter den Vögeln ist. Ich habe die berühmte
und von Sokrates selbst geschätzte Aspasia, wiewohl in einem schon ziemlich
vorgerückten Alter, mehrmal gesehen und gesprochen; sie kann selbst in der
Blüte ihrer Schönheit nie ein Recht gehabt haben, mit Lais um den goldnen Apfel
zu streiten. An Stärke des Geistes und an Kenntnissen mag ihr vielleicht der
Vorzug bleiben; aber an Lebhaftigkeit und Vielgestaltigkeit des Witzes und der
Laune ist Lais vielleicht einzig. Die feinsten Wendungen der scherzenden oder
nur leicht ritzenden Ironie sind ihr so geläufig, als ob sie bei meinem alten
Mentor in die Schule gegangen wäre. Sie spricht gern und viel, und findet immer
den zierlichsten Ausdruck und das rechte Wort ungesucht auf ihren Lippen.
    Ohne wie Kassandra76 vom Delphischen Gotte besessen zu sein, glaube ich
voraus zu sehen, dass diese neue Helena in ihrer Art wenigstens eben so viel
Unheil unter den ohnehin so leicht entzündbaren Griechen unsrer Zeit anrichten
wird, als die Tochter der Leda unter den Achäern und Trojanern des heroischen
Zeitalters. Was sie in meinen Augen am gefährlichsten macht, ist ein gewisser
unnennbarer Zauber, den ein Dichter mit den unsichtbaren und unzerreissbaren
Schlingen vergleichen würde, welche Homers Vulcan aus hinterlistigen Absichten
um das Lager seiner treuen Gemahlin legte. Weil ich mich nicht gern mit
unerklärbaren und nichts erklärenden Wörtern behelfe, so habe ich in aller
Stille ausfindig zu machen gesucht, worin dieser magische Iynx77 (mit Sokrates
zu reden) eigentlich bestehe, und, so viel ich jetzt davon sagen kann, dünkt
mich, er liege darin, dass sie sich aller ihrer Reizungen immer bewusst ist, ohne
dass es scheint, als ob sie ihrentwegen Anspruch an grosse Bewunderung mache, oder
mit geheimen Anschlägen auf Eroberungen umgehe. Sie scheint in vollkommener
Selbstgenügsamkeit sich mit der Gewissheit zu befriedigen, es hange nur von ihr
ab, sobald sie Lust dazu habe, jeden Sterblichen zum Gott und jeden Weisen - zum
Narren zu machen; da es hingegen in keines Mannes Gewalt stehe, mehr über sie zu
gewinnen, als sie ihm freiwillig einzuräumen geneigt sei. Sie bedient oder
begibt sich dieses Vorrechts mit gleicher Sorglosigkeit, ohne Anschein einer
besondern Absicht; aber wenn sie sich dessen bedient, tut sie es öfters mit
einem Mutwillen der an Grausamkeit gränzt, wiewohl es vielleicht blosser
Naturtrieb, ihre Macht zu versuchen, sein mag. Sie schiesst ihre Strahlen umher,
wie die Sonne die ihrigen ergiesst, unbekümmert wohin sie fallen und wie sie
wirken, ob sie erwärmen und beleben, oder auftrocknen, versengen und zerstören.
Dass die Sprache der Griechen keinen Namen für diesen gefährlichen Charakter hat,
beweiset vermutlich, dass die schöne Lais in ihrer Art die erste ist.
    Ich sehe dich für die Freiheit und Ruhe deines Aristipp zittern; aber sei
unbesorgt, mein Freund! Der Salamander, sagt man, befindet sich sehr wohl in
eben dem Feuer, worin andre lebendige Wesen verzehrt werden. Ich schwöre dir,
dass ich in meinem Leben nie freier, heitrer und aufgeräumter war als diesen
Abend. Nicht als ob ich mich einer Gleichgültigkeit rühmen wolle, die mir im
Grunde wenig Ehre machen würde; genug, Lais selbst scheint zu merken, dass sie an
einen jungen Mann geraten ist, den Hermes mit dem berühmten Kräutchen Moly78,
das alle Bezauberung unkräftig macht, bewaffnet hat, und ich denke wir wollen
noch sehr gute Freunde werden. Überdies war auch hier keine Ursache zur
Eifersucht; ich sah keinen Begünstigten; und wie hätte ich mich darüber ärgern
sollen, gerade so viele Nebenbuhler zu sehen als Personen zugegen waren? Das
wird nun einmal in den nächsten zehen oder zwanzig Jahren nicht anders sein.
Alles kommt darauf an, nicht ob man ihr gefallen will (wer wollte das nicht?),
sondern ob man ihr gefällt, und das muss man den Göttern und ihrer Laune
anheimstellen. Ausschliessliche Anmassungen an ein solches Wesen machen zu wollen,
wäre, nach meiner Vorstellungsart, als wenn Einer Sonne und Mond für sich allein
behalten wollte. Wenn ich auch die Macht des grossen Königs79 besässe, ich würde
schwerlich töricht genug sein, ein solches Unrecht an ihr und an mir selbst zu
begehen. Wer wäre berechtigt frei zu sein, wenn ein so hoch von der Natur
begünstigtes Weib es nicht sein sollte? Und wie wenig müsste der seinen eigenen
Vorteil kennen, der, wenn er es auch vermöchte, die Liebesgöttin zu seiner
Sklavin machen wollte?
    Wir brachten einen Teil der Nacht mit den gewöhnlichen Ergötzlichkeiten zu,
womit die Griechen ihre Symposien zu würzen pflegen. Die schöne Lais hat
verschiedene niedliche junge Sklavinnen, die mit Fertigkeit tanzen, singen und
auf allen Arten von besaiteten Instrumenten spielen. Die Unterhaltung wechselte
bald mit muntern Gesprächen, bald mit Musik und mimischen Tänzen ab, und die
Dame des Hauses selbst war so gefällig, oder (wie es einige von uns nannten) so
grausam, uns zum Abschied mit einer wahren Sirenenstimme ein süsses Liedchen von
Anakreon zu singen, wobei vermutlich jedermann eben dasselbe fühlte, was
Odysseus als der einladende Zaubergesang der Töchter des Achelous über die
Wellen zu ihm herüber schallte; und im Weggehen versicherte mehr als Einer, dass
er die Erlaubnis zu bleiben mit dem Schicksal der Unglücklichen, die in die
Klauen jener mörderischen Sängerinnen gerieten, nicht zu teuer erkauft
gehalten hätte. Dass ich keiner von diesen war, kannst du mir auf mein Wort
glauben.
    Es hatte sich zufälligerweise gefügt, dass ich an diesem Tage den Ring am
Finger trug, in welchen ich die Haare meiner Korintischen Unbekannten hatte
fassen lassen; und so konnt' es nicht wohl fehlen, dass ich Gelegenheit fand, ihr
meine Hand, als wie von ungefähr, nahe genug zu bringen, dass sie ihr durch den
Druck einer Feder aus dem Kasten des Rings heraufgebrachtes Geschenk erkennen
konnte. Ein leises Erröten und ein lächelnder Blick, der unsre alte
Bekanntschaft zu gestehen schien, versicherte mich dessen, und mehr verlangte
ich für diesmal nicht.
 
                                      14.
                               An Ebendenselben.
Diesen Morgen zog mich, ich weiss nicht was - oder vielmehr, ich wusste sehr wohl
was - in das anmutige Platanenwäldchen, das die Gränze zwischen dem Landgute
meines Wirts und den Gärten der schönen Lais zieht. Es stände jetzt nur bei
mir, lieber Kleonidas, dir weiss zu machen, dass ich so gut wie mein alter
Sokrates einen kleinen Dämon in meinen Diensten habe, und das noch dazu mit dem
Vorzuge, dass der meinige, anstatt mich (wie der Sokratische) bloss abzumahnen
wenn ich etwas nicht tun soll, mir z.B. ganz vernehmlich zuflüsterte: wenn du
in das Platanenwäldchen gingest, würdest du einer schönen Nymphe begegnen, die
vermutlich so wenig vor dir davon liefe als du vor ihr. Ich will aber ehrlich
mit dir verfahren, und nicht mehr aus mir machen als sich gebührt; und so kannst
du dir die Sache, wenn du willst, ganz natürlich vorstellen. In beiden Fällen
wird das Nämliche herauskommen. Denn kurz und gut, als ich auf meinem
Spaziergange an die Gartenhecke unsrer Nachbarin kam, sah ich sie durch eine
halb offne Tür, in einem zierlichen Morgenanzug, beschäftigt einige so eben
aufbrechende Rosen im Gebüsch abzuschneiden, und dazu eines von Anakreons
Liedern auf die Rose halb zu singen, halb zu sumsen, wie man zu singen pflegt,
wenn man nur sich selbst zum Zuhörer hat. Sie erblickte mich sogleich, indem ich
mit der dreisten Schüchternheit, die mir (wie die Mädchen sagen) so wohl ansteht
- vermutlich weil etwas Kunst dabei ist - gleichsam ungewiss, ob ich es wagen
dürfe weiter zu gehen, in der Tür stehen blieb. Sie kam mir einige Schritte
entgegen. Du scheinst, fiel sie mir ins Wort, da ich eine Entschuldigung zu
stottern anfing, mit einer Gabe zu glücklichen Würfen geboren zu sein, Aristipp.
Wer hätte gedacht, dass wir uns in weniger als zwei Jahren zu Aegina wiedersehen
würden? - Und das in einem so reizend aufblühenden Rosengebüsche, setzte dein
Freund hinzu. - »Glaubst du auch an Vorbedeutungen?« - Wenn sie meinen Wünschen
entgegenkommen, ja. - »Da du dich nun einmal (versetzte sie lächelnd) eben so
unschuldig, wie ich glauben will, als ehmals zu Korint, in mein Gebiet verirrt
hast, würde mir's übel ziemen dich unbewirtet zu entlassen. Ich will das
Frühstück in die Myrtenlaube dort bringen lassen, und wir setzen uns zusammen
und schwatzen die Morgenstunden vorbei, wenn du nichts Angenehmeres zu versäumen
hast.«
    Meine Antwort kannst du leicht erraten, Kleonidas; aber was du vielleicht
nicht erraten hättest, war, dass es unvermerkt Mittag und Abend wurd, ohne dass
wir eher ans Abschiednehmen dachten, bis uns die untergehende Sonne daran
erinnerte. Das Benehmen meiner schönen Wirtin war munter, offen und absichtlos,
immer anständig und edel, ohne Ziererei und Ansprüche, und doch zugleich so
traulich, als ob wir nicht anders als Freunde sein könnten. Mit Einem Worte, du
kannst dir nichts Liebenswürdigeres denken als sie, und keinen glücklichern
Sterblichen als mich, der, im Genuss des Gegenwärtigen gänzlich befriedigt,
keinen Augenblick Zeit hatte zu denken dass noch viel zu wünschen übrig sei, und
(was dir vielleicht unglaublich scheinen mag) auch nicht durch die leiseste
Begierde daran erinnert wurde. Dies ist, denke ich, die natürliche Wirkung der
vollkommenen Schönheit, wenigstens auf einen Menschen meiner Sinnesart; und
hätten die Grazien nicht so viel Reiz und Anmutendes über alles was sie sagt
und tut, bis auf die leiseste Bewegung der Falten an ihrem Gewand, ausgegossen,
ich glaube ich könnte Jahre lang täglich um Lais gewesen sein, ohne jemals aus
dem süssen Schlummer, worin ihr Anschauen meine Sinne liess, aufzuwachen. Seltsam
wirst du sagen; aber so ist's! Oder vielmehr, so war und blieb es - rate wie
lange? - Beim Poseidon! Vier ganzer Sommertage lang; und ohne einen zufälligen
Umstand, der dir die Sache zu gehöriger Zeit begreiflich machen wird, dürften es
vielleicht, Amor und Aphrodite verzeihen mir's! eben so viele Wochen oder Monate
gewesen sein.
    Dass neu angehende Freunde, wovon der eine aus Cyrene und der andere aus der
Pelopsinsel kommt, einander ihre Geschichte erzählen, versteht sich von selbst.
Die meinige war bald abgetan, wiewohl Lais nicht glauben wollte, dass ich noch
so sehr Neuling sei, als ich, mit völliger Wahrheit wie dir bekannt ist, zu sein
vorgab, oder vielmehr mit Bescheidenheit andeutete. Die ihrige war indessen
nicht viel reicher an Abenteuern; und da du das Beste an ihrer Erzählung, den
Zauberklang ihrer Stimme und den Geist ihrer Augen entbehren musst, so will ich
sie so kurz als möglich zusammenfassen.
    Lais wurde zu Hykkara in Sicilien geboren. Sie erinnerte sich, dass sie in
einem grossen Hause auferzogen wurde, und dass ihr zwei Sklavinnen zu ihrer
Besorgung zugegeben waren. Sie war ungefähr sieben Jahr alt, als sie das Unglück
hatte (ich nenn' es Glück, und du wirst mir's nicht verdenken), bei Eroberung
und Zerstörung ihrer Vaterstadt durch den bekannten Atenischen Feldherrn
Nikias, vermöge des barbarischen Rechts des Sieges, das unter unsern Völkern zu
ihrer Schande noch immer gilt, in die Sklaverei zu geraten, und mit andern
Kindern ihres Alters an den Meistbietenden verkauft zu werden. Leontides, ein
reicher Korintischer Eupatride, kaufte sie, und bezahlte sie beinahe so teuer,
als ein marmornes Mädchen von einem Polyklet oder Alkamenes. Dieser Leontides
war immer ein grosser Liebhaber aller schönen Dinge gewesen; und wiewohl er im
Dienste der Paphischen Göttin bereits grau zu werden begann, oder vielmehr eben
deswegen, kam er auf den Gedanken, sich an der kleinen Laidion Trost und
Zeitvertreib für seine alten Tage zu erziehen. Er liess ihr also Unterricht in
allen Musenkünsten und überhaupt eine so liberale Erziehung geben, als ob sie
seine Tochter gewesen wäre, ergötzte sich in der Stille an ihren schnellen
Fortschritten, und belohnte sich selbst zu rechter Zeit für alles, was er auf
sie gewandt hatte, so gut als Gicht, Podagra und Hüftweh es erlauben wollten.
Dagegen betrug auch sie sich so gefällig und dankbar gegen ihn, und leistete ihm
die Dienste einer Krankenwärterin etliche Jahre lang mit so viel Sorgfalt,
Geschicklichkeit und gutem Willen, dass er ihr seine Erkenntlichkeit nicht stark
genug beweisen zu können glaubte. Sie lebte in seinem Hause als ob sie seine
Gemahlin wäre, schaltete nach Belieben über sein Vermögen, und durfte sich der
Freiheit, die er ihr geschenkt hatte, um so unbeschränkter bedienen, da er
Ursache zu haben glaubte, sich auf ihre Klugheit und Bescheidenheit zu
verlassen. In dieser Lage befand sie sich, als ich, durch den bewussten Zufall,
eine Art von Aktäon (wiewohl mit besserm Glück) bei ihr zu spielen berufen
wurde; und der plötzliche Einfall, sich auf Unkosten eines zudringlichen
Unbekannten eine kleine Lust zu machen, wobei sie selbst nichts zu wagen sicher
war, hätte einer lebhaften jungen Sicilianerin, welche die schönste Blumenzeit
ihres Lebens einem abgelebten gichtbrüchigen Liebhaber aufzuopfern sich gefallen
liess, von meinem runzligen Freunde Antistenes selbst nicht übel gedeutet werden
können. Bald nach dieser Begebenheit starb der alte Leontides, und hinterliess
seiner schönen Wärterin die Freiheit zu leben wie und wo sie wollte, nebst einer
beträchtlichen Summe an baarem Gelde und dem zierlichen Landsitz zu Aegina, der
zwar von keinem grossen Ertrag, aber durch seine reizende Lage und die Schönheit
der Gebäude und Gärten beinahe so einzig in seiner Art ist, als seine Besitzerin
in der ihrigen.
    Die schöne Wittwe des Korintischen Eupatriden befindet sich nun, wie du
siehest, in einer Lage, die derjenigen ziemlich ähnlich ist, in welche Prodikus
seinen jungen Hercules auf dem Scheidewege80 setzt. Zwei Lebenswege liegen vor
ihr, zwischen welchen sie, wie sie selbst glaubt, wählen muss. Soll sie, kann
sie, bei diesem lebhaften Bewusstsein einer Schönheit und einer Zaubermacht, die
ihr, sobald sie will, alle Herzen und alle Begierden unterwirft, bei solchen
Talenten und einem Triebe zur Unabhängigkeit, dessen ganze Stärke sie in ihrer
vorigen Lage kennen zu lernen Gelegenheit hatte, sich entschliessen, mit
Aufopferung ihrer Freiheit und ihres ganzen Selbst an einen Einzigen, das ist,
mit Gefahr einer ewigen Reue, sich in die venerable Gilde der Matronen
einzukaufen? - oder soll sie, mit Verzicht auf diesen ehrenvollen Titel, sich
auf immer der reizenden Freiheit versichern, nach ihrem eignen Gefallen
glücklich zu sein, und glücklich zu machen wen sie will.
    Es müsste einem Paar hochweiser Zottelbärte komisch genug vorgekommen sein,
wenn sie, hinter unsrer Myrtenlaube verborgen, eine junge Dame wie Lais, und
einen schwarzlockigen wohlgenährten Philosophen von zweiundzwanzig Jahren, mit
einer zwischen Pytagorischer Sophrosyne81, Sokratischer Ironie, und
Aristophanischer Leichfertigkeit leise hin und her schwebenden Miene, in der
ernstlichsten Conferenz über diese Frage hätten behorchen können. Nichts müsste
ihnen lustiger vorgekommen sein, als das anscheinende Vertrauen der jungen
Schönen zu der Weisheit eines beinahe eben so jungen Freundes, dessen eigenes
Interesse bei der Sache stark genug in die Augen fiel, um ihr seinen Rat auf
jeden Fall verdächtig zu machen.
    Das Wahrste bei dieser Beratschlagung war indessen, dass die schöne Lais
recht gut wusste, wozu sie sich bereits entschlossen hatte. Vermutlich war es
ihr mehr darum zu tun, mir ihre eigene Art über diese Dinge zu denken
mitzuteilen, als sich in der Meinung, dass ich sie nicht anders als billigen
könne, zu bestärken. Dies glaubte ich in ihren Augen zu lesen, da sie, nachdem
sie das Problem besagtermassen gestellt hatte, sich auf einmal mit der
treuherzigen Frage an mich wandte: was rätst du mir nun, Aristipp? - Sage mir
deine Meinung ohne Zurückhaltung, und, wenn du die Forderung nicht unbillig
findest, so unbefangen, als ob du der Mann im Monde wärest, und einer Bewohnerin
des Hesperus raten solltest.
    Was du von mir verlangst, schöne Lais (antwortete ich ihr), ist eben nicht
ganz so leicht als du zu glauben scheinst. Indessen wär' es mir wenig rühmlich,
wenn ich schon zwei Jahre um den weisesten aller Menschen (mit der Delphischen
Priesterin zu reden) gewesen wäre, und nicht wenigstens eine Hand voll
brauchbarer Maximen auf die Seite gebracht hätte, womit ich mir und andern bei
Gelegenheit aushelfen könnte. Eine dieser Maximen ist: wenn ich um Rat gefragt
werde, immer zu raten was mir wirklich für die fragende Person das Beste
scheint; aber zugleich ehrlich zu gestehen, dass, wofern ich selbst auf irgend
eine Art dabei betroffen bin, immer auch, mit oder ohne klares Bewusstsein,
einige Rücksicht auf meine eigene Wenigkeit dabei genommen wird. So würde ich
z.B. wenn ich dächte, dass eine geheime Vorliebe zu dem ehrsamen Matronenstande
in deinem schönen Busen schlummere, und ich selbst etwa der Glückliche sei, mit
dem du deine Freiheit in die Schanze zu schlagen Lust hättest, nicht umhin
können dich vor mir zu warnen, weil in diesem Falle Zehn gegen Eins zu wetten
wäre, dass es uns beide gereuen würde, mich dir geraten, dich mir gefolgt zu
haben. Eine andere meiner Lebensmaximen ist, meine Handlungen so wenig als
möglich von den Meinungen andrer Leute abhangen zu lassen. Ich müsste mich sehr
irren, wenn diese Regel nicht auch für dich gemacht wäre. Endlich ist auch bei
mir festgesetzt, dass die Person den Stand, nicht der Stand die Person adeln muss.
Ich sehe keine Unmöglichkeit, warum ein junges Frauenzimmer von deinen seltenen
Vorzügen, in der unabhängigen Lage worein dich dein alter Patron gesetzt hat,
unter dem Schutz der Grazien nicht so viel Freiheit, als ihr selbst zuträglich
ist, mit einem gehörigen Betragen, dem die Welt ihren Beifall nie versagt,
sollte vereinigen können. Mein Rat, schöne Freundin, wäre also - mit mehr oder
weniger Rücksicht auf meine Maximen, wenn du willst, zu tun was dir dein Herz
und deine Klugheit eingeben.
    Ich bin mit deinem Rat vollkommen zufrieden, weiser Aristipp, versetzte sie
mit einem Lächeln, wie die Augen der Liebesgöttin lächeln mögen, wenn ihr Blick
von ungefähr in einen Spiegel fällt. Höre mich also an, mein Freund; denn ich
will mich dir so unzurückhaltend erklären, wie Personen meines Geschlechts kaum
mit sich selbst zu reden pflegen. Ich habe noch so wenig Gelegenheit gehabt die
Stärke oder Schwäche meines Herzens aus Erfahrung kennen zu lernen, dass es
Vermessenheit wäre, wenn ich, wie der Sohn der Amazone82 beim Euripides Amorn
und seiner Mutter Trotz bieten wollte. So weit ich mich indessen kenne, scheint
es nicht als ob die Leidenschaft, die der besagte Dichter an seiner Phädra so
unübertrefflich schildert, jemals mehr Gewalt über mich erhalten werde, als ich
ihr freiwillig einzuräumen für gut finde; und ich wünsche vor jeder andern
Torheit so sicher zu sein, als vor dem lyrischen Einfall, aus Liebe zu irgend
einem Phaon der schönen Sappho den Sprung vom Leukadischen Felsen nachzutun.
Bei allem dem gestehe ich gern, dass ich den Umgang mit Männern eben so sehr
liebe, als mir die Unterhaltung mit den Griechischen Frauen vom gewöhnlichen
Schlage unerträglich ist. Du weisst vermutlich, wie wenig bei der Erziehung der
Griechischen Töchter in Betrachtung kommt, dass sie auch eine Seele haben, und
dass die Seele kein Geschlecht hat. Sie werden erzogen um so bald als möglich
Ehfrauen zu werden; und der Grieche verlangt von seiner ehlichen Bettgenossin
nicht mehr Geist, Talente und Kenntnisse, als sie nötig hat, um (wo möglich)
schöne Kinder zu gebären, ihre Mägde in der Zucht zu halten, und die Geschäfte
des Spinnrockens und Webestuhls zu besorgen. Ist sie überdiess sanft, keusch und
eingezogen, trägt sie wie die Schnecke ihr Gynäceon83 immer auf dem Rücken, und
verlangt von keinem andern Manne gesehen zu werden als von ihm, lässt sich an und
von ihm alles gefallen, und glaubt in Demut, dass es keinen schönern, klügern
und bravern Mann in der Welt gebe als den ihrigen: so dankt er den Göttern, die
ihn mit einem so frommen tugendsamen Weibe beschenkt haben, ist höchlich
zufrieden, und hat wahrlich Ursache es zu sein. Vor der langen Weile, die ihm
eine so fromme und tugendreiche Hausfrau machen könnte, weiss er sich schon zu
verwahren. Er sieht sie so wenig als möglich: und verlangt er einen angenehmern
weiblichen Umgang, so hält er sich irgend eine liebenswürdige Gesellschafterin
auf seinen eigenen Leib, oder bringt von Zeit zu Zeit einen Abend mit seinen
Freunden in Gesellschaft von Hetären zu. Und wie könnt' es anders sein, da unsre
ehrbaren Frauen, von aller männlichen Gesellschaft zeitlebens ausgeschlossen und
auf den Umgang mit ihren Mägden, Schwestern, Basen und Nachbarinnen
eingeschränkt, aller Gelegenheit sich zu entwickeln, und die Eigenschaften,
wodurch man gefällt und interessant wird, zu erwerben schlechterdings beraubt
sind? - Was bleibt also einer jungen Person meines Geschlechts, wenn sie mit der
Gabe zu gefallen und einem Geiste, der sich nicht in den engen Raum eines
Frauengemachs einzwängen lassen will, von Mutter Natur ausgestattet worden ist,
was bleibt ihr anders übrig, als entweder sich selbst und das ganze Glück ihres
Lebens der leidigen Landessitte aufzuopfern; oder die Freiheit mit allen Arten
gebildeter und liebenswürdiger Männer Umgang zu haben (als das einzige Mittel
wie sie selbst entwickelt und gebildet werden kann), dadurch zu erkaufen, dass
sie sich gefallen lässt - zu einer Classe gerechnet zu werden, die der weise
Solon zwar durch einen schonenden Namen gewissermassen zu Ehren gezogen hat, die
aber doch sowohl durch ihre Bestimmung als den Charakter und die Sitten des
grössten Teils ihrer Mitglieder von einem unheilbaren Vorurteil gedrückt wird,
und mit einem Flecken behaftet ist, den alle Vorzüge einer Korinna, Sappho und
Aspasia nicht auszulöschen vermögen. Oder könntest du mir einen andern Weg, dem
gemeinen Schicksal der frommen und tugendhaften Frauen und - der tödlichen
Langweile ihres Umgangs zu entgehen, zeigen, Aristipp?
    Ich. Wo wolltest du einen Gemahl finden, der dich für das unendliche Opfer,
das du ihm bringen müsstest, entschädigen könnte, wenn er auch wollte, und von
dem du gewiss wärest, er werde es immer wollen?
    Sie. Wenigstens wirst du mir zugeben, dass ich einiges Recht hätte, auch von
ihm ein grösseres Gegenopfer zu verlangen, als er mir vermutlich zu bringen
geneigt wäre. Und gesetzt er wär' es, glaubst du wohl, selbst ein Gott und eine
Göttin könnten, von jeder andern Gesellschaft entfernt, einander lange alles
sein? Ich wenigstens bin mir meines Unvermögens, eine solche Zweisiedlerei in
die Länge auszuhalten, vollkommen bewusst. Gute Gesellschaft, oder was in
Griechenland wenigstens eben so viel ist, Männergesellschaft, ist für mich ein
unentbehrliches Bedürfnis. Ich habe zu wohl erfahren, was es ist, mit einem
einzigen Manne und mit lauter Weibern zu leben, um das Experiment zum
zweitenmale zu machen! - Es ist also fest beschlossen, Aristipp, ich werde meine
Freiheit behalten, und mein Haus wird allen offen stehen, die durch persönliche
Eigenschaften oder Talente berechtigt sind eine gute Aufnahme zu erwarten.
    Ich. Gegen diesen heroischen Entschluss kann niemand weniger einzuwenden
haben als ich. Aber - freilich wirst du - wie du selbst sagtest - in der Welt -
    Sie. Nur heraus mit dem Worte! - Für eine Hetäre passiren? Vermutlich. Aber
warum sollt' ich mich über das Vorurteil, das auf diesem Namen liegt, nicht
hinwegsetzen? Jeder Stand in der Gesellschaft hat gewisse Vorurteile gegen
sich. Unsre ehrbaren Matronen passiren, im Durchschnitt genommen, für Gänse und
Elstern, oder, falls sie Verstand genug dazu haben, für Heuchlerinnen, die Tag
und Nacht auf nichts als Ränke sinnen, wie sie ihre Männer hintergehen, und die
Vorteile des Hetärenstandes mit der Achtung, die dem Frauenstande gebührt,
zugleich nutzniessen wollen; und wenn man die Komödiendichter hört, so ist noch
die Frage, ob eine Person von Geist und feinem Gefühl nicht mehr Ehre davon
habe, eine so seltne Hetäre wie Aspasia oder Targelia84 zu sein als eine
Matrone, wie unter jedem Hundert, nach der gemeinen Meinung, wenigstens drei
Fünftel sind. Hier oder nirgends tritt der Fall ein, mein Freund, wo ich sehr
Unrecht hätte, meine Entschliessung von der Meinung anderer Leute abhängen zu
lassen. Ich liebe den Umgang mit Mannspersonen, aber als Männer sind sie mir
gleichgültig. Ich kenne sie, denke ich, bereits genug, um die Stärke und den
Umfang der Macht zu berechnen, die ich mir ohne Unbescheidenheit über sie
zutrauen darf. Ich weiss was sie bei mir suchen; und da es bloss von mir abhängt,
sie durch so viele Umwege als mir beliebt im Labyrint der Hoffnung
herumzuführen, so verlass' dich darauf, dass keiner mehr finden soll, als ich ihn
finden lassen will; und das wird für die meisten wenig genug sein. Kurz, du
sollst sehen, Aristipp, wie bald die allgemeine Sage unter den Griechen gehen
wird, es sei leichter die Tugend der züchtigsten aller Matronen in Aten zu
Falle zu bringen, als einer von denen zu sein, zu deren Gunsten die Hetäre Lais
(weil sie doch Hetäre heissen soll) sich das Recht Ausnahmen zu machen vorbehält.
    Sie sagte dies mit einem so reizenden Ausdruck von Selbstbewusstsein und
Mutwillen, dass es mir beinahe unmöglich war, nicht auf der Stelle die Probe zu
machen, ob ich vielleicht unter diese Ausnahmen gehören könnte: aber die Furcht,
durch ein zu rasches Wagestück mein Spiel auf immer zu verderben, zog mich noch
stark genug zurück, dass ich Meister von mir selber blieb. Solltest du, sagte
ich, indem ich eine ihrer Lilienhände, die in diesem Augenblick auf ihrem
Schoss lag, etwas wärmer als der blossen Freundschaft zukommt, mit der meinigen
drückte, solltest du wirklich harterzig genug sein, ein so grausames Spiel mit
uns Armen zu treiben, als du dir jetzt einzubilden Belieben trägst? -
Harterzig? versetzte sie mit spottendem Lächeln, ihre Hand schnell unter der
meinigen wegziehend, indem sie sich eben so schnell von der Bank, wo wir sassen,
aufschwang und wie eine Göttin vor mir stand; zum Beweise, dass ich es wenigstens
nicht für dich bin, lass' dir ein für allemal raten, Freund Aristipp, keine
Kunstgriffe bei mir zu versuchen. Unser Verhältnis ist von einer sehr zarten
Art; ich erlaube dir den Augenblick zu belauschen, aber hüte dich, ihm
zuvorzukommen! Beinahe sollt' ich denken, schöne Lais (erwiederte ich), du seist
bei dem weisen Sokrates in die Schule gegangen - »Wie so?« - Weil die Lehre oder
Warnung, die du mir so eben gibst, die nämliche ist, die ich ihn einst einer
jungen Hetäre zu Aten geben hörte. - »Du scherzest, Aristipp; wie käm' ein Mann
wie Sokrates dazu, sich mit dem Unterricht einer Hetäre abzugeben?« - Du kennest
ihn noch wenig, schöne Lais, wie ich sehe. Kein Sterblicher ist freier von
Vorurteilen als er, und das Geschäft seines Lebens ist, allen Arten von
Personen, unbegehrt und ohne auf ihren Dank zu rechnen, Unterricht und guten
Rat zu geben. Er lehrt einen Gerber besseres Leder machen, einen Tänzer
gefälliger tanzen, einen Maler geistreicher malen, einen Hipparchen seine Reiter
und Pferde besser abrichten: warum sollte er nicht auch eine unerfahrne aber
schöne und lehrbegierige junge Hetäre zur Virtuosin in ihrer Kunst zu machen
suchen? - »Du erregst meine Neugier; wolltest du mir wohl das Vergnügen machen,
mir alles zu erzählen, was du von dieser sonderbaren Begebenheit noch im
Gedächtnis hast?« - Sehr gern; ich erinnere mich noch eines jeden Wortes,
wiewohl es schon über Jahr und Tag ist, dass sie sich zugetragen hat. Einer von
den Unsrigen, Kleombrotos von Ambracien, ein junger Schwärmer, wenn je einer
war, erzählte uns, er habe so eben durch einen glücklichen Zufall Gelegenheit
gehabt, das schönste Mädchen in Aten zu sehen, und zwar, wie nicht jedermann
sie zu sehen bekomme; denn sie sitze eben einem Maler als Modell. Da er nicht
aufhören konnte, von der Schönheit dieser jungen Person als einer
unaussprechlichen Sache zu reden, sagte Sokrates endlich lächelnd: wenn das ist,
so könntest du uns den ganzen Tag davon sprechen, ohne dass wir ein Wort mehr
wüssten als zuvor; denn von einer unaussprechlichen Sache einen Begriff durchs
Ohr zu bekommen, ist unmöglich. Da wäre also, sagte dein naseweiser Freund
Aristipp, kein andres Mittel uns zu überzeugen, dass Kleombrotos nicht zu viel
gesagt habe, wiewohl er eigentlich nichts gesagt hat, als dass wir selbst
hingingen und mit eignen Augen sähen. So gehen wir denn, sagte Sokrates.
Kleombrotos führte uns also alle, so viel unser gerade um den Meister waren,
nach der Wohnung der schönen Teodota, mit welcher er durch seinen Freund, den
Maler, schon bekannt war; wir wurden gefällig empfangen, stellten uns in
bescheidener Entfernung um den Künstler her, und sahen - was zu sehen war. - War
das Mädchen wirklich so schön? unterbrach mich Lais im Ton der vollkommensten
Gleichgültigkeit - In der Tat, antwortete ich in eben dem Ton, schön genug, dass
sie mit allen Ehren die Stelle einer von deinen drei Grazien einnehmen könnte.
Schmeichler! sagte sie, indem sie mir einen leichten Schlag auf die Schulter
gab; ich unterbreche dich nicht wieder.
    Als der Maler aufgehört, und die schöne Teodota sich in ein Nebengemach
begeben hatte, um ihren Anzug wieder in die gewöhnliche Ordnung bringen zu
lassen, warf Sokrates, in einem ihm ganz eigenen unnachahmlichen Mittelton
zwischen Scherz und Ernst, die Frage auf: ob wir, die Zuschauer, der schönen
Teodota für die Erlaubnis ihre Schönheiten in einen so genauen Augenschein zu
nehmen, oder Teodota nicht vielmehr uns für die Beschauung, Dank schuldig sei?
und entschied sie, nach Massgabe des ihr oder ihnen wahrscheinlich daraus
zuwachsenden Vorteils oder Nachteils, zu Gunsten der Zuschauer. Immittelst
hatte er, seiner Gewohnheit nach, mit seinen weit hervorragenden scharf
blickenden Augen das Innere des ganzen Hauswesens ausgekundschaftet; und als
Teodota wieder sichtbar ward, machte er ihr sein Compliment über den reichen
und glänzenden Fuss, auf welchem alles bei ihr eingerichtet sei. Das alles setzte
er hinzu, muss dich viel Geld kosten, und ein so grosser Aufwand setzt ein grosses
Vermögen voraus. Du hast ohne Zweifel ein schönes Landgut? - Keine Erdscholle,
antwortete Teodota etwas schnippisch. - »Also vermutlich ein Haus, das dir
ansehnliche Renten abwirft?« - Auch das nicht, erwiederte sie, indem sie ein
paar grosse Augen an den Mann machte, der einer Unbekannten so sonderbare Fragen
vorlegte, und ihr dennoch, seines schlechten Aufzugs ungeachtet, Ehrfurcht und
Zutrauen einzuflössen schien. - »Aha! Nun versteh ich; du bist Eigentümerin
einer grossen Fabrik, worin eine Menge geschickter Arbeiter Geld für dich
verdienen?« - Ich? ich besitze nichts dergleichen. - »Wovon kannst du denn einen
solchen Aufwand machen?« - Die Freigebigkeit meiner guten Freunde, erwiederte
sie errötend, und hielt inne - »Gute Freunde? Das gesteh' ich! Da hast du
allerdings ein grosses Besitztum. Ein Rudel Freunde ist freilich ein ganz andrer
Reichtum als eine Heerde Rinder, Schafe und Ziegen! Aber wie fängst du es an,
schöne Teodota, dass du so gute Freunde bekommst? Lässt du es auf den Zufall
ankommen, ob sich so ein Freund, wie eine Fliege, von ungefähr an dich setzt,
oder gebrauchst du etwas Kunst dazu?« - Ich verstehe dich nicht; wie käme ich zu
einer solchen Kunst? »Wenigstens so leicht als eine Spinne. Du weisst doch wie
sie es machen, um sich ihren Unterhalt zu verschaffen? Sie weben eine Art feiner
Netze; die Mücken verfangen sich darin, und dienen ihnen zur Speise.« - Ich soll
also auch so ein Netz weben, meinst du? - »Warum nicht? Du wirst dir doch nicht
einbilden, dass ein so köstliches Wildbret, als gute Freunde sind, dir so ohne
alle List und Mühe, mir nichts dir nichts, in die Küche laufen werde? Siehst du
nicht, wie mancherlei Anstalten die Jäger machen, um nur einen schlechten Hasen
zu erhaschen? Weil der Hase immer bei Nacht auf die Weide geht, schaffen sie
sich Hunde an, die bei Nacht jagen; und weil er ihnen bei Tage entlaufen würde,
halten sie Spürhunde, die, wenn er von der Atzung in sein Lager zurückgeht,
seiner Fährte folgen und ihn dort zu fangen wissen. Weil er so schnellfüssig ist,
dass er ihnen im Freien gar bald aus den Augen kommt, haben sie Windspiele bei
der Hand, die ihn im Laufen fangen; und da er ihnen auch so vielleicht noch
entrinnen könnte, stellen sie überall, wohin er seinen Lauf nehmen könnte,
Jagdnetze auf, worein er sich verwickeln muss.« - Das alles mag zur Hasenjagd
sehr dienlich sein, sagte Teodota mit einem kleinen spöttischen Naserümpfen;
nur sehe ich nicht, welches von diesen Mitteln mir dienen könnte um Freunde zu
erjagen. - »Was meinst du, Teodota, wenn du dir statt eines Spürhundes jemand
anschaffen könntest, der die Gabe hätte dir die reichen Dilettanten auszuriechen
und in deine Netze zu jagen?« - In meine Netze? Was für Netze hätte ich denn? -
»Das fragst du, schöne Teodota? Eines wenigstens gewiss, das auf alle Fälle
schon weit reicht, und von der Natur selbst gar zierlich gestrickt wurde; und
wie kannst du vergessen, dass du in diesem schönen Leibe eine Seele hast, die
dich lehren könnte, wie du die Augen brauchen musst um die Männer durch deine
Blicke zu bezaubern; was du reden musst um sie aufgeräumt und fröhlich zu machen;
wie du den, der dich ernstlich liebt, durch die Anmut deines Betragens fest
halten, und den Lüstling, der nur in deinen Reizen schwelgen will, abschrecken
und entfernen sollst. Und hast du nicht auch ein Gemüt, das dich an deinem
Freunde Anteil nehmen macht? Das dich antreibt die zärtlichste Sorgfalt an ihn
zu verschwenden wenn er krank ist; ihm die lebhafteste Teilnehmung zu zeigen
wenn er irgend etwas Rühmliches getan hat, und mit ganzer Seele an ihm zu
hangen, wenn er dir Beweise gibt, dass auch er es recht herzlich mit dir meine?
Ich zweifle nicht, du kannst mehr als nur liebkosen, du kannst auch lieben; und
du machst dir ein Geschäft daraus, die Gewalt, die du über die Gemüter deiner
Freunde hast, dazu anzuwenden, sie zu den edelsten und besten Menschen zu
machen.« - Ich versichre dich (sagte Teodota, indem sie den Mund mehr als
nötig war auftat, um uns zwei Reihen der schönsten Perlenzähne zu weisen), von
dem allen ist mir nie etwas in den Sinn gekommen. - »Das ist mir leid für dich;
denn es ist nichts weniger als gleichgültig, ob man den Menschen gehörig und
seiner Natur gemäss behandelt, oder nicht. Mit Gewalt wirst du wahrlich keinen
Freund weder bekommen noch behalten; das ist ein Wild, das sich nicht anders
fangen und an die Krippe gewöhnen lässt, als dass man ihm wohl begegnet und
Vergnügen macht. Das erste also, worauf du zu sehen hast, ist, dass du von deinen
Liebhabern nichts verlangest als was sie dir leicht und mit dem wenigsten
Aufwand gewähren können; das zweite, dass du ihnen in eben dieser Art keine
Gefälligkeit schuldig bleibest. Dies ist ein unfehlbares Mittel zu machen, dass
sie dich immer lieber gewinnen, dich desto länger lieben und desto freigebiger
gegen dich sind. Du weisst, warum es ihnen eigentlich bei dir zu tun ist; und es
ist wohl nicht deine Meinung die Tyrannin mit ihnen zu spielen. Das, wovor du
dich hüten musst, ist also bloss, vor lauter Gefälligkeit, dem Guten nicht zu viel
zu tun. Du siehest dass die leckerhaftesten Gerichte dem, der keine Lust zum
Essen hat, nicht schmecken wollen, und dem Satten sogar Ekel erwecken: kannst du
hingegen deinem Gaste Hunger machen, so wird ihm auch gemeine Kost willkommen
sein.« - Was müsst' ich denn tun (sagte Teodota mit der schafmässigsten Miene in
einem der schönsten Gesichter), um denen die mich besuchen Hunger zu machen? -
»Vor allen Dingen dich wohl in Acht nehmen, ihnen wenn sie satt sind nichts
weiter vorzusetzen, geschweige sie noch gar nötigen zu wollen. Lässest du ihnen
Zeit, so wird der Appetit von selbst wiederkommen; wenn du aber siehest, dass
dies der Fall ist, so übereile dich ja nicht; locke sie durch die artigsten
Manieren, die feinsten Liebkosungen: sei lebhaft, reizend, sogar mutwillig;
aber entschlüpfe ihnen immer wieder wenn sie dich zu haben meinen, und ergib
dich nicht eher, bis du gewiss bist dass sie den höchsten Wert auf deine
Gefälligkeit legen.« - Diese Lehre schien der jungen Person einzuleuchten. Wenn
nur du, sagte sie und lächelte den alten Herrn so holdselig an als ihr möglich
war, wenn nur du mir Freunde jagen helfen wolltest? - »Warum nicht, wenn du mich
dazu bereden kannst?« - Das möchte ich wohl gern, wenn du mir nur sagen
wolltest, wie ich es machen muss. - »Das ist deine Sache; du musst eine Seite
ausfindig machen, wo du mir beikommen kannst.« - So besuche mich nur recht
fleissig, lieber Sokrates! - Ich habe nur nicht viel übrige Zeit, meine gute
Teodota, erwiederte Sokrates, der des Scherzens mit der albernen Puppe
überdrüssig zu werden anfing; meine häuslichen und öffentlichen Geschäfte lassen
mir wenig müssige Augenblicke. Auch habe ich eine hübsche Anzahl guter
Freundinnen, die mich Tag und Nacht nicht von sich lassen wollen, weil ich sie
gar wirksame Liebestränke und Zauberlieder lehre. - Ei, was du sagst! Verstehst
du dich auch auf solche Dinge, Sokrates? - »Wie sollt' ich nicht? Meinst du der
Apollodor und der Antistenes hier gehen mir um nichts und wieder nichts nie von
der Seite? Oder Cebes und Simmias kommen ohne ihre guten Ursachen bloss
meinetwegen bis von Teben hergelaufen? Du begreifst doch dass so was nicht ohne
Hexerei und Liebestränke und Zauberschnüre möglich ist.« - So sei so gut und
leihe mir eine solche Schnur, damit ich sie gleich auf dich werfen kann. - »Ich
will aber nicht zu dir gezogen sein, sagte Sokrates lächelnd, du sollst zu mir
kommen.« - Von Herzen gern, wenn du mich nur annehmen willst. - »Das will ich
wohl, es wäre denn dass eben eine bei mir wäre die ich lieber habe.« - Hier
endigte sich dieser in seiner Art einzige Sokratische Dialog;85 wir empfahlen
uns und gingen lachend unsres Weges. Schade, sagte Lais, dass so viel Witz und
Laune an so ein Attisches Hühnchen verschwendet wurde! Ich hätte mir nie
vorgestellt, dass es eine so erzeinfältige Hetäre in einer Stadt wie Aten geben
könnte. - Das macht, sie ist eine geborne Atenerin, eines ehrsamen Bürgers
Tochter, so wohl erzogen wie du vorhin sagtest dass die Griechischen Töchter
beinahe alle erzogen würden, und bloss durch Armut und Hang zum Müssiggang und
zur Ueppigkeit verleitet, sich in eine Profession zu werfen, worin sie,
ungeachtet aller Mühe, die sich Sokrates selbst mit ihr gegeben, schwerlich
jemals eine Virtuosin zu werden die Miene hat.
    Aber weisst du, sagte Lais, dass ich ganz verliebt in deinen Sokrates bin, und
grosse Lust habe, dich nach Aten zu begleiten und seine Schülerin zu werden? -
Beim Anubis! fuhr ich etwas unbesonnen heraus, ich traue dir Mutwillen genug
zu, einen solchen Einfall, wenn er dich anwandelt, auszuführen. Niemand kann
eine grössere Meinung von deiner Zaubermacht haben als ich; ich glaube dass dir -
alles mögliche möglich ist; und doch wollte ich dir nicht raten, diese Probe an
dem kaltblütigsten Achtundsechziger, den vermutlich der Erdboden trägt, zu
machen - falls es dich etwa verdriessen könnte wenn sie fehl schlüge. - Reize
mich nicht, Aristipp! versetzte sie; wer weiss wie weit ich es, trotz seiner
achtundsechzig Jahre und seiner Kaltblütigkeit, mit Hülfe seiner eigenen
Teorie, bei ihm bringen könnte?
    Ich schmeichle mir, Freund Kleonidas, durch die grossmütige Vertraulichkeit,
womit ich dich an meinem neuen Verhältnis und der schönen Lais Teil nehmen
lasse, einigen Dank von dir zu verdienen; und in dieser gerechten Voraussetzung
könnt' ich mich leicht zu der angenehmen Arbeit entschliessen, eine Art von
Tagebuch über alles Merkwürdige, was während meines Aufentalts in Aegina
vermutlich noch begegnen wird, für dich zu halten. Freilich werd' ich wenig
Zeit zum Schreiben haben, und grosse Arbeitsamkeit ist leider auch keine meiner
glänzendsten Tugenden. Ich will mich also zu nichts anheischig gemacht haben.
Ich überlasse mich, wie du weisst, am liebsten den Eingebungen des Augenblicks,
und so tue ich oft mehr als ich mir selbst zugetraut hatte.
    Mein Wirt Eurybates, der sonst mit Sokratischen Tugenden eben nicht schwer
beladen ist, besitzt wenigstens Eine, und gerade die, wodurch er sich jetzt am
meisten um mich verdient machen kann, in einem hohen Grade; und das ist die edle
Tugend, seinen Freunden nicht durch übermässige Dienstgeflissenheit lästig zu
sein, und sie ihrer Wege gehen zu lassen, wenn er merkt dass ihnen ein Gefallen
damit geschieht. Ich gestehe dass mir anfangs ein wenig bange war, ich möchte ihn
bei der schönen Lais in meinem Wege finden. Aber nichts weniger! man sieht ihn
nie in ihrem Hause als wenn sie grosse Gesellschaft hat, und auch dann ist er
eine ziemlich seltene Erscheinung, und oft schon wieder verschwunden, ehe man
seine Gegenwart recht gewahr wurde. Auch zeigt er nicht die geringste Neugier,
von meinem Verhältnis gegen sie mehr zu wissen als andere. Kurz, es ist etwas
ganz Exemplarisches, wie wenig wir einander mit unsrer Freundschaft beschwerlich
sind. - Ohne Zweifel wundert dich eine solche Gleichgültigkeit gegen eine
Nachbarin, wie es keine andere in der Welt gibt? Es ging mir wie dir; ich
erkundigte mich unter der Hand ein wenig nach seinem Tun und Lassen, und es
entdeckte sich, als ein neues Beispiel der Unlauterkeit aller menschlichen
Tugenden, dass - mein Freund Eurybates bis über die Ohren in Liebe zu einer -
Dame in Aegina, der Frau eines dasigen Ratsherrn, befangen ist, die ihn so
künstlich bei der Nase herumzuführen weiss, dass er sich ihr für das Opfer ihrer
Tugend zu gränzenloser Erkenntlichkeit verbunden glaubt, während die
gleissnerische Spitzbübin einen geheimen Plan mit ihrem ehrenfesten und
wohlweisen Gemahl angelegt hat, ihm ihre besagte Tugend so teuer zu verkaufen,
dass er sich für das, was sie ihn kostet, das schönste Haus, die schönsten
Gemälde und Statuen, die schönsten Pferde und Hunde, und ein Halbduzend der
schönsten Tänzerinnen und Flötenspielerinnen im ganzen Achaja hätte anschaffen
können; wiewohl noch viel fehlt, dass sie die schönste Frau auch nur in Aegina
wäre. So spielt »der Götter und der Menschen Herrscher Amor« einem Abkömmling
des grossen Kodrus mit, mein Freund.
 
                                      15.
                                 An Kleonidas.
Vor einigen Tagen langte ein junger Künstler aus Paros auf dem Landsitze der
schönen Lais an, um ihr eine beinahe vollendete Venus von Parischem Marmor zu
überbringen, welche Leontides, kurz vor seiner Reise in das Land, aus welchem
man nicht wiederkommt, bei ihm bestellt hatte. Sie war für einen kleinen Tempel
in dem Myrtenwäldchen bestimmt, das einen Teil der weitläufigen Gärten dieser
schönen Villa ausmacht; und Lais hatte auf Verlangen ihres Patrons zum Modell
dazu dienen müssen. Es versteht sich, dass diese Venus - zwar nur hier und da von
einem nebelartigen Gewand umflossen, aber doch nicht gewandlos ist; denn zu
einer noch grössern Gefälligkeit hatte sich die junge Dame schlechterdings nicht
bequemen wollen. Die Stellung, die der Eupatride selbst gewählt hat, und die dir
keine schlechte Meinung von seinem Geschmack geben wird, ist der Augenblick, da
die junge Göttin zum erstenmal in der Olympischen Götterversammlung erscheint.
Die Ausführung lässt von dem jungen Künstler, der sich Skopas86 nennt, noch viel
Schönes und Grosses erwarten; aber schwerlich wird er jemals etwas Vollkommneres
aufstellen, als der Kopf und der halb entblösste Oberleib dieser Liebesgöttin
ist. - »Man verlangt von uns,« sagte mir Skopas, dass wir göttliche Naturen nach
einem höhern Ideal bilden sollen als was die menschliche im Einzelnen darstellt:
aber hier war die Rede nicht davon mein Modell zu verschönern; mir war nur bange
dass ich es nicht würde erreichen können, und in der Tat bin ich noch nicht mit
mir selbst zufrieden. - Ich der das Werk freilich mit keinem Künstlerauge ansah,
wusste, sogar wenn Lais dabei stand, nichts zu finden, worin es dem Urbilde noch
ähnlicher sein könnte. Selbst den Geist, der die Beschauer anzusprechen scheint,
ein wundervolles unbeschreibliches Gemische von jungfräulicher Befangenheit und
innigem Selbstbewusstsein dessen was sie ist, hat er aus dem Zaubergesichte
meiner schönen Freundin herausgestohlen; gleich beneidenswürdig, es mag
Geschicklichkeit oder Glück sein, wodurch es ihm gelang. Fühlt ihr's, scheint
sie den um sie her sich drängenden Göttern zu sagen, dass ich die Göttin der
Schönheit bin?
    Dieser Skopas ist ein sehr interessantes Wesen für mich, und wiewohl viel
fehlt, dass ich es auch für ihn sein müsste, so scheint er doch einiges Belieben
an meiner Unterhaltung zu finden, und ich bringe täglich etliche Stunden in
seiner Werkstatt zu. Denn ausser der besagten Venus hat er noch eine Gruppe des
Eros und Anteros, und einige Stücke in halberhabener Arbeit zu fertigen, die für
den kleinen Tempel bestimmt sind. Er ist ein helldenkender Kopf, und hat (wie
ich sehe) ohne es von Sokrates gelernt zu haben, ausfindig gemacht, dass ein Bild
eben so wohl seine eigene Seele zu haben und dessen was es vorstellen soll, sich
bewusst zu sein, als Leben zu atmen, scheinen müsse. Seiner Versicherung nach,
hat er es dem berühmten Sophisten Prodikus zu danken, dass er von Natur und
Kunst, und von dem was für den Menschen in beiden das Höchste ist, klärere
Begriffe hat als die meisten seiner Kunstverwandten. Lais ist nicht selten die
dritte Person in seinem Arbeitsaale, und wenn ich zur Eifersucht geneigt wäre,
so käm' es bloss auf mich an, in dieser hässlichen Leidenschaft schnelle und grosse
Fortschritte zu machen. Denn es ist nicht zu läugnen, dass Skopas durch seine
Venus sich eine Art von Recht an sie erworben hat, und ich müsste mich sehr
irren, oder er hat auf ihre Dankbarkeit um so sicherer gerechnet, da er wirklich
ein liebenswürdiger junger Mann, und, dem Ansehen nach, von unverdorbenen Sitten
ist. Wie ich mich in dieser Lage benehme, fragst du? - wie ein weiser Mann,
Kleonidas! Ich scheine nichts zu merken, nichts zu fürchten, nichts
vorauszusehen; bin offen und vertraulich gegen meinen Nebenbuhler,
freundschaftlich und anspruchlos gegen die Dame des Hauses, und glaube durch
dieses Betragen bei der letztern desto mehr zu gewinnen, da der gute Skopas (wie
alle Göttermacher, denke ich) ziemlich hitzig ist, und einen zu seinem Nachteil
begünstigten Mitwerber nicht so leicht ertragen könnte als ich, der sich's zum
Gesetz gemacht hat, den Grazien keine Gunst weder abverdienen, noch viel weniger
abnötigen zu wollen. Dass wirkliche Gleichgültigkeit die Quelle meiner
anscheinenden Ruhe sein könnte, ist ein Gedanke, der ihr gar nicht in den Sinn
kommt.
    Gestern traf Lais die Einrichtung, dass wir den ganzen Tag ungestört allein
beisammen sein konnten, weil Skopas noch eine Sitzung nötig fand, um den Kopf
seiner Venus zu vollenden. Gleichwohl schien er selbst nicht recht zu wissen,
was noch fehlen sollte, und begnügte sich indessen, hier und da mit leisen
Schlägen an den Haarlocken herum zu spielen. In der Tat hatte er etwas ganz
anderes auf dem Herzen, und weil ihm vermutlich keine feinere Wendung, um die
Sache einzuleiten, beifallen wollte, fing er zuletzt an, eine Art von
missmütiger Laune zu zeigen, zu welcher nirgends ein sichtbarer Grund vorhanden
war. Was fehlt dir, Skopas? fragte ihn Lais endlich in einem so sanften Ton, als
ein übellauniger Ehemann von der geduldigsten Gattin nur immer verlangen könnte.
- »Ich kann es nicht länger verbergen, ich bin ärgerlich, dass einem Bilde wie
dies etwas fehlen soll.« - Und was fehlt ihm denn noch? fragte ich so bescheiden
als einem in den Mysterien der Kunst Uneingeweihten gebührt. - Alles, antwortete
Skopas. - Alles ist viel, sagte Lais mit einem komischen Zucken der Augenbrauen
und Lippen: arme Aphrodite! da müssten wir dich ja gar in irgend einen
unzugangbaren Gartenwinkel verbannen?
    Skopas. Genug, es fehlt ihr dass sie nicht so schön ist als sie sein könnte;
ich nenne dies Alles.
    Lais. Erkläre dich, lieber Skopas. Du siehest mehr als wir andern. Glaubst
du noch etwas verbessern zu können? Bricht sich vielleicht irgend eine Falte
nicht zierlich genug? Ich will dir gern noch stehen, so oft und lange du es
nötig findest.
    Eine Falte? sagte Skopas mit einem schweren Seufzer; die Falten sind es eben
was mich ärgert; die Göttin der Schönheit sollte gar keine Falten haben!
    Lais. Also ein nasses Gewand, meinst du?
    Skopas. Wozu überall ein Gewand? Kann das verwünschte Gewand, wie leicht es
auch geworfen ist, etwas anders tun als die Schönheit umwölken, die, vermöge
ihrer Natur, nichts, was nicht wesentlich zu ihr gehört, an sich dulden kann?
    Lais. Kommst du wieder auf deine alte Grille?
    Skopas. Verzeih', schöne Lais! dass die Göttin der Schönheit auch durch die
zierlichste Bekleidung verliert, ist Natur der Sache; das Grillenhafte - es muss
nun einmal heraus - ist die falsche Scham, die eines edlen und freidenkenden
Wesens unwürdig ist. Dass ein einfältiges Ding von einem Attischen Bürgermädchen,
wiewohl es sich den Augen der Künstler ohne Bedenken stückweise vermietet, sich
mit Zähnen und Klauen wehrt, wenn es sein letztes Gewand fallen lassen soll,
begreift sich und hat immer seine guten Ursachen. Aber was für einen Grund
könnte eine untadelige Schönheit haben, sich verbergen zu wollen? Ohne
Verschleierung gesehen zu werden, ist ja ihr höchster Triumph.
    Lais. Und wenn sie nun keine Lust hätte sich dem möglichen Fall auszusetzen,
von lüsternen Augen entweiht zu werden?
    Skopas. Das ist als wenn die Sonne nicht leuchten wollte, um ihr Licht zu
keinen schlechten Handlungen herzugeben. Vollkommene Schönheit ist das
Göttlichste in der Natur; so betrachtet sie das reine Auge des wahren Künstlers,
so jeder Mensch von Gefühl; für beide ist sie ein Gegenstand der Anbetung, nicht
der Begierde.
    Lais. Das mag von der Göttin selbst gelten, Skopas; aber welche Sterbliche
dürfte sich ohne Übermut einer vollkommenen Schönheit vermessen?
    Skopas. Wenn dies deine einzige Bedenklichkeit ist, so hab' ich gesiegt. Ich
nehme die Verantwortung bei der furchtbaren Nemesis auf meinen Kopf.
    Lais. Komm mir zu Hülfe, Aristipp! du siehst mit was für einem verwegenen
Menschen ich zu kämpfen habe.
    Aristipp. Ich fürchte sehr, du wirst einen schwachen Beschützer an mir
haben. Der Genius der Kunst ist auf seiner Seite; das Ratsamste wäre, däucht
mich, einen gütlichen Vergleich mit ihm zu treffen.
    Lais (in einem tragischen Ton). Auch du gegen mich, du den ich für meinen
Freund hielt? Nun dann, wenn ich ja das Opfer seines Eigensinns werden soll.
    Skopas. Um Vergebung, schöne Lais! Ich fühle dass mich das Interesse meiner
Bildsäule und der Kunst über die Gebühr zudringlich gemacht hat. Ich besinne
mich. Es wäre allerdings unbillig - in der Tat - am Ende bist auch du nur eine
Sterbliche -
    Aristipp. Mir fällt ein Ausweg ein, der, wofern er deinen Beifall hat,
schöne Lais, den Künstler zufrieden stellen könnte. Wenn mich meine Augen nicht
sehr getäuscht haben, so ist unter deinen Aufwärterinnen eine, welche völlig
deine Grösse hat, und, die Gesichtsbildung ausgenommen, dir an Gestalt so ähnlich
ist, dass sie in einiger Entfernung leicht mit dir verwechselt werden könnte. Wie
wenn du diese an deiner Statt der Kunst Preis gäbest?
    Skopas. Dem Aristipp ist's zu verzeihen, einen solchen Vorschlag getan zu
haben; ich machte mich des Namens eines Künstlers auf immer unwürdig, wenn ich
ihn annähme. Meine Venus muss in sich selbst vollendet, muss (so zu sagen) eine
reine Auflösung des Problems der Schönheit sein; nicht das leiseste
Missverhältnis darf die vollkommne Symmetrie aller Teile und die höchste Einheit
des Ganzen stören.
    Lais. Dieses Unglück ist leicht zu verhüten. Wir lassen das Bild, wozu ich
selbst, weil es mein ehmaliger Gebieter wollte, zum Modell dienen musste, wie es
ist, wenig und leicht genug bekleidet, sollt' ich denken, um einen nicht gar zu
eigensinnigen Kunstliebhaber zu befriedigen; und weil Skopas so grosse Lust hat,
seine Idee einer vollkommenen Schönheit in einer ganz entüllten Aphrodite
darzustellen, so überlasse ich ihm meine Lesbia dazu. Ihr Gesicht mag wohl
einiger Verschönerung fähig sein: aber dafür bin ich gut, dass er im ganzen
Griechenland und allen seinen Inseln keinen schönern Körper finden soll.
    Skopas. Als den, dessen Hälfte in diesem Bilde eine jede andere, als die
Göttin selbst, eifersüchtig machen muss.
    Lais. Da mich Skopas aus billiger Rücksicht dass ich doch nur eine Sterbliche
bin, und also meine geheimen Ursachen haben kann, ein für allemal dispensirt
hat, so kann von mir nicht mehr die Rede sein.
    Ungütige Lais, rief Skopas, gewiss zweifelst du nicht, dass das in einer ganz
andern Absicht gesagt wurde?
    Wirklich? versetzte sie mit einer naiven Miene, deren Ironie der junge Mann
nur zu stark zu fühlen schien; aber was sollte man einem so heissen Liebhaber
seiner Kunst nicht zu gut halten? Und wie könnt' ich dir meinen Dank für deine
andere Absicht tätiger beweisen, als indem ich dir in meiner Lesbia eine so
reiche Entschädigung anbiete? Dies war zu viel für die Empfindlichkeit und den
Stolz eines Künstlers, der sich auf einmal, wiewohl durch seine eigene
Unvorsichtigkeit, von einer schon nahe geglaubten Hoffnung herabgestürzt sah.
Ich werde mein Aeusserstes tun (sagte er, sich vergeblich bemühend ihre Ironie
mit einer eben so naiven Miene zu erwiedern), um dich von dem hohen Wert zu
überzeugen, den ich auf die reiche Entschädigung lege, die du mir versprichst.
Ich gehe mit deiner Erlaubnis sogleich, um zu dem neuen Werke, das du mir
aufträgst, Anstalt zu machen.
    Was für ein reizbares Völkchen diese Götter- und Menschenbildner sind, sagte
Lais als Skopas sich entfernt hatte. - »Du musst es ihm zu gute halten, schöne
Lais; er fiel auf einmal von einer so schönen Hoffnung herab!« - Aber tat ich
nicht wohl daran, fuhr sie fort, dass ich seinem grillenhaften Eigensinn nicht
nachgab? - Wenn ich meine Meinung unverhohlen sagen soll, erwiederte ich, so ist
die Idee der Göttin der Schönheit, wie sie unter den Händen ihrer Dienerinnen,
der Grazien, mit ihrem Gürtel geschmückt hervorgeht, erst lebendig in mir
geworden, seitdem ich dieses Bild gesehen habe. Skopas hat unstreitig Recht,
wenn er behauptet, dass die Bekleidung der Schönheit insofern nachteilig ist,
als sie uns die reinen Formen der bedeckten Teile mehr oder weniger entzieht,
und das Ganze mehr erraten als sehen lässt. Aber er hat Unrecht zu vergessen,
dass Schönheit mit Grazie in Eins verschmolzen eine viel stärkere Wirkung tut;
und ich wenigstens bin überzeugt, dass eine Bekleidung wie diese hier (die
Bildsäule stand uns gegenüber) gerade das ist, was jene Vereinigung bewirkt und
einen grossen Teil ihres Zaubers ausmacht. Während sie die Schönheit des
Unverschleierten dem äussern Sinn auffallender macht, setzt sie zugleich den
innern in Bewegung, und verdoppelt das Vergnügen des Anschauers, indem sie die
Einbildungskraft beschäftigt, mit leiser lüsterner Hand den neidischen Schleier
von dem Verhüllten wegzuziehen.
    Lais. Das ist es eben was ich meinte.
    Ich. Und was ich nicht hätte sagen sollen, denn ich rede gegen mein eigenes
Interesse. Vielleicht hättest du mir erlaubt zugegen zu sein, wenn du dem
Verlangen des Skopas nachgegeben hättest? - Du sollst nichts dabei verlieren,
dass es nicht geschehen ist, sagte sie, indem sie mir die Hand reichte, und mich
durch eine kleine Galerie in einen anmutigen, einsamen Teil des Gartens
führte; ich glaube zu fühlen, dass wir dazu geboren sind Freunde zu sein. Es gibt
keine ewige Liebe; aber Freundschaft ist ewig, oder verdiente diesen Namen nie.
- Der Altar hier ist dieser Unsterblichen geheiligt. Hier, Aristipp, lass' uns
schwören, Freunde zu bleiben so lange wir leben, und dieser erste Kuss sei das
Siegel unsers schönen Bundes. -
    Beneide mich nicht zu sehr, guter Kleonidas! Lais ist eine grosse Zaubrerin;
sie lässt immer noch viel zu wünschen übrig, und indem wir uns trennen müssen,
wundre ich mich hintennach, wie wenig das war, wodurch sie mich so glücklich wie
einen Gott gemacht hatte.
 
                                      16.
                         An Kleombrotus von Ambracien.
Ich danke dir, Lieber, für die guten Nachrichten, die du mir von unsern Freunden
gibst. Mir ist angenehm dass sie die Dauer der Poseidonien zu Aegina so genau
ausrechnen; ich nehme es als ein Zeichen ihrer Zuneigung auf, dass sie mich so
bald zurück verlangen, wiewohl mir leid wäre, wenn sie aus meinem langen
Ausbleiben (wie sie es nennen) das Gegenteil von mir vermuten wollten. Die
Zeit ist vielleicht das zauberartigste Ding in der ganzen Natur, wenn man anders
ein Ding nennen kann, was das, was es ist, bloss durch unsre Einbildung und
unsern Massstab wird. Eben dieselbe Zeit, sagt man, die dem Einen eine Stunde
däucht, dünkt87 dem Andern ein Augenblick, dem Dritten ein Tag, dem Vierten ein
Jahrhundert. Ich denke man könnte eben so gut sagen, sie ist es, für den
nämlich, dem sie es däucht; denn dass sie einem andern mehr oder weniger ist als
mir, gibt ihm kein Recht zu fordern, dass es mir auch so sein soll. Ich bin nun
bereits - lass sehen! - zwanzig ..... fünfundzwanzig ... achtundzwanzig ...
wahrlich, beim grossen Poseidon! einunddreissig Tage hier, und ich versichre dich,
heute am Morgen des zweiunddreissigsten, ist mir ich hätte die achtundzwanzig nur
geträumt und sei erst vor drei Tagen in Aegina angekommen.
    Was für ein Zauber kann das sein, fragst du, der den kaltblütigen Aristipp
zu einem solchen Schwärmer zu machen vermag? - Komm und siehe! - Du bist zu nahe
bei mir, um zu erwarten, dass ich Stunden, die ich besser anwenden kann, Stunden
die für mich nur Augenblicke und gleichwohl, dem Sonnenzeiger nach, volle
Stunden von dreitausend und sechshundert Pulsschlägen sind, dazu verschwenden
werde, dich mit schönen Beschreibungen, wie wohl mir's hier geht, zu
unterhalten. Komm herüber, lieber Kleombrotus; was hast du in Aten zu
versäumen? oder kannst du nicht, wenn du es recht anfängst, für das, was du
versäumst, überall Ersatz finden? Was wir in unserm Cirkel zu Aten
philosophiren nennen, ist eine sehr gute Sache; nur zu viel ist nicht gut. Auch
Aegina wird von den Musen besucht; du wirst sie mitten unter uns, oder uns
mitten unter ihnen finden; und (was bei euch nicht immer der Fall ist) Arm in
Arm mit den Grazien, und von Amorn mit Blumenketten gebunden. Du bedarfst einer
kleinen Unterbrechung deiner gewöhnlichen Studien, die du mit einem so
entusiastischen Eifer betreibst, dass dein Magen und Unterleib, und (unter uns
gesagt) dein Kopf selbst in Gefahr dabei geraten. Auch darf ich dir nicht
verhalten, dass mir vor dem feinen Netz ein wenig bange ist, womit die weise
Aspasia dich zu umspinnen sucht. Fahre nicht auf, Lieber, und mache kein solches
Gesicht an mich, als ob ich den Tempel zu Delphi beraubt, oder die Geheimnisse
der Eleusinischen Göttinnen verraten hätte! Aspasia ist unläugbar eine Frau von
vieler und langer Erfahrung; von hohem Geist, grosser Menschenkenntnis und feiner
Lebensart, eine Meisterin in der Kunst zu reden und zu überreden; wahrlich, der
klügste unter den dermaligen Demagogen zu Aten müsste noch lange bei ihr in die
Schule gehen, bis er ihr alle die feinen Kunstgriffe abgelernt hätte, womit sie
vor dreissig Jahren den Mann, der Griechenland regierte, zu regieren wusste. Kurz,
ich weiss alles, was du mir zur Rechtfertigung der hohen Meinung, die du von ihr
gefasst hast, sagen kannst. Aber was du nicht weisst, nicht siehst, nicht eher bis
es zu spät ist sehen wirst, ist, dass die Freundschaft, die sie dir zeigt, nicht
ganz so uneigennützig ist, als du dir einbildest. Denke nicht, sie habe immer so
exemplarisch gelebt, wie sie jetzt zu leben scheint, da sie als Wittwe von zwei
Atenischen Demagogen ihren sechzigsten Sommer herannahen sieht. - »Ihren
sechzigsten Sommer? rufst du aus; das ist unmöglich, wenn sie nicht von Heben
oder Auroren das Geheimnis, niemals alt zu werden, zum Geschenk erhalten hat.« -
Das Geheimnis liegt in einem halben Duzend Alabasterbüchschen auf ihrem
Putztische, mein Freund. Glaube mir, ich kenne diesen Schlag von Weibern, und
die Art, wie sie sich für die Mühe, ihre jungen Freunde zu bilden und in die
Welt einzuführen, bezahlt zu machen pflegen, und ich könnte dir ein Lied davon
singen, wiewohl mich keine von ihnen je gefangen hat. Mit dir ist's ein anderes,
mein lieber Entusiast. Du bist (mit Erlaubnis zu sagen) eine unschuldige
schwärmerische Motte, die dem Lichte zufliegt, weil sie von seinem Schein
entzückt ist, und nicht eher erfährt dass es auch brennt, bis sie mit versengten
Flügeln am Boden zappelt. Lass' dich warnen, Freund Kleombrotus; und wenn du
jetzt, wie ich nicht zweifeln will, mit gewarnten Augen Entdeckungen machst, die
dir meine Meinung von den Absichten der weisen Dame bestätigen, so eile dich von
ihr loszuwinden, und komm' zu mir herüber. Solltest du einen Vorwand dazu nötig
zu haben glauben, so brauchst du ja nur ein Geschäft auf einer der Aegeischen
Inseln vorzuschützen, und du begleitest mich dann auf der Reise, die ich in
kurzem antreten werde, um die beträchtlichsten und berühmtesten derselben,
Delos, Naxos, Samos, Chios und Lesbos zu besuchen. Fremde, wie wir, haben
ohnehin den Cekropiden keine Rechenschaft zu geben, wenn wir ihr schönes,
öltriefendes, veilchenbekränztes Aten wieder zu verlassen für gut finden;
wiewohl sie keinen Begriff davon zu haben scheinen, wie man auch anderswo, wo
man nicht um zwei oder drei Obolen von Sardellen, Gerstenbrot und Knoblauch
lebt, ein menschliches Leben führen könne.
 
                                      17.
                           An Antistenes zu Aten.88
Wie ich höre, wird die unvermutete Verlängerung meines Aufentalts zu Aegina
von meinen Freunden in Aten nicht gebilliget. Man erwartete, dass ich mit
Eurybates, den ich dahin begleitet hatte, wiederkommen würde, und die Auskunft,
die er über die Ursache meines Zurückbleibens gab, wiewohl ich nicht zweifle,
dass sie mit der Wahrheit übereinstimmt, scheint seiner Absicht, mich dadurch zu
rechtfertigen, nicht entsprochen zu haben. Du hast, wie ich hoffe, nicht
vergessen, Antistenes, dass die Strenge deiner Grundsätze das Zutrauen, das du
mir schon in der ersten Stunde unsres Zusammentreffens zu Olympia einflösstest,
seit dieser Zeit so wenig vermindern konnte, dass sie vielmehr der Grund ist,
warum ich mich immer, vor allen andern Freunden des ehrwürdigen Sokrates,
vorzüglich an dich angeschlossen habe. Ich weiss sehr wohl, dass meine Jugend und
eine gewisse mir angeborne Sorglosigkeit, die ziemlich nahe an Leichtsinn
gränzen mag, zuweilen der Zucht eines strengen Freundes bedarf: indessen, wie
bescheiden einer auch von sich selbst denkt, kann es ihm doch nicht gleichgültig
sein, wenn sein Charakter (vorausgesetzt er habe einen) von denen verkannt wird,
mit welchen er am meisten umgeht; und ich gestehe gern, dass die Gerechtigkeit,
die du mir widerfahren lässest, indem du nicht verlangst, dass ich etwas anders
als das Beste wozu mich die individuelle Form meiner Natur fähig macht, in
meinem Leben darstelle, im Grunde die wahre Ursache meiner Anhänglichkeit an
dich ist, und dass die Strenge deiner Moral mich längst von dir entfernt hätte,
wenn sie nicht durch eine billige Schätzung meines wirklichen Werts gemildert
würde.
    Ich weiss nicht, warum unser Meister, den ich (wie du mir bezeugen kannst)
höchlich ehre und liebe, für gut befunden hat, mich immer in einer gewissen
Entfernung von sich zu halten. Hat mir etwa sein Dämonion einen schlimmen
Streich bei ihm gespielt? oder entdeckte sein Scharfblick einige Aehnlichkeit
zwischen mir und einem seiner ehmaligen Lieblinge, von welchem er sich in seinen
Erwartungen am Ende übel betrogen fand? Oder ist ihm irgend ein Zug in meiner
Physiognomie zuwider? Was es auch sei, genug ich fühle mich, ohne meine Schuld,
wie mich dünkt, zurückgehalten, so offen gegen ihn zu sein als ich wünschte, und
wende mich daher lieber an dich, um durch deine Vermittlung bei ihm
gerechtfertigt zu werden, wenn es mir gelingen sollte, mich zuvor bei dir selbst
zu rechtfertigen.
    Meine Sokratischen Freunde - oder wie soll ich sie nennen? - scheinen, wenn
sie über mich Gericht halten, zu vergessen, dass jeder Mensch, ausser dem
allgemeinen Mass der Menschheit, noch sein eigenes hat, womit er gemessen werden
muss, wenn man das, was sich für ihn schickt oder nicht schickt, richtig
beurteilen will. Ich bin weder ein Atener, noch Tebaner, noch Megarer, weder
eines Steinmetzen, noch Gerbers, noch Wurstmachers Sohn; sondern ein Cyrener aus
einer Familie, die unter ihren Mitbürgern in Ansehen steht und sehr begütert
ist. Ich bin, diesen Umständen gemäss, nach Cyrenischer Weise erzogen worden; und
es wäre daher nicht ganz billig, eben dieselben Anlagen und Gewohnheiten in
Rücksicht auf manche Dinge, die zum menschlichen Leben gehören, von mir zu
fordern, als von einem in Dürftigkeit und Schmutz aufgewachsenen und an
Entbehrungen aller Art gewöhnten Jüngling. Indessen habe ich zu Aten Jahre und
Tage lang gezeigt, dass ich eben so gut von zwei oder drei Obolen des Tags leben
kann als ein anderer; nur sehe ich nicht, warum ich überall und immer so leben
soll, oder warum ein kurzer Caputrock ohne Unterkleid für das einzige und
ausschliessliche Costume der Philosophie gelten müsste. Ich achte mich bei
Linsenbrei und Salzfisch für keinen bessern, und bei einer Mahlzeit für achtzig
oder hundert Drachmen für keinen schlechtern Menschen als ich sonst bin; und
wenn ich es dahin bringe, dass ich auf jede Weise leben kann, im Überfluss ohne
Übermut und Ausschweifung, in Einschränkung auf das Unentbehrlichste ohne
Störung meiner guten Laune oder Abwürdigung meines Charakters, so denke ich,
alles, was ein vernünftiger Mensch in diesem Stücke von sich selbst fordern
kann, erreicht zu haben. - Doch dies ist nicht der Hauptpunkt. Die grosse Frage
ist: was für einen Zweck habe ich mir überhaupt für mein künftiges Leben
vorgesteckt? und hier ist meine Antwort. Ich bin ein freigeborner Mensch, und,
trotz unserm barbarischen Völkerrecht, als ein solcher sollte jeder Mensch
betrachtet und behandelt werden. Dass ich ein geborner Bürger in Cyrene bin,
macht mich nicht zum Sklaven von Cyrene; ich bin auch als Bürger der allgemeinen
menschlichen Gesellschaft geboren, und in dieser grossen Kosmopolis ist Cyrene
nur ein einzelnes Haus. Da mir der Zufall Vermögen genug für meine Bedürfnisse
zugeworfen hat, warum sollt' ich dies nicht als eine Erlaubnis ansehen, in
Erwählung einer Lebensart und Beschäftigung bloss meinem innern Naturtriebe zu
folgen? In meinen Augen ist es noch mehr als Erlaubnis; es ist ein Wink, ein
Gebot des Schicksals, mich zu der edelsten Lebensart zu bestimmen; und die
edelste, für mich wenigstens (denn von mir ist jetzt bloss die Rede) ist nach
meiner Ueberzeugung, als Weltbürger zu leben, das heisst, ohne Einschränkung auf
irgend eine besondere Gesellschaft, mich den Menschen bloss als Mensch so
gefällig und nützlich zu machen als mir möglich ist. In dieser Gesinnung und mit
diesem Zweck ging ich aus Cyrene in die weite Welt, um vor allen Dingen die
Menschen kennen zu lernen, unter denen ich leben will, und mir so viele
Kenntnisse und Geschicklichkeiten zu meinem und ihrem Nutzen und Vergnügen zu
erwerben, als Fähigkeit, Zeit und Umstände nur immer gestatten werden. Der Ruf
des weisen Sokrates zog mich zuerst nach Aten; aber wahrlich nicht in der
Meinung, mich einer Schule oder Secte zu verpflichten, oder einem einzelnen
Menschen mehr Recht und Macht über mich einzuräumen, als ich ihm entweder
freiwillig zu überlassen geneigt, oder jedem andern zuzugestehen schuldig bin.
Ich kam als ein schon ziemlich gebildeter und keineswegs unwissender Jüngling
nach Aten, und machte mir die Erlaubnis, welche Sokrates allen gutartigen und
lehrbegierigen jungen Leuten gibt, ihn zu besuchen und um ihn zu sein, so viel
zu Nutze, als mir zu der Absicht, weiser und klüger in seinem Umgange zu werden,
nötig schien; ohne darum andern nützlichen und angenehmen Verhältnissen
auszuweichen, in welche ein junger Fremdling meiner Art in einer Stadt wie Aten
zu kommen so viele Gelegenheit findet. Nach einem zweijährigen ununterbrochnen
Aufentalt in dieser ehmaligen Hauptstadt der gesitteten Welt, lockt mich das
Bedürfnis einer kleinen Veränderung nach Aegina. Zufälligerweise treffe ich da
eine junge Frau an, mit welcher ich schon vor zwei Jahren zu Korint bekannt
geworden war; eine Frau, deren geringster Vorzug ist, dass Griechenland nie eine
schönere gesehen hat. Sie ist die nächste Nachbarin des Landhauses, wo ich
wohne. Sie versammelt öfters auserlesene Gesellschaft in dem ihrigen, und sie
selbst ist die unterhaltendste Gesellschaft, die sich ein Mann, und wenn er
Sokrates selbst wäre, nur immer wünschen könnte. Wir finden Geschmack an
einander, wir sehen uns öfters, wir werden Freunde. Wohlgebrauchte Zeit fliegt
schnell dahin. Eurybates, von dringenden Geschäften gerufen, geht nach Aten
zurück; Aristipp, der keine dringenden Geschäfte hat, bleibt zu Aegina. Was ist
in diesem allen Anstössiges? oder Aristipps, Aritades Sohns von Cyrene und
Gesellschafters des weisen Sokrates, Unwürdiges? - »Aber diese schöne Dame, die
so viel Geschmack an dir gefunden hat, und für deren Freund du dich erklärst,
ist eine Hetäre.« Nun ja, wie Korinne, wie Sappho, wie Aspasia von Milet, bevor
Perikles sie zu seiner Gemahlin machte, eine Hetäre war; eine Gesellschafterin
(das ist doch die Bedeutung des Wortes?), mit welcher euer Solon selbst, der
Erfinder des Namens, den Rest seines Lebens mit Freuden ausgelebt hätte. Was
kümmern mich eure Namen? Für mich ist sie das, wozu Natur und Ausbildung, und
die verschwenderische Gunst aller Musen und Grazien sie gemacht haben.
Ihresgleichen wird selbst in dem schönen Lande, wo sie das Licht zuerst
erblickte, nur alle tausend Jahre geboren. Und ich, dessen einziges Geschäft
ist, die Menschen und sich selbst in allen Verhältnissen, die er zu ihnen und
sie zu ihm haben können, zu studiren, ich sollte eine solche Gelegenheit nicht
benutzen? Entschuldiget mich, lieben Freunde, wenn ich diesmal viel mehr meinem
Genius folge, als euerm Urteil oder Vorurteil! Es wird vermutlich nicht das
letztemal sein. - Vor der Gefahr, dass mich diese Circe unauflöslich an sich
fesseln, oder gar in - einen Gefährten des Ulysses verwandeln werde, seid ohne
Sorgen. In drei Tagen geht die schöne Lais nach Korint zurück, und Aristipp
tritt seine Reise nach den Cykladen an.
 
                                      18.
                            Antwort des Antistenes.
Nach Empfang deines Briefes, mein junger Freund, glaubte ich nicht besser tun
zu können, als wenn ich ihn dem Sokrates selbst zu lesen gäbe, für welchen er
doch eigentlich geschrieben zu sein schien. Nachdem er ihn, bei einigen Stellen
lächelnd, bei andern den Kopf ein wenig wiegend, überlesen hatte, sagte er,
indem er mir den Brief zurückgab: unser Freund Aristipp ist erstarkt, und kennt
den Weg, den er gehen will, so gut, dass er weder eines Führers noch Wegweisers
bedarf. Wenn Cyrene keine Ansprüche an ihn macht, wie sie wohl schwerlich machen
wird, so sehe ich nicht, warum er nicht eben so wohl als ein Weltbürger sollte
leben können, wie irgend ein Vogel in der Luft, der sich auf welchen Baum er
will setzt, und sich übrigens nur vor Leimruten und Schlingen in Acht zu nehmen
hat. Mit uns Atenern ist es ein anderes. Wir andern sind zu Bürgern von Aten
geboren, und hangen nur als Atenische Bürger mit der übrigen Welt zusammen.
Oder was meinst du, Kritobul, (fuhr er fort, sich auf einmal an diesen wendend),
hältst du es für so leicht, dich von der Pflicht gegen Aten loszusagen?
    Das kann und darf ich nicht, antwortete Kritobul, so lange ich in Aten lebe
und Gutes von Aten empfange und erwarte.
    Sokrates. Solltest du nicht Pflichten gegen Aten haben, die dir gar nicht
erlauben, ohne den Willen der Atener anderswo zu leben?
    Kritobul (stutzte und antwortete nach einigem Zögern): Wenn ich Vermögen
genug hätte zu leben wo es mir am besten gefiele, und es gefiele mir an einem
andern Orte besser, warum sollte ich an Aten gebunden sein?
    Sokrates. Von wem hast du dein Vermögen?
    Kritobul. Das meiste ist von meinen Voreltern erworben; einen Teil hab' ich
vielleicht mir selbst zu danken.
    Sokrates. Wie kommt es, dass die missgünstigen und ungerechten Menschen, deren
es so viele in der Welt gibt, Diebe, Strassenräuber oder andere Feinde, so
guterzig waren, deinen Voreltern und dir Zeit und Mittel zum Erwerben zu
lassen, und, wenn ihr etwas erworben hattet, es euch nicht wegzunehmen?
    Kritobul. Davor schützten uns die Gesetze und die bewaffnete Macht von
Aten.
    Sokrates. Diesen hättet ihr also die Möglichkeit des Erwerbs und die
Erhaltung eures Vermögens zu danken?
    Kritobul. So scheint es.
    Sokrates. Nun möcht' ich wohl wissen, was die Atener bewegen könnte, euch
zu schützen, und um dazu immer bereit zu sein, grossen Aufwand zu machen, wenn
ihr ihnen nichts dagegen tun solltet?
    Kritobul. Auch fehlt sehr viel dass wir ihnen etwas schuldig blieben. Wir
gehorchen ihren Gesetzen, wir steuern nach unserm Vermögen zu ihren gemeinsamen
Ausgaben bei, ziehen in den Krieg oder rüsten eine Galeere aus, wenn sie uns
dazu auffordern, und was dergleichen mehr ist.
    Sokrates. Denkst du aber nicht, die Atener haben damals, da sie es auf sich
nahmen, euch bei dem Vermögen, das ihr unter dem Schutz ihrer Gesetze erwarbet,
so viel in ihren Mächten ist, zu erhalten, darauf gerechnet, dass auch ihr euch
den Pflichten nie entziehen würdet, die euch schon die natürliche Dankbarkeit
gegen den Staat, als euern ersten und grössten Wohltäter, auferlegt?
    Kritobul. Ich denke in der Tat, das haben sie.
    Sokrates. Und wenn nun, z.B. dem Kritobul die Lust ankäme, seinem Vaterlande
die Pflicht aufzukünden, könnt' er das, ohne sich als einen undankbaren und
gegen sein Vaterland ungerechten Menschen darzustellen?
    Kritobul. Ich sehe, dass ich Unrecht hatte, Sokrates.
    Sokrates. Ueberlege die Sache noch weiter mit dir selbst, und sage mir deine
Meinung, wenn wir uns wiedersehen.
    So viel, Aristipp, den Punkt der Weltbürgerschaft betreffend. Ueber den
andern Hauptpunkt deiner Rechtfertigung habe ich dir noch weniger zu sagen; denn
natürlicher Weise hängt es gänzlich von dir ab, ob du lieber in der Gesellschaft
einer schönen und dich angenehm unterhaltenden Hetäre, oder im Umgang mit
Sokrates und seinen Freunden leben willst.
 
                                      19.
                           Aristipp an Ebendenselben.
Ich liebe den Lakonism89 im Reden und Schreiben, guter Antistenes - das will
sagen, ich liebe ihn zuweilen, wo Zeit, Ort, Personen und andere Umstände seinen
Gebrauch erfordern oder schicklich machen. Ich will mich also, da ich jetzt
wirklich so wenig Zeit zu verlieren habe als irgend ein Spartanischer Ephor90,
in der Antwort, die ich euch schuldig zu sein glaube, so kurz als möglich
fassen. Ich gestehe, dass ich mich nicht so leicht überwunden gegeben hätte als
Kritobul. Da mir aber die Abwesenheit nicht gestattete, ihm zu Hülfe zu kommen,
oder an seinen Platz zu treten, so habe ich über den mitgeteilten Dialog eine
Art von Selbstgespräch angestellt, wovon Folgendes das Resultat ist.
    Die Natur, meine und aller Dinge Mutter, weiss nichts von Cyrene und Aten.
Sie machte mich zum Menschen, nicht zum Bürger: aber, um ein Mensch zu sein,
musst' ich von jemand gezeugt und irgendwo geboren werden. Das Schicksal wollte,
dass es zu Cyrene und von einem Cyrenischen Bürger geschehen sollte. Aber man
wird nicht Mensch um Bürger zu sein, sondern man wird Bürger damit man Mensch
sein könne, d.i. damit man alles das sichrer und besser sein und werden könne,
was der Mensch, seinen Naturanlagen nach, sein und werden soll. Der Mensch ist
also nicht, wie man gemeiniglich zu glauben scheint, dem Bürger, sondern der
Bürger dem Menschen untergeordnet. Hingegen steht die Pflicht des Bürgers gegen
den Staat, und des Staats gegen den Bürger in genauem Gleichgewicht. Sobald
meine Voreltern Bürger von Cyrene wurden, übernahm diese Stadt die Pflicht, sie
und ihre Nachkommen bei ihren wesentlichsten Menschenrechten und bei ihrem
Eigentum zu schützen, und wir sind ihr für die Erfüllung dieser ihrer Pflicht
keinen Dank schuldig: wir übernahmen dagegen die Leistung der Bürgerpflichten
gegen sie, und sie ist uns eben so wenig Dank dafür schuldig; jeder Teil tat
was ihm oblag. Der Vertrag aber, den wir darüber mit einander eingingen, war
nichts weniger als unbedingt. Cyrene versprach uns zu schützen insofern sie es
könnte; denn gegen den grossen König oder eine andere überlegene Macht vermag sie
nichts. Wir hingegen behielten uns das Recht vor, mit allem was unser ist
auszuwandern, falls wir unter einem andern Schutze sichrer und glücklicher leben
zu können vermeinen würden; ein Vorbehalt, der überhaupt zu unsrer Sicherheit
nötig ist, weil zwar Cyrene uns zu Erfüllung unsrer Pflichten mit Gewalt
anhalten kann, wir hingegen nicht vermögend sind, sie hinwieder zu dem, was sie
uns schuldig ist, zu zwingen. Was mich selbst persönlich betrifft, so sehe ich
meine Menschheit, oder, was mir ebendasselbe ist, meine Weltbürgerschaft, für
mein Höchstes und Alles an. Die Cyrener können mir, wenn es ihnen beliebt (was
vielleicht bald genug begegnen wird) alles nehmen was ich zu Cyrene habe; so
lange sie mir erlauben ein freier Mensch zu sein, werde ich mich nicht über sie
beklagen. Meine guten Dienste, glaube ich, mit gehöriger Einschränkung, jeder
besondern Gesellschaft, deren Schutz ich geniesse, so wie allen Menschen mit
denen ich lebe, schuldig zu sein. Träte jemals ein besonderer Fall ein, wo ich
meinem Vaterlande nützlich sein könnte, so würde ich mich schon als Weltbürger
dazu verbunden halten, insofern nicht etwa eine höhere Pflicht, z.B. nicht
Unrecht zu tun, dabei ins Gedränge käme. Denn wenn etwa den Cyrenern einmal die
Lust ankäme Sicilien zu erobern91, so würde ich mich eben so wenig schuldig
glauben, ihnen meinen Kopf oder Arm oder auch nur eine Drachme aus meinem Beutel
dazu herzugeben, als ihnen den Mond erobern zu helfen. Auch verlangt man zu
Cyrene nichts dergleichen von mir. Fordert Aten von ihren Bürgern mehr, so ist
das ihre Sache, und geht mich, denke ich, nichts an.
    So viel über den ersten Punkt deiner Antwort, ehrenwerter Antistenes. Den
zweiten, an welchem Sokrates schwerlich Anteil hat, glaube ich nur auf eine
einzige anständige Art beantworten zu können, und diese ist, dass ich gar nichts
darüber sage.
 
                                      20.
                                 An Kleonidas.
In der Voraussetzung dass ich dir dadurch einiges Vergnügen mache, fahre ich in
meinem, wiewohl nur uneigentlich so genannten, Aeginischen Tagebuche fort: denn
es wäre deiner Gefälligkeit zu viel zugemutet, wenn ich dich mit den
abgeschiedenen Schatten aller Tage, die ich hier verlebt habe, in Bekanntschaft
setzen wollte, in der Meinung, dass sie für dich eben so viel Interesse haben
müssten, als sie in ihrem Leben für mich hatten. Von meinen glücklichsten Tagen
und Stunden pfleg' ich gar nicht zu sprechen; ich betrachte sie als eine Art von
heiligen Dingen, auf welchen, wie auf den Körben der Kanephoren an den
Eleusinien92, der Schleier des Geheimnisses liegen muss. Wird er weggezogen, so
erblicken uneingeweihte Augen, wie in jenen mysteriösen Körben, nichts als -
Honigkuchen, Granatkörner, Bohnen und Salz.
    Skopas ist nun mit seiner Venus-Lesbia (vorerst nur aus gebranntem Ton, wie
sich von selbst versteht) fertig, und hat sein Möglichstes getan, den Stolz der
undankbaren Lais durch eine gefährliche Nebenbuhlerin zu kränken, die bei dem
grossen Haufen der Angaffer schon allein durch ihre vollständige Nakteit keinen
geringen Vorteil über sie erhält. Die junge Sklavin aus Lesbos, die ihm (nicht
ungern, wie es schien) zum Modell dabei diente, ist wirklich in ihren
individuellen Formen von einer so seltenen Schönheit, dass es wohl, so lange uns
ein allgemein anerkannter Kanon der Schönheit fehlt, unmöglich sein dürfte, das
Problem, welche von beiden Bildsäulen die schönere sei, rein aufzulösen. Meine
Vorliebe für die erste beweist bloss für meinen eigenen Geschmack. Mehrere
Anbeter der schönen Lais, die man in der Meinung liess, sie wäre das Modell zu
beiden, streiten für die zweite, und Lais scheint sich so wenig dadurch
beleidigt zu finden, dass sie, unter der Bedingung, das Exemplar, das aus Marmor
gemacht werden soll, für sich zu behalten, so grossmütig gewesen ist, dem in
sein eignes Werk verliebten neuen Pygmalion ein Geschenk - mit dem Urbilde zu
machen. Da du dir, sagte sie scherzend zu Skopas, schwerlich Hoffnung machen
darfst, dass Amor das Wunder, das er einst zu Pygmalions Gunsten tat, dir zu
Liebe wiederholen werde, so nimm meine Lesbia dafür, und bilde dir ein, sie sei
dein eigenes, für dich von ihm belebtes Kunstwerk selbst. - Die Wahrheit ist,
dass der arme Skopas, wofern die allzureizende Sklavin nicht ein Mittel gefunden
hätte, das gestörte Gleichgewicht seines äussern und innern Menschen (nach der
Sokratischen Maxime, deren du dich aus einem meiner Briefe erinnern wirst) bald
möglichst wieder herzustellen, schwerlich jemals mit seiner Arbeit fertig
geworden wäre; so mächtig wirkte das zauberisch anziehende Lächeln, womit die
gefällige Nymphe, um die ihr aufgetragene Rolle der Göttin mit der
gewissenhaftesten Treue zu spielen, ihn unter der Arbeit anzusehen für ihre
Schuldigkeit hielt. Skopas arbeitete nun immer besser je ruhiger er arbeitete,
und wer weiss, ob er nicht am Ende das Modell selbst für das unter seinen Händen
unvermerkt zum Ideal veredelte Nachbild ohne Aufgeld zurückgegeben hätte, wenn
Lais zum Tausche geneigt gewesen wäre. Man behauptet allgemein, sagte sie in
ihrem gewohnten scherzhaften Ton, ein Künstler, der etwas Vollkommenes
hervorbringen wolle, müsse mit Liebe arbeiten: aber Skopas hat noch mehr getan,
er hat mit Begierde gearbeitet93; und vermutlich ist dies die Ursache, warum er
in dieser Venus sein Urbild und sich selbst übertroffen hat.
    Dem wackern Skopas muss ich es zum Ruhme nachsagen, dass er sich bei den
kleinen Spöttereien der schönen Lais ziemlich artig benahm; vielleicht weil er
sie als Wirkungen einer geheimen Eifersucht betrachtete, und sich also
schmeicheln konnte, eine Art von Triumph über sie erhalten zu haben. Uebrigens
hatte er Ursache mit seiner Reise nach Aegina sehr zufrieden zu sein; denn er
wurde - ausser der reizenden Lesbierin, in welcher er nun ein treffliches Modell
eigentümlich und ausschliesslich besitzt - noch mit baaren Dariken königlich
belohnt.
    Diese grossherzige Freigebigkeit, und, um dem Kinde seinen rechten Namen zu
geben, eine ungezügelte Neigung zum Verschwenden überhaupt, ist ein so starker
Zug im Charakter meiner schönen Freundin, dass ich sehr besorge, er werde in der
Folge, und nur zu bald, eine Aenderung in dem Plane, dessen ich bereits erwähnt
habe, nötig machen. Ich hielt es für eine Pflicht der Freundschaft, ihr, da wir
einsmals allein waren, mit einigem Ernst davon zu sprechen. Ich sehe nur zu
wohl, war ihre Antwort, dass deine Warnung nichts weniger als überflüssig ist;
aber ich kann weder meine Art zu leben noch meine Sinnesart ändern.
    Ich. Noch nie fühlte ich so lebhaft als in diesem Augenblick, beste Laiska,
dass meine Liebe zu dir Freundschaft ist. Ich würde mich selbst hassen, wenn ich
der selbstsüchtigen Anmassung fähig wäre, die Glückseligkeit die du zu geben
fähig bist, zu meinem ausschliesslichen Eigentum machen zu wollen. Aber dass das,
was nur die edelsten oder ganz besonders von den Göttern und dir begünstigten
Sterblichen zu geniessen würdig sind, jemals wenn auch einen noch so hohen
Marktpreis haben sollte, dies nur zu denken, ist mir, in blosser Rücksicht auf
dich selbst, unerträglich.
    
    Sie. So weit, lieber Aristipp, soll und wird es niemals kommen.
    Ich. Gewiss nicht, so lange ich selbst noch eine Drachme94 im Vermögen habe.
    Sie (lachend). Damit würdest du das Unglück, das du befürchtest, nicht lange
verhüten. Ich denke einen für dich und mich bequemern Ausweg gefunden zu haben;
und damit ich dich über dieses Kapitel auf einmal und für immer ins Klare setze,
so höre, wie ich über mein Verhältnis zu deinem Geschlecht denke, und was für
eine Massregel ich, zu meiner Sicherheit vor den Anmassungen desselben, bei mir
selbst festgesetzt habe. Ich sagte dir bereits mit der Offenheit, die du immer
bei mir finden sollst, dass ich auf einen zwangfreien Umgang mit welchen Männern
es mir beliebt nicht Verzicht tun könnte, ohne ein wesentliches Stück meiner
Glückseligkeit aufzuopfern; ich sagte dir auch die wahre Ursache, warum ein
solcher Umgang Bedürfnis für mich ist. Denn dass die gewöhnliche Triebfeder der
wechselseitigen Anmutung beider Geschlechter gegen einander sehr wenig Anteil
an diesem Zug meines Charakters habe, darf ich dir um so mehr gestehen, da ich
mir nichts darauf zu gut tue, und wofern es der Natur beliebt hätte, mir das,
was seine Besitzerinnen Zärtlichkeit und Bedürfnis zu lieben nennen, in einem
reichern Masse mitzuteilen, mich dessen keineswegs schämen würde. Es wird dich
also wenig befremden, wenn ich dir sage, dass, meiner Meinung nach, eine Frau,
die ihre Unabhängigkeit behaupten will, euer Geschlecht überhaupt als eine
feindliche Macht betrachten muss, mit welcher sie, ohne ihre eigene Wohlfahrt
aufzuopfern, nie einen aufrichtigen Frieden eingehen kann. Dies ist, däucht
mich, eine notwendige Folge der unläugbaren Tatsache, dass der weibliche Teil
der Menschheit sich beinahe auf dem ganzen Erdboden in einem Zustande von
Abwürdigung und Unterdrückung befindet, der sich auf nichts in der Welt als
Ueberlegenheit der Männer an körperlicher Stärke gründen kann; da die Vorzüge
des Geistes, in deren ausschliesslichen Besitz sie sich zu setzen suchen, nicht
ein natürliches Vorrecht ihres Geschlechts, sondern eine der Usurpationen ist,
deren sie sich kraft ihrer stärkeren Knochen über uns angemasst haben. Bei allen
Völkern ist der Zustand der Weiber desto unglücklicher, je roher die Männer
sind: aber auch unter den policirten Nationen, und bei der gebildetsten unter
allen, werden wir von den Männern überhaupt genommen entweder als Sklavinnen
ihrer Bedürfnisse oder als Werkzeuge ihres Vergnügens behandelt, und die
schönste unter uns müsste sehr blödsinnig sein, wenn sie sich auf den Glanz oder
die Zahl ihrer vorgeblichen Anbeter und Sklaven das Geringste einbildete, und
sich selbst verbergen könnte, was die Herren bei dem betrüglichen Spiele, das
sie mit unsrer Eitelkeit und Schwachherzigkeit treiben, gewinnen wollen.
Anakreon meint, die Natur, die jedes ihrer Geschöpfe mit irgend einer Waffe zu
seiner Verteidigung versehe, habe dem Weibe zur Schutzwehr gegen die Stärke des
Mannes die Schönheit verliehen; aber ohne den Verstand, einen klugen und weisen
Gebrauch von ihr zu machen, ist die Schönheit selbst eine sehr zweideutige Gabe,
und ihrer Besitzerin meistens mehr nachteilig als nützlich. Ich für meinen
Teil danke der guten Mutter Natur, dass sie mich gerade mit so viel Verstand
bewaffnet hat, als ich nötig habe, um den Mann, im Allgemeinen, als den
natürlichen Feind meines Geschlechts anzusehen, gegen welchen wir nie zu viel
Vorsichtsmassregeln nehmen können. Der gesellschaftliche Zustand hat zwar einen
anscheinenden Frieden zwischen beiden Geschlechtern gestiftet; aber im Grund ist
dieser Friede auf Seiten der Männer bloss eine andere Art den Krieg fortzusetzen;
und da ihnen von der Stärke ihrer Knochen und Muskeln gewaltsamen Gebrauch gegen
uns zu machen untersagt ist, so lassen sie sich's desto angelegener sein, die
treuherzigen Vögelchen durch Schmeichelei und Liebkosungen in ihre Schlingen zu
locken. Und uns sollte nicht eben dasselbe gegen sie erlaubt sein? Wir sollten
die Betrüger nicht wieder betrügen, und falls wir klug genug sind uns vor ihren
Schlingen zu hüten, das Einzige, wodurch wir an ihre schwache Seite kommen
können, unsre Reizungen, nicht auf jede uns beliebige und vorteilhafte Art
gegen sie gebrauchen dürfen? Bei der grossen Nemesis! ich mache mir so wenig
Bedenken darüber, dass ich mich selbst verachten würde, wenn ich mir jemals ein
anderes Verhältnis gegen das Männergeschlecht geben wollte, als das, wozu uns
sein Verfahren gegen uns einladet, und, wenn wir anders unsre alberne
Guterzigkeit nicht zu spät bereuen wollen, nötiget. Da sie uns keine andere
Wahl gelassen haben, als entweder ihre Sklaven zu sein oder sie zu den unsrigen
zu machen, was hätt' ein Weib, das seine Freiheit liebt, hier lange zu bedenken?
- Du siehst die Grundlage meines Plans, lieber Aristipp; ich habe dir ohne
Zurückhaltung gezeigt, wie ich über die Männer denke, weil du für mich kein
Mann, oder, wenn du lieber willst, mehr als ein Mann, weil du mein Freund, ein
mir verwandtes congenialisches Wesen bist. Was ich noch hinzuzusetzen habe,
errätst du vermutlich von selbst. Ich opfre meiner Liebe zur Unabhänglichkeit
und dem Verlangen nach meiner eigenen Weise glücklich zu sein, einen Namen auf,
und unterziehe mich dadurch den Folgen des nicht ganz ungerechten Vorurteils,
das alle Arten von Personen drückt, die sich dem Vergnügen des Publicums widmen
und dafür belohnt werden; aber meine Meinung ist nicht, diesen Namen anders als
auf eine eignen Bedingungen zu tragen. Diesen sich zu unterwerfen, kann ich
niemand zwingen; wer sie sich also gefallen lässt, sollt' es ihm auch am Ende
dünken, dass er einen schlechten Handel gemacht, und das Vergnügen mich zu sehen,
zu hören und etliche fröhliche Stunden unter Scherz, Musik und Tanz, mit Komus
und Bacchus, oder mit Amorn und den Grazien in meinem Hause zugebracht zu haben,
allzu teuer bezahlt habe, der würde von mir und allen Verständigen ausgelacht
werden, wenn er sich über Unrecht beklagen wollte. Ich setze einen ziemlich
hohen, wiewohl unbestimmten Preis auf das Vorrecht, freien Zutritt in meinem
Hause zu haben, mache aber kein Geheimnis daraus, dass ich mich durch die
Geschenke, die ich von meinen Liebhabern, wie die morgenländischen Fürsten von
ihren um Gehör bittenden Untertanen, annehme, zu keinen besondern, geschweige
ihnen selbst beliebigen Gefälligkeiten verbunden halte. Es steht einem jeden
frei, seine Eitelkeit, oder seinen Wetteifer mit reichen und freigebigen
Nebenbuhlern, so weit zu treiben als er will; und wer an der Zulänglichkeit
seines persönlichen Werts zu zweifeln Ursache hat, mag immerhin versuchen, ob
er diesen Mangel durch den Wert der Opfergaben ersetzen könne, die er seiner
Abgöttin zu Füssen legt. Sie befindet sich, wiewohl sie ihre Gotteit bloss der
Torheit ihrer Anbeter zu danken hat, in diesem Stück in dem nämlichen Falle wie
alle andern Götter, welche sehr wohl wissen, warum die Menschen ihnen Opfer
bringen, aber sich durch die Annahme derselben keineswegs verpflichten, alle
Wünsche der Opfernden zu erfüllen, oder auch nur das, warum gebeten wird, zu
gewähren. - Was sagst du zu diesem Plan, Aristipp? Denkst du nicht, dass er mir
im Notfall hinlängliche Mittel verschaffen könne, meine dermalige Lebensweise
fortzusetzen, ohne jemals, wie du vorhin besorgtest, genötigt zu sein, mich
unter mich selbst herabzuwürdigen?
    Ich. Ich sage, wenn er dir nicht gelänge, so würde ich keiner andern raten,
den Versuch zu machen. Aber es hat keine Not; ich bin vielmehr überzeugt, du
wirst auf diesem Wege, selbst durch den Ruf dass es eine höchst missliche Sache
sei, deinetwegen nach Korint zu reisen95, in Gefahr kommen, nach und nach
Deukalions und Hellens ganze edle Nachkommenschaft, Dorier, Ionier und Aeolier,
vor deiner Tür liegen zu sehen.
    Sie (lachend). Das soll ihnen herzlich gern erlaubt sein, vorausgesetzt, dass
es immer von mir abhange, wem ich sie öffnen lassen will.
    Ich. Einer Teodota möchte ich deinen Plan nicht raten. Um ihn mit Erfolg
auszuführen, muss man im Besitz deiner Schönheit, deiner Talente, deines
Verstandes und deiner - Kälte sein.
    Sie. Wie, mein schöner Herr? Solltest du dich über meine Kälte zu beklagen
haben?
    Ich. Nicht zu beklagen, liebe Laiska! denn sie ist es eben, was deinen
kleinsten Gunstbezeugungen einen so hohen Wert gibt, dass die Grazien dem Manne
nie gelächelt haben müssten, der nicht den leisesten Händedruck von dir den
freigebigsten Liebkosungen einer jeden andern vorzöge. Auch ist dies eine der
notwendigsten Bedingungen der Ausführbarkeit deines Plans. Denn kein Liebhaber
dient lange ohne allen Sold, und eine Schöne, die nicht gesonnen ist, viel zu
geben muss die Gabe besitzen, das Wenige mit einer Art zu geben dass es viel
scheint. Du, schöne Lais, besitzest diese Gabe in einem so hohen Grade, dass ich
keinen Augenblick zweifle, du würdest dir mit dieser Kunst, deine Liebhaber
durch den Zauber einer sich immer annähernden und entfernenden Hoffnung bei
gutem Mute und in deiner Gewalt zu erhalten, so gut als die berühmte Targelia
ein Diadem verschaffen können, wofern dich je die Lust anwandelte, deine
Freiheit gegen ein Diadem zu vertauschen.
    Sie. So hoch fliegen meine Wünsche nicht.
    Ich. In der Tat würdest du einen schlimmen Tausch treffen.
    Sie. Das denke ich auch.
    Diese Lais - höre ich dich sagen, Kleonidas - ist in der Tat eine Hetäre,
wie vermutlich noch keine war und vielleicht in tausend Jahren keine wieder
erscheinen wird; aber mit aller ihrer Philosophie doch - nur eine Hetäre, und
eine um so viel gefährlichere, je mehr sie vor andern voraus hat. Nimm dich in
Acht, Aristipp! - Ich bin so ziemlich deiner Meinung, Freund Kleonidas; sie ist
ein gefährliches Geschöpf. Sie wird manchen Kopf verrücken, der vorher recht
stand, manchen Narren noch närrischer machen, und manchen vollen Beutel leeren.
Was sie aus mir und dir machen wird (denn auch du wirst, wie ich hoffe, nach
Korint kommen), wird die Zeit lehren.
    Der Tag meiner Trennung von dieser Circe, in der ich gleichwohl mehr einen
Freund als ein Weib liebe, rückt immer näher. Sie geht nach Korint zurück, und
ich mache mich zu einer Reise in die Inseln fertig, von wannen ich in einigen
Monaten etwas leichter an Dariken, und reicher an Kenntnissen der Natur und der
Kunst, nach der schönen Atenä zurückkehren werde. Bewunderst du mich nicht, dass
ich mich mit so leichtem Herzen von der reizendsten aller Zaubrerinnen trennen
kann?
 
                                      21.
                                 An Kritobulus.
Mein Aufentalt in Aegina hat länger gedauert als ich vorhersehen konnte, und
meine Abwesenheit von Aten wird sich in eine noch grössere Länge ziehen; denn
ich bin im Begriff einen Streifzug durch die merkwürdigsten Inseln des
Aegeischen und Ionischen Meeres zu tun. Du hast vielleicht schon gehört, dass
ich unsern Freund Kleombrotus eingeladen habe, herüber zu kommen und mich auf
dieser Reise zu begleiten. Die Luftveränderung wird seiner Gesundheit zuträglich
sein, und die mannichfaltige Menge neuer Gegenstände seiner allzuwirksamen
Phantasie eine andere Nahrung und einen weitern Spielraum geben, und sie dadurch
verhindern, sich in diejenigen, die ihn zeiter einzig beschäftigten, gar zu
tief hineinzugraben. Der Kreis, den unser ehrwürdiger Meister um sich her zu
sehen gewohnt ist, wird durch unsre Abwesenheit auf einige Zeit - um zwei, die
man kaum vermissen wird, vermindert: und wir werden mit einer Menge neuer Ideen
und praktischer Kenntnisse schwer beladen zurückkommen, die uns Stoff zum
Fragen, und ihm Gelegenheit, unsre Begriffe zu berichtigen, geben werden. Sage
ihm, es vergehe kein Tag, da ich mich nicht einer seiner weisen Lehren erinnere,
oder von einer seiner Maximen Gebrauch mache - nach meiner Weise, versteht sich;
denn an einer ängstlichen schülerhaften Copei würde er selbst kein Wohlgefallen
haben. Wenn ich einen Weg zu machen habe, worauf man sich leicht verirren kann,
bin ich froh, wenn ich einen kundigen Wegweiser finde; ich gehe neben, auch wohl
zuweilen ein wenig vor oder hinter ihm, ohne meine Füsse in seine Tritte zu
setzen, oder mich der Freiheit zu begeben, dann und wann einen kleinen Umweg zu
nehmen, um etwa einer Nachtigall im Gebüsche zuzuhören, mich an einer schönen
Ansicht zu ergötzen, oder die Aufschrift an einem verfallenden Denkmal zusammen
zu buchstabiren. Es ist mit der Philosophie, denke ich, wie mit den Nasen; das,
was eine Nase zur Nase macht, ist bei allen dasselbe, und doch hat jedermann
seine eigene.
 
                                      22.
                               Lais an Aristipp.
Wie, mein weiser Freund? Sollt' es wirklich dein Ernst sein? Ich soll mich von
Lesbos aus so treuherzig machen lassen, nach einer Abwesenheit, binnen welcher
der Mond fünfmal gewechselt hat, an - deine Treue zu glauben? Du hättest dich
nur darum in einen Liebeshandel mit der reizenden Lesbierin verwickelt, um mir
einen recht heroischen Beweis zu geben, dass die blosse Erinnerung an deine
Anadyomene hinlänglich sei, alle Pfeile, die Eros aus den grossen schwarzen Augen
der schönen Leukonoe nach deinem Busen schiesst, kalt und kraftlos abglitschen zu
lassen? und dass ein Mann nichts als eine Haarlocke von Lais am Finger zu tragen
brauche, um einer so warmen und verführerischen Liebhaberin, wie du mir deine
Wirtin beschreibst, widerstehen zu können? Und deine freilich noch ziemlich
unerfahrne Freundin sollte so gefällig sein, sich ein solches Mährchen weiss
machen zu lassen? bloss weil sie gestehen muss, es wäre ganz artig, wenn es - kein
Mährchen wäre? Nein, guter Aristipp! so weit geht die Liebe zum Wunderbaren
nicht bei mir, und ich wollte den besten Kuss, den ich zu geben vermag, daran
setzen, könnt' ich mich in diesem Augenblick (die Stunde sag' ich dir aus guten
Ursachen nicht) in das zierliche kleine Cabinet, wovon du mir eine so genaue
Beschreibung machst, versetzen; ich würde etwas nicht halb so Wunderbares sehen,
als die Treue, woraus du dir, vermutlich um der Seltenheit der Sache willen,
ein so grosses Verdienst bei mir zu machen scheinst. Aber denke nicht, mein guter
Philosoph, dass ich die kleine Schlange nicht gewahr werde, die unter diesen
Blumen versteckt liegt. Du hast ausfindig gemacht, dass Grossmut meine schwache
Seite ist. Wenn ich sie, denkst du, nur erst so weit bringen kann, dass sie an
meine Treue glaubt, so ist mir die ihrige gewisser, als wenn ich sie unter
sieben Riegel im ehernen Turm der Danae eingeschlossen hielte. Sie wird sich in
der seltensten aller Tugenden nicht von mir übertreffen lassen wollen, und käme
auch der schönste der Götter, der ewig junge Bacchus selbst, mich aus ihrem
Herzen zu vertreiben. Nicht wahr, Aristipp, ich habe dich erraten? Aber was du
mit allem deinem Scharfsinn ewig nicht erraten hättest, während du dich zu
Lesbos mit der schönen Leukonoe - in der Tugend übst, hab' ich unter dem
prächtigsten Ahorn in der Welt am Quell des Ilissus, unweit Aten, eine
Eroberung gemacht, die du mir nicht zugetraut hättest - und nun rate!
 
                                      23.
                             Lais an Ebendenselben.
Wenn eine Frau die Neugier eines Mannes geflissentlich erregt, so macht sie sich
dadurch anheischig, sie zu befriedigen. Nicht wahr? Ihr andern nehmt das für
eben so gewiss, als ob sie sich mit Brief und Siegel dazu verbindlich gemacht
hätte, und - ihr habt Recht. Ich säume also nicht, lieber Aristipp, dir vor
allen Dingen begreiflich zu machen, wie ich unter den grossen Ahorn am Quell des
Ilissus geraten bin.
    Meine Zurückkunft nach Korint erneuerte die Ansprüche zweier oder dreier
junger Eupatriden, die keinen schlimmen Handel zu treffen glauben, wenn sie sich
mit dem Eigentum meiner kleinen Person ein gesetzmässiges Recht an den Nachlass
meines alten Patrons erkaufen könnten, der ihnen überaus gelegen käme, die
Lücken ihrer verprassten Erbgüter wieder auszufüllen. Weil ich alles gern auf
eine decente Art mache, so dulde ich die Bewerbungen dieser speculativen Köpfe,
ohne sie weder aufzumuntern noch abzuschrecken, und hätte sich noch ein vierter
gefunden, dessen Umgang etwas mehr Interesse für mich gehabt hätte, so möchte
ich den Istmus96 von acht oder neun Monaten, der mich von Aegina trennt, noch
erträglich gefunden haben. - Ihr seid so eitle Geschöpfe, ihr andern, dass ich
dir's vielleicht nicht gestehen sollte; aber da du es doch von selbst erraten
hättest, will ich's lieber frei bekennen, dass ich dich, bevor die sieben ersten
Tage vorbei waren, schon lebhafter vermisste als ich mir selbst zugetraut hätte.
Meine Liebhaber hatten freilich, nach der lästigen Unverdrossenheit ihrer
Aufwartungen zu urteilen, keine lange Weile bei mir; aber dafür machten sie mir
deren so viel, dass ich des albernen Spiels endlich überdrüssig ward. Nein, sagte
ich, es ist nicht länger auszuhalten; Aristipp lässt mich sitzen und schaukelt
sich zwischen den Cykladen herum. Wie wenn ich ihm nachreis'the? - Nachreisen? -
Pfui! das sähe ja gleich so aus, als ob eine verlass'ne Ariadne ihren Ungetreuen
verfolgen wollte? Nein, nicht nachreisen, aber reisen will ich, und zwar nach
Aten, um, während er sich auf den Schauplätzen alter Götter und Heldenmährchen
herumtreibt, seine Stelle - bei dem weisen Sokrates einzunehmen. Gedacht,
getan! Es wird eingepackt, angespannt, ich setze mich mit meinen Grazien (wie
du sie zu nennen pflegtest) in den Wagen und rolle davon, von drei wohl
bewehrten Dienern zu Pferde begleitet, wiewohl die Landstrasse zwischen Korint
und Aten nicht mehr so unsicher ist wie zu Teseus Zeiten. Ich verweile mich
etliche Tage zu Megara, wo ich Geschäfte mit einem alten Gastfreund des
Leontidas abzutun hatte, setze meine Reise fort, und lange an einem schönen
Abend in einiger Entfernung von Aten auf einem mit Bäumen und Gebüschen
bekränzten Hügel an, dessen Anmut mich und meine Nymphen zum Absteigen
einladet. Ich befehle meinen Leuten langsam fortzufahren und mich bei einem
gewissen Tempel, der an unserm Wege liegt, zu erwarten. Kaum sind wir auf dem
weichsten Rasen ein paar hundert Schritte vorwärts gegangen, als ein prächtiger
Ahorn97 von ungewöhnlicher Grösse und Schönheit unsre Augen auf sich zieht, neben
welchem in kleiner Entfernung eine krystallhelle Quelle, zwischen Rosen und
Lorberbüschen rieselnd, unvermerkt zu einem Bach wird, der den durchgehenden
kaum die Knöchel benetzt. Ein rüstiger, wiewohl glatzköpfiger Alter, an Gestalt
und Gesichtsbildung wie man die Silenen abzubilden pflegt, und ein schöner zum
Manne heranreifender Jüngling, beide unbeschuht, der Alte nur mit einem kurzen
hier und da ausgefaserten Mantel, der andere weniger spärlich und beinahe
zierlich bekleidet, sitzen auf einer Rasenbank am Fuss des Ahorns, und scheinen,
in einem lebhaften Gespräche begriffen, uns nicht eher gewahr zu werden, bis
wir, völlig aus dem Gebüsche hervortretend, kaum noch zwanzig Schritte von ihnen
entfernt sind. Jetzt erblicken sie uns, stutzen, flüstern einander etliche leise
Worte zu, und sehen aus, als ob irgend eine magische Gewalt es ihnen unmöglich
mache aufzustehen und sich zu entfernen. Wir waren alle vier zwar so leicht wie
es die Hitze des Tages erforderte, aber (was sich ohnehin versteht) sehr sittsam
und einfach gekleidet, und es begreift sich, dass der unerwartete Anblick vier
solcher Figuren wie wir, an einem so einsamen und dichterischen Orte, etwas
Auffallendes und beinahe Wunderbares für sie haben musste. Ich gehe langsam auf
sie zu, grüsse sie, und frage, weil mir nicht gleich eine andere Einleitung
beifallen will, ob dies der nächste Weg nach Aten sei? Mir däuchte als ob sie
sich durch diese Frage merklich erleichtert fühlten; denn ich wollte wetten, der
alte Herr, der etwas abergläubisch sein soll, würde verlegen gewesen sein, wie
er uns anreden müsse, um der Sache weder zu viel noch zu wenig zu tun. Nun
übersah er mich aus seinen grossen weit hervorstehenden Augen vom Kopfe bis zu
den Füssen, und erwiederte in einem freundlichen Tone, wir könnten die Stadt auf
keinem Wege mehr verfehlen. Dieser Ort ist so anmutig, sagte ich, dass wir uns,
wenn es euch nicht zuwider ist, einen Augenblick zu euch setzen, und an euerm
unterbrochnen Gespräch, wofern es keine Geheimnisse betrifft, Anteil zu nehmen
wünschen. Beides, versetzte er, steht euch frei, wiewohl der Gegenstand, womit
wir uns beschäftigten, wirklich eine Art von Geheimnis ist. An einem den Musen
geheiligten Orte wie dieser, sind Personen wie ihr nie zu viel. Nicht wahr,
junger Mann? Der Jüngling errötete, sah ihn lächelnd an, und nickte Beifall.
Geheimnisse, erwiederte ich, an denen man die ersten besten Anteil nehmen
lassen kann, müssen wenigstens sehr unschuldig sein. Das eurige war vermutlich
ein philosophisches?
    Der Alte. Und gehört ganz besonders unter eure Gerichtsbarkeit; denn es
betraf Schönheit und Liebe. Da die Liebe sich doch nur an das Schöne hält, so
suchten wir dahinter zu kommen, was denn eigentlich das Schöne sei.
    Ich. Und was fandet ihr?
    Der Alte. Dass, wiewohl jedermann das Schöne liebt, doch vielleicht nicht
Einer sich selbst oder andern zu sagen weiss, was es sei.
    Ich. Vielleicht ist es mit dem Schönen wie mit der Farbe, die jeder Sehende
kennt und unterscheidet, wiewohl er nicht sagen kann was Blau oder Grün ist.
    Der Alte. Du meinst vermutlich, jedermann kann sagen, dies Kraut ist grün,
diese Blume rot, diese blau; aber niemand kann sagen, was die Grüne, die Bläue,
die Röte sei?
    Ich. Es kann auch, dächte ich, niemanden viel daran gelegen sein, ob er's
sagen kann oder nicht.
    Der Alte. Mit den Farben mag es immerhin diese Bewandtnis haben: aber was
das Schöne betrifft, so möcht' es wohl gut, ja sogar nötig sein, sagen zu
können, was es ist, damit wir immer sicher sein könnten nichts zu lieben als was
wirklich und immer schön ist.
    Ich. Aber sollte dies denn auch so nötig sein als du zu glauben scheinst?
Verzeih, ehrwürdiger Unbekannter, wenn ich meine Meinung zu frei sage!
    Der Alte. Ich werde die meinige eben so frei sagen, und so sind wir quitt.
    Ich. Man hat Beispiele, dass auch Gegenstände, die entweder nie schön waren
oder es zu sein aufgehört hatten, leidenschaftlich geliebt wurden.
    Der Alte. Gewiss! Aber diese Gegenstände werden dann geliebt, nicht weil sie
hässlich, sondern weil sie ungeachtet ihrer Hässlichkeit dennoch liebenswürdig
sind. Ich glaube nicht dass jemals ein Mensch war, dem ein Höcker etwas sehr
Liebreizendes gedäucht hätte; aber dass eine höckerige Person demungeachtet sehr
liebenswürdig sein könne, ist wohl unläugbar.
    Ich. Nicht nur das; es gibt Leute welche behaupten, ein wahrer Liebhaber
finde sogar den Höcker des Geliebten schön, und es soll wirklich solche
bezauberte Virtuosen in der Liebe geben.
    Der Alte. Was dir, schöne Dame, unbegreiflich ist; nicht wahr?
    Der Jüngling. Ich bekenne dass ich einer von diesen Bezauberten bin.
    Der Alte. Alles was du diesen Damen damit bewiesen hättest, wäre, dass es
eine Liebe gibt, die eine Art von Wahnsinn ist.
    Ich. Sollte nicht jede wahre Liebe eine Art von Wahnsinn sein? - Der Alte
betrachtete mich, statt der Antwort, mit einem forschenden Blick; aber der
Jüngling platzte heraus: wenn dies ist, schöne Fremde, so brauchst du nur zu
reisen, um alle unsre Städte, vom Tänaros bis zum Atos98 in lauter Irrenhäuser
zu verwandeln.
    Ich. Wenn es wahr wäre, dass die Wahnsinnigen die glücklichsten unter den
Menschen sind, so hättest du mir etwas sehr Verbindliches gesagt. Wer wollte
nicht wünschen, alle Menschen glücklich machen zu können?
    Der Alte. Das wären sie schon lange, wenn Wahnsinn glücklich machte. Aber
noch hab' ich keinen Menschen gesehen, der sich gewünscht hätte wahnsinnig zu
sein.
    Ich. Vermutlich auch keinen Liebhaber, der es zu sein geglaubt hätte,
wiewohl sie es alle sind.
    Der Alte. Ich hätte grosse Lust, dir zu beweisen, dass du dich sehr an der
Liebe versündigest; aber der Tag neigt sich, und es ist noch eine ziemliche
Strecke von hier bis zur Stadt.
    Ich. Ich habe einen Wagen der auf mich wartet. Er hat viel Raum, und doch
darf ich es wohl schwerlich wagen, euch einen Platz darin anzubieten?
    Der Alte. Wenn du einen Triumpheinzug in Aten halten willst, so wäre dies
das kürzeste Mittel; du würdest unfehlbar in wenig Augenblicken die ganze Stadt
vor, neben und hinter dir her haben. Wir beide sind, wie du siehest, Fussgänger
und ganz dazu eingerichtet. Aber, wenn die Frage nicht unbescheiden ist,
gedenkst du dich in Aten zu verweilen?
    Ich. Der Zweck meiner Reise ist sehr einfach. Ich wollte von allem, was in
Aten zu sehen ist, nur einen einzigen Mann kennen lernen, und der Zufall hat
mich mehr als ich hoffen durfte begünstiget. Lebet wohl!
    Und so eilte ich mit der Leichtfüssigkeit einer Waldnymphe von dannen,
bestieg meinen Wagen wieder, und liess meine beiden Bewunderer, vermutlich sehr
ungewiss was sie aus mir machen sollten, bald so weit hinter mir, dass ich sie
völlig aus den Augen verlor.
    Wie gefällt dir dieser Anfang, Aristipp? Er ist, wie du nicht zweifeln
wirst, mit grossen Begebenheiten schwanger, und wenn du mich recht schön bittest
- oder auch nicht bittest, so habe ich grosse Lust, dich mit der ganzen
Geschichte meiner philosophischen Mystificirung in Aten zu beschenken. Ich bin
nicht eitel genug mir im Ernst mit der einzigen Eroberung zu schmeicheln, die
mich hoffärtig machen könnte - der Mann sieht mir zu hell aus seinen
Delphinsaugen - Aber dass er die meinige gemacht hat, es mag ihm nun schmeicheln
oder nicht, das hat seine Richtigkeit.
 
                                      24.
                               Aristipp an Lais.
Vor allen Dingen, schöne Halbgöttin, lass' dir ein kleines Abenteuer erzählen,
das mir dieser Tage aufstiess, da ich den ganzen Morgen damit zugebracht hatte,
die Berge um Mytilene zu durchstreichen. Du weisst, denke ich, dass die
Kräuterkunde seit einiger Zeit meine Lieblingsbeschäftigung ist, als eine Art
Studien, wozu ein wandernder Weltbürger, wie ich, aller Orten Stoff findet, und
wovon er gelegentlich allerlei nützlichen Gebrauch machen kann. Ich hatte mich
ziemlich weit ins Gebirge hinein verirrt; die Sonne wurde drückend und mein
Gaumen sehr trocken, als ich endlich am Fuss eines Felsens, an welchem eine
Heerde Ziegen herumkletterte, unter einem hohen Nussbaum eine Hütte, und vor der
Tür der Hütte ein junges Weib erblickte, die im Schatten sitzend Wolle spann.
Ich bat sie um ein wenig Wasser meinen Durst zu löschen, und sie eilte mir einen
Topf voll frischer Milch zu holen, und bot mir ihn freundlich hin, weigerte sich
aber, beinahe beleidigt, da ich ihr ein paar Drachmen in die Hand drückte, etwas
anzunehmen, weil es (sagte sie) nicht Sitte in Lesbos sei, sich für solche
kleine Liebesdienste bezahlen zu lassen. - Werde nicht ungehalten, liebe Laiska!
Mein Abenteuer war freilich des Erzählens nicht wert; aber es ist gerade, als
ob ich dir meine Geschichte mit meiner gefälligen Wirtin zu Mytilene erzählt
hätte. Leider ist hier keine Gelegenheit, mir aus der Treue, über die du
spottest, ein Verdienst bei dir zu machen. Es ist etwas, das einem jeden ächten
Sokratiker, ja dem Meister selbst, alle Tage begegnen könnte. Schwerlich gibt es
eine anspruchlosere Tochter der Natur als die gute Leukonoe. Was sie zu geben
hat, ist in ihren eigenen Augen etwas so Unbedeutendes, dass sie sich schämen
würde, einen grössern Wert darauf zu legen, als meine Ziegenhirtin auf ihren
Topf mit Milch. Meine Treue bleibt dir also auf rühmlichere Gelegenheiten
vorbehalten; auch wollt' ich wetten, du bist von der Unmöglichkeit meiner
Untreue so völlig überzeugt, dass es lächerrlich wäre, wenn ich jemals damit gross
gegen dich tun wollte. Es gibt nur Eine Lais, die alle Arten von Reizen in sich
vereiniget, und auf alle mögliche Weise liebenswürdig ist. Ueber wen wollte sie
eifersüchtig sein? Das ist eine Leidenschaft, die sie ihren Liebhabern überlässt.
Aber wehe dem, der nicht gleich bei ihrem ersten Anblick seine Partie darüber
nimmt! Ich weiss wohl, du wirst die stolze Ruhe, womit ich dich in der Welt
herumschwärmen sehe, mit dem verhassten Namen Kaltsinn belegen; aber ich hülle
mich in meine Unschuld. Denn ich bleibe dabei, der ruhige Liebhaber ist der
einzige zuverlässige Liebhaber. Bei allem dem ist es nicht einmal wahr dass ich
so ruhig bei deiner Reise nach Aten bin als ich vorgebe: nicht, weil du gerade
so viel Anbeter dort zurücklassen wirst, als Männer die dich gesehen haben; und
wer wird dich nicht sehen wollen? Die ganze Welt soll vor dir knien, das ist es
ja eben was ich will! Was ich befürchte ist bloss, dass du gerade den Einzigen,
dessen Eroberung dir schmeicheln würde, nicht erobern wirst. Denn dass du sie
bereits gemacht hättest, ist doch wohl nur Scherz. Arme Laiska! Ich fühl' es
schon in allen Nerven, wie es dich kränken würde, vergebens nach Aten gereist
zu sein! Aber ich fürchte! ich fürchte! Diesen Kopf zu verrücken, würde der
Göttin selbst, deren sichtbare Stattalterin du bist, nicht möglicher sein als
dir. Ich werde deinen nächsten Brief mit Zittern erbrechen, und kann ihn doch
kaum erwarten.
 
                                      25.
                               Lais an Aristipp.
Aber wer sagt dir denn, wunderlicher Mensch, dass ich mir nur im Traum einfallen
lasse, den einzigen gesunden Kopf in ganz Griechenland verrücken zu wollen? -
Und wenn ich es könnte, würdet ihr andern desto weiser sein? Dass ihr doch alle,
ohne Ausnahme, wie es scheint, gar viel dabei zu gewinnen glaubt, wenn ihr einen
grossen Menschen ein paar Stufen zu euch herunterziehen könntet; als ob er nicht
immer um eben so viel grösser bliebe als ihr, wenn er auch auf derselben Fläche
mit euch steht. Wie konntest du dir einbilden, ich werde nicht merken, warum du
so ängstlich für den Ruhm meiner Reizungen bekümmert bist? Aber sei ohne Sorgen,
mein Freund! Ich mache keinen Anspruch von einem Manne wie Sokrates anders als
nach seiner eigenen Weise geliebt zu werden, und es würde mir unendlichemal
weniger schmeicheln, wenn ich, um sein Herz zu gewinnen, ihm vorher den Kopf
verrücken müsste. Glücklicher Weise ist die Sache bereits entschieden; mein Spiel
ist gewonnen, und ich bin desto besser mit mir selbst zufrieden, weil ich es
ohne hetärische Winkelzüge aufrichtig und redlich gewonnen habe. Doch alles an
seinem Ort und zu seiner Zeit!
    Es gefällt mir hier so wohl, dass ich gute Lust habe, ein Tagebuch über
meinen hiesigen Aufentalt zu schreiben, und du sollst sehen, dass der weiseste
aller Menschen keine schlechte Rolle darin spielt.
    Ich lebe nun vierzehn volle Tage hier, und von diesen ist kein einziger
vorbeigegangen, ohne dass ich deinen Sokrates gesehen und gesprochen hätte.
Allentalben, wo ich zu sehen bin, ist er auch; in der grossen Halle, in der
Akademie, im Odeon, auf dem Ziegelplatz, im Piräos, unter den Propyläen, überall
wo ich hingehe, find' ich ihn immer schon da, oder bin doch gewiss, dass er wie
gerufen kommen wird. Du lachst, Aristipp, dass ich so einfältig bin, etwas auf
meine Rechnung zu setzen, was Sokrates schon seit vierzig Jahren alle Tage zu
tun pflegt. - »Man ist es, sagst du, zu Aten gewohnt, ihn aller Orten zu
sehen, wo viele Menschen zusammenkommen; und er würde gar nicht mehr bemerkt
werden, wenn er nicht so viel und so laut spräche, dass man ihn wohl hören muss,
man wolle oder nicht.« - Aber, mein schöner Herr, dass er mich in acht ganzen
Tagen auch nicht ein einzigesmal verfehlt haben sollte, wenn unser
Zusammentreffen blosser Zufall wäre, das sollst du mich nicht bereden! Und dass er
immer nur mit mir spricht, kommt wohl auch daher, weil sonst niemand mit ihm
reden mag? Und dass er, seit ich zu Aten bin, täglich ins Bad geht, und Sohlen
unter die Füsse bindet, und immer in seinem besten neugewalkten Mantel prangt,
hat er wohl auch seit vierzig Jahren immer so gemacht? - Höre, Aristipp! ich
sage dir, verkümmere mir meine Freude nicht, oder wir bleiben nicht lange gute
Freunde!
    Das muss ich den Atenern nachrühmen, sie betragen sich, auch seitdem der
erste Taumel vorüber ist, mit vieler Urbanität und Artigkeit gegen mich und
meine Grazien. Aber freilich, immer in Ungewissheit zu schweben wie ich heisse?
Wer ich bin? Wo ich herkomme? Was ich zu Aten zu suchen habe? Wie lange ich
bleiben werde? Wie es mir da gefällt? - und einander über alle diese Fragen
keine Antwort geben zu können, ist mehr als man einem so lebhaften und
wissbegierigen Volke zumuten kann. Ueber den letzten Punkt erhalten sie zwar bei
jeder Gelegenheit die verbindlichsten Erklärungen; aber über alles Uebrige
mussten sie sich einige Tage mit der allgemeinen Nachricht, die sie von meinen
Leuten in grösstem Vertrauen erhielten, behelfen: dass wir sehr weit herkämen, dass
ich mich eines Gelübdes gegen die grosse Göttermutter von Berecynt99 zu
entledigen hätte, und dass ich nach Aten gekommen sei, weil ja niemand sagen
könnte, er habe etwas Sehenswürdiges in seinem Leben gesehen, wenn er Aten
nicht gesehen hätte. Damit kamen wir nun etliche Tage so ziemlich aus: aber wie
das Aufsehen, das ich gegen meine Absicht erregte, immer auffallender wurde; wie
man überall von nichts als der schönen Unbekannten sprach, und tausenderlei
lächerliche Sagen, Vermutungen und Hypotesen über sie herumliefen, fanden
endlich die Gynäkonomen100 für nötig, ihr Amt zu verrichten, und sich etwas
näher, wiewohl sehr manierlich, nach meinem Namen und Stande zu erkundigen. Um
ihrer recht bald und mit eben so guter Manier los zu werden, fiel mir in der
Eile nichts Besser's ein, als mich (mit deiner vorausgesetzten Erlaubnis) für
eine Cyrenerin, Namens Anaximandra, eine Verwandte von Aristipp, Aritadessohn,
auszugeben, die, wegen der neulich zu Cyrene ausgebrochnen Unruhen, für gut
gefunden hätte, auszuwandern, und sich bis zur Wiederherstellung der Ordnung in
ihrer Vaterstadt in Griechenland aufzuhalten. Die Herren zogen sich nach Empfang
dieser Auskunft mit allem möglichen Atticism wieder zurück, und seitdem begegnet
mir, wie mich dünkt, jedermann mit verdoppelter Aufmerksamkeit und Achtung; so
gross ist der Credit, in welchen mein neuer Vetter die Stadt Cyrene bei den guten
Kechenäern gesetzt hat. Du kannst dir leicht vorstellen, dass ich mich, um meinen
neuen Namen und Stand gehörig zu behaupten, bei meinem Verehrer Sokrates nach
dir erkundigen musste. Um dich weder zu stolz noch zu demütig zu machen, will
ich dir nicht wieder sagen, was er von dir urteilt. Genug, ich sagte ihm: da
du, bei vielen Fähigkeiten und guten Eigenschaften, von etwas leichtem Sinne
wärest, und das Vergnügen vielleicht etwas mehr liebtest, als einem edeln
emporstrebenden Jünglinge zuträglich sei, so hätte die Familie geglaubt nicht
besser tun zu können, als wenn sie dir auf einige Zeit das Glück um Sokrates zu
sein verschafte; - und er versicherte mich dagegen, die Schuld werde nicht an
ihm liegen, wenn die gute Absicht deiner edeln Familie verfehlt werden sollte.
Das lass' dir gesagt sein, Vetter Aristipp!
    Wenn ich Lust hätte, dem guten Willen der Attischen Jugend von der ersten
Classe, und den übel verhehlten kleinen Entwürfen ihrer Väter, einige
Aufmunterung zu geben, so würde mein Aufentalt zu Aten eine Kette von
Lustpartien, Gastmählern und Vergnügungen aller Gattung sein. Die allgemeine
Schwärmerei, die meine Erscheinung erregte, ging anfangs so weit, dass ich sogar
einem Freunde nicht ohne Unbescheidenheit davon sprechen kann. Ich glaube, wenn
ich mit meinen drei Grazien gerades Weges vom Tempel der Aphrodite Besitz
genommen hätte, niemand würde mir das Recht dazu streitig gemacht haben. Dieser
Grad von Berauschung konnte natürlicher Weise von keiner langen Dauer sein:
dagegen hat der Wetteifer sich um mich verdient zu machen, bei allen, die sich
durch persönliche oder angeerbte Vorzüge dazu berechtigt halten, eher zu als
abgenommen. Aber ich entziehe mich den Wirkungen desselben so viel möglich, und
bleibe meinem Plan getreu. Des Sokrates wegen bin ich nach Aten gekommen, und
ihm vorzüglich soll die Zeit meines Hierbleibens gewidmet sein. Ich habe mir
alle Einladungen in die Häuser meiner Verehrer verbeten, und sehe, ausser an
öffentlichen Orten, keine Gesellschaft als in meiner eigenen Wohnung. Denn ich
habe durch Vermittlung deines Freundes Eurybates (der mir die strengste
Verschwiegenheit versprochen hat) ein ganz artiges kleines Haus mit einem
geräumigen Saale gemietet, wo sich alle Abende eine auserlesene Gesellschaft
von ältern Freunden des Sokrates einfindet, unter welchen er selbst nur selten
fehlt. Die jüngern sind (zu grosser Unlust des schönen Phädrus, meines erklärten
Anbeters) ohne Barmherzigkeit ausgeschlossen. Ich wollte, du könntest sehen, wie
hübsch ich mich als Wirtin mitten unter einer Gesellschaft von sechs oder acht
weisen Männern ausnehme, von denen der jüngste seine funfzig Jahre auf dem
Rücken hat; und wie stolz würdest du erst auf deine neue Base sein, wenn du sie
mit solchen Antagonisten über das selbstständige Schöne und Gute, über den Grund
des Rechten, über das höchste Gut und über die vollkommenste Republik ganze
Abende lang disputiren hörtest, und bemerktest, mit welcher Natur oder Kunst
(wie du willst) sie diesen spröden Materien ihre Trockenheit zu benehmen, und
die graubärtigen Streitähne selbst in gebührender Zucht und Ordnung zu erhalten
weiss. Aber freilich darf uns dann die Hauptperson nicht fehlen; er, dessen
scharfer Blick, treffender Witz und muntre Laune ihn zur Seele unsrer
Gesellschaft macht. Der undankbarste Stoff wird unter seinen Händen reichhaltig,
und die scherzhafte sympotische Manier101, womit er die subtilsten Probleme der
Moral und Menschenkunde zu unterhaltenden Tischgesprächen zuzurichten weiss,
scheint die verwickeltsten Knoten oft feiner, wenigstens immer zu grösserm
Vergnügen der Zuhörer, zu lösen, als durch eine ernstaftere und schulgerechtere
Analyse geschehen würde. Aber Ehre dem Ehre gebührt! Die schöne Anaximandra tut
natürlicherweise ihre Wirkung, und seine ältesten Freunde versichern mich, dass
sie ihn in seinem ganzen Leben nie so aufgeräumt und jovialisch gesehen haben,
als - seit dem Tage meiner Ankunft in Aten. Nenn' es nun und erkläre dir's wie
du willst; ich streite nie um Worte, aber du wirst mir erlauben, dass ich mich an
die Erklärung halte, die für meine Eigenliebe die schmeichelhafteste ist.
    Ich gefalle mir so wohl zu Aten, dass ich, wenn mir Eurybates reinen Mund
hält, und nicht etwa ein neidischer Dämon mir jemand, der mich zu Korint
gekannt hat, in den Weg wirft, grosse Lust habe, meinen Aufentalt noch um
mehrere Tage zu verlängern.
    Mein geheimes Liebesverständniss mit dem alten Spötter (denn bis zu
Erklärungen über einen so zarten und unaussprechlichen Gegenstand ist es
zwischen uns noch nicht gekommen) geht noch immer seinen Gang, und ich schliesse
aus dem Vergnügen, das ich an seinem Umgang finde, dass ihm der meinige
wenigstens eben so angenehm sein müsse. Wiewohl er eine Aspasia gekannt hat,
glaube ich doch etwas Neues für ihn zu sein; und bei aller seiner anscheinenden
Beschränkteit, hat vielleicht kein Sterblicher jemals eine allgemeinere
Empfänglichkeit und einen reinern Sinn für alles Menschliche gehabt als er.
    Wünsche mir Glück, Aristipp! heute hab' ich einen ganzen Morgen mit meinem
Liebhaber Sokrates auf der Burg von Aten unter vier Augen zugebracht; denn die
ehrliche Haut Simmias von Teben und den feinen wohlerzogenen Kritobul, die ihn
begleiteten, rechne ich für nichts, weil sie so bescheiden waren uns fast immer
allein zu lassen. Wir besahen alle Merkwürdigkeiten des Orts, der das Sublimste
und Schönste, was Baukunst und Bildnerei in der Welt hervorgebracht haben, in
keinem grössern Raume vereiniget, als gerade nötig war, um dem Auge alles unter
einem einzigen Gesichtspunkte als das erhabenste Ganze darzustellen. Mir war als
ob ich diese Wunder der Kunst zum erstenmal sähe, da ich sie mit Sokrates sah,
wiewohl ich schon zuvor in Gesellschaft des Eurybates hier gewesen war. Am
längsten verweilten wir, wie billig, unter den Propyläen, wo die schönsten
Bildsäulen von Phidias, Alkamenes, Myron und Menon uns ein paar Stunden
unterhielten. Sokrates, wiewohl in seiner Jugend selbst ein Bildhauer, sprach
von diesen Werken mit der verständigen Bescheidenheit eines Mannes der den
Meissel seit vierzig Jahren nicht geführt hatte und, seinem eigenen Urteil nach,
nie weiter als in den Vorhof der Kunst gekommen war. Indessen schien er mir
Bemerkungen zu machen, wovon auch ein Meister hätte Vorteil ziehen können. Ich
fragte ihn, in welche Rangordnung er die genannten Künstler stelle. Frage lieber
dein eigen Gefühl, war seine Antwort. - So ist Phidias der erste. - Unstreitig,
erwiederte er. In Phidias findet sich alles, was den grossen Künstler macht,
beisammen; er ist, so zu sagen, ein Homer, der statt in Versen, in Marmor und
Elfenbein dichtet. Ihm allein scheinen die Götter, die er bildete, wirklich
erschienen zu sein: Alkamenes bestrebte sich menschliche Gestalten zu göttlichen
zu veredeln. Beide haben dem Myron nichts als den Vorzug der Grazie übrig
gelassen. Menon, vielleicht der beste unter den Lehrlingen des Phidias, ist
gegen diese drei - nichts als ein Lehrling. Eine Diane von Myron veranlasste
mich, den Wunsch hören zu lassen, dass ich die Grazien sehen möchte, welche
Sokrates selbst in seiner Jugend gearbeitet hatte. Sie sind nicht wert von dir
gesehen zu werden, versetzte er; ich bin nie mit ihnen zufrieden gewesen; aber
seitdem ich deine Grazien kenne, würde ich die meinigen noch zehnmal steifer und
steinerner finden als sonst. - Meine Grazien? sagte ich verwundert: es sind
allerdings drei liebliche Mädchen; aber doch - »Ich rede nicht von deinen
Aufwärterinnen, schöne Anaximandra: ich meine deine eigenen Grazien« - Mache
mich nicht stolz, Sokrates; ich dachte nicht dass du auch schmeicheln könntest. -
»Zum Beweise dass ich weder schmeichle noch scherze, will ich mich näher
erklären. Ich habe seitdem ich dich kenne drei Dinge an dir bemerkt, die dich
aus allen Schönen, die mir jemals vorgekommen sind, auszeichnen, und dir gerade
das sind, was der Liebesgöttin die Grazien. Das erste ist ein dir eignes, kaum
sichtbares, deinen Mund, deine Augen, dein ganzes Gesicht sanft umfliessendes
Lächeln, das nie verschwindet, es sei dass du sprichst oder einem andern zuhörst,
auch sogar dann nicht, wenn du etwas Missfälliges siehest oder hörest, zu trauern
oder zu zürnen scheinst; das zweite, eine unnachahmlich zierliche Leichtigkeit
im Gang und in allen Bewegungen und Stellungen des Körpers, die dir, wenn du
gehest, etwas Schwebendes, und wenn du in Ruhe bist, das Ansehen gibt, als ob
du, ehe man sich's versehe, davon fliegen werdest; eine Leichtigkeit, die
niemals weder an sich selbst vergessende Lässigkeit noch an Leichtfertigkeit
streift, und immer mit dem edelsten Anstand und mit anspruchsloser angebornen
Würde verbunden ist.« - Eine plötzliche Schamröte ergoss sich, wie er dies mit
so viel anscheinender Treuherzigkeit sagte, über mein ganzes Gesicht, bei dem
Gedanken, dass ich mit einem so guten und ehrwürdigen Manne am Ende doch nur
Komödie spiele. - Gut; rief er, da haben wir deine dritte Grazie! diese holde
Schamröte, die Tochter des zartesten Gefühls, die dem Adel deiner
Gesichtsbildung und dem Ausdruck des Selbstbewusstseins nichts benimmt, und sich
dadurch so wesentlich vom Erröten der kindischen oder bäurischen Verlegenheit
unterscheidet. Ein Bildhauer, der Genie und Kunst genug besässe, dieses Lächeln,
diese Leichtigkeit und dieses Erröten zu verkörpern und in Gestalt dreier
lieblicher Nymphen darzustellen, hätte uns die Grazien dargestellt.
    Gestehe, Aristipp, dass es keine sehr leichte Sache war, in diesem
Augenblicke nicht ein wenig aus meiner Rolle zu kommen. Aber Sokrates selbst
half mir ohne sein Wissen wieder hinein. Ich sage dir dies, fuhr er fort, weder
um deine Eigenliebe zu kitzeln, noch weil es mir im geringsten schwer gewesen
wäre, meine Bemerkungen für mich zu behalten; sondern, weil ich diese
Gelegenheit nicht entschlüpfen lassen möchte, ohne dir die hohe Bestimmung zu
Gemüte zu führen, um derentwillen die Götter so viel Schönheit und Würde mit so
viel Reiz und Anmut in dir vereiniget haben.
    Und nun, Freund Aristipp, setzte er sich mit mir unter den grossen Oelbaum
vor dem Tempel der Atene Polias102, und begann, mit einer ihm nicht
gewöhnlichen Begeisterung, eine lange Rede über - Schönheit und Liebe. Er setzte
als etwas, woran ich nicht zweifeln könne, voraus, dass beide ohne Tugend weder
zu ihrer Vollkommenheit gelangen, noch von Dauer sein könnten. Er bewies, indem
er die Begriffe in seiner etwas spitzfindigen Manier sonderte und entwickelte,
dass das Schöne und Gute im Grund eben dasselbe, und Tugend nichts anders als
reine Liebe zu allem Schönen und Guten sei; eine Liebe, die vermöge ihrer Natur,
gleich der Flamme, immer emporstrebe, durch nichts Unvollkommnes befriediget
werde, und nur im Genuss des höchsten Schönen, zu welchem sie stufenweis
emporsteige, Ruhe finde. - Und was meinst du, dass er mit dem allen wollte?
Nichts geringeres als mich überzeugen, »dass die Natur mich ganz eigentlich zu
einer Lehrerin und Priesterin, ja noch mehr, zu einer unmittelbaren Darstellerin
des Ideals der Tugend, mit Einem Wort, zur personificirten Tugend selbst
bestimmt und ausgerüstet habe; und dass es also die erste meiner Pflichten sei,
die Erreichung dieses hohen Ziels zum grossen Geschäfte meines Lebens zu machen.«
    Es würde mir kaum möglich sein, nur den zehnten Teil der erhabenen Dinge,
die er mir sagte, wieder zusammen zu bringen; aber des Schlusses seiner Rede
erinnere ich mich noch von Wort zu Wort. »Wenn, sagte er, die Tugend sich
sichtbar machen könnte, was für eine andere Gestalt als die deinige könnte sie
annehmen wollen, um alle Herzen an sich zu ziehen und fest zu halten? Es hängt
bloss von deinem Wollen ab, der Welt zu zeigen dass sie sichtbar werden könne: und
wenn Tyche103 dich zur Königin des ganzen Erdkreises erhübe, wie wenig wäre das
gegen die Höhe, zu welcher du dich aus eigener Macht, ohne etwas anders als dich
selbst vorzustellen, erheben kannst, bloss indem du die Pflicht, die dir deine
Schönheit auferlegt, in ihrem Umfang erfüllst.«
    Du wirst mir gern glauben, Aristipp, dass es mich einige Mühe kostete, die
Bewegung zu verbergen, in welche mich diese sonderbare Anrede setzte. Was in
seiner Moral überspannt war, tat doch die komische Wirkung nicht, die es
vielleicht in dem Munde eines andern getan hätte. Ich fühlte es sehr wohl, aber
ich hätte um alles in der Welt nicht darüber scherzen können; denn ich fühlte
zugleich dass etwas Wahres daran war, das sich nicht wegscherzen lassen würde. In
diesem Augenblick, glaube ich, eilten mir die Grazien, die er selbst mir
zugegeben hatte, alle drei zu Hülfe. Ich legte meine Hand mit einem kaum
merklichen Druck auf die seinige, und sagte, indem ich ihm mit ernstem Lächeln
errötend in die Augen sah: der Ort, wo wir sind, und die sichtbare Gegenwart so
vieler Götter und Heroen, die uns umgeben, hat dich mächtig ergriffen,
ehrwürdiger Sokrates; du sprichst wie ein Begeisterter und beinahe wie ein Gott.
Ich bin nur eine schwache Sterbliche: und doch schwebt auch mir ein hohes Ideal
vor, das ich vielleicht nie erreichen werde. Ich hoffe dieses Morgens und aller
andern Stunden, die ich in deiner Gesellschaft lebte, nie zu vergessen; und wenn
ich -
    Zu gutem Glücke zog mich Aristophanes, der auf einmal hinter den Säulen
hervorrauschend auf uns zugelaufen kam, aus der Verlegenheit, meine Periode
auszuründen. Da wir uns schon öfters gesehen hatten, hielt er sich berechtigt,
mich im Ton einer alten Bekanntschaft anzureden, und darüber zu scherzen, dass er
mich mit dem weisen Sokrates so allein überrascht hätte. Dieser antwortete ihm
mit der gewandtesten Leichtigkeit in eben demselben Ton, und beide bewiesen mir
(da ich ihr wahres Verhältnis kannte) durch ihr Benehmen gegen einander, dass die
Attische Urbanität eine sehr preisliche Bürgertugend ist. Bald darauf gesellten
sich noch mehrere Bekannte zu uns, und als sich der Komiker wieder entfernt
hatte, sagte Sokrates lächelnd zu mir: an diesem Menschen könntest du gleich
dein erstes Meisterstück machen, Anaximandra. - Ich würde schwerlich viel Ehre
davon haben, versetzte ich, wenn Sokrates selbst in zwanzig Jahren nichts über
ihn vermochte. - Keineswegs, erwiederte er, da du alles hast was mir fehlt.
Schönheit, Anmut und Jugend sind gar mächtige Anlockungen. - Aber ein so
schlauer Vogel wie dieser, sagte ich, würde sich die Lockspeise belieben lassen
und der Schlinge doch zu entgehen wissen.
    Wir stiegen nun durch die Propyläen wieder in die Stadt herab, und ich
konnte dem Einfall nicht widerstehen, meinen Blumenkranz abzunehmen, und die
Bildsäule des grossen Mannes damit zu krönen, dessen königlichem Geist Aten
ihren hohen Glanz über alle andern Städte in der Welt zu danken hat.
    So eben erhalte ich von Korint Nachricht, dass der beschwerlichste meiner
Nachsteller den Weg, den ich genommen, entdeckt habe, und morgen in Aten
eintreffen werde. Er soll das Nest leer finden. Morgen mit dem frühesten fliege
ich nach Korint zurück. Aber damit sich doch die Atener eine Zeit lang meiner
erinnern, muss ich noch etwas tun, das in ihrer Stadt vermutlich noch nie
gesehen worden ist. Ich habe alle Bekannten, die ich hier gemacht, junge und
alte, zwanzig bis dreissig an der Zahl, zu einem kleinen Abschiedsfest einladen
lassen. Ein halb Duzend Köche sind bereits in voller Arbeit; denn ich werde
meine Gäste mit einem Symposion in Korintischer und Cyrenischer Manier
bewirten. Alle Götter der Freude sollen von der Partie sein; ich lasse die
berühmtesten Citerspielerinnen und Auletriden104 dazu bestellen, und deine
Grazien sollen alle ihre Talente in Gesang, Tanz und Mimik den Augen und Ohren
der entzückten Cekropier Preis geben. Du siehst es will sich nicht anders
schicken, als dass die edle Anaximandra von Cyrene, die mit dem Pracht und
Vergnügen liebenden Aristipp verwandt zu sein die Ehre hat, den Atenern ihre
Dankbarkeit für die gute Aufnahme, die sie bei ihnen fand, auf eine seiner
würdige Art beweise; und muss ich nicht meinem erhabnen Liebhaber zeigen, dass
seine Lehren und Ermahnungen auf keinen unfruchtbaren Boden gefallen sind? Denke
ja nicht, dass ich seiner dadurch spotten wolle. Die Grazien haben auch ihre
Philosophie, und er soll sehen, dass sie sich mit der seinigen, wenn sie anders
nicht gar zu störrisch ist, ganz gut verträgt. Ob ich auch deinen
sauertöpfischen Antistenes zu der freundlichen Tugend bekehren werde, die, um
die Herzen zu gewinnen, die Gestalt der Freude annimmt? Wir wollen sehen.
    Ich melde dir von Eleusis aus, dass alles recht gut abgelaufen ist. Meine
Gäste schienen von mir und meinem Gastmahl und den Talenten meiner Grazien
bezaubert. Sogar die finstere Stirne des strengen Antistenes entrunzelte sich.
Den Sokrates allein glaubte ich bald ernstafter bald ironischer zu sehen als
gewöhnlich, und man hätte zuweilen denken sollen, er sei von der Polizei
bestellt mich zu beobachten, so scharfe Seitenblicke heftete er von Zeit zu Zeit
auf mich. Aber Anaximandra machte es wie Hippokleides105 und liess sich's nicht
kümmern; oder vielmehr, sie begegnete ihm mit der zärtlichen Aufmerksamkeit
einer guten Tochter, und schien nichts an ihm zu sehen, was ihre fröhliche
Stimmung hätte unterbrechen können. Das Fest dauerte ziemlich weit in die Nacht,
und Sokrates war einer der letzten, die sich zurückzogen. Nachdem die
Gesellschaft sich in einzelne Gruppen geteilt hatte, und während die meisten
den Spielen und Tänzen zusahn, fanden wir uns wie durch Zufall in einer Ecke
des Saals allein. Ich lenkte das Gespräch mit guter Art auf dich, und bat ihn,
mir ganz offenherzig zu sagen was er von dir denke. Aristipp, antwortete er, ist
ein junger Mann von vorzüglichen Anlagen; als ein Liebhaber des Schönen möchte
er auch wohl die Tugend lieben, wenn sie nur keine Opfer forderte. Seine
Sinnesart ist edel; aber was ihm immer gefährlich sein wird, ist sein Hang zu
einem freien Leben und zur Sinnenlust.
    Ich. Wir haben ihn nie ausschweifend gekannt. Sollte er die Gelegenheit,
weiser bei dir zu werden, so wenig benutzt haben, dass er sich erst zu Aten
verschlimmert hätte?
    Sokrates. Auch ich habe ihn nie über die Gränzlinien des Wohlanständigen
hinausschweifen sehen, und über einen gewissen Punkt beschämt seine
Unsträflichkeit unsre meisten Jünglinge. Aber sein letzter Aufentalt zu Aegina
machte mich vielleicht seinetwegen besorgter als nötig war.
    Ich. Wie so? Hat man dir vielleicht von seiner Anhänglichkeit an eine
gewisse Lais von Korint gesprochen?
    Sokrates. Ich höre wenig auf Gerüchte. Sie soll ausserordentlich schön,
geistvoll und liebenswürdig sein; und eben darum halte ich sie bei der freien
Denkart, wovon sie Profession macht, für eine sehr gefährliche Zaubrerin.
    Ich. Sokrates, du siehst Anaximandren jetzt zum letztenmal, und sie könnte
sich nicht verzeihen dich länger zu täuschen. Ich selbst bin diese Lais, die du
unter einem andern Namen liebenswürdig gefunden hast, und die dir in diesem
Augenblick des Scheidens gesteht, dass sie dich allen Männern vorzieht, die sie
jemals gesehen hat.
    Sokrates. Deine Aufrichtigkeit, schöne Lais, ist der Erwiederung wert: du
sagst mir nichts Neues; schon diesen Morgen wusste ich wer du warst. Du glaubtest
ich schwärme; jetzt begreifst du, dass ich bei ruhigem Mute war. Lebe wohl, und
erinnere dich zuweilen an den Oelbaum der Polias! - Ich konnte mich nicht
erwehren meinen Mund auf seine Hand zu bücken, und so wahr mir Urania gnädig
sei, eine Träne, glaube ich, fiel auf sie herab. Er drückte die meinige und
entfernte sich.
 
                                      26.
                               Aristipp an Lais.
Es war der allesvermögenden Lais Anaximandra vorbehalten, uns an Sokrates eine
Seite zu zeigen, die ohne sie entweder gar niemals, oder wenigstens in keinem so
schönen Lichte, sichtbar geworden wäre. Die ganze Art seines Benehmens gegen
dich macht ihn in meinen Augen sehr ehrwürdig; und besonders am letzten Tage ist
er so ganz Sokrates, so ganz, was nur er allein sein kann, der seltenste, oder
soll ich sagen seltsamste, Hermaphrodit von Vernunft und Schwärmerei, den die
menschliche Natur vielleicht jemals hervorgebracht hat! Wirklich glaube ich, dass
du dir nicht zu viel schmeichelst, wenn du ihn (wiewohl nur im Scherz) unter
deine Liebhaber zählest. Wer weiss, ob du nicht wohl gar diesen philosophischen
Hercules so weit hättest bringen können als weiland deine Zauberschwester
Omphale den Tebanischen, wenn es nicht Grundsatz bei ihm wäre, in solchen
Notfällen sich eines schnellwirkenden Hausmittels zu bedienen106. Ich wollte
wetten, seine griesgrämische Xantippe hat ihn in zwanzig Jahren nicht so
zärtlich gesehen, als während deines Aufentalts in Aten.
    Schön war es von dir, liebe Laiska, dass du ihm noch in den letzten
Augenblicken deinen wahren Namen entdecktest, und noch schöner das Spiel des
Zufalls, dass du ihm nichts offenbartest als was er schon wusste. Vermutlich muss
er dem Eurybates das Geheimnis abgelockt haben; denn er besitzt einen zu
scharfen Spürsinn, als dass er nicht hätte merken sollen, dass es mit der
Anaximandra von Cyrene, Aristipps Verwandtin, nicht ganz richtig sei. Uebrigens
hoffe ich, durch deinen genialischen Einfall, dich in persönliches Verhältnis
mit Sokrates zu setzen, ein Beträchtliches bei ihm gewonnen zu haben; oder,
wofern er mich nach meiner Zurückkunft nicht mit günstigern Augen ansieht, werde
ich geradezu behaupten, dass es blosse Eifersucht darüber sei, dass meine Weisheit
mir nicht verbietet - glücklicher zu sein als er. Wirklich zieht mich die
Neugier, zu sehen wie er mich aufnehmen wird, mächtig nach Aten zurück. Aber
ich bin seit etlichen Tagen zu Lemnos, und dem Schauplatze der Homerischen
Gesänge zu nahe, um es bei den Musen verantworten zu können, wenn ich nicht nach
der Trojanischen Küste vollends hinüber setzen wollte. Indessen hoffe ich
längstens in acht Wochen, mit Hülfe der nördlichen Winde, die um diese Zeit
regieren, wieder in Aten zu sein: und dort, schöne Lais, schmeichle ich mir
einen Brief von dir zu finden, der mir sagt, ob dir indessen irgend ein
günstiger Wind einen Liebhaber zugeweht hat, der dich des alten Sokrates
vergessen machen kann.
 
                                      27.
                             Demokles an Aristipp.
Dein Rat kam zu spät, Aristipp. Die Freunde der Freiheit, unter welchen eine
beträchtliche Anzahl entschloss'ner Männer war, sind auf einmal aus dem Nebel
der Verborgenheit hervorgetreten. Evagoras, den du als einen ehrgeizigen und
unternehmenden Mann kennen wirst, hat Mittel gefunden sich an ihre Spitze zu
stellen. Sie haben sich versammelt, verschiedene kräftige Vorkehrungen für die
öffentliche Sicherheit getroffen, und die Häupter der drei Factionen, jeden
insbesondere, zu einer förmlichen Erklärung über die Absicht ihrer, schon lange
nicht mehr geheimen, Zurüstungen aufgefordert. Man hat einander eine Zeit lang
mündlich und schriftlich mit allerlei Ausflüchten, und als diese erschöpft
waren, mit Vergleichungsvorschlägen aufgezogen. Wie aber die Demokratische
Partei in vollem Ernst erklärte, dass sie sich selbst so lange als die
rechtmässigen Beschützer der Gesetze und der Freiheit ansehen und benehmen
würden, bis die Oligarchen die Waffenvorräte, womit sie ihre Häuser, gewiss zu
keinem unschuldigen Gebrauch, angefüllt, ausgeliefert, alle ihre Aemter
niedergelegt und der allgemeinen Bürgerversammlung Treue und Gehorsam geschworen
haben würden, machten (wie leicht vorherzusehen war, und doch nicht
vorhergesehen wurde) die Triumvirn, Alcimedon, Hippokles und Ariston, plötzlich
Friede unter einander und gemeine Sache gegen den gemeinen Feind, mit der
Uebereinkunft, wenn sie die Oberhand erhalten hätten, die Regierung des Staats
gemeinschaftlich zu führen.
    Die Götter haben uns nicht begünstiget, Aristipp. Es kam in diesen Tagen zu
einem wütenden Gefecht auf dem grossen Marktplatze. Die Triumvirn, welche ausser
einem Trupp schwerbewaffneter Reiterei, einige Hundert Kretische Söldner und den
ganzen Cyrenischen Pöbel auf ihrer Seite hatten, überwältigten uns endlich nach
einem langen verzweifelten Widerstand, durch ihre Ueberlegenheit an Waffen und
Anzahl. Etliche Hundert der feurigsten Patrioten fielen, mit rühmlichen Wunden
bedeckt; der Ueberrest hielt es für Pflicht, sich dem Vaterlande auf einen
glücklichern Tag aufzusparen, und rettete sich durch die Flucht.
    Du vermutest ohne Zweifel voraus, dass die Sieger sich ihres Glücks, anstatt
mit Mässigung, mit aller Grausamkeit bedienen, die von übermütigen und
misstrauischen Tyrannen zu erwarten ist. Die Gefängnisse sind mit Personen von
allen Ständen, die man für verdächtig hält, angefüllt, und reich zu sein, oder
dafür zu gelten, ist schon allein mehr als hinlänglich, um den raubgierigen
Herrschern und ihren Günstlingen verdächtig zu sein. Die entflohenen Patrioten
werden für vogelfrei erklärt, ihre Anverwandten aus der Stadt verbannt, und ihre
Güter eingezogen. Alle unsre Hoffnung beruht nun - auf unserer Verzweiflung, und
auf der alten Erfahrung, dass Räuber, wie eifrig sie auch, um Beute zu machen,
zusammengehalten haben, gewöhnlich über der Teilung zerfallen. Wir haben uns
indessen nach und nach wieder zusammengefunden, und uns im Gebirg, an der Gränze
der Cesammonen, eines festen Postens bemächtiget, wo wir, täglich durch
Verbannte oder Flüchtlinge verstärkt, uns so lange zu halten hoffen, bis uns
etwa ein günstiger Stern eine Wahrscheinlichkeit zeigt, die Befreiung des
Vaterlandes mit besserm Erfolg zu unternehmen. Vielleicht ist mir einer von den
Deinigen (deren leider! keiner auf unsrer Seite stand) mit Nachrichten von
diesen Ereignissen bei dir zuvorgekommen; denn die Notwendigkeit, mich von
einigen Wunden heilen zu lassen, verhinderte mich eher an dich zu schreiben.
Beklage das traurige Schicksal der vor kurzem noch so blühenden und glücklichen
Cyrene, und versuche alles was du kannst, da du es nicht abzuwenden vermochtest,
es wenigstens zu erleichtern!
 
                                      28.
                             Kleonidas an Aristipp.
Du bist bereits benachrichtiget, lieber Aristipp, dass es bei uns endlich zu
einem Ausbruch gekommen ist, wobei die Oligarchen den Sieg erhalten haben.
Möchten sie, da es nun einmal unser Schicksal ist, sich dessen nur mit Mässigung
bedienen! Aber noch stürmen die Leidenschaften von allen Seiten zu wild, um der
Humanität, ja nur der Klugheit, die ihren eigenen Vorteil kaltblütig berechnet,
Gehör zu geben.
    Die Eintracht unsers Triumvirats ist von kurzer Dauer gewesen. Ariston, der
freigebigste und popularste unter ihnen, hat (wie man sich ins Ohr sagt) Mittel
gefunden, seine beiden Collegen mit guter Art auf die Seite zu schaffen. Sie
wurden bei einem öffentlichen Opfer von drei seltsam verkleideten Banditen
angefallen, und mit einigen Dolchstichen ermordet. Beide waren ihrer Raubgier
und Grausamkeit wegen so verhasst, dass niemand ihr Schicksal bedauerte. Ariston
selbst, sagt man, sollte das dritte Schlachtopfer sein; er wurde aber
glücklicher Weise von deinem Bruder Aristagoras und etlichen andern gerettet,
bevor der ihm zugedachte dritte Dolch seine Brust erreichen konnte. Die Mörder,
die sich (nach ihrem eignen freien Geständnis) aus blossem Patriotism zu dieser
Tat verschworen hatten, wurden ohne Widerstand in Verhaft genommen, und in die
engeste Verwahrung gebracht. Wie es aber auch zugegangen sein mag, als sie am
folgenden Morgen zum Verhör abgeholt werden sollten, fand man das Gefängnis
leer, und die Vögel waren sammt dem Kerkermeister ausgeflogen. Du kannst leicht
denken, dass verschiedlich über diese Geschichte glossirt wird. Indessen benutzte
Ariston die Schwärmerei, womit das Volk an seiner Gefahr und Erhaltung Anteil
nahm, und liess sich unverzüglich, vermöge des Rechts seiner Grossmutter, die von
einer Seitenlinie der Battiaden abstammt, unter dem wildesten Zujauchzen und
Frohlocken des herbeiströmenden Pöbels zum König von Cyrenaika ausrufen.
Prächtige Feste und öffentliche Lustbarkeiten bezeichneten die ersten Tage
seiner Regierung, und machten mit den Hinrichtungen und Proscriptionen des
verhassten Triumvirats einen sehr auffallenden Contrast. Ariston schien dadurch
(in der raschen Meinung des Volkes wenigstens) von allem Anteil an jenen
Gräueln losgesprochen zu werden, und seinen Mitbürgern unter einer milden
Regierung goldne Zeiten zuzusichern. Vermutlich zu diesem Ende hat er, wie es
heisst, die Sorgen der Staatsverwaltung deinem Bruder und einigen andern, die
sich damit beladen wollten, überlassen, und er scheint nichts Angelegneres zu
haben, als sich mit allen Arten von Genüssen, die ihm die wirkliche Gewalt
verschaffen kann, so schnell als möglich zu überfüllen. Wohl mög' es ihm
bekommen, sag' ich, zweifle aber sehr dass ich wahr gesagt habe. Dein Vater, der
an dieser raschen Umkehrung der Dinge kein sonderliches Wohlgefallen haben soll,
hat sich, unter dem Schutze seines hohen Alters, auf sein Landgut zurückgezogen,
und scheint alle Wünsche, wozu ihn die gegenwärtigen Verhältnisse berechtigen,
auf die Freiheit und Ruhe, die in seinen Jahren so wohltätig sind, oder (wie er
selbst sich ausdrückt) auf die Erlaubnis im Frieden auszuleben, beschränkt zu
haben. Ich besuche ihn öfters; er scheint mich gern zu sehen, weil ich ihm immer
etwas Angenehmes von dir zu erzählen weiss.
    Ich danke den Göttern, dass ich zu unbedeutend bin, um in diesen gefährlichen
Zeitläuften eine Rolle spielen zu müssen, und nicht ehrgeizig oder unruhig
genug, um etwas bedeuten zu wollen. Meine Familie ist durch die goldene nie
genug gepriesene Mittelmässigkeit vor Neid und Raubgier gleich gesichert; und so
lange wir uns, wie bisher, des Schutzes deines edeln Bruders erfreuen können,
ist der Anteil den wir an der allgemeinen Ruhe des Vaterlandes nehmen, das
einzige was die unsrige stören kann. Leider fehlt noch viel, dass wir uns der
Hoffnung bess'rer Zeiten frohen Mutes überlassen dürften. Die demokratische
Partei ist noch nicht gedämpft, und unsre dermalige Regierung, zu sehr mit der
innern Polizei beschäftigt, scheint den Bewegungen ihrer Feinde mit einer
Gleichgültigkeit zuzusehen, die ich mir nicht wohl erklären kann. Gewiss ist, sie
muss ihre Ursachen dazu haben; ungewiss, ob der Ausgang sie rechtfertigen wird.
 
                                      29.
                              Aristipp an Ariston.
Das Glück hat deine Wünsche begünstiget, Ariston; du hast das höchste Ziel des
menschlichen Ehrgeizes erreicht. Unglücklicher Weise sind die Stufen, auf denen
du bis zum Tron hinauf gestiegen bist, mit Bürgerblut befleckt. Wenn du ihn nur
durch Verbrechen ersteigen konntest, so glaube wenigstens den Schmeichlern
nicht, die dich bereden wollen, unter dem Glanz des Trones würden auch
Verbrechen schön. - Doch, das Geschehene kann kein Gott ungeschehen machen: aber
das Andenken desselben im Gedächtnis der Menschen auslöschen, kannst du selbst.
Je grösser die Opfer waren, die deine Erhebung dem Vaterlande kostete, desto
grösser und ausgebreiteter ist das Gute, das es jetzt aus deiner Hand zu erwarten
berechtigt ist, da du alles vermagst. Den Weg haben dir Gelon, Hieron,
Pisistratus und Perikles vorgezeichnet. Möge das Volk, das dich mit Jubel zu
seinem König ausrief - und nicht wusste was es tat - Ursache finden, noch in
funfzig Jahren den Tag zu segnen, da es sein Wohl oder Weh in deine Hände legte;
und möge Ariston der König nie vergessen, dass er einst seines Volkes Mitbürger
war!
 
                                      30.
                               Aristipp an Lais.
Nach einer Wanderung von mehr als fünf Monaten bin ich wieder wohlbehalten auf
dem »öltriefenden Boden angelangt, den Pallas Atene beschützt;« in dieser Stadt
von welcher der Dichter Lysippus107 sagt:
Hast du Atenä nicht gesehn, bist du ein Klotz,
Sahst du sie und sie fing dich nicht, ein Stockfisch;
Trennst du dich wohlgemut von ihr, ein Müllertier.
Ich hoffe dies letztere werde nicht im strengsten Sinn der Worte zu nehmen sein;
denn ich sehe wohl, dass ich Aten noch mehr als einmal wohlgemut verlassen
werde; aber dafür bin ich auch gewiss, ich werde eben so oft wieder zurückkommen;
und ich müsste mich sehr irren, oder dieses wechselnde Kommen und Gehen ist das
wahre Mittel, wie man der Vorteile und Annehmlichkeiten des Aufentalts in
dieser Hauptstadt der gesitteten Welt geniessen kann ohne ihrer überdrüssig zu
werden, oder sie von den übermütigen, naseweisen und wetterlaunischen
Einwohnern gar zu teuer zu erkaufen. Nimm es nicht übel, Laiska, dass ich von
den edeln Teseiden, deinen erklärten Liebhabern, mit so wenig Ehrerbietung
rede. Ich läugne es nicht, ein Fremder, der sich eine Zeit lang unter ihnen
aufhält, und, es sei nun durch persönliche Eigenschaften oder durch Geburt,
Stand und glänzenden Aufzug, ihre Aufmerksamkeit erregt, muss von ihrer
Liebenswürdigkeit bezaubert werden; aber lass' ihn nur so lange bleiben, bis sie
es nicht mehr der Mühe wert halten Umstände mit ihm zu machen: ich wette, er
wird den Unterschied zwischen dem Atener im Feierkleide und dem Atener im
Caputrocke sehr auffallend finden. Das ist allentalben so, wirst du sagen. Ich
gesteh' es; aber doch zweifle ich sehr, ob irgend ein anderes Volk dich die
zuvorkommende Artigkeit und Gefälligkeit, womit es dich Anfangs überhäuft, so
teuer bezahlen lässt, als der Atener, von dessen Charakter einer der
wesentlichsten Züge ist, dass er Andere gerade so viel unter ihrem wahren Wert
schätzt, als er sich selbst über den seinigen würdigt.
    Ich weiss nicht, ob du von einem Gemälde des berühmten Parrhasius gehört
hast, worin er den schon vom Aristophanes so treffend personificirten
Atenischen Demos108 in einer Art von allegorisch historischer Composition zu
schildern unternahm. Seine Absicht, sagt man, war, die Atener von der schönen
und hässlichen Seite, mit allen ihren Tugenden und Lastern, Ungleichheiten,
Launen und Widersprüchen mit sich selbst, zugleich und auf einen Blick
darzustellen. Es war keine leichte Aufgabe, eben dasselbe Volk rasch, jähzornig,
unbeständig, ungerecht, leichtsinnig, hartnäckig, geitzig, verschwenderisch,
stolz, grausam und unbändig auf der einen Seite, und mild, lenksam, guterzig,
mitleidig, gerecht, edel und grossmütig auf der andern, zu zeigen; oder
vielmehr, er unternahm etwas, das seiner Kunst unmöglich zu sein scheint. Du
bist vielleicht neugierig zu wissen, wie er es anfing? Das Gemälde stellt eine
Atenische Volksversammlung vor, welche, nachdem sie in möglichster Eile irgend
eine Ruhm und Gewinn versprechende Unternehmung beschlossen, eine summarische
Rechnung über Einkünfte und Ausgaben des Staats abgehört, und einen General
etwas tumultuarisch zum Tode verurteilt hat, eben im Begriff ist auseinander zu
gehen. Man zählt mehr als hundert halbe und ganze Figuren, von welchen die
bedeutendsten in drei grosse Hauptgruppen verteilt sind. In der ersten ist der
Demagog, der so eben irgend ein ausschweifendes Project (etwa die Eroberung von
Sicilien oder Aegypten) durch seine rhetorische Taschenspielerkunst durchgesetzt
hat, die Hauptfigur. Das hoffärtigste Selbstgefühl und der Vorgenuss des Triumphs
über den glücklichen Erfolg seiner Vorschläge, den er als etwas Unfehlbares
voraussetzt, ist in der ganzen Person, im Tragen des Kopfs, im Ausdruck des
Gesichts, und in der ganzen Haltung und Gebärdung des stolz einherschreitenden
Projectmachers auf die sprechendste Weise bezeichnet. In den Gesichtern und
Stellungen seiner ihn umgebenden Anhänger zeigt sich, in verschiedenen
Schattirungen, Leichtsinn, Selbstgefälligkeit, Kühnheit und herausfordernder
Trotz. Es ist als ob sie sagen wollten: »Das kann nicht fehlen! Arme Schelme!
wir wollen bald mit euch fertig sein! Wer kann den Atenern widerstehen? Was
wäre Männern wie wir unmöglich?« Gleichwohl bemerkt man hinter jenen ein Paar
Achselzucker, die dem Unternehmen einen unglücklichen Ausgang zu weissagen
scheinen; ein dritter hängt den Kopf so melancholisch als ob schon alles
verloren sei; ein vierter scheint mit einem schwärmerischen Beförderer des
Projects in einem lebhaften Wortwechsel begriffen zu sein. Die zweite Gruppe
drängt sich um den Schatzmeister der Republik, der seine Freude über die
Gefälligkeit, womit ihm das Volk seine Rechnungen passiren liess, unter einer
sorgenvollen Finanzministermiene zu verbergen sucht. Ein Schwarm lockerer
Brüder, im vollständigen Costume ausgemachter Kinäden und Parasiten, schlendern
neben und hinter ihm her, und scheinen, in fröhlichem Gefühl, dass es weder ihnen
selbst noch der Republik jemals fehlen könne, einen grossen Schmaus auf den Abend
zu verabreden. Ein anderer, der sich durch die schlaueste Schelmenphysiognomie
auszeichnet, und etliche hungrige zu allem bereitwillige Gesellen hinter sich
her schleichen hat, nähert sich dem Ohr des Ministers, und scheint ihn durch
Darbietung der halb offnen Hand der versprochnen Erkenntlichkeit für den
geleisteten Dienst erinnern zu wollen. Aber auf der Seite sieht man ein paar
ältliche heliastische Figuren, mit bedenklichen Gesichtern, deren einer dem
andern die Fehler in der abgelegten Rechnung vorzuzählen scheint, während ein
dritter allein stehender, den sein schäbiger Kittel und ein Gesicht, das einer
mit Zahlen beschriebenen Rechentafel gleicht, für das was er ist ankündigt, auf
einem Stückchen Schiefer nachrechnet, und durch die Miene, womit er seitwärts
nach dem Schatzmeister schielt, den nahen Staatsbankrott weissagt. Die dritte
Gruppe begleitet den verurteilten Feldherrn nach dem Gefängnis. Einige, die ihn
zunächst umgeben, drücken in verschiedenen Graden Teilnehmung, Schmerz und
Mitleiden aus; während er selbst seinem Schicksal mit grossherziger
Entschlossenheit entgegen geht. In einiger Entfernung sieht man einen Haufen
Sykophanten und falsche Zeugen hinter etlichen Männern von Bedeutung, die sich
durch ihre boshafte Freude über den gelungenen Streich als die Feinde des
verurteilten Feldherrn ankündigen. Ein einzelner junger Mann, an eine Herme
angelehnt, scheint durch seine Gebärde und einen wehmütig scheuen Seitenblick
auf das schuldlose Opfer einer schändlichen Cabale seine Reue zu verraten, dass
er die Anzahl der schwarzen Steine durch den seinigen vermehrt hat. Ausser diesen
Hauptgruppen erblickt man hier und da einzelne oder in kleine Haufen verstreute
Figuren, die, an dem Vorgegangenen keinen Anteil nehmend, nichts Angelegener's
zu haben scheinen, als der Palästra, oder dem Bad, oder dem Prytaneon, wo eine
wohlbesetzte Tafel ihrer wartet, zuzueilen. Alles das ist mit eben so viel Geist
und Leben als Fleiss und Zierlichkeit ausgeführt, und gewiss ist dieses in seiner
Art vielleicht einzige Meisterwerk die grosse Summe wert, für welche ein reicher
Kunstliebhaber zu Mitylene es vor kurzem an sich gebracht hat. Indessen, wiewohl
ich gestehen muss, dass Parrhasius wo nicht die einzige, doch die sinnreichste und
verständigste Art, das, was er uns durch dieses Gemälde zu erraten geben
wollte, anzudeuten, ausfindig gemacht habe, ist doch nicht zu läugnen, dass seine
Absicht, - wenn es anders seine Absicht war, die Veränderlichkeit und
Vielgestaltigkeit des alle mögliche Widersprüche in sich vereinigenden
Charakters des Atenischen Demos allegorisch darzustellen - nur unvollkommen und
zweideutig dadurch erreicht wird. Denn was er uns darstellt, ist nicht die
personificirte Idee, die man mit dem Worte Volk verbindet, insofern ihm ein
gewisser allgemeiner Charakter zukommt; sondern eine Menge einzelner Glieder
dieses Volks, in der besondern Handlung, Leidenschaft oder Gemütsstimmung,
worein sie sich in diesem Moment gesetzt befinden. Die Arbeit, sich selbst einen
allgemeinen Volkscharakter aus allen diesen Ingredienzen zusammenzusetzen,
bleibt dem Anschauer überlassen; aber auch dieser kann doch, da alles das eben
so gut zu Korint oder Megalopolis oder Cyrene hätte begegnen können, weiter
nichts als den Charakter des Volks in einer jeden Demokratie darin aufsuchen;
und der Maler hat diesen Einwurf dadurch, dass er die Scene auf den grossen Markt
zu Aten setzte, höchstens aus den Augen gerückt, aber keineswegs vernichtet.
Doch, wie gesagt, die Schuld, dass er nicht mehr leisten konnte, liegt nicht an
ihm, sondern an den Schranken der Kunst; und, ausserdem dass dieses Stück, bloss
als historisches Gemälde betrachtet, alle Wünsche des strengsten Kenners
befriediget, gesteh' ich gern, dass man auf keine sinnreichere Art etwas
Unmögliches versuchen kann.
    Ich bin durch diese zufällige Abschweifung ziemlich weit von dem, was ich
dir schreiben wollte, weggekommen; aber da ich dies treffliche Stück noch so
frisch im Gedächtnis habe, und du eine so warme Liebhaberin der Kunst bist, so
konnte ich, oder wollte ich - doch, wozu bedarf es einer Entschuldigung? Was ich
geschrieben habe, steht nun einmal da, und ich komme noch immer früh genug dazu,
dir ins Ohr zu sagen, dass du mir, wie es scheint, mit deinem Versuch, das Herz
meines alten Chirons durch eine Kriegslist zu erobern, keinen sonderlichen
Dienst bei ihm geleistet hast. Ich finde ihn seit meiner Zurückkunft noch
merklich kälter als zuvor, und seine Vertrauten begegnen mir so fremd und
vornehm, dass ich oft alle meine Urbanität zusammennehmen muss, um - ihnen nicht
ins Gesicht zu lachen. Aber ich habe eine andere Manier sie zu ärgern; ich tue
als ob ich nichts merke, benehme mich gegen Meister und Gesellen wie vorher, und
sehe den erstern fast täglich an öffentlichen Orten, wiewohl selten in seinem
Hause. Um meine müssigen Stunden auszufüllen, übe ich mich mit einigen der besten
Citaristen in der Musik, und lasse mir von dem berühmten Hippias Unterricht in
der Redekunst geben. Er ist teuer; aber er könnte doppelt so viel fordern, ohne
dass ich es zu viel fände, so gross ist das Vergnügen, ihn reden zu hören. Seine
gewöhnliche Metode ist, heute für, morgen gegen einen Satz zu sprechen. Die
Sokratiker nehmen ihm das übel; mit Unrecht, dünkt mich. Es gibt schwerlich ein
besseres Mittel, die Urteilskraft zu schärfen, und sich vor Einseitigkeit und
Unbilligkeit gegen anders Denkende zu verwahren, als wenn man jede Sache von
allen ihren Seiten und im verschiedensten Lichte betrachtet. Noch eine Ursache,
warum ich den Umgang mit Hippias liebe, und ihn so oft als möglich sehe, ist
seine grosse Menschenkenntnis; versteht sich, der wirklichen Menschen, wie sie
leiben und leben, und des Laufs der Welt, nicht wie wir ihn alle gern hätten,
sondern wie er ist. Du kannst dir leicht vorstellen, Laiska, dass ich mich durch
diese kleine Vorliebe für einen Sophisten, von welchem die Anhänger des
Sokrates, besonders der junge Plato, mit der grössten Verachtung sprechen,
schlecht bei den letztern empfehle; zumal, da ich seit meiner Zurückkunft meine
Art zu leben abgeändert habe, mich besser kleide, etliche Bediente und einen
Sicilischen Koch halte, und wöchentlich ein oder zweimal die artigsten Leute,
die ich hier kenne, zum Abendessen einlade. »Auch Hetären?« fragst du mit deiner
eignen schelmischen Miene - Hetären? Nein, bei allen Grazien des weisen Sokrates
und der schönen Lais! - Hoffentlich nimmst du das nicht so, als ob ich dir ein
Compliment damit machen wolle. Ich würde mich selbst verachten, wenn mir eine
solche Katachresis109 nur im Traum einfallen könnte. Nie, nie wird es mir
möglich sein, mir das liebenswürdigste aller weiblichen Wesen anders als einzig
in ihrer Art, geschweige unter einer Rubrik zu denken, die ich auch dann, wenn
sie mit lauter Korinnen, Melissen und Aspasien besetzt wäre, ihrer noch unwürdig
finden würde. Ich kenne dermalen keine dieses Standes in Aten, die eine
Gesellschaft, wie diejenige, die ich zuweilen bei mir versammle, zu verschönern
liebenswürdig genug wäre. Aber schicke mir nur diejenige unter deinen Nymphen,
die es am wenigsten ist, und sie soll durch einen einstimmigen Beschluss zur
Königin unsrer kleinen Symposien ernennt werden.
 
                                      31.
                               Lais an Aristipp.
Ich habe Uranien zwei schneeweisse Täubchen und dem Wogenbändiger Poseidon einen
Stör von der ersten Grösse für deine glückliche Wiederkunft geopfert. Ein
schwarzer Stier mit vergoldeten Hörnern ist ihm auf den Tag gelobt, an dem wir
uns in Aegina widersehen werden.
    Es ist doch eine schöne Sache, Freund, so in der Welt herumzustreichen, und
alles was gross, selten und sehenswert ist, mit seinen eignen Augen zu besehen.
Die Beschreibung, die du mir von dem Gemälde des Parrhasius zu Mitylene gibst,
könnte mich leicht dahin bringen, selbst nach Lesbos zu reisen, um mich gewiss zu
machen, dass die Kunst binnen dreissig bis vierzig Jahren schon zu einer solchen
Höhe hinaufgestiegen sei. Leontides sagte mir, sein Landsmann und Zeitgenoss
Kleophant habe für einen grossen Maler gegolten, weil man einige Verschiedenheit
in den Gesichtern seiner Figuren wahrgenommen; von Ausdruck der Leidenschaften,
Gemütsregungen und Sitten hatte man damals noch keinen Begriff, und an die
feinern Bezeichnungen der Gradationen in allem diesem war vollends gar nicht zu
denken. Aber die sinnreichen Anmerkungen, die du über die verfehlte Absicht des
Künstlers und über die Unmöglichkeit, den Charakter eines ganzen Volkes in einer
historiirten Allegorie zu personificiren, machst, hättest du dir, dünkt mich,
ersparen können, mein lieber Philosoph. Wer sagt dir denn, dass Parrhasius eine
solche Absicht hatte? oder wie kannst du dir einbilden, ein Maler, der das
alles, was du an seinem Werke rühmst, leisten konnte, habe etwas unternehmen
wollen, das der Kunst unmöglich ist? Ich bin gewiss, es fiel ihm so wenig ein,
das Attische Volk, insofern es sich als eine moralische Person denken lässt, in
diesem Gemälde darstellen zu wollen, als die Anwohner der Imaus, oder das Volk
im Mond. Warum wollen wir ihm eine andere Absicht leihen, als die sich in seinem
Werke selbst ankündigt? Warum soll es noch etwas andres sein als es
augenscheinlich ist? Parrhasius wollte eine auseinandergehende Atenische
Volksversammlung malen, und zwar so, dass wir erraten könnten was in derselben
verhandelt worden, und wie es überhaupt darin zuzugehen pflege. Es war ein
sinnreicher Gedanke, und, ihn auszuführen, unläugbar eine Aufgabe, an die sich
nur ein grosser Meister wagen durfte. Deiner Beschreibung nach, hat er das, was
er leisten wollte, wirklich in einem so hohen Grade geleistet, dass die Kunst in
Andeutung dessen, was sie dem Scharfsinn des Anschauers überlassen muss,
schwerlich weiter gehen kann. Was wollt ihr noch mehr?
    Die Nachricht, die du mir von dem Benehmen der Sokratiker und des Meisters
selbst gegen dich gibst, hat für mich nichts Unerwartetes. Alles, dünkt mich,
ist wie es sein kann: wenn jeder bleiben soll, wozu ihn Natur und Umstände
gemacht haben, könnt ihr in keinem andern Verhältnis mit einander stehen, und
ich bin mit deinem Betragen gegen sie völlig zufrieden.
    Dein neuer Freund Hippias ist mir nicht so neu als du zu glauben scheinst.
Ich lernte ihn schon vor einigen Jahren bei meinem Alten kennen, und ich müsste
mich sehr irren, wenn es ihn schwer ankommen sollte, bloss mir zu Gefallen nach
Korint zu reisen. Wenn er's täte, so ist er bis jetzt vielleicht der einzige,
der dir gefährlich werden könnte. Bei dieser Gelegenheit fällt mir ein, dass ich
dir eine vor kurzem gemachte Entdeckung mitzuteilen habe. Oder solltest du es
vielleicht schon wissen, dass sich ein zärtliches Herzensverständniss zwischen
meiner kleinen Musarion und deinem wundervollen Freunde Kleombrotus angesponnen
hat, wovon wir beide (ich weiss nicht recht warum) während der ganzen acht Tage,
die er, vor eurer Reise, in meinem Hause zu Aegina mit uns lebte, nichts gewahr
wurden. Wie hätt' es aber auch zugehen sollen? Sie hielten die Sache so geheim,
dass die Hauptpersonen selbst, wenn es nur irgend möglich wäre, nichts davon
gewahr worden wären. So lange sie einander alle Tage sehen und sprechen konnten
so viel sie wollten, war die Sprache der Augen die einzige, wodurch ihre
liebenden Seelen sich einander mitteilten. Gäbe es, um einen jungen Hercules,
der lauter Geist ist, mit einer niedlichen kleinen Hebe, die lauter Seele ist,
in Verbindung zu setzen, noch ein geistigeres Mittel als Blicke, so würden ihnen
sogar Blicke noch zu materiell geschienen haben, um sich ihrer zu Unterhaltung
dieser heiligen Flamme zu bedienen, die sich im Augenblick der ersten
Annäherung, wie durch einen aus heiterm Himmel plötzlich herabfallenden Blitz,
in ihren congenialischen Seelen entzündete. Dies ersehe ich aus einem Briefe des
erhabnen Kleombrotus an meine kleine Muse, worin er unter andern sagt: »O
Musarion! Warum können Seelen wie die unsrigen einander nicht unmittelbar
berühren, unmittelbar umschlingen, durchdringen und in einzige zusammenfliessen!
Warum muss ich Armer ein so dürftiges, kaltes, kraftloses, kümmerliches Mittel,
als Worte sind, zu Hülfe nehmen, um dir zu sagen, was keine menschliche Sprache,
was die Sprache der Götter selbst nicht aussprechen kann, - wie ich dich liebe!«
- Du fragst mich, Aristipp, wie ich zur Entdeckung dieses unsichtbaren und
unaussprechlichen Liebeshandels gekommen sei? Wisse also, mein Freund, dass der
arme Kleombrotus, wie er, nach seiner Abreise mit dir, die bisherigen einzigen
Vermittler seines geheimen Verständnisses nicht länger gebrauchen konnte, sich
endlich durch die höchste Not gezwungen sah, zu dem gemeinen Hülfsmittel zu
schreiten, dessen wir andern gewöhnlichen Menschenkinder uns in solchen Fällen
zu bedienen pflegen. Kurz, die kleine Musarion erhielt nach und nach einige
grosse Briefe von ihm, die du lesenswürdig finden würdest, wenn ich Zeit, oder
(aufrichtig zu sein) Dienstgeflissenheit genug gehabt hätte, sie für dich
abzuschreiben. Zufälligerweise fand ich diesen Morgen, da das Mädchen eben
anderswo beschäftiget war, ihr Schmuckkästchen, worin sie diesen Schatz
verwahrte, unverschlossen; und so erfuhr ich denn mehr als die gute Seele glaubt
dass ich wisse; denn ich schlich mich unbemerkt wieder fort, und bin
entschlossen, mir nicht das Geringste von der gemachten Entdeckung gegen sie
merken zu lassen. Wenn du es mit dem begeisterten Kleombrotus eben so halten
wirst, so können wir uns von dem Fortgang und der Entknotigung dieses sublimen
Liebeshandels noch manche Kurzweil versprechen.
 
                                      32.
                                    An Lais.
Ich werde mich künftig wohl hüten den Kunstrichter zu machen, wenn ich mit dir
von dem Werk eines grossen Meisters spreche. Ganz gewiss hast du die Idee des
Parrhasius auf den ersten Blick richtig gefasst, und ich begreife jetzt selbst
nicht, wie ich dem Ansehen eines vorgeblichen Kenners, an dessen Seite ich den
sogenannten Demos Atenäôn sah, mehr glauben konnte als dem Zeugnis meiner
eignen Augen, die mir eben dasselbe sagten was du. So kann uns die löbliche
Tugend der Bescheidenheit - oder die Untugend des Misstrauens in uns selbst
zuweilen irre führen!
    Kleombrotus hat sein Geheimnis besser in seinem Busen verwahrt als Musarion
seine Briefe in ihrem Schmuckköstchen. Ich merkte zwar, dass seine Phantasie
während unsrer ganzen Reise sehr hoch hinaufgeschraubt war; aber geschraubt war
sie auch vorher gewesen, und was etwa das Mehr austragen mochte, setzte ich, den
Regeln der Wahrscheinlichkeit gemäss, auf deine Rechnung. Denn wie konnt' ich mir
einbilden, dass ein solcher Schwärmer die schöne Lais ungestraft hätte sehen
können? Dass nur ein Schwärmer wie er es könne, fiel mir nicht ein - und ist doch
so wahr! Desto besser für ihn dass er es konnte! Bei dir würde er schwerlich so
wohl gefahren sein als bei der kleinen Musarion, und sie schickt sich freilich
besser dazu, seiner phantastischen Art zu lieben (die er dem jungen Plato, einem
noch grössern Schwärmer als er selbst, abgelernt hat) zum Zunder zu dienen als
du. Da es ihm nun einmal angetan ist dass er sich nur in Seelen verlieben kann,
so hätte ihm nichts Glücklicheres begegnen können, als so von ungefähr auf das
sanfte Seelchen eines so ganz aus Lilienglanz und Rosenduft zusammengehauchten
und von Amors zärtlichstem Seufzer beseelten Mädchens zu stossen; und ich freue
mich für sie und uns, dass du geneigt bist, sie unter dem Schleier ihrer
vermeinten Unsichtbarkeit ihr Wesen so lange forttreiben zu lassen, bis etwa
Natur oder Zufall dem empfindsamen Kinderspiel ein Ende macht.
    Meine Bekanntschaft oder Freundschaft, wenn du willst, mit dem
verführerischen Hippias steht noch in vollem Wachstum. Wir sehen uns beinahe
täglich, und scheinen einander immer mehr Geschmack abzugewinnen. Es fehlt zwar
viel, dass seine Philosophie auch die meinige sei. Sie geht nicht weiter als auf
Lebensklugheit; dein Freund Aristipp hingegen (rümpfe deine schöne Nase nicht
gar zu spöttisch, Laiska!) hat es dem Sohne des Sophroniskus zu danken, dass er
sich kein geringeres Ziel als Lebensweisheit vorgesteckt hat. Zwar ist nicht zu
läugnen, dass Hippias mit seiner Aufgabe bereits im Reinen ist, während ich noch
ungewiss bin, ob ich jemals mit Auflösung der meinigen zu Stande kommen werde:
aber dafür wirst du mir zugeben, dass die seinige auch bei weitem nicht so schwer
und verwickelt ist. Uebrigens, den einzigen Punkt, worin wir nie zusammentreffen
werden, ausgenommen, haben wir eine unendliche Menge Berührungspunkte, und ich
finde wirklich alles in ihm beisammen, was man sich an einem angenehmen, beinahe
zu allem brauchbaren Gesellschafter wünschen kann. Bis jetzt ist mir noch
niemand vorgekommen, der vielseitiger und mannichfaltiger, freier von
Vorurteilen, behender in richtiger Auffassung fremder Gedanken und Meinungen,
und weniger schwerfällig in Behauptung seiner eignen wäre als Hippias. Überdies
besitzt er eine unendliche Menge von Kenntnissen und Geschicklichkeiten aller
Art, und ich bin noch nie in seiner Gesellschaft gewesen, ohne irgend etwas
Wissenswürdiges oder Brauchbares von ihm gehört oder gelernt zu haben. Aber
freilich interessirt mich auch beinahe alles in der Welt, und es gibt schwerlich
ein so brodloses Künstchen, das ich nicht zu lernen versucht würde, wenn es
irgends ohne grossen Zeitaufwand und gleichsam im Vorbeigeben zu lernen ist.
    Sage indessen meiner edeln Base Anaximandra, sie würde mir grosses Unrecht
tun, wenn sie glaubte, Sokrates werde nun gerade so viel bei mir verlieren als
Hippias gewinne. Meiner Sinnesart nach kann dies nie der Fall sein; und wenn
sich auch meine anfangs vielleicht allzuhohe Meinung von dem Atenischen Weisen
um etwas herabgestimmt haben sollte, so hat wenigstens der Sophist von Elea
nicht die geringste Schuld daran. Da ich einmal auf diesen Punkt gekommen bin,
liebe Laiska, so will ich mich so aufrichtig gegen dich erklären, als ob ich,
als blosser Zeuge dessen, was ich von der Sache weiss, vor deinem Richterstuhl
stände. Ich werde nie aufhören den Sokrates zu ehren und mit Dankbarkeit zu
erkennen, dass ich in seinem Umgang besser geworden bin. Auch kann ich dir, wenn
du es begehrst, ziemlich genau sagen, worin, wodurch und wiefern ich mich durch
ihn gebessert finde. Wenigstens glaube ich, dass ich ohne ihn nie zu dem Ideal
der sittlichen Form meiner Natur gekommen wäre, dessen Ausbildung und
Darstellung im Leben immer mein angelegenstes Geschäft sein wird. Freilich würde
mir Hippias sagen, diese Form wäre auch ohne Hülfe des Sokrates in mir
entwickelt worden, so gut als die Kinder, denen seine Mutter zur Geburt verhalf,
vermutlich auch ohne sie in die Welt gekommen wären. Das könnte vielleicht
sein, es kann aber auch nicht sein; ich streite nicht gern über Dinge die sich
nicht aufs Reine bringen lassen: genug, ich hasse eine Vorstellungsart, die mir
ein so humanes und angenehmes Gefühl, als die Dankbarkeit ist, raubt, wiewohl
Sokrates selbst, durch den edeln Eigensinn, alles was er zu geben hat
unentgeltlich zu geben, es mir unmöglich macht, sie ihm beweisen zu können. Aber
auch ohne Rücksicht auf das, was ich ihm in diesen vier Jahren schuldig geworden
bin, habe ich ihn in so langer Zeit hinlänglich kennen gelernt, um mit
Ueberzeugung zu sagen, ich kenne keinen weisern und bessern Mann als ihn; und
wenn ich noch dreimal so lange mit ihm lebte, was könnt' ich mehr sagen? Wozu
also sollt' ich noch immerfort wie sein Schatten hinter oder neben ihm her
gleiten? Warum nicht auch andere merkwürdige Menschen aufsuchen, oder wenn sie
mir von ungefähr begegnen, mich eine Zeit lang zu ihnen halten, um zu sehen, ob
ich nicht auch durch diese besser werden kann? Denn, - da ich nun einmal im
Bekennen bin, warum sollt' ich nicht auch dies gestehen, da es die blosse reine
Wahrheit ist? - Sokrates ist für mich ein Buch, das ich schon lange auswendig
weiss, eine Musik, die ich tausendmal gehört, eine Bildsäule, die ich tausendmal
von allen Seiten betrachtet habe. Seit vier Jahren höre und sehe ich alle Tage
ungefähr eben dasselbe bei ihm; und wiewohl ich ihn damit nicht getadelt haben
will, so mag doch, dächte ich, ein für so vielerlei Schönes und Gutes
empfänglicher, und (mit deiner Erlaubnis) »das Vergnügen, wo nicht mehr als
einem emporstrebenden Jüngling geziemt,« doch gewiss nicht weniger, liebender
junger Mann zu entschuldigen sein, wenn er es endlich müde wird, Tag vor Tag zu
hören, an jedem Abend sich mit der Erinnerung, nichts anders den ganzen Tag über
gehört zu haben, niederzulegen, und am folgenden Morgen mit der Gewissheit
aufzustehen, dass er auch heute nichts anders hören werde, als »dass ein braver
Mann seinem Vaterlande, seinen Freunden und seinem Hauswesen nützlich sein, den
Feinden hingegen allen möglichen Schaden zufügen, und um dieses und jenes besser
zu können, immer mässig, nüchtern und entaltsam sein, die Wollust fliehen,
Hunger und Durst, Frost und Hitze leicht ertragen, keine Arbeit scheuen, keinen
Schmerz achten, und aller Aphrodisischen Anfechtungen110, damit sie sich ja
nicht etwa auf einen einzigen liebreizenden Gegenstand werfen möchten, durch den
ersten besten Ableiter aufs schleunigste loszuwerden suchen müsse.« - Diese
(unter uns gesagt) aus einem etwas groben Faden gewebte Moral, deren Teorie man
in einer Stunde weg hat, und bei welcher alles bloss auf einen derben Vorsatz und
lange Uebung ankommt, mag zum Hausgebrauch eines Attischen Bürgers, zumal wenn
er von zwei oder drei Obolen des Tags leben muss, eben so zureichend sein, als
sie unstreitig nach Zeit und Ort und Erfordernis der vorhabenden Sache, auch
jedem andern Biedermann zuträglich ist: aber ein ehrlicher Weltbürger, der sich
darauf einrichten will, überall zu Hause zu sein, und, seinem eigentümlichen
Charakter unbeschadet, in alle Lagen zu passen, und mit allen Menschen zu leben,
langt damit nicht aus, und muss noch ein ziemliches Teil mehr wissen und können,
um seine Rolle gut zu spielen, und, wofern er es auch andern Leuten, ohne seine
Schuld, nicht immer recht machen kann, wenigstens so selten als möglich sich
selbst sagen zu müssen: das hättest du besser, klüger oder schicklicher machen
können. Überdies sehe ich nicht, warum ein Mann, dem seine Umstände erlauben,
über das Unentbehrliche in Nahrung, Kleidung, Wohnung und andern zum
menschlichen Leben gehörigen Dingen, hinauszugehen, gerade nur seine Philosophie
auf die blosse Notdurft einschränken müsste. Das Menschengeschlecht ist zu ewigem
Fortschreiten, der einzelne Mensch zu möglichster Ausbildung seiner selbst, in
der Welt. Dies sagt mir mein Dämonion, und ich glaube ihm wenigstens eben so
sicher folgen zu können, als Sokrates dem seinigen.
    Uebrigens steht, meines Bedünkens, dem Meister selbst manches wohl an, und
verdient sogar alle Achtung, was an seinen Nachahmern nicht die nämliche Grazie
hat; zumal wenn sie der Sache nie zu viel tun zu können glauben, und noch
sokratischer sein wollen als Sokrates selbst. Unter allen treibt es keiner
weiter als Antistenes; denn gegen ihn ist Sokrates ein Stutzer. Seitdem ich mir
die Freiheit nahm in meine gewohnte Lebensweise zurückzutreten, schien er
(vermutlich um mich durch den Abstich desto ärger zu beschämen) von der
Sokratischen Schlichteit bis zum schmutzigen Costume der königlichen Bettler in
den Tragödien des Euripides111 herabsteigen zu wollen. Dies machte ihn eben
nicht zum angenehmsten Nachbar; indessen wusste ich mir mit einem sehr einfachen
Mittel zu helfen, und verbannte mich aus seiner Atmosphäre so weit ich konnte.
Nun ward er, kraft der Vorrechte die ihm unsre ehmalige Vertraulichkeit gab,
zudringlich, und weil die Gelegenheiten uns öffentlich zu sehen immer seltner
wurden, suchte er mich sogar in meinem Hause auf, um mich mit dem ziemlich
grobkörnigen Attischen, oder vielmehr Piräischen Salze112 seiner Sarkasmen
tüchtig durchzureiben. Da dies nicht anschlagen wollte, und er immer nur
lachende Antworten von mir erhielt, kehrte er zuletzt die rauche Seite heraus,
und machte mir ernstafte und bittere Vorwürfe, als ob ich der Sokratischen
Gesellschaft durch meine Lebensweise und Sybaritischen Sitten (wie er zu sagen
beliebte) Schande machte. Einsmals kam er dazu, da ich eben für ein rotes
Rebhuhn funfzig Drachmen bezahlt hatte, d.i. ungefähr so viel als er selbst in
einem halben Jahre zu verzehren hat, und in der Tat etwas viel für ein Rebhuhn.
- Schämst du dich nicht, schnarchte er mich in Gegenwart vieler Leute mit dem
Ton und der Miene eines ergrimmten Pädotriben an, du, der für einen Freund des
Sokrates angesehen sein will, eine so grosse Summe für einen wenig Augenblicke
dauernden Kitzel deines Gaumens auszugeben? Ich merkte leicht dass er mich reizen
wollte, um dem Volke, das in solchen Fällen immer Partei gegen den Fremden
nimmt, eine Scene auf meine Kosten zu geben. Würdest du, sagte ich mit grösster
Gelassenheit, das Rebhuhn nicht selbst gekauft haben, wenn es nur einen Obolus
kostete? Das ist ganz ein anders, versetzte er. »Keineswegs, Antistenes; mir
sind funfzig Drachmen nicht mehr als dir ein Obolus.« - Die Zuhörer lachten; ich
ging davon, und seitdem sahen wir uns nicht wieder.
    Ich erzähle dir diese kleine Anekdote, schöne Lais, um dir einen deiner
angenehmen Atenischen Tischfreunde wieder ins Gedächtnis zu rufen, und damit du
dich nicht zu sehr verwunderst, wenn du etwa hören solltest, Aristipp von Cyrene
und Sokrates seien auf immer mit einander zerfallen, weil besagter Aristipp
seinem Lehrer funfzig Drachmen, um welche dieser ihn angesprochen, rund
abgeschlagen, und doch zu gleicher Zeit fünfhundert um ein rotes Rebhuhn
ausgegeben habe.
    Hippias gedenkt in kurzem eine Reise nach Syrakus zu unternehmen, und macht
mir den Antrag ihn dahin zu begleiten. Ausserdem, dass ich eben nicht weiss was
mich in Aten zurückhalten sollte, habe ich grosse Lust das Land zu sehen, wo
meine Freundin Lais geboren wurde, und, was mir noch angelegner ist, bei dieser
Gelegenheit vielleicht sie selbst in Korint wiederzusehen. Der Antrag wird also
vermutlich angenommen werden.
 
                                      33.
                               Lais an Aristipp.
Wiewohl ich nie so übel von meinem Freund Aristipp denken werde, um zu besorgen,
dass er sich jemals ungerecht und undankbar gegen einen Sokrates zu zeigen fähig
sei, so dünkt es mich doch hohe Zeit, dass du, mit oder ohne Hippias, je eher je
lieber - nach Syrakus reisest. Vielleicht irre ich mich, aber ich glaube
wirklich in deinem letzten Briefe hier und da Spuren von dem Einfluss, den dein
neuer Freund auf deine Vorstellungsart gewinnt, wahrzunehmen.
    Die Anekdote hat mir den kleinen Triumph, den meine Reize zu Aten über die
Runzeln des finstern Antistenes erhielten, nicht ohne gerechten Stolz wieder
ins Gedächtnis gebracht. Uebrigens, wie wenig Amönität der gute Mann auch in den
Ton seines Tadels gelegt hat, kann ich ihm doch in der Hauptsache nicht ganz
Unrecht geben; und ich möchte dir wohl selbst raten, wofern funfzig Drachmen
der gewöhnliche Preis der roten Rebhühner zu Aten sind, deinen Tisch nicht
allzu oft mit einem so teuren Leckerbissen besetzen zu lassen. Denn, wenn dein
übriger Aufwand mit diesem einzelnen Artikel in gehörigem Verhältnis stehen
sollte, so möchten wohl die Einkünfte einer Persischen Satrapie nicht zureichen,
deine Wirtschaft im Gange zu erhalten.
    Da ich schwerlich hoffen darf, dich in der nächsten Rosenzeit zu Aegina zu
sehen, so ist es desto freundlicher von dir wenn du mich im Vorbeigehen durch
einen Besuch in Korint entschädigest. Ich denke nicht, dass Hippias zu viel
dabei sein wird, wiewohl ich dir für die Folgen der Erneuerung einer fünf Jahre
unterbrochnen Bekanntschaft mit einem so liebenswürdigen Manne, wie du ihn
beschreibst, nicht stehen will. Ueberlege also wohl, wie viel du etwa zu wagen
gesonnen bist; und vergiss auch nicht mit in den Anschlag zu bringen, dass meine
eigenen Reizungen (wie mich glaubwürdige Personen versichern) noch immer in
täglichem Zunehmen sind. Wir Schönen haben, wie du weisst, zuweilen gar
wunderliche Launen.
 
                                      34.
                               Aristipp an Lais.
Die gute Gesellschaft, die man gewöhnlich bei Hippias findet, hat sich seit
kurzem um eine sehr interessante Person vermehrt. Sie nennt sich Timandra113,
und war die Gesellschafterin und Geliebte des schönen Alcibiades, in der letzten
Zeit des herumirrenden Lebens dieses berüchtigten Abenteurers. Da ich so
glücklich bin, eine Dame zu kennen, neben welcher jede andere erröten würde,
wenn man sie schön nennen wollte, so sage ich bloss, dass diese Timandra eine der
liebenswürdigsten Personen ist, die ich noch gesehen habe; und was sie in meinen
Augen auch achtungswürdig macht, ist die Anhänglichkeit und Treue, mit welcher
sie jenem im Guten und im Bösen unübertrefflichen Manne, auch im Unglück und bis
in seinen Tod zugetan blieb. Die unaffectirte Wärme, womit sie noch jetzt von
ihm spricht, scheint die Aufrichtigkeit der Trauer zu bestätigen, worin sie
etliche Jahre nach seinem Tode in einsamer Verborgenheit zugebracht haben soll.
Nun hat sie sich mit dem, was sie aus den Trümmern der unermesslichen Reichtümer
ihres unglücklichen Freundes retten konnte, nach Aten begeben, wo sie sehr
eingezogen lebt, und nur mit vieler Mühe vermocht werden kann, zuweilen in einer
ausgesuchten kleinen Gesellschaft die Tafel des Hippias zu zieren; der (wenn ich
dir's nicht schon gesagt habe) in seinen Talenten und in seiner Gewandteit
Mittel gefunden hat, sich zu einem der reichsten Sophisten in der ganzen Hellas
zu machen, so wie er, mit deiner Erlaubnis, einer der ersten Virtuosen in der
Kunst gut zu essen ist. Er hat der schönen Timandra Anträge getan, die in ihrer
Lage kaum zu verwerfen wären, wenn Hippias auch weniger von allem dem besässe,
was sie über den Verlust eines Alcibiades trösten kann. Noch scheint sie
unentschlossen; doch zweifle ich nicht, dass sie sich überreden lassen wird, uns
auf der Reise nach Syrakus Gesellschaft zu leisten. Du siehst also, liebe
Laiska, falls du etwa einen kleinen Anschlag auf meinen Reisegefährten gemacht
haben solltest, dass du eine Rivalin zu bekämpfen haben wirst, die sich dermalen,
wo nicht seines Herzens (und rate warum?) doch gewiss seines Geschmacks und
seiner Phantasie gänzlich bemächtigt zu haben scheint.
    Kleombrotus dauert mich. Er hat, als er hörte dass wir nach Korint gehen
würden, alles versucht, um von der Gesellschaft zu sein: aber Hippias der mit
einer natürlichen Antipatie gegen alle Arten der Schwärmerei und Schwärmer
geboren ist, konnte nicht bewogen werden, seine Einwilligung dazu zu geben. Die
Not des armen Jungen stieg endlich so hoch, dass ich, wenn wir allein waren,
sein Geheimnis schon mehr als Einmal, unter dem heftigsten Grimmen und Würgen,
sich schon ganz nah an seine Lippen hinauf arbeiten sah; aber immer hatte er
doch Stärke genug es mit Gewalt wieder hinunterzudrücken. Da ich ihm nun
geholfen wissen möchte, so sann ich lange auf Mittel und Wege, bis mir endlich
einfiel, ihn mit meinem edeln Freund Eurybates bekannt zu machen. Eurybates ist
ein leidenschaftlicher Liebhaber der Dichter und der Kunst ihre Werke gut zu
lesen; und Kleombrotus, ausserdem dass er selbst Dityramben von der ersten Stärke
macht, declamirt so vortrefflich, dass er es beinahe mit dem grossen Rhapsodisten
Ion114 aufnehmen könnte. Diese Talente haben ihn bereits in so hohe Gunst bei
Eurybates gesetzt, dass ich gewiss bin, er wird ihn künftigen Frühling mit nach
Aegina nehmen, und die beiden liebenden Seelchen werden sich dort unter deinem
Schutze, wieder - nach Herzenslust anschauen, durchdringen, und in Eine
hermaphroditische Seele zusammenfliessen können. Kleombrotus ist von seinem neuen
Freunde ganz bezaubert. - Ich bedaure nur, sagte ich diesen Morgen mit der
arglosesten Miene zu ihm, dass ihr euch so bald wieder werdet trennen müssen;
denn Eurybates wird den Frühling in Aegina zubringen. - Was tut das? versetzte
Kleombrotus; warum sollt' ich ihn nicht nach Aegina begleiten können? - Das ist
wahr, erwiederte ich, wenn dich deine Anhänglichkeit an Sokrates und Plato nicht
zurückhält. - Du siehst, Laiska, ich wollte mir nur eine kleine Kurzweil mit dem
verschwiegenen Liebhaber machen; aber meine letzten Worte verdarben alles. Sie
fielen ihm so stark auf die Brust, dass er plötzlich den Kopf hängen liess, und
mit einem tiefen Seufzer traurig fortschneckte. Ich bin gewiss, es wird ihm harte
Kämpfe kosten bis ihn die Leidenschaft überzeugt haben wird, dass, in der
Notwendigkeit zwischen beiden zu wählen, Musarion doch den Vorzug haben müsse.
    Hippias hat endlich über die Bedenklichkeiten der schönen Wittwe des
Alcibiades gesiegt, und unsre Abreise ist auf einen der nächsten Tage angesetzt.
Wenn uns der Gott der Winde nicht zuwider ist, hoffe ich noch vor dem Eintritt
des nächsten Vollmonds, zur Feier unsrer ersten Zusammenkunft in Korint, den
Grazien mit dir zu opfern.
 
                                      35.
                                An Ebendieselbe.
Ist es wahr, meine Laiska, dass ich dich gesehen, drei Göttertage mit dir gelebt,
unsern ewigen, am Altar der Freundschaft zu Aegina beschwornen Bund erneuert,
und den Sokratischen Grazien und dem Götter und Menschen Herrscher Amor in
deinem eigenen Tempel zu Korint geopfert habe? Wie die Stunden in einem schönen
Traum, einem einzigen langen unteilbaren Augenblick ähnlich, schwanden sie
vorüber, diese Wonnetage; aber noch immer meinem innersten Sinne gegenwärtig,
auch in der geistigen Gestalt der blossen Erinnerung, löschen sie alles aus, was
sich mir als gegenwärtig darstellen will: alles Wirkliche scheint mir Traum; ich
sehe nur dich, höre nur den Sirenenton deiner süssen Rede, sauge den allmächtigen
Geist der Liebe aus deinen Lippen, und fühle deinen göttlichen Busen auf meinem
Herzen wallen. Schon bin ich drei volle Tage (sagen die Leute) in Syrakus, in
der grössten, prächtigsten, schönsten Stadt des ganzen Erdbodens: und wenn du
mich fragtest, wo der weltberühmte Tempel der Tyche stehe, und ob er auf
Dorischen oder Ionischen Säulen ruhe, so wüsst' ich dir nicht zu antworten. Lais,
Lais! Was hast du aus mir gemacht? aus mir, der sich auf die Kälte seines Kopfs
so viel zu gute tat? O du, mächtiger als Circe und Medea, gib mir meine Sinne
wieder! Löse den Zauber, den du auf mich geworfen hast! Was wolltest du mit
einem Wahnsinnigen anfangen? - Wunderbar, dass ich deine Gegenwart mit ihrer
ganzen Allgewalt ertragen konnte, und entfernt von dir der blossen Erinnerung
unterliege! Beinahe möcht' ich mit dir hadern, dass du so unendlich liebenswürdig
bist. - Ich rede im Fieber, Liebe, nicht wahr? - Es ist hohe Zeit dass ich
aufhöre.
 
                                      36.
                               Lais an Aristipp.
Welcher ungnädigen Nymphe bist du zur Unzeit in den Weg gekommen, Aristipp?
Wüsste ich nicht, wie wenig das war, das dich in so wunderbare Seelenzuckungen zu
setzen scheint, und dass ein Löffel voll Wein, sei es auch vom besten Cyprier,
niemanden berauschen kann, du hättest mich beinahe glauben gemacht, es sei dein
Ernst. Aber vermutlich wolltest du nur einen kleinen Versuch machen, wie weit
du es in der Manier des jungen Kleombrotus bringen könntest. Ich würde dich
beklagen, wenn du wirklich so wenig ertragen könntest als du vorgibst. Gut
indessen, dass du mich gewarnt hast. Ich werde mir's gesagt sein lassen, und mich
wohl hüten, dich glücklicher zu machen als dir zuträglich ist. Wenn ein
Tröpfchen Nektar in einem Becher voll Wasser dir schon so stark zu Kopfe steigt,
was für Unheil würde eine ganze Trinkschale unvermischten Göttertranks in deinem
Gehirn anrichten?
    Ernstlich zu reden, lieber Aristipp, muss ich fast vermuten, dass du mich
über die kleinen Untreuen, wozu dich die schöne Timandra, vielleicht ohne
Absicht und Wissen, verleitet, sicher machen willst. Wenn das deine Meinung
wäre, mein Freund, so hättest du das unrechte Mittel ergriffen. Bleibe, wenn ich
dir raten darf, in deinem gewöhnlichen Ton, und verlass' dich wegen des
Uebrigen auf mich. Ich weiss wie viel man euch zu gut halten muss, und bei mir
bist du vor den zwei hässlichsten Weiblichkeiten, der Eifersucht und der
Rachlust, sicher. Ich werde immer ehrlich und aufrichtig mit dir verfahren, aber
ich erwarte auch das Nämliche von dir.
    Syrakus, sagt man, hat die schönsten Weiber in ganz Griechenland. Findest du
es wirklich so? Sage mir gelegentlich ein Wort hierüber, und melde mir zugleich,
wie meine neue Freundin mit ihrem sophistischen Liebhaber, oder wie man es
nennen muss, haushält? Etwas Kunst wird sie nötig haben, wenn sie so viel Gewalt
über ihn behalten will, als schlechterdings nötig ist, wenn ein Mann sich
glücklich durch uns fühlen soll. Doch sie ist in einer guten Schule gewesen, und
die ehemalige Geliebte des Alcibiades kann des Rats einer Anfängerin nicht
bedürfen. Wenn ich sie recht gesehen habe, so ist viel feiner Sinn, um nicht
Schlauheit zu sagen, unter der naiven Einfalt versteckt, die ihr eine so eigene
Anmut gibt, und desto sichrer wirkt, weil sie mit Geist und Güte des Herzens
verbunden ist. Sie ist wirklich ein liebenswürdiges Weib, und ich erlaube dir,
ihr so gut zu sein als dein Freund Hippias es gerne sehen mag.
 
                                      37.
                               Aristipp an Lais.
Ich glaube wirklich, dass ich dir jüngst in einer Art von Fieber geschrieben
habe, Laiska. Was ich schrieb mögen die Götter wissen! Ich weiss nichts weiter
davon, als dass in den ersten acht Tagen nach der Abfahrt von Korint die
Erinnerung an dich mein ganzes Wesen dermassen ausfüllte, dass keine andere
Vorstellung Platz neben ihr finden konnte. Wenn du glaubst, dass ein solcher
Zustand ziemlich nah an Wahnsinn gränze, so bin ich völlig deiner Meinung; oder
vielmehr, um entschiedener Wahnsinn zu werden, hätte er vielleicht nur noch acht
Tage dauern müssen. Indessen war's doch schon ein gutes Zeichen, dass mir nicht
so ganz wohl bei der Sache war als wenn ich Kleombrotus gewesen wäre. Ich stand
schon im Begriff mit einem Arzt davon zu sprechen, als wir, zu gutem Glücke, von
Hermokrates, einem der angesehensten Männer der Stadt, zu einem grossen Gastmahl
eingeladen wurden. Die Gesellschaft war auserlesen, die Bewirtung (um alles mit
Einem Worte zu sagen) Sicilianisch; und wie die Fröhlichkeit nach und nach
rauschender ward, gingen auch die grossen Becher immer fleissiger herum. Ich
schonte den herrlichen Syrakuser unsers reichen Wirtes nicht, und siehe da! am
folgenden Morgen, als ich meinen kleinen Rausch ausgeschlafen hatte, stand ich
so heiter, unbefangen und lichtstrahlend vom Lager auf, als Helios115 aus den
Armen der Talassa.116
    Du siehest, liebe Laiska, dass man an dem Gehirn eines ächten Sokratikers
nicht so leicht verzagen darf. Indessen sind wir, wie gesagt, über das
Gefährliche der Nympholepsie117, über die du, Grausame, mich noch gar bespotten
konntest, gänzlich einverstanden; nur gegen die Folge, die du daraus ziehest,
hab' ich eine starke Einwendung. Der Satz, worauf du deinen Schluss gründest, mag
in vielen Fällen gelten; aber auf die Liebe lässt er sich nicht anwenden. Mit
dieser Leidenschaft ist es (übrigens ohne Vergleichung) wie mit gewissen
Krankheiten, wo eine kleine Gabe eben derselben Arznei das Uebel vermehrt, eine
starke hingegen die trefflichste Wirkung tut. Auf diese Gefahr wag' es also
immerhin mit mir, schöne Hebe! Vergiss dass ich nur ein Sterblicher bin, reiche
mir die Nektarschale so voll wie einem Olympier, und du wirst Wunder sehen!
    Timandra, die dich - liebt wäre vielleicht zu viel gesagt, mehr als von
irgend einem schönen Weibe gefordert werden kann - aber, die dich neidlos
bewundert, ist auf dein Andenken und deine Teilnehmung stolz. Sie scheint sich
in ihrer neuen Lage wohl zu gefallen, und mein Egoist lebt in einer sehr
vergnüglichen Ehe mit ihr. Er kann sich keine bessere Hausfrau wünschen, sie
keinen Mann bei dem sie es in allen Stücken besser hätte; so dass ich nicht sehe,
warum ihre Verbindung nicht bis auf den letzten Faden halten sollte. Timandra
hat alles, bis zum Überfluss, was seine Sinnlichkeit befriedigen kann; dabei ist
sie sanft, munter, und immer frohen Sinnes, ohne Laune, Eigensinn und
Eifersucht; steht seinem Hauswesen mit Treue und Klugheit vor, kommt allen
seinen Wünschen entgegen, versteht seine leisesten Winke, ist ihm nie
beschwerlich, und erlaubt ihm stillschweigend, so viele kleine Seitensprünge zu
machen als er Lust und Gelegenheit hat. Wie geneigt Hippias sein mag, ihr
gleiche Freiheit nachzusehen, weiss ich nicht, und werde ihm schwerlich jemals
Ursache geben sich darüber zu erklären. Indessen erkenne ich mit gebührendem
Danke, dass du meiner Phantasie einen freiern Spielraum verstattest als sie
selbst verlangt; ich gedenke einen so bescheidenen Gebrauch von deiner Grossmut
zu machen, dass Sokrates selbst nicht mehr von seinen Jüngern fordern zu dürfen
glaubt.
    So viel ich bis jetzt zu sehen Gelegenheit hatte, scheint die öffentliche
Meinung der Schönheit der Syrakuserinnen nicht zu viel zu schmeicheln. Vor wenig
Tagen gab mir eines ihrer vornehmsten Feste Gelegenheit, mich mit meinen eigenen
Augen davon zu überzeugen. Der lange Zug von jungen Mädchen (den Töchtern der
angesehensten und begütertsten Bürger), die in zierlich gefalteten, bis zu den
schönen Knöcheln herabfliessenden weissen Gewändern, Blumenkränze um das halb
aufgewundne, halb auf die Schulter fallende volllockichte Haar, und den leicht
umflorten Busen mit reich gestickten Bändern umgürtet, Paar und Paar mit
leichtem Schritt und edelm Anstand dem Dianentempel zuwallten, alle in der
ersten Entknospung der Jugend und Schönheit, keine die nicht einem Skopas zum
Modell einer Grazie hätte dienen können - ich gestehe dir, Laiska, es war ein
entzückender Anblick! Und als sie sich nun im feierlich-ernsten Tanz, Hand in
Hand, gleich einem lebendigen Blumenkranz um den Opferaltar herum wanden, in den
reinsten Silbertönen einen Pindarischen Hymnus aus ihren Nachtigallkehlen
anstimmend, - wahrlich ein vorbeischwebender Gott hätte sich (wie der Dichter
sagt) bei diesem Schauspiel verweilt; und nie dünkte mich einen solchen Triumph
der weiblichen Schönheit und Anmut gesehen zu haben. Das Auge irrte geblendet
und alles Auswählens vergessend um den weit ausgedehnten Kreis dieser
Zauberschwestern umher, unvermögend auf Einer zu verweilen, weil schon im
nächsten Augenblick eine vielleicht noch schönere ihre Stelle eingenommen hatte,
um sie im folgenden gleich wieder an eine eben so reizende abzutreten. Du
selbst, du Einzige, hättest auf einmal mitten unter ihnen erscheinen müssen, um
den Zauber zu vernichten, und hunderttausend Augen, die mit diesem lieblichen
Reihen von mehr als hundert Grazien zugleich herumgedreht wurden, plötzlich an
dich allein zu fesseln.
 
                                      38.
                            An Learchus zu Korint.
Der gute Genius deines gastfreundlichen Hauses, edler Heraklide, hat mich
glücklich zu Korints schönster Tochter, der Beherrscherin der reichsten Insel
der Welt, herübergeführt. Du kennst Aten und Syrakus118, und dir darf ich also
wohl gestehen, was ich auf dem grossen Marktplatz zu Aten kaum zu denken wagen
dürfte: dass Syrakus die stolze Minervenstadt an Grösse, Bauart, Volksmenge und
Mitteln die Prachtliebe und Ueppigkeit ihrer Bürger zu befriedigen, weit hinter
sich zurücklässt. Von den Einwohnern urteilen zu können, bin ich noch zu kurze
Zeit hier; aber weniger wäre schon genug, um zu sehen, dass sie den Atenern auch
an Lebhaftigkeit, Feuer, Wankelmut, Leichtsinn, und raschen Sprüngen von einem
Äussersten zum andern, den Vorzug streitig machen könnten. Es begreift sich, dass
ein solches Volk (wie mir ein schon lange unter ihnen wohnender Tarentiner
sagte) weder mit noch ohne Freiheit leben kann. Seit der Zeit, da sie von deinem
Stammgenossen Archias zum zweitenmale gegründet wurde (also seit mehr als
dreihundert Jahren) macht ein rastloses Hin- und Herschaukeln von Oligarchie zu
Demokratie, und von Demokratie zur Herrschaft eines Einzigen, den summarischen
Inhalt ihrer Geschichte aus; und wiewohl so viele Versuche sie belehrt haben
sollten, dass sie sich bei der oligarchischen Regierung nie so übel als bei der
demokratischen und bei der monarchischen (selbst eines Hieron und Dionysius)
immer besser als bei der oligarchischen befanden; so ist doch der unglückliche
Hang zur Demokratie ein so tief eingewurzeltes Uebel bei diesem Volke, dass
alles, was sie seit der Vertreibung der Geloniden von innerlichen Unruhen und
Umwälzungen erlitten haben, sie nicht von der Begierde heilen kann, bei dem
geringsten Anschein eines glücklichen Erfolgs das heilsame Joch wieder
abzuschütteln, welches ihnen Dionysius mit eben so viel Gewandteit als Stärke
auf den Nacken gelegt hat. Es sind nun zehn Jahre verflossen, seitdem dieser
sogenannte Tyrann sich der Alleinherrschaft in Syrakus bemächtigt hat. Dass er
dies nicht konnte, ohne einen grossen Teil der mächtigsten und reichsten
Familien, die ihm hartnäckig und wütend widerstanden, zu unterdrücken, war
Natur der Sache: aber niemand zweifelt, dass ihm selbst nichts erwünschter wäre,
als wenn ihm die Syrakusaner erlauben wollten, das Andenken der ersten Jahre
seiner eigenmächtigen Regierung auszulöschen, und die Fortsetzung derselben für
sie und für ganz Sicilien so glücklich und wohltätig zu machen, als es einst
die Regierung des noch jetzt gepriesenen Gelon war. Niemand würde mehr dabei
gewinnen als sie selbst. Denn es ist leicht vorherzusehen, dass ohne ein
gemeinschaftliches Oberhaupt, welches alle Städte Siciliens dazu vermögen kann,
ihre Stärke gegen den gemeinschaftlichen Feind, die Cartager, zu vereinigen,
unfehlbar eine nach der andern dem schrecklichen Schicksal von Agrigent119
unterliegen werde; und gewiss würde es schwer sein, im ganzen Sicilien einen Mann
zu finden, der in allen Eigenschaften und Talenten, die zu einem im Krieg und im
Frieden grossen Fürsten erfordert werden, sich mit Dionysius messen könnte. Aber
der Syrakusaner ist eitel und stolz; er will sich (wie der Atener) von niemand
befehlen lassen, dem er nicht selbst die Erlaubnis dazu gegeben hat, der ihm
nicht über alles Rechenschaft ablegen muss, und den er nicht wieder absetzen und
vernichten kann sobald es ihm beliebt. Der Gedanke von einem ihrer Mitbürger
eigenmächtig beherrscht zu werden, macht sie blind und gefühllos gegen alle
Vorteile, die dem Ganzen durch die Regierung des Dionysius zuwachsen könnten,
wenn er nicht von Zeit zu Zeit durch die Versuche der ehmaligen Demagogen, sein
Joch wieder abzuschütteln, verhindert würde, seinen eignen Weg ruhig
fortzugehen; und da jene eben so wenig Lust zu haben scheinen ihre Versuche
aufzugeben, als er die Regierung niederzulegen, so ist wahrscheinlich genug, dass
sie Mittel finden werden, aus einem vortrefflichen Fürsten, den das Schicksal
den Sicilianern geben wollte, durch ihre eigene Torheit einen argwöhnischen,
strengen und vielleicht grausamen Tyrannen zu machen.
    Ich hörte vor kurzem in einer Gesellschaft angesehener Personen dem
Dionysius (über welchen man hier sehr frei urteilt) ein grosses Verbrechen
daraus machen, dass er sich nicht gescheuet hätte öffentlich zu sagen: »die
Souveränetät gewähre ihm nie einen so vollen Genuss, als wenn er was er wolle
sogleich ausführen könne.«120 So, meinten sie, könne nur ein Tyrann sprechen,
dem nichts heilig sei, und der sich an kein Gesetz gebunden halte. Mir schien
diese Rede einer mildern Deutung nicht nur fähig zu sein, sondern sie sogar zu
fordern. Der Wunsch alles was man will ausführen zu können, sagte ich, setzt so
wenig einen bösen Willen voraus, dass er vielmehr Guten und Bösen, Toren und
Verständigen gemein ist; und vielleicht ist das grösste Leiden guter Menschen,
dass sie nur selten können was sie wollen. Mich dünkt aber, fuhr ich fort,
Dionysius habe bei diesem Worte noch besonders einen der wesentlichsten Vorzüge
der Monarchie vor der Volkssouveränetät vor Augen gehabt. Die Schleunigkeit der
Ausführung dessen, was als notwendig beschlossen wurde, ist in allen Fällen
nützlich. Oft hangt die Erhaltung des ganzen Staats, oder doch die Verhütung
eines grossen Schadens davon ab, dass eine genommene Massregel pünktlich und auf
der Stelle vollzogen werde. Dies ist nur da zu bewerkstelligen, wo der Wille des
Regenten in keinem andern Willen Hindernisse findet, sondern im Gegenteil
jedermann sich beeifert, die Ausführung dessen, was der oberste Befehlshaber
will, befördern zu helfen. In Republiken ist dies selten der Fall; denn nichts
ist unerhörter, als dass ein Freistaat nicht in Parteien geteilt sei, die
einander mit dem unverdrossensten Eifer entgegen wirken. Besonders ist in der
Demokratie der Wille des Souveräns nicht nur an sich launisch und veränderlich,
sondern er wird noch durch die vielerlei Sinne der vielen Köpfe, die ihn
bearbeiten, so stark hin und her gerüttelt, so oft aufgehalten, unschlüssig
gemacht und in Widerspruch mit sich selbst gesetzt, dass meistens die Zeit der
Ausführung schon vorüber ist, bevor man in der Volksversammlung zu einem
Beschluss kommen konnte. Ist dieser endlich gefasst, so gehen nun die Hindernisse
der Vollziehung an. Keiner der Demagogen, die einander die Regierung des sich
selbst zu regieren unvermögenden Souveräns streitig machen, gönnt einem andern
als sich selbst die Ehre und die Belohnungen einer gelungenen Unternehmung.
Jeder, der entweder einer andern Meinung war, oder bei dem Beschlossenen seine
Rechnung nicht findet, bietet alle seine Kräfte auf, die Ausführung zu
hintertreiben, oder misslingen zu machen; von allen Seiten nichts als
Schwierigkeiten, Fussangeln und Fallgruben; nirgends eine sichre Rechnung auf den
guten Willen, den Gehorsam, den Eifer und die Wachsamkeit der Untergeordneten,
wovon doch am Ende alles abhängt. Dafür geht es denn auch in den Republiken,
zumal in denen, wo das Volk zugleich sein eigner Souverän und Untertan ist,
gewöhnlich und wenige seltne Fälle ausgenommen, so zu - wie der allgemeine
Augenschein zeigt. Von jeher blieb einem Volke, um fürs erste immer selbst recht
zu wissen was es wolle, und es dann wirklich ausgeführt zu sehen, kein anderes
Mittel, als seine höchste Gewalt einem Einzigen zu übertragen, und ihm eben
dadurch unbeschränkte Vollmacht zu geben, alles zu tun was er zu Vollziehung
des allgemeinen Willens, oder (was eben dasselbe ist) zu Erzielung der
Sicherheit und Wohlfahrt des Staats, für notwendig und dienlich erkennen würde.
Ich konnte leicht merken, dass ich mich der Gesellschaft durch diese Rede nicht
sonderlich empfohlen hatte. Da es aber den meisten bekannt war, dass ich ein
Ausländer sei, der sich nur kurze Zeit zu Syrakus aufzuhalten gedenke und bei
dem sogenannten Tyrannen nichts zu suchen habe, liess ich mich durch das
Vorurteil, das einige vielleicht gegen mich fassen mochten, nicht abschrecken,
meine Meinung über die Gegenstände, die der Verfolg des Gesprächs herbeiführte,
so freimütig zu sagen, als es sich in einer Gesellschaft ziemte, die aus lauter
erklärten Freunden der Freiheit zu bestehen schien. Einer von den lebhaftesten
hatte sich den Ausdruck entwischen lassen: man müsste zum Sklaven geboren sein,
um die Herrschaft eines Einzigen, der sich mit Gewalt eingedrungen, geduldig zu
ertragen. - Aber wie, sagte ich, wenn ihr selbst ihm die Herrschaft, um eurer
eigenen Sicherheit und Ruhe willen, von freien Stücken auftrüget? Es wäre
wenigstens so viel damit gewonnen, dass ihr nicht nötig hättet, einen Fürsten,
unter dessen Regierung der Staat augenscheinlich immer blühender, mächtiger und
reicher wird, mit dem verhassten Namen eines Tyrannen zu belegen. - Wie?
versetzte jener hitzig; der müsste ein dreifacher Sklave sein, der sich
freiwillig einen Herrn geben wollte! - Ich sehe wohl, erwiederte ich mit grosser
Gelassenheit, warum du dich so eifrig gegen meinen Vorschlag erklärst. Aber es
gibt Mittel gegen alles. Man könnte ihn ja durch eine Grundverfassung, einen von
ihm unabhängigen Senat, oder (wie die Spartaner) durch Aufseher einschränken,
und sich dadurch gegen jeden Missbrauch der höchsten Gewalt sicher stellen? - Ein
Volk, sagte mein feuervoller Gegner, das nicht im Stande ist ohne einen Herrn zu
leben, wird eben so wenig vermögend sein, seiner Macht Gränzen zu setzen, oder
sie in denjenigen zurückzuhalten, die er sich vielleicht anfangs aus Politik
gefallen zu lassen scheinen wird. - Und was wird das Schlimmste sein, das daraus
erfolgen möchte? fragte ich, vielleicht mit einer etwas Attischen Miene, die ich
mir (wie ich besorge) unter den Cekropiden unvermerkt angewöhnt habe. - Welche
Frage! rief mein Gegenkämpfer halb entrüstet; ist denn irgend etwas Böses und
Schändliches, irgend eine ungerechte, gottlose, ungeheure Tat, die ein Mensch,
der alles kann was er will, nicht zu begehen fähig wäre? - »Fähig wäre? das geb'
ich zu; aber dass er ein so unsinniger Tor sein wird, alles Böse wirklich zu
tun, dessen er fähig ist, Böses ohne alle Not oder Herausforderung, bloss um
das Vergnügen zu haben Böses zu tun; daran zweifle ich sehr. Einen
Wahnsinnigen, ein reissendes Tier, oder einen unter Verbrechen und Schandtaten
grau gewordenen Bösewicht, wollen wir freilich nicht zum Hirten des Volks
bestellen.« Bei einem Menschen, der alles kann (versetzte jener etwas kälter,
weil er sich im Vorteil zu sehen glaubte) bedarf es nur einer einzigen
Leidenschaft, die ihn überwältigt, um ihn, wenn er vorher auch ein Mensch wie
andere war, zu allem was du sagtest, zu einem Wahnsinnigen, zu einem Tiger, zu
einem Bösewicht der vor keinem Verbrechen erschrickt, zu machen. - Ich bin in
die Enge getrieben, erwiederte ich; du hättest die grossen Vorzüge der Demokratie
vor der Alleinherrschaft in kein stärkeres Licht setzen können. Um vor allen
Gefahren dieser Art sicher zu sein, gibt es also wohl kein besseres Mittel, als
dass ein Volk sich selbst regiere? Niemand ist dazu geschickter, und nichts war
wohl von jeher unerhörter, als dass eine souveräne Volksversammlung etwas
Unbesonnenes oder Ungerechtes beschlossen, oder die Macht, alles zu können was
sie will, zu Befriedigung irgend einer hässlichen Leidenschaft missbraucht, und
sich treuloser, räuberischer und grausamer Handlungen schuldig gemacht hätte. -
Ein allgemeines Gelächter schien meinen Gegner in eine unangenehme Lage zu
setzen, und ich sah dass es hohe Zeit sei, einen ernstaftern Ton anzustimmen.
Verzeih, sagte ich zu ihm, wenn ich zur Unzeit gescherzt habe. Ich wollte weiter
nichts damit sagen, als dass unumschränkte Gewalt immer mit Gefahr des Missbrauchs
verbunden ist, sie mag nun in den Händen eines Einzigen, oder eines Senats, oder
eines ganzen Volkes sein. Alles kommt am Ende auf den Verstand und die sittliche
Beschaffenheit des Regierers, vieles auf Zeit und Umstände, Stimmung, Laune und
Einfluss des Augenblicks an. Einschränkungen helfen wenig oder nichts. Eine
höchste Gewalt muss in jedem Staate sein, und die höchste Gewalt lässt sich nicht
einschränken; denn dies könnte doch nur durch eine noch höhere geschehen, und in
diesem Fall wäre diese, nicht jene, die höchste. Die Möglichkeit ihres
Missbrauchs bleibt also ein unvermeidliches Uebel, weil sie ihren Grund in einem
unheilbaren Gebrechen der Menschheit hat. Aber es ist immer zu vermuten, dass
ein einzelner Regent die Macht alles zu tun was er will, weniger, seltner und
leidlicher missbrauchen werde, als ein so vielköpfiges Ungeheuer von mehrern
Tausenden, an Verstand, Erziehung, Einsicht, Erfahrenheit, Vermögen u.s.w. so
sehr ungleichen und von den verschiedensten Triebfedern in Bewegung gesetzten
Menschen ist; und wenn auch beide keinen edlern Zweck und Antrieb haben als
Eigennutz und Selbstbefriedigung, so ist doch ungleich wahrscheinlicher, dass der
Einzige die Notwendigkeit einsehe, dass er seine Macht, um sie ruhig und mit
Ruhm zu geniessen, zur Wohlfahrt des Staats anwenden müsse, als dass ein ganzes
Volk nicht beinahe immer gegen sein wahres Interesse handle, so oft das
Privatinteresse der Personen, denen es sich gern oder ungern anvertrauen muss,
mit dem seinigen in Widerspruch steht.
    Mein Gegner gewann wieder Mut. Du missest nicht mit einerlei Mass, sagte er:
du nimmst einen Tyrannen an, der immer nach Grundsätzen handelt, sich nie seinen
Launen oder Leidenschaften überlässt, immer sein wahres Interesse kennt und vor
den Augen hat, mit Einem Worte, der die Weisheit und Klugheit selbst ist. Das
Volk in der Demokratie hingegen ist, nach deiner Voraussetzung, ein blindes,
vernunftloses und unbändiges Ungeheuer, das nicht weiss was ihm gut ist, das
immer mit dem Maulkorb vor der Schnauze an der Kette gehen muss und immer das
Unglück hat, von Toren oder Schelmen geführt zu werden. Sei, wenn ich bitten
darf, nur so billig gegen die Demokratie, als du grossmütig gegen die Tyrannie
und das Königtum bist. Wenn ich dir die Möglichkeit eines Alleinherrschers
zugebe, der das höchste Gesetz der allgemeinen Wohlfahrt nie aus den Augen
setzt, sich seiner Allgewalt immer mit Klugheit und Mässigung bedient, und seine
höchste Selbstbefriedigung im Wohlstande seiner Untertanen findet, wenn ich dir
die Möglichkeit zugebe, dass ein solcher Phönix nicht platterdings ein blosses
Hirngespinnst sei: so wirst du mir auch die Möglichkeit einer Republik, worin
ein freies, edeldenkendes und zu jeder sittlichen und bürgerlichen Tugend
erzogenes Volk sich von den Weisesten und Besten aus seinem Mittel nach guten
Gesetzen freiwillig regieren lässt, zugeben, und zugleich bekennen müssen, dass
eine solche Republik jeder andern Staatsverfassung unendlich vorzuziehen ist.
    Alle anwesenden Syrakusaner klatschten, nickten oder lächelten ihrem edeln
Mitbürger Beifall zu, und schienen zu erwarten, dass ich billig oder wenigstens
urban genug sein würde mich überwunden zu geben. Aber so ganz leicht wollt' ich
ihnen den vermeinten Sieg doch auch nicht machen. Ich sehe nur ein Einziges
hierbei zu bedenken, sagte ich, und hielt ein. Und was wäre das, wenn man fragen
darf? sagte mein Antagonist. - Nichts, versetzte ich, als dass ein so
verständiges und tugendhaftes Volk, wie es mein edler Gegner voraussetzt, ganz
und gar keiner Regierung bedürfte. Lasst uns so ehrlich sein, einander zu
gestehen, dass die Unentbehrlichkeit aller bürgerlichen Verfassungen und
Regierungen keinen andern Grund hat, als die Schwäche und Verkehrteit des armen
Menschengeschlechts. Sie sind ein notwendiges Uebel, das einem ungleich grössern
abhilft oder vorbeugt, und bloss dadurch zum Gut wird. Indessen, da die Regierer
nicht weniger Menschen sind als die Regierungsbedürftigen, so wäre wohl nichts
billiger, als dass wir unsre Forderungen nicht allzu hoch spannten, und niemand
dafür büssen liessen, dass er eben so wenig vollkommen ist als wir. Warum wollten
wir uns das Gute, das wir haben, dadurch verkümmern, dass es uns nicht gut genug
ist? Jede Regierungsart hat ihre eigenen Vorzüge und Gebrechen; wiegt man sie
gehörig gegen einander, so gleichen sich, wechselsweise, diese durch jene und
jene durch diese aus, und was übrig bleibt, ist so unendlich wenig, dass es die
Mühe nicht verlohnt, darum zu hadern. Die Mehrheit der Stimmen erklärte sich für
meinen Vorschlag zur Güte, und alle schienen sich zuletzt in der Meinung zu
vereinigen: dass ein Volk, das sich bei der politischen Freiheit nie recht wohl
befunden, durch den Verlust derselben wenig verloren habe, und bei einem klugen
und tapfern Alleinherrscher wahrscheinlich noch gewinnen würde, wenn es weise
genug sein könnte, das Bestreben des Regenten, sich seines, wiewohl
gesetzwidrigerweise, errungenen Platzes würdig zu beweisen, durch Zutrauen und
guten Willen aufzumuntern, anstatt ihn durch Misstrauen, Unzufriedenheit und
heimliche Anschläge gegen seine Person zu tyrannischen Massregeln zu zwingen, die
ihm, als zu seiner Sicherheit notwendig, endlich zur Gewohnheit werden, und das
Verderben des Fürsten und des Volks zugleich zur Folge haben könnten.
    Ich bin etwas ausführlich in Erzählung dieser politischen Conversation
gewesen, edler Learchus, weil ich dein Verlangen, die gegenwärtige Stimmung der
Syrakusaner zu kennen, besser dadurch zu befriedigen hoffe, als durch allgemeine
Bemerkungen, die bei einem so kurzen Aufentalt ohnehin wenig Zuverlässigkeit
haben könnten. Unsre Gesellschaft bestand grösstenteils aus Männern der ersten
aristokratischen Familien zu Syrakus, und ich glaube dass man von ihnen, mit
ziemlicher Sicherheit nicht zu irren, auf die übrigen schliessen könne. Es war
sehr natürlich, dass sie, so oft des Tyrannen erwähnt oder auf ihn angespielt
wurde, eine gewisse Gleichgültigkeit und Zurückhaltung affectirten, die einen
ganz unkundigen Fremden ungewiss lassen konnte, ob sie seine Freunde oder Feinde
wären; mir aber, der von ihren Angelegenheiten hinlänglich unterrichtet ist, war
es leicht ihre wahre Gesinnung durch die übel passende Larve durchscheinen zu
sehen. Nie werden sie zu dem Tyrannen, nie der Tyrann zu ihnen Vertrauen fassen;
beide Teile haben einander zu viel Leides getan, als dass jemals eine
aufrichtige Aussöhnung möglich wäre; auch wissen beide sehr wohl, wessen sie
sich zu einander zu versehen haben, und nehmen ihre Massregeln darnach. Aber
stärker als alles dies fiel mir eine andere Bemerkung auf, die ich an diesem
Abend zu machen Gelegenheit hatte. Unter allen diesen eifrigen Republikanern und
Patrioten, solltest du es denken, lieber Learchus? war nicht Einer, der sich
auch nur den Schein zu geben gesucht hätte, als ob ihm das wahre Interesse
Siciliens, oder auch nur seiner eigenen Vaterstadt und des Syrakusischen Volkes
am Herzen liege. Ein Blinder hätte sehen müssen, dass weder dieses noch jenes bei
ihren Gesinnungen gegen den Tyrannen in die mindeste Betrachtung kam. Sie hatten
eine gewichtigere und ihnen näher liegende Ursache ihn zu hassen; und ich halte
mich überzeugt, keiner von ihnen würde das geringste Bedenken tragen, sich
selbst noch heute auf den Tron des Dionysius zu setzen, wenn er es möglich zu
machen wüsste. - Und doch muss ich hintennach über mich selbst lachen, dass mir so
etwas auffallen konnte. Verstand sich's nicht von selbst? Was für einen Grund
hatte ich, etwas anders zu erwarten?
    Mein Reisegefährte Hippias wurde bald nach unsrer Ankunft von seinem Freunde
Philistus bei Hofe aufgeführt, und gefällt dem Tyrannen so wohl, dass er ihm fast
immer zur Seite sein muss. Dionysius sieht sehr gut, was ihm ein Mann wie Hippias
sein könnte, und scheint grosse Lust zu haben ihn mit goldenen Ketten an sich zu
fesseln: aber Hippias hat zu wenig Ehrgeiz und liebt seine Ruhe und
Unabhängigkeit zu sehr, als dass er sich nur einen Augenblick versucht fühlen
sollte, sie um die unzuverlässige Gunst eines Fürsten zu vertauschen, mit
welchem er den öffentlichen Hass und die Gefahren eines immer schwankenden
Trones teilen müsste. Dionysius hat sich auch nach mir erkundigt, und ich soll
ihm an einem der nächsten Tage vorgestellt werden.
 
                                      39.
                               An Ebendenselben.
Seit kurzem gibt uns Dionysius ein Schauspiel zu Syrakus, dessen gleichen
vielleicht noch nie in der Welt gesehen worden ist. Alles was in den fünf
Städten, woraus diese ungeheure Stadt besteht, Hände und Füsse hat, ist in
Bewegung; alle Häuser, Strassen und Märkte wimmeln von geschäftig hin und her
eilenden Menschen; auf allen Schiffswerften, auf allen grossen Plätzen in und
ausserhalb der Stadt, arbeiten Zimmerleute und Schmiede zu Tausenden; die Ufer
ringsumher sind mit Schiffbauholz und Mastbäumen bedeckt, wovon täglich grosse
Schiffsladungen vom Aetna und aus den Apenninischen Gebirgen anlangen, und
Myriaden von Zeug- und Waffenschmieden und andern Handarbeitern machen den
ganzen Tag ein Getöse, wovon einem Tauben die Ohren gellen möchten. Mit Einem
Worte, Dionysius hat gerade zur gelegensten Zeit den glücklichen Gedanken
gefasst, Sicilien von den Ueberfällen der Cartager auf immer zu befreien, und
macht zu diesem Ende Zurüstungen und Anstalten, welche hinlänglich scheinen
könnten, wenn er den ganzen Erdboden zu erobern gesonnen wäre. Aber was noch
mehr ist, er hat Mittel gefunden, die Syrakusaner für seinen Plan einzunehmen
und in eine so fanatische Begeisterung zu setzen, dass jedermann sich in die
Wette beeifert, seine Absichten zu befördern, seine Befehle zu vollziehen und
seinen Beifall zu verdienen. Ausser seinen Syrakusiern und andern Sicilianern hat
er aus Italien und Griechenland die erfindsamsten Köpfe und die geschicktesten
Mechaniker und Kunstarbeiter zusammengebracht. Er selbst ist die Seele, die alle
Verrichtungen dieser ungeheuern Masse von Menschen leitet und belebt. Für alles
was gearbeitet wird, besonders für allerlei neue Kriegsmaschinen, die eine
erstaunliche Wirkung tun sollen, und eine Art von Galeeren mit fünf Reihen
Ruder, von seiner eigenen Erfindung (sagt man) hat er Modelle verfertigen
lassen, nach welchen alles in der möglichsten Vollkommenheit gearbeitet wird;
und ansehnliche Preise sind für diejenigen ausgesetzt, die in jedem Fache die
beste Arbeit liefern. Dionysius selbst ist überall persönlich zugegen, sieht und
beurteilt mit der Schärfe und Billigkeit einer ächten Sachkenntniss was getan
wird, spricht freundlich mit den Arbeitern, muntert ihren Fleiss durch Lob und
kleine Belohnungen auf, zieht sogar jeden, der sich in seinem Fache besonders
hervortut, an seine Tafel, kurz, bezaubert alle diese Menschen durch eine
Leutseligkeit und Popularität, die ihm alle Herzen - auf wie lange möcht' ich
nicht sagen - aber gewiss so lang' als er ihrer und sie seiner bedürfen, gewinnen
muss. Seine bittersten Feinde, die Aristokraten, sehen sich genötigt mit dem
Strom des allgemeinen Entusiasmus fortzutreiben, ihren Ingrimm hinter lächelnde
Hofgesichter zu verstecken, und durch den tätigen Anteil, den sie an seinen
Anstalten nehmen, ihren - Patriotism zu erproben.
    Einem Staatsmann von deiner Einsicht, edler Learchus, habe ich durch diese
blosse kunstlose Angabe dessen was ich hier täglich sehe, einen tiefern Blick in
den Charakter des merkwürdigen Mannes eröffnet, der jetzt an der Spitze der
Sicilier steht und die Aufmerksamkeit aller Griechen erregt, als ich durch die
mühsamste Aufzählung eines jeden einzelnen Zugs vielleicht bewirkt hätte.
Dionysius versichert sich nicht allein durch alle diese Vorbereitungen des
Sieges über den mächtigen Feind, den er zu bekämpfen haben wird; er versichert
sich zugleich der Zuneigung des Volks, das ihn, anstatt wie andre Herrscher sich
dem Müssiggang und den Wollüsten zu überlassen, mit grossen Planen zum allgemeinen
Glück Siciliens beschäftigt sieht; er benimmt dadurch seinen Feinden den Mut
etwas gegen ihn zu unternehmen, und legt einen so festen Grund zu einer lange
dauernden Regierung, dass ich eine grosse Wette eingehen wollte, er wird, wo nicht
immer eben so ruhig, doch gewiss eben so sicher auf seinem usurpierten Trone
sitzen, als ob er kraft eines längst verjährten Erbrechts zum König geboren
wäre.
    Du kannst dir nun selbst vorstellen, Learchus, - du der den Geist des Volks,
der sich allentalben gleich ist, kennt - wie stolz die grosse Mehrheit der
Syrakusaner in diesem Augenblick auf ihren Fürsten sein muss; wie geschmeichelt
sie sich durch den Anteil fühlen, den er sie, mit der schlauesten Popularität,
an seiner Grösse nehmen lässt; und wie gewaltig sie der Anblick aller der Wunder
verblendet, die sie täglich vor ihren Augen entstehen sehen, und die er freilich
ohne alle Hexerei bloss dadurch bewirkt, dass er, mittelst kluger Anwendung der
Kräfte und Schätze einer mächtigen Republik so viele Köpfe, Arme und Hände zu
einem einzigen grossen Zweck in zusammenstimmende Tätigkeit zu setzen weiss.
Kurz, Dionysius hat das wahre Mittel gefunden, die Syrakusaner (eine Zeit lang
wenigstens) vergessen zu machen, dass er einst ihr Mitbürger war; er erscheint
vor ihren Augen im vollen Glanz des Homerischen Agamemnons, den Göttern gleich
und der Herrschaft würdig, die dem Tapfersten, Klügsten und Tätigsten, so lange
der Entusiasm, den er einhaucht, währt, zu allen Zeiten so willig eingeräumt
worden ist.
    Ich habe, seitdem ich ihm vom Philistus und Hippias vorgestellt wurde,
öfters Gelegenheit gehabt ihn reden zu hören und handeln zu sehen, und werde
täglich mehr in der Meinung bestärkt, dass jedes an die Monarchie gewöhnte Volk
sich unter einem Fürsten wie er glücklich achten würde. Schon sein Aeusserliches
kündigt einen Mann an, der besser zum Regieren als zum Gehorchen taugt. Er ist
gross und stark gebaut; seine Gesichtsbildung edel, männlich, und wofern mich
mein physiognomischer Sinn nicht betrügt, mehr Klugheit und Gewalt über sich
selbst, als Unerschrockenheit und Selbstvertrauen bezeichnend; seine Augen klein
aber feurig; sein Blick scharf, umherspähend und beinahe laurend; seine Miene,
sobald er will, einnehmend, aber, so wie er sich vergisst, kalt, finster,
abschreckend, und wenn er zum Zorn gereizt wird, fürchterlich. Dass er überhaupt
eher das Ansehen eines Demagogen als eines Königs hat, scheint ihm in seiner
Lage vielmehr vorteilhaft als nachteilig, und ist eine eben so natürliche
Folge des Standes worin er geboren und der Bestimmung, für welche er erzogen
wurde und sich selbst ausbildete, als dass er unendlich mehr Kenntnisse besitzt,
und alles was er weiss viel gründlicher weiss, als bei Personen gewöhnlich ist,
die das durch den Zufall der Geburt sind, was er durch sich selbst geworden ist.
Aus eben diesem Grunde kann ihm, däucht mich, zu keinem besondern Verdienst
angerechnet werden, dass er, der selbst ein Gelehrter und ein Mann von Talenten
ist, Wissenschaft und Kunst liebt, Gelehrte und Künstler ehrt, und sich besser
in ihrem Umgang gefällt als unter Leuten, die sich durch ihren Stammbaum oder
ihre glänzenden Glücksumstände über die Notwendigkeit eines persönlichen Werts
erhaben glauben. Hingegen scheint es mir auch unbillig, ihm (wie viele tun)
einen Vorwurf daraus zu machen, dass er in seinen Erhohlungsstunden - Verse
macht, und vielleicht bessere als von königlichen Versen gefordert werden kann.
Bis jetzt wenigstens scheint er seinen Umgang mit der tragischen Muse, in die er
stark verliebt sein soll, noch sehr geheim zu halten; und in der Tat fordert
die grosse Tragödie, die er selbst zu spielen vorhat, seine ganze Tätigkeit in
einem so hohen Grade, dass ihm weder Zeit noch Lust übrig bleiben kann, sich in
einen Wettlauf mit Sophokles und Euripides einzulassen.
    Ueber seinen Charakter urteilen zu wollen, würde von mir in zweifacher
Rücksicht verwegen sein; nur dies wage ich zu behaupten, dass er von Natur nichts
weniger als so gefühllos und grausam ist, wie ihn seine Gegner schildern. Um ihn
zu dem kühnen Entschluss zu bringen, dessen guten Erfolg er viel weniger dem
Glück als seiner Klugheit und Geschicklichkeit zu danken hat, brauchte es nur
zwei Blicke, einen auf Syrakus und Sicilien überhaupt, und einen in sich selbst.
Jenen war nur durch Vereinigung unter Einen unbeschränkten Herrscher zu helfen,
und das Talent, dieser Herrscher zu sein, fühlte er in sich. Als der Entschluss
einmal gefasst und das Spiel angefangen war, musste er nun alles darauf setzen.
Alles gewinnen oder alles verlieren! ein Drittes gab es jetzt nicht mehr für
ihn. Natürlich war das erste sein Zweck, und wer den Zweck will, will die
Mittel. In seiner Vorstellungsart konnten die Kämpfe mit den Aristokraten und
Demagogen, wenn sie auch noch weit mehr Köpfe und Proscriptionen gekostet hätten
als sie wirklich kosteten, kein Grund sein, der reizenden Basileia nicht
nachzustreben. Aber daraus schliessen zu wollen, er müsse notwendig grausam,
blutdürstig und der unmenschlichsten Gräuel fähig sein, wäre ein eben so
falscher als unbilliger Schluss. Was er tat, war nicht mehr als wozu er teils
durch den wütenden Widerstand der Gegenpartei gezwungen, teils durch ihre mehr
als barbarische Misshandlung seiner Gemahlin121 auf eine Art gereizt wurde, die
den sanftesten aller Menschen zum Wüterich gemacht hätte. Auch ist gewiss, dass
seine Feinde das, was wirklich geschah, sehr übertrieben haben; und ich zweifle
sehr, ob unter denen, die er auf seinem Wege zum Tron, weil sie sich selbst
unter die Räder seines Wagens warfen, zertreten musste, oder den racheschreienden
Manen einer geliebten Gattin opferte, nur ein einziger war, dessen Tod ein
Verlust für den Staat gewesen ist.
    Wie dem aber auch sein möchte, dass er, seitdem man ihn ruhiger regieren
lässt, seinen höchsten Stolz darein setzt, zum Glück Siciliens zu regieren,
beweisen alle seine Handlungen, und (wie ich neulich dem Syrakusaner sagte)
wofern er in der Folge mehr in Hierons als in Gelons Fussstapfen treten sollte,
so wird niemand Schuld daran sein als die Syrakusaner selbst. Dies, edler
Learch, ist dermalen alles, was ich dir vom Dionysius zu sagen weiss, und ich
setze nur hinzu, dass Hippias über dies alles mit mir gleicher Meinung ist.
    Ob die Griechen des festen Landes Ursache haben, über die immer wachsende
Macht dieses Fürsten eifersüchtig zu sein, zumal wenn es ihm (was vielleicht bei
seiner Unternehmung gegen Cartago seine Hauptabsicht ist) gelingen sollte sich
von ganz Sicilien Meister zu machen - überlasse ich deiner tiefer sehenden
Staatsklugheit. Mir (wenn ich im Vorbeigehen meine unbedeutende Meinung sagen
darf) scheint Korint bei seinen ehrgeizigen Planen am wenigsten gefährdet zu
sein, aber wohl im Gegenteil sich, durch eine gelegenheitliche Verbindung mit
ihm, eine kräftige Stütze gegen die Uebermacht und die Anmassungen der Atener
und Spartaner verschaffen zu können. Uebrigens bedarf es bei dir wohl keiner
Versicherung, dass ich nicht den geringsten Vorteil dabei suche noch finde, wenn
ich den Syrakusischen Tyrannen aus der düstern, verzerrenden und grausenhaften
Beleuchtung, in welche sein Charakter mit absichtlich bösem Willen von seinen
Feinden gesetzt wird, in das reine, nichts verbergende noch verfälschende
Sonnenlicht gestellt habe. Er bedarf meiner so wenig als ich seiner, und da ich
im Begriff bin Sicilien wieder zu verlassen, was könnte mich bewegen, mich des
Vorrechts eines Ausländers, unparteiisch zu sein, von freien Stücken zu begeben?
Die neuesten Nachrichten, die mir aus Cyrene zugekommen sind, melden mir, dass
Ariston den übel bedachten Versuch, den Dionysius nachzuahmen ohne ein Dionysius
zu sein, bereits mit seinem Leben bezahlt hat. Noch ist die öffentliche Ruhe und
Ordnung nicht wieder hergestellt; aber beide Parteien scheinen geneigt, sich auf
billige Bedingungen zu vergleichen, und ich verspreche den angefangenen
Unterhandlungen einen guten Erfolg, da mein Bruder Aristagoras und mein Freund
Demokles an der Spitze der Parteien stehen. Was mich zur Rückkehr nötigt, ist
daher nicht sowohl die Hoffnung, meinem Vaterlande bei dieser Gelegenheit
vielleicht einige Dienste tun zu können, als die Nachricht, dass mein Vater (ein
alter Freund des deinigen) seinem Ziele nahe zu sein glaubt, und mich im Leben
noch zu sehen verlangt. Ich beurlaube mich also hiermit von Griechenland und von
dir, edler und gastfreundlicher Learch. Mein nächster Brief wird dir aus Cyrene
zukommen; indessen gehabe dich wohl!
 
                                      40.
                            Aristagoras an Aristipp.
Hoffentlich hat der weise Sokrates deine weltbürgerliche Philosophie von ihrem
hohen Fluge der Erde wieder nahe genug gebracht, dass dir die Schicksale deines
Vaterlandes nicht ganz gleichgültig sein werden. Es ist freilich nur ein
Ameisenhaufen, wenn du willst; aber uns Ameisen ist unsere Erdscholle eine Welt.
Ich berichte dir also, lieber Aristipp, dass Ariston, dem du dich durch deinen
kleinen Brief schlecht empfohlen hattest, deine Weissagung bald genug erfüllt,
und mich und meine Mitarbeiter von dem undankbaren Frohndienst, seine
Torheiten, wo nicht immer zu vergüten, wenigstens zu verschleiern und den
Übermut seiner Günstlinge in Schranken zu halten, befreit hat. Selten ist ein
Mensch von den zufälligen Umständen mehr begünstigt worden als Ariston; und wie
wenig er auch des Diadems würdig war, hätte er nur so viel Tätigkeit und Gewalt
über seine Leidenschaften besessen, als nötig war, die schwärmerische Zuneigung
der untern Volksclassen eine Zeit lang zu rechtfertigen, so säss' er jetzt ruhig
auf dem Fürstenstuhl der Battiaden; seine Feinde hätten den Mut verloren; der
Bürgerkrieg wäre in der Geburt erstickt worden, und die üppigen, Ruhe und
Vergnügen über alles liebenden Cyrener, durch seine Popularität, Prachtliebe und
Freigebigkeit bestochen, hätten sich unvermerkt gewöhnt, seine Indolenz und
Verdienstlosigkeit für Tugenden eines milden friedliebenden Fürsten anzusehen.
Aber sein böser Dämon gewann gleich in den ersten Wochen seiner Regierung die
Oberhand. Anstatt die Verwirrung und Schwäche seiner Feinde zu benutzen, und die
Flüchtigen ohne Verzug bis in ihren letzten Schlupfwinkel zu verfolgen, überliess
er sich seinen dir wohlbekannten Neigungen, ordnete Feste an, affectirte von dem
Bürgerkriege als einer geendigten Sache zu reden, und teilte die eingezogenen
Güter der Proscribirten unter seine Parasiten aus. Die Vorstellungen seiner
getreuesten Räte wurden nicht gehört, und alles was ihm die Leute rieten denen
er folgte, war zu seinem Verderben. Dennoch hätte alles noch leidlich ablaufen
mögen, wenn er uns nur erlaubt hätte, gegen die (sogenannten) Rebellen, die sich
in einen haltbaren Posten an den Gränzen der Cesammonen geworfen hatten,
auszurücken, bevor sie Zeit gewannen, die übrigen Flüchtlinge, Missvergnügte und
Verbannte, an sich zu ziehen und unvermerkt zu einem Heer anzuwachsen. Aber
Ariston wollte die Ehre, seine Truppen in eigner Person anzuführen, keinem
andern abtreten, und glaubte sogar seine Sache sehr politisch anzustellen, wenn
er seinen Feinden Zeit liesse, sich alle in einen Haufen zusammen zu drängen,
damit er der Rebellion mit Einem Schlag ein Ende machen könnte. Und so musste das
Einzige, was allenfalls an ihm zu rühmen war, seine persönliche Tapferkeit,
durch die Unklugheit, womit er sie handhabte, die Ursache seines Verderbens
werden. Die republikanische Partei hatte durch sein Zögern Luft bekommen, und
durch die rastlose Tätigkeit ihrer Anführer Mittel gefunden, etliche Tausend
Messenier, die, von den Spartanern aus Naupaktos und Kephalonia vertrieben, sich
an die Cyrenische Küste geflüchtet hatten, unter dem Versprechen, ihnen die
Ländereien der Königlichen und das Bürgerrecht von Cyrene zu schenken, an sich
zu ziehen, und durch diese Verstärkung zu einem furchtbaren Heer anzuschwellen.
Denn die Messenier wurden von jeher unter die tapfersten und streitbarsten
Völker Griechenlands gezählt, und was konnte man nicht von solchen Kriegern in
einer Lage erwarten, worin sie ausser einem elenden Leben nichts zu verlieren,
hingegen wenn sie siegten, ein neues Vaterland, reiche Vergütung alles
Verlornen, und die völligste Sicherheit vor ihrem ewigen Todfeinde, den
Spartanern, zu gewinnen hatten? Die Republicaner fühlten sich nun stark genug,
etwas zu unternehmen, wozu der Mangel an Lebensmitteln sie ohnehin bald
gezwungen haben würde; sie verliessen ihre Verschanzungen, unterwarfen sich das
platte Land umher, und gingen mutig auf Cyrene los. Jetzt erwachte Ariston
plötzlich aus seiner bisherigen Untätigkeit. Aber der Fanatism des Volkes für
ihn hatte sich abgekühlt, und es kostete Mühe, bis er mit Hülfe seiner
Getulischen Leibwache so viele bewaffnete Bürger und Landleute zusammenbrachte,
dass er dem Feinde, den er noch immer verachtete, die Spitze bieten zu können
wähnte. Es kam einige Meilen von der Stadt zu einem entscheidenden Treffen;
beide Teile fanden einen stärkern Widerstand als sie erwartet hatten, und
fochten mit desto grösserer Erbitterung; es war vielleicht der blutigste Tag, den
Cyrene je gesehen hatte. Eine Menge angesehener Bürger, eine grosse Anzahl der
vornehmsten Befehlshaber, und alle Messenier die als Verzweifelte fechtend weder
Quartier gaben noch annahmen, auf der feindlichen Seite - und ein grosser Teil
Volks auf der unsrigen, blieben auf dem Platze; Ariston selbst stürzte mitten
unter seinen für ihn kämpfenden und um ihn her fallenden Getulischen Löwen,
tödtlich verwundet zu Boden, und wurde am folgenden Tage unter einem Haufen
Erschlagener hervorgezogen. Das Gemetzel währte so lange, bis die Nacht den
Ueberrest beider Heere zum Rückzug zwang. Brauchte es nun etwas weiters als auf
beiden Seiten wieder zur Besinnung zu kommen, um aufs lebendigste zu fühlen, dass
Friede und Mässigung der einzige Weg sei, alles Unheil, das Zwietracht und
ungezügelte Leidenschaften über unser blutendes Vaterland zusammengehäuft
hatten, so viel möglich wieder gut zu machen? Friede, Aussöhnung, Verzeihung,
war jetzt das allgemeinste und dringendste Bedürfnis. Demokles, der beliebteste
unter den übrig gebliebnen Anführern der demokratischen Partei, und ich, von
Seiten derer die es mit Ariston gehalten hatten, wurden also bevollmächtiget, in
Unterhandlung zu treten, und das Resultat war: dass beide Parteien einander
ewiges Vergessen alles Vergangenen zuschwören, die Verbannten zurückberufen, die
eingezognen Güter zurückgegeben, und von jeder Seite fünf Männer ernannt werden
sollten, um den gesammten freien Einwohnern von Cyrene eine Regierungsform
vorzuschlagen, durch welche die Republik zugleich vor allen künftigen Fehden
zwischen den alten Familien und dem Volke, und vor der Gefahr, wieder in die
Gewalt eines Einzigen zu geraten, sicher gestellt würde. Diese neue
Regierungsform liegt noch auf dem Amboss; alles Uebrige ist bereits vollzogen. Da
die Wahl der Zehnmänner auf lauter redliche und staatskundige Bürger gefallen
ist, und unser Volk zum voraus geneigt scheint, sich jeder neuen Ordnung der
Dinge zu fügen, so ist nicht zu zweifeln, dass Cyrene in kurzer Zeit von den
Wunden wieder geheilt sein wird, die ihr der törichte Ehrgeiz einiger
ausschweifenden und übelberatenen Schwindelköpfe geschlagen hat. Es gibt Fälle,
wo eine starke Verblutung einem Staate, so wie gewissen menschlichen Körpern,
heilsam ist, und bei vorsichtiger Behandlung den Grund zu einer bessern
Gesundheit legen kann.
    Möchte ich nicht genötigt sein, mein Bruder, dir diese tröstliche Nachricht
durch eine andere zu verbittern, die uns beide unmittelbar betrifft. Unser guter
alter Vater verspricht sich selbst die Freude nicht, die bessern Zeiten, die uns
bevorstehen, zu erleben. Er verlangt sehr, dich noch zu sehen, und vielleicht
würde die Erfüllung dieses Wunsches zu Verlängerung seiner Tage beitragen. Ich
bitte dich also, deine Hierherkunft, so sehr du immer kannst, zu beschleunigen.
Mögen die Gelübde, die wir alle um Begünstigung deiner Reise tun, dem Ohr einer
freundlichen Gotteit begegnen!
 
                                      41.
                               Aristipp an Lais.
Du ahndest wohl nicht, schöne Lais, dass drei in deinem Hause gelebte Tage mich
dem höchsten Ziele der Philosophie näher gebracht haben als vier Jahre in der
Sokratischen Schule. Wenn es wahr ist (und das ist es gewiss!) dass die Tugend der
Selbstbezwingung die Wurzel aller übrigen ist, wie viel habe ich nicht dem
Angedenken jenes flüchtigen Wonnetraums zu danken! Glaube mir, diese ganze Zeit,
da ich wieder von dir getrennt bin - ich erröte dir zu gestehen, wie viel Jahre
sie mir schon währt - war ein einziger unaufhörlicher Kampf meines Willens mich
von dir zu entfernen, mit dem unwiderstehlichsten Drang zu dir zurück zu
fliegen. Bis hierher habe ich obgesiegt; und fortkämpfen werd' ich ihn - diesen
peinlichern Kampf als die schwersten, wodurch man die Olympischen und
Istmischen Kronen erringt - und meinen Mut mit der Hoffnung stärken, dass du
(wie bald oder wie spät mögen die Götter wissen!) den Sieger mit dem süssesten
Kusse, den deine Nektarlippen je geküsst haben, belohnen werdest. - Lache nicht
über eine so seltsame Tugendübung! Du würdest dich, wenn du ihrer spotten
könntest, an dir selbst, an mir und an der Tugend gleich stark versündigen.
Wirklich und in ganzem Ernst, ich zweifle sehr ob jemals eine grössere Tat als
die meinige getan worden ist, und es gibt Augenblicke, wo ich mit dem
stolzesten Selbstgefühl auf alle zwölf Arbeiten des Tebanischen Hercules
herabsehe. Denke ja nicht, Liebe, dass eine solche Selbstpeinigung nichts
Verdienstliches habe, weil sie keinem Menschen in der Welt zu etwas nütze, und
am Ende nichts als grillenhafter Eigensinn sei. Eben darin liegt das
Verdienstliche, dass ich - bloss um mich selbst, auf künftige Fälle, die
vielleicht nie kommen werden, in Bezwingung meiner Begierden zu üben - den
stärksten Reizungen widerstehe, die vielleicht jemals einem Sterblichen
zugesetzt haben. Bin ich tapfer genug in diesem Kampfe immer Sieger zu bleiben,
welche Gefahr wird mir in meinem ganzen Leben furchtbar sein? bei welchen
Sirenenfelsen werd' ich nicht mit unverstopften Ohren vorbei segeln können?
Wahrlich, Laiska, ich hätte jetzt schon Ursache mich für keinen kleinen Helden
auszugeben, wenn ich nicht zu ehrlich wäre, dich und mich selbst belügen zu
wollen. Aber ich kann und will dir nicht verhalten, dass es Stunden gibt, wo ich
den Sieg nicht mir selbst zu verdanken habe; Stunden, wo meine mit jedem
Augenblick abnehmende Kraft dem mächtigen Iynx, der mich zu dir zieht, nur noch
matten Widerstand tut, kurz, wo ich im Begriff bin nach dem Hafen zu rennen,
die erste beste Jacht zu mieten und mit vollen Segeln nach Korint zurück zu
eilen; - was vielleicht in einem dieser unglücklichen Augenblicke bereits
geschehen wäre, wenn nicht die gerechte Furcht, dass du mich, wenn ich so
unerwartet vor dir erschiene, als einen Feigherzigen, der ohne Schild aus der
Schlacht zurückkommt, auf der Stelle wieder zurückschicken würdest, mehr über
mich vermöchte als der erhabene Beweggrund, mir selbst zu beweisen, dass ich -
wollen kann was ich will. Denn darauf läuft doch am Ende die ganze Herrlichkeit
hinaus.
    Die neuesten Nachrichten, die ich aus Cyrene erhalte, sind nicht sehr
geschickt, mir das Herbe meiner Tugendübungen zu versüssen. Ariston ist (wie
leicht vorherzusehen war) wieder gestürzt; die öffentlichen Angelegenheiten, in
welche unsre Familie, edle Anaximandra, ziemlich verwickelt ist, sind noch immer
in Verwirrung, und was mir näher andringt als das alles, mein alter Vater, der
gütigste und gefälligste Vater, den ich mir jemals wünschen konnte, scheint am
Ziel seiner Tage zu sein. Dieser Umstand nötigt mich meinen Reiseplan zu
ändern; anstatt die Städte der südlichen Küste von Italien zu besuchen, kehre
ich morgen mit einem für Hadrumetum betrachteten Schiffe nach Libyen zurück.
Sollte ich, wie ich fast besorgen muss, meinen Vater nicht mehr unter den
Lebenden antreffen, so sehe ich nicht was mich in Cyrene aufhalten könnte. Denn
meine eignen Angelegenheiten werden mit meinem Bruder, der ein eben so
edelmütiger als kluger Geschäftsmann ist, bald abgetan sein, und von der
Pflicht, mich in die öffentlichen zu mischen, dispensirt mich glücklicherweise
meine Jugend. In diesem Falle würde ich vielleicht bald genug zurückkommen
können, um dich noch zu Aegina anzutreffen. Indessen lebe wohl, meine Freundin,
und erinnere dich meiner, so oft du den Grazien und deinem Genius, der auch der
meinige ist, opferst.
 
                                      42.
                        Aristipp an Learchus zu Korint.
Ein heftiger und anhaltender Sturm, der uns mehrere Tage im Hafen von Skandeia
zurückhielt, hat mich um die beste Frucht meiner Reise gebracht. Ich bin zwar
glücklich in Cyrene angelangt, aber den ehrwürdigen Aritades, den ich noch zu
sehen hoffte - sah ich nicht mehr. Ich weiss, edler Learch, auch du wirst dem
Andenken eines Freundes deines Hauses, den du vor dreissig Jahren bei deinem
Vater gesehen zu haben dich vielleicht noch erinnerst, eine fromme Träne
schenken. Er war ein guter Mann im edelsten Sinne dieser Benennung. Hätte Cyrene
unter zehntausend Bürgern nur hundert seines gleichen gehabt, so würden die
armen Leute jetzt nicht so viel Not und Mühe haben, all das Unheil wieder gut
zu machen, das die Verkehrteit einiger wenigen, und die Torheit der Menge im
Laufe des verfloss'nen Jahres über sie gebracht hat. Das grosse Interesse der
öffentlich Angelegenheiten verschlingt in diesem Zeitpunkt jedes Privatgefühl.
Vornehmlich beschäftigt die künftige Staatsverfassung alle Köpfe und Zungen; man
hört in allen Gesellschaften und auf allen Versammlungsplätzen nichts anders;
jedermann hat entweder einen Vorschlag zu tun, oder stellt Vermutungen über
die neue Republik an, die in kurzem aus der Werkstatt der Zehnmänner hervorgehen
soll, und bekrittelt sie in voraus, falls sie so oder so ausgefallen sein
sollte. Dass ich ein blosser Zuschauer bei allen diesen Bewegungen bin, wird dich
nicht befremden, da mich weder meine Erfahrenheit noch unsre Gesetze, die keinem
Bürger vor seinem dreissigsten Jahre eine active Stimme gestatten, zu
öffentlicher Teilnehmung an Geschäften dieser Art berufen, und vor unzeitiger
Einmischung meine ganze Art zu denken mich bewahrt. Ich überlasse alles meinem
Bruder Aristagoras und meinem Freunde Demokles (die das Vertrauen ihrer
Mitbürger in einem vorzüglichen Grade besitzen) um so ruhiger, da sie durch
gleiche Mässigung und Klugheit, bei gleich redlichen Absichten, völlig dazu
geeigenschaftet scheinen, uns, wo nicht die beste Verfassung, die sich denken
lässt, wenigstens die beste, die unter den gegenwärtigen Umständen möglich ist,
zu geben.
 
                                      43.
                               An Ebendenselben.
Das neue Palladion unsrer Stadt ist nun fertig, und (wie die Cyrener ein rasches
und ungeduldiges Völkchen sind) von der allgemeinen Volksversammlung mit grossem
Jubel angenommen und eingeführt worden. Dir die innere Organisation unsrer mit
Griechenland in keiner Verbindung stehenden Republik bis in ihren kleinsten
Aesten und Zweigen darzulegen, möchte dir und mir zu langweilig sein: ich
begnüge mich also, dir nur das Wesentlichste, und auch dies nur mit den
äussersten Linien, vorzuzeichnen.
    Die höchste Staatsgewalt ist in einer ziemlich zweckmässigen Proportion (wie
mich däucht) zwischen dem Senat, welcher ausschliesslich aus den ältesten und
begütertsten Familien genommen wird, und dem Volk, oder vielmehr dem aus dem
Mittel desselben erwählten grossen Rat, der das Volk vorstellt, verteilt. Der
Senat besteht aus hundert Personen, die ihren Platz in demselben lebenslänglich
behalten. Der Vorsitzer, Epistates genannt, ist das Haupt der ganzen Republik;
er hat das grosse Siegel in seiner Verwahrung, und da er für die Ausführung der
Beschlüsse des Senats verantwortlich ist, so ist jeder Bürger von Cyrene ohne
Ausnahme seinen Befehlen und Aufträgen schleunigen und unverweigerlichen
Gehorsam schuldig. Er besitzt aber diese beinahe königliche Gewalt nur dreissig
Tage lang, und kann erst in fünf Jahren wieder dazu erwählt werden. Die
Senatoren, die nicht unter fünfunddreissig Jahre alt sein dürfen, sind in drei
Classen abgeteilt. Die erste besteht aus zwölf Demarchen oder Polizeimeistern
(welche künftig bloss aus den monatlich abgehenden Epistaten genommen werden
sollen), deren jeder in einem der zwölf Quartiere, in welche die Stadt
abgeteilt ist, für die Erhaltung guter Zucht und Ordnung und öffentlicher
sowohl als häuslicher Sicherheit zu sorgen hat. Sie sind zugleich Schiedsrichter
in allen unter den Bürgern verfallenden Streitigkeiten, und berechtigt, wenn
kein Vergleich statt findet, in erster Instanz abzuurteilen. Auch kommen sie
zweimal in der Woche zusammen, um sich über alles was zur allgemeinen
Stadtpolizei gehört, es betreffe nun Abstellung von Missbräuchen oder Vorschläge
zu Verbesserungen, zu beraten. Sie erstatten dem Senat alle Monate Bericht über
den Zustand der Stadt und legen ihm ihre Vorschläge zur Entscheidung vor. Die
zweite Classe des Senats besteht aus den vierundzwanzig Personen, unter welche
die hauptsächlichsten Aemter der Republik verteilt sind, dem Kanzler und
Schatzmeister, und den sämmtlichen Oberaufsehern der öffentlichen Gebäude,
Tempel, Gymnasien, Bäder, Brunnen u.s.w., ferner der Feste und religiösen
Feierlichkeiten, des Kriegsstaats und Seewesens, der Zeughäuser, der
öffentlichen Fruchtböden, des Ackerbaues, der Bergwerke u.s.w. Diese erscheinen
gewöhnlich nur alsdann im Senat, wenn sie Vorträge zu tun, Verhaltungsbefehle
einzuholen, oder Rechenschaft abzulegen haben. Alle übrigen Senatoren machen das
Collegium aus, dem die Verwaltung der bürgerlichen und peinlichen Gerechtigkeit
anvertraut ist, und welches wieder in verschiedene Abteilungen zerfällt. Die
Epistaten und Demarchen dienen dem Gemeinwesen umsonst; die zweite und dritte
Classe sind auf einen anständigen Gehalt gesetzt. Der Staat besoldet seine
Diener aus dem Schatz; die Richter hingegen erhalten ihren Ehrensold aus einer
öffentlich verwalteten Casse, in welche alle Geldbussen und die vom Gesetz
bestimmten Gerichtsgebühren fliessen, welche die unterliegende Partei bezahlen
muss, und wovon allein die ärmste Bürgerclasse ausgenommen ist; denn für diese
hat unsre Justiz keinen Beutel, aber dafür einen derben Knittel, um die Leute
von leichtfertigen Händeln abzuschrecken.
    Der Senat versammelt sich gewöhnlich sechsmal in jedem Monat, und ausserdem
so oft es der Epistat nötig findet. Er vereinigt unter den verfassungsmässigen
Einschränkungen alle Gewalten in sich. Alle seine Verordnungen haben, insofern
sie den schon vorhandenen Gesetzen nicht widerstreiten, Gesetzeskraft; aber
diejenigen, die den ganzen Staat betreffen, nur bis zur nächsten Sitzung des
grossen Rates, der aus hundert und zweiundneunzig Plebejern besteht, wozu jedes
Quartier sechzehn von den Bürgern desselben erwählte Mitglieder hergibt. Dieser
muss alle Monate, am ersten Tage nach dem Neumond, von dem Epistaten
zusammenberufen werden, um den Verordnungen des Senats, welche die Kraft eines
gemeingültigen Gesetzes erhalten sollen, die Bestätigung zu geben oder zu
versagen. Diese Bestätigung ist nicht länger als auf fünf Jahre kräftig; nach
Verfluss derselben wird das Gesetz einer Revision ausgestellt, durch welche es
entweder verworfen oder auf dreissig Jahre festgesetzt wird. Ueber Krieg und
Frieden kann nur der grosse Rat entscheiden. Neue Auflagen können nur mit seiner
Bewilligung stattfinden, auch muss ihm von jedem abgehenden Epistaten Bericht
über den Zustand der Republik und alle Jahre von dem Schatzamt Rechnung über die
Verwaltung der öffentlichen Einkünfte abgelegt werden.
    Auf diese Weise glaubten unsre Nomoteten122 zugleich sowohl für die
Freiheit und Sicherheit, die der Staat seinen Bürgern zu garantiren schuldig
ist, als für die Erhaltung der bürgerlichen Ordnung, hinlänglich gesorgt zu
haben. Aber sie fanden noch eine Gewalt nötig, um der grossen Macht, die dem
aristokratischen Senat anvertraut ist, das Gegengewicht zu halten, und dem
demokratischen grossen Rat jeden Missbrauch seiner hemmenden Gewalt unmöglich zu
machen.
    Zu diesem Ende verordneten sie noch ein Collegium von sechs Eparchen,
welche, von allen andern unabhängig, zur einen Hälfte vom grossen Rat aus den
Eupatriden, und zur andern vom Senat aus dem Volk erwählt werden, und keine
andere Verrichtung haben, als die Bewahrer der Gesetze und der Verfassung zu
sein, und zu verhindern, dass weder der Senat und die aus dessen Mittel
bestellten Magistratspersonen ihre Gewalt über die Schranken der Gesetze
ausdehnen, noch der grosse Rat dem kleinen seine Beistimmung aus unstattaften
Ursachen versagen könne. In beiderlei Fällen haben sie den Räten und übrigen
Staatsbeamten Vorstellungen zu tun, und sind, wofern diese nicht gehört würden,
berechtigt, eine von den Prytanen ergangene Verordnung zu suspendiren oder eine
vom grossen Rat versagte Sanction durch die ihrige zu ersetzen. Die ihnen
verliehene Macht geht so weit, dass sie eine jede Magistratsperson und überhaupt
jeden Bürger, der etwas gegen die Republik oder ihre Verfassung unternehmen
wollte, in Verhaft zu nehmen, und einem besondern Gerichte, das aus den zwölf
Demarchen, zwölf durchs Loos erwählten Prytanen, und fünfundzwanzig Plebejern,
unter dem Vorsitz des ältesten Eparchen, zusammengesetzt ist, zur Untersuchung
und Bestrafung zu übergeben berechtigt sind. Diese Staatsaufseher bleiben nur
ein Jahr im Amte, haben den Vorsitz über alle andern obrigkeitlichen Personen,
unmittelbar nach dem Epistaten, und werden vom Volk als eben so viele für seine
Rechte und für die öffentliche Wohlfahrt wachende Schutzgeister angesehen; sind
aber nach ihrem Austritt einer so strengen Verantwortlichkeit unterworfen, dass
auf jede Versäumnis ihrer Pflicht die Strafe einer zehnjährigen Landesverweisung
steht.
    Ich füge diesem kurzen Abriss unsrer neuen Verfassung nur noch dieses hinzu,
dass, weil die Cyrenische Priesterschaft sich bei der letzten Revolution durch
eine besonders eifrige Vorliebe für die Tyrannie hervorgetan, die Einrichtung
getroffen worden ist, dass die jedesmaligen Demarchen zugleich die Oberpriester
in ihrem Quartier, und der Epistat als das Oberhaupt des Staats zugleich der
Hohepriester desselben ist.
    Wie gefällt dir nun unsre Republik in dieser neuen Gestalt, edler Learch?
Sie ist mit obrigkeitlichen Personen nicht so überladen wie Aten, und hat, wenn
ich ihr nicht zu viel schmeichle, so ziemlich die Miene, ihre zwanzig Jahre so
gut wie irgend eine andre auszudauern. Oder meinst du nicht? - Ernstaft zu
reden, es wäre unartig von mir, wenn ich unsern Prometeen die Freude, eine so
zierlich gearbeitete Constitution zu Stande gebracht zu haben, und meinen
Mitbürgern ihr Vergnügen an derselben durch Mitteilung meiner Gedanken
verkümmern wollte. Aber bei dir darf ich die Weissagung wohl ingeheim
hinterlegen, dass unsre Staatsmaschine, wie richtig sie auch einige Jahre spielen
mag, noch ehe dreissig Jahre in die Welt gekommen sind, wieder ins Stocken
geraten und den Söhnen ihrer Verfertiger wenigstens eben so viel zu schaffen
machen werde, als die vorige den Vätern. Alle bürgerliche Gesellschaften haben
den unheilbaren Radicalfehler, dass sie, weil sie sich nicht selbst regieren
können, von Menschen regiert werden müssen, die - es grösstenteils eben so wenig
können. Man kann unsre Regierer nicht oft genug daran erinnern, dass bürgerliche
Gesetze nur ein sehr unvollkommnes und unzulängliches Surrogat für den Mangel
guter Sitten, und jede Regierung, ihre Form sei noch so künstlich ausgesonnen,
nur eine schwache Stellvertreterin der Vernunft ist, die in jedem Menschen
regieren sollte. Was hieraus unmittelbar folgt, ist, denke ich: man könne nicht
ernstlich genug daran arbeiten, die Menschen vernünftig und sittig zu machen.
Aber, wie die Machtaber hiervon zu überzeugen, oder vielmehr dahin zu bringen
wären, die Wege, die zu diesem Ziele führen, ernstlich einzuschlagen? - dies ist
noch immer das grosse unaufgelöste Problem! Wie kann man ihnen zumuten, dass sie
mit Ernst und Eifer daran arbeiten sollen, sich selbst überflüssig zu machen?
 
                                      44.
                               Lais an Aristipp.
Die ungewöhnliche Schönheit dieses Frühjahres hat mich schon in den ersten Tagen
der Blütezeit nach Aegina gelockt; oder vielmehr die kleine Musarion liess mir
keine Ruhe, sobald sie die erste Schwalbe zwitschern hörte. Du solltest nur um
der Nachtigallen willen eher nach Aegina gehen, sagte sie alle Morgen und
Abende; gewiss sie singen nirgend so schön als in unserm Lustwäldchen zu Aegina.
    Du musst wissen, Aristipp, dass Musarion meinem alten Patron, vor ungefähr
sechzehn Jahren, von einer schönen Tracischen Sklavin geboren, und auf seinem
Gute zu Aegina bis an seinen Tod erzogen wurde. Er selbst entdeckte mir dies
kurz vor seinem Ende, indem er das Schicksal des jungen Mädchens gänzlich in
meine Hände stellte. Du zweifelst nicht dass ich ihr sogleich die Freiheit gab;
und da ich nicht alt genug bin ihre Mutter vorzustellen, gehe ich mit ihr, wie
du gesehen hast, wie mit einer jüngern Schwester um.
    Die Sehnsucht des guten Kindes nach Aegina ward nach und nach so lebhaft,
dass ich ihrem Andringen nicht länger widerstehen konnte. Wir sind also wieder
hier in deinem Lieblingssitz, und unsre Nachtigallen greifen sich so gewaltig
an, dass man sie bis in Aten hören muss; denn sie haben bereits den begeisterten
Kleombrotus im Gefolge seines edeln Freundes zu uns herüber gesungen. Eurybates
hat (wie dir bekannt ist) auch eine Nachtigall, oder vielmehr eine Sirene, zu
Aegina, deren Zaubergesang ihm so gefährlich zu werden droht, dass ich mich
ziemlich versucht fühle, den armen Menschen aus purem Mitleiden dem Verderben zu
entreissen, das sie ihm zubereitet. In ganzem Ernst, Freund Aristipp! Eurybates
dauert mich, und wer weiss wie weit ich die Grossmut zu treiben fähig wäre, wenn
ich nicht - rate selbst wen? - in wenig Wochen zu Aegina erwartete, dessen gute
Meinung von mir ich nicht gern verscherzen möchte, und der eine so heroische
Aufopferung meiner selbst - bloss um einen Abkömmling des Kodrus im Besitz seines
schönen Landguts zu erhalten - vielleicht nicht verdienstlich genug finden
dürfte, sie für ein würdiges Gegenstück der peinlichen Tugendübungen anzusehen,
die er sich selbst ganzer drei Monate lang zu Syrakus auferlegt haben soll.
    Ohne Scherz, lieber Aristipp, auch deine Freundin, sich schmeichelnd dass sie
immer noch die einzige ist, sehnt sich dich bald wieder zu sehen; und wenn sie
dir gleich eine Treue, die ihr nichts kostet, nicht hoch anzurechnen gedenkt, so
gesteht sie doch, dass sie dir's schwerlich verzeihen könnte, wenn du deine
philosophischen Kampfübungen auf ihre Rechnung länger fortsetzen, und anstatt zu
den Nachtigallen in Aegina zurückzueilen, etwa noch eine kleine Reise zu den
unbescholtnen Aetiopiern123 machen wolltest. Ich habe dir eine Neuigkeit
mitzuteilen, die nicht sehr geschickt ist, deine Meinung von den Atenern zu
verbessern. Sokrates, unter allen beschuhten und unbeschuhten Achaiern
unstreitig der beste, soll (wie die Rede geht) von drei redseligen Buben, dem
Gerber und Volksredner Anytus, dem Rhetor Lykon, und einem gewissen Dichterling,
wenn ich nicht irre Melitus genannt, angeklagt worden sein, »dass er neue Götter
in Aten einführen wolle, und die jungen Leute verderbe!« Jedermann findet diese
Anklage124 gar zu ungereimt, und ich habe noch niemand gesehen, der ernstaft
davon hätte sprechen können, oder im geringsten für unsern alten Freund in
Sorgen stände, wiewohl der Kläger auf keine geringere als die Todesstrafe
anträgt. Ungeachtet ich die Sache eben so ansehe, so gestehe ich doch, ich traue
den Atenern nur halb, und verlasse mich mehr auf die Anzahl und den Eifer
seiner Freunde, als auf die Güte seiner Sache und die Gerechtigkeit der
Heliasten oder Areopagiten.125 Hoffentlich wird der Sturm schon glücklich
vorüber sein, ehe du dich von Cyrene losmachen kannst. Denn so eben versichert
mich einer meiner Atenischen Bekannten, der die Stadt erst diesen Morgen
verlassen hat, der berühmte Lysias126 arbeite an einer ganz vortrefflichen
Schutzrede für unsern ehrwürdigen Freund, und die allgemeine Stimmung sei dem
Beklagten so günstig, dass es ihm nur ein gutes Wort an seine Richter kosten
werde, um lauter weisse Steine zu erhalten. In der Tat sind seine Ankläger so
gar schlechte Menschen, und die Klagpunkte passen so übel auf Sokrates, dass
Aristophanes selbst, wie ich höre, sich darüber ärgert, dass solche verächtliche
Sykophanten aus seinem schon vier und zwanzigjährigen Spass Ernst machen wollen,
und sich schlechterdings weigert, an ihrer Verschwörung Teil zu nehmen. Du
kannst also, denke ich, deines alten Chirons127 wegen ausser aller Sorge sein.
 
                                      45.
                                    An Lais.
Deine Briefe müssen einen sehr betriebsamen Genius haben, schöne Lais; denn der
Schiffer, der mir so eben den letzten überbringt, versichert mir, dass er die
Reise von Aegina nach Cyrene, die er seit vielen Jahren zwei bis dreimal
jährlich mache, in seinem Leben nie in so kurzer Zeit und mit so günstigen
Winden gemacht habe, als diesmal.
    Deine Neuigkeit hat mich befremdet, aber nicht im geringsten beunruhigt.
Eine so boshafte Anklage, von so namenlosen Menschen wie diese, kann einem
Sokrates nicht gefährlich sein, oder die Kechenäer müssten von aller Scham und
Vernunft gänzlich verlassen werden. Ich kenne von den Anklägern nur einen
persönlich, den Lederhändler Anytus, einen würdigen Nachfolger des berüchtigten
Kleons128, nur dass er sich gegen diesen ungefähr verhält wie ein Schafsfell zu
einer Hirschhaut; ob er sich's gleich ein paar hundert tüchtige Bocksfelle
kosten liess, um es in der edeln Kunst, dem übelhörenden halbkindischen alten
Demos129 im Pnyx130 die Ohren voll zu schreien, so weit zu bringen, dass er sich
unter den dermaligen Volksrednern so gut als ein Anderer hören lassen darf.
Lykon ist ein verdorbner Schulhalter in der Rhetorik, und ich entsinne mich
nicht, den Namen des Dichterlings Melitus je gehört zu haben. Was für Leute, um
gegen einen Mann wie Sokrates aufzustehen! und wie fände nur ein Schatten von
Wahrscheinlichkeit statt, dass die Atener den biedersten und tugendhaftesten
aller ihrer Mitbürger, einen Mann dessen Name im ganzen Griechenland in Ehren
gehalten wird, die Profession eines freiwilligen unbezahlten Volks- und
Jugend-Lehrers dreissig Jahre lang ungestört hätten treiben lassen, um ihn erst
in seinem siebzigsten deswegen zur Rede zu stellen, und solcher albernen
Beschuldigungen wegen aus der Stadt zu verweisen, oder gar zum Tode zu
verurteilen? Wie du sagst, wir haben nichts für ihn zu fürchten; die ganze
Komödie wird sich, so gut als ehemals die Wolken des Aristophanes, auf eine
ehrenvolle Art für ihn und auf eine so schmähliche für die drei Sykophanten
endigen, dass sie uns hinter drein Stoff genug zum Lachen geben soll.
    Wir haben, meines Wissens, keine Nachtigallen in Cyrene. Ich werde mich
also, sobald ich hier loskommen kann, auf den Weg machen, um die deinigen noch
singen zu hören bevor ihre Zeit vorüber ist. An Sirenen fehlt es auch bei uns
nicht; aber ich kenne keine schlimmere als die schlaue Lysandra, von welcher du
den armen Eurybates zu erlösen gesonnen scheinst. In der Tat wär' es eine
verdienstliche Tat, und, um eine der schönsten Historien daraus zu machen,
brauchte es nichts, als dass der edle Kodride131 grossmütig genug wäre, keinen
Ersatz von dir zu fordern, oder, wie der gute Kleombrot, sich am geistigen
Ambrosia deines blossen Anschauens genügen liesse; wiewohl zu befürchten ist, dass
so materielle Wesen, wie die Atenischen und Korintischen Eupatriden, es bei
einer so leichten erotischen Diät schwerlich lange aushalten möchten.
    Du wirst von Learch vernommen haben, dass ich nicht so glücklich war, den
Aritades noch am Leben anzutreffen. Ich habe einen sehr gütigen Vater, Cyrene
einen ihrer besten Bürger an ihm verloren. Seine Jugend fiel in eine Zeit, wo
die Lebensart bei uns viel einfacher, die Sitten reiner, die Verhältnisse unter
Verwandten, Nachbarn und Mitbürgern enger und herzlicher waren als heutzutage.
Aritades blieb dem Genius seiner bessern Zeit getreu, ohne von der jetzigen
Generation zu verlangen, dass sie vorsetzlich wieder so weit zurückschreite, als
sie in allem unvermerkt vorwärts gerückt ist. Wahrscheinlich hat der traurige
Ausgang unsrer letzten Revolution den Faden seines Lebens früher abgerissen als
die Natur es wollte. Das Vordringen des republikanischen Kriegsheers in den
letzten Tagen Aristons nötigte ihn, sich in die Stadt zu flüchten und seine
Güter der Verheerung Preis zu geben. Natürlicherweise treffen die Folgen dieses
Unfalls auch mich. Ich werde nicht reich genug zurückkommen, um meine gewohnte
Lebensart in die Länge fortsetzen zu können; und ich sehe eine Zeit voraus, wo
ich mich vielleicht werde entschliessen müssen, entweder bei der Philosophie des
Sokrates zu hungern, oder meine von Hippias gelernten Künste wuchern zu lassen.
- Doch, diese Zeit ist noch fern genug, und im nächsten Jahrzehnt wenigstens
soll es mir nicht an Mitteln fehlen, den Lebensplan, den ich mir für diese
Periode gemacht habe, vollständig und gemächlich auszuführen. Sei also von
dieser Seite unbesorgt für mich, meine Liebe; ich werde in zehn Jahren so viel
Vorrat für die Zukunft gesammelt und so grosse Fortschritte in der Kunst zu
leben gemacht haben, dass ich mit beiden auszulangen hoffe, wenn ich auch so alt
wie Titon würde.
    Mein Bruder ist zu tief in die Geschäfte seiner einzigen Liebschaft, unsrer
aus dem politischen Medeenkessel132 neuverjüngt herausgestiegenen Republik
verwickelt, als dass ihm Musse zu seinen Privatangelegenheiten übrig bliebe. Aber
Eros und Aphrodite verhüten, dass ich hier so lange ausharre, bis unsre
Erbschaftssache bei Drachmen und Obolen ausgeglichen ist! Ich gedenke mich mit
irgend einer mässigen Summe abfinden zu lassen, um desto eher in Aegina
anzukommen, wo ich meinen edlen Freund Eurybates (unter uns gesagt) lieber zu
deinen schönen Füssen als in deinen Armen überraschen möchte.
 
                                      46.
                               Lais an Aristipp.
Es ist vielleicht glücklich für dich, lieber Aristipp, dass du länger in Cyrene
aufgehalten wirst als du hofftest; denn die Sachen in der Minervenstadt haben
indes eine Wendung genommen, die sich niemand einbilden konnte. O die Atener,
die Atener! Wie verhasst ist mir jetzt dieser Name! Ich verbiete allen, die um
mich sind, ihn auszusprechen, und er soll in den nächsten fünf Jahren nicht über
meine Lippen kommen. Kannst du glauben dass die Elenden unmenschlich genug sein
konnten? - die Hand versagt mir fortzufahren - O dass ich nicht Circe, nicht
Medea, nicht der Erinnyen eine bin! - Und wenn ich dir erst sage, warum sie ihn
verurteilt haben, und wie wild es dabei zugegangen ist! - Sokrates hielt es
(mit Recht) seiner unwürdig, sich auf die boshaft alberne Anklage in eine
Verteidigung in gewöhnlicher Form einzulassen, gab auch nicht zu, dass einer von
seinen Freunden für ihn aufträte. In der Tat (nach dem, was man mir davon
erzählt hat, zu urteilen), ist nie etwas Jämmerlicheres gehört worden, als die
Beweise, womit der Schwätzer Melitus seine Anklage gut zu machen suchte.
Sokrates hörte ihm lachend zu, und fand, sie bedürften keiner Widerlegung, da er
sich auf die eigene Ueberzeugung der Richter berufen könne. »Mein ganzes Leben,«
sagte er, »ist die vollständigste Antwort auf die Beschuldigungen meiner
Ankläger.« - Die ehrsamen Heliasten fanden sich durch die Kürze dieser Apologie
beleidigt. Welcher Trotz, sagten sie unter einander, welcher Übermut! das ist
nicht zu dulden, das muss bestraft werden, wenn er auch sonst nichts verbrochen
hat. Sie schritten zum Urteil, und der Beklagte wurde mit 281 Steinen von 500
für schuldig erklärt. Weil es indessen doch ihre Meinung war, ihn, wenn er um
Milderung der Strafe bäte, mit einer Geldbusse davon kommen zu lassen, so fragte
man ihn, was er für eine Strafe verdient zu haben glaube? »Lebenslänglich im
Prytaneum unterhalten zu werden,133« war seine Antwort. Dies brachte die Richter
dermassen auf, dass sie unter grossem Lärm zu einer nochmaligen Stimmgebung
schritten, wo sich dann ergab, dass er mit 360 Steinen zum Tode verurteilt war.
dabei blieb es, und er wurde sofort in das öffentliche Gefängnis abgeführt. Der
Tag seines Todes ist, einer alten Gewohnheit zufolge, auf die Wiederkunft des
heiligen Schiffes ausgesetzt, welches alle Jahre mit den Abgeordneten der
Republik zum Andenken der berühmtesten Heldentat des Teseus nach Delos134
geschickt wird. Seine Freunde haben indes die Freiheit ihn täglich zu besuchen,
und er unterhält sich mit ihnen, auf seine gewohnte Art, so unbefangen und
heiter, als ob das was ihm bevorsteht nur eine kleine Reise nach Aegina wäre.
    Alle diese Umstände habe ich von sehr guter Hand, und auch diesen, dass sein
vertrautester alter Freund Kriton (der sehr reich sein soll) alles Mögliche
angewandt habe, ihn zu bewegen, dass er sich von ihm befreien und ausser Landes in
Sicherheit bringen lassen möchte. Aber Sokrates sei unerschütterlich auf seinem
Vorsatz beharret sich dem Urteil seiner gesetzmässigen Richter nicht zu
entziehen. »Ich bleibe,« habe er gesagt, »um den Gesetzen meines Vaterlandes,
denen ich Gehorsam schuldig bin, genug zu tun; so sterbe ich schuldlos, wie ich
gelebt habe; durch die Flucht würde ich den Tod verdienen, den ich jetzt
unschuldig leide.«
    Ich muss aufhören, Aristipp - bleibe immerhin wo du bist; wenn du auch
herüber fliegen könntest, was würd' es helfen? Ich danke den Göttern, dass sie
dir den Schmerz, ein Zeuge seines Todes zu sein, erspart haben. - Und doch -
wenn's möglich ist, so komm'! komm' je eher je lieber! Du kannst zwar deinem
alten Freunde nichts helfen; aber ich bedarf deiner. Du allein kannst die
schwarzen Wolken zerstreuen, die mein Gemüt verdüstern und zusammendrücken.
 
                                      47.
                             Eurybates an Aristipp.
Lais hat dich vorbereitet, Freund Aristipp; aber dir das Aergste zu melden,
versagt ihr der Mut. Sokrates - ist nicht mehr!
    Ein unglücklicher Augenblick, eine Art von Missverständnis, unzeitiger Stolz
von Seiten der Richter, und wenn ich's sagen darf - ein wenig Eigensinn auf
Seiten des noch stolzer zu sein freilich nur zu wohl berechtigten Sokrates, ist
Schuld an einer Uebereilung, welche die Atener sich selbst nie verzeihen
werden. Du weisst wie sie sind. Es ist nun einmal von jeher Sitte bei uns
gewesen, dass ein Beklagter, wär' er noch so unschuldig, mehr die Humanität
seiner Richter als ihre Gerechtigkeit auf seine Seite zu bringen suchen muss. Man
versichert mich heilig, das Gericht sei in keiner ihm ungünstigen Stimmung
gewesen. Aber seine ihm zur andern Natur gewordene Ironie, eine Kaltblütigkeit,
die ihm für Trotz ausgelegt wurde, die tumultuarische Art, wie es bei der ganzen
Verhandlung zuging, und woran zum Teil die Hitze und der unbesonnene Eifer
seiner jungen Freunde selbst Schuld war, das alles stimmte die Richter um; und
so konnten sie es nicht ertragen, dass er, anstatt (wie gewöhnlich) um Milderung
der Strafe anzusuchen, mit einer Miene - die man freilich, seitdem Aten steht,
noch nie im Gesicht eines auf den Tod Angeklagten gesehen hat - sagte: die
Strafe, die er verdient habe, sei ein lebenslänglicher Freitisch im Prytaneion.
    Das Geschehene ist nun nicht mehr zu ändern. - Der Name Sokrates wird mit
ewigem Ruhm auf die Nachwelt kommen; alle seine kleinen Menschlichkeiten werden
vergessen sein, und nur die Sage, dass er der weiseste aller Menschen gewesen,
wird von einem Jahrhundert dem andern übergeben werden: uns Atener hingegen
wird ewig die Schande drücken, einen solchen Mitbürger verkannt zu haben. Wohl
dem, der nicht unter seinen Richtern sass!
    Die dreissig Tage, die er nach seiner Verurteilung im Gefängnis zubrachte,
sollen die schönsten seines ganzen Lebens gewesen sein. Weinend sprechen seine
Freunde mit Entzücken davon. Er weigerte sich aus den edelsten Beweggründen,
sich aus dem Gefängnis entführen und in Sicherheit bringen zu lassen, wozu
Kriton alles schon veranstaltet hatte. Wenige Stunden vor seinem Tode unterhielt
er sich mit seinen Freunden über die Unsterblichkeit der Seele, und tröstete
sich durch die Zuversicht, womit er ihnen von seiner Hoffnung in ein besseres
Leben hinüber zu gehen, als von einer gewissen Sache, sprach. Der junge Plato
will, wie ich höre, alle diese Gespräche - vermutlich in seiner eignen Manier,
wovon er bereits Proben gegeben hat, mit welchen Sokrates nicht sonderlich
zufrieden sein soll - aufschreiben und bekannt machen. Ich wünsche dass er so
wenig von dem seinigen hinzutun möge, als einem jungen Manne von seinem seltnen
Genie nur immer zuzumuten ist; aber er hat eine zu warme Einbildungskraft und
zu viel Neigung zur dialektischen Spinneweberei, um den schlichten Sokrates
unverschönert, und, wenn ich so sagen darf, in seiner ganzen Silenenhaftigkeit,
darzustellen, die wir alle an ihm gekannt haben, und die mit seiner Weisheit so
sonderbar zusammengewachsen war.
    Der arme Kleombrot ist untröstbar. Schon vorher musste ich alles anwenden was
ich über ihn vermag, ihn abzuhalten, dass er nicht nach Aten zurückstürmte, um
(wie er sagte) seinen geliebten Meister entweder zu retten, oder mit ihm zu
sterben. Das erste stand nicht in seiner Macht; hingegen hätt' er sich leicht
schlimme Händel zuziehen können, da unser Volk (wie dir bekannt ist) nicht
leiden kann, dass Ausländer sich in unsre Sachen mischen. Nun kriecht er aus
einem Winkel in den andern, und macht sich selbst Vorwürfe, dass er seinen Lehrer
zu einer solchen Zeit verlassen habe; als ob jemand sich so etwas hätte träumen
lassen können, da wir nach Aegina gingen. Kurz, er ist in einem erbärmlichen
Zustande. Die kleine Musarion, die ihn zerstreuen sollte, sitzt den ganzen Tag
Hand in Hand neben ihm und hilft ihm weinen. Lais selbst ist noch zu sehr
erschüttert als dass sie andere trösten könnte. Alle unsre Hoffnung, ihn wieder
zurechtzubringen, beruht also auf dir, lieber Aristipp. Deine sämmtlichen
Freunde in Aegina sehen dir mit Sehnsucht entgegen.
 
                                      48.
                                An Eurybates.135
Das sind nun eure so hochgepries'nen Freistaaten, Eurybates! So geht es in euern
Demokratien zu! Bei allen Göttern der Rache! eine solche Abscheulichkeit war nur
in einer Ochlokratie wie die eurige möglich! Ihr schimpft auf das, was ihr
Tyrannie nennt? Wahrlich unter dem Tyrannen Dionysius hätte Sokrates so lange
leben mögen als Nestor; alle Gerber, Rhetoren und Versemacher von ganz Sicilien
sollten ihm kein Haar gekrümmt haben! - Im Grunde dauern mich deine Atener. Was
können sie dafür, dass die Regiersucht solcher ehrgeizigen Aristokraten und
Demagogen wie Klistenes und Perikles ihnen in ihre schwindlichten Köpfe gesetzt
hat, ein Wurstmacher, Kleiderwalker oder Lampenhändler verstehe sich so gut aufs
Regieren und Urteil sprechen, als einer der dazu erzogen worden ist? Der Tag,
da Aten von der edeln und weislich abgewogenen Solonischen Aristodemokratie zu
einer reinen Ochlokratie herabgewürdigt wurde, war der unseligste von allen, die
ihr seit Cekrops und Teseus mit schwarzer Kreide bezeichnet habt. Alles Elend,
das in den letzten dreissig Jahren über eure Stadt gekommen ist, alles Unheil das
ihr über Griechenland gebracht habt, alle die Schandmale, die ihr, durch so
viele Handlungen des gefühllosesten Undanks gegen eure verdienstvollesten
Bürger, eurem Namen auf ewig eingebrannt habt, schreiben sich von diesem Tage
her. - Wie? Die dreissig Tyrannen selbst, denen euch Lysander preisgab, die
gewalttätigsten und verruchtesten aller Menschen, wagten es nicht sich an
Sokrates zu vergreifen, als er ihnen mit spottender Verachtung die derbsten
Wahrheiten ins Gesicht sagte: und eure Heliasten, Leute, die für drei Obolen des
Tags, je nachdem sie einem wohl oder übel wollen, Recht oder Unrecht sprechen,
verurteilen ihn zum Tode, weil er sie nicht um eine gnädige Strafe bitten will;
verurteilen ihn bloss, um ihm zu zeigen dass sein Leben von ihrer Willkür
abhange? Die Elenden! - Aber noch einmal, nicht sie, sondern die Urheber einer
Verfassung, welche die Macht über Leben und Tod in die Hände solcher Wichte
legt, sind verwünschenswert.
    Doch wozu dieser Eifer? Und was berechtigt mich, meine Galle über dich, der
an diesem Gräuel unschuldig ist, auszugiessen? Verzeih', Eurybates! Ich fühle dass
es mich noch viel Arbeit an mir selbst kosten wird, bis ich es so weit gebracht
habe, alles an den Menschen natürlich zu finden, was sie zu tun fähig sind, und
mich mit einer solchen Natur zu vertragen. Ich schmeichelte mir sonst es schon
ziemlich weit in diesem eben so schweren als unentbehrlichen Teile der
Lebenskunst gebracht zu haben; - zu früh, wie ich sehe: aber freilich auf ein
solches Ungeheuer der schandbarsten Narrheit und Verkehrteit, wie dieser
justizmässige Sokratesmord, war ich nicht gefasst.
    In drei Tagen schiffe ich mich nach Aegina ein, und gedenke von dort aus
eine Reise nach den vornehmsten Städten Ioniens zu unternehmen, und mich in
jeder so lange aufzuhalten, als ich etwas zu sehen, zu hören und zu lernen
finde, das in meinen Plan taugt. Aten wieder zu sehen, bin ich noch unfähig;
der Anblick eines Heliasten würde mich wahnsinnig machen.
    Lebe wohl, Eurybates, und stelle, wenn du kannst, die Zeiten wieder her, da
die Minervenstadt noch von lebenslänglichen Archonten regiert wurde. Eure
Triobolenzünftler136 haben mich mit der Aristokratie auf immer ausgesöhnt. Es
ist zwar, im Durchschnitt genommen, nicht viel Gutes von euch zu rühmen, ihr
andern Eupatriden: aber das bleibt doch wahr, dass der Schlechteste von euch
nicht fähig gewesen wäre, weder Ankläger eines Sokrates zu sein, noch ihm
Schierlingssaft zu trinken zu geben.
 
                                      49.
                                    An Lais.
Um uns die gezwungene Unterwerfung unter das eiserne Gesetz der Notwendigkeit
erträglicher zu machen, gibt es wohl kein besseres Mittel, liebe Laiska, als uns
des grossen Vorrechts zu bedienen, womit die Natur den Menschen vor allen andern
lebenden Wesen begabt hat, »dass es in seiner Macht steht, bloss durch eine
willkührliche Anwendung seiner Denkkraft, wo nicht allen, doch gewiss dem grössten
Teil der Uebel, die ihm zustossen, den Stachel zu benehmen, indem er sie aus dem
düstern Licht, worin sie ihm erscheinen, in ein freundlicheres versetzt, und sie
so lange auf alle möglichen Seiten wendet, bis er eine findet, die ihm einen
tröstlichen Anblick gewährt.« An diese sollten wir uns dann, wenn wir weise
wären, festalten, ohne spitzfindig nachzugrübeln, wie viel davon etwa bloss
Täuschung sein möchte. Warum wollten wir die Schale mit Nepentes137, die uns
eine mitleidige Gotteit reicht, ausschlagen, um uns vorsetzlich dem Gram einer
einseitigen Vorstellung zu überlassen, der, wie der Geier des Prometeus an
unserm Leben nagt, ohne dass irgend etwas Gutes für uns oder Andere daraus
entspringen kann? Was wir selbst, was alle bessern Menschen, was die Welt
überhaupt durch den Tod unsers unersetzlichen Freundes verloren hat, kann uns
durch unsern Unmut nicht wiedergegeben werden. Reissen wir uns mit unsern
Gedanken von allen eigennützigen Gefühlen los, und erwägen dafür, was er selbst,
der Geliebte, dessen Verlust wir beklagen, verloren oder gewonnen haben mag! -
War es nicht eher ein Gut als ein Uebel für ihn, die Zeit der immer fühlbarer
werdenden Abnahme, die Zeit nicht zu erleben, wo der Mensch in seinen eigenen
und andrer Augen nur noch als eine zusehends in Trümmer zerfallende Ruine
dessen, was er war, erscheint? »Er hätte, sagen wir, noch lange, vielleicht noch
zehn Jahre leidlich leben können.« - O ja, und dann vielleicht noch andere zehn
Jahre unter allen Entbehrungen und Beschwerden des höchsten Greisenalters, wie
eine allmählich sterbende Pflanze, hingeschmachtet! der Welt unnütz, sich selbst
und seinen Freunden lästig, ein trauriger Gegenstand ihrer in blosses Mitleiden
verwandelten Liebe! Ihm war ein besseres Loos beschieden. Denn wahrlich, im
Genuss aller seiner Kräfte und einer vollständigen Gesundheit der Seele und des
Leibes, siebzig Jahre zurückzulegen, und dann ohne Krankheit und Schmerzen so
schnell und leicht aus der Welt zu kommen, wie er, ist ein Glück das unter
tausend Menschen kaum Einem zu Teil wird. - »Er starb schuldlos von ungerechten
Richtern verurteilt,« - aber ruhig, heiter, freudig, im Bewusstsein eines ganzen
wohl geführten, untadelhaften, gemeinnützlichen Lebens! geliebt, geehrt, beweint
und betrauert von allen guten Menschen! Er lebt fort im Herzen seiner Freunde,
wird ewig leben im Andenken der spätesten Nachwelt, die seinen Namen zur
gewöhnlichen Bezeichnung der Idee eines weisen und tugendhaften Mannes machen
wird. Seine denkwürdigsten Reden, seine Lehre, sein bürgerliches und häusliches
Leben, werden, von seinen Freunden in Schriften dargestellt, noch Jahrtausende
lang, vielleicht unter Völkern, deren Benennung uns jetzt noch unbekannt ist,
Gutes wirken. Gibt es ein glorreicheres Loos für einen Sterblichgebornen, als,
mit allen diesen Vorzügen gekrönt, von der Tafel der Natur aufzustehen und
schlafen zu gehen - entweder zur Ruhe eines ewigen Schlafs, oder (wie er selbst
glaubte) um, mit den Geistern aller Edeln und Guten, die vor ihm waren,
vereinigt, ein neues Leben in der unsichtbaren Welt zu beginnen? Trauren wir
also nicht um Sokrates! Er hat nichts verloren, nichts das ihm nicht reichlich
ersetzt wird, nichts, wofür ihm nicht schon die letzte Stunde, da sich
Vergangenheit und Zukunft in seinem Bewusstsein in Ein grosses, klares, lebendiges
Gefühl zusammendrängte, überschwänglichen Ersatz gegeben hätte. - »Aber was wir
selbst an ihm verloren haben?« - ist, im Grunde, wenig, meine Freunde! denn von
allem, was wir bereits von ihm besitzen, können wir nichts verlieren als durch
unsre eigene Schuld; und in der Folge hätte er doch nur wenig mehr für uns sein
können. Gesetzt aber auch wir hätten viel verloren, so sei uns dies ein neuer
Antrieb, einander desto sorgfältiger und eifriger alles zu sein, was in unserm
Vermögen ist!
    Ich gestehe, dass es mir jetzt äusserst peinlich wäre, nach Aten
zurückzukehren, wo mich alles noch zu frisch an ihn erinnern würde; aber in
einigen Jahren werden diese Erinnerungen vielmehr angenehm als schmerzhaft sein.
Was die Atener betrifft, die sind, im Durchschnitt, ein so verächtliches
Gesindel, dass sie nicht einmal unsers Hasses wert sind, geschweige dass die
liebenswürdigste aller Erdentöchter um ihrentwillen zur Medea oder Tisiphone138
werden sollte. An weniger gefühllosen Menschen würden Scham und Reue bereits
eine strenge Rache genommen haben. Aber ich besorge sehr, die Atener sind weder
der Scham noch der Reue fähig. Desto schlimmer für sie! Sie werden ihrer
verdienten Strafe nicht entrinnen; und schwerlich würdest du, wenn dir auch alle
Fackeln und Schlangenpeitschen der Erinnyen zu Dienste ständen, grausam genug
sein, ihnen die Hälfte der Plagen anzutun, die sie selbst durch die natürlichen
Folgen ihrer unheilbaren Verkehrteit über sich aufhäufen werden.
    Meine Geschäfte in Cyrene werden in zehn Tagen beendiget sein, und dann
fliege ich mit dem ersten günstigen Winde deiner Zauberinsel zu. Ich bringe dir,
auf meine Gefahr, meinen Freund Kleonidas mit; einen jungen Mann, der es wert
ist dich zu sehen, und dir bekannt zu werden, und der so sehr mein anderes Ich
ist, dass du schwerlich mehr für ihn tun könntest als ich ihm gönnen würde. Er
ist mit allen Anlagen zur bildenden Kunst geboren, gab sich aber in seinen
frühern Jugendjahren ganz den Musenkünsten hin. Er würde mich schon vor fünf
Jahren nach Griechenland begleitet haben, wenn ihn nicht eine schwärmerische
Leidenschaft für die Tochter des damals sich bei uns aufhaltenden Malers Pausias
zurückgehalten hätte, die an Schönheit und - Dumpfheit eine andere Teodota ist.
Um seine Geliebte so nahe und so oft als möglich zu sehen, bestellte er bei dem
Vater ein Gemälde nach dem andern, und brachte, unter dem Vorwande den Künstler
arbeiten zu sehen, einen grossen Teil des Tages in seinem Hause zu. Die Folge
davon war, dass seine Phantasie für die Tochter nach und nach erkaltete, hingegen
eine leidenschaftliche Liebe für die Kunst des Vaters in ihm erwachte, für
welche er, wie sich in kurzem zeigte, eine entschiedene Anlage hat. Da er reich
genug ist bloss zu seinem und seiner Freunde Vergnügen zu arbeiten, wird er die
Malerei, wiewohl sie seitdem seine hauptsächlichste Beschäftigung war,
schwerlich jemals als Profession treiben. Nichtsdestoweniger verspreche ich mir
von ihm, dass er mit der vorzüglichen Geistesbildung und dem Dichtertalent, die
ihm dabei zu Statten kommen, ungleich mehr leisten wird, als man gewöhnlich von
einem blossen Liebhaber erwartet. Kurz, ich habe mir in den Kopf gesetzt, es
fehle ihm, um noch weiter als sein Lehrer selbst zu kommen, weiter nichts, als
die schöne Lais zu sehen, und von ihr aufgemuntert zu werden. Ich habe also
nicht von ihm abgelassen, bis ich ihn schon in voraus so verliebt in dich
gemacht habe, dass er vor Ungeduld brennt, sich mit seinen eignen Künstleraugen
zu überzeugen, ob du noch schöner und reizender bist, als die Idee, die er sich
von dir gemacht, und in einem Bilde der Hebe, die dem neu vergötterten Herakles
die erste Nektarschale reicht, in der Tat meisterhaft ausgeführt hat. Wir
wollen sehen!
 
                                      50.
                                  An Hippias.
Ich bin wieder in Aegina, mein lieber Hippias - in einem der anmutigsten Winkel
der Erde, in der auserlesensten Gesellschaft, von allem umgeben, was feinern
Sinnen schmeicheln, die Phantasie bezaubern, und die edelsten Bedürfnisse
gebildeter Menschen befriedigen kann; um alles mit Einem Worte zu sagen, ich bin
bei Lais. - Aber Aten liegt uns zu nah'! - Sokrates, den Giftbecher am Munde,
mit ten unter seinen die Hände ringenden, in Tränen zerfliessenden, oder den
Ausbruch des bittersten Schmerzes aus Liebe zu ihm gewaltsam zurückhaltenden
Freunden, stellt sich noch immer und überall zwischen uns und alles, was uns zur
Freude einladen will. Unsrer schönen Freundin, der die Bilder der Tage und
Stunden, die sie noch vor kurzem in seiner Gesellschaft zubrachte, wieder so
lebendig vor den Augen schweben, dass ihr die Vergangenheit beinahe zur Gegenwart
wird, ist es eben so zu Mute wie mir - Wie wohltätig, o Hippias, würde uns
jetzt deine Gesellschaft sein! - Aber so bleibt uns weiter kein anderes Mittel
übrig, als uns von der verhassten Scene so weit als möglich zu entfernen. Neue
Ansichten, neue Menschen, neue Verbindungen, kurz eine neue Welt um uns her ist
nötig, unsrer dem Gefühl und der Erinnerung noch zu schwach entgegen wirkenden
Vernunft zu Hülfe zu kommen; auch werden bereits Anstalten gemacht in zehn Tagen
nach Milet abzureisen, wo Lais sich einige Zeit aufzuhalten gedenkt, während ich
eine Wanderung durch andere merkwürdige Städte von Ionien, Karien, Lydien und
Phrygien unternehmen werde.
    Findest du nicht auch, Hippias, dass man der Philosophie zu viel Ehre
erweist, wenn man ihr die Macht zuschreibt, dem Gefühle der Einbildungskraft,
und den Leidenschaften immer unumschränkt zu gebieten? Wahrscheinlich wird ihr
vieles gut geschrieben, das auf Rechnung des Temperaments, einer natürlichen
Apatie oder Schwäche des sympatetischen Gefühls und andrer solcher Ursachen zu
setzen war. Nichts ist leichter als mit solchen Vorteilen (wenn sie ja diesen
Namen verdienen) sich die Miene eines Weisen zu geben, und auf andere, die mit
einem weichern Herzen, wärmerem Blute, zärtern Nerven und mehr Anlage zu
Freundschaft und Liebe geboren sind, als auf schwache Seelen herabzusehen. Aber
alles was die Weisheit von Menschen meiner Art in dergleichen Fällen fordern
kann, ist, denke ich, dass wir uns nicht vorsetzlich selbst peinigen, und aus
vermeinter Pflicht, oder, weil man etwas Schönes und Grosses darein setzt, alles
hartnäckig von uns weisen, wodurch das gestörte Gleichgewicht in unserm Innern
wieder hergestellt, und das Gemüt für die Freude wieder empfänglich gemacht
werden könnte. In diesem traurigen Falle befindet sich mein junger Freund,
Kleombrot von Ambracien, den du, wenn du dich dessen noch erinnerst, mehr als
einmal bei mir gesehen hast; einer von den jüngsten und eifrigsten Anhängern des
Sokrates. Weder ich, noch Eurybates, dessen Gesellschafter und Hausgenosse er
seit einiger Zeit ist, noch Lais, die ihn wohl leiden mag, noch die holde
Musarion selbst, mit deren Seele er schon Jahr und Tag in einem sonderbaren
Liebesverständniss steht, vermögen etwas über die tiefe Schwermut, die sich
seiner seit dem unseligen Ereignis zu Aten bemächtigt hat. Er wirft sich selbst
vor, dass er seinen Meister verlassen habe, und nicht wenigstens auf die erste
Nachricht von der Verschwörung seiner Feinde gegen ihn sogleich nach Aten
zurückgeflogen sei. Der Gedanke tödte ihn, sagt er, dass er fähig gewesen sei
sich sorglos einer wollüstigen Untätigkeit zu überlassen, indessen der Anblick
und die Gesellschaft seiner getreuen, bis in den Tod bei ihm ausharrenden
Freunde das Einzige gewesen, was dem besten aller Menschen zur Erleichterung
seines grausamen Schicksals übrig geblieben sei. Kurz, der arme Mensch kann sich
selbst nicht verzeihen, dass Sokrates - ohne ihn sterben konnte; als ob seine
Gegenwart etwas anders hätte helfen können, als seine ohnehin überspannte
Einbildung bis zum gänzlichen Wahnsinn hinauf zu treiben. Er besteht nun darauf,
nach Ambracien zurückzugehen, und da wir ihn nicht mit Gewalt zurückhalten
können - noch wollen, wird er uns an einem der nächsten Tage verlassen. Mich
dünkt selbst, es ist das Beste was er tun kann, und wir andern werden uns sehr
dadurch erleichtert finden; denn ein Mensch, der, aller Vernunft zum Trotz, in
der Traurigkeit als in seinem Elemente leben und weben will, passt nicht wohl in
eine Gesellschaft, die sich's zur Pflicht macht, dieser schlimmsten aller
Krankheiten der Seele, so viel nur immer möglich, alle Nahrung zu entziehen.
    In dieser Rücksicht kommt mir sehr zu Statten, dass ich meinen geliebtesten
Jugendfreund Kleonidas aus Cyrene mitgebracht habe, der einer von den
Glücklichgebornen ist, die sich nur zeigen dürfen um überall geliebt zu werden.
Hier stehen ihm bereits alle Herzen offen, und es ist mein Glück, dass Lais in
seinen Augen zu sehr Göttin ist, als dass es einem Sterblichen geziemen könnte,
Ansprüche an sie zu machen. Wie lange dieses religiöse Gefühl dauern wird, muss
die Zeit lehren; genug dass Lais sich an der Abgötterei, die er mit ihr treibt,
genügen lässt, und es ihm nicht übel zu nehmen scheint, wenn seine Augen auf den
weniger blendenden, aber ein Herz, das nichts von ihnen besorgt, unvermerkt
überschleichenden Reizen der kleinen Musarion mit einer besondern Anmutung
verweilen. Du würdest dich wundern, Hippias, zu was für einer zierlichen
Nymphengestalt das Mädchen in der kurzen Zeit, seitdem du sie zu Korint sahest,
sich ausgebildet hat. Wenn ich nicht sehr irre, so ist sie der weinerlichen
Rolle ziemlich überdrüssig, die sie, ihrem geistigen Liebhaber zu Gefallen, seit
einigen Wochen spielen musste; und ich wollte nicht dafür stehen, dass sie nicht
in aller Unschuld, und ohne selbst zu wissen was in ihrem kleinen Herzen
vorgeht, zwischen dem schönen, immer heitern, immer zur Freude gestimmten
Schwärmer Kleonidas, und dem düstern, traurigen, gleich einem Schatten
einherschleichenden, seufzenden und klagenden Schwärmer Kleombrotus,
Vergleichungen anstellt, die nicht zum Nachteil des erstern ausfallen; zumal da
der letztere so tief in seinen Gram versunken ist, dass er von dem allen nichts
gewahr zu werden scheint.
    Kleonidas ist aus Gunst der Natur und der Musen zugleich Dichter und Maler,
beides mit einem nicht gemeinen Talent, wiewohl ohne Anspruch auf eine Stelle
unter den Meistern dieser Künste. Was ich ihm zu Cyrene von der schönen Lais
sagte, brachte ihn auf den Einfall, seine Idee, wie diese Dame nach meiner
Beschreibung aussehen müsste, in einem Bilde der Hebe, mit einer einzigen Farbe
in der Manier des Zeuxis gemalt, darzustellen. Du vermutest leicht, dass dies
Nachbild einer blossen Idee, neben unsre Schönheitsgöttin selbst gestellt, der
Divinationskraft des Malers keine sonderliche Ehre machte; auch konnt' ich ihn,
sobald er die letztere selbst gesehen hatte, nur mit Gewalt abhalten, sein Bild
ins Feuer zu werfen: aber, was uns alle in Erstaunen setzte, war, dass die kleine
Musarion - der Hebe meines Freundes so ähnlich sah, als ob sie ihm dazu gesessen
hätte. Natürlich veranlasste dies mancherlei Scherze, wobei die beiden
betroffenen Personen die Miene hatten, als ob sie nicht übel Lust hätten Ernst
daraus zu machen. Immer ist dieses Spiel des Zufalls, das einer sympatetischen
Ahnung so ähnlich sieht, sonderbar genug. Verzeihe, Hippias, dass ich dich so
lange bei einem Unbekannten aufhalte, der dich wenig interessiren kann. Aber ich
hoffe, du wirst ihn persönlich kennen lernen, und es mir dann eher danken als
übel nehmen, dass ich euch schon in voraus in Bekanntschaft mit einander gesetzt
habe. Weniger gleichgültig wird dir auf alle Fälle sein, zu hören, dass unser
edler Freund Eurybates glücklich aus den Klauen seiner Lamia139 herausgerissen
worden ist; wenigstens noch zeitig genug, um nicht ganz von ihr aufgezehrt zu
werden. Wirklich waren wir, Lais und ich, in sehr ernstlichen Beratschlagungen
begriffen, wie wir dabei zu Werke gehen wollten, ohne dass sie sich zu mehr, als
sie Willens ist, verbindlich zu machen scheinen möchte: als ein abermaliger
Zufall, oder vielmehr Eros, der wirklich ein ganz besonderes Spiel mit uns
Aegineten treibt, uns auf einmal aller weitern Mühe überhob, die Sache zu einem
glücklichen Ende zu bringen. Du erinnerst dich ohne Zweifel noch der schönen
Droso, einer von den drei Grazien unsrer Freundin, - wie wir ihre drei
gewöhnlichen Aufwärterinnen zu nennen pflegen, seitdem sie von mir zu dieser
Würde erhoben wurden. An einem dieser letzten Abende führte uns Lais an das Ufer
einer stillen kleinen Bucht, die an einen Teil ihrer Gärten anspült, um uns das
Vergnügen des Fischens mit der Angel zu verschaffen. Eurybates war auch dabei.
Zufälliger Weise hatte sich die schöne Droso mit ihrer Angelrute auf einer
unsichern Stelle zu weit hinaus gewagt; der Fuss glitschte ihr aus, sie verlor
das Gleichgewicht, und fiel ins Wasser. Eurybates, der es zuerst gewahr wurde,
und, wie die meisten Atener, ein guter Schwimmer ist, springt ihr
augenblicklich nach, er fasst sie beim ersten Auftauchen mit beiden Armen, und
bringt sie glücklich ans Land. Der Schrecken des Falls und die Schamröte, in
nassem Gewande140 von dem tapfern Eurybates auf das dichtbegraste Ufer gelegt
worden zu sein, war, nebst den Scherzen, welche das arme Mädchen von ihren
Gespielen beim Umkleiden auszuhalten hatte, das Schlimmste, was dieser Zufall
nach sich zog. Das Beste davon ward ihrem edeln Retter zu Teil; denn seit
diesem Augenblick machte sich die holde Droso zur Beherrscherin seines Herzens,
und von Lysandra war so wenig mehr die Rede, als ob sie nie in der Welt gewesen
sei. Kleombrot ist in dieser Nacht verschwunden. Der Tag unserer Abreise nach
Milet rückt heran. Ich begleite Lais, Kleonidas begleitet mich. Eurybates hat
glücklicherweise Geschäfte zu Milet. Dass Musarion und die drei Grazien von der
Partie sind, versteht sich.
    Mache mir die Freude, lieber Hippias, recht bald Nachricht von dir und dem
schönen Syrakus zu erhalten, und von euerm Tyrannen, den ich ohne Bedenken zum
Selbsterrscher aller eurer Demokratien und Oligarchien krönen würde, wenn König
Jupiter, dessen Stattalter (nach Homer) die bescepterten Herren auf Erden sind,
mir seine Machtvollkommenheit nur auf eine halbe Stunde überlassen wollte.
 
                                      51.
                              Hippias an Aristipp.
Man ist es an den Atenern zu sehr gewohnt, dass sie ihren grössten und
verdientesten Männern am übelsten mitspielen, als dass die gerichtliche Mordung
des alten Sokrates sonderliches Aufsehen in Griechenland gemacht haben sollte.
Hätte sich Anaxagoras und noch vor kurzem Diagoras der Melier, der ein eben so
wackerer Mann und ein noch besserer Kopf als der Sohn eines Sophroniskus war,
nicht bei Zeiten aus dem Staube gemacht, so würde dieser die Ehre nicht erhalten
haben, der erste zu sein, den sie (sagt man) aus der Welt schafften weil er zu
weise für sie war.
    Unter uns, Aristipp, ich glaube man sagt den Atenern und der Weisheit mehr
Böses nach als sie verdienen. Der gute Sokrates141 hätte mit aller seiner
Weisheit, die am Ende den Atenern weder warm noch kalt gab, ihrentwegen noch
lange leben können, wenn er durch seine Ironie, und den Faunischen Mutwillen,
alle Leute die sich mit ihm einliessen zu necken und in die Enge zu treiben, und
durch das ewige Einmischen in fremde Angelegenheiten und alles besser Wissen als
andere, sich nicht schon seit langer Zeit verhasst, und durch seinen
anscheinenden Müssiggang und seine armselige Lebensart noch oben drein
verächtlich gemacht hätte. Nach Solons Gesetzen soll jeder Bürger der dritten
Classe entweder irgend eine nützliche und ehrliche Profession treiben, oder der
Republik unmittelbare Dienste tun. Sokrates tat, ihrer Meinung nach, weder
dieses noch jenes: denn dass er tagtäglich an allen öffentlichen Orten zu sehen
und zu hören war, und von einer Bude und Werkstatt zur andern ging, um die Leute
mit seinen Fragen und Subtilitäten (wie sie es nannten) zu beunruhigen, wurde
ihm natürlicher Weise von dem gemeinen Mann, und selbst von den meisten aus den
höhern Classen, für keine Beschäftigung und zu keinem Verdienst angerechnet, wie
gut er selbst es auch damit meinen mochte.
    Wenn wir niemand Unrecht tun wollen, Aristipp, müssen wir billig sein. Um
die Schuld der Atener in diesem fatalen Handel richtig abwägen zu können,
müssten wir untersucht haben, ob sie in ihrer Lage und vermöge ihrer gewohnten
Vorstellungsart anders von ihm denken konnten; und wer dies untersuchen wollte,
müsste sich völlig an ihren Platz stellen können.
    Hier in Syrakus hört man die verschiedensten Urteile über diese Tragödie,
die, so lange sie die Neuigkeit des Tages war, auch das Einzige war wovon
überall gesprochen wurde. Die meisten hatten viel an dem Benehmen des Helden
auszusetzen, besonders wurde der spottende und trotzende Ton womit er sich gegen
seine Richter verteidigte oder vielmehr nicht verteidigen wollte, fast
allgemein getadelt. Doch fanden sich auch einige, denen dieser Ton der einzige
schien, der sich für ihn schickte, wiewohl er leicht voraussehen konnte, was er
ihm kosten werde. Aber in Einem Punkt stimmt ganz Syrakus überein, darin
nämlich, dass er unrecht getan habe, den Beistand zur Flucht, den ihm sein
Freund Kriton anbot und beinahe aufdrang, so eigensinnig auszuschlagen. Wenn er
auch (sagt man) auf sich selbst und seine Freunde und Weib und Kinder keine
Rücksicht nehmen wollte, so war es Pflicht eines guten Bürgers, den Atenern die
Nachreue über ein ungerechtes Urteil und den Tadel aller übrigen Griechen zu
ersparen. Vornehmlich wurde der Grund seiner Weigerung ganz unhaltbar gefunden.
»Ich bin, sagte er, den Gesetzen der Republik Gehorsam schuldig; meine
gesetzmässigen Richter haben mich nach dem Gesetz zum Tode verurteilt; also bin
ich schuldig das Urteil an mir vollziehen zu lassen.« - Gleichwohl (wenden die
anders Denkenden ein) war er selbst überzeugt, dass er unschuldig verurteilt
worden sei. Hatte dies seine Richtigkeit, so war er nicht nach dem Gesetz
verurteilt; denn das Gesetz verdammt keinen Unschuldigen. - »Aber, sagte
Sokrates, ich bin nicht zum Richter über meine Richter gesetzt; ich kann mich
also ihrem Urteil deswegen, weil es ungerecht ist, nicht entziehen; denn
dadurch würde ich mich eigenmächtig zu ihrem Richter setzen.« - Ich habe diesen
Einwurf in seinem Namen öfters geltend gemacht, und es ist mir von niemand eine
Antwort geworden, die ihn wirklich entkräftet hätte; auch gestehe ich, dass ich
ihn, in der bürgerlichen Ordnung der Dinge, für unwiderleglich halte. Woher kam
es also, dass jedermann, wenn er nicht weiter konnte, sich auf sein innerstes
Gefühl berief, welches sich diesem Argument unabtreiblich entgegen stemme? Wie
kann die Vernunft mit unserm innern Gefühl dessen was recht ist in Widerspruch
stehen? - Höre, wie ich mir dieses Problem auflöse, und sage mir deine Meinung
davon. Das Gefühl, worauf sich meine Antisokratiker beriefen, ist nichts anders
als eine dunkle Vorstellung des Widerspruchs, der zwischen dem notwendigen
Gesetz der Natur und den verabredeten Gesetzen der bürgerlichen Gesellschaft
vorwaltet. Die Natur hat uns die Selbsterhaltung zur ersten aller Pflichten
gemacht. Alle andern stehen unter dieser, und müssen ihr im Fall eines
Zusammenstosses weichen; denn um irgend eine Pflicht erfüllen zu können, muss ich
da sein. Da also dieses Naturgesetz allen bürgerlichen vorgeht, so konnte
Sokrates den Satz, dass er sich keines Richteramtes über seine Richter anmassen
dürfe, nicht gegen die Pflicht der Selbsterhaltung geltend machen. Du wirst mir
vielleicht einwenden: »wenn dieser Schluss gelte, so sei auch ein rechtmässig
Verurteilter befugt, sich der verdienten Strafe zu entziehen, wenn er könne« -
und ich habe keine andere Antwort hierauf als - Ja!
    Auch Dionysius scheint, trotz seinem Tyrannentum, der Meinung zu sein, dass
Sokrates sich hätte retten sollen, da er es mit Sicherheit konnte. Als neulich
in seiner Gegenwart von dieser Geschichte gesprochen wurde, sagte er: ich
bedaure den alten Mann; er sollte willkommen gewesen sein, wenn er sich zu mir
hätte flüchten wollen; weder seine Philosophie noch sein Dämonion sollte ihm die
mindeste Anfechtung in Sicilien zugezogen haben. - Doch genug von einer Sache,
die nun nicht mehr zu ändern ist.
    Wenn euch Kleombrotus lieb ist, so verliert ihn ja nicht aus den Augen.
Einem Schwärmer von dieser Stärke oder Schwäche (wie man's nehmen will) ist
nicht über die Gasse zu trauen. Sein vertrauter Umgang mit dem jungen Plato hat
ihm unwiederbringlichen Schaden getan. Es ist mit schwachen Köpfen, die sich an
solche meteorische Menschen hängen, wie mit Leuten von mittelmässigem Vermögen,
die in vertrauter Gesellschaft mit reichen Prassern leben und es ihnen gleich
tun wollen; sie gehen bei Zeiten zu Grunde, wiewohl sie keinen grössern Aufwand
machen als den diese sehr wohl aushalten können. Plato ist ein weit grösserer
Schwärmer als Kleombrot; aber er ist ihm auch eben so sehr an Geisteskraft
überlegen. Plato wird von seiner Schwärmerei, wie ein guter Reiter von seinem
Pferd, immer Meister bleiben, oder doch nur selten und ohne Schaden abgeworfen
werden; mit dem armen Phaëton Kleombrot gehen die Sonnenpferde durch, und ich
besorge es wird kein gutes Ende mit ihm nehmen. Ich habe nicht gern mit solchen
Menschen zu schaffen; dies war die Ursache, warum ich mich deinem Gedanken, ihn
mit uns nach Syrakus zu nehmen, so ernstlich widersetzte.
    Kleonidas könnte mir auch bloss als dein Freund nicht gleichgültig sein; um
so mehr danke ich dir für seine Bekanntschaft, da ich mir viel Vergnügen von ihr
verspreche. Der Zufall, dass seine aus der blossen Phantasie gemalte Hebe der
jungen Musarion so ähnlich sah, ist in der Tat (vorausgesetzt die Aehnlichkeit
sei wirklich so gross als du sagst) ein artiger - Zufall, und weiter nichts.
Denkst du dir etwas bei den Worten ... sympatetische Ahnung? Ich kann mir
nichts dabei denken. Ich weiss von keiner andern Sympatie, als von
Uebereinstimmung der Gemüter aus Aehnlichkeit der Gefühle und Neigungen. Was
hat aber diese mit Ahnungen zu tun? Wie käme der Mensch zu Ahnungen? Welches
unsrer Organe sollte das Vehikel derselben sein? Wenn ich Ahnungen zugeben
müsste, so sehe ich nicht, warum ich nicht aus gleichem Grunde alles Wunderbare
und Unglaubliche für möglich halten müsste, was unsre Mytologen aus
Aegyptischen, Arabischen und Syrischen Sagen und Volksmährchen in unsre Götter-
und Heldengeschichte übergetragen haben. Alle diese Phantasmen gehören ins
Gebiet der Dichter, und können unter ihren Händen zur Unterhaltung des grossen
Haufens, und, mit Geist und Geschmack behandelt, sogar zum Vergnügen der
Verständigen dienen; aber in die Reihe der Ursachen, woraus die wirklichen Dinge
erklärbar sind, sollen sie sich nicht stellen.
    Dionysius, nach welchem du dich erkundigest, ist noch immer mit den
gewaltigen Zurüstungen beschäftiget, deren Anfang du gesehen hast. Syrakus sieht
wie ein einziger ungeheurer Werkplatz aus, wo sich alle wiederaufgestandenen
Kureten, Cyklopen, Chalyben und Telchinen142 der Vorwelt das Wort gegeben
hätten, mit allen Künstlern und Werkmeistern der jetzigen Zeit zusammen zu
kommen, um alles Metall im Schoss der Erde und alles Holz auf ihren Bergrücken
zu einer Unternehmung, wie die Welt noch keine gesehen hat, zu verarbeiten. Man
muss gestehen, dass Dionysius alle mögliche Massregeln nimmt um seiner Sache gewiss
zu sein, und dass die Kunst, grosse Dinge mit kleinen Mitteln zu tun, keinen Reiz
für seinen Ehrgeiz zu haben scheint. Es ist nun kein Geheimnis mehr, dass alle
diese Kriegszurüstungen den Cartagern gelten, und die Feindseligkeiten sind im
Begriff auszubrechen.
    Je näher ich die Syrakusaner kennen lerne, je mehr überzeuge ich mich, dass
die Atener (mit Erlaubnis der schönen Lais zu sagen) ein gutartiges, lenksames
und verständiges Volk in Vergleichung mit ihnen sind. Es ist leicht vorher zu
sehen, dass die Harmonie, die seit einiger Zeit zwischen ihnen und dem Dionysius
zu bestehen scheint, von keiner langen Dauer sein wird. Die Eupatriden von
Syrakus können und werden sich nie mit ihm aussöhnen, und lauern Tag und Nacht,
mit einer Unruhe und Ungeduld die er nur zu sehr gewahr wird, auf Gelegenheit,
ihn entweder, wenn es mit Vorteil geschehen kann, offenbar anzugreifen, oder in
eine der Schlingen zu locken, die sie ihm überall zu legen beflissen sind. Ich
möchte wohl wissen, wie es möglich wäre, dass ihn dies nicht misstrauisch,
argwöhnisch, feindselig und streng gegen Leute machen sollte, von deren
versteckten Dolchen er allentalben umringt ist. Man hört die bittersten Klagen,
dass keine zwei oder drei Bürger aus den höhern Classen mit einander sprechen
können, ohne sich von Aufpassern und Angebern belauscht zu sehen: als ob dies
eine andere Ursache hätte, als weil Dionysius sicher darauf rechnen kann, dass
nicht leicht zwei oder drei Personen dieser Art beisammen stehen, ohne eine
Verschwörung gegen ihn zu verabreden. Sie zwingen ihn zu tyrannischen Massregeln,
und schreien dann über seine Gewalttätigkeit und Grausamkeit. Wäre er nicht
immer von etlichen Freunden, die einerlei Interesse mit ihm verbindet, und von
einer ausländischen Leibwache, auf die er sich gänzlich verlassen kann, umgeben,
so möchte er der weiseste und beste aller Fürsten sein, er wäre seines Lebens
keinen Augenblick sicher. Wahrlich es gehört ein Mann wie er dazu, ein Mann,
dessen Charakter ein so sonderbares Gemisch von Feuer und Kälte, von strenger
Vernunft und launenhaftem Witz, von Geschmeidigkeit und Unbiegsamkeit, Humanität
und Grausamkeit ist, um sich unter solchen Umständen nur acht Tage auf dem
Trone zu erhalten. Was das Volk im engern Sinn des Wortes betrifft, dies hängt
zwar, dem Ansehen nach, ziemlich stark an ihm; aber es gibt nichts
Veränderlichers, in der ganzen Natur als die Sinnesart des Syrakusaners, und
Dionysius weiss recht gut, dass er sich auf seine Popularität bei den untern
Classen eben so wenig verlassen kann, als er auf die Dankbarkeit eines
Aristokraten zählen darf, dessen Zuneigung er durch die ausgezeichnetsten
Gunstbezeugungen zu gewinnen gesucht hat. Die arbeitsamen Classen hängen jetzt
an ihm, weil er ihnen viel zu verdienen gibt, und weil die grossen Zurüstungen,
woran sie für ihn arbeiten, grosse, wiewohl dunkle und unbestimmte Erwartungen in
ihnen erregen, auf deren Ausgang sie gespannt sind; aber ich stehe ihm nicht
dafür, dass sie sich nicht, wenn der Krieg ausgebrochen sein wird, beim ersten
widrigen Zufall von irgend einem stürmischen Demagogen durch eine einzige mit
emphatischen Phrasen und gigantischen Figuren ausgestopfte Rede plötzlich
umwenden, und dahin bringen lassen, die Waffen, an welchen sie jetzt arbeiten,
anstatt gegen Cartago, gegen Dionysius zu gebrauchen. Auch versieht er sich
keines Bessern zu ihnen, wiewohl er ihnen äusserlich das unbefangenste Vertrauen
zeigt.
    In Ermangelung anderer Vorwürfe - und in der Tat sehe ich nicht, was an
seiner Regierung mit Grund auszusetzen wäre - bemühen sich seine Feinde, ihn dem
Volk als einen Menschen ohne Religion und ohne Sitten verhasst zu machen. Es gibt
zwar schwerlich ein unmoralischeres, verderbteres, leichtfertigeres und
ruchloseres Volk auf diesem Erdenrund als die Syrakusaner, alle Laster, wegen
deren ehemals Sybaris, Krotona und Tarent143 berüchtigt waren, gehen unter ihnen
ziemlich öffentlich im Schwang; Aten und Korint haben dermalen nichts vor
ihnen in diesem Punkte voraus: aber dafür sind sie eifrige Götzendiener, und
halten scharf über gewisse gesetzliche Formen. Weder das eine noch das andere
ist bei Dionysius der Fall; er denkt sehr frei, und erlaubt sich zu handeln wie
er denkt. Bekanntermassen nahm er sich, als die Syrakusaner in ihrem ersten
Aufstand gegen ihn seine erste Gemahlin ermordet hatten, auf Einen Tag zwei
andere (eine aus Lokri und die andere aus Syrakus) die mit ihm und unter sich
selbst in dem besten Einverständnisse leben. Ich will die Freiheit, die er sich
dadurch gegen die in Griechenland eingeführte Sitte herausnahm, keineswegs und
am allerwenigsten aus politischen Gründen rechtfertigen; aber die Natur entsetzt
sich doch nicht vor einer solchen Tat! Wenn die Bigamie gegen die Griechische
Sitte ist, so ist hingegen die Vielweiberei in den Morgenländern allgemein; und
am Ende, wenn er mit seinen zwei Frauen und sie mit ihm zufrieden sind (wie das
wirklich der Fall ist), wem kann es nicht gleichgültig sein, ob er nur Eine
Gemahlin und ein halb Duzend Kebsweiber, oder zwei Gemahlinnen144 und kein
Kebsweib hat? Aber du solltest hören, was diese tugendhaften Syrakusaner, die,
ohne alles Bedenken, ehebrecherischer Weise so viele Frauen haben als sie
bestreiten können, für ein Aufhebens über diese Untat des Tyrannen machen, und
was ihre ehemaligen Volksredner, aus dieser Veranlassung, der Tyrannie für
Lobreden halten! Doch das alles ist nichts gegen eine andere Abscheulichkeit,
die das tyrannische Ungeheuer begangen hat. Höre an und erstaune, dass die
menschliche Natur eines solchen Gräuels fähig ist! Du erinnerst dich vermutlich
noch der grossen Bildsäule des Aesculaps mit dem langen dicklockigen
massivgoldnen Barte, die in seinem Tempel zu Syrakus steht. Stelle dir vor, dass
der Unmensch - der jetzt freilich zu seinen grossen Ausgaben viel Geld nötig hat
- sich gottesvergessenerweise erfrechte, dem marmornen Aesculap145 seinen
goldnen Bart - abscheren zu lassen, und den Frevel noch gar durch einen Scherz
(der freilich in einer Aristophanischen Komödie den Atenern grossen Spass gemacht
hätte) rechtfertigen zu wollen. Es sei gegen alle Zucht und Ordnung, sagte er
lachend, dass der Sohn einen so grossen Bart führe, da sein Vater Apollo gar
keinen habe. Mit einem ähnlichen Vorwand liess er Jupitern146 neulich seinen, ich
weiss nicht wie viele Talente schweren goldnen Mantel abnehmen. Was soll, sprach
er, Jupitern ein goldner Mantel? Im Sommer ist er zu schwer, und im Winter zu
kalt; Jupiter gibt mir seinen unbequemen Talar, den ich besser brauchen kann,
und ich gebe ihm dafür einen hübschen wollenen, der für Sommer und Winter taugt;
so ist beiden geholfen. Du kannst dir kaum vorstellen, Aristipp, welchen Schaden
Dionysius sich durch diesen witzigen Tempelraub bei den gottseligen Syrakusanern
getan hat, und was er sich nun alles nachsagen lassen muss, weil man einen
Menschen, der so gottlose Dinge sagen und tun konnte, aller möglichen
Abscheulichkeiten fähig hält.
    Dionysius lacht dazu, und geht seinen Weg. Als ich ihm einsmals meine
Verwunderung darüber zeigte, wie er noch Lust haben könne, ein Volk zu
beherrschen, das nicht wert sei einen guten König zu haben, antwortete er mir:
»Ich weiss nicht ob es irgendwo in der Welt ein Volk gibt, das einen guten König
wert ist. Jedermann treibt was er am besten zu verstehen glaubt; und das erste,
worauf er zu sehen hat, ist kein Pfuscher in seiner Kunst zu sein. Hätte ich vor
zwölf Jahren gewusst was ich jetzt weiss, so möchte ich vielleicht in der
Dunkelheit geblieben sein. Jetzt habe ich keine Wahl mehr, und da ich nun einmal
den König spielen muss, so hätte ich Unrecht wenn ich ihn nicht gern spielte, und
mir eine Art von Spass aus dem närrischen Wettkampf machte, worin ich mit den
Syrakusiern befangen bin. Denn wirklich ringen wir aus allen Kräften
miteinander, ich, ob ich sie durch eine vernünftige Regierung zwingen könne
gerecht gegen mich zu werden; sie, ob sie mich durch Undankbarkeit und unartiges
Betragen dahin bringen können, ihre Vorwürfe und Verleumdungen zu verdienen.
Aber es soll ihnen nicht gelingen. Ich werde sie immer regieren wie sie es
nötig haben: mit dem Hirtenstabe, wenn sie fromme Schafe sind, mit der
Peitsche, wenn sie die Affen mit mir spielen wollen. Wer den Syrakusiern an
meinem Platz Gutes tun will, muss es ihnen aufdringen, und auf ihren Undank
rechnen. Ich mache mir nichts aus ihrem Hass, wenig aus ihrer Liebe, bin gegen
alles Böse, was sie mir tun können, auf meiner Hut, und gedenke bei dieser
Metode ruhig auf meinem Bette zu sterben, ungeachtet sie gegen mich complotiren
werden, so lang' ich lebe.«
    Da alle Anscheinungen vermuten lassen, dass Sicilien der Schauplatz eines
langwierigen Krieges werden dürfte, weil Cartago gewiss alle ihre Kräfte
zusammennehmen wird, sich in einer für sie so wichtigen Insel zu erhalten; so
ist es Zeit, dass ich zur Ausführung meines Vorhabens, mein übriges Leben in
einer der lebhaftesten Städte des Griechischen Asiens zuzubringen, Anstalt
mache. Es würde schon eher geschehen sein, wenn ich mich nicht hätte bewegen
lassen, einigen jungen Leuten aus den ersten Häusern dieser Stadt in der Kunst
zu reden Unterricht zu geben, und ihren Uebungen eine Zeit lang vorzustehen. Du
wirst dich vielleicht wundern, dass ich mich, in dem Verhältnis, worin ich mit
dem argwöhnischen Dionysius stehe, zu einem so verdächtigen Geschäft habe
entschliessen können. Er scheint aber wenig von den Rednern, die ich bilden
werde, zu besorgen. »Das hätte ich dir nicht zugetraut, Freund Hippias, sagte er
dieser Tage lachend zu mir, dass du meine Feinde eine so gefährliche Art von
Waffen gegen mich gebrauchen lehren würdest.« - Sie sollen sie für dich
gebrauchen, König Dionysius, nicht gegen dich. - »Darauf möcht' ich mich nicht
verlassen, erwiederte er, aber so lange Zungen keine Dolche sind, hat es nichts
zu sagen. Ich bin selbst ein Liebhaber deiner Kunst, und du wirst mir erlauben
euern Uebungen zuweilen beizuwohnen.« - Wirklich kam er zwei- oder dreimal
unversehens dazu, und setzte neulich, wie zum Scherz, einen Preis für die beste
Lobrede auf den berüchtigten Tyrannen Busiris147. »Ich habe starke Vermutungen,
sagte er lächelnd, dass dieser Busiris, dem die Mytologen einen so bösen Namen
gemacht haben, ein ganz guter Schlag von Fürsten gewesen ist.« - Meine jungen
Eupatriden strengten sich nun in die Wette an, wer den Busiris am
spitzfündigsten rechtfertigen und lobpreisen könne, und der Preis wurde vom
Dionysius selbst dem, der es - am schlechtesten gemacht hatte, zuerkannt. - Das
schwör' ich dir zu, Aristipp, wenn ich Syrakus verlasse, wird der Tyrann der
Einzige sein, von dem ich mich ungern trenne.
    Du siehst dass wir in der guten Meinung von Dionysius nahe zusammentreffen;
und dass ich kein Bedenken tragen würde ihn, wenn es auf meine Stimme ankäme, zum
Beherrscher des ganzen Siciliens zu machen. Wenn du ihn aber zum Autokrator
aller Demokratien und Oligarchien in Griechenland zu erheben gedenkst, so möcht'
ich dich wohl bitten, nur einen einzigen Freistaat von hinlänglicher Grösse, um
sich in der Unabhängigkeit erhalten zu können, übrig zu lassen, wär' es auch
nur, damit wir und unsersgleichen nicht nötig hätten unter den Garamanten148
oder Massageten Schutz zu suchen, wenn es unserm irdischen Jupiter etwa
einfiele, den Tyrannen etwas derber mit uns zu spielen als unsrer persönlichen
Freiheit zuträglich sein möchte. Ich stehe dir nicht dafür, dass nicht auch einem
Dionysius so etwas - Tyrannisches begegnen könnte.
 
                                      52.
                                  An Hippias.
Die Urteile der Syrakusaner über die heroische Art, wie Sokrates die letzte
Probe, worauf seine Tugend gesetzt wurde, bestanden hat, sind des Charakters,
den du ihnen gibst, vollkommen würdig, edler Hippias. Es ist wirklich lustig,
wenn solche Sybariten einen Mann wie Sokrates seine Pflichen lehren wollen. -
»Es war seine Pflicht (sagen diese Virtuosen), Pflicht gegen Weib, Kinder und
Freunde, sich selbst zu erhalten, und vornehmlich Pflicht gegen sein Vaterland,
den Atenern die Nachreue über ein ungerechtes Urteil zu ersparen. Denn, da er
unschuldig war, so konnte ihn das Gesetz nicht verdammen; seine Verurteilung
war also eine schreiende Ungerechtigkeit.« - Aber woher wussten denn die Richter
dass er unschuldig war? Die Klage schien bewiesen zu sein, und er weigerte sich
den Gegenbeweis zu führen. Die Richter mussten, den Gesetzen zufolge, nicht nach
dem, was sie glaubten oder nicht glaubten, sondern nach dem, was vor Gericht
bewiesen und verhandelt worden war, sprechen. Sokrates hatte also Recht zu
sagen: er sei durch die Gesetze von Aten gerichtet worden, und müsse sich, als
ein guter Bürger, dem Urteil unterwerfen. - »Aber, sagen jene, er war sich doch
seiner Unschuld bewusst.« - Unstreitig; die Frage ist nur: berechtigte ihn dieses
Selbstbewusstsein, das Urteil seiner Richter zu cassiren, oder (was auf das
Nämliche hinausläuft) sich demselben durch die Flucht zu entziehen? Konnt' er
das, ohne sich zum Richter über seine Richter aufzuwerfen? Welcher Staat in der
Welt möchte bestehen können, wenn die Bürger berechtigt wären, die Urteile
ihrer Obrigkeit zu controlliren, und wenn jeder Ausspruch, den das Gesetz aus
dem Munde seiner Wortführer über sie und ihre Handlungen, Ansprüche, oder
Streitigkeiten unter einander, getan hätte, einer eigenmächtigen Revision der
interessirten Parteien unterworfen wäre? Der Bürger eines Staats begibt sich
eben dadurch, dass er sich den Gesetzen desselben und der gesetzmässig
angeordneten Obrigkeit unterwirft, alles Rechts, sich gegen ihre Entscheidungen
aufzulehnen, oder die Vollziehung derselben zu verhindern. - »Aber (wendet man
ein) warum empört sich gegen diesen unläugbaren Ausspruch der Vernunft ein
gebieterisches Gefühl in uns, welches wir nicht zum Schweigen bringen können?« -
Mich dünkt, Hippias, du hast hierauf die wahre Antwort gefunden. Dies Gefühl
hängt an einer andern Ordnung der Dinge; es ist weder mehr noch weniger als der
mächtige Erhaltungstrieb, den die Natur in alle lebenden Wesen gelegt hat. Nur
darin kann ich dir nicht beistimmen, wenn du diesen Trieb zum höchsten
Naturgesetz und den Gehorsam gegen dieses Gesetz zu einer Pflicht machst,
welcher alle andern weichen müssen; denn, nach meinem Begriff, vernichtest du
dadurch sogar die blosse Möglichkeit dessen was ich mit Sokrates Tugend nenne.
Ich werde zur Selbsterhaltung von der Natur aufgefordert, und bin berechtigt,
meiner Erhaltung alle andern Pflichten, im Fall des Zusammenstosses,
nachzusetzen; aber ich bin nicht dazu verbunden. Ich bin ein freies Wesen; will
ich mich meines Rechtes begeben und mich selbst für andere aufopfern, so ist
keine Macht in der ganzen Natur berechtigt mich daran zu hindern. Beruht nicht
die wesentlichste Pflicht des Bürgers, sein Leben für die Verteidigung seines
Vaterlandes zu wagen und hinzugeben, lediglich auf diesem Rechte? Ueberhaupt
kenne ich keine Tugend, die nicht in freiwilliger Aufopferung besteht, und von
der Grösse des Opfers ihren höhern oder niedern Wert erhält. Tugend ist, nach
meinem Begriff, moralisches Heldentum; niemand ist verbunden ein Held zu sein.
Ich verdenke es daher einem Schuldigen nicht, wenn er sein nach dem Gesetz
verwirktes Leben durch die Flucht rettet: aber ich ehre und bewundere den
Schuldlosverurteilten, der lieber sich selbst aufopfern, als seinen Mitbürgern
ein Beispiel des Ungehorsams gegen die Gesetze geben will. Eine so edelmütige
Gesinnung mag (wenn man will) an jedem andern als etwas Verdienstliches
angesehen werden: an Sokrates war sie nicht mehr, als was alle, die ihn kannten,
von ihm zu erwarten befugt waren. Hatte er nicht bei jeder Gelegenheit zu
erkennen gegeben, dass er die Rechte des Menschen den Pflichten des Bürgers
unterordne? Hatte er nicht das Hauptgeschäft seines Lebens daraus gemacht,
seiner Republik gute Bürger zu erziehen, und sich selbst als ein Vorbild aller
Bürgertugenden darzustellen? War es nicht eine auszeichnende Eigenschaft seiner
Sittenlehre, dass er sogar die guten Angewöhnungen, zu welchen uns die Pflicht
gegen uns selbst auffordert, vorzüglich deswegen zu empfehlen pflegte, weil sie
uns geschickter machten, unsre Bürgerpflichten zu erfüllen? Wie wäre es einem
solchen Manne angestanden, ein solches Leben, bloss um dessen Dauer zu fristen,
so nah' am Ziele noch durch eine Handlung zu entehren, wodurch er seine eigenen
Grundsätze so gröblich verläugnet haben würde? Die standhafte Weigerung, seine
Bande von Kriton zerreissen zu lassen, setzte seinem ganzen Leben die Krone auf:
da hingegen, wenn er dem Triebe der Selbsterhaltung und den Bitten seines
Freundes nachgab, diese einzige Schwachheit seine eigene Ueberzeugung von der
Wahrheit seiner Lehre verdächtig gemacht, und die gute Wirkung seines bisherigen
Beispiels entkräftet, ja bei vielen gänzlich vernichtet, ihn selbst aber auf
ewig in den grossen Haufen der alltäglichen Menschen herabgestossen hätte, die
keinen höhern Beweggrund kennen als ihren persönlichen Vorteil, und immer
bereit sind, diesem das Beste des ganzen Menschengeschlechts aufzuopfern.
    Uebrigens wollen wir nicht vergessen, dass Sokrates auch von seinem Dämonion
(wie er dem Kriton gesagt haben soll) von der Flucht aus dem Gefängnis
abgehalten wurde, und also voraus versichert war, dass die Sache übel ablaufen
würde. Ich denke, wir werden den Helden überhaupt kein Unrecht tun, wenn wir
voraussetzen, dass sie alle, so viel ihrer je gewesen sind, immer mehr oder
minder ein wenig geschwärmt haben. Sokrates glaubte in ganzem Ernst an eine
göttliche Stimme, die sich von Zeit zu Zeit in seinem Innern hören lasse; und
für einen so einfachen schlichten Mann wäre dies Einzige schon mehr als
hinreichend gewesen, ihm so viel Stärke zu geben, als er nötig hatte, in einem
Alter von mehr als siebzig Jahren dem Tode mit Mut entgegenzugehen. Und so viel
von Sokrates ehrwürdigen Andenkens.
    Dass unsre Freundin Lais in Milet Aufsehen macht, brauche ich dir kaum zu
sagen; das versteht sich von selbst, wiewohl wenig Städte in der Welt sein
mögen, die sich schönerer Weiber rühmen können, als diese prächtigste, reichste
und wollüstigste Handelsstadt von Ionien. Da sie sich öfters und allentalben wo
für sie selbst etwas Merkwürdiges zu sehen ist, wenigstens durch das dünne
Silbergewölk eines Koischen Schleiers149, sehen lässt, und hier ungefähr auf den
nämlichen Fuss lebt wie zu Korint, so fehlt es ihr unter den Ersten und
Reichsten dieser üppigen Metropolis nicht an Anbetern, die sich in die Wette
bestreben, einen günstigen Blick der Göttin auf sich und ihre angebotenen
Opfergaben zu ziehen. Aber noch bleibt sie ihrem ersten Plan getreu, schreckt
zwar niemand ab, muntert aber auch niemand auf, nimmt nur kleine unbedeutende
Geschenke an, und macht einen Aufwand, als ob die Quelle, woraus sie schöpft,
nie versiegen könne. Dies alles erhöht die Achtung nicht wenig, die man schon
der blossen Schönheit, selbst in einem unscheinbaren Aufzuge, zu erweisen geneigt
ist; sogar die Hetären betrachten sie mit einer Art von Ehrfurcht, und würden
sich geschmeichelt finden, wenn sie eine so vollkommne Person an der Spitze
ihres Ordens erblickten. Man fragt einander, wer sie sei, und es gehen zwanzig
verschiedene Mährchen, immer eines wunderbarer als das andere, über ihren wahren
Namen und Stand, und ihre geheime Geschichte herum. Ich würde, wenn ich ihr
Vertrauen auch weniger besässe, leicht erraten, wohin dies alles zielt; und ich
bin gänzlich der Meinung, dass es der einzige Weg ist, ihren Wohlstand auf eine
Art, die ihrer nicht ganz unwürdig ist, sicher zu stellen. Das Nähere hierüber
zu seiner Zeit.
    Mein Kleonidas gefällt allgemein, und strahlt von Freude und Wonne, da er
hier, mit lauter schönen Gegenständen umgeben, sich in seinem wahren Elemente
fühlt, und wie er sagt, erst jetzt recht zu leben anfängt. Er findet in Milet
alles beisammen, was den feurigsten Liebhaber der Künste die das Leben
verschönern befriedigen kann: die herrlichsten Werke der edeln und zierlichen
Ionischen Baukunst, eine zahllose Menge Bildsäulen von den besten Meistern, und
reiche Gemäldesammlungen aus allen Schulen, vornehmlich von den berühmtesten
Malern unserer Zeit, Polygnot, Zeuxis, Parrhasius, Timantes, Pausias,
Euxenidas, Apollodor, und andern. Er bringt einen grossen Teil seiner Zeit damit
zu, alle diese Kunstwerke zu studiren, und, indem er einem jeden das worin er
vorzüglich ist, abzulernen sucht, zu einer eigentümlichen Manier zu gelangen,
die ihn von allen unterscheide, und ihm von niemand so leicht nachgemacht werden
könne. Wie es ihm gelingen werde, wird die Zeit lehren. Noch ist er wenig mit
sich selbst zufrieden, und schilt uns Idioten, wenn wir etwas schön finden, das
er gemacht, oder vielmehr angefangen hat; denn noch kann er nicht von sich
erhalten, etwas fertig zu machen. Vornehmlich preiset er sich glücklich, dass er
durch die Bekanntschaft mit Lais von seinen vermeinten Idealen, oder Phantasmen
(wie er sie nennt) zur Natur selbst zurückgeführt worden sei. Wenn ich, sagt er,
es einmal dahin gebracht haben werde, irgend einen bestimmten Zug ihrer
Augenbrauen richtig zu zeichnen, und nur eines ihrer Ohrläppchen so zu malen wie
ich es sehe, will ich mich für keinen kleinen Künstler halten.
    Kleombrot ist in seinem Ambracien angelangt, und ich gebe die Hoffnung noch
nicht auf, dass ihn die vaterländische Luft vielleicht allmählich wieder zurecht
bringen könnte. Wenigstens halte ich es für ein gutes Zeichen, dass er die
Trennung von der Gesellschaft, die er verlassen hat, zu fühlen, und, ohne es
sich selbst zu gestehen, ganz heimlich sich zu uns zurückzuwünschen scheint.
Sollte diese Disposition zunehmen und bis zur Sehnsucht steigen, so ist
beschlossen, ihn zu uns einzuladen; und ich zweifle kaum, dass die zärtliche
Musarion sich keine grosse Gewalt antun müsste, ihm den ersten Platz in ihrem
Herzen wieder einzuräumen, wenn er mit einem aufgeheiterten Gesicht zu ihr
zurückkehrte.
    Ich bin im Begriff, eine Reise durch alle Städte von Ionien und Karien zu
machen, und gedenke mich zu Ephesus lange genug zu verweilen, um dich da zu
erwarten. Was wolltest du länger in dem unruhigen Syrakus? Wie schön auch Himmel
und Erde in Sicilien sind, mit dem warmen Glanze dieses Himmels der mich
umfliesst, mit der üppigen Pracht dieser Erde, mit der herzerweiternden Milde der
wollüstigen Blumenluft, die ich hier atme, kurz mit dem Leben in diesem
Götterlande, ist nichts anders zu vergleichen.
 
                                      53.
                            Kleombrotus an Aristipp.
Lass' ab von mir, guter Aristipp! Alle deine Mühe, mir das Bild des gewaltsam
sterbenden Sokrates und das Gefühl meiner Undankbarkeit gegen ihn erträglich zu
machen, ist vergeblich. Niemals, niemals werd' ich mir verzeihen können, dass ich
die heiligste der Pflichten einer phantastischen Leidenschaft und
selbstsüchtigen Weichlichkeit aufzuopfern fähig war! Und dass ich es nicht könne
- dass die Zeit, die alle andern Seelenschmerzen heilt, nur für die meinigen
keinen Balsam habe, dafür hat Plato gesorgt.
    Dieser Tage wird mir ein Buch von Aten zugeschickt, Phädon betitelt, worin
Plato diesen Eleaten seinem Freunde Echekrates erzählen lässt, wie Sokrates am
Tage seines Todes sich noch mit den Seinigen unterhalten und überhaupt bis zum
letzten Augenblick sich benommen habe. Dem Buche war ein kleines Stück Papier
beigefügt, worauf nichts als das einzige furchtbare Wort Lies! mit grossen
Buchstaben geschrieben stand. - Unmöglich könnt' ich dir beschreiben, wie mir
beim ersten Anblick dieser Rollen zu Mute war. Es währte eine gute Weile, bis
ich nur die Buchstaben zu unterscheiden vermochte; mehr als Einmal ergriff ich
das Buch mit zitternder Hand, und musst' es immer wieder bei Seite legen. Aber,
wie ich endlich die Augen wieder gebrauchen konnte, und bis zu der Stelle
gekommen war, wo Phädon alle Atener, die sich an diesem traurig feierlichen
Tage um ihren dem Tode geweihten Freund und Vater versammelt hatten, aufzählt,
und Echekrates fragt: waren auch Auswärtige dabei? und Phädon den Simmias, Cebes
und Phädondes von Teben, und den Euklides und Terpsion von Megara nennt, und
dann auf die Frage: wie? waren denn Aristipp und Kleombrot nicht auch da? die
Antwort gibt: nein, es hiess sie wären zu Aegina - fiel mir das Buch aus der
Hand, mir ward finster vor den Augen und ich sank zu Boden.
    Von diesem Augenblick an sind mir die schrecklichen Worte: »es hiess sie
wären in Aegina,« nicht aus den Gedanken gekommen; sie erklingen immer in meinen
Ohren, und stehen allentalben mit kolossischen Buchstaben geschrieben, wo ich
hin sehe. Aber von diesem Augenblick an stand es auch fest und unerschütterlich
in meiner Seele, was mir noch allein übrig sei. - Beneidenswürdiger Aristipp!
Dir tat das verleumderische Gerücht Unrecht; dich hatte die Pflicht nach Cyrene
abgerufen! Aber ich Unglückseliger, ich war zu Aegina! - In wenigen Stunden
konnt' ich zu Aten sein - wusste alles was vorgefallen war - hatte vierzig Tage
um zur Besinnung zu kommen, und liess mich, bald durch falsche Scham, bald durch
die unmännliche Furcht, ich würde den Anblick des geliebten Sterbenden nicht
ertragen können, bald durch die törichte Hoffnung dass seine Freunde Mittel
finden würden ihn zu befreien, zurückhalten, die schönste, dringendste,
heiligste der Pflichten zu erfüllen! - Nein, Aristipp! mute mir nicht zu, dass
ich mit dieser Furienschlange im Busen, mit diesem in meinem Innern wühlenden
Bewusstsein, länger leben soll! Dass ich leben soll, um in jedem Auge, das mich
anblickt, die Worte zu lesen: er war in Aegina! - O Sokrates! wenn noch ein
Mittel ist deinen zürnenden Schatten zu versöhnen, so ist es dies allein! Wenn
noch ein Mittel ist, meine Seele von diesem schwarzen Flecken zu reinigen, so
ist es dies allein! Und wär' es (wie du sagtest) allen andern Menschen unrecht,
eigenmächtig aus dem Leben zu gehen, ich bin ausgenommen! Mir ist es Pflicht,
dich im Hades, im Elysium, im unsichtbaren Reiche der Geister, überall wo du
auch sein magst, aufzusuchen, und so lange zu deinen Füssen zu liegen bis du mir
vergeben hast! - Wähne nicht ich schwärme, Aristipp! Meine Sinnen sind in diesem
Augenblick reiner, meine Seele freier als jemals - die Stunde ist da - ich höre
den dumpfen Ruf der Unterirdischen - was säum' ich länger? Lebe wohl, Aristipp!
- Lais! - Musarion! - Lebet wohl! Vergesst mich! ich bin nicht würdig in euern
Herzen fortzuleben.150
 
                                      54.
                                    An Lais.
Der arme Kleombrot - gute Laiska! - doch, du hast eine starke Seele, meine
Freundin, ich schone dich nicht. Hier ist sein Abschiedsbrief, und hier das
Buch, das ihm den letzten Stoss gegeben hat - den Stoss, der ihn von einem Felsen
des Ambracischen Ufers in die Wellen stürzte. Der arme Jüngling! Er war eines
bessern Schicksals wert, und verdiente diesen kaltblütigen hämischen Dolchstoss
von der Hand eines ehmaligen Freundes nicht! - Ich gestehe dir, Lais, ich bin
aufgebracht über diesen stolzen Abkömmling Poseidons.151 »Es hiess sie wären in
Aegina.« - Und wo war denn er? - Plato war krank, sagt' er. - Sonderbar genug!
Er musste also sehr krank, schlechterdings unvermögend sein, sich von seinem
Lager zu erheben, oder er hätte kommen sollen, und wenn er sich auch, gegen das
Verbot seines Arztes, in einer Sänfte nach dem Kerker hätte tragen lassen
müssen. Oder war er etwa nur krank, um desto mehr Freiheit zu haben, den
sterbenden Weisen sagen zu lassen was ihm beliebte? Wirklich kann man sich eines
solchen Argwohnes kaum erwehren, wenn man sieht, wie er den ehrlichen Sokrates
noch in seinen letzten Stunden seine Freunde in den verschlungensten Irrgängen
der subtilsten Dialektik herumtreiben lässt, und welche Mühe der gute alte Mann
sich geben muss, die simpelsten Dinge in unauflösliche Knoten zusammenzudrehen,
bloss damit der scharfsinnige Sohn des Ariston152 sich den Spass machen könne, sie
entweder wieder aus einander zu wickeln oder zu zerschneiden, und seine Stärke
in der eristischen Vexierkunst153 vor den Atenern, den grossen Liebhabern von
Hahnen- und Sophistenkämpfen, auszulegen. - Ich merke, liebe Laiska, dass ich zu
verstimmt bin, um dich, wenn ich so fortführe, nicht sehr übel zu unterhalten:
also lebe wohl, du Einzige, und vergiss der Abwesenden nicht.
 
                                      55.
                               Lais an Aristipp.
Nein, unglücklicher, aber guter und bei aller deiner Schwäche edelmütiger
Kleombrot, du sollst nicht vergessen werden! Und wenn noch etwas von dir übrig
ist, dem es wohl tut wenn deine Freunde sich deiner oft mit Liebe und Wehmut
erinnern, so nimm diesen Trost mit dir hinüber in das bessere Leben, das dich
dein Sokrates hoffen liess!
    Wer hätte sich diesen Ausgang einbilden können, lieber Aristipp? - Und doch
dringt sich mir zuweilen der Gedanke auf, wir hätten es sollen. Aber wer selbst
wenig Anlage zu irgend einer Art von Schwärmerei hat, kann sich nie lebendig
genug in einen solchen Kopf hineindenken, und lässt sich nicht träumen, was für
Unheil er in einem mit lauter Zunder und Brennstoff angefüllten Gemüt anrichten
kann.
    Meine grösste Sorge ist jetzt, die zarte Musarion stufenweise zu der fatalen
Nachricht vorzubereiten. Erst wenn sie sich nach und nach an den Gedanken, dass
er nicht mehr ist, gewöhnt hat, darf sie die Art seines Todes erfahren. Ich
traue dir zu, du werdest gern hören, dass Kleonidas mir einen guten Teil dessen,
was ich durch deine Neigung zum Landstreichen entbehre, zu ersetzen sucht; und
dafür wirst du so artig sein, auch ihm und mir zuzutrauen, dass er nicht
unglücklich in dieser Bemühung sein könne. Begeistert von dem Anteil, den wir
alle an dem Schicksal deines unglücklichen Freundes nehmen, und von Platons
Schilderung der Todesstunde des Sokrates, hat er mir die Ideen zu zwei grossen
Gemälden mitgeteilt, womit er beiden ein Denkmal zu stiften gesonnen ist. Zum
ersten hat er bereits eine leichtgefärbte Zeichnung entworfen, die mir seinen
Gedanken glücklich zu symbolisiren scheint. Die Scene ist ein weit in die See
hervorragender kahler Felsen, an einem wilden klippenvollen Strande, den
reizenden Ufern einer entfernten, aus dem warmen rosigen Duft eines stillen
Sommerabends, wie unter einem durchsichtigen Schleier, hervorscheinenden
Landschaft gegen über. Kleombrot, von der Reue in Gestalt einer Erinnys mit
Schlangengeisseln verfolgt, stürzt sich von der Spitze des Felsens herab: aber
ein freundlicher Genius, mit mächtigen Flügeln über der schäumenden Brandung
schwebend, ist bereit, den Fallenden in seine gegen ihn ausgebreiteten Arme
aufzufassen, um ihn an das entgegen liegende Ufer der Insel der Seligen zu
tragen, wo Sokrates, zwischen Pytagoras und Solon, von verschiedenen andern
Weisen und Heroen der Vorzeit umgeben, aus einem lieblichen Hain ihm entgegen zu
kommen scheint. Unter das Bild soll mit goldnen Buchstaben geschrieben werden:
er war in Aegina und ist nun bei Sokrates.
    Um den Tod des Sokrates so wahr als nur immer möglich darzustellen, wird er
nächstens eine Reise nach Teben, Aten und Megara unternehmen, und sich mit den
vorzüglichsten Freunden des Weisen, mit Kriton, Kritobul, Apollodor, Aeschines,
Antistenes, Cebes und Euklides bekannt machen, um Zeichnungen nach dem Leben
von ihnen zu nehmen, damit er sie in dem grossen Gemälde desto richtiger
bezeichnen, gruppiren und in Handlung setzen könne. Um den lieben Plato auch
hier nicht leer ausgehen zu lassen, soll einer aus der Gruppe, die am
entferntesten von der Hauptperson ist, seinen Nachbar mit dem Ausdruck der
Verwunderung fragen: wo bleibt Plato? und der andere wird mit Achselzucken
antworten: es heisst er sei unpässlich.154 Du siehest, Aristipp, wem Kleonidas
durch dieses Parergon155 einen kleinen Liebesdienst zu erweisen hofft? - Der
Einfall verdiente wenigstens einen Kuss, hör' ich dich sagen. Auch bekam er ihn,
in deinem Namen, auf der Stelle. Aber - wie es zuging weiss ich selbst nicht
recht - es mussten wohl ein paar Nektartropfen zu viel darein gekommen sein; denn
- wir wurden beide ein wenig davon berauscht. - Lass' dir sagen, Freund
Aristipp, - es ist ein gefährlicher Mensch, dein Kleonidas; du hättest ihn wohl
können zu Hause lassen!
    Mein Unstern fügte es, als ich zu Aten war, dass Plato die ganze Zeit über
abwesend sein musste; denn nun sehe ich erst, wie schmeichelhaft mir seine
Eroberung gewesen wäre. Sein Buch hat mir eine grosse Meinung von der Feinheit
seines Geistes und von seinem Dichtergenie gegeben. Wahr ist's, man müsste den
Sokrates gar nicht gekannt haben, wenn man nicht sehen sollte, dass Plato sich
grosse Freiheiten mit ihm herausnimmt; und ich wollte selbst meinen besten
Halsschmuck dran setzen, er habe bei aller seiner Redseligkeit nicht den dritten
Teil von allem dem gesagt, was ihn der junge Schwätzer grübeln und subtilisiren
lässt. Indessen ist doch nicht weniger wahr, dass er die Eigenheiten seines
Meisters mit vieler Gewandteit nachzuahmen weiss; und wiewohl er sie überhaupt
(was den Nachahmern gewöhnlich zu begegnen pflegt) merklich übertreibt, so ist
doch an vielen Stellen das Originale und Auszeichnende im Ton und in der Manier
des Alten gar nicht zu verkennen. Aber was mir von diesem Schriftsteller, und
dem, was er uns sein könnte wenn er wollte, den grössten Begriff gibt, ist die
Darstellung der letzten Stunde seines Helden, von dem Augenblick an, wo er sagt:
es werde nun Zeit für ihn sein, ins Bad zu gehen. Mich dünkt wir haben nichts so
Schönes in unsrer Sprache als diese Erzählung, die so ganz schlicht und
anspruchlos aussieht, und in der doch, wenn ich nicht sehr irre, so viel wahre
epische und psychagogische156 Kunst ist. Ich habe dieses Stück schon zum
drittenmal gelesen, und jedesmal mit dem reinen Vergnügen und der völligen
Befriedigung, die nur das hohe Schöne der Seele gewähren kann.
    So viel Rühmens von dem Werk eines Menschen den du nicht liebst, und das
freiwillige Geständnis - einer Untreue, in einem und ebendemselben Briefe, ist
deiner Philosophie beinahe zu viel auf einmal zugemutet, lieber Aristipp.
    Das möcht' es wirklich sein, wenn du nicht wärest, was du bist; so einzig in
deiner Art, wie deine Freundin Lais in der ihrigen. Was sollte sie dir nicht
vertrauen dürfen?
 
                                      56.
                                    An Lais.
Ja wohl, schöne Lais, darfst du mir alles vertrauen! Du, der die Grazien einen
Freibrief gegeben haben, nichts zu sagen noch zu tun was Aristipp nicht gut
fände. Zudem ist Kleonidas mein anderes Ich; was du ihm tust, ist mir getan;
und wär' es nicht unter deiner Würde, die edeln Dienste meines Freundes nicht
auf eine edle Art zu belohnen?
    Wird er seine Reise bald antreten? Mich verlangt sehr, seinen Tod des
Sokrates vollendet zu sehen. Sobald ich höre dass er es ist, ergreife ich diesen
Vorwand, um eine Lebende wieder zu sehen, die mir Amor selbst, wenn er ein Maler
wäre, nicht zu Danke malen könnte, und - fliege nach Milet zurück.
    Hippias meldet mir, dass er vor dem Ende dieses Monats zu Aten eintreffen
werde, um von da nach Samos abzugehen, wo er seinen künftigen Wohnsitz
aufzuschlagen beschlossen hat. Denke nur, der unbeständige Mensch hat die schöne
Timandra einem seiner Freunde in Syrakus abgetreten! Ich weiss, schreibt er mir,
nichts an ihr auszusetzen, als dass sie zu gut für mich ist. Wahrscheinlich hat
er irgend einen geheimen Beweggrund, warum er frank und frei zu Samos anlangen
will. - Ich habe ihm eine Abschrift des Phädon zugeschickt, und ihn in deinem
Namen ersucht, uns über den spekulativen Teil desselben seine Meinung zu sagen.
    Inzwischen unterschreibe ich, ohne dass es mir die mindeste Gefälligkeit
kostet, alles, was du Rühmliches von diesem sonderbaren prosaischen Gedichte
gesagt hast. Denn eine Art von Gedicht ist es am Ende doch, und zum Dichter wäre
Plato geboren gewesen, wenn ihn nicht sein böser Genius neben seinem natürlichen
Hang zum Fabuliren und Allegorisiren, noch mit einem unwiderstehlichen Trieb
sich selbst und andre in dialektische Spinneweben zu verfangen gestraft hätte.
Da ihm die schlichte populäre Philosophie des Sokrates kein Genüge tat,
vertiefte er sich schon früh in den Grübeleien der Eleatischen und
Pytagorischen Schule, die sich damit abgeben, das Innerste der Natur und den
ersten Grund der Dinge, das Unendliche, den Ursprung der Welt, das Wesen der
Materie und des Geistes, kurz, alles ergründen zu wollen, was nicht zu ergründen
ist. Unbefriedigt schwärmte er nun von einem Systeme zum andern, baute bald auf
diese, bald auf jene Hypotese, riss dann, wenn er wieder einige Zeit um Sokrates
gewesen war, wieder ein was er gebaut hatte, und würde vermutlich zuletzt unter
lauter Ruinen gelebt und nie etwas Haltbares zu Stande gebracht haben, wenn ihn
die Muse, die ihm als sein guter Dämon zugegeben ist, nicht immer antriebe, aus
den Bruchstücken, die in seiner Phantasie über und durcheinander liegen, bald
diesen, bald jenen luftigen und schimmernden Zauberpalast zusammenzusetzen.
Jetzt ist er noch so voll von diesen Materialien, dass ihm die Wahl weh zu tun
scheint, und er uns lieber alles auf einmal geben möchte. In der Tat hat er in
seinem Phädon so vielerlei für Person, Ort und Zeit Schickliches und
Unschickliches zusammengedrängt, dass ich in diesem einzigen Dialog die Embryonen
von zwanzig andern sehe, die er vermutlich nach und nach auszubrüten gedenkt.
Doch das möchte er immerhin, und viel Glücks dazu! Denn warum sollte er nicht
Bücher schreiben, da er das Talent, seinen Gedanken jede beliebige Gestalt zu
geben, und eine Fülle Attischer Redseligkeit in seiner Gewalt hat, und, sobald
er nur will, den Verstand, die Einbildungskraft und das Gemüt seiner Leser
zugleich in Bewegung zu setzen und zu unterhalten weiss? - Aber wenn er
fortfahren wollte dem guten Sokrates die Hauptrolle in seinen philosophischen
Dramen aufzudringen, und gerade dem Manne, der die Philosophie vom Himmel oder
vielmehr aus dem windigen Reiche der »regenbeladnen Jungfrauen« des
Aristophanes, wieder auf die Erde herabholte und in das häusliche und
bürgerliche Leben der Menschen einführte, kurz sich ausschliesslich mit einer
Lebensweisheit beschäftigte, die für jedermann verständlich und brauchbar war,
wenn Plato fortfahren wollte, seine Liebhaberei, abgezogene Begriffe bis zu
einem unbrauchbaren Grad von Feinheit auszuspinnen, und die Leute mit
Zweifelsknoten, die er selbst nicht aufzulösen weiss, zu beunruhigen, gerade
diesem Manne vor die Tür zu legen; dies, ich bekenn' es, würd' ich ihm nicht
wohl verzeihen können. Freilich muss es jedem erlaubt sein, das Wahre, zu welchem
so vielerlei Wege führen, auf demjenigen zu suchen, den er für den nächsten oder
anmutigsten hält; nur stelle jeder sich selbst vor, und nehme sich nicht
heraus, das Gesicht eines andern zu einer Larve vor sein eigenes zu machen.
    Dass Plato sich nicht zugleich mit dir in Aten befand, meine Freundin, hat
deinen sieggewohnten Reizen vielleicht eine kleine Demütigung erspart,
wenigstens hättest du dich in einen Hylas157 oder Hyacint158 verkleiden müssen,
um seine Aufmerksamkeit zu erregen. - Doch ich will ihm keinen Vorwurf aus den
Versen159 machen, worin er (damals selbst noch wenig mehr als ein Knabe) seine
Leidenschaft für die schönen Knaben Aster, Alexis, Agaton u.a. (vielleicht nur
um die Mode mitzumachen) eine sehr feurige Sprache reden liess; denn es ist
allerdings zu glauben, dass Sokrates, zu welchem er sich seit seinem zwanzigsten
Jahre ziemlich fleissig hielt, ihm diese kleine Attische Unart abgewöhnt haben
werde.
    Ich gedachte mich nicht länger zu Ephesus zu verweilen, als nötig war, eine
alte Gastfreundschaft zwischen meiner Familie und einem hiesigen angesehenen
Hause zu erneuern, und den weltberühmten Tempel der Ephesischen Göttin zu
besehen. Zufälligerweise erfahre ich von dem alten Maler Evenor, dass sein
ehmaliger Schüler Parrhasius (ein geborner Ephesier) täglich erwartet werde. Der
alte Mann legte einen besondern Nachdruck auf das Wort Lehrling, und schien sich
nicht wenig darauf zu Gute zu tun, dass er einen Schüler habe bilden können, der
seinen Meister weit hinter sich zurückgelassen. Parrhasius langte den folgenden
Tag an, und seine Bekanntschaft hat so viel Anziehendes für mich, dass ich schon
eine ganze Dekade länger hier bin, als anfangs meine Absicht war. Vielleicht
wirst du das Vergnügen haben, ihn in Milet zu sehen. Ich wünsche es um Kleonidas
willen, der, wofern wir dem stolzen Parrhasius verbergen dass er sein Nebenbuhler
in der Kunst ist, vielleicht Gelegenheit fände, ihm das eine oder andere von
seinen Geheimnissen, die Färbung zu behandeln, abzuhaschen. Denn es ist
unglaublich, was der Mann mit seinen vier Farben für Wunder tut.
    Du bist mir, aller Wahrscheinlichkeit nach, grosse Entschädigung schuldig,
meine schöne Freundin, und ich will dich vorher gewarnt haben, nicht zu sehr zu
erschrecken, wenn ich in irgend einer schönen mondhellen Nacht, da du mich am
wenigsten erwartet hättest, auf einmal wie aus dem Monde gefallen, vor dir
stehe, und mir - einen Abdruck des Kusses ausbitte, womit du den schönen
Kleonidas unter die Götter versetzt hast. Denn dies ist, nach dem Ton seines
letzten Briefes zu schliessen, der Fall mit ihm, wiewohl er so bescheiden ist,
mir aus der Ursache seiner Apoteose ein Geheimnis zu machen.
 
                                      57.
                                 An Kleonidas.
Ein glücklicher Zufall hat mich zu Ephesus mit dem grössten Maler unsrer Zeit in
Bekanntschaft gesetzt. Du errätst sogleich dass ich den Parrhasius meine, von
welchem die zwei kleinen Stücke160 in dem Landhause unsrer Freundin zu Aegina
dich so sehr bezauberten, und von dessen Demos du mich mit einer Bewunderung,
die an mir etwas Ungewöhnliches ist, sprechen hörtest. In der Tat gibt es
dermalen noch schwerlich etwas Vollendeteres in eurer Kunst, und ich wollte du
entschlössest dich, bevor du an die Ausführung der beiden Denkmäler gehst, zu
einer Reise nach Mitylene, bloss dieses Gemäldes wegen, an welchem ein Auge wie
das deinige so viel zu sehen und zu studiren finden würde.
    Parrhasius ist ein feiner, stattlicher Mann, der, neben andern mit seiner
Kunst in Bezug stehenden Kenntnissen, sich vorzüglich auf die Menschenkunde mit
Ernst gelegt zu haben scheint. Von dem Künstlerstolz, den man ihm Schuld gibt,
mag er wohl nicht ganz frei sein; und warum sollte er auch nicht fühlen dürfen
was er ist, und wie nahe die Malerkunst, die vor ihm noch in der Wiege lag, der
Hora ihrer schönsten Blüte durch ihn gebracht worden? Er spricht gern von dem,
was er in dieser Rücksicht geleistet habe, und da ihn dies notwendig auf den
Zustand führt, worin er seine Kunst gefunden, so ist natürlich, dass er an den
Werken der alten Meister, ohne darum ungerecht gegen sie zu sein, mehr zu tadeln
als zu loben hat. Ob er aber eben so gerecht gegen seine jetzt blühenden
Nebenbuhler, einen Zeuxis, Timantes, Pausias u.a. sei, liesse sich fast
bezweifeln; wenigstens hält er zurück, wenn die Rede von ihnen ist, und gibt,
wenn dieses oder jenes von ihren Werken gerühmt wird, seine Beistimmung
gewöhnlich nur mit den Achseln oder Augenbraunen. Man sagte mir, es sei eine von
seinen Eigenheiten, dass er beim Arbeiten, weder einen andern Maler, noch jemand,
der im Ruf eines Kenners der Kunst stehe, zusehen lasse. Gegen blosse Liebhaber
hingegen ist er desto gefälliger, und ich habe unter diesem Titel das Vergnügen
gehabt, ihn an einem grossen Gemälde arbeiten zu sehen, das die Entscheidung des
Streits um die Waffen Achills zwischen Ajax und Ulysses vorstellt, und in kurzem
zu Samos um den Preis mitwerben soll. Nur wenn er die letzte Hand an ein Werk
legt, schliesst er sich vor jedermann ein; vermutlich weil er ein Geheimnis
besitzt, um seinen Gemälden den schönen Ton und das Lebenatmende und Beseelte
zu geben, das so sehr daran bewundert wird. Ich sprach ihm von seinem Demos, wie
einem blossen Liebhaber zukommt, mit Entzücken, und erhielt dadurch das Recht,
ihm in gebührender Einfalt und Demut die Frage vorzulegen: ob es wirklich seine
Meinung gewesen sei, den Charakter des Atenischen Volks in diesem Stücke
darzustellen? Er antwortete mir lachend: vermutlich ist es dir von dem Besitzer
unter dieser Benennung gezeigt worden? Da ich es bejahte, fuhr er fort: »ich
will dir offenherzig sagen was an der Sache ist. Es war wirklich mein erster
Gedanke dass es ein allegorisches Gemälde werden sollte; aber die Schwierigkeit
war, wie ich es anstellen wollte, die Widersprüche im Charakter des Atenischen
Volkes so zu personificiren, dass gescheidte Leute ohne Wahrsagergeist erraten
könnten was ich wolle. In zwei Stücken, deren jedes nur eine Seite dieses
Charakters gezeigt hätte, möchte dies allenfalls angegangen sein, wiewohl die
Sache noch immer grosse Schwierigkeiten hatte; aber auf Einer Tafel fand ich es
platterdings unmöglich. Nach langem Hin- und Hersinnen, fiel mir ein, anstatt
meine Absicht durch allegorische Personen erreichen zu wollen, würde ich besser
zum Ziel kommen, wenn ich eine wieder aus einander gehende Volksversammlung
schilderte, und zwar so, dass man aus den verschiedenen Gruppen erraten könnte,
was unmittelbar vorher verhandelt und beschlossen worden, und was dieser und
jener für eine Rolle dabei gespielt habe. Ich gestehe, dass ich diesen Gedanken
für eine Eingebung meines guten Genius hielt, und daher mit mehr als
gewöhnlicher Begeisterung ausführte. Ich hatte nun Gelegenheit, alle die
verschiedenen Züge, woraus der Charakter der Atener zusammengesetzt ist, auf
die natürlichste Art in Handlung und Contrast zu setzen. Mein Stück, wiewohl es
im Grunde nichts mehr ist als was der Augenschein ausweist, wurde dennoch für
den nachdenkenden Beschauer, der den Geist eines Gemäldes zu erhaschen weiss,
wirklich das, wozu ich es anfangs machen wollte, eine Charakteristik der
Atener, und da der Name Demos Atenäôn beides gleich schicklich bezeichnen
konnte, so verkaufte ich es dem Liebhaber zu Mitylene unter diesem Titel, mit
welchem es mich hoffentlich eine Weile überleben wird.« - Gewiss so lange, sagte
ich, als die Erde mit einer allgemeinen Verbrennung oder Ersäufung verschont
bleibt, wofern die Besitzer nur Sorge tragen, es vor dem nachteiligen Einfluss
der Luft und der Sonne zu bewahren. - Meine Farben halten bis auf einen gewissen
Grad beides aus, versetzte Parrhasius. - Du musst deren wirklich ganz eigene und
andere unbekannte haben, sagte ich, da du solche Wunder damit tun kannst. -
Gleichwohl siehst du nur vier auf meiner Palette, war seine Antwort; - und nun
hatte ich keine Lust weiter zu fragen. Parrhasius zeigte mir unter verschiedenen
zum Verkauf fertigen Stücken zwei zusammengehörende, die ich, ihres sonderbaren
Effects wegen, für unsre Freundin gekauft habe. Beide Tafeln stellen
ebendenselben schwerbewaffneten Kriegsmann vor; auf der einen ist er in vollem
Lauf begriffen, auf der andern legt er seine Rüstung ab, um auszuruhen; in
beiden herrscht ein so hoher Grad von Wahrheit und Leben, dass man ihn auf jener
schwitzen zu sehen, und auf dieser keuchen zu hören glaubt. Er war so zufrieden
mit mir, als ich diese, eben nicht schwer zu machende Bemerkung machte, dass er
mich noch eine ziemliche Anzahl kleiner, auf elfenbeinerne Täfelchen gemalter
Stücke sehen liess, die an täuschender Lebendigkeit und Grazie der Ausführung, so
wie an Leichtfertigkeit des Inhalts161 alles weit übertreffen, was ich je in
dieser Art gesehen habe. Lass' dir genug sein, Kleonidas, dass eine in
Götterwonne hinsterbende Leda das züchtigste Stück von der ganzen Sammlung war.
Da er mich etwas verlegen sah - (du weisst, ich liebe die Entweihungen der
heiligen Mysterien Amors und Aphroditens nicht) - sagte er mir ganz unbefangen:
diese Scherze meines Pinsels sind eigentlich nur für mich selbst gemacht, und
dienen mir zur Erholung nach ernstaftern Arbeiten. Ich würde keines davon um
irgend einen Preis verkaufen; nur diese Leda ist derjenigen bestimmt (wofern
sich eine solche finden sollte) die schöner ist als sie, und statt des
göttlichen Schwans - mit mir vorlieb nehmen will. Du siehst, Freund Kleonidas,
dass Parrhasius nicht nur ein grosser Maler, sondern auch ein grosser Schalk ist,
und die schwache Seite der Leden kennt. Wenn es nur auf die erste seiner
Bedingungen ankäme, so wäre die seinige schon verspielt. Ich möchte wohl wissen
was Lais zu diesem tollen Einfall sagt?
    Parrhasius ist reich, und lebt auf einen ziemlich Asiatischen Fuss. Ich sah
verschiedne schöne Sklaven und Sklavinnen in seinem Hause, und eine der letztern
schien mir seiner Leda sehr ähnlich zu sehen. Und so viel von deinem berühmten
Kunstverwandten.
    Ich brauche dir nicht zu sagen, wie ungeduldig ich nach der Ausführung
deiner zwei herrlichen Ideen bin. Für die kleine Rache, die du für mich an dem
spitznasigen Plato genommen hast, hat dir Lais, wie ich höre, schon in ihrem und
meinem Namen gedankt. Strenger wird ihn hoffentlich sein eigenes Gefühl
bestrafen, wenn er hören wird, dass er mit drei hämischen Worten einen Jüngling,
der wahrlich der Sokratischen Bildung Ehre gemacht haben würde, zur Verzweiflung
getrieben hat.
 
                                      58.
                               Lais an Aristipp.
Läugne nur nicht, Aristipp, dass du eifersüchtiger bist, als du mir und
vielleicht dir selbst gern gestehen möchtest. Wenn es so ist, so hast du
Unrecht, mein Freund. Ein Kuss ist am Ende doch nichts mehr als ein Kuss, und wenn
in einer kleinen Berauschung auch ein halbes Duzend daraus geworden wären, so
sollte, dächt' ich, um eines so guten Einfalls willen wie der, wofür Kleonidas
sie bekam, eine solche Kleinigkeit einem Freunde wohl zu gönnen sein. Oder
könntest du auch nur im Traume den Argwohn hegen, ich sei leichtsinnig genug,
meine Musarion um einen Liebhaber wie Kleonidas bringen zu wollen? Ich werde
dir, mit deiner Erlaubnis, keine weitere Erläuterung über diese Sache geben;
genug wenn ich dir sage, dass zwischen ihnen beiden eine Art von Freundschaft
(wie sie es nennen) erklärt ist, die ich, ohne mich deutlich heraus zu lassen,
auf alle Weise begünstige, und, wenn sie noch einige kleine Proben ausgehalten
hat, zu beiderseitiger Zufriedenheit in einen ehelichen Liebesknoten zusammen zu
stricken gesonnen bin. Musarion ist eines Mannes wie Kleonidas wert, und
Kleonidas könnte in allen drei Weltteilen schwerlich ein Mädchen finden, das in
jeder Beziehung, es sei als Freundin und Lebensgefährtin, oder als Mutter seiner
Kinder, oder als Gespielin seiner fröhlichen Stunden, oder als Modell für seine
Lieblingskunst, sich besser für ihn schickte, als meine Musarion, die zu einer
seltnen Schönheit und Anmut, und einem Gemüt, das die Keime aller weiblichen
Tugenden in sich trägt, gerade so viel Verstand und Witz zum Anteil bekommen
hat, als ein Weib im Kreise des häuslichen Lebens nötig haben kann. Ich glaube
mich der Pflicht, die mir ihr edler Vater auferlegt hat, nicht besser als durch
eine solche Verbindung entledigen zu können, und ich freue mich voraus, dass mein
Plan deinen Beifall haben wird.
    Eurybates ist seit kurzem nach Aten zurückgekehrt, und wir werden die
Lücke, die ein so angenehmer Gesellschafter in unserm Cirkel lässt, nicht so
leicht ersetzt bekommen. Er hat mir mit einem schönen Medischen Eunuchen, der
ein trefflicher Sänger und Citerspieler ist, ein Geschenk gemacht. Was konnt'
ich da weniger tun, als ihm die Charis Droso zum Gegengeschenk aufzudringen? -
Oder zweifelst du etwa, dass ich grossmütig genug zu einem solchen Opfer war? -
Gleichwohl tat ich's nicht. Ich begnügte mich, ihr die Freiheit zu schenken,
und überliess es ihr selbst, mit ihrer Person nach eignem Belieben zu schalten.
Eurybates verliert nichts dabei. Sie begleitet ihn nach dem schönen Aten, und
wenn sie die Sokratischen Lehren, die ich ihr mitgegeben habe, befolgen will, so
wird sie wahrscheinlich Ursache haben, mit ihrem Loose zufrieden zu sein. - Ich
pfusche der Ehestifterin Here ziemlich stark ins Handwerk, wie du siehst; es ist
eine wahre Liebhaberei bei mir, und muss wohl an einer Person, die so ungeneigt
ist sich selbst binden zu lassen, seltsam genug scheinen. Erkläre dir's wie du
kannst; ich mag mir den Kopf nicht zerbrechen, die Ursache davon zu ergründen.
    Du schreibst mir, du habest den Hippias in meinem Namen ersucht, uns seine
Gedanken über die letzten Reden des Sokrates im Phädon mitzuteilen. Wozu das?
was kümmert mich's, wie Hippias über diese Dinge denkt? wenn ich jemands
Gedanken darüber wissen möchte, so sind es die deinigen; wenigstens so lange ich
keinen andern kenne, mit dem ich, in allem was Interesse für mich hat, lieber
sympatisieren möchte als mit dir.
 
                                      59.
                             Kleonidas an Aristipp.
Fast besorge ich, Freund Aristipp, irgend eine gefällige Epheserin habe das Bild
unsrer edeln Freundin in deinem Kopf ein wenig abgebleicht. Du möchtest wissen,
schreibst du mir, was sie zu dem Preise, den Parrhasius auf seine Leda setzt,
sagen würde? - Das will ich dir nicht verhalten, mein Lieber. »Parrhasius,«
sagte sie, »mag nur in Zeiten, wofern es nicht schon geschehen ist, für eine
hübsche Anzahl Copien sorgen; denn an Leden, die seinen Preis nicht zu hoch
finden werden, kann es ihm so leicht nicht fehlen; und er wird wahrscheinlich,
wenn ihm die Lust ankommt den Schwan zu spielen, jede lebende schöner finden als
seine gemalte.« - Dies ist alles was sie sagte, und ich dächte das hättest du
erraten können.
    Ich bin im Begriff nach Teben und Aten abzugehen, und hoffe meine Leute in
wenig Tagen beisammen zu haben. Denn ich brauche nichts als Umrisse und hier und
da einen charakteristischen Strich; das übrige soll sich wohl in meinem
Gedächtnis erhalten. Meinen Rückweg werde ich über Samos nehmen, wo bei einer
öffentlichen Gemäldeausstellung Parrhasius und Timantes mit einigen andern um
den Preis streiten werden, den eine Gesellschaft von Kunstliebhabern auf die
beste malerische Darstellung des Streits um die Waffen Achills im Lager der
Griechen vor Troja ausgesetzt hat. Doch, das hast du ja schon vom Parrhasius
gehört. Die Reise nach Mitylene hat mir ein glücklicher Zufall erspart. Der
Besitzer des berühmten Demos Atenäôn ist vor einiger Zeit gestorben; seine
gesammelten Kunstwerke werden von seinen Erben verkauft, und jenes kostbare
Stück hat Hegesander, ein Günstling des Plutus zu Milet, um fünfhundert Dariken
an sich gebracht. Ohne Zweifel wird es, um die Zeit da du nach Milet zurück
kommst, in seiner Galerie zu sehen sein. Parrhasius hat viel geleistet; aber die
Kunst ist unendlich. Keiner kann alles, keiner erreicht das Ziel, und selbst in
dem, worin einer alle seine Vorgänger übertroffen hat, kann und wird er von
irgend einem Nachfolger übertroffen werden. Zeuxis wird wegen der Richtigkeit
seiner Umrisse und des Täuschenden seiner Färbung bewundert: Parrhasius glaubt,
es ihm in beidem zuvorzutun, und hat vielleicht Recht; aber dass er die höchste
Stufe in beidem schon erstiegen habe, glaube ich wenigstens nicht, wenn ich auch
nicht sagen könnte, worin, geschweige wie er übertroffen werden könne. Die
Fortschritte, welche die Malerkunst in den letzten dreissig Jahren gemacht hat,
sind zum Erstaunen; lass' uns noch dreissig oder vierzig Jahre leben, und wir
werden vielleicht aus den Schulen derer, die jetzt den Vorsitz haben, eines
Parrhasius, Timantes, Zeuxis, Pausias, Künstler hervorgehen sehen, die diese
eben so weit hinter sich zurücklassen162, als sie ihren Lehrmeistern
vorgesprungen sind. Da ich des Timantes erwähnt habe, darf ich nicht vergessen,
dass er sich diesen ganzen Monat über zu Milet aufgehalten hat, um das Gemälde zu
vollenden, womit er zu Samos um den Preis streiten will. Ich habe mich, wie du
denken kannst, um seine Freundschaft beworben; Lais begegnet ihm mit
ausgezeichneter Achtung, und er fehlt nie bei den Symposien, die sie den
vorzüglichsten Männern, Einheimischen und Fremden, welche sich hier aufhalten,
häufig zu geben pflegt. Zur Erkenntlichkeit hat er sie mit einem kleinen Gemälde
beschenkt, worauf Hebe der Götterkönigin eine Schale mit Nektar reicht, und in
dieser die schöne Lais, in jener die liebliche Musarion unverkennbar ist,
wiewohl ihm keine von beiden gesessen hat. Ehe ich dieses Stück sah, hatte ich
keinen Begriff davon, dass man gemalten Augen so viel Geist, gemalten Lippen und
Wangen eine so herzgewinnende Beredsamkeit geben, und aus dem Ganzen einer
nachgeahmten Gestalt einen so täuschenden Widerschein des unsichtbaren Innern
hervorleuchten lassen könne. Ich müsste mich sehr irren, oder hier ist mehr als
Parrhasius. - Timantes würde sich auch ohne sein Talent in jeder guten
Gesellschaft als ein vorzüglicher Mensch ausnehmen; so wie unter seinen
Kunstverwandten wenige sein mögen, die mit so viel Ursache zum Stolz eine so
edle Art von Bescheidenheit besitzen wie er.
    Aus unsrer Vaterstadt, lieber Aristipp, habe ich kürzlich so gute
Nachrichten erhalten, dass die immer näher rückende Aussicht an meine Zurückkunft
mich erfreuen würde, müsst' ich mich nicht von so manchen liebenswürdigen
Personen trennen, die ich in Griechenland zurücklassen werde, mit der Gewissheit
sie nirgends wieder zu finden, als vielleicht da, wo der arme Kleombrot zu
frühzeitig hingegangen ist.
 
                                      60.
                              Hippias an Aristipp.
Kaum kann ich glauben, dass die schöne und - allzuweise Lais im Ernst zu wissen
verlange, was ich von dem Phädon des jungen Platon halte. Wenn sie ihn (was ich
doch voraussetzen muss) gelesen hat, so kann sie sich selbst am besten sagen, ob
sie durch die vorgeblichen Beweise der Unvergänglichkeit und Unsterblichkeit der
Seele, die er seinem Meister in den Mund legt, überzeugt ist oder nicht. Ich für
meine Person erinnere mich nicht, in meinem ganzen Leben etwas Frostigeres und
weniger Befriedigendes über diesen Gegenstand gehört oder gelesen zu haben.
Wahrlich es steht schlecht mit der Hoffnung derer, die sich ewig zu leben
wünschen, und weil das Recept zu Medeens Kräuterbad verloren gegangen ist, und
die Quelle der Jugend erst noch entdeckt werden soll, kein andres Mittel, ihres
Wunsches teilhaft zu werden, sehen, als nach dem Tode in einer unsichtbaren
Welt ein neues Leben zu beginnen - es steht (sage ich) schlecht um ihre
Hoffnung, wenn sie auf keinem festern Grunde ruht, als auf der Behauptung: »es
müsse auf den Tod ein neues Leben folgen, weil das Erwachen aus dem Schlaf
entstehe, und beides eine notwendige Folge davon sei, dass jedes Ding, dem etwas
entgegen gesetzt ist, aus diesem Entgegengesetzten entspringe.« Was wird die
Nachwelt (wofern dieses Platonische Machwerk seinen Schöpfer überleben sollte)
von Sokrates und von denen, die ihn für einen Weisen hielten, denken müssen,
wenn sie liest, dass er ein paar Stunden vor seinem Tode seine besten Freunde,
lauter gesetzte und zum Teil schon bejahrte Leute, mit so läppischen
Fragstücken, wie man sie etwa an ein Kind von drei Jahren tun könnte,
unterhalten habe; und sollte sie wohl glaublich finden, dass so verständige junge
Männer, wie Cebes und Simmias, sich diese kindische Art von Belehrung hätten
wohlgefallen lassen? Oder was denkst du dass man zu einem Dialog, im Geschmack
der kleinen Probe, die ich mir (wundershalben) abzuschreiben die Mühe geben
will, sagen werde?
    Sokrates (zu Cebes). Was meinst du, Cebes, ist irgend etwas dem Leben so
entgegengesetzt als das Schlafen dem Erwachen?
    Cebes. Allerdings.
    Sokrates. Was denn?
    Cebes. Gestorben sein.
    Sokrates. Entstehen nicht beide aus einander entgegen gesetzten Dingen, und
muss es nicht mit ihren respectiven Entstehungen (geneseis) eben dieselbe
Bewandtnis haben?
    Cebes. Wie könnt' es anders?
    Sokrates. Ich will dir nur das eine Paar der so eben genannten Dinge sagen,
so wohl sie selbst als ihre Entstehungen; und du sagst mir dann das andere. Ich
setze also, schlafen und wachen, und nun sag' ich: aus dem Wachen entsteht das
Schlafen, und umgekehrt aus dem Schlafen das Wachen, und ihre Entstehungen sind,
vom einen das Einschlummern, vom andern das Aufwachen. Hab' ich es deutlich
genug gesagt oder nicht?
    Cebes. Sehr deutlich.
    Sokrates. Nun sage du mir auch, wie es sich mit dem Leben und dem
Gestorbensein verhält. Sagst du nicht, dass Leben das Gegenteil sei von
Gestorbensein?
    Cebes. Allerdings.
    Sokrates. Und dass sie aus einander entspringen?
    Cebes. Ja.
    Sokrates. Was wird also aus dem Lebenden?
    Cebes. Das Gestorbene.
    Sokrates. Und aus dem Gestorbenen?
    Cebes. Notwendig muss man bekennen, das Lebende.
    Sokrates. Diesem nach, mein lieber Cebes, entstehen die Lebenden aus den
Gestorbenen?
    Cebes. So scheint es.
    Sokrates. Unsre Seelen sind also im Hades?
    Cebes. Man sollt' es denken.
    Sokrates. Und, was ihre beiderseitigen Entstehungen betrifft, liegt nicht
die eine klar am Tage? Denn Sterben ist doch etwas Augenscheinliches; oder
nicht?
    Cebes. Ganz gewiss.
    Sokrates. Wie wollen wir nun weiter verfahren? Wollen wir das, was aus dem
Gestorbensein entsteht, nicht ebenfalls für etwas Entgegengesetztes halten?
Sollte die Natur nur hier allein hinken? Oder müssen wir eine dem Sterben
entgegengesetzte Entstehung annehmen?
    Cebes. Das müssen wir allerdings.
    Sokrates. Was für eine also?
    Cebes. Das Wiederaufleben.
    Sokrates. Wenn nun ein Wiederaufleben stattfindet, wäre da nicht das
Wiederaufleben eine Entstehung des Lebenden aus dem Gestorbenen?
    Cebes. Unstreitig.
    Sokrates. Wir sind also genötigt als etwas Ausgemachtes einzuräumen, dass
die Lebenden eben sowohl aus den Gestorbenen entspringen, als die Gestorbenen
aus den Lebenden; und wenn dies ist, so haben wir einen hinreichenden Grund
anzunehmen, dass die Seelen der Verstorbenen irgendwo sein müssen, von wannen sie
wieder geboren werden können?
    Cebes. Aus dem Eingestandenen folgt dies notwendig, u.s.w.
    Nun frage ich dich, Aristipp, ob das unauslöschliche Lachen der seligen
Götter im ersten Buch der Ilias hinlänglich wäre, eine solche Manier zu
philosophiren nach Würden zu belachen? Und in was für ein unendliches und
unermessliches Wiehern müssten erst die besagten Götter (die über ihren neuen,
dienstfertig von einem zum andern herum hinkenden Mundschenken so entsetzlich
lachen konnten) ausbersten, wenn sie ein Paar gravitätische Leute unter den
Wolken, über Dinge wovon sie nichts verstehen noch wissen können, im höchsten
Ernst so possirlich irre reden hörten? Gleichwohl lässt Plato den guten alten
Sokrates, seinen ganzen Sterbetag über, in diesem Geschmack dialogiren, und der
ganze Discurs dreht sich immer um diesen feinen Beweis herum. Und welch ein
Beweis! Aus einer Induction, die am Ende auf ein blosses Spiel mit Worten hinaus
läuft, und auf dem grundlosen Vorgeben beruht: wenn zwei einander
entgegengesetzte Dinge auf einander folgen, so entstehen sie aus einander!
Diesem Grundsatz zufolge könnt' er uns eben so bündig beweisen, ein Hungriger
müsse notwendig satt werden, wenn er gleich nichts zu essen hat, oder die alte
Hekube müsse wieder jung und eine zweite Helena werden; denn Hunger und
Sättigung, Alter und Jugend, Runzeln und Schönheit sind einander entgegengesetzt
und folgen auf einander, müssen also eben so notwendig aus einander
entspringen, als das Wachen aus dem Schlafen und das Leben aus dem Tode. Der
Beweis müsste sich gut ausnehmen, wenn er, nach dem obigen Muster, in kurzen
Fragen und Antworten, mit möglichster Langweiligkeit geführt würde! - Und
dennoch hat der sinnreiche junge Mensch in seiner subtilen Einbildungskraft
Mittel gefunden uns etwas noch Lächerrlicheres zum Besten zu geben. Wenn er
beweisen könnte, meint er, dass unsre Seelen vor diesem Leben schon irgendwo da
gewesen wären, so hätte er damit so gut als bewiesen, dass sie auch nach
demselben irgendwo sein könnten. Und wie führt er diesen Beweis? Alle Menschen,
sagt er, bringen eine Art von Begriffen mit auf die Welt, die sie weder durch
ihre eigenen Sinne noch durch fremden Unterricht erlangen. Wer daran zweifelt,
lege nur dem ersten besten Kinde von drei oder vier Jahren Fragen vor, zu deren
Beantwortung nichts als gemeiner Menschenverstand erfordert wird, und das Kind,
wenn es recht gefragt, das heisst, wenn ihm die Antwort auf die Zunge gelegt
wird, wird auch allemal die rechte Antwort geben. Man zeige ihm z.B. zwei Stücke
Holz von ungleicher Grösse, und frage: sind diese Stücke Holz gleich gross? so
wird es ohne Anstand mit Nein antworten. Wie könnt' es aber das, wenn es nicht
schon einen Begriff von der absoluten Grösse und Gleichheit hätte, den ihm doch
gewiss weder seine Amme noch sein Pädagog beigebracht haben? Woher also könnte
das Kind den Begriff vom Grossen und Gleichen an sich, das weder Holz noch Stein
noch irgend etwas anderes in die Sinne Fallendes ist, sondern bloss, als das für
sich bestehende Grosse und Gleiche, mit dem Verstande angeschaut werden kann,
woher könnt' es diesen Begriff haben, wenn es ihn nicht schon vor seiner Geburt,
also in einem vorhergehenden Leben, bekommen hätte? Und wie hätte es ihn auch in
diesem erhalten können, wenn es nicht in einer Welt gelebt hätte, wo Gross und
Gleich, Rund und Eckicht, Warm und Kalt, kurz alle durch die Sprache
bezeichneten abstracten und allgemeinen Begriffe, wie sie Namen haben mögen, als
selbstständige, wiewohl unkörperliche und übersinnliche Wesen, eine uns
Sterblichen unbegreifliche Art von Existenz haben, oder vielmehr die einzigen
wahrhaft und ewig existierenden Dinge (ta ontos onta) sind? In dieser
unsichtbaren Welt lebten einst unsre Seelen, mitten unter diesen, nur dem reinen
Verstand anschaubaren Dingen, das wahre Geister- und Götterleben; und
vermutlich wird uns Plato (der in diesem Lande Nirgendswo ganz zu Hause zu sein
scheint) künftig noch offenbaren, wie es zugegangen. dass unsre besagten Seelen
aus einem so herrlichen Zustande in den schlammichten Pfuhl der Materie
herabgeworfen, und in tierische Körper, als in eine Art von dunkeln
unterirdischen Kerkern (wie er sagt) eingesperrt worden, wo sie durch die fünf
Sinne, als eben so viele Spalten in der Mauer, die Schatten jener wirklichen
Wesen erblicken, und bei diesen wesenlosen Erscheinungen sich jener, wiewohl nur
dunkel, wieder erinnern. Genug vor der Hand, dass es so und nicht anders ist, und
dass, nach Platons positiver Versicherung, nichts törichter und erbärmlicher
sein kann, als der unglückliche Wahn, worin wir andern gemeinen Menschen
befangen sind, als ob die Erde, worauf wir herum kriechen, die wahre Erde, und
das Scheinleben in dieser Sinnenwelt, zu Korint, Aegina oder Milet, wo wir uns
(unter den gehörigen Bedingungen) sehr wohl zu befinden glauben, das wahre Leben
sei. Nichts weniger! Im Gegenteil, es ist ein so elender Zustand, dass der
ärmste Sklave in den Bergwerken von Laurium, wenn er wie Plato philosophiren
könnte, unendlich glücklicher wäre, als mein Freund Aristipp an einem mit allem,
was Land und Meer Köstliches hat, besetzten Tische, der schönen Lais gegenüber,
in der auserlesensten, fröhlichsten Gesellschaft und unter den angenehmsten
Unterhaltungen. Kurz, so lange unsre Seelen, an den Leib gefesselt, in den
finstern Höhlen und Grüften dieser unterirdischen Erde schmachten, und bis sie
durch den Tod - der aber freilich nur dem Platonisirenden Philosophen ein
freundlicher Genius ist - wieder ins wahre Leben geboren, und zum Anschauen und
unmittelbaren Umgang mit den sämmtlichen Neun- und Zeit- auch Vor-und
Verbindungswörtern an sich emporgestiegen sein werden, ist (ausser dem
philosophischen Tod, wodurch der Platonische Weise sich bereits in dem
gegenwärtigen Scheinleben eine freilich noch etwas ärmliche Art von Existenz
verschaffen kann) an kein wahres Leben, geschweige an etwas, das den Namen
Glückseligkeit verdiente, zu gedenken.
    Frage doch die schöne Lais in meinem Namen, wie sie sich in der Gesellschaft
dieser Platonischen Stammwesen, zwischen der selbstständigen Langweile und dem
absoluten Hojahnen, gefallen würde, und sie wird mir hoffentlich zu gut halten,
dass ich mich über solche Hirngespenster nicht ernstafter erkläre. In der Tat
kann ich es mir selbst kaum verzeihen, dass ich mich so lange dabei aufgehalten,
zumal da ich mich dadurch so verstimmt habe, dass ich dir nichts weiter zu
schreiben weiss, als dass ich vor wenigen Tagen zu Samos angekommen bin, und durch
die gute Besorgung meines Freundes Zenodor sogleich eine bequeme Wohnung bezogen
habe, worin ich dich je eher je lieber zu bewirten hoffe.
 
                                      61.
                               Aristipp an Lais.
Wenn der Brief des Hippias, von welchem ich dir hier eine Abschrift überreiche,
Stoff zu angenehmer Unterhaltung in einer deiner musurgischen163
Abendgesellschaften geben könnte, so würde ich mich wegen der kleinen Ungebühr,
wodurch ich ihn erschlichen habe, hinlänglich entschuldiget halten. Du wirst
finden, dass er ein wenig unbarmherzig mit dem armen Plato umgeht, und das neu
ausgestellte hermaphroditische Mittelding von Dialektik und Poesie von einer zu
schiefen Seite betrachtet, um ihm völlige Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Indessen scheint doch Plato selbst (zu seiner Ehre gesagt!) keine grosse Meinung
von der Stärke seiner Beweise für das künftige Leben unsrer Seelen im Hades und
in der überirdischen Erde zu hegen; auch geht auf dem langweilig
fortschneckenden Wege des Fragens und Antwortens so viel Kraft verloren; die
wackern Tebanischen Jünglinge, Cebes und Simmias, die dadurch entbunden werden
sollen, fühlen sich durch die Operation so abgemattet und die so mühsam zur Welt
gebrachte Frucht selbst scheint so viel dabei gelitten zu haben, - dass es mich
nicht wundert, wenn die sämmtlichen Interessenten kein sonderliches Vertrauen in
ihre Dauerhaftigkeit zu setzen scheinen, und sich des Zweifels, ob es auch
richtig mit der Niederkunft zugegangen, nicht recht erwehren können. Wie sollten
sie auch, da Sokrates selbst sich am Ende, wie es nun Ernst werden soll, mit
blossen Vermutungen und Hoffnungen behilft, und die reine Auflösung des Problems
von der Erfahrung, die er zu machen im Begriff ist, erwartet?
    Es bedarf keines tiefen Nachdenkens, um zu sehen, dass über den Zustand der
Seele nach dem Tode nicht eher etwas entschieden werden kann, bis erst eine
befriedigende Antwort auf folgende Fragen gefunden ist: was ist unsre Seele? -
Wo und was war sie, bevor sie mit diesem Leibe verbunden wurde, ohne dessen
Vermittlung sie, dermalen, weder empfinden, noch denken, noch wirken kann? Ist
diese Unentbehrlichkeit ihres Organs eine blosse Bedingung unsers gegenwärtigen
Lebens? Oder kann sie auch ohne dasselbe, als ein für sich bestehendes Wesen,
fortfahren zu denken und zu wirken? Und, wofern dies nicht möglich wäre, kennen
wir irgend ein Gesetz oder eine Veranstaltung in der Natur, vermöge deren sie
wieder mit einem andern, ihrem Bedürfnis angemessenen Leibe versehen werden
könnte und müsste?
    Es fehlt viel, dass der Platonische Sokrates auch nur Eine dieser Fragen so
beantwortet hätte, dass die Unmöglichkeit des Gegenteils augenscheinlich wäre.
Gesetzt aber auch sie könnten so beantwortet werden, so wäre uns doch nur die
Möglichkeit der Sache begreiflich gemacht, und es käme noch immer darauf an: ob
alles Mögliche auch erfolgen müsse? oder, ob nicht die Erfahrung der einzige Weg
sei, worauf wir gewiss werden können, dass unsre Seele den Verlust ihres Organs
wirklich überleben werde?
    Bei dieser Bewandtnis der Sache ist klar, dass, so lange die Menschen nicht
Mittel finden, den dichten Vorhang, der noch immer vor die Mysterien der Natur
gezogen ist, aufzuziehen, nichts völlig Gewisses über das Fortdauern der Seele
und ihren Zustand nach diesem Leben festgesetzt werden könne. Hoffnungen,
Vermutungen, Hypotesen, sind alles, womit derjenige sich behelfen muss, der
sich in den Gedanken nicht beruhigen kann: alles unter der Sonne hat einen
Anfang und ein Ende; nichts besteht immer unter seiner gegenwärtigen Gestalt;
alle Naturwesen, die wir kennen, haben einen gewissen Punkt der Reife, nach
dessen Erreichung sie wieder abnehmen, und endlich, indem sie in ihre ersten
Bestandteile wieder aufgelöset werden, aufhören zu sein was sie waren. Sollte
nicht auch der Mensch sich dieses allgemein scheinende Naturgesetz, wofern es
wirklich allgemein wäre, gefallen lassen? Warum nicht, wie ein gesättigter Gast
von der Tafel der Natur aufstehen und sich schlafen legen? - »Um nie wieder zu
erwachen?« - Warum nicht, wenn wir dazu geboren sind? - Oder fühlst du auch,
Laiska, dass etwas in dir ist, das sich gegen diesen Gedanken auflehnt? Eine Art
von dunkelm aber innigem Gefühl, dass dein wahres eigentliches Ich eben darum
immer fortdauern wird, weil es ihm unmöglich ist, sein eigenes Nichtsein zu
denken; weil wir ohne Unsinn zu reden nicht einmal vom Nichtsein reden können?
Sollte die Behauptung, »dass das Selbstständige in uns, welches unter allen
Veränderungen, denen es unterworfen sein mag, immer sich selbst gleich bleibt,
unvergänglich sei,« noch einen andern Beweis bedürfen, als diesen: dass es uns
eben so unmöglich ist Etwas als Nichts, wie Nichts als Etwas zu denken; und dass
sich weder eine Ursache, wie, noch ein Zweck warum es zu sein aufhören sollte,
ersinnen lässt? Sollte dies nicht die ganz einfache natürliche Ursache sein,
warum uns der Gedanke an den Tod so selten und wenig beunruhigt? Wenn er sich
uns auch darstellt, so wirkt er wenig mehr auf uns, als wenn uns jemand in
grösstem Ernst versicherte, wir seien nicht da, wiewohl wir selbst uns unsers
Daseins aufs lebendigste bewusst wären.
    Ich rede, wie du siehst, von Menschen unsers gleichen; denn dass es mit
denen, die unter der Gewalt einer ungezügelten Einbildungskraft stehen und sich
vor den Schreckbildern des Tartarus und Pyriphlegeton grauen lassen, gleiche
Bewandtnis habe, will ich keineswegs behaupten. Indessen begehre ich eben so
wenig zu läugnen, dass unsre Ruhe bei dem Gedanken des Todes, insofern sie sich
auf die gefühlte Unmöglichkeit des Nichtsseins gründet, nicht vielleicht eine
blosse Täuschung sei, die aus dem üppigen Gefühl einer vollströmenden Lebenskraft
entspringen, und uns dereinst, wenn die Quelle zu versiegen beginnt, wieder
verlassen könnte.
    Es wäre also nicht überflüssig, wenn wir der Natur noch andere Fingerzeige
ablauerten, die uns auf Betrachtungen hin wiesen, wodurch wir der
Unzulänglichkeit jenes ahnenden Gefühls zu Hülfe kommen könnten. Sollte Plato
nicht am Ende doch Recht haben, wenn er behauptet: unsre Seele bedürfe des
Leibes nicht schlechterdings zu ihren eigentümlichen Verrichtungen; er sei ihr
darin mehr hinderlich als behülflich, und sie würde ohne ihn nur desto besser
denken und wirken können? - Dass er (wie es seine Art ist) die Sache übertreibt,
und Folgen daraus zieht, vermöge deren er den Körper als ein Gefängnis der Seele
betrachtet, dadurch wollen wir uns nicht irre machen lassen. Wir gönnen ihm
diese Vorstellungsart sehr gern, und er wird uns dafür erlauben, unsern Körper
(dermalen wenigstens) für ein ganz bequemes, mit allem Nötigen und vielem
Nützlichen und Angenehmen wohl versehenes Wohnhaus unsrer Seele anzusehen. Die
Frage sei also jetzt nur: kann unsre Seele, unter gewissen Umständen, der Organe
ihres Körpers zu ihren eigentümlichen Verrichtungen entbehren, oder nicht? -
Was wir schlafend in Träumen erfahren, wird uns vielleicht einiges Licht
hierüber geben können. Es ist wohl kein Zweifel, dass wir im Traum ohne Zutun
unsrer Augen und Ohren sehen und hören, ohne Hülfe der Füsse gehen, ohne die
Sprachwerkzeuge wirklich zu gebrauchen reden, kurz, dass die Seele zu wachen
glaubt und sich in voller Aktivität befindet, während ihr Körper in tiefer Ruhe
abgespannt und unbeweglich da liegt, und die Organe der Sinnlichkeit und die
äusserlichen Gliedmassen überhaupt, so viel wir wenigstens wissen, nicht das
Geringste zu den Verrichtungen derselben beitragen. Aber hüten wir uns, einen zu
raschen Schluss aus dieser Erfahrung zu machen. Auch im Traume bleibt die Seele
an ihren Körper gebunden; sie wähnt mit seinen Augen zu sehen, mit seinen Ohren
zu hören, und sich aller seiner Gliedmassen, mit und ohne ihre Willkür, zu
bedienen; kurz, ihr Körper (wiewohl er keinen Anteil an dem, was in ihrem
Innern vorgeht, zu nehmen scheint) bleibt auch im Traume ihr unzertrennlicher
Gefährte, der beständige Typus ihrer Vorstellungen, und das unmittelbare
Werkzeug ihrer unfreiwilligen Empfänglichkeit sowohl, als ihrer willkürlichen
Selbstbewegungen.
    Indessen ist bemerkenswert, dass sie in diesem sonderbaren Zustande zwar
immer mit ihrem Körper vereinigt ist, aber viel weniger von ihm eingeschränkt
wird als im Wachen. Wir versetzen uns mit der Leichtigkeit einer Flaumfeder in
einem Augenblick an die entferntesten Orte, wir fliegen ohne Flügel durch die
Luft, gehen unbenetzt und unversengt durch Wasser und Feuer u.s.w., auch sind
die Beispiele nicht selten, dass unsre geistigen Kräfte im Träumen viel höher
gespannt sind als im Wachen, und dass wir Dinge vermögen, wozu wir wachend
entweder gar keine oder eine nur geringe Anlage besitzen.
    Seltner, aber doch zuweilen, ist es als ob wir zu einer höhern Art von
Existenz gelangt wären; wir sehen schärfer, hören feiner, fühlen zärter, als im
Zustande des Wachens; die Gegenstände unsrer Liebe zeigen sich uns wie durch ein
reineres Medium, und die Gefühle und Gesinnungen, die sie in uns erzeugen, sind
von aller gröbern Sinnlichkeit dermassen geläutert, dass wir darüber erstaunen
müssten, wenn sie uns in diesem erhöhten Zustande nicht ganz natürlich vorkämen.
Ich selbst, Laiska, habe dich im Traume (was unglaublich ist) noch schöner
gesehen als du mir wachend erscheinst; ich wusste dass du es warst, und doch sah
ich die himmlische Göttin der Schönheit und Liebe selbst in dir, und es gibt
keine Worte, das was ich fühlte zart und rein genug auszudrücken.
    Sollte sich nun aus allem diesem nicht mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit
schliessen lassen: unsre Seele - die im Träumen ohne wirkliche Hülfe der äussern
Sinne sieht und hört, und desto schönere Erscheinungen hat, desto leichter,
fröhlicher und unbeschränkter ihre eigenen Kräfte spielen lässt, je grösser die
Untätigkeit des Körpers ist - sie werde, durch die gänzliche Befreiung von den
Einschränkungen desselben sich selbst nur desto stärker fühlen, ihre
mannichfaltigen Kräfte nur desto freier und freudiger entwickeln, und, mit Einem
Wort, anstatt aufzuhören zu sein, erst recht zu leben anfangen? Man sollt' es
meinen; und doch wäre dieser Schluss noch zu rasch. Unser Freund Hippias könnte
uns einwenden, »der Körper sei im Zustande des Träumens so untätig nicht als es
scheine; blieben gleich die äussern Organe dabei aus dem Spiele, so seien ohne
Zweifel die innern desto geschäftiger; die allgemeine Erfahrung, dass zu schönen,
anmutigen und mit einer Art von poetischer Wahrheit zusammengesetzten Träumen
ein gesunder Schlaf notwendig sei, ein Fieberkranker hingegen von lauter
wilden, düstern, wahnsinnigen und schreckhaften Träumen geängstigt werde, diese
Erfahrung allein beweise schon hinlänglich, dass der Körper zu unsern Träumen
mehr beitrage, als wir angenommen hätten, und wir seien also noch keineswegs
berechtigt, von der Selbsttätigkeit unsrer Seele im Träumen auf die Fortdauer
derselben nach der gänzlichen Trennung vom Leibe zu schliessen.« - Was hätten wir
wohl hierauf zu antworten?
    So leicht, denke ich, wollen wir uns die Waffen nicht aus den Händen ringen
lassen. Der letzte Einwurf wenigstens wird uns wenig zu schaffen machen, denn er
ist vielmehr für als wider uns. Gerade der Umstand, dass ein gesunder, d.i. ein
ruhiger Schlaf, ein sehr gemässigter Lauf des Blutes und eine allgemeine
Erschlaffung der Nerven, notwendige Bedingungen derjenigen Art von Träumen
sind, auf welche wir unsere Vermutungen gestützt haben, gerade dieser Umstand
beweiset, dass die Seele im Träumen der Mitwirkung des Körpers wenig oder gar
nicht bedarf; und daraus, dass unordentliche Bewegungen und stürmische
Erschütterungen des animalischen Systems das Gehirn mit wilden und grässlichen
Phantomen anfüllen, folget keineswegs, dass auch zu den schönen und anmutigen,
ja zuweilen sogar sinnreichen und sublimen Träumen, die uns im Zustande eines
ruhigen Schlummers erscheinen, eine besondere Mitwirkung des Körpers nötig sei.
Nicht so leicht dürfte hingegen der Behauptung - »dass bei aller Ruhe der äussern
Organe die innern - des Gehirns vermutlich - desto geschäftiger im Träumen sein
könnten,« - mit Grund zu widersprechen sein, da es uns noch viel zu sehr an
Beobachtungen und genauer Kenntnis der feinsten Teile unsers Körpers mangelt.
Aber führt uns nicht dieser Einwurf selbst auf den Gedanken: dass das innerste
und unmittelbarste Organ unsrer Seele (eben dasselbe, das bei den Träumen, wovon
die Rede ist, mitwirken soll) aus einem unendlich feinern Stoff als der gröbere
Körper, der ihm gleichsam nur zum Tribonion164 dient, gebildet, und von einer so
vollkommenen und unzerstörbaren Natur sein könnte, dass die Seele immer damit
bekleidet bliebe, und nach der Trennung von ihrem sichtbaren Körper, vermittelst
desselben sowohl ihr eigenes Geschäft fortsetzte, als in einer Art von
Zusammenhang mit der äussern Welt verbliebe, oder vielmehr sich zwar in eine neue
Welt versetzt fände, aber auch sogleich in derselben zu Hause wäre, und indem
sie ihren neuen Zustand an den vorigen anzuknüpfen wüsste, im Grunde doch ihre
vorige Art zu sein, nur auf eine ihrer Natur gemässere Weise fortsetzte?
    Der Einwurf, »dass sich das wirkliche Dasein eines solchen unsichtbaren
Seelenorgans nicht beweisen lasse,« braucht uns nichts zu kümmern; denn, da es
bloss darauf ankommt, uns irgend ein mögliches Mittel, wie die Seele nach dem
Tode fortdauern könne, zu denken, so ist es schon genug, dass uns die
Unmöglichkeit desselben nicht bewiesen werden kann: ob es sich wirklich so
verhalte, kann die einzige Offenbarerin dessen was wirklich ist, die Erfahrung,
allein bewähren.
    Indessen bedürfen wir auch dieser Hypotese nicht, um zu begreifen, wie
unsre Persönlichkeit, oder das, was unser eigentliches Ich ausmacht, und was man
gewöhnlich unter dem Wort Seele versteht, nach der Trennung vom Körper
fortdauern könne. Wenn wir sehen, so ist es ja nicht das Auge, wenn wir hören,
nicht das Ohr, was sich der Vorstellung bewusst ist, die durch das Sehen und
Hören in uns veranlasst wird; die Seele ist es welche sieht und hört, so wie sie
allein es ist, was, aus jenen Darstellungen der Sinne, Begriffe und Gedanken
erzeugt, sie vergleicht und unterscheidet, trennt und zusammensetzt u.s.f. Die
Art und Weise, wie unsre Seele mit ihrem Körper zusammenhängt, ist eines der
unerforschlichen Geheimnisse der Natur; ich weiss nichts davon: aber dass dieses
Ich, das sich selbst fühlt, sich selbst betrachtet, sich selbst bewegt, sich
vieles Vergangenen erinnert, viel Künftiges vorhersieht, und, indem es beides
mit dem Gegenwärtigen verbindet, der Baumeister einer eigenen Welt in sich
selbst wird; dieses Ich, dessen wesentlichste Bedürfnisse Wahrheit, Ordnung,
Schönheit und Vollkommenheit sind, das nur durch den Genuss derselben befriedigt
wird, und immer beschäftigt ist, sie in sich selbst und ausser sich
hervorzubringen, - dass dieses Ich ein von meinem Körper ganz verschiedenes Etwas
ist, dies weiss ich so gewiss, als ich mir selbst bewusst bin. Warum also sollte
aus meiner dermaligen Einschränkung durch einen organischen Körper notwendig
folgen, dass er mir zu meinem Dasein, oder, was eben so viel ist, zum Gebrauch
meiner Kräfte und Fähigkeiten, in und ausser mir, schlechterdings unentbehrlich
sei? Ist diese Folgerung nicht von eben derselben Art, wie der Irrtum jenes
Fussgängers, der den ersten Tessalischen Reiter, den er zu Gesichte bekam, für
einen Centauren ansah, weil er sich nicht vorstellen konnte, dass der Reiter,
sobald es ihm beliebe, absteigen und auf seinen eigenen Füssen gehen könne?
    Und nun, liebe Laiska, dünkt dich nicht auch, wenn wir alle diese
Betrachtungen mit der vorhin erwähnten Unmöglichkeit, uns selbst als nicht
existirend zu denken, zusammennehmen, es entstehe daraus ein hinlänglicher Grund
für uns, den Tod, den der Pöbel sich als das schrecklichste aller schrecklichen
Dinge vorstellt, für den Uebergang zu einer höhern Art von Dasein zu halten,
und, ohne ihn zu wünschen oder zu beschleunigen, ihm, wenn er von selbst kommt,
eben so ruhig ins Gesicht zu sehen, als Sokrates?
    Was denkst du dazu, meine Freundin? - Was mich betrifft, ich denke in diesem
Augenblicke, dass ich vermutlich der erste Mensch in der Welt bin, der sich
einfallen liess, eine Frau wie du - mit Todesbetrachtungen zu unterhalten, und,
was noch sonderbarer ist, der gewiss sein kann, die Grazien, Scherze und Freuden,
die dich immer und überall umgeben, nicht dadurch verscheucht zu haben.
 
                                      62.
                               Lais an Aristipp.
Ich bin eine zu grosse Liebhaberin vom Leben, mein lieber Aristipp, als dass ich
mich nicht sehr gern überreden lassen sollte, dass ich immer leben werde. Ich
rechne es dem spitzfindigen Plato (der so viel dabei gewänne, wenn er es weniger
wäre) zu keinem geringen Verdienst an, dass er dir durch seinen Phädon Anlass
gegeben, mich über diesen Punkt (der am Ende doch Alten und Jungen, Schönen und
Hässlichen gleich angelegen sein muss) mit mir selbst ins Reine zu bringen.
Indessen mag es wohl ganz gut für uns sein, dass alles Gewicht der Gründe, die
uns den Tod in einem so fröhlichen Lichte zeigen, dennoch keine völlige
Gewissheit hervorbringt; so dass ein Sokrates selbst nicht mehr dadurch gewinnt,
als es zuletzt, mit einer gewissen zwischen Hoffnung und Gleichgültigkeit leise
hin- und herschwebenden Ruhe, darauf ankommen zu lassen, was an der Sache sein
werde. Wären wir völlig gewiss, dass uns der Tod zu einer so grossen Verbesserung
unsrer Existenz befördern werde, wie ihr andern Philosophen uns so sinnreich
vorzuspiegeln wisst, wer wollte in den nackten Felsen von Seriphos165 grau
werden, wenn er nur seinen Kahn vom Ufer abzuschneiden brauchte, um in das
zauberische Land der Hesperiden166 oder in Platons überirdische Erde hinüber zu
fahren? Denn was dieser seinen Sokrates über unsre vorgebliche Soldatenpflicht -
»unsern Posten nicht eher zu verlassen bis wir abgelöst werden« - sagen lässt,
überzeugt mich nicht; und ich sehe nicht ein, was meine Freiheit über mich
selbst zu gebieten beschränken sollte, sobald meine dermalige Existenz nicht
anders als unter unerträglichen Bedingungen verlängert werden kann.
    Es ist sehr artig von dir, Lieber, dass du es in meine Wahl stellst, ob ich
mit oder ohne Körper fortzuleben hoffen will. Als ich deinen Brief erhielt, sass
ich eben einem grossen Spiegel gegenüber, und (ich gestehe dir meine Torheit)
ich konnte mich nicht entschliessen, bei meiner künftigen Reise in die
Geisterwelt, nicht wenigstens die Gestalt, die mir entgegen sah, mitzunehmen,
wenn ich auch allenfalls grossmütig genug sein könnte, dem palpabeln167 Teil
meines dermaligen Doppelwesens zu entsagen. Ob ich selbst ein zu materielles
Wesen bin, oder woran es sonst liegen mag, genug ich kann mich mit der
Vorstellung einer so ganz ausgezogenen splitternackten Seele nicht befreunden;
ein wenig Draperie muss um mich herfliessen; darauf habe ich, wie du weisst, nun
einmal meinen Kopf gesetzt. Der subtile Leib, den du meiner Seele zugestehst,
würde mir also seiner Leichtigkeit und Gewandteit wegen nicht übel behagen;
aber die Unsichtbarkeit, die du ihm (ich weiss nicht warum) beizulegen beliebst,
steht mir nicht an, und ich muss dich bitten, ihn mit so viel Lichtstoff zu
durchweben, dass er wenigstens aus einem halbdurchsichtigen Rosenwölkchen
gebildet zu sein scheine, und von meinen guten Freunden in der andern Welt ohne
Anstrengung ihrer Augen gesehen werden könne. Die sublime Gestalt, worin ich dir
im Traume zu erscheinen pflege, gibt mir gute Hoffnung, dass es gerade dieselbe
sein könnte, in welcher ich mich ihnen zu zeigen wünsche. Indessen wittre ich
doch einige Schwierigkeiten, und ich möchte wohl wissen, wie du es z.B. mit der
Geschlechtsverschiedenheit zu halten gedenkst? Ich gebe zu, dass ich bei der
Umgestaltung in einen Adonis oder Nireus von Seiten der Schönheit mehr gewänne
als verlöre; aber man ist doch immer lieber was man ist, und wenn der äterische
Leib, den du den Leuten in der andern Welt allenfalls noch lassen willst,
nichts, was vermutlich keinen Gebrauch mehr in derselben haben wird, behalten
soll, so muss eine Gestalt heraus kommen, gegen welche ich meine jetzige nicht
vertauschen möchte. Wie viel fällt bloss deswegen weg, weil wir (denke ich) nicht
mehr essen und trinken, oder wenigstens, um uns von Nektar und Ambrosia zu
nähren, keine so animalischen Verdauungs- und Absonderungswerkzeuge nötig haben
werden, wie dermalen? Und was wollten wir mit Armen und Beinen machen, da
vermutlich alle die Bedürfnisse und Verrichtungen, wozu sie in diesem Leben
nötig sind, dort aufhören werden? Kurz, ich sehe nicht, was von unsrer jetzigen
Organisation übrig bleiben könnte, als der Kopf, an welchen etwa noch ein paar
Flügel gesetzt werden könnten, die ihm zugleich zur Bewegung und zur Einhüllung
dienen würden. Wirklich gefällt mir diese Idee immer besser je mehr ich ihr
nachdenke, und mir ist ich würde mich an eine so leichte geistige Existenz in
Gesellschaft guter und schöner Köpfe sehr bald gewöhnen können. - »Aber ein
blosser Kopf, meint die kleine Musarion, wäre doch ihre Sache nicht; sie kann
sich keine Glückseligkeit ohne Liebe denken, und eine Liebe, die bloss im Kopfe
sitzt, scheint ihr etwas so Kaltes und Langweiliges, dass sie lieber ganz darauf
Verzicht tun wollte.« - Du kannst leicht denken, Aristipp, dass ich mich der
Köpfe mit gehörigem Eifer annahm, und behauptete: was ihnen allenfalls an Feuer
und Innigkeit abginge, würde reichlich dadurch ersetzt, dass sie die Liebe desto
feiner zu behandeln, ihr mehr Reiz der Mannigfaltigkeit zu geben, und sie
dadurch viel besser zu unterhalten und vor langer Weile und Sättigung zu
verwahren wüssten, als wenn sich die Hypochondrien168 mit ins Spiel mischten. Wir
stritten uns lange darüber, und kamen zuletzt doch darin überein, dass unsre
dermalige Art zu sein vor der Hand wohl die beste sein möchte. dabei, lieber
Aristipp, wollen wir's denn auch einstweilen bewenden lassen, und der guten
Mutter Natur zutrauen, sie würde uns weder das Verlangen noch die Kraft ins
Unendliche fort zu leben gegeben haben, wenn es nicht ihr Ernst wäre, dass mit
der Zeit noch etwas Besser's aus uns werden sollte. Wie sie das anstellen will,
ist ihre Sache; genug dass sie unser vollständigstes Zutrauen verdient, und (wie
Plato weislich sagt) in allem andern so verständig zu Werke geht, dass wir nicht
zu besorgen haben, sie werde in diesem Punkte allein sich selbst ungleich sein
und nicht wissen, was sie mit uns anfangen wolle.
 
                                      63.
                               Aristipp an Lais.
Es ist sehr natürlich, dass die Besitzerin eines Körpers, der den grössten
Künstlern das unerreichbare Ideal der Schönheit darstellt, sich nie von ihm zu
trennen wünschet, und also wenigstens seine Gestalt, wäre sie auch nur aus
Wolkenstoff gewebt, ins andere Leben mit hinüber nehmen möchte. Denn die
Feinheit des Stoffes würde der Schönheit so wenig nachteilig sein, dass sie
vielmehr dadurch erhöht werden müsste. Dessen ungeachtet, schöne Lais, scheint
dein Widerwille gegen das, was du eine splitternackte Seele nennst, mehr von
einer irrigen Vorstellung als von der Sache selbst herzurühren. Warum sollte es,
was die Schönheit betrifft, mit der Seele nicht eben dieselbe Bewandtnis haben
wie mit dem Leibe? So wie, nach der sehr wahrscheinlichen Behauptung unsers
Freundes Skopas, ein untadelig schöner Leib durch jede Bedeckung in den Augen
der Anschauer nur verlieren kann, und sich erst alsdann in seiner ganzen Glorie
zeigt, wenn er ohne alle Hülle gesehen wird: so mag auch vermutlich eine schöne
Seele nur dann, wenn sie nach gänzlicher Entkleidung vom Stoff in ihrer
eigentümlichen Gestalt erscheint, durch unmittelbares Anschauen des reinen
Ebenmasses aller ihrer Verhältnisse, und der Harmonie und Einheit, die in allen
Teilen und Ausschmückungen ihres Innern herrschet, dem anschauenden Geist einen
ungleich höhern Genuss der Vollkommenheit gewähren, als die Einwindelung in einen
Körper zulassen kann, der, wenn er auch aus Licht und Aeter gewebt wäre, doch
nie so durchsichtig sein könnte, dass er einem wahren Seelenliebhaber nicht noch
viel zu wünschen übrig lassen sollte.
    Doch, ich will auf dieser Idee um so weniger bestehen, da der plötzliche
Uebergang aus unsrer gegenwärtigen Art zu sein in die rein geistige ein Sprung
wäre, dergleichen die Natur nicht zu machen pflegt. Ich halte mich also an deine
Flügelköpfe, Laiska! eine so glückliche Vermutung, dass ich beinahe schwören
wollte, du müsstest es wirklich erraten haben. Freilich wird bei dieser Art von
Seelenbekleidung niemand mehr gewinnen als du; aber dies ist auch nur billig, da
niemand mehr dabei aufopfert als du. Gewiss kann kein verständiger Schätzer des
Werts der Dinge das letztere höher würdigen als ich; aber gleichwohl muss ich
gestehen, ich habe mich in die Idee einer Welt von lauter Flügelköpfen bereits
so stark verliebt, dass ich, wenn es nur auf mich ankäme, keinen Augenblick
zögern wollte, dich und mich und alle die wir lieben auf der Stelle in eine
solche Welt zu versetzen. Sollte die holde Musarion darauf bestehen, dass sie
sich an dem blossen Kopfe des schönen Kleonidas nicht begnügen könne, so könnten
wir ihr zu Gefallen etwa noch so viel Leib hinzutun, dass die Bewohner unsrer
künftigen Welt die Gestalt geflügelter Brustbilder bekämen; aber mit recht gutem
Willen würde ich mich nie dazu bequemen. Denn es fällt auf den ersten Anblick in
die Augen, dass die Idee der Flügelköpfe durch diesen üppigen Zuwachs an Masse
die Hälfte von ihrer Schönheit verliert. Und warum? Bloss weil die gute Musarion
sich die Mühe noch nicht genommen hat, ihr Vorurteil gegen den Kopf in etwas
genauere Untersuchung zu ziehen. Ich getraue mir zu behaupten, dass die Liebe,
die ihren Sitz im Kopfe hat, nicht nur von edlerer und zärterer Natur, sondern
auch schmeichelhafter sowohl für den Geliebten als den Liebenden ist, als die
andere. Denn sie gründet sich, anstatt auf eine blinde und dem Verstande
zuvoreilende Neigung, auf reines Anschauen der Vollkommenheiten des Geliebten.
Sie ist weniger feurig und lodernd; aber ihre Flamme brennt desto heller,
gleicher und anhaltender, verzehrt sich nicht selbst, und vermischt sich nicht
mit so manchen andern Leidenschaften, welche über und unter dem Zwerchfelle
nisten, und so leicht die Harmonie der Liebenden unterbrechen. Wollten wir die
Nachgiebigkeit so weit treiben, unsre Köpfe in Büsten zu verwandeln, so möchten
wir eben so mehr noch den ganzen übrigen Rumpf hinzutun, und die reine
Seelenliebe, die nur zwischen Köpfen stattfindet, durch Einmischung der
Geschlechtsverschiedenheit vollends zu dieser vulgaren Leidenschaft
herabwürdigen, die den armen Sterblichen so viel Not und Plackerei macht, und
von welcher auf immer befreit zu sein, gewiss keiner der geringsten Vorzüge des
Lebens in der Welt der Geister ist.
    Ueberhaupt bitte ich nicht zu vergessen, dass wir (wie Platons Sokrates sehr
schön dartut) durch unsre Versetzung in diese letztere keine Befriedigung
verlieren, die uns nicht durch viel höhere, unsrer geistigen Natur gemässere
Genüsse reichlich und überflüssig ersetzt werden; und dass Musarion, sobald sie
selbst nichts als Kopf sein wird, den Mangel des übrigen an sich selbst und
ihrem Liebhaber eben so wenig spüren wird, als man in einer Welt, deren Bewohner
nur vier Sinne hätten, einen fünften vermissen würde. Mit Einem Worte, Laiska,
lassen wir es bei deiner Hypotese, welche, meines Erachtens, so sinnreich und
philosophisch ist, dass Anaxagoras169 der Geist und der sublime Weise von Samos
170 selbst Freude daran gehabt hätten, wofern die schöne Aspasia oder die edle
Teano171 so glücklich gewesen wären, dir mit Erfindung derselben zuvorzukommen.
Ich wenigstens finde sie so tröstlich, dass ich die Entfernung von dir künftig
ungleich besser ertragen werde als bisher, weil ich sie als eine Vorübung
betrachte, wodurch wir beide in Zeiten angewöhnt werden, einander - leider!
nichts als Kopf zu sein.
    Ich schreibe dir dies auf einem reizenden Landgute im Panionion172, wohin
mich einer meiner Bekannten zu Ephesus eingeladen hat, und wo ich mir so wohl
gefalle, dass meine Reise zu Hippias vermutlich noch einige Zeit verschoben
bleiben wird.
    Wenn ich dir nur ein wenig lieb bin, beste Laiska, so erinnere dich, dass du
mir schon mehr als einmal dein Bild versprochen hast. Ich bitte bloss um deinen
Kopf - wohl zu merken, kein Brustbild! Ja, ich würde schon mit einem deiner
Augen zufrieden sein, wenn ein Maler in der Welt wäre, der den Blick hinein oder
vielmehr herausmalen könnte, womit du mir zu Aegina in der seligsten Stunde
meines Lebens ewige Freundschaft angelobtest.
 
                                      64.
                             Kleonidas an Aristipp.
Ich bin mit meinem Geschäfte eher zu Stande gekommen als ich hoffen durfte.
Beinahe alle Freunde des göttlichen Sokrates, die seine gerichtliche Ermordung
und die Furcht vor den Verfolgungen seiner Feinde von Aten verscheucht hatte,
haben sich nach und nach wieder zusammengefunden, und man begegnet ihnen mit so
vieler Achtung, als ob man das an ihrem Meister begangene Unrecht dadurch zu
vergüten suchte. Es gibt wohl sehr wenige Atener, die das Geschehene, wenn es
möglich wäre, nicht ungeschehen zu machen geneigt wären: aber, was man mir schon
zu Teben von der allgemeinen Trauer des Volks und von der Rache, die es an den
Anklägern des verdienstvollen Greises genommen haben sollte, für gewiss erzählte,
ist ohne allen Grund. Die Atener sind zu leichtsinnig und ruchlos, um einer
tiefen, anhaltenden Reue über irgend eine ihrer Untaten fähig zu sein.173
    Mein Tod des Sokrates, der nun beinahe fertig ist, erhält durch eine Menge
kleiner Umstände, die mir meistens von dem wackern alten Kriton an die Hand
gegeben wurden, und vornehmlich durch die richtige, beim ersten Anblick
kenntliche Bezeichnung aller dabei gegenwärtigen Personen, einen Grad von
historischer Wahrheit, der diesem Gemälde ein ganz eigenes Interesse gibt; so
dass es (wie ich aus mehr als Einem Beispiel weiss) von niemand, der den Sokrates
und seine Freunde öfters gesehen hat, ohne Rührung betrachtet werden kann. Der
Massstab von andertalb Spannen, den ich für die proportionelle Grösse der Figuren
angenommen habe, trägt, wie ich glaube, zu der guten Wirkung des Ganzen vieles
bei, teils weil es so bequemer mit einem Blick umfasst wird, teils weil sich
bei dieser Grösse alles deutlich bezeichnen und ausdrücken lässt, ohne dass die
künstliche Darstellung der Natur gar zu gleich sieht und sich selbst dadurch
Schaden tut. In Lebensgrösse würde ein solches Gemälde, wenn es gut gemacht
wäre, kaum auszuhalten sein.
    Das Fest der Juno zu Samos und der Wettstreit der Künstler ist nun vorbei,
und du hast vielleicht schon gehört, dass Timantes mit seinem Ajas und Skopas
mit seiner Aphrodite (die du zu Aegina entstehen sahest) beinahe mit allen
Stimmen den Preis erhalten hat. Parrhasius, der einzige der meinem Freunde den
Sieg streitig machen konnte, ist sehr übel mit dem Urteil zufrieden von hier
abgegangen. Es verdriesse ihn, sagte er, nur für seinen armen Helden174, dass er
nun zum zweitenmal gegen einen Unwürdigen habe verlieren müssen. Man muss beide
Stücke selbst gesehen haben, um zu erraten, was die Richter bewogen haben könne
dem Timantes den Vorzug zu geben. In der Tat sind beide Gemälde vortrefflich,
an beiden ist sehr viel zu loben, wenig oder nichts mit Recht zu tadeln. Beide
sind mit grosser Kunst zusammengesetzt, gross gedacht und mit vielem Fleiss
ausgeführt; auch haben beide Künstler eben denselben Augenblick der Handlung
erwählt, nämlich den, da Odysseus unmittelbar nach dem Ausspruch der
versammelten Achaier sich der Waffen des Achill bemächtiget. Ich gestehe, dass
ich lange zwischen diesen beiden Meisterwerken ungewiss hin und her schwebte, bis
ich mich endlich durch eben dasselbe Gefühl, das die Richter bewogen zu haben
scheint, auf Timantes Seite ziehen liess. Sein zauberischer Pinsel besticht
nämlich das Auge gleich beim ersten Anblick durch die Wärme und Harmonie seiner
Färbung, und tut durch einen gewissen heroischen Geist, der das Ganze
durchweht, und den schönen Ton, der alle Figuren und Gruppen zusammenbindet,
eine stärkere oder wenigstens schnellere Wirkung als das Werk seines
Antagonisten. Der letztere hat durch die äusserst sorgfältige Ausführung der
einzelnen Figuren, und weil beinahe jede sich unsers Auges besonders zu
bemächtigen strebt, über das Ganze eine gewisse Kälte verbreitet, die von dem
Feuer des Timantischen Stücks zu stark absticht, um nicht in den Augen der
meisten Anschauer gegen dieses zu verlieren; wiewohl der Kenner immer wieder zu
Betrachtung der einzelnen Teile in dem Werke des Parrhasius zurückkehrt, und
immer mehr zu bewundern findet, je schärfer er untersucht. Merkwürdig ist die
verschiedene Art, wie beide Künstler die zwei Hauptpersonen behandelt haben.
Parrhasius lässt seinen Odysseus sich der ihm zugesprochnen Waffen mit einem
beinahe höhnisch triumphirenden Blick auf seinen Mitbewerber bemächtigen,
während Ajas in seinen von Odysseus abgewandten und über Agamemnon, Menelaus und
das Griechische Heer hinblitzenden Augen, so wie in seiner ganzen Miene und
Gebärdung, Zorn und Verachtung ausdrückt, und den Griechen ihren Undank ohne
alle Zurückhaltung vorzuwerfen scheint. Timantes Ajas hingegen steht stumm und
in sich selbst zusammengedrängt, mit dem ganzen furchtbaren Ausdruck einer
verbiss'nen Wut, die dem Ausbruch nah' ist, aber noch durch einen schmerzlichen
innerlichen Kampf zurückgehalten wird, indes sein Odysseus, über sein Glück
errötend, beinahe zu zweifeln scheint, ob er den Sieg wirklich erhalten habe.
Die Samier, sagt man, sind ein sehr sinnreiches Volk und grosse Liebhaber der
Homerischen Gesänge; jedermann bemerkte gegen seinen Nachbar, dass Timant auf
die Anrede des Odysseus an die zürnende Seele des Ajas, im fünften Gesang der
Odyssee, angespielt habe; und diese Bemerkung tat vielleicht mehr als alles
andere, um den Sieg auf seine Seite zu entscheiden. Uebrigens muss ich von ihm
anrühmen, dass er beim Empfang des Preises wie sein Ulysses errötete, und,
vielleicht aufrichtiger als der Homerische, durch den über einen so grossen und
ältern Meister erhaltenen Vorzug mehr gedemütigt als aufgebläht zu sein schien.
    Timant hat die Gewohnheit, alle seine vorzüglichen Werke für sich selbst zu
copiren, und nicht selten ist das Nachbild noch vollkommner als das Original.
Gegenwärtig ist er im Begriff die Copie eines grossen Gemäldes zu vollenden,
welches ein reicher Kunstliebhaber zu Argos bei ihm bestellt hat, und womit er
in kurzem selbst dahin abzugehen gedenkt. Es stellt die Aufopferung der
Iphigenia in Aulis vor, und ist eines seiner schönsten Bilder. Iphigenia, eine
ächte Gestalt aus der Heroenzeit, von hoher tadelloser Schönheit und in der
ersten Blume der Jugend, steht am Altar, mit schwärmerischer Entschlossenheit
bereit, sich für das Heil und den Ruhm ihres Vaterlandes zu opfern; ihre
Stellung, ihr grosses, zur Göttin aufgehobenes Auge, ihr ganzes Wesen scheint zu
sagen, hier bin ich! und kein Zug verrät die auch nur leiseste Schwäche,
wodurch das Wohlgefallen der Göttin an dem reinen jungfräulichen Opfer
vermindert worden wäre. Um sie her stehen die Häupter der Achäer, Menelaus,
Diomedes, Achilles, Odysseus u.s.w., und hinter ihnen in einem weiten Kreise das
ganze Griechische Heer. Alle, selbst den Priester Kalchas nicht ausgenommen,
zeigen sich in verschiedenen Graden, nach ihrem Charakter oder Verhältnis gegen
das Haus Agamemnons, gerührt und teilnehmend; nur Agamemnon, der Vater selbst,
steht zwar gegen den Altar gekehrt, aber das Gesicht mit einem Zipfel seines
langen faltenreichen Talars bedeckt. Ich war eben bei Timant in seiner
Werkstatt, als ein junger Atener mit einem Paar andern Fremden kam, und sich
die Erlaubnis ausbat, dieses Gemälde zu besehen, dessen Schönheit ihm sehr
angerühmt worden sei. Alle drei liessen es an bewundernden Ausrufungen nicht
fehlen; doch bemerkte Einer, mit einer bedeutenden Kennermiene, gegen seine
Gefährten: ob ihnen nicht auch eine gewisse Kälte im Ausdruck des Schmerzes, den
die umstehenden Helden zeigten, besonders beim Menelaus, der doch der Oheim der
Prinzessin sei, zu herrschen scheine? Aber der Atener konnte nicht Worte genug
finden, den sinnreichen Gedanken des Künstlers zu bewundern, dass er, nachdem er
alles was die Kunst vermöge, im Ausdruck der verschiednen Grade einer
anständigen Betrübnis an den Umstehenden erschöpft habe, den Vater selbst
verhüllt, und es dadurch der Einbildungskraft der Anschauer überlassen habe,
das, was der Pinsel nicht vermocht, selbst zu ersetzen und gleichsam auszumalen.
Ein andrer behauptete: diese Verhüllung sei gerade der möglichst stärkste
Ausdruck des gränzenlosen väterlichen Jammers, und müsse eine weit grössere
Wirkung tun, als der höchste Schmerz, den das unverhüllte Gesicht Agamemnons
hätte ausdrücken können. Timant, nachdem er dem Streit dieser weisen
Kunstkenner eine Zeitlang lächelnd zugehört hatte, sagte endlich: die Herren
sind sehr gütig, mir so viel von ihrem eigenen Scharfsinne zu leihen; denn ich
muss gestehen, dass ich bei der Verhüllung Agamemnons, so wie bei der Behandlung
des ganzen Stücks, keinen andern Gedanken hatte, als die bekannte Scene in der
Iphigenia des Euripides, gerade so, wie der Dichter sie schildert, und wie ich
sie mehrmal auf der Schaubühne gesehen, darzustellen. Steckt in der Verhüllung
irgend ein besonderes Verdienst, so gebührt alles Lob dem Dichter; ich zweifle
aber sehr, dass sein Agamemnon einen andern Grund, warum er seinen Kopf einhüllt,
hatte, als weil er sich selbst nicht so viel Stärke zutraute, dass er beim
Anblick des tödtlichen Stosses in die Brust seines Kindes Gewalt genug über sich
behalten würde, um die Heiligkeit des Opfers nicht durch irgend einen
ungebührlichen Ausbruch des Vatergefühls zu entweihen. Denn nach den Begriffen
und Sitten jener Zeiten mussten solche Opfer, um von den Göttern mit Wohlgefallen
aufgenommen zu werden, freiwillig, ja mit fröhlichem Herzen dargebracht werden.
Auch den übrigen Anwesenden war jeder stärkere Ausdruck von Schmerz und
Betrübnis untersagt; das Schlachtopfer wurde mit Blumen bekränzt unter jubelnden
Lobgesängen zum Altar geführt, und sogar nach Vollendung der Ceremonie war es
weder Verwandten noch Freunden erlaubt, den Tod der geliebten Aufgeopferten
durch irgend eine sonst gebräuchliche Handlung oder Sitte zu betrauern. Weit
entfernt also dass ein Maler, der eine solche Geschichte bearbeitet, seine Kunst
im Ausdruck der verschiedenen Grade des Schmerzes und der Traurigkeit erschöpfen
dürfte, besteht seine grösste Geschicklichkeit bloss darin, dass er die Umstehenden
nicht mehr Teilnahme und Rührung zeigen lasse, als nötig ist, dass sie nicht
als Unmenschen oder ganz gefühllose Klötze dastehen. An die sinnreiche Idee, die
Einbildungskraft der Anschauer ergänzen zu lassen, was der Pinsel des Malers
oder die Kunst des Schauspielers nicht vermochte, hat Euripides vermutlich so
wenig gedacht als ich. Es dürfte doch wohl eine unerlässliche Pflicht des
Künstlers sein, der Einbildungskraft so viel nur immer möglich ist
vorzuarbeiten; auch erfordert es eben keine ausserordentliche Kunst, den höchsten
Grad irgend einer Leidenschaft oder irgend eines Leidens mit Pinselstrichen
auszudrücken. Aber gerade dieser höchste Grad ist dem Maler, wie dem Bildner,
durch ein unverbrüchliches Gesetz der Kunst untersagt, weil er eine
Verunstaltung der Gesichtszüge bewirkt, die das edelste Angesicht in ein
widerliches Zerrbild verwandeln würde. - Der Atener stutzte einen Augenblick
über diese autentische Erklärung aus dem Munde des Meisters selbst, der doch
wohl am besten wissen musste was er hatte machen wollen; doch erholte er sich
sogleich wieder, und versicherte uns mit einem grossen Strom von Worten: er sei
gewiss, dass er den wahren Sinn der Verhüllung erraten habe. »Das Genie (setzte
er mit vieler Urbanität hinzu) wirkt oft als blosser Naturtrieb, und selbst der
grösste Künstler, wenn er etwas unverbesserlich Gutes gemacht hat, ist sich nicht
allemal der Ursache bewusst, warum es so und nicht anders sein musste.« - Als wir
wieder allein waren, lachten wir beide herzlich über dieses kleine Abenteuer,
und Timant, dem dergleichen Kenner häufiger vorgekommen sind als mir,
versicherte mich: es sei sehr möglich, dass das schiefe Urteil dieses Menschen
die öffentliche Meinung von seiner Iphigenia auf immer bestimme, und ihm, lange,
nachdem die Zeit das Gemälde selbst zerstört haben werde, noch Lobsprüche
zuziehe, die er sich schämen müsste verdient zu haben.175
    Der Umgang mit diesem liebenswürdigen Künstler ist mir so angenehm, und
zugleich so belehrend und zuträglich in Rücksicht auf meine Liebhaberei, dass ich
mich nicht entschliessen kann, Samos eher zu verlassen, als bis er selbst abgehen
wird. Er hat mir verschiedene wichtige Winke zum Vorteil meines sterbenden
Sokrates gegeben, und ich hoffe ihr sollt es gewahr werden, dass mir ein solcher
Meister zur Seite dabei gestanden hat.
    Beinahe hätte ich vergessen, dir zu sagen, lieber Aristipp, dass ich mich bei
Kriton und Cebes im Vertrauen erkundigte, ob man sich auf die Aechteit der
Gespräche, welche Plato dem Sokrates im Phädon zuschreibt, verlassen könne.
Beide versicherten mich, es wäre zwar die Rede von der geistigen Natur der Seele
und von ihrem Zustande nach dem Tode gewesen; aber Plato hätte so viel von dem
Seinigen eingemengt, und die Zusätze so künstlich mit dem, was Sokrates wirklich
gesagt habe, zu verweben gewusst, dass es ihnen selbst, wofern sie eine Scheidung
vornehmen müssten, schwer sein würde jedem das seinige zu geben. Ebendasselbe
sagte mir der wackere alte Kriton auch von dem Dialog, welchem Plato seinen
Namen überschrieben hat, und worin, unter anderm, die schöne Rede der
personificirten Gesetze, und überhaupt die dialektische Form der Fragen und
Antworten, ganz auf Platons Rechnung komme. Uebrigens haben diese beiden
Dialogen viel Aufsehen in Aten gemacht, und wegen der klugen Schonung, womit
die Atener darin behandelt werden, und des schönen Lichts, in welchem der
sittliche Charakter des Sokrates darin erscheint, nicht wenig zu der günstigen
Stimmung beigetragen, welche dermalen über ihn und seine Anhänger zu Aten die
herrschende ist.
    Du würdest mir keine kleine Freude machen, Aristipp, wenn du deine
beschlossene Reise nach Samos so beschleunigen wolltest, dass du Timanten noch
anträfest; wozu die Gelegenheit vielleicht nie wieder kommt. Auch Hippias
erwartet dich mit Ungeduld.
 
                                      65.
                               Aristipp an Lais.
Es bedarf wohl keiner Beteurung, schöne Lais, dass wenn ich meiner Neigung Gehör
gäbe, Kleonidas nicht ohne mich nach Milet zurückreisen sollte; auch schmeichle
ich mir, nach dieser neuen Probe von Selbstüberwindung für einen tapfern Mann
bei dir zu gelten. Ich würde nicht wenig stolz darauf sein, wenn ich mir
verbergen könnte, dass das Vergnügen, in meinen eigenen Augen einen desto grössern
Wert zu haben, auch mit in Rechnung gebracht werden muss, und dass bei allen
meinen Aufopferungen am Ende doch niemand gewinnt als ich selbst. Wird nicht die
Freude des Wiedersehens um so überschwänglicher sein, je länger sie aufgespart
wird?
    Ich habe hier unvermutet Gelegenheit gefunden, mich in einigen
Wissenschaften zu üben, die mit in meinen Plan gehören, und einem Manne, der
nach der möglichsten Ausbildung trachtet, nicht nur zur Zierde gereichen,
sondern der Seele selbst einen höhern Schwung und eine ganz andere Ansicht der
Natur und des grossen Ganzen, in welches wir eingefugt sind, geben, als diejenige
an welche wir durch ununterbrochnes Herumtreiben in dem engen Kreise des
alltäglichen Lebens unvermerkt gewöhnt werden. Ich liebe, wie du weisst, die
Vielseitigkeit; ich kann zu gleicher Zeit die verschiedensten Dinge treiben, und
mich mit den ungleichartigsten Menschen so gut vertragen, dass jeder mich für
seinesgleichen, oder wenigstens für ein Subject von ganz guter Hoffnung gelten
lässt. Hippias, bei welchem ich gewöhnlich den Abend zubringe, würde nicht
begreifen, wie ich so viele Zeit mit Pytagoräischen Phantasten verderben könne,
wenn er nicht glaubte, es geschehe bloss um sie auszuholen und mich am Ende desto
lustiger über sie zu machen: diejenigen hingegen, die er Phantasten nennt,
wissen sich meinen Umgang mit Hippias nicht anders zu erklären, als durch die
Voraussetzung, dass ich hinter alle seine Sophistenkünste und Blendwerke zu
kommen suche, um ihn und seinesgleichen zu seiner Zeit mit desto besserm Erfolge
bekämpfen zu können. Das Wahre ist indessen, dass ich von den Pytagoräern
rechnen und messen lerne, und bei Hippias mich dem Vergnügen einer freien
genialischen Unterhaltung überlasse, die, ungeachtet ihrer anscheinenden
Frivolität, für einen, der alles an seinen rechten Ort zu stellen weiss, immer
lehrreich und nützlich ist.
    Du wirst finden, liebe Lais, dass Kleonidas durch seine zeiterigen kleinen
Reisen unter den Griechen viel gewonnen hat. Mit seinen herrlichen Anlagen
bedurft' es nur einiger äussern Veranlassungen, um sich zusehends zu entwickeln
und auf einmal als ein vollendeter Mensch dazustehen. Ich rechne darauf, dass er
dich meine Abwesenheit so wenig bemerken lassen wird, dass ich vielmehr bei jeder
andern, als bei dir, Gefahr liefe gänzlich vergessen zu werden.
 
                                      66.
                               Lais an Aristipp.
Kleonidas ist ohne dich zurückgekommen, Aristipp, und der Gedanke, dass es Leute
zu Milet gebe, die sich dadurch in ihrer Erwartung getäuscht finden könnten,
scheint nur sehr leicht über deinen heroischen Busen hingeschlüpft zu sein. Du
bist, sagt Kleonidas, bis über die Ohren in Pytagorischen Zahlen versunken,
studirst die Verhältnisse der Saitenschwingungen auf dem Monokord, und bringst
mit einem Zögling des berühmten Philolaus176 ganze Nächte zu, auf der Zinne
eines alten Turms die Bewegungen der Planeten zu beobachten. Das alles ist
schön und bewundernswürdig; und doch, wie schnell auch deine Lieblingsneigung,
alles und wo möglich noch ein wenig mehr als alles zu wissen, zu einer so
mächtigen Leidenschaft angeschwollen sein mag, eine kurze Unterbrechung würde
deinen Eifer nur verdoppelt haben, und die Reise von Samos nach Milet ist, für
einen so geübten Seefahrer wie du, etwas so Unbedeutendes, dass ich, um mir das
Problem zu erklären, am Ende doch genötiget bin, einen kleinen Sokratischen
Iynx zu Hülfe zu nehmen der dich an den Samischen Boden fest zaubert. Hab' ich
recht geraten, so wirst du mir hoffentlich kein Geheimnis aus deinem Glücke
machen, da du nicht zweifeln kannst, dass ich zu sehr deine Freundin bin, um
nicht lebhaften Anteil daran zu nehmen.
 
                                      67.
                               Aristipp an Lais.
Auf den kleinen Brief, den ich so eben von dir erhalte, schöne Lais, ist nur
eine einzige Antwort möglich, und um sie dir selbst zu bringen, gehe ich
stehendes Fusses nach der Rhede, miete ein Boot und schwimme zu dir hinüber. -
Mit aller meiner Eile habe ich doch nicht eher bei deiner Pforte anlanden
können, als zu einer Stunde, wo ich Gefahr laufe dich in irgend einem schönen
Traume zu stören. Ich habe einige Mühe gehabt deinen Pförtner zu erwecken, und
noch grössere, von ihm eingelassen zu werden. Nur durch tausend Schwüre, dass ich
dir ohne allen Verzug Dinge von der grössten Wichtigkeit zu hinterbringen hätte,
erhielt ich endlich von dem ehrlichen Paphlagonier, dass er eine deiner
Dienerinnen wecken wolle, die dir, wenn sie anders nicht noch ungefälliger als
der Pförtner ist, dieses Zeichen meiner Gegenwart überreichen wird.
                                    Antwort.
    Diessmal, mein Lieber, hat dir deine Philosophie einen losen Streich
gespielt; denn, unter allen möglichen Antworten auf mein letztes, bist du gerade
auf die einzige gefallen, die du nicht hättest geben sollen. Oder woher konntest
du wissen, mein voreiliger Herr, dass du mir nicht ungelegen kommest? - Wie ist
nun zu helfen? Das Beste wäre wohl, wenn ich dich auf der Stelle wieder
zurückschickte; wenigstens ist es, was ich tun müsste, wenn ich den Eingebungen
deines bösen Genius Gehör gäbe. Soll ich? Soll ich nicht? Es ist ein Unglück,
dass ich gerade keine bessere Ratgeberin bei der Hand habe, als die schelmische
Euphorion, die zu den Füssen meines Bettes liegt, und, ich weiss nicht warum,
deine Partei mit solcher Wärme nimmt, dass ich eben so mehr dem Rat meines
eignen Herzens folgen könnte, als dem ihrigen. - Du gehst also wieder, nicht
wahr? Es wäre wirklich schön von dir, wenn es auch nur der Seltenheit wegen
wäre. - Was will das unverschämte Mädchen? - Da guckt sie mir über die Achseln
in meine Schreiberei, und wie sie sieht, dass ich dir deinen Rückpass schreibe,
zieht mir nicht das unartige Ding die Schreibtafel unter den Händen weg und
läuft mit ihr davon?177
 
                                      68.
                               Lais an Aristipp.
Ich habe, seit einiger Zeit, einen Abend in jeder Dekade dazu bestimmt, eine
Tischgesellschaft von Philosophen, Sophisten, oder Phrontisten178 (wenn du ihnen
lieber einen Aristophanischen Namen gibst) bei mir zu sehen. Doch muss ich dir
sagen, dass diese Benennungen in meinem Wörterbuche nicht für gleichbedeutend
gelten. Jede bezeichnet mir eine besondere Classe der Hauptgattung, die man im
gemeinen Leben mit dem allgemeinen Namen der Sophisten zu belegen gewohnt ist.
Es gibt eine Art heller Köpfe, welche die Ausbildung einer glücklichen Anlage
hauptsächlich dem Leben in der wirklichen Welt und den mannichfaltigen
Gelegenheiten und Aufforderungen zum Nachdenken, die ihnen darin aufgestossen
sind, zu danken haben. Sie zeichnen sich durch einen schärfern Blick in die
menschlichen Angelegenheiten von den beiden andern Classen aus, welche
gemeiniglich in der Welt um sie her so fremd und neu sind, als ob sie eben erst
aus der berühmten Platonischen Höhle179 hervorgekrochen wären. Jene sind
meistens eben so vielseitig und geschmeidig als fein und an sich haltend; sie
entscheiden selten, kleben nicht hartnäckig an ihren Meinungen, widersprechen
mit Bescheidenheit, glauben wenig zu wissen, und unterrichten oft mit ihrer
Unwissenheit besser, als die positiven Herren mit ihrer Allwisserei. Ich gestehe
meine Vorliebe zu den Mitgliedern dieser Classe, die eben nicht sehr zahlreich
ist, und die ich, wiewohl sie die Philosophie nicht als ein Geschäft treiben,
Philosophen in der eigentlichen Bedeutung des Worts nenne. Sophisten heissen bei
mir euere Philosophen von Profession, die dem Speculiren bloss um des Speculirens
willen obliegen, und bei gesellschaftlichen Gesprächen, wie interessant auch der
Gegenstand sein mag, keinen andern Zweck haben als Recht zu behalten. Gehen
diese dialektischen Herren in der Grübelei so weit, dass sie genötigt sind, für
Begriffe, die niemand hat als sie, neue Wörter zu erfinden, die niemand versteht
als sie, so nenne ich sie Phrontisten. Ich habe nur einen einzigen dieses
Schlags in meinen Cirkel aufgenommen, weil er seine Spinnenweberei mit einer
drolligen Art von Laune treibt, und wenn die Unterhaltung einen gar zu
ernstaften und schwerfälligen Gang nehmen will, immer zu seiner eigenen
Verwunderung Mittel findet, die Gesellschaft durch die sublime Absurdität seiner
Behauptungen wieder in den rechten Ton zu stimmen. Um dem gewöhnlichen Schicksal
solcher Gesellschaften desto sicherer zu entgehen, werden ausser Kleonidas und
Musarion immer auch zwei oder drei schöne und geistvolle Milesierinnen aus
Aspasiens Schule eingeladen, mit deren Hülfe es mir bisher noch so ziemlich
gelungen ist, meine kampflustigen Symposiasten in den Schranken der Urbanität zu
erhalten.
    In unsrer letzten Sitzung lenkte einer unsrer Sophisten das Gespräch auf die
Frage, was das höchste Gut des Menschen sei? - In allen Dingen immer nach dem
Höchsten zwar nicht wirklich zu streben, aber wenigstens den Schnabel
aufzusperren und darnach zu schnappen, ist, wie du weisst, eine angeborne
Eigenheit der menschlichen Natur. Das Problem erregte also allgemeine
Aufmerksamkeit, und verschafte uns den ganzen Abend reichen Stoff zu
mannichfaltiger Unterhaltung. Jede anwesende Person hatte ihr eigenes höchstes
Gut, welches sie (vermöge eines andern unserer Naturtriebe) zum allgemeinen zu
erheben suchte. Einer meinte, dieser Vorzug könne nur demjenigen Gute zuerkannt
werden, das uns, auf der einen Seite, allen vermeidlichen Uebeln entgehen, und
alle unvermeidlichen ertragen lehre; auf der andern uns in den Besitz des besten
von allem Guten, dessen wir fähig sind, setze, und uns alles Uebrige entbehrlich
mache; und dies könne, seiner Meinung nach, nichts anders als die Weisheit sein.
    Ein anderer behauptete, nur die Tugend vermöge das alles; und nachdem sie
sich eine Weile darüber gestritten hatten, verglich sie einer meiner
Philosophen, indem er klar machte, dass Weisheit und Tugend nur zwei verschiedene
Ansichten und Benennungen einer und eben derselben Sache seien; so dass endlich
alle drei, zum Erstaunen der ganzen Gesellschaft, die ein solches Wunder noch
nie gesehen hatte, friedlich übereinkamen, die Sokratische Sophrosyne, welche
Weisheit und Tugend zugleich bezeichnet, für das höchste Gut zu erklären.
    Sophrosyne, sagte ein vierter aus der Familie des Hippokrates, ist
Gesundheit der Seele; ein grosses und wesentliches Gut, aber ohne Gesundheit des
Leibes doch nur die Hälfte des höchsten Gutes. Gesundheit von beiden ist die
notwendige Bedingung des Genusses alles andern Guten, so wie das Gegenteil
derselben alle andern Uebel in sich begreift: das höchste aller Güter ist also
Gesundheit.
    Nachdem der Enkel des grossen Hippokrates seinen Satz mit stattlichen Gründen
ausgeführt hatte, nahm Kleonidas das Wort und bewies mit allem Feuer, womit ihn
die Augen der gegen ihm über sitzenden Musarion reichlich versahn, und mit
grossem Beifall des weiblichen Teils der Gesellschaft: »das höchste Gut verdiene
nur das genennt zu werden, dessen reinster Genuss uns den Göttern an Wonne gleich
mache;« und nun berief er sich mit einem Ernst, der ein allgemeines Lachen
erregte, auf das Gewissen aller Anwesenden, ob wir etwas anderes kennten, von
welchem sich dies mit so viel Wahrheit sagen lasse, als die Liebe?
    Wider beide erhob sich ein sechster, und bewies gegen den Arzt: »die
Gesundheit könne schon darum nicht selbst das höchste Gut sein, weil sie nur
eine Bedingung des Genusses desselben sei;« gegen Kleonidas: »seine Behauptung
könnte allenfalls nur von der glücklichen Liebe gelten;« und gegen beide: ein
Gut, das nicht immer in unsrer Gewalt sei, könne nicht das höchste Gut des
Menschen heissen. Indessen schien er ziemlich verlegen zu sein, etwas Besseres
aufzustellen, als der Hausmeister, der uns in den Speisesaal berief, einem
meiner Philosophen Gelegenheit gab, mit einer scherzend ernsten Miene zu
behaupten: wenn eine Gesellschaft von Repräsentanten des ganzen menschlichen
Geschlechtes sich den ganzen Tag über diese Frage gestritten hätte, so würde
eine wohlbesetzte Tafel sie endlich dahin vereinigen, dass alle - wenigstens
gerade so tun würden, als ob sie die angenehmste Befriedigung der Esslust für
den höchsten Genuss hielten, den die Natur dem Menschen vergönne, so lange Zunge
und Gaumen die empfindlichsten seiner Organe, und der Magen das grosse Rad
bleibe, wodurch seine Existenz im Gang erhalten werde.
    Ich muss der ganzen Gesellschaft die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass
sie sich zwei Stunden lang, jedes in seiner Manier, beeiferte, der Hypotese des
Philosophen Ehre zu machen. Mitunter wurde viel Schönes zum Preis der Kochkunst
gesagt, und (nicht ohne Grund, dünkt mich) behauptet: »Dass sie eine der ersten
Stellen unter den schönen Künsten verdiene, und einen der wesentlichsten Vorzüge
des Menschen vor den übrigen Tieren ausmache«. Auch dem Erfinder des Weins
wurde mit vieler Andacht ein schallender Lobgesang angestimmt, und der Becher
der Freude war kaum dreimal herumgegangen, als verschiedene von unsern Weisen
ziemlich naiv merken liessen, dass es nur einiger Aufmunterung von Seiten der
schönen Milesierinnen bedurft hätte, um die Verfechter der Weisheit und Tugend
über die schmale Gränzlinie der Sokratischen Sophrosyne hinüberzulocken. Als
aber zum Schluss des Gastmahls der grosse Sesamkuchen180 aufgetragen wurde,
bemächtigte sich der Phrontist (der unter dem Essen der stillste und
geschäftigste von allen gewesen war) des Worts mit allgemeiner Einstimmung, und
bewies uns, nachdem er seinen Kuchen einem hinter ihm lauernden kleinen
Bedienten einzusacken gegeben hatte,181 aus voller Selbstüberzeugung: »das
höchste Gut bestehe in dem Entschluss, freiwillig aller Dinge ausser uns zu
entbehren, und den reinsten und vollständigsten Selbstgenuss im blossen Dasein zu
finden.« Zur Erläuterung dieses paradoxen Satzes brachte der Mann anfangs einige
kurzweilige Dinge vor; z.B. einen Beweis, dass die Menschen durch eine künstliche
Verminderung der Ausdünstung und eine allmähliche Austrocknung des Magens
zuverlässig so weit kommen könnten, bloss von Luft und Wasser zu leben;
ingleichen dass das gesellschaftliche Leben und die Sprache als die zwei grössten
Hindernisse unsrer Vervollkommnung anzusehen seien, und es also ohne eine
gänzliche Absonderung der Menschen von einander nie möglich sein werde, zu jener
reinen Existenz an sich selbst, und in sich selbst, und durch sich selbst und
für sich selbst zu gelangen, in welcher unser höchstes Gut bestehe. Dieser
Unsinn schien eine Zeit lang die ganze Gesellschaft zu belustigen: aber als
unser Phrontist, um uns desto gründlicher zu überzeugen, sich von einer
Abstraction zur andern empor arbeitete, und endlich so hoch über die Region des
Menschenverstandes hinauf gekommen war, dass er uns Erklärungen von Worten, wobei
nichts zu denken war, und Worte für Begriffe, die keinen Gegenstand hatten,
geben wollte, wurde er durch einen allgemeinen Aufstand unterbrochen, und an das
ewige Schweigen erinnert, das er sich durch seine Grundsätze selbst auferlegt
habe. Alle übrigen vereinigten sich nun in dem Wunsche, dass Aristipp zugegen
sein möchte, um den Ausspruch zu tun, welche der vorgetragenen Auflösungen des
Problems die wahre sei, oder, wofern er keine dafür halte, uns seine eigene
mitzuteilen.
    Ich versprach, dich von allem Vorgegangenen zu benachrichtigen, und da ich
dich für zu bescheiden hielt das Amt eines Richters zu übernehmen, dich
wenigstens zu bewegen, uns deine Meinung von der Sache zu sagen. Ich verspreche
mir von deiner Gefälligkeit, Freund Aristipp, du werdest nicht wollen, dass ich
vergebens drei lange Stunden mit dem Schreibstift in der Hand auf meinem
Faulbettchen gesessen haben soll. - Ich darf nicht vergessen, dass wir uns
ausbitten, die hiermit an dich gelangende Frage einer genauern Aufmerksamkeit zu
würdigen, und uns deine Gedanken, ohne Sokratische Ironie, in ganzem Ernst
mitzuteilen.
 
                                      69.
                               Aristipp an Lais.
Du hast wohl getan, schöne Lais, dass du mich ausdrücklich angewiesen hast, mich
über das seltsame Problem, womit dich deine gelehrte Tischgesellschaft neulich
unterhalten hat, ernstaft vernehmen zu lassen; denn ich gestehe, dass die Frage:
»was das höchste Gut des Menschen sei?« in meiner Vorstellungsart etwas
Lächerliches hat, und dass mir nie eingefallen wäre, sie könnte von so weisen
Männern, wie die bärtigen Genossen deiner sophistischen Symposien sind, in
wirklichem Ernst aufgeworfen und beantwortet werden. Meine erste Frage bei jeder
Aufgabe dieser oder ähnlicher Art, ist: wozu soll's? Bei dieser, dünkt mich,
fällt es auf den ersten Blick in die Augen, dass es uns zu nichts helfen könnte,
das Höchste zu kennen, da es uns doch, eben darum, weil es so hoch über uns
schwebt, unerreichbar ist. In dieser Rücksicht möchte wohl der Aesopische Fuchs,
der die Trauben, die ihm zu hoch hingen, für sauer erklärte, mehr praktische
Weisheit gezeigt haben, als wir, wenn wir uns die Augen aus dem Kopfe gucken, um
in einer so schwindlichten Höhe ein Gut zu entdecken, welches wir mit allen
unsern Sprüngen doch nie erschnappen werden. Beim Genuss eines Guten kommt es
nicht auf die Grösse desselben, sondern auf unsre Empfänglichkeit an. Das
erfreulichste aller Dinge, das Licht, ist für den Blinden nichts; an der
festlichsten Tafel des grossen Königs kann der gierigste Fresser nicht mehr zu
sich nehmen als sein Magen fasst; und einer Mücke kann es gleich viel sein, ob
sie aus einer Muschelschale oder aus dem Ocean trinkt. Du selbst, schöne Lais,
hast, indem du mir das Problem vorlegst, mit einem einzigen Aristophanischen
Worte verraten, dass die Unart der Menschen, »die Schnäbel immer nach
unerreichbaren Dingen aufzusperren,« dir selbst eben so lächerrlich ist als mir.
Indessen du willst dass ich ernstaft von der Sache spreche, und ich gehorche um
so williger, da vielleicht am Ende doch ein Resultat herauskommen dürfte, das
die Mühe des Weges bezahlt, auf welchem wir es gefunden haben.
    Vor allen Dingen also wollen wir uns erinnern, dass die Wörter gut und böse
(wie alle andern, welche irgend eine Beschaffenheit oder Eigenschaft, die wir
den Dingen zuschreiben, bezeichnen) immer von solchen Gegenständen gebraucht
werden, welche nur in ihrer Beziehung auf uns, d.i. unserm Gefühl, unsrer
Einbildung oder unserm Urteil nach, gut oder böse sind. Alles was ist, mag an
sich sehr gut sein; aber das braucht uns nicht zu kümmern, denn es kann uns
nichts helfen. Wir haben bloss zu fragen: ob ein Ding uns gut oder böse sei? das
ist, ob es uns wohl oder übel bekommen werde. Der Krokodil ist in der Leiter der
Naturwesen was er sein soll, und also in seiner Art so gut als ein anderes
Tier; aber für die Anwohner des Nils ist er ein sehr schlimmer Nachbar.
    Die Frage, »was ist für den Menschen gut oder böse,« ist also immer eine
mehr oder minder verwickelte Aufgabe, bei deren Auflösung das meiste auf Ort,
Zeit und Umstände ankommt. Dasselbe Wasser, das in Fässern und Krügen dem
Seefahrer unentbehrlich ist, taugt nichts im Schiffraum; dasselbe Feuer, das auf
dem Herde gut ist unsre Speisen zu kochen, würde in einer angefüllten Scheune
grosses Unglück anrichten; eben derselbe Trank ist dem Kranken Arznei, dem
Gesunden Gift; oder in dieser Krankheit in kleiner Gabe heilsam, in einer
andern, und in grösserer Portion genommen, tödtlich. Ich zweifle sehr, oder ich
behaupte vielmehr für gewiss, dass man mir im ganzen Umfang der Natur, selbst
unter den nützlichsten und unentbehrlichsten Dingen kein einziges nennen könne,
das auf andere Weise als unter gewissen Bedingungen und Einschränkungen gut für
uns ist. Das Nämliche gilt von allen Beschaffenheiten, Natur- und Glücksgaben,
die dem Menschen beiwohnen, wie von allen Lagen und Zuständen, worin er sich
befindet. Vollkommene Gesundheit (ein so hohes Gut, dass ein König, wenn er von
den natürlichen Strafen der Unmässigkeit gefoltert wird, sie mit der Hälfte
seines Reichs zurückzukaufen wünscht) ist für den, der sie missbraucht, eines der
grössten Uebel. Schönheit, Witz, Talente, Reichtum, hohe Ehrenstellen, Macht,
Scepter und Kronen, wie oft haben sie schon ihre Besitzer ins tiefste Elend und
Verderben gestürzt? Ist doch sogar das Leben, die erste Bedingung alles
Genusses, selbst nur bedingungsweise ein Gut, und wird täglich von vielen
Tausenden entweder aus Pflicht oder zu Befriedigung dieser oder jener
Leidenschaft in die Schanze geschlagen! Sogar Wahrheit, Gerechtigkeit, Weisheit
und Tugend, wie schön und gut sie sich in der Idee dem Verstande darstellen,
sind doch nicht unter allen Umständen und Beziehungen, für jeden Menschen in
jeder Bedeutung des Worts, gut. So ist, z.B. nicht gut die Wahrheit zur Unzeit
oder auf eine ungeschickte Art zu sagen; so ist nicht jedem gut, alles Wahre zu
wissen; so ist möglich, dass ein gerechter Richter mir Unrecht tut, indem er
mich nach einem gerechten Gesetze verurteilt; so ist das höchste Recht zuweilen
Unrecht; so gibt es keine Tugend, die für den, der sie ausübt, nicht entweder
durch irgend einen äusserlichen Umstand oder durch seine eigene Schuld zu einer
Quelle von wirklichen Uebeln für ihn selbst und andere werden könnte; so kann
was an dem einen Weisheit ist, an einem andern Torheit sein, u.s.w. Wenn nun
alles, was die Menschen gut nennen, nur unter gewissen Umständen und
Einschränkungen, also nur durch rechten und weisen Gebrauch wirklich gut für uns
ist; wenn das Gute unter gewissen Bedingungen zum Uebel, und aus gleichem
Grunde, das Böse zum Gut werden kann: wird nicht, aller Wahrscheinlichkeit nach,
eben dasselbe von jedem höhern, und so endlich auch von dem höchsten Gute
gelten? Klingt es aber nicht widersinnig, dass das höchste Gut, bei veränderten
Personen und Umständen, das höchste Uebel sein könnte?
    Die bisherige Betrachtung scheint uns das glänzende Phantom, dem wir
nachgehen, immer weiter aus den Augen gerückt zu haben. Lass' uns versuchen, ob
wir ihm vielleicht auf einem andern Wege wieder näher kommen werden. Wir suchen
das höchste Gut des Menschen. Die erste Frage müsste also sein: was ist der
Mensch? Die Natur stellt lauter einzelne Menschen auf, und es fehlt viel, dass
diese nichts als gleichlautende Exemplarien eines und ebendesselben Originals
sein sollten. Der Mensch ist also entweder bloss ein collectives Wort für die
sämmtlichen einzelnen Menschen, vom ersten Paar, das aus dem Schoss der Erde
oder des Wassers hervorging, bis zu den letzten, die das Unglück oder Glück
haben werden, die nächste, unsrer Welt von den Pytagoräern geweissagte,
Verbrennung zu erleben182, - oder es bezeichnet einen idealischen Koloss, der aus
dem, was alle Menschen gemein haben, gebildet ist, und wovon, nach Plato, der
blosse Schatten durch die Ritzen unsers Kerkers in unsre Seele fällt, indes das
Urbild selbst in der intelligibeln Welt der Platonischen Ontoos Ontoon183
wirklich vorhanden ist. Da ein blosser Schatten, zumal der Schatten eines bloss
intelligibeln Dinges, ein gar zu dünnes, leeres und flüchtiges Unding ist, um
ein brauchbares Resultat zu geben, so werden wir uns wohl an den ersten Begriff
halten müssen, der als eine Prosopopöie184 des ganzen Menschengeschlechts
betrachtet werden kann.
    Um die Menschen, so wie sie als die regierende Familie im Tierreich
wirklich und leibhaft auf dem Erdboden herumwandeln, so viel möglich mit Einem
Blick zu übersehen, wollen wir uns, mit deiner Erlaubnis, Laiska, in Gedanken
entweder mit dem Trygäus185 des Aristophanes auf einen Balcon der Jupitersburg,
oder auf die höchste Turmspitze seiner Nephelokokkygia186 stellen, und dann
sehen - was zu sehen sein wird. Das erste, denke ich, ist die erstaunliche
Verschiedenheit dieser sonderbaren Tiere, die man unter dem collectiven Namen
Mensch zu begreifen genötigt ist, da sie, bei der auffallendsten Ungleichheit
unter sich selbst, gleichwohl von allen andern Tierarten zu stark abstechen, um
zu einer derselben gerechnet werden zu können. Wir sehen einige in kleiner
Anzahl, nackend oder nur sehr dürftig bekleidet und mit Bogen, Pfeilen und
Spiessen bewaffnet, in ungeheuren Wäldern umherschweifen, wo ihr beinahe einziges
Geschäft ist, die wilden Tiere zu verfolgen die ihnen zur Speise und zur
Kleidung dienen. Andere finden wir an den Ufern grosser Seen beschäftigt, mit
Angelruten oder Netzen dem Wasser einen oft kärglichen Unterhalt abzuverdienen.
Wieder andere bringen unter mildern Himmelsstrichen ihr Leben mit Viehzucht und
Hütung ihrer Heerden hin; und noch andere, genötigt die geringere Freigebigkeit
der Natur durch strenge Arbeit zu ersetzen, sehen wir mit den ersten Anfängen
des Ackerbaues, der Gärtnerei, der Baukunst und Schifffahrt beschäftigt. Alle
diese verschiedenen Menschengeschlechter leben in einer Art von tierischer
Freiheit, mehr oder weniger armselig, oft kümmerlich, aber wenn sie nur
notdürftig zu leben haben, mit ihrem Zustande zufrieden, weil sie keinen
bessern kennen.
    Was meinst du nun, dass diese Jäger, Fischer, Hirten und Pflanzer, die sich
noch glücklich preisen, wenn sie mit mühseliger Anstrengung aller ihrer Kräfte
sich des notdürftigsten Unterhalts für einige Tage oder Monate versichern
können, was meinst du, dass sie sich für eine Vorstellung von dem höchsten Gute
machen? Frage sie, und du wirst hören, dass ihre üppigsten Wünsche nicht über
eine glückliche Bärenjagd, einen starken Fischzug, die Verdopplung ihrer
Heerden, und eine reichliche Ernte hinausgehen; und erschiene ihnen ein Gott,
der es in ihre Wahl stellte, was sie von ihm erbitten wollten, weder ihre
Einbildungskraft noch ihre Vernunft würde sie weiter führen, als zu der hohen
Glückseligkeit ihr Leben lang ohne Mühe, Gefahr und Arbeit - die Forderungen
ihres Magens befriedigen zu können.
    Diese Naturmenschen machen indes, wiewohl sie vielleicht den grössten Teil
des Erdbodens einnehmen, den kleinsten des Menschengeschlechts aus. Der weit
grössere lebt in bürgerlicher Gesellschaft, wenige in Freistaaten, wo anfangs die
Not, in der Folge das Verlangen nach Wohlstand, Reichtum und Ansehen, unter
dem belebenden Einfluss einer durch weise Gesetze zugleich begünstigten und
eingeschränkten Freiheit, alle Arten von Entwicklung der menschlichen
Fähigkeiten, Leibes- und Geistes-Uebungen, Handarbeiten, Künste und
Wissenschaften hervorgebracht, und zum Teil auf eine bewundernswürdige Höhe
getrieben hat. Diese über ein grosses Stück von Asien und Europa und die
nördliche Küste von Libyen verbreiteten, mehr oder weniger ausgebildeten
Menschen scheinen, beim ersten Ueberblick, sich zu jenen rohen Kindern der Natur
wie die Götter zu den Menschen zu verhalten: forschen wir aber genauer nach, so
werden wir uns bald überzeugen, dass unter einer Myriade policirter Menschen
neuntausend sind, die sich überhaupt viel weniger glücklich, ja oft viel
unglücklicher fühlen oder wähnen, als jene nackten Waldmänner, Troglodyten187
und Ichtyiophagen188. Denn bei weitem die grössere Zahl lebt in Armut und
Mangel an allen Bequemlichkeiten; geniesst wenig oder nichts von den Früchten des
anscheinenden Wohlstands und Reichtums des Staats; muss, um einer kleinen Anzahl
üppiger Müssiggänger ein prachtvolles und wollüstiges Leben zu verschaffen, über
Vermögen arbeiten, und sich oft schlechter nähren als die Wilden, und, damit an
ihrem Elend nichts fehle, geduldig zusehen, wie die Müssiggänger sich auf ihre
Unkosten wohl sein lassen. Nun frage ich dich abermal: was dünkt dich dass für
die neunzighundert Teile der policirten Menschheit nach ihrer eigenen
Schätzung, das höchste Gut sein werde? Wir wollen sie selbst nicht fragen; denn
sie sind nicht unverdorben genug, uns, wie ihre Brüder in den Wäldern des Atlas,
Kaukasus und Imaus, die wahre Antwort zu geben. Aber rechne darauf, dass sie sich
von keiner höhern Glückseligkeit träumen lassen, als täglich zu leben wie die
Freier der Penelope, oder die Höflinge des Alcinous in der Odyssee, und, wie
diese, aller Arbeit überhoben zu sein. Grobe sinnliche Befriedigungen bei nie
abnehmender Gesundheit und Stärke, und ein müssiges sorgenfreies Leben, dies
ist's was sie sich als das höchste Gut denken, und höher gehen weder ihre
Wünsche, noch ihre dermalige Empfänglichkeit. Und warum nicht? da unter den
übrigen schwerlich zehn vom Hundert sind, in deren Busen, wenn Prometeus nicht
vergessen hätte ihn durchsichtig zu machen, wir nicht eben dieselben Wünsche,
nur mehr oder weniger verfeinert und auf alle ihre Leidenschaften ausgedehnt,
erblicken würden. Wenigstens lässt mich, was ich über diesen Punkt bisher
wahrgenommen habe, nichts anders glauben. Sinnlichkeit ist nun einmal die
Grundlage der menschlichen Natur; essen, trinken und schlafen, das erste
Bedürfnis, das erste Geschäft und das erste Vergnügen des Kindes, so wie das
letzte des Greises, bei welchem das Wohlbehagen an den Vergnügungen des Gaumens
in eben dem Verhältnis zunimmt, wie das Vermögen andre Triebe zu befriedigen
abnimmt und aufhört. Stelle einen jeden Sophisten, der dies nicht gestehen will,
ohne dass er deine Absicht merken kann, auf die Probe, und du wirst schwerlich
einen einzigen finden, der seine prahlerische Teorie nicht durch die Tat Lügen
strafen wird.
    Wie dann, Laiska? Dein scherzender Philosoph sollte also am Ende doch noch
Recht behalten? - Ja, und Nein, sage ich; und wenn dies widersinnig klingt, wer
kann dafür, wenn der Mensch, seiner Centaurischen Natur nach, ein so
widersinnisches Ding ist, dass mein Freund Plato sich und uns nicht besser zu
helfen weiss, als durch den wohlmeinenden Rat, den tierischen Teil geradezu
abzuwürgen, und den geistigen allein leben zu lassen. Meine Vorstellungsart
erlaubt mir nicht, so streng mit der Hälfte meines Ichs zu verfahren; und da
diese Doppelnatur nun einmal mein dermaliges Wesen ausmacht, so denke ich
vielmehr alles Ernstes darauf, einen billigen Vertrag zwischen beiden Teilen zu
Stande zu bringen, mit dem Vorbehalt, falls es mir damit nicht gelingen sollte,
mich auf die Seite der Vernunft zu schlagen, und vermittelst ihrer
Oberherrschaft über den animalischen Teil diese Sokratische Sophrosyne in mir
hervorzubringen, die zwar nicht das höchste Gut, aber doch gewiss ein sehr grosses
und zum reinen Genuss aller andern unentbehrlich ist. Im Grunde sollte jener
Vertrag so schwer nicht zu stiften sein, da die Natur selbst in beiden Teilen
schon Anstalt dazu gemacht, und dem geistigen eine sonderbare Anmutung zu dem
tierischen, diesem hingegen, trotz seiner angebornen Wildheit, eine eben so
sonderbare Willigkeit sich von jenem zäumen und regieren zu lassen, eingepflanzt
hat. In der Tat kommt in dieser Rücksicht alles darauf an, dass das Tier, wenn
es seine Schuldigkeit tun soll, fleissig zur Arbeit und zum Gehorsam angehalten,
aber auch wohl behandelt, gut genährt und hinlänglich gewartet werde. Sobald es
merkt, dass der regierende Teil es wohl mit ihm meint, ist es folgsam und
geschmeidig; wird ihm aber übel begegnet, gleich fängt es an muckisch zu werden;
beisst um sich, schlägt aus, spreizt, bäumt und wälzt sich, und lässt nicht nach,
bis es den Reiter abgeworfen hat. Ist dieser überhaupt nicht stark und
verständig genug den Zügel recht zu führen und sein Tier im Respect zu
erhalten, was Wunder wenn es mit ihm durchgeht, und sich gerade so meisterlos
aufführt, als ob es keinen Herrn über sich erkennte?
    Um diese Allegorie nicht zu lange zu verfolgen, bemerke ich nur, dass das
Dasein der Vernunft und ihr Einfluss auf unsre sinnliche oder tierische Natur
sich, wie bei den Kindern schon in der frühen Dämmerung des Lebens, so bei
allen, selbst den rohesten Völkern schon in den ersten Anfängen der Cultur
vornehmlich darin beweist, dass sie (wofern nicht besondere klimatische oder
andere zufällige Ursachen im Wege stehen) sich selbst und ihren Zustand immer zu
verschönern und zu verbessern suchen. So langsam es anfangs damit zugeht, so
schnell nimmt der Trieb zum Schönern und Bessern zu, wenn einmal gewisse
Perioden zurückgelegt sind, und die Vernunft selbst in ihrer Entwicklung einen
gewissen Grad von Stärke erreicht hat. Dass wir aber demungeachtet im Ganzen noch
so weit zurück sind, liegt wohl hauptsächlich an der Kürze unsers Lebens,
welches in Verhältnis mit allen übrigen Bedingungen, unter welchen wir es
empfangen, in viel zu enge Gränzen eingeschlossen ist, als dass die Menschen
(wenige Ausnahmen abgerechnet) grosse Fortschritte zur Verbesserung ihres eigenen
innern und äussern Zustandes machen, oder etwas Beträchtliches zum allgemeinen
Besten beitragen könnten: indessen zeigt sich doch von einer Generation zur
andern ein gewisses, im Kleinen meist unmerkliches, aber im Grossen ziemlich
sichtbares Streben nach dem, was man füglich (wie ich glaube) den Zweck der
Natur mit dem Menschen nennen kann. Und was könnte dieser anders sein, als die
immer steigende Vervollkommnung der ganzen Gattung, wozu jeder einzelne der
einst da war, etwas (wie wenig es auch sei) beigetragen hat, und von welcher nun
hinwieder jede neue Generation und jedes einzelne Glied derselben mehr oder
weniger Vorteil zieht? Da nichts, was einmal da war oder geschah, ohne Folgen
ist, also nichts ganz verloren geht; da jedes Jahrzehnt und Jahrhundert seine
Versuche, Erfahrungen, Entdeckungen und Erfindungen den Nachkommenden zur
Fortsetzung, Ausbildung, Verbesserung und Vermehrung überliefert, so kann dies
schlechterdings nicht anders sein. Die Rückfälle, die man von Zeit zu Zeit
wahrzunehmen wähnt, die alte Sage, »dass nichts unter der Sonne geschehe,« und
die Abnahme der menschlichen Gattung, die man uns schon aus dem alten Homer
erweisen zu können glaubt, sind nur anscheinend. Besondere Völker, einzelne
Menschen können wohl in einigen Stücken schlechter als ihre Vorfahren werden;
aber das Menschengeschlecht, als Eine fortdauernde Person betrachtet, der
unsterbliche Antropodämon189 Mensch, nimmt immer zu, und sieht keine Gränzen
seiner Vervollkommnung. Denn nur dem einzelnen Menschen, nicht der Menschheit,
sind Gränzen gesetzt.
    Die Fortschritte, welche wir Griechen seit der Zeit da Europens Bewohner
noch stammelnde Waldmenschen und Troglodyten waren, bis zu der Stufe, worauf wir
dermalen stehen, gemacht haben, werden andre Menschen, vielleicht ganz andre
Völker, nach uns in den nächsten Jahrtausenden fortsetzen, und unfehlbar wird
eine Zeit kommen, wo die Menschen durch künstliche Mittel sehen werden, was uns
unsichtbar ist; wo sie Schätze von Kenntnissen, wovon sich jetzt niemand träumen
lässt, gesammelt, neue Mineralien, Pflanzen und Tiere, neue Eigenschaften der
Körper, neue Heilkräfte, kurz, unendlich viel Neues im Himmel, auf Erden und im
Ocean entdeckt, und vermittelst alles dessen nicht nur unsre Erfindungen viel
höher getrieben, sondern eine Menge uns ganz unbekannter Künste und
Kunstwerkzeuge erfunden haben werden, u.s.w.
    Nun, meine Freundin, sind wir auf der Höhe, von welcher aus wir uns, dünkt
mich, überzeugen können, dass die Aufgabe, die du mir zu lösen gegeben hast,
unauflösbar ist. Es gibt kein andres höchstes Gut (wenn man es so nennen will)
für den Menschen, als, »das zu sein und zu werden, was er nach dem Zweck der
Natur sein soll und werden kann:« aber eben dies ist der Punkt, den er nie
erreichen wird, wiewohl er sich ihm ewig annähern soll. Wo über jeder Stufe noch
eine höhere ist, gibt es kein Höchstes - als täuschungsweise; wie dem, der einen
hohen Berg ersteigen will, diese oder jene Spitze die höchste scheint, bis er
sie erklettert hat, und nun erst sieht, dass neue Gipfel sich über ihm in die
Wolken türmen. Alles, was für einen Menschen in seinem dermaligen Leben (dem
einzigen, das er kennt) gut ist, ist zur rechten Zeit, am rechten Ort, im
rechten Mass, und recht gebraucht, für den Augenblick das Höchste; für den
unsterblichen Menschen gibt es kein Höchstes als das Unendliche. Weiter, schöne
Laiska, habe ich's bis jetzt nicht bringen können, und ich zweifle nicht, dass
viel daran fehlt, dass meine Antwort deinen Sophisten und Phrontisten genug tun
sollte. Was mich selbst betrifft, ich habe nie nach hohen Dingen, geschweige
nach dem Höchsten, getrachtet; und dafür haben mir die Götter immer reichlich
mehr gegeben, als ich zu begehren gewagt hätte. Von allen ihren Gaben die
reichste ist, dass sie mich mit dir zu gleicher Zeit geboren werden liessen, mich
mit dir zusammen brachten, und in der Stunde, da du mir deine Freundschaft
schenktest, mich auf mein ganzes Leben zu einem der glücklichsten Sterblichen
weihten. Müsst' ich nicht Adrasteien190 zu erzürnen fürchten, wenn ich meine
Wünsche noch höher zu treiben versuchen wollte?
 
                          Anmerkungen zum ersten Band.
Wieland hat zur Charakteristik Aristipps ein doppeltes Motto aus Horaz gewählt,
das erste aus einem Brief an Scäva (Epp. I. 17, 23.):
Gleich gut stand Aristippen, wie jegliche Farbe, das Glück an;
Höher hinauf gern strebt' er, und dem, was begegnete, fügsam.
                                                                            Voss.
    Das zweite aus einem Brief an Mäcenas (Epp. I. 1, 18.), welches Wieland
selbst so übersetzte:
- Und statt mich selbst den Dingen
Zu unterwerfen, seh' ich wie ich's mache,
Sie unter mich zu kriegen.
    Ein Auszug aus Wielands Anmerkungen (S. 59-50) dazu wird hier gewiss
zweckmässig als Einleitung dienen.
    Die Philosophie, als die Kunst zu leben, heisst es, wurde bei den Griechen
gleich andern schönen Künsten behandelt; sie hatte ihre Meister und Schulen wie
die Bildnerei und Malerei. Sokrates machte zwar selbst keine Secte - eben weil
er Sokrates war: aber alle nach ihm entstandenen philosophischen Schulen und
Secten wurden von irgend einem der Seinigen gestiftet oder veranlasst. Plato, der
berühmteste unter seinen Anhängern, stiftete die Akademie, Aristoteles, der
grösste Kopf unter Platons Schülern, das Lyceum. Aristipp machte sich zwar sein
eigenes System, aber kann so wenig als Sokrates für das Haupt einer Schule
gehalten werden, wiewohl man ihn dazu gemacht hat.A1 Antistenes wurde der Vater
einer Secte, die mit dem wenig rühmlichen Namen der Hündischen (Cyniker) sich
gleichwohl in einiges Ansehen zu setzen wusste, und unter den Philosophen das
war, was die Franciscaner unter den Mönchen. Hundert Jahre nach Sokrates Tode
wurden Zeno und Epikur, indem jener die Weltbürgerschaft des Antistenes, dieser
den Egoismus des Aristippos zu rectificiren suchte, die Stifter zweier neuen
Schulen, welche in kurzem über alle übrigen hervorragten, aber in allen ihren
Begriffen und Grundsätzen Antipoden waren - der Epikurischen und der Stoischen.
    Von dem eigentlichen System des Aristippus wissen wir nur sehr wenig
Zuverlässiges; denn seine Schriften sind verloren gegangen, und von den
sogenannten Cyrenäern, seinen angeblichen Nachfolgern, lässt sich kein sicherer
Schluss auf ihn selbst machen. In dem, was Diogenes Laërtius von ihm
zusammengestoppelt hat, sind die Anekdoten und Bonsmots das Beste, wiewohl
darunter einige von verdächtigem Schlage vorkommen. Aber, wenn wir auch nichts
von ihm wüssten, als was uns Horaz sagt: so würde dies, mit etlichen Zügen, die
sich im Cicero, Plutarch und Atenäus finden, schon hinlänglich sein, uns von
der Denkart dieses Philosophen, der so wenig dazu gemacht war, gute Nachahmer zu
haben, einen ziemlich reinen Begriff geben. Der Grund seiner ganzen Philosophie
scheint folgendes Raisonnement gewesen zu sein. Der Mensch weiss nichts gewisser
als dass er ist, denn dies fühlt er; und eben dies Gefühl sagt ihm alle
Augenblicke, was er ist, nämlich ein Wesen, dessen Existenz eine Kette von
angenehmen oder unangenehmen Empfindungen ist, die ihm entweder von aussenher
kommen, oder die es sich selbst macht. Aus jenen erkennt er zwar, dass eine
unendliche Menge von Dingen ausser ihm sind; aber was diese Dinge für sich selbst
sind, weiss er nicht; und da es ihn im Grunde nichts angeht, so soll er sich auch
nichts darum kümmern. Aber was er gewiss weiss, weil er's fühlt, ist: dass ihm
diese Dinge geradezu Lust oder Unlust machen, teils Gelegenheit geben, dass er
sich selbst ihrentwegen plagt. Das letztere zu vermeiden, hängt sehr von seinem
Willen oder doch von seiner Weisheit ab; denn seine Einbildungen und
Leidenschaften sind in ihm selbst, und er kann also, wenn er will und es recht
angreift, sehr wohl Meister über sie werden. Was die Dinge ausser ihm betrifft,
so mag er (wenn er kann) diejenigen vermeiden, die ihm Unlust machen, und
diejenigen suchen, die ihm wohltun. Kann er aber jene nicht vermeiden, ohne
sich grössrer Unlust auszusetzen, so duldet er, wenn er weise ist, das kleinere
Uebel um des grössern Guten willen; und eben so unterlässt er lieber ein Vergnügen
zu suchen, wenn er weiss, oder sehr wahrscheinlich vermuten kann, dass es mit
mehr Unlust verbunden sei als das Gute daran wert ist. Unvermeidliche Uebel
erleichtert er sich durch Geduld; alles Angenehme aber geniesst er, wenn es
gleich mit einiger geringen Unlust verbunden ist; aber geniesst es als etwas
Entbehrliches, wie einer eine Rose pflückt, die an seinem Wege blüht; und da die
meisten Dinge uns nicht durch das was sie sind, sondern durch das was wir ihnen
geben, oder durch unsre Vorstellungsart, glücklich oder unglücklich machen, so
gewöhnt sich ein weiser Mann, die Dinge ausser ihm von der angenehmsten oder doch
leidlichsten Seite anzusehen. Durch diese Art zu denken erhält er sich frei und
unabhängig, während dass die ganze Welt sein ist. Er verschafft sich jedes Gut um
den wohlfeilsten Preis, denn er gibt nichts Besseres darum hin; wird es ihm
entzogen, so betrachtet er's als etwas, das nie sein war. Kurz, er kann alles
geniessen, alles entbehren, sich in alles schicken, und die Dinge ausser ihm
werden nie Herr über ihn, sondern er ist und bleibt Herr über sie.
    Die Zeit der Blüte Aristipps fällt um die 100ste Olympiade, 380 Jahre vor
Christus. Mit der 94sten Olympiade, 404 J. vor Ch., beginnt diese Schilderung
Wielands, 4 Jahre vor dem Tode des Sokrates, 25 Jahre nach dem Tode der
Perikles. Aristipp wird einige 20 Jahre alt angenommen, und kann füglich nicht
höher angenommen werden, da er noch über 60 Jahre nach des Sokrates Tode lebte.
                                   1. Brief.
1 Cyrene, Kyrene (jetzt Kurin) die Vaterstadt der Philosophen Aristippos und
Karneades, des Dichters Kallimachos und des Matematikers Eratostenes, lag in
Afrika, auf der Westseite von Aegypten, an der Küste des Mittelländischen
Meeres, in einer höchst fruchtbaren Gegend. Griechen von der Insel Tera, unter
Anführung des Battos, hatten hier eine Colonie gestiftet, und Cyrene, wonach die
ganze Landschaft Eyrenaika genannt wurde, oder auch, weit späterhin noch vier
Städte hier angelegt wurden, Pentapolis (Fünfstadt), erwuchs zu einem blühenden
Handelsstaat. Battos war der erste König dieses Griechisch-Afrikanischen
Staates, und seine acht Nachfolger, die Battiaden, regierten von 631-432 v. Chr.
Im ersten Jahre der 87sten Olympiade, 431 v. Chr., endigte ihre Herrschaft, und
Kyrene erhielt eine republicanisch-aristokratische Verfassung, bis Ariston
Alleinherrscher wurde, der aber im Jahre 406 v. Chr. umkam. Diese Krisis fällt
nun eben in diese Periode Aristipps.
2 Stadt auf der Insel Kreta.
3 Die berühmte Argo, worauf die Argonauten von Tessalien aus nach Kolchis
(Mingrelien) schifften. Auf die vielen Wundersagen, die von dieser Schifffahrt
erzählt werden, spielt Aristipp an.
4 Von den Musen Begeisterte, hier nicht ohne schalkhafte Anspielung auf die
unten vorkommende Nympholepsie.
5 Oeffentliche Volks- oder National-Versammlung.
6 Oder Knossus - Stadt auf der Nordküste der Insel Kreta. Ausser dem berühmen
Labyrint, woraus Ariadne den Teseus rettete, und von dessen Ueberresten
Tournefort Nachricht gibt, war hier, dem Lactanz zufolge, auch Jupiters Grabmal
zu sehen, wegen dessen aber Kallimachus die Kreter als arge Lügner schilt, indem
ein ewig lebender Gott nicht begraben sein könne.
                                   2. Brief.
7 Die Staatsverfassung von Korint war, seit der Alleinherrschaft Perianders,
(des zweideutigsten unter den sieben Weisen) oligarchisch, d.i. die Regierung
befand sich hauptsächlich in den Händen einer kleinen Anzahl alter und
begüterter Geschlechter, deren Ursprung sich zum Teil in den heroischen Zeiten
verlor, und die sich durch den Beinamen Eupatriden (Wohlgeborne) von den
Plebejischen unterschieden. W.
8 Mina (Mna) eine fingirte Münze, welche 100 Drachmen entielt und deren 60 ein
Attisches Talent ausmachten. Man kann sie, ohne einen beträchtlichen
Rechnungsfehler, für 22 Reichstaler Conventionsgeld annehmen. W.
9 Eine Stadt in der Peloponnesischen Provinz Elis, an deren Stelle aber die
Stadt Olympia soll erbaut worden sein.
                                   3. Brief.
10 Aktäon wurde, weil er die Minerva im Bade gesehen hatte, in einen Hirsch
verwandelt, und von seinen eignen Hunden zerrissen.
11 Bäder.
12 Ixion ward in der Unterwelt auf ein Rad geflochten, wo ihm täglich ein Geier
die, stets wieder wachsende, Leber (den Sitz der Liebe nach der Griechen
Meinung) aushackt.
13 Einer der grössten Bildhauer, die aus der Schule des Phidias hervorgingen, ein
Mitschüler und Rival des nicht weniger berühmten Agorakritos, der von seinem
Meister so leidenschaftlich geliebt wurde, dass dieser, um ihm einen Namen zu
machen, viele seiner eigenen Werke für Arbeiten seines Lieblings ausgegeben
haben soll. (Denn dies will Plinius ohne Zweifel mit den Worten sagen: ejusdem
(Phidiae) discipulus fuit Agoracritus, ei aetate gratus: itaque e suis operibus
pleraque nomini ejus donasse fertur). Für das schönste unter den Werken des
Alkamenes, welche noch zu Plinius und Lucians Zeiten in Aten zu sehen waren,
erklärt der letztere (unstreitig ein elegans spectator formarum) eine in den
sogenannten Gärten ausser den Mauern von Aten aufgestellte Venus, welche über
eine andere, vom Agorakritus zu gleicher Zeit mit ihm in die Wette gearbeitete,
den Preis erhielt, und von so hoher Schönheit war, dass die Sage ging, Phidias
selbst habe ihr die letzte Vollendung gegeben. Diese Sage konnte aber wohl
keinen andern Grund haben, als die Meinung: Alkamenes könnte ein so vollkommenes
Kunstwerk nicht ohne Beistand seines Meisters zu Stande gebracht haben. Sie
zeugt also bloss für das grosse Talent des Alkamenes, und die vorzügliche
Schönheit seiner Venus; denn dass Phidias wirklich die letzte Hand an sie gelegt
habe, ist schlechterdings unglaublich, wenn die Anekdote von seiner
ausserordentlichen Vorliebe zum Agorakritus wahr ist. In diesem Falle würde
Phidias sich beeifert haben, der Arbeit seines Lieblings den Vorzug zu
verschaffen, und also das, was er für Alkamenes getan haben soll, vielmehr zum
Vorteil des Agorakritus getan haben. Eine von diesen beiden Sagen (deren
auffallenden Widerspruch der Römische Compilator nicht zu bemerken scheint) muss
also notwendig grundlos sein; und so ist es um die meisten, wo nicht um alle
die Sagen beschaffen, die unter den Griechen über ihre vorzüglichsten Personen
beiderlei Geschlechts herumliefen. Das Schlimmste ist, dass beinahe alles
vorgeblich Historische, was uns die alten Biographen, Anekdotensammler und
Compilatoren, Diogenes von Laërte, Atenäus, Suidas u.s.w. von diesen Personen
erzählen, aus solchen Sagen besteht, welche grösstenteils aus der unreinen
Quelle der alten Komödien- und Sillen-Schreiber geflossen zu sein scheinen. W.
14 Freundin, bei uns - Freudenmädchen. Dass sie in der Handelsstadt Korint, wo
ein berühmter Tempel der Venus (Aphodite) war, unter dem besondern Schutze
dieser Göttin standen, erinnert an die Sitte orientalischer Handelsplätze, wo es
zum Tempeldienst gehörte, dass die Jungfrauen ihre Jungfräulichkeit einem -
Fremden opferten, wofür die Einkünste in den Tempelschatz flossen.
15 Die Auftauchende, heisst Venus, weil sie aus dem Meer entsprang, und als
neugeborne Göttin zum Entzücken des ganzen Olymps daraus emporstieg. Eins der
schönsten Gemälde des Apelles war unter diesem Namen bekannt.
16 Epopten, hiessen diejenigen, die nach gehöriger Vorbereitung zum Anschauen der
grossen Mysterien zugelassen worden. W.
17 Iris (Regenbogen) - Die Votin der Götter und insbesondere Dienerin der
Götterkönigin - für Zofe überhaupt gebraucht. W.
18 Eine unter dem König Darius zuerst geprägte. Persische Goldmünze, ungefähr
vier Taler sechs oder acht Groschen unsers Geldes wert. W.
                                   4. Brief.
19 S. Wielands erste Anmerkung zu Horazens sechstem Brief im ersten Buche.
20 Sieg - Durch die Siege bei Maraton und Salamin retteten die Griechen ihre
Freiheit, die von Persiens Uebermacht bedroht war.
21 Nach denen die alle vier Jahre sich erneuernden Olympiaden als die
gewöhnliche Zeitrechnung der Griechen angenommen wurden, sind nach Einigen von
Jupiter selbst oder den Kureten gestiftet, und nach einer Unterbrechung erst von
Hercules, dann von Pelops, und zuletzt von Iphitus und Lykurgus, gegen 800 Jahre
v. Chr. erneuert. Des Iphitus Verordnungen darüber waren auf einem Diskus
eingegraben, den man im Junotempel zu Olympia aufbewahrte. Fünf Tage in unserm
Monat Julius waren dazu bestimmt, die ersten zum Ringen und Faustkampf, der
dritte zu den sogenannten Fünfkämpfen (Pentatloi), Ringen, Faustkampf, Laufen,
Werfen der Wurfscheibe (Diskus) und des Wurfspiesses, der vierte zum Wettlaufe zu
Fuss und zu Ross, der fünfte zum Wagenrennen. Die Beschuldigungen, welche Aristipp
hier vorbringt, sind allerdings durch manche Zeugnisse bestätigt, und doch war.
22 Man sehe Manso's Abhandlung über den Anteil, welchen die Griechen an den
Olympischen Spielen nahmen, in der N. Bibl. der sch. Wiss. Bd. 47. Vergl.
Böttigers Kunstmytologie S. 55. Abgerechnet alles, was sie als eine
National-Versammlung wichtig machte, hatten sie auch im Geist ihrer Einrichtung
viel Aehnliches mit den Turnieren, und verschaften einen Gottesfrieden, den man
sogar symbolisch angedeutet hatte, denn beim Eintritt in den Tempel Jupiters
erblickte man zur Rechten die Bildsäule des Iphitus, den die Ekechereia
bekränzte, d.i. der Stillstand aller Feindseligkeiten zwischen allen Griechen,
welcher während dieser Tage eintrat. Nichtsdestoweniger hätte man vieles
zweckmässiger einrichten können; dachte aber vielleicht daran, dass das Alte den
Meisten heilig und das Gewohnte das Liebste ist; kurz, wie der Eleer, welchen
Wieland nachher einführt.
23 Eryx - ein gewaltiger Sicilischer Faustkämpfer (pyktes) der heroischen Zeit,
welcher zuletzt, von Hercules überwältigt, dem Berge Eryx in Sicilien, wo er
begraben wurde, den Namen gab. W.
24 »Der schönste der Männer, die gegen Ilion zogen.« Il. II. 671. W.
25 Ein seiner Schönheit und Stärke wegen berühmter Atlet. W.
26 Cestus, hiess bei den Römern eine Art von Fechtandschuh aus dicken
rindsledernen Riemen um den Arm und die Faust gewunden (auch wohl mit Blei
gefüttert), womit die Faustkämpfer (Pikten) ihre Hände bewaffneten. Die Griechen
nannten dies xeires oplismenai, ohne einen besondern Namen für den Cestus zu
haben. W.
27 Die Griechen nannten alle nicht Griechisch redenden Völker Barbaren, ohne auf
ihre mehrere oder mindere Cultur und Policirung dabei Rücksicht zu nehmen;
wiewohl sie sich auch hierin grosser Vorzüge über die übrigen Erdebewohner bewusst
waren, und mit einer gewissen Verachtung auf alle Nicht-Griechen herabsahn. W.
28 Atleten, hiessen mit einem gemeinsamen Namen alle Wettkämpfer, welche bei
öffentlichen Spielen in den fünferlei Kampfübungen, die unter dem pentatlos
begriffen waren, um den Preis stritten; in engerer Bedeutung des Wortes wurden
vorzüglich die Pankratiasten, d.i. die Ringer und die Fechter mit dem
Kampfhandschuh (cestus), Atleten genannt. W.
29 S. oben Atleten.
30 Die Pytischen, wurden alle 5 Jahre dem Apollon, - die zu Nemea, die
Nemeischen, alle 2 Jahre dem Jupiter, - die zu Korint, die Istmischen, alle 2
Jahre dem Poseidon zu Ehren gefeiert.
31 S. die folgende Anmerkung.
32 Die Hellenen oder eigentlich sogenannten Griechen erkannten den Deukalion
(einen Tessalischen Fürsten, der ungefähr 1500 Jahre vor der christlichen
Zeitrechnung gelebt haben soll) oder, genauer zu reden, seinen Sohn Hellen (von
welchem sie ihren allgemeinen Namen führten) für ihren gemeinsamen Stammvater.
Hellens Söhne, Dorus und Aeolus, und Ion, sein Enkel, gaben ihren Namen den drei
Hauptästen in welche die ältesten Hellenen sich teilten, und deren jeder in der
Folge sich wieder in mancherlei Zweige verbreitete. Dorus bemächtigte sich
(alten Sagen nach) der am Fusse des Parnassus liegenden kleinen Landschaft Doris;
Aeolus und seine Nachkommen liessen sich in Elis, Arkadien und andern Gegenden
der Halbinsel, die in der Folge den Namen Peloponnesus bekam, nieder; und nach
Ion führten die Bewohner von Attika den Namen Ionier, der sich nach Verlauf
mehrerer Jahrhunderte in den berühmtern der Atenäer (oder Atener) verlor.
Diese drei Hellenischen Stämme gaben, als sie sich in der Folge auch an der
westlichen Küste von Asien anbaueten, den Provinzen Aeolis, Ionia und Doris, so
wie den drei Hauptdialekten der Griechischen Sprache, ihren Namen. Das
Gewisseste von allem diesem ist, dass in den Zeiten, wo die Geschichte der
Griechen aufhört ein verworrenes und undurchdringliches Gestrüppe von Mährchen
und widersprechenden Volks- und Stammsagen zu sein, die ganze Hellas teils aus
Dorischen teils aus Ionischen Völkern und Städten bestand; dass unter jenen
Lacedämon, unter diesen Aten als die ersten an Macht und Ansehen, gewöhnlich
diejenigen waren, an welche sich die übrigen, freiwillig oder gezwungen,
anschlossen; und dass zwischen diesen beiden Hauptstämmen von jeher in
Naturanlagen, Cultur, Mundart, Sitten und politischer Verfassung eine so
auffallende Ungleichheit und eine so entschiedene Antipatie geherrscht hatte,
dass sie höchst wahrscheinlicher Weise, ohne die wohltätige Gegenwirkung der
ihnen eigenen National-Institute, einander selbst lange vorher aufgerieben haben
würden, ehe sie die hohe Stufe von Cultur erreicht hätten, wodurch sie, sogar
nachdem sie selbst eine Nation zu sein aufgehört haben, die Gesetzgeber, Lehrer
und Bildner aller übrigen geworden sind. W.
33 Ehärephon war ein vertrauter Freund des Sokrates. Dass er das Orakel Apollons
zu Delphi wegen des Sokrates Weisheit befragte, berichten Platon und Xenophon in
ihren Verteidigungsschriften des Sokrates. In dem gegebenen Orakel hätte wohl
durch die Pytia - die das Orakel aussprechende Priesterin - Ehärephon selbst
sprechen können; hat sie aber nur so negativ und vergleichungsweise gesprochen
wie bei Platon und Xenophon, so war sie vollkommen sicher, niemals der
Bestechlichkeit beschuldigt werden zu können. Und mir ist glaublicher, dass sie
ihr Orakel eben so, wie jene sagen, und nicht wie es anderwärts angeführt wird,
ausgesprochen habe.
34 Diesen Sohn von des Sokrates altem Freunde Kriton lernt man am besten aus
Xenophons Gastmahl kennen.
35 Der in jüngeren Jahren des Sokrates Umgang gesucht hatte, wurde nachher
ausschweifend, und hatte mit Alcibiades nur das gleiche Streben und die
schlimmen Eigenschaften, nicht aber die guten gemein. Mit hoher Einbildung auf
Abkunft, Reichtum und Macht verband er Habsucht und Grausamkeit, die er als
einer der von dem Spartanischen Feldherrn Lysander aufgedrungenen Dreissig-Männer
so sehr bewies, dass es zwischen ihm und Sokrates zum offenen Bruche kam.
36 Die Einwohner dieser, zu der Gruppe der Eykladen im Aegeischen Meere
gehörigen, Insel hatten mit den Atenern gerechten Krieg. Als sie sich endlich
ergeben mussten, hieben die Atener fast alle junge Mannschaft nieder und
verkauften Weiber und Kinder. Tuc. 5, 116.
37 Burg, Citadelle.
                                   5. Brief.
38 Die Rennbahn, wo öffentliches Pferd- und Wagenrennen gehalten wurde. W.
39 Oeffentliche Plätze zu Leibesübungen, im Ringen, Werfen u.s.w.
40 Beschreibung - des Jupiter von Phidias - Mit dem, was Wieland hierüber sagt,
hat der, welcher die genaueste Belehrung wünscht, zu vergleichen die beiden
Schriften über den Tempel und die Bildsäule des Jupiters zu Olympia, von Völkel
(Leipz. 1794) u. Siebenkees (Nürnb. 1795), dann aber vorzüglich Böttiger in den
Andeutungen S. 93. fgg., und noch weit mehr in der Kunst-Mytologie S. 52. fgg.
Wir werden noch einmal darauf zurückkommen bei Wielands Abhandlung über die
Ideale der Alten.
41 Der Wolkensammelnde - Beiwort des Zeus bei Hommer.
42 Anspielung auf eine allgemein bekannte Stelle im ersten Buche der Ilias, und
auf die Sage, dass diese Stelle durch eine plötzliche Begeisterung das Ideal
erzeugt habe, nach welchem Phidias seinen Olympischen Jupiter gearbeitet habe.
                                   6. Brief.
43 (Gähnaffen, Maulaufsperrer). - Voss übersetzt: Gaffener - Ein Spottname,
welchen Aristophanes den Atenern gibt, um die sinn: und zwecklose Neugier,
Leichtgläubigkeit und Unbesonnenheit, die zu den Hauptzügen ihres
Volkscharakters gehörten, mit einem angemess'nen Worte (das von dem dummen
Schnabelaufsperren der Gänse und der jungen Vögel, wenn sie von den Alten geätzt
werden, hergenommen ist) zu bezeichnen. W.
44 Alles, was Aristipp in dieser und andern Stellen seiner Briefe von dem
Aeusserlichen des Sokrates sagt, stimmt sowohl mit der Idee, die man sich aus
verschiedenen Stellen im Xenophon und Plato von ihm machen muss, als mit den
schönsten Sokratesköpfen auf antiken Gemmen sehr genau überein; auch scheinen
seine Bemerkungen über die Physiognomie und überhaupt über das Eigene und
Charakteristische an der Aussenseite desselben einen hinlänglichen Grund zu
entalten, warum er die bekannte, dem Cicero und Alexander von Aphrodisias so
oft nachgebetete Anekdote von dem, was dem Sokrates mit dem Physiognomen Zopyrus
begegnet sein soll, wofern sie ihm auch bekannt war, keiner Erwähnung würdigt.
Uebrigens pflegte Sokrates selbst über seine Silenenmässige Gestalt zu scherzen,
und es wäre lächerrlich, ihn (wie einige getan haben) der Schönheit seiner Seele
zu Ehren, und dem Zeugnis seiner vertrautesten Freunde zu Trotz, zu einem Adonis
machen zu wollen. Ich zweifle daher nicht, dass Epiktet, wenn er ihm soma epixari
kai hdy zuschreibt (S. Arriani Diss. Ep. IV. 11.), nicht mehr damit habe sagen
wollen, als was Aristipp hier nur ausführlicher und bestimmter (wie einem
Augenzeugen zukommt) ausgedrückt zu haben scheint. W.
45 S. in einem der folgenden Bände Wielands Aufsatz über Atens Verfassung.
46 Drei Obolen, etwa drei Kreuzer, erhielt seit Perikles jeder Bürger, der an
den Volksversammlungen Teil nahm.
47 Kalokagatoi - Was man damals zu Aten einen Kalokagatos nannte, war mit dem,
was die Engländer a Gentleman, und die Franzosen un galantomme nennen, ziemlich
gleichbedeutend. Oefters bezeichnet es auch so viel als eine Person von
vornehmer Geburt und Erziehung. In der moralischen Bedeutung, da es so viel als
schöngut, oder gutedel heisst, scheint es vom Sokrates zuerst genommen worden zu
sein. W.
48 Ein Beiname der Atener, von Cekrops, dem ersten Stifter der Stadt Aten,
welche anfangs nach ihm Cekropia genannt wurde. W.
49 Gastmahle. Die Sokratischen kennt man aus zwei Schriften Platons und
Xenophons unter diesem Titel.
                                   7. Brief.
50 Sophist, entspricht in seiner ersten Bedeutung dem, was wir einen Virtuosen
nennen. Seitdem in des Sokrates frühesten Lebensjahren zuerst Zenon aus Citium,
ein Philosoph aus der Eleatischen Schule in Unter-Italien, nach Aten kam, um,
für gute Zahlung, die Teile der Philosophie zu lehren, die hauptsächlich mit
der Rednerkunst in Verbindung stehen (Dialektik), nannten er und seine
Nachfolger sich Sophisten, welcher Name erst verrufen wurde durch der spätern
prahlerisches Scheinwissen und unredliche Verdrehungskünste, die hauptsächlicg
Sokrates und seine Schule aufzudecken beflissen waren. Sokrates setzte daher
auch den Namen der Philosophie (Liebe der Weisheit) als einen bescheidneren dem
der Sophistik entgegen. Bei Pytagoras, der sich des Namens der Philosophie
zuerst bediente, hatte sie noch die Sokratische Bedeutung nicht.
51 Was Aristipp hier sagt, wird durch eine bekannte Stelle im Teätetus des
Plato bestätigt.
52 Der gerechte und ungerechte Vortrag. Man sehe darüber Wieland im Attischen
Museum Bd. 2 Hft. 3. S. 98 fgg., wo er den Scholiasten dahin erklärt, dass
Aristophanes die beiden Kämpfer in besiederten Masken, die ihnen auch das äussere
Ansehen von Streitähnen gaben, habe auftreten lassen.
53 Die ehrwürdigen Chariten (Holden), jedes Werk im Himmel ordnend.
54 Anaxagoras, kann als der letzte Philosoph aus der sogenannten Ionischen
Schule betrachtet werden. Die zu ihr gehörigen Philosophen nannte man Physiker
(Naturphilosophen) und ihre Philosophie auch die physische, weil sie
hauptsächlich darauf ausging, Ursprung und Wesen der Natur zu erklären.
Anaxagoras und der Sophist Zenon brachten zu gleicher Zeit, jener die Ionische,
dieser die Italische Philosophie nach Aten, wo, besonders durch Sokrates und
seine Schüler, aus beiden die neue Attische sich bildete. Wenn hier dem
Anaxagoras vorgeworfen wird, dass er das Studium der Natur auf einem falschen
Wege gesucht habe, so ist dies nur zum Teil wahr, und Sokrates verdankte
zuverlässig sowohl seinen physikoteologischen Beweis für die Weisheit und Güte
Gottes, als auch seine teleologische Betrachtung der Natur dem Anaxagoras, der
unter den Griechen zuerst die Einheit Gottes als einer von der Welt
verschiedenen höchsten Intelligenz lehrte.
55 Volksleitung.
                                   8. Brief.
56 Fortleitung, nennt man diejenige Lehr- oder Beweisart, welche von einem
Einzelnen ausgeht und so viel Gleiches nach einander hinzubringt, dass daraus das
ihnen gemeinsame Allgemeine gefolgert werden kann. - Neben der Induction
bediente sich Sokrates aber auch der Analogie, zufolge welcher aus der
Gleichheit in Mehrerem auf Gleichheit des Ganzen geschlossen wird.
 Sehr treffend unterscheidet Wieland hier des Sokrates Lehrmetode von seiner
Streitmetode, der Ironie, die man mit einander so sehr verwechselt hatte, dass
wenig fehlte, man hätte allen Katecheten Ironie zugemutet. Vielleicht hat man's
gar getan.
 Nur in dem, was Wieland hier von der Sokratischen Seelen-Entbindungskunst
(Mäeutik) sagt, scheint er mir nicht erschöpfend: es ist jedoch hier der Ort
nicht, das Gesagte zu berichtigen. Darum genüge die Bemerkung, dass diese
zusammenhängt mit seinem Glauben an Präexistenz der Seelen und mit dem Satze,
dass unser Erlernen ein Wiedererinnern sei. Bei der Untersuchung wird man von dem
Satze ausgehen müssen, dass sich auch eine Seele nur von dem entbinden lässt, was
sie in sich wirklich von Natur hat. Die Mäeutik kann sich daher nur auf
matematische und philosophische Erkenntnisse, nicht aber auf empirische und
historische Kenntnisse beziehen, woraus von selbst folgt, dass man mit Induction
und Fragkunst (Erotematik) dabei nicht auskommt.
57 Dieses Gespräch zwischen Sokrates und Eutydemus ist von Wort zu Wort das
nehmliche, welches im sechsten Abschnitt des vierten Buchs der Sokratischen
Denkwürdigkeiten zu lesen ist. Aristipp sowohl als Xenophon erzählen es, als ob
sie dabei zugegen gewesen, welches sehr wohl Statt haben konnte, da Xenophon
sich nicht eher als im vierten Jahre der vierundneunzigsten Olympiade von Aten
entfernte, um unter den Griechischen Hülfstruppen, welche der jüngere Cyrus zum
Behuf seiner Unternehmung gegen den König seinen Bruder angeworben hatte,
Dienste zu nehmen. Xenophon und Aristipp konnten sich also etliche Jahre lang
öfters in Gesellschaft des Sokrates gesehen haben, wiewohl die grosse
Verschiedenheit ihrer Sinnesart, und der Umstand, dass Xenophon damals schon ein
Mann von funfzig Jahren war, und überhaupt einen ganz andern Weg im Leben ging
als Aristipp, Ursache sein mochte, dass beide einander immer fremd und
gleichgültig geblieben; nur mit dem Unterschied, dass dieser Mangel an Sympatie
Aristippen nicht verhinderte, dem Xenophon bei jeder Gelegenheit Gerechtigkeit
wiederfahren zu lassen, dieser hingegen in mehr als einer Stelle der
Memorabilien eine Abneigung gegen jenen verrät, die sogar der Billigkeit
Abbruch tut, welche man sonst in seiner Art, selbst von sehr tadelhaften
Menschen zu urteilen, wahrnehmen kann.
                                   9. Brief.
58 Die Wielandische Uebersetzung dieser Komödie des Aristophanes s. in dem
Attischen Museum Bd. 2. - An die nun auch erschienene Vossische darf ich wohl
nicht erst erinnern.
59 Fünf Jahre vor Sokrates auf der Insel Kos geboren, ein Pytagorischer
Philosoph, schrieb erst in seinem Alter Komödien, deren 52 von ihm aufgezählt
werden. Man kennt aus ihnen nur noch mehrere Sittensprüche, und es lässt sich
freilich erwarten, dass ein Phytagoräer nicht in den uns so anstössigen Ton der
übrigen Komiker Atens werde eingestimmt haben. Solcher Sittensprüche führt
Sokrates dem Aristipp selbst, in einem Gespräch mit demselben, einige an.
60 Kratinus, Eupolis - Zwei, mit Aristophanes gleichzeitige Komiker, der erste
viel älter, aber selbst einem Aristophanes als Gegner furchtbar; der zweite
jüngere scheint mit ihm in gutem Vernehmen gestanden, und ihm sogar in Einigem
Beistand geleistet zu haben. Ueber sie und überhaupt über die Attischen komische
Bühne muss man nachlesen A.W. Schlegels Vorlesungen über dramatische Kunst und
Literatur Bd. 1. S. 268 fgg., und Kanngiesser: die alte komische Bühne in Aten.
61 Eine Art ausserordentliches Gericht, worin das versammelte Atenische Volk
einen Bürger, dessen Gegenwart und Einfluss sie der Republik für schädlich
hielten, auf eine bestimmte oder unbestimmte Zeit des Landes verwiesen; übrigens
seiner Ehre und seinem Vermögen unpräjudicirlich. W.
62 Helia hiess ein öffentliches Gebäude zu Aten, wo das höchste Gericht über
Staatshändel und Staatsverbrechen, gewöhnlich aus 500, in wichtigen
Angelegenheiten aus 1000, 1500 bis 2000, auch wohl aus noch mehr tausend Bürgern
bestehend, seine Sitzungen hielt. Diese Richter hiessen daher Heliasten. Sie
wurden jedesmal ad hoc erwählt, und ihre Anzahl hing von dem Gutbefinden der
sechs untersten Archonten ab. W.
63 Die 50 Glieder des Senats der 500 zu Aten, welche 36 Tage lang das Präsidium
führten, und während dieser Zeit, da sie den geheimen Rat der Republik
ausmachten, im Prytaneion auf Kosten des Staats beköstiget wurden. W.
64 Die besondern Umstände dieser Anekdote sind in Xenophons Sokratischen
Denkwürdigkeiten, im zweiten Kapitel des vierten Buchs, ausführlich zu lesen. W.
65 Menschen, deren Stamm das Land, wo sie wohnen, von jeher innegehabt, und also
gleichsam von selbst, wie die Bäume, aus dem Erdboden hervorgewachsen war. Die
Bewohner von Attika wussten sich viel damit, solche Autochtonen zu sein. W.
66 Anspielung auf den Charakter, welchen Aristophanes in seinen Rittern dem
unter dem Namen Demos personificirten souveränen Pöbel zu Aten beigelegt,
besonders auf die Verse im ersten Act, welche ich für diejenigen, die das
Original selbst nicht lesen können, aus meiner Uebersetzung (im zweiten Buch des
Attischen Museums) hierher setze. Demostenes und Nikias sagen den Zuschauern:
Uns beiden ward ein ziemlich seltsamer
Patron zu Teil, ein sauertöpfischer
Heissgrät'ger Mann, der sich mit Bohnen füttert,
Viel Galle macht, auch etwas übel hört,
Kurz, ein gewisser Demos aus dem Pnyx,
Ein grilliger, griesgräm'ger, alter Kauz.
67 Dies bezieht sich auf die Nachricht des Grammatikers, der den Inhalt der
Wolken abgefasst hat, dass Aristophanes von des Sokrates nachmaligen Anklägern
Anytus und Melitus gedungen worden sei, dies Stück zu schreiben.
68 Die Atener wollten neun Heerführer, weil sie die in der Seeschlacht bei
Arginussä gebliebenen Bürger nicht aufgesucht und begraben hatten, zum Tode
verurteilen. Diesem ungerechten Ausspruch widersetzte sich der einzige Sokrates
mit unerschütterlichem Mute, trotz aller Drohungen der Ankläger sowohl als des
Volks, ihn selbst vor Gericht zu ziehen.
    Ueber den in diesem Briefe verhandelten Gegenstand hatte Wieland früher im
Attischen Museum eine besondre Abhandlung geliefert: Versuch über die Frage: ob
und inwiefern Aristophanes gegen den Vorwurf, den Sokrates in den Wolken
persönlich misshandelt zu haben, gerechtfertigt oder entschuldigt werden könne?
(Bd. 3. S. 57-100) Gegen Wielands hierin gefälltes Urteil über Aristophanes
hatte sich der Herausgeber erklärt in seinem Artikel Aristophanes in dem
ästetischarchäologischen Wörterbuch, und konnte Wielanden zufälliger Weise dies
erst zeigen, als es abgedruckt war. »Habe ich, sagte er, dies alles gesagt, so
hatten Sie Recht, es zu bestreiten: mir ist aber, als hätte ich ziemlich
dasselbe gesagt, was Sie gegen mich geltend machen.« Nach etlichen Tagen gab er
mir die Nachricht, dass ihm die Sache keine Ruhe gelassen habe, und wies mir nun
diesen, von mir übersehenen, Brief Aristipps nach; ich liess hierauf ein Blatt
umdrucken. - Was die Sache betrifft, so hätte noch angeführt werden müssen, dass
ja auch andere Komiker vor Aristophanes schon den Sokrates auf die Bühne
gebracht hatten, und darüber ist nachzusehen Kanngiesser a.a.O. zu Ende.
                                   10. Brief.
69 Er scheint sogar nicht ohne Anlage zu Schwärmerei gewesen zu sein, da er
zuweilen in Entzückungen geriet, worin er sich seiner selbst nicht bewusst war.
- Ueber das von Wieland Angeführte s. Xenoph. Memor. Socr. 1, 1. 2, 6. 4, 3. 7.
                                   11. Brief.
70 (Das Königtum, oder die höchste Staatsgewalt, personificirt) - Die Basileia,
auf welche Aristipp anspielt, ist nicht die (angeblich historische) Tochter des
Uranos und der Titäa, deren alberne Legende Diodorus Siculus im 3ten Buche
seiner Universalgeschichte erzählt; sondern die Basileia, die in den Vögeln des
Aristophanes, kraft eines zwischen den Vögeln und Göttern geschlossenen
Friedens, mit dem Peistetäros vermählt wird, um ihm die Oberherrschaft über die
Welt durch diese Verbindung zu versichern. W.
71 Tyrann, - im Griechischen Sinn ist Alleinherrscher, welcher die Regierung
sich angemasst hat, Usurpator; er kann dabei der mildeste und gerechteste Regent
sein, ist es aber nicht verfassungsmässig.
                                   12. Brief.
72 Einer der sieben Weisen Griechenlands, hatte den Denkspruch: ich trage all
das Meinige bei mir - nämlich seine Weisheit.
                                   13. Brief.
73 (Stadion) - Das gewöhnliche Mass der Ortsentfernung, dessen sich die Griechen
bedienten. Nach der Berechnung des Abbé Bartélemy beträgt ein Stadium ein
Achtel einer Römischen Meile, oder 941/2 Französische Toisen; also 5000 Stadien
gerade 189 Französische Meilen, zu 2500 Toisen. W.
74 Fest des Poseidon oder Neptuns. W.
75 Was von wahrer Geschichte derselben noch auszumitteln war, findet man
zusammengestellt von Fr. Jacobs in seinen Beiträgen zur Geschichte des
weiblichen Geschlechts. S. Wielands Attisches Museum Bd. 3. S. 173 fgg., und
über ihr Verhältnis zu Aristipp insbesondere S. 233. fg.
76 Eine Tochter des Priamos, besass die Gabe der Wrissagung.
77 Iynx (der Vögel Wendehals) - Ein bei den Alten berüchtigtes Zaubermittel,
dessen sich die vorgeblichen Zauberkünstler, Tessalischen Hexen und
ihresgleichen bedienten, um durch magische Gewalt verschmähten Liebhabern
Gegenliebe zu verschaffen. (S. Teokrits Pharmaceutria, wo der Iynx gleichsam
die Hauptrolle spielt.) In metaphorischem Sinn ist also dieses Wort mit
Liebreiz, insofern er etwas zauberisch Anziehendes ist, einerlei. W.
78 Eine Talismanische Pflanze von Homers Erfindung (Odyss. X.), welche Ulysses
vom Mercur als ein Gegenmittel gegen die Bezauberungen der schönen Circe
erhielt. W.
79 Mit dem Namen des grossen Königs bezeichneten die Griechen den König von
Persien, als den damals mächtigsten Monarchen.
                                   14. Brief.
80 Diese von dem Sophisten Prodikus herrührende allegorische Erzählung ist
hinlänglich bekannt, und es bedarf daher hier nur der Bemerkung, dass Sokrates
dieselbe mitgeteilt hat in einem Gespräch, das er mit Aristipp hielt, in
Xenophons Denkwürdigkeiten des Sokrates das erste im zweiten Buch. Eine
Uebersetzung desselben hat auch Wieland im dritten Band des Attischen Museums S.
124 geliefert, und man darf, zur Würdigung Aristipps, die von Wieland
beigefügten Anmerkungen nicht übersehen, besonders nicht die erste über das
Verhältnis zwischen Xenophon und Aristipp.
81 Kluge Mässigung.
82 Hippolytus, einigen unsrer Leser aus dem Euripides, andern aus der Phèdre des
J. Racine oder aus seinem Nachbilde Silvio im Pastor Fido des Guarini bekannt.
W.
83 Das Frauengemach, der Harem bei den Türken, Persern, u.s.w. W.
84 Eine Hetäre, die zuletzt mit einem Tessalischen Könige vermählt wurde.
85 Die Erzählung, welche Aristipp seiner Freundin von dem Besuch des Sokrates
bei der schönen Teodota macht, stimmt in allem Wesentlichen genau mit der
Xenophontischen im eilften Kapitel des dritten Buchs der Memorabilien überein;
wenigstens ist der Unterschied nicht grösser als er gewöhnlich zu sein pflegt,
wenn ebendieselbe Begebenheit von zwei verschiedenen Augenzeugen erzählt wird.
W.
                                   15. Brief.
86 Ueber das Zeitalter dieses, nächst Praxiteles berühmtesten, Marmorbildners
sind die Altertumsforscher durch Plinius sehr in Verlegenheit gesetzt worden,
indem dieser ihn bei der 87sten und bei der 107ten Olympiade namhaft macht. Die
Stelle bei Plinius, worin die erste Angabe vorkommt, wird jedoch für fehlerhaft
erklärt, und so konnte Wieland den Skopas, dessen Blüte gegen Ol. 100 fällt,
hier wohl als einen jungen Künstler einführen. Seine Hauptwerke führt Plinius an
36, 4, 7, und die von Wieland angeführten dürften wohl in etwas spätere Zeit zu
setzen sein. Böttiger (s. dessen Andeutungen S. 155 fgg.) sagt: in den Figuren
des Cupido und dem Genius der Zärtlichkeit und der schmachtenden Sehnsucht
(Eros, Himeros, Potos), die Pausanias noch in Megara sah, wurde er Schöpfer
mehrerer allegorischer Wesen, die man später unter den Amorinen- und
Psyche-Spielen nicht immer genau genug unterschieden oder wohl gar mit Eros und
Anteros (Liebe und Gegenliebe) verwechselt hat.
                                   16. Brief.
87 Offenbar will Wieland durch diese beiden Worte einen Gegensatz andeuten, und
man könnte glauben, dass er an Moritz gedacht habe, wenn er die von demselben
angegebene Rection befolgt hätte, nämlich: es dünkt mich, und es däucht mir.
Dünken, sagt er, ist etwas, das sich mehr in uns selbst und aus dem
vorhergehenden Zustande unserer Seele entwickelt; es bezeichnet eine dunkle
Erinnerung oder ein dunkles unwillkürliches Urteil, dessen wir uns selbst noch
nicht recht bewusst sind. Wir fällen hier nicht eigentlich das Urteil, sondern
es ist beinahe als ob es sich selbst fällte, und wir uns leidend dabei
verhielten. Däuchten hingegen ist etwas, das erst von aussenher durch einen
sinnlichen Gegenstand in unsrer Seele erweckt wird. S. deutsche Sprachlehre in
Briefen, 4te Aufl. S. 200 fg.
                                   17. Brief.
88 In dem bei Br. 14 angeführten Sokratischen Dialog erklärt sich Aristipp gegen
Sokrates für einen Weltbürger. Wieland bemerkt dabei über des Sokrates Antwort:
»Ich weiss nicht, ob man einem Menschen, der etwas besser als der unterste unter
allen ist, etwas Härteres und zugleich Gröberes sagen kann, als was Xenophon den
Sokrates hier dem armen Aristipp ins Gesicht sagen lässt; und Aristipp erscheint,
durch die gute Art, wie er diese Attische Urbanität, aus Ehrerbietung vor dem
alten Sokrates, erträgt (vermutlich gegen Xenophons Absicht), in einem
vorteilhaften Lichte. - So viel kann doch wohl Sokrates sich über Aristipp, der
nicht etwa ein armer Schlucker, sondern ein Fremder von gutem Hause und Vermögen
war, nicht herausgenommen haben, wenn er ihn im Ernste gewinnen wollte.« - Es
könnte hiebei leicht von drei Seiten gefehlt sein. Aristipp kündigt seinen
Kosmopolitismus durch die Erklärung an, dass er sich an keinen Staat binden,
sondern überall wie ein Fremder leben wolle, was denn freilich die
eigennützigste Art von Weltbürgerschaft wäre; Sokrates hatte in Beziehung auf
Menschenrechte und Bürgerpflichten etwas beschränkte Grundsätze; und Xenophon
stellt überall den Aristipp in Schatten, und kann nur nicht vermeiden, ihn doch
als den - selbstständigsten Schüler des Sokrates darzustellen, da er sich auf
Platon nicht einlässt.
                                   19. Brief.
89 Wortkargheit, wie sie den Lacedämoniern eigen war.
90 Aufseher, obrigkeitliche Würde in Sparta.
91 Ein ziemlich beissende Anspielung auf ein eben so ungerechtes als unkluges
Unternehmen der Atener, welches noch in frischem Andenken war.
                                   20. Brief.
92 In der Attischen Stadt Eleusis, wo Ceres den Triptolemos zuerst im Ackerbau
unterrichtet hatte, wurde zum Andenken an diese für die fortschreitende Bildung
so wichtige Begebenheit alle fünf Jahre ein Fest gefeiert, das Eleusische Fest,
die Eleusinien genannt, welches mit besondern Mysterien verbunden war. Zu den
Feierlichkeiten dieses neun Tage dauernden Festes gehörte auch eine Procession,
welche dn heiligen Korb (Kalatus) nach dem Tempel führte. Erlesene Jungfrauen,
in Körbchen auf dem Haupte die Heiligtümer tragend, folgten. sie hiessen davon
Kanephoren oder Korbträgerinnen.
93 Wenn es Grund hätte, dass eine Venus des Skopas den Beinamen Potos (Begierde,
Sehnsucht) geführt hätte, wie Caylus in seiner Abhandlung de la sculpture et des
sculpteurs anciens selon Pline sagt, so könnte man glauben, dieser Scherz der
schönen Lais hätte zu jenem Beinamen Anlass gegeben. Aber Aphrodite konnte ohne
einen Barbarism, den die Griechische Sprache nicht erträgt, keinen männlichen
Beinamen, wie potos ist, führen. Auch sagt Plinius nicht, dass die Venus des
Skopas Potos geheissen habe; er nennt bloss, indem er eine ziemliche Anzahl der
vorzüglichsten Werke dieses Künstlers aufzählt, eine Venus, einen Potos und
einen Phaëton, vor allen übrigen: is (Scopas) fecit Venerem et Poton et
Phaëtontem, qui Samotraciae sanctissimis ceremoniis coluntur. (H.N. XXXVI. 5.)
Wie dieser Potos aber eigentlich gebildet gewesen, und vornehmlich wie er nebst
dem Phaëton zu der Ehre gekommen, die ihm auf jener durch die Kabirischen oder
Orphischen Mysterien berühmt gewordenen Insel mit hochheiligen Ceremonien
erzeigt worden sein soll, gehört (meines Wissens) unter die noch unaufgelösten
antiquarischen Probleme. In den alten Genealogien der Götter und Götterkinder
findet sich kein Potos; dem Homer ist er, als ein dämonisches Wesen, eben so
unbekannt wie Eros; und wenn Plato in seinem (von wenigen recht verstandenen)
Kratylus, den Sokrates einen spitzfindigen Unterschied zwischen Himeros, Potos
und Eros machen lässt, so spricht er von ihnen nicht als von Dämonen oder Genien,
sondern betrachtet sie bloss als eine dreifache Modification des Tymos, d.i. der
leidenschaftlichen Bewegung des Gemüts zu einem begehrten Gegenstand: so dass
Potos die Begierde nach einem abwesenden bezeichnet, Himeros und Eros hingegen
sich auf ein gegenwärtiges Object beziehen, aber unter sich wieder darin
verschieden sind, dass die Begier, womit Himeros die Seele wie durch einen
heftigen Strom zu dem Begehrten hinreisst, sich aus ihm selbst ergiesst, da sie
hingegen im Eros erst durch den Gegenstand entzündet wird und von aussenher durch
die Augen in die Seele strömt (eisree exoten, kai oyk oikeia estin h roh ayt to
exonti, allA epeisaktos dia ton ommaton.) So viel scheint indessen gewiss, dass
der Potos des Skopas eine allegorische Person, vermutlich ein vom Eros und
Himeros hinlänglich unterschiedener und die Sehnsucht nach einem abwesenden
Geliebten symbolisierender Genius gewesen sein müsse. Vielleicht war Skopas der
erste Künstler, der diese Personification unternahm; wenigstens scheint er sich
darin gefallen zu haben, da, nach dem Berichte des Pausanias (Libr. 1. c. 43. §.
7. pag. 167. edit. Facii), auch in einem Tempel der Venus zu Megara neben den
Bildsäulen des Eros und Himeros, auch eine des Potos zu sehen war. W.
94 Eine Silbermünze, an Wert ungefähr einem Kopfstücke von 20 Kr. gleich, deren
hundert eine Mine ausmachten.
95 Einige Leser werden sich vielleicht bei dieser Stelle des
                  Non cuivis homini contingit adire Corintum
aus Horazens Epistel an Scäva, und des
                       Ad cujus jacuit Graecia tota fores
des Properz (L. II. El. 6.) erinnern. Aristipp konnte sie freilich nicht im
Sinne gehabt haben; aber das erste ist auch bloss die Uebersetzung des
Griechischen Sprüchworts, oy pantos andros eis Korinton estin o ploys, welches
älter als Lais und Aristipp war; und das andere könnte, möglicher Weise, für
eine Anspielung des sehr belesenen Römischen Dichters auf diesen Scherz des
Aristipp gehalten werden, wenn man nicht zugeben will, dass zwei Personen auf
eben denselben Gedanken und Ausdruck geraten können, ohne dass die eine ihn
notwendig der andern abgestohlen haben muss. W.
                                   23. Brief.
96 Landenge. Auf einem solchen schmalen Erdstreifen, der den Peloponnes mit
Attika verbindet, lag Korint, und dies brachte wohl Lais darauf, mittelst
seiner die Enge des Raumes auf die Zeit überzutragen.
97 Einem jeden, der den Phädrus des Plato im Original oder in der neuesten
Uebersetzung (von dem Herrn Grafen Friedrich Leopold zu Stolberg) gelesen hat,
muss sogleich in die Augen springen, dass hier von keinem andern Ahorn die Rede
sein könne, als von dem, der durch die in seinem Schatten vorgefallne
Unterredung zwischen Sokrates und dem schönen Phädrus einer der berühmtesten
Bäume in der Welt geworden ist; und so hätte sich's durch ein sonderbares Spiel
des Zufalls gefügt, dass die schöne Lais ihre erste Bekanntschaft mit Sokrates
(um dessentwillen sie die Reise nach Aten unternahm) gerade unter diesem Ahorn
an eben dem Abend, da jenes berühmte Gespräch vorgefallen, gemacht hätte.
Unglücklicherweise stösst sich's (wenn wir auch andere kleine Zweifel nicht
achten wollen) an einen topographischen Umstand, der diese Zusammenkunft
unmöglich zu machen scheint. Der besagte Ahorn nämlich stand ganz nahe an dem
kleinen Bach Ilissus, der aus dem Berg Hymettus ostwärts von Aten entspringt;
Lais aber kam von Megara und Eleusis auf dem entgegen gesetzten Wege her, und
hätte, ohne irgend einen denkbaren Grund, einen Umweg von mehreren Meilen nehmen
müssen, um bei dem Ahorn, unter welchem Sokrates zufälliger Weise sass, vorbei zu
kommen. Dass entweder sie selbst oder Plato in der Angabe des Orts so gröblich
sich geirrt haben sollte, lässt sich um so weniger annehmen, da beide in der
Bezeichnung desselben genau zusammenstimmen. Ich sehe also weder wie dieser
Knoten, wofern unsre Aristippische Briefsammlung ächt sein sollte, aufgelöset,
noch wie der Urheber derselben, falls sie erdichtet ist, von dem Vorwurf einer
groben Unwissenheit oder Nachlässigkeit frei gesprochen werden könnte. Das
einzige Mittel aus dieser Schwierigkeit herauszukommen, wäre, wenn der geneigte
Leser sich gefallen lassen wollte, den Ahorn sammt dem Ilissus und dem Berg
Hymettus in Gedanken auf die Westseite vor Aten an die Strasse von Eleusis zu
versetzen: eine Gefälligkeit, die man ihm freilich, wofern er sich nicht aus
gutem Willen dazu bequemt, nicht wohl ansinnen kann, ob sie gleich im Grunde
nicht mühsamer wäre, als wenn Mercur und Charon beim Lucian, durch die magische
Kraft etlicher Homerischer Verse den Ossa auf den Olymp, den Pelion auf den
Ossa, und zuletzt noch gar den Oeta und den Parnass auf den Pelion türmen, um
sich einen tauglichen Standpunkt zur Uebersicht des Erdkreises zu verschaffen.
W.
98 Tänaros, Vorgebirg an der äussersten Spitze des Peloponnes, Atos, Berg auf
einer Halbinsel in Macedonien. Beide bezeichnen Griechenland von einem Ende zum
andern.
                                   25. Brief.
99 Eine phrygische Gotteit, die von verschiedenen Oertern verschiedene Namen
hatte, Kybele, Berecyntia u.a.
100 Obrigkeitliche Personen zu Aten, denen die Polizei des weiblichen Teils
der Einwohner dieser grossen Stadt anbefohlen war. W.
101 Wird man wohl am besten kennen lernen durch Wielands Versuch über das
Xenophontische Gastmahl im Attischen Museum Bd. 4.
102 (Beschützerin der Stadt) - Ein Beiname der Minerva, als der Schutzgöttin von
Aten. Vor dem Tempel, den sie unter diesem Namen auf der Akropolis hatte, stand
ein uralter Oelbaum, der Tradition nach eben derselbe, durch dessen
Hervorbringung die Göttin den Sieg über den Neptun, der ihr das Schirmrecht über
Aten streitig machte, erhalten hatte. W.
103 Die Göttin des glücklichen und unglücklichen Zufalls. W.
104 (Flötenspielerinnen) - Gewöhnlich wie die Tänzerinnen und
Eiterspielerinnen, eine Classe von Hetären, welche bei Gastmählern gedungen
wurden, die Gäste mit ihrer Kunst zu unterhalten. W.
105 Ein vornehmer Atener dieses Namens bewarb sich, zugleich mit Megakles,
Alkmäons Sohn von Aten und vielen andern ansehnlichen Freiern, um Agerista, die
Tochter des Klistenes, Tyrannen von Sicyon. Der Vater wusste sich nicht besser
zu helfen, als dass er seine Tochter demjenigen zusagte, der bei einem
angestellten grossen Gastmahl die vorzüglichsten Talente beweisen würde.
Hippokleides trieb bei diesem Wettstreit seinen Eifer so weit, dass er, um eine
Kunst, worin es ihm keiner seiner Mitwerber nachtun könnte, zu zeigen, auf dem
Kopfe zu tanzen anfing. Das dünkte dem alten Herrn gar zu arg. Du hast dich um
meine Tochter getanzt, sagte er zu dem jungen Springinsfeld; ich gebe sie dem
Sohne Alkmäons. Das lässt Hippokleides sich nicht kümmern, erwiederte dieser, und
man fand die Antwort so merkwürdig, dass sie zu einem der gemeinsten Sprüchwörter
ward. W.
                                   26. Brief.
106 Welche Grundsätze Sokrates über diesen delicaten Punkt hatte, sieht man aus
Xenophons Sokratischen Denkwürdigkeiten B. 1. Kap. 3., und wie sich selbst
Antistenes danach richtete, aus Xenophons Gastmahl.
                                   30. Brief.
107 Wenn man den Namen Lysippus hört, denkt man gewöhnlich nur an den grossen
Bildhauer, der diesen Namen zu einem der berühmtesten in der Kunstgeschichte
gemacht hat. Es gab aber auch einen Komödiendichter dieses Namens, und von ihm
sind die vom Aristipp hier angeführten Verse, die im Original also lauten:
Ei mh teteasai tas Atnas, stelexos ei.
Ei de teteasai, mh tetreisai dA, onos.
Ei dA eisareston apotrexeis, kantlion.
S. Henr. Stephani Dicaearchi Geograph. Quaedam c. 3. (in Vol. XI. Tes. Gronov.
p. 14.) oder Hudsons Geograph. Graec. T. II. W.
108 Ausser unserm Aristipp (dessen Autorität ich hier keineswegs in Anschlag
gebracht haben will) ist Plinius der einzige alte Schriftsteller, der des hier
beschriebenen Gemäldes Meldung tut; aber die Art, wie er sich darüber
ausdrückt, scheint mir anzuzeigen, dass er es bloss von Hörensagen gekannt habe.
Hier sind seine eigenen Worte: Pinxit et demon Ateniensium, argumento quoque
ingenioso: volebat namque varium, iracundum, injustum, inconstantem, eundem
exorabilem, clementem, misericordem, excelsum, gloriosum, humilem, ferocem
fugacemque et omnia pariter, ostendere. - De la Naure in einem Memoire sur la
manière dont Pline a traité de la Peinture, ist mit dem berühmten de Piles
(Cours de Peinture p. 75. s.) geneigt zu glauben, dass Parrhasius diese schwere
und beinahe unmögliche Aufgabe durch eine allegorische Composition, auf eine
ähnliche Weise wie Rafael in seiner sogenannten Schule von Aten ein ähnliches
Problem, nämlich eine Charakteristik der verschiednen philosophischen Schulen
und Secten unter den Griechen, aufzulösen versucht habe. Car enfin (sagt er), un
tableau allégorique du génie d'un peuple par le moyen de plusieurs groupes, qui
en retraçant des événemens historiques de divers tems, marqueroient la
vicissitude des sentimens populaires, ne paroît pas plus difficile à concevoir
qu'un tableau allégorique du génie de la philosophie par d'autres groupes, qui
en représentant des personnages historiques de différens pays et de différens
siècles, indiquent la vicissitude des opinions philosophiques. Le parallèle
(setzt er hinzu) semble complet, avec cette différence, que le sujet caustique
de Parrhasius étoit délicat à traiter: aussi Pline a-t-il insinué par le terme
il vouloit, que l'exécution, ou du moins le succès, furent moins heureux que
l'invention. - Mir scheint das volebat des Plinius nichts weiter anzudeuten, als
dass er sich, da er dieses sonderbare Gemälde nicht selbst gesehen hatte, aus
bescheidener Zurückhaltung nicht positiver ausdrücken wollte. Uebrigens berge
ich nicht, dass ich die Idee, die uns Aristipp von diesem Gemälde gibt, und die
Art, wie das rätselhafte Problem dadurch aufgelöset wird, der zwar sinnreichen,
aber dem Leser keinen klaren Begriff gebenden Hypotese des de Piles, vorziehe.
Die erheblichste Einwendung, die man gegen sie machen kann und wird, gründet
sich auf die ziemlich allgemein angenommene Meinung, weder Parrhasius noch
irgend ein anderer Griechischer Maler hätte, aus Unbekanntschaft mit den Regeln
der Perspectiv, auch nur den Gedanken fassen können, ein Stück auf diese Art
zusammenzusetzen und zu disponiren, wie der Demos Atenäon nach Aristipps
Beschreibung hätte geordnet sein müssen. Die Alten, sagt man, hatten keinen
Begriff von Vor-, Mittel- und Hinter-Grund; sie stellten auch in ihren reichsten
Compositionen alle Figuren und Gruppen auf Einen Plan, und die optischen
Gesetze, nach welchen verschiedene Körper, in verschiedenen Entfernungen aus
Einem Gesichtspunkt gesehen, verhältnissmässig grösser oder kleiner, stärker oder
matter gefärbt erscheinen, waren ihnen unbekannt. Ohne mich hier in Erörterung
der Gründe einzulassen, warum ich über diesen Punkt der Meinung des Grafen
Caylus zugetan bin (S. dessen Abhandlung über die Perspectiv der Alten im
neununddreissigsten Band der Mémoires de Littérature), begnüge ich mich zu sagen,
dass ich für den Demos des Parrhasius, so wie Aristipp dieses Gemälde beschreibt,
weiter nichts verlange, als was man den beiden grossen Compositionen eines ältern
Malers, des Polygnotus, die an den beiden Hauptwänden der sogenannten Lesche zu
Delphi zu sehen waren, und wovon die eine das eroberte Troja und die Abfahrt der
Griechen, die andere den Homerischen Ulyss im Hades darstellte, zugestehen muss,
wenn man anders so billig sein will, einem Maler, wie Polygnotus war,
zuzutrauen, dass er die ungeheure Menge von Figuren und Gruppen, womit diese
grossen Schildereien, nach dem ausführlichen Bericht des Pausanias, angefüllt
waren, etwas ordentlicher und verständlicher zusammengesetzt haben werde, als
dieser geschmacklose inquisitive traveller sie beschreibt. Zwar geht er, mit der
mühseligsten Genauigkeit in die kleinsten Details ein, zählt uns alle auf dem
ganzen Gemälde vorkommende, beinahe unzähligen Personen, mit dem jedem
beigeschriebenen Namen, wie aus einer Musterrolle zu, bemerkt ob sie einen Bart
haben oder noch bartlos sind, ob ihre Namen aus dem Homer, oder aus der
sogenannten kleinen Ilias eines gewissen Lesches genommen, oder vom Polygnot
eigenmächtig erfunden worden, und was dergleichen mehr ist. Ihm ist die kleinste
Kleinigkeit dieser Art merkwürdig; z.B. dass zu den Füssen eines gewissen
unbedeutenden Amphiales ein Knabe sitzt, dem kein Name beigeschrieben ist; dass
Meges und Lykomedes, jener eine Wunde am Arm, dieser eine an der Vorhand hat;
dass nach dem Bericht des besagten Dichters Lesches, Meges seine Wunde von einem
gewissen Admet, Lykomedes die seinige von Agenorn bekommen; dass der Maler dem
armen Lykomed, ohne von dem Dichter dazu autorisirt zu sein, noch eine andere
Wunde am Schenkel und eine dritte am Kopfe geschlagen u.s.w. Und in tausend
solchen einzelnen Beschreibungen und Umständlichkeiten, immer mit beigemischten
mikrologisch-philologischen Anmerkungen von diesem Schlage, verwirrt und
verliert der gute Mann sich selbst, seine Leser und das Gemälde, wovon die Rede
ist, dermassen, dass er selbst und wir vor lauter Bäumen den Wald nicht sehen
können. Alle diese einzelnen Personen und Sachen, die er uns so graphisch als
ihm möglich ist verzeichnet, in unserm Kopfe zusammen zu ordnen, und ein Ganzes
daraus zu machen, überlässt er uns selbst. Dass dies eben nicht schlechterdings
unmöglich sei, hat Graf Caylus durch eine der ehmaligen Académie des Belles
Lettres vorgelegte und von einem gewissen Le Lorrain in Kupfer geätzte Zeichnung
bewiesen. (S. Descript. de deux Tableaux de Polygnote etc. im dreizehnten Bande
der Histoire de l'Acad. Roy. des Inscr. et B.L. p. 54 der Duodez-Ausgabe.)
Indessen hat Pausanias sein Möglichstes getan, uns über den Punkt, woran uns
jetzt am meisten gelegen ist, wo nicht gänzlich irre zu führen, doch wenigstens
ungewiss zu machen, und bei vielen den Gedanken zu veranlassen, weil er von der
malerischen Anordnung und der hierin bewiesenen Kunst des Meisters kein Wort
sagt, so müsse es wohl dem Gemälde selbst daran gefehlt haben. Aber diesen
Schluss kann oder sollte doch niemand machen, der sich aus dem ganzen Werke des
Pausanias handgreiflich überzeugen könnte, dass es unmöglich ist weniger Sinn für
die Kunst zu haben als er, und dass alle Werke der bildenden Künste, in deren
Aufsuchung, Beaugenscheinigung und Beschreibung er so sorgfältig und mühsam war,
ihn nur insofern interessirten, als sie ihm zu dem, was zugleich sein
Hauptstudium und sein Steckenpferd war, zu mytologischen, antiquarischen,
topographischen, chronologischen, genealogischen, kurz zu allen möglichen Arten
von historischen Anmerkungen und Untersuchungen Gelegenheit gaben. Dies muss
(seinen übrigen Verdiensten unbeschadet) als Wahrheit anerkannt werden, oder wir
würden genötigt sein, uns auch von dem Olympischen Jupiter des Phidias, seiner
kalten, platten, genie- und gefühllosen Beschreibung zufolge, einen ganz andern
Begriff zu machen als wozu uns alle andern Schriftsteller des Altertums, die
dieses erhabenen Kunstwerks erwähnen, berechtigen. Uebrigens werde ich mit
niemand hadern, der sich selbst begreiflich machen kann, wie Polygnot jene zwei
von Pausanias detaillirten Gemälde ohne einige, obgleich noch sehr unvollkommene
perspectivische Ordonnanz und Haltung der Gruppen, in welche die ungeheure Menge
von Figuren notwendig verteilt sein mussten, habe zu Stande bringen können. Ich
sage bloss: waren diese grossen Compositionen des Polygnotus das, was sie, nach
dem Begriff, den ich mir aus Xenophon und Plinius von diesem Künstler mache,
sein konnten, und (wofern sie nicht ein kindisches Gemengsel über, unter und
neben einander geklecks'ter isolirter Figuren waren) sein mussten: so dürfte wohl
gegen die Möglichkeit, dass Parrhasius, ein jüngerer und grösserer Meister als
Polygnot - ein Werk, wie das von Aristipp in diesem Briefe (nur mit etwas mehr
Kunstgefühl, als Pausanias zeigt) beschriebene Gemälde habe aufstellen können,
wenig Erhebliches einzuwenden sein. Denn, wofern er, wie kein Zweifel ist, einer
von jenen summis pictoribus, formarum varietate locos distinguentibus war (
Cicero de Orat. II. 87.), so müsste es nicht natürlich zugegangen sein, wenn er
nicht so viel Menschenverstand, Augenmass und Kunstfertigkeit besessen hätte, als
dazu erfordert wird, den Markt zu Aten, auf einer Tafel von gehöriger Grösse,
ohne Verwirrung und Unnatur mit allen von Aristipp angegebenen Figuren und
Gruppen auszufüllen. Und mehr verlangen wir nicht von ihm. W.
109 Eine fehlerhafte Redefigur bei den alten Grammatikern, wenn ein Wort auf
eine ungewöhnliche und auffallende Art gegen seine wahre Bedeutung genommen
wird. (Die notwendigen, und daher nicht zu tadelnden Katachresen, wovon
Quinctilian spricht, gehören eigentlich nicht in diese Rubrik, und sollten
billig einen andern Namen haben.) W.
                                   32. Brief.
110 In einer Anmerkung zu dem schon öfter erwähnten Sokratischen Dialog, den man
hier etwas persiflirt zu sehen sehr begreiflich finden wird, sagt Wieland: das
Wort Liebe sollte nie so sehr missbraucht und herabgewürdigt werden, um die oft
sehr unsittliche Befriedigung eines Triebes zu verschleiern, für welchen, sobald
er von dem reinen Zweck der Natur getrennt wird, keine Sprache ein anständiges
Wort hat. Da der Name Aphrodite, für Venus, allen deutschen Lesern bekannt ist,
so däucht mich, es geschehe durch den Ausdruck Aphrodisische Befriedigungen der
Pflicht, sich dem Leser verständlich zu machen, ein hinlängliches Genüge, und es
werde zugleich die höhere Pflicht beobachtet, ungleichartige Dinge nicht mit
einander zu vermengen, und einem Worte, das den schönsten und edelsten Affect
der menschlichen Seele zu bezeichnen bestimmt ist, durch einen, obgleich
wohlgemeinen Missbrauch eine so leicht vermeidliche Zweideutigkeit zuzuziehen.
Ein ausländischen Wort, insofern es nur verständlich genug und überhaupt so
beschaffen ist, dass es unter gesitteten Menschen gehört werden kann, dünkt mich
hiezu immer das schicklichste.
111 Aristophanes verspottet öfters die von Euripides in Bettlerlumpen und
überhaupt höchst lamentabel aufgeführten Könige.
112 Antistenes war in dem Flecken Piräum zu Hause, der zu dem Attischen Hafen
gleiches Namens gehörte, und grösstenteils von Handwerkern, die der Schiffsbau
beschäftigte, Matrosen, Fischern und andern zur untersten Classe des Atenischen
Volkes gerechneten Leuten bewohnt wurde. Dies erklärt, was Aristipp unter
Piräischem Salz im Gegensatz mit Attischem zu verstehen scheint. W.
                                   34. Brief.
113 Was Plutarch am Schlusse seines Alcibiades von dieser Timandra sagt, passt
sehr gut zu der vorteilhaften Schilderung, welche unser Aristipp von ihr macht.
Dass sie aber (wie eben dieser Autor im Vorbeigehen als etwas Ungewisses erwähnt,
der Scholiast des Aristophanes aber, wenn anders Epimandra nicht die rechte
Lesart ist, positiv versichert) die Mutter der Lais von Hykkara gewesen, scheint
dadurch schon hinlänglich widerlegt zu sein, dass Timandra in diesem Falle
wenigstens über vierzig Jahre gehabt haben müsste, als sie mit dem Alcibiades
während seiner Verborgenheit in einem Phrygischen Dorfe lebte. Die Lais, welche
eine Tochter der Timandra gewesen sein soll, müsste also, wofern die Sage Grund
hätte, eine von den spätern Laissen gewesen sein, die diesen durch die erste
Lais so berühmt gewordenen Namen, vielleicht der guten Vorbedeutung wegen,
angenommen haben mögen. W.
114 Das Geschäft der alten Rhapsoden war, die Gesänge Homers und a. zu recitiren
und mit begeisterten Vorträgen zu begleiten. Ion, einer der berühmtesten jener
Zeit, ist durch einen Dialog Platons verewigt, der seinen Namen führt, und
voraus man die alten Rhapsoden sich am lebhaftesten vergegenwärtigen kann.
                                   37. Brief.
115 Sonnengott.
116 Meeresgöttin.
117 Der fanatische, dem Wahnsinn ähnliche Zustand, worein (wie die Alten
glaubten) diejenigen gerieten, die eine Nymphe unversehens ansichtig wurden.
                                   38. Brief.
118 Diese grosse und mächtige Stadt auf der östlichen Küste von Sicilien, mit
drei Häfen, von denen zwei durch die Insel Ortygia getrennt waren, die eins der
Quartiere der Stadt ausmachte, war gegen 700 Jahre v. Ch. durch Colonisten aus
Korint gegründet worden. Ihre Verfassung war ursprünglich aristokratisch, und
bestand über 200 Jahre glücklich. Nun aber wurden die alten Landeigentümer von
denen, die an dem Landeigentum keinen Anteil hatten, vertrieben, und es
entspann sich daraus ein lange dauernder, nur zuweilen unterbrochner Krieg,
während man zugleich gegen Cartago's Uebermacht zu kämpfen hatte. Dies gab den
Feldherren so grosse Macht, dass es ihnen nicht schwer fiel, die Alleinherrschaft
an sich zu bringen. Gegen das Jahr 478 erhielt sie der treffliche Gelon, dem
sein Bruder Hieron folgte, gefeiert durch Pindars Hymnen und Xenophons
Lobschrift, jedoch als Fürst keineswegs so ruhmwürdig als sein Bruder. Unter dem
dritten Bruder wurde die Demokratie wieder hergestellt, während deren etwa
sechzigjähriger Dauer das Project des Alcibiades gegen Sicilien ausgeführt
wurde. Kaum war dieses glücklich vernichtet, als eine neue grössere Gefahr von
Cartago her drohte, welche Dionysius I schlau benutzte, um den umgestürzten
Tron für sich wieder herzustellen. Er regierte von 407-367 v. Chr.
119 Agrigent auf der südlichen Küste von Sicilien war nach der Eroberung durch
die Cartager gänzlich ausgeplündert, und alle Kostbarkeiten auch aus den
Tempeln waren nach Cartago gebracht worden.
120 Auch Plutarch legt dieses Wort dem Dionysius in den Mund: Kai to toy
Dionysioy alhtes esti. Eph gar apolayein malista ts arxhs, otan taxeos a
boyletai poih. PROS HGEM. APAID. pag. 368. (Opp. Moral. edit. Xylandri.) Aus dem
Vorhergehenden und Nachfolgenden ist mir klar, dass der gute Plutarch (dem es
bloss darum zu tun war, bei dieser Gelegenheit eine, wiewohl sehr alltägliche,
moralische Lehre anzubringen) die Meinung des Dionysius eben so unrichtig gefasst
habe als die Syrakusischen Herren, mit welchen Aristipp hier diskutiert. Der
natürlichste Sinn dieses Fürstenworts, oder vielmehr der einzige, den es ohne
Verdrehung und Deutelung darbietet, scheint derjenige zu sein, welchen Aristipp
darin gesehen hat. W.
                                   39. Brief.
121 S. Diod. Sic. 13, 112.
                                   43. Brief.
122 Gesetzgeber.
                                   44. Brief.
123 Anspielung auf die Reise der Homerischen Götter zu den unsträflichen
Aetiopen an des Okeanos Flut, d.i. ans Ende der Erde, von wo sie je nach zwölf
Tagen zu dem Olymp zurückkehrten. Wem es um Erklärung zu tun ist, der sehe
Dorneddens »Neue Teorie zur Erklärung der Griechischen Mytologie.«
124 Sie lautete wie sie im Tempel der Demeter, als dem Staats-Archiv, aufbewahrt
wurde, so: diese Klage hat angestellt und beschworen Melitos, des Melitos Sohn
der Pitteer gegen Sokrates des Sophroniskos Sohn aus dem Alopekischen Demos.
Sokrates handelt gegen die Gesetze, indem er die Götter, die der Staat für
solche hält, nicht glaubt, sondern andre neue Dämonien einführt. Er handelt
ferner gegen die Gesetze, indem er die Jünglinge verderbt. Die Strafe sei der
Tod.
125 Bei dieser ganzen Untersuchung dient zu einer vorzüglichen Erläuterung die
Abhandlung über den Prozess des Sokrates in der Bibliotek der alten Literatur
und Kunst (von Heeren und Tychsen). Im zweiten Stücke S. 5. fgg. wird der dunkle
Punkt beleuchtet, bei welchem Gerichtshof Sokrates angeklagt worden sei. Sonst,
heisst es, glaubte man gewöhnlich, dass er vor dem Areopagus gerichtet sei, und es
sind für diese Meinung viele Gründe. Der Areopag war gleichsam das höchste
Polizei-Collegium in Aten, das über die Sitten und Aufführung der Bürger,
besonders der Jünglinge, die Aufsicht hatte. Da S. vorzüglich als
Jugendverderber angeklagt ward, so scheint diese Sache am natürlichsten vor
diesen Gerichtshof zu gehören. Auch urteilte der Areopag über Neuerungen, und
richtete, ausser den Blutsachen, besonders in Sachen, die die Religion betrafen.
Plutarch erzählt, Euripides habe nicht laut sagen dürfen, dass er die Götter des
Volks läugne, aus Furcht vor der Ahndung des Areopagus; und ebenso sagt Justin
der Märtyrer, dass Plato wegen seiner neuen Lehre von Einem Gott den Areopag
gefürchtet habe. Ferner beruft man sich auf die Beispiele Teodors des Ateisten
und des Apostels Paulus, die beide vor dem Areopag belangt wurden; der letztere
aus eben dem Grunde wie Sokrates, weil er neue Götter lehrte. Allein so
scheinbar einige dieser Gründe sind, so sind dagegen Schwierigkeiten, die sich
nicht heben lassen. Die Zahl der Richter, die in der Sache des Sokrates sassen,
ist zu gross. Es wird erzählt, dass 281 Stimmen mehr gewesen, die den S.
verurteilt als ihn lossprachen, und dass von den letztern zuletzt noch 80 gegen
ihn gestimmt hätten. Dies gäbe wenigstens 361 Richter, so viel wohl nie im
Areopagus gewesen sind. Auch kommt in keiner der Apologien eine Spur vom Areopag
vor, oder von den diesem ehrwürdigen Gericht eigenen Gebräuchen, welches doch
sicher zu erwarten wäre. Ferner schickt sich das, was Plato den S. sagen lässt,
dass seine Richter Demütigungen und Erflehungen ihres Mitleids und Gnade von ihm
erwarteten, gar nicht zum Areopagus, wo alle diese Mittel, die Gerechtigkeit zu
beugen, strenge verboten waren. Plato endlich lässt den S. am Tage seiner
Verurteilung vor der Halle des Königs wandeln, was sich zum Areopagus, der
unter freiem Himmel Gericht hielt, gar nicht schickt. Aus diesen Gründen wird
wahrscheinlich, dass die Sache des S., wenn sie gleich, der alten Einrichtung
Solons gemäss, eigentlich vor den Areopagus gehörte, doch vor einem der
Volksgerichte geführt sei, wozu die Ursachen in der damaligen Verfassung Atens
lagen. Der Areopagus hatte durch die Verwaltung des Perikles von seinem Ansehen
und seinen Geschäften so viel verloren, dass ihm in diesen Zeiten fast bloss die
Blutsachen übrig geblieben, und die Religionssachen zu den Volksgerichten
gezogen zu sein scheinen. Schon lange vor Sokrates wurden Aspasia und
Alcibiades, die beide ähnlicher Vergehungen gegen die Religion beschuldigt
waren, nicht vor dem Areopag, sondern vor einem Volksgericht angeklagt. Man
könnte sogar mutmassen, dass in diesem Jahre gar kein Areopag existirt habe, weil
in den vorhergehenden Jahren die ganze Verfassung Atens erschüttert und unter
den 30 Tyrannen wenigstens keine Archonten gewesen waren, aus welchen allein der
Areopag bestand. Dann wäre ein Grund gefunden, warum die Feinde des S. gerade
dieses Jahr zu ihrer Anklage gewählt hätten, weil sie eher hoffen konnten, die
Richter in einem der Volksgerichte zu blenden und einzunehmen, als die
ehrwürdigen Mitglieder des Areopags. Das Gericht, vor welchem S. angeklagt
wurde, war höchst wahrscheinlich das Heltastische; ein Gerichtshof, der nach dem
Areopagus der angesehenste und grösste in Aten war.
126 Dieser berühmte Redner bot dem S. eine Schutzrede an, die dieser aber nicht
annahm, weil eine künstliche Verteidigung sich für seinen Charakter nicht
schicken würde. Cic. de Orat. 1, 54.
127 Weil dieser berühmte Centaur eine Art von Ritterakademie in Tessalien
hatte, wo auch Achilles seine Bildung erhielt, so steht er hier statt Erzieher
überhaupt.
                                   45. Brief.
128 Der Lederhändler, der nach Perikles sich zum Haupt der Atenischen
Staatsverwaltung emporschwang, wird von Aristophanes in den Rittern als ein
grober und ungeschlachter Schreier geschildert.
129 Das personificirte Volk, welches Aristophanes ebenfalls auf die Bühne
brachte; auf diese Schilderung wird hier hingedeutet.
130 Ein auf einem Hügel gelegenes, halbkreisförmiges Gebäude, zu
Volksversammlungen (Ekklesia) bestimmt, in der Nähe des Marktes von Aten.
131 Abkömmling von dem letzten Atenischen Könige, Kodrus.
132 Wie die berühmte Zaubrerin Medea in ihrem Zauberkessel ein Mittel bereitete,
wodurch Aeson, ihres geliebten Jasons Vater, seine Jugend wieder erhielt,
erzählt ausführlich Ovid im 7ten Buch der Verwandlungen.
                                   46. Brief.
133 S. unter den Anm. S. 296 Prytanen.
134 Plato im Phädon erzählt, dass, als Teseus nach Kreta segelte, die bedungenen
Jünglinge dem Minos als Tribut zu bringen, die Atener dem Apollon eine
jährliche heilige Sendung nach Delos gelobten, wofern sie gerettet würden. Sie
wurden gerettet, und das Gelübde erfüllt. Von der Zeit des Abgangs bis zur
Rückkunft des heiligen Schiffes durfte in Aten kein Todesurteil vollzogen
werden.
                                   48. Brief.
135 Auch zur Verständnis dieses Briefes verweisen wir auf die schon erwähnte
Abhandlung über Atens Verfassung.
136 Anspielung an die pratoras trioboloy des Aristophanes in den Rittern. S.
Attisches Museum. 2. Bd. W.
                                   49. Brief.
137 S. die Anm. zu Peregrinus Proteus, Bd. 16.
138 Name einer der Furien.
                                   50. Brief.
139 Weibliches Gespenst, dem man nachsagte, dass es Menschen fresse. Vergl. die
Anm. zu Agatodämon, 3. Buch, 14. Abschn. Bd. 18.
140 Hier mit Anspielung auf den Kunstausdruck der Maler, welche nasses Gewand
jene Bekleidung nennen, durch welche die natürlichen Formen des Körpers
durchscheinen.
                                   51. Brief.
141 Man vergleiche, was in besonderer Beziehung auf Aristophanes über Sokrates
von Schnelle gesagt ist in seinem Werke: welche classische Autoren, wie und in
welcher Folge - - soll man auf Schulen lesen? Bd. 2. S. 901. fgg. Gewiss musste
Sokrates vielen seiner Landsleute aus diesem Gesichtspunkt erscheinen. Bei der
angeführten Stelle ist übrigens noch zu bemerken, dass auch Schelle bei seinem
Urteil über Wielands Beurteilung des Aristophanes keine Rücksicht auf Aristipp
muss genommen haben.
142 Sind verschiedene Arten von Schmiedekünstlern der alten Welt, von denen die
Alten eben so viel Wunderbares und Geheimnisvolles berichten, als die Neuern von
den Freimaurern. Beide sind sich in der Tat ähnlich genug, und eine zwischen
ihnen gezogene Parallele könnte gar nicht uninteressant sein, und vielleicht
mehr aufklären als die meisten bisherigen Untersuchungen darüber.
143 S. Wielands Abhandlung: die Pytagorischen Frauen.
144 S. Diod. Sic. 14, 44. fgg.
145 Diese Anekdoten erzählt Cicero de nat. Deor. 3, 34. und Aelian V.H. 1. 20.,
bei welchen Stellen die Erklärer nachsehen können, wer das Genauere darüber
kennen will.
146 Diese Anekdoten erzählt Cicero de nat. Deor. 3, 34. und Aelian V.H. 1. 20.,
bei welchen Stellen die Erklärer nachsehen können, wer das Genauere darüber
kennen will.
147 Busiris wird als ein Aegyptischer König genannt, der seiner Grausamkeit
wegen verrufen war, und man erzählt besonders von ihm, dass er die Fremden, die
in sein Land kamen, schlachtete. Wie es sich eigentlich damit verhalte, ist hier
nicht der Ort zu untersuchen. der Einfall des Dionysius entspricht dem von
Napoleon, der von einer Apologie Nero's sprach, die, wenn ich nicht irre, auch
geliefert worden ist. Einer Lobrede auf Busiris gedenken übrigens die Alten von
dem Sophisten Polykrates, von demselben, der auch zur Probe eine Anklage-Rede
gegen Sokrates verfertigte.
148 Ein wenig bekanntes Volk in Afrika; - Massageten, an der Ostseite des
Kaspischen Meeres, nährten sich hauptsächlich von Fischen.
                                   52. Brief.
149 S. die Anm. zu Agatadämon, 2. Buch, 8. Abschn. Bd. 18.
                                   53. Brief.
150 Dass Kleombrot durch Lesung des Platonischen Dialogs Phädon veranlasst worden
sei, seinem Leben freiwillig ein Ende zu machen, war aus einem Epigramm des
Kallimachus bekannt, welches die einzige Quelle dieser Anekdote zu sein scheint.
Denn Cicero, welcher derselben im 34. Kapitel des 1sten Buchs seiner
Tusculanischen Gespräche Erwähnung tut, beruft sich auf dieses Epigramm, und
alle andern, die dieser Begebenheit erwähnen, oder über sie räsonniren, sind um
mehrere Jahrhunderte später, und scheinen das, was sie davon wissen, entweder
aus dem Griechischen Dichter selbst, oder aus dem Römer geschöpft zu haben. Das
Epigramm des Kallimachus lautet:
Eipas Hlie xaire Kleombrotos ombrakiots
hlatA apA yphloy teixeos eis aidhn,
Axion oyti paton tanatoy kakon, alla Platonos
en to peri pyxhs grammA analexamenos.
Rufend Sonne fahr' wohl! sprang von Ambraciens hohen
Mauern Kleombrotus einst rasch in den Hades hinab;
Nicht als hätt' er etwas des Todes Wertes erlitten,
Bloss weil er Platons Schrift über die Seele durchlas.
Der Phädon (welcher vermutlich gemeint ist) hätte also bei diesem Jünger des
Sokrates völlig das Gegenteil von dem gewirkt, was er auf den Philosophen
Olympiodorus wirkte, der in seinem Commentar über diesen Platonischen Dialog
versichert: er würde sich schon lange ums Leben gebracht haben, wenn ihn Plato
nicht von der Unsterblichkeit der Seele überzeugt hätte. Es wird wohl immer eine
unauflösliche Frage bleiben, ob die Worte des Epigramms, »axion oyti paton«
u.s.f. nur eine Vermutung des Dichters sind, oder sich auf irgend ein
besonderes historisches Zeugnis gründen. Dass Kleombrot sich zu Ambracien
(gleichviel ob von der Stadtmauer oder von einer Felsenspitze) ins Meer gestürzt
habe, weil er Platons Phädon gelesen, scheint Tatsache zu sein: dass er es aber
aus ungeduldigem Verlangen, sich von der Wahrheit der im Phädon vorgetragenen
Lehre zu überzeugen, getan habe, ist wenigstens ungewiss, und bei weitem nicht
so wahrscheinlich als die Ursache und Veranlassung, die in dem vorliegenden
Briefe angegeben wird. So dünkt es wenigstens mir; jedem sein Recht, die Sache
anders zu sehen, vorbehalten. W.
 Die hinter Kunst versteckte Bitterkeit in dem Vorwurfe Platons hat vor Wieland
schon Demetrius der Phalereer auseinander gesetzt (de elocut. §. 306). Wieland
lässt, entschuldigend, den Kleombrotos allein von dem Vorwurfe getroffen werden,
und reinigt den Aristipp gänzlich von der Beschuldigung. »Dir - schreibt
Kleombrot - tat das verleumderische Gerücht Unrecht! Dich hatte die Pflicht
nach Cyrene abgerufen!« Mit dieser Behauptung steht keine in einem grellern
Contrast als die von Meiners, welcher (Geschichte d. Wiss. in Griech. und Rom
II. 649. Anm.) sagt: »Aristipp unterbrach sein Wohlleben auf der Insel Aegina
keinen Augenblick, um seinem Lehrer in den Gefahren und zur Stunde des Todes
beizustehen, ungeachtet er nur um 200 Stadien von ihm entfernt war.« Wären die
von Leo Allatius herausgegebenen Briefe der Sokratiker ächt, so würde der 16te
in dieser Sammlung doch nur beweisen, dass Aristipp wirklich in Aegina gewesen,
aber gar nicht auf die Art, wie Meiners angibt. Woher hat er nun dies erfahren?
Er beruft sich auf Diogenes den Laerter; der aber sagt 3, 36.: »Platon war gegen
Aristipp feindselig gesinnt; in seiner Schrift von der Seele macht er ihm daher
bösen Leumund, indem er sagt, dass er bei des Sokrates Tode nicht zugegen,
sondern in Aegina, nahe genug, gewesen sei.« In der Stelle aber, welche Meiners
selbst anführt 2, 65 (der vorigen gedenkt er nicht), heisst es bloss: »Xenophon
war dem Aristipp abgeneigt; auch Teodoros in seiner Schrift über die Secten
verlästerte ihn (ekakisen), und Platon in seiner Schrift über die Seele, wie ich
anderwärts gesagt habe,« - nämlich in der vorigen Stelle. Vergebens beruft sich
Meiners dabei auf Menage (et ibi Menag.), denn ich finde nicht, dass dieser ein
Wort weiter hinzufügt, sondern nur dass er von der ersten Stelle auf die zweite,
und von der zweiten auf die erste verweist. So leicht hat sich also Meiners die
Verlästerung Aristipps gemacht, die am Ende ganz allein auf Platons Zeugnis sich
gründet, den die übrigen Zeugen selbst für verdächtig erklären. Indes auch
Platon sagt nicht ein Wort weiter, als dass Aristipp damals in Aegina gewesen
sei, und diese Tatsache wird ihm, wenigstens so viel ich weiss, von niemand
bestritten. Hat also Meiners, um Aristipp schwärzer zu machen, mehr gesagt als
er durfte, so hat hingegen Wieland, um ihn weisser zu machen, nicht nur weniger
gesagt als er sollte, sondern auch ganz etwas anderes, und zwar, wenn die
Nachricht gegründet wäre, dass Aristipp erst nach seines Vaters Tode zu Sokrates
gereist sei, etwas durchaus Falsches. Wäre es bloss um einen Roman zu tun
gewesen, so würde Wielands Rechtfertigung in den Gesetzen des Romans selbst
liegen: da es ihm aber offenbar um eine Charakteristik zu tun ist, so fragt man
billig nach seinen Gründen. Wie es scheint, hatte er keine anderen als dass 1)
Platon selbst die Tatsache als blosses Gerücht anführt, 2) dass Diogenes von
Platons Anführung als von einer Verlästerung spricht, dass 3) der vor Aristipps
Abreise erfolgte Tod seines Vaters keineswegs erwiesen ist und dass 4) Aristipp
von Aegina aus mehrmals Reisen machte. Dies schien ihm vielleicht hinreichend zu
der Erlaubnis, seine Neigung, durch etwas veränderte Stellung in Berichten der
Anekdotenträger und Sammler ein Verdammungsurteil abzuwenden, auch hier zu
befriedigen. Bis indes ein anderer so glücklich sein wird auszufinden, was ich
nicht habe ausfinden können, dass Aristipp wirklich nicht in Aegina gewesen sei,
wird mir der Wunsch bleiben, Wieland möchte, statt eine Tatsache zu läugnen,
lieber anders motivirt haben: den beabsichtigten Zweck hätte er doch erreicht.
                                   54. Brief.
151 Plato stammte aus einem patricischen Geschlechte in Aten. Dropides, ein
Bruder des Atenischen Gesetzgebers Solon, war der Aeltervater der Mutter
Platons; Dropides stammte in gerader Linie von Kodrus, dem letzten Könige von
Aten, und Kodrus war in der fünften Generation ein Abkömmling von dem Könige
von Pylos und Vater Nestors, Neleus, einem vorgeblichen Sohne Poseidons oder
Neptuns (nach Plutarch und Diogenes von Laerte.) Dieser Genealogie zufolge nennt
hier Aristipp den Plato ein wenig naserümpfend einen Abkömmling Poseidons. W.
152 Platon.
153 Kunst des philosophischen und sonst gelehrten Streites mit Anwendung alles
dessen, wodurch man den Gegner irre führen und täuschen kann.
                                   55. Brief.
154 Anspielung auf die eigenen Worte Platons in der oben von Kleombrot in seinem
Briefe an Aristipp angezogenen Stelle: »Wo blieb denn Plato? - Es hiess er sei
unpässlich.« W.
 Wenn es indes wahr ist, was Diogenes erzählt, dass Platon vor Gericht
aufgetreten, um den Sokrates zu verteidigen, und nur durch einen Attischen
Scherz der Richter unterbrochen worden sei, so hätte sich Platon doch viel
anders benommen als Aristipp.
155 Neben-, Bei-Werk.
156 Was das Gemüt in eine sanft anziehende, ruhig vergnügliche Bewegung setzt.
W.
                                   56. Brief.
157 Ein schöner Jüngling, den bei der Argonautenfahrt die Nymphen raubten.
158 S. Bd. 10.
159 Diogenes von Laërte hat uns zwei oder drei von diesen Epigrammen
aufbehalten, wodurch Aristipp den göttlichen Plato bei seiner schönen Freundin
in den Verdacht zu bringen sucht, als ob er gegen die Reize ihres Geschlechts
unempfindlich gewesen. Der Compilator hat aber nicht vergessen, auch ein paar
andere, an eine gewisse Xantippe (vermutlich nicht die etwas saure aber sonst
unbescholtne Hausfrau des Sokrates) und an die Hetäre Archianassa beizufügen,
die unserm Briefsteller unbekannt gewesen sein müssen, und mit welchen Plato
sich gegen jene Beschuldigung aufs vollständigste hätte rechtfertigen können.
Aber ernstaft zu reden, wäre nichts unbilliger als solchen jugendlichen
Scherzen, wie z.B. das Epigramm auf die alte Archianasse:
»In deren Runzeln sogar dräuend ein Liebesgott sass«
mehr Bedeutung beizulegen, als sie für unbesangene Augen haben können. W.
                                   57. Brief.
160 Plinius erwähnt dieser beiden Stücke unter den berühmtesten Werken dieses
Meisters. Sunt et duae picturae ejus nobilissimae, Hoplitides: alter in
certamine ita decurrens ut sudare videatur; alter arma deponens ut anhelare
sentiatur. H.N.I. 35. c. 10. W.
161 Pinxit et minoribus tabellis libidines, eo genere petulantis joci se
reficiens. Plin. XXXV. 10. W.
                                   59. Brief.
162 Diese in der Natur der Sache gegründete Weissagung ging, wiewohl etwas
später als Aristipp glaubte, in Apelles, Protegenes und Aristides in Erfüllung.
Wenn Plinius von dem letztern sagt: is omnium primus animum pinxit et sensus
omnes expressit, so kann er damit nicht haben sagen wollen, er sei der erste
(der Zeit nach) gewesen, der die Seele und das Gemüt zu malen gewusst habe; denn
da hätte er sich selbst in dem, was er vorher an Timantes und Parrhasius
gerühmt hatte, widersprochen: sondern nur, er habe in diesem Stück allen seinen
Vorgängern und Nachfolgern den Rang abgewonnen. W.
                                   61. Brief.
163 Die Musenkünste betreibend.
164 Eine Art Ueberrock oder Mantel, von grober Wolle, der kaum über die Knie
reichte, und worin öfters die ganze Garderobe der Atenischen Bürger von
geringem Vermögen bestand. W.
                                   62. Brief.
165 Eine, von Einigen zu den Kykladischen, von Andern zu den Sporadischen,
gerechnete, ganz mit Fels und Stein bedeckte Insel, wohin die Römer
Criminalverbrecher verbannten.
166 Eine mit den schönsten Südfrüchten prangende Gegend in Nord-Afrika.
167 Tastbar.
168 Die im Unterleibe entaltenen Eingeweide, wo nach der Meinung der Platoniker
u.a. der tierische Teil der menschlichen Seele seinen Sitz hatte. W.
                                   63. Brief.
169 Wird hier der Geist genannt, weil er, statt der materiellen Weltursache
früherer Philosophen, den Geist (noys) als Welturheber aufstellte.
170 Pytagoras.
171 Pytagoras Gemahlin.
172 Eine der reizendsten Gegenden in Ionien, am Meere zwischen Ephesus und Myus
gelegen. W.
                                   64. Brief.
173 Die Atener, heisst es im Prozess des Sokrates, taten alles, um ihre
Hochachtung gegen ihn und ihren Schmerz über den Verlust eines so würdigen
Mannes auszudrücken. Sie schlossen die Ring- und Uebungsplätze zu, wie bei einer
allgemeinen Trauer, und straften seine Anhänger mit dem Tode oder der
Landesverweisung. Dem Melitus, als Hauptkläger, ward der Tod zuerkannt, und
Anytus, der sich nach Heraklea geflüchtet hatte, ward von den Herakleoten noch
denselben Tag aus ihrer Stadt verwiesen. An dem Schicksal des letztern soll
Antistenes Ursache gewesen sein, der einige Jünglinge aus Pontus, die nach
Aten gekommen waren den Sokrates zu sehen, zum Anytus führte, und spöttisch
sagte, das sei der Mann, den man für weiser und tugendhafter halte als den
Sokrates. Die Atener fühlten die Wahrheit dieses Spotts so sehr, dass Anytus
sogleich die Stadt räumen musste. Dem Sokrates ward eine Statue aus Bronze an dem
vornehmsten Platze der Stadt aufgestellt, und die grosse Folge der ganzen
Begebenheit war, dass man nach dieser Zeit kein Beispiel von einer ähnlichen
Anklage und Verurteilung in Aten findet. So suchten die Atener dem unschuldig
hingerichteten Weisen so viel Genugtuung zu geben als damals möglich war. Es
scheint ungerecht, über diese plötzliche und heftige Reue zu spotten; denn man
muss das Volk von den Richtern unterscheiden. Das Urteil der Richter war nicht
Urteil des ganzen Volks, und das Betragen des letztern war nicht sowohl Reue,
als Gefühl der anerkannten Unschuld des Sokrates, und Bestreben den Fehler
einiger Bürger wieder gut zu machen und von sich zu entfernen. Auch geschah
dieses nicht so plötzlich: Sokrates war 30 Tage im Gefängnis, ohne dass man daran
dachte das Urteil der Richter aufzuheben. Vielmehr scheint alles nach und nach
durch seine Freunde bewirkt zu sein, deren Verteidigungen des Sokrates die
Atener nun mit kühlerem Blut prüften, und die Unschuld des Sokrates und die
Bosheit seiner Feinde entdeckten. Vielleicht trugen auch die Nachrichten von
seinem grossen und standhaften Bezeigen im Gefängnis dazu bei. Das Betragen des
Volks ist also die schönste Rechtfertigung sowohl für den Sokrates, als für die
Atener selbst. - Während scheint daher den Kleonidas hier sehr hart urteilen
zu lassen, aber freilich - er läugnet auch die ganze Begebenheit. Die Gründe,
die ihn dazu bewogen, sind von Bartélemy in Bd. 5. der Reise des Anacharsis
aufgeführt sur les prétendus regrets que les Aténiens témoignèrent après la
mort de Socrate.
174 Plinius erwähnt dieser Anekdote im 10ten Kap. des 35sten Buchs: Magnis
suffragiis superatus a Timante Sami in Ajace armorumque judicio, herois nomine
se moleste ferre dicebat, quod iterum ab indigno victus esset. W.
175 Diese Vermutung des Timantes ist bekanntlich in vollem Mass eingetroffen.
Plinius folgte in seinem Urteil über den angeblichen Kunstgriff, welchen der
Maler durch Verhüllung des Agamemnon angebracht haben sollte, allem Ansehen nach
bloss der damals schon allgemein angenommenen und seitdem von unzähligen Neuern
(ohne nähere Untersuchung, wie es scheint) nachgesprochenen Meinung. Timanti
plurimum adfuit ingenii; ejus enim est Iphigenia, oratorum laudibus celebrata,
quâ stante ad aras periturâ, eum moestos pinxisset omnes, praecipue patruum
Menelaum, cum tristitiae omnem imaginem consumsisset, patris ipsius vultum
velavit, quem digne ostendere non poterat, l. cit. Ich müsste mich sehr irren,
oder die Erklärung, welche Timant in dieser Erzählung des Kleonidas den drei
jungen Kunstkennern gibt, bedarf keiner weitern Beweise, um für die einzig wahre
Darstellung seines Verfahrens und der Gründe desselben erkannt zu werden. W.
 Ohne Zweifel dachte Wieland hiebei auch an das, was Lessing hierüber gesagt hat
in dem Laokoon S. 34 fgg.
                                   66. Brief.
176 Ein Schüler des Pytagoräers Archytas von Tarent, soll die Pytagorische
Lehre zuerst öffentlich bekannt gemacht, so wie die Bewegung der Erde um die
Sonne zuerst gelehrt haben.
                                   67. Brief.
177 Wie Lais den Schluss ihrer Antwort unter den angegebenen Umständen hat
schreiben können, überlasse ich denen auszumachen, welche gern Rätsel lösen.
                                   68. Brief.
178 Uebertrieben subtile und pedantische Grübler, wahrscheinlich ein von
Aristophanes in den Wolken zuerst in diesem Sinne gebrauchtes Wort. W.
 Eine ausführliche Abhandlung über die Wörter Phrontis, Phrontizein, Phrontisten
und Phrontisterion hat Wieland geliefert in seinen, der Uebersetzung der Wolken
beigefügten Erläuterungen (Att. Mus. II. 2, 35-47). - Voss hat das
Aristophanische Phrontisterion übersetzt durch Denkwirtschafteri, und Phrontist
(merimnoprontists) durch Tiefsinnesdenker.
179 Anspielung auf eine merkwürdige Allegorie Platons, wodurch er zu Anfange des
siebenten Buches seiner Republik den menschlichen Zustand in Ansehung des
Wissens und Nichtwissens zu versinnlichen sucht.
180 Aus Sesamon, einer kornartigen Hülfenfrucht, bereitet, mit Honig, Käse und
Oel gemischt, war ein bei den Atenern sehr beliebtes Backwerk.
181 Es war eine alte Sitte bei den Atenern, dass jeder Gast seinen eigenen
Bedienten mitbrachte, um sich von ihm bei der Tafel bedienen zu lassen, und
vornehmlich um von den verschiedenen Gerichten, wovon jedem Gast eine reichliche
Portion vorgesetzt wurde, alles was dieser nicht selbst verzehrte und was
transportabel war (z.B. Stücke gebratnen Wildbrets, Würste, Hühner, Fische,
wildes Geflügel, Kuchen u.s.w.), in einen bei sich habenden Korb oder Sack
stecken und nach Hause tragen zu lassen. W.
                                   69. Brief.
182 Dies kann sich nur auf Hippasos von Metapont beziehen, der das Feuer für das
Grundelement hielt, wodurch in periodischem Wechsel die Welt entstehe und
untergehe.
183 Für die menschliche Erkenntnis gibt es eine doppelte Quelle, entweder die
Sinnlichkeit oder Verstand und Vernunft. Jene zeigt die Dinge nur als einzelne,
eigentümliche, in ihrer Besonderheit, diese in ihrer Allgemeinheit, nach dem,
was allen Dingen einer Art gemeinsam ist. Hienach unterschied Platon eine
doppelte Welt, die Sinnenwelt und die Verstandeswelt (die intelligible, die nur
durch den Verstand und nicht durch den Sinn erkennbar ist). Nach seiner Ansicht
erkennt man nur in dieser Verstandeswelt die Dinge wie sie an sich sind (als
ontos onta), rein von allen zufälligen Besonderheiten in ihrem wahren Wesen,
oder, welches auf Eins hinausläuft, die Ideen derselben (wobei Platon hier an
die Gattungsbilder dachte), gegen welche er die wirklichen Dinge nur als
unvollkommene Nachbilder betrachtete. Wenn sie Wieland hier als blosse Schatten
der Ontoos Ontoon, d.i., wie er oben übersetzte, der wirklich wirklichen Dinge
angibt, so geschieht es in Beziehung auf die früher erwähnte Allegorie von der
Höhle. Man vergleiche hiemit, was früher über die Platonischen Ideen gesagt ist.
184 Personificirung abstracter Begriffe und lebloser oder wenigstens
unpersönlicher Dinge. Auch die Redefigur abwesende Personen als gegenwärtig
aufzustellen und sprechen oder handeln zu lassen, führt bei den Grammatikern
diesen Namen. W.
185 Trygäus, im Frieden des Aristophanes, reitet auf einem Mistkäfer in die Burg
Jupiters, um diesen zu befragen, was er mit dem Hellenenvolke beschlossen habe.
186 (Wolkenkukuksheim) nennt Aristophanes die Stadt, die er die Vögel unter
Anführung des Atenischen Abenteuerers Peistetäros den Göttern zu Trotz in die
Wolken bauen lässt. W.
187 Höhlenbewohner, wurden nach dieser tierischen Lebensweise von den Alten
gewisse noch im rohesten Naturstande begriffene Menschenhorden genannt, deren
Plinius in seiner Naturgeschichte mehrere aufführt. W.
188 (Fischesser) - Diejenige Classe der rohen Naturmenschen, die sich
hauptsächlich vom Fischfang nähren. W.
189 Antropodämon, scheint ein von Aristipp erfundenes Wort zu sein, um damit
diejenige energische Eigenschaft der menschlichen Natur zu bezeichnen, wodurch
sie vermöge einer innern Notwendigkeit ewig der höchsten Vollkommenheit
entgegenstrebt, ohne sie gleichwohl jemals zu erreichen. W.
190 Ein Beiname der Göttin Nemesis, deren Amt war, alle aus Stolz und Übermut
begangenen Frevel zu rächen, und deren Ungnade man sich also, nach dem gemeinen
Glauben, durch Ungenügsamkeit und allzu üppige Wünsche zuzog. W.
 
                                    Fussnoten
A1 Seine Anhänger werden Cyrenaiker genannt, auch Hedoniker, von Hedone,
Wollust, über welche sich Wieland vielleicht am besten erklärt hat.
 
                                 Zweiter Band.
                                        1.
                             Kleonidas an Aristipp.
Seit einiger Zeit befindet sich ein junger Perser Namens Arasambes hier, der
grosses Aufsehen macht. Er ist (um bei dem anzufangen, was zuerst in die Augen
fällt) der schönste Mann, den ich noch gesehen habe, von hoher Geburt (seine
Mutter war eine Schwester des letzten Königs) und, wie es scheint, Herr eines
unermesslichen Vermögens. Sein vor kurzem verstorbener Vater, welcher Stattalter
von Syrien gewesen war und seinen Sohn zu einer Stelle bestimmte, wo (seiner
Meinung nach) ein feineres politisches Verhältnis gegen die vornehmsten
Griechischen Freistaaten dem Dienst des grossen Königs nützlich sein könnte,
hatte ihn zu diesem Ende schon in der ersten Jugend zu Sardes1 und Ephesus nach
Griechischer Art erziehen lassen. Er spricht unsre Sprache sehr geläufig, kennt
unsere Dichter, und in Uebungen, die sich für eine Person seines Standes
schicken, tut es ihm hier keiner zuvor. Er verbindet morgenländische
Prachtliebe mit Griechischem Geschmack, hat die schönsten Pferde, die jemals in
Ionien gesehen wurden, und macht sich den Milesiern durch die funkelnden
Dariken, die er in Umlauf bringt, nicht wenig beliebt.
    Du errätst leicht, Aristipp, was dir alle diese Vorboten ankündigen. Wie
hätte ein so verzärtelter Günstling der Götter gegen die Reize des schönsten
Weibes unserer Zeit gleichgültig bleiben können? Es scheint vielmehr, Eros, der
sich nicht immer an ungleichen und widersinnischen Verbindungen belustigt, habe
ihn geflissentlich nach Milet geführt, damit er die Einzige fände, die ihn
selbst zweifelhaft machen kann ob er ihrer Liebe würdig sei. Kurz, Arasambes
liegt, mit adamantenen Ketten2 gebunden, zu den Füssen der schönen Lais, und
erwartet von ihren Lippen die Entscheidung, »ob er der glücklichste oder der
elendeste aller Sterblichen sein soll.« Sie scheint noch unentschlossen, wiewohl
ich es für unmöglich halte, dass sie von so vielen Vorzügen und Versuchungen
nicht endlich überwältiget werden sollte. Aber das wunderbare Weib behält immer
so viel Herrschaft über sich selbst, dass es noch keinem gelungen ist, ihre
schwache Seite ausfindig zu machen; und wenn sie seiner Leidenschaft endlich
nachgibt, so geschieht es gewiss nicht anders, als mit Vorbehalt ihrer Freiheit,
die ihr, wie sie sagt, um den Tron des grossen Königs selbst nicht feil wäre.
Auch kennt Arasambes sie schon zu gut, um sich von den reichen Geschenken, womit
er sie überhäuft, viele Wirkung zu versprechen; und damit man sehe, dass er
selbst keinen Wert darauf lege, schenkt er einen Perlenschmuck, der zwanzig
Attische Talente3 wert ist, mit einer Miene weg, als ob es eine vergoldete
Haarnadel wäre, und bloss dadurch zu etwas werde, wenn sie es anzunehmen würdige;
aber er treibt es in dieser grossen Manier so weit, dass unsre Freundin für nötig
hielt, ihm zu erklären, dass sie unter keiner Bedingung weder kleine noch grosse
Geschenke mehr von ihm annehmen würde. Du weisst, in welchem Grade die Zauberin
es in ihrer Gewalt hat, selbst dem Verwegensten diese Art von zurückschauernder
Ehrfurcht zu gebieten, wovon man beim Eintritt in das heilige Dunkel eines
berühmten Tempels oder Hains unfreiwillig befallen wird. Arasambes, der sie
wirklich bis zur Anbetung liebt, fühlt sich durch diese abergläubische Scheu
noch mehr als andre durchdrungen, und bedarf daher eines Vertrauten um so mehr,
da die ungewohnte Zurückhaltung seiner Leidenschaft ein peinlicher Zustand ist,
den er nicht sehr lange ausdauern könnte. Dieser Vertraute, mein Freund - bin
ich selbst, und höre, wie ich dazu gekommen bin. Bald nach meiner Zurückkunft
nach Milet geriet ich auf den Einfall, das berühmte allegorische Mährchen vom
Prodikus, den Hercules auf dem Scheidewege, in zwei Seitenstücken zu malen; so
dass Lais in dem einen die Tugend, in dem andern die Wollust vorstellt, und (wie
du bereits erraten hast) der junge Göttersohn im einen der Erstern, im andern
ihrer reizenden Gegnerin die Hand reicht. Ich arbeitete mit Liebe an diesen
Bildern, aber so geheim, dass sogar Musarion nichts davon gewahr ward. Als sie
vollendet waren, fügte sich's, dass mein Perser (der schon vorher eine besondere
Zuneigung auf mich geworfen hatte, und die Kunst liebt) in meine Werkstatt kam,
und über die beiden Bilder in ein solches Entzücken geriet, dass ich mich
genötigt sah, sie ihm zu überlassen, nachdem ich ihn mit vieler Mühe dahin
gebracht, von der Hälfte des Preises, den er selbst darauf setzte, abzustehen.
Von dieser Zeit an hat er mich zum Vertrauten und Vermittler seiner Leidenschaft
gemacht, und da Tyche4 in ihrer freigebigsten Laune unsrer verschwenderischen
Freundin nichts Angemess'neres hätte zuschicken können als einen solchen
Liebhaber; so hoffe ich mein Geschäft zu beider Teile Zufriedenheit bald und
glücklich zu Ende zu bringen.
    Wenn ich mich nicht sehr an dir irre, lieber Aristipp, so wirst du dich in
dies alles wie ein weiser Mann fügen, und mit einer Freundschaft, die dir immer
ein beneidenswertes Vorrecht vorbehalten wird, sehr wohl vorlieb nehmen können.
 
                                       2.
                             Aristipp an Kleonidas.
Die Nachrichten, die du mir von unsrer Freundin mitteilst, stimmen zu gut in
meine üppigsten Wünsche für ihr Glück, als dass sie mir nicht grosse Freude
gemacht haben sollten. Die Liebe eines solchen Mannes, wie dein Perser, ist das
einzige ihrer nicht ganz unwürdige Mittel, ihre gewohnte Lebensart immer
fortzuführen, insofern sie nur von sich erhalten kann, ihrer grossherzigen
Verachtung des verächtlichsten und schätzbarsten, unentbehrlichsten und
unbrauchbarsten aller sublunarischen Dinge einige Schranken zu setzen, und nur
so viel Oekonomie in ihr Hauswesen zu bringen, als der grosse König selbst nötig
hat, wenn er mit seinen Einkünften auslangen will. Dass sie den prächtigen Vogel
nicht eher, als bis es ihr selbst gefällt, aus ihrem goldnen Käfig entlassen,
und hingegen fleissig dafür sorgen wird, ihre eigene Person von den verhassten
Gesetzen der morgenländischen Gynäceen frei zu erhalten, bin ich zu gewiss, als
dass sie hierüber meines Rates bedürfte. Es bleibt mir also nichts übrig, als
mich ihres Glückes zu freuen, und zu wünschen, dass sie es recht lange dauern
lasse.
    Du urteilst sehr richtig von mir, Freund Kleonidas, wenn du mich der
Narrheit, die Sonne für mich allein behalten zu wollen, unfähig glaubst. Eben so
wenig soll es, wie ich hoffe, jemals in die Macht einer Person oder einer Sache,
die ich liebe, kommen, sich mir in einem so hohen Grade wichtig zu machen, dass
ich ihrer nicht ohne Verlust meiner Gemütsruhe entbehren könnte. Ich liebte die
schöne Lais beim ersten Anblick, weil sie mir gefiel; und sie gefiel mir aus
eben der Ursache, warum mir irgend etwas gefällt, und desto mehr, je mehr sie
zugleich die Summe meiner feineren Gefühle vermehrte, und meinen Geist in die
angenehmste Tätigkeit setzte. In allem diesem ist mir's, denke ich, wie jedem
andern Menschen. Aber was ich vor meinem unbekannten Freund Arasambes und vielen
andern voraus habe, ist: dass die schöne Lais selbst mit allen ihren
Vollkommenheiten für mich kein unentbehrliches, geschweige mein höchstes Gut
ist. Ich habe Augen für alle ihre Vorzüge, Sinn für alle ihre Reize; sie ist mir
alles, was sie einem Manne von Verstand und Gefühl sein kann; aber sie vermag
(einzelne Augenblicke vielleicht ausgenommen) wenig oder nichts über meine
Freiheit; ich verlasse sie ohne mich losreissen zu müssen, sogar wenn sie lieber
sähe dass ich bliebe; ich komme mit dem lebhaftesten Vergnügen wieder, und
scheide zum zweiten, dritten und viertenmal, immer durch den Gedanken des
Widersehens wohl getröstet und im Gleichgewicht erhalten. Indessen würde ich
mich selbst belachen, wenn ich mir deswegen viel auf meine Weisheit zu Gute tun
wollte. Du weisst dass ich mit einem Frohsinn, der an Leichtsinn gränzt, geboren
bin; ich fühle mehr schnell und lebhaft als tief; ich habe Sinn für alles Schöne
und Gute, ohne Affectation einer besondern Zarteit, und das Schönere und
Bessere benimmt nach meiner Schätzung dem Geringern nichts. Bei einer solchen
Anlage war es natürlich, dass die bewundernswürdige Gleichmütigkeit, wozu es
mein edler Lehrer Sokrates mit einem vielleicht nicht so lenksamen Temperamente
gebracht hatte, einen so starken Eindruck auf mich machte, dass ich mir vornahm,
mich öfters, auch ohne besondere Veranlassung, in Bezwingung meiner Begierden
und Schwichtigung meiner Wünsche zu üben. Kurz, ich machte mir zur Maxime: mich
in allem mit dem Guten in jedem leidlichen Grade zu behelfen, ohne hartnäckig
auf dem Besten zu bestehen; und ich befinde mich bei dieser Mässigung so wohl,
dass ich meine Diät einem jeden anraten möchte, der es mit sich selbst so gut
meint, dass er um grössere Unlust zu vermeiden, lieber weniger Vergnügen haben,
als Gefahr laufen will, einen Platz an der Göttertafel mit der Strafe des
Tantalus zu bezahlen. Dadurch gewinne ich den Vorteil, dass ich mich auch bei
Nektar und Ambrosia bescheiden aufführe, und daher nie in den Fall kommen kann,
meinen Übermut so streng wie jener Göttersohn zu büssen.
    Dies heisst viel über sich selbst philosophirt! Brauche davon was du kannst,
und fahre fort, mir mitzuteilen, was du mir gut findest.
    Es war ein herrlicher Gedanke, Lieber, den du hattest, die schöne Lais unter
zwei so entgegengesetzten und beide doch so gut passenden Charaktern
darzustellen. Du würdest dich mir durch eine Copei von deiner eigenen Hand
unendlich verbinden, wär' es auch nur von den beiden einzelnen Figuren.
Vermutlich setzt dein persischer Freund seine Hoffnung auf die gefälligere
Gestalt, wiewohl er seine Göttin unter beiden anbetet. Gewiss ist schwerlich
jemals ein schönes Weib so gleich geschickt gewesen, beide Personen zu spielen,
und sich selbst, sobald sie will, durch sich selbst auszulöschen. Ein
gefährliches Talent, welches zu missbrauchen sie, glücklicherweise, keine Anlage
hat. Indessen werde ich sie doch nie aus den Augen verlieren, um auf den Fall,
da sie eines Freundes bedürfte, immer bei der Hand zu sein; denn auf dem
schönen, breiten und kurzweiligen Wege, den sie geht, nicht zu verirren, ist
schwerer als sie zu glauben scheint.
 
                                       3.
                               Lais an Aristipp.
Kleonidas hat dir das Neueste aus Milet bereits zu wissen getan. Eine
freundliche Persische Perise5 (damit du doch siehest, dass ich durch meinen neuen
Anbeter schon ein wenig gelehrter geworden bin) hat mir einen Liebhaber bis vom
Euphrates her zugeschickt; und welch einen Liebhaber! schön wie ein Medier,
liebenswürdig wie ein Grieche, und beinahe so reich wie Midas und Crösus! Denn
was wir armen Griechen tausend Drachmen nennen, ist ihm eine Hand voll Obolen;
und wie ich nötig fand, seiner übermässigen Freigebigkeit mit aller Strenge
einer Gebieterin Einhalt zu tun, verwunderte sich der hoffärtige Mensch, dass
ich solche Kleinigkeiten meiner Aufmerksamkeit würdigen möge. Wirklich scheint
er eines so grossen Massstabs gewohnt zu sein, dass er Geschenke, die einer Königin
dargebracht werden dürften, für Kleinigkeiten ansieht, und sich daher
ihrentwegen weder zu der mindesten Freiheit, noch zu Erwartung einer grössern
Gefälligkeit von meiner Seite, berechtigt glaubt. Das sticht nun freilich von
der ökonomischen Manier der Söhne Deukalions6, mit ihren Geliebten bei Drachmen
und Obolen abzurechnen, gewaltig ab, und tut dem edeln Achämeniden7, wie du
leicht erachten kannst, keinen Schaden bei mir. - Kurz, lieber Aristipp, dieser
Arasambes ist ein sehr guterziger und umgänglicher Barbar8, und es ahnet mir
zuweilen, ich werde noch in starke Versuchungen kommen, zu vergessen, dass ich
eine Griechin bin, und die Entführung der schönen Helena an allen Asiaten zu
rächen habe. Die einzige morgenländische Unart, die ihm ankleben mag, scheint
ein ziemlicher Ansatz zur Eifersucht zu sein, und dies wäre auch das einzige,
das mich zurückschrecken könnte. Wenn er nicht so viel Zutrauen zu mir fassen
kann, sich auf mein Wort ohne Riegel und Hüter sicher zu glauben, so brech' ich
ab, lass' ihm alle seine Geschenke wieder zustellen, und fahre mit dem ersten
guten Winde nach Korint zurück.
    Mein Plan mit Musarion und Kleonidas ist zu seiner Reife gediehen; sie ist
seiner Wert; und wiewohl er bisher (wenn wahre Liebe sich verhehlen liesse) ihr
selbst und der ganzen Welt ein Geheimnis aus dem wahren Namen seiner zärtlichen
Freundschaft zu ihr gemacht hat, so bin ich doch völlig gewiss, dass ich durch das
Band, das ich zwischen ihnen zu knüpfen im Begriff bin, den feurigsten seiner
Wünsche befriedige.
    Du, mein weiser Freund, liegst noch immer zu Samos den meteorischen Dingen9
mit so grossem Eifer ob, dass ich Bedenken tragen sollte, dich mit den
Puppenspielen, die uns Kindern der Erde so wichtig scheinen, in deinen erhabenen
Anschauungen zu stören. Wie hoch du dich aber auch immer, selbst über die
Jupitersburg und das luftige Wolkenkuckucksheim deines Freundes Aristophanes
erheben magst, so denke ich doch meine Ansprüche an deine Freundschaft so leicht
nicht aufzugeben, und schmeichle mir hinwieder, dass alle Pytagorischen Zahlen,
Cirkel und Dreiecke nicht vermögend sein sollen, deine Anadyomene immer aus
deiner Erinnerung zu verdrängen.
 
                                       4.
                             Kleonidas an Aristipp.
Freue dich meines Glücks mit mir, Aristipp! Musarion, meine Musarion - - das war
sie, meinen Gefühlen und Wünschen nach, schon beim ersten Blick; aber, da mir
die Absichten ihrer grossmütigen Vormünderin mit ihr unbekannt waren, und ich es
für unedel hielt, ihre Zuneigung verstohlnerweise zu gewinnen, verschloss ich
meine Wünsche in meinen Busen, und hielt mich zurück sie sogar dir zu entdecken,
vor dem ich nie ein anderes Geheimnis haben werde - diese Musarion, mein Freund,
ohne die für mich kein Glück ist (halte mir diesen einzigen Zug von Ungleichheit
mit dir zu gut!), ohne die ich das reinste Glück des Lebens nie gekannt hätte,
sie ist mein! Sie wird mir in einen andern Weltteil folgen! In kurzem werden
die hochzeitlichen Fackeln für deinen Freund angezündet. Möchtest du doch in
Person gegenwärtig an unsrer Freude Anteil nehmen! Ich darf es nicht hoffen;
aber ich sehe den Tag kommen, der uns in Cyrene, vielleicht enger als jemals,
wieder vereinigen wird.
    Die schöne Lais, die Stifterin meines Glücks, hat sich ihrer sich selbst
auferlegten Pflicht gegen die Tochter des Leontides auf eine höchst edle Art
erledigt, und bei den guten Aussichten, die ich in unserm Vaterlande habe,
scheint mein künftiger Wohlstand so fest gegründet zu sein, als es in diesem
ewigen Wogen der menschlichen Dinge überhaupt möglich ist.
    Auch der fürstliche Arasambes ist dem Ziel seiner feurigsten Wünsche nah.
Lais scheint immer mehr Neigung zu ihm, er immer mehr von dem Zutrauen, das man
für ein höheres aber wohltätiges Wesen fühlt, zu ihr zu fassen. Er will sie
bloss ihr selbst, nicht seinem Ungestüm noch seinen Schätzen, zu danken haben;
und dies ist, wenn ich sie recht beurteile, gerade das Geheimnis sie zu
gewinnen. Sie werden (wenigstens so lange als ihn der König nicht an seine
Hofstatt beruft) abwechselnd bald zu Ephesus, bald zu Sardes, bald auf den
prächtigen Gütern, die er in Lydien hat, leben, und Lais wird einen Zauberkreis
von Freuden und Scherzen, Musen und Grazien, um ihn her ziehen, der seine
Wohnung in einen Göttersitz verwandeln wird.
    Arasambes hat alles versucht, mich bei ihm zurückzuhalten: aber Umstände und
Pflichten, und ich weiss nicht welches stille aber drängende Sehnen nach der
vaterländischen Luft, rufen mich gebieterisch nach Libyen zurück. Doch werde
ich, bis zu der Jahreszeit, die der Ueberfahrt die günstigste ist, bei ihm
verharren, und wenn ich es irgend bewerkstelligen kann, dich, mein Freund, noch
vorher zu Samos sehen.
 
                                       5.
                               Aristipp an Lais.
Ich rate dir, schönste und mächtigste der Erdentöchter, opfre der Ate10
unverzüglich das Kostbarste was du - entbehren kannst; denn du bist zu
glücklich, als dass deine Freunde deinetwegen ruhig sein dürften. Nicht, als ob
du es für deinen Wert je zu viel sein könntest: sondern weil es (wie man sagt)
neidische Mächte gibt, welche nicht wollen, dass die Götter alle Schätze ihres
Füllhorns so verschwenderisch auf ein einziges sterbliches Wesen herabschütten.
    Arasambes ist, nach allem was mir Kleonidas von ihm meldet, deiner würdig,
und nach allem was du selbst anzudeuten scheinst, dem Glücke nah' von dir dafür
erkannt zu werden. Deine Weisheit wird dich in dem goldnen Strom, worin du
schwimmst, vor Übermut bewahren; deine Edelmütigkeit wird in einem weiten
Kreise Glückseligkeit um dich her verbreiten; und die Klugheit, die ich dir
wünsche, wird den Gedanken an die Zukunft und die ungewisse Flüchtigkeit des
Gegenwärtigen nie ganz aus deiner Seele schwinden lassen. Auch erinnerst du
dich, wie ich sicher hoffe, mitten unter den glänzenden und rauschenden Freuden,
die dich täglich umschwärmen werden, zuweilen eines Freundes, der in seiner Art
vielleicht doch einzig ist, und den du immer da, wo du ihn liessest, wieder
finden sollst. Denn weder Ort noch Zeit werden je die Gesinnungen schwächen, die
dein erster Anblick in ihm anfachte und eine Folge freudebringender Horen, im
trauten Umgang unsrer verschwisterten Seelen, zur Reife brachte. Sollte auch
eine Zeit kommen, die ihm jeden andern Genuss entzöge, so wird die blosse
Erinnerung an Aegina, Korint und Milet ihm Ersatz für alles sein, und, so lang
er weiss dass du glücklich bist, ihn gegen alles, was seine Ruhe von aussen
bestürmen könnte, gleichgültig machen.
 
                                       6.
                              Aristipp an Hippias.
Ich höre mit vielem Vergnügen, dass du im Begriff bist das unruhige Samos zu
verlassen und in die schöne und reiche, den Frieden und die Künste des Friedens
liebende Hauptstadt von Ionien zu ziehen, wo du dich in jeder Hinsicht besser
befinden wirst; es sei dass du einen würdigen Schauplatz für deine Talente, oder
nur einen Ort suchest, wo du, so frei und angenehm als vielleicht an keinem
andern in der Welt, einer selbst erwählten Gesellschaft von Freunden, den Musen
und deinem Genius leben kannst. Was hätte dich auch länger in Samos zurückhalten
sollen? Ueberall, wo die Atener den Meister spielen, ist in die Länge nicht gut
wohnen. Ich habe öfters sagen hören, der Atener sei nirgends artig und
liebenswürdig als in Aten selbst; ich für meine Person habe gefunden, dass sie
allentalben die liebenswürdigsten aller Menschen sind, sobald sie eine Ursache
haben es sein zu wollen, und die widerwärtigsten, sobald sie jenes für unnötig
halten. Wenn sie dies zu Aten weniger zu sein scheinen, so rührt es vielleicht
von einer zwiefachen Täuschung her. In den Inseln sind sie die Wenigern an der
Zahl, und ihre Unarten fallen daher um so stärker auf, zumal da sie gewohnt
sind, sich gegen ihre Colonien, Schutzverwandten und Untertanen alles zu
erlauben. Zu Aten sind eben dieselben Unarten unter die ganze Masse der Bürger
verteilt, also an den einzelnen weniger auffallend, wie man sich im Lande der
Buckligen bald gewöhnen würde lauter Höcker zu sehen. Überdies kommt den
Atenern zu gut, dass alles, was ein gebildeter Mensch nur immer zu sehen, zu
hören und zu geniessen verlangen kann, so vollständig und in einem so seltnen
Grade von Vollkommenheit in Aten vereiniget ist, dass ein Fremder, der sich auf
einmal in den Mittelpunkt alles Grossen, Schönen und Angenehmen versetzt glaubt,
den Glanz, den das Ganze von sich wirft, auch auf den Einwohnern widerscheinen
sieht, und das, was ihm von ihrer hässlichen Seite in die Augen fällt, um so mehr
in einem mildernden Lichte betrachtet, je mehr sie sich anfangs beeifern, ihm
nur die schöne und gefällige zu zeigen. Du wirst in den ersten Tagen eine grosse
Aehnlichkeit zwischen den Atenern und Milesiern finden; sie dient aber nur, die
Verschiedenheit desto auffallender zu machen, welche, meines Bedünkens, ganz zum
Vorteil der letztern ist. Doch ich will deinem eignen Urteil nicht vorgreifen,
und bin vielmehr begierig, das meinige dadurch entweder bestätiget oder
berichtiget zu sehen.
    Vermutlich ist dir Xenophons Anabasis11 bereits zu Gesichte gekommen, die
seit einiger Zeit so viel von sich und ihrem Verfasser zu reden macht; oder
sollte es noch nicht geschehen sein, so wirst du dich zu Milet leicht mit einem
Exemplar versehen können, denn die Nachfrage nach diesem Buch ist so stark, dass
die Bibliokapelen12 von Aten und Korint nichts Angelegner's haben, als die
Hände aller Geschwindschreiber, die in beiden Städten aufzutreiben sind, mit
möglichster Vervielfältigung desselben zu beschäftigen. Ich glaube nicht zu viel
von diesem Werke, so beschränkt auch der Gegenstand desselben ist, zu sagen,
wenn ich es, in Rücksicht auf die historische Kunst, mit dem berühmten Kanon des
Bildhauers Polyklet vergleiche, und behaupte, so müsse jede Geschichte
geschrieben sein, auf deren historische Wahrheit man sich verlassen können soll.
Die ganze Erzählung ist wie eine Landschaft im vollen Sonnenlicht; alles liegt
hell und offen vor unsern Augen; nichts steht im Schatten, damit etwas anderes
desto stärker herausgehoben werde; alles erscheint in seiner eigenen Gestalt und
Farbe; nichts vergrössert, nichts verschönert, sondern im Gegenteil jede so
häufig sich anbietende Gelegenheit, das Ausserordentliche und Wunderbare der
Tatsachen durch Colorit und Beleuchtung geltend zu machen, geflissentlich
vernachlässigt, und die Begebenheiten mit ihren Ursachen und Folgen, die
Handlungen mit ihren Motiven und dem Drange der äussern Umstände so natürlich
verbunden, dass das Wunderbarste so begreiflich als das Alltäglichste wird. Ein
Maler oder Dichter, von welchem alles dies gesagt werden könnte, würde schlecht
dadurch gelobt sein: aber was bei diesen Mangel an Genie und Kunst verriete,
ist, nach meinem Begriff, das höchste Lob des Geschichtschreibers. Xenophon hat
es allen, die nach ihm kommen werden, schwer, wo nicht unmöglich gemacht, ihn
hierin zu übertreffen. Nichts kann ungeschminkter, ja selbst ungeschmückter sein
als die naive Grazie seines Styls; nichts einfacher und anspruchloser als seine
Art zu erzählen; nichts kaltblütiger und unparteiischer als seine
Charakterschilderungen, die, bei aller Bestimmteit und Schärfe der Zeichnung,
doch so sanft gehalten und beleuchtet sind, dass jeder nachteilige Zug ihm von
der Wahrheit selbst wider Willen abgedrungen scheint. Uebrigens gestehe ich
gern, dass alles, was ich der Anabasis hier zum Ruhme nachsage, schlechterdings
erforderlich war, da der Verfasser im Grunde selbst der Held des Stücks ist, und
also die Einfalt und Bescheidenheit, in welche er alles Grosse und Ruhmwürdige,
was ihn die Wahrheit von Xenophon zu sagen nötigt, einhüllt, wofern sie ihm
nicht natürlich wäre, hätte heucheln müssen, um das Verdächtige und Verhasste,
das der Erzählung unsrer eignen Grosstaten anzukleben pflegt, durch den Schleier
der Grazien dem Auge der Tadelsucht und Missgunst zu entziehen.
    Was mir dieses Buch so besonders lieb macht, ist die Sokratische Sophrosyne,
die es von Anfang bis zu Ende atmet, und die in allem, was Xenophon sich selbst
darin denken, reden und handeln lässt, so lebendig dargestellt ist, dass, indem
ich lese, unzählige Erinnerungen in mir erwachen, welche seiner an sich schon so
anziehenden Erzählung, durch tausend feine Ideenverbindungen und leise
Beziehungen auf etwas, so ich ehemals an Sokrates wahrgenommen oder aus seinem
Munde gehört, einen Grad von Interesse geben, den sie freilich nur für wenige
haben kann. Indessen muss doch dieses in seiner Art einzige Buch auch für Leser,
die kein näheres Verhältnis zu Sokrates hatten, immer eines der unterhaltendsten
die unsre Sprache aufzuweisen hat bleiben, und ich müsste mich sehr irren, wenn
es nicht noch in den spätesten Zeiten das Handbuch und der unzertrennliche
Gefährte aller grossen Feldherren werden sollte.
    In den letzten dreissig bis vierzig Jahren haben sich die Atener zu ihrem
grössten Schaden einer Menge wild und ohne alle Cultur aus dem Boden
hervorgeschossener Heerführer anvertraut, die sich's gar nicht zu Sinne kommen
liessen, dass Krieg führen und einem Kriegsheere vorstehen eine Kunst sei, welche
viel Wissenschaft voraussetzt und eben so gut gelernt sein will, wie irgend eine
andere. Xenophons Anabasis wird hoffentlich solchen Autoschediasten13 (wie
Sokrates sie zu nennen pflegte) die Augen öffnen, und ihnen einleuchtend machen,
welch eine seltene Vereinigung grosser ungewöhnlicher Naturgaben mit einer Menge
erworbener Talente, welche Stärke und Erhabenheit der Seele, Geistesgegenwart,
Mässigung und Gewalt über sich selbst, welch ein behendes, festes in der Nähe und
Ferne gleich scharf sehendes Auge, welche Sorge für die mannichfaltigen
Bedürfnisse eines Kriegsheeres, welche Aufmerksamkeit auf die kleinsten
Umstände, welche Voraussicht aller möglichen Zufälle, welche Fertigkeit die
günstigen auf der Stelle zu benutzen, und was widrige geschadet haben, sogleich
wieder gut zu machen, welche Geschicklichkeit die unter ihm stehenden Menschen
zu prüfen, zu lenken, zu gewinnen, und mit weiser Strenge an einen eben so
pünktlichen als willigen Gehorsam zu gewöhnen, mit Einem Worte, wie unendlich
viel dazu gehöre, dass ein blosser Freiwilliger, wie Xenophon war als er dem Cyrus
seine Dienste anbot, sich in kurzer Zeit als einen so vollkommenen Feldherrn
zeigen könne, wie er sich während dieses beispiellosen Unternehmens erwiesen
hat, wo es um nichts Geringeres zu tun war, als ein Heer von zehntausend aus
allen Teilen Griechenlands zusammengerafften Kriegern, die nichts als sich
selbst und ihre Waffen hatten, aus dem Herzen des feindlichen Landes, durch eine
lange Reihe barbarischer feindseliger Völker, über unzugangbare Gebirge und
brückenlose Flüsse, einen Weg von mehr als 25000 Stadien in ihr Vaterland zurück
zu führen. Uebrigens ist vielleicht der wichtigste Dienst, den er durch dieses
Buch der ganzen Hellas geleistet hat, dieser: dass sie sich daraus überzeugen
können, wie furchtbar sie den Barbaren durch ihr schwer bewaffnetes Fussvolk und
durch ihre Disciplin und Taktik sind, und welch eine leichte Sache, wofern sie
nur unter sich selbst einig wären, es sein würde, mit dreissig bis vierzigtausend
Griechen von einem Agesilaus oder Xenophon geführt, sich des ganzen ungeheuern
Perserreichs zu bemächtigen. Wenn dieser Rückzug der Zehentausend den Mut ihrer
braven Vorfahren nicht in ihnen aufzureizen vermag, dann gebe ich sie gänzlich
verloren!
    Aber wie meinst du, Hippias, dass die edeln und weisen Atener einem
Mitbürger, der ihnen so grosse Ehre macht, und von dessen Talenten und Charakter
sie so grosse Vorteile ziehen könnten, ihre Achtung bewiesen haben? Sie fanden
sich durch seine, ihnen übrigens ganz unnachteilige Vorliebe zu den
Lacedämoniern beleidiget, und haben ihn auf ewig aus Attika hinausgewiesen. O
die Kechenäer!
    Wenn dir in dem reizenden Milet noch eine leere Stunde übrig bleibt, die du
an deinen Freund Aristipp zu verschenken willig bist, so wird mich dein Brief zu
Rhodus finden, sofern du ihn an Lykophon, Menalippus Sohn (einen allen Schiffern
in diesen Meeren bekannten Namen) zur Bestellung empfehlen willst. L.W.
 
                                       7.
                              Hippias an Aristipp.
Xenophons Anabasis, welche, weil der Rückzug die Hauptsache ausmacht, eben so
gut Katabasis14 heissen kann, war mir bereits bekannt, als ich deinen Brief aus
Rhodus erhielt. Auch ich habe sie mit Vergnügen gelesen, und wiewohl mir däucht,
dass von dem hohen Werte, den du diesem Werke beizulegen scheinst, noch etwas
abgehen könnte, so gestehe ich doch, dass es nicht leicht wäre, eine an sich
selbst so wunderbare Geschichte wie der Zug und Rückzug der zehntausend Griechen
mit weniger Prunk und in einem treuherzigern Ton zu erzählen; was das
unfehlbarste Mittel ist, einen nicht allzu misstrauischen Leser in die angenehme
Täuschung zu setzen, dass er, ohne allen Argwohn durch diesen Ton selbst
getäuscht zu werden, immer die reinste Wahrheit zu lesen glaubt. Ich sage dies
nicht um die Aufrichtigkeit Xenophons verdächtig zu machen; indessen bin ich
gewiss, von allen den Hauptleuten, die eine Rolle in dieser Geschichte spielen,
würde ein jeder sie mit andern Umständen erzählt, und vieles mit andern Augen
und in einem andern Lichte gesehen haben. Wenn nun jeder von ihnen eine
Katabasis geschrieben hätte, müsste nicht ein unbefangener Leser öfters
zweifelhaft sein, wem er glauben sollte? Dieser Einwurf gilt gegen die
Zuverlässigkeit einer jeden Geschichtserzählung einer Reihe von Begebenheiten,
in welche nebst dem Erzähler selbst, viele an Denkart, sittlichem Charakter,
Absichten und Interesse verschiedene Menschen verwickelt waren; und er ist um so
weniger zu heben, da er sich auf die menschliche Natur selbst gründet, und daher
schwerlich eine Ausnahme zu Gunsten irgend eines Einzelnen zulässt. Alles was wir
von einem solchen Erzähler zu fordern berechtigt sind, ist dass er den Willen
habe, uns nichts für wahr zu geben als was er selbst für wahr hält. Werden wir
dann demungeachtet getäuscht, so liegt die Schuld an uns selbst, nicht an ihm.
Ich zweifle so wenig daran, dass Xenophon uns nichts als reine historische
Wahrheit geben wollte, dass ich vielmehr sagen möchte, er habe diesem löblichen
Vorsatz keinen geringen Teil des Vergnügens aufgeopfert, das er uns hätte
machen können, wenn er, wie Herodot, unsre Einbildungskraft etwas mehr Anteil
an seiner Erzählung hätte nehmen lassen wollen. Denn nichts kann einem
Schriftsteller leichter begegnen, als vor lauter Begierde wahr zu sein,
langweilig zu werden. Doch dafür ist in diesem Werke gesorgt. Man kann sich
darauf verlassen, dass ein Autor, der seine eigene Geschichte und Taten erzählt,
wofern er nicht ohne alles Genie ist, nie sehr langweilig werden wird. Solltest
du den kleinen Streich nicht bemerkt haben, Aristipp, den ihm die wunderbare
Zaubrerin, die man aus Mangel eines passendem Namens Eigenliebe nennt,
vermutlich ohne sein Wissen und Wollen gespielt hat, »ihm, so oft er uns
erzählt, was Xenophon der Atener gedacht, gesprochen, getan und gewollt hat,
ganz leise leise das Sokratische Ideal eines vollkommnen Feldherrn
unterzuschieben?« Eine Täuschung, deren er sich um so weniger versah, da er
vermutlich dadurch, dass er von sich selbst immer in der dritten Person spricht,
eine treffliche Massregel gegen die Nachstellungen des hinterlistigen Ichs
genommen zu haben glaubte. Dass er während dieses ganzen Kriegszuges jenes Ideal
immer vor Augen hatte, dass er es zu erreichen strebte, war eines ehmaligen
Zöglings und vieljährigen Freundes des weisesten aller Menschen würdig: aber dass
er es so vollständig in seiner eigenen Person darstellt, dabei könnte sich doch
wohl, ihm selbst unbemerkt, etwas Poesie eingemischt haben. Oder wollen wir es
ihm etwa gut schreiben, dass er sich so ganz unverhohlen zu der Sokratischen
Schwachheit, - in vollem Ernst an Zeus Meilichios15 und Hercules Hegemon16 zu
glauben, bekennt, und uns mit der Treuherzigkeit eines Böotischen Bäuerleins
seine Träume und noch manche andere Dinge erzählt, die er seiner Urgrossmutter
nachzusagen hätte erröten sollen? Ich musste laut auflachen, wie ich im vierten
Buche las, was geschehen sei, da sie eines Tages auf ihrem beschwerlichen
Marsche über die Karduchischen Berge, bei einem äusserst heftigen und
schneidenden Nordwind, der ihnen mit vollen Backen ins Gesicht blies, sich durch
Ellen tiefen Schnee so mühselig durcharbeiten mussten, dass viele Menschen und
Tiere dabei verloren gingen. »Da hiess uns einer von den Wahrsagern dem Wind'
ein Opfer schlachten,« sagt Xenophon mit einer Einfalt, die man für Sokratische
Ironie halten müsste, wenn er nicht unmittelbar darauf mit dem gläubigsten Ernst
hinzusetzte: »es wurde also geopfert, und es däuchte allen, dass die Strenge des
Windes nachgelassen habe.« - Doch dieses Geschichtchen liesse allenfalls noch
eine leidliche Erklärung zu. Der Gott Boreas, der zu Aten und an mehrern Orten
Griechenlands einen Altar hat, wird vorzüglich von den Arkadiern zu Megalopolis
verehrt; und beinahe der dritte Teil des Heers bestand aus Arkadiern. Der
Einfall des Wahrsagers, den Zorn dieses Gottes durch ein Opfer zu besänftigen,
war also nichts weniger als unverständig, da er dazu diente, den Mut des
gemeinen Mannes wieder zu beleben, und die Wut des Windes, falls sie indessen
nicht etwa von selbst nachliess, wenigstens durch die Kraft des Glaubens zu
dämpfen. Das letztere scheint auch der Fall gewesen zu sein; denn Xenophon sagt
nicht, der Wind habe wirklich nachgelassen, sondern nur, sie hätten alle
geglaubt er lasse zusehends nach. Schwerer dürfte es sein, den Menschenverstand
unsers Sokratischen Kriegshelden mit seinem überschwänglichen Glauben an die
Hieroskopie17 zu vereinigen. In der Tat treibt er diese Schwachheit so weit,
dass man oft lieber an seiner Aufrichtigkeit zweifeln, und seine seltsame
Beharrlichkeit, sich alle Augenblicke in den Eingeweiden der Opfertiere, mit
dem blindesten Vertrauen auf ihre Entscheidung, Rates zu erholen, für einen
Kunstgriff halten möchte, eine aus so vielerlei verschiedenen Griechischen
Staaten gezogene, über den schlechten Erfolg ihrer grossen Erwartungen
missmutige, widerspänstige, misstrauische, und immer zum Aufstand bereite
Mannschaft (wie die Zehntausend sich in dieser ganzen Geschichte beweisen) desto
leichter beisammen und in einiger Subordination zu erhalten. Aber man sieht sich
alle Augenblicke genötigt, diese Vermutung wieder aufzugeben, so häufig sind
die Beispiele, wo, ohne die Voraussetzung dass er an diese Art von Divination in
vollem Ernst geglaubt habe, entweder sein Betragen schlechterdings unbegreiflich
wäre, oder wo sich nicht der mindeste Beweggrund ersinnen lässt, warum er
vernünftigen Lesern seines Buchs die Gesundheit seines Verstandes durch eine
ohne allen Zweck vorgegebene Deisidämonie18 hätte verdächtig machen wollen. Das
Sonderbarste bei der Sache ist, dass er in diesem Aberglauben viel weiter geht
als sein Meister selbst, dessen Ansehen sonst so viel bei ihm gilt. Sokrates
wollte, dass man nur in Fällen, wo das Orakel der Vernunft verstummt, seine
Zuflucht zu den Opferlebern oder zu den Hexametern der Pytia nehmen sollte;
Xenophon hingegen sagt zu seinen versammelten Soldaten: »Ich berate mich, wie
ihr seht, aus den Opfereingeweiden so oft und viel ich nur immer kann, so wohl
für euch als für mich selbst, damit ich nichts reden, denken noch tun möge, als
was euch und mir das Rühmlichste und beste ist.« - Konnte und musste ihm nicht,
wenigstens in den meisten Fällen, seine Vernunft die sicherste Auskunft hierüber
geben? Du wirst mir vielleicht sagen: dieser seltsamen Schwachheit ungeachtet
hat sich Xenophon bei diesem Rückzug als einen der verständigsten,
geschicktesten und tapfersten Kriegsobersten bewiesen, die jemals gewesen sind.
- Aber würde er dies, ohne eine so lächerliche Grille, weniger, oder nicht
vielmehr in einem noch höhern Grade gewesen sein? Bei allem dem gestehe ich
gern, dass Xenophon, ein wenig Sokratische Pedanterie abgerechnet, der
polirteste, sittlichste und für alle Lagen und Verhältnisse des öffentlichen und
Privatlebens tauglichste Mann nicht nur unter allen Sokratikern, sondern
vielleicht unter allen Griechen, so wie er noch jetzt, in einem Alter von mehr
als funfzig Jahren, einer der schönsten ist; und ich kann ihm dies um so
zuversichtlicher nachsagen, da ich ihn hier zu Milet mehr als Einmal im Gefolge
des Agesilaus gesehen und gesprochen habe. Dieser König von Sparta scheint im
Begriff zu sein, das, was du von einer sehr möglichen Folge des Rückzugs der
Zehntausend geweissagt hast, wahr zu machen. Aber der böse Dämon der Griechen
ist mit den Schutzgöttern Persiens im geheimen Einverständnis; oder, ohne
Figuren zu reden, ihre Zwietracht und Eifersucht über einander, die seit dem
Trojanischen Kriege die Quelle alles ihres Unglücks war, wird auch diesmal die
Sicherheit des Perserreichs sein, und es so lange bleiben, bis sich in
Griechenland selbst ein König erhebt, der vor allen Dingen der Unabhängigkeit
aller dieser kleinen Republiken ein Ende macht, welche sich ihrer Freiheit so
schlecht zu ihrem eigenen Besten zu bedienen wissen. Dieser König wird über lang
oder kurz wie ein Gewitter über sie her fallen, und wer weiss, ob er nicht in
Sicilien oder Tessalien oder Macedonien schon geboren ist?
    Je länger ich hier lebe, je mehr finde ich dass du mir nicht zu viel von dem
Aufentalt in Milet versprochen hast, und die Einwohner scheinen mir den Vorzug,
den du ihnen vor den Atenern gibst, täglich mehr zu rechtfertigen. Die Milesier
haben den guten Verstand, keine glänzendere Rolle in der Welt spielen zu wollen,
als wozu sie durch die Lage ihrer Stadt bestimmt sind, und scheinen sich ohne
Mühe in den Schranken zu halten, welche die Mittelmässigkeit ihres Gemeinwesens
um sie her zieht. Milet ist alles was es sein kann, indem es einer der
ansehnlichsten und blühendsten Handelsplätze in der Welt ist; und sich dabei zu
erhalten, scheint ihr höchster Ehrgeiz zu sein.
    Wie glücklich wären die Atener, wenn sie sich, seit Solon den Grund zu
ihrem ehemaligen Wohlstand legte, so wie die Milesier zu mässigen gewusst hätten!
Aber das Ansehen und der Ruhm, den sie sich in dem Zeitraum des Medischen Kriegs
erwarben, machte sie schwindlicht; seit dieser Zeit können sie nicht ruhig sein,
wenn sie nicht die Ersten in Griechenland sind; aber sie können eben so wenig
ruhen, wenn sie es geworden sind. Mit jeder höhern Stufe, die sie ersteigen,
entdecken sie, wie viel noch fehlt um die Ersten in der Welt zu sein; und nun
ist ihnen nichts was sie haben genug, und sie schnappen so lange nach dem
luftigen Gegenstand ihrer Unersättlichkeit, bis sie auch das verlieren was sie
hatten und durch Genügsamkeit und ein zugleich männliches und kluges Betragen
ewig erhalten könnten. Der Atener ist unendlich eifersüchtig über eine
Freiheit, die er nicht zu gebrauchen weiss; er will bloss frei sein, damit ihm
alle andern dienen; deswegen will er es allein sein, und unterwirft sich alles,
was nicht mächtig genug ist, ihm zu widerstehen: der Milesier ist mit so viel
Freiheit zufrieden als er zu seinem Wohlstand nötig hat, und verlangt keine
grössere Macht, als die Beschützung seines ausgebreiteten Handels erfordert.
    In beiden Städten ist das Volk überhaupt lebhaft, witzig und zum Scherz
geneigt; aber der Milesier, ohne leicht die Gränzen der Wohlanständigkeit und
der Achtung, die man im geselligen Umgang einander schuldig ist, zu
überschreiten. Der Witz des Ateners hingegen ist scharf und beissend; auf den
ersten Blick hat er das Lächerliche an Personen und Sachen weg, und bespottet es
mit so viel weniger Schonung, da ihm sein demokratischer Trotz und der Stolz auf
den Atenischen Namen eine Selbstgefälligkeit und einen Übermut gibt, den die
Fremden ziemlich drückend finden. Er sieht alles was nicht Attisch ist über die
Achseln an, und ist immer voraus entschlossen, allem was er nicht selbst sagt zu
widersprechen. Er weiss schon bei deinen ersten Worten was du vorbringen willst,
widerlegt dich ehe du ihm zeigen kannst dass du bereits seiner Meinung bist,
antwortet dir auf ein ernstaftes Argument mit einem Wortspiel oder einer
Spitzfindigkeit, und geht im Triumph davon, wenn er nur ein paar Lacher auf
seiner Seite hat. Atener und Milesier sind gesellig und gastfrei: aber wenn der
Atener dich einladet, so ist es um sich dir zu zeigen; der Milesier will, dass
dir wohl bei ihm sei. Beide scheinen alles Schöne, besonders in den Künsten, bis
zur Schwärmerei zu lieben: aber der Atener um darüber zu schwatzen, der
Milesier um es zu geniessen. Ueberhaupt sind die letztern ein fröhliches,
genialisches Volk, heiter und lachend wie ihr Himmel, warm und üppig wie ihr
Boden; aber doch das letztere nicht mehr, als mit der Betriebsamkeit und dem
Handelsgeiste bestehen kann, denen sie ihren grossen Wohlstand zu danken haben.
Zu Milet sehe ich jedermann in der ersten Hälfte des Tages beschäftigt, um die
andre desto freier dem Vergnügen widmen zu können. Der Reichtum hat in ihren
Augen nur insofern einen Wert, als er ihnen die Mittel zum angenehmsten
Lebensgenuss verschafft: aber sie vergessen auch nie, dass die Quellen desselben
durch anhaltende Tätigkeit im Fluss erhalten werden müssen, und ohne eine
verständige Oekonomie bald versiegen würden. Die Atener bleiben, unter
unaufhörlichen Entwürfen, wie sie ohne Arbeit reich werden wollen, immer hinter
ihren Bedürfnissen zurück, und die meisten darben im Alter, oder müssen zu den
schlechtesten und verächtlichsten Hülfsquellen ihre Zuflucht nehmen; weil ein
Atener es sich nie verzeihen könnte, wenn er einen gegenwärtigen Genuss einem
künftigen aufgeopfert hätte. Dies ist ungefähr alles, Freund Aristipp, was ich
bis jetzt von dem Unterschied in dem Charakter der Milesier und der Kechenäer
bemerkt habe. Dass es auf beiden Seiten Ausnahmen gibt, versteht sich von selbst.
    Seit einigen Tagen erfahre ich endlich auch wieder etwas von der schönen
Lais. Sie lebt, sagt man, zu Sardes auf Kosten des bezauberten Arasambes wie
eine zweite Semiramis, und Leute, die seit kurzem von Ephesus kommen, können
nicht genug von der Pracht ihres Hofstaats erzählen, und von der Menge und
Schönheit ihrer Sklaven und Sklavinnen, und von den herrlichen Festen, die ihr
zu Ehren unaufhörlich auf einander folgen; kurz von der gränzenlosen Ueppigkeit,
womit sie die Schätze ihres Liebhabers verschwendet, der es auf diesen Fuss nicht
lange aushalten könnte, wenn auch alles Gold des Paktols19 und des Ganges in
seine Schatzkammer strömte. Ich zweifle nicht, dass in allem diesem sehr viel
Uebertriebenes ist; doch begreift sich's, wie die Liebe zum Schönen und Grossen
in der Natur und der Kunst (die einzige Leidenschaft unsrer Freundin) unter der
Herrschaft einer so fruchtbaren Einbildungskraft wie die ihrige, in weniger als
zehn Jahren einen Crösus20 zum Irus21 machen könnte. Dass sie eine so betrübte
Katastrophe nicht abwarten wird, bin ich gewiss, oder ich müsste sie schlecht
kennen. Indessen nimmt mich's doch Wunder, was das Spiel für einen Ausgang
nehmen wird.
 
                                       8.
                             Aristipp an Kleonidas.
Ich rechne es der schönen und guten Musarion zu keinem kleinen Verdienst an, dass
es ihr, wie du mir schreibst, so wohl in Cyrene gefällt; nicht, als ob es mir an
kindlicher Liebe zu meiner Vaterstadt so sehr gebräche, dass ich von allem, was
zu ihrem Lobe gesagt werden kann, auch nur ein Leucippisches Sonnenstäubchen22
abgehen lassen wollte! Aber wir haben Aten und Korint und Syrakus und Milet
und Ephesus gesehen; und blühete nicht Musarion in den Zaubergärten der Lais zu
Aegina auf? Wahrlich, wenn sie die Gärten der Hesperiden um Cyrene zu sehen
glaubt, und die Aussicht vom Altan ihres Hauses in die unendlichen Kornfelder
und mit lauter Silphium23 bedeckten Anhöhen um Cyrene so reizend findet, so kann
ich wohl schwerlich irren, wenn ich es einer Ursache beimesse, welche sogar die
kahlen Felsen von Seriphos an der Seite ihres Kleonidas zur Insel der Kalypso24
für sie machen würde.
    Warum hat doch die Natur diesen zarten Liebessinn, der sich auf Einen
Gegenstand beschränken und in dessen Glückseligkeit seine eigne höchste
Befriedigung finden kann, nicht auch unsrer schönen Freundin Lais eingepflanzt?
- Eine närrische Frage, ich gesteh' es - denn da wäre sie nicht Lais - Aber,
wenn ich mir vorstelle, dass ein so herrliches Weib, aller Wahrscheinlichkeit
nach, in der zweiten Hälfte ihres Lebens nicht glücklich sein wird: so kann ich
mich dennoch des Wunsches nicht erwehren, dass es möglich sein möchte, die
sanfte, genügsame, liebende Seele unsrer Musarion zu haben, und doch Lais zu
sein. Ich sehe voraus, dass der fürstliche Arasambes das Glück worauf er stolz
ist, das schönste Weib des Erdbodens zu besitzen, teurer bezahlen wird als er
gerechnet hat. Ich meine damit nicht, dass er seine Schätze verschwendet, um alle
ihre Tage zu Festen zu machen; das rechnet er selbst für nichts. Aber wenn er
sehen wird, dass er es, mit allem was er für sie tut, nicht in seine Macht
bekommt, die, die ihn unendlich glücklich machen würde wenn sie es selbst wäre,
in eben dieselbe Täuschung zu versetzen, in welcher er, so lang' er sie für
Wahrheit hielt, sich den Göttern gleich fühlte; wenn er sehen wird, dass diese
Zaubrerin, die alles was ihre Augen erreichen in Flammen setzt, selbst, gleich
dem Salamander mitten im Feuer kalt bleibt, und dass der Mann, der sich ihr ganz
aufopfert, wie liebenswürdig er auch sein mag, doch immer einen alle seine
Beeifrungen vereitelnden Nebenbuhler in ihr selbst finden wird: was muss die
natürliche Folge einer solchen Entdeckung sein? Und wie lange glaubst du, dass
die stolze Lais auch nur die ersten Symptomen der Eifersucht, den stillen
Missmut, die geheime Unruhe und die halberstickten Seufzer eines unbefriedigten
Liebhabers ertragen wird?
    Ihre ersten Briefe von Sardes waren freilich von der besten Vorbedeutung,
und hätten mich, wenn ich sie nicht genauer kennte, beinahe überreden können,
dass es dem schönen Perser gelungen sei, eine glückliche Veränderung in ihrem
Innern zu bewirken. Die Neuheit des Schauplatzes, auf dem sie im Glanz einer
Königin auftrat; das schmeichelnde Gefühl sich von jedem, der ihr nahen durfte,
als die sichtbar gewordene Göttin der Schönheit angebetet zu sehen; eine
ununterbrochene Folge von Festen, deren immer eines das andere auslöschte; die
Macht über die Schätze ihres Liebhabers nach Gefallen zu gebieten; die fliegende
Eile, womit jeder ihrer Winke befolgt, jeder ihrer leisesten Wünsche ausgeführt
wurde; und (was vielleicht noch stärker als dies alles auf sie wirkte) der
Anblick der schwärmerischen Wonnetrunkenheit des glücklichen Arasambes, die ihr
Werk war, und, weil sie ihr das schmeichelhafteste Selbstgefühl gab, den Willen
in ihr hervorbrachte, ihn in der Tat so glücklich zu machen als es in ihrem
unerschöpflichen Vermögen steht: wie hätte nicht alles dies auch sie in eine Art
von Berauschung setzen sollen, die der gute Arasambes für Liebe hielt, und sie
selbst vielleicht eine Zeit lang dafür halten mochte? Aber was mir mein Herz
schon lange weissagte, scheint bereits erfolgt zu sein. Der magische Taumel ist
vorüber; das alltäglich Gewordene rührt sie nicht mehr; sie hat alles, was
tausend andre - Matronen25 und Hetären - mit Tantalischer Begierlichkeit
wünschen oder verfolgen, und nie erreichen werden, bis zur Sättigung genossen;
ihr unbefriedigter Geist verlangt neue unbekannte Gegenstände, wünscht
vielleicht sogar die alten zurück, die aus dem Medeen-Kessel der Phantasie,
aufgefrischt und in jugendlichem Glanze, vor ihr aufsteigen. In dieser Stimmung
dürfte sich ihr der Gedanke, dass Arasambes sie als sein Eigentum betrachte, nur
von ferne zeigen, sie wäre fähig ihn und alles zu verlassen und nach Korint
zurückzukommen, bloss um sich selbst zu beweisen, dass sie frei sei.
    Mein Verhältnis zu dieser seltenen Frau war vom ersten Augenblick unsrer
Bekanntschaft an so einzig in seiner Art, als sie selbst. Wir gefielen einander,
und gleiteten in sympatetischer Unbefangenheit, auf dem sanften Strom einer
leisen Ahnung dessen was wir einander sein könnten, still und sorglos dahin.
Nie, oder doch nie länger als eine leichte Berauschung in Wein von Lesbos
dauert, habe ich das, was man leidenschaftliche Liebe nennt, für sie gefühlt:
aber der wärmste ihrer Freunde werd' ich bleiben so lang' ich atme; und wie
wenig ich mir auch Hoffnung mache, dass es mir gelingen werde, so will ich doch
nie aufhören ihrem bösen Genius entgegenzustreben. Sie hat nun (da sie doch
weder wünschen noch hoffen kann, Königin von Persien zu werden) die Erfahrung
gemacht, von welcher Art die Glückseligkeit sei, die ein Geist wie der ihrige
aus dem, was gewöhnlichen Menschen das Höchste ist, schöpfen kann. Sollt' es
denn wirklich unmöglich sein, sie zu überzeugen, dass sie, wofern sie es nur
ernstlich wollte, das einzige Gut, das ihr noch unbekannt ist, Zufriedenheit und
Seelenruhe, zu Aegina, im Schoss der Natur, der Kunst und der Freundschaft
finden könnte?
    Ich halte mich, nachdem ich den ganzen Sommer damit zugebracht habe, beinahe
alle Inseln des Ikarischen Meeres, die man die Sporaden zu nennen pflegt, eine
nach der andern zu besuchen, dermalen zu Rhodus auf, wo ich die neue Hauptstadt
dieses Namens, gleich einer prächtigen hundertblättrigen Rose in der
Morgensonne, sich ausbreiten und zu einer der schönsten Städte, die von Griechen
bewohnt werden, emporblühen sehe. Weil ich hier sehr vieles finde, das meinem
Reiseplan zufolge meine ganze Aufmerksamkeit verdient, so gedenke ich bis zu
Anfang des Targelions26 hier zu verweilen, und hoffe, da der Verkehr zwischen
Cyrene und Rhodus27 jetzt lebhafter als jemals ist, binnen dieser Zeit mehr als
einmal gute Nachrichten von euch zu erhalten.
 
                                       9.
                               Lais an Aristipp.
Du, der so vielerlei weiss und Neugier für alles hat, solltest du nicht etwa ein
Mittel für die Art von Langweile wissen, welche (wie mir ein Sohn des
Hippokrates sagt) aus allzugrossem Überfluss an Kurzweil' entspringen soll?
    Du hast dich vor einiger Zeit nach meinem Wohlbefinden erkundiget. O mein
Freund, ich bin so glücklich, so entsetzlich glücklich, dass ich es vor lauter
Glückseligkeit nicht lange mehr ausdauern werde. Gnade mir Adrasteia! Sagt man
nicht, es gebe Leute, die sich weit leichter in grosses Unglück als in grosses
Glück zu finden wissen? Ich muss wohl eine von diesen widersinnischen Personen
sein. Dieser Arasambes, zum Beispiel, ist unläugbar viel zu vornehm, zu reich,
zu schön, zu gefällig, zu aufmerksam und zu dienstfertig für deine arme Lais;
und woher, um aller Grazien willen, sollte sie die ungeheure Menge von Liebe
nehmen, die sie nötig hätte um die seinige zu erwiedern? Ich merke wohl, dass er
mir mit guter Art zu verstehen geben will, ich brauche es nur zu machen wie er:
als da ist, mir beinahe die Augen aus dem Kopfe zu gucken, um in den seinigen zu
erspähen, was er vielleicht morgen wünschen werde; oder, wenn ich irgend eine
leichte Spur vom Schatten eines Wölkchens auf seiner breiten Stirn gewahr werde,
gleich in eine tödtliche Unruhe zu fallen, und Himmel und Erde in Bewegung zu
setzen, um die Ursache des grossen Unglücks zu entdecken, und das Mittel dagegen
auf der Stelle herbeizuschaffen. Ich übertreibe nichts, Aristipp; dies ist seine
Manier zu lieben, und es liegt nicht an ihm, wenn ich nicht das glücklichste
Wesen unter der Sonne bin, so unbeschreiblich beschwerlich und ängstlich ist
seine Aufmerksamkeit und sein Verlangen, mich zur seligsten aller Sterblichen zu
machen. Denn wie sollt' er je zu viel für diejenige tun können, die ihn schon
durch ein zufriednes Lächeln, schon durch einen Blick, der ihm sagt, dass sie
seine Aufmerksamkeit bemerkt, mitten unter die Götter versetzen kann? Du
erinnerst dich vielleicht noch, dass mir anfangs ein wenig bange war, er möchte
wohl einige Anlage zur Eifersucht haben; aber von der Art Eifersucht, womit der
arme Mensch geplagt ist, liess ich mir wenig träumen. Er ist nicht etwa darüber
eifersüchtig, dass ich nicht zärtlich genug gegen ihn bin, oder vielleicht einen
andern lieber haben könnte als ihn: er ist es über sich selbst, weil er immer zu
wenig zu tun glaubt, und immer einen Arasambes im Kopfe stecken hat, der noch
viel mehr tun möchte und könnte. Auch geht sein Eifer mir gefällig zu sein, und
mir keinen möglichen Wunsch übrig zu lassen, bis zum Unglaublichen. Hat er nicht
neulich zwanzig schöne Hyrkanische Pferde zu Tode reiten lassen, um einen
gewissen Fisch, mit einem barbarischen Namen den ich wieder vergessen habe,
herbeizuschaffen, von welchem jemand über der Tafel erzählt hatte, er habe
wechselsweise gold- und purpurfarbne Schuppen, und würde nirgends als im Ausfluss
des Phasis gefangen? Ich Unglückliche lasse mir in der Unschuld meines Herzens
das Wort entfahren; diese Fische müssten in einem Gartenteiche nicht übel
aussehen. Augenblicklich springt mein Arasambes auf, ist wie ein Blitz aus dem
Saal verschwunden, und in weniger als einer halben Stunde höre ich das Trampeln
einer ganzen Schwadron Reiter, die den Befehl haben, Tag und Nacht zu rennen, um
etliche Fässchen voll dieser Fische, sie möchten kosten was sie wollten, vom
östlichen Ende des Euxins herbeizuholen. Du kannst nicht glauben, wie ich mich
in Acht nehmen muss, dass solche Dinge nicht alle Tage begegnen. Und nun vollends
den Zwang, den ich mir antun muss, wenn ich nicht in meinen eignen Augen die
undankbarste Person von der Welt scheinen will, ihm über dergleichen
ausschweifende Beweise seiner sublimen Leidenschaft eine Freude zu zeigen, die
ich nicht fühle! Ich sage dir, wenn das noch lange so währen sollte, ich
behielte keinen ehrlichen Blutstropfen im Leibe!
    O mein Aristipp! was für glückliche Zeiten waren das, wo wir in der
Rosenlaube zu Aegina, dem Altar der Freundschaft gegenüber, beisammen sassen, und
mit freier unbefangener Seele über tausend Dinge philosophirten, die uns im
Grunde wenig kümmerten, und wenn uns nichts mehr einfallen wollte, die Lücke mit
Scherzen und Tändeln ausfüllten, und ohne uns das Wie? und Warum? und Wie viel
oder Wie wenig? anfechten zu lassen, einander gerade so glücklich machten, als
jedes zu sein wünschte und fähig war! - Welch eine grosse Wahrheit sagt Sophokles
in seiner Antigone:
»Wär' auch dein ganzes Haus mit Reichtum angefüllt,
Und lebtest du in königlichem Prunke,
Fehlt Frohsinn dir dabei, so gäb' ich nicht
Den Schatten eines Rauchs um alles das!«
Wahr! wahr! Und wusst' ich es nicht vorher? Wozu hatte ich nötig, mich durch
eigene Erfahrung davon zu versichern? - Freilich, ich war eine Törin! Aber die
kürzesten Torheiten sind die besten. Mute mir also nicht zu, dass ich es hier
länger aushalte. Nein, Trauter! meine Entschliessung ist genommen, und dass ich
nicht gleich auf der Stelle davon laufe, hängt bloss an einer einzigen
Schwierigkeit. Du weisst, ich mag alles gern mit guter Art tun. Arasambes hat
nichts als Gutes um mich verdient. Er selbst muss unsre Trennung wünschen, muss
mir noch Dank dafür wissen, wenn ich meiner Wege gehe. Dies auf eine feine und
ungezwungene Art herbeizuführen, ist, so wie die Sachen jetzt stehen, keine
leichte Aufgabe. Ich habe zwar ein ganz artiges Plänchen in meinem Kopfe; nur
das Mittel zur Ausführung liegt noch im Schoss der Götter. Aber, wie gesagt,
meine Geduld reicht nicht mehr weit; und wenn der Zufall, der bei allen
menschlichen Dingen doch immer das Beste tun muss, sich meiner nicht bald
annimmt, so stehe ich dir nicht dafür, dass ich nicht, in einem Anstoss von guter
Laune, dem edeln Arasambes den Antrag mache, nach Leukadia28 mit mir zu reisen,
und Hand in Hand den berüchtigten Sprung mit mir zu wagen, der uns beide, ihn
von seiner nie befriedigten Liebe, mich von der Last sie zu dulden und nicht
erwiedern zu können, auf Einmal befreien würde.
 
                                      10.
                               Aristipp an Lais.
Du wärest wahrscheinlich die erste, schöne Lais, die den Sprung von Leukadia
täte, um eine Glückseligkeit los zu werden, wegen welcher du von allen Schönen
Griechenlands beneidet wirst. Hoffentlich soll es dazu nicht kommen, wenn anders
die Leidenschaft des königlichen Arasambes nicht von einer so unzerstörbaren
Natur ist, dass alle Mittel sich hassen zu machen, die ein reizendes Weib in
ihrer Gewalt hat, an ihm verloren gehen sollten. Du würdest mich billig
auslachen, wenn ich mir herausnähme, den Delphin (wie das Sprüchwort sagt)
schwimmen zu lehren, und dir einige dieser Mittel vorzuschlagen, die ich für
unfehlbar halte! Ich sehe wohl, es liegt nicht daran, dass du sie nicht kennen
solltest, du kannst dich nur nicht entschliessen Gebrauch davon zu machen; und
freilich wär' es eine seltsame Zumutung, von dir zu verlangen, dass du weniger
liebenswürdig sein solltest, weil ein anderer das Unglück hat, dir mit seiner
Liebe beschwerlich zu sein. Doch getrost, meine Freundin, ich sehe das Ende
deiner unerhörten Leiden schneller, als du hoffest, heran rücken. Wäre die
Schwärmerei, womit der arme Arasambes behaftet ist, wechselseitig gewesen, so
würde sie sich wie alles Uebermässige, schon lang' erschöpft haben. Bloss der
Umstand, dass ihm immer noch so viel zu wünschen übrig bleibt, und dass du ihn
immer ahnen lässest, du hättest noch weit mehr zu geben, ist die Ursache, dass
seine Leidenschaft gerade durch das, was andre Liebhaber gewöhnlich abkühlt,
immer heisser werden muss. So lang' er noch hoffen kann, dich endlich eben so warm
zu machen als er selbst ist, verdoppelt er seine Bemühungen; wenn er aber alles
versucht hat ohne seinem Ziele näher gekommen zu sein, was bleibt ihm übrig? Er
muss und wird endlich, vielleicht ohne sich's gestehen zu wollen, ermüden. Du
wirst immer zerstreuter und kaltsinniger, er, dem deine leisesten Bewegungen
nicht entgehen, immer unruhiger und missmutiger werden. Er wird es unnatürlich
finden, dass so unendlich viel Liebe dich nicht endlich überwältigen könne, und
wird nicht aufhören, die Ursache davon ergründen zu wollen. Unvermerkt wird eine
Eifersucht sich seiner bemächtigen, die desto peinlicher für ihn sein wird, da
sie keinen Gegenstand hat, und du selbst, deiner vorsetzlichen Langweiligkeit
unbeschadet, immer eine heitre Stirne zeigst, alles vermeidest, was Verdacht in
ihm erregen könnte, und alles tust, was dein Verlangen ihm gefällig zu sein
beweisen kann. Du tanzest so oft und so lang' er will; singst, sobald er es zu
wünschen scheint, ohne dich einen Augenblick bitten zu lassen; kleidest und
putzest dich immer nach seinem Geschmack, und bedankst dich für einen Phönix29,
den er mit schweren Kosten aus Panchaia für dich kommen lässt, eben so artig als
für einen Blumenstrauss aus seinen Gärten; kurz, du tust alles, was ein Mann
nach einer zwanzigjährigen Ehe von der gutartigsten Hausfrau nur immer erwarten
kann. Wenn er diese Diät länger als sechs Wochen aushält, so nenne mich den
unwissendsten aller Menschen! Nun versuch' es, und sag' ihm, in einer Stunde, wo
du seine feurigsten Liebkosungen mit der matronenhaftesten Würde und Ruhe
geduldest hast: »wie zärtlich auch die Sympatie zwischen zwei Liebenden sein
möge so sei es doch wohl getan, sich von Zeit zu Zeit einer kleinen Trennung zu
unterwerfen;« bitte um seine Einwilligung zu einer Luftveränderung in Aegina,
und rate ihm auf etliche Monate nach Susa oder Ekbatana zu gehen; du wirst
sehen, dass er sich mit der besten Art von der Welt dazu bequemen wird. Mein
Dämonion müsste mich zum erstenmale betrügen, Laiska, wenn dies nicht das
unfehlbarste Mittel ist, uns binnen zwei Monaten in deiner Rosenlaube zu Aegina,
unter den Augen der freundlichen Grazien - wieder zu sehen!
 
                                      11.
                               Lais an Aristipp.
Im Vertrauen zu dir gesagt, Aristipp - mir steigt zuweilen ein kleiner Zweifel
auf, ob ich nicht eine sehr unartige verkehrte Person und eine Törin obendrein
sei, dass ich es ordentlich drauf anlege und mir alle mögliche Mühe gebe, einen
Liebhaber los zu werden, welchen mit Vulcanischen Fesseln zu umwinden und fest
zu halten, jede andere an meiner Stelle zum einzigen Ziel aller ihrer Gedanken
und Bestrebungen machen würde. Du siehest hieraus, dass ich noch nicht ganz mit
mir selbst einverstanden bin; vielmehr muss ich besorgen, dass Arasambes noch
einen geheimen Anhang in meinem Herzen hat, der vielleicht nur desto
gefährlicher ist, weil er sein Wesen im Verborgenen treibt. Woran hange ich denn
hier noch? Des hofmässigen Prunks und Pomps, der Sardanapalischen Tafeln30, des
lästigen Gewimmels von Eunuchen und Sklavinnen, bin ich überdrüssig, und die
ewigen Feste in morgenländischem Geschmack machen mir lange Weile. Es ist wahr,
eine Zeit lang fand ich Vergnügen daran, mich selbst mit Erfindung und Anordnung
einer Menge mannichfaltiger, hier nie gesehener Ergötzungen für Aug' und Ohr zu
beschäftigen. Die geschicktesten Baumeister, Bildhauer und Maler Ioniens, die
berühmtesten Tonkünstler, Schauspieler, Tänzer und Tänzerinnen wurden
angestellt, die Kinder meiner üppigen Phantasie zur Welt zu bringen. Aber auch
diese Quelle ist vertrocknet. Kurz, ich habe nur noch ein einziges Gefühl, das
lebhaft genug ist mich zu überzeugen, dass ich nicht schon unter den Schatten im
Hades herum gleite, und das ist - die Ungeduld, die mich zuweilen anwandelt,
mich auf meinen Tracischen Goldfuchs, einen unmittelbaren Sohn des Aeolus, zu
schwingen und ohne Abschied davon zu rennen. Stände mir, wie der glücklichen
Medea, auf den ersten Wink ein Drachenwagen zu Dienste, so wäre ich in diesem
Augenblick - bei dir zu Rhodus, wofern ich anders nicht besorgen müsste, dich ein
wenig übermütiger zu machen, als einem Sokratischen Philosophen geziemen will.
Da dies nicht angeht, so habe ich mich endlich doch, gern oder ungern, zu dem
Mittel herablassen müssen, das du mir vorgeschlagen hast - weil du nicht zu
fühlen scheinst wie unwürdig es meiner ist. Dafür muss ich dir aber auch zum
Troste sagen, es schlägt trefflich an, und könnt' ich es nur über mein Herz
bringen damit fortzufahren, so glaube ich beinahe selbst, es würde alles wirken,
was du dir davon versprichst. Aber ich gestehe dir meine Schwachheit, wenn es
ihm (was ich jetzt selten begegnen lasse) endlich einmal gelungen ist, mich auf
meinem Sopha allein zu finden, und ich ihm, in Antwort auf die zärtlichsten
Dinge, die er mir mit allem Feuer der ersten unbefriedigten Leidenschaft sagt,
deiner Vorschrift zufolge, mit der matronenhaftesten Kälte so holdselig als
möglich ins Gesicht gegähnt habe, und der arme Mensch, vor Erstaunen über die
Schönheit meiner zweiunddreissig Perlenzähne, mitten in einer zärtlichen Phrase
stecken bleibt und den trostlosesten Blick auf meine ruhigen spiegelhellen Augen
heftet, - da kommt mich ein solches Mitleiden mit ihm an, dass es mir unmöglich
ist meine Hausfrauenrolle fortzuspielen; und ich schäme mich dir zu sagen, schon
mehr als einmal hat sich eine solche Scene so geendigt, dass ich vorhersehe, dein
Mittel würde mich, wenn ich es fortbrauchen wollte, mehr zurück als vorwärts
bringen.
    Glücklicherweise hat sich eine Göttin meiner angenommen, deren besondere
Gunst ich in meinem Leben schon oft genug erfahren habe, um es meine erste Sorge
sein zu lassen, wenn ich nach Aegina zurückkomme, ihr einen kleinen Tempel vom
schönsten Lakonischen Marmor zu erbauen. Dieser Tage lässt sich ein Cilicischer
Sklavenhändler bei mir melden, und bietet mir eine junge Sklavin aus Kolchis an,
die (wie er sich sehr höflich ausdrückte) wofern Lais unter die Sterblichen
gerechnet werde, an Schönheit die zweite in der Welt sei. In der Tat
überraschte mich ihre Gestalt, als sie aus dem dreifachen Schleier, der sie
allen profanen Augen unsichtbar gemacht hatte, wie der Vollmond aus einem
Gewölbe hervor trat, und in dem zierlichen Anzuge einer jungen Korbträgerin31
der Atene oder Demeter32 vor mir stand. Schwerlich hast du jemals so grosse, so
schwarze und so blitzende Augen gesehen, von schönerm Ausschnitt, und die das
Hygron, das die Dichter und Maler der Aphrodite geben, in einem so hohen Grade
gehabt hätten, noch Lippen, die so unwiderstehlich zum Kuss herausfordern, wie
Anakreon sagt! Ich nahm sie sogleich ins Bad mit mir, und ich könnte dir über
das Erstaunen, womit wir einander beide ansahen, sonderbare Dinge erzählen, wenn
sie nicht unter die unaussprechlichen gehörten. Lass dir genug sein, Aristipp,
dass ich gewiss bin, durch den glücklichsten Zufall gefunden zu haben, was ich
lange vergebens hätte suchen können, und dass Arasambes diesem Iynx nicht
widerstehen wird. Kurz und gut, ich habe mir mit tausend blanken Dariken eine
Nebenbuhlerin erkauft, die mir in kurzem die Wonne verschaffen soll, mein
geliebtes Griechenland wieder zu sehen, und die herzerquickende Luft der
Freiheit wieder zu atmen, ausser welcher ich nicht gedeihen kann. Das Mädchen
scheint nicht über sechzehn Jahre alt, ist eine Griechin von Geburt und
absichtlich für das Gynäceum irgend eines Persischen Satrapen erzogen; denn sie
singt und spielt verschiedene Instrumente sehr gut, tanzt wie eine Nymphe, und
weiss ihre grossen funkelnden Augen meisterlich zu regieren. Das ist aber auch
alles. Indessen fehlt es ihr nicht an Anlage; sie besitzt ein treffliches -
Gedächtnis, und wenn sie noch etliche Duzend Lieder von Anakreon und Sappho und
Korinna auswendig gelernt und einige Wochen mit meinen Grazien gelebt hat, soll
sie es mit allen Timandren und Teodoten zu Aten aufnehmen können.
 
                                      12.
                               Lais an Aristipp.
Mein Anschlag ist gelungen. Arasambes lässt sich gefallen - Aber ich eile vor
lauter Freude mir selbst zuvor, und sage dir zuerst, was ich zuletzt sagen
sollte. Die Sache verdient mit Herodotischer Umständlichkeit erzählt zu werden.
Die schöne Perisäne (so nennt sich meine künftige Stellvertreterin) befand sich
kaum ein paar Tage im Innern meines Gynäceums, als schon im ganzen Palaste von
nichts als der Schönheit der neu gekauften Sklavin die Rede war. Viele hatten
sie im Vorbeigehen gesehen, nur Arasambes konnte nicht zu diesem Glücke
gelangen; denn in denjenigen von meinen Zimmern, in welche er zu allen Zeiten
einzugehen die Freiheit hat, war sie nie zum Vorschein gekommen, und er fand
mich beim Morgenbesuch immer von meinen gewöhnlichen Aufwärterinnen umgeben.
Nach einigen Tagen merkte ich, dass er so aussah, als suchte er etwas bei mir,
das sich nicht finden lassen wollte; aber ich tat als ob ich nichts sähe, und
der arme Mensch musste sein Anliegen endlich gern oder ungern zur Sprache
bringen. - »Ich höre, liebe Lais, du hast eine sehr schöne Sklavin gekauft.« -
Eine Sklavin? sagte ich, als ob ich mich nicht gleich besinnen könne. - »Eine
junge Griechin aus Kolchis« - Ach! diese? Eine Griechin darf keine Sklavin sein,
Arasambes; ich habe sie bereits frei gelassen, und behalte sie nur so lange bei
mir, als es ihr selbst bei mir gefällt. - »Ist sie wirklich so schön als man
sagt?« Sie ist nicht übel; ein paar Medeenaugen, und die Stimme einer Sirene. -
»Es ist wenigstens etwas Neues. Könnte man sie nicht einmal zu hören bekommen?«
- Sehr gern, zu hören und zu sehen, lieber Arasambes; ich denke nicht dass sie
dir sehr gefährlich sein wird. - Du stellst dir vor, Aristipp, dass er mir etwas
sehr Artiges erwiederte, und ich versprach ihm mit der zutraulichsten Miene,
gleich diesen Abend eine Musik in meinem Saale zu veranstalten, wobei sich die
kleine Perisäne hören lassen sollte.
    Alles ging nach Wunsche. Die Kolcherin erschien in einem zierlich einfachen
Putz, eher zu viel als zu wenig eingewindelt, doch so, dass von der Eleganz ihrer
Formen, wenigstens für die Einbildung wenig verloren ging. Sie schlug ihre
grossen Augen jungfräulich nieder, errötete, und spielte die Verlegenheit, die
ihrem Stand und Alter ziemt, mit vieler Natur. Schon hatte sie ein paar Lieder
von Anakreon gesungen, und auf etlichen Instrumenten mit eben so viel Anstand
als Fertigkeit geklimpert, ohne dass sie mehr als zwei-oder dreimal einen
schüchternen Versuch machte, die Augen halb aufzuschlagen, und unter den langen
schwarzen Wimpern hervorzublinzen. Aber endlich wagte sie es, mitten in der
feurigsten Stelle einer Sapphischen Ode ihren schönen Kopf zu erheben, und,
nachdem sie die weit offnen Augen eine kleine Weile Blitz auf Blitz hatte herum
schiessen lassen, heftete sie einen so seelenvollen durchdringenden Blick auf
Arasambes, dass er von Marmor hätte sein müssen, wenn dieser Blick nicht, wie der
schärfste Pfeil von Amors Bogen, in seiner Leber stecken geblieben wäre. Zwar
wäre es jedem andern, als mir, kaum möglich gewesen, eine Veränderung an ihm
wahrzunehmen, so gut weiss er (wie alle Perser von Stande) in Gegenwart anderer
Personen das Aeusserliche einer vornehmen Unempfindlichkeit zu behaupten. Aber
ich war ihm zu nahe und beobachtete ihn zu scharf, um mich durch den kalten
einsylbigen Beifall, den er der schönen Sängerin erteilte, und am wenigsten
durch die ungewöhnliche Lustigkeit, die er nach Endigung der Musik den ganzen
Abend über heuchelte, irre machen zu lassen. Am folgenden Tage war keine Rede
mehr von der Kolcherin; auch am zweiten und dritten nicht. Arasambes kam alle
Augenblicke auf mein Zimmer, bald zu sehen wie ich mich befinde, bald mir einen
Blumenstrauss zu bringen, bald mich über etwas um Rat zu fragen, bald etwas zu
holen, das er hatte liegen lassen. Eine seltsame Lebhaftigkeit trieb ihn von
einem Ort zum andern; er war zerstreut, hatte immer etwas zu fragen, und hörte
selten was ihm geantwortet wurde. Am vierten Tage fing diese Unruhe an, uns
beiden peinlich zu werden. Es war hohe Zeit, alles mit guter Art so
einzurichten, dass er den berühmten Tonkünstler Timoteus (den ich vor einiger
Zeit von Milet nach Sardes hatte kommen lassen) in meinem Zimmer antraf,
beschäftigt die junge Perisäne einen neuen Dityramben von seiner Composition
singen zu lehren. Der Meister wollte sich zurückziehen, als Arasambes herein
trat; aber ich winkte ihm zu bleiben. Es ist dir doch nicht entgegen, sagte ich
zu Arasambes, dass Timoteus in seiner Lection fortfahre? Der Mensch hatte die
grösste Mühe, seine Freude hinter ein kaltes ganz und gar nicht zu verbergen.
Unvermerkt klärte sich sein ganzes Wesen wieder auf; er setzte sich der Musik
gegenüber auf den Sofa, sprach mit dem Meister, ohne ein Auge von der Schülerin
zu verwenden, und bat ihn, den Gesang erst selbst vorzutragen, um aus der Art,
wie Perisäne sich aus der Sache ziehen würde, desto besser von ihrem Sinn für
die Musenkunst urteilen zu können. Ich machte mir indessen in einem anstossenden
Cabinette zu tun, und bemerkte wie die Kolcherin, während dass Timoteus sang,
ihre funkelnden Zauberaugen weidlich auf meinen Adonis arbeiten liess, der sich
vermutlich der Gelegenheit, nicht von mir gesehen werden zu können, mit eben so
wenig Zurückhaltung bediente.
    Das geheime Verständnis zwischen ihnen war nun angesponnen. Ich beschenkte
Perisänen, um ihr meine Zufriedenheit zu zeigen, mit einem zierlichen
Morgenanzug von der feinsten Art von Zeugen, welche die Persischen Kaufleute aus
Indien holen. Arasambes fand sie am folgenden Morgen in diesem Anzuge bei meinem
Putztische, und ich begegnete ihr vor seinen Augen mit einer so ausgezeichneten
Vertraulichkeit, dass er sich schmeicheln konnte, ich würde alles, was er für
meinen neuen Günstling täte, so aufnehmen als ob er bloss mir seine
Aufmerksamkeit dadurch beweisen wolle. Arasambes biss getrost an die Angel. Seine
Leidenschaft wuchs nun mit jedem Tage schneller, und man murmelte schon im
ganzen Palast davon, bevor er selbst vielleicht wusste, wie weit sie ihn führen
könnte. Aber wer bei allem diesem mit gänzlicher Blindheit geschlagen zu sein
schien, war deine Freundin Lais. Sie allein merkte nichts davon, dass sie sich
törichter Weise mit schwerem Gelde eine gefährliche Nebenbuhlerin erkauft habe;
ahnete so wenig davon, dass sie ihren Fall noch sogar beschleunigte, indem sie
dem zärtlichen Perser, nach einem paar schwerfälligen Stunden, die er mit ihr
zuzubringen genötiget war, den Vorschlag tat, den ihr der weise Aristipp unter
den Fuss gegeben hatte. Arasambes machte, wie billig, einige Schwierigkeiten,
musste sich aber, da er keinen Begriff davon hatte, wie man ihr etwas abschlagen
könnte, endlich doch ergeben; zumal wie er hörte, dass sie ihre geliebte Perisäne
zum Unterpfand ihrer Wiederkunft zurücklassen wolle, wofern sie sich versprechen
dürfe, dass er das gute Kind in seinen Schutz nehmen werde; eine Bedingung, die
er ihr in den gefälligsten Ausdrücken von der Welt zugestand.
    Nicht wahr, Aristipp, das nennt man doch eine Sache mit guter Art machen? So
zart und schonend pflegen Liebende bei euch Griechen einander nicht zu
behandeln!
    Meine Abreise von Sardes nach Milet wird nicht länger aufgeschoben werden
als die nötigen Zurüstungen erfordern. Arasambes hat mir zu diesem Ende
zehntausend Dariken, teils in Golde, teils in Anweisungen auf bekannte Häuser
in Milet zustellen lassen - ein Reisegeld, das vielleicht den Argwohn bei dir
erregen wird, als ob er nicht sehr auf meine Zurückkunft rechne.
    Bevor ich schliesse, muss ich dir doch noch ein Bekenntnis tun, wiewohl ich
vielleicht dadurch Gefahr laufe, etwas von deiner guten Meinung zu verlieren.
Aber ich will nicht, dass du mich für etwas anderes haltest als ich bin. So höre
denn an und denke davon was du kannst. Ob ich gleich die Schlinge, worin der
gute Arasambes sich verfing, selbst gestrickt und gelegt hatte, so konnte sich
doch mein Stolz mit dem Gedanken nicht vertragen, dass es ihm so leicht werden
sollte sich von mir zu trennen. Ich beschloss also mich selbst dem Vergnügen
einer kleinen Rache aufzuopfern, und den letzten Tag vor meiner Abreise zum
glücklichsten unter allen zu machen, die er mit mir gelebt hatte. Es ist
unnötig dir mehr davon zu sagen, als dass Arasambes vor diesem Tage keinen
Begriff davon gehabt hatte, wie liebenswürdig deine Freundin sein könne, wenn
sie Aphroditen ihren Gürtel abgeborgt hat. Was er in diesen letzten
vierundzwanzig Stunden davon erfuhr, war es eben gewesen, wornach der arme
Tantalus schon so lange gehungert und gedürstet hatte. Die kleine Perisäne
schwand dahin, wie eine Nebelgestalt in der Sonne zerfliesst. Lais war ihm
Cytere selbst, die ihren Adonis in den Hainen von Amatus beseligt. - So viel
Bosheit hätte ich dir nicht zugetraut, sagst du - Wie, Aristipp? Siehst du
nicht, wie interessant die Abschiedsscene dadurch werden musste, und was für
Erinnerungen ich ihm für sein ganzes Leben zurückliess? - Arasambes konnte das
freilich nicht sogleich zurecht legen, und stellte sich ein wenig ungebärdig.
Der arme Mensch! was sagte und tat er nicht, um mich zum Bleiben zu bewegen!
Aber er hatte nun einmal sein Wort gegeben, ich war reisefertig, meine Freunde
in Griechenland erwarteten mich - Kurz, ich siegle diesen Brief - den du durch
einen in Angelegenheiten des Königs nach Rhodus abgehenden Eilboten erhalten
wirst - und reise in einer Stunde ab.
 
                                      13.
                             Aristipp an Kleonidas.
Ich fürchte, lieber Kleonidas, wir andern Weisheitsliebhaber sind, mit aller
unsrer Freiheit von popularen Vorurteilen und Hirngespenstern, doch nur eine
Art grosstuiger Poltrons, die, sobald sie dem Feinde unter die Augen sehen
sollen, so gut zittern als andere, welche ihre wenige Herzhaftigkeit ehrlich
eingestehen. Ich habe seit kurzem eine sonderbare Erfahrung hiervon gemacht. Du
weisst, dass ich die Erzählungen von Gespenstern, die sich zu gesetzten Stunden an
gewissen Orten sehen lassen, und von Verstorbenen, die, gleichsam in den
Schatten ihrer ehmaligen Gestalt eingehüllt, sich entweder von freien Stücken
zeigen, oder durch magische Mittel zu erscheinen genötiget werden, immer für
das, was sie sind, gehalten, und die Furcht vor allen diesen Ausgeburten eigner
oder fremder Einbildung für eine der lächerlichsten Schwachheiten erklärt habe.
Gleichwohl hab' ich mich selbst unvermuteter Weise über dieser ziemlich
allgemeinen menschlichen Schwachheit ertappt, und finde mich jetzt durch eigene
Erfahrung sehr geneigt duldsamer gegen andere zu sein, da ich mich immer mehr
überzeuge, dass kein Mensch so viel vor allen andern voraus hat, dass er sich vor
irgend etwas, wozu Wahn und Leidenschaft einen Menschen bringen können, völlig
sicher halten darf. Höre also, was mir in der vorgestrigen Nacht begegnet ist.
    Das Haus, das ich hier bewohne, liegt zwischen dem Hafen und der Stadt,
mitten in einem ziemlich grossen Garten, der auf der Ostseite die Aussicht ins
Meer hat, und gegen Mittag in einen kleinen den Nymphen geheiligten Hain von
Buschholz ausläuft, den ein langer Gang von hohen Cypressen in zwei gleiche
Teile schneidet. Die Rhodier sind überhaupt an eine Lebensordnung gewöhnt, von
welcher sie selten abweichen. Eine Stunde nach Sonnenuntergang ist in den
Häusern und auf den Strassen alles still; denn mit der ersten Morgenröte ist
auch schon alles wieder munter; sogar die Frauen würden sich's zur Schande
rechnen, von dem Sonnengotte (der hier vorzüglich verehrt wird) in den Armen des
Schlafs überrascht zu werden. Wir Cyrener sind einer andern Lebensart gewohnt,
und ich bringe daher in mondhellen Nächten, wenn schon alles weit um mich her im
ersten Schlafe versunken ist, gewöhnlich noch ein paar Stunden allein in einem
Gartensaale zu, der in Gestalt eines kleinen Tempels dem Cypressengange
gegenüber steht, und von etlichen Reihen prächtiger Ahornbäume umschattet wird.
Diese einsamen nächtlichen Stunden sind es, worin ich mich aus den Zerstreuungen
des Tages in mich selbst zurückziehe, und nach Pytagorischer Weise mir selbst
Rechenschaft darüber ablege, was ich getan oder verabsäumt, um was ich besser
oder schlechter geworden, was ich gesehen, gehört oder gelesen habe, das des
Nachdenkens und Aufbehaltens wert ist, und was ich morgen vorzunehmen oder zu
besorgen gedenke; kurz, es sind, wenn ich so sagen kann, die Digestionsstunden
meines Geistes, die mir zu meiner Lebensordnung so notwendig sind, dass ich mir
nur selten erlaube, ihnen eine andere Anwendung zu geben.
    Ich weiss nicht wie es kam, dass gerade an diesem Abend die Erinnerung an Lais
alle andern Gedanken in mir verdrängte. Ich hatte ungefähr acht Tage vorher
einen Brief von ihr erhalten, worin sie mir ihre Trennung von Arasambes
berichtete, und dass sie im Begriff sei nach Milet abzugehen. Welche seltsame
Unruhe des Geistes, dachte ich, treibt sie aus einer beneidenswürdigen Lage
heraus, um des eingebildeten Glücks einer unbeschränkten Freiheit zu geniessen,
die ihr am Ende vielleicht doch nur zur Fallgrube werden könnte! Sie vermochte
alles über Arasambes; es stand in ihrer Macht ihn auf immer an sich zu fesseln;
und mit welchem Mutwillen zerbricht sie ihren eigenen Zauberstab! Wie
leichtsinnig treibt sie wieder in den Ocean des Lebens hinaus, ohne Plan und
Zweck, wohin Zufall und Laune des Augenblicks sie führen werden! Was wird
endlich das Schicksal dieses ausserordentlichen Weibes sein, in welchem die Natur
alle Reize ihres Geschlechts mit den glänzendsten Vorzügen des männlichen so
sonderbar zusammengeschmelzt hat?
    Der Charakter der schönen Lais war mir immer ein Rätsel gewesen, dessen
Auflösung ich vergeblich gesucht hatte. Indem ich mich jetzt von neuem bemühte,
alle die reizenden Widersprüche, woraus er zusammengesetzt ist, und in deren
Verbindung gerade der Zauber ihrer unwiderstehlichen Liebenswürdigkeit liegt,
unter Einen Begriff zu bringen, fiel mir plötzlich die grosse Aehnlichkeit auf,
die ich zwischen ihr und dem ausserordentlichsten Manne unsrer Zeit, dem
ehemaligen grossen Liebling des Sokrates, zu sehen glaubte. Sie ist, sagte ich zu
mir selbst, unter den Frauen, was Alcibiades unter den Männern war. In beiden
hat die Natur alle ihre Gaben mit üppiger Verschwendung aufgehäuft. Wohin er
kam, war er der erste und einzige; wo sie erscheint, wird sie immer die erste
und einzige sei. Er würde die Welt erobert haben, wenn er nicht so gewiss gewesen
wäre dass er es könne: sie würde sich überall alle Herzen unterwerfen, wenn sie
es nur der Mühe wert hielte. Ein allzu lebhaftes Selbstgefühl war die Quelle
aller seiner Ausschweifungen, Fehler und falschen Schritte: eben dies ist und
wird immer die Quelle der ihrigen sein. Wäre er zwanzig Jahre später in die Welt
gekommen, und sie wären einander (wie nicht zu zweifeln ist) begegnet, sie
würden sich vereiniget, und, wie Platons Doppelmenschen33, unglaubliche Dinge
getan haben. Aber nur zu wahrscheinlich bereitet sie sich ein ähnliches
Schicksal. Dieses innige Gefühl dessen was sie ist, und was sie sein kann sobald
sie will, würde sie wahrscheinlich antreiben irgend eine grosse Rolle zu spielen,
wenn es nicht bei ihr, wie bei Alcibiades, mit der Indolenz eines kaltblütigen
Temperaments verbunden wäre, die der Energie ihrer Einbildungskraft das
Gegengewicht hält, und die Ursache ist, warum sie mit den grössten Kräften nie
etwas Grosses unternehmen, oder, wenn sie es begonnen hätte, nie zu Stande
bringen wird. Daher dieser übermütige Leichtsinn, der sich über alles wegsetzen
kann, sich aus allem ein Spiel macht, und, weil ihm nichts gross genug ist,
notwendig alles klein finden muss. Wär' es ihr zu Sardes eingefallen Königin zu
werden, sie wäre nach Susa gegangen, und hätte den Artaxerxes zu ihrem Sklaven
gemacht. Dass sie es nicht versucht hat, kommt bloss daher, weil sie zu fahrlässig
dazu ist, und weil ihr Stolz Befriedigung genug in dem Gedanken findet, schon
als Lais alles zu sein was sie will. Mit einem andern Temperamente wäre sie
vielleicht die ausgelassenste aller Hetären; aber ich fürchte sie ist fähig, es
aus blosser Eitelkeit zu werden, wenn sie sich's jemals in den Kopf setzen
sollte, auch hierin unübertrefflich zu sein.
    Diese Betrachtungen machten mich unvermerkt wehmütig; die blosse
Möglichkeit, dass die Liebenswürdigste ihres Geschlechts dereinst noch
unglücklich sein, und vielleicht sogar unter sich selbst herabsinken könnte, war
mir peinlich, und ich verlor mich im Nachdenken, ob dieser weibliche Alcibiades
nicht wenigstens in eine Art von Aspasia zu verwandeln sein möchte - als ich auf
einmal eine hohe Gestalt in einem langen weissgrauen Gewande zwischen den
Cypressen langsam gegen mich herschweben sah, in welcher ich beim ersten Anblick
die Gestalt und den Anstand der Freundin zu sehen wähnte, welche mich schon eine
Stunde lang in Gedanken beschäftigte. Ich gestehe dir, dass ich zusammenfuhr,
aber nichtsdestoweniger, zwischen Grauen und Neugier was daraus werden würde,
die Augen starr auf die wunderbare Erscheinung heftete. Noch schwebte die
Gestalt immer vorwärts; aber in dem Augenblick, da sie eine vom einfallenden
Mondlicht stark beleuchtete Stelle betrat, blieb sie ohne Bewegung stehen, und
nun war es unmöglich zu zweifeln, dass ich die Gestalt der Lais vor mir sehe.
Aber wie sollte sie selbst auf einmal hierher gekommen sein? Da es unläugbar
ihre Gestalt war, was konnt' es anders sein als eine Erscheinung, die mir sagen
sollte, dass sie selbst nicht mehr lebe; es sei nun, dass Arasambes sie in einem
Anfall von Eifersucht ermordet, oder dass sie auf der Rückreise nach Griechenland
Schiffbruch gelitten, oder sonst durch einen Zufall das Leben verloren hatte.
Diese Gedanken blitzten so schnell in meiner Seele auf, dass meiner Philosophie
nicht Zeit genug blieb, sie in Untersuchung zu nehmen; und ich bekenne dir
unverhohlen, dass mir ungefähr eben so zu Mute war, wie einem jeden sein mag,
der einen abgeschiedenen Geist zu sehen glaubt. Ich wollte von meinem
Ruhebettchen aufstehen, aber meine Füsse waren mit Blei ausgegossen, und meine
Arme ohne Kraft; so dass ein ziemliches Weilchen verging, bis ich wieder einige
Gewalt über meinen Körper erhielt. Die Gestalt stand noch immer unbeweglich, und
ich konnte deutlich sehen, dass sie einen zärtlich ernsten Blick auf mich
heftete. Die immer zunehmende Gewissheit, dass es der Schatten meiner Freundin
sei, brachte nun mein stockendes Blut wieder in Bewegung; mir ward warm ums
Herz, und eine unaufhaltsame Gewalt riss mich zu dem geliebten Schatten hin. Mit
weit ausgebreiteten Armen flog ich auf sie zu, aber die Ausrufung, »bist du es,
liebste Lais?« blieb mir am Gaumen kleben. Doch im nämlichen Augenblick, da ich
mit ausgespannten Armen auf sie zueilte, öffnete sie auch die ihrigen, und einen
Augenblick darauf fühlte ich, mit unaussprechlichem Entzücken, dass ein warmer
elastischer Körper meine Arme füllte, dass ihr Busen an dem meinigen überwallte,
kurz, dass das vermeinte Gespenst - Lais selbst war. Die Seligkeit dieses
Augenblicks fühlst du, indem du dich an meine Stelle denkst, viel besser, als
wenn ich das Unbeschreibliche zu beschreiben versuchen wollte. Alles, was ich
davon sagen kann, ist, dass es der längste und kürzeste meines Lebens war; denn
er könnte eine Stunde gedauert haben, und hätte mir doch nur ein Augenblick
gedäucht. Mir war, als ob ich mit ihr zusammenwachsen müsste, um mich ihres
Daseins recht gewiss zu machen.
    Lais gestand mir, dass sie sich ein eigenes Vergnügen daraus gemacht habe,
meine Philosophie sowohl als meine Freundschaft auf diese Probe zu setzen, und
mich die Gunst eines so unerwarteten Besuchs mit einer kleinen Angst erkaufen zu
lassen, die den Wert derselben erhöhen würde. Es freut mich, setzte sie hinzu,
dass ich meine Absicht, dir den Genuss eines noch unbekannten Wonnegefühls zu
gewähren, so glücklich erreicht habe: und ich hoffe du wirst dich desto leichter
in die Notwendigkeit fügen, dich eben so unvermutet wieder von mir zu trennen
als du mich gesehen hast; denn in einer Stunde muss ich wieder am Bord sein. Ich
komme gerades Weges von Sardes; meine vorgegebene Reise nach Milet sollte dir
bloss verbergen, was ich damals schon beschlossen hatte. Der nämliche Eilbote,
der dir meinen Brief überbrachte, hatte den Auftrag, mir ein eigenes Schiff zu
mieten, welches mich sobald als möglich zu den Poseidonien nach Aegina bringen
soll. Alles ist zur Abfahrt bereit, der Wind ist günstig, und die Seeleute sind,
wie du weisst, harterzige Leute.
    Du zweifelst wohl nicht, Kleonidas, dass mir diese Nachricht etwas unerwartet
kam; ich hatte mir wenigstens auf etliche Tage Hoffnung gemacht. Aber du kennst
auch das unwiderstehliche Gemisch von Anmut und Majestät, womit diese Zaubrerin
ihre Willenserklärungen als unwiderrufliche Beschlüsse des Schicksals
anzukündigen pflegt. Es fand nicht nur weder Einwendung noch Bitte gegen diese
Verfügung statt, sondern dein armer Freund musste sich auch bequemen, diese ganze
kostbare Stunde über in dem langen Cypressengang mit ihr auf und ab zu
schlendern, und sich einen kurzen Auszug ihrer Geschichte seitdem wir uns nicht
gesehen hatten, erzählen zu lassen, die ein paar Stunden später unendlich
unterhaltend gewesen wäre, aber jetzt mit einer Zerstreuung angehört wurde, von
welcher er sich nicht völlig Meister machen konnte. Sie schien es endlich gewahr
zu werden. Denn als sich ihre am Ausgang des Wäldchens zurückgelassenen Leute
von ferne sehen liessen, und ihr ein Zeichen gaben, sagte sie lächelnd: ich fühle
dass ich deine Schuldnerin bin, lieber Aristipp, und ich würde dir den Antrag
tun, mich auf der Stelle nach Aegina zu begleiten, wenn ich nicht besorgen
müsste, dass es Aufsehen erregen und deine Sokratischen Freunden eine sehr
erwünschte Gelegenheit geben möchte, dir einen Namen in Griechenland zu machen.
Ich selbst mache mir, wie du weisst, nichts aus dem was die Leute von mir sagen:
aber ich hätte sehr Unrecht, wenn ich glaubte dass eine solche Gleichgültigkeit
auch dir gezieme. Sich fremden Meinungen gänzlich aufzuopfern wäre töricht:
aber die meisten Menschen sind eine so neidische und hämische Art von Tieren,
dass wir es ihnen um unsrer eigenen Ruhe willen zu verbergen suchen müssen, wenn
wir glücklicher sind als sie.
    Ich bin überzeugt, Kleonidas, dass alles dies ihr Ernst war, und so
antwortete ich ihr wie es diese Ueberzeugung forderte. Es wäre unartig gewesen
ihr merken zu lassen, dass ich sie, auch ohne Rücksicht auf das Urteil der Welt,
nicht nach Aegina begleitet haben würde. Indessen hatte ich keiner Verstellung
nötig, um ihr zu zeigen, dass es mich nicht wenig koste, mich ihrem Gutdünken zu
unterwerfen. Denn freilich hätte ich mir aus dem Spott und den Vorwürfen der
Sokratiker eben so wenig gemacht als sie, wenn ich bloss meiner Neigung, wie sie
ihren Launen, folgen wollte. Das Vergnügen, die ihrige durch diesen seltsamen
Besuch befriedigt zu haben, machte sie so aufgeräumt, dass es ihr gelang mich
zuletzt auf eben denselben Ton zu stimmen. Was für eine Aufnahme meinst du dass
die Wittwe des Arasambes sich von den Korintiern versprechen dürfe? fragte sie
mit der unschuldig leichtfertigen Miene, die ihr so wohl ansteht, und setzte,
ohne meine Antwort zu erwarten, hinzu: ich habe ein unfehlbares Mittel mich bei
ihnen in Ansehen zu setzen; denn ich muss dir sagen, dass ich sehr reich von den
Ufern des goldenen Paktols zurückkomme. - Du hast ein noch unfehlbareres, sagte
ich; aber - Ich verstehe dich, fiel sie mir lachend ins Wort, und was dein Aber
betrifft, so begreifst du leicht, dass der zweijährige Aufentalt zu Sardes mich
nicht demütiger gemacht hat als ich vorher war. Ich rate niemanden meinetwegen
nach Korint zu reisen. Du kennst meine Liebe zur Freiheit, meinen Hass gegen
euer übermütiges Geschlecht, und das Vergnügen, das ich gleichwohl daran finde,
mit Männern umzugehen, und sie für die Augenlust, die ich ihnen wider Willen
mache, nach allen Regeln der Kunst zu peinigen. dabei wird es wohl bleiben. -
Ich wünschte, liebe Lais, sagte ich, dass es nicht dabei bliebe. Möchtest du doch
das Glück das deiner Musarion zu Teil geworden ist (das einzige das du noch
nicht kennst) nicht mutwillig von dir stossen, wenn es dir sich anböte! - »Hab'
ich es nicht schon mit Arasambes versucht? Es geht nicht, lieber Aristipp! Wer
vermag etwas gegen die allmächtige Natur? Die Glückseligkeit ist immer eben
dieselbe; nur in den Mitteln und in der Art zu geniessen, liegt die
Verschiedenheit. Ich fühle mich, so wie ich bin, glücklich: was kannst du mehr
verlangen, mein Freund?« - Sie sagte dies mit einer so reizenden Unbefangenheit,
dass es Torheit gewesen wäre ihr eine ernste Antwort darauf zu geben. Unsre
letzte Umarmung war nicht ganz so warm, und dauerte nicht halb so lange als die
erste. Wirklich würde mir's schwer geworden sein, ihr länger zu verbergen, wie
schmerzlich es mir war, in allem was sie sagte und tat, den weiblichen
Alcibiades immer deutlicher zu erkennen. - Aber hatte ich Recht, der schönen
Lais übel zu nehmen, dass sie Lais war? Und sollte nicht fehlgeschlagne Erwartung
(wiewohl ich es mir auf der Stelle nicht gestehen wollte) die wahre Ursache der
übelverhehlten Lauigkeit gewesen sein, womit ich mich, zu bald für eine
Freundschaft wie die unsrige, ihren schönen Armen entwand? Dass sie es nur zu gut
merkte, bewies sie mir, im Augenblick des Scheidens, durch einen Kuss, von jenen
nektarischen, die sie allein küssen kann, und welche auch du, wenn ich nicht
irre, bei einer gewissen Gelegenheit kennen gelernt hast. Brauchte es mehr, um
die dünne Eisrinde plötzlich zu schmelzen, womit sie das Herz des treuesten
ihrer Freunde umzogen gefühlt hatte? Aber ehe ich wieder zur Besinnung kommen
konnte war sie meinen Augen so schnell entschwunden, dass ich alles wieder für
eine blosse Erscheinung hätte halten können, wenn der magische Kuss nicht noch
eine ganze Stunde auf meinen Lippen fort gebrannt hätte.
    Nun, lieber Klonidas, wie gefällt dir meine Gespenstergeschichte? Gewiss ist
sie keine von den schlechtesten, die du in deinem Leben gehört hast. Aber was
wirst du von deinem Aristipp denken, der bei dieser Gelegenheit schwach genug
war, die schöne Lais erst für ein Gespenst anzusehen, und sie dann wieder von
sich zu lassen, als ob sie es wirklich gewesen wäre? Lache immerhin über mich,
Kleonidas; ich mache eine so alberne Figur in meinen eigenen Augen, dass ich
keine Schonung von dir verlangen kann.
 
                                      14.
                             Kleonidas an Aristipp.
Wirklich, lieber Aristipp, scheint mir dein Aufentalt unter den weichlichen
Asiaten deine Nerven ein wenig abgespannt zu haben: nicht, weil dir so gut als
einem andern etwas Menschliches begegnen kann; und noch weniger, weil du die
schöne Lais wieder gehen liessest wie sie gekommen war; - wie hättest du es
anders machen können? Sie ist doch wohl keine Person, mit der man ungestraft den
Satyr spielen dürfte? - sondern weil du nicht gewahr worden bist, dass die
Schwachheit, deren du dich selbst beschuldigest, bloss darin liegt, dass du dich
schämest wo sich nichts zu schämen ist.
    Ich weiss nicht wo ihr Philosophen die Einbildung her nehmt, ihr müsstet etwas
mehr als menschliche Menschen sein, oder wir andern sollten wenigstens so
gutmütig sein, euch auf euer Wort dafür gelten zu lassen. Ich für meine Person
finde in deiner Gespenstergeschichte nichts, was nicht ganz natürlich wäre, und
dem weisen Sokrates selbst so gut hätte begegnen können wie dir. Du befindest
dich in einer mondhellen Nacht allein in einem Garten; alles schlummert weit
umher; Nacht, Einsamkeit und allgemeine Stille stimmen dich zu dem, was man
wachend träumen nennen könnte. Der Mondschein allein versetzt uns schon in eine
andere, oder vielmehr in die nämliche Welt, die den gemeinen Vorstellungen vom
Hades zum Urbild gedient hat; in eine Welt, wo alles sich dem Auge ganz anders
darstellt, als wir es bei Tage sehen; wo wir Mühe haben in den zweifelhaften
farbenlosen Gestalten, die ein mattes oft unterbrochnes Schattenlicht bald
erscheinen bald wieder verschwinden lässt, die gewohntesten Gegenstände wieder zu
erkennen; wo es ohne Hülfe des Gefühls fast immer unmöglich ist, Schatten und
Körper nicht zu verwechseln; kurz, in eine von der Sonnenwelt so verschiedene
Zauberwelt, dass der Einbildungskraft bei der geringsten Veranlassung nichts
leichter ist, als Gegenstände des Homerischen Schattenreichs dem, was wir
wirklich sehen, unterzuschieben. In dieser Lage stellt sich dir auf einmal die
Gestalt einer Person dar, für welche du seit mehrern Jahren eine besondere
Anmutung fühlst, und mit welcher du dich unmittelbar zuvor in Gedanken
unterhalten hattest; eine Person, die, deiner gegründeten Meinung nach, jetzt zu
Milet sein muss, und die du dir in diesem Augenblick so wenig in Rhodus, als dich
selbst in Milet, denken kannst. Was ist da natürlicher, als dass du, bei dieser
Disposition deiner Sinne und - deiner Einbildung, nicht - was du in diesem
Momente für unmöglich hältst - diese Person selbst im Leben, sondern die blosse
wesenlose Gestalt der nicht mehr Lebenden zu sehen wähntest? Denn, wie viel auch
die Philosophie gegen dergleichen Erscheinungen einzuwenden hat, ihre
Unmöglichkeit kann sie nicht beweisen; und wenn gleich deine Vernunft die
Gespenstergeschichten, die du von Kindheit auf erzählen hörtest, aus ihrem
eigenen Kreise verwiesen hat, aus deiner Seele konnte sie dieselben nicht
hinausbannen; sie zogen sich in die nächtlichste Region deiner Phantasie zurück,
und es brauchte nichts als das Zeugnis deiner Augen, die dir die Gestalt einer
weit entfernt geglaubten Person unmittelbar darstellten, um nicht nur deine
Phantasie plötzlich ins Spiel zu setzen, sondern deine Vernunft selbst zu einem
Trugschluss zu verleiten, dessen Täuschung sie keine Zeit hatte wahrzunehmen. Du
wirst sagen: eben darum, weil ich die Gestalt der Lais auf mich zugehen sah,
hätte ich sogleich gewiss sein sollen, dass sie es selbst sei: denn es war doch
unendlichmal wahrscheinlicher, dass sie ihren Reiseplan geändert, und anstatt
nach Milet zu gehen, den Weg nach Rhodus genommen, meine Wohnung
ausgekundschaftet, und sich vielleicht ein Vergnügen daraus gemacht habe, mich
unversehens zu überraschen. Ich antworte: alles dies war vernünftiger Weise
nichts weniger als wahrscheinlich; wenn du es aber auch bei ruhiger Ueberlegung
wahrscheinlicher hättest finden müssen, als die Erscheinung eines Geistes, so
bedenke, dass die Phantasie in einem solchen Augenblick ihr Gaukelspiel viel zu
behende macht, als dass sie dir Zeit zu Abwägung der Wahrscheinlichkeiten
gelassen hätte. Das Zeugnis der Augen, das Vorurteil, was du sahest könne nicht
Lais selbst sein, und die Einbildung es müsse also ihr Geist sein, wirkten so
unendlich schnell zusammen, dass alle drei in eine einzige sinnliche Vorstellung,
deren du dir klar bewusst warst, zerflossen; und, wie gesagt, eben dasselbe wäre
jedem andern an deiner Stelle begegnet. Ich wenigstens stehe dir nicht dafür,
dass mir selbst, ungeachtet ich durch dein Beispiel gewarnt bin, mit Musarion
oder dir nicht eben dasselbe begegnen könnte, wenn ich euch zu einer Zeit, da
ich euch weit von mir entfernt wüsste, unter ähnlichen Umständen, plötzlich auf
mich zuschleichen sähe. Denn freilich gehört auch der langsame gespenstmässige
Gang und das weissgraue Gewand so gut zur Sache als Einsamkeit, Mondschein und
nächtliche Stille.
    Um dir meine Behauptung noch einleuchtender zu machen, frage ich dich: wenn
du die schöne Lais nicht umarmt, nicht mit ihr gesprochen, und dich also nicht
durch Gefühl und Ohr von ihrer Körperlichkeit hättest überzeugen können; - wenn
zum Beispiel (was wenigstens an einem andern dazu geschickten Orte durch
künstliche Veranstaltungen hätte bewirkt werden können), wenn, einen Augenblick
zuvor ehe du ihr in die Arme fielst, plötzlich eine Flamme zwischen dir und ihr
aufgefahren, und ein dichter Rauch, unter einem vermeinten Donnerschlag, ihre
Gestalt deinen Augen plötzlich entzogen hätte, - würdest du (vorausgesetzt dass
dies alles täuschend genug ausgeführt und der Betrug dir nicht von Lais selbst
entdeckt worden wäre) nicht vielleicht noch jetzt deinen Sinnen mehr glauben als
deiner Philosophie, und alles für eine Erscheinung aus der Geisterwelt zu halten
geneigt sein? Wenigstens bin ich versichert, dass unter zehntausend, denen ein
solches Abenteuer begegnete, nicht Einer wäre, der es für etwas anders nähme.
Ich kenne sehr verständige Leute, die, wenn von solchen Wunderdingen die Rede
war, gegen alles, was von Andern erzählt wurde, die erheblichsten Einwendungen
zu machen hatten, aber immer damit aufhörten, mit der grössten Ueberzeugung von
der historischen Wahrheit der Sache, irgend eine Gespenster- oder
Zaubergeschichte zu erzählen, von welcher sie sich selbst als Augenzeugen
aufstellten. Noch einmal also, ich sehe nicht was für Ursache du hättest es dich
verdriessen zu lassen, dass du der schönen Lais nicht durch unzeitige Besonnenheit
einen Spass verderbt hast, um dessentwillen sie sich eine Reise von
dreizehnhundert Stadien zu Land und zu Wasser nicht verdriessen liess. Ich kann
mir zwar wohl einen Menschen denken, der auf dem Wege des philosophischen Todes,
den uns Plato in seinem Phädon empfiehlt - dadurch, dass er den Sinnen, der
Phantasie und allen Trieben und Leidenschaften der menschlichen Natur schon bei
lebendigem Leibe abgestorben ist - sich in die Unmöglichkeit gesetzt hat, von
ihnen getäuscht zu werden: aber ich weiss dass ich dieser Mensch nicht sein
möchte, und wünsche dir Glück dass du es eben so wenig bist als ich.
    Den andern Punkt betreffend, hätte sich, dünkt mich, jeder Mann, der nicht
von allem Gefühl des Schicklichen und aller Achtung gegen sich selbst verlassen
wäre, eben so, wie du, benehmen müssen; überdiess lag es wohl nicht an deinem
guten Willen, wenn du dich am Ende mit einem Kuss abfinden lassen musstest. Man
ist freilich auf eine so sonderbare Grille nicht gefasst, wie diese war, die
Reise von Sardes nach Rhodus zu machen, um einem guten Freund einen Kuss zu
geben; indessen hängt es immer von einer Schönen ab, wie viel Wert sie auf ihre
Gunsterweisungen legen will, und der Kuss, den du zur Entschädigung erhalten
hast, war nach deinem eigenen Geständnis so viel wert, dass du ihn nicht zu
teuer erkauft hättest, wenn du ihm bis zu den Hyperboreern hättest entgegen
reisen müssen. Die Wahrheit zu sagen bin ich mit dir weit besser zufrieden als
mit der Dame, die mir in den zwei Jahren ihrer unumschränkten Herrschaft über
den königlichen Arasambes von Seiten des Charakters mehr verloren als gewonnen
zu haben scheint. Ich fürchte sie hat sich durch die fliegende Eile, womit jeder
ihrer Winke befolgt werden musste, durch die unermüdete Aufmerksamkeit, womit ein
eben so grossmütiger als vielvermögender Liebhaber allen ihren Wünschen
zuvorkam, kurz, durch die grobe Abgötterei, die zu Sardes mit ihr getrieben
wurde, die böse Gewohnheit zugezogen, jede Phantasie, die ihr zu Kopfe steigt,
auf der Stelle zu befriedigen, und zu erwarten dass man sich alles, was sie zu
sagen und zu tun beliebt, wohl gefallen lasse. Mit Einem Wort, Aristipp, dein
weiblicher Alcibiades ist das wahre Wort des Rätsels. Geben die Götter, dass die
Aehnlichkeit sich nicht bis auf den Ausgang der Abenteuer erstrecke, in welche
sie sich mit einem solchen Charakter noch verwickeln könnte.
    Das zarte dankbare Herz meiner Musarion leidet nicht wenig bei der Freiheit,
die wir uns in unsern Urteilen über ihre geliebte Pflegemutter heraus nehmen.
Sie möchte sich selbst gerne verbergen, dass wir Recht haben, und würde uns
zürnen, wenn sie zürnen könnte, dass wir alles im vollen Sonnenlichte sehen, was
sie selbst nur in dem sanft verhüllenden und verwischenden Mondlicht, oder in
der verschönernden Beleuchtung der Abendsonne sehen will. Demungeachtet bittet
sie mich, dir in ihrem Namen für die freundliche Art zu danken, wie du ihrer
gegen Lais erwähnt hast. Das holdselige Weibchen gibt mir täglich neue Ursache,
mich in ihrem Besitz glücklich zu fühlen. Ich weiss nicht ob du dich erinnerst,
dass ich eine Schwester habe, die bei deiner ersten Abreise von Cyrene noch ein
Kind von vier bis fünf Jahren war? Da wir vor einiger Zeit das Unglück hatten
unsre gute Mutter zu verlieren, bat Musarion meinen Vater, dass er ihr die junge
Kleone anvertrauen möchte, die jetzt gerade in die Jahre tritt, wo die Aufsicht
und Leitung einer mütterlichen Freundin einem Mädchen am nötigsten ist. Du
zweifelst nicht, dass es ihr mit der besten Art zugestanden wurde; und so habe
ich schon seit mehreren Wochen das Vergnügen, eine Schwester, die ich nach
Musarion über alles liebe, unter ihren Augen, gleich einer lieblichen noch ganz
unversehrten Rosenknospe unter den schirmenden Blättern des mütterlichen
Stockes, allmählich zur schönsten Blüte sich entfalten zu sehen.
    Gedenkst du dich noch lange zu Rhodus zu verweilen, Aristipp? - Wie gerne
wir dir auch die mannichfaltigen Genüsse gönnen, die dir in dem Lande, welches
sich Minerva und Apollo mit den Musen und Grazien zu ihrem eigenen Sitz erkoren
haben, von allen Seiten zuströmen, so gibt es doch Tage und Stunden (und es sind
gerade die seligsten unsers glücklichen Familienlebens), wo wir uns alle nach
dir sehnen, und die Atener und Korintier, Milesier und Rhodier - und wer kann
sie alle zählen, die uns das Glück, dich zu besitzen, vorentalten? - so
herzlich darum beneiden, dass es ihnen unmöglich wohl bekommen kann.
 
                                      15.
                                 An Kleonidas.
Die sittenrichterliche Miene, womit du die scherzhaften Stellen meines letzten
Briefes beinahe gar zu ernstaft beantwortest, lieber Kleonidas, lässt dir so
gut, dass ich nicht ungehalten über dich werden könnte, wenn ich auch Ursache
hätte es - über mich selbst zu sein. Es ist nicht unmöglich, dass die Asiatische
Luft, die ich seit einigen Jahren atme, die Wirkung auf mich tut, die du
bemerkt haben willst; wenigstens wäre dies eben so natürlich, als dass der zarte
Sinn meines Kleonidas für das Geziemende und Schöngute durch die glückliche
Beschränkteit, Regelmässigkeit und halcyonische Stille seines häuslichen
Künstlerlebens immer zärter werden, und daher manches mehr oder weniger
auffallend finden muss, woran wir andern sorglos und vogelfrei in der Welt herum
treibenden Menschen nicht den geringsten Anstoss nehmen. Es ist, denke ich, mit
dem moralischen Gefühl, wie mit dem organischen: das Anwehen eines rauhen
Lüftchens fällt den zarten Wangen eines fast immer in den Mauern des
Frauengemachs eingekerkerten Mädchens, oder eines mit Rosen aufgefütterten
Knaben empfindlicher, als das Anprallen des schärfsten Nordwindes der ledernen
Haut eines abgehärteten Kriegsmannes oder Seefahrers. Indessen, wenn gleich auch
hier das eben Rechte in der Mitte liegt, so gesteh' ich doch willig ein, dass es
in sittlichen Dingen besser ist zu viel als zu wenig Zartgefühl zu haben.
    Meine Vergleichung unsrer Korintischen Freundin mit dem berüchtigten Sohn
des Klinias hätte ich von dir lieber bestritten als bekräftigt sehen mögen.
Vielleicht urteilen wir beide zu strenge über sie; vielleicht stimmt mich
dagegen zu einer andern Zeit die Erinnerung an so viele mit ihr verlebte Tage,
die so schön nie wiederkehren werden, zu einer grössern Nachsicht, als sie von
einem ganz unbefangenen Richter zu erwarten hätte. Genug, ich bin weit entfernt,
die Hoffnung aufzugeben, dass sie sich noch, unvermerkt, und am ehesten ohne
fremdes Einmischen, zu dieser ruhigen Selbstgenügsamkeit und Festigkeit des
Gemüts läutern werde, ohne welche wir freilich Ursache hätten immer für sie in
Sorgen zu sein. Warum hätte sie sich von Arasambes getrennt, und ihrer Freiheit
durch diese Trennung so grosse Opfer gebracht, wenn das schöne Bild einer reinern
Glückseligkeit, welche sie zu geben und zu empfangen fähig ist, nicht lebhaft
genug auf sie gewirkt hätte, um über die üppigsten Befriedigungen der Sinne,
über alle Forderungen der Eitelkeit, der Prachtliebe, und jeder andern
selbstsüchtigen Leidenschaft das Uebergewicht zu erhalten? Lassen wir ihrer
blumenreichen Phantasie noch einige Zeit sich durch rastloses Herumflattern zu
ermüden! Das Bedürfnis der Ruhe wird mit dem erwachenden Gefühl dessen, was sie
sich selbst sein könnte, nur desto dringender werden; sie wird sich unversehens
nach Aegina zurückziehen, ihre lieblichen Haine der Sokratischen Sophrosyne und
ihren ernsten Grazien heiligen, und glücklich sein wie sie es noch nie gewesen
ist; oder das letzte rührende Lebewohl und der weihende Händedruck des
scheidenden Weisen müsste alle seine Kraft an ihr verloren haben.
    Ich glaube gar ich schwärme, Freund Kleonidas? Beim Anubis34, es ist nicht
ganz richtig mit mir! Bald werd' ich mir gestehen müssen, dass ich dir ähnlicher
bin als mir meine Bescheidenheit zu denken erlauben wollte. - Ernstaft zu
reden, meine Freundschaft oder Liebe (wenn du willst) für dieses wunderbare
Wesen ist nie wärmer als wenn etliche tausend Stadien35 zwischen uns liegen. Die
Phantasie treibt zuweilen auch mit uns andern kaltblütigen Leuten ihr
Gaukelspiel. Mir, zum Beispiel, schiebt sie, in einer solchen Entfernung,
unvermerkt eine Art von idealischer Lais unter, wie ich etwa wünsche dass die
wirkliche sein möchte; und dann dünkt mich, es sei nichts was ich nicht für sie
zu tun fähig wäre, wenn sie dadurch glücklich würde, und mir gehen seltsame
Grillen durch den Kopf, die ich mir durch allerlei scheinbare Vorspiegelungen
wahr zu machen suche. Ich besorge sehr, die Hoffnung, dass der abgeschiedene
Geist des Sokrates noch ein Wunder an ihr tun werde, ist eine dieser Grillen;
denn leider! bei kühler Ueberlegung sehe ich wenig Wahrscheinlichkeit, dass die
leibhafte Lais jemals von dem was sie ihr System nennt zurückkommen werde,
wiewohl es im Grunde nichts als Blendwerk ist, hinter welchem sie ihre
übermütige Lust, Unheil in unsern armen Köpfen anzurichten, sich selbst zu
verbergen sucht.
    Mit der schönen Cyrene, zu welcher du mich so freundlich einladest, geht es
mir wie mit der schönen Lais; meine Liebe zu ihr wächst mit dem Raum und der
Zeit die mich von ihr entfernen; und wie könnte Liebe ohne Verlangen sein?
Cyrene, die doch alles, was mir das Liebste ist, entält, bleibt auch immer das
letzte Ziel meiner Wanderungen, das Itaka36 der freiwilligen Odyssee, die ich -
nicht dichte - sondern lebe. Ich nenne sie freiwillig, weil keine feindseligen
Götter sich gegen meine Zurückkunft verschworen haben: aber dennoch zweifle ich
selbst, dass sie so ganz willkürlich ist, als das täuschende Gefühl der Freiheit
sie mir vorspiegelt; denn die unsichtbaren Seile, die mich nach Korint und
Aten zurückziehen, sind darum nicht minder stark, weil es keine Ankertaue sind.
Beide liegen noch zwischen mir und Cyrene, und ich kann jetzt noch nicht
ernstlich daran denken, sie hinter mir zu lassen. Überdies werde ich in Rhodus
selbst durch mancherlei Verhältnisse aufgehalten, und nach Achaja gedenke ich
nicht wieder zu kehren, ohne zuvor alle merkwürdigen Orte in Klein-Asien und die
nördliche Küste des Euxins37 besucht zu haben. Kurz, lieber Kleonidas, da ich
mich einmal so weit in die Welt hinaus gewagt habe, gebührt es sich entweder gar
nicht, oder als ein stattlicher, an Kenntnissen und Erfahrungen reicher, weiser
und gefüger Mann nach Cyrene zurück zu kommen.
 
                                      16.
                             Learchus an Aristipp.
Wir erfreuen uns wieder eines Vorzugs, um welchen uns Aten und Syrakus
beneiden, des Glücks, die schöne Lais, nach einer mehr als vierjährigen
Abwesenheit, wieder in unsern Mauern zu besitzen; wenn anders die Erlaubnis,
seine Augen unentgeltlich an ihrem Anschauen zu weiden, für eine Art von
gemeinsamen Besitz gelten kann. Dies ist ein Recht, oder vielmehr eine Wohltat,
die sie, gleich der Sonne, allen Augen zugesteht, die es auf die Gefahr, eben so
wie von einem Blick in die Sonne geblendet zu werden, wagen wollen in die
ihrigen zu sehen. Irgend einer höhern oder geheimern Gunst kann sich unter
allen, die sich darum zu beeifern scheinen, bis jetzt noch keiner rühmen: aber
auch diese ist schon so gross, dass einige Zeit hingehen dürfte, bis irgend ein
Uebermütiger sich erdreisten wird, über die Unzulänglichkeit einer so geistigen
Nahrung der ungenügsamsten aller Leidenschaften zu knurren. In der Tat ist ihre
Schönheit noch immer im Zunehmen, und scheint sogar, anstatt durch die Zeit das
Geringste von ihrer frischen Blüte verloren, im Gegenteil in der Blende, worin
sie zu Sardes gestanden, einen noch höhern Glanz gewonnen zu haben, - etwas
Gebieterisches, Königliches möcht' ich sagen, das in die Länge kaum erträglich
wäre, wenn sie es nicht durch die liebenswürdigste Anmut der Sitten und das
gefälligste Benehmen im Umgang zu mildern wüsste. Bei allem dem lebt sie auf
einem so fürstlichen Fuss zu Korint, dass zu besorgen ist, falls auch sie selbst
reich genug wäre, es immer auszuhalten, die Korintier möchten nicht artig oder
demütig genug sein, es lange gut zu finden. Indessen, bis jetzt geht noch alles
als ob es nicht anders sein könnte. Das Volk, dem der Schein immer für das
Wesentliche gilt, wird durch den Schimmer, womit sie sich umgibt, und ihre grosse
Manier das Persische Gold in Umlauf zu setzen, im Respect erhalten; unsre
Patricier hingegen trösten sich mit dem Gedanken, dass eine solche Lebensart der
geradeste Weg sei, die stolze Göttin desto eher zu humanisiren und endlich so
geschmeidig zu machen, als jeder sie, wenigstens für sich selbst, zu finden
wünscht. Da dies aber ganz und gar nicht in den Plan der Dame zu passen scheint,
so würde, däucht mich, ein warnender Wink von einem vertrauten Freunde nicht
überflüssig und vielleicht von guter Wirkung sein. Ich selbst bin zwar so
glücklich sie öfters zu sehen, und sogar zu dem engern Ausschuss ihrer
Gesellschafter zu gehören: aber, wenn ich auch grossmütig genug sein wollte,
gewissermassen gegen meinen eigenen Vorteil zu handeln, so ist doch mein
Verhältnis zu ihr nicht von solcher Art, dass ich mir ohne Zudringlichkeit das
Amt eines Erinnerers herausnehmen dürfte. Auf jeden Fall, lieber Aristipp, wäre
wohl das Beste, wenn du dich entschliessen könntest, dich den Reizen der schönen
Rhodos zu entreissen, und mit der ersten guten Gelegenheit nach Korint zu
kommen. Lais scheint beinahe gewiss darauf zu rechnen, und dein gastfreundliches
Gemach im Hause deines Learch ist zu allen Stunden für deine Aufnahme
ausgeschmückt.
                                                                            L.W.
 
                                      17.
                               Lais an Aristipp.
Verzeihe, mein Lieber, wenn ich dich länger als recht ist auf Nachricht warten
liess, wie deiner Freundin die Luft des Istmus wieder bekommt, und wie sie nach
einer so langen Abwesenheit von den Korintiern aufgenommen worden. Jene hat mir
mit dem ersten Atemzug alle meine vorige Leichtigkeit und Unbefangenheit
wiedergegeben; diese benehmen sich so artig und anständig, als es die etwas
zweideutige Wittwe eines noch vollauf lebenden Persischen Fürstensohns nur immer
verlangen kann. Ich mache ein ziemlich grosses Haus, lebe wieder so frei wie die
Vögel des Himmels nach meiner eigenen gewohnten Weise, und erinnere mich
zuweilen des Aufentalts zu Sardes, und aller seiner Herrlichkeiten, als eines
seltsamen Morgentraums, der im Erwachen unvermerkt an der aufgehenden Sonne
zerrinnt, und, wie angenehm er auch war, kein Bedauern dass er ausgeträumt ist in
der Seele zurücklässt. Freilich befinde ich mich in dem ungewöhnlichen Fall einer
Person, die im Traum einen grossen Schatz erhoben hätte, und beim Erwachen
wirklich einen kleinen Berg von Goldstücken vor ihrem Bette aufgeschüttet fände;
und wenn du glaubst, dass dieser Umstand nicht wenig zu der Ruhe, deren ich mich
rühme, beitragen könnte, so will ich so ehrlich sein und gestehen, dass du es
nahezu erraten hast.
    Ich lebe hier ungefähr auf eben demselben Fuss wie zu Milet. Mein Haus ist,
zwar nicht zu allen Stunden, aber doch in den gewöhnlichen, wo man Gesellschaft
sieht, allen offen, die man zu Aten Kalokagaten38 nennt. Eupatriden, Staats-
und Kriegsmänner, Dichter, Sophisten und Künstler, alte und junge, reiche und
arme, fremde und einheimische, jedermann, der sich in guter Gesellschaft mit
Anstand zeigen kann, ist gern gesehen; nur dass immer zwei oder drei mit einander
kommen müssen: denn die Unterhaltungen unter vier Augen sind nur den vertrautern
Freunden, lauter Männern, die meine Väter sein könnten, vorbehalten, und unter
den jüngern, höchstens Einem, den die Götter etwa in besondere Gunst genommen
haben; dir, zum Beispiel, wenn du hier wärest, zumal da sich bisher noch keiner
gefunden hat, der mich vergessen machen könnte, dass du es nicht bist.
    Es ist wohl kein Zweifel, dass ich mich durch diese Lebensordnung weder den
Matronen noch den Hetären (deren Orden hier sehr zahlreich und begünstigt ist)
sonderlich empfehle; wiewohl die letztern mehr Ursache hätten, mich für eine
Wohltäterin als für eine Conkurrentin anzusehen. Denn bei weitem die meisten
meiner Anbeter unterliegen am Ende doch der Versuchung, sich bei ihnen, wie die
Freier der Penelope bei - den gefälligen Hofmägden des Ulyssischen Hauses, für
ihre bei mir verlorne Zeit und Mühe zu entschädigen. Indessen muss ich gestehen,
dass die Verbindlichkeit, die sie mir von dieser Seite schuldig sind, vielleicht
doch einige Einschränkung leiden mag. Die Sache ist, dass ich, teils um mir
selbst die Pflichten der Frau des Hauses zu erleichtern, teils (wenn du willst)
aus Guterzigkeit, einige schöne junge Mädchen zu mir genommen habe, die zwar
Korintische Bürgerinnen sind, aber aus Mangel an Vermögen und Unterstützung
wahrscheinlich sich genötigt gesehen hätten, ihren Unterhalt der Aphrodite
Pandemos39 abzuverdienen. Diese lasse ich von den geschicktesten Lehrmeistern im
Lesen der Dichter, in der Musik und in der Tanzkunst unterrichten, und mache
mir, nach dem Beispiele der schönen Aspasia, selbst ein Geschäft daraus, sie zu
angenehmen Gesellschafterinnen für mich und andere zu bilden. Könnte ich ihnen
mit meinen Grundsätzen auch zugleich meine Sinnesart einflössen, so würde meine
Absicht vollkommen erreicht. Da sich aber darauf nicht rechnen lässt, so bin ich
zufrieden, ihnen so viel Achtung gegen sich selbst und so viel Misstrauen gegen
euer übermütiges Geschlecht beizubringen, als einem Mädchen nötig ist, das
sich in den gehörigen Respect bei euch setzen, und wenn sie, unglücklicherweise,
der Liebe sich nicht gänzlich erwehren kann, wenigstens keinem andern Amor
unterliegen will, als jenem Anakreontischen, den die Musen
Mit Blumenkränzen gebunden
Der Schönheit zum Sklaven gegeben.
    Du kannst dir leicht vorstellen, lieber Aristipp, was für eine alberne
Celebrität ich mir durch diese, den Söhnen und Töchtern der Achäer so ungewohnte
und so vielerlei Vorurteile vor die Stirne stossende, Lebensart zuziehen werde.
Dies ist eben nicht was ich wünsche; aber ich sehe nicht wie ich es vermeiden
könnte: wer schwimmen will, muss sich gefallen lassen nass zu werden.
    Ich habe die traulichen kleinen Symposien, die ich zu Milet bei mir
eingeführt hatte, wobei eine freie muntre Unterhaltung über interessante
Gegenstände die bessere Hälfte der Bewirtung ausmachte, auch hier wieder in den
Gang gebracht; wiewohl die Korintier überhaupt genommen keine Liebhaber von so
nüchternen Gastmählern sind. Bilde dir darum nicht ein, dass mein Koch sich dabei
vernachlässigen dürfe. Wenige Schüsseln, aber das Beste der Jahrszeit aufs
feinste zubereitet; kleine Becher, aber die edelsten Weine Cyperns und
Siciliens, - darin besteht meine ganze Frugalität, und ich gestehe gern, dass ich
sie - dir selbst abgelernt habe. Zu Aten reicht man damit aus und erhält noch
Lob und Dank: aber so genügsam sind unsre Korintischen Kalokagaten nicht.
Ausser deinem Freunde Learchus, und einem viel versprechenden jungen Künstler,
Namens Euphranor (der, im Vorbeigehen gesagt, einer meiner wärmsten und
hoffnungsvollsten Anbeter ist), sind es daher fast lauter Fremde, die sich um
den Zutritt zu meinen Aristippischen Orgien40 (wie ich sie dir zu Ehren nennen
möchte) bewerben, oder von freien Stücken dazu eingeladen werden. Die
Unterhaltung gewinnet nicht wenig dadurch, und ich denke es sollte sich aus
unsern Tischreden etwas ganz Artiges machen lassen, wenn sie, von einem
Geschwindschreiber aufgefasst, als blosser Stoff einem Meister wie Xenophon oder
Plato in die Hände fielen. Nicht selten wagen wir uns, auf die Leichtigkeit
unsrer Hand vertrauend, sogar an die verschlungensten Knoten der Philosophie;
und wenn uns die Entwicklung zu langweilig werden will, ziehen wir uns zuweilen
auf die kürzeste Art aus der Sache, und kommen der Subtilität unsrer Finger -
mit der Scheere zu Hülfe. Gestern z.B. erwähnte Einer zufälligerweise, dass
Sokrates das Schöne und Gute für einerlei gehalten, und also nichts für schön
habe gelten lassen wollen, wenn es nicht zugleich gut, d.i. nützlich, ja sogar
nur insofern es nützlich sei. Dies veranlasste einen Dialog, wovon ich dir, weil
ich gerade zum Schreiben aufgelegt bin und (die Wahrheit zu gestehen) deine
eigene Meinung von der Sache wissen möchte, so viel als mir davon erinnerlich
ist, mitteilen will, wenn du anders Lust und Musse hast weiter zu lesen.
    Die Hauptpersonen des Gesprächs waren der junge Speusipp41 (Platons Neffe
von seiner ältern Schwester, einer der liebenswürdigsten Atener die ich noch
gesehen habe), ein gewisser Epigenes von Trözen, der seine Geistesbildung
vornehmlich von den Sophisten Prodikus und Protagoras erhalten zu haben vorgibt,
und Euphranor, welchem, da er Maler und Bildner zugleich ist, ein unstreitiges
Recht zukam, mit zur Sache zu sprechen. Dass die Frau des Hauses sich ein paarmal
in das Gespräch mischte, wirst du einer so erklärten Liebhaberin alles Schönen
zu keiner Unbescheidenheit auslegen.
    Mich dünkt (sagte Epigenes, der zu dieser Erörterung den Anlass gegeben
hatte), ehe wir uns auf die Frage »was das Schöne sei?« einlassen, wäre wohl
getan, den Sprachgebrauch um die Bedeutung des Wortes zu fragen, da es so
vielerlei, zum Teil ganz ungleichartigen Dingen beigelegt wird, dass der
allgemeine Begriff, der mit diesem Worte verbunden zu werden pflegt, nicht
leicht zu finden sein dürfte. Wir sagen: ein schöner Himmel, eine schöne Gegend,
ein schöner Baum, eine schöne Blume, ein schönes Pferd, ein schönes Gebäude, ein
schönes Gedicht, eine schöne Tat. Man sagt: dieser Wein hat eine schöne Farbe,
dieser Sänger eine schöne Stimme, diese Tänzerin tanzt schön, dieser Reiter
sitzt schön zu Pferde. Ich würde nicht fertig, wenn ich alle die körperlichen,
geistigen und sittlichen Gegenstände, Bewegungen und Handlungsweisen herzählen
wollte, denen das Prädicat schön beigelegt wird. Was ist nun die ihnen allen
zukommende gemeinsame Eigenschaft, um derentwillen sie schön genannt werden? Ich
kenne keine allgemeinere als diese, dass sie uns gefallen. Die Menschen nennen
alles schön was ihnen gefällt.
    Speusipp. Ich gebe gern zu, dass das Schöne allen gefällt, deren äusserer und
innerer Sinn gesund und unverdorben ist: aber dass alles, woran ein Mensch
Wohlgefallen haben kann, darum auch schön sei, kann schwerlich deine Meinung
sein.
    Lais. Sonst wäre nichts Schöneres als ein mit Fässern und Kisten wohl
beladenes Lastschiff voll morgenländischer Waaren! wenigstens in den Augen des
Korintischen Kaufmanns, vor dessen Hause sie abgeladen werden, und der in
diesem Augenblick gewiss mehr Wohlgefallen an seinen ohne Symmetrie über einander
hergewälzten Fässern, Kisten und Säcken hat, als an dem schönsten Gemälde des
Parrhasius.
    Epigenes. Also, mich genauer auszudrücken, nenne ich schön, was allen
Menschen, ohne Rücksicht auf den Nutzen, der daraus gezogen werden kann,
gefällt.
    Speusipp. Sollte damit zu Erhaltung des Begriffs vom Schönen etwas gewonnen
sein? Was gefällt, ist (deinem eigenen Geständnis nach) nicht immer schön; aber
das Schöne gefällt immer, bloss weil es schön ist. Die Frage was ist schön?
bleibt also noch unbeantwortet.
    Euphranor. Könnte uns nicht irgend ein Werk der Kunst am leichtesten zu der
Antwort verhelfen, die wir suchen?
    Lais. Mich dünkt, Euphranor bringt uns auf den rechten Weg.
    Euphranor. Zum Beispiel, der junge Bacchus dort, dem der lachende Faun den
rosenbekränzten Becher reicht, indem er mit dem linken Zeigefinger schalkhaft
auf die neben ihm an einem Weinschlauch eingeschlafne Mänas hinweiset.
    Lais. Es soll eines der besten Werke des berühmten Alexis von Sicyon sein.
    Euphranor. Lassen wir diesen Bacchus für schön gelten, oder hat jemand etwas
Wesentliches an ihm auszusetzen?
    Speusipp. Ewige Jugend in ewig fröhlicher Wollusttrunkenheit kann unmöglich
schöner dargestellt werden.
    Euphranor. Das möchte ich nun eben nicht behaupten; genug, wir alle geben
zu, dass er nicht hässlich ist.
    Alle. Unstreitig.
    Euphranor. Was mag wohl die Ursache dieses einstimmigen Urteils sein?
    Lais. Unser Gefühl vermutlich.
    Epigenes. Aber warum wir es alle fühlen, und fühlen müssen, wir mögen wollen
oder nicht, das ist es wohl was Euphranor hören möchte?
    Euphranor. Und worin könnte dies liegen, als in der Gestalt des jungen
Gottes, in der bestimmten Form eines jeden seiner Glieder, in ihren
Verhältnissen gegen einander, und in ihrer Verbindung zur harmonischen Einheit
des Ganzen?
    Ich und Epigenes und die übrigen alle waren sogleich mit unserm Ja bei der
Hand. Nur Speusipp lächelte beinahe unmerklich und schwieg.
    Euphranor. Aber die schlummernde Mänas zu seinen Füssen - kann man läugnen
dass sie schön ist?
    Learchus. Ich glaube in aller Männer Namen kühnlich sagen zu dürfen, sie ist
sehr schön.
    Euphranor. Und der junge Faun?
    Lais. Ich wenigstens habe noch keinen schönern gesehen.
    Euphranor. Also der Gott ist schön, der Faun ist schön, die Bacchantin ist
schön, ungeachtet das, warum wir jedes für schön halten, die Formen und
Verhältnisse der einzelnen Teile und die Symmetrie des Ganzen, an allen dreien
die augenscheinlichste Verschiedenheit zeigt. Würden wir aber zufrieden sein,
wenn der Faun für den Weingott angesehen werden könnte, oder der Weingott für
einen Faun? Mit der Form des schönsten Fauns würden wir den Bacchus nicht schön
genug, mit den Formen des letztern hingegen jenen allzu schön finden. Und wenn
die Mänas ihren hohen Busen gegen die breite Brust des Bacchus, er seine
Schultern und Hüften gegen die ihrigen umtauschte, würden nicht beide dabei
verlieren, wiewohl sie Schönes um Schönes gäben?
    Epigenes. Ganz gewiss. Schön wäre demnach etwas so Verhältnissmässiges, dass es
unter veränderten Umständen hässlich werden könnte; wie z.B. ein schönes Weib
einen missgestalteten Mann, ein schöner Faun einen hässlichen Bacchus abgäbe?
    Euphranor. Dies möchte doch wohl zu viel gesagt sein. Ein Mann mit
weiblichen Gliederformen wäre doch immer ein schönes Ungeheuer, und ein Bacchus
mit den Formen eines schönen Fauns würde nur unedel, nicht hässlich sein.
Indessen könnte auch aus lauter schönen Teilen ein sehr widerliches Ganzes
zusammengesetzt werden, ohne dass die Teile aufhörten schön zu sein; es braucht
dazu nichts weiter, als jedem eine unrechte Stelle zu geben. Der schönste Munde
schief auf die Stirn, das schönste Auge an die Stelle des Mundes, und die
zierlichste Nase an den Platz des Auges gesetzt, würde aus dem Gesicht einer
Lais eine lächerliche Fratze machen.
    Lais. Führt uns dies nicht unvermerkt auf den Sokratischen Begriff42 zurück,
dass jedes Ding schön ist, wenn es das ist, was es seiner Natur und seinem Zwecke
nach, sein soll?
    Epigenes. Wenn dies keine Ausnahmen leidet, so würde der Elephant, der Dachs
und die Fledermaus eben so wohl an Schönheit Anspruch zu machen haben, als der
Onager43, das Reh und der Fasan.
    Lais. Warum nicht, wenn wir dem unerschöpflichen Erfindungsgeiste der
göttlichen Bildnerin Natur nicht unbefugte Schranken setzen, und durch
eigensinnige Vorliebe für gewisse uns vorzüglich gefällige Gestalten uns zu
kleinlichen einseitigen Urteilen verleiten lassen wollen?
    Euphranor. Mit allem Respect, den ich dir und der göttlichen Bildnerin
schuldig bin, verzweifle ich doch es jemals so weit zu bringen, dass mir die
Fledermaus oder der Krokodil schön vorkomme, und ich glaube hierin die Augen
aller Menschen, und die deinigen zuerst, auf meiner Seite zu haben. Auch sehe
ich nicht, warum alles, was die Natur hervorbringt, gerade für unsern
Schönheitssinn gebildet sein müsste; und da es uns an Worten nicht mangelt, warum
muss denn etwas, das nur dem Verstande schön ist, mit einem Worte bezeichnet
werden, welches in seiner eigentlichen Bedeutung vorzüglich solchen Dingen
zukommt, die durch Formen und Farben, harmonische Verhältnisse und Symmetrie
unsre Augen, oder vielmehr den innern Sinn, dessen Werkzeug sie sind, vergnügen?
Die meisten Schöpfungen der Natur haben diese Eigenschaft in höhern und mindern
Graden. Ich zweifle sehr, dass ein Mensch in der Welt ist, der nicht auf den
ersten Anblick die Gans schöner als die Ente, den Schwan schöner als die Gans,
den Pfau schöner als den Schwan finden sollte: aber vor der Fledermaus schaudert
jeder, der sie erblickt, zurück.
    Lais. Wiewohl die Unverschämteit zu Aten eine Göttin ist, so verlasse ich
mich doch nicht genug auf ihren Beistand, um dir hierin zu widersprechen; sie
könnte mich hässlich im Stiche lassen, wenn einer dieser schönen Nachtvögel
unversehens daher geschossen käme, um sich für die unverdiente Ehre zu bedanken,
die ich ihm erwiesen habe.
    Dieser unzeitige Scherz stimmte sogleich die ganze Gesellschaft auf einen
andern Ton. Die Atener erhielten ziemlich zweideutige Lobsprüche über ihre
ausserordentliche Gottesfurcht; und da sie eben nicht im Ruf sind, sich durch die
Tugenden der Bescheidenheit und Scham unter den Griechen auszuzeichnen, so
meinte Learchus, sie hätten wohl getan, der Anädeia44 für die guten Dienste,
die sie ihnen bei mehr als Einer Gelegenheit geleistet, eine Capelle zu bauen,
und sich dadurch ihres Beistandes auf immer zu versichern. Der gute Speusipp,
wiewohl er zu viel Urbanität besitzt, um von solchen Scherzen beleidiget zu
werden, glaubte doch zuletzt, er müsse sich seiner bedrängten Vaterstadt
annehmen, und bemühte sich, uns (etwas ernstafter als nötig war) darzutun:
dass es einem so religiösen Volke, wie die Atener von jeher gewesen, zumal in
jenen Zeiten einer noch sehr grossen Einfalt der Begriffe und Sitten, keineswegs
zu verdenken sei, dass sie sich von einem Mystagogen45, der in einem so hohen Ruf
der Heiligkeit und Weisheit in den göttlichen Dingen gestanden, wie Epimenides46
, hätten bewegen lassen, der Hybris47 und der Anädeia eigene Tempel zu widmen,
in der Absicht diese übeltätigen Dämonen dadurch zu besänftigen und zur
Schonung zu bewegen; zumal da die entgegen gesetzten guten Dämonen, Eleos und
Aido48, bereits öffentliche Altäre zu Aten hatten, und jene, wenn sie
vernachlässigt worden wären, eine solche Parteilichkeit sehr ungnädig hätten
aufnehmen können. Die Atener (meinte er) befänden sich mit der Göttin
Unverschämteit in dem nämlichen Falle wie die Spartaner mit ihrem Gotte Furcht,
welcher von Alters her sehr andächtig von ihnen verehrt worden sei, ohne dass es
jemals einem Menschen eingefallen, ihre Tapferkeit deswegen in den mindesten
Zweifel zu ziehen.
    Es wäre nicht artig gewesen, einem Abkömmling des weisen Solon wegen dieser
Apologie seiner Mitbürger ins Gesicht zu lachen. Ich versicherte ihn also in
unser aller Namen, dass wir weit entfernt seien, diese Sache in einem andern
Lichte zu sehen; und da die ganze Gesellschaft zu bedauern schien, dass wir den
Gegenstand unsers Gesprächs darüber aus dem Gesichte verloren, setzte ich hinzu:
ich würde für meinen unzeitigen Scherz zu hart bestraft sein, wenn wir des
Vergnügens entbehren müssten, zu hören, wie Speusipp, wenn ich recht in seinen
Augen gelesen hätte, im Begriff gewesen sei, den Knoten zu entschlingen, der,
meines Erachtens, bisher unter unsern Händen eher noch mehr verwickelt als
aufgelöst worden. Du musst wissen, dass dieser Speusipp, einen schwachen Anstrich
von Platonischer Pedanterei abgerechnet, ein sehr feiner Jüngling ist, und
(unter uns gesagt) ohne meine Schuld einen der Pfeile, welche der Sohn Cyterens
aus meinen Augen links und rechts, wohin es trifft, zu schiessen beschuldigt
wird, ziemlich tief in der Leber stecken zu haben scheint. Ich bin nicht
gesonnen zu seiner Heilung den geringsten Aufwand zu machen; sollte aber das
Uebel gar zu ernstaft werden, so verlasse ich mich auf die kleine Lastenia49,
die seit einiger Zeit die Stelle der schönen Droso bei mir eingenommen, und eine
so schwärmerische Liebe für die Platonische Philosophie gefasst hat, dass
Speusipp, wofern er noch einige Tage hier verweilt, notwendig davon gerührt
werden muss. - Doch wieder zur Sache!
    Der junge Mann antwortete auf meine Einladung, nicht ohne bis in die Augen
rot zu werden, mit aller Grazie und Zuversicht, die du einem Atener und einem
Neffen Platons zutrauen wirst. Mich dünkt, fuhr er fort, wir haben uns bisher
immer um einen dunkeln Begriff des Schönen, dessen Dasein wir voraussetzen,
herumgedreht, ohne ihm selbst näher gekommen zu sein. Sinne und Einbildungskraft
stellen uns nichts als einzelne Dinge dar, die wir, wenn ihre Gestalt uns
gefällt, schön nennen, wiewohl uns immer eines schöner als das andere däucht.
Auch die Kunst zeigt uns, sogar in ihren idealisirten Werken, nur einzelne
Gestalten, einen Ringer, Wettläufer oder Faustkämpfer, einen Achilles, Ajax oder
Ulysses, einen Zeus, Apollo, Mercur, Bacchus u.s.w., nie den Menschen, den
Helden oder den Gott, der so schön ist, als Mensch, Held oder Gott gedacht
werden kann. Daher sind die Eleer und Atener nie sicher, dass nicht ein Bildner
aufstehe, der einen noch schönern Jupiter als ihren Olympischen, eine schönere
Aphrodite als die des Alkamenes in den Gärten darstelle. Aber wie könnten wir
urteilen, dass irgend ein einzelnes Ding schöner sei als ein anderes in seiner
Art, wenn die Idee des allgemeinen Schönen nicht bereits in unsrer Seele läge,
welche gleichsam der Massstab ist, woran wir das einzelne Schöne in der Natur und
Kunst messen? Diese Idee ist es was wir suchen, ohne zu wissen dass wir sie schon
haben, wiewohl es uns eben darum, weil sie eine Idee ist, an Mitteln fehlt, sie
auf eine andere Art sinnlich darzustellen als im Einzelnen, das ist, durch blosse
Annäherungen, wobei immer die Möglichkeit eines Schönern bleibt, weil das
Schönste, die Idee selbst, im Einzelnen erreichen zu wollen, eben so viel wäre
als das Unendliche in einen beschränkten Raum zu fassen.
    Also sprach er - und ergötzte sich, wie es schien, an dem Erstaunen, das in
unser aller weit offnen Augen zu lesen war. Eine allgemeine Stille ruhte eine
Weile auf der ganzen Tischgesellschaft; es war uns allen, denke ich, als ob uns
etwas geoffenbaret worden wäre, und wir wunderten uns, allmählich gewahr zu
werden, dass wir im Grunde nicht mehr von der Sache wussten als vorher. Epigenes
war der erste, der das heilige Schweigen brach. Wir sind dem Speusippus nicht
wenig Dank schuldig (sagte er mit einem Ernst, der das eben ausbrechen wollende
Lachen von den Lippen deiner mutwilligen Freundin zurückschreckte), dass er uns
einen Blick in die erhabensten Mysterien seines berühmten Oheims tun liess, und
uns das unaussprechliche Wort seiner Philosophie50 vertraute. Denn die Idee ist
der Schlüssel zu allen Geheimnissen der Natur in und ausser dem Menschen. - Ich
gestehe mit Beschämung, sagte Euphranor, dass dieser Schlüssel mir nichts
aufschliesst. Ich begreife nichts von einer Idee, die ich in mir trage, ohne zu
wissen weder dass ich sie besitze noch wie ich zu ihr gekommen bin, also auch
ohne gewiss zu sein, dass ich sie habe. - Wundert dich dies, Euphranor? versetzte
der junge Atener lächelnd; du hast also, wie es scheint, nie wahrgenommen, wie
vieles in dir ist, dessen Dasein und Beschaffenheit dir nur durch seine
Wirkungen offenbar wird? Die ungelehrtesten Menschen empfinden, erinnern sich
des Empfundenen, vergleichen und unterscheiden, bilden sich Begriffe und machen
Schlüsse, ohne zu wissen, wie sie dabei zu Werke gehen; und der gelehrteste weiss
im Grunde nicht viel mehr davon als sie. Die Idee des Schönen erweiset sich in
dir und in uns allen durch ihre Wirkungen; sie selbst ist so wenig anschaulich,
als es z.B. die Kraft ist, mit welcher du urteilst, ob du zu dem, was du malen
willst, einen feinern oder gröbern Pinsel nehmen und ihn in diese oder jene
Farbenmuschel tauchen sollest. - Es mag vielleicht sein wie du sagst, erwiederte
Euphranor: aber wessen ich sehr gewiss bin, ist, dass ich mich, wenn ich eine
Galatea malen oder einen Mercur bilden sollte, auf eine Idee, die ich in mir
herumtrage, ohne es zu wissen, nicht verlassen dürfte. Dass ich die Verhältnisse
und Formen des männlichen und weiblichen Körpers, die bei den Griechen für die
schönsten gelten, studirt habe; dass ich genau weiss, wie ein Arm oder Schenkel
gestaltet sein muss, um von jedermann für schön erkannt zu werden, und wie jedes
Gliedmass nebst allen übrigen, die mit ihm in Verbindung stehen, sowohl in Ruhe
als in jeder Art von Bewegung und Stellung, aus jedem Gesichtspunkt betrachtet
erscheinen muss; dass ich weiss, wie man den Pinsel und den Meissel handhaben muss;
dass ich, wenn ich male, jedem Gegenstande seine wahre Gestalt, Farbe und
Haltung, Charakter und Ausdruck, jedem Teil sein rechtes Verhältnis zu den
übrigen, jedem Muskel sein gehöriges Spiel zu geben, Licht, Farben und Schatten
richtig und zweckmässig zu verteilen, und das Ganze auf seinen gehörigen Ton zu
stimmen weiss: alles das sind Dinge, deren ich mir sehr klar bewusst bin, wovon
ich Rechenschaft geben kann, und ohne welche ich nichts machen könnte, das des
Sehens wert wäre. Auch bin ich mir eben so klar bewusst, wie ich zu dem, was ich
weiss und kann, gelangt bin: nämlich nicht durch den magischen Einfluss einer
Idee, die mir selbst unsichtbar ist, sondern durch emsiges forschendes
Betrachten der Natur und der Kunstwerke trefflicher Meister, öfteres Besuchen
der Gymnasien und Kampfspiele, hartnäckigen Fleiss, viele Uebung, Liebe zur
Kunst, und brennenden Wetteifer mit denen, die ich anfangs nur nachzuahmen
suchte. Und was den Massstab der Grade des Schönen betrifft, wozu bedürfte ich
eines andern als der bestimmten Gestalten einer kleinen Anzahl von Personen, die
in ihrer Art für vorzüglich schön gelten, und des feinen Gefühls des Gehörigen,
Gefälligen und Genugsamen, das durch beständige Uebung des Kunstsinns an der
Natur selbst erworben wird? Ich habe, wiewohl ich noch nicht dreissig Jahre
zähle, das Schönste gesehen, was in den vornehmsten Städten der Griechen zu
sehen ist; aber ich erinnere mich nicht, irgendwo ein Bild eines Gottes, eines
Homerischen Helden, einer Göttin oder Nymphe gesehen zu haben, welches (das
Conventionelle abgerechnet) schöner wäre, als gewisse Personen, die ich kenne.
So ist z.B. dieser Faun nach einem jungen Arkadischen Ziegenhirten - dieser
Bacchus nach einem sehr schönen Jüngling, mit welchem ich zu Sicyon öfters
badete, und die schlummernde Mänas nach einer Sklavin der Frau dieses Hauses
gebildet. - Und dies weisst du so gewiss? fragte Speusipp. - »So gewiss, als dass
nicht der berühmte Alexis von Sicyon, wie Lais im Scherz vorgab, sondern der
noch unberühmte Euphranor von Korint diese Gruppe, die du selbst mit deinem
Beifall beehrtest, gearbeitet hat. Hätte ich eine mit dem Gürtel der Venus
geschmückte Juno zu malen, so weiss ich sehr wohl, an welche sichtbare Göttin ich
meine Gelübde richten würde.« - In der Tat, sagte Speusipp mit der Attischen
Miene, die du als ein Vorrecht der edeln Teseiden51 kennst, es ist nicht zu
läugnen, dass wir ein wenig lächerrlich sind, indem wir uns an der Tafel der
schönsten Frau in Griechenland die Köpfe darüber zerbrechen was schön sei; denn,
welche Bewandtnis es auch mit dieser Frage haben mag, dies ist gewiss, dass jeder,
der sie sieht, seine höchste Idee der Schönheit in ihr verkörpert finden wird.
    Sobald das Gespräch eine solche Wendung nahm, war es hohe Zeit, ihm ein Ende
zu machen. Auf einen Wink, den ich kurz zuvor einer Aufwärterin gegeben hatte,
trat in dem Augenblick, da Speusipp das letzte Wort aussprach, die schöne
Lastenia an der Spitze meiner oben erwähnten jungen Nymphen in den Saal, um die
Gesellschaft mit Musik und Tanz zu unterhalten; und bevor eine Stunde vergangen
war, glaubte ich zu bemerken, dass meine junge Philosophin den Platoniker (der,
wie die Aphyen52, nur Feuer zu sehen braucht um zu kochen) unvermerkt immer
näher an sich zog. Bei euch Männern wird die gefälligste zuletzt immer über die
schönste den Sieg erhalten. Es ist ein unglücklicher Vorzug der Weiber, dass die
Leidenschaft der Liebe bei ihnen von der Gegenliebe ganz unabhängig und desto
hartnäckiger ist, je weniger sie Hoffnung hat erwiedert zu werden.
    Ich sehe zu spät, dass ich dir ein Buch statt eines Briefes geschrieben habe.
Möchtest du mich mit einem noch grössern für meine Unbescheidenheit bestrafen!
Sage mir doch ein paar Worte, wie dir's zu Rhodus geht, was du treibst, und ob
man hoffen darf, deine ehmalige Andacht zu dem Erderschütterer Poseidon wieder
einst erwachen zu sehen?
 
                                      18.
                               Aristipp an Lais.
Darf ich dir, im Vertrauen auf die Rechte einer zehnjährigen Freundschaft,
gestehen, schöne Lais, wie mir deine jetzige Lebensweise vorkommt? Betrachte ich
sie als einen blossen Uebergang von der Glorie einer unumschränkten Gebieterin
über die Person und die Schätze eines Persischen Grossen, zu der glücklichern
aber weniger schimmernden und prunkenden Lebensart, die einer Einwohnerin von
Korint geziemt, so wünsche ich bloss, dass du dich entschliessen mögest, zwar
nicht gar zu hastig, aber doch lieber zu schnell als zu langsam, von der Höhe
herabzusteigen, die du mit der freiesten Besonnenheit verlassen hast. Was die
stolzen Korintier in die Laune setzt, dir, wie einer fremden Fürstin, welche
sich eine Zeit lang unter ihnen aufhalten wollte, eine Art von glänzendem Hof zu
machen, ist (ausser dem Reiz, den die Neuheit der Sache für sie hat)
hauptsächlich die Hoffnung, womit jeder sich schmeichelt, den Vorzug endlich bei
dir zu erringen, nach welchem sie alle trachten. Da du nicht sehr geneigt
scheinst so viel Glückseligkeit um dich her zu verbreiten, so würde es deiner
Ruhe schwerlich zuträglich sein, wenn du den süssen Wahn einer so grossen Menge
von Aspiranten allzu lange nähren wolltest. Das Ratsamste wäre also, dich
selbst von der hohen Lydischen Tonart53 allmählich zu der gewohnten Dorischen
herabzustimmen; und dazu, däucht mich, würden deine kleinen Abendgesellschaften
ein sehr gutes Mittel sein, wenn du ihnen so viel Geschmack abgewinnen könntest,
deine gesellschaftliche Mitteilung allein, oder doch beinahe allein auf diese
den Musen vorzüglich geheiligten Orgien einzuschränken; an welchen ich nichts
auszusetzen habe, als dass ich durch eine Entfernung von drittalbtausend Stadien
davon ausgeschlossen bin. Doch, du willst mir ja Gelegenheit geben auch abwesend
an ihnen Teil zu nehmen, da du mich aufforderst, dir meine Gedanken über euer
neuliches Tischgespräch mitzuteilen. Ich bin nicht eitel genug mir einzubilden,
dass ich über diesen Gegenstand etwas zu sagen hätte, das für dich neu wäre; und
überhaupt gehört, meiner Meinung nach, das Schöne unter die unaussprechlichen
Dinge - der Natur, und lässt sich besser fühlen und geniessen, als zergliedern und
erklären. - »Aber (wirst du sagen) diese unaussprechlichen Dinge sind ja eben
was uns am stärksten anmutet, und worüber wir am liebsten vernünfteln - oder
irre reden mögen.« - Ich füge mich also sowohl deinem Willen als meinem eigenen
Naturtriebe, und wenn ich dir nichts Unbegreifliches und Unerhörtes offenbare,
so schreib' es meiner zur andern Natur gewordenen Maxime zu: im Philosophiren
immer verständlich zu bleiben, und vor allem mich immer selbst zu verstehen.
    Epigenes hatte Recht, mit der Frage, »was nennen die Menschen schön?« den
Anfang der Untersuchung zu machen; nur hätte er dem Einwurf Speusipps
zuvorkommen, und sogleich antworten sollen: wir Griechen pflegen alles schön zu
nennen, was uns, ohne Rücksicht auf seine Nützlichkeit, gefällt. Das
Wohlgefallen ist immer notwendig mit einem angenehmen Gefühl verbunden, und
umgekehrt; aber dieses Gefühl ist nicht der Grund warum uns das Schöne gefällt,
sondern die natürliche Wirkung des Schönen auf unsern Sinn. - »Warum gefällt uns
denn aber das Schöne?« - Mit der Antwort: weil es schön ist, wäre nichts gesagt;
indessen habe ich keine andere Antwort als, weil wir so organisirt sind dass es
uns, wofern ihm nicht nachteilige Umstände von aussen oder innen im Lichte
stehen, notwendig gefallen muss. - »Aber muss denn alles, was gefällt, schön
sein? Gefallen uns nicht viele Dinge bloss darum, weil sie zweckmässig und
nützlich sind?« - Allerdings werden, unserm Sprachgebrauch zufolge, auch solche
Dinge öfters schön genannt; nur hat der Sprachgebrauch Unrecht, wenn er schön
und gut vermengt. Das Schöne ist zwar, insofern es schön ist, immer etwas Gutes;
aber das Gute ist nicht, insofern es gut ist, notwendig auch schön; und dies
macht einen grossen Unterschied - »Damit ist für den Begriff des Schönen nichts
gewonnen,« sagt Speusipp; »das Rätsel, dessen Auflösung wir suchen, die Frage:
was ist das Schöne an sich? bleibt noch immer ungelöst und unbeantwortet.« - Aus
einem sehr einfältigen Grunde; bloss weil wir keine Antwort auf diese Frage
haben. Das Schöne oder die Idee des Schönen, in Platons Sinne, ist, wie Speusipp
selbst gesteht, kein Gegenstand unsres Anschauens. Wir sehen nur einzelne schöne
Dinge, und auch diese sind nur schön durch ihr Verhältnis gegen die Organe
unsrer Sinne; und wenn wir von schönen Dingen sprechen, so ist die Rede nur von
dem, was dem Menschen, nicht was an sich schön ist. - »Diesemnach könnten wir
von keinem Dinge sagen es sei schön; denn wie wollten wir die Stimmen aller
Menschen, die jemals gelebt haben, jetzt leben, und künftig leben werden,
darüber sammeln?« - Auch ist dies sehr unnötig. Mir genügt daran, dass etwas mir
schön ist; erscheint es auch andern so, desto besser; zuweilen auch nicht desto
besser: denn man ist öfters in dem Falle, etwas Schönes gern allein besitzen zu
wollen. Wie dem aber auch sei, genug dass es nun einmal nicht anders ist noch
sein kann, und dass wir von sehr vielen Dingen keinen andern Grund, warum wir sie
für schön halten, anzugeben haben, als weil sie uns schön vorkommen, oder,
genauer zu reden, weil sie uns gefallen. - »Ein Ding kann also zugleich schön
und nicht schön sein?« - Nicht sein, aber scheinen, so wie z.B. dem
Gelbsüchtigen die Lilie, die allen gesunden Augen weiss ist, gelb zu sein
scheint. Was ich schön finde, kann allerdings andern, aus mancherlei Ursachen,
mit Recht oder Unrecht, gleichgültig oder gar missfällig sein; denn Vorurteil
oder Leidenschaft kann mich oder sie verblenden. Die Liebe verschönert und hat
für jeden Fehler des Geliebten ein milderndes Wörtchen, das ihn bedeckt oder gar
in einen Reiz verwandelt; der Hass tut das Gegenteil. Mangel an Bildung und
klimatische oder andere locale Angewohnheiten haben vielen Einfluss auf die
Urteile der Menschen über Schönheit und Hässlichkeit. Kurz, das Wort schön,
welchem Gegenstand es beigelegt werden mag, bezeichnet bloss ein gewisses
angenehmes Verhältnis desselben, besonders des Sichtbaren, Hörbaren und
Tastbaren, zu einem in Beziehung mit demselben stehenden äussern oder innern
Sinn; weiter hinaus reicht unsre Erkenntnis nicht, oder verliert sich in dunkle
Vorstellungen und leere Worte.
    Ein solches Wort scheint mir die angeborne Idee zu sein, welche der Neffe
des grossen Aërobaten54 Plato für den Kanon55 des Schönen, und Plato selbst (wenn
ich ihn anders verstehe) für einen in unsre Seele fallenden Widerschein eines
ihm und uns unbegreiflichen Urbildes des Schönen ausgibt, welchem er in den
überhimmlischen Räumen56 einen Platz unter den übrigen Ideen anweiset. Da diese
Platonischen Offenbarungen auch mir (wie dem wackern Euphranor) nichts klärer
machen, so halte ich mich an das, was ich auf dem Wege der Beobachtung der Natur
im Geschäfte der Entwicklung und Ausbildung unsres Schönheitssinnes abgelauscht
zu haben glaube.
    Ich nehme als etwas allgemein Wahres an, dass ein gewisser Grad von Licht,
und die gänzliche Abwesenheit desselben, eine ganz lichtlose Finsternis, die
entgegengesetzten äussersten Gränzen bezeichnen, innerhalb welcher das Licht
allen gesunden menschlichen Augen schön ist. Innerhalb dieser Gränzen liessen
sich, wenn wir ein Werkzeug das Licht zu messen hätten, eine Menge Abstufungen
andeuten, welche die Grade unsers Vergnügens am Licht, oder (was eben dasselbe
sagt) die Grade seiner Schönheit bezeichnen würden. Indessen lehrt die
Erfahrung, dass eine gewisse Abwechselung und Mischung der höhern Grade des
Lichts mit dem niedrigsten dasjenige ist, was in dem grossen Gemälde der Natur
die angenehmsten Eindrücke auf uns macht. Der Grund hiervon liegt ohne Zweifel
in der organischen Beschaffenheit unsers Auges, und mich dünkt, wir können uns
dabei beruhigen, ohne tiefer in das Geheimnis der Natur eindringen zu wollen als
sie uns erlaubt. Mit den Farben hat es eben dieselbe Bewandtnis. Der Anblick
einer in tausendfältige Schattirungen von Grün gekleideten und von einem azurnen
Himmel umflossenen Landschaft vergnügt unser Auge und däucht uns schön; noch
schöner der Himmel, wenn eine Menge leichter goldverbrämter Rosenwölkchen, wie
schwimmende Inseln in einem hellblauen Meere, von Abend gegen Morgen langsam an
ihm daherschweben; am schönsten, wenn die Abendsonne durch ein dünnes
Dunstgewölk in eine Glorie von zusammengefloss'nen Regenbogen zu zerschmelzen
scheint. Eine ähnliche Wirkung würde der Anblick der Erde tun, wenn Bäume, Gras
und Kräuter, gleich einem mit den buntesten Blumen aller Art besetzten
Gartenstück, einen unaufhörlichen Wechsel der lebhaftesten Farben in unsre Augen
spielten. Wie entzückend aber auch ein solcher Anblick wäre, so sind doch unsre
Gesichtswerkzeuge nicht dazu eingerichtet, so viel Schimmer und so lebhafte
Farben in die Länge zu ertragen. Indessen erklärt sich daraus, warum uns die
Natur im Frühling am schönsten erscheint; weil nämlich die Färbung des magischen
Gemäldes, das sie uns in dieser lieblichsten der Horen darstellt, zwischen dem
einförmigen Blau und Grün, und einem allzu bunten und feurigen Farbenspiel
gleichsam in der Mitte schwebt.
    Eben so, wie die Ursache der mehr oder minder angenehmen Wirkung des Lichts
und der Farben in der Organisation unsers Auges zu suchen ist, scheint auch die
allgemeine Erfahrung, dass gewisse Linien, Figuren und Körper dem Auge und der
tastenden Hand angenehmer sind als andere, hauptsächlich in der natürlichen
Beschaffenheit dieser Organe gegründet zu sein. Warum gefällt uns eine
sanftwallende Linie besser als eine gerade? warum ein Cirkelbogen besser als ein
Winkel? Die Kreislinie mehr als das Eirund? Wie man diese Fragen auch
beantworte, am Ende müssen wir immer gestehen, die Einrichtung unserer
Gesichts-und Gefühls-Werkzeuge bringe es nun einmal so mit sich. Eine gerade
fortlaufende Linie, eine ebene ununterbrochne Fläche gefällt einen Augenblick,
wird aber bald durch ihre Einförmigkeit langweilig; das Winklichte beleidigt
Gesicht und Gefühl; ein sanfter Uebergang vom Ebnen zum Gebogenen schmeichelt
beiden. Daher, dass uns das leichte Wallen eines sanftbewegten Wassers schöner
däucht, als die schroffen in einander berstenden Wogen des empörten Meeres;
daher, dass unsre Töpfer und Bildner gewisse zwischen der Kugel und dem Ei mehr
oder weniger in der Mitte schwebende Formen als die schönste zu Urnen und
Prachtgefässen wählen.
    Was ich von Licht und Schatten, Farben und Linien als den Elementen des
sichtbaren Schönen gesagt habe, gilt in seiner Art auch von den verschiedenen
Schwingungen der Luft, wodurch der Schall in unserm Ohr und vermittelst dieses
Organs in unserm innern Sinne gewisse angenehme Gefühle erregt; von dem
majestätischen Rollen des Donners bis zum leisen Geflüster der Pappel und Birke;
vom klappernden Tosen eines entfernten Wasserfalls, bis zum einschläfernden
Murmeln einer über glatte Kiesel hin rieselnden Quelle; vom fröhlichen Geschwirr
der Lerche bis zum eintönigen Klingklang der Cicade. Alle diese einfachern
Schälle und Töne, durch welche die Natur unser Ohr als ein zu ihr stimmendes
lebendiges Saiteninstrument anspricht, betrachte ich als die Elemente des
hörbaren Schönen, welches, gleich dem sichtbaren, in der Mitte zwischen zwei
Äussersten schwebt, und also eben demselben Gesetz unterworfen ist, wodurch die
dem Auge gefälligen Töne des Lichts und der Farben, und die dem Gefühle
schmeichelnden Formen der Körper bestimmt werden, dem Gesetze der Harmonie der
sinnlichen Eindrücke von aussen mit der Einrichtung der ihnen entsprechenden
Organe.
    Wiewohl ich nun diese angenehmen Empfindungen, wovon bisher die Rede war,
als die Elemente betrachte, woraus alles sichtbare, hörbare und fühlbare Schöne
zusammengesetzt ist; so würden sie uns doch, jede für sich allein, nie auf den
Begriff der Schönheit geführt haben. Denn wie lebhaft auch die angenehme
Empfindung sein mag, die z.B. durch eine gewisse Farbe oder einen gewissen
einzelnen Ton in uns erregt wird; so würde doch eine lange Dauer derselben unser
Auge oder Ohr ermüden, und uns erst gleichgültig, dann langweilig, endlich
widrig und unerträglich werden. Verschiedenheit und öftere Abwechselung der
angenehmen Eindrücke sind sowohl zum Vergnügen als zur Erhaltung der Organe
gleich notwendig: aber im Verschiedenen muss Aehnlichkeit sein, die Abwechselung
durch sanfte Uebergänge bewirkt werden, und das Mannichfaltige, von Harmonie
zusammengefasst, zu einem Ganzen, dessen Totaleindruck uns angenehm ist,
verschmolzen werden; und dies allein ist es, was die Idee der Schönheit in uns
erzeugt.
    Lass' uns nun einen höhern Standort nehmen. Die Natur ist alles was ist,
war, und sein wird, also auch die Quelle, so wie die Summe alles Schönen. Wär'
es möglich einen Augenpunkt zu finden, aus welchem sich die ganze Natur mit
Einem Blick von uns überschauen liesse, so würden wir das wahre Urbild alles
Schönen in der Wirklichkeit vor uns sehen. Aber unser Auge ist auf ein enges
Hemisphärion eingeschränkt, und die Natur unermesslich. Was sie unsern Sinnen
darstellt, sind nur unendlich kleine Abschnitte und Bruchstücke eines
gränzenlosen Ganzen. Aber das Wundervolle und Göttliche in ihr, das, wodurch sie
sich so unendlich weit über die Kunst des Menschen erhebt, ist, dass jedes der
kleinsten Gliedmassen, aus welchen sie zu einem einzigen leben- und seelenvollen
Körper innigst verwebt ist, eine Welt voll harmonischer Mannichfaltigkeit, eine
unendliche Menge von organisirten Teilen entält, deren jeder wieder als ein
neues Ganzes betrachtet werden könnte, wenn die Werkzeuge unsrer Sinne fein und
scharf genug wären, die besondern Eindrücke, die er auf uns macht, zu
unterscheiden.
    Hier verliert sich der Gedanke in einem uferlosen Ocean, und uns bleibt
nichts übrig, als uns wieder in die Schranken unsrer eigenen Natur
zurückzuziehen, und, dem Gesetz der Notwendigkeit gehorchend, uns selbst (so
klein wir sind) als den Kanon der Natur, unser Empfindungsvermögen als das Mass
ihrer Schönheit, und unsre Kunstfähigkeit als eine schaffende Macht zu
betrachten, welche berechtigt ist, den uns überlass'nen Erdschollen, unsre Welt,
nach unsern eigenen Bedürfnissen, Zwecken und Begriffen zu bearbeiten, und in
ein beschränktes Ganzes für uns zu unserm Nutzen und Vergnügen umzuschaffen.
    Daher kommt es nun, dass wir die Natur nur insofern schön finden, als das
Schauspiel, womit sie uns umgibt, oder der einzelne Gegenstand, den wir daraus
absondern, und für sich betrachten, unsern Sinnen angenehm ist. Eben dieselbe
Landschaft, die uns bei heiterem Himmel unter einem gewissen Winkel von der
Sonne beleuchtet, in Entzücken setzt, gibt bei trüber Luft einen sehr
gleichgültigen Anblick; eben dieselben Gegenstände, z.B. ein sumpfiger Boden,
umgestürzte, ausgefaulte Baumstämme, schroffe mit schmutzigem Moose bewachsne
Felsenstücke, tiefe finstre Höhlen, wildes struppichtes Gebüsche, - lauter Dinge
die uns einzeln und in der Nähe betrachtet. Unlust, Ekel und Grauen erregen,
erscheinen aus einem entfernten Gesichtspunkt, und durch eine gewisse
Beleuchtung in ein Ganzes verbunden, als ein reizendes Gemälde. Vorzüglich aber
erklärt sich daher, dass der Mensch keine schönere Gestalt kennt als seine
eigene, und sich selbst, ohne sich dessen bewusst zu sein, zum Typen aller
schönen Formen macht. Da alles was die Natur hervorbringt, in seiner Art
vollendet und vollkommen ist, wie käme der Krokodil oder die Kröte dazu, dass wir
sie so hässlich und abscheulich finden, wenn nicht daher, weil der Contrast ihrer
Bildung und Gestalt mit der unsrigen so ungeheuer gross ist; da wir hingegen alle
Arten von Tieren desto schöner finden, und um so viel mehr Anmutung zu ihnen
fühlen, je mehr die Formen und Proportionen ihrer Bildung sich den unsrigen
nähern; eine Bemerkung, die du sogar an solchen Naturgeschöpfen, welche die
wenigste Aehnlichkeit mit uns zu haben scheinen, an Blumen, Stauden und Bäumen,
bestätigt finden wirst, und wovon der Affe allein eine Ausnahme macht, weil er,
durch einen Anschein von Aehnlichkeit, die mit der widerlichsten Hässlichkeit
verbunden ist, der menschlichen Gestalt zu spotten, und den höchsten Grad von
Verunstaltung und Abwürdigung derselben darzustellen scheint.
    Es scheint mir nun ein Leichtes, die verschiedenen Meinungen deiner
Symposiasten nach dieser Ansicht der Sache zu vereinbaren oder zu berichtigen.
Wenn wir zwischen dem, was ich die Elemente des Schönen nenne, und den schönen
Naturerzeugnissen oder Kunstwerken, die daraus zusammengesetzt sind, gehörig
unterscheiden, so heben sich alle Schwierigkeiten von selbst. Wir können von
jenen keinen andern Grund angeben warum sie uns gefallen, als weil sie einen
angenehmen Eindruck auf unsre Organe machen; bei diesen hingegen liegt der Grund
tiefer, nämlich in der Natur unsrer Seele selbst, welcher das innigste
Wohlgefallen an Ordnung, Harmonie und Vollkommenheit wesentlich ist. Indessen
ist auch bei dieser zusammengesetzten und vielgestaltigen Schönheit nicht zu
vergessen, dass das, wodurch sie uns wirklich als schön erscheint und gefällt,
bloss die schnell auf Einen Blick oder in einem unteilbaren Moment gefühlte
Einheit im Mannichfaltigen ist; indem dieses Gefühl und mit ihm die Idee der
Schönheit so bald verschwindet, als wir den Gegenstand zergliedern oder in
seinen einzelnen Teilen und Elementen stückweise betrachten. Mit dem, was
Euphranor über die Platonische Idee der Schönheit sagt, bin ich insofern
einverstanden, als ich sie für die Frucht einer natürlichen Täuschung halte, die
daher entsteht, dass uns selten ein Gegenstand, sei es ein Werk der Natur oder
der Kunst, vor die Augen kommt, der, unsrer Einbildung nach, nicht schöner sein
könnte als er uns erscheint. Indem wir dies zu fühlen glauben, erzeugt sich in
unsrer Phantasie ein mehr oder weniger klares Bild dieser höhern Schönheit,
welches wir (dünkt uns) sogleich darstellen könnten, wenn wir die dazu nötige
Kunstfertigkeit besässen; und dass es nichts anders ist, scheint mir daraus klar,
dass sobald ein schöner Gegenstand uns gänzlich befriedigt, wir unser Ideal in
ihm realisirt, ja wohl gar noch übertroffen zu sehen wähnen. Dass es solche
Gegenstände gebe, kann wohl kein Unbefangener bezweifeln, der aus den
Unsterblichen den Jupiter oder die Minerva des Phidias, und aus den Sterblichen
die schöne Lais gesehen hat.
    Ich müsste mich sehr irren, oder meine Philosophie des Schönen (wenn ich ihr
anders einen so vornehmen Namen geben darf) ist auch auf das, was wir in
sittlichem Verstande schön nennen, anwendbar. Auch hier finde ich meinen
Unterschied zwischen den Elementen desselben und dem, was unser Verstand daraus
zusammensetzt, wieder. Aufrichtigkeit, Unschuld, Güte, Treue, Dankbarkeit,
Bescheidenheit, Sanfteit, Grossherzigkeit, Geduld, Seelenstärke, und alle aus
diesen Eigenschaften oder Tugenden entspringenden Gefühle, Gesinnungen und
Taten nennen wir schön; weil sie uns, vermöge einer in unsrer Natur gegründeten
Notwendigkeit, gefallen, anziehen, Achtung und Liebe einflössen, wo, wann, und
an wem wir sie gewahr werden, ohne alle Rücksicht auf das Nützliche, das sie für
uns haben oder haben könnten. Im Gegenteil eine schöne Tat erscheint uns desto
schöner, je mehr Selbstüberwindung und Aufopferung eigener Vorteile sie
erfordert, und unser besonderes Ich kommt dabei so wenig in Betrachtung, dass,
wofern der Mond Einwohner hätte und man erzählte uns irgend eine schöne Tat,
die ein Mann im Monde vor zehntausend Jahren getan hätte, die Vorstellung
derselben eben so auf uns wirken würde, als wenn sie vor wenig Tagen mitten
unter uns geschehen wäre. Dies erstreckt sich sogar auf die Tiere, an welchen
wir etwas dieser oder jener Tugend Aehnliches zu sehen glauben, ja noch weiter
hinab bis ins Pflanzenreich, wo es, z.B. Blumen gibt, die uns durch Gestalt,
Farbe und Wohlgeruch zu natürlichen Symbolen gewisser sittlicher Eigenschaften
werden, und aus diesem Grunde, öfters auch ohne dass wir uns dessen bewusst sind,
Personen von zärterem Gefühl eine sonderbare Art von Anmutung einzuflössen
vermögen.
    Einen aus jenen Eigenschaften, als den Elementen oder Grundzügen des
Sittlichschönen richtig zusammengesetzten Charakter nennen wir schön, weil und
sofern er sich uns als ein mit sich selbst harmonisches und in sich selbst
vollendetes Ganzes darstellt. Das Schönste in dieser Art wäre also unstreitig
ein ganzes Leben, welches, aus lauter schönen Gesinnungen und Taten
zusammengesetzt, uns das Anschauen der reinsten Harmonie aller Triebe und
Fähigkeiten eines Menschen zu Verfolgung des grossen Zwecks der möglichsten
Selbstveredlung und der ausgebreitetsten Mitteilung gewähren würde. Ein solcher
Charakter in einem solchen Leben dargestellt, würde für die Formen und
Proportionen des sittlichen Menschen eben das sein, was der Kanon des Polykletus
für die richtigsten Verhältnisse des menschlichen Körpers. Denn unläugbar gibt
es in beiden ein Schönstes, über welches die Phantasie nicht hinausgehen darf,
wenn sie des wahren Ebenmasses nicht verfehlen, und statt schöner Gestalten
schöne Ungeheuer hervorbringen will. Die Einbildung, dass sich immer noch etwas
Schöneres denken lasse als das Schönste was uns die Natur wirklich darstellt,
ist blosse Täuschung; und ich bin auch über diesen Punkt gänzlich der Meinung
deines Freundes Euphranor, der es zu verdienen scheint, dass du ihm hierin zur
vollständigsten Ueberzeugung verhelfest.
    Deiner Einladung zur Feier der bevorstehenden Poseidonien in Aegina (denn
dafür darf ich doch wohl ohne mir zu viel zu schmeicheln die Frage am Schluss
deines Briefes nehmen?) würde ich mit der lebhaftesten Dankbarkeit entgegen
fliegen, wenn ich mich nicht gegen einen der angesehensten Rhodier verbindlich
gemacht hätte, seinen Sohn auf einer Reise nach Cypern zu begleiten. So fern von
Aegina als ich dann sein werde, könnt' ich mich um so leichter versucht fühlen,
meine Wanderungen zu Wasser und zu Land noch eine gute Strecke weiter
auszudehnen. Den Vorsatz trage ich schon lange mit mir herum, und soll er jemals
ausgeführt werden, so muss es jetzt geschehen, da die Entfernung von dir schon so
gross ist, dass etliche tausend Parasangen mehr oder weniger keinen sonderlichen
Unterschied machen.
 
                                      19.
                                 An Eurybates.
Es ist Zeit, Eurybates, dass du wieder von mir selbst vernehmest, dass ich noch
unter denen bin, die das erfreuende Licht der Sonne trinken.
    Ich habe nun alle Griechischen Pflanzstädte an den Küsten Asiens und den
grössten Teil des von den Söhnen Hellens bevölkerten festen Landes und der dazu
gehörigen Inseln besucht, und nach einer mehr als achtjährigen Abwesenheit sehn'
ich mich in die schöne Atenä zurück, die unvergessliche und unvergleichbare, zu
welcher man sich, wie zu einer etwas unartigen aber reizvollen Geliebten, immer
wieder mit verborgener Gewalt hingezogen fühlt, weil man, aller ihrer Unarten
und Launen ungeachtet, dennoch nichts Liebenswürdigeres kennt als sie. Ich werde
den Atenern den Tod des Sokrates nie verzeihen; aber sieben Jahre haben ihre
Wirkung getan und mich an die Vorstellung gewöhnt, dass ich das, was geschehen
ist, von der Natur selbst zu gewarten gehabt hätte. Ich würde ihn entweder nicht
mehr am Leben, oder in einem Zustande von Abnahme angetroffen haben, worin man,
für seine Freunde und sich selbst, schon über die Hälfte - zu sein aufgehört
hat. Die Zeit hilft uns vergessen was nicht zu ändern ist, und was sie selbst
bewirkt hätte, wenn ihr die Menschen nicht zuvorgekommen wären.
    Was mich am meisten mit den Atenern ausgesöhnt hat, ist: dass sie das
Andenken des besten ihrer Bürger in seinen Freunden und Zöglingen ehren, und der
Philosophie einen so freien Spielraum und Uebungsplatz gestatten, als sie nur
immer verlangen kann. Wie ich höre so hat mein alter Freund Antistenes schon
seit geraumer Zeit in der Cynosarge57, und Plato, seitdem er von seinen Reisen
in Aegypten und Italien zurückgekommen ist, in seinem an der Akademie gelegenen
Gärtchen, eine Art von Sokratischer Schule eröffnet, deren Beschaffenheit ich
mit meinen eigenen Augen zu erkundigen begierig bin. Ich erwarte von beiden
nichts anders, als wozu sie schon bei Lebzeiten des Meisters gute Hoffnung
gaben, nämlich, dass der eine die Philosophie des Sokrates übertreiben, der
andere verfälschen werde. Am richtigsten wär' es vielleicht, wenn man die
Sokratiker sammt und sonders als Pflanzen verschiedener Art betrachtete, die
neben einander aufgekommen sind, und ihre Nahrung aus eben demselben Boden
gezogen, aber jede auf eine andere, ihrer eigenen Natur gemässe Art, verarbeitet
haben. Man könnte sie auch mit mehrern Söhnen eben desselben Vaters vergleichen,
deren keiner ihm recht ähnlich sieht, wiewohl dieser seine Augen, jener seinen
Mund, ein dritter seine Nase hat. Zuweilen findet sich auch ein vierter, der
zwar in jedem einzelnen Zuge von dem Vater verschieden ist, hingegen im Ganzen
der Physiognomie eine auffallende Aehnlichkeit mit ihm hat. Ich meines Orts
möchte lieber dieser letzte sein als einer von den andern; wiewohl ich glaube,
die Natur habe es darauf angelegt, dass jeder sich selbst gleich sehen soll.
    Ich habe deinem Freigelass'nen Phormion, meinem alten Hausverwalter zu
Aten, aufgetragen, mir, wo möglich in der Nähe vom Pompeion58, eine Wohnung,
wie ich sie nötig habe, zu mieten; das ist, ein paar Schlafkammern, einen
Speisesaal und eine Galerie neben etlichen Reihen schattengebender Bäume.
Erweise mir die Freundschaft, dich der Sache anzunehmen, und dem ehrlichen
Phormion merken zu lassen, dass es dir angenehm sein werde, wenn er sich meines
Auftrags mit Verstand erlediget.
    Ich werde mich so lange, bis du mir meldest dass ich kommen könne, bei einem
Freunde zu Tanagra59 aufhalten, und nicht vergessen, dir den stattlichsten
Kampfhahn mitzubringen, der in der ganzen Stadt aufzutreiben sein wird.
 
                                      20.
                                 An Kleonidas.
Nach Vollendung meines grossen Kreislaufs durch alle Hellenischen Colonien in
Asien habe ich noch einige Monate zugebracht, die südliche Küste von Tracien
und Macedonien, und die Landschaft Tessalien und Phocis zu besuchen, und
befinde mich jetzt, bis meine künftige Wohnung in Aten eingerichtet ist, bei
einem Freunde zu Tanagra. Ich habe, wie Odysseus, auf meiner langen Wanderschaft
vieler Menschen Städte und Sinnesart kennen gelernt; auch hat es mir, wie dem
herrlichen Dulder, nicht an mancherlei fröhlichen und unfröhlichen Abenteuern
gefehlt, die uns dereinst, wenn uns eine freundliche Gotteit wieder in Cyrene
vereiniget, reichen Stoff zu kurzweiligen Unterhaltungen geben sollen. Nur das
Neueste, was mir in Tessalien aufstiess, schickt sich, denke ich, besser für
eine schriftliche Erzählung, zumal da ich den Kopf noch so voll davon habe, dass
ich für nötig halte mich dessen zu entladen, bevor ich nach Aten zurückkehre,
wo es nicht ratsam wäre viel davon zu sprechen. Um keine täuschenden
Erwartungen bei dir zu erregen, schreite ich ohne weitere Vorrede zur Sache.
    Nachdem ich mich zu Potidäa über den Termaischen Meerbusen an die
Tessalische Küste hatte übersetzen lassen, war mein Erstes, das berühmte Tempe
60 zu besuchen, wovon ich, seit ich unter den Griechen lebe, so oft mit
Entzücken reden gehört hatte. Denn ein Grieche, der Olympia und Delphi nicht
gesehen, und sich nicht wenigstens einmal in seinem Leben in Tempe erlustiget
hätte, würde an einem sehr unglücklichen Tage geboren zu sein glauben. Dieses
Tal, das sich einige Stunden von Larissa zwischen dem Olympus und Ossa in
sanften Krümmungen bis an die See hinzieht, ist in der Tat vielleicht der
reizendste Winkel des ganzen Erdbodens. Es würde der fruchtbarsten Phantasie
eines Malers oder Dichters schwer werden, mehr Schönheit und Anmut mit grössrer
Abwechslung und Mannichfaltigkeit in einen engern Raum zusammen zu zaubern und
mit dem Erhabensten und Grauenvollsten in einem anmutendern Contrast zu sehen,
als hier ohne alle Nachhülfe der Kunst (wie es scheint) Natur und Zufall allein
bewerkstelliget haben. Ich brachte zwei der angenehmsten Tage meines Lebens in
diesem oberirdischen Elysium zu, und zum höchsten Lebensgenuss fehlte mir nichts,
als die heilige Trias meiner Geliebtesten, Lais, Kleonidas und Musarion. Ich
vermisste euch um so viel stärker, weil sich's zufälliger Weise traf, dass ich
(was hier selten begegnet) diese zwei Tage über der einzige fremde Bewohner von
Tempe war.
    Ungeteiltes, allein genoss'nes Vergnügen, wie ungemein es auch sei,
verliert gar bald seinen süssesten Reiz, und eine geheime Unruhe, deren Ursache
wir uns nicht immer bewusst sind, treibt uns zu neuen Gegenständen. Am dritten
Morgen kam mich die Lust an, den benachbarten Ossa zu besteigen, teils um meine
Augen an den herrlichen Aussichten zu weiden, die er über die umliegenden
Täler, Hügel und Landschaften und über den Termaischen Meerbusen bis an die
Küste von Pallene hin, gewährt, teils in Hoffnung einige mir noch unbekannte
Arten von Steinen und Pflanzen auf diesem wilden Gebirge aufzufinden. Ich liess
meinen alten Xantias mit einem jungen Sklaven bei den Maultieren im Tal
zurück, bestieg einen Gipfel des Berges nach dem andern, und fand überall so
viel zu sehen und zu sammeln, dass die Sonne sich unvermerkt zum Untergange
neigte, bevor ich gewahr wurde, dass keine Hoffnung übrig sei, die Herberge
wieder zu erreichen, wo ich meine Leute gelassen hatte. Schon fing ich an, unter
den häufigen Schluchten und Klüften, wovon dieses durch mächtige
Erderschütterungen zerriss'ne Gebirg allentalben voll ist, mich nach irgend
einer Höhle zum Nachtlager umzusehen, als ich, beim Umwenden um die scharfe Ecke
eines struppigen Felsen, im Eingang einer durch Menschenhände (wie es schien)
bewohnbar gemachten Höhle, einen Mann sitzen sah, der anfangs über meinen
Anblick noch mehr als ich über den seinigen betroffen schien, aber (da er keine
Ursache sah mir Arges zuzutrauen) sich schnell genug fasste, um einige Schritte
auf mich zuzugehen. Es war ein langer hagerer Mann, dem Ansehen nach nicht viel
über Sechzig; noch fest und lebhaft, von vielsagender Gesichtsbildung, aber
finsterm Blick unter einer Stirn, durch welche schmerzliche Erfahrungen tiefe
Furchen gezogen zu haben schienen. Ich näherte mich ihm mit Zuversicht und
Ehrerbietung, eröffnete ihm mein Anliegen, und erkundigte mich, ob nicht irgend
eine Herberge im Gebirge anzutreffen sei, die ich vor Einbruch der Nacht noch
erreichen könnte. Du scheinst ein Arzt zu sein, und dich im Botanisiren so tief
in diese Wildnis gewagt zu haben, versetzte der Alte. Er schloss dies vermutlich
aus einem ziemlichen Bund Kräuter und Blumen, den ich unter dem Arme trug. Ich
antwortete: ich wäre zwar kein Arzt, als etwa in Notfällen, wo jeder Mensch so
viel wissen sollte, um sich selbst und andern eine Hülfe schaffen zu können;
aber ich studirte die Natur, und versäumte selten eine Gelegenheit, meine
Kenntnis von den Pflanzen und ihren Eigenschaften und Kräften zu erweitern. Wenn
dies ist, erwiederte er mit zusehends sich erheiternder Miene, so kannst du dich
auch wohl eine Nacht bei einem Manne behelfen, der dir nichts als das
Unentbehrlichste anbieten kann, zumal da du es in diesem Gebirge nirgends besser
finden würdest; auch wär' es schon zu spät, um dich auf dem Pfade nicht zu
verirren, der nach den nächsten Hirtenwohnungen führt. Da ich sein Anerbieten
mit Dank und Freude annahm, schlug er mit seinem Stab an eine kleine Glocke, und
eine reinlich gekleidete Sklavin von mittlerem Alter und guter Gestalt kam aus
dem Innern der Höhle hervor, und entfernte sich wieder, sobald er ihr etliche
leise Worte gesagt hatte. Bald darauf führte er mich durch einen ziemlich
dunkeln krummen Gang, von ungefähr zwanzig Schritten, in einen geräumigen
gewölbten Saal, der gegen einen grossen, unregelmässigen, und ringsum von
schroffen Felsen eingeschloss'nen Garten offen war. Hier setzten wir uns
zwischen zwei ziemlich roh gearbeiteten Säulen nieder, das Gesicht gegen den
Garten gekehrt, den ich mit fruchtbaren Bäumen und mancherlei essbaren Gewächsen
und Kräutern bepflanzt, und dem Ansehen nach gut gewartet sah. Mein Alter ward
zusehends immer heitrer, sprach aber wenig, meistens nur in Fragen, auf deren
Beantwortung er mir seine Zufriedenheit mit Kopfnicken oder einzelnen Sylben zu
erkennen gab. Ungefähr nach einer Stunde rüstete die Sklavin einen kleinen
Tisch, und setzte uns eine Schüssel gekochtes Ziegenfleisch, mit feinen Wurzeln
und Kräutern wohlschmeckend zubereitet, und zum Nachtisch trockne Feigen, eine
leichte Art von Kuchen, und einen Krug des besten Weins von Tasos vor. Meine
Esslust vergnügte meinen alten Wirt, wie es schien, nicht weniger als mein
übriges Wesen und Benehmen; und nachdem er den dritten Becher auf unsre neue
Bekanntschaft geleert hatte, ward er selbst gesprächiger, und sagte traulich mir
die Hand schüttelnd: »Wundre dich nicht, Fremdling, dass du mich so wenig reden
hörst. Ich war nicht immer so wortarm; aber seit zwanzig Jahren bist du, ausser
einem alten Freunde, der mich immer zur Zeit der Pytischen Spiele zu besuchen
pflegt, und der Trazierin, die für meine Bedürfnisse sorgt, das einzige
menschliche Wesen, mit dem ich mehr als ein paar einsylbige Worte gewechselt
habe. Du siehst, dass dies der gerade Weg ist, das Reden zu verlernen, wenn man
auch der redseligste aller Atener gewesen wäre. Wohl möchte mir's übrigens
bekommen sein, wenn ich mich immer mit Ja und Nein zu behelfen gewusst hätte.
Denn dass du mich hier siehest, kommt allein daher, dass ich ehmals meiner Zunge
mehr Freiheit liess als einem klugen Manne ziemt.«
    Du kannst dir leicht vorstellen, Kleonidas, dass ich meinen Wirt nach dieser
Rede schärfer als zuvor ins Auge fasste. Du wohnst schon zwanzig Jahre hier?
fragte ich. - »Nicht völlig so viel; aber vorher lebte ich einige Zeit auf dem
Landgute eines Freundes so sorgfältig versteckt, dass ich ausser ihm selbst keine
Seele zu Gesichte bekam.« - Das muss eine schlimme Race von Menschen sein, vor
welchen ein Mann wie du sich so verstecken muss, sagte ich. - Ich sehe dass du
mich näher kennen möchtest, erwiederte er. Wenn deine Neugier nicht schwächer
ist als meine Neigung mich dir zu entdecken, so bleibst du ein paar Tage bei
mir, um mich wieder reden zu lehren, und du sollst allerlei erfahren, das
vielleicht dieses Opfers wert ist.
    Mein Wirt kam durch diese Einladung einem Wunsch entgegen, den ich nicht
gewagt hätte laut werden zu lassen. Wir redeten nun von andern Dingen, und
wiewohl er sich noch immer sehr lakonisch ausdrückte, so verriet doch das
Wenige was er sagte einen Mann von freiem Geist, vieler Erfahrung und
ausgebreiteter Menschenkunde. Als die Zeit zum Schlafengehen gekommen war,
führte er mich in eine kleine, mit Binsenmatten behangene und belegte
Schlafkammer, und liess mich allein. Hier konnt' ich mich der Torheit nicht
erwehren, hin und her zu sinnen, wer der sonderbare Alte sein könne, mit dem ich
auf dem Ossa so unvermutet in Bekanntschaft geraten war; aber alles Nachsinnen
war umsonst. Ich ergab mich also in die Notwendigkeit meine Neugier bis morgen
einzuschläfern, und sie schlief so gut, dass die Sonne schon über der Spitze des
Atos schwebte, als ich in dem Saal erschien, wo mir mein Alter, in einen langen
Pelz gehüllt, so munter entgegenkam, dass ich errötete, mich in einer Tugend,
die meinen Jahren besser ziemte als den seinigen, von ihm übertroffen zu sehen.
Er führte mich sogleich in den Garten, wo ein sanfter, wiewohl etwas scharfer
Morgenwind die Luft mit dem lieblichen Atem der Kräuter und Blumen durchwürzte.
Ich habe, fing er an, mehr als die Hälfte meines Lebens mit Beobachtung aller
Arten von Menschen zugebracht, und besitze einige Fertigkeit in der Kunst das
Innere einer Person aus ihrer Gesichtsbildung und Miene zu erraten. Deine
Physiognomie hat dir mein Zutrauen auf den ersten Blick erworben; ich wünsche
von dir gekannt zu sein, und überlasse mich ohne Bedenken dem Vergnügen, nach
einer so langen unfreiwilligen Verborgenheit einen Menschen gefunden zu haben,
dem ich mich aufschliessen darf. Ich bin kein Menschenhasser, wie du aus meiner
seltsamen Lebensweise vermuten musst; im Gegenteil, dass ich es zu gut mit den
Menschen meinte, ist mein Unglück gewesen. Sie haben mich ausgestossen, verbannt,
einen Preis auf meinen Kopf gesetzt, und bloss um kein Schlachtopfer ihrer Wut
zu werden, hab' ich mich in eine Höhle des Ossa verbergen müssen. - Du wunderst
dich was ich verbrochen haben könne, um die Menschen, mit denen ich einst lebte,
so heftig gegen mich aufzubringen? Ich wollte sie weiser machen als sie ertragen
können. - Bei diesem Worte hielt er inne und seine Stirn verfinsterte sich
einige Augenblicke so sehr, dass ich Bedenken trug, ihm zu zeigen, wie sehr er
durch diese Worte meine Neugier gespannt hatte.
    Wir waren indessen unvermerkt auf eine Anhöhe gekommen, die, in einem Kreise
von ungefähr dreihundert Schritten, mit einer dreifachen Reihe von Pappeln, und
zwischen den Bäumen mit hölzernen Schnitzbildern besetzt war. Aber was für
Bildern! Nie ist mir etwas Auffallenderes in meinem Leben vorgekommen, als diese
in ihrer Art gewiss einzige Bildergalerie; man müsste sie aber selbst gesehen
haben, um sich die Wirkung vorzustellen, die der Ueberblick des Ganzen auf einen
keines Argen sich vorsehenden Anschauer macht. Doch, du bist ein Künstler, mein
Kleonidas, und deine Phantasie wird ohnehin das Beste bei meiner Beschreibung
tun müssen. Bilde dir also ein, du sehest alle Götter der Griechen, vom Zeus
Olympius bis zum bocksfüssigen Pan, und von der weissarmigen Herrscherin Here bis
zu den schlangenhaarigen Erinnyen, einzeln und gruppenweise, unter Beibehaltung
einer gewissen Aehnlichkeit mit ihren gewöhnlichen Darstellungen, in die
pöbelhaftesten Missgestalten travestirt, aber mit einer so komischen Laune in der
Art der Ausführung, dass es mir bei ihrem Anblick eben so unmöglich war, mich des
Lachens als des Unwillens zu erwehren. So zeigten sich (um dir nur etliche
Beispiele zu geben) Jupiter auf der einen Seite, wie er, in Gestalt eines
erbosten vierschrötigen Sackträgers, im Begriff ist, seine eheliche
Widerbellerin mit einem Amboss an jedem Fuss in die Luft herabzuhängen; auf der
andern, wie er sich auf dem Gipfel des Ida von der listigen Matrone, im Costume
einer nächtlichen Gassenschwärmerin, zu einer Torheit verführen lässt, für
welche die armen Trojaner übel büssen werden. Du kennst die sonderbare Art, wie
Homer seinen unbefangenen und von der Zaubergewalt des Gürtels der Venus
unwissend überwältigten Zeus der schönen Dame die Wirkung, die sie auf ihn
macht, zu erkennen geben lässt: aber von der energischen Art, wie dieser in einen
brünstigen Centaur übersetzte Jupiter sein Anliegen vorträgt, hat eine so
wohlgeordnete Einbildung wie die deinige keine Ahnung. In dieser Manier kommt
nun die ganze Göttersippschaft an den Reihen. Hier sind Pallas Atene und der
hinkende Hephästos, dieser in Gestalt eines alten Kesselflickers, jene im
Charakter einer derben Marketenderin, in dem zweideutigen Kampfe, dem der
drachenfüssige Erichtonius entsprang, begriffen; dort tanzt Cyterea, als eine
halbtrunkne Austernymphe, mit einem bengelhaften Adonis den leichtfertigsten
Kordax61, der je getanzt worden ist, und Phoibos Apollo, als blinder Leiermann
mit den neun Schwestern als musikmachende Bettlerinnen, arbeiten aus allen
Kräften auf der Leier, dem Triangel, der Schellentrommel und dem Dudelsack dazu.
In zwiefacher Trunkenheit taumelt Bacchus in die plumpen Arme einer weinseligen
Ariadne; Mercur zieht dem Plutus mit der behendesten Gewandteit einen Beutel
aus dem Busen, Apollo dem Satyr Marsyas das zottelige Fell über die Ohren. Ueber
sie alle erhebt sich der langöhrige Schutzgott von Lampsakus, und scheint als
der wahre Götterkönig mit gewaltigem Scepter über den Olympus zu herrschen.
Vorzüglich nimmt sich ein Jupiter in einer grotesken Gestalt aus, woran nichts
als der Kopf sein eigen, alles übrige hingegen aus den verschiedenen Tieren, in
welche ihn seine Gynäkomanie62 verwandelte, aus Stier, Adler, Bock, Schwan,
Schlange, Wachtel und Ameise seltsam genug zusammengesetzt ist. Das grosse
Kunstwerk aber, worin der Meister sich selber übertroffen hat, ist die
Darstellung der berühmten Scene aus dem Gesang des blinden Demodokos in der
Odyssee, wo der ehrliche Vulcan, nachdem er seine Gemahlin mit ihrem Liebhaber
Ares in einem unsichtbaren und unzerreisslichen Netze gefangen hat, alle Götter
zusammenruft, um Zeugen seines lächerlichen Unglücks zu sein. Kurz, weiter kann
weder die Kunst der Carricatur, noch der Mutwille und die Verachtung der
Homerischen Götter getrieben werden, als in dieser grossen Composition von
Gruppen, die den innersten Cirkel des grünen Amphiteaters einnimmt. Der Alte,
der mich von einer Figur zur andern herumführte, ergötzte sich, wie es schien,
stillschweigend an meiner Verlegenheit, und an dem Sardonischen Lachen63,
welches mir seine zur niedrigsten Menschenclasse herabgesetzten Götter wider
Willen abnötigten. Was denkst du, sprach er endlich mit einem selbstzufriednen
Blick, zu der guten Gesellschaft, die ich mir in meiner Einsamkeit zu
verschaffen gewusst habe?
    Ich. Ich denke, wie du wohl zu dieser guten Gesellschaft gekommen sein
kannst; denn unter den Bildschnitzern, die ich kenne (und ich kenne ungefähr
alle, die in einigem Rufe stehen), wüsste ich keinen, den ich für den Schöpfer
dieser sonderbaren Kunstwerke halten könnte.
    Er. Das will ich wohl glauben.
    Ich. Gleichwohl kann sie kein Stümper gemacht haben. Sie sind zwar
grösstenteils etwas roh, und mit einer gewissen Nachlässigkeit gearbeitet, auch
hat ein Carricaturenschnitzer den Vorteil, sich viele Willkürlichkeit erlauben
zu dürfen; indessen bleibt die Natur doch immer seine Regel; auch die
überladensten Zerrbilder müssen eine aus Harmonie mit sich selbst entspringende
Wahrheit haben; und da bei ihnen alles auf eine starke und geistvolle
Bezeichnung des Charakteristischen in ziemlich willkürlichen Formen ankommt, so
erfordern sie vielleicht mehr Genialität und eine noch keckere Hand, als Werke,
die nach einem bestimmten Kanon der schönsten Formen gearbeitet sind. Und hierin
scheinen mir diese hier alles zu übertreffen, was ich jemals in ihrer Art
gesehen habe.
    Er. Es ist mir also gelungen. Denn alle diese närrischen Unkepunze
(mormolykeia) sind meine eigene Arbeit, und ihnen hab' ich es zu danken, dass mir
die lange Zeit, die ich hier gelebt habe, und mit der ich sonst nichts
anzufangen wusste, ziemlich kurz geworden ist. Denn du begreifst leicht, dass ich
fleissig sein musste, um in achtzehn Jahren damit fertig zu werden. Ich hatte von
Kindheit an viel Geschick für diese Art von Bildnerei; und das Mechanische,
welches dazu erfordert wird, lernte ich in meiner Jugend von einem ziemlich
mittelmässigen Xyloglyphen64 in meiner Vaterstadt.
    Ich. Aber was haben dir die Götter getan, das dich reizen konnte, eine so
unbarmherzige Rache an ihnen zu nehmen?
    Er. Was sie mir getan haben? Wahrlich, ich habe von ihnen, oder (was am
Ende auf Eins hinausläuft) von ihren Priestern mehr als zu viel gelitten! Und
doch ist dies nicht was meine Galle gegen sie gereizt hat. Denn ich muss
gestehen, in der Fehde, worin wir mit einander befangen sind, war ich der
angreifende Teil. Aber ich ärgerte mich, wenn ich so manchen grossen Künstler
allen seine Kräfte aufbieten sah, für diese unsittlichen Idole, in welchen der
schnödeste Betrug und der sinnloseste Aberglaube alle Unarten und Torheiten der
menschlichen Natur vergöttert hat, schöne und grosse mehr als menschliche Formen
zu erfinden, um sie in prachtvollen Tempeln dem dummen Haufen zur Anbetung
aufzustellen. Musst du nicht gestehen, dass meine Carricaturen den Göttern Homers
viel angemess'ner sind, als die erhabenen Gestalten eines Phidias und Alkamenes?
Wer kann sich den brünstigen Jupiter auf Ida, oder seine Gemahlin, die den armen
Priamus und seine Söhne mit allen übrigen Trojanern lieber roh auffressen
möchte, unter der Gestalt des Olympischen Jupiters und der Samischen Juno65
denken?
    Ich. Es sollte mir eben nicht schwer sein, den Sachwalter des Homerischen
Zeus, wenigstens in der ehlichen Scene auf dem Gargaros die dir so anstössig ist,
zu machen, und ganz stattliche Ursachen anzugeben, warum er sich seiner vielen
trefflichen Bastarde und der schönen Erdentöchter und Göttinnen, die ihm diese
Helden erzeugen halfen, mit so vielem Wohlbehagen erinnert. Indessen, weil du
bei einer scharfen Untersuchung am Ende doch wohl Recht behalten möchtest, gebe
ich den Wolkenversammler mit seiner stieräugigen Gemahlin, und meinetalben alle
andern unsterblichen Olympier der verdienten Züchtigung preis. Aber wenigstens
hättest du der holden Musen, die uns aus dem Stande der rohen Tierheit gezogen
und den Keim der Humanität in uns entwickelt haben, schonen sollen.
    Wie? (rief er in angenommenem komisch-zürnendem Tone) haben sie ihre Strafe
nicht schon dadurch allein reichlich verdient, dass sie dem alten blinden Sänger
so viel tolles und ungebührliches Zeug auf Kosten der armen Götter weiss gemacht
haben? Denn, da er uns nichts singt als was sie ihm vorgesungen, fällt nicht
billig alle Schuld auf sie? Doch, wenn auch dieser Vorwurf nicht träfe, um eurer
Allegorien willen kann ich keine Ausnahmen machen; nicht einmal zu Gunsten der
Grazien, die der feile Pindar den Orchomeniern zu Gefallen66 so hoch erhebt, und
die du dort, nicht weit von der hochgeschürzten Austernymphe von Cytere, in
Gestalt böotischer Kühmägde sich mit Faunen und Bocksfüsslern herumdrehen
siehest. Hier ist nichts zu schonen! Ich bin meines Daseins nicht gewisser als
der traurigen Wahrheit, dass der blosse Aberglaube dem Menschengeschlecht mehr
Schaden zugefügt hat, als alle unsre übrigen Schwachheiten, Narrheiten und
Laster zusammen genommen. Ich habe also Göttern und Priestern ewige Fehde
angekündiget, und ich wundre mich nicht, dass mir, wiewohl ich nur ein Pfuscher
in der Kunst bin, diese Zerrbilder so wohl geraten sind: denn ich habe (was
vielleicht ohne Beispiel ist) zugleich mit Liebe und mit Grimm daran gearbeitet,
mit Liebe zum Werke selbst, und mit immer steigendem Grimm über die Gegenstände.
Alles dies, lieber Aristipp, wird dich nicht länger befremden, sobald ich dir
sage: dass der Mann, den du vor dir siehst, Diagoras der Melier67 ist, von dem
du, bei Gelegenheit, in der ganzen Hellas als einem Ateisten mit Abscheu und
Schaudern reden gehört haben wirst, und der doch wahrlich diesen ehrenvollen
Beinamen, so viel in seinen Kräften ist, zu verdienen suchen muss.
    Wie? Ist's möglich? rief ich: du Diagoras? eben dieser Diagoras, der seit
mehr als zwanzig Jahren für todt gehalten wird, und, wie die gemeine Sage geht,
von der Rache der Götter überall verfolgt, in einem Schiffbruch unterging!
    Sprich, versetzte er, von der Rache der Priester verfolgt, so hast du die
Wahrheit gesagt; ihrer Götter halben wollt' ich mich in einem Kornsieb auf den
Ocean wagen. Was ich dir sage; ich, wie du mich hier siehest, bin dieser von den
Atenern geachtete und durch ein fürchterliches Dekret in allen Teilen
Griechenlands verfolgte Diagoras von Melos, der, auf seiner Flucht nach
Tracien, an der Küste der Abderiten Schiffbruch litt, und, zum redenden Beweise
wie mächtig die Götter der Griechen sind, allein am Leben blieb, als das Schiff
mit allen übrigen, die es am Bord hatte trotz der heissen Gelübde, die sie dem
Erderschütterer Poseidon und Zeus dem Retter zuwinselten, ohne Rettung zu Grunde
ging.
    Jetzt ward mir alles klar, was mich bisher an meinem Wirte befremdet hatte,
und nun erst erinnerte ich mich, was mir gestern nicht aufgefallen war, dass er
bei Tische die gewöhnliche Libation vorbeiging, die kein Grieche, bevor er
trinkt, aus der Acht lässt.
    Diagoras erzählte mir nun, mit welcher Mühe, Gefahr und Not er sich in
allerlei Verkleidungen von einer Insel des Aegeischen Meeres zur andern bis nach
Lemnos geflüchtet, wo er zufälligerweise erfahren, dass die Atener eine grosse
Belohnung für den, der ihn todt oder lebendig liefern würde, durch ganz
Griechenland ausrufen lassen; wie er, aus Furcht zu Lemnos entdeckt zu werden,
etliche Monate sich in Wäldern und Bergklüften verbergen, und sein Leben
kümmerlich mit rohen Wurzeln und wilden Früchten habe fristen müssen, und wie er
endlich unverhofft in einem Schiffe aufgenommen worden, das für Byzanz
befrachtet war, aber das Unglück hatte, von einem Sturm an die Tracische Küste
geworfen zu werden, und nicht weit von Abdera zu scheitern. Diagoras, der sich
durch Schwimmen ans Land gerettet hatte, erinnerte sich jetzt seines Freundes
Demokritus, bei welchem er Rat und Unterstützung zu finden gewiss war: als er
sich aber zu Abdera nach ihm erkundigte, hiess es, er sei schon vor geraumer Zeit
weggezogen, ohne dass man wisse was aus ihm geworden sei. Zu gutem Glücke traf er
auf einen seiner ehmaligen Jugendfreunde, der indessen ein bedeutender Mann in
Abdera geworden war, und sich seiner sehr lebhaft annahm. Das Dekret der Atener
war auch hier bereits angekommen, und von den Abderiten, zum Beweis ihres Eifers
für die Sache der Götter, öffentlich bekannt gemacht worden. Da sich nun leicht
jemand finden konnte, der die ausgesetzte Belohnung hätte verdienen mögen, so
verbarg ihn sein Freund sorgfältig auf einem seiner Landgüter im Macedonischen;
und weil Diagoras keinen andern Wunsch mehr hatte, als sein übriges Leben in
gänzlicher Verborgenheit zuzubringen, kamen sie nach Verfluss einiger Zeit auf
den Gedanken, ihm in Tessalien, auf einem der wildesten und unzugangbarsten
Teile des Ossa, wo ihn niemand suchen würde, eine Wohnung zu verschaffen. Es
fand sich eine geräumige Felsenhöhle, welche mit geringer Mühe zu einer
Einsiedlerei, wie er sie nötig hatte, zugerichtet werden konnte, und in ein von
steilen Klippen umgürtetes Tal auslief, wo er sich mit Anpflanzung und Wartung
eines Gartens beschäftigen konnte. Das ganze Wesen wurde der Gemeine des
nächstgelegnen Dorfes, deren Eigentum dieser Teil des Gebirges ist, abgekauft,
und Diagoras, unter dem Namen Agenor, mit einer Tracischen Sklavin, die ihm
sein Freund überliess, in den Besitz desselben gesetzt. Agenor gilt (wie er mir
sagte) unter den benachbarten Hirten und Landleuten, einer dem Tessalischen
Volke gemeinen Vorstellungsart zufolge, für einen mächtigen Zauberer, in dessen
Ungnade zu fallen jedermann sich sorgfältig hütet; und er lässt sie um so lieber
in diesem Wahn, da er sich, durch die gute Wirkung einiger von Demokritus
gelernten Heilungsmittel für Menschen und Vieh, ihr Zutrauen erworben hat. Auch
seine Unsichtbarkeit trägt zu der Ehrfurcht, die der Name Agenor einflösst, das
Ihrige bei; denn niemand kann sich rühmen, ihn jemals in der Nähe gesehen zu
haben, und alles, was er mit ihnen zu verkehren hat, geht durch den Mund und die
Hände seiner getreuen Sklavin.
    Diagoras verlangte von mir zu hören, ob zur Zeit meines Aufentalts in Aten
noch die Rede von ihm gewesen sei, und was für eine Vorstellung ich mir, nach
den Gerüchten die über ihn herumgegangen, von ihm gemacht hätte. Ich antwortete,
alles, was ich für und wider ihn gehört, wäre mir so übel zusammenhangend und
widersinnisch vorgekommen, dass ich, in der Ungewissheit was ich davon denken
sollte, nur die vermeinte Unmöglichkeit beklagt hätte, die Wahrheit von ihm
selbst zu erfahren. So hätte ich z.B. die Sage von der wahren Ursache seiner
Ateisterei gar zu ungereimt gefunden, - O, die möcht' ich doch hören, fiel er
mir ins Wort; ich bitte dich, was sagte die Sage? - »Es hiess, die eigentliche
Veranlassung zu deiner erklärten Feindschaft gegen die Götter sei ein
Rechtshandel gewesen, in welchen du mit einem gewissen Menschen geraten, der
dir ein ihm anvertrautes Gedicht unterschlagen und den Empfang desselben mit
einem förmlichen Eide vor Gericht abgeläugnet, aber, nachdem er frei gesprochen
worden, das Gedicht als sein eigenes Werk mit grossem Beifall bekannt gemacht
habe. Dieser Handel, sagte man, hätte dich so tief gekränkt, dass du den Göttern
nicht hättest verzeihen können, dass sie nicht auf der Stelle ein Zeichen an dem
Meineidigen getan; kurz, das erlittene Unrecht hätte dich in deinem Glauben so
irre gemacht, dass du endlich auf den Gedanken verfallen seist: da die Götter,
wofern Götter wären, einen solchen Frevel unmöglich ungestraft lassen könnten,
so müssten nur gar keine Götter sein. Das ist lustig, sagte Diagoras: man muss
gestehen, für ein so witziges Volk, wie die Atener sind, räsonniren sie
zuweilen erbärmlich; und überhaupt ist nichts so ungereimt, das sie sich nicht
weiss machen liessen, sobald es auf andrer Leute Kosten geht. Fürs erste, habe ich
in meinem Leben (wenigstens seitdem ich nicht mehr in die Schule gehe) nichts
gemacht das einem Gedicht ähnlich sähe. Hätte ich aber auch das Talent, Verse zu
machen die gestohlen zu werden verdienten, so würde ich, anstatt den Dieb
gerichtlich zu belangen, mein Recht an sie dadurch bewiesen haben, dass ich noch
bessere gemacht hätte. Und gesetzt endlich, ich hätte mich in der ersten Hitze
zu einem Rechtshandel gegen den Räuber hinreissen lassen, so würde ich wenigstens
nicht so albern gewesen sein, zu verlangen dass Jupiter, - der, um den Erdboden
nicht gänzlich zu entvölkern, so viele tausend falsche Eide ungestraft lassen
muss, - nun gerade meiner Verse wegen eine Ausnahme machen sollte. Wahrlich wäre
der sparsame Gebrauch der Donnerkeile, und die Art, wie die Welt regiert wird,
überhaupt die schwächste Seite der Götter, sie würden von mir immer
unangefochten geblieben sein! Denn ich wüsste wirklich nicht wie sie es angreifen
müssten, um die ungeheure Menge von Narren, Toren und Schelmen, womit die Erde
überdeckt ist, besser zu regieren, als wir im Ganzen regiert werden; aber eben
daraus, dass wir so gut regiert werden, als es unsre Narrheit und Verkehrteit
nur immer zulässt, schliesse ich, die Welt werde nicht von unsern Göttern regiert.
Denn, nach der Probe zu urteilen, die sie in Homers Ilias abgelegt haben, müsste
es noch zehnmal toller zugehen, wenn die Zügel der Weltregierung in den Händen
so selbstsüchtiger, launischer, ungerechter, stolzer, rachgieriger, wollüstiger
und grausamer Despoten lägen, als der alte Sänger uns diese nämlichen Götter
schildert, die in allen Städten Griechenlands Tempel, Altäre und Priester haben.
Ich sagte ihm: auch mir wäre jene Sage von der Ursache seines Götterhasses zu
lächerrlich vorgekommen, um den mindesten Glauben zu verdienen. Aber was ich mir
nicht zu erklären gewusst hätte, wäre der Hang zu den geheimen Gottesdiensten,
der bei ihm (wie man versichert) ehmals bis zur Leidenschaft gegangen sei. Es
war eine Zeit, sagt man, wo Diagoras im Glauben an Teophanien68, Orakel und
Wunderdinge aller Art eher zu viel als zu wenig tat, und man weiss dass er den
grössten Teil seines Vermögens aufgeopfert hat, um in der ganzen bewohnten Welt
herumzureisen, und sich in alle Mysterien, so viele er deren ausspähen konnte,
einführen zu lassen. Wie ein Mann, der die Religiosität bis zu diesem Grade von
Schwärmerei getrieben, auf einmal zum entgegen gesetzten Äussersten habe
überspringen können, schien etwas so Unnatürliches, dass man sich geneigt fühlte,
selbst die ungereimteste Erklärung, die ein solches Wunder einigermassen
begreiflich machte, für gut gelten zu lassen.
    Dir, versetzte Diagoras, hoffe ich, ohne deiner Vernunft etwas
Ungebührliches zuzumuten, ziemlich begreiflich zu machen, wie ich gerade durch
die vollständigste Befriedigung der besagten Schwärmerei zu dem Ateism gekommen
bin, dessen ich mit und ohne Grund, je nachdem man's nimmt, beschuldiget werde.
Alle Menschenkinder kommen, denke ich, mit mehr oder weniger Hang zum
Wunderbaren auf die Welt. Bei mir äusserte sich dieser Naturtrieb von früher
Jugend an sehr lebhaft, aber mit einer Gegenwirkung verbunden, die ihm alle
seine Schädlichkeit benahm. Ich horchte nämlich mit dem grössten Vergnügen auf
alle Erzählungen dieser Art; Milesische Mährchen, Zauber- und
Gespenstergeschichten, teurgische Wunder, Teophanien, und alle die
übernatürlichen Dinge, die sich täglich ereignet haben sollen als die Götter
noch unter den Menschen wandelten, und die Erde mit ihren Söhnen und Töchtern
erfüllten, kurz, alle diese Kindereien, wovon die Griechen immer so grosse
Liebhaber waren, hatten auch für mich einen ungemeinen Reiz; aber ich glaubte
kein Wort davon. Sie belustigten und beschäftigten bloss meine Einbildungskraft
und meinen Witz; jenes desto mehr, je unglaublicher sie waren; dieses, indem sie
mich zum Nachdenken anreizten, wie es mit diesen Dingen natürlich habe zugehen
können, d.i. woher wohl die dabei vorwaltende Täuschung gekommen, und wie es
möglich gewesen, solche Albernheiten selbst den einfältigsten Menschen weiss zu
machen. Diese Anlage bei mir vorausgesetzt, wird dir alles Uebrige sehr
begreiflich werden. Ich hatte von Kindheit an viel von Orakeln, besonders von
dem zu Delphi, gehört; als ich heran gewachsen war, hörte ich auch zuweilen,
wiewohl immer mit geheimnisvoller Zurückhaltung, von den Eleusinischen und
andern Mysterien reden. Dieses Geheimtun der Eingeweihten reizte meinen
Vorwitz, hinter die wunderbaren Dinge zu kommen, die, wie ich nicht zweifelte,
in diesen Mysterien zu sehen und zu hören sein müssten. Ich versuchte es auf alle
Weise, fand aber, dass ich auf keinem andern Wege zu meinem Zweck gelangen würde,
als wenn ich mich selbst in diesen geheimen Gottesdiensten iniziiren liesse. An
Gelegenheiten dazu konnte mir's nicht fehlen. Mein Vater war einer der
ansehnlichsten Handelsleute in Melos. Er schickte von Zeit zu Zeit Schiffe nach
den vornehmsten Häfen des Aegeischen, Ionischen und Karpatischen Meeres, und
hatte allentalben Correspondenten, mit denen er in gastfreundlicher Verbindung
stand. Frühzeitig mit dieser Art von Geschäften bekannt gemacht, wurde ich von
meinem zwanzigsten Jahre an, unter der Führung eines alten Dieners bald dahin
bald dortin verschickt. Diese Reisen gaben mir Gelegenheit, mich mit den Orgien
von Lemnos, Kreta und Cypern bekannt zu machen: aber was ich dadurch erfuhr, war
so unbedeutend, dass es zu nichts diente, als meine Begierde nach wichtigern
Entdeckungen desto stärker anzufeuern. Ich machte mir einen Plan, meine
Nachforschungen bei den Priestern zu Memphis und Sais (welche nach dem gemeinen
Wahn der Griechen in uraltem Besitz einer geheimen teurgischen Weisheit sind)
anzufangen, sodann die von ihnen nach und nach zu den Persern, Syrern,
Phöniciern und Griechen übergegangenen Mysterien auf dem Wege den sie genommen
zu verfolgen, und nicht eher zu ruhen, bis mir in diesem Fache nichts mehr zu
ergründen übrig wäre. Ich führte diesen Plan aus, sobald ich durch den Tod
meines Vaters das Vermögen dazu bekam. Ich brachte mehrere Jahre damit zu; und
da wir natürlicherweise nach dem, was an uns in die Augen fällt, beurteilt
werden, so konnt' es nicht fehlen dass ich mir durch eine so ungewöhnliche
Anwendung meiner Zeit und meines Vermögens den Ruf eines bis zur Schwärmerei
religiösen Menschen zuzog; einen Ruf, den ich selbst, so lang' er meinen
Absichten beförderlich sein konnte, auf alle Weise zu unterhalten beflissen
war.«
    »Auf der letzten Reise, die ich zu Vollendung meines Plans zu machen hatte,
ward ich zufälligerweise mit dem berühmten Abderiten Demokritus bekannt, den
eine ähnliche Wissbegierde seit vielen Jahren in der Welt herum trieb; nur dass
seine Absicht mehr auf Naturgeschichte, und auf die physischen, astronomischen
und medicinischen Geheimnisse der Aegyptischen Priester, Magier und Orphiker,
als auf die religiösen gerichtet war. Wer die Mitbürger dieses ausserordentlichen
Mannes kennt, sollte glauben, sein Genius habe Mittel gefunden, sich alles
Verstandes, den die Natur unter die Bewohner von Abdera verteilen wollte, für
ihn allein zu bemächtigen. Mir wenigstens ist unter so vielen merkwürdigen
Männern, deren Bekanntschaft zu machen meine Reisen mir Gelegenheit
verschaften, keiner vorgekommen, der mit einem so hellen und so viel
umfassenden Geist einen so unermüdeten Fleiss in Erforschung der Natur, und mit
beidem so viel Gutlaunigkeit und Anmut im Umgang vereinigte wie Demokritus. Von
der ersten Stunde unsrer Bekanntschaft an fühlte ich mich so stark von ihm
angezogen, dass ich nie wieder von ihm getrennt zu werden wünschte; und auch er
fasste so viele Zuneigung für mich, dass er mir nicht nur erlaubte ihn auf seinen
übrigen Wanderungen zu begleiten, sondern auch Vergnügen daran fand, mich in
seinen eigenen Mysterien einzuweihen, welche mir, wie du gerne glauben wirst,
eine ganz andere Befriedigung gaben als die priesterlichen, womit ich einige der
besten Jahre meines Lebens vertändelt hatte. Die Bekanntschaft mit diesem Manne
hätte mir viel Ungemach und die Notwendigkeit, mein Dasein in einer Felsenkluft
zu verheimlichen, ersparen mögen, wenn ein Mensch seinem Schicksal entgehen
könnte, oder richtiger zu reden, wenn ich meinen Eifer, die Menschen
vernünftiger zu machen als sie zu sein fähig sind, im Zaume zu halten gewusst
hätte.«
    Was du mir da sagst, fiel ich ein, setzt mich desto mehr in Verwunderung, da
ich nach dem Ruf, worin Demokritus steht, eher alles andere als einen Sachwalter
der Götter von ihm erwartet hätte.
    Der war er denn auch so eigentlich nicht, versetzte Diagoras; aber er hatte
sich über diesen Punkt ein System gemacht, wobei er seine Vernunft zu retten
glaubte, ohne mit den Priestern und Mystagogen, die den Glauben an ihre Götter
und Mysterien zu einer Bürgerpflicht zu erheben gewusst haben, jemals in offne
Fehde zu geraten.
    Du würdest mich verbinden, sagte ich, wenn du mich mit seiner Denkart über
diesen Gegenstand näher bekannt machen wolltest. - Dies kann nicht besser
geschehen, erwiederte Diagoras, als wenn ich dir eine Unterredung mitteile die
über diese Materie zwischen uns vorfiel.
    Du bist, sagte Demokritus zu mir, vermutlich der einzige Mensch in der
Welt, der so viel Zeit und Geld aufgewandt hat, um hinter die Geheimnisse der
Priesterschaft zu kommen: darf ich fragen, was der reine Gewinn deiner
Entdeckungen ist? - Immer so viel (war meine Antwort) dass ich die Unkosten nicht
bereue. Ich weiss nun mit einer Gewissheit69, die ich schwerlich auf einem andern
Weg erlangt hätte: dass Götter und Priester Synonymen sind; dass alle unsre Götter
(die bloss allegorischen ausgenommen) Menschen waren, die ihre Standeserhöhung
und den ihnen angewiesenen Anteil an der Weltregierung den Priestern, durch
welche sie regieren, zu danken haben; und dass der Tartarus mit allen seinen
Feuerströmen und Schreckgespenstern, so wie die Inseln der Seligen mit aller
ihrer Wonne, schlaue Erfindungen sind, wodurch die Priesterschaft sich der
beiden mächtigsten Leidenschaften und durch sie der Herrschaft über die Welt
bemächtigt hat. Ich begreife nun wie der Götter und der Menschen Vater Zeus zu
Kreta geboren und begraben sein kann; warum Delos die Wiege des Apollo und der
Artemis ist, und woher die unendliche Menge von Söhnen und Töchtern kommt, womit
unsre Götter und Göttinnen die ganze Hellas so überschwänglich bevölkert haben,
dass keine alte Familie ist, die ihr Stammregister nicht mit irgend einem
göttlichen Bastard anzufangen die Ehre hätte. Ich begreife nun, warum eine
Religion, die in sich selbst so übel zusammenhängt, und deren höchstes Geheimnis
ist dass die Götter Nicht-Götter sind, so wenig zur Veredlung der Menschheit
beitragen kann. Und wenn auch das alles nicht wäre (setzte ich hinzu) rechnest
du etwa für nichts, dass ich weiss wohin Isis ihren Sohn Horus vor dem wütenden
Typhon verbarg, was das alte Mütterchen Baubo der Ceres zeigte, um sie in der
höchsten Betrübnis zum Lachen zu bringen, und was in dem verdeckten Korbe war,
den Pallas Atene den Töchtern des Cekrops in Verwahrung gab? - O gewiss,
versetzte Demokritus lachend, zu diesen Wissenschaften hättest du schwerlich auf
einem andern Wege gelangen können; aber alles übrige war wohlfeiler zu haben. -
Ich muss bekennen, sagte ich, dass mir die Wissenschaft - nichts oder was wenig
besser als nichts ist, zu wissen, hoch genug zu stehen kommt; zumal, da mir, bei
aller Aufklärung die ich über unsre Mysterien erhalten habe, der Hauptpunkt noch
immer unbegreiflich geblieben ist. - Was könnte dies wohl sein? fragte
Demokritus. - Weiter nichts, als wie es möglich ist, dass bei der unendlichen
Menge von - Iniziirten, es noch einen einzigen vernünftigen Menschen geben kann,
der sich durch ein so grobes Gewebe von Betrug, Gaukelei, Kindermährchen und
Kinderpossen, wie die Religion unsrer Väter ist, noch einen Augenblick täuschen
lassen kann. Denn wirklich tut die Priesterschaft ihr Möglichstes uns die Augen
zu öffnen. - Ich sehe, erwiederte er, dass du mit allen deinen Nachforschungen
noch immer nicht auf den Grund der Sache gekommen bist. Wir machen uns fast
allemal einer Ungerechtigkeit schuldig, wenn wir irgend etwas Menschliches, sei
es - Glaube, Gewohnheit, Sitte, oder - Lehre, Gesetz, Institut, eher für ganz
ungereimt und verwerflich erklären, bevor wir unbefangen erforscht haben, ob es
nicht in seinem Ursprung, zu seiner Zeit und in seiner ersten Gestalt, gut,
schicklich und zweckmässig war. Ich bin gänzlich deiner Meinung, dass der
Gebrauch, den die Priesterschaft heutzutage von ihren Orakeln und Mysterien
macht, die Verachtung, die du dagegen gefasst hast, mehr als zu sehr
rechtfertigt: nichtsdestoweniger scheinen mir beide zur Zeit ihrer Einsetzung
schickliche Mittel zu einem löblichen Zweck gewesen zu sein, und um dieser
Ursache willen einige Schonung zu verdienen. Die undurchdringliche Finsternis,
die auf der ältesten Geschichte aller Völker liegt, hat mich nicht abgeschreckt,
in den Altertümern des unsrigen so weit zu forschen als irgend ein hier und da
hervorbrechender Lichtpunkt mir vorzudringen erlaubte. Dem, was ich darin
wahrzunehmen glaubte, zufolge, nehme ich drei verschiedene Epochen an, in
welchen unsre Volksreligion sich nach und nach zu dem, was sie noch zu unsrer
Väter Zeit war, gestaltet hat. Denn über das, was sie jetzt ist, sind wir, denke
ich, ziemlich einverstanden. Der erste dieser Zeitpunkte ist der, da unser Land
noch von ganz rohen Naturmenschen, oder richtiger gesagt, Tiermenschen bewohnt
war. So lange der Mensch auf dieser untersten Stufe steht, kann man von ihm so
wenig, als von irgend einem andern Tiere, sagen, dass er eine Religion habe: es
ist etwas der Religion Aehnliches, wie man einigen Tieren etwas der Vernunft
Aehnliches zuschreibt. Ein dumpfes Gefühl der gewaltigen, ihm unbegreiflichen
Kräfte der Natur, das bei ungewöhnlichen, vorzüglich bei furchtbaren
Naturbegebenheiten in ihm erregt wird, ist der rohe Stoff, woraus der finstre,
schwermütige und schreckhafte Aberglaube, in welchem wir die Kindheit des
Menschengeschlechts befangen sehen, sich nach und nach hervorarbeitet. Das Wort
Deisidämonie scheint in unsrer Sprache ganz eigentlich für diesen Zustand
gemacht zu sein; etwas Bestimmteres von der besondern Gestalt, welche dieser
noch so sehr unförmliche, dem Zufall und einer ungebändigten Einbildungskraft
gänzlich überlass'ne Dämonism70, unter den Autochtonen71 unsers Landes
angenommen haben mag, weiss ich nicht zu sagen.
    Die zweite Epoche scheint mir die ebenfalls unbestimmbare, uralte Zeit zu
sein, da die Titanen, vermutlich vom Kaukasus her, sich eines grossen Teils der
nachmaligen Hellas bemächtigten, und ein Reich stifteten, das von keiner langen
Dauer gewesen zu sein, aber doch den ersten Grund zur Civilisirung dieser
Gegenden gelegt zu haben scheint. Durch die Länge der Zeit musste unter einem
Volke, dem die Kunst, Gedanken und Worte mittelst einer leichten Art von
Bezeichnung zu verkörpern und festzuhalten, noch unbekannt war, die Geschichte
der Titanen, durch blosse mündliche Ueberlieferung fortgepflanzt, nach und nach
zu Sagen, und, durch eine Kette von Veränderungen, Revolutionen und zufälligen
Ursachen aller Art, endlich zu Volksmährchen werden, wovon unsre
übelzusammenhängende ältere Götter-und Heroengeschichte ein verworrenes Chaos
ist. Unzählige Spuren setzen indessen ihr ehemaliges Dasein und ihre Verdienste
um die ältesten Bewohner Griechenlands ausser allen Zweifel. Mit ihnen kamen die
zu einem menschlichen Leben unentbehrlichen Künste zuerst in diese Gegenden;
und, aller Wahrscheinlichkeit nach, schreibt sich auch die Einführung der
ältesten Religion des obern Asiens, die Verehrung des Himmels und der Erde, der
Sonne und des Mondes von ihnen her. Wie es nun zuging, dass in der Folge die
Titanen selbst für Söhne des Himmels und der Erde gehalten und kraft eines
Erbrechtes, das ihnen von niemand streitig gemacht wurde, teils an die Stelle
der Sonne und des Mondes, teils in den Besitz der Oberherrschaft über Luft und
Erde, Wasser und Feuer gesetzt, teils, als die Urheber der ersten Anfänge des
bürgerlichen Lebens, des Feldbaues und der dazu nötigen Künste, lange nach
ihrem Tode göttlich verehrt wurden; ingleichem wie die Regierungsveränderungen,
die sich in diesem vergötterten Geschlechte ereignet haben sollen, zu erklären
sind, übergehe ich, als zu dem, wovon jetzt die Rede ist, nicht gehörig, und
bemerke nur, dass die spätern Aegyptischen und Phönicischen Stifter oder
Wiederhersteller der Städte Aten und Teben, Cekrops und Kadmus, als sie nach
Griechenland kamen, unsre vornehmsten Götter, Zeus und Here, Poseidon, Apollo
und Artemis, Pallas Atene und Aphrodite, Demeter und Persephone, Ares, Hermes
und Hephästos (sämmtlich aus dem Titanengeschlechte) vermutlich schon im Besitz
der öffentlichen Anbetung gefunden und um so mehr ungestört darin gelassen
haben, da sie ihre eigenen Götter, nur unter andern Namen, in ihnen
wiederfanden; wiewohl ich nicht zweifle, dass ein grosser Teil der Verwirrungen
und Widersprüche, die in der Genealogie und Geschichte der Griechischen Götter
herrschen, sich von den mannichfaltigen Vermischungen älterer und späterer,
einheimischer und ausländischer Sagen herschreibt, wozu die fremden Colonisten
die Veranlassung gegeben haben mögen. Nichtsdestoweniger setze ich die dritte
Epoche unsers alten Religionswesens in die Zeit des Aegyptiers Cekrops, insofern
ich ihn als den wahren Stifter der Eleusinischen Mysterien betrachte, von
welchen alle übrigen, (die Aegyptischen des Osiris und der Isis, welche jenen
selbst zum Muster dienten, ausgenommen) blosse Nachahmungen sind. Bis dahin war
die Religion unsrer teils wild gebliebenen, teils nach und nach wieder
verwilderten Griechen blosse Deisidämonie gewesen; und wiewohl zu glauben ist,
dass wenigstens die Schutzgötter jedes Volkes, Stammes und Ortes schon lange vor
Cekrops und Kadmus öffentliche Altäre, Tempel und Priester hatten, so findet
sich doch keine Ursache, auch nur zu vermuten, dass man bei den Opfern und
Gelübden, die man ihnen darbrachte, etwas anders abgezielt habe, als sich ihrer
Gnade und ihres Schutzes zu versichern, oder ihren Zorn, welchem man alle
physischen und moralischen Uebel zuschrieb, zu besänftigen. Der Glaube, dass Zeus
selbst unmittelbarer Schirmherr des gastlichen Rechts und Rächer des Meineides
sei, und dass jeder, sogar unvorsetzliche Mord von den Erinnyen rastlos verfolgt
werde, war damals alles, was die Religion zu Beförderung der Humanität unter den
ungeschlachten Horden, welche nach und nach mit vieler Schwierigkeit zum
bürgerlichen Leben vermocht worden waren, beitrug. Aber die neuen Gesetzgeber
fanden (den Begriffen gemäss, die sie aus ihrem Lande mitgebracht), teils zur
Erhaltung und Aufnahme ihrer neuerrichteten Colonien, teils überhaupt zur
Befestigung der bürgerlichen Ordnung unter einem ungeschlachten Volke nötig,
das schwache Ansehen der Gesetze durch den Glauben zu stützen, »dass die Götter
unmittelbare Kundschaft von dem Tun und Lassen der Menschen nehmen, und, nicht
zufrieden schon in diesem Leben die Bösen zu strafen und die Guten zu belohnen,
auch die Seelen der Verstorbenen vor ein unerbittlich strenges Gericht
forderten, und je nachdem sie entweder unsträflich gelebt, oder sich mit noch
ungebüssten Verbrechen befleckt hätten, in jenem Falle in einen wonnevollen
Zustand versetzten, in diesem durch die schrecklichsten Peinigungen zur Strafe
zögen.« Diese Lehre, dem Volk als Glaubenspunkte bloss durch mündlichen Vortrag
eingeschärft, würde wenig Eindruck gemacht haben: aber durch die Mysterien
symbolisirt, und unter einer Menge Ehrfurcht gebietender Feierlichkeiten den
Sinnen selbst unmittelbar dargestellt, musste sie auf äusserst sinnliche und
abergläubische Menschen, die man in den unterirdischen Wölbungen des Tempels zu
Eleusis durch künstliche Täuschungen erst in den Tartarus, dann in die
Elysischen Haine versetzte, die grösste Wirkung tun. Du wirst nicht vergessen
haben, Diagoras, wie dir selbst, trotz deinem Unglauben, dabei zu Mute war, und
du kannst von dem Eindruck, den das, was du hörtest und sahest, auf deine
Einbildung machte, auf denjenigen schliessen, den solche Anschauungen auf
ungebildete Menschen machen mussten, die sich nicht, wie du, in ein Schauspiel,
sondern übernatürlicher Weise in die wirkliche Unterwelt versetzt glaubten. Ich
gestehe, sagte ich, dass sich, bei dem feierlich langsamen Durchgang durch die
labyrintischen Windungen des Tartarus, über das was ich hörte, und in einer
durch zuckende Blitze und wirbelnde Rauch- und Flammenwellen erleuchteten
sichtbaren Dunkelheit zu sehen glaubte, alle Haarspitzen auf meinem Kopfe und an
meinem ganzen Leibe empor richteten. Aber freilich wird der Eindruck, den dies
allenfalls auf ein weiches Gemüt machen könnte, durch den geheimen Unterricht,
den man bei der zweiten grossen Weihe empfängt, wieder rein ausgelöscht. Daher,
sagte Demokritus, wurden ehmals keine andern zu dieser hohen Weihe zugelassen,
als Männer, die man stark genug glaubte starke Wahrheiten zu ertragen, und edel
genug, sie gehörig zu gebrauchen. Überdies zweifle ich nicht, dass die zweite
Initiation bei den Eleusinischen Mysterien in ihrem Ursprung entweder noch gar
nicht stattgefunden, oder wenigstens eine andere, der Einfalt jener Zeiten
angemessenere Beschaffenheit gehabt habe.
    Wenn ich dir alles zugebe, versetzte ich, was du mit vieler Scheinbarkeit
von den drei Epochen der Religion unserer Väter gesagt hast, was gewinnt sie
dabei in ihrem dermaligen Zustande? Wir leben in einer vierten Epoche, wo kein
gebildeter Mensch mehr an Götter glaubt die nie gewesen sind, und unsre eben so
ungläubigen Priester, mit den reichen Einkünften, die jedem sein Gott
verschafft, zufrieden, sich eher um alles andere bekümmern, als um den
sittlichen Einfluss, den die Religion auf das Gemüt der Menschen haben könnte.
    Es sollte mir nicht schwer sein, dir beides streitig zu machen, erwiederte
Demokritus: aber, wenn ich dir auch gestehe, dass mir gerade kein Priester
beifällt, den ich deiner Behauptung entgegenzustellen wagen möchte; so ist doch
die Anhänglichkeit des grossen Haufens an den Glauben ihrer Voreltern noch immer
so augenscheinlich, dass ich niemand raten wollte, ihn auf die Probe zu setzen.
Sogar unter den ersten Männern unsrer Zeit kenne ich mehr als Einen, der so
stark als seine Grossmutter an Orakel, Vögel und Opferlebern glaubt, vor einer
Mondfinsterniss oder einer Doppelsonne wie vor einem Unglückszeichen erschrickt,
und mit dem grössten Ernst einem ganzen Senat oder den versammelten Befehlshabern
eines Kriegsheers erzählt, was ihm diese Nacht geträumt hat. Macht dies die
Sache unserer Priester nicht besser, so beweiset es wenigstens: dass unser alter
Volksglaube noch bei weitem nicht so unwirksam ist als du dir einzubilden
scheinst; und ich ziehe daraus die Folge, dass es, sowohl für einzelne Personen
als für den Staat selbst, gefährlich wäre, sich über diesen Punkt zu täuschen.
So lange die Religion, die bei Errichtung der bürgerlichen Gesellschaft eines
der stärksten Bande der Ordnung und Sittlichkeit war, in dieser Eigenschaft noch
nicht alle Kraft verloren hat, soll sie, denke ich, von den Weisen geschont und
geachtet werden; wie löblich und nötig es auch übrigens ist, den Aberglauben
durch kluge Verbreitung richtiger Begriffe von der Natur der Dinge nach und nach
dermassen zu entkräften, dass er, wie die Spulwürmer durch gewisse Arzneien,
zuletzt unvermerkt und ohne Beschwerde, gleichsam von selbst von den Menschen
abgeht. Du erlaubst mir alles, erwiederte ich, indem du mir das Recht zugestehst
gegen den Aberglauben zu arbeiten. Denn was ist unsre Volksreligion anders als
der gröbste und lächerrlichste Aberglaube? Ich läugne nicht, dass er noch wirksam
ist; aber dass er den wohltätigen sittlichen Einfluss, den er ehemals gehabt
haben soll, noch in unsern Tagen habe, das ist was ich ihm gänzlich abspreche.
Was hilft z.B. der Glaube an Zeus den Rächer des Meineides? Der ehrliche Mann
schwört keinen falschen Eid, nicht weil er den Donner des Horkios72 fürchtet,
sondern weil er ein ehrlicher Mann ist; und wer es nicht ist, sieht so viele
Meineidige unangedonnert herumgehen, und findet überdiess bei den Priestern so
viel Bereitwilligkeit ihn für die Gebühr mit Jupiter Horkios auszusöhnen, dass
die Furcht vor seinen Donnerkeilen ihn keinen Augenblick zurückhält. Der noch
immer im Schwange gehende Glaube an die Orakel, und die Vorbedeutungen die man
aus den Eingeweiden der Opfertiere nimmt, ist, wenigstens auf Seiten unsrer
bürgerlichen Obrigkeiten und Kriegsbefehlshaber, pure Heuchelei, und kann also
weder Gehorsam gegen göttliche Winke noch Zuversicht auf göttlichen Beistand
wirken. Man hat schon lange Mittel gefunden, die Pytia sagen zu lassen was man
will; oder ihre Aussprüche sind so geflissentlich rätselhaft und vieldeutig,
dass man sie nach eignem Gefallen deuten kann; und wenn die Milzen und Lebern der
Opfertiere nicht günstig sind, so schlachtet man so lange andre, bis die
Vorbedeutung endlich nach Wunsch ausfällt. Demokritus behauptete: in den Händen
kluger Regenten und Heerführer könne dieser Aberglaube, so lang' er noch seine
Wirkung auf die Menge tue, in vielen Fällen den glücklichen Ausgang einer
Unternehmung entscheiden, oder grosses Unheil verhüten; und was ich ihm auch
entgegen hielt, immer kam er auf den Grundsatz zurück: es sei unweislich
gehandelt, ein durch die Länge der Zeit ehrwürdig gewordenes Institut zu
vernichten, bevor man gewiss sei, etwas Besseres an seine Stelle gesetzt zu
haben. Ist das Bessere wirklich da, sagte er, so wird das Schlechtere von selbst
fallen. Wer wird fortfahren wollen, in einem morschen, täglich den Einsturz
drohenden Hause zu wohnen, wenn es nur auf ihn ankommt, ein bequemeres
neugebautes zu beziehen? Aber ehe man sich Wetter und Winden unter freiem Himmel
preisgibt, behilft man sich lieber in einem baufälligen Hause, und stützt und
flickt so lange daran als es gehen will.
    Da es bei Streitigkeiten dieser Art beiden Teilen nie an Antwort fehlt, so
erneuerten wir den Kampf bei jeder Gelegenheit, und Demokritus, der mir
ernstlich wohl wollte, gab sich viele Mühe, mich zu bewegen, dass ich dem
Gedanken, den Göttern und Priestern öffentlich den Krieg anzukündigen, auf immer
Abschied geben möchte. Aber der Hass, den die Betrügereien der letztern und der
vielfache Missbrauch ihres Einflusses auf den grossen und kleinen Pöbel in mir
angezündet hatten, war ein Feuer, das sich nicht lange heimlich im Busen herum
tragen liess; und kaum hatte ich mich von meinem weisern Freunde wieder getrennt,
so warf ich die Larve, die zu meinem Zwecke bisher nötig gewesen war, von mir,
und zeigte mich überall in meiner wahren Gestalt. Alles was seine Warnungen über
mich gewonnen hatten, war, dass ich anfangs mit einiger Behutsamkeit zu Werke
ging. Indem ich alle Arten von Aberglauben teils zu untergraben, teils
geradezu lächerrlich zu machen suchte, schonte ich wenigstens die Polias73 zu
Aten, die Juno zu Argos und Samos74, den Apollo zu Delphi75, und Jupitern
überall76. Nirgends gelang mir dies besser als zu Aten, wo der glückliche
Erfolg des ungezügelten Mutwillens, womit Aristophanes77 Götter und Menschen
dem Gelächter des Pöbels preisgab, mich aufmunterte, mir grössere Freiheiten
herauszunehmen. Wirklich können die Atener, denen ein witziger Einfall über
alles geht, viel mehr ertragen als andere Griechen, und so lange ich mich
begnügte über Götter, Orakel und Orgien nur zu scherzen, liess man meine Einfälle
für absichtlose Ergiessungen einer komischen Laune gelten, wobei mehr
Unbesonnenheit als böser Wille sei. Als ich aber immer kühner ward, und meine
Lehrsätze und Meinungen, nicht nur in vertrautern Gesellschaften sondern sogar
auf öffentlichen Versammlungsplätzen, in einem ernstaften Tone zu behaupten
anfing; geschah, was ich hätte voraussehen können, und was mir Demokritus mehr
als einmal vorher gesagt hatte. Ich bekam zwar einen Anhang von Jünglingen, für
welche die blosse Kühnheit einer Philosophie, die sich über alle Vorurteile
hinwegsetzt, und auf das, was andern das Ehrwürdigste ist, mit tiefer Verachtung
herabsieht, schon die Kraft des vollständigsten Beweises hatte: aber gerade
dieser Umstand verschlimmerte meine Sache in den Augen der Alten. Die Priester
fingen an zu murren, und ehe ich mir's versah, erklärte sich beinahe ganz Aten
gegen den Melier78, der die Vermessenheit hatte, von Göttern, welche ein uralter
Besitz gegen alle Beeinträchtigungen sicher stellte, zu fordern, dass sie die
Titel der Rechtmässigkeit desselben vorzeigen sollten. Zu allem diesem kam
endlich noch das bekannte Unglück meiner armen Vaterstadt, und unfehlbar würde
ich den Hass, den die Atener (um ihr ungerechtes und grausames Verfahren - vor
sich selbst zu rechtfertigen) auf alle Melier geworfen hatten, desto schwerer
gebüsst haben, wenn mein gutes Glück mir nicht wenige Tage vor dem Ausbruch des
Ungewitters, das sich seit einiger Zeit über mir zusammenzog, einen Weg zur
Flucht eröffnet hätte. Denn ich wurde gleich nach meiner Entfernung von den
Eumolpiden79 gerichtlich angeklagt, die heiligen Mysterien verraten, und die
Jugend von der Initiation abgehalten zu haben. Beide Beschuldigungen wurden
gerichtlich erwiesen, und hätten in der Tat nicht geläugnet werden können; und
so würde, anstatt dass ich jetzt in dieser stillen Freistätte sicher atme, der
Sturz in das furchtbare Baratron80 mein Loos gewesen sein, wenn ich mich nicht
lieber auf die Behendigkeit meiner Fersen verlassen hätte, als auf die Güte
meiner Sache, von welcher ich meine Richter schwerlich hätte überzeugen können.
    Diagoras endigte hier seinen Bericht, und du wirst vermutlich gern sehen,
dass ich ebenfalls eine Pause in meiner Erzählung mache.
    Ich wage es, lieber Kleonidas, in Hoffnung dir durch die Länge dieser
Epistel nicht lästig zu sein, in meiner angefangenen Erzählung fortzufahren.
Sollte sie dich nicht müssig genug antreffen, um sie nicht zu lang zu finden, so
kannst du sie ja bei Seite legen. Es gibt auch in dem tätigsten und
genussreichsten Leben doch zuweilen eine Stunde, mit der man nichts anzufangen
weiss, und es müsste nicht gut sein, wenn sie dir in einer solchen Stunde nicht
einige Unterhaltung verschaffen könnte.
    Mein alter Wirt schien sich das Betragen, welches ihm die Verbannung aus
allen Griechischen Staaten zugezogen hatte, so wenig gereuen zu lassen, und sich
bei seiner Ohngötterei so wohl zu befinden, dass mir nicht einfallen konnte, ihn
darüber anzufechten. Meine Denkart über diese Dinge ist ungefähr dieselbe, wozu
der Weise von Abdera ihn vergeblich zu bereden gesucht hatte. Es würde zu nichts
geholfen haben, die seinige mit den nämlichen Gründen zu bestreiten; zumal da
er, in seiner gegenwärtigen Abgeschiedenheit, von den Menschen eben so wenig zu
besorgen hat, als von den Göttern; und überhaupt ist es einer meiner Grundsätze,
mit niemanden über das, was er von den überirdischen und dämonischen Dingen
glaubt, oder nicht glaubt, zu hadern. Uns in allen den Gesetzen und Gebräuchen
der Völker, unter welchen wir wohnen, zu unterwerfen, oder wenigstens nicht mit
dem Kopf vorwärts gegen sie anzurennen, macht uns schon die blosse Urbanität zur
Pflicht, wenn es auch die Sorge für unsre eigene Ruhe nicht so gebieterisch
forderte. Wer sich, wie Diagoras, den Hass der Priesterschaft geflissentlich
zuziehen will, tut wohl, wenn er die unangenehmen Folgen desselben auch wie
Diagoras trägt, als etwas das eben so unfehlbar zu erwarten war, als dass man
gebrannt wird, wenn man dem Feuer zu nahe kommt. Will er es demungeachtet darauf
ankommen lassen, wer kann's ihm wehren? Wie gleichgültig mir also in dieser
Rücksicht die Religion des Diagoras sein konnte, so hatte doch ein Wort, das ihm
im Lauf seiner Erzählung entfallen war, meine Neugier rege gemacht: und da wir
einmal auf dieser Materie waren, erinnerte ich ihn jenes Wortes, woraus ich
schliessen müsste, sein Ateism sei nicht so unbedingt, dass er allen Glauben an
etwas Göttliches aufhebe. Du scheinst, sagte ich, in deinem Gedankensystem an
die Stelle der Götter, die du läugnest, etwas anderes zu setzen. Darf man fragen
was?
    Diagoras. Mich selbst, und alles was wirklich ist, erwiederte er.
    Ich. Das ist viel auf einmal gesagt, Diagoras! woher weisst du dass etwas
wirklich ist?
    Diagoras. Weil ich weiss dass ich selbst bin.
    Ich. Und woher kannst du wissen dass du selbst bist?
    Mein Mann schien ein wenig zu stutzen. - Eine seltsame Frage, sagte er
lachend.
    Ich. Es wäre noch seltsamer, wenn sie dir nie aufgestossen wäre.
    Diagoras. Nie in meinem ganzen Leben. Aber die Antwort ist auch so leicht,
dass sie mir bloss deswegen nicht sogleich beifiel. Ich weiss dass ich bin, weil ich
sehe, höre, fühle, denke, mich selbst bewege, und - zwar nicht alles, aber doch
sehr vieles kann, was ich will.
    Ich. Könntest du das alles, wenn du nicht schon da wärest?
    Diagoras. Schwerlich!
    Ich. Und wenn die Dinge nicht da wären, die dir zu diesen Äusserungen deines
Daseins Anlass geben? -
    Diagoras. Ohne Zweifel, nein.
    Ich. Du weisst also, dass du bist, weil es Dinge ausser dir gibt, die dieses
Selbstbewusstsein in dir erwecken; du könntest aber nicht wissen, dass es Dinge
ausser dir gebe, wenn du nicht wüsstest, dass du selbst bist. Dies, dünkt mich,
heisst sich in einem Kreise herum drehen, der weder Anfang noch Ende hat, und du
hast also keinen hinlänglichen Grund zu glauben, dass du selbst bist.
    Diagoras. Pure Sophistereien! Ich glaube nicht dass ich bin, und, genau zu
reden, weiss ich es auch nicht; aber ich fühl' es, und das ist genug. Dieses
Selbstgefühl, und das Gefühl dass etwas ausser mir ist, ist ein und eben dasselbe.
Indem ich, zum Beispiel, den Feigenbaum dort sehe, fühle ich dass ich ihn sehe,
das ist, ich sehe ihn in mir selbst, und so fühle ich in einem und eben
demselben Augenblick mein und sein Dasein.
    Ich. Sein Dasein in dir, meinst du?
    Diagoras. Ich sehe ihn zwar in mir selbst, aber als etwas ausser mir
Befindliches; und warum wäre das, wenn er nicht wirklich ausser mir wäre?
    Ich. Du siehst einen Centauren, eine Sirene, auch ausser dir, und es sind
doch blosse Geschöpfe deiner Phantasie. Woher weisst du, dass es mit dem Baum und
allem andern, was du zu sehen meinst, nicht eben dieselbe Bewandtnis hat?
    Diagoras. Allerdings ist es meine Phantasie, die aus der Hälfte eines
Menschen und eines Pferdes einen Centauren, und aus einem Weibe, einem Vogel und
einem Fische eine Sirene zusammensetzt: aber das könnte sie nicht, wenn ich
nicht wirklich Menschen, Pferde, Vögel und Fische gesehen hätte.
    Ich. Du hältst also alles für wirklich, was du in einer lebhaften
künstlerischen Begeisterung siehest? Oder warum solltest du diese Einbildungen
nicht für eben so wirkliche Dinge ausser dir halten, wie die nämlichen
Vorstellungen, wenn sie unter der Beglaubigung deiner Sinne in dein Bewusstsein
kommen?
    Diagoras. Weil ich einen sehr wesentlichen Unterschied zwischen ihnen fühle.
Wenn ich mir z.B. die Lemnische Venus bloss in Gedanken vorstelle, so sehe ich
sie in meiner Einbildung zwar auch ausser mir, aber ungleich weniger klar und
lebhaft, als wenn das Gebilde des Phidias wirklich vor mir stände; und was noch
mehr ist, es hängt bloss von mir ab, ob ich das Gedankenbild sehen will oder
nicht; stehe ich hingegen zu Lemnos vor dem wirklichen Bilde der Göttin, so muss
ich es sehen, ich wolle oder wolle nicht.
    Ich. Wie? auch wenn du die Augen zumachst?
    Diagoras. Welche Frage!
    Ich. Ich will bloss damit sagen: was du mit deinen Augen siehest, dringt sich
dir nur so lange mit Gewalt auf, als du es wirklich ansiehest. Ist es aber mit
dem, was du bloss in deiner Einbildung siehest, etwa anders? Sobald die Bedingung
da ist, d.i. sobald deine Einbildung dir dieses Bild darstellt, musst du es eben
so wohl, obgleich weniger lebhaft, sehen, als wenn deine Augen es dir
dargestellt hätten, und im letztern Falle steht es nicht weniger bei dir, die
Augen wegzuwenden oder zuzuschliessen, als im erstern deine Einbildungskraft auf
etwas anderes zu richten.
    Diagoras. Aber setze dass du, an eine Säule gebunden, gegeisselt werdest,
steht es dann auch in deinem Belieben, ob du die Pein der Geissel fühlen wollest
oder nicht?
    Ich. So vieler Gewalt über meine Sinne rühme ich mich keinesweges. Aber
setze du dagegen einen verrückten Menschen, der sich in seinem Wahnsinn
einbildet, dass er gegeisselt werde: fühlt er die Pein der bloss eingebildeten
Geissel nicht eben so lebhaft als wenn sie wirklich wäre? Dem Wahnsinnigen tut
seine kranke Phantasie eben dieselbe Gewalt an, welche in dem Falle, den du
setztest, dem Gesunden geschieht.
    Diagoras. Und was schliesst du aus dem allen?
    Ich. Dass du keinen hinlänglichen Grund hast, von deinem Gefühl auf die
Realität dessen was du fühlst zu schliessen.
    Diagoras. Deiner Meinung nach gingen also alle meine Vorstellungen aus mir
selbst hervor, und ich hätte keine Ursache zu glauben, dass etwas ausser mir wäre?
    Ich. Ich behaupte nicht dass es wirklich so sei; aber aus dem Gesagten
scheint es wenigstens so. Wie kämen auch die vermeinten Dinge ausser dir dazu,
Vorstellungen in dich zu bringen, die sich nicht in deiner Seele selbst erzeugt
hätten? Gesetzt aber auch, dieser Feigenbaum werfe ein kleines Bild seiner
Gestalt in dein Auge, und es reflectire aus deinem Aug' in deine Seele, so wäre
zwischen einem solchen Bild und dem Bewusstsein, womit du es siehest, nicht das
geringste Causalverhältniss; und doch wird es bloss dadurch, dass du dir bewusst
bist es zu sehen, etwas in dir Wirkliches. Kurz, um Dinge ausser dir
wahrzunehmen, muss deine Seele so viel tun, dass du wenigstens Ursache hast zu
zweifeln, ob sie nicht alles tue.
    Diagoras. Aber, wie wär' es möglich, Aristipp, dass du nicht sehen solltest,
in welche Ungereimteiten ein solcher Zweifel führen würde? Wenn alle meine
Vorstellungen blosse Geschöpfe der denkenden Kraft in mir sind, bin ich nicht
genötiget, mich für das einzige wirkliche Wesen zu halten? Nun sind aber alle
andern Menschen in dem nämlichen Falle, und wenn sie alle so räsonniren wollten,
was sollte aus dreissig oder vierzigtausend Miriaden Narren werden, deren jeder
sich einbildete, alle übrigen seien nichts als in ihm selbst erzeugte
Gedankenbilder?
    Ich. Es käme darauf an dass sie sich darüber mit einander verglichen. Da
einer so viel Recht hätte als der andere, warum sollten sie nicht in Güte
übereinkommen können, einander, um der Bequemlichkeit des gesellschaftlichen
Lebens willen, vermittelst einer Art von Prosopopöie die Existenz zuzugestehen?
    Diagoras. Und so möchten wir, dächte ich, eben so wohl tun, wenn wir auch
allen übrigen Dingen, die in unser Bewusstsein geraten, die nämliche Billigkeit
widerfahren liessen?
    Ich. Das könnten wir ohne Bedenken; aber was hätten wir damit gewonnen, wenn
wir uns selbst von dem Grund ihres und unsres Daseins Rechenschaft geben
sollten?
    Diagoras. Kann uns denn nicht genug sein dass wir da sind? Wozu brauchen wir
nun eben den Grund zu wissen?
    Ich. Diese Frage hast du dir selbst schon beantwortet, Diagoras, da du mir
auf die meinige »was du an die Stelle der Götter setzest?« zur Antwort gabst:
»mich selbst und alles was wirklich ist.« - Es ist nun einmal in unsrer Natur,
sobald sich uns etwas als ausser uns darstellt, zu glauben es sei, und wissen zu
wollen, was und woher und wie und warum es ist. Das kürzeste Mittel, sich
hierüber zu beruhigen, schien den Menschen von jeher zu sein wenn sie Götter
glaubten, in deren Macht und Willkür der Grund des Daseins und der
Zusammenordnung der Dinge liege. Du willst mit diesem Behelf nichts zu tun
haben, und setzest dich selbst und alles was wirklich ist an ihre Stelle. Aber
bei näherer Untersuchung der Sache hat sich gefunden, dass dein eigenes Dasein
eine sehr zweifelhafte Sache ist, da das Gefühl desselben lediglich auf dem
vorausgesetzten Dasein anderer Dinge beruht, für deren Dasein du keine andere
Gewähr hast als dein eigenes. Gesetzt aber auch es hätte mit deinem Dasein seine
Richtigkeit, so ist es doch eine blosse nackte Tatsache und du hast auf die
Frage: woher, wie und warum du da bist? noch immer keine Antwort. Denn dass du
nicht immer da warest, und dass der Grund deines Daseins nicht in dir selbst sein
kann, wirst du schwerlich in Abrede sein wollen.
    Diagoras. Es scheint in der Tat ich müsste auch etwas davon wissen, wenn ich
immer gewesen wäre, und die Mutter die mich gebar, der Vater der mich auferzog,
und der Schulmeister der mich im Homer lesen und die Melodien des alten
Terpander plärren lehrte, müssten sich auf eine seltsame Weise getäuscht haben.
Aber wozu braucht es aller dieser Leptologien81. Die Formel, über welche du mich
schikanierst, soll nichts weiter sagen als: die Natur entält alles was ist, war
und sein wird, und es bedarf keines andern Grundes für mein und aller übrigen
Dinge Dasein als sie.
    Ich. Die Natur! - Ein grosses viel umfassendes Wort! Und was denkst du dir
eigentlich dabei?
    Diagoras. Wie ich sagte, das, woher alles was ist, war, und sein wird,
seinen Ursprung und die Nahrung seines Wesens zieht.
    Ich. Ich glaube die Bedeutung jedes einzelnen Wortes dieses Satzes zu
wissen; aber bei dem ganzen kann ich mir nichts Deutliches denken.
    Diagoras. Ich, die Wahrheit zu sagen, eben so wenig.
    Ich. Du hättest also ungefähr so viel als gar nichts damit gesagt?
    Diagoras. Ist es meine Schuld dass die Natur etwas Unbegreifliches ist?
    Ich. Irgend eine dunkle Vorstellung muss denn doch wohl mit diesem
unbegreiflichen Worte verbunden sein. Denkst du dir die Natur vielleicht als
eine unendliche Reihe an einander geketteter einzelner Dinge?
    Diagoras. Ich sehe wohin du willst, Aristipp, und ich will dir die Mühe
ersparen, mir die Ungereimteit einer unendlichen Reihe von Eiern und Hühnern
darzutun. Ich denke mir die Natur als das einzige, ewige, unendliche Urwesen,
und alles was ist als eine Art von Erzeugnissen, die es ewig aus sich selbst
hervorbringt.
    Ich. Da hätten wir den Kronos der Dichter, der seine eignen Kinder aufisst,
um immer neue zeugen zu können?
    Diagoras. Oder, wenn du lieber willst, so stelle sie dir als den Proteus
vor, der sich selbst in alle möglichen Gestalten wandelt.
    Ich. Für poetische Darstellungen mögen diese Bilder brauchbar genug sein;
aber dem Verstande erklären sie nichts, und wir sind noch um kein Haar breit
weiter als anfangs. Alles was ich sehe ist, dass du dich so gut als wir andern
genötigt fühlst, etwas Erstes, Unerklärbares, Unendliches, mit Einem Worte,
Göttliches zu glauben, um dich nicht in einem Labyrint von Fragen und Zweifeln
zu verlieren, aus welchem kein Ausgang ist. -
    Diagoras. Und weiter wollen wir uns, wenn dir's gefällig ist, nicht
versteigen.
    Mit diesen Worten führte mich Diagoras zu seinen Götterbildern zurück, um
(wie er sagte) die Spinneweben wieder los zu werden, womit uns der Sophistische
Dialog über Sein und Nichtsein den Kopf angefüllt habe. Er liess mich eine Menge
possierlicher Dinge bemerken, welche meiner Aufmerksamkeit entgangen waren, und
überzeugte mich durch sein herzliches Wohlgefallen an den Missgeburten seiner
witzelnden Phantasie immer mehr, wie lächerrlich es von mir gewesen wäre, über
einen Gegenstand, für welchen er keinen Sinn hatte, in einem ernstaftern Tone
zu sprechen. Uebrigens muss ich dir sagen, dass mein Ton ungefähr der nämliche
war, worin Sokrates mit den Sophisten, und allen andern, denen es (wie er
glaubte) nicht ernstlich um Wahrheit zu tun war, von solchen Dingen zu
disputiren pflegte; und ich wollte diese Gelegenheit nicht vorbei lassen, dir
eine kleine Probe zu geben, dass ich nicht drei Jahre lang mit einem solchen
Meister in der subtilsten Dialektik gelebt habe, ohne ihm auch in diesem Stück
etwas abzulernen; wiewohl ich gern gestehe, dass die ihm eigene
ironischeinfältige Miene, die er in solchen Fällen anzunehmen wusste,
schlechterdings dazu gehört, wenn diese Manier zu philosophiren ihre ganze
Wirkung tun soll.
    Ich werde erst jetzt gewahr dass meine Erzählung unvermerkt zu einem Buch
angeschwollen ist, und der Griffel in meiner Hand zu zittern anfängt. -
    In wenigen Tagen, lieber Kleonidas, hoffe ich die schöne Minervenstadt
wieder zu sehen, zu welcher ich mich, nach einer langen Trennung, von einer Art
verliebter Sehnsucht hingezogen fühle. Dass vielleicht auch die Nähe von Aegina
Anteil an dieser Gemütsstimmung haben mag, warum sollt' ich es vor einem
Freunde wie du verheimlichen wollen?
 
                                      21.
                             Kleonidas an Aristipp.
Wenn ich nicht schon lange wüsste, dass du ein weiserer Mann, oder wenigstens ein
nicht so heisser Liebhaber des Schönen bist als ich, so würde mich dein Benehmen
gegen den leidigen Zerrbildner Diagoras davon überzeugt haben; denn ich muss
gestehen, mir wäre es unmöglich gewesen, beim Anblick seiner unartigen Machwerke
Geduld zu behalten. Mag doch immerhin eine Art von Genie und Kunst dazu gehören,
auch an lächerlichen Carricaturen nicht über eine gewisse Gränzlinie
hinauszuschweifen, und das Burleskhässliche nicht bis zum Ekelhaften, das
Ueberladene und Verzerrte nicht bis zur gänzlichen Unnatur zu treiben: aber was
berechtigt diesen Menschen, mit dem Mutwillen eines trunkenen Barbaren in das
Heiligste der Kunst einzufallen, und, einer grillenhaften Phantasie zu Liebe,
die Ideale alles Schönen, Lieblichen und Erhabenen zu verunstalten und in
schmutzig possierliche Missgestalten zu verkehren, wozu er die Urbilder aus den
Hefen der pöbelhaftesten Natur zusammensuchen musste? Seine Götter und Göttinnen
sind unstreitig die schlechteste Gesellschaft, die ein Mensch sich nur immer
geben kann: aber mit welchem Recht erkühnt er sich, den Vater der Dichtkunst zu
seinem Mitschuldigen zu machen? und wie kann er, ohne von seinem eigenen Gefühl
Lügen gestraft zu werden, vorgeben: »seine Zerrbilder seien den Homerischen
Göttern angemessener als die erhabenen Darstellungen eines Alkamenes und
Phidias?« - Es ist wahr, wie hoch Homer sich auch immer über sein Zeitalter
hätte schwingen mögen, bis zur göttlichen Natur selbst vermocht' er sich und uns
nie zu erheben. Er musste, gern oder ungern, die Götter zu uns herabziehen; aber,
da er nun einmal genötigt war, sie entweder ganz aus dem Spiele zu lassen oder
bloss als eine Art menschenähnlicher Wesen aufzuführen; bestand da nicht die
grösste Kunst darin, sie, dessen was sie mit uns gemein haben ungeachtet, hoch
genug über uns zu erheben, um einen stark in die Sinne fallenden und der
Einbildung Ehrfurcht gebietenden Unterschied zu bewirken? Ich denke man kann in
dieser Rücksicht mit dem, was er geleistet hat, zufrieden sein. Seine Götter
nähren sich z.B. wie wir, aber weniger aus Bedürfnis als zum Vergnügen, von
Ambrosia und Nektar, die ihren Leib in Unsterblichkeit und ewiger Jugend
erhalten. Sie haben Leidenschaften wie wir; aber auch diese sind nur erhöhte
Äusserungen übermenschlicher Kräfte, oder Wirkungen des lebhaften Anteils, den
sie an den Menschen nehmen. - Niemand wird zu läugnen begehren, dass dem Dichter
der Ilias bei allem dem noch Spuren der Rohheit seines Zeitalters ankleben:
indessen sollte, meines Bedünkens, auch der Umstand in Betrachtung kommen, dass,
dem gemeinen Volksglauben nach, alle Heroen und Heroiden jener Zeit halbbürtige,
mit Sterblichen erzeugte Götterkinder waren, und also der Abstand zwischen
Göttern und Menschen bei weitem nicht so gross schien, dass es billig wäre, dem
Dichter zum Vorwurf zu machen, wenn er sich hierin den Begriffen seiner
Zeitgenossen fügte; zumal da er das Menschenähnliche seiner Götter fast immer
dermassen zu veredeln weiss, dass in Stellen, wo sein Genius sich zum wirklichen
Anschauen dieser himmlischen Naturen zu erheben scheint, selbst Pindars
mächtiger Adlersflug sich nicht höher aufzuschwingen vermocht hat. Oder bedarf
es etwa hiervon eines stärkern Beweises, als dass es ja eben der Homerische
Götterkönig war, der den grössten Bildner unsrer Zeit mit der hohen Idee
begeisterte, die wir in seinem Jupiter Olympius so rein und kraftvoll
dargestellt sehen, dass wir bei dessen Anblick, wie vom Schauder des
gegenwärtigen Gottes ergriffen, die Augen niederzuschlagen genötigt sind und
den Boden unter uns erzittern zu fühlen glauben? - Gesetzt aber auch (was kein
unbefangener Leser Homers zugeben wird) der Dichter hätte durch seine Art die
Götter reden und handeln zu lassen dem leichtfertigen Diagoras zu seinen
Zerrbildern Gelegenheit gegeben; mit welchem Grunde kann er es unsern grössten
Meistern übel nehmen, dass sie alle Nerven ihrer Phantasie angestrengt haben,
sich vermittelst dessen, was an der menschlichen Natur das Schönste, Reinste und
Vollkommenste ist, zu so hohen Idealen von Göttergestalten zu erheben, dass wir
in ihren Werken, wie in teurgischen Erscheinungen, Götter zu sehen glauben,
wiewohl wir im Grunde nur Menschen sehen? Ist es ihnen nicht vielmehr zum
Verdienst anzurechnen, dass sie, in eben dem Augenblick da sie die Religion des
Volkes durch die würdigsten Darstellungen, deren der gemeine Menschensinn fähig
ist, reinigen, den Menschen zugleich anschaulich zu machen suchen, welcher Würde
ihre eigene Natur fähig sei. Verzeihe mir, Lieber, dass ich mich in meinem
gerechten Unwillen so lange bei einer Sache verweile, worüber wir, deiner
anscheinenden Gleichgültigkeit ungeachtet, unmöglich verschiedener Meinung sein
können. Ich kann dir nicht ausdrücken, wie angenehm es mir ist, dich wieder
mitten in der schönen Hellas zu wissen, in welcher ich noch immer durch die
Erinnerung zur Hälfte lebe. Mir ist als ob du mir um so viel näher wärest; und
auch Musarion, die Schöne und Gute, schmeichelt sich, ihre teilnehmende,
wiewohl unsichtbare, Gegenwart dir und ihrer edeln Freundin bis in Aegina
fühlbar zu machen.
 
                                      22.
                             Aristipp an Kleonidas.
Schon zwei bis drei Monate, lieber Kleonidas, suche ich eine Gelegenheit dich zu
benachrichtigen, dass ich mich zum drittenmal wieder im Schutz der hehren Atene
befinde, und durch Vorsorge unsers Freundes Eurybates eine bequeme Wohnung nicht
weit vom Pompeion und dem Tempel der Demeter bezogen habe. Ich bin dadurch dem
Hafen um so näher, wohin mein unbescholtener Aetiopier tagtäglich zweimal
traben muss, um sich zu erkundigen, ob irgend ein Fahrzeug aus euern Gegenden
angekommen oder dahin abzugehen begriffen sei. Aber auch jetzt danke ich es bloss
dem verwöhnten Gaumen der Atener, denen unser stinkendes Silphi zu einem
unentbehrlichen Küchenbedürfniss geworden ist, dass ich endlich eine Gelegenheit
aufgetrieben habe, diese Epistel an dich gelangen zu lassen.
    Vor allen Dingen, Freund, lass dir sagen, dass die holden Kechenäer sich
wieder auf der höchsten Spitze ihres stolzen Selbstgefühls wiegen: denn, um mit
Einem Wort alles zu sagen, sie haben wieder Mauern! und zwar noch höhere und
festere als die alten, die ihnen Lysander vor zwölf Jahren niederreissen liess:
sie haben wieder neue Mauern, und (worauf sie sich am meisten zu Gute tun) ohne
dass es sie einen Heller kostet. Du wunderst dich wie das zuging? Wisse also, dass
der schlaue Konon, ihr zweiter Temistokles82 (wie sie ihn zu böser Vorbedeutung
nennen), Konon, ein eben so gewandter Staatsmann als braver Seeofficier, seinen
berühmten Sieg über die Spartaner bei Knidos durch seinen Gönner den Satrapen
Pharnabaz in einen so hohen Anschlag bei dem grossen Könige zu bringen gewusst
hat, dass dieser eine sehr staatskluge Partei zu nehmen glaubte, wenn er den
Atenern wieder zu ihrem ehmaligen Uebergewicht über Sparta, seine zeiterige
Feindin, und zum ersten Rang unter den Griechischen Republiken in Europa
behülflich wäre. Die Wiederherstellung der Mauern von Aten (eine Kleinigkeit
für die unerschöpflichen Schatzkammern des Königs der Könige) war zu dieser
Absicht, und also (wie es freilich von Seiten der Perser gemeint war) zum
Dienste des Königs unumgänglich. Konon betrieb das Werk mit unsäglichem Eifer;
alles was Hände hatte wurde angestellt; von allen Enden Griechenlands strömten
die Arbeiter schaarenweise herbei; der König bezahlte mit blanken Dariken, und
der Satrap liess sich den Auftrag geben mit einer ansehnlichen Flotte, wozu die
Griechischen Städte in Karien und Ionien Mannschaft und Schiffe lieferten, die
Unternehmung zu beschützen.
    Mehr brauchte es nicht, um den Attischen Autochtonen - die, so lange ihre
von Lysandern erlittne Schmach durch die Offenheit ihrer Stadt und ihres Hafens
noch augenscheinlich beurkundet wurde, die Flügel ziemlich demütig sinken
liessen - auf Einmal ihren ganzen Übermut wieder zu geben. Kaum erhoben sich
ihre neuen Mauern, kaum hatte ihnen Konon mit der Persischen Flotte, deren
Anführung ihm der Satrap überlassen hatte, wieder zu ihrer alten Tyrannie über
die kleinern Inseln verholfen, so war auch alles Vergangene wieder rein
vergessen; so betrachteten sie sich selbst wieder als die Herren der Welt, und
den König, ihren Wohltäter, als ihren blossen Zahlmeister, der es sich noch zur
höchsten Ehre rechnen müsse, der »weltberühmten, schönen, fetten,
veilchenbekränzten Atenä« ihren uralten Glanz wiedergegeben zu haben, und dem
sie nicht den geringsten Dank schuldig wären, wenn er ihre Mauern auch mit
gediegenem Golde hätte überziehen lassen. Aus diesem Tone kann man sie
wenigstens an allen öffentlichen Orten täglich blasen hören. Sie bauen nun
wieder ein Nephelokokygia über das andere ins Blaue hinein, immer voraussetzend
die Schätze des grossen Königs würden ihnen ewig zu Gebote stehen, ob sie es
schon der Mühe nicht wert halten, sich seines Wohlwollens durch eine dauerhafte
Verbindung seines Interesse mit dem ihrigen zu versichern. Was die Folgen dieses
demokratischen Stolzes und der falschen Massregeln, wozu er sie verleiten wird,
sein müssen, lässt sich, ohne dass man ein Tiresias zu sein braucht, leicht
voraussehen. Aber die kurzsinnige Attische Aufgeblasenheit sieht nichts voraus,
wird durch keine Erfahrung klüger, und begeht alle ihre grossen und kleinen
Torheiten immer als ob es das erstemal wäre. - Doch, kein Wort weiter von
Atenischen Staatsverhältnissen und demokratischen Albernheiten! Weiss ich denn
nicht, wie widerlich und langweilig dir, mit Recht, diese Dinge sind? Auch soll
es das letztemal sein, dass ich dich damit behellige! - Ein anderes wär' es, wenn
ich dir von Zeit zu Zeit eine Aristophanische Komödie im Geschmack der Acharner,
der Ritter und der Vögel mitzuteilen hätte, die dir ohne einen kleinen
Commentar nicht immer verständlich wären. Aber solche Früchte bringt der
Attische Boden nicht mehr hervor. Die Wiederherstellung der Demokratie hat zwar
das Gesetz gegen den Missbrauch der ungezügelten Freiheit der alten Komödie83
ziemlich unkräftig gemacht: aber Zeit und Umstände scheinen unvermerkt auch auf
diesen Zweig der öffentlichen Unterhaltung zu wirken, und ich betrachte die
Komödie, wie ich sie seit meiner Zurückkunft finde, als den Uebergang zu einer
künftigen neuen Gattung, deren regelmässigere und elegantere Form eine natürliche
Folge der, in umgekehrtem Verhältnis mit der Abnahme der demokratischen
Ungezogenheit, immer steigenden Verfeinerung des Geschmacks und der Sitten sein
wird. Indessen lässt gleichwohl die leichtfertige Muse des Dichters der Wolken
weder ihrer unnachahmlichen Genialität noch ihrem gewohnten Mutwillen so enge
Schranken setzen, dass sie sich nicht noch immer bald einzelne Hiebe mit
derselben Geissel, die vor dreissig Jahren einen Kleon bis auf die Knochen
zerfleischte, bald Züge von eben demselben neckenden Spott, womit sie einst
einen Lamachus, Euripides, Nicias, Alcibiades, ja den unsträflichen Sokrates
selbst verfolgte, und bei jeder Gelegenheit die bittersten Sarkasmen über das
Volk und die Regierung von Aten erlauben sollte. Sein neuestes Stück, der
Weibersenat84 betitelt (welches ich für dich abschreiben lasse), entält
ziemlich starke Beweise hiervon, ist aber dabei so ekelhaft schmutzig, dass ich,
wiewohl es von feinerem Witz und trefflichen Einfällen strotzt, mir doch kaum
getraue es dir vor die Augen zu bringen.
    Eine meiner ersten Angelegenheiten, nachdem ich von meiner neuen Wohnung
Besitz genommen hatte, war, die alte Bekanntschaft (Freundschaft kann ich sie
ehrlicher Weise nicht wohl nennen) mit den Attischen Sokratikern zu erneuern.
Der gute Kriton war seinem geliebten Freunde schon vor einigen Jahren in das
unbekannte Land nachgezogen, wovon Plato in seinem Phädon so viel Wunderbares zu
berichten hat. Stilpon lebt zu Megara, Cebes und Simmias sind nach Teben
zurückgekehrt, und streuen dort guten Sokratischen Samen aus. Unter den
Anwesenden wurde ich von dem wackern Gerber Simon, von Kritobulus (der unserm
Meister durch sein Leben als Hausvater und Bürger Ehre macht) und von Aeschines,
des Lysanias Sohn, am freundlichsten empfangen; von Plato kalt und vornehm, von
Antistenes (der mit den Jahren nicht milder geworden ist) ein wenig - cynisch.
Es war als ob er mich erst von allen Seiten beschnuppern müsste, bevor er mich
erkannte und einige Freude über unser Widersehen äusserte; welches letztere
übrigens all bejahrten Leute zu tun pflegen, wenn ihnen ein jüngerer Bekannter
nach langer Zeit wieder zu Gesichte kommt. Im Grund ist es nicht so wohl das
Vergnügen über unser Dasein, als die Freude darüber dass sie selbst noch da sind,
was sie uns dadurch zu erkennen geben.
    Ich fange an sehr lebhaft zu fühlen, dass uns beim Eintritt in die männlichen
Jahre, eine bestimmtere Art von Beschäftigung immer unentbehrlicher wird. Ohne
gerad' eine förmliche Schule zu eröffnen und ein Aristophanisches Phrontisterion
aus meinem Hause zu machen, bin ich entschlossen, nach dem Beispiel des Sokrates
und in seiner Manier (sofern ich sie ohne Anmassung und Nachäfferei zur meinigen
machen kann) einen Teil meiner Zeit einigen fähigen Jünglingen, die sich zu mir
halten wollen, zu widmen. Zu diesem Ende ist ein gegen den Garten offener
Säulengang meines Hauses täglich etliche Stunden einem jeden geöffnet, der sich
darin ergehen und an der kleinen Gesellschaft, die sich da zusammen zu finden
pflegt, als Mitsprecher oder als blosser Zuhörer Anteil nehmen will. Diese
Galerie ist mit auserlesenen Gemälden geziert, und unter einigen Stücken von
Polygnotus, Zeuxis, Pausias, Parrhasius und Timantes, glänzen die trefflichen
Copeien von deinem Tod des Sokrates und dem Ende des unglücklichen Kleombrotus
so sehr hervor, dass sie gewöhnlich die Augen der hierher Kommenden zuerst auf
sich ziehen und am längsten festalten. Mitunter fallen auch ziemlich komische
Dialogen vor, wie z.B. der folgende, den ich dir, weil er mir noch ganz frisch
im Gedächtnis liegt, zur Kurzweil mitteilen will.
    Ein edler junger Atener trat mit einem zierlich gekleideten fremden
Jüngling Arm in Arm in die Galerie. Sie eilten mit flüchtigen Blicken von einem
Bilde zum andern, und blieben endlich vor dem Tode des Sokrates stehen.
    Kein unfeines Stück, sagte der Atener mit einer kalten Kennermiene.
    Der Fremde. Was es wohl vorstellt?
    Ich. Vermutlich sich selbst.
    Der Fremde. Wie meinst du das?
    Ich. Um mich deutlicher zu erklären, es ist eine Art von Rätsel oder
Hieroglyph.
    Atener. Das nenn' ich sich deutlich erklären! Es gehört also ein Schlüssel
dazu?
    Ich. Er steckt im Gemälde.
    Der Fremde. Wie kriegt man ihn aber heraus?
    Ich. Jeder muss ihn selbst finden; darin liegt ja der Spass bei allen
Rätseln.
    Der Atener. Wenn's der Mühe des Suchens wert ist.
    Der Fremde. Ich wollte wetten, dieses hier stellt den Tod des Sokrates vor.
    Ich. Ich auch; aber wenn du darauf wetten wolltest, warum fragtest du?
    Der Fremde. Um meiner Sache gewiss zu sein. Nun sehe ich wohl, je länger
ich's betrachte, dass es nichts anders ist. Ich kenne die meisten dieser Männer
von Person; sie sind zum Sprechen getroffen. Den alten Philosophen hab' ich
freilich nicht mehr besuchen können, weil er schon lange todt war; aber man
erkennt ihn auf den ersten Blick an seiner Silenengestalt, an der aufgestülpten
Nase und an dem Giftbecher, den er so eben aus der Hand des Nachrichters
empfangen hat.
    Ich. Gut für mich, dass der Maler dieses Bildes uns nicht zuhört.
    Der Fremde. Wie so, wenn man fragen darf?
    Ich. Weil er seine Arbeit in den nächsten Ziegelofen werfen würde, wenn er
dich so reden hörte.
    Der Fremde. Ich dächte doch nicht dass ich etwas so Unrechtes gesagt hätte.
Es verdriesst dich doch nicht, dass ich den Schlüssel zu deinem Rätsel so leicht
gefunden habe?
    Ich. Als ob man dir so was nicht auf den ersten Blick zutraute?
    Der Fremde. Gar zu schmeichelhaft! Ich gebe mich für keinen Oedipus; aber
das darf ich sagen, mir ist noch kein Rätsel vorgekommen, das ich nicht
erraten hätte.
    Ich. Mit Erlaubnis, was bist du für ein Landsmann?
    Der Fremde. Ein Abderit, zu dienen.
    Ich. So denk' ich wir lassen das Gemälde wo es ist.
    Der Fremde. Zum Verbrennen wär' es wirklich zu gut.
    Der Atener. Das sollt' ich auch meinen. Wenn es dir über lang oder kurz
feil werden sollte, lieber Aristipp, so bitt' ich mir den Vorkauf aus. Es hat
ein warmes Colorit, und sollte sich nicht übel in der Galerie ausnehmen, die ich
nächstens von meinem alten Oheim, dem General, zu erben hoffe. Und hiermit
schlenderten die jungen Gecken wieder fort. Das Lustigste ist, dass der Fremde
(der sich Onokradias85 nennt und ein Sohn des Archon von Abdera sein soll) von
dieser Stunde an eine sonderbare Anmutung zu meiner Person äussert, und mich
allentalben wo es nur immer angehen will, wie mein Schatten begleitet. Du wirst
lachen, Kleonidas, aber ich habe wirklich grosse Lust einen Versuch zu machen, ob
ich aus diesem Stück Feigenholz, wo nicht einen Mercur, wenigstens - einen
leidlichen Abderiten schnitzeln könne. Der junge Mensch zeichnet sich durch eine
ganz eigene Mischung von treuherziger Albernheit und plattem instinctartigen
Hausverstand, mit einer Portion gutlauniger Schalkheit und angeborner
Arglosigkeit versetzt, so sonderbar zu seinem Vorteil aus, dass ich mich leicht
an seine Gesellschaft gewöhnen könnte. Vermutlich um sich in desto grössere
Achtung bei mir zu setzen, machte er mich ungefragt mit seiner ganzen Familie
bekannt. Sein Vater, zur Zeit erster lebenslänglicher Vorsteher der Republik
Abdera, nenne sich (sagte er) Onolaus der Zweite. Mein Grossvater, fuhr er fort,
der als Nomophylax starb, führte meinen Namen, oder vielmehr ich den seinigen;
denn ihm zu Ehren nannten sie mich Onokradias. Mein Aeltervater Onages folgte
seinem Vater Onolaus dem Ersten in der Würde eines Stadtauptmanns, und so
ging's immer in aufsteigender Linie fort, so dass ich mich im Notfall rühmen
könnte, von einem der ältesten und verdientesten Häuser unsrer Republik
abzustammen. - Aber, fragte ich ihn, was kann wohl, wenn diese Frage nicht
unbescheiden ist, die Ursache sein, warum deine Voreltern eine so sonderbare
Vorliebe zu dem Wort onos gefasst haben, dass von dem Aeltervater des Aeltervaters
her alle eure Namen mit onos zusammengesetzt sind? Nicht, als ob es euch in
meinen Augen nicht zur Ehre gereichen sollte, dass ihr das Vorurteil verachtet,
welches gewissen Namen einen gewissen Einfluss - Ich verstehe, fiel er mir
lachend in die Rede: wir könnten wohl mit gutem Fug stolz darauf sein, dass wir
vielleicht die Einzigen sind, die einem ungerechter Weise zurückgesetzten
wackern Haustiere die ihm gebührende Ehre nicht versagen. Wenigstens sehe ich
nicht, warum Löwe und Wolf, oder Pferd und Ochs, die sich in so vielen
Griechischen Namen hören lassen, hierin ein Vorrecht vor dem Esel haben sollten.
Aber das ist denn doch die wahre Ursache dieser sonderbaren Familiensitte unsers
Hauses nicht: dieser liegt eine eben so sonderbare Begebenheit zum Grunde. Einer
meiner Ahnherren lag an einem Brustgeschwür so krank darnieder, dass die Aerzte
versicherten, der Augenblick, da es aufbräche, würde der letzte seines Lebens
sein. In banger Erwartung standen alle seine Kinder und Hausgenossen um ihn her,
als der Kranke durch die offne Tür seines Gemachs einen Esel erblickte, der von
ungefähr über einen grossen Korb voll Feigen geraten war, und während er mit der
gierigsten Fresslust in dieses ihm so ungewohnte Ambrosia hineinarbeitete, sein
eselhaftes Wohlbehagen durch die seltsamsten Maulverzerrungen zu erkennen gab.
Dieser Anblick kam dem Kranken so possierlich vor, dass er in ein heftiges
Gelächter ausbrach, wovon das besagte Geschwür so glücklich zerplatzte, dass
seine Brust in wenig Augenblicken wieder frei ward, und es dem Arzte nun ein
Leichtes war, den Kranken in kurzer Zeit gänzlich wieder herzustellen. Sofort
beschloss mein Anherr im ersten Feuer seiner Dankbarkeit, das Andenken einer so
wunderbaren Rettung auch auf eine ausserordentliche Art in seiner Familie zu
verewigen. Er nahm nicht nur selbst auf der Stelle den Namen Onogelastes an,
sondern legte zugleich seinem Sohn und seinem Enkel die Namen Onobulus und
Onomemnon bei, und verordnete als ein unverbrüchliches Familiengesetz, dass von
nun an zu ewigen Zeiten alle seine Abkömmlinge männlichen Geschlechts keine
andern als mit onos zusammengesetzte Namen führen sollten. Überdies machte er
auch eine Stiftung, aus welcher, bereits über dreihundert Jahre lang, jährlich
an dem Tage des besagten Wunders allen Eseln in ganz Abdera zehn trockne Feigen
auf den Kopf gereicht werden; dass also das Gedächtnis dieser Begebenheit sogar
die gänzliche Erlöschung unsrer Familie (welche die Götter verhüten wollen!)
überleben, und wenigstens so lange dauern wird, als die Stadt Abdera auf ihren
Fundamenten stehen bleibt.
    Ich weiss nicht, Kleonidas, ob ich dich um Vergebung bitten muss, dass ich dich
mit solchen Albernheiten unterhalte; mir ist ein Mensch wie dieser Onokradias in
seiner Art eben so merkwürdig, als irgend ein anderer ausgezeichneter Mann in
der seinigen. Der Fehler ist nur, dass ich dir den Ton und die Miene des
ehrlichen Abderiten nicht unmittelbar darstellen kann. Gewiss, du würdest finden,
dass ich nicht so Unrecht habe, diesen würdigen Abkömmling des edeln Onogelastes
in mein Herz zu schliessen.
    Eurybates erinnert sich euer oft und mit vielem Wohlwollen. Die schöne Droso
besitzt nicht nur die Gabe glänzende Eroberungen zu machen; sie weiss sich auch
in ruhigem Besitz derselben zu erhalten, und unser Freund scheint die leichten
goldnen Kettchen, womit sie ihn an sich gefesselt hat, mit sehr guter Art zu
tragen. Sie hat ihn mit einem Sohne beschenkt, der ihm an Gestalt und Sinnesart
so ähnlich ist, dass er sich (was nicht bei allen Atenern der Fall sein soll)
ohne sich selbst oder andern lächerrlich deswegen vorzukommen, ganz laut zu ihm
bekennen darf.
    Ich brauche dir nicht zu sagen, wie gross mein Verlangen nach guten
Nachrichten von meinen Geliebten in Cyrene ist, und wie sehr ich dir's danken
werde, wenn du einen Weg ausfindig machst, wie wir uns oft und sicher schreiben
können. Melde mir auch mit zwei Worten, wie das neue Räderwerk eurer Republik
geht, und sage meinem guten Bruder viel Freundliches in meinem Namen.
 
                                      23.
                                    An Lais.
Ich bin dir, Dank sei den Göttern, wieder so nahe, meine schöne Freundin, als es
die stolze Minervenstadt »dem reichen mit schönen Kindern prangenden Vorhof des
Istmischen Poseidons« ist.86 Im Grunde tut freilich, wenn man einander nicht
mit den Armen oder wenigstens mit den Augen erreichen kann, eine halbe Parasange
für den Augenblick so viel Wirkung als ein halbtausend: aber die Vorstellung,
dass ich jetzt nur zwei Tage brauche, um in deinen Armen zu sein, ist doch etwas
ganz anderes, als der trübselige Gedanke, dass eine ganze Odyssee voll Länder,
Gebirge, Ströme und Meere zwischen uns liegt; was noch vor wenig Monaten der
Fall deines landstreichenden Freundes war. Doch dies ist nun hinter mir, und mit
jedem Mondeswechsel rückt der Augenblick näher, der mich, wenn du anders noch
ebendieselbe für mich bist, für die Entbehrungen von fünf langen Jahren
entschädigen wird. Ich lass' es nicht fehlen, täglich die andächtigsten Gelübde
an den mächtigen Erderschütterer87 abzuschicken; und mit welchem Zauber auch die
neuaufgefrischten Reize der schönen Atenä, deiner einzigen Nebenbuhlerin, auf
mich wirken mögen, diesmal soll mich gewiss nichts verhindern, auf der
Veilchenbank deines stillen Myrtenwäldchens den Nachtigallen an deinem Busen
zuzuhören.
    Uebrigens gesteh' ich gern, dass der Aufentalt zu Aten nach einer so langen
Abwesenheit wieder grosse Annehmlichkeiten für mich hat. Ich lebe auf einem ganz
hübschen Fuss, und mache doch einen so mässigen Aufwand, dass ich mit dreihundert
Drachmen des Monats reichlich auszulangen gedenke. Wenn du dich des Rebhuhns für
funfzig Drachmen noch erinnerst, so wirst du hoffentlich meiner Frugalität das
gebührende Lob nicht versagen, wiewohl sie in Vergleichung mit der Genügsamkeit
eines Plato und dem täglichen Triobolon des Antistenes noch immer den Vorwurf
der Ueppigkeit verdient, der mir von den geschwornen Anhängern der
Notphilosophie gemacht wird. Ich würde mich leicht darüber trösten, wenn mir
diese Herren nur von Zeit zu Zeit die Ehre erweisen wollten, sich zur
Abwechslung mit einem kleinen Symposion in Cyrenischem Geschmack von mir
beköstigen zu lassen: aber da sie (den einzigen Aeschines ausgenommen) zu einer
so grossen Herablassung zu stolz sind, so muss ich mich, wenn ich Gesellschaft
haben will, schon mit tragischen Dichtern, Komödienmachern, Malern, Bildnern,
Musikern, Kaufleuten, Seefahrern, reisenden Fremden und dergleichen, behelfen,
und befinde mich, wie du mir gerne glauben wirst, nicht desto schlimmer dabei.
    Indessen lass' ich mich weder die kalte Höflichkeit deines Günstlings Plato,
noch die wolkenversammelnden Augenbrauen und die gerümpfte Nase des schmutzigen
Antistenes abschrecken, die Spaziergänge der Akademie und das Cynosarges öfters
zu besuchen, und ich habe dieser Herablassung zwei gleich sonderbare und
interessante, wiewohl sehr von einander abstechende Bekanntschaften zu danken;
die eine mit einem ausgemachten, übrigens sehr verständigen und witzigen -
Narren; die andere mit einem jungen Hermaphroditen, der entweder eine Art von
Platonischem Androgyn88, oder (was ich eher glauben möchte) weder mehr noch
weniger als - ein verkleidetes Mädchen ist. Es wird dir vielleicht nicht
unangenehm sein, Laiska, wenn ich auch dich ein wenig näher mit diesen
Merkwürdigkeiten des Cynosarges und der Akademie bekannt mache.
    Beim zweiten oder dritten Besuch, den ich dem alten Antistenes abstattete,
fand ich einen jungen Mann von Sinope bei ihm, der seine schmale Lebensweise
anfangs vermutlich aus blosser Not nachgeahmt haben mochte, sich aber bei der
Unabhänglichkeit, die sie ihm verschafte, so wohl befand, dass er den Sokratism
in diesem Stücke noch weiter treibt, als Antistenes selbst, und sich nicht
wenig damit weiss, dass er alle seine Bedürfnisse in einem kleinen Quersack immer
mit sich trage. - »Und was meinst du, fragte er mich lachend, was in meinem
Quersack ist? - Ein hölzerner Becher, eine halbe Metze Wolfsbohnen und ein alter
schwarzgebrannter etwas gebrechlicher Napf aus der Verlassenschaft der
königlichen Bettler des Euripides. Ich gestehe, vor wenig Tagen war ich noch um
einen Haarkamm reicher, der aber einen Zacken weniger hatte, als eine meiner
Hände! Die besten Gedanken kommen uns wie durch Eingebung. Bin ich nicht ein
Tor, dacht' ich, indem ich von ungefähr meine Finger überzählte, dass ich, im
Besitz eines Paars zehnmal bequemerer und zierlicherer Kämme, womit mir die
Natur selbst ausgeholfen hat, mich noch mit einem so armseligen Kunstwerkzeug
schleppen mag? Fort damit, in den Ilissus!«
    Diese seltsame aber genialische Laune, die mit zu viel Frohsinn gepaart ist,
um geheuchelt zu sein, und von der menschenfeindlichen Rohheit eines Timons und
dem grämlichen Ernst des runzligen Antistenes gleich stark absticht, würde mich
anreizen, die Freundschaft dieses jungen Mannes zu suchen, wenn ihm sein Stolz
nicht in den Kopf gesetzt hätte, dass die Freundschaft eines Menschen meiner Art
für seinesgleichen nur ein euphemisches Synonym89 von Schmarotzerei und
Unterwürfigkeit sei. Ich versuchte es einsmals, ihn zu einem sehr frugalen, ächt
Sokratischen Abendessen einzuladen. »Wenn ich keine Wolfsbohnen mehr in meinem
Quersack finde, lade ich mich von freien Stücken bei dir ein, war seine
Antwort.« - Wir sehen uns also nur zufälliger Weise. Vor einigen Tagen traf ich
ihn bei einem Brunnen an, da er eben Wasser aus seiner hohlen Hand schlürfte.
»Wer sollte gedacht haben, sagte er zu mir, dass ein Lehrling des weisen
Antistenes durch einen Betteljungen noch weiser werden könnte? Es sind noch
nicht zwei Stunden, dass ein geborner Philosoph aus dieser Zunft mich von der
Entbehrlichkeit meiner hölzernen Trinkschale überzeugt hat. Ich habe sie, fuhr
er lachend fort, dem vierzähnigen Kamm in den Ilissus nachgeschickt.« - Was
fehlt wohl diesem Narren, um reicher und glücklicher zu sein als ein König?
    Nun auch etwas von meinem neuentdeckten Hermaphroditen. Als ich die
Akademie, wo Plato sich nicht selten öffentlich hören lässt, zum erstenmale
besuchte, zog ein schöner Jüngling meine Augen auf sich, der kaum siebzehn Jahre
zu haben schien, und sich immer, so nah er konnte, zu Speusippus hielt. Man
sagte mir, er nenne sich Kleophron, sei der Sohn eines Bildhauers von Sicyon,
und, von einer heftigen Liebe zur Philosophie entbrannt, nach Aten gekommen, wo
er jetzt einer von Platons eifrigsten Schülern sei.
    Der junge Mensch, wie er merkte dass ich ihn aufmerksamer als andere
betrachtete, schlug seine grossen rabenschwarzen Augen so mädchenhaft errötend
nieder, dass mich sogleich ein Zweifel anwandelte, ob der vergebliche Kleophron
nicht etwa die schöne Lastenia sein könnte, mit welcher Speusipp (wie du mir
vor geraumer Zeit schriebst) in deinem Hause Bekanntschaft gemacht hatte. Was
mich in dieser Vermutung bestätiget, ist der Umstand, dass von allen Freunden
und Anhängern Platons gerade sein Neffe der einzige ist, der sich (wiewohl mit
einiger Behutsamkeit) um meine Freundschaft zu bewerben scheint. Seit kurzem hat
auch der schöne Kleophron angefangen sich mir zu nähern; er ist sogar mit
Speusipp in meine Galerie gekommen, um die Gemälde zu besehen, von welchen (wie
er sagte) in Aten so viel gesprochen werde. Er machte einige Bemerkungen,
welche stark nach der Quelle schmeckten, woraus er sie geschöpft hatte;
besonders schien er bei dem Bilde des unglücklichen Kleombrot mit Nachdenken und
Rührung zu verweilen. Wenn dieser Sicyonische Knabe, wie ich nicht länger
zweifele, deine Lastenia ist, so muss ich ihr das Zeugnis geben, dass sie der von
dir empfangenen Bildung durch ihre Sittsamkeit nicht weniger Ehre macht, als
durch die Lebhaftigkeit ihres Geistes. Auch benimmt sie sich in allem mit so
vieler Besonnenheit und Gewandteit, dass ihr Geschlecht von niemand, der nicht,
wie ich, schon vorher auf der Spur ist, so leicht entdeckt werden dürfte,
insofern sie nur eine gute Ausrede bei der Hand hat, sich den Uebungen auf der
Palästra zu entziehen. Plato wenigstens scheint nicht den mindesten Argwohn zu
hegen, und die Liebe seines Neffen zu dem schönen Knaben um so weniger zu
missbilligen, da beide, der Liebhaber und der Geliebte, erklärte Verehrer des
Systems der begeisterten Diotima sind, von welcher sein Sokrates die subtile
Teorie der übersinnlichen Knabenliebe (die er der Tischgesellschaft des
gekrönten Dichters Agaton so redselig vorträgt) in seiner Jugend gelernt zu
haben vorgibt. Dass dieser Speusipp ein kleiner Heuchler ist, brauche ich dir
nicht zu sagen; im übrigen rechtfertigt er alles, was du mir von seiner
Liebenswürdigkeit angerühmt hast, vollkommen, und ich gefalle mir sehr in seinem
Umgang; zumal da ich dadurch Gelegenheit erhalte, mit dem Geiste der Philosophie
seines Oheims und mit seiner geheimen Lehre noch bekannter zu werden.
    Uebrigens bestätiget mich jeder Besuch, den ich in der Akademie und dem
Cynosarges abstatte, in der schmeichelhaften Meinung, dass, wofern ich mich je
entschliessen sollte, mein bisschen Weisheit der Welt ebenfalls auf öffentlichen
Strassen, Marktplätzen und Hallen, oder in Gärten, Gymnasien und Hainen
aufzudringen, es sich am Ende leicht finden dürfte, dass der üppige, von seinen
ehmaligen Cameraden ausgeschlossene und bei jeder Gelegenheit hämisch
angestochene Aristipp von Cyrene, alles gehörig zurechte gelegt, noch immer der
ächteste unter allen Sokratikern ist.
    Diese Zeit ist vielleicht nicht mehr weit entfernt. Ich fühle dass mir zu
einer völlig behaglichen Existenz nichts abgeht, als eine bestimmte
Beschäftigung, und die angenehme Selbsttäuschung, dass ich der Welt zu etwas
nütze sei. Ich habe seit zehn Jahren viel gesammelt, in der Tat mehr als ich
für meinen eigenen Bedarf nötig habe. Ich muss mich des Ueberflüssigen entladen,
und andern mitteilen, was ich entweder für mich selbst nicht brauche, oder was
man mitteilen kann, ohne selbst ärmer zu werden. Indem ich andre lehre, bringe
ich meinen eigenen Vorrat alles dessen, was ich durch Erfahrung, fremden
Unterricht, Reisen, Forschen und Nachdenken erworben habe, in bessere Ordnung,
sehe was davon für mich selbst und andere brauchbar ist, und werde im Grunde nur
desto reicher, je mehr ich wegzugeben scheine. Ich melde dir dies vorher, damit
du dich nicht gar zu sehr entsetzest, wenn dir zu Ohren kommen sollte, Aristipp
mache zu Aten den Sophisten, und habe einen Haufen offner Geelschnäbel, die
sich von ihm ätzen lassen, um sich her so gut als ein anderer. Auf alle Fälle
wirst du, hoffe ich, das Beste von mir denken, und mir zutrauen, dass ich
niemanden Kohlen für Gold verkaufen werde.
    Wie nahe mir auch zuweilen meine Einbildungskraft unser Widersehen vor die
Augen rückt, so kann ich mir doch nicht verbergen, dass bis dahin noch fünf ganze
Monate mit schweren bleiernen Füssen vorüber kriechen werden. Wie betrügen wir
einen so langen zwischen uns liegenden Zeitraum? Deine Briefe allein, beste
Laiska, könnten ihn verkürzen, indem sie ihn in eben so viele kleinere teilten,
durch welche ich, in stetem Wechsel von Erwartung und Genuss, wie von einer
kleinen Insel zur andern, über diesen langweiligen Sund hinüber schwimmen würde.
 
                                      24.
                               Lais an Aristipp.
Sollte wohl mein alter Freund Aristipp im Ernst zweifeln können, ob ich noch
eben dieselbe für ihn sei? Ich will es nicht glauben; denn was würde mir ein
solcher Zweifel anders sagen, als er selbst sei nicht mehr eben derselbe für
mich?
    Da die Natur mir, ich weiss nicht wie viel oder wie wenig, dadurch versagte,
dass sie mich der tragikomischen Leidenschaft, die man Liebe nennt, unempfänglich
gemacht hat, so ist sie dagegen so gerecht, oder so gütig gewesen, mich desto
reichlicher mit allen Eigenschaften und Tugenden auszustatten, die zu einer
warmen, wenig eigennützigen, aber desto beharrlichern Freundschaft erfordert
werden. Überdies hat die meinige, ohne den geringsten Zusatz von den Unarten
und Quälereien der Liebe, so viel von ihren Annehmlichkeiten, dass ich glaube,
man sollte sich damit behelfen können, ohne dass man sich darum eben viel auf
seine Genügsamkeit einzubilden hätte.
    Deine dermalige Einrichtung und Lebensweise zu Aten hat meinen ganzen
Beifall, und besonders wünsche ich dir zu deiner guten Wirtschaft Glück. Noch
fehlt viel, da ich mich hierin mit dir messen dürfte; denn die Summe, womit du
einen ganzen Monat auszukommen gedenkst, reicht in einer Haushaltung wie die
meinige öfters kaum zwei Tage. Du wirst über meine leichtsinnige
Gleichgültigkeit gegen die Folgen eines solchen Aufwandes erschrecken: ich muss
dir also zum Troste sagen, dass ich vorsichtiger bin, als du mir zugetraut
hättest, und durch Vermittlung meines Freundes Euphranor (dessen älterer Bruder
in einem grossen Handelsverkehr mit Cypern, Aegypten und den Küsten des
Arabischen Meerbusens steht) Mittel und Wege gefunden habe, ein sehr
beträchtliches Capital so vorteilhaft geltend zu machen, dass eine doppelt so
grosse Ausgabe als meine gewöhnliche ist meine Freunde nicht beunruhigen darf.
Lass dich also, wenn du sehen wirst, dass es noch ziemlich auf Persischen Fuss bei
mir zugeht, durch keine sorglichen Gedanken im frohen Genuss des Gegenwärtigen
stören; und wofern du über kurz oder lang in den Fall kommen solltest, deiner
rühmlichen Frugalität noch engere Gränzen zu setzen, so bediene dich ungescheut
der Rechte der Freundschaft, und schöpfe aus der Casse deiner Laiska wie aus
deiner eigenen. Wir müssten es beide sehr arg treiben, wenn wir so leicht auf den
Boden kommen sollten. Die Notphilosophie des Cynosarges wäre ja wohl in einem
solchen Fall eine Art von Zuflucht. Aber (nichts von mir selbst zu sagen) wie
gross auch meine Meinung von der Gewandteit ist, womit du dich in alle Launen
des Glücks zu schicken weisst, so zweifle ich doch sehr, dass du es jemals so weit
in der Kunst zu darben bringen würdest, deine ganze Habe mit so vieler
Genialität und Grazie in einem leichten Quersack auf der Schulter zu tragen, wie
der junge Cyniker, dessen negativen Reichtum du bei dreihundert Drachmen
monatlich so beneidenswürdig findest.
    Du bist, wie ich sehe, mit einem ausserordentlich feinen Spürsinn für unser
Geschlecht begabt, dass du den schönen Jüngling von Sicyon, den wir so gut
verzaubert zu haben meinten, nur mit einem Blick zu berühren brauchtest, um ihn
in seine natürliche Gestalt zurückzunötigen. Er ist in der Tat eben dieselbe
leibhafte Lastenia, von welcher ich dir einst sagte, sie sei auf gutem Wege,
mir einen schönen, wiewohl sehr glatten und schlüpfrigen Aal, der sich in meinen
Reizen verfangen hatte, undankbarer und hinterlistiger Weise vor dem Munde
wegzufischen. Aber freilich war die Eroberung eines Neffen des göttlichen Plato
eine zu glänzende Versuchung für die Eitelkeit einer sechzehnjährigen
Schwärmerin; und was hättest du von mir denken müssen, wenn ich fähig gewesen
wäre, sie ihr zu erschweren? zumal da der Fisch von selbst so gierig auf die
goldne Fliege zufuhr. Wie dem aber sein mochte, genug ich konnte oder wollte
nicht verhindern, dass sich unvermerkt ein zärtliches Verständnis zwischen ihnen
entspann, das mir desto mehr Kurzweile machte, je sorgfältiger die Kindsköpfe es
vor mir zu verheimlichen suchten. Als er Korint wieder verliess, glaubten beide
ihr Spiel beim Abschied recht fein zu spielen: aber dafür richtete nun die
Leidenschaft des Mädchens für die Platonische Philosophie einen desto grössern
Unfug in ihrem Köpfchen an. Speusipp schickte ihr fleissig alles was er von
seines Oheims Werken habhaft werden konnte, und sie besass schon eine geheime
Abschrift vom Symposion, bevor andere die geringste Ahnung von seinem Dasein
hatten. Das ganz davon entzückte Mädchen konnte sich nicht halten, es mir unter
dem Siegel der heiligsten Verschwiegenheit mitzuteilen, zeigte mir aber bald,
dass es nicht ohne eigennützige Absicht geschehen war. Kurz, von einer dreifachen
Zaubermacht - der Muse des göttlichen Plato, der erotischen Philosophie der
Seherin Diotima, und ihrer eigenen geheimen Neigung zu dem glücklichen
Speusippus gänzlich überwältigt, erklärte sie mir endlich in einer schönen
Mondnacht, dass sie nicht länger leben könne, wenn ich ihr nicht zu dem Glücke
verhelfe, den herrlichen Mann selbst zu sehen, zu hören und zu seinen Füssen zu
sitzen, von dessen Lippen die Musen diese Nektarflüsse himmlischer Weisheit
strömen liessen. - Was war da zu tun? Ich konnte doch nicht so felsenherzig
sein, dem armen Kinde die Befriedigung eines so unschuldigen Verlangens zu
versagen? Oder hätte ich sie dafür bestrafen sollen, dass sie mich über den
wahren Gegenstand ihrer Leidenschaft zu täuschen suchte? Vielleicht täuschte sie
sich noch selbst; oder, wo nicht, wie konnte ich ihr aus dem jungfräulichen
Gefühl, das sie zurückhielt, ein Verbrechen machen? Und in jedem Falle, wär' es
nicht unedel von mir gewesen, wenn ich die Abhänglichkeit von mir, in welche ein
freigebornes Mädchen zufälliger Weise geraten war, hätte missbrauchen wollen,
ihr das Geheimnis ihres Herzens wider ihren Willen abzudringen? - Ganz
aufrichtig zu reden, mochte mein natürlicher Hang zu einer gewissen dramatischen
Knotenknüpferei, und die Neugier, was aus diesem kleinen Abenteuer werden
könnte, wohl auch etwas, und vielleicht das meiste beitragen, jenen
teoretischen Beweggründen mehr Gewicht zu geben, als sie sonst gehabt hätten.
Mit Einem Wort, ich liess mich gewinnen, und machte mir sogar ein Geschäft
daraus, sie in der ungewohnten Knabenrolle (denn als Mädchen konnte sie doch den
Zutritt in die Akademie nicht zu erhalten hoffen) zu unterrichten und mit allem
auszustaffiren, was sie haben musste, um den Sohn eines Sicyonischen Bildhauers
so natürlich als möglich vorzustellen; und als alles das in seiner Ordnung war,
liess ich sie von einem vertrauten alten Diener, der die Rolle ihres bisherigen
Pädagogen spielte, sicher an Ort und Stelle bringen. Wie gut die kleine
Schelmerei von Statten ging, hast du selbst gesehen.
    Glücklicherweise hatte uns die Natur treulich vorgearbeitet. Denn Lastenia
besitzt wirklich mehr die Gesichtsbildung eines schönen Knaben, als eines
Mädchens; der Ton ihrer Stimme ist tief, wiewohl sanft und wohlklingend; dabei
ist sie, verhältnissmässig, ziemlich stark von Muskeln und Knochen, etwas breit
von Schultern und schmal von Hüften, und hat nicht viel mehr Busen als ein
frischer genährter Jüngling ihres Alters zu haben pflegt; so dass sie, im
Notfall (mit Vorbehalt einer ganz kleinen Bedeckung) auf der Palästra selbst
für einen Jüngling gelten könnte. Wir haben aber dafür gesorgt, dass sie von
dieser Seite nicht angefochten werden darf: denn sie ist mit einer Vorschrift
von ihrem ehmaligen Arzte versehen, worin ihr wegen Schwäche ihrer Brust alle
heftigeren Leibesübungen, eine mässige Bewegung zu Pferde ausgenommen, scharf
verboten sind. Du siehst dass nichts vergessen worden ist, der Akademie eine so
gelehrige Schülerin, und dem wackern Speusipp eine so schöne Gelegenheit sich in
der Platonischen Liebe zu üben, so lange zu erhalten, als beide verständig genug
sein werden, sich ihr Spiel nicht selbst zu verderben. In diesem Stücke traue
ich dem Mädchen nur halb; denn sie hat, bei allen ihren vorbesagten guten
Anlagen, einen ungeheuern Hang zur Zärtlichkeit; und ein so feuerfangendes
Wesen, wie Speusipp zu sein scheint, könnte wohl in einer unbewachten Stunde die
Sokratische Lehre von der Gefährlichkeit eines Kusses leichter vergessen als in
Ausübung bringen. Dass sie überaus leicht errötet, wird ihr, anstatt Verdacht zu
erwecken, vielmehr den Ruf eines sittsamen wohlerzogenen Jünglings zuziehen; dass
sie aber vor deinem spähenden Falkenblick die Augen so jungfräulich sinken liess,
kam wohl daher, weil sie vermutete, ich werde dir von ihr geschrieben haben,
und du betrachtest sie so aufmerksam, weil du sie zu erkennen glaubest.
Uebrigens zweifle ich nicht, dass der Umgang mit diesem anziehenden Paar
Platonischer Verliebten dein Leben in Aten nicht wenig verschönern helfen
werde: nur dürfte dazu nötig sein, mit dem Oheim auf einem leidlichen Fuss zu
stehen; was dir, meines Erachtens, so schwer nicht werden sollte, wenn du über
dich gewinnen könntest, von ihm und seinen Dialogen öffentlich mit einer
gewissen Achtung zu sprechen; freilich in einem Tone, den man nicht für Ironie
halten könnte. Beide, der Mann und seine Werke, verdienen, däucht mich, diese
Achtung, wie gross auch übrigens die Verschiedenheit eurer Art zu denken und zu
leben sein mag. Ich müsste mich sehr irren, oder Plato wird weniger ungerecht
gegen dich sein, wenn du grossherzig genug bist, gegen ihn mehr als gerecht zu
sein; und was kann dir das kosten?
    Mein Verlangen uns wiederzusehen ist dem deinigen gleich, lieber Aristipp.
Ich gestehe dir, die Eintönigkeit meiner Lebensweise zu Korint fängt mir an
lange Weile zu machen. Die Leute, mit denen ich mich behelfen muss, verlangen so
viel, und haben so wenig dagegen zu geben! Ich nehme den einzigen Euphranor aus,
den du zu Aegina von Person kennen lernen sollst, und von dessen Talent ein paar
Stücke, die du mir in deine Galerie zu stiften erlauben wirst, dir indessen zur
Probe dienen können: aber was bliebe mir auch, wenn ich den nicht hätte, und wie
lange wird es währen, so entschlüpft mir auch er? Glaube mir, ich wäre bereits
nach Aten oder anderswohin gezogen, wenn ich mein Haus in Korint, wie die
Schnecke das ihrige, allentalben mit mir nehmen könnte, und wenn mich dann auch
der sehr wesentliche Umstand nicht zurückhielte, dass ein schönes Weib, dessen
höchstes Gut die unbeschränkteste Freiheit ist, schwerlich einen andern Ort in
der Welt finden kann, wo sie weniger beeinträchtiget und mit mehr Achtung und
Artigkeit behandelt würde, als zu Korint. Mit allem dem finde ich doch nötig,
dass man von Zeit zu Zeit den Ort ändere, und Menschen suche, denen wir und die
uns etwas Neues sind.
 
                                      25.
                             Kleonidas an Aristipp.
Der schlanke schwarzaugige Jüngling, mit den dunkeln, um Stirn und Nacken
herabhangenden Traubenlocken, der dir diesen Brief überbringt, nennt sich
Antipater90, und ist ein naher Verwandter eines meiner hiesigen Freunde, dem ich
es nicht abschlagen konnte, dir den jungen Menschen zu empfehlen. Ein löbliches
Verlangen, das sehenswürdigste Land der bewohnten Welt zu sehen, und zu Aten,
der wahren Hauptstadt dieses an schönen und blühenden Städten so reichen Landes,
zu lernen was man in Cyrene nicht lernen kann, hat ihn aus dem Schoss der
Seinigen herausgetrieben. Er bedarf aber in einer Stadt, welche, so zu sagen,
die ganze Welt in einem Auszug ist, eines Führers, Auslegers und Ratgebers; und
an welchen andern hätt' ich mich in dieser Absicht wenden können als an dich,
der du, was du schon für jeden andern Menschen tätest, desto lieber für einen
Mitbürger tun wirst, der mit dem vollesten Vertrauen auf die Empfehlung deines
Freundes Kleonidas zu dir kommt. Bisher haben alle Arten von gymnastischen und
andern Leibesübungen beinahe seine ganze Bildung ausgemacht. Er reitet wie ein
Tracier, läuft wie der schnellfüssige Achilles, weiss einen Wagen zu lenken wie
der Homerische Alcimedon, und im Ringen wird er selbst zu Aegina, der
fruchtbaren Mutter so vieler öffentlich gekrönter Atleten, nicht viele finden,
die er fürchten müsste. Auch hat er grosse Lust sich an einem eurer grossen
Nationalfeste unter die Kämpfer zu stellen, und die Siegeskränze, womit schon
mehrere Cyrener unsre Vaterstadt unter den Griechen verherrlicht haben, wo
möglich mit einem frischen zu vermehren. Indessen fühlt er doch (was wenigen
seines gleichen zu begegnen pflegt) dass er mit allen diesen Vorzügen nur die
Hälfte von einem Menschen ist, dass sein Kopf noch leer ist, und dass Kräfte und
Anlagen in seinem Innern schlafen, die der Erweckung, oder vielmehr da sie
bereits zu erwachen angefangen, künstlicher Ausbildung und strenger Uebung eben
so nötig haben als die körperlichen; kurz, er kommt mit dem rühmlichen Vorsatz
zu dir, nicht eher abzulassen, bis er unter deiner Anleitung ein vollständiger
Mensch geworden. Ich betrachte es als einen nicht geringen Vorteil für dich und
ihn, dass er noch unverstückelt und unverbildet in deine Hände kommt, wie ein
schönes Stück rohen aber feinkörnigen Marmors, woraus du, als ein geschickter
Bildner, jede schöne Form hervorgehen machen kannst; da hingegen selbst
Praxiteles und Polyklet einen Marsyas in keinen Apollo, einen Tersites in
keinen Ajax oder Diomedes umgestalten können. Nimm dich also seiner an, lieber
Aristipp, und mache dir das Verdienst um Cyrene, uns dereinst in unserm jungen
Atleten einen zweiten Milon91, an Weisheit wie an körperlicher Tüchtigkeit,
wieder zurückzuschicken. Da dir dein junger Abderit den Mut nicht benommen hat,
wenigstens etwas Leidliches aus ihm zu machen, so können wir um so viel gewisser
sein, dass aus einem so fähigen Jüngling wie Antipater etwas Vortreffliches unter
deinen Händen werden müsse.
    Plato, - dem wir seine vor so manchem Jahr an dir und dem armen Kleombrot
begangene Sünde doch wohl endlich einmal vergessen müssen, - gibt den
Wissbegierigen (einer Classe von Müssigen, welche unvermerkt immer zahlreicher zu
werden scheint) seit einiger Zeit so viel zu lesen, und wenigstens in dem
grössten Teil seiner bisher bekannt gewordenen Dialogen so viel Stoff zum
Nachdenken und zur angenehmsten Unterhaltung zugleich, dass ich den grossen Ruf
sehr natürlich finde, der seinen Namen bereits bis an die fernsten Gränzen
unsrer Sprache trägt. Materie und Form sind in seinen Werken gleich anziehend:
auch wo er mich nicht überzeugt (was freilich oft begegnet), verführt er mich
doch zu wünschen dass er Recht haben möchte, oder macht auch wohl dass ich ihm
wenigstens so lange glaube als ich ihn lese. Wenn sein mündlicher Vortrag nur
halb so angenehm ist als der schriftliche; wenn er, wie man sagt, eine der
geistvollesten Physiognomien hat, und der Ton seiner Stimme schon das Ohr für
ihn besticht, so muss er eine Art von Sirene sein, deren Zauber nicht zu
widerstehen ist. Auch hat er mit den Sirenen nicht nur gemein, dass er
 Alles weiss was geschieht auf der viel ernährenden Erde,
sondern noch vor ihnen voraus, dass er auch weiss was in der über- und
unterirdischen Erde, im Himmel und sogar in den überhimmlischen Räumen
geschieht; eine Wissenschaft, deren die Homerischen Sirenen, mit allen ihren
wenig bescheidenen Ansprüchen, dennoch sich anzumassen Bedenken trugen. Von einem
Manne, der so unermesslich viel mehr weiss als andere, ist freilich nicht zu
erwarten, dass er einem jüngern, einem Ausländer, und was noch das Schlimmste
ist, einem der die Miene nicht hat, als ob er sich jemals unter seinen Scepter
beugen werde, mehrere Schritte entgegen kommen sollte. Du wirst also, wenn ihr
auch nur in einem leidlich anständigen Wohlverhältniss mit einander stehen sollt,
schon das Beste dabei tun müssen; und gewiss wünschen alle deine Freunde, dass du
auch hierin, wie in so manchen andern Stücken, der klügere Teil sein mögest.
    Unsere dermalige Staatsverfassung, nach deren Wohlsein du dich erkundigest,
erhielt sogleich in ihrer Erzeugung eine so gesunde und kräftige
Leibesbeschaffenheit, dass es nicht natürlich zugehen müsste, wenn sie sich in der
ersten Blüte ihrer Jugend nicht wohl befände. Der grosse Punkt, wovon alles
abhing, war die Wahl der Personen, die uns nach Massgabe der neuen Constitution
regieren sollten. Glücklicherweise, oder vielmehr durch eine Folge des Zutrauens
unsers ganzen Volkes zu deinem Bruder und seinem Freunde Demokles, und der eben
so grossen Klugheit und Redlichkeit, womit sie dieses Zutrauen zum gemeinen
Besten benutzten, fielen die Wahlen wirklich auf die Besten in jeder Rücksicht,
ohne Ansehen der Partei, zu welcher sie sich ehmals gehalten hatten; auf lauter
verständige, gemässigte, der neuen Ordnung aufrichtig anhangende, und
grösstenteils durch ihre Glücksumstände über alle selbstsüchtigen Absichten
weggesetzte Männer; auch erhielten sie daher die allgemeine Billigung. So lange
diese unsern kleinen Staat besorgen, und vornehmlich so lange Demokles und
Aristagoras an ihrer Spitze stehen, und die ihnen anvertraute höchste
Staatsgewalt so gesetzmässig und mit so grosser Weisheit und Eintracht handhaben
wie bisher, wird der sichtbar zunehmende Wohlstand unsers Gemeinwesens und
unsrer Bürger aller Classen die Verfassung selbst immer mehr befestigen, und
einen Rückfall in unsre ehemaligen Uebel unmöglich machen.
    Die natürlichste Folgerung, die du, lieber Aristipp, aus Vergleichung des
glücklichen Zustandes unsrer Vaterstadt mit dem politischen und sittlichen
Verfall von Aten ziehen könntest, will ich dir selbst überlassen. Lebe wohl,
und liebe deine Abwesenden, wie du von ihnen geliebt wirst.
 
                                      26.
                               Aristipp an Lais.
Die Gemälde deines Freundes Euphranor sind glücklich angelangt, und zieren
bereits die kleine Galerie, welcher du ein so reiches Geschenk zu machen die
Güte hast. Wohl verdiente die schöne Scene deiner Unterhaltung mit Sokrates
unter dem heiligen Oelbaum der Atene Polias von einem Maler dargestellt zu
werden, der neben einem Parrhasius und Timantes mehr wie ein glücklicher
Nebenbuhler als wie ein Nacheiferer erscheint, und das grosse Talent Seelen zu
malen von der Natur selbst in dem Geschenk des innigsten Gefühls für sittliche
Schönheit und Grazie empfangen zu haben scheint. Aber womit kann ich dir, o du
liebenswürdigste der Weiber, den Gedanken vergelten, dass du auch den schönen
Augenblick unsers ersten Zusammentreffens der Gewalt der Zeit entreissen, und,
wofern mir ein so langes Leben bestimmt wäre, dass ein allmählich abbleichendes
und verwitterndes Gedächtnis eine solche Nachhülfe nötig machte, das schönste
aller Bilder, die meine Einbildungskraft aufbewahrt, immer jugendlich frisch und
blühend in mir erhalten helfen wolltest? Euphranor selbst müsste mir seinen
Pinsel und seine glühenden Farben leihen können, wenn ich dir auch nur einen
kleinen Teil dessen schildern sollte, was ich fühlte, bis das Entzücken der
ersten Ueberraschung in den reinen Genuss des ruhigen Anschauens überging. Ohne
Zweifel war es gerade die Vereinigung aller möglichen Forderungen der Kunst in
diesem so sehr vollendeten Werke, was die Ursache war, warum ich beim ersten
Anblick nur von dieser bis zur Täuschung aller Sinne getriebenen Wahrheit und
Aehnlichkeit getroffen wurde, die den beiden Figuren den Schein als ob sie
wirklich lebten in einem desto höhern Grade gibt, weil sie Lebensgrösse haben,
und alles was um sie her ist, durch den Zauber der natürlichsten Beleuchtung und
Färbung, die Illusion vollkommen machen hilft. Erst lange nachdem der kurze
Wahnsinn des ersten Eindrucks vorüber war, gewann ich Besonnenheit genug, dem
Geist und der Hand des Meisters ins Besondere und Einzelne zu folgen, und zu
bemerken, wie günstig der gewählte Moment seiner Kunst war, aber auch welcher
Geschicklichkeit sich der bewusst sein musste, der einen solchen Moment zu wählen
wagen durfte.
    Du wirst mir's hoffentlich nicht für Schmeichelei ausdeuten, wenn ich dir
sage, dass dieses Gemälde, seitdem es meine kleine Pökile92 verherrlicht, das
erste ist, was alle Augen an sich lockt, und das letzte, von welchem man sich
trennt. Beinahe werd' ich mich noch genötigt sehen, es an einen geheimern und
heiligern Ort zu versetzen, wenn ich verhüten will, dass es den übrigen nicht gar
zu viel unverschuldeten Schaden tue. - Aber meinen Abderiten (den jungen
Onokradias, von welchem ich dir neulich schrieb, hättest du sehen sollen, als
ihm das Anschauen dieses Wunders der Natur und Kunst (die ihm beide gleich
unbekannte Gotteiten sind), zum erstenmal verstattet wurde! Seine ohnehin etwas
weit hervorstehenden Augen wurden plötzlich noch einmal so gross, und die
seltsamen Gebärdungen, womit er die Einwirkung eines für ihn so ganz neuen
Schaugerichts zu Tage egte, machten uns einige Augenblicke befürchten, dass er
wirklich närrisch geworden sei. Es dauerte eine ziemliche Weile, bis er sich
durch mehr als Einen Sinn überzeugen konnte, dass die Nymphe, die er aus der
marmornen Kufe auftauchen sah, nur gemalt sei. Nun, bei Jason und Latona! rief
er endlich, wenn dies nur ein gemaltes Bild ist, wie ich nun wohl sehe, so muss
ich das Original haben, und wenn es mich das ganze Erbgut meiner Familie
kostete! Man versicherte ihn, das Original sei zu Korint alle Tage in vollem
Leben zu sehen. - So bestelle ich heute noch ein Schiff, rief er. - »Weisst du
auch wie das Sprüchwort lautet93?« - O! um dieses Mädchens willen reise ich in
einem Fischerkahn bis zu den Säulen des Hercules. »Aber die Sache hat noch einen
andern Haken. Wenn du sie auch zu sehen bekommst, desto schlimmer für dich! Denn
das Haben musst du dir ein- für allemal vergehen lassen.« - Dafür macht euch
keine Sorge, versetzte der Abderit in einem triumphirenden Ton; ich habe
Creditbriefe für zehn Talente bei mir. - »Närrischer Mensch, und wenn du Credit
für zehntausend Talente hättest, siehest du denn nicht, dass wir nur unsern Spass
mit dir treiben, und dass diese Auftaucherin - mit Einem Wort, Aphrodite selbst
ist?« - O weh! rief er mit einer kläglichen Miene; das ist freilich ein ander
Ding! Aber das hättet ihr mir gleich sagen sollen. Ich bin unschuldig, wenn sich
die Göttin durch meine vermessenen Reden beleidigt finden sollte. Hoffentlich
wird sie mich's nicht entgelten lassen. - »Das hättest du selbst sehen sollen,
guter Onokradias, dass es Aphrodite ist, und du wirst auf alle Fälle wohl tun,
wenn du den Zorn der Göttin durch so viele schneeweisse Tauben, als du in ganz
Attika zusammentreiben kannst, zu versöhnen suchst. Sahst du denn den Menschen
hier nicht, der in einer so andächtigen Stellung hier an der Tür steht, und die
Göttin anbetet?« - Ja wirklich! Was ich für ein Dummkopf bin! Aber dass ich
keinen mit weissen Tauben bespannten Wagen neben der Göttin sah, betrog mich.
Freilich hätte mir dieser junge Priester, oder was er ist, das Verständnis
öffnen können, wenn ich ihn nur nicht vor dem schönen Mädchen - der Göttin
wollt' ich sagen - gänzlich übersehen hätte.
    Du siehst, schöne Lais, dass ich mit meinem Abderiten noch nicht sonderlich
weit gekommen bin. Ich habe mich aber auch zu nichts anheischig gemacht, als ihn
ungefähr zu lassen wie ich ihn fand. Er weiss sich doch wenigstens ziemlich bald
wieder zu fassen, und für einen Abderiten ist das schon viel.
    Deine Lastenia und ihr etwas zweideutiger Seelenliebhaber sind inzwischen
aus ihrer Wolke hervorgetreten, und haben sich mir, um meinem Scharfblick
zuvorzukommen, in höchstem Vertrauen entdeckt. Ich stellte mich überrascht,
versprach ihnen aber alle guten Dienste, die sie nur immer von mir erwarten
könnten. Das Mädchen macht wirklich grosse Fortschritte, und hat mir noch ganz
kürzlich Platons Ideen so artig vorpoetisirt, dass ich sie beinahe für mehr als
blosse Hirngespenster halten möchte, wenn's nur irgend möglich wäre. Sie besitzt
eine ganz eigene Ahnungsgabe für alles Uebersinnliche und Unbegreifliche, und
spricht von Dingen, wovon niemand etwas weiss noch wissen kann, ohne selbst das
Geringste mehr davon zu wissen als andere, mit so viel Geist und Gemütlichkeit,
dass es eine Lust ist, ihr (zumal bei rosenbekränzten Bechern) zuzuhören. Aber
was den armen Speusipp in keine geringe Verlegenheit setzt, ist der Umstand, dass
der göttliche Plato selbst eine ziemlich warme Zuneigung - für den schönen
Kleophron gefasst hat. Die kleine Spitzbübin scheint mir mehr Freude als
Schrecken über diese Entdeckung zu verraten, welche sie selbst (wie natürlich)
zuerst gemacht hat, und wodurch sich ihre Eitelkeit mächtig geschmeichelt fühlt.
Indessen tröstet sich Speusipp mit der Hoffnung, dass die Liebe seines Oheims
vermutlich - platonischer sein werde, als die seinige; und ich bestärke ihn,
wie billig, in dieser Ueberredung aus allen Kräften.
    Zum Beweise, wie treulich ich deine guten Lehren in Ausübung gebracht habe,
und wie gut ich dermalen mit dem ehrwürdigen Aldermann der Akademie stehe, will
ich dir nicht verhalten, liebe Laiska (wie sehr auch meine Bescheidenheit dabei
ins Gedränge kommt), dass mir diesen Morgen sogar das Glück geworden ist, ihn
selbst mit etlichen seiner Vertrauten in meine Galerie treten zu sehen. Er
sprach mit mir von meinen Wanderungen, und wunderte sich, dass ein so viel
gereister Cyrener Aegypten noch nicht gesehen habe. Es ist noch immer Zeit,
sagte ich, die Pyramiden und Obelisken und den Nilmesser in Augenschein zu
nehmen; Katarakten habe ich anderswo schon gesehen, und für die Weisheit der
Aegyptischen Priester - hab' ich, die Wahrheit zu gestehen, keinen Sinn. -
Dagegen ist nichts zu sagen, versetzte er mit einem kleinen Zucken der Nase und
Augenbrauen. Bei den Gemälden machte er hier und da eine kurze Bemerkung, welche
bewies, dass er mit der Kunst bekannt ist, und das Schönste gesehen hat. Auf
Kleombrot warf er im Vorbeigehen einen ernsten Blick, und kehrte sich sogleich
wieder von dem Bilde weg; bei dem sterbenden Sokrates hingegen verweilte er
desto länger, zwar stillschweigend, aber mit grosser Aufmerksamkeit und einigen
leisen Zeichen von Rührung. Auch die schöne Anadyomene fesselte seine Augen eine
kleine Weile; er rühmte den Maler, der den Zeuxis selbst in einem Teil, worin
dieser am grössten sei, in der Kunst die Farben in einander zu schmelzen, noch zu
übertreffen scheine. Als er im Begriff war, sich wieder davon zu entfernen,
heftete er einen Blick auf mich, als ob er mich mit dem unverschämten jungen
Gaffer im Gemälde vergleiche. Vermutlich eine Scene aus deiner eigenen
Geschichte, sagte er zu mir mit einem kaum merklichen Lächeln. Die schönste,
versetzte ich mit gebührender Dreistigkeit, und (wie sich von selbst versteht)
ohne rot zu werden. Er weilte noch einige Augenblicke bei dem Tode des
Sokrates, und sagte dann im Weggehen etwas feierlich: »es war ein Unglück für
mich, Aristipp, dass ich unpässlich war; aber dass du nicht zu Aegina warst, magst
du deinem Glücke danken.« - Ich fürchte, er hat Recht.
    Die Hoffnung mit Euphranor künftigen Sommer durch deine Vermittlung in ein
näheres Verhältnis zu kommen, hat nun einen ungleich grössern Reiz für mich. Ich
werde dir dafür, wenn du es erlaubst, in der Person meines jungen Landsmannes
Antipater, der sich seit einiger Zeit bei mir aufhält, einen Jüngling
vorstellen, dessen gleichen man auch nicht alle Tage sieht.
 
                                      27.
                                 An Kleonidas.
Dein junger Freund Antipater hätte sich durch nichts einer bessern Aufnahme
versichern können, als dass er mir einen so lange erharrten Brief von meinem
Kleonidas überbrachte; wiewohl ich gestehe, dass er keiner andern Empfehlung
bedarf, als sich bloss zu zeigen. Ich bin wirklich stolz darauf, einen so
unverdorbenen, kraftvollen und vielversprechenden Sohn der Natur, wie Antipater
ist, als meinen Landsmann bei den Atenern aufzuführen. Wohl wird es ihm kommen,
wenn er so fest und unreizbar ist, als sein ganzes Wesen ankündigt; denn ich
sehe schon drei oder vier unsrer jungen mädchenhaften Batylle94 mit Rosen
duftenden Locken, schmachtenden Augen und zarten lispelnden Stimmchen, die um
ihn herumbuhlen, und alle ihre kleinen Hetärenkünste aufbieten, sich von ihm
bemerken zu machen, und ihm zu zeigen, dass sie keine Gefälligkeit zu gross finden
würden, um sich eines Liebhabers von seinem Schlage zu versichern.
    Ich habe meinem jungen Landsmann ein Zimmer in meinem Hause (das gerade Raum
genug für uns beide hat) angewiesen; er ist, so oft es ihm gefällt, mein
Tischgenoss, und bedient sich meines Umgangs, ohne mir lästig zu sein, so viel
als ihm gemütlich ist: dies ist aber auch alles, was ich (vor der Hand
wenigstens) für ihn tun kann, und wirklich schon mehr als er vonnöten hat.
Jünglinge wie er werden nicht gebildet, sondern bilden sich selbst, oder bringen
vielmehr ihre schon vorausbestimmte Form mit sich auf die Welt; wie sie sind,
sollen sie sein; was sie werden, sollen sie werden. Was eine Pflanze bedarf, um
sich zu entwickeln, Freiheit, Licht und angemessene Nahrung, ist im Grund alles,
was solche Menschen zu ihrem Wachstum und Gedeihen brauchen. Aten ist reich an
merkwürdigen Menschen aller Arten, deren Vorzüge, Talente, Kenntnisse,
Erfahrungen, Tugenden und Untugenden ein Jüngling wie Antipater benutzen kann:
er mag sie selbst aufsuchen, und selbst wählen, zu wem er sich halten will. Zwar
werd' ich ihn unvermerkt beobachten, und ihn warnen, sobald ich sehe, dass seine
Unerfahrenheit irgend eine grosse Gefahr laufen könnte; aber mich nicht gleich
für ihn ängstigen, wenn er auch dann und wann zu weit mit der Nase vorwärts
kommt, oder einen Misstritt tut, der ihn künftig vorsichtiger zu sein lehrt.
Selten oder nie werd' ich ihm mit meinem Rate zuvorkommen, niemals ihm von
einer Person, die er selbst sehen wird, voraus sagen, was ich von ihr halte:
begehrt er aber von freien Stücken meine Meinung, worüber es sei, zu wissen, so
werd' ich sie ihm frei und offen sagen. Verlangt er Unterricht über etwas, das
ich besser weiss als er, so soll er ihn erhalten. Dies ist ungefähr die Art, wie
ich mit ihm umgehe, bis wir uns näher kennen, und das wahre Verhältnis seiner
Natur zu der meinigen sich so bestimmt ausgesprochen hat, dass wir beide genau
wissen, wie wir gegen einander stehen, und was wir einander sein oder nicht sein
können. An eigentliche Bildung ist (wie gesagt) bei einem Jüngling wie dieser
nicht zu denken. Ja, so einen Onokradias, den Sohn Onolaus des Zweiten, des
Enkels von Onomemnon, der ein Urenkel von Onocephalus dem Grossen war, so einen
Heldensohn kann man bilden, und soll man bilden, so gut als es gehen will, denn
er ist für sich selbst nichts; so einem soll man gesunde Begriffe, Grundsätze
und Maximen in den Kopf, oder wenigstens ins Gedächtnis einsammeln, weil er sie
ohne fremde Hülfe nie bekommen würde. Wer nicht schon von blossem Zusehen gehen
lernt, muss es in einem Gängelwagen oder am Führband lernen; wer blind ist, muss
geführt werden; wer nicht denken kann, soll andern glauben; wer selbst kein
Urteil hat, mag, wenn er nicht schweigen kann, verständigen Männern
nachsprechen. So will es die Natur; und so ist's recht. Aus einem Stück
Sandstein, Marmor oder Lindenholz kann freilich ein Alkamen nach Gefallen einen
Achilles oder Tersites herausmeisseln oder schnitzeln: aber aus seinem Sohn
Lamprokles konnte Sokrates selbst keinen Xenophon, so wie aus seinem geliebten
Alcibiades keinen Perikles bilden. - Doch, wozu das alles, was du so gut weisst
als ich. Denn gewiss wolltest du mit der Bildung deines jungen Freundes, die du
mir aufträgst, weder mehr noch weniger sagen, als was ich dir zu leisten
versprach, und zu halten gedenke - und das ist genug.
    Ohne Zweifel erinnerst du dich noch des alten Antistenes, den du in Aten
kennen lerntest; desjenigen unter den vertrautern Freunden unsers Weisen, der
ihm (seine fröhliche Laune und Urbanität und das feine Salz seiner Scherze
ausgenommen) in Lehre und Leben am ähnlichsten wäre, wenn er nicht in beidem
ziemlich weit über die Linie hinausginge, die das Mittel zwischen zu viel und zu
wenig bezeichnet, und freilich nicht immer so genau zu treffen ist, als ein
weiser Mann wohl wünschen möchte. - Indessen hat sich ein junger Paphlagonier
aus Sinope, Diogenes genannt, von ungefähr zu ihm gefunden, der die Kunst zu
entbehren und zu hungern noch viel weiter treibt als Antistenes, aber dabei,
was den Witz, die gute Laune und die Genialität betrifft, so viel Aehnliches mit
dem Sohn des Sophroniskus hat, dass ihn Plato, wie ich höre, nur den
tollgewordenen Sokrates zu nennen pflegt. Der weiseste Mann, sobald er ohne alle
Nachsicht und Schonung auf die Toren, d.i. auf die grosse Mehrheit, losgehen,
und sich ihnen in gar keinem Stücke gleich stellen wollte, würde ihnen
notwendig, im mildesten Lichte betrachtet, als ein ausgemachter Narr erscheinen
müssen. Dies ist gewissermassen der Fall dieses Diogenes; mir wenigstens scheint
er unter seiner Narrenkappe einen gesundern Kopf zu bergen, als die meisten, die
durch die leicht zu machende Entdeckung, dass er ein Narr sei, ihren eigenen
Verstand in Sicherheit gebracht zu haben glauben. Im Grunde gehört ein gutes
Teil Vernunft dazu, um ein Narr wie Diogenes zu sein; ja ich möcht' es sogar
ein Talent nennen, worin man es zu einer gewissen Virtuosität bringen kann, so
gut als in irgend einem andern.
    Da dieser junge Mann in der neuentstandenen Classe von Menschen, die sich,
seit Plato an ihrer Spitze steht, Philosophen nennen, künftig eine bedeutende
Rolle spielen dürfte, so ist es dir vielleicht nicht unangenehm, wenn ich dich,
so weit meine dermalige Kenntnis von ihm reicht, etwas näher mit ihm bekannt
mache. Er war (wie es scheint, und wie die Erkundigungen, die ich hierüber
eingezogen habe, bestätigen) in guten Glücksumständen geboren, und hatte eine
dieser Lage angemessene Erziehung erhalten. Ein unvermuteter Umsturz seines
Hauses, welches einen ansehnlichen Handel auf dem Euxinischen Meere getrieben
hatte, machte ihn auf einmal zum Bettler. Ein andrer Zufall führte ihn zum
Antistenes nach Aten. Da sein Beruf zur Philosophie ein eigentlicher Notfall
war, so zeigte ihm sein guter Verstand sehr bald, was er hier zu tun habe.
Einem Menschen, der keine Wahl hatte, als zwischen dienen und arbeiten, oder
betteln und müssiggehen, - wo der Gewinn auf beiden Seiten ziemlich gleich, und
der tiefe Grad von Verachtung, der den Stand des Bettlers drückt, beinahe das
Einzige ist, was die Wage auf die andere Seite ziehen kann - konnte nichts
Glücklicher's begegnen, als die Bekanntschaft mit Antistenes. Denn er sah nun
auf den ersten Blick, dass er nur noch Einen Schritt weiter zu gehen brauche als
dieser, um seine Dürftigkeit zu Philosophie zu veredeln, sich aus einem Bettler
zum unabhängigsten aller Menschen zu machen, und der verächtlichsten Lebensart
sogar einen Respect gebietenden Charakter aufzudrücken. Schon Antistenes würde
eben so räsonnirt haben wie Diogenes, wenn seine äussere Lage völlig eben
dieselbe gewesen wäre. Auch liegt der wahre Unterschied zwischen ihrer Art zu
philosophiren bloss in dem Umstand, dass jener gerade so viel Vermögen hat, dass es
ihm täglich wenigstens drei bis vier Obolen, und alle vier Jahre einen neuen
Ueberrock abwirft; dieser hingegen gar nichts hat, wovon er leben kann, als
seinen Kopf und seine Arme. - Dass er sich zu einigen andern Lebensarten, womit
ein Bettler, der alles zu leiden und zu tun bereit ist, sich allenfalls in
einer Stadt wie Aten fortbringen kann, zu gut fühlte, wollen wir ihm zu keinem
grossen Verdienst anrechnen: aber seinen Verstand hat er bei mir in keine gemeine
Achtung gesetzt, nicht dadurch, dass er den Stand eines Cynischen Philosophen
(wie man den Antistenes und seine wenigen Anhänger zu nennen anfängt) erwählt
hat - denn in seiner Lage war eigentlich nichts zu wählen - sondern dass er diese
Notphilosophie sich selbst und seinen Umständen so anzupassen weiss, dass sie
sein eigen wird, dass sie ihm, so zu sagen, bequem sitzt, und wohl ansteht; mit
Einem Wort, dass er anstatt Nachahmer zu sein, Original ist, und auf dem Wege,
den er eingeschlagen hat, ziemlich sicher sein kann, wie viele Nachtreter er
selbst auch immer finden möchte, doch so leicht von keinem erreicht, geschweige
übertroffen zu werden.
    Es klingt paradox genug, hat aber seine völlige Richtigkeit, dass Diogenes
zum ersten Grundsatz seiner Philosophie gemacht hat, »alle seine Bedürfnisse,
oder alles was er, ausser einem ziemlich kurzen und abgetragenen Mantel, auf der
ganzen Welt besitzt, in einem mässigen Schnappsack auf der Schulter mit sich
herum zu tragen.« Bei einer neulichen Inventur seines Inhalts fand der närrische
Mensch, dass er einen Kamm mit vier Zähnen, und einen hölzernen Becher zu viel
habe, da ihm eine seiner Hände beides sehr bequem ersetzen könne; und so wurde
dieser Überfluss sogleich ins nächste Wasser geworfen. Indem er die
Entbehrungskunst bis auf diese Spitze treibt, gewinnt er den Vorteil, dass seine
Dürftigkeit das Ansehen eines von freien Stücken aus Grundsätzen erwählten
Zustandes erhält, und dies gibt ihm eine Art von Recht, sich über die Ueppigkeit
der Reichen lustig zu machen; ein Zeitvertreib, wozu ihn die Natur mit Witz und
Mutwillen reichlich versehen hat. Da die Menschen überhaupt, und die Atener
noch mehr als andere, wohl leiden mögen, dass man über ihre Torheiten spotte,
wenn es nur auf eine solche Art geschieht, dass sie mitlachen können, und der
Spötter ihnen hinwieder Blössen genug gibt, um ihn mit gleicher Münze zu
bezahlen; so hat er sich dadurch bereits eine Art von Popularität erworben, die
ihn wenigstens vor dem Mangel an Wolfsbohnen (seiner gewöhnlichen und beinahe
einzigen Nahrung) sicher stellt. Aber die Philosophie des Schnappsacks
verschafft ihm noch einen Vorteil, der nach seiner Schätzung alle andern
überwiegt. Da er so unendlich wenig Ansprüche an die bürgerliche Gesellschaft
macht, so glaubt er auch berechtigt zu sein, sich über alles, was im
menschlichen Leben bloss von Uebereinkunft, Gewohnheit und Sitte abhängt,
wegzusetzen, und im Notfall mitten auf dem Markte zu Aten alles, was nicht an
sich unrecht ist, für eben so erlaubt zu halten, als in der tiefsten Schlucht
des Pentelikus. Er achtet kein Vorurteil, spottet über den Zwang, den wir uns
selbst durch eine unendliche Menge vermeinter Pflichten auflegen, wovon die
Natur nichts weiss, und die man übertreten kann, ohne darum ein schlimmerer
Mensch zu sein; und hält sich daher durch die Gesetze der Wohlanständigkeit und
Urbanität so wenig gebunden, dass er vielmehr das grösste Vergnügen darin findet,
sie alle Augenblicke zu übertreten, und den Leuten dadurch lächerrlich und
anstössig zu werden. Er hat sehr richtig geurteilt, dass dies alles zu der Rolle
eines blossen Naturmenschen gehört, und dass er so ziemlich darauf rechnen kann,
man werde die Billigkeit fühlen, an einen Menschen, der von andern nichts
fordert, als dass sie ihn leben lassen, hinwieder keine Forderungen zu machen,
wozu er als blosser Mensch nicht verpflichtet ist. Bei allem dem hat er doch zu
viel Sinn, um in der Ausübung seiner Grundsätze so weit zu gehen, als sie ihn
führen könnten. Er spricht freier als er handelt, ist besser und verständiger
als er scheinen will; und wiewohl er eine eigene Freude daran hat, in den
seltsamen Bockssprüngen, die er seinen Witz und seine Laune machen lässt, der
Gränzlinie des Unanständigen öfters so nahe zu kommen, dass man alle Augenblicke
befürchtet, er werde vollends über sie weggehen, so weiss er doch (zumal in guter
Gesellschaft) den äussersten Punkt immer so genau zu treffen, dass man ihm
wenigstens das Lob eines geschickten Luftspringers nicht versagen kann. Noch
einer kleinen Tugend muss ich erwähnen, die an einem Philosophen dieses Schlages
nicht ganz gleichgültig ist; nämlich dass er - das Wasser nicht spart (welches
zum Glück in und um Aten überall umsonst zu haben ist), und dass er daher im
Punkt der Reinlichkeit von dem wasserscheuen Antistenes sehr stark zu seinem
Vorteil absticht.
    Ich habe mich etwas länger bei der Charakteristik dieses bis jetzt in seiner
Art einzigen Sterblichen aufgehalten, damit dir begreiflicher werde, wie es
zuging, dass Antipater an ihm und er hinwieder an Antipatern in kurzer Zeit so
viel Geschmack finden konnte, dass jetzt keine Dekade vergeht, ohne dass sie einen
Gang bald in den Hafen, bald auf den Hymettus oder Pentelikus95, oder eine
Schwimmpartie nach den kleinen Inseln Psyttalia und Atalanta, auch wohl bis nach
Salamine, zusammen machen. Es gibt einen komischen Anblick, unsern jungen
Landsmann, nach Cyrenischer Weise stattlich gekleidet, mit dem zottigen Barfüsser
in seinem groben Tribonion, das ihm kaum über die Kniee reicht und seine ganze
Draperie ausmacht, durch die Gassen und Hallen von Aten schlendern zu sehen, wo
tausend gaffende Augen und klaffende Mäuler auf sie gerichtet sind, und oft
ziemlich laut über das ungleichartige Paar scherzen, ohne dass Antipater die
mindeste Kunde davon nimmt. Sein häufiger Umgang mit Diogenes hat ihn auch mit
dem alten Antistenes in Bekanntschaft gesetzt, an dessen trivialem
Menschenverstand er unendlich mehr Gefallen bezeigt, als an den sophistischen
Spitzfindigkeiten, womit Plato seine Zuhörer so gern - zum Besten hat. Schliesse
nicht etwa hieraus, dass ich deinen jungen Freund gegen den letztern
böslicherweise eingenommen habe. Die Sache machte sich von selbst. Denn zum
Unglück musste sich's fügen, dass Plato, da der gute Antipater zum erstenmal in
seine Schule kam, eben in der Vorlesung und Erklärung seines Parmenides96
begriffen war, worin er diesen Eleatischen Sophisten seinen berühmten Grundsatz:
»Alles ist Eins, und Eins ist Alles,« durch eine neunfache Reihe Argumentationen
von der allersubtilsten Subtilität durchführen lässt. Der arme Antipater, dem so
etwas nie gereicht worden war, horchte mit Augen, Mund und Ohren, und wäre
beinahe erstickt, weil er, aus Furcht dass ihm ein Wort entgehen möchte, den
Atem so lange bis er nicht mehr konnte an sich hielt. Da er aber in einer
ganzen Stunde mit übernatürlicher Aufmerksamkeit und Anstrengung allem, was er
gehört hatte, weder Sinn noch Geschmack abgewinnen konnte, und anstatt weiser
als zuvor geworden zu sein, nichts als einen wüsten Kopf, worin sich alles mit
ihm im Wirbel herumdrehte, davon trug, lief er, ohne den Schluss abzuwarten, zum
Saal hinaus, und schwur bei allen zwölf himmlischen Göttern, seinen Fuss nie
wieder über die Schwelle des Mannes zu setzen, welcher wissbegierigen Jünglingen
solche Possen für Weisheit verkaufe. Da irrest du dich, Antipater, sagte ich: er
gibt sie umsonst. - Desto schlimmer für seine Zuhörer, versetzte der junge
Mensch; denn wenn er auch nur den Wert einer Drachme darauf legte, so würde er
sich schämen, Spreu für Körner zu verkaufen. Ich muss eilends nach der nächsten
Palästra laufen, um das tolle Zeug wieder aus dem Leibe zu schwitzen. - Das
magst du immerhin, sagte ich: indessen hättest du doch in dieser einzigen
Stunde, die du für verloren hältst, viel gewonnen, wenn du dir merktest, was sie
dich gelehrt hat. -
    »Und was wäre das?«
    Dass es Dinge gibt, von denen ein vernünftiger Mensch nicht mehr wissen
wollen muss, als jedermann davon weiss. Dass z.B. Etwas nicht - Nichts, und Eins
nicht - Zwei ist, sind Wahrheiten, woran niemand zweifelt: aber Plato wollte
auch begreiflich machen, wie und warum es so sei, und verwickelte darüber sich
selbst und seine Zuhörer in so undenkbare Sophistereien und Widersprüche, dass du
am Ende ungewiss wurdest, ob du selbst Etwas oder Nichts seist.
    »Das ist eben, was mich toll machte. Höre nur an. - Viele können nicht sein,
wenn nicht Eins ist; denn Viele sind weiter nichts als Eins vielmal genommen.
Nun kann aber Eins nicht Eins sein; denn ein anders ist sein, ein anders, Eins.
Sobald also Eins existirte, so wär' es notwendig mehr als Eins, nämlich das
Eins an sich selbst, und das existirende Eins; Eins wäre also Zwei; da aber Zwei
nicht Eins sein kann, weil es dann nicht Zwei wäre, so gibt es weder Eins noch
Zwei, folglich auch nicht Viele, folglich gar Nichts. - Ist es erlaubt, solch
unsinniges Zeug für Philosophie zu geben, wenn man's auch umsonst gibt?«
    Nimm es, wie gesagt, beim rechten Ende, so wird es dich klug machen. Wer
weiss ob Plato mit seinem Parmenides etwas anders wollte?
    »Wenn das sein Zweck war, so danke ich für das Mittel! Was würde man von
einem Menschen sagen, der ein paar Duzend arme Kinder stundenlang mit Versuchen
auf dem Kopfe zu gehen quälte, bloss um sie zu überzeugen, dass sie nicht auf dem
Kopfe gehen müssten?« -
    Was konnt' ich dem jungen Manne antworten, Kleonidas?
    Da ich doch einmal auf diesem Kapitel bin, so habe die Geduld, über mein
Verhältnis zu Plato, worüber meine Freunde sich, wie ich merke, ziemlich
unnötige Sorgen machen, mein letztes Wort anzuhören.
    Niemand kann geneigter sein als ich, diesem grossen Antagonisten und
Nebenbuhler der Protagoras, Gorgias, Prodikus, Hippias, und wie sie weiter
heissen, in allem was an ihm und seinen Werken als vortrefflich zu loben ist, die
vollständigste Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ob ich aber wirklich so
gerecht gegen ihn sein kann, als ich zu sein wünsche, zweifle ich selbst. Wir
sind zu verschiedene Naturen und sympatisieren zu wenig, um einander rein
aufzufassen. Daher ist mir auch seine Meinung von mir sehr gleichgültig;
vielleicht noch mehr als ihm die meinige. Er kann mir weder schaden noch nützen;
denn ich werde nie weder sein Nebenbuhler noch sein Fackelträger sein. Der Weg,
den ich gehe, liegt so weit von dem seinigen, dass wir schwerlich jemals in
Zusammenstoss geraten können. Ruhm scheint alles zu sein was er sucht; ich suche
nichts, als so gut durch die Welt zu kommen wie mir möglich ist, und wenn ich
berühmt werden sollte, müsste dem Ruhm nur die Laune anwandeln, mich zu suchen;
ich suche ihn gewisslich nie. Wie könnten wir also, Plato und ich, uns je im Wege
stehen? Kurz, ich sehe so wenig Ursache, warum ich ihn lieben oder beneiden, als
warum er mich hassen oder verachten sollte; warum sollten wir uns also nicht bei
unsrer bisherigen Gewohnheit erhalten können, ich von ihm öffentlich immer mit
der Achtung, die man grossen Talenten schuldig ist, er von mir - gar nicht mehr
zu reden? - Indessen werd' ich mir doch gefallen lassen müssen, von den
strengern Sokratikern überhaupt - zumal seitdem Xenophon in seinen Erinnerungen
an Sokrates den Ton hierin angegeben hat - aus ihrer Gemeine ausgeschlossen,
oder, da sie mich doch nicht ganz verwerfen können, wenigstens für einen
unächten Sohn des Vaters, zu dem wir uns alle bekennen, erklärt zu werden. Sie
machen mir, wie ich höre, mit vieler Bitterkeit zum Vorwurf, dass ich die keusche
Philosophie des Sokrates auf eine zweifache Weise zur Hetäre herabwürdige:
erstens, indem ich zu ihrem ersten Grundsatz mache, »die Wollust sei das höchste
Gut des Menschen;« und zweitens, weil ich sie für baares Geld verkaufe. Ueber
den ersten Vorwurf, der sich vermutlich mehr auf meine von der ihrigen ziemlich
stark abstechende Art zu leben, als auf die lächerliche Beschuldigung, dass ich
die Wollust zum Princip meiner Philosophie mache, gründet, bedarf ich wohl
keiner Rechtfertigung bei dir; über den zweiten hingegen glaube ich dir einige
Erläuterung schuldig zu sein, und trage zu diesem Ende kein Bedenken, dir den
ganzen Hergang, der den Anlass dazu gegeben, umständlich zu erzählen.
    Die Entschliessung, deren ich ehemals gegen dich erwähnte, einen Teil meiner
Musse Jünglingen, die sich nach Sokratischer Weise zu mir halten wollten, zu
widmen, fand, als ich sie eine Zeitlang in Ausübung gebracht hatte, vielen
Beifall. Meine Art zu philosophiren schien mehrern, welche sich den Sokrates
selbst öfters gehört zu haben erinnerten, der Sokratischen Deutlichkeit,
Popularität und Anwendbarkeit im Leben ohne Vergleichung näher zu kommen als die
Platonische, und ein gutes Teil mehr von der Sokratischen Genialität und Anmut
zu haben, als die herbe einseitige Manier des Antistenes. Indessen waren doch
diejenigen, die sich am meisten an mich andrängten, grösstenteils Fremde, die
nur wenige Wochen oder Monate in Aten verweilen konnten oder wollten. Eine
Anzahl dieser letzten verabredete sich mit einander, mich zu bitten, dass ich
ihnen in so kurzer Zeit als möglich einen vollständigen Unterricht in der
Philosophie des Sokrates erteilen möchte, die seit seinem Tode in ein Ansehen
und eine Nachfrage gekommen ist, so sie niemals, während er selbst noch lebte,
gehabt hat. Diese Leute mochten gehört haben, dass Prodikus und andere berühmte
Sophisten sich für ihre Vorlesungen ziemlich teuer hätten bezahlen lassen; oder
glaubten vielleicht, was man umsonst weggebe, müsse wenig wert sein; oder
hielten es auch wohl für unbillig, einem Manne, den keine Not dazu treibt,
zuzumuten, dass er Atem aufwende, andere gescheidter und besser zu machen, ohne
sich selbst besser dadurch zu befinden; genug, sie beschlossen, es gänzlich in
meine Willkür zu stellen, was für einen Preis ich auf meine Gefälligkeit setzen
wollte, und genehmigten zum voraus jede Bedingung, die ich ihnen machen würde.
An einem schönen Morgen erschienen ihrer nicht weniger als dreissig, um mir durch
einen aus ihrem Mittel diesen Antrag zu tun. Ich suchte anfangs die Sache in
Scherz zu verwandeln, aber es war den Leuten bittrer Ernst. Ich wies sie an
Plato, Aeschines, Antistenes, Stilpon, Simmias u.s.w., aber sie hätten nun
einmal das Zutrauen zu mir, sagten sie. Weil ich wirklich ungern an die Sache
ging, hoffte ich sie endlich dadurch abzuschrecken, wenn ich einen sehr hohen
Preis auf meine Waare setzte. Ich erklärte mich also zuletzt: ich getraute mir
allerdings ihnen alles, was ich in drei Jahren von Sokrates gelernt hätte, in
eben so viel Dekaden vollständig mitzuteilen: aber ich könnte ihnen nicht
verhalten, dass es jedem von ihnen wenigstens so hoch zu stehen kommen würde, als
wenn er seinen Freunden ein prächtiges Gastmahl gäbe; denn die zwölf Discurse,
in welche ich die ganze Philosophie des Sokrates zusammen zu fassen gedächte,
würden den Mann nicht weniger als zwölf Dariken kosten. Dafür sollte jeder
zugleich eine Abschrift dieser Discurse erhalten, jedoch unter der
ausdrücklichen Bedingung, sie entweder gänzlich für sich zu behalten, oder nicht
mehr, als ein einziges Exemplar um den Preis, den es ihn selbst gekostet, und
unter der nämlichen Bedingung, irgend einer andern Person zukommen zu lassen.
Was ich verlange (setzte ich hinzu) ist viel oder wenig, je nachdem ihr das, was
ihr dafür bekommt, anwenden werdet. Als blosse Speculationssache gäbe ich selbst
für die Philosophie des Sokrates, wie für jede andere, keine taube Nuss; in
Ausübung gebracht, ist sie mehr als alles Gold des grossen Königs wert.
Ueberlegt also wohl was ihr tut, damit es euch nie gereue, eure Dariken nicht
auf eine angenehmere Art verloren zu haben. - Mir däuchte als ob mehr als Einer
von den Jüngern bei dieser Verwarnung eine etwas nachdenkliche Miene mache: aber
da vermutlich keiner für schlechter angesehen sein wollte als der andere, so
wurde mein Antrag einhellig mit grosser Freude angenommen. Kurz, die dreissig
Fremden, grösstenteils Böotier, Arkadier, Lokrier und Chalcidier (drei oder vier
Abderiten nicht zu vergessen) legten dreihundert und sechzig blanke Dariken in
einem Beutel von Cyrenischem vergoldetem Leder zu meinen Füssen, und erhielten
dafür was ich ihnen versprochen hatte.
    Du siehest also, lieber Kleonidas, dass der Vorwurf, den mir die Sokratiker
machen, dass ich die Weisheit unsers Meisters um Geld verkaufe, nicht ungegründet
ist: ob auch gerecht, ist eine andere Frage, die ich deinem eigenen Urteil
anheim stelle. Ich meines Orts, betrachte einen Gelehrten überhaupt - und warum
denn nicht auch den, der von der Kunst zu denken, zu reden und zu leben
Profession macht? - wie jeden andern Virtuosen, in welcher Kunst es sei; und ich
sehe nicht, warum ich, wenn es mir beliebt, und die Käufer sich mir von freien
Stücken anbieten, ja sogar aufdringen, für meine philosophischen Discurse nicht
eben so gut Geld nehmen sollte, als Pindar für seine Siegeslieder, Damon für
seine Musik, ein Arzt für seine Curen, ein Maler für seine Gemälde, Aristophanes
für seine Komödien, oder Isokrates für seinen Unterricht in der Philosophie der
Beredsamkeit, wie er seine Rhetorik zu nennen pflegt. Nehmen doch die Bürger von
Aten für die Ausübung ihrer Souveränetät ohne Bedenken - ihr Triobolon! Dass die
Hetären von ihren guten Freunden Geld nehmen, fand sogar Sokrates billig; und
wenn ihre Profession schändlich ist, was kann hieraus zum Nachteil derer, die
eine edlere treiben, gefolgert werden? Wie dem auch sei, seit dieser Begebenheit
hat mir mehr als Ein Atener angelegen, seinem Sohn in allem, was ein Kalos
Kagatos (wie man jetzt zu sagen pflegt) besonders ein künftiger Staatsmann und
Demagog zu wissen nötig habe, Unterricht zu erteilen; und um nicht mit
Zumutungen dieser Art zu sehr belästiget zu werden, habe ich ein für allemal
fünfhundert Drachmen zu meinem festgesetzten Preise gemacht. Ein einziger, und
zwar einer der reichsten Männer in ganz Attika, der mir (vermutlich ohne recht
zu wissen was er tat) seinen einzigen Sohn übergeben wollte, fand den Preis zu
hoch; dafür, meinte der Ehrenmann, könne er sich ja einen tüchtigen Sklaven
kaufen. Das tue doch ja, sagte Antipater, der dabei stand, laut lachend, so
hast du ihrer zwei, ohne dass es dich einen Heller mehr kostet. Dies Wort lief
sehr bald in ganz Aten herum, und wurde von vielen auf meine Rechnung gesetzt;
aber Jedem das Seine! Du siehst dass Antipater nicht vergeblich so viel um den
Spötter Diogenes ist.
    Aus deinen Nachrichten von dem dermaligen Zustand unsrer Vaterstadt sehe
ich, dass ein Mann, der unter glücklichen Menschen glücklich leben will, er sei
auch zu Hause wo er wolle, nach Cyrene ziehen muss. Und ich - bin ein geborner
Cyrener, habe alles was mir das Liebste ist in Cyrene, und lebe zu Aten! - Nur
noch ein Jahr, Kleonidas, ein einziges Jahr längstens, trage Nachsicht mit
meiner Torheit - wenn ich mich wieder von diesem verführerischen Aten scheide,
so ist's auf immer!
 
                                      28.
                              Hippias an Aristipp.
Ich höre mit vielem Vergnügen, Freund Aristipp, dass du dich wieder in Aten
befindest, und eine Art von Schule eröffnet hast, worin du der Hellenischen
Jugend die Philosophie des guten Sokrates, nach deiner eigenen Weise mit
Geschmack zubereitet, und mit einigen feinen Schüsseln vermehrt, wieder
aufzutischen beflissen bist. Während zwei seiner vornehmsten Anhänger, der eine
die Philosophie, welche sein Meister aus den meteorischen Höhen der Ionischen
Schule herabzusteigen genötigt, und unter den Menschen lebend mit ihren
Angelegenheiten sich zu beschäftigen gewöhnt hatte, nicht nur in den Himmel
zurückführt, sondern sogar in überhimmlischen Gegenden, wovon sich bisher noch
niemand etwas träumen liess, umherschwärmen und von den unaussprechlichen -
Undingen, die sie da gesehen und gehört haben will (unverständlich genug), reden
lässt; der andere hingegen, aus Missverstand der Lehren und mit Uebertreibung des
Beispiels seines Meisters, das von diesem veredelte menschliche Leben, in der
Meinung es zur Natur zurückzuführen, dem tierischen wieder so nah' als möglich
zu bringen sucht - ist es löblich von dir, dass du ihr mit ihrer vorigen
Popularität auch die Würde, die ihr Sokrates gab, wieder zu verschaffen
beflissen bist. Ich bin gewiss, von den Grazien der schönen Lais ausgeschmückt,
und mit der Peito97, die dir immer hold war, auf den Lippen, kann es ihr an
Liebhabern nicht fehlen, und es wird nur auf dich ankommen, der erste und
einzige unter den Sokratikern zu sein, der sich durch ihre Vermittelung auch den
Plutus98 günstig zu machen weiss.
    Was mich betrifft, lieber Aristipp, ich habe nun unvermerkt die Jahre
erreicht, wo es nicht mehr der Mühe wert ist, etwas anders zu tun, als sich an
den Torheiten der Sterblichen zu belustigen, und von einem Tage zum andern so
sorgenfrei und angenehm zu leben, als es uns die Götter noch gönnen wollen. Wie
Solon in einem ungleich höhern Alter als das meinige,
Lieb' ich die Gaben der Cyprogeneia, des Bacchus, der Musen,
völlig, wie er, überzeugt,
Alle Freuden der Welt kommen von ihnen allein.99
    Das schöne, volkreiche, so glücklich zum Seehandel gelegene und durch ihn
mit allen Schätzen der Natur und Kunst bereicherte Milet ist (wie du aus eigener
Erfahrung wissen musst) ausser allen diesen Vorteilen, noch besonders durch den
geselligen Charakter seiner Einwohner und die Schönheit seiner Weiber, vor
vielen andern Orten der Welt, einer solchen Lebensweise günstig; vorausgesetzt
(versteht sich) dass man mit dem unentbehrlichsten aller Dinge, wofür die andern
alle zu haben sind, hinlänglich versehen sein muss.
    Wie ich höre gibt der grosse Aërobat100 Plato den Atenern und ihren Nachbarn
mächtig viel von sich zu reden, und publicirt eine Menge philosophischer
Possenspielchen, worin er den ehrlichen Sokrates (der jetzt alles ungestraft aus
sich machen lassen muss, wozu man ihn brauchbar findet) bald mit diesem bald mit
jenem unsrer ehmaligen Sophisten in eine possierliche Art von dialektischen
Zweikämpfen zusammen hetzt. Denn, damit sein Sokrates immer Recht behalte, oder
doch wenigstens die Lacher auf seine Seite bekomme, begabt er ihn über seine
gewohnte Ironie und die ihm eigene Art seine Gegner zu überraschen und in
Verlegenheit zu setzen, noch mit aller nur ersinnlichen eristischen
Spitzfindigkeit und Gewandteit, die armen Schelme von Antagonisten hingegen mit
einem so erbärmlichen Grade von Geistesschwäche und treuherziger Dummheit, dass
sie immer ihr Aeusserstes tun, um jenem den Sieg recht leicht zu machen, und,
weit entfernt zu merken dass er ihrer spotte, durch Paarung der lächerlichsten
Aufblähung mit der schülerhaftesten Unwissenheit und dem blödsinnigsten
Unverstand, ihm eine Gelegenheit nach der andern geben, sie mit der
schmählichsten Art von Urbanität zum Besten zu haben. Auch mir Unwürdigen hat er
zweimal diese Ehre erwiesen; vermutlich weil er nicht weiss, dass ich allein die
todten Löwen Protagoras, Prodikus, Gorgias u.s.f. mit welchen es ihm jetzt so
leicht wird den Hercules zu spielen, überlebt habe.101 Aber auch vor meiner
Rache kann er sicher sein; denn ich bin ihm zu viel Dank für die gute Digestion
schuldig, die mir sein Hippias der Grössere gestern Abends nach einem grossen
Gastmahle verschafft hat. In meinem Leben hab' ich nicht so viel gelacht, wie
über die Rolle, die er mich in diesem schnakischen Ding von einer dialektischen
Schulübung spielen lässt. Man sollte denken, er habe die Wolken des Aristophanes
zum Muster genommen, wie man es anfangen müsse, um ein ordentliches
Menschengesicht zu einer fratzenhaften Larve zu verzerren. Das Lustigste ist
indessen, dass der Leser immer im Zweifel bleibt, wen der philosophirende
Spassvogel eigentlich am lächerlichsten habe machen wollen: ob den guten
Sokrates, der hier als das Ideal eines naseweisen Attischen Spitzkopfs
erscheint, und meinen blödsinnigen Repräsentanten (den er bloss einem Arzt zu
einer tüchtigen Portion Niesewurz hätte zuweisen sollen) lieber zur Kurzweil in
einem aus Spinnenfäden gewebten Netze fangen will? oder den armen unbeholfenen
Afterhippias, der sich aus einem so dünnfädigen Netze nicht heraus zu finden
weiss. - Und mit solchen Schnurrpfeifereien hofft euer Plato den Homer aus den
Schulen der Griechen zu verbannen!
    Einem von Eigendünkel und Selbstgefälligkeit so stark berauschten Menschen
darf man schon etwas mehr als gewöhnliche Narrheiten zutrauen: aber dass es schon
so weit mit ihm gekommen sein sollte, dass er sich (wie man sagt) geschmeichelt
finde auf Kosten des ehrsamen Ariston, seines gesetzmässigen Vaters, für einen
leiblichen Sohn des Delphischen Gottes102 gehalten zu werden, kann ich doch kaum
glauben. So viel ist indessen gewiss, dass ein angesehener Milesier von meiner
Bekanntschaft folgende Anekdoten aus des Platonischen Neffen Speusipps eigenem
Munde gehört zu haben versichert.
    Platons Mutter Periktione galt in ihrer Jugend für eine der schönsten
Jungfrauen in Aten - was bekanntermassen eben nicht sehr viel gesagt ist.
Ariston, mit welchem sie verlobt war, unterlag an einem trüben Morgen der
Versuchung, heimlich in ihre Kammer zu schleichen, und während seine Braut noch
schlief, sich einen kleinen Vorgriff in seine eigenen künftigen Rechte zu
erlauben. Es war ihm aber, alles gebrauchten Ernstes ungeachtet, schlechterdings
unmöglich zum Ziel seiner Wünsche zu gelangen. Wie unbegreiflich ihm auch ein
solches Unglück scheinen musste, da er wenigstens sich selbst keine Schuld geben
konnte, so ging es doch in der Tat ganz natürlich damit zu; denn, mit Einem
Worte, der Platz war bereits von einem unsichtbaren Liebhaber eingenommen. Bei
so bewandten Umständen blieb freilich dem armen Ariston nichts übrig, als sich
mit gesenkten Ohren eben so heimlich, wie er gekommen war, wieder
wegzuschleichen. Aber in diesem Augenblick wurde der Nebel von seinen Augen
weggeblasen; er sah wie Apollo sich leibhaftig von der Schlummernden erhob,
erkannte den eben so schnell wieder verschwindenden als sichtbar gewordenen
Gott, und beschloss auf der Stelle, aus Beweggründen, woran seine Klugheit nicht
weniger Anteil hatte, als seine Gottesfurcht, die Vermählung mit Periktione
zwar zu beschleunigen, aber des ehlichen Rechts sich so lange zu entäussern, bis
sie geboren haben würde. Im dritten Jahre der siebenundachtzigsten Olympiade, am
siebenten Tage des Monats Targelion103 (welcher, wie die Delier sagen, auch der
Geburtstag des Apollo ist) wurde sie von diesem nämlichen Plato, der jetzt seine
göttliche Abkunft durch so wundervolle Werke zu Tage legt, entbunden, und
Ariston rechnete sich's, wie billig, zur grössten Ehre, als ein zweiter
Amphitryon104, für den Vater des Göttersohns zu gelten: wir aber wissen nun was
wir zu glauben haben, und wundern uns nicht länger, dass ein Sohn des Pytischen
Gottes uns von den Mysterien der übersinnlichen Welt so viel Unerhörtes und
Undenkbares zu erzählen weiss. Auch wird durch diese Anekdote eine andere, die
aus eben derselben Quelle kommt, desto glaubwürdiger. Sokrates, sagt man,
träumte einst, er habe einen noch unbefiederten jungen Schwan zwischen seinen
Knieen, der aber (vermutlich durch die Wunderkraft der in ihn übergehenden
Sokratischen Wärme) so schnell Federn bekam, dass er auf Einmal die Flügel
ausspannte und mit einem ungemein lieblichen Getöne sich in die Luft erhob.
Tages darauf sei ihm der junge Plato vorgestellt worden, und Sokrates (dessen
Glauben an seine Träume bekannt ist) habe sogleich bei seinem Anblick gesagt,
dies sei der junge Schwan, den er gestern im Traume gesehen habe.
    Wenn du etwa mit dem Neffen des göttlichen Schwans bekannt genug sein
solltest, um eine Frage dieser Art an ihn zu tun, so erkundige dich doch bei
ihm, ob der Freund, von welchem ich diese Anekdoten habe, sich mit Wahrheit auf
sein Zeugnis berufe oder nicht. -
    Nun von etwas anderm! Ich habe hier noch einige Schönen aus Aspasiens Schule
gefunden, die zwar schon etwas lange aufgehört haben jung zu sein, aber noch
anziehend genug sind, um nicht wenig zu den Annehmlichkeiten von Milet
beizutragen. Eine von ihnen hat (ich weiss selbst nicht wie?) Mittel gefunden,
mich in eine Art Platonischer Liebe zu verstricken, die etwas so Neues für mich
ist, dass ich mich dem Wundermann für seine Erfindung sehr verpflichtet erkennen
würde, wenn die schöne Antelia (so nennt sich meine Freundin) nicht
unglücklicher Weise ein sehr weibliches Weib wäre, und also, der Teorie des
Erfinders zufolge, ohne Entweihung der Mysterien des Uranischen Eros nicht auf
Platonisch geliebt werden darf.
    Seit einiger Zeit hält sich unter andern nicht gemeinen Künstlern auch dein
Freund Parrhasius zu Milet auf, und findet viele Ursache sich bei uns zu
gefallen. Die Günstlinge des Plutus wetteifern mit einander, wer die meisten und
schönsten Stücke von ihm aufzuweisen habe, und der Künstler befindet sich
ungemein wohl bei dieser Eifersucht: ob sie aber der Kunst eben so zuträglich
sein werde, ist eine andere Frage. Wenigstens setzt sie jenen in eine starke
Versuchung, sich eine dem Auge schmeichelnde geschwinde Manier anzugewöhnen, und
künftig mehr für den schärmerischen Beifall des freigebig bezahlenden
Liebhabers, als für das ruhige Wohlgefallen des streng urteilenden Kenners zu
arbeiten.
    Eine unsrer schönsten Hetären hat sich indessen wohlfeil genug in den Besitz
seiner Leda (die in ihrer Art über allen Preis ist) zu setzen gewusst, und ist
dadurch auf Einmal die reichste ihres Standes geworden, indem sie das eben so
leicht erworbene als leichtfertige Gemäldchen dem Satrapen Teribazus für eine
unerhörte Summe wieder verkaufte.
    Sage mir doch, Aristipp, was für ein Schwindel deine Kechenäer angewandelt
hat, dass sie den König Artaxerxes, von welchem sie mit so grossen Beweisen seines
Wohlwollens und Vertrauens überhäuft worden, und dem sie es allein zu danken
haben, dass sie wieder etwas unter den Griechen bedeuten, sich mit aller Gewalt
zum Feinde machen wollen? Zwar an dem Atenischen Volke wird mich keine
Torheit, wie ungeheuer sie auch sein mag, jemals in Verwunderung setzen: aber
wie Konon von seinem Glücke so sehr berauscht werden konnte, dass er sein eigenes
Werk, die Frucht so vieler Gefahren und Arbeiten, mit eigenen Händen wieder
vernichtet, das geht über meinen Begriff. Kannst du dir vorstellen, wie dieser
um Aten so sehr verdiente Mann übermütig und unklug genug sein kann, das
Vertrauen des Königs und des Satrapen Pharnabazus so unverschämt zu betrügen,
dass er die Persische Kriegsflotte, die ihm zu gewissen Unternehmungen gegen
Sparta untergeben worden war, dazu missbraucht, die unter Persischer
Oberherrschaft stehenden Ionischen Inseln und Städte, eine nach der andern,
entweder geradezu den Atenern zu unterwerfen, oder zum Abfall zu reizen und in
ein allgemeines Bündnis gegen den König zu verstricken? Dass es ihm auch bei den
Milesiern gelingen werde, zweifle ich indessen sehr. Es fehlt zwar auch hier
nicht an unruhigen und regiersüchtigen Köpfen, die durch Ergreifung der
Atenischen Partei zu gewinnen und den Pöbel auf ihre Seite zu ziehen hoffen,
indem sie ihm die unermesslichen Vorteile der Demokratie vorspiegeln, und ihm
weiss machen wollen, die vereinigte Macht von Aten und Milet allein sei mehr als
hinlänglich, dem grossen König die Unabhänglichkeit des Griechischen Asiens
abzutrotzen. Aber die edeln und reichen Häuser, und überhaupt alle zum
Handelsstande gehörigen Bürger befinden sich bei der gegenwärtigen Verfassung,
unter der gelinden Persischen Regierung (die ihnen die wesentlichsten Vorteile
der Freiheit willig zugesteht) viel zu wohl, und sind durch ehmalige Erfahrungen
zu sehr gewitziget, um solchen Lockungen Gehör zu geben. Inzwischen werden die
Lacedämonier, die den Kechenäern von jeher an Staatsklugheit und Consequenz in
ihren Massregeln unendlich überlegen waren, sich den Unverstand der letztern bald
genug beim Könige zu Nutze machen, und wir werden unversehens das Vergnügen
haben, die luftigen Schwindler von ihrer Höhe eben so geschwinde wieder
herabstürzen zu sehen, als sie sich in ihrer voreiligen Einbildung, die der
Realität immer tausend Parasangen zuvorläuft, emporgeschwungen hatten.
Antalcidas105, einer der geschicktesten Staatsmänner und feinsten Unterhändler,
welche Sparta besitzt, ist zu diesem Ende bereits an das königliche Hoflager
abgegangen, und der Erfolg seiner Sendung kann um so weniger zweifelhaft sein,
da die Atener selbst ihm die stärksten Waffen gegen sich von freien Stücken in
die Hände spielen, und ihr Möglichstes tun, dem so gröblich getäuschten
Artaxerxes die Augen zu öffnen. Der grosse und entscheidende Vorteil, den das
Aristokratische Sparta über die Atenische Demokratie immer behaupten wird,
liegt darin: dass die gränzenlose Eitelkeit der letztern ihre
Vergrösserungs-Projecte immer über alle Möglichkeit hinaustreibt, nichts
berechnet, nichts vorhersieht, und sich ruhig auf das alte Orakel verlässt, dass
die Götter ihre dummen Streiche immer wieder gut machen werden; da hingegen die
wohlberechnete Staatsklugheit der erstern sich auf die Oberstelle unter den
Griechischen Republiken einschränkt, und noch nie über diesen höchsten Punkt
ihrer Ambition hinauszugehen begehrt hat. Diese Mässigung wird den Persischen
Hof, der die Griechen auf seine Kosten endlich kennen gelernt haben muss,
notwendig auf den Gedanken bringen, sein eigenes Interesse erfordere, mit den
Spartanern Friede zu machen, und die unzuverlässigen Atener, ohne darum ihre
gänzliche Unterdrückung zuzugeben, sich selbst und ihrem Schicksal zu
überlassen. Durch diese einzige Massregel wird er es stets in seiner Gewalt
haben, die Griechen in immerwährender innerlicher Gährung zu erhalten, und, ohne
sehr grossen Aufwand, durch seinen politischen Einfluss gerade so viel
Gleichgewicht unter diese rastlos hin und her schwankenden Freistaaten zu
bringen, als für das Interesse des Persischen Reichs und die allgemeine Ruhe der
Welt nötig ist. Denn es ist kaum möglich, dass das ewige Tema eurer
Redekünstler, der Isokrates, Lysias, u.s.w. »Eintracht unter allen Griechen zu
Vereinigung ihrer Kräfte gegen den gemeinschaftlichen Feind in Asien,« nicht
endlich zu den Ohren des Königs kommen, und ihn überzeugen sollte, dass die
Begünstigung des Spartanischen Systems das sicherste Mittel sei, einer so
gefährlichen Coalition zuvorzukommen.
    Wundre dich nicht, Aristipp, wie ich mit meiner oben angerühmten sorglosen
Denkart und Lebensweise dazu komme, dich so unversehens mit einer so reichlichen
politischen Ergiessung zu beträufen. Seit etlichen Wochen hört man hier nichts
anders. Alles was in der weitesten Bedeutung zur guten Gesellschaft gehört (die
zahlreiche Innung der Hetären mitgerechnet) spricht Politik und ist Spartanisch
gesinnt; und dass ich selbst, trotz meiner Weltbürgerschaft und Kaltblütigkeit,
diese Partei ergriffen habe, wird dich, wenn ich auch den Nephelokokkygiern
weniger abhold wäre als ich es immer war, mein alter Hass gegen die Ochlokratie
nicht bezweifeln lassen.
 
                                      29.
                              Aristipp an Hippias.
Ich werde es immer unter die glücklichsten Ereignisse meines Lebens zählen, dass
ich den Sokrates gekannt, und während der drei bis vier Jahre, da ich freien
Zutritt bei ihm hatte, seines Umgangs beinahe täglich genossen habe. Wie wenig
auch das, was ich von ihm lernen konnte, in anderer Augen sein mag, nach meiner
Schätzung und für meinen eigenen Gebrauch ist es sehr viel, und mehr als genug
um mir ein Recht auf den Namen eines Sokratikers zu geben, auf den ich stolz
bin, und den ich nicht unwürdig zu führen hoffe.
    Es war eine von den Meinungen des Sokrates, die ich ihn öfters in seiner
eigenen genialischen Manier behaupten hörte, »Weisheit und Tugend könnten nicht
auf die Art, wie man sich's gewöhnlich vorstelle, gelehrt,« d.i. nicht in unsre
Seelen hineingeschoben werden, wie man Brod in den Backofen schiebt. Zuweilen
sprach er, als betrachte er sich wie einen Gärtner, dessen Geschäft es ist,
nützliche Pflanzen und Gewächse zu ziehen und zu warten. Alles was der Gärtner
vermag (sagte er) besteht darin, dass er guten Samen in ein wohlzubereitetes Land
lege, und die junge Pflanze, wenn sie aufgegangen ist, vor Frost und schädlichen
Winden sichere, vor aller Verletzung bewahre, und, so weit es in seiner Macht
steht, dafür sorge, dass sie nicht zu viel noch zu wenig Sonne bekomme, nicht zu
viel noch zu wenig genährt werde u.s.f. Aber eine schlechte Gattung in eine edle
zu verwandeln, oder einer schwachen kränkelnden Pflanze das fröhliche Wachstum
einer gesunden und starken zu geben, steht nicht bei ihm; und wenn er sein
Möglichstes getan hat, kann er doch nicht verhindern, dass ein einziger
unerwarteter Nachtfrost oder irgend ein anderer Zufall aller seiner Sorge und
Pflege spottet. - Am meisten liebte er das Bild einer Geburtshelferin, und
verglich sich mit seiner Mutter, die, wiewohl sie für eine grosse Meisterin in
ihrer Kunst galt, ein ungestaltes Kind in kein wohlgebildetes verwandeln konnte,
sondern zufrieden sein musste, wenn sie, was nun einmal da war, glücklich zur
Welt gebracht hatte. Sokrates hat in diesem Sinne Kindern von sehr ungleicher
Art ins Leben geholfen. Aber um diejenigen, die ihm täglich und mehrere Jahre
zur Seite waren, machte er sich auch das Verdienst eines Pädagogen; und, wie die
Erfahrung lehrt, dass Knaben sich, ohne es zu wollen oder zu merken, immer nach
ihrem Erzieher bilden, und mehr oder weniger seine Weise sich zu gebärden, zu
reden, zu gehen, den Kopf zu tragen u.s.w. annehmen: so findet sich auch, dass
keiner von den Zöglingen des Sokrates ist, an dem man nicht diese oder jene Züge
von ihm gewahr würde, so dass - wie man von Zeuxis sagt, er habe aus fünf der
schönsten Agrigentischen Mädchen seine berühmte Helena zusammengesetzt - aus
fünf oder sechs von uns ein ganz leidlicher Sokrates zusammengesetzt werden
könnte. So hat z.B. Plato sich seiner Ironie und eigenen feinen Manier zu
scherzen, Xenophon seiner Grundbegriffe, Maximen und Ideale in Sittenlehre und
Staatskunst, und seines Glaubens an Orakel, Träume und Opferlebern, Antistenes
seiner Geringschätzung aller Gemächlichkeiten und künstlichen Wollüste der
Reichen, Cebes von Teben seines Talents die Philosophie in Fabeln und
Allegorien einzukleiden, bemächtigt. Mir ist also kaum etwas andres übrig
geblieben als seine Anspruchlosigkeit, sein Widerwille gegen alles Geschminkte
und Unnatürliche, gegen Aufgeblasenheit, Eigendünkel und ungebührliche
Anmassungen, seine Geringschätzung aller spitzfindigen, im Leben unbrauchbaren
und bloss zum Gepräng und zum Disputiren dienlichen Speculationen, seine Manier
bei Erörterung problematischer Fragen immer zuerst auf das, was uns die
Erfahrung davon sagt, Acht zu geben, nach der Entstehungsweise der Begriffe, in
welche das Problem zerfällt, zu forschen, und überhaupt beim Suchen der Wahrheit
immer vorauszusetzen, dass sie uns ganz nahe liege, und meistens nur durch den
Wahn, dass man sie weit und mühsam suchen müsse, verfehlt werde, - und was sonst
in dieses Fach gehört. In allem diesem, und (wenn ich mir nicht zu viel
schmeichle) noch in manchen andern Stücken, finde ich mich ihm so ähnlich, dass
ich mir zuweilen einbilde, ich würde, wofern ich in der siebenundsiebzigsten
Olympiade in seinen Umständen auf die Welt gekommen wäre, Sokrates, oder er,
vierzig Jahre später in den meinigen geboren, Aristipp gewesen sein. Auf diese
Weise erkläre ich mir das Verschiedene in den Aehnlichkeiten, die ich mit ihm
habe. Er kleidete sich z.B. schlecht, weil er arm war und sich dessen nicht
schämte; aber er liebte die Reinlichkeit: wäre er reicher gewesen, würde er sich
vermutlich nicht schlechter gekleidet haben als ich; so wie ich mich nicht
geringer dünkte, als ich im ersten Jahre meines Aufentalts zu Aten in einem
groben wollenen Tribonion unbeschuht hinter ihm hertrabte. - Seine Mahlzeit
kostete selten mehr als drei bis vier Obolen; indessen schlug er nicht leicht
eine Einladung zu den prächtigsten Gastmählern aus, wenn er gewiss war gute
Gesellschaft anzutreffen; wär' er reicher gewesen, so hätt' er vermutlich, wie
ich, lieber andere eingeladen, als sich einladen lassen. Er kaufte weder
Bildsäulen noch Gemälde, weil er kein Geld zu solchen Ausgaben hatte; aber er
liebte darum die Kunst nicht weniger, und wusste die Werke der grossen Meister
sehr wohl zu würdigen: ich habe mir, weil mir das Glück besser wollte als ihm,
eine feine Sammlung auserlesener Malereien angeschafft, und bin darum kein
grösserer Kenner. - Er trank gewöhnlich Wasser, konnte aber, wenn's darauf
angelegt war, den stärksten Weinschläuchen die Stirne bieten, und streckte sie
alle zu Boden, ohne dass man eine merkliche Veränderung an ihm spürte: ich trinke
gewöhnlich Wein, und den besten der zu haben ist; aber sehr mässig, weil ich viel
nicht vertragen kann. - Ich liebe schöne Weiber ungefähr wie er schöne Knaben
liebte, ohne dass Platons Eros Pandemos106 jemals mehr Gewalt über mich gehabt
hätte als über ihn: ich zweifle aber sehr, dass er zu seiner Zeit die schöne
Aspasia von sich gestossen hätte, wenn sie Lais für ihn hätte sein wollen. Dass er
sich übrigens im Notfall an seine Xantippe hielt, war eine löbliche, wiewohl,
ihrer sauren Laune ungeachtet, eben nicht sehr verdienstliche Genügsamkeit; denn
Xantippe war weder eine hässliche noch bösartige Frau. - Sokrates zog, weil er
ein sehr starker Mann war, die mühsamern und heftigern Leibesübungen den
sanftern und ruhigern vor: bei mir ist's gerade umgekehrt. - Bei ihm war der
Weltbürger dem Bürger von Aten untergeordnet, bei Mir der Bürger von Cyrene dem
Weltbürger: wäre Cyrene seine Vaterstadt gewesen, Aten die meinige, so würde
vermutlich das Gegenteil stattgefunden haben.
    Ohne diese Parallele noch weiter zu verfolgen, will ich dir lieber geradezu
sagen, was ich mit diesem ganzen Prolog haben will: nämlich nichts weiter als
dich zu verständigen, warum und wie fern meine Philosophie weder mehr noch
weniger die Sokratische ist, als ich selbst - Sokrates bin. Auch meinte es
Sokrates nie anders. Er verlangte keinen Nachtreter und Nachsprecher. Er teilte
uns und jedem der ihn hören mochte, unverhohlen mit, was er für wahr und recht,
gut und anständig hielt, und wenn er jemanden belehren wollte, stellte er es
immer so an, dass der Hörende das, was sie mit einander suchten, selbst gefunden
zu haben glaubte. Oft war das was er gab nicht sowohl Lehre als guter Rat, der,
zu einer allgemeinen Maxime gemacht, vielleicht viele Ausnahmen zuliess oder
sogar erforderte. Kurz, er überliess es dem guten Verstand seiner Gesellschafter,
wie viel oder wenig sie von dem Gehörten brauchen könnten oder wollten, und
verlangte weder Pytagoräischen Glauben an seine Aussprüche, noch blinde
sklavische Befolgung seiner Vorschriften. In dieser Rücksicht verdenke ich es
dem Plato eben so wenig, dass er in so vielen Stücken von Sokrates abweicht, als
ich selbst Tadel zu verdienen glaube, dass meine Philosophie, wiewohl sie sehr
leicht und ungezwungen mit der Sokratischen in Harmonie gesetzt werden kann,
dennoch nicht eben dieselbe mit ihr ist. Was ich an Plato tadle ist, dass er den
entschiedenen Feind aller Meteoroleschie107 in vielen, wo nicht in den meisten
seiner Dialogen die Rolle eines wahren Aristophanischen Phrontisten spielen
lässt, und dass es immer der unschuldige Sokrates ist, den er vor den Riss stellt,
und, weil er nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden kann, für Dinge
verantwortlich macht, die er nie gesagt haben würde, und welche Plato selbst in
eigener Person zu sagen vielleicht Bedenken trüge.
    Ich glaube mich hiermit deutlich genug erklärt zu haben, Freund Hippias, in
welchem Sinn ich ein Sokratiker zu sein und zu heissen wünsche. Uebrigens kennst
du die Welt zu gut, um dich zu verwundern, dass der Name und die Philosophie des
in seinem Leben wenig geachteten und von den Meisten falsch beurteilten
Sokrates seit seinem Tod, und selbst durch die Art seines Todes, vielleicht auch
durch das erst nachher bekannter gewordene Orakel des Delphischen Gottes, den
Griechen so ehrwürdig geworden ist, dass viele von keiner andern Philosophie als
der Sokratischen hören wollen. Da ich nun, ich weiss selbst nicht wie, in den Ruf
gekommen bin, dass sie von mir ächter und reiner zu erlernen sei als von Plato
oder Antistenes, so ist es schon mehr als Einmal begegnet, dass geschlossene
Gesellschaften von entusiastischen Verehrern des »weisesten aller Menschen« das
Ansinnen, ihnen nicht meine eigene, sondern seine Philosophie in ihrer ganzen
Lauterkeit vorzutragen, so ernstlich an mich gelangen liessen, dass ich mich nicht
entbrechen konnte, ihr Verlangen zu befriedigen. Wenn dir also etwa zu Ohren
kommt, dass Aristipp sich seinen Unterricht sehr teuer bezahlen lasse, so wisse,
dass dies bloss von diesen Vorträgen der Philosophie des Sokrates (die ich
deswegen in ein zusammenhangendes System zu bringen genötigt war) zu verstehen
ist. Denn ich glaube einen Unterricht dieser Art, wobei ich mich gewissermassen
als einen bloss mechanischen Arbeiter gebrauchen und zum blossen Sprachwerkzeug
eines andern machen lassen muss, mit Fug und Recht eben so gut zu Geld anschlagen
zu können, als ein Steinhauer, der den Marmor zu einem Tempel oder Säulengang
nach einem gegebenen Mass und Modell zu bearbeiten und zusammenzufügen übernommen
hat, seine Zeit und Arbeit. Alles dies, lieber Hippias, hielt ich für dienlich,
dir über meinen Sokratism etwas ausführlich zu sagen, weil es ein für allemal
gesagt sein soll.
    Dass du, mit aller deiner Dankbarkeit für das heilsame Lachen, so dir Plato
durch seinen grössern Hippias zubereitet hat, diesem Göttersohn nicht allzu hold
bist, finde ich sehr natürlich. Insofern es für einen Trost gehalten wird,
Gefährten im Leiden zu haben, lass es dir - in Augenblicken, wo es dir etwa nicht
so ganz lustig däuchten möchte, von einem hochangesehenen und weitberühmten
Manne allen Griechen der gegenwärtigen und künftigen Zeit als ein einfältiger
Strohkopf vorgeführt zu werden - zu einigem Troste dienen, dass der tapfre, weise
und weltberühmte Befehlshaber und Geschichtschreiber des Rückzugs der
zehntausend Griechen in seinen Sokratischen Denkwürdigkeiten mit deinem Freund
Aristipp nicht glimpflicher zu Werke geht. Das Beste ist, dass beide bei denen,
die dich und mich persönlich kennen, schwerlich in den Ruf grosser Portraitmaler
kommen werden.
    Das zweideutige Mährchen von der hohen Abkunft des Sohnes der edeln
Periktione geht wirklich schon seit einiger Zeit unter seinen Verehrern herum,
so wie unter den Atenern überhaupt ein heimliches Gemurmel, es dürfte ihm
schwer fallen, zu beweisen, dass er der Sohn eines Attischen Bürgers sei. Welches
von diesen beiden Gerüchten das andere erzeugt haben mag, ist ungewiss. War das
letztere das ältere; so begreift sich um so leichter, wie die Freunde Platons
auf den Einfall kommen konnten, ihm einen Ursprung zu geben, der ihn mit den
grössten Männern der heroischen Zeit auf gleichen Fuss setzt. Speusipp erzählte
das Mährchen, mit allen von dir erwähnten Umständen, in einem sehr religiösen
Ton, wenn er mehr als Einen Zuhörer hat, und scherzte mit mir darüber sobald wir
allein waren. Das Wahre an der Sache lässt sich leicht erraten, wenn man weiss,
dass Ariston sehr wesentliche Ursachen hatte, die angesehene Familie seiner Braut
und den goldlockigen Apollo, den er bei ihr überraschte, zu schonen; nichts
davon zu sagen, dass die Atener überhaupt ziemlich bequeme und urbane Ehemänner
sind. Der Traum des Sokrates scheint seine Richtigkeit zu haben, und, wie
mehrere Träume dieses ausserordentlichen Mannes, mit seinem Dämonion in einerlei
Fach zu gehören.
    Was du mir von Konon meldest, hat mich nicht befremdet, wiewohl man hier
nichts von einem Bruch mit dem grossen König wissen will, und von Konons
Unternehmungen gegen die Inseln als einer mit Pharnabaz abgeschlossenen Sache
spricht. Was man indessen täglich an allen öffentlichen Orten zu Aten hören
kann, ist die hoffärtige und undankbare Art, wie unsre Kechenäer von ihrem
Verhältnis gegen den Persischen Monarchen reden. Sie vermeinen ihm so wenig Dank
schuldig zu sein, dass er selbst vielmehr, wenn man ihnen glaubt, tief in ihrer
Schuld ist, und noch viel zu tun hat, wofern er die von ihnen empfangene
Wohltat einigermassen wett machen will. Denn, sagen sie, haben ihn nicht die
Siege unsrer Flotten von seinem furchtbarsten Feinde befreit? Würde nicht
Agesilaus108 jetzt vor Susa109 stehen, wenn Konon die Spartanische Seemacht
nicht bei Knidus vernichtet hätte? Es war des Königs Interesse sich um unsre
Freundschaft zu bewerben, und sie gegen die Spartaner zu benutzen; das unsrige
ist, den günstigen Augenblick, da die Spartaner uns nicht daran hindern können,
zu Befreiung der Ionischen Colonien, unsrer Freunde, und zu Wiedererlangung der
uns gebührenden Hegemonie110 anzuwenden. Der König muss uns selbst dazu
verhelfen; oder er ist der undankbarste aller Menschen. - Du wirst die Atener
an dieser überhin fahrenden, raschen und einseitigen Art zu räsoniren leicht
erkennen, mit welcher ihre Art zu handeln völlig aus Einem Stück ist. Nie haben
sie es der Mühe wert gehalten, sich an eines andern Platz zu stellen, und zu
überlegen, in welchem Licht oder von welcher Seite er eine Sache sehen müsse.
Und woher sollten sie die Geduld nehmen, einen Entwurf gelassen durchzudenken,
die Mittel und Wege dazu in der Stille vorzubereiten, die Hindernisse vorsichtig
wegzuräumen, und nicht eher zur wirklichen Ausführung zu schreiten, bis der
Erfolg, gleich einer reifen Frucht, uns ohne grosse Mühe gleichsam von selbst in
den Schoss fällt? Ich zweifle nicht, dass sie auch diesmal, wie du vorher
siehest, durch ihre unbesonnene Voreiligkeit der Spartanischen Klugheit einen
unblutigen Sieg in die Hände spielen werden, dessen Folgen schwerer auf ihnen
liegen dürften, als die zu Aten so hoch gepriesenen Siege Konons auf den
Lacedämoniern.
    Dass deine Milesier weise genug sind, der Lockpfeife des Atenischen
Vogelstellers kein Gehör zu geben, versichert dir, wie ich hoffe, noch auf lange
Zeit die glückliche Ruhe, die du im Schoss der Musen und der übrigen
freudengebenden Götter so gut zu geniessen weisst. Mir ist zu Aten, wiewohl wir
vor der Hand nichts zu befürchten haben, nicht selten zu Mute, als ob ich in
einem ohne Masten und Steuerruder auf einem unruhigen Meere herumtreibenden
Schiffe hausete; und je mehr ich den dermaligen Wohlstand meiner Vaterstadt mit
dem heillosen Zustande der Atenischen Ochlokratie vergleiche, desto mehr Stärke
gewinnt der geheime Hang, der uns immer, auch wenn es uns unter Fremden wohl
geht, nach dem Orte zieht, wo wir uns eigentlich zu Hause fühlen, wo unsre
angebornen ältesten Freunde leben, und die Erde selbst uns näher als anderswo
verwandt zu sein scheint, und etwas so anziehend Heimisches für uns hat, dass wir
wenigstens unsre Asche mit keiner andern Erde zu vermischen wünschen.
 
                                      30.
                               Lais an Aristipp.
Ich bin nun einmal, wie es scheint, dazu geboren, lieber Aristipp, eine
sonderbare Rolle in der Welt zu spielen, und am Ende ist es auch so übel nicht,
in seiner Art einzig zu sein: aber dass ich in Gefahr kommen könnte, von den
Söhnen des Hippokrates in das Register ihrer Heilmittel gesetzt und als ein
unfehlbares Specificum gegen die Nympholepsie verschrieben zu werden, das
hättest du dir wohl nie einfallen lassen?
    Im Grunde bin ich mit aller meiner eingebildeten Ueberlegenheit doch nur
eine guterzige Törin, die ihr nur bei ihrer Grossmut zu fassen braucht, um
alles was ihr wollt aus ihr zu machen. Das Unangenehmste dabei ist indessen die
leidige Berühmteit, die ich mir durch die blosse Gutartigkeit meiner Natur
zuziehe; eine Tugend, welche unsre edeln Korintischen Matronen sich
schlechterdings nicht zu erklären wüssten, wenn sie ihr nicht die einzige
Unterlage gäben, die ihnen (vermutlich aus eigener Erfahrung) bekannt ist.
Wirklich hat das seltsame Abenteuer, das mir in diesen Tagen zustiess, ein
solches Aufsehen in dieser volkreichen und geschäftevollen Stadt erregt, dass in
allen Gesellschaften, auf allen Marktplätzen und unter allen Hallen von nichts
anderm, als von der Wundercur, die ich an einem edeln Aspendier verrichtet haben
soll, geplaudert wird; aber wie, und mit welchen Beiwerken und Verzierungen,
kannst du dir vorstellen. Dass eine Person, die sich einer beinahe zwölfjährigen
Freundschaft mit dem weisen Aristipp zu rühmen hat, das alles nicht voraussehen
konnte! - Freilich! - Aber was zu tun? Die Torheit, wofern es eine war, ist
nun einmal begangen, und ich bin es so überdrüssig, überall wo ich mich blicken
lasse, schon auf dreihundert Schritte weit, alle Zeigefinger und Spitznasen nach
mir hingelüftet zu sehen, dass mich dieses Übermass von Celebrität (unter uns
gesagt) ein paar Monate eher als gewöhnlich nach Aegina treiben wird. Doch es
ist hohe Zeit, dir durch eine offenherzige Erzählung aus dem Wunder zu helfen,
worin ich deine Einbildungskraft schon zu lange schweben lasse.
    Du erinnerst dich ohne Zweifel der Venus von Skopas, welcher ich in der
ersten Blüte meiner Jugend zum Urbild dienen musste. Skopas hatte mit meiner
Bewilligung das Modell dieser Bildsäule behalten, aber (wie es zu gehen pflegt)
durch die Zusage, keine Nachbilder davon zu machen, nicht so streng gebunden zu
sein vermeint, dass er sich nicht erlaubt hätte, deren mehrere zu verfertigen und
als Ideale seiner eigenen Erfindung zu verhandeln. Zufälligerweise kam eines
dieser Bilder nach Aspendus, einer ansehnlichen Stadt in Pamphylien (die du
vielleicht auf deinen Wanderungen gesehen hast) und geriet dort in die Hände
eines reichen Mannes, der es unter andern von ihm gesammelten Kunstwerken in
einer Halle seines Hauses aufstellte. Chariton, der einzige Sohn dieses Mannes,
ein Jüngling von siebzehn Jahren, und der letzte Sprössling eines alten um
Aspendus wohl verdienten Hauses, hatte das seltsame Unglück, in eine heftige
Leidenschaft für die marmorne Göttin zu fallen. Trotz aller Gewalt, womit der
junge Mensch diese lächerliche Liebe zu bekämpfen strebte, nahm sie von Tag zu
Tag zu; und er verfiel nach und nach in eine Schwermut, welche durch die
Unmöglichkeit, seine Sehnsucht nach Gegenliebe jemals befriedigt zu sehen,
zuletzt in gänzlichem Wahnsinn und unheilbarer Tollheit endigte. Der hartnäckige
aber sehr natürliche Eigensinn des verschämten Jünglings, die Ursache seiner
Krankheit schlechterdings niemand entdecken zu wollen, hatte ohne Zweifel nicht
wenig beigetragen, dass es so weit mit ihm kam. Man ward nur desto aufmerksamer
auf ihn, sein trauriges Geheimnis wurde ihm abgelauscht, und die gefährliche
Bildsäule auf die Seite gebracht, in Hoffnung dass eine so widersinnige
Leidenschaft, wenn sie durch das Anschauen und Betasten ihres Gegenstandes nicht
länger genährt würde, nach und nach von selbst erlöschen müsste. Aber gerade
dieses Mittel vollendete das Unglück, und die Raserei des armen Chariton stieg
endlich auf den höchsten Grad. Jahrelang war die Kunst aller Arzneimänner in
Pamfylien, Lycien und Karien an ihm zu Schanden geworden, als endlich ein
zufällig nach Aspendus verirrter Arzt von Kos111 sich bewegen liess, den letzten
Versuch an ihm zu machen, und auf den Einfall geriet, ob nicht vielleicht ein
lebendes Urbild der fatalen Bildsäule vorhanden sein möchte, zu welchem der
unglückliche Jüngling durch die Gewalt einer geheimen Sympatie unwiderstehlich
hingezogen würde. Denn man fand es unbegreiflich, dass ein blosses Phantasiewerk
des Künstlers eine so heftige Leidenschaft hätte bewirken können. Wiewohl nun
die vermutete Sympatie im Grunde nicht begreiflicher war, so ruhte doch der
alte Charidemus (so nennt sich der Vater des Unglücklichen) nicht, bis er den
Aufentalt des Skopas entdeckt und ihm die Eröffnung abgedrungen hatte, dass die
Venus, die so viel Unheil in dem Gehirne seines Sohnes anrichtete, ein getreues
Nachbild der schönen Lais zu Korint sei, deren Ruf von Sardes aus durch ganz
Asien erschollen war. Sogleich ist des Vaters Entschluss gefasst; er mietet ein
Schiff, lässt den Kranken und den Arzt an Bord bringen, und segelt mit dem ersten
günstigen Winde der Pelopsinsel zu. Man hatte ihm schon in Rhodus, wo er
unterwegs anlandete, nicht verhalten, dass er zu Korint grössere Schwierigkeiten
finden würde als er sich einzubilden schien. Man schilderte ihm in der Schönen,
auf deren Hülfe er so sichre Rechnung machte, eine eben so stolze als reiche
Hetäre, deren Tür von der edelsten Jugend der ganzen Hellas vergeblich belagert
werde; es wäre, sagte man, eben so leicht, den Wind in einem Fischernetze zu
fangen, als ihr die kleinste Gunsterweisung mit allem Golde des Paktols
abzukaufen. Aber der Aspendier, dem es seinen einzigen Sohn galt, liess sich
nicht abschrecken; kurz, er langte zu Ende des verwichnen Antesterions112
glücklich im Kenchräischen Hafen an. Stelle dir vor, Aristipp, wie ich
überrascht wurde, als auf einmal ein unbekannter Fremder von ziemlich
ehrwürdigem Ansehen vor mir erschien, mir unter vielen Entschuldigungen
entdeckte wer er sei, und um Erlaubnis bat mir ein Anliegen zu eröffnen, von
dessen Erfolg die Erhaltung seines einzigen Sohnes abhange. Aber als er mir nun
vollends den kläglichen Fall selbst vortrug, und mich kniefällig bei allen
Göttern beschwor, ihm meine Hülfe in dieser äussersten Not nicht zu versagen -
kannst du mich tadeln, dass ich mir Gewalt antun musste, um dem treuherzigen
Aspendier, der Tränen ungeachtet, die über seine eingefallenen Wangen
herabrollten, nicht gerade ins Gesicht zu lachen? Ich raffte indessen doch in
der Eile so viel Ernstaftigkeit zusammen als nötig war, das Lachen noch zu
rechter Zeit in ein holdes Lächeln zu verschmelzen, womit ich meiner Antwort
bloss das Herbliche benehmen zu wollen schien. Was für eine Hülfe, sagte ich,
kannst du dir in einem so seltsamen Falle von mir versprechen? Ich verstehe mich
nicht auf die Heilkunst; und besässe ich auch alle Kenntnisse eines Melampus113,
Machaon und Podalirius, so wäre noch immer die Frage, ob sie hinreichten das
Wunder zu tun, das du von mir erwartest. - O gewiss, rief er, vermagst du mehr
als Melampus, Machaon und Podalirius, ja als Chiron und Aesculap und der
Wundarzt der Götter Päeon selbst. - Unbegreiflich! versetzte ich mit einer so
unschuldigen Miene, dass ihm alles was er noch sagen wollte, aus Verwunderung
oder Verlegenheit, in der Kehle stecken blieb. Der Arzt, den er mitgebracht
hatte (ein sehr verständiger Mann, wie sich's in der Folge zeigte) eilte seinem
Patron zu Hülfe, entschuldigte sehr ehrerbietig ihre Freiheit mich so
unangekündigt zu überfallen mit der Besorgnis abgewiesen zu werden, und
schränkte sich auf die blosse Bitte ein, dass ich ihm die Gunst erweisen möchte,
zu einer mir gelegenen Stunde anzuhören, was er mir im Namen seines Patrons
vorzutragen hätte. Bei dergleichen Anlässen pflegt meine Guterzigkeit, oder wie
du es sonst nennen willst, der Ueberlegung gewöhnlich einige Schritte
zuvorzueilen. Ich ersuchte also die Fremden, wofern sie nichts Besseres zu
versäumen hätten, sich sogleich eine Wohnung in meinem Hause gefallen zu lassen,
welches, wie du weisst, Raum und Bequemlichkeit genug hat, um zur Not einen
Persischen Satrapen zu beherbergen; und mein Erbieten wurde, nachdem sie sich so
viel, als die Aspendische Urbanität erforderte, gesträubt hatten, mit dankbarem
Entzücken angenommen.
    Sobald meine Gäste von dem angewiesenen Flügel des Hauses Besitz genommen
hatten und gehörig bewirtet worden waren, liess der Arzt (der sich Praxagoras
nennt, und ein Anverwandter und Schüler des berühmten Hippokrates ist) sich
erkundigen, ob es mir jetzt gelegen wäre ihm ein geheimes Gehör zu verwilligen.
Er wurde sogleich in mein Cabinet geführt, und, wiewohl er ein gesetzter und
schon etwas bejahrter Mann ist, schien er doch, da er sich allein mit mir sah,
in einige Verwirrung zu geraten, wusste sich aber sehr bald mit einer
Bescheidenheit und guten Art herauszuziehen, die ein sehr günstiges Vorurteil
für ihn erweckten. Ich läugne nicht, fing er an, dass wir mit einer Art von Plan
und Erwartung hierher gekommen sind; aber es bedurfte auch nichts als deinen
ersten Anblick, um zu sehen dass von allem dem nicht mehr die Rede sein könne.
Alles, warum ich dich also im Namen des unglücklichen Vaters zu bitten wage,
ist, dass es mir erlaubt werde, dich durch eine ausführliche Darstellung unsers
in seiner Art vielleicht einzigen Falles in den Stand zu setzen, den Grad des
Mitleidens selbst zu bestimmen, den, wie ich nicht zweifle, die Güte deines
Herzens uns nicht versagen wird.
    Auf diesen hinterlistigen Eingang machte er mir nun, nachdem ich ihn mit
aller geziemenden Holdseligkeit dazu aufgemuntert hatte, eine umständliche und
(lache nicht, Aristipp) wirklich rührende Erzählung von der ganzen Geschichte
der seltsamen Krankheit des jungen Charitons, wovon ich, da es mir nicht um
einen Angriff auf deine Mildherzigkeit zu tun ist, zu dem, was ich dir von
ihrem Ursprung und Fortgang bereits berichtet habe, nur so viel hinzu tun will,
als des Zusammenhangs wegen nötig zu sein scheint.
    Nach mancherlei vergeblichen Versuchen, welche von verschiedenen Aerzten und
Quacksalbern an dem zerrütteten Jüngling gemacht worden, war es endlich
demjenigen, unter dessen Aufsicht er sich gegenwärtig befindet, gelungen, die
Raserei, die ihm nur selten Ruhe liess, zu einer stillern Art von Wahnsinn
herabzustimmen: so dass man wieder zu hoffen anfing, er könnte durch eine
behutsame und schonende Behandlung vielleicht wiederherzustellen sein. Seine
Phantasie wurde zwar noch immer von einer einzigen Vorstellung tyrannisch
beherrscht; aber sie nahm unvermerkt einen weniger unordentlichen Gang, und
bestrebte sich eine Art von scheinbarem Zusammenhang in ihre Fieberträume zu
bringen. Das gewöhnlichste war jetzt, dass er die Bildsäule, die all dies Unheil
angerichtet hatte, mit einer wirklichen Person verwechselte, und in den hellern
Augenblicken, die jetzt öfter als sonst kamen und länger dauerten, sich fest in
den Kopf setzte, seine Geliebte sei ihm von einem feindseligen Dämon oder
boshaften Zauberer geraubt, und durch magische Künste in ein Marmorbild
verwandelt worden. Auf diesen Wahn hatte nun Praxagoras, nachdem einige andere
Versuche, denselben zum Vorteil des Kranken zu benutzen, fehlgeschlagen,
zuletzt den Plan gebaut, bei dessen Ausführung ich Unschuldige (wie es scheint)
die Hauptrolle spielen sollte. Er wusste unvermerkt die Einbildung in ihm zu
erwecken, es lebe auf einer unbewohnten Insel des Griechischen Meeres eine
mächtige und wohltätige Nymphe und Zaubrerin, durch deren Beistand er wieder
zum Besitz seiner Geliebten gelangen könne. In dieser Hoffnung hatte sich der
arme Chariton ziemlich ruhig zu Schiffe bringen lassen; während der ganzen Reise
war er meistens still und in sich selbst gekehrt geblieben, und nun, da er in
dem Palast der magischen Nymphe angekommen zu sein glaubte, schien er mit
Ungeduld und argwöhnischem Misstrauen, welche alle Augenblicke einen stürmischen
Ausbruch besorgen liessen, des Erfolgs, worauf man ihn vertröstet hatte, gewärtig
zu sein.
    Praxagoras beschloss seine Erzählung mit der nochmaligen Erklärung: dass sie
alles, was in diesem so weit ausser dem gewöhnlichen Wege liegenden Vorfall zu
tun sein möchte, meiner Weisheit und Grossmut unbedingt überliessen. Die
Weisheit war hier zu viel, wirst du denken; wenigstens musste ich mich durch ein
so feines Compliment aufgefordert fühlen, diese Weisheit nun auch zu behaupten,
die man mir so uneigennützig geliehen hatte. Ich antwortete also nach einer
kleinen Pause: wiewohl weder ich, noch mein Bild, noch der Bildhauer Skopas, von
irgend einem Gerichtshof in der Welt für dieses ohne Zutun unsers Willens
veranlasste Unglück verantwortlich gemacht, und zu irgend einer Art von Vergütung
desselben verurteilt werden könnten, so fühlte ich mich doch aus Menschlichkeit
geneigt, und gewissermassen sogar verpflichtet, alles, was billigerweise von mir
erwartet werden könnte, zum Troste des bedauernswürdigen Vaters beizutragen.
Durch einen glücklichen Zufall (fuhr ich fort) befindet sich die Bildsäule, die
wir nötig haben werden, eben hier in diesem Hause, da sie sonst in einem
Gartensaale meines Landguts zu Aegina zu stehen pflegt. Wie meinst du, wenn wir
einen Versuch machten, was ihr unverhoffter Anblick - Aber beinahe hätte ich
vergessen, dass ihr eine Zaubrerin mit ins Spiel gezogen habt, deren Erscheinung
uns jetzt unentbehrlich ist, da der Kranke alle seine Hoffnung auf ihren
Beistand baut. Auch diese ist gefunden. Es leben etliche junge Korintierinnen
unter meiner Aufsicht, von welchen eine ganz das ist, was wir nötig haben; ein
schönes Mädchen, von prächtiger Gestalt, und reichlich mit jedem heroischen Reiz
begabt, der sie zur Darstellung einer Medea oder Circe geschickt machen kann.
Ich werde sie, weil Gefahr im Verzug ist, ungesäumt in der Rolle, die sie zu
spielen hat, unterrichten, und sie in einem so blendenden Costume vor unserm
Nympholepten erscheinen lassen, dass wir unsre gute Absicht schwerlich verfehlen
werden.
    Praxagoras konnte nicht Worte genug finden, mir für meine edelmütige
Herablassung zu danken, und nachdem wir alles auf jeden Fall Nötige verabredet
hatten, wurde sofort Hand ans Werk gelegt. Einer der grössten Säle des Hauses
wurde zur Scene unsers Drama's eingerichtet, und eine Stunde der Nacht zur
Aufführung angesetzt. Für den Vater und deine närrische Freundin wurde ein Platz
abgesondert, wo sie, ohne selbst gesehen zu werden, alles wahrnehmen konnten.
Die Stunde kam. Bleich und abgezehrt wankte der arme Chariton von seinem Arzt
geführt heran; seine Gesichtsbildung schien mir ziemlich unbedeutend, aber nicht
unedel, und durch die stille Schwermut, die um seine lockichte Stirne hing,
sogar ansprechend. Er schien beim Eintritt in den Saal über die Scene, die ihm
in einer künstlichen Beleuchtung entgegen schimmerte, mehr erstaunt als
erschrocken zu sein. Euphorion, in einem prächtigen Anzug, einen funkelnden
Gürtel um den Busen, eine kleine Strahlenkrone auf dem Haupte, und von
reichgeschmückten Nymphen umringt, auf einem erhöhten Tron sitzend, war das
erste was ihm in die Augen fiel. Er blieb plötzlich stehen, schaute bald mit
fragenden Blicken auf die schöne Zaubrerin, bald mit suchenden im Saal herum,
wie im Zweifel ob er seinen Augen glauben dürfe, und als ob er sich nach etwas
umsehe, das hier vorhanden sein müsse. Tritt näher, Chariton, und sei ohne
Furcht, sprach sie: ich habe dich in meinen Schutz genommen; der Räuber deiner
Geliebten ist entwaffnet, ich gebe sie dir wieder. Siehe! - Mit diesem Worte
tat sich ein Vorhang auf, der die Bildsäule bisher verdeckt hatte, und
vermittelst eines andern, der plötzlich und ohne Geräusch herabfiel, schwand die
Zaubrerin mit ihren Nymphen aus seinen Augen. Soll ich dir gestehen, Aristipp,
dass die Bewegungen, wodurch sich die Gefühle des bestürzten Jünglings bei
Erblickung dieses Bildes ausdrückten, meiner Eitelkeit wirklich ein
schmeichelhaftes Schauspiel gaben? Er blieb eine Weile wie in den Boden
gewurzelt stehen, sah sich schüchtern und lauschend um, als ob er beobachtet zu
werden fürchte, trat dann näher hinzu, und stutzte wieder zurück. Ein langer
tiefer Seufzer schien ihm endlich Luft zu machen; zweifelhaft und nachsinnend
betrachtete er das geliebte Bild, schien es auf einmal zu erkennen, und stürzte
freudetrunken mit ausgebreiteten Armen auf dasselbe hin. Bist du es wirklich?
hab' ich dich endlich wieder? rief er aus, und umklammerte die frostige
Geliebte, als ob er mit ihr zusammenwachsen wollte. - »Aber warum bist du so
stumm? so kalt? so unempfindlich? - Fühlst du denn meine glühenden Küsse nicht?
- Ach! sie haben mich betrogen! Du bist noch Marmor! Deine schönen Augen sind
ohne Licht, kein Herz schlägt in diesem lieblichen Busen! Sie haben mich
betrogen die Grausamen - aber es wird ihnen nichts helfen! Ich fühl' es, auch im
Marmor liebst du mich - diese todte Hand hat mich berührt - dein Arm windet sich
eiskalt um meine erstarrende Hüfte - o Dank, ihr Götter! ich werde zu Marmor mit
ihr!«
    Es war hohe Zeit dass Praxagoras sichtbar ward, um einem Rückfall in seine
vorige Tollheit noch zuvorzukommen. Wir haben dich nicht betrogen, lieber
Chariton, rief er ihm zu: noch eine kleine Geduld und du wirst glücklich sein! -
Der Jüngling stutzte, da er den Arzt, den er schon lange als seinen einzigen
Freund anzusehen gewohnt war, mit offnen Armen auf ihn zueilen sah, und schien
in einigen Augenblicken wieder zu sich selbst zu kommen. Sei gutes Muts, fuhr
Praxagoras fort, indem er einen Arm um ihn schlang, und ihn unvermerkt von der
Bildsäule entfernte; ein so schweres Werk, wie die Entzauberung deiner Geliebten
ist, kann nicht in einem Augenblick zu Stande kommen; genug dass die mächtige
Alphesiböa, deine Beschützerin, mit Eifer daran arbeitet, und zur einzigen
Bedingung des glücklichen Erfolges macht, dass du dich noch eine kurze Zeit
geduldest. - Durch diese und dergleichen Zureden liess sich der junge Mensch nach
und nach besänftigen; und so brachte ihn der Arzt mit guter Art wieder auf sein
eigenes Zimmer, wo die Nacht zwar ohne Schlaf, aber doch unter ziemlich ruhigem
Phantasiren vorüberging.
    Die Frage war nun, in einer abermaligen Rücksprache zwischen dem Arzt und
der weisen Lais, wie die mächtige Zaubrerin Alphesiböa in den Stand gesetzt
werden könne, Wort zu halten. Dass die Bildsäule belebt werden müsse, wenn
Chariton von seinem Wahnsinn gründlich geheilt werden sollte, schien beiden
etwas Ausgemachtes. Der Arzt gestand, dass anfangs grosse Fehler in der Behandlung
des Kranken begangen worden. Damals, meinte er, wäre durch ein paar geschickte
Kunstgriffe leicht zu helfen gewesen. Aber nun, da es einmal so weit mit ihm
gekommen - Was nun zu tun? - Ein dritter hätte eben dieselbe Antwort auf diese
Frage in beiden Gesichtern lesen können. Es gab jetzt nur Einen Weg die Statue
zu beleben, nur Eine Person die das Wunder verrichten konnte; ihr Name lag
beiden auf der Zunge; aber er gehörte unter die unaussprechlichen Worte. Wer
durfte der weisen Lais ansinnen, sich selbst zum Opfer der albernsten aller
albernen Grillen des unartigen Bastards des Porus und der Penia114 darzustellen?
Und wie war zu hoffen, dass sie sich aus blosser Menschlichkeit von freien Stücken
zu einer so zweideutigen Heldentat entschliessen würde? Beide sahen einander mit
einverstandenen Blicken an und schwiegen. Endlich lösete deine schnellbesonnene
Freundin den Knoten mit einem raschen Hieb - und wer sonst hätte es tun können,
wenn sie es nicht tat? Auf irgend eine Art muss die Sache zu einem Ausgang
gebracht werden, sagte sie. Sei du ruhig, Praxagoras; bereite deinen Kranken mit
der guten Art, die dir eigen ist, zu einer glücklichen Begebenheit vor, und mich
lass für das Uebrige sorgen.
    Mein erster Gedanke, als der Arzt sich wegbegeben hatte, war - rate, was?
mein scharfsinniger Herr! - Du wirst raten: eine meiner Nymphen, etwa die
schöne Zaubrerin selbst (die mir wirklich an Grösse und Gestalt ziemlich ähnlich
ist) in einem nur vom Monde schwach beleuchteten Zimmer unterzuschieben? - In
der Tat hast du meinen ersten Gedanken erraten; aber - deiterai prontides115 -
du weisst ja? - Oder könntest du dir im Ernst einbilden, deine Freundin Lais,
bekanntermassen eine Art von Philosoph und von allem, was Vorurteil und
Leidenschaft heisst, freier als Sokrates und Plato selbst, sollte, wenn auch das
Wunderbare keinen Reiz für sie hätte, nicht wenigstens so viel Neugier haben,
dem Spiele der Natur bei einer so ausserordentlichen und schwerlich jemals
wiederkommenden Gelegenheit in der Nähe zuzusehen? - Aber freilich! - Man muss
gestehen - du hast Recht, Aristipp! - Die schöne Alphesiböa würde sich
vielleicht ohne grossen Zwang gefallen lassen - Wir wollen sehen.
    Die Entzauberung ist glücklich zu Stande gekommen, mein Freund. Die
freundliche Göttin, die sich in alten Zeiten eines Cyprischen Bildners116 in
einem ähnlichen Fall erbarmte, war so gefällig das Wunder zum zweitenmale zu
verrichten. Erwarte keinen umständlichen Bericht. Genug, das Marmorbild
erwarmte, atmete, lebte auf, bekam eine Seele unter den Küssen des Glücklichen;
und die Besorgnis, dass er vor lauter Entzücken über ihre wiedergekehrte Seele
die seinige in ihren Armen ausatmen möchte, war das Einzige, was der Göttin den
Trost, ein so seltsames Abenteuer zu einem fröhlichen Ausgang gebracht zu haben,
beinahe verkümmert hätte. Glücklicherweise fiel der neue Pygmalion bei Zeiten in
einen tiefen zehnstündigen Schlaf, und beim Erwachen fand ihn der Arzt (der
schon ein paar Stunden, vor seinem Bette sitzend, an der Länge seines
Schlummers, der frischen Farbe seiner Wangen und dem weichen ruhigen Schlag
seines Pulses sich ergötzt hatte) wie in ein neues Leben geboren. Er schien
wieder in vollem Besitz seines Verstandes, so viel er dessen je gehabt haben
mochte, und erinnerte sich des Vergangenen nur überhaupt, wie eines schweren
Traumes, dessen Umstände so übel zusammenhingen, dass er Mühe hatte sich das
Ganze klar zu machen. Aber, sagte er, wenn auch das ein Traum war, was mir diese
Nacht begegnete, so wünschte ich mir wohl, ewig wie Endymion zu schlafen, um
ewig so zu träumen. - Zu grösserer Sicherheit zapfte ihm Praxagoras noch etliche
Unzen Blut ab, mit dem Vorbehalt, ihn nach und nach durch gute Nahrung und edeln
Wein wieder so viel zu stärken, als ihm dienlich sein möchte. Nicht wenig trugen
vermutlich zu Befestigung seiner Genesung auch die Grazien und Nymphen meines
Hauses bei, welche (wie du bezeugen kannst) durch Schönheit, Talente, gefälliges
Wesen und ungezwungene Sittsamkeit so ausgezeichnet sind, dass keine Gesellschaft
für sie zu gut und die ihrige für niemand zu schlecht ist. Der junge Aspendier
gefiel sich so wohl unter ihnen, dass er unvermerkt selbst immer liebenswürdiger
ward.
    Zwei Tage nach seiner Wiederherstellung gab uns seine erste Zusammenkunft
mit mir ein Schauspiel, das eines Beobachters wie du wert gewesen wäre. Ich
hatte mich, um mit der Bildsäule des Skopas so wenig als möglich gemein zu
haben, äusserst matronenmässig angezogen; überdiess schien ich merklich grösser und
stämmiger und wenigstens zwanzig Jahre älter zu sein, als das Ebenbild meines
sechzehnten Jahres. Dem ungeachtet stutzte Chariton bei meinem Anblick, und eine
mit Mühe zurückgehaltene Ausrufung blieb zwischen seinen Lippen stecken. Doch
schien er seinen Augen nicht zu trauen, und mit dem Gefühl zu kämpfen, welches
ihm sagte, dass er mich anderswo gesehen habe. Es war nicht mehr als billig, dass
ich ihm die Mühe, dies Gefühl durch Reflexion zu übertäuben, auf alle Weise
erleichterte, und den Zauber meiner weltberühmten Reize durch den Anstand und
Ernst einer Dame, welche schon neun Olympiaden überlebt hat, so viel nötig sein
möchte, zu entkräften suchte. Dies wirkte zusehends, und in kurzem sagte mir
seine ehrerbietige Zurückhaltung, dass er die Ueberraschung des ersten Anblicks
bloss einer zufälligen Aehnlichkeit beimesse. Die Richtigkeit dieser Vermutung
und die Vollständigkeit der Genesung des jungen Aspendiers bestätigte sich,
sobald sich dieser mit seinem Vertrauten wieder allein befand. Kannst du dir
vorstellen, sagte er zum Arzt, dass mir beim ersten Anblick der Frau dieses
Hauses beinahe etwas Albernes begegnet wäre? - Ich bemerkte wohl, erwiederte
Praxagoras, dass du von einem Augenblick zum andern die Farbe verändertest. -
Wirklich, fuhr jener fort, sieht sie in einer gewissen Entfernung der Bildsäule
meines fatalen Traumes so ähnlich, dass ich beinahe die Besonnenheit darüber
verloren hätte. - Dergleichen Aehnlichkeiten kommen häufig vor, versetzte der
Arzt, und fallen immer zuerst in die Augen; aber bei genauerer Ansicht zeigt
sich gemeiniglich eine so grosse Verschiedenheit, dass man sich wundert, sie nicht
sogleich wahrgenommen zu haben. - So ging mir's auch, sagte Chariton; es dauerte
nicht lange, so kam ich mir selbst mit meiner Einbildung lächerrlich vor;
hoffentlich hat die schöne Lais nichts davon gemerkt. - Wenigstens ist zu
glauben, versetzte Praxagoras, dass sie sich deine Verwirrung bloss aus dem
Eindruck erklärt hat, den sie gewöhnlich auf jeden, den sie zum erstenmal
anredet, zu machen pflegt. - In der Tat, sagte der Jüngling, hab' ich nie so
viel Majestät mit so viel Anmut gepaart gesehen. - »Ich auch nicht, Chariton,
wiewohl meine Augen dreissig Jahre älter sind als die deinigen.«
    Mit Einem Wort, Aristipp, die Cur ist glücklich vollendet; und da man nicht
weiss, oder aus gebührender Bescheidenheit nicht wissen will, welcher
Mittelsperson das Wunder zuzuschreiben ist, so tragen die Götter (denen wir
Sterblichen so häufig durch Dank oder Undank gleich viel Unrecht tun)
unverdienter Weise den Dank allein davon.
    Meine Gäste haben sich ohne Mühe bereden lassen, so viele Tage bei mir zu
verweilen, als Praxagoras zu Befestigung der Gesundheit seines Pfleglings für
nötig hielt. Der Alte, der ein mächtiger Kunstliebhaber ist, brachte seine
meiste Zeit in der Werkstatt meines Freundes Euphranor zu, von dessen vielfachen
Talenten er ganz bezaubert ist. Noch mehr ist es der Sohn von den Talenten der
reizenden Euphorion, die sich ihm in kurzem so unentbehrlich zu machen gewusst
hat, dass sie ihn mit Bewilligung des Vaters nach Aspendus begleiten wird. Sie
ist zwar eine Waise und ohne Vermögen; aber sie stammt in gerader Linie von
einem Schwestersohn des Tyrannen Kypselus117 ab, und ich werde dafür sorgen, dass
sie nicht mit leeren Händen in das Haus des edeln Aspendiers einziehen soll.
    Sie sind nun wieder abgereist, und wenige Stunden, nachdem sie den Hafen von
Kenchreä118 verlassen hatten, wurde mir im Namen des Alten zu seinem Andenken
eine schwere, zierlich gearbeitete goldne Schale, und, zum Austeilen unter
meine jungen Freundinnen, verschiedene Stücke der schönsten Persischen und
Phönicischen Zeuge zugestellt.
    Meine Abreise nach Aegina ist auf einen der letzten Tage des Elaphebolions
119 festgesetzt. Ausser einem Teil meiner Hausgenossen werde ich niemand mit mir
nehmen als meinen Günstling unter den hiesigen Künstlern, Euphranor, welchen ich
mit dir in Bekanntschaft zu bringen ungeduldig bin. Ich bin gewiss du wirst ihn
lieb gewinnen, und den Vorzug billig finden, den ich ihm vor seinen Mitbürgern
gebe.
    Unter den Vergnügungen, die ich in meiner kleinen Zauberinsel mit dir zu
teilen hoffe, ist keine der geringsten, dass wir Platons Symposion zusammenlesen
werden. Ich gestehe, dass die hohe Schönheit seines Geistes, und der Reichtum
von Erfindungskraft und Witz, den er in diesem Drama von einer ganz neuen Art,
mit der stolzen Freigebigkeit eines Krösus, der sich der Unerschöpflichkeit
seiner Quellen bewusst ist, so üppig verschwendet hat, mich beim ersten
Durchlesen dermassen hinriss, dass ich es mehr verschlungen als gelesen habe. Wenn
es ihm mit seiner Schwärmerei Ernst ist (woran ich fast zweifle), so ist er der
liebenswürdigste Schwärmer, den ich mir denken kann; und ich würde hinzusetzen,
auch der gefährlichste, für mich wenigstens, wofern seine Physiognomie wirklich
so schön und geistvoll ist, als sein Neffe Speusippus sie mir angepriesen hat.
 
                                      31.
                               Aristipp an Lais.
Wenn ich dir etwas Schmeichelhaftes deines jungen Aspendiers wegen sagen sollte,
schöne Laiska, so würde mir die Krankheit, nicht die Cur, den Stoff dazu geben
müssen. Die letztere wäre, aller Wahrscheinlichkeit nach, einer deiner Mägde
eben so gut gelungen als der Zaubrerin Euphorion, oder - die Grazien mögen mir
verzeihen dass ich sage - der Göttin selbst. Jene hingegen könnte unter den
Wundern, die deine Schönheit bereits getan hat, vielleicht das grösste scheinen,
wenn es wirklich ein grösseres Wunder wäre, dass dein Bild einen jungen
Aspendischen Schwächling rasend machte, als dass du selbst schon mehr als Einen
Kopf, mit dem es sonst ziemlich richtig stand, aus dem Gleichgewicht gerückt
hast. Der gute Chariton hatte, wie es scheint, von dieser Seite wenig zu
verlieren; und da ein im Grunde doch nur sehr gemeines Hausmittel gegen ein
schon ziemlich eingewurzeltes Uebel so gut und schnell bei ihm anschlug, so ist
nicht zu zweifeln, es würde, wenn man gleich Anfangs darauf verfallen wäre, dem
alten Aspendier und seiner Familie viel Kummer, Plackerei und Ausgaben, dem
jungen ein paar verlorne Jahre, und dir einen sehr entbehrlichen Zusatz zu
deiner Celebrität erspart haben. - Aber was rede ich Undankbarer gegen die
goldene Kette der menschlichen Torheiten und Missgriffe, an welcher doch zuletzt
alle unsere Schicksale, die glücklichen wie die unglücklichen, hangen? Hätte
Tyche120 nicht in einer ihrer seltsamsten Launen die Kunstliebhaberei des alten
Charidemus, den Zufall der eine Kopei der Skopassischen Venus in seine Hände
spielte, die kränkelnde Reizbarkeit seines verzärtelten schwachsinnigen Sohns,
die geringe Besonnenheit der ganzen Familie, den Unverstand der ersten Aerzte,
und die auf blosses Geratewohl gewagte lange Reise von Aspendus nach Korint,
hätte, sage ich, die Göttin des Zufalls dies alles nicht mit dem zarten
Billigkeitssinn und dem philosophischen Vorwitz der schönen Lais so fein
zusammengewebt, so würde - wahrlich so würde Aristipp das Vergnügen nicht gehabt
haben, seine Freundin einen ganzen Monat früher zu sehen! - Aber womit hat denn
Aristipp verdient, auf so vieler wackerer Leute Unkosten ganz allein und
unentgeltlich die süsse Frucht ihrer Torheiten einzuernten? - Antworte mir
jemand auf diese Frage etwas Besseres als: so ist nun einmal die Weise der
grossen Weltregentin! Glück und Verdienst, Ausgabe und Gewinn, Genuss und Arbeit,
scharf und gleich gegen einander abzuwägen, ist ihres Tuns nicht; und gegen
einen, der die Früchte seines mühsamen Fleisses unverkümmert geniesst, ernten
nenne wo sie nicht gesäet haben.
    Da ich einmal im Zug bin über die Geschichte deiner Aspendier zu
moralisiren, so erlaube mir noch eine Bemerkung, die ich zwar schon hundertmal
bei andern Gelegenheiten gemacht habe, die aber hier nötig ist, um der
vorbelobten Göttin nicht mehr Ehre zu geben als ihr gebührt. Es braucht
gewöhnlich zu einer ungeheuern Masse von Narrheit und Albernheit nur ein
einziges Körnchen Menschenverstand, und etwa noch, wenn du willst, ein kleines
Tröpfchen Guterzigkeit, um, wenn alles zusammengegohren hat, am Ende ein
leidliches, ja wohl gar gutes Resultat herauszukriegen; dafür würde aber auch
ohne diese wenigen Zutaten ganz und gar nichts Taugliches herausgekommen sein.
So ist z.B. an dieser ganzen Aspendischen Geschichte nichts Verständiges als der
Einfall des Arztes Praxagoras, die Ursache des Wahnsinns des jungen Menschen zum
Mittel seiner Genesung zu machen. Ohne diesen gescheidten Einfall würde
wahrscheinlich zuletzt die ganze wohlvornehme Sippschaft des ehrsamen Charidemus
um ihr bisschen Verstand gekommen sein. Aber gleichwohl, was hätte der gute
Gedanke frommen können, wenn die schöne Lais sich nicht in einem raschen Anfall
von Guterzigkeit entschlossen hätte, dem Uebel abzuhelfen, bevor sie noch das
Mittel dazu in Ueberlegung genommen hatte.
    Dem sei indessen wie ihm wolle, vergiss mir ja nicht, liebe Laiska, die
prächtige Trinkschale des Aspendiers mit nach Aegina zu nehmen. Ich muss daraus
auf die Gesundheit aller gescheidten Leute trinken, die durch schöne Weiber zu
Narren, und aller Narren die durch kluge Weiber gescheidt werden. Wie gross wohl
die Anzahl der letztern gegen die erstern sein mag? - Das soll uns den Stoff zu
einem Tischgespräch geben, woraus sich zur Not ein Gegenstück zu Platons
Symposion drechseln liesse.
    Ernstaft gesprochen, muss ich gestehen, dass dieser neue Zwitter von
Philosophie und Poesie, von seiner glänzenden Seite betrachtet, die Lobsprüche
verdient, die du ihm in der Entzückung des ersten Genusses erteilt hast.
Neuheit der Erfindung, Reichtum des Stoffs, Schönheit der Form, angenehm
abwechselnde Mannichfaltigkeit der Unterhaltung, sinnreiche Allegorien, zum
Teil (wie die vom Ursprung des Eros aus der verstohlnen Umarmung des Porus und
der Penia) in Milesische Mährchen121 eingekleidet, feiner Atticism des
scherzenden und edle Würde des ernsten Tons; zu allem diesem (mit wenigen
Ausnahmen) eine grosse Zierlichkeit der Sprache, und ein Rhytmus, den ich, in
allem was nicht gesungen werden soll, dem Metrischen in mancherlei Rücksicht
vorziehe, dies alles ist bisher, wohl in keinem Werke dieser Art in einem so
hohen Grade vereinigt gesehen worden, und Protagoras, Gorgias, ja Prodikus
selbst, haben hier ihren Meister gefunden. Ob ich gleich nie glauben werde, dass
Plato (wie er von einigen beschuldigt wird) des lächerlichen Übermuts fähig
sei, durch seine Dialogen den alten Homer verdrängen zu wollen: so sehe ich
doch, dass er, vom Geist einer edeln Ruhmbegier angeweht, der Welt in diesem
Symposion zeigen wollte, dass er die Geheimnisse der Composition und Darstellung
nicht weniger in seiner Gewalt habe, als die Kunstgriffe der Rhetorik und
Dialektik; dass seine Phantasie fruchtbar genug sei, ihn mit einer Menge neuer
Erfindungen, Bilder und Gedanken aller Art zu versehen; mit Einem Worte, dass es
nur auf seinen Willen ankomme, ein eben so grosser Redner und Dichter als
scharfsinniger Sophist und subtiler Begriffespalter zu sein. Auch kann ich nicht
umhin, dich auf einen Umstand aufmerksam zu machen, der in meinen Augen einer
der grössten Vorzüge dieses Dialogs ist, nämlich dass Sokrates in keinem andern
sich selbst so ähnlich sieht; wiewohl ich damit nicht gesagt haben will, dass er
nicht noch immer zu viel platonisirt, um für den ächten unverfälschten Sohn des
Sophroniskus, wie wir ihn beide gekannt haben, gelten zu können. Alles indessen,
was an diesem Werke zu loben ist, zusammengerechnet, hat unsre Literatur, meines
Bedünkens, dadurch wieder einen grossen Schritt vorwärts gemacht, und wenn sie so
fortführe, würde man dereinst auch von unsern prosaischen Schriftstellern, wie
von unsern Dichtern, Bildnern und Architekten, sagen können, dass sie andern
Völkern und künftigen Zeiten, wenigstens was die Form betrifft, nichts als das
Bestreben ihre Werke, als die höchsten Modelle des Schönen in der Kunst, zu
studiren und nachzuahmen übrig gelassen hätten. Ob aber auch die Philosophie,
insofern sie die Wissenschaft alles dessen ist, was der Mensch wissen soll und
wissen kann, so viel dadurch gewonnen habe als seine Verehrer behaupten, und
überhaupt wie das ganze Werk, wenn es Stück vor Stück einer strengen Prüfung
unterworfen würde, vor dem ernsten unbestechlichen Richtstuhl der Wahrheit und
Sittlichkeit bestehen würde, dies, liebe Laiska, ist eine andere Frage, deren
Erörterung uns in eine so langweilige Analyse verwickeln würde, dass ich die
Entscheidung lieber bei einer zweiten ruhigern Lesung deinem eigenen Gefühl
überlasse. - Doch du willst ja, dass wir das Symposion unter den Augen deiner
Grazien zu Aegina mit einander lesen? Auch das, meine Freundin! wenn uns diese
freundlichen Göttinnen ja so abhold sein könnten, uns keine angenehmere
Beschäftigung zu geben.
    Lege mir es übrigens nicht zur Eifersucht aus, wenn ich dir sage, deine
Phantasie schwärme, flattre und kreise so viel um diesen Plato herum, dass ich
nicht dafür gut stehen möchte, dass er dir nicht, wie du jetzt scherzweise sagst,
zuletzt noch in ganzem Ernste gefährlich werden könnte. Wirklich weiss ich dir zu
Verhütung dieses Unglücks keinen bessern Rat, als wieder einmal nach Aten
herüber zu kommen, und dich mit deinen eigenen Augen von der Schönheit seiner
Physiognomie und der Liebenswürdigkeit seiner Schwärmerei zu überzeugen. Ich
glaube selbst, wofern er sich's in den Kopf setzte, so artig und liebenswürdig
gegen dich zu sein als er könnte, eine Frau wie du würde an ihrer ganzen Stärke
nicht zu viel haben, um sich seiner zu erwehren. Aber wenn die Gefahr aufs
höchste gestiegen wäre, brauchtest du auch nichts weiter als eine seiner
Vorlesungen über seinen Parmenides, Protagoras, oder Kratylus zu hören, um -
sogar den Cynischen Diogenes liebenswürdig zu finden, wiewohl seine Haare,
seitdem er sie mit seinen Fingern kämmt, nicht in der besten Ordnung sind.
    Der schöne Kleophron empfiehlt sich deinem Andenken. Er hat sich seit
einiger Zeit so eifrig auf die Speusippische Philosophie gelegt, dass in wenigen
Monaten eine kleine Luftveränderung in Aegina, wofern du die Güte hättest, ihn
einzuladen, ihm ungemein zuträglich sein dürfte.
 
                                      32.
                             Aristipp an Kleonidas.
Es wäre schwer, bester Kleonidas, dir zu beschreiben, wie mir zu Mute ward, als
ich mich am dritten des letztverwichnen Munychions122 wieder in dem reizenden
Landsitz unsrer Freundin befand, den ich seit dem Anfang des zweiten Jahres der
fünfundneunzigsten Olympiade nicht wieder gesehen hatte. Die neun Jahre, um die
ich indessen älter geworden bin, haben ihm nicht nur allen Reiz der Neuheit
wieder gegeben, sondern die Wirkung seines eigenen Zaubers noch durch tausend
verwandte Erinnerungen verstärkt. Als ich an ihrer Hand zum erstenmal wieder in
den Garten trat, tauchten plötzlich die Bilder der schönsten Gegenden und
Lustörter, die ich binnen dieser Zeit gesehen hatte, in meinem Gedächtnis auf,
und gewährten mir, indem sie sich an die vor mir liegenden Scenen anschlossen,
einen unbeschreiblichen Augenblick. Aber fast eben so plötzlich wurden sie
wieder, wie morgenrötliche Duftgestalten von der aufgehenden Sonne, von dem
lebendigern Gefühl des Gegenwärtigen verschlungen. Weder Panionions liebliche
Gefilde, noch die zauberischen Hügel und Täler von Lesbos, noch das Elysische
Tempe hatte ich an ihrem Arm gesehen; in keinem von jenen zweimal die schönste
der Horen mit ihr gefeiert, in keinem den Bund ewiger Freundschaft am Altar der
Grazien mit ihr beschworen. Welchen magischen Glanz gossen alle auf Einmal
erwachenden Bilder der Vergangenheit über alles aus was ich sah, über jede
Stelle, die ich betrat! über jede schattende Baumgruppe, unter welcher wir
sassen, jede unter Blumengewinden hin schleichende Quelle, an deren Rande wir
lustwandelten, jede dunkle Myrtenlaube, jede stille Grotte, die unsre
glücklichsten Augenblicke unter den Zauberschleier des Geheimnisses bargen! -
Könntest du dich wundern, dass dies alles mein Gemüt in eine Stimmung setzte,
die den Wunsch, mit welchem ich nach Aegina gekommen war, zu Hoffnung erhöhte,
und, da Lais selbst durch eine gewisse, mir an ihr ungewohnte Innigkeit ihres
ganzen Betragens gegen mich, ähnliche Gefühle zu verraten schien, mich einige
Tage lang glauben liess, es könnte mir vielleicht gelingen, ihr meinen Plan für
ihr künftiges Leben unvermerkt als ihr eigenes Werk in die Seele zu spielen? -
Aristipp kann also auch schwärmen, wirst du denken? - Ich gesteh' es, und lasse
mir's nicht leid sein; im Gegenteil, da ich die Gabe habe, dass eine getäuschte
Hoffnung für mich nichts weiter ist als das Erwachen aus einem schönen Traum, so
danke ich der Natur auch für jeden Genuss, den sie mir in Träumen schenkt. Aber
wozu hier diese voreiligen Betrachtungen, da alles noch so lächelnde
Anscheinungen hat?
    Unsre Freundin hat sich in den drei Jahren, die seit unserer Zusammenkunft
zu Rhodus verflossen sind, so wenig verändert, dass ihre Schönheit vielmehr noch
immer im Zunehmen zu sein, und sogar von dem frischen Glanz der ersten Jugend
nichts verloren zu haben scheint. Doch auch dies ist vielleicht nur ein
täuschender Schluss von Gleichheit der Wirkung auf Gleichheit der Ursache; denn
es ist nicht unmöglich, dass die grössere Sicherheit immer zu gefallen, und die
grössere Vollkommenheit in der Kunst zu gefallen, das Wenige, was sie durch die
Zeit verloren haben könnte, doppelt und dreifach ersetzt. Dem sei wie ihm wolle,
gewiss ist dass ich sie noch nie so äusserst liebenswürdig, nie in einer so
sanften, beinahe möcht' ich sagen zärtlichen Stimmung gesehen habe, als in den
ersten Tagen unsrer Wiedervereinigung. Sie schien sich nur in dem einfachsten
ländlichsten Anzug zu gefallen. Das Marmorbecken vor ihrem Schlafgemach, worein
ein schelmisch lächelnder Amor das Wasser aus seiner umgekehrten Fackel giesst,
vertrat diese ganze Zeit über die Dienste der krystallenen Näpfchen und
Alabasterbüchsen, womit ihr Putztisch beladen zu sein pflegt. Ein leichtes
weisses Gewand, eine Rose in den kunstlos sich ringelnden Locken, ein
Veilchenstrauss am Busen, waren ihr ganzer Putz. Kurz, sie spielte eine Art
Arkadischer Schäferin aus der goldnen Zeit123, mit so viel Natur und Anmut, als
ob sie nie etwas anders gewesen wäre. Sie schien in diesen glücklichen Tagen
beinahe für mich allein da zu sein; und ich? - du kennst meine Weise - alles
Gute (und wahrlich auch das Angenehme ist gut) dankbar anzunehmen und zu
geniessen, ohne zu fragen, oder mir Kummer darüber zu machen, wie lang' es dauern
werde. Aber wenn ich sage, dass in einer einzigen Dekade wie diese mehr
Lebensgenuss ist, als in neunzig Jahren, wie man gewöhnlich zu leben pflegt, so
glaube ich keinen übermässigen Wert auf sie gelegt zu haben.
    Euphranor, der auf dem Fuss einer vertrauten Freundschaft mit ihr steht, und
dieses Vorzugs in mehr als Einer Rücksicht würdig scheint, hat eine Arbeit
mitgebracht, womit er so eifrig beschäftigt ist, dass man ihn, ausser bei Tische,
nur in seiner Werkstatt zu sehen bekommen kann. Vielleicht ist dies zwischen
Lais und ihm so verabredet worden: doch halte ich ihn für edel und bescheiden
genug, aus eigner Bewegung die Rechte einer ältern Freundschaft ohne Schelsucht
anzuerkennen. Überdies scheint mir ein geheimes Verständnis zwischen ihm und
einer von den Zöglingen unsrer Freundin vorzuwalten, wodurch ihm (wofern ich
recht beobachtet hätte) die Tugend der Selbstüberwindung freilich so sehr
erleichtert würde, dass sie beinahe aufhörte verdienstlich zu sein.
    Euphranor ist ein eben so gelehrter als geschickter Künstler; Bildner und
Maler zugleich, beiden Künsten mit gleicher Liebe zugetan, und in beiden gleich
stark; was vielleicht Ursache sein könnte, dass er in keiner die hohe Stufe der
Vortrefflichkeit und des Ruhms erreichen wird, die ihm nicht fehlen könnte, wenn
er sich einer von beiden allein widmete. Sein Kunstsinn will sich aber um so
weniger auf ein einzelnes Fach einschränken lassen, da es ihm in allen gelingt,
und die Abwechslung (wie es scheint) grossen Reiz für ihn hat. Was er dermalen
für Lais arbeitet, ist ein goldner Becher, dessen Deckel, ein einziger
herrlicher Sardonyx aus der Persischen Beute, mit halb erhobenen Figuren von
grosser Schönheit von ihm geziert wird. Seit kurzem hat er angefangen, sich
vorzüglich mit der Wachsmalerei zu beschäftigen, die er der lebhaftern Wirkung
und grössern Dauerhaftigkeit wegen der gewöhnlichen mit dem Pinsel vorzieht, und
zu einem bisher noch nie gesehenen Grade von Vollkommenheit zu bringen hofft.
Man tadelt an seinen Werken124, dass er die Köpfe, vornehmlich an seinen
heroischen Figuren, zu gross mache, worüber man sich, wenn der Tadel gegründet
wäre, um so mehr verwundern müsste, da er ein Buch über die Symmetrie geschrieben
hat, und sich mit dem Fleiss, womit er diesen Teil der Kunst studirt habe, nicht
wenig weiss. »Dass man,« sagt er, »meine Köpfe zu gross findet, hat eine sehr
natürliche Ursache: es kommt nicht daher, dass meine Köpfe zu gross, sondern dass
der andern ihre zu klein sind. Übermass taugt in allen Dingen nichts: aber was
an jedem Dinge zu viel und zu wenig ist, lässt sich nicht durch eine einzige
allgemeine Formel bestimmen. Schwerlich wird man mir beweisen können, dass ich in
der Proportion meiner Köpfe über die schöne Natur hinausgehe; von dem gemein
angenommenen Mass hingegen entferne ich mich geflissentlich, weil der Kopf
unstreitig derjenige Teil ist, worin der Geist und Charakter an Menschen und
Tieren sich am stärksten und deutlichsten ausspricht; wiewohl ich nie vergesse,
dass alle, auch die kleinsten Gliedmassen des menschlichen Körpers mehr oder
weniger charakteristisch sind. Nur dann, wenn die Köpfe meiner Heroen durch das
proportionelle grössere Verhältnis, das ich ihnen gebe, nicht auch an
Bedeutsamkeit und Energie gewinnen, verdiene ich Tadel, und dies ist noch
auszumachen.« Ob Euphranor Recht hat, überlasse ich deinem Urteil. Mir sind die
Köpfe in den wenigen Werken, die ich von ihm gesehen habe, nicht grösser
vorgekommen als sie sein sollen. Aber das geübte und gelehrte Auge des Kenners
misst freilich schärfer, als der Blick eines blossen Liebhabers.
    Der junge Antipater, dem ich zur Belohnung seines Fleisses und guten
Betragens das Glück ein paar Monate bei der schönsten Frau unsrer Zeit zu leben
nicht versagen wollte, hat bereits, ohne es zu wissen oder wissen zu wollen, so
viele Eroberungen gemacht, als weibliche Wesen in diesem Hause sind. Lais selbst
begegnet ihm mit ausgezeichneter Achtung, und lässt ihm seit einigen Tagen sogar
ziemlich deutlich merken, dass ihr die Art des Eindrucks, den sie auf ihn mache,
nicht gleichgültig sei. Ich habe ihn auf nichts vorbereitet. Er soll alles mit
eigenen Augen sehen, und sich in allem nach seinem eigenen Gefühl und Urteil
benehmen; und er sieht wirklich schärfer und beträgt sich männlicher, als man
von einem Jüngling seines Alters erwarten sollte. Ich verberge ihm so viel
möglich, dass ich ihn beobachte, und erforsche nichts von ihm was er mir nicht
von freien Stücken sagt. Bis jetzt habe ich noch keine merkliche Veränderung an
ihm wahrnehmen können. Er spricht von dieser Frau, die noch alles, was in ihren
Gesichtskreis geriet, bezaubert hat, mit der ruhigen Bewunderung, womit er von
einer schönen Bildsäule reden könnte, und scheint auch nicht mehr als für eine
Bildsäule für sie zu fühlen. Er begegnet ihr mit einer Ehrerbietung, womit eine
Göttin zufrieden sein könnte; lässt sich aber dadurch nicht abhalten, bei allen
Gelegenheiten herzhaft andrer Meinung zu sein als sie, und scheint weder die
mindeste Ahnung zu haben, dass er ihr durch seine kaltblütige Unbefangenheit
missfallen könnte, noch sich Kummer darüber zu machen, wofern dies wirklich der
Fall wäre.
    Die Gewalt, welche die stärkste ihrer Leidenschaften, der Stolz, ihr über
alle übrigen gibt, macht es schwer zu sagen, was sie bei einem ihr so ganz neuen
Betragen wirklich fühlt; gewiss ist, dass man an dem ihrigen gegen ihn nicht das
geringste Zeichen, dass sie sich dadurch beleidigt finde, bemerken kann. Je mehr
sie sich ihm nähert, je vorsichtiger zieht er sich zurück, und je mehr er sich
zurückzieht, desto eifriger verdoppelt sie ihre Bemühungen ihn anzuziehen.
Keines von beiden scheint auf das Spiel des andern Acht zu geben, sondern bloss
das seinige zu spielen, und es wäre seltsam genug, wenn eine so geübte
Meisterin, mit so grossen Vorteilen in der Hand, zuletzt doch das Spiel an einen
so unerfahrnen Gegner verlieren sollte. Dein junger Landsmann, sagte sie
einsmals zu mir, ist in der Tat was du mich erwarten liessest; ich habe noch
keinen Jüngling von zwanzig Jahren, mit einem Apollonskopf auf Schultern eines
Meleagers125, zugleich so trotzig und so schüchtern gesehen wie ihn. Er ist eine
wahre Seltenheit. Nicht dass er mir darum weniger gefiele, fuhr sie lächelnd
fort: aber meine närrische Phantasie hatte sich voreiligerweise auf etwas ganz
anders eingerichtet - als ob alle jungen Cyrener so dreist und zuversichtlich
sein müssten, wie mein Freund Aristipp in diesem Alter war! - Du wirst ihn schon
ein wenig aufmuntern müssen, sagte ich. - »Meinst du? Sei unbesorgt, Aristipp!
Es wird sich wohl geben. Ist doch Omphale mit dem Löwen-und Drachenbezwinger
Hercules fertig geworden.« - Aber diesmal hatte sie sich in ihrer Rechnung
geirrt; es gab sich nicht. Antipater blieb kalt und zurückhaltend, und schien
es, zu meiner Verwunderung, immer mehr zu werden. Die arme Lais, der doch
wahrlich nicht zuzumuten war, sich so leicht überwunden zu geben, sah sich, da
es ihr weder im Costume einer Arkadischen Hirtin noch in ihrem gewöhnlichen
gelingen wollte, zuletzt genötigt, ihre reichsten Kleiderschränke und
Juwelenkästchen aufzuschliessen, das ganze Belagerungszeug des Putztisches in
Bewegung zu setzen, und die schlauesten Dienste ihrer aufwartsamen Grazien zu
Verstärkung ihrer angebornen Reize zu Hülfe zu rufen. Sie erschien nun alle Tage
in einer neuen Gestalt, bald im Glanz einer morgenländischen Fürstin, bald in
der künstlich nachlässigen üppigen Zierlichkeit einer gefälligen Milesierin; sie
dramatisirte sich selbst in alle mögliche mytische Personen, und entwickelte in
prächtigen Tanzspielen ihre feinsten Verführungskünste als Selene und Aurora,
Galatea und Ariadne, Leda und Io, kurz, zeigte sich unter allen Formen in allen
Farben, in allen Arten von Licht und Helldunkel. - Und wofür das alles? um den
gedemütigten Stolz ihrer sieggewohnten Schönheit an einem rohen jungen
Halbwilden zu rächen, der wofern er ihr, wie alle andern Sterblichen, gleich
beim ersten Anblick gebührend gehuldiget, d.i. den Verstand ein wenig verloren
hätte, ihre Aufmerksamkeit schwerlich drei Tage lang fest gehalten haben möchte.
Denn dass ich glauben sollte, sie habe mit allen diesen Vorkehrungen etwas andres
beabsichtiget, als den Widerspänstigen erst zu überwältigen, und ihn dann, zur
Strafe dass er ihr den Sieg so schwer gemacht, das ganze Gewicht ihrer
Gleichgültigkeit fühlen zu lassen, dazu kenne ich sie zu gut.
    Damit es aber nicht das Ansehen habe, als ob das alles einem so
unbedeutenden Menschen als Antipater, geschweige denn ihm allein gelte, hatte
sie mehrere Tage vorher zu Argos, Trözene, Korint, Megara und Aten, unter der
Hand bekannt werden lassen, dass es ihr angenehm sein würde, während ihres
Aufentalts auf dem Lande so viele gute Gesellschaft zu sehen, als die Schönheit
der Jahreszeit und die Vergnügungen, womit sie sich und ihre Freunde zu
unterhalten gedenke, nur immer nach Aegina zu locken vermöchten. Du kannst dir
leicht einbilden, mit welchem Wetteifer eine solche Einladung angenommen wurde,
und welche Schwärme von müssigen Phäaciern und Penelopensfreiern126, deren
Ansprüche oder Wünsche sie aufzumuntern schien, herbeigeflogen kamen, in der
Hoffnung die gefällige Laune der bisher so stolzen Schönen vielleicht diesmal zu
ihrem Vorteil benutzen zu können. Antipater indessen schien an allen den
Lustbarkeiten, die jetzt so rasch auf einander folgten, nur wenig Teil zu
nehmen, und anstatt in einem so lebhaft unterhaltenen Feuer endlich zu
schmelzen, vielmehr mit jedem Tage spröder und unempfindlicher zu werden. Ich
gestehe, dass mir eine so hartnäckige Kälte oder Zurückhaltung an einem so
kräftigen und ungeschwächten Jüngling zu wenig natürlich schien, um nicht
verdächtig zu sein. Aber wohin ich auch meine Vermutungen richtete, nirgends
zeigte sich eine Spur, die mich auf den Grund seines unerklärbaren Benehmens
hätte leiten können. Er selbst zeigte sich bei allem was vorging so ruhig, und
schien eine ihm so natürliche Rolle zu spielen, dass ich mich endlich gezwungen
sah, entweder das seltsame Problem unaufgelöst zu lassen, oder anzunehmen, der
junge Mensch besitze bereits so viel Stärke des Charakters, dass er sein
Verhalten gegen Lais bloss nach reinsittlichen Grundsätzen bestimme, und die
Würde unsers Geschlechts gegen die übermütigen Anmassungen einer von der Natur
und dem Glücke allzu sehr verzärtelten Hetäre behaupten wolle, die ihr höchstes
Vergnügen daran findet, so viel Sklaven als nur immer möglich vor ihren
Triumphswagen zu spannen, und Begierden und Leidenschaften zu erregen, welche
sie weder zu befriedigen gesonnen noch zu erwiedern fähig ist. Wahrscheinlich
war eine solche Voraussetzung nicht; aber wenn ich irgend einem jungen Manne
Stolz und Kaltblütigkeit genug, um so zu denken, und Stärke genug, um ein dieser
Denkart angemessenes Betragen sogar gegen eine Lais auszuhalten, zutrauen
durfte, so war es Antipater.
    Indessen hat sich's am Ende doch gezeigt, dass man in dergleichen Fällen am
sichersten geht, wenn man zu ihrer Erklärung die natürlichste Ursache annimmt.
Antipater hatte sie mir bisher verschwiegen, aus unnötiger Furcht, die schöne
Lais möchte Mittel finden mir sein Geheimnis abzulocken. Da ich ihm aber vor
etlichen Tagen seines Heldentums wegen eine kleine Lobrede hielt, konnte der
wackere Jüngling den Gedanken nicht ertragen, mich durch sein Schweigen um eine
Achtung, die er nicht verdiene, zu betrügen; und so tat er mir ein Geständnis,
wodurch mir nun freilich alles sehr begreiflich ward, und wovon ich nichts
weiter sage, da er dir das Nähere selbst geschrieben zu haben versichert.
    Lais belustigt sich inzwischen damit, sich durch eine ziemlich kostbare
Selbsttäuschung nach Sardes in die Zeiten ihrer höchsten Glorie zu versetzen.
Von drei oder vier Kreisen hoffender und betrogener Anbeter umgeben, lebt sie
wie eine unumschränkt regierende Königin unter ihren Höflingen, verschwendet das
Persische Gold wie eine ächte Griechin, und findet sich reichlich entschädiget,
wenn sie sich in ihren Ruhestunden mit mir und Euphranor über die Unterhaltung
lustig macht, die ihr so viele verzauberte Gecken, Toren und Narren von allen
Altern, Ständen, Charaktern und Figuren auf ihre eigenen Kosten verschaffen;
während diese vielleicht über die Törin lachen, die das eitle undankbare
Vergnügen, ihre Liebhaber mit weit offnen Schnäbeln in die leere Luft schnappen
zu sehen, teurer erkauft, als eine andere an ihrer Stelle sich dafür bezahlen
lassen würde jedermann zufrieden nach Hause zu schicken. Uebrigens muss ich ihr
nachrühmen, dass sie in der Kunst kleine Gunsterweisungen zu vervielfältigen und
weit über ihren wahren Wert auszubringen, eine unübertreffliche Meisterin ist.
Wäre sie so gewinnsüchtig und raubgierig, als sie im Gegenteil freigebig und
verschwenderisch ist, wahrlich mit diesem einzigen Talente könnte sie die
reichste Person auf dem ganzen Erdboden sein. Ueber den ungefügigen Antipater
hat sie endlich ihre Partie wie eine weise Frau genommen. Sie bemerkt jetzt sein
Dasein nur selten; wenn es geschieht, beträgt sie sich eben so unbefangen und
verbindlich gegen ihn wie gegen jeden andern, scheint sich aber, so oft sie ihm
etwa ein paar Worte sagt, nicht zu erinnern, ihn jemals zuvor schon gekannt zu
haben.
    Nach allem, was du bisher gelesen hast, lieber Kleonidas, ist es wohl
überflüssig, dir zu sagen was aus meinem Anschlag auf die schöne Lais geworden
ist. Ich komme mir jetzt selbst mit meiner leichtgläubigen Treuherzigkeit
gewaltig lächerrlich vor, und gelobe der weiterrschenden Aphrodite Pandemos und
allen ihren Grazien, mich in meinem Leben nie wieder so schwer an ihnen zu
versündigen, um aus einer Lais, und wenn sie noch liebenswürdiger wäre als
diese, eine - gute ehrliche Hausfrau machen zu wollen. Alles ist nun wieder
zwischen uns wie es sein soll, und wie es auf ihrer Seite immer war. Aber,
wiewohl ich die Hoffnung, sie jemals nach meiner Idee glücklich zu sehen, auf
ewig aufgebe, so erneuere ich doch zugleich den Schwur, so lange ich atmen
werde ihr Freund zu bleiben. Da ihr mit dem Mehr, was ich für sie zu tun fähig
gewesen wäre, nicht gedient ist, so ist dies das Wenigste was ich ihr schuldig
bin.
    Um dir eine Probe zu geben, wie wir uns in den zwei ersten Dekaden, so lange
unsre Gesellschaft noch klein und auserlesen war, zu unterhalten pflegten,
schicke ich dir die Abschrift eines grossen Briefes an unsern Freund Eurybates,
der in diesem Jahr einer von den sechs Tesmoteten127 von Aten ist, und,
dieser Würde wegen, des Vergnügens den schönsten Teil des Jahres in Aegina
zuzubringen entbehren musste. Dieser lege ich noch die Abschrift einer grossen
Epistel bei, die ich von Lais, kurz vor unsrer Zusammenkunft in Aegina, erhielt.
Sie entält die sonderbare Geschichte einer von ihr an einem jungen Aspendier
verrichteten Wundercur; eines von den Abenteuern, die nur ihr begegnen, und
woraus sich keine andere so wie sie zu ziehen wüsste.
    In drei Tagen kehre ich nach Aten zurück, mit einer Art von dunkelm
Vorgefühl, dass ich - zum letztenmal in Aegina gewesen bin.
 
                                      33.
                             Aristipp an Eurybates.
Du verlangst, edler Eurybates, einen ausführlichen Bericht über ein symposisches
Gespräch, welches vor einigen Tagen bei der schönen Lais vorfiel, und wovon dir,
wie du sagst, dein Verwandter Neokles, der dabei gegenwärtig war, gerade nur so
viel habe sagen können, dass er dich nach einer vollständigern Erzählung lüstern
gemacht. Da du selbst einer von den Unsrigen gewesen wärest, wenn die Pflichten
der Würde, die du in diesem Jahre bekleidest, dich nicht an Aten gefesselt
hätten, so ist es nicht mehr als billig, deinen Wünschen entgegen zu kommen, und
ich freue mich, dass mir mein Gedächtnis treu genug ist, dir, was du ohne deine
Schuld versäumtest, mit sehr wenigem Verlust ersetzen zu können.
    Erwarte aber (was dir Neokles auch gesagt haben mag) nichts, was mit Platons
berühmtem Symposion auch nur von fern in einige Vergleichung kommen, geschweige
für ein Gegenstück zu diesem weitglänzenden Prachtwerke gelten könnte. Platons
Symposion ist eine Art von Poem, wozu alle Musen beigetragen haben, und worin
der Verfasser die ganze Fülle seiner Phantasie, seines Witzes und Attischen
Salzes, seiner Wohlredenheit und Darstellungskunst, wie aus Amalteens128
unerschöpflichem Zauberhorn, auf seine Leser herabschüttet; ein bei nächtlicher
Lampe mit grösstem Fleiss ausgemeisseltes, polirtes und vollendetes Werk, womit er
uns zeigen wollte, dass es nur auf ihn ankomme, ob er unter den Rednern oder
Dichtern, Sophisten oder Sehern seiner Zeit der Erste sein wolle. Was ich
hingegen dir mitzuteilen habe, ist ein zufälliges Tischgespräch unter einer
kleinen Anzahl anspruchloser Freunde, denen es bloss um eine angenehme
Unterhaltung, und (was in Rücksicht einer Vergleichung mit Platons Gastmahl noch
schlimmer ist) nicht um Witzspiele, ironische Parodien, Milesische Mährchen, und
Offenbarungen aus der Geister-und Götterwelt, sondern lediglich um schlichte
nackte Wahrheit zu tun war. Du siehst also leicht, wie unermesslich weit ich
hinter dem begeisterten Dichter des Agatonischen Siegesmahls129 zurückbleiben
müsste, wenn ich der verwegenen Anmassung fähig wäre, mich mit ihm in einen
Wettstreit einzulassen. Ich werde, im eigentlichsten Sinn, ein blosser Erzähler
dessen sein, was an der Tafel unsrer Freundin, während eines ziemlich frugalen
Mahls und bei sehr kleinen, aber freilich desto öfter geleerten Bechern,
gesprochen wurde. Nimm also vorlieb mit dem was ich zu geben habe, und ersetze
dir selbst, indem du dich in Gedanken an den Platz deines Neokles nahe an die
schöne Wirtin legst, das Einzige, was meiner Erzählung fehlt, um sie so
anmutig zu machen, als das Gespräch selbst, dieses kleinen Umstandes wegen, dem
jungen Neokles vorkommen musste.
    Es traf sich damals eben glücklicherweise, dass die Gesellschaft viel kleiner
war, als sie gewöhnlich bei unsrer gastfreien Freundin zu sein pflegt. Ausser ihr
selbst und mir war niemand zugegen als Euphranor (den du kennst), dein Neokles,
mein Landsmann Antipater, und der Arzt Praxagoras, der auf seiner Rückreise von
Aspendus sich eine Pflicht daraus machte, zu Aegina anzulanden, und der schönen
Lais von dem guten Fortgang ihrer an dem jungen Chariton verrichteten berühmten
Wundercur Nachricht zu erteilen. Lais hatte, um uns Stoff zu einem kurzweiligen
Tischgespräch zu verschaffen, Platons Gastmahl von einem trefflichen Anagnosten
130, den sie in Diensten hat, vorlesen lassen. Sie hätte bei keiner andern
Leserei ihre Absicht weniger verfehlen können. Neokles und Euphranor eiferten
ordentlich in die Wette mit ihr, wer es dem andern in Lobpreisung der
Schönheiten dieses Meisterstücks zuvortun könnte; und es wurden eine Menge
feiner Sachen gesagt, die ich dir nicht vorentalten würde, wenn sie nicht,
durch den Verlust des lebendigen Vortrags im Moment, auch zugleich ihre Grazie,
und mit dieser ihren grössten Wert verlieren würden. Unter andern wollte Lais,
dass jedes von uns auf einem kleinen Täfelchen bemerken sollte, welches von den
Stücken, woraus das Ganze, gleich einer grossen Tapezerei, zusammengesetzt ist,
ihm in Rücksicht auf die Kunst der Ausarbeitung am besten gefalle. Euphranor
erklärte sich für die Rede des Aristophanes, in welcher er alle Züge, die den
eigenen Charakter der Muse dieses komischen Dichters ausmachen, mit der feinen
Schalkheit einer allentalben durchschimmernden Ironie, so meisterlich
nachgeahmt zu finden glaubte, dass Aristophanes selbst es schwerlich besser hätte
machen können. Praxagoras stimmte für die Rede des Agaton, als die urbanste und
launigste Verspottung der Manier des berühmten Rhetors Gorgias, welchen Agaton
zum Muster genommen zu haben schien. Neokles war für den Pausanias, Lais für die
Hierophantin Diotima, Antipater für den Alcibiades. Ich, um sicher zu sein, dass
ich mit keinem andern zusammenträfe, gab meine Stimme dem Eryximachus; mit der
Einschränkung, dass ich seine Rede, in Ansehung des reichhaltigern und solidern
Stoffes allen übrigen vorziehe, wiewohl ich gestehen müsste, dass sie der
gezwungen witzigen Einkleidung und des flachen Ausdrucks wegen die schlechteste
von allen sei. Jedes von uns hatte dies und das zu Behauptung seiner Meinung
vorzubringen, bis wir uns endlich alle vereinigten dem Antipater Recht zu geben,
und den letzten Act, wo der Sohn des Klinias, mit einem lärmenden Gefolge von
lockern Zechgesellen, trunken und mit Blumenkränzen und Bändern behangen in den
Saal hereingestürmt kommt, und alles was darauf folgt, bei weitem für das Beste
am ganzen Werke zu erklären.
    Von dem Augenblick an, sagte Antipater, da Alcibiades auftritt, weht sein
Genius durch den Rest des Dialogs; alles ist freie zwanglose Natur, Feuer,
Jugendkraft und üppige Lebensfülle; auch halt' ich es für unmöglich, von diesem
ausserordentlichen Jüngling, wie er wirklich war, und (nach allem, was wir von
ihm wissen) gewesen sein muss, ein Bild aufzustellen, das mit so viel Freiheit
und Leichtigkeit richtiger und fester gezeichnet, lebhafter gefärbt, zärter
schattiert und leichter gehalten wäre; wenn ich anders in Gegenwart eines
Künstlers mich so kunstmässig ausdrücken darf.
    Das darfst du, versetzte Euphranor, indem er ihm traulich die Hand
schüttelte; und wenn du hinzusetztest: diese Darstellung des Alcibiades verdiene
der Kanon aller künftigen Dichter zu sein, welche die Menschen, wie sie sind,
schildern, und doch dem Gesetz der Schönheit, das alle Künstler bindet, nichts
dabei vergeben wollen; so würde ich ohne Bedenken behaupten, dass du die Wahrheit
gesagt hättest.
    Lais. Indessen ist nicht zu läugnen, dass die Alcibiades und ihresgleichen
durch diese künstliche und aufs feinste in einander verflösste Mischung der
auffallendsten Unarten und Untugenden mit den schimmerndsten Naturgaben, ja
sogar mit allem was das liebenswürdigste und schätzbarste am Menschen ist, und
durch diese unwiderstehliche Grazie, die ihren Lastern selbst etwas Gefälliges
und Liebreizendes gibt, zu den gefährlichsten aller Menschen würden. Wofern uns
also jemand einwendete: wenn die Dichter durch das Gesetz der Schönheit
verpflichtet wären, die lasterhaften und hassenswürdigen Personen, die sie uns
darstellen, immer so zu schildern, dass es uns unmöglich wäre, ihnen nicht, mehr
oder weniger, gut zu sein - wie der Fall wirklich beim Alcibiades des Plato ist
so würden ihre Werke, je vortrefflicher sie in Ansicht der Kunst wären, desto
verderblicher für die Sitten, und also, in Rücksicht auf das allgemeine Beste,
desto verwerflicher werden; was könnten wir ihm antworten?
    Praxagoras. Ich sollte denken, es wäre eben so möglich als der Humanität
gemäss, das Laster, als das allein Hassenswürdige, von der Person, die als Mensch
immer liebenswürdig ist, so zu trennen, dass die Liebe zur Tugend nichts dabei
verlöre, wenn wir gleich (was ehmals der Fall des Sokrates war) sogar einen
Alcibiades liebten.
    Aristipp. Diese Trennung mag in der Speculation leicht genug sein; aber ich
zweifle dass im wirklichen Leben die Liebe zur Person uns nicht immer geneigt
machen werde, ihre Untugenden zu übersehen, oder, wenn wir sie auch gewahr
werden, zu entschuldigen; bis wir nach und nach so weit kommen, sie mit ihren
guten Eigenschaften zu vermengen, oder für blosse Schattirungen derselben
anzusehen, und unter dem Schleier der Grazie zuletzt sogar liebenswürdig zu
finden. Wenn dies wirklich der Fall wäre, möchte es wohl kaum möglich sein, dass
unser Abscheu vor der Untugend selbst sich nicht eben so allmählich verminderte,
oder wenigstens dass die Nachsicht gegen die Untugenden der geliebten Person uns
eben so duldsam gegen unsre eigenen machte.
    Neokles. Die Liebe wäre also nicht immer, wie Plato sagt, Liebe des Schönen,
wofern es möglich wäre, auch das Hässliche an der geliebten Person zu lieben?
    Aristipp. So scheint es, und ich denke nicht dass Platons Ansehen hier in
Betrachtung kommen kann; denn es herrscht durch sein ganzes Symposion eine so
auffallende Vieldeutigkeit in dem Sinne, worin er die Wörter Liebe und lieben
gebraucht, dass es schwer ist, sich seiner wahren Meinung gewiss zu machen.
    Diese Rede schien allen Anwesenden aufzufallen, und sie brachte uns
unvermerkt auf die Frage: was denn eigentlich der Zweck des philosophischen
Dichters des Symposions bei diesem aus so seltsam contrastirenden Teilen
zusammengesetzten Werke gewesen sein könne?
    Der Versuch diese Frage zu beantworten, führte eine etwas genauere
Zergliederung desselben herbei, die uns beinahe das einhellige Geständnis
abdrang: dass diese so allgemein bewunderte Composition mehr einem bunten
morgenrötlichen Duftgebilde als einem festen und bewohnbaren Gebäude ähnlich
sei.
    Da wir das Symposion diesen Abend - (vermutlich nicht zum erstenmale)
gehört und also noch ganz frisch im Gedächtnis haben, sagte Praxagoras, so lasst
uns, jedes sich selbst, ehrlich und offenherzig gestehen, wie viel oder wenig
Wahres, eine schärfere Prüfung Bestehendes und im Leben Brauchbares wir darin
gefunden? Ob uns alle diese Lobreden, Hypotesen und Allegorien auf und über den
vorgeblichen Gott oder Dämon Eros, die uns in diesem Gastmahl131 in so
mancherlei Tonarten vordeclamirt, vorgescherzt und vorprophetisirt werden,
wirklich befriedigende Aufschlüsse über die Natur, die Eigenschaften und die
Wirkungen der allgemeinsten und gewaltigsten, wohltätigsten und
verderblichsten, tragischsten und komischsten aller Leidenschaften geben? Ja, ob
sich überall irgend ein aus dem Ganzen hervorgehendes Resultat, welches als der
Zweck des Verfassers betrachtet werden könne, darin entdecken lasse? Lasst mich
in dieser Rücksicht einen Versuch machen, ob ich diesen grossen reich und
zierlich gestickten Peplos132 unter einen Gesichtspunkt bringen könne, aus
welchem er sich, wo nicht auf Einen Blick übersehen, doch wenigstens in der
Vorstellung leichter zusammenfassen und beurteilen lasse. - Alle nickten ihm
ihre Einstimmung zu, und er begann folgendermassen:
    »Eine bei dem Dichter Agaton versammelte Gesellschaft, in welcher Sokrates
(wie in allen Platonischen Dialogen) die Hauptfigur vorstellt, ist
übereingekommen, eine von Rednern und Dichtern bisher vernachlässigte Lücke
auszufüllen, und dem Liebesgott, Mann vor Mann, nach Vermögen eine Lobrede zu
halten.
    Die Rede des schönen Phädrus, der den Reihen anführt, ist beim Tageslichte
besehen, nichts als eine spielerhafte rhetorische Schulübung, deren Tendenz noch
zum Überfluss unsittlich ist, da sie lediglich darauf ausgeht, die Päderastie
nur nicht gar zum höchsten Gute des Menschen, und die Willfährigkeit des
Geliebten gegen den Liebhaber zu einer in den Augen der Götter selbst höchst
verdienstlichen Sache zu machen.
    Der auf Phädrus folgende Pausanias scheint durch Unterscheidung eines
zwiefachen Amors etwas Vernünftigeres auf die Bahn bringen zu wollen als sein
Vorgänger; aber seine Rede dreht sich grösstenteils um schwankende Begriffe.
Auch ihm ist die Päderastie so sehr die einzig rechtmässige Art von Liebe, dass er
es seinem gemeinen Amor (Eros Pandemos) sogar zum Vorwurf macht, dass die
Verehrer desselben Weiber nicht weniger als Männer liebten; und wenn er gleich -
zu Hebung des anscheinenden Widerspruchs zwischen dem Gesetz und Herkommen,
welche bei den Atenern den Knabenliebhaber auf alle Weise begünstigen, und der
Sitte, die es dem Geliebten zur Schande macht dem Liebhaber zu willfahren - mit
gutem Fug behauptet, die Liebe sei an sich weder gut und ehrsam, noch bös' und
schändlich, sondern werde jenes bloss durch eine edle, dieses durch eine
schändliche Art zu lieben: so verderbt er doch alles wieder, indem er will, dass
die geliebten Jünglinge zwar nur tugendhaften Liebhabern willfahren sollen, aber
ihnen dafür dieses Willfahren zu einer ordentlichen Pflicht macht, und also
einen an sich selbst verwerflichen Missbrauch zu veredeln, und sogar zu einer
Belohnung der Tugend oder des Verdienstes zu machen sucht.
    Die hierauf folgende Rede, worin der Arzt Eryximachus die Teorie des
Pausanias von dem zwiefachen Eros mit vieler Spitzfindigkeit generalisirt, und
überall, sowohl in der Natur als in den Künsten, sogar in der Arzneikunst, den
Kampf und Sieg des himmlischen Amors oder der Liebe der Muse Urania über den
gemeinen, oder die Liebe der Muse Polymnia, zur wirkenden Ursache alles Schönen
und Guten macht, diese ganze Rede ist von Anfang bis zu Ende ein gezwungenes
Witzspiel mit doppelsinnigen Worten und Metaphern, wodurch nichts weder klar
gemacht noch bewiesen wird. Man sieht nicht, womit die arme Muse Polymnia (die
er eigenmächtig mit der Aphrodite Pandemos verwechselt) es verschuldet hat, dass
er sie ich weiss nicht ob zur Mutter oder zur Buhlin seines Allerweltamors
herabwürdigt; und wiewohl der redselige Arzt eine Menge bunter Luftblasen zu Lob
und Ehren seines Uranischen Eros platzen lässt, so trägt doch auch er kein
Bedenken, die Lehre seines Vormanns von der schuldigen Willfährigkeit des
Geliebten gegen einen artigen und wohlgesitteten Liebhaber zu einer moralischen
Maxime zu erheben; ja die geliebten Jünglinge haben, seiner Meinung nach, ihrer
Pflicht schon genug getan, wenn sie nur die Absicht hegen, die Liebhaber durch
ihre Gefälligkeit tugendhafter zu machen.
    An dem possierlich läppischen und nicht sehr züchtigen Mährchen von den
ursprünglichen Doppelmenschen einerlei und beiderlei Geschlechts, und ihrem
Übermut gegen die Götter, und dem glücklichen Einfall Jupiters sie in der
Mitte von einander zu spalten, mit der Bedrohung, wenn sie noch nicht gut tun
wollten, sie noch einmal zu spalten, so dass sie alle nur auf Einem Beine herum
hinken müssten u.s.w., an dieser Posse, sage ich, ist schwerlich etwas anders zu
rühmen, als dass sie (nebst der daraus abgeleiteten witzelnden Erklärung der
verschiedenen Phänomene der Liebe, in der niedrigsten Bedeutung dieses Wortes)
mit vieler Schicklichkeit dem Aristophanes in den Mund gelegt wird; wiewohl wir
nicht die mindeste Ursache haben, dem Plato die Ehre der Erfindung abzusprechen.
Jedes ernstafte Wort, das ich über diesen symposischen Spass verlieren wollte,
wäre zu viel; als Spass mag er indessen bei einem Trinkgelag und unter lauter
Männern von Aten, d.i. (nach der Behauptung des Aristophanischen Adikos Logos
133) unter lauter Euryprokten134, an seinen Ort gestellt bleiben.
    Bei dem prosaischen Lobgesang, welchen der Dichter und Gastmahlgeber Agaton
nunmehr dem Liebesgott zu Ehren anstimmt, kann Plato schwerlich eine andere
Absicht gehabt haben, als den Sophisten Gorgias durch eine bis zur Carricatur
(wiewohl von der feinern Art) getriebene Nachahmung seiner Manier lächerrlich zu
machen; und dass er diese Absicht wirklich hatte, lässt das ironische Lob, welches
Sokrates der so zierlich gedrechselten und prächtig herausgeputzten Puppe
erteilt, nicht bezweifeln.
    Dieser, nachdem er seine Bedingungen mit den übrigen Symposiasten gemacht
hat, nimmt nun das Wort, und verwandelt den ganzen, mit so schwärmerischem
Beifall aufgenommenen Agatonischen Päan auf einmal in Rauch und Dampf, indem er
ihm beweist, dass an allen den Tugenden, die er seinem Eros, als dem schönsten,
gerechtesten, tapfersten, weisesten und besten aller Götter, nachgerühmt habe,
kein wahres Wort sei. Denn Eros sei weder schön, noch gut, noch tapfer, noch
weise, noch ein Gott, sondern ein blosser Dämon, den seine Mutter Penia (eine von
Plato erschaffene Göttin der Dürftigkeit) im Drang des Bedürfnisses von dem
nektartrunknen Gott der Betriebsamkeit Poros im Göttergarten aufgelesen; der,
vermöge dieser Abstammung, alle guten und schlimmen Eigenschaften seiner
Erzeuger in sich vereinige, und an welchem noch das Beste sei, dass er, von einem
unwiderstehlichen Trieb zum Schönen und Guten hingerissen, weder Rast noch Ruhe
habe, bis er sich mit demselben vereinige, und dadurch hinwieder der Erzeuger
von schönen und guten Kindern, nämlich edeln Gesinnungen, Taten und
Bestrebungen, werde. Plato scheint sehr gut gefühlt zu haben, dass es sich nicht
wohl geziemt hätte, einen Mann wie Sokrates diese schönen Dinge, zu deren
Kenntnis ein Sterblicher mit blosser Hülfe seiner fünf Sinne und seiner Vernunft
nicht gelangen kann, in seiner eigenen Person vorbringen zu lassen. Er machte
also, mit eben dem feinen Sinn für das Schickliche, womit er die komische
Hypotese von den Doppelmenschen dem Aristophanes beilegt, den Sokrates zum
blossen Erzähler einiger zwischen ihm und einer gewissen Seherin Diotima
vorgefallener Gespräche über die wahre Natur der Liebe, und die Art und Weise,
wie dieser Dämon die Seelen auf der Leiter des materiellen Schönen zum
Wissenschaftlichen und Sittlichen, und von diesem zum bloss Intelligibeln
emporführe; denn das Meiste, was er diese Diotima (als seine vorgebliche
Lehrmeisterin in Erotischen Dingen) vorbringen lässt, konnte mit
Wahrscheinlichkeit und Füglichkeit keiner andern Person als einer Entusiastin,
die an übernatürliche Kenntnisse der göttlichen Dinge Anspruch machte, in den
Mund gelegt werden. Schade nur, dass wir in dem Unterricht, den diese Mystagogin
135 ihrem gelehrigen Schüler erteilt, eben denselben Doppelsinn wieder finden,
worin (wie Aristipp bereits bemerkt hat) die Wörter Eros und erân in diesem
ganzen Dialog zwischen den zwei sehr heterogenen Bedeutungen der reinen Liebe
und des blossen Begehrens immer hin und her schwanken; ein Doppelsinn, wodurch
alles Wahre und Praktische, was sie uns zu lehren scheint, indem wir es erfassen
wollen, uns unvermerkt wieder durch die Finger schlüpft. Das allerschlimmste
indessen ist, dass nachdem die Seherin, die so viel sieht was sonst niemand sehen
kann, uns zu Erwartung der herrlichsten Offenbarungen über das selbstständige
Urschöne berechtigt hat, - zu welchem wir von einer ganz neuen Art von
idealischer Päderastie, als der untersten Stufe, durch die ganze materielle und
intellektuelle Welt emporsteigen sollen, - uns gleichwohl am Ende nichts
geoffenbaret wird, als dass dieses Urschöne (welches Diotima doch für den
eigentlichen Gegenstand und das höchste Ziel der Liebe ausgibt) weder mehr noch
weniger als das Parmenideische Eins und All, das Platonische Wirklichwirkliche,
der Hermetische Cirkel, dessen Mittelpunkt überall, und dessen Umkreis nirgends
ist, mit Einem Worte, das Unendliche sei; welches aber erstens, da es keine Form
hat, eben so wenig das Urschöne als der Urcirkel oder das Urdreieck sein kann;
und zweitens, da es (ihrem eigenen ehrlichen Geständnis nach) weder von den
Sinnen erfasst, noch von der Einbildungskraft dargestellt, noch vom Verstande
begriffen werden kann, gänzlich ausser unserm Gesichtskreise liegt, und also für
uns eben so viel ist als ob es gar nicht wäre.«
    »Ich will es nun euerm eigenen Scharfsinn und Urteil überlassen, setzte
Praxagoras hinzu, was für einen Zweck der göttliche Plato mit diesem geistigen
Gastmahl beabsichtigt haben könne, und ob ihm grosses Unrecht geschähe, wenn man
es mit einem Zaubermahl vergliche, wo die Gäste, nachdem sie ihre Kinnbacken ein
paar Stunden lang weidlich spielen liessen, und von einer Menge der köstlichsten
Schüsseln gesättigt zu sein glaubten, am Ende die Entdeckung machen, dass sie
nichts als Luft gegessen haben, und hungriger von der prächtigen Tafel
aufstehen, als sie sich um dieselbe gelagert hatten.«
    Wenn dem so ist, wie ich selbst zu besorgen anfange sagte Lais lächelnd, so
hätte der Zauberer wohl verdient, dass wir eine kleine Rache an ihm nähmen. Wie
wenn wir unser heutiges Symposion zu einem Gegenstück des seinigen machten, und
anstatt dem leidigen Amor Lobreden zu halten, uns vereinigten, ihm der Reihe
nach alles Böse nachzusagen, was sich, ohne ihm das kleinste Unrecht zu tun,
von ihm sagen lässt? Was meinst du, Euphranor?
    Euphranor. Es hiesse, däucht mich, die Rache, anstatt an Plato, an dem armen
Amor nehmen, der eine so unfreundliche Behandlung am Ende doch weder an dir,
schöne Lais, noch (wie ich hoffen will) an irgend einem von uns andern
verschuldet hat.
    Lais. Wie, Euphranor? Wenn nun auch wir für unsre Person uns nicht über ihn
zu beklagen hätten, sollen wir so selbstsüchtig sein, ihm alles tragische Unheil
und Elend zu verzeihen, das er seit dem Trojanischen Kriege, und lange vorher,
da wir arme sterbliche Weiber noch so viel von den Nachstellungen und
Gewalttätigkeiten der Götter auszustehen hatten, im Himmel und auf Erden
angerichtet hat?
    Neokles. Dafür legen wir alles Gute, Schöne, Angenehme, Fröhliche, Komische
und Possierliche, wovon er ebenfalls von jeher der Urheber und Anstifter war, in
die andere Wagschale, so wird sie, wenn auch das Uebergewicht nicht auf dieser
Seite sein sollte, allem Unheil, das die schöne Lais so sehr zu Herzen nimmt,
wenigstens das Gegengewicht halten. Und rechnest du die vielen herrlichen
Tragödien für nichts, die wir noch nebenher damit gewonnen haben?
    Antipater. Auch ohne dies ist ja schon Platons Pausanias allen fernern
Beschwerden und Wehklagen über die Liebe durch die glückliche Entdeckung
zuvorgekommen, dass es, so wie zweierlei Aphroditen, auch zweierlei Amorn gebe.
Alles Tragische und Komische, was der Liebe nachgesagt werden kann, kommt auf
Rechnung des Eros Pandemos und seiner Mutter der Muse Polymnia; beide hat uns
Plato selbst schon preisgegeben, und das Böse, was sich von ihnen sagen lässt,
würde weder neu noch angenehm zu hören, noch von irgend einem Nutzen sein.
    Lais. Das käme auf eine Probe an, mein junger Freund. Von dir selbst mag was
du sagst immerhin gelten; denn in der Tat scheint dir weder der himmlische noch
der Allerwelts-Amor, noch irgend ein anderer wofern es ihrer noch mehrere gibt,
bisher weder eine Stunde von deinem Schlaf, noch eine Rose von deinen Wangen
gestohlen zu haben. - Antipater errötete, und schien ein wenig verlegen; ich
musste ihm also zu Hülfe kommen.
    Aristipp. Mich däucht, schöne Lais, du hast ein Wort gesprochen, das uns
über die Liebe auf einmal ins Klare und dich selbst ausser aller Gefahr setzt,
für undankbar gehalten zu werden, wenn du etwa Lust hättest, eine Schmachrede
auf sie zu halten.
    Lais. Diese Lust hat mir dein junger Landsmann schon vertrieben, Aristipp;
und ich bin ihm Dank dafür schuldig. Denn meine Schmachrede würde am Ende doch
schwerlich viel anders ausgefallen sein als Agatons Lobrede; und da hättest du
mir im Namen deines Sokrates eben denselben Vorwurf machen können, den er dem
Agaton macht; nämlich, dass wir beide, nach Art der Sophisten und Rhetorn,
gelobt und gescholten hätten, ohne uns zu bekümmern, wie viel oder wenig Wahres
an unsern Declamationen sei. - Aber, welches ist das glückliche Wort, das mir
unversehens entwischt ist, und, wie du sagst, so viel Licht über den
vielgestaltigen Stoff unsers Gespräches verbreitet?
    Aristipp. »Wenn es noch mehrere Amorn gibt,« sagtest du, und konntest damit
nichts anders sagen wollen, als dass es ihrer wirklich nicht nur viele, sondern
unzählige gibt, für welche man, wenn jemals die Erotik136 zu einer vollständigen
Wissenschaft erwachsen sollte, eben so viele besondere Namen erfinden müsste.
    Lais. Die gute Diotima käme also mit ihrem einzigen aus lauter
Widersprüchen, Negationen und blossen Tendenzen zusammengesetzten Dämon-Amor übel
zu kurz, - und das ist mir, die Wahrheit zu sagen, leid. Denn ich kann mich
nicht erwehren, diesem Amor, der so leer wie eine zusammengeschrumpfte Blase,
und so dünn wie eine verhungerte Cicade ist, wegen seiner allgemeinen Liebe zu
allem Schönen, seiner beständigen Unbeständigkeit, und hauptsächlich seines
unersättlichen Hungers wegen, gut zu sein, den, nachdem er alles was auf und
zwischen und in und über Erde und Himmel ist, verschlungen hat, nichts als das
Unendliche selbst ersättigen kann. Es ist etwas so sublim Ungeheures in dieser
Idee, dass man, in eben dem Augenblick, da man laut über sie auflachen möchte,
sich ich weiss nicht wie zurückgehalten und gezwungen fühlt, Respect vor ihr zu
haben.
    Aristipp. Da hast du schon wieder ein herrliches Wort gesagt, schöne Lais.
    Lais. Wundert dich das? Als ob es mir so selten begegnete, etwas zu sagen
das ich selbst nicht recht verstehe.
    Aristipp. Wenn in dem, was du sagtest, ein so tiefer Sinn liegt, als ich zu
glauben versucht bin, so ist Plato auf einmal gerechtfertiget, und wir haben ihn
durch die schmähliche Vermutung, dass er keinen festen Zweck bei dem
vollkommensten seiner Werke gehabt habe, grosses Unrecht getan. Alles in seinem
Symposion wäre dann sehr verständig und absichtlich zusammengeordnet; die Reden
des Phädrus, Pausanias, Eryximachus, Aristophanes und Agaton hätten dann, ausser
den bereits berührten Nebenzwecken, zur Absicht, die gemeinen Begriffe von der
Liebe, die bei den Griechen von Alters her im Schwange gehen, in verschiedenem
Lichte von verschiedenen Seiten aufzustellen und zu berichtigen, und die
gewöhnlichsten Erscheinungen und Wirkungen dieser Leidenschaft zu erklären; sie
selbst aber dienten dem Gespräch des Sokrates und der Diotima bloss als
heraushebende Schattenmassen, und der grosse Zweck des Symposions wäre, uns mit
der Teorie einer von aller gröbern Sinnlichkeit und Leidenschaft gereinigten
geistigen Liebe zu beschenken; einer Liebe, welche eben darum, weil sie bloss das
vollkommenste Schöne zum Gegenstand hat, durch nichts Geringeres als das ewige,
unwandelbare, unbegreifliche, unendliche Selbstständigschöne befriedigt werden
kann.
    Lais. Weisst du auch, dass ich dich wenn der leidige Tisch nicht zwischen uns
stände, für diese grossmütige Rechtfertigung meines Lieblingsschriftstellers
küssen möchte? Denn ich gestehe, dass ich es schmerzlich empfunden hätte, wenn
der hässliche Vorwurf der Zwecklosigkeit auf ihm sitzen geblieben wäre.
    Aristipp. Und doch darf ich mir noch nicht schmeicheln, die schöne
Belohnung, die du mir in Gedanken geben wolltest, schon verdient zu haben. Denn
wiewohl ich einen allerdings erheblichen Vorwurf von deinem Günstling abzulehnen
suchte, so kann ich dir doch nicht verbergen, dass mir das Mährchen von Porus und
Penia, und der Dämon-Eros, den die Bettelnymphe dem berauschten Gott hinter
einer Hecke des Göttergartens im Schlaf abgeschlichen haben soll, und sein
unersättlicher Heisshunger nach einem gestaltlosen Urschönen, das allentalben
und nirgend ist, ungeachtet der naiven Unbefangenheit, womit Diotima das alles
vorbringt, um keinen Splitter eines Strohhalms ehrwürdiger ist, als die
Androgynen des mutwilligen Aristophanes. Lieber wollte ich mir noch die
zweierlei Amorn des Pausanias gefallen lassen, wiewohl mich dünkt, dass der eine,
den er Pandemos zubenennt, unter dem Namen Potos (der seine Natur viel
deutlicher bezeichnet) schon bekannt genug ist, um eine neue Benamsung
überflüssig zu machen. Den eigentlichen Unterschied zwischen Eros und Potos
würde ich darein setzen: dass Potos alles Schöne bloss des Genusses wegen
begehrt, oder noch eigentlicher, dass die Schönheit einer Sache, von welcher er
sich einen den Sinnen schmeichelnden Genuss verspricht, für ihn nur ein stärkerer
Anreiz ist, sich in den Besitz derselben zu setzen: da hingegen Eros das Schöne
oder Schöngute (was im Grund einerlei ist) ohne einen Blick auf sich selbst,
bloss weil es schön ist, liebt, d.i. inniges Wohlgefallen daran hat, und daher im
blossen Anschauen desselben, ja sogar in dem blossen Gedanken dass es ist, schon
Nahrung genug findet, um ewig dabei ausdauern zu können; so wie die Götter ihre
Unsterblichkeit zu unterhalten keiner andern Speise als Ambrosia bedürfen. Was
uns Diotima von der Unersättlichkeit dieses Amors sagt, ist ein täuschendes
Spiel mit den abgezogenen und daher unbestimmten formlosen Begriffen des
Unendlichen, wobei die gute Seherin vergessen hat, dass ein abgezogener Begriff,
als eine leere Hülse, kein Gegenstand der Liebe, und das Schöne, eben darum,
weil es nur durch eine bestimmte Form schön ist, nicht unendlich sein kann.
Nicht wenig trägt auch zu dieser täuschenden Vorstellung bei, dass man gewohnt
ist, die Unbeständigkeit der Menschen im Lieben auf Rechnung der Liebe zu
setzen, da sie doch bloss eine natürliche Folge teils der Unbeständigkeit der
Dinge selbst, teils der organischen Einrichtung unsers Körpers ist; denn es ist
so sehr Natur der Liebe durch das Anschauen oder den reinen geistigen Genuss des
Schönen befriedigt zu werden, dass jeder einzelne schöne Gegenstand, wofern er
immer derselbe bliebe, und die Seele im reinen Genuss desselben nicht von aussen
her gestört würde, hinlänglich wäre, sie ewig fest zu halten und völlig zu
befriedigen.
    Euphranor. Wenn ich als Künstler meine Meinung von der Sache sagen darf -
    Lais. Das war es eben, warum ich dich in diesem Augenblick bitten wollte.
    Euphranor. So sage ich, dass ich keinen Begriff davon habe, wie ein Maler
oder Bildner es anfangen sollte, um den Platonischen Eros, den nichts als das
selbstständige Urschöne befriedigen kann, symbolisch darzustellen: den
Aristippischen hingegen getraue ich mir so gut zu malen, dass er keinen Zettel
aus dem Munde nötig haben soll, um für das, was er ist, erkannt zu werden. Ich
würde ihn, fürs erste, als einen schönen, ewig jugendlichen Genius schildern:
denn mit Platons Amor, der weder schön noch hässlich ist, mag ich als Maler
nichts zu schaffen haben; hingegen finde ich sehr schicklich, dass der Liebhaber
der Schönheit selbst schön sei. Nur würde ich ihn so darzustellen suchen, dass es
dem sinnigen Anschauer sogleich bemerklich würde, er empfange seinen schönsten
Glanz von dem geliebten Gegenstand, und verschönere sich selbst im Anschauen
desselben. Um dies, so weit die Schranken der Kunst es verstatten, bewirken zu
können, und zugleich anzudeuten, dass dieser Amor gleichsam vom blossen Anschauen
des Schönen lebe, und ohne alle Begierde sich völlig daran ersättige und darin
ruhe, würde ich ihm die himmlische Venus nicht in einer mit mancherlei
prächtigen und reizenden Gegenständen ausgeschmückten Gegend weder des Olympus
noch der Erde, sondern in einem den ganzen Raum ausfüllenden leeren und dunkeln
Gewölk erscheinen lassen; so dass alles Licht allein von der Göttin ausginge, und
den in ihrem Anschauen verlornen oder vielmehr sich selig fühlenden Genius
dergestalt anstrahlte und verklärte, dass seine Schönheit bloss ein Widerschein
der ihrigen zu sein schiene. Dies ist alles (freilich wenig genug) was ich von
der Idee, die jetzt vor meiner Seele schwebt, anzudeuten vermögend bin;
ausgesprochen kann sie nur durch die wirkliche Darstellung werden -
    Lais. Und du getrauest dich dessen, sagtest du? Ich werde dich beim Wort
nehmen, Euphranor!
    Euphranor. Und ich lasse mich dabei nehmen, wenn du mir dagegen dein Wort
gibst, dass die schönste Sterbliche, die ich kenne, das Modell meiner Venus
Urania sein soll.
    Lais. Alles was ich dir versprechen kann, ist, dass die Schuld nicht an mir
liegen soll, wenn dein Bild nicht zu Stande kommt. - Und so hätten wir denn
Hoffnung, durch die Tat bewiesen zu sehen, dass die Kunst sich mit Aristipps
Amor besser behelfen könne als mit dem Platonischen. Aber was die Realität
betrifft, möchten sie einander wohl wenig vorzuwerfen haben. Denn eine Liebe
ohne Begierde, eine Liebe die vom blossen Anschauen lebt, und der Gegenliebe rein
entbehren kann, möchte doch wohl in dieser untermondlichen Welt eben so gut ein
Hirngespenst sein, als die Liebe zu einem Urschönen, das weder in den Begriff
noch in die Sinne fällt.
    Praxagoras. Diesen Ausspruch, schöne Lais, erwartete ich billig von einem so
hellen und richtigen Blick, wie der deinige, und unfehlbar hängt auch Aristipp
nicht so fest an seinem idealischen Amor, dass er uns nicht ehrlich gestehen
sollte, dass mit solchen, auf die Schneide einer matematischen Linie getriebenen
Abstractionen weiter nichts gewonnen wird, als die Gewissheit, dass es gar keine
Liebe unter dem Monde gebe.
    Aristipp. Der Vorwurf des Praxagoras würde mich treffen, wofern ich sagte,
ich kenne einen Menschen, der ein schönes Weib, oder auch nur eine schöne
Bildsäule, einen schönen Wagen mit zwei milchweissen Tracischen Pferden, oder
irgend ein schönes Ding in der Welt, sein Lebenlang vor sich sehen könnte, ohne
jemals von der leisesten Begierde es zu besitzen angewandelt zu werden. Gewiss
gibt es schwerlich einen solchen Sterblichen. Aber darauf wird bei
Unterscheidung der Liebe von der Begier keine Rücksicht genommen; denn da ist es
bloss darum zu tun, jedem das Seinige zu geben, dem Eros was der Liebe, dem
Potos was der Begierde zukommt. Dass es etwas zwar nicht Unmögliches, aber gewiss
sehr Seltenes unter den Sterblichen ist, jenen ohne diesen zu sehen, geb' ich
nicht nur zu, sondern find' es der Natur sehr gemäss. Indessen ist doch eben so
wenig zu läugnen, dass es von jeher unter Blutsverwandten, unter Freunden, ja
sogar unter Liebenden in der engern Bedeutung des Worts, an Beispielen reiner
uneigennütziger Liebe, selbst an solchen, wo der Freund dem Freunde, der
Liebende dem Geliebten die grössten Opfer ohne alle Rücksicht auf eigenen
Vorteil oder Lohn zu bringen willig ist, nie gefehlt hat noch künftig fehlen
wird: und wer so weit gehen wollte, das innerliche Vergnügen, das von
dergleichen Gesinnungen und Handlungen unzertrennlich ist, für das geheime
eigennützige Triebrad derselben zu erklären, da es ihm doch ewig unmöglich wäre,
sein Vorgeben nach der Schärfe zu beweisen, würde mit ungleich besserm Fug zu
tadeln sein, als Plato, wenn er die Begriffe des Schönen, Wahren, Rechten u.s.f.
durch Abscheidung von allem Fremdartigen zum höchsten Grade der Feinheit zu
treiben sucht.
    Euphranor. Meine Kunstverwandten wussten bisher nur von Einem eigentlichen
grossen Amor, der Cyprischen Göttin Sohn, den sie gewöhnlich mit dem Bogen in der
Hand, und einem Köcher voll starkbekielter Pfeile auf dem Rücken, bilden; aber
dafür stehen uns der kleinen Amorinen, seiner jüngern Brüder, so viele zu
Diensten als wir gelegentlich nötig haben. Sollte nicht, nach diesem Beispiel
und einem Wink, den uns Aristipp bereits gegeben, zufolge, zur Erklärung aller
der unzähligen Abartungen, Widersprüche mit sich selbst, Verwandlungen,
Torheiten und losen Streiche, die man dem armen Amor zur Last legt, das
Bequemste sein, statt eines einzigen Eros Pandemos oder Potos (der, um sich zu
gleicher Zeit und an so vielen Orten in so mancherlei Gestalten zu zeigen, ein
grösserer Zauberer als der alte Proteus oder die Empuse unsrer Kinderwärterinnen
sein müsste), so viele kleine Liebesgötter anzunehmen, als es verschiedene Arten
und Abarten der Liebe gibt, so dass eigentlich jedermann seinen eigenen hätte,
und keiner von ihnen für die Narrheiten und Ausschweifungen eines andern
verantwortlich gemacht werden dürfte?
    Neokles. Der Einfall scheint mir glücklich; nur möchte ich ohne Massgabe
vorschlagen, den Eros nie mit seinem Stiefbruder Potos zu verwechseln, sondern
ihm (da er doch nicht ohne Gegenliebe ausdauern kann) bloss seinen
Zwillingsbruder Anteros zum Gespielen zu geben; die ganze Brut der Amorinen aber
nicht für Brüder des Potos, sondern für seine Kinder zu erklären, die er mit
den Nymphen Aphrosyne137, Aselgeia und andern ihres gleichen, zum Teil auch mit
der Bettlerin Penia, welche von besonders fruchtbarer Natur sein soll, in die
Welt gesetzt haben könnte.
    Praxagoras. Darf ich, ohne der Freiheit und Willkürlichkeit eines
symposischen Gesprächs zu nahe zu treten, meine Gedanken von dem unsrigen sagen;
so dünkt mich, Plato habe uns unvermerkt mit seinem Hang zum Symbolisiren und
Allegorisiren angesteckt, und so sei es auch uns ergangen wie ihm, dass nämlich
aus allen den schönen Sachen, die diesen Abend über die Liebe vorgebracht worden
sind, zuletzt doch kein Resultat erfolgt, und wir aus einander gehen werden,
ohne die wahre Auflösung des Problems gefunden zu haben. Wie, wenn mir erlaubt
würde, die Sache bei einem andern Ende anzufassen, und - da wir doch alle
wissen, dass die Liebe weder ein Gott noch ein Dämon, weder Uraniens, noch
Polymniens noch Peniens Sohn, sondern eine menschliche Leidenschaft und die
physische Wirkung gewisser Triebe und Neigungen unsrer aus Tier und Geist
sonderbar genug zusammengesetzten Natur ist - zu sehen, was es aus diesem
Gesichtspunkt für eine Bewandtnis mit ihr habe? - Was von ihr auf Rechnung des
sympatetischen Instincts der beiden Androgynischen Hälften zu setzen, was
hingegen bloss aus dem unsrer edlern Natur wesentlichen reinen Wohlgefallen am
materiellen, geistigen und sittlichen Schönen zu erklären sei; und endlich,
welche von den Symptomen und Wirkungen, die ihr zugeschrieben werden, auf die
Verantwortung andrer selbstsüchtiger Leidenschaften kommen, die sich öfters zu
ihr gesellen, und (wie z.B. der Ehrgeiz oder die Eifersucht) nicht nur ihre
eigene Energie verstärken, sondern sogar ihre Natur dergestalt überwältigen, dass
sie, aus der sanftesten, geschmeidigsten und humansten, die unbändigste und
grausamste aller Leidenschaften wird. Auf diesem Wege, däucht mich -
    Lais (ihm lächelnd ins Wort fallend). Würdest du uns, lieber Praxagoras,
unfehlbar zu einer sehr gründlichen und vollständigen Philosophie der Liebe
verhelfen; aber für ein kleines anspruchloses Symposion, wie dieses, möchte, wie
du selbst siehest, eine solche Operation fast zu ernstaft und metodisch
scheinen, zumal da die Nacht schon weit vorgerückt ist. Gefällt es euch, so will
ich unsre bisherige Unterhaltung mit einem Milesischen Mährchen schliessen,
welches ich unmittelbar aus der Quelle selbst, nämlich aus dem Mund einer der
mährenreichsten Ammen in Milet geschöpft habe, und woran ihr wenigstens - die
Kürze sehr preiswürdig finden werdet. Mich liess die Milesische Amme nicht so
leicht davon kommen.
    Es war einmal ein König und eine Königin, ich weiss nicht in welchem Lande,
weit von hier, die hatten eine Tochter, Psyche genannt, von so übermenschlicher
Schönheit, dass Aphrodite selbst eifersüchtig auf sie ward, und, um einer so
gefährlichen Rivalin je eher je lieber los zu werden, ihrem Sohn befahl, ihr mit
dem giftigsten seiner Pfeile irgend eine hoffnungslose Liebe in die Leber zu
schiessen, von welcher sie in kurzer Zeit zu einem so hagern blassgrünen Gespenst
abgezehrt würde, dass ihr die Eitelkeit, sich mit der Göttin der Schönheit
vergleichen zu lassen, wohl vergehen müsste. Amor schickte sich an, seiner Mutter
Befehl zu vollziehen; aber kaum hatte er einen Blick auf die schöne Psyche
geworfen, die er im Garten ihres Vaters an einer murmelnden Quelle
eingeschlummert fand, so verliebte er sich so heftig in sie, dass er von Stund an
beschloss sich auf ewig mit ihr zu verbinden. Weil er aber seine Leidenschaft vor
seiner Mutter auf alle Weise zu verbergen suchen musste, bewog er seinen Freund
und Spielgesellen, den Zephyr, durch vieles Bitten, sich seiner anzunehmen, und
(nachdem ihm dieser beim Styx zugeschworen hatte sich recht ehrbar aufzuführen)
die schlafende Psyche sanft aufzuheben, und auf einem gewissen Berg in einer
menschenleeren Wildnis am Ende der Welt, wo niemand sie suchen würde, eben so
sanft wieder niederzulegen. Psyche, die, während dies mit ihr vorging, immer
ruhig fortgeschlummert hatte, erwacht endlich und erstaunt nicht wenig, sich,
ohne zu wissen wie, an einem Ort zu finden, wo ihr alles was sie sieht, neu und
fremd ist. Mitten in einem unermesslichen Lustgarten, der schon dem ersten
Anblick alle Schönheiten der Natur in der reizendsten Vereinigung darstellt,
erblickt sie einen herrlichen Palast, dessen offne Pforten sie einladen,
hineinzugehen, wiewohl die tiefste Stille, die um und in demselben herrscht, sie
vermuten lässt, dass er ohne Bewohner sei. Amor ist ein so grosser Zauberer, dass
es ihn nur einen Wink gekostet hatte, diesen Palast aufzuführen, und mit allem
nur Ersinnlichen zu versehen, was zur Einrichtung und Ausschmückung einer eben
so bequemen als prachtvollen Wohnung gehört; und da er in eigner Person, wiewohl
unsichtbar, um seine junge Geliebte schwebte, vergass er nicht, eine Art von
Zauber auf sie zu legen, der die Schüchternheit vertrieb, von welcher sie
natürlicherweise befangen sein musste. Um ihr noch mehr Mut zu machen, rief ihr
eine liebliche Stimme aus der Luft herunter zu: sei getrost, schöne Psyche,
dieser Palast und alles was du siehest, ist dein; du bist hier unumschränkte
Gebieterin; unsichtbare Hände werden dich bedienen, deinen leisesten Wünschen
zuvorzukommen suchen, und jeden deiner Winke aufs schleunigste vollziehen. Durch
einen so schmeichelnden Zuruf beherzt gemacht, ging sie in den Palast hinein,
und geriet ganz ausser sich vor Erstaunen und Freude, indem sie in den
prächtigen Sälen und Zimmern umher irrte, in welchen alles von Silber und Gold
und kostbaren Steinen dermassen glänzte und funkelte, dass ihr die Augen davon
übergingen. Unvermerkt befand sie sich in einem runden, auf Säulen von Jaspis
ruhenden und mit grossen Blumengewinden behangenen Saal, wo so eben in einer mit
Elfenbein ausgelegten goldnen Kufe ein warmes Bad für sie zubereitet worden war.
Sogleich wurde sie von schwanenweichen unsichtbaren Händen ausgekleidet, ins Bad
gehoben, mit köstlichen Wassern begossen, mit Rosenöl eingerieben, abgetrocknet,
wieder angekleidet und aufgeschmückt, alles mit einer Leichtigkeit und
Zierlichkeit, dass sie von den Grazien selbst bedient zu sein glaubte. Als sie
aus dem Bade hervor ging, öffnete sich ihr ein Speisezimmer, wo ein wahres
Göttermahl auf sie wartete. Sie setzte sich, und ass von den köstlich
zubereiteten Speisen, die von den Unsichtbaren aufgesetzt und wieder abgetragen
wurden, während die lieblichste Musik, von gleich unsichtbaren Sängerinnen und
Saitenspielern aufgeführt, ihr Gemüt wechselsweise bald in eine fröhliche bald
wollüstig schmachtende und unbekannte Freuden ahnende Stimmung setzte. Endlich
da die Nacht hereingebrochen war, und ihre Augenlieder zu sinken begannen, wurde
sie von den Unsichtbaren in ein anderes Gemach geleitet, ausgekleidet und in das
weichste und prallste aller Betten gelegt, wozu jemals Schwanen ihren Flaum und
Kolchische Lämmer ihre Wolle hergegeben. Sie war eben im Begriff
einzuschlummern, als ein leises Getön die Furchtsame wieder aufschreckte; aber
in eben demselben Augenblick verlosch die Lampe, die von der Decke herab einen
dämmernden Schein über das Schlafzimmer verbreitet hatte, und bald darauf blieb
ihr keine Möglichkeit zu zweifeln, dass ein unbekanntes Wesen an ihrer Seite lag,
und durch die zartesten Liebkosungen ihr zugleich seine Zuneigung, wiewohl
stillschweigend, zu entdecken, und um ihre Gegengunst zu bitten schien. Wir
wissen ungefähr alle, wie viel Bescheidenheit und Zurückhaltung sich unter
solchen Umständen dem verwegensten aller Götter zutrauen lässt, und ob von der
zitternden, zwischen Grauen und Erwartung wie an einem Haare schwebenden Psyche
etwas anders als ein leidendes Verhalten zu erwarten war.
    Als sie des folgenden Tages gegen die Mittagsstunde aus den angenehmen
Träumen, die ihr Amor zur Gesellschaft zurückgelassen hatte, erwachte, fand sie
sich wieder allein, in einem Labyrint von Gedanken und Erinnerungen verloren,
aus welchem sie sich nicht zu helfen wusste. Endlich stand sie auf, die
Unsichtbaren stellten sich wieder ein, sie ins Bad zu führen, und alles was die
sorgfältigste Bedienung der Geliebten ihres Herrn erforderte, mit ihrer
gewöhnlichen Zierlichkeit und Gewandteit zu verrichten - kurz, der Tag ging
unter mancherlei abwechselnden Vergnügungen unvermerkt vorüber; die Nacht, die
ihm folgte, glich in allem der vorigen; und eben so war es mit einer Reihe
folgender Tage und Nächte. Die unsichtbaren Dienerinnen wussten den
Unterhaltungen, die sie ihr verschaften, immer den Reiz der Neuheit zu geben;
der unsichtbare Liebhaber wurde immer verliebter, und Psyche gewöhnte sich
unvermerkt an das Wunderbare ihres Zustandes so gut, dass sie ihn mit keinem
andern in der Welt vertauscht hätte. Und dennoch hatte sie kaum zehn Tage in
diesem glücklichen Zustande zugebracht, als sie zu fühlen begann, es fehle ihr
etwas, ohne welches sie nicht glücklich sein könne. Mit jedem Tage, mit jeder
Stunde wurde dies Gefühl schmerzlicher; es verbreitete Unruhe und
Unbehaglichkeit über ihr ganzes Wesen; die Unsichtbaren konnten ihr nichts mehr
recht machen; sie fand die artigsten kleinen Feste, die man ihr gab,
geschmacklos und langweilig, und es währte nicht lange, so verrieten übel
verhaltene Seufzer ihrem Gemahl selbst, sogar in den süssesten Augenblicken der
Zärtlichkeit, dass ihr etwas schwer auf dem Herzen liege. Er sah sich genötiget,
sein bisheriges Schweigen zu unterbrechen, und, da er sie einsmals ungewöhnlich
kalt und zurückhaltend fand, sagte er zu ihr: »Liebste Psyche, du bist
missmütig, und fühlst dich unglücklich. Ich kenne die Ursache deiner
Unzufriedenheit, denn ich lese in deiner Seele. Der Vorwitz zu wissen wer ich
bin, plagt dich; aber wenn du wüsstest, in welche Verlegenheit du mich durch die
unglückliche Wissbegierde setzest, und welche Schmerzen du mir, welches Elend du
dir selbst dadurch bereitest, du würdest sie mit Entsetzen und Abscheu aus
deinem Gemüte verbannen. Wisse also von dem Augenblick an, da du erfährst wer
ich bin, hast du mich auf immer verloren, dein bisheriges Glück ist dahin, und
Jammer und Leiden ohne Mass sind dein Loos, bis du dein unglückseliges Dasein in
Verzweiflung endigest. Glaube mir, liebe Psyche, und habe Mitleiden mit dir
selbst; denn wenn du mein Geheimnis entdeckt hast, so steht es nicht in meiner
Macht, wie gross sie auch ist, dich zu retten. Du kannst nicht zweifeln, dass ich
dich liebe; ich tue alles Mögliche dich glücklich zu machen; du würdest es
sein, wenn du dir genügen liessest, mich und alles was ich für dich tue ruhig zu
geniessen, ohne mehr wissen zu wollen als dir erlaubt ist; und vielleicht ist dir
noch ein viel herrlicheres Loos in der Zukunft aufbehalten, wenn du die Probe,
worauf ich deine Mässigung zu setzen genötigt bin, weislich bestehest. Also
nochmals, Geliebte, verbanne den Vorwitz mich genauer zu kennen, beruhige dich
im Genuss meiner Liebe, und erspare mir den endlosen Schmerz, dich elend zu
sehen, und dir nicht helfen zu können.« So sprach Amor mit einem leisen
traurigen Vorgefühl, dass sein Zureden fruchtlos sein würde. Die geschreckte
Psyche fuhr ihm in die Arme und gelobte ihm heilig, seiner Warnung immer
eingedenk zu sein. Aber kaum sah sie sich wieder allein, so kehrte das unruhige
Verlangen, sich durch ihre Augen nach der Beschaffenheit ihres Gemahls zu
erkundigen, mit dreifacher Stärke in ihren Busen zurück. Sie hatte sich ihn
bisher unter einer liebenswürdigen Gestalt vorgebildet; jetzt regten seine
eigenen Worte und die schrecklichen Drohungen, womit er sein Verbot begleitet
hatte, tausend Zweifel in ihrer Seele auf, und es war ihr unmöglich den Gedanken
los zu werden, dass er vielleicht in seiner wahren Gestalt ein hässlicher Zauberer
oder sonst ein missgeschaffner Unhold sei, der sie durch seine Unsichtbarkeit um
ihre Liebe betrüge. Kurz, die Unglückliche fasste den Entschluss, die Qualen
dieser Ungewissheit nicht länger zu ertragen, sondern noch in dieser Nacht zu
erfahren, wer der Unsichtbare sei, dem sie bisher die Vorrechte und die
Zuneigung, die einem Gemahl gebühren, so unbesonnen zugestanden; und sie hielt
sich selbst Wort. Um ihn desto sicherer zu machen, erwiederte sie in der
nächsten Nacht seine Liebkosungen mit heuchlerischer Innigkeit: aber kaum merkte
sie, dass er eingeschlafen war, so stand sie von seiner Seite auf, schlich sich
mit blossen Füssen in ein Vorzimmer, wo sie wusste, dass eine brennende Lampe stand,
kam mit der Lampe in der Hand zurück, näherte sich dem Bette, und erblickte -
den schlafenden Liebesgott in seiner ganzen ewig jugendlichen Schönheit. Mitten
in ihrer Entzückung bei diesem unverhofften Anblick überfällt sie die Angst dass
er erwachen möchte; ihre Hand zittert, die Lampe schwankt, ein Tropfen heisses
Oel fällt auf Amors schöne Brust; er erwacht, wirft einen schmerzlich zürnenden
Blick auf Psyche, und fliegt davon. Und hiermit, lieben Freunde, ist mein
Mährchen zu Ende. Der Milesischen Amme ihres fing hier erst recht an; aber was
weiter folgt, gehört nicht zu meinem Zweck138, und die Lehre aus meinem Mährchen
zu ziehen, überlasse ich einem jeden selbst.
    Mit diesen Worten erhob sie sich von ihren Polstern, und die ganze
Gesellschaft stand auf, sagte ihr viel Schönes über ihr Milesisches Mährchen,
und wünschte ihr gute Nacht.
    Als die übrigen alle sich entfernten, blieb ich noch allein bei ihr zurück,
um sie auf ihr Zimmer zu begleiten.
    Wir waren kaum angelangt, so wandte sie sich mit einer unbeschreiblich
reizenden Miene gegen mich, und sagte in einem leise spottenden Tone: du glaubst
also im Ernst, dass Liebe ohne Begierde möglich ist?
    Da ich sie sogleich erriet (was ich ohne Anspruch an eine grosse
Scharfsinnigkeit oder Divinationsgabe gesagt haben will), so antwortete ich
bescheiden aber zuversichtlich: allerdings, und desto gewisser, je schöner der
Gegenstand ist.
    Lais. Auch dann, wenn er unmittelbar vor uns steht?
    Ich. Auch dann.
    Lais. Auch wenn Zeit und Ort und alle übrigen Umstände sich vereinigen den
schlummernden Potos zu wecken?
    Ich. Allerdings.
    Lais (schalkhaft lächelnd). Wir reden, denk' ich, im Ernst, Aristipp? Der
arme Potos könnte freilich auch aus Erschöpfung schlummern!
    Ich. Es versteht sich, dass dies nicht der Fall sein darf.
    Lais schwieg, und fing an eine Nadel, womit ein Teil ihres in kleine Zöpfe
geflochtnen Haars zusammengesteckt war, heraus zu ziehen, die Perlenschnur um
ihren Hals abzunehmen, und sich, so sorglos unbefangen als ob sie allein wäre,
der Binde, die ihren Busen fesselte, zu entledigen; kehrte sich dann wieder zu
mir und sagte: ich glaube wirklich, Sokrates hätte die Probe unfehlbar
ausgehalten; meinst du nicht?
    O Lais, Lais, rief ich in einer unfreiwilligen Bewegung aus, welch ein
himmlischer Anblick würde dieser Busen einem einzigen Auserkornen sein, wenn er
die mütterliche Ruhestatt eines kleinen menschlichen Amorino wäre!
    Grillenhafter Mensch! sagte sie, indem sie mir einen leichten Schlag auf die
Schulter gab. Aber es ist Zeit zum Schlafengehen; gute Nacht, Aristipp! - und
mit diesem Wort entschlüpfte sie in ihr Schlafgemach und zog die Tür sanft
hinter sich nach. Ob sie auch den Riegel vorschob, weiss ich nicht; denn gleich
darauf hörte ich etliche von ihren Mädchen, die zu ihr hereinkamen, und begab
mich weg; unzufrieden mit mir selbst, dass es mir gleichwohl einige Anstrengung
kostete, mich von dieser allzu liebenswürdigen Sirene zu entfernen.
 
                                      34.
                            Antipater an Kleonidas.
Ich befinde mich seit Anfang des Munychions mit Aristipp und dem schönen
Kleophron, einem Schüler Platons und Geliebten seines Neffen Speusippus, zu
Aegina: Kleophron auf einem Landgute des Eurybates von Aten, Aristipp und ich
bei der berühmten Lais, deren prächtiger Landsitz dir ohne Zweifel noch wohl
erinnerlich sein wird. So klein diese Insel ist, so reich ist sie an
Merkwürdigkeiten. Unter andern habe ich bereits sieben, an den grossen
Panegyrischen Spielen Griechenlands gekrönte Atleten gesehen, von welchen
einer, dessen Rücken neunundachtzig Jahre nicht zu krümmen vermochten, sich
rühmen kann, dass sein Sieg noch von Pindar selbst besungen wurde. Das
Ausserordentlichste indessen, was Aegina dermalen besitzt, ist unläugbar die
Gebieterin des Hauses, worin ich als dein und Aristipps Freund aufgenommen bin,
und mit ausgezeichnetem Wohlwollen behandelt werde. Ihre Schönheit ist so weit
über alles, was man zu sehen gewohnt ist, erhoben, dass mir eine geraume Zeit
lang bei ihrem Anblick nicht anders zu Mute war, als mir (wie ich glaube) sein
müsste, wenn ich eine elfenbeinerne Liebesgöttin von Phidias oder Alkamenes wie
lebendig vor meinen Augen herumwandeln sähe. Ich betrachtete sie mit immer neuer
Bewunderung, ich hätte sie anbeten mögen; aber wie ein Mensch sich unterfangen
könne sie zu lieben, oder hoffen könne von ihr geliebt zu werden, war mir
unbegreiflich. Dieses seltsame Gefühl war vielleicht die Ursache, warum die
besondere Aufmerksamkeit und Herablassung, deren sie mich, nach den ersten acht
oder zehn Tagen zu würdigen schien, eine wunderliche Art von Scheu, oder wie
soll ich es nennen? bei mir erregte, die mir das Ansehen eines kalten
gefühllosen Menschen geben mochte, und um so auffallender sein musste, weil sie
in eben dem Verhältnis zunahm, wie Lais ihre Bemühung, mir Mut und Zutrauen
einzuflössen, verdoppelte. Da ich mir selbst lächerrlich gewesen wäre, wenn ich
mir auch nur im Traume mit der Liebe dieser Königin der Weiber hätte schmeicheln
wollen, so gebärdete ich mich nun desto seltsamer, je mehr ich zu fühlen anfing,
dass ich von so verführerischen Anlockungen nur zu leicht getäuscht und
unvermerkt in eine hoffnungslose Leidenschaft verstrickt werden könnte. Ich
unterliess nichts, was sie in der Meinung bestärken musste, dass der junge
Antipater von Cyrene der einzige Sterbliche sei, an welchem ihre Reize die
gewohnte Macht verlören. Ich glaubte zu meiner eigenen Sicherheit um so mehr
dazu genötiget zu sein, weil ich in ihrem immer gefälligern und einnehmendern
Betragen gegen mich nicht die mindeste Spur von Missvergnügen oder Unwillen
bemerken konnte: denn ich legte ihr dies als einen planmässigen Anschlag aus, der
mit dem Vorsatz verbunden sei, wenn sie ihre Absicht erreicht haben würde, mich
desto empfindlicher für meine Vermessenheit zu züchtigen.
    In dieser nicht sehr natürlichen, und, die Wahrheit zu sagen, peinvollen
Lage befand ich mich, als gegen Ende des Monats mein Freund Speusippus in einen
Sklaven verkleidet anlangte, um, seinem Vorgeben nach, den jungen Kleophron, den
Sohn seines Herrn, eilends nach Sicyon abzuholen. Aber der wahre Zweck seiner
Herüberkunft war, nachdem die nötigen Vorkehrungen getroffen worden, dass die
Sache allen andern, ausser Lais, Aristipp, mir und den vertrautern Hausgenossen,
ein Geheimnis bleiben musste, den schönen Kleophron spät in der Nacht nach einer
kleinen durch Gebüsche und Bäume verborgenen Wohnung abzuführen, die in einem
abgesonderten Teil des an die Gärten der Lais stossenden Lustwaldes liegt, und
wozu sie allein den Schlüssel hat. Hier ereignete sich ein paar Tage darauf ein
natürliches Wunder, wovon gleichwohl niemand von denen, die um die geheime
Entführung wussten, überrascht zu werden schien; der schöne Kleophron beschenkte
nämlich seinen Platonischen Liebhaber mit - einem wunderschönen Knäblein, dem zu
einem kleinen Amor nichts als die Flügel fehlten, und verwandelte sich selbst,
um die Rolle der Mutter mit desto besserm Anstand zu spielen, wieder in die
zärtliche Lastenia, eine von Lais erzogene junge Person, welche, vor geraumer
Zeit, von einer gleich heftigen Leidenschaft für Platons Philosophie und für
seinen Neffen nach Aten gezogen worden war, in männlicher Verkleidung die
Akademie besucht hatte, und dort für den Sohn eines Sicyonischen Bildhauers
galt. Lais, die sich mir bei dieser Gelegenheit von einer sehr liebenswürdigen
Seite zeigte, übernahm die Vorsorge für Mutter und Kind, und Speusipp kehrte,
eben so geheimnisvoll als er gekommen war, nach Aten zurück, um von Zeit zu
Zeit, bald in dieser bald in jener Gestalt wieder zu kommen, und im Genuss der
Vaterfreuden die Beschämung zu ersticken, der Lehre seines Oheims und Meisters
durch die Liebe zu - einem Mädchen ungetreu geworden zu sein.
    Diese Begebenheit hatte Folgen für mich, lieber Kleonidas, die ich dir nicht
verhehlen kann noch will. Die Schönheit des kleinen Speusippides, und die Scenen
des menschlichsten und süssesten aller natürlichen Gefühle, wovon ich mehr als
einmal Zeuge war, weckten das Verlangen, auch Vater eines so holdseligen
Geschöpfs zu werden, mit solcher Macht in mir auf, dass ich mich nicht entbrechen
konnte, mein Anliegen einer jungen Dirne zu entdecken, die ich öfters auf einem
an unsern Wald angelehnten Hügel, neben den Schafen die sie hütete, in
mädchenhafter Träumerei den Gesang der Waldvögel belauschen sah. Sie gehört dem
Eurybates, auf dessen Gute sie geboren ist, an, und schien mir von der Natur mit
besonderm Wohlgefallen zur Mutter eines kleines Hercules gebildet zu sein. - Es
war wirklich hohe Zeit dass ich sie fand: denn ich kann nicht sagen, wie lange
ich es noch gegen die Circe dieser Insel ausgehalten hätte, welcher, wenn sie
ihre ganze Zaubermacht gebrauchen will, ohne eine solche Gegenanstalt, in die
Länge schwerlich zu widerstehen ist. Ich vertraue dir hier etwas, das ich sogar
vor Aristipp verberge, wiewohl nur so lange als es vor Lais ein Geheimnis
bleiben muss. Du begreifst nun, dass ich unter diesen Umständen keiner
ausserordentlichen Weisheit noch Festigkeit des Willens nötig habe, um meine
Hippolytus-Rolle, während der kurzen Zeit, da wir noch zu Aegina verweilen
werden, glücklich fortzuspielen: aber ich will auch in Aristipps Augen, so wenig
als in den deinigen, kein grösserer Held scheinen als ich wirklich bin. Der
Allherrscherin Lais kann diese kleine Demütigung nicht schaden. Sie ist von
einer so grossen Menge von Sklaven und Anbetern aller Art umgeben, dass es für die
Ehre unsers Geschlechts allerdings nötig scheint, dass wenigstens Einer sie
fühlen lasse, es sei nicht unmöglich die Berührung ihres Zauberstabs
unverwandelt auszuhalten.
    So eben ist Eurybates auf etliche wenige Tage herüber gekommen. Da er mir
sehr gewogen ist, werde ich ihm mein kleines Abenteuer mit der ländlichen
Deianira vertrauen, und wegen der Folgen das Nötige mit ihm verabreden.
    Aristipp scheint an dem allzugrossen und täglich zunehmenden Gedränge von
Fremden, die unsre schöne Wirtin nach Aegina lockt, so wenig Gefallen zu haben,
dass er mit Eurybates nach Aten zurückzukehren entschlossen ist. Dass ich ihn
begleiten werde, versteht sich von selbst; ich habe die Freuden der Natur, der
Jugend, und des geselligen Lebens diesen Frühling über lange und rein genug
genossen, um mit freier Seele, und sogar mit einiger Ungeduld, zu meinen
gewohnten Beschäftigungen zurückzukehren.
 
                                      35.
                               Lais an Aristipp.
Veränderung ist die Seele des Lebens, lieber Aristipp. Ich habe mich
entschlossen, nach deinem Beispiel ein wenig in der Welt herumzuschwärmen, und
für den Anfang unter dem Geleit und Schutz eines mächtigen Tessalischen
Zauberers eine Lustreise durch die nördlichen Teile von Griechenland zu machen.
Mein Führer nennt sich Dioxippus, und könnte seiner Jugend und Schönheit wegen
vielleicht sogar einer trotzigern Tugend, als die meinige ist, gefährlich
scheinen, wenn mich nicht der Umstand beruhigte, dass er sein Geschlecht bis in
die Zeiten von Deukalion und Pyrrha zurückführt, und da er also ohne Zweifel
einen der menschgewordenen Steine, durch welche Tessalien nach der grossen Flut
wieder bevölkert wurde, zum Stammvater hat, wahrscheinlich noch genug von der
ursprünglichen Härte und Unempfindlichkeit desselben geerbt haben wird, um mir
mit keiner übermässigen Zärtlichkeit beschwerlich zu fallen. Uebrigens besitzt
er, wie man sagt, grosse Güter in der Gegend von Larissa, und es wäre nicht
unmöglich, dass es mir wohl genug dort gefiele, um mich zu einem längern
Aufentalt bei ihm zu entschliessen; wär' es auch nur, um zu sehen, was ich von
den berühmten Zauberkünstlerinnen dieses Landes in ihrem Fache etwa noch lernen
könnte.
    Mein Hauswesen zu Korint und Aegina ist bestellt. Eine von meinen
Korintischen Pflegetöchtern hat Euphranor von mir erschlichen; die stille
freundliche Chariklea schwatzte mir ein begüterter Landmann von Epidaurus ab,
der schon lang' ein Aug' auf sie geworfen hatte; die rüstige Melanto wird mein
Haus zu Korint regieren, und die kleine Eudora, die sich erklärt hat, dass nur
der Tod sie von mir trennen könne, begleitet mich nach Tessalien.
    Lebe indessen wohl, Aristipp, und sei versichert, wie unveränderlich auch
meine Liebe zur Veränderung sein mag, dass meine Freundschaft für dich noch
unveränderlicher ist, und dass Lais dich nicht eher vergessen wird, als bis sie
sich auf sich selbst nicht mehr besinnen kann.
 
                                      36.
                       Learchus von Korint an Aristipp.
Geschäfte, welche meine eigene Gegenwart forderten, lieber Aristipp, haben mich
nach Aegina geführt, wo ich dich noch anzutreffen hoffte, aber erfahren musste,
dass du schon seit einiger Zeit nach Aten zurückgekehrt seist. Unsre Freundin
Lais, bei welcher ich so viele Abende zubrachte als ich in meiner Gewalt
behielt, eilt beinahe zu sehr, die Beute, die sie unsern Erbfeinden abgenommen
hat, unter die gesammten Griechen wieder zu verteilen und in Umlauf zu setzen.
Man wird es gewohnt, sich unter ihren eigenen Bedingungen bei ihr wohl zu
befinden; aber man wird auch endlich ihrer Reizungen gewohnt, und da sie selbst
keinen Wert auf sie zu setzen scheint als insofern sie ihr zu Befriedigung
ihrer Eitelkeit dienlich sind, so läuft sie Gefahr, endlich auch den zu
verlieren, welchen andere darauf zu setzen bereit waren. So sprechen wenigstens
diejenigen von ihren Liebhabern, die mit dem, was sie unentgeltlich gibt, nicht
zufrieden sind; und das mögen leicht so viel als alle sein, die, seitdem sie zu
Aegina lebt, einen ziemlich glänzenden Hof um sie her gemacht haben. Ich meines
Orts bin ziemlich geneigt zu glauben, dass sie, bei allem Anschein von
Sorglosigkeit, ihren Stolz sehr gut mit ihrem Vorteil, so wie ihr Vergnügen mit
ihrem Stolz zu vereinigen, und die Augenblicke, wo das Glück ihr irgend einen
Fisch, der des Fangens wert ist, ins Garn treibt, mit aller möglichen
Gewandteit zu benutzen weiss. Wenigstens ist dies dermalen der Fall mit einem
der reichsten Tessalier, der vor kurzem in Aegina erschien, und in wenig Tagen
schon Mittel fand, alle seine Mitwerber weit zurück zu drängen. Wirklich hat mir
dieser Dioxippus (wie er sich nennt) die Miene, im Notfall alle seine Güter,
welche keinen unbeträchtlichen Teil der reichsten Gegenden Tessaliens
einnehmen, daran zu setzen, um die schönste und stolzeste Hetäre, welche
Griechenland je gesehen hat, auf seine Bedingungen zu haben. Ich zweifle nicht,
dass sie ihm den Sieg schwer genug machen wird; aber ich zweifle eben so wenig,
dass sie schon entschlossen ist sich besiegen zu lassen. Beide scheinen einander
bereits auf den Wink zu verstehen. Dioxippus hat ihr den Einfall eine Reise nach
Delphi, Larissa, Tempe u.s.f. zu machen, so fein beizubringen gewusst, dass sie
sich mit guter Art gegen ihn stellen konnte, als ob es ihr eigener Gedanke wäre.
Die Reise ist also beschlossen, und die Anstalten dazu werden mit der grössten
Lebhaftigkeit betrieben. Dioxippus wird sie begleiten, und schmeichelt sich (wie
er sich sehr bescheiden ausdrückt) sie werde ihm vielleicht die Gnade erweisen,
eines seiner Güter in diesen Gegenden mit ihrer Gegenwart zu beglückseligen. Die
getäuschten Raben sind indessen mit leeren Schnäbeln wieder aus einander
geflogen, und in drei oder vier Tagen wird die Göttin, mit einem zahlreichen
Gefolge von Nymphen, und, sobald sie zu Megara angelangt sein wird von einem
Schwarm Tessalischer Reiter umflogen, die Reise nach der heiligen Stadt Delphi
antreten.
    Ich will lieber gleich freiwillig gestehen, was ich dir doch nur halb
verbergen konnte - dass ich etwas ungehalten auf unsre männerbeherrschende Schöne
bin, wiewohl mein Aufentalt zu Aegina diesmal keine absichtliche Beziehung auf
sie hatte. Damit ich dir aber die Mühe erspare mich deswegen auszuschalten,
bekenne ich auch sogleich, dass mein Missmut ungerecht ist. Oder was für ein
Recht könnten wir (ich meine mich und meinesgleichen) haben, Ansprüche an sie zu
machen? Ist sie nicht Herr über ihre eigene Person? Und wenn ihr auch alle die
herrlichen und seltnen Gaben, womit die Natur sie ausgestattet, bloss zur
Mitteilung verliehen worden wären, wer ist berechtigt ihr vorzuschreiben, wen
und wann und in welchem Masse sie durch diese Mitteilung zu begünstigen schuldig
sei? Ist nicht das, was sie, durch Gestattung eines freien Zutritts zu ihr, für
das gesellschaftliche Leben tut, schon allein unsers grössten Dankes wert?
Macht sie nicht einen schönen, edeln und bis zum Übermass freigebigen Gebrauch
von den Reichtümern, die ihr das Glück, das eben so verschwenderisch gegen sie
war als die Natur, zugeworfen hat? Welche Vorteile zieht nicht Korint, das
durch sie gewissermassen zur Hauptstadt von Griechenland wird, bloss davon, dass
die schöne Lais es zu ihrem gewöhnlichsten Sitz erwählt hat? Und wie viel hat
sie nur allein dadurch, dass sie sich Malern und Bildnern mit so vieler
Gefälligkeit als Modell darstellt, zu Vervollkommnung der Kunst und zur
Verschönerung unsrer Tempel und Galerien beigetragen? - Du siehst, Aristipp, dass
meine selbstsüchtige üble Laune mich wenigstens nicht ungerecht und undankbar
gegen ihre mannichfaltigen Verdienste macht, und du wirst die Grossmut, womit
ich sie gegen mich selbst zu rechtfertigen suche, hoffentlich auch mir für ein
kleines Verdienst gelten lassen.
    Meine Verrichtungen führen mich von hier nach Salamin, von wo ich dir und
der Akademie einen fliegenden Besuch zu machen gedenke. Im Vorübergehen hoff'
ich auch den Sonderling Diogenes zu sehen, von welchem mir die hier anwesenden
Atener so viel Seltsames erzählt haben, dass ich grosse Lust hätte, ihn den
Korintiern als ein neues Wundertier aus Libyen zu zeigen, wenn ich ihn
überreden könnte mich zu begleiten. Lebe wohl!
 
                                      37.
                             Kleonidas an Aristipp.
Ich danke dir für die Mitteilung deines Antiplatonischen Symposions, worin du
ungefähr alles Gute und alles Böse, was sich von dem Meisterstück des Attischen
Philosophen sagen lässt, mit nicht geringerer Beobachtung des Schicklichen als er
selbst in Verteilung der Rollen bewiesen hat, der damaligen Tischgesellschaft
unserer Freundin in den Mund legst. Was du in deinem Brief an Eurybates
bescheidener Weise für einen Nachteil deines Gastmahls in Vergleichung mit dem
Platonischen ausgibst, dass es nämlich durchaus das Ansehen eines freien,
unvorbereiteten, kunst- und anspruchlosen Tischgespräches hat, scheint mir eher
ein Vorzug zu sein, auf welchen du, insofern die Kunst (wie ich nicht zweifle)
auch an dem deinigen Anteil hat, dir vielmehr etwas zu gute tun könntest.
Ausführliche metodische Behandlung und Erschöpfung des Stoffes der Unterredung
schickt sich auf keine Weise für ein Gespräch dieser Art; aber desto
lobenswürdiger ist es, wenn die redenden Personen, indem sie nur mit leichtem
Fuss über den Gegenstand hinzuglitschen scheinen, dennoch alles sagen, was den
Zuhörer auf den Grund der Sache blicken lässt, und in den Stand setzt, sich jede
Frage, die noch zu tun sein könnte, selbst zu beantworten.
    Das Mährchen von Amor und Psyche, womit Lais die Unterredung so sinnig und
anmutig schliesst, ist eines von den wenigen, wo die dichterische Darstellung
mit der malerischen in Einem Punkte zusammentrifft, und beide Künste, so zu
sagen, herausgefordert werden, welche die andere zu Boden ringen könne. Ich habe
der Versuchung nicht widerstehen wollen, die zwei auf einander folgenden
Augenblicke, von welchen dies vorzüglich gilt, in den zwei Gemälden
darzustellen, die du zugleich mit diesem Brief erhalten wirst. Ich habe ihnen
noch zwei andere beigelegt, wovon die Scene in meinem eigenen Hause liegt, und
die, wie ich gewiss bin, eben dadurch desto mehr Anmutendes für dich haben
werden. Jene kannst du, deines Gefallens, entweder für deine kleine Galerie
behalten, oder an Learchen abgeben, der (wie ich höre) etwas von mir zu haben
wünschet.
    In dem kleinen Familienstück ist die Figur, die mich selbst vorstellt, von
der Hand meiner Schwester Kleone. Das Mädchen zeigte, nachdem sie einige Zeit in
meinem Hause gelebt hatte, so viele Lust und Anlage zu meiner Lieblingskunst,
dass ich nicht umhin konnte ihr einige Anleitung zu geben. Sie hat bereits
ziemliche Fortschritte gemacht, und ist, wie du siehest, auf gutem Wege, ihrem
Lehrmeister gerade darin, worin er sich etwas geleistet zu haben schmeichelt,
den Rang abzugewinnen. Sie war eben in Musarions Kinderstube mit einer kleinen
Arbeit beschäftigt, als mich der Zufall mit dem süssen Anblick begünstigte, den
ich in diesem Gemälde, wenigstens so lange die Farben aushalten, zu verewigen
gesucht habe. Als ich mit der Mutter und den Kindern fertig war, fand die kleine
Hexe Gelegenheit sich in mein Arbeitszimmer zu schleichen, und, während ich auf
ein paar Tage abwesend war, mich selbst der holdseligen Gruppe als einen sehr
warmen Anteil nehmenden Zuschauer beizufügen. Aber der Kreter kam an einen
Aegineten139, wie das Sprüchwort sagt. Ich überschlich sie dafür wieder, da sie
in einer Laube unsers Gartens, allein zu sein meinend, ein Bild, woran sie eben
gearbeitet hatte, mit einem Ausdruck, den ich nicht beschreiben kann, den ich
aber mit dem Pinsel zu erhaschen suchte, betrachtete. Sie weiss nichts von dem
kleinen Streiche, den ich ihr gespielt habe. Ich gestehe dir meine Schwachheit,
Aristipp; ich liebe das Mädchen so sehr, dass ich nicht ruhig bin, bis alle meine
Freunde wissen, wie liebenswürdig sie ist.
 
                                      38.
                             Aristipp an Learchus.
Antipater kann dir's noch nicht vergessen, dass du ihm seinen Freund Diogenes
entführt hast. Er besorgt, die Korinter möchten noch leichtfertiger sein als
die Atener, und das Schätzbare dieses genialischen Sonderlings vor dem
Lächerlichen nicht gewahr werden. Ich hätte sagen sollen er wünscht es heimlich,
weil er hofft, ihn desto eher nach Aten zurückkehren zu sehen. Ich glaube das
Gegenteil. Die Einwohner grosser Handelsplätze wie Korint, sind so sehr
gewohnt, Menschen von allen möglichen Gesichtern, Gestalten und Farben,
Trachten, Sitten, Sprachen und Mundarten um sich zu sehen, dass auch der
übertriebenste Sonderling ihnen weniger auffallen muss als den Atenern, die
alles, was nicht Attisch ist, schon aus diesem Grund allein lächerrlich und
verächtlich finden.
    Du bezeugtest, als du vor einiger Zeit die Gemälde meiner kleinen Halle
besahst, grosses Verlangen ein paar Stücke von meinem Freunde Kleonidas (dem
Maler des sterbenden Sokrates) um jeden Preis, den er darauf setzen wollte, zu
besitzen. Ich übersende dir hier zwei, die ich so eben von ihm erhalten habe,
und lege ihnen, zu besserm Verständnis ihres Sinnes, die Abschrift eines
Milesischen Mährchens bei, welches die schöne Lais verwichnen Frühling einer
kleinen bei ihr versammelten Gesellschaft, aus Gelegenheit eines Gesprächs über
die Liebe, zu erzählen die Gefälligkeit hatte. Wenn du es gelesen hast, wirst
du, in dem einen dieser Bilder, die von der Furie des Vorwitzes von der Seite
ihres noch unbekannten Gemahls weggerissene Psyche - in dem Augenblick, da sie
über ihn hergebückt den Gott der Liebe in ihm entdeckt, und vor Entzücken und
Schrecken zitternd einen Oeltropfen aus der Lampe in ihrer Hand auf seinen Busen
fallen lässt - so wahr und schön dargestellt finden, dass ihm nur das Seitenstück
dazu - wo Amor, einen zugleich mitleidigen und zürnenden Blick auf die bestürzte
und die Arme vergebens nach ihm ausstreckende Psyche werfend, davon fliegt - an
Schönheit und Stärke der Wirkung zu vergleichen ist. Wenn diese Bilder dir nur
halb so wohl gefallen wie mir (sonst hat sie noch niemand hier gesehen), so sind
sie um jeden mässigen Preis, den du selbst bestimmen willst, dein. Uebrigens
gesteh' ich dir unverhohlen, dass ich mich so leicht nicht von ihnen trennen
könnte, wenn ich nicht noch zwei andere Stücke erhalten hätte, die als
Kunstwerke jenen nicht nachstehen, aber noch ausserdem einen Wert für mich
haben, den sie für keinen andern haben können. Das eine stellt meinen Kleonidas
in einem schönen Augenblicke seines häuslichen Glückes vor; das andere ist das
Bildnis seiner Schwester, eines lieblichen talentvollen Mädchens von siebzehn
Jahren. Sie sitzt unter einer Rosenlaube, mit einer Tafel auf den Knieen, worauf
sie das Bild einer Person, an welcher sie warmen Anteil nimmt (vermutlich
ihres Bruders) zu zeichnen begriffen ist; wiewohl es eben so wohl eine geliebte
Freundin sein könnte; denn was es vorstellen soll, ist nur angedeutet als ob es
in einem Nebel zerfliesse. Ich habe nie etwas so sanft Anziehendes gesehen als
dieses Mädchen; es ist eben so schwer die Augen wieder von ihr abzuwenden, als
nicht zu wünschen, dass man derjenige sein möchte, dessen Züge sie nach einem
ihrer Seele vorschwebenden Bilde mit Liebe zu copiren scheint.
    Wenn du Nachrichten von unsrer wandernden Freundin hast, so wirst du mich
durch ihre Mitteilung verbinden. Ich müsste mich sehr irren, wenn sie es bei
ihrem Tessalischen Zauberer so lange ausdauerte, als bei dem fürstlichen
Perser, der so grosse Vorzüge in sich vereinigte, und sie doch nicht länger als
zwei Jahre fest halten konnte. Ihr andern edeln Söhne von Korint werdet ja auch
noch an den Reihen kommen; wenigstens hat sie euch lange genug umsonst dienen
lassen, oder doch nur mit Phasianischen Hühnern und Kopaischen Aalen140
abgespeist, woran ihr ohnehin keinen Mangel habt.
                                      39.
                             Learchus an Aristipp.
Die Gemälde sind glücklich angelangt, und bereits in meinem grossen Sahl mitten
unter den Werken der berühmtesten Meister aufgestellt. Ich danke dir sehr,
lieber Aristipp, dass du mir vor andern Liebhabern den Vorzug hast geben wollen;
und auch das ist mir lieb, dass die Atener diese Juwelen der Kunst nur bei mir
zu sehen bekommen können. Ich übermache dir eine in Cyrene zahlbare Anweisung
auf dreitausend Drachmen; wär' ich ein König, so sollten's dreissigtausend sein,
und ich würde diese Bilder doch noch lange nicht nach ihrem wahren Wert bezahlt
zu haben glauben. Unsre reichsten Kunstsammler erkundigen sich, nicht ohne Neid,
nach dem Meister und dem Preise: ich sage ihnen, dass der Meister nicht genannt
sein wolle, und nicht auf den Kauf arbeite. Euphranor, der die Kunst zu sehr
liebt, um einer andern Eifersucht als der edeln, schon von dem alten Hesiodus
angerühmten141, fähig zu sein, findet, dass an beiden Stücken vieles höchlich zu
loben, und wenig oder nichts zu tadeln sei; denn über das, was allenfalls
getadelt werden könnte, lasse sich, sagt' er, noch lange streiten. So tadelte
z.B. Jemand, dass von dem Entzücken über den unverhofften Anblick des
Liebesgottes und der Angst vor seinem Erwachen, wovon das Mährchen spricht, nur
das erste in Psychens Gesicht ausgedrückt sei; aber Euphranor behauptet, es wäre
unmöglich gewesen beides in eben demselben Augenblick ohne Verzerrung
auszudrücken, und der Maler sei der Natur und dem Gesetz der Kunst gefolgt,
indem er jenen Ausdruck vorgezogen habe; zumal da das Zittern der Hand, wovon
der fallende Oeltropfen die Folge war, eben so gut von einer frohen
Ueberraschung als einer Anwandelung von Furcht habe bewirkt werden können. Mehr
zu verlangen, sagte er, wäre eben so viel als wenn man fordern wollte, der Maler
hätte ihre Hand zittern lassen sollen. Vorzüglich bewundert Euphranor an dem
zweiten Stücke den Gedanken, das Ganze bloss von dem Aufflackern der Lampe, die
der Psyche (indem sie die Arme nach dem fliehenden Amor ausstreckt) aus der Hand
fiel, und eben verlöschen wird, von unten auf beleuchtet werden zu lassen,
welches eine eben so neue und auffallende Wirkung tut, als es schwer
auszuführen war. Er hat nicht von mir abgelassen, bis ich ihm erlaubt habe, von
beiden Gemälden eine Kopei in eingebrannten Wachsfarben zu machen; einer noch
nicht lang' erfundenen Kunst, worin er es bereits zu einer grossen Nettigkeit der
Ausführung gebracht hat.
    Lais (die mir vor ihrer Abreise die Oberaufsicht über ihre häuslichen
Angelegenheiten auftrug) meldet mir von Larissa aus, wo sie den Winter sehr
angenehm zugebracht zu haben versichert, dass sie im Begriff sei, nach Farsalia
abzugehen, und sich in diesem dichterischen Lande, der Scene so vieler alter
Wundersagen und heroischen Abenteuer, dem Lande wo Deukalion und Pyrrha das
Menschengeschlecht wieder herstellten, und Apollo die Herden des Admet hütete,
so wohl gefalle, dass sie noch nicht ans Wiederkehren denken könne. Sie scheint
sehr wohl mit den edeln Tessaliern, aber desto schlechter mit dem weiblichen
Teile der Nation zufrieden zu sein; sie findet die Weiber dieses Landes weder
schön noch geistreich und gebildet genug, um ihre ausschliesslichen Ansprüche an
die Zauberkunst der Liebe behaupten zu können. Das Wahre ist, dass eine so
gefährliche Fremde wie Lais, die in keiner andern Absicht gekommen scheint, als
ihnen die reichsten und freigebigsten Männer des Landes vor ihren Augen
wegzuangeln, eine allgemeine Empörung der Weiber gegen sich erregt, deren Folgen
zu entgehen sie diesen Sommer unter dem Schutze des mächtigen Dioxippus auf
einem seiner Güter in der Gegend von Pharsalia zuzubringen gedenkt. Ich zweifle
nicht dass dies das rechte Mittel ist, sie vor Anfang des Winters wieder in
Korint zu haben. Ich wünsch' es, bloss weil ich sehen möchte was sie mit meinem
verrückten Sokrates anfangen wird, und ob sie sich des Versuchs wird entalten
können, auch ihn vor oder hinter ihren Siegeswagen spannen zu wollen. Dein
Antipater wird sich in seiner Meinung von den Korintern betrogen finden.
Diogenes lebt hier noch freier und ungeneckter als zu Aten, und es gefällt ihm
so wohl bei uns, dass er von der allgemeinen Einladung, die er von einigen unsrer
besten Häuser erhalten hat, schon zwei oder dreimal Gebrauch gemacht, und wenn
ihm die Laune dazu ankam, von freien Stücken bei grossen Gastmählern erschienen
ist; wo er zwar von seiner gewöhnlichen Diät so wenig als möglich abweicht, aber
durch die Gewandteit seines Witzes, die Freiheit seiner Zunge, und die
seltsamen Einfälle, wovon er einen unerschöpflichen Vorrat zu haben scheint,
sich so angenehm macht, dass seine Erscheinung eine desto lebhaftere Freude unter
den Gästen verursacht, je karger er mit dieser Gefälligkeit ist. Denn so weit
hab' ich selbst (wiewohl er mich mehr als andere begünstigt) es nicht bei ihm
bringen können, dass ich meine Freunde auf ihn zu Gaste bitten dürfte. Antipater
wird hieraus ersehen, dass er sich so bald keine Hoffnung zu einer Schwimmpartie
nach Psyttalia mit unserm neuen Schutzverwandten zu machen hat, und dass er
selbst zu uns wird herüber schwimmen müssen, wenn er sehen will, wie gut die
Istmische Luft seinem Freunde zuschlägt.
 
                                      40.
                             Aristipp an Kleonidas.
Wenn deine Absicht war, mich mit den Gemälden, die ich durch den Schiffer
Xantus erhielt, wie mit unwiderstehlichen Zauberketten nach Cyrene zurück zu
ziehen, so schwör' ich dir zu, dass du sie völlig erreicht hast. Sie haben die
Erinnerungen an dich und deine Musarion so lebendig in mir aufgefrischt, dass
alle meine andern Gedanken vor ihnen verlöschen, und alles, was ich um mich her
sehe, mir schal und ungeniessbar wird. Oft möcht' ich auf deine Kunst zürnen, dass
die Zaubrerin, die dem blossen gefärbten Schatten so viel Lebenähnliches geben
konnte, ihnen nicht auch das, was zum Leben noch fehlt, zu geben vermochte; dass
ich die Rede, die auf den Lippen deines Bildes zu schweben scheint, nicht mit
meinen Ohren höre, und der Freund, den ich an meine Brust drücken will, ein
blosses Blendwerk ist. Unwillig reiss' ich mich dann von diesen Bildern los, bei
denen ich oft Stunden lang verweile, und kehre doch immer wieder zurück, als ob
ich hoffte sie nun lebendiger zu finden. Kurz, lieber Kleonidas, dein Geschenk
hat meine Weisheit aus dem Gleichgewicht, worauf ich sonst immer ein wenig gross
zu tun pflegte, herausgehoben, und ich sehe wohl, mir ist nicht anders zu
helfen, als dass ich meine hiesigen Geschäfte so schleunig als möglich zu Ende
bringe, ein eigenes Jachtschiff miete, und mit dem ersten besten Nordwestwind
nach dem Lande zurückfliege, das meine Liebe zu euch, weit mehr als das Ungefähr
der Geburt, zu meinem wahren Vaterlande macht.
    Das holde Familienbild und die liebliche junge Malerin haben mich zwar nicht
blind gegen die Reize deiner Psyche gemacht, aber doch so viel bewirkt, dass ich
mich zu Gunsten meines Korintischen Freundes Learchus leichter von ihr trennen
konnte, der sie zu besitzen verdient, und ganz glücklich dadurch ist. Die
dreitausend Drachmen, die du gegen seine Anweisung ausgezahlt erhalten wirst,
sind der Preis, den er selbst dafür bestimmt hat. Da er die Bilder als Geschenk
nie angenommen haben würde, so hielt ich für das schicklichste, ihm die
Schätzung derselben anheimzustellen: und ich finde dass er sich, ohne zu viel zu
tun, auf eine edle Art aus der Sache gezogen hat. Er hat wirklich Sinn für
ächte Kunst; und überdiess schmeichelt es seinem Stolze, dass er (Lais allein
ausgenommen) der einzige in Griechenland ist, der etwas von deiner Hand
aufweisen kann.
    Dass mir die beiden Stücke, die ich für mich behalte, zu heilig sind um in
meiner Galerie aufgestellt zu werden, trauest du mir zu ohne dass ich es sage.
Antipater ist der einzige, der das Familienbild gesehen hat; aber ihm auch die
Malerin sehen zu lassen, kann ich nicht über mich gewinnen. Sie steht in meinem
Schlafzimmer, in einem Schranke verborgen, der, seitdem er dieses Kleinod
verwahrt, täglich so oft aufgeschlossen wird, dass du über meine Kinderei lachen
würdest, wenn ich dir sagte wie oft. Mich dünkt die Kunst hat noch nichts
Vollendeter's hervorgebracht als dieses kleine Bild. Vollendet - ja, das ist es
- aber ich habe dir doch nicht das rechte Wort gesagt; nichts Anziehender's,
wollt' ich sagen - was hielt mich zurück? - Ist mein Vorwitz zu wissen, wer der
Glückliche ist, mit dessen Zügen die liebenswürdige Kleone sich so teilnehmend
beschäftigt, unbescheiden, so lass dein Stillschweigen meine Strafe sein.
    Ich lege diesem Brief eine Abschrift dessen bei, den ich von Learchen über
die Gemälde erhalten habe; vornehmlich, weil er uns Nachricht von unsrer
reisenden Circe gibt, die den Tessalischen Zaubrerinnen zeigt, dass sie in ihrer
eigenen Kunst, gegen eine Meisterin wie sie, nur Pfuscherinnen sind.
 
                                      41.
                             Kleonidas an Aristipp.
Wenn unsre Freunde oder Verwandten in einem lebenssatten Alter ohne Reue, indem
sie ins Vergangene, ohne Kummer, wenn sie vorwärts blicken, die Welt verlassen,
so sollte der Gedanke, dass wir nie hoffen konnten sie von dem allgemeinen Loose
der Menschheit ausgenommen zu sehen, billig zu unsrer Beruhigung hinreichend
sein.
    Nach dieser kleinen Vorrede, lieber Aristipp, wirst du, wie ich hoffe, die
Nachricht, dass dein achtzigjähriger Oheim zu leben aufgehört, und dich nebst
deinem Bruder zu einzigen Erben seines ansehnlichen Vermögens eingesetzt hat,
bloss als einen Ruf des Schicksals aufnehmen, dein Vorhaben, bald nach Cyrene
zurückzukehren, desto bälder auszuführen. Vermöge seines letzten Willens ist dir
sein schönes Haus in der Stadt und sein nur wenige Stadien von derselben
entferntes Landgut zum voraus vermacht: und dein Bruder, der dich zu gut kennt,
um deine Weigerung nicht voraus zu sehen, lässt dir wissen, dass er euerm Oheim
sehr ernstlich angelegen habe, dir die ganze Erbschaft zu hinterlassen, und dass
er also um so fester über dem Buchstaben des Testaments halten werde, da er
durch das grosse Vermögen seiner Frau ohnehin reicher sei, als es einem Bürger
eines kleinen Freistaats zustehe.
    Nach dieser Erklärung, die dein Bruder bereits öffentlich getan hat, würde
es dir als eine blosse Ziererei aufgenommen werden, wenn du dich nicht mit guter
Art fügen wolltest; zumal da ganz Cyrene das Benehmen deines Bruders höchlich
billiget, und sich darauf freut, dich künftig auf immer bei uns festgehalten zu
sehen.
    Das Gut wirft wegen seiner Nähe an der Stadt jährlich über zwei Talente ab,
das Haus ist eines der besten in Cyrene, und, wie mir dein Bruder sagt, so
kommen von dem übrigen Nachlass wenigstens vierzig Talente auf deinen Anteil. Du
wirst also auf einen hübschen Fuss in deiner Vaterstadt leben, und (was mir
vorzüglich Freude macht) uns deine Sokratische Philosophie und deinen eigenen
Geist unentgeltlich zum Besten geben können. Das Glück tut äusserst selten so
viel für Männer deines Schlages; du bist weise genug, dass du es entbehren
konntest; aber Sokrates selbst hätt' es schwerlich von sich gestossen, wenn es
ihm so ungesucht in die Arme gelaufen wäre.
    Musarion ist beinahe ein wenig ausgelassen vor Freude, und wirkt und webt
und stickt mit ihren Mägden über Hals und Kopf, um ihre kleinen Amorinen auf
deine Ankunft recht herauszuputzen. Auch Kleone nimmt ihren Anteil an unserm
Vergnügen, und scheint kaum der persönlichen Bekanntschaft zu bedürfen, um eine
so gute Meinung von dir zu hegen, als einem viel eitleren Mann als du bist
genügen könnte. In der Tat kennt sie dich, da sie alle deine Briefe an mich
gelesen und wieder gelesen hat, bereits so gut, dass ihre Phantasie nur sehr
wenig von der kleinen Parteilichkeit, für dich zu verantworten hat, deren sie
zuweilen im Scherz von Musarion und mir beschuldiget wird.
    Deine Neugier, ob das Bildnis, woran sie in dem Gemälde zu arbeiten scheint,
einen Freund oder eine Freundin vorstelle, hätte mich beinahe vergessen gemacht,
dass Kleone nicht weiss dass ich sie gemalt habe, geschweige dass du im Besitz
dieses Bildes bist. Du siehest leicht, dass beides ein Geheimnis vor ihr bleiben
muss, wenn sie in ihrer ganzen holden Unbefangenheit vor dir erscheinen soll.
Uebrigens muss ich dir sagen, dass die nachdenkliche und teilnehmende Miene, die
dir an ihrem Bilde aufgefallen zu sein scheint, der gewöhnliche Ausdruck ihres
Gesichtes ist, und eigentlich nichts weiter sagt, als dass sie sich immer in
einem Zustande von Besonnenheit und reiner Zusammenstimmung mit der ganzen Natur
befindet. Sie ist immer in sich selbst ruhend, aber immer bereit sich mit andern
zu freuen oder zu betrüben. Ich kann mich nicht erinnern, sie jemals weder
gleichgültig noch in Leidenschaft gesehen zu haben. Sie ist nichts weniger als
zurückhaltend, und ich bin ihres Zutrauens zu mir so gewiss, dass ich es für
unmöglich halte, dass sie irgend eine Neigung in ihrem Herzen nähren sollte, die
sie vor mir oder Musarion verheimlichen müsste. Auf alle Fälle rate ich dir
indessen auf deiner Hut zu sein. Denn wenn du sie in einem spangenhohen Bilde
schon so anziehend findest, was wird es erst sein, wenn du sie selbst in
Lebensgrösse siehest, und die Musik der Peito hörest die auf ihren Lippen sitzt?
    Dein edler Bruder, dem es an Zeit fehlt, dir selbst zu schreiben, ersucht
mich dir zu melden, er habe alle Verfügungen getroffen, dass du bei deiner
Ankunft, wenn sie auch so bald erfolgt als wir wünschen, deine beiden Häuser zu
deinem Empfang bereit und ausgeschmückt finden werdest.
 
                                      42.
                             Antipater an Diogenes.
Anstatt Aristippen mit diesem Briefe an dich zu belästigen, würde ich ihn selbst
nach Korint begleitet haben, wenn meine rhetorischen Uebungen bei Isokrates
mich nicht an die Minervenstadt fesselten.
    Du wirst aus seinem eignen Munde vernehmen, dass er bloss nach Korint
gekommen ist, um von seinem und deinem Freund Learchus Abschied zu nehmen, und
nach unsrer glücklichen Vaterstadt zurückzukehren, wohin ich mir nicht eher
erlauben werde ihm zu folgen, bis ich mir bewusst bin, die Ausbildung unter den
Griechen erhalten zu haben, die mich am geschicktesten machen kann, meinen
Mitbürgern einst in öffentlichen Geschäften nützlich zu sein. Diejenige Gattung
von Beredsamkeit, worin Isokrates alle seine Mitwerber hinter sich lässt, die
Kunst das Vertrauen und die Beistimmung der Zuhörenden mehr durch klare, leicht
fassliche und zierliche Entwicklung der Sache zu gewinnen, als ihrer
Einbildungskraft durch ein magisches Farbenspiel und eine künstlich
verfälschende Beleuchtung nachzustellen, oder die Gemüter durch einen Strom von
Bildern, Redefiguren und leidenschaftlichen Ergiessungen mit sich fortzureissen -
- ich sage, diese Gattung von Beredsamkeit, der es mehr um Wahrheit als Schein,
mehr um Ueberredung als Ueberwältigung, aber weniger um Ueberredung als
Ueberzeugung des Zuhörers zu tun ist, scheint für Republiken wie Cyrene ganz
eigentlich gemacht, aber auch ein unnachlässliches Erfordernis zu einem
Staatsmann in solchen Republiken zu sein. In dieser Rücksicht ist vielleicht
Isokrates selbst noch zu Attisch; ich meine damit, er lässt sich von der
angebornen Redseligkeit der Atener und ihrem leidenschaftlichen Hang zum
Schönsprechen, natürlicherweise also von der Begierde auf diesem Wege zu
gefallen, und seine Mitbürger durch schöne Bilder, zierliche Gegensätze,
ausgesuchte Worte, und künstlich gedrechselte, dem Ohr schmeichelnde Perioden zu
bezaubern, vielleicht mehr beherrschen als er sollte. Wenigstens möcht' ich ihn,
wie viel auch in der Kunst von ihm zu lernen ist, nicht ohne Einschränkung zu
meinem Muster nehmen, wenn ich einst in Cyrene öffentlich zu reden haben werde.
Aristipp hat mich daher aufgemuntert, auch Platons Schule fleissiger zu besuchen
als ich bisher getan habe. Er ist der Meinung, Platons Unterricht über
Gesetzgebung und Staatsverwaltung - wiewohl er auch in diesem Fach alles auf
idealische Vollkommenheit hinaufschraubt, könnte mir doch einen zwiefachen
Nutzen schaffen: einmal, insofern es gut und sogar nötig ist, das Höchste,
wornach man streben soll, wenn man es gleich nie erreichen wird, wenigstens zu
kennen, damit man den festen Punkt immer im Auge habe, dem man sich unverwandt
zu nähern sucht; und dann, weil Aristipp die scharfen Begriffe und strengen
Grundsätze, an welche man sich bei Platon gewöhnt, für ein gutes Mittel hält,
sich vor den willkürlichen Ansichten und bloss auf Meinung und Vorteil des
Augenblicks gegründeten Vorstellungen, womit die Redner sich gewöhnlich
behelfen, zu verwahren, die Redekunst in ihre wahren Gränzen einzuschliessen, und
zu verhüten, dass sie nicht in leeres Wortgepräng oder hinterlistige Sophistik
ausarte. Ich finde dies alles so einleuchtend, dass ich entschlossen bin, meinen
gegen Platons Art zu philosophiren gefassten Widerwillen zu überwinden, und den
politischen Vorlesungen, die er seit kurzem angefangen hat, um so fleissiger
beizuwohnen, da mir Isokrates selbst, vermutlich aus ähnlichen Beweggründen,
mit seinem Beispiel vorgeht. Du siehest hieraus, lieber Diogenes, dass diese
Beschäftigungen mich noch eine geraume Zeit in Aten zurückhalten werden, ob es
schon durch deine und Aristipps Entfernung seinen grössten Reiz für mich verloren
hat. Speusipp und Eurybates sind nun beinahe die einzigen, mit denen ich in
näherer Verbindung stehe, und bei denen ich manchen angenehmen Abend zubringe.
Aus einem Briefe von Learch an Aristipp hat dieser mich ersehen lassen, dass du
dir in Korint gefällst, und dass sich die Leute dort ganz artig gegen dich
aufführen. Da du, mit aller deiner Misantropie, im Grund' eine gute Seele bist,
so zweifle ich nicht, diese Gastfreundlichkeit der Korinter gegen dich, die mir
eine sehr gute Meinung von ihnen gibt, werde auch dich immer artiger gegen sie
machen. Es käme vielleicht auf ein paar Raupenhäute an, die du noch abzustreifen
hättest, so würde Plato selbst einen zweiten Sokrates, gerade so einen, wie wir
ihn für unsre Zeit nötig haben, in dir erkennen müssen. Lebe wohl, und gedenke
deines Antipaters, wenn dich einmal die Laune einen Brief zu schreiben anwandeln
sollte.
 
                                      43.
                       Diogenes von Sinope an Antipater.
Meiner Laune halben hättest du schon lang' einen grossen Brief von mir,
Antipater, wenn ich nur jedesmal, so oft sie mich ankam, etwas bei der Hand
gehabt hätte, worauf und womit man schreiben kann. Endlich bin ich auf einer
meiner Lustreisen nach dem Eselsberg so glücklich gewesen, ein ziemliches Stück
glatter Baumrinde (die Oreaden mögen wissen von welchem Baume!) zu finden, und
einen scharfen Kiesel, womit ich dir diesen Brief so leserlich auf die Rinde zu
kratzen beflissen bin, dass du, mittelst einer mässigen Gabe Rätsel zu erraten,
so ziemlich mit meinem Geschreibe zu Rande kommen wirst.
    Die Korinter haben mich bisher nach meiner Weise leben lassen, das muss ich
ihnen nachrühmen; doch käm' es nur auf mich an, nach der ihrigen zu leben; d.i.
mich alle Tage mit den leckersten Schüsseln anzufüllen und in den köstlichsten
Weinen zu betrinken, wenn ich mich von allen begüterten Prassern dieser
unermesslich reichen Stadt der Reihe nach einladen lassen wollte, um ihnen die
Ausgabe für die Lustigmacher zu ersparen, deren sie gewöhnlich einen oder zwei
bei ihren Schmäusen anstellen, um für baare Bezahlung durch witzige und
unwitzige Possen den Gästen verdauen zu helfen. Wie lange sie oder ich es
aushalten würden, ist ihr geringster Kummer.
    Du wirst schon gehört haben, dass Lais, von ihrem Centauren bis an die Gränze
des Istmus begleitet, wohlbehalten aus Tessalien zurückgekommen ist. Aber was
du schwerlich gehört hast - ich wollte dir's wohl ins Ohr sagen - wenn's nur
nicht einer gar zu unglaublichen Prahlerei ähnlich sähe. Und doch geschehen
Dinge in der Welt (sagen unsre alten Nestorn) die der tollste Poet nicht zu
erdichten wagen würde, noch, ohne für einen Stümper in seiner Kunst gehalten zu
werden, wagen dürfte. Bilde dir ein, dass mir so etwas mit der schönen Lais
begegnet sei,142 und lass übrigens diese Sache, so wie das sonderbare Briefchen
der Dame, das ich dir hier zu meiner Rechtfertigung mitteile, ein so heiliges
Geheimnis sein, als ob es dir von dem Hierophanten zu Eleusis mitgeteilt wäre.
 
                                      44.
                          Lais an Diogenes von Sinope.
Das war ein wunderliches Ereignis, das sich zwischen uns begeben hat, meinst du
nicht, Diogenes? Eines von denen, die einen weisen Mann an seinen eigenen Sinnen
irre machen, und das du hoffentlich nur geträumt zu haben glaubst. - Wie? was
unter allen diesen stolzen, reichen, schönen und schimmernden Abkömmlingen von
Göttersöhnen, die du täglich bei mir ein- und ausgehen siehst, in mehreren
Jahren auch nicht Einer um keinen Preis erhalten konnte, sollte Diogenes, der
Cyniker, binnen wenigen Wochen, ohne alle Mühe und Arbeit, durch blosse Laune des
Zufalls oder Gunst eines schwachen Augenblicks erschlichen haben? Welche
Wahrscheinlichkeit? - Gleichwohl geschehen auch unwahrscheinliche Dinge, und da
das Geschehene am Ende doch immer unter die natürlichen Dinge gehört, so lass uns
wie ein Paar verständige Personen mit einander darüber philosophiren.
    Du bist, mit aller deiner Unverschämteit, ein Mann, der sich nicht mehr
dünkt als er ist, und mich kennst du bereits genug, um dich nicht zu verwundern,
dass ich unter deiner rauhen struppichten Hülle das feine Gefühl sehr bald
ausfindig gemacht habe, das du darunter zu verbergen suchst. Du kannst von mir
nicht schlecht denken. So wenig du dich für einen Nireus oder Phaon halten
kannst, so wenig kann es dir einfallen, dass Lais von deinen breiten Schultern
und phlagonischen Markknochen bezaubert worden sei. - Aber Lais (denkst du) und
wenn sie eine Göttin wäre, ist am Ende doch - ein Weib, und ein Weib hat
Augenblicke, wie selten und kurz sie auch sein mögen, wo sie ohne zu wissen wie
noch warum - schwach ist, und, bloss darum weil sie sich dessen nicht versah,
ausglitschen kann.
    Wenn du so denkst, Freund Diogenes, und die Rede wäre von zehntausend und
zehnmalzehntausend andern Weibern, so hättest du Recht; aber wenn du es von Lais
denkst, so irrest du himmelweit. Ich habe in meinem Leben keinen schwachen
Augenblick dieser Art gehabt. Die meinigen, wenn man sie so nennen könnte, haben
mit jenen nichts gemein als - die Wirkung. Ich sagte mir selbst: was sind alle
diese Menschen die an mich Ansprüche machen, ihrem innern Gehalt nach, gegen
diesen armen Paphlagonier, auf den sie so vornehm herunter sehen! Und doch würde
es Diogenes für die lächerrlichste Anmassung halten, wenn ihm einfiele, sich unter
jene Uebermütigen zu stellen, die ein Recht an mich zu haben wähnen, weil ich
schön und reizend bin, und in zwangloser Freiheit lebe. Seine Bescheidenheit
soll belohnt werden! Der Mann, der, um den Göttern ähnlich zu werden, ein
elendes Leben führt, soll einen Augenblick in seinem Leben gehabt haben, wo er
ihnen an Wonne ähnlich war. - Hier hast du das ganze Geheimnis, mein guter
Cyniker! - Mache nun einen weisen Gebrauch davon, und, um deiner selbst willen,
suche nie wieder mich allein zu finden.
 
                                      45.
                            Kleonidas an Antipater.
Aristipp ist glücklich in Cyrene angekommen, und hat durch sein Widersehen und
den Entschluss uns nie wieder zu verlassen, das Glück seiner Freunde verdoppelt.
Die ganze Stadt nimmt Anteil an unsrer Freude; man drängt sich ihn zu sehen, zu
begrüssen, zu Gaste zu bitten, und überall, wo er zu finden ist, aufzusuchen; und
er hat sich in Zeiten auf ein entfernteres Landgut seines Bruders flüchten
müssen, um den allzulästigen Beweisen zu entgehen, welche ihm seine Mitbürger
von ihrer Achtung und Zuneigung zu geben sich beeifern. Das alles wird sich in
kurzer Zeit setzen; man wird nur zu bald gewohnt werden Aristippen unter uns zu
sehen, und der nämliche Mann, den die öffentliche Meinung jetzt zum Abgott der
Cyrener macht, wird ihnen in einigen Jahren ein Bürger sein wie tausend andere,
und vielleicht aller seiner Anspruchlosigkeit und Bescheidenheit nötig haben,
um für seine Vorzüge, und für alles wodurch er seinem Vaterlande Ehre macht,
Verzeihung zu erhalten. So ist die grosse Mehrheit der Menschen, lieber
Antipater! Wir wollen uns nicht darüber ärgern dass sie nicht anders sind als sie
können.
    Aristipp schickt sich trefflich in seinen neuen Hausstand, und wird uns, wie
ich nicht zweifle, durch das Beispiel eines nach edeln Grundsätzen geführten und
mit sich selbst übereinstimmenden Lebens mehr wahre Philosophie lehren, als wenn
er eine Wissenschaftsbude auf dem grossen Markt von Cyrene aufschlüge, und uns
unsern schlichten Menschenverstand zu Platonischen Ideen verspinnen lehrte.
    Er hat neun Leibeigenen seines alten Oheims, so viele ihrer über sechzig
Jahre alt waren, die Freiheit geschenkt, und es in ihre Wahl gestellt, ob sie
seine Hausgenossen bleiben, oder mit einem ihren geleisteten Diensten
angemessenen Jahrgehalt sich auf ihre eigene Hand setzen wollten. Alle haben das
erstere erwählt, und verdoppeln, seitdem sie ihm bloss durch ihren Willen
angehören, ihren Diensteifer. Dafür aber ist auch seine Art, alle von ihm
abhangenden Menschen zu behandeln, so gütig und leutselig, dass, wofern sie nicht
mit strenger Ordnung und gehöriger Zucht verbunden wäre, die Guten selbst sich
unvermerkt versucht finden könnten lässig und schlecht zu werden. Sein Bestreben
ist, alle, die für ihn arbeiten, so zufrieden mit ihrem Loose zu machen, dass sie
sich nicht nur keinen andern Herrn wünschen, sondern seinen Dienst der Freiheit
selbst vorziehen. Dies ist leichter zu bewerkstelligen als man glaubt; denn
diese Classe von Menschen fühlt den Wert der Freiheit nicht eher, als wenn
ihnen die Dienstbarkeit ganz und gar unerträglich gemacht wird. In seinem Hause
herrscht Ordnung ohne ängstlichen Zwang, Zierlichkeit ohne Pracht und Überfluss
ohne Verschwendung. Nichts ist um Scheinens und Prunkens willen da; alles, vom
grössten bis zum kleinsten, trägt etwas zum angenehmern Lebensgenuss des Hausherrn
und seiner Freunde bei, und man befindet sich nirgends besser als bei ihm. Mit
Einem Wort, Aristipp stellt seine Philosophie in seinem Leben dar, und verdient
nicht nur allen, denen das Glück so günstig war als ihm, zum Muster zu dienen,
sondern kann, mit den gehörigen Einschränkungen, auch von solchen nachgeahmt
werden, die in diesem Stück weit unter ihm sind. Denn so übel hat die Natur
nicht für ihre Kinder gesorgt, dass man reich sein müsste, um des Lebens froh zu
werden.
    Du bist, nach dem Anteil den du an uns nimmst, vielleicht neugierig, wie es
mit Aristipp und Kleonen steht, von welchen leicht vorauszusehen war, dass die
persönliche Bekanntschaft sie sehr bald in ein besonderes Verhältnis setzen
würde. Der erste Augenblick war wirklich so schön, dass ich ihn möchte malen
können. Eine sichtbare Freude, einander gerade so zu finden wie jedes sich das
andere gedacht hatte, strahlte aus seinen schwarzen Augen und glänzte im
Himmelblau der ihrigen. Man hätte eher denken sollen, sie erkennten einander
nach einer sehr langen Trennung wieder, als sie sähen sich zum erstenmale. Von
dieser ersten Stunde an, scheint, oder ist vielmehr ohne Zweifel, ihr Verhältnis
zu einander auf immer entschieden. Keine Spur von Leidenschaft, nichts dem
Aehnliches, was man gewöhnlich Liebe oder Verliebtsein nennt! Wer sie zum
erstenmale beisammen sieht, hält sie für Zwillingsgeschwister, die mit einander
aufgewachsen sind, und so natürlich zusammengehören, dass man sich keines ohne
das andere denken kann. Bei allen Gelegenheiten zeigt sich eine so reine
Zusammenstimmung ihrer Gemüter, ihres Geschmacks, ihrer Art die Dinge zu sehen
und zu nehmen, dass sie ihre Seelen mit einander vertauschen könnten ohne es
gewahr zu werden, oder dass wenigstens die Mannheit und Weibheit den einzigen
Unterschied zwischen ihnen zu machen scheint. Natürlicherweise fühlen sie sich
also für einander bestimmt, und ohne sich noch ein Wort davon gesagt zu haben,
werden in aller Stille die Anstalten zu der Feierlichkeit getroffen, welche sie
zu einem der glücklichsten Paare, die sich je zusammen gefunden haben, machen
wird. Dies, lieber Antipater, ist das Neueste von Cyrene.
    Aristipp sagt uns so viel Gutes von dir, dass wir dich (der kleinen
Schäfergeschichte zu Aegina ungeachtet) deiner eigenen Führung getrost
überlassen sehen. Du läufst nach einem schönen Ziel, Antipater. Dem Weisen ist
nichts Einzelnes klein noch gross. Du bist, indem du dich deinem Vaterlande
widmest, zu keiner schimmernden noch lärmenden Rolle berufen: aber wohl dem
Staat, wohl den einzelnen Menschen, denen ihre Lage vergönnt, unbemerkt und
unbeneidet glücklich zu sein! Unsere Republik ist dermalen in dieser Lage, und
sie darin erhalten zu helfen, ist ein Geschäft, wofür selbst ein Temistokles
und Perikles nicht zu gross wäre.
 
                                      46.
                               Musarion an Lais.
Ich habe einen Augenblick, aber auch nur einen Augenblick, bei mir angestanden,
liebste Freundin, ob ich diesen Brief an dich abgehen lassen sollte: denn wie
könnt' ich besorgen, dass Lais in das Herz ihrer liebenden dankbaren
Pflegetochter einen Zweifel setzen werde? Gewiss, gewiss macht es dir Freude, wenn
ich dir melde, dass ich, die bisher durch meinen, aus deiner Hand erhaltenen
Kleonidas die glücklichste der Weiber war, gleichwohl nahe daran bin, durch die
Verbindung unsers Aristipps mit der einzigen Schwester meines Mannes, einem sehr
liebenswürdigen, guten und talentvollen Mädchen, noch glücklicher zu werden.
    Ich glaube nicht, dass ausser Kleonidas und mir selbst jemals zwei so genau
zusammenpassende Hälften einander gefunden haben, wie Aristipp und Kleone. Das
Schönste dabei ist, dass sie einander so herzlich gut sind und so inniges
Wohlgefallen an einander haben, ohne dass man die geringste Spur der brausenden,
schwärmerischen und (mit Aristipp zu reden) tragikomischen Leidenschaft, die man
gewöhnlich Liebe nennt, an ihnen gewahr werden kann. Sie lieben einander,
scheint es, wie Leib und Seele; durch ein stilles, tiefes, sympatetisches
Gefühl, dass sie zusammen gehören, und nicht ohne einander bestehen können. Welch
ein seliges Leben werden diese zwei mit so vielen Vorzügen, jedes in seiner Art,
begabte, so edle, so gute Menschen in der günstigen Lage, worein das Glück sie
gesetzt hat, zusammen leben! Meine Schwester Kleone besitzt ein sehr hübsches
Vermögen, und Aristipp ist (wie du gehört haben wirst) durch die Erbschaft von
seinem mütterlichen Oheim einer der wohlhabendsten Bürger von Cyrene geworden.
Sie können, bei einer wohlgeordneten Wirtschaft, ohne sich mehr als recht ist
einzuschränken, völlig nach ihrem Geschmack und Herzen leben, und werden, dem
Genuss nach, reicher sein, als manche andere mit dreimal grössern Einkünften.
Dies, liebste Lais, gilt auch von mir und Kleonidas, ob wir schon nicht so reich
sind als Aristipp.
    Du weisst nur zu wohl, meine gütige Freundin, dass ich kein Talent zum
Schreiben habe. Möchtest du doch, in Person gegenwärtig, dich an unserm Glück
ergötzen können! Warum müssen Länder und Meere uns trennen, uns, die, dem
Gemüte nach, so nahe beisammen sind! Könnte denn das nicht anders sein? - Doch,
wenn du nur glücklich bist, sei es immerhin auf deine eigene Weise! Bist du es
wirklich, Liebe, so sage mir ein Wort davon und ich bin zufrieden.
    
    Etwas sehr Artiges muss ich dir doch noch erzählen, woraus du dir selbst eine
bessere Idee von Kleone zu machen wissen wirst, als eine so ungeübte
Schreiberin, wie ich, dir geben könnte.
    Kleone hat von ihrem Bruder in den vier bis fünf Jahren, seit sie bei uns
gelebt hat, sehr artig malen gelernt. Kleonidas behauptet sogar, sie übertreffe
ihn noch in der Kunst, einem Bilde gleichsam Seele zu geben, so dass es einen
ordentlich anzusprechen scheint; aber das kann ich ihm unmöglich eingestehen.
Genug sie malt sehr artig, das sagt jedermann; und so überschlich er sie einst,
da sie in einer Gartenlaube allein zu sein glaubte, und an einem kleinen Bilde
arbeitete. Kleonidas machte sich unbemerkt wieder fort, ging in sein
Arbeitszimmer und setzte sich auf der Stelle hin seine Schwester zu malen, wie
er sie in der Gartenlaube gesehen hatte, mit einer kleinen Tafel auf den Knieen
und einem Pinsel in der Hand, ein wenig mit dem Oberleib zurückgebogen, als ob
sie das, was sie eben gemalt hatte, mit grossem Vergnügen betrachtete. Kleone
sollte nichts davon wissen; aber das schlaue Mädchen kam, ich weiss nicht wie,
dahinter, stahl sich in Abwesenheit ihres Bruders in sein Zimmer, malte auf das
Täfelchen, das sie im Bilde auf den Knieen hatte, den Kopf Aristipps (nach einer
Zeichnung, die mein Mann ehmals von ihm gemacht hat) und überzog ihn, nachdem er
trocken geworden war, mit einer leichten Kreidenfarbe, so dass Kleonidas keine
Veränderung gewahr wurde, und das Gemälde mit zwei oder drei andern von seiner
Arbeit an Aristippen nach Aten abgehen liess. Dieses Gemälde hängt jetzt in
Aristipps Cabinet, einem Ruhebettchen gegenüber, und ist, weil es Kleonen zum
Sprechen gleicht, sein Lieblingsstück. Drei oder vier Wochen nach ihrer
Vermählung kommen sie von ungefähr vor diesem Bilde zusammen, und Aristipp hat
seine Freude dran, es Zug vor Zug mit der gegenwärtigen Kleone zu vergleichen.
Das vermutest du wohl nicht, Aristipp, sagt sie lächelnd, dass dieses Bild eine
Liebeserklärung ist? - »Wie so, Kleone?« - Statt der Antwort ging sie, holte
einen wollenen Lappen, wischte die trocknen Farben auf dem Täfelchen, das sie
auf den Knien hat, weg, und siehe! - da kommt Aristipps Kopf, so wohl getroffen
dass er sich unmöglich misskennen kann, zum Vorschein, und zeigt sich als den
Gegenstand der gefühlvollen Miene, womit die junge Malerin ihn zu betrachten
scheint. Hätte sie Aristippen auf eine angenehmere Art überraschen können als
mit einem so schmeichelhaften Bekenntnis?
    Vergib mir, beste Lais, eine Plauderhaftigkeit, worein man so leicht
verfällt, wenn man von geliebten Personen spricht. Ich kann eben so wenig fertig
werden, wenn ich Kleonen von dir spreche; von dir, in welcher Aristipp und
Kleonidas, jener durch Beschreibung, dieser durch die Darstellung selbst, sie
das herrlichste aller lebenden Bilder der Göttin der Schönheit und ihrer Grazien
kennen und verehren gelehrt haben. Unter uns gesagt, liebe Lais, das einzige
Bild in Kleonens Cabinet, ebenfalls dem Ruhebette gegen über, ist das deinige,
ohne dein Wissen (denke ich) von Kleonidas nach der Bildsäule des Skopas (aber
mit Farben, versteht sich) gemalt. Sie hat sich's ausdrücklich von Aristippen
ausgebeten.
 
                                      47.
                               Lais an Musarion.
Du schreibst schöner, liebe Musarion, als du dir's einbildest. Lysias und
Isokrates hätten mich mit aller ihrer Beredsamkeit nicht so gut überzeugen
können, dass du glücklich bist, als ich es fühle, indem ich deinen Brief lese,
wiewohl darin beinahe gar nicht von dir selbst die Rede ist. Du, meine Musarion,
du, die ich immer wie meine leibliche Schwester liebte, und, wie schmerzlich mir
auch unsere Trennung war, nur darum bis nach Cyrene von mir ziehen liess, weil
ich glaubte, dass du mit keinem andern Manne glücklicher sein könntest als mit
Kleonidas, du bist was ich wollte dass du sein solltest; Kleonidas und Aristipp
sind es nicht weniger; und wohl mir, dass die Götter, die mich unfähig machten in
mir selbst glücklich zu sein, mir zum Ersatz die Freude an der Glückseligkeit
meiner Freunde gaben!
    Ich kenne keinen Mann, den ich mehr hätte lieben können als Aristippen, wenn
ich dieser Liebe, die du so schön beschreibst, die nicht wie Liebe aussieht und
doch so sehr Liebe ist, fähig genug wäre, um das für ihn zu sein was ihm Kleone
unfehlbar sein wird. Es wäre eine lächerliche Demut, wenn ich läugnen wollte,
dass ich die Kunst, glücklich zu machen welchen ich will, ziemlich gut verstehe,
und dass die Natur mich an den meisten Gaben, die dazu nötig sind, nicht
verkürzt hat; auch gestehe ich, das Vergnügen einen Mann, der es wert ist,
durch mich glücklich zu sehen, kann mich auf kurze Zeit in die angenehme
Täuschung versetzen, als ob ich es gleichfalls sei. Aber dass beides, das Glück
das ich gebe, und was ich dagegen zu empfangen scheine, im Grunde blosse
Täuschung ist, davon sind die wenigen, mit denen ich bisher den Versuch gemacht
habe, so gut überzeugt als ich selbst. Ich muss wohl niemands Hälfte sein;
wenigstens hab' ich den Mann noch nicht gesehen, mit dem ich mir eine Verbindung
auf immer einzugehen getraute, ohne seine und meine Ruhe aufs Spiel zu setzen.
Dies wird und muss euch andern wackern Hausfrauen unnatürlich vorkommen; aber es
ist nun einmal so mit mir, und ich kann nicht wünschen dass es anders sei. Die
Natur, die wie eine gute Mutter dafür sorgt, dass keines ihrer Kinder gegen die
andern gar zu sehr zu kurz komme, hat es so eingerichtet, dass, wiewohl die
Menschen immer klagen und es gern besser hätten, doch niemand sein Ich mit dem
eines andern vertauschen möchte. So geht es auch mir; da ich einmal Lais bin, so
ergeb' ich mich mit guter Art darein, und danke Kleonen, dass sie mir die Sorge,
in meinem Freund Aristipp den glücklichsten aller Männer zu sehen, abgenommen
hat. Er verdient es zu sein, er ist fähig es zu werden, und dass es ihr gelingen
wird, hab' ich von der Stunde an nicht bezweifelt, da ich ihr Bildnis bei
Learchen sah; denn ich erkannte auf den ersten Blick Aristipps Hälfte in ihr.
    Ich werde nicht von Learchen ablassen, bis er mir, um welchen Preis es sei,
eine Copei von diesem Bilde schafft, die ich, dem Recht der Wiedervergeltung
gemäss, in meinem Cabinet aufstellen kann. Indessen bitte ich sie und dich, liebe
Musarion, das Kistchen, so dir mit diesem Briefe zukommen wird, und seinen
Inhalt, aus der Hand einer Freundin mit Freundschaft anzunehmen. Ihr werdet ein
wenig erschrecken; aber ich bin so reich an solchem Spielzeug, dass ihr euch des
Wertes halben kein Bedenken machen müsst. Die Perlen sind an Wasser, Grösse und
Rundung eine wie die andere; ihr braucht sie also bloss zu zählen, um euch
schwesterlich darein zu teilen. Wem das Kistchen bleiben soll, lasst gerad oder
ungerad entscheiden.
 
                                      48.
                             Aristipp an Eurybates.
Mir kommt wohl, lieber Eurybates, dass ich nicht so starkglaubig bin als der
weise und tapfere Xenophon; denn, trotz meinem erklärten Unglauben an Zeichen
und Wunderdinge, Dämonen, Empusen und an die Gotteit des Nordwindes, wandelt
mich doch zuweilen eine Versuchung an, die Hälfte meiner Habe ins Meer zu
werfen, um die griesgrämische Göttin Ate zu versöhnen, die nicht leiden kann
wenn ein Sterblicher gar zu glücklich ist. Wirklich scheint es, die Götter
wollen mich auf die Probe stellen, ob ich Stärke genug habe, bei so vielen
Versuchungen zu Ueppigkeit und Übermut der Sokratischen Sophrosyne getreu zu
bleiben, und im Genuss des Guten, womit sie mich überschüttet haben, mein Gemüt
frei genug zu erhalten, um nicht aus der gehörigen Fassung zu kommen, wenn
sich's etwa einst an einem grauen Morgen finden sollte, dass alles, wie ein
Zaubergastmahl, wieder verschwunden wäre. - Doch, dieser Gedanke selbst sieht
mir so ziemlich einer Eingebung der schelsüchtigen Göttin gleich. Denn was für
eine Weisheit wäre das, die ihr Gefühl für das gegenwärtige Gute abstumpfen
müsste, um sich zum voraus gegen künftige Uebel unempfindlich zu machen! Die
meinige ist die Kunst in guten und bösen Tagen meines Daseins so froh zu werden,
und so wenig zu leiden, als mir möglich ist. Ich betrachte Vergnügen und Schmerz
als einen von der Natur gegebenen rohen Stoff, den ich zu bearbeiten habe; die
Kunst ist, jenem die schönste, diesem die erträglichste Form zu geben; jenes zu
reinigen, zu veredeln, zu erhöhen; diesen, wenn er nicht gänzlich zu stillen
ist, wenigstens zu besänftigen, ja (was in manchen Fällen angeht) sogar zu
Vergnügen umzuschaffen.
    Antipater hat dich ohne Zweifel schon benachrichtigst, dass ich durch meine
Vermählung mit der Schwester meines Freundes Kleonidas meinem neuen Bürgerleben
in Cyrene die Krone aufgesetzt habe. Ich hätte grosse Lust dir recht viel davon
zu sagen, wie glücklich mich diese Verbindung macht; aber mir ist, mein Dämonion
zupfe mich beim Ohr und flüstre mir zu: ein Mann, der eine Art von Liebhaber
seines Weibes ist, müsse der Versuchung von ihr zu reden mit allen Kräften
widerstehen, weil er immer Gefahr läuft, aus Furcht zu wenig zu sagen, mehr zu
sagen als einem weisen Manne ziemt. Auf alle Fälle kann es niemand leichter
sein, sich an meinen Platz zu stellen, als dir, der so gut aus eigener Erfahrung
weiss, was häusliche Glückseligkeit ist.
    Ein Grosses trägt zu Erhöhung der meinigen die schöne Harmonie und
Herzlichkeit bei, die zwischen mir, meinen Brüdern Aristagoras und Kleonidas,
und zwischen unsern Hausfrauen herrscht, welche letztern sämmtlich eine starke
Ausnahme von dem harten Urteil verdienen, das unsre Freundin Lais über die
Griechischen Matronen zu fällen pflegt. In der Tat machen wir nur eine einzige
Familie aus, und ausser den Tagen, wo wir uns den Einladungen zu grossen
Gastmählern nicht entziehen können oder selbst dergleichen geben, bringen wir
die Abende meistens unter uns, bald bei meinem Bruder, bald bei mir oder
Kleonidas zu; und ein Fremder muss sehr hoch in unsrer Gunst stehen, der zu
diesen traulichen Symposien zugelassen wird. Bei diesen letztern sind die Frauen
immer gegenwärtig; ohne sie würden wir nur mit halbem Mute fröhlich sein
können; denn sie sind uns so unentbehrlich als Pindars Grazien den Göttern;
nichts däucht uns wohlgetan, was nicht durch ihre Hände geht, nichts angenehm,
woran sie nicht Teil nehmen. Die Cyrenische Sitte, welche den Frauen mehr
Freiheit zugesteht als die eurige, und sie von keiner Gesellschaft unter
Verwandten und Freunden ausschliesst, kommt uns zwar hierin zu Statten; wir
würden es aber, wenigstens unter uns, zur Sitte machen, wenn es nicht schon
etwas Gewöhnliches wäre.
    Ueberhaupt kenne ich, Milet vielleicht allein ausgenommen, keine Griechische
Stadt, worin man so ruhig, zwangfrei und behäglich leben könnte als in Cyrene,
seitdem die neue Verfassung Wurzel geschlagen, und alles Unkraut des Misstrauens
und des Parteigeistes, vor welchem ehmals nichts Gutes bei uns aufkommen konnte,
in kurzer Zeit gänzlich erstickt hat. Die Cyrener, wenn sie nicht von irgend
einem bösen Dämon aus ihrem natürlichen Charakter herausgeworfen werden, sind
ein fröhliches, gutartiges Volk; und dass es ihnen an Kunstfleiss und
Betriebsamkeit nicht fehlt, zeigt der blühende Zustand der Fabriken, der
Handelschaft und Schifffahrt, welche seit einigen Jahren in immer steigendem
Aufnehmen sind, wiewohl wir hierin immer hinter Korint, Syrakus, Milet und
Rhodus zurückbleiben werden. Meine Mitbürger scheinen diesen Nachstand ohne
Eifersucht anzusehen; dafür aber würden sie sich sehr beschämt finden, wenn sie
in der Kunst gut zu essen und überhaupt in allem, was zum Gemächlichleben und
zur angenehmsten Befriedigung der Sinnlichkeit dient, von irgend einem Volke
übertroffen würden. Sie nennen dies gut leben, und gehen darin von dem Grundsatz
aus: das menschliche Leben sei so kurz und ungewiss, dass es grosse Torheit wäre,
sich den gegenwärtigen möglichsten Genuss desselben zu entziehen, um desto mehr
Vorrat für eine Zukunft aufzuhäufen, die der Sparer und Sammler vielleicht nie
erleben werde. Diesem zufolge setzen sich die meisten, sobald sie durch Erwerb
oder gutes Glück zu Vermögen gekommen sind, auf den Fuss von ihren Renten zu
leben, oder doch ihr Gewerbe nur so weit fortzuführen, dass sie von dem Ertrag
gemächlich und angenehm leben können, und glauben alles getan zu haben, wenn
sie sich so weit einschränken dass sie nicht merklich ärmer werden. Häufige
Erfahrungen sollten sie längst belehrt haben, dass dies eben der geradeste Weg
immer ärmer zu werden sei: aber der Cyrener (ich rede von den meisten) hat über
diesen Punkt weder Augen noch Ohren, so stark scheint der Einfluss unsers
üppigen, zu Trägheit und Wollust geneigt machenden Himmelsstrichs zu sein, von
welchem es schwer und vielleicht unmöglich ist, sich gänzlich frei zu erhalten.
Ich finde daher an unsrer dermaligen Regierung lobenswürdig, dass sie diesen
Temperamentsfehler unsers Volkes nicht bloss durch vielfältige Aufmunterungen des
Fleisses und Unternehmungsgeistes zu verbessern sucht, sondern sich auch
angelegen sein lässt, den Geschmack unsrer Bürger zu veredeln, und ihnen neue und
reinere Quellen des Vergnügens zu eröffnen, als sie bisher gekannt hatten. Ich
wurde bei meiner Hierherkunft nicht wenig überrascht (denn Kleonidas hatte mir
absichtlich ein Geheimnis daraus gemacht), ein Teater und ein Odeon in Cyrene
zu finden, und beide schon so wohl eingerichtet, dass (mit deiner Erlaubnis,
Eurybates!) Aten selbst kaum bessere Schauspieler, Sänger und andre Tonkünstler
aufzuweisen hat. Das letztere haben wir dem Eifer zu danken, womit Kleonidas
(dem die Aufsicht über diese neuen Stiftungen aufgetragen ist) seit einigen
Jahren sich bemüht hat, geschickte Künstler in beiden Fächern aus dem
Asiatischen Griechenlande nach Cyrene zu locken. Die Musik, in der weitesten
Bedeutung des Wortes, ist nun auch bei uns ein wesentlicher Teil der Erziehung
der Kinder, und unsre Cyrener gewinnen unvermerkt allen Musenkünsten immer mehr
Geschmack ab. Man hört schon in mehrern reichen Häusern bei grossen Gastmählern,
statt bezahlter Lustigmacher, einen geschickten Zögling des berühmten Ions
Homerische Rhapsodien singen, und mein Bruder tut sich nicht wenig darauf zu
gut, den besten Vorleser in ganz Cyrene in seinen Diensten zu haben.
    Ich traue dir zu viel Weltbürgersinn zu, mein edler Freund, als dass ich
besorgen sollte, du werdest ein »Attisches Gesicht« dazu machen, dass Cyrene, die
an Grösse und Bevölkerung der weltgepriesenen Minervenstadt wenig nachgibt, sich
zu beeifern anfängt, ihr auch in der Liebe zu den Künsten die das Leben
verschönern, wiewohl noch mit ungleichen Schritten, nachzufolgen. Unser Staat
ist nicht so reich als der eurige; wir haben keine Inseln, die uns das eiserne
Capital eines drückenden Schutzes mit zwölfhundert Talenten jährlich verzinsen
müssen143, und keinen Schatz zu Delos144, den wir angreifen könnten, um unsre
Stadt zu verschönern, und unsre Bürger durch prächtige Feste und kostbare
Lustbarkeiten bei guter Laune zu erhalten. Unsre Republik hat sich also begnügt,
die beiden öffentlichen Gebäude, worin die Musen ihr Wesen bei uns haben,
aufführen zu lassen, und jährliche Preise für diejenigen zu stiften, denen die
öffentliche Meinung in den Wettstreiten, wozu am Feste der Cyrene145 die
verschiedenen Musenkünstler zusammen kommen, den Sieg zuerkannt hat. Alle
Unkosten unsrer Schauspiele hingegen werden mittelst einer mässigen Abgabe, die
von den Zuschauern erhoben wird, bestritten. Denn anstatt den Bürgern das
Schauspielgeld aus dem öffentlichen Schatze zu reichen, wie bei euch, finden wir
billig, dass wer an dergleichen Unterhaltungen Anteil haben will, auch das
Seinige zu ihrer Unterstützung beitrage.
    Dass wir, seitdem wir ein Teater und ein Odeon besitzen, gute Hoffnung
haben, auch Dichter und Dichterlinge aus unserm eigenen Grund und Boden
aufschiessen zu sehen, wirst du sehr natürlich finden. Die ersten Versuche, die
von zwei oder drei jungen Cyrenern in der tragischen Kunst gemacht worden sind,
haben freilich die Tragödien von Sophokles, Euripides und Agaton noch nicht
entbehrlich machen können: aber in der Komödie hat sich Kleonidas mit
gegründetem Beifall versucht, und (wenn mich meine Liebe zu ihm nicht sehr
verblendet) Aristophanischen Witz mit der Sittlichkeit der Komödien des
Epicharmus zu verbinden gewusst.
    Die Komödien euers Kratinus, Eupolis und Aristophanes sind so sehr für Aten
und die niedrigsten Classen euers suveränen Pöbels, und überdiess grösstenteils
für die Zeitpunkte ihrer Aufführung berechnet, dass sie, wofern auch sonst nichts
Erhebliches gegen sie einzuwenden wäre, dennoch bloss aus der Ursache, weil sie
unserm Volk unverständlich sein würden, nicht auf unsern Schauplatz gebracht
werden könnten. Jedes Volk, das Komödien haben will, muss seine eigenen haben.
Die eurigen passen sehr gut für Aten, aber auch nur für Aten, und sogar nur
für Aten wie es in den vierzig Jahren zwischen der sechsundachtzigsten und
sechsundneunzigsten Olympiade war. Wir haben keinen Demos, keinen Senat, keine
Volksredner und Kriegsobersten, die man lächerrlich machen könnte; unser Volk
nimmt keinen unmittelbaren Anteil an der Regierung, und hat Ursache mit seinen
Vorstehern zufrieden zu sein; und wenn diese auch der satyrischen Geissel einige
Blössen gäben, so würde keinem komischen Dichter gestattet werden, sich
öffentlich und in Einer Person zu ihrem Ankläger, Richter und Büttel
aufzuwerfen. Eine Demokratie, wie die eurige war, kann ihre Ursachen gehabt
haben, den Komödienschreibern eine Art von stillschweigender Vollmacht zu
Handhabung einer beinahe unumschränkten Censur zu erteilen; und eure Regierung
hatte die ihrigen, sich, so lange sie es nicht ändern konnte, leidentlich dabei
zu verhalten; aber diese Ursachen konnten nur im Attischen Aten stattfinden,
und haben auch dort zum Teil bereits aufgehört. Wir Cyrener werden also
entweder ohne Komödie bleiben, oder uns, wie gesagt, eine eigene erschaffen
müssen. Das letztere wird nicht schwer sein; denn sobald man der Komödie, statt
des Lachens und Spottens über die Regierung und über einzelne Personen, andere
zu einer öffentlichen angenehmen Volksunterhaltung passende Zwecke gibt, so
lassen sich zwischen der Tragödie des Sophokles und der Komödie des
Aristophanes, zwischen dem Oedipus und Philoktet des erstern, und den Rittern
und der Lysistrata des andern, mehrere Gattungen von Schauspielen denken; und
wenn auch Scherz und Lachen die Hauptwirkung der Komödie bleiben soll, so
braucht sie sich nur, mit Verzichttuung auf alle persönliche Satyre, auf
sinnreiche und lebhafte Darstellung allgemeiner lächerlicher Charaktere
einzuschränken, um eine neue Gattung hervorzubringen, welche gewiss Beifall
erlangen und vielleicht nicht ohne Nutzen sein würde. Ich zweifle nicht, dass die
Zeit im Anzug ist, wo Aten, die noch immer in allen Arten von Kunstwerken die
ersten und vollkommensten Muster aufgestellt hat, auch in dieser Gattung den Ton
angeben, und die Scene mit lebendigen Sittengemälden beschenken wird, an welchen
auch unsre Frauen Gefallen finden können. Denn in Cyrene sind die Frauen von
Besuchung der Schauspiele nicht ausgeschlossen146 wie bei euch; und dies ist ein
wesentlicher Grund mehr, warum unsre Komödie ohne Vergleichung bescheidener und
anständiger als die eurige sein muss; ja warum selbst die Tragödie sich
unvermerkt in einen mildern Ton herabstimmen, und, ohne dem Wesentlichen ihres
Charakters zu entsagen, mehr sanfte Rührungen, süsse Wehmut und zärtliches
Mitgefühl als Schrecken, Entsetzen und peinliches Mitleiden zu erregen suchen
wird.
    Da dieser Brief bestimmt ist, dir einen genugtuenden Bericht über meine
dermalige Lage und Lebensweise zu geben, so erwartest du vermutlich, dass ich
dir auch ein Wort von den staatsbürgerlichen Obliegenheiten sage, durch welche
meine weltbürgerliche Freiheit vielleicht enger eingeschränkt werden könnte, als
sie in die Länge zu ertragen geneigt sein möchte. Zu gutem Glück kommt meiner
politischen Trägheit ein altes Gesetz zu Statten, vermöge dessen zwei Brüder
niemals weder im Senat noch andern höhern Stellen, zu gleicher Zeit Sitz haben
können. Dagegen gibt es mancherlei mehr und weniger bedeutende, mit der innern
Polizei der Stadt beschäftigte Aemter und Aemtchen, denen wohlhabende Bürger,
wenn die Reihe an sie kommt, sich nicht entziehen dürfen, zumal da diese
Ehrenstellen mit keinem Einkommen verbunden und von eingeschränkter Dauer sind.
- Aemter dieser Art werde ich, ihrer vielfältigen Unannehmlichkeiten ungeachtet,
desto williger übernehmen, da sie, um wohl verwaltet zu werden,
Uneigennützigkeit, Besonnenheit und Geschicklichkeit die Menschen verständig zu
behandeln voraussetzen, und andern hierin ein Beispiel zu geben von gutem Nutzen
sein kann.
    Uebrigens bin ich der Meinung, dass in jedem grossen oder kleinen Staat ein
Bürger aus derjenigen Classe, zu welcher ich in Cyrene gehöre, sich um das
Gemeinwesen schon verdient genug mache, wenn er seinem Hause wohl vorsteht,
seine Güter zu verbessern und zu verschönern sucht, Künste und Gewerbe durch
einen nicht unbescheidenen, aber seinem Vermögen angemessenen Aufwand
unterhalten und beleben hilft, und durch eine edle Gastfreiheit seiner Stadt
auch im Auslande Ehre macht.
    Noch ein kleines Verdienst hoffe ich mir um Cyrene dadurch erworben zu
haben, dass ich ein zu meinem Gute gehöriges Lustwäldchen, das mit Schattengängen
und Lauben, und einem Saal mit einer bedeckten Halle versehen ist, den Musen
geheiligt, und zu einer Art von öffentlichem Versammlungsort für Gelehrte und
Künstler bestimmt habe, wo auch blosse Liebhaber von Wissenschaft und Kunst,
Fremde, und überhaupt alle rechtlichen Leute den Zutritt haben. Die Halle ist
mit Gemälden und Bildsäulen, der Saal mit Bücherschränken versehen, wo keines
der Werke der Griechischen Dichter, Geschichtschreiber und übrigen
Schriftsteller, die in einigem Ruf stehen, leicht vermisst werden soll. Beide
sind täglich zu gewissen Stunden offen, und einer meiner Hausgenossen ist immer
gegenwärtig, um den Liebhabern die Bücher, worin sie lesen wollen,
hervorzulangen, und wenn der Saal geschlossen wird, wieder an ihren Ort zu
legen. Dieses Museon kostet mich vielleicht den vierten Teil des baaren Geldes,
das mein Oheim mir hinterlassen hat: aber wer mit so weniger Mühe zu einem
beträchtlichen Vermögen kommt, hat, meiner Meinung nach, eine besondere
Obliegenheit auf sich, es auf eine edle und gemeinnützliche Art zu verwenden.
    Auf den Fall, lieber Eurybates, dass dir dieser vielleicht allzu weitläufige
Bericht über einen so wenig bedeutenden Gegenstand, als mein kleines Cyrenisches
Ich ist, etwas lange Weile gemacht haben sollte, ist es nicht mehr als billig,
dass ich dich mit einer kurzweiligen Zugabe dafür entschädige.
    Hättest du dir wohl einfallen lassen, dass der Abderit Onokradias (der zu
unvergesslich ist, als dass du dich nicht erinnern solltest, ihn mehrmals bei mir
und bei dir selbst gesehen zu haben) meiner Person einen so grossen Geschmack
abgewonnen haben könnte, um mich bis in Cyrene aufzusuchen? Das Eigentliche an
der Sache ist: dass er, da er jetzt auf seiner grossen Reise begriffen ist, und,
von Aegypten aus, den Tempel des Jupiter Ammon besucht hat, »nicht umhin konnte
(wie er sagt) einen Abstecher nach Cyrene zu machen, um seinen Freund und Gönner
Aristipp zu besuchen,« und ihm seine Dankbarkeit dafür zu bezeugen, dass er ihn
zu Aten - seinen Tischgesellschaftern so oft zum Besten gab. Dem sei wie ihm
wolle, genug, an einem schönen Morgen, da ich mich eher alles andern versehen
hätte, kommt der hoffnungsvolle Sohn Onolaus des Zweiten auf mich zugerennt, und
erdrückt mich beinahe in seinen Herculischen Armen. Es gab (wie du denken
kannst) eine rührende Erkennungsscene, die noch rührender gewesen wäre, wenn sie
nicht so nah ans Lächerliche gegränzt hätte. Es versteht sich, dass ich ihn
sogleich in mein Haus führte, und dass von Stund' an eine ewige Gastfreundschaft
zwischen mir und meiner Nachkommenschaft und den edeln Sprösslingen des
Onogelastischen Geschlechtes in allen seinen Aesten und Zweigen errichtet wurde.
Der gute Mensch konnte sich, als ich ihn Kleonen vorstellte, nicht genug
verwundern, wie ich zu einer so schönen Frau gekommen sei, und schwur bei Latona
und Jasons goldnem Hammelsfell, dass er, wenn ihm ein Mädchen mit so blauen Augen
und so schwarzen Wimpern in den Wurf kommen sollte, sie stehendes Fusses
heiraten werde, wenn sie gleich nichts als das Hemd auf dem Leibe hätte. - Du
glaubst nicht was für Glück die genialische Albernheit dieses jungen Abderiten
in Cyrene macht. Er erhält so viele Einladungen, dass er kaum den zehnten Teil
bestreiten kann; und ich glaube wir hätten ihn noch lang' am Halse, wenn er die
Geschichte seines Stammvaters Onogelastes und des feigenschmausenden Esels nicht
gar zu oft erzählen müsste. Uebrigens gefall' es ihm (sagt er) in Cyrene so wohl,
dass er oft mitten in Abdera zu sein glaube. Alles was er bei uns sieht, haben
sie in Abdera auch; ein solches Odeon, ein solches Teater, solche Bäder, solche
öffentliche Gesellschaftssäle; ihr Jasontempel hat sogar noch zwei Säulen auf
der Giebelseite mehr als unser Tempel des Apollo. Nur ihr neues Teater, das muss
er gestehen, ist nicht völlig so schön als das unsrige, und, die Sache rund
herauszusagen, etwas eng und unbequem. Aber das Cyrenische, meint er, müsste auch
ohne Vergleichung mehr gekostet haben: das ihrige wäre der Republik nicht viel
über hundertundzwanzig Talente zu stehen gekommen. Man sagte ihm: er hätte sich
sehr geirrt; das unsrige koste kaum den dritten Teil dieser Summe; denn wir
hätten die Steine dazu aus unsern eigenen Marmorbrüchen gezogen. - - »Das ist
freilich ein anders, versetzte der Abderit; die Pfeiler und Säulen des unsrigen
sind nur von Backsteinen und wie bunter Marmor angestrichen; aber für das, was
sie gekostet haben, könnten sie von Jaspis sein. Ihr wundert euch wie das
möglich war? Es ging ganz natürlich zu. Wir Abderiten haben's nun einmal in der
Art, dass wir etwas rasch im Denken und Handeln zu Werke gehen; einem Dinge lange
nachzusinnen, oder es auf alle Seiten herumzukehren, ist unsre Sache nicht. Der
Entwurf wurde gemacht, dem Senat vorgelegt, angenommen, Hand angelegt; alles in
Einem Zug. Wie das Werk nahezu halb fertig war, bemerkte jemand, dass es sich auf
der einen Seite senke; die Sache wurde untersucht; es musste ein neuer Grund
gelegt werden. Die bisherige Arbeit war grösstenteils vergeblich; aber wir
dankten den Göttern, dass der Fehler noch in Zeiten entdeckt worden war, und das
Werk ging wieder hurtig von der Hand. Nach einer Weile kam einem unsrer
Ober-Bauherren ein Gedanke, wie dies und jenes zierlicher und geschmackvoller
sein könnte. Flugs wurde wieder eingerissen und verändert. Aber andre Leute
hatten auch Einfälle und Geschmack, und hatten zu Aten und Korint und Syrakus
und Milet und Samos und Mitylene und allentalben Teater gesehen, und jeder
wollte das Seinige zu einem Bau, wovon Abdera Ehre haben sollte, beitragen. So
war denn immer etwas zu tadeln und anders zu machen. Bald musste die Orchestra
erhöht, bald die Vorbühne erweitert werden; bald war der Raum für die Chöre zu
klein, bald fehlte es an etwas anderm. Die Säulen waren erst Ionisch, und mussten
nach Jahr und Tag mit grosser Mühe und Arbeit in Korintische verwandelt werden.
Das alles förderte nun das Werk nicht sonderlich; indessen wer immer zwei
Schritte vorwärts gegen Einen rückwärts macht, kommt zuletzt doch ans Ziel. Kurz
und gut, der Bau wurde fertig, und es war grosser Jubel in ganz Abdera, und
anstatt zu klagen dass er so viel kostete, taten sich unsre Bürger viel darauf
zu gute; denn (ohne uns zu rühmen) was unsrer Stadt Ehre macht, ist uns nie zu
teuer. Wir hatten für unsre hundertundzwanzig Talente ein neues Teater, das
sich sehen lassen durfte; nur Schade, dass sich's erst bei der Einweihung zeigte,
dass die Stufensitze um funfzehn bis zwanzig Ellen höher und weiter hätten sein
sollen; denn wir sassen so zusammengedrängt wie die Salzfische in einer
Byzantinischen Tonne. Es kommt nur auf eine kleine Gewohnheit an, sagte der
Nomophylax, der die Oberaufsicht über den Bau gehabt hatte; und so war es auch:
in kurzem beklagte sich kein Mensch mehr, und wir sassen doch nicht bequemer als
das erstemal.« - Der ehrliche Onokradias lachte herzlich mit, wie er sah, dass
wir uns nicht länger halten konnten in ein lautes Lachen auszubersten. »Es ist
wirklich lustig, fuhr er fort, zumal wenn man bedenkt, wie viele kluge Köpfe zur
Sache zu reden hatten, und wie viele Sitzungen die armen Bauaufseher, in den
sechs Jahren dass am Teater gebaut wurde, halten mussten! Man kann sich
vorstellen, ob die Herren fleissig genug zusammen kamen, da über dreihundert
Eimer Tasierwein nach und nach dabei geleert wurden. Denn dass die Herren hätten
trocken sitzen sollen, war ihnen doch nicht zuzumuten. Aber freilich, wenn
man's sagen dürfte, da liegt eben der Hund begraben! Viele Köche versalzen den
Brei; um sich nicht zu zanken, trinkt man; da wird man denn bald einig, und der
Ausführung halber verlässt sich einer auf den andern. Wir Abderiten haben das so
in der Art; unser Gemeinwesen ist nie schlechter beraten als wenn wir alle
Einer Meinung sind.«
    Die treuherzige Unbefangenheit, womit der ehrliche Abderit sich selbst und
seine Mitbürger auf diese Weise zum Besten gibt, macht dass man ihm mit aller
seiner albernen Geschwätzigkeit gut sein muss; denn er ist die wohlmeinendste
Seele von der Welt. Zu allem Glück ist er reich, und so kann man sich
unbedenklich an ihm belustigen; hätte das Glück weniger dafür gesorgt, dass er
unsers Mitleidens nicht bedarf, so wär' es grausam über ihn zu lachen. Er hat
nun in Cyrene die mittägliche Gränze der Griechischen Sprache erreicht, und ist
im Begriff nach Sicilien abzusegeln, von da aus das südliche Italien zu
bereisen, und dann in seine liebe Vaterstadt zurückzukehren; ungefähr so klug
als er ausgezogen war, aber so reich an Dingen die er gesehen und gehört hat,
dass er seinen Abderiten sechzig Jahre lang genug zu erzählen haben wird. Er
verlässt sich darauf (und ich stehe ihm dafür) dass seine Mitbürger grosse Freude
an ihm haben werden; »denn eine Reise wie die meinige (sagt er) hat, ausser dem
närrischen Philosophen Demokritus, noch kein Abderit gemacht.« Sollt' ich ihm in
drei oder vier Olympiaden seinen Besuch zurückgeben, so bin ich gewiss, ihn an
der Spitze seiner Republik zu finden; und die Götter mögen wissen, ob ihre
Sachen darum schlimmer oder besser gehen werden!
    Speusipp schreibt mir: seitdem ich Aten auf immer verlassen zu haben
scheine, spreche sein Oheim Plato in Gesellschaften, wenn meiner gedacht werde,
sehr glimpflich von mir, als von einem feinen Weltmann und angenehmen
Gesellschafter. Aristipp, sagt er, hat sich eine Art von Philosophie gemacht,
womit er sich, wie ich glaube, für seinen eigenen Gebrauch gut genug behelfen
mag; aber allgemein gemacht würde sie böse Früchte tragen. - Ist es mit der
seinigen etwa anders? Zum Glück (wenn ja die Gefahr so gross sein sollte) hat die
Natur selbst dafür gesorgt, dass keine von beiden allgemein werden kann. Wäre
dies aber nicht, so würde meine Philosophie noch immer den Vorzug haben, dass sie
nur durch Missverstand und Missbrauch schädlich werden kann; da hingegen die
seinige geraden Weges zu einer Art von Schwärmerei führt, deren natürliche
Folgen, ausser seiner Wolkenkuckucksheimischen Republik, allentalben verderblich
sein würden.
    Lebe wohl, mein edler Freund, und lass' dir mein Andenken, und, wofern du es
nötig findest, auch meinen Ruf gegen den Mutwillen eurer witzelnden
Müssiggänger und Spassmacher empfohlen sein, die von jedem Manne, dessen Name
öfters genennt wird, so viele Geheimgeschichtchen zu erzählen wissen, alles
gesehen haben wollen was er getan, alles gehört haben was er gesprochen hat,
und, um die Wahrheit ihrer Mitteilungen unbekümmert, zufrieden sind, wenn sie
nur ihren Platz an den Tafeln der Reichen durch irgend ein lächerliches Mährchen
oder eine auffallende Albernheit auf Unkosten eines bekannten Namens bezahlen
können.
 
                                      49.
                               Lais an Aristipp.
Wenn du nicht gar zu sehr über mich lachen wolltest, Aristipp, so hätte ich
grosse Lust dir einen Traum zu erzählen, den ich diesen Morgen geträumt habe.
    Du erinnerst dich vielleicht noch der geflügelten Köpfe, von denen einst bei
Gelegenheit des Platonischen Phädons zwischen uns die Rede war. Hättest du dir
wohl einfallen lassen, dass diese Köpfe nach so vielen Jahren noch in dem
meinigen zu spuken anfangen würden? Gleichwohl ist es geschehen, und (was ich
wohl zu bemerken bitte) ohne dass ich mir irgend einer Veranlassung zu einer so
seltsamen Träumerei bewusst bin. Die Sache ist so sonderbar, dass ich mich nicht
erwehren kann ein wenig lächerrlich in deinen Augen zu erscheinen, da du doch
natürlicherweise denken musst, ich würde dir meinen Traum nicht erzählen, wenn
ich ihm nicht eine gewisse Wichtigkeit beilegte, die ein Traum, wie
ausserordentlich er auch sein mag, bei keiner verständigen Person haben sollte.
Sei es darum! - Hier ist der meinige mit allen seinen Umständen, deren ich mich
so lebhaft erinnere, als ob mir alles bei offnen Augen begegnet wäre.
    Ich befand mich in einem von den anmutigen, mit unzähligen schönen Bäumen
besetzten Lustgärten, die man in dem Persischen Asien Paradiese147 zu nennen
pflegt. Noch nie hatte ich mich so heiter und leicht gefühlt; mich däuchte als
ob ich wie eine Flaumfeder auf einem Wölkchen daher schwimme. Und so war es auch
beinahe; denn wie ich mich genauer betrachtete, zeigte sich's, dass ich ein
blosser Kopf mit zwei prächtigen Goldfasanen-Flügeln war. Ohne mich diese
Verwandlung im geringsten befremden zu lassen, flog ich, so frei und unbefangen,
als hätte ich nie eine andere Art zu sein gekannt, in dem reizenden Paradiese
umher, und setzte mich endlich auf einen Granatbaum, um mich an den Farben und
Wohlgerüchen einer unendlichen Menge der schönsten Blumen zu ergötzen, die dem
Boden unter meinen Blicken zu entspriessen schienen. Plötzlich sah ich mich von
mehr als tausend gelb- braun- und schwarzlockigen Flügelköpfen umringt, die von
allen Seiten auf mich zugeflogen kamen, und über meinen Anblick ganz entzückt zu
sein schienen. Die meisten schlossen in einiger Entfernung einen Kreis um mich
her, so gross und schimmernd wie ein Regenbogen, wenn die Sonne schon tief in
Westen steht. Einige kamen näher herbei, redeten mich an und taten ihr
Möglichstes, meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und meiner Eigenliebe zu
schmeicheln. Die mannichfaltigen Physiognomien dieser Köpfe, ihre Redseligkeit,
das Feuer, womit jeder sich durch das, worauf er sich am meisten einbildete, bei
mir geltend zu machen suchte, kurz alle die lächerlichen Gestalten, in welchen
ihre Eitelkeit und Selbstgefälligkeit sich mir zum Besten gab, belustigten mich
eine ziemliche Weile; zumal da immer neue Köpfe aus dem Kreise herbeiflatterten,
und die zuvorgekommenen durch allerlei kleine Kunstgriffe zu verdrängen suchten.
Nach und nach erkannte ich beinahe alle meine Bekannten unter ihnen; nur nach
dir sah ich mich vergebens um. Des schalen Spiels mit so vielen leeren Köpfen
endlich überdrüssig, machte ich mich von ihnen los, durchstöberte, dich
aufsuchend, alle Gänge und Lauben des Lustains, und glaubte endlich deinen Kopf
aus einem dunkeln Busch hervorragen zu sehen; wie ich aber hinzuflog, war es
Arasambes, der mich in diesem Hinterhalte belauert zu haben schien, und mir über
die Gefälligkeit, womit ich seine Nebenbuhler anhöre, die bittersten Vorwürfe
machte. Unwillig wandt' ich mich von ihm weg, und sah mich auf einmal in meine
Gärten zu Aegina versetzt, in einen deiner ehmaligen Lieblingsplätze, wo die
Nymphe von Skopas am Abhang eines mit Epheu und wilden Reben bewachs'nen Felsen
den kleinen Silberbach aus ihrer Urne giesst, der sich durch das benachbarte
Myrtenwäldchen nach dem Tempel der Grazien hinschlängelt. Hier werd' ich ihn
unfehlbar finden, dacht' ich, und wie ich mich umsehe, erblick' ich - den
kleinen Gott der Liebe, schlummernd auf die Moosbank hingegossen, über welche
(wenn du dich noch erinnerst) der hohe Busch mit den glühenden Essigrosen
herabnickt. Sein goldner Bogen und etliche Pfeile lagen neben ihm. Ein nie
gefühlter Schauer fuhr bei seinem Anblick durch mein ganzes Wesen; ich kannte
mich selbst nicht mehr; es war mir als ob eine unsichtbare Hand alle Bilder der
Vergangenheit aus meiner Seele wegwische und ich erst jetzt zu leben anfange.
Meine Augen unverwandt auf den schönen Schläfer geheftet, flog ich leise und
schüchtern näher hinzu, um den süssen Atem seiner Purpurlippen einzusaugen, in
Gefühlen zerschmelzend, die mir zu neu waren, als dass ich sie dir beschreiben
könnte. Möcht' er doch, dacht' ich, wie Endymion auf der Stirn des Latmos,148
nie erwachen, damit ich ihn ewig ungestört anschauen könnte; aber indem ich es
dachte, wacht' er auf. Ich fuhr zurück, aber mich zu entfernen war mir
unmöglich. Unbeweglich blieb ich, wie eine in Elektron eingeschloss'ne Mücke,
ihm gegen über in der Luft hangen. »Welch ein schöner Vogel! - rief er, mit
einem schalkhaft lächelnden Blick einen Pfeil auf seinen Bogen legend - der soll
mir nicht entgehen!« Indem er nach mir zielte, gab mir die Angst plötzlich die
Bewegung wieder. Ich sank zu seinen Füssen und flehte ihm so rührend meiner zu
schonen, dass er den Bogen von sich warf, und mich mit Blicken voll Zärtlichkeit
betrachtete. Ausser mir vor Entzücken flatterte ich mit ausgebreiteten Flügeln an
seinem schönen Busen hinauf. Plötzlich verwandelte er sich in einen
wunderschönen Jüngling, und ich selbst glaubte unter den Liebkosungen, womit er
mich überhäufte, meine vorige Gestalt wieder zu erhalten. Aber der Grausame
trieb nur sein Spiel mit mir. Wie ein Aal glitschte er aus meinen um ihn
geschlungenen Armen, setzte sich in seiner ersten Amorsgestalt auf meinen
Schoss, und begann die goldnen Schwingfedern eine nach der andern aus meinen
Flügeln zu ziehen. Ich liess es geschehen, weil ich sah, dass es ihm Vergnügen
machte; denn was hätte ich nicht für ihn getan und gelitten? Aber sobald er die
letzte ausgerupft hatte, spannte der Schalk seine Flügel aus, und flog lachend
mit seiner Beute davon. Von unaussprechlichem Schmerz erdrückt, wollt' ich ihm
nacheilen, aber fort waren meine Schwingen, ich sank zu Boden, und - erwachte,
mit schrecklichem Herzklopfen, an dem ängstlichen Schrei womit ich dem
Fliehenden nachgerufen hatte.
    Was sagst du zu diesem Traum, Aristipp? Ist er nicht seltsam? Und wie komme
ich zu einem solchen Traume? Bin ich abergläubig, wenn ich ihn für etwas mehr
als ein blosses Spiel der Phantasie halte? Ist es Ahnung oder Warnung von meinem
guten Genius? Wenn das, was der Flügelkopf, der mir in diesem Traume mein Ich
gestohlen hat, für den Sohn Cyterens fühlte, Liebe ist, so hab' ich nie
geliebt; und wahrlich, nachdem ich mich meiner selbst wieder bemächtigt habe,
wünsch' ich wachend nie etwas Aehnliches zu erfahren.
    Aber bin ich nicht eine Törin, dass ich mich von einem Traum beunruhigen
lasse? - Seitdem wir uns zum erstenmale zu Korint sahen, sind bereits über
zwanzig Jahre verflossen - ich habe während dieser Zeit die auserlesensten
Jünglinge und Männer Griechenlands gekannt, habe mit dir, habe mit dem schönen
Arasambes gelebt, und mich immer von dieser heillosen Leidenschaft frei
erhalten; und sollte noch einen Zweifel in mich selbst setzen? Sollte mich fähig
wähnen, dem Alter der Weisheit so nahe, noch zum gemeinen Weibe herabzusinken? -
Nein, Aristipp! Ich kann und will nicht glauben, was uns die Dichter überreden
wollen, dass eine Phädra, eine Smyrna149, eine Helena150, im Zorn der Göttin,
wider ihren Willen mit einer unwiderstehlichen Leidenschaft gestraft worden sei!
- Aber freilich, wenn so weise Männer wie Sokrates und Xenophon auf die Seite
der Dichter treten, und von der Liebe als einer Leidenschaft reden, über welche
die Vernunft keine Gewalt hat, und von welcher man eben so unversehens wie von
einem Fieber überfallen werden kann, das könnte doch wohl einen Weiberkopf, der
nie auf grosse Weisheit Anspruch gemacht hat, ein wenig aus der Fassung bringen?
Ich weiss nicht, ob dir Xenophons Cyropädie bereits zu Gesichte gekommen, da es
noch nicht lange ist, dass Abschriften davon bei den Bibliopolen zu haben sind.
Auf alle Fälle schicke ich dir hier ein Exemplar, das ich von dem besten
Schönschreiber in Korint für dich habe abschreiben lassen; denn ich kann das
Vergnügen, so mir dieses in seiner Art einzige Dichterwerk gemacht hat, nicht
bald genug mit dir teilen. Unglücklicherweise wirst du einen gewissen Araspes
151 darin finden, der über die Macht der Liebe eben so profane Gedanken hegte
wie wir, aber seinen Übermut durch eine schreckliche Erfahrung büssen musste.
Ich gestehe dir, nicht ohne Schamröte, dass mir beim Lesen dieser Geschichte das
Herz ein wenig pochte, und bald darauf kam mir der verhasste Traum!
    Ich bitte dich, Freund Aristipp, beruhige mich wenn du kannst; oder ist dir
irgend ein Moly gegen den Zauber der Liebe bekannt, auf dessen Tugend man sich
verlassen kann, so sage mir wo es zu finden ist, und ich gehe selbst es zu
suchen, wenn ich es auch aus dem Schnee des Kaukasus hervorscharren müsste.
 
                                      50.
                               Aristipp an Lais.
Dein Traum, schöne Freundin, und noch mehr deine Angst vor dem Gedanken, dass er
in Erfüllung gehen könnte, hat mich nicht wenig belustiget. Wir wollen nichts
verschwören, Laiska! Die Dichter sind die glaubwürdigsten aller Menschen, denn
sie sagen uns ja nichts als was ihnen die Musen eingeben,
- die alles wissen was war, was ist, und was sein wird.
    Was den schönen Smyrnen, Phädren, Helenen u.s.w. begegnet ist, warum sollt'
es der schönen Lais nicht eben so wohl begegnen können? Welche Sterbliche hat
Aphroditens Eifersucht mehr gereizt, Amors Allmacht länger und verwegener
getrotzt, als die schöne Lais? - Auf alle Fälle ist es glücklich für dich, dass
du, der Ungnade ungeachtet, worein du bei den Göttern von Paphos gefallen bist,
noch einen Freund unter den Unsterblichen hast, der dir diesen warnenden Traum
zuschickte. Man hat zwar Beispiele, dass Träume (sogar eben so sinnreiche und
vielbedeutende wie der deinige) ganz und gar nichts bedeutet haben. Aber
freilich, dass dir das alles im Lande der Flügelköpfe begegnete, ist allerdings
ein bedenklicher Umstand; und wenn du nicht (wie es scheint) kurz zuvor, ehe dir
dieser Traum in der ambrosischen Nacht zugeschickt wurde, die Geschichte des
Araspes und der schönen Pantea gelesen hättest, würde ich selbst vielleicht
zweifelhaft sein, was ich aus ihm machen sollte.
    Aber ernstaft von einer so ernstaften Sache zu reden, sollte denn das
Beispiel eines Araspes, der (wie du mir zuversichtlich glauben kannst) ausser der
Einbildungskraft des Dichters der Cyropädie nirgends existirt hat, von so
schwerem Gewichte sein, dass es eine so weise, ihrer selbst so mächtige und durch
eine Erfahrenheit von zwanzig Jahren zum ruhigsten Selbstvertrauen so sehr
berechtigte Frau, wie meine Freundin Lais ist, furchtsam machen müsste? Nein, bei
Artemis und Pallas Atene! das ist es nicht; ob ich ihm gleich das Verdienst,
leichte, unerfahrne, jugendlich übermütige Flügelköpfe vor Schaden zu warnen,
nicht absprechen will. An solche, wahrlich nicht an unsers gleichen, dachte
Xenophon, da er diese schöne Sokratische Episode in sein treffliches Buch
einwebte. Der Kern, der diese Frucht hervorgebracht, ist vermutlich eine
Erinnerung aus seiner bei dem Attischen Weisen zugebrachten Jugend; denn die
Moral, die er dem Cyrus in den Mund legt, ist die nämliche, womit Sokrates einst
ihm selbst eine heilsame Furcht einzujagen suchte, da er sich gewundert hatte,
wie jener einen blossen Kuss, den der junge Kritobulus dem schönen Knaben des
Alcibiades gegeben hatte, für eine so gefährliche Sache halten könne, dass nichts
Tollkühnes sei, was sich nach einer so vermessenen Tat nicht von ihm erwarten
lasse. Kurz, Xenophons Araspes und Pantea ist weder mehr noch weniger, als der
Inhalt des bei jener Gelegenheit zwischen ihm und Sokrates vorgefallnen
Gesprächs, zu einer vollständigen Geschichte ausgebildet. Diese schöne Dichtung
ist geschrieben dich zu ergötzen, nicht zu ängstigen; und ich weiss dir keinen
bessern Rat, als sie so oft wieder zu lesen, bis du über deine unnötige Furcht
selber lachen musst. Wahr ist es allerdings, dass allzu grosse Zuversichtlichkeit
verwegen macht; aber, wenn Verwegenheit uns oft in Gefahr stürzt, so hilft sie
uns noch öfter aus Gefahren heraus. Der Mutige trotzt der Gefahr und entgeht
ihr; der Feige verliert mit der Kraft des Widerstehens zugleich die Kraft zu
fliehen, und gegen Einen, der durch zu viel Mut umkommt, gehen zwanzig
Furchtsame zu Grunde. Indessen weil auch dem Mutigen Vorsicht geziemt, lass uns
annehmen, dein Traum sei das Werk eines warnenden Dämons: wovor warnt er die
Träumerin? Vor einem verkappten Amor, der seiner Psyche die goldnen
Schwingfedern ausrupft, um lachend mit seinem Raube davon zu fliegen. Wohl! du
hättest also keine Entschuldigung gegen dich selbst, wenn dir jemals so etwas
begegnete; du bist gewarnt!
    Zwar, wofern die Liebe eine so gewaltsame und unbezwingbare Leidenschaft
wäre, wie Xenophons Cyrus behauptet, was sollte die Warnung? Es hiesse, dem
Unglücklichen, der von der Gewalt des Stroms in eine Untiefe hinabgezogen wird,
zurufen: nimm dich vor dem Strudel in Acht! Aber zum guten Glücke bestürmt uns
der furchtbare Tyrann der Götter und der Menschen Eros nicht sogleich mit seiner
ganzen Jünglingsstärke: er ist erst liebkosendes Kind und spielender Knabe; und
so lange er dies ist, gibt es ein Mittel ihm zu entgehen. Es ist eben nicht das
ehrenvollste; aber es ist sicher, unfehlbar, und überdiess wie Xenophons Cyrus
sagt, das einzige. Also, liebe Laiska, sobald dir ein Adonis vor die Augen
kommt, von dem du dich, wie in deinem Traume, mit einem nie zuvor gekannten
Zauber angezogen fühlst, so schliesse die Augen, und eile, eile was du kannst -
zu deinen Freunden nach Cyrene. Vermöchten wir gleich nicht, dir alles zu
ersetzen, was du zu Korint und Aegina zurücklassen würdest, so könntest du doch
schwerlich den allmählich herannahenden Abend deines schönen und glücklichen
Lebens in besserer Gesellschaft zubringen, als in dem häuslichen Cirkel deiner
Freunde Kleonidas und Aristipp, wo du deine Musarion, von kleinen ungefährlichen
Amorinen umgeben, wieder finden, und dir aus der Schwester unsers Kleonidas eine
neue Freundin machen würdest. Dein Herz wird dir bei ihrem ersten Anblick sagen,
sie sei wert es zu sein, und dass sie sich beeifert deinen Aristipp glücklich zu
machen, wird ein Verdienst mehr in deinen Augen sein. Ich gestehe dir, Laiska,
ich bin in diesen meinen Traum verliebt, und wenn der deinige eine so schöne
Frucht hervorbrächte, würde ich glauben, dass er dir unmittelbar von der holden
Grazie Pasitea selber zugeschickt worden sei.
 
                                      51.
                             Antipater an Aristipp.
Nach einem vierjährigen Aufentalt habe ich mich endlich nicht ohne ein
seltsames Gemisch sehr ungleichartiger Gefühle von der herrlichen Atenä,
vermutlich auf immer, losgerissen, um nun auch von den vorzüglichsten Städten
der Pelopsinsel und Siciliens so viel Kundschaft durch mich selbst einzuziehen,
als zu meinem dir bekannten Zweck nötig ist, und als die mancherlei
Verbindungen mir verschaffen können, zu welchen ich im Mittelpunkt der ganzen
Hellas so viele Gelegenheit fand. Aber wo werde ich eine Stadt sehen, die jenem
Lieblingssitze Minervens den Vorzug streitig machen könnte? Ich habe Bürger aus
beinahe allen Griechischen Städten kennen gelernt, und keinen gefunden, der ihr
die seinige ohne Schamröte oder aus einem andern Grunde vorzuziehen vermocht
hätte, als dem Zauber, der uns an den Ort fesselt, wo wir das goldne Alter des
Menschenlebens zugebracht haben. Was muss Aten für den sein, der das Glück
hatte, in ihrem Schoss aufzublühen? Wie natürlich kommen mir alle jene
weltgepriesenen Taten vor, die jemals für eine solche Stadt von ihren Söhnen
getan wurden? - und wenn ich bedenke, was sie erst sein könnte, wenn sie den
Gesetzen und der Verfassung ihres eben so klugen als weisen Solons treu
geblieben wäre! - Was sie jetzt noch werden könnte, wenn sie anstatt ihrer
stürmischen Volksherrschaft sich eine wohlgeordnete Aristokratie gefallen
lassen, und statt der gefährlichen Eitelkeit, auf ihre eigenen und der ganzen
Hellas Kosten nach einer Obergewalt, die ihr nie gutwillig zugestanden wird, zu
streben, sich an dem hohen Vorzug begnügen wollte, das zu sein wozu ihr Name
selbst sie bestimmt, der Hauptsitz aller Künste des Friedens und der Musen, das
Muster der schönsten Ausbildung, die Besitzerin der weisesten Gesetze, der
mildesten Regierung, der menschlichsten Sitten, des feinsten Sinnes für alles
Schöne und Grosse, der vollkommensten und zierlichsten Sprache, und der
angenehmsten Art des Daseins zu geniessen, kurz, durch Vereinigung alles dessen,
was des Menschen Leben veredelt und verschönert, die erste Stadt der Welt zu
sein: wer würde dann nicht das Glück in Aten zu leben allem andern vorziehen,
und die Notwendigkeit, sie zu verlassen, für das grösste aller Uebel halten? -
Platon und Isokrates haben wahrlich keine Schuld, wenn Aten nicht dieses Urbild
einer vollkommenen und glücklichen Republik ist - Aber die Sterblichen scheinen
weder aufgelegt noch geneigt zu sein, den Idealen ihrer Weisen Wirklichkeit zu
geben, und unter allen Erdebewohnern die Atener vielleicht am wenigsten.
Indessen, wie sie sind, habe ich ihnen und ihrer Stadt viel zu danken; und
dieses Gefühl war es auch, was alle übrigen verdrängte und verschlang, als ich
von einer Anhöhe auf dem Wege nach Eleusis den letzten Blick auf den
hellbesonnten Tempel der Atene Polias heftete.
    Zu Korint bin ich von deinem Freunde Learch auf die verbindlichste Art
genötiget worden, meine Wohnung in seinem gastfreundlichen Hause zu nehmen. Ich
gedenke ungefähr einen Monat hier zu verweilen, und dann die übrigen Städte
dieses schönen Hauptstückes von Griechenland, das an Merkwürdigkeiten aller Art
so reich ist, der Reihe nach zu besuchen.
    Die schöne Lais hat seit einiger Zeit ihre vormalige Lebensweise gänzlich
abgeändert. Ihr Haus ist nur noch etlichen ältern Freunden, und keinem Fremden,
der nicht von einem derselben bei ihr eingeführt wird, offen. Sie erscheint gar
nicht mehr öffentlich, gibt keine grossen Gastmahle mehr, und zu den kleinen
Symposien, woran sie einst so viel Belieben fand, werden selten mehr als zwei
oder drei von ihren vertrautern Bekannten eingeladen. Learch scheint dermalen in
vorzüglicher Gunst bei ihr zu stehen, und mit ihm und - meinem Freunde Diogenes
habe ich schon einigemal den Abend bei ihr zugebracht. Man spricht viel zu
Korint von diesem so raschen und sonderbaren Sprung von der höchsten Pracht und
Ueppigkeit einer Asiatischen Satrapin zu einer beinahe misantropischen
Eingezogenheit, und jedermann sucht sich das Wunder auf seine eigene Weise zu
erklären. Die meisten halten es für eine traurige Folge des übermässigen
Aufwandes, den sie mehrere Jahre lang zu Korint und Aegina gemacht: nach andern
soll ein gewisser komischer Dichterling, Epikrates von Ambracien, Schuld daran
sein. Dieser, sagt man, hatte sich lange Zeit alle nur ersinnliche Mühe gegeben,
sich in ihre Gunst einzuschmeicheln, und fiel ihr zuletzt mit seiner
Zudringlichkeit so überlästig, dass sie sich, gegen ihre Gewohnheit, die Freiheit
nahm, ihn mit Verachtung abzuweisen; was vermutlich nicht geschehen wäre, wenn
sie die mindeste Ahnung gehabt hätte, wie weit eine verboste poetische Wespe die
Rache zu treiben fähig ist. Der wütende Komiker rächte sich an ihr152 durch
eine sogenannte Anti-Lais, die an Bosheit und Bitterkeit selbst die berüchtigten
Jamben des Archilochus übertrifft, und wirklich in ihrer Art für ein
Meisterstück gelten kann. Indessen hat Lais gleichwohl alle Ursache, eben so
gleichgültig bei diesem Schmähgedichte zu sein, als es Sokrates bei den
Aristophanischen Wolken war: denn das schändliche Zerrbild, das der beleidigte
Witzling von ihr aufgestellt hat, sieht ihr nicht ähnlicher, als der
After-Sokrates des Attischen Satyrs dem Sohne des Sophroniskus. Auch habe ich
sie selbst darüber ganz unbefangen scherzen gehört, und in Korint wenigstens
ist niemand, der, wenn er gleich die Verse mit Vergnügen las, von dem Verfasser
nicht mit der grössten Verachtung spräche. Ich müsste mich sehr irren, oder die
wahre Ursache der Veränderung, die den Korintiern so seltsam vorkommt, liegt
viel tiefer als sie sich einbilden. Lais ist noch nicht vierzig Jahre alt; ihre
Schönheit ist von der dauerhaftesten Art, und was sie vom Glanz der ersten
Jugendblüte verloren haben kann, wird durch die Kunst des Putztisches so leicht
ersetzt, dass ihr niemand, der sie zum erstenmale sieht, über fünfundzwanzig
geben wird. Eben so leicht würde es ihr sein, die Erschöpfung ihrer Casse zu
ersetzen, wofern diese der Grund ihrer veränderten Lebensart wäre; denn es hinge
noch bloss von ihr ab, so viele freigebige Anbeter zu haben als sie wollte. Ich
kenne sie vielleicht noch nicht genug, dass ich mir anmassen dürfte, sie erraten
zu haben: aber alles was mir, seitdem ich sie zu Aegina täglich zu sehen
Gelegenheit hatte, eine ziemlich ruhige Beobachtung von ihrem Innern verraten
hat, überzeugt mich, dass sie mit sich selbst unzufrieden ist, und wider Willen
gewahr wird, sie habe die Glückseligkeit auf dem unrechten Wege gesucht, aber
von dem einzigen, worauf die Natur selbst ihr Geschlecht leitet, sich schon zu
weit entfernt, als dass sie nur daran denken könnte, ihn noch einzuschlagen. Ich
bin gewiss, eine innerliche Stimme, die sich weder durch Vernünftelei noch
Zerstreuung beschwichtigen lassen will, nötigt sie, das Loos Musarions und
Kleonens beneidenswert zu finden, wiewohl ihr Stolz ihr nie erlauben wird es zu
gestehen. Aber dass es Augenblicke gibt, worin sie es sich selbst gestehen muss,
und dass diese Augenblicke immer häufiger kommen, das ist es vermutlich, was sie
mit sich selbst in Zwietracht setzt, und ihr zu einer Quelle peinlicher
Empfindungen wird, welche sie wechselsweise bald unter einer reizend
mutwilligen, bald witzelnden, bald philosophirenden Laune zu verbergen sucht,
aber durch die Anstrengung, die es sie zuweilen kostet, nur zu sichtbar macht.
Uebrigens scheint mir auch ohnedies nichts natürlicher, als dass sie ihrer
bisherigen Lebensart endlich überdrüssig werden musste. Hat sie nicht von allem,
was man auf dem Wege, den sie einschlug, geniessen kann, das Höchste bis zur
Uebersättigung genossen? Was bleibt ihr übrig? Die Anbetung der Männer und der
Hass der Weiber kann ihr kein Vergnügen mehr machen. Die Täuschungen, wodurch die
Eitelkeit, Unschuld, oder Schwäche eines schönen Weibes sich selbst über das,
was die Männer Liebe nennen, verblenden kann, hat vermutlich bei ihr nie
stattgefunden; und das Spiel, das sie so lange mit ihnen getrieben hat, macht
ihr so wenig Kurzweile mehr, als die ewigen Feste und lärmenden Lustbarkeiten,
wo die Freude eben darum immer auszubleiben pflegt, weil sie so laut und
gebieterisch herbeigerufen wird. Ihr prächtiges Haus, ihr zauberischer Landsitz
zu Aegina, die Juwelen und Kostbarkeiten aller Art, womit Arasambes sie
überhäufte, ihre Gemälde und Statuen, die Umgebung von einer ganzen Schaar
auserlesener talentvoller Mädchen, die sich in die Wette beeifern ihr Vergnügen
zu machen, das alles besitzt sie schon zu lange, als dass es noch einigen Reiz
für sie haben könnte. Die arme Frau hat alles, das Einzige ausgenommen was sie
glücklich hätte machen können; und dies Einzige ist nicht mehr in ihrer Gewalt,
und ist es vielleicht nie gewesen!
    Bei allem dem, solltest du wohl glauben dass sie mir in diesem Zustand von
Verstimmung, oder vielmehr in dieser Abstimmung aller Saiten der Laute, die
einst so bezaubernde Harmonien von sich gab, in einem gewissen Sinne
gefährlicher ist, als vor drei Jahren, da sie noch Vergnügen daran fand, auf
ihrem prunkenden Siegeswagen über die Köpfe und Herzen aller Männer
wegzurasseln? Ich kann es mir selbst nicht erklären; aber ich halt' es für
unmöglich, dass sie in der ersten Blume der Jugend so liebreizend gewesen sein
könne als jetzt; und (aufrichtig zu reden) wofern sie etwa in den nächsten
zwanzig Tagen, die ich hier noch zuzubringen habe, in die Laune käme meine
Weisheit wieder auf die Probe zu stellen - ich weiss nicht - aber wenigstens hab'
ich mich selbst schon mehr als einmal über dem heimlichen Vorsatz ertappt, ihr
das Vergnügen des Sieges nicht sehr teuer zu verkaufen.
    Learch trägt mir auf, ihn in deinem Andenken zu erhalten, und gedenkt es
selbst zu tun, sobald er dir etwas Interessantes zu schreiben haben werde. Die
grosse Kunde, die er von der innern Verfassung der Griechischen Staaten, von
ihrer ältern und neuern Geschichte, ihrer Stärke und Schwäche, und dem
verschiedenen Interesse, worauf ihre dermaligen Verbindungen und Misshelligkeiten
beruhen, besonders die genaue Kenntnis, die er von seiner eigenen Vaterstadt
besitzt, macht den Aufentalt bei ihm um so lehrreicher für mich, da er ein
Vergnügen daran findet, mir so viel davon mitzuteilen als ich zu meinem Zwecke
nötig habe. Er lebt, wie du weisst, seiner Abstammung, seiner persönlichen
Vorzüge, und seines Reichtums wegen, zu Korint in grossem Ansehen; aber er
liebt die Ruhe, die Künste und den angenehmen Lebensgenuss, wozu ihn sein grosses
Vermögen berechtigt, zu sehr, um eine bedeutende Rolle unter den Griechen
spielen zu wollen; zumal in dem gegenwärtigen Zeitpunkt, wo man zu Erhaltung des
zweideutigen Friedens, womit der Spartaner Antalcidas die alte Zwietracht der
Söhne Deukalions einzuschläfern gesucht hat, durch die möglichste politische
Untätigkeit noch am meisten beitragen kann.
    Learch besitzt die reichste und auserlesenste Sammlung von Gemälden, die ich
noch gesehen habe. Er hat, beinahe von den Windeln der Kunst an, von jedem
Meister wenigstens Ein Stück aufzuweisen; und von Parrhasius, Zeuxis, Pauson und
Euxenidas mehr als man (wie ich von vielgewanderten Personen gehört habe) bei
irgend einem Privatmann antrifft. Er ist sehr stolz auf die beiden trefflichen
Stücke von unserm Kleonidas; diese und ein Urteil des Paris von Timant, und
die berühmte kleine Leda des Parrhasius (die er durch einen glücklichen Zufall
in seine Gewalt bekommen hat), sind die einzigen, die in einem zierlich
gearbeiteten Schranke verwahrt stehen, und den Liebhabern erst, wenn sie sich an
allem Uebrigen satt gesehen haben, aufgeschlossen werden.
    Wenn es nicht gar zu unartig wäre, auf einen Mann, der mir unverdienter
Weise so viel Gutes erzeigt, neidisch zu sein, so hätte ich vermutlich Ursache
genug dazu; denn es ist mehr als wahrscheinlich, dass mein edler Wirt bei der
schönen Lais dermalen den Platz einnimmt, den er durch die geduldigste
Beharrlichkeit mehr als zu wohl verdient hat. Er bringt beinahe alle Abende bei
ihr zu, und man kann das Glück, die dritte oder vierte Person an ihrer kleinen
Tafel zu sein, nur durch ihn erlangen. Ich werde also wohl meine Weisheit
unversucht von Korint nach Argos tragen müssen.
    Learch hat sich erboten, deine Briefe an mich zu befördern, wenn du Zeit und
Neigung haben solltest, mir zu schreiben. Ich grüsse Kleonen, Musarion und
Kleonidas und bitte sie, meiner eingedenk zu bleiben.
 
                                      52.
                             Aristipp an Antipater.
Die Gefühle womit du von Aten Abschied nahmst, lieber Antipater, haben mich
sehr lebhaft erinnert, wie mir selbst vor einigen Jahren in ebendemselben Falle
zu Mute war, und schwerlich wird jemand, der einen langen Aufentalt in dieser
von so vielen Seiten anziehenden und an sich fesselnden Stadt gehörig zu
benutzen fähig war, sich mit andern Gefühlen auf immer von ihr losreissen können.
Auch die politischen Betrachtungen, die du mir bei dieser Gelegenheit
mitteilst, stimmen sehr mit meiner ehmaligen Meinung überein. Aber ich habe
seitdem gefunden, dass wir uns fast immer irren, wenn wir meinen, die Dinge in
der Welt würden, wofern sie anders gegangen wären, besser gegangen, oder das
Gute, das uns recht ist, würde auch ohne das damit verbundene Schlimme, das uns
nicht recht ist, erfolgt sein.
    Ich zweifle z.B. nicht, dass Aten bei der Solonischen Verfassung - wenn sie
unverändert beibehalten worden wäre, und nichts von aussen ihr Emporkommen
verhindert hätte - eine wohlhabende, blühende, auf lange Zeit glückliche Stadt
geworden wäre: aber was sie jetzt ist, was wir am meisten an ihr bewundern, was
sie zur einzigen in ihrer Art und zur wahren Hauptstadt der Welt macht, hat sie
durch zwei Männer von sehr ähnlichem Schlage, durch Pisistratus und Perikles
erhalten, und diese hätten in der Solonischen Aristo-Demokratie nimmermehr das
Ansehen, die Gewalt und die Mittel erlangen können, ohne welche das, was sie zu
Verherrlichung und Verschönerung Atens getan haben, nicht zu Stande gebracht
werden konnte. Nur auf den Flügeln einer sehr grossen Popularität konnte sich
Pisistratus zur Alleinherrschaft emporschwingen, und trotz alles Widerstands der
übrigen Aristokraten bis an seinen Tod darin erhalten; und nur in einer Stadt,
wo die höchste Gewalt in den Händen der Volksgemeine lag, konnte Perikles durch
seine demagogischen Künste und Talente, indem er sich für einen blossen Diener
des Volks gab, zwanzig Jahre lang ruhiger und unbeschränkter regieren als
Pisistratus. Es bedarf, um sich hiervon zu überzeugen, nur einen Blick auf das,
was Aten vor der sogenannten Tyrannie des letztern war, und was es
hundertundzwanzig Jahre später durch Perikles ward. Als die eigentliche
Staatsverwaltung noch grösstenteils in den Händen der alten Geschlechter lag,
konnten sogar die Megarer den Atenern die Spitze bieten; konnten ihnen den
Besitz der kleinen, beinahe an das Attische Ufer anstossenden Insel Salamin nicht
nur viele Jahre lang streitig machen, sondern sie sogar zu der schmählichen
Massregel treiben, dass sie die Todesstrafe darauf setzten, wenn sich jemand
wieder unterstehen würde, den Atenern die Wiedereroberung von Salamin
anzuraten. Als hingegen Perikles in dem rein demokratischen Aten alles
vermochte, wuchs diese Republik zusehends zu einer Macht heran, die der ganzen
Hellas und den Persischen Monarchen selbst furchtbar ward; und Alcibiades durfte
ihnen sogar die Eroberung von Sicilien anraten, ohne dass sie eine so missliche
Unternehmung über ihre Kräfte hielten. Erst durch Perikles ward Aten der Sitz
der Künste und der Philosophie, und um es werden zu können, mussten Umstände sich
vereinigen, die nur unter diesen Bedingungen zusammentreffen konnten, mussten
eine Menge seltner Menschen, die nur unter diesen Umständen entstehen konnten,
das Ihrige dazu beitragen; - wie du dich leicht überzeugen wirst, wenn du die
Geschichte der letzten achtzig Jahre in dieser Rücksicht unbefangen überdenken
willst. Uebrigens gebe ich zu, dass es bloss ein glücklicher Zufall war, der dem
demokratischen Aten einen so aufgeklärten und grossherzigen Demagogen wie
Perikles gab; und dass eben diese Freiheit, welche die natürlichen Anlagen des
Attischen Volkes für Kunst und Wissenschaft so mächtig in die Höhe trieb, auch
alle seine Unarten und Untugenden entwickelte, alle seine Leidenschaften
entfesselte, und indem sie seiner Eitelkeit, Herrschbegier und Habsucht eine
unabsehbare Rennbahn öffnete, die erste Ursache seiner Verderbnis, seiner teuer
bezahlten Torheiten und seines fortwährenden Sinkens wurde. Die Höhe, auf
welche Perikles seine Republik erhob, machte sie schwindlicht; sie taumelte,
sank und fiel, und wird nicht aufhören zu fallen, bis sie, mit allen ihren
dermaligen Nebenbuhlerinnen, ihre politische Selbstständigkeit gänzlich verloren
haben wird. Nicht wenn die Atener nach der Obergewalt zu streben aufhören
werden153, sondern wenn sie aufhören müssen, weil von dieser Seite nichts mehr
zu erstreben sein wird, mit Einem Worte, wenn die stolze Königin der Städte zu
einer Municipalstadt irgend eines grossen Reichs, das vielleicht jetzt schon im
Werden ist, herabgekommen sein wird, nur dann wird dein frommer Wunsch in
Erfüllung gehen. Sie wird den Völkern der Erde durch das, was sie ehmals war,
immer ehrwürdig bleiben; ihre Ruhmbegierde, sobald sie ihren dermaligen
Ansprüchen auf ewig entsagen muss, wird eine andere und für sie selbst
wohltätigere Richtung nehmen; sie wird die erste Schule der Wissenschaften, des
Geschmacks und der feinern Sitten, der allgemeine Tempel der Musen und Grazien
für alle Nationen sein, und seine Bewohner werden im Schoss der goldnen
Mittelmässigkeit und Genügsamkeit eines unbeneideten Glücks geniessen, für welches
ihre Vorfahren zur Zeit ihres höchsten Glanzes keine Empfänglichkeit hatten, und
woran sie sich auch nicht hätten genügen lassen, so lange sie sich noch mit der
Möglichkeit schmeichelten, das Ziel ihrer ungezügelten Wünsche erringen zu
können.
    Es klingt vielleicht seltsam, aber meinem Begriff nach hat es mit der
schönen und stolzen Lais so ziemlich eben dieselbe Bewandtnis wie mit der
schönen und stolzen Atenä. Du glaubst Lais habe ihre Bestimmung verfehlt; sie
fühle nun, da es zu spät sei, dass ein liebenswürdiges Weib nach keinem höheren
Ziel trachten sollte als das häusliche Glück eines einzigen Mannes zu machen,
und dieses ihr wider Willen sich aufdringende Gefühl sei die wahre Ursache des
geheimen Missmuts, den sie vergebens zu bekämpfen suche. Es ist sehr möglich,
dass ihr in ihrer dermaligen Verstimmung (wie du ihren Zustand sehr treffend
bezeichnest) dergleichen Gedanken zuweilen durch den Kopf laufen: aber sie hat
einen zu hellen Blick und ein zu lebhaftes Selbstgefühl, um sich nicht bewusst zu
sein, dass sie niemals eine Hausfrau wie Musarion und Kleone abgegeben hätte. Und
gesetzt, sie hätte sich die Pflicht auferlegt das Glück eines Einzigen zu
machen, so würde sie gewesen sein was tausend andere sind; die Welt hätte nichts
von ihr gewusst, und sie hätte nicht Europen und Asien mit ihrem Ruf erfüllt; die
Künstler hätten sich nicht in die Wette beeifert, sie zum Modell ihrer schönsten
Werke nehmen zu dürfen, ihr Bild wäre nicht, in so manchem Tempel aufgestellt,
ein Gegenstand der öffentlichen Anbetung geworden; kein Neffe des Königs von
Persien hätte seine Schätze für sie verschwendet, und kein Aspendier den
Verstand durch sie verloren und wieder bekommen. Und was hätte nun die in ihr
Frauengemach und ihre Kinderstube eingeschlossene, und in die Gesellschaft ihres
Mannes und ihrer Verwandten gebannte Matrone Lais mit der überschwänglichen
Lebhaftigkeit des Geistes, und der üppigen Einbildungskraft und dem reizend
mutwilligen Witz, und mit allen den unerschöpflichen Gaben und Künsten zu
gefallen und zu bezaubern, worin die Hetäre Lais nicht ihresgleichen hat,
anfangen sollen? Oder vielmehr, hätte sie wohl auf einem andern Wege, als den
sie gegangen ist, zu dieser vollendeten Ausbildung und höchsten Verfeinerung
aller ihrer Naturgaben gelangen können? und wär' es nicht Schade, wenn sie nicht
dazu gelangt wäre? Wahrlich nur auf diesem Wege konnte sie werden was sie ist,
die einzige in ihrer Art, die liebenswürdigste und vollkommenste, so wie die
schönste und reizendste, aller - Hetären; denn sie mit irgend einer Matrone
vergleichen zu wollen, wäre gegen beide gleich ungerecht. Verlangen dass sie
etwas anderes, wenn gleich in gewissem Sinne Besseres, hätte werden sollen, ist
so viel als verlangen, Lais sollte gar nicht gewesen sein; etwas, das wenigstens
sie selbst niemals im Ernste wünschen kann. - »Aber sie fühlt sich nicht
glücklich!« - Das ist nun einmal das Loos aller, die nach dem Höchsten trachten,
was ihnen ein gränzenloser Stolz zum Ziel versteckt; denn über lang oder kurz
kommt eine Zeit, wo sie fühlen, dass sie das nicht erreicht haben wornach sie
trachteten. Aber ohne diesen Stolz wäre sie auch mit allen ihren angebornen
Reizen und Vorzügen nur ein gewöhnliches Weib geblieben. Wer Honig haben will,
muss auch Bienen haben, sagt das Sprüchwort. Uebrigens hat sich wohl niemand
weniger über das Mass von Glückseligkeit, das ihm zu Teil ward, zu beklagen als
Lais; denn ich zweifle sehr, dass jemals eine Sterbliche zu einem so hohen Grad
von Selbstgefühl und Selbstgenuss gelangt sei als sie. Wurden nicht zwanzig Jahre
lang alle ihre Wünsche in vollestem Masse befriediget? Oder meinst du sie habe
sich nicht sehr glücklich gefühlt, als sie sich überall wie die sichtbar
erschienene Liebesgöttin angestaunt und angebetet sah, als alle Männer zu ihren
Füssen lagen, und sie, ohne die mindeste Gefahr für sich selbst, mit Amors Bogen
und Pfeilen das mutwilligste Spiel treiben konnte? Dass sie dessen endlich
überdrüssig werden musste; dass von allem, was das Glück ihr so verschwenderisch
zugeworfen, ihr nichts mehr Vergnügen zu machen scheint; dass sie nichts Neues
mehr zu geniessen sieht, nachdem sie alles, wofür sie Empfänglichkeit hat, im
höchsten Grad und Mass schon so lange genossen hat, - alles dies ist zu
natürlich, als dass sie verlangen dürfte, es sollte anders sein. Auf Vollgenuss
folgt Sättigung, auf Ueberfüllung Ekel. Vor dem letztern hat sie sich immer
klüglich zu hüten gewusst; jener hilft Entaltung ab. Im schlimmsten Fall müsste
sie nun von der Erinnerung zehren; und ist auch dies nicht am Ende das gemeine
Loos der Menschheit?
    Ich besinne mich noch sehr lebhaft der ersten traulichen Unterredung, die
ich mit ihr zu Aegina hatte, da sie, wie der junge Hercules des Prodikus, auf
dem Scheideweg zu stehen schien, und von mir verlangte, dass ich ihr raten
sollte. Ich konnte deutlich genug sehen dass sie schon entschieden war, und riet
ihr also, zu tun was sie nicht lassen könne. Das Ideal eines Weibes, wie noch
keines gewesen war, und vielleicht in tausend Jahren keines wieder kommt,
schwebte ihr so reizend vor der Stirne, dass sie dem Verlangen nicht widerstehen
konnte, es in ihrer Person darzustellen. In kurzem hatte sie sich dermassen
darein verliebt, dass Sokrates selbst, als sie sich (unerkannt, wie sie glaubte)
unter dem alten Oelbaum der Atene Polias mit ihm unterhielt, aller seiner
Ueberredungskunst vergebens aufbot, ihr ein anderes höheres Ideal an dessen
Stelle in die Seele zu spielen. Sie fühlte sich geboren Lais zu sein, wie sich
einer zum Maler oder Flötenspieler, zum Dichter oder Heerführer geboren fühlt;
und wenn man das, wozu eine Person alle möglichen Anlagen, die entschiedenste
Lust und die grössten Aufmunterungen von aussen hat, - das, was sie am besten
kann, was ihr am besten ansteht, und worin sie von niemand übertroffen wird,
wenn man das ihre natürliche Bestimmung nennen kann, so sehe ich nicht, wie wir
der schönen Lais absprechen können, die ihrige bisher erfüllt zu haben.
Ueberhaupt ist es immer schwer, öfters misslich und nicht selten unmöglich,
einzelnen Personen, die über den Weg, den sie im Leben einschlagen sollen, noch
ungewiss sind, mit Zuverlässigkeit zu sagen was ihre Bestimmung sei. Die Natur
schickt uns, wie es scheint, mit lauter unbestimmten Anlagen in die Welt, und
was daraus werden soll, hängt grösstenteils von äusserlichen Umständen ab, über
welche wir, in den Jahren wo ihr Einfluss gerade am meisten entscheidet, die
wenigste Gewalt haben. Indessen würde doch, glaube ich, ein Gott, der das ganze,
uns unsichtbare Gewebe der innern Anlagen eines Menschen zu durchschauen
vermöchte, das, wozu ihn diese Anlagen vor allem andern bestimmen, unfehlbar
entdecken; denn in der Natur gibt es nichts wirklich Unbestimmtes. Je lebendiger
also das Selbstgefühl bei einer Person ist, desto mehr ist zu vermuten, dass
sie, wenn die äussern Umstände ihr völlige Freiheit lassen, sich selbst für
diejenige Lebensweise bestimmen werde, zu welcher sie durch ihre ganze
Naturanlage vor allen andern geschickt gemacht ist. War dies nicht ganz
eigentlich der Fall mit Lais? Sie wurde von dem eigenen Wege ihrer freien Wahl
durch die Umstände nicht nur nicht abgehalten, sondern im Gegenteil sehr
verführerisch eingeladen keinen andern zu gehen. Die Art der Erziehung, welche
sie, von ihrem achten Jahre an, im Hause des reichen und wollüstigen Leontides
erhielt, dessen Liebling sie war, und von welchem sie auf alle mögliche Weise
verzärtelt wurde, - das Bewusstsein der seltensten Naturgaben, - eine frühzeitige
Unabhängigkeit und die glänzenden Glücksumstände, worin ihr erster
pflegeväterlicher Liebhaber sie hinterliess, - wie vieles kam nicht zusammen, um
ihr einen Stolz einzuflössen, der sich mit den gewöhnlichen Einschränkungen ihres
Geschlechtes nicht vertragen konnte, und durch Verbindung dieses Stolzes mit dem
sittlichen Zartgefühl, womit die Natur sie beschenkt hatte, das vorhin erwähnte
Ideal in ihr zu erzeugen, dessen Zauber um so unwiderstehlicher auf sie wirken
musste, da sie sich im Bewusstsein ihrer angebornen Kaltblütigkeit zutraute, den
ausserordentlichen Charakter, worin sie in der Welt auftreten wollte, immer
behaupten zu können. Wie schmeichelhaft musste ihr der Gedanke sein, alle
Vorteile der vollständigsten Freiheit mit der gehörigen Achtung gegen sich
selbst, und jede Befriedigung der weiblichen Eitelkeit mit der entschiedensten
Gleichgültigkeit gegen alle Arten von männlicher Versuchung zu verbinden; die
ganze Welt in Flammen zu setzen, während sie selbst, gleich den Feuergeistern
der Persischen Mytologie, unverletzt in diesen Flammen, als in ihrem Elemente,
lebte; kurz, mit dem unvermeidlichen Namen und den unbestrittenen Vorrechten
einer Hetäre, dem grossen Haufen durch die Pracht ihrer Lebensart Ehrfurcht zu
gebieten, und in den Augen derer, die ihres nähern Umgangs genossen, eine
Achtung zu verdienen, die der Weise selbst der Schönheit nicht versagen kann,
wenn sie sich nie anders, als von allen sittlichen Grazien geschmückt und
umgeben, sehen lässt! - Dass dieses hohe und wahrscheinlich jeder andern
unerreichbare Ideal auch für sie zu hoch stand, wer könnte ihr dies zum Vorwurf
machen? Wenn hier etwas zu tadeln ist, so ist es, dass sie sich die
Geschicklichkeit zutraute, ihr ganzes Leben durch, so zu sagen, auf einem
Spinnefaden fortzutanzen, ohne jemals aus dem Gleichgewicht zu kommen. Denn mit
einer leichtern Kunst wüsste ich die Weisheit der Schönen nicht zu vergleichen,
welche nie von der gefährlichen Linie abglitschte, auf der sie sich, im
Aufstreben nach einem solchen Ideal, unverwandt bewegen müsste. Uebrigens können
und wollen wir uns nicht verbergen, dass sie (wie es zu gehen pflegt, wenn man
einmal zu glitschen angefangen hat) unvermerkt weiter von ihrem Ziele abgekommen
ist als sie wohl anfangs für möglich hielt. Vielleicht ist gerade das erwachte
lebhaftere Gefühl der Misstöne in der schönen Melodie ihres Lebens die wahre
Ursache dieser Abstimmung, die du an ihr bemerkt hast. Wenn dies, wie ich hoffe,
der Fall ist, so möchte ich ihr dazu Glück wünschen. Denn die Scham vor unserm
bessern Selbst ist bei edlern Naturen das wirksamste Mittel das gehemmte innere
Leben wieder frei zu machen; und die Eingezogenheit, wozu sie sich, mit
Verachtung der schiefen Urteile der Welt, zu entschliessen den Mut hatte, kann
ihrer Wiederherstellung nicht anders als beförderlich sein. Ein Freund wie
Learch ist in dieser Lage wahres Bedürfnis für sie; aber auch alles, was sie
bedarf; und, so wie ich sie kenne, würde ein Versuch, ihr Einverständnis mit ihm
stören zu wollen (wofern du eines solchen Gedanken auch fähig wärest), nie zur
ungelegenern Zeit gemacht werden können als jetzt, da sie der Achtung und des
Zutrauens eines solchen Mannes nötig hat, um sich wieder mit sich selbst
auszusöhnen.
    Lebe wohl, lieber Antipater. Ich brauche dir nicht zu sagen, wie angenehm
uns deine Briefe immer sein werden, und mit wie vielem Vergnügen deine hiesigen
Freunde den Zeitpunkt deiner Wiederkunft näher rücken sehen.
 
                                      53.
                              Learch an Aristipp.
Der Anteil, den du, mit Kleonidas und Musarion, vermutlich nie aufhören wirst
an den Schicksalen der schönen Lais zu nehmen, macht es mir als einem
gemeinschaftlichen Freunde zur Pflicht, euch von ihrer dermaligen Lage
ausführlich zu unterrichten, da euch vielleicht Gerüchte oder Nachrichten aus
minder lautern Quellen zukommen möchten, die euch ihrentwegen mehr beunruhigen
könnten, als, vor der Hand wenigstens, nötig sein möchte. Du kennst sie zu gut,
lieber Aristipp, um dich nach diesem Eingang nicht auf einen von den
wunderlichen Streichen gefasst zu halten, deren ihre Phantasie und Laune ihr
schon mehrere gespielt haben: aber des Abenteuers, worin sie dermalen verwickelt
ist, dürftest du dich doch schwerlich versehen haben. Ich will euch mit keinem
langen Vorbericht aufhalten; aber der Vollständigkeit wegen werde ich dennoch
etwas weit ausholen müssen, und nicht vermeiden können, des Anteils, den ich
selbst an dieser Geschichte habe, umständliche Erwähnung zu tun.
    Antipater hat dir schon vor geraumer Zeit von der Veränderung Nachricht
gegeben, welche sie bald nach ihrer Zurückkunft aus Tessalien in ihrer
Lebensweise vorzunehmen nötig fand. Es wurde in und ausserhalb Korint viel
Schiefes darüber geschwatzt, vermutet und gefabelt: das Wahre ist, dass diese
Veränderung nicht plötzlich sondern stufenweise vorging, und dass die immer
zunehmende Menge und die unbescheidene Zudringlichkeit ihrer öffentlich
erklärten Liebhaber diese Massregel schlechterdings nötig machte. Unter jenen
Beschwerlichen befanden sich mehrere Auswärtige, welche die Reise nach Korint
nicht vergebens gemacht haben wollten, da sie bloss der schönen Lais wegen
gekommen waren. Ueberhaupt schienen die Herren durch die letzte Wanderung unsrer
Freundin sich berechtigt zu glauben, ihren Ansprüchen einen Nachdruck zu geben,
der dem Stolz und dem Zartgefühl einer Frau von so seltnen Vorzügen gleich
anstössig sein musste. Die Reichsten (meist Einheimische) glaubten sich durch die
prächtigen Feste, die sie ihr gaben, ein Recht an ihre Dankbarkeit zu erwerben.
Andere hingegen spielten geradezu die Freier der Penelope, und nahmen von ihrem
nur allzu gastfreien Hause Besitz, als ob sie immer da zu bleiben gedächten; in
Hoffnung, sie werde sich durch die unverschämte Art, wie sie darin schalteten,
genötiget sehen, sich desto bälder mit ihnen abzufinden. Die Sache hörte in der
Tat bald genug auf kurzweilig für sie zu sein; wie sie aber gewohnt ist alles
mit guter Art zu tun, so fing sie damit an, sich den Festen und Aufwartungen
meiner Korintischen Mitbrüder nach und nach zu entziehen, und immer seltener
grosse Gastmahle in ihrem eigenen Hause zu geben. Die Fremden, welche auf
allerlei Wegen Mittel gefunden hatten Empfehlungen an sie zu erhalten, wurden
zwar noch immerfort aufs beste bewirtet; aber sie selbst erschien, unter
mancherlei Entschuldigungen, selten bei Tische und im Gesellschaftssale, und
wurde zuletzt, einer vorgeblichen Unpässlichkeit wegen, gänzlich unsichtbar: und
weil die Herren auf den Einfall kommen konnten, die Freier der Penelopeia auch
in den Entschädigungen, welche diese sich zu verschaffen wussten, nachzuahmen, so
wurde allen ihren Gesellschafterinnen und Sklavinnen aufs schärfste untersagt,
sich vor keinem von ihnen sehen zu lassen, geschweige das Geringste zu ihrer
Unterhaltung beizutragen. Dieses Mittel konnte seine Wirkung nicht verfehlen;
und da sie sich vollends auf einige Zeit Geschäfte halber von Korint entfernte,
so mussten die Beschwerlichen endlich das Feld räumen, und Lais war nun nach
ihrer Zurückkunft für niemand mehr zu Hause, als für etliche Freunde vom engeren
Ausschuss, die durch einige persönliche Eigenschaften und ein gehöriges Betragen
diese Unterscheidung verdienten.
    Ich glaube nicht dass Lais einen ältern Bekannten hat als mich. Die vertraute
Freundschaft, welche zwischen meinem Vater und dem Eupatriden Leontides statt
hatte, gab mir schon in meiner frühen Jugend Gelegenheit, im Hause des letztern
ein- und auszugehen, und ich erinnere mich noch sehr wohl, die kleine Lais als
ein Mädchen von eilf oder zwölf Jahren gesehen zu haben. Der Alte fand grosses
Vergnügen daran, seinen kleinen Liebling loben zu hören, und seine Freunde zu
Zeugen der ausserordentlichen Anlagen zu machen, die sie in der Musik und
Tanzkunst zeigte. Ich hatte damals etwa achtzehn Jahre, und natürlich konnte mir
das schönste Mädchen, das ich noch gesehen hatte, nicht gleichgültig sein; aber
die angenehmen Eindrücke die sie auf mich machte, streiften nur leicht an mir
hin; ich wusste dass Laiska nicht mein sein konnte; es fehlte nicht an hübschen
Mädchen in Korint; überdiess war ich keiner von denen, die sich einbilden, sie
müssen alles Schöne, was ihnen zu Gesichte kommt, haben, es koste was es wolle;
und es gab viele Dinge, die mir noch lieber waren als ein hübsches Mädchen. Eine
Abwesenheit von mehreren Jahren brachte mir den kleinen Abgott des alten
Leontides gänzlich aus dem Sinne. Als ich nach Korint zurückkam, fand ich sie
auf dem Punkt ihrer schönsten Blüte, im Besitz der reichen Erbschaft ihres
Patrons und einer gänzlichen Unabhängigkeit, von einer Menge Freier und Anbeter
umgeben, mit denen sie sich auf einen solchen Fuss setzte, dass keiner ohne alle
Hoffnung war, wenige sich eines merklichen Vorzugs, und niemand dessen, wornach
sie alle trachteten, zu rühmen hatte.
    Keinen Zutritt im Hause der schönen Lais zu haben, wurde damals in Korint
für ein unzweifelhaftes Zeichen eines schlecht erzogenen und von allen Grazien
verabsäumten Menschen angesehen. Ich unterliess also nicht, von der allgemeinen
Freiheit, die sie allen meinesgleichen zugestanden hatte, Gebrauch zu machen,
zumal da ich nirgends bessere Gesellschaft, und mehr Gelegenheit mit
interessanten Fremden bekannt zu werden, finden konnte als in ihrem Hause. Lais,
die ihre eigentlichen Liebhaber so ziemlich auf dem nämlichen Fuss behandelte,
wie andere Schönen ihre Schosshündchen, Katzen, Wachteln und Sperlinge,
ermangelte nicht diejenigen zu unterscheiden, deren Anhänglichkeit an sie mehr
auf die seltnen Vorzüge ihres Geistes, als auf übel verhehlte Ansprüche an ihre
Schönheit, gegründet war; und da ich das Glück hatte einer von jenen zu sein, so
fand sich unvermerkt, dass ich mich unter die wenigen zählen durfte, denen sie
eine schmeichelhafte Art von Achtung dadurch bewies, dass sie von ihren
häuslichen Angelegenheiten mit ihnen sprach, sie mit kleinen Aufträgen beehrte,
und bei wichtigern Vorfallenheiten sich ihres Rates oder ihrer Dienste
bediente. Dies, Freund Aristipp, war ungefähr das Verhältnis, worin ich mit der
schönen Lais stand, bis sie Milet zu ihrem Aufentalt wählte, und dort mit dem
vornehmen Perser bekannt wurde, der (wenn ich nicht irre) nach dir selbst der
erste war, der sich ihres Besitzes rühmen konnte; mit dem kleinen Unterschied,
dass du sie besassest, er hingegen von ihr besessen war154. Nach ihrer Zurückkunft
von Sardes lebte sie eine Zeit lang mit dem Prunk einer morgenländischen Fürstin
unter uns; und während sich jedermann zudrängte ihren Hof vergrössern zu helfen,
hielt ich mich so lange in geziemender Entfernung, bis sie für gut fand, sich
allmählich wieder auf einen bescheidenern Fuss zu setzen. Ohne den grossen
Gesellschaften gänzlich zu entsagen, oder ihr Haus vor irgend jemand zu
verschliessen, der sich berechtigt halten durfte jedes gute Haus offen zu finden,
lebte sie jetzt am liebsten mit einer kleinen Zahl auserlesener und vertrauter
Personen, und unter diesen fand dann auch dein Freund Learch seinen alten Platz
wieder. Ich muss gestehen, dass bei dieser Erneuerung unsrer alten Verhältnisse
auf meiner Seite unvermerkt einige Veränderung vorging. Mir war als hätte ich
die schöne Lais, sogar in ihrer höchsten Blüte selbst, nie so unwiderstehlich
reizend und liebenswürdig gesehen als jetzt, und der Wunsch, ihr mehr zu sein
als andere, ward immer lebhafter: aber Euphranor hatte sich durch seine Kunst
Verdienste um sie gemacht, und ich war zu sehr sein Freund, um ihm den Vorzug,
den sie ihm zu geben schien, zu missgönnen.
    Inzwischen warest du von deiner langen Wanderschaft nach Aten
zurückgekommen. Sie begab sich, nach dem bekannten Abenteuer mit dem jungen
Aspendier, auf ihr Gut zu Aegina, wo sie einen Besuch von dir erwartete, und
wohin ich, wiewohl eingeladen, ihr nicht eher folgen wollte, als ich für nötig
hielt, um dich noch ein paar Tage dort zu sehen. Aber du hattest dich bereits
wieder entfernt, und ich glaubte eine Veränderung an Lais wahrzunehmen, die ich
mir nicht erklären konnte, bis ihre Vertraute (die schon lange auch die meinige
ist) mir den Schlüssel zu dem Rätsel gab. Es brauchte also nichts als einen
einzigen jungen Menschen, - der (wie er mir in der Folge selbst gestand) mehr
aus Schüchternheit und Eigensinn, als aus einem mächtigen Drang den Hippolytus
mit ihr zu machen155, sich bei einer hartnäckigen Gleichgültigkeit gegen ihre
Reizungen zu erhalten wusste, - es bedurfte nichts als diese kleine Demütigung,
um ihrer gekränkten Eitelkeit eine unumschränkte Gewalt über die bessere Seele
zu verschaffen! Mit einem kaum verhehlbaren Unwillen war ich ein Augenzeuge der
Torheiten, wozu sie sich erniedrigte; und sie sank damals beinahe noch tiefer
in meinen Augen, indem sie in den Anbetern, mit welchen sie sich umringt hatte,
durch alle nur ersinnlichen Hetärenkünste eine Leidenschaft zu entzünden suchte,
welche sie nicht zu erwiedern gesonnen war, als wenn sie sich, wie eine gemeine
Priesterin der Pandemos, einem nach dem andern Preis gegeben hätte.
    In dieser Stimmung war ich nicht sehr aufgelegt, ihr Abenteuer mit dem
Tessalier in dem mildesten Lichte zu betrachten, wie der Ton, worin ich dir
darüber schrieb, nur zu sehr verraten haben wird. Dass sie aber durch ihren
letzten Aufentalt in Aegina und die Tessalische Reise auch in der öffentlichen
Meinung gesunken war, zeigte sich nach ihrer Wiederkunft, in der Art, wie unsre
jungen Leute bei Erneuerung ihrer Bewerbungen zu Werke gingen. Sie konnte bald
genug gewahr werden, dass man es als etwas Ausgemachtes voraussetze: nachdem sie
dem Neffen des Darius einen Tessalischen Centaurensohn zum Nachfolger gegeben,
dürfe sich jeder »hellumschiente Achäer« ohne Übermut berechtigt halten,
Ansprüche an die Gunst einer Schönen zu machen, deren eigentliche Classe keinem
Zweifel mehr unterworfen sei. Du kannst dir vorstellen, wie empfindlich ihr
Stolz sich durch diese Wahrnehmung gekränkt fühlen musste. Gleichwohl hielt sie
noch eine Zeit lang Stand, in Hoffnung durch ein gewisses vornehmes
Ansichhalten, und eine völlige Gleichheit ihres Betragens gegen alle ihre
Liebhaber, die Sachen wieder auf den alten Fuss zu setzen. Als aber die Abnahme
der hohen Achtung, an welche sie schon so lange gewöhnt war, täglich sichtbarer
ward, blieb ihr kein anderer Ausweg, als sich auf die bereits erwähnte Art aus
der Gesellschaft zurückzuziehen; eine Massnehmung, worüber zwar anfangs ganz
Korint in Aufruhr geriet, die man aber, da Lais von allem, was über sie
geschwatzt, gewitzelt und geverselt wurde, keine Kunde nahm und fest bei ihrem
neuen Lebensplan beharrete, sich endlich gefallen lassen musste, und deren man
bereits so gewohnt ist, dass von der weltberühmten Lais vielleicht nirgends
weniger die Rede ist als zu Korint, wo sie lebt, aber schon seit mehr als Einem
Jahre, ausser dem Bezirk ihres Hauses und seiner Gärten, nirgends, und auch dort
nur für wenige sichtbar ist.
    Ich gestehe dir unverhohlen, lieber Aristipp, dass ich seit diesem Rückzug,
mit dessen Beweggrunde ich es nicht gar zu genau nehmen möchte, mich nicht
erwehren konnte, sie immer weniger schuldig zu finden, je mehr ich bedachte, wie
wunderbar die Natur ihre Fehler mit dem, was das Liebenswürdigste an ihr ist,
verwebt hat, und wie verzeihlich es überdiess sein sollte, dass ein so lange von
aller Welt vergöttertes Weib von dem vielen Weihrauch endlich schwindlicht ward,
und in der Meinung, dass man ihr auch die Privilegien einer Göttin zugestehen
werde, sich mehr herausnahm, als einer Sterblichen, die auf Achtung Anspruch
macht, geziemt. Diese Betrachtungen bewogen mich, seit der Zeit, da sich beinahe
ganz Korint gegen sie erklärt hat, ihre Partei wieder mit aller Wärme eines
alten Freundes zu nehmen. Was die natürliche Folge davon war, kannst du leicht
erraten, und wirst hoffentlich nicht mehr als billig finden, dass dein Freund
Learch eine Zeit lang der einzige Korintier war, der das Vorrecht eines freien
Zutritts bei ihr mit Euphranorn und dem Arzt Praxagoras (der sich vor kurzem bei
uns niedergelassen hat) und mit dem kurzweiligen Sohn des Momus und der Penia,
Diogenes von Sinope, nicht nur teilte, sondern vielleicht noch etwas voraus
hatte, was ihre Dankbarkeit seiner so lange und vielfach bewährten Freundschaft
nicht länger vorentalten konnte.
    Aber höre nun auch, was uns der Götter und Menschen beherrschende Dämon Eros
unversehens für einen verzweifelten Streich gespielt hat!
    Vor ungefähr einem Monat lässt sich in meinem und Euphranors Beisein ein
fremder Sklavenhändler bei Lais melden, und bietet ihr einen jungen Sklaven zum
Verkauf an, den er (seinem Vorgeben nach) als Kind von Seeräubern gekauft und
mit beträchtlichen Kosten so erzogen habe, dass man weit und breit wenige
seinesgleichen finden werde. Der Mann machte so viel Rühmens von der Gestalt und
Wohlerzogenheit seines Sklaven, und von seiner Geschicklichkeit im Vorlesen,
Abschreiben, Rechnen und in der Musik, dass wir Lust bekamen, seine Waare in
Augenschein zu nehmen. Dorylas (so nannte er den Sklaven) wurde also vorgeführt.
Lais stutzte, glaube ich, nicht weniger als wir beide, da wir einen schlanken,
zierlich gewachs'nen Jüngling mit einer edlen Gesichtsbildung, grossen funkelnden
Augen und goldgelbem dichtgelocktem Hauptaar, vor uns sahen, etwas bräunlich
aber frisch und rosig von Farbe, kurz, einen jungen Menschen von neunzehn oder
zwanzig Jahren, den Euphranor auf der Stelle zum Modell eines von den Mantineern
bei ihm bestellten Hermes erwählte. Der junge Mensch schien beim Anblick seiner
künftigen Gebieterin nicht weniger betroffen, als wir bei dem seinigen, und
machte (unfreiwillig oder absichtlich) eine Bewegung, wie einer der unversehens
von einem Blick in die Sonne geblendet wird. Ich beobachtete ihn von diesem
Augenblick an scharf, und konnte mich kaum erwehren, den ganzen Handel
verdächtig zu finden. Du nennst dich Dorylas? fragte ihn Lais, mit einem Blick,
der mir ähnliche Zweifel zu verraten schien. Er bejahete es mit sittsam
niedergeschlagenen Augen. - »Woher bist du gebürtig?« - Ich weiss es nicht; meine
Erinnerungen reichen nicht so weit zurück. Ich war noch Kind, als ich meinen
Eltern geraubt wurde. - »Du bist im Vorlesen geübt?« - Wenigstens hatte ich
einen berühmten Lehrmeister. - »Und dieser Mann hier hat dich erzogen?« - Ich
kaufte ihn (fiel der Sklavenhändler ein) bloss in der Absicht, ihn, wenn er
erwachsen und gehörig ausgebildet sein würde, mit einem ansehnlichen Gewinn an
irgend eine Herrschaft, die einen solchen Sklaven zu schätzen wüsste, wieder zu
verhandeln. - »Was forderst du für ihn?« fragte Lais mit ihrer gewöhnlichen
Raschheit. - Einen sehr mässigen Preis in Betracht dessen was er wert ist; nicht
mehr als dreitausend Drachmen: aber davon geht auch kein Triobolon ab. - Der
Handel wurde auf der Stelle geschlossen, der Verkäufer ausgezahlt, und der
schöne Dorylas in das Amt eines Vorlesers seiner neuen Gebieterin eingesetzt.
Aber, sagte sie lachend, indem sie sich gegen mich und Euphranor wandte, woher
wissen wir dass er lesen kann? Billig hätten wir ihn vorher prüfen sollen. Ich
glaube dass ich ihr mit einem unfreiwilligen Achselzucken antwortete. Auf alle
Fälle, sagte Euphranor, bitte ich mir zur Gnade von dir aus, ihn zum Modell für
eine Gruppe des jungen Achilles156 und der schönen Tochter des Fürsten Lykomedes
von Skyros zu nehmen, die ich eben in der Arbeit habe. - Sehr gern, wenn du ihn
dazu gebrauchen kannst, versetzte sie lachend, vermutlich um die plötzliche
Röte zu verhehlen, die über ihr ganzes Gesicht hin loderte. Zufällig lag ein
Anakreon auf einem Tischchen.
    Ich schlug die Ode an den Maler seiner Freundin auf, und sagte zu Lais:
gefällt es dir etwa, deinen Vorleser eine kleine Probe seiner Kunst machen zu
lassen? - Wie du willst, erwiederte sie gleichgültig. Sobald Dorylas vernahm,
wovon die Rede war, bat er sich eine gestimmte Citer aus, und sang uns das Lied
mit einer ziemlich angenehmen Stimme, nach der bekannten Melodie von
Antigenidas, indem er sich selbst auf der Citer begleitete. Lais schien mit den
Talenten ihres neuen Hausgenossen sehr zufrieden zu sein; sie empfahl ihn ihrem
Hausverwalter und winkte ihm abzutreten. Es erfolgte eine kleine Stille. Da habe
ich nun einmal wieder in der Laune des Augenblicks eine Torheit begangen, sagte
sie mit einer ziemlich merklichen Bemühung, ihrer Miene mehr Unbefangenheit zu
geben als sie sich bewusst sein mochte. Vielleicht ein gutes Werk, versetzte ich;
der junge Mensch scheint mir nicht zu sein wofür er dir gegeben wurde. »Wie so,
Learch?« - Ich sollte denken es fiele sogleich in die Augen, dass er weder das
Aussehen noch den Anstand eines Sklaven hat, sagte ich. - Ich kann eben nichts
Besonder's an ihm sehen, erwiederte sie, abermals errötend. - Du hast diesen
Morgen vergessen Rot aufzulegen, liebe Lais; auch wär' es sehr überflüssig
gewesen, da die schönsten Rosen freiwillig auf deinen Wangen blühen. - Learch
ist heute sehr scherzhaft, sagte sie zu Euphranorn: aber findest du wirklich,
dass Dorylas in Weiberkleidern einen leidlichen Achill zu Skyros abgeben könnte?
Wir wollen auf der Stelle die Probe machen. Sie rief ihrer Vertrauten. Sorge
gleich dafür, Eudora, dass der Sklave, den ich so eben gekauft habe, in ein
Mädchen verkleidet und so schön herausgeputzt werde, wie es das Costume der
Fürstentöchter in der heroischen Zeit erfordert, und führe ihn dann in die grosse
Rosenlaube. Das Mädchen eilte hinweg, Lais fing von andern Dingen zu reden an,
und wir folgten ihr in den Garten. Nach einer Stunde erschien die Vertraute mit
dem verweiblichten jungen Achill an der Hand, welcher seine Rolle für einen
Anfänger nicht übel spielte, und sich seiner Vorteile in dieser Verkleidung
sehr wohl bewusst zu sein schien. Die Mädchen hatten ihn prächtig herausgeputzt,
und Euphranor schwur bei allen Göttern, so müssten die Atalanten, Deianiren und
Pentesileen der Heldenzeit ausgesehen haben. Da sagst du ihnen eben nichts sehr
Schmeichelhaftes, versetzte Lais; aber die Frage ist, ob du ihn noch zum Modell
deines verkleideten Achills nehmen willst? - Ich wünsche mir kein besseres,
sagte der Künstler; und du, Dorylas, hast gar nicht nötig so trotzige Gesichter
zu schneiden; das Wahre ist, dass du wie Achill aussehen musst ohne es zu wissen.
- »Aufrichtig zu reden. Euphranor, wenn der junge Achill in Frauenkleidern einem
Mädchen nicht ähnlicher sah, so hätte es des erfindungsreichen Odysseus nicht
bedurft, um ihn aus den Gespielen der Deidamnia heraus zu wittern.« - Indem Lais
dies in einem spöttelnden Ton sagte, bemerkte ich sehr wohl, dass ihre grossen
Augen, mit einem Ausdruck den ich noch nie darin gesehen hatte, auf dem schönen
Dorylas verweilten; und dass die vorgebliche Pyrrha nicht ermangelte, die ihrigen
in einer Sprache antworten zu lassen, deren Sinn der scharfsichtigen Lais nichts
weniger als unverständlich sein konnte.
    Als Dorylas wieder entfernt worden war, konnt' ich mich nicht entalten, ihr
noch deutlicher als ich schon getan hatte zu sagen, dass mir der Sklavenstand
des jungen Menschen verdächtig vorkomme, und dass irgend ein sonderbares
Geheimnis hinter dieser Sache stecken müsse. - Ich fange selbst zu vermuten an,
sagte Lais, dass ich für meine dreitausend Drachmen einen albernen Kauf getan
habe. Und doch seh' ich nicht, was der junge Mensch, wenn er etwas Besseres
wäre, für ein Vergnügen daran finden könnte, sich mir für einen Sklaven
verkaufen zu lassen. - Wenn es nicht eine Art von Liebeserklärung ist, sagte
ich, so wüsste ich auch nicht, was ihn dazu hätte bewegen sollen. - Du könntest
mir mit deinen Grillen den ganzen Spass verderben, erwiederte sie. - Da hättest
du Unrecht, schöne Lais, sagte Euphranor; gibt es denn nicht der schönen jungen
Sklaven bei Tausenden in Griechenland? oder ist es so unerhört, dass man einem
jungen Sklaven, den man zu etwas Besserm als gemeinen Knechtsdiensten bestimmt,
eine Erziehung gibt, die ihn über andere seines Standes erhebt? - »Das Lustigste
wäre, wenn mein Vorleser am Ende nicht lesen könnte. Da hätt' ich freilich seine
gelben Locken und seine Achillesmiene ein wenig zu teuer bezahlt. Indessen,
wenn Euphranor ihn als Modell gebrauchen kann, bleibt mir doch das Verdienst,
etwas zum Wachstum der Künste beigetragen zu haben. Der einzige Achill im
Frauengemach der Tochter Lykomeds, den du aus ihm machen willst, wäre die Summe,
die ich für das Modell gegeben habe, zwiefach wert.«
    Sie lenkte nun das Gespräch auf etwas anders, und in den nächstfolgenden
Tagen war keine Rede mehr von Dorylas. Doch erfuhr ich von unsrer
gemeinschaftlichen Vertrauten: Dorylas habe am dritten Morgen seiner Anstellung,
während Lais sich unter den Händen ihrer Aufwärterinnen befand, zur Probe seiner
Kunst ein Stück aus Xenophons Symposion vorlesen müssen; er habe sich aber,
entweder aus Zerstreuung, oder Mangel an Sinn für die feinsten Schönheiten
dieses Meisterstücks von Attischer und Sokratischer Urbanität, nicht zu seinem
Vorteil aus der Sache gezogen. Es hätte ihr gedäucht, als ob Lais wenig auf die
Vorlesung Acht gebe; und da sie, sobald sie sich mit ihrer Gebieterin allein
gesehen, sich über die Ungeschicklichkeit des neuen Vorlesers ein wenig lustig
gemacht, habe Lais etwas trocken versetzt: Dorylas scheine noch schüchtern zu
sein, und, anstatt unzeitigen Tadels, vielmehr Aufmunterung nötig zu haben. Am
folgenden Tage sei eine ziemlich lange Unterredung ohne Zeugen zwischen Lais und
Dorylas vorgefallen. Ihre Gebieterin habe, wider ihre Gewohnheit, sich nichts
davon gegen sie verlauten lassen, sei aber den ganzen Abend etwas finster und
einsylbig gewesen, und habe sich eher als sonst in ihre Schlafkammer
eingeschlossen.
    Zufälligerweise musste sich's treffen, dass mich um diese Zeit ein
unverschiebliches Geschäft nach Argos rief, und beinah' einen ganzen Monat da zu
verweilen nötigte. Nach meiner Zurückkunft glaubte ich unsre Freundin sehr
verändert zu finden. Es däuchte mich als ob sie in Verlegenheit sei, etwas vor
mir zu verbergen, das sie mir gern entdeckt hätte, wenn sie nur mit sich selbst
einig werden könnte, wie sie anfangen und wie weit sie gehen wolle. Zwischen so
vertrauten Freunden, wie wir seit geraumer Zeit waren, konnte ein solcher Zwang
nicht anders als peinlich, und also von keiner langen Dauer sein. Wiewohl sie
sich geflissentlich hütete allein mit mir zu sein, fand ich endlich doch
Gelegenheit, sie in einem abgelegenen Plätzchen ihres Gartens zu überraschen,
und sie dahin zu bringen, dass sie sich des Geheimnisses, wovon sie gedrückt zu
werden schien, gegen mich entledigen musste. Ich bin in der Kunst zu erzählen so
wenig geübt, dass ich dir lieber den Dialog, der sich nun zwischen uns entspann,
in seiner eigenen Form, so getreu als mir möglich ist, mitteilen will.
    Lais. Ich habe dir seltsame Dinge zu entdecken, Learch. Du hast richtig
vermutet; Dorylas ist nicht, wofür er sich von dem Sklavenhändler ausgeben
liess. - Hier hielt sie inne, als ob sie erwarte dass ich ihr weiter fort helfen
sollte.
    Ich. Und wie machte sich diese Entdeckung?
    Lais. Höre nur, wie es damit zuging. Ich hatte ihn an einem Morgen auf mein
Zimmer rufen lassen, um mir, während meine Mädchen sich mit meinem Kopfputz und
Anzug beschäftigten, Xenophons Gastmahl vorzulesen. Er las ziemlich schlecht,
aber, wie mich dünkte, weniger aus Ungeschicklichkeit, als weil er sich nicht
bezwingen konnte, statt auf sein Buch zu sehen, alle Augenblicke nach mir
hinzuschielen, wiewohl dafür gesorgt war, ihm alle Versuchungen zu einer solchen
Zerstreuung so viel möglich zu entziehen. Aber seine Ohren schienen eben so
scharf zu hören als seine Blicke einzudringen, und die leiseste Bewegung irgend
einer Falte an meinem Gewand erregte seine Aufmerksamkeit. Dies brachte mir
deine Zweifel wieder in den Sinn, und ich beschloss, mich ohne Verzug ins Klare
zu setzen. Ich liess ihn unversehens zu mir in den kleinen Saal am Ende des
Gartens holen, und befahl ihm sich mir gegen über zu setzen. Er gehorchte, erhob
sich aber sogleich wieder als ob er sich plötzlich besonnen hätte, und blieb,
die Arme über die Brust geschränkt, mit gesenktem Haupte vor mir stehen. Höre
auf eine übel gelernte Rolle zu spielen, sagte ich: du bist nicht wofür du dich
ausgegeben hast. - Er schien bestürzt. Wie kann meine Gebieterin glauben,
stotterte er und hielt inne. - Die Rede ist nicht von dem was ich glaube,
sondern was ich sehe. Noch einmal, wer bist du? und wie kommst du dazu, dich
durch eine so unbesonnene List in mein Haus einzustehlen? - Ich weiss nicht, ob
meine Augen die Härte und den strengen Ton meiner Worte Lügen straften; genug,
er warf sich mir zu Füssen, umfasste meine Kniee, und bat mit Tränen in den
Augen, ihm einen jugendlichen, beinahe unfreiwilligen Frevel zu verzeihen, den
er allzuschwer büssen müsste, wenn ich ihn mit meiner Ungnade bestrafen wollte. -
Wer bist du also, wenn du nicht Dorylas bist, sagte ich in einem mildern Ton,
indem ich ihm befahl aufzustehen, und den Platz zu nehmen, den ich ihm gewiesen
hatte. Und nun erfolgte ein umständliches Bekenntnis, woraus ich zu vernehmen
hatte: dass er der jüngste von sechs Brüdern aus einer edeln Tessalischen
Familie sei; während meines Aufentalts zu Larissa sei er ausser Landes gewesen,
habe aber bei seiner Zurückkunft ganz Tessalien meines Ruhmes so voll gefunden,
dass er dem Verlangen mich selbst zu sehen nicht habe widerstehen können. Er habe
sich also, von einem einzigen Diener begleitet, zu Pferde auf den Weg gemacht,
sei aber in einem Hohlwege des Berges Citäron von Räubern überfallen worden,
die ihn, nachdem sein Diener in seiner Verteidigung das Leben verloren, beraubt
und ausgezogen hätten. Da er nun in dem Aufzug eines Bettlers keinen Zutritt zu
mir habe hoffen können, sei er auf den verzweifelten Entschluss gekommen, sich
einem Tespischen Sklavenhändler unter der Bedingung anzubieten, dass er ihn
unverzüglich nach Korint führen und an die schöne Lais verkaufen sollte. Meine
Absicht war (fuhr er fort) sobald ich in deine Gegenwart gekommen sein würde,
mich dir zu entdecken; aber es erfolgte was ich hätte vorher sehen sollen: dein
erster Anblick machte mich auf ewig zu deinem Sklaven, wenn du mich auch nicht
gekauft hättest; und der Gedanke, dir als wirklicher Sklave anzugehören, in
deinem Hause zu leben und des Glücks dich anzuschauen vielleicht täglich
gewürdiget zu werden, wirkte mit einem so unwiderstehlichen Reiz auf mein
Gemüt, dass es mir schlechterdings unmöglich war meinen ersten Vorsatz
auszuführen. Ich fühle nur zu sehr wie strafbar ich bin - und unterwerfe mich
jeder Züchtigung die du mir auferlegen willst; nur die Verbannung aus deinen
Augen würde eine unendlichemal grausamere Strafe sein, als wenn du mir mit
eigener Hand den Tod gäbest. - Ich sagte ihm: wie er hoffen könne, nach einem
solchen Geständnis nur einen Tag länger in meinem Hause geduldet zu werden? -
Das hoffe ich allerdings von deiner Grossmut, versetzte er in einem mehr
zuversichtlichen als bittenden Ton. Ich bitte nur so lange darum, bis die
Unterstützung, die ich von meiner Familie bereits begehrt habe, angelangt sein
wird. Ich bin gewiss dass meine Brüder mich nicht verlassen werden. Warum solltest
du mir auf so kurze Zeit deinen Schutz versagen? Mein Geständnis hab' ich nur
dir getan. In deinem Hause bin ich ein von dir erkaufter Sklave; deine
Hausgenossen wissen nichts anders; und wofern du auch die Güte hättest mich
täglich um dich zu dulden, so würde - So würde, fiel ich ihm in die Rede, da er
das folgende Wort nicht gleich finden zu können schien, so würde jedermann es
sehr natürlich finden, meinst du? du hegest eine sehr bescheidene Meinung von
dir selbst. - Die schlechteste, erwiederte er, wenn ich das Unglück habe, der
göttlichen Lais zu missfallen; die grösste, wofern mir die Grazien hold genug
wären, ihr gütige Gesinnungen für mich einzugeben. - Was hätte ich nun mit
diesem Menschen anfangen sollen, Learch?
    Ich. Verlangst du im Ernst es zu wissen?
    Lais. Deine Meinung wenigstens.
    Ich. Es ist nicht unmöglich, dass dir der junge Dorylas oder Pausanias nichts
von sich gesagt hat, was er im Notfall nicht beweisen könnte; aber, aufrichtig
zu reden, er sieht mir einem ziemlich gefährlichen Abenteurer ähnlich.
    Lais. Gefährlich? Mir gefährlich, Learch?
    Ich. Wahr ist's, wenn die schöne Lais nicht berechtigt wäre, sich über die
Schwachheiten ihres Geschlechts erhaben zu glauben, welche andere dürfte es? Und
doch, wäre sie auch der Göttin der Weisheit eben so ähnlich, als sie es der
Göttin der Schönheit ist, so -
    Lais. Ich erlasse dir den Nachsatz, lieber Learch! Die ganze Gefahr, wenn ja
Gefahr sein sollte, bestände dann doch nur darin, dass mir Pausanias gefallen,
dass ich ihn wohl gar lieben könnte; und wo wäre da das grosse Unglück?
    Ich. Darüber kannst du in der Tat allein entscheiden. Verzeih, wenn mich
die wohlmeinende Freundschaft unbescheiden gemacht hat.
    Lais. Das wirst du nie sein, Learch - Aber deine Meinung, was ich hätte tun
sollen, bist du mir noch schuldig.
    Ich. Wenn du, z.B. dem schönen Dorylas, weil du doch schon zwei oder drei
sehr gute Vorleserinnen hast, die Freiheit und die dreitausend Drachmen, die er
dich kostet, geschenkt, und ihm beim Abschied noch eine Handvoll Dariken zur
Wegzehrung mitgegeben hättest: so hätte er damit wohl behalten nach Hause kommen
können, und jedermann würde gesagt haben, du hättest eine sehr grossmütige Tat
getan.
    Lais. Aber du scheinst zu vergessen, Learch, dass hier nicht die Rede davon
sein kann, was jedermann davon denken und sagen würde; denn ausser meinen Leuten
weiss niemand von der Sache, und niemand hat sich auch um das Innere meines
Hauswesens zu bekümmern. Ueber die Urteile der Korintier bin ich ohnehin schon
lange weg, wie du weisst.
    Ich. Allerdings! Ich hätte sagen sollen: du würdest, wenn du so mit dem
vorgeblichen Pausanias verfahren wärest, sicher auf den Beifall deines eigenen
Herzens haben rechnen können.
    Lais. Das wäre denn doch vielleicht noch die Frage. Uebrigens kann ich dir
zu deiner Beruhigung melden, dass Pausanias im Begriff ist, mein Haus zu
verlassen.
    Ich. Er geht wieder von Korint ab?
    Lais. Das nicht; er bezieht nur eine eigene Wohnung; denn er gedenkt sich
noch einige Zeit hier aufzuhalten.
    Ich. Die Unterstützung von seiner Familie ist also glücklich angelangt? -
    Ich besorge, Aristipp, ich sagte dies in einem ironischen Tone; denn die
arme Lais verfärbte sich, schien verlegen, und hatte Mühe ein paar Tränen, die
ihr in die Augen schossen, zurückzuhalten. Sie musste sich etwas bewusst sein, das
ihren Stolz demütigte, und sie fürchtete vermutlich, dass ich sie erraten
hätte. Ich sah dass es hohe Zeit sei, einer Unterredung, welche beiden Teilen
peinlich zu werden anfing, ein Ende zu machen. Mir ist lieb (sagte ich mit der
unbefangensten Miene, und im gutmütigsten Tone der mir möglich war), dass ich
mich, wie es scheint, in meiner Meinung von diesem jungen Menschen geirrt habe;
und in der Tat hätte ich besser getan, mich auf den feinen Ahnungssinn, der
deinem Geschlecht eigen ist, zu verlassen, und dem Sokratischen Glauben, dass ein
schöner Leib für eine schöne Seele bürge, mehr Gehör zu geben, als meinem
Argwohn. Da der junge Pausanias sich hier zu verweilen gedenkt, so wird es mir
nicht an Gelegenheit fehlen, besser mit ihm bekannt zu werden, und ich will
nicht zweifeln, er werde sich der Nachsicht, die du mit seiner jugendlichen
Unbesonnenheit getragen hast, durch seine Aufführung würdig zu zeigen suchen.
    »Wir sind (erwiederte sie mit einem erzwungenen Lächeln) ich weiss nicht
recht wie, in einen ernstaftern Ton geraten als die Sache zulässt, und du
kannst mir nicht übel nehmen, guter Learch, wenn ich dich bitte, die allzu
ängstlichen Besorgnisse, worin ich dich meinetwegen sehe, auf den Fall zu
sparen, wo etwa ein Mädchen von sechzehn Jahren vor Schaden gewarnt zu werden
nötig hat.«
    Und hiermit endigte sich die letzte vertrauliche Unterredung, die ich mit
der schönen Lais zu pflegen Gelegenheit gehabt habe. Wir schieden zwar, dem
Ansehen nach, als gute Freunde von einander; aber ich habe sie, von diesem Tag
an, immer seltner und nie wieder allein gesehen.
    Inzwischen erfuhr ich von ihrer Vertrauten: Lais habe, wenige Tage nach
ihrer ersten Unterredung mit dem vorgeblichen Dorylas, diesen unter seinem
wahren Namen für frei erklärt, und zugleich in ihrem Hause bekannt werden
lassen, dass er aus einem der vornehmsten Tessalischen Geschlechter stamme, von
welchem sie, während ihres Aufentalts in diesem Lande, mit so vielen
Verbindlichkeiten überhäuft worden sei, dass sie nicht umhin könne, sich
derselben bei dieser Gelegenheit zu entledigen. Seit dieser Zeit komme Pausanias
(die Morgenstunden des Putztisches ausgenommen) den ganzen Tag nicht von ihrer
Seite, speise mit ihr, und sei bereits allen, mit welchen sie noch in einiger
Verbindung steht, von ihr vorgestellt worden. Sie gebe vor, ihn schon zu Larissa
gekannt und mit seinen Verwandten in freundschaftlichen Verhältnissen gestanden
zu haben; woraus sich dann von selbst erkläre, warum Pausanias, nach dem Unfall
der ihn auf dem Citäron betroffen, seine Zuflucht zu ihr genommen habe.
Uebrigens werde der junge Tessalier unvermerkt immer lebhafter, freier und
zuversichtlicher, und entfalte tagtäglich irgend ein neues Talent; denn er sei
ein grosser Reiter, Springer, Tänzer, Jäger, Vogelsteller, Fischer, und
Lustigmacher oben drein, und Lais scheine von der Gewandteit und Artigkeit, die
er bei allen diesen Uebungen zeige, und überhaupt von seiner ganzen Person so
bezaubert zu sein, dass sie sich zusehends erheitere und verjünge, ja wohl gar
(ohne sich's vermutlich bewusst zu sein) nicht selten, wiewohl immer mit aller
ihr eigenen Grazie, in die naive Fröhlichkeit eines Mädchens von sechzehn
zurückfalle. Bei allem dem scheine sie ihren jungen Freund, der ganz öffentlich
den feurigsten und hoffnungsvollsten Liebhaber mit ihr spiele, so kurz als
möglich zu halten, und jede Gelegenheit mit ihm allein zu sein, oder von ihm
überrascht zu werden, aufs sorgfältigste zu vermeiden; und daher habe sie auch
geeilt, ihm ohne Aufschub ein eigenes schönes Haus, in der Nähe des ihrigen,
aussuchen, mieten und prächtig einrichten zu lassen. Dass alles auf Kosten ihrer
Gebieterin gehe, daran sei kein Zweifel; denn man wisse bereits zuverlässig, dass
seine Familie von keiner Bedeutung in Tessalien sei, und dass er sein kleines
Erbteil schon zu Aten, wo er sich zuletzt aufgehalten, mit Rennpferden,
Banketten und Hetären, bis auf den letzten Heller aufgezehrt habe.
    Dies, lieber Aristipp, ist alles (und für einen so warmen Freund der schönen
Lais schon zu viel) was ich dir bis jetzt von diesem neuen Abenteuer berichten
kann. Ich überlasse dir selbst was davon zu denken ist. Immer ist es seltsam
genug, dass diese allgewaltige Männerbeherrscherin, welche, während sie zwanzig
Jahre lang alle Welt bezauberte, ihrer selbst immer mächtig blieb, eine so lange
behauptete Freiheit noch in ihrem vierzigsten an einen jungen Tessalischen
Glücksritter157 verlieren soll, der unter allen, die jemals Anspruch an sie
machten, gerade der unwürdigste ist, und (wie ich sehr besorge) nicht sowohl
nach ihrem Herzen als nach ihrem Geldkasten trachtet. Sollte sich nicht sogar,
wer nie an etwas Dämonisches geglaubt hat, von einem solchen Beispiele genötigt
fühlen, zu glauben dass es unholde schadenfrohe Dämonen gebe, die uns zwingen auf
den Köpfen zu tanzen und wider Willen tausend Torheiten zu begehen, bloss um
sich selbst Stoff zum Lachen zu verschaffen? - Es wäre denn, dass Xenophons
zweierlei Seelen in einer und eben derselben Person hinlänglich wären, uns
solche widersinnische Erscheinungen begreiflich zu machen. Doch was kann es uns
nützen, die Ursache eines Uebels zu wissen, dem nicht zu helfen ist? Die
unwürdige Leidenschaft, worin sich unsre arme Freundin verfangen hat, ist, wie
ich fürchte, ein Uebel dieser Art; - wiewohl ich dich damit nicht abgeschreckt
haben will einen Versuch zu machen, da du billig mehr über sie vermögen solltest
als ich. Auf alle Fälle werde ich nicht ermangeln, dir vom weitern Verlauf
dieses sonderbaren Liebeshandels mit der ersten Gelegenheit Nachricht zu geben.
 
                                      54.
                              Learch an Aristipp.
Ich erledige mich, wiewohl mit zögernder Hand, meines Versprechens, dir die
weitern Nachrichten mitzuteilen, die ich mir über die Leidenschaft unsrer
unglücklichen Freundin für den jungen Tessalier, den die strenge Nemesis zum
Werkzeug ihrer Züchtigung ausersehen zu haben scheint, teils durch mich selbst,
teils durch die wohlmeinende kleine Verräterin Eudora zu verschaffen
Gelegenheit gefunden habe.
    Was den jungen Menschen betrifft - der, wiewohl kaum zwanzig Jahre alt,
schon mancherlei Abenteuer bestanden und sich an mehrern Orten unter
verschiedenen Namen einen sehr zweideutigen Ruf erworben hat - so stimmen alle
meine eingezogenen Erkundigungen darin überein, dass er aus dem Tessalischen
Kanton Pharsalia gebürtig, und weder reicher noch von edlerer Herkunft ist, als
jeder andere Abkömmling von Pyrrha und Deukalion. Indessen kann man ihm nicht
absprechen, dass er vornehme Leidenschaften und Liebhabereien hat, und den
kleinen Tessalischen Fürsten auf Unkosten der verblendeten Lais meisterlich zu
spielen weiss. Er lebt, seitdem er eine eigene Wohnung bezogen hat, unter dem
Namen Pausanias auf einem grossen Fuss; hat sich eine Menge Bediente, die
schönsten Pferde, und Jagdhunde, wie sie Xenophon selbst nicht besser hat,
angeschafft; erscheint beinahe täglich auf der Rennbahn, und steht bereits mit
den ausschweifendsten und übel berüchtigtsten unter unsern jungen Eupatriden in
enger Verbindung. Die arme Lais, die ihm nichts versagen kann, ist genötigt,
ihr schon so lange besserer Gesellschaft verschlossenes Haus allen diesen
Wildfängen offen zu halten, und du kannst dir vorstellen, dass der Unfug, den die
Homerischen Freier im Palaste des Odysseus treiben, nur Kinderspiel gegen die
Orgien dieser ungezügelten Schwärmer, und das fette Schwein nebst dem
auserlesenen Geissbock, so jene täglich verzehrten, eine Kleinigkeit gegen den
ungeheuern Aufwand ist, welchen Lais durch ihre gränzenlose Gefälligkeit gegen
alle Einfälle und Launen ihres eben so unbesonnenen als unbescheidenen
Geliebten, sich auf den Hals geladen hat.
    Alles dies ging nun freilich stufenweise. In den ersten Tagen schien er bloss
an ihren Winken zu hangen, und von ihrem Anschauen und ihren Blicken zu leben.
Aber mit einem verwundernswürdigen Spürsinn machte der Schlaue gar bald ihre
schwache Seite und die Rolle ausfindig, die er zu spielen habe, um sich
unvermerkt ihres ganzen Herzens zu bemächtigen. Wechselsweise feurig und kalt,
schwärmerisch und mutwillig, ehrfurchtsvoll und zudringlich, geschmeidig und
widerspänstig, unterwürfig und gebieterisch, zeigte er sich ihr unter so
vielerlei Gestalten, und wusste immer so behend und mit so ungezwungener
Leichtigkeit diejenige anzunehmen, die zur gegenwärtigen Stimmung oder Laune der
wandelbarsten und vielgestaltigsten aller Weiber am besten passte, dass er schon
dadurch allein, dass er sie so stark beschäftigte, und ihr so viele Gelegenheiten
gab, sich ihm von allen Seiten mit immer neuen Reizungen zu zeigen, eine Gewalt
über sie erhalten musste, die noch keiner ihrer Freunde oder Liebhaber sich zu
verschaffen - gesucht oder vermocht hatte.
    Indessen, dies alles, und wenn man auch die Eindrücke, die seine Gestalt und
Jugend auf eine Frau wie die schöne Lais machen konnte, in der möglichsten
Stärke noch dazu rechnet, alles dies wäre doch nicht hinreichend, die
Leidenschaft, womit sie an diesem Menschen hängt, und die Gewalt, die er über
sie ausübt, begreiflich zu machen: man ist schlechterdings genötigt, entweder
die unwiderstehliche Sympatie der Aristophanischen Menschen-Hälften in Platons
Gastmahl, oder den alten Glauben, dass es Leidenschaften gebe, die uns von einer
ergrimmten Gotteit aus Rache über den Kopf geworfen und gleichsam angezaubert
werden, zu Hülfe zu nehmen, um sich von einer so wunderbaren Erscheinung eine -
eben so wunderbare Ursache anzugeben.
    Lais hatte vorher nie leidenschaftlich geliebt. Auch wenn sie sich
herabliess, unter den unzähligen, die sich um sie bewarben, einen von den Göttern
begünstigten glücklich zu machen, geschah es immer ohne dass ihre Freiheit die
mindeste Gefahr dabei lief. Schwärmerische Liebe, die sich dem Geliebten
gänzlich hingibt, keinen Willen als den seinigen hat, ihm alles aufopfert, nur
in ihm lebt und da ist, kurz, eine Liebe, die man nicht in seiner Gewalt hat,
und deren Wirkungen im Gegenteil unsrer eigenen Selbstständigkeit Gewalt
antun, und eine Art von Bezauberung sind, war in ihren Augen eine lächerliche
Schwachheit, deren sie sich gänzlich unfähig hielt. Eine späte Erfahrung hat sie
nun, zu ihrem eigenen Erstaunen, des Gegenteils überführt; und wer jemals
selbst geliebt hat, begreift, wie die mächtigste aller Leidenschaften, sobald
sie einmal Besitz von ihr genommen hatte, eine so gänzliche Verwandlung ihrer
Sinnesart bewirkte, dass sie andern und sich selbst ein völlig neues Wesen
scheinen muss. Aber wie diese Anlage zu der höchsten Art von tragischer Liebe
vierzig Jahre lang, wie von einem magischen Schlaf gebunden, in ihrem Busen
schlummern konnte, und dass gerade dieser Tessalische Taugenichts der einzige
sein musste, der sie zu wecken vermochte, das ist es, was allen, die sie zuvor
kannten, unbegreiflich ist, und was man kaum seinen eigenen Augen glauben kann.
    Ich würde mich nicht so sehr verwundern, wenn der Zaubervogel, womit er sie
an sich gezogen hat, keine andern als die gewöhnlichen Zufälle der
leidenschaftlichen Liebe in ihr hervorbrächte, wie heftig sie auch immer sein
möchte, mit Einem Worte, wenn sie den schönen Tessalier liebte wie etwa Sappho
ihren Phaon; auch würden, wenn dies der Fall wäre, ihre Freunde sich ihrentwegen
noch eher beruhigen können. Denn, da der schöne Pausanias weit entfernt ist den
Grausamen gegen sie zu machen, so wäre gute Hoffnung, dass der Genuss das Feuer
dämpfen und die verliebte Raserei von kurzer Dauer sein würde. Aber, zu ihrem
Unglück, hat die Phantasie ungleich mehr Anteil an ihrer Leidenschaft als die
Sinnlichkeit. Ihre Liebe ist das Ideal der reinsten, höchsten, treuesten und
beständigsten Anhänglichkeit, und so wie sie selbst liebt, will sie auch wieder
geliebt sein. Sie verlangt von ihm was er ihr nicht geben kann, ein Herz das nur
für sie schlägt, eine ganz von ihr ausgefüllte Seele. Alle seine Begierden
sollen in ihrem blossen Anschauen sich ersättigen; die zarteste ihrer
Liebkosungen, die leiseste Berührung ihrer Hand soll ihn schon zum Gott machen.
Aber Pausanias, wiewohl er anfangs einige Tage lang den Schüchternen und
Ehrfurchtsvollen spielte, hat keine Lust sich in den Mysterien der himmlischen
Aphrodite und des Platonischen Eros einweihen zu lassen; und daher entsprangen
ziemlich bald kleine Misshelligkeiten und Zänkereien zwischen ihnen, wobei Lais
den Sieg allemal durch Gefälligkeiten anderer Art teuer genug erkaufen musste.
Ihre Furcht ihn erkalten zu sehen, wenn sie das, was er mit einem mildernden
Namen seine Liebe nannte, befriedigte, war so gross, dass sie lange Kraft genug in
sich fand ihm zu widerstehen; aber dafür glaubte sie, ihm auf einer andern Seite
einen verhältnissmässigen, d.i. nach ihrer eigenen Schätzung, einen sehr grossen
Ersatz schuldig zu sein; und so erhielt er (das Einzige, was sie immer noch zu
geben haben wollte, und was wahre Liebe am längsten zurückhält, ausgenommen)
alles andere von ihr, was er sich nur zu wünschen einfallen liess. Allein kaum
hatte der Undankbare den Schlüssel zu ihrer Schatzkammer in seiner Gewalt, so
trug er auch kein Bedenken, sich für dies einzige Opfer, worauf sie einen so
hohen Wert setzte, auf die unzärtlichste Art zu entschädigen, indem er öfters
ganze Nächte mit etlichen seiner Vertrautesten bei der schönen Phryne
durchschwärmte, einer jungen Hetäre, die sich seit einiger Zeit hier
niedergelassen hat, und dermalen die berühmteste und teuerste unter den eilf
oder zwölfhundert Priesterinnen ist, die sich dem Dienste der Aphrodite Pandemos
in dieser üppigen Stadt gewidmet haben. Du kannst dir die Ungewitter vorstellen,
die eine Beleidigung dieser Art in einer so stolzen Schönen erregen musste, die
auch an allem Aeusserlichen, was die Männer anziehen und fesseln kann, noch immer
keine über sich sieht; zumal, da der übermütige Mensch, anstatt sie durch Reue
und Demütigung zu besänftigen, ihrer Empfindlichkeit anfangs einen kaltblütigen
Trotz entgegensetzte, der ihm unfehlbar seinen Abschied zugezogen hätte, wenn
nicht eine einzige zu ihren Füssen geweinte, wahre oder geheuchelte Träne
hinreichend gewesen wäre, ihren Zorn zu löschen und eine Aussöhnung zu bewirken,
deren erste Bedingung seinen Triumph über ihre Schwäche vollständig machte.
    Die Unglückliche sieht nun selbst, dass ein längerer Aufentalt zu Korint
ihr in jeder Rücksicht nachteilig wäre, und sie hat ihrem Geliebten - der seit
der letzten Aussöhnung die leidenschaftlichste Anhänglichkeit an sie zeigt - den
Vorschlag getan, mit ihm nach Tessalien zu ziehen, und, mit dem Rest ihrer
durch seine Verschwendungen ziemlich zusammengeschmolzenen Reichtümer, sich in
einer der anmutigsten Gegenden dieses Zauberlandes anzukaufen. Sie ist, zum
Behuf dieses Vorhabens, bereits über den Verkauf ihres schönen Landgutes zu
Aegina mit Eurybates in Unterhandlungen getreten, welche durch meine Hände
gehen; denn ihr in Geschäften dieser Art zu raten und zu dienen, ist das
Einzige, wodurch mir noch erlaubt ist ihr meine Freundschaft zu beweisen. Da
Eurybates seine unmittelbar an dieses Gut gränzenden Besitzungen beträchtlich
dadurch erweitern und verschönern kann, und es daher schwerlich aus den Händen
lassen wird, so habe ich gute Hoffnung, vorteilhaftere Bedingungen von ihm zu
erhalten, als von irgend einem andern Käufer zu erwarten sein dürften.
    Das Schlimmste bei allem diesem ist ohne Zweifel, dass die arme Lais - wie
ich, aller ihrer Bemühungen es mir zu verbergen ungeachtet, nur gar zu deutlich
sehe - nicht glücklich ist. - Sollte dir nicht auch schon begegnet sein, was mir
mehr als Einmal geschah, dass du im Traum zu träumen wähntest? Ich weiss den
Zustand, worin Lais sich dermalen befindet, durch kein passenderes Bild zu
bezeichnen. Sie sieht zu hell, um nicht zu sehen, dass sie ihr ganzes Glück in
eine blosse Täuschung setzt: aber sie will getäuscht sein, und so ist sie es denn
auch wirklich, und träumt, es träume ihr dass sie glücklich sei. Möge nur das
völlige Erwachen nicht gar zu schmerzhaft sein!
    Ob noch ein Mittel sie zu retten übrig ist, weiss ich nicht; mir wenigstens
sind alle Versuche, die ich gemacht habe, fehlgeschlagen.
 
                                      55.
                              Aristipp an Learch.
Lais ist dazu gemacht, in allem gross und ausserordentlich zu sein. Von ihrer
ersten Jugend an, mit der unbeschränktesten Macht, sich ihren Neigungen zu
überlassen und immer von ganzen Schwärmen von Anbetern umgeben, unter welchen
gewiss nicht wenige sehr liebenswürdig waren, sogar im vertrautesten Umgang mit
einigen von diesen eine so lange Zeit sich immer frei erhalten zu haben, war
vielleicht ohne Beispiel. Als aber diese Leidenschaft, deren sie selbst sich
immer für unfähig gehalten hatte, endlich doch noch Meister über die
Widerspänstige ward, war nichts anders zu erwarten, als dass das Seelenfieber
(wenn ich es so nennen kann) wovon sie begleitet ist, von der heftigsten Art
sein würde. Es scheint es sei mit der Liebe wie mit gewissen Krankheiten, die
jeder Mensch Einmal in seinem Leben gehabt haben muss, und die desto
unschädlicher sind, je früher man davon befallen wird. Ich erinnere mich noch
sehr wohl, dass ich in meinem fünften oder sechsten Jahre in eine meiner Basen,
ein Kind von drei bis vier Jahren, sterblich verliebt war, und dass man, da sie
im fünften starb, die grösste Mühe hatte, meiner Verzweiflung Einhalt zu tun und
mich mit dem Leben wieder auszusöhnen. Vermutlich habe ich es dieser voreiligen
Liebschaft zu danken, dass ich bis auf den heutigen Tag von dieser Art von Fieber
nie wieder, wenigstens nicht gefährlich noch auf lange Zeit, befallen worden
bin.
    Wenn denn also die gute Lais einmal wenigstens in ihrem Leben sich in ganzem
Ernst verlieben musste, so sehe ich nicht, warum der schöne und schlaue junge
Tessalier nicht eben so gut dazu hätte taugen sollen als ein anderer; im
Gegenteil, mich dünkt ich begreife vermittelst der bekannten Aristophanischen
Hypotese recht wohl, warum gerade er und kein anderer, der Einzige war, welcher
den so lange in ihrem Busen verborgenen Krankheitsstoff entwickeln konnte. Ich
glaube wahrgenommen zu haben, dass die heftigste Art von Liebe diejenige ist, da
man, ohne es sich deutlich bewusst zu sein, sich selbst, oder gleichsam ein
zweites aus dem Gegenstand in das unsrige hinein gespiegeltes und mit ihm
zusammenfliessendes Ich, in dem Geliebten anbetet. Sollte dies nicht nahezu der
Fall mit unsrer, immer ein wenig zu viel in sich selbst verliebt gewesenen,
Freundin sein? Wenn ich alle charakteristischen Züge des jungen Pausanias aus
deiner Erzählung zusammen nehme, so scheint mir eine sehr entschiedene
Aehnlichkeit der Naturen zwischen ihr und ihm vorzuwalten. Ich finde an beiden
ungefähr dieselben Naturgaben, eine lebhafte Einbildungskraft, Witz, Gewandteit
und Geschmeidigkeit des Geistes, mit einer seltnen Schönheit und allem übrigen
was beim ersten Anblick die Augen verblendet und die Neigung besticht; aber auch
dieselben Leidenschaften, Fehler und Unarten: denn beide sind eitel, flüchtig,
rasch, leichtsinnig, stolz, eigenwillig, prachtliebend und verschwenderisch, und
in beiden bringen diese Eigenschaften ziemlich gleiche Wirkungen hervor. Den
ganzen Unterschied (ausser dem, was auf Rechnung der Verschiedenheit des
Geschlechtes kommt) machte die Erziehung und das Glück. In ihr wurden alle
Naturanlagen von früher Jugend an entwickelt, bearbeitet, und durch einen
seltnen Zusammenfluss glücklicher Umstände ausgebildet, abgeglättet, und
gleichsam mit einem glänzenden Firnis überzogen: da die seinigen hingegen, aus
Mangel an gehöriger Cultur und günstigen Glücksumständen, einen grossen Teil von
der Centaurischen Rohheit behalten mussten, wodurch sich die Tessalier, im
Durchschnitt genommen, von andern feiner gebildeten Griechen nicht zu ihrem
Vorteil auszeichnen. Aber diese zufällige Verschiedenheit konnte die natürliche
Wirkung des sympatetischen Instincts nicht aufhalten; die schöne Lais spürte
ihre Hälfte auf den ersten Anblick aus; und nun erfolgte alles, wie es uns
Plato, im Namen des Aristophanes (als des ersten Erfinders der Doppelmenschen),
so unverschleiert beschrieben hat, dass Diogenes der Cyniker selbst nicht
natürlicher von der Sache hätte sprechen können.
    Aber wozu diese Erörterung? Du erinnerst sehr wohl, bester Learch, dass es
hier nicht um eine begreifliche Erklärung des Geschehenen zu tun ist, sondern
um ein Mittel grösseres Unheil zu verhüten. Noch ist nicht alles verloren; und
wofern auch Lais (wie ich ihr's zutraue) sich in den Kopf setzen sollte, ihrer
ersten Liebe bis in den Tod getreu zu bleiben: so bin ich nicht ohne Hoffnung,
dass Pausanias, in einen Kreis von edeln und guten Menschen versetzt, selbst noch
ein besserer Mensch, und dessen, was sie für ihn tut, würdiger werden könnte.
Der beigelegte kleine Brief, um dessen Uebergabe ich dich bitte, entält den
einzig möglichen Versuch, den ich machen kann; wiewohl mir ich weiss nicht was
für eine Ahnung sagt - was ich weder denken noch aussprechen mag.
    Es wird dir zugleich, nebst einem kleinen Xenion158 für dich selbst, ein mit
Gold beschlagenes Kistchen von Ebenholz für die schöne Lais zugestellt werden.
Es entält einen Halsschmuck von rundgeschliffenen Granaten und Hyacinten, und
ein daran hängendes mit Sapphieren und Rubinen besetztes goldnes Bruststück,
worauf Kleone den Amor Anakreons gemalt hat, wie er von drei Musen mit
Rosenkränzen gebunden der Schönheitsgöttin ausgeliefert wird. Du wirst, wenn
mich meine Vorliebe für alles, was aus Kleonens Händen kommt, nicht sehr
verblendet, finden, dass sie in solchen kleinen Gemälden mit Parrhasius selbst um
den Preis streiten könnte. Das Ganze ist ein Gegengeschenk von Musarion und
Kleone für ein beinahe zu kostbares Geschenk, das Lais ihnen vor einiger Zeit
zum Andenken überschickte, und das, wenn wir es annehmen sollten, mit keinem
geringern erwiedert werden konnte.
 
                                      56.
                               Aristipp an Lais.
Ich vernehme von unserm Freund Learch, liebe Lais, dass du Anstalten machest,
Korint zu verlassen und deinen künftigen Wohnsitz in dem reizenden Tessalien
aufzuschlagen.
    Auch mir schweben noch so angenehme Erinnerungen von dem zauberischen Tempe
und andern anmutigen Ufergegenden des Peneus vor, dass ich deine Vorliebe zu dem
Vaterlande der ältesten und schönsten Myten der Griechen nicht missbilligen
kann.
    Aber, wenn die Wünsche deiner Freunde Kleonidas und Aristipp, von den
freundlichsten Einladungen deiner Musarion und ihrer Schwester Kleone
unterstützt, etwas bei dir vermöchten; wenn du bedenken wolltest, wie glücklich
du uns alle durch deinen Besuch machen, und wie vergnügte Tage du selbst (wie
wir uns schmeicheln) in unsrer Mitte leben könntest: so wirst du es für keine
Zudringlichkeit halten, wenn wir dich bitten, die Reise nach Tessalien - nicht
aufzugeben, nur ein einziges Jahr aufzuschieben, und dieses Jahr deinen Freunden
in Cyrene zu schenken, die sich beeifern würden, dich für das Opfer, das du
ihnen dadurch brächtest, so viel ihnen nur immer möglich wäre zu entschädigen.
Cyrene ist seit einigen Jahren eine Art von Aten geworden, friedsamer, ruhiger,
und vielleicht sogar gastfreundlicher als jenes Attische; und es hätte dir, um
nicht zu viel zu sagen, wenigstens für ein Jahr Stoff und Gelegenheit zu den
angenehmsten Unterhaltungen überflüssig anzubieten. Du würdest, nach deinem
Gefallen, entweder in meinem Hause in der Stadt oder auf meinem nahe bei Cyrene
gelegenen Landsitze, oder wechselsweise bald in dem einen bald in dem andern
wohnen, und in jenem einen kleinen Tempel der Kunst, in diesem sogar eine Art
von Akademie zu deinem Gebrauch haben. In beiden ist alles schon zu deinem
Empfang bereit; und wer es auch sei, den du zum Begleiter wählen wirst, er soll
die Aufnahme eines Bruders finden, und uns desto werter sein, je näher er dem
Herzen unsrer Freundin ist.
    Lass mich den Schmerz nicht erfahren, beste Lais, mein Vertrauen auf deine
Freundschaft getäuscht zu sehen, und nimm inzwischen, als ein Unterpfand unsrer
Gesinnungen für dich, das kleine Xenion freundlich an, wodurch Musarion und
Kleone dir ihre Dankbarkeit zu zeigen wünschen, und womit sie dich (wenn du ihre
Freude vollkommen machen willst) bei deiner Ankunft in Cyrene geschmückt zu
sehen hoffen.
    Du siehst wir rechnen so sehr auf deine Grossmut, dass wir es gar nicht für
möglich halten, eine Fehlbitte bei dir getan zu haben.
 
                                      57.
                               Lais an Aristipp.
Mein Traum ist nur zu bald in Erfüllung gegangen, lieber Aristipp! Die höhern
Mächte haben eine strenge Rache an mir ausgeübt: Adrasteia, dass ich
vierundzwanzig Jahre lang gar zu glücklich war; die Götter der Liebe, dass ich
ihnen so lange Trotz zu bieten wagte. Xenophons Cyrus hat Recht behalten; nur
darin irrt er sich, wenn er glaubt, das was er für das einzige Rettungsmittel
gegen den furchtbarsten aller Dämonen hält, die Flucht, stehe immer in unsrer
Macht.
    Aber, gesetzt er hätte auch in diesem Stücke Recht, so verzeiht mir, lieben
Freunde, dass ich euch sagen muss, ihr habt nicht bedacht was ihr mir ansinnt.
Nein, gute Musarion, nein, liebenswürdige Kleone! - Lais kann nie die Dritte
unter euch sein! - Ueberlasst sie ihrem Schicksal, und bittet die Götter, dass es
erträglich ausfalle.
    Euer schönes Geschenk, dem die Hand der glücklichen Kleone einen
unschätzbaren Wert gegeben hat, nehme ich unter der einzigen Bedingung an, dass
es nach meinem Tode durch Learchs Besorgung wieder an die holden Geberinnen
zurückkehre.
    Lebet wohl, Aristipp und Kleonidas - meine Freunde - lebet wohl! Verachtet
diese zwei kleinen Myrtenzweige nicht, die ich euch zum Andenken schicke - sie
welkten an meinem Herzen, und sind mit meinen Tränen für euch eingeweiht.
    Wenn ich an den Ufern des Peneus die Ruhe wieder finde, so werdet ihr mehr
von mir hören; - wo nicht, so lasst mich in eurer Erinnerung leben, und seid
glücklich!
 
                         Anmerkungen zum zweiten Band.
                                   1. Brief.
1 Hauptstadt von Lydien in Kleinasien.
2 (Unbezwingbare) Ketten (II.) sind nicht diamantene, sondern stählerne Ketten.
Der Diamant war zu Aristipps Zeiten den Griechen noch unbekannt, und erhielt
erst viel später, seiner Härte wegen, den Namen adamas. W.
3 Das gemeine oder kleinere Attische Talent entielt 60 Minen oder 6000
Drachmen, und ist also ungefähr 1000 Conventionstalern unsers Geldes gleich. W.
4 S. Anm. z. Bd. 22, Br. 25.
                                   3. Brief.
5 Persische Benennung einer Art von wohltätigen Genien und Feen. W.
6 Die Griechen.
7 Abkömmlinge des Achämenes. So nennen die Griechischen Geschichtschreiber eine
Dynastie der Könige von Persien, deren Stifter Achämenes (nach Phreret) ungefähr
800 Jahre vor unsrer gemeinen Zeitrechnung gelebt haben soll. Seine Abkömmlinge
teilten sich in zwei Linien, wovon die ältere von Achämenes bis auf Kambyses,
den Sohn des grossen Cyrus, dauerte, und die jüngere, von Darius Hystaspes Sohn
angefangene, mit Darius Kodoman ein Ende nahm. Arasambes wird also (als ein
vorausgesetzter Sohn einer Schwester des Darius Notus) von Lais scherzweise
(II. 29.) ein Achämenide genennt. W.
8 S. Anm. z. Bd. 22. Br. 4.
9 Die Dinge über uns, die Luft- und Himmels-Erscheinungen. Das Komische dieser
ganzen Stelle liegt in Anspielungen auf Aristophanische Komödien. Die zwei
letzten erklären die Anmerkungen zum 69sten Briefe; bei dieser ersten mus man
sich der Scene aus den Wolken erinnern, wo Strepsiades zu dem Hause des Sokrates
kommt, und dieser in einem aufgehangenen Korbe erscheint. Von jenem angerufen,
sagt er:
Was hast du mir zu rufen, Erdensohn?
                                  Strepsiades.
Vor allem sage mir, ich bitte dich,
Was machst du denn da oben?
                                   Sokrates.
Ich wandle in der Luft,
Und übersehe hier die Sonne.
                                  Strepsiades.
Vermutlich,
Weil du aus deinem Korbe über die Götter wegsiehst,
Und das hier unten nicht so angeht? Oder -
                                   Sokrates.
Wahr ist's, ich kann die Dinge über uns
Nicht recht erfassen, wofern ich meinen Geist
Nicht exaltire, bis der Gedanke so verfeinert
Und verdünnet ist, dass er gleichartig mit
Der Luft sich mischt. Sobald ich von unten auf
Die Dinge über uns erspähen will,
Erkenn' ich nichts. Es ist nun einmal so;
Die Erde zieht den feinen Duft des Gedankens
Zu mächtig in sich ein.
                                   5. Brief.
10 Eine den bösen Feen in den Mährchen der Dame d'Aulnoy ähnliche Göttin, die
nicht leiden konnte, wenn es einem Menschen gar zu wohl ging. Hesiodus macht sie
zu einer Tochter der Nacht, Homer aber zu einer Tochter Jupiters, in der
sonderbaren Stelle des 19ten Gesangs der Ilias, wo Agamemnon die Schuld seiner
dem Sohne der Tetis zugefügten Beleidigung auf die Ate schiebt, und, bei dieser
Gelegenheit ihre ganze Legende (wie er sie vermutlich ehemals von seiner Amme
erzählen gehört hatte) den versammelten Fürsten der Griechen vorträgt. W.
                                   6. Brief.
11 Beschreibung des Feldzugs des jüngeren Kyros gegen seinen Bruder Artaxerxes
Mnemon. Dieser Feldzug, dem Xenophon als Feldherr der Griechischen Hülfstruppen
beiwohnte, und wobei er seinen berühmten Rückzug machte, wird ein Hinaufzug
(Anabasis) genannt, weil der Zug nach Oberasien aufwärts ging. - Von dem, was
Xenophon dabei tat, wird er auch der Rückzug der Zehntausend (Griechischen
Hülfstruppen nämlich) genannt. Ich erinnere hiebei an Halbkarts Uebersetzung.
Mit dem von Wieland hier und im folgenden Briefe gefällten Urteil darüber ist
zu vergleichen Creuzers Abhandlung de Xenophonte Historico Leipz. 1799.
12 Bibliokapelen hiessen um diese Zeit, da der Autoren und der Bücher immer mehr
wurden, Leute, welche Profession davon machten, von alten und neuen Büchern
immer eine Anzahl schön geschriebener Exemplarien zum Verkauf bereit zu halten,
und vermutlich auch die öffentlichen Märkte mit dieser Waare bezogen, nach
welcher, so wie die Literatur bei den Griechen immer mehr Zuwachs und
Ausbreitung bekam, auch die Nachfrage immer stärker wurde. W.
13 Einer der etwas, wozu gewöhnlich Kunst, Wissenschaft und grosse Uebung
erfordert wird, ohne Vorbereitung, aus dem Stegreif (wie wir zu sagen pflegen)
oder auch obne Unterricht, aus blossem instinctmässigen innern Antrieb,
unternimmt. Sokrates beschuldigt dessen den grössten Teil der damaligen
Atenischen Feldherren in seiner Unterredung mit dem Sohne des Perikles. (
Memorab. III. 5-20)
                                   7. Brief.
14 Herabzug, Rückzug.
15 Jupiter der Sanftmütige, der Versöhner, Anab. B. 7. K. 8.
16 Der Anführer. Anab. B. 6. K. 2.
17 Die Kunst und das Geschäft derjenigen Art von Wahrsagern, die nach
sorgfältiger Beschauung der Eingeweide eines Opfertiers aus gewissen
Beschaffenheiten derselben den glücklichen oder unglücklichen Erfolg eines
Unternehmens vorhersagten. W.
18 Abergläubische Dämonenfurcht. W.
19 Ein Fluss in Lydien, welcher, wie der Ganges in Indien, Gold führt.
20 König von Lydien, berühmt seines Reichtums wegen.
21 Der Bettler in Homers Odyssee.
                                   8. Brief.
22 Der Philosoph Leucipp (Leukippos) war der erste unter den Griechen, welcher
Arome, unteilbare Körperchen, als Elemente der Welt annahm, und es ist wohl
nicht zu bezweifeln, dass die Sonnenstäubchen ihn auf seine Atome gebracht
hatten.
23 Eine Pflanze, von welcher die Alten sowohl für die Küche als für die
Pharmacie starken Gebrauch machten. Vornehmlich wurde aus dem verdickten Safte
des Stengels und der Wurzel eine Art von Gummiharz bereitet, welches unter die
beliebtesten Gewürze gerechnet wurde. Die Anhöhen um Cyrene waren mit dieser
Pflanze bedeckt, und die aus ihr gewonnene Specerei, von ihnen Sirfi, oder
Silfi, von den Römern laser und laserpitium genannt, machte ein beträchtliches
Handelsobject der Cyrener aus. Die gemeinste Meinung der Neuern ist, dass sie mit
unsrer asa foetida einerlei gewesen sei. W.
24 Diese romantische Insel ist den Lesern der Odyssee hinlänglich bekannt.
25 Der bei den Römern gebräuchliche Ausdruck für Hausfrauen, Hausmütter.
S. 31. Medeenkessel der Phantasie - Wie aus Medea's Zauberkessel das Alte in
neuer Jugend hervorging, so zaubert die Phantasie aus der Vergangenheit eine
neue reizendere Gegenwart in der - Erinnerung.
26 Eine ansehnliche Insel an der Südküste Kleinasiens. Die gleichnamige
Hauptstadt wurde während des Peloponnesischen Krieges erbaut.
27 Der eilfte Monat im Attischen Kalender, welcher grösstenteils unserm Mai
entspricht. W.
                                   9. Brief.
28 Früherhin Halbinsel von Akarnanien, nachmals, als man die Landenge
durchstochen hatte, Insel, berühmt wegen ihres Vorgebirgs, von dem die Sage
ging, dass ein Sprung von ihm das beste Mittel sei, alle Qualen der Liebe zu
enden. Dieser berühmte Leukadische Sprung hiess daher auch der Sprung der
Liebenden (alma ton eronton) durch welchen auch Sappho endete.
                                   10. Brief.
29 d.i. eine der grössten Seltenheiten, denn ein fabelhafter, nur alle 500 Jahre
erscheinender Vogel (Herodot. 2,73) und ein fabelhaftes, von Eubemeros
erdichtetes Land (vergl. die Anm. zu der Reise des Priesters Abulfauaris Bd. 29)
sind hier zusammengestellt.
                                   11. Brief.
30 Der letzte Assyrische König Sardanapalos war seiner Schwelgerei wegen
berüchtigt.
31 Korbträgerin - S. oben Kanephoren. 32 Hygron (to ygron toy blemmatos) Ein
gewissen feuchter Glanz des Auges, worin der Blick gleichsam zu schwimmen
scheint; Petrons oculorum mobilis petulantia und die oculi udi et tremuli der
Photis in Apulejus goldenem Esel bezeichnen ohne Zweifel dieses hygron, welches
Anakreon (Od. 28) zu einem Charakter der Augen der Venus macht, und der
Bildhauer Praxiteles an seiner Knidischen Venus sogar im Marmor anzudeuten
wusste, wenn Lucian (Imagin. o. 6) nicht mehr zu sehen glaubte als er wirklich
sah; wiewohl auch dies schon dem Künstler Ehre machen würde. W.
                                   13. Brief.
33 Anspielung auf die Aristophanische Erklärung über die Liebe in Platons
Gastmahl, wovon oben ausführlicher die Rede war.
                                   15. Brief.
34 Anubis, der Mercur der Aegyptischen Mytologie, mit einem Hundskopfe
dargestellt; hier eine scherzhafte Anspielung auf Sokrates, der beim Anubis oder
dem Hunde zu schwören pflegte.
35 S. Anm. z. Bd. 22. Br. 13.
36 Insel im Ionischen Meere, des Odysseus Heimat und Ziel seiner Irrfahrten.
37 Das schwarze Meer.
                                   17. Brief.
38 S. Anm. z. Bd. 22. Br. 6.
39 (Venus vulgivaga) - Die gemeine Liebesgöttin, im Gegensatz von Platons
himmlischer Aphrodite Urania.
40 Orgien, heissen alle religiösen Feste, besonders die bakchischen, die mit
kriegerischem Tanz, lärmender Musik und einer dabei gesetzlichen Art von Raserei
begangen wurden, und hievon - von orgh Zorn, Leidenschaft, Affect - haben sie
den Namen. Oesters werden sie gleichbedeutend mit Mysterien gebraucht.
41 Speusippos, von Aten, war seines Oheims Nachfolger als Lehrer der
Philosophie in der Akademie, von dem ersten Jahre der 108ten bis zum zweiten der
110ten Olympiade. Kränklichkeit halter gab er erst das Lehren, und dann auch das
Leben freiwillig auf. In der Hauptsache blieb er zwar seines Oheims Lehre treu,
wich jedoch in einzelnen Punkten von ihm ab.
42 Dieser ist kein anderer als der des in seiner Art vollkommen Zweckmässigen.
Man hat hiebei besonders zu berücksichtigen Buch 3. Kap. 8. der Sokratischen
Denkwürdigkeiten.
43 Der wilde Esel.
44 (die Schamlosigkeit) - Eine Göttin oder weiblicher Dämon, der die Atener,
auf Anraten des Epimenides einen Tempel erbauten. (Cicero de Legg. II. 11.) W.
45 Einführer in die Mysterien.
46 S. die Anm. zu Agatodämon 5. Buch, 4. Abschnitt. Bd. 18.
47 Übermut, übermächtige Gewalttätigkeit.
48 Mitleid und Scham.
49 Aus Mantinea in Arkadien gebürtig, wird als Schülerin Platons aufgeführt, die
nachher auch selbst Unterricht erteilte, so wie Axiotea von Phlius. Sie wird
auch eine Schülerin des Speusippos genannt, und Wieland hat unstreitig zu der
Schilderung seines Verhältnisses mit ihr folgende Punkte zusammengenommen, 1)
dass Speusippos als verliebt geschildert, 2) dass von Atenäus Lastenia eine
Hetäre genannt, und 3) dass Speusippos in einem Briefe des Tyrannen Dionysius mit
seiner Liebe zu ihr aufgezogen wird.
50 Platons Lehre wird mit den Mysterien verglichen in denen den Geweihten
gewisse Lehren unter der Verpflichtung zur heiligsten Verschwiegenheit
mitgeteilt wurden, und worin auch gewisse Namen vorkamen, welche man durch das
Aussprechen ausserhalb des Heiligtums entweiht haben würde.
51 Teseiden, werden von den Dichtern (und in diesen Briefen scherzweise) die
Atener nach ihrem zweiten Stifter, Teseus, genannt. W.
52 Der gemeinen Meinung nach eine Art von sehr kleinen Sardellen, die in grosser
Menge an der Attischen Küste gesangen wurden, und zu den gewöhnlichsten
Nahrungsmitteln der ärmern Volksclasse in Aten gehörten. Weil sie sehr klein
und zart waren, sagte man im Sprüchwort: die Aphyen brauchen das Feuer nur zu
sehen, um gekocht zu sein. W.
                                   18. Brief.
53 Indem Aristipp hier zwei, aus der Geschichte der Griechischen Musik bekannte,
Tonarten nennt, spielt er zugleich auf der Lais frühere und spätere Lebensweise
an. Die dorische ist ihre frühere, der den Peloponnes bewohnten Dorier, die
lydische die, woran sie sich zu Sardes in Lydien gewöhnt hatte.
54 (Luftwandler) - Ein Uebername, welchen Aristophanes in seinen Wolken
denjenigen anhängt, die sich ihrer spitzfindigen windigen Grübeleien wegen für
weiser als andere dünken. Dass es nach einem Paar Jahrtausenden Aërobaten im
eigentlichen Wortverstande geben würde, liess sich damals niemand träumen. W.
55 Regel, Musterbild. Eine gewisse Bildsäule Polyklets wurde als Muster der
richtigsten und in der schönsten Eurhytmie und Harmonie stehenden Verhältnisse
aller Teile des menschlichen Körpers von den Bildhauern der Kanon genannt. W.
56 Mit dieser Stelle, worin wenigstens der Absicht Platons nicht Gerechtigkeit
widerfährt, vergleiche man was in den Anm. zu den Briefen von Verstorbenen Br.
4. Bd. 2 6. als Vorbereitung zu späterem gesagt ist. Aristipp bat hier, so wie
Platon - halb Recht. Platon wird man so lange Unrecht tun, bis man eingesehen
bat, dass er nach dem ästetischen Ideal hinstrebte, ohne den Weg dahin finden zu
können, was ihm kein Billiger, der es weiss, was die Philosophie damals alles
noch erst zu suchen hatte, und zum Teil noch jetzt nicht gefunden hat, zur Last
legen wird.
                                   19. Brief.
57 Eine Gegend nahe bei Aten, mit einem Tempel des Hercules, einem dazu
gehörigen Hain, einem Gymnasion u.s.w. Antistenes, der Stifter der sogenannten
Eynischen Secte der Sokratiker, pflegte sich meistens hier aufzuhalten, und
erhielt vermutlich daher seinen Beinamen. W.
58 Pompeion, hiess zu Aten ein öffentliches Gebäude, aus welchem an den grossen
Festen die Processionen ausgingen, welche einen wesentlichen Teil der
Feierlichkeiten, womit sie begangen wurden, ausmachten. W.
59 Eine kleine Stadt in Böotien an der Gränze von Attika. Sie war vornehmlich
wegen der Grösse, Stärke und Streitbarkeit ihrer zum Kämpfen abgerichteten Hähne
berühmt. W.
                                   20. Brief.
60 S. darüber die Briefe über das Tal Tempe (in Tessalien, des eigentlichen
Griechenlands nördlicher Gränze) im ersten Bande von Bartoldy's Bruchstücken
zur nähern Kenntnis des heutigen Griechenlands, ein Buch, welches in den
jetzigen Zeitumständen neues Interesse hat.
61 Ein unzüchtiger Tanz. Aristophanes in den Wolken rühmt sich, dass er seine
Komödie nie diesen Tanz habe tanzen lassen, und Teophrast führt in seiner
Charakterschilderung des Ehrlosen als einen der stärksten Züge an, dass er fähig
sei den Kordax nüchtern und ohne Maske zu tanzen.
62 Wörtlich Weibertollheit, ist ein so unartiges Wort, und bezeichnet etwas so
Widerliches, dass man es nur auf Griechisch sagen sollte. W.
63 Sardonisches Lachen, ist so viel als ein lautes übermässiges Lachen, das man
nicht zurückzuhalten vermag. Dieses Beiwort bezieht sich auf ein gewisses
giftiges Kraut, Sardonion (auch apiastrum) genannt, welches bei dem, der es
gegessen hat, heftige dem Lachen ähnliche Zuckungen erregen soll. W.
64 Ein in Holz arbeitender Bildner. W.
65 Wer den Unterschied dieser Juno von der Homerischen will kennen lernen, der
findet genaue Belehrung darüber in Böttigers Kunst-Mytologie S. 85. fgg. Ihr
Bild, heisst es, hat eine sehr altertümliche Gestalt. Man möchte es den
Kirchenstyl der Griechischen Vorwelt nennen. Alles geht indes dabei von der
Entüllung und Verschleierung der Vermählten aus.
66 Der angeführte Preisgesang der Grazien von Pindar ist auf Asopichos
gedichtet, der aus Orchomenos in Böotien gebürtig war, wo am Kephissos der
älteste Sitz und Dienst der Grazien war, auf die darum Pindar, als auf die
heimatlichen Göttinnen des Asopichos, kommt.
67 Ueber die Widersprüche in den Sagen von diesem Philosophen, der erst eben so
abergläubig als nachher nicht bloss ungläubig, sondern gotteslästerisch gewesen
sein soll, s. die Literarischen Miscellaneen.
68 Sichtbare Erscheinungen einer Gotteit; ein erst in viel spätern Zeiten in
Gebrauch gekommenes Wort, welches, wenn diese Briefe eine Griechische Urschrift
hätten, sich sicher nicht darin vorfinden würde; wiewohl eben nicht unmöglich
wäre, dass Diagoras es entweder selbst gestempelt oder in den Mysterien gehört
haben könnte. W.
69 Wem über alles Folgende an den gehörigen Erläuterungen liegt, die uns hier zu
weit führen würden, der lese die Altertumswissenschaft von Kanngiesser und
Mosers Auszug aus Ereuzers Symbolik und Mytologie der alten Völker. - Wie es
scheint, hat Wieland in der Schilderung jener Zeit den wichtigen Punkt nicht
übergehen wollen, wie bei immer tiefer eindringender Philosophie die
Volksreligion mehr und mehr in Verfall geriet, und dazu schien ihm Diagoras der
brauchbarste Mann, denn kaum einem andern hätte er diese Lucianische Quintessenz
mit grösserer Schicklichkeit in den Mund legen können. Er gibt in diesem Briefe
gewissermassen das Vorspiel zu dem, was sich im Peregrinus Proteus und
Agatodämon vollendet.
70 Glaube an gute und böse Dämone. W.
71 S. Anm. zu Bd. 22. Br. 9.
72 Ein Beiname Jupiters, insofern der Eidschwur unter seiner besondern Aufsicht
und Rüge stand. W.
73 S. Anm. zu Bd. 22. Br. 25.
74 Als die ältesten und ehrwürdigsten dieses Namens in Griechenland.
75 Weil sein Heiligtum ein höchst wichtiges politisches Institut war.
76 Teils weil sich an ihn viele gesetzliche und die Cultur befördernde
Einrichtungen knüpften, teils weil man Zeus immer mehr der Idee der reinen
Gotteit annäherte.
77 S. Böttigers Abhandlung Aristophanes impunitus deorum gentilium irrisor.
Leipz. 1790.
78 In seinen Anmerkungen zu den Wolken des Aristophanes sagt Wieland: die Melier
waren eine alte Colonie der Spartaner, und hatten immer, besonders auch in dem
Peloponnesischen Kriege, ihrer vorgeblichen Neutralität ungeachtet, eine warme
Anhänglichkeit an Sparta bewiesen. Sie waren daher schon allein aus diesem
Grunde zu Aten übel angeschrieben; mehrere fehlgeschlagene Versuche sie zu
einer freiwilligen Unterwerfung unter das nicht allzusanfte Joch der Atener zu
bewegen, unterhielten den gegen sie gefassten Groll. - Nach Eroberung ihrer
Hauptstadt und Insel liess daher auch Aten den armen Meliern seine Uebermacht
auf die grausamste Weise fühlen. - S. hierüber die Anmerkung zu dem vorigen
Bande.
79 S. die Anm. zu Agatodämon 5. Buch, 4. Absch, Bd. 18.
80 Ein mit Reihen von spitzigen und scharfen Eisenstäben besetzter Abgrund,
worein man zu Aten zum Tode verurteilte Verbrecher stürzte.
81 Spitzfindigkeit oder übertriebene Subtilität in unnützen und ausserhalb des
menschlichen Gesichtskreises liegenden Speculationen. W.
                                   22. Brief.
82 Temistokles, der Retter Atens als Besieger der Persischen Uebermacht, ward
erst aus Aten verwiesen, dann abwesend des Hochverrates angeklagt, und fand nur
bei dem Persischen König Artiaxerxes Langhand Schutz und Beistand. - Konon, der
Wiederhersteller Atens, der den Persern gegen die Spartaner Beistand geleistet
hatte, wurde zuletzt den Persern verdächtig und, wie es scheint, von ihnen
heimlich hingerichtet.
83 Für die Attische Komödie unterscheidet man bald zwei, bald drei Perioden, die
alte, mittlere und neue. Die erste, ein politisch-ksitisches Tribunal, voll
Personal-Satyre, blühte und verfiel mit der Demokratie. Als die Staatsgewalt
durch Hülfe der siegreichen Spartaner an die Aristokraten gekommen war, musste
der freimütige politische Tadel verstummen; und weil der durch den
Peloponnesischen Krieg gesunkene Wohlstand auch den vorigen Aufwand nicht mehr
gestattete, so verlor sich auch der Chor und alle mit ihm verbundene Pracht.
Selbst als Konon die Mauern der Stadt und des Hafens hergestellt und die Macht
des Staates wieder etwas gehoben hatte, blieb diese Veränderung; Aristophanes
brachte einige seiner alteren Stücke ohne Chor auf die Bühne. Da auf diese Weise
die ehemalige Hauptsache jetzt Nebensache, was sonst aber Nebensache gewesen,
Hauptsache geworden war, so war allerdings eine gänzliche Umbildung nötig, und
es entwickelte sich die Gattung der Komödie, die unserm Lustspiele gleicht und
deren Reihen des Aristophanes Plutos eröffnet. Dass über diese neue Gattung nicht
alle so günstig urteilen als hier Aristipp, ist auch aus der neuesten
ästetischen Kritik bekannt.
84 (Ekklesiazusai) - Von Voss im dritten Band seines Aristophanes übersetzt unter
dem Titel die Weiberherrschaft. Im dritten Jahre der 96sten Olympiade (393 v.
Chr.) siegte Konon bei Knidos und erbaute dann mit Persischem Golde die Mauern
Atens wieder. Zu Ende dieser oder zu Anfange der folgenden Olympiade wurden des
Aristophanes Ekklesiazusen aufgeführt, in denen auch die Platonische Republik,
von welcher im folgenden Bande gehandelt wird, nach Morgensterns sehr
wahrscheinlicher Vermutung parodirt ist.
85 Eselskopf. Alle nachfolgenden Zusammensetzungen sind mit Onos, Esel, gemacht.
                                   23. Brief.
86 Anspielung auf eine Stelle in Pindars dreizehntem Olympischen Siegesgesange.
87 Homerisches Beiwort für Poseidon, Neptun.
88 Mannweib; die letzte Bezeichnung als Anspielung auf die von Aristophanes in
Platons Gastmahl vorgetragene Teorie der Liebe.
89 Wohllautendes Wort für eine garstige Sache, jedoch dem Sinne nach nicht
verschieden.
                                   25. Brief.
90 Diogenes von Laërta nennt unter denen, welche die Philosophie Aristipps aus
der Quelle zu schöpfen vorzügliche Gelegenheit hatten, einen Antipater von
Cyrene; der Name ist aber alles, was er von ihm zu wissen scheint. Ob es eben
derselbe ist, den wir aus diesen Briefen kennen lernen, oder nicht, kann uns
gleichgültig sein, wenn der unsrige nur gekannt zu werden verdient. W.
91 Milon von Krotona, der berühmteste Atlet seiner Zeit (er wurde sechsmal zu
Delphi und eben so oft zu Olympia gekrönt, und da er zum siebentenmal in die
Schranken trat, sogar ohne Kampf, weil sich niemand fand, der es mit ihm
aufnehmen wollte), soll auch ein Zuhörer und Freund des Philosophen Pytagoras
gewesen sein. W.
                                   26. Brief.
92 Die bunte Halle in Aten, hatte diesen Namen von den vielen und merkwürdigen
Gemälden erhalten, womit sie geschmückt war. Aristipp gibt seiner
Gemälde-Galerie darum denselben Namen.
93 »Die Fahrt nach Korint ist nicht jedermanns Sache.« Dieses Sprüchwort
scheint schon lange vor der schönen Lais im Munde der Griechen gewesen zu sein,
wurde aber scherzweise auf diejenigen angewandt, die um ihrentwillen nach
Korint reiseten. W.
                                   27. Brief.
94 Batyll hiess der Liebling Anakreons, dessen einzelne Schönheiten der Dichter
einem Maler schildert, damit er sie zum Ganzen eines Bildes zusammensetzte.
95 Zwei Gebirge in Attika, berühmt wegen ihrer Marmorbrüche und ihres Honigs.
96 Zu Elea in Unter-Italien geboren, ein weiser Gesetzgeber für seine Lansleute,
gleich ruhmwürdig durch seinen Charakter als seinen Tiefsinn, blühte um die
79ste Olympiade (464 v. Chr.), und so konnte Platon in dem Dialoge, dem er des
Parmenides Namen vorsetzte, diesen als Greis mit Sokrates als Jüngling redend
einführen. Parmenides gehörte zu denen Philosophen, welche man, nach der Stadt
Elea, Eleatische nennt, und deren Streben dahin ging, auf dem Wege des
Pytagoras fortschreitend, im Philosophiren die Speculation oder
Vernunfterkenntniss an die Stelle der bisherigen Beobachtung oder
Sinnenerkenntniss zu setzen. Jene, ein Denken mittelst der Begriffe, gibt
Erkenntnis des Allgemeinen (rationale), diese, ein Denken mittelst der
Vorstellungen, gibt Erkenntnis des Besondern (empirische,
Erfahrungs-Erkenntnis). Jenes Allgemeine nannte die philosophische Kunstsprache
der Griechen das Eins, und dieses Besondere das Viele, so dass Erkenntnis des
Eins gleichbedeutend ist mit rationaler, und Erkenntnis des Vielen mit
empirischer Erkenntnis. Beide Arten von Erkenntnis sind sich gewissermassen
entgegengesetzt, und die Philosophen waren dadurch in zwei Parteien geteilt, in
Anhänger des Einen (speculative Philosophen, Rationalisten), und in Anhänger des
Vielen (empirische Philosophen). Diese suchten das Werden zu erklären (die in
einem ewigen Wechsel zwischen Entstehen und Vergehen schwebenden Veränderungen
der Gegenstände der Sinnenwelt), jene hergegen das Sein (das bei allem Wechsel
beharrliche Wesen), denn so war es dem Standpunkt eines jeden angemessen. Ehe
man einsah, dass beide die Lösung desselben Problems, nur auf verschiedene Weise,
versuchten, entstand zwischen beiden philosophischen Parteien Entzweiung, und
bei dem Unbefangenen musste die Frage entstehen, an welche von beiden Parteien
man sich wohl zu halten habe, um die Wahrheit zu finden. Die Entscheidung war zu
einer Zeit, wo man nach einer Psychologie, einer Logik, einer Wissenschaftslehre
eben erst strebte, weder im Allgemeinen, noch in besonderer Hinsicht auf
Parmenides zu erwarten. Gab es aber irgend einen Philosophen, der, von innerem
Gefühl gedrängt und von einer dunklen Ahnung des Wahren geleitet, mit
unablässigem Eifer nach jener Entscheidung strebte, so war es Platon, und wenn
er, wie anderwärts, so auch in seinem Dialog Parmenides - einem, wie
Schleiermacher sagt, für Viele von vielen Seiten abschreckenden Gespräch - sich
durch alle Labyrinte der Dialektik, wie sie damals zu Gebote stand, nach diesem
Ziele hin arbeitet, so kann er nur unsern Dank, aber nicht unsre Vorwürfe
verdienen. Man darf, um ihn richtig zu beurteilen, nicht aus den Augen lassen,
dass er von Parmenides und den Eleaten überhaupt ausgeht, und dass deren
Hauptsätze, mit Hauptsätzen der Pytagoräer zusammenfliessend, ihn auf die damit
verbundenen Schwierigkeiten führen. Mag nun der Weg, den er führt, noch so
dornig sein, mag er noch so oft geirrt haben, dem Ziele näher hat er doch
geführt. Wer davon eine grössere Ueberzeugung gewinnen will, der lese in
Fülleborns Beiträgen zur Geschichte der Philosophie (Stück 6) dessen
Erläuterungen zu den Fragmenten des Parmenides, und Schleiermachers Einleitung
zu Platons Parmenides in der Uebersetzung von Platons Werken (Teil 1. Bd. 2).
Antipater und Aristipp haben diesemnach hier kein Urteil gefällt, das einen
tieferen Blick verriete; Wieland aber - gesetzt auch, dass sein Urteil von dem
ihrigen verschieden gewesen wäre - hätte ihnen doch kein anderes in den Mund
legen können, denn sie beide gehörten zu der entgegengesetzten Partei, die gegen
die eleatische Speculation das Zeugnis der Sinne und den gesunden
Menschenverstand auf ihrer Seite hat. Wenn sie sich also auf beide beriefen,
urteilten sie im Geist ihrer Philosophie, in besonderer Beziehung auf Platon
aber ihrer Individualität gemäss, d.i. über seine Untersuchungen dieser Art etwas
zu voreilig absprechend, weil sie von Natur keine Neigung hatten, sich damit zu
befassen. Wieland lässt sich den Aristipp hierüber auf die befriedigendeste Weise
aussprechen.
                                   28. Brief.
97 Göttin der Ueberredung.
98 Gott des Reichtums.
99 Plutarch führt in seinem Solon dieses Distichon von ihm an, welches aus den
kleinen Gedichten genommen scheint, womit Solon sich in seinem hohen Alter die
Zeit vertrieb, und die vermutlich zu Plutarch Zeiten noch vorhanden waren:
Erga de Kyprogenoys nyn moi pila kai Dionysoy
Kai Moyseon, a titsA andrasin eiprosynas
100 Luftwandler. Anspielung auf den Aristophanischen Sokrates.
101 Bekanntlich sind mehrere Platonische Dialogen mit Namen von Sophisten
bezeichnet: Protagoras, Gorgias, Hippias. Den letzten Namen führen als
Aufschrift zwei Dialogen, die man als den grösseren (über das Schöne) und den
kleineren zu unterscheiden pflegt.
102 Was Hippias hier in seiner Manier, und in dem Tone, worin er von Plato zu
reden gewohnt ist, erzählt, stimmt, der Hauptsache nach, völlig mit der
Erzählung des Diogenes Laërtius überein, der sich deshalb auf den Speusipp (in
einer Schrift, Platons Begräbnissschmaus betitelt), auf den Klearch (in dessen
Lobrede auf Plato) und auf den Anaxilides (im zweiten Buche seines, vermutlich
historischen, Werks von den Philosophen) beruft. W.
103 Entspricht meist unserm Monat Mai. - Der siebente Tag jedes Monats war dem
Apollon geweiht, und dieser hiess Hebdomagetas, weil er an einem Siebenten
geboren worden (Callim. H. in Del. 251), worüber der Platonischer Proklos sehr
tiefsinnige Untersuchungen angestellt hat. - Der seine Spott in dieser Anführung
des Hippias kann Keinem entgehen.
104 Amphitryon, galt für den Vater des Hercules, den aber Zeus mit der Gemahlin
von jenem erzeugt hatte.
105 Antalcidas, ist bekannt durch den Frieden, den er im Namen von ganz
Griechenland mit dem Perserkönig im J. 587 v. Chr. abschloss, der Friede des
Antalcidas genannt. Für Sparta politisch nicht fehlerhaft, war er für ganz
Griechenland verderblich, und brachte in der Folge Sparta und seinen
Unterhändler ins Verderben. Dieser raubte sich im Verdruss sein Leben durch
Hunger. Nichtsdestoweniger konnte Hippias hier nicht anders urteilen als er
geurteilt hat.
                                   29. Brief.
106 Irdische, sinnliche Liebe.
107 Ein Aristiphanisches Wort, um der Sophisten (Pseudo-Philosophen) zu spotten,
welche von den Dingen über uns, die man damals Meteoren hiess, mehr schwatzten
als sie wussten. W.
108 König von Sparta, über welchen wir noch eine dem Xenophon zugeschriebene
eigne Schrift besitzen, hatte den Ioniern gegen Persien mit Glück beigestanden,
und würde allerdings späterhin wieder dagegen aufgetreten sein, wenn ihn der
Friede des Antalcidas nicht gebunden hätte.
109 Eine Residenz der Persischen Könige in der Provinz Susiana.
110 Führung des Oberbefehls, verbunden mit dem Vorrange über die übrigen
Griechischen Staaten, Vorsteherschaft, ein Hauptgrund der Eifersucht zwischen
Aten und Sparta, und endlich des Untergangs der Griechischen Freiheit.
                                   30. Brief.
111 Die Insel Kos an der Küste von Karien war berühmt wegen ihrer medicinischen
Schule, aus welcher selbst Hippokrates hervorging. Diese Schule zeichnete sich
besonders dadurch aus, dass sie auf die bisherigen einzelnen Erfahrungen eine
Teorie gründete.
112 Der achte Monat des Attischen Jahres, wovon ein Drittel mit unserm Februar,
und zwei Drittel mit unserm März zusammentreffen. W.
113 Melampus, berühmt durch seine Heilung der wahnsinnigen Töchter des Prötos. -
Machaon und Podelirius, als Aerzte aus der Ilias bekannt, so wie Päeon (der
Heilende), den man späterhin mit Apollon verschmolz. - Auch der Centaur Chiron
war Wundarzt, und ein Heilkraut wurde sogar nach ihm benannt.
114 Porus, der Gott der Betriebsamkeit, des Erwerbs und des daher entspringenden
Reichtums, erzeugte mit Penia, der Göttin der Dürftigkeit, zufolge einer der
Dichtungen in Platons Gastmahl, den Gott der Liebe. Bastard wird dieser hier
genannt mit einer losen Anspielung auf die dort erzählte Art seiner Entstehung.
S. Brief 10 und 12.
115 Deiterai prontides (sopoterai) - Die zweiten Gedanken (d.i. diejenigen, die
aus Ueberlegung entspringen) sind die weiseren. Ein nicht immer wahres
Sprüchwort.
116 Pygmalions, der sich in eine von ihm verfertigte Bildsäule verliebt hatte,
welche von der Venus belebt wurde.
117 Ein Korintischer Eupatride, welcher, nach der wahrscheinlichen Berechnung
des de la Nauze, in der einundvierzigsten Olympiade sich der Alleinherrschaft
über Korint bemächtigte, und sie nach einer dreissigjährigen Regierung seinem
Sohne Periander hinterliess. Dieser Kypselus war es, der den sieben weisesten
Männern unter seinen Griechischen Zeitgenossen das Gastmahl gab, welches
Plutarch irrig seinem Sohne zuschreibt, wenn anders der von Diogenes Laërtius
angezogene alte Geschichtschreiber Archetimus von Syrakus Glauben verdient,
welcher bei diesem Gastmahle selbst zugegen gewesen zu sein versicherte. Noch
bekannter ist dieser Name in der Geschichte der Griechischen Kunst durch einen
Kasten geworden, der im Tempel der Juno zu Olympia zu sehen war; ein von den
Kypseliden zu Korint zum Andenken ihres Ahnherrn dahin gestiftetes
Weihgeschenk, dessen Kenntnis wir einer sehr genauen, aber ohne allen Kunstsinn
und daher auch ohne Rücksicht auf die Kunst abgefassten Beschreibung des
Pausanias zu danken haben, die von einem der gelehrtesten und scharfsinnigsten
Altertumsforscher unsrer Zeit in einer eigenen Abhandlung über den Kasten des
Kypselus u.s.w. (Göttingen, 1770) mit dem Fleiss, den ein so altes Kunstwerk
verdiente, erläutert worden ist. W.
118 Korint hatte zwei Häfen, wovon der eine Lechäum, der andere Kenchreä hiess.
In diesen am Saronischen Meerbusen liefen die Schiffe aus Asien und Nordafrika
ein.
119 Der neunte Monat der Atener, dessen erstes Drittel in unsern März, und der
Rest in unsern April fällt. W.
                                   31. Brief.
120 Göttin des Glücks.
121 Milet, vielleicht die üppigste Stadt Kleinasiens, war reich an
Liebesgeschichten, und den Anfang aller Romane machen die Millesiaka, d.i.
Milesische Geschichten oder Mährchen eines gewissen Aristides aus Milet. Unter
Milesischen Mährchen verstand man daher das, was man späterhin Romane nannte. Da
Aristides um vieles später lebte als Aristipp, so kann dieser freilich den Namen
nicht von jenem entlehnt haben.
                                   32. Brief.
122 Der zehnte Monat der Atener, der dem letzten Drittel des Aprils, und den
zwei ersten des Mai's entspricht. W.
123 Vermutlich dachte Wieland hier mehr an Gessner als an Teokrit; aber auch an
diesen, später als er Lebenden, hätte Aristipp nicht denken können. Zu seiner
Zeit gab es noch keine Idyllen in unsern Sinne, und als es welche gab, würde
sich doch wohl Lais durch die Vergleichung mit einer Arkadischen Schäferin wenig
geschmeichelt gefühlt haben.
124 S. Plinii Hist. Natur. L. 35. c. 11. Euphranor - fecit et Colossos, et
marmora, ac scyphos scalpsit; docilis et laboriosus ante omnes et in quocunque
genere excellens atque sibi aequalis. Hic primus videtur expressisse dignitates
Heroum et usurpasse symmetriam; sed fuit universitate corporum exilior,
capitibus articulisque grandior. Volumina quoque composuit de Symmetria et
coloribus. Alles dies hängt nicht sonderlich zusammen, scheint aber durch das,
was Aristipp in diesem Briefe von Euphranorn sagt, und diesen selbst sagen lässt,
wenigstens was den ihm gemachten Vorwurf betrifft, ein ziemlich befriedigendes
Licht zu erhalten. W.
125 Einer der streitbarsten Helden der Griechischen Heroenzeit, bekannt durch
seine Teilnahme an der Argonautenfahrt und der Jagd gegen den furchtbaren
Kalydonischen Eber.
126 Als wackere Schmauser und Freunde von Lustbarkeiten aus der Odyssee bekannt.
127 Tesmoteten, hiessen zu Aten unter den neun jährlichen Archonten die sechs
letztern, denen die Oberaufsicht über die Vollziehung der Gesetze anvertraut
war. W.
                                   33. Brief.
128 Von diesem Horne wissen die Alten vielerlei zu erzählen. Es hatte einer
Ziege gehört, und Zeus schenkte es den Nymphen, die ihn auferzogen hatten, und
gab ihm die Kraft ihnen alles, wessen sie bedurften, zu spenden. Dadurch wurde
es zu dem berühmten Horn des Ueberflusses.
129 Platons berühmtes Gastmahl, denn dieses veranstaltete der tragische Dichter
Agaton nach einem Siege, den er über seine Mitbewerber um den poetischen Kranz
errungen hatte.
130 Anagnosten, hiessen die Sklaven, deren Geschäft war, während der Tafel
vorzulesen, wozu sie teils mit der schönen Literatur bekannt, teils im
Declamiren geübt sein mussten.
131 Wer diese näher kennen zu lernen wünscht, der wird in Wolfs Einleitung zu
seiner Ausgabe dieses Platonischen Dialogs volle Befriedigung finden.
132 Eine Art von weiblichem Staatsgewand. Besonders wurde die grosse prächtig
gestickte Tapezerei so genannt, welche alle 5 Jahre an den grossen Panatenäen
(einem Feste der Schutzgöttin von Aten) in einem feierlichen Aufzuge aus dem
Pompeion nach dem Tempel der Minerva geführt und daselbst aufgehangen wurde. S.
Voyage du jeune Anacharsis Vol. 2. pag. 491. W.
133 Der ungerechte Vortrag, der in den Wolken des Aristophanes als Streitahn
auftritt.
134 Eyryproktos ist ein schmähliches Beiwort, womit Aristophanes in seinen
Wolken die sämmtlichen Atener beschmjetzt, und welches ich unter die
unübersetzlichen gezählt hätte, wenn die Lexikographen in diesem Stücke die
Maxime der Cyniker, naturalia non sunt turpia, nicht so weit ausdehnten, dass
sogar der berühmte Professor Schneider in Frankfurt kein Bedenken getragen hat,
es in seinem trefflichen Griechisch-deutschen Wörterbuch mit der möglichsten
Treue und Energie durch das neugestempelte Wort Weitarsch in unsre (ihrer
Züchtigkeit wegen mit Recht gepriesene) Sprache einzuführen. W.
 Voss hat, wie billig, da er einmal den Aristophanes übersetzte, keine Ansprüche
darauf gemacht, züchtiger zu sein als der Lexikograph und - der Dichter. Wieland
selbst bei Uebersetzung dieser Stelle sagt: »Billige Leser werden, ohne mein
Erinnern, von selbst einsehen, dass hier keine Möglichkeit war, das, was nun doch
einmal gesagt werden musste, auf eine anständigere Art zu sagen. Die gute Dame
Dacier befand sich bei dieser Stelle, wie man denken kann, in einer
schrecklichen Verlegenheit, und ihre beinahe schwärmerische Liebhaberei für
dieses Stück lässt mich nicht zweifeln, dass sie sich nicht ohne einen harten
Kampf endlich entschlossen habe, sich so schwer an den Aristophanischen Grazien
zu versündigen, und den Vers 1079 fg. so zu dolmetschen - dass sie sich nun
genötigt sah, den Dikäologos auf alle die folgenden Fragen seines Gegners eine
Antwort geben zu lassen, die den Witz ihres Lieblings bei ihren des Griechischen
unkundigen Lesern um allen Eredit bringen musste.« - Da nun aber einmal hier auf
eine so kitzliche Stelle Bezug genommen ist (S. die Anm. zum Peregrinus Proteus
1. Tl. Bd. 16), so muss doch noch hinzugefügt werden, dass unter den Euryprokten
zu verstehen sind Ehebrecher, wegen des Rettigs, und Mannspersonen, die man in
dem Sinne Weiber nennen kann, in welchem Julius Cäsar Königin gescholten wurde.
(Suet. c. 49)
135 Mystagog wurde bei den Eleusintschen und andern Mysterien derjenige Priester
genannt, der die Aspiranten in das Heiligtum zum Anschauen Geheimnisse
einführte, und ihnen das, was sie hörten und sahen, erklärte. Man begreift
hieraus, in welchem Sinne Platons Diotima in Aristipps Symposion scherzweise die
Mystagogin der Liebe genennt wird. W.
136 Die Wissenschaft der Liebe (bis jetzt noch nicht aufs reine gebracht). W.
137 Torheit, Unsinn. - Aselgeia - Ueppigkeit, Wollust, Geilheit.
138 Lais sagt selbst, dass sie das Mährchen von Amor und Psyche kaum zur Hälfte
erzählte, und allerdings würde das Weitere zu den Folgerungen, die hier daraus
gezogen werden sollen, nicht gepasst haben. Desto besser aber dürfte es zu der
Platonischen Teorie gepasst, und würde vielleicht über diese noch andere, als
die hier mitgeteilten, Ansichten verschafft haben. Auf jeden Fall wird man wohl
tun, vor dem Endurteil, auch hier Schleiermachers Einleitung zu dem
Platonischen Gastmahl zu vergleichen.
                                   37. Brief.
139 Krhs pros Aiginhtn, wurde von solchen gesagt, die gegenseitig um den
Vorrang in Schalkheit und Betrug mit einander wettelferten, denn Kreter und
Aegineten standen in dem gleich schlimmen Rufe sehr betrügerisch zu sein. Erasmi
Adagia p. 72. Bei uns: es ist ein Fuchs an den andern geraten.
                                   38. Brief.
140 Die Argonauten sollen zuerst von der Mündung des Kolchischen Flusses Phasis
jene bis dahin in Europa noch unbekannte Art von Hühnern gebracht haben, welche
nachmals von jenem Flusse den Namen der Fasanen erhielten. Sie waren ihrer
Schmackhaftigkeit wegen so beliebt wie die Aale aus dem See Kopais in Böotien,
welche Aristophanes die leckersten Fische der Lecker nennt.
                                   39. Brief.
141 Dieser unterscheidet gleich im Eingange seines Lehrgedichts eine tadelhafte
und eine löbliche Eifersucht, und sagt von dieser letzten:
    Sei untätig ein Mann, sie erweckt ihn dennoch zur Arbeit,
    Denn so den andern etwa ein Arbeitloser im Wohlstand
    Schauete, flugs dann strebt er, den Acker zu baun, und zu pflanzen,
    Wohl auch zu ordnen sein Haus; mit dem Nachbar eifert der Nachbar
    Um den Ertrag: gut ist den Sterblichen solche Beeifrung.
                                   43. Brief.
142 Die Anekdote, auf welche Diogenes hier, mit so vieler Bescheidenheit als man
von einem Cyniker nur immer verlangen kann, deutet, hat ihre Richtigkeit, wenn
Atenäus, wenigstens was den Hauptpunkt betrifft, Glauben verdient. Wie sich
dies mit dem Charakter unsrer Lais zusammenreimen lasse, macht uns der folgende
Brief begreiflich. W.
                                   48. Brief.
143 Für Aten hatten anfangs die mit ihm verbündeten Inseln ihre Land- und
Seemacht selbst gestellt, Kimon aber schlug vor, dass sie fortan nur Geldbeiträge
liefern sollten, wodurch Aten nicht nur seine Staats-Einkünfte erhöhte, sondern
es auch in seine Gewalt bekam, Verbündete in Abhängige zu verwandeln, denn die
Inseln verloren ihre Seemacht. Was nun erst Kriegssteuer gewesen war, wurde
fortwährend eingetreiben, und stieg immer höher, von 460 Talenten unter
Aristides, auf 600 unter Perikles, auf 800 unter Kleon, und in der Mitte des
Peloponnesischen Krieges auf 12-1300. Auf dieses eiserne Capital wird hier
ziemlich beissend angespielt.
144 Zur Unterhaltung des Krieges gegen die Perser trugen die Griechischen Städte
jährlich eine Geldsumme bei, die in dem Tempel Apollons auf der diesem Gotte
geweihten Insel in Delos niedergelegt wurde. Diesen Schatz brachte man, um
grösserer Sicherheit willen, nach Aten, und Perikles bediente sich seiner, die
Kosten der Baue zu bestreiten, wodurch er Aten verschönerte. Seine
Verteidigung, als man über solche Verwendung Rechenschaft von ihm forderte,
kann man bei Plutarch nachlesen.
145 Eine alte Sage leitete den Namen der Stadt Cyrene von einer Nymphe dieses
Namens, des Hypseus Tochter, ab. Dass diese späterhin zu Cyrene als Göttin
verehrt ward, ist nicht zu bezweifeln, und auf Münzen dieses Staates finden wir
noch ihr Bildnis. Eben so wenig lässt sich eine hohe literarische und
künstlerische Bildung der Cyrener bezweifeln, und vielleicht behauptete nur
Aten in dieser Hinsicht den Vorrang. Es ist wohl nicht überflüssig, hiebei
aufmerksam zu machen auf Joh. Pet. Trige's Historia Cyrenes inde a tempore, quo
condita urbs est, usque ad aetatem, qua in provinciae formam a Romanis est
redacta. Kopenhagen 1819.
146 Dass in Aten die Frauen das Schauspiel nicht besucht haben, ist in neuerer
Zeit von den Meisten als ausgemacht angenommen. Eine scharfsinnige Untersuchung
darüber findet man im Teutschen Merkur vom J. 1796 St. 1. Waren die Frauen in
Aten Zuschauerinnen bei den dramatischen Vorstellungen? Indes scheint die
Untersuchung doch noch nicht als geschlossen betrachtet werden zu dürfen.
                                   49. Brief.
147 Das Wort Paradeisos haben wenigstens die Griechen von den Persern, bei denen
es Firdevss lautet, und einen Park im eigentlichen Sinne bedeutet, d.i. einen
Tiergarten. Die Perser haben es wahrscheinlich aus Indien.
148 S. Bd. 10
149 Smyrna, bei andern Myrrha genannt - Ihre Mutter hatte sich gerühmt, schöner
als Venus zu sein, und die Göttin rächte das Verbrechen der Mutter an der
Tochter dadurch, dass sie dieser eine leidenschaftliche Liebe zu ihrem eigenen
Vater einflösste. Vergebens sucht sie die unnatürliche Leidenschaft zu
unterdrücken, täglich mehr wächst ihre Sehnsucht, welken ihre Relze, und sie ist
schon im Begriff ihr Leben zu enden, als die mitleidige Amme ihr das
schreckliche Geheimnis abpresst. Nächtliche Zusammenkünfte werden veranstaltet,
und der Vater kennt nicht die, die ihn beglückt. Als er endlich in ihr seine
Tochter entdeckt, ergreift ihn Wut, und mit dem Schwert in der Hand verfolgt er
die Unglückliche. In Ermüdung und Angst ruft sie endlich der Götter Mitleid an,
und sie wird in eine Stande ihres Namens verwandelt (Myrrhe), aus deren Rinde
ein wunderschöner Knabe, Adonis, hervorgeht.
150 Vermutlich dachte Lais hiebei an die Helena des Euripides in den
Troerinnen, die zu ihrem beleidigten Gemahl sagt: die Göttin strafe, die auch
die Götter beherrscht; mir gebührt Verzeihung.
151 S. Bd. 27.
                                   51. Brief.
152 Atenäus hat uns ein ziemlich grosses Bruchstück aus der Anti-Lais dieses
sonst unbekannten Dichters im dreizehnten Buch seines beinahe aus lauter
Fragmenten zusammengesetzten Gelehrtenschmauses aufbehalten, welches zum Belege
alles dessen, was hier von ihm gesagt wird, dienen kann, und wovon eine
meisterhafte Uebersetzung in der Abhandlung meines gelehrten Freundes J. über
die Griechischen Hetären, im zweiten Hefte des dritten Bandes des Attischen
Museums zu finden ist. W.
                                   52. Brief.
153 Wie diese prophetische Vermutung Aristipps vornehmlich in dem goldnen
Zeitalter der nie genug zu preisenden Kaiser Hadrian und beider Antonine in
Erfüllung gegangen, davon finden sich, unter andern, in Lucians Nigrinus, wo er
das damalige Aten mit dem damaligen Rom so treffend contrastiren lässt, sehr
schöne Beweisstellen. W.
                                   53. Brief.
154 Anspielung auf eine Anekdote, welche Diogenes der Laërter und Atenäus von
Aristipp erzählen, und worüber Cicero in einem Briefe an Pätus (in Wielands
Uebersetzung Bd. 5 S. 205) so schreibt: »errötete doch auch der berühmte
Sokratiker Aristippus nicht, als ihm vorgeworfen wurde, er habe die Lais. Wahr
ist's, sagte er, ich habe sie, aber sie hat mich nicht. Auf Griechisch lässt sich
das artiger sagen: versuche du einmal es besser zu übersetzen, wenn du Lust
hast.« Man hält schon darum diese Replik für unübersetzbar, weil sie im
Griechischen nur aus drei Worten besteht: exo, oyk exomai (habeo, non habeor bei
Cicero). Ausser dieser Kürze aber liegt ein noch weniger übersetzbarer Doppelsinn
in dem Worte exomai (s. die Anm. von Schütz zu dieser Stelle Cicero's Epp. 4,
435). Dieser Doppelsinn wäre nun hier glücklicher als irgendwo erreicht, aber
nicht die Kürze.
155 D.i. gleichgültig gegen ihre Liebe zu bleiben. Hippolytus ist bekannt aus
des Euripides Tragödie dieses Namens und aus Racine's, von Schiller übersetzter,
Phädra.
156 Von diesem Hauptelden der Ilias wird erzählt, dass wegen einer Weissagung,
er werde vor Troja seinen Tod finden, seine besorgte Mutter ihn dem Lykomedes
übergeben habe, der ihn, um ihn desto sicherer zu verbergen, in Frauentracht
unter seine Töchter mischte. Im Griechischen Lager hatte man indes die
Weissagung, dass ohne Achilles Troja nicht erobert werden könnte. Man
kundschaftete daher, erfuhr, und sendete Odysseus nach Skyros. Der Listige
brachte unter weiblichen Geschenken für die Töchter auch Waffen mit, und bei
deren Anblick verriet sich der junge Held.
157 Pausanias wird er im folgenden Briefe nach Atenäus, bei Plutarch
Hippolochus, bei andern Eurylochus, Aristonikus und Hippostratus genannt.
                                   55. Brief.
158 Gastgeschenk. Nach Griechischer Sitte wurde jedem Gaste, wenn er sich wieder
entfernte, noch irgend ein kleines Geschenk gegeben.
 
                                 Dritter Band.
                                        1.
                             Aristipp an Eurybates.
Ich habe mich gewöhnt mir einzubilden dass es meinen Freunden sehr wohl ergehe,
wenn sie mich lange nichts von sich hören lassen, und es wäre mir lieb, wenn sie
sich eben dasselbe von mir vorstellen wollten. In der Tat hat die Zeit für
niemand schnellere Flügel als für die Glücklichen; und wenn man auch
vielbeschäftigte Personen sagen hört, dass ihnen Tage zu Stunden werden, so
geschieht dies doch meistens nur, wenn sie sich aus eigener Wahl und mit Dingen,
die ihnen in einem hohen Grade wichtig oder angenehm sind, beschäftigen; denn
bei Arbeiten dieser Art fühlt man sich nicht minder glücklich, ja vielmehr noch
glücklicher als im Genuss eines nicht mit Arbeit erkauften Vergnügens. Bei allem
dem gestehe ich, lieber Eurybates, wir haben uns beinahe zu viel darauf
verlassen, dass wir einander nicht unentbehrlich sind, und wenn wir es noch lange
so forttrieben, könnt' es, wiewohl gegen unsre Meinung, doch so weit mit uns
kommen, dass wir einander vor lauter Wohlbefinden endlich ganz vergässen. Denke
indessen nicht, dass ich mir ein Verdienst daraus machen wolle, dir in Erneuerung
unsers Briefwechsels zuvorgekommen zu sein. Du weisst, es ist meine Sache nicht,
meinen Handlungen einen gleissenden Anstrich zu geben, und für weiser oder
uneigennütziger angesehen sein zu wollen, als wir andern anspruchlosen Leute
gewöhnlich zu sein pflegen. Kurz, ich habe zwei sehr eigennützige Ursachen dir
zu schreiben: die erste, dass mir das Verlangen nach zuverlässigen Nachrichten
von dir selbst und allem was zu dir gehört, und von der schönen Atenä überhaupt
durch so lange Nichtbefriedigung peinlich zu werden anfängt; die andere, dass ich
vielleicht durch dich aus meiner Ungewissheit über das Schicksal unsrer Freundin
Lais gezogen zu werden hoffe. Zwei Jahre sind bereits vorüber, seitdem sie, im
Begriff Korint und das südliche Griechenland auf immer zu verlassen, mit den
ahnungsschweren Worten von mir und Kleonidas Abschied nahm: »wenn ich an den
Ufern des Peneus die Ruhe wieder finde, werdet ihr mehr von mir hören: wo nicht,
so lasst mich in euerm Andenken leben und seid glücklich.« - Sie hat in dieser
langen Zeit nichts von sich hören lassen, und ich kann mich nicht erwehren
ihrentwegen in Sorgen zu sein; denn wofern es ihr nicht ginge wie wir wünschen,
so bin ich nur allzu gewiss, dass sie zu stolz ist Hülfe von ihren Freunden
anzunehmen, geschweige bei ihnen zu suchen.
    Wir genügsamen Cyrener befinden uns bei unsrer goldnen Mittelmässigkeit so
wohl, dass wir uns wenig um die besondern Umstände der ewigen Zwistigkeiten und
Fehden bekümmern, welche Eifersucht, Ehrgeiz und Begierde immer mehr zu haben
zwischen Aten und Sparta, und überhaupt zwischen dem Dorischen und Ionischen
Stamm der Hellenen niemals ausgehen lassen werden. Alles was ich seit einiger
Zeit von dem Übermut, womit die Spartaner sich der ihnen aufgetragenen
Vollziehung des Friedens des Antalcidas überheben, vernommen habe, lässt mich
einen nahe bevorstehenden neuen Ausbruch des allgemeinen Missvergnügens der
Städte vom zweiten und dritten Rang vermuten, wovon die Atener ohne Zweifel
Gelegenheit nehmen werden, sich der Herrschaft des Meers wieder zu bemächtigen,
auf deren langen Besitz sie ein vermeintes Zwangsrecht gründen, welches ihnen
von den übrigen Seestädten freiwillig niemals zugestanden werden wird.
    Inzwischen erheben sich im nördlichen Griechenlande, wie uns neuerlich ein
reisender Byzantiner berichtet, zwei neue Mächte; eine seit ungefähr vierzig
Jahren unvermerkt heran gewachsene Republik, und ein vor kurzem noch
unbedeutender Fürst; welche, wenn man ihren raschen Fortschritten noch einige
Zeit so gleichgültig wie bisher zusehen würde, beide der bisherigen Verfassung
der Hellenen eine grosse Veränderung drohen. Du siehest dass ich von Olyntus in
der Chalcidice1 und von dem Tessalischen Fürsten Jason2 rede, der, nach allem
was der Byzantiner von ihm erzählt, den Unternehmungsgeist seines alten
Namensverwandten in der Heldenzeit mit der Tapferkeit Achills und der
Besonnenheit des erfindungsreichen Ulysses verbindet, und kein Geheimnis mehr
daraus macht, dass er nichts Geringeres vorhabe, als das alte Mutterland der
Hellenen wieder in sein schon so lange her verscherztes vormaliges Ansehen zu
setzen, und die Macht des gesammten Griechenlands darin zusammen zu drängen, um
sodann, an der Spitze aller Abkömmlinge Deukalions, das Griechische Asien auf
immer vom Joche der Perser zu befreien. Meiner Meinung nach könnte euern
übelberatenen, die wahre Freiheit und ihr wahres Interesse ewig verkennenden
Freistaaten nichts Glücklicheres begegnen, als wenn es diesem edeln Tessalier
gelänge seinen grossen Gedanken auszuführen.
    Aergere dich nicht, lieber Eurybates, mich so philotyrannisch reden zu
hören; meine Vorliebe zur Monarchie dauert gewöhnlich nur so lange, als ich in
einem demokratischen oder oligarchischen Staat lebe, und ich bin der Freiheit
nie wärmer zugetan, als da wo ein Einziger alle Gewalt in Händen hat. Ein
weiser und edel gesinnter Monarch weiss jedoch beides sehr gut mit einander zu
vereinigen; nur Schade, dass die weisen und guten Monarchen ein eben so seltnes
Geschenk des Zufalls sind als die weisen und guten Demagogen. Ist es nicht ein
niederschlagender Gedanke, dass noch kein Volk auf dem Erdboden Verstand genug
gehabt hat, das, was bisher bloss Sache des Zufalls war, zu einem Werke seiner
Verfassung und seiner Gesetze zu machen? Und wo ist das Volk, von welchem ein
solches Kunstwerk (vielleicht das grösste, dessen der menschliche Verstand fähig
ist) zu erwarten wäre, da das sinnreichste und gebildetste von allen, die
Griechen, in so vielen Jahrhunderten noch nicht so weit gekommen ist, sich den
Unterschied zwischen Regierung und Herrschaft deutlich zu machen, und
einzusehen, dass wohl regieren eine Kunst, und in der Ausübung zwar eine der
schwersten, aber doch, so gut wie jede andre, zu erlernen und auf feste
Grundsätze zurückzuführen ist? Das schlimmste ist nur, dass die Kunst wohl zu
regieren, wenn sie auch gefunden wäre, ohne die Kunst zu gehorchen wenig helfen
könnte; oder mit andern Worten: dass das Volk zum Gehorchen eben so wohl erzogen
und gebildet werden müsste, als seine Obern zum Regieren. Der Gesetzgeber der
Lacedämonier ist meines Wissens der einzige, der dies eingesehen hat; und dass
die Verfassung, die er ihnen gab, der Natur zum Trotz länger als irgend eine
andere gedauert hat, ist, denke ich, hauptsächlich der sonderbaren Erziehung
beizumessen, an welche alle Bürger von Sparta durch seine Gesetze gebunden sind.
    Ich für meine Person werde immer und überall frei gestehen, dass mir die
Wörter Herr und Herrschaft eben so herzlich zuwider sind als Knecht und
Knechtschaft; ich will regiert sein, nicht beherrscht; wenn ich aber doch ja
einen Herrn über mich dulden muss, so sei es ein einziger Agamemnon, nicht alle
Heerführer - und am allerwenigsten das ganze Heer der Achaier3. Da jedoch die
Wahl nicht immer in meiner Willkür steht, so werde ich mich, im Notfall
wenigstens bis uns Plato mit seiner Republik beschenken wird, mit meiner
Philosophie zu behelfen wissen, die mich allentalben unter leidlichen Umständen
so glücklich zu sein lehrt als ich billigerweise verlangen kann; und leidlich
sollte sie mir sogar den Schnappsack und Stecken unsers Freundes Diogenes
machen, wenn der einzige Herr, den ich gutwillig über mich erkenne, die
allmächtige Göttin Anangke4 jemals Belieben tragen sollte, mich auf so wenig
Eigentum herabzusetzen; ein Fall, wovor der grosse König zu Persepolis am Ende
nicht sicherer ist als ich.
 
                                       2.
                             Eurybates an Aristipp.
Das zweideutige Mittelding von Knabe und Jüngling, aus dessen Händen du diesen
Brief erhalten wirst, lieber Aristipp, trägt so deutliche Merkmale seiner
Abkunft in seinem Gesichte, dass er euch hoffentlich beim ersten Anblick lebhaft
genug an Droso und Eurybates erinnern wird, um ihn ohne schärfere Untersuchung
für den, wofür er sich ausgibt, gelten zu lassen, und als solchen gastfreundlich
aufzunehmen. Ich glaubte dir nicht besser beweisen zu können, dass Zeit und
Entfernung meine dir längst bekannten Gesinnungen nicht geschwächt haben, als
indem ich dir meinen Sohn Lysanias unangemeldet zuschickte, in voller
Zuversicht, dass du ihn für einige Zeit unter deine Hausgenossen aufnehmen, und
des Glückes unter deinen Augen zu leben würdigen werdest. Es ist nun seine
eigene Sache, sich euch durch sich selbst zu empfehlen. Ihr werdet wenigstens
finden, dass er euch, wie billig, nicht als ein roher Marmorblock zugefertiget
worden ist. Er hat drei Jahre lang die Schule unsers berühmten Isokrates, und in
dem letzt verfloss'nen sogar die Akademie besucht; und da sein noch grünes Alter
ihm den Zutritt zu den Geheimnissen der Philosophie verwehrte, welche der
göttliche Plato in ein beinahe noch dichteres Dunkel einhüllt als jenes, das die
heiligen Mysterien zu Eleusis umgibt, so hat er wenigstens von dem exoterischen
Unterricht unsers Attischen Pytagoras so viel mit genommen als er aufpacken
konnte.
    Die Wahrheit zu sagen wünsche ich auch nicht, dass mein Sohn und Erbe sich
jemals so hoch versteige, um unter die Dinge über uns zu geraten, oder gar bis
zu den Ideen unsers grossen Sehers empor zu dringen, und bis zu der hehren
»Göttin Anangke und ihrem vom Gipfel des Lichtimmels herabhangenden,
unermesslichen stählernen Spinnrocken und ihrer wundervollen Spindel mit den acht
in einander steckenden Wirteln, auf deren jedem eine Sirene sitzt, die ihren
eigenen aber immer eben denselben Ton von sich gibt, wozu die Moiren, Lachesis,
Kloto und Atropos, während sie unsre Schicksale spinnen, sich die Zeit damit
kürzen, alle drei zugleich, Lachesis das Vergangene, Kloto das Gegenwärtige,
und Atropos das Künftige zu singen;« - wie du aus dem zehnten Buch der
wundervollen Republik mit mehrerem vernehmen wirst, von welcher, als einer der
neuesten überirdischen Erscheinungen aus der Akademie, Lysanias dir eine von
unserm Freunde Speusipp selbst berichtigte Abschrift überbringt. Wenn du mir
gelegentlich dein Urteil über dieses sonderbare Kunstwerk, so ausführlich als
Lust und Musse dir's gestatten werden, mitteilen wolltest, würdest du mir keine
geringe Gefälligkeit erweisen: denn mein eigenes macht mit den dityrambisschen
Lobgesängen seiner Bewunderer einen so hässlichen Missklang, dass es unbescheiden
wäre, wenn ich nicht einiges Misstrauen in seine Vollgültigkeit setzte.
Aufrichtig zu reden, Aristipp, ich hab' es noch nicht über mich gewinnen können,
das ganze Werk von Anfang bis zu Ende zu durchlesen; ich kenn' es nur aus
einigen Bruchstücken, und würde dir daher desto mehr Dank wissen, wenn du mich
durch einen umständlichen Bericht, wie du das Ganze gefunden hast (einen
vollständigen Auszug darf ich dir nicht zumuten), in den Stand setzen wolltest,
mir einen hinlänglichen Begriff davon zu machen.
    Es wird dir nicht entgehen, dass mein Lysanias mit einer gewissen natürlichen
Anmutung zu den Spindeln, Wirteln, Sirenen und singenden Spinnerinnen des
göttlichen Platons auf die Welt gekommen ist. Um so nötiger fand ich, ihn bei
Zeiten in einen gesellschaftlichen Kreis feingebildeter aber unverkünstelter und
unverschrobener, vorzüglicher aber anspruchloser, mit Einem Wort, unverfälschter
und (wenn ich dir eine deiner Redensarten abborgen darf) menschlicher Menschen
zu bringen, unter welchen er sich an eine natürliche Ansicht der Dinge gewöhnen,
für alles Menschliche das rechte Mass finden, und sich in allem auf der
Mittellinie zwischen zu wenig und zu viel mit Sicherheit und Leichtigkeit sein
ganzes Leben durch fort bewegen lernen könne.
    Ich würde einen meiner angelegensten Wünsche erfüllt sehen, wenn Lysanias
bei euch den Beschäftigungen und Freuden des Landlebens Geschmack abgewinnen,
und bei täglichem Anblick der Glückseligkeit etlicher durch Uebereinstimmung der
Gemüter und wechselseitiges Wohlwollen noch enger als durch die Bande der
Anverwandtschaft und Verschwägerung vereinigter Familien, den hohen Wert des
häuslichen Glückes schätzen lernte. Er ist mein einziger Sohn; ich möchte ihn
einst als einen glücklichen Menschen hinter mir lassen, und ich habe keine Lust
ihn einer Republik aufzuopfern, in welcher der Übermut und törichte Dünkel
des zu herrschen wähnenden, aber jedem kecken Schwätzer zu Gebote stehenden
Pöbels täglich ausschweifender, die Unredlichkeit der Demagogen, die ihm den
Ring durch die Nase gezogen haben, immer schreiender, die Maximen, nach welchen
man handelt, immer widersinnischer, der gegenwärtige Zustand immer heilloser,
und die Aussicht in die Zukunft immer trüber werden. Der gute Plato hat uns mit
seiner erhabenen, aber nur gar zu hoch hinauf geschraubten Philosophie, die er
zur bösen Stunde der schlichten Sokratischen untergeschoben hat, im Ganzen nicht
um einen Schritt vorwärts gebracht; und wie sollt' er auch? Wahrlich, die
Behauptung in seinem Menon5, dass die Tugend keine Frucht des Unterrichts und der
Erziehung sein könne, ist nicht sehr geschickt eine bessere Erziehung unsrer
immer mehr verwildernden Jugend zu befördern; und was ein noch so fein und
zierlich ausgearbeitetes Modell einer Republik idealischer Menschen, die von
lauter leibhaften Platonen nach idealischen Gesetzen zu einem idealischen Zweck
regiert werden, uns Atenern und allen übrigen eben so unplatonischen Hellenen
helfen soll - wenn du es ausfindig machen kannst, lieber Aristipp, so wirst du
mich durch die Mitteilung sehr verbinden. Was ich täglich sehe ist, dass die um
uns her aufschiessende neue Generation (vermutlich zu grossem Trost unsers
Philosophen) alle mögliche Hoffnung gibt, noch schlechter als ihre schon so sehr
ausgearteten Väter zu werden, und also für die Wahrheit seiner Behauptung, dass
ausser einer Republik von Philosophen seines Schlags kein Heil sei, noch
handgreiflicher beweisen wird als wir.
    So wie die Sachen dermalen bei uns stehen, kann ein ehrlicher Mann, der
nicht das Opfer eines vergeblichen und lächerlichen Heldentums zu werden Lust
hat, keine bessere Partei ergreifen, als nach dem Beispiel unsrer wackern
Grossväter sich auf seine Hufe zurückzuziehen, seiner Oelbäume und
Knoblauchfelder zu warten, seinem Hauswesen vorzustehen, und sich von allen
Versuchungen der unter der schönen Larve der Vaterlandsliebe sich verbergenden
Ruhmsucht und Begierde den Meister zu spielen so rein als möglich zu erhalten.
    Bei allem dem können doch in Zeitläufen, wie die unsrigen, Fälle eintreten,
wo man schlechterdings zwischen zwei Uebeln wählen muss, und, um nicht durch die
Untüchtigkeit oder Treulosigkeit des Schiffers, auf dessen Fahrzeug man sich
befindet, zu Grunde zu gehen, genötigt ist selbst Hand anzulegen, und zu
Erhaltung des Ganzen mit Rat und Tat beizutragen. In dieser Rücksicht wird es
dann freilich nötig sein, dass Lysanias, ausser den gewöhnlichen gymnastischen
und andern Leibesübungen, sich hauptsächlich in den beiden Künsten, die einem
hellenischen Staatsmann und Kriegsbefehlshaber die unentbehrlichsten sind, der
Redekunst und der Kunst die Menschen recht zu behandeln, so geschickt zu machen
suche als nur immer möglich sein wird. In der letztern kann ihn niemand weiter
bringen als du selbst; zur erstern hat er unter Isokrates einen so festen Grund
gelegt, dass es bloss einer fleissig fortgesetzten Uebung unter den Augen eines
guten Meisters bedarf. Ich habe ihn deswegen noch besonders an deinen Freund und
ehmaligen Zögling Antipater empfohlen, der, nach einem langen Aufentalt unter
uns, mit allen Schätzen der Griechischen Musen beladen zu euch zurückgekehrt
ist, und auch durch die genaue Kenntnis, die er sich von dem Innern unsrer
zahllosen Republiken und ihren Verhältnissen gegen einander erworben hat, dem
jungen Menschen nützlich werden könnte. In allem diesem, Aristipp, wird, wie ich
zuversichtlich hoffe, deine Gesinnung für den Vater auch dem Sohne zu Statten
kommen, und ich werde dir und deinen Freunden in seiner mit eurer Hülfe
vollendeten Bildung die grösste aller Wohltaten zu danken haben.
    Nun noch ein Wort von unsrer Freundin Lais. Auch ich nehme an der schönsten
und liebreizendsten aller Weiber, die seit der schönen Helena die Männerwelt in
Flammen gesetzt haben, zu warmen Anteil, um nicht zu wünschen, dass ich dir die
angenehmsten Nachrichten von ihr zu geben haben möchte: aber mit allen möglichen
Nachforschungen ist von ihrem dermaligen Aufentalt und Zustand nichts
Zuverlässiges zu erhalten gewesen, wiewohl es an allerlei einander
widersprechenden und mehr oder weniger ungereimten Gerüchten nicht fehlt. Ich
besorge sehr, die Moiren6 spinnen ihr nicht viel Gutes. So viel scheint gewiss,
dass ihr Vorsatz, sich in Tessalien anzusiedeln, nicht zu Stande gekommen ist.
Der heillose Mensch, der ihr ganzes Wesen auf eine so unbegreifliche Art
überwältiget hat, scheint ihr nicht Zeit dazu gelassen zu haben. Er führte sie
wie im Triumph von einer Tessalischen und Epirotischen Stadt zur andern, machte
überall grossen Aufwand, und verliess sie endlich (sagt man) wie Teseus die arme
Ariadne auf Naxos, ohne sich zu bekümmern was aus ihr werden könnte. Sobald ich
diese Nachricht aus einer ziemlich sichern Hand erhielt, schickte ich einen
meiner Freigelass'nen, auf dessen Verstand und Treue ich rechnen darf, mit dem
Auftrag ab, wofern es nötig wäre ganz Tessalien, Epirus und Akarnanien zu
durchwandern, um sie aufzusuchen und Nachrichten von ihr einzuziehen. Learch zu
Korint tat eben dasselbe, und unser Vorsatz war, sie, sobald sie gefunden
wäre, mit möglichster Schonung ihres Zartgefühls zu bewegen, überall wo sie
künftig zu leben gedächte, uns die Sorge für ihre Haushaltung zu überlassen.
Aber, wie gesagt, bis jetzt ist es unmöglich gewesen auf ihre Spur zu kommen. Wir
geben indessen noch nicht alle Hoffnung auf, und sobald wir etwas entdecken,
soll es dir unverzüglich mitgeteilt werden. Wenigstens haben wir so viel mit
unsern Nachforschungen gewonnen, dass alle über ihren Tod und die Art ihres Todes
herumlaufenden Gerüchte bei genauerer Untersuchung falsch befunden worden sind.
Mit wie vielem Vergnügen würde ich sie in den Besitz des schönen Wittums wieder
einsetzen, wo der edle Leontides ihr auf alle Fälle eine ruhige und angenehme
Freistätte gegen alle Zufälle des Lebens zu hinterlassen glaubte!
    Was euch der Byzantiner von dem schnellen Wachstum der neuen Chalcidischen
Republik Olyntus und von den weit aussehenden Entwürfen des Tessalischen
Fürsten Jason berichtet hat, bestätigt sich alle Tage mehr. Der letztere ist
wirklich ein Mann von seltnen und glänzenden Eigenschaften, ganz dazu gemacht
sein Vaterland aus dem politischen Nichts, worin es beinahe seit der Heroenzeit
gelegen, hervorzuziehen, und ihm die ganze Wichtigkeit zu verschaffen, die es
vermöge seiner Lage, Fruchtbarkeit und starken Bevölkerung schon längst hätte
behaupten können, wenn seine Kräfte in einen einzigen Punkt zusammengedrängt
gewirkt hätten. Was Olyntus betrifft, so hat sie sich nicht nur zum Haupt einer
beinahe allgemeinen Bundesvereinigung aller Städte der Chalcidice erhoben, sie
hat sogar einen ansehnlichen Teil der Macedonischen Provinz Pierien an sich
gebracht, den unmächtigen Amyntas aus seinem Königssitz zu Pella7 vertrieben,
und sich unter den benachbarten Tracischen Völkerschaften einen bedeutenden
Anhang zu verschaffen gewusst; kurz sie ist bereits mächtig genug, eine gänzliche
Unabhängigkeit von Aten und Sparta behaupten zu können; zumal da Jason (der
einzige im nördlichen Griechenland, der ihrer Vergrösserungssucht Gränzen zu
setzen vermöchte) es natürlicher Weise seinem Interesse gemässer findet, mit
dieser neuen Republik in gutem Vernehmen zu stehen. Dass beide unsrer
Aufmerksamkeit nicht entgangen sind, kannst du dir leicht vorstellen. Beide,
vorzüglich aber der Held des Tages Jason, versehen unsre Versammlungsplätze,
Märkte und Hallen reichlich mit immer frischen Neuigkeiten, und wenn du uns
reden hören könntest, müsstest du glauben, die Atener hielten sich dem letztern
noch sehr verbunden, dass er nicht müde wird, ihnen so viel Stoff zu
zeitkürzenden Unterhaltungen zu geben. Denn dass wir von den Fortschritten, die
er in Tessalien und den angränzenden Landschaften macht, etwas für uns selbst
befürchten sollten, dazu ist er noch zu weit von uns entfernt; und sollte die
Gefahr wider Vermuten grösser werden, »so sind wir ja auch da, und im Notfall
findet sich wohl immer, mit oder ohne unser Zutun, ein Dolch, der den luftigen
Entwürfen eines kleinen Tessalischen Parteigängers auf einmal ein Ziel setzt.«
Mit den Olyntiern, deren täglich zunehmende Seemacht billig unsre Eifersucht
reizen sollte, scheint es zwar eine andre Bewandtnis zu haben: aber »was ist
denn am Ende das Olynt, das wie ein Pilz seit gestern aus dem Boden auftauchte,
gegen die uralte, weltberühmte, von Pallas und Poseidon und allen andern Göttern
begünstigte Atenä? und was werden diese Chalcidier gegen die Abkömmlinge der
unüberwindlichen Männer von Maraton und Salamis ausrichten? Lass' sie sich doch
vergrössern und ausbreiten so gut sie können, sie arbeiten doch nur für uns! Wir
können der Zeitigung dieser schönen saftreichen Frucht ruhig zusehen, sicher dass
wir sie pflücken werden, sobald sie uns reif genug zu sein dünken wird.« - So,
mein Freund, denkt und spricht man in Aten, und sieht daher mit der grössten
Gleichgültigkeit den Anstalten zu, welche die herrschlustigen Spartaner, als
Vollzieher und Schirmherren des Friedens des Antalcidas, zu machen im Begriff
sind, um etliche kleine, von ihnen selbst aufgehetzte Städte gegen die Olyntier
in Schutz zu nehmen, und sich mit diesen in eine Fehde einzulassen, »von welcher
wir, wie sie auch ausfallen mag, immer den Vorteil haben werden im Trüben zu
fischen, und uns um so leichter wieder zu Herren des Meers zu machen, da, allem
Ansehen nach, entweder Sparta oder Olynt in den Fall kommen wird, unsern
Beistand suchen zu müssen.«
    Diese eben so unkluge als unedle Art von Politik ist nun einmal unter uns
Griechen herrschend geworden, und wird (wie du sehr richtig voraussiehst) über
lang oder kurz den Verlust unsrer Freiheit zur Folge haben. Ein Staat, der von
seiner Unabhängigkeit keinen weisern Gebrauch macht als wir, und es immer nur
darauf anlegt, alles rings um sich her zu unterdrücken und seiner Willkür zu
unterwerfen, ist eben so unfähig als unwürdig seine eigene Freiheit zu
behaupten, und bereitet törichter Weise die Fesseln sich selbst, die er
unaufhörlich für alle andern schmiedet. Aber wie weit sind wir Atener noch
entfernt, uns eine solche Katastrophe der ewigen Tragödie, die wir in
Griechenland spielen, träumen zu lassen? Wir sehen mit hämischer Schadenfreude
zu, wie das stolze, gewalttätige und unersättliche Sparta sich allen Griechen
täglich verhasster und unerträglicher macht, und kein warnender Dämon flüstert
uns zu, dass die Spartaner nichts tun, als was wir selbst an ihrer Stelle so
lange getan haben und mit Freuden wieder tun werden, sobald das Uebergewicht
wieder auf unsrer Seite sein wird.
    Wie hoch haben die Stifter von Cyrene sich um ihre Nachkommen verdient
gemacht, da sie euch jenseits des libyschen Meeres, unter dem heitersten Himmel
und auf dem fruchtbarsten Boden, eine so schöne und sichere Freistätte
bereiteten; weit genug von der stürmischen Hellas entfernt, um weder mit Gewalt
in den Wirbel unsrer Händel hinein gerissen zu werden, noch in Versuchung zu
geraten, euch freiwillig darein zu mischen. Wohl euch bei eurer goldnen
Mittelmässigkeit! Cyrene wird vermutlich niemals eine bedeutende Rolle in der
Geschichte spielen; aber in Hinsicht auf Glückseligkeit ist es mit Völkern und
Staaten wie mit einzelnen Menschen: man wird immer unter denen, die sich still
und unbekannt durchs Leben schleichen, mehr glückliche finden, als unter denen,
die am meisten Aufsehen, Geräusch und Staub um sich her machen.
 
                                       3.
                             Aristipp an Eurybates.
Der schöne Lysanias hat sich durch sein sittsames, anmutiges und gefälliges
Wesen bereits nicht weniger Freunde in Cyrene erworben als Personen sind, mit
welchen er bekannt zu werden Gelegenheit hatte. An einem jungen Cekropiden sind
dies so seltene Tugenden, dass man beinahe, wo nicht an seiner Attischen
Autochtonie, wenigstens an seiner Erziehung in Aten zweifeln müsste, wenn er
nicht von so vielen andern Seiten eine Bildung zeigte, die man in seinem Alter
nur zu Aten erhalten haben kann. Mit Einem Worte, Freund Eurybates, die Grazien
haben ihm bei seiner Geburt zugelächelt und ihn mit der Gabe zu gefallen
beschenkt, der köstlichsten aller Göttergaben, die ihrem Besitzer in allen
Verhältnissen des Lebens unzählige Vorteile bringt, und nur dann gefährlich
wird, wenn er sich selbst zu sehr gefällt. Bis jetzt scheint unser junger Freund
von dieser Untugend völlig frei zu sein; nichts an ihm verrät dass er sich
seiner Liebenswürdigkeit bewusst sei; im Gegenteil beweiset die Art, wie er das
Wohlgefallen, so wir alle an ihm haben, aufnimmt, dass er, weit entfernt es für
einen schuldigen Tribut zu halten, uns vielmehr dafür, als für eine ganz
freiwillige Äusserung unserer Guterzigkeit und Wohlmeinung mit ihm, verbunden
zu sein glaubt. Dass er in dieser schönen Unbefangenheit erhalten, und weder
durch zu vieles Liebkosen verzärtelt, noch durch Schmeichelei eitel und
einbildisch gemacht werde, soll eine der angelegensten Sorgen aller derer sein,
denen du dieses edle Gewächs zu pflegen anvertraut hast. Wir fühlen den ganzen
Wert deines Zutrauens, und werden uns beeifern es zu rechtfertigen. Inzwischen
vereinigen sich Musarion und Kleone mit Kleonidas und mir, der schönen Droso zu
danken, dass sie unsern Freund Eurybates mit einem so liebenswürdigen Erben
beschenkt hat, und bitten sie versichert zu sein, dass es nicht an ihrem guten
Willen liegen soll, wenn er seine geliebte Mutter in Cyrene nicht doppelt wieder
gefunden zu haben glauben wird.
    Du siehest ohne mein Erinnern, dass sechzehn Jahre das Alter nicht sind, wo
das Landleben für einen in Aten aufgewachsenen Abkömmling von Kodrus einen
überwiegenden Reiz haben könnte. Es wird aber auch zu deiner Absicht genug sein,
wenn er nur, durch öftere Abwechslung des städtischen Lebens mit dem ländlichen,
das Nützliche sowohl als das Angenehme des letztern immer besser kennen und
schätzen lernt. Der Wert, den er uns auf die Arbeiten des Landmanns, auf
Feldbau, Baumzucht und alle Arten von Anpflanzungen, legen sieht, wird ihn immer
aufmerksamer auf diese Gegenstände machen; er wird sehen, bemerken, fragen, auch
wohl zuweilen selbst Hand anlegen, und so unvermerkt zu Kenntnissen kommen, die
er, sobald der Anfang einmal gemacht ist, bei jeder Gelegenheit zu vermehren
suchen wird. Ich sehe mit Vergnügen, dass sich zwischen ihm und Kratippus, dem
ältesten Sohn meines Bruders, eine gegenseitige Zuneigung entspinnt, die zu
einer dauerhaften Freundschaft zu erwachsen verspricht. Mein Neffe hat fünf oder
sechs Jahre mehr als dein Sohn, und weiss sich des kleinen Ansehens, so ihm
dieser Vorsprung gibt, mit so guter Art zu bedienen, dass er wirklich mehr über
ihn vermag als wir andern alle. Lysanias zeigt eine Anhänglichkeit an seinen
ältern Freund, von welcher sich viel Gutes um so gewisser erwarten lässt, weil
Kratippus nichts Liebkosendes in seinem Betragen hat, und für die Lebhaftigkeit
eines jungen Ateners eher zu trocken scheinen könnte. Wahrscheinlich wird diese
Vorliebe zu meinem Neffen deinen Absichten förderlicher sein, als alles was wir
Aeltern dazu beitragen können. Mein Bruder besitzt grosse und einträgliche
Ländereien in allen Gegenden der Cyrenaika, und Kratippus hat sich aus
angebornem Hang zum tätigen Landleben der Verwaltung der väterlichen Güter
gänzlich gewidmet. Dies veranlasst häufige kleine Reisen und einen längern oder
kürzern Aufentalt bald auf diesem bald auf jenem Gute. Lysanias, der nicht
lange ohne seinen Freund leben kann, hat ihn also schon mehrmals begleitet, und
findet an diesen landwirtschaftlichen Reisen, die ihm in einem der
fruchtbarsten und angebautesten Striche des Erdbodens immer neue und anziehende
Gegenstände, Ansichten und Genüsse verschaffen, so viel Belieben, dass wir eher
auf Mittel denken müssen, ihn in der Stadt zurückzuhalten als ihm Neigung zum
Landleben einzuflössen. Indessen, da es bei diesen Landpartien weniger um
Ergötzlichkeiten als um Geschäfte zu tun ist, und unser junger Gastfreund
jedesmal gelehrter, verständiger und gesetzter zurückkommt, ohne einen andern
Nachteil davon zu haben, als dass die etwas mädchenhafte Gesichtsfarbe, die er
nach Cyrene brachte, unvermerkt eine bräunliche Schattirung gewinnt; so halten
wir es für besser ihn hierin seiner eigenen Willkür zu überlassen, und werden
dennoch alles so einzurichten wissen, dass die übrigen Zwecke seines Hierseins
nicht vernachlässiget werden sollen.
    Seit kurzem, lieber Eurybates, habe ich auch von Learch einen Brief
erhalten, der mir über das Schicksal unsrer armen Lais nicht mehr Licht noch
Trost gibt als der deinige. Wenn sie nirgends gefunden werden kann, und niemand
etwas Zuverlässigeres von ihr zu sagen hat, als dass sie aus Pandasia, ihrem
letzten Aufentalt, plötzlich verschwunden sei; wenn der Taugenichts, dem sie
sich aufgeopfert, sie in einer Lage verlassen hat, wo ihr keine andere Wahl
blieb, als entweder die Hülfe ihrer Freunde anzunehmen - oder zur Schmach einer
gewöhnlichen Hetäre herabzusinken - oder zu sterben - so weiss ich was sie
gewählt hat. O mein Freund, der Stolz dieses so hochbegabten ausserordentlichen
Weibes hatte keine Gränzen; er musste ihr in einer solchen Lage das Herz brechen,
und - es brach! Das meinige sagt es mir - sie hat gelebt!8 - Und wohl hat sie,
in der schönsten Hora des Lebens, gelebt, wie nur wenigen von Göttern Gezeugten
oder ohne Mass Begünstigten zu leben vergönnt wird; und was auch das Loos ihrer
letzten Tage war, über die Natur und das Glück hatte sie sich nicht zu beklagen;
denn schwerlich haben beide jemals zugleich so viel für eine Sterbliche getan
als für sie. Ob sie nicht mit den Geschenken von beiden besser hätte haushalten
können? - ist eine Frage, welcher die Freundschaft jetzt, da ihr Schicksal
entschieden ist, auszuweichen strebt. - Vielleicht hätten wir weniger schonend
mit ihr umgehen sollen, da sie noch glücklich war? - Diesen Vorwurf habe ich mir
selbst schon mehr als Einmal gemacht, und kann jedesmal nicht umhin, mir selbst
zu antworten: es würde vergebens gewesen sein; denn schwerlich hat man je ein
Weib gesehen, die mit einer so zauberischen Sanfteit und Geschmeidigkeit eine
so eisenfeste Beharrlichkeit auf ihrer Meinung, und mit einem so hellen Blick
und scharfen Urteil eine so unerschöpfliche Gabe sich selbst zu täuschen und
ihre eigene Vernunft (wenn ich so sagen kann) zu überlisten, vereinigt hätte.
    Ob wir gleich wohl tun, uns unaufhörlich zu sagen, es hange immer von
unserm Willen ab, recht zu handeln oder nicht: so scheint doch - wenn wir den
Menschen betrachten, so wie er, in unzähligen, ihm selbst grösstenteils
unsichtbaren Ketten und Fäden an Platons grosser Spindel der Anangke hangend, von
eben so unsichtbaren Händen in das unermessliche und unauflösliche Gewebe der
Natur eingewoben wird - so scheint, sage ich, nichts gewisser zu sein, als »dass
ein jedes ist was es sein kann, und dass es unter allen den Bedingungen, unter
welchen es ist, nicht anders hätte sein können.« Lais selbst hielt sich nur zu
gut hiervon überzeugt. »Da ich nun einmal Lais bin (schrieb sie in ihrem letzten
Brief an Musarion), so ergebe ich mich mit guter Art darein, und kann nicht
wünschen, dass ich eine andere sein möchte.« - Auch mir, lieber Eurybates, wird
es, je mehr ich alles erwäge was hier zu erwägen ist, immer einleuchtender, dass
der Ausgang, den das genialisch fröhliche, schimmernde und vielgestaltige Drama
ihres Lebens nahm, dazu gehörte, wenn sie bis ans Ende Lais sein sollte. Ich
möchte sagen, das Schicksal war es gewissermassen der Menschheit schuldig; sie
musste fallen; aber ich bin gewiss sie fiel wie die Polyxena des Euripides,
»selbst im Fallen noch besorgt keine Blösse zu zeigen.« Nichts wäre ihr
unerträglicher gewesen als vor irgend einem Auge, das einst Zeuge ihrer Glorie
war, als ein Gegenstand des Mitleidens zu erscheinen. Die Art, wie sie
verschwand, war die letzte Befriedigung ihres Stolzes: wir werden nichts mehr
von ihr hören.
    Du siehest, guter Eurybates, wie ich bei diesem traurigen Ereignis mein
Gefühl zu beschwichtigen suche. Aber die Natur behauptet ihr Recht darum nicht
weniger; es kommen Augenblicke, da ich, wenig stärker als Musarion (deren
Tränen um ihre geliebte Freundin und Wohltäterin so bald nicht versiegen
werden) eine Art von Trost darin finde meinem Schmerz nachzuhängen; Augenblicke,
da die schöne Unglückliche in aller ihrer Liebenswürdigkeit vor mir steht, und
einen Glanz um sich her wirft, worin jede Schuld verschwindet und Flecken selbst
zu Reizen werden. In solchen Augenblicken möcht' ich mit dem Schicksal hadern,
dass es einen so düstern Schatten auf das herrliche Götterbild fallen liess; und
die vom Herzen bestochne Einbildungskraft spiegelt mir eine trügerische
Möglichkeit vor, wie alles anders hätte gehen können; bis endlich die Vernunft
das gefällige Duftgebilde wieder zerstreut, und mich, wiewohl ungern, zu
gestehen nötigt: es habe dennoch so gehen müssen, und, wie unbegreiflich uns
auch die Verkettung unsrer Freiheit mit dem allgemeinen Zusammenhange der
Ursachen und Erfolge sein möge, immer bleibe das Gewisseste, dass das ewige, mit
der schärfsten Genauigkeit in die Natur der Dinge eingreifende Räderwerk des
Schicksals nie unrichtig gehen kann.
 
                                       4.
                               An Ebendenselben.
                     Ueber Platons Dialog von der Republik.
In Lagen, wo das Gefühl mit der Vernunft ins Gedränge kommt, ist uns alles
willkommen, was uns in einen andern Zusammenhang von Vorstellungen versetzt, die
entweder durch Neuheit, Schönheit und Wichtigkeit anziehen, oder durch einen
Anstrich von sinnreichem Unsinn und Rätselhaftigkeit zum Nachdenken reizen, und
sich unvermerkt unsrer ganzen Aufmerksamkeit bemächtigen. In dieser Rücksicht,
lieber Eurybates, hätte mir der neue Platonische Dialog, womit du mich beschenkt
hast, zu keiner gelegenern Zeit kommen können. Ich habe ihn, unter häufig
abwechselnden Uebergängen von Beifall, Interesse, Bewunderung und Vergnügen - zu
Missbilligung, Kopfschütteln, Langeweile und Ungeduld, bereits zum zweitenmale
durchgelesen; was wenigstens so viel beweiset, dass, meinem Gefühle nach, das
Lobenswürdige in diesem seltsamen Werke mit dem Tadelhaften um das Uebergewicht
kämpfe, und es daher keine leichte Sache sei, über den innern Wert oder Unwert
desselben ein unbefangenes Urteil auszusprechen. Wirklich scheint mir Plato
alle Kräfte seines Geistes und den ganzen Reichtum seiner Phantasie, seines
Witzes und seiner Beredsamkeit aufgeboten zu haben, um das Vollkommenste, was er
vermag, hervorzubringen; und ich müsste mich sehr irren, oder es ist ihm
gelungen, nicht nur alle seine Vorgänger und Mitbewerber, so viele ich deren
kenne, sondern, in gewissem Sinne, auch sich selber zu übertreffen. Denn
unstreitig muss sogar sein Phädon, Phädrus, und das allgemein bewunderte
Symposion selbst, vor diesem neuen Prachtwerke zurückweichen. Da man über diesen
Punkt (wie mir Lysanias sagt) zu Aten nur Eine Stimme hört, und die meinige zu
unbedeutend ist, um das allgemeine Koax Koax der Aristophanischen Frösche
merklich zu verstärken, so wäre wohl das Bescheidenste und auf alle Fälle das
Klügste, was ich tun könnte, wenn ich es bei dem bisher Gesagten bewenden
liesse. Aber du verlangst meine Meinung von dieser neuen Dichtung unsers
erklärten Dichterfeindes ausführlich zu lesen, und hast mich gewissermassen in
die Notwendigkeit gesetzt dir zu Willen zu sein, da ich nicht umhin kann, ihn
gegen einen Vorwurf zu verteidigen, den du ihm machst, und der, neben so vielen
andern, die er nur zu sehr verdient, mit deiner Erlaubnis, gerade der einzige
ist, von welchem ich ihn frei gesprochen wissen möchte. Bei so bewandten Dingen
will ich denn (nach andächtiger Anrufung aller Musen und Grazien die Freiheiten,
die ich mir mit ihrem Günstling nehmen werde, nicht in Ungnaden zu vermerken)
mich dem Wagestück unterziehen, und dir meine Gedanken sowohl von Platons
Republik als von diesem Dialog überhaupt ungescheut eröffnen; ohne mich jedoch
zu einer vollständigen Beurteilung anheischig zu machen, welche leicht zu einem
zweimal so dicken Buch als das beurteilte Werk selbst, erwachsen könnte.
    Vor allem lass uns bei der Form dieses Dialogs, als dem ersten was daran in
die Augen fällt, eine Weile stehen bleiben.
    Ich setze als etwas Ausgemachtes voraus, was wenigstens Plato selbst willig
zugeben wird: dass ein Dialog in Rücksicht auf Erfindung, Anordnung, Nachahmung
der Natur u.s.f. in seiner Art eben so gut ein dichterisches Kunstwerk ist und
sein soll, als eine Tragödie oder Komödie; und ist er dies, so muss er allen
Gesetzen, die ihren Grund in der Natur eines aus vielen Teilen
zusammengesetzten Ganzen haben, und überhaupt den Regeln des Wahrscheinlichen
und Schicklichen in Ansehung der Personen sowohl als der Zeit, des Ortes und
anderer Umstände, eben so wohl unterworfen sein als diese. Lass uns sehen, wie
der Werkmeister dieses Dialogs gegen die verschiedenen Klagepunkte bestehen
wird, die ich ihm zum Teil von etlichen strengen Kunstrichtern aus meiner
Bekanntschaft machen höre, zum Teil (ohne selbst ein sehr strenger Kunstrichter
zu sein) meinem eigenen Gefühle nach, zu machen habe.
    Ich übergehe den allgemeinen Vorwurf, der beinahe alle seine Dialogen, aber
den gegenwärtigen noch viel stärker als die meisten andern, trifft: dass er dem
guten Sokrates unaufhörlich seine eigenen Eier auszubrüten gibt, und ihm ein
System von Philosophie oder Mystosophie unterschiebt, womit der schlichte
Verstand des Sohns des Sophroniskus wenig oder nichts gemein hatte; kurz, dass er
ihn nicht nur zu einem ganz andern Mann, sondern in gewissen Stücken sogar zum
Gegenteil dessen macht was er war. Wir wissen was er hierüber zu seiner
Rechtfertigung zu sagen pflegt, und lassen es dabei bewenden. Aber auf die sehr
natürliche Frage: »Woher uns dieser Dialog komme?« sollte er doch die Antwort
nicht schuldig bleiben. Das Ganze ist die Erzählung eines im Peiräon9 am Feste
der Tracischen Göttin Bendis10 im Hause des reichen alten Cephalus
vorgefallenen philosophischen Gesprächs zwischen Sokrates, Glaukon und
Adimantus; denn die übrigen im Eingang vorkommenden Personen nehmen an dem
Hauptgespräche bloss mit den Ohren Anteil. Diese Erzählung legt Plato dem
Sokrates selbst in den Mund; aber an wen die Erzählung gerichtet sei, und aus
welcher Veranlassung? Wo und wann sie vorgefallen? davon sagt er uns kein Wort.
Was müssen wir also anders glauben, als Sokrates habe dieses Gespräch allen, die
es zu lesen Lust haben, schriftlich erzählt, d.i. er habe ein Buch daraus
gemacht? Wir wissen aber dass Sokrates in seinem ganzen Leben nichts geschrieben
hat, das einem Buche gleich sieht. Plato verstösst also gegen alle
Wahrscheinlichkeit, da er ihn auf einmal zum Urheber eines Buches macht, das
kaum um den sechsten Teil kleiner ist als die ganze Ilias.
    Doch wir wollen ihm die Freiheit zugestehen, die man einem Dichter von
Profession nicht versagen würde, den Sokrates zum Schriftsteller zu machen, was
dieser wenigstens hätte sein können, wenn er gewollt hätte: aber wie kann er
verlangen, wir sollen es für möglich halten, dass ein Gespräch, welches von einem
nicht langsamen Leser in sechzehn vollen Stunden schwerlich mit einigem Bedacht
gelesen werden kann, an Einem Tage gehalten worden sei, wenn gleich (was doch
keineswegs der Fall war) sein redseliger Sokrates von Sonnenaufgang bis in die
sinkende Nacht in Einem fort gesprochen hätte? Adimant und Glaukon, welche bei
weitem in dem grössten Teile des Gesprächs blosse Wiederhaller sind, brauchten
sich zwar auf ihre ewigen, »ja freilich, allerdings, nicht anders, warum nicht?
so scheint's, ich sollte meinen,« und wie die kopfnickenden Formeln alle lauten,
eben nicht lange zu bedenken; aber man muss doch wenigstens Atem holen, und da
in diesen vollen sechzehn Stunden, die das Gespräch dauert, weder gegessen noch
getrunken wurde, so kann man ohne Uebertreibung annehmen, der gute Sokrates
müsste sich, trotz seiner kräftigen Leibesbeschaffenheit, dennoch zuletzt so
ausgetrocknet und verlechzt gefühlt haben, dass es ihm unmöglich gewesen wäre,
das wundervolle Ammenmährchen von dem Armenier Er, womit Plato seinem Werke die
Krone aufsetzt, in hörbaren Lauten hervorzubringen.
    Lass uns indessen aus Gefälligkeit gegen den philosophischen Dichter über
alle diese Unwahrscheinlichkeiten hinausgehen: aber wer kann uns zumuten (höre
ich einige meiner kunstliebenden Freunde sagen), dass wir die Urbanität so weit
treiben, die Augen mit Gewalt vor einem andern Fehler zuzuschliessen, der ganz
allein hinreichend ist, jedes Kunstwerk, wie schön auch dieser oder jener
einzelne Teil desselben sein möchte, insofern es ein Ganzes sein soll,
verwerflich zu machen? Was würden wir von einem Baumeister sagen, der sich um
die Richtigkeit und Schönheit der Verhältnisse der Seiten, Hallen, Säle,
Kammern, Türen und andrer einzelner Teile seines Gebäudes so wenig bekümmerte,
dass er ohne Bedenken die rechte Seite kürzer als die linke, oder das Vorhaus
grösser machte als das Wohnhaus; einem hohen geräumigen Speisezimmer kleine
Fenster und ungleiche Türen gäbe, und den Gesellschaftssaal neben die Küche
setzte? Oder wie würden wir den Maler loben, der, wenn er z.B. den Kampf des
Hercules mit dem Achelous zum Hauptgegenstand eines Gemäldes genommen hätte, uns
auf derselben Tafel die schöne Deianira unter einem Gewimmel von Mägden mit
Trocknen ihrer Wäsche beschäftigt zeigte, und, zu mehrerer Unterhaltung der
Liebhaber, auf beiden Seiten noch eine Aesopische Fabel, eine Gluckhenne mit
ihren Küchlein neben einem sich stolz in der Sonne spiegelnden Pfauhahn
anbringen, und das alles so genau und zierlich auspinseln wollte, dass der
Zuschauer, zweifelhaft ob der Fuchs und der Rabe, oder Deianira mit ihren
Mägden, oder Hercules und Achelous, oder die Gluckhenne und der Pfau die
Hauptfiguren des Stücks vorstellen sollten, über dem Betrachten der Nebendinge
den eigentlichen Gegenstand immer aus den Augen verlöre? Wiewohl dieser Tadel
sich auf eine, meiner Meinung nach, etwas schiefe Ansicht des Dialogs, als
Kunstwerk betrachtet, gründet, und daher um vieles übertrieben ist, wie ich in
der Folge zu zeigen Gelegenheit finden werde: so muss ich doch gestehen, dass das
vor uns liegende Werk von einem auffallenden Missverhältnis der Teile zum
Ganzen, und von Ueberladung mit Nebensachen, welche die Aufmerksamkeit von der
Hauptsache abziehen und nötigern Untersuchungen den Weg versperren, nicht ganz
frei gesprochen werden könne. Das Problem, warum es dem angeblichen Sokrates
eigentlich zu tun ist, nämlich den wahren Begriff eines gerechten Mannes durch
das Ideal eines vollkommenen Staats zu finden, macht kaum den vierten Teil des
Ganzen aus; und ob ich schon nicht in Abrede bin, dass der Verfasser die häufigen
Abschweifungen und Episoden mit der Hauptsache in Verbindung zu setzen gesucht
hat, so ist doch unläugbar, dass einige derselben wahre Auswüchse und üppige
Wasserschösslinge sind, andere hingegen ohne alle Not so ausführlich behandelt
werden, dass der Verfasser selbst das Hauptwerk darüber gänzlich zu vergessen
scheint.
    Indessen werden alle diese Fehler in meinen Augen zu Kleinigkeiten, sobald
gefragt wird: wie dieses Platonische Machwerk in Ansehung dessen, worin die
wesentlichste Schönheit eines Dialogs besteht, beschaffen sei? - Vorausgesetzt,
dass die Rede nicht von Unterweisung eines Knäbleins durch Frage und Antwort,
sondern von einem Gespräch unter Männern, über irgend einen wichtigen, noch
nicht hinlänglich aufgeklärten, oder verschiedene Ansichten und Auflösungen
zulassenden Gegenstand ist, so lässt sich doch wohl als etwas Ausgemachtes
annehmen: ein erdichteter Dialog sei desto vollkommener, je mehr er einem unter
geistreichen und gebildeten Personen wirklich vorgefallenen Gespräch ähnlich
sieht. In einer solchen gesellschaftlichen Unterhaltung stellt jeder seinen
Mann; jeder hat seinen eigenen Kopf mitgebracht, hat seine Meinung, und weiss
sie, wenn sie angefochten wird, mit starken oder schwachen, aber doch wenigstens
mit scheinbaren, Gründen zu unterstützen. Wird gestritten, so wehrt sich jeder
seiner Haut so gut er kann; oder sucht man einen Punkt, welcher allen noch
dunkel ist, ruhig und gemeinschaftlich aufzuhellen, so trägt jeder nach Vermögen
dazu bei. Glaubt einer die Wahrheit, welche gesucht wird, gefunden zu haben, so
hört er die Zweifel, die ihm dagegen gemacht werden, gelassen an, und die daraus
entstehende Erörterung dient entweder die gefundene Wahrheit zu bestätigen und
anerkennen zu machen, oder den vermeinten Finder zu überführen, dass er sich
geirret habe; und wäre auch einer in der Gesellschaft allen übrigen an
Scharfsinn und Sachkenntniss merklich überlegen, so ist dieser so weit entfernt
sich dessen zu überheben, das Wort allein führen zu wollen, und den andern
nichts übrig zu lassen als immer Ja zu sagen, dass er ihnen sogar, falls sie ihre
Zweifel und Einwürfe nicht in ihrer ganzen Stärke vorzutragen wissen, mit guter
Art zu Hülfe kommt, ihre Partei gegen sich selbst nimmt, und nicht eher Recht
behalten will, bis alle Waffen, womit seine Meinung bestritten werden kann,
stumpf oder zerbrochen sind. Unterhaltungen dieser Art sind es, die der
Dialogendichter zu Mustern nehmen muss; aber auch dadurch hat er den Forderungen
der Kunst noch kein Genüge getan. Denn da er, als Künstler, sich nicht auf das
Gemeine und Alltägliche beschränken, sondern das Schönste und Vollkommenste in
jeder Art, oder genauer zu reden, ein in seinem Geiste sich erzeugendes Bild
desselben, zum Vorbilde seines Werkes nehmen und dieses eben dadurch zum wahren
Kunstwerk erheben soll: so kann mit dem grössten Rechte von ihm erwartet werden,
dass die gelungene Bestrebung, dem Ideal eines vollkommenen Dialogs so nahe als
möglich zu kommen, in seinem ganzen Werke sichtbar sei. Ich darf nicht besorgen
einer Ungerechtigkeit gegen unsern Dialogendichter beschuldiget zu werden, wenn
ich sage, dass er bei der Ausarbeitung des Gespräches, wovon wir reden, eher an
alles andere als an diese Pflicht gedacht habe; denn statt eines Gemäldes, worin
Sokrates als die Hauptfigur in einer Gesellschaft, in welcher es ehrenvoll ist
der erste zu sein, erschiene, glauben wir den Homerischen Tiresias unter den
Todten zu sehen.
»Er allein hat Verstand, die andern sind flatternde Schatten.«
    In der Tat sind von der letzten Hälfte des zweiten Buchs an alle übrigen
eine Art von stummen Personen; selbst Glaukon und Adimant, an welche Sokrates
seine Fragen richtet, haben grösstenteils wenig mehr zu sagen, als was sie, ohne
den Mund zu öffnen, durch blosses Kopfnicken, oder ohne sichtbar zu sein, wie die
körperlose Nymphe Echo, durch blosses Widerhallen hätten verrichten können; und
so ist nicht zu läugnen, dass dieser sogenannte Dialog eben so gut und mit noch
besserm Recht ein Sokratischen Monolog heissen könnte.
    Dass das erste und zweite Buch hiervon eine Ausnahme macht brachte die Natur
der Sache mit sich. In einer Gesellschaft von mehr als zwölf Personen, will
sich's nicht wohl schicken, dass einer sich der Rede sogleich ausschliesslich
bemächtige; und Plato benutzt diesen Umstand, seine Leser gleich anfangs durch
das Gespräch zwischen Sokrates und dem alten Cephalus (dem Herrn des Hauses)
über die Vorteile und Nachteile des hohen Alters (die kleinste und schönste
Episode dieses Werks) in Erwartung einer angenehmen und interessanten
Unterhaltung zu setzen. Aber lange kann der Platonische Sokrates ein Gespräch
dieser Art nicht ausdauern. Er muss etwas zu disputiren haben; und da ihm
Cephalus keine Gelegenheit dazu gibt, macht er sie selbst, indem er ihn, man
sieht nicht recht warum, durch eine verfängliche Frage in einen Streit über den
richtigen Begriff der Gerechtigkeit zu ziehen sucht, und dadurch den
eigentlichen Gegenstand dieses Dialogs, wiewohl ein wenig bei den Haaren,
herbeizieht. Der schlaue Alte, der die Falle sogleich gewahr wird, macht sich,
mit der Entschuldigung, dass seine Gegenwart beim Opfer nötig sei, in Zeiten aus
dem Staube; seinem Sohne Polemarchus auftragend, die Sache mit dem kampflustigen
Herrn auszufechten. Der junge Mann zeigt sich dazu bereitwillig, und der Streit
beginnt über den Spruch des Simonides, »jedem das Seine geben ist gerecht,«
welchen Polemarch behauptet, Sokrates hingegen mit verstellter Bescheidenheit
und Ehrfurcht »vor einem so weisen und göttlichen Manne wie Simonides,« unter
dem ironischen Vorwand er verstehe die Meinung dieser Worte nicht recht, nach
seiner gewohnten Art bestreitet, indem er jenen durch unerwartete Fragen und
Inductionen in die Enge zu treiben und zum Widerspruch mit sich selbst zu
bringen sucht. Polemarch wehrt sich zwar eine Weile, sieht sich aber, da er zu
rasch und hitzig dabei zu Werke geht und seinem Gegner an Spitzfindigkeit nicht
gewachsen ist, ziemlich bald genötigt, seine Meinung zurück zu nehmen. Ich
gestehe, dass ich es, an Platons Stelle, nicht über mich hätte gewinnen können,
weder den Sokrates mit so ströhernen Waffen fechten, noch den Sohn des Cephalus
sich so unrühmlich überwunden geben zu lassen. Man könnte zwar zu seiner
Entschuldigung sagen: bekanntermassen habe Sokrates sich gegen die Sophisten und
ihre Schüler aus Verachtung keiner schwerern Waffen bedient; da es ihm nicht
darum zu tun gewesen sei, sie zu belehren, sondern ihrer zu spotten, sie in
Widersprüche mit sich selbst zu verwickeln, und eben dadurch, dass sie sich so
leicht verwirren und in Verlegenheit setzen liessen, sie selbst und die Zuhörer
ihrer Unwissenheit und Geistesschwäche zu überweisen. Ich antworte aber: sobald
Plato, der Schriftsteller, sich die Freiheit herausnahm, den nicht mehr lebenden
Sokrates zum Helden seiner philosophischen Dramen und dialektischen Kampfspiele
zu wählen, und ihm zu diesem Ende eine subtile, schwärmerische, die Gränzen des
Menschenverstandes überfliegende Philosophie, die nichts weniger als die seinige
war, in den Busen zu schieben; mit Einem Wort, sobald er sich erlaubte aus dem
wirklichen Sokrates einen idealischen zu machen, würde es ihm sehr wohl
angestanden haben, auch die einzigen Züge, die er ihm lassen musste, wenn er sich
selbst noch ähnlich sehen sollte, die Art wie er die Ironie und die Induction zu
handhaben pflegte, zu idealisiren; ich will sagen, sie mit aller der Feinheit
und Kunst zu behandeln, deren sie bedarf, wenn sie für eine Metode gelten soll,
dem gemeinen Menschenverstand den Sieg über sophistische Spitzfindigkeit und
täuschende Gaukelei mit Aehnlichkeiten, Wortspielen und Trugschlüssen zu
verschaffen. Dies, denke ich, müsste ihm Pflicht sein, wenn er das Andenken
seines ehrwürdigen Lehrers wirklich in Ehren hielte, und ich sehe nicht, womit
er zu entschuldigen wäre, dass er in diesem Wortgefechte mit Polemarch gerade das
Gegenteil tut. Oder muss es nicht dem blödesten Leser in die Augen springen,
dass sein vorgeblicher Sokrates den Spruch des Simonides auf eine Art bestreitet,
die den Leser ungewiss lässt, ob der Sophist Sokrates den ehrlichen Polemarch,
oder der Sophist Plato den ehrlichen Sokrates zum Besten haben wolle? Denn (was
wohl zu bemerken ist) Polemarch erscheint in diesem Streit zwar als ein ziemlich
kurzsinniger und im Denken wenig geübter Mann, aber nichts an ihm lässt uns
argwohnen, dass es ihm nicht um Wahrheit zu tun sei; und der Satz des Simonides,
wenn er gleich den höchsten und reinsten Begriff dessen was gerecht ist nicht
erreicht, drückt doch eine so allgemein für Wahrheit anerkannte Maxime aus, dass
man nicht begreift, wie Platons Sokrates sich erlauben kann, einen so platten
langweiligen Scherz damit zu treiben. Oder sollte Plato im Ernst glauben, die
Erklärung des Simonides werde dadurch der Unrichtigkeit überwiesen, »dass einer
z.B. Unrecht hätte, wenn er ein bei ihm hinterlegtes Schwert dem Eigentümer auf
Verlangen wieder gäbe, falls dieser wahnsinnig wäre, oder der Depositor gewiss
wüsste, dass er seinen Vater damit ermorden wolle?« Denn wer sieht nicht, dass hier
bloss mit den verschiedenen Bedeutungen, die das Wort gerecht im gemeinen Leben
hat, gespielt wird; dass die Fälle, worin es nicht recht, d.i. weder gesetzmässig
noch klug, schicklich und ratsam ist, das Anvertraute dem Eigentümer wieder zu
geben, Ausnahmen sind, die aus dem Zusammenstoss verschiedener gleich heiliger
Pflichten entstehen; und dass daher unter verschiedenen Umständen und in
verschiedener Ansicht eben dasselbe recht und unrecht sein kann? Dass Sokrates
dies nicht zu wissen scheint - und dass der gute Polemarch, sobald ihm die
Ausnahme als ein Einwurf vorgehalten wird, gleich so erschrocken, als würde ihm
der Kopf der Gorgone vor die Augen gehalten, zurückspringt, und den Worten des
Simonides flugs eine andere Deutung gibt, die er gleichwohl eben so wenig gegen
die Sophistereien und Ironien des grossen dialektischen Kampfhahns zu behaupten
weiss, - alle diese Antinomien11 gegen die Gesetze der gesunden Vernunft sind,
ich muss es gestehen, etwas hart zu verdauen, wiewohl sie aufhören in Erstaunen
zu setzen, wenn man gesehen hat, dass das ganze Buch von ihres gleichen wimmelt.
Und gleichwohl dürft' es jedem Leser, der gerade keinen besondern Sinn für die
Reize dieser Art von Spassmacherei hat, schwer fallen, an dem göttlichen Plato
nicht irre zu werden, wenn er auf die platten, und in eine Menge kleiner, zum
Teil ganz müssiger Quästiunkeln aufgelösten Inductionen stösst, wodurch der
treuherzige Polemarch sich vom Sokrates weiss machen lässt: aus seiner Hypotese,
»jedem das Seine geben sei so viel als seinen Freunden Gutes und seinen Feinden
Böses tun,« folge ganz natürlich, der gerechteste Mann sei der grösste Dieb, und
die Gerechtigkeit sei nur insofern etwas Gutes als man keinen Gebrauch von ihr
mache. Wer kann sich einbilden, ein so scharfsinniger geometrischer Kopf wie
Plato habe sich selbst über die Armseligkeit solcher Beweise, die zum Teil auf
blossen Wortspielen beruhen, täuschen können, und sehe nicht so gut als wir, dass
Polemarch der blödsinnigste Knabe von der Welt gewesen sein müsste, wenn er sich
in so groben Schlingen hätte fangen lassen? Er muss also eine besondere Absicht
dabei gehabt haben; und was konnte diese anders sein, als seinem
Pseudo-Sokrates, um ihm desto mehr Aehnlichkeit mit dem wahren zu geben, eine
Eirons12-Larve umzubinden; und die bekannte Manier im Dialogisiren, welche dem
ächten Sokrates eigen war und vom Xenophon in seinem Symposion so schön
dargestellt wird, auf eine Art nachzuahmen, die zu jener Larve passt, und gerade
deswegen, weil sie übertrieben ist, dem grossen Haufen und den Fernestehenden die
Aehnlichkeit seines Zerrbildes mit dem Original (dessen feinste Züge im
Gedächtnis der Meisten schon ziemlich abgebleicht sind) desto auffallender
macht?
    Unter die ziemlich häufig in diesem Dialog vorkommenden Beispiele, dass
Plato, sobald er will, die dramatische Wahrheit und das, was jeder Person
zukommt, sehr gut zu beobachten weiss, rechne ich die Art, wie er den Sophisten
Trasymachus auf den Kampfplatz springen lässt, und überhaupt, die wahrhaft
Attische Eleganz und Feinheit, womit er die eitle Selbstgefälligkeit und den
neckenden, naserümpfenden, nicht selten in beleidigende Grobheit übergehenden
Stolz des plumpen Sophisten mit der kaltblütigen Urbanität und ironischen Demut
des seiner spottenden Sokrates contrastiren lässt. Nur Schade, dass der letztere
auch hier seine Würde nicht durchaus so behauptet, wie der Anfang uns erwarten
macht. Man könnte zwar sagen, es zeige sich in dem ganzen ersten Buche, dass es
dem Sokrates noch kein rechter Ernst sei; dass er bloss, wie ein Citerspieler der
sich hören lassen will, sein Instrument zu stimmen und zu probiren scheine,
wiewohl er, auch indem er nur nachlässig auf den Saiten herumklimpert, schon zu
erkennen gibt was man von ihm zu erwarten habe. Es mag sein, dass Plato diesen
Gedanken hatte; indessen möcht' ich doch behaupten, dass die Disputation mit dem
Sophisten Trasymachus unter die ausgearbeitetsten Teile des ganzen Werks
gehöre, und für ein Meisterstück in der ächtsokratischen Manier, einen
streitigen Punkt aufs Reine zu bringen, gelten könnte, wenn Sokrates seinem
eigenen Charakter immer getreu bliebe und - nachdem er den Sophisten so weit
getrieben, dass er geradezu behaupten muss, die Ungerechtigkeit sei Weisheit, und
die Gerechtigkeit also das Gegenteil, - sich nicht, aus wirklicher oder
verstellter Verlegenheit wie er ihn widerlegen wolle, in eine weitausgeholte,
spitzfindige Manier mit unbestimmten, schillernden und doppelsinnigen Begriffen
und Sätzen, wie mit falschen Würfeln, zu spielen, verirrte, d.i. wenn der
verkappte Sokrates, der seine Rolle bisher bis zum Täuschen gespielt hatte,
nicht auf einmal in den leibhaften Plato zurückfiele, und am Ende noch zehnmal
mehr Sophist würde als sein Gegner selbst. Es ist schwer zu begreifen, wie Plato
sich in solchen Spielereien so sehr gefallen, oder wie er glauben kann, er habe
seinen Gegner zu Boden gelegt, wenn er durch eine lange Reihe nichts beweisender
Gleichungen zuletzt das Gegenteil von dem, was jener behauptet hatte,
herausbringt. Das Allerseltsamste aber ist dann doch, dass in diesem ganzen
Schattengefechte beide streitende Parteien, indem sie einen bestimmten
philosophischen Begriff von der Gerechtigkeit suchen, den popularen, auf das
allgemeine Menschengefühl gegründeten Begriff immer stillschweigend
voraussetzen, ohne es gewahr zu werden. Es ist als ob die närrischen Menschen
den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen könnten; sie suchen was ihnen vor der
Nase liegt, und was sie bloss deswegen nicht finden, weil sie sich in einer Art
von Schneckenlinie immer weiter davon entfernen. Sie würden gar bald einig
geworden sein, wenn Sokrates, statt der kleinen spitzfindigen und
hinterstelligen Fragen, die ihm schon Aristophanes vorwarf, geradezu gegangen,
und das, was alle Menschen, vermöge eines von ihrer Natur unzertrennlichen
Gefühls, von jeher Recht und Unrecht nannten, in seiner ersten Quelle aufgesucht
hätte. Leicht wär' es dann gewesen, das, was Recht ist, von dem, was Wahn oder
Gewalt zu Recht setzen, zu unterscheiden; die Streitenden hätten einander nicht
lange missverstehen können, und wären in der Hälfte der Zeit einig geworden,
welche Platons sophistisirender Sokrates verschwendet, um - am Ende selbst
gestehen zu müssen, dass - nach allem, was über die albernen Fragen: ob die
Gerechtigkeit Tugend oder Untugend, Weisheit oder Torheit, nützlich oder
schädlich sei? seit mehr als einer langen Stunde gewitzelt, ironisirt und in die
Luft gefochten worden, - die grosse Frage, was ist Gerechtigkeit? aus seiner
Schuld noch immer unausgemacht geblieben sei.
    Wie Sokrates, nach einem solchen Geständnis, zu Anfang des zweiten Buchs
sagen kann: »er habe geglaubt das Gespräch sei nun zu Ende,« weiss ich nicht;
denn dass Trasymachus schon seit einer ziemlichen Weile, mit dem hoffärtigen
Anstand einer Kämpfers, der seinen Gegner nicht für gut genug hält ihn seine
Ueberlegenheit fühlen zu lassen, sich zurückzieht, machte zwar dem
Spiegelgefecht mit ihm ein Ende; aber die Untersuchung selbst war so wenig
beendigt, dass sie nicht einmal recht angefangen hatte. In der Tat hatte
Trasymachus seine Sache so schlecht geführt, dass man zur Entschuldigung des
Sokrates sagen könnte: er habe es nicht der Mühe wert gehalten Ernst gegen
einen Antagonisten zu gebrauchen, den man schon mit Strohhalmen in die Flucht
jagen konnte. Ob Plato diesem Sophisten, indem er ihn zu einem eben so hohlen
als aufgeblasenen Strohkopf macht, Recht oder Unrecht getan habe, mag
dahingestellt sein; genug dass durch die Art, wie der Streit bisher geführt
wurde, für die gute Sache der Gerechtigkeit, welche doch nach Platons Absicht in
diesem Dialog einen entschiedenen Sieg über ihre Gegner erhalten sollte, wenig
oder nichts gewonnen war. Das Werk musste also ernstafter angegriffen werden. Um
dieses zu bewerkstelligen, stellt Plato in seinen Brüdern Glaukon und Adimantus
zwei neue Personen auf, welche bisher noch keinen tätigen Anteil an dem
Gespräche genommen hatten; und man muss gestehen, dass er sein Möglichstes getan
hat, die Rolle, die er ihnen im zweiten Buche zu spielen gibt, glänzend und
ehrenvoll zu machen. Der erste von ihnen, Glaukon, tritt zwar als Verfechter der
Ungerechtigkeit auf, deren Sache Trasymachus (wie er meint) allzu lässig
verteidigt und ohne Not viel zu früh aufgegeben habe; verwahrt sich aber mit
vieler Wärme gegen den Verdacht, als ob er, indem er alle seine Kräfte zu
Gunsten der Ungerechtigkeit aufbiete, aus eigener Ueberzeugung und gleichsam aus
der Fülle des Herzens rede. Also bloss um den Gegnern der Gerechtigkeit alle
Möglichkeit der Einwendung, als ob ihre Gründe nicht in ihrer ganzen Stärke
geltend gemacht worden wären, abzuschneiden, und um den Sokrates in die
Notwendigkeit zu setzen, sich der guten Sache in vollem Ernst anzunehmen, nimmt
Glaukon das Wort, und macht sich anheischig: vor allen Dingen zu erklären, was
nach der Meinung derjenigen, für welche Trasymachus gesprochen habe, die
Gerechtigkeit sei und woher sie ihren Ursprung nehme; sodann zu zeigen, dass
diejenigen, die sich der Gerechtigkeit befleissigen, es nicht deswegen tun, weil
sie in ihren Augen ein Gut, sondern weil sie ein notwendiges Uebel ist; und
endlich drittens zu beweisen, dass diese Leute Recht haben; sintemal die
Erfahrung bezeuge, dass das Leben des Ungerechten in der Tat glücklicher sei als
des Gerechten. »Nicht als ob ich selbst diese Meinung hegte,« sagt Glaukon;
»aber doch stossen mir zuweilen Zweifel auf, da ich täglich von Trasymachus und
zehntausend andern so viel dergleichen hören muss, dass mir die Ohren gellen,
hingegen mir noch niemand, so wie ich es wünschte, bewiesen hat, dass der
Gerechte sich im Leben besser befinde als der Ungerechte.«
    Ich zweifle ob unser alter Freund Hippias selbst diese Lieblingslehre der
Sophisten (die übrigens in der Geschichte der Menschen und der Erfahrung nur
allzu gegründet ist) deutlicher und scheinbarer hätte vortragen und zierlicher
zusammenfassen können, als in der kleinen Rede geschehen ist, welche Plato
seinem Bruder Glaukon hier in den Mund legt. Ob aber gleichwohl durch die unserm
Philosophen eigene Art, alles aufs Höchste zu treiben, den Behauptern der Lehre,
»dass der Unterschied zwischen dem, was die Menschen Recht und Unrecht nennen,
sich bloss auf einen durch die Not aufgedrungenen Vertrag gründe,« nicht einiges
Unrecht geschehe, dürfte wohl die Frage sein. »Unrecht tun« (sagt Glaukon)
»ist, nach der gemeinen Meinung, an sich selbst, oder seiner Natur nach gut,
Unrecht leiden an sich selbst, übel. Aber aus dem Unrecht leiden entsteht mehr
und grösseres Unheil, als Gutes aus dem Unrecht tun. Nachdem nun die Menschen
einander lange Unrecht getan und Unrecht von einander erlitten, glaubten die
Schwächern, - eben darum, weil die Schwäche, um derentwillen sie alles Unrecht
von den Stärkern leiden müssen, sie unvermögend machte, das Vergeltungsrecht an
jenen auszuüben, - sich nicht besser helfen zu können, als indem sie in Güte mit
einander übereinkämen weder Unrecht zu tun noch zu leiden.« - Auf diese Weise,
meint er, seien die Gesetze und Verträge entstanden, und so habe das durchs
Gesetz Befohlene oder Verbotene die Benennung des Rechts oder Unrechts erhalten.
Dies sei also der Ursprung der Gerechtigkeit, und so stehe sie, ihrem Wesen
nach, zwischen dem Besten und dem Schlimmsten in der Mitte; denn das Beste wäre,
ungestraft Unrecht zu tun, das Schlimmste Unrecht zu leiden ohne sich rächen zu
können. Die Gerechtigkeit werde also nicht geschätzt weil sie etwas Gutes an
sich sei, sondern bloss insofern sie den Schwächern zur Brustwehr gegen die
Beeinträchtigungen der Stärkern diene. Wer sich folglich stark genug fühle,
dieser Brustwehr nicht zu bedürfen, werde sich wohl hüten sich in Verträge,
andern kein Unrecht zu tun um keines von ihnen zu leiden, einzulassen; denn da
er das letztere nicht zu befürchten habe, so müsste er wahnsinnig sein, wenn er
sich des Vorteils, den Schwächern ungestraft Unrecht zu tun, freiwillig
begeben wollte.
    Ich kann mich irren, aber so weit ich die Sophisten, deren System Plato in
diesem zweiten Buche in seiner ganzen Stärke vorzutragen unternommen hat, kenne,
scheint er mir, es sei nun vorsetzlich oder unvermerkt, etwas von seiner eigenen
Vorstellungsweise in die Darstellung der ihrigen eingemischt zu haben. Ich
wenigstens zweifle sehr, ob es jemals einem Menschen eingefallen ist, zu
behaupten: Unrecht tun sei gut an sich. Und was versteht Glaukon, aus dessen
Munde Plato hier spricht, unter Unrecht tun? Wenn der Unterschied zwischen
Recht und Unrecht erst durch Verträge und verabredete Gesetze bestimmt werden
muss, so gibt es in dem Zustande der natürlichen Freiheit, der den
gesellschaftlichen Vereinigungen vorhergeht, kein Unrecht. Oder spielt Plato,
wie er so gern tut, auch hier mit dem Doppelsinn des Worts adikein, welches
sowohl beleidigen, als Unrecht tun bedeutet? Im Stande der natürlichen Freiheit
(den ich lieber den Stand der menschlichen Tierheit nennen möchte) beleidige
ich den Schwächern, dem ich die Speise, womit er seinen Hunger stillen will, mit
Gewalt wegnehme; im Stande der politischen Gesellschaft tue ich ihm dadurch
Unrecht, weil das Gesetz alle Beleidigungen verbietet. So verstehen es meines
Wissens, die Sophisten; und wiewohl sie behaupten, dass es dem Menschen, welcher
Macht genug hat alles zu tun was ihm beliebt und gelüstet, nicht unrecht sei
die Schwächern zu berauben oder zu unterjochen, sobald er Vorteil oder
Vergnügen davon zu ziehen vermeint: so hat doch schwerlich einer von ihnen
jemals im Ernste behauptet, Unrecht tun, oder andere beleidigen sei schon an
sich selbst, ohne Einschränkung, Bedingung oder Rücksicht auf einen dadurch zu
gewinnenden Vorteil, gut, folglich recht tun an sich selbst übel. Sie kennen
überhaupt kein Gut noch Uebel an sich, sondern betrachten alle Dinge bloss wie
sie in der Wirklichkeit sind, d.i. wie sie allen Menschen, in Beziehung auf sich
selbst oder auf den Menschen überhaupt, unter gegebenen Umständen scheinen. Im
Stande der freien Natur erlaubt sich (sagen sie) der Stärkere alles, wozu er
durch irgend ein Naturbedürfniss oder irgend eine Leidenschaft, Lust oder Unlust,
getrieben wird; aber in diesem Stande gibt es, genau zu reden, keinen Stärkern
als für den Augenblick; denn der Stärkste wird sogleich der Schwächste, sobald
mehrere über ihn kommen, wiewohl er jedem einzelnen überlegen wäre. Jener
angebliche Naturstand ist also ein allgemeiner Kriegsstand, bei welchem sich am
Ende, wo nicht alle, doch gewiss die meisten so übel befinden, dass sie sich
entweder in Güte zu einem gesellschaftlichen Leben auf gleiche Bedingungen
verbinden, oder irgend einem Mächtigen gezwungen unterwerfen müssen, falls sie
sich ihm nicht aus Achtung und Zutrauen, mit oder ohne Bedingung, freiwillig
untergeben. In allen dreien Fällen sind Gesetze, welche bestimmen was sowohl den
Regierenden oder Machtabern als den Regierten oder Unterworfenen recht und
unrecht ist, notwendig; denn sogar ein Tyrann, der alles kann was ihn gelüstet,
wird sich, wenn er Verstand genug hat sein eigenes Bestes zu beherzigen, nicht
alles erlauben was er kann. Indessen ist nicht zu läugnen, dass der Grundsatz der
Sophisten, »die Gerechtigkeit (insofern die Erfüllung der bürgerlichen Gesetze
darunter verstanden wird) sei ein Zaum, den bloss die Notwendigkeit den Menschen
über den Hals geworfen habe, und von welchem jedermann, sobald er es ungestraft
tun könne, sich loszumachen suche,« sich als Tatsache auf die allgemeine
Erfahrung gründet, und dass die Sokratesse (wofern es jemals mehr als Einen
gegeben hat) noch seltner als die weissen Raben sind. Diese Tatsache ist im
Lehrbegriff der Sophisten eine natürliche Folge des Beweggrundes, der die
Menschen aus dem freien Naturstande (wo die Kraft allein entschied, und, weil es
noch kein Gesetz gab, jeder sich alles erlauben durfte was er auszuführen
vermögend war) heraustrieb, und in den Stand des politischen Vereins zu treten
nötigte. Jene unbeschränkte Freiheit würde von den Menschen als ihr höchstes
Gut angesehen werden, wenn sie nicht, eben darum weil sie nur von dem Stärkern
ausgeübt werden kann, die unsicherste Sache von der Welt wäre. Denn welcher
Mensch kann sich in einem Stande, wo Einer immer gegen Alle und Alle gegen Einen
sind, nur einen Tag darauf verlassen, der Stärkere zu bleiben? Die eiserne
Notwendigkeit zwingt sie also, wider ihren Willen, zum gesellschaftlichen
Verein, als dem einzigen Mittel, ihr Dasein und jeden daher entspringenden Genuss
unter Gewährleistung der Gesetze in Sicherheit zu bringen. Natürlicherweise aber
behält sich jeder stillschweigend vor, die Gesetze (die ihm nur, insofern sie
ihn gegen andere schützen, heilig, aber, insofern sie seiner eigenen Freiheit
Schranken setzen, verhasst sind) so oft zu übertreten, als er es mit Sicherheit
tun kann. Diesem nach wäre denn bei allen, welchen es an Macht gebricht sich
öffentlich und ungescheut über Recht und Unrecht wegzusetzen, kein anderer
Unterschied zwischen dem gerechten und ungerechten Manne, als dass jener sich nie
ohne eine Larve der Gerechtigkeit sehen lässt, die er sich so geschickt
anzupassen weiss, dass sie sein eigenes Gesicht zu sein scheint; dieser hingegen
so plump und unvorsichtig ist, sich immer über der Tat ertappen zu lassen.
Darin, dass keiner sich etwas, das ihn gelüstet, versagen möchte, und jeder wo
möglich alles zu haben wünscht, sind sie einander beide gleich.
    Da dies in der Tat hart klingt, so hält sich Glaukon, im Namen derjenigen,
deren Sachwalter er vorstellt, zum Beweise verbunden, und führt ihn sehr
sinnreich, vermittelst der Voraussetzung, dass beide, der Gerechte und
Ungerechte, wie jener aus dem Herodot bekannte Lydier13 (dessen fabelhafte
Geschichte Glaukon hier etwas anders als Herodot erzählt) im Besitz eines
unsichtbar machenden Ringes wären. Ein solcher Ring würde, dünkt mich, als
Probierstein gebraucht allerdings das untrüglichste Mittel sein, den wahrhaft
rechtschaffenen Mann von dem Heuchler zu unterscheiden; aber zu dem Gebrauch,
den Glaukon von ihm macht, scheint er nicht zu taugen. Denn indem dieser ganz
herzhaft annimmt, dass der Gerechte, sobald er sich im Besitz eines solchen
Ringes sähe, nicht um ein Haar besser als der Ungerechte sein, und alle
möglichen Bubenstücke, wozu Lust, Habsucht oder andere Leidenschaften ihn reizen
könnten, eben so unbedenklich verüben würde als jener, setzt er als etwas
Ausgemachtes voraus, was erst bewiesen werden sollte. Wenn auch wir andern
gewöhnlichen Leute so überschwänglich bescheiden sein wollten, einen Zweifel in
uns selbst zu setzen, ob wir wohl den Versuchungen eines solchen Zauberringes
widerstehen könnten; wer darf nur einen Augenblick zweifeln, dass ein Sokrates
durch den Besitz desselben weder an Macht, noch Geld, noch sinnlichen Genüssen
reicher geworden wäre?
    Indessen, wofern es auch an einzelnen Ausnahmen nicht fehlen sollte, so ist
doch nur gar zu wahrscheinlich, dass unter Tausend, die für gute ehrliche Leute
gelten, weil sie weder Mut noch Macht haben sich in ihrer wahren Gestalt zu
zeigen, nicht Einer wäre, der mit dem Ring des Gyges nicht die vollständigste
Befreiung von allem Zwang der Gesetze zu erhalten glauben würde. Glaukon (der
noch immer im Namen derjenigen spricht, denen Recht und Unrecht für blosse
Satzung des gesellschaftlichen Vereins und der Machtaber in demselben gilt) ist
seiner Sache so gewiss, dass er geradezu versichert: jedermann sei so völlig davon
überzeugt, dass die Ungerechtigkeit dem Ungerechten vorteilhafter sei als die
Gerechtigkeit, dass, sobald jemand glaube er könne mit Sicherheit unrecht tun,
er es nicht nur ohne alles Bedenken tun werde, sondern sich für den grössten
aller Toren und Dummköpfe halten würde, wenn er es nicht täte. Um sich, sagt
er, zu überzeugen, dass einem verständigen Menschen nicht zuzumuten sei, anders
zu denken und zu handeln, brauche es nichts als das Loos zu erwägen, das der
Gerechte und Ungerechte im Leben unter den Menschen zu gewarten habe.
    So weit hatte Plato seinen Glaukon die Lehre der Sophisten, die er nicht
ohne Grund die gemeine Meinung nennt, ziemlich treu und unverfälscht vortragen
lassen; aber nun schiebt er ihm wieder unvermerkt seine eigene Vorstellungsart
unter, indem er ihn aus der wirklichen Welt, aus welcher sich jene nie
versteigen, auf einmal in seine eigene Ideenwelt versetzt, unter dem Vorwand:
das Problem, wovon die Rede ist, könne auf keine andere Weise ganz rein
aufgelöset werden. Wir wollen sehen!
    Denken wir uns (sagt der platonisirende Glaukon) um uns den Unterschied
zwischen dem gerechten und ungerechten Mann völlig anschaulich zu machen, beide
in ihrer höchsten Vollkommenheit, so dass dem Ungerechten nichts was zur
Ungerechtigkeit, dem Gerechten nichts was zur Gerechtigkeit gehört, abgehe. Es
ist also, um mit dem Ungerechten den Anfang zu machen, nicht genug, dass er immer
und bei jeder Gelegenheit so viel Unrecht tut als er kann und weiss; wir müssen
ihm auch noch erlauben, dass er, indem er nichts als Böses tut, sich immer den
Schein des Gegenteils zu geben und die Meinung von sich fest zu setzen wisse,
dass er der rechtschaffenste Mann von der Welt sei; und da es, mit allem dem,
doch begegnen könnte, dass auf eine oder die andere Weise etwas von seinen
Bubenstücken an den Tag käme, so muss er auch noch Beredsamkeit genug, um sich in
den Augen der Menschen völlig rein zu waschen, und im Notfall, so viel Mut,
Vermögen und Anhänger besitzen, als nötig ist um Gewalt zu brauchen, wenn List
und Heuchelei nicht hinreichen will. Diesem Bösewicht nun stellen wir den
Gerechten gegen über, einen guten, ehrlichen, einfachen Biedermann, der was er
ist nicht scheinen will, sondern sich begnügt es zu sein. Damit wir aber recht
gewiss werden, dass ihm nichts zur vollkommnen Rechtschaffenheit abgeht, ist
schlechterdings nötig, dass wir ihn in der öffentlichen Meinung zum Gegenteil
dessen machen, was er ist, denn wenn er auch rechtschaffen zu sein schiene,
würden ihm Ehrenbezeugungen und Belohnungen nicht fehlen, und da würde es
ungewiss sein, ob er das, was er schiene, wirklich und aus reiner Liebe zur
Gerechtigkeit, oder nur der damit verbundenen Vorteile wegen sei. Wir müssen
ihm also alles nehmen, bis ihm nichts als die nackte Rechtschaffenheit übrig
bleibt, und ihn, mit Einem Worte, so setzen, dass er in allem als das Gegenteil
des Ungerechten dastehe. Dieser ist ein ausgemachter Bösewicht und scheint der
unbescholtenste Biedermann zu sein; jener ist sein ganzes Leben durch der
rechtschaffenste aller Menschen, und wird für den grössten Bösewicht gehalten;
geht aber, ohne sich seinen schlimmen Ruf und die Folgen desselben im geringsten
anfechten zu lassen, seinen Weg fort, und beharret, wiewohl mit jeder Schande
des verworfensten Buben belastet, unbeweglich bei seiner Rechtschaffenheit bis
in den Tod. Man kann sich leicht vorstellen, wie es diesen beiden idealischen
Wesen, wenn sie verkörpert und ins menschliche Leben versetzt würden, ergehen
müsste. »Der Gerechte, sagen die Lobredner der Ungerechtigkeit, wird gegeisselt,
auf die Folter gespannt und in Ketten gelegt werden: man wird ihm die Augen
ausbrennen, und nachdem er alle nur ersinnlichen Misshandlungen erduldet hat,
wird er ans Kreuz geschlagen werden, und nun zu spät einsehen, dass man zwar
rechtschaffen scheinen, aber kein Tor sein muss es wirklich zu sein. Wie
herrlich ist hingegen das Loos des Ungerechten, der die Klugheit hat, die
öffentliche Meinung auf seine Seite zu bringen, und während er sich unter der
Larve der Tugend ungestraft alles erlauben kann, für einen rechtschaffnen und
verdienstvollen Mann gehalten zu werden? Die höchsten Ehrenstellen im Staat
erwarten seiner; er kann heiraten wo er will, und die Seinigen ausgeben an wen
er will; jedermann rechnet sich's zur Ehre in Verhältnis und Verbindung mit ihm
zu kommen; ihm, dem kein Mittel zu seinem Zweck zu schlecht ist, schlägt alles
zum Vorteil an; bei allen Gelegenheiten weiss er andern den Rank abzulaufen,
kurz er wird ein reicher und gewaltiger Mann, und ist also im Stande, seinen
Freunden nützlich zu sein, seinen Feinden zu schaden, und die Götter selbst
durch häufige Opfer und reiche Weihgeschenke zu gewinnen, so dass er ihnen lieber
sein wird, als der Gerechte, der nichts zu geben hat.«
    Ich weiss nicht wie vielen Dank eure Sophisten dem göttlichen Plato für diese
Darstellung ihrer Lehre von den Vorteilen der Ungerechtigkeit über die
Gerechtigkeit wissen werden; gewiss ist wenigstens, dass es keinem von ihnen je
eingefallen ist, die Frage auf diese Spitze zu stellen, und einen gerechten
Mann, wie nie einer war, noch sein wird noch sein kann, zu erdichten, um durch
Vergleichung des glücklichen Looses des Ungerechten mit dem jammervollen Leben
und schrecklichen Ende dieses Rechtschaffnen die Vorzüge der Ungerechtigkeit in
ein desto grösseres Licht zu setzen. Ich, meines Orts, habe gegen das Ideal des
Platonischen Gerechten zwei Einwendungen. Erstens liegt es keineswegs in der
Idee eines vollkommen rechtschaffenen Mannes, dass er notwendig ein Bösewicht
scheinen müsse; im Gegenteil, es ist ihm nicht nur erlaubt zu scheinen was er
ist, sondern die Rechtschaffenheit selbst legt es ihm sogar als Pflicht auf,
bösen Schein, so viel möglich, zu vermeiden. Auch sehe ich nicht, wie er es ohne
Nachteil sowohl seiner Rechtschaffenheit als seines Menschenverstandes anfangen
wollte, um von allen den Menschen, welche tägliche Augenzeugen seines Lebens
sind, immer verkannt, gehasst und verabscheuet zu werden. Alle Umstände, alle
Menschen, die ganze Natur müssten sich auf die unbegreiflichste Art gegen ihn
verschworen, und er selbst müsste sich, unbegreiflicherweise, unendliche Mühe
gegeben haben, seinen Tugenden und guten Handlungen die Gestalt des Lasters und
Verbrechens zu geben. Ich zweifle sehr, ob ein einziges Beispiel aufzustellen
sei, dass ein so guter, redlicher und gerechter Mann, wie ihn Plato setzt, ohne
alle Freunde geblieben, und von Niemand gekannt, geliebt und geschätzt worden
wäre. Überdies liesse sich noch fragen, ob irgend ein menschenähnliches Wesen,
ohne ein Gott zu sein, die Probe, auf welche unser Ideendichter seinen Gerechten
stellt, zu bestehen, und alle Schmach und Marter, die er zu Bewährung seiner
Tugend über ihn zusammenhäuft, auszuhalten vermöchte. Dieses Ideal ist also, von
welcher Seite man es ansieht, ein Hirngespenst und zu der Absicht, wozu Plato es
erdichtet hat, ganz unbrauchbar. Denn solcher ungerechter Menschen, wie er bei
dieser Vergleichung annimmt, hat es zwar in der wirklichen Welt von jeher nur
allzu viele gegeben, einen solchen Gerechten hingegen nie. Wenn sich also auch
aus der Vergleichung des einen mit dem andern die Folge ziehen liesse, welche
Glaukon daraus zieht, so würde doch dadurch nicht bewiesen sein, dass die
Vorteile, welche der wirkliche Ungerechte von seiner Heuchelei erntet, wenn
alles, was bei einer scharfen Berechnung in Anschlag kommen muss, ehrlich und
redlich angesetzt wird, denen, die der wirkliche Gerechte durch seine
Rechtschaffenheit geniesst, vorzuziehen wären.
 
                                       5.
                               An Ebendenselben.
                            Fortsetzung des vorigen.
Da ich mich, beinahe wider Willen, aber durch die Natur der Sache selbst, mit
welcher ich mich zu befassen angefangen, unvermerkt in eine nähere Beleuchtung
der einzelnen Teile, woraus die vor uns liegende reiche Composition
zusammengefügt ist, hineingezogen finde; wird es, bevor wir weiter gehen, edler
Eurybates, nötig sein, uns auf den Punkt zu stellen, aus welchem das Ganze
angeschaut sein will, um richtig beurteilt zu werden. Ausser mehrern nicht
unbedeutenden Nebenzwecken, welche Plato in seinen vorzüglichsten Werken mit dem
Hauptzwecke zu verbinden gewohnt ist, scheint mir seine vornehmste Absicht in
dem gegenwärtigen dahin zu gehen, der in mancherlei Rücksicht äusserst
nachteiligen Dunkelheit, Verworrenheit und Unhaltbarkeit der vulgaren Begriffe
und herrschenden Vorurteile über den Grund und die Natur dessen, was recht und
unrecht ist, durch eine scharfe Untersuchung auf immer abzuhelfen. Diesem grossen
Zwecke zufolge zerfällt dieser Dialog in zwei Hauptteile. In dem einen, der das
erste Buch und die grössere Hälfte des zweiten einnimmt, ist es darum zu tun,
die folgenden drei Lehrsätze, als die gemeine, von Dichtern, Sophisten und
Priestern aus allen Kräften unterstützte, Meinung vorzutragen und auf alle Weise
einleuchtend zu machen; nämlich:
1) dass der Unterschied zwischen Recht und Unrecht lediglich entweder auf
    willkürlicher Verabredung unter freien Menschen, oder auf den Verordnungen
    regierender Machtaber beruhe, welche letztere natürlicherweise die Gesetze,
    so sie den Regierten geben, zu ihrem eigenen möglichsten Vorteil
    einrichten, sich selbst aber nicht dadurch gebunden halten;
2) dass die Ungerechtigkeit dem, der sie ausübt, immer vorteilhafter als die
    Gerechtigkeit, diese hingegen durch nichts als ihren blossen Schein nützlich
    sei; dass also
3) nur ein einfältiger und schwachherziger Mensch das mindeste Bedenken tragen
    werde, gegen die Gesetze zu handeln, sobald er es ungestraft tun könne.
    Woraus sich dann von selbst ergibt: dass - da diese Art zu denken nicht nur
    den Kindern durch die Dichter (aus deren Gesängen sie den ersten Unterricht
    empfangen) beigebracht, und in den Erwachsenen durch alles was sie hören und
    sehen genährt, sondern sogar durch den religiösen Volksglauben und allerlei
    priesterliche Veranstaltungen und Künste so kräftig verstärkt werde, - kein
    Wunder sei, wenn diese, jeden wirklich edeln und guten Menschen empörende
    Vorstellungsart über Recht und Unrecht so tiefe Wurzeln geschlagen habe und
    so verderbliche Früchte bringe, als die tägliche Erfahrung lehre.
    Jene drei Irrlehren zu bestreiten, den wesentlichen Unterschied zwischen der
Gerechtigkeit, im höchsten Sinn des Wortes, und ihrem Gegenteil überzeugend
darzutun, und zu beweisen,
dass sie das Ziel und die Vollkommenheit des edelsten Teils der menschlichen
    Natur sei;
dass der Mensch nur durch sie in Harmonie mit sich selbst und dem allgemeinen
    Ganzen gesetzt werde, und
dass, so wie die Ungerechtigkeit die Hauptquelle aller das menschliche Geschlecht
    drückenden Uebel sei, die Gerechtigkeit hingegen das höchste Glück aller
    einzelnen Menschen sowohl als aller bürgerlichen Gesellschaften bewirken
    würde;
    Alles dies macht (die häufigen, zum Teil weitschichtigen Abschweifungen und
Zwischenspiele abgerechnet) den Inhalt der übrigen acht Bücher aus, und das
ganze Werk kann also als eine ernstafte Entscheidung des alten Rechtshandels
zwischen dem Dikäos und Adikos Logos betrachtet werden, welche der genialische
Lieblingsdichter Platons vor mehr als vierzig Jahren in seiner eignen
unübertrefflich possierlichen Manier, in ein paar Kampfhähne verkleidet, auf der
Atenischen Schaubühne um den Vorzug hatte rechten lassen.
    Was für eine Rolle der philosophische Dichter dem Sophisten Trasimachus und
dem wackern Glaukon zu spielen gibt, haben wir gesehen: nun lässt er auch
Glaukons jüngern Bruder Adimantus das Wort nehmen, und in einer Rede, die an
Geist und Zierlichkeit mit dem Discurs seines Bruders wetteifert, an
Lebhaftigkeit und Wärme ihn noch übertrifft, den grossen Schaden vorstellig
machen, welchen Jünglinge edlerer Art nehmen müssen, indem sie sich an dem
auffallenden Widerspruch stossen, zwischen dem, was sie zu Hause aus dem Munde
ihrer Väter hören, und dem was ihnen, sobald sie in die Welt treten, von allen
Seiten entgegen schallt; wenn sie hören: wie eben dieselben aus Eingebung der
Musen singenden Dichter bald die grosse Liebe und Sorge der Götter für die
Gerechten und das Glück, das sie ihnen in diesem und dem künftigen Leben
bereiten, anrühmen; bald wieder den Pfad der Tugend als höchst mühselig, steil
und mit Dornen verwachsen, den Weg des Lasters hingegen als breit, bequem und
anmutig schildern; jetzt in den stärksten Ausdrücken und Bildern von dem Zorn
der Götter über die Ungerechten und von den furchtbaren Strafen, die im Tartarus
auf sie warten, reden; ein andermal zum Trost aller Uebeltäter versichern, dass
auch die Götter selbst sich wieder herumbringen lassen, und durch Spenden,
Gelübde und Opferrauch bewogen werden können, den Sündern zu verzeihen.
    Alles was Plato seinen Bruder über diesen Gegenstand und die natürlichen
Folgen der Eindrücke, die durch diese sich selbst widersprechenden, aber der
Sinnlichkeit und den Leidenschaften schmeichelnden Vorspiegelungen auf lebhafte
und nachdenkliche junge Gemüter gemacht werden, sagen lässt, kann schwerlich
wahrer, stärker und schöner gesagt werden. Aber durch nichts wird mir Plato
achtungswürdiger als durch die Freimütigkeit, womit er den unendlichen Schaden
rügt, den der Missbrauch der herrschenden Volksreligion in den sittlichen
Gefühlen und Urteilen der Menschen anrichtet; und gewiss ist noch nie etwas
Treffenderes über diesen Punkt gesagt worden als die folgende Stelle aus dem
Selbstgespräch, welches er einem solchen von Erziehern, Dichtern und
vorgeblichen Philosophen irre gemachten Jüngling in den Mund legt. Nachdem
nämlich dieser aus allem, was er beim Eintritt in die Welt sieht und hört, das
Resultat gezogen, »dass es zum glücklichen Leben nicht nur hinreiche, sondern
sogar nötig sei, sich mit der blossen Larve der Rechtschaffenheit zu behelfen,
um unter ihrem Schutz des Vorteils, ungestraft sündigen zu können, in vollem
Masse zu geniessen;« macht er sich selbst den Einwurf: »wenn es einem nun aber
auch gelänge, die Menschen teils durch List und Ueberredung teils mit Gewalt
dahin zu bringen, dass sie ihm erlauben müssten sich alles herauszunehmen was ihm
beliebte, so wären dann doch noch die Götter da, gegen welche weder durch Betrug
noch Gewalt etwas auszurichten sei. Wie aber (antwortet er sich selbst) wenn es,
wie Einige behaupten, gar keine Götter gibt, oder wenn sie sich wenigstens, wie
Andre versichern, um die menschlichen Dinge nichts bekümmern? - so brauchen auch
wir uns nicht zu kümmern ob sie uns sehen oder nicht. Gibt es Götter, und nehmen
sie sich der menschlichen Dinge an, so haben wir doch alles, was wir von ihnen
wissen, aus keiner andern Quelle als vom Hörensagen, und am Ende bloss von den
Dichtern, die ihre Genealogien verfasst haben. Nun sagen mir aber eben diese
Dichter, dass man den Zorn der Götter durch demütige Abbitten, Opfer und
Weihgeschenke von sich ableiten könne. Ich muss ihnen also entweder beides
glauben, oder weder dies noch jenes. Glaube ich, nun wohlan! so begeh' ich
ungescheut so viel Unrecht als ich kann, opfre den Göttern einen Teil dessen
was ich dadurch gewinne, und alles ist gut. Wollt' ich mich der
Rechtschaffenheit befleissigen, so hätt' ich zwar von den Göttern nichts zu
fürchten, dafür aber entgingen mir auch die Vorteile, die ich aus der
Ungerechtigkeit ziehen könnte; da ich hingegen bei dieser immer gewinne, und
alle Verbrechen, die ich um reich zu werden begehen muss, bei den Göttern durch
Gebete und Opfer wieder gut machen kann. - Aber (sagt man) am Ende werden wir
doch im Hades für alles was wir im Leben Böses begangen haben, entweder in
unsrer eigenen Person oder in unsrer Nachkommenschaft bestraft. - Auch davor ist
Rat! Da kommen uns ja die Mysterien und feierlichen Reinigungen zu Statten,
durch welche selbst die furchtbaren Götter der Unterwelt sich besänftigen
lassen, wie mir ganze Städte, und die Dichter und Propheten unter den
Göttersöhnen bezeugen. Was für einen Beweggrund könnt' ich also haben, die
Gerechtigkeit der grössten Ungerechtigkeit vorzuziehen, da ich diese nur mit
einem guten Aeusserlichen zu bedecken brauche, damit mir bei Göttern und Menschen
im Leben und Sterben alles nach Wunsch von Statten gehe, wie ich so viele und
grosse Männer behaupten höre?«
    Der junge Adimant, der diese schöne Gelegenheit, ein Probestück seiner
Wohlredenheit abzulegen, möglichst benutzen zu wollen scheint, fährt fort die
Sache auf alle Seiten zu wenden, und findet ganz natürlich, der erste Grund des
Uebels liege darin: dass von den uralten heroischen Zeiten an bis auf diesen Tag
niemand die Gerechtigkeit anders angepriesen oder die Ungerechtigkeit anders
gescholten habe, als in Rücksicht auf die Ehre und die Belohnungen, welche
jener, oder die Strafen, welche dieser nachfolgten. Was aber die eine und die
andere an sich selbst sei, was sie folglich ihrem Wesen nach in der Seele des
Gerechten oder Ungerechten wirke, wenn sie auch Göttern und Menschen verborgen
blieben, nämlich, dass die Ungerechtigkeit das grösste aller Uebel womit eine
Seele behaftet sein kann, die Gerechtigkeit hingegen ihr grösstes Gut sei, - dies
habe noch niemand weder in Versen noch in gemeiner Rede hinlänglich dargetan
und ausgeführt. Er vereinigt sich also mit seinem Bruder Glaukon, aufs
ernstlichste und mit Beweggründen, denen kein aufrichtiger Anhänger der
Gerechtigkeit, und Sokrates am allerwenigsten, widerstehen konnte, in den
letztern einzudringen, dass er sich nicht weigern möchte, einem so wichtigen
Mangel abzuhelfen; und Sokrates, nachdem er sich eine Weile gesträubt und mit
seinem Unvermögen, den von Glaukon so scheinbar behaupteten Vorzug der
Ungerechtigkeit siegreich zu widerlegen, entschuldigt hat, wird endlich, von den
vereinigten Bitten aller Anwesenden überwältigt, dass er wenigstens sein
Möglichstes zu tun verspricht, der guten Sache zu Hülfe zu kommen und ihrem
Verlangen Genüge zu leisten.
    Dass Plato die Gelegenheit, die er selbst durch die in den Mund seiner Brüder
gelegten schönen Reden herbeigeführt hatte, dazu benutzt, seiner Familie, und
namentlich seinem Vater Ariston und seinen ältern Brüdern Glaukon und Adimantus
aus dem Munde eines Sokrates, zwar mit wenigen aber desto gehaltreichern Worten,
ein Denkmal zu errichten, welches wahrscheinlich, durch das Werk, worin es wie
eine glänzende Spitze hervorragt, von ewiger Dauer sein wird, wollen wir ihm auf
keine Weise verdenken. Wenn das, was ihn dazu bewog, eine Schwachheit ist, so
ist es wenigstens eine sehr menschliche, die ihm um so mehr zu gut zu halten
ist, da er (wie ich kaum zweifle) durch einen Abschnitt in Xenophons
Denkwürdigkeiten14, worin Glaukon eine sehr armselige Figur macht, bewogen
worden sein mag, diesen seinen Bruder der Nachwelt in einem vorteilhaftern
Lichte zu zeigen, und den Verdacht eines einbildischen, leeren, unwissenden
Windbeutels und Schwätzers durch die Tat selbst von ihm abzuwälzen.
    Bevor ich weiter gehe, Eurybates, wirst du mir wohl erlauben, dir, statt
eines kleinen Zwischenspiels, meine eigenen Gedanken über die Frage, zu deren
Beantwortung Platons Sokrates so weit aushohlt, in möglichster Kürze vorzulegen.
    Glaukon behauptete im Namen der Lobredner der Ungerechtigkeit: Unrecht tun
sei an sich etwas Gutes, Unrecht leiden hingegen an sich ein Uebel. Ich habe
schon bemerkt, dass ihm das doppelsinnige Wort adikein hier so viel als
beleidigen heissen muss. Die Rede ist von Menschen, und zwar nicht von diesen oder
jenen einzelnen, sondern von der ganzen Gattung. Was versteht er aber unter
beleidigen? Ich weiss keine Formel, welche mir bequemer schiene alle
Beleidigungen, die der Stärkere dem Schwächern zufügen kann, zusammen zu fassen
als diese: andere zu bloss leidenden Werkzeugen unserer Bedürfnisse und Lüste
machen, und zu Befriedigung unserer Leidenschaften und Launen uns alles über sie
erlauben, wozu uns unsre Ueberlegenheit das Vermögen gibt. Wenn dies seiner
Natur nach gut ist; so muss es allen Menschen, überall und zu allen Zeiten gut
sein. Einander gegenseitig, eigenen Vorteils oder anderer Befriedigungen wegen,
alle mögliche Beleidigungen zuzufügen gehört folglich wesentlich zur Natur des
Menschen, oder mit andern Worten: es ist das, wodurch der Mensch den Forderungen
der Natur und dem Zweck seines Daseins ein Genüge tut. Sein natürlicher Zustand
ist, ein geborner Feind aller andern Menschen zu sein und unaufhörlich an der
Beschädigung, Unterdrückung und Zerstörung seiner eigenen Gattung zu arbeiten.
Indem nun jeder Mensch von seiner Natur getrieben wird, allen andern zu schaden,
beleidigt er sie zwar dadurch, aber er tut ihnen kein Unrecht; im Gegenteil,
da alles der Natur Gemässe insofern recht ist, so ist es recht und völlig in der
Ordnung, dass jeder allen andern so viel Uebels zufüge als er kann, und dafür von
allen andern so viel leide, als er zu leiden fähig ist. Wölfe, Tiger, Hyänen und
Drachen wären also in Vergleichung mit dem Menschen sehr holde und gutartige
Wesen; der letztere hingegen wäre das unnatürlichste aller Ungeheuer, die der
Tartarus ausgespien hätte. - Welcher Unsinn? und doch ist es nichts, als was
herauskommt, wenn wir annehmen, Unrecht tun, oder beleidigen sei an sich, oder
seiner Natur nach etwas Gutes. Bedarf es einer andern Widerlegung einer so
wahnsinnigen Behauptung - als sie auszusprechen?
    Demungeachtet ist und bleibt es Tatsache, dass der rohe Stand der
natürlichen Gleichheit für die Menschen, die sich darin befinden, eine Art von
Kriegsstand Aller gegen Alle ist; nicht, als ob die Menschen, ohne einen Grad
von Ausartung, der sie tief unter die wildesten Tiere erniedrigen würde, jemals
das Gefühl, dass es unnatürlich, folglich unrecht sei einander zu beleidigen,
verlieren könnten; sondern weil die sinnlichen Triebe und Leidenschaften,
wodurch sie zu Beleidigungen hingerissen werden, im Augenblick der aufbrausenden
Leidenschaft oder eines unwiderstehlich dringenden Bedürfnisses stärker sind als
jenes Gefühl, welches im Grunde nichts als die Stimme der Vernunft selbst zu
sein scheint. Aus dieser Tatsache folget nun freilich, dass die Menschen sich
durch eine gebieterische Notwendigkeit gedrungen finden, in gesellschaftliche
Verbindungen zu treten, und sich Gesetzen zu unterwerfen, die ihrer aller
Erhaltung und Sicherheit beabsichtigen, und insofern ihrer aller gemeinsamer
Wille sind; aber diese Verbindungen, diese Gesetze sind nicht die Quellen,
sondern Resultate des allen Menschen natürlichen Gefühls von Recht und Unrecht,
welches einem jeden sagt, dass alles was nur Einem und allenfalls seinen
Mitgenossen und Spiessgesellen nützt und allen übrigen schadet, unrecht sei. Es
ist also Unsinn, zu sagen: die Menschen machten sich durch den
gesellschaftlichen Verein nur insofern zu Beobachtung der Gesetze anheischig,
als sie solche nicht ungestraft übertreten könnten; auch bedürfen wir keiner
solchen, die allgemeine Vernunft in Widerspruch mit sich selbst setzenden
Hypotese, um zu begreifen, wie es zugeht, dass in jedem Staat nicht wenige, und
in einem sehr verdorbenen die meisten, in der Tat so handeln, als ob sie sich
die Freiheit zu sündigen, sobald sie keine Strafe befürchten, ausdrücklich oder
stillschweigend vorbehalten hätten.
    Wenn ich nicht sehr irre, so hätte sich also der Platonische Sokrates die
Mühe, mehr als zwölf Stunden lang in Einem Zug fort zu reden, ersparen können,
wenn er, anstatt die Auflösung der Frage aus dem Lande der Ideen herabzuholen,
es nicht unter seiner Würde gehalten hätte, sich an derjenigen genügen zu
lassen, die vor seinen Füssen lag. Weder unsre fünf Sinne noch unser Verstand
reichen bis zu dem, was an sich selbst ein Gut oder ein Uebel ist: was mir und
meiner Gattung zuträglich ist, nenne ich gut; das Gegenteil böse. Die Natur
selbst nötigt mich, in jedem Menschen ein Wesen meiner Gattung zu erkennen.
Wenn Unrecht leiden, d.i. im freien Gebrauch meiner Kräfte zu meiner Erhaltung
und zu Beförderung meines Wohlstandes gewaltsam gehindert zu werden, für mich
ein Uebel ist, so ist eben dasselbe auch ein Uebel für jeden andern Menschen.
Also eines von beiden: entweder der Mensch ist das einzige Ungeheuer in der
Welt, dessen natürliches Bestreben unaufhörlich dahin geht, seine eigene Gattung
zu zerstören: oder jede Beleidigung eines Menschen ist ein Uebel für das ganze
Menschengeschlecht, und also auch (ungeachtet des augenblicklichen Vorteils,
den der Beleidiger daraus ziehen mag) ein wahres Uebel für diesen selbst, indem
er dadurch alle anderen Menschen reizt und berechtigt, sich auch gegen ihn
herauszunehmen, was er sich gegen einen von ihnen erlaubte und gegen jeden
andern, sobald er Gelegenheit und Vermögen dazu hat, sich zu erlauben bereit
ist. Alle Menschen haben, als Menschen, gleiche Ansprüche an den Gebrauch ihrer
Kräfte, und an die Mittel, welche die Natur, der Zufall und ihr eigener
Kunstfleiss ihnen zu ihrer Erhaltung und zu Beförderung ihres Wohlbefindens
darreichen. Wer dies anerkennt und diesem gemäss handelt, ist gerecht, ungerecht
also, wer alles für sich allein haben will, und das Recht der übrigen nicht
anerkennt, oder tätlich verletzt. Mich dünkt, zwei Sätze folgen notwendig und
unmittelbar aus dieser durch sich selbst klaren Wahrheit: erstens, dass jeder
Mensch, der einen andern vorsetzlich beleidigt, sich eben dadurch für einen
Feind aller übrigen erklärt; zweitens, dass sobald mehrere Menschen neben
einander leben, zu eines jeden Sicherheit entweder ein stillschweigend
zugestandener oder ausdrücklich unter ihnen geschlossener Vertrag vorwaltet,
»jedem auf das, was er sich ohne Beraubung eines andern erworben hat, ein
unverletzliches Eigentumsrecht zuzugestehen.« In dieser Rücksicht kann also mit
vollkommenem Grunde gesagt werden: Jedem das Seinige - nicht zu geben (denn er
hat es schon), sondern zu lassen und im Fall, dass es ihm mit Gewalt genommen
worden, ihm entweder zur Wiedererlangung des Geraubten oder zu einer
angemess'nen Entschädigung zu verhelfen, werde von allen Menschen auf dem ganzen
Erdboden Gerechtigkeit genennt, oder, falls sie noch keine Worte zu Bezeichnung
allgemeiner Vernunftbegriffe hätten, als Gerechtigkeit gefühlt und anerkannt.
    Mit dieser kurzen Beantwortung der von Sokrates aufgeworfenen Frage könnten
wir, dünkt mich, allen Sophisten und Rechtsverdrehern in der Welt die Stirne
bieten; auch würde Plato selbst Mühe gehabt haben, die Untersuchung und
Festsetzung dessen, was Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit ist, über den
gewöhnlichen Umfang seiner Dialogen auszudehnen, wenn er sich innerhalb der
Gränzen des gemeinen, dem Sprachgebrauch gemässen Sinnes der Worte hätte halten
wollen. Da er aber diesem unvermerkt einen andern höhern und mehr umfassenden
unterschob, indem er den gewöhnlichen Begriff der Gerechtigkeit (ohne uns jedoch
davon zu benachrichtigen) mit seiner Idee von der höchsten geistigen und
sittlichen Vollkommenheit, welche, seiner Meinung nach, der menschlichen Natur
erreichbar ist, bald vermengt bald verwechselt: öffnete sich seiner
dichterischen Phantasie ein unabsehbares Feld, wo sie sich nach Gefallen
erlustigen konnte, und Stoff genug fand, einen Kreis von gefälligen Zuhörern
eben so gut zehn Tage lang zu unterhalten als einen.
    Indessen sehe ich nicht warum wir ihm auch diese Freiheit nicht zugestehen
sollten. Jeder Schriftsteller hat unstreitig das Recht, sich seinen Stoff nach
Belieben zu wählen, und ihn zu bearbeiten, wie es ihm gut dünkt; und wenn er
nur, wie Plato, dafür gesorgt hat, uns, sobald wir zu gähnen anfangen, durch
wohl angebrachte Reizmittel wieder zur Aufmerksamkeit zu nötigen, so wär' es
unbillig und undankbar, wenn wir uns beklagen wollten, dass er uns weit mehr
vorsetzt als nötig, oder selbst für eine reichliche Befriedigung unsres
Bedürfnisses genug gewesen wäre. Hätte er sich auf das reichlich Genugsame
einschränken wollen, so stand es nur bei ihm, die Aufgabe, so wie er sie
gestellt hatte, geradezu zu fassen; und da es ihm, kraft seiner philosophischen
Machtgewalt, beliebt hatte, den gemeinen und zum Gebrauch im Leben völlig
zureichenden Begriff der Gerechtigkeit zu verlassen, und die Idee der höchsten
Richtigkeit und Vollkommenheit der menschlichen Natur an seine Stelle zu setzen,
so bedurfte es, meines Bedünkens, keiner so weitläufigen und künstlichen
Vorrichtung, um ausfindig zu machen, worin diese Vollkommenheit bestehe. Es
gehörte wirklich eine ganz eigene Liebhaberei »Knoten in Binsen zu suchen«15
dazu, die Sache so ausserordentlich schwer zu finden, und selbst ohne alle Not
einen Knoten nach dem andern in die Binsen zu knüpfen, bloss um das Vergnügen zu
haben sie wieder aufzulösen. Ich zweifle sehr, dass ihm hier die Ausrede zu
Statten kommen könne, er lasse seinen Sokrates sich nur darum so stellen, als ob
er selbst noch nicht wisse, wie er die vorgelegte Aufgabe werde auflösen können,
- um die Täuschung der Leser, als ob sie hier den berüchtigten Eiron wirklich
reden hörten, desto vollkommner zu machen. Man könnte dies allenfalls für eine
Rechtfertigung gelten lassen, wenn die Rede, anstatt von einem Gegenstande,
womit sich Sokrates so viele Jahre lang tagtäglich beschäftigte, von irgend
einer rätselhaften spitzfindigen Frage gewesen wäre; oder auch, wenn er es,
anstatt mit so verständigen, gebildeten und lehrbegierigen jungen Männern, wie
Glaukon und Adimantus sich gezeigt haben, mit unwissenden Knaben oder
naseweisen Gecken zu tun gehabt hätte. Man könnte zwar einwenden, dass diese
Gebrüder in dem grössten Teil unsers Dialogs fast immer die Rolle unwissender
Schulknaben spielen, und dass Sokrates häufig Fragen an sie tut, durch welche
ein Knabe von zwölf Jahren sich beleidigt finden könnte: aber wenn Plato dies
wirklich in der Absicht tat, die langweilige Art, wie Sokrates ihren Ideen zur
Geburt hilft, zu rechtfertigen, so hätte er nicht vergessen sollen, dass er sie
kurz vorher wie verständige und scharfsinnige Männer reden liess. - Doch sein
Sokrates ist nun einmal in der Laune seinen Spass mit uns zu haben, und wir
müssen uns schon gefallen lassen, in einer weitkreisenden Schneckenlinie endlich
auf den nämlichen Punkt mit ihm zu kommen, zu welchem er uns auf einer ziemlich
geraden mit wenig Schritten hätte führen können.
    Sehen wir also (wofern du nichts Besser's zu tun hast) wie er es anfängt,
seinen erwartungsvollen, mit gespitzten Ohren und offnen Schnäbeln seine Worte
aufhaschenden Zuhörern zum ächten Begriff der Gerechtigkeit zu verhelfen. Da die
Sache so grosse Schwierigkeiten hat, und wir uns nicht anders zu helfen wissen
(sagt er, die Rede an Adimanten richtend), so wollen wir's machen, wie Leute
von kurzem Gesicht, die eine sehr klein geschriebene Schrift von ferne lesen
sollten, es machen würden, wenn einer von ihnen sich besänne, dass eben diese
Schrift irgendwo an einem erhabnern Orte in grössern Buchstaben zu lesen sei.
Diese Leute würden, denke ich, nicht ermangeln die letztere zuerst zu lesen, um
durch Vergleichung der grössern Buchstaben mit den kleinern zu sehen, ob nicht
etwa beide eben dasselbe sagten. Ohne Zweifel, versetzt Adimant; aber wie passt
dies auf unsre vorhabende Untersuchung? Das will ich dir sagen, erwiedert
Sokrates. Ist die Gerechtigkeit bloss Sache eines einzigen Menschen, oder nicht
auch eines ganzen Staats? Adimant hält das letztere für etwas Ausgemachtes,
wiewohl ich nicht sehe warum, da das, was die Gerechtigkeit sei, als etwas noch
Unbekanntes erst gesucht werden soll. Aber, dass Glaukon und Adimant
zweifelhafte und ohne Beweis nicht zuzugebende, ja wohl gar ganz unverständliche
Sätze, der Bequemlichkeit des Gesprächs wegen bejahen, oder wenigstens gelten
lassen, begegnet im Verfolg der ganzen Unterhaltung noch so oft, dass wir uns bei
dieser Kleinigkeit nicht aufhalten wollen. - Aber ist ein Staat nicht grösser als
ein einzelner Mann? fragt Sokrates. Grösser, antwortet der Knabe, voller Freude
vermutlich, dass er hoffen kann es getroffen zu haben. Wahrscheinlich wird also
(fährt der Schulmeister fort) auch die Gerechtigkeit im Grössern besser in die
Augen fallen und leichter zu erkennen sein. Gefällt es euch, so forschen wir
also zuerst, was sie in ganzen Staaten ist, und suchen dann, indem wir in der
Idee des Kleinern die Aehnlichkeit mit dem Grössern bemerken, herauszubringen,
was sie in dem einzelnen Menschen ist. - Wohl gesprochen, sollt' ich meinen,
sagt Adimant. - »Nun däucht mich, wenn wir in Gedanken ein Gemeinwesen vor
unsern Augen entstehen liessen, würden wir auch sehen, wie Gerechtigkeit und
Ungerechtigkeit in ihm entstehen.« - Könnte wohl sein, versetzt jener. »Und wenn
das wäre, sollte nicht Hoffnung sein, desto leichter zu finden was wir suchen?«
- Viel leichter. - »Mich däucht also wir täten wohl, wenn wir ohne weiters Hand
anlegten; denn es ist, meines Erachtens, kein kleines Werk. Bedenkt euch also!«
- Da ist nichts weiter zu bedenken, sagt Adimant, des langen Zauderns, wie es
scheint, überdrüssig; tu nur das Deinige dabei!
    Und so stehen wir denn vor dem Tor dieser Republik, die uns Plato, ihr
Stifter und Gesetzgeber, durch den Mund seines immer währenden Stellvertreters
für das Ideal eines vollkommenen Staats ausgibt, an dessen Realisirung er selbst
verzweifelt; deren Erbauung und Einrichtung ihn in einem grossen Teil dieses
Werks ernstlich beschäftigt, und die er gleichwohl weder um ihrer selbst willen,
noch in der Absicht dass sie irgend einem von Menschenhänden errichteten Staate
zum Muster dienen sollte, sondern (wie er sagt) bloss deswegen mit so vieler Mühe
aufgestellt hat, um seinen Zuhörern an ihr zu dem einzig wahren Begriff von dem,
was Gerechtigkeit in der menschlichen Seele ist, zu verhelfen.
    Eine Einwendung, die sich beim ersten Anblick aufdringt und daher, in Cyrene
wenigstens, am häufigsten gehört wird, ist: es sei unbegreiflich, wie Plato
nicht gesehen habe, dass, wofern zuvor aufs Reine gebracht wäre, was die
Gerechtigkeit bei einem einzelnen Menschen sei, die Frage, was sie in einem
ganzen Staat sei? sich dann von selbst beantwortet hätte: da hingegen diese
letzte Frage nicht ausgemacht werden könne, ohne den Begriff der Gerechtigkeit
schon vorauszusetzen; denn der Staat bestehe aus einzelnen Menschen, und nur
insofern als diese gerecht seien, finde Gerechtigkeit in jenem statt. - Es wäre
in der Tat unbegreiflich, wenn ein so scharfsichtiger Mann wie Plato diesen
Einwurf nicht vorausgesehen hätte. Er kann ihm aber nur von solchen gemacht
werden, die mit den Mysterien seiner Philosophie gänzlich unbekannt sind. Plato
setzt bei allen seinen Erklärungen, wovon auch immer die Rede sein mag, eine Art
dunkler aber wahrer Vorstellungen voraus, abgebleichte, durch den Schmutz der
Sinnlichkeit und den Rost der Gewohnheit, womit sie bedeckt sind, unkenntlich
gewordene Schattenbilder der ewigen Ideen alles dessen was ist, dumpfe
Erinnerungen, welche unsre Seele aus einem vorhergehenden Zustand in dieses
Leben mitgebracht, die sich zu deutlichen Begriffen des Wahren eben so verhalten
wie Ahnungen zu dem was uns künftig als etwas Wirkliches erscheinen wird, und in
deren Anfrischung und Reinigung aller Unterricht besteht, womit die Philosophie
unsrer Unwissenheit und Afterwissenschaft zu Hülfe kommen kann. Dieses aus der
Welt der Ideen mitgebrachte dunkle Bild der wesentlichen Gerechtigkeit in seinen
Zuhörern aufzuklären, ist jetzt das Geschäft des platonisirenden Sokrates. Sie
besteht, nach ihm, in dem reinsten Zusammenklang aller Kräfte zur möglichsten
Vollkommenheit des Ganzen unter der Oberherrschaft der Vernunft. Um dies seinen
Hörern anschaulich zu machen, war es allerdings der leichtere Weg, zuerst zu
untersuchen wie ein vollkommen wohl geordneter Staat beschaffen sein müsse; und
erst dann, durch die entdeckte Aehnlichkeit zwischen der innern Oekonomie unsrer
Seele mit der wesentlichen Verfassung und Verwaltung eines wohl geordneten
Gemeinwesens, die wahre Auflösung des Problems, welche Glaukon und Adimant im
Namen der übrigen Anwesenden von Sokrates erwarteten, ausfindig zu machen. Auf
diese Weise wurden sie in der Tat vom Bekanntern und gleichsam in grössern
Charakteren in die Augen Fallenden auf das Unbekanntere geführt; denn was der
Mensch gewöhnlich am wenigsten kennt, ist das Innere dessen was er seine Seele
nennt.
    Nachdem wir diesen Einwurf auf die Seite gebracht haben, lass' uns sehen wie
Plato mit Einrichtung seiner Republik zu Werke geht. Es ist wirklich eine Lust
zuzuschauen, wie sie aus dem gesellschaftlichen Verein von vier Handarbeitern,
einem Feldbauer, Zimmermann, Weber und Schuster, gleich einer himmelan
steigenden Ceder aus einem kleinen Samenkorn, zu einer mächtigen, glücklichen
und in ihrer Art einzigen Republik emporwächs't. Dass es sehr schnell damit
zugeht, ist Natur der Sache; und mancher Leser mag sich wohl kaum entalten
können zu wünschen, dass die Sokratische Manier einen noch schnellern Gang
erlaubt hätte, und dass wir nicht alle Augenblicke durch die Frage: oder ist's
nicht so? aufgehalten würden, wobei die beiden Gebrüder mit ihrem ewigen: ja
wohl! eine ziemlich betrübte Figur zu machen genötig sind. Das Einzige was wir
dem wackern Glaukon zu danken haben, ist, dass wir in der neuen Republik etwas
besser gehalten und beköstiget werden als Sokrates es anfangs gesonnen war.
Denn, wie er selbst ziemlich leicht bekleidet zu sein und schlecht zu essen
gewohnt war, so sollten auch seine neuen Ansiedler im Sommer meistens nackt
gehen, Kleider und Schuhe nur im Winter tragen, von Gerstengraupen, Mehlbrei und
Kuchen leben, und auf Binsenmatten, mit Windekraut und Myrtenzweigen bestreut,
in geselliger Fröhlichkeit Mahlzeit halten. Aber auf Glaukons Vorstellung, dass
sie doch auch einige Gemüse und Zulagen zu dieser gar zu magern Kost haben
sollten, lässt er sich gefallen, ihnen noch Salz, Oliven, Käse, Zwiebeln und
Gartenkräuter, auch statt des Nachtisches Feigen, Erbsen, Saubohnen,
Myrtenbeeren und geröstete Bucheckern zu bewilligen. Bei den Bucheckern scheint
dem ehrlichen Glaukon die Geduld auszugehen; er wird für einen wohlerzogenen
Atenischen Patricier ein wenig grob, und fragt den Sokrates: wenn er eine
Republik von Schweinen zu stiften hätte, womit er sie anders füttern wollte? -
Was wäre denn zu tun, Glaukon, erwiedert dieser mit seiner gewohnten
Kaltblütigkeit. - Ei was bei allen rechtlichen Leuten der Gebrauch ist,
antwortet jener: lass' sie, anstatt so armselig zu leben, fein ordentlich auf
Polstern um Tische herumliegen, und gib ihnen zu essen wie man heutzutage zu
speisen pflegt. Ah, nun versteh' ich dich, sagt Sokrates; meine Stadt, worin
alles nur für die wirklichen Bedürfnisse ihrer Bürger berechnet ist, scheint dir
zu dürftig; du willst eine, wo es recht üppig zugeht. Sei es darum! Wiewohl jene
die wahre und gesunde ist, so hindert uns doch nichts, wenn ihr wollt, auch eine
kranke, von überflüssigen und verdorbenen Säften aufgedunsene Stadt etwas näher
zu besehen. Er lässt sich nun in eine umständliche Aufzählung aller der
unnötigen und bloss der Eitelkeit und Wollust dienstbaren Personen und Sachen,
Künste und Lebensarten ein, welche die Ueppigkeit, wofern ihr der Zugang in die
neue Stadt einmal geöffnet wäre, den Einwohnern in kurzem unentbehrlich machen
würde; und wir andern Liebhaber der nachahmenden und bildenden Künste können uns
nicht entalten, ein wenig schel dazu zu sehen, dass er bei dieser Gelegenheit
auch von den Malern und Bildnern, Tonkünstlern und Dichtern, mit ihren Dienern,
den Rhapsoden, Schauspielern und Tänzern, als von Leuten spricht, die in seiner
gesunden Stadt nichts zu schaffen hätten, und die er ohne Bedenken mit den
Putzmacherinnen und Haarkräuslerinnen, Bartscheerern, Garköchen und -
Schweinhirten in eben dieselbe Linie stellt. Die gesunde Stadt, wovon anfangs
die Rede war, und ihr Gebiet, wird also (fährt er fort) für alle diese Menschen
sowohl als für die grosse Menge von allen Arten Tieren, die der Ueppigkeit zur
Nahrung dienen, viel zu klein sein; wir werden sie sehr ansehnlich vergrössern
und erweitern müssen, und da dies nicht anders als auf Unkosten unsrer Nachbarn
geschehen kann, welche dies, wie natürlich, nicht leiden, und, wenn sie eben so
habsüchtig und lüstern sind wie wir, sich das Nämliche gegen uns herausnehmen
werden, was wird die Folge sein? Wir werden uns mit ihnen schlagen müssen,
Glaukon? oder wie ist zu helfen? Wir schlagen uns, antwortet Glaukon ohne sich
zu besinnen. Wir werden also, fährt Sokrates fort, ohne jetzt aller andern
Uebel, die den Krieg begleiten, zu gedenken, unsre Stadt abermals erweitern
müssen, um für ein ansehnliches Kriegsheer Raum zu bekommen? - Glaukon hält dies
für unnötig; die Bürger, meint er, womit die Stadt bereits so ansehnlich
bevölkert sei, wären zu ihrer Verteidigung hinreichend. Aber Sokrates beweist
ihm mit der unbarmherzigsten Ausführlichkeit, dass ein eigener Stand, der nichts
anders zu tun habe als sich mit den Waffen zu beschäftigen, in einem
wohlbestellten Staat ganz unentbehrlich sei. Er stützt sich hierbei auf einen
Grundsatz, den er gleich anfangs festgesetzt hatte, da von den verschiedenen
Professionen die Rede war, deren wechselseitige Hülfsleistung zu Befriedigung
der gemeinschaftlichen Bedürfnisse die Veranlassung und der Zweck der ersten
Stifter seiner Republik war; nehmlich: dass jeder, um es in seinem Geschäfte
desto gewisser zur gehörigen Vollkommenheit zu bringen, sich der Kunst oder
Hantierung, wozu er am meisten Neigung und Geschick habe, mit Ausschluss aller
andern widmen müsse. Da nun Krieg führen, und alle Arten von Waffen recht zu
gebrauchen wissen, unstreitig eine Kunst sei, welche viel Vorbereitung,
Geschicklichkeit und Kenntnis erfordere, so würde es ungereimt sein, wenn man
dem Schuster verböte, den Weber oder Baumeister oder Ackermann zu machen, die
Kunst des Kriegsmanns hingegen für so leicht und unbedeutend hielte, dass
jedermann sie zugleich mit seiner eigentlichen Profession als eine Nebensache
treiben könne.
    Es sollte dem guten Glaukon, wofern er nur die Hälfte seines vorhin so stark
erprobten Witzes härte anwenden wollen, nicht schwer gefallen sein, dieser
Behauptung des Sokrates, und den Gründen womit er sie unterstützt, triftige
Einwürfe entgegenzustellen: aber Plato hat noch so vielen und mannichfaltigen
Stoff in diesem Dialog zu verarbeiten, dass er sich an das dramatische Gesetz,
jeder Person ihr Recht anzutun, so genau nicht binden kann; und da die Rede nun
einmal (wiewohl bloss zufälligerweise) von den Beschützern des Staats ist, aus
welchen sein Sokrates die zweite Classe der Bürger seiner Republik bestellt: so
fährt er sogleich in seiner erotematischen Metode (wobei er uns mit den
Antworten des Gefragten und dem unzähligemal wiederholten, tödtlich ermüdenden:
»sagte ich,« und »sagte er,« fast immer hätte verschonen können) fort, sich über
die Naturgaben und wesentlichen Eigenschaften, die einem guten Soldaten
unentbehrlich sind, vernehmen zu lassen. Ich gestehe, dass der Einfall, sich
hierzu der Vergleichung des Staatsbeschützers mit einem tüchtigen Hofhunde zu
bedienen, und zum Teil auch die Art wie er sich dabei benimmt, so völlig im
Charakter und in der Manier des wahren Sokrates ist, dass Plato ihn vielleicht
eher seinem Gedächtnis als seiner Nachahmungskunst zu danken haben könnte. Es
kommen solcher Stellen hier und da in diesem Werke mehrere vor, die, in meinen
Augen, gerade das Gefälligste und Anziehendste darin sind. Nur Schade dass Plato
es auch hier nicht lassen kann, dem reinen Sokratischen Gold etwas von seinem
eignen Blei beizumischen. Oder dünkt es dich nicht auch, Eurybates, dass der
witzige Einfall, dem Hunde (ausser der Stärke, Behendigkeit, Wachsamkeit,
Zornmütigkeit und der sonderbaren Eigenheit, die ihn von den eigentlich
sogenannten wilden Tieren unterscheidet, dass er seinen anschnaubenden beissigen
Naturtrieb nur gegen Fremde und Unbekannte auslässt, gegen Heimische, Hausfreunde
und Bekannte hingegen sanft und freundlich ist) - sogar noch ein philosophisches
Naturell zuzuschreiben, dünkt es dich nicht, dass dieser Einfall eher dem
Aristophanischen Sokrates, als dem, den wir gekannt haben, ähnlich sieht, und
bloss dazu da ist, um die Aehnlichkeit zwischen einem guten Hund und einem braven
Kriegsmann, der, nach Platon, schlechterdings auch Philosoph sein muss,
vollständig zu machen? Wenigstens ist der doppelte Beweis, warum sowohl der
Soldat als der Hund Philosoph ist, so ächt Platonisch, dass ich mir's nicht
verwehren kann, dir diese Stelle, zu Ersparung des Nachschlagens, von Wort zu
Wort vor Augen zu legen; wär' es auch nur, damit du mir nicht etwa einwendest,
Sokrates habe diesen Einfall nur scherzweise vorgebracht.
    Sokrates. Dünkt es dich nicht, dass ein künftiger Wächter und Beschirmer des
Staats zu dem jähzornigen Wesen, das ihm nötig ist, auch noch von Natur
Philosoph sein müsse? Glauk. Wie so? ich verstehe nicht, was du damit sagen
willst. Sokr. Auch das kannst du an den Hunden ausfindig machen; es ist wirklich
etwas Bewundernswürdiges an diesem Tiere. Glauk. Und was wäre das? Sokr. Sobald
der Hund einen Unbekannten erblickt, fängt er an zu knurren und böse zu werden,
wiewohl ihm jener nichts zu Leide getan hat; den Bekannten hingegen bewillkommt
er, nach seiner Art, aufs freundlichste, wenn er gleich nie etwas Gutes von ihm
empfing. Ist dir das noch nie als etwas Wundernswürdiges aufgefallen? Glauk. Ich
habe bisher nie besonders darauf Acht gegeben; die Sache verhält sich indessen
wie du sagst. Sokr. Gleichwohl scheint dieser Naturtrieb etwas sehr Feines und
ächt Philosophisches an ihm zu sein. Glauk. Warum das? Sokr. Weil er einen
freundlichen und feindlichen Gegenstand durch nichts anders unterscheidet, als
dass er jenen kennt, diesen nicht kennt. Wie sollte er nun nicht lernbegierig
sein, da er das Heimische von dem Fremden bloss durch Erkenntnis und Unwissenheit
unterscheidet? Glauk. Es kann wohl nicht anders sein. Sokr. Ist aber ein
lernbegieriges und ein philosophisches Naturell nicht ebendasselbe? Glauk. Doch
wohl! Sokr. Warum sollten wir also nicht kecklich auch in dem Menschen setzen,
dass er, um gegen Hausgenossen und Bekannte sanft und gutartig zu werden,
Philosoph und lernbegierig sein müsse? Glauk. So setzen wir's denn! - Und ich,
meines Orts, setze, dass diese Manier zu philosophiren eine eben so
unphilosophische als langweilige Manier sei, wiewohl nicht zu läugnen ist, dass
wir ihr wenigstens ein gutes Drittel dieses dickleibigen Dialogs zu danken
haben.
    Nachdem also Sokrates auf diese sinnreiche Weise herausgebracht und zum
Überfluss nochmals wiederholt hat, dass ein Beschützer seines idealischen Staats,
um seiner Bestimmung aufs vollkommenste zu entsprechen, die verschiedenen
Tugenden eines edeln Haushundes in sich vereinigen, und auf alle Fälle so
philosophisch und zornmütig, behend und stark sein müsse als der stattlichste
Molosser16, - wirft er die Frage auf: was man ihnen, um sie zu möglichst
vollkommnen - Staatshunden zu bilden, für eine Erziehung geben müsste? Eine
Untersuchung, welche, wie er meint, nicht wenig zur Auflösung des Problems, wie
Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in einem Staat entstehe, beitragen würde.
Adimant bekräftigt dieses letztere sogleich mit grossem Nachdruck, ohne dass man
sieht warum; denn dass er, so gut wie der Verfasser des Dialogs selbst,
vorausgesehen haben könnte, wie dieser dem Discurs fortelfen werde um zu dem
besagten Resultat zu gelangen, ist nicht wohl zu vermuten. Sokrates gibt zu
verstehen, diese Untersuchung dürfte sich ziemlich in die Länge ziehen, meint
aber doch, dass dies kein Grund sei die Sache aufzugeben, zumal da sie gerade
nichts Besseres zu tun hätten. Adimant ist, wie sich's versteht, dazu willig
und bereit. Wohlan denn! was für eine Erziehung wollen wir also unsern
Staatsbeschützern geben? Es dürfte schwer sein eine andere zu finden, als die
schon längst erfundene, nämlich die Gymnastik für den Körper, die Musik17 (in
der weitesten Bedeutung dieses Wortes) für die Seele. - Auf Musik und Gymnastik
also schränkt sich auch in der Platonischen Stadt, deren Einrichtung uns
beschäftigt, das ganze Erziehungswesen ein; aber beide sind freilich in dieser
ganz etwas anders als in unsern üppigen und von bösen Säften aufgeschwollnen
ungesunden Republiken. Die Ausführung dieses Satzes nimmt den ganzen
beträchtlichen Rest des zweiten Buchs und ein grosses Stück des dritten ein; und
wiewohl der heftige Ausfall gegen unsre epischen und dramatischen Dichter nur
eine Episode ist, und nicht in gehörigem Ebenmasse mit dem Ganzen stehen möchte,
so ist sie doch (ausser ihrer Zweckmässigkeit für die Absicht unsers Philosophen)
als ein für sich selbst bestehendes Stück betrachtet, bis auf eine oder zwei die
Musik im engern Verstande und die nachahmenden Künste betreffende Stellen, so
vortrefflich ausgearbeitet, und in jedem Betracht so unterhaltend, lehrreich und
zum Denken reizend, dass ich versucht wäre, sie, mit der Rede Adimants (wovon
sie gewissermassen die Fortsetzung und vollständigere Ausführung ist) für das
beste des ganzen Werks zu halten, wenn ihr der Discurs über die Gymnastik nicht
den Vorzug streitig machte.
    Wie ich höre ist ihm die Strenge, womit er vornehmlich den Homer und
Hesiodus für wahre Verführer und Verderber der Jugend erklärt, und die tiefe
Verachtung, womit er von der mimischen Kunst der dramatischen Dichter und
Schauspieler spricht, zu Aten sehr übel genommen worden. Ich kann es euch nicht
sehr verargen, dass ihr euch für eine eurer vorzüglichsten Lieblings-Ergötzungen
und für dramatische Meisterstücke, auf die ihr stolz zu sein alle Ursache habt,
mit Faust und Fersen wehrt. Aber zwei Dinge, lieber Eurybates, wirst du doch bei
ruhiger Ueberlegung nicht in Abrede sein können: erstens, dass Plato in dem
ziemlich alten Gebrauch der meisten Griechischen Völkerschaften, ihre Kinder die
Gesänge Homers und Hesiods als heilige, von den Musen eingegebene Bücher ansehen
zu lehren, und ihnen aus diesen, mit rohen pöbelhaften Begriffen und
Gesinnungen, abgeschmackten Mährchen, und zum Teil sehr unsittlichen Reden und
Taten der Götter und Göttersöhne angefüllten alten Volksgesängen, in einem
Alter wo das Gemüt für solche Eindrücke weiches Wachs ist, die erste Bildung zu
geben - dass, sage ich, Plato in diesem Gebrauch eine der allgemeinsten und
wirksamsten, wiewohl bisher unbemerkt gebliebenen, Ursachen der eben so
ungeheuren als unheilbaren Sittenverderbniss unsrer Republiken aufgedeckt hat;
zweitens, dass es demungeachtet, bei der Verbannung unsrer sämmtlichen
Musenkünstler aus seiner idealischen Republik, seine Meinung nicht war noch sein
konnte, dass die Atener und die übrigen Griechen eben dasselbe tun sollten. Bei
uns und an uns ist nichts mehr zu verderben; wir sind wie Menschen die in einer
schlechten Luft zu leben gewohnt sind; unsre Dichter, Schauspieler, Musiker,
Tänzer und Tänzerinnen, Maler und Bildner mögen es treiben wie sie wollen, in
Republiken wie Aten, Korint, Milet, Syrakus und so viele andere (meine
ziemlich üppige Cyrene nicht ausgenommen), können sie nichts Böses tun, dem
nicht auf diese oder jene Weise das Gift entweder benommen oder durch
einwickelnde und mildernde Arzneimittel Einhalt getan würde. In Aten oder
Milet ist wenig daran gelegen, ob die Leier drei oder vier Saiten mehr oder
weniger hat. Aber in einem Staat, dessen Verfassung und Gesetzgebung auf rein
sittliche Grundsätze gebaut wäre, und wo also die ganze Lebensweise der Bürger,
alle ihre Beschäftigungen und Vergnügungen, ihre gottesdienstlichen Gebräuche,
Feste und gemeinschaftliche Ergötzlichkeiten, vor allem aber die Erziehung ihrer
Jugend mit jenen Grundsätzen in der richtigsten Harmonie stehen müssten: da würde
allerdings die kleinste Abweichung vom Gesetz und vom guten alten Brauch, auch
in Sprache, Declamation, Rhytmus, Gesangweisen, Tonfällen, Zahl der Saiten auf
der Leier und Citer, und dergleichen, wo nicht ganz so viel als Plato meint,
doch sehr viel zu bedeuten haben; und wenn die Spartaner, die vor dreissig Jahren
ein so strenges Dekret gegen die eilfsaitige Lyra des berühmten Sängers
Timoteus18 ergehen liessen, dem Geist der Gesetzgebung ihres Lykurgs in allen
andern Stücken so getreu geblieben wären, so würden sie, anstatt sich den
Atenern dadurch lächerrlich zu machen, den Beifall aller Verständigen davon
getragen haben.
    Dass Plato durch seine auf die strengste Moral gebaute Teorie der musischen
und mimischen Künste, wenn man - anstatt ihre unmittelbare Beziehung auf seinen
idealischen Staat zum Gesichtspunkt zu nehmen - sie als einen allgemeinen Kanon
für Dichter, Maler, Musiker u.s.f. betrachten wollte, im Grund alle Poesie und
die sämmtlichen mit ihr verwandten Künste rein aufhebt; dass seine Einwendungen
gegen die künstliche Nachahmung aller Arten von Charaktern, Gemütsbewegungen,
Leidenschaften und Handlungen (sie mögen nun löblich oder tadelhaft, der
Nachfolge oder des Abscheues würdig sein) keine scharfe Untersuchung aushalten;
und dass eine Ilias von lauter vollkommen weisen und idealisch tugendhaften
Menschen, wie er sie haben will, ein kaltes, langweiliges und wenigstens durch
seine Eintönigkeit unausstehliches Werk sein würde, wer sieht das nicht? Und wie
könnt' es anders sein, da er den Künsten einen falschen Grundsatz unterschiebt
und das Sittlichschöne zu ihrem einzigen Gesetz, Zweck und Gegenstand macht?
Aber alles, was er behauptet, steht an seinem Platz, sobald wir es in seine
Republik versetzen. Seine Jünglinge sollen an Seel' und Leib ungeschwächte,
unverdorbene Menschen bleiben; sie sollen »nichts lernen was sie künftig wieder
vergessen müssen;« sie sollen nichts sehen noch hören, nichts denken noch
treiben, als was unmittelbar dazu dient, sie zu ihrer Bestimmung vorzubereiten.
Sie sollen von Kindesbeinen an auf alle mögliche Weise zu jeder Tugend gewöhnt
werden, und ungeziemende, ungerechte, schändliche Dinge nicht einmal dem Namen
nach kennen. Sie sollen von der Gotteit das würdigste und Erhabenste denken;
sollen angehalten werden immer die Wahrheit zu sagen, und Lügen als die
hässlichste Selbstbeschimpfung zu verabscheuen; sollen immer nüchtern, mässig und
entaltsam sein, der Wollust und dem Schmerz keine Gewalt über sich lassen,
ihren Mitbürgern hold und gewärtig und nur den Feinden des Staats fürchterlich,
in Gefahren zugleich vorsichtig und mutvoll, kaltblütig und entschlossen sein,
immer bereit, Leben und alles ihrer Pflicht aufzuopfern, ohne weder den Tod für
sich selbst zu fürchten, noch sich beim Ableben der Ihrigen unmännlich zu
betragen. Zu allem diesem wird man freilich (wie Plato seinen Sokrates sehr
ausführlich mit Stellen aus der Ilias und Odyssee belegen lässt) durch das Lesen
unsrer Dichter und durch die Beispiele, Maximen und patetischen Declamationen
unsrer Tragödien nicht gebildet; wohl aber kann es nicht fehlen, dass sie in
jungen Gemütern Eindrücke und Vorstellungen hinterlassen, die das Gegenteil zu
wirken geschickt sind. Nehmen wir also dem Schöpfer einer Republik, die bloss
dazu erschaffen ist uns zum Urbild der Gerechtigkeit und sittlichen
Vollkommenheit zu dienen, nicht übel, dass er unsre Dichter mit eben so weniger
Schonung von ihren Gränzen abhält, als alle andern Künstler und Werkleute des
Vergnügens und der Ueppigkeit; in einem Staat, der in Ansehung aller
körperlichen Bedürfnisse und sinnlichen Genüsse auf das schlechterdings
Unentbehrliche eingeschränkt ist, findet sich kein Platz für sie.
    Sokrates geht nun in der Erziehung seiner Staatsbeschützer von der Musik als
der Bildung der Seele zur Gymnastik oder Ausbildung, Uebung und Angewöhnung des
Körpers über. Alles was er über diesen Gegenstand sagt: die scharfe Censur, die
er bei dieser Gelegenheit über die Lebensweise der Vornehmen und Reichen zu
Syrakus, Korint und Aten ergehen lässt, alles was er über die Diätetik
überhaupt, über die Vorzüge der ächten Aesculapischen Heilkunst von der
heutzutage im Schwange gehenden, und über die Analogie der Profession des
Richters (den er als eine Art von Seelenarzt betrachtet) mit der Kunst des
eigentlich sogenannten Arztes, vorbringt, - mit Einem Wort die ganze
reichhaltige und vielseitige Behandlung dieser Materie ist in jedem Betracht
unübertrefflich schön und wahr. Alles darin ist neu, selbst gedacht,
scharfsinnig, und doch zugleich so klar einfach und auf den ersten Blick
einleuchtend, dass der Leser fast immer seinen eigenen Gedanken zu begegnen
glaubt. Ich habe nichts darüber hinzuzusetzen, als dass der göttliche Plato, wenn
er immer auf diese Art philosophirte, in der Tat ein Gott in meinen Augen wäre;
und dass, wofern die Atener und wir andern alle durch Lesung und Meditirung
dieses Discurses nicht weiser und besser werden, die Schuld bloss an uns liegen
wird.
    Ich zweifle nicht, dass Plato durch den Ausfall über die dermalige Heilkunst
in ein gewaltiges Wespennest gestochen hat. Eure Hippokratischen Aerzte, welche
sich den Reichen so unentbehrlich zu machen und von ihrer Ueppigkeit und
Schwelgerei so viele Vorteile zu ziehen wissen, werden ihm nicht vergeben, dass
er ihnen die Geschicklichkeit, einen baufälligen Körper recht lange hinzuhalten
und ihre Kranken des langsamsten Todes, der ihrer Kunst möglich ist, sterben zu
lassen, d.i. gerade das, worauf sie sich am meisten einbilden, zum Vorwurf, und
beinahe zum Verbrechen macht. Natürlicherweise ist ihre Partei, da alle
Schwächlinge, Gichtbrüchige, Engbrüstige, Wassersüchtige und Podagristen von
Aten auf ihrer Seite sind, wo nicht die stärkste, doch die zahlreichste; und
wie sollten sie ihm je verzeihen können, dass er unmenschlich genug ist, zu
behaupten: sie und alle ihresgleichen könnten für die allgemeine Wohlfahrt
nichts Besser's tun, als sich je bälder je lieber aus der Welt zu trollen; und
die Heilkunst mache sich einer schweren Sünde gegen den Staat schuldig, wenn sie
sich so viele Mühe gebe, ungesunden Menschen ein sieches, ihnen selbst und
andern unnützes Leben auch dann zu verlängern, wenn keine völlige Genesung zu
hoffen ist. In der Tat hat diese Behauptung etwas Empörendes; und es mag wohl
sein, dass nur ein sehr gesunder, der Güte seines Temperaments und seiner
strengen Lebensordnung vertrauender, auch überdiess ausser allen zärtlichern
Familienverhältnissen isolirt lebender Philosoph so vielen armen Sterblichen,
die mit allen ihren Uebeln, doch das erfreuliche Licht der Sonne gern so lang'
als möglich atmen möchten, ein so unbarmherziges Todesurteil zu sprechen fähig
ist. Ich hoffe Plato selbst werde sich erbitten lassen einige Ausnahmen zu
machen; indessen müssen wir auch nicht vergessen, dass alles, was er seinen
kerngesunden alten Sokrates über diesen Punkt sagen lässt, mit unverwandter
Rücksicht auf seine Republik gesagt wird, wo sich freilich alles anders verhält
als in den unsrigen. In den letztern lebt jeder Mensch sich selbst und seiner
Familie, dann erst dem Staat; in der seinigen lebt er bloss dem Staat, und sobald
er diesem nichts mehr nütze ist, rechnet er sich nicht mehr unter die
Lebendigen. Er verhält sich also zum Staat, wie der Leib zur Seele. Die Seele
ist der eigentliche Mensch; der Leib hat nur dadurch einigen Wert, und darf nur
insofern in Betrachtung kommen, als er der Seele zum Sklaven und Werkzeug
gegeben ist. Es ist daher (wie Sokrates etwas, so er vorhin selbst gesagt hatte,
berichtiget) nicht recht gesprochen, wenn man die Musik allein auf die Seele,
die Gymnastik allein auf den Leib bezieht. Beide dienen bloss der Seele, und die
Gymnastik findet in seiner Republik nur insofern Platz, als sie den Körper zu
einem rein gestimmten, diese Stimmung festaltenden, und mit einer von den Musen
gebildeten Seele immer rein zusammen klingenden Instrument derselben macht. Eben
darum wäre sehr übel getan, die Gymnastik von der Musik oder diese von jener
trennen zu wollen; die Musik allein würde nur weibische Schwächlinge, die
Gymnastik allein sogar aus Knaben von der edelsten Art nur rohe gewalttätige
Halbmenschen ziehen: aber so, wie Plato es vorschreibt, verbunden und eine durch
die andere getempert19, bilden sie »den ächten Musiker und Harmonisten, der
beide Benennungen in einem unendlich höhern Grad verdient als der grösste
Saitenspieler.«
    Was meinst du nun, Glaukon (fährt Sokrates fort), sollten wir, wenn uns die
Erhaltung unsrer Republik am Herzen liegt, nicht immer gerade einen solchen Mann
zum Vorsteher derselben nötig haben? - Mit dieser leichten Wendung führt er uns
zu der dritten Classe seiner Staatsbürger, nämlich zu den Archonten oder
obrigkeitlichen Personen, deren die beiden ersten benötigt sind, wenn diese
unwandelbare Ordnung, Harmonie und Einheit in der Republik erhalten werden soll,
in welcher ihr Wesen besteht, und wodurch sie sich von allen unsern ungesunden,
baufälligen und ihrer Zerstörung, langsamer oder schneller, entgegen eilenden
Republiken unterscheidet. Was er hier von dieser obersten Classe seiner
Staatsbürger überhaupt, und von dem Obervorsteher oder Epistaten des ganzen
Staats sagt, ist zwar nur ein blosser, mit wenigen Pinselstrichen entworfener
Umriss, wovon er sich die Ausführung stillschweigend vorbehält; aber auch in
diesem entwickelt sich alles so leicht und schön, ist alles so richtig gedacht,
in so zierliche Formen eingekleidet, und erhält durch überraschende Wendungen
einen so eigenen Zauber von Genialität und Neuheit, dass man ihm Tage lang
zuhören möchte, wenn er sich in dieser Sokratischen Manier zu philosophiren so
lange erhalten könnte.
    Um so auffallender ist es, wenn wir seinen Sokrates, den wir eine geraume
Zeit lang so verständig, wie ein Mann mit Männern reden soll, reden gehört
haben, sich plötzlich wieder in den Platonischen verwandeln, und in eine andre
Tonart fallen hören, welche wir (mit aller ihm schuldigen Ehrerbietung gesagt)
uns nicht erwehren können, unzeitig, seltsam, und, mit dem rechten Wort gerade
heraus zu platzen, ein wenig läppisch zu finden. »Wie wollen wir es nun
anstellen (fragt er den Glaukon), um vornehmlich die Archonten unsrer Republik,
oder doch wenigstens die übrigen Bürger, eine von den gutartigen Lügen glauben
zu machen, von denen wir oben (als die Rede von den Fabeln und Lügen der Dichter
war) ausgemacht haben, dass sie zuweilen zulässig und schicklich seien?« -
Glaukon, den diese unerwartete Frage vermutlich eben so stark vor die Stirne
stiess als uns, kann sich nicht vorstellen, was für eine Lüge Sokrates im Sinne
habe. -
    »Sie ist nichts Neues,« versetzt Sokrates; »denn sie stammt schon von den
Phöniciern her20, und hat sich, wie die Poeten mit grosser Zuversichtlichkeit
versichern, vor Zeiten an vielen Orten zugetragen. In unsern Tagen ereignet sich
freilich so etwas nicht mehr, und ich weiss nicht, ob es sich künftig jemals
wieder zutragen dürfte.« - Es muss etwas Seltsames sein, dass du so hinterm Berge
damit hältst, sagt Glaukon. - »Wenn du es gehört haben wirst,« antwortet
Sokrates, »wirst du finden dass ich Ursache hatte, nicht gern damit
herauszurücken.« - Sag' es immerhin und befürchte nichts. - »Nun so will ich's
denn sagen, wiewohl ich selbst nicht weiss, wo ich die Kühnheit und die Worte
dazu hernehme.«
    Nachdem er durch diesen dramatischen Kunstgriff die Erwartung seiner Zuhörer
aufs höchste gespannt hatte, musste ihnen doch wohl zu Mute sein als ob sie aus
den Wolken fielen, da er fortfuhr: »Vor allem also will ich mich bemühen, die
Archonten meiner Stadt und die Krieger, und dann auch die übrigen Bürger dahin
zu bringen, dass sie sich einbilden, alles was bisher mit ihnen vorgegangen und
die ganze Erziehung, die wir ihnen gegeben haben, sei ein blosser Traum gewesen.
Dagegen sollen sie glauben, sie selbst sammt ihren Waffen und allem ihrem
übrigen Geräte seien wirklich und wahrhaftig im Schoss der Erde gebildet,
genährt und ausgearbeitet worden; und erst, nachdem sie in allen Stücken fertig
und vollendet da gestanden, habe die Erde, ihre Mutter, sie zu Tage gefördert.
Demnach sei es ihre erste Pflicht, das Stück Erde, welches sie bewohnen, als
ihre Mutter und Erzieherin zu betrachten, jeden feindlichen Anfall von ihr
abzuhalten, und alle ihre Mitbürger, ebenfalls Kinder derselben Erde, als ihre
Brüder anzusehen.« - Nun begreif' ich freilich, sagt Glaukon, warum du mit einer
so platten Lüge so verschämt zurückhieltest. - »Da hast du wohl Recht,« versetzt
Sokrates; »aber höre nun auch den Rest des Mährchens. Ihr alle (werden wir nun,
die Fabel fortsetzend, zu ihnen sagen), so viele euer in dieser Stadt leben,
seid Brüder; aber der Gott, der euch bildete, vermischte den Ton, den er dazu
nahm, mit ungleichartigem Metall. Bei denjenigen von euch, die zum Regieren
tauglich sind, mischte er Gold unter den Ton, daher sind sie die geehrtesten
von allen; zu denen, die er für den Soldatenstand bestimmte, Silber; Kupfer zu
den Ackerleuten und Eisen zu den übrigen Handarbeitern. Da ihr nun alle zu einer
und eben derselben Familie gehört, so zeugt zwar meistens jeder seines gleichen;
doch geschieht es auch wohl zuweilen, dass sich aus Gold Silber, und dagegen aus
Silber Gold, und eben so auch Kupfer aus Silber, oder Gold aus Kupfer erzeugt,
und so weiter. Diesem zufolge macht der Gott, euer Schöpfer, den Regierern zur
ersten und wichtigsten Pflicht, die Kinder, die unter euch geboren werden, genau
zu untersuchen, mit welchem von den besagten vier Metallen ihre Seelen legirt
sind, und wofern ihnen selbst kupfer- oder eisenhaltige geboren würden, sie ohne
Schonung, wie es ihrer Natur gemäss ist, in die Classe der Handwerker oder
Ackerleute zu versetzen; hingegen, wofern diese letztern einen gold-oder
silberhaltigen Sohn erzeugten, solchen in die Classe der Regierer, oder der
Verteidiger der Republik zu erheben; und dies einem Orakel zufolge, welches dem
Staat den Untergang ankündigt, wofern er je von Kupfer oder Eisen regiert
würde.«
    Was sagst du zu diesem Ammenmährchen, Eurybates? Sollte der göttliche Plato
wohl eine so verächtliche Meinung von seinen Lesern hegen, dass er für nötig
hält, uns von Zeit zu Zeit wie kleine Knaben mit einem Fabelchen in diesem
kindischen Geschmack zufrieden zu stellen, weil er uns nicht Menschenverstand
genug zutraut, eine männlichere Unterhaltung, wie z.B. die unmittelbar
vorhergehende, in die Länge auszuhalten? Wenn er es ja für dienlich hielt, zu
mehrerem Vergnügen der Leser den Ton zuweilen abzuändern, wie konnt' er sich
selbst verbergen, dass nur Kinder, die noch unter den Händen der Wärterin sind,
an einem so platten Mährchen Gefallen haben könnten? Oder sollte er vielleicht
die geheime Absicht, die ihm Schuld gegeben wird, wirklich hegen, die Ilias aus
den Kinderschulen der Griechen zu verdrängen, und diesen Dialog bloss darum mit
so vielen Fabeln und allegorischen Wundermährchen gespickt haben, um desto eher
hoffen zu können, sich selbst dereinst an die Stelle des verbannten Homers
gesetzt zu sehen? Beinahe muss man auf einen solchen Argwohn verfallen; zumal
wenn man die sonderbare Hitze bedenkt, womit er sich an mehrern Stellen dieses
Werkes mit einer sonst kaum begreiflichen Ausführlichkeit beeifert, den
sittlichen Einfluss der Werke unsrer Dichter auf die Jugend in das verhassteste
Licht zu stellen. Wie dem auch sein mag, immer ist es lustig genug, zu sehen,
wie er seinen Sokrates vorbauen lässt, dass die Leser sein Phönicisches Mährchen
nicht für so ganz einfältig und anspruchlos halten möchten als es aussieht. -
Weisst du wohl ein Mittel, lässt er ihn den Glaukon fragen, wie man unsre Leute
dieses Mährchen glauben machen könnte? Sie selbst nicht, antwortet Glaukon, aber
wohl allenfalls ihre Söhne und Nachkommen und die andern Menschen der Folgezeit,
sollt' ich denken. Ich merke wo du hinaus willst, versetzt Sokrates; es könnte
doch immer dazu gut sein, sie desto ernstlicher besorgt zu machen, dass die
Absicht des Orakels erreicht werde; - nämlich, dass die Republik nicht durch die
üble Staatsverwaltung kupferner und eiserner Regenten zu Grunde gehe. - Wenn
diese Reden nicht ganz ohne Salz sein sollen, muss man, dünkt mich, annehmen,
Glaukon und Sokrates werfen hier beide einen Seitenblick auf Aten und andere
Griechische Städte, in welchen die schlechten Metalle dermalen ein sehr
nachteiliges Uebergewicht zu haben scheinen. Aber wozu hatte Plato - er, der an
mehrern Stellen dieses Dialogs seinen Mitbürgern und Zeitgenossen die derbesten
und ungefälligsten Wahrheiten ganz unverblümt ins Gesicht sagt - wozu hatte er
gerade hier einer so zwecklosen Behutsamkeit nötig?
    Uebrigens täusche ich mich vielleicht, indem es mir vorkommt, als ob
Sokrates, von diesem Mährchen an, durch alle folgenden Bücher sich selbst
verloren habe, und sich mit aller Mühe nicht wieder finden, oder, wenn er auch
zuweilen in seinen eigenen Ton zurückfällt, sich doch nicht lange darin erhalten
könne. Ich drücke mich hierüber so schüchtern aus, weil es sehr möglich ist, dass
die Ursache, warum mir dies so vorkommt, vielmehr in meiner Gewohnheit, mir
einen ganz andern Sokrates zu denken, als in einem Mangel an Haltung liegt, der
dem Verfasser des Dialogs Schuld gegeben werden könnte. Die Wahrheit zu sagen,
der Sokrates, den er darin die doppelte Rolle des Erzählers und der Hauptperson
des Drama's spielen lässt, ist und bleibt sich selbst durchgehends immer ähnlich;
denn es ist immer Plato selbst, der unter einer ziemlich gut gearbeiteten und
seinem eigenen Kopfe so genau als möglich angepassten Sokrateslarve, nicht den
Sohn des Sophroniskus, sondern sich selbst spielt. Hinter dieser Larve sieht er
zuweilen, je nachdem er uns eine Seite zeigt, dem wahren Sokrates so ähnlich,
dass man einige Augenblicke getäuscht wird: aber seine Stimme kann oder will er
vielmehr nicht so sehr verstellen, dass die Täuschung lange dauern könnte; und
überhaupt braucht man ihm nur näher auf den Leib zu rücken und ihn scharf ins
Auge zu fassen, um den leibhaften Plato überall durchschimmern zu sehen. Dieser
scheint sogar von Zeit zu Zeit die unbequeme Larve ganz wegzuschieben, und uns
auf einmal mit seiner eigenen, von jener so stark abstechenden Physiognomie zu
überraschen; und da er dieses seltsame Spiel, eben dieselbe Person bald mit bald
ohne Larve zu machen, einen ganzen Tag lang treibt, so kann es nicht wohl
fehlen, dass der Zuschauer endlich irre wird, und nicht recht weiss was man mit
ihm vorhat, und ob er beim Schluss des Stücks zischen oder applaudiren soll.
    Diese Ungewissheit ist indessen keineswegs der Fall im Rest des dritten und
im Anfang des vierten Buchs. Eine unserm Philosophen eigene dialektische
Spitzfündigkeit, die auch hier von Zeit zu Zeit durch die Lücken der
Sokrateslarve durchguckt, abgerechnet, scheint er darin die angenommene Person
wieder ziemlich gut zu spielen; so gut wenigstens, dass man sich geneigt fühlt,
der Täuschung mit halb geschloss'nen Augen nachzuhelfen; und wiewohl man sich
hier und da nicht wohl erwehren kann ein wenig ungehalten auf den Schauspieler
zu sein, wenn er unversehens aus seiner Rolle heraustritt und anstatt den
Sokrates rein fortzuspielen, in seine eigene Person zurücksinkt: so macht uns
doch die Gewandteit, womit er sich unvermerkt wieder in die angenommene
hineinwirft, so viel Vergnügen, dass es wenig Mühe kostet ihm zu verzeihen und im
Ganzen recht wohl mit ihm zufrieden zu sein.
    Die Rede ist nun im Rest des dritten Buchs davon, wie die aus dem Schoss der
Erde in voller Rüstung hervorgesprungnen Beschirmer oder Soldaten unsers
idealischen Staats in Ansehung der Wohnung, Nahrung und aller übrigen zum Leben
gehörigen Stücke gehalten werden sollen. Da in der vollkommensten Republik alles
rein consequent und zweckmässig sein muss; da es in derselben nicht darum zu tun
ist, die einzelnen Gliedmassen des Staats, sondern das Ganze so glücklich als
möglich zu machen, und das letztere auf keine andere Weise zu erhalten steht,
als wenn jede Classe, und jeder einzelne Bürger in der seinigen, gerade das und
nichts anders ist, als was sie vermöge ihres Verhältnisses zum Ganzen notwendig
sein müssen; so dürfen wir uns nicht wundern, dass Plato den bewaffneten Teil
der Bürger, welcher bloss zum Schutz der Gesetze und des Staats, zu Vollziehung
der Befehle der Regenten und zu Verteidigung aller übrigen Bürger da ist, in
allen Stücken auf das blosse Unentbehrliche setzt. Sie wohnen in schlechten
Baracken, haben ausser ihren Waffen und was die höchste Notdurft zum Leben
fordert, nicht das geringste Eigentum; halten ihre äusserst frugalen Mahlzeiten
gemeinschaftlich in öffentlichen Sälen, und leben in allen Stücken in der
nämlichen Ordnung beisammen, wie sie im Lager leben müssten. In diesem und allen
andern Stücken sind sie der strengsten Disciplin unterworfen; mit Einem Wort,
nichts ist vergessen, was es ihnen unmöglich macht, jemals aus den Schranken
ihrer Bestimmung herauszutreten, und »aus treuen und wachsamen Hunden der Heerde
sich in Wölfe zu verwandeln.« - Alles dies und was dahin einschlägt, führt
Sokrates gegen die Zweifel und Einwürfe Adimants so gründlich und sinnreich
aus, dass weder diesem noch dem Leser das Geringste gegen die Zweckmässigkeit
dieses Teils der Verfassung der Republik einzuwenden übrig bleibt.
    Was bei dem allem nicht wenig zum Vergnügen der Leser beizutragen scheint,
ist die anscheinende Unordnung, oder, richtiger zu reden, die unter diesem
Schein sich verbergende Kunst, wie der Dialog, gleich einem dem blossen Zufall
überlassenen Spaziergang, indem er sich mit vieler Freiheit hin und her bewegt,
unter lauter Digressionen dennoch immer vorwärts schreitet, und dem eigentlichen
Ziel des Verfassers (wie oft es uns auch aus den Augen gerückt wird) immer näher
kommt. Wenigen dieser kleinern oder grössern Abschweifungen fehlt es an Interesse
für sich selbst: sie schlingen sich aber auch überdiess meistens so natürlich aus
und in einander, und lenken wieder so unvermerkt in den Hauptweg ein, dass man
den Umweg entweder nicht gewahr geworden ist, oder sich's doch nicht reuen
lassen kann, ihn gemacht zu haben. Dies ist zwar nicht immer, aber doch
wenigstens öfters, der Fall; und ich finde um so nötiger diese Bemerkung hier
nachzuholen, da sie, wo nicht zu völliger Widerlegung, doch zu gebührender
Einschränkung dessen dient, was ich oben, aus dem Mund etlicher vielleicht gar
zu schulgerecht urteilender Kunstfreunde, gegen die Composition dieses Dialogs,
als dichterisches Kunstwerk betrachtet, erinnert habe. Ein Gespräch dieser Art
kann und soll weder an die Gesetze der architektonischen Symmetrie, noch an die
Regeln des historischen Gemäldes gebunden werden; es ist in dieser Rücksicht
noch freier als die Kratinische und Aristophanische Komödie selbst; die grösste
Kunst des Dialogendichters ist, seinen Plan unter einer anscheinenden
Planlosigkeit zu verstecken, und nur dann verdient er Tadel, wenn er sich von
seinem Hauptzweck so weit verirrt, dass er sich selbst nicht wieder ohne Sprünge
und mühselige Krümmungen in seinen Weg zurückfinden kann.
    Nachdem Platons Sokrates mit den Beschirmern seiner Republik, unter den
gehörigen Voraussetzungen so ziemlich auf dem Reinen ist, wirft er (bloss um
Adimanten auf eine Probe zu stellen, wie es scheint) die Frage auf: ob es wohl
auch nötig sein dürfte, ihre neue Republik mit Gesetzen über die
Eigentumsrechte, und die willkürlichen Handlungen der Bürger unter einander,
und die Rechtshändel die aus dem Zusammenstoss ihrer Ansprüche oder aus
persönlichen Beleidigungen entstehen, kurz mit Gesetzen über eine Menge von
Gegenständen, die in unsern Republiken vom gewöhnlichen Schlag unentbehrlich
sind, zu versehen? - Aber Adimant ist der Meinung, ihre Republik bedürfe aller
dieser armseligen Stützen und Behelfe nicht; und es würde ganz überflüssig sein,
so verständigen und guten Menschen, wie die Bürger derselben sammt und sonders,
vermöge ihrer Verfassung, Erziehung und Lebensordnung notwendig sein müssten,
über diese Dinge etwas vorzuschreiben, da sie in jedem vorkommenden Falle die
Regel, nach welcher sie sich zu benehmen hätten, ohne Mühe von selbst finden
würden. Ganz gewiss, sagt Sokrates, werde dies der Fall sein, wofern ihnen Gott
die Gnade gebe, den Gesetzen, die er ihnen vorhin bereits vorgeschrieben, getreu
zu bleiben. Wo nicht, erwiedert Adimant, so möchten sie immerhin (wie es in den
gewöhnlichen Republiken zu gehen pflegt) ihr ganzes Leben damit zubringen,
täglich neue Gesetze zu geben, in Hoffnung zuletzt noch wohl die rechten zu
treffen, - wie gewisse Kranke, die sich vergebens schmeicheln durch beständiges
Abwechseln mit neuen Arzneien zu genesen, weil sie aus Unentaltsamkeit die
Lebensart nicht ändern wollen, welche der Grund ihrer Krankheit ist.
    Sokrates setzt diese Vergleichung noch eine Weile fort, und findet sich
dadurch in der Behauptung bestätiget, dass kein weiser Gesetzgeber weder in einem
wohl, noch in einem schlecht geordneten Staat sich mit Gesetzen und Verordnungen
dieser Art befassen werde; nicht in diesem, weil sie unnötig und von keinem
Nutzen wären, in jenem nicht, weil das, was in jedem vorkommenden Falle zu tun
ist, jedem Bürger vermöge der Bildung und Richtung, die er durch die bereits
bestehende Verfassung erhalten hat, von selbst einleuchten muss. Was bliebe uns
also noch zu tun, um mit unsrer Gesetzgebung fertig zu sein? fragt Adimant.
Uns nichts, antwortet Sokrates; denn den grössten, schönsten und wichtigsten
Teil derselben werden wir dem Delphischen Apollo überlassen. Und was beträfe
dies? fragte jener etwas gedankenlos; denn er hätte doch wohl mit einem
Augenblick von Besinnung dem Sokrates die Mühe ersparen können, sich erklären zu
müssen, dass die Anordnung der Tempel und Opfer und alles übrigen, was die
Verehrung der Götter, Dämonen und Heroen, wie auch die den Verstorbenen zu
Beruhigung ihrer Manen gebührende letzte Ehre betreffe, damit gemeint sei. Da
wir selbst von allem diesem keine Wissenschaft haben, sagt Sokrates, und wenn
wir weise sind, einen so wichtigen Teil der Einrichtung unsrer Stadt auch
keinem andern Sterblichen anvertrauen werden, so können wir nichts Besser's
tun, als uns darüber von dem Gotte belehren zu lassen, der in solchen Dingen
der angestammte Ratgeber aller Menschen ist, und bloss zu diesem Ende Delphi21,
als die Mitte oder den Nabel der Erde, zu seinem Sitz erwählt hat.
    Sollte dir, Freund Eurybates, diese Stelle sowohl, als die kurz
vorhergehende, wo Sokrates zu verstehen gibt, dass er selbst nicht begreife, »wie
seine Republik, ohne unmittelbaren Beistand Gottes, sich bei ihrer
ursprünglichen Verfassung lange werde erhalten können« - nicht eben so stark,
wie mir, aufgefallen sein? Zwar erkennen wir an dergleichen Äusserungen unsern
alten Freund und Lehrer, der für den religiösen Volks- und Staatsglauben nicht
nur (wie billig) alle schuldige Ehrfurcht hegte, sondern im Glauben selbst
nahezu bis zur Einfalt unsrer Grossmütter ging, und durch den Contrast, den
dieser Zug seines Charakters mit seinem sonst so hellen Verstande machte, uns
nicht selten in Erstaunen und Verlegenheit setzte. Aber Plato, dessen Art über
unsre Volksreligion zu denken kein Geheimnis ist, musste doch wohl mit diesen
beiden Stellen etwas Mehrer's wollen, als seine eigenen Gedanken hinter diesem
Zug seiner Sokrateslarve zu verbergen? Hätte er in diesem Werke wirklich die
Absicht gehabt, der Welt das idealische Modell einer vollkommnen Republik zu
hinterlassen, würde es da wohl seiner oder irgend eines andern ächten
Philosophen würdig gewesen sein, eine so wichtige Sache als die Religion ist,
dem Delphischen Apollo, d.i. den Priestern des Tempels zu Delphi zu überlassen?
Und wäre er selbst von der innern Güte und Realität seiner Republik, d.i. von
ihrer reinen Uebereinstimmung mit der menschlichen Natur, überzeugt gewesen,
würde er wohl alle seine Hoffnungen, dass sie sich bei seinen Gesetzen werde
erhalten können, auf einen Gott aus einer Maschine gegründet haben? Keines von
beiden, däucht mich. - Was ist es also, was er eigentlich damit wollte? - Durch
den Compromiss auf den Delphischen Apollo wollt' er sich, denke ich, den
häkeligsten und gefährlichsten Teil der Gesetzgebung seiner Republik vom Halse
schaffen; und glücklich für ihn, dass er dies um so schicklicher tun konnte, da
der starke Glaube des wirklichen Sokrates an jenen Gott ein bekannter Umstand
ist. Mit der frommen Hoffnung hingegen, womit er die Erhaltung seiner
Gesetzgebung dem Willen Gottes anheimstellt, konnt' er uns wohl nichts anders zu
verstehen geben wollen, als dass er selbst von ihrer innern Lebenskraft und
Dauerhaftigkeit keine grosse Meinung hege, und so gut als andre wisse, dass eine
idealische Republik nur für idealische Menschen passe, und, um so frei in der
Luft schweben zu können, an den Fussschemel von Jupiters Tron angehängt werden
müsse. Denn freilich, wenn die Götter das Beste dabei tun wollten, könnte auch
die Aristophanische Nephelokokkygia so gut existiren als die Platonische
Republik.
 
                                       6.
                            Fortsetzung des Vorigen.
Wir sind nun ganz nahe bis zu dem Punkt vorgerückt, um dessentwillen vermutlich
diese ganze Unterredung angefangen und durch so vielerlei Mäandrische Umschweife
und Aus- und Einbeugungen bis hierher geführt worden; aber so wohlfeil gibt es
unser poetisirender Philosoph oder philosophirender Dichter nicht. Er hat sich
nun einmal vorgesetzt, uns in diesem dramatischen Dialog zu weisen, dass er sich
so gut als irgend ein Tragödienmacher auf die Kunst verstehe, den Punkt, auf
welchen wir losgehen, alle Augenblicke bald zu zeigen, bald wieder aus dem
Gesichte zu rücken, um uns desto angenehmer zu überraschen, wenn wir das, was er
uns so lange durch einen unmerklich wieder in sich selbst zurückkehrenden Umweg
suchen liess, endlich unversehens vor unsrer Nase liegen finden. Unser verkappter
Sokrates, der jetzt für eine ziemliche Weile die Larve wieder weggeschoben hat
und mit seinem eigenen Gesichte spielt, meint: sie hätten ihre Republik so gut
angeordnet, dass es nun weiter nichts bedürfe, als dass Adimant seinen Bruder und
Polemarchen und die übrigen Anwesenden aufrufe, ihm mit einer tüchtigen Fackel
so lange in derselben herum suchen zu helfen, bis sie die irgendwo in ihr
versteckte Gerechtigkeit ausfindig gemacht haben würden. In der Tat mutet er
diesen wackern jungen Männern damit nicht mehr zu, als was sie mit einer mässigen
Anstrengung ihres Menschenverstandes sehr leicht leisten konnten und sollten.
Aber dabei hätte der Verfasser des Dialogs seine Rechnung nicht gefunden.
Glaukon besteht darauf, dass Sokrates seinem Versprechen gemäss das Beste bei der
Sache tun müsse, und dieser schickt sich denn auch um so williger dazu an, da
er wirklich in einer ganz eigenen Laune zu sein scheint, sich mit der
Treuherzigkeit der jungen Leute einen dialektischen Spass zu machen, und sie nach
dem Ding, das er in der Hand hat, fein lange überall wo es nicht ist
herumstöbern zu lassen. Wohlan also (sagt er) hier zeigt sich mir ein Weg, der
uns hoffe ich zu dem, was wir suchen, führen soll. Wenn wir unsre Republik
gehörig angeordnet haben, so sollte sie, dächt' ich, durchaus gut sein. -
Notwendig, antwortet Glaukon. - S. Augenscheinlich ist sie also weise, tapfer,
wohlgezüchtet und gerecht? - Gl. Augenscheinlich. - S. Wenn wir nun von diesen
Vieren Eins, welches es sei, in ihr finden, so ist das übrige das, was wir nicht
gefunden haben; nicht wahr? - Gl. Wie meinst du das? - S. Wenn wir unter vier
Dingen, welcher Art sie auch sein mögen, nur Eines suchen, und (indem wir
glücklicherweise zuerst darauf stossen) es sogleich für das Gesuchte erkennen, so
lassen wir's dabei bewenden; haben wir hingegen die drei ersten vorher ausfindig
gemacht, so kennen wir eben dadurch auch das, was wir suchen; denn es ist klar,
dass es kein anderes sein kann als das vierte, so noch übrig ist. - Richtig,
antwortet Glaukon wie ein unbesonnener Knabe; denn es greift sich doch mit
Händen, dass er nur unter der Bedingung, wofern diese vier Dinge uns schon
bekannt sind, mit Ja antworten konnte; denn wofern sie es nicht sind, so weiss
ich, in dem gegebenen Falle, zwar, dass das noch nicht gefundene, das gesuchte
ist; aber wozu kann mir das helfen, wenn ich nicht weiss, was es ist? Glaukon
musste einfältiger sein als Praxillens Adonis22, wenn er nicht sah, wo Sokrates
mit seinem matematischen Axiom hinaus wollte; dass er es nämlich auf die nur
eben seiner Republik nachgerühmten vier charakteristischen Eigenschaften
anwenden, und wenn er die drei zuerst genannten in ihr gefunden hätte,
versichern würde, dass ihnen nun auch die Gerechtigkeit nicht entgehen könne;
wiewohl dieser Umweg im Grunde zu nichts helfen konnte, als sie, ohne alle Not,
eine gute halbe Stunde länger aufzuhalten. Da sich aber seine Zuhörer nun einmal
alles von ihm gefallen lassen, so macht sich unser After-Sokrates abermals den
für seine Leser ziemlich langweiligen Zeitvertreib, durch eine Menge unnötiger,
zum Teil lächerlicher und kindischer Fragen, und kopfnickender oder platter
Antworten des ehrlichen Glaukons, herauszubringen: worin die Weisheit,
Mannskraft und Zucht bestehe, in welchen (nebst der Gerechtigkeit) er den
unterscheidenden Charakter seiner Republik setzt, und von welchen die erste den
Regenten, die zweite den Beschützern vorzüglich beiwohne, die dritte aber (wie
er sehr sinnreich und spitzfindig dartut) durch die gebührende Subordination
der zwei untern Bürgerclassen unter die oberste, eine mit dem, was man in der
Musik Diapasôn (die Octave) nennt, vergleichbare Harmonie des ganzen Staats
hervorbringe. Wir hätten also (fährt er nun fort) die drei ersten Formen der
Tugend oder der Vollkommenheit, die unsrer Republik eigen sein soll, gefunden:
welches wäre dann die noch übrige? Doch wohl die Gerechtigkeit? Gl. Ja wohl!
Sokr. Was haben wir also nun zu tun, lieber Glaukon, als dass wir, nach
Jägerweise, einen Kreis um diesen Busch schliessen, damit uns die Gerechtigkeit
nicht etwa unvermerkt entwische und aus dem Gesicht komme; denn dass sie hier
irgendwo stecken muss, hat seine Richtigkeit. Schaue also überall scharf herum,
ob du sie vielleicht eher als ich gewahr werden und mir zeigen kannst. Gl. Ja,
wenn ich das könnte! Aber so fern sonst nichts nötig ist als dir zu folgen und
zu sehen was du mir zeigst, bin ich dein Mann. Sokr. Nun so komm denn mit, und
mögen uns die Götter Glück zu unsrer Jagd verleihen! Gl. Das ist auch mein
Gebet. Sokr. Der Ort scheint mir ziemlich steil und so verwachsen und dunkel,
dass kaum fortzukommen ist. Wollen's aber doch versuchen! Gl. Das wollen wir!
Sokr. Heida! Heida, Glaukon! Mich däucht ich bin auf die Spur gekommen; nun soll
sie uns hoffentlich nicht entwischen. Gl. Das ist mir lieb zu hören. Sokr. Ei,
ei! was seh' ich? da haben wir ja alle beide einen erzdummen Streich gemacht! Gl
. Wie so? Sokr. Sind wir nicht auslachenswert, dass wir uns so viele Mühe gaben
etwas zu suchen, das uns gleich von Anfang an so nahe lag? Wir sahen darüber
weg, und suchten in der Ferne, was uns diese ganze Zeit über vor den Füssen
herumkollerte. Gl. Wie soll ich das verstehen? Sokr. Ich will sagen, wir reden
und hören schon wer weiss wie lange davon, und merkten nicht, dass wir nur mit
andern Worten von nichts anderm redeten. Gl. Welche lange Vorrede für einen,
dessen Wissbegierde du so sehr erregt hast! Sokr. Nun so höre denn! -
    Ich gestehe sehr gern, Eurybates, dass mir die Natur den besondern Sinn
versagt hat, der dazu gehört, um an dieser niedrig komischen Vorbereitungsscene
zu einer so ernstaften Untersuchung Geschmack zu finden. Ich erkenne in dieser
unzeitig schäkerhaften Hasenjagd, wobei der Leser sich noch allerlei
possierliche Gebärdungen und Grimassen hinzu denken muss, höchstens eine
verunglückte Nachahmung irgend einer Aristophanischen Possenscene, und
allenfalls den Pseudo-Sokrates der Wolken, aber nichts weniger als die fröhliche
Laune dieses immer heitern und wohlgemuten, aber zugleich immer gesetzten und
die Würde seines Charakters nie vergessenden Sokrates, mit welchem ich lange
genug gelebt habe, um das feine Salz, womit sein Scherz gewürzt zu sein pflegte,
von dem widerlichen Meersalz unterscheiden zu können, worein Plato hier (im Zorn
der Grazien, die ihm sonst hold genug zu sein pflegen) einen so unglücklichen
Missgriff getan hat.
    Und was ist nun das Resultat der Entdeckung, die er jetzt auf einmal gemacht
haben will, nachdem er uns schon so lange in so weit ausgeholten Kreisen um den
Brei herumgeführt hat? Oder vielmehr, wie sieht denn der Vogel aus, den er diese
ganze Zeit über in der Hand hatte, und uns in einem Anstoss von jugendlich
mutwilliger Spasshaftigkeit selbst so lange in allen Hecken und Büschen suchen
half? - Man erwartet, wie billig, dass er sich endlich entschliessen werde die
Hand aufzutun, und dem armen, vor Neugier und Ungeduld beinahe platzenden
Glaukon den seltnen Wundervogel vorzuzeigen. Aber nein! Dieser Sokrates sagt und
tut nichts wie andre Menschenkinder, und bei ihm wird uns das schale Vergnügen
einer immerwährenden Ueberraschung bis zur Uebersättigung zu Teil. Er öffnet
zwar die Hand nur eben so weit, dass das Vögelchen mit der Spitze des Schnabels
hervorgucken kann, macht sie aber sogleich wieder zu, fängt wieder von neuem zu
subtilisiren und chicaniren an, und wozu? - Um durch eine Menge unnötiger
Fragen (womit er den ehrlichen Glaukon und uns um so billiger verschonen konnte,
da das alles im Vorhergehenden bereits einige Stunden lang mit der mühseligsten
Genauigkeit aufs Reine gebracht worden war) und durch eine lange Reihe von
Gleichungen zu unsrer grossen Verwunderung endlich heraus zu bringen: die
Gerechtigkeit seiner Republik bestehe darin, dass ein jeder einzelner Bürger der
drei Classen, aus welchen sie zusammengesetzt ist, schlechterdings nur das Eine,
wozu er am meisten Geschick hat und wodurch er dem Ganzen am nützlichsten sein
kann, und sonst nichts anders treibe.
    Wenn ich die verschiedenen, zum Teil sehr verschraubten Formeln, in welchen
er diesen Satz aufstellt, recht verstehe, so läuft alles darauf hinaus: dass in
seiner Republik jeder Mensch und jedes Ding gerade das ist, was es seiner Natur
und Bestimmung nach sein soll; oder um die Sache noch kürzer zu geben: dass jedes
das, was es ist, immer ist. Da ein Wort doch weiter nichts als das Zeichen einer
Sache, oder vielmehr der Vorstellung die wir von ihr haben, ist, so kann es dem
Wort Gerechtigkeit allerdings gleich viel sein, was Plato damit zu bezeichnen
beliebt; aber der Sprache ist dies nicht gleichgültig; und ich sehe nicht mit
welchem Recht ein einzelner Mann, Philosoph oder Schuster, sich anmassen könne,
Worte, denen der Sprachgebrauch eine gewisse Bedeutung gegeben hat, etwas anders
heissen zu lassen als sie bisher immer geheissen haben. Was Plato unter
verschiedenen Formeln Gerechtigkeit nennt, ist bald die innere Wahrheit und Güte
eines Dinges, die ihm eben dadurch, dass es recht ist, oder dass es ist was es
sein soll, zukommt; bald die Ordnung, die daraus entsteht, wenn viele
verschiedene mit einander zu einem gewissen Zweck in Verbindung stehende Dinge
das, was sie vermöge dieser Verbindung sein sollen, immer sind; bald die
Harmonie, die eine natürliche Wirkung dieser Ordnung ist. Aber fürs erste, wenn
sein Geheimnis weiter nichts als das war, so hätte er uns, däucht mich, die Mühe
einer so langwierigen und langweiligen Initiation ersparen können; und zweitens
wird es, wenigstens ausserhalb seiner eigenen Republik, wohl immer bei der
gewöhnlichen allentalben angenommenen Bedeutung des Wortes Gerechtigkeit
verbleiben; und der alte Simonides wird um so mehr Recht behalten, da alle
Platonischen Formeln ohne grosse Mühe sich mit der seinigen in Gleichung setzen
lassen. Denn, indem die Obrigkeit in seinem Staat das ist, was sie sein soll und
nichts anders, erhält und gibt sie (wie er beiläufig selbst gesteht) dem Staat
und jedem einzelnen Gliede desselben, was sie ihm vermöge ihrer Bestimmung
schuldig ist; und eben dasselbe gilt von der Classe der Beschützer oder
Soldaten, und von den sämmtlichen Künstlern, Handwerkern, Feldbauern,
Kaufleuten, Krämern u.s.w., welche Plato mehr seiner Hypotese zu Gefallen, als
aus hinlänglichem Grunde, ohne sich viel um sie zu bekümmern, in die dritte
Classe zusammengeworfen hat.
    Unser platonisirender Sokratiskus hatte sich anheischig gemacht, am Beispiel
einer gerechten Republik im Grossen zu zeigen, was Gerechtigkeit in der Seele
eines Menschen gleichsam im Kleinen sei. Das erste also, was ihm oblag, war, das
Bild eines gerechten, d.i. in sich selbst vollendeten oder vollkommenen Staats
zu entwerfen; und dies ist es, was er bisher nach seiner Weise geleistet hat. Er
fand dass ein ächtes Gemeinwesen - dessen Grundgesetz ist, dass jedes Glied
desselben ausschliesslich ein einziges zum Wohl des ganzen unentbehrliches
Geschäft treibe und dazu erzogen werde, - notwendig aus drei Classen von
Bürgern, aus Regenten, Räten und Aufsehern, aus bewaffneten Beschützern, und
aus einer für die Wohnung, Nahrung, Kleidung, Bewaffnung und andere solche
Bedürfnisse des Staats und seiner Bürger um Lohn arbeitenden Classe bestehen
müsse; und dass auf der Einschränkung eines jeden Bürgers in den Kreis der
einzigen Beschäftigung wozu er am besten taugt, und auf der strengsten
Unterwürfigkeit unter die Gesetze und die Regierung, die gesunde Beschaffenheit
des Staats (die ihm Gerechtigkeit heisst) so wie auf dieser die Erhaltung und der
Wohlstand desselben beruhe.
    Um nun die Anwendung dieser Erklärung der Gerechtigkeit auf den einzelnen
Menschen zu machen, und sich dadurch auch des zweiten Teils seines Versprechens
zu entledigen, unternimmt er seinen Zuhörern zu zeigen: dass in der menschlichen
Seele eben dieselbe Verfassung stattfinde, wie in seiner Republik; nämlich dass
sie, wie diese, aus drei Hauptteilen, oder eigentlich aus drei ihrer Natur nach
verschiedenen wiewohl zusammen Ein Ganzes ausmachenden Seelen bestehe23; in
deren unterster alle Arten von sinnlicher, eigennütziger, an sich selbst
unvernünftiger, zügelloser und unersättlicher Begierden, in der zweiten ein
gewisses mutiges, zürnendes, an sich selbst wildes und unbändiges Wesen (Tymos
vom Plato genannt), das sich gegen alles, was ihm als schlecht, unedel,
ungerecht und ordnungswidrig erscheint, empört und ihm aus allen Kräften
entgegenkämpft, in der dritten und höchsten endlich die Vernunft, und ein
unaufhörliches Streben nach der Wissenschaft des Wahren und Guten, ihren Sitz
haben. Die sämmtlichen Begierden nach Genuss und Besitz körperlicher Gegenstände
und allen Arten von sinnlichen Befriedigungen sind ihm in der Seele, was die
mechanische um Lohn und Gewinn arbeitende Classe in der Republik; zwar zum Leben
eben so unentbehrlich, wie diese, aber sich selbst überlassen, können sie (wie
jene, wofern sie nicht durch die beiden obern Classen in der Zucht erhalten
würden) als blinde und ihrer Befriedigung alles aufopfernde Triebe nichts als
Unheil in der innern Republik des Menschen stiften. Um den Wohlstand derselben
befördern zu helfen, müssen sie also der Vernunft unterworfen und von dieser
immer unter strenger Zucht gehalten werden. Der bewaffneten Classe oder den
Beschützern in Platons Republik entspricht in der inneren Oekonomie des Menschen
das (vorgebliche) zornmütige, streitbare, ruhmbegierige, Wollust und Eigennutz
verachtende, nichts fürchtende, und allem Widerstand Trotz bietende Princip
Tymos, dessen Bestimmung ist, die Regierung der Vernunft zu unterstützen, ihre
Rechte zu schirmen, und den Pöbel der Begierden in gehöriger Ordnung und
Unterwürfigkeit zu erhalten; welches aber, um diese Bestimmung nie zu verfehlen,
zuvor selbst durch Musik und Gymnastik gebändigt und gezüchtet, die
Oberherrschaft der Vernunft, als des natürlichen Regenten dieser Republik im
Menschen, immer anerkennen und seinen höchsten Stolz bloss darin suchen muss, in
Vollziehung ihres Willens keine Gefahr, kein Ungemach, keinen Schmerz zu
scheuen, der Erfüllung dieser Pflicht hingegen jedes Opfer, das sie verlangt,
willig darzubringen. So wie nun die Gerechtigkeit in unsrer grossen Republik in
der gehörigen Einschränkung und Subordination der untersten und mittlern Classe
unter der obersten, und in der daraus entspringenden Harmonie und Einheit des
Ganzen besteht; so hat es, vermöge der Natur der Sache, eben dieselbe Bewandtnis
mit den drei verschiedenen Principien, woraus (nach Plato) die Seele
zusammengesetzt ist; und so wäre denn die wahre Antwort auf die Frage, »was die
Gerechtigkeit in der Seele, an sich selbst, ohne Rücksicht auf irgend etwas
ausser ihr, sei?« glücklich gefunden, und unser redseliger Sokrates, der es sich
in der Tat sauer genug werden liess, die Masche, die er auflösen wollte, so
stark er nur konnte zusammen zu schnüren, und mit so vielen neuen, in einander
verwickelten Knoten zu verstärken, könnte nun billig für heute von aller weitern
Bemühung losgesprochen werden.
    Dass unser Mann in der Art, wie er seine vorgeblichen Untersuchungen
anstellt, sich selbst auch hier gleich bleibt, versteht sich, und was ich gegen
diese Metode bereits erinnert habe, tritt daher auch hier wieder ein.
Eigentlich kann man nicht sagen, dass er untersuche; denn er hat das, was er
seinen Zuhörern suchen zu helfen vorgibt, immer schon in der Hand, und, bei
allem Schein von Gründlichkeit und Subtilität, den er seinen
taschenspielerischen Operationen zu geben weiss, bedarf es doch nur einer mässigen
Aufmerksamkeit, um zu merken, dass er uns täuscht, wenn gleich nicht jeder
Zuschauer ihm scharf genug auf die Finger sehen kann, um gewahr zu werden wie es
damit zugeht. Es würde uns zu weit führen, wenn ich die Wahrheit dieser
Behauptung durch eine umständliche Analyse dieses Teils des vierten Buchs
darlegen, und unsern Tausendkünstler gleichsam nötigen wollte, seine
Handgriffe, einen nach dem andern, so langsam vor unsern Augen zu machen, dass
sie auch dem blödsichtigsten nicht entgehen könnten. Ich will mich also bloss
darauf einschränken, seinen Beweis der drei wesentlich verschiedenen Principien,
die er in der menschlichen Seele entdeckt haben will, etwas näher zu beleuchten,
um zu sehen, ob es wirklich zur Erklärung der mannichfaltigen Erscheinungen in
derselben nötig ist, dreierlei Seelen anzunehmen, oder ob wir uns dazu recht
gut mit einer einzigen behelfen können.
    Gegen das Axiom, worauf er seinen Beweis stützt, dass eben dasselbe Subject
in Widerspruch stehende oder einander aufhebende Dinge unmöglich zugleich und in
eben derselben Hinsicht weder tun noch leiden könne, habe ich nichts
einzuwenden. Wenn er also zeigen kann, dass diese zugegebene Unmöglichkeit
gleichwohl in dem, was wir unsre Seele nennen, täglich als etwas Wirkliches
erscheint, so hat er den Handel gewonnen und ich stehe beschämt.
    Ich übergehe die Einwendungen, die er sich von einem erdichteten Gegner
machen lässt, und die fast zu mühsame Art wie er sie beantwortet; denn ich werde
ihm diese Einwürfe nicht machen. Also ohne Weiteres zu dem Beispiele, woran er
seinem Glaukon klar machen will, dass es ohne seine Hypotese gar nicht zu
erklären sei! Hören wir, wie sich sein Sokrates anschickt, um uns zu diesem
verzweifelten Ausweg zu nötigen.
    Sokrates. Rechnest du den Durst nicht unter die Dinge, die das, was sie
sind, nicht sein könnten, wenn nicht ein anderes wäre, dessentwegen sie sind? -
    Glaukon (sieht ihn an und verstummt).
    Sokrates. Nach was dürstet der Durst?
    Glaukon. Ja so! - Nach einem Trunk.
    Sokrates. Bezieht sich der Durst auf eine gewisse Art von Getränke? Oder
verlangt der Durst, insofern er Durst ist, weder viel noch wenig, weder gut noch
schlecht, sondern lediglich nur etwas zu trinken?
    Glaukon. So ist es allerdings.
    Sokrates. Die Seele des Dürstenden, insofern sie dürstet, will also nichts
als trinken; das ist's, wornach sie trachtet und strebt?
    Glaukon. Offenbar.
    Sokrates. Wenn sie also dürstet, und etwas zieht sie zurück, muss da nicht
noch etwas anders in ihr sein als das, welches dürstet und sie wie ein Tier zum
Trinken treibt? Denn nach unserm obigen Grundsatz ist es ja unmöglich, dass eben
dasselbe, in Ansehung eben desselben Gegenstandes dies oder das und zugleich das
Gegenteil tue?
    Glaukon. Unmöglich.
    Sokrates. So wenig als es recht gesprochen wäre, wenn man sagte, dass ein
Bogenschütze den Pfeil mit beiden Händen zugleich abstosse und anziehe, sondern
die eine Hand zieht an, und die andere stösst ab; nicht so?
    Glaukon. Nicht anders.
    Sokrates. Müssen wir nicht gestehen, dass es Leute gibt, welche nicht trinken
wollen, wiewohl sie durstig sind?
    Glaukon. O gewiss, das begegnet alle Tage nicht wenigen.
    Sokrates. Wie kann man sich das nun erklären, als wenn man sagt, das Etwas
in ihrer Seele, das ihnen zu trinken befiehlt, sei ein Anderes als das, so sie
vom Trinken abhält und stärker als jenes ist?
    Glaukon. So däucht es mir.
    Sokrates. Ist nun das, was uns von dergleichen (sinnlichen Befriedigungen)
zurückhält, nicht ein Werk der Ueberlegung und des Urteils, so wie hingegen
das, was zu ihnen anreizt und hinreisst, Leidenschaft und Krankheit ist?
    Glaukon. So scheint es.
    Sokrates. Haben wir also nicht recht, zwei einander entgegen gesetzte
Principien in der Seele anzunehmen, von welchen wir jenes, kraft dessen sie
urteilt und schliesst, das vernünftige, und dieses, vermöge dessen sie liebt und
hungert und dürstet, und von allen andern Begierden, die zu wollüstiger
Anfüllung und Ausleerung reizen, hingerissen wird, das unvernünftige und
begierliche nennen?
    Glaukon. Wir könnten mit Recht dieser Meinung sein, sollt' ich denken.
    Unser Philosoph fährt nun fort, in dieser kurzweiligen Manier auch das
dritte in der Seele, welches er Tymos nennt, zu betrachten und so lange hin und
her zu schieben, bis er die Aehnlichkeit dieses vorgeblichen Princips mit der
streitbaren Classe in seiner Republik entdeckt, und herausgebracht hat, dass
Tymos mit den Begierden häufig in Streit gerate, und so oft sich diese gegen
das regierende vernünftige Princip auflehnen, mit grossem Eifer die Partei des
letztern nehme, für welches er eine ganz eigene Anmutung habe u.s.w., wozu denn
der gefällige Glaukon immer seine Beistimmung gibt, und sich am Ende gänzlich
für die Hypotese der dreifachen Seele oder der drei Seelen in Einer erklärt. Es
mag eine ganz bequeme Sache sein, mit Schülern zu philosophiren, bei welchen man
immer Recht behält. An Glaukons Stelle hätte ich mich so leicht nicht von dieser
neuen Platonischen Lehre überzeugen lassen, und würde mir die Freiheit genommen
haben, folgende Vorstellungen gegen dieselbe zu machen.
    »Wie eng auch die unbegreifliche Verbindung unsrer Seele mit ihrem Körper
ist, ehrenwerter Sokrates, so kann man doch eben so wenig von der Seele sagen,
dass sie hungre oder dürste, als dass sie esse und trinke; auch ist sie eben so
unschuldig an dem, was du aus geziemender Urbanität lieben nennst, und was (in
dem Sinne, den du diesem Worte hier beilegst) eigentlich bloss den gewaltsamen
Zustand bezeichnet, worin Aristophanes den Gemahl der schönen Lysistrata von der
Armee zu ihr zurückeilen lässt. Alle Triebe, - welche die Befriedigung eines
natürlichen Bedürfnisses des Körpers zum Gegenstand haben, gehören auch dem
Körper zu; sie sind notwendige Folgen seiner Organisation, und werden nur
insofern Begierden der Seele, als diese durch das geheime Band, wodurch sie an
jenen gefesselt ist, sich genötigt fühlt.« - Doch, warum sollte ich dir, lieber
Eurybates, bei dieser Gelegenheit nicht eine kleine Probe geben, dass ich die
Kunst, das Wahre einer Sache durch Frag' und Antwort herauszubringen, unserm
gemeinschaftlichen Meister so gut als Plato abgelernt habe? Wenigstens werde ich
keine hinterlistige und mit einer vorgefassten Hypotese in geheimem
Einverständnis stehende Frage tun, und keine Antwort geben lassen, als die
immer die einzig mögliche ist, die ein vernünftiger Mensch auf die vorgelegte
Frage geben kann. Also, unter Anrufung der schönsten aller Göttinnen, der
Wahrheit, und ihrer ungeschminkten Grazien - zur Sache!
    Aristipp. Mich däucht, lieber Sokrates-Platon, der gute Glaukon hat dir zu
schnell gewonnenes Spiel gegeben. Erlaube dass ich eine kleine Weile seine Stelle
vertrete und in seinem Namen einige unschuldige Gegenfragen an dich tue.
    Sokrates. Frage immer zu.
    Aristipp. Gibt es unter allen Körpern in der Welt einen, den deine Seele den
ihrigen nennt?
    Sokrates. Allerdings.
    Aristipp. Tust du dies nicht, weil deine Seele in einer viel engern,
besonderern und unmittelbarern Verbindung mit ihm steht als mit irgend einem
andern?
    Sokrates. Getroffen!
    Aristipp. Belehrt uns nicht die tägliche Erfahrung, dass wir ohne unsern
Körper weder sehen noch hören, noch von irgend etwas, das ausser uns ist oder zu
sein scheint, ja nicht einmal von uns selbst, die mindeste Kenntnis hätten?
    Sokrates. In diesem Leben wenigstens können wir nichts von allem diesem ohne
unsern Körper.
    Aristipp. Lehrt uns die Erfahrung nicht überdiess, dass wir ohne Hülfe unsers
Leibes nichts von allem, was wir zu verrichten und hervorzubringen wünschen,
ausführen können? Ingleichem, dass sobald der Leib leidet und in seiner
natürlichen Lebensordnung gestört wird, auch die Seele, sie wolle oder nicht,
sich zur Mitleidenheit gezogen fühlt, und je grösser die Leiden ihres Körpers
sind, desto mehr auch in ihren eigenen Verrichtungen, im Denken, und in der
Freiheit ihre Gedanken zu gewissen Absichten zu ordnen, unterbrochen und
aufgehalten wird?
    Sokrates. Ich sehe nicht, wie dies geläugnet werden könnte.
    Aristipp. Ist es also nicht natürlich, dass die Seele in solchen Umständen
und Lagen ein Verlangen trägt, ihrem Körper nach Möglichkeit zu Hülfe zu kommen?
    Sokrates. Sehr natürlich.
    Aristipp. Sollte nun aber nicht eben so natürlich sein, dass eben dieselbe
Seele, die ihrem Leibe wohl will und seine Erhaltung begehrt, auch alles
verabscheuen muss, was seinen Wohlstand unterbricht oder ihn gar zu zerstören
droht? Oder wie sollt' es möglich sein, dass die Seele etwas wollte, ohne das
Gegenteil nicht zu wollen? Oder dass sie etwas ernstlich und eifrig begehrte,
ohne dass sie das, was der Befriedigung dieses Verlangens entgegen steht, aus dem
Wege zu räumen suchte?
    Sokrates. Es ist klar, dass in dem angenommenen Fall das Nichtwollen im
Wollen, das Verabscheuen im Begehren notwendig entalten ist.
    Aristipp. Lehrt uns die Erfahrung nicht, dass, da unser Leib zur Erhaltung
seines Lebens und seiner Kräfte von Zeit zu Zeit Speise und Trank bedarf, die
Natur im Bau desselben eine solche Einrichtung getroffen hat, dass wir durch eine
gewisse Unbehäglichkeit an dieses Bedürfnis erinnert werden, und dass diese
Unbehäglichkeit, je nachdem das Bedürfnis grösser und dringender wird, so lange
zunimmt, bis es endlich peinvoll und unausstehlich ist?
    Sokrates. Wiewohl ich das letztere nicht aus eigener Erfahrung weiss, so
zweifle ich doch so wenig daran, dass die unmittelbare Erfahrung mich nicht
stärker überzeugen könnte.
    Aristipp. Wie nennst du diese Aufforderung der Natur jenen Bedürfnissen
unsers Leibes zu Hülfe zu eilen?
    Sokrates. Hunger und Durst.
    Aristipp. Und das wodurch beiden abgeholfen wird?
    Sokrates. Speise und Trank.
    Aristipp. Sollten wir also den Hunger und den Durst, als Gefühle, die uns
die Natur selbst aufgedrungen hat, nicht mit gutem Fug Naturtriebe nennen
können?
    Sokrates. Ich sehe nicht was uns daran hindern sollte.
    Aristipp. Wenn mich dürstet, regt sich der Trieb zum Trinken zunächst im
Leibe, der des Getränks bedarf, oder in der Seele, die weder trinken kann noch
dessen für sich selbst nötig hat?
    Sokrates. Nur ein Wahnsinniger könnte das letztere behaupten.
    Aristipp. Man kann also, eigentlich zu reden, nicht sagen, die Seele dürste;
und Plato hatte ein wenig Unrecht, einen so vernünftigen Mann wie du bist, etwas
so Unschickliches sagen zu lassen.
    Sokrates. Schlimm genug für mich oder ihn, dass ihm das nur gar zu oft
begegnet.
    Aristipp. Wenn also, wie die Erfahrung gleichfalls lehrt, dieser körperliche
Trieb, welcher unmittelbar aus dem Gefühl des Bedürfnisses entsteht, in der
Seele des Dürstenden zur Begierde jenen Trieb zu befriedigen, und zur
Verabscheuung des aus der Nichtbefriedigung entstehenden peinlichen Zustandes
wird, kommt dies nicht bloss daher, weil sie an dem Zustande des Leibes, ihres
unmittelbaren Gefährten und Gehülfen, Anteil zu nehmen genötigt ist; und weil
sie, auch um ihrer selbst willen, desto lebhafter und ungeduldiger wünschen muss,
dass der Dürstende zu trinken bekomme, je dringender sein Bedürfnis, je quälender
sein Durst, und je peinlicher folglich ihr selbst die Hemmung ihrer freien
Tätigkeit wird, die eine natürliche Folge desselben ist?
    Sokrates. Ich sehe nicht, wie ich mir die Sache anders denken könnte.
    Aristipp. Wenn nun kein besonderer Grund vorhanden ist, warum der Dürstende
sich des Trinkens entalten soll, so ist auch nichts da, was die Ueberlegung
oder die Vernunft verhindern könnte, ihre Einwilligung dazu zu geben; Trieb,
Begierde und freier Wille fallen alsdann in einander, und es ist klar, dass wir
nicht zwei verschiedene Principien anzunehmen brauchen, um das, was in der Seele
dabei vorgeht, begreifen zu können. Lass hingegen irgend einen Grund des
Nichttrinkens vorhanden sein, z.B. dass kein anderes als stinkendes Wasser, oder
irgend ein Getränk, dessen Schädlichkeit dem Dürstenden bekannt ist, vorhanden,
oder dass noch vorher irgend ein äusserst dringendes Geschäft abzutun, der Durst
hingegen noch erträglich wäre: so würde zwar der mechanische Trieb zum Trinken
nichts dadurch von seiner Stärke verlieren, aber die Begierde, durch die
Ueberlegung unterdrückt, würde dem Willen nicht zu trinken Platz machen; und
dies auf eben die Weise, wie wir, wenn wir uns mit Ueberlegung, aber aus irriger
Meinung zu etwas entschlossen haben, unsern Entschluss ändern, sobald wir den
Irrtum gewahr werden, wiewohl es eben dieselbe Vernunft ist, die uns in beiden
Fällen bestimmt. Oder sollte es etwa, zu Erklärung dieser so häufig vorkommenden
Veränderlichkeit unsrer Meinungen und Entschliessungen, einer zweifachen
vernünftigen Seele bedürfen, einer die sich irren kann, und einer andern, die
sich nie irrt, und welcher jene untertan zu sein verbunden ist?
    Sokrates. Mich dünkt eine und eben dieselbe Seele sollte hinlänglich sein,
alles was in den besagten Fällen in ihr vorgeht zu bestreiten.
    Aristipp. So lange uns also Plato nicht gezeigt haben wird, dass es andere
Fälle gebe, wo der Mensch in eben demselben unteilbaren Augenblick, in Ansehung
eben desselben Gegenstandes, von der Begierde nach einer gewissen Richtung, und
von der Vernunft nach der entgegengesetzten gezogen werde, ist keine Ursache
vorhanden, warum wir aus dem was in uns begehrt, und dem was in uns überlegt und
wählt, zwei verschiedene Seelen machen sollten.
    Sokrates. Aber wie, wenn (um bei unserm bisherigen Beispiele zu bleiben) der
Durst endlich auf einen so hohen Grad dringend würde, dass seine Pein
unausstehlich wäre, und der Dürstende könnte schlechterdings keines andern
Getränkes habhaft werden als eines Bechers voll Schierlingssaft, entstände da
nicht der Fall, wo Begierde und Ueberlegung den Menschen zugleich nach zwei
entgegen gesetzten Richtungen ziehen würde?
    Aristipp. Ich weiss nicht ob jemals ein solcher Fall stattgefunden haben mag;
wenigstens werden wir, weil die Erfahrung uns hier verlässt, das, was in diesem
unbekannten Falle geschehen müsste, nur aus dem, was uns von der menschlichen
Natur überhaupt bekannt ist, oder aus ähnlichen Fällen durch Mutmassung
herausbringen können. Auf alle Fälle ist gewiss, dass eben dieselbe Seele, die dem
dringenden Bedürfnis des verlechzenden Körpers um jeden Preis abgeholfen wissen
will, den Gifttrank, sobald sie ihn für einen solchen erkennt, insofern er dem
Körper die gänzliche Zerstörung droht, verabscheuen muss. Demungeachtet bin ich
überzeugt, sobald das Bedürfnis zu trinken aufs äusserste, und folglich die Pein
des Durstes auf einen so fürchterlichen Grad gestiegen wäre, dass dem
Unglücklichen nich übrig bliebe, als sein Leben an die Erleichterung der
gegenwärtigen Qual zu setzen: so würde nicht nur der sinnliche Abscheu von der
wütenden Begierde übertäubt werden, sondern die Vernunft selbst, wenn sie kein
anderes Rettungsmittel vorzuschlagen hätte, würde die leichtere und schnellere
Todesart der grausamem vorziehen, und der Begierde keinen vergeblichen
Widerstand entgegen setzen. -
    Aber genug, lieber Eurybates, für eine kleine Probe, welche freilich dreimal
so gross hätte ausfallen mögen, wenn ich, nach der Weise meines Vorgängers, jede
Frage noch in zwei oder drei dünnere hätte spalten wollen.
    In Betreff des sogenannten Tymos, welchen Plato zum dritten - ich weiss
nicht was in unsrer Seele macht, muss ich zu dem bereits Gesagten nur noch
hinzusetzen, dass alle Schwierigkeiten von selbst wegfallen, sobald bei den
Erscheinungen, die er unter dieser Benennung begreift, das, was seinen
unmittelbaren Grund in der organischen Beschaffenheit des Leibes hat, von dem
was das eigentliche Werk der Seele dabei ist, so genau als möglich unterschieden
wird. Ueberhaupt fehlt sehr viel, dass dieses vorgebliche Princip bei allen
Menschen gleiche Wirkungen hervorbringe: die Verschiedenheit des Temperaments,
der Nervenstärke und Muskelkraft, der von Jugend an gewohnten Lebensweise und
anderer Umstände, gibt gar verschiedene Resultate. Der eine zittert vor dem
blossen Anschein einer Gefahr, da ein andrer gar nicht weiss was Furcht ist, und
seinen Mut mit der Gefahr steigen fühlt. Dieser ergrimmt über etwas, das jenen
kaum aus dem Gleichgewicht rückt. Bei einigen ist hoher Mut mit Sanfteit und
Zartgefühl, bei ungleich mehreren mit Rohheit, Härte und Gefühllosigkeit
verbunden, u.s.w. Das aber, was ohne Zweifel allen Menschen gemein ist, - der
natürliche, mit mehr oder minder lebhaftem Widerstand verbundene Abscheu vor
allem, was unsern gegenwärtigen Zustand zu verschlimmern, oder gar unser Wesen
selbst zu zerstören droht, - und die Begierde alles, was sich als angenehm,
unserm Wesen zuträglich und den Genuss unsers Daseins verstärkend, kurz, was sich
uns unter der freundlichen Gestalt des Schönen und Guten darstellt, an uns und
so viel möglich in uns hineinzuziehen, - ich sage jener Abscheu und Widerstand
entspringt mit dieser Begierde und Anziehung aus einer und eben derselben
Wurzel. Beide bedürfen, um uns in ihren Wirkungen begreiflich zu werden, keines
andern Princips, als dessen, worin unser Wesen selbst besteht, dieser sich
selbst bewege den Kraft, die sich in dem unaufhörlichen Bestreben äussert, ihr
durch den Körper beschränktes, aber innigst mit ihm verwebtes Sein zu geniessen,
zu nähren, zu erweitern und zu erhöhen; und die immer eben dieselbe ist, es sei
nun dass sie, als Begierde, das was ihr gut scheint an sich zu ziehen, oder, als
Abscheu, das wirkliche oder vermeinte Böse zurückzustossen strebt. Zu Erklärung
dieser so notwendig mit einander verbundenen und unter der Regierung der
Vernunft so harmonisch zu einerlei Zweck zusammenwirkenden Bestrebungen eben
derselben Kraft, zwei besondere Seelen anzunehmen, dünkt mich eben so
unphilosophisch, als wenn man, um sich die verschiedenen Wirkungen der Liebe und
des Hasses zu erklären, eine liebende und eine hassende Seele erdichten wollte.
Nach Platons Art zu räsonniren würden wir zuletzt jeder besondern Leidenschaft,
wiewohl sie alle aus einerlei Quelle entspringen, ihre eigene Seele geben
müssen; denn sehen und erfahren wir nicht täglich bei tausend Gelegenheiten, dass
eine begehrliche Leidenschaft mit einer andern, öfters sogar mit mehrern
zugleich (z.B. der Geiz mit Gewinnsucht, Eitelkeit und Lüsternheit) in
offenbaren Widerspruch gerät?
    Doch genug und schon zu viel über die zwei untersten Endpunkte des
Platonischen Seelen-Dreiecks. Sollte es mit der vernünftigen Seele, welche die
oberste Spitze desselben ist, nicht die nämliche Bewandtnis haben? Sollten sich
nicht alle Erscheinungen und Wirkungen der Sinnlichkeit und der
Einbildungskraft, des Verstandes und des Willens, der Leidenschaften und der
Vernunft, sehr wohl aus einer und eben derselben mit einem organischen Körper
vereinigten Seele erklären lassen? Können sie nicht ganz natürlich und
ungezwungen als blosse verschiedene Modalitäten oder Zustände eben derselben
selbsttätigen Kraft gedacht werden, welche, je nachdem sie von ihrem Körper und
andern in sie einwirkenden Dingen ausser sich mehr oder minder eingeschränkt
wird, und je nachdem sie sich selbst aus verschiedenen Beweggründen und
Absichten eine andere Richtung oder Stimmung gibt, oder ihre Kraft höher oder
tiefer spannt, sich unter andern Gestalten zeigt und andere Benennungen erhält?
Sind wir nicht sogar durch das innigste Selbstbewusstsein genötigt, unser Ich in
allen seinen Veränderungen, Zuständen und Gestalten, selbst in den
ungleichartigsten und unverträglichsten (z.B. im Uebergang aus der Trunkenheit
einer heftigen Leidenschaft in den heitern Stand der ruhigen Besonnenheit) für
ebendasselbe zu erkennen? Ich möchte wohl sehen, wie uns Plato dieses
immerwährende Zusammenfliessen seiner drei Seelen in der Einheit des Bewusstseins,
ohne eine ihm und uns bisher unbekannte vierte Seele, begreiflich machen wollte?
    Uebrigens bedarf es kaum der Erwähnung, dass ich gegen die allgemeinen, aller
ächten Lebensweisheit zum Grunde liegenden Wahrheiten, womit sich das vierte
Buch schliesst, und gegen die Formel, in welcher Plato seine Teorie über
Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit zusammenfasst - »dass die Tugend der Seele eben
das sei, was Gesundheit, Schönheit und vollkommenes Wohlbefinden dem Leibe,« und
gegen die Behauptung - »dass beide Arten von Gesundheit aus einerlei Ursachen
entspringen, wenn nämlich jeder Teil, in gehörigem Verhältnis zu den übrigen,
nichts als sein ihm eigentümliches Geschäft verrichte, und im Ganzen die
reinste Uebereinstimmung und Ordnung herrsche« - nichts zu erinnern habe. Warum
er uns aber zu so sonnenklaren, von niemand, meines Wissens, bestrittenen und,
wie er selbst gesteht, so augenscheinlich vor unsern Füssen liegenden Wahrheiten
auf solchen Umwegen und durch so viele struppichte Dornhecken geführt hat,
bleibt indessen immer eine Frage, die er selbst vielleicht durch den Ausspruch
des alten Hesiodus beantwortet glaubt: dass die Götter es nun einmal so in der
Art haben, den Sterblichen nichts Gutes ohne grosse Müh' und Beschwerde zukommen
zu lassen.
 
                                       7.
                            Fortsetzung des Vorigen.
Der Platonische Sokrates hat, seinem eigenen mehrmaligen Vorgeben nach, die Idee
seiner Republik zu keinem andern Ende aufgestellt, als um an einem gross in die
Augen fallenden Vorbilde desto deutlicher zeigen zu können, was Gerechtigkeit
und Ungerechtigkeit an sich selbst in der Seele und für die Seele sei, von
welcher die eine oder die andere Besitz genommen habe. Mit dieser Arbeit ist er
nun in den vier ersten Büchern dieses Dialogs glücklich zu Stande gekommen; er
hat überflüssig geleistet, was er versprochen hatte, und in der Tat viel mehr
als er schuldig war. Man erwartet also die Gesellschaft entweder auseinander
gehen, oder eine neue Materie zum Gespräch auf die Bahn gebracht zu sehen. Aber
Plato hat es bereits darauf angelegt, dass er nur die Fäden, die er hier und da,
wie es schien bloss zufälliger Weise, aber in der Tat absichtlich fallen liess,
nach und nach wieder aufzunehmen braucht, um an seinem reichen und
vielgestaltigen Gewebe in die Länge und Breite so lange fortzuweben, als es
seine mit dem Werke selbst wachsende Lust und Liebe nur immer auszuhalten
vermögend sein wird. Sein Sokrates stellt sich also am Schluss des vierten Buchs,
als ob er sich auf einmal erinnere, dass er, um die Gerechtigkeit gegen ihre
Gegner vollständig zu verteidigen, noch zu untersuchen habe: welches von beiden
nützlicher sei, gerecht und tugendhaft zu sein, auch wenn man weder von Göttern
noch Menschen dafür anerkannt wird, oder ungerecht, wenn man es gleich
ungestraft sein könnte? Glaukon, der seit geraumer Weile eine ziemlich
schülerhafte Rolle spielen musste, erhält hier Gelegenheit, durch seine Weigerung
an einer so überflüssigen Untersuchung Teil zu nehmen, seinen Verstand wieder
bei uns in Credit zu setzen. Es wäre lächerrlich, sagt er, nachdem so ausführlich
erwiesen worden, dass Gerechtigkeit Gesundheit der Seele sei, erst noch zu
untersuchen, ob es nützlicher sei, krank oder gesund zu sein? - Sokrates gesteht
das Lächerliche einer solchen Untersuchung, meint aber doch, da sie nun bereits
einen so hohen Standpunkt erstiegen hätten, sollten sie sich's nicht verdriessen
lassen, so weit sie könnten herumzuschauen, um sich desto vollständiger zu
überzeugen, dass es diese Bewandtnis mit der Sache habe. Wenn er dies tun wolle,
fährt er fort, so werde er sehen, dass die Tugend nur Eine Gestalt oder Form
habe, die Untugend hingegen unzählige. Unter diesen seien jedoch nur vier
vorzüglich bemerkenswert, deren jede die Form einer nichts taugenden Art sowohl
von Staats- als von Seelen-Verfassung sei. Es gebe nämlich genauer zu reden -
nicht (wie er eben gesagt hatte) unzählige, sondern nur fünferlei
Regierungsformen, und eben so viele verschiedene Verfassungen der Seele. Die
erste sei diejenige, welche sie bisher mit einander durchgangen hätten; sie
könnte aber unter zweierlei Benennungen erscheinen: wenn nämlich unter den
Vorstehern des Staats Einer als der vorzüglichste alle andern regiere, werde sie
Monarchie, wenn der Staat hingegen unter mehrern Regenten stehe, Aristokratie
genennt. Im Wesentlichen sei es aber in seiner Republik ganz einerlei, ob sie
von Mehrern oder nur von Einem regiert werde; denn vermöge der Erziehung, welche
alle zum Regieren bestimmten Personen in derselben erhielten, würde dieser
Einzelne so wenig als jene Mehrern das Mindeste an den Grundgesetzen des Staats
ändern; und in dieser Rücksicht begreife er beide Regierungsarten unter Einer
Form. Da nun diese die gute und rechte sei, so folge von selbst, dass die andern
vier nichts taugen müssten.
    Wie er eben anfangen will, dieses von einer jeden besonders mit seiner
gewöhnlichen Ausführlichkeit zu beweisen, entsteht auf Anstiften Polemarchs und
Adimants ein kleiner Aufruhr unter den anwesenden Teilnehmern an diesem
Gespräch. Man erinnert sich, dass, als vorhin von verschiedenen die Polizei der
idealischen Republik betreffenden Dingen, für welche die Archonten derselben zu
sorgen haben würden, die Rede war, Sokrates sich, wie von ungefähr, ein Wort
davon hatte entfallen lassen, als ob es sich von selbst verstehe, dass in den
obern Classen Weiber und Kinder gemein sein müssten.
    Ein so paradoxer Satz hätte nun freilich den Adimantus, an welchen er
gerichtet war, sowohl als alle übrigen gewaltig vor die Stirne stossen sollen:
aber dies wäre dem Verfasser damals ungelegen gekommen. Man liess ihn also
unbemerkt auf die Erde fallen, und Adimant, der fast immer nichts als ja
freilich zu antworten gehabt hatte, sagte wie in einer Zerstreuung: das alles
würde so in der besten Ordnung sein. Wir sehen aber aus dem Eifer, womit er und
Glaukon und die übrige Gesellschaft jetzt auf einmal in Sokrates dringen, sich
über diese Gemeinschaft der Weiber und Kinder unter den Beschützern seiner
Republik näher zu erklären, dass sie ihnen stark genug aufgefallen sein musste;
nur sehen wir nicht, warum sie die Erklärung nicht damals, da es so natürlich
war, sie zu fordern, sondern gerade jetzt, da keine Veranlassung dazu vorhanden
ist, von ihm verlangen.
    Platon lässt hier seinen Sokrates abermals (wie er schon öfters getan hat,
und in der Folge noch mehrmal tun wird) um die Neugier der Zuhörer noch mehr zu
reizen, den Eiron spielen und sich stellen, als ob er grosses Bedenken trage sich
auf eine so häkelige Materie einzulassen, da er voraussehe, wie vielerlei neue
Fragen, Zweifelsknoten und Streitigkeiten sie nach sich ziehen werde. Was tut
das, sagt Trasymachus; sind wir denn nicht deswegen hier, um uns mit
interessanten Discursen zu unterhalten? - Das wohl, versetzt jener, aber alles
mit Mass! - O Sokrates, ruft der ungenügsame Glaukon aus, was nennst du mit Mass?
Verständige Menschen würden ihr ganzes Leben lang solchen Discursen zuhören, und
noch immer nicht genug haben! - Du merkst doch, Eurybates, wem dies eigentlich
gilt, und wozu es gesagt ist? Der Philosoph hat, wie du siehst, darauf
gerechnet, recht viele Glaukonen zu Lesern zu haben, und hat ihnen wenigstens
seinen guten Willen zeigen wollen, ein Buch zu schreiben woran sie ihr ganzes
Leben lang zu lesen haben.
    Aber Sokrates macht noch immer Schwierigkeiten. Man werde, sagt er, fürs
erste nicht glauben wollen, dass eine solche Einrichtung ausführbar sei; und wenn
man dies auch zugäbe, so werde man doch nicht glauben, dass sie die beste sei. Er
erklärt sich also nochmals, dass er sehr ungern daran gehen würde diese Dinge zu
berühren, aus Furcht man möchte die ganze Sache bloss für ein windichtes Project
halten. Da aber Glaukon schlechterdings nicht von ihm ablässt, und ihn zu
bedenken bittet, dass er weder undankbare, noch unglaubige, noch übelwollende
Zuhörer habe: so rückt er endlich aufrichtiger mit der Sprache heraus, und wir
vernehmen zu unsrer grossen Verwunderung: der wahre Grund seiner Schüchternheit
sei eigentlich bloss, weil er selbst nicht recht überzeugt sei, dass es mit diesem
Teil der Gesetze, die er seiner Republik zu geben gedenkt, so ganz richtig
stehe, und er also grosse Gefahr laufe, nicht etwa bloss sich lächerrlich zu machen
(denn das würde wenig zu bedeuten haben), sondern, indem er auf einem so
schlüpfrigen Wege im Dunkeln nach der Wahrheit herumtappe, auszuglitschen, und,
was noch schlimmer wäre, auch noch seine Freunde im Fallen mit sich
nachzuziehen. Er wolle also Adrasteen zum voraus fussfällig angefleht haben, ihm
zu verzeihen, wenn das, was er jetzt zu sagen vorhabe, etwa gegen seine Absicht,
strafwürdig sein sollte; denn (sagt er) ich bin der Meinung dass es eine kleinere
Sünde sei, jemanden unvorsetzlich todt zu schlagen, als ihn in Dingen, wo es auf
das, was schön und gut, rechtlich und sittlich ist, ankommt, irre zu führen; -
eine Gefahr, die man allenfalls eher bei Feinden als bei Freunden laufen möchte.
Siehe also zu, lieber Glaukon, wie du es angreifen willst, um mir zu einem
solchen Wagestück Mut zu machen. - Wohlan denn, sagt Glaukon lachend, wenn wir
ja durch das, was du sagen wirst, in einen falschen Ton geraten sollten, so
sprechen wir dich zum voraus von aller Schuld und Strafe los. Rede also ohne
Scheu. - Gut, erwiedert Sokrates, wer hier losgesprochen wird, ist dort rein,
wie das Gesetz sagt: hoffentlich also wenn er es dort ist, wird er es auch hier
sein. - So lass dich denn nichts mehr abhalten, anzufangen, sagt Glaukon, und
jener entschliesst sich endlich dazu, doch nicht ohne nochmals zu verstehen zu
geben, dass es ihn viele Ueberwindung koste, und dass er vielleicht besser getan
hätte, sich die Sache sogleich bei der ersten Erwähnung vom Halse zu schaffen. -
Und wozu, um aller Götter willen! alle diese langweiligen Grimassen, welche
Plato seinen verkappten Sokrates hier machen lässt? Ist's Ernst oder Scherz? Im
letztern Fall konnte wohl nichts unzeitiger sein (um kein härteres Wort zu
gebrauchen) als in einer solchen Sache den Spass so weit zu treiben; bittet er
aber Adrasteen (mit der man sonst eben nicht zu scherzen pflegt) in vollem Ernst
um Nachsicht, und ist es wirklich zweifelhaft, ob die neuen Gesetze, die er
seiner Republik zu geben gedenkt, gut, gerecht und geziemend sind: was in aller
Welt nötigte ihn sie zu geben? zumal, da der Zweck, wozu er diese Republik
erdichtete, bereits erreicht ist, und vollkommen erreicht werden konnte, ohne
dass die Rede davon zu sein brauchte, wie die junge Brut in derselben gezeugt und
abgerichtet werden sollte? Und wie kommt es, wofern sein Zaudern und
Achselzucken nicht eine platte und aller öffentlichen Ehrbarkeit spottende
Spassmacherei ist, dass er, sobald er über der Darlegung seiner widersinnischen
Ehgesetze ein wenig warm wird, auf einmal aller seiner vorigen Aengstlichkeit
vergisst, und so positiv und zuversichtlich mit den anstössigsten Behauptungen
herausrückt, als ob sich nicht das Geringste mit Vernunft dagegen einwenden
liesse, und als ob er auf lauter so gefällige Leser rechne, wie sein vom Zuhören
berauschter Freund Glaukon, der für die paradoxesten Sätze immer die
eilfertigste Beistimmung in Bereitschaft hat? - Ich gestehe, dass ich auf diese
Fragen keine Antwort weiss.
    Uebrigens, lieber Eurybates, wirst du mir hoffentlich eine ausführliche
Beurteilung dieses Teils der Platonischen Republik (dem ich ungern seinen
rechten Namen geben möchte) um so geneigter nachlassen, da, so viel ich selbst
sehe und von andern höre, allentalben nur Eine Stimme darüber ist. Das Unwahre,
Ungereimte und Unnatürliche in diesen Ehgesetzen liegt freilich so unverschämt
nackend vor allen Augen da, dass der erste Eindruck nicht anders als unserm
Philosophen nachteilig sein kann; zumal da sein Sokrates gerade die
auffallendsten Verordnungen mit der gefühllosesten Kaltblütigkeit vorträgt, und
z.B. von dem anbefohlenen Abtreiben oder Aussetzen der Kinder, die aus der
Vereinigung der Männer unter dreissig und über fünfundfunfzig Jahren mit Weibern
unter zwanzig und über vierzig etwa erfolgen möchten, nicht anders spricht, als
ob die Rede von jungen Hunden oder Katzen wäre. Freilich ist diese Sprache dem
Gesichtspunkt gemäss, woraus er diesen Gegenstand betrachtet; indessen konnte er
doch, wie verliebt er auch in sein System sein mag, leicht voraussehen, dass sein
Grundsatz, »das Verfahren bei Paarung der Pferde und Hunde, wenn man eine gute
Zucht erhalten will, müsse, ohne alle Einschränkung und in der grössten Strenge,
auch auf die Menschen angewandt werden;« und die männliche gymnastische
Erziehung, die er (diesem Grundsatz zufolge) den menschlichen Stuten und Fähen,
die zur Paarung mit den menschlichen Hengsten und Rüden seiner kriegerischen
Bürgerclasse bestimmt sind, mit allen den unsittlichen und zum Teil
unmenschlichen, der Natur Trotz bietenden Gesetzen, wodurch er die Gemeinschaft
der Weiber und Kinder in seiner Republik unschädlich und zweckmässig zu machen
vermeint - er konnte, sage ich, leicht genug voraussehen, dass dieses, gegen das
allgemeine Gefühl so hart anrennende Paradoxon, in einem so zuversichtlichen Ton
und so kaltblütig vorgebracht, alle seine Leser empören, und das Gute, so er
etwa durch die vortrefflichen Partien dieses wichtigsten aller seiner Werke
hätte stiften können, bei vielen, wo nicht bei den meisten, unkräftig machen und
vernichten werde.
    Aber gerade der Umstand, dass er stockblind hätte sein müssen, um dies nicht
vorauszusehen, und dass er sich dennoch nicht dadurch abschrecken liess, muss uns
billigerweise auf einen Punkt aufmerksam machen, der, wenn wir gerecht gegen ihn
sein wollen, nicht übersehen werden darf; nämlich auf den Gesichtspunkt, aus
welchem er selbst die Sache angesehen hat. Denn ich müsste mich sehr irren, oder
dies würde uns begreiflich machen, wie es zugegangen, dass ein Mann wie er sein
eigenes Gefühl so seltsam übertäuben konnte, um baren Unsinn für Aussprüche der
höchsten Vernunft zu halten? - Plato scheint mir von den Geometern und Rechnern
angenommen zu haben, dass er immer gewisse Begriffe und Sätze, als an sich selbst
klar, ohne Beweis (wenigstens ohne strengen Beweis) voraussetzt, aus diesen aber
sodann mit der genauesten Folgerichtigkeit alles ableitet, was sowohl aus ihnen
selbst, als aus ihrer Verbindung mit andern Begriffen und Sätzen gleicher Art,
durch Schlüsse herausgebracht werden kann. Wo von Zahlen, Linien und Winkeln die
Rede ist, kann diese Art zu räsonniren nicht leicht irre führen; oder, wofern
dies auch begegnen sollte, so ist der Irrtum wenigstens leicht und sicher zu
entdecken: aber wo es um Auflösung solcher Aufgaben zu tun ist, die den
Menschen und dessen Tun und Lassen, Wohl- oder Uebelbefinden, vornehmlich seine
ursprüngliche Natur, seine innere Organisirung, seine Verhältnisse zu den
übrigen Dingen, seine Anlagen, seinen Zweck, seine Erziehung und Bildung für das
gesellschaftliche, bürgerliche und kosmopolitische Leben, und andere hierher
gehörige Gegenstände betreffen, kurz, bei Gegenständen, an welche man weder
Messschnur noch Winkelmass anlegen kann, findet jene Metode keine sichere
Anwendung. Der Mensch lässt sich nicht, wie eine regelmässige geometrische Figur,
in etliche scharf gezogene gerade Linien einschliessen; und es sind vielleicht
noch Jahrtausende einer anhaltenden, eben so unbefangenen als scharfsichtigen
Beobachtung unsrer Natur vonnöten, bevor es möglich sein wird, nur die
Grundlinien zu einem ächten Modell der besten gesellschaftlichen Verfassung für
die wirklichen Menschen zu zeichnen; und selbst dieses Modell würde für jedes
besondere Volk, durch dessen eigene Lage und die Verschiedenheit der Zeit- und
Ortsumstände, auch verschiedentlich bestimmt und abgeändert werden müssen. Aber
auf alles dies nimmt ein Plato keine Rücksicht; und da seine Nephelokokkygia
nicht auf der Erde, sondern in den Wolken, d.i. so viel als nirgendswo existirt,
und nicht mit physischen Menschen, wie die Natur sie in die Welt setzt, sondern
mit menschenähnlichen Phantomen von seiner eigenen Schöpfung besetzt ist, so ist
er freilich Herr und Meister, sowohl den Elementen seines Staats als dem Ganzen
die Gesetze vorzuschreiben, deren Beobachtung am geradesten und gewissesten zu
seinem Endzweck führt. Anfangs ist es, in seiner Voraussetzung, bloss das Gefühl
körperlicher Bedürfnisse, was eine Handvoll Hirten, Ackerleute und Handwerker
bewegt, den ersten Grund zu seiner Republik zu legen. Der kleine Staat erweitert
sich unvermerkt; die Anzahl der Bürger nimmt zu; ihre Bedürfnisse desgleichen.
Nicht lange, so fühlt man, dass ohne innere und äussere Sicherheit der Zweck der
neuen Gesellschaft nicht erhalten werden könnte; dass zu Erzielung der innern
Sicherheit gute Zucht und Ordnung, zu Handhabung der Ordnung Gesetze, zu
Vollziehung der Gesetze eine Regierung, und zum Schutz der Regierung und des
Staats überhaupt eine bewaffnete Macht vonnöten ist. Um nun dies alles seinem
Ideal gemäss so zweckmässig als möglich einzurichten, baut unser philosophischer
Lykurg seine ganze Gesetzgebung auf zwei Grundgesetze. Das erste ist: die
höchste Wohlfahrt des Ganzen soll der einzige Zweck des bürgerlichen Vereins
oder des Staats sein, also auf das Wohl eines jeden einzelnen Gliedes nur
insofern, als es ein Bestandteil des Ganzen und eine Bedingung des allgemeinen
Wohlstandes ist, Rücksicht genommen werden; folglich jedermann verbunden sein,
für den Staat zu arbeiten, zu leben und zu sterben, und nur, insofern er diese
Bedingung erfüllt, soll er seinen verhältnissmässigen Anteil an dem Wohlstand
desselben nehmen dürfen. Das zweite: zu Verhütung aller schädlichen Folgen,
welche in andern Republiken daraus entstehen, wenn jedermann sich nach Willkür
beschäftigen und also auch mit Sachen, die er nicht versteht und für die er kein
Talent hat, sich bemengen darf, soll jeder Bürger nur Eine Art von Hantierung
oder Geschäfte treiben und darin die möglichste Vollkommenheit zu erreichen
suchen.
    Beide Grundgesetze scheinen auf den ersten Anblick ihre Richtigkeit zu
haben: allein so scharf und ohne alle Einschränkung, wie Plato sie annimmt, sind
sie nicht was sie scheinen, und könnten auf keinen wirklichen Staat ohne die
nachteiligsten Folgen angewendet werden. Der Irrtum liegt darin, dass er die
Bürger als organische Teile eines politischen Ganzen, d.i. als eben so viele
Gliedmassen Eines Leibes betrachtet, welche nur durch ihre Einfügung in denselben
leben und bestehen, keinen Zweck für sich selbst haben, sondern bloss zu einem
gewissen besondern Dienst, den sie dem Ganzen leisten, da sind. Da dies bei den
Gliedmassen eines jeden organischen Körpers wirklich der Fall ist, so kann man
freilich mit Grund behaupten: dass die Glieder um des Leibes willen da sind,
nicht der Leib um der Glieder willen. Allein mit einer bürgerlichen
Gesellschaft, die aus lauter für sich bestehenden Gliedern zusammengesetzt ist,
hat es eben deswegen eine ganz andere Bewandtnis. Die Menschen, woraus sie
besteht, haben sich (wie Plato selbst anfangs voraussetzt), bloss in der Absicht
vereinigt, ihre natürlichen, d.i. ihre weltbürgerlichen Rechte, in die
möglichste Sicherheit zu bringen, und sich durch diesen Verein desto besser zu
befinden. Hier ist es also gerade umgekehrt: der Staat ist um des Bürgers willen
da, nicht der Bürger um des Staats willen. Die Erhaltung des Staats ist nur
insofern das höchste Gesetz, als sie eine notwendige Bedingung der Erhaltung
und der Wohlfahrt seiner sämmtlichen Glieder ist; nur, wenn es allen Bürgern,
insofern jeder nach Verhältnis und Vermögen zum allgemeinen Wohlstand mitwirkt,
verhältnissmässig auch wohl ergeht, kann man sagen, dass der Staat sich wohl
befinde; und damit dies möglich werde, darf der Einzelne in freier Anwendung und
Ausbildung seiner Anlagen und Kräfte nur so wenig als möglich, d.i. nicht mehr
eingeschränkt werden, als es der letzte Zweck des Staats, mit Rücksicht auf die
äussern von unsrer Willkür unabhängigen Umstände, unumgänglich nötig macht.
Daher ist denn auch das zweite Grundgesetz der Platonischen Republik so vielen
genauern Bestimmungen, Einschränkungen und Ausnahmen unterworfen, dass, wofern es
so scharf und streng, wie Plato will, in Ausübung gebracht würde, eben dadurch,
dass es den einzelnen Bürgern ungebührliche und unnötige Gewalt antut, dem
Ganzen selbst weit mehr Schaden als Vorteil daraus erwachsen müsste. Doch dies
nur im Vorbeigehen; denn es gehörig auszuführen und anschaulich zu machen, würde
ein grösseres Buch erfordert, als ich, so lange noch etwas Besseres zu tun ist,
zu schreiben gesonnen bin.
    Sobald man unserm Philosophen seine beiden Grundgesetze zugegeben hat, so
ist alles Uebrige in seiner Gesetzgebung so folgerichtig und zweckmässig als man
nur verlangen kann. Vor allen Dingen ist nicht ausser Acht zu lassen, dass die
gänzliche Ausschliessung von allem Eigentum, die Gemeinschaft der Weiber und
Kinder, und die männliche Erziehung, Lebensweise und Bestimmung der erstern, nur
in der mittelsten der drei Bürgerclassen, in welche seine Republik zerfällt,
nämlich nur unter den bewaffneten Beschützern oder, wie man sie auch mit gutem
Fug nennen könnte, den menschlichen Jagd- und Hofhunden seines Staats, Platz
findet. Denn die Archonten und Räte, welche die erste Classe ausmachen, sind zu
alt und zu sehr im Anschauen der Ideen der Dinge und der Uridee der Ideen
vertieft, um der Weiber noch zu bedürfen; und wiewohl Plato über das häusliche
und eheliche Leben der dritten Classe (die er überhaupt sehr kurz und mit einer
ziemlich sichtbaren Geringschätzung abfertigt) sich nicht besonders erklärt, so
lässt sich doch aus verschiedenen Äusserungen nichts anders vermuten, als dass er
die Gemeinschaft der Weiber für ein viel zu erhabenes und heiliges Institut
ansieht, als dass der Pöbel der Handwerker, Künstler, Krämer, Kaufleute und aller
andern die sich mit Erwerb beschäftigen oder um Lohn arbeiten, daran Teil haben
dürfte. In der Tat bringt dies auch die Natur der Sache mit sich; denn die
Weiber und Töchter dieser Leute haben nötigere Dinge zu tun, als den
Wissenschaften und Musenkünsten obzuliegen, sich in den Palästren nackend mit
den Jünglingen herumzubalgen, mit ihnen auf die Wache und in den Krieg zu ziehen
u.s.f. Sie sind natürlicher Weise mit Haushaltungsgeschäften, mit Spinnen,
Wirken, Kleidermachen, Kochen, Brodbacken und tausend andern Arbeiten dieser Art
beladen; müssen auch - ausser der Wartung und Pflege ihrer eigenen Kinder - bei
den Kindern der zweiten Classe (wie sich aus verschiedenen Umständen schliessen
lässt) gelegenheitlich Ammendienste tun, und was dergleichen mehr ist; kurz sie
stehen in den Augen unsers Philosophen zu tief unter den edeln Heroinen, die er
zu Müttern seiner Staatsbeschützer bestimmt, als dass man glauben könnte, er
wolle das hohe Vorrecht der Vielmännerei bis auf sie ausgedehnt wissen; zumal da
bei der dritten Classe die Beweggründe gänzlich wegfallen, aus welchen er die
Gemeinschaft der Weiber und Kinder in der zweiten für notwendig hält. Bei
dieser also allein findet in Platons Republik diese aller Welt so anstössige
Einrichtung statt: und dazu hat er teils physische teils sittliche
Bewegursachen von so grossem Gewicht, dass alle entgegen stehenden in keine
Betrachtung bei ihm kommen können. Seine Republik soll weder zu gross noch zu
klein, sondern gerade so sein, dass sie weder Verderbnis von innen, noch
Anfechtung von missgünstigen und streitsüchtigen Nachbarn zu befürchten habe. Die
Anzahl der Bürger darf also nicht viel über eine bestimmte Zahl zunehmen; aber
desto mehr ist daran gelegen, dass sie mut- und kraftvolle, von der edelsten
Ruhmbegierde und reinsten Vaterlandsliebe glühende, und mit allen zu ihrer
Bestimmung erforderlichen Tugenden in vollestem Masse begabte Jünglinge und
Männer zu Beschützern habe. Der Stifter der Republik hat also diese Classe, auf
welcher die Erhaltung derselben in jeder Rücksicht beruht, mit ganz besonderer
Sorgfalt ausgewählt, und zu ihrer erhabenen Bestimmung erzogen und ausgebildet.
Er musste aber auch die dienlichsten Massregeln nehmen, dass eine so wichtige
Körperschaft immer wieder durch gleichartige Elemente ersetzt werde, immer von
eben demselben Geist beseelt bleibe, und sich dadurch in einer Art von ewiger
Jugend und Unsterblichkeit erhalte. Um zwei Hauptquellen einer möglichen
Ausartung auf immer zu verstopfen, mussten diejenigen, welche bloss für den Staat
leben sollten, weder Eigentum noch Familie haben. Die möglichste Gleichheit
sollte unter ihnen herrschen; alles Gute und Böse, Arbeit und Vergnügen, Gefahr
und Ruhm, Leben und Sterben immer gemeinschaftlich sein. Solche Menschen können
von allem, was mein und dein heisst, nie weit genug entfernt, und unter einander
niemals eng genug verbunden werden. Wie gut er aber auch für dies alles gesorgt
hätte, immer würden die Weiber alle seine Mühe zu Schanden gemacht haben, wofern
ihm sein Genius nicht ein Mittel zugeflüstert hätte, diesen reizenden Schlangen
ihren Gift zu benehmen. Lieber wär' es ihm ohne Zweifel gewesen, wenn die Mutter
Erde, als sie seine Krieger in voller Waffenrüstung aus ihrem Schoss hervor
springen liess, sie auch mit dem Vermögen begabt hätte, ihres gleichen entweder
aus sich selbst, oder mit ihresgleichen hervorzubringen. Da die Weiber nun aber
einmal zu diesem wichtigen Geschäft leider unentbehrlich sind, und überdiess
nicht wohl geläugnet werden kann, dass die Neigung zum weiblichen Geschlecht
gerade die Seite ist, wo die Natur den Mann am wenigsten befestigt hat, was
blieb dem guten Plato übrig, um zu verhindern, dass seine braven Krieger durch
den Umgang mit diesen Zaubrerinnen nicht geschwächt, weichlich gemacht und
durchaus verdorben werden könnten, als den künftigen Müttern der Kriegs- und
Staatsmänner durch eine rauhe männliche und kriegerische Erziehung so viel nur
immer möglich von ihren gefährlichen Reizungen abzustreifen, sie, so weit es die
Zärte und Schlaffheit ihrer Natur gestatten möchte, zu einer Art von Androgynen
zu erheben, oder wenigstens mit den Atalanten, Deianiren und Pentesileen der
heroischen Zeit auf gleichen Fuss zu setzen? Durch dieses Mittel war nun zwar für
eine derbe und kräftige Nachkommenschaft gesorgt: aber wenn er den Vätern
erlaubt hätte, in eine monogamische Verbindung mit den Müttern zu treten, würden
zwei mächtige Naturtriebe, die Liebe zu den eignen Kindern und die
wechselseitige Zuneigung des Mannes zu der Mutter, des Weibes zu dem Vater ihrer
gemeinschaftlich Erzeugten, zum Nachteil der Vaterlandsliebe ins Spiel gesetzt
worden sein, und die unvermeidlich aus dem Stande der Ehe hervorgehenden
besondern Familienverhältnisse würden, so zu sagen, eine Menge kleiner Staaten
im Staat erzeugt haben, wobei sich die Grundsätze, der Geist und die Tugend des
letztern unmöglich lange in ihrer ersten Reinheit hätten erhalten können. Mit
Einem Wort, es bedurfte nichts als die blosse Beibehaltung der gewöhnlichen Ehe,
um aus unsrer Platonischen Republik an sich (dieser vollkommensten oder vielmehr
einzigen, in welcher, nach Plato, die reine Idee der Republik sichtbar
dargestellt ist) ein so armseliges Ding von einer gemeinen heillosen
Alltagsrepublik zu machen, wie man ihrer in Griechenland, klein und gross, zu
Hunderten zählt. Es blieb ihm also, um der Verderbnis des Staats von dieser
Seite den Zugang auf ewig zu versperren, kein anderes Mittel, als die
Gemeinschaft der Weiber und Kinder zu einem Grundgesetz zu machen. Jeder Soldat
der Republik erhielt dadurch ein unbestimmtes Recht an alle Frauen und
Jungfrauen seiner Classe, keiner ein ausschliessliches an Eine. Die Liebe in der
eigentlichen Bedeutung des Worts fand hier keine Statt; das Zeugungsgeschäft
sollte als eine rein physische oder tierische Sache behandelt werden, wobei es
bloss darum zu tun wäre, sich einer Pflicht gegen den Staat zu entledigen, und
also auf selbstsüchtige Befriedigungen keine Rücksicht genommen würde. Man muss
gestehen, unser Philosoph tut sein Bestes, um einer sich aufdringenden
Vergleichung seiner sogenannten Ehen mit dem ungefähren momentanen
Zusammenlaufen jener kaum durch die Gestalt vom Vieh unterschiedenen
Waldmenschen, welche man sich gewöhnlich als die Stammeltern des menschlichen
Geschlechts vorstellt, zuvorzukommen. Vor dem zwanzigsten Jahre der Weiber und
dem dreissigsten der Männer erklärt das Gesetz alle Befriedigungen des Triebes,
von welchem hier die Rede ist, für unrechtmässig, unheilig und sacrilegisch. Der
Tag, an welchem eine Anzahl von Jünglingen und Mädchen das gesetzmässige Alter
zur Platonischen Ehe erreicht haben, ist ein republikanisches Fest, das mit
Opfern, Gebeten, und von den Dichtern der Republik besonders dazu verfertigten
Epitalamien aufs feierlichste begangen wird. Jede Verbindung zwischen einem
Jüngling und einem Mädchen (wiewohl sie nur für den Augenblick gilt) wird von
den Archonten, vermittelst eines künstlichen Looses angeordnet, wodurch immer
die schönsten, stärksten und mutigsten zusammen kommen, die schlechtern
hingegen lauter Nieten ziehen; eine Veranstaltung, welche zu Verhütung aller
schlimmen Folgen, die aus dieser durch das gemeine Beste notwendig gemachten
Uebervorteilung der armen Schlechtern, wenn sie bekannt würde, zu befürchten
wären, ein Staatsgeheimniss bleiben muss. Von diesem ersten grossen Copulationstage
an, zählen die Glücklichen, welche von den Archonten mittelst dieses heiligen
patriotischen Betrugs würdig und tauglich erfunden wurden, der Republik Kinder
zu geben, die Weiber zwanzig, die Männer sechsundzwanzig Jahre, während deren
ihnen die Pflicht obliegt, sich von dieser Seite um den Staat so verdient zu
machen, als ihnen nur immer möglich ist. Alle Kinder, welche binnen dieser Zeit
geboren werden, nennen jeden dieser in Diensten der Republik stehenden Zeuger
»Vater«, jede dieser Gebärerinnen, Mutter, und werden hinwieder von ihnen Söhne
und Töchter genannt; aber dafür ist gesorgt, dass kein Vater und keine Mutter
ihre leiblichen Kinder unterscheiden, noch von diesen unterschieden werden
könne. Denn in dieser Classe, wo niemand etwas Eigenes haben darf, ist es auch
nicht erlaubt ein eigenes Kind und einen eigenen Vater zu haben. Alle, die in
dem Lauf einer Generation von fünfundzwanzig Jahren geboren werden, nennen sich
Brüder und Schwestern, und erhalten, nachdem sie das gesetzmässige Alter erreicht
haben, auf obige Weise von den Archonten die Erlaubnis, für die Fortdauer der
Republik zu arbeiten. Vor dieser Zeit aber ist z.B. einem Jüngling von sechs
oder achtundzwanzig Jahren nicht erlaubt, ein Mädchen von siebzehn oder achtzehn
zur Mutter zu machen, wie entschieden auch immer ihre beiderseitige Tüchtigkeit,
und wie dringend ihr innerer Beruf dazu sein möchte, da sie täglich auf der
Palästra handgemein mit einander zu werden Gelegenheit haben; und sollte
gleichwohl ein solcher unglücklicher Fall sich ereignen, so muss die Frucht der
gesetzwidrigen Verbindung abgetrieben, oder, wenn sie dennoch Mittel findet
lebendig ans Tageslicht zu kommen, sogleich als der Ernährung unwürdig auf die
Seite geschafft werden. Zwischen Eltern und Kindern, d.i. zwischen Männern und
Frauen von der ersten Generation mit Frauen und Männern von der zweiten und
dritten findet (da jene zu diesen kraft des Gesetzes sich als Eltern und
Grosseltern verhalten) keine gesetzmässige Begattung statt; und überhaupt ist es
eine der heiligsten Pflichten der Regierer des Staats, den Zeugungstrieb bei
ihren Bürgern so viel als möglich einzuschränken, und ja nicht mehr Kinder
aufkommen zu lassen, als nach Beschaffenheit der Umstände nötig sind, damit der
Staat sich immer bei gleicher Stärke erhalte; woraus klar ist, dass sie auch von
Zeit zu Zeit für einen tüchtigen Krieg zu sorgen haben. Denn es brauchte nur
einen hundertjährigen Frieden, um die Regierung in die gefährliche
Notwendigkeit zu setzen, das vorbesagte Loos so einzurichten, dass von hundert
Paar Jünglingen und Mädchen wenigstens drei Viertel zu einer unfreiwilligen
Unfruchtbarkeit verdammt werden müssten, wofern die Menge der Kinder, denen der
Eintritt ins Leben an der Pforte versagt wird, nicht auf eine so ungeheure Zahl
steigen sollte, dass dem Platonischen Sokrates selbst, wie kaltblütig er auch
diese Dinge ansieht, bei ihrer Ueberrechnung die Haare um seinen Glatzkopf zu
Berge stehen müssten.
    Alle diese und eine Menge anderer Ungereimteiten und Abscheulichkeiten, die
sich jedem Unbefangenen bei diesem Teil seiner Gesetzgebung aufdringen,
verschwinden in Platons Augen vor dem grossen Grundsatz: dass die höchste denkbare
Vollkommenheit des Staats der einzige Zweck desselben, und der einzelne Bürger
nur insofern für etwas zu rechnen sei, als er bloss für das Ganze lebt, und immer
bereit ist, diesem seine natürlichsten Triebe und gerechtesten Ansprüche
aufzuopfern. Ob der Staat solche Opfer zu fordern berechtigt sei, ist bei ihm
keine Frage; auch lehrte ihn die in Sparta so lange Zeit befolgte Gesetzgebung
Lykurgs, dass es möglich sei, Menschen so zu erziehen und zu bilden, dass man
ihnen alles, selbst das Unnatürlichste, zumuten kann. Er trug also um so
weniger Bedenken, die Hauptzüge des Spartanischen Instituts in seiner Republik
noch weiter und bis zu einer Consequenz zu treiben, die, wie ein eiserner
Streitwagen, alles was ihr entgegen steht zu Boden tritt, und über alle
Bedenklichkeiten und Rücksichten, d.i. über die Köpfe und Eingeweide der
Menschen weg, in gerader Linie auf das Ziel losrennt, das sie sich vorgesteckt
hat.
    In wie fern ihn diese Betrachtungen rechtfertigen oder entschuldigen können,
lass' ich dahin gestellt sein; mir ist wenigstens gewiss, dass er in allem, was
uns an seinem idealischen Sparta am anstössigsten ist, treulich und ohne Gefährde
zu Werke ging, und z.B. auf unsre Bedenklichkeit, der abgezweckten höhern
Vollkommenheit seiner Republik alle Jahre etliche hundert neugeborne Menschlein
zum Opfer darzubringen, mit eben dem naserümpfenden Mitleiden herabsehen wird,
womit sein Sokrates sich über »die lächerliche Weisheit« derjenigen aufhält, die
das Ringen nackter Mädchen mit nackten Jünglingen auf der Palästra ungeziemend
finden. Ich zweifle daher auch keinen Augenblick, dass er wenig verlegen sein
würde, für jeden andern Einwurf, der ihm gegen seine Erziehungs- und
Begattungsgesetze gemacht werden könnte, auf der Stelle eine Antwort zu finden;
wiewohl er es nicht der Mühe wert gehalten zu haben scheint, die mancherlei
Schwierigkeiten vorauszusehen, welche sich der Ausführung dieser - der Natur,
dem sittlichen Gefühl und den Grazien zugleich Hohn sprechenden - Gesetze
entgegen türmen. Bei einem Philosophen, der seine Geistesaugen immer nur auf
die ewigen und unveränderlichen Urbilder der Gattungen und Arten geheftet hält,
kommen die einzelnen Dinge, als blosse vorübergleitende Schemen oder
unwesentliche Wolken- und Wasserbilder, in keine Betrachtung; und da er alle die
Knoten, in welche die Meinungen, Neigungen, Bedürfnisse und Leidenschaften der
Menschen im gesellschaftlichen Leben sich unaufhörlich verwickeln und
durcheinanderschlingen, immer mit einem einzigen Grundsatz wie mit einem
zweischneidigen Schwert zerhauen kann, warum sollte er sich die Mühe geben sie
auflösen zu wollen?
    Etwas, worüber er indessen nicht so leicht zu entschuldigen sein dürfte,
sind die kleinen Widersprüche mit sich selbst, die seinem redseligen Sokrates
hier und da in dem Feuer, womit er seine Behauptungen vorträgt, zu entwischen
scheinen. Hierher gehört (um nur ein paar Beispiele anzuführen) wenn er, um die
gymnastische Nackteit seiner künftigen Soldatenfrauen zu rechtfertigen, sich
auf einmal in die Moral der Sophisten verirrt, und kein Bedenken trägt, den Satz
»alles Nützliche ist auch ehrbar und anständig, und nur das Schädliche ist
schändlich,« für eine ausgemachte Wahrheit zu geben. Unglücklicher Weise
begegnet ihm diese Verirrung eine Weile hernach noch einmal, da von den
Belohnungen die Rede ist, wodurch die Beschützer des Staats aufgemuntert werden
sollen, im Kriege sich durch tapfere Taten auszuzeichnen. Wer, der den
ehrwürdigen Sohn des Sophroniskus gekannt hat, muss sich nicht in Platons Seele
schämen, wenn er seinen untergeschobenen Sokrates zum Gesetz machen lässt: »dass
es, so lange ein Feldzug daure, niemanden erlaubt sein solle, sich den Küssen
eines ausgezeichneten Braven zu entziehen, damit dieser, der Gegenstand seiner
Leidenschaft möge nun ein Mann oder ein Weib sein, desto mehr angereizt werde,
nach dem ersten Preis der Tapferkeit zu ringen?« - Dies ist doch wohl eine von
den Stellen, deren ich oben erwähnte, wo der verkappte Sokrates seines
angenommenen Charakters plötzlich vergisst, und in den sich selbst spielenden
Plato zurücksinkt?
    Noch ein Beispiel von Widerspruch mit sich selbst ist mir im sechsten Buch
aufgefallen, wo er über die parasitische Gefälligkeit der Sophisten gegen die
Vorurteile, Neigungen und Unarten des grossen Haufens (d.i. dessen, was man in
demokratischen Staaten den Pöbel, oder mit einem urbanern Wort das Volk nennt),
und die schädlichen Eindrücke, die dadurch auf die Jugend gemacht würden, viel
Wahres sagt, und bei dieser Gelegenheit von dem besagten grossen Haufen unter dem
Bild eines grossen und starken Ochsen oder Bullenbeissers eine wahrlich nicht
geschmeichelte Schilderung macht, sondern ihm ohne alle Schonung so viel Böses
nachsagt, dass Timon der Menschenhasser selbst damit hätte zufrieden sein können;
bald darauf aber, da seine Convenienz erfordert die Sache von einer andern Seite
in einem mildern Lichte zu sehen, die Partei des nämlichen grossen Haufens nimmt,
von ihm als einem gar sanften gutartigen Tiere spricht, und alle Schuld seines
Hasses gegen die ächten Philosophen auf die unächten schiebt.
    Uebrigens ist es eine glückliche Eigenheit unsers Philosophen, dass er nach
jeder beträchtlichen Verfinsterung, die er, so oft seine Phantasie zwischen
seinen Verstand und seine Leser tritt, zu erleiden scheint, sich sogleich durch
irgend eine desto glänzendere Ausstrahlung wieder in die ihm gebührende Achtung
zu setzen weiss. Ein Beispiel hiervon ist in diesem fünften Buch die Vorschrift,
wie seine Staatsbeschützer sich im Kriege gegen den Feind zu verhalten haben;
eine Gelegenheit, die er mit eben so vieler Feinheit als Freimütigkeit benutzt,
um den Griechen seiner Zeit einen Spiegel vorzuhalten, worin sie vor ihren
eigenen Augen als eine rohe Art von Barbaren erscheinen müssen, deren gewohntes
Verfahren in ihren ewigen Fehden unter einander mit den Regeln einer gesunden
Staatsklugheit nicht weniger als mit den Gesetzen der Gerechtigkeit und
Menschlichkeit in dem auffallendsten Widerspruch steht. Diese Stelle ist, meines
Erachtens, eine der schönsten in diesem ganzen Werke, und du wirst mir
hoffentlich zugeben, Eurybates, dass die Schuld nicht an Plato liegt, wenn er
durch die heilsamen Wahrheiten, die er euch darin stärker und einleuchtender als
irgend einer von euern Rednern ans Herz legt, seiner Vaterstadt und der ganzen
Hellas nicht den wesentlichsten Dienst geleistet hat. Dass dies wenigstens seine
Absicht war, ist um so weniger zu bezweifeln, da dergleichen Seitenblicke auf
seine Zeitgenossen und Mitbürger in diesem Dialog häufig genug vorkommen, um uns
über einen der wichtigsten Zwecke des Ganzen einen bedeutenden Wink zu geben.
    Was ich gleich anfangs meiner Briefe über die Republik Platons gegen den
Vorwurf, dass es diesem Werk an kunstmässiger Anordnung fehle, erinnert habe,
scheint sich unter andern auch durch die feinen Wendungen zu bestätigen, womit
der Verfasser gegen das Ende des fünften Buchs dem Dialog unvermerkt eine solche
Richtung gibt, dass er eine (dem Anschein nach) ungesuchte Gelegenheit erhält, in
den beiden folgenden Büchern die Grundlehre seiner ganzen Philosophie auf eine
fasslichere und poetischere Art, als in andern seiner frühern Dialogen,
vorzutragen; eine Gelegenheit, die er, wiewohl sie ihn von dem Hauptgegenstand
entfernt, und zu einer weitläufigen episodischen Abschweifung verleitet, um so
weniger aus den Händen lässt, weil die Abschweifung in der Tat bloss anscheinend
und vielmehr das einzige Mittel ist, seiner Republik eine Art von hypotetischer
Realität zu geben, woran wenigstens alle die Leser sich genügen lassen können,
die der magischen Täuschung eben so willig und zutraulich als die beiden Söhne
Aristons entgegen kommen. Dass er uns übrigens auch auf diesem Spaziergang, den
wir mit ihm machen müssen, durch eine Menge unnötiger Krümmungen in einem
unaufhörlichen Zickzack herumführt, der uns das Ziel, worauf wir zugehen, immer
aus den Augen rückt, ist nun einmal die Art des Platonischen Sokrates, die man
sich, insofern sie zuweilen das Interesse des Dialogs unterhält und erhöht,
recht gern gefallen liesse, wenn er nur einiges Mass darin halten wollte; denn
wirklich ist es oft schwer sich einer Anwandlung von Ungeduld zu erwehren, wenn
er bald einen Satz, wie z.B. »Sein ist von Nichtsein verschieden« in eine oder
zwei Fragen verwandelt, bald die schlichtesten Fragstücke auf eine so
spitzfindige und verfängliche Art vorbringt, dass man sich keine andere Absicht
dabei denken kann, als das schale Vergnügen, den Gefragten in Verlegenheit zu
setzen und zu einer einfältigen Antwort zu nötigen. Bei allem dem muss ich
gestehen, dass etwas Attisches in dieser Art sich in Gesellschaften mit einander
zu unterhalten ist, und ich zweifle nicht, Eurybates, dass dir die
Pseudo-Sokratische Manier, wie Plato diese neckische Art von Ironie in seinen
Dialogen behandelt, wenn gleich nicht immer angenehm, doch gewiss bei weitem
nicht so auffallend vorkommen wird als mir. Dies sei also das letztemal dass ich
darüber wehklage, wiewohl in den fünf Büchern, die ich noch vor mir habe, die
Anreizung dazu oft genug vorkommen wird. Und nun wieder in unsern Weg!
    Glaukon scheint von der Schönheit der neu errichteten Republik so bezaubert,
dass er sich nicht entalten kann, den Philosophen, der die Miene hat als ob er
von der innern Verfassung derselben und von ihren unendlichen Vorzügen vor den
gewöhnlichen noch viel zu sagen gedächte, etwas rasch zu unterbrechen. Von allem
diesem, meint er, wüssten sie bereits genug, um sich das, was etwa noch
zurückgeblieben sei, selbst sagen zu können; die grosse Frage, auf welche alles
ankomme, sei jetzt bloss: ob diese herrliche Republik unter die möglichen Dinge
gehöre? Sokrates stellt sich, nach seiner Gewohnheit, als ob ihm diese Frage
sehr ungelegen komme; er spricht von dem Unternehmen sie zu beantworten als von
einem halsbrechenden Wagestück, und sucht das Ansinnen seines jungen Freundes
dadurch von sich abzulehnen, dass er ihn bereden will, seine Republik könnte als
Ideal und Kanon, woran man die Grade der Vollkommenheit oder Unvollkommenheit
aller gegenwärtigen und künftigen Republiken messen könne, immer noch gute
Dienste tun, wenn gleich ihre Möglichkeit nicht erwiesen werden könnte. Meinst
du etwa (fragt er den Glaukon), ein Maler, der das Modell eines vollkommen
schönen Mannes oder Weibes in der höchsten Vollendung seiner Kunst aufgestellt
hätte, würde darum ein schlechterer Maler sein, wenn er nicht zu zeigen
vermöchte, wie es möglich sei, dass ein Mensch so schön sein könnte? Diese
Ausflucht ist, mit Platons Erlaubnis, ein blosser Taschenspielerkniff; denn es
ist ein sehr wesentlicher Unterschied zwischen dem Maler, von dem er hier
spricht, und zwischen ihm selbst als Maler der vorgeblichen vollkommensten
Republik. Freilich braucht z.B. Zeuxis die Möglichkeit seiner Helena nicht zu
beweisen; aber warum dies? Weil er sie uns unmittelbar vor die Augen gestellt
hat, und (vorausgesetzt ihre Schönheit sei in der Tat untadelig) jedermann, der
sie anschaut, sich selbst gestehen muss, er verlange nichts Schöneres zu sehen.
Damit ist denn auch jedermann zufrieden, und kümmert sich wenig darum, ob jemals
ein sterbliches Weib eine so schöne Tochter geboren hat oder künftig gebären
wird; genug, dass uns der Maler von der Möglichkeit einer so hohen Schönheit
durch den Augenschein überzeugt hat. Es fehlt aber viel, dass es mit Platons
Republik derselbe Fall sei; der Augenschein ist nicht zu ihrem Vorteil; die
Stimmen der Anschauer sind wenigstens sehr geteilt, und gegen einen, der sie so
herrlich findet als sie unserm in sein eignes Werk verliebten Pygmalion
vorkommt, sehen wir zwanzig, denen sie ein sehr unvollständiges, übel mit sich
selbst übereinstimmendes, überladenes und unnatürliches Phantom von einer
Republik scheint, von welcher der Strenge nach zu beweisen ist, dass ihres
gleichen unter den Menschen, so lange sie ihre dermalige Natur behalten werden,
weder entstehen, noch, wofern sie auch (wie andere Missgeburten) durch eine
zufällige Verirrung der Natur jemals ans Tageslicht kommen sollte, lange genug
leben könnte, dass es der Mühe wert wäre zu sagen sie sei da gewesen. Der
Platonische Sokrates kann sich also der Pflicht, die Möglichkeit seines
politischen Kanons darzutun, mit Recht nicht entziehen; und er selbst scheint
dies so gut zu fühlen, dass er dem ehrlichen, durch seine Induction zu schnell
irre gemachten Glaukon von freien Stücken einen Vorschlag zur Güte tut, indem
er ihn fragt: ob er zufrieden sein wollte, wenn ihm gezeigt würde, wie eine
seinem Ideale wenigstens sehr nahe kommende Republik zur Wirklichkeit gelangen
könnte? Glaukon ist so billig sich diesen Vorschlag gefallen zu lassen, und
Sokrates rückt, nach mehrmaligem Achselzucken, dem vorgeblichen halsbrechenden
Wagestück so nahe, dass er bekennt: um allen unsern Republiken eine andere
ungleich bessere Gestalt zu geben, bedürfte es nur einer einzigen Veränderung;
aber freilich wäre dieses Einzige weder etwas Kleines noch Leichtes, wiewohl
nichts Unmögliches. - »Und was ist es denn?« fragt Glaukon. - Weil es doch
einmal heraus muss, erwiedert jener, will ich es ja wohl sagen, wiewohl ich
Gefahr laufe, von dem ausgelassensten Gelächter, wie von einer ungeheuren Welle,
überschwemmt und in den Grund gelacht zu werden; - es ist: »so lange nicht
entweder die Philosophen die einzigen Regenten der Staaten sind, oder
diejenigen, die man gegenwärtig Könige und Gewaltaber nennt, wahrhaft und in
ganzem Ernst philosophiren, so dass die höchste Gewalt im Staat und die
Philosophie in einem und eben demselben Subject zusammentreffen, und alle, die
sich nur auf eine von beiden beschränken, schlechterdings von der
Staatsverwaltung ausgeschlossen werden: so lange, lieber Glaukon, ist gegen die
Uebel, welchen die bürgerliche Gesellschaft, ja das ganze Menschengeschlecht
unterliegt, kein Rettungsmittel, - und bis es dazu kommt, wird auch die
Republik, von welcher bisher die Rede zwischen uns war, weder möglich werden,
noch das Licht der Sonne sehen!«
    In der Tat hatte der verkappte Plato hohe Ursache, ungern mit einer
Behauptung herauszurücken, von welcher so leicht vorauszusehen war, dass sie eben
so stark gegen alle herrschenden Begriffe und Vorurteile als gegen das
Interesse der jetzigen Machtaber anrannte, und wenn sie gleich bei den meisten
nur ein lautes Gelächter über ihre Ungereimteit erregen würde, von den
dermaligen Regierern selbst, als eine gefährliche und nur durch die politische
Nullität unsers Philosophen verzeihlich gemachte Lehre, mit Unwillen angesehen
werden müsste. Aber auf was für einen Empfang musste er sich erst gefasst halten,
nachdem man aus dem folgenden sechsten und siebenten Buch verständigt worden
war, was er unter dieser Philosophie und diesen Philosophen, welche die Welt
ausschliesslich regieren sollten, verstehe! Dass er nämlich keine andre
Philosophie für ächt gelten lasse, als seine eigene, und also sein grosses
politisches Geheimmittel gegen alle die Menschheit drückenden Uebel darauf
hinaus laufe: dass alle Regenten zu Platonen werden, oder vielmehr (da dies, wenn
sie auch wollten, nicht in ihrer Macht steht) dass der einzige mögliche und
wirkliche Plato, Aristons und Periktyonens Sohn, zum Universalmonarchen des
Erdkreises erhoben werden müsste, wofern das Reich der Temis und die goldne Zeit
des alten Kronos wiederkehren sollte? Wenn nun aber auch zu dieser einzigen
kleinen Veränderung, wie heilbringend sie immer für das gesammte
Menschengeschlecht wäre, nicht die mindeste Hoffnung vorhanden ist, wofür will
er dass wir seine Republik ansehen sollen?
    Doch, dem sei wie ihm wolle, das grosse Wort ist nun einmal gesprochen, und
wir können uns auf unsern Mann verlassen, dass er, seiner verstellten
Schüchternheit oder Schamhaftigkeit ungeachtet, keinen Augenblick verlegen ist,
wie er sich aus dem Handel ziehen wolle. Er hat sich eines mächtigen Zauberworts
bemeistert, womit er sich gegen Hieb und Stich fest machen, womit er, wie man
eine Hand umkehrt, Berge versetzen und Meere austrocknen, womit er Alles in
Nichts und Nichts in Alles verwandeln kann. Das Bild, das kein Bild ist - des
Dings das kein Ding ist, weil es weder von den Sinnen ertastet, noch von der
Einbildungskraft dargestellt, noch vom Verstande gedacht und bezeichnet werden
kann, mit Einem Wort, die Idee des Dings an sich, das wahre unaussprechliche
Wort der Platonischen Mystagogie, die formlose Form dessen was keine Form hat. -
Was ist unserm dialektischen Taumaturgen nicht mit diesem einzigen Aski Kataski
24 möglich? Ja, wenn unter dem Wort Philosoph so ein Mensch gemeint wäre, wie
unsre gewöhnlich sogenannten Philosophen, Sophisten, Allwisser, Liebhaber und
Kenner des vermeinten Wahren, Schönen und Guten, welches mit den Augen gesehen,
mit den Ohren gehört, mit irgend einem äussern oder innern Sinn gefühlt, von der
Einbildungskraft gemalt, von der plastischen Kunst gebildet, vom Verstand
erkannt, von der Sprache bezeichnet, und im wirklichen Leben als Mittel zu
irgend einem Zweck oder als Zweck irgend eines Mittels, als Ursache irgend einer
Wirkung oder Wirkung irgend einer Ursache, gebraucht werden könnte: wenn solche
Philosophen die Welt regieren sollten, dann, meint er, würde sie freilich um
kein Haar besser regiert werden als dermalen. Aber der Philosoph, der an der
Spitze seiner Republik stehen soll und an der Spitze des ganzen menschlichen
Geschlechts zu stehen verdient, ist ein ganz anderer Mann; der hält es unter
seiner Würde, sich mit Betrachtung und Erforschung all des armseligen Plunders
der materiellen und einzelnen Dinge, abzugeben, welche (wie der verkappte
Sokrates dem ehrlichen Glaukon mit seiner gewöhnlichen dialektischen
Taschenspielerkunst sehr wortreich und auf mehr als Eine Manier vorspiegelt)
weder Etwas noch Nichts, sondern eine Art von Mitteldingen zwischen Nichts und
Etwas sind. Das hauptsächlichste, wo nicht einzige Geschäft seines Lebens ist,
sich auf den Stufen der Aritmetik, Geometrie und Dialektik zur Betrachtung der
einfachen und unwandelbaren Ideen der Dinge, und von diesen übersinnlichen Wesen
bis zum mystischen Anschauen des höchsten Ontôs On oder Urwesens aller Wesen zu
erheben, über welches, als etwas an sich Unbegreifliches und Unaussprechliches,
ihm eine deutliche Erklärung nicht wohl zuzumuten ist, und da er durch diese
gänzliche Versenkung seines Geistes in das, was an sich wahr, schön, gerecht und
gut ist, notwendig selbst durch und durch wahr, edel, gerecht und gut werden
muss: wo könnten wir einen Sterblichen finden, welcher tauglicher und würdiger
wäre, die Welt zu regieren, als er?
    Alles dies aus einander zu setzen, und nach seiner Manier zu beweisen, d.i.
seinen glaubigen Zuhörern durch weit ausgeholte Fragen, Inductionen,
allegorische Gleichnisse und subtile Trugschlüsse weiss zu machen, beschäftigt
unsern Sokrates in dem grössten Teil des sechsten und siebenten Buchs; und da
die Natur des Dialogs ihm völlige Freiheit lässt sich nach Belieben vorwärts und
seitwärts zu bewegen, und sich über dieses und jenes, was er mit Vorteil in ein
helleres Licht zu setzen glaubt, mit Gefälligkeit auszubreiten, so war
natürlich, dass er - bei Gelegenheit der Schilderung des ächten Philosophen, der
bis zum Wahren und Schönen selbst vorzudringen und es in seinem Wesen
anzuschauen vermag, im Gegensatz mit den eingebildeten Allwissern und Philodoxen
25, die ihre Meinungen von den Dingen für die Wahrheit selbst ansehen - über die
Quellen der Vorurteile, welche der grosse Haufe, besonders in den höhern
Classen, gegen die ächten Philosophen heget, über die Ursachen, warum man sie
mit anscheinendem Recht für unnütze und vornehmlich zum Regieren ganz
untaugliche Leute halte, und über den Grund, warum auch die Philosophen ihres
Orts mit Verwaltung solcher heilloser Republiken, wie die gegenwärtigen alle
seien, nichts zu tun haben mögen - sich alles dessen, was er vermutlich schon
lange auf dem Herzen hat, mit vieler Freimütigkeit entledigt. Dieser Teil des
sechsten Buchs, wo Adimant wieder an die Rede kommt, und durch den Versuch
einer Rechtfertigung des popularen Vorurteils gegen die Philosophen den
Sokrates auffordert, sich umständlicher über diese Materie vernehmen zu lassen,
scheint mir (dem persönlichen Anteil, welchen Plato an der Sache nimmt, gemäss)
mit vorzüglichem Fleiss ausgearbeitet zu sein; und ausnehmend schön ist unter
andern, was er den Sokrates (den ich hier wieder erkenne und reden zu hören
glaube) von den Ursachen sagen lässt, woher es komme, dass wahrhaft weise und gute
Menschen so selten sind, und so manche Jünglinge, mit den herrlichsten Anlagen,
der hohen Bestimmung, zu welcher die Natur sie ausgerüstet hatte, unglücklicher
Weise für den Staat und für sich selbst, gänzlich verfehlen, ja desto
schädlichere Bürger und Regenten werden, je glänzender die Naturgaben und
Talente sind, wodurch sie sich der Liebe und des Vertrauens ihrer Mitbürger zu
bemächtigen wissen. Weniger die Probe einer strengen Prüfung haltend, wiewohl
mit einem leidenschaftlichen Feuer geschrieben, das den auf sich selbst
zurücksehenden und seine eigene Sache führenden Plato verrät, scheint mir die
Stelle zu sein, wo er die Gründe angibt, »warum die Wenigen, die im Besitz der
wahren Weisheit sind, sich in die möglichste Verborgenheit zurückziehen und mit
den öffentlichen Angelegenheiten unserer verdorbenen Republiken nichts zu
schaffen haben wollen, sondern, in ihren eigenen vier Wänden gegen alle Stürme
des öffentlichen Lebens gesichert, beim Anblick der allgemein herrschenden
Gesetzlosigkeit, genug getan zu haben glauben, wenn sie, selbst rein von
Unrecht und lasterhaften Handlungen, ihr gegenwärtiges Leben in Unschuld
hinbringen, um dereinst mit guter Hoffnung freudig und zufrieden aus demselben
abzuscheiden.« - Wenn Aristipp und seines gleichen diese Sprache führten, möchte
wohl nichts Erhebliches dagegen einzuwenden sein; aber von dem Platonischen
Weisen sollte man mit vollem Recht eine heroischere Tugend fordern dürfen; und
ich zweifle sehr, ob irgend eine Republik verdorben genug sein könne, dass ihm
eine solche Verzweiflung an ihrer Besserung erlaubt wäre, oder dass Rücksicht auf
seine persönliche Sicherheit und Furcht vor dem Hass und den Verfolgungen der
Bösen für einen zuverlässigen Beweggrund gelten könnte, sich seiner Pflicht
gegen das Vaterland zu entziehen. Der wirkliche Sokrates war wenigstens ganz
anders gesinnt, und liess es sich, als er mit sehr guten Hoffnungen aus diesem
Leben ging, keinen Augenblick gereuen, das Opfer der entgegengesetzten Denkart
geworden zu sein.
    Aber freilich ist Platons Weiser kein Sokrates; und ihm, der sein höchstes
Gut im Anschauen des Schönen und Guten an sich, und in der dazu erforderlichen
Ruhe und Abgeschiedenheit findet, möchte jene Sinnesart um so eher zu verzeihen
sein, da er sich notwendig sehr lebhaft bewusst sein muss, dass er nirgends als in
seiner idealischen Republik am rechten Ort ist, und wahrscheinlich als
Staatsmann in jeder andern eine traurige Figur machen würde.
    Ich bin, gegen meinen anfänglichen Vorsatz, indem ich durch ich weiss nicht
welchen Zauber, den unser dichterischer Philosoph um sich her verbreitet, mich
gezogen fühlte, ihm in seinem mäandrischen Gang beinahe Schritt vor Schritt
nachzuschlendern, unvermerkt so weitläufig geworden, dass ich nur so fortfahren
dürfte, um über ein unmässig dickes Buch ein noch dickeres geschrieben zu haben.
Die Versuchung ist nicht gering und nimmt mit jedem Schritt eher zu als ab; aber
sei ohne Furcht, Eurybates, ich will es gnädig mit dir machen; und wenn du dich
entschliessen kannst, mir nur noch in die wundervolle unterirdische Höhle unsers
Mystagogen zu folgen, so verspreche ich dir, dich mit allem übrigen zu
verschonen, was du noch zu lesen bekämest, wenn ich meine bisherige
Umständlichkeit bis ans Ende beibehalten wollte.
    Die Behauptung, dass ein Staat nur durch ächte Philosophen wohl regiert
werden könne, hatte die Darlegung des Unterschieds zwischen dem unächten und
ächten Philosophen herbei geführt. In dieser bis auf den Grund zu kommen, sah
sich Plato (denn mit diesem allein, nicht mit Sokrates haben wir es nun zu tun)
genötigt, seinen Zuhörern einen Blick in das innerste Heiligtum seiner
Philosophie zu erlauben. Da er aber hier keine Eingeweihten vor sich hat und
dieser Dialog unter die exoterischen, d.i. unter diejenigen gehört, welche
weniger für seine auserwählten Jünger als für die immer zunehmende Menge müssiger
und wissbegieriger Leser, bei denen ein gewisser Grad von Bildung vorausgesetzt
werden kann, geschrieben sind: so war nicht schicklich, und in der Tat auch
nicht wohl möglich, seine Geheimlehre anders als in Bildern vorzutragen, um uns
andre Profanen wenigstens durch einen, wiewohl nicht sehr durchsichtigen,
Vorhang in die Mysterien derselben blinzeln zu lassen. Hierzu macht er nun zu
Ende des sechsten Buchs den Anfang, indem er uns - mit vieler Behutsamkeit,
damit nicht zu viel Licht auf einmal in unsre blöden Augen falle - die Existenz
einer zwiefachen Sonne offenbart: der bekannten sichtbaren, die uns zum
Wahrnehmen körperlicher Dinge, Gestalten und Schattenbilder verhilft, und einer
rein geistigen, folglich auch bloss dem reinen Geist, ohne Beihülfe der Sinne,
der Einbildungskraft und des Gedankens, anschaulichen (welche er die Idee des
Guten und das selbstständige Gute, Auto-Agaton, nennt), in dessen Licht allein
das an sich Wahre, Schöne und Gute unserm Geiste sichtbar werden kann. Die neu
entdeckte übersinnliche Sonne scheint den wissbegierigen Glaukon so freundlich
anzustrahlen, dass Sokrates sich aufgemuntert fühlt, die Vergleichung eine Weile
fortzusetzen. Beide Sonnen, sagte er, sind »die Könige zweier Welten;« die eine
dieser sinnlichen, teils aus körperlichen Dingen, teils aus mancherlei
vergänglichen, unwesentlichen Erscheinungen zusammengesetzten Welt; die andere
der übersinnlichen, dem reinen Verstand allein in dem Lichte des selbstständigen
Guten sichtbaren. wesentlichen Dinge. So wie die materielle Sonne über uns
aufgeht, erscheinen uns in ihrem Lichte die körperlichen Dinge klar und
deutlich; so wie uns dieses Licht entzogen wird, verfinstert sich alles um uns
her, wir erblicken nur zweifelhafte, farbenlose, unförmliche Gestalten und
wissen nicht was wir sehen. Eben so wird uns, sobald unser Geist in das
Lichtreich des Auto-Agaton eindringt, auf einmal die ganze Welt der Ideen, oder
der ewigen, unwandelbaren Wesen (ontôs ontôn) aufgeschlossen; wie uns hingegen
dieses Licht entzogen wird, sehen wir im Reich der Wahrheit - nichts, und alles
um uns her ist Dunkelheit, Ungewissheit, Irrtum und Täuschung. - So wie uns die
Sonne in der materiellen Welt zweierlei Arten von Gestalten sichtbar macht, die
wirklichen Körper, und die blossen Schatten und Abspieglungen derselben, z.B.
blauen Himmel, Wolken, Bäume, Gebüsche u.s.w. in einem klaren Wasser: eben so
erlangt unser Geist durch das übersinnliche Licht, das von dem Auto-Agaton über
das ganze Reich der Wahrheit ausstrahlt, eine doppelte Art von Erkenntnis: eine
rein wahre, von Plato Noësis genannt, und eine mit Wahn und Täuschung
vermischte, die ihm Dianoia26 heisst; jene durch unverwandtes Aufschauen in das
Reich der Ideen, als die allein wahrhaft wirkliche Welt, in welcher kein Trug
noch Irrtum stattfindet; diese durch das Herabschauen in die Welt der
Erscheinungen und Täuschungen, wo wir nichts als die Abspieglungen und Schatten
der wesentlichen Dinge erblicken; daher denn auch, natürlicher Weise, nicht mehr
Wahrheit in dieser Art von Erkenntnis sein kann, als in der Vorstellung, die wir
von einem Körper bekommen, wenn wir seinen Schatten, oder höchstens seine
Gestalt im Wasser erblicken. Unser Sokrates konnte leicht bemerken, dass es dem
guten Glaukon, mit dem besten Willen von der Welt, dennoch schwer werde, sich
die übersinnlichen Wahrheiten, die durch diese Vergleichungen angedeutet werden
sollten, klar zu machen. Er lässt sich also herab, der Blödigkeit seines
geistigen Auges durch eine allegorische Darstellung der Sache zu Hülfe zu
kommen. Und nun hören wir ihn selbst!
    Stelle dir, sagt er zu Glaukon, die Menschen vor, als ob sie in einer Art
von unterirdischer Höhle wohnten, die von oben herein weit offen, bloss durch den
Schein eines grossen auf einer entfernten Anhöhe brennenden Feuers erleuchtet
wird. In dieser Gruft befinden sie sich von Kindheit an, am Hals und an den
Füssen dergestalt gefesselt, dass sie sich weder von der Stelle bewegen, noch den
Kopf erheben und herum drehen können, folglich, gezwungen immer nur vor sich hin
zu sehen, weder über noch hinter sich zu schauen im Stande sind. Zwischen dem
besagten Feuer und den Gefesselten geht ein etwas erhöhter Weg, und längs
desselben eine Mauer, ungefähr so hoch und breit als die Schaugerüste, auf
welchen unsre Gaukler und Taschenspieler den Zuschauern ihre Wunderdinge
vorzumachen pflegen. Nun bilde dir ferner ein, du sehest neben dieser Mauer eine
Menge Menschen mit und hinter einander auf der besagten Strasse daher ziehen,
welche allerlei Arten von Gerätschaften, Statuen und hölzerne oder steinerne
Bilder von allerlei Tieren auf alle mögliche Art gearbeitet, auf dem Kopfe
tragen, so dass alle diese Dinge über die Mauer hervorragen. Glaukon findet
dieses ganze Gemälde etwas abenteuerlich, und scheint nicht erraten zu können,
wo Sokrates mit seinen Gefesselten, die er in eine so seltsame Lage setzt,
hinaus wolle. Gleichwohl, fährt dieser fort, sind sie unser wahres Ebenbild. -
Aber bevor er diese Behauptung seinem staunenden Lehrling klar machen kann, muss
er die natürlichen Folgen entwickeln, welche die vorausgesetzte Lage für die
Gefesselten haben müsste. Fürs erste, sagt er, werden sie, da sie unbeweglich vor
sich hinzusehen gezwungen sind, weder von sich selbst und denen, die neben ihnen
sind, noch von allen den Dingen, die hinter ihnen vorbei ziehen, sonst nichts
erblicken können als die Schatten, die auf die gegenüber stehende Wand der Höhle
fallen. Ferner werden sie, falls sie mit einander reden könnten, den Schatten
die Namen der Dinge selbst beilegen; und wofern im Grund ihrer Höhle ein Echo
wäre, welches die Worte der (ihnen unsichtbaren) Vorbeigehenden wiederhohlte,
würden sie sich einbilden, die Schatten, welche sie vor sich sehen, brächten
diese Töne hervor. Sie würden also unstreitig nichts anders für das Wahre
halten, als die Schatten der vorbesagten Gerätschaften und Kunstwerke. Glaukon
bejaht alles dies ohne Widerrede, sogar mit einem grossen Schwur; und Sokrates
geht desto getroster weiter. Siehe nun auch, sagt er, wie sie zugleich mit ihren
Fesseln von ihrer Unwissenheit entbunden würden, wenn die Natur sie von jenen
befreien wollte. Gesetzt also Einer von ihnen würde losgebunden und genötigt
plötzlich aufzustehen, den Kopf umzudrehen, zu gehen und zum Licht empor zu
schauen, so ist kein Zweifel, dass ihm alles dies anfangs sehr sauer werden
müsste, und dass ihn das ungewohnte Licht blenden und unvermögend machen würde,
die Dinge gewahr zu werden, deren Schatten er vorher gesehen hatte. Was meinst
du nun dass er sagen würde, wenn ihn jemand versicherte, was er bisher gesehen
habe, sei eitel Tand, und jetzt erst habe er wirkliche und dem Wahren näher
kommende Gegenstände vor den Augen; und wenn man ihm dann eines der
vorübergehenden nach dem andern mit dem Finger zeigte und ihn zu sagen nötigte
was es sei, würde er nicht verlegen sein, und die zuvor gesehenen Schatten für
wahrer halten als was ihm jetzt gezeigt wird? Glauk. Ganz gewiss. Sokr. Und wenn
man ihn zwänge in das Feuer selbst hinein zu sehen, würde er nicht, weil ihm die
Augen davon schmerzten, das Gesicht sogleich wegwenden und auf die Schatten
zurückdrehen, die er ohne Beschwerde anschauen kann, und die er eben deswegen
für reeller halten würde, weil er sie deutlicher sähe als die im Licht
erblickten Gegenstände? Glauk. Nicht anders. Sokr. Wenn man ihn nun vollends mit
Gewalt und über Stock und Stein aus seiner Höhle heraus an das Sonnenlicht
hervor zöge, würde er nicht während der Operation gewaltig wehklagen und
ungehalten sein, und so wie er an die Sonne selbst gekommen wäre, vor lauter
Glanz von allem, was wir andern wirkliche Dinge nennen, nichts sehen können?
Glauk. So plötzlich gewiss nichts. Sokr. Es wird also, wenn ein solcher Mensch
die Dinge hier oben sehen soll, Zeit erfordert werden, bis er sich allmählich
daran gewöhnt. Was seine Augen anfangs am leichtesten ertragen, werden die
blossen Schatten sein; hernach die Bilder von Menschen und andern Dingen im
Wasser, zuletzt diese Dinge selbst. Aber was am Himmel zu sehen ist, und den
Himmel selbst, wird er lieber Nachts bei Mondenschein und Sternenlicht, als bei
hellem Tag im Sonnenglanze sehen wollen. Glauk. Daran ist kein Zweifel. Sokrat.
Nach und nach aber wird er es doch endlich so weit bringen, dass er auch die
Sonne, nicht bloss ihr Bild im Wasser oder ihren Widerschein in andern Körpern,
sondern sie selbst, wie sie ist, und an der Stelle, wo sie sich befindet,
anzublicken im Stande sein wird. Glauk. Das ist nicht anders möglich. Sokr. Und
nun wird er auch durch Ueberlegung und Vernunftschlüsse herausbringen, dass es
die Sonne sei, welche das Jahr und die Wechselzeiten desselben ordnet, über
allem in der sichtbaren Welt waltet und gewissermassen die Ursache alles dessen
ist, was sie zuvor sahen? Glauk. Offenbar muss er von diesem auf jenes geleitet
werden. Sokr. Und wenn er sich nun seines vorigen Aufentalts, und des Begriffs,
den man sich dort von der Weisheit macht, und seiner armen Mitgefangenen
erinnert, wird er nicht sich selbst der mit ihm vorgegangenen Veränderung wegen
glücklich preisen, und die letztern hingegen bemitleiden? Glauk. O gar sehr!
Sokr. Und wofern, bei diesen, Lobsprüche, Ehrenstellen und Belohnungen für
denjenigen stattfanden, der die vorbeigleitenden Schatten am deutlichsten sah,
sich der Ordnung, in welcher sie aufeinander gefolgt oder neben einander
erschienen waren, am genauesten erinnerte, und wie es künftig damit sein würde
am besten vorhersagen konnte: meinst du jener würde diese Vorteile vermissen,
oder diejenigen beneiden, die bei ihnen geehrt werden und die Oberhand haben,
oder er würde nicht lieber (wie Homer den Schatten des Achilles sagen lässt)
einem »armen Söldner das Feld als Tagelöhner bestellen,« und lieber alles
erdulden als in seinen vorigen Zustand zurückkehren? Glauk. Er würde, denke ich,
sich eher alles andere gefallen lassen, als wieder dort zu leben. Sokr. Gesetzt
aber, er müsste wieder in die Höhle herabsteigen und seinen alten Platz wieder
einnehmen, würde es ihm, wenn er so auf einmal aus der Sonne ins Dunkle käme,
nicht zu Mute sein, als ob er in die dickste Finsternis versetzt worden sei?
Glauk. Nichts gewisser! Sokr. Und wenn er dann, bevor er den Gebrauch seiner
Augen wieder erlangt hätte (wozu einige Zeit erforderlich sein würde) von den
besagten Schatten wieder Kenntnis nehmen und sich mit den andern Gefesselten
darüber streiten müsste, würde er ihnen nicht lächerrlich scheinen? würden sie
nicht sagen, er wäre durch sein Hinaufsteigen in die obere Gegend um sein
Gesicht gekommen; und es sei nicht zulässig, dass man auch nur versuche
hinaufzukommen, und wofern sich jemand unterfinge einen von ihnen zu entfesseln
und hinauf zu führen, müsste man ihn greifen und mit dem Tode bestrafen? - Glauk.
Unfehlbar; mit nichts Geringeren als dem Tode. Sokr. Machen wir nun, lieber
Glaukon, die Anwendung von diesem ganzen Bilde auf das, was wir vorhin gesagt
haben. Die unterirdische Höhle bedeutet diese sichtbare Welt; das Feuer, wovon
sie beleuchtet wird, die Sonne; das Aufsteigen in die obere Gegend und was dort
gesehen wird, die Erhebung der Seele in die intelligible Welt. Wenigstens ist
dies meine Vorstellungsart, weil du sie doch zu hören verlangt hast. Ob sie aber
die wahre ist, mag Gott wissen! Genug, mir meines Orts kommt die Sache so vor,
wie ich dir sage. Das Höchste in der intelligibeln Welt ist die Idee des Guten,
zu deren Anschauen schwer zu gelangen ist. Wer aber dazu gelangt ist, kann nicht
anders als den Schluss machen, dass sie die Grundursache alles dessen sei was
recht, schön und gut ist, indem sie in dieser sichtbaren Welt das Licht und den
Beherrscher desselben hervor gebracht, in der geistigen hingegen, deren
unmittelbare Beherrscherin sie ist, die Wahrheit und den reinen Verstand
erzeugt; und dass es also schlechterdings nötig ist sie zu kennen, um in irgend
einem öffentlichen oder besondern Wirkungskreise recht zu handeln. Glauk. Ich
denke hierüber wie du, so viel mir immer möglich ist. Sokr. So stimme mir denn
auch darin bei, dass es kein Wunder ist, wenn diejenigen, die von dannen
herabkommen, keine Lust haben, sich mit den menschlichen Dingen abzugeben,
sondern von ganzem Gemüt dahin trachten, sich in jener erhabenen Region immer
aufzuhalten. Denn es kann, unserm vorigen Bilde gemäss, nicht anders sein. Glauk.
Das folgt ganz natürlich. -
    Hieran mag es genug sein, lieber Eurybates; und nun erwartest du vermutlich
meine Meinung von diesem allem? Aber was kann ich dir darüber sagen? Es ist
schwer in solchen Dingen überall eine Meinung zu haben. Das Gewisseste, was ich
davon sagen kann, ist, dass meine Vorstellungsart so verschieden von der
Platonischen ist, als die Grundsätze, von denen wir ausgehen. Wer von uns Recht
hat, mag Gott wissen, möchte ich beinahe mit seinem Sokrates sagen. Und doch
dünkt mich, wenn ich alles mit ganz nüchternem Mut überlege, der allgemeine
Menschenverstand, oder der allen Menschen einwohnende Sinn für das, was uns
Wahrheit ist, spreche ziemlich entschieden für meine Grundsätze. Aber Plato
denkt von den seinigen noch vornehmer; denn sie scheinen ihm so gewiss zu sein,
als dass Eins = Eins ist; wofern wir also nicht etwa den Delphischen Gott zum
Schiedsrichter nehmen wollen, wer soll zwischen uns Richter sein?
    Uebrigens scheint Plato die Schwierigkeiten, die sein dichterisches
Lehrgebäude drücken, sehr gut zu kennen. Daher die Vorsicht, jede seiner
unerweislichen Voraussetzungen durch andere eben so luftige zu unterstützen; wie
ein Dichter, um ein erstes Wunderding glaublich zu machen, immer ein zweites und
drittes in Bereitschaft haben muss. Wir wollen, zum Beispiel, in Betreff der
vorliegenden Allegorie so höflich sein als sein guter Bruder Glaukon, und über
alle die ungereimten Voraussetzungen, ohne welche sie nicht bestehen kann,
hinaus gehen; aber das wird uns doch zu fragen erlaubt sein müssen: was die
armen Gefangenen verbrochen haben, dass sie an Hals und Füssen gefesselt ihr Leben
in dem hässlichen unterirdischen Kerker damit zubringen müssen, unverwandt vor
sich hin zu gucken, und, weil sie nichts als Schatten zu sehen bekommen, sie
gezwungner Weise für reelle Dinge anzusehen? - Du erinnerst dich vielleicht, dass
er die Antwort auf diese Frage schon lange in seinem Phädrus bereit hält.
Allerdings, sagt er, haben sie durch ein sehr schweres Verbrechen eine so harte
Busse verdient. - Aber zum Unglück finden wir uns, wenn wir ihm auch diese
Ausrede, als auf eine ihm besser als uns bekannte Tatsache gegründet, gelten
lassen wollen, genötigt abermals zu fragen: wie die Idee des Guten (die er zur
Grundursache alles Wahren, Rechten und Schönen macht) recht und wohl daran tue,
diese Verbrecher mit einer Strafe zu belegen, wodurch ihnen ein fortdauernder
Zustand von Unwissenheit und Irrtum unvermeidlich und alles Aufstreben ins
Reich der Wahrheit unmöglich gemacht wird? Ich sehe nicht was er antworten kann,
um seine Idee des Guten von dem Vorwurf zu retten, dass sie, gleich den Göttern
unsrer Dichter, kein Bedenken trage, diejenigen, die sich gegen sie vergangen
haben, aus Rache in unfreiwillige Irrtümer und Verbrechen zu verwickeln, bloss
um einen neuen Vorwand zu erhalten, mit den armen Unglücklichen noch grausamer
verfahren zu können.
    Diesen und einer Menge anderer Klippen und Untiefen, zwischen welchen die
Platonische Philosophie, unter beständiger Gefahr zu scheitern oder auf dem
Sande sitzen zu bleiben, sich durcharbeiten muss, entgehen wir andern ächten
Sokratiker freilich durch den grossen Grundsatz unsers Meisters: bloss über die
menschlichen Dinge menschlich zu philosophiren, und die göttlichen, als über
unsern Verstand gehend, unbesorgt den Göttern zu überlassen: aber wir bekennen
uns dadurch auch zu einer Unwissenheit, die uns mit den ungelehrtesten Idioten
in Eine Reihe stellen würde, wenn wir nicht wenigstens dies voraus hätten, dass
wir die Ursachen kennen, warum diese Unwissenheit unvermeidlich ist.
Demungeachtet läugne ich nicht, dass der Hang alles, was um, über und unter uns
ist, ergründen zu wollen, - wiewohl er sich nur bei wenigen ausserordentlichen
Menschen in seiner ganzen Stärke zeigt - dennoch eines der Merkmale zu sein
scheint, wodurch sich der gebildete und seiner Vernunft mächtig gewordene Mensch
von dem blossen Tiermenschen unterscheidet. Er gehört zu dem ewigen Streben ins
Unbegränzte, welches das grosse Triebrad der unbestimmbaren Vervollkommnung ist,
deren höchstem Punkte das Menschengeschlecht sich in einer Art von unermesslicher
Spirallinie langsam und unvermerkt anzunähern scheint. Werden wir jemals dieses
Ziel erreichen? Oder bewegen wir uns (wie der Aegyptische Hermes gesagt haben
soll) in einem Cirkel, dessen Mittelpunkt überall und dessen Umkreis nirgends
ist? Und ist vielleicht gerade dies die einzige Möglichkeit, wie wir uns immer
bewegen, d.i. nie zu sein aufhören können? - Auch die Natur, Freund Eurybates,
hat in ihren grossen Mysterien unaussprechliche Worte, die wir entweder nie
erfahren werden, oder welche der, dem sie sich entüllte, nicht verraten
könnte, weil es ihm an Worten fehlen würde sich andern verständlich zu machen?
Befände sich jemals ein Sterblicher in diesem glücklichen Falle, würde er nicht,
wenn er von dem, was unaussprechlich ist, sprechen wollte, genötigt sein, seine
Zuflucht, wie Plato, zu Bildern und Allegorien zu nehmen? Und da er doch sicher
darauf rechnen könnte, mit seinen Offenbarungen von niemand verstanden, und nur
von sehr Wenigen vielleicht, gleich fernen das Ohr kaum noch leise berührenden
Tönen, mehr geahnet als gehört zu werden, tät' er nicht eben so wohl, wenn er
gar nicht davon spräche? - Aber was hätte da der göttliche Plato zu tun gehabt?
- Ich beantworte also jene Frage mit Nein; aber nun auch keine Sylbe weiter!
 
                                       8.
                     Fortsetzung und Beschluss des Vorigen.
Meinem Versprechen zufolge werde ich die vier Bücher, die noch vor uns liegen,
wie reich und schwer an Inhalt sie auch sind, und wie viel gegen Manches zu
erinnern wäre, wenn es scharf gesichtet werden sollte, so schnell als möglich
durchlaufen, und (wenn anders die Versuchung nicht hier oder da gar zu stark
werden sollte) nicht mehr davon sagen, als zur Uebersicht des Ganzen nötig ist.
    Die Behauptung, »dass die beste (der Vollkommenheit am nächsten kommende)
Republik nur unter der einzigen Bedingung, wenn sie ächte Philosophen zu
Regenten habe, realisirt werden könne,« hatte den Platonischen Sokrates auf die
verschiedenen Untersuchungen und Erläuterungen geführt, die den Inhalt des
sechsten Buchs ausmachen. Die allegorische Dichtung zu Anfang des siebenten
sollte das, was er über ächte und unächte Philosophie, über Irrtum, Wahrheit
und Meinung (die zwischen beiden liegt) vorgebracht hatte, durch ein passendes
Phantasiebild begreiflicher machen. Das Resultat davon ist: dass nur der, dessen
Geist aus der Sinnenwelt (die uns andern gemeinen Menschen die wirkliche
scheint) in die Welt der Ideen empor gestiegen, und durch diese sich endlich bis
zum unmittelbaren Anschauen der Idee des Guten erhoben hat, den Namen eines
Philosophen verdiene. Da nun unsre Republik lauter solche Philosophen zu
Vorstehern haben soll, so fragt sich: durch was für eine Erziehung diese
letztern zu ihrer Bestimmung zubereitet, auf welchen Stufen sie zu ihr empor
geführt, und welchen Prüfungen sie unterworfen werden sollen, bevor sie für
fähig und würdig zu erkennen sind, in unsrer Republik das zu sein, was die
Vernunft in dem Mikrokosmos der menschlichen Seele und die Idee des Guten im
Weltall ist? Diese Aufgaben beschäftigen unsern Philosophen durch das ganze
siebente Buch, und geben ihm, indem er von den Wissenschaften spricht, wodurch
seine künftigen Archonten sich den Eingang in die übersinnliche Ideenwelt
eröffnen sollen, Gelegenheit, manches Brauchbare zu sagen, aber auch manches,
das mir und vermutlich seinen meisten Lesern ziemlich unverständlich ist, und
uns den Argwohn abnötigt, dass er uns entweder absichtlich tantalisiren27, oder
eine Unwissenheit, die er mit uns und allen andern Sterblichen gemein hat,
hinter die vielversprechende geheimnisvolle Miene, womit er uns - nichts
offenbart, verstecken wolle. Die Wissenschaften, welche seine künftigen
Archonten mit besonderm Eifer treiben sollen, sind die Aritmetik, Geometrie,
Astronomie und Musik. Aber dass du dir ja nicht einbildest, der Platonische
Sokrates denke über diese Wissenschaften wie der Sohn des Sophroniskus, der
seinen jungen Freunden zu raten pflegte, sich nicht tiefer in sie einzulassen,
als zu ihrem Gebrauch im Rechnen, Feldmessen, in der Schifffahrt, und zum
Singen, Citerspielen und Tanzen nötig ist! Gerade das Widerspiel; er spricht
von dem praktischen Teil derselben mit einer Art von Verachtung, und empfiehlt
sie seinen Zöglingen nur, insofern sie die Seele durch Betrachtung des
Uebersinnlichen reinigen und zum Anschauen des Wesens der Dinge und der Idee des
Guten tüchtiger machen. In dieser Rücksicht räumt er der Dialektik28 (die ihm
etwas ganz anders ist als was gewöhnlich unter diesem Namen verstanden wird) die
oberste Stelle unter allen (in Vergleichung mit ihr nur uneigentlich so
genannten) Wissenschaften ein, weil sie sich (wenn ich ihn anders recht
verstehe) zu den übrigen verhält, wie in seinem vorigen Gleichnissbilde von den
Gefesselten in der unterirdischen Höhle das Anschauen der Sonne selbst zum
Anschauen des Feuers, welches den Gefesselten die Schatten der zwischen ihnen
und dem Feuer vorübergetragenen Dinge sichtbar macht; daher denn auch niemand
als der wahre Dialektiker im Stande ist, die übrigen Wissenschaften so zu
veredeln, dass sie zu Stufen werden, worauf die Seele, nachdem sie sich von allem
was ästetisch ist losgewunden29 hat, »vermittelst eines Organs, das mehr als
zehntausend körperliche Augen wert ist,« zur unmittelbaren Anschauung des
Auto-Agaton, als dem höchsten Endpunkt alles Reindenkbaren, sich erheben kann.
Mehr verlange nicht, dass ich dir von diesen übersinnlichen Geheimnissen sagen
soll; denn ich gestehe dir unverhohlen, dass mein Geistesauge (mit Plato zu
reden) noch zu sehr mit barbarischem Schlamm (borborô barbarikô) überzogen ist,
um von dem unendlich subtilen dialektischen Licht, womit dieses siebente Buch
erfüllt ist, nicht geblendet zu werden. Beinahe möchte man den wackern Glaukon
beneiden, der, wie es scheint, als ein ächter junger Adler mit heilen Augen in
diese Sonne schauen kann, und dem alles, was er bloss hört, auf der Stelle so
klar einleuchtet, als ob er es aus Platons eigenen Augen sähe.
    Ernstaft von der Sache zu reden, Eurybates, glaube ich, trotz der
Blödigkeit meines Gesichts für unsichtbare Dinge, ziemlich klar zu sehen, dass es
nur auf den guten Willen unsers Mystagogen angekommen wäre, die erhabenen
Lehren, die er uns, bald in die seltsamsten Bilder verschleiert, bald in einer
nur ihm und seinen Eingeweihten verständlichen Sprache, als eine Art von Rätsel
zu erraten gibt, in der Sprache der Menschen deutlich genug vorzutragen, dass
jeder nicht gänzlich im Denken ungeübte Leser sie ohne grosse Anstrengung hätte
verstehen und beurteilen können. Aber vielleicht würden sie dann auch nicht
wenig von dem hohen Wert, den er ihnen beilegt, verloren haben, und es wäre
beim ersten Blick in die Augen gefallen, dass wir durch die Verwandlung blosser
ausgeweideter Gedankenformen in das was er Ideen nennt, und sogar durch das
Aufschauen zu seinem Auto-Agaton, - in welches unser geistiges Auge, eben so
wenig als unser leibliches in die Sonne, länger als einen Augenblick (und auch
da nicht ohne zu erblinden) schauen könnte, - bei weiten nicht so viel gewinnen
als er uns zu versprechen scheint. Denn es hat (menschlicherweise von der Sache
zu reden) mit diesem Auto-Agaton, diesem König der unsichtbaren Welt, diesem
ersten unergründlichen Grund alles dessen was wahrhaftig ist, so ziemlich eben
dieselbe Bewandtnis wie mit der Sonne, dem Herrscher in der sichtbaren. Was wir
von beiden wissen, ist sehr wenig, und wir reichen nicht weit damit, wenn es
darum zu tun ist, uns eine reelle, d.i. im praktischen Leben brauchbare und
hinreichende Kenntnis der Menschen und der Dinge um uns her anzuschaffen, deren
wir gleichwohl am meisten bedürfen, da von den Verhältnissen dieser Menschen und
dieser Dinge zu uns, und von der Art, wie wir diese gebrauchen und uns gegen
jene benehmen, unser Wohl oder Weh abhängt. Ob die Welt um uns her aus reellen
Dingen oder blossen Erscheinungen bestehe, wenn es für gesunde Menschen auch eine
Frage sein könnte, wäre doch eine unnütze Frage, weil wir uns, um nicht wie
Toren zu handeln, immer so benehmen müssen, als ob alles, was gesunden und
vernünftigen Menschen reell scheint, es auch wirklich sei. Sich mit Gewalt in
eine unsichtbare Ideenwelt hinein zu träumen oder hinein zu abstrahiren, ist
schwerlich der rechte Weg, die Sinnenwelt, die nun einmal unser Wirkungskreis
ist, kennen zu lernen; aber wohl das unfehlbarste Mittel, eine jede andere als
die Rolle eines schwärmerischen Mystosophen ziemlich schlecht in ihr zu spielen.
Was würde man von einem zum Maler oder Bildner bestimmten Menschen sagen, der,
wenn er in eine Galerie von Bildsäulen und Gemälden der besten Meister geführt
würde, diese Kunstwerke, weil sie doch nichts als leblose und unvollkommene
Nachbildungen wirklicher Menschen, Götter und Göttersöhne seien, mit Verachtung
anekeln und sich noch gross damit machen wollte, dass er nur die Urbilder seines
Anblicks würdig halte? - Doch dies im Vorbeigehen; denn eine scharfe
Untersuchung dessen, worauf es in dem Streit zwischen dem göttlichen Plato und
dem gesunden Sokratischen Menschenverstand ankommt, würde mich viel weiter
führen als ich mir in diesen Briefen zu gehen vorgesetzt habe, und es kann,
dünkt mich, an den Winken genug sein, die ich hierüber hier und da bereits
gegeben habe.
    Nachdem unser Platonischer Sokrates das Kapitel von der Erziehung und
Vorbereitung, und den darauf folgenden Beschäftigungen und Prüfungen, wodurch
die zur Regierung seiner Republik bestimmten Personen beiderlei Geschlechts zu
dem erforderten hohen Grad von Weisheit und Tugend gebildet werden sollen, im
siebenten Buche zu Ende gebracht hat, beginnt er das achte mit einer
summarischen Wiederholung der Resultate alles dessen, was vom fünften an bisher
zwischen ihm und den beiden Brüdern abgehandelt worden, und nimmt, mit Glaukons
unbedingter Beistimmung, als etwas Ausgemachtes an: dass in einer vollkommen
wohleingerichteten Republik erstens Weiber, Kinder, Erziehung und Ausbildung zu
allen in Krieg und Frieden nötigen Eigenschaften, in den beiden obern Ständen
gemeinschaftlich sein müssen; zweitens, der zur Verteidigung bestimmte Stand
kein Eigentum besitzen dürfe, und drittens aus demselben nur die vollendetsten
und bewährtesten Philosophen und Kriegsmänner zu Regenten oder Königen (wie er
sie nennt) erwählt werden sollen. Beide erinnern sich nun des Orts, von wo aus
Sokrates durch Adimants und Polemarchs Zudringlichkeit in diesen Labyrint von
grossen und kleinen Digressionen, Absprüngen und Widergängen verleitet worden;
und da beide gleich geneigt sind, der eine zu reden, der andere zuzuhören: so
wird nun der im Eingang des fünften Buchs angefangene, aber sogleich
unterbrochne Discurs über die verschiedenen Staatsformen wieder aufgenommen, und
gezeigt, wie einer jeden dieser Verfassungen (welche unser Philosoph auf fünf,
nämlich eine gesunde und vier mehr oder weniger verdorbene, zurückführt) eine
ähnliche Verfassung im Innern des Menschen entspreche. Die einzige gesunde
Staatsverfassung ist ihm die Aristokratie, d.i. die Regierung der Besten, oder
(was bei ihm einerlei ist) der Philosophen. Ob sie monarchisch oder polyarchisch
sei, gilt gleichviel, wenn nur die Philosophie regiert, und alles nach dem
Modell seiner bisher beschriebenen Republik eingerichtet ist. Unglücklicherweise
(sagt er) ist auch diese vollkommenste Verfassung, wie alle Dinge unter dem
Mond, der Verderbnis unterworfen; sie kann und muss nach und nach krank werden,
und sobald dieser Fall eintritt, artet sie in die erste der ungesunden
Verfassungen, in die Timokratie oder Herrschaft der Ehrgeizigen aus, so wie
diese, wenn sie den höchsten Grad ihrer Verderbnis erreicht hat, sich in die
Oligarchie, und diese, aus der nämlichen Ursache, sich in die Demokratie
verwandelt; welche, durch eine eben so natürliche Folge, endlich in der
verdorbensten und verderblichsten aller Staatsformen, der Tyrannie, ihren
Untergang findet. Wie es mit diesen Verwandlungen zugehe, den Charakter und so
zu sagen die Krankheitsgeschichte dieser vier Perioden einer ursprünglich
kerngesunden, aber nach und nach ausartenden und kachektisch werdenden Republik,
und eine genetische Schilderung der Gemütsverfassung und Sitten eines jeder von
den vier verdorbenen Regierungsarten entsprechenden einzelnen Menschen, alles
dies wird im achten und neunten Buch, aus dem Gesichtspunkt, worauf uns Plato
gestellt hat, auf eine sehr einleuchtende Art mit vieler Wahrheit und
Zierlichkeit vorgetragen. Man erkennt in der Schilderung der Timokratie das
heutige Sparta auf den ersten Blick; auch Korint, Argos, Teben und andere
ihresgleichen, werden sich in seiner Oligarchie nur zu gut getroffen finden;
aber die Darstellung und Würdigung der Demokratie, wozu er an seiner eigenen
Vaterstadt das trefflichste Modell vor Augen hatte, geht über alles. Sie ist ein
Meisterstück Sokratisch-Attischer Feinheit und Ironie; zwar etwas scharf
gesalzen und reichlich mit Silphion gewürzt, aber wenn den Atenern noch zu
helfen wäre, so müsste diese Arznei wirken: oder, richtiger zu reden, wenn sie
(wie Plato selbst schwerlich anders erwartet) ungefähr eben so viel wirkt als
die Ritter, die Vögel und die Wespen des Aristophanes, d.i. nichts, so ist den
Atenern schwerlich zu helfen. Gleichwohl sollt' es mich wundern, wenn diese
Satyre auf die Demokratie nicht gerade das wäre, was ihnen in diesem ganzen
Dialog am meisten Vergnügen macht.
    Ich für meine Person wurde auf eine angenehme Weise überrascht, da ich den
Sokrates in diesem achten Buch sich selbst unverhofft wieder so ähnlich fand,
dass ich ihn zu hören geglaubt haben würde, hätte nicht Plato recht
geflissentlich dafür gesorgt, uns gleich zu Anfang durch ein unfehlbares Mittel
gegen diese Täuschung zu verwahren. Er bewirkt dies durch eine Probe seiner
Geschicklichkeit in der dialektischen Aritmetik, oder aritmetischen Dialektik,
die so hoch über allen Menschenverstand geht, oder, um das Ding mit seinem
rechten Namen zu nennen, so rein unsinniger Unsinn ist, dass man die Stelle zwei
oder dreimal lesen muss, ehe man seinen Augen glauben kann, dass sie wirklich
dastehe. Sie befindet sich zu Anfang des achten Buchs, wo die Rede von der
Möglichkeit ist, dass sogar die beste und vollkommenste Republik nach und nach
ausarte und sich in eine Timokratie verwandle. Diese Aufgabe, deren Auflösung
für einen Mann von unverschrobenem Kopf wenig Schwierigkeit hat, scheint ihm so
schwer zu sein, dass er den Glaukon fragt, ob sie nicht nach Homerischer Weise
die Musen anrufen wollten, ihnen zu sagen, wie es zugehen müsste, wenn sich in
einer so wohl geordneten Republik ein Aufstand sollte ereignen können. Wahr
ist's, er setzt sogleich hinzu: »wollen wir sie nicht bitten, sich einen kleinen
Spass mit uns zu machen, wie wenn man kleinen Knaben spielend läppisches Zeug in
einem tragischen Ton und hochtrabenden Worten als etwas gar Ernstaftes und
Wichtiges vordeclamirt?« - und heisst das nicht sich deutlich genug erklären, dass
er selbst die hierauf folgende Auflösung des Problems für nichts Besser's als
Kinderpossen gebe? Aber wir kennen diese Art ironischer Neckerei an ihm, und er
soll uns nicht glauben machen, dass ein so gravitätischer Mann wie er, auf eine
so unanständige und zwecklose Art den Narren habe mit uns treiben wollen, indem
er uns auf eine sehr ernstafte Frage die rechte Antwort zu geben Miene macht.
Ganz gewiss hat er also mit dem aritmetisch geometrischen Unsinn30, den er den
Musen in den Mund legt, mit diesem unerratbaren Rätsel einer durch die
verworrensten und unverständlichsten Bezeichnungen angedeuteten oder vielmehr
nicht angedeuteten geometrischen Zahl - durch deren Einfluss Kinder von
schlechterer Art so notwendig gezeugt werden müssen, dass, »wofern die Vorsteher
unserer Republik aus Unwissenheit dieser unglücklichen Zahl sowohl als der ihr
entgegengesetzten vollkommenen, welche den Zeitpunkt des göttlichen Erzeugnisses
bezeichnen soll, den rechten Augenblick, ihre Bräute und Bräutigame zusammen zu
lassen, verfehlen, es unmöglich ist, dass die Republik eine an Leib und Seele
wohlbeschaffene, glücklich organisirte Nachkommenschaft erhalten könnte;« - ganz
gewiss, sage ich, hat Plato mit diesem aller menschlichen Vernunft spottenden
Rätsel etwas sagen wollen; wär' es auch nur, dass er seine gutmütigen Leser zu
glauben nötigt, er selbst besitze den Schlüssel zu diesem Geheimnis, ohne
welches seine Republik, trotz aller vorhergegangenen Beweise ihrer Möglichkeit,
nimmermehr zu Stande kommen kann, wofern er sich nicht erbitten lässt, den
künftigen Vorstehern das Verständnis hierüber zu öffnen. Denn nach seiner
ausdrücklichen Versicherung ist das Geheimnis dieser Zahlen so beschaffen, dass
die Vorsteher, »wie weise sie auch sein möchten, es weder auf ästetischem Wege
(durch Sinne, Einbildung und Divination) noch durch Vernunftschlüsse
herausbringen könnten;« so dass es also ein blosses glückliches Ungefähr wäre,
wenn sie jemals den rechten Moment zur Zeugung ihrer Staatsbürger treffen
würden. Auf alle Fälle hat unser Philosoph sich durch diese neue Probe seiner
übermenschlichen Kenntnisse in ein sehr beschwerliches Dilemma verstrickt. Denn
entweder sind ihm jene mystischen Zahlen bekannt oder nicht. Sind sie ihm nicht
bekannt, wie ist es möglich, dass er, um einfältigen Lesern weiss zu machen, er
kenne sie, lieber baren Unsinn vorbringen als seine Unwissenheit gestehen will?
Kennt er sie aber, was in aller Welt konnte ihn bewegen sie in ein Rätsel, und
dieses Rätsel in Worte und Sätze einzuwickeln, von welchen er selbst gewiss sein
muss, dass sie dem gelehrtesten und scharfsinnigsten seiner Leser eben so
unverständlich sind als dem unwissendsten und blödsinnigsten? Und da nun einmal
(wie er sagt) ausser seiner Republik kein Heil ist, diese aber, so lange seine
beiden Zeugungszahlen ein Geheimnis bleiben, niemals, wenn sie auch zu Stande
käme, in die Länge bestehen könnte: war es nicht seine Schuldigkeit, sie auf
eine wenigstens den Gelehrten verständliche Art der Welt mitzuteilen? Ist er
nicht dem menschlichen Geschlecht auch ohne Rücksicht auf seine idealische
Republik eine so wohltätige Entdeckung schlechterdings schuldig? Was sollen wir
von dem Manne denken, der ein unfehlbares Mittel, die ganze menschliche Gattung
zu veredeln, besitzt, und wiewohl er selbst keinen Gebrauch davon machen will
oder kann, es nicht nur für sich allein behält, sondern sogar ein leichtfertiges
Vergnügen daran zu finden scheint, es den Leuten mit einem dicken Tuch
siebenfach bedeckt vorzuzeigen, und sobald er sie recht gelüstig darnach sieht,
ihnen den Rücken zu weisen und lachend davon zu gehen? Ich zweifle sehr, ob
Aristophanes selbst, wenn er unsern Mystosophen zum Helden eines Seitenstücks
der Wolken hätte machen wollen, es gewagt hätte, ihm eine so erbärmliche Rolle
anzudichten, als er hier, in einer unbegreiflichen Eklipse seiner Vernunft, mit
augenscheinlichem Wohlgefallen an sich selbst von freien Stücken spielt.
    Es gibt vielleicht kein auffallenderes Beispiel, wie nachteilig es ist in
mehrern und entgegen gesetzten Fächern zugleich glänzen zu wollen, und wie wohl
Plato daran tut, die Künstler und Handarbeiter in seiner Republik durch ein
Grundgesetz auf eine einzige Profession einzuschränken, - als sein eigenes.
Glücklich wär' es für ihn gewesen, wenn die Atener ein Gesetz hätten, vermöge
dessen ihren Bürgern bei schwerer Strafe verboten wäre, in eben demselben Werke
den strengen Dialektiker, den Dichter, und den Schönredner zugleich, zu machen.
Vermutlich würde Plato jedes von diesen dreien in einem hohen Grade gewesen
sein, wenn er sich auf Eines allein hätte beschränken wollen: aber da er diesen
dreifachen Charakter in sich vereinigen will, und dadurch alle Redner, Dichter
und Dialektiker vor und neben ihm auszulöschen glaubt, kann er neben keinem
bestehen, der in einem dieser Fächer ein vorzüglicher Meister ist; denn er ist
immer nur halb was er sein möchte. Wo er scharf räsonniren sollte, macht er den
Dichter; will er dichten, so pfuscht ihm der grübelnde Sophist in die Arbeit.
Hat er uns einen strengen Beweis oder eine genau bestimmte Erklärung erwarten
lassen, so werden wir mit einer Analogie oder mit einem Mährchen abgefertigt;
und was oft mit wenigem am besten gesagt wäre, webt er mit der unbarmherzigsten
Redseligkeit in klafterlange, aus einer einzigen Metapher gesponnene Allegorien
aus. Statt der Antwort auf eine Frage, zu welcher er uns selbst genötigt hat,
gibt er uns ein Rätsel aufzuraten; und wo das zweckmässigste wäre, geradezu auf
die Sache loszugehen, führt er uns, für die lange Weile, in mühsamen
Schlangenlinien, Berg auf Berg ab, durch Dick und Dünn, oft so weit vom Ziele,
dass er selbst nicht mehr weiss wo er ist, und uns eine gute Strecke lang wieder
zurückführen muss, um die Strasse, die er ohne Not verlassen hat, wieder zu
finden. Das letztere begegnet ihm so oft, dass dieser Dialog, dessen ungeheure
Länge die Geduld des mässigsten und leselustigsten Lesers endlich mürbe macht,
wenigstens um den vierten Teil kürzer wäre, wenn er das bereits Gesagte nicht
so oft wiederholen müsste, um wieder in den Zusammenhang zu kommen. Dies ist auch
zu Anfang des neunten Buchs der Fall, worin er das Ideal des vollständigsten
Bösewichts, dem er (gegen den Sprachgebrauch) den Namen Tyrann beilegt, mit
seiner gewöhnlichen rhetorischen Ausführlichkeit vor unsern Augen entstehen
lässt; erst als blossen Privatmann, wie er sich in der Demokratie durch den
Zusammenfluss aller möglichen befördernden Umstände zum künftigen Tyrannen
bildet; sodann als wirklichen Beherrscher des Staats, von welchem er sich durch
die schändlichsten Mittel zum unbeschränkten Gebieter und Eigentumsherrn
gemacht hat. Da es in diesem Buch bloss darum zu tun ist, die Lehre des
Trasymachus, welche zu dieser ganzen Unterhaltung Anlass gegeben, bis zum
Widerspruch mit sich selbst zu treiben und also in ihrer ganzen Ungereimteit
darzustellen, und dieses nicht auffallender als durch den Contrast zwischen dem
Ideal eines Tyrannen mit dem Ideal eines philosophischen Königs, und zwischen
dem Glück eines von diesem mit idealischer Weisheit regierten - und dem Elend
eines von jenem ohne Mass und Ziel misshandelten Staats, geschehen konnte: so
wollen wir unsern philosophirenden Dichter nicht darüber anfechten, dass sogar
unter den berüchtigten Dreissigen, welche in Platons früher Jugend etliche Monate
lang zu Aten tyrannisirten, kein solches Ungeheuer war, wie sein idealischer
Tyrann ist; und dass er also von den sogenannten Tyrannen überhaupt und von dem
jammervollen Zustand der von ihnen unterjochten Staaten manches behauptet, was
sich in der wirklichen Welt ganz anders befindet. Wir würden damit nichts gegen
ihn beweisen; denn es ist ihm hier nicht um Tatsachen, sondern um einen
vollständigen Charakter der Gattung zu tun, und es muss ihm eben so gut erlaubt
sein, zum Behuf seines Zwecks, alle Laster und Abscheulichkeiten, die seit dem
Tracischen Diomedes 31 und dem Aegyptischen Busiris bis auf den heutigen Tag,
von kleinen und grossen Tyrannen begangen worden, in ein einziges phantastisches
Subject zusammenzudrängen, als einem komischen Dichter erlaubt ist, die
lächerlichsten Charakterzüge von hundert Geitzhälsen in einen einzigen zu
verschmelzen. Freilich hätte es dieser mühsamen Auseinandersetzungen, und dieser
langen Kette von Fragen und Antworten, Bildern, Gleichnissen und Inductionen
nicht nötig gehabt, um am Ende nichts mehr als eine so einleuchtende Wahrheit
als diese, »vollkommene Ungerechtigkeit würde die Menschen äusserst elend,
vollkommene Gerechtigkeit hingegen höchst glücklich machen,« zur Ausbeute davon
zu tragen. Aber wir wollen auch so billig sein, unsern Mann nach seinem Zwecke
zu beurteilen, der im Grunde doch wohl kein anderer war, als diesen Gegenstand
als Dichter und Schönredner zu behandeln, und die Leser dadurch gewissermassen zu
dem neuen hitzigen Ausfall vorzubereiten, den er im zehnten Buch auf den guten
alten Homer und überhaupt auf die nachahmenden und darstellenden Künste tut.
    Auch hier holt er, wie gewöhnlich, weit aus, um den ehrlichen Glaukon durch
eine Reihe von Analogismen und Paralogismen und eine einseitige schiefe Ansicht
der Künste, die er aus einer wohlbestellten Republik verbannt wissen will, zu
seiner Meinung zu verführen, ohne ihn wirklich überzeugt zu haben; was ihm bei
einem jungen Menschen nicht schwer werden kann, der die Bescheidenheit so weit
treibt, unverhohlen zu bekennen, »er werde sich in Sokrates Gegenwart nie
unterstehen seine eigene Meinung von etwas zu sagen.« - Lächerlich (dünkt mich)
würde sich einer machen, der den kraftlosen Beweis ernstaft bestreiten wollte,
welchen Plato aus seiner Teorie von den Ideen gegen die besagten Künste führt.
Ich für meinen Teil finde seine Distinction der dreierlei Bettstellen, der
wahren wesentlichen d.i. der idealischen, deren Naturschöpfer (Phyturg) Gott ist
- der einzelnen, die der Drechsler macht, und welche, da sie nicht die
Urbettstelle selbst ist, eigentlich nur eine Art von Schattenbild derselben oder
eine Quasi-Bettstelle vorstellt, und der gemalten, die, als eine blosse
Nachahmung der gedrechselten, im Grunde gar keine Bettstelle, und also,
Platonisch zu reden, gar nichts ist, - ich finde das alles sowohl, als die
Anwendung, die er davon gegen die gesammten nachahmenden Künste macht, ungemein
lustig zu lesen; und würde mich am Ende nur verwundern, wie eben derselbe Mann,
der, so oft er sich vergisst und gleich andern natürlichen Menschen von
menschlichen Dingen menschlich spricht, so verständig räsonnirt, sich auf einmal
wieder in solchen Unsinn versteigen kann; es würde mich wundern, sag' ich, wenn
ich nicht aus so vielen Beispielen wüsste, dass eine einzige Vorstellung, die sich
zur Tyrannin aller andern in einem phantasiereichen Kopf aufgeworfen hat, sobald
sie angeregt wird, die Wirkungen der Verrückteit und des Wahnsinns
hervorzubringen fähig ist. Wenn übrigens unsre Dichter, Maler, Schauspieler und
wer sonst hierher gehört, anstatt aus der Fehde, die er ihnen in diesem Dialog
mit so grossem Gebraus ankündigt, Ernst zu machen, sich begnügen über ihn zu
lachen, so werden sie alle Vernünftigen auf ihrer Seite haben; denn das Unglück
aus seiner Republik ausgeschlossen zu sein, ist doch wohl der einzige Schade,
der ihnen aus allem, was er ihnen Böses nachsagt, zuwachsen kann; und diese
Republik hat für ihres gleichen so wenig Anziehendes, dass sich schwerlich auch
nur ein Tischmacher in ganz Aten finden wird, welcher Lust haben könnte um das
Bürgerrecht in derselben anzuhalten.
    Alles in der Welt muss endlich ein Ende nehmen; und so erinnert sich auch
unser Sokrates, dem der Gaumen vermutlich trocken zu werden anfängt, dass die
Rede in diesem Gespräch eigentlich nicht von Dichtern und nachahmenden
Künstlern, sondern von dem wahren Charakter der Gerechtigkeit und
Ungerechtigkeit habe sein sollen, und von den Wirkungen, welche die eine und die
andre in einer von ihr beherrschten Seele hervorbringt. Er lenkt also mit einer
ziemlich raschen Wendung wieder in den Weg ein, aus dem er schon so oft
ausgetreten ist; und sobald er sich und seine Zuhörer orientirt hat, zeigt
sich's, dass ihm, nachdem er den Beweis,
    »dass die Gerechtigkeit an und durch sich selbst das beste und edelste
    Besitztum der an und in sich selbst betrachteten Seele sei, und dass man
    also, ohne alle Rücksicht auf Vorteil und Lohn, immer gerecht handeln
    müsse, man besitze den Ring des Gyges oder nicht,«
gegen die Behauptungen des von Glaukon und Adimant unterstützten Trasymachus,
aufs vollständigste und bündigste geführt zu haben vermeint, nun nichts übrig
sei, als der Gerechtigkeit selbst - Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, »ihr
alles, was er ihr zum Behuf jenes Beweises nehmen müssen, wiederzugeben, und sie
wieder in den vollen Besitz aller Belohnungen einzusetzen, welche die Tugend
einer Seele bei Göttern und Menschen im Leben und nach dem Tode verschaffe.«
    Dies ist es nun, womit er sich im Rest dieses letzten Buchs beschäftigt.
Nachdem er nämlich die unendlichen Vorteile des Gerechten oder Tugendhaften vor
dem Lasterhaften oder Ungerechten, selbst in blosser Rücksicht auf die
Belohnungen, welche jener, und die Strafen, welche dieser von Göttern und
Menschen schon in diesem Leben zu gewarten habe, mit beständiger Rücksicht auf
die gegenteiligen Behauptungen des Trasymachus und seiner Gehülfen, kürzlich
dargetan hat, und Glaukon von der Menge und Grösse jener Vorteile des Gerechten
überzeugt zu sein versichert, fährt Sokrates fort: das alles sei doch nichts
gegen das, was auf beide nach ihrem Tode warte, und es werde zur Vollständigkeit
seiner Ueberzeugung nötig sein zu hören, was er ihm hiervon zu sagen bereit
sei. Glaukon, der sich nach einer solchen Äusserung auf wundervolle Dinge gefasst
macht, versichert, dass er, wie lang' es auch währen möchte, mit Vergnügen
zuhören werde; und so folgt denn eine sehr umständliche Erzählung des Berichts,
den ein gewisser Armenier Namens Er, als er am zwölften Tage nach seinem Tode,
auf dem Scheiterhaufen worauf sein unversehrt gebliebener Leichnam verbrannt
werden sollte, wieder ins Leben zurückgekehrt, von den erstaunlichen Dingen, die
er in der andern Welt gesehen und gehört, öffentlich abgestattet habe. Da diese
Erzählung, über deren Quelle uns Plato in gänzlicher Unwissenheit lässt, keinen
Auszug gestattet, und ich nicht zweifle, dass sie eines von den einzelnen Stücken
dieses Dialogs ist, die du mit gebührender Aufmerksamkeit gelesen hast, so
begnüge ich mich, bloss ein paar Anmerkungen beizufügen, welche nicht sowohl dem
Mährchen selbst, als dem erhabenen Dichter, der uns damit beschenkt hat, gelten
sollen.
    Natürlicherweise können uns aus der andern Welt keine Nachrichten zugehen,
als durch Personen, welche dort gewesen und wieder zurückgekommen sind. Die
fabelhafte Geschichte nennt, meines Wissens, ausser Teseus, Peiritous, Hercules
und dem Homerischen Odysseus, welche lebendig in den Hades hinabgestiegen und
wieder heraufgekommen, nur drei Todte - den zwischen Aphrodite und Persephone
geteilten Adonis, die Alcestis, und den schönen Protesilaus - denen ins Leben
zurückzukehren erlaubt worden, wiewohl dem letzten nur auf einen einzigen Tag.
Plato dichtet also nichts Unerhörtes, indem er den Armenier Er aus der andern
Welt zurückkommen lässt; aber da dieser Er von den Richtern, welche am Eingang
den neuangekommenen Seelen ihr Urteil sprechen, ausdrücklich deswegen ins Leben
zurückgeschickt wird, um uns andern Bewohnern der Oberwelt von den Belohnungen
und Strafen, die uns nach dem Tode erwarten, zuverlässige Nachrichten zu geben;
so erforderte, sollte man denken, ein so wichtiger Zweck, dass der Dichter einige
Sorge dafür getragen hätte, dass wenigstens ein Anschein von Möglichkeit das
Ungereimte der Sache unserm ersten Blick entzöge. Je unglaublicher eine Dichtung
an sich selbst ist, desto nötiger ist es, unsre Einbildungskraft dadurch zu
gewinnen, dass alle das Wunderding umgebenden Umstände in der natürlichen Ordnung
der Dinge sind. Wir wollen uns gern gefallen lassen, dass Er aus der andern Welt
zurückkommt, zumal wenn er uns recht viel Hörenswürdiges aus ihr zu erzählen
hat: aber was wir uns nicht gefallen lassen können, ist, dass der Dichter nicht
an die gänzliche Unmöglichkeit gedacht hat, dass der entseelte Leichnam eines an
tödtlichen Wunden verstorbenen Menschen, nachdem er zehn Tage lang unter einem
Haufen anderer bereits in Fäulnis gegangenen Leichen gelegen, unversehrt hervor
gezogen werde, und am zwölften Tage bei Wiedervereinigung mit seiner Seele sich
so frisch und gesund befinde, als ob ihm kein Haar gekrümmt worden wäre.
    Wenn wir aber auch über das Unnatürliche dieser Umstände hinaus gehen, und
mit der gränzenlosen Gefälligkeit, welche Plato immer bei seinen Zuhörern
voraussetzt, annehmen wollen, dass eben diese (uns unbekannten) Richter, welche
die Seele des Armeniers nach zwölf Tagen in ihren Leib zurückschicken können, es
auch in ihrer Macht haben, einen tödtlich verwundeten und entseelten Leichnam
durch ein unbegreifliches Wunderwerk zwölf Tage lang frisch und gesund zu
erhalten - sollten wohl die Fieberträume, die uns der Armenier als Nachrichten
aus der andern Welt erzählt, eines so grossen Wunders würdig sein? Ich habe wohl
auch in meinem Leben Milesische Mährchen gehört, und unter unsern alten Götter-
und Helden-Myten ist mancher ammenhaft genug; aber ein so idealisch ungereimtes
Phantasiegebilde wie dieses ist mir noch nicht vorgekommen. Man fordert mit
Recht von einem Dichter, dass er auf jede Frage, warum er dies und das an seinem
Werke gerade so und nicht anders gemacht, eine hinlängliche Antwort bereit habe.
Ich möchte wohl wissen, was der Platonische Sokrates zu antworten hätte, wenn
ihn Glaukon oder Trasymachus in aller Demut fragten: was ein gewisser
dämonischer Ort für ein Ort sei? Nach welcher Regel der Gerechtigkeit die Seelen
der Lasterhaften für jede Uebeltat zehnfältig gestraft werden? Warum die
Seelen, die vom Himmel herunter, oder, nach ausgestandener Strafe aus der Hölle
herauf gestiegen sind, um wieder in sterbliche Leiber zurückzukehren, sich
gerade sieben Tage auf der Wiese, die er vorhin einen dämonischen Ort nannte,
aufhalten? Warum sie gerade vier Tage zu marschiren haben, bis sie den grossen
Lichtring oder Lichtgürtel zu Gesicht bekommen, der dem Regenbogen ähnlich aber
viel glänzender und reiner ist? Wie dieser Lichtring zugleich zwischen Himmel
und Erde aufgerichtet stehen, über Himmel und Erde ausgebreitet sein, und den
ganzen Himmel wie ein Gürtel umfassen kann? Warum die Seelen gerade noch einen
Tag zu reisen haben, bis sie bei diesem Licht angelangt sind? Woran die Enden
dieses den Himmel zusammenhaltenden Lichtgürtels befestigt sind, damit die
Spindel der Anangke an ihnen hangen kann? Warum Anangke ihre Spindel, gegen die
Gewohnheit aller andern Spinnerinnen, zwischen ihren Knieen herumdreht? und
zwanzig andere Fragen, deren der Leser sich nicht erwehren kann, ohne die
Antwort darauf zu finden. Plato ist, wie wir lange wissen, ein Liebhaber vom
Uebernatürlichen, Unerhörten, Kolossalischen; wir wollen ihn dieses Geschmacks
wegen nicht anfechten; aber die Bilder, die er uns darstellt, müssen doch Sinn,
Bestandheit und Zusammenhang wenigstens an und unter sich selbst haben, und er
muss unsrer Einbildungskraft nicht mehr zumuten als sie leisten kann. Versuch'
es einmal, dir die ganze Gruppe von Erscheinungen, die der Armenier in dem
Lichtgürtel des Himmels gesehen haben will, in Einem Gemälde vor die Augen zu
bringen. - In der Mitte die grosse Göttin Anangke mit der ungeheuren stählernen
Spindel zwischen den Knieen; um die Spindel einen nicht minder ungeheuren
Wirtel, in welchem sieben andere, wie die Büchsen der Taschenspieler, in
einander stecken, und alle zugleich, aber mit ungleicher Geschwindigkeit, von
der Spindel in einer, ihrer eigenen Bewegung entgegen gesetzten, Richtung
herumgedreht werden; - jeden dieser an Glanz, Farbe und Bewegung verschiedenen
Wirtel mit einem mehr oder minder breiten cirkelförmigen Rand, und auf jedem
eine Sirene sitzend, die sich mit ihm herumdreht und aus voller Kehle singt;
aber jede nur einen einzigen Ton aus der Tonleiter bis zur Octave, so dass der
Gesang aller acht Sirenen eine einzige sich selbst immer gleiche Harmonie ist -
vor welcher die Götter unsre Ohren bewahren wollen! - Nun denke dir noch die
Töchter der Anangke, die drei Moiren, Lachesis, Kloto und Atropos, weiss
gekleidet und mit Kränzen um die Stirne auf Lehnstühlen um ihre Mutter herum
sitzend, wie sie, vom achttönigen Zetergeschrei der Sirenen begleitet, Lachesis
das Vergangene, Kloto das Gegenwärtige, Atropos das Zukünftige absingen,
während dessen Kloto ihrer Mutter mit der rechten Hand von Zeit zu Zeit den
äussersten Wirtel der Spindel, Atropos mit der linken die innern, und Lachesis
alle zusammen mit beiden Händen umdrehen hilft. Lass' deine Phantasie, wenn's
ihr möglich ist, ein Gemälde aus diesem allem zusammensetzen, und sage mir, ob
einem Kranken im stärksten Fieberanfall etwas Abenteuerlicheres und
Phantastischeres vorkommen könnte? Und was will nun Plato dass wir uns bei diesem
lächerrlich wunderbaren Phantasma denken sollen? Ist das alles in der dämonischen
Welt wirklich so, wie sein Armenier gesehen zu haben vorgibt? Er rechnet so
wenig darauf, dass irgend einer seiner Leser einfältig genug sein werde dies zu
glauben, dass sein Sokrates selbst die ganze Erzählung am Ende für ein blosses
Mährchen gibt. Alle diese Wundergestalten, Anangke mit ihrer Spindel und ihren
Töchtern, die acht Sirenen, die sich auf und mit den acht Wirteln ewig
herumdrehen und den armen Seelen, die hier täglich schaarenweis sich einzufinden
genötigt sind, die Ohren gellen machen, der Prophet, der den Seelen im Namen
der Göttin ankündigt, dass sie um ihr künftiges Schicksal im Leben, in welches
sie zurückkehren, losen müssen u.s.w., das alles ist also nichts weiter als eine
Gruppe von emblematischen Bildern, oder vielmehr ein Haufen ziemlich dicker
Hüllen, unter denen etwas verborgen liegt, das entweder schwer zu erraten, oder
des Ratens kaum wert ist? Aber unglücklicherweise ist der Armenier, der diese
wunderbaren Personen und Sachen in einem dämonischen Ort zu sehen glaubt, keine
emblematische Figur; er wird uns als eine wirkliche historische Person
vorgeführt, und damit wir desto weniger daran zweifeln, sogar Pamphylien als das
ursprüngliche Vaterland seines Geschlechts angegeben. Der wackre Er macht sich
also entweder nach Art weitgereiseter Leute ein Vergnügen daraus, unsre
Leichtgläubigkeit auf die Probe zu stellen; oder er ist selbst ich weiss nicht
von welchen Dämonen getäuscht worden, dass er sich einbildete wirkliche Dinge zu
sehen, wiewohl er nur Sinnbilder sah. Uebrigens ist nicht leicht zu erraten,
was Plato mit dieser Dichtung beabsichtigt, da sie für den Satz, den er dadurch
bestätigen will, nicht das Geringste beweisen, und schlechterdings zu nichts
dienen kann, als Knaben in Erstaunen zu setzen, Männern hingegen eine eben so
geringe Meinung von seinem Dichtergeist als von seinen astronomischen
Kenntnissen zu geben. Denn wie er dichtet, heisst nicht dichten sondern ins Blaue
hinein phantasiren, und es steht ihm wahrlich übel an, über die Erzählungen,
womit der Homerische Odysseus die Tischgesellschaft des Alcinous unterhält, die
Nase zu rümpfen, von denen die ungereimteste ohne Vergleichung wahrscheinlicher
gemacht ist als das Mährchen seines Armeniers. Aber nun vollends die Art, wie er
die Pytagorische Seelenwanderung seinen eigenen Hypotesen anpasst, und wie er
die Freiheit, ohne welche keine Zurechnung, folglich keine Strafen und
Belohnungen in der andern Welt stattfinden, mit den Gesetzen der Notwendigkeit
zu vereinigen glaubt! - Die zur Rückkehr in sterbliche Leiber vor dem Tron der
grossen Spinnerinnen versammelten Seelen kommen teils aus dem Himmel, teils aus
der Unterwelt. Ueber die letztern habe ich nichts zu erinnern; aber wie die
Göttin Anangke den erstern zumuten könne, aus der reinen Himmelsluft wieder in
den mephitischen Dunstkreis des Erdenlebens zurückzuwandern, darüber hätte uns
billig einiger Aufschluss gegeben werden sollen. Denn dass sie den Himmel, wo es
ihnen (ihrer eigenen Versicherung nach) so unaussprechlich wohl ging, von freien
Stücken verlassen haben sollten, ist nicht zu vermuten; wiewohl ich gestehe,
dass das Vergnügen, womit er sie den Boden der mütterlichen Erde wieder betreten
lässt, ein feiner Zug von dem Dichter ist. Soll überhaupt Sinn in dieser Dichtung
sein, so müsste entweder eine innere Notwendigkeit die Seelen aus dem Himmel
wieder auf die Erde treiben, oder ihre Verbannung müsste die Strafe schwerer
Verbrechen sein, welche sie in jenem herrlichen Zustand begangen hätten. Keine
dieser beiden Voraussetzungen steht auf irgend einem festen Grunde, und die
letztere ist sogar mit der Gerechtigkeit der allgemeinen Weltregierung
unvereinbar; denn was könnte ungerechter sein, als die armen Seelen zu Abbüssung
begangener Verbrechen in Umstände zu setzen, wo sie die grösste Gefahr laufen
neue Verbrechen zu begehen, welche sie mit einer noch viel härtern Bestrafung,
nämlich einer tausendjährigen Peinigung im Tartarus für jedes derselben, werden
büssen müssen? Plato glaubt zwar, sich aus dieser Schwierigkeit durch die
Erklärung zu ziehen, die er seinen Propheten im Namen der Lachesis (warum gerade
dieser?) den versammelten Seelen tun lässt. »Ihr seid im Begriff,« lässt er ihn
(wiewohl in geflissentlich dunkeln und nach Art der Orakel, vieldeutigen
Ausdrücken) sagen, »einen neuen Kreislauf unter den Sterblichen zu beginnen.
Nicht das Schicksal wird euch euer Loos anweisen, sondern ihr selbst werdet euer
Schicksal wählen. Wen das Loos zum Ersten erklärt, der soll auch zuerst die Wahl
der Lebensart haben, an welche er notwendig gebunden bleiben wird. Die Tugend
aber hat keinen Herrn über sich; je nachdem jemand sie ehrt oder verachtet, wird
er mehr oder weniger von ihr besitzen. Die Schuld wird an dem Wählenden sein;
Gott hat keine Schuld.« - Nach dieser seltsamen Anrede wirft er die Loose auf
die umherstehenden Seelen herab; jede greift nach dem, das ihr zufällt, und jetzt
zeigt sich's in welcher Ordnung sie wählen sollen. Nunmehr werden Muster aller
möglichen Lebensformen, tierischer und menschlicher, die im Schoss der Lachesis
beisammen lagen, auf der Erde vor ihnen ausgebreitet, damit jede diejenige
wähle, die ihr am besten ansteht. Die Anzahl dieser Lebensformen ist zwar viel
grösser als die Zahl der Wählenden; indessen gesteht doch der Erzähler, dass die
Seelen, die in der Reihe die letzten sind, gegen die andern sehr zu kurz kommen
und mit dem was noch da ist vorlieb nehmen müssen; eine Unbilligkeit, welche
vermieden werden konnte, wenn, anstatt die Wahl teils auf sie selbst teils auf
den Zufall ankommen zu lassen, ein Gott für jede gewählt hätte, was für sie und
andere das Beste gewesen wäre. Was diese Unbilligkeit noch härter macht, ist das
Gesetz, vermöge dessen alle diese aus dem Himmel und der Hölle ins irdische
Leben zurückkehrenden Seelen aus dem Lete zu trinken genötigt sind, dessen
Wasser die Eigenschaft hat die Erinnerung des Vergangenen in der Seele
auszulöschen. Natürlicherweise gehen dadurch alle Vorteile verloren, welche sie
aus der Erinnerung der ausgestandenen Strafen oder der genoss'nen Seligkeit, und
aus dem Bewusstsein dessen, womit sie das eine oder das andere in ihrem
vormaligen Leben verdient hatten, zum Behuf des neuangehenden hätten ziehen
können. Das Uebel würde zwar, wie er zu verstehen gibt, nicht so gross sein, wenn
sie (was nur bei Wenigen der Fall zu sein scheint) weise genug wären, nicht über
ein gewisses Mass zu trinken: aber da die meisten viel Durst zu haben scheinen,
und daher nicht leicht das rechte Mass treffen, würde es nicht billig und
freundlich gewesen sein, ihnen das Wasser der Vergessenheit in einem Becher zu
reichen, der gerade nicht mehr und nicht weniger gehalten hätte als ihnen
zuträglich war? So schlecht durch diese Dichtung die Weisheit und Güte des
obersten Weltregierers gerechtfertiget ist, so wenig scheint sie uns auch über
die Freiheit der Seele, insofern sie neben der Notwendigkeit bestehen kann, ins
Klare zu setzen. Die Seelen wählen zwar die Bedingungen, unter welchen sie ihr
neues Erdenleben antreten wollen, nach Belieben; aber diese Freiheit ist den
meisten mehr nachteilig als vorteilhaft, und scheint mehr ein Fallstrick als
eine Wohltat zu sein. Der Armenier sah z.B. wie eine Seele (und es war sogar
eine aus dem Himmel wiederkehrende) mit unbegreiflicher Hastigkeit nach einer
Tyrannie griff, auf welche, wenn sie sich nur ein wenig Zeit genommen hätte sie
recht anzusehen, ihre Wahl unmöglich hätte fallen können. Dieser Fall muss sehr
oft vorkommen, da es den Seelen, wie es scheint, teils an genugsamer
Bedenkzeit, teils an Einsicht und Unterscheidungskraft fehlt; überdiess gesteht
der Dichter selbst, dass sehr viel dabei auf den Zufall ankomme, und dass die
letzten wenig oder keine Wahl mehr haben. Aber auch ohne dies können sie ihrem
Schicksal nicht entgehen. Denn sobald sie das, was sie in ihrem neuen Leben sein
wollen, gewählt haben, gibt Lachesis jeder einen Dämon zu, der dafür zu sorgen
hat, dass alles, was zu ihrem erwählten Loose gehört, pünktlich in Erfüllung
gehe. So wird z.B. die Seele, welche sich, von der glänzenden Aussenseite
verblendet, die Tyrannie gewählt hatte, erst da es zu spät ist gewahr, dass sie
ihre eigenen Kinder fressen, und eine Menge anderer ungeheurer Freveltaten
begehen werde; sie heult und jammert nun ganz erbärmlich, aber vergebens; ihre
Wahl ist unwiederruflich, und der Dämon, unter dessen Leitung sie steht, wird
nicht ermangeln, alle Umstände so zu ordnen und zu verknüpfen, dass die Kinder
gefressen und die Uebeltaten begangen werden, wie gross auch der Abscheu ist,
wovon sie sich jetzt gegen die Erfüllung ihres Looses durchdrungen fühlt. Alle
übrigen Feierlichkeiten, welche vorgehen, indem die Seelen von Lachesis zu
Kloto, von Kloto zu Atropos, und sodann, unter dem Tron der Anangke vorbei,
nach dem Letäischen Gefilde abgeführt werden, können keinen andern Sinn haben,
als die unvermeidliche Notwendigkeit anzudeuten, die über ihnen waltet. Der
Profet hat gut sagen, die Tugend sei herrenlos, d.i. frei und unabhängig; was
kann das den armen Seelen frommen, die das Schicksal in Lagen versetzt, worin es
ihnen äusserst schwer, wo nicht gar unmöglich gemacht wird, zu diesem von Wahn
und Leidenschaft unabhängigen Zustand zu gelangen, der die Bedingung der Tugend
ist? Plato hätte also den vermutlichen Hauptzweck des Mährchens von dem, was
der Armenier Er in der Geisterwelt gesehen, so ziemlich verfehlt; und, da
überdiess seine Bilder, der Erfindung und Darstellung nach, meistens so
beschaffen sind, dass keine gesunde Einbildungskraft sie ihm nachmalen kann: so
gestehe ich, wenn jemals darüber gestimmt werden sollte, ob die Ilias und
Odyssee seinen poetischen Dialogen in den Schulen Platz zu machen habe, so werde
ich mit meiner Stimme die Mehrheit schwerlich auf seine Seite ziehen.
    Nach dieser langen Reise, die wir machen mussten, um unserm dichterischen
Mystagogen durch die verworrenen und immer wieder in sich selbst zurückkehrenden
Windungen seines dialektischen Labyrints zu folgen, ist wohl, sobald wir wieder
zu Atem gekommen sind, nichts natürlicher als uns selbst zu fragen: was für
einen Zweck konnte der Mann durch dieses wunderbare Werk erreichen wollen? Für
wen und zu welchem Ende hat er es uns aufgestellt? War seine Absicht, das wahre
Wesen der Gerechtigkeit aufzusuchen und durch die Vergleichung mit demselben die
falschen Begriffe von Recht und Unrecht, die im gemeinen Leben ohne nähere
Prüfung für ächt angenommen und ausgegeben werden, der Ungültigkeit und
Verwerflichkeit zu überweisen: wozu diese an sich selbst schon zu weitläufige
und zum Überfluss noch mit so vielen heterogenen Verzierungen und Angebäuden
überladene Republik, deren geringster Fehler ist, dass sie unter menschlichen
Menschen nie realisirt werden kann? Oder war sein Zweck, uns die Idee einer
vollkommenen Republik darzustellen; warum lässt er sein Werk mangelhaft und
unvollendet, um unsre Aufmerksamkeit alle Augenblicke auf Nebendinge zu heften,
und uns stundenlang mit Aufgaben zu beschäftigen, die nur an sehr schwachen
Fäden mit der Hauptsache zusammenhangen? Arbeitete er für denkende Köpfe und war
es ihm darum zu tun, die Materie von der Gerechtigkeit gründlicher als jemals
vor ihm geschehen war, zu untersuchen, wozu so viele Allegorien, Sinnbilder und
Mährchen? Schrieb er für den grossen leselustigen Haufen, wozu so viele
spitzfindig tiefsinnige, rätselhafte, und wofern sie ja einen Sinn haben, nur
den Epopten seiner philosophischen Mysterien verständliche Stellen?
    Soll ich dir sagen, Eurybates, wie ich mir diese Fragen beantworte? Platon
pflegt (wie ich schon oben bemerkte) mit seinem Hauptzweck immer mehrere
Nebenabsichten zu verbinden und scheint sich dazu in dem vorliegenden Dialog
mehr Spielraum genommen zu haben als in irgend einem andern. Dass hier sein
Hauptzweck war, die im ersten und zweiten Buch aufgeworfenen Fragen über die
Gerechtigkeit streng zu bestimmen und aufs Reine zu bringen, leuchtet zu stark
aus dem ganzen Werk hervor, als dass ich noch ein Wort deswegen verlieren möchte.
Unläugbar hätte er dies auf einem andern, als dem von ihm gewählten - oder
vielmehr erst mit vieler Mühe gebrochenen und gebahnten Wege, leichter, kürzer
und gründlicher bewerkstelligen können; aber er hatte seine guten Ursachen,
warum er seine Idee einer vollkommenen Republik zur Auflösung des Problems zu
Hülfe nahm. Er verschafte sich dadurch Gelegenheit, seinem von langem her gegen
die Griechischen Republiken gefassten Unwillen Luft zu machen, den heillosen
Zustand derselben nach dem Leben zu schildern, und, indem er die Ursachen ihrer
Unheilbarkeit entwickelt und mit mehr als Isokratischer Beredsamkeit darstellt,
zugleich nebenher seine eigene Apologie gegen einen öfters gehörten Vorwurf zu
machen, indem er den wahren Grund angibt, warum er keinen Beruf in sich fühle,
weder einen Platz an den Ruderbänken der Attischen Staatsgaleere auszufüllen,
noch (wenn er es auch könnte) sich des Steuerruders selbst zu bemächtigen. Die
Ausführlichkeit der Widerlegung des den Philosophen entgegenstehenden popularen
Vorurteils und des Beweises dass eine Republik nur dann gedeihen könne, wenn sie
von einem ächten Philosophen, d.i. von einem Plato regiert werde, spricht laut
genug davon, wie sehr ihm dieser Punkt am Herzen lag, wiewohl ich sehr zweifle,
dass er mit der versteckten Apologie seiner politischen Untätigkeit vor dem
Richterstuhl der Sokratischen Moral auslangen dürfte.
    Nächst diesem fällt von allen seinen Nebenzwecken keiner stärker in die
Augen, als der Vorsatz, den armen Homer, dessen dichterischen Vorzügen er nichts
anhaben konnte, wenigstens von der moralischen Seite (der einzigen wo er ihn
verwundbar glaubt) anzufechten, und um sein so lange schon behauptetes Ansehen
zu bringen. Dass er ihn aus den Schulen verbannt wissen will, ist offenbar genug;
sollte er aber wirklich, wie man ihn beschuldigt, so schwach sein, zu hoffen dass
einige seiner exoterischen Dialogen, z.B. Phädon, Phädrus, Timäus und vor allen
der vor uns liegende, mit der Zeit die Stelle der Ilias und Odyssee vertreten
könnten? Wofern ihm dieser Argwohn Unrecht tut, so muss man wenigstens gestehen,
dass er durch die episch-dramatische Form seiner Dialogen, durch die vielen
eingemischten Myten, durch das sichtbare, wiewohl öfters (besonders in dem
Mährchen des Armeniers) sehr verunglückte Bestreben, mit Homer in seinen
darstellenden Schilderungen zu wetteifern, und überhaupt durch seine häufigen
Uebergänge aus dem prosaischen in den poetischen, sogar lyrischen und
dityrambisschen Styl mehr als zu viel Anlass dazu gegeben hat. Was aber den
Vorwurf betrifft, »er könne den Dialog von der Republik weder für Philosophen
von Profession noch für das grosse Publicum geschrieben haben,« so zweifle ich,
ob er anders zu beantworten ist, als wenn man annimmt, er habe dafür sorgen
wollen, dass keine Art von Lesern unbefriedigt von dem geistigen Mahl aufstehe,
wozu alle eingeladen sind, und wobei es mit der Menge und Verschiedenheit der
Gerichte und ihrer Zubereitung gerade darauf abgesehen ist, dass jeder Gast etwas
finde, das ihm angenehm und zuträglich sei.
 
                                       9.
                             Eurybates an Aristipp.
Ich weiss nicht ob ich Recht hatte auf deine stillschweigende Einwilligung zu
rechnen, lieber Aristipp; aber ich würde mich selbst der Undankbarkeit angeklagt
haben, wenn ich das Vergnügen und die Belehrung, die mir deine Antiplatonischen
Briefe gewährten, für mich allein hätte behalten wollen. Ich gestehe dir also,
dass ich sie unter der Hand einigen vertrauten Freunden mitgeteilt habe; und da
jeder von ihnen ebenfalls zwei oder drei vertraute Freunde besitzt, so geschah
(was ich freilich voraussehen konnte) dass in kurzem eine ziemliche Anzahl
Abschriften in der Stadt herumschlichen, von welchen endlich eine unserm Freunde
Speusipp und sogar dem göttlichen Hierophanten der Akademie32 selbst in die
Hände geriet. Dass die meisten Stimmen auf deiner Seite sind, wirst du
hoffentlich für kein Zeichen einer bösen Sache halten. In tausend andern
Händeln, die zur Entscheidung der Atener gebracht werden, dürfte ein solcher
Schluss die Wahrheit selten verfehlen; aber die Mehrheit, die ich hier meine, ist
von besserer Art; denn es versteht sich, dass nur die hellesten Köpfe in einer
Sache wie diese ein Stimmrecht haben. Indessen fehlt es unserm Philosophen, der
die Welt so gern allein belehren und regieren möchte, auch nicht an Anhängern,
die sich mit Faust und Ferse für ihn wehren, und nicht den geringsten der
Vorwürfe, die du ihm gemacht hast, auf ihn kommen lassen wollen. Sogar die
männliche Erziehung und Polyandrie seiner Soldatenweiber findet ihre
Verteidiger, und ich kenne einen gewissen Gleukophron, der ein Gelübde getan
hat, weder in ein Bad zu gehen, noch seinen Bart zu salben, noch der süssen Werke
der goldenen Aphrodite zu pflegen, bis er die geheimnisvolle Zahl im achten
Buche herausgebracht habe, wiewohl die Redensart, dunkler als Platons Zahl,
bereits zum Sprüchwort in Aten geworden ist, und alle unsre Geometer und
Rechenmeister behaupten, das einzige Mittel sich noch lächerlicher zu machen,
als der Aufsteller dieses aritmetischen Rätsels, sei sich mit der Auflösung
desselben den Kopf zu verwüsten. Speusipp, der dir nächstens selbst zu schreiben
gedenkt, zeigte mir unter vier Augen seine Verwunderung, nicht dass du so streng
mit seinem Oheim verfährst, sondern dass du dich habest entalten können, ihn bei
einer so guten Gelegenheit nicht mit noch schärferm Salze zu reiben. Er habe
sich nicht wenig gefreut, sagte er, viele seiner eigenen Gedanken über dieses
sonderbare Werk in deinen Briefen bestätiget zu finden, und wenn er etwas an den
letztern tadeln möchte, wär' es bloss, dass du hier und da eher zu viel als zu
wenig Gutes davon gesagt habest; zumal von der Schreibart, welche, seiner
Meinung nach, nichts weniger als rein Attisch, geschweige musterhaft schön
genennt zu werden verdiene; da sie nicht selten von allzugesuchter Zierlichkeit
und geschwätziger Schönrednerei, noch öfter von Heraklitischer Dunkelheit und
von Metaphern, die an einem jungen Nachahmer des Pindar und Aeschylus kaum
erträglich wären, entstellt werde, und bald bis zur plattesten Gemeinheit
herabsinke, bald wieder in die Wolken steige, um sich in dityrambisschen
Schwulst und Bombast zu verlieren. Doch behauptet er, dass seine Fehler meistens
nur von allzu grossem Reichtum an Gedanken und einer zu üppig in Ranken, Blätter
und Blumen aufschiessenden Phantasie herrühren, und durch grosse und erhabene
Schönheiten reichlich vergütet werden. Aber woher kommt es, frage ich, dass ein
Leser, der Xenophons Anabasis oder Cyropädie nicht eher aus der Hand legen kann,
bis er nichts mehr zu lesen findet, über Platons Politeia mehr als einmal
einschläft, oder doch vor Gähnen und Ermüdung nicht weiter fort kann? Mir
wenigstens, nachdem deine Briefe mich zu dem heroischen Entschluss gebracht
haben, dieses Meer von Anfang bis zu Ende durchzurudern, ist es unmöglich
gewesen anders als nach fünf- oder sechsmaligem Absetzen und gewaltsamen neuen
Anläufen damit zu Rande zu kommen.
    Plato hatte so viel von deiner Beurteilung des Werks worauf er seine
Unsterblichkeit vornehmlich zu gründen scheint, reden oder vielmehr flüstern
gehört, dass er (wie mir Speusippus sagt) endlich neugierig ward, sie selbst zu
sehen. Er durchblätterte das Buch, und sagte, indem er es zurückgab: »es ist wie
ich mir's gedacht hatte.« - Wie so? fragte einer von den Anwesenden. - Er lobt
(versetzte Plato) wovon er meint er könnt' es allenfalls selbst gemacht haben,
und tadelt was er nicht versteht. Eine kurze und vornehme Abfertigung, flüsterte
jemand seinem Nachbar zu; aber eine laute Gegenrede erlaubte der
ehrfurchtgebietende Blick des Göttlichen nicht, und so liess man den unbeliebigen
Gegenstand fallen, und sprach - von dem Tesmophoros des alten Dionysius von
Syrakus, dem die Atener an dem letzten Bacchusfeste, aus Höflichkeit,
Staatsklugheit oder Laune, den tragischen Siegeskranz zuerkannt haben. Dass er
ihn verdient haben könnte, musste diesen Tyrannenfeinden ein von aller
Wahrscheinlichkeit gänzlich entfernter Gedanke scheinen, weil auch nicht Einer
darauf verfiel. Bei dieser Gelegenheit erzählte jemand für gewiss: Dionysius habe
die Schreibtafel des Aeschylus ich weiss nicht um wie viel Tausend Drachmen an
sich gebracht, in Hoffnung (setzte der platte Witzling hinzu) es werde so viel
von dem Geiste des Fürsten der Tragiker darin zurückgeblieben sein, dass er
nichts als dessen Schreibtafel nötig habe, um Aeschylus der Zweite zu werden.
Er mag sich dessen um so getroster schmeicheln, sagte Plato, da ihm so feine
Kenner des Schönen, als die Atener sind - oder sein wollen, eine Urkunde
darüber zugefertigt haben. - In diesem Ton und in diesem Geiste müssen
vermutlich alle Handlungen dieses in seiner Art gewiss grossen Mannes ausgelegt
worden sein, oder es wäre unmöglich, dass eine bereits dreissigjährige glückliche
und in so vielen wesentlichen Stücken musterhafte Staatsverwaltung ihm nicht
einen bessern Ruf unter den Griechen erworben hätte.
    Ich habe vor kurzem von Kleonidas und Antipater Briefe erhalten, die mir
sehr angenehme Nachrichten von meinem Lysanias und von eurer fortdauernden
Zufriedenheit mit ihm erteilen. Er selbst fühlt sich so glücklich in eurer
Mitte, und verspricht sich so viel Gutes von seinem Aufentalt in dem
gastfreundlichen Hause meines Aristipps, dass ich kein so gefälliger Vater sein
müsste als ich bin, wenn ich ihm seine Bitte um Verlängerung desselben nicht mit
Vergnügen zugestände, insofern er sich nicht zu viel schmeichelt, da er deine
Begünstigung seiner Wünsche für etwas Ausgemachtes hält.
 
                                      10.
                            Speusippus an Aristipp.
Unsre Freundschaft, lieber Aristipp, ist, gleich edlem Wein, alt genug um Stärke
zu haben, und wir kennen beide einander zu gut, als dass du mir zutrauen
solltest, ich könnte die scharfe Censur, die du in deinen Anti-Platonischen
Briefen an Eurybates über den neuesten Dialog meines Oheims ergehen lassen, von
einer schiefen Seite angesehen und beurteilt haben. Ich habe dir nie zu
verheimlichen gesucht, dass mich weniger eine natürliche Uebereinstimmung meiner
Sinnesart mit der seinigen, oder Ueberzeugung von der Wahrheit seiner
spekulativen Philosophie, als das enge Familienverhältniss, worin ich mit ihm
stehe, zum Platoniker gemacht hat. Er hat sich daran gewöhnt, den künftigen
Erben seiner Verlassenschaft auch als den Erben seiner Philosophie zu
betrachten, und ich kann es nicht über mein Herz gewinnen, ihm einen Wahn zu
rauben, an welchem das seinige Wohlgefallen und Beruhigung zu finden scheint.
Wenn du ihn aus einem so langen und nahen Umgang kenntest wie ich, würdest du
ihn, denke ich, in mehr als Einer Rücksicht, des Opfers würdig halten, welches
ich ihm durch diese kleine Heuchelei bringen muss. Im Grunde kann ich mir
ihrentwegen keinen Vorwurf machen, und dies nicht bloss um der Bewegursache
willen, sondern weil wirklich die Augenblicke ziemlich häufig bei mir sind, wo
ich mich versucht fühle, oder mir wohl gar in vollem Ernst einbilde, das
wirklich zu sein, was ich zu andern Zeiten nur vorstelle. Wenn ich bei ganz
kaltem Blute in lauter klaren Vorstellungen lebe, denke ich von der Philosophie
meines Oheims nahezu wie du; ich finde sie schwärmerisch, überspannt,
meteorisch, unbegreiflich; seine Ideenwelt scheint mir ein gewaltiges
Hirngespenst33 und sein Auto-Agaton34 eben so undenkbar als ein unsichtbares
Licht oder ein unhörbarer Schall. Aber in andern Stunden, wo mein Gemüt zu den
zartesten Gefühlen gestimmt und mein Geist frei genug ist sich mit leichterm
Flug über die Dinge um mich her zu erheben, zumal wenn ich den wunderbaren Mann
unmittelbar vorher mit der Begeisterung des lebendigsten Glaubens von jenen
übersinnlichen Gegeständen reden gehört habe, dann erscheint mir alles ganz
anders; ich glaube zu ahnen dass alles wirklich so sei wie er sagt; unvermerkt
verwandeln sich meine Ahnungen in Gefühle, und ich finde mich zuletzt wie
genötigt, für Wahrheit zu erkennen, was mir in andern Stimmungen träumerisch,
lächerrlich und blosses Spiel einer übergeschnappten Phantasie zu sein däucht.
Warum (sage ich mir dann) sollte ein unsichtbares Licht, ein unhörbarer Schall,
nicht unter die möglichen Dinge gehören? Kann nicht beides nur mir und meines
gleichen unsichtbar, unhörbar sein? Kann die Schuld nicht bloss an meiner
Zerstreuung durch nähere Gegenstände, oder an der Schwäche und Stumpfheit meiner
Organe liegen? Scheint nicht dem, der aus einer finstern Höhle auf einmal in die
Mittagssonne tritt, das blendende Licht dichte Finsternis? Oeffnet sich nicht,
wenn alles weit um uns her in tiefer nächtlicher Stille ruht, unser lauschendes
Ohr den leisesten Tönen, die uns unter dem dumpfen Getöse des Tages, selbst bei
aller Anstrengung des Gehörorgans, unhörbar blieben? - Soll ich dir noch mehr
bekennen? Diese Schlüsse erhalten keine schwache Verstärkung durch eine
Wahrnehmung, die ich oft genug an mir zu machen Gelegenheit habe. Die
Philosophie Platons kommt mir nie phantastischer vor, als wenn ich mich in den
Wogen des alltäglichen Leben herumtreibe, oder beim fröhlichen Lärm eines grossen
Gastmahls, im Teater, oder bei den Spielen reizender Sängerinnen und
Tänzerinnen, kurz überall, wo entweder Verwicklung in bürgerliche Geschäfte und
Verhältnisse, oder befriedigte Sinnlichkeit, den Geist zur Erde herabziehen und
einschläfern. Wie hingegen in mir selbst und um mich her alles still ist, und
meine Seele, aller Arten irdischer Fesseln ledig, sich in ihrem eigenen Element
leicht und ungehindert bewegen kann, erfolgt gerade das Gegenteil; ich erfahre
alles, von Wort zu Wort, was Plato von seinen unterirdischen Troglodyten
erzählt, wenn sie ans Tageslicht hervor gekommen und aus demselben in ihre Höhle
zurückzukehren genötigt sind. Alles was mir im gewöhnlichen Zustand reell,
wichtig und anziehend scheint, dünkt mich dann unbedeutend, schal, wesenlos,
Tändelei, Traum und Schatten. Unvermerkt öffnen sich neue geistige Sinne in mir;
ich finde mich in Platons Ideenwelt versetzt; kurz, ich bedarf in diesen
Augenblicken eben so wenig eines andern Beweises der Wahrheit seiner
Philosophie, als einer der etwas vor seinen Augen stehen sieht, einen Beweis
verlangt dass es da sei.
    Ob nicht in diesem allen viel Täuschung sein könne, oder wirklich sei, kann
ich selbst kaum bezweifeln: denn wie käm' es sonst, dass jene vermeinten
Anschauungen keine dauernde Ueberzeugung zurücklassen, und mir zu anderer Zeit
wieder als blosse Träume einer über die Schranken unsrer Natur hinaus
schwärmenden Phantasie erscheinen? - Und dennoch dünkt mich, die Vernunft selbst
nötige mich zu gestehen, es sei etwas Wahres an dieser übersinnlichen Art zu
philosophiren. Dem grossen Haufen, d.i. zehnmal Zehntausend gegen Einen, ist es
freilich nie eingefallen einen Augenblick zu zweifeln, dass alles, was ihm seine
wachenden Sinne zeigen, wirklich so, wie es ihm erscheint, ausser ihm vorhanden
sei; der Philosoph hingegen findet nichts wunderbarer und unbegreiflicher, als
wie etwas (ihn selbst nicht ausgenommen) da sein könne. Wie lässt sich von einem
Dinge sagen, es sei, wenn man nicht einmal einen Augenblick, da es ist, angeben
oder festalten kann? Teile die Zeit zwischen zwei auf einander folgenden
Pulsschlägen nur in vier Teile, und sage mir, welcher dieser fliegenden
Zeitpunkte ist der, worin irgend ein zu dieser Sinnenwelt gehöriges Ding
wirklich da ist? Im Nu, da du sagen willst es ist, ist es schon nicht mehr was
es war, oder (was eben dasselbe sagt) ist das Ding, welches war, nicht; aber vor
dem vierten Teil eines Pulsschlags, und vor zehntausend derselben, konnte man
eben dasselbe gegen sein Dasein einwenden. Es war, es wird sein, wäre somit
alles was sich von ihm sagen liesse: aber wie kann man von dem, dessen Dasein in
irgend einem Moment ich mir nicht gewiss machen kann, mit Gewissheit sagen es sei
gewesen? es werde sein?
    Doch ich will zugeben dass dies dialektische Spitzfündigkeiten sind, die uns
das zweifache Gefühl, dass wir selbst sind und dass etwas ausser uns ist, nicht
abvernünfteln können. Ganz gewiss kann dieses Gefühl keine Täuschung sein: nur
wird das Unbegreifliche in unserm Sein durch diese Gewissheit nicht aufgelöst.
Wir und alle Dinge um uns her befinden uns in einem unaufhörlichen Schwanken -
nicht, wie Plato sagt, zwischen Sein und Nichtsein, sondern - zwischen »so sein«
und »anders sein.« Dies wäre unmöglich, wenn nicht allem Veränderlichen etwas
Festes, Beständiges, Unwandelbares zum Grunde läge, das die wesentliche Form
desselben ausmacht. Es gibt aber in dieser uns umgebenden Sinnenwelt nichts als
einzelne Dinge, die sich durch alles, was an ihnen veränderlich ist, d.i. durch
alles, was an ihnen in die Sinne fällt, von einander unterscheiden, in ihren
Grundformen hingegen einander mehr oder weniger ähnlich sind, und nach dieser
Aehnlichkeit von dem denkenden Wesen in uns in Gattungen und Arten eingeteilt
werden. Gleichwohl sind diese letztern blosse Begriffe, die wir uns von den
wesentlichen Formen der Dinge zu machen suchen, und die zu diesen Formen sich
nicht anders verhalten als wie die Schatten oder Widerscheine der Körper zu den
Körpern selbst. Aber woher kommen uns diese Begriffe? Gewiss nicht von den Dingen
der Sinnenwelt selbst, an denen wir nichts, was nicht veränderlich und in einem
ewigen Fluss ist, wahrnehmen. Die wesentlichen Formen, wovon sie gleichsam die
Schatten sind, müssen also ein von ihnen und von unsrer Vorstellung unabhängiges
Dasein haben, und irgendwo wirklich vorhanden sein. Dies sind nun eben diese
Ideen, die in Platons Philosophie eine so grosse Rolle spielen, deren Inbegriff
die übersinnliche oder intelligible Welt ausmacht, und denen er (weil wir uns
doch alles, was wirklich ist, nicht anders als in einem Orte denken können)
überhimmlische Räume zum Aufentalt anweiset. Sie sind, nach seiner Meinung (die
ihm geistige Anschauung ist), unmittelbar von der ersten ewigen Grundursache
alles Denkbaren und Wahrhaftexistirenden erzeugt, und waren die Gegenstände, an
deren Anschauen unsre Seelen sich weideten, bevor die strenge Anangke sie in
diese Sinnenwelt und in sterbliche Leiber zu wandern nötigte. Sie sind aber
auch die Urbilder und Muster, nach welchen untergeordnete Geister aus einem an
sich selbst formlosen und durch seine unbeständige Natur aller Form
widerstrebenden Stoff die Sinnenwelt bildeten, wiewohl es nicht in ihrer Macht
stand, ihnen mehr als den Schein jener ewigen unwandelbaren und in sich
vollkommenen Formen zu geben, der gleichwohl alles ist, was an ihnen reell und
wesentlich genennt zu werden verdient. Von diesem Schein - welcher (wie die
Sonnenbilder im Wasser) gleichsam der Widerschein der mehr besagten Ideen ist,
fühlen sich nun die neuangekommenen Seelen, sobald sie sich aus der Betäubung
des Sturzes in die Materie erholt haben, aufs lebhafteste angezogen. Die Meisten
wähnen, dass die Gegenstände, die ein dunkles Nachgefühl ihres ehmaligen seligen
Zustandes in ihnen erwecken, das, was sie scheinen, wirklich seien; sie
überlassen sich also in argloser Unbesonnenheit dem Ungestüm der Begierden, von
welchen sie zum Genuss derselben angetrieben werden; und was daraus erfolgt, ist
bekannt. Nur sehr Wenige (nämlich, nach Plato, die Philosophen im ächten Sinn
des Wortes) sind weise genug, den Schein von der Wahrheit zu unterscheiden, sich
aus den Schattenformen, die ihr Verstand in der Sinnenwelt gewahr wird, eine Art
von Stufenleiter zu bilden, und so wie sie sich, von Irrtum und Sinnlichkeit
gereinigt, über die materiellen Gegenstände erheben, nach und nach in das reine
Element der Geister emporzusteigen und zu dem was wirklich ist, zu den ewigen
Ideen und dem Auto-Agaton, ihrem Urquell, mit immer weniger geblendeten
Geistesaugen aufzuschauen.
    Hier hast du, in die möglichste Kürze zusammengezogen, das Platonische
System oder Mährchen, wenn du willst, welches - allen meinen nur zu häufigen
Verirrungen und Untertauchungen in den reizenden Schlamm der Sinnenwelt zu Trotz
- so viel Anziehendes für mich hat, dass ich, wofern es wirklich nur ein Mährchen
sein sollte, mich wenigstens des Wunsches, dass es wahr sein möchte, und in
meinen besten Augenblicken des Glaubens, dass es wahr sei, nicht entbrechen kann.
Ehrlich zu reden, ich kenne kein anderes, woran ich mich fester halten könnte,
wenn mich die närrischen Zweifel über Sein und Nichtsein anwandeln, die bei
meines gleichen sich nicht immer mit dem Sokratischen was weiss ich? oder dem
Aristippischen was kümmert's mich? abfertigen lassen wollen. Verzeih, Lieber,
wenn ich deine Gleichgültigkeit über diese Dinge auf der unrechten Seite
angesehen haben sollte, und lass' dich meinen kleinen Hang zur Schwärmerei (die,
wie du weisst, eben nicht immer die Platonische ist) nicht abschrecken mein
Freund zu bleiben. Lastenia grüsst dich und empfiehlt sich dem Andenken ihrer
Musarion. Du wirst es hoffentlich als ein ganz unzweideutiges Zeichen ihrer zur
Reife gediehenen Sophrosyne ansehen, dass deine Antiplatonischen Briefe eine
lebhafte und beinahe warme Verteidigerin an ihr gegen diejenigen gefunden, die
ich weiss nicht welche Spuren eines alten Grolls und einer übel verhehlten
Eifersucht darin ausgeschnuppert haben wollen. Denn im Grund ist sie noch immer
eine so eifrige Platonikerin als damals, da sie zu Aegina mit dem kleinen
unbeflügelten Amor am Busen von dir überrascht wurde.
 
                                      11.
                            Aristipp an Speusippus.
Ich danke dir, lieber Speusipp, für das sehr angenehme Unterpfand deines
wohlwollenden Andenkens, und für dein mildes Urteil von meinen Briefen an
Eurybates, welchen, däucht mich, das Beiwort antiplatonisch nur sehr
uneigentlich gegeben wird, da sie wenigstens eben so viel Lob als Tadel
entalten, und mit gleichem Recht proplatonisch heissen könnten.
    Verschiedenheit der Vorstellungsart wird Männer nie entzweien, deren
Freundschaft, wie die unsrige, auf Uebereinstimmung der Gemüter in allem, was
den Charakter edler und guter Menschen ausmacht, gegründet ist.
    Der Unterschied deiner und meiner Art über Platons Philosophie zu denken
scheint mir (den Einfluss der nahen Verwandtschaft und anderer Betrachtungen
abgerechnet) hauptsächlich in dem Mehr oder Weniger Festigkeit und Ruhe des
Gesichtspunkts gegründet zu sein, woraus wir beide überhaupt die Dinge anzusehen
pflegen; aber ich liebe die Aufrichtigkeit, womit du die wahre Ursache deines
noch immer unentschiedenen Schwankens zwischen dem gemeinen Menschensinn und der
philosophischen Mystagogie deines Oheims gestehest, und ich müsste mich sehr
irren, oder die Vorliebe, die du zu gewissen Zeiten für sein System in dir
findest, und die Leichtigkeit, womit du in einer andern Stimmung darüber
scherzen und lachen könntest, entspringt aus einer und eben derselben Quelle;
nur dass sie in jenem Fall reiner und geistiger, in diesem etwas dicker und
milchartiger fliesst.
    Es gibt, wie du weisst, angenehme und sogar wohltätige Täuschungen; aber es
ist immer gut, in allen menschlichen Dingen (unter welche ich auch die
meteorischen und göttlichen rechne) klar zu sehen; zu wissen, wann, wo, und wie
wir getäuscht werden, und auf keine Art von Täuschung mehr Wert zu legen als
billig ist. Die Stimmung, in welcher die Platonischen Mysterien so viel Reiz für
dich haben, und worin das, was sie uns offenbaren, dir wirklich das Innerste der
Natur aufzuschliessen scheint, ist (mit deiner Erlaubnis) nur dem Grade nach von
derjenigen verschieden, worin der tragische Penteus zwei Sonnen und zwei
Teben, oder seine Mutter Agave35 das abgeriss'ne Haupt ihres Sohnes für den
Kopf eines jungen Löwen ansieht. Die Phantasie ist immer eine unsichere
Führerin, aber nie gefährlicher, als wenn sie sich die Larve der Vernunft
umbindet und aus Principien irre redet. Doch was sage ich von Gefahr? Für dich,
lieber Speusipp, können diese sublimen Träume nichts Gefährliches haben,
wenigstens so lang' es nur ein lustiges Gastmahl oder einen Kuss der Lastenia
bedarf, um dich aus den überhimmlischen Räumen in deine angeborne Höhle
herabzuzaubern.
    Um so weniger hätte ich mir also ein Bedenken darüber zu machen, wenn mich
die Lust ankäme, das zierliche Gebäude von Spinneweben, worein du deine
geliebten Ideen gegen allen Angriff geborgen zu haben glaubst, mit einem
einzigen Hauch umzublasen? - Doch nein! wenn ich auch aus dieser scherzenden
Drohung Ernst zu machen vermöchte, wer wollte einem Freund ein harmloses
Spielzeug mit Gewalt aus den Händen drehen? Alles was ich mir erlauben kann,
ist, dir meine Weise über diese Dinge zu denken darzulegen, und es dann deinem
eigenen Urteil zu überlassen, ob du Ursache finden wirst, mich von der
Beschuldigung einer allzugemächlichen Gleichgültigkeit im Forschen nach Wahrheit
loszusprechen.
    Ist es nicht sonderbar, dass wir vom Nichts entweder gar nicht reden müssen,
oder uns so auszudrücken genötigt sind als ob es Etwas wäre? Freilich sollten
wir, da dem Worte Nichts weder eine Sache noch eine Vorstellung entsprechen
kann, gar kein solches Wort in der Sprache haben. Was ist Nicht-Sein? Ein
Unding, ein hölzernes Eisen, eine unmögliche Verbindung zwischen Nein und Ja,
kurz etwas sich selbst Aufhebendes. Was ist, ist, und da es nie Nichts sein
konnte, so liegen in dem Begriff des Seins alle Arten von Sein: gewesen sein,
jetzt sein, künftig sein, immer sein, notwendig entalten. Mit der
dilemmatischen Formel, »Sein oder Nicht-Sein« ist gar nichts gesagt; hier findet
kein »oder« statt; Sein ist das Erste und Letzte alles Fühlbaren und Denkbaren.
Indem ich Sein sage, spreche ich eben dadurch ein Unendliches aus, das alles was
ist, war, sein wird und sein kann, in sich begreift. Indem ich also mich selbst
und die meinem Bewusstsein sich aufdringenden Dinge um mich her, denke, ist die
Frage nicht: woher sind wir? oder warum wir? - sondern das Einzige was sich
fragen lässt und was uns kümmern soll, ist was sind wir? Und ich antworte: wir
sind zwar einzelne aber keine isolirten Dinge; zwar selbstständig genug, um
weder Schatten noch Widerscheine, aber nicht genug, um etwas anders als
Gliedmassen (wenn ich so sagen kann) oder Ausstrahlungen (wenn du es lieber so
nennen willst) des unendlichen Eins zu sein, welches ist, und alles, was da ist,
war, und sein wird, in sich trägt. Da all unser Denken im Grund entweder auf
Anschauen oder blosses Rechnen mit Zeichen hinausläuft, das Unendliche aber sich
weder überschauen noch ausrechnen lässt, so bleibt mir, wenn ich mir das wie
meines Daseins im Unendlichen einigermassen klar zu machen wünsche, kein anderes
Mittel als mir an dem dürftigen Begriff genügen zu lassen, den ich durch Bilder
und Vergleichungen erhalten kann; z.B. mit einem Baum oder einem gegliederten
Körper, der aus einer unendlichen Menge von Teilen zusammengesetzt ist, von
welchen jedes seine eigene Art und Weise, Gestalt, Bildung und Einrichtung hat,
aber sich doch nur dadurch in seinem Dasein erhalten und gedeihen kann, dass es
mit dem Ganzen in engester Verbindung steht, und von dem aus demselben und durch
dasselbe strömenden und durch alle Teile sich ergiessenden Leben seinen Anteil
empfängt. Jedes Blatt eines Baums ist in dieser Rücksicht zugleich ein kleines
Ganzes und Teil eines grössern, des Zweiges, so wie dieser einem Ast, der Ast
(an Stärke und Fülle der Zweige und Blätter oft selbst ein Baum) dem Hauptstamm
einverleibt ist. Wenn mir diese von materiellen Dingen erborgte Vergleichungen
kein Genüge tun wollen, stelle ich mir das unendliche Ist (welches durch das
geheimnisvolle Ei im Tempel zu Delphi36 bezeichnet zu sein scheint) unter dem
Bilde der Seele, und alles was durch und in ihm ist, wie die Gedanken vor,
welche, wiewohl durch die Kraft der Seele erzeugt und gleichsam aus ihr hervor
strahlend, doch weder ausser ihr sein, noch als Bestandteile von ihr betrachtet
werden können. Aber unter welchem Bilde ich mir auch in gewissen Augenblicken
das grosse Geheimnis der Natur zu symbolisiren suchen mag, der einzige Gebrauch,
den ich davon mache, ist: die ewige Grundmaxime der ächten Lebensweisheit daraus
abzuleiten, die zugleich die Regel unsrer Pflicht und die Bedingung unsrer
Glückseligkeit ist. Denn natürlicher Weise trägt die Ueberzeugung, »dass ich nur
als Gliedmass des unendlichen Eins da sein, aber auch nie gänzlich von ihm
abgetrennt werden kann,« eine zwiefache Frucht: erstens, die feste Gesinnung,
dass ich nur durch Erfüllung meiner Pflicht gegen das allgemeine sowohl, als
gegen jedes besondere Ganze dessen Glied ich bin, in der gehörigen Unterordnung
des Kleinern unter das Grössere, glücklich sein kann; und zweitens die eben so
feste Gewissheit, dass ich, wie beschränkt auch meine gegenwärtige Art zu
existiren scheinen mag, dennoch als unzerstörbares Glied des unendlichen Eins,
für Raum und Zeit meines Daseins und meiner Tätigkeit kein geringeres Mass habe,
als den hermetischen Cirkel - die Unendlichkeit selbst. Ich weiss es nicht gewiss,
aber ich vermute, dass sich Plato bei seinem Auto-Agaton ebendasselbe denkt,
was ich bei meinem Unendlichen; wenn man anders blosses Hinstreben nach etwas
Unerreichbarem Denken nennen kann: aber das ist gewiss, dass ich keinen
speculativen Gebrauch oder Missbrauch davon mache, und mich nur deswegen nicht
bekümmere mehr davon zu wissen, weil ich fühle, dass indem ich einen
schwindelnden Blick in diese unergründliche Höhe und Tiefe wage, ich bereits
über der Gränze alles menschlichen Wissens schwebe.
    Was Platons Ideen betrifft, so gestehe ich dir unverhohlen, dass ich nach
allem was mir seine Dialogen davon geoffenbaret haben, mir keine Idee von ihnen
zu machen weiss. Sie sind weder bloss gedachte noch personificirte allgemeine
Begriffe; auch sind es nicht die Erscheinungen, die der begeisterten Phantasie
des Dichters, Bildners oder Malers vorschweben, wenn er nach dem Höchsten seiner
Kunst, dem Uebermenschlichen und Göttlichen, nach vollkommner Schönheit, Stärke
und Grösse ringt. So wie Plato von ihnen spricht, können sie nichts dergleichen
sein, wiewohl ich vermute, dass du in den Momenten der geistigen Anschauungen,
wovon du sprichst, sie mit jenen verwechselst. Was sind sie also? Ich weiss es
nicht; aber das weiss ich, dass der Platonische Tisch, der weder klein noch gross,
weder rund noch dreieckig, weder von Holz noch von Elfenbein, noch von Gold oder
Silber ist, der nicht dieser oder jener Tisch, sondern der Tisch selber, der
Tisch an sich und das einzige Exemplar seiner Art im Lande der Ideen ist, neben
den künstlichen goldnen Dreifüssen im Palast des Homerischen Hephästos37 eine
schlechte Figur macht. Wie kommt Plato dazu, dass er den abgezogenen Begriffen
von Arten und Gattungen, deren wir Menschen bloss als erleichternder und
abkürzender Hülfsmittel zum Denken und Reden benötigt sind, Selbstständigkeit
und wirkliches Dasein ausser uns gibt? Die Natur hat ihm schwerlich dazu
angeholfen; denn sie stellt lauter einzelne Dinge auf, und weiss nichts von
unbestimmten Formen, nichts von Körpern, die weder klein noch gross, weder rund
noch eckicht, weder aus diesem noch jenem Stoffe gemacht sind. Sie kennt nur
Aehnlichkeit und Verschiedenheit in unendlichen Graden und Schattirungen; die
Abteilungen, Einzäunungen und Gränzsteine sind Menschenwerk. Der Maulwurf steht
mit dem Elephanten auf eben derselben Linie, wie viel andere Tiere auch
zwischen ihnen stehen mögen, und die Verschiedenheit zwischen einem Elephanten
und einem andern, ist, wiewohl nicht so stark in die Augen fallend, doch nicht
minder gross als die Aehnlichkeit. Weil alles Mögliche wirklich ist, so muss
notwendig der Unterschied zwischen den Wesen, die einander die ähnlichsten
sind, kaum merklich sein; wir übersehen also das, worin sie verschieden sind,
fassen sie unter dem Begriff einer Art zusammen, und bezeichnen sie mit einem
gemeinsamen Wort. Durch das nämliche Verfahren erhalten wir, indem wir die
ähnlichsten Arten unter Ein gemeinschaftliches Wort stellen, den höhern Begriff
der Gattungen. Das Bedürfnis einer Sprache, und das Gefühl der Notwendigkeit,
den auf uns eindringenden Vorstellungen Festigkeit und Ordnung zu geben, nötigt
den Menschen zu dieser ihm natürlichen Anwendung seines Verstandes, und es wäre
nicht schwer (wenn es mich nicht zu weit führte) zu zeigen, wie es zugeht, dass
es ihm unvermerkt eben so natürlich wird, diese Abteilungen und
Classificationen für das Werk der Natur selbst zu halten, wiewohl sie nichts
anders als Producte seiner durch den Drang des Bedürfnisses erregten
instinctmässigen Selbsttätigkeit sind. - Dies hat mich wenigstens eine mässige
Aufmerksamkeit auf die Natur gelehrt, und wenn Speculiren um blossen Speculirens
willen meine Sache wäre, so dächte ich auf diesem Wege ziemlich weit zu kommen.
Aber ferne von mir sei die Anmassung, dich, mein liebenswürdiger Freund, oder
irgend einen andern Sterblichen von einer Vorstellungsart abzuziehen, die ihm
einleuchtet, wobei er gutes Mutes ist, und wodurch keinem andern Weh geschieht.
Auch die Philosophie ist in gewissem Sinn etwas Individuelles, und für jeden ist
nur diejenige die wahre, die ihn glücklicher und zufriedner macht als er ohne
sie wäre.
    Uebrigens danke ich der schönen Lastenia, dass sie sich ihres entfernten
Freundes so grossmütig annimmt, und finde sehr billig, wenn sie (ohne sich des
geheimen Beweggrundes bewusst zu sein) etwas Reelleres in der Welt vorzustellen
wünscht, als ein blosses Schattenbild des Platonischen Urweibes, welches weiter
nichts zu tun hat, als im Lande der Ideen umher zu stolziren, und
zehntausendmal zehntausend Myriaden mächtig von einander abstechender
Weiberschatten auf diese Unterwelt herabzuwerfen; eine Verrichtung, wobei die
Dame, wie gross ihre Selbstgenügsamkeit auch sein mag, endlich doch ziemlich
Langeweile haben dürfte, wenn anders ihr präsumtiver Gesellschafter und
Liebhaber, der idealische Urmann, neben seinem eignen gleichen Tagewerk, nicht
noch Mittel und Wege findet, ihr auf eine uns Sterblichen unbegreifliche Weise
die Zeit zu kürzen.
    Ich gestehe dir, lieber Speusipp, dass ich grosse Lust hätte, diesen platten
Scherz, seines ächten Atticismus ungeachtet, wieder auszustreichen, wenn ich
nicht eine geheime Hoffnung nährte, dass er deinem erhabenen Oheim vielleicht
Anlass geben könnte, sich über die zur Zeit noch unbegreifliche Natur seiner
Ideen etwas deutlicher zu erklären. Denn in der Tat, wenn er uns nicht mehr
Licht über diese wunderbaren Wesen zukommen lassen wollte als bisher, hätte er
besser getan, uns gar nichts davon zu offenbaren.
 
                                      12.
                             Aristipp an Eurybates.
Der angeborne Trieb der streitlustigen Atener für und wider jede Sache zu
sprechen, und von allem, was ein anderer sagt, stehendes Fusses das Gegenteil zu
behaupten, ist durch die berühmten Sophisten, die ehmals eine so gute Aufnahme
bei euch fanden, und seitdem durch Antistenes, Platon und die übrigen
Sokratiker, bei Alten und Jungen aus den höhern Classen euerer Bürger dermassen
geübt und in Atem erhalten worden, dass es mich nicht wundert, edler Eurybates,
wenn Platons neuester Dialog noch immer, wie du mir schreibst, den meisten Anlass
zu den dialektischen Kampfübungen gibt, womit eure vornehmern Müssiggänger,
während des dermaligen Stillstands kriegerischer und politischer Neuigkeiten,
sich einige Unterhaltung zu verschaffen suchen. Dass meine Briefe (die nun
einmal, beliebter Kürze und Bequemlichkeit halben, Platonisch oder
Antiplatonisch heissen müssen) Oel ins Feuer gegossen haben, würde mir, als einem
der friedfertigsten Menschen unter der Sonne, beinahe leid sein, wenn du nicht
zu gleicher Zeit den Trost hinzu fügtest, dass sie auf der andern Seite nicht
wenig dazu beitragen, die Nachfrage nach dem wundervollsten Werke unsrer oder
vielmehr jeder Zeit allgemein zu machen, und manchen einseitigen Tadler zu
Anerkennung des vielfältigen Verdienstes zu vermögen, welches der Urheber
desselben sich um Aten und die ganze Hellas, ja ich darf wohl sagen, um das
ganze Menschengeschlecht dadurch erworben hat. Denn ich zweifle keinen
Augenblick, es wird so lange leben, als unsre Sprache das Mittel bleiben wird,
die Cultur, die uns so weit über alle andern Völker erhebt, nach und nach über
die ganze bewohnte Erde auszubreiten.
    Ausserdem gesteh' ich dir gern, dass ich mich nicht wenig geschmeichelt finde,
auch in so grosser Entfernung von der schönen Minervenstadt eine Art geistiger
Gemeinschaft mit ihren Bewohnern zu unterhalten, und mich meinen ehmaligen
Freunden und Gesellschaftern zu vergegenwärtigen, indem ich ihnen Gelegenheit
gegeben habe meinen Namen zu nennen und sich so mancher schönen, mir selbst
unvergesslichen Stunden zu erinnern, die wir unter dem freiesten Umtausch unsrer
Gedanken und Gefühle, in euern prächtigen Hallen und anmutigen Spaziergängen,
oder beim fröhlichen Mahl und bei tauenden Sokratischen Bechern, so vergnüglich
zugebracht haben. Je glücklicher das Gegenwärtige, worin wir leben, ist, um so
angenehmer ist es, den Genuss desselben durch die ihm so schön sich
anschmiegenden und darin verschmelzenden Erinnerungen des Vergangenen zu
erhöhen, und uns dadurch dem Wonneleben der seligen Götter zu nähern, deren
Dasein ein immer währender Augenblick ist. Warum, ach! warum muss unsre
liebenswürdige Freundin zu Aegina - nicht mehr sein! Welchen Genuss, welche
Unterhaltungen würden alle diese neuen Erscheinungen, die so viel Reiz für diese
vorwitzige aber schwer zu täuschende Psyche hatten, ihr und uns durch sie
verschafft haben!
    Unter den vielerlei Problemen, die, wie du sagst, aus Veranlassung meiner
Briefe, eure Philodoxen (wie Plato sie benamset) unter den Propyläen oder in den
Schattengängen der Akademie in Bewegung setzen, ist diejenige Frage, worüber du
eine nähere Erklärung von mir verlangst, vielleicht die wichtigste, weil sie auf
das praktische Leben mehr Einfluss als irgend eine andere zu haben scheint. Du
weisst dass ich kein Freund von unfruchtbaren Grübeleien bin; aber gewiss gehört
die Streitfrage: »wie sich das was ist, zu dem was sein soll, verhalte?« oder,
»ob und inwiefern man sagen könne, dass das was ist, anders sein sollte?« nicht
unter die Processe um des Esels Schatten; es ist nichts weniger als gleichgültig
für den sittlichen Menschen, wie sie entschieden wird. Ich bin so weit entfernt
meine Meinung für entscheidend zu geben, dass ich vielmehr überzeugt bin, dieses
Problem könne niemals rein aufgelöst werden. Indessen sehe ich nicht, warum ich
Bedenken tragen sollte, dir die Antwort mitzuteilen, die ich mir selbst auf
jene Fragen gebe.
    Dass im blossen Sein (dem ewigen Gegenteil des ewig unmöglichen Nichtseins)
alles Mögliche entalten sei, ist für mich etwas Ausgemachtes, an sich Klares
und keines Erweises Bedürftiges. Das was ist, im unbeschränktesten Sinn des
Worts, ist also das Unendliche selbst, und umfasst, nach unsrer Vorstellungsart,
alles was möglich ist, war, und sein wird. Ich sage nach unsrer Vorstellungsart;
denn im Unendlichen selbst ist weder Vergangenheit noch Zukunft, sondern ewige
Gegenwart; und eben darum ist es uns unbegreiflich. In dieser Rücksicht kann man
also nicht sagen, dass was nicht ist, sein sollte; denn alles was sein soll, muss
sein können; und alles was sein kann, ist.
    Aber wie bringe ich diese unläugbaren Grundsätze in Uebereinstimmung mit der
Stimme meiner Vernunft und meines Herzens, die mir täglich sagen, es geschehen
Dinge in der Welt, die nicht geschehen sollten? Brüder z.B. sollten nicht gegen
Brüder, Hellenen nicht gegen Hellenen zu Felde ziehen, ihre Wohnsitze und
Landgüter wechselsweise ausrauben und verwüsten, die eroberten Städte
schwächerer Völker nicht dem Erdboden gleich machen, die Ueberwundnen nicht mit
kaltem Blute morden, oder auf öffentlichem Markt als Sklaven verkaufen, u.s.w.
Wer erkühnt sich zu läugnen, dass dies alles nicht sein sollte? Und gleichwohl
ist es. - Leider! Aber wie könnt' es anders sein?
    Das Bedürfnis unsre Gedanken an Worte zu heften, und die unvermeidliche
Unschicklichkeit, mit diesen Worten allgemeine Begriffe bezeichnen zu müssen,
deren Allgemeinheit ihren Grund nicht in der Natur der Dinge, sondern bloss in
unsrer verworrenen und unvollständigen Ansicht derselben, und in den
Trugschlüssen haben, die wir aus diesen täuschenden Anschauungen ziehen, - diese
Quellen beinahe aller der Irrtümer, Halbwahrheiten und Missverständnisse, die so
viel Unheil unter den Menschen anrichten - sind auch hier die Ursache eines
Trugschlusses, an dessen Richtigkeit gleichwohl die Meisten so wenig zweifeln,
dass ich Gefahr laufe des Verbrechens der beleidigten Menschheit angeklagt zu
werden, wenn ich mich erkühne ihn anzufechten. Indessen, der erste Wurf ist nun
einmal geschehen, und ich werde schon auf meine Gefahr fort spielen müssen.
    Dass der Tiger blutdürstig, der Affe hämisch, die Otter giftig ist, dass der
Wolf Lämmer stiehlt und der Iltiss die Tauben erwürgt um ihre Eier
auszuschlürfen, wer wundert sich darüber? Es ist ihre Natur, sagt man, und wie
lästig sie uns auch dadurch werden, fordert doch niemand, dass sie anders sein
sollten als sie sind. Diejenigen, welche behaupten, dass die Menschen weiser und
besser sein sollten, als sie sind, nehmen als Tatsache an, »dass sie dermalen,
im Ganzen genommen, eine törichte und verkehrte Art von Tieren sind;« Plato
trägt sogar kein Bedenken zu behaupten, es gebe kein Volk in der Welt, dessen
Verfassung, Lebensweise, Sitten und Gewohnheiten nicht durch und durch verdorben
wären. - »Aber es sollte und könnte anders sein, sagt man.« - Allerdings könnte
und würde es anders sein, wenn die Menschen vernünftige Wesen wären. - Wie? sind
sie es etwa nicht? Wer kann daran zweifeln? - Ich! - Wenn sie es wären, so
würden sie anders, nämlich gerade das sein, was vernünftige Wesen, ihrer Natur
zufolge, sein sollen. Aber diese sehr ungleichartigen einzelnen Erdenbewohner,
die ihr, weil sie auch zweibeinig und ohne Federn sind und den Kopf aufrecht
tragen wie die eigentlichen Menschen, mit diesen zu vermengen und unter dem
gemeinschaftlichen Namen Mensch zusammen zu werfen beliebt, sind nun einmal
grösstenteils (wie ihre ganze Weise zu sein und zu handeln augenscheinlich
darlegt) alles andre was ihr wollt, nur keine vernünftigen Wesen. Das äusserste,
was ich, ohne mich an der Wahrheit zu versündigen, tun kann, ist, ihnen eine
Art von vernunftähnlichem Instinct zuzugestehen, mit etwas mehr Kunstfähigkeit,
Bildsamkeit und Anlage zum Reden, als man an den übrigen Tieren wahrnimmt;
Vorzüge, wodurch sie einer zwar langsamen, aber doch fortschreitenden
Vervollkommnung fähig sind, deren Gränzen sich schwerlich bestimmen lassen. Dies
gibt einige Hoffnung für die Zukunft. Binnen etlichen hundert Metonischen Cyklen
38 mögen sie, nach zehntausendmaliger Wiederholung der nämlichen Missgriffe und
Albernheiten, durch die immer gleichen Folgen derselben endlich gewitziget,
einige Schritte vorwärts gemacht haben, und wenn sie dereinst völlig zur
Vernunft gereift sind, zuletzt so verständig und gut werden, als sie eurer
Meinung nach bereits sein sollten; was doch unter allen Bedingungen ihrer
dermaligen Existenz und auf der Stufe von Cultur, worauf sie stehen, keine
Möglichkeit ist. Ihr vergesst nämlich, dass von allem, was wir uns, unter einem
abgezogenen unbestimmten Begriff, als möglich vorstellen, keines eher in die
wirkliche Welt eintreten kann, bis die Ursachen und Bedingungen seiner
Möglichkeit in derselben vollständig zusammentreffen. Ihr vergesst, dass das, was
jetzt ist, aus dem, was zuvor war, hervorgehen muss, und dass Jahrtausende nötig
waren, bis an jenen Tigermenschen, Wolf- und Luchsmenschen, Pferde-Stier- und
Eselmenschen u.s.w., welche, als die wahren ursprünglichen Autochtonen, vor
undenklichen Zeiten den noch rohen Erdboden inne hatten, das Menschliche so viel
Uebergewicht über die ungeschlachte Tierheit bekam, dass es einem Hermes,
Cekrops, Phoroneus, Orpheus, den Kureten, Telchinen, Idäischen Daktylen und
ihresgleichen möglich war, sie in eine Art von bürgerlicher Gesellschaft zu
vereinigen, sie an einige Ordnung und Sittlichkeit zu gewöhnen, und in den
ersten Anfängen der Künste, die das Leben menschlicher machen, zu unterrichten.
Wer sich die Mühe nehmen mag, den unendlichen Hindernissen und Schwierigkeiten
nachzudenken, welche die Vernunft noch jetzt, da die sogenannten Menschen sich
aus ihrer ursprünglichen Rohheit und Verwilderung schon so lange
herausgearbeitet haben, in ihren Wahnbegriffen und Leidenschaften, in ihrer
Geistesträgheit, Sinnlichkeit und tierischen Selbstigkeit zu bekämpfen hat, der
wird sich nicht wundern, dass es mit ihrer Veredlung so langsam hergeht, und wird
nicht schon von der harten und herben grünen Frucht die Weichheit und Süssigkeit
der zeitigen verlangen.
    Nun wohl, höre ich sagen, wenn dies auch von der grössten Mehrheit der
Menschen in Eine Masse zusammengeworfen gelten könnte, bleibt darum weniger
wahr, dass dieser und jener, oder vielmehr dass jeder einzelne Mensch besser sein
könnte, folglich sein sollte, als er ist? - Mich dünkt hier ist viel
auseinanderzusetzen. Wenn ich z.B. meinen Sklaven Kappadox aus dem ganzen
Zusammenhang seiner äussern Umstände und aus sich selbst gleichsam heraushebe, so
scheint es allerdings, dass er verständiger, besonnener, geschickter, fleissiger
und bei Gelegenheit etwas nüchterner sein könnte; denn es ist nicht zu läugnen,
dass ihm, wiewohl er eben kein bösartiger Menschensohn ist, doch ziemlich viel
fehlt, um für ein Muster der Sokratischen Sophrosyne zu gelten. Unstreitig lässt
sich also nicht nur ein besserer Mensch denken als er; ich glaube sogar zu
begreifen, wie er selbst, unter andern Umständen, dieser bessere Mensch sein
könnte. Wenn ich aber überlege, dass er ein geborner Cappadocier, unter
ungebildeten Menschen aufgekommen, schlecht erzogen, schlecht genährt, und nie
zu etwas Besserm als knechtischer Arbeit angehalten worden ist u.s.w., so finde
ich mehr Ursache, mich wundern zu lassen, dass er nicht schlechter als dass er
nicht besser ist, und ich fordre nicht mehr Weisheit und Tugend von ihm, als ihm
unter allen Bedingungen seiner Existenz zuzumuten ist. Sollte, was von meinem
Cappadocier gilt, nicht aus gleichem Grunde von jedem gebildeten und
ungebildeten Atener, Tebaner oder Korintier gelten? - Aber (könntest du mir
einwenden) kommen nicht Fälle vor, wo du deinen Sklaven zu einer Pflicht
ermahnest, oder ihm eine Unart verweisest, oder ihn wohl gar körperlich
züchtigen lässest? - Das letztere ist in meinem Hause nicht üblich. Wenn einer
meiner Sklaven sich auf einen wiederholten scharfen Verweis nicht bessert, wird
er auf den Markt geführt und - nicht für gut - verkauft. - »Du nimmst also doch
die Besserung als etwas Mögliches an?« - Warum nicht? Wenn ich ihm einen
mehrmals begangenen Fehler scharf verweise, so geschieht es nicht des begangenen
wegen, denn der ist nun einmal gemacht; aber da der Fall wieder kommen kann,
warum sollt' es nicht möglich sein, dass mein Kappadox, indem er im Begriff ist
dieselbe Sünde wieder zu begehen, sich meines Verweises und der angehängten
Drohung erinnerte, und dadurch zurückgehalten würde? Wo nicht, so wirkt
vielleicht eine derbe Züchtigung, die ihm sein künftiger Herr geben lässt; aber
aus beiden Fällen geht weiter nichts hervor, als dass ein Mensch, der einer
gewissen Versuchung heute nicht zu widerstehen vermochte, es mit Hülfe eines
stärkern Beweggrundes ein andermal vielleicht vermögen wird. Belehrung, Warnung,
Züchtigung, beziehen sich daher immer auf künftige Fälle, und sind, insofern,
als mögliche Verbesserungsmittel nicht zu versäumen. Denn die Möglichkeit durch
gehörige Mittel unter den erforderlichen Umständen besser werden zu können, ist
unläugbar eine Eigenschaft der menschlichen Natur, wiewohl daraus nicht folgt,
dass eben derselbe, der in einer gewissen äussern Lage und innern Stimmung etwas
zu tun oder zu unterlassen vermag, auch bei veränderten Umständen Kraft genug
haben werde, dasselbe zu tun oder nicht zu tun. - »Du rechnest also nichts auf
die Kraft eines fest entschloss'nen Willens?« - Im Gegenteil, sehr viel. Aber
ein Wille, der zu allen Zeiten jeder Versuchung, jeder Leidenschaft und jeder
Gewohnheit siegreich zu widerstehen vermag, setzt eine grosse erhabene Natur
voraus, und kann nicht das Anteil gewöhnlicher Menschen sein. Von diesen zu
fordern, was nach dem Zeugnis der Erfahrung nur in sehr seltnen Fällen von den
ausserordentlichsten Heroen der Menschheit geleistet worden ist, wäre unbillig
und vergeblich. Wir bewundern alle Arten von Helden, aber niemand ist schuldig
ein Held zu sein, und hört er auf es zu sein, wenn er's einst war, was können
wir dazu sagen, als dass ihn seine Kraft verlassen habe? Er ist in die Classe der
gemeinen Menschen zurückgesunken, und verdient deswegen keine Verachtung,
wiewohl er, als er ein Held war, Bewundrung verdiente. - Du wirst mir einwenden,
die Rede sei nicht von moralischen Heldentaten, sondern von dem, wozu jeder
Mensch verbunden ist, von der Pflicht gerecht und gut zu sein; und ich - werde
wiederholen müssen was ich schon gesagt habe: die Vernunft fordert beides, aber
nur von vernünftigen Wesen. Der bürgerliche Gesetzgeber scheint zwar diese
Forderung ohne Unterschied an alle Glieder des Staats zu machen; aber im Grunde
rechnet er wenig auf ihre Vernunft; er verlangt nur Gehorsam. Unbekümmert aus
welcher Quelle dieser Gehorsam fliesse, glaubt er genug getan zu haben, indem er
seine Untergebnen durch Strafen von Uebertretung der Gesetze abschreckt.
Indessen zeigt der allgemeine Augenschein wie wenig dies hinreicht, und Plato
hat vollkommen Recht, wenn er behauptet, dass die Bürger eines Staats von
Kindheit an durch zweckmässige Veranstaltungen zur Tugend erzogen, d.i.
mechanisch an ihre Ausübung gewöhnt werden müssen, und dass alle andern Mittel,
wodurch man dem Gesetze Kraft zu geben vermeint, unzulänglich oder unvermögend
sind. So lange diesem Mangel nicht abgeholfen ist, sind Strafgesetze zwar ein
notwendiges Uebel, aber immer ein Uebel, worüber der Weise den Kopf schüttelt
und der Freund der Menschheit trauert.
    Aber wir haben es, bei Beantwortung der Fragen über Sein und Sollen, nicht
mit Bürgern, sondern mit Menschen zu tun, nicht mit einer dialektischen,
geschweige Platonischen Idee der Menschheit, sondern mit den sämmtlichen
einzelnen Wesen, welche unter dem allgemeinen Namen Mensch begriffen werden. Von
diesen zu fordern, sie sollten anders sein als sie sind, - wäre die Vernunft nur
dann berechtigt, wenn sie unbillige Forderungen tun könnte. Aber die Vernunft
will nichts als dass sie anders werden sollen, und auch dies erwartet sie nur von
solchen innern und äussern Veranstaltungen, wodurch die Verbesserung möglich
wird: denn sie verlangt nicht (mit dem Sprüchwort zu reden), dass das Böckchen im
Hofe herum springe bevor die Ziege geworfen hat.
    Ich hätte noch mancherlei zu bemerken, wenn ich ins Besondere gehen, und
diese reichhaltige Ader erschöpfen wollte. Ich glaube aber meine Gedanken
hinlänglich dargelegt zu haben, um dir klar zu machen, dass ich durch meine Art
die Dinge zu sehen hauptsächlich den schiefen und unbilligen Urteilen
(wenigstens bei mir selbst) zuvorkommen möchte, die man täglich über Personen,
Sachen und Handlungen von Leuten aussprechen hört, denen nichts recht ist wie es
ist, wiewohl der Fehler bloss daran liegt, dass sie selbst nicht sind, wie sie
sein müssten, um über irgend etwas ein unbefangenes Urteil fällen zu können.
 
                                      13.
                   Lysanias von Aten an Droso, seine Mutter.
Wenn ein Jüngling, der so glücklich ist ein Atener und dein Sohn zu sein, an
irgend einem Ort in der Welt in Gefahr kommen könnte, zu erfahren was den
Gefährten des edeln Laertiaden39 bei den Lotophagen begegnete,
 Lotos pflückend zu bleiben und abzusagen der Heimat,
so müsst' es, denke ich, zu Cyrene im Hause unsers edeln Gastfreundes Aristippus
sein, wo ich bereits vom dritten Frühling überrascht werde, ohne recht zu
wissen, wie mir so viele Zeit zwischen den Fingern, so zu sagen, durchgeschlüpft
ist. Nicht als ob ich mir selbst so Unrecht tun wollte, liebe Mutter, die
Besorgnis bei dir zu erregen, dass ich sie übel angewandt hätte; was freilich bei
den Menschen, mit welchen ich lebe, nicht wohl möglich gewesen wäre: aber gewiss
ist, ich befand mich von allen Seiten so wohl, hatte so viel zu sehen, zu hören,
zu lernen, zu üben, zu schicken und zu schaffen, und das alles unter dem
mannichfaltigsten Genuss immer abwechselnder Vergnügungen, dass ich mich auch
nicht eines einzigen Tages besinnen kann, der mir nicht zu kurz gedäucht hätte.
    Cyrene ist in der Tat eine Stadt, die selbst ein geborner Atener schön
finden muss; nicht ganz so gross noch so volkreich als Aten, aber doch beides
genug, um nach Karchedon40 die ansehnlichste Stadt an den Küsten Libyens zu
sein. Ihre Lage ist sehr anmutig, noch mehr durch den Fleiss und Geschmack der
Einwohner als von Natur; denn die Stadt scheint in einem einzigen
unübersehbaren, trefflich angebauten Garten zu liegen. Nichts übertrifft die
Fruchtbarkeit des Bodens; alle Arten von Früchten gelangen hier zu einem Grad
von Vollkommenheit, wovon man in unserm rauhern Attika keinen Begriff hat.
    Die Bürger von Cyrene sind überhaupt ein guter Schlag Menschen; eben nicht
so fein geschliffen und abgeglättet als unsre Atener, aber auch nicht so hart,
um so vieler Politur nötig zu haben. Gutmütigkeit, Gefälligkeit und Frohsinn
sind ziemlich allgemeine Züge im Charakter dieses Volkes; sie lieben (wie alle
Menschen) das Vergnügen, aber mit einer eigenen, in ihrer Sinnesart liegenden
Mässigung; sie wollen lieber weniger auf einmal geniessen, um desto länger
geniessen zu können; und dies ist vermutlich die Ursache, warum ich hier so
viele Greise gesehen habe, die mir das Bild des weisen Anakreons, so wie er sich
selbst in seinen kleinen Liedern darstellt, vor die Augen brachten.
    Aristipp und Kleonidas haben unvermerkt auf den Geist und Geschmack ihrer
Mitbürger eine Wirkung gemacht, deren Einfluss auf das gesellige Leben, die
öffentlichen Vergnügungen und vielleicht selbst auf die bisherige Ruhe dieses
kleinen Staats nicht zu verkennen ist. Auch geniessen beide die allgemeine
Achtung ihrer Mitbürger so sehr, dass selbst auf mich eine Art von Glanz davon
zurückfällt, und mir als ihrem Freund und Hausgenossen überall mit Auszeichnung
begegnet wird. Ich hoffe mich keiner allzu grossen Selbstschmeichelei bei dir
verdächtig zu machen, wenn ich hinzu setze, dass die Grazien (denen ich, nach
Platons Rat, fleissig opfre) auch den Cyrenerinnen günstige Gesinnungen für mich
eingeflösst zu haben scheinen. Man sieht zwar hier, wie zu Aten, die Frauen und
Jungfrauen der höhern Classen nur bei öffentlichen religiösen Feierlichkeiten in
grosser Anzahl beisammen; aber sobald jemand in einem guten Hause auf dem Fuss
eines Freundes steht, erhält er dadurch auch die Vorrechte eines Anverwandten,
und wird, insofern sein Betragen die von ihm gefasste günstige Meinung
rechtfertigt, von dem weiblichen Teil der Familie eben so frei und vertraut
behandelt als ob er selbst zu ihr gehörte.
    Du zweifelst wohl nicht, liebe Mutter, dass ich mir diese Cyrenische Sitte in
dem Hause, worin ich das Glück habe zu leben, aufs beste zu Nutze zu machen
suche, und ich hoffe du wirst dereinst finden, dass mir der freie Zutritt, den
ich bei Kleonen und Musarion habe, für die Ausbildung meines Geistes und mein
Wachstum in der Kalokagatie, in welcher ich erzogen bin, wenigstens eben so
vorteilhaft gewesen ist, als der tägliche Umgang mit den vortrefflichen
Männern, an welche mich mein Vater empfohlen hat. Unläugbar sind diese beiden
Frauen unter den liebenswürdigsten, deren Cyrene sich rühmen kann, eben so
ausgezeichnet als es ihre Männer unter ihren Mitbürgern sind; und ich gestehe
dir offenherzig, es ist ein Glück für mich, dass ich beide zu gleicher Zeit
kennen gelernt habe, und, da sie beinahe unzertrennlich sind, beide immer
beisammen sehe. Ohne diesen Umstand würde es mir, glaube ich, kaum möglich
gewesen sein, ungeachtet sie die Blütezeit des Lebens bereits überschritten
haben, von der Leidenschaft nicht überwältiget zu werden, welche mir jede von
ihnen, hätte ich sie allein gekannt, unfehlbar (wiewohl gewiss wider ihren
Willen) angezaubert hätte. Du wirst über mich lächeln, gute Mutter; aber, wie
wunderlich es auch klingen mag, ich schwöre dir bei allen Göttern, ich könnte
sie nicht reiner und heiliger lieben, wenn sie meine leiblichen Schwestern
wären; und doch fühle ich zuweilen, dass ich in Kleonen, wenn keine Musarion, und
in Musarion, wenn keine Kleone wäre, bis zum Wahnsinn verliebt werden könnte.
Bloss dadurch, dass beide zugleich so stark auf mich wirken, erhalten sie mein
Gemüt in einer Art von leiser Schwebung zwischen ihnen, die ich beinahe
Gleichgewicht nennen möchte. Kurz, weil ich beide liebe, so - liebst du keine,
wirst du sagen; und im Grunde glaube ich selbst, dass für diese seltsame Art von
Liebe ein eigenes Wort, das unsrer Sprache fehlt, erfunden werden müsste. Was
mich auf alle Fälle beruhigt, ist, dass ich Aristipp und Kleonidas zu meinen
Vertrauten gemacht habe. Diesem sage ich alles was ich für seine Schwester,
jenem alles was ich für Musarion empfinde. Beide sind mit mir zufrieden; sie
selbst sowohl als ihre Frauen gehen mit mir wie mit einem jüngern Bruder um, so
unbefangen, so traulich und herzlich, dass sie mich unvermerkt gewöhnt haben,
mich dafür zu halten. Darf ich dir alles gestehen, meine Mutter? - und warum
sollt' ich nicht, da ich nichts zu bekennen habe, worüber ich erröten müsste?
Jede der beiden Frauen hat eine Tochter, die ich, wenn sie auch an sich selbst
weniger reizend wären, um der Mutter willen lieben würde. Aber hier bedarf es
keines solchen Beweggrundes; die Töchter sind in einem so hohen Grade
liebenswürdig, dass sogar ihre Mütter (wenigstens in meinen Augen) durch sie
verschönert werden. Melissa, Musarions Tochter, soll an Gestalt und
Gesichtsbildung der berühmten Lais ähnlich sein; und wirklich besitzt Kleone ein
Bild der letztern, worin alle, die es zum erstenmal sehen, Melissen zu erkennen
glauben. Ich selbst wurde beim ersten Anblick getäuscht; aber als ich das Bild
genauer mit ihr verglich, sah ich, dass Melissa - vielleicht nicht ganz so schön
ist, aber etwas noch sanfter Anziehendes und, wenn ich so sagen kann, dem Herzen
sich Einschmeichelndes hat, welches sie ihrer Mutter ähnlicher machen würde,
wenn es nicht mit den Zügen der schönen Lais so zart verschmolzen wäre. Diese
wunderbare Vermischung, wodurch sie, je nachdem man sie von einer Seite ansieht,
bald Musarion bald Lais scheint, gibt ihr etwas so Eigenes, dass ihr jede
Vergleichung Unrecht tut; einen Zauber, der mich unwiderstehlich an sie fesseln
würde, wenn nicht Kleonens leibhaftes Ebenbild, ihre einzige Tochter (einen
holden dreijährigen Knaben hat ihr Aurora entführt41) die liebliche Arete, neben
ihr stände, und durch die zierlichste Nymphengestalt, und die Vereinigung aller
Grazien der holdesten Weiblichkeit mit dem stillen Ausdruck eines edeln
Selbstgefühls mich etwas empfinden liesse, wofür ich keinen Namen habe; eine Art
von Anmutung, die nichts Leidenschaftliches, aber etwas unbeschreiblich Inniges
hat, und die Gewalt der magischen Reize ihrer schwesterlichen Gespielin so
lieblich dämpft - dass ich (wiewohl ohne mein Verdienst) bis jetzt noch immer
Herr von mir selbst geblieben bin, und zwischen Arete und Melissa ungefähr eben
so in der Mitte schwebe, wie zwischen Kleone und Musarion.
    Ich bin es zu sehr gewohnt, nichts Geheimes vor einer so gütigen und
nachsichtvollen Mutter zu haben, als dass ich meine Bekenntnisse nicht
vollständig machen sollte. Da ich die Freundschaft kannte, die schon so lange
zwischen meinem Vater und Aristipp, so wie zwischen dir und Musarion besteht, so
musste der Gedanke an die Möglichkeit einer engern Verbindung unsrer Familien um
so natürlicher in mir entstehen, da ich in den äussern Umständen kein erhebliches
Hindernis sehen konnte. Es zeigte sich aber bald nach meinem Eintritt in das
Aristippische Haus, dass Melissa, welche bereits das dreizehnte Jahr zurückgelegt
hat, meinem neuen Freund Kratippus, Aristipps Brudersohne, und die holdselige
Arete, welche vier Jahre weniger als ihre Base hat, von der Wiege an einem Sohne
des Kleonidas zugedacht ist. Ein Glück für mich, dass mir dieses Verhältnis,
welches für die beiden Kinder selbst noch ein Geheimnis ist, bei Zeiten entdeckt
wurde. Indessen hätte ich die Tochter Kleonens jedem andern streitig gemacht,
als einem Sohn von Musarion und Kleonidas. Überdies zeigten mir beide Mütter so
viele Freude an dem Gelingen ihres Plans und an der täglich sichtbarer werdenden
Sympatie ihrer Kinder, dass ich eher einen Tempel zu berauben oder mein
Vaterland zu verraten, als das häusliche Glück dieser schönen Seelen zu stören
vermöchte. Glaube nicht, ich dünke mir dieser Selbstbezähmung wegen ein grosser
Tugendheld; dazu kommt sie mich in der Tat zu leicht an. Eine Familie wie
diese, worin Männer, Frauen und Kinder, jedes in seiner Art so äusserst
liebenswürdig, alle wie von einer einzigen gemeinschaftlichen Seele belebt, so
zufrieden, so einmütig, so glücklich in sich selbst und eines in dem andern
sind, werde ich in meinem Leben schwerlich wieder finden. Mir ist ich lebe in
einer kleinen idealischen Republik, worin ich durch den blossen Geist der Liebe
diese reine Zusammenstimmung realisirt sehe, welche Plato in der seinigen
vergebens durch die mühsamsten Anstalten und die unnatürlichsten Gesetze zu
erzwingen hofft. Der müsste ein Ungeheuer sein, der, in der Mitte so edler und
guter Menschen lebend, und so freundlich von ihnen in ihren Kreis aufgenommen,
die Harmonie, die das Glück ihres Lebens macht, durch irgend einen vorsetzlichen
Missklang zu unterbrechen fähig wäre!
    Ich kann es mir nicht versagen, liebe Mutter, noch einmal zu Kleonen
zurückzukommen; dieser Einzigen, in welcher alles was ich für eine Schwester und
Freundin, für die Gattin des würdigsten Mannes, und selbst für eine Mutter
fühlen kann, mit dem, was eine noch junge Frau, die von Aphroditen mit jedem
Reiz und von den Musen mit ihren schönsten Gaben ausgestattet wurde, einem
empfänglichen, aber nicht unbescheidenen Jüngling einzuflössen vermag, in einer
mir selbst beinahe wunderbaren Mischung zusammenfliesst. Zu dem allem kommt noch
zuweilen eine Art von heiligem, ich möchte sagen religiösem Gefühl, wie ich
glaube dass mir zu Mute wäre, wenn ein überirdisches Wesen in aller Glorie, die
ein irdisches Aug' ertragen kann, aber mit dem Ausdruck von Huld und Wohlwollen,
plötzlich vor mir stände. Wie oft ist mir in solchen Augenblicken eingefallen,
was Plato in einem seiner Dialogen von der unaussprechlichen Liebe sagt, welche
die Tugend in uns entzünden würde, wenn sie uns in ihrer eigenen Gestalt
sichtbar werden könnte!
    Einer der schönsten und seltensten Züge im Charakter dieses vortrefflichen
Weibes ist die Vereinigung einer immer gleichen Heiterkeit, welche nah an
Frohsinn, selten an Fröhlichkeit gränzt, mit einem sanften Ernst, der über dem
reinen Himmel ihrer Augen wie ein durchsichtiges Silberwölkchen schwebt. Seit
einiger Zeit scheint dieser Ernst zuweilen (doch nur wenn sie unbemerkt zu sein
glaubt) in ein stilles Brüten über düstern Gedanken übergegangen zu sein; auch
haben Musarion und ich einander die Wahrnehmung mitgeteilt, dass sie, wiewohl in
kaum merklichen Graden, blässer und magerer wird, von den zahlreichen
rauschenden Gesellschaften (die in diesem gastfreien Hause nicht selten sind)
mehr als sonst ermüdet scheint, und überhaupt, wo sie kein Aufsehen zu erregen
befürchtet, sich gern ins Einsame zurückzieht. Musarion glaubt in diesen und
andern kleinen Umständen Zeichen einer langsam abnehmenden Gesundheit
wahrzunehmen, und verdoppelt daher ihre Aufmerksamkeit und Sorgfalt für die
geliebte Schwester, ohne jedoch weder Aristipp noch Kleonidas in Unruhe zu
setzen, welche, von Kleonens gewohnter Heiterkeit und Munterkeit getäuscht, von
allem dem nichts gewahr werden, worüber wir selbst uns vielleicht aus allzu
sorglicher Liebe täuschen. Denn manches kann vorübergehende Ursachen haben; und
besonders scheint ihre Liebe zur Einsamkeit eine natürliche Folge davon zu sein,
dass sie sich aus der Bildung der jungen Arete das angelegenste ihrer Geschäfte
macht; denn selten oder nie findet man sie ohne ihre Tochter allein.
    Dieser Tage machte mich ein Zufall zum unbemerkten Zeugen einer Scene, die
ein unauslöschliches Bild in meiner Seele zurückgelassen hat. Es traf sich dass
Aristipp mit einem merkwürdigen Fremden, der sich seit kurzem hier aufhält,
einen kleinen Abstecher ins Land machte. Da jedes im Hause seinen Geschäften
oder Erholungen nachging, lockte mich die Schönheit des Abends bei halb vollem
Mondschein in eine abgelegnere Gegend der Gärten die das Landhaus, wo wir uns
aufhalten, umkränzt. Unvermerkt führte mich ein schmaler Pfad in die Nähe eines
kleinen von Cypressen und duftreichen Gebüschen eingeschloss'nen, mit Moos
bewachs'nen Platzes, den die elterliche Liebe dem Andenken ihres in der Kindheit
verstorbenen einzigen Sohnes widmete. Selbst ungesehen erblicke ich hier
Kleonen, an den Aschenkrug des kleinen Klearists zurückgelehnt, auf einer Stufe
des marmornen Denkmals sitzen, den Kopf auf den linken Arm gestützt, die Augen
mit sanft traurigem Lächeln auf den Mond, der so eben über den Cypressen
aufging, wie auf die Scene einer himmlischen Erscheinung geheftet. Ihr bis zu
den Füssen herabgefloss'nes weisses Gewand, die Blässe ihres schönen Gesichts, und
die kalte Marmorweisse des Arms, worauf sie sich stützte, das Unvermutete des
Anblicks, und die schauerliche Stille des Orts, alles vereinigte sich meine
Besonnenheit zu überraschen. Ich glaubte Kleonens Schatten zu sehen und
schauderte zusammen; aber zu allem Glück blieb mir der unfreiwillige Ausruf, der
mir entfahren wollte, in der Kehle stecken. Einen Augenblick darauf hört' ich
ein Rascheln durchs Gebüsch, und die kleine Arete an der Hand ihres vermeinten
Bruders Kallias kam von der andern Seite, mit lautem Rufen, da ist sie! das ist
sie! auf die geliebte Mutter zugeflogen, welche sie schon lange im ganzen Garten
gesucht hatten. Es war ein entzückender Anblick für mich, wie sie die holden
Kinder, jedes mit Einem Arm umschlingend, an ihren Busen drückte, und wie
schnell das süsse Muttergefühl für die Lebenden die kurz zuvor so bleichen
Lilienwangen mit warmen Blut aus dem überwallenden Herzen durchströmte. Eine
heilige Ehrfurcht hielt mich in den Boden gewurzelt und band meine Zunge. Kleone
stand ohne mich entdeckt zu haben auf, nahm die fröhlich hüpfenden Kinder an
beide Hände, und verschwand in wenig Augenblicken.
    Ich werde zwar frei zu dir zurückkehren, liebe Mutter; aber du wirst Mühe
haben in Aten eine Jungfrau zu finden, die mich meiner lieben, wiewohl leider!
nicht für mich gebornen, Cyrenerinnen vergessen machen könnte.
 
                                      14.
                       Aristipp an Learchus von Korint.
Der Syrakusier, der sich seit einiger Zeit bei uns aufhält, edler Learch, ist
wirklich der nämliche identische Philistus42, von welchem Kundschaft einzuziehen
du von einem Freund in Syrakus ersucht worden bist. Er macht kein Geheimnis
daraus; zumal da er nicht unterlassen hatte dem Dionysius schriftlich
anzuzeigen, dass er seiner Gesundheit wegen eine Reise nach Rhodus und Kreta, und
von da vielleicht nach Cyrene unternehmen würde. Dass er die Einwilligung des
alten Fürsten nicht abgewartet oder vielmehr gar nicht um sie angesucht, kann
ihm nicht zum Vorwurf gereichen: denn der Ort, wo er während seiner Verweisung
aus Sicilien leben wolle, war in sein Belieben gestellt; und so gut als er von
Turium, wo er sich anfangs einige Jahre aufhielt, eigenmächtig nach Adria
ziehen konnte, stand es ihm frei, von Adria nach Rhodus, Cyrene oder Gades zu
gehen, wenn er Lust dazu hatte. Er hat sich selbst dadurch um einige Tausend
Stadien weiter von Syrakus verbannt, aber doch nicht weit genug, dass ihn Dionys
nicht finden könnte, wenn er ihn wieder bei sich haben wollte; und ich sehe
nicht, warum sein Besuch bei einem alten Bekannten (der überdiess noch von seiner
Jugend her ein erklärter Verehrer der Regierungstalente dieses Fürsten ist) ihm
den mindesten Verdacht zuziehen könnte. Möge Dionysius noch lange vor allen
andern Anschlägen so sicher sein, als vor denen, die in Aristipps Hause gegen
ihn geschmiedet werden!
    Es sind nun über fünfundzwanzig Jahre, dass ich mit Philisten zu Syrakus
(wohin ich, wie du weisst, den Sophisten Hippias begleitete) zufälligerweise
bekannt wurde. Damals stand er bei dem sogenannten Tyrannen noch in Gunsten, und
schien Geschmack an mir zu finden: aber weder meine Absichten noch die Kürze
meines Aufentalts gestatteten mir ein näheres Verhältnis mit ihm anzuknüpfen,
und ich gestehe dass ich ihn in der Folge gänzlich aus meinem Gesichtskreis
verlor. Demungeachtet erkannten wir einander wieder, als er vor einigen Monaten
ohne alle Vorbereitung bei mir erschien, und sich mir, unter dem Titel eines
alten Bekannten, als Philistus des Archomenides Sohn von Syrakus ankündigte. Da
er überall im Ruf eines Mannes von Geist und Talenten steht, und unläugbar einer
der vorzüglichsten und gebildetsten unsrer Zeitgenossen ist, so wirst du dich
eben so wenig wundern, dass er hier allgemeinen Beifall findet, als dass sich nach
und nach eine Art von Freundschaft zwischen ihm und mir entsponnen hat, so
vertraut als sie zwischen dem planlosen Weltbürger Aristipp und einem
ehrgeizigen Syrakusischen Eupatriden möglich ist, der (wie es scheint) nie
vergessen wird, dass seine Geburt, sein Vermögen, die wesentlichen Dienste, die
er dem Dionysius geleistet und seine Verbindung mit einer Bruderstochter
desselben, ihn zu Erwartungen berechtigten, die mit seiner schon so lange
dauernden Verbannung in einem sehr unangenehmen Missverhältnis stehen. Bei allem
dem hat er sich selbst so sehr in seiner Gewalt, dass diese unfreiwillige
Auswanderung das Werk seiner eigenen Wahl zu sein scheint; und allentalben, wo
die Rede von dem Zustand seines Vaterlandes und der Regierung des Dionysius ist,
spricht er darüber so unbefangen mit, dass niemand, der von seinen Verhältnissen
nicht genau unterrichtet ist, weder in seinem Ton, noch in seiner Miene das
geringste, was einen Missvergnügten verriete, gewahr werden kann. Dass er sich
gegen mich, wenn wir ohne Zeugen von diesen Dingen sprechen, für jenen Zwang ein
wenig entschädigt, ist natürlich; indessen kann ich dich versichern, er müsste
entweder der verdeckteste und undurchdringlichste aller Menschen sein (was von
einem so feuervollen Sicilier kaum zu glauben steht), oder er ist fest
entschlossen, da alle bisherigen Versuche, den nichts verzeihenden Herrn zu
seiner Zurückberufung zu bewegen, fruchtlos abgelaufen sind, sich nun vollkommen
leidend zu verhalten, und den Zeitpunkt ruhig abzuwarten, der seinem Schicksal
vermutlich eine andere Wendung geben wird.
    Philist ist ein so angenehmer Gesellschafter, dass es nur von ihm abhinge, zu
Cyrene ein so müssiges und üppiges Leben zu führen als eure ausgemachtesten
Sardanapale zu Korint und Syrakus. Er hat aber in seiner Jugend schneller
gelebt als ratsam ist, und scheint nun mit seinem Rest etwas behutsamer
haushalten zu wollen. Er teilt sich nur gerade so viel mit, als nötig ist sich
bei meinen gastfreundlichen Mitbürgern von der ersten Classe in Credit zu
erhalten, und hat die Uebereinkunft mit ihnen getroffen, sich monatlich nicht
mehr als sechsmal einladen zu lassen; so dass er, wenn jeder einmal an die Reihe
kommt, gerade ein volles Jahr braucht, um bei allen herumzuzechen. Seine meiste
Zeit bringt er in meiner Akademie zu, wo ich ein eigenes Cabinet für ihn habe
zubereiten lassen, um in der Nähe der Bibliotek ungestört an der Fortsetzung
seiner Geschichte von Sicilien arbeiten zu können, die seit zwanzig Jahren seine
Lieblingsbeschäftigung ist, wiewohl wir sie mehr seiner Verbannung aus dem
schönsten Lande der Welt, als seiner Liebe zur historischen Muse zu danken haben
mögen. Vermutlich kennst du die neun Bücher dieses Werkes, welche bereits in
den Händen der Bibliopolen sind, und wovon die beiden letzten die Geschichte der
Regierung des Dionysius von der dreiundneunzigsten bis zur hundertsten Olympiade
entalten. Man findet, wie ich höre, zu Aten lächerrlich, dass Philistus, ohne
den Geist, den Scharfblick und die Stärke des Tucydides zu besitzen, sich
vermesse, seinen Styl, seine scharfen Umrisse, seine Trockenheit und nervige
Kürze, und, wo es ihm damit nicht recht gelingen wolle, wenigstens seine
Dunkelheit nachzuäffen. In der Akademie aber soll ihm hauptsächlich zum
Verbrechen gemacht werden, dass er, wenigstens in den Büchern die den Dionysius
betreffen, die Heiligkeit der Geschichte durch eine vorsetzlich verfälschte
Darstellung der Begebenheiten verletzt und allen parasitischen Kunstgriffen
aufgeboten habe, den Lastern des Tyrannen die Farbe der Tugend anzustreichen,
seinen schlechtesten und grausamsten Handlungen edle Beweggründe und Absichten
unterzulegen, und, kurz, den hassenswürdigsten Unterdrücker seines Vaterlandes
der Nachwelt (wenn anders sein Buch so lange leben könnte) für das Modell eines
vortrefflichen Fürsten aufzuschwatzen. Meiner Meinung nach geschieht Philisten
durch die erstern Vorwürfe weniger Unrecht als durch die letztern. Wenn ich
nicht irre, so hat er in den sieben ersten Büchern, worin er das Denkwürdigste
der Geschichte Siciliens von der fabelhaften und heroischen Zeit an bis auf die
Regierung Gelons und die Wiederherstellung der Oligarchie zusammenfasst, mehr den
Herodot, in der Erzählung der Begebenheiten und Taten des Dionysius hingegen
mehr den Tucydides zum Muster genommen: da er aber keinen von beiden zu
erreichen vermochte, hätte er allerdings besser für seinen Ruhm gesorgt, wenn er
alles, was ihm das auffallende Ansehen eines Nachahmers gibt, vermieden, und
falls er nicht Kunst genug besass, Herodots naive und angenehm unterhaltende
Darstellungsgabe mit dem tiefblickenden Verstand und der scharfen Urteilskraft
des Tucydides auf eine ungezwungene, ihm eigentümlich scheinende Art zu
vermählen, sich lieber begnügt hätte, uns seine Geschichten mit Ordnung,
Klarheit und möglichster Anspruchlosigkeit zu erzählen. Aber um dies zu können,
ja, um es nur zu wollen, hätte Philist - der auch als Geschichtschreiber glänzen
und mit den ersten in diesem Fache wetteifern wollte - nicht Philist sein
müssen. Wir wollen ihm dies nicht zumuten: aber dafür mag er auch für alles
büssen, was er als Philist sündiget. Leichter und (meiner Ueberzeugung nach) mit
besserm Grunde wird er von dir und mir von dem, was in den Beschuldigungen der
Platoniker das Verhassteste ist, losgesprochen werden; denn, so viel ich weiss,
sind wir beide über das, was an dem alten Dionysius zu loben und zu tadeln ist,
ziemlich einverstanden. Der Tyrann (wie er sich nun einmal schelten lassen muss,
da seine Feinde die öffentliche Meinung auf ihre Seite zu bringen gewusst haben)
hat vor vielen Jahren das ungeheure Verbrechen begangen, sich über den
göttlichen Plato, der ihn auf eine etwas linkische Art zu seiner Philosophie
bekehren wollte, in seiner mitunter ziemlich sarkastischen Manier lustig zu
machen, und, da sein sauertöpfischer Verehrer Dion durch eine übelverstandene
Zudringlichkeit aus Uebel Aerger machte, den Philosophen allerdings unsanfter
als recht war nach Hause zu schicken. Das konnte freilich nie verziehen noch
vergessen werden! Einer solchen Untat war nur ein Abschaum der unmenschlichsten
Laster fähig! Die Feinde des Tyrannen konnten ihm nun nachsagen was sie wollten,
das Aergste schien immer das Glaublichste. Mit Einem Worte, Dionysius wurde in
der Akademie zu Aten zum Ideal eines Tyrannen erhoben, und es ist kein Zweifel,
dass Plato, indem er im neunten Buch seiner Republik den vollständigen Tyrannen
mit den hässlichsten Zügen und Farben eines moralischen Ungeheuers darstellt, ein
getreues Bild des Dionysius aufgestellt zu haben glaubt. Wir beide, und viele
andre, die, wie wir, weder Böses noch Gutes von diesem Fürsten empfangen haben,
wissen indessen sehr gut, wie übertrieben und unbillig der schlimme Ruf ist, den
ihm seine Sicilischen Feinde und die allzuheissen Anhänger des göttlichen Plato
unter den übrigen Griechen gemacht haben, und um so leichter machen konnten, da
der grosse Haufe schon voraus geneigt ist, von jedem, der sich der
Alleinherrschaft über einen oligarchischen oder demokratischen Staat zu
bemächtigen weiss, das Schlimmste zu denken und zu glauben. Dionysius kämpfte
lange gegen dieses allgemeine, und (insofern ein Vorurteil gerecht genannt
werden kann) nicht ganz ungerechte Vorurteil. Da aber weder die Befreiung
Siciliens von dem Joch und den Verheerungen der Karchedonier, noch der
Wohlstand, worin sich diese Insel unter seiner Oberherrschaft befindet, und sein
Bestreben jede wesentliche Pflicht eines klugen und tätigen Regenten zu
erfüllen, vermögend war, den Mangel eines unbestrittnen Rechtes an die
eigenmächtig aufgesetzte Krone in den Augen der Menge zu rechtfertigen; da ihm
alle seine Verdienste, alle seine Bemühungen, das Vertrauen und die Liebe der
Syrakusier zu gewinnen, nichts halfen, und eine Strenge, die nicht in seinem
natürlichen Charakter ist, endlich das einzige Mittel war, ihm vor den
unermüdeten Anfechtungen seiner heimlichen und erklärten Feinde Ruhe zu
verschaffen, kurz da man ihn wider seinen Willen nötigte, seinen bösen Ruf
gewissermassen zu rechtfertigen, und er gern oder ungern den Tyrannen spielen
musste, weil man ihm nicht erlauben wollte ein guter Völkerhirt zu sein: ist der
Geschichtschreiber, der seinen Talenten und Verdiensten Gerechtigkeit
widerfahren lässt, nicht vielmehr Lobes als Tadels wert? Und wenn er auch das
volle Licht nur auf die schöne Seite seines Helden fallen lässt, wenn er dem
Zweideutigen die vorteilhafteste Wendung gibt, und wie ein geschickter
Bildnissmaler, alles was sein Bild nur verunzieren würde, entweder ganz verbirgt,
oder wenigstens nach den Regeln seiner Kunst mit schwächern oder stärkern
Schatten bedeckt: kann man dem Bildnis darum alle Aehnlichkeit absprechen? und
hat der Geschichtschreiber darum allen Glauben verwirkt, weil er uns von einem
der merkwürdigsten Männer unsrer Zeit, von welchem seine Feinde lauter
grausenhafte und mit der schwärzesten Galle übersudelte Zerrbilder in der Welt
verbreitet haben, bloss die glänzende Seite zeigt? Eine vollkommen unparteiische,
weder verschönerte noch absichtlich oder leidenschaftlich verfälschte Geschichte
dieses Mannes dürfen wir von keinem Zeitgenossen erwarten: aber die Nachwelt
wird das Wahre (wenn es ihr anders darum zu tun ist) desto gewisser zwischen
dem, der zu viel Gutes, und denen, die zu viel Böses von ihm gesagt, in der
Mitte finden können.
    Da Philist mir von Zeit zu Zeit ein Stück der Fortsetzung, an welcher er
arbeitet, vorliest, so fehlte es nicht an Gelegenheit, aus seinem eignen Munde
zu hören, was er zu seiner Rechtfertigung gegen die ihm sehr wohl bekannten
Vorwürfe, die man seiner Geschichte macht, vorzubringen hat.
    »Glaubst du (sagte er mir einsmals) an eine ganz unparteiische und durchaus
wahre Geschichte von Begebenheiten deren Augenzeugen wir gewesen sind und an
denen wir selbst unmittelbaren Anteil genommen haben? Ich nicht. Gesetzt auch,
was doch selten der Fall ist, der Erzähler habe von Verschweigung oder
Verfälschung der Wahrheit weder Vorteil zu hoffen noch Schaden zu befürchten,
und sei fest entschlossen alle Wahrheit und nichts als Wahrheit zu schreiben;
gesetzt (was wenigstens eben so selten ist) er habe alles, was er erzählt,
selbst gesehen oder selbst getan und gelitten, oder doch von vollkommen
glaubwürdigen Personen (dergleichen es vielleicht noch nie gegeben hat) selbst
aufs genaueste erkundiget; gesetzt endlich er sei (was ich geradezu für
unmöglich erkläre) in dem, was er von sich selbst zu berichten hat, von allem
Einfluss der Eigenliebe und Eitelkeit so frei und rein wie ein noch ungebornes
Kind - alle diese unerlässlichen und doch kaum irgend einem Sterblichen
zugeständlichen Voraussetzungen als richtig angenommen, stehen uns doch noch
zwei schlechterdings nicht wegzuräumende Hindernisse im Wege, um derentwillen es
ewig unmöglich bleiben wird, eine ganz wahre, ganz zuverlässige Geschichte einer
Reihe von Begebenheiten und Handlungen, die wir selbst gesehen haben, zu
schreiben. Das erste dieser Hindernisse ist, dass es kein Mittel gibt,
unmittelbar in das Innerste der Menschen zu schauen, und die Entstehung ihrer
Gesinnungen und Leidenschaften, Entwürfe und Absichten, und alles was sie sich
selbst von den Beweggründen und Tendenzen ihrer Handlungen bewusst sind, ohne ein
verfälschendes Medium in ihrer Seele zu lesen. Aus Mangel eines solchen Sinnes
bleiben die wahren Ursachen der Begebenheiten in ihren reinen Verhältnissen mit
den Wirkungen immer zweideutig und ungewiss; das äusserlich Geschehene liegt wie
ein unaufgelöstes Rätsel vor uns, und der Geschichtschreiber, der den Verstand
seiner Leser zu befriedigen wünscht, sieht sich genötigt zu den Künsten des
Wahrsagers, Dichters und Malers seine Zuflucht zu nehmen. Aber auch ohne dieses
Hindernis wird es ihm schon allein dadurch unmöglich ganz wahr zu sein, dass er,
unvermögend sich selbst aus dem festen Punkt seiner Individualität
herauszurücken, Personen, Handlungen und Ereignisse niemals sehen kann wie sie
sind, sondern nur wie sie ihm, aus dem Gesichtspunkt woraus er sie ansieht,
erscheinen. Ueberzeugt von allem diesem, sagte ich, als ich mich entschloss die
Geschichte des Dionysius zu schreiben, zu mir selbst: da du keine Milesische
Fabel, sondern Dinge, die unter deinen Augen geschahen und bei denen du selbst
keine unbedeutende Rolle spieltest, erzählen willst, so ist es allerdings deine
Pflicht, so wahrhaft zu sein als dir nur immer möglich ist; aber zum Unmöglichen
bist du nicht verbunden. Du konntest nicht alles sehen, nicht allentalben sein;
und wie ernstlich du auch unparteiisch sein wolltest, du kannst es nicht sein!
Du bist weder ein Gott noch ein Platonischer Mensch, sondern Philistus,
Archomenides Sohn, ein Verwandter, Freund und Gehülfe des Mannes, dessen
Geschichte du erzählen willst, und es geziemt dir, die Personen und
Begebenheiten so darzustellen, wie sie dir unter allen den Verhältnissen, worin
du mit ihnen standest, erschienen und erscheinen mussten. Nur so kannst du wahr
und mit dir selbst einig sein, gesetzt auch dass du öfters getäuscht wurdest. Der
unfehlbarste Weg, die Welt mit einer ungetreuen und verschrobenen Erzählung zu
belügen, wäre, wenn du aus dir selbst herausgehen, und, unter dem Vorwand desto
unparteiischer zu sein, einen Gesichtspunkt, aus welchem du die Dinge nicht
gesehen hättest, aber gesehen zu haben schienest, erdichten wolltest. Dies,
Aristipp, ist der Kanon, nach welchem ich die Geschichte, über die so viel
Schiefes und Leidenschaftliches zu Syrakus und Aten gesprochen wird, gearbeitet
habe, und nach welchem allein ich mit Billigkeit beurteilt werden kann. Auch
keiner meiner Richter ist unparteiisch; er ist, seiner eignen Sinnesart und
Vorstellung zufolge, mehr oder weniger geneigt, den Dionysius und seinen
Geschichtschreiber in einem günstigen oder ungünstigen Lichte zu sehen; und
diese uns selbst oft verborgene, von den Sachen ganz unabhängige Zu- oder
Abneigung besticht unser Urteil viel öfter als der grosse Haufe glaubt. Mein
Wille war, gerecht gegen Dionysius zu sein; aber da ich ihn liebte und seine
Erhebung zum Teil mein Werk war, so wär' es Vermessenheit, wenn ich läugnen
wollte, dass dieser zweifache Umstand gar keinen Einfluss auf die Zeichnung,
Färbung und Haltung meines Gemäldes gehabt habe: denn wenn ich alles, was in
seinem Charakter und in seinen Handlungen zweideutig ist, zu seinem Vorteil
deutete, glaubte ich auch hierin bloss gerecht zu sein. Uebrigens gestehe ich
zwar, dass mir im Schreiben der Gedanke öfters kam: Dionysius, wenn er in meiner
Geschichte auch nicht die leiseste Spur einer durch sein hartes Verfahren gegen
mich gereizten Empfindlichkeit entdecken könnte, würde sich desto eher bewogen
finden, mir seine Gunst und sein Vertrauen wieder zu schenken: aber wenn ich das
Gegenteil auch vorausgesehen hätte, würde ich doch, um meiner selbst willen,
nicht das Geringste geändert oder weggelassen haben.«
    Mich däucht, Learch, es ist in dieser Erklärung Philists etwas
Offenherziges, das für eine Art Ersatz dessen, was seiner Rechtfertigung abgehen
mag, gelten kann. Uebrigens ist, wie gesagt, sein ganzes Betragen so beschaffen,
dass ich nichts zu wagen glaube, wenn ich mich, falls es gefordert würde, dafür
verbürgte, dass er mit nichts umgeht, was zu dem mindesten Argwohn Ursache geben
könnte. Wär' es anders, so hätte er zu Bearbeitung irgend eines dem Dionysius
unangenehmen Anschlags keinen ungeschicktern Ort als Cyrene wählen können. Er
wird, ungeachtet des guten Zutrauens so man ihm zeigt, sehr genau beobachtet,
und es ist den Cyrenern zu viel an ihren Handlungsverhältnissen mit Syrakus
gelegen, als dass sie die Gunst eines Fürsten, den noch niemand ungestraft
beleidigt hat, um des Philistus willen verscherzen sollten.
 
                                      15.
                              Learch an Aristipp.
Ich will dir nicht verbergen, lieber Aristipp, dass es (wie du zu vermuten
scheinst) Dionysius selbst war, von dem ich durch einen Freund in Syrakus
ersucht wurde, mich bei dir nach Philisten zu erkundigen. Wie wenig dieser auch
bisher durch sein Betragen während seiner Verbannung aus Sicilien Anlass gegeben,
ihm heimliche Anschläge und Vorkehrungen zu einer eigenmächtigen Rückkehr
zuzutrauen, so gewiss scheint es doch, dass der alte Tyrann (der mit dem
zunehmenden Gefühl der Abnahme seiner Kräfte immer misstrauischer und
argwöhnischer wird) durch das schnelle Verschwinden Philist's aus Italien und
durch seinen Aufentalt in einem weit entfernten Freistaat (wo es um so leichter
scheint, die Anstalten zu einer solchen Unternehmung zu verheimlichen) merklich
beunruhigt worden ist; zumal da sein Bruder Leptines zeiter neue sehr
ernstliche Versuche gemacht hat, ihn zur Zurückberufung seines Schwiegersohnes
zu vermögen. Mehr bedurfte es nicht, um den Verdacht bei ihm zu erregen, dass man
mit einem Entwurf schwanger gehe, dessen Ausführung seine Einwilligung
allenfalls entbehrlich machen könnte. Wenn ich den Dionysius recht kenne, ist es
indessen doch weniger die Furcht, dass Philist etwas gegen seine Person zu
unternehmen fähig sei, als sein Widerwille, einem so schwer beleidigten
ehmaligen Freund wieder ins Gesicht zu sehen, und wenigstens stillschweigende
Vorwürfe eines kaum verzeihlichen Undanks in seinen Augen zu lesen, was den
stolzen alten Selbsterrscher so unbeweglich gegen die Vorstellungen seines
Bruders und die anhaltenden Bitten der Frauen des Palastes macht. Bei so
bewandten Dingen habe ich für gut befunden, ihm deinen Brief an mich in der
Urschrift mitzuteilen, um ihn desto eher zu überzeugen, dass er sich von dieser
Seite völlig sicher halten könne. Er hat mir eine für dich und mich sehr
schmeichelhafte Antwort geben lassen; aber dass ich meine Absicht nur sehr
unvollkommen erreicht habe, davon werdet ihr in kurzem einen Beweis in der
Erscheinung eines Abgesandten sehen, der bei eurer Republik um die Erlaubnis
ansuchen soll, hundert Freiwillige, aber geborne und angesessene Angehörige von
Cyrene, unter sehr annehmlichen Bedingungen zu Vermehrung der Leibwache des
Tyrannen anzuwerben. Dass der Abgeordnete neben diesem öffentlichen noch einen
geheimen Auftrag hat, wozu jener nur der Vorwand ist, nämlich Philisten aufs
genaueste zu beobachten, brauche ich dir nicht erst zu sagen; denn auf alle
Fälle ist die bisherige Leibgarde stark genug, um durch den Zuwachs von hundert
Cyrenischen Bauerjungen nicht viel furchtbarer zu werden. Inzwischen ist auch
Leptines überall von Späheraugen umringt, und ihm sowohl als allen andern
Syrakusiern ist alle Gemeinschaft mit Philisten von neuem aufs schärfste
untersagt. Dieser wird also wohl tun, sich mehr als jemals ruhig zu verhalten.
Vielleicht ist die Zeit seiner Erlösung näher als er glaubt. Denn die Gesundheit
des Alten soll in so grossen Verfall geraten sein, dass (wie die Rede geht) alle
Kunst der Hippokratischen Schule sein Leben höchstens noch ein paar Jahre
fristen kann, wenn anders seine Leibärzte nicht etwa aus Gefälligkeit gegen den
Nachfolger in Versuchung geraten, es vielmehr abzukürzen als zu verlängern.
Uebrigens kann ich ihm nicht sehr verdenken, wenn er gegen alles, was sich ihm
nähert, immer misstrauischer wird, seitdem die Welt an dem berühmten Tessalier
Jason ein neues Beispiel gesehen hat, wie unsicher das Leben solcher Fürsten
ist, die sich, ohne einen andern Titel, als das stolze Gefühl ihrer persönlichen
Ueberlegenheit, aus dem Privatstand auf den Tron geschwungen haben. Seit dem
Peleiden Achilles brachte Tessalien keinen Mann hervor, der würdiger war ein
König zu sein als Jason; und wenn Dionys ihm auch an den Talenten, die dazu
erfordert werden, gleich oder vielleicht noch überlegen war, so stand er
hingegen an allem, was den Menschen Zutrauen und Liebe abgewinnen kann, desto
weiter unter ihm. Gleichwohl musste der grossherzige Jason schon im vierten Jahre
seiner Regierung unter Mörderhänden fallen, und der verhasste Dionysius
beherrscht die unlenksamen Sicilier schon im sechsunddreissigsten! Dies sollte,
scheint es, diesen sicher machen; aber das Bewusstsein, wie viele Gewalt und
List, welche nie ermüdende Wachsamkeit und Anstrengung es ihm gekostet sich so
lange zu erhalten, wirkt gerade das Gegenteil. Diese sich immer auf allen
Seiten vorsehende, allentalben hinlauschende, argwöhnische, überall Gefahr
witternde Aufmerksamkeit ist ihm zur andern Natur geworden; sie besteht sogar
mit der höhnischen faunenhaften Art von lustigmacherischer Laune, die ihm eigen
ist. Daher glaube ich auch, dass er bei weitem nicht so unglücklich ist, als
Plato seinen Tyrannen schildert; ungeachtet er das Misstrauen so weit treibt, dass
niemand (selbst seinen Bruder und seine Gemahlin nicht ausgenommen) sich ihm
nähern darf, ohne vorher aufs genaueste durchsucht worden zu sein, und dass er
sich in seinen Wohnzimmern bloss von zehnjährigen Kindern in leichtem fliegendem
Gewande, wie unsre Maler die Zephyrn und kleinen Liebesgötter zu kleiden
pflegen, bedienen lässt. Diese vorsichtigen Massnehmungen mögen nicht ganz
überflüssig sein; ob sie aber auch gegen die Tränkchen seiner Leibärzte helfen
werden, muss die Zeit lehren.
    Was Philists Sicilische Geschichte betrifft, so denke ich, wie du, dass ihm
niemand wehren konnte, einen Mann, der von seinen Gegnern vor der ganzen Hellas
verleumdet wird, in eine Beleuchtung zu stellen, worin die grossen und guten
Eigenschaften, die ihm seine bittersten Feinde selbst kaum streitig machen
können, so stark hervorstechen, dass sie eine dem Ganzen vorteilhafte Wirkung
tun. Was ich tadeln möchte, ist bloss, dass er diese seine Absicht nicht besser
zu verbergen gewusst hat. Gern will ich ihm zugeben, dass derjenige, der eine
gänzliche Unparteilichkeit für etwas Unmögliches hält, nicht verbunden ist, ganz
unparteiisch zu sein; aber es zu scheinen, liegt allerdings jedem
Geschichtschreiber ob, dem es Ernst ist, die Leser für seinen Helden zu
gewinnen. Dies weiss Philistus so gut als ich, und da er demungeachtet den Schein
der Parteilichkeit nicht vermieden hat, so ist ziemlich klar, dass er bei
Abfassung seiner Geschichte mehr an Dionysen als an die Leser dachte, und sich
lieber bei diesen in den Verdacht der Schmeichelei setzen, als etwas, das jenem
missfallen könnte, schreiben wollte. Gegen diesen Vorwurf wird er sich schwerlich
rechtfertigen können, und was daraus zum Nachteil seiner Geschichte und seines
Helden gefolgert wird, brauche ich dir nicht erst zu sagen.
 
                                      16.
                             Antipater an Diogenes.
Mehr als zehn Jahre sind schon verflossen, seit ich mit Aristipp bekannt wurde,
und das Glück hatte, seines Umgangs während eines grossen Teils dieser Zeit
täglich zu geniessen. Ich habe ihn in mancherlei Lagen und Verhältnissen gesehen
und beobachtet; oder, richtiger zu reden, er zeigte sich mir immer so offen,
unzurückhaltend und anspruchlos, dass ich, um ihn kennen zu lernen, nichts als
das Paar gesunde Augen brauchte, womit mich die Natur ausgestattet hat. Es müsste
also nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn ich von den Grundsätzen, die er in
seinem Leben befolgt (und er hat keine andern) nicht besser unterrichtet sein
sollte, als Leute die ihn bloss von Hörensagen kennen, oder aus einem zufälligen
Umgang und im Flug aufgeschnappten einzelnen Worten über ihn abzusprechen sich
vermessen.
    Du wirst dich daher nicht wundern, Freund Diogenes, wenn ich dir sage, dass
ich nicht ohne Unwillen hören kann, mit welcher Dreistigkeit er noch immer von
einigen Sokratikern, besonders von den eifrigsten Anhängern der Akademie,
öffentlich beschuldigt wird, dass er die Grundsätze des gemeinschaftlichen
Meisters der Atenischen Schule nicht nur verfälsche, sondern sogar das
förmliche Gegenteil derselben lehre und ausübe, indem er die Wollust, und zwar
bloss die körperliche oder den groben tierischen Sinnenkitzel, für das höchste
Gut des Menschen erkläre, ausdrücklich behauptend: es gebe kein anderes
Vergnügen als die Sinnenlust, und alles übrige bestehe bloss in leeren
Einbildungen, womit nur Leute sich zu täuschen suchten, denen es an den Mitteln
fehle, sich den wirklichen Genuss aller Arten von sinnlichen Vergnügungen zu
verschaffen.
    Ich gestehe dir, Diogenes, meine Geduld reisst, wenn ich diese alten
abgeschmackten Verleumdungen noch immer von Männern, denen der Name Sokratiker
zur Beglaubigung dient, erneuern, und, auf deren Verantwortung, aus so manchen
schnatternden Gänsehälsen und gähnenden Eselskinnladen widerhallen höre; und
mehr als einmal bin ich schon im Begriff gewesen, nach der Aristophanischen
Geissel zu langen und die Toren öffentlich dafür zu züchtigen, wenn mich nicht
die Achtung für Aristippen, der keiner Rechtfertigung bedarf, und die Verachtung
seiner Verleumder, die der Züchtigung nicht wert sind, jedesmal zurückgehalten
hätte. Indessen kann ich mir doch die Befriedigung nicht versagen, wenigstens
dir, mein alter Freund, wiewohl du es (denke ich) nicht schlechterdings
vonnöten hast, einen Aufschluss über diese Sache zu geben, der dir begreiflich
machen wird, wie eine so alberne Sage unter den morosophirenden43 Müssiggängern
und Schwätzern zu Aten entstehen konnte.
    Den ersten Anlass mag wohl der starke Abstich gegeben haben, den die
verhältnissmässig etwas üppige Lebensweise Aristipps mit dem schlechten Aufzug und
der sehr magern Diät der meisten Sokratiker und des Meisters selbst machte, und
der jenen um so anstössiger sein mochte, weil er im ersten Jahre seines Umgangs
mit Sokrates sich ihnen in allem ziemlich gleich gestellt hatte. Indessen war
Aristipp nicht der einzige, der sich auf diese Art auszeichnete; mehrere
begüterte Freunde des Weisen lebten auf einem ihrem Vermögen angemessenen Fuss,
und er selbst (sagt man) war weit entfernt mit seiner Armut zu prunken, und
diejenigen mit stolzer Verachtung anzusehen, die nicht, wie er, von einem
Triobolon des Tages leben wollten, weil sie wollen mussten. Warum wurde denn
Aristippen allein so übel genommen, was man an andern nicht ungehörig fand? Ohne
Zweifel lag der wahre Grund darin, dass Aristipp überhaupt nicht recht zu den
meisten Sokratikern passte, und da er dies bald genug gewahr wurde, von Zeit zu
Zeit aus ihrem Kreise heraustrat und sich auch mit andern, die nicht zu ihnen
gehörten, sogar mit einem Hippias und Aristophanes, in freundschaftliche
Verhältnisse setzte. Hierzu kam noch, dass er, bei aller seiner Verehrung für den
Geist und Charakter des Sokrates, eben so wenig zum Nachtreter und Widerhall
desselben geboren war als Plato, und sich eben so wenig verbunden hielt über
alle Dinge einerlei Meinung mit ihm zu sein, als sich ihm in seiner
absichtlichen Beschränkung auf das Unentbehrliche gleich zu stellen. So reizten
z.B. eine Menge wissenschaftlicher Gegenstände seine Neugier, welche Sokrates
für unnütze Grübeleien erklärte; und so machte er auch kein Geheimnis daraus,
dass der Attische Weise ihm die eigentliche Lebensphilosophie zu sehr in den
engen Kreis des bürgerlichen Lebens und auf das Bedürfnis eines Attischen
Bürgers einzuschränken scheine; da er selbst hingegen schon damals Trieb und
Kraft in sich fühlte, einen freiern Schwung zu nehmen, und die Verhältnisse des
Bürgers von Cyrene den höhern und edlern des Kosmopoliten, wo nicht aufzuopfern,
doch nachzusetzen.
    Indessen hinderte dies alles nicht, dass Aristipp, so lange Sokrates lebte,
für einen seiner Freunde und Homileten44 vom engern Ausschuss, und selbst in
Ansehung des Wesentlichsten seiner Philosophie für einen Sokratiker galt. Als
aber nach dem Tode des Meisters Antistenes und Plato sich an die Spitze dessen,
was man jetzt die Sokratische Schule zu nennen anfing, stellten, und die Stifter
zweier Secten wurden, welche, ihrer Verschiedenheit in andern Stücken
ungeachtet, darin übereinkamen, dass sie gewisse Sokratische Grundbegriffe und
Maximen weit über den Sinn des Meisters und bis auf die äusserste Spitze trieben:
so musste nun, wie Aristipp von seinen langen Wanderungen nach Aten zurückkam
und ebenfalls eine Art von Sokratischer Schule eröffnete, notwendig eine
öffentliche Trennung erfolgen, wobei die Pflichten der Gerechtigkeit und
Anständigkeit, wenigstens auf Einer Seite, ziemlich ins Gedränge kamen. Beide,
Plato und Antistenes, sprachen von allen Vergnügungen, woran der Körper Anteil
nimmt, mit der tiefsten Verachtung: dieser, weil er »nichts bedürfen« für ein
Vorrecht der Gotteit hielt, und also, nach ihm, der nächste Weg zur höchsten
Vollkommenheit ist, sich, ausser dem schlechterdings Unentbehrlichen, alles zu
versagen was zum animalischen Leben gerechnet werden kann; jener, weil er den
Leib für den Kerker der Seele, und die Ertödtung aller sinnlichen Triebe für das
kürzeste Mittel ansieht, das innere Leben des Geistes frei zu machen, und die
Seele aus der Traumwelt wesenloser Erscheinungen zum unmittelbaren Anschauen des
allein Wahren, der ewigen Ideen und des ursprünglichen Lichts, worin sie
sichtbar werden, zu erheben. Aristipp, dem alles Uebertriebene, Angemasste und
über die Proportionen der menschlichen Natur Hinausschwellende lächerrlich oder
widrig ist, mochte sich, als er noch zu Aten lebte, bei Gelegenheit erlaubt
haben, über diese philosophischen Solöcismen45 seiner ehemaligen Lehrgenossen in
einem Tone zu scherzen, den der sauertöpfische Antistenes so wenig als der
feierliche Plato leiden konnte. Beide rächten sich (jeder seinem Charakter
gemäss, jener gallicht und plump, dieser fein und kaltblütig) durch die
Verachtung, womit sie von dem Manne und seiner Lehre sprachen. Aristippen hiess
die Sinnenlust eben sowohl ein Gut als irgend ein anderes; er sah keinen Grund,
warum er es über diesen Punkt nicht mit dem ganzen menschlichen Geschlecht
halten sollte, welches stillschweigend übereingekommen ist, alles gut zu nennen,
was dem Menschen wohl bekommt; ja er war so weit gegangen, zu behaupten: auch
das geistigste Vergnügen sei im Grunde sinnlich, und teile den Organen des
Gefühls eine Art angenehmer Bewegung mit, deren Aehnlichkeit und Verwandtschaft
mit andern körperlichen Wollüsten von jedem sich selbst genau beobachtenden
nicht verkannt werden könne. Diese Sätze wurden, ohne dass man sich auf ihre
Beweise und genauere Erörterung einliess, in der Akademie und im Cynosarges für
übeltönend und antisokratisch erklärt; und so erzeugte sich unvermerkt bei
allen, denen Aristipp nicht besser als von blossem Ansehen oder Hörensagen
bekannt war, jene ungereimte Meinung, die ihm und seinen Freunden von den
Anhängern der beiden Tyrannen, die sich damals in die Beherrschung der
philosophischen Republik teilten, den Spitznamen Wollüstler (Hedoniker)
zugezogen haben. Das Missverständnis wäre leicht zu heben gewesen, oder würde
vielmehr gar nicht stattgefunden haben, wenn jene Herren nicht so einseitig und
steifsinnig wären, ihre persönliche Vorstellungsart zum allgemeinen Kanon der
Wahrheit zu machen. Die meisten Fehden über solche Dinge hörten von selbst auf,
wenn die verschieden Redenden vor allen Dingen gelassen untersuchen wollten, ob
sie auch wirklich verschieden denken; und in zehn Fällen gegen einen würde
sogleich Friede unter den Kämpfern werden, wenn sie anstatt um Worte zu fechten
und in der Hitze der Rechtaberei sich selbst immer ärger zu verwickeln, die
Begriffe kaltblütig auseinander setzen und, so weit es angeht, in ihre
einfachsten Elemente auflösen wollten. Daher kommt es ohne Zweifel, dass Aristipp
in solchen Fällen immer das allgemeine Wahrheitsgefühl der Zuhörer auf einer
Seite hat. Wie stark auch das gegen ihn gefasste Vorurteil bei einer sonst
unbefangenen Person sein mag, sobald er sich erklärt hat, wird man entweder
seiner Meinung, oder sieht, dass man es bereits gewesen war und sich die Sache
nur nicht deutlich genug gemacht hatte; oder man begreift wenigstens, wenn man
gleich selbst nicht völlig überzeugt ist, wie es zugeht, dass andere verständige
Leute seiner Meinung sein können.
    Mit Plato und Antistenes hat es nun freilich eine andere Bewandtnis. Ihre
Philosophie ist von Aristipps zu sehr verschieden, um eine Vereinigung
zuzulassen. Die seinige begnügt sich menschliche Tiere zu Menschen zu bilden -
was jenen zu wenig ist; die ihrige vermisst sich Menschen zu Göttern
umzuschaffen, was ihm zu viel scheint. Sie gehen von Begriffen und Grundsätzen
aus, die mit den seinigen in offenbarem Widerspruch stehen. Die Fehde zwischen
ihnen kann also nur durch eine Unterwerfung aufhören, zu welcher wohl keine von
den streitenden Mächten sich je verstehen wird. Ich verlange aber auch für
meinen Lehrer und Freund sonst nichts von ihnen, als nur nicht unbilliger gegen
ihn zu sein, als er gegen sie ist. Mögen sie doch sein System mit stolzem
Naserümpfen verhöhnen, oder mit gerunzelter Stirne verdammen! Nur verfälschen
sollen sie es nicht.
    Uebrigens ist bekannt genug, oder könnt' es wenigstens sein, dass Aristipp
nie eine eigene philosophische Secte zu stiften begehrt, und so wenig als
Xenophon oder Sokrates selbst, seine Lebensweisheit jemals schulmässig gelehrt
hat. Denn dass er vor vielen Jahren, während seines letzten Aufentalts in Aten,
die Philosophie des Sokrates einigen Liebhabern, die sich schlechterdings nicht
abweisen lassen wollten, zu grossem Ärgernis der übrigen Sokratiker, um baare
Bezahlung, unverändert und ohne etwas von dem Seinigen hinzuzutun, vorgetragen,
gehört nicht hierher. Er tat damit nichts anders, als was ein Maler tut, wenn
er eine mit allem Fleiss gearbeitete Copei eines berühmten Gemäldes eines ältern
Meisters, nicht für das Urbild selbst, sondern für das was es ist, für ein
Nachbild verhandelt. Das, was man seine eigene Philosophie nennen kann, stellt
er weniger in mündlichen und schriftlichen Unterweisungen als in seinem Leben
dar; ob er gleich kein Bedenken trägt, seine Art über die menschlichen Dinge zu
denken. und die Gründe, die sein Urteil, es sei nun zum Entscheiden oder zum
Zweifeln, bestimmen, bei Gelegenheit an den Tag zu geben, zumal in
Gesellschaften, die zu einer freien und muntern Unterhaltung geeignet sind.
Unter vertrautern und kampflustigen Freunden lässt er sich auch wohl in
dialektische Gefechte ein, wo es oft zwischen Scherz und Ernst so hitzig zugeht,
als ob um einen Olympischen Siegeskranz gerungen würde; aber auch diese
Spiegelgefechte endigen sich doch immer, wie alle Kämpfe dieser Art billig
endigen sollten: nämlich dass die Ermüdung der Kämpfer dem Spiel ein Ende macht,
und jeder mit heiler Haut, d.i. mit seiner eigenen unverletzten Meinung davon
geht, zufrieden sich wie ein Meister der Kunst gewehrt zu haben, und die Zuhörer
ungewiss zu lassen, welcher von beiden der Sieger oder der Besiegte sei. Ich will
damit keinesweges sagen, dass Aristipp von seinem System, in wiefern es ihm
selbst zum Kanon seiner Vorstellungsart und seines praktischen Lebens dient,
nicht wenigstens eben so gut überzeugt sei als Plato von dem seinigen; nur
glaubt er nicht, dass eine ihm selbst angemessene Denkweise und Lebensordnung
sich darum auch für alle andern schicken, oder was ihm als wahr erscheint, auch
von allen andern für wahr erkannt werden müsse.
    Gestehe, Diogenes, dass man mit einem so anspruchlosen Geistescharakter eher
alles andere als ein Sectenstifter sein wird, und dass es sogar widersinnisch
ist, denjenigen dazu machen zu wollen, der eben darum, weil er seine Art zu
denken und zu leben unter seine persönlichen und eigentümlichen Besitztümer
rechnet, andern nur so viel davon mitteilt, als sie selbst urteilen, dass ihnen
ihrer innern Verfassung und ihren äusserlichen Umständen nach zuträglich sein
könne.
    Uebrigens sehe ich nicht, warum er nicht eben so gut als andere berechtigt
wäre, seine Grundbegriffe für allgemein wahr und brauchbar zu geben. Was er
unter jener, seinen Tadlern so unbillig verhassten Hedone (welche, nach ihm, das
Wesen der menschlichen Glückseligkeit ausmacht) versteht, ist nicht Genuss
wollüstiger Augenblicke, sondern dauernder Zustand eines angenehmen
Selbstgefühls, worin Zufriedenheit und Wohlgefallen am Gegenwärtigen mit
angenehmer Erinnerung des Vergangenen und heiterer Aussicht in die Zukunft ein
so harmonisches Ganzes ausmacht, als das gemeine Loos der Sterblichen, das
Schicksal, über welches wir gar nichts - und der Zufall, über den wir nur wenig
vermögen, nur immer gestatten will. Ist etwa die Eudämonie der andern Sokratiker
im Grunde etwas anders als ein solcher Zustand? Warum hält man sich, anstatt
sich um Worte und Formeln zu entzweien, nicht lieber an das, worin alle
übereinkommen? Wer wünscht nicht so glücklich zu sein als nur immer möglich ist?
Und, wie verschieden auch die Quellen sind, woraus die Menschen ihr Vergnügen
schöpfen, ist das Vergnügen an sich selbst nicht bei allen eben dasselbe? Warum
soll es Aristippen nicht eben so wohl als andern erlaubt sein, Worte, die der
gemeine Gebrauch unvermerkt abgewürdigt hat, wieder zu Ehren zu ziehen und z.B.
die schuldlose Hedone, wiewohl sie gewöhnlich nur von den angenehmen Gefühlen
der Sinne gebraucht wird, zu Bezeichnung eines Begriffs, der alle Arten
zusammenfasst, zu erheben? Dass durch einen weisen Genuss alle unsrer Natur gemässen
Vergnügungen, sinnliche und geistige, sich nicht nur im Begriff, sondern im
Leben selbst sehr schön und harmonisch vereinigen lassen, hat Aristipp noch mehr
an seinem Beispiel als durch seine Lehre dargetan. Seine Philosophie ist eine
Kunst des Lebens unter allen Umständen froh zu werden, und bloss zu diesem Ende,
sich von Schicksal und Zufall, und überhaupt von aller fremden Einwirkung so
unabhängig zu machen als möglich. Nicht wer alles entbehren, sondern wer alles
geniessen könnte, wär' ein Gott; und nur, weil die Götter das letztere sich
selbst vorbehalten, den armen Sterblichen hingegen über alle die Uebel, welche
sie sich selbst zuziehen, noch so viel Not und Elend von aussen aufgeladen haben
als sie nur immer tragen können, nur aus diesem Grund ist es notwendig, dass der
Mensch entbehren lerne was er entweder gar nicht erreichen kann, oder nur durch
Aufopferung eines grössern Gutes sich verschaffen könnte.
    Doch ich sehe, dass ich mich unvermerkt in Erörterungen einlasse, die zu
meiner Absicht sehr entbehrlich sind. Denn es versteht sich, dass ich dich nicht
zur Philosophie Aristipps bekehren, sondern nur geneigt machen möchte, dich des
Charakters eines Mannes, den ich als einen der edelsten und liebenswürdigsten
Sterblichen kenne, bei Gelegenheit mit so viel Wärme, als deiner wohlbekannten
Kaltblütigkeit zuzumuten ist, gegen seine unbilligen Verächter anzunehmen. Ich
befriedige dadurch bloss mein eigenes Herz; Aristipp weiss nichts von diesem
Briefe, und scheint sich überhaupt um alles, was seine ehemaligen Mitschüler von
ihm sagen und schreiben, wenig zu bekümmern. Indessen nährt er doch für die
Atener noch immer eine Art von Vorliebe, die ihn über ihre gute oder böse
Meinung von ihm nicht so ganz gleichgültig sein lässt als er das Ansehen haben
will. Zuweilen wenn die Rede von den Albernheiten, Unarten und Verkehrteiten
ist, wodurch sie ehemals dem Witz ihres Aristophanes so reichen Stoff zu
unerschöpflichen Spöttereien und Neckereien gegeben haben, sollte man zwar
meinen, er denke nicht gut genug von ihnen, um sich viel aus ihrem Urteil zu
machen: aber im Grund entspringt sein bitterster Tadel bloss aus dem Unmut eines
Liebhabers, der sich wider seinen Willen gestehen muss, dass seine Geliebte mit
Mängeln und Untugenden behaftet ist, die es ihm unmöglich machen sie hoch zu
achten, und worin sie sich selbst so wohl gefällt, dass keine Besserung zu hoffen
ist.
    Ich höre, dass du seit dem Tode des alten Antistenes nach Aten
zurückgekehrt seist, um, wie man sagt, von seiner Schule im Cynosarges Besitz
zu nehmen, da du jetzt als das Haupt der von ihm gestifteten Secte betrachtet
werdest. Ich kenne dich zu gut, Freund Diogenes, um nicht zu wissen, wie dies zu
verstehen ist. Du wirst so wenig als Sokrates und Aristipp in dem gewöhnlichen
Sinn des Worts, an der Spitze einer Schule oder Secte stehen wollen, und deine
Philosophie lässt sich so wenig als die ihrige durch Unterweisung lernen. Aber
die Atener bedürfen deines scherzenden und spottenden Sittenrichteramts mehr
als jemals; und wenn gleich wenig Hoffnung ist, dass du sie weiser und besser
machen werdest, so kann es ihnen doch nicht schaden, einen freien Mann, dessen
sämmtliche Bedürfnisse auf einen Stecken in der Hand und eine Tasche voll
Wolfsbohnen am Gürtel eingeschränkt sind, unter sich herum gehen zu sehen, der
sie alle Augenblicke in den Spiegel der Wahrheit zu sehen nötigt, und ihnen
wenigstens das täuschende Vergnügen des Wohlgefallens an ihrer eignen -
Hässlichkeit möglichst zu verkümmern sucht. Wenn deine Gegenwart endlich ihnen,
oder ihre unheilbare Narrheit dir, gar zu lästig fiele, so wirst du die Arme
deiner Freunde in Korint immer wieder offen finden; und sollte dich zuletzt die
ganze Hellas nicht mehr ertragen können, so lass' dich irgend eine freundliche
Nereide an die Küste Libyens zu deinem Antipater geleiten, der die Tage, die er
in seiner Jugend mit dir verlebte, und die traulichen Wallfahrten nach dem
Eselsberg, und die Schwimmpartien nach dem Inselchen Psyttalia, immer unter
seine angenehmsten Erinnerungen zählen wird.
 
                                      17.
                             Diogenes an Antipater.
Weder der hoffärtige Gedanke meinen alten Meister ersetzen zu wollen, noch ein
Cynischer Trieb die Laster und Torheiten der edeln Teseiden anzubellen, hat
mich von Korint nach Aten zurückgerufen, Freund Antipater. Die blosse Neigung
zur Veränderung, die dem Menschen so natürlich ist - wär' es nur um sich selbst
eine Probe seiner Freiheit zu geben - ist allein schon hinlänglich eine so
unbedeutende Begebenheit zu erklären; wenn auch der Reiz, womit Pallas Atene
ihren Lieblingssitz vor allen andern Städten der Welt so reichlich begabt hat,
für einen Weltbürger meiner Art weniger Anziehendes hätte als für andre
Menschen. Indessen kam doch noch ein anderer Bewegungsgrund hinzu, ohne welchen
ich mich vielleicht dennoch nicht entschlossen hätte, meinem lieben Müssiggang zu
Korint - wo sich, Dank sei den Göttern! schon lange niemand mehr um mich
bekümmert, und meinem kleinen sonnichten Winzerhüttchen (seines Umfangs wegen
mein Fass genannt), aus blossem Mutwillen zu entsagen.
    Wisse also, mein Lieber, dass ich vor einiger Zeit, zufälligerweise, mit
einem jungen Tebaner in Bekanntschaft geriet, der mit der vollständigsten
Aussenseite des Homerischen Tersites eine so schöne Seele und eine so
frohsinnige Unbefangenheit verbindet, dass der tugendhafteste aller Päderasten,
Sokrates selbst, seinem bekannten Vorurteil für die körperliche Schönheit zu
Trotz, sich in ihn verliebt hätte, wenn er dreissig bis vierzig Jahre früher zur
Welt gekommen wäre. Schwerlich ist dir jemals eine so possierlich hässliche
Missgestalt vor die Augen gekommen, und es sollte sogar dem sauertöpfischen
Heraklites kaum möglich gewesen sein, über den komischen Ausdruck, womit alle
Teile seines Gesichts einander anzustaunen scheinen, nicht zum erstenmal in
seinem Leben zu lächeln. Glücklicherweise für den Inhaber dieser seltsamen Larve
leuchtet dem, der ihm herzhaft ins Gesicht schaut, ich weiss nicht was für ein
unnennbares Etwas entgegen, welches zugleich Ernst gebietet und Zuneigung
einflösst, und einen jeden, dem es nicht gänzlich an Sinn für die energische
Sprache, worin eine Seele die andere anspricht, fehlt, in wenig Augenblicken mit
der Ungereimteit seiner Gestalt und Gesichtsbildung aussöhnt.
    Ich weiss nicht wie es zuging, dass er, ohne an den Fransen meines ziemlich
abgelebten Mantels Anstoss zu nehmen, nicht weniger Geschmack an meiner Person zu
finden schien als ich an der seinigen. Genug, wir fühlten uns gegenseitig von
einander angezogen, und in wenigen Stunden war der Grund zu einer Freundschaft
gelegt, welche vermutlich länger dauern wird als unsre Mäntel. Krates (so nennt
sich mein junger Böotier) ist der einzige Sohn eines sehr reichen Mannes, der
sein Leben unter rastlosen Anstrengungen, Sorgen und Entbehrungen mit der edeln
Beschäftigung zugebracht hat, sein Vermögen alle zehn Jahre zu verdoppeln; und
der nun, da ihm nächst seinem Geldkasten nichts so sehr am Herzen liegt als das
Glück seines Sohnes, alles Mögliche tut, um diesen zu eben derselben
Lebensweise, in welcher er das seinige gefunden, anzuhalten. Zu grossem Schmerz
des alten Harpagons zeigt der junge Mensch so wenig Lust und Anlage dazu, dass,
im Gegenteil, unter allen möglichen Dingen, womit der menschliche Geist sich
befassen kann, die Rechentafel ihm gerade das verhassteste ist; und nur aus
Gehorsam gegen einen beinahe achtzigjährigen Vater, - der zwar noch immer
wachend und schlafend auf seinen Geldsäcken zählt und rechnet, aber nicht Kräfte
genug übrig hat, seinen Geschäften ausser dem Hause nachzugehen - unterzieht er
sich den Aufträgen, womit ihn der Alte überhäuft, um ihm keine Zeit zu solchen
Beschäftigungen zu lassen, die in seinen Augen nichts als zeitverderbender
Müssiggang sind. Der Auftrag, eine alte Schuld zu Korint einzufordern, gab
indessen Gelegenheit zu unsrer Bekanntschaft, welche Krates als den einzigen
wahren Gewinn betrachtete, den er von dieser Reise mit nach Hause bringe.
Wirklich fühlte er sich stark versucht die Rückreise gar einzustellen, und ich
musste alle meine Macht über sein Gemüt aufbieten, um ihn zu bewegen, dass er die
Ausführung seines neuen Lebensplans wenigstens nur so lange aufschieben möchte,
als sie mit der Pflicht gegen seinen alten Vater unvereinbar war. Vor kurzem
berichtete mich mein junger Freund, dass der Tod des Alten ihm endlich die
Freiheit gegeben habe, seiner Neigung zu folgen, und seinen Geist aller der
schweren Gewichte zu entledigen, die ihm, so lange er sie an sich hangen hätte,
den reinen Genuss seines Daseins unmöglich machten. Er habe, um der verhassten
Last je eher je lieber los zu werden, bereits seine ganze Erbschaft, die sich
auf nicht weniger als dreihundert Talente belaufe, mit Vorbehalt dessen, was er
etwa selbst zu Bestreitung des Unentbehrlichsten nötig haben könnte, unter
seine Verwandten und Mitbürger ausgeteilt, und sei nun im Begriff, Aten -
wofern ich mich entschliessen würde, es mit dem üppigen und geräuschvollen
Korint zu vertauschen - oder, widrigenfalls, das letztere, wiewohl ungern, zu
seinem künftigen Aufentalt zu wählen.
    Was dünkt dich von diesem jungen Menschen, Antipater? Hier ist mehr als
Antistenes und Diogenes, mehr als Plato und Aristipp, nicht wahr? - Ich gestehe
dir unverhohlen, hätte mich die wackelköpfige Göttin Tyche nicht, sehr gegen
meinen Willen, um mein väterliches Erbgut betrogen, ich würde so wenig als
Aristipp daran gedacht haben, mir diese Last, die mir ehemals sehr erträglich
vorkam, vom Halse zu schaffen. Wir wollen es indessen einem weisen Mann eben
nicht übel nehmen, wenn er von den Gütern, die ihm das Glück freiwillig zuwirft,
einen zugleich so edeln und so angenehmen Gebrauch macht, wie Aristipp. Eben so
wenig soll es dem von Kindheit an zur Dürftigkeit gewohnten Antistenes, oder
dem Sinopenser, den der Zufall um sein Vermögen brachte, zu einem grossen
Verdienst angerechnet werden, dass sie lieber von Wurzeln und Wolfsbohnen leben,
als Karren schieben, rudern, oder das schmähliche Parasiten-Handwerk treiben
wollten. Auch Plato hat sich wenig auf eine Genügsamkeit einzubilden, die ihm
das Glück, unabhängig in seinem eigenen Ideenlande zu schweben, und die erste
Stelle unter den Philosophen seiner Zeit in der öffentlichen Meinung verschafft
hat. Aber, wie Krates, in dem Alter, wo alle Sinnen nach Genuss dürsten, die
Mittel zu ihrer vollständigsten Befriedigung, die uns das Glück mit
Verschwendung aufgedrungen hat, von sich werfen, und jedem Anspruch an alles,
was dem grossen Haufen der Menschen das Begehrenswürdigste scheint, von freien
Stücken entsagen, um sich mit völliger Freiheit der Liebe der Weisheit zu
ergeben: dies, dünkt mich, ist etwas bis jetzt noch nie Erhörtes, und setzt einen
Grad von Heldenmut und Stärke der Seele voraus, den ich um so
bewundernswürdiger finde, da derjenige, der sich zu einem solchen Opfer
entschliesst, zum voraus gewiss sein kann, von der ganzen Welt (den Diogenes
vielleicht allein ausgenommen) für den König aller Narren erklärt zu werden. -
Und das mit Recht, höre ich dich sagen; denn was sollte aus den Menschen werden,
wenn der Geist, der diesen jungen Schwärmer so weit aus dem gewöhnlichen Gleise
treibt, in alle Köpfe führe, und die Begriffe und Grundsätze, nach welchen er
handelt, allgemein würden? - Auf alle Fälle etwas Besseres als sie jetzt sind,
antworte ich, und getraue mir's von Punkt zu Punkt mit wenigstens eben so
stattlichen Gründen zu behaupten, als die, womit uns Plato beweiset, dass ein
Staat nicht eher gedeihen könne, bis er von lauter Philosophen regiert werde.
Leider hat die Natur selbst dafür gesorgt, dass es mit den Menschen nie so weit
kommen wird, und die Freunde des dermaligen Weltlaufs können sich, der Gefahr
halben die von der ansteckenden Kraft des Beispiels meines jungen Freundes zu
besorgen ist, ruhig auf die Ohren legen. Sie ist desto geringer, da du ihm
wirklich grosses Unrecht tust, wenn du ihn für einen Schwärmer hältst. Er ist
vielmehr der ruhigste, besonnenste, heiterste Sterbliche, der mir je vorgekommen
ist; und wie ausserordentlich sein Verfahren auch immer sein mag, so fällt
wenigstens das Wunderbare weg, wenn ich dir sage, dass nebst einem sehr kalten
Temperament, die von Kindheit her gewohnte beinahe dürftige Lebensart im
väterlichen Hause, eine durch beides ihm zur andern Natur gewordene
Gleichgültigkeit gegen alle Vergnügungen der Sinne, und eine noch tiefer
liegende Verachtung der Urteile des grossen Haufens, der einen Menschen nicht
nach seinem persönlichen Gehalt, sondern nach dem Gewichte der Attischen
Talente, die er wert ist, zu schätzen pflegt, - dass, sage ich, das alles nicht
wenig zu der Entschliessung beigetragen habe, sich eines ihm wirklich mehr
überlästigen als brauchbaren Erbgutes zu entschlagen. Denn was hätte er, der von
drei oder vier Obolen zu leben gewohnt war, mit dreihundert Talenten anfangen
sollen, da es seine Sache nicht war, nach dem Beispiel seines Vaters
sechshundert daraus zu machen? Von allem, wozu der Reichtum seinen Besitzern
gut ist, hatte er entweder keine Kenntnis, oder keinen Sinn dafür. Gänzliche
Unabhängigkeit und sorgenfreie Musse war schon damals, da ich ihn zuerst kennen
lernte, das höchste Gut in seinen Augen: und so ging es, dünkt mich, ganz
natürlich zu, dass der Umgang mit deinem Freund, Diogenes, in sehr kurzer Zeit
tausend schlummernde Ideen in seiner Seele weckte; dass die Harmonie der
Vorstellungsart desselben mit seiner eigenen das Verlangen sich nie wieder von
ihm zu trennen erzeugte, und die durch unmittelbaren Augenschein bewirkte
Ueberzeugung, dass es keinen glücklichern Menschen gebe als den Diogenes, und dass
er zufriedener mit seinem Loose sei als zehntausend vermeinte Glückliche mit dem
ihrigen, seinem Beispiel einen unwiderstehlichen Reiz zur Nachfolge gab. Ich
denke du wirst dies desto begreiflicher finden, Antipater, da du noch nicht
vergessen haben kannst, wie wenig ehemals daran fehlte, dass du selbst den
Cynischen Mantel und Schnappsack übergeworfen hättest, wenn nicht, glücklicher
Weise für dich, der Genius Aristipps den Reizungen der zutulichen Nymphe Penia,
unsrer Schutzgöttin, das Gegengewicht gehalten hätte. Denn nicht alles, was dem
einen gut ja sogar das Beste ist, ist es darum auch dem andern; und ich bin
ziemlich gewiss, dass unsre Lebensweise, sobald der Ehrenpunkt, nicht in
Widerspruch mit dir selbst zu geraten, jede andere unmöglich gemacht hätte, dir
nicht halb so wohl bekommen wäre als meinem Tebaner - wiewohl es ein launisches
Ding um den Menschen ist, dass ich mich nicht dafür verbürgen möchte, dass Krates
selbst, wie glücklich er sich gegenwärtig auch in seinem neuen Götterleben
fühlt, auf immer vor allen Anwandlungen der Nachreue sicher sei.
    Ich bin mit deinem Freund Aristipp, wie in vielem andern, auch darin
einverstanden, dass jeder Mensch, sobald er Verstand genug hat eine Philosophie,
d.i. eine mit sich selbst übereinstimmende Lebensweisheit nach festen
Grundsätzen, zu haben, in gewissem Sinn seine eigene hat. Das was den
Unterschied macht, ist nicht die Richtung: wir gehen alle auf eben dasselbe Ziel
los. Eudämonie ist der Preis, nach welchem wir ringen; und wie gern der stolze
Plato (der, wenn's möglich wäre, gar nichts mit uns andern gemein haben möchte)
sich auch die Miene gäbe, als ob das übersinnliche Anschauen der formlosen
Urwesen und die geistige Vereinigung mit dem Auto-Agaton, ohne alle andere
Rücksicht das einzige Ziel seiner Bestrebungen sei, so soll er mich doch nicht
bereden, dass sie es auch dann noch sein würden, wenn er sich in diesen -
geistigen oder phantastischen? - Anschauungen nicht glücklicher fühlte als in
jedem andern Genuss seiner selbst. Der Unterschied wird also in dem Wege und den
Mitteln bestehen. Wir Cyniker z.B. wählen uns, mehr oder weniger freiwillig, den
kürzesten Weg, unbekümmert dass er ziemlich rauh und steil ist und hier und da
von Disteln und Dornhecken starrt. Aristipp wählte sich einen weitern, aber
ungleich ebenern und anmutigern Weg, nicht ohne Gefahr unversehens auf diesen
oder jenen Abweg zu geraten, der ihm das Wiedereinlenken in die rechte Bahn
mehr oder minder schwer machen könnte. Andere haben sich zwischen diesen beiden,
oft ziemlich weit aus einander laufenden Wegen, mehrere Mittelstrassen gebahnt.
Plato nimmt den seinigen sogar, wie Ikarus, durch die Wolken; unläugbar der
sanfteste und nächste, wenn es nicht der gefährlichste wäre. Noch verschiedener
sind die Mittel, wodurch jeder auf seinem Wege sich zu erhalten und zu fördern
sucht. Tausend innere und äussere, zufällige und persönliche Umstände,
Temperament, Erziehung, geheime Neigungen, Verhältnisse, kurz das Zusammenwirken
einer Menge von mehr oder minder offen liegenden oder verborgenen Einflüssen auf
Verstand und Willen, ist die Ursache der verschiedenen Gestalten und Farben
(wenn ich so sagen kann) worin sich eben dieselbe Lebensweisheit (ich erkenne
keine Philosophie die nicht Ausübung ist) im Leben einzelner Personen darstellt,
und worin eben das Eigentümliche derselben besteht. Denn, wie gesagt, im
Hauptzweck, und selbst in solchen Mitteln, welche, als zu jenem unentbehrlich,
selbst wieder zu Endzwecken werden, stimmen alle überein. Von dieser Art ist
z.B. die Befreiung der Seele von Wahn und Leidenschaft, ohne welche
schlechterdings keine Eudämonie denkbar ist. Alle Philosophen, von Tales und
Pytagoras an, bekennen sich zu diesem Grundsatz: aber wie weit gehen sie wieder
aus einander, sobald es zur Anwendung kommt! Wir können von den Wahnbegriffen,
Phantomen und Vorurteilen, die unsern Verstand benebeln und irre führen, nur
durch die Wahrheit frei werden. Aber was ist Wahrheit? Der eine behauptet die
Ungewissheit aller Erkenntnis; ein anderer erklärt alle sinnlichen Anschauungen
und Gefühle für Täuschung und Betrug und sucht die Wahrheit in einer
übersinnlichen Ideenwelt; ein dritter lässt im Gegenteil keine Erkenntnis für
zuverlässig gelten, die uns nicht durch die Sinne zugeführt und durch die
Erfahrung bestätiget wird, u.s.w. Eben so ist es mit der Befreiung von der
Herrschaft der Triebe und Leidenschaften. Der eine will alle Begierden an die
Kette gelegt, und den Leidenschaften alle Nahrung entzogen wissen; ein anderer
lässt nur die reinen Naturtriebe gelten, und verwirft alle durch Verfeinerung und
Kunst erzeugten Neigungen; ein dritter will die natürlichen Triebe und
Leidenschaften weder ausgerottet noch gefesselt, sondern bloss gemildert,
verschönert, und durch die Musenkünste mit Hülfe der Philosophie in die
möglichste Harmonie und Eintracht gesetzt sehen. Alle diese Verschiedenheiten
sind in der Ordnung, so lange die Leute keine Secten stiften wollen. Jeder hat
für seine eigene Person Recht; aber sobald sie mit einander hadern, und sich um
den ausschliesslichen Besitz der Wahrheit, wie Hunde um einen fetten Knochen,
herum beissen, dann haben sie alle Unrecht; - und in diesem einzigen Punkt
wenigstens ist Diogenes, der mit niemand um Meinungen hadert, vollkommen gewiss
dass er Recht hat.
    Indessen ist am Ende die Anzahl der Philosophen, denen dieser Name in der
eigentlichsten Bedeutung zukommt, so klein, dass wahrscheinlich unter der ganzen
übrigen Menschenmasse manche sein müssen, die an Sinnesart,
Gemütsbeschaffenheit und äusserlichen Umständen mit irgend einem von jenen mehr
oder weniger übereinstimmen. Ich betrachte daher jeden unsrer Philosophen
gleichsam als den Repräsentanten einer ganzen Gattung46, und indem ich annehme,
dass seine Philosophie einer Anzahl ihm ähnlicher Menschen als Ideal oder Kanon
ihrer Denkart und ihres Verhaltens brauchbar sein könne, berechne und schätze
ich hiernach ungefähr den verhältnissmässigen Nutzen, den sie der Menschheit etwa
schaffen könnte. So kann z.B. meiner demütigen Meinung nach, die Platonische
Philosophie nur solchen Menschen verständlich sein und wohl bekommen, denen zu
einem schwarz gallichten Temperament ein hoher Grad von Einbildungskraft und
Scharfsinn und eine nicht gemeine Cultur mit völliger Freiheit von Geschäften zu
Teil wurde, d.i. sehr wenigen. Die Aristippische scheint auf den ersten Anblick
weit mehrern angemessen zu sein: aber sie macht aus dem Wohl leben (aus dem, was
sie Hedone nennt und worüber ich deinen Freund nie anfechten werde) eine so
schöne und zugleich so schwere Kunst, dass, meines Bedünkens, nur ein besonders
begünstigter Liebling der Natur, der Musen und des Glücks (schier hätte ich auch
noch die schöne Lais hinzugesetzt) es darin zu einiger Vollkommenheit zu bringen
hoffen darf. Wie die Platonische die Philosophie oder Religion der edelsten Art
von Schwärmern ist, so sollte Aristipp das Muster und seine Hedonik die
Lebensweisheit aller Eupatriden und Begüterten sein; auf diese Weise würde die
Schwärmerei unschädlich, Geburtsadel und Reichtum sogar liebenswürdig werden.
Aristipps Philosophie, zum Niessbrauch solcher Leute, die das Glück vergessen
oder übel behandelt hat, herabgestimmt, würde sich der Cynischen nähern, nach
deren Vorschriften jeder glücklich leben kann, der in einem Staat, wo er als
Bürger keinen Anspruch an die höhern und eigentlichen Vorteile des politischen
Vereins machen will oder zu machen hat, wenigstens den Genuss seiner
Menschheitsrechte in Sicherheit bringen möchte. Um ein Cyniker zu sein, braucht
man nichts als ein blosser Mensch zu sein; mit so wenig Zutaten und Anhängseln
als möglich, aber freilich ein edler und guter Mensch; und eben darum wird unser
Orden, dem ersten Anschein zu Trotz, immer nur zwei oder drei Mitglieder auf
einmal zählen. Sollte er (was die Götter verhüten mögen!) jemals zahlreich
werden, so könnt' es nur dadurch möglich sein, dass seine Glieder den Geist
desselben gänzlich verlören, und bloss das Costum, die Sprache und die übrigen
Formen des Cynism zur Hülle und Larve der verächtlichsten Art von Schmarotzerei
und Müssiggang herabwürdigten. Ein ächter Cyniker kann, vermöge der Natur der
Sache, nicht anders, als eine Seltenheit sein; und von einem Cyniker wie Krates
wird schwerlich jemals ein zweites Exemplar erscheinen.
    Die rein Sokratische Philosophie, welche, allen Ständen, Lagen und
Verhältnissen gleich angemessen, dem Staat edle Menschen und gute Bürger bildet,
wird also, die Wahrheit zu sagen, immer die gemeinnützigste unter allen, die aus
ihr hervor gegangen, bleiben; und wehe der, die sich's nicht zur Ehre schätzt
ihre Tochter zu heissen, und einer solchen Mutter würdig zu sein! So viel, Freund
Antipater, auf deine eigene Veranlassung davon, wie ich über Aristipp und seine
Philosophie und die andern Masken denke, in welchen sich die
menschenfreundlichste aller Himmlischen unter den Griechen sehen lässt. Lebe
wohl, und sorge ja dafür, dass keine Abschriften von diesem langen Briefe
genommen werden. Die Leute könnten sonst denken, ich habe ein Buch schreiben
wollen, und das möchte sich Diogenes nicht gerne nachsagen lassen.
 
                                      18.
                             Aristipp an Learchus.
Wiewohl ein Mann wie Philistus keiner Empfehlung an dich bedarf, so halte ich
mich doch versichert, dass der Titel meines Freundes, den er von Cyrene mit sich
nimmt, ihm in den Augen meines Learchs ein Recht zu einer desto gefälligern
Aufnahme geben werde, da er auf seiner Rückreise nach Syrakus etliche Tage zu
Korint auszurasten gesonnen ist.
    Was du, dem seine Verhältnisse bekannt sind, vorausgesehen hast, ist durch
das endlich erfolgte Ableben des alten Dionysius eingetroffen. Es war eine der
ersten Handlungen seines Nachfolgers, den so lange aus seinem Vaterlande
verbannten Gemahl der Nichte seines Vaters zurück zu berufen, und ihn um so
dringender zu Beschleunigung seiner Reise einzuladen, je unentbehrlicher ihm,
wie er in seinem Schreiben sagt, die Gegenwart und Unterstützung eines so
verdienstvollen und so nahe mit ihm verbundenen Mannes in seiner neuen Lage sei.
Es wäre kein schlimmes Zeichen dass es dem jungen Dionysius, seiner sehr
vernachlässigten Erziehung ungeachtet, nicht ganz an Anlage zu einem guten
Fürsten fehle, wenn er die Notwendigkeit, sich der Leitung eines weisen
Ratgebers zu übergeben, wirklich so lebhaft fühlte, als er in seinem sehr wohl
gesetzten Schreiben ausdrückt; es ist aber ziemlich klar, dass ihm ein anderer
bei dieser Gelegenheit seinen Kopf und seine Hand geliehen hat. So viel sich aus
einzelnen, wiewohl nicht immer zuverlässigen Nachrichten von diesem Sohn und
Erben des sogenannten Tyrannen mutmassen lässt, scheint keine grosse Hoffnung zu
sein, dass er die unruhigen und schwer zu zügelnden Syrakusaner mit der
unbeschränkten Regierung eines Einzigen gründlich aussöhnen werde. Nur allzu
wahrscheinlich kann man sich zu ihm aller Ausschweifungen versehen, zu welchen
ein feuriges Temperament einen im Frauengemach und unter Sklaven aufgewachsenen
Jüngling hinzureissen pflegt, der sich aus dem stärksten Druck plötzlich auf den
Königsstuhl erhoben, im Besitz eines von seinem Vorfahrer vierzig Jahre lang
zusammengehäuften Schatzes, und von Schmeichlern und Parasiten umschwärmt sieht,
deren Interesse ist, unter der Larve einer gränzenlosen Anhänglichkeit an seine
Person, seine unaufhörlich von ihnen gereizten und befriedigten Leidenschaften
zu Werkzeugen der ihrigen zu machen. Unter einem schwachen Fürsten regieren
gewöhnlich die schlechtesten Menschen; und dass Dionysius, trotz seiner
körperlichen Stärke ein sehr schwacher König sein werde, davon sind bereits
Vorbedeutungen genug vorhanden. Der einzige, den er scheut und der ihn, eine
Zeitlang wenigstens, zurückhalten wird, ist sein Oheim und Schwager Dion,
bekanntlich ein schwärmerischer Verehrer Platons, der keine grosse Mühe gebraucht
haben mag, ihn zu überzeugen, dass Syrakus nicht eher wohl regiert sein werde,
bis es einen Philosophen zum Regenten habe. Zum Unglück fehlt es diesem Dion,
bei allem Schein von Weisheit und Tugend den er von sich wirft, gar sehr an
allen Eigenschaften, wodurch man sich andern, zumal einem jungen König der das
Vergnügen und die Freude liebt, angenehm und liebenswürdig machen kann; und, was
noch schlimmer ist, ich fürchte sehr, dass er selbst etwas mehr Tyrannenblut in
den Adern hat, als seine Lobredner in der Akademie sich gern gestehen mögen. Wie
dem auch sei, der junge Fürst befindet sich dermalen zwischen dem strengen,
Ehrfurcht gebietenden und scharf über den Grundsätzen der Platonischen Republik
haltenden Dion, und dem schlauen, gewandten, allgefälligen Gesindel seines Hofes
in einer zwang- und peinvollen Klemme. Diese sehen, dass er nicht Mut genug hat,
das Joch, das ihm jener über die jungen Hörner geworfen, abzuschütteln; und das
dringende Bedürfnis, dem majestätischen Dion einen Mann von Gewicht entgegen zu
stellen, ist es ganz allein, was sie genötiget hat, mit vereinten Kräften auf
die schleunigste Zurückberufung des Philistus anzutragen.
    Dass dies die wahre Lage der Sachen am Syrakusischen Hofe sei, habe ich aus
den unvollständigen Nachrichten, die mir Philist von Zeit zu Zeit mitteilte,
nach und nach herausgebracht. Denn er selbst treibt, wie es scheint, die
Freundschaft gegen keinen Sterblichen so weit, dass er sich ihm ganz offen und
ohne alle Zurückhaltung entdecken sollte. Da er ein Mann von grosser Weltkenntnis
und Erfahrenheit ist, die Syrakusischen und Sicilischen Staatsverhältnisse
vollkommen inne hat, dabei (worauf hier alles ankommt) eine sehr einnehmende
Aussenseite besitzt, und an Feinheit, Geschmeidigkeit und Besonnenheit es mit dem
ausgelerntesten Hofmann aufnehmen kann: so ist nicht schwer vorauszusehen was
der Erfolg sein müsse, und dass Dion bald genug den Rat erhalten werde, eine
kleine Gesundheitsreise zu seinem ehrwürdigen Freund Plato vorzunehmen.
    Uebrigens scheint Philist darauf zu rechnen, dass Korint, als die
Mutterstadt von Syrakus, es seinem Staats- und Handelsinteresse gemäss finden
werde, mit dem Tronfolger des alten Dionys in gutem Vernehmen zu bleiben. Auch
zweifle ich nicht, dass er sich in dieser Rücksicht unter der Hand mit Nachdruck
für den edeln Timophanes47 verwenden wird, welcher (wie ich höre) grosse
Anstalten macht, sich mit guter Art der Alleinherrschaft über euch zu
bemächtigen.
    Auch an unserm Himmel, der während der letzten dreissig Jahre so heiter war,
steigen, seit dem Tode meines guten Bruders Aristagoras, bereits einige trübe
Wolken auf, die uns mit Sturm und Ungewitter zu bedrohen scheinen. Sein ganzes
tätiges Leben war der Wohlfahrt von Cyrene gewidmet; sein Tod wird uns, wie ich
grosse Ursache habe zu befürchten, eben so nachteilig sein als sein Leben
wohltätig war. Er war, wiewohl seine Bescheidenheit und Klugheit es immer zu
verbergen suchte, der wahre Urheber und die stärkste Stütze unsrer dermaligen
Verfassung. Unglücklicherweise ist noch keine Staatsverfassung erfunden worden,
die durch sich selbst bestünde; und da sogar Platons Republik (seiner eigenen
Versicherung nach) nur unter einer unmöglichen Bedingung von Dauer sein könnte,
von welchem andern Menschenwerk dürften wir uns mehr versprechen? Seit der Mann
nicht mehr ist, der allein Ansehen und Weisheit genug besass, dem Ehrgeiz des
mächtigen Demokles und seiner Söhne das Gegengewicht zu halten, sehe ich einer
Abspannung der Springfedern unsrer Staatsmaschine entgegen, wodurch sie nur zu
bald ins Stocken geraten wird. Wir werden in unsre alten Missbräuche, Parteien
und Erschütterungen zurückfallen, und was sollte mir dann ein längerer
Aufentalt in Cyrene? Doch dies, bester Learch, ist weder das Einzige, noch das
Aergste, was mir bevorsteht und das häusliche Glück, dessen ich seit meiner
Verbindung mit der liebenswürdigen Schwester unsers Kleonidas genoss, auf immer
zu zerstören droht. Möge mein guter Genius den Unfall noch lange von uns
entfernt halten, dessen langsame Annäherung ich mir selbst vergebens zu
verbergen suche! - Trifft er mich, so ist Aten und Korint - doch weg mit dem
unglückweissagenden Gedanken! Noch ist Hoffnung. Die Aerzte haben zu einer
Luftveränderung, wovon sie uns die beste Wirkung versprechen, eine Reise nach
Rhodus vorgeschlagen, welche ich mit Kleonen und unsrer Tochter Arete, von
Kleonidas, Musarion und dem jungen Kallias, ihrem Sohne, begleitet, zu
unternehmen im Begriff bin. Rufe Hygieien mit mir an, mein Freund, dass der
Erfolg unsre Wünsche begünstige!
 
                         Anmerkungen zum dritten Band.
                                   1. Brief.
1 In der Macedonischen Landschaft, wo der Berg Atos liegt, zwischen zwei
Meerbusen, hatten Griechen aus Chalkis in Euböa, wovon die ganze Landschaft den
Namen erhielt, die Stadt Olyntus erbaut, welche zu einer so ansehnlichen Grösse
empor wuchs, dass die zehntausend Krieger, worunter tausend Reiter, ins Feld
stellen konnte. Der Krieg, den das, nach dem Frieden des Antalcidas mehr als je
stolze, Sparta mit Olympus führte, wurde die Veranlassung zu einer ganz neuen
Umgestaltung der Dinge in Griechenland, wobei Teben, eben durch jenen Frieden
zu einer Stadt zweiten Ranges herabgedrückt, sich siegreich und glänzend erhob.
2 Tyrann von Pherä in Tessalien, erhob gegen 380 v. Chr. seinen kleinen Staat
zu einer solchen Macht, dass er ein Heer von 20,000 Fussvolk und 3000 Reitern,
ohne die leichten Truppen, unterhielt. Er hatte den Plan, den späterhin
Alexander ausführte, wurde aber, auf Anstiften seiner Brüder, gemeuchelmordet.
3 Anspielung auf die Stelle der Ilias 2, 204.
4 Göttin der Notwendigkeit.
                                   2. Brief.
5 Auch Eurybates, wie man sieht, gehört zu denen, welche den Platon
missverstehen. Sein Urteil über dessen Philosophie im Allgemeinen ist das
Urteil eines - Geschäftsmannes, und man darf sich nicht verwundern, wenn es
über Gegenstände dieser Art ein wenig seicht und voreilig ist: weit mehr dürfte
man sich verwundern, dass er nicht einmal für den Menon den richtigen
Gesichtspunkt ausgefunden hat, auf welchen doch Anfang und Ende des Dialogs
hinweisen. Indes muss ihm auch dies wohl zu Gute gehalten werden, da es vielen
gelehrten Leuten nicht besser damit ergangen ist. Auch hier muss Schleiermachers
Einleitung nachgesehen werden.
6 Parzen, Göttinnen des Schicksals.
7 Residenz der Könige von Macedonien.
                                   3. Brief.
8 Da ihrer hier zum letztenmale gedacht wird, so ist eine Mitteilung von ihrem
letzten Schicksal, nebst einigen Bemerkungen, wohl auch hier an ihrer rechten
Stelle. In einer Lobrede auf die Liebe sagt Plutarch (nach der Uebersetzung von
Jacobs a.a.O.): »Mit der Liebe ist so viel Entaltsamkeit, Zucht und Redlichkeit
verbunden, dass sie auch ein zügelloses Gemüt durch ihre Berührung von andern
Liebschaften abziehen kann. Denn sie rottet die Frechheit in demselben aus,
drückt den Übermut nieder, impft ihm Schamhaftigkeit, Stillschweigen und Ruhe
ein, umhüllt es mit dem Gewande der Ehrbarkeit, und macht es Einem Liebhaber
untertan. Ihr habt ohne Zweifel von der Lais, jener berühmten und vielgeliebten
Hetäre gehört, wie sie ganz Hellas mit Verlangen entzündete, ja, wie zwei Meere
um sie gestritten haben. Als aber die Liebe zum Hippolochus, dem Tessalier, ihr
Gemüt ergriff, verliess sie das
von den grünlichen Wellen bespülte Akrokorintos,
entfloh heimlich der Schaar ihrer übrigen Liebhaber, und lebte ehrbar mit ihm.
Aber dort in Tessalien lockten sie die Weiber, aus Neid und Eifersucht über
ihre Schönheit, in den Tempel der Venus, steinigten und verstümmelten sie. Daher
wird, wie es scheint, dieser Tempel auch noch jetzt der Tempel der mörderischen
Aphrodite genennt.« Nach der Ermordung, am Feste der Aphrodite, wobei keine
Männer gegenwärtig waren, heisst es anderwärts, brach eine Pest in Tessalien
aus, die nur endete, als man jenen Tempel erbaut hatte. Der Lais wurde an den
Ufern des Peneus ein Grabmal errichtet, worauf folgende Inschrift stand:
Das mit Ruhm gekrönte, im Kampfe nimmer besiegte
Hellas beugte der Macht göttlicher Schönheit sein Haupt,
Lais Schönheit! die Tochter des Amor näherte Korintos,
In Tessaliens Flur ruht der Entschlummerten Staub.
Die Lais nun, welche dieses Schicksal traf, hält Jacobs für die jüngere Lais,
eine Tochter der Timandra; die ältere Lais, Aristipps Geliebte, scheint zu
Korint gestorben zu sein, wo die Korintier ihr ein Denkmal im Kraneion
errichteten, - obgleich sie, wenn man den Epigrammendichtern, unter denen hier
auch Platon mit seinem Epigramm auf den Spiegel der Lais genannt wird, trauen
darf, ihre Reize überlebt hatte, womit sich freilich die ihr nachgesagte Art des
Todes, den sie auch Heinse in seiner Laidion sterben lässt, nämlich - im Arm der
Liebe, schwer will vereinigen lassen. Glaubte nun Wieland, auf alle diese
Anekdoten nicht mehr Gewicht legen zu dürfen als auf die Ausfälle des Epikrates?
Es scheint so, und man kann ihm darin wohl nicht ganz Unrecht geben. Mit mehr
Grund als Heinse aus Pausanias und Hippolochus zwei Geliebten der Lais gemacht
hatte, verschweigt Wieland den Unterschied zwischen der älteren und jüngeren
Lais, den er sehr wohl kannte und behält nur eine einzige bei. Indem er aber aus
dem Leben der älteren so viel wegschneidet, dass sie nicht zu dem Gemeinen, oder
wie Aristipp sagt, zur Schmach einer gewöhnlichen Hetäre, herabsinkt, und
lieber, mit Uebergehung der ganzen chronique scandaleuse aus dem Leben dieser
älteren Lais, zu dem Zeitpunkte, wo nur eben die Vergänglichkeit des
Jugendreizes sich vom weiten mutmassen lässt, in die Lebensgeschichte der
jüngeren einbiegt, raubt er dieser doch wieder, was sie nach Plutarchs Berichte
vielleicht sehr vielen Lesern erst würde empfohlen haben. Was mag er also mit
seiner Lais gewollt haben, da er, anstatt sie nun zuletzt mit Pausanias ein
ehrbares Leben führen zu lassen, diesem Pausanias vielmehr, ohne irgend eine
historische Verbürgung, einen solchen Charakter gegeben hat, der es unmöglich
machte, dass Lais solch ein Leben mit ihm hätte führen können? Wie es scheint,
hatte Wieland sich die doppelte Aufgabe gemacht, erst die vielen
widersprechenden Nachrichten von Lais durch Auffindung ihres wahrscheinlichen
Charakters und glaublicher Umstände in einen solchen Zusammenhang zu bringen,
dass die Widersprüche gelöst würden, wobei denn das ganz Unstattafte
stillschweigend verworfen werden musste, und dann zu zeigen, von welcher Art eine
Liebe habe sein müssen, deren ein weibliches Wesen von diesem Charakter
empfänglich war. Vor allen Dingen hat nun wohl Wieland darin Recht, dass er
einer, nach allgemeinem Zeugnis, so schwer zugänglichen, geistreichen Frau wenig
Temperament, und um ein gutes Teil mehr Kopf als Herz gab, so dass sie dessen,
was man Liebe nennt, nicht sonderlich empfänglich sein musste. Gleichwohl wurde
nun von ihr berichtet, dass sie einmal in ihrem Leben sogar eine
leidenschaftliche Liebe gefühlt habe, denn auch von der ältern Lais erzählt man
dieses. Es kam darauf an zu bestimmen, in welche Periode ihres Lebens diese
Liebe mit Wahrscheinlichkeit zu setzen sei. Historisch wahrscheinlich fiele dies
bei der einen und der andern Lais freilich in ihre Blütezeit, allein daran
glaubte Wieland sich nicht binden zu müssen, zumal da nur Anekdoten Bürgschaft
leisteten, und grösseren Unwahrscheinlichkeiten aus dem Wege zu gehen war, teils
nämlich denen, welche das Alter der einen Lais zu Korint, teils jenen, welche
die Sage von der zweiten Lais in Tessalien betreffen. Er zog es daher vor, die
Liebe seiner Lais so nahe an das Ende ihrer Blütezeit zu rücken, dass es
einerseits eben so glaublich wird, verschmähte Liebhaber, beleidigter Stolz und
Neid hätten wohl gewisse beissende Epigramme auf sie in Umlauf bringen können,
als von der andern, dass eben jetzt in einer solchen Frau eine solche Liebe und -
gerade zu einem solchen Manne entstehen konnte. Wer die Weiber kennt und nicht
ohne Welterfahrungen ist, wird gestehen müssen, dass hier alles dem natürlichen
Laufe der Dinge gemäss ist, und Wieland, dem Lais für seine Darstellung so viele
Dienste geleistet hatte als nur irgend möglich war, tat wohl, lieber dem
natürlichen Laufe der Dinge als widersprechenden Sagen voller
Unwahrscheinlichkeit zu folgen. Habe er nun weder in der einen noch der andern
Lais die griechische dargestellt, so ist seine Lais doch ein in sich vollendetes
Wesen, und die Zeichnung ihres Charakters, die Motivirung der Begebenheiten, und
die Schilderung der Art von Liebe, zu welcher diese Lais allein kommen konnte,
und die vielleicht nirgend so entwickelt ist als hier, sind ein dieses Meisters
so würdiges Werk, dass man selbst dann über den Mangel an Aehnlichkeit mit dem
Original hinwegsehen könnte, wenn er auch noch grösser wäre als er es in der Tat
doch nicht ist.
                                   4. Brief.
9 Der Hafen Piräeus bei Aten.
10 Diana bei den Traciern, deren Fest, Bendideia, seit der 88sten Olympiade
auch in Aten gefeiert wurde, wo ihr Tempel im Hafen, nicht weit von dem der
Artemis Munychia stand.
11 Sind hier wohl bloss in dem Sinne von Regelwidrigkeiten genommen; gewöhnlich:
Widerspruch eines Gesetzes mit dem andern.
12 Ein solcher, dessen Charakter Ironie ist.
13 Gyges, wurde, nach Platon, zufolge des Gebrauches eines magischen, unsichtbar
machenden Ringes, zum König von Lydien (vergl. Cic. de offic. 3, 9.), nach
Herodot aber (1, 8. fgg.) dadurch, dass der König Kandaules ihn genötigt hatte,
seine Gemahlin im Versteck entkleidet zu sehen, worüber diese, die den Gyges
entdeckt hatte, entrüstet, ihm nur die Wahl zwischen dem eignen oder des Königs
Tode liess. Gyges brachte den König um, und erhielt mit dessen Gemahlin auch sein
Reich.
                                   5. Brief.
14 Buch 3, Cap. 6.
15 (Nodum in scirpo quaerere) sprüchwörtliche Redensart für: auch da
Schwierigkeiten finden, wo keine sind; denn die Binsen haben keine Knoten.
16 Dogge. Die Landschaft Molossis in Epirus war wegen ihrer starken und mutigen
Hunde, die auch zur Jagd trefflich zu gebrauchen waren, berühmt.
17 Muskenkünste, mit Inbegriff aller der Wissenschaften, die zu einer wahrhaft
menschlichen Bildung wesentlich gehören.
18 Der Timoteus, von welchem hier die Rede ist, war einer der berühmtesten
Tonkünstler und musikalischen Dichter der Zeit, in welcher die sämmtlichen in
diesen Briefen vorkommenden Personen gelebt haben. Er wurde, zum Dank dass er den
Gesang und die Saitenmusik seiner Zeit (nach unsrer gewöhnlichen Vorstellung) zu
einer weit höhern Vollkommenheit gebracht als worin er beide gefunden, von den
strengern Anhängern der alten, äusserst einfachen, an wenige Formen gebundenen,
feierlich ernsten Musik für einen ihrer grössten Verderber erklärt, und unter
andern von dem komischen Dichter Pherecydes, seinem Zeitgenossen, in einem von
Plutarch aufbehaltenen beträchtlichen Bruchstück seines Chirons, sehr übel
mitgenommen. Indessen war nicht er, wie spätere Compilatoren sagen, sondern
(laut des besagten Fragments) ein gewisser Melanippides derjenige, der die
Saitenzahl der Lyra, welche schon sein Meister Phrynis, zum grössten Ärgernis
der Eiferer für die gute alte Sitte (S. die Anklagsrede des dikaios Logos in den
Wolken des Aristophanes) bis auf sieben gebracht hatte, noch mit fünf neuen
vermehrte. Wie dem aber sein mochte, genug Timoteus war, wie es scheint, der
erste, der mit einer eilf- oder zwölfsaitigen Magadis (einer Art von Citer, auf
deren Saiten ohne Plektron mit den blossen Fingern geklimpert wurde) zu Sparta
erschien, und sich unter andern mit einem dityrambisschen Gesang über die
bekannte Fabel von Jupiter und Semele hören liess. Aber die Spartanische
Regierung nahm diese sittenverderbliche Neuerung (wiewohl damals wenig mehr an
ihren Sitten zu verderben war) so übel, dass sie ein Dekret (welches uns Boëtius
in seinem Buche de Musica aufbehalten hat) abfasste, des Inhalts: »Demnach ein
gewisser Timoteus (oder Timoteor, wie man in Sparta zu sprechen pflegte) von
Milet in ihrer Stadt angekommen, und durch sein Spiel öffentlich bewiesen habe,
dass er die alte Musik und die alte Lyra verachte, indem er die Zahl der Töne und
der Saiten über alle Gebühr vermehrt, der alten einfachen Art zu singen eine
viel zusammengesetztere chromatische untergeschoben, auch in seinem Gedicht über
die Niederkunft der Semele die geziemende AnständigkeitA1 gröblich verletzt
habe: als hätten die Könige und Ephoren, in Erwägung dass solche Neuerungen nicht
anders als den guten Sitten sehr nachteilig sein könnten, und zu Verhütung der
davon zu besorgenden Folgen, besagtem Timoteor einen öffentlichen Verweis
gegeben, und befohlen, dass seine Lyra auf sieben Saiten zurückgesetzt und die
übrigen ausgerissen werden sollten.« - Dass Atenäus (im 10. Kap. des XIV. B.)
diese Anekdote nach andern Autoren anders erzählt, beweiset eben so wenig gegen
sie, als das Ansehen des edeln und für sein Zeitalter gelehrten Boëtius die
Aechteit des Dekrets, nach Verfluss von 1000 Jahren, verbürgen kann. Ich kenne
nicht eine einzige Griechische Anekdote dieser Art, die nicht von andern anders
erzählt würde. Gewiss ist indessen, dass das Dekret ganz im Geiste der
Spartanischen Aristokratie, die in allem streng über die alten Formen hielt, und
ihrem Geschmack in der Musik gemäss, abgefasst ist. W.
19 Tempern ist ein wenig mehr üblicher Kunstausdruck der Maler, und bedeutet so
viel als dämpfen, mildern.
20 Dass Plato durch dieses Vorgehen seinem Mährchen eine Art von Beglaubigung
geben wolle, ist klar genug: aber worauf er die Phönicische Abkunft desselben
gründet, und wer die Dichter sind, welche versichern, es habe sich an vielen
Orten zugetragen, weiss ich nicht. Denn dass er auf die bewaffneten Männer
anspiele, die aus der Erde hervorgesprungen sein sollen, als der Phönicier
Kadmus die Zähne des von ihm erlegten Castalischen Drachen in die Erde säete,
oder auf die goldnen, silbernen, ehernen, heroischen und eisernen Menschen des
Hesiodus, die nicht zugleich, sondern in aufeinander folgenden Generationen,
nicht aus dem Schoss der Erde hervorsprangen, sondern von den Göttern gebildet
und zum Teil gezeugt wurden, - ist mir nicht wahrscheinlich. Doch vielleicht
will er mit dieser anscheinenden Beglaubigung seines in der Tat gar zu
abgeschmackten Mährchens nicht mehr sagen, als mit dem etwas plattscherzhaften
Zweifel seines Sokrates: »ob es sich künftig jemals wieder zutragen dürfte.« W.
21 Nach der alten Vorstellung der Griechen von der Erdscheibe war Delphi der
Mittelpunkt derselben, und wurde darum der Nabel der Erde genannt. Apollon
sollte gerade deshalb sein Orakel daselbst gestiftet haben.
                                   6. Brief.
22 Praxilla, eine zu ihrer Zeit berühmte Skoliendichterin aus Sicyon, hatte ein
Lied verfertiget, worin Adonis, den sie so eben im Reich der Schatten anlangen
lässt, auf die Frage: was von allem, so er auf der Oberwelt habe zurücklassen
müssen, das Schönste sei? zur Antwort gibt: »Sonne, Mond, Gurken und Aepfel.«
Man fand diese Antwort so albern naiv, dass die Redensart, einfältiger als
Praxillens Adonis, zum Sprüchwort wurde. W.
23 Dass Platon hiemit hinstrebte nach der Unterscheidung des Erkenntnis-,
Begehrungs- und Gefühls-Vermögens, unterliegt so wenig einem Zweifel als das
grosse Verdienst, welches er sich um Psychologie erworben hat. Am zweckmässigsten
wird man mit dieser Stelle vergleichen Carus Geschichte der Psychologie S.
301-306.
                                   7. Brief.
24 Sind ein Paar Zauberworte von denen, die bei den Griechen Ephesia grammata
hiessen, womit von Betrügern und abergläubischen Leuten allerlei Alfanzerei
getrieben wurde, und über deren Abstammung und Bedeutung viel Vergebliches
philologisirt worden ist. W.
25 Platon sagt im fünften Buche seiner Republik: welche manches schön finden,
das Schöne selbst aber nicht sehen, noch zu dessen Anschauung sich zu erheben
vermögend sind; welche im Einzelnen manches gerecht finden, das Gerechte selbst
aber nicht begreifen: werden wir von solchen nicht sagen, dass sie nur meinen,
nicht aber wahrhaft erkennen? Und wie, werden wir von solchen, die jegliches an
sich anschauen, wie es ewig auf dieselbe Weise ist, nicht sagen, dass sie
erkennen, nicht aber meinen? Und werden wir solchen nicht Liebe für das
zuschreiben, was der Erkenntnis, den andern aber nur Liebe für das, was der
Meinung angehört? Nicht mit Unrecht werden wir daher diese als Philodoxen, jene
hergegen als Philosophen bezeichnen. Die nur, welche jedes in seinem Wesen, in
seinem wahren Sein umfassen, verdienen den Namen Philosophen.
26 Noësis und Dianoia, sind bei Platon eben so unterschieden wie bei uns
Vernunft- und Verstandeserkenntniss.
                                   8. Brief.
27 Des Tantalus Schicksal bereiten, dem ewig ein brennendes Verlangen erregt und
nie befriedigt wurde.
28 Ist bei Platon in der hier beurteilten Stelle die philosphische überhaupt,
und von der dialektischen Metode wird diesem gemäss behauptet, dass sie zur
Erkenntnis des Wesens führe. Platon selbst nimmt anderwärts Dialektik nicht in
dieser Bedeutung.
29 Aestetisch steht hier, so wie späterhin, in seiner ursprünglichen Bedeutung
für wahrnehmbar durch die Sinne.
30 Die sogenannte Platonische Zahl, wovon Aristipp hier mit einer Art von
Unwillen spricht, der ihm zu gut zu halten ist, hat von alten Zeiten her vielen
bene und male feriatis unter Philologen, Matematikern und Philosophen, manche
saure Stunde gemacht. Alle haben bisher bekennen müssen, dass ihnen die Auflösung
dieses Rätsels, oder vielmehr die Bemühung Sinn in diesen anscheinenden Unsinn
zu bringen, nicht habe gelingen wollen. Ich gestehe gern, dass ich den Versuch,
eine auch nur den schwächsten Schein einer sichtbaren Dunkelheit von sich
gebende Uebersetzung dieser berüchtigten Stelle, eben so wohl, wie der sehr
geschickte und beinahe entusiastisch für den göttlichen Plato eingenommene
Französische Dolmetscher über meine Kräfte gefunden habe. Herr Kleuker - dem wir
eine schwer zu lesende Uebersetzung der Werke Platons zu danken haben, die nicht
ohne Verdienst ist und einem künftigen lesbaren Uebersetzer die herculische
Arbeit nicht wenig erleichtern wird, - ist herzhafter gewesen als wir beide: und
da seine Dolmetschung wohl den wenigsten Lesern dieser Briefe zur Hand sein
dürfte, so sehe ich mich zu Aristipps und meiner eigenen Rechtfertigung beinahe
genötiget, von seiner mühsamen Arbeit dankbaren Gebrauch zu machen, und seine
wörtlich getreue Uebersetzung dieser Stelle, so wie sie die Platonische Zahl
betrifft, hier abdrucken zu lassen. Sie lautet folgendermassen:
 »- Alles Lebende auf Erden hat seine Zeit der Fruchtbarkeit und
Unfruchtbarkeit, der Seele und dem Körper nach. Diese Zeit ist zu Ende, wenn die
umkreisende Linie eines jeden Cirkels wieder auf den ersten Punkt seines Anfangs
kommt. Die kleinen Umkreise haben ein kurzdauerndes, die entgegengesetzten ein
entgegengesetztes Leben. Nun aber werden diejenigen, die ihr zu Regenten des
Staats gebildet habt, wie weise sie auch sein mögen, dennoch den Zeitpunkt der
glücklichen Erzeugung und der Unfruchtbarkeit eines Geschlechts durch alles
Nachdenken mit Hülfe der sinnlichen Erfahrung nicht treffen. Dieser Zeitpunkt
wird ihnen entwischen, und sie werden einmal Kinder zeugen, wenn sie nicht
sollten. Der Umkreis der göttlichen Zeugungen hält eine vollkommene Zahl in
sich: aber mit der Periode der menschlichen Zeugungen verhält es sich so:
        dass die Vermehrungen der Grundzahl, nämlich drei potenziirende und
        potenziirte Fortrückungen zur Vollendung, welche vier unterschiedene
        Bestimmungen des Aehnlichen und des Unähnlichen, des Wachsenden und des
        Abnehmenden annehmen, alles in gegenseitigen Beziehungen und
        ausgedruckten Verhältnissen darstellen. Die Grundzahl dieser
        Verhältnisse, nämlich die Einsdrei mit der Fünfe verbunden, gibt nach
        dreifacher Vermehrung eine zwiefache Harmonie; eine gleiche ins
        Gevierte, als Hundert in der Länge und Hundert in der Breite; eine
        andere, die zwar von gleicher Länge ist, aber mit Verlängerung der einen
        Seite, so dass zwar auch Hundert an der Zahl, nach dem diametrischen
        Ausdruck der Fünfen darin liegen, wovon aber jede dieser Fünfen noch
        eine bedarf und zwei Seiten unausgedruckt sind: Hundert aber folgen aus
        den Kuben der Dreiheit. Diese ganze Zahl ist nun geometrisch, und
        regiert über die vollkommnern oder unvollkommnern menschlichen
        Zeugungen. u.s.f.«
Herr Kleuker hat uns in einer Anmerkung zu dieser Platonischen Offenbarung,
welche ihm vielleicht doch erklärbar scheint, einen künftig nähern Aufschluss
darüber hoffen lassen; ob und wo er diese Hoffnung erfüllt habe, ist mir
unbekannt. W.
31 Von diesem wird erzählt, er habe seine Pferde mit Menschenfleisch gefüttert,
und zu diesem Behuf die Fremden, die in seine Gewalt gerieten, ermordet.
                                 Zu Brief 4-8.
Wollte der Herausgeber dem, wozu der verewigte Wieland ihn mehrmals aufforderte,
Genüge leisten, diese seine Beurteilung der sogenannten Platonischen Republik
wieder zu beurteilen, so müsste er besorgen, in den Fall Aristipps zu kommen,
über das beurteilte Buch ein wenigstens eben so dickes Buch zu schreiben.
Gesetzt nun auch, dass es Leser gäbe, die ihm dies danken würden, so wäre doch
hier schwerlich der Ort dazu. Um jedoch der Aufforderung einigermassen zu
genügen, will der Herausgeber wenigstens einige Bemerkungen mitteilen, die
vielleicht zu einer weiteren Vergleichung mit der Aristippischen Beurteilung
einladen. Im Betreff des Hauptzwecks dieses Dialogen und des Zusammenhanges der
Episoden mit demselben würde es Unrecht sein, eine Schrift nicht zu
berücksichtigen, welche Wieland, ungeachtet sie vier Jahre vor dem Aristipp
nicht erschienen war, doch nicht gekannt zu haben scheint, Morgensterns de
Platonis Republica Commentatio prima: de proposito atque argumento operis. Halle
l794. Hiemit sind zu vergleichen die Bemerkungen Garve's sowohl in seiner
Darstellung der verschiedenen Moralsysteme (S. 32 fgg.) als in den Anhängen zu
seiner Uebersetzung der Politik des Aristoteles (Bd. 2. S. 184 fgg.). Auf
Tiedemann, Tennemann und Buhle erst noch besonders zu verweisen, würde wohl
unnötig sein.
    Morgenstern unterscheidet in diesem Dialog den Hauptzweck und mehrere
Nebenzwecke. Dass der Hauptzweck nicht die Aufstellung einer idealen
Staatsverfassung sei, ungeachtet der Dialog den Namen davon trägt, und ein sehr
grosser Teil desselben sich damit beschäftigt, sondern Untersuchung über
Dikäosyne, darin stimmen alle unbefangenen Leser mit einander überein, und
Wieland lässt seinen Aristipp austrücklich sagen »ihm scheine die vornehmste
Absicht dahin zu gehen, der in mancherlei Rücksicht äusserst nachteiligen
Dunkelheit, Verworrenheit und Unhaltbarkeit der vulgaren Begriffe und
herrschenden Vorurteile über den Grund und die Natur dessen, was Recht und
Unrecht ist, durch eine scharfe Untersuchung auf immer abzuhelfen.« Hiebei kommt
nun aber bald ein Anstoss an dein Worte Dikäosyne, welches man gewöhnlich durch
Gerechtigkeit übersetzt. Platon gebraucht allerdings dieses Wort auch in dem
gewöhnlichen, in den bei weitem meisten Stellen dieses Dialogs aber in einem von
dem Sprachgebrauche ganz abweichenden Sinne, nach Morgensterns Ausdruck »beinahe
für Tugend überhaupt.« Wielands Aristipp hat dies auch nicht unbemerkt gelassen,
denn er sagt: »da ein Wort doch weiter nichts als ein Zeichen einer Sache, oder
vielmehr der Vorstellung, die wir von ihr haben, ist, so kann es dem Wort
Gerechtigkeit allerdings gleichviel sein, was Plato damit zu bezeichnen beliebt;
aber der Sprache ist dies nicht gleichgültig, und ich sehe nicht, mit welchem
Recht ein einzelner Mann, Philosoph oder Schuster, sich anmassen könne, Worte,
denen der Sprachgebrauch eine gewisse Bedeutung gegeben hat, etwas anders heissen
zu lassen als sie bisher immer geheissen haben. Was Plato unter verschiedenen
Formeln Gerechtigkeit nennt, ist bald die innere Wahrheit und Güte eines Dinges,
die ihm eben dadurch, dass es recht ist, oder dass es ist was es sein soll,
zukommt; bald die Ordnung, die daraus entsteht, wenn viele verschiedene mit
einander zu einem gewissen Zweck in Verbindung stehende Dinge das, was sie
vermöge dieser Verbindung sein sollen, immer sind; bald die Harmonie, die eine
natürliche Wirkung dieser Ordnung ist.« An einer andern Stelle sagt er: »Hätte
sich Plato auf das reichlich Genugsame einschränken wollen, so stand es nur bei
ihm, die Aufgabe, so wie er sie gestellt hatte, geradezu zu fassen; und da es
ihm, kraft seiner philosophischen Machtgewalt, beliebt hatte, den gemeinen und
zum Gebrauch im Leben völlig zureichenden Begriff der Gerechtigkeit zu
verlassen, und die Idee der höchsten Richtigkeit und Vollkommenheit der
menschlichen Natur an seine Stelle zu setzen, so bedurfte es, meines Bedünkens,
keiner so weitläufigen und künstlichen Vorrichtung, um ausfindig zu machen,
worin diese Vollkommenheit bestehe.«
    Unbezweifelt liegt hierin der Grundirrtum von Aristipps Beurteilung des
Ganzen, und man muss sagen, dass er zwar bis zu dem Punkte vorgedrungen, wo er den
richtigen Gesichtspunkt hätte fassen können, ihn aber nicht gefasst hat, und dass
deshalb gegen Platon nicht gerecht und billig verfahren wird. Nach Morgenstern
und Garve ist der Hauptzweck dieses Dialogs die Entwickelung des Platonischen
Moralsystems, welches, dem Erstgenannten zufolge, auf diesen Grundsätzen beruht:
1) dass der menschlichen Natur eine eigentümliche Tugend und Würde zukomme, die
sich dadurch beweise, dass jedes menschliche Vermögen das tue, was ihm zukomme,
dass die Vernunft befehle, die übrigen aber gehorchen, 2) dass diese Tugend ein
Gut an sich sei, Götter und Menschen mögen darum wissen oder nicht, 3) dass sie
aber gleichwohl die Quelle der reinsten, wahrhaftesten und dauerhaftesten
Glückseligkeit sei, und 4) dass man deshalb aus zwiefachem Grunde nach ihr als
dem höchstem Gute streben, das Laster hergegen als das höchste Uebel fliehen
müsse. Man sieht leicht, dass Platon die Selbstgesetzgebung der Vernunft im Auge
hat, aus welcher er die Tugend ableiten will, und dass er nach etwas Höherem
strebt als dem, was man bürgerliche Tugend nennen kann, nach einer rein
menschlichen Tugend, die auch aus der Befolgung anderer als der bürgerlichen
Gesetze entspringt. Nur hier konnte er Grund und Natur dessen, was Recht und
Unrecht, und zwar nicht bloss heute und morgen oder hier und da, sondern dessen,
was allgemein und ewig Recht und Unrecht ist, finden; nur wenn er die
Untersuchung bis auf diesen Punkt zurückführte, konnte er den vulgaren Begriffen
darüber auf immer abhelfen. Auf jeden Fall aber war es zweckmässig, dass er, um
auch andern seine Ueberzeugung mitzuteilen, von den vulgaren Begriffen ausging.
Dies tat er, und dadurch wurde einerseits der ganze Gang seiner Untersuchung,
er aber anderseits selbst bestimmt, den gemeinen und zum Gebrauch im Leben
völlig zureichenden Begriff der Gerechtigkeit zu verlassen, und die Idee der
höchsten Richtigkeit und Vollkommenheit der menschlichen Natur an seine Stelle
zu setzen, welches mit andern Worten nichts anders heisst als: die Gerechtigkeit
zur Tugend an sich zu erheben, wozu er mehr Grund und Recht hatte, als Wielands
Aristipp ihm zugestehen will. Um aber bis auf diesen Punkt zu kommen, bedurfte
es in der Tat aller der weitläufigen und künstlichen Vorrichtung, die Platon
gemacht hat, und Aristipp hat hierin Unrecht.
    Man muss wohl bedenken, dass Platon ja noch keineswegs die volle Wahrheit
schon in den Händen hatte, sondern sie erst suchte, dass ihm zwar das Ziel hell
und klar vor Augen war, dass er aber den Weg dahin noch nicht kennen konnte, und
dass es einen gewissen Punkt gab, von dem er ausgehen musste, der Punkt nämlich,
auf den ihn selbst seine zwei grössten Vorgänger gestellt hatten. Alles müsste
mich trügen, oder Platon hatte zunächst den Sokrates vor Augen, der in Ansehung
dessen, was Recht sei, noch ziemlich befangen war, denn er blieb meist bei dem
stehen, was die Staatsgesetze gebieten, wobei aber dem Platon notwendig die
Bedenklichkeit aufstossen musste, ob denn alles, was die Staatsgesetze gebieten,
auch Recht sei. Da musste er nach einer andern Ableitung dessen, was Recht sei,
sich umsehen, und zu erforschen suchen, was Recht an sich sei. Da stiess er auf
die Pytagoräer, die ihn zur rechten Quelle leiteten, zu dem Grunde in der
menschlichen Natur selbst. Hier fand er die vier Cardinal- oder Haupt-Tugenden,
die Weisheit als die Tugend des Verstandes, Mässigung und männlichen Mut
(Tapferkeit) als Tugenden des Begehrungsvermögens, und endlich die
Gerechtigkeit, die alle Tugenden zu Einer Tugend macht, die ganze Seele zu
Harmonie stimmt, aber die keinem besondern Vermögen zugehörte. Platon bestimmte
diesem gemäss den Begriff der Gerechtigkeit und konnte ihn ohne grosse
Schwierigkeit auf seine Weise bestimmen, ohne der Sprache grosse Gewalt anzutun,
wie wir es in unserer Sprache mit dem Worte Gerechtigkeit leicht auch können
würden. Sie erschien ihm als die Beschaffenheit der menschlichen Natur, wie
diese ihrem moralischen Vermögen zufolge sein soll, als moralische
Vollkommenheit.
    Wenn nun Wielands Aristipp äussert, diese sei viel leichter ausfindig zu
machen gewesen als auf Platons Wege, so übersieht er den Vorteil, den in den
ersten Büchern Platon sich dadurch schaffte, dass er gleich alles zusammenfasste,
was beseitigt werden musste, wenn seine Ideen Eingang finden sollten, - und dies
war nichts Geringeres als die Erfahrung des wirklichen Lebens, die Art der
Erziehung und die Gegenstände des Unterrichts, der Einfluss der Sophisten und
Redner, der Dichter und der Priester, - und dass er in dem Nachfolgenden auf
Schwierigkeiten stossen musste, die, wenn sie uns leichter zu heben sind, es doch
nicht für Platon sein konnten. Er hatte seine Angabe zu erweisen aus der
menschlichen Natur selbst, allein dazu fehlten ihm die Vorarbeiten der
Psychologie und Antropologie, zweier Wissenschaften, die er selbst erst, man
kann wohl sagen neu zu schaffen hatte, und um die er sich, bei allem Einzelnen
worin er irrte und irren musste, im Ganzen so grosse Verdienste erwarb, dass ich
noch jetzt für die dereinstige Vollendung dieser Wissenschaften keinen andern
Weg weiss als den er einschlug. Was als Ahnung der Wahrheit in der Tiefe seiner
Seele lag, war wohl kaum auf geradem Wege mitzuteilen möglich, und er schlägt
daher einen Weg ein, der, wie Garpe sagt, dem Dichter mehr als dem Philosophen
ansteht, den Weg der Vergleichung. Wielands Aristipp urteilt hierüber sehr
richtig, wenn er sagt: »Die Gerechtigkeit besteht, nach ihm, in dem reinsten
Zusammenklang aller Kräfte zur möglichsten Vollkommenheit des Ganzen unter der
Oberherrschaft der Vernunft. Um dies seinen Hörern anschaulich zu machen, war es
allerdings der leichtere Weg, zuerst zu untersuchen wie ein vollkommen wohl
geordneter Staat beschaffen sein müsse, und erst dann, durch die entdeckte
Ähnlichkeit zwischen der innern Oekonomie unsrer Seele mit der wesentlichen
Verfassung und Verwaltung eines wohlgeordneten Gemeinwesens, die wahre Auflösung
des Problems ausfindig zu machen. Auf diese Weise wurden sie in der Tat vom
Bekanntern und gleichsam in grössern Charaktern in die Augen Fallenden auf das
Unbekanntere geführt; denn was der Mensch gewöhnlich am wenigsten kennt, ist das
Innere dessen was er seine Seele nennt.«
    Was Platon von der Staatsverfassung sagt, soll also bloss Mittel zu dem
Zwecke sein, die ideale Menschennatur kennen zu lehren. Wenn dies geschehen
sollte, so musste Platon auch das Ideal einer Staatsverfassung schaffen, wobei
mir nicht unwahrscheinlich ist, dass er eigentlich nur die ägyptische Verfassung
mit ihrem Kastenwesen idealisirt habe. Wie dem aber sei, genug er schafft ein
solches Ideal, und zwar ganz sichtlich zum Behuf der Vergleichung. Die
Vergleichungspunkte, die er durchführt, sind der einzelne Mensch und der Staat,
die drei Seelenformen des Menschen und die Stände des Staates, die Tugenden und
eben diese Stände. So erhält er folgende Parallele:
Stand der
Regierenden = Seelenform
der Vernunft = Weisheit
und Klugheit;
Stand der
Beschützenden = Seelenform
des Affects = Tapferkeit;
Stand der
Gewerbetreibenden = Seelenform
des Begehrens = Mässigung;
wobei man leicht bemerken kann, dass von den Cardinaltugendcn nur drei angeführt
werden, die vierte aber, um deren Wesen es der Untersuchung gerade zu tun ist,
noch nicht zur Erscheinung kommt. Hierin liegt nun aber auch die
Hauptschwierigkeit, wie einst für Platon selbst, so für jeden, der ihn verstehen
will, und zwar entspringt diese Hauptschwierigkeit aus der dem Platon eigenen
Bestimmung des Begriffs der Gerechtigkeit. Hätte er diesen im gewöhnlichen Sinne
gefasst, so hätte er die Gerechtigkeit bloss darstellen können als eine Pflicht,
als Gesetzmässigkeit der Handlungsweise. Er hatte sie aber aufgefasst als
Vollkommenheit, und dies veränderte den ganzen Gesichtspunkt, den man jedoch
schwerlich finden wird, wenn man sich von dem deutschen Worte Vollkommenheit
lässt irre leiten. Diese ist in Platons Sinne nicht etwa ein zu Stande
gebrachtes, ruhendes, untätiges Product, nicht eine Wirkung oder ein Werk jener
drei Seelenformen oder Tugenden, sondern vielmehr eine Kraft, und zwar die Kraft
der Gesinnung, des sittlichen Willens, wodurch alle Tugeuden erst zu Tugend
werden, und in dieser Hinsicht die Tugend selbst. Aus dem Wirken dieser Kraft
geht erst ein Product hervor, die Gesundheit, Wohlgestalt, Schönheit der Seele,
welche zuletzt als Gottähnlichkeit dargestellt wird.
    Wohl könnte man wünschen, dass Platon zur Bezeichnung jener Kraft sich eines
andern Wortes als des der Gerechtigkeit bedient haben möchte: wie nun aber, wenn
er, ohne sich gerade dieses Wortes zu bedienen, weder selbst auf diese Höhe des
Standpunktes gekommen wäre, noch uns darauf hätte führen können? Mir scheint,
dass Platon in seiner Untersuchung gerade darum, weil er von dem Begriff der
Gerechtigkeit ausging, mit dessen gewöhnlicher Bestimmung er nicht zufrieden
war, auf eine höhere Ableitung desselben kam, und dass eben dieses ihn auf die
wichtigsten Entdeckungen im Gebiete der Etik sowohl als der Politik führte.
Indem sich bei ihm, wie Schleiermacher in seiner Kritik der Sittenlehre sich
ausdrückt (S. 325), »diejenige Tugend, welche sich am meisten auf die
Verhältnisse gegen Andre zu beziehen scheint, als diejenige zeigt, welche der
Mensch am meisten in und gegen sich selbst zu üben hat, und welche allein ihn in
sich selbst zu erhalten vermag« oder wie es an einer Stelle heisst (S. 250),
indem er die Gerechtigkeit nicht bloss als gesellige Tugend, sondern als »die
gleiche auf den Handelnden selbst sich beziehende Gesinnung aufsuchte,«
entdeckte er den reinen Tugendbegriff selbst, und stellte diesem gemäss die
Tugend als etwas lediglich Innerliches dar, als diejenige Gesinnung, denjenigen
Willen, wodurch erfüllt werden ohne Hinsicht auf Lohn oder Strafe die Gesetze
der Vernunft, die zugleich die Gesetze der Gotteit sind. Nur aber wenn dies
gefunden war, konnte die bürgerliche Gesetzgebung als etwas Untergeordnetes
erscheinen, und Platon auf den Gedanken kommen, dass auch die Politik auf der
sittlichen Idee ruhen solle. Dass sie nicht darauf ruhe, so wenig als das
gewöhnliche Leben der Menschen, sah er vollkommen klar und bewies es, indem er
die Wirklichkeit im Contraste mit seinem Ideal in einer neuen Parallele
aufstellte, gegen die Eine Staatsverfassung nämlich, wie sie sein soll -
Monarchie oder Aristokratie, Regierung der Vernunft und des Guten - wie sie
sind, eben so viele als Leidenschaften das menschliche Leben von der Vernunft
und Sittlichkeit zur Abweichung bringen. Er stellt darum gegenüber
der Timokratie die Ehrsucht
dcr Oligarchie die Habsucht
der Demokratie die Genusssucht
der Tyrannie die Herrschsucht;
bei welcher Schilderung ihm unverkennbar wirkliche Staaten und Personen
vorschwebten. Indem er ihren verdorbenen Zustand und ihr zweckwidriges Treiben
schilderte, durfte er hoffen, die Ueberzeugung zu bewirken, dass von ihnen die
zuverlässige Regel dessen, was Recht sei, nicht entnommen werden könne, und dass
die positive Gesetzgebung von einer höheren das Gesetz erhalten müsse. Selbst
hievon überzeugt, stellte er die Idee der Menschheit und des Staates in das
reinste Licht, und verknüpfte beide durch ein gemeinschaftliches Band, durch die
Idee der Sittlichkeit. Das Verhältnis der Menschheit und des Staates zu der Idee
der Sittlichkeit stellt er als völlig gleich dar, und man muss annehmen, dass,
dieses zu zeigen, sein Hauptzweck war. Desshalb kann ich Morgenstern nicht
beistimmen, wenn er die Aufstellung der Staatsverfassung für den vorzüglichsten
Nebenzweck in diesem Dialog ausgibt. Platon sieht den Staat aus dem
Gesichtspunkte der Menschheit an, und die Menschheit aus dem Gesichtspunkte des
Staats - wie er denn am Ende seiner Parallele selbst sagt, dass der Mensch in
sich einen Staat darstelle - und so konnte er beide nicht von einander trennen;
die gleichmässige Betrachtung beider war ihm notwendig, und man wird nun, zumal
wenn man bedenkt, um wie viel wichtiger der Staat einem Griechen erschien als
uns, erraten können, warum er seinem Dialog die Ueberschrift gab: von der
Staatsverfassung (Politeia), und - warum er damit missverstanden wurde.
    »Die Platonische Republik, sagt Kant (Krit. d.r. Vft. S. 372), ist, als ein
vermeintlich auffallendes Beispiel von erträumter Vollkommenheit, die nur im
Gehirn des müssigen Denkers ihren Sitz haben kann, zum Sprüchwort geworden, und
Brucker findet es lächerrlich, dass der Philosoph behauptete, niemals würde ein
Fürst wohl regieren, wenn er nicht der Ideen teilhaftig wäre. Allein man würde
besser tun, diesem Gedanken mehr nachzugehen, und ihn (wo der vortreffliche
Mann uns ohne Hülfe lässt) durch neue Bemühungen ins Licht zu stellen, als ihn,
unter dem sehr elenden und schädlichen Vorwande der Untbunlichkeit, bei Seite zu
setzen«. So billig wie Kant liessen nicht Philosophen und Staatsmännern der
Absicht Platons Gerechtigkeit widerfahren, und am allerwenigsten die, welche
sich eingebildet hatten, Platon habe hier eine ausführliche Teorie der
Staatsverfassung liefern wollen; ein Gedanke, den sie nicht gefasst haben würden,
wenn sie, was ihnen zuzumuten war, diese Schrift mit Platons übrigen
politischen Schriften verglichen hätten, bei dem es ihnen aber ganz leicht
wurde, den Philosophen einer eben so grossen Mangelhaftigkeit als
Oberflächlichkeit zu beschuldigen.
    Den grössten Anstoss bei diesem Dialog hat man indes von jeher an einzelnen
jener Vorschläge und Ausführungen genommen, welche, nach Morgensterns Ansicht,
als Nebenzwecke mit dem Hauptzwecke in Zusammenhang gebracht worden sind: 1)
psychologischer Grundriss von dem Seelenvermögcn des Menschen, 2) Grundriss einer
Encyklopädie der Wissenschaften; 3) Ideen über Erziehung und Unterricht; 4) die
mit der Gotteslehre zusammenhängende Ideenlehre; 5) die Schilderung eines ächten
Philosophen; 6) Grundriss einer Teorie und Kritik der schönen Künste, die zum
grossen Teil, wegen ihres schädlichen Einflusses auf die Sittlichkeit, aus dem
Staate verbannt werden sollen; 7) Gemeinschaft der Weiber, Kinder und Güter bei
der Kriegerkaste. Dass jeder dieser Punkte von der Art sei, um uns geradeswegs
auf den Tummelplatz streitiger Meinungen zu führen, sieht man auf den ersten
Blick; es ist daher unmöglich, dass wir uns auf jeden einzeln hier einlassen
könnten. Bleiben wir also bei der Frage stehen, ob sie als blosse Episoden zu
betrachten sind, und ob sie wesentlich in diese Untersuchung gehörten oder
nicht.
    Hat man die Absicht der ersten Bücher richtig gefasst, so entdeckt man bald,
dass hier ein neuer Parallelismus statt findet. Platon sucht hier jedem, was er
dort als aus der Wirklichkeit zu beseitigend zusammengefasst hatte, das Bessere,
oder vielmehr das, was sein soll, entgegen zu stellen, der Erfahrung des
wirklichen Lebens die wahre Beschaffenheit der Menschennatur, der Art der
Erziehung und des Unterrichts nicht nur eine bessere Metode, sondern auch den
Geist der Wissenschaftlichkeit und ächten Philosophie, den Sophisten seinen
Weisen, den Dichtern und Rednern seine Kritik der schönen Künste, die er nicht
ohne deren Teorie vortragen konnte, und den Priestern - am behutsamsten - seine
Ideen- und Gotteslehre, die mit seiner Tugendlehre aufs innigste zusammenhängt.
Nur für den siebenten der angeführten Punkte findet sich keine solche Beziehung
auf ein Vorhergehendes, und man kann das so ausführliche Detail über ihn
allerdings als eine müssige Episode betrachten, dahingegen, wenn man auch die
Ausführung der übrigen Punkte aus dem Gesichtspunkte der Episoden betrachten
will, man sie keineswegs als müssige ansehen kann, indem sie wesentlich in das
Ganze eingreifen. Was ihre Anlage betrifft, so ist vielleicht mehr Kunst darin,
als man bisher vermutct hat; die allzuverborgene Kunst aber scheint gerade hier
dem Künstler geschadet zu haben, da doch alte ohne Ausnahme geurteilt haben,
Platon habe sich - wie Fülleborn am billigsten sich ausdrückt - seines
Hauptzwecks uneingedenk, es sei durch Zeitumstände, es sei durch die Neuheit
seiner Ideen verleitet, sich in zu detaillirte Vorschläge ausgelassen.
    Will man nun nach diesen Andeutungen Aristipps Beurteilung beurteilen, so
dürfte sich finden, er habe den Hauptzweck nicht völlig genau aufgefasst, der
Absicht Platons keine volle Gerechtigkeit widerfahren lassen, auf die
Mangelhaftigkeit der Mittel zu Erreichung des Zweckes keine billige Rücksicht
genommen, dagegen in Einzelnem richtiger gesehen, treffender geurteilt als die
meisten, und über die Form, wenn ihm gleich, wie allen, ein Hauptpunkt verborgen
geblieben war, doch das Vorzüglichste gesagt, was über dieses merkwürdige
philosophisch-poetische Kunstwerk bisher gesagt worden ist. Man vergesse nun
aber bei dem allem nicht, dass Aristipp es ist, welcher hier urteilt, und dass
Wieland, gesetzt auch er selbst wäre so Platonisch als Platon selbst gewesen,
diesen doch nicht in einen Platonikcr hätte verwandeln dürfen.
                                   9. Brief.
32 Platon, dessen Akademie hiedurch ironisch den Mysterien, wie er selbst dem
Oberpriester derselben, dem, der das heilige Wort ausspricht, gleichgestellt
wird.
                                   10. Brief.
33 Zu dem, was früher hierüber gesagt worden, will ich hier nur die eben so
kurze als treffende Schilderung derselben von Schleiermacher beifügen. Dem
Platon, sagt er, erscheint das unendliche Wesen nicht nur als seiend und
hervorbringend, sondern auch als dichtend, und die Welt als ein werdendes, aus
Kunstwerken ins Unendliche zusammengesetztes, Kunstwerk der Gotteit. Daher
auch, weil alles Einzelne und Wirkliche nur werdend ist, das unendliche Bildende
aber allein seiend, sind ihm auch die allgemeinen Begriffe die lebendigen
Gedanken der Gotteit, welche in den Dingen sollen dargestellt werden, die
ewigen Ideale, in welchen und zu welchen Alles ist. Da er nun allen endlichen
Dingen einen Anfang setzt ihres Werdens, und ein Fortschreiten derselben in der
Zeit, so entsteht auch notwendig in allen, denen eine Verwandtschaft mit dem
höchsten Wesen gegeben ist, die Forderung, dem Ideale desselben anzunähern, für
welche es keinen andern erschöpfenden Ausdruck geben kann als den, der Gotteit
ähnlich zu werden.
34 Das Selbstgute, das Gute an sich, das vollkommene Gute, ist der Name, welchen
Platon der Gotteit gibt, gewiss nicht allein, um sich von dem priesterlichen
System zu unterscheiden, sondern weil das Gefühl eines moralischen und
religiösen Bedürfnisses ihn bei seinem Philosophiren leitete. - Diejenigen,
welche gemeint haben, dass davon Wieland nichts gewusst, müssen - nebst vielem
andern von ihm - auch diesen Brief Speusipps nicht gelesen haben; und wer wollte
läugnen, dass ihnen allerdings ihre Beurteilung oder Verurteilung dadurch sehr
erleichtert worden ist! - Möge nur nicht der folgende Brief, der leider von
Aristipp ist, die gute Meinung wieder vertilgen!
                                   11. Brief.
35 Agave, die Tochter des Kadmos, des Stifters von Teben in Böotien, war
vermählt mit Echion, dem sie den Penteus gebar. Dieser widersetzte sich der
Einführung der neuen Religion des Bakchos, welcher dafür eine grausame Rache
nahm, denn er verwirrte den Sinn des Penteus und seiner Mutter, die in
Bakchischer Wut das Haupt ihres Sohnes abriss, wähnend einen Löwen getödtet zu
haben. So in den Bakchischen Frauen des Euripides.
36 Im Apollonstempel zu Delphi fand man die dreimal in Gold, Erz und Holz
ausgeführte Aufschrift Ei, welches eben so wohl ist als wenn oder ob bedeuten
kann. Plutarch hat über dies Rätsel eine eigne Abhandlung geschrieben.
37 Homer in der Ilias 18, 373 berichtet, Hephästos habe Dreifüsse verfertigt und
Goldene Räder befestigt' er jeglichem unter den Boden,
Dass sie aus eigenem Trieb in die Schaar eingingen der Götter,
Dann zu ihrem Gemach heimkehrten, Wunder dem Anblick.
Ideen s. die Anm. zu den Briefen von Verstorbenen, 4. Br. Bd. 26. - Man muss hier
bei Beurteilung Platons in Anschlag bringen, dass ihm die Wahrheit vorschwebte,
dass er sie aber darum nicht zu fassen vermochte, weil ihm das Mittel dazu fehlte
- die Teorie der Einbildungskraft.
                                   12. Brief.
38 Der Atenische Astronom Meton, ein Zeitgenosse des Sokrates, machte sich
einen unsterblichen Ruhm durch die Einführung der unter seinem Namen bekannten
Periode (die güldene Zahl). Sie entält 6940 Tage, welches bis auf wenige
Stunden 19 Sonnenjahre und 235 Monate ausmacht, nach deren Verlauf die Neu- und
Vollmonde wieder auf dieselben Tage des Jahres fallen.
                                   13. Brief.
39 Odysseus, s. Odyssee 9, 94 fgg.
40 Die griechische Name von Kartago.
41 Von gestorbenen Kindern gebrauchte der Grieche den Ausdruck, Aurora habe sie
entführt.
                                   14. Brief.
42 Dieser Zeitgenosse des ältern Dionysius, nach Einigen aus Naukratis, nach
Andern aus Syrakus gebürtig, war eine Zeitlang mit jenem Tyrannen aufs engste
verbunden und ihm durch seinen Reichtum sehr nützlich, erregte aber dann durch
die, ohne des Tyrannen Wissen, mit der Tochter von dessen Bruder Lepines
geschlossene Ehe Verdacht gegen sich, ward verwiesen, und begab sich nach Adria,
wo er seine Muse dazu benutzte, die Geschichte Siciliens zu schreiben, die aus
13 Büchern in 2 Abteilungen bestand, deren zweite mit Dionysius anhub. Unter
mehreren Andern rühmt ihn auch Cicero, der über ihn an seinen Bruder (Epp. ad
Quint. Fratr. 2, 13 Ausg. von Schütz Bd. 2, Br. 134) also schreibt (Wielands
Uebers. Bd. 2, S. 369): »der Sicilianer (Philistus) geht immer auf den Grund der
Sache, ist gedankenreich, scharfsinnig, gedrängt, beinahe ein kleiner
Tucydides. Ich weiss aber nicht, welches von seinen Werken du hast, denn ihrer
sind zwei, oder ob beide? Ich finde vorzügliches Vergnügen an seinem Dionysius,
der ein durchtriebener alter Schlaukopf und dem Philistus durch und durch
bekannt war.« Den meisten Nachrichten zufolge ward er erst unter Dionysius dem
Jüngeren zurückberufen, und zwar nicht ohne Betrieb der Höflinge, die durch ihn
gegen den Einfluss Platons und Dions ein Gegengewicht zu erlangen hofften, und in
dieser Hoffnung sich nicht betrogen, denn er wirkte dem Platon auf alle Weise
entgegen und bewirkte hauptsächlich Dions nachmalige Vertreibung. In dem von
diesem hierauf begonnen Kriege kam Philistus mit einer Flotte dem Dionysius zu
Hülfe, wurde geschlagen, und soll nach Einigen sich selbst entleibt haben, nach
Andern von Dions Truppen umgebracht worden sein. Er wird geschildert nicht bloss
als Freund der Tyrannen, sondern auch der Tyrannei, und von Plutarch erfahren
wir (im Leben Dions), dass er eben so bittre Tadler als übertriebene Lobredner
fand. Dies nun scheint Wieland veranlasst zu haben, auch hier die Wahrheit in der
Mitte zu suchen. Die Schilderung, die er von diesem so geistreichen und
gewandten als zweideutigen Mann entwirft, vergleiche man mit dem, was Sevins
über ihn im 19. Bande der Mémoires de l'Académie des inscriptions gesagt hat.
                                   16. Brief.
43 Wenn man mit Rochow Philosophiren durch das, sonst für Raisonniren
einigermassen gebräuchlich gewordene, Vernunften übersetzen will, so dürfte dies
schwer übersetzliche Wort vielleicht durch Narrheit-vernunftend ausgedrückt
werden, da es von den Morosophen, den närrisch-Weisen, doch unterschieden werden
muss.
44 Gesellschafter, Schüler.
45 Solöcismen, nennen die Sprachlehrer alle Eigentümlichkeiten der schlechten
Art, wie man vermutet nach der Stadt Soli in Cilicien, der eine schlechte
Mundart eigen gewesen sein muss.
                                   17. Brief.
46 Wäre Aristipp mit der Teorie der Temperamente und einigen nachfolgenden
Philosophen bekannt gewesen, so würde er ohne Zweifel versucht haben, die
verschiedenen Gattungen der Philosophen auf diese zurückzuführen, und dürfte
dann gesagt haben, dass die Natur den Sanguiniker zum Aristipp-Epikur und
allenfalls zum Cyniker, den Choleriker zum Stoiker, den Melancholiker zum
Platoniker, und den Phlegmatiker zum Aristoteliker geschaffen habe. Hätte er
ferner zu seiner Zeit schon wissen können, dass überhaupt nur vier verschiedene
Systeme der Metaphysik möglich sind, so würde er auch diese eben so auf jene
Temperamente zurückgeführt haben, wie Kant die verschiedenen Religionsansichten.
Um den Aerger der Leute, die da meinen, dass Ein Schuh an jeden Fuss passen müsse,
würde er sich vermutlich wenig gekümmert haben.
                                   18. Brief.
47 War der Bruder des berühmten Feldherrn und Befreiers Siciliens, Timoleon,
durch dessen Hand (wenigstens nach Diodor, von welchem Plutarch abweicht) jener
fiel, weil er nach der Alleinherrschaft strebte, und durch gütliche
Vorstellungen von seinem Vorhaben sich nicht abbringen liess.
    Mit diesem Briefe hat Wieland diese Sammlung geschlossen, allein, wie es
scheint, nicht beendigt, weder in Hinsicht auf Aristipp, noch auf die Ereignisse
jener Zeit. Wie diese Sammlung jetzt ist, reicht sie bis auf den Tod des alteren
Dionysius, also bis in das Jahr 368 vor unserer Zeitrechnung. Angenommen, dass
nach der grossten Wahrscheinlichkeit Aristipp bei dem Tode des Sokrates 25 Jahre
zählte (Anm. zu Bd. 22 Einl.), so stand er jetzt in einem Alter von 56 Jahren.
Gerade jetzt aber kommt erst noch die wichtigste Periode seines Lebens, nämlich
die Regierungszeit des jüngern Dionysius, erst bis zur Vertreibung desselben
durch Dion i.J. 355, und dann bis zu dessen Verweisung nach Korint i.J. 343.
Kurz zuvor erst hatte sich Aristipp, ein etwa achtzigjähriger Greis, vom Hofe
dieses Tyrannen nach Aten begeben. Diese Zeit nun aber, welche Aristipp am Hofe
zu Syrakus zubrachte, mag wohl die wichtigste zu seiner Beurteilung genannt
werden, indem die Anekdotensammler des Altertums eben aus ihr das Meiste
berichten, was ihm bei der Nachwelt so bösen Leumund gemacht hat, dass Viele sich
für berechtigt hielten, ihn für etwas weit Verächtlicheres als einen blossen
Hofnarren zu erklären. Dass Wieland, nach der gemachten Anlage, einen ganz andern
Gesichtspunkt für die Beurteilung gefasst haben würde, ist keinem Zweifel
unterworfen, und gewiss würde seine Darstellung sehr anziehend gewesen sein. Wie
sehr indes auch dieser Verlust zu beklagen sein mag, so ist es doch ein anderer
weit mehr. Die wichtigsten Ereignisse aus der philosophischen und politischen
Welt fallen in diesen Zeitraum, und sie zu schildern und auf seine Weise zu
beurteilen, hatte Aristipp die dringendste Veranlassung. Wer sollte nicht
erwarten, dass die zweimalige Reise Platons zu dem jüngeren Dionysius und der
Aufentalt an dessen Hofe die Veranlassung gegeben haben würde, den Punkt über
die Platonische Republik vollends ins Reine zu bringen, und zur Beurteilung der
ganzen Platonischen Philosophie wenigstens einen Blick auf Aristoteles geworfen
zu sehen, auf diesen wichtigsten Schüler und Gegner Platons, dessen Blüte in
diese Periode fällt! Wer sollte nicht erwarten, dass Aristipps Tochter Arete,
durch welche die Kyrenaische Schule fortgesetzt wurde, gerade von jetzt an noch
weit mehr würde hervorgehoben worden sein! Und wie viel Wichtiges bot die
politische Welt dar! Abgesehen von der Schilderung des Dionysischen Hofes, und
so interessanten Personen, als in Philistus, Dion und Timoleon dabei vorkommen;
abgesehen von der Umgestaltung der Dinge, die sich in Kyrene vorbereitete: fällt
nicht in eben diese Zeit die wichtigste Umgestaltung von ganz Griechenland durch
die Macedonischen Könige? Fällt nicht der Anfang einer neuen Periode der Poesie
und Kunst in diese Zeit? - Man müsste die vorliegende Briefsammlung wenig
aufmerksam gelesen haben, wenn man nicht wahrgenommen hätte, dass Wieland die
Anlage dazu gemacht hat, alle diese Gegenstände in den Kreis seiner Darstellung
zu ziehen, sehr auffallend sogar noch in dem letzten Briefe. Bei dieser Anlage
ist es aber auch geblieben, und so hat Wieland es seinen Lesern überlassen, in
seinem Agaton, Diogenes und Krates einen Tcil dessen zu suchen, was er sie
hier vermissen lässt, in Ansehung des Uebrigen aber ihre eigne Divinationsgabe zu
versuchen, welcher der Herausgeber auf die Spur zu helfen gewiss nicht einmal
nötig gehabt hätte.
 
                                    Fussnoten
A1 Nämlich durch das fürchterliche Geschrei, welches er die in des Donnerers
allzufeuriger Umarmung sich verzehrende und vor Angst und Schmerz zu früh von
dem jungen Bacchus entbundene Semele erheben liess; wie aus einer Stelle im
Atenäus, Bd. VIII. Kap. 5. erhellet; denn eine andere Art von Unziemlichkeit
ist hier nicht zu vermuten.
 
    