
        
                            Christian August Vulpius
                     Rinaldo Rinaldini der Räuberhauptmann
                             Romantische Geschichte
                                   Erster Teil
 Nunquam ad liquidum fama perducitur
                                                                      Q. CURTIUS
 Ganz Italien spricht von ihm; die Apenninen und die Täler Siziliens hallen wider
von dem Namen Rinaldini. Er lebt in den Canzonetten der Florentiner, in den
Gesängen der Kalabresen, und in den Romanzen der Sizilianer. Er ist der Held der
Erzählungen in Kalabrien und Sizilien. Am Vesuv und am Ätna unterhält man
Rinaldinis Taten. Die geschwätzigen Städtebewohner Kalabriens versammeln sich
abends vor ihren Häusern und jeder in der Versammlung weiss ein Geschichtchen von
dem valoroso Capitano Rinaldini zu erzählen. Es ist ein Vergnügen, sie darinnen
wetteifern zu hören. Die Hirten in Siziliens Tälern unterhalten sich
wechselseits mit Rinaldinis Abenteuern, und der einsilbige Landmann, der des
Tages Last und Hitze trug, wird belebt, wenn er des Abends im Zirkel seiner
Bekannten von Rinaldini sprechen kann. Weib und Mädchen, Jünglinge und Knaben
hören mit Entzücken ihre Väter und Männer von Rinaldini sprechen. Kein Schlaf
kommt in ihre Augen, will der Hausvater bei der Arbeit sie munter erhalten, und
erzählt von Rinaldini. Er ist der Held der Erzählungen in den einsamen
Wachttürmen der verschlossenen Soldaten an der Küste, und gibt den Seeleuten
Stoff zur Unterhaltung, wenn die Langeweile eines müssigen Landlebens oder einer
Windstille auf dem Meere sie quält. Von Verdecken wie von Berggipfeln, in
Spinnstuben wie in blumigen Tälern ertönen die Canzonetten, die auf Rinaldini
gedichtet wurden, und über so manche küssliche Lippe schleicht harmonisch der
Sang:
»An der lauten Meeresküste,
In dem Tal, in Feld und Wald,
In der öden Berge Wüste
Such ich deinen Aufentalt.
Rinaldini! dich zu finden
Eil' ich ängstlich durch die Flur,
Und um mich Verlassne schwinden
Alle Reize der Natur.«
Sanfte Rosa, die Betrübte,
Die ihn im Gefecht verlor.
Ängstlich weinte die Geliebte,
Die Rinaldo sich erkor.
Sieh, da glänzt' im Mondenschimmer
Hell ein aufgespanntes Rohr.
Rosa sah des Rohrs Geflimmer,
Das in Büschen sich verlor.
»Ach dahin! Ich werd' ihn finden,
Sagt des Herzens Ahnung mir.
Und wenn alle Sterne schwinden,
Zeigt die Liebe Pfade mir.
Saht ihr nicht, ihr hellen Sterne,
Saht ihr nicht den kühnen Mann,
Den ich suche nah und ferne,
Ach! und ihn nicht finden kann?
Husch! und horch! es rauscht dort drüben,
Ha! es pfeift! Das ist sein Ton.
Ja! ich find ihn, meinen Lieben,
Seine Stimme hör' ich schon.« u.s.w.
Wollen wir sie nicht auch hören? - Wenn's gefällig ist, herbei! Hier ist
Rinaldini's Geschichte. Die Abenteuer, welche man von ihm erzählt, sind
geordnet, wie es die Zeitfolge fordert, und wenn die Erzählung derselben meinen
Lesern nur halb soviel Vergnügen macht; nur halb soviel Unterhaltung gewährt,
als das bei Kalabriens und Siziliens Bewohnern, als es bei Florentinern und
Römern ganz der Fall ist: so werden sie das Buch, zu welchem Neugier oder
Langeweile sie führte, nicht unbefriedigt aus den Händen legen. - Das ist es,
was ich wünsche!
    Geschrieben am Rosalientage 1798; renoviert zur dritten Auflage, an meinem
Geburtstage, den 22. Jänner 1800; zur vierten Auflage, an Helenens Namenstage,
1801. Erneuert zur fünften, rechtmässigen Auflage (die fremden Ausgaben,
Nachdrucke, Bearbeitungen und Übersetzungen ungerechnet,) neu bearbeitet, von
dem Verfasser. Geschrieben am Tage Mariä Himmelfahrt, 1823.
 
                                  Erstes Buch
 Die Liebe neckt im Aufentalte
 Der Furcht, wie sie im Freien neckt;
 Was hat in Höhlen, was im Walde,
 Nicht schon ihr Rosenflug bedeckt?
Stürmisch brauste der Wind, tobend wie empörte Meereswogen, über den Nacken der
hohen Apenninen, schüttelte die Wipfel hundertjähriger Eichen und beugte das
schwankende Gesträuch der Flamme des Feuers zu, an welchem nahe bei einer
steilen Felsenwand, in einem kleinen Tale, Rinaldo und Altaverde sassen. Die
Nacht war dunkel, dichte Wolken verschleierten den Mond, und kein lächelnder
Stern funkelte am Himmel.
    ALTAVERDE Ist das doch eine Sturmnacht, wie ich kaum noch eine erlebt habe!
- Rinaldo! schläfst du?
    RINALDO Ich sollte schlafen? - Ich habe das Wetter gern so wie es jetzt ist.
- O! es stürmt hier und dort, um uns, neben uns, in mir, und überall.
    ALTAVERDE Hauptmann, du bist nicht mehr der, der du warst.
    RINALDO Wohl wahr! - Einst war ich ein unschuldiger Knabe, und jetzt -
    ALTAVERDE Bist du verliebt?
    RINALDO Bin ich ein Räuberhauptmann?
    ALTAVERDE Hat dir das deine Donna angesehen? - Wer hält dich nicht, wenn du
dich in grossen Städten zeigst, für den reichsten Marchese aus dem edelsten
Hause?
    RINALDO Und dennoch setzt man Preise auf meinen Kopf.
    ALTAVERDE Wer will sie verdienen?
    RINALDO Vielleicht selbst einer der Unsrigen.
    ALTAVERDE Pfui! So handeln die nicht, die dir den Eid der Treue geschworen
haben.
    RINALDO O! sie sind Menschen! und böse Menschen. Denn gut wirst du uns doch
alle, beim Teufel! nicht nennen wollen?
    ALTAVERDE Dass ich mit dir jetzt darüber stritt! Du hast üble Laune. - Was
hilft jetzt das Grübeln und Grillisieren? Nun ist's zu spät.
    RINALDO Wehe mir und dir, und uns allen, dass es zu spät ist! - O! Altaverde!
welchen Tod werden wir sterben?
    ALTAVERDE Den, der uns zugedacht ist. - Der Eingang ins Leben ist ein Pfad,
den Könige und Bettler auf gleiche Art betreten. Der Ausgang hat vielerlei
Pforten. Ob wir durch die Mittel- oder Seitentür hinauskommen, ist einerlei.
Hinaus lässt man uns gewiss. - Hauptmann! seit du verliebt bist, ist mit dir gar
nicht zu sprechen. - Wer zog dich unter uns?
    RINALDO Mein Schicksal, mein Leichtsinn.
    ALTAVERDE So hadere mit diesem, und wüte nicht gegen dich selbst. - Wo du
stehst, stehst du nun einmal. Jetzt kannst du für dich nichts mehr tun, als
aufmerksam sein, vorsichtig zu stehen. Stehst du so, so hast du das deinige
getan. Fällst du, so ist es nicht deine Schuld. - Gehe hin und diene einem
Staate mit Gut und Blut, mit Leib und Leben, mit Denken, Wissen, Wirken und
Wollen, nach allen deinen Kräften, und vermodere, wenn's Glück gut ist, im
Kerker unschuldig. Oder, gibt es keine Beispiele? Die alte und neue Geschichte
wird dir welche zeigen. Wie so mancher Wohltäter eines Staates starb in Ketten?
- Stirbst du so, so kannst du wenigstens nicht über Undank klagen.
    RINALDO Ich kenne dich, wenn du in's Deraisonnieren kommst.
    ALTAVERDE Und ich dich auch, wenn du in's Grübeln kommst. - Mein
Deraisonnieren, wie du es nennst, macht mich zum Stoiker. Dein Grübeln taugt
nichts, und macht dich unleidlich. - Was wärst du denn jetzt wohl, wenn du in
Ostiala geblieben wärst und deines Vaters Ziegen länger gehütet hättet?
    RINALDO Was ich jetzt nicht bin. Ein ehrlicher Mensch.
    ALTAVERDE Du hast Handlungen ausgeübt, um die dich die edelsten Menschen
beneiden müssen.
    RINALDO Sie haben keinen Wert. Ein Räuber übte sie aus.
    ALTAVERDE Das kann wahrlich den edlen Handlungen nichts von ihrem Werte
benehmen! -
    RINALDO Wer ein unedles Gewerbe treibt, kann nebenbei kein edles treiben.
    ALTAVERDE Verflucht! was du da sagst! - Sind dir nicht Freudentränen
geflossen? Hat man dich nicht im Gebete eingeschlossen? Hat man dich nicht
gesegnet?
    RINALDO Ach! man wusste nicht, dass man einen Räuber segnete.
    ALTAVERDE Martere dich nicht selbst ab!
    RINALDO O! mein Geschick, hätten sie mich bei meinen Ziegen gelassen! - Ich
sage dir, ich kann mich meiner Taten weder rühmen noch freuen, denn, wenn auch
einige darunter gut gewesen sein sollten, so waren doch der bösen weit mehrere,
die mich einst noch zum Rabensteine führen werden.
    ALTAVERDE Bist du schon dort? - Lass mich schlafen. - Gute Nacht!
Altaverde schlief wirklich gleich ein. Rinaldo ergriff seufzend seine Gitarre,
spielte und sang:
Ach! wie war ich sonst so fröhlich
In der Unschuld Blumental!
Kannte keine bangen Sorgen,
Kannte weder Leid noch Qual.
Frohe Unschuld scherzte traulich,
Scherzte hold und sanft mit mir;
Und umgeben mit Verbrechen,
Sitz' ich jetzo klagend hier.
Heiter blickt' ich sonst zum Himmel,
Selbst, wie er, so klar und rein,
Konnte meine sanfte Seele
Seiner Reinheit Spiegel sein.
Und jetzt finster, wie die Nächte,
Die mein Unmut hier durchwacht,
Hat das Laster meine Seele
Dunkler als die Nacht gemacht.
Von mir floh mit bangem Beben,
Von mir wich mein guter Geist.
Ich empfinde, voll Verzweiflung,
Wie die Ruh sich von mir reisst.
Blumenketten sind zerrissen,
Und des Lasters Fessel drückt,
Ach! mit namenlosen Schmerzen
Nieder, was mich sonst beglückt.
Da schlug eine von den wachsamen Doggen, die vor dem Feuer lagen, an. Altaverde
fuhr auf, griff nach dem Rohre, und Rinaldo hatte noch nicht sein Wer da?
gerufen, als er schon das Zeichen erhielt, es nahe sich einer ihrer Kameraden.
Die Hunde schwiegen, und Nikolo trat herzu.
    NIKOLO Ich habe euch melden sollen, dass in der Ferne Maultierglocken gehört
werden.
    ALTAVERDE Ihr liegt doch noch alle bei der Klause?
    NIKOLO So ziemlich. - Pietro und Giambattista ausgenommen, die auf's
Kundschaften ausgegangen sind, sind die andern dreissig noch alle beisammen.
    ALTAVERDE Ist Girolamo bei euch?
    NIKOLO Ja. - Er freut sich schon auf die Maultiere.
    RINALDO Altaverde! wenn du doch zu ihm gingst. Du kennst Girolamo und weisst,
dass Behutsamkeit seine Sache nicht ist. - Schicke mir Cintio. Ich will ihn hier
erwarten. - Ach! wenn ihr Blut schonen könnt, -
    ALTAVERDE Ja doch! wenn's sein kann.
    Sie gingen. - Rinaldo warf Holz ins Feuer, legte sich unter einen Baum und
zog den Mantel über den Kopf. Über ihn dahin brauste wild der Sturm, und laut
auf knisterte das dürre Holz im Feuer.
    »Ach!« - seufzte er; - »all' ihr Heiligen und guten Engel! beschützt mich!
betete ich sonst mit Zuversicht, wenn ich meine Augen schliessen wollte. Jetzt
kann ich nicht beten und kein Auge schliessen. O! dass ich weinen könnte!«
    Die Hunde schlugen an. Er warf den Mantel von sich, fuhr auf und griff nach
den Pistolen. Die Hunde sprangen einen Menschen an. Rinaldo rief sie zurück,
trat näher und sah einen ehrwürdigen Greis, mit weissem Haar und Barte, in einem
braunen Gewande, vor sich stehen. Er hielt in der Rechten einen Stab, in der
Linken eine ausgelöschte Laterne, und ein kleines Hündchen kroch ängstlich an
ihn an.
    »Wer bist du?« - redete ihn Rinaldo an, als die Doggen zum Schweigen
gebracht waren.
    DER GREIS Ich bin unter dem Namen des Bruders vom Berge Oriolo bekannt,
komme aus dem nächsten Städtchen, wo ich mir, wie gewöhnlich, meinen kleinen,
nötigen Proviant bestellt habe, und wandere meiner Klause zu. Der Sturm hat mir
das Licht meiner Laterne ausgelöscht, und, so gut ich auch sonst die Gegend
kenne, bin ich doch, wie ich jetzt merke, auf einen Abweg geraten. Erlaube mir
mein Licht anzuzünden. Ich will mich dann schon wieder finden. - Schlaf wohl!
    RINALDO Alter! wofür siehst du mich an?
    DER GREIS Ich bin froh, dich bei diesem Feuer gefunden zu haben, weil ich
nun wieder Licht habe.
    RINALDO Wer glaubst du wohl, dass ich bin?
    DER GREIS Es kann mir einerlei sein, zu wissen, wer du bist, oder nicht
bist. - Die Menschenkenntnis interessiert mich jetzt nicht mehr.
    RINALDO Ich bin in Verlegenheit.
    DER GREIS Die Menschen in der Welt sind das gewöhnlich. - Ich beklage dich.
    RINALDO Mein Schicksal zwingt mich, in den Tälern der Appeninen
umherzuirren. Und Rinaldini, der berüchtigte Räuber, soll diese Täler unsicher
machen.
    DER GREIS So sagt man.
    RINALDO Ich fürchte diesen grausamen Mann.
    DER GREIS Grausam soll er eben nicht sein, wie es heisst. Ich bin ihm selbst
zu Gefallen gegangen. Ich wollte ihn um einen Sicherheitsbrief für meine Hütte
bitten.
    RINALDO Irre dich nicht in ihm.
    DER GREIS So hat es auch nichts zu sagen. - Die Handvoll Jahre, die ich noch
zu leben habe, mag er mir nehmen, wenn es Gottes Wille ist. Er wird sie dereinst
doch wieder bezahlen müssen. - Steckt er meine Hütte in Brand, so baue ich eine
andere. Geld findet er bei mir nicht. Und schlägt er mir mein Paar Ziegen tot,
so beschenken mich die Bauern der Nachbarschaft, die mich lieben, gewiss wieder
mit einem Paar andern. - Wie Gott will!
    RINALDO Hast du Mangel?
    DER GREIS Wer entbehren kann, hat nie Mangel.
    RINALDO Ich möchte gern eine gute Handlung ausüben. Nimm diese Börse.
    DER GREIS Ich mache nicht gern Schulden, die ich nicht bezahlen kann. Ich
brauche auch kein Geld. - Schlaf wohl!
    Er ging, und Rinaldo wagte es nicht, ihn länger aufzuhalten. - Er warf sich
wieder unter dem Baume nieder. Als die Hunde abermals anschlugen, brach schon
der Morgen an, und CINTHIO kam.
    CINTHIO Hauptmann, was fehlt dir? Warum willst du nicht mehr gern bei deinen
Leuten sein? Du suchst die Einsamkeit, und fällst uns allen auf.
    RINALDO Mir selbst am stärksten. - Ich weiss nicht, wie mir ist.
    CINTHIO Altaverde nennt dich verliebt.
    RINALDO Auch das bin ich.
    CINTHIO Nun! Das ist kein Unglück.
    RINALDO Vor vier Tagen lustwandelte ich in einem kleinen Tale, und sah ein
Mädchen - Ach Cintio! es war ein Engel - Sie suchte Beeren. Ich sprach mit ihr.
Sie sprach mit mir. So spricht die Unschuld mit dem Laster. - Unsre Leute kamen.
Ich musste sie verlassen, habe sie seit der Zeit nicht wieder gesehen, und weiss
nicht, wer und wo sie zu finden ist.
    CINTHIO So vergiss sie.
    RINALDO Kann ich?
    CINTHIO Der Mensch kann alles, was er will.
    RINALDO Das ist nicht wahr. Sonst könnte ich ein ehrlicher Mann werden.
    CINTHIO Mache durch dergleichen Reden die Unsrigen nicht missmutig. Den
Schaden für dich selbst, kannst du berechnen. Rinaldo streckte sich schweigend
unter den Baum und entschlummerte endlich. Als er erwachte, schien die Sonne.
Sturm und Wolken waren entflohen. Cintios Gesellschaft hatte sich um zwei
seiner Kameraden vermehrt. Sie sassen mit ihm am Feuer und kochten Schokolade.
    CINTHIO Guten Morgen! Hauptmann!
    DIE ANDERN Guten Morgen!
    RINALDO Ich danke euch. - Gebt mir eine Tasse Schokolade.
    GIROLAMO Echte Spanische Schokolade! - Nun, Hauptmann! Altaverde lässt dich
grüssen. Die Maultiere haben wir; drei Stück. Sie waren mit der Bagage eines
Neapolitanischen Prinzen beladen und wollten nach Florenz, wohin sie nicht
gekommen sind. Gross war die Beute eben nicht.
    RINALDO Sind Menschen dabei geblieben?
    GIROLAMO Alle drei Treiber. - Die Kerle hätten plaudern können. - Es gibt ja
mehrere Maultiertreiber in der Welt. - Altaverde teilt jetzt. In einem Kästchen
fand er diese Kapsel, die er dir schickt.
    Rinaldo nahm, öffnete die Kapsel und fand das Portrait eines schönen
Frauenzimmers in Nonnentracht. Auf die Rückseite war das Bild eines jungen
Mannes in Uniform gemalt. Die Einfassung war nicht reich, aber geschmackvoll.
    Bald darauf kam Altaverde mit einem starken Trupp der Gesellschaft an. Es
wurden Gezelte aufgeschlagen, Feuer angemacht; es wurde gekocht und gebraten,
gegessen, gespielt, gesungen, getanzt und getrunken.
    Rinaldo verabredete mit Altaverde mehrere Sicherheitsmassregeln, und als die
Trupps verteilt und die Posten gehörig besetzt waren, zog sich Rinaldo über den
Berg in ein zweites, kleines Tal zurück, wo er sich bei einer Quelle unter
einigen Pappeln niederwarf.
    Altaverde brachte ihm den Teilungszettel, den er unterzeichnete und gegen
Mittag zu seinen lärmenden Kameraden zurückkehrte, wo ihn ein stattliches
Mittagsmahl erwartete.
»Hauptmann!« - begann Girolamo - »deine Leute bemerken, dass dir etwas fehlt. Sie
wünschen zu wissen, was das ist. Hast du Sehnsucht nach irgend etwas, das dir zu
verschaffen ist, so sollst du es haben, und sollten wir es mit Aufopferung
unseres Lebens für dich aufsuchen müssen. Sind es aber nur Grillen, die dich
plagen, so bitten wir dich, verbanne sie, und mache uns nicht mit dir zugleich
missmutig.«
    Einige Augenblicke sah Rinaldo sich schweigend in dem Kreise um, der ihn
umgab, dann sprach er: »Habt ihr die Erklärungen der Republiken Venedig, Genua
und Lucca gelesen? Sie sind öffentlich bekanntgemacht worden. Ein Preis steht
auf meinem Kopfe.«
    »Lass ihn stehen, Hauptmann!« - schrien alle, wie aus einem Munde; - »es wird
ihn niemand erhalten.«
    »Wer will dir ein Haar krümmen« - sagte Girolamo, - »so lange wir bei dir
sind?«
    Er sprach's und schwang den Säbel. Alle folgten seinem Beispiele und
schrien:
    »Blut und Leben für dich, Hauptmann! Treue bis in den Tod.«
    Altaverde legte den Teilungszettel vor. Man teilte und war zufrieden. - Nach
Tische wurde wieder gespielt, gesungen, gelärmt und getanzt.
    Rinaldo lag unter einem Baume, als sich ihm Fiorilla, eine Amazone seiner
Bande, nahte. Sie setzte sich bei ihm nieder und putzte ihre Pistolen.
    SIE Der Preis, den man auf deinen Kopf gesetzt hat, Hauptmann, ist es nicht
allein, der dich unmutig macht. Ein Mann, wie du, zittert nicht vor entfernten
Dingen. Ich glaube, das, was dich drückt, ist viel näher. - Was dir fehlt,
fehlt, glaube ich, deinem Herzen.
    
    ER Dem fehlt freilich so mancherlei!
    SIE Vor einem halben Jahre ging es mir ebenso. - Jetzt wird es wohl vorüber
sein. - Ich Törin hatte mich damals in dich verliebt.
    ER In mich?
    SIE Ich dächte doch, du hättest es merken müssen.
    Sie warf, als sie das sagte, die Pistolen auf die Erde und stand auf. »Ich
dachte schlechterdings«, - setzte sie hinzu, - »ich müsste die Geliebte des
Hauptmanns sein«; - und ging.
    Rinaldo sah ihr nach, erhob sich von seinem unsanften Lager und gab das
Zeichen, nach welchem sich seine Leute sogleich um ihn herum versammelten.
    »Es ist mein Plan«, - sagte er, - »in die Gebirge von Albonigo zu rücken.
Wir brechen sogleich auf. Zieht die Posten ein und lagert euch diesen Abend noch
ins Tal der Kapelle St. Giakomo. Morgen Mittag seid ihr in der Ebene der vier
Berge von la Cera. Gelingt mir mein Vorhaben, so führen wir einen kühnen Streich
aus.«
    Alle jauchzten laut auf und packten zusammen. Die Posten wurden eingezogen
und Girolamo ging mit dem Vortrab ab. Dann folgte Altaverde mit dem Corps, und
Cintio führte den Nachtrab an. Bei welchem Zuge Rinaldo sein wollte, wusste
niemand.
    Er nahm seine Guitarre und sein Gewehr und ging in Begleitung zweier Hunde
der Gegend zu, nach welcher vorige Nacht der Greis zugegangen war.
Bald fand er einen Fussweg und erblickte, als schon die Schatten länger wurden,
zwischen Büschen, nahe an einem Bergrücken, ein kleines Hüttendach. Er ging
darauf zu und hatte es noch nicht erreicht, als er den bekannten Greis gewahr
ward, der Wurzeln ausgrub.
    Sie grüssten einander, wie es schien, beiderseits verlegen. Endlich fragte
der Alte, indem er sich zu fassen suchte:
    »Hast du die Landstrasse noch nicht gefunden?«
    »Noch suchte ich sie nicht«; - antwortete Rinaldo. - »Aber dich habe ich
aufgesucht, um dich um ein Nachtlager zu bitten.«
    DER ALTE Du kannst bei mir übernachten, aber - aber zu bequem wirst du eben
nicht ruhen.
    RINALDO Wer ruhen kann, ruht immer bequem. - Ich bin kein Weichling. Du hast
gesehen, dass ich vorige Nacht ziemlich hart lag. -
    DER ALTE Wenn du vorliebnehmen willst, wie du mich findest, so kannst du mir
folgen.
    Rinaldo folgte ihm schweigend, und sie kamen in die Klause. - Reinlich und
nett war das enge Stübchen, in welches Rinaldo geführt wurde. Ein Paar Tischchen
und einige Stühle waren der ganze Hausrat, der hier zu sehen war. Auf dem einen
Tische lag eine Lateinische Bibel, und ein Kruzifix stand darauf. Auf dem andern
lag ein weibliches Strickzeug. Das fiel Rinaldo anfangs auf, aber, dachte er
endlich, es ist wohl auch möglich, dass der Alte selbst strickt. - Indes räumte
dieser doch das Strickzeug weg, als er bemerkte, dass sein Gast dasselbe mit
grösserer als gewöhnlicher Aufmerksamkeit betrachtete. Rinaldo wagte es nicht,
ihn zu fragen, ob dies seine eigene Arbeit sei, und der Alte verliess auf einige
Zeit die Stube.
    Als er mit einer angezündeten Lampe wiederkam, zog Rinaldo ein paar
Bouteillen Wein aus den Taschen, setzte sie auf den Tisch und sagte:
    »Bei einem Glase Wein wollen wir uns näher kennenlernen.«
    »Eine Bekanntschaft« - antwortete der Alte, - »die von ein paar rechtlichen
Menschen bei einer Flasche Wein gemacht wird, ist nicht selten so herzlich
geworden, als der Wein selbst der herzlichste Trank ist, den der Himmel den
Menschen gegeben hat. - Er wird das Beste bei unserer Abendmahlzeit sein, denn
ich kann meinem Gaste weiter nichts vorsetzen als ein Stück Käse und Brot, etwas
Butter und eine Melone, die ich eben heute erst abgeschnitten habe.«
    »Genug, lieber Alter! für uns beide. Auch genug, wenn noch eine dritte
Person mit uns speisen sollte?« - sagte Rinaldo.
    Der Alte antwortete schnell:
    »Eine dritte Person? Ist noch jemand zurück, der dir folgt?«
    »Von mir ist niemand zurück. Wenn aber etwa hier« -
    »Bei mir wohnt keine Seele, als mein Hündchen und ein paar Turteltauben. -
Wie kommst du aber auf die Vermutung, hier ausser mir, noch eine Person zu
finden?«
    Rinaldo schob den Tischkasten auf und zeigte auf das Strickzeug.
    »Aha!« - lächelte der Alte. - »Ja, dieses Strickzeug gehört wirklich einer
dritten Person, die aber nicht bei mir wohnt. Sie hat es vergessen und diesen
Morgen hier liegenlassen.«
    Hierauf verliess der Alte seinen Gast, sein frugales Mahl aufzutragen.
    Indessen sah sich Rinaldo genauer um und öffnete eine Tür, die in eine
kleine Kammer führte. Hier war das Nachtlager des Alten, über welchem ein paar
Pistolen zwischen zwei Ölgemälden hingen. Er nahm die Lampe, beleuchtete die
Gemälde und fuhr betroffen zurück.
    Die Gemälde, die er sah, waren die nämlichen Bildnisse, die ihm diesen
Morgen als Beute waren gegeben worden; die Nonne und der Offizier. Den kleineren
Portraits waren sie zum Sprechen ähnlich. - Er verliess die Kammer und ging
nachdenkend in die Stube zurück.
    Der Alte, der sich Donato nannte, trug seine Gerichte auf und setzte sich,
als er ein kurzes Gebet recht herzlich gesprochen hatte, mit seinem Gaste zu
Tisch.
    Sie liessen es sich beide wohl schmecken, und als die erste Bouteille geleert
und die zweite schon angebrochen war, kam es zu einer, uns auch nicht
gleichgültigen, Unterhaltung.
    RINALDO Nun ein Glas auf das Wohlsein der bewussten dritten Person; sie sei
nun hier oder nicht!
    DONATO Auf ihr Wohlsein! aber hier ist sie nicht.
    RINALDO Wo denn?
    DONATO Ungefähr eine Stunde von hier, ausserhalb dem Gebirge, liegt ein
Meierhof. In diesem wohnt das Mädchen, das ihr Strickzeug hier liegenliess. - Sie
ist die Pflegetochter des Meiers; ein gutes, harmloses, frohes Geschöpf. Ich
liebe sie, wie ein Vater seine Tochter liebt, und sie ist meiner Liebe, sie ist
der Liebe der ganzen Welt wert. - Sie soll leben!
    Sie stiessen an und tranken. Hierauf folgte eine Pause. - Endlich knüpfte der
Alte, den der Wein gesprächig machte, die Unterhaltung wieder an.
    DONATO Darf ich nach deinem Vaterlande fragen?
    RINALDO Ich bin ein Römer.
    DONATO Ein Römer? In Rom selbst geboren?
    RINALDO Auf dem Lande.
    DONATO Die Hand, Landsmann. Auch ich bin ein geborener Römer. Aber ich freue
mich meines Vaterlandes nicht. Es ist ein undankbares Land. - Ich bin schlimm
behandelt worden. Selbst die unparteiische Rota und ihre Sprüche konnten mich
nicht - Genug! - Hier lebe ich ruhig, und habe meinen Feinden verziehen. Rom
kann keine Männer mehr tragen. Sie zu schätzen, weiss es gar nicht. Sie sind ein
üppiges, grausames und ungerechtes Volk, diese Römer. - Wie haben sie dich
behandelt?
    RINALDO Mein Unglück gebar meine eigene Schuld.
    DONATO Dieser Vorwurf würde mein Trost sein, wenn ich ihn mir machen könnte.
Aber ich habe unschuldig gelitten.
    Eben wollte Rinaldo antworten, als man ganz deutlich Menschenstimmen vor der
Klause vernahm. Sie kamen immer näher, und endlich wurde an die Tür geklopft.
    »Was ist das?« - rief Rinaldo nicht ohne Bestürzung aus.
    Donato öffnete ruhig das Fenster und fragte, wer da sei.
    »Mach auf!« - schrie man draussen.
    »Es stehen Bewaffnete vor der Tür«, - sagte Donato. - »Es können Sbirren
oder Soldaten sein. Hast du dergleichen Leute zu fürchten, so gehe in diese
Kammer. Du kommst leicht aus derselben durch ein Fenster in meinen Garten.
Übersteigst du den Zaun und wendest dich rechts, so kommst du zu einem Felsen,
in dessen Grotte linker Hand du dich verbergen kannst. - Ich will die Tür
sogleich öffnen, dass man nichts argwöhnt.«
    Rinaldo lockte seine Hunde zu sich und begab sich in die Kammer. - Donato
ging und öffnete die Tür seiner Klause.
    Sechs Bewaffnete traten ein und kamen mit ihm in die Stube. - Rinaldo
vernahm in der Kammer, was gesprochen wurde.
    »Wer bist du?«
    »Ich bin der Klausner Donato.«
    »Bist du hier allein?«
    »Ich wohne allein hier.«
    »Kennst du uns?«
    »Wie sollte ich das?«
    »Fürchtest du uns?«
    »Seid ihr Diener der Gerechtigkeit, so kann ein Unschuldiger euch nicht
fürchten.«
    »Du irrst dich. Wir sind keine Spürhunde der lendenlahmen Justiz. - Wo hast
du dein Geld?«
    »In diesem Beutel. - Hier ist er.«
    »Geh zum Teufel mit deinen paar Lumpenpfennigen! Schaff mehr!«
    »Dies ist mein ganzer Reichtum.«
    »Kerl! da steht Wein. Du bist kein Bettler. - Schaff mehr Wein her!«
    »Dieser Wein ist ein Geschenk. Ich habe weiter keinen.«
    »Donnerwetter! Hier haben ihrer zwei gegessen. Du bist nicht allein. Der
Schelm hat gelogen. Knebelt den alten Sünder! Er soll beichten.«
    »Seid barmherzig, und« -
    »Geld her!«
    »Nehmt, was ihr findet. Geld habe ich nicht.«
    »Verstockter Schurke! Willst du noch nicht beichten?«
    Jetzt fielen die Räuber über Donato her. Er schrie laut auf nach Hilfe, ohne
zu wissen oder zu ahnen, woher sie kommen sollte, und Rinaldo riss die Kammertür
auf. Er zog eine Pistole und schrie mit donnernder Stimme:
    »Was wollt ihr hier?«
    »Himmel Element! Der Hauptmann;« - schrie einer aus der Rotte. Alle zogen
die Hüte, und liessen bebend den zitternden Klausner los.
    Dieser taumelte auf einen Stuhl und wiederholte mit gebrochener Stimme:
    »Der Hauptmann?«
    »Sind das eure Heldentaten?« - fuhr Rinaldo fort. - »Schändet ihr meinen
Namen um elenden Plünderer Handlungen? Seid ihr Rinaldinis Leute? - Habt ihr
etwa so grossen Mangel, um sogar der Armut ihren letzten Pfennig abzupressen? Ist
das eure Tapferkeit, einen wehrlosen Mann zu knebeln? - Wer war der Schurke, der
die erste Hand an diesen kraftlosen Greis legte?«
    Tiefes Schweigen fesselte die Zungen. Rinaldo fuhr heftiger fort:
    »Wer war der Schurke? Nennt ihn mir, oder ich schiesse den ersten nieder, der
vor mir steht.«
    »Paolo war es;« - murmelte der, welcher Rinaldo am nächsten stand. Ohne ein
Wort zu sprechen, schoss Rinaldo nach dem genannten Unglücklichen. Der Schuss
zerschmetterte ihm den Arm. Er stürzte nieder und seine Kameraden standen ohne
Bewegung.
    »Warum seid ihr von euerm Zuge abgegangen?« - fragte Rinaldo mit wütendem
Blick.
    »Wir suchten dich, Hauptmann!« - sagte der eine.
    »Habt ihr meinen Wegen nachzuspüren? - Fort, zu dem Corps! Ihr kennt unsere
Gesetze, ihr wisst, was ihr getan und verdient habt. -
    Nehmt diesen schlechten Menschen mit fort, der nicht zu Rinaldinis
Gesellschaft gehört, und erwartet mich und eure Strafe morgen.«
    Die Räuber gingen und trugen Paolo davon. Donato blieb zitternd und ohne
Sprache auf seinem Stuhle.
Rinaldo nahte sich ihm, ergriff seine Hand, drückte sie und sagte:
    »Fasse dich, guter Alter!«
    »Öffne dieses Schränkchen« - stammelte Donato; - »und gib mir das runde
Gläschen mit den roten Tropfen.«
    Das tat Rinaldo, goss auf sein Verlangen einen Löffel davon voll und gab ihm
die Tropfen. Sie waren verschluckt, und Donato schien wieder zu sich zu kommen.
    DONATO Du bist also Rinaldini selbst?
    RINALDO Leider! der bin ich.
    DONATO Ich verdanke dir mein Leben, und kann mich deiner Bekanntschaft doch
nicht freuen. Dein Name allein ist schon furchtbar, und du selbst bist
schrecklich.
    RINALDO Wehe mir! dass es so sein muss.
    DONATO Deine Handlung, hier vor meinen Augen, füllt mein Herz mit Schrecken
und Entsetzen.
    RINALDO Das meinige mit Jammer. - O! dass ich dir und mir diese Szene hätte
ersparen können. Aber du kennst diese abscheulichen Menschen nicht. Nur Furcht
und Schrecken können sie in Zucht und Ordnung halten.
    DONATO Und du fürchtest diese Unmenschen nicht selbst?
    RINALDO Und wenn ich sie auch fürchte, so dürften sie das doch nicht
glauben.
    DONATO Unglücklicher, in welche Verbindung bist du geraten!
    RINALDO Freund! zu dem mein Herz mich zieht, du bist meines Vertrauens wert.
Dir will ich meine Geschichte erzählen. Nur jetzt nicht, denn sie würde dich zu
heftig erschüttern. Jetzt bedarfst du Ruhe. Lass mich dich auf dein Lager
bringen. Ich will auf diesem Stuhle den Morgen erwarten.
    Er führte Donato auf sein Lager, hüllte sich in seinen Mantel und warf sich
auf einen Stuhl. Erst spät nach Mitternacht schlummerte er ein und war mit dem
ersten Strahle der Morgensonne wieder wach.
»Ich bin sehr krank!« - seufzte ihm Donato entgegen, als er an sein Lager trat
und sich nach seinem Befinden erkundigte.
    »Ich wollte dir nützlich sein«, - sagte Rinaldo; - »Ich kam hierher, dir
Sicherheit zu geben, und bin ohne Schuld der Urheber des Zustandes, der dich
trifft, der mir durch die Seele geht. - Verkenne wenigstens meine gute Absicht
nicht.«
    »Gewiss nicht!« - antwortete Donato mit schwacher Stimme. - »Ich danke
vielmehr dem Himmel, dass er dich hierher gesendet hat. Sonst hätte ich
wahrscheinlich vorige Nacht mein Leben unter Mörderhänden verblutet.«
    Hierauf bat er ihn, ihm die Arzneigläser aus dem Schränkchen zu bringen.
Rinaldo holte sie herbei. Donato bezeichnete ihm die Mischung der Tropfen
derselben, und kaum hatte er einen Löffel davon zu sich genommen, als ein
sanfter Schlaf ihm die Augen schloss.
    Rinaldo verliess die Klause, ging ins Freie und öffnete Herz und Augen der
Pracht der aufgehenden Sonne. - Majestätisch stieg die Königin des Tages im
Feuerglanze über die dampfenden Berggipfel empor und senkte ihre erwärmenden
Strahlen in das kleine Tal, in welchem Donatos Klause stand. Die Vögel feierten
diese Prachterscheinung mit einer Hymne, und Rinaldo bedeckte wehmütig sein
Gesicht.
    »Auch mir scheint sie, die goldene Sonne!« - seufzte er. - »Auch mir, wie
sie allen Guten und Bösen scheint. Ach! und ihre wohltätigen Strahlen sind
treffende Blitze für mein schuldiges Herz.«
    Da rauschte es dicht bei ihm, an der Hecke. Er schlug die Augen auf, und das
schöne Mädchen, das er einige Tage zuvor gesehen, mit dem er gesprochen hatte,
stand vor ihm.
Betroffen standen beide einige Augenblicke sprachlos einander gegenüber. Endlich
nahm Rinaldo das Wort:
    »Bist du das gute Mädchen von dem benachbarten Meierhofe, das zuweilen den
Klausner Donato besucht?«
    AURELIA Dieses Mädchen bin ich.
    RINALDO Wie nennt man dich?
    AURELIA Aurelia ist mein Name. - Ihr seid ja wohl eben der Herr, der vor
einigen Tagen mit mir sprach, als ich Erdbeeren suchte?
    RINALDO Eben dieser. Der Freund deines Freundes Donato.
    AURELIA Wo ist er?
    RINALDO Er schläft.
    AURELIA Er schläft noch? So muss er krank sein.
    RINALDO Er ist auch wirklich nicht recht wohl. Eine kleine Schwäche - Es
wird keine Folgen haben. Wenn ihn der Schlaf erquickt hat, wird es ihm besser
sein. - Wir wollen ihn nicht wecken.
    AURELIA Ich will's meinem Vater sagen. Der arme Donato ist alt und schwach.
Er braucht Beistand.
    RINALDO Diesen wollen wir ihm leisten.
    AURELIA Wir? - Kenne ich Euch doch nicht, um in Eurer Gesellschaft allein
hier bleiben zu können.
    RINALDO Ich bin Donatos Freund.
    AURELIA Das muss er mir erst selbst sagen. Bis dahin bleibe ich nicht allein
mit Euch hier.
    RINALDO Ehrenwort und Schwur! Du hast gar nichts zu fürchten.
    AURELIA Wer seid Ihr denn?
    RINALDO Ein Reisender.
    AURELIA Und haltet Euch schon so lange in dieser Gegend auf?
    RINALDO Es gefällt mir hier in den Bergen, wo so schöne Mädchen wohnen.
    AURELIA Meint Ihr mich? - Ihr wisst wohl nicht, dass ich ausserhalb den Bergen
wohne?
    RINALDO O ja! Das hat mir Donato gesagt.
    Da rauschte es um die Hecke. Rinaldo sah hin und erblickte Cintio, der ihm
winkte. - Aurelia sprang in die Einsiedelei.
    »Hauptmann!« sagte Cintio, - »Deine Gegenwart ist bei uns durchaus
notwendig. Es gibt Lärm.«
    »Erwarte mich«, - antwortete Rinaldo und ging in die Klause.
    »Liebes Mädchen!« - sagte er zu Aurelien, - »bleibe bei Donato.«
    SIE Das versteht sich! Zumal da er krank ist.
    ER Und wenn er erwacht, sag' ihm, dass ich ihn bald wiedersehen würde.
    SIE Wo geht Ihr denn jetzt hin?
    ER Mein Bedienter ruft mich zu meinem Gepäck, wo eine kleine Unordnung
vorgegangen ist. - Leb' wohl, liebes Mädchen, und bleib mir gewogen!
    SIE Ich soll Euch gewogen bleiben? - Wisst Ihr doch noch nicht, ob ich es
bin.
    ER Mir sagt es mein Herz.
    SIE Glaube ihm nicht. Es macht Euch nur etwas weiss. - Lebt wohl!
    Er drückte ihr die Hand und eilte fort. - In Cintios Begleitung erreichte
er den Platz, wo seine Leute sich gelagert hatten.
»Gut, dass du kommst, Hauptmann« - schrien viele Stimmen durcheinander. - »Wir
müssen wissen« -
    »Still!« - donnerte Rinaldos Antwort. - »Girolamo! lies den fünften und
sechsten Punkt unserer Gesetze laut ab!«
    Das geschah. - Hierauf erzählte Rinaldo die Szene in der Klause und endigte
mit dem Ausrufe: »Nun entscheide unser Vertrag und unser Gesetz!«
    »Gnade! Gnade! Gnade für Paolo!« schrien viele Stimmen.
    Rinaldo schwieg. - Paolo lag an der Erde, ward eben wieder frisch verbunden,
und bat mit schwacher Stimme um Gnade.
    Rinaldo schwieg. - Girolamo trat zu ihm und bat für Paolo um Gnade. -
Rinaldo sagte kein Wort.
    Jetzt trat Fiorilla zu ihm und begann:
    »Hauptmann, um der Leiden willen, die mein Herz um deinetwillen erduldet
hat, bitte ich um Gnade für Paolo, den ich liebe, um meine Liebe zu dir zu
unterdrücken.«
    
    »Ich stehe, wie ihr, unter dem Gesetze«, - antwortete Rinaldo, - »und kann
nicht begnadigen«.
    »Du sollst nicht mehr unter dem Gesetze stehen«, - schrien alle. - »Du
sollst Gesetzgeber sein und Gnade erteilen können.«
    »Wenn ihr das wollt« -
    »Wir schwören es dir zu!«
    »So sei Paolo begnadigt, und seine Gesellen mit ihm. Aber unter der einzigen
Bedingung: dass dieser Fall der erste und letzte sei, in welchem ich bei einem
solchen Betragen begnadige.«
    »Es sei!«
    »Übrigens - bestimme ich: dass Paolo und seine Gefährten, die den ehrwürdigen
armen Greis misshandelten, demselben zwei Ziegen, zwei Fässer Wein, ein Dutzend
Stück Federvieh geben und ihn demütig um Verzeihung bitten sollen.«
    »Bravo! Bravo! - Es lebe der Hauptmann!«
Unter lautem Jubel, unter Musik und Freudengeschrei nahm Rinaldo dann sein
Frühstück vor seinem Gezelte ein; sah dem Gewühle eine Weile zu; zeichnete
mancherlei in seine Schreibtafel; schrieb einige Orders, die er versiegelte, und
liess dann das Corps zusammenrufen, welches sogleich still und lauschend in einem
weiten Kreis um ihn herum stand. Rinaldo blieb auf seinem Sitze und begann:
    »Hier Girolamo! gebe ich dir eine Order, die du in Borgo öffnen kannst. Die
Lage der Dinge wird bestimmen, ob du dann nach Arezzo gehen wirst, oder nicht.
Das Geschäft, welches dich dortin führen wird, erfordert Vorsicht, die ich dir
nicht besonders zu empfehlen brauche. - Dich, Fiorilla, schicke ich nach
Bibiena. Höre dort, was man von uns spricht. - Nikolo und Sebastiano
durchstreifen die Waldungen zu Bosina. - Dir, Amadeo, empfehle ich die Waldungen
bei Anghiarto. - Altaverde nimmt sechs bis acht Mann zu sich und sucht sich der
Person des Gerichtsvogts zu Brankolino zu bemächtigen. Diese Order entält
detaillierte Punkte über die Expedition. - Gegen Abend rückt Matteo mit zwanzig
Mann in die südlichen Berggegenden und besetzt den Caprilischen Pass. - Alsotto
bleibt mit dreissig Mann, bis auf weitere Order, hier zurück. - Cintio sucht
sich zwölf Mann aus und zieht sich links in das Pappeltal von Oriolo, nach dem
Felsenpass zu. - Aurelia ist das Losungswort. - Die detaschierten Corps lagern
sich dann zusammengezogen, womöglich, binnen drei Tagen, in der westlichen Ebene
vor dem Marcianischen Forste. - Und nun, ohne Zögern, zur Ausführung meiner
Disposition!«
    Alles geriet in Tätigkeit. - Rinaldo bepackte seine beiden grossen Hunde mit
einigen Arzneien und Victualien und nahm seinen Weg wieder nach Donatos Klause
zu.
Aurelia war nicht mehr in der Einsiedelei, aber ein junger Bauernbursch, ein
Sohn des benachbarten Meiers, stand neben Donatos Bette, auf welchem dieser
erwacht lag und sich, wie er sagte, besser befand.
    Donato entfernte seinen jungen Wärter und trug ihm auf, Holz zu suchen.
Rinaldo gab dem Alten einige Löffel von den stärkenden Arzneimitteln, die er bei
sich hatte, und wagte es nicht, eine Unterhaltung zu eröffnen, die Donato
endlich selbst einleitete.
    DONATO Ich hoffe bald wieder ganz hergestellt zu sein.
    RINALDO Was ich so herzlich wünsche!
    DONATO Du kommst vielleicht, Abschied von mir zu nehmen?
    RINALDO Glaubst du das?
    DONATO Ich wünsche es, aufrichtig gesprochen. - Ich weiss nun, wer du bist,
und möchte nicht gern, dass man sagen könnte, ich hätte Bekanntschaft mit dir. -
Du weisst, wie das ist. Die Menschen hängen von öffentlichen Meinungen ab. - Ich
danke dir die Rettung meines Lebens. Es wird aber auch niemand von mir erfahren,
dass der gefürchtete Rinaldini bei mir war, auf dessen Kopf so hohe Preise
stehen. - Aurelia hat mich zu ihrem Vertrauten gemacht.
    RINALDO Hat sie das?
    DONATO Du hättest dem Mädchen nicht sagen sollen, was du ihr gesagt hast.
    RINALDO Wenn ich dir nun sage, dass ich sie liebe?
    DONATO Darfst du das? - Kannst du glauben, Gegenliebe zu finden, wenn
Aurelia erfährt, wer du bist?
    RINALDO Wie? Wenn ich meiner Lebensart entsagte, und -
    DONATO Das ist zu spät. Aurelien wirst du nicht wieder sprechen. Sie wird in
ein Kloster gebracht. - Ich habe das veranstaltet.
    RINALDO Wirklich? - Nun, so erwarte auch meine Gegenanstalten.
    DONATO Unternimm nichts Räuberhaftes! - Liebst du Aurelien wirklich, wie
kannst du sie unglücklich machen wollen? - Du liebst sie aber nicht mit der
Reinheit, mit der dieses Mädchen geliebt zu werden verdient. Du darfst, du
kannst sie auf keine edle Art lieben, und deine Begierden sind strafbar. -
Aurelia muss deinen Blicken entzogen werden. - Oder willst du sie unter deine
Bande führen und sie der Gerechtigkeit, die doch über lang oder kurz dich zu
finden wissen wird, als eine Mitverbrecherin überliefern? - Unglück genug für
dich, dass du das bist, aber das Mädchen lass mit Ehren leben und sterben. -
Willst du mich bald verlassen, so wird es mir sehr lieb sein, denn ich erwarte
Besuch.
    RINALDO Nicht aus Furcht, die ich nicht kenne, sondern aus Gefälligkeit will
ich dich verlassen. - Zuvor aber noch die Frage: Wer sind die Personen, deren
Bildnisse über deinem Bette hängen? - Sie im Nonnengewande und er in Uniform! -
    DONATO Dieses Mannes Besuch, - dessen Bild du hier siehst, - erwarte ich
soeben. Er geht nach Florenz, und seine Maultiere sind ihm, mit seinem Gepäck,
in dem Gebirge, vermutlich von deinen Leuten, genommen worden. Die Treiber hat
man erschossen. Nur ein Maultiertreiber-Junge ist entronnen. Er hat sich zu
Aureliens Pflegevater geflüchtet, wo jetzt auch mein Freund ist, dessen Bild du
hier siehst.
    RINALDO Da er dein Freund ist, so gib ihm dies zurück, was er vielleicht
ungern vermisst.
    Er gab ihm die Kapsel mit den Bildnissen, die er, wie wir wissen, aus der
Beute von dem Gepäck der Maultiere erhalten hatte. Donato nahm, öffnete die
Kapsel und erblickte kaum die Bildnisse, als er sie beide küsste.
    DONATO Du hast mir ein sehr wertes Geschenk gemacht, das seinen rechten
Herrn wiedererhalten soll.
    RINALDO Willst du mir seinen Namen nicht nennen? Vielleicht kann ich ihm um
Deinetwillen nützlich sein.
    Donato wollte antworten, als der Bauernbursch mit einem: »Sie kommen!«
hereinsprang.
    Gleich nach ihm trat der Mann herein, der soeben der Gegenstand der
Unterhaltung war. Er trug Uniform und ein Malteserkreuz. - Mit ihm kamen ein
paar Landleute, der Meyer, von dem so oft gesprochen wurde, und sein Bruder.
    Der Malteser fasste Rinaldo scharf ins Auge, und dieser warf ihm einen Blick
zu, auf welchen jener den seinigen von ihm abwandte.
    Rinaldo reichte Donato die Hand und verliess mit einem: »Baldige Besserung!«
schnell die Einsiedelei.
    Der Malteser ging ihm hastig nach. Er trat in die Tür der Klause, als
Rinaldo eben zurückblickte, dies sah, und sogleich stehenblieb. - Jener ging
jetzt langsam auf ihn zu.
    »Mein Herr!« - sagte er, - »wir müssen uns schon irgendwo einmal gesehen
haben.«
    RINALDO Das ist leicht möglich!
    MALTESER Seid Ihr eben der, der sich Donatos Freund nannte und diesen Morgen
mit einem Mädchen sprach, das Aurelia heisst?
    RINALDO Der bin ich.
    MALTESER Darf ich um Euren Namen bitten?
    RINALDO Ihr sollt ihn erfahren, wenn Ihr mir zuvor den Eurigen sagt.
    MALTESER Mein Name ist weder ein Geheimnis noch eine verdächtige Sache. -
Ich bin der Prinz della Roccella.
    Ein paar von Rinaldos Leuten brachten jetzt eben die Ziegen, das Federvieh
und den Wein, die Paolo dem Klausner gleichsam als Sühngeld geben musste. Rinaldo
überlieferte alles, was gebracht war, dem Bauernburschen und sagte:
    »Es gehört dieses meinem Freunde Donato. Er weiss schon davon. Du kannst ihm
hernach sagen, dass alles angekommen ist.«
    Hierauf wandte er sich wieder zu dem Prinzen, der seine Antwort und seinen
Namen erwartete.
    RINALDO Da Ihr von dem Meierhofe kommt, auf welchem Aurelia lebt, so sagt
mir: Ist sie noch dort?
    PRINZ Ich weiss nicht, wie -
    RINALDO Wie ich auf diese Frage komme, da Ihr meinen Namen zu hören
erwartet?
    PRINZ In der Tat! das wollte ich sagen.
    RINALDO Wenn es möglich ist, schenkt mir meinen Namen. -
    PRINZ Sah ich euch nicht unter dem Namen Marchese Pepoli, vor einem halben
Jahr ungefähr, in Florenz. - Wir sprachen uns auf dem Deutschen Hause und Ihr
wurdet sehr warm, als man von dem berüchtigten Rinaldini eine Geschichte
erzählte, die sehr zu seinem Vorteile gereichte.
    Einer von Rinaldos Leuten winkte ihm sehr bedeutend. Er verstand das
Zeichen, näherte sich dem Prinzen ganz vertraulich und sagte: »Nun dann! so wisst
es: Ich bin Rinaldini selbst«; und eilte davon.
Rinaldo fragte seine Gesellen, was es gäbe, und erhielt zur Antwort: Cintio
finde Bedenken, sich dem Pappeltale bei Oriolo zu nähern, weil sich dort eine
Karawane von Reisenden gelagert habe.
    Darauf eilte Rinaldo zu Cintio und fand ihn und sein Kommando in dem
Buschwerk eines lustigen Hügels. Er erfuhr von ihm selbst, was er jetzt gehört
hatte. - Nach einigem Nachdenken erteilte er ihm folgende Order:
    »Wende dich mit unseren Leuten rechts, teile dich nach der Landstrasse zu und
lass den Weg von Oriolo nach dem Nonnenkloster St. Benedetto nicht aus dem
Gesicht. Stösst euch dort etwa ein Wagen auf, in welchem sich ein junges, schönes
Mädchen befindet: so wird der Wagen angehalten und das Mädchen für mich geraubt.
Mit einbrechender Nacht finden wir uns hier auf diesem Platze wieder.«
    Hierauf überzog er sein Gesicht mit einer braunen Farbe, kleidete sich als
Jäger an, nahm einen von seinen Gesellen, Severo genannt, auch als Jäger
gekleidet, und, wie er, mit einem Doppelrohr, einigen versteckten Terzerolen und
einem Hirschfänger bewaffnet, mit sich und ging mit ihm, in Begleitung seiner
Doggen, auf das Pappeltal zu.
    Als sie auf die Anhöhe kamen, sahen sie in das Tal hinab und erblickten dort
ein Gezelt aufgeschlagen, um welches herum Maultiere grasten und einige Menschen
hin und her gingen, die ein Feuer angemacht hatten, bei welchem sie ihre
Mahlzeit für den Abend zuzubereiten schienen.
    Sie lauerten einige Zeit und wurden dann ein paar Damen in dem Gezelte
gewahr. - Ein wenig entfernt von dem Gezelte lag abgeladenes Gepäck umher, und
Maultiertreiber lagen bei demselben.
    Ungefähr vierzig Schritte von dem Lagerplatze rieselte eine Quelle von der
Anhöhe hinab in das lustige Tal. Hierher kam mit einem leeren Topfe, Wasser zu
schöpfen, ein flinker Bube, der zu der Gesellschaft gehörte. Diesem machte sich
Rinaldo sichtbar. Der Bube erschrak und wollte fliehen, Rinaldo aber rief ihm
zu:
    »Bleib, Bube! - Gehörst du zu jener Gesellschaft?«
    »Ja! Zu der Gesellschaft gehöre ich«; - stammelte derselbe.
    »Wer sind die Damen unter dem Gezelte?«
    »Meine gnädige Frau, die Marchese Altanare und ihre Schwester. - Wir kommen
von St. Leo und gedenken nach Florenz zu gehen.«
    Rinaldo winkte seinem Gefährten. Dieser folgte ihm, und beide gingen auf das
Gezelt zu. - Die Leute der Marchese grüssten sie und gafften sie an. Der
Stallmeister der Marchese trat ihnen aus dem Gezelt entgegen, indes die Damen am
Eingange lauschten, und redete sie an:
    »Wohin aus, liebe Freunde?«
    Rinaldo nahm das Wort:
    »Ich bin der Förster aus Sarsina, und bin mit meinem Burschen auf dem
Heimwege. Da sah ich eure Gesellschaft und dachte, du musst doch sehen, wer die
Herrschaften sind. - Zugleich komme ich auch, Euch einen kleinen Wink zu geben.
Seid wachsam und vorsichtig! Rinaldinis Bande haust in diesen Gebirgen.«
    »Ach Gott!« - rief die eine von den Damen aus, - »das macht mich sehr
ängstlich.«
    »Warum das?« - sagte der Stallmeister. - »Wir sind unserer ja genug, um
Gewalt mit Gewalt zu vertreiben.«
    »Hm!« - lächelte Rinaldo, - »das würde euch wenig helfen: denn Rinaldinis
Leute haben, so zu reden, den Teufel im Leibe.«
    DIE DAME Aber mein Gott! warum lässt man denn diese Räuber hier so ruhig und
ungestört ihr Wesen treiben?
    RINALDO Weil man sie fürchtet.
    STALLMEISTER Wie stark mag wohl die Bande sein?
    RINALDO Wer will das wissen! - Rinaldini ist vogelfrei. Es steht ein Preis
auf seinem Kopfe, der gar nicht zu verachten ist. - Unter uns gesagt: Ich
schleiche schon seit acht Tagen dem Vogel zu Gefallen herum und möchte gern
etwas verdienen. Käm' er mir nur in den Schuss, er sollte gewiss nicht wieder
aufstehen.
    STALLMEISTER Kennt Ihr ihn denn?
    RINALDO Er ist ja genau genug beschrieben worden.
    STALLMEISTER Im Grunde, - sagt man, - soll er selbst eigentlich gar kein
Herz haben und weder Mut noch persönliche Tapferkeit besitzen. Seine Leute
sollen alles für ihn tun.
    RINALDO So? - Da sind seine Leute Narren!
    STALLMEISTER Ihr meint also, er sei jetzt wirklich hier in der Nähe?
    RINALDO Das weiss ich gewiss. Es sind unserer achtzehn, alle Jäger und gute
Schützen, die wir ihm auf den Dienst lauern. Haben wir ihn, so teilen wir.
    DIE DAME Was bekommt ihr denn, wenn ihr den Galgenstrick liefert?
    RINALDO In Venedig, Genua, Lucca und Florenz wird Geld für seinen Kopf
gezahlt. Zusammen wirds immer ein Sümmchen von 4 bis 5000 Zechinen ausmachen. -
So etwas nimmt unsereiner mit. Die Zeiten sind schlecht. - Aber freilich,
Lebensgefahr ist dabei. Einige von uns können auch ins Gras beissen.
    DIE DAME Man sollte Truppen gegen den Beutelschneider ausschicken.
    RINALDO 's ist auch schon geschehen, Madamchen; aber es hat nichts fruchten
wollen. Der Schlaukopf hat Schlupfwinkel, setzt sich auch wohl gar zur Wehr.
Davon kann die Miliz von Lucca ein Liedchen singen. Dreihundert Mann wurden von
80 Mann, unter Rinaldinis Anführung, über Stock und Stein gejagt. Sie liessen
noch dazu siebzig Tote auf dem Platze und haben es nie wieder versuchen mögen,
gegen die Räuber anzurücken.
    DIE DAME Es ist erschrecklich, wie weit es so ein solcher Vagabund treiben
kann!
    RINALDO Jawohl! - Er soll sehr verwegen sein! und auch wohl oft ganz allein
einen Streich ausführen, der zum Totlachen ist.
    DIE DAME So etwas möchte ich einmal sehen.
    RINALDO Gesetzt, Ihr steht hier ganz unbefangen. Neben Euch steht der Herr
Stallmeister, und alle eure Leute sind um euer Gezelt herum versammelt - So
setzt Rinaldini mit der Rechten dem Herrn Stallmeister die Pistolen auf die
Brust, - indes sein Begleiter auf die Umstehenden anschlägt, - und sagt: Ich
bitte mir Eure Ringe, Eure Uhr und 300 Stück Zechinen aus; ich bin Rinaldini!
    Was er hier als ein Gleichnis sagte, tat er wirklich. Die Marchese schrie
laut auf und der Stallmeister taumelte zurück.
    STALLMEISTER Herr Förster, keinen Spass!
    RINALDO Kein Spass, völliger Ernst, Herr Stallmeister!
    STALLMEISTER Wie? - Ernst? -
    DIE DAME Um Gottes Willen!
    RINALDO Ihr wolltet einen Streich zum Totlachen von Rinaldini sehen. Ihr
seht ihn jetzt.
    DIE DAME Ihr seid wirklich -
    RINALDO Ich bin Rinaldini. Nun weiter keine Vorrede. Ich habe Euch Euren
Wunsch gewährt, und Ihr gewährt mir den meinigen. Dieses ist der Wunsch nach dem
Besitz Eurer Uhr, Eurer Ringe und der kleinen Summe von 300 Zechinen. - Dafür
gebe ich Euch eine Sicherheitskarte, und bis nach Florenz werden Euch, wenn Ihr
dieselbe vorzeigt, meine Leute kein Haar krümmen.
    Am ganzen Leibe zitternd, zog die Marchese ihre Ringe ab und gab ihm Uhr,
Börse und die verlangten 300 Zechinen.
    Mit einem: »Habt Ihr nun Rinaldini kennengelernt?« ging er davon, und keine
Seele getraute sich, ihn zu verfolgen.
Die Nacht brach herein, und seine Gesellen fanden sich an dem bestimmten Ort
ein, ohne eine Kutsche gesehen zu haben. - Rinaldo wurde missmutig und legte
sich, nach einer sehr frugalen Abendmahlzeit, unter einer Pappel nieder. Er
bedeckte sich mit dem Mantel und schlief bald ein. Seine Gesellen machten Feuer,
stellten Wachen aus und legten sich auch zur Ruh, nachdem ihnen Severo Rinaldos
Schwank mit der Marchese erzählt hatte.
    Gegen Morgen fuhren sie alle zugleich aus dem Schlafe auf, geweckt von
wiederholten Schüssen. Sie griffen zum Gewehr und vernahmen das Geschrei ihrer
Vorposten:
    »Wir sind umringt!«
    Sie zeigten auf die benachbarten Bergspitzen und in die Täler, und
allentalben blinkten ihnen Gewehre entgegen.
    RINALDO Auf, auf! wir müssen von unseren Leuten herbeiziehen, was wir nur
können. Stosst in die Alarmhörner und ladet eure Gewehre doppelt!
    Die Täler erklangen vom Schalle der Hörner und die Echos gaben den Ruf
zurück. - Auf einmal ertönte ganz nahe der Schall eines Horns, und bald sahen
sie Altaverde mit seinen Gesellen sich ihnen nähern.
    »Kameraden! wir sind umgangen! Landmiliz und Truppen rücken gegen uns an.
Unsere Kameraden Tonetto und Rispero sind der Miliz in die Hände gefallen.«
    Bald darauf hörten sie in der Ferne Hörnerschall, der sich immer mehr
näherte, und endlich sahen sie Alsetto mit seinem Corps, der durch das Tal
herauf ihnen zuzog.
    Jetzt waren sie 69 Mann stark. Alle schrien, wie aus einem Munde:
    »Hauptmann! lass uns angreifen.«
    Sogleich rief er ihnen zu, sich links zu schwenken, und zog ins Tal hinab.
    Sie waren einige hundert Schritte weit marschiert, als sie ein Papier auf
der Erde liegen sahen. Altaverde hob es auf und gab es Rinaldo. Dieser
entfaltete das Papier und las:
    »Im Namen der Regierung wird hierdurch einem jeden von Rinaldinis Bande
Verzeihung und Freiheit angeboten, der freiwillig zu den Truppen übergeht und
seinen Anführer verlässt. Wer Rinaldinis Kopf mit sich bringt, erhält noch, ausser
dem Geschenke seiner Freiheit, eine Belohnung von 500 Stück Zechinen.«
    Rinaldo steckte das Papier zu sich und sagte:
    »Kameraden! dieses Papier verspricht euch Freiheit und Verzeihung, wenn ihr
zu den Truppen übergehen, und euch auf Treu und Glauben selbst in ihre Hände
liefern wollt.«
    »Hat es der Grossherzog unterschrieben?« - fragte Alsetto.
    »Es ist ein Wisch ohne Ort, ohne Datum und Unterschrift«; - - antwortete
Rinaldo.
    »Dass wir doch Narren wären«, - schrie Altaverde, - »und leichtgläubig auf
die Anforderung eines verzagten Unteroffiziers unser Leben in die Schanze
schlügen! - Das hat ein Kerl geschrieben, dem es bange wird, gegen uns zu
fechten. Kämen wir hinüber, so wüsste kein Teufel etwas von dem Versprechen; man
lachte uns aus und knüpfte uns zum Spasse auf, was wir auch verdienten. -
Hauptmann! Zerreiss den Wisch in Stücke und lass uns Pfropfe daraus machen. Wir
wollen die Versprecher mit ihren Versprechungen auf die Pelze brennen!«
    »Kameraden!« - begann Rinaldo, - »Meine Meinung ist, uns nach der Grenze des
Kirchenstaates zu wenden und uns durch die Miliz in die Marleischen Waldungen zu
schlagen.«
    »Nur zu! nur darauf los!« - schrien alle.
    Sie durchkreuzten das Tal und schlichen sich an dem entgegengesetzten Berge
hin. Beinahe hatten sie ihn schon umgangen, als sie, nahe an der Grenze, auf ein
Piket Miliz stiessen. Dieses griffen sie unvermutet und rasch an und warfen es
zurück. Aber nun trafen sie auf ein Detaschement, das, über andertalbhundert
Mann stark, rasch auf sie los rückte.
    »Kameraden!« - schrie Rinaldini, - »jetzt wehrt euch wie brave Männer! Mit
drei Schritten sind wir über der Grenze, und die Waldungen liegen kaum hundert
Schritte weit von uns. - Bekommen sie uns lebendig, so verlieren wir unser Leben
auf der Marterbank oder unter Henkershänden. Also lasst uns lieber als brave
Männer mit dem Säbel in der Faust sterben. - Aber nur mutig! Wir schlagen uns
gewiss durch. - Frisch darauf los!«
    Mit dem letzten Worte gab er das Signal mit einem Pistolenschusse, stürzte
auf die Soldaten los und seine Gesellen ihm nach. Die Furie, mit der es geschah,
machte die Soldaten anfangs bestürzt. Sie fingen wirklich an zu weichen, als
einer ihrer Offiziere ihnen ihre Feigheit vorwarf, an die Spitze trat und sie
gegen die Wütenden führte.
    Nun kam es zu einem fürchterlichen Gemetzel. Alsette stürzte an Rinaldos
Seite nieder und drei seiner Gesellen zugleich mit ihm. Altaverde, Cintio,
Severo und Rinaldo fochten wie Löwen.
    Es regnete Kugeln, und Hiebe fielen hageldicht. Mit gespaltenem Schädel
stürzte Severo, und zwölf seiner Kameraden, von Kugeln und Hieben getroffen,
neben ihm. Rinaldo drängte sich mit seinem zusammengeschmolzenen Haufen auf die
Flanke der Truppen und erreichte endlich glücklich die Grenze, aber getrennt von
den Seinigen. - Hier fielen ihn zwei Dragoner an. Er schoss den einen vom Pferde,
und der zweite sprengte zurück. - Matt und kraftlos erreichte Rinaldo den Wald,
kroch in einen dichten Busch und sank atemlos, mit hochaufklopfendem Herzen,
beinahe ohne Bewusstsein nieder.
Als er wieder zu sich kam, war es hoch am Mittag, und er fühlte sich gequält von
brennendem Durste. Er raffte sich auf und wankte tiefer in den Wald hinein bis
zu einer Quelle, wo er sich niederwarf und sich erquickte. Er durchsuchte seine
Taschen und fand ein paar Stückchen Zwieback, die er mit dem grössten Hunger
verschluckte. Dann kroch er einem Busche zu und stellte Überlegungen an. - Der
Hunger aber trieb ihn bald wieder aus dem Busche. Er machte sich auf,
untersuchte sein Gewehr, füllte seine Feldflasche mit Wasser und schlich weiter
fort.
    Er war nicht lange gegangen, als er Geräusch vernahm. Er stellte sich auf
die Lauer und sah endlich einen Bauer mit einem Korbe ganz ruhig einhergehen.
Diesem ging er entgegen und fragte ihn, ob er etwas zu essen bei sich habe?
    Der Bauer sah ihn mit grossen Augen an und sagte endlich, er trage Käse und
Würste in die benachbarte Stadt. Rinaldo bot sich sogleich als Käufer an, nahm
so viele Käse und Würste als in seine Jagdtasche gehen wollten und bezahlte sie
ohne zu handeln; auch überliess ihm der Bauer ein Brot, da er sah, dass er so gut
für seine Victualien bezahlt ward.
    »Was gibt's Neues?« - fragte endlich Rinaldo.
    »Diesen Morgen« - antwortete der Bauer - »hat's auf der Grenze viel Blut
gegeben. - Die Toscanischen Soldaten haben den Spitzbuben Rinaldini erwischt. -
Er hat sich mit seinen Leuten wie ein Teufel gewehrt. Sie sind aber alle
zusammengehauen und niedergeschossen worden.«
    »Rinaldini auch?«
    »Auch mit. - Der Spitzbube hatte längst den Galgen verdient. 's ist nur
jammerschade, dass sie ihn nicht lebendig bekommen haben und dass er so ehrlich
gestorben ist! Aber zum Teufel wird der Kerl doch gefahren sein. Denn er ist ja
ohne Absolution in seinen verfluchten Sünden dahingestorben. - Da stirbt
unsereiner doch ruhiger und honetter. Nicht wahr?«
    »Ei, natürlich! Wir beide sind ja aber auch keine Spitzbuben.«
    »Nein«, sagte der Bauer und ging. Als Rinaldo ihn aus dem Gesichte hatte,
schlich er waldein und hielt Tafel.
Nach einem kleinen, erquickenden Schlafe machte er sich auf und ging einige
Stunden tiefer in den Wald hinein. Auf einmal sah er sich ganz unerwartet auf
einem freien Platze, der einige hundert Schritte im Umfange haben mochte. Vor
ihm lagen auf einem Hügel die Ruinen eines zerstörten Schlosses.
    Er sah sich rund umher um und erblickte kein lebendes Wesen. Die tiefste
Totenstille schien über die Gegend ausgegossen zu sein. Nicht einmal ein Vogel
war in der Nähe zu hören. Doch glaubte er Fusstritte in dem Grase zu sehen.
    Er ging auf die Trümmer des Schlosses zu und trat in einen geräumigen Hof,
der hoch mit Gras bewachsen war. Vor einer verfallenen Kolonnade setzte er sich
auf eine umgestürzte Säule und überliess sich sonderbaren Betrachtungen.
    Ein Geräusch schreckte ihn auf. Ein Reh jagte vorüber. - Er kam wieder zu
sich, stieg auf und näherte sich einer Treppe, die in die oberen Gegenden des
Schlosses führte.
    Er stieg hinauf und kam in einen grossen Saal. - Seine Fusstritte erschallten
laut umher. Alles war öde und leblos um ihn her.
    Der Saal führte in ein geräumiges Gemach, an dessen Hinterwand er zwei alte
hölzerne Türen erblickte, die mit eisernen Riegeln verwahrt waren. Hier blieb er
stehen, lauschte und horchte und vernahm nichts als seine eigenen lauten
Atemzüge. - Er klopfte an beide Türen an. Alles blieb still.
    Endlich zog er den Riegel der einen Tür zurück; sie knarrte auf und er trat
in ein leeres Gemach, das er sogleich wieder verliess. - Als er die andere Tür
öffnete, fand er auch hier wieder ein leeres Gemach. - Er verriegelte beide
Türen und ging wieder zurück.
    Jetzt ward er in der einen Ecke des Saals eine schmale Öffnung gewahr. Es
war der Eingang in ein leeres Gemach, welches in ein zweites und dieses in ein
drittes führte. Hier trat er auf Holz und sah, dass er auf einer verriegelten
Falltür stand. Er schob den Riegel zurück, hob die Falltür auf und sah in eine
dunkle Tiefe hinab, wohin eine schmale steinerne Treppe führte. Er liess die Tür
nieder, ging zurück und kam wieder in den Hof.
    Die Dämmerung brach schon stark herein. Er sah sich nach einem Baume um,
erblickte eine majestätische Steineiche, stieg hinauf und suchte in ihren
dichten Zweigen sein Nachtlager.
Nach einer beinahe ganz durchwachten Nacht verliess Rinaldo sein hartes Lager,
als der Tag anbrach, und machte sich auf den Weg, Wasser zu suchen, das er auch
bald fand. - Als er seinen Durst gestillt und seine Flasche gefüllt hatte, ging
er weiter, schnitt aber Merkzeichen in die Bäume, um den Weg zu den Ruinen
wieder zurückfinden zu können.
    Gegen Mittag nahte er sich der Fahrstrasse, die durch den Wald ging, und
lagerte sich hinter einem Busche.
    Hier hatte er nicht lange gelegen, als er in der Entfernung Menschenstimmen
und Glockengeklingel von Maultieren vernahm. Beide näherten sich immer mehr, und
endlich kam ein Zug Zigeuner zum Vorschein.
    Die Gesellschaft bestand aus drei Männern, zwei alten Weibern, einem Paar
erwachsenen Mädchen, vier Kindern, einem bepackten Maultier, zwei Hunden und
einigen Murmeltieren.
    Sie schienen die Gegend zu kennen, bogen waldein und zogen nach der Quelle
zu, die Rinaldo eben verlassen hatte. - Die Hunde witterten ihn kaum, als sie
ein schreckliches Gebell erhoben und auf ihn losfuhren. Der eine von den Männern
griff nach einer Flinte.
    Rinaldo schlug auf die Hunde los und trat aus dem Busche hervor.
    »Heda! Wer bist du?« schrie ihm der eine Zigeuner entgegen.
    »Ruft eure Hunde zurück«, - rief ihm Rinaldo zu, - »oder ich schiesse sie
nieder!«
    Sie lockten die Hunde an sich, und die Weiber nahmen sie fest. - Rinaldo
trat ihnen näher und sagte ganz entschlossen:
    »Wir werden schwerlich etwas von einander zu fürchten haben.«
    »Wer bist du?« fragte der Zigeuner wieder.
    »Ein Mann, der keine Furcht kennt.«
    ZIGEUNER Ich weiss nicht, was ich von dir denken soll.
    RINALDO Gib mir einen Schluck Likör, wenn du welchen hast.
    ZIGEUNER Den kannst du bekommen, wenn du ihn bezahlen willst.
    RINALDO Schenk ein!
    ZIGEUNER Donnerwetter! Kerl, du kommst mir vor wie einer, der - etwas
begangen hat, weshalb er mit der lieben Justiz in Unfrieden lebt.
    RINALDO Schenk' ein!
    ZIGEUNER Ja, ja, Bursch! Einer von Rinaldinis Bande bist du gewiss?
    RINALDO Was geht uns beide Rinaldini an?
    ZIGEUNER Mich wenigstens so viel wie ein paar tausend Zechinen, wenn ich
seinen Kopf liefern könnte. -
    RINALDO Ah so! - Das ist aber zu spät.
    ZIGEUNER Zu spät? Ich denke, er wird immer noch früh genug an den Galgen
kommen.
    RINALDO Nun nicht, da er in dem letzten Gefecht von Toscanischen Soldaten
niedergehauen worden ist. Da war ich dabei.
    ZIGEUNER Du bist also einer von seiner Bande?
    RINALDO Donnerwetter! Sag das noch einmal, und ich schlage dir den Kopf ein.
Was denkst du von mir? - Ich bin der Förster des nächsten Grenzorts und war mit
meinen Leuten gegen Rinaldini aufgeboten. Ich denke, wir haben einen heissen Tag
gehabt, und du Schuft willst da -
    ZIGEUNER Nun, nun! Ich bitte um Verzeihung, man kann sich -
    RINALDO Raisonniere nicht und schenk ein! - Das ist eins. - Numero zwei:
Zeigt eure Pässe vor. Wir haben geschärfte Befehle erhalten, euch Landstreichern
auf der Fährte zu sein.
    EINE ZIGEUNERIN Ein deliziöses Likörchen! - Für den Herrn Förster, ganz
umsonst.
    RINALDO Ich nehme nichts geschenkt und kenne meine Pflicht. - Noch eins.
Schenk' ein, alte Sibylle!
    ZIGEUNERIN Mit Vergnügen, allerliebster Herr Förster!
    RINALDO Sind das deine Töchter, alte Nachteule?
    ZIGEUNERIN Die kleine ist meine Tochter. Die grosse ist eine Anverwandte.
Eine vater- und mutterlose Waise. - Sie heisst wie ihre Schutzpatronin: Rosalie,
ist eine gute Christin, siebzehn Jahre alt und hat ein vortreffliches Herz. -
Soll ich noch eins einschenken?
    RINALDO Meinetwegen!
    ZIGEUNERIN Rosalie! Ein Stückchen Reiskuchen für den Herrn Förster.
    ROSALIE Hier, Herr Förster! - Wohl bekomm's
    RINALDO Höre Mädchen! bist du denn wirklich getauft?
    ZIGEUNERIN Vergebe Euch der Himmel diese Frage! - Zu Macerata ist sie gar
schön und christlich getauft worden, wie ihr Taufzeugnis besagt.
    ROSALIE Ja, gewiss und wahrhaftig!
    RINALDO Nun? Was bin ich schuldig?
    ZIGEUNERIN Ah papperlapapp! Nichts. Wir werden dem Herrn Förster doch nicht
gar Geld abnehmen.
    RINALDO Ich nehme nichts von euch geschenkt. - Sucht eure Pässe herbei. Was
habt ihr da alles in den Körben? - Teufel und alle Wetter! Wie kommt ihr denn zu
den grossen Wachskerzen? Die habt ihr gewiss gestohlen.
    ZIGEUNERIN Gott bewahre! Herr Förster, was denkt Ihr von uns? - Wir haben
sie gekauft. Wir brauchen dieselben bei Sturmnächten im Walde.
    RINALDO Ich will euch zwei Stück davon abkaufen.
    ZIGEUNERIN Sie stehen zu Diensten.
    RINALDO Das Brot kaufe ich euch auch ab.
    ZIGEUNERIN Nach Belieben.
    RINALDO Nun macht mir die Rechnung. - Hurtig! und die Pässe heraus! - Wollt
ihr mir das ganze Fläschchen Likör lassen?
    ZIGEUNERIN Warum nicht?
    ZIGEUNER Der Herr Förster taugt gut auf einen Jahrmarkt.
    RINALDO Ja, ich kaufe alles, was mir gefällt. Ich kaufe euch auch das
Mädchen ab, wenn ihr mir sie lassen wollt, und wenn sie mit mir gehen will. Ich
brauche so ein Mädchen in der Wirtschaft.
    ROSALIE Wenn ich Lohn bekomme, gehe ich mit.
    RINALDO Das versteht sich.
    ZIGEUNERIN Ihr könnt das arme Ding bekommen. Aber - es ist eine Bedingung
dabei. Ihr fragt nicht weiter nach unsern Pässen.
    RINALDO Aha! - Nun, meinetwegen! Aber nehmt euch in acht, dass ihr nicht der
Miliz in die Hände fallt. - Es wird heute gestreift.
    ZIGEUNERIN So wollen wir machen, dass wir aus dem Walde kommen.
    RINALDO Das rate ich euch selbst. - Hier ist Geld für's Mädchen und ein Paar
Paoli für meine Zeche.
    ZIGEUNERIN Nun, - so bedanken wir uns.
    ROSALIE Lebt wohl!
    ZIGEUNERIN Führe dich hübsch auf und mache uns keine Schande! - Wie heisst
der Ort, wohin Ihr sie führt, Herr Förster?
    RINALDO Nach Sarsiglia, wo ich Förster bin. - Die ganze Gegend kennt mich.
    ZIGEUNERIN 's ist nur, dass wir wissen, wo wir uns nach dem Mädchen
erkundigen können.
    RINALDO Schon recht! Gott befohlen!
    ROSALIE Nochmals; lebt wohl!
    Die Zigeuner machten sich sogleich auf den Weg.
    Rosalie nahm ihr Bündelchen, sprang neben Rinaldo her, der den Weg nach den
Schlosstrümmern einschlug und war sehr aufgeräumt und munter.
Sie bewunderte die Ruinen, meinte, hier müsse es sich gut für Zigeuner hausen
lassen, und warf sich neben Rinaldo nieder, der sich ins Gras streckte.
    ER Bist du wirklich gern mit mir gegangen?
    SIE Sonst würde ich ja nicht so freudig sein. Das Leben, das ich bisher
geführt habe, hat mir schon längst nicht mehr gefallen wollen. Ich hatte mir
auch vorgenommen, einmal des Nachts davonzugehen. Nur wusste ich nicht, wohin. -
Ach, ein Zigeunermädchen ist gar ein armes Tier! Man muss sich zu vielerlei
gebrauchen lassen, hat doch zuweilen kaum das liebe Brot, und wenn man einmal
etwa mit langen Fingern erwischt wird, rips! bekommt man zwischen Himmel und
Erde Quartier. - Wenn ich aber Eure Wirtschafterin bin -
    ER Ich will dich nicht betrügen; du gefällst mir zu sehr. - Ich bin kein
Förster.
    SIE Heilige Rosalie! Was denn sonst?
    ER Jetzt kannst du deine Gesellschaft noch einholen, wenn du nicht Lust
hast, bei mir zu bleiben. Ich halte dich nicht zurück. Ich stelle dir alles
frei. Und damit du siehst, wie aufrichtig ich gegen dich bin, so will ich sogar
so unbesonnen sein, dir zu sagen, wer ich bin. - Ich bin Rinaldini.
    SIE Ach, Rinaldini! Wie bin ich erschrocken, - weil - weil - Ihr ein so
berühmter Mann seid, und weil ich -
    ER Zieh' in Frieden zu deinen Zigeunern zurück! - Hier sind zehn Dukaten.
Ich schenke sie dir.
    SIE Still! Lasst mich einmal ein wenig nachdenken. - So oder so! - - Hm! -
Ich bleibe bei Euch.
    ER Nun gut! Du sollst sehen, dass ich für dich sorgen will. Und geht's mir
wohl, so soll dir's auch wohl gehen. Fehlen soll dir's an nichts, was ich dir
verschaffen kann. - Gib mir deine Hand und versprich mir, bei mir zu bleiben.
    SIE Hier ist meine Hand. Ich verspreche es dir.
    ER Dein offener Blick nahm mich gleich für dich ein, und da ich dir mein
Zutrauen schenke, so kannst du glauben, das ich des deinigen wert zu werden
wünsche.
    SIE Rinaldini, und wenn du auch ein noch so furchtbarer Mann wärst, ich will
mich nicht fürchten. Aber bei dir bleiben will ich, und dir getreu dienen. - Ist
es mir doch, als sei ich schon längst um dich herum und mit dir bekannt gewesen.
    ER So ist es mir auch. Daher kommt es, dass du mir gefällst und dass ich so
viel Zutrauen zu dir habe.
    SIE Das ist mir sehr lieb! Je mehr du Zutrauen zu mir hast, desto lieber bin
ich bei dir.
    ER Ich will mich dir ganz entdecken. - So wie du mich hier siehst, bin ich
einem Gefechte mit Toscanischen Truppen entronnen, aus welchem wenige der
Meinigen entkommen sein werden. Ich bin jetzt hier ganz allein und sehne mich
auch nicht zu dem Überreste meiner Gesellschaft zurück. Vielleicht hat mich das
Schicksal zu meinem Glücke von meinen Gesellen getrennt. - Die Toscaner glauben,
ich sei auf der Wahlstatt unter den Toten geblieben. Es ist mir sehr lieb, dass
sie das glauben. Vielleicht sahen sie meinen Gesellen, Severo, der mit
gespaltenem Schädel neben mir niedersank und einige Ähnlichkeit mit mir hat, für
mich an; vielleicht gaben etwa einige der Meinigen, die verwundet gefangen
wurden, mich für tot aus, um mich gegen Nachstellungen zu sichern, oder wie dem
ist. Genug, ich wünsche, ganz Italien glaube, ich sei tot. - Unter diesen Ruinen
will ich einige Tage verweilen, bis die Soldaten wieder entfernt sind, dann
wollen wir suchen, uns gewissen Plätzen zu nähern, wo ich Geld vergraben habe.
Finden wir deren nur drei unbemerkt, so haben wir zu leben, suchen uns irgendwo
einzuschiffen, verlassen Italien und leben mit und beieinander in Ruhe.
    SIE Das ist ein herrlicher Plan.
    ER Nun wohl! so wollen wir suchen, ihn auszuführen.
    So ward das Bündnis geschlossen und mit einem Frühstücke besiegelt.
    Nach demselben führte Rinaldo seine Gesellschafterin ins Innere des
ehemaligen Schlosses und zündete seine beiden erhandelten Kerzen an, das Terrain
zu untersuchen, zu welchem die Treppe unter der bewussten Falltür führte.
    Sie stiegen hinab und kamen in ein geräumiges Gewölbe, das gleichsam der
Vorhof eines weit grösseren war, welches sie durchsuchten und ganz leer fanden.
Am Ende desselben kamen sie wieder zu einer Treppe, die aufwärts führte, oben
von einer Falltür bedeckt wurde, die unverriegelt war und sich aufheben liess.
Sie kamen in einen kleinen mit Gras bewachsenen Vorhof und drängten sich durch
eine schmale Öffnung, die ehemals eine Tür gehabt haben mochte, in ein kleines
Gemach, das verschlossene Fensterladen hatte. Sie näherten sich einer
verriegelten Seitentür, die sie öffneten, als zwei Ottern nahe an ihnen vorbei
zischten. Dann traten sie in ein enges Zimmer, fuhren aber bald wieder zurück,
als ein schrecklicher Geruch, wie ein Dampfnebel, ihnen entgegenschlug. - Als
Rinaldo wieder eintrat, fand er zwei Körper auf dem Boden, die in Fäulnis
übergingen. Sie waren ganz entkleidet und mit geronnenem Blute bedeckt.
    »Hier hausen Mörder!« - sagte er, verliess das Gemach und verschloss die Tür.
    Die schreckliche Entdeckung machte ihn unruhig. Er wendete sich zu Rosalien
und sagte:
    »Hier werden wir schwerlich lange bleiben. Ich meinte, diese Trümmer würden
nur ein Aufentalt der Ottern und Eulen sein, und finde, dass sie von Mördern
besucht werden.«
    Rosalie schauderte zurück. Rinaldo bedachte sich nicht lange und ging mit
dem Mädchen wieder dahin, woher sie gekommen waren. Sie eilten ins Freie und
waren kaum auf dem offenen Schlossplatze angekommen, als ein Schuss fiel, dessen
Kugel zwischen beiden durchfuhr. Rinaldo bedachte sich nicht lange, legte sein
Rohr an, und gab Feuer auf den Busch, aus welchem der Schuss kam.
    Er vernahm einen lauten Fluch; ein Geräusch, und im Augenblick stand ein
Bewaffneter vor ihm, der ihn donnernd anredete:
    »Hier keinen Widerstand, wo Batistello ist, der gefürchtete Anführer einer
furchtbaren Truppe von Männern, die der Schrecken der ganzen Gegend sind!«
    RINALDO Ha! sehe ich dich endlich, gefürchteter Batistello, von dem ich so
viel schon gehört habe. Du bist es selbst?
    BATISTELLO Ich bin es.
    RINALDO Nun so wisse, dass ich dir um kein Haar breit weiche: denn auch ich
bin gefürchtet, wie du. - Ich bin Rinaldini, der Unerschrockene.
    BATISTELLO Ha! treffen wir uns hier? - Wisse, dass wir mit Worten nicht
auseinander kommen. Ich bin eifersüchtig auf deinen Ruhm. Unser Zusammentreffen
kann sich nur mit der Unterwerfung des einen von uns beiden enden. - Dass ich
mich dir nicht unterwerfen werde, kannst du denken, also greif zum Säbel und lass
sehen, ob du ihn zu führen verstehst.
    RINALDO Das sollst du erfahren. - Lass aber deine Leute aus dem Hinterhalt
treten.
    BATISTELLO Ich bin hier jetzt ganz allein. Wer von uns beiden fällt, ist der
Erbe des andern.
    RINALDO Der meinige ist dieses Mädchen.
    BATISTELLO Das wird sich geben. Sie soll ungehindert abziehen und eine gute
Zehrung von mir erhalten. Lass deine Leute vortreten!
    RINALDO Sie sind über eine halbe Stunde weit von hier entfernt.
    BATISTELLO Nun gut, so zieh!
    Rinaldo entledigte sich seines Gewehrs und seiner Jagdtasche. Rosalien
traten Tränen in die Augen. Rinaldo sah sie nicht, zog und ging auf Batistello
los. Dieser empfing ihn mit Kälte und Mut. Es fiel Hieb gegen Hieb, von beiden
pariert und wiederholt. Sie hackten ein paar Minuten aufeinander los. Rinaldo
wurde immer hitziger. Batistello blieb kalt und bei Fassung. Rinaldo sah und
hörte nicht mehr, stürmte immer wütender auf seinen Gegner los, und dieser zog
unbemerkt mit der linken Hand ein Terzerol. Die Hand hinter den Rücken gelegt,
schoss er es auf Rinaldo ab, und fehlte ihn.
    »Ha! Nichtswürdiger!« - schrie Rinaldo ergrimmt, zog eine Pistole aus dem
Gürtel, und schoss ihm eine Kugel durch den Kopf. - Batistello fiel. Rosalie
schrie laut auf.
    Ohne eine Wort zu sprechen, gab der Bandit seinen Geist auf. Rinaldo packte
ihn und warf seinen Körper in den Busch, aus welchem er auf ihn geschossen
hatte.
    Hier lag ein Päckchen. Er hob es auf und gab es Rosalien. - Einen schönen
Ring zog er dem Toten vom Finger, und eine Katze, gefüllt mit Goldstücken, riss
er ihm vom Leibe.
    »Jetzt Rosalie!« - schrie er. - »Auf und davon, ehe des Nichtswürdigen
Gesellen kommen!«
Nach einem Wege von andertalb Stunden fanden sie ein heimliches Örtchen, mitten
im tiefsten Walde; einen mit Buschwerk umwachsenen Hügel, an dessen Fusse ein
silberheller Quell in den Abhang der Gegend hinabmurmelte. In der Mitte des
Hügels war ein freies Plätzchen. Hier liessen sie sich nieder und sprachen über
den blutigen Vorfall.
    Rinaldo zählte das Gold in der erbeuteten Geldkatze und fand über 200 Stück
Dukaten, einige goldene Schaustücke ungerechnet. Indessen durchstöberte Rosalie
das Bündel und fand eine Waldbruderkutte, ein Paar falsche Nasen, einen Bart und
Wäsche, die beiden sehr gelegen kam.
    Sie nahmen hierauf eine kleine Mahlzeit ein, koseten noch mancherlei
miteinander und übernachteten auf dem Flecke, wo sie waren.
 
                                  Zweites Buch
 Der Zufall weilt, wo Liebe weilet,
 Er wirkt und schafft, er führt zum Ziel;
 Dort wird der süsse Raub geteilet,
 Und immer kühner wird das Spiel.
Die Sonne war aufgegangen. Unser Pärchen machte sich auf den Weg. - Sie kamen
der Landstrasse näher und sahen, als sie eben dieselbe wieder verlassen wollten,
einen Bauer auf sich zukommen, der bei ihrem Anblicke seine Schritte
verdoppelte. Rosalie sprang in den Wald zurück; Rinaldo aber blieb stehen und
erwartete die Annäherung des Bauern, der, noch weiter als zehn Schritte von ihm
entfernt, ihm laut entgegenjauchzte:
    »Sei gegrüsst, du glücklich Wiedergefundener!«
    Da erkannte Rinaldo an der Stimme, dass es der wackere Cintio war, der ihn
so froh grüsste.
    Sie eilten aufeinander zu und umarmten sich mit Frohlocken. - Rosalie trat
schüchtern herbei.
    RINALDO Sehe ich dich wieder, braver Cintio! - Und du bist dem Tode
entkommen?
    CINTHIO Glücklich! - Ich, Altaverde und der Bube Steffano, wir sind es,
glaube ich, nebst dir allein, die von uns allen entkommen sind. Wir dreie,
verwundet, aber ich am leichtesten, wurden über die Gebirge getrieben. Bei dem
Caprilischen Passe war Mateo mit seinem Kommando von den Soldaten beängstigt
worden und zog sich, der Grenze näher zu sein, über die Perlenhöhen. Dort trafen
wir uns und erzählten ihm unser Unglück. Es war nicht zu zaudern. Wir griffen
einen Milizposten an, liessen acht Mann auf dem Platze und schlugen uns durch,
bis in die Waldungen, wo ich dich jetzt so glücklich gefunden habe. Und hier
hausen wir.
    RINALDO Führe mich zu den braven Burschen. - Ich weiss einen guten Platz für
uns.
    CINTHIO Wer ist das Mädchen?
    RINALDO Sie gehört mir an.
    CINTHIO So sei sie gegrüsst und willkommen.
    Nun wanderten sie dem Platze zu, wo Mateo und seine Gesellen ihr Lager
aufgeschlagen hatten. - Rinaldo wurde mit lautem Jubel empfangen und erzählte
die Geschichte seines Kampfs mit Batistello.
    »Das war recht, Hauptmann!« schrie Mateo, »dass du den Kerl
niederschossest.«
    Hierauf beschrieb ihnen Rinaldo die Ruinen, und sie brachen sogleich auf,
von denselben Besitz zu nehmen. - Da quartierten sie sich ein und fingen an zu
kochen und braten.
    Gegen Abend gaben die Wachen Signale. Alle griffen zu den Waffen und zogen
einem Trupp von zehn Mann entgegen, die von Batistellos Bande waren. Es kam bald
zwischen beiden Parteien zum Handgemenge, die Batistellianer zogen den kürzeren.
Sechs Mann blieben auf dem Platze. Die übrigen vier unterwarfen sich, schwuren
Rinaldo den Eid der Treue und wurden unter seine Bande aufgenommen.
»Es kommt nicht wenig darauf an«, - sagte Rinaldo, als sie einige Tage unter den
Ruinen verlebt hatten, - »zu wissen, wie es in dem Florentinischen steht. Ich
habe mich entschlossen, selbst Nachforschungen anzustellen, und werde daher
morgen auf einige Zeit von euch gehen. Ihr sollt mich aber bald wiedersehen,
hoffe ich. Bis dahin mag Altavede das Kommando über euch führen. Als Beistände
gebe ich ihm Mateo und Cintio zu.« Den folgenden Morgen bestieg er, fein
gekleidet, ein schönes Pferd, und Rosalie folgte ihm in Bubentracht auf einem
Maultiere nach.
    Er schlug den Weg nach Oriolo ein, und die Leser können leicht denken, dass
er in die Gebirge eilte, seinem Freunde Donato einen Besuch abzustatten.
    Die Soldaten waren wieder in ihre Quartiere zurückgekehrt, glaubten
Rinaldinis Bande ganz zerstreut zu haben, und die Grenzen waren unbesetzt.
    Es war ein schwüler Morgen, als er sich Donatos Klause näherte. Der Alte sass
vor der Tür seiner Einsiedelei, hörte Hufschlag und stand eben auf, dem Geräusch
entgegenzugehen, als Rinaldo vor ihm stand. Donato erkannte ihn nicht gleich,
denn er hatte sein Gesicht unkenntlich gemacht, dennoch aber hatte er eine
gewisse Ahnung, mit der er ihn scharf ins Auge fasste.
    RINALDO Gott mit dir! Ich freue mich sehr, dich wohlauf zu sehen, ehrlicher
Freund!
    DONATO Du kennst mich?
    RINALDO Wir kennen uns beide. - Kannst du nicht erraten, wer ich bin?
    DONATO Ach! meine Ahnung! - Und du lebst wirklich noch? Man sagt für gewiss
dich tot.
    RINALDO Desto besser! - Du siehst aber, dass ich noch lebe.
    DONATO Was willst du nun hier?
    RINALDO Dich will ich noch einmal besuchen, ehe ich Italien verlasse.
    DONATO Das willst du? - Und in andern Ländern? -
    RINALDO Will ich in der Stille leben, Gutes tun und keine Räuber mehr
anführen.
    DONATO Segne der Himmel deinen Vorsatz!
    RINALDO Jetzt bleibe ich bei dir und verlasse dich vor morgen nicht wieder.
    Pferd und Maultiere wurden abgesattelt, die Mantelsäcke in Donatos Stube
gebracht, und die Gäste nahmen Quartier. Was sie bei sich hatten, wurde für die
Tafel hergegeben, und Rosalie, in ihrer jetzigen Tracht Rosetto genannt, nahm
sich der Küche an.
Gegen Abend sassen Donato und Rinaldo vor der Tür und beobachteten den Zug
donnerschwangerer Gewitterwolken, die die Gipfel der Berge umhüllten. Flammende
Blitze durchkreuzten den schwülen Horizont, und das verdoppelte Echo gab die
entfernten Donnerschläge zurück. Nach und nach fielen Tropfen; endlich strömte
der Regen herab und trieb sie in die Klause. - Sie setzten sich an den Tisch,
und Rosalie kredenzte den aufgetragenen Wein.
    RINALDO Nun, Freund! da es sehr wahrscheinlich ist, dass wir uns jetzt zum
letztenmal sprechen, so sage mir: Wo ist Aurelia?
    DONATO Ich sage dir, bei Hand und Schwur, sie ist nicht mehr in dieser
Gegend.
    RINALDO Im Kloster?
    DONATO Nein. - Ihr Vater hat sie mit sich genommen.
    RINALDO Wer ist ihr Vater?
    DONATO Mein Freund, der Mann, den du kennenlerntest, als du letztin von mir
gingst; der Malteser; der Prinz della Roccela.
    RINALDO Ach! gewiss: Die Dame im Nonnenschleier ist Aureliens Mutter?
    DONATO So ist es. - Sie ging nach der Geburt ihrer Tochter ins Kloster, denn
- ihr Liebhaber, der Vater ihres Kindes, ist, wie du weisst, Malteser-Ritter. Der
Prinz hat seine Tochter mit sich genommen und wird sie vermählen.
    RINALDO Bist du mit ihm verwandt?
    DONATO Ich bin sein Oheim
    RINALDO Du bist? -
    DONATO Ich bin ein verbannter Römer aus einem vornehmen Geschlecht, der dem
verderblichen Nepotismus weichen musste, dessen Anmassungen er sich widersetzte.
    RINALDO Kann ich dir gegen deine Feinde dienen? Willst du sie zur
Rechenschaft gezogen sehen? Das Racheschwert lag schon oft in meiner Hand. Oft
werden selbst Strafbare strafende Werkzeuge des Himmels.
    DONATO Ich habe meinen Feinden verziehen und überlasse meine Rache dem
Himmel selbst, ohne ihm vorzugreifen.
    RINALDO Mein Anerbieten soll dich nicht beleidigen. - Brauchst du Geld?
    DONATO Ich brauche keins. Du hast mich ohnehin neulich, ohne meine
Erlaubnis, beschenkt. Wir trinken jetzt von dem Weine, den ich von dir erhielt.
    Schweigend leerte Rinaldini sein Glas, und nach einer starken Pause fragte
er mit beinahe wehmütiger Stimme:
    »Wird Aurelia glücklich sein?«
    DONATO Ich hoffe und glaube es. - Fürchtest du nichts, dass du dich so ganz
allein in ein Land wagst, wo allentalben deine Verräter lauern?
    RINALDO Ich bin nie ohne Bedeckung, wenn sie auch nicht um mich ist.
    DONATO Du bist ein gefürchteter Mensch!
    RINALDO Und fürchte mich nur vor mir selbst.
    DONATO So ringst du mit einem sehr mächtigen Feinde, den du nie besiegen
wirst.
Mit Tagesanbruch verliess Rinaldo seinen Wirt, liess ihm eine Sicherheitskarte
zurück und suchte einen Platz, auf welchem er Geld vergraben hatte, das er auch
glücklich wiederfand, und eben war er im Begriff, sein Pferd zu besteigen, als
er einen Kapuziner auf sich zukommen sah, den er bald erkannte. Es war Amadeo,
der in dieser Verkappung umherschlich und seine Kameraden suchte. Sie
bewillkommneten sich beide und hatten sich viel zu erzählen.
    Während eines guten Frühstücks, dessen der Pseudo-Kapuziner gar sehr
bedurfte, schrieb Rinaldo einen Brief an seine Leute, den er durch Amadeo an
Altaverde sendete. Er schrieb:
    »Die Umstände zwingen mich weiterzugehen, und ich werde euch so bald nicht
wiedersehen können. Wird euch euer jetziger Aufentalt lästig oder unsicher, so
geht in die Apenninen zurück, wo ihr jetzt wieder ruhig sein könnt. Vermehrt die
Truppe und seid vorsichtig! Ich bin auf dem Wege, einen grossen Streich
auszuführen. Vor allen Dingen empfehle ich euch Einigkeit und die gänzliche
Vernichtung der Batistellischen Bande.«
    Mit dieser Depesche ging Amadeo den bezeichneten Weg zu seinen Kameraden,
und Rinaldo schlug die Strasse über Benedetto nach Sarsina ein, um nach Cesena zu
gehen. Unterwegs traf er auf Nikolo und Sebastiano, die aus den Basinischen
Waldungen mit gutem Glück entkommen waren und die Grenze erreicht hatten. Nikolo
erhielt von ihm Weisung, seine Gesellen zu finden, und Sebastiano blieb als
Kutscher bei ihm. Denn zu Sarsina kaufte er sich vier Zugmaultiere und einen
Wagen, weil die Last seines Gepäcks durch seine aufgegrabenen und glücklich
gefundenen Schätze immer stärker wurde. Rosalie sass bei ihm in dem Wagen. Er
reiste als Graf Dalbrogo weiter.
Zu Cesena fand er einen Bänkelsänger, der Rinaldinis Taten auf einem offenen
Platze unter einer bemalten Leinwandtafel absang. Das um ihn herum versammelte
Volk hörte diesem Manne mit grosser Aufmerksamkeit zu, und Rinaldo drängte sich
in den Kreis, zu hören, was man von ihm sang. Eben sang der Bänkelsänger
folgende Stanzen:
Da lag er hart verwundet
Und seufzte jämmerlich:
»Ach, wer erbarmt sich meiner?
Wer kommt und rettet mich?
Sind alle meine Leute
So schnell davon geflohn?
Ach, wär' doch hier ein Priester!
Die Zunge stammelt schon.
Er möge meiner Sünden,
Und meiner bangen Qual,
Mich väterlich entbinden,
Und trösten überall!«
Hier zog der Bänkelsänger den Hut vom Kopfe und schrie: »Lasst uns, o lasst uns,
meine Christen, ein Vaterunser beten für den armen beichtenden Rinaldini!«
    Alle zogen die Hüte ab und falteten die Hände. Rinaldo tat, um nicht
aufzufallen, was die andern taten, und betete für sich selbst. Hierauf warf der
Bänkelsänger den Hut unter die Zuhörer und schrie ihnen zu:
    »Mai! e io sono un povero Christiano! Selig sind, die da geben!« Einer hob
den Hut auf, und es regnete Kupfermünzen in denselben. Rinaldo warf Silbergeld
hinein, das zog ihm von einem Nachbarn ein
    »Bravo Christiano!«
zu. - Als der Hut wieder zu seinem Herrn kam, strich dieser das Geld zusammen,
steckte es zu sich, setzte den Hut auf und sang fort:
So seufzte Rinaldini
Und sprach im grossen Schmerz:
»Ach! brich doch mein getreues,
Zu viel beschwertes Herz!«
Er sprach: »Ach! Jungfrau reine,
Du unbefleckte Magd!
Dich bitt' ich um Erbarmen,
Dir sei mein Leid geklagt.
Erbarme dich des Sünders
Und nimm ihn zu dir auf!«
Drauf gab er mit Verzücken,
Sein böses Leben auf.
Erlös uns, Herr, vom Übel,
Und nimm dich unsrer an,
Damit wir nie betreten
Des Lasters breite Bahn!
Die Zuhörer waren alle erbaut und gerührt, nur Rinaldo nicht, und gingen
auseinander. Der Bänkelsänger aber packte seine Herrlichkeiten zusammen und zog
auf einen andern Platz, seine Romanze zu wiederholen. Viele folgten ihm nach,
die Geschichte noch einmal zu hören.
    Rinaldo aber wendete sich zu seinem Nachbarn, der eine Art von
Stadtviertelsmeister oder so etwas zu sein schien, und fragte:
    »Also ist der Erzräuber Rinaldini wirklich tot?«
    »Ja!« - erwiderte dieser - »Gott sei seiner belasteten Seele gnädig! Er ist
wirklich tot und geblieben in einem Gefechte gegen die Toscanische Miliz. Sein
Kopf steckt vor dem Ratause zu Pienza, dort kann ihn jedermann sehen auf einem
Pfahle.«
    »Das ist sehr gut!«
    »Jawohl! - Er war der Schrecken von ganz Toscana und der Lombardei. -
Schade! ewig schade! dass er seine Verstandeskräfte und seine Tapferkeit nicht
besser anwendete!«
    Ein Franziskaner erbot sich, ein paar Messen für Rinaldini zu lesen, und
erhielt Geld. Rinaldo selbst gab ihm etwas dazu und beförderte also seine
Exsequien bei lebendigem Leibe.
Als er den folgenden Tag Cesena verlassen wollte, erblickte er den bekannten
Malteser, der ihm auf der Strasse entgegenkam. Es war unmöglich, ihm
auszuweichen. Er fasste sich schnell, ging auf ihn zu, nahm ihn bei der Hand und
sagte:
    »Prinz! ich bin in Eurer Gewalt.«
    »Mein Gott!« - rief dieser verwunderungsvoll aus: - »Seid Ihr es wirklich?
Seid Ihr vom Tode auferstanden?«
    RINALDO Ihr seht mich lebendig vor Euch.
    PRINZ Fürchtet nichts von mir. Ich bin kein Sbirre.
    RINALDO Wenn ich Euch einmal in meinem Leben auf irgendeine Art dienen kann
-
    PRINZ Ohne Umstände! - Seht Euch wohl vor.
    RINALDO Man glaubt mich tot und singt mein unglückliches Ende auf allen
Strassen ab.
    PRINZ Gut für Euch! - Aber dass Ihr hier so öffentlich und allein -
    RINALDO Glaubt nicht, dass ich allein bin. In hunderterlei Gestalten umgeben
mich die Meinigen. Sich meiner Person zu bemächtigen, würde Blut genug kosten.
    PRINZ Wollt Ihr nicht einmal endigen?
    RINALDO Das will ich. In Deutschland will ich die Meinigen auseinandergehen
lassen, wenn es mir gelingt, dieses Land zu erreichen. - Wohin geht Ihr?
    PRINZ Jetzt nach Urbino.
    RINALDO Dort sehe ich Euch wieder. - Prinz, erlaubt mir die Frage: Ist Eure
Tochter glücklich?
    PRINZ Wie? Ihr wisst -
    RINALDO Donato hat mir alles gesagt.
    PRINZ Ja - sie ist glücklich verheiratet, hoffe ich.
    RINALDO Gott segne sie! - Prinz! Eure Maultiere wurden einst von meinen
Leuten -
    PRINZ Still davon!
    RINALDO Ich bitte Euch, nehmt diesen Ring von mir!
    PRINZ Als ein Andenken von einem so merkwürdigen Mann, als Ihr seid, nehme
ich diesen Ring an.
    RINALDO Ich danke Euch! - Und da Ihr viel zu reisen pflegt, so bitte ich
Euch, nehmt diese Karte von mir. Meine Leute werden sie allentalben und
unbeschränkt respektieren.
    PRINZ Ich nehme auch dieses Euer Geschenk an. -
    RINALDO Gehabt Euch wohl und gedenkt meiner!
    Er liess sogleich anspannen und ging auf einem andern Wege weiter.
Er schickte Sebastiano, als er seine Maultiere verkauft hatte, voraus, brachte
sein Geld wieder in Sicherheit und zog sich in die Apenninen rechts hinunter.
    Hier fand er eine leere Klause, die nicht längst verlassen zu sein schien,
wie eine noch ziemlich frische Schrift bezeugte, welche auf dem Tische des
einzigen Einsiedlerzimmers lag. In dieser hiess es: »Wer du auch sein magst, der
du nach mir diese Klause zu deiner Wohnung wählst, so wünsche ich dir, dass du
ebenso glücklich als ich, der ich dieselbe bewohnte und dieses schrieb, dieselbe
wieder verlassen magst.«
    Rinaldo hatte dieses kaum gelesen, als es ihm einfiel, hier einige Zeit ein
Eremitenleben zu führen. Die Kutte war schnell übergeworfen und Rosalie nahm
sich der Haushaltung an; die aber, was besonders Tisch und Keller betraf, weit
glänzender war, als ein gewöhnlicher Klausner sie zu haben pflegt.
Er hatte hier einige Tage verlebt und war eben einmal auf seinem
Morgenspaziergang, als er auf einen Menschen stiess, der auf einer Anhöhe sass und
zeichnete. Diesem nahte er sich, grüsste ihn, redete ihn an und fragte, was er da
zeichne?
    »Ich zeichne diese Gegend«, antwortete jener - »weil sie in unsern Tagen
merkwürdig geworden ist: denn hier ist Rinaldini gefallen. Unter jenem Baume hat
er mit gespaltenem Haupte seinen Geist aufgegeben. - Ein Soldat, der mit in dem
Gefecht war, hat mir diesen Platz genau bezeichnet. - Ist der Platz gezeichnet,
radiere ich ihn und verkaufe ihn illuminiert, wovon ich einen guten Profit zu
ziehen hoffe. Eine zweite Platte entält das Gefecht, das auch Käufer finden
wird. - Auf dem ersten Blatt, wo ich das Tal leer lasse, bringe ich neben dem
Baume, wo Rinaldini fiel, einen Galgen an, und die Sache wird emblematisch.«
    Lächelnd nickte seinem Unternehmen, wie es schien, der Mann, von dem er eben
sprach, Beifall und sagte ganz trocken:
    »Das gibt eine gute Spekulation!«
    Der spekulative Künstler fiel rasch ein:
    »So muss es in der Welt gehen! Dergleichen Vorfälle müssen die Kunst
ernähren, für welche die Menschen so wenig tun.«
    Schnell verliess Rinaldo diesen Spekulanten und wünschte ihm guten Absatz
seines Kunstwerks. Heimlich aber ärgerte er sich doch ein wenig über den Galgen,
der zum sprechenden Emblem seines Grabmals gemacht werden sollte.
    Als er nach seiner Klause zurückkam, hörte er Lärm in derselben. Er
lauschte, vernahm drohende Stimmen und hörte Rosalien weinen.
    Schnell trat er in das Zimmer, wo Rosalie weinend auf der Bank sass, und zwei
Kerle von ziemlich ungeschlachtem Ansehen waren eben damit beschäftigt, ein
Wandschränkchen zu erbrechen. Sie waren so sehr auf ihre Arbeit erpicht, dass sie
ihn nicht kommen hörten. Er winkte Rosalie, die ihn sah, zu schweigen, trat
rasch hinzu, warf den einen Kerl zu Boden und bemächtigte sich einer Pistole des
Räubers, die auf dem Tische lag. Rosalie zog schnell eine Stutzbüchse hinter dem
Stuhle hervor, sprang auf und legte auf den zweiten Kerl an, der ganz betäubt
sein Werkzeug, womit er an Erbrechung des Schrankes gearbeitet hatte, fallen
liess.
    Indem Rinaldo dem Unterliegenden die Pistole auf die Brust setzte, rief er
dem andern zu:
    »Leg deine Waffen ab!«
    Rosalie schrie ihm eben diesen Befehl zu und setzte hinzu:
    »Leg ab, oder ich schiesse dich nieder!«
    Beide Räuber wurden entwaffnet und Rinaldo fragte nun ganz gelassen:
    »Was habt ihr hier zu tun, und wer seid ihr?«
    »Habt Respekt!« antwortete der eine. - »Wir gehören zu Rinaldinis Leuten.«
    »Nimmermehr!« sagte Rinaldo. - »Dergleichen erlauben sich Rinaldinis Leute
nicht. Ich behaupte, ihr seid Gauner, die Rinaldini ebensowenig als ihr ihn
selbst kennt. - Schurken, die ihr seid! stürzt nieder. - Ich - ich selbst bin
Rinaldini.«
    Beide fielen erschrocken nieder und umfassten seine Knie:
    »Vergebung, Hauptmann!« - stammelte der eine: - »Wir kannten dich nicht.
Aber seit drei Tagen gehören wir wirklich zu den Deinigen. Altaverde und Cintio
haben uns selbst geworben. - Wir haben Strafe nach deinen Gesetzen verdient.
Züchtige uns nach Wohlgefallen.«
    Eben wollte Rinaldo antworten, als die Tür aufging und Cintio in das Zimmer
trat.
    »Ihr habt schöne Hechte angeworben!« - rief ihm Rinaldo entgegen.
    CINTHIO Zum Teufel! Du hier, Hauptmann! in einer Klausnerkutte? - Da hätte
ich dich nicht gesucht. - Wie freue ich mich, dich wiederzusehen! - Was diese
Kreuzbeine anbetrifft, so sind sie noch Neulinge. -
    RINALDO Kennen aber doch unsere Gesetze?
    CINTHIO Die sind ihnen vorgelesen worden.
    RINALDO Und sie haben sie beschworen?
    CINTHIO Das haben sie.
    RINALDO Das Mädchen war allein daheim, und wie ich komme, arbeiten sie
daran, den Schrank aufzubrechen.
    ROSALIE Und ich zeigte ihnen noch zum Überfluss eine Sicherheitskarte von
Rinaldini vor.
    RINALDO Wie?
    CINTHIO Tausend Schwerenot! und ihr respektiertet diese Karte nicht? - Heda!
Kameraden, bindet diese Nichtswürdigen an den Baum dort und schiesst sie nieder!
Sie haben des Hauptmanns Sicherheitskarte nicht respektiert.
    »Alle Wetter! über euch Schnapphähne! Ihr seid schlechte Burschen!« schrien
die Räuber durcheinander, die jetzt auf Cintios Ruf hereintraten, packten die
Unglücklichen an, führten sie hinaus, banden sie an den bezeichneten Baum und
bliesen ihnen mit acht Kugeln das Lebenslicht aus.
    Dieser Vorfall machte, dass Rinaldo die Klause verliess. - Cintio zog seine
Leute zusammen. Sie gingen, zwanzig Köpfe stark, in den Tälern hinab, in die
Fortinischen Gebirge, wo Altaverde mit sechzig Leuten stand, weil sie Bewegungen
im Kirchenstaate bemerkten, die auf ihre Aufhebung in den Waldungen, wo sie
vorher lagen, abzweckten.
    Rinaldo liess sein Gezelt auf der Spitze des höchsten Berges, gegen Belforte
zu, aufschlagen, musterte seine Bande und verlegte sie rundherum in die Gebirge
bis vor Brandolino. - Man war begierig zu sehen, was er tun würde. Alles blieb
ruhig.
Einige Tage darauf kam Altaverde zu ihm. -
    »Hauptmann! - sprach er; - es fängt nach und nach an, an Lebensmitteln zu
fehlen.«
    RINALDO Das ist schlimm!
    ALTAVERDE Jawohl! - Deine Leute murmeln auch schon und raisonnieren über
ihre Untätigkeit.
    RINALDO So müssen wir sie beschäftigen!
    ALTAVERDE Natürlich! - Zudem wird auch das Geld bei einigen rar. Sie spielen
und verlieren.
    RINALDO Gut! - Hier sind zweihundert Zechinen. Diese will ich den Burschen
schenken. Beschäftigung sollen sie auch bekommen. Lass diesen Abend das ganze
Corps zusammenrücken. Ich will die Rollen verteilen.
    Der Abend kam und die Bande versammelte sich in dem bestimmten Tale. -
Rinaldo trat in dem Schmucke seiner Hauptmannswürde unter sie und hiess sie einen
Kreis um ihn schliessen. Dann sprach er:
    »Kameraden, euer Proviant geht, wie ich höre, auf die Neige, und es ist
billig, dass wir Anstalten treffen, frische Lebensmittel zu erhalten. Bis dies
nun mit Klugheit geschehen kann, verteile ich hier zweihundert Stück Zechinen
von meinem Eigentum unter euch.«
    »Es lebe unser grossmütiger Hauptmann!« - jauchzten alle, dass die Berge
widerhallten.
    Er aber, nachdem er den Hut gezogen und sich wieder bedeckt hatte, sprach
weiter:
    »Für dieses Geld sucht einstweilen in den benachbarten Orten Proviant
einzukaufen. Einige von euch, die der Gegend kundig sind, mögen sich in
Eremitenkleidern diesem Geschäfte unterziehen. Sie haben sich deshalb mit
Altaverde zu besprechen, der das Ganze ordnen wird. - Binnen fünf bis sechs
Tagen werde ich wieder mit euch sprechen und hoffe euch dann zu einem grossen
Unternehmen anführen zu können. - Cintio mag sich indessen mit zwölf Mann in
die Grenzwaldung, nach der Heerstrasse zu, begeben, und kommen Weinladungen,
Früchte oder Öl vorüber, so weiss er, was er zu tun hat. Ich gebe ihm hiermit
Geld, den armen Fuhrleuten zu bezahlen, was er ihnen abnimmt, und sie unter
hohen Drohungen zur Verschwiegenheit zu ermahnen. Wagen und Maultiere mögen den
Leuten gelassen werden. Kommt aber ein reicher Müssiggänger, ein Prälat, oder so
etwas von dieser Art, euch in den Wurf, so nehmt ihm ab, was er von Gelde und
Geldeswerte bei sich hat. Gegen arme Wanderer und Klausner aber empfehle ich
euch nochmals Schonung. Jede Plünderung dieser Art bestrafe ich mit dem Leben,
wie ihr wisst. - Nun begebt euch zurück auf eure Plätze und schlaft wohl.«
    Er ging und ein lautes Freudengeschrei tönte ihm nach.
Als er in sein Gezelt zurückkam, fand er Rosalie ängstlich und erschrocken im
Winkel sitzen.
    ER Was ist dir?
    SIE Ach! - Ich zittere am ganzen Leibe.
    ER Was gibt es?
    SIE Eine weisse Gestalt ist hier zweimal vorübergeschlüpft. Sie sah das
zweitemal in das Gezelt herein, erhob die Hand und drohte mit dem Finger. - Ich
danke Gott, dass du wieder da bist!
    Ohne ein Wort zu sprechen, gab Rinaldo das Signal, und es kamen bald einige
von seinen Leuten herbei, unter denen auch Cintio war.
    Rinaldo erzählte, was Rosalie gesehen hatte, und befahl sogleich, Wachen um
den Berg herum zu stellen; auch schickte er Sebastiano an Altaverde ab, dem er
Vorsicht empfehlen und das Geschehene melden liess.
    Alle gingen an ihre Posten und Rinaldo streckte sich auf sein Feldbett,
nachdem er noch eine zweite Lampe hatte anzünden lassen.
    Eben wollte er sprechen, als die weisse Gestalt in das Gezelt trat. - Rosalie
schrie laut auf:
    »Jesus Maria! da ist sie.«
    Rinaldo richtete sich auf und fragte:
    »Wer bist du?«
    Er wiederholte diese Frage, und als er keine Antwort erhielt, ergriff er
seine Pistole, schlug an und sagte:
    »Wenn du ein Geist bis, so erwarte diese Kugel.«
    Die Figur drohte mit dem Finger. Rinaldo drückte ab. Sein gutes Gewehr
versagte. Als er den Hahn wieder aufzog, verschwand die Gestalt am Eingange des
Gezelts. Er sprang auf und eilte hinaus. Nichts war zu sehen und zu hören.
Gleich darauf fiel im Tale ein Schuss, dann ein zweiter und endlich ein dritter.
    Drei seiner Leute hatten Feuer nach einer weissen Gestalt gegeben.
    Auf diese Schüsse kam alles in Alarm. Die Hörner ertönten, die Pfeifchen
erklangen, und schnell war das Corps beisammen.
    Man erzählte sich, was geschehen sei, und ging, als weiter nichts erfolgte,
mit verschiedenen Gedanken auseinander.
Rinaldo trank einen Becher Wein, als er in sein Gezelt zurückkam, und Rosalie
musste eben das tun. Dann legten sich beide nieder. Rosalie entschlief bald.
Rinaldo aber sprach mit sich selbst:
    »Die Geschichte erzählt uns Beispiele, dass dergleichen Erscheinungen
berühmten Männern den Untergang weissagten. - Brutus' Gespenst sprach. Diese
Erscheinung aber nicht. Sie drohte mit dem Finger. - Mir? - Sie hat ja aber auch
Rosalien gedroht, als sie allein im Gezelte war. - Ihr zuerst. Mir später. -
Einbildung war es nicht. Unserer fünf haben es gesehen. - Mein gutes Gewehr
versagte, das noch nie versagt hat. - Die andern konnten schiessen. Sie wissen
ihren Mann mit ihren gezogenen Rohren fest zu fassen und trafen nichts. - -
Wunderbar! - Doch wozu mache ich mich selbst furchtsam? - Furchtsam? - Das bin
ich nicht. Bedenklich? - Nein! auch das will ich nicht sein. Das hätte ich eher
sein müssen. Jetzt wär' es zu spät.«
    Er konnte nicht schlafen, sprang auf, warf seinen Mantel um und ging hinab
ins Tal. Er sprach und trank mit seinen Wachen und fing an, über den Vorgang zu
scherzen.
    Die Sonne ging eben auf. Er weidete seine Augen an dem herrlichen Schauspiel
und seufzte:
    »Sie geht mir doch nicht mehr so schön auf als damals, da ich noch bei
meinen Ziegen war!«
    Da kam Nikolo herbeigesprungen und jauchzte:
    »Hauptmann, wir haben einen Transport erbeutet, der den reichen Mönchen zu
Mangolo gehörte. Deshalb haben wir ihn nicht bezahlt. - Was das Lustigste bei
der Sache ist: Ein Pater, der dabei war, musste uns allen noch dazu Absolution
erteilen. Er gab sie uns mit kläglicher Stimme, und wir liessen ihn ziehen.« »Der
Vorfall wird Aufsehen machen«, - sagte Rinaldo und ging nachdenkend in sein
Gezelt zurück, wo Rosalie eben aufgestanden war und Schokolade kochte.
Er setzte sich mit seinem Frühstück vor das Gezelt und überschaute das dampfende
Tal. Die Strahlen der Sonne wurden mächtiger, der Nebel entfloh, und die
herrliche Fläche lag in ihrer ganzen unbeschreiblichen Schönheit vor seinen
Augen. Er überschaute durch sein Fernrohr die Landstrassen und sah sie alle leer.
Nur auf der einen schien sich ein Fuhrwerk langsam fortzubewegen. Er befahl
Sebastiano zuzusehen, was es dort gebe. Dieser flog davon.
    Rinaldo fasste ein schönes, nicht allzu entfernt gelegenes Schloss ins Auge,
welches schon längst seine Aufmerksamkeit gereizt hatte, ohne sich selbst ein
Warum? deshalb angeben zu können. Dasselbe in der Nähe zu besehen, war jetzt
sein Vorsatz. Er kleidete sich in ein grünes, mit Gold besetztes Jagdkleid,
setzte einen Federhut auf, nahm sein Doppelrohr und ging in Begleitung eines
Windspiels den Berg hinab auf die Strasse, die zu dem Schloss führte.
    Rechts lag ein Kloster, besetzt mit wohlgenährten Benediktinern, vor dessen
Pforte ein Mönch, in einem Buche lesend, auf und ab spazierte.
    Nach einem Morgengrusse von beiden Seiten kamen sie ins Gespräch.
    RINALDO Ihr seht mich, wie es scheint, verwunderungsvoll an? Warum das?
    PATER Ich wundere mich, dass Ihr so allein hier umhergeht, als sei gar nichts
zu fürchten.
    RINALDO Was sollte denn auch zu fürchten sein?
    PATER Ihr wisst das nicht? - Es hausen Räuber in den Gebirgen.
    RINALDO Wovon ich noch nichts gehört habe.
    PATER Aber es ist Wahrheit. Wir haben es empfunden. Die Räuber haben uns
eine Ladung Wein genommen, und P. Bernhard, der dabei war, hat die Spitzbuben
noch dazu absolvieren müssen. Eine solche Absolution ist aber erzwungen und
folglich ungültig. Auch soll den Buschkleppern der Spass nicht wohl bekommen.
    RINALDO Wieso?
    PATER Die bösen Buben sollen von uns nicht allein förmlich exkommuniziert
werden, sondern wir werden auch ihr Begehen höhern Orts anzeigen, und es wird
bald ein Aufgebot von Mannschaft gegen sie ergehen, die sie aus ihren
Schlupfwinkeln jagen wird.
    RINALDO Da wird Blut fliessen!
    PATER Es fliesse dessen soviel wie möglich, zum Besten der beraubten
Menschheit.
    RINALDO Kann ich für Geld und gute Worte ein Frühstück bei Euch bekommen?
    PATER Warum das nicht? Wollt Ihr eintreten?
    RINALDO Ich will es hier im Freien geniessen und mich dann wieder auf den
Rückweg machen, weil Ihr mir sagt, die Gegend sei nicht sicher.
    Der Pater ging und kam bald mit einem Laienbruder wieder zurück, der eine
Flasche Wein und etwas Gebackenes mit sich brachte.
    PATER Um Vergebung! Seid Ihr denn nicht hier herum wohnhaft?
    RINALDO Ich bin als Gast bei einem Freunde, dessen Schloss nicht weit von
hier liegt.
    PATER Aha! - Ihr habt also nichts von dem berüchtigten Rinaldini gehört?
    RINALDO Und doch! Er soll in einem Gefechte geblieben sein, und zu Cesena
habe ich seinen Tod umständlich vernommen.
    PATER So sagt man. Indessen wollen doch einige behaupten, dieser Proteus
lebe noch. Denn ein wahrer Proteus soll er sein und in tausenderlei Gestalten
wandeln.
    RINALDO Kennt Ihr ihn nicht?
    PATER Gott bewahre! - Indessen, wenn wir gewiss wüssten, wo er anzutreffen
wäre, würden wir suchen, von ihm eine Sicherheitskarte für uns und unser
Eigentum zu erhandeln.
    RINALDO Was müsstet Ihr wohl dafür geben?
    PATER Wir böten ihm 100 Zechinen und rückten zu, wenn er mehr forderte.
    RINALDO Wenn Ihr aber nun das Geld den Soldaten gäbt, die gegen ihn
ausgeschickt würden -
    PATER Das würde wenig helfen. Seine Bande wächst gleich wieder an, wenn sie
auch zehnmal halb niedergehauen wird. Sie soll ohnehin jetzt über 500 Mann stark
sein.
    RINALDO Mein Gott! Wovon der Mann nur diese Leute alle ernähren mag?
    PATER Vom Raube. Sie stehlen wie die Raben, diese heillosen Buben!
    RINALDO Ich dächte aber doch, wenn man es klug anfing, so müsste diesem
Unwesen zu steuern sein.
    PATER Klug? - Wie das?
    RINALDO Es sind nur so meine Gedanken -
    PATER Ei nun! jeder Mensch kann kluge Gedanken haben, er sei Laie oder
Priester - Was meintet Ihr wohl, dass zu tun sein könnte?
    RINALDO Nach meinen Einsichten muss das die Regierung tun.
    PATER Zum Beispiel?
    RINALDO Z.B. ein allgemeiner Pardon für Rinaldini und seine Leute -
    PATER Gott bewahre!
    RINALDO Eine Einladung zur Rückkehr in die Arme der bürgerlichen
Gesellschaft -
    PATER Gott stehe uns bei! Wer wollte mit solchem Spitzbubenvolke in einer
Gesellschaft leben? Man kann ja einen frommen Christen mit gutem Gewissen nicht
einmal neben einem solchen Galgenstrick begraben, geschweige denn, dass man ihm
sollte zumuten können, neben und mit ihm zu leben. - Nein, damit ist es nichts!
- Ihre Sünden kann man diesen Verworfenen allenfalls in der Todesstunde
vergeben, wenn sie sich zu Gott bekehren, aber hängen müssen sie ohne Gnade.
Sterben sie in ihren Sünden und ohne Absolution, so mag sie der Teufel holen! -
Gemeinschaft aber muss man mit solchem Gesindel nicht haben.
    RINALDO Ihr wollt ja aber doch selbst in Gemeinschaft mit ihnen treten.
    PATER Wir? - Davor bewahre uns Gott!
    RINALDO Wollt Ihr nicht eine Sicherheitskarte erkaufen?
    
    PATER Das ist keine Gemeinschaft, sondern Klugheit. Man streckt sich nach
der Decke. - Wir kaufen ihnen die Sauvegarde ab und exkommunizieren sie pleniter
hintennach. Dergleichen Volk behandelt man wie die Heiden, die nichts von Gott
wissen.
    RINALDO Gesetzt nun, ich wüsste das, - und ich wär' Rinaldini -
    PATER Wovor Euch Gott in Gnaden bewahren wolle!
    RINALDO Es ist nur ein Fall -
    PATER Nun ja doch! Aber -
    RINALDO So würde ich, - als Rinaldini, versteht sich -
    PATER Ja, ja!
    RINALDO So würde ich euch Herren schlimm über die Kronen kommen.
    PATER Es ist gut, dass es Rinaldini nicht weiss!
    RINALDO Jawohl!
    PATER Denn er soll ein rachgieriger Bursche sein! - Vielleicht aber lebt er
doch wohl gar nicht mehr.
    RINALDO Das ist sehr wahrscheinlich. - Zu Pienza soll sein Kopf auf einem
Pfahle stecken, sagt man.
    PATER So? - Aber ich fürchte seine Nachfolger ebensosehr wie ihn selbst.
    RINALDO Wer weiss auch, ob sie seinen Kopf haben.
    PATER Kopf? Hm! daran kann nun so viel eben nicht sein. Er war ja in seiner
Jugend bloss ein Ziegenhirt.
    RINALDO Deshalb kann ihn aber doch die Natur besser als manchen Prälaten
bedacht haben.
    PATER Er hat keine Studia gehabt. Natur tuts nicht allein. - Ihr habt doch
studiert?
    RINALDO Auf drei hohen Schulen.
    PATER Habt Vermögen?
    RINALDO Ich bin reich!
    PATER Reichtum ist eine Gabe Gottes. Wen er lieb hat, dem gibt er Geld, und
- notabene! - Verstandeskräfte, dasselbe wohl anzuwenden. - Wir sind eben so
reich nicht, als wir scheinen. Der Schein blendet. Zu leben haben wir, aber -
Überfluss ist nicht da.
    RINALDO Taugt auch nichts! Er macht faul, träge, untätig, erschlafft und
entnervt. - Euer Wein ist gut.
    PATER O ja! Wir haben ein gutes Glas Wein - für Fremde. Für uns selbst
wächst so etwas nicht. Da tuts etwas Geringeres auch.
    RINALDO So trinkt mit mir!
    PATER Danke!
    RINALDO Ohne Umstände!
    PATER Nun - wenn Ihr darauf besteht - wenn Ihr es durchaus haben wollt, so -
Euer Wohlergehen, edler Herr!
    RINALDO Wohl bekomm' es! - Weil wir denn so wohlgemut hier beisammen sind,
so wollen wir noch eine Flasche in Compagnie leeren. - Nicht?
    PATER Je nun! ich -
    RINALDO Ihr trinkt ja doch auch gern?
    PATER Libenter? Das eben nicht, aber -
    RINALDO Keine Umstände! - Sagt mir doch, wem gehört denn das schöne Schloss
dort drüben?
    PATER Seit nicht gar langer Zeit gehört es einem gewissen Baron Rovezzo, der
es gekauft hat. Vorher gehörte es der Familie Altieri.
    RINALDO Der Baron bewohnt es?
    PATER Er bewohnt es nebst seiner jungen, liebenswürdigen Gemahlin. Sie sind
nicht lange miteinander vermählt. Sie soll eine stille, christliche Dame sein.
Der Baron ist ein wenig wild, ein Jagdteufel, und reitet, wie man sagt, auf Tod
und Leben. - Was ich sagen wollte! Dürfte ich auch um Euren Namen bitten?
    RINALDO Graf Dalbrogo.
    PATER Dalbrogo? - Dalbrogo? - Ein Geschlecht aus -
    RINALDO Aus der Italienischen Schweiz.
    PATER Aha! Aus der Schweiz! - So so! -
    Indem sie so sprachen, kam Sebastiano einhergeschlichen und näherte sich
beiden. Rinaldo gab ihm einen Wink, den dieser verstand.
    RINALDO Wandersmann, wohinaus?
    SEBASTIANO In die Berge, wo ich wohne.
    RINALDO Seid ihr dort sicher?
    SEBASTIANO Warum nicht?
    RINALDO Man spricht von Räubern.
    SEBASTIANO Wo sie nichts finden, können sie nichts nehmen. Wir haben nicht
viel zum Besten. Hinter solchen Mauern, wie hier, steckt mehr.
    PATER Ach Gott! was sagt ihr, ihr unverständiger Mensch! - Das wenige, was
bei uns zu finden ist, ist Kirchengut. - Was uns selbst betrifft, so ist bei uns
nichts zu suchen und zu finden als die liebe christliche Armut.
    SEBASTIANO Die euch aber recht wohl nährt. - Adio!
    PATER Hört einmal an! - Der Kerl sieht mir verdächtig aus. - Er gehört
vielleicht gar selbst zu der infernalischen Räuberbande.
    RINALDO Die Gebirgsbewohner sind meist wilden Ansehens. - Indem ertönte die
Glocke. Der Pater eilte ins Chor. Rinaldo bezahlte seine Zeche und nahm seinen
Weg gerade auf das Schloss zu.
Eine hohe Mauer umfing das Innere eines schönen Gartens, nahe an dem Schloss.
Eine Gittertür fand Rinaldo offen und ging in den Garten.
    Er nahte sich eben einem Boskett, als er ein Frauenzimmer gewahr ward, das
kaum ein Geräusch von Fusstritten hinter sich vernahm, als es sich herumdrehte. -
Sie erblickte Rinaldo und schrie laut auf. Dieser erkannte sie sogleich und
nahte sich ihr.
    ER Ist es möglich? Darf ich meinen Augen trauen? Ist es Phantasie oder
Wirklichkeit? - Aurelia! die schöne Aurelia hier? - Hier? in diesem Schloss?
    SIE Es ist das Schloss meines Gemahls.
    ER Gemahls? Also wirklich verheiratet?
    SIE Ja. - Leider!
    ER Wie? - Tränen in Aureliens Augen?
    SIE O! diese Zeugen meines Unglücks, die mich überall hin durch dies Leben
begleiten werden, können Euch mein Leid erklären.
    ER Aurelia! - Unglücklich verheiratet?
    SIE Ach Gott!
    ER Ach! wenn der gute, alte Donato -
    SIE O! dass man mich bei ihm in seiner Einöde gelassen hätte! Dass ich auf dem
Meierhofe meines Pflegevaters geblieben wär! Wie glücklich wär ich noch! Mein
guter Vater meinte es auch gut, er wollte mich glücklich machen, aber ich bin es
nicht.
    ER Sollte Aurelia vielleicht den Stoff zu ihrem Unglück mit sich hierher
genommen haben?
    SIE Wie meint Ihr das? - Mein Herz war frei. Unschuldig und rein war ich,
als ich zu meinem Gemahl kam. - Mein Vater gab mir eine sehr grosse Aussteuer.
Nach dieser hat mein Mann gefreit. - Ach! Freund meines guten Donato! sprecht
Ihr diesen ehrwürdigen Alten, so sagt ihm, wie unglücklich ich bin.
    ER Wollt Ihr Euch mir ganz anvertrauen?
    SIE Mein Vater kennt Euch auch, und -
    ER Was hat Euch Euer Vater von mir gesagt? Wisst Ihr, wer ich bin?
    SIE Als ich mich nach Euch erkundigte, nannte er Euch einen berühmten Mann,
aber Euren Namen sagte er mir nicht.
    ER Nehmt mich für den Graf Dalbrogo. Und ihr wisst doch, dass ich Euers Vaters
Freund bin? Noch vor kurzem haben wir zu Cesena freundschaftlich unsere Ringe
gewechselt. Hat er Euch davon nichts gesagt?
    SIE Ich habe ihn lange nicht gesehen und gesprochen.
    ER Weiss er Euer Unglück?
    SIE Wenn er meine Briefe erhalten hat, muss er es wissen. Aber ich zweifle
fast daran, denn noch immer habe ich auf keinen dieser Briefe Antwort erhalten;
oder mein Mann unterschlägt vielleicht durch seine Spione meine Briefe selbst.
    ER Gut! - Mich soll er weder bestechen noch unterschlagen können. Ich werde
Euern Vater sprechen und werde ihm alles sagen, was Ihr mir an ihn auftragen
wollt.
    SIE Wollt Ihr das?
    ER Ich gebe Euch mein Ehrenwort. Welche Klagen habt Ihr gegen Euern Mann?
    SIE Er ist mein Tyrann. Er begegnet mir verächtlich. Er bricht seine
eheliche Treue beinahe vor meinen Augen mit feilen Kreaturen, die er im Schloss
unterhält.
    ER Schlecht!
    SIE Er peinigt und quält mich unaufhörlich mit Vorwürfen -
    ER Mit welchen?
    SIE Ach Gott! meine aussereheliche Geburt, die - - Ach! er wusste das ja, als
er mir seine Hand gab.
    ER Liebt Ihr ihn?
    SIE Ich habe ihn geliebt. - Er hat sich mir selbst verhasst gemacht.
    ER Ihr hasset ihn?
    SIE Ich verabscheue ihn wie meine Sünden. - Noch erst gestern gab er mich
dem Hohngelächter seiner Spiessgesellen preis, und seine feilen Dirnen spotten
meiner allentalben. Man behandelt mich wie eine Dienstmagd.
    ER Ihr sollt Genugtuung haben.
    SIE Ich bin fest entschlossen, wenn mein Vater sich meiner nicht bald
annimmt, diesen schändlichen Ort der höchsten Ausgelassenheit zu verlassen, zu
entfliehen.
    ER Wohin wollt Ihr gehen?
    SIE Zu meiner Mutter.
    ER Wo ist sie?
    SIE Sie ist Äbtissin des Klaren Klosters bei Montamara.
    ER Als ich Aurelien das erstemal in jenem stillen Tale sah, als ich sie
nachher bei Donatos friedlicher Hütte sprach, sagte ich zu mir selbst: Wie
beneidenswert wird der Mann sein, dem Aurelia einst Herz und Hand geben wird!
Und dieses gute, edle Mädchen soll unglücklich sein? - Nein, wahrlich nicht! -
Wenigstens soll sie Rache haben. Dies schwört ihr feierlich, - ein Mann, der
Wort halten kann, - Graf Dalbrogo.
    SIE Ach, Graf! warum wollt Ihr Euch meinetwegen vielleicht in Verlegenheit
stürzen?
    ER In die Hölle für Euch! - Ich könnte für Aurelien mit Ungeheuern und
Teufeln kämpfen.
    SIE Graf! Dieses fürchterlich rollende Auge -
    ER Wie lerne ich den Nichtswürdigen kennen, den Ihr Mann nennen müsst? - Ist
er im Schloss?
    SIE Er ist mit seinen Gesellen auf der Jagd.
    ER Wer sind diese Menschen?
    SIE Abenteurer aus allen Winkeln der Erde, die sich um ihn herum versammelt
haben und mein Vermögen mit ihm verprassen, verspielen, vertrinken, und - ach
Gott! Es sind sehr schlechte Menschen. Zwei Franzosen und ein Sizilianer, die
vielleicht alle den Händen der Justiz entronnen sind. Sie nennen sich Edelleute,
aber das sind sie gewiss nicht. Ihr solltet sehen, wie sie mich mit
Unanständigkeiten misshandeln.
    ER Bei Gott! säh ich das, so wäre es ihre letzte Misshandlung in der Welt.
    SIE O Graf! Ihr, als ein fremder Mann, wolltet -
    ER Meinen freiwilligen Schwur will ich lösen und Euch rächen. Das schallende
Gelächter dieser Buben soll sich in Klagen verwandeln, und Ihr sollt
fürchterliche Genugtuung haben oder ich will nicht - Dalbrogo heissen. - Wessen
ist das Bild, das Ihr auf Eurer Brust tragt?
    SIE Das Portrait meines Mannes
    ER Zeigt es mir. - Ist er getroffen?
    SIE Ganz.
    ER Gut! - Nun kenne ich ihn. - Herab mit dem Bilde von Euerm Busen!
    SIE Um Gottes willen nicht! Er würde mich misshandeln, trüg' ich es nicht
mehr hier!
    ER Hat er es schon einmal gewagt, Euch tätlich zu misshandeln?
    SIE Ach Gott! noch trage ich die Spuren seiner Grausamkeit an meinem Leibe.
    ER O! er soll Denkmale einer Vergeltung tragen, die -
    SIE Um Gottes willen! dort kommt mein Mann mit seinen Gesellen die Allee
herauf.
    ER Es ist zu spät, zu entfliehen. Bleibt! Ich bleibe auch. Ich bin ein
Freund Euers Vaters, der mir Grüsse an Euch aufgetragen hat. - In meiner
Gegenwart sollen sie nichts wagen. Mit einem einzigen Worte kann ich sie zu
Boden schmettern, wenn ich will. Und ehe der morgige Tag anbricht, sollt Ihr
gerettet sein.
Der Baron und seine Begleiter kamen näher. Rinaldo trat ihnen auf einige
Schritte entgegen und zog seinen Hut mit der Anrede: »Es freut mich sehr, Herr
Baron! Eure Bekanntschaft zu machen. Der Prinz, Euer Schwiegervater, lässt Euch
grüssen und Euch durch mich seinen nahen Besuch melden. Ich bin sein Freund. Graf
Dalbrogo ist mein Name.«
    »Euer Diener!« antwortete der Baron ganz kalt, wendete sich darauf zu
Aurelien und sagte mit spöttischem Lächeln: »Vermutlich auch ein alter Bekannter
von Euch? Und Ihr habt diesen angenehmen Gast und Überbringer einer so frohen
Botschaft von Euerm Vater nicht in Euerm Zimmer empfangen?« -
    »Verzeiht!« - setzte er hinzu, indem er sich gegen Rinaldo drehte, »den
Fehler der Etikette meiner Frau! Sie ist auf einem Meierhofe erzogen worden.
Doch, das wisst Ihr vielleicht schon?«
    RINALDO Das weiss ich. Sie hat unter sehr edlen und guten Menschen gelebt.
    BARON Also mein Schwiegervater will uns besuchen? - Hat der gute Herr den
Tag seines Besuchs nicht bestimmt?
    RINALDO Ich glaube, Ihr habt ihn mit jedem Tage zu erwarten.
    BARON Ärgerlich! Und ich habe auf Morgen eine Reise festgesetzt, die ich
nicht aufschieben kann.
    RINALDO Er wird Eure Rückkehr erwarten. Er sagte, er habe notwendig, er habe
mancherlei mit Euch zu sprechen.
    BARON So? - Ja, mein Gott! es kann wohl sein, dass ich einige Monate
wegbleibe. - Ihr werdet den Prinzen vermutlich hier erwarten wollen?
    RINALDO Nein. - Ich habe dringende Geschäfte in Rom und werde mich sogleich
dahin auf den Weg machen. Wärt Ihr nicht soeben gekommen, so würde ich sogar das
Vergnügen haben entbehren müssen, Eure Bekanntschaft zu machen. Ich wollte schon
Abschied von Eurer Gemahlin nehmen, als ich Eure Ankunft vernahm.
    BARON Ein Mittagsbrot werdet Ihr doch wohl bei uns einnehmen?
    RINALDO Ich muss danken.
    BARON Ich bitte sehr!
    RINALDO Es ist mir unmöglich. Die Stunden sind mir zugezählt.
    BARON Ich bedaure, dass ich nicht das Vergnügen Eurer Bekanntschaft habe
früher geniessen können. Indessen hoffe ich, meine Frau wird Euch wohl
unterhalten haben? Sie müsste denn ihre fatale Laune gehabt haben, was so ganz
gewöhnlich bei ihr der Fall ist.
    RINALDO In der Tat - verzeiht! - hätte ich, so wie ich Eure Gemahlin fand,
mehr auf Kummer als auf üble Laune gerechnet. Indessen wollte ich nicht
unbescheiden sein, und -
    BARON Ja, ja! sie überwirft ihrer fatalen Laune gewöhnlich den Mantel des
Kummers, und ihren Eigensinn nennt sie Gram.
    RINALDO Sie war doch sonst so froh, unbefangen und heiter -
    BARON Vielleicht ist sie nicht nach ihrem Geschmack verheiratet. - Herr
Graf! Ihr hättet sie nicht an mich sollen kommen lassen.
    RINALDO Herr Baron! Ihr scherzet.
    BARON Wahrlich nicht! Dieses Gänschen aus den Schäferfluren wäre vielleicht
in Eurer Hut besser gediehen. So ist sie noch immer, was sie war.
    RINALDO Also gut, edel und liebenswürdig.
    BARON Für den Liebhaber.
    RINALDO Herr Baron, ich merke mit Erstaunen, dass Eure Ehe - nicht glücklich
ist.
    BARON Das wird Euch dieses Muster von Sanfteit schon selbst gesagt haben.
Sie klagt's ja der ganzen Dorfwelt.
    RINALDO Bei Gott! es tut mir leid - dass Euer Herr Schwiegervater das so
finden muss, wie es ist.
    BARON Er mag sie wieder mit sich nehmen, oder sie zu ihrer ehrenfesten
Mutter stecken.
    RINALDO Herr Baron! diese Bitterkeit zeigt an -
    BARON Dass ich die Närrin los sein möchte. Weiter nichts! - Wollt Ihr sie
etwa gleich mitnehmen?
    RINALDO Herr Baron, keine Beleidigungen! Ich höre sie nicht gelassen an.
    BARON Diese Wärme für die Sache meiner Frau beweist -
    RINALDO Das, was sie beweisen soll. Nichts mehr und nichts weniger. Ich bin
der Freund ihres Vaters, der gewiss nicht zugeben wird -
    BARON Er kann ja das Kleinod wiederbekommen. Ich mag es nicht mehr.
    RINALDO Und Ihr verdient auch nicht, es zu besitzen.
    BARON Donnerwetter! Herr Graf -
    RINALDO Was beliebt?
    BARON Schert Euch zum Teufel! und nehmt die Magdalenen-Figur mit Euch, dass
sie mir aus den Augen kommt.
    RINALDO Eure Grobheit -
    BARON Ich bin hier Herr -
    RINALDO Werdet es von Euch selbst. - Über alles, was Ihr gesagt und getan
habt, sollt Ihr mir gewiss die pünktlichste Rechenschaft ablegen.
    BARON Nun! so fordert sie mir nur ab.
    RINALDO Heute noch.
    BARON Lieber jetzt gleich. Ich will Euch das Fazit machen.
    RINALDO Ich werde es Dir machen, Elender!
    BARON Auf dergleichen Reden lasse ich durch meine Bedienten mit
Hetzpeitschen antworten.
    RINALDO (legt die Hand an den Säbel) Zieht!
    BARON Was wollt Ihr?
    RINALDO Zieht, oder ich haue Euch nieder!
    AURELIA Um Gotteswillen, Graf, mässiget Euch! Ihr kennt diese Menschen nicht.
    BARON (gibt ihr eine Ohrfeige) Schweig! - Und dies klage deinem Liebhaber.
    RINALDO Baron! Das kostet, bei Gott! Blut.
    BARON Verlasst mein Schloss, oder so wahr ich diese Hände mein nenne, ich
lasse Euch von meinen Leuten hinauswerfen.
    RINALDO Schlechter, feiger Bösewicht! Das wirst du gewiss nicht selbst zu tun
wagen - Aurelia, Deine Rettung ist gewiss! - Dich Buben, der du dich ihren Mann
nennst, spreche ich heute noch, auf eine Art, die dir sehr empfindlich sein
soll.
    Der Baron und seine Gesellen lachten laut auf. Rinaldo verliess den Garten,
und die Herren schrien ihm nach:
    »Wir wünschen glückliche Reise, moderner Herr Don Quixote! - Erzählt Euer
Abenteuer der Frau Mama!«
In welcher Stimmung Rinaldo bei seinen Gefährten ankam, kann man sich leicht
denken. Er war ausser sich. Rosalie zitterte. So hatte sie ihn noch nie gesehen.
    Er sprach mit grosser Bewegung mit Altaverde und Cintio, und als es Abend
wurde, rückte der erstere an der Spitze von zwanzig Mann den Berg hinab, ins
Tal. Cintio ging links mit sechzehn Mann, und zehn Mann folgten Rinaldo. -
Rosalie blieb im Lager zurück, das unter Nikolos Aufsicht wohl bewacht wurde. -
Als es dunkler wurde, setzten die Corps sich in Bewegung und Sebastiano rückte
mit zwanzig Mann nach.
    Cintio ging über den Fluss, besetzte die Brücke und stellte seine Posten um
die Gartenmauer des Schlosses des Barons. - Altaverde besetzte die Landstrasse,
den Weg nach dem Dorfe und stellte seine Posten um das Schloss bis an Cintios
Posten. - Rinaldo ging mit seinen Gesellen auf das Schlosstor zu. Es war
verschlossen. Man schellte. Ein Knecht riegelte auf und wollte fragen, wer da
sei, als man ihn bei der Kehle packte, hinaus ins Freie zog und ihn Altaverdes
Leuten übergab. Drei Mann besetzten das Tor, und die andern folgten Rinaldo über
den Schlosshof nach. - Die Haustür ward besetzt. Zwei Mann traten mit gespannten
Pistolen in die Bedientenstube und geboten Stillschweigen, welches die Leute
erschrocken und zitternd gelobten.
    Rinaldo durchschnitt den Strang von der Turmglocke, der ins Haus herabhing,
mit dem Stilett und ging mit drei Mann die Treppe hinauf, nach dem Saale zu, wo
der Baron mit seinen Gesellen und Dirnen bei Tafel sass. - Die Tür war halb
geöffnet. Rinaldo lauschte und hörte, dass er selbst, als Graf Dalbrogo, der
Gegenstand ihrer spöttischen Unterhaltung war. Man schalt ihn eine Memme, und
Aurelia, die zur Tafel gezwungen worden war, musste die kränkendsten Reden ihres
Mannes stillschweigend anhören, um sich keinen Misshandlungen auszusetzen.
    Des Barons Freudenmädchen neckten sie bitter über ihren vorgeblichen
Liebhaber, und ihr Mann schrie laut:
    »Wenn ich doch den Kerl nicht fortgelassen hätte!«
    »Wir hätten ihn durch einen einzigen Schnitt dem Baron auf ewig können
unschädlich machen« - sagte einer von den beiden Franzosen, - »und man hätte
dann Eurer Frau diesen Combab zu Wächter gegeben.«
    »Wenn er nur wieder käm'!« fuhr der Baron fort.
    »Da ist er«, sagte Rinaldo und trat in den Saal.
    Indessen hatten Altaverdes Leute das Schlosstor besetzt und Sebastiano rückte
näher herbei. - Drei Mann von Rinaldos Gefolge kamen nun zu den andern dreien,
die vor der Saaltür standen, und sechs Mann von Altaverdes Gesellen folgten
ihnen.
    Diese Zwölf harrten des Signals, und Rinaldo war noch allein im Saal.
    Sein plötzliches Erscheinen hatte die Gesellschaft nicht wenig frappiert. Er
sprach weiter:
    »Hier bin ich, wie ich versprochen habe, um Wort zu halten. Ihr seht doch
wohl, wie pünktlich ich bin? - Hier stehe ich und fordere Rechenschaft von Euch.
Von dem Baron an bis auf den, der den combabisschen Vorschlag tat, werde ich euch
allen das Fazit machen.«
    Jetzt fing der Baron an, laut aufzulachen, und schrie einem seiner
aufwartenden Bedienten zu, seine Leute herbeizurufen.
    Der Bediente setzte sich kaum in Bewegung, als ihn Rinaldo packte und zu
Boden warf. - Hierauf zog er eine Pistole, streckte sie der Tafel entgegen und
sagte:
    »Der erste, der sich von euch von Ort und Stelle bewegt, ist des Todes. -
Ihr elenden, nichtswürdigen Tagediebe! Ihr wollt mir drohen? Mir? Zittert und
stürzt zusammen vor mir nieder! Wisst ihr, wer ich bin? - Nieder auf die Knie! -
Nieder! - Ich bin Rinaldini!«
    Wie vom Schlage getroffen stürzten alle mit einem Tempo von ihren Stühlen
auf die Knie vor ihm nieder.
    Aurelia schrie laut auf, und sank in Ohnmacht. - Rinaldo nötigte die
Mädchen, ihr beizustehen. Hierauf gab er das Signal, und seine zwölf Attachés
traten in den Saal.
    Die Gesellschaft blieb auf den Knien, und Rinaldo nahte sich Aurelien, die
jetzt wieder zu sich kam. - Er liess sich vor ihr nieder und küsste ihr die Hände.
    »Du bist es«, - stammelte sie, - »furchtbarer Mann! Du, der mich gerettet
hat? O! sei ebenso grossmütig, als du tapfer bist, sei ebenso gütig, als du
furchtbar bist, handle edel gegen mich und bringe mich zu meiner Mutter.
Missbrauche deine Gewalt nicht und mache meinen unbefleckten Namen nicht zum
Spotte der Welt.«
    »O!« - seufzte Rinaldini, - »jetzt fühle ich, wer ich bin!«
    Rasch sprang er auf, drehte sich herum, als eben Sebastiano mit einigen
Helfershelfern in den Saal trat, und sagte:
    »Diese Rattenjagd hat noch kein Blut gekostet, und so gar rein und stille
soll's und kann's doch nicht abgehen. - Diesen Burschen, den Mann jenes
unglücklichen Engels, züchtiget mit den schärfsten Geisselhieben. Diesen
Franzosen und Sizilianer jagt ein paarmal Spiessruten auf und ab. Die Mädchen
werft zum Schloss hinaus. Und diesem guten Französischen Ratgeber geschehe, wie
er wollte, dass mir geschehen sollte. Dann mit ihm vor die Pforte.«
    Der zum Eunuch bestimmte Franzose lamentierte erschrecklich; es blieb aber
bei dem Befehle. Die Räuber schleiften ihre Delinquenten aus dem Saale.
    Rinaldo aber nahte sich Aurelien wieder, hiess ihr ihren Schmuck und ihre
Kostbarkeiten mitnehmen, liess einen Wagen anspannen und sie mit ihren
Kammerjungfern hineinsteigen. Hierauf schwang er sich auf sein Ross und schrie
seinen Gesellen zu:
    »Plündert das Schloss aus, brennt es aber nicht ab!«
und jagte der Kutsche nach. - Eine Viertelstunde von dem Klarenkloster bei
Montamara liess er anhalten. Hier ritt er an den Kutschenschlag, forderte
Aureliens Hand, schob ihr, als er sie erhielt, einen Ring an den Finger, küsste
ihre Hand und sagte mit Innigkeit:
    »Aurelia, lebe glücklicher als ich!«, gab dem Pferde die Sporen und jagte
seinem Lager zu, wo er mit anbrechendem Tage ankam, als seine Gesellen mit Beute
beladen soeben wieder zurückgekommen waren.
Rinaldo sass vor seinem Gezelte und dachte eben nach, welche Folgen die
Geschichte haben könnte, als Rosalie sich ihm nahte, sich bei ihm niedersetzte,
ihr Guitarre ergriff, spielte und sang:
»O Almanzor! willst du hören,
Was Zaide wird gestehn?
Soll Zaide bei dir bleiben,
Oder soll sie von dir gehn?
Wirst du sie nun stärker lieben,
Wenn ihr Kind dich Vater nennt?
Oder willst du, dass sie scheidend
Weine nun, von dir getrennt?«
»Ach Rosalie!« - unterbrach sie Rinaldo, - »ich errate - ich weiss, wer sie ist,
diese Zaide, und Almanzor wird sie nie von sich lassen.«
    Rosalie umarmte und küsste ihn heftig. Er sprach weiter:
    »Was der Mutter Freude macht, ihr oder ihres Lieben Ebenbild auf ihrem
Schosse zu haben, das wird uns viel Kummer machen, wenn wir dieses Leben nicht
verlassen können. Aber, bei Gott! das soll und muss geschehen. Ich will meinen
Sohn nicht dem Verbrechen entgegen erziehen. - Und du bleibst bei mir.«
    Sebastiano kam und unterbrach diese Unterhaltung. Er meldete, zwei ihrer
Leute wären in St. Leo angehalten und ins Gefängnis geführt worden. Der Dritte
sei entwischt und bringe die Nachricht, dass durch des Barons Anzeige ein
Aufgebot gegen sie bewirkt werde.
    Gegen Abend liess Rinaldo das Lager abbrechen, gab das Signal zum Aufbruch,
zog weiter und rückte am dritten Tage in die Täler der Gebirge von Albano ein.
Einige Tage hatte er hier gelegen, als er Sebastiano befahl, mit sechzehn
entschlossenen Gesellen unter mancherlei Gestalten sich über Cagli in die Gegend
von Montamara zu begeben. Altaverde erhielt den Auftrag, mit List oder Gewalt
die Befreiung der beiden Kameraden zu versuchen, die man in St. Leo festgehalten
hatte. Rinaldo selbst nahm Nikolo und Alfonso zu sich und ging, als ein
Reisender, von seinen Bedienten begleitet, zu Pferde ins Land und aufs
Spionieren aus. Cintio blieb, als Oberhaupt der Bande, zurück, und Rinaldo
empfahl ihm Rosalien, die weinend von ihm Abschied nahm.
    »Es ist mir« - jammerte sie, - »als würden wir uns nie wiedersehen!«
    Rinaldo suchte sie zu trösten. Es wollte ihm aber nicht gelingen, und er
verliess sie selbst sehr gerührt.
    Schon hatte er Fossombrona erreicht und quartierte sich dort in das beste
Wirtshaus ein, wo er ein paar Tage ausruhen und Sebastianos Gesellen Zeit lassen
wollte, sich bei Montamara zu sammeln.
    Den Tag nach seiner Ankunft besuchte er ein Weinhaus und fand in demselben
einige Bürger des Orts, ein paar Advokaten und Notare, die bei einer Flasche
Wein ein für ihn interessantes Gespräch führten.
    EIN NOTAR Es wird ein sehr schlimmer Handel werden!
    EIN ADVOKAT Die Baronin ist nun schon zum zweitenmal verhört worden. Sie
besteht darauf, sie habe zwar ehemals die Person des vorgeblichen Grafen
Dalbrogo gekannt, aber in allen Ehren, und habe nie gewusst, nicht einmal geahnt,
dass er der verrufene Rinaldini sei. Erst wie er sich in jener Nacht selbst zu
erkennen gegeben habe, habe sie das mit Schrecken gehört und erfahren. - Der
Baron hingegen - er ist erschrecklich misshandelt worden! - behauptet, seine Frau
habe im Einverständnis mit dem gefürchteten Räuber gelebt, und ihr Vater sei
einer seiner Bekannten, der schon längst gegen die Gesetze gehandelt habe, der
Obrigkeit eine Entdeckung nicht zu machen, zu der er verbunden gewesen sei. Der
Prinz hat zu Urbino Wache und wird scharf verhört.
    NOTAR Der Baron gibt den Verlust seiner Habseligkeiten durch die Plünderung
der Räuber auf 6000 Dukaten an. Er und seine Freunde sind misshandelt worden, und
den einen von der grossen Französischen Nation haben die Räuber sogar zum
Verschnittenen gemacht.
    BÜRGER Das sind verteufelte Kerle!
    NOTAR Mich dauert der Prinz Roccella. Er ist ein braver Herr! - Und, im
Vertrauen, meine Herren! wer unter uns würde es wohl wagen, Rinaldini
festzuhalten, wenn er auch mitten unter uns wäre?
    BÜRGER Ich nicht.
    ADVOKAT Ach ja! Man muss nur caute verfahren und auf Hilfe rechnen können.
    BÜRGER Er drückt los, ich stürze, und wer belohnt dann meinen Diensteifer? -
Einige Leichen liegen gewiss um ihn herum, ehe man ihn festalten kann.
    NOTAR Ich möchte ihn nur einmal sehen.
    RINALDO Um Vergebung, meine Herren! - Ich habe ihn gesehn.
    ADVOKAT Wie? Was? Der Herr haben -
    RINALDO Ich bin der Marchese Soligno. Meine Güter liegen in Savoyen, und ich
bin auf Reisen. - Vor sechs Tagen fiel ich in die Hände Rinaldinischer Räuber.
Ich wurde mit meinen Leuten übermannt und erwartete schon, ganz ausgeplündert zu
werden, als Rinaldini selbst erschien.
    BÜRGER Wie sieht er denn aus?
    RINALDO Er ist ein kleiner, untersetzter, schwarzbrauner Mann, hat blaue
Augen, braunes Haar, eine Habichtsnase und einen Knebelbart.
    ADVOKAT Nach andern Nachrichten soll er gross und schlank gewachsen sein, ein
glattes Kinn, schwarze Augen und Haare und eine Griechische Nase haben. -
Wiewohl ich sagen muss, dass sich die Habichtsnase besser zu seinem Gewerbe
schicken möchte als die Griechische.
    RINALDO Ich habe ihn ja selbst gesehen und gesprochen. Wie ich ihn
beschrieb, so sieht er aus. - Er examinierte mich lange. Ich musste meine ganze
Barschaft und alle Sachen von Wert angeben, die ich bei mir hatte. Hierauf
forderte er mir 100 Zechinen ab. Dafür gab er mir diese Sicherheitskarte. Sehen
die Herren, da ist sie.
    ADVOKAT Ach der Tausend! (liest) »Viaggio seguro1 - Rinaldini.« - Wenig
Worte. - Ein imponierender Monsignore!
    RINALDO Es ist doch aber unverzeihlich, dass die Obrigkeit dem Menschen nicht
das Handwerk legt.
    ADVOKAT Nur Geduld! - Ich weiss es von sicherer Hand. Es werden 500 Mann
toscanische und 800 Mann päpstliche Truppen gegen Rinaldini ausrücken, werden
ihn umringen, von allen Seiten angreifen und ganz gewiss erhaschen.
    BÜRGER Wie stark mag wohl die Bande sein?
    RINALDO Wer will das wissen? Einige sprechen von 200 Mann, andere sagen, sie
sei noch stärker. Verwegene Kerle sind sie alle, die dazu gehören.
    Gegen Abend verliess Rinaldo den Ort. Gab aber vorher Sebastiano den Befehl,
den Baron Rovezzo zu fangen und tot oder lebendig an Cintio abzuliefern. -
Sebastianos Begleiter liess er in der Gegend von Montamara. Er selbst wagte sich
in Pilgerkleidern nach Urbino.
Hier vernahm er, der Prinz Roccella sei zwar jetzt ohne Wache, habe aber starke
Kaution machen müssen und werde noch immer verhört. Er erfragte seine Wohnung
und hatte die Kühnheit, einst des Abends in sein Zimmer zu treten.
    RINALDO Ich bin an Euch abgeschickt. - Rinaldini schickt mich zu Euch.
    PRINZ Gott! was höre ich? - Du bist es selbst. Ich erkenne dich.
    RINALDO Ja, ich bin es. - Ich weiss, in welche Verlegenheit ich Euch gebracht
habe, und komme, Euch meine Dienste anzubieten.
    PRINZ Ich bin verloren, wenn man entdeckt -
    RINALDO Besorgt nichts! Sagt nur, worinnen ich Euch dienen kann?
    PRINZ Mann! was hast du getan?
    RINALDO Kann ich Euch und Aurelia mit meinem Leben retten, so soll es
geschehen.
    PRINZ Dein Tod kann uns unserer Verlegenheit nicht entreissen. Man
beschuldigt uns eines Einverständnisses mit dir. Die Ehre meines Kindes ist
verloren, und ich habe mich der allgemeinen Meinung eben auch nicht zu erfreuen.
Willst du mir eine Gefälligkeit erzeigen, so verlass mich und die Stadt.
    RINALDO Wollt Ihr Euch von dem Verdacht eines Einverständnisses mit mir
reinigen, so überliefert mich der Justiz. Ich will hier bleiben.
    PRINZ Was könnte mir das helfen? Verräterei ist keines echten Maltesers
Handwerk.
    RINALDO So will ich mich der Obrigkeit selbst überliefern.
    PRINZ Kann das meine Lage bessern?
    RINALDO Helfen muss und will ich Euch aber nun einmal.
    PRINZ Mein Onkel, der Kardinal Legat, hat sich der Sache unterzogen, und die
Untersuchung gegen mich wird, wie ich hoffe, in Kürze geendigt sein.
    RINALDO Ein Glück für Eure Richter!
    PRINZ Rinaldini, willst du den Lauf der Gerechtigkeit hemmen?
    RINALDO Prinz, wenn ich nichts für Euch tun kann, so erlaubt mir wenigstens
etwas für Aurelia zu tun. - Hier sind Wechselbriefe auf 10000 Zechinen. Ich gebe
sie ihr zu einem neuen Heiratsgute.
    PRINZ Zu einem Heiratsgute?
    RINALDO Der Baron muss nun schon in den Händen der Meinigen sein. Ist er
lebendig drinnen, so wird er erschossen. Aurelia ist wieder frei.
    PRINZ Mann! Was beginnst du? - Frei oder nicht, bleibt Aurelia nun auf immer
in dem Kloster. - Verschenke dein Geld an die Armut. Wir bedürfen desselben
nicht.
    RINALDO Gute Nacht!
    PRINZ Mann! Wie willst du enden?
    RINALDO Das weiss Gott! Geht's aber mir nach, gut.
    PRINZ Das kannst du schwerlich erwarten.
    RINALDO Wie Gott will! - Gute Nacht!
    PRINZ Der Weg, auf welchem du in eingebildeter Sicherheit dahintaumelst -
    RINALDO Prinz! Ihr kennt mich Selbstpeiniger nicht. Meine Lage ist
schrecklich. Wenn auch die Justiz keine Folter für mich hat, so habe ich sie
selbst für mich. - Gehabt Euch wohl!
Rinaldo verliess die Stadt und zog sich in die Gegend von Montamara zurück, wo er
seine Begleiter fand.
    Den folgenden Tag erhielt er durch Nero, den Sebastiano an ihn abschickte,
die schriftliche Nachricht:
    »Der vermaledeite Baron ist nach Rom gegangen, und das Nest war leer. Unser
guter Altaverde ist nebst dreien von unserer Gesellschaft zu St. Leo erwischt,
eingezogen und zu unseren Brüdern ins Gefängnis geworfen worden. Cintio soll
ein Gefecht mit Toskanischen Truppen gehabt haben. Wir ziehen ihm zu. Komm' uns
bald nach.«
    Rinaldo fertigte Alfonso an Cintio ab, mit dem Befehl, Altaverdes Befreiung
zu versuchen, und sollte es auch mit Gewalt geschehen. An Rosalie schrieb er,
sie möchte sich zu Donato in seine Einsiedelei begeben. - Dann befahl er Nikolo
und Nero nach Rom zu gehen, um dem Baron auf die Spur zu kommen, und blieb
einige Tage lang unentschlossen, was er selbst tun wollte.
 
                                    Fussnoten
1 Statt sicuro oder secura. - So waren Rinaldinis Sicherheits-Reise-Karten
bezeichnet.
 
                                  Drittes Buch
 Getäuscht, geblendet und vom Wahne
 Der wilden Eigenmächtigkeit,
 Geworben für die stolze Fahne,
 Steht er nun da und flieht den Streit.
Rinaldo ging endlich, noch immer als Pilger gekleidet, auf das Kloster bei
Montamara zu, in welchem sich Aurelia befand, und verlangte die Äbtissin zu
sprechen.
    »Sie ist soeben in einem Verhöre vor den Kommissarien, die aus Urbino hier
sind«, - sagte die Pförtnerin.
    »Was hat denn die fromme Dame begangen?« - fragte Rinaldo mit einem
andächtigen Seufzer.
    »Ohne ihr Verschulden ist sie, des berüchtigten Rinaldini wegen, in einen
schlimmen Handel verwickelt worden. - Übrigens ist auch, bis nach geendigter
Untersuchung, jedem Fremden der Eintritt in unser Kloster verboten,« -
antwortete die Pförtnerin und schlug, mit einer frommen Verbeugung, die Pforte
zu.
    Rinaldo umging die Klostermauern und fand dieselben sehr stark und hoch.
    Bei einem Kapellchen, der heiligen Klara geweiht, das zwischen drei hohen
Pappeln stand, warf er sich nieder, überdachte seine Lage und deliberierte,
wohin er sich wenden wollte. - Darüber schlief er ein.
    Als er erwachte, sah er einen andern Pilger, der ihm gegenüber sass und in
tiefes Nachdenken versunken zu sein schien. Rinaldo gab sein Erwachen zu
erkennen. Jener drehte sich herum und sagte:
    »Und du konntest hier so sicher und so ruhig schlafen?« Rinaldo erschrak,
suchte sich aber gleich wieder zu fassen und fragte:
    »Ist es denn hier unsicher?«
    »Und du sprichst von Sicherheit?«
    »Was hat ein armer Pilger wohl zu fürchten?«
    »Der arme Pilger hat nichts zu fürchten. Aber auch der nicht, der des armen
Pilgers Kutte über seine reichen Missetaten geworfen hat?«
    Rinaldo sprang auf, fasste den Pilger recht ins Auge und schrie laut auf:
    »Cintio?«
    CINTHIO Ha! erkennst du mich endlich?
    RINALDO Wie kommst du hierher?
    CINTHIO Mit meinem Willen wahrlich nicht!
    RINALDO Was ist geschehen?
    CINTHIO Wir sind völlig auseinandergesprengt. - Von drei Seiten angegriffen,
fochten wir wie Verzweifelnde, streckten manchen braven Kerl nieder; wurden aber
so zusammengenommen, dass unserer gewiss kaum ein halbes Dutzend davongekommen
sind.
    RINALDO Um Gotteswillen! Wo ist Rosalie geblieben?
    
    CINTHIO Das weiss ich nicht.
    RINALDO Hast du meinen Brief durch Alfonso nicht erhalten?
    CINTHIO Ich habe ihn nicht gesehen.
    RINALDO Vor drei Tagen schickte ich ihn an dich ab.
    CINTHIO Da waren wir schon auseinander.
    RINALDO Altaverde sitzt mit mehreren unserer Brüder zu St. Leo im Kerker.
    CINTHIO So mag er auf ein seliges Sterbestündchen denken. Wir retten ihn nun
nicht.
    RINALDO Schlimm! - Cintio! was ist jetzt zu tun?
    CINTHIO Zu fliehen, so weit wir können. - Rinaldo! Hier ist es aus. Wir
wollen nach Kalabrien. Dort will ich eine neue Gesellschaft zusammenziehen. In
Kalabriens Schluchten, Gebirgen und Wäldern hausen wir sicherer, und unser
Handwerk gedeiht gewiss gut. - Und werden wir auch dort vertrieben, so suchen wir
nach Sizilien zu kommen.
    RINALDO O Cintio! ist es nicht besser, wir enden?
    CINTHIO Nicht eher, als bis es dem Schicksal gefällig ist, einen Strich
durch unsere Rechnung zu machen. - Du wirst wohl noch so lange hier
herumtaumeln, bis dich die Sbirren erhaschen, und dann - gute Nacht, Kopf
Rinaldinis! Auf deinen Torso steigt Cintio und setzt Länder in Schrecken und
Polizeien in Verlegenheit.
    RINALDO Ein beneidenswertes Glück!
    CINTHIO Kennst du für uns ein besseres? - Jede andere Laufbahn ist für
Menschen unsers Treibens und Tuns mit einem Schlagbaum versehen. Die schlechte
Bahn, auf welcher wir uns befinden, hätten wir gar nicht betreten sollen, oder
wir müssen darauf fortwandeln.
    RINALDO Ach Rosalie!
    CINTHIO Deine Weiberaffären taugen nichts! Sie haben uns schon in mancherlei
Verlegenheiten gebracht, und dich werden sie noch um Kopf und Rumpf bringen. -
Wenn man dich hier zwischen Kapellen und Klöstern umherwandeln sieht, sollte man
dich eher für einen Betbruder als für einen Mann von Entschlossenheit halten. -
Nenne mir den Ort, wo ich unsere Brüder finde. Ich gehe jetzt nach Rom. Und wenn
du einmal durch Kalabrien reisen willst, so will ich dir eine Sicherheitskarte
geben.
    RINALDO Ich bleibe noch einige Zeit in dieser Gegend. Finde ich Brüder, so
schicke ich dir sie nach. - Ich selbst folge dir in Kürze nach Kalabrien.
Cintio verliess ihn bald darauf, und Rinaldo ging nach Corinaldo. Hier traf er
ganz unvermutet auf drei seiner Gesellen, die er unverzüglich Cintio
nachschickte. Der eine derselben meinte, Rosalie müsse in die Gebirge geflohen
und entkommen sein. Gewissheit konnte ihm keiner geben. Er selbst wankte, noch
immer nicht ganz entschlossen, was er tun wollte, auf Jesi zu.
    Ein starker Volkszusammenlauf machte ihn aufmerksam. Er fragte, was es gebe,
und erfuhr, es werde eine verdächtige Person öffentlich mit Ruten ausgestrichen
werden. Diese Nachricht vernahm er ganz gleichgültig und ging nach der
Pilgrimsherberge zu. Aber er fand schon alle Strassen mit Menschen besetzt, und
als er sich eben über einen offenen Platz drängen wollte, kam der Exekutionszug
vorüber.
    Mit Widerwillen warf er seine Augen auf das gestäupte Opfer der Justiz, sah
in der Unglücklichen die Amazone Fiorilla von seiner Bande und fuhr heftig
zusammen.
    Diese warf eben die Augen auf die Seite, erkannte ihn und schrie, vom
Schmerz gefoltert, laut auf:
    »O Rinaldini!«
    Auf diesen unbesonnenen Ausruf erhob sich sogleich ein verwirrtes Geschrei:
    »Rinaldini? - Wo ist er? - Haltet ihn fest.«
    Alles kam in Bewegung. Man fragte, man lärmte und schrie nach Wache. - Die
Sbirren durchbrachen mit gezogenen Säbeln die Reihen; man drängte sich nach dem
Platze zu, wo sich Rinaldini wirklich befand, und dieser, in der grössten Gefahr,
als ein unbekannter Fremdling ergriffen und angehalten zu werden, konnte sich
nur durch einen schnellen Entschluss retten.
    Er fasste einen neben ihm stehenden Kerl mit unerhörter Frechheit beim Arme,
schleuderte denselben den Sbirren entgegen und schrie:
    »Haltet ihn fest. Er ist es!«
    Die Diener der Gerechtigkeit umringten den Kerl sogleich. Das Volk drängte
sich herzu und schrie frohlockend:
    »Rinaldini! Rinaldini!«
    Man jauchzte und lärmte, und der Kerl kam nicht zum Worte. - Endlich
betrachtete man ihn genau und sah - was man in der ersten Hitze nicht gesehen
hatte -, dass der arme Tropf ein der ganzen Stadt wohlbekannter Fleischerknecht
war.
    »Seid ihr denn klug?« - fragte er mit zitternder Stimme. - »Kennt ihr mich
denn nicht? Bin ich Rinaldini, oder bin ich es nicht?«
    Jetzt ertönte ein lautes Gelächter, ein wildes Toben und Rufen.
    »Es ist Giakomo, der Fleischerknecht!«
    Die Sbirren wurden wütend. Sie schrien:
    »Hier ist ein Betrug vorgegangen, durchsucht die Stadt. Rinaldini ist mitten
unter uns.«
    »Durchsucht die Stadt!« - lärmte das Volk und brachte den Exekutionszug in
Unordnung.
    Rinaldini aber war in eine offene Kirche gesprungen, warf hinter einem
Beichtstuhle sein Pilgergewand ab, setzte sich schnell eine falsche Nase an und
ging in Bauerntracht, die er unter der Pilgerkutte trug, unangehalten aus dem
Orte.
Ohne sich aufzuhalten, eilte er Paterno vorüber und kam auf die Landstrasse,
hungrig und müde, nach Torette.
    Vor dem Orte stand ein einzelnes Häuschen. Auf dieses ging er zu. Zwei
Mädchen sassen vor der Haustür und strickten. - Er redete sie an:
    »Kann ich hier bis morgen früh Quartier bekommen?«
    »Bei uns?« fragten die Mädchen mit Verwunderung.
    »Nun ja, bei euch! wenn ihr wollt.«
    »Ihr wisst wohl nicht, dass Ihr hier in ein Judenhaus kommt?«
    »Nun, was tut das?«
    »Eure Glaubensgenossen fliehen unsere Wohnungen.«
    »Daran tun sie nicht wohl. - Ich bin sehr müde. Lasst mich nicht weitergehen
und nehmt mich auf.«
    Die Mädchen sahen einander verlegen an. Endlich sagte die eine:
    »Wir sind allein hier im Hause. Unser Vater ist nach Ancona gegangen.«
    ER Ich habe Lust, euch Verschiedenes abzuhandeln, wenn ihr habt, was ich
suche. Ich bin nicht, was ich zu sein scheine, und habe Geld.
    SIE Nun, wir wollen's mit Euch wagen! Kommt herein und nehmt vorlieb!
    Sie führten ihn in ein enges Stübchen, brachten Brot und Käse, Feigen und
Äpfel und setzten auch Wein auf. Rinaldo nötigte die Mädchen, mit ihm zu
trinken, und als eine Flasche geleert war, hub er an:
    »Ihr scheint ein Paar herzlich gute Mädchen zu sein, und es verdriesst mich,
dass ihr, wie ich glaube, arm seid. Ich will eure Umstände verbessern. - Ich bin
ein edler Venezianer, bekam Händel mit einem Nebenbuhler und hatte das Unglück,
ihn im Duell zu erlegen. Deshalb floh ich in dieser Tracht und machte mich
unkenntlich.«
    Hier nahm er seine falsche Nase ab, und die Mädchen lachten. - Er aber fuhr
fort:
    »Habt ihr Kleider zu verkaufen?«
    »Ein paar sind im Hause«, - sagte Rahel, die älteste der beiden Schwestern.
    »Die andern«, - setzte Silpa hinzu, - »hat der Vater mitgenommen.«
    »Zeigt her, was ihr habt«, - fuhr Rinaldo fort.
    Sie brachten ihren Kleidervorrat herbei. Eine Uniform war darunter, die
nicht ganz schlecht war, und diese wählte sich Rinaldo. - Man setzte sich
hierauf wieder zu Tische und leerte noch ein paar Flaschen.
    Dann schafften die Mädchen einige Polster herbei und wünschten ihrem Gaste
glückliche Ruhe; aber er schlief nur wenig.
    Als es tagte, ward aufgestanden, ein kleines Frühstück eingenommen, und
Rinaldo kleidete sich in die erhandelte Uniform.
    RAHEL Wahrhaftig, jetzt, da Ihr die Uniform anhabt, sieht man es doch
gleich, dass Ihr ein Kavalier seid. Sie steht Euch allerliebst!
    SILPA Ihr seht recht stattlich aus!
    RAHEL Ei der Tausend! Habt Ihr ein paar schöne Uhren!
    SILPA Und die prächtigen Ringe!
    RAHEL Ihr müsst ein reicher Herr sein!
    RINALDO Diese Bauernkleider schenke ich euch. Mein Nachtlager bezahle ich
euch mit einem Wechsel von 100 Zechinen. - Für die Bewirtung und die Uniform
zahle ich euch 25 Zechinen bar. - Ihr seid doch zufrieden?
    RAHEL O! Ihr seid gar zu grossmütig! So viel verdienen wir ein ganzes Jahr
hindurch nicht.
    SILPA Jetzt kennen wir Euch und wollen ein andermal nicht wieder so viele
Umstände machen.
    RINALDO Auch die Umstände haben ihr Angenehmes. - Lebt wohl, ihr guten
Mädchen, und erinnert euch meiner!
    Damit verliess er sein Nachtquartier und ging auf Poggia zu, wo er sich ein
Pferd kaufte und ohne Aufentalt der Grenze des Kirchenstaates zueilte. -
Teramo, im Gebiet des Königs von Neapel, war der erste Ort, wo er anhielt und
ausruhte.
Als er sich in Aquila mit Kleidern versehen hatte, nahm er dort einen jungen
muntern Burschen, der Antonio hiess, in seine Dienste, ging weiter und kam unter
dem Namen Graf Mandochini in Neapel an.
    In dieser glänzenden Stadt bezog er ein schönes Quartier, wo er die Aussicht
auf den Hafen bei freundlichen Wirtsleuten hatte. Er lebte sehr still, las viel,
dachte noch mehr, machte sogar Verse, komponierte seine Lieder und sang sie auch
selbst zur Guitarre ab. Damit vertrieb er sich so ziemlich die Zeit. - Nach und
nach aber schien die Langeweile doch bei ihm sich einfinden zu wollen: er fing
daher an, fleissiger auszugehen, und besuchte die öffentlichen Häuser, wo er viel
sprechen hörte. Einigemal war er selbst, - als Rinaldini, - der Gegenstand
öffentlicher Gespräche, und da gab er denn ganz getrost sein Wort auch mit dazu.
    Einst brachte ein Fremder sogar die Nachricht, Rinaldini sei zu Ferrara
erwischt und fest eingekerkert worden. - So hörte er die Leute gern sprechen und
wurde dadurch in Neapel immer sicherer.
    Unter allen Menschen, die er täglich auf den öffentlichen Häusern sah, fiel
ihm ein Mann besonders auf, der eine Uniform trug, wie er sagte, ein Korse war
und Kapitän genannt wurde. Dieser Mann sass bei seiner Tasse Schokolade oft den
ganzen halben Tag, sprach kein Wort, dankte, wenn man ihn grüsste, bloss durch
eine Verbeugung, nahm nicht den geringsten Anteil an irgendeinem Gespräch,
mischte sich in keine Unterredung, und hätte sie auch sein Vaterland betroffen,
sah immer gerade vor sich hin und schien beständig in das tiefste Nachdenken
verloren zu sein. Er wurde von allen bemerkt, schien aber keine Seele zu
bemerken, und kein Mensch wusste, wie er mit ihm daran war. Diesem Manne näherte
sich Rinaldo absichtlich so viel wie möglich, es wollte ihm aber nicht gelingen,
ihn zur Sprache zu bringen. Eines Tages nahte er sich ihm noch zudringlicher als
gewöhnlich.
    »Mein Herr!« - redete er ihn an, - »verzeiht mir eine Bemerkung.«
    KAPITÄN Über mich?
    RINALDO Über Euch - Ihr fallt allgemein auf.
    KAPITÄN Das ist möglich.
    RINALDO Ihr wollt das vielleicht?
    KAPITÄN Es kommt mir nicht in den Sinn.
    RINALDO Vielleicht nagt irgendein geheimer Kummer an Eurem Herzen?
    KAPITÄN Davon ich nichts weiss.
    RINALDO Oder irgendeine Verlegenheit macht Euch sprachlos.
    KAPITÄN Ich bin nie verlegen.
    RINALDO Mitteilung macht den Menschen glücklich.
    KAPITÄN Nicht immer.
    RINALDO Unterhaltung vertreibt wenigstens die Langeweile.
    KAPITÄN Diese kenne ich nicht.
    RINALDO So seid ihr beneidenswert und müsst ein grosser Philosoph sein.
    KAPITÄN Philosoph kann jeder Mensch sein, wenn er es sein will, und er ist
wohl daran, wenn er es ist.
    RINALDO Das letztere glaube ich, das erstere kann ich kaum glauben.
    KAPITÄN In Glaubenssachen nimmt man es so genau nicht. Und je mehr man sich
in diesem Punkt selbst täuscht, desto glücklicher ist man.
    RINALDO Täuschung ist Traum.
    KAPITÄN Wohl dem, der glücklich träumt?
    RINALDO Und wenn er erwacht?
    KAPITÄN So wünscht er gewiss, selbst um des Traumes willen, wieder
fortzuträumen.
    RINALDO Und so macht die Nichterfüllung des Wunsches ihn unglücklich.
    KAPITÄN Jeder Mensch ist glücklich, sobald er es nur ernstlich will.
    RINALDO Seid Ihr es?
    KAPITÄN Ich bin es.
    RINALDO So seid Ihr ein beneidenswerter Sterblicher.
    KAPITÄN Das glaube ich selbst.
    RINALDO Da aber jeder Mensch seine eigenen Begriffe von Glückseligkeit hat,
so -
    KAPITÄN So wünscht Ihr zu wissen, welches die meinigen sind? - Sie liegen
etwas weiter ausser dem Zirkel dieser menschlichen Welt.
    RINALDO Ich verstehe Euch nicht.
    KAPITÄN Das glaube ich. - Es versteht und begreift in dieser Welt überhaupt
nicht leicht ein Mensch den andern. Diese Missverständnisse machen aber die
Unterhaltung in Euern Gesellschaften aus, sonst wären sie so einförmig und
ermüdend wie ein Kartäuser Chor. - Das beste und schönste Einverständnis können
nur Seelen und Geister knüpfen.
    RINALDO Kennt Ihr die Geisterwelt?
    KAPITÄN Ich kenne sie.
    RINALDO Wie?
    KAPITÄN So gut, wie ich Euch kenne.
    RINALDO Ihr mich? - Kenne ich mich doch selbst nicht.
    KAPITÄN O ja! - Auf einen gewissen Punkt wenigstens, gewiss.
    RINALDO Ihr wisst, wer ich bin?
    KAPITÄN Ich sage ja, dass ich Euch kenne.
    RINALDO Ich habe Euch doch nie gesehen, seit ich in Neapel bin.
    KAPITÄN Das weiss ich. - Ich seh Euch hier auch zum erstenmal. Aber ich kenne
Euch dennoch.
    RINALDO So seid Ihr ein Hexenmeister. - Wer sagte Euch, wer ich bin?
    KAPITÄN Meine Wissenschaft.
    RINALDO Ihr schaut also ins Verborgene?
    KAPITÄN Warum nicht?
    RINALDO Ihr geht mit Geistern um?
    KAPITÄN Jetzt spreche ich mit einem Menschen, der sich, wie ich hoffe,
gebessert hat.
    Als er das sagte, stieg er auf, bezahlte seine kleine Zeche und ging fort.
Rinaldo hatte nicht Mut genug, ihm zu folgen.
Dass Rinaldo in nicht geringer Verlegenheit war, lässt sich denken. Er hatte so
lange mit dem sonderbaren Manne genauer bekannt zu werden gewünscht, und jetzt
wünschte er, ihn niemals gesprochen zu haben. So hascht der Mensch beständig
nach Wünschen, deren Erfüllung ihm oft weit bittere Entdeckungen macht, als er
deren welche sich geträumt hat.
    »Dieser Mann« - sprach Rinaldo bei sich selbst, - »weiss, wer ich bin? - Wie?
und die Entdeckung meines Namens ist in der Gewalt eines solchen Sonderlings? -
Wer ist er, dieser sonderbare Sterbliche, der irdische Gesellschaft nicht die
seinige nennt? - Ha! er muss mir Rede stehen, oder ich vernichte ihn, diesen
Feind meiner Ruhe.«
    Er durchstreifte einige Tage lang die Promenaden, besuchte die öffentlichen
Häuser und fand den furchtbaren Wissenden nicht, selbst nicht einmal da, wo er
sonst täglich zu finden war. Das machte ihn noch unruhiger.
    Schon war er im Begriff, Neapel zu verlassen, als er eines Morgens den
gefürchteten Korsen auf der Promenade nach dem Hafen zu fand. Er sass auf einer
Bank unter einer Statue, an deren Postament er seinen Rücken gelehnt hatte;
seine Augen waren über sich, zum Himmel gekehrt, und seine Hände lagen gefaltet
ineinander. Man hätte glauben können, einen Menschen zu sehen, dessen ganze
Seele in ein zum Himmel gerichtetes Gebet ergossen sei.
    Rinaldo stellte sich ihm gegenüber und wagte es nicht, ihn in seinem
überirdischen Seelenvergnügen zu stören. Nur zuweilen fing er an, sich zu
räuspern, zu husten, und endlich brummte er die Melodie eines damals beliebten
Liedchens. Der Kapitän regte sich nicht. Er schien in einer überirdischen
Verzückung an einen Stein gelehnt selbst zu Stein geworden zu sein.
    Des Harrens und Wartens überdrüssig, ging endlich Rinaldo mit wankenden
Schritten auf ihn zu, stellte sich an seine Seite, legte seine Hand auf seine
Schulter und sagte kurzatmend:
    »Herr Kapitän! Ich freue mich, Euch wiederzusehen.«
    Der Kapitän liess seine Augen fallen, drehte seinen Kopf, erblickte den
Grüssenden und fragte:
    »Was seht Ihr über Euch?«
    RINALDO Den reinen, blauen Äter.
    KAPITÄN Das Bild einer schuldlosen Seele; die verschwisterte Farbe eines
reinen Geistes. Durch die Augen dringt diese äterische Geistesform ins Herz.
Hier ist der Sammelplatz der schönsten Freuden, die ausser uns und dennoch in uns
sind. Wir machen sie uns eigen. Der Himmel schenkt sie uns. Was sind die
lachendsten Fluren gegen dieses azurne Meer der Reinheit und Klarheit? Wer hier
den Anker wirft, liegt in dem schönsten Port.
    RINALDO Eure Begeisterung ist schön und gross! Ich muss es mir zum Vorwurf
machen, Euch in Euern erhabenen Betrachtungen gestört zu haben. Aber, verzeiht
das meiner Ungeduld, mit der ich Euch zu sprechen wünschte.
    KAPITÄN Ihr seid mehr verlegen als ungeduldig. Gesteht es nur, - Ihr
fürchtet mich. - Ihr habt nichts zu fürchten. Ich bin kein Inquisitor und weder
Fiscal noch Kriminalrichter. Und das sind doch die Leute, die Ihr zu fürchten
habt.
    RINALDO Irrt Ihr Euch auch nicht?
    KAPITÄN Nein.
    RINALDO So sagt mir meinen Namen.
    KAPITÄN Er kostet Geld.
    RINALDO Wo?
    KAPITÄN Bei jeder Obrigkeit. Man könnte ihn verkaufen wie ein Kleinod, wenn
man in Verlegenheit wäre.
    RINALDO Herr Kapitän! Es gibt eine gewisse Sprache, die Beleidigung ist,
sobald sie Ernst wird.
    KAPITÄN Das weiss ich.
    RINALDO Mit einem Worte: Wer bin ich?
    KAPITÄN Der geächtete und gefürchtete Mann, der der Schrecken der Reisenden
und das Erblassen der Wanderer ist. Der König der Schlupfwinkel und der
Beherrscher der Gebirgshöhlen. - Du bist Rinaldini.
    RINALDO Wer sagt dir das?
    KAPITÄN Ich weiss es.
    RINALDO Mit Gewissheit?
    KAPITÄN Ebenso gewiss als ich weiss, wer ich selbst bin.
    RINALDO Leb wohl!
    KAPITÄN Wohin gehst du?
    RINALDO In den Hafen, zu sehen, ob dort ein segelfertiges Schiff liegt, das
mich einnehmen kann.
    KAPITÄN Warum willst du Neapel verlassen und die Ruhe fliehen, die dich hier
umgibt?
    RINALDO Weil ich dich fürchte.
    KAPITÄN Wenn der Mann, der du bist, etwas fürchtet, so muss auch wirklich
etwas zu fürchten sein. - Dein Schicksal interessiert mich. Ich will dir davon
einen entscheidenden Beweis geben, der dich ganz sicherstellen soll. Aber lass
mich dich nicht wieder auf deiner alten Bahn finden, sonst wirst du den Freund
in einen Feind verwandelt finden.
    Trommeln verkündigten den Anzug der Mannschaft, die die Kastell- und
Hafenwache bezog, und endigten diese Unterhaltung. Eine ganze Gesellschaft von
Offizieren spazierte einher, und Rinaldo und der Kapitän sahen sich bald von
denselben umgeben. Man kannte sich zum Teil aus öffentlichen Gesellschaften, man
grüsste sich, und die Unterhaltung begann.
    »Wisst Ihr auch, Herr Kapitän! dass man sich über Eure Person in allen
Gesellschaften die Köpfe zerbricht? Ihr seid die grösste Neuigkeit des Tages.«
    »O!« - antwortete der Kapitän, - »Ich will Euch wohl eine noch weit grössere
Neuigkeit erzählen. Ihr zerbrecht Euch ohne Erfolg die Köpfe über mein Ich. -
Wisst, hier in Neapel, mitten unter euch, lebt der berüchtigte Rinaldini.«
    Rinaldo stand wie vom Donner gerührt. Die Offiziere sahen sich verlegen an.
Eine allgemeine Stille überfiel die Gesellschaft und band die geschwätzigsten
Zungen.
    Der Kapitän zog die Dose heraus, bot Prisen rundherum an, schlug die Dose
zu, drehte sich herum und ging nach dem Hafen zu. Keiner hielt ihn auf. Man sah
sich an und fragte:
    »Wie ist das?«
    Rinaldo schöpfte Atem und sagte, als der Kapitän schon nicht mehr zu sehen
war: »Nun, meine Herren, was meint Ihr? Hat uns dieser sonderbare, rätselhafte
Mann, den niemand kennt, nicht deutlich genug zu verstehen gegeben, wer er ist?«
    »Bei Gott!« - schrien alle, - »Er selbst ist Rinaldini.«
    »Das ist auch meine Meinung«, - sagte Rinaldo ganz gelassen. Einer tat den
Vorschlag, ihm nachzugehen.
    Ein alter Obrist nahm das Wort und sagte:
    »Wir sind keine Sbirren. Es ist die Sache der Polizei, sich Rinaldinis zu
bemächtigen. Und ist dieser Unbekannte wirklich Rinaldini selbst, so muss er auch
wissen, wie weit er in seiner Selbstentdeckung gehen kann. Indessen wollen wir
ein wachsames Auge auf diesen Menschen haben. Doch muss ich offenherzig gestehen,
dass sein bisheriges Betragen, soweit ich ihn kenne, mir etwas zu verraten
scheint, das mit einem Kopfe, der ganz in seiner Ordnung ist, sich nicht recht
zusammenräumen lässt. Wie? wenn er nun etwa bei zerrüttetem Gehirne sich
einbildete, jener furchtbare Räuber zu sein? Gibt es nicht dergleichen Exempel
von Einbildungen verrückter Phantasien? - Wir wollen also behutsam gehen. Und
vor der Hand empfehle ich den Herren eine kleine Verschwiegenheit. Wir wollen
den Unbekannten näher beobachten und dann erst bestimmen, wie wir uns gegen ihn
verhalten wollen.«
    Dieser Rede gaben alle ihren Beifall, und nun ging die Gesellschaft in eine
Eisbude, wo sie ganz vergnügt ihr Frühstück einnahm.
Rinaldo war in einer Bewegung, die sich nicht beschreiben lässt. Er wusste nicht,
was er tun sollte. Sollte er gehen oder bleiben? Wer war der Mann, der sich
gleichsam für ihn aufzuopfern schien? Seine Warnung tönte noch in Rinaldos
Ohren, und sein Benehmen war ihm unerklärlich.
    Er suchte ihn vergebens allentalben auf. Er war nirgends zu finden. Niemand
sah ihn mehr in Neapel. Er war verschwunden. - Nun wurde das Gespräch von seiner
Entdeckung allgemein. Die Sache kam zur Untersuchung. Die Offiziere sagten aus,
was sie gesehen und gehört hatten. Die Polizei spürte ihm nach. Vergebens war
all ihr Bemühen. Er konnte nirgends aufgespürt werden. Nun wurde die Sage zur
Gewissheit: Dieser unbekannte Scheinsonderling war Rinaldini. - Alle erzählten
sich jetzt Anekdoten von ihm; man freute sich, ihn gesehen zu haben, und der
wahre Rinaldini entging den Blicken der Forscher. - Das ist in der Welt der Lauf
der Dinge. Man spricht von der Entfernung und vergisst die Nähe. Man läuft nach
dem Schein und verabsäumet das Sein. Die Gedanken folgten dem Unbekannten als
Rinaldini; alle Menschen sprachen davon mit Überzeugung und Gewissheit, und der
wahre, wirkliche Gegenstand dieser Gespräche war mitten unter den Sprechenden,
ohne ergriffen zu werden. Nach und nach verhallte das Gespräch. Andere
Neuigkeiten verdrängten die Rinaldini-Erscheinung, und zuletzt sprach man gar
nicht mehr davon.
Einst gegen Abend sass, ungefähr vier Wochen nach dieser Begebenheit, Rinaldo auf
seinem Zimmer, klimperte auf der Guitarre und dichtete ein neues Lied, als die
Tür seines Zimmers aufging und ein artiges Mädchen eintrat.
    SIE Ich habe dieses Briefchen an den Herrn Grafen Mandochini abzugeben. Es
kommt von schönen Händen.
    
    Sie reichte ihm das Briefchen. - Rinaldo las:
    »Sowenig Ihr eine Person bemerkt haben mögt, welche Ihr interessiert, sosehr
hat sie Euch bemerkt. Ist es Euch nicht gleichgültig, sie kennenzulernen, so
wird Euch die Überbringerin dieser Zeilen sagen, wo Ihr sie sehen könnt.«
    ER Du kennst also die Dame, die mir diese Zeilen schrieb, genau?
    SIE Ich bin in ihren Diensten.
    ER Wer ist sie?
    SIE Ihr Name kann Euch wohl solange gleichgültig sein, bis Ihr sie selbst
kennt. Ihr Name wird Euch gewiss angenehmer klingen, wenn sie ihn selbst nennt.
    ER Aha! Also deine Frau oder dein Fräulein - Wie soll ich sie nennen? -
    SIE Nennt sie, wie Ihr wollt. Ich darf Euch weder sagen, ob sie verheiratet,
noch ob sie unverheiratet ist. Ihr werdet das selbst erfahren.
    ER Sie ist von Stande?
    SIE Vom Stande der Liebe. Wollt Ihr sie sehen oder nicht?
    ER Wo soll ich sie sehen?
    SIE Morgen in der Frühmesse zu St. Lorenzo. Sie wird ein grünes Kleid und
einen schwarzen Schleier tragen. Eine goldene Kette umschlingt ihre Zone, und
ein Orangenblütenstrauss ziert ihren Busen. - Ihr werdet also kommen?
    ER Ich werde kommen.
    Das Mädchen ging, und Rinaldo blieb seinem Nachdenken nicht lange
überlassen. Die Zimmertür ging auf, und ein Mann, in einen roten Mantel gehüllt,
trat ein.
    »Rinaldo!« - redete ihn dieser sogleich an, - »die soeben erhaltene
Botschaft taugt nichts. Du gehst morgen nicht nach St. Lorenzo, die Dame zu
sehen, die von dir gesehen zu werden sich wünscht.«
    »Wer bist du?« fragte Rinaldo. - »Gib dich mir näher zu erkennen, wenn du
willst, dass ich deinem Rate folgen soll.«
    Jener nahm die Larve vom Gesicht, schlug den Mantel auseinander, und der
bekannte korsische Kapitän stand vor ihm.
    Rinaldo fuhr erschrocken zusammen. Der Kapitän sprach:
    »Einem Manne, der sich für dich aufgeopfert und dir die Ruhe verschafft hat,
die du in Neapel geniessest, kannst du doch wohl folgen?«
    Er sprach's und verliess das Zimmer.
    Rinaldo durchwachte die halbe Nacht, stand früher als gewöhnlich auf und
ging nicht nach St. Lorenzo, die Schöne im Gewande der Hoffnung zu sehen.
    Der Abend brach an, und das Mädchen kam wieder.
    »Ei!« - sagte sie, - »Ihr habt schlecht Wort gehalten. Warum kamt Ihr
nicht?«
    ER Ich werde nicht eher kommen, bis ich den Namen der Dame weiss, die ich
sehen soll.
    SIE Ihr sollt sie ja nur sehen. Gefällt sie Euch, dann wird sie Euch sich
selbst nennen. - Sie kommt morgen wieder in die Messe. - Gute Nacht!
    Das Mädchen ging, und bald darauf trat der Kapitän abermals in das Zimmer.
    »Du gehst nicht nach St. Lorenzo«, - sagte er.
    RINALDO Edler Freund! Lass mich aufrichtig sprechen. Dein Verbieten, ohne
Gründe, erniedrigt mich. - Ich bin kein Kind, das blindlings folgen muss. Wenn
ich deinem Rate folgen soll, so musst du mir, wie gesagt, Gründe angeben.
    KAPITÄN Du solltest mir aufs Wort glauben und nicht mit der Unbekannten eine
Bekanntschaft machen, die zu keiner Gedeihlichkeit führen wird.
    RINALDO Ich kenne dich ja selbst nicht.
    KAPITÄN Du sollst mich kennenlernen. Unter den Ruinen von Portici. - Und
nach St. Lorenzo gehst du nicht.
    Er ging. Rinaldo blieb nachdenklich zurück. - Der Morgen kam, er wankte
unentschlossen, wollte gehen und ging endlich doch nicht nach St. Lorenzo.
    Des Abends erschien die artige Botschafterin wieder. Sie neigte sich
stillschweigend und gab ihm ein Briefchen. Er erbrach es und las:
    »Ich bitte Euch zum letztenmal um eine Gefälligkeit, die Ihr mir gar nicht
abschlagen könnt, wenn Ihr Kavalier seid und die Höflichkeit nicht verletzen
wollt.
                                                                       Aurelia.«
Kaum hatte Rinaldo den Namen Aurelia gelesen, als er dem Mädchen drei Zechinen
in die Hand drückte und, halb ausser sich, ausrief: »Sag der Dame, dass ich so
gewiss kommen würde, als ich Atem und Dasein habe. Kein Teufel soll mich
abhalten, sie zu sehen, und sollte ich« -
    »Basta!« - schrie der Kapitän, der eben eintrat; - »Keine Flüche und
Schwüre, die du nicht erfüllen darfst.«
    »Ich will sie erfüllen!«
    »Ruhig!«
    »Keine Macht dieser Welt« -
    »Ruhig! Die Obrigkeit hat Sbirren.«
    Rinaldo erschrak, sah sich nach dem Mädchen um und sah, dass sie unbemerkt
das Zimmer verlassen hatte.
    KAPITÄN Du bist noch immer so trotzig und unbändig, wie du es von jeher
gewesen bist. Bedenk, dass du jetzt nicht mehr kommandierst, sondern dass du
kommandiert wirst.
    RINALDO Wer gibt dir die Macht, mir zu befehlen?
    
    KAPITÄN Wer gab mir die Verbindlichkeit, auf meine eigene Gefahr dich zu
retten?
    RINALDO Du hast sie dir selbst auferlegt.
    KAPITÄN Undankbarer! - Eines so unbeständigen Wesens wegen, wie ein Weib
ist, willst du mit deinem Freunde brechen und beleidigest ihn, um einer Figur
nachzulaufen, die eines Spiegels bedarf? Denn, was kannst du von ihr erwarten?
Wenn es köstlich und noch so köstlich ist, so ist es doch nur Liebe. Und die
Weiber lieben in uns nur sich selbst. Wir sind ihre Spiegel, ihr Mond, in dessen
Spiegelscheibe ihre Sonne wieder aufersteht.
    RINALDO Du bist ein Weiberfeind!
    KAPITÄN Noch bin ich dein Freund.
    RINALDO So wirst du mich nicht abhalten, die Dame zu sprechen.
    KAPITÄN Bei den Haaren will ich dich nicht zurückziehen, aber ich verbiete
dir es, sie zu sprechen.
    RINALDO Nur ein begründetes Warum? wenn ich dir folgen soll. -
    KAPITÄN Ich mache keinen Propheten, aber der Erfolg rechtfertigt mich. Ich
sehe weiter als du. Meine Macht -
    RINALDO Deine Macht? - Gib mir eine Probe deiner Macht.
    KAPITÄN Die sollst du haben. Stehe auf und folge mir unter die Ruinen von
Portici.
    RINALDO Gib mir diese Probe hier.
    KAPITÄN Bist du, ehemals so unerschrockener Held der Nächte, zum furchtsamen
Knaben geworden? Zerbrich deine Klinge und lass dir eine Spindel reichen! - Ich
durchblicke dich ganz. Jetzt erlaube ich dir, das Weib zu sehen, das dich
aufsucht. Lerne sie kennen und dann auch mich. - Gute Nacht!
Nach einer sehr unruhigen Nacht eilte Rinaldo um die bestimmte Stunde nach St.
Lorenzo, dort Aurelien zu sehen, und sah sie nicht. - Endlich ward er das
bekannte Mädchen gewahr. Sie winkte ihm zu, und er folgte ihr nach. Vor der
Kirchtür sagte sie:
    »Meine Gebieterin lässt sich entschuldigen. Es wurde ihr unmöglich gemacht,
Wort zu halten und heute hierher zu kommen. Sie lässt Euch aber bitten, mir zu
folgen. Ich soll Euch zu ihr fuhren.«
    Rinaldo folgte ihr ohne Bedenken. - Sie führte ihn ausserhalb der Stadt auf
eine reizende Gegend zu, nach einem schönen Hause, das mitten in einem Garten
stand. - Sie traten ein. Das Mädchen ging mit ihm im Erdgeschoss duch einen
schönen Saal in ein Zimmer, dessen Fenstergardinen alle niedergelassen waren.
Durch diese freundliche Dämmerung führte der Weg nach einem Kabinett, das noch
dunkler war. In diesem, sagte ihm das Mädchen, werde er die Dame finden, und
schob ihn hinein.
    Auf einem Sofa regte sich ein weibliches Wesen. Rinaldo ging darauf zu, warf
sich nieder, ergriff eine weiche, runde Hand, bedeckte sie mit einigen Küssen
und sprach:
    »O Aurelia! wie glücklich macht mich dieser Augenblick!«
    »Glücklich? Wirklich glücklich?« - wurde mit sanfter Stimme gefragt.
    ER So glücklich, als ich es nie zu werden hoffen konnte!
    SIE Und dennoch wart Ihr so unentschlossen -
    ER Ich wusste ja nicht, dass es Aurelia war, die ich sehen sollte. Sie, deren
Bild ich ewig in meinem Herzen tragen werde! Die kühnsten meiner Hoffnungen sind
jetzt zur schönsten Wirklichkeit geworden.
    SIE Ich fürchte -
    ER Doch nichts von mir? - Was könnte die fürchten, die ich anbete?
    SIE Was gewiss zu fürchten ist.
    ER Und was?
    SIE Dass hier eine Verwechslung vorgeht. - Ihr sprecht mit mir wie mit einer
Längstbekannten, und soviel ich weiss -
    ER Diese Stimme! - Mein Gott! - Nein, Ihr seid Aurelia nicht!
    SIE Aurelia bin ich. Aber schwerlich werde ich die Aurelia sein, die Ihr
meint.
    ER Ja! meine Phantasie hat mich getäuscht. Ihr seid nicht Aurelia Rovezzo?
    SIE Die bin ich, leider! nicht. - Ach guter Graf! wie sehr wünschte ich,
diese Aurelia Rovezzo zu sein. - Ich habe Euch gesehen, bemerkt, - mit
Wohlgefallen bemerkt, - und daraus ist Zuneigung, ich fürchte gar Liebe
geworden. - Jetzt muss ich wünschen, Euch nie gesehen zu haben. - Verlasst mich.
Huldigt Eurer geliebten Aurelia und überlasst mich meinen Gefühlen.
    ER Soll diese neidische Dunkelheit, die uns umgibt, sich nicht in Licht
verwandeln?
    SIE Was könnte Euch daran liegen, das Gesicht eines Euch uninteressanten
Weibes zu sehen? Bleibt um meines Namens willen der Freund einer Unbekannten,
die es auf immer sein wird. Eure Aurelia -
    ER Ach! ich werde sie nie wiedersehen!
    SIE Nie?
    ER Wie konnte mich auch meine Phantasie so weit irreführen?
    Aurelia schmachtet im Kloster.
    SIE Ich beklage Euch. - Lasst uns aber enden. Wir haben beide angenehm
geträumt. Unsre Trennung sei unser Erwachen. Die Rückerinnerung wird uns
bleiben.
    ER Ist der Traum verschwunden, so schenkt mir eine süsse Wirklichkeit. Lasst
mich das schöne Gesicht sehen, dessen Mund so entzückend spricht. Der Klang
Eurer harmonischen Stimme -
    SIE Ist dem wirklich so, so mag er Euch schadlos halten. Nur mein Liebhaber
wird mein Gesicht sehen. - Erspart mir eine Beschämung, die der erste Schritt,
den ich getan habe, herbeiführte. - Und nun, genug von unserm Abenteuer! Wir
wollen zuweilen darüber lachen. - Lebt wohl, Graf!
    ER Lasst - o! lasst mich Eure schönen Augen sehen!
    SIE Ihr seid mein Liebhaber nicht.
    ER O! schöne Unbekannte! mich hält der himmlische Ton Eurer harmonischen
Stimme fest. Macht mit mir, was ihr wollt, ich gehe nicht von hier. - Ich fühle
mich festgehalten -
    SIE Von mir?
    ER Was ist es, das mich an diese Stelle fesselt? Ich weiss es nicht.
    SIE Es ist Neugier. Es ist Eigensinn.
    ER Nein, nein! Es ist weit mehr als Neugier und Eigensinn. - Ich huldige der
schönen Unbekannten -
    SIE Mit geteiltem Herzen.
    ER Ich liebe Aurelien Rovezzo wie meine Schwester. Ich werde sie nie
besitzen.
    SIE Damit rechnet Ihr auf mich?
    ER Jetzt kann ich gehen.
    SIE So geht.
    ER Ihr denkt nicht gut von mir.
    SIE Das will ich nicht sagen. - Aber, wozu soll Euer Hierbleiben uns beiden
nützen?
    ER Was kann meine huldigende Empfindung Euch schaden?
    SIE O Graf! ich bin so eitel nicht, als Ihr vielleicht glaubt. Dieser
Schritt, den ich gewagt habe. - Ich habe Euch schon gestanden, was mich dazu
verleitet hat.
    ER Ihr seid frei und ungebunden?
    SIE Bis jetzt bin ich es noch.
    ER Auch ich bin es.
    Hier entstand eine Pause. - Rinaldo küsste der Unbekannten die Hände; er
drückte sie sanft und fühlte die seinigen noch sanfter wiedergedrückt. Die
Unbekannte seufzte. Rinaldos Seufzer folgten den ihrigen.
    SIE Graf! ich bitte Euch, verlasst mich. Ihr habt mich in eine Stimmung
gebracht, in der ich nur - mit meinem Liebhaber zu sein wünschen könnte.
    ER Was hindert es, dies zu sein? Mich nichts.
    Die Unbekannte schwieg. Rinaldos kühne Hand hob die Schleier und drückte
einen brennenden Kuss auf ihre Lippen. Sie seufzte:
    »O Dio! dove sono?«
    Nun wurde zwischen beiden kein Wort mehr gewechselt. Kein redender Laut
unterbrach die schweigende Stille. Nur tiefe Seufzer, schwebende Küsse und das
laute Klopfen zweier in Entzücken verlorner Herzen belebten die stumme Szene.
Jede Ader war zum klopfenden Pulse geworden, und das süsseste Gefühl ging in das
seligste Unbewusstsein über; das zärtlichste Bewusstsein verlor sich im süssen
Nichtgefühl.
»Aber nun« - stammelte Rinaldo, noch an ihren Lippen hängend, - »werde ich so
glücklich sein, dein schönes Auge zu sehen, in welchem der Himmel meiner Freuden
lacht?«
    Sie griff schweigend hinter sich, zog an einer Schnur. Zwei Fenstergardinen
flogen auf. Des Tages sanftes Licht drang herein, und Rinaldo sah, dass eine
glänzende Schönheit in seinen Armen ruhte. Ein feuriges Auge, aus welchem das
heftigste Verlangen, vereint mit dem sanftesten Dahingeben ihm entgegenstrahlte,
blickte ihn an; ihm lächelte sanft geöffnet ein frisches Lippenpaar, und ein
elastischer Busen drängte sich seiner Brust strebend entgegen. Er kam und floh,
gleich der zärtlichen Geliebten, die kommt, um zu fliehen, und flieht, um wieder
zu kommen.
    Rinaldo verlor sich ganz in den Genuss der Schätze, die verschwenderisch ihm
Liebe und Gelegenheit darboten.
    »O schöne Unbekannte!« - seufzte er, - »lass uns lieben und froh sein!«
    »Das wollen wir«, - sagte sie.
    ER Nun ist Neapel für mich ein Paradies!
    SIE Für mich der Ort, wo du bist, der Himmel. Ich finde ihn in deiner
Umarmung. Wir wollen uns allein und der Liebe leben, wir wollen überschwenglich
glücklich sein. O Liebe! wer deine Freuden nicht kennt, der kennt seines Lebens
schönsten Wert nicht; wer deine Entzückungen nicht fühlt, ist bei dem grössten
Überfluss arm, und wo er wandelt, gehn Überdruss und Langeweile nur mit ihm.
Unglücklich der, der nicht liebt! Sein Leben ist ihm ein Traum, ihn ergötzt kein
Zephyr, der die brennende Wange kühlt, ihm entfliehen die Tage wie zögernde
Schatten, und seiner Freuden grösste ist nur Blendwerk und optischer Betrug. Im
Liebesgenuss allein ruht die seligste Freude, und wer diesen Pfad betritt,
wandelt auf Rosen.
    Die Tür flog auf. Die Liebenden fuhren zusammen. Sie blickten auf, und der
korsische Kapitän stand vor ihnen.
    »Ich kann über nichts jetzt zweifelhaft sein«, - sagte er, - »und ich
wünsche, dass es Euch nie gereuen möge.«
    Die Dame bedeckte mit den Händen ihr Gesicht. - Der Kapitän wendete sich zu
ihr, zog ihr gelassen die Hände von den Augen und sagte:
    »Du hast dich von mir gerissen und hast dich diesem Manne ergeben. Er fühle
den Wert und das Unglück, von dir geliebt zu werden, ganz. Ich entsage dir und
fordere nichts von dir zurück als den Ring, den ich dir zum Pfande meiner Treue
gab.«
    Schweigend zog sie den Ring vom Finger und gab ihm denselben. Der Kapitän
nahm ihn und sagte:
    »Dieses Haus und diesen Garten wirst du heute noch verlassen.«
    Hierauf verliess er das Kabinett und verschloss die Tür wieder.
    »Wie soll ich mir all das erklären?« - fragte Rinaldo bestürzt.
    »Alles will ich dir selbst sagen«, - sprach sie, - »wenn wir uns
wiedersehen.«
    »Und wann und wo wird das geschehen?«
    »Mein Mädchen wird dich zu mir führen, sobald ich dich wiedersehen kann.«
    Rinaldo wankte auf und wusste nicht, was er fragen oder sagen sollte. Sie
sprang rasch auf, fiel ihm um den Hals, küsste ihn mit Ungestüm, zog ihm einen
Ring von dem Finger, steckte ihn an einen der ihrigen und sagte:
    »Ich nenne diesen Ring, wie dich selbst, nun mein.«
    ER O! du weisst, du ahnst nicht, wie teuer ich vielleicht diese glücklichen
Augenblicke bezahlen muss.
    SIE Sie haben keinen Preis. Ich habe sie verschenkt. - Schlagen wird sich
der Korse nicht mit dir.
    ER Das ist es nicht, was ich fürchten könnte.
    SIE Und was denn sonst?
    ER Er ist Herr meines grössten Geheimnisses.
    SIE Fürchte nichts. Er wird kein Verräter sein. - Ich bin ihm untreu
geworden und fürchte doch nichts von ihm. - Hätte er mir das getan, was ich ihm
getan habe, mein Dolch hätte gewiss sein Herz gefunden. Ich liebe grenzenlos.
Werde ich aber betrogen, so fliesse Blut, so wahr ich Atem und Leben habe!
    ER Du bist furchtbar!
    SIE Nicht dir, denn du liebst mich ja! - Für Augenblicke spiele ich nicht,
verschenke ich nicht, was man nur dem Geliebtesten schenkt. Dem Geliebten bleibe
ich treu, den ich mir selbst wählte. Den Kapitän habe ich nicht selbst gewählt.
Mein Schicksal führte mich ihm zu. Ich habe eine Gelegenheit gefunden, meine
Ketten zu zerbrechen. Ich liebe dich und bin ganz die deinige. Aber ich hoffe,
du wirst nicht wanken. - O! liebe mich, wie ich dich liebe, so sind wir beide
glücklich!
    Sie sprach das mit himmlischer Stimme, umschlang ihn fester und zog ihn zu
sich.
Rinaldo kam wie ein Träumender in seine Wohnung zurück. Er fürchtete einen
Besuch des Kapitäns und erhielt keinen. - So verflossen drei Tage; er sah den
Kapitän nicht und hörte nichts von der zärtlichen Unbekannten.
    Am vierten Tage ging er gedankenvoll nach dem Hafen zu. Das Donnern der
Kanonen verkündigte die Ankunft eines Schiffs. Es setzte sein Boot aus; die
Passagiere stiegen ans Land. Er wandelte unter dem Gewühle der Fremden, der
Matrosen und Lastträger umher und fühlte sich auf einmal von hinten umfangen. Er
drehte sich herum und Rosalie, in männlichen Kleidern, warf sich in seine Arme.
    Schrecken und Erstaunen fesselten ihm die Zunge. Rosalien liefen Tränen über
die Wangen und freudig rief sie aus:
    »Gott sei gelobt! Ich habe dich gefunden!«
    Um kein Aufsehen zu erregen, führte sie Rinaldo in seine Wohnung. Zwei
Koffer, die sie mit sich gebracht hatte, wurden ihr nachgetragen.
    Rinaldo schickte seinen Diener aus und verschloss die Tür. Als Rosalie zu
sich gekommen war, fing sie an zu erzählen:
    »An dem schrecklichen Tage, an welchem wir von allen Seiten angegriffen
wurden, hatte ich das Glück zu entkommen. Ich floh in die Gebirge und kam
endlich nach Avezzo, wo mich ein altes, gutes Mütterchen zu sich nahm. Schrecken
und Kummer wirkten so sehr auf mich, dass eine frühzeitige Niederkunft mich aufs
Krankenlager warf. Meine gute Natur siegte aber, und ich war kaum auf den
Beinen, als ich nach Livorno eilte, wo ich zu Schiffe ging mit dem festen
Vorsatz, den ganzen unteren Teil von Neapel zu durchstreifen, wo ich dich gewiss
zu finden hoffte. Und, die heilige Jungfrau sei gelobt, ich habe dich gefunden.
- In diesen Koffern steckt so viel von deinen in den Apenninen vergrabenen
Schätzen, als mir möglich war aufzufinden. Ich freue mich herzlich, dass ich es
dir geben kann.«
    Rinaldo umarmte sie zärtlich und dankte ihr ihre Treue mit unzähligen
Küssen. In diesem Augenblick beschloss er, Neapel so bald wie möglich zu
verlassen.
    »Jetzt bin ich reich und glücklich durch dich, geliebtes Mädchen!« -
jauchzte er laut, - »und du sollst es mit mir werden.«
    Von der Reise ermüdet, hatte sich Rosalie zur Ruhe gelegt, als das bekannte
hübsche Mädchen der schönen Unbekannten bei Rinaldo eintrat. Sie brachte ihm
folgendes Briefchen:
    »Die, die dich herzlich liebt, die du nicht mehr Aurelia, aber deine dir
Ganzergebene, deine zärtliche Olimpia nennen sollst, wünscht, so glücklich zu
sein, dich bei sich zu sehen. Das Mädchen wird dich zu ihr führen.«
    Rinaldo bedachte sich ein wenig und beschloss endlich, um dieser zärtlichen
Signora, deren Rachegrundsätze er kannte, keinen Verdacht zu geben, dem Mädchen
zu folgen.
    »Da du ohnehin Neapel bald verlassen wirst«, - sprach er bei sich selbst, -
»kannst du immer zu ihr gehen. Es ist vielleicht ohnehin das letztemal, dass dies
geschieht.«
    Er ging mit der leitenden Iris und wurde von ihr kaum hundert Schritte von
seiner Wohnung in ein artiges Haus geführt, wo ihn Olimpia erwartete. Die
Kleidung, in der sie ihm entgegenflog, war keine Kleidung, und ihr Empfang war
eine Art von wütendem Ansichreissen, die den blödesten Schäfer von der Welt
unternehmend gemacht haben würde. Rinaldo nahm sich soviel wie möglich zusammen
und setzte ihrem Ungestüm einen grossen Grad von Kälte entgegen.
    SIE Was ist das? Erwiderst du auf diese Art meine Küsse?
    ER Es sind vier Tage, seit ich nicht das Glück haben konnte, die schöne
Olimpia zu sehen.
    SIE Es sind für mich vier Ewigkeiten gewesen.
    ER Doch?
    SIE Nicht in diesem Tone! - Ich konnte dich nicht eher wiedersehen. - Von
jetzt an ist keine Stunde mehr in meinem Leben, die nicht dein wär. -
Undankbarer! wenn du wüsstest, was ich getan habe. -
    ER Lass mich wissen, was das ist, das du getan hast. - Olimpia wird
verzeihen, wenn ich -
    SIE Kein Wort weiter! Dieser Ton gehört nicht hierher, wo Glück und Liebe
dich erwarteten. Ich kann auch wohl eines Mannes üble Laune ertragen, wenn ich
ihn so liebe wie dich. Aber Kälte und diese Sprache ertrage ich nicht. - Ich
weiss, welche Forderungen mir an dir zu machen erlaubt sind, also darf ich dir
sagen, dass dieser Ton, in welchem du dir mit mir zu reden erlaubst, mich
beleidigt. - Jetzt verteidige dich.
    ER Ich erwarte erst Olimpias Verteidigung. Die meinige kann dann der ihrigen
leicht folgen. Seit vier Tagen -
    SIE Sprich nicht von Tagen, wenn von Liebe die Rede ist, und taxiere meine
Empfindungen nicht nach dem Glockenschlage. Was ins Unendliche reicht, zählt man
nicht nach Zeiträumen von vierundzwanzig Stunden. - Ich bestehe darauf, deine
Verteidigung zu hören.
    ER Und ich die deinige. Mein Recht ist älter als das deinige, weil die
Beleidigung, von der ich zu sprechen habe, älter ist.
    SIE Bist du wirklich beleidigt?
    ER Ich müsste dich nicht lieben, wenn ich es nicht wäre.
    SIE Kannst du mir Geheimnisse lassen?
    ER Jetzt nicht.
    SIE Hast du selbst keine für mich?
    ER Die Zukunft wird diese Frage beantworten.
    SIE So beantworte diese auch deine Forderungen an mich.
    ER Da du mir ausweichst, so vermehrst du meinen Verdacht selbst.
    SIE Welchen kannst du haben?
    ER Jeden, den ein Verliebter haben kann, dessen Blicken sich seine Geliebte
auch nur auf einige Sekunden, geschweige denn auf vier Tage, entzogen hat.
    SIE Diese Notwendigkeit hängt mit meiner Geschichte zusammen.
    ER Nun bin ich befriedigt!
    SIE Dieses bittere Lächeln verstehe ich. - Mann! bringe mich nicht auf. -
Deinetwegen habe ich -
    ER War alles, was du getan hast, dein freier Wille oder nicht?
    SIE Leider! war es mein freier Wille. Aber du weisst wahrlich nicht, was ich
meiner Leidenschaft für dich aufgeopfert habe!
    ER Kann es nicht mit Gold ersetzt werden?
    SIE Elender! und Dich liebe ich? Ich spreche von Liebe, und du zählst mir
Gold auf? Nimm mir, was ich habe, mache mich elend und bettelarm, ich folge dir
mit blossen Füssen nach. Werde selbst arm, und ich stehle für dich, lasse mich zum
Schafott führen, und ich freue mich, dass du nicht darben darfst. Du musst meine
Leidenschaft nach deinem eignen kärglichen Massstabe messen, wenn du so mit mir
sprechen kannst.
    Sie warf sich, als sie das sagte, mit heftiger Bewegung auf ein Kanapee.
Rinaldo ging schweigend im Zimmer auf und ab. - Olimpiens Mädchen trat ein,
besetzte einen Tisch mit Früchten, Wein und kalten Speisen und verliess das
Zimmer.
    Nach einer ziemlich langen Pause fragte Olimpia:
    »Wollen der Herr Graf mit mir speisen?«
    »Warum das nicht?« - antwortete er.
    Ohne ein Wort zu sprechen, wurden Stühle an den besetzten Tisch geschoben.
Man setzte sich und speiste. - Olimpia schenkte die Gläser voll, nahm eins davon
in die Hand und sagte mit sanfter Stimme: »Auf unsere Versöhnung?«
    ER Wenn Olimpia bekennen will, dass sie Unrecht und dass sie mich durch ihre
letzte Rede beleidigt hat.
    SIE Ich will alles tun, was du haben willst. Ich habe dich ja so
unaussprechlich lieb! - Es gilt! - Nun kein Wort weiter davon.
    ER Die vier Tage müssen doch erst berichtet werden.
    SIE Ich konnte dich nicht eher anständig empfangen, als heute. An jenem
Tage, wo ich so glücklich mich aus deinen Armen wand, verliess ich das Haus, das
mir der Kapitän gemietet hatte, brachte die Zeit in einer elenden Wohnung hin
und bewohne erst seit diesem Morgen dieses Zimmer.
    ER Wo du warst, war allentalben Liebe. Warum durfte ich nicht auch dort
sein?
    SIE Ich schämte mich, dich in ein Quartier zu führen -
    ER Wo du warst? - Hat es dir an irgend etwas gefehlt, so hättest du mir -
    SIE Kein Wort davon!
    ER Hast du von der Güte des Kapitäns gelebt oder nicht?
    SIE Einigermassen.
    ER Du bist keine Neapolitanerin?
    SIE Ich bin eine Genueserin von edler Geburt.
    ER Und lebst hier?
    SIE Die Erzählung meiner Geschichte soll dir sagen, warum?
    ER Ich höre sie doch bald?
    SIE Sobald du dich meines Vertrauens wert gemacht hast.
    ER Was weisst du von dem Kapitän?
    SIE Dass er ein sonderbarer, geheimnisvoller, unergründlicher Mann ist, der
sich hoher Wissenschaften rühmt.
    ER Hast du davon, dass er sie wirklich besitzt, Beweise?
    SIE Ich fürchte mich, sie zu entdecken.
    Rinaldo wollte weiter fragen, als ein Verhüllter ohne Umstände in das Zimmer
trat, auf ihn zuging und ihm ein Briefchen gab. - Olimpia sah den Vermummten mit
zweifelhaften Blicken an, der ein Glas Wein vom Tische nahm, es ausleerte und
das Zimmer, ohne ein Wort zu sprechen, verliess.
    Rinaldo öffnete das Briefchen, las in demselben die Worte:
    »Rinaldini ist in Gefahr«,
zerriss das Papier in kleine Stückchen und sprang vom Tische auf.
    »Um Gottes willen, Graf!« - fragte Olimpia ängstlich, - »Was ist Euch?«
    Rinaldo nahm seinen Degen, küsste ihr die Hand, sagte:
    »Morgen, gute Olimpia! siehst du mich wieder«,
und eilte nach der Tür. - Sie sprang auf, umschlang ihn und bat ihn zu bleiben.
Er küsste sie heftig, sagte mit zärtlicher Stimme:
    »Beruhige dich! Wir sehen uns morgen wieder«,
machte sich los, verliess das Zimmer, stürzte die Treppe hinab und eilte in seine
Wohnung.
Hier war er kaum angekommen, als der Vermummte, der ihm bei Olimpien den Brief
gab, zu ihm ins Zimmer trat. Sie sahen beide einander, ohne ein Wort zu
sprechen, eine Zeitlang an. Endlich brach Rinaldo das Stillschweigen und sagte:
    »Herr Kapitän! ich habe Euern Wink verstanden.«
    »Was zum Teufel! Kapitän? das bin ich nie gewesen«, - - sagte jener. - »Aber
wir kennen uns sonst woher, wo ihr Kapitän wart.«
    Indem er das sagte, nahm er die Larve vom Gesicht, und Rinaldo erkannte in
ihm einen seiner ehemaligen Gesellen, der Lodovico hiess.
    Rinaldo drückte ihm die Hand und fragte:
    »Wo kommst du her, braver Junge?«
    »Das will ich Euch sagen«, - antwortete jener. - »Gebt mir aber erst etwas
zu trinken. Ich bin durstig wie ein Teufel.«
    Rinaldo trug einige Flaschen Wein auf und Lodovico erzählte:
    »Als wir das letztemal, wo Ihr nicht bei uns wart, angegriffen wurden,
ging's, soll mich der Donner erschlagen! so hart her, wie's noch nie hergegangen
ist. 'S war, straf mich Gott! ein Gemetzel, als würde Fleisch zur Bank gehackt.
- Ich kam mit ein paar Circumflexen davon und schlich von einem Orte zum andern,
bis ich mich hierher nach Neapel schlich. Hier fand ich einen Vetter, den die
Justiz auch von einem Orte zu dem andern jagte. Der machte mich mit einer
Gesellschaft von Kerlen bekannt, die dem Teufel die Nase aus dem Gesichte
stählen, wenn er eine hätte. Sie haben eine Art von Bündnis untereinander. In
dieses liess ich mich aufnehmen und verdiene nun so mein bisschen Brot auf
mancherlei Art und Weise. - Vor einigen Wochen sah ich Euch und riss de Augen
mächtig auf. Ich mochte hinsehen wie ich wollte, Ihr wart und bliebt es, unser
braver Hauptmann. Donnerwetter! dachte ich, wie kommt der hierher? Ich hätte
Euch gern selbst darum gefragt, 's war aber heller lichter Tag und unsereins
produziert sich nur am liebsten in der Nacht, denn die verfluchten Sbirren haben
Falkenaugen. - Wie ich nun so simulierte, wart Ihr weg, und ich hätte des
Teufels werden mögen, dass ich Eure Wohnung nicht wusste. - Seit der Zeit konnte
ich Euch nicht wieder auf die Spur kommen, und wenn ich mir die Füsse abgelaufen
hätte. Ich dachte schon, Ihr wärt wieder über alle Berge, und ärgerte mich, dass
ich hätte platzen mögen. Da sehe ich Euch heute Abend ganz unvermutet mit einem
Mädchen gehen, das ich gar wohl kenne.«
    RINALDO Wie? Du kennst das Mädchen?
    LODOVICO Ich werde sie ja, vor'm Teufel! kennen, wenn ich's sage.
    RINALDO Wer ist sie?
    LODOVICO Jetzt dient sie bei der Signora, bei der Ihr wart.
    RINALDO Wenn du nicht mehr von ihr weisst, so weisst du auch nicht mehr als
ich.
    LODOVICO Basta! Ich weiss auch, dass sie gefällig und zärtlich ist.
    RINALDO Das weiss ich nicht.
    LODOVICO Und also weiss ich mehr von ihr als Ihr. - Sie gleicht ihrer Signora
darinnen auf ein Haar.
    RINALDO Wie? die Signora Olimpia wär' -
    LODOVICO Du mein Gott! Ihr wärt wahrlich weder der erste noch der letzte
gewesen, der zu ihr gekommen ist oder noch zu ihr gehen wird. Aber jetzt ist
Gefahr dabei. Darum dachte ich: Halt Lodovico! du musst deinen braven Herrn
warnen, schrieb das Briefchen und überbrachte es auch selbst. Es freut mich, dass
Ihr meiner Warnung Gehör gegeben habt, denn mich sollen gleich alle
Malefiz-Räder der ganzen Welt zermalmen, der Prinz della Torre versteht keinen
Spass. Er hat schon manchem das liebe Nachtbrot geben lassen, ehe er es hat haben
wollen.
    RINALDO Aber wie kommt der Prinz ins Spiel?
    LODOVICO Auf die natürlichste Art von der Welt. Er hat sein Spiel mit der
Signora, bei der Ihr wart, und ist verdammt eifersüchtig.
    RINALDO Lodovico, kann ich dir glauben?
    LODOVICO Nennt mich nicht wieder Kamerad, wenn ich gelogen habe. Ich muss das
am besten wissen. Ich bekomme ja Monatsgeld von dem Prinzen und hätte vielleicht
gar selbst die Order erhalten können, Euch ein paar Pillen beizubringen. - Das
hätte ich aber doch, hol mich der Teufel! nicht getan und hätte ich sollen
betteln gehen oder gar selbst aufs Reff gebrannt werden.
    RINALDO Die Signora kann aber nicht lange mit dem Prinzen bekannt sein.
    LODOVICO Seit vier Tagen.
    RINALDO Das ist möglich.
    LODOVICO Das ist wahr! - Das ist auch nicht ihr eigentliches Quartier, in
welchem Ihr heute bei ihr wart. - Sagt, unterhaltet Ihr sie etwa auch?
    RINALDO Bewahre! - Ich kenne sie erst seit fünf Tagen.
    LODOVICO So kennt Ihr sie gar nicht. Ich glaube, die lernt man in fünf mal
fünf Jahren nicht kennen. Das ist ein Tausend-Elementer von einem Weibsbild! -
Einen gewissen Kapitän hat sie auch schlimm über die Ohren gehauen.
    RINALDO Kennst du diesen Kapitän? Wer ist er eigentlich?
    LODOVICO Das mag der Teufel wissen. Aber ich weiss manches von ihm.
    RINALDO Zum Beispiel?
    LODOVICO Er ist so ganz im stillen der gute Freund aller Kerle
meinesgleichen in ganz Neapel. Sie hängen an ihm wie Kletten. - Jetzt steckt er
im Serviten-Kloster und macht einmal Apparate.
    RINALDO Welche Apparate?
    LODOVICO Er zitiert Geister.
    RINALDO Wirkliche Geister?
    LODOVICO Das mag der Teufel wissen! Ich bin nie dabei gewesen.
    RINALDO Lodovico, wir bleiben doch gute Freunde?
    LODOVICO Donnerwetter! Setzt Ihr Misstrauen in mich?
    RINALDO Also - im Vertrauen! - ich bin nicht ohne Gesellschaft.
    LODOVICO Das wär! Aber hier stecken die Burschen gewiss nicht.
    RINALDO In Kalabrien.
    LODOVICO Das lasse ich gelten! Dort soll etwas zu machen sein.
    RINALDO Ein prächtiges Land für uns! - Cintio kommandiert in meiner
Abwesenheit.
    LODOVICO Donnerwetter! da muss ich hin! - Und ich nehme noch ein halbes
Dutzend Kerle mit, die, straf mich Gott! keinem von uns etwas nachgeben. Hier
ist's ohnehin ein Lumpenleben. Kleines Geld und kleine Läppereien, und dennoch
ein Lärm und ein Spektakel über jede Kleinigkeit, als wär's wer weiss was. Die
Sbirren beständig auf dem Nacken, die Galgen und Galeeren vor den Augen. Bei
solchen Aspekten lebt sich's miserabel. - Hier ist meine Hand. Ich gehe nach
Kalabrien.
    RINALDO Gut! und ich schenke dir Reisegeld. Hier werbe ich.
    LODOVICO Das Geschäft übertragt mir. Ich bin besser mit dem Schlage von
Leuten bekannt, die für uns passen.
    RINALDO Nimm mit dir, wen du kriegen kannst. Cintio wartet auf Rekruten.
    LODOVICO Die soll er bekommen.
    RINALDO Und noch ein Wort im Vertrauen. - Wär der bekannte Kapitän nicht -
    LODOVICO Er soll gleich daran!
    RINALDO Nicht das. - Ich meine, ob er nicht auch etwa mit guter Manier nach
Kalabrien zu transportieren wäre?
    LODOVICO Das wird schwerlich angehen. Er steckt hier in zu grossen
Connexionen.
    RINALDO Denke darüber nach.
    Indes war Rosalie erwacht. Rinaldo hörte, dass sie munter war. Er öffnete die
Tür des Kabinetts und hiess sie herausgehen. Lodovico riss die Augen gewaltig auf,
als er sie sah, freute sich aber, sie gesund wiederzufinden und lispelte Rinaldo
ins Ohr:
    »Die Signora Olimpia ist doch schöner!«
    Rinaldo lächelte, gab ihm Geld und beurlaubte ihn. - Lodovico tat noch
einige Fragen an Rosalien über ihre Rettung, leerte sein letztes Glas, versprach
bald wiederzukommen und ging halbberauscht davon.
Als Rosalie ihren geliebten Rinaldo den folgenden Morgen ankleidete, sagte sie
mit sanfter Stimme:
    »Guter Rinaldo! wenn du mich wirklich, wenn du mich auch nur halb so sehr
liebst, als ich dich ganz liebe, so schenke meinen Bitten Gehör und meinen
frommen Wünschen Gewährung. Gib dich nicht wieder mit Leuten von Lodovicos
Schlage ab und lass uns Neapel verlassen, so bald wie möglich. Wir wollen in ein
anderes Land gehen, wo uns nicht mehr solche Bekannte aufstossen, und wenn du
mich auch einst verlassen wolltest, so sei es nur nicht in einem Lande, wo ich
vielleicht noch zu einem entehrenden Tode verdammt werde. - Ach! ich habe ja
nichts getan, als dass ich dich geliebt habe! Das ist - wenn es eins ist - noch
jetzt mein Verbrechen und wird es auch bleiben. Gib nur, dass ich es mit in ein
ehrliches Grab nehmen kann!«
    Tränen brachen aus ihren Augen. Rinaldo war sehr gerührt. Er umschlang,
küsste sie und sagte:
    »Ich weiss dein edles, treues Herz zu schätzen; ich fühle, was deine Liebe
verdient. Was du wünschest, ist schon bei mir beschlossen. Ehe der dritte Morgen
anbricht, segeln wir, wenn ich ein segelfertiges Schiff antreffe, nach Spanien.
Wollte eine solche Gelegenheit unsere Abreise verzögern, so gehen wir
einstweilen nach Sizilien; aber Neapel verlassen wir gewiss sobald wie möglich.
Es liegt mir mehr daran, als du selbst glauben kannst, von hier zu gehen.
Lodovicos Gesellschaft ist nicht mehr die meinige. Aber solange ich noch an
einem Ort mit ihm bin, bin ich in seiner Gewalt und muss ihm mehr schmeicheln,
als mir lieb ist. - Beruhige dich, und erhalte mir deine Liebe!«
    Er nahm, als er das gesagt hatte, den Degen und ging. - Sein Weg ging gerade
nach Olimpias Wohnung zu.
 
                                  Viertes Buch
 Des Schicksals Ball! er fliegt zum Ziele,
 Geschleudert durch des Zufalls Hand.
 Wer nimmt aus diesem Zauberspiele
 Des Wahnes Schleier, Stab und Band?
Rinaldo fand die Wohnung der schönen Olimpia verschlossen. - Das erinnerte ihn
an etwas, das ihm Lodovico gesagt hatte, und er wünschte sich von ihrem
Doppelquartier zu überzeugen. Er ging die Promenade hinauf und dachte darüber
nach.
    »Ei!« - sprach er endlich, ganz ungeduldig, - »Mag sie doch wohnen, wo sie
will. Wie kann mich überhaupt etwas beschäftigen, das dieses Weib betrifft? Ich
will ja Neapel verlassen und weiss wenigstens - wie sie ist!«
    Jetzt war er der Lorenzo-Kirche nahegekommen und ging - vielleicht von einer
kleinen Ahnung dahin getrieben - hinein.
    Der erste Gegenstand, der ihm in der Kirche in die Augen fiel, war Olimpia.
Sie hatte gebetet, schlug eben ihr Buch zu, stand auf, gab einem Kavalier, der
ihr das Weihwasser reichte, den Arm und verliess mit ihm die Kirche.
    Rinaldo folgte ihr in der Entfernung und ging sogar ihr in das Haus, in
welches ihr Begleiter sie führte. - Auf der Treppe begegnete ihm Olimpias
Mädchen, die heftig erschrak.
    »Wohnt ihr auch hier?« fragte Rinaldo bitter, eilte, ohne ihre Antwort zu
erwarten, bei ihr vorbei, öffnete die erste beste Tür und trat durch einen
kleinen Vorsaal in ein Zimmer, in welchem Olimpia mit ihrem Begleiter auf einem
Sofa sass.
    Olimpia entglühte sichtbar, als sie den unerwarteten Gast eintreten sah. Ihr
Begleiter sah wechselseits bald sie, bald den kühnen Unbekannten mit grossen
Augen an, und Rinaldo kam erst jetzt wieder zu sich, um zu fühlen, wie
unbesonnen er gehandelt hatte. - Indessen war es jetzt nicht Zeit, Reflexionen
über etwas anzustellen, das nun einmal geschehen war. Er suchte sich also so gut
wie möglich zu fassen, machte beiden ein stummes Kompliment, gab Olimpien einen
bedeutenden Blick, fixierte ihren Begleiter ein wenig stark und nahm mit einer
zweiten stummen Verbeugung wieder Abschied. - Aber kaum hatte er die Tür des
Vorsaals erreicht, als er die Tür des Zimmers öffnen und jenen Herrn sich
nachrufen hörte:
    »Mein Herr! Ein paar Worte?«
    Rinaldo drehte sich herum und fragte gelassen:
    »Was beliebt?«
    »Was habt Ihr hier zu suchen?«.
    »Was ich gefunden habe.«
    »Deutlicher! - Was sucht Ihr hier?«
    »Eine Überzeugung, die ich, wie gesagt, auch gefunden habe.«
    »Ohne Umschweife! Ich fordere bestimmte Erklärung.«
    »Prinz! Ich bitte Euch« - schrie Olimpia, - »lasst Euch von mir die Erklärung
geben!«
    Die Leser erraten nun, dass es der von Lodovico bezeichnete Prinz della Torre
war, der jetzt so trotzig mit Rinaldo sprach.
    PRINZ Hier waltet ein Geheimnis, zu welchem ich den Schlüssel haben muss!
    RINALDO Die Signora will ihn Euch ja geben.
    OLIMPIA Dieser Herr -
    PRINZ Wer ist er?
    OLIMPIA Er ist ein Bekannter des Kapitäns und will vermutlich mich sprechen.
    Der Prinz warf ihr einen sehr sprechenden Blick zu. Sie schien ihre Fassung
zu verlieren, wurde blass und sank auf ein Sofa.
    »Ihr habt doch nicht etwa gar eine Ohnmacht zu befürchten?« - fragte der
Prinz spöttisch und warf sich, heftig bewegt, auf einen Stuhl.
    Rinaldo fragte ganz gelassen:
    »Kann ich gehen oder soll ich bleiben?«
    »Tut, was Euch beliebt«, - antwortete der Prinz ebenso gelassen, als gefragt
wurde.
    Sogleich nahm Rinaldo beiden gegenüber auf einem dritten Stuhle Platz. -
    Die Gruppe blieb stumm.
    Endlich sprang der Prinz auf, drückte seinen Hut tief ins Gesicht und
verliess das Zimmer der sonderbaren Konversation, ohne eine Silbe zu sprechen.
    OLIMPIA Was hast du getan?
    RINALDO Du weisst, was Du getan hast.
    Du hast mich hintergangen, getäuscht, belogen, betrogen, und ich weiss mehr,
als du glaubst. - Signora, ich erinnere Euch an jene Szene, als uns der Kapitän
beisammen fand; ich erinnere Euch an das, was er sagte, und bitte mir, wie er,
meinen Ring aus.
    OLIMPIA Der Kapitän fand uns ganz anders, als du uns gefunden hast.
    RINALDO Euch nicht eben so zu finden, lag an mir. Ich hätte nur noch ein
wenig verziehen sollen. - Ich bitte um meinen Ring. Ich will ihn Euch abkaufen.
    OLIMPIA Elender! ich brauche dein Kaufgeld nicht, solange andere noch
welches für dich selbst geben. - Was ist mehr wert, der Ring oder dein Kopf? -
Beide sind in meiner Gewalt, edler - Graf! - Ich erwarte von Euch binnen
vierundzwanzig Stunden tausend Dukaten. Denn nach diesem Vorfall muss ich Neapel
verlassen. - Gebt Ihr mir das Geld nicht, so gibt es mir ein anderer für Euch.
Ihr versteht mich doch? - - Mein Mädchen soll das Geld bei Euch abholen. Hier
ist Eurer Ring. - Nochmals: Ihr habt mich verstanden? - Gott befohlen!
    RINALDO Wenn Ihr glaubt -
    OLIMPIA Ohne Einwendungen, Graf! oder ich nenne Euch - bei einem andern
Namen.
    RINALDO Doch nicht bei des Kapitäns eigentlichen Namen?
    OLIMPIA Ein abgenutztes Stückchen! Ihr entkommt mir nicht! - Ich weiss, wen
ich vor mir habe, und wir sind jetzt in keinem Hohlwege. - Es bleibt bei meiner
Forderung. - Zahlt Ihr nicht, so zahlt man anderswo für Euch.
    RINALDO Ihr sollt das Geld haben. - Gesteht mir aber, dass Ihr mich
hintergangen habt.
    OLIMPIA Wozu mein Geständnis, wenn Ihr das glaubt? Es kann Euch weder
beruhigen noch verlegener machen, als Ihr schon wirklich seid. Ich lasse das
Geld abholen, und Ihr wünscht mir glückliche Reise. Damit ist zwischen uns alles
abgetan. Wenn Ihr klug seid, so macht Ihr es wie ich und geht aus Neapel. Der
Prinz möchte uns beiden ein Bad zubereiten, das gewiss unser letztes sein würde.
Auch habt Ihr den Kapitän zu fürchten. Ihr seid sein sicherstes Kapital in
Neapel. Weiss er sich einmal gar nicht mehr zu retten, so greift er Euch, wie
einen Sparpfennig an und macht Euch zu Gelde. Auf dieser Spekulation des
Kapitäns ganz allein beruht Eure bisherige Sicherheit. Ihr seid sein Notpfennig.
- Jetzt komme ich ihm zuvor. Ich greife den Schatz an. Aber ich weiss mir auf
keine andere Art zu helfen. - Wann kann ich mein Mädchen zu Euch schicken?
    RINALDO Sobald es Euch beliebt. - Ich wünsche Euch glückliche Reise.
    OLIMPIA Ich Euch gleichfalls, gefürchteter Beherrscher der Apenninischen
Schlupfwinkel. - Ha, ha, ha! Rinaldini! 's ist wahrlich ärgerlich, dass ein so
gefürchteter Mann, wie Ihr einer seid, ein armseliges Weib fürchten muss, die so
reich an Liebe als sie arm an Gelde ist, und die die Notwendigkeit zwingen
könnte, um ein paar lumpiger Dukaten willen, Euch in Fesseln nach Toscana führen
zu sehen. - Pfui! wozu kann Geldmangel nicht zuweilen die besten Menschen
verleiten! Mich zur Verräterei und Euch zum Stehlen.
    RINALDO Wir beide, Signora, tun wohl am besten, uns keine moralischen
Vorlesungen zu halten.
    OLIMPIA Gut dann! aber noch ein paar Worte über mich und mein Betragen, von
mir selbst. - Da ich durch den Kapitän wusste, wer Ihr wart, da ich seine
Absichten auf Euch genau kannte und Euch liebte, - auch noch liebe, - so lag mir
viel daran, meinen Geliebten eines gewissen Schutzes zu versichern. - In dieser
Voraussetzung liegt der Grund meiner Bekanntschaft mit dem Prinzen. Ich hätte
Euch gelegentlich selbst miteinander bekannt gemacht. Ihr selbst habt das Gewebe
zerrissen, in welches ich mich so selbstwillig für Euch hineingesponnen hatte. -
Es war Zufall, dass es so kam, dass es so kommen musste, und - wir wollen einander
keine Vorwürfe machen.
    RINALDO Demnach bin ich Euch ja aber noch Dank schuldig?
    OLIMPIA Ich hoffe. - Wisst Ihr sonst noch etwas, das -
    RINALDO Ich wüsste weiter nichts zu sagen, - als dass ich jetzt ein Stückchen
Menschenkenntnis mehr erobert habe.
    OLIMPIA Nun! so wendet es gut an.
    RINALDO Es soll gewiss geschehen.
    OLIMPIA Und sollten wir uns etwa einmal irgendwo wiedersehen, so -
    RINALDO So kennen wir uns nicht mehr.
    Er drehte sich langsam herum, ging und eilte in den Hafen.
Auf dem Wege dahin traf er ganz unvermutet auf den Kapitän, der ihm einen Wink
gab und dem er unwillig an einen abgesonderten Platz folgte.
    »Wir wollen«, - sagte der Kapitän, »nichts von alten Sachen sprechen, und
was geschehen ist, sei geschehen, was vergangen ist, sei vergangen. Jetzt ist
die Rede von dem Gegenwärtigen. Ich bedarf Geld und nehme in dieser
gegenwärtigen Angelegenheit meine Zuflucht zu Euch, da ich weiss, dass Ihr mit
dem, was mir fehlt, versehen seid. Ihr leiht mir 2000 Stück Dukaten, und ich
setze Euch meine Verschwiegenheit als Pfand ein. - Die Sache sieht eigentlich
einer Prellerei so ähnlich wie ein Ei dem andern, sie ist's aber nicht. -
Übrigens, wenn Ihr die Signora Olimpia ebensogut zu benutzen versteht, als sie
den Prinzen della Torre vermutlich benutzen wird, so ist meine Forderung
wirklich nur eine Anleihe auf ein weit besseres Kapital.«
    »Ich weiss« - antwortete Rinaldo, - »was ich Euch zu verdanken habe und was
ich Euch schuldig bin. Ich weiss, welchen entschiedenen Anteil Ihr an mir und an
meinem Schicksal nehmt und bin Euer Schuldner. Wenn ich Euch 2000 Dukaten gebe,
so bitte ich Euch, dieselben als ein kleines Geschenk meines lebhaften Dankes
anzunehmen. Bis übermorgen sollt Ihr, was Ihr verlangt, haben.«
    »Freund«, - fuhr der Kapitän fort, - »meine Bedürfnisse sind, wie gesagt,
dringend. Die Summe hätte ich lieber heute noch als morgen oder übermorgen.«
    »Nun! so will ich zusehen, Euch das Geld bis morgen Abend zu verschaffen, da
ich Kostbarkeiten verwechseln muss, wo ich Euch bei mir zu sehen hoffe.«
    Er nahm mit einer stummen Verbeugung von dem Kapitän Abschied, der ihm
schweigend nachsah, und ging in den Hafen. - Hier lag ein segelfertiges
Genuesisches Schiff, das in einigen Stunden die Anker zur Abfahrt lichten
wollte. Es wollte nach Malta. - Rinaldo sprach mit dem Kapitän des Schiffes und
machte ihm sein Verlangen, bei ihm an Bord zu gehen, bekannt. »Ich werde Euch«,
- sagte der Schiffskapitän, - »mit Vergnügen aufnehmen. Erlaubt mir aber, Euch
etwas zu sagen, das Ihr vielleicht noch nicht wisst und das ich soeben erst
erfahren habe. Es ist seit einer Stunde hier im Hafen der allgemeine Befehl
publiziert worden, keinen Passagier bei Strafe der Konfiskation der
Schiffsladung aufzunehmen, der nicht dazu einen Erlaubnisschein von der
Stadtpolizei vorzeigen kann. Ich weiss nicht, worauf das zielt. Es muss sich etwa
eine verdächtige Person, an der etwas gelegen ist, in der Stadt befinden, die
sich davonmachen will und der man nachspürt.«
    »Das wird's auch sein!« - antwortete Rinaldo anscheinend gelassen, unter
heftigem Herzklopfen. - »Ich werde mir also einen Erlaubnisschein geben lassen.«
    Ängstlich und unruhig erreichte Rinaldo wankend und wie ein Träumender sein
Haus.
    »Wird es denn« - sprach er bei sich selbst, »auf einmal so hell um dich! O
geh zurück und verbirg dich in das Dunkel deiner Höhlen und Wälder.«
    Lodovico war auf seinem Zimmer. Er fand ihn, als er eintrat, mit Rosalien im
Gespräch. - Er erzählte, was ihm in dem Hafen begegnet war. Rosalie zitterte,
Lodovico wurde verlegen. Man sah sich an und sprach nicht.
    Endlich begann Rinaldo und schien wieder zu Fassung gekommen zu sein:
    »Lodovico, du bist ein ehrlicher Kerl. Dir vertraue ich das Mädchen und
diese Koffer an. Bringe sie in Sicherheit. Ich entferne mich in der grössten
Stille aus Neapel. Ihr kommt mir nach. - Zu Cosenza ist der Sammelplatz, wo wir
uns auf jeden Fall treffen. - Ich weiss es gewiss, dass mein Aufentalt hier
verraten ist. Meine Person muss ich also zu retten suchen. Ihr werdet unbemerkt
reisen. Ich hoffe, mich durchzuschleichen.«
    Hierauf warf er sich in Pilgerkleider, nahm so viel Edelsteine, als er
schicklich vernähen und verbergen konnte, zu sich und verliess ohne Verzug seine
Wohnung.
    Lodovico schwur ihm Treue zu. Rosalie zerfloss in Tränen.
Rinaldo verliess unangehalten die Stadt und nahm seinen Weg auf Salerno zu. - Er
erlaubte sich keine langen Ruhepunkte und verfolgte seinen Weg bis Clavimonte,
wo er, auf das äusserste ermattet, ankam und wider Willen ein bleibendes
Ruhelager aufschlagen musste. - In einer elenden Herberge kämpfte er mit
Leibesschmerzen und Seelenangst. Seine Füsse waren wund, durcheitert und
geschwollen, und in seiner Brust tobte es heftig. Er wünschte sich den Tod und
getraute sich nicht, ihn herbeizurufen.
    Ein rechtschaffener Arzt nahm sich seiner an, stillte seine körperlichen
Schmerzen und suchte ihn durch freundschaftliche Unterhaltungen aufzuheitern.
Das erstere gelang ihm ganz, das letztere kaum zur Hälfte.
    Rinaldo machte sich endlich wieder auf den Weg und eilte den Gebirgen von
Mormando zu, durch welche er nach Cosenza gehen wollte. Er ging an mancher
Klause vorüber und gedachte seines Freundes Donato. Jedes Kloster erinnerte ihn
an Aurelia, und jede wilde Gegend war ihm ein Schauplatz seines Lebens in den
Apenninen.
    Einst warf er sich, von der Hitze des Tages gedrückt, bei einer Quelle unter
einigen Pappeln nieder und überliess sich stillen Betrachtungen, als er ganz
unvermutet von einem nahen Geräusch aufgeschreckt wurde. Er blickte auf und sah
ein paar Menschen neben sich stehen, deren Äusserliches sehr mit dem Ansehen
seiner ehemaligen wilden Kameraden übereinstimmte.
    »Wer bist du?« fragte der eine.
    »Wie ihr seht, ein Pilger«, - war Rinaldos Antwort.
    
    »Wohin willst du?«
    »Zum Gnadenbilde der heiligen Jungfrau nach Cosenza.«
    »Kannst du nichts Klügeres tun?«
    »Ich bin krank und schwach und hoffe dort Hilfe zu finden.«
    »Wir wollen dir den Gang erleichtern. Zieh deine Börse und liefere sie uns
aus.«
    »Wer seid ihr?«
    »Wir sind Menschen, die sich auf eine kluge Art zu nähren suchen.«
    »Ich habe nur wenig Geld bei mir.«
    »Nicht lange expostuliert! Wir haben keine Zeit, uns in Gespräche
einzulassen.«
    »Habt ihr von dem berühmten Rinaldini gehört?«
    »O ja!«
    »Dieser liess keine armen Pilger plündern. Sein Freund Cintio traf einst« -
    »Cintio?«
    »Warum fällt euch dieser Name auf?«
    »Warum sollte er uns nicht auffallen? Eben so heisst unser Hauptmann.«
    »Euer Hauptmann? - Wo ist er? Führt mich zu ihm. Er kennt mich. Ich habe ihm
einst einen Dienst erwiesen, den er mir zu vergelten versprochen hat. Jetzt ist
die Zeit da, wo er Wort halten kann.«
    Die beiden Staudenhechte sahen sich schweigend an, und Rinaldo wankte auf.
Er ergriff seinen Pilgerstab und machte sich marschfertig.
    »Nicht vom Platze!« - schrie ihm der eine zu und streckte ihm seine Pistole
entgegen.
    »Ich verlange zu euerm Hauptmann geführt zu werden«, - sagte Rinaldo gefasst.
- »Dieser wird mich nicht bestehlen lassen.«
    »Kerl! rede nicht so frech.«
    »Fürchtet ihr, ich würde euch verklagen, so gebe ich euch mein Wort, es soll
nicht geschehen. - Ihr schweigt? - Bursche! ich halte Wort. - Ich ehre euch
hoch, wenn ich euch bitte, mich zu Cintio zu führen.«
    »Oho! über die hohe Ehre!«
    »Ich schwöre es euch zu, Cintio wird euch wohl belohnen, wenn ihr mich zu
ihm bringt. Ich bin ein Mann« -
    »Das sehen wir. Aber zum Hauptmann führen wir dich nicht. - Deine Börse,
oder eine Kugel durchs Hirn. Wähle!«
    »Schiesst, wenn ihr Mut habt. Ich bin Rinaldini.«
    Mit einem Tempo streckten beide ihre Gewehre und legten sie zu seinen Füssen
nieder.
    »Ich halte Wort. Führt mich zu euerm Hauptmann. Überdies schenke ich einem
jeden von Euch zehn Dukaten.«
    Die Kerle sprangen freudig hoch auf, warfen die Hüte in die Luft, küssten ihm
die Hände und führten ihn mit sich fort. - Als sie sahen, dass Rinaldo so matt
war, schlugen sie ihre Hände ineinander, liessen ihn sich auf ihre Arme setzen
und trugen ihn bis zu Cintios Residenz.
Diese Residenz war eine geräumige Höhle, vor welcher Cintio jetzt unter einem
Gezelte campierte. Er hatte sich auf ein Feldbett gestreckt und dachte eben an
Rinaldo, als er den seltsamen Zug ankommen sah. Seine Leute setzten den
verkappten Pilger vor dem Feldbette nieder, und der eine sagte:
    »Hauptmann, das war eine kostbare Last. Diesen, den wir dir hier bringen,
hätten die Sbirren nicht so sanft getragen als wir. Hier ist er. Sieh ihn selbst
an und sage uns, wer er ist?«
    Cintio warf seine Augen auf Rinaldo und konnte kein Wort sprechen. Eine
Ahnung flog durch seine Seele, und eine unerklärbare Ungewissheit nahm ihm die
Sprache.
    »Kennst du mich nicht mehr?« - fragte Rinaldo mit schwacher Stimme.
    Schnell flog Cintio auf ihn zu, drückte ihn an seine Brust, und eine Träne
zitterte aus seinem Auge über die braune Wange hinab. Still und betroffen
standen seine Kameraden um ihn herum, und er schrie laut auf:
    »Sehe ich dich wieder, Rinaldini, mein Freund? Höre ich dich wieder
sprechen? Und es ist kein Traum?«
    Wie aus einem Munde schrien die Umstehenden zugleich:
    »Es lebe der grosse Rinaldini und Cintio sein Freund, unser wackerer
Hauptmann!«
Als es zu einer ruhigeren Unterhaltung unter vier Augen kam, teilte Rinaldo
seinem Freunde seine Geschichtserzählung mit. Dieser unterbrach ihn in seiner
Erzählung mit keinem Worte; als aber dieselbe geendigt war, begann er:
    »Sieh, Rinaldini, nun wirst du endlich doch wohl glauben, dass wir nicht mehr
unter die Menschen taugen?«
    RINALDO Ich bin davon überzeugt und habe es empfunden.
    CINTHIO Lass uns in einsamen Tälern und Wäldern leben und die hochgetürmten,
belebten Städte fliehen. Auf Kalabriens Boden gedeihen unsre Werke. Die Natur
scheint dieses Land für uns geschaffen zu haben. Je tiefer wir hineinkommen, je
bessere Wohnung finden wir, und an Unterhalt kann es uns nie fehlen. Ich stehe
an der Spitze von achtzig Mann und kann deren mehrere haben, wenn ich will. Ich
trete dir meine Hauptmannstelle ab. -
    RINALDO Behalte, was dein ist. - Mich lass als Klausner einen der
verstecktesten Winkel Kalabriens bewohnen.
    CINTHIO Bist du klug? - Könnte man dich nicht erkennen und dich so wehrlos,
wie du dann bist, in die Arme der holden Justiz werfen? Aus deiner Erzählung
sehe ich, dass du einen Feind hast, der gewiss zu fürchten ist. Spürt dich einer
aus, so ist es der Kapitän, der sich, wie ich merke, nun einmal vorgenommen hat,
auf deine Unkosten zu leben. Stehst du aber an der Spitze meiner Achtzig, wird
er dir kein Härchen krümmen. Als ein wehrloser Klausner bist du jedem Zufall der
Gewalt unterworfen. Die Menschen verfolgen dich, die Obrigkeiten haben dich
geächtet, haben Preise auf deinen Kopf gesetzt, überallhin geht dir dein eigener
Name als ein Verbrechen nach. - Nur an der Spitze deiner Kameraden findest du
Ansehen und Sicherheit. Kannst du noch wählen?
    RINALDO Lass mich nur erst wieder zu mir selbst kommen, und es wird sich
alles fügen. - Hier ist Geld. Teile es unter deine Leute aus und mich bringe zur
Ruh, dass ich wieder Rinaldo werde, denn mein Geist ist von mir gewichen, und
meine Kräfte sind dahin.
Cintio brach mit seinen Gesellen auf und zog den Ruinen eines Schlosses zu, in
welchem er einige Plätze zu Zimmern eingerichtet hatte, wo er seinen Freund in
das beste derselben einquartierte und wo sich dieser, nach guter Pflege und
Wartung, wieder nach und nach erholte.
    Er belehrte Cintio, dass und warum er nach Cosenza gehen müsse, wo Lodovico
und Rosalie ihn zu erwarten Weisung hatten. Cintio wollte dies nicht zugeben,
verlangte nur einen Brief von ihm an Rosalien und entschloss sich, selbst dahin
zu gehen. Rinaldo konnte seinen Vorstellungen nichts entgegensetzen und musste es
endlich geschehen lassen, dass sein Freund nach Cosenza ging. Rinaldo übernahm
indessen das Kommando über Cintios Gesellen und erwartete mit Sehnsucht die
Zurückkunft seines Freundes.
    Den achten Tag nach seiner Abreise brachten einige der Gesellschaft Rosalien
und Rinaldos Gepäcke und Koffer glücklich zu ihm. Lodovico kam auch mit. Er war
mit Ketten geschlossen. Cintio war nicht bei der Gesellschaft. Einer seiner
Leute übergab Rinaldo folgenden Brief von ihm:
    »Rinaldo! ich übergebe dir die Anführung meiner Gesellen. Wenn du mich
wiedersehen wirst, will ich dir sagen, wo ich indes gewesen bin und was ich
getan habe. Ich habe aus deinem Vorrat von Gelde 100 Dukaten genommen, die ich
vielleicht zu meinem Vorhaben gebrauchen werde. Ist es nicht, so bekommst du das
Geld wieder. Beruhige dich über alles. - Warum ich dir Lodovico geschlossen
zuschicke, wird er dir selbst sagen. Du wirst wissen, was mit ihm zu tun ist.
Gott befohlen!
                                                                       Cintio.«
Rosalie lag noch an Rinaldos Halse, als er befahl, Lodovico vorzuführen. - Er
kam.
    RINALDO Warum trägst du diese Fesseln?
    LODOVICO Um meiner Verräterei willen.
    RINALDO Verräterei?
    LODOVICO Ich bin ein Schurke und habe mich Cintio entdeckt. Von dir erwarte
ich mein Urteil, denn dich trifft meine Verräterei.
    RINALDO Mich?
    LODOVICO Höre mein Bekenntnis und richte mich nach Verdienst. - In Neapel
habe ich dich verraten. Durch mich wusste der verdammte Kapitän, wer du warst.
    RINALDO Ist es möglich?
    LODOVICO Allwissend ist jener Betrüger nicht. - Als ich wieder zu mir selbst
kam, bereute ich, was ich getan hatte, und nahm mir vor, alles
wiedergutzumachen. Du weisst, wie ich dir gedient habe. Mit Rosalien bin ich mit
grosser Gefahr aus Neapel entkommen und habe sie nach Cosenza gebracht. Dein
Eigentum habe ich respektiert, und mit Reue über meine verfluchte Entdeckung
habe ich mich zermartert wie ein Büssender mit der Geissel. Endlich musste es
heraus. Ich bekannte. Cintio liess mich schliessen. Das verdiente ich. Aber er
hätte es nicht gebraucht. Ich wär' dennoch zu dir gekommen, um mein Urteil aus
deinem Munde zu hören. Sprich es aus. Bestrafe mich.
    RINALDO Ich vergebe dir.
    LODOVICO Hauptmann!
    RINALDO Ich vergebe dir alles.
    LODOVICO Lass mich Schurken geisseln, lass mich hängen. Vergib mir nicht so
leicht. Das zermalmt mich.
    RINALDO Ich bin in Sicherheit. Rosalie und meine Schätze sind gerettet. Was
will ich mehr? Du hast ehrlich an meinem Eigentum gehandelt; das hast du mir
getan. Ich vergebe dir. - Und wenn du willst, kannst du bei mir bleiben. Du
wirst mich nie wieder verraten.
    LODOVICO Wahrlich nicht! - Sieh Hauptmann! ich weine. - Pfui über mich
Buben! Lass mich windelweich schlagen! Bestrafe mich nur mit etwas, sonst kann
ich dir nicht wieder ins Gesicht sehen. Ich kann nicht ruhig werden, wenn du
mich so ganz frei ausgehen lässt.
    RINALDO Nun gut dann! du sollst bestraft werden.
    LODOVICO Recht so, Hauptmann! Lass mir das Fell über die Ohren ziehen.
    RINALDO Erinnere mich in vier Wochen wieder daran. Bis dahin wird sich eine
Bestrafung für dich finden.
    LODOVICO Gut! Ich will dich gewiss daran erinnern.
    RINALDO Jetzt gehe frei und losgesprochen zu meinen Leuten, zu denen du
gehörst. Ich rechne in Gefahren auf dich.
    LODOVICO Jedem deiner Winke gehört mein Leben.
    RINALDO Ich rufe meine Leute herbei, so viele ihrer in der Nähe sind, und
nehme dir die Fesseln selbst ab, damit sie sehen, dass ich dich für unschuldig
erkenne.
    LODOVICO Hauptmann! Wenn ich das je vergesse, so will ich an jeder Feige den
Tod fressen.
Rosaliens Entzücken zu beschreiben, vermag keine Feder. Sie lebte ganz in und
für ihren geliebten Rinaldo, und dieser erholte sich zusehends wieder bei der
Pflege und Wartung des geliebten Mädchens. Seine Seele wurde nach und nach
heiterer, er genoss die schönen Szenen der Natur mit herzlicher Empfänglichkeit,
und sanfte Ruhe schwebte über seinen so glücklich entschwindenden Tagen.
    Aber diese Ruhe war seinen wilden Gesellen nicht so willkommen als ihm
selbst, und einer derselben sagte ihm das endlich im Namen aller.
    »Bist du der berühmte und tapfere Rinaldini«, - sprach er, - »und liegst
hier in schwärmerischer Untätigkeit nur deinem Mädchen im Schosse? - Mute
wenigstens uns nicht zu, eben das zu tun. Willst du unser Hauptmann sein, so gib
uns Beschäftigung.«
    »Ich bin nicht gesonnen« - antwortete Rinaldo - »euch auf die Strassen zu
schicken, um armen Wanderern ihre paar Zehrpfennige abzupressen, denn soviel
kann ich euch selbst geben, und es bedarf dazu keiner Dolchstiche. Wenn ihr mir
aber ein Unternehmen nennen könnt, das meiner wert ist, so werde ich euch
zeigen, dass ich Rinaldini bin.«
    »Über so etwas zu urteilen«, - fuhr Albonicorno, dieser Sprecher der
Gesellschaft, fort, - »ist nicht unsere Sache. Genug, dass wir da sind, um nicht
wie faule Ölgötzen die Hände in den Schoss zu legen. Wir kommen nicht einmal aus
diesem Neste, um uns frische Saiten auf unsere Guitarren kaufen zu können. Sie
sind unbezogen und verstimmt. Uns bezieht auch niemand, und wir sind verstimmt
wie unsere Instrumente. Sollen wir deshalb den berühmten Rinaldini zum Anführer
haben, damit wir uns zwischen Felsen verschliessen können? Das könnten wir auch
ohne dein Kommando tun, und unsere Weinschläuche blieben nicht ebenso leer als
unsere Taschen.«
    RINALDO Nun! so holt euch Wein aus dem Keller des ersten besten Klosters.
    ALBONICORNO Wer mag mit Kuttenhelden fechten, die dem Teufel das Brevier an
den Kopf werfen?
    RINALDO Fürchtet ihr euch davor? Seht, das kann ganz ruhig zugehen. Ihr
fangt den Abt des Klosters und ihr habt Wein. Wollt ihr das nicht, so will ich
mich im Tale umsehen. Vielleicht finde ich etwas für euch. - Ich stehe nicht
schlecht mit dem Zufall.
Den folgenden Morgen ging Rinaldo in das Tal und näherte sich dem Flecken
Fiscaldo, wo eben das Fest der Schutzpatronin des Ortes gefeiert wurde. Es gab
da Tanz und Gesang. Buden waren aufgeschlagen, versehen und aufgeputzt mit
mancherlei Waren, und Bühnen, von welchen herab Mönche Amulette, geweihte
Rosenkränze und andere kleine Heiligkeiten verkauften. Die armen Kalabresen
drängten sich an diese Bühnen und brachten ihre kärglich ersparten Pfennige dar,
die alle, ohne Erlösung zu hoffen zu haben, in die grosse Büchse der geistlichen
Empiriker fielen. Und so gross der geistliche Warenvorrat dieser Herren auch war,
so wenig schien er doch hinreichend zu sein, die herbeiströmende Menge zu
befriedigen.
    »Dieses Geld« - murmelte Rinaldo bei sich selbst, - »sollen die Scharlatane
nicht mit nach Hause nehmen.«
    Er schickte Lodovico zurück und liess Albonicorno und einigen andern sagen,
worauf sie aufmerksam sein sollten und was sie zu tun hätten, der Geistlichkeit
die gefüllten Geldbüchsen abzunehmen. - Und das geschah gegen Abend auch
wirklich.
    An einer Ecke, wo ein Marienbild stand, brachten arme Kalabresen, die sonst
weiter gar nichts zu geben hatten, um ihre Andacht so gut wie möglich zu
bezeigen, der heiligen Jungfrau ein Ständchen.1 In diese glorifizierende
Gesellschaft mischte sich Rinaldo, bezeigte den frommen Musikern seinen Beifall
und schenkte den armen Leuten Geld, weil, wie er sagte, »ihm die heilige
Jungfrau offenbart habe, sie verlange nichts umsonst, und er solle für sie
zahlen«.
    Die Musiker, die auf eine irdische Belohnung gar nicht gerechnet hatten,
bedankten sich verbindlich, nahmen das Geld und trugen es an die geistlichen
Krämerbuden. Dort wurde es auch in die Büchsen geworfen, und so kam es wieder in
die Hände des milden Gebers.
    Ein paar maskierte Damen, die in Gesellschaft einiger Kavaliere auf dem
Markte umherspazierten, zogen Rinaldos Aufmerksamkeit auf sich, und er näherte
sich ihnen nicht so bald, als die eine derselben ihn auch zu bemerken schien.
Sie fixierte ihn stark und drängte sich absichtlich ihm immer näher, bis sie ihm
endlich unbemerkt zulispeln konnte:
    »Willkommen, Graf Mandochini!«
    Rinaldo erschrak, fragte aber gleich zurück:
    »Wer spricht mit mir?«
    »Eine Bekannte«, - war die Antwort, und die Dame ging wieder zu ihrer
Gesellschaft zurück.
    Rinaldo blieb stehen und verfolgte sie mit den Augen, bis sie im Gedränge
der Menschen verschwand.
    Er trat beiseite und visitierte seine Pistolen, als er auf einmal von hinten
zu auf die Achsel geschlagen wurde. - Er fuhr erschrocken herum und sah Cintio
vor sich stehen.
    »Du hier?«
    »Ich und noch einige Bekannte.«
    RINALDO Wahrhaftig! das habe ich soeben mit Verwunderung gehört. - Eine
maskierte Dame nannte mich hier, wie ich mich in Neapel nannte, Graf Mandochini.
    CINTHIO Nun? Und du ahnst nichts? - Höre! In Cosenza kam ich deinen
Neapolitaner Bekannten auf die Spur. Ich bin ihnen allentalben hin nachgefolgt.
Sie sind beide hier. Ich wünsche, sie möchten nun bald auch in unserer Gewalt
sein.
    RINALDO Wer?
    CINTHIO Wer? - Wie du auch fragen kannst! Wer anders als der kunstreiche
Kapitän und die wunderschöne Signora Olimpia.
    RINALDO Ist es möglich?
    CINTHIO Es ist Gewissheit. - Sie scheinen in der Nähe bei einem Edelmann zu
leben, dem sie vermutlich mit vereinigten Kräften den Beutel fegen werden. - Wir
wollen sie auch fegen, diese Beutelschneider, dass sie an uns denken sollen!
    Indem kam Bramante, einer ihrer Gesellen, eilig auf sie zu und sagte:
    »Hauptmann, dort sprach ein Herr in Gesellschaft einiger Herren und Damen
den Namen Rinaldini ganz deutlich aus. Einer von der Gesellschaft winkte ein
paar Sbirren herbei, und ein anderer sprach mit einem Offizier der Miliz. Ich
eilte fort, euch dies zu sagen.«
    »Siehst du nun, dass ich meiner Sache gewiss bin?« - sagte Cintio. - »Uns
werden sie nicht fangen! Ich kenne hier herum die Wege. Bramante, spüre voraus!
Wir gehen über die Klause St. Sepolchro. Triffst du welche der Unsrigen an, so
ziehe sie an dich. Bei dem Pappelwäldchen unter der Klause erwartet uns.«
    Bramante sprang davon, und Cintio zog Rinaldo durch einen zerfallenen
Aquädukt ins Freie, vor Fiscaldo hinaus.
Am Pappelwäldchen trafen sie Bramante und drei seiner Kameraden. Sie erreichten
die Anhöhe St. Sepolchro, als sie in Fiscaldo die Trommel rühren hörten, und
bald darauf hörten sie auch, dass mit den Glocken gestürmt wurde, worauf das
ganze Tal in Aufruhr kam. - Sie schlichen über die Gebirgsrücken hin und trafen
nahe bei ihrem Lagerplatz auf die jubelnde Kolonne ihrer Leute, welche den
geistlichen Wunderkrämern zwei gefüllte Geldbüchsen abgenommen hatten, die
ziemlich schwer waren. Gleich nach ihrer Ankunft liessen sie aufpacken und
brachen auf. Sie gingen über die Gebirge, liessen bei St. Paolo und weiterhin
Wachen zurück und zogen sich auf die Anhöhen von St. Lucito, deren Zugänge sie
stark besetzten. Zwischen fürchterlichen Felsen schlugen sie auf steinigem Boden
ihre Gezelte auf.
Es war nach Mitternacht, als sich Rinaldo höchst ermüdet auf sein Lager
streckte. Rosalie goss vorsichtig noch Öl in die Lampe und legte sich an Rinaldos
Seite. Dieser hatte eben die Augen geschlossen, als ein lauter Schrei von
Rosalien ihn weckte. - Rinaldo fuhr auf und wollte fragen, was es gäbe? als er
eine lange weisse Figur in der Tür seines Gezeltes stehen sah. Sie drohte zweimal
mit der Hand und verschwand.
    Rinaldo sprang vom Lager auf, trat aus dem Gezelte, fand die Wachen munter,
und die nächsten an seinem Gezelte wussten ihm nichts zu antworten, als er
fragte, ob nichts vorgefallen sei? Er ging zurück und fand Rosalien ängstlich.
Sie erinnerte ihn an eine ähnliche Erscheinung in den Apenninen, deren sich die
Leser auch noch erinnern werden, und Rinaldo wurde nachdenkend. - So schlief er
ein und erwachte, von Cintio geweckt, als der Tag anbrach.
    »Ich nehme zwanzig Mann mit mir«, - sprach dieser, - »und will in den Tälern
rekognoszieren.«
    Als er fort war, rief Rinaldo Lodovico herbei und sagte:
    »Jetzt, Lodovico, ist der Termin deiner dir erbetenen Strafe da. - Der
bekannte Kapitän und die Signora Olimpia halten sich in der Gegend von Fiscaldo
irgendwo auf. Du gehst und kommst nicht eher wieder zurück, bis du mir die
Nachricht bringen kannst, wo diese feine Brut ihr Nest hat, damit wir sie
ausnehmen können, denn ich denke, sie sind flügge.«
    »Das waren sie schon längst!« - sagte Lodovico. - »Ich danke dir, Hauptmann,
dass du dich endlich meiner Bestrafung erinnerst, wiewohl diese ein wenig zu
leicht ist. Aber du sollst sehen, was ich tun will. Erfahren sollst du, wo die
Vögel stecken, und der korsische Hahn soll sich, kann ich ihn aufs Korn
bekommen, gewiss am längsten haben füttern lassen.«
    Das gesagt, machte er sich auch sogleich auf den Weg.
    Hierauf suchte Rinaldo versteckte Winkel auf und vergrub daselbst, in
Rosaliens Gesellschaft, seine erheblichsten Kostbarkeiten. - Als das geschehen
war, gab er das Signal zum Aufbruch, musterte sein Corps, fand es 86 Köpfe
stark, mit Waffen wohl versehen, gab das Losungswort und zog ins Tal hinab.
    Er war noch nicht weit marschiert, als er in der Entfernung Trommelwirbel
hörte. Er machte halt und sicherte sich den Rückweg ins Gebirge. - Bald hörte er
entfernt Schüsse fallen und schickte Kundschafter auf die Anhöhen.
    Das Feuern kam näher, und endlich kam die Nachricht von seinen
Kundschaftern, Cintio sei mit seinen Leuten mit Miliz und Sbirren im Tale bei
St. Lucito handgemein geworden. - Er schickte sogleich zwölf Mann ab, ihm
schnell zu Hilfe zu eilen, und zog diesen langsam nach.
    Das Feuern wurde heftiger, und er kam endlich dem Tummelplatze näher. Aber
noch kamen ihm keine Flüchtigen entgegen, was ihm gute Hoffnung gab. - Ganz
unbefahrt rückte er immer weiter vor, als auf einmal, von einer Anhöhe herab,
auf sein Corps Feuer gegeben wurde. Er sah hinauf und sah die Anhöhe mit Miliz
besetzt. - Nun setzte er sich in den stärksten Marsch und kam endlich, gerade
noch zu rechter Zeit, auf dem Wahlplatze an.
    Cintios Corps war sehr zusammengeschmolzen. Noch fochten kaum zehn Mann als
Verzweifelte gegen eine ihnen mehr als zehnfach überlegene Macht. Ja, wären sie
keine Räuber gewesen, man hätte sie, wie sie jetzt kämpften, Helden nennen
können.
    Jetzt stürzte sich Rinaldo mit seinen Leuten den Soldaten und Sbirren mit
einer solchen Furie entgegen, dass diese, über den unvermuteten neuen Angriff
verlegen, sich zurückzogen. - Rinaldo folgte ihnen Schritt für Schritt. -
Cintio sammelte indessen sein Häuflein, suchte die Zerstreuten und verstärkte
sich wieder auf dreissig Mann.
    Mit diesen eilte er Rinaldo nach und kam eben an, als dieser sich
zurückziehen musste. Die Miliz hatte ihre Kanonen vorgeführt und bediente sich
derselben mit so gutem Erfolg, dass Rinaldo kaum noch zwanzig Mann um sich hatte,
die Widerstand leisten konnten.
    Als sich Cintio herbeidrängte, vereinigten sich beide Corps und gingen dem
Feinde rasch wieder entgegen. - Plötzlich brachen wohl vierzig Dragoner auf sie
los, die von der Seite herbeigesprengt kamen. Im Nu war Rinaldo mit einigen
seiner Gefährten von den Seinigen abgeschnitten und umzingelt. Bei einem Hiebe
brach ihm der Säbel, seine Pistolen waren abgeschossen. Seine Gefährten fielen,
von Kugeln durchbohrt, an seiner Seite. Er wurde zu Boden gedrückt und musste
sich ergeben. Dieser Fang kostete sechsen von den Reitern das Leben.
    Wütend über den Tod ihrer Kameraden, schlugen die Reiter unbarmherzig auf
Rinaldo los, der, ohne einen Laut von sich zu geben, die fürchterlichsten
Streiche empfing. Zwei Reiter banden ihn endlich zwischen die Pferde und trabten
mit ihm auf ein Schloss zu.
    Hier wurde er gleich in einen finstern Kerker geworfen und bekam erst nach
einigen Stunden etwas Stroh zu einem Lager, Brot und Wasser zur Nahrung.
    Ermüdet sank er auf die elende Streu, von Schmerzen und Kummer gepeinigt,
und konnte weder weinen noch klagen. Ganz ermattet entschlief er endlich. Er
hatte lang geschlafen, als ihm träumte, Rosalie stünd' an seiner Seite. Sie
blickte ihn freundlich an, reichte ihm die Hand und rief ihm zu: Komm und folge
mir! - Er erwachte, fuhr auf, sah Licht im Kerker, und ein verschleiertes
Frauenzimmer stand an seiner Seite.
    »Wer bist du?« fragte Rinaldo.
    »Fürchtet Euch nicht, aber antwortet mir getrost mit Wahrheit und Offenheit.
Es könnte Euch vielleicht gereuen, es nicht getan zu haben.«
    »Was wollt Ihr von mir wissen?«
    »Seid Ihr der Graf Mandochini?«
    »Der war ich.«
    »So seid Ihr auch Rinaldini!« - sagte das Frauenzimmer und verliess schnell
den Kerker.
Rinaldo sann noch nach, was dieses zu bedeuten haben möchte, als die Tür des
Kerkers geöffnet ward, ein alter Kerl hereintrat, ihm Wasser und Brot hinsetzte,
fortging und schweigend die Tür wieder verschloss.
    Der Tag mochte mit der Nacht gewechselt haben, und Rinaldo lag im stummen
Unbewusstsein auf dem kärglichen Strohlager, als die Tür seines Kerkers wieder
aufging und die verschleierte Dame mit einem Lichte hereintrat.
    ER Wer ist hier?
    SIE Und du fragst noch? - Was man einmal geliebt hat, kann man so leicht
nicht hassen. Wir sahen uns einst und waren glücklich. Wie könnte ich das
vergessen!
    ER Heiliger Gott! ich kenne diese Stimme. -
    SIE Um das Reisegeld hast du mich betrogen, aber ich bin doch weiter
gekommen als Du.
    ER Olimpia?
    SIE Kennst du mich nun?
    ER Was habe ich von Dir zu erwarten?
    SIE Grossmut.
    ER Olimpia! Darf ich meinen Hoffnungen trauen?
    SIE Hört, edler Graf! - Ich sah Euch, als man Euch hierher brachte, und
erkannte Euch. - Im Schloss weiss man nicht, welchen kostbaren Vogel man im
Käfig hat, sonst lägt Ihr gewiss, wenigstens nicht ohne Ketten, hier. Es steht
bei mir, sie Euch zu geben.
    ER Gebt sie mir.
    SIE Starrkopf!
    ER Was wollt Ihr hier?
    SIE Erratet es.
    ER Mich quälen? Das kann ich ertragen. Mich beklagen? Das verlange ich
nicht. Mich morden lassen? Das wünsche ich.
    SIE Trotziger Mensch! - Retten will ich dich.
    ER Du? - Olimpia?
    SIE Die dich liebte, ja! die dich noch liebt. - Aber ich bin nicht
uneigennützig.
    ER Das glaube ich. Ich kann aber jetzt nichts geben als diese Börse, die ich
bei mir habe.
    SIE Geld verlange ich nicht. Die Zeiten haben sich geändert. Ich habe jetzt
Börsen für dich. - Ich verlange bloss die schriftliche Versicherung von dir, dass
du mir Dank schuldig bist, weil ich dich vom Tode gerettet habe.
    ER Ist das schon geschehen?
    SIE Es soll und wird geschehen, so, wie ich mir es ausgesonnen habe. O
geliebter Verräter! was tät ich nicht für dich? - Ich führe dich jetzt selbst
aus diesem Kerker. Vor dem Schloss erwartet dich ein berittener Diener mit
einem Pferde, das mit Kleidern für dich bepackt ist. Im Hafen liegt eine
genuesische Galeere, die nach Sizilien segelt. Mit dieser gehst du nach Messina.
Du führst den Namen Ritter de la Cintra. Hier ist ein Pass für dich auf diesen
Namen. In Palermo meldest du dich im Hause des Marchese Romano und gibst ihm
diesen Brief. Du wirst dort wohl aufgenommen werden. - Hier ist eine Börse mit
hundert Dukaten. -
    ER Geld brauche ich nicht.
    SIE Gut! so behalte ich mein Geld. Aber, das verlangte schriftliche
Bekenntnis muss ich erhalten. Hier ist Bleistift und Papier, schreibe es so gut,
als es dir hier möglich ist.
    ER Hat geschrieben Hier ist es. Aber wie soll ich -
    SIE Keine Zögerungen! Wir wollen schon einmal, wenn es Zeit ist, Abrechnung
halten.
    ER Wenn ich aber -
    SIE Keinen Aufentalt! Du bist im Schloss des Prinzen della Torre, den du
kennst. Wird das geringste entdeckt, so sind wir beide verloren. - Ein paar
Küsse für mich! - Und nun, folge mir!
    Sie führte ihn aus dem Kerker durch den Schlosshof an ein offenes Pförtchen.
Hier küsste sie ihn noch einmal und schlüpfte hinaus.
    Sechs Schritte vom Schloss fand er die Pferde und einen Reitknecht, der ihn
erwartete. Er stieg auf und trabte mit ihm rasch zu. Sie erreichten bald den
Hafen. Dem Begleiter drückte er Geld in die Hand und schnallte den Mantelsack
vom Pferde. Der Knecht sprengte zurück, und Rinaldo kleidete sich, hinter einem
Busche, in ein Reisekleid, das er im Mantelsack fand. Sein Rock nahm den Platz
desselben ein.
    Die Sonne ging auf. - Den Mantelsack unter dem Arme ging er nach dem Hafen
zu.
    Dem Offizier von der Hafenwache, der ihn anhielt, zeigte er seinen Pass und
erhielt ohne Bedenken Erlaubnis, seinen Weg fortzusetzen.
    Es lag wirklich eine genuesische Galeere in dem Hafen, die ihn aufnahm.
    Die Anker wurden bald darauf gelichtet, der Wind schwellte die Segel,
Rinaldo seufzte nach dem Lande zu: »Ach Rosalie!« und das Schiff stach in die
See.
Sie kamen nach Messina. - Rinaldo hatte kaum Quartier gefunden und sich
anständig gekleidet, als er zu dem Marchese Romano eilte, seinen Brief von
Olimpien abzugeben.
    Er fand ihn in grosser Gesellschaft in seinem Palais. - Sobald der Marchese
den Brief gelesen hatte, wurde er sehr freundlich und stellte seinen Gast der
Gesellschaft vor, welche aus Prinzen, Grafen, Gräfinnen und Baroninnen bestand,
die sich höchlich seiner Bekanntschaft freuten und sich nichts weniger träumen
liessen, als einen so verrufenen Räuberhauptmann in ihrem illustren Zirkel zu
sehen.
    Der jetzige Herr Ritter hatte tausend Fragen zu beantworten, beantwortete
dieselben zu allgemeiner Zufriedenheit und zog sogar die Blicke von einigen der
schönsten Damen der Gesellschaft auf sich. Man gestand sich, der Ritter sei ein
schöner Mann, und die Herren fanden einen artigen, weitgereisten Kavalier in
ihm. Man erbot sich zuvorkommend zu hundert Gefälligkeiten, und der Marchese
Romano liess nicht eher nach, als bis sein Gast versprach, Quartier in seinem
Hause zu nehmen.
    Wie sehr war jetzt die Szene um den nagelneuen Ritter herum verändert! Sonst
unter Mördern und Räubern, auf dem Rücken irgendeines unwirtbaren Felsens, noch
vor kurzem in einem stinkenden Kerker, und jetzt in einer der vornehmsten
Gesellschaften Siziliens, in glänzenden Zimmern eines prachtvollen Hauses.
    Und er schien hier ebensogut als dort zu Hause zu sein.
    Ehe die Gesellschaft auseinanderging, erhielt er verschiedene Einladungen,
und dann bat sich sein Wirt seine Gesellschaft und eine Unterredung unter vier
Augen aus.
Beide begaben sich in den Pavillon eines schönen Gartens, der an dem Palais des
Marchese lag; hier liessen sie sich nieder. Als der Marchese die Weingläser
gefüllt hatte, erhob er das seinige mit einem Gesundheitszuruf.
    MARCHESE Herr Ritter, unsre Freundin Olimpia hat Euch mir so vorteilhaft
empfohlen, dass ich geradezu und ohne Umschweife Euch Freund nenne.
    RINALDO Mir ungemein viel Ehre!
    MARCHESE Ein Mann von Talenten und so vielen Kenntnissen, wie Ihr, kann
allerdings den gegründetsten Anspruch darauf machen, mit einer Verbindung näher
bekannt zu werden, die ihr zur Ehre und ihm zum Vorteil gereichen wird. Alle
meine Gäste, die Ihr gesehen und gesprochen habt, Menschen von Kopf und Herz,
werden sicher mit mir der guten Hoffnung leben, in Euch ein Mitglied ihres
Bundes voll Mut und Geist zu finden.
    RINALDO Ich bitte, Euch deutlicher zu erklären.
    MARCHESE Ich nehme keinen Anstand dies zu tun. - Es gibt ein gewisses
allgemeines Band in der Welt, welches Konvenienz und Verhältnisse nur allzuoft
zerrissen haben. Dieses werde wieder hergestellt von Menschen von Geist und
Sinn; es werde dann durch sie allgemeiner gemacht. Im Kirchenstaate, in den
Königreichen Neapel und Sizilien kennen sich eine grosse Anzahl Menschen mit,
durch und für diesen Beruf. - Ein gegenseitiges Bedürfnis schafft gegenseitigen
Beistand, gegenseitige Teilnahme. Schon genug zu wissen, man kennt sich, man
kann allentalben auf Freunde rechnen.2
    RINALDO Ein tröstlicher, willkommener Gedanke! Edler Mann, Ihr wisst nicht -
    MARCHESE Ich weiss, was ich wissen darf. - Der Gesellschaft seid Ihr vor der
Hand nur der Ritter de la Cintra, bis sie mehr von Euch erfährt.
    RINALDO Herr Marchese! Ihr wisst also -
    MARCHESE Ich grüsse Euch als einen gefürchteten Mann. - Das Geheimnis Eures
Namens bleibt bei mir so sicher wie bei Euch selbst verschlossen.
    RINALDO Aber, was kann Euch bewegen, mich, dessen Name und Tun so verrufen
ist, einer Gesellschaft einzuverleiben, deren Mitglieder so edel, vornehm und
ohne bürgerlichen Tadel sind?
    MARCHESE Was kann uns hindern, Euch Freund zu nennen? - Und wenn wir Euch
nun einen neuen Wirkungskreis anweisen, dessen beabsichtigter Erfolg ganz für
unsern Plan berechnet ist? - - Alles das wird Euch mit der Zeit deutlicher
werden.
    RINALDO Ich spiele glücklicher bei diesem Spiele als Ihr. Ich kann dabei nur
gewinnen.
    MARCHESE Durch Euch gewinnen auch wir. Vorteil und Gewinn verketten sich bei
uns. Darüber seid ohne Sorge. - Ich gebe Euch den Bruderkuss.
Rinaldo ging mit schweren Gedanken umher und hoffte auf Entwicklung eines
Rätsels, dessen Deutung er, trotz aller Anstrengung, nicht finden konnte. - Er
stattete Besuche ab, machte Bekanntschaften und wohnte Tischgesellschaften und
Bällen bei, die sehr glänzend waren.
    Von einer Zerstreuung zur andern gerissen, kam er so wenig zu sich, dass er
nach und nach ganz vergass, Betrachtungen über sich und seine Lage anzustellen.
    Unter den Damen, die er kennenlernte, waren ihrer zwei, die seine
Aufmerksamkeit besonders fesselten. Ein Fräulein von hoher Schönheit, die
einzige Tochter des Barons Denongo, genannt Laura, eine der ersten und reichsten
Partien der Insel, und eine Gräfin Martagno, eine Dame von Geist, voll des
feinsten einnehmenden Wesens, nicht so schön als Laura, aber dennoch ungemein
interessant. Sie war in ihrem zweiundzwanzigsten Jahre, Witwe und Besitzerin
eines ansehnlichen Einkommens von ererbten Gütern.
    Diese beiden Damen interessierten, wie gesagt, unsern Ritter ungemein, und
es war ausgemacht, dass auch er von ihnen nicht mit Gleichgültigkeit gesehen
wurde. Besonders schien die Gräfin dies an den Tag zu legen. - Sie war eine
interessante Frau, ein zartes, feines Gebild, das man wahrhaft reizend nennen
konnte. Sie hatte viel Geist und ein sehr schnell einnehmendes Wesen. Voll
sanftem Feuer waren ihre Augen; zierlich von der Stirn herabsteigend ihre Nase.
Ihr Kopf war üppig schön umlockt. Um ihre Lippen schwebte stets ein heitrer Zug.
Lächelnd gruben sich in Kinn und Wange zwei liebliche Grübchen ein. Eine sehr
schön geformte Hand begleitete ihre Worte mit herrlichen Gesten. Ausdruck war
ihr ganzes Wesen, wenn sie sprach. Ungemein edel war ihre Haltung, schwebend ihr
Gang, harmonisch ihre Stimme. Eine wahrhaft hohe Sinnlichkeit schwebte über ihr
ganzes Wesen; wirkliche Liebe in der schönsten Harmonie mit all ihren Reizen.3
    Bei einer Fete, wo die Damen sich singend hören liessen, sang auch die Gräfin
zur Guitarre:
                                      Lied
Wo Liebe sich bettet, da ruht sich's gar weich,
Da gründet die Freude ein fröhliches Reich.
Da scherzt man so freundlich, da kost man vertraut,
Da findet die Liebe der Jüngling als Braut.
Da findet das Liebchen der Freuden gar viel,
Sie wandelt durch Blumen zum rosigen Ziel,
Da kränzt sie die Liebe gar herzlich vertraut,
Sie findet den Jüngling, die zärtliche Braut.
Es wiegen die Scherze der Liebe sie ein,
Nun ruht sie so sicher, um glücklich zu sein.
Sie schlummert so friedlich, so zärtlich vertraut,
Im Arme des Lieben, die glückliche Braut!
Ein allgemeines Bravo! belohnte die Sängerin. Diese aber suchte den Beifall nur
in Rinaldos Augen. Dann sprang sie auf und gab das Signal zum Tanz.
    Darauf erklärte sie, sie wünsche einen guten Tänzer zum Bolero zu finden.
Ein niedliches Mädchen, gekleidet als Jüngling, trat als ihr Tänzer auf. Die
Gräfin schwebte mit dem verkleideten Jüngling in des Tanzes wollüstigen Touren
dahin, ohne Rinaldo aus den Augen zu verlieren. - Die rauschende Musik ertönte.
Aufeinander zu flogen die Tanzenden. Sie suchten, sie fanden sich. Ausgebreitet
waren ihre Arme, zärtlich geöffnet ihre Lippen; ihre Küsse begegneten sich.
Sanfte Trennung; zärtliches Zurückkommen. Beredter wurden ihre Blicke; jeder
Muskel erzitterte. Ihre Herzen erbebten. - Zärtliche Pause. - Endlich sanken,
wonneberauscht, sie einander in die Arme.4
    Rinaldo stand unter den Zuschauern neben Laura, die ihn fragte:
    »Wie findet Ihr diesen Tanz?«
    »So«, - antwortete er, - »dass ich um keinen Preis in der Welt meine Geliebte
ihn mit einem andern Manne, als mit mir, würde tanzen lassen.«
    Die Gräfin warf sich auf einen Stuhl, wehte sich Luft mit dem Tuche zu.
Rinaldo lispelte: »Wie reizend schön!« - Die Gräfin lächelte mit einem Blick ihn
an, der ihn durchdrang. Der Tanz wurde allgemeiner. Die Gräfin entfernte sich. -
Umgekleidet erschien sie wieder, ging auf Rinaldo zu und sagte:
    »Ritter! Man hat Depeschen an Euch bei mir abgegeben, die ich Euch
überliefere und die Ihr hier in der besten Einsamkeit lesen könnt, wenn Ihr Euch
nicht selbst stören wollt. Auch könnt Ihr hier Euch ganz dem Nachdenken
überlassen, wie Petrarch an seine Laura. - Ich heisse nur Dianora, und mein Name
ist nicht so schmelzend als jener. - Lasst Euch nicht stören!«
    Sie verliess das Zimmer. Rinaldo erbrach den ihm gegebenen Brief.
Er war von Olimpia, mit beigelegten Einlagen an den Marchese Romano und den
Baron Malvento. - Rinaldo öffnete seinen Brief und las:
        »Geliebter Ritter!«
    »Ich hoffe, du befindest dich wohl. - In den besten Händen von der Welt bist
du wenigstens. Vermöge deines schriftlichen Versprechens bitte ich dich, mir
deine Dankbarkeit dadurch zu bezeigen, dass du dem Marchese Romano in allem
folgst. Er wird dir sagen, dass es Zeit wird, dich mit dem Alten von Fronteja
bekannt zu machen. Das darfst du nicht versäumen. - Vielleicht sprechen wir uns
bald persönlich.«
    »Als Neuigkeit muss ich dir schreiben: Dass des berüchtigten Rinaldinis
Räuberbande, wie man sagt, ganz aufgerieben ist. In St. Lucito sind gestern neun
seiner Gesellen, die man lebendig bekommen hatte, erschossen worden. Alle haben
ausgesagt, Rinaldini selbst sei, in Stücke zerhauen, an ihrer Seite gefallen.
Man ist sehr froh, dass dieser gefährliche Mensch auf diese Art sein Leben
geendigt hat. Ein gewisser Cintio soll sich aber doch mit einigen Kameraden
durch die Milizen durchgeschlagen haben. Ihm wird jetzt nachgespürt.«
    »Die zweite Neuigkeit ist, dass ein gewisser, dir wohlbekannter Kapitän, von
einem gewissen, dir gleichfalls bekannten Lodovico mit sechs Dolchstichen
beinahe ermordet worden ist. Er liegt sehr schlecht darnieder. Der Täter ist
entkommen.«
    »Leb wohl! Es bleibt dir die Liebe
                                                                Deiner Olimpia.«
Rinaldo hatte gelesen und steckte die Briefe zu sich, als Laura in das Zimmer
trat. Sie suchte, wie sie sagte, hier eine Freundin, da sie dieselbe aber nicht
fand, blieb sie auch da.
    Es entspann sich ein gleichgültiges Gespräch, unter welchem beide, ganz
unvermutet, in die Galerie kamen, welche an das Zimmer stiess. - Sie gingen
sprechend immer weiter und kamen in einen glänzenden Saal, in welchem die Tafel
serviert wurde.
    LAURA Das muss man gestehen, die Gräfin wohnt vortrefflich hier! Ihr Haus ist
ohne Widerspruch eines der schönsten Häuser in Messina.
    RINALDO Die Gräfin scheint -
    LAURA Sie ist eine Frau von viel Geschmack und Geist und sehr liebenswürdig.
- Man sagt, sie würde sich wieder vermählen.
    Dergleichen sprechend waren sie durch die Galerie wieder in das Zimmer
zurückgekommen, welches Laura schnell und unbemerkt verliess.
Er blieb hier, in Nachdenken verloren, unbemerkt, bis der Klang der Trompeten
ihn zur Tafel rief. -
    Hier kam er, als Fremder, neben die Frau des Hauses, die Gräfin, zu sitzen,
und Laura sass ihm gegenüber. - Sein Nachdenken hatte ihn verstimmt, und sein
Betragen wurde gegen seine Nachbarin sehr zeremoniös, worüber Laura viel
heimliche Freude hatte.
    Der Baron Malvento unterhielt die Gesellschaft mit Rinaldinis Untergang und
Schicksal in Kalabrien. Die Unterhaltung über diesen Mann wurde allgemein. Jedes
äusserte seine Meinung.
    Laura meinte, der Strassenräuber sei viel zu ehrenvoll gestorben, er hätte
sein Leben auf dem Rade beschliessen sollen. Das gab Rinaldo einen starken Stich
ans Herz, in welchem das unbarmherzige Fräulein sogleich ein wenig auf die Seite
geschoben wurde. - Die Gräfin meinte, Rinaldini sei doch ein bedeutender Mann
gewesen, der nur an der Spitze eines Heeres hätte stehen sollen, um sich seines
Nachruhms zu versichern. Das gab der Gräfin Laurens ganzen Platz in Rinaldos
Herzen.
    Der Marchese Romano sagte der Gesellschaft, sein Freund, der Herr Ritter,
habe ihm versichert, er habe Rinaldini gekannt. Sogleich bestürmte ihn die
Gesellschaft mit Fragen. Laura fragte:
    »Wie fandet Ihr denn diesen Gaunerkönig?«
    »Mich«, - sagte Rinaldo, - »hat er gut behandelt. Ich war in seiner Gewalt,
und er hat dieselbe nicht missbraucht.«
    »Wie sah er denn aus?« - fragte die Gräfin.
    »Edler, als es ihm sein Handwerk hätte erlauben sollen.«
    Laura schimpfte auf Rinaldini fort, bis sich das Gespräch der Gesellschaft
auf einen andern Gegenstand drehte, was Rinaldo sehr gern hörte.
Die Nacht verschwebte im Tanze, und der Morgen brach an, als Rinaldo nicht in
seine Wohnung, sondern vor die Stadt, in die Gegend der Gärten und Landhäuser
ging, dort den schönen Morgen zu geniessen, der sich, auf tauenden Schwingen, in
die blühenden Täler senkte. Seine Fusstritte liessen Streifen in den betauten
Wiesenmatten zurück, und seine Blicke suchten einen Hügel, von welchem herab er
die schöne Gegend übersehen konnte. Farbig spiegelten sich der Sonne goldene
Strahlen im perlenden Tau; Himmel und Erde waren erwacht. Aurora hatte zugleich
mit ihren Rosenpforten Rinaldos Sinne aufgeschlossen. Er lehnte sich an eine
Pinie und überschaute das glänzende Tal. Seine Augen waren nass wie das Tal. Auch
in seinen Tränen erglänzten der Sonne goldene Strahlen; auf seinen Wangen
entglühte zurück das Purpurrot des Himmels.
    Fernher ertönte das melodische Murmeln eines Wasserfalls, und drüben auf den
Hügeln erklang hinter feisten Herden die ländliche Schalmei der frohen
Hirtenwelt.
    »Ach!« - seufzte Rinaldo, - »dass auch ich noch hinter Herden einherging, wie
ehemals in meinen väterlichen Fluren! Dass auch ich noch froh und munter,
schuldlos und unbefangen die Töne meiner Schalmei mit schmeichelnden Lüften
vermählen könnte! Wie? wenn ich in ein fernes Land gehen, wieder zu meinem
Hirtenstabe greifen und mich in die Einöde Spanischer Triften verbergen könnte?
O! dass ich dieses Glücks teilhaftig würde! Was hält mich im Taumelkreise der
Welt noch zurück, wo ich, von Gefahren umlagert, gewiss noch ein Opfer eines
gerichtlichen Todes werde? Fort, fort aus Siziliens Tälern, in Spaniens
duftende, friedliche Auen!«
    Er sprachs, und Tränen begleiteten seine Worte.
    »Ich Unglücklicher, der ich bin!« - seufzte er tief auf und verstummte.
    Da kam ein Einsiedler den Hügel herauf, grüsste ihn freundlich und sagte:
    »Du bist ein Unglücklicher, wie du seufzst? Warum bist du unglücklich? Bist
du es durch deine eigene oder durch fremde Schuld?«
    »Beides!« antwortete Rinaldo mit einem gepressten Seufzer.
    »Lerne dulden und tragen«, - fuhr der Einsiedler fort; - »das ziemt dem
Manne. Der Himmel hat Wege genug, dir einen sanften anzuweisen, wenn es dir
nicht heilsamer ist, eine rauhe Strasse zu wandeln. Bedenke, dass alles, was
geschieht, zu deinem Besten dient.«
    »Nimmst du Almosen?« - fragte Rinaldo rasch.
    »Um es andern zu geben; ja«, - antwortete der Eremit. - »Für mich habe ich
immer genug, weil ich wenig bedarf. Aber es gibt Menschen, die auch dieses
Wenige nicht haben.«
    »Diesen gib!« - rief Rinaldo, drückte ihm eine Börse in die Hand und eilte
in die Stadt zurück.
Der Marchese sagte ihm, dass er auf einige Tage verreisen werde, und empfahl ihm
indessen die Unterhaltung seiner Frau und Töchter an.
    Den Tag nach der Abreise des Marchese ging Rinaldo hinaus in die
Gartenfelder und suchte sein Lieblingsplätzchen auf.
    Der Abend senkte sich über die Täler. Die Streifen der fliehenden Sonne
zogen durch die Fluren, färbten die Gipfel der Berge purpurrot und schwanden.
Die Abendlüfte trugen Wohlgerüche auf balsamischen Flügeln über die Auen. Die
Abendfliegen erwachten, durchschwärmten summend die Gegend, und in der Ferne
erklang des Hirten laute Schallmei in das Glockengeklingel seiner Herde.
Schmachtend ertönte der Sang der liebeflötenden Nachtigallen, und jeder Zweig
wurde zur Kehle.
    Rinaldo stand an der Tür des Gartens einer geschmackvollen Villa. Die Tür
war offen. Er ging in den Garten. Duftende Orangengerüche flogen ihm entgegen,
laute Kehlen begrüssten ihn von blühenden Zweigen herab. Er nahte sich einem
schönen Hause, das mitten im Garten stand.
    Hier begegnete ihm ein Gärtnermädchen, leicht gekleidet und hochgeschürzt.
Dieses fragte er: »Wem gehört diese schöne Villa?«
    »Der Gräfin Martagno«, erhielt er zur Antwort.
    »Ist die Gräfin hier?«
    »Schon seit diesem Morgen«, - antwortete das Mädchen und ging die Allee
hinunter.
    Rinaldo hatte sich noch nicht entschlossen, ob er gehen oder bleiben wollte,
als er in einer Orangenlaube sich etwas Weibliches bewegen sah. Er war noch
unentschlossen, ob er weiter voroder weiter zurückgehen wollte, als die Dame aus
der Laube trat und ihm zurief:
    »Ritter! Darf ich meinen Augen trauen? Seid Ihr es selbst, oder ist es Euer
Geist?«
    Es war die Gräfin selbst, die das sprach, und nun war's für Rinaldo zu spät
fortzugehen. Er nahte sich ihr mit einer stummen Verbeugung.
    »Um aller Heiligen willen!« - fuhr die Gräfin fort, - »Wie habt Ihr meine
Villa gefunden?«
    ER Wie man oft mehr in der Welt als eine Villa findet, durch Zufall. -
    SIE Der Zufall hätte Euch nur um ein paar Schritte weiter führen können, so
wär' Fräulein Laura die Schuldnerin dieses Zufalls geworden. Ihre Villa liegt
neben der meinigen, und sie ist dort eben anwesend. - Oder habt Ihr Euch etwa
verirrt und seid zu galant es zu gestehen? Ich will Euch zu rechte führen
lassen.
    ER Wollt Ihr mich vom Zufall annehmen und behalten?
    SIE Heisst der Zufall nicht Laura, so seid Ihr mir willkommen.
    Sie bot ihm, als sie das sagte, die Hand und führte ihn in die Laube, wo auf
einem Tische eine Guitarre und ein Buch lagen. Es waren Petrarchs Sonette. - Die
Ottomane hatte Platz für beide. Sie liessen sich nieder und es entstand eine
starke Pause. - Endlich fragte die Gräfin ganz naiv:
    »Wovon sprechen wir nun gleich?«
    »Doch von dem schönen Abend?« - lächelte Rinaldo.
    Die Gräfin lachte laut auf.
    Die Unterhaltung wollte nicht recht in Gang kommen. Man stand auf, wandelte
in dem Garten umher, sprach von gleichgültigen Sachen und näherte sich endlich
einem Pavillon, der der Standort einer weit interessanteren Unterhaltung werden
sollte.
    SIE Ich freue mich recht sehr, eben Euch, und so unvermutet, bei mir zu
sehen, denn wahrhaftig, nur Ihr, Ritter! seid es, der die Laune, die mich quält,
verscheuchen kann.
    ER Darf ich fragen, was es ist, das Euch so übel gelaunt macht?
    SIE Ihr könnt es erfahren. Ein unleidlicher Mensch dringt sich mir selbst
auf; einen andern will mir meine Familie als Gemahl aufdringen. -
    ER Und Ihr wollt nicht wieder heiraten?
    SIE Diese beiden wenigstens nicht.
    ER So nehmt einen dritten, der sich Euch nicht aufdringt.
    SIE Wenn ich wieder wählen soll, so will ich einen haben, der sich mir gibt;
sonst keinen.
    Sie hatte, als sie das sagte, ihre Hand von sich gestreckt, und diese sank
auf Rinaldos Hand. Sie zog sie schnell zurück, aber Rinaldo haschte sie noch im
Fliehen, schloss sie in die seinige, drückte sie sanft und fühlte die seinige
wieder gedrückt. - Von ungefähr fanden sich ihre Augen. Im Augenblick lagen sich
beide in den Armen. Die Verkettung wurde immer stärker, und man hatte weder Lust
noch Kraft sie zu lösen.
    Ein lautes Gespräch, das die Allee herauf nach dem Pavillon zukam, riss das
entzückte Paar aus einem der schönsten Träume, dem die Wirklichkeit stets
vorhergeht. Sie sprangen auf, suchten sich zu sammeln, und Laura trat in
Gesellschaft einiger Damen in den Pavillon.
    Wie die Bewillkommnungs-Komplimente von beiden Seiten ausfielen, kann man
sich denken. Die Verlegenheit nahm Platz in der Gesellschaft, und bis zur
Ankunft der Kutschen, welche die Damen in die Stadt zurückbrachten, konnte auch
nicht ein einziges zusammenhängendes Gespräch geführt werden.
    Die Wagen kamen endlich. Rinaldo hob die Damen hinein, und Laura lispelte
ihm zu:
    »Ich gratuliere!«
 
                                    Fussnoten
1 Eine Beschreibung und Abbildung einer solchen andachtsvollen musikalischen
Szene findet man in der Voyage pittoresque en Naples et Sicile. T. I. p. 140.
No. 111.
2 In wie weit dieses und das dahin Gehörige noch folgen wird, sich beziehend auf
die Gesellschaft der Schwarzen, der Carbonaria, u. dgl. - davon ist zu lesen das
Buch, welches nicht ungelesen bleiben muss: Lionardo Monte Bello. Fortsetzung der
Geschichte Rinaldinis (Leipzig 1821) 1. T. S. 220 ff.
3 Lionardo Monte Bello. 1. T. S. 224.
4 Lionardo Monte Bello. 2. T. S. 113.
 
                                  Zweiter Teil
 Quisque suos patimur manes.
                                                                          VIRGIL
 
                                  Fünftes Buch
 Wo suchst du Schutz? Wie kannst du hoffen
 Am Ziel der Wünsche hier zu stehn?
 Da stehst du staunend und betroffen,
 Und wagst's kaum weiter fort zu gehn.
Rinaldo setzte seine Besuche bei der Gräfin nun, in ihrem Hause sowohl als auf
ihrer Villa, fleissig fort, und Laura hatten keinen Teil mehr an seinem Herzen.
    Der Marchese kam von seiner Reise zurück und sprach viel von dem Alten von
Fronteja, bei dem er Rinaldo einführen wollte. Auf seine Frage, wer denn
eigentlich dieser Alte von Fronteja sei? antwortete der Marchese:
    »Er ist vielleicht der Weiseste seiner Zeit. Ein Philosoph, der in die
geheimsten Mysterien der sogenannten Krata Repoa ganz eingedrungen ist und Dinge
entwickelt hat, wovon bisher kein Mensch etwas Zuverlässiges wusste.«
    »Ich verstehe aber nicht«, - sagte Rinaldo, - »was mir diese Bekanntschaft
helfen soll? Ich werde doch nicht auch in die Mysterien der Krata Repoa
eindringen sollen? Dazu habe ich weder Kopf noch Lust.«
    »Der Zweck, zu welchem wir uns vereinigen«, - antwortete der Marchese, -
»erfordert auch Kenntnisse dieser Sachen.«
    Das ganze Haus war auf diesen Abend zu der Gräfin auf ihre Villa geladen,
und Rinaldo war der erste, der sich dort einfand.
    Die Gesellschaft speiste im Pavillon, man war sehr lustig und vergnügt. -
Nach Tische setzte man sich auf die Bänke eines freien Platzes vor dem Pavillon
und wollte eben ein Gesellschaftsspiel anfangen, als ein paar Diener mit
Windlichtern einen Fremden herbeiführten, der, wie sie sagten, den Marchese zu
sprechen wünschte.
    Der Marchese stieg auf, und der Fremde trat herzu. Kaum erblickte er
Rinaldo, als er nach dem Degen griff und schrie:
    »Ha, Meuchelmörder! Finde ich dich hier?«
    »Wer sagt mir das?« - fragte Rinaldo, zog den Degen und erkannte in seinem
Gegner den bewussten Kapitän.
    »Ich sag es!« - knirschte dieser.
    Sogleich waren die Klingen aneinander. - In dem Augenblick fiel aus dem
Boskett ein Schuss und der Kapitän stürzte zu Boden.
    Die Verwirrung wurde allgemein. Man jammerte, schrie, lief durcheinander.
Die Bedienten stürzten bewaffnet herbei; alles kam in Aufruhr.
    Die Gräfin hatte Gegenwart des Geistes genug, den Ritter in den Pavillon zu
ziehen, der von allen verlassen war, und die Tür hinter ihm abzuschliessen.
    Rinaldo wusste nicht, wie ihm geschehen war. Er sass in banger Erwartung
einige Stunden allein und konnte sich nicht denken, wie das enden sollte. -
Endlich wurde die Tür des Pavillons geöffnet und die Gräfin trat ein.
    »Ist der Kapitän tot?« fragte Rinaldo.
    »Er liegt schwer verwundet in der Villa«, - antwortete die Gräfin, und fuhr
fort: - »Ohne zu untersuchen, auf wessen Unkosten hier so blutig gespielt worden
ist, suche ich Dich zu retten. Tief in den Bergen von Remata habe ich ein
Schloss, wo Dich keine Seele suchen oder finden wird. Dortin musst Du vorderhand
fliehen. Hier ist ein Brief an den Castellan des Schlosses, in welchem ich Dich
Baron Tegnano, meinen Verwandten, nenne. Ein Pferd steht gesattelt vor dem
Garten. Gott geleite Dich! Dur wirst Nachricht von mir erhalten, und so bald als
möglich folge ich Dir selbst nach.«
    Sie sprach's, küsste ihn herzlich und benetzte seine Wangen mit Tränen.
Endlich riss sie sich von ihm los und führte ihn zur Gartentür, wo das Pferd
stand. Rinaldo setzte sich auf und nahm seinen Weg auf eine ungewisse
Beschreibung gerade ins Land hinein.
    Die Nacht war schön. Der Vollmond glänzte hell hernieder. Alles war still im
weiten Reiche der Luft und auf der Erde. Auf der Anhöhe bewegte sich, gleich
einem Schatten, eine menschliche Gestalt hin und her. Rinaldo hielt sein Pferd
an, blickte hinauf, und die Gestalt kam näher.
    »Wer ist hier?« - fragte er.
    Von oben herab kam die Antwort:
    »Einer, der Euch kennt, wenn Ihr Graf Mandochini seid. - Ich weiss aber noch
einen Namen von Euch, den ich auch nicht einmal der schweigenden Nacht
anvertrauen mag.«
    RINALDO Aha! Du bist Lodovico? - Wie kommst du hierher?
    LODOVICO Wohin kommt man nicht in der Welt! - In Kalabrien hatte ich den
Kapitän derb getroffen; aber Unkraut verdirbt nicht. Der Spitzbube ist wieder
kuriert. - Ich schiffte mich in Kalabrien ein und kam nach Messina. Ich sah Euch
zweimal, aber in viel zu vornehmer Gesellschaft, um Euch sprechen zu können. Wie
Ihr hier heisst, wusste ich nicht und konnte Euch nicht erfragen. Ich hätte vor
lauter Spekulationen, zu Euch zu kommen, schier des Teufels werden mögen!
Missmutig gehe ich heute in den Hafen und sehe - denkt Euch meine Augen! - den
elementischen Kapitän. Lebt also der Kerl noch? Tausend Wetter und alle Teufel!
- Jetzt dachte ich: könntest du doch deinen Hauptmann finden, ihm zu sagen, wer
dir erschienen ist! - Ich schleiche allentalben herum, erblicke Euch, wie Ihr
nach der Villa geht, und gehe Euch nach. Ich mache Bekanntschaft mit den
Bedienten, gebe mich für einen reisenden Fechtmeister aus und erkundige mich, in
wessen Eigentum ich bin. Ich merkte wohl, dass es in der Villa ein Traktamentchen
geben sollte - und als ich die Pasteten und Kuchen vorbeitragen sah, dachte ich,
ich müsste, so auf alte Manier, gleich zugreifen: denn in meinem Magen sieht's
aus wie in einer Armenbüchse. Genug, da ich das merkte, dachte ich, nun wird's
doch endlich einmal Gelegenheit geben, deinen Hauptmann zu sprechen; schlich
mich wieder in den Garten und versteckte mich in ein Boskett. - Kommt da der
Teufelskerl von Kapitän auch angestochen. Ich laure, höre jedes Wort, seh' Eure
Degen blank - paff! brenne ich los, und der Korse liegt am Boden. Getroffen habe
ich ihn. Ist er nicht tot, so ist's nicht meine Schuld. Aber, alle Wetter, wie
war ich aus dem Garten hinaus. In der Entfernung sehe ich ein Pferd bringen, Ihr
stiegt auf, ich gehe Euch nach, und seht, da bin ich, Euch zu folgen, wohin Ihr
geht, wenn Ihr mir es erlauben wollt. -
    RINALDO Du gehst mit mir.
    LODOVICO Gratias! Wenn's nur schon Tag, und wenn nur ein Gastof in der Nähe
wär', ich habe Hunger wie ein Wolf. Seht! nun sind wir unserer zwei. Da reiset
sich's schon besser. Ich habe ein paar gute Puffer bei mir, und ehe sie Euch
totschlagen, muss ich keinen Knochen mehr rühren können.
    So schwadronierte Lodovico fort, bis der Tag anbrach und sie sich in einem
Dorfe befanden, wo sie Halt machten. - Es wurde gegessen und getrunken, und
Rinaldo kaufte ein Maultier für Lodovico. Bald sassen sie auf und setzten ihren
Weg fort.
Ohne Gefahr und Abenteuer kamen sie den sechsten Tag endlich glücklich an dem
Orte ihrer Bestimmung an.
    Das Schloss lag mitten im Gebirge, unter Bergen, auf dem höchsten derselben,
war mit Mauern und Gräben umgeben, hatte Zugbrücken und war ziemlich fest. - Der
Castellan des Schlosses, ein alter, etwas mürrischer, aber dabei ziemlich
guterziger Knabe, ehemals Haushofmeister des Vaters der Gräfin, hatte ihren
Brief gelesen und sagte ganz trocken:
    »Dem Herrn Baron steht das ganze Schloss zu Befehl, nach dem Willen der Frau
Gräfin.«
    Rinaldo nahm Besitz von ein paar alten, niedlichen, altväterisch möblierten
Zimmern.
    Der Castellan, seine Frau, seine Tochter, eine Magd und ein alter Invalid,
der ehemals unter dem Vater der Gräfin Spanien gedient hatte und hier das
Gnadenbrot verzehrte, das ihm die Gräfin reichte, waren die Bewohner des
Schlosses, deren Anzahl nun ganz unerwartet vermehrt wurde.
    Um den Vorrat sah es in dem Schloss nicht zum besten aus. Daher machte
Rinaldo sogleich Anstalt, diesen Artikel in besseres Ansehen zu bringen.
Lodovico, der Invalid Giorgio und die Magd wurden ausgeschickt, kauften ein,
trieben beladene Esel herbei und verproviantierten Küche, Schränke und
Vorratskammern der Castellanin. Der Schlosshof wurde bald mit Geflügel bevölkert.
Der Weinkeller war in gutem Zustande. Dazu überlieferte der Castellan die
versiegelten Schlüssel. - In kurzem kam mehr Leben ins Schloss und die alten,
vormaligen stumpfen Bewohner desselben wurden tätig, munter und aufgeräumt.
    Rinaldo sass auf der alten Bergfeste, überschaute rund umher die Gegend, ging
spazieren, durchlas alte Chroniken, liess sich von dem Castellan Abenteuer aus
der Gegend und von Giorgio seine Feldzüge erzählen.
    Einst sassen sie auch beisammen und hatten sich in Abenteuer vertieft, die
ihren Weg geradezu ins verrufene Geisterreich nahmen, als der Castellan begann:
    »Ach! lieber lieber Herr Baron! es lässt sich von dieser Art manches aus
unserer Gegend erzählen; aber nicht allein aus unserer Gegend, sondern auch
sogar aus unserm Schloss.«
    GIORGIO Ja, ja! Das ist richtig.
    RINALDO So? - Und was gibt es hier? Geisterspuk?
    CASTELLAN In dem hintern Saale, vor dessen Tür die grossen Schlösser hängen,
ist's traun nicht recht geheuer.
    LODOVICO Habt ihr etwas gesehen?
    GIORGIO Ich nicht, aber gehört habe ich genug. Aber da, das Mädchen,
Lisberta, des Castellans Tochter, die hat etwas gesehen!
    LISBERTA Ja! - Voriges Jahr wollte die Frau Gräfin hierherkommen - da
putzten und fegten wir das Schloss. Ich musste den grossen Saal auskehren, aus dem
eine verschlossene Treppe hinab, ich weiss nicht wohin, geht, weil die untere
Treppentür beständig von innen verschlossen gewesen ist, wie mein Vater gar
nicht anders weiss.
    CASTELLAN Beständig. - Es hat sich auch, so lange ich hier bin, kein Mensch
die Mühe genommen, der Sache weiter nachzuspüren, weil niemand zu uns kommt.
Selbst die Frau Gräfin ist nur ein einzigesmal, drei Tage lang, hier gewesen.
    LISBERTA Wie ich nun so den Saal ausgekehrt hatte, stehe ich so ganz still
und putze im Fenster einen Wandleuchter ab. Da höre ich Fusstritte. Ich denke, es
ist mein Vater oder sonst jemand, und achte nicht weiter darauf. Wie es aber
immer näher kommt, drehe ich mich herum und sehe in der obern Treppentür eine
grosse, lange, hagere Figur mit einem Barte stehen. Weiter weiss ich nichts zu
sagen. Ich sank ohnmächtig zu Boden, und als ich wieder zu mir kam, war die
Figur verschwunden. - Das ist gewiss wahr, und darauf kann ich jede Stunde das
Sakrament nehmen.
    RINALDO Da wir jetzt Zeit und Musse dazu haben, wollen wir doch gleich morgen
das Spuk-Terrain untersuchen.
    CASTELLAN Mich nehmt nicht dazu. Zu so etwas tauge ich nicht.
    RINALDO Ich und mein Lodovico wollen das allein tun. Giorgio müsste uns denn
auch etwa freiwillig begleiten wollen? Er ist ja ein alter Soldat.
    GIORGIO Ja, ich bin dabei! Ich mache diese Kampagne mit.
    LISBERTA Herr Baron, lasst's ununtersucht. Man kann nicht wissen, wie's
ausfällt.
    RINALDO Sei ohne Sorge! Ich verstehe mich ein wenig aufs Geisterbannen.
    LISBERTA Wenn Ihr nur Eurer Sache gewiss seid, dass es Euch nicht geht wie dem
Bruder Bonifaz, dem Kapuziner, der's Geisterbannen auch hat verstehen wollen und
es nicht recht verstand, und den die Geister windelweich gedroschen haben.
    LODOVICO Das sind handfeste Geister gewesen!
    LISBERTA Ja, gewiss! der gute Herr hat ein Vierteljahr darüber zu Bette
gelegen. Er lebt noch, und Ihr könnt ihn jede Minute selbst fragen.
    LODOVICO Nun! Wir haben auch Fäuste, und wo es Schläge setzt, da fallen
unsere auch wieder hin.
    RINALDO Du wirst mich doch warten und pflegen, wenn ich abgeprügelt
zurückkomme?
    LISBERTA Ach ja! herzlich gern. Und Ihr und Lodovico könnt wohl auch einen
Puff vertragen. Wie es aber um Giorgio aussehen würde, wenn man ihm über die
morschen Knochen käm', das weiss ich nicht.
    GIORGIO Jüngferchen, sei sie nicht naseweis! Meine Knochen sind noch gut.
Hätte ich nur vor Barcelona nicht den fatalen Schuss in die Hüfte bekommen, ich
wollte mit ihr noch einen Corso anstellen. Ich habe eine eisenfeste Natur. Aber
freilich der Schuss vor Barcelona und der Hieb bei Bellegarde in die rechte
Achsel - so etwas kann einen schon labet machen. - Aber auf die Entdeckung nach
dem Geisterrevier im Schloss gehe ich doch mit. Mein Sarras ist noch blank.
Dies und dergleichen mehr wurde gesprochen. Rinaldo aber nahm sich ernstlich
vor, die Untersuchung anzustellen, was auch den folgenden Tag geschah.
    Die grossen Schlösser an der Saaltür wurden aufgeschlossen, die Riegel
fielen, die Tür wurde geöffnet. Ein paar Fledermäuse erblickten Licht, flogen
dem Castellan an den Kopf und dieser fiel zu Boden. - Die Fledermäuse wurden
totgeschlagen und die Fensterladen des Saals geöffnet. Der Castellan nahm
Abschied von den drei Abenteurern. Lisberta zündete drei Kerzen an und empfahl
die Herren dem Schutze der heiligen Jungfrau, des heiligen Antonio und des
heiligen Florian. Darauf begab sie sich gleichfalls weg, versicherte aber, sie
würde recht herzlich für sie alle beten.
    Der Saal, ein breites Viereck, war mit alten Tapeten ausgeschlagen und
einige Bildnisse, Familienstücke der Gräfin, hingen an den Wänden. Möbel waren
nirgends zu sehen.
    Sie öffneten die Tür der Treppe und stiegen sechsunddreissig Stufen hinab,
bis sie vor einer Tür standen, die, wie schon gesagt, von innen verschlossen
war. Die Tür schien alt und morsch zu sein und war es auch wirklich. Sie legten
Brecheisen an, und im Nu brach das alte Stück Arbeit zusammen, aber die innern
starken Riegel waren nicht gewichen. Mit dumpfem Schall gab das Echo eines
Gewölbes das krachende Getös zurück. - Sie krochen unter den Riegeln hinweg und
befanden sich in einem etwas über manneshohen und halb so breiten gewölbten
Gange.
    Etliche zwanzig Schritte weit waren sie gegangen, als sie an einige Stufen
kamen, die tiefer hinabführten. Nach einer kleinen Strecke Gang kamen mehrere
Stufen, und der Gang ging nun etwas niedriger schräg hinab und führte in ein
gewölbtes Rundteil, dessen Ausgang wieder mit einer von aussen verriegelten Tür
verschlossen war.
    »Was ich aber nicht recht begreifen kann, das ist, dass die Türen alle von
aussen verriegelt sind«, sagte Rinaldo.
    Sie legten eben Hand an, auch diese Tür einzusprengen, als sie von innen
her, ganz deutlich und laut:
    »Wehe! wehe! wehe!«
rufen hörten. - Giorgio stürzte bei diesen Tönen sogleich zusammen, fing an, am
ganzen Leibe zu zittern, und klapperte mit den Zähnen. - Lodovico schleifte ihn
durch den Gang zurück und brachte ihn mit Mühe auf den Saal, wo der Held
Konvulsionen bekam. - Lodovico machte Lärm im Schloss. Man trug Giorgio auf ein
Bett, wo ihm von Lodovico eine Ader geöffnet ward, und die Castellanin, die sich
in der Angst nicht besser zu helfen wusste, gab ihm Magentropfen ein. -
    Der Castellan, der sich von seinem Fledermaus-Schreck selbst noch nicht
recht erholt hatte, kam herbeigekrochen, betete und fluchte durcheinander.
Lisberta und ihre Mutter sangen mit zitternden Stimmen einen Bussgesang; Lodovico
leerte ganz gelassen schnell eine halbe Flasche Wein aus.
Indessen stand Rinaldo an der Wehepforte nicht müssig. Er klopfte an und schrie:
    »Wer auch hier sein mag, er öffne die Tür, oder sie wird eingebrochen!«
    Von drinnen heraus ertönte die Frage:
    »Wer stört die Unterirdischen in ihrer stillen Beschäftigung?«
    »Einer, der sie kennenlernen will.«
    »Wir verlangen ihn nicht zu sehen.«
    »Macht auf, oder die Tür wird eingebrochen!«
    »Kannst du«, - fragte man drinnen, - »die Anblicke dessen, was unterirdisch
ist, ertragen, so lass dir von dem Grafen Martagno die Schlüssel zu dieser Tür
geben.«
    »Der Graf Martagno«, sagte Rinaldo - »gibt mir keine Schlüssel. Er lebt
nicht mehr.«
    »Er ist tot?«
    »Schon seit zwei Jahren tot.«
    Hier entstand eine Pause, die Rinaldo zu lange dauerte. Er setzte ein
Brecheisen an, und die Tür sprang auf.
    Da stand er, in einem finstern Gewölbe. Eine lange Figur schlüpfte schwebend
davon. Rinaldo eilte ihr nach, sie schlug eine eiserne Tür rasselnd hinter sich
zu. Rinaldo stürzte über eine Bank und seine Kerze verlosch. Aus einem Winkel
hervor jammerte eine weibliche Stimme:
    »Gerechter Himmel, ende meine Tage!«
    Das fuhr Rinaldo durch Mark und Gebein. Er raffte sich auf und fragte mit
bebender Stimme: »Wer spricht hier?«
    »Darf ich dich Retter nennen, so wisse, ein über alles unglückliches
Geschöpf fleht dich um Mitleid an. Ja, und wenn du selbst der grausame Graf
Martagno wärst, so müsstest du, säh'st du mein Elend, mich wieder aus diesem
Kerker an die schöne Sonne ziehen, deren glänzenden Anblick ich nun schon so
lange entbehre«, - antwortete die Stimme.
    »Der Graf Martagno ist tot.«
    »Tot? - Gelobt sei Gott! so wird sich mein Leiden endigen.«
    Jetzt vernahm Rinaldo Fusstritte und hörte von weitem seinen Namen rufen. Er
gab Antwort. - Es war Lodovico, dessen brennende Kerzen sehr gelegen kamen.
Rinaldo suchte und fand seine Kerze, zündete sie auch an und fragte: »Stimme,
die du mit mir sprachst, wo ist dein Aufentalt?«
    Durch ein rundes, etwa ellenhohes Seitenloch kam die Antwort: »Hier! - Ich
Unglückliche bin in einen engen Kerker vermauert und habe keine Öffnung als
dieses Loch, durch welches mir meine kärgliche Kost gereicht wurde.«
    Rinaldo leuchtete hin und sah ein kreideweisses, eingefallenes Gesicht mit
geschlossenen Augen vor der Öffnung stehen. Dieser Anblick fuhr wie ein Blitz
durch seine Nerven und versteinerte selbst Lodovico.
    »Ach!« - seufzte die Eingekerkerte und trat zurück, - - »meine Augen können
den Glanz des Lichtes nicht ertragen.«
    Rinaldo bedachte sich ein wenig, und um sich auf jeden Fall den Rücken zu
sichern, untersuchte er die eiserne Tür, die die fliehende Gestalt hinter sich
zugeschlagen hatte. Er schickte Lodovico zurück, einige Werkzeuge und grosse
Vorlegeschlösser zu holen, denn er fand starke Kreuzriegel und Bänder, die an
den Seiten der Tür herabhingen. Von allem aber, was er hier gesehen habe, gebot
er ihm, im Schloss keine Silbe zu sagen.
    Als Lodovico fort war, fragte Rinaldo die Eingekerkerte:
    »Hast du hier nie Licht gesehen?«
    SIE Zuweilen eine dunkelbrennende Lampe, wenn mir Stroh oder Brot und Wasser
gebracht wurde.
    ER Gewöhne deinen Blick nach und nach an den Schein der Kerzen, damit du das
Tageslicht ertragen kannst.
    SIE Willst du mich erlösen?
    ER Ich will und werde.
    SIE Endlich! endlich! Allmächtiger Gott! ich danke dir auf den Knien.
Belohne meinen Retter und schenk ihm deinen Segen. Gib ihm die schönsten Freuden
eines glücklichen Lebens und sei Vergelter seiner guten Tat. Erhöre, erhöre mein
Gebet, du gütiger Vater aller guten Menschen!
    Rinaldo lehnte sich an die Mauer und seufzte:
    »Ach Gott! lehre mich wieder so herzlich zu beten, wie ich in meiner Jugend
es konnte.«
Als Lodovico zurückkam, war er nicht allein mit Vorlegeschlössern belastet,
sondern er brachte auch ein kleines Fläschchen guten Wein, einige Früchte und
Gebackenes mit, für »die unglückliche, unbekannte, leichenblasse Figur«, wie er
sich ausdrückte.
    »Das hast du wahrlich gut gemacht, Lodovico!« - sagte Rinaldo und teilte der
Eingekerkerten mit, was ihr beschieden war.
    Diese empfing es mit dem heissesten Dank, und indes sie sich labte, hoben
ihre Retter die hängenden Riegel der eisernen Tür hinauf und befestigten sie mit
Schlössern. Dann machten sie sich an die Arbeit, ergriffen Hacken und
Brecheisen, legten Hand an und erweiterten das Kerkerloch bald so gut, dass die
Eingekerkerte hindurchkriechen konnte. Sie fiel auf die Knie und betete, sobald
sie befreit war.
    Himmel! welch ein Anblick? Eingefallen, blass, hager, ein halbes Gerippe, mit
vermoderten Lumpen umhüllt, ihre Blösse zu decken! Sie wankte, an Rinaldo
gelehnt, den Gang hinauf und bedeckte, des Tageslichtes ungewohnt, als sie in
den Saal kam, ihr Gesicht mit der Hand. Die frische Luft nicht gewohnt, sank sie
zu Boden. Rinaldo trug sie in sein Zimmer und legte sie auf ein Bett. Hier fiel
sie ganz kraftlos sogleich in einen tiefen Schlummer, und Rinaldo verschloss
hinter ihr die Tür.
    Er schickte Lodovico in den benachbarten Ort, weibliche Kleidungsstücke
einzukaufen. - Mit Hilfe des Castellans schaffte er eine andere Tür vor die
Treppe, verwahrte sie wohl, führte dann diesen in das Zimmer, in welchem die
Befreite auf dem Bette lag, legte die Hand auf seinen Mund, führte ihn wieder
zurück und verschloss die Tür.
    CASTELLAN Heiliger Gott! was habe ich gesehen?
    RINALDO Die Geheimnisse der Unterwelt. - Herr Castellan! Ihr seid ein
verständiger Mann. Was Ihr gesehen habt, werdet Ihr zu verschweigen wissen, bis
ich selbst es ratsam finde, alles zu offenbaren. - Die Gräfin und ihre Familie
ist bei der Sache im Spiele. -
    CASTELLAN Herr Baron! Ich bin ein Mann und kann schweigen.
    RINALDO Darauf verlasse ich mich. - Jetzt still! von nichts weiter
gesprochen. Wir reden morgen weiter davon.
Lodovico kam zurück und brachte Kleider, die der Befreiten gegeben wurden. Sie
erhielt Speisen und wurde in ein Zimmer verschlossen, wo sie andertalb Tage
lang beinahe beständig schlief, was sehr viel zu ihrer Erholung beitrug.
    Giorgio und der Castellan wurden von Lodovico wegen ihrer Furchtsamkeit sehr
geneckt. Aber den letzteren plagte die Neugier wegen des Geheimnisses, wovon er
nichts wusste, ungleich mehr als Lodovicos Neckerei.
    Rinaldo aber ging mit Lodovico auf weitere Entdeckungen in dem
unterirdischen Gange aus.
    Sie hatten eben die Schlösser und Riegel der eisernen Türe gelöst, bemühten
sich aber vergebens, sie zu öffnen, und ruhten ein wenig von ihrer Arbeit aus,
als sie von aussen Fusstritte vernahmen. Bald wurden Riegel zurückgeschoben und
die Türe knarrte auf. Eine Figur kam nur halb zum Vorschein, als Rinaldo
aufsprang und ihr ein donnerndes: »Halt!« entgegenschrie.
    Im Nu verschwand die Figur, des Terrains besser kundig als Rinaldo und
Lodovico, die ihr folgten. Sie stolperten durch einen schmalen gewölbten Gang,
der sich bei einer steinernen Treppe endigte, die aufwärts führte und deren
Ausgang mit einer eisernen Falltür versehen war. Sie erstiegen die Treppe und
kamen in einen Turm, der mit einer Wendeltreppe versehen war. Als auch diese
erstiegen war, befanden sie sich auf den Zinnen des Turms und sahen, dass dieser
ganz allein auf der äussersten Spitze des Berges stand, auf welchem das Schloss
lag. Der Turm war ohne Ausgang, und sie konnten nicht begreifen, wohin die Figur
gekommen sein mochte, wenn nicht, was sehr glaublich war, eine Strickleiter am
Turme ihr ins Freie geholfen hatte.
    Da also weiter keine Entdeckungen zu machen waren, kehrten sie wieder um,
untersuchten die Falltür, fanden sie sehr stark, schwer und von innen mit
Riegeln versehen, die sie vorschoben, verkeilten und mit starken Schlössern
versahn. - So verschlossen sie auch die eiserne Tür von innen und gingen durch
den Saal in das Schloss zurück.
Das gerettete Frauenzimmer hatte sich in ein paar Tagen sehr erholt, und
Rinaldo, dem viel daran lag zu wissen, wen er gerettet habe, tat nun deshalb
Fragen an sie. - Sie erzählte, was folgt:
    »Ich bin Euch, meinem Befreier, eine getreue Erzählung meines Schicksals und
meines Unglücks schuldig; diese sollt Ihr haben, so aufrichtig, als ich sie Euch
nur geben kann. - Ich heisse Violanta und bin die Tochter eines gewissen Brotezza
de Noli, der ein Vasall des Grafen von Martagno war. Der Graf hatte eben durch
den Tod seine erste Gemahlin verloren, als ich zu meinem Unglück mit ihm bekannt
wurde. Er sprach mit mir von seiner Liebe. Ich glaubte ihm nicht; er beteuerte
mir seine reinen Absichten und warb um meine Hand. Ich wies ihn an meinen Vater.
Meine Mutter hatte ich in meiner frühsten Jugend verloren. Mein Vater focht
damals in Spanien unter dem Banner seines Lehnsherrn und fiel bei der Belagerung
von Barcelona. Ich war arm und verlassen und suchte Zuflucht bei einer Muhme.
Wir machten zusammen, was wir aufbringen konnten, um mir eine Aussteuer zu
erwerben, mit der ich in ein Kloster gehen konnte. Nach und nach brachten wir
auch so viel zusammen als dazu nötig war, und ich machte mich damit auf den Weg.
Hier wurde ich überfallen, gebunden und fortgeschleppt, ich wusste nicht wohin.
Es waren Leute des Grafen Martagno, die mich angefallen hatten und mich hierher
auf dieses Schloss brachten. Hier erschien der Graf und wiederholte seine alten
Liebesanträge. Ich wies jede entehrende Zumutung mit Verachtung und
Standhaftigkeit ab und erklärte, dass ich eher sterben als meine Tugend
preisgeben würde. Der Graf versuchte mit List und Gewalt zu erhalten, was ich
ihm verweigerte, aber alles war vergebens. Misshandeln konnte er mich, aber nicht
bewegen, seinen bösen Willen zu erfüllen. Nur das Band der Ehe, sagte ich ihm,
würde ihm gewähren können, was er zu erlangen wünsche. Als er nun sah, dass er
mich nicht besiegen konnte, willigte er endlich ein, und der Priester gab unsere
Hände zusammen.«
    »Wie? Ihr wart mit dem Graf Martagno verheiratet?«
    »So ist es. - Zu meinem Unglück ist es so! Er lebte etwas über ein
Vierteljahr hier bei mir, verreiste dann und kam nicht wieder. Mich liess der
Ehrvergessene, Gott weiss warum! in den Kerker schleppen, wo Ihr mich gefunden
habt. Ich erhielt keine Antwort auf meine Klagen, und die Welt hörte mein
Angstgeschrei nicht. Ein alter Bösewicht gab mir Wasser und Brot und brummte
täglich: Willst du denn ewig leben?«
    »Gerechter Himmel!« - schrie Rinaldo. - »Der Graf hatte sich, indes ihr im
Kerker lagt, zu Messina wieder verheiratet. Noch lebt seine Witwe, die gewiss von
diesem Bubenstück auch nicht die leiseste Ahnung gehabt hat.«
    Sie sprachen noch, als es im Schloss laut wurde. - Rinaldo fuhr ans Fenster
und sah einen Wagen in den Schlosshof fahren, in welchem die Gräfin sass. Er eilte
ihr entgegen.
Als Rinaldo mit der Gräfin allein war, erzählte sie ihm, man habe Hoffnung, dass
der Kapitän wieder aufkommen werde.
    »Von Euch, Ritter«, - setzte sie hinzu, - »glaubt man, dass Ihr auf
irgendeinem Schiffe Sizilien verlassen hättet. Ich habe die Zeit benutzt, in
welcher der Adel zu Messina auf seine Landgüter geht, und bin, wie Ihr seht,
hier.«
    Rinaldo dankte ihr verbindlich für ihre Güte, für ihren Schutz, und machte
sie dann so lange aufmerksam, bis sie vorbereitet genug war, seine Entdeckungen
und Violantens Geschichte zu hören.
    Die Gräfin schauderte bei dieser Erzählung heftig zusammen und verlangte
Violanten zu sprechen, was auch geschah. Sie hörte die Geschichte aus ihrem
eigenen Munde, versprach ihr Schutz und Beistand und bot sich ihr als Schwester
an.
    Im Schloss wurde es nun lebhafter und der neugierige Castellan bekam die
Weisung, nach gewissen Erklärungen nicht weiter zu fragen. Violanta galt für
eine Gesellschafterin der Gräfin, und die wenigsten wussten und konnten
begreifen, wie sie in das Schloss gekommen war.
An einem der schönsten Sommerabende, die Sizilien geniesst, sassen die Gräfin und
Rinaldo auf einem Balkon des Schlosses Hand in Hand nebeneinander. Beide
schienen über etwas nachzudenken und sprachen wenig. Endlich nahm die Gräfin das
Wort:
    SIE Einmal, lieber Freund! muss es zwischen uns doch zur Erklärung kommen.
Warum schieben wir diesen Augenblick auf und machen uns selbst so viele trübe
Stunden? Also, sei es jetzt. - Sagt mir aufrichtig, was gedenkt Ihr zu tun?
    ER Was ich tun muss. - Ich gedenke Sizilien zu verlassen.
    SIE Allein?
    ER Wer sollte mit mir gehen, als mein Lodovico? - Er verlässt mich nicht.
    SIE Nur er? - Ritter? Ihr wollt allein gehen?
    ER Ach Gräfin! ich muss.
    SIE Ihr müsst? - Habt Ihr anderswo Verhältnisse, die Euch -
    ER Schreckliche Verhältnisse!
    SIE Habt Ihr - eine Gattin?
    ER Weder Weib noch Kind, weder Vater noch Vaterland.
    SIE Und dennoch binden Euch Verhältnisse? Man hat doch nicht Euch irgendwo
verbannt, geächtet?
    ER Allentalben.
    SIE Allentalben? - Wie ist das möglich? Redet deutlich. Ist la Cintra nicht
Euer wahrer Name?
    ER Nein.
    SIE Wie heisst Ihr?
    ER Das lasst mich Euch nicht sagen. - Wenn ich fort bin, sollt Ihr erfahren,
wen Ihr Eurer Freundschaft, Eurer Liebe gewürdigt habt.
    SIE Ihr macht mir bange! - Der Marchese Romano gab vor, Euch zu kennen.
    ER Ja! er kennt mich. - Gräfin! traut dem Marchese und seiner Gesellschaft
nicht. Sie wollten mit mir ein böses Spiel treiben. Jetzt sehe ich alles ein.
Ich bin entkommen, auch diesmal noch entkommen, aber wer weiss -
    SIE Rätselhafter Mann! sprich deutlicher.
    ER O Dianora! - Ich darf nicht.
    SIE Wie? Ich gab dir meine Liebe, mich selbst, alles was mir teuer und wert
war, und du kannst Geheimnisse für mich haben? Für mich? - Ich will dir mehr
entdecken, als du weisst. Ich bin bereit, mit dir zu gehen, wohin du auch gehen
magst.
    ER Bleib, bleib! Du kannst mich Unglücklichen nicht begleiten.
    SIE Ich biete dir meine Hand an.
    ER Unglückliche! Deine Hand gehört einem edleren Manne als mir.
    SIE Sie gehört dem Vater meines Kindes.
    ER Allmächtiger Gott! was sagst du? - Werde Mutter und gib dem Kinde deinen
Namen. Den meinigen kann es nicht mit Ehre führen.
    SIE Grosser Gott! Mann, wer bist du?
    ER Ich bin - Ach Gott! ich kann es dir nicht sagen.
    SIE Sei wer du willst. - Ich will es wissen.
    ER Als du in meinen Armen lagst, lagst du in den Armen des Abscheus von
Italien.
    SIE Gerechter Gott!
    ER Ich - Ich bin Rinaldini.
    SIE Jesus Maria!
    Die Gräfin sank vom Stuhle und war einer Ohnmacht nahe. Rinaldo brachte sie
auf ihr Zimmer. - Früh, des andern Tages, begehrte er sie zu sprechen. Sie
schlief noch, wie es hiess. - Bald darauf brachte man ihm ein versiegeltes
Billett von der Gräfin. Er erbrach es und las:
    »Unglücklicher! Du hast mich unaussprechlich unglücklich gemacht. Ich kann
dich nicht wieder sprechen. Überlass mich meinem Schicksal und geh dem deinigen
entgegen.«
    Rinaldo liess satteln, setzte sich mit Lodovico auf und verliess mit ihm das
Schloss.
Ihre Unterhaltung auf dem Wege war ziemlich einsilbig, und sie waren schon zwei
Tage geritten, ohne dass ein Hauptgespräch gehalten worden war. Zwar Lodovico
hätte seinem Herzen herzlich gern über Verschiedenes Luft gemacht, da aber
Rinaldo gar nicht gesprächig gelaunt war, schwieg er auch und hatte seine
Gedanken für sich.
    Sie ritten eben, den dritten Tag seit ihrer Abreise aus dem Schloss der
Gräfin, aus einer elenden Nachterberge mit Tagesanbruch fort, um einen Pass über
eine Bergkette, die mit Waldungen bewachsen, ihnen sehr unsicher geschildert
worden war, noch vor einbrechenden Abend hinter sich zu haben. Rinaldo fühlte
selbst hier, wie den Reisenden zu Mute sein möchte, die den Anfällen von solchen
Strauchdieben ausgesetzt waren, deren Anführer er gewesen war.
    Sie erreichten den Pass gegen Mittag und waren kaum einige hundert Schritte
in demselben fortgeritten, als sie fernher ein dumpfes Gemurmel und Geschrei
vernahmen, in welches sich bald einige Schüsse mischten.
    »Auf, Lodovico!« - sagte Rinaldo; - »dort gibt es Gefahr. Lass uns dortin
eilen! Vielleicht legen wir einigen Burschen das Handwerk, von deren Gattung wir
sonst selbst waren.«
    Sie sprengten darauf los und erblickten bald einen Wagen, der von sechs bis
acht zerlumpten Gaunern angehalten wurde, die eben jetzt im Begriff waren, die
Maultiere abzuspannen.
    »Haltet an!« - schrie ihnen Rinaldo zu und zog eine Pistole.
    Sogleich fiel ein Schuss nach ihm, der aber fehlging. - Lodovico trat in die
Bügel, legte seine Stutzbüchse an, zielte scharf und gab Feuer. Einer der Gauner
stürzte zu Boden. Einen zweiten traf ein Schuss von Rinaldo, und als dieser mit
dem Säbel unter die andern stürzte, flohen sie eilig nach dem Gebüsch zu.
    »Das sind keine der unsrigen!« - sagte Lodovico.
    Rinaldo sprengte an die Kutsche und erblickte in derselben - den Baron
Denongo und seine uns bekannte Tochter, die schöne Laura.
    »Ritter! - Gelobt sei Gott!« - schrie diese, als sie ihn erblickte.
    Der Baron stammelte: »Mein Herr! Ich bin Euch die grösste Verbindlichkeit
schuldig. Ohne Eure mutige Entschlossenheit wären wir beraubt und vielleicht den
traurigsten Misshandlungen ausgesetzt gewesen.«
    »Ein Mann von Ehre wie Ihr«, - sagte Rinaldo, - »würde in einem ähnlichen
Falle gewiss eben das für mich getan haben, was ich für Euch tat. Ich werde nur
ferner meine Schuldigkeit tun, wenn ich mich erbiete, Euch nebst meinem Diener
zu begleiten, da ich sehe, dass Eure Leute teils tot, teils verwundet sind.«
    »In der Tat, Herr Ritter!« - fuhr der Baron fort. - »Ihr kommt meiner Bitte
durch Eure Grossmut und Euer gütiges Anerbieten zuvor. Ich habe noch beinahe
sechs Stunden weit zu fahren, ehe ich mein Schloss erreiche, und bin, wie Ihr
selbst bemerkt, des Beistandes meiner Leute beraubt. Ein alter Mann, wie ich,
überlässt sich gern dem Schutze eines jüngeren Mannes von Ehre, wie Ihr einer
seid, und ich darf wohl sagen, ich habe es auch einigermassen verdient, denn in
meiner Jugend war ich eben ein solcher freudiger Ritter für andere, wie Ihr
einer seid.«
    Es fielen noch mehrere Worte von beiden Seiten, und Laura schwieg.
    Lodovico hatte indes den verwundeten Kutscher, so gut es gehen wollte,
verbunden und auf den Kutschersitz geschnallt. Sein Maultier hängte er an den
Wagen, setzte sich auf und fuhr fort. Rinaldo ritt neben dem Wagen her.
Es wurde scharf darauflos gejagt. Sie kamen bei dem Schloss des Barons an.
    »Jetzt, Herr Ritter!« - sagte der Baron, - »Es ist an mir, galant nicht
allein zu sein, sondern als Euer Schuldner Euch, den Retter meines Lebens, zu
bitten, mir das Vergnügen zu machen, so gut es gehen will, Euch von mir bewirten
zu lassen.«
    »Ihr schlagt uns doch das nicht ab?« - setzte Laura hinzu.
    Rinaldo sprang vom Pferde und blieb. - Lodovico kam das ganz gelegen.
    »Herr Ritter!« - sagte er, - »Wir kommen wieder in weiche Hände. Nun ist's
gut! Wir bleiben.«
    RINALDO Ach nein! -
    LODOVICO Hm! - Ich kenne Euch besser. Ein Paar schwarze Augen, wie die des
Fräuleins, lassen Euch nicht vom Platze. Ich kann Euch auch gar nicht darum
verdenken. Ich an Eurer Stelle machte es ebenso.
    RINALDO Diesmal wirst du dich sicher betrügen.
    LODOVICO Geschieht das, so betrügt Ihr Euch zuerst.
    RINALDO Oder ich werde betrogen.
    LODOVICO Das kann auch sein, denn Ihr habt's mit einem Weibe zu tun.
    RINALDO So? - Du meinst also -
    LODOVICO Dass ich keiner traue, und säh' sie noch so ehrlich aus.
    RINALDO Woher hast du diese Philosophie?
    LODOVICO Aus der Welt, auf der ich wohne, wo ich lebe und webe, höre und
sehe, empfinde, denke und mancherlei schon erlebt habe.
    Lächelnd befahl ihm Rinaldo, das Gepäck auf die Zimmer zu schaffen, die der
Hausverwalter ihnen anwies.
    Rinaldos Wirt, der alte Baron, war ein gar guter, froher Mann, schon hoch in
den Jahren, mit mancherlei körperlichen Leiden geplagt, aber dennoch nicht
mürrisch. Er war freigebig, gesprächig und gutwillig. Lodovicos Bravour zu
belohnen, fand er leicht Mittel. Er schenkte ihm eine Börse mit Dukaten. Aber
wie er seinen Gast, den er nur als Ritter de la Cintra kannte, belohnen sollte,
ohne seine Delikatesse zu beleidigen, das verursachte ihm viel Kopfzerbrechen.
Er ging darüber mit seiner Tochter zu Rate, die aber ebensowenig als er selbst
wusste, wie die Schuld abzutragen sein möchte.
    Rinaldo lebte nicht so unbefangen bei dem Baron, wie er auf dem Schloss der
Gräfin gelebt hatte. Er stellte Betrachtungen über seine Lage an und fand in
diesen Reflexionen mancherlei Veranlassungen, seinen Aufentalt abzukürzen. Er
gab dies einst dem Fräulein deutlich zu verstehen. Sie fasste es auf und sagte:
    »Wir glaubten alle in Messina, Ihr hättet nach jenem blutigen Vorfall die
Insel verlassen; wie ich aber sehe, scheint es, dass Euch etwas auf derselben
zurückhält, was Euch vielleicht auch den Aufentalt bei uns langweilig und
unerträglich macht. Oder zieht Euch ein Magnet anderswohin?«
    ER Nennt Ihr mein unglückliches Schicksal einen Magnet?
    SIE Euer unglückliches Schicksal? Das kenne ich nicht.
    ER Lasst es mich allein kennen. Es treibt mich auch von hier fort. Ja, es
würde mich aus dem Paradiese selbst treiben.
    SIE Habt Ihr Euch mit der Gräfin Martagno entzweit?
    Da trat der Baron mit einem Briefe in der Hand ins Zimmer und sagte:
    »Hört einmal! Da wird mir eine sonderbare Neuigkeit aus Messina geschrieben.
Man will dort ganz gewiss wissen, der berüchtigte Rinaldini sei nicht tot,
sondern befinde sich lebendig auf unserer Insel. - Es kann wohl sein, dass die
Gauner, aus deren Händen uns der tapfere Ritter errettete, Leute von seiner
Bande waren. - Es wär' verzweifelt schlimm, wenn dieser ungebetene Gast in
unsern Tälern hausen sollte. Ich werde alle meine Leute bewaffnen; denn er
überfällt zuweilen sogar Schlösser und Festen.«
    »Ich kann nicht glauben«, - sagte Rinaldo, »dass er sich in Sizilien
befindet. Wäre dem so, so hätte man gewiss schon von ihm gehört, denn er soll
nicht gern lange stillsitzen.«
    »Natürlich!« - fiel der Baron ein, - »denn er lebt ja von Unruhe und
Unglück.«
    RINALDO Jawohl! Von und mit Unruhe und Unglück.
    BARON Der Vizekönig will in Messina die Milizen aufbieten und einen Preis
auf den Kopf des Gaunerkönigs setzen.
    RINALDO Ich darf auf den Preis nicht rechnen. Denn als ich einst in
Rinaldinis Händen war und er mich sehr edel behandelte, musste ich ihm
versprechen, nie heimtückisch gegen ihn zu handeln. Und im offenen Felde mag ich
nicht gegen ihn stehen.
    BARON In der Tat! ich fürchte für die Börsen unserer Barone und für die
meinige dazu. - Ich bin alt und stumpf. Zwölf Leute im Schloss, was sind die
gegen einen Wagehals wie Rinaldini an der Spitze seiner tollkühnen Gesellen! -
Ritter! Ihr müsst mir es zur Freundschaft tun und noch einige Zeit bei uns
bleiben. Ihr seid ein Mann von Mut und Entschlossenheit. Euer Lodovico ist ein
Teufelskerl. Ja wahrhaftig! wär er nicht Euer Diener, ich könnte wohl gar
glauben, er sei selbst ein Rinaldinischer Buschkönig.
    RINALDO Verwegen genug sieht er dazu aus! Ich glaube aber nicht, dass wir
etwas von ihm zu fürchten haben.
    Indem trat der Haushofmeister des Barons, der in Geschäften in dem
benachbarten Städtchen gewesen war, in das Zimmer, stattete von seinen besorgten
Aufträgen Relation ab und meldete zugleich, dass mehrere Reisende von
Strassenräubern in der Nähe angefallen und geplündert worden wären.
    »Da haben wir's!« - sagte der Baron. - »Das Ungewitter kommt uns immer
näher.«
    Der Haushofmeister verliess das Zimmer wieder, und der Baron sprach noch ein
langes und breites von seinen Besorgnissen. Rinaldo suchte ihm vergebens seine
Furcht auszureden, und Laura, die befürchtete, er möchte wirklich mit Manier auf
seiner Abreise bestehen, nahm das Wort und sagte:
    »Da es eine der ersten Ritterpflichten ist, Damen zu beschützen und zu
verteidigen, so ersuche ich Euch, Ritter, die Eurigen nicht zu vergessen und
wenigstens zu meinem Schutze hierzubleiben.«
    RINALDO Ihr wisst doch aber, dass der Schutz der galantesten Ritter auch immer
ein wenig eigennützig war?
    BARON Recht gut, Ritter, dass Ihr sie daran erinnert. Sie möchte sonst
vielleicht den Schutz umsonst verlangen.
    LAURA Ich weiss nicht wie und womit ein solcher Schutz bezahlt wird.
    RINALDO Das Schutzgeld steht in eigener Willkür. Aber bezahlt muss nun einmal
werden.
    LAURA So mag mein Vater für mich bezahlen.
    BARON Das wird nicht geschehen. Ich bin ohnehin noch Schuldner und habe für
mich selbst zu bezahlen.
    LAURA Nun wohlan! so will ich als eine wahre romantische Ritter-Dame
bezahlen. Nehmt diese Schleifen, Ritter, sie sind meine Farbe. Tragt sie, fühlt
Euch zu grossen Taten entflammt und macht Euch dieses Geschenkes wert. Werdet Ihr
Euch immer männlich, wie es einem Ritter ziemt, benehmen, so sollt Ihr dann
vielleicht von mir erhalten, was ich neben dieser Schleife trage.
    BARON Wie? Das wär' ja dein Herz?
    LAURA Nein, lieber Vater! Es ist mein Portrait.
    Jetzt fing Rinaldo an, mit sich selbst und seinen Absichten in Streit zu
geraten.
    »Wozu kann es gut sein« - sprach er bei sich selbst -, »länger auf dem
Schloss zu bleiben? Welchen Nutzen kann es dir bringen? Ziehe ihn selbst zu,
den Knoten, der dich mit einem Netz umstrickt, in welches du schon gegangen
bist. Wie kannst du dich mit falschen Hoffnungen täuschen? Laurens Hand kannst
du nie erhalten. - Und gesetzt, du hättest sie auch als Ritter erschlichen, wird
sie dir der Räuberhauptmann nicht wieder entreissen?«
    So sprach er, warf sich am Ufer des Flusses, der sich durch blumige Wiesen
nach den Gebirgstälern zu schlängelte, unter duftenden Aloen nieder, wollte
nachdenken über sich und seine Lage, wollte einen Entschluss fassen, vermochte
beides nicht und sank, von starken, balsamischen Gerüchen betäubt, in Schlummer.
    Als er wieder erwachte, sah er einige Schritte von sich unter einer Pinie
einen sonderbar gekleideten Mann, in einem Buche lesend, auf einem Steine
sitzen. Dieses Mannes blühend rote Gesichtsfarbe widersprach seinem weissen
Haupt- und Bartaar, die ihn als Greis ankündigten. Sein Gewand war lang und
faltig, wie das Gewand der Pytagoräer, von himmelblauer Farbe, hochgeschürzt,
mit einem feuerroten Gürtel. Seine Arme waren in weisse Ärmel eines Unterkleides
gekleidet, seine Füsse nackt, mit roten Riemen umwunden. Er ging auf breiten
Sohlen.
    Dieser sonderbar gekleidete Mann zog Rinaldos äusserste Aufmerksamkeit an
sich. Er betrachtete ihn lange schweigend, stand endlich auf, näherte sich und
grüsste ihn.
    Der muntere Alte sah ihn an und sagte:
    »Wie kannst du so unvorsichtig sein, in dieser Gegend, wo es von giftigen
Tieren wimmelt, dich so sorglos dem Schlafe zu überlassen?«
    »Sollte wirklich hier etwas zu fürchten sein?« fragte Rinaldo.
    »Sieh dich um«, - antwortete der Alte gelassen.
    Rinaldo sah sich um und erblickte eine tote Schlange im Grase, nicht weit
von seinem Schlafplatze. Er erschrak und sah den Alten fragend an. Dieser
verstand seinen fragenden Blick und sagte:
    »Diese Schlange nahte sich dir, als du schliefst.«
    RINALDO Welchem Glück verdanke ich meine Rettung?
    ALTER Ich kam eben dazu, als die Schlange auf dich zuschoss, und - sie ist
tot.
    RINALDO Du hast sie getötet? - Mit welchen Waffen? Ich sehe dich ganz
unbewehrt.
    ALTER Es gibt auch wohl Worte, die die Kraft der Waffen doppelt ersetzen. -
Ich setzte mich dir gegenüber, damit dir, solange du schliefst, kein ähnliches
Unglück begegnen möchte.
    RINALDO Nimm meinen besten Dank und schenke deinen Namen meiner dankbaren
Erinnerung.
    ALTER Namen machen die Menschen weder merkwürdiger noch besser, als sie
wirklich sind. Erinnere dich meiner Gestalt, und ich werde in deinem Andenken
auch ohne Namen fortleben.
    RINALDO Du sprichst die neuere Sprache dieser Insel, und dein Gewand zeigt
dich mir in der Gestalt der Weisen der Vorzeit dieses Landes. Wie soll ich mir
das erklären?
    ALTER So einfach wie möglich. - Man ist nicht immer, was man zu sein
scheint; man scheint nicht immer zu sein, was man ist.
    RINALDO Nochmals! wer bist du?
    ALTER Was du ebensogut sein kannst als ich: ein Freund der Weisheit.
    RINALDO Ist die Weisheit eine so allgemeine Freundin?
    ALTER Die Weisheit ist uns allen so wohltätig gemein wie die Sonne. Ihre
Strahlen erwärmen jedes empfängliche Herz. Doch die Seligkeit, diese Wärme zu
fühlen, erfordert freilich eine Organisation, die nicht allen Menschen eigen
ist. Ein böser Mensch ist nicht wert, die Pfade zum Tempel der Weisheit zu
kennen, denn was dem Frommen Segen der Menschheit in der Natur ist, würde dem
Bösen Fluch der Welt werden. Wer keinen Geruch hat, dem duften diese blühenden
Matten vergebens. So wie jedes Element von dem Geschöpfe, welches dasselbe
bewohnt, eine besondere Organisation fordert, so fordert auch der Tempel der
Weisen eine gewisse Organisation dessen, der sich ihm nahen, der ihn bewohnen
will.
    RINALDO Hier walten hohe Geheimnisse!
    ALTER Der Tempel der Weisheit ist der Tempel der Natur, und in der Natur
walten keine Geheimnisse. Das, was man gemeinhin Geheimnisse der Natur nennt,
sind Gesetze, die in dem Buche der Natur selbst zu lesen sind. Dieses liegt
aufgeschlagen vor jedermanns Augen. Lies in diesem Buch! lies mit dem Auge der
Seele. Dieses Auge ist Beobachtung. Aber das Auge muss heiter sein. Diese
Heiterkeit ist ein Kind der Ruhe von allen Leidenschaften. Nur der reine Quell
zeigt dir das vollkommne Bild der allesbelebenden Sonne. Trübe Bäche sind keine
Spiegel. Ebenso ist es mit der Weisheit. - Die Natur gleicht einer Schönen, die
nachlässig zuweilen ihre kleinsten und verborgensten Reize zeigt und die übrigen
sorgfältig verhüllt. Wer denken, fühlen, prüfen, merken und ahnen kann, der ist
wert, sie ganz zu entschleiern. Die Natur spricht nur mit dem, der feine Organe
hat, zu hören ihre Stimme. Verfeinerung der Sinne ist Annäherung zu den
Geheimnissen der Natur. Wer sich ihr mit reinem Herzen und mit scharfen Blicken
nähert, den heisst sie, die erhabene Priesterin, wie eine freundliche Wirtin
willkommen und führt ihn in den Tempel ihres Heiligtums. Dort fällt die Decke
von seinen Augen. Das Unbegreifliche wird ihm begreiflich. Alles Unbegreifliche
für diese Körperwelt liegt in der Kraft der Assimilation; und diese Kraft ist
es, welche die wenigsten Menschen kennen. Der Magnet wirkt nur auf Ähnliches,
und seine Ausströmung ist wunderbar. Diese Kraft ist nur ein Wink; es gibt
verborgene Kräfte, - Kräfte der Seele, und die Art ihrer Attraktion ist
wunderbarer als die des Magnets.
    RINALDO Und diese Kraft liegt in jeder Menschenseele?
    ALTER In jeder. Aber sie muss geweckt werden. Am besten, sie weckt sie sich
selbst.
    RINALDO Dies gehört in die Sphäre der Tätigkeit des Menschen.
    ALTER Wohl bemerkt, mein Sohn! Jeder Mensch hat seine Bestimmung zum Ganzen.
    RINALDO So liegt auch vieles ausser ihm.
    ALTER Er suche es zu sammeln.
    RINALDO Zeit und Gelegenheit des menschlichen Daseins sind so beschränkt,
dass der Mensch sich oft erst kennenlernen will, wenn er schon aufhört zu sein.
    ALTER Das Dasein der Menschen ist dem Dasein der Sonne ähnlich. Sein
Erwachen ist der Morgen; der Mittag ist sein irdisches, tätiges Leben; der Abend
ist sein Tod. Die Sonne verlässt den Horizont und ihr Licht wird unsern Augen zur
Dämmerung. Doch erleuchtet dieses Licht noch manche Hütte oder wird noch immer
gesehen von manchem, der höhere Gegenden bewohnt. So der Mensch im Verschwinden.
Er wirkt rückwärts. Ist diese Wirkung gleich schwächer, so wird sie doch manchem
bemerkbar.
    RINALDO Dies sagt wohl auch, es gebe eine Rückwirkung Abgeschiedener auf
Lebende?
    ALTER Was hindert dich, das zu glauben? Es gibt der Dinge so viele, die
nicht einmal scheinen, aber dennoch sind. Dein schwaches Auge, gestärkt durch
Gläser, entdeckt deinen Blicken unbekannte Dinge; was kann das Auge deiner Seele
dir nicht alles entdecken, hast du die Kunst gelernt, es zu verstärken!
    Der Alte steckte sein Buch in den Busen und stieg auf. Rinaldo sah ihn mit
zweifelhaften Blicken an. Die Pause war kurz.
    ALTER Gehabe dich wohl, mein Sohn? Lass die Kräfte, die in dir liegen, nicht
länger schlummern. Erwecke sie. Es bedarf eines Hauches und das Fünkchen wird
zur Flamme. - Leb' wohl!
    RINALDO Wohin gehst du?
    ALTER Woher ich gekommen bin. In die Gebirgstäler zurück, wo ich wohne.
    RINALDO Darf ich dich besuchen?
    ALTER Du bist gebeten.
    RINALDO Wie werde ich deine Wohnung finden?
    ALTER Du gehst dem Flusse nach. Dort im Gebirge wandeln meine Schüler
beständig umher, vertieft in das Studium der Natur. Sie werden dir meine Wohnung
zeigen. - Noch eins. Öffne den Kopf dieser Schlange. In ihrem Gehirne wirst du
einen kleinen, grünlichen Stein finden. Nimm ihn zu dir. Er schützt gegen
Vergiftungen. - Gott sei mit dir!
    Der Alte ging. Rinaldo sah ihm nach, bis die Berge ihn seinen Blicken
entzogen. - Er suchte und fand den bezeichneten Stein im Gehirn der Schlange und
ging nachdenkend ins Schloss zurück.
Man schien zu bemerken, dass Rinaldo jetzt noch nachdenkender als gewöhnlich sei.
- Laura bat ihn, nach der Abendtafel ihr einige Augenblicke auf ihrem Zimmer zu
schenken. Das geschah, sobald der Baron zur Ruhe war.
    Sie war allein und schien verlegen zu sein. Rinaldo wollte das nicht
bemerken. Das fiel ihr auf.
    SIE Ritter! Ihr seid seit einigen Tagen auffallend nachdenklich und
zerstreut, und heute mehr als jemals. Ihr bemerkt jetzt nicht einmal, dass ich
verlegen bin. Kennte ich den Grund Eurer Zerstreuung, so könnte ich vielleicht
jetzt noch verlegener sein, als ich es schon wirklich bin. - Indessen, es sei
gewagt! Ich bin ohne Furcht mit Euch allein und habe Euch etwas zu entdecken. -
Vorher nehme ich Eure Grossmut in Anspruch und bitte Euch, mir meine Entdeckung
zu verzeihen, und wenn sie auch sogar Euer Herz treffen sollte. - Ihr verzeiht
mir diesen Ausdruck! Ich kann mich irren; aber Euer Benehmen seit einigen Tagen
lässt mich vielleicht mit Entschuldigung Eure Hoffnung fürchten.
    ER Wenn Ihr mich Eures Vertrauens würdig glaubt, so entdeckt Euch mir.
    SIE Ich wage es.
    ER Ihr wagt nichts.
    SIE Wir wollen's hören. - - Ich liebe.
    ER Ist das Euer Geheimnis? - Konntet oder musstet Ihr es nicht für Euch
behalten?
    SIE Ich suche einen Vertrauten, der mein Geheimnis bei sich aufnimmt und es
gleich dem seinigen wohl aufbewahrt.
    ER Es ist verwahrt.
    SIE Hört mich weiter an. - Mein Vater hat Absichten, meine Hand zu vergeben,
das weiss ich gewiss. An wen, das weiss ich nicht. Aber sei er auch, wer er wolle,
den mir mein Vater zum Gemahl bestimmt, ich werde ihn nicht lieben können.
    ER Das könnt Ihr ja nicht wissen!
    SIE Ich weiss es gewiss. Denn den, den ich liebe, wird er mir nicht geben.
    ER Das ist die Frage.
    SIE Nein! das ist Gewissheit. - Der, den ich liebe, ist unter meinem Stande.
Er ist kein Edelmann.
    ER Denkt er edel und verdient die Liebe eines edlen Herzens, so ist er
zweifach zum Ritter geschlagen. - Darf ich wissen, wer er ist?
    SIE O ja! Ich fürchte mich nicht, ihn Euch zu nennen. Es ist meines Vaters
Sekretär.
    ER Soviel ich ihn kenne, scheint er ein braver Mann zu sein. Ich kann Eure
Liebe nicht missbilligen.
    SIE Nicht? Wirklich nicht? Auch dann nicht, wenn -
    ER Ich verstehe Euch! - Auch dann nicht, wenn ich der selbst sein sollte,
dem Euer Vater Eure Hand zugedacht hat.
    Die Seitentür sprang auf, der Sekretär trat in das Zimmer, ergriff Rinaldos
Hand, drückte sie an sein Herz und wollte sprechen, als ihn dieser Lauren sanft
in die Arme schob und schnell das Zimmer verliess.
Rinaldo schlief diese Nacht wenig und verliess mit Tagesanbruch das Schloss, die
Wohnung des geheimnisvollen Alten aufzusuchen. - Er ging an dem Flusse hinab,
kam in ein schmales Tal, das, zwischen Bergen hin, auf eine Ebene führte, die im
breiten Kreise mit steilen Anhöhen umkränzt war. - Vor ihm lag ein
Olivenwäldchen, durch welches ein gebahnter Weg gerade auf drei Marmorsäulen
zuführte, die mit Hieroglyphen geziert waren. Hinter den Säulen stand ein Altar
mit einem schönen Basrelief. Daran stand die Schrift:
                                LIKASARABTALAM.
Rinaldo war noch in das Anschauen dieser Schrift und der Figuren vertieft, als
er einen auf griechische Art weissgekleideten, langen, hagern Mann auf sich
zukommen sah, der einen Olivenkranz in den Haaren und ein hermetisches
Schlangenstäbchen in der Hand trug. Dieser grüsste ihn.
    »Sei willkommen, ehrenwerter Fremdling, der du gestern mit unserm erhabenen,
vielgeliebten Meister sprachst.«
    Rinaldo dankte ihm schweigend. Jener aber redete also fort:
    »Du betrachtest diese Figuren und diese Schrift so aufmerksam, dass ich deine
Wissbegierde in deinen Blicken lese. - Was diese Worte Lika Sarabtalam betrifft,
so geben sie den Namen Weltenschöpfer, eben das, was das Viracocha der Peruaner
bezeichnete. Die Figur aber, die du hier siehst, ist das Brustbild eines
Greises, des Schöpfers der Welten, des Ewigen, des Allerschaffers, die Einheit.
Die drei Flammen, welche sein Haupt umgeben, sind die symbolische Zahl der
Vollkommenheit. Seine Arme, die ausgestreckt Welt und Sonne in den Händen
halten, sind das symbolische Zeichen der ersten Zahl, die aus der Einheit
entsteht; die Zahl der Schöpfung, das Symbol der Produktion. Welt und Sonne
vereiniget eine Kette. Der Körper ist das Symbol der Harmonie; die himmlische
Lyra. Er ruht auf sieben Büchern, die die sieben Bücher der Geheimnisse der
Natur und mit sieben Siegeln verschlossen sind. Die vier Saiten des Instruments
sind das Symbol des Tetracordon, die Übereinstimmung der Harmonie, in der Zahl
4. Diese ist auch das Symbol der Richtigkeit der Dinge, als: des matematischen
Punkts, der Linie, des Plans und der Tiefe. Diese Hieroglyphe drückt die ganze
Natur aus, nämlich: die Wesenheit, die Beschaffenheit, die Vielheit und die
Bewegung der Dinge.«
    Rinaldo sah den Belehrenden mit grossen Augen an und wollte eben nach dem ihm
bekannten Alten fragen, als dieser selbst in eben der Tracht, wie er ihn gestern
gesehen hatte, erschien, ihn freundlich grüsste, ihm die Hand schüttelte und
sagte:
    »Wohl, mein Sohn! Das heisst Wort gehalten.«
    Er führte ihn hierauf mit sich fort durch blühende Fluren und sagte:
    »Dieses ist das Tal, welches ich bewohne. Es hat noch immer seinen ältesten
Namen, und man nennt mich davon in der Gegend: den Alten von Fronteja. Diese
Benennung ist auch mir so geläufig geworden, dass ich mich nun oft selbst so
nenne.«
    Wie diese Erklärung Rinaldo traf, kann man sich leicht denken, wenn man sich
an Olimpiens Brief und an die Nachricht erinnert, welche ihm der Marchese Romano
von dem Manne gab, mit welchem er so unvermutet bekannt geworden und jetzt im
Gespräch begriffen war. - In diesem Augenblick standen Olimpia, der Marchese und
der Kapitän vor seinen Augen. Er wusste nicht, ob er weiter mit dem Alten gehen,
oder ob er wieder zurückeilen sollte. Er fürchtete die genannten Personen
wirklich anzutreffen, sah sich verraten und erblickte in dem Weisen einen
Verräter. - Er wankte, folgte aber dennoch seinem Führer.
    Sie waren eben an einen kleinen Altar gekommen, als der Alte zwei Rosen von
einem Strauche brach, dieselben auf den Altar legte, seine Augen gen Himmel, und
laut seine Stimme erhob:
    »Ewiges Wesen! Ein Opfer der Freundschaft!« - Er wendete sich zu Rinaldo und
sagte: »Fremdling! hier bist du sicher.«
    »Was könnte ich fürchten?« - fragte Rinaldo mit etwas trotziger Stimme.
    »Die Menschen«, antwortete der Alte gelassen und ging unbefangen weiter
fort.
    »Menschen gibt es allentalben«, - sagte Rinaldo; »und ich habe nichts zu
fürchten, als was sie alle zu fürchten haben.«
    »Bei uns bist du, wie du gehört hast, unter Freunden«, fiel der Alte ein.
    Rinaldo ging, ohne ein Wort zu sprechen, weiter mit seinem Führer fort, und
dieser zeigte ihm seine Wohnung, die in einem sehr edlen und antiken Stile
erbaut war. - Auf den Bergen standen Klausen, in welchen, wie der Alte sagte,
Jünger von ihm wohnten, die sich besondern Betrachtungen und Untersuchungen
widmeten.
    »Ist die Anzahl deiner Jünger gross?« - fragte Rinaldo.
    »Dreimal sieben sind ihrer«, - war des Alten Antwort.
    Sie kamen in die bezeichnete Wohnung. Unter der Mittelhalle derselben
bewirtete der Alte seinen Gast mit einem guten Frühstück. Er selbst ass nur
einige Löffel Honig und etliche Stückchen dünn geschnittenes weisses Brot. Wein
trank er nicht, aber Milch.
    »Lebst du lange hier?« - fragte Rinaldo.
    »Nicht lange«, antwortete der Alte. - »Doch länger als ein Menschenalter.«
    Rinaldo sah ihn mit zweifelhaften Blicken an und fragte endlich: »Du hast
das gewöhnliche Menschenalter schon überschritten?«
    »Zweimal«, - war seine Antwort.
    Rinaldo sah ihn noch misstrauischer an. Jener aber blieb ganz unbefangen, und
als Rinaldo eben weiter fragen wollte, vernahm er weibliche, singende Stimmen
und sah ein paar verschleierte Frauenzimmer Hand in Hand vorübergehen.
    »Wer sind diese?« fragte er.
    »Es sind ein paar meiner Schülerinnen«, war des Alten Antwort.
    »Also leben auch Weiber hier?«
    »Jüngerinnen der Weisheit. Priesterinnen im Tempel der Natur und Wahrheit.«
    Rinaldo schwieg. Der Alte ersuchte ihn, ihm zu folgen. - Er kam in ein
einfaches Zimmer und fand hier ein Polsterlager, auf welches sich der Alte
niedersetzte, dessen Beispiel er folgte.
Der Alte nahm, als er sass, das Wort und sagte: »Von den ersten Zeiten meiner
Jugendjahre an war ich ein Freund und ernstlicher Nachforscher aller Mysterien,
und bis jetzt, muss ich sagen, ist es mir gelungen, die Mysterien aller Zeiten
und Völker zu entüllen.«
    Rinaldo sah ihn aufmerksam an. Der Alte fuhr fort: »Ich studierte die
emblematische Mytologie der Griechen und Ägypter, die Teogonie, Kosmogonie und
die religiösen Lehren der ältesten Völker. Ich studierte in dem Shestah der
Gentuser, im Zenda Vesta der Parsen, in der Edda der Isländer, im Chou-king und
Lyking der Chinesen. Ich entüllte die Wege der Kakosophia und Kakodämonia,
studierte die Antrosophia und wurde endlich, was ich noch bin, ein wahrer
Teosoph. Dieses Namens bediene ich mich auch gewöhnlich. - Du kannst denken,
dass Zeit dazu gehörte, alles dies zu leisten. Diese aber hat mir der Himmel
gewährt.«
    Hier machte der Teosoph eine Pause und sagte: »Freund, warum bist du aus
dem Schloss gegangen, ohne etwas davon zu sagen? Man ist dort unruhig über
deinen Weggang.«
    »Wer?« fragte Rinaldo rasch.
    Der Alte zeigte, ohne ein Wort zu sprechen, auf einen grossen, breiten
Spiegel, der in dem Zimmer hing und aus einer glänzenden Metallplatte bestand.
Rinaldo sah in den Spiegel und sah in demselben zu seinem grössten Erstaunen
Lauren und Lodovico leibhaftig vor sich. Die Bewegungen ihrer Hände und ihre
Gesichtszüge zeigten an, dass sie sich über etwas Angelegenes miteinander
unterhielten.
    »Ich höre sie sprechen«, sagte der Alte.
    »Sprechen?« fragte Rinaldo.
    »Du kannst sie nicht hören. Ich höre sie aber mit dem Ohre der Seele,
welches mir die Approximation ihrer Rede verschafft«, antwortete der Alte.
    »Was sprechen sie?«
    »Die Dame ist ängstlich über dein Verschwinden. Dein Diener meint, du
möchtest bloss eine Exkursion gemacht haben. Sie will sich bei dieser Erklärung
nicht beruhigen.«
    Rinaldo schwieg einige Augenblicke. Der Alte störte ihn nicht in seinem
Nachdenken. - Als Rinaldo seine Augen wieder auf den Spiegel warf, sah er in
demselben Lauren auf ihrem Zimmer und den Sekretär in ihren Armen. Er wendete
sein Gesicht von dieser Szene und sagte:
    »Freund, du bist ein grosser Mann!«
    »Auch du kannst werden, was ich bin«, - sagte der Alte. - »Ich bin nicht der
einzige dieser Art in der Welt.«
    Mit einem tiefen Seufzer fragte Rinaldo: »Kennst du mich?«
    »Warum sollte ich dich nicht kennen?« antwortete der Alte und zeigte auf den
Spiegel.
    Rinaldo sah hinein und erblickte sich in der Räubertracht, in den Apenninen
vor Donatos Klause. - Er fuhr heftig zusammen und fragte:
    »Kennst du auch diesen Donato?«
    »Warum nicht?« - fragte der Alte und zeigte wieder auf den Spiegel.
    Dort stand Donato und arbeitete in seinem Gärtchen.
    »Ich will dir noch einige Personen zeigen«, - fuhr der Alte fort, - »die du
auch kennst. Sieh in den Spiegel, sie sollen vorüber gehen.«
    Rinaldo sah in den Spiegel und erblickte den Prinz della Roccella, den Vater
der sanften Aurelia. Er ging in einem Buche lesend im Zimmer auf und ab. - Die
Szene verwandelte sich im Spiegel, und Rinaldo sah das Innere einer
Klosterzelle, in welcher Aurelia schlafend auf ihrem Bette lag. - Er seufzte und
schlug seine Augen nieder. Als er sie wieder erhob, sah er die Gräfin Martagno.
Sie sass in ihrer Gartenlaube und weinte. - Rinaldo seufzte stärker. - Die
Spiegelszene verwandelte sich. In einer wüsten Gegend wandelte eine Pilgerin. Es
war Rosalie.
    »Lebt sie noch?« schrie Rinaldo.
    »Sie lebt«, war des Alten Antwort.
    »Werde ich sie wieder sprechen?«
    Der Alte dachte nach und sagte:
    »Heute kann ich dir darauf noch nicht mit Gewissheit antworten.«
    Rinaldo schwieg. - Der Alte fragte:
    »Willst du mehrere deiner Bekannten sehen?«
    »Nein!« antwortete Rinaldo.
    Ein blauseidener Vorhang rollte herab und bedeckte den Spiegel.
    Rinaldo wiederholte:
    »Freund, du bist ein grosser Mann!«
    Der Alte lächelte und sagte:
    »Bloss Kunst der Magie. Auf dieser beruht mein Stolz nicht.«
    Nach einer kleinen Pause fuhr er fort:
    »Du sollst sehen, wie tief ich in die Nacht der Mysterien eindrang. Ich will
dir alle Grade der berühmten Krata Repoa zeigen, die Ägyptens Heiligtum
verhüllte. Ich habe sie entschleiert. Meine Jünger und Jüngerinnen sollen das
Schauspiel aufführen, das ich dir geben will. Es dient zur Unterhaltung und zum
Nachdenken.«
Als er das gesagt hatte, stand er auf, nahm Rinaldo bei der Hand und führte ihn
in einen schönen Saal, dessen Wände mit Symbolen der Götter aller Nationen
bemalt waren. Verschiedene allegorische Statuen standen an den Seiten der
Fenster. Der Saal hatte eine Galerie und ein schönes Deckenstück, welches Ödips
Lösung des Sphinginischen Rätsels darstellte.
    In einem Seitenzimmer ertönte eine sanfte Musik, begleitet von weiblichen
Stimmen. - Der Alte ging mit Rinaldo schweigend im Saale auf und ab. - Als die
Musik schwieg, sagte der Alte:
    »Der Mensch besteht aus Körper und Seele. Beide wollen vergnügt und ergötzt
sein. Ich gönne jedem auf erlaubte Art, was er verlangt. Harmonie ist die Kette
aller Wesen, der Gang des Universums. Du wirst wissen, was man von der
Sphärenmusik geschrieben hat? - Ich liebe Musik und Gesang. Beides liegt in uns.
Wir geben und nehmen, wir schenken und empfangen es gern. Die höchsten
Freudenausdrücke sind eine gar angenehme Musik für das Ohr des Kenners. Das
Leiden hat auch seine Töne für akkordmässig gestimmte Herzen.«
    Als er das sagte, wurde eine Tafel in den Saal getragen, die mit mancherlei
Speisen und Getränken besetzt war. - Der Alte nötigte Rinaldo, etwas zu sich zu
nehmen. Er selbst ass nur einige dünne Scheiben weisses Brot, ein paar Löffel
Honig, eine Ananas, und trank Milch.
    Als die Tafel wieder abgetragen wurde, nahm der sogenannte Teosoph seinen
Gast bei der Hand und führte ihn in einen zweiten Saal, an dessen schwarz
marmornen Gesimsen mit goldenen Buchstaben die Inschrift prangte:
                                  KRATA REPOA.
»Hier sollst du«, - sagte er, - »das dir versprochene Schauspiel der Krata Repoa
sehen!« - und liess sich auf ein Polsterlager nieder. - Rinaldo folgte seinem
Beispiel.
 
                                 Sechstes Buch
 Man sucht die Ruh, sie nie zu finden,
 Man findet sie, geniesst sie nicht;
 Der Hoffnung hellste Sterne schwinden,
 Die Dämm'rung wird dann Sternenlicht.
Rinaldo empfing von dem Alten einen kleinen Vorbericht über die Geheimnisse der
Ägyptischen Mysterien und sah dann ein ebenso merkwürdiges als glänzendes
Schauspiel aufführen, in welchem der Einzuweihende alle sieben Grade der Krata
Repoa mit der grössten Feierlichkeit durchging. Er sah ihn unter Blitz und Donner
die heilige Leiter der sieben Sprossen ersteigen, hörte die Rede des
Hierophanten, sah das Tor der Menschen und die schwarze Kammer, die
Versuchungsszene der schönen Priesterinnen, denen der Einzuweihende widerstand,
die Wasserszene und die Schlangenkammer, den Greif und die Säulen. Er sah den
Eingeweihten durch das Tor des Todes gehen, sah ihn die Krone ausschlagen, sah
ihn im Orkus und hörte, welche Lehren ihm gegeben wurden. Seinen Augen stellte
sich die Schlacht der Schatten dar, die Höhle des Feindes und das gemordete
Frauenzimmer. Er sah den Kampf mit Orus und Typhon und die grosse Feuerprobe. Er
erblickte den Eingeweihten vor der Pforte der Götter, sah den Priestertanz, der
den Lauf der Gestirne bezeichnete, sah dem Eingeweihten den Trank Oimellas
reichen und erblickte das Ende seiner Proben und seine förmliche feierliche
Aufnahme in das grosse Heiligtum.
    Die Darstellung dieses Schauspiels hatte sehr lange gedauert. Rinaldo wurde
wieder mit Trank und Speisen bewirtet, und als er diese genossen hatte, sagte
der Alte zu ihm:
    »Jetzt, mein Freund! gehe auf das Schloss zurück, welches du verlassen hast,
wo diese Nacht deine Gegenwart nötig sein wird. Gedenke deines Freundes zu
Fronteja und bewege, was du gesehen und gehört hast, wohl in deinem Herzen.«
    Rinaldo ging in das Schloss zurück und vernichtete durch seine Ankunft alle
Ängstlichkeit, die seine Abwesenheit verursacht hatte.
Es war gegen Mitternacht, und noch floh der Schlaf Rinaldos Augen, als auf
einmal ein schreckliches Getümmel im Schloss entstand. Er hörte Schwerter
klirren, die Hunde bellten, ein lautes Geschrei ertönte aus dem Schlosshofe
herauf, und endlich fielen Schüsse.
    Rinaldo sprang vom Lager, warf einen Überrock über, steckte seine Pistolen
zu sich, ergriff den Säbel und eilte auf den Saal. Hier standen Laura und ihr
Vater, blass und zitternd; die Zofen hielten Lichter in den bebenden Händen; von
unten herauf wogte das Getümmel des Waffengeklirrs, und Schüsse fielen lauter
und schneller.
    »Was gibt es?« fragte Rinaldo.
    »Das Schloss ist von Räubern überfallen worden!« - stammelte ein verwundeter
Diener. - »Wir sind zu schwach zu widerstehen, und einige meiner Kameraden
liegen schon tot darnieder gestreckt.«
    Jetzt stürzte Lodovico mit gezogenem Säbel herbei und schrie: »Lasst uns den
Eingang des Saals verteidigen!«
    Rinaldo flog an die Saaltür. Die Räuber drängten sich schon frohlockend die
breite Marmortreppe herauf.
    »Haltet an!« - schrie ihnen Rinaldo mit donnernder Stimme entgegen. - »Sagt,
wer ihr seid und was ihr wollt?«
    »Wer hat uns hier zu gebieten?« fragte einer aus der Schar.
    »Ich«, - antwortete Rinaldo.
    »Aha! über den gebietenden Junker! Gehe er vom Platze, oder es kostet sein
Leben.«
    »Haltet an! sage ich euch, und seht zu, mit wem ihr es zu tun habt.«
    »Zurück! und kein Wort weiter verloren.«
    »Haltet an! und lasst mit meinem Namen euch nicht zu Boden schmettern.«
    Die Räuber lachten laut auf. Einer antwortete: »Männer, die eure Schwerter
nicht fürchten, verlachen eure Namen.«
    »Den meinigen gewiss nicht.«
    Sie lachten wieder und schrien: »Vorwärts!«
    Rinaldo rief ihnen mit erschütternder Kommandostimme zu: »Haltet an! das
gebietet euch Rinaldini.«
    Die Schar stand betroffen. Endlich sagte einer:
    »Bursche! entweihe diesen berühmten Namen nicht. Ich diente unter Rinaldini
und kenne ihn.«
    »Wenn du ihn kennst, so tritt näher und gebiete deinen Kameraden
einzuhalten.«
    Rinaldo trat von der Tür in die Mitte des Saals zurück und nahm einer Zofe
das Licht aus der Hand. - Lodovico flog auf seinen Wink auf die andere Zofe zu,
nahm ihr das Licht und zündete die Kerzen der Wandleuchter des Saals an.
    Die Szene wurde hell. - Rinaldo blieb in seiner Stellung. Der Baron und
Laura erwarteten zitternd, was geschehen würde.
    Der eine, der sich vermass, Rinaldini zu kennen, bat seine Kameraden, jetzt
ruhig zu sein. Diese drängten sich zur Tür. Er ging mit ungewissen Schritten auf
Rinaldo zu, blieb stehen, sah ihn fest an, legte seinen Säbel nieder und sprach:
    »Grosser Hauptmann! Ich beuge meine Knie. Du bist es. Du bist Rinaldini, mein
berühmter Hauptmann.«
    Alsobald jauchzte laut auf die ganze Schar:
    »Viva Rinaldini!«
»Ich kann« - sagte Rinaldo, - »euern Freudengruss nicht eher erwidern oder
annehmen, als bis ich euch folgsam finde.«
    »Fordere!« - schrien alle, - »Fordere, berühmter Hauptmann! Was wir dir zu
geben schuldig sind, wirst du empfangen.«
    »Nun dann«, - begann Rinaldo, - »so fordere ich von euch, dass ihr dieses
Schloss sogleich verlasst.«
    Nach dieser Forderung wurde es still. Endlich begann ein Gemurmel und
zuletzt trat einer aus der Schar hervor und sprach: »Wir haben kein Geld und
haben Mangel an Lebensmitteln. Deshalb haben wir das Wagestück unternommen, das
uns geglückt ist. Du weisst, berühmter Hauptmann, wozu die Not treiben kann. Aber
um dir zu zeigen, wie gross die Hochachtung ist, die wir für berühmte Männer
deinesgleichen haben, so wollen wir dieses Schloss verlassen, wenn du uns
versprichst, zu uns zu kommen und bei uns, wie ein Freund unter Freunden, zu
weilen. Schlägst du uns dies ab, so gehen wir nicht. So tapfer und berühmt du
auch bist, so wirst du doch wohl einsehen, dass Gewalt uns nicht von hier
vertreiben kann. Zähle uns selbst. Unserer sind achtzig, die das Schwert führen,
im Schloss. Wir fürchten den Tod nicht, und die Entschlossenheit ist unsere
Waffengefährtin. Dreissig unserer Kameraden stehen vor dem Schloss; sie sind des
Namens unserer Waffengesellen nicht unwert.«
    »Bist du« - fragte Rinaldo - »der Anführer dieser Tapfern?«
    »Der bin ich.«
    »Dein Name?«
    »Luigino.«
    »Gut dann! Tritt vor und rüste dich zum Kampfe. - Dir wird die Ehre, mit
Rinaldini zu fechten. - Besiegst du mich, so handle im Schloss nach Willkür;
nur empfehle ich dir Menschlichkeit. Liegst du unter, so ziehst du mit deinen
Leuten sogleich aus dem Schloss ab. Dieses sind des Kampfes Bedingungen.«
    Luigino sah ihn mit grossen Augen an und sagte:
    »Ich fechte nicht mit dir.«
    »So nenne ich dich im Angesicht deiner Leute einen feigen Beutelschneider!«
- schrie Rinaldo.
    »Bei Gott, Hauptmann! das bin ich nicht. Und das lasse ich mir auch selbst
von dir nicht sagen«, - antwortete Luigino und zog den Säbel.
    Rasch, wie vom Sturm ergriffen, sprang Laura auf, fiel Rinaldo in den Arm
und sprach:
    »Du darfst dich nicht schlagen. Für uns dein Leben auf dieses Spiel zu
stellen, hast du keinen Beruf. Wir wollen uns mit diesen Leuten abfinden und
ihnen geben, was sie brauchen und fordern. Ist es nicht schon genug, dass wir dir
unser Leben zu verdanken haben? Sollten wir auch noch unsern Wohltäter bluten
sehen?«
    »Geh, Luigino!« - sagte Rinaldo - »und erzähle, dass ein Mädchen dich um die
Ehre gebracht hat, dich mit Rinaldini zu messen. Ich erkenne dich für einen
tapferen Mann.«
    Luigino warf sein Schwert in die Scheide und sagte:
    »Wir ziehen ab.«
    »Nicht so!« - begann der Baron und holte eine Schatulle herbei.
    »Hier, nehmt dieses Reisegeld mit und kauft euch, was ihr braucht.«
    Rinaldo zog einen Ring vom Finger und sagte:
    »Luigino, trag diesen Ring mir zum Andenken.«
    Luigino nahm den Ring und fragte, fast weich:
    »Und du willst uns nicht besuchen?«
    »Ich will«, antwortete Rinaldo.
    Mit frohlockenden Donnerstimmen brüllte die Schar:
    »Viva Rinaldini.«
    »Lasst diesen Mann bei mir«, - fuhr Rinaldini fort, - »der in den Apenninen
mit mir gefochten hat. Er wird mich zu euch bringen.«
    Luigino wendete sich gegen ihn, schüttelte ihm die Hand und sagte: »Wackerer
Nero! der du unter Rinaldinis Anführung gefochten hast, bleib bei deinem
Hauptmann und bringe ihn bald zu uns.«
    Hierauf nahm er Rinaldos Hand, drückte sie an sein Herz und sagte:
    »Diese Augenblicke bleiben mir unvergesslich!«
    Dann drehte er sich herum, gab seinen Gesellen einen Wink. Im Sturm flogen
diese die Treppe hinab und zum Schloss hinaus. Luigino mit ihnen.
    Rinaldo gab Lodovico und Nero Winke, sich zu entfernen; eben das tat der
Baron gegen seine Leute. Rinaldo blieb mit ihm und Laura allein.
    »Ihr habt nun« - begann er, - »das grösste meiner Geheimnisse gehört; eine
Menge Menschen haben es mit Euch gehört, der Schleier ist gefallen, dies gibt
mir den Scheidebrief von Euch. Der verfolgte, geächtete Räuberhauptmann kann
nicht mehr ein Glied Eurer Familie sein, darf nicht mehr der Gegenstand Eurer
herzlichen Gastfreundschaft sein. Das verbieten euch Verhältnisse und Gesetze.
Die Nacht, die so manches verdeckt, verberge auch mich Euern Augen. Lebt wohl!
Ich ziehe von dannen.«
    »Eure Grossmut« - sagte der Baron, - »entlockte Euch Euer Geheimnis und
rettete uns vom Tode. Diese Nacht wird mir stets unvergesslich bleiben. Ich
beklage nichts mehr, als dass ich Euch nun muss scheiden sehen. - Ihr rettetet mir
zweimal das Leben, und ich bin Euer doppelter Schuldner. Wie soll, wie kann ich
bezahlen?«
    RINALDO Ihr könnt es.
    BARON So bin ich reicher, als ich glaube. Was ich kann, will ich auch. Ich
bezahle.
    RINALDO Gewährt mir eine Bitte.
    BARON Gewährt. - Wohl mir, dass ich mit Erfüllung einer Bitte bezahlen kann!
    RINALDO Gut. - So bitte ich, gebt Laura, Eurer Tochter, den Mann, den sie
liebt.
    BARON (erschrickt) Was ist das?
    RINALDO Ich habe Euer Wort.
    BARON (mit bebender Stimme) Ihr habt mein Wort, das ich nie gebrochen habe;
nehmt sie hin.
    RINALDO Ihr irrt Euch. Ich bin nicht der Mann ihres Herzens.
    BARON (froh) Wirklich hätte ich geirrt?
    RINALDO Gebt Ihr den Mann, den sie liebt. Haltet Wort!
    BARON Euer Schuldner zahlt. Ich halte Wort. Sie soll ihn haben.
    RINALDO Laura, ich scheide nun beruhigt. Ich weiss Euch glücklich.
    Laura fiel ihm um den Hals und dann ihrem Vater zu Füssen. Rinaldo verliess
den Saal, schickte den Sekretär hinauf, befahl zu satteln und ritt mit Lodovico
und Nero zum Schloss hinaus.
    Der Tag brach an. Die Sonne ging auf in all ihrer Pracht. Das Schloss des
Barons lag schon weit hinter den Reitern und war nicht mehr zu sehen. Rinaldo
stieg vom Pferde und warf sich unter einen Baum. - Lodovico und Nero taten in
einiger Entfernung, was ihr Hauptmann tat. Die Pferde gingen nach Futter.
    Rinaldo seufzte tief auf und sprach, wie er zu tun pflegte, wenn sein Herz
voll war, mit sich selbst:
    »Was andere meiner Faust und meinem Namen verdanken, wird mir zum Fluch. Ich
bin gebannt, geächtet; ich werde verfolgt und habe doch so manches Unglück schon
verhütet. - Aber Blut habe ich vergossen, auf meinen Namen ist geraubt und
geplündert worden. Wehe mir! Wie viele sind gefallen! Wie viele habe ich schon
in den Tod getrieben! - Ach! wer hätte mir das prophezeiend an meiner Wiege
gesungen? Was riss mich aus meinem stillen Tale, von dem Quell, der mich labte
und meine Ziegen in friedlicher Einöde tränkte? Wehe, wehe mir!«
    »Spricht der Hauptmann noch immer, wie sonst, mit sich selbst?« fragte Nero.
Lodovico bejahte es kopfnickend und winkte ihm, zu schweigen. Rinaldo sprach
weiter:
    »Soll ich denn nirgends Ruhe finden? Der Schiffer freut sich nach dem Sturme
des sichern Hafens und vergisst die Gefahren der Wellen, die ihn umschwebten; mir
aber lächelt kein freundlicher Port.«
    Nach einer langen Pause fragte er: »Nero! wie kamst du nach Sizilien?«
    »Als du mich nach Rom schicktest, Hauptmann«, - antwortete Nero, - »suchte
mich und Nicolo unser Cintio dort auf. Er nahm uns mit nach Kalabrien. Dort
bekam ich einst Händel mit einem meiner Kameraden und spaltete ihm den Schädel.
Weil Cintio diesen Menschen sehr liebte, wagte ich es nicht, ihm unter die
Augen zu kommen, und ging nach Sizilien. Hier hatte ich nichts zu leben und
ergriff mein altes Handwerk.«
    »Wo hauset Luigino?«
    »In den Gebirgen von Cerone.«
    »Haben wir weit dahin?«
    »Gegen Abend können wir dort sein.«
    »Führe mich hin.«
    Sie bestiegen die Pferde und trabten davon. In einem schlechten Dorfe
hielten sie Mittag, und ehe die Sonne unterging, waren sie in den Ceronischen
Bergen.
Sie waren kaum hundert Schritte weit geritten, als sie einen Hornstoss vernahmen,
dem bald ein zweiter, dann ein dritter folgten. Dies Signal gaben Luiginos
ausgestellte Wachen. - Bald erreichten sie ein Tal. Nero gab das Signal. Einige
zwanzig Banditen umringten sie, erhoben ein fürchterliches Freudengeschrei und
führten den willkommenen Gast unter einem jauchzenden:
    »Viva valoroso Rinaldini! valorosissimo Capitano del mondo!«
zu Luigino, der aus seinem Gezelte ihm entgegen sprang und Rinaldo vom Pferde
hob.
    Das Getümmel und die Freude, den berühmten Rinaldini bei sich zu sehen, war
unter der Bande sehr gross; und selbst Luigino fühlte sich hochgeehrt, dass der
berühmteste Räuberhauptmann seiner Zeit bei ihm, in seinem Gezelt und auf seinem
Lager schlief.
    Der Morgen brach an, als Luigino, der seinen Gast schon munter sah, sich
demselben mit einer Proposition näherte, welche die Frucht seiner nächtlichen
Überlegungen war. Sie bestand in nichts Geringerem als in dem Antrage, an seiner
Stelle das Kommando über seine Bande zu übernehmen und dieselbe, wie er sich
ausdrückte, »durch sich unsterblich zu machen«.
    »Freund!« - antwortete Rinaldo: - »Ich bin dir herzlich für dein
uneigennütziges Anerbieten verbunden, allein ich kann davon keinen Gebrauch
machen, weil ich fest entschlossen bin, Sizilien zu verlassen und mich in ein
anderes Land zu begeben, wo ich im Stillen das Ende meiner Tage erwarten will.«
    Umsonst bot Luigino seine ganze Beredsamkeit auf; Rinaldo blieb bei seinem
Vorsatz. Er blieb noch diesen Tag bei ihm und reiste den folgenden mit Lodovico
und Nero ab.
    Gegen Abend erreichten sie den Gastof eines Fleckens, von welchem derselbe
mehrere hundert Schritte entfernt an der Landstrasse lag.
    Der Wirt kam ihnen am Tore entgegen und sagte, sein Gastof sei so sehr mit
Menschen besetzt, dass er dem Herrn Kavalier schwerlich ein anständiges
Nachtlager anweisen könne. Noch dazu wären eben ein Herr und eine Dame mit ihren
Leuten angekommen, die nicht weitergehen wollten und das letzte Kämmerchen
seiner Wohnung in Beschlag genommen hätten.
    Rinaldo, der keine Lust hatte, weiterzureiten, erklärte, er wolle mit jedem
Plätzchen vorliebnehmen, das man ihm anweisen würde, und sprengte in den Hof.
Hier stieg er vom Pferde und warf seine Augen auf einen Wagen, der soeben
ausgespannt wurde, als er neben demselben mit Auspacken einiger Sachen
beschäftigt, - wer schildert sein Erstaunen? - die wohlbekannte Signora Olimpia
erblickte. - Noch hatte er sich nicht gefasst, als er an den Wagen, von der
anderen Seite her, den verrufenen Kapitän treten sah.
    Dieser hatte ihn nicht so bald erblickt, als er, gleich einem Wütenden, eine
Pistole aus dem Kutschenschlage zog und damit auf Rinaldo zustürzte, indem er
schrie:
    »Ha, Bandit! treffe ich dich endlich doch noch?«
    Er sprach's, gab Feuer, und seine Kugel streifte Rinaldos linke Achsel. -
Olimpia stürzte lautaufschreiend mit der Hälfte des Leibes in den Wagen zurück.
- Lodovico sah kaum, was geschah, als er seinen Karabiner anlegte, Feuer gab und
dem Kapitän den rechten Arm zerschmetterte.
    Dieser sank zu Boden und schrie aus Leibeskräften:
    »Schliesst das Tor! Im Namen des Königs, haltet diese Reiter fest! Rinaldini
ist mitten unter uns!«
    Auf dieses Geschrei kam alles in Aufruhr, der Wirt, seine Knechte, des
Kapitäns Bediente, einige Maultiertreiber, Packknechte, Fuhrleute und ein paar
Dragoner, die eben als Patrouille in dem Wirtshause lagen, brachen, bewaffnet
mit Peitschen, Knütteln, Hacken, Heugabeln und Säbeln auf Rinaldo und seine
Diener los.
    Ein Knecht lief nach dem Tore, um es zu sperren. Nero schoss ihn durch die
Gurgel und jagte im schärfsten Galopp zum offenen Tore hinaus.
    Rinaldo griff nach seinen Pistolen, fühlte sich aber schnell von hinten
angegriffen und war zu Boden geworfen, ehe er nur einen Schuss tun konnte. Ihrer
Sechse waren über ihn her, banden ihm die Füsse und knebelten seine Hände auf den
Rücken.
    Lodovico spaltete einem Bedienten des Kapitäns den Schädel und hackte dem
andern den halben Arm vom Leibe, bekam aber mit einer Heugabel einen Schlag über
den Kopf und taumelte zu Boden, wo es ihm wie seinem Herrn erging. - Er
knirschte mit den Zähnen, und ohnmächtige Wut verzerrte seine Gesichtszüge.
    Rinaldo sah ihn ernstaft an und sagte:
    »Pfui Lodovico! Warum gebärdest du dich so? Jeder Mensch hat sein Ziel.
Unsere Stunde hat endlich auch geschlagen.«
    »Das ist es nicht, was mich wütend macht!« - brüllte Lodovico. - »Aber das
ist es, dass eine Handvoll Lumpenkerle uns überwältigt hat und dass wir nicht,
Mann gegen Mann, im offenen Kampfe gefallen sind.«
    »So wollte es das Schicksal« - antwortete Rinaldo. - »Sei ruhig und
gelassen. Wir stehen ja noch nicht auf dem Schaffott. Sollen wir aber auch dort
unser Leben endigen, so können wir mit unserer Ohnmacht es doch nicht ändern.«
    Indessen hatte der Kapitän dem Wirt und den Dragonern die Gebundenen auf ihr
Gewissen empfohlen und ihnen den Preis genannt, den sie von der Regierung für
ihre Heldentaten erhalten würden. - Man beschloss also, die Gefangenen diese
Nacht hindurch vorsichtig zu bewachen und sie morgen im Triumph dem nächsten
Kriminalrichter zu überliefern. - Die Gebundenen wurden auf eine Kammer gebracht
und bekamen Wache.
    Den Kapitän trug man auf ein Lager und verband ihn, so gut man konnte, bis
ein Wundarzt kam. Olimpia war in einer grösseren Verlegenheit, als die Leser
vielleicht glauben.
    Indessen versammelte der Wirt alle die um sich her, die Anteil an dem Kampfe
und der Verhaftung der Räuber genommen hatten, und sagte:
    »Seht hierher auf den Tisch! Hier steht's von mir mit Kreide angeschrieben,
was ein jeder von uns auf seinen Anteil von dem Preise bekommt, den die
Regierung auf Rinaldinis Kopf gesetzt hat. Seht, und hier steht das Fazit. Es
trifft wie eine Kirchenrechnung. - Überdies haben wir bei dieser Gelegenheit
auch grossen Ruhm und hohe Ehre, ja, ich will sagen, den Dank und die
Ehrerbietung der ganzen Insel erfochten. Mein Gastof wird durch diesen Fang
ebenso berühmt werden als der Ort eines Schlachtfeldes, oder sonst ein Platz,
auf welchem etwas zum Besten des Staates vorgegangen ist. Gebt acht, was
geschieht!«
    »Aber« - fragte einer von den Maultiertreibern und schob die Mütze
bedenklich von dem rechten aufs linke Ohr; - »aber, wird nun Rinaldinis Bande
wohl einen Stein deines Gastofs auf dem andern lassen?«
    Der Wirt wurde verlegen und fragte ängstlich: »Hat er denn eine Bande?«
    »Narr!« - schrie der Maultiertreiber, - »das kannst du dir einbilden. Eine
Bande von Kerlen, die die ganze versammelte Hölle nicht fürchten. - Ich, an
deiner Stelle, hätte ihm alle Tore und Pforten geöffnet, dass er entkommen wär'.
Er hätte dir gewiss ein besseres Fazit gemacht, als dir nun seine Bande machen
wird.«
    »Gut!« - sagte der Wirt, - »so ziehe ich von hier weg. Mit dem Gelde, das
ich bekomme, kann ich allentalben Wirtschaft treiben.«
    »Daran tust du wohl!« - sagte der Maultiertreiber, - »denn die Rinaldinische
Kompanie macht dein Wirtshaus sicher der Erde gleich. dabei ist gar keine Zeit
zu verlieren. Ich fürchte, die Kerle sitzen morgen schon hier. - Ich sehe sie
schon hausen, plündern, sengen und brennen! Und wenn sie dich erwischen, so
ziehen sie dir sicher die Haut über die Ohren.«
    Der Wirt wollte eben antworten, als er zu der fremden Dame gerufen wurde. Er
eilte zu ihr. Olimpia zog ihn auf die Seite, sprechend:
    »Herr Wirt! Ihr seid ein glücklicher Mann, dass bei Euch der berühmte
Rinaldini seine Freiheit verloren hat. Aber das, was Ihr dabei verdient, würde
Euch wohl doppelt von ihm gegeben werden, fändet Ihr Mittel und Wege, ihn
entwischen zu lassen.«
    »Allerschönste Signora!« - antwortete der Wirt, - »das ist nun wohl keine
Möglichkeit. Ja, wenn die Teufelsdragoner nicht hier wären! - Und dann meine
Pflicht, meine Untertanenschuldigkeit!« -
    »Recht so!« - fiel Olimpia schnell ein. - »Ihr seid ein braver Mann! Ich
gestehe es Euch offenherzig, dass ich bloss Eure Denkungsart erforschen wollte.
Denn Ihr könnt doch wohl leicht denken, dass mir viel daran gelegen sein muss,
diesen Feind meines Bruders, des Kapitäns, bestraft zu wissen. Ich wollte nur
fühlen, ob meine Rache in guten Händen wäre. Sie ist es; und Ihr habt noch eine
Belohnung von mir selbst zu erwarten. Jetzt schlafe ich ruhig und weiss, dass ich
bei einem durchaus ehrlichen Manne übernachte.«
    Sie ging. - Der Wirt murmelte ihr nach: »Eine ausserordentlich brave Dame!«
    Rinaldo verlangte Wein und Speisen. Er erhielt, was er forderte. Lodovico
war wieder zu sich gekommen und war jetzt in eben dem Grade standhaft und
entschlossen geworden, als sein Herr missmutig und niedergeschlagen war. Sie
sprachen in ihrer rotwelschen Räubersprache miteinander, wovon die Wache kein
Wort verstand, unterhielten sich von ihrem Unglück und Zustand. - Rinaldo
eröffnete Lodovico, dass er willens sei, sich zu vergiften. Dieser riet ihm,
nicht zu rasch zu Werke zu gehen; er fange jetzt an, auf Hilfe zu hoffen.
    RINALDO Auf wessen Hilfe hoffst du?
    LODOVICO Das weiss ich selbst nicht, aber ich hoffe dennoch. Der Mut ist mir
ganz unvermutet gewachsen, und ich bin völlig überzeugt, dass wir jetzt noch
nicht sterben werden. Zum Vergiften habt Ihr noch Zeit. Und es ist im Grunde
ganz einerlei, ob man sich vom Gift die Eingeweide zerreissen lässt oder ob man
verbrannt wird. Schmerz ist Schmerz!
    RINALDO Wohl wahr!
    LODOVICO Dreierlei Dinge ärgern mich abscheulich. Erstens, dass ich den
Kapitän nicht durch den Schädel getroffen habe; zweitens, dass uns Packknechte,
Maultiertreiber und andere Lumpenkerle überwältigt haben, und drittens, dass uns
Nero, wie eine feige Memme, verlassen hat. - Hätten wir alle drei nebeneinander
gestanden und hätten den Rücken frei gehabt, das Lumpenvolk hätten den kürzeren
ziehen sollen, oder ich will ein Hundekopf sein!
So sprachen sie die Mitternacht herbei und entschlummerten endlich doch auf
ihrem Strohlager. - Ein Gepolter weckte sie. Sie fuhren auf, sahen ein paar
Menschen in ihrer Kammer, sahen Dolche blinken, und ihre Wache lag röchelnd am
Boden.
    »Was gibt es?« - fragte Rinaldini.
    »Ruhig, Hauptmann! Es gilt Eure Rettung!« - war die Antwort.
    »Bist du es, Nero?«
    »Ich bin es«, antwortete dieser. - »Das Haus ist umzingelt. Ich und ein
braver Kamerad sind hereingeschlichen. - Der Tag bricht an. Munter! auf! dass wir
Euch in Sicherheit bringen.«
    Damit machten sie sich über Rinaldos und Lodovicos Strickfesseln her,
zerschnitten sie und halfen ihnen auf die Beine.
    »Nero!« - sagte Lodovico, - »Ich habe dir Unrecht getan. Ich hielt dich für
eine Memme. Ich bitte dir alles ab, braver Kamerad!«
    »Aha!« - antwortete Nero, - »das habe ich vermutet. 's hat nichts zu sagen.
- Ich machte mich davon, traf auf Luiginos Vorposten-Corps, schickte einen davon
zu Luigino und liess ihm melden, was geschehen sei. Die andern acht nahm ich mit
mir. Wir stiegen über die Mauer, zum Fenster herein, und da sind wir. Ich wette
darauf, Luigino ist nun auch schon da.«
    »Nero! - Ich belohne dir und deinen Kameraden diesen Dienst gewiss
rechtschaffen!«
    »Nur fort und mit uns die Treppe hinab! Hier sind Waffen, wenn's etwa Lärm
gibt!«
    Sie schlichen hinab. Alles blieb still im Hause. - Im Hofe warteten die
andern. Sie zogen so viele Pferde und Maultiere aus dem Stalle, als sie habhaft
werden konnten, und da gab's Lärm. Im Gastofe wurden die Schlafenden munter;
man hörte Alarm rufen.
    Jetzt stieg vor dem Gastofe eine Rakete in die Luft.
    »Ha! das ist Luiginos Signal!«
    Nun waren die Kerle nicht mehr zu halten. Sechs Schüsse geschahen
aufeinander in die Stube, wo alles durcheinander lag, und drinnen gab's ein
fürchterliches Geheul.
    Auf die Schüsse wurde von aussen das Tor eingebrochen und Luiginos Bande
flutete in den Hof. - Da gab's Lärm auf allen Ecken, und die Pferdeställe waren
im Nu ausgeleert.
    Luigino, als er hörte, Rinaldini sei gerettet, eilte auf ihn zu, umarmte ihn
und gab sogleich das Zeichen zum Abzuge. Die Räuber schossen ihre Pistolen noch
gegen Stube, Stall und Mist ab und jagten mit der Beute davon. - Kaum waren sie
hundert Schritte geritten, als sie die Sturmglocken hörten. Sie sahen hinter
sich, und der Gastof stand in Flammen.
    Ein wildes Jauchzen durchtönte den zügellosen Haufen.
    Rinaldo fuhr's durch die Seele. Er verhüllte sein Gesicht und jagte dem
Gebirge zu.
Wachend, im Traume seiner Verhältnisse, lag Rinaldo auf seinem Lager unter einem
Gezelte. Der grösste Teil der Bande war auf Streifereien ausgezogen, mit ihr auch
Lodovico und Nero. Luigino nahte sich Rinaldo, sah ihn ein wenig an und sagte:
    »Hauptmann! Du siehst, dass du nicht für die Menschen ausser unserm Zirkel
taugst; die polizierte Welt ist kein Aufentalt mehr für dich; bleib in den
unwirtbaren Tälern, in Wäldern und Einöden, gefürchtet und geehrt an der Spitze
deiner Kameraden. Überlass dich nicht den Sorgen. Wie es ist, ist dein Los
gefallen.«
    RINALDO Ich fühle die Wahrheit deiner Worte nur allzu lebhaft!
    LUIGINO Das ist mir lieb! Ich erneuere hiermit meinen alten Vorschlag.
Übernimm das Kommando meiner Leute. Ich will als zweiter Befehlshaber unter dir
dienen.
    RINALDO Bei dir bleiben werde ich, aber Anführer deiner Leute kann ich nicht
werden. Doch rechne im Fall der Not auf mich, wie auf jeden der Deinigen.
    LUIGINO Nach deinem Willen! - Auf jeden Fall wird deine Anwesenheit grossen
Eindruck auf meine Leute machen. Sie werden sich alle für die Deinigen halten.
    Sie sprachen noch, als die Signale die Rückkehr einer Streifpartie mit Beute
verkündigten.
    Beinahe atemlos trat Lodovico in das Gezelt und sagte:
    »Hauptmann! wir haben einen herrlichen Fang getan, einen Fang, der dich
vergnügen wird. Der verdammte Hund, der Kapitän, und die schöne Olimpia sind uns
in die Hände gefallen.«
    Er sprach noch, als man beide gebunden in das Gezelt brachte, wobei der
ganze Haufe jubelte:
    »Viva valorosissimo Capitano Rinaldini!«
    Rinaldo fuhr zusammen, als er die Gebundenen erblickte. Olimpia sah ihn
einige Augenblicke schweigend und mit fragenden Blicken an, fiel dann vor ihm
nieder und sagte:
    »Ich überlasse mich deiner Gnade!«
    Rinaldo winkte ihr betroffen, aufzustehen, und antwortete:
    »Ich bin nicht der Anführer derer, die Euch beide zu Gefangenen gemacht
haben. Dieser, der neben mir steht, ist es; an ihn richtet Eure Bitten. Ich bin
nicht Euer Richter. - Aber da ich dir, grossmütige Freundin Olimpia, mein Leben
verdanke und dir meine Freiheit in Kalabrien schuldig bin, so bitte ich meinen
Freund Luigino, dir um meinetwillen die Freiheit zu schenken.«
    »Sie ist frei!« - rief Luigino.
    Sogleich wurde sie entfesselt. Luigino aber fuhr fort:
    »Was aber diesen sogenannten Kapitän betrifft, so führt ihn in die Höhle zur
Haft, bis ich mich durch Lodovico unterrichtet habe, was er alles gegen meinen
Freund, den grossen Rinaldini, getan hat.«
    Der Kapitän, der bisher unbeweglich gestanden hatte, erhob jetzt seine
Stimme und sprach: »Was ich gegen Rinaldini tat, würde jeder gute Staatsbürger
getan haben, der einen Gauner der ersten Grösse unter seinen Mitbürgern sah.«
    »Du bist strafbar«, - sagte Rinaldo, - »dass du diese deine Pflicht nicht
eher erfüllt hast. Sie war dir aber für Geld feil. - Deinetwegen konnten die
Staaten durch mich in Kontribution gesetzt werden, wie es mir beliebte, hätte
ich dir nur mich selbst, als ein gewisses Kapital, überlassen, als einen
Notpfennig, den du stets angreifen konntest, sobald es dir beliebte.« -
    »Wie würdest du, Mann, dem sogar seine Heldentaten feil waren«, - fiel der
Kapitän ein, - »wie würdest du an meiner Stelle gegen den Räuber Rinaldini
gehandelt haben?«
    »Nicht so wie du.«
    »Das gilt Erklärung und Beweise.«
    Rinaldo sah Luigino an und fragte: »Willst du mir auch diesen, deinen
Gefangenen, schenken?«
    Schnell antwortete Luigino: »Er ist dein«
    »Gut dann«, - fuhr Rinaldo fort, - »so gehe, du mein ewiger Verfolger, und
lerne mich kennen. Du bist frei, kannst gehen, wohin du willst, kannst sogar das
Vergnügen fort geniessen, mich von neuem zu verfolgen, zu verraten und sogar
endlich, - wie du sagst, nach deiner Pflicht, - mich der Obrigkeit zu
überliefern. - Der Himmel hat Pest, hat Feuer- und Wasserplagen gegen die
Menschen. Ich habe dich zu meiner Strafrute. Geh' und handle gegen mich, wie
dein Herz dir gebietet. - Ich will meinem Schicksal nicht vorgreifen, und du -
wirst dem deinigen auch nicht entgehen.«
    Als er dies gesagt hatte, verliess Rinaldo das Gezelt. - Der Kapitän sah keck
ihm nach. Luigino kommandierte ergrimmt:
    »Führt diesen After-Korsen mir aus dem Gesicht und aus dem Lager.« -
    Sogleich wurde Anstalt gemacht, diesen Befehl zu vollziehen. Trotzig folgte
der Kapitän. Luigino rief ihm nach:
    »Was Rinaldini tat, tut Luigino nicht. Nimm dich in acht, und mir komme
nicht in den Weg!«
    Er ging davon. - Olimpia blieb im Gezelt, bis Rinaldo dahin zurückkam.
    OLIMPIA Berühmter Rinaldini! Du, der Schrecken und die Furcht der
italienischen Staaten! Geächteter Mann! - Wie edel, wie gross hast du gehandelt.
    RINALDO Nicht in diesem Tone!
    OLIMPIA Sage mir die Wahrheit! Bist du wirklich nicht mehr Anführer dieser
Menschen?
    RINALDO Nein.
    OLIMPIA Lebst aber doch unter ihnen?
    RINALDO Das ist nicht meine Schuld. Ich soll, ich darf ja nicht in den Schoss
der polizierten Welt zurückkehren.
    OLIMPIA Tut dir das leid? O! bleib' in deinen Tälern, lebe zwischen Felsen
ruhig und zwänge dich nicht in die bangen Scheidewände der Convenienzen. Was du
dort findest, ist leicht zu entbehren. - O! dass es mir vergönnt sein möchte, zu
leben in stiller Einsamkeit!
    RINALDO Kannst du nicht in die Einsamkeit zu dem Alten von Fronteja gehen?
    OLIMPIA Du kennst ihn?
    RINALDO Wie wollte ich das sagen können? Gesehen, gesprochen habe ich ihn;
er hat mir vielerlei gesagt und gezeigt, ja, die Szenen der berühmten Krata
Repoa habe ich sogar mit angesehen; aber wie könnte ich mich vermessen, zu
sagen: ich kenne ihn? - Kennst du ihn?
    OLIMPIA Ich habe ihn nie gesprochen, nie gesehen und glaube doch, ihn zu
kennen.
    RINALDO Diesen feierlichen, geheimnisvollen, allumfassenden Scharlatan?
    OLIMPIA Er ist mehr als das. Die Kette, die er durch ganz Italien
geschlungen, über Meere gezogen hat, ist ein Kunstwerk, das den Meister lobt. Du
bist, seit du anfingst Aufsehen zu erregen, immer für ihn ein willkommenes
Augenmerk seines Wunsches gewesen. Du warst ein Glied für seine Kette, das er
suchte. Er fand dich, ehe du es glaubtest. Du warst sein, ehe ihr euch gesehen
hattet.
    RINALDO Was sprichst du?
    OLIMPIA Was ich weiss.
    Sie lächelte, als sie das sagte, so, wie die Zuverlässigkeit selbst lächeln
würde. Rinaldo heftete seine Blicke an den Boden. - Endlich fragte er:
    »Gehörte der Kapitän auch mit zu der Kette des Alten von Fronteja?«
    SIE Er war ein Abtrünniger. - Er lebte von Spekulationen, vom Spiele, von
magischen Tändeleien.
    ER Wie kamst du aber, und auch jetzt wieder, zu diesem Betrüger, den du als
einen solchen kanntest?
    SIE Ach! glaube mir; nur aus Geldmangel.
    ER Aber deine vornehmen Verbindungen -
    SIE Von der Notwendigkeit geknüpft, von der Laune zerrissen.
    ER Was gedenkst du nun zu tun?
    SIE Mich in deine Arme zu werfen, bei dir zu bleiben; mit dir allen
Gefahren, selbst dem Tode entgegenzugehen. An deiner Seite will ich stehen,
selbst fechten -
    ER Ich fechte nicht mehr. Meine Waffen will ich gegen Hacke und Spaten
vertauschen und ein Einsiedler werden.
    SIE So begleite ich dich in die Klause als deine Einsiedlerin. In meinen
Armen sollst du ruhen, wenn du des Tages Schwüle und Last getragen hast.
Erquicken will ich dich als eine sorgliche Wirtin mit Speis' und Trank, und in
unsrer Einsiedelei soll es nicht an stillen Freuden fehlen. Komm, lass uns
ziehen, mein Rinaldo, in die stille Freistätte des Glücks und der Ruhe. Nichts
soll mir schwer, nichts unbequem werden. Die Liebe zu dir trägt leicht, trägt
sicher und gern.
    ER Du schwärmst!
    SIE Ich bin ja bei dir, mein Lieber!
    Hier liessen sich recht gut einige psychologische Bemerkungen einstreuen. Ob
sie aber wohl gelesen, ob sie gefühlt würden werden! - Olimpia war das Weib, wie
sie sein wollte. Übrigens war sie ein schönes Weib und Rinaldo ein Mann voll
Kraft und Leidenschaft. So, liebenswürdig, stand er vor den Weibern: Ein
herrliches Rot strahlte von seinen Wangen; die hellsten braunen Augen lagen, wie
sanfte Sterne, in seinem Gesichte. Sein Gang war edel, fest und keck1. Über sein
ganzes Wesen und Benehmen war eine Haltung, Feinheit und Waglichkeit
ausgegossen, die ihm eben das gab, was Weibern gefallen kann.
Ein lautes Gespräch vor dem Gezelte brachte drinnen alles wieder in Ordnung.
    Luigino hatte Lebensart. Er liess auftragen, was Küche und Keller vermochten.
Keine Aufwartung machte das Mahl beschwerlich. Man blieb, ohne Zeugen, den
besten und gesuchtesten Gefühlen überlassen.
    Da sprang der Pfropf von einer Champagnerflasche mit lautem Knall und flog
der holden Donna gerade an die Stirn. Man lachte und - leerte die Flasche.
    »Man kommt« - sagte Olimpia, indem sie die Gläser füllte, - »bei süssen
Genüssen doch selten ungeneckt davon; das aber macht sie nur angenehmer,
reizender, sogar - begehrenswerter!«
    Nicht ohne Geräusch trat Luigino in das Gezelt und sagte:
    »Meine Leute haben eine Pilgerin aufgefangen, die Lodovico kennt.«
    »Das ist Rosalie!« schrie Rinaldo ahnend, sprang auf, stürzte aus dem
Gezelte und flog wirklich Rosalien in die Arme.
Die Freudenszene des Wiedersehens lässt sich nicht schildern. - Rosalie, jener
Blutnacht in Kalabrien entronnen, hatte lange in Einöden gelebt, war dann nach
Sizilien gegangen, wo sie in Pilgerkleidern die einsamen Täler durchstreifte und
endlich ihres Herzenswunsches gewährt wurde, des Wunsches, ihren Rinaldo
wiederzufinden. - Olimpia, als eine sehr gewandte Liebende, benahm sich bei der
Sache sehr klug, aber Rosalie konnte ihren Argwohn nicht verbergen. Sie gestand
Rinaldo, was sie fürchtete, und er suchte sie darüber, so gut er konnte, zu
beruhigen.
    Luigino stellte Betrachtungen an, und als er mit Rinaldo allein sprechen
konnte, nahm er sich die Freiheit, ihm seine Meinung zu sagen.
    LUIGINO Ich sehe, Hauptmann, dass das Gerücht wahr redete, wenn es dich als
einen erklärten Weiberfreund schilderte. Man hat dir also in diesem Punkte nicht
zuviel getan.
    RINALDO Vielleicht hat man es aber dennoch übertrieben.
    LUIGINO Das will ich nicht entscheiden. Ich halte mich an das, was ich sehe.
    RINALDO Und was denkst du dabei?
    LUIGINO Das will ich dir offenherzig sagen. Ich denke, dass es sich nicht für
dich schickt, deine Zeit mit Weibern zu vertändeln.
    RINALDO Bist du ein Weiberfeind?
    LUIGINO Das nicht. Aber meine Freundschaft gehört ihnen nur für einzelne
Augenblicke, in denen mich die Leidenschaft überrascht, die uns angeboren ist.
Damit ist aber alles bald abgetan. Wir beiden leben nun einmal in einer Lage, in
der wir einer Frau weder Haus noch Herd anweisen können. Unsere Kinder können
wir nicht grossziehen. Und wenn auch; wozu? Zu unserm Handwerk? - In die Welt
können wir sie nicht schicken. Sollen wir sie geradezu für Rabensteine erziehen?
Das wollen wir doch wohl nicht?
    RINALDO Lass uns also enden.
    LUIGINO Der Weiber wegen doch nicht? - Enden? - Wir?
    RINALDO Ich habe Schätze, die sicher vergraben liegen. Sie sind
wiederzufinden. Auf den Kanarischen Inseln lächelt ein herrliches Klima.
Reizende Täler, stille Auen laden uns dort ein. Nimm ein Weib und folge mir!
    LUIGINO Ich kann mich nicht dazu entschliessen. - Ich fürchte die Ruhe und in
der Ruhe mein erwachendes Gewissen. - Nicht auch du?
    RINALDO Ich öffne der Reue mein Herz. Ich höre ihre versöhnende Stimme und
folge ihrem Rufe.
    LUIGINO Und was kann sie tun? - Bereuen. - Kann sie aber auch ungeschehen
machen, was geschehen ist?
    RINALDO Sie kann vergüten.
    LUIGINO Lass ihr Kirchen und Altäre bauen, sie schenkt dir dennoch keine
sanften Träume. Der heitere Blick auf die entflohenen Tage deines Tatenlebens
wird dir von keiner Reue gegeben. Du hast dich berauscht; du erwachst, wehe dir!
Nur ein zweiter Rausch kann den ersten vertilgen. Sieh, das ist meine Meinung:
Rausch auf Rausch, bis es nichts mehr zu trinken gibt.
    RINALDO Ach, Luigino!
    LUIGINO Im Weine liegt Wahrheit. Höre meine Geschichte. - Ich bin von Geburt
ein Korse. Mein Vater war Gouverneur zu Bastia. Luigino ist nicht mein wahrer
Name. Mein Vater war ein rechtschaffener Mann; er liebte sein Vaterland und
hasste seine Unterdrücker, die Franzosen. Seine Gesinnungen blieben nicht
unbekannt. Der französische General beobachtete ihn genau. - In den Tälern von
Ajaccioli gab es einst einen Auflauf. Ein französischer Offizier war der Frau
eines Korsen zu nahe gekommen. Dieser erschlug den Nichtswürdigen. Der General
liess den Korsen binden und verurteilte ihn zum Tode. Die Korsen befreiten ihn
und ergriffen die Waffen. Mein Vater sollte den Auflauf stillen. Er war so
unvorsichtig, zu sagen: er führe die Waffen nur gegen die Feinde seines
Vaterlandes. Das brachte ihn ins Gefängnis. Der General liess ihn in dem
Gefängnis als Hochverräter erdrosseln. Meine Mutter nahm einen Eid von mir, den
Tod meines Vaters zu rächen, und stiess sich den Dolch in die Brust. - Dieser
Dolch blieb mein Vermächtnis. Mit eben diesem Dolch stiess ich den französischen
General nieder und entfloh in die Gebirge. Auf einem englischen Schiffe kam ich
aus Korsika nach Sizilien. Meine Güter waren eingezogen worden, mein Name ward
an den Pranger geschlagen. - Ich ergriff das Handwerk, das ich noch treibe. Dies
war Wahl und Plan. - Ich zähle jetzt etliche Neunzig, denen ich befehle. Sie
wissen zu fechten. Ihre Anzahl ist leicht zu vermehren. Schiffe sind zu kaufen.
- Rinaldini, du hast Schätze, lege sie gut an; erwirb dir den Segen einer
misshandelten Nation.
    RINALDO Luigino! Wohin soll das führen?
    LUIGINO Nach Korsika. Zerbrich mit mir die Ketten meines Vaterlandes!
Tausende fliegen uns zu, vereinigen sich mit uns, und dein jetzt so verrufener
Name glänzt dann gefeiert und hoch in den Jahrbüchern der Korsischen Geschichte.
- Dieses Glück können dir deine Liebschaften nicht geben; das Glück, der
Befreier einer unterdrückten, tapferen Nation zu sein. Jetzt irrst du unstet und
flüchtig aus einem Winkel in den andern, bist geächtet, verfolgt, dem geringsten
Missetäter gleich geachtet, der im Hohlwege mordet, und wenn du willst, kannst
du auf den Fittichen des Ruhmes emporsteigen zu dem Tempel der Unsterblichkeit.
Vergessen sind deine Räuberstreiche. Die ganze Welt spricht dann von deinen
glorreichen Taten. Münzen und Denkschriften, Ehrenbogen und Statuen verewigen
deinen Namen; deine Büste steht im Tempel des Nachruhms, dein Name in der Reihe
der Nationen-Retter. - Willst du enden, so ende so, und du endest beneidenswert
gross!
    RINALDINI Luigino, diesen Gedanken goss ein Gott in deine Seele.
    LUIGINO Rinaldo, fühlst du das?
    RINALDO Ja, Luigino, der Klang der zerbrochenen Sklavenketten deines
Vaterlandes wird unser Gewissen beruhigen, alle Vorwürfe werden vor der
angenehmen Harmonika zerbrochener Fesseln verstummen, und uns bricht ein neuer
Tag des Lebens mit der wiedergeborenen Freiheit von Korsika an.
    Marco erschien, lispelte Luigino etwas in die Ohren. Dieser sprang auf und
ging mit ihm davon.
    Rinaldo sah sich nach Rosalien um, und Olimpia kam auf ihn zu.
    »Es ist nicht richtig!«
    »Was ist nicht richtig?«
    »Man spricht von Soldaten, von einem Angriff, von Gegenwehr«, - antwortete
Olimpia.
    Rinaldo verliess sein Gezelt, ging hinaus, suchte Luigino und fand Rosalien
mit roten Augen unter einem Baume. Als sie Rinaldo kommen sah, suchte sie ihre
Tränen zu verbergen, aber das konnte ihr nicht gelingen.
    RINALDO Du hast geweint, Rosalie? Warum?
    ROSALIE Ich - - die Freude, dass - dass ich dich wiederhabe - dass ich bei dir
bin -
    ER Keine Verstellung, kein Vorgeben! Warum hast du geweint?
    SIE Ich weiss es selbst nicht recht. Ich dachte nur -
    ER Was dachtest du?
    SIE Ich dachte, wenn Rinaldo - Ach! ich bin ein Kind!
    ER Nur weiter!
    SIE Wenn er dich nicht mehr liebte -
    ER Warum dachtest du das?
    SIE Weil - Ich weiss es selbst nicht.
    ER Ich will alles wissen!
    SIE Die Signora -
    ER Soll dich nicht beunruhigen. - Ich liebe dich.
    SIE Ich liebe dich nur ganz allein, und - Rinaldo! heiss mich von dir gehen,
oder sag' das der Signora. In ihrer Gesellschaft bleibe ich nicht hier.
    ER Kleiner Trotzkopf!
    SIE Ich liebe dich.
    ER Wenn du gehst, wird Olimpia bleiben. Bleibst du, so geht sie. So wird's
wohl werden. Und wenn ich dich bitte, hierzubleiben, so ist das ebensogut, als
hiess ich die dir verhasste Signora gehen. Verlangst du mehr?
    SIE Deine Liebe allein und ungeteilt.
    ER Du kennst mich ja bei Teilungen. Habe ich je anders als grossmütig
gehandelt, wenn ich teilte?
    Lodovico sprang herbei und brachte die Nachricht, man vermute im Umfange von
einigen Stunden von Truppen eingeschlossen zu sein; Luigino visitiere eben die
Vorposten und verstärke die Kommandos bei den Eingängen in das Gebirgstal. -
Rinaldo ging mit Lodovico fort. Sie suchten Luigino auf und fanden ihn. Er
schien etwas verlegen zu sein. Rinaldo fragte ihn, was ihm sei?
    LUIGINO Ich habe soeben sichere Nachricht erhalten, dass wir umgeben sind.
    RINALDO Korse! kann dich das ängstigen?
    LUIGINO Das nicht, denn man kann sich durchschlagen, aber wenn ich bedenke,
dass vielleicht diese Nacht noch, nachdem wir einen so schönen Plan gemacht
haben, unserm Walten ein Ziel steckt. - Wir sind, sagt man, von 400 Mann
umschlossen.
    RINALDO Was denkst du zu tun?
    LUIGINO Ich erwarte den Angriff.
    RINALDO Mein Rat ist, dich an der südlichen Gebirgsseite durchzuschlagen, um
in die Berge von Larino zu kommen. Dort hast du Waldungen im Rücken und die
Bergkette auf der Seite.
    LUIGINO Ich bin es zufrieden, wenn du mit uns fechten willst.
    RINALDO Das werde ich. Lies unter deinen Leuten mir etwa sechszehn der
kühnsten aus. Ich nehme noch Nero und Lodovico zu mir. Wir alarmieren die
Truppen. Indessen schlägst du dich mit deinem ganzen Corps, mit Weibern und
Gepäck durch. Wir wollen dann den Weg zu euch schon finden.
    Sogleich gab Luigino Befehl, die Gezelte abzubrechen, das Gepäck
zusammenzubringen und Weiber und Kinder auf einen Trupp, in den Mittelpunkt des
Lagers, zu führen. Rinaldo erhielt die begehrten Wagehälse; jeder derselben war,
nebst Stilett und Säbel, mit einem Doppelrohr und zwei Paar Pistolen bewaffnet.
Lodovico und Nero fanden sich ein, und Rinaldo, der mit einem Händedruck von
Rosalien Abschied nahm, nachdem er sie Luiginos besonderer Aufsicht empfohlen
hatte, zog sich in den Gebirgspass, wo er die Vorposten einzog und sie zu dem
Hauptcorps schickte. Hier rückte er langsam vor, breitete sich über die Ebene
aus, und als die Dämmerung einbrach, gab er das Signal zum Angriff.
Das nächste feindliche Piket wurde umgangen, das zweite beinahe ganz
zusammengehauen, und nun gab's Alarm auf der ganzen Front.
    Jetzt hörten sie das Feuern im Gebirge, das immer weiter hin schwächer wurde
und endlich ganz verhallte. Daraus schlossen sie, es sei dem Corps gelungen,
sich den Weg zu öffnen.
    Rinaldo schlug sich rechts, um die Berge im Rücken zu behalten, und stiess
auf ein starkes Truppen-Kommando. Hier kam es zu einem Gefechte. Schon lagen
sechs Mann der Seinigen zu Boden gestreckt, als das Kommando wankte, noch
herzhafter angegriffen wurde und sich in völliger Unordnung endlich zurückzog.
Sie erbeuteten Pferde, und von zwölf Mann, die Rinaldo noch bei sich hatte,
wurden vier beritten gemacht. Rinaldo selbst bestieg auch eins von den
erbeuteten Pferden. - Nun zog er sich langsam gegen den Gebirgspass zurück. Hier
schickte er acht Mann in die Berge. Er selbst, Lodovico, Nero, Marco und
Mangato, alle beritten, suchten die Pläne und schwenkten sich links feldein, um
die Berge von Larino von der westlichen Seite zu erreichen.
    Sie waren ungefähr eine halbe Stunde weit geritten, als sie auf einen Trupp
von etwa dreissig Mann Soldaten stiessen. Hier galt kein Zögern. Sie setzten an,
brachen ein, kamen durch und trafen auf eine Kavallerie-Patrouille von acht
Mann. Es kam zu einem Gefechte. Zwei Dragoner stürzten von den Pferden, die
andern ritten davon. Nero und Mangato wurden verwundet.
    Jetzt vernahmen sie hinter sich ein Getümmel. Die von Rinaldo in das Gebirge
abgeschickten Kameraden hatten den Pass tiefer drinnen besetzt gefunden und zogen
sich in die Ebene. Hier fanden sie drei ihrer vom Haupt-Corps versprengten
Gesellen, zogen sie an sich, und Terlini, ein Kerl von Mut und Kopf, der sich an
ihre Spitze setzte, griff beherzt das Truppen-Kommando an, das Rinaldo im Rücken
hatte. Dieser hörte an den Büchsenschüssen, dass Kameraden im Gefecht waren,
sprengte mit den Seinigen herbei, kam dem Kommando in den Rücken, und bald war
es zersprengt. Von zehn Mann, die Terlini anführte, waren mit ihm selbst noch
zwei unverwundet. Sechs lagen tot, die andern tödlich blessiert auf dem Platze.
Terlini erhielt ein erbeutetes Pferd. Seine Gesellen, Romato und Bellione,
wurden von Lodovico und Marco mit auf ihre Rosse genommen, und der Trupp
verfolgte seinen Weg. Sie traten einige Stunden weit, als ein starkes nahes
Feuern sie nötigte, einen entgegengesetzten Weg einzuschlagen, und so erreichten
sie mit Tagesanbruch einen Forst. Tief in demselben sattelten sie bei einer
Quelle ab und überliessen sich der Ruhe.
Nach einer ziemlich langen Pause gab endlich Terlini Gelegenheit zu einer
Unterredung.
    RINALDO Was ist dir, Terlini? Du scheinst ungeduldig zu sein? - Worüber?
    TERLINI Ich bin ungeduldig, und bin es über unsere Ruhe.
    RINALDO Und wenn wir derselben auch gar nicht bedürften, so müssten wir sie
doch unsern Rossen gönnen, wenn wir haben wollen, dass sie uns weiter tragen
sollen.
    TERLINI Wir haben hier auch nichts zu leben.
    RINALDO Das vermisse ich selbst. Wir werden also, sobald es sein kann,
aufbrechen. Ich habe schon einen Plan entworfen, indessen möchte ich aber doch
über unser Fortkommen und über das, was nun zu tun sein möchte, auch eure
Meinung hören: denn daran zweifle ich gar nicht, dass ein jeder von euch im
stillen darüber nachgedacht haben wird. - Sprich also, Terlini! Was meinst du?
    TERLINI Ich meine ganz kurz, wir suchen in die Larinischen Berge zu kommen,
wo wir Luigino gewiss antreffen werden.
    BELLIONE Das ist auch meine Meinung.
    ROMATO Auch die meinige. Denn hier sind wir weder sicher noch stark genug,
uns halten zu können, da es uns noch dazu an Proviant und Munition fehlt.
    RINALDO Das wär' zu bekommen. - Was meint ihr andern?
    MARCO Ich habe keine Meinung als die deinige.
    MANGATO Mir ist alles recht. Geht hin, wohin ihr wollt, ich gehe mit. - Aber
am liebsten wär ich freilich wieder bei unsern Kameraden.
    NERO Es ist nur die Frage: ist der Weg in die Larinischen Berge offen oder
nicht?
    RINALDO Das ist es, was vor allen Dingen untersucht werden muss.
    LODOVICO Sicher ist er von Truppen besetzt.
    TERLINI Unserer sind acht Mann. -
    LODOVICO Über die Hälfte haben wir uns verschossen. Ich habe nur noch vier
Patronen.
    TERLINI Wir haben Fäuste und Säbel und sind beritten. Wir kommen durch.
    RINALDO Wenn's möglich ist, gewiss. Aber Unmöglichkeiten kann auch der
höchste Mut nicht erzwingen. Der Unserigen liegen viele, um nie wieder
aufzustehen. Sollen wir ihnen unser Leben hintennachwerfen?
    TERLINI Nun wohl, Hauptmann! so lass auch deine Meinung hören.
    RINALDO Meine Meinung ist: Du schleichst mit Bellione und Romato auf
Kundschaft aus. Eben das tun Marco und Mangato und suchen etwas Proviant zu
bekommen. Wir andern durchstöbern den Forst. Vor uns erheben sich die Trümmer
einer Burg mitten im Walde auf einem Hügel. Dort ist der Sammelplatz, wo wir
wieder zusammenkommen. - Dies ist meine Meinung. Gefällt sie euch nicht, so mag
jeder tun, was er will, denn ich habe kein Recht, unbedingten Gehorsam von euch
zu fordern. Ihr seid Luiginos Leute. Lodovico und Nero aber gehören mir an und
bleiben bei mir.
    TERLINI So fordere ich die andern auf, mit mir zu gehen. Wir haben Weiber
und Kinder bei Luigino.
    RINALDO Ihr habt euern freien Willen. - Geht ihr, so nehmt die Pferde mit
euch, uns sind sie hier zur Last.
    MARCO Ich gehe mit Terlini. Es ist mir aber doch ärgerlich, dass wir den
grossen Rinaldini hier ohne Schutz lassen sollen.
    RINALDO Ich habe Lodovico und Nero bei mir.
    MARCO Sollte dir hier ein Zufall zustossen, beim Teufel! Luigino würde uns
schön anlachen.
    RINALDO Seid ohne Sorge! - Wir werden uns bald wiedersehen.
    Es entstand eine Pause. Nach derselben gab Terlini Rinaldo die Hand und nahm
Abschied. Seinem Beispiele folgten Marco, Romato, Bellione und Margato. Sie
nahmen die Pferde mit sich, und Rinaldo blieb mit Lodovico und Nero zurück.
Schweigend bestieg Rinaldo den Hügel, auf welchem die Trümmer des zerfallenen
Schlosses lagen. Lodovico und Nero folgten ihm schweigend nach.
    »Ich sehe« - sagte Rinaldo, - »hier Fusstritte im Grase. Seid vorsichtig und
auf eurer Hut.«
    Sie näherten sich den Ruinen. Vögel flogen bei ihrer Annäherung auf, aber
eine menschliche Gestalt war nirgends zu sehen. - Sie kamen in einen grossen,
rund umbauten Hof, sahen Eingänge ohne Türen und fanden eine Wendeltreppe,
welche sie erstiegen. Sie führte bis in den zweiten Stock der Ruinen. Hier trat
Rinaldo auf einen mit Lorbeersträuchern umwachsenen Söller, die Gegend zu
überschauen. - Er übersah den Forst, blickte links in ein schönes Tal, sah
rechts Berge und - ach! sah in eine bekannte Gegend.
    »Lodovico!« - rief er aus, - »Kennst du die Gegend dort, rechts, noch?«
    LODOVICO Sie kommt mir sehr bekannt vor.
    RINALDO Sie ist es. - Siehst du dort jenes Schloss?
    LODOVICO Ja, beim Teufel! es ist das Schloss der guten Frau Gräfin von
Martagno.
    RINALDO Es ist es! - Ja! es ist Dianorens Schloss! O Lodovico! erinnerst du
dich noch des Schlosses?
    LODOVICO Ich werde mich ja noch des Schlosses erinnern! Dort ging's uns
wohl. Und wir konnten nicht bleiben.
    RINALDO Ach Lodovico! so ist es nun einmal, so wird es immer sein! Wir
dürfen nirgends bleiben, wo es uns wohl geht. Die Verfolgung kettet sich an
unsere Fersen. - Ach Dianora! Weilst du noch zwischen jenen Mauern? - Denkst du
an mich Unglücklichen? - Deine Lage? - O Gott! - Lodovico! du musst fort. Du musst
kundschaften. -
    LODOVICO Ich verstehe dich, Hauptmann, ohne dass du mir weiter ein Wort zu
sagen brauchst, ganz. Lass mich nur machen! Du sollst Nachrichten haben, so gut
sie nur zu haben sind. - Adio! Wir sehen uns bald wieder.
    Er eilte davon. Rinaldo blieb in tiefes Nachdenken versunken, bis ihn Nero
durch die Bemerkung, er sehe ein Haus im Walde, aus seinem Traume weckte.
    Rinaldo sah nach der bezeichneten Gegend, und sah das Haus, von welchem aber
nichts als das Dach zu sehen war. - Sogleich war er entschlossen, die Bewohner
des Hauses kennenzulernen, und verliess die Ruinen des Schlosses. Schweigend
folgte ihm Nero nach.
    Sie kamen auf einen freien Platz und waren kaum noch zehn Schritte von dem
Hause entfernt, als der Klang einer Guitarre ihren Fortschritten ein Ziel
setzte. Sie lauschten und hörten singen, konnten aber nichts genau, als die
Worte:
Und liebst du mich,
So lieb ich dich!
verstehen, die der Refrain jeder Stanze des gesungenen Liedchens waren.
    »Hier ist Saitenspiel und Sang«, - sagte Rinaldo; - »es ist die Rede von
Liebe. Hier haben wir nichts zu fürchten. Wo Fröhlichkeit und Liebe wandeln,
wohnt keine Hinterlist.«
    Er sprach's und ging auf das Haus zu.
    Nero folgte ihm ganz mechanisch, doch auf jeden schlimmen Fall bereit, das
Rohr in der Hand, mit gezogenem Hahne nach.
    Vor der Tür des Hauses sass ein Mensch in einem braunen Waldbrudergewand, der
kaum den unerwarteten Besuch erblickte, als er seine Guitarre aus der Hand warf,
einen Schritt vor sich sprang, dann stehenblieb, und ausrief:
    »Ist es möglich! - Täuschen mich meine Augen, oder ist es Wahrheit? Bist du
es wirklich? Sehe ich dich wieder?«
    »Diese Stimme!« - fiel Rinaldo ein - »Gütiger Himmel! Bist du es? Cintio,
bist du es wirklich?«
    »Ich bin es!« - schrie jener und flog in Rinaldos Umarmung.
    »Ja! beim Teufel! 's ist Cintio! - Da muss das Wetter dreinschlagen!« -
lachte Nero mit inniger Herzensfreude heraus.
    RINALDO O mein Freund! Mein Cintio! - Sehen wir uns wieder?
    CINTHIO Mein Wunsch ist erfüllt, der heisse Wunsch, dich, wenn du noch
lebtest, wiederzusehen. Jetzt drücke ich dich an meine Brust, und mein Herz
klopft dir freudig entgegen.
    NERO Ihr kennt mich doch auch noch, alter Kamerad?
    CINTHIO Ha! Nero? - Tausendmal willkommen!
    NERO Nun! 's freut mich herzlich, dass Ihr noch lebt, dass Ihr wohlauf seid
und singen und musizieren könnt!
    CINTHIO Herein in meine Wohnung! Becherklang feiere unser frohes
Wiedersehen.
    NERO Beim Teufel! so etwas fehlt uns. Wir haben gefastet wie Kartäuser.
Sie sassen am Tische, besetzt mit Butter, Käse, Brot und Wein, liessen sich es
trefflich schmecken und füllten und leerten die Gläser nach Herzenslust.
    dabei kam's zum Gespräch.
    RINALDO Wie kommst du aber hierher? In dieses Haus? - Hast du es selbst
gebaut?
    CINTHIO Höre an: Jener Mordnacht in Kalabrien entronnen, irrte ich in den
Gebirgen verwundet umher und kam endlich zu einem alten, guten Waldbruder, der
mich in seine Klause nahm und mich pflegte und wartete. Diesem braven Manne
entdeckte ich mich und liess mir so lange von ihm zureden, bis ich ihm versprach,
mein bisheriges Handwerk zu verlassen und in ein Kloster der strikten Observanz
zu gehen.
    RINALDO Lass mich lachen!
    CINTHIO Lache nicht. Halb und halb war es, und es wurde beinahe ganz mein
Ernst. - Mein Wohltäter gab mir Briefe an ein Kloster mit, und ich machte mich
auf den Weg.
    RINALDO Ich sehe dich im Geiste auf dem Wege und in dem Kloster!
    CINTHIO Dahin kam ich nicht. Das Unglück liess mich auf sechs unserer
Kameraden treffen, die sich gerettet hatten. Diese hatten sich in einen
gebirgigen Schlupfwinkel gesetzt, hatten noch fünf Herumstreicher an sich
gezogen und trieben ihr Werk, nach wie vor, auf alte Firma fort. - Ich liess mich
überreden, blieb bei ihnen und ging nicht ins Kloster. Die Wirtschaft ging auf
den alten Fuss fort. Ich zog mich tiefer ins Land hinab und schlug meine Residenz
in den Bergen von Girace auf. Hier hatte sich mein Corps bald vermehrt, und wir
waren schon wieder sechsundzwanzig Mann stark, als ich einen Hauptstreich auf
ein reiches Kloster ausführen wollte. Da kamen wir aber übel an.
    NERO Wetter!
    CINTHIO Ich weiss nicht, wie unser Plan hatte verraten werden können, oder
fügte es der Zufall so, genug! die Mönche hatten Miliz in der Nähe. Wir wurden
schlimm empfangen, und ich wurde beinahe gefangengenommen. Doch mein Glück liess
mich auch diesmal noch entkommen und führte mich sogar glücklich auf eine
Kornbarke, die nach Malta segelte. Mit dieser ging ich ab, und als wir in
Sizilien anlegten, ging ich davon und ins Land hinein. Ich fand etliche Kerle
unsers Schlags, wir vereinigten uns, setzten uns fest und trieben's im Kleinen,
wie wir's sonst im Grossen getrieben hatten. - Wir hatten ein artiges Häufchen
Geld zusammengeschlagen, als meine Burschen auf eine Teilung bestanden. Diese
ging vor sich. Nun nahmen sie Abschied von mir, sagten, sie hätten jetzt genug,
um ein ehrliches Geschäft anfangen zu können, und liessen mich allein. - Der
kleinen Buschklepperei überdrüssig, warf ich mich in Kleider und machte den
Reisenden. Aber meine Vorliebe zu Handwerksgegenden machte, dass ich alle
Schlupfwinkel aufsuchte, wo ich glaubte, vielleicht einmal wieder Leute meines
Schlages finden zu können. Da war ich einst so glücklich, zwei Säckchen mit
Goldstücken zu finden, die gewiss keinem armen Teufel gehört hatten, denn sie
waren mit einem grossen Wappen versiegelt. Diese eignete ich mir zu. - Kaum war
ich Besitzer dieses Schatzes, so fiel mir ein, mich der Ruhe zu überlassen.
    RINALDO Glücklicher Gedanke!
    CINTHIO Ich warf diese Kutte über und kam in ein Dorf, eine Stunde von hier
gelegen, wo ich mich an den Förster des Orts wendete und ihm mein Vorhaben, ein
Waldbruderleben zu führen, bekanntmachte. Dieser erzählte mir: sein verstorbener
Baron habe, drei Jahre vor seinem Tode, auch ein solches Leben aus Neigung
angefangen, habe sich ein Haus in den Forst gebaut und sei als Waldbruder
gestorben. Sein Sohn lebe in der Stadt, brauche immer Geld und werde mir das
Haus gewiss überlassen. - Das tat er auch, und ich kaufte es ihm ab. - Seht, so
bin ich zu dem Hause gekommen.
    RINALDO Aber wie kamst du zu einer Geliebten?
    CINTHIO Wer hat dir gesagt, dass ich eine Geliebte habe?
    RINALDO Dein Gesang.
    CINTHIO Aha! hat mich der verraten? Nun gut! Ja, ich habe eine Geliebte, ein
liebes, gutes Mädchen, das mich mit Milch, Brot, Eiern, Butter und andern
Lebensmitteln versorgt und alle drei Tage zu mir kommt. Es ist die Tochter des
Försters.
    NERO Am Ende gibt's wohl gar noch eine Heirat?
    CINTHIO Warum nicht?
    RINALDO Bravo Cintio! So gefällst du mir.
    CINTHIO Und so gefalle ich meinem Mädchen noch besser. Wir haben schon ein
Plänchen gemacht. Der Vater weiss um unsere Liebschaft und will mir seinen Dienst
abtreten, will in meine Wohnung ziehen, hier das Ende seiner Tage erwarten und
sein einziges Kind mit mir glücklich sehen.
    RINALDO Lass dich küssen! - Nimm und mache sie glücklich, Freund! - Wie heisst
sie?
    CINTHIO Eugenia.
    RINALDO Die Gläser gefüllt! Eugenia soll leben! - Du und Sie! - Euer Glück!
- Eure eheliche Liebe! - Mein Glück, wie das deinige, braver Cintio!
    CINTHIO Ich habe oft an dich gedacht. Als einen Toten habe ich dich beklagt,
aber deine Schwärmereien habe ich dann selbst mit deiner Asche geliebt, so wie
ich jetzt die meinigen liebe.
Ganz unvermutet fand sich Eugenia ein. Sie erstaunte, Gäste bei ihrem Liebhaber
zu finden. Dieser machte ihr dieselben als seine Freunde bekannt. Sie nahm
keinen besonderen Anteil an dieser Bekanntmachung und schien vielmehr über
irgend etwas in Verlegenheit zu sein. Cintio sah das und bat sie zu sprechen.
    CINTHIO Du brauchst meine Gäste nicht zu scheuen. Sie sind, wie ich schon
gesagt habe, meine Freunde. Und, Geheimnisse hast du doch wohl nicht?
    EUGENIA Geheimnisse habe ich nicht, aber - in grosser Verlegenheit bin ich.
    CINTHIO Was hast du? Weswegen bist du in Verlegenheit?
    EUGENIA Deinetwegen.
    CINTHIO Meinetwegen? - Was droht mir?
    EUGENIA Ach! man kann nicht wissen -
    CINTHIO Sprich. - Willst du mich auch ängstlich machen?
    EUGENIA Du wirst doch auch wohl von dem grossen Räuber, Rinaldini, gehört
haben? - Der ist bei uns, mitten im Lande.
    CINTHIO Unmöglich!
    EUGENIA Nein, nein! Es ist wahr. Er muss ein schrecklicher Mensch sein! - Die
Miliz hat seine Bande angegriffen. Sie sind noch im Gefecht. Nun sind auch
unsere Soldaten aufgeboten worden und die Jäger dazu. Da meint nun mein Vater,
du könntest dein Probestück ablegen und an seiner Stelle mit gegen die Räuber
ziehen. - Ich kenne dich. Du wirst's tun. Und das ist es, was mich so ängstlich
macht. - Du kannst erschossen werden. Und wenn sie dich nun tot in unser Haus
brächten. - Ach! das könnte ich nicht überleben.
    CINTHIO Also wünschest du, dein Vater möchte lieber selbst mit ausziehen?
Nicht wahr?
    EUGENIA Ja freilich?
    CINTHIO Der arme alte Mann! - Wenn sie ihn nun tot in sein Haus brächten? -
    EUGENIA Ach, heilige Mutter Gottes! das würde mir das Herz zerreissen. Aber
ich hätte doch dann dich noch. Wenn du aber umkommen solltest - mein Vater ist
alt -
    CINTHIO Ich dächte, ein anderer Liebhaber wär' weit leichter
wiederzubekommen als ein anderer Vater.
    EUGENIA Das wohl! Aber doch kein Cintio.
    CINTHIO Ich danke dir, liebe Eugenia, für deine Aufrichtigkeit. - Aber was
ist nun zu tun?
    EUGENIA O! der hässliche Kerl, Rinaldini.
    CINTHIO Er soll ein artiger Mann sein.
    EUGENIA Ei meinetwegen! Wenn er nur schon in der Luft hinge, dass du
hierbleiben könntest, da wär' er noch zehnmal artiger für mich.
    RINALDO Ich will einen Vorschlag tun. Statt Cintio schicke du mich gegen
Rinaldini, ich will ihn dir zum Hochzeitsgeschenk bringen.
    EUGENIA Behaltet ihn, wenn Ihr ihn kriegen könnt! Er wird teuer genug
bezahlt. Ich gönne Euch alles und mag nichts davon haben. Wenn ich meinen
Cintio behalte, habe ich Überfluss in allen Ecken.
    CINTHIO Gutes Mädchen!
    EUGENIA Cintio! stelle deinen Freund für dich, weil er Lust dazu hat.
    CINTHIO Dann wird er aber auch deines Vaters Dienst bekommen.
    EUGENIA Das ist auch wahr!
    CINTHIO Und was fangen wir dann an?
    EUGENIA Je nun! wir müssten zusehen, wie wir durchkämen. Wenn wir nur am
Leben bleiben, so hat es nichts zu sagen. Wir wollen uns schon rühren.
    CINTHIO Und was würden die Leute von mir denken und sagen? Ich sei ein
feiger Kerl. - Willst du einen solchen elenden Burschen zum Manne haben?
    EUGENIA Freilich wär' das auch schlimm! - Was ist also zu tun?
    CINTHIO Ich ziehe mit aus.
    Da fiel vor dem Hause ein Schuss. Sie fuhren erschrocken zusammen. Eugenia
schrie:
    »Heilige Jungfrau! mir sagt's mein Herz! Rinaldini ist hier.«
    Sie sank auf einen Stuhl, Cintio und seine Freunde griffen nach dem Gewehr.
 
                                    Fussnoten
1 Leontino Monte Bello. 1. T. S. 226.
 
                                 Siebentes Buch
 Der Laune Ball! Von allen Seiten
 Gedrängt, verfolgt und ohne Ruh!
 O! wie so manche Erdenleiden
 Wirft dir zum Dolch dein Schicksal zu!
Draussen blieb es nach dem Schusse still. Eugenia kam wieder zu sich. Cintio
trat in die Haustür. Die andern folgten ihm. Es war kein Mensch zu sehen und zu
hören. Sie umgingen das Haus und fanden keine Seele in der Nähe. - Als sie
wieder in das Haus zurückgehen wollten, vernahmen sie menschliche Stimmen in der
Entfernung. Sie verloren sich aber wieder, und alles blieb ruhig. Cintio
sendete Eugenien mit der Nachricht an ihren Vater zurück, er werde für ihn bei
dem Aufgebot gegen Rinaldini erscheinen. Eugenia verliess ihn, ziemlich unruhig.
    Nero wurde unter die Ruinen geschickt. Er sah sich vergebens nach Lodovico
um. Es wurde Abend, Nero kam zurück, und von Lodovico war nichts zu sehen und zu
hören.
    Nach einer beinahe ganz durchwachten Nacht ging Rinaldo selbst unter die
Ruinen, erstieg den Söller und blickte mit klopfendem Herzen rechts in die
Gegend, wo sein Herz und seine Gedanken waren.
    In majestätischer Pracht stieg die Sonne im Feuerglanze über die Berge
empor. Schon funkelten die metallenen Turmspitzen und Kreuze des Schlosses, auf
welchem seine Augen ruhten; der Nebel entfloh, lichter wurde das Tal. - Jetzt
schwamm die Sonne im blauen Äter unverschleiert einher. Wald und Tal erwachten
und tausend Kehlen frohlockten ihrer Erscheinung in frohem Morgengesange
entgegen. - Rinaldo senkte sein Haupt und stürzte nieder auf seine Knie,
überwältigt vom Gefühl, hingerissen von Andacht, Wehmut und Entzücken.
    »Wie ist mir?« - rief er aus. - »Was empfinde ich? Was schlägt mich zu Boden
und füllt mein Herz mit Wehmut? Deine reinen Strahlen, grosses Licht der Welt,
durchdringen mein Innerstes. - O! vernichte mich und lass mich anbetend hier
vergehen.«
    Nach einer langen Pause schlug er seine Augen auf, blickte gen Himmel und
seufzte. Tränen entströmten seinen Augen. Er sprach:
    »Unglücklicher! Hier liegst du in Wildnissen und Einöden, musst die Menschen
fürchten und fliehen das schöne Licht der Sonne. Alle deine Träume sind dahin,
und die schrecklichste Wirklichkeit hält dich in ehernen Banden. - O Rinaldo! du
kannst nicht glücklich enden!«
    Da rauschten Fusstritte durch die Büsche. Rinaldo sprang auf. Es fielen
Schüsse; er ergriff sein Gewehr. Er blickte hinab. Terlini und seine Kameraden
stürzten auf die Ruinen zu, Soldaten folgten den Fliehenden nach. In den Ruinen
kam es zum Gefecht. Die Klugheit verliess Rinaldo, er schoss hinab auf die
Soldaten. Diese vermehrten sich, Terlini und seine Gesellen wurden
zusammengehauen, und Rinaldo, von acht Mann, die die Ruinen erstiegen, in eine
Ecke gedrängt, musste sich ergeben. »Ich will des Todes sein!« schrie einer von
den Soldaten, - »wenn dieser Vogel nicht Rinaldini selbst ist.«
    »Bist du Rinaldini!« - fragte ein Offizier.
    Seiner sich selbst unbewusst, wie das in schlimmen Fällen oft der Vorsicht
selbst geht, antwortete Rinaldo seufzend:
    »Ich bin es.«
    Alsobald erhob sich ein lautes Frohlocken. Man band dem Gefangenen die Hände
und legte Schlingen an seine Füsse. Langsam ging der Marsch nach dem Ausgange des
Waldes zu. Jauchzend marschierten die Soldaten einher. Rinaldo hob kein Auge von
der Erde.
    Vor dem Walde lagerte man sich auf eine breite Ebene. - Der Offizier liess
Rinaldo Wein und Brot reichen. Er nahm wenig davon zu sich.
    »Aber«, - sagte der Offizier, - »so herzhaft warst du doch nicht, dich
selbst zu entleiben. Ich, an deiner Stelle, würde das gewiss getan haben: denn
wie schimpflich wird der Tod sein, der dich erwartet.«
    Rinaldo sah ihn düster an und antwortete kein Wort.
    »Der Kerl ist verstockt!« - schrien die Soldaten. - »Auf der Folterbank wird
er schon sprechen lernen.«
    Bei dem Worte Folterbank erbebte Rinaldo. Eine krampfartige Bewegung zuckte
wie ein elektrischer Schlag durch seine Nerven, sie war heftig, vermochte aber
nicht, seine Banden zu zerreissen. Er bat um einen Mantel, erhielt ihn, liess ihn
über sich werfen, verhüllte sein Gesicht, und seine Tränen fielen auf das Gras.
    »Endlich kommt sie, die Stunde meiner Auflösung«, - sprach er bei sich
selbst. - »Das Schattenspiel meines Lebens naht sich dem Ende. Fahre wohl,
Rinaldo! Deine Träume bleiben Träume. Du bist in Banden, und Korsika bleibt in
Fesseln. Hinauf, auf den Rabenstein, Rinaldo! dort ist dein Triumphbogen, dort
ist das Ziel deiner glänzenden Taten.«
    Einige Stunden darauf wurde er weitergeführt und, als er über Müdigkeit
klagte, auf einen Strohwagen gesetzt, der mit einer starken Eskorte versehen
wurde. So kam er gegen Abend zu Serdona an, sollte hier der Justiz übergeben und
den folgenden Tag nach Messina abgeführt werden.
Es war um Mitternacht, als die Tür seines Kerkers geöffnet wurde. Das Licht
einer Wachskerze strahlte ihm entgegen. Er richtete sich auf und sah - wer
schildert sein Erstaunen? - den Alten von Fronteja vor sich stehen.
    RINALDO Was sehe ich? - Dich? - Bist du es wirklich? - Der Weise von
Fronteja?
    DER ALTE Wie du mich kennst. - Ich komme als Freund zu dem Freunde; durch
meine Macht.
    RINALDO Kannst du Ketten brechen?
    DER ALTE Das kann ich.
    RINALDO So zerbrich die meinigen.
    DER ALTE Mit Bedingung, o ja! - Warum nicht?
    RINALDO Mit Bedingung? Wie verstehst du das?
    DER ALTE Ich bin eigennützig.
    RINALDO So bist du ein ganz gewöhnlicher Mensch.
    DER ALTE Nicht so sehr, wie du meinst. Mein Eigennutz ist verzeihlich, weil
er planmässig ist.
    RINALDO Was forderst du von mir als Lösegeld?
    DER ALTE Deine gänzliche Ergebung an mich und meine Forderungen.
    RINALDO Wahrlich, viel!
    DER ALTE Ich entziehe dich der Folter und dem Rade.
    RINALDO Sehr viel!
    DER ALTE Unerhört viel. Die Justiz treibt mit solchen Gefangenen, wie du
einer bist, kein Spiel. - Du bist, ohne meinen Beistand, gänzlich verloren. -
Hast du noch zu wählen?
    RINALDO Ich kann mich also nur dir oder den Raben übergeben.
    DER ALTE Du weisst sonderbar zu paaren! - Gute Nacht!
    RINALDO Einem Weisen ziemt es nicht, gegen einen Unglücklichen empfindlich
zu sein. Lass hören, wozu du meine Ergebung an dich und an deine Forderungen
forderst.
    DER ALTE Ich bestimme keine einzelnen Fälle. Wir handeln im Ganzen
miteinander. Du ergibst dich mir unbedingt, und ich rette dich aus dem Kerker
und vom Tode.
    RINALDO Ich bin keine Maschine. - Gute Nacht!
    DER ALTE Unzeitiger Stolz! Du bist seit Anbeginn deiner celebren Bahn nichts
als eine Maschine gewesen. - Freilich ohne es zu wissen, aber doch Maschine, und
zwar die meinige. - Du siehst mich verwunderungvoll an? - Ich wiederhole es, du
warst meine Maschine, schon längst, bist es noch und wirst es bleiben - so lange
ich will. Von mir und meinem Planen hängt auch jetzt dein Verderben oder deine
Rettung ab. Zwar deine Unglücksfälle waren nie mein Werk, aber ich wusste dich
immer wieder zu retten, wenn du dich gleich selbst oft verloren gabst.
    RINALDO Nun dann, du Hexenmeister! so entlass jetzt deinen gebannten Teufel.
    DER ALTE Das lasse ich wohl bleiben!
    RINALDO Ich mag, ich will dir nicht mehr dienen. Was geschehen ist, ist ohne
mein Wissen, ist ohne meinen Willen geschehen. Jetzt will ich frei sein, und
sollte es auch nur sein, um freiwillig sterben zu können.
    DER ALTE Auch das kannst du nicht. Dich richten Kriminalgesetze. dabei hast
du keinen Willen.
    RINALDO Ich kann den Atem zurückhalten und kann mich ersticken.
    DER ALTE Du kannst es versuchen. - Gute Nacht!
    RINALDO Noch eine Frage. - Wenn ich wirklich deine Maschine war, bin und
noch ferner sein soll, wenn du willst, warum forderst du von mir eine
ausdrückliche Ergebung an deine Forderungen? Wozu bedurftest du diese, da ich
ohnehin in deiner Gewalt, nur das Spielzeug deiner Laune war?
    DER ALTE Du kannst glauben, dass das nötig war, sonst würde es nicht
geschehen sein. Denn, dass ich wenigstens nicht viel einfältiger bin als du
selbst bist, kannst du denken.
    RINALDO Deine Klugheit habe ich nie in Zweifel gezogen, wohl aber die gute
Absicht deiner Sendung. Auch kann ich nicht leugnen, dass die Grösse und Gewalt
deiner Machtkraft mir verdächtig ist.
    DER ALTE Du kannst davon halten, was du willst. - Aber, wie glaubst du wohl,
dass ich durch deine Wachen bis hierher, durch Schlösser und Riegel in deinen
Kerker gekommen bin?
    RINALDO Durch Zauberei wahrlich nicht!
    DER ALTE Das habe ich auch nicht gesagt. Indessen - - Doch wozu so viele
Worte? Lass du dich jetzt auf einem armen Sünderkarren nach Messina führen. Dein
Aufzug wird dem Volke viel Spass und deinen vornehmen Bekannten dort grosse Freude
verschaffen! Ich wette darauf, eine gewisse Dianora -
    RINALDO Schweig, Barbar! Du spannst mich auf die Folter, ohne das Recht und
Gesetz dir das erlauben. Schaffe mich fort von hier, aber -
    DER ALTE Du weisst die Bedingung.
    RINALDO Ich will sterben.
    Er drehte sich gegen die Wand. Der Alte ging, und die Tür schloss sich
wieder.
    Rinaldo wurde des Morgens aus seinem Gefängnisse geholt, um weitergeführt zu
werden. Ein Offizier der Miliz übergab ihm, versteckt, ein Papier und nahm
dasselbe, als er es gelesen hatte, wieder zurück. - Rinaldo las:
    »Du hast die Probe überstanden. Zweifele nun nicht an dem Beistande Deines
bekannten Freundes.«
    Der Offizier entfernte sich, ohne ein Wort zu sprechen. Rinaldo aber wurde
auf einen bedeckten Wagen gebracht, der, mit starker Bedeckung versehen, ihn
weiterführen sollte.
    Sie reisten den ganzen Tag ohne Anstoss und kamen, als die Sonne sank, in ein
enges Tal, dessen Mitte sie kaum erreicht hatten, als einige Schüsse in der Nähe
von den Bergen herab auf Rinaldos Bedeckung fielen. Bald zeigten sich Menschen,
die mit einem wilden Geschrei auf die Miliz losbrachen. Das Gefecht wurde
lebhaft. Das enge Tal wurde mit Streitenden bedeckt. Die Schüsse fielen rasch
hintereinander, Säbel klirrten an Säbeln, und endlich wurden die Soldaten, die
nicht fielen, von dem Wagen, auf welchem Rinaldo sass, abgedrängt und entfernt.
Die Maultiere wurden angetrieben, der Wagen rollte schnell davon. Bald sprangen
einige mutige Burschen hinauf und lösten Rinaldos Banden. Zwei Ritter führten
ein lediges Pferd, hiessen Rinaldo aufsitzen, ihnen folgen, und jagten mit ihm
rasch davon.
Immer tiefer ging's in die Berge hinein. Der Mond ging auf und bestrahlte die
rauhen Pfade. Sie trabten, ohne ein Wort zu sprechen, noch immer rasch zu, bis
an einen mit Strauchwerk bewachsenen Platz, wo sie haltmachten, Rinaldo
absteigen hiessen, ihm ein Felleisen übergaben, sein Pferd bei dem Zügel nahmen
und ohne ein Wort zu sprechen davonjagten.
    Vergebens rief ihnen Rinaldo nach. Sie gaben keine Antwort und waren bald
seinen Augen entschwunden. Endlich verlor sich auch der Schall des Hufschlags
ihrer Rosse, und Rinaldo war in einer ihm unbekannten Einöde allein. - Er dachte
dem Abenteuer seiner Errettung nach, die er augenscheinlich dem Alten von
Fronteja zu verdanken hatte, nahm das ihm übergebene Felleisen auf den Arm und
wanderte weiter.
    Er war eine ziemliche Strecke gegangen, als er endlich den Schein eines
Lichtes gewahr wurde. Darauf wanderte er zu und kam zu der einsamen Wohnung
eines Klausners, aus welcher ihm der Bewohner derselben mit einer Laterne
entgegentrat.
    »Bist du da?« - rief er ihm entgegen und beleuchtete ihn. - »Ich wollte dir
eben entgegengehen.«
    »Kennst du mich?« fragte Rinaldo.
    »Der Alte von Fronteja lässt dich grüssen«, - antwortete jener: - »und ersucht
dich, bei mir zu übernachten. Daraus wirst du sehen, zu welcher Fahne ich
geschworen habe.«
    Rinaldo ging in die Klause, fand eine kleine Mahlzeit und ein gutes
Nachtlager.
    Gesprochen wurde zwischen ihm und seinem Wirte nichts. Rinaldo entschlief
bald, ziemlich ermüdet.
Als er erwachte, sah er den wohlbekannten Teosophen von Fronteja vor seinem
Lager, der in einem Buche las.
    DER ALTE Du hast lange geruht und, wie ich hoffe, wohl geschlafen;
wenigstens gewiss besser als in deinem vorigen Nachtquartier.
    RINALDO Wo bin ich?
    DER ALTE Unter Freunden, wo du so lange bleiben wirst, bis du ohne Gefahr
weiterreisen kannst.
    RINALDO Wohin soll ich reisen?
    DER ALTE Das muss überlegt werden. - Du hast eine Probe meiner Gewalt und
meiner Freundschaft erhalten, wie sie deine Standhaftigkeit verdient hat. - Du
bist frei und ungebunden, handle nach Einsicht und Belieben. Verlangst du aber
guten Rat, so soll er dir nicht fehlen. Doch wird er dir nicht aufgedrungen
werden. Es könnte leicht sein, dass du hier ein paar Wochen verweilen müsstest,
ehe du ohne Gefahr weitergehen könntest, deshalb hat man für Gesellschaft für
dich, in der Einöde, gesorgt.
    Er verliess, als er das gesagt hatte, die Kammer, und gleich darauf trat
Olimpia ein.
Sie breitete ihre Arme gegen ihn aus. - Er sah sie schweigend an.
    SIE Hast du keinen Gruss für deine Olimpia? Freust du dich nicht der Ankunft
einer Freundin, die sich freiwillig zu dir in eine Einöde verbannt?
    ER Ich bewundere das, was du tust.
    SIE Mit blosser Bewunderung speist man keine Freundin ab. Ich kann mehr als
das verlangen. - Du bist gerettet, geborgen und hast nicht einmal Dank für deine
Freunde?
    ER Ich danke Euch meine Rettung gewiss herzlich, aber - lebt Luigino?
    SIE Ich glaube gehört zu haben, dass er noch lebt. Aber wo, das weiss ich
nicht.
    ER Wo ist Rosalie?
    SIE Vermutlich noch bei Luigino. Ich habe darüber aber keine Gewissheit. Ist
sie nicht mehr bei Luigino, so hat er sie gewiss zu dem Alten von Fronteja
bringen lassen.
    ER Kennen sich diese, kennen sich Luigino und der Alte auch?
    SIE Warum nicht? Der Alte kennt uns alle.
    ER Aber, kennen wir ihn?
    SIE Wenigstens von Person.
    ER Ist er noch hier?
    SIE Er ist fort, als ich eintrat. Er weiss dich ja nun in guten Händen.
    ER Woher der Anteil, den er an einem Manne nimmt, den alle Menschen
verfolgen?
    SIE Daher, weil er verfolgt wird.
    ER Das ist es nicht allein.
    SIE Sei es mehr oder weniger, was kümmert uns das? Genug, dass wir unter
seinem mächtigen Schutze stehen.
    ER Ist er wirklich mächtig?
    SIE Hast du das nicht gestern noch selbst erfahren? Ohne seinen Beistand
warst du verloren.
    ER Das Leben ist mir verhasst. - Verdammt, ewig in Einöden und Wäldern
umherzukriechen, die Menschen zu fliehen, zu fürchten und mich selbst am meisten
zu hassen, kann mein Dasein mir nur zur Last und nie zur Freude werden.
    SIE Ist Sizilien die Welt? - In Korsikas fruchtbaren Auen -
    ER Woran erinnerst du mich? - O! dieser Traum -
    SIE Muss Wirklichkeit werden. In dir umarme ich den Befreier der Korsen!
    ER Ich bin es noch nicht.
    SIE Du musst, du wirst es werden! Luigino rechnet darauf, wir alle wünschen
eben das; deine bekannten und dir unbekannten Freunde rechnen wie wir. - Dein
mächtiger Beschützer, dein Freund, der Alte von Fronteja, rechnet auch darauf.
Er ist ein Korse, wie Luigino. - Und auch deine Olimpia ist eine Korsin.
    ER In Neapel warst du eine Genueserin.
    SIE Die Zeiten ändern sich. Jetzt bin ich, was ich wirklich bin, deine
zärtlichste Freundin und eine Korsin. Ich huldige dir als dem Befreier meines
Vaterlandes und als dem einzigen, wahren Besitzer meines Herzens. - Ich gehe
jetzt, unsere kleine Haushaltung einzurichten. Wir wollen keine Not leiden.
»So weit wär' ich denn endlich gekommen« - sprach Rinaldo mit sich selbst, als
er allein war: - »zu wissen, dass ich bei all meiner vermeinten Selbständigkeit
nur ein Werkzeug wahrer oder erdichteter Pläne listiger Menschen bin. Aber,
Geduld! auch sie sollen erfahren, was ich wirklich bin oder nicht. - Und doch,
was will ich tun? - Ist die Rolle, die sie mich wollen spielen lassen, nicht
ehrenvoll genug? Mein Untergang ist gewiss. Soll ich nicht lieber den Tod unter
den Waffen als am Hochgerichte suchen?« Olimpia unterbrach dieses
Selbstgespräch. Sie trug sehr geschäftig ein gutes Frühstück auf. So, wie sie
sich jetzt benahm, schien sie zu einer Haushälterin geboren zu sein. - Rinaldo
machte diese Bemerkung gegen sie. Sie lachte und antwortete nur, indem sie ging:
    »Lass es dir wohl schmecken.«
    Rinaldo liess sich das Frühstück wirklich schmecken. - Olimpia kam bald
zurück und leistete ihm Gesellschaft. Sie sprach von nichts als von
Haushaltungsgeschäften, so detailliert, dass Rinaldo selbst Kenntnisse bewundern
musste, die er nie bei ihr zu finden geglaubt hätte. Er suchte sie aber bald
wieder auf ihr voriges Gespräch zurückzubringen, und sie wiederholte nur, was
sie schon gesagt hatte. Dann wollte sie, wie sie sagte, Vorbereitungen zur
Mittagsmahlzeit zu machen, aus dem Zimmer gehen. Er hielt sie aber zurück und
fragte:
    »Soll denn die edle Korsin nichts weiter sein als Rinaldinis Köchin?«
    SIE Sie ist wohl mehr als dies. Sie wünscht dem Befreier ihres Vaterlandes
alles zu sein, und dazu gehört die Köchin und Haushälterin auch mit. Ich habe
bei diesen häuslichen Geschäften Prinzessinnen zu Vorbildern und schäme mich
keiner Arbeit, die ich aus so edlen Absichten übernehme. Wenn der Name Rinaldini
im Marmor prangt, schreibe ich den Namen seiner Köchin mit Kohle daneben und
setze dazu: diese hat ihn mit Speisen erhalten, damit er ihrem Vaterlande das
werden konnte, was er ihm wirklich wurde. Zwar dein Name steht dann fester als
der meinige auf der Säule des Ruhms, aber ich kann ihn erneuern, sooft ihn der
Regen verwischt hat. - Wenn aber meine Tränen einst auf den Hügel fallen
sollten, der deine Asche deckte, so würde ich den Himmel bitten: gib ihm, um den
ich weine, nicht nur meine Tränen, gib mich ihm ganz, wie ich ihm mich selbst
gegeben habe.
    ER Olimpia! diese Schwärmereien sind -
    SIE O! keine Antwort! so etwas will nicht beantwortet, es will gefühlt sein.
    ER Träume lassen kein Gefühl zurück.
    SIE Die Rückerinnerung.
    ER Auch jenseits des Grabhügels?
    SIE Das hoffe ich.
    ER Und weisst du gewiss, dass der meinige sich in Korsikas Tälern erheben wird?
    SIE Wo es auch sein mag, nur immer so spät als möglich; und kann es sein,
neben dem meinigen: denn ich gehe nicht wieder von dir, bis das Schicksal mich
von dir reisst. Mein Dasein ist an das deinige gekettet und ich kann sterben;
aber von dir gehen, dich verlassen kann ich nicht. Hier hast du mein Bekenntnis.
-
    ER Bei dem Alten von Fronteja, meinst du, sei Rosalie?
    SIE In Sicherheit ist sie gewiss, und in deinem Herzen ist sie auch, das weiss
ich. Daraus kann ich sie nicht vertreiben. Ich verlange aber auch dort nur den
zweiten Platz, die Stelle nach ihr. Meine Forderung wird stets ebenso billig
sein, als meine Liebe wahr und zärtlich ist. Sie ist keine Korsin, aber mein
Herz hat sich in meine Vaterlandsliebe gehüllt. Willst du es entüllen! Ich
widerstrebe nicht. Du sollst nicht von Schleiern hintergangen werden. Sieh und
finde es, wie es wirklich ist.
    Sie legte, als sie das sagte, ihren Kopf an seine Brust, umschlang ihn mit
beiden Armen und grosse Tropfen entstürzten ihren tränenschweren Augen. Es wurde
kein Wort gesprochen. Sie drückte ihn heftig an sich und ging schnell davon.
»Ja! so ist es!« - sagte Rinaldo zu sich selbst. - »Ein Spiel alter
Taschenspieler und listiger Weiber sollst du werden. Darauf ist es angelegt. Lass
sehen, Rinaldo, wie du dich halten wirst?«
    Er ging vor das Haus und überschaute die enge, begrenzte, wilde Gegend
seines Aufentaltes.
    Olimpia war in der Küche beschäftigt und sang bei ihrer Arbeit in starken
Pausen. Dies weckte Rinaldos Gesangsliebe. Er fand eine Guitarre, sein
Lieblingsinstrument, nahm sie, setzte sich vor die Tür seiner Wohnung, spielte
und sang:
Froh und heiter, unbeklommen,
Irrt' ich sonst durch Feld und Wald;
Und ein Sammelplatz der Leiden
Ist mir jetzt mein Aufentalt;
Mag ich durch die Felder wandern,
Such' ich einen kühlen Hain,
Überall, mit Gram und Kummer,
Bin ich, ohne Trost, allein.
Ruh und Freude lachten heiter
Mir in jedem Sonnenstrahl,
Und ich find' im Sonnenglanze
Jetzo nur ein Meer von Qual.
O! ihr frohen Morgenstunden,
O! du sanfter Abendstern,
Ach! ihr seid so schnell verschwunden,
Seid mir nun auf ewig fern!
An die Tage froher Freude
Knüpfte sich des Kummers Band.
Ach! es hat mich ganz umschlungen
Seit es mich als Jüngling fand.
Wahnsinn trieb mich in die Wälder,
Trieb mich in der Felsen Nacht,
Und auf blutbesprjetzten Pfaden
Hat mir nie ein Stern gelacht.
Was den müden Wandrer labet,
Was ihm lächelt und entzückt,
Hat, umlagert von Verbrechern,
Nie mein armes Herz erquickt.
Fittiche des Totenengels
Rauschten fürchterlich um mich,
Aber keines Westwinds Kühlen
Schlich um meine Locken sich.
Fiel ein holder Strahl der Sonne
Hier und da auf meinen Pfad,
Glänzt' er blutig mir entgegen,
Floh er eine Räubertat;
Und im sanften Mondenschimmer
Hört' ich keinen Grillensang,
Hört' ich nur das Mordgewimmer,
Das aus Klüften zu mir drang.
Ach! wohin bist du geflohen,
Meiner Jugend Heiterkeit?
Ach! wie schnell bist du entschwunden,
Meines Lebens Rosenzeit?
Einsam, traurig, und verachtet,
Weil ich, wo die Furcht mich deckt,
Wo kein Glanz der Morgensonne
Mich zu Lebensfreuden weckt.
»Rinaldo«, - sagte Olimpia, die herzugetreten war, indem sie die Hand auf seine
Schulter legte, - »Rinaldo, nie wieder ein solches Lied oder ich vergehe. -
Grausamer, wozu diese Selbstpeinigung?«
    »Sie ist meine Busse«, - antwortete Rinaldo.
    »Nein! sie ist dein Verderben!« - fuhr Olimpia fort. - »Sie nimmt dir Mut
und Kraft und macht dich zaghaft. In Gefahren wird dich dein Mut verlassen und
du wirst deinen Qualen eher als deinen Feinden unterliegen. Mit diesen
Empfindungen kannst du nicht an die Spitze der Korsen treten, und so, selbst
zermartert, wirst du den Kampf des Helden nie fechten.«
    »Ich verlange nur einen ehrlichen Tod!« - seufzte Rinaldo.
    »Armes Vaterland!« - stöhnte Olimpia und verliess ihn.
    Er blieb lange nachdenkend sitzen, stand endlich auf, nahm die Guitarre mit
sich, erkletterte einen Berg und warf sich unter einer hochbejahrten Fichte
nieder. Hier überschaute er die Gegend. Er wurde einen Menschen gewahr, der auf
das Tal zuging und sich endlich seiner Wohnung nahte. - Er ging in dieselbe, und
bald darauf trat Olimpia in die Haustür und rief Rinaldo. Dieser ging hinab und
fand einen Boten mit folgendem Briefe an sich.
    »Deine Freunde freuen sich deiner Errettung und verehren deinen Erretter.
Unsere Anzahl wächst täglich und Schiffe sind schon im Handel. Wir treffen uns
alle dort, wo dich Ruhm und Ehre und die Tapfersten ihres Vaterlandes erwarten.«
    Rinaldo wollte den Boten sprechen, und er war schon wieder fort. - Bald
darauf lud ihn Olimpia zum Mittagsmahl ein. Die Mahlzeit war klein, aber gut,
und herrlicher Wein strömte in die Becher.
Drei Tage entflohen in dieser Einsamkeit Rinaldo im dumpfen Unbewusstsein seiner
selbst; Olimpia schien ihn mehr bemerken als stören zu wollen. Sie schrieb
Briefe. Rinaldo war nicht neugierig, sie zu lesen, ob sie gleich oft offen,
vielleicht absichtlich, vor seinen Augen lagen. Sie erhielt Briefe durch einen
Boten, dem sie die ihrigen mitgab. Rinaldo verlor kein Wort an den Boten.
    Den vierten Tag gegen Abend sassen die Hüttenbewohner vor der Haustür still
und stumm, wie ein paar verstimmte Eheleute, nebeneinander, als eine menschliche
Figur das Tal herauf auf ihre Wohnung zukam. Sie kam näher, trat dreist herzu
und grüsste sie mit den Worten:
    »Friede sei mit euch! im Namen des Alten von Fronteja, dessen Jünger einer
ich bin.«
    Es war ein hübscher Bursch, der das sagte und zugleich Olimpia einen Brief
überreichte. Indes sie las, fragte Rinaldo:
    »Wie befindet sich dein Meister?«
    »Wie immer ist er wohl und auf das Glück seiner Freunde bedacht« - war die
Antwort.
    Olimpia hatte gelesen. Der Jünger des Alten von Fronteja klagte Durst,
Hunger und Müdigkeit. Sie trug sogleich Speise und Trank auf und wies dem Gaste
alsdann ein Nachtlager an.
    Rinaldo sass noch vor der Haustür und hatte sich in Betrachtungen am
Firmament verloren, als Olimpia wieder zu ihm trat. Es kam jetzt zum Gespräch.
    SIE Soeben erhalte ich Nachricht, dass Freunde aus Korsika bei unserm Freunde
in Fronteja angekommen sind. Sie brennen vor Begierde, dich kennenzulernen, und
werden uns in einigen Tagen besuchen. Ich sage dir das mit besonderer Freude,
denn mein Bruder ist mit unter den Korsen, die gekommen sind und uns besuchen
werden. - Luigino hat sich wieder verstärkt und hat eine vorteilhafte Position
genommen. Binnen drei Wochen werden für uns vier Fregatten segelfertig sein.
Alles lässt sich erwünscht an, und nur der kühne Rinaldo, auf den die Blicke der
Erwartung gerichtet sind, ist nicht, wie er sein sollte. Er ist zurückhaltend,
in sich selbst verloren. -
    ER Da, wo er sich braucht, wird er sich schon wieder finden.
    SIE O! dass wir das hoffen könnten! - Rosalie ist zu Fronteja. - Ich werde
ihr schreiben, du wünschtest sie hier zu sehen.
    ER Das willst du tun?
    SIE Und warum nicht? Vielleicht - ja, gewiss! macht dich ihre Gegenwart
heiterer als die meinige. Das ist ja Gewinn für uns alle. Mit deiner Heiterkeit
wird dein unternehmender Geist wieder erwachen, den deine üble Laune
eingeschläfert hat. Ja, Rosaliens Gegenwart wird ihn wecken. Sie bleibt bei dir,
und ich gehe nach Fronteja.
    ER Warum das?
    SIE Du wirst mir doch wohl nicht zumuten wollen, hier zu bleiben, wenn
Rosalie bei dir ist? Nein, Rinaldo, so unempfindlich ist mein Herz nicht, dass es
die Gegenwart einer glücklichen Nebenbuhlerin ohne Eifersucht ertragen könnte.
Meine Entfernung wird mir deine Freundschaft erhalten, und meine Liebe - will
ich zu verabschieden suchen.
    Rinaldo schwieg, Olimpia zündete Licht an, wünschte ihm wohl zu ruhen und
ging. - Er wankte vor dem Hause auf und ab, ging ins Zimmer, ging wieder ins
Freie, kam wieder zurück und träumte wachend die Mitternacht herbei. - Rasch
sprang er endlich auf, nahm das Licht und eilte, er wusste selbst nicht warum, in
Olimpiens Kammer. Er trat leise ein, sah sie ruhen in den Armen des Jüngers des
Alten von Fronteja, - und ging ebenso leise wieder zurück als er eingetreten
war.
    Der Tag brach an. Die Liebebeglückten waren noch nicht munter. Rinaldo warf
eine Büchse über die Schulter und verliess die Wohnung. »Lebt wohl!« - murmelte
er und ging mit raschen Schritten davon.
    Gegen Mittag erreichte er ein Dorf, ruhte hier ein wenig und ging weiter.
    Schon wurden die Schatten länger, die Sonne ging unter. Er verdoppelte seine
Schritte, ein vor ihm liegendes Schloss zu erreichen. Er erreichte es, klopfte
und wurde eingelassen.
    »Wer seid Ihr?« - fragte ihn der Pförtner.
    »Der Baron Tegnano bin ich und habe mich auf der Jagd verirrt«, war Rinaldos
Antwort.
    Der Pförtner sah ihn schweigend an, wie einer, der nicht weiss, was er sagen
oder tun soll. - Rinaldo fragte:
    »Wem gehört dies Schloss?«
    »Der Gräfin Martagno.«
    »Der Gräfin Martagno?« - fiel Rinaldo hastig ein. - Ist sie hier?
    »Nein, sie ist nicht hier«, - antwortete der Pförtner gedehnt.
    »Wer bewohnt das Schloss?«
    »Eine Freundin der Gräfin, Madonna Violanta.«
    »Madonna Violanta? Ich kenne sie. Sie kennt mich.«
    Dies gesagt, drängte er den Pförtner zurück, eilte an ihm vorbei in das
Schloss, die Treppen hinauf, und traf auf eine Magd. Dieser sagte er, sie möchte
den Baron Tegnano bei ihrer Herrschaft anmelden.
    Das Mädchen ging ihm viel zu langsam, er eilte ihr vor und trat in ein
Vorzimmer.
    Auf das Geräusch seines Eintritts wurde eine Zimmertür geöffnet, und die uns
bekannte Signora Violanta stand vor ihm.
    SIE Heilige Jungfrau! Baron Tegnano! - Seid Ihr es wirklich? - Mein Gott! wo
kommt Ihr her?
    ER Ich suche hier ein Nachtlager.
    Violanta sah ihn schweigend an und trat in das Zimmer zurück. Er folgte ihr
nach. Sie warf sich auf ein Sofa und stammelte:
    »Vergönnt mir, mich zu fassen.«
    Er blickte im Zimmer umher und sah an der Wand das Bildnis der Gräfin.
    »Dianora hier!« - rief er aus. - »Ach! aber nur ihr Bild, nicht sie selbst.«
    Hastig griff er nach dem Portrait, nahm es von der Wand und küsste es heftig.
- Violanta sah ihm schweigend zu. Er, in das Anschauen des geliebten
Gegenstandes verloren, bemerkte Violantens Aufmerksamkeit auf sein Betragen
nicht. Nach einer langen Pause nahte er sich ihr, ergriff ihre Hand und fragte:
    »Wo ist Dianora? Wie lebt sie?«
    Violanta seufzte und schwieg. Er fragte dringender:
    »Wo ist Dianora; meine geliebte Dianora?«
    Violanta seufzte stärker und schlug die Augen nieder.
    ER Ist sie tot?
    SIE Noch lebt sie.
    ER Sie lebt? Sie lebt? und wohl? und glücklich?
    SIE Ach! Baron, wie könnt ihr so fragen?
    ER Ich verstehe Euch! Mein Unglück ist auch das ihrige. - Und wie könnte es
anders sein? - Ihr wisst ja - - Ihr kennt mich doch?
    SIE Gesehen habe ich Euch ja oft, Baron, und -
    ER Ach! nennt den Unglücklichen nur bei seinem wahren Namen. Ihr beschämt
mein Herz nicht.
    SIE Bei Euerm wahren Namen soll ich Euch nennen? Heisst Ihr nicht Tegnano?
    ER Wie? und Ihr wüsstet nicht - Die Gräfin hätte euch nichts gesagt? - Ach!
Violanta! Aufrichtig! was wisst Ihr von mir? - O, gute, von mir gerettete Frau!
Liebe Freundin! was weisst du?
    SIE Dass Ihr mehr geliebt werdet als Ihr es verdient. Dass Ihr ungetreu, und -
kein Wort weiter! Wenn Ihr Euch nicht selbst Vorwürfe machen könnt, so -
    ER Sie gelten meinem Schicksal. - Violanta! ich habe dich gerettet aus der
schrecklichen Todesnacht, die dich umfangen hielt, ich entriss dich der
Finsternis des Kerkers und der Verzweiflung, ich gab dir das freundliche
Tageslicht wieder, - ich habe ein Recht auf deine Dankbarkeit. Darf ich darauf
rechnen?
    SIE Ihr dürft und könnt es.
    ER So beschwöre ich Euch bei dieser mir schuldigen Dankbarkeit, sagt mir
aufrichtig, wie weit hat sich die Gräfin Euch entdeckt?
    SIE Ich weiss, dass sie Euch liebt und dass Ihr sie verlassen habt. - Euer
Verschwinden brachte sie dem Tode nahe. Sie überstand eine schreckliche
Krankheit, und der Name einer unglücklichen Mutter ging mit der Wirklichkeit
verloren.
    ER Wo ist sie? wo lebt sie?
    Violanta schwieg und blickte ihn mit forschenden Augen an. - Rinaldo, der
aus ihren Antworten schloss, dass sie wirklich nicht wusste, wer er eigentlich war,
und dass ihr die Gräfin seinen wahren Namen verhehlt hatte, um sich selbst
vielleicht eine Beschämung zu ersparen, der sie bei der Entdeckung hätte
unterliegen müssen, wurde dreister, und da er sich mit Violanten allein glaubte,
wendete er seine ganze Beredsamkeit an, den Aufentalt der Gräfin zu erfahren,
aber vergebens. Violanta wich ihm aus, schwieg oder setzte seinen Fragen andere
entgegen, die ihn von der Sache abbringen sollten, es aber nicht vermochten.
    Indem sie noch sprachen, wurde auf einmal eine Glocke, die in Violantens
Zimmer ging, heftig angezogen. Sie sprang auf, nahm einen Schlüssel und ein
Licht und wollte das Zimmer verlassen. Rinaldo war dreist genug, sie
zurückzuhalten.
    ER Wohin geht Ihr?
    SIE Das - darf ich Euch nicht sagen.
    ER Wohin ruft Euch diese Glocke? - Ach! gewiss zu Dianoren? - Sie ist hier!
    SIE Ihr irrt Euch.
    ER Nein, nein! Mein Herz sagt es mir, sie ist hier. Ihr wollt zu ihr gehen.
O! sagt ihr, dass ich hier bin, dass - - Nein! ich gehe mit Euch, ich folge Euch,
ich muss sie sehen.
    SIE Der Schreck würde sie töten.
    ER Ha! Ihr habt Euch verraten. Sie ist hier! - Fort, fort! zu ihr.
    SIE Um aller Heiligen willen, nicht!
    ER Sie ist hier!
    SIE Ja, das Geheimnis ist verraten. Sie ist hier. Aber sehen dürft Ihr sie
nicht. Sie lebt still und einsam gleich einer Büssenden. Euer Anblick würde sie
vernichten.
    ER O Violanta! wenn Ihr je geliebt habt, lasst sie mich sehen.
    SIE Ich darf und kann es nicht tragen. Ihre Gesundheit ist ganz zerrüttet,
ihre Nerven sind abgespannt, Eure Erscheinung würde sie zu Boden schmettern.
    ER Kann ich sie nicht, ungesehen von ihr, sehen? - Ich will sie ja nur
sehen, nicht sprechen, wenn es nicht sein darf. O! sie ist mir so teuer! Ich
liebe sie! Ihr Leben ist mir werter als das meinige -
    Die Glocke ertönte wieder, schneller und stärker.
    SIE Heiliger Gott! es könnte ihr etwas zugestossen sein. Haltet mich nicht
auf!
    ER Ich muss sie sehen!
    SIE Ungestümer! folgt mir, aber hütet Euch, ein Wort zu sprechen.
    Sie ging. Er folgte ihr durch eine Galerie in ein Zimmer. Hier wies ihm
Violanta seinen Platz an einem kleinen Fenster an und ging von ihm.
    Rinaldo sah in ein ganz schwarz dekoriertes Zimmer, in welchem auf einem
Tische vor einem Kruzifix und einem Totenkopf zwei brennende Wachskerzen
standen, die die Nacht des Zimmers nur schwach erhellten. - - In dem Zimmer
selbst wankte eine weibliche, schwarz gekleidete Gestalt auf und ab; bleich und
abgezehrt. Rinaldo erkannte in ihr Dianoren. Tränen entstürzten seinen Augen,
seine Lippen bebten, seine Hände zitterten, seine Füsse wankten.
    Violanta trat in das Zimmer und nahte sich Dianoren. Rinaldo hörte sie
sprechen.
    »Ach wo bleibst du?« - sagte Dianora, indem sie ihr Gesicht auf Violantas
Schulter legte. - »Ich war ein wenig eingeschlummert und hatte einen
schrecklichen Traum. Es träumte mir: Er war hier, der Ehrvergessene, nahte sich
und fuhr mit blutiger Hand mir über das Gesicht. Das Blut rann von seiner Hand
über meinen Busen hinab auf mein Kleid und brannte wie Feuer durch alle meine
Glieder. - Der Schreck machte mich wach! ich dankte der gnadenreichen Jungfrau,
dass ich nur geträumt hatte. Aber der Traum hat mich sehr angegriffen. - Ach! dass
ich den Unglücklichen doch nie wieder säh'!«
    VIOLANTA Nie?
    DIANORA Nie! weder wachend noch im Traume.
    VIOLANTA Meintet Ihr neulich nicht, gewisse Anzeigen von seinem Tode zu
haben?
    DIANORA Ja! das war - Ich glaubte es. - Und es wird auch wohl so sein.
    VIOLANTA Wenn Ihr ihn nie wieder zu sehen wünscht, so glaubt es. Ist es aber
das nicht, -
    DIANORA O ja! es sei. Um meinetwillen und um seinetwillen sei es.
    VIOLANTA Auch um seinetwillen?
    DIANORA Auch, und noch mehr als um meinetwillen, denn der Unglückliche ist
ein - Ungetreuer. Untreue verdient den Tod. Und er - hat ihn schon längst
verdient. Er hat mich betrogen, und sein Name ist - - Ach! nichts mehr von ihm.
Es war ja alles nur ein Traum! Er bleibe ewig von mir fern. - Er wird nie wieder
zu mir kommen.
    VIOLANTA Wenn aber nun -
    DIANORA Nein, nein! Er darf nicht wieder zu mir kommen. Ich darf keine
Gemeinschaft mit ihm haben, denn er ist ja - ein Ungetreuer.
    VIOLANTA Und wenn nun seine Reue -
    DIANORA Seine Reue kann seine Verbrechen nicht ungeschehen machen. Er ist
ein grosser, ein gefürchteter Verbrecher.
    VIOLANTA O! fürchtet ihn nicht. Vielleicht liebt er Euch doch noch.
    DIANORA Aber ich darf ihn nicht lieben. - O Violanta! wenn du wüsstest -
Genug! Kein Wort weiter von ihm.
    Sie setzte sich auf ein Sofa, Violanta setzte sich zu ihr. - Nach einer
langen Pause fragte Dianora:
    »Weisst du nichts Neues aus der Welt?«
    VIOLANTA Etwas aus der Nähe, aus unserm Schloss.
    DIANORA Was ist es?
    VIOLANTA Ein Fremder ist hier und hat um ein Nachtlager gebeten.
    DIANORA Er weiss doch nicht, dass ich hier bin?
    VIOLANTA Nein. Ich habe ihm das Nachtlager zugesagt, weil er ganz rechtlich
aussieht.
    DIANORA Wer er ist, weisst du nicht?
    VIOLANTA Er hat seinen Namen noch nicht angegeben.
    DIANORA Seht euch alle wohl vor! Ihr wisst, dass Räuber umherschweifen.
    VIOLANTA Der Fremde hat nichts Räubermässiges an sich.
    DIANORA Der Schein trügt! Ich sage dir: der Schein trügt. Von dem Äussern
schliesse ja nicht zu rasch auf das Innere. Ich selbst habe einmal - Die Räuber
verkleiden sich, geben sich Titel und Namen, und - - Seid auf eurer Hut! Selbst
der gefürchtete Rinaldini - Ach Gott! - Wenn er -
    VIOLANTA Was ist Euch?
    DIANORA Meine Augen - Ach! - Mein Kopf -
    VIOLANTA Gräfin!
    DIANORA Ruhig, es wird vorübergehen. - Ein Schwindel - - Es ist schon wieder
gut. - Ach! der Traum! der Traum! - Bringe mich zu Bette.
    Violanta führte sie in ein Seitenzimmer. - Rinaldo ging über die Galerie in
Violantens Zimmer zurück, wo er sich auf das Sofa warf und seinen Tränen freien
Lauf liess. Laut jammerte er:
    »Dahin, Unglücklicher, hast du sie gebracht! Nicht genug, dass du selbst der
Unglücklichste der Unglücklichen bist, musst du auch die reinsten Herzen, die
sich dir nahen, dir nach in den Abgrund ziehen, der mit allen Schrecken des
Todes sich dir entgegendehnt.«
Die Tür des Zimmers ging auf. Er suchte sich zu sammeln. - Ein Mädchen trat ein
und sagte:
    »Herr Baron, ich soll Euch Euer Zimmer anweisen.«
    Er stand auf und folgte dem Mädchen, die ihn in ein artiges Zimmer führte.
Sie liess ihm Licht, ging, kam wieder, deckte den Tisch und besetzte ihn mit
kalten Speisen, Früchten und Wein. »Madonna Violanta lässt Euch wünschen, wohl zu
ruhen«, - sagte das Mädchen und verliess das Zimmer.
    Rinaldo hatte weder Appetit noch Schlaf. Die Stunde der Mitternacht nahte
sich schon, und er war noch immer munter und wach. - Da klopfte es leise an
seine Tür. Er öffnete die Tür, und Violanta stand vor ihm.
    »Es ist mir sehr lieb«, - sagte sie, als sie ins Zimmer trat, »dass ich Euch
noch wach und munter finde.«
    ER O! Ihr findet mich in einer Unruh, in einer Bewegung, die ich nicht zu
schildern vermag. - - Euer Gespräch - Alles habe ich gehört. - O! es hat mich
zermalmt.
    SIE Was gedenkt Ihr zu tun?
    ER Dianora wird gewiss endlich noch nachgeben, mich zu sehen.
    VIOLANTA O! sie hat es schon.
    ER Hat sie? - Violanta! Sie will mich sprechen? O! sagt Ja und macht mich
glücklich. - Was will sie? - Was sagte sie?
    SIE Wir haben noch viel und lange von Euch gesprochen, als ich sie zu Bette
gebracht hatte. Ich habe sie halb und halb schon vorbereitet. In einigen Tagen,
hoffe ich, sollt Ihr sie sehen und sprechen können.
    ER O Violanta! wenn ich -
    SIE Keinen Dank! Ich bin Euch meine Rettung und das freundlichste Geschenk
des Daseins, mein Leben, schuldig. - Morgen sprechen wir weiter davon. - Nehmt
meine gute Nachricht mit aufs Lager zur sanften Ruh.
    Sie ging. Rinaldo blieb in einer heftigen Bewegung zurück. - Er wollte
endlich sich entkleiden, als er Fusstritte vernahm, die auf sein Zimmer zukamen.
Die Tritte waren männlich und stark. Sie kamen näher. Die Tür ging auf. Eine
lange, hagere, schwarz gekleidete männliche Gestalt trat in das Zimmer. Eine
schwarze Larve bedeckte das Gesicht der Figur, und eine Kapuze war über ihren
Kopf gezogen. Ein Knotenstrick umgürtete ihren Leib; Füsse und Hände waren bloss.
Diese imponierende Gestalt stellte sich gerade vor ihn hin und drohte ihm mit
aufgehobenem Zeigefinger. Rinaldo blieb fest stehen, legte die rechte Hand an
ein Terzerol und fragte:
    »Wer bist du? Was willst du?«
    Mit dumpfer Stimme gab die Gestalt ihm Antwort:
    »Ich lade dich ein, binnen 24 Stunden vor dem Richterstuhle der strengen
Richter der Wahrheit, der Richter aller Verbrechen, die im Verborgenen
schleichen, ihnen aber aufgedeckt sind, zu erscheinen. Kommst du nicht, so wird
man dich abholen.«
    »Was habe ich mit Unbekannten zu schaffen?« - sagte Rinaldo. - »Und wer gab
Euch das Recht, Euch meine Richter zu nennen?«
    »Deine Vergehungen, deine bösen Taten und Verbrechen gaben es uns, welche
uns das Recht geben, alle Menschen zu richten.«
    »Du sprichst von Recht? - Recht verkriecht sich nicht in Dunkel und Nacht.«
    »Wohl dir, wenn wir dich nicht ans Licht bringen, denn dort erwartet dich
das Henkersschwert.«
    Gelassen, doch nicht ohne Bitterkeit, fragte Rinaldo:
    »Und was erwartet mich bei Euch?«
    »Busse.«
    Rinaldo lächelte, wie einer lächelt, der den andern einer Grosssprecherei
wegen etwa bemitleidet. - Der Schwarze behielt seinen imponierenden Blick, seine
gebietende Stellung, und fragte:
    »Keine Antwort?«
    Schweigend wies ihm Rinaldo die Tür und lächelte.
    »Keine Antwort?« - fragte der Schwarze wieder.
    Rinaldo wies ihm abermals die Tür und sagte: »Dies ist meine Antwort.«
    Der Schwarze trat einen Schritt näher, fixierte ihn stark und fragte:
    »Du wirst also nicht gutwillig zu uns kommen?«
    »Nein!« - antwortete Rinaldo entschlossen.
    »So wird dich Gewalt zu uns bringen.«
    »Die erwarte ich. - Was könntet ihr tun? Wie weit geht eure Gewalt gegen
Männer meinesgleichen?«
    »Du wirst es erfahren.«
    Damit verliess die sonderbare Gestalt trotzig das Zimmer. - Rinaldo ergriff
das Licht, ihr nachzueilen, trat in das Vorzimmer, fand es verschlossen und
konnte nicht begreifen, wohin die Gestalt so schnell gekommen war. Er
durchleuchtete alle Winkel und sah nichts; er lauschte und hörte nichts.
    Im Zurückgehen nach seinem Zimmer wurde er auf dem Vorsaale eine halboffene
Tür eines Schrankes gewahr, glaubte die Gestalt etwa in dem Schranke zu finden,
riss die Tür heftig auf, sah ein Skelett, bebte betroffen zurück, und das Licht
fiel ihm aus der Hand.
    Er eilte in sein Zimmer, holte ein anderes Licht, stürzte mit gespanntem
Terzerol auf die vorher offene Schranktür zu und fand sie jetzt fest
verschlossen. Umsonst bemühte er sich, sie zu öffnen, sie war so fest eingepasst
und verschlossen, als sei sie niemals geöffnet gewesen.
    Er stand, stutzte und wusste nicht, wozu er sich entschliessen sollte. -
Unmutig und betroffen raffte er endlich das ihm entfallene Licht auf, ging in
sein Zimmer, verschloss die Tür und legte sich zu Bette.
Kaum war er den folgenden Morgen dem Lager entstiegen, als er zu Violanten
eilte, die eben im Begriff war, ihr Zimmer zu verlassen, und zu Dianoren gehen
wollte.
    »Die Gräfin ist gar nicht wohlauf«, - sagte sie. - »Ich darf sie heute
keinen Augenblick verlassen. Es soll Euch aber an Eurer Bequemlichkeit nichts
abgehen. Sobald ich Euch sprechen kann, komme ich zu Euch. Vielleicht kann es
heute Abend nur spät, vielleicht gar nicht geschehen. Lasst Euch das nicht
irremachen. Morgen vielleicht sehen wir uns öfter; vielleicht seht und sprecht
Ihr auch morgen schon Dianoren. Wir wollen hoffen, dass alles nach Wunsche gehen
kann.«
    Mit dieser Erklärung wenig befriedigt, ging Rinaldo nach seinem Zimmer
zurück. - Als er an den mysteriösen Schrank kam, blieb er stehen, betrachtete
denselben genau und fand ihn noch immer wohlverschlossen. Einige Gemälde auf dem
Saale fesselten seine Aufmerksamkeit. Sie schienen die Folge einer
geheimnisvollen Geschichte in Bildern zu sein. Auf zweien sah er die ihm
erschienene schwarze Richtergestalt abgebildet. Einmal stand sie drohend mit
einem gezogenen Dolche vor einem liebenden Paare, das sich fest umschlungen
hielt; das zweitemal erschien sie in einer Kapelle und fasste ein Frauenzimmer
bei dem Arm, das betend vor dem Altare lag.
    Die Ankunft des Mädchens, welches ihm ein Frühstück brachte, störte ihn in
seinen keineswegs artistischen Betrachtungen.
    »Habt ihr« - fragte er das Mädchen, als sie im Zimmer waren, -
»schwarzbekuttete Mönche in der Nachbarschaft?«
    »Ja«, antwortete das Mädchen. - »Auf dem steilen Berge dort oben, über dem
Dorfe, liegt ein Kloster der Karmelitermönche, und diese tragen schwarze
Kutten.«
    »Kommen zuweilen welche von diesen schwarzen Mönchen hierher?« -
    »Jährlich dreimal«, - gab das Mädchen zur Antwort, - »kommt der Terminierer
zu uns und sammelt die bestimmten Almosen ein.«
    »Sind diese Karmeliter die Beichtväter des Schlosses?«
    »Nein! das sind Franziskaner. Ihr Kloster liegt dem Schloss gleich
gegenüber. - Mit den Karmelitern haben wir hier gar keinen Verkehr im Schloss.«
    Rinaldo fragte nicht weiter. Das Mädchen ging, und er trat ans Fenster, das
Karmeliterkloster genau in Augenschein zu nehmen.
Die Zeit wurde ihm lang. Er forderte etwas zu lesen. Man brachte ihm eine alte
Chronik. Er las und gähnte, harrte und hoffte. - Der Tag verging, der Abend kam,
und Violanta liess sich nicht sehen. - Endlich erhielt er durch das Mädchen ein
Billett von ihr. Sie schrieb:
    »Heute sprechen wir uns nicht. Morgen werdet Ihr mehr von mir hören.«
    Es wurde Nacht. Er verschloss seine Tür. Der schwarze Gerichtsbote kam nicht.
    Als er früh aufgestanden war und zu Violanten gehen wollte, kam ihm das
Mädchen mit einem Briefe von ihr entgegen. Er riss ihn auf und las:
    »Dianora hat von mir erfahren, dass Ihr hier seid. Sie hat ihr schreckliches
Geheimnis ganz in meinen Busen geschüttet, und ich weiss nun, wer und was Ihr
seid. Verlasst eilig dieses Schloss. Auch wir haben es verlassen. Wenn Ihr diesen
Brief empfangt, sind wir schon viele Stunden weit von hier entfernt. Ihr werdet
uns nicht finden, dazu sind unsere Massregeln schon getroffen. Flieht und rettet
Euch: denn wenn die strengen Richter der Wahrheit Euern Aufentalt
auskundschaften sollten, werden sie Euch nicht lange Zeit gönnen, Eure Freiheit
zu benutzen. Lebt wohl, Ihr furchtbarer, verrufener, unglücklicher Mann! - Gott
bessere, bekehre und schütze Euch!
                                                                      Violanta.«
    Bin ich denn überall ein Spiel der Verkappten! Muss ich allentalben nur im
Dunkeln schleichen? Flieht auch selbst die Liebe meinen Namen wie ein
Verbrechen? Nun dann, hinab mit dir, Unglücklicher, in den Schoss deiner Mutter!
schrie Rinaldo ausser sich, ergriff ein Terzerol, spannte und setzte es an den
Mund.
    Wie von einem elektrischen Schlage getroffen, sank sein Arm, und das
Terzerol entfiel seiner Hand. Er wendete sich rasch herum, und der schwarze
Forderer stand hinter ihm. Er drohte ihm mit dem Finger und verliess das Zimmer.
    Rinaldo erholte sich kaum nach und nach, als er seine Büchse ergriff und das
Schloss verliess.
Er schlug einen Hohlweg ein und war kaum hundert Schritte weit in demselben
gegangen, als der Schwarze ihm entgegenkam und ihm zurief:
    »Erscheine!«
    »Wo trifft man euch?« - fragte Rinaldo entschlossen.
    »Rechts auf jener mit Pappeln bewachsenen Anhöhe wirst du eine Kapelle
sehen. Dort trifft man uns«, - sagte jener und ging gelassen an Rinaldo vorbei.
    Dieser ging langsam weiter fort, aber nicht nach der Kapelle zu. »Eine
Spiegelfechterei von dem alten Scharlatan zu Fronteja!« - sprach er zu sich
selbst, - »dessen Maschine ich bin, wie er mir selbst gesagt hat. - Ich komme
nicht. Und erscheint mir der Unglücksrabe noch einmal, so« -
    Hier stand der Schwarze wieder vor ihm und fragte:
    »Was willst du dann tun?«
    Rasch riss Rinaldo seine Büchse von der Schulter, sprang einige Schritte
zurück, spannte, legte an und drückte auf ihn ab. Das Pulver brannte ab und der
Schuss versagte.
    Der Schwarze lachte: »Armer Schütze! Schiess nach Raben, aber nicht nach mir.
Wagst du so etwas zum zweitenmal, so zerschmettere ich dich.«
    »Du? mich?« schrie Rinaldo wütend und ausser sich, warf die Büchse von sich,
stürzte auf ihn los, packte ihn bei der Brust und fühlte sich auf einmal von
gigantischen Armen umfasst, gedrückt und so heftig zu Boden geworfen, dass ihm
Hören und Sehen verging.
    Als er wieder zu sich kam, fand er seinen Kopf blutend, und der Schwarze war
nicht mehr zu sehen. - Seine Wut gestattete ihm keine Worte. Er raffte sich auf,
nahm sein Gewehr und eilte mit raschen Schritten davon.
    Kaum war er etliche dreissig Schritte weit gegangen, als er am Wege hinter
einem Strauche eine elende, zerlumpte, menschliche Figur erblickte, die ihn kaum
gewahr wurde, als sie aus vollem Halse ihm zuschrie:
    »Ach mein lieber, guter, edler Hauptmann!«
    Rinaldo stutzte, ging näher und erblickte seinen getreuen Lodovico, der sich
aufzuraffen suchte, indem ihm die Freudentränen über die Wangen liefen.
    RINALDO Um des Himmels Willen, Lodovico! wie siehst du aus?
    LODOVICO Schrecklich muss ich aussehen! Nicht wahr, ich bin ein wahres,
leibhaftiges Konterfei des menschlichen Elends? ein Bild des Unglücks und der
Verzweiflung?
    RINALDO Unglücklicher, wie bist du in diesen Zustand geraten? du siehst
fürchterlich aus.
    LODOVICO Elend, zerlumpt, am ganzen Leibe zerrissen und zerschlagen.
    RINALDO Rede nur, was ist dir begegnet?
    LODOVICO Ach! hört mich an. - Als Ihr mich in jenem Walde fortschicktet,
mich in der Gegend des Schlosses der Frau Gräfin Martagno aufs Rekognoszieren zu
legen, richtete ich meine Sache recht klug ein und erfuhr, dass die Gräfin
dermalen nicht dort, sondern auf einem andern Schloss sei, das mir beschrieben
wurde. Ich machte mich gleich dahin zu auf den Weg. Schon hatte ich die Gegend
erreicht und war kaum noch hundert Schritte von dem Schloss entfernt, als auf
einmal, der Teufel weiss, wo er herkam! - ein ganz schwarz verkappter Mann vor
mir stand.
    RINALDO Wie? Ein schwarzer verkappter Mann?
    LODOVICO Wie ich Euch sage. - Er forderte mich in einem gebietenden Tone vor
den strengen Richterstuhl der Richter der Wahrheit im Verborgenen. Ich lachte
darüber, und als er grob wurde, schlug ich ihn hinter die Ohren. Das bekam mir
übel. Der Kerl packte mich mit Riesenstärke an, warf mich wie einen Sperling zu
Boden, maulschellierte mich, links und rechts, so lange ab, bis mir alle Sinne
vergingen, warf mich dann wie ein Feldhuhn auf die Achsel und schleppte mich
fort bis vor eine Kapelle, wo er mich wie einen Nusssack niederwarf. - Sogleich
ging die Tür der Kapelle auf, zwei schwarze Kerle kamen heraus, zogen mich bei
den Beinen hinein, wie eine abgeschlachtete Ziege, und warfen mich wie einen
Tornister in eine finstere Kammer. Da lag ich ein paar Tage auf einer Handvoll
Stroh und bekam Wasser und Brot, und noch dazu sehr spärlich, zur Kost. -
Endlich wurde ich abgeholt und vor drei verkappte Figuren geführt, die, von
vielen natürlichen Skeletten umgeben, an einer schwarzen Tafel sassen. Diese
nannten sich meine Richter und sagten mir, ich sei ein Schelm, ein Spitzbube und
dergleichen mehr. Ich war der Klügste und schwieg. Endlich sagten sie, ich hätte
schon längst den Strang verdient, von ihnen sollte ich nicht gehängt werden, für
meine begangenen Verbrechen aber zu einer Total-Busse verdammt sein. Mit der
Sentenz wurde ich abgeführt, von vier Henkersknechten entkleidet und bis aufs
Blut gegeisselt. So ging's alle Tage. Die Kerle hieben so unbarmherzig auf mich
zu, dass mir die Geisselhiebe bis auf die Knochen drangen. Endlich war nichts mehr
an mir zu zerhauen und so warfen sie mich diesen Morgen zur Kapelle hinaus. Ich
kroch bis hierher, und weiter kann ich nicht.
    RINALDO Wie? und dieser Busse sollte ich mich auch unterwerfen?
    LODOVICO Ihr? Gott bewahre Euch und alle Menschen davor! Hier erzählte ihm
Rinaldo, was ihm begegnet sei. Lodovico kreuzte und segnete sich und Rinaldo
schrie:
    »Komm, lass uns das infernalische Nest in Brand stecken!«
    Kaum hatte er ausgesprochen, als der schwarze Unhold vor ihm stand und ihm
entgegendonnerte:
    »Elender Wurm! Hast du die Kraft meines Armes noch nicht genug gefühlt? Soll
ich dich ganz vernichten?«
    Wie ein Rasender eilte Rinaldo, ohne Antwort, mit gezogenem Dolche auf ihn
zu. Der Schwarze wich aus. Rinaldo raffte alle seine Kräfte zusammen, packte ihn
mit der rechten und stiess ihm mit der linken Hand den Dolch auf die Brust. Der
Stoss gab einen dumpfen Schall, und Rinaldo merkte, dass er auf einen Panzer
gestossen hatte; er stiess zum zweitenmal und durchbohrte des Verkappten linken
Arm. Laut aufbrüllend riss sich dieser mit Riesenkräften los, schleuderte Rinaldo
so kräftig zurück, dass er zu Boden taumelte, und entfloh mit schnellen
Schritten.
    »Mord und Wetter!« - jammerte Lodovico, - »wie wird es uns ergehen, wenn der
Unhold seine Gesellen herbeiruft. Sie schlagen uns bei Gott! die Knochen zu
Brei.«
    Indem vernahmen sie das Geklingel von Maultieren und wurden bald zwölf
Maultiertreiber gewahr, die mit dreissig ledigen Maultieren die Anhöhe
herabkamen, um in Saldona Salz zu holen. Diese redete Rinaldo an und fragte,
indem er auf Lodovico zeigte, ob sie diesem Unglücklichen, der von Räubern
misshandelt worden sei, nicht vergönnen wollten, Platz auf einem ihrer Maultiere
zu nehmen, er wolle für ihn bezahlen.
    
    »Will der Herr bezahlen«, - antwortete der Anführer der Maultiertreiber, -
»so mag sich der Bursch aufsetzen. Das kann er aber auch tun, wenn der Herr
nicht bezahlt, denn wir sind Christen und haben Religion. Das Teufelsgeschmeiss
von Rinaldinis Bande macht tausend Unglückliche. Wir haben schon mehreren
Ausgeplünderten Beistand geleistet, die oft nackend und bloss, halbtot auf der
Strasse lagen und die Spitzbuben verfluchten.«
    Lodovico, der sehr froh war, sich in so guter Bedeckung zu sehen, wurde auf
ein Maultier gebunden; die Reise ging weiter und Rinaldo setzte sein Gespräch
mit den neuen, handfesten Gesellschaftern, die noch obendrein gut bewaffnet
waren, fort.
    RINALDO Ihr sprecht von Rinaldinis Bande? Ist sie denn nicht ganz
aufgerieben?
    MAULTIERTREIBER Den Teufel auch! Nichts weniger als das. Was ist das, wenn
ein paar Dutzend solcher Gauner totgeschlagen werden? Das ist so viel als
nichts. Sie wachsen wie die Schwämme hinter allen Büschen hervor.
    RINALDO Ist denn Rinaldini nicht schon längst selbst niedergeschossen
worden?
    MAULTIERTREIBER Ja, prosit! Es heisst wohl immer so, aber es ist nicht wahr.
Sie werden ihm auch nichts anhaben.
    RINALDO Warum nicht?
    MAULTIERTREIBER Hm! - Könnt Ihr das nicht erraten? - Er ist fest. Das ist
ganz sicher. Ihm schadet weder Hieb noch Stich. Und einige sagen gar, er könne
sich unsichtbar machen. Das will ich nun zwar nicht als gewiss behaupten, aber
das ist doch wahr, sie können ihn nicht festalten. Haben sie ihn auch einmal,
witsch! ist er wieder fort. Es muss übrigens ein ganzer Kerl sein, der Rinaldini,
aber in seiner Haut möchte ich doch nicht stecken. Was hat er davon? Am Ende
kommt Herr Urian, spricht: die Zeit ist vorbei, da ist der Kontrakt, marsch, mit
mir fort! und dreht ihm den Hals auf den Rücken.
    RINALDO Sollte er denn ganz und gar Teufels gewesen und ein Pactum -
    MAULTIERTREIBER Ja! er hat ein Pactum mit dem Bösen, denn sonst zappelte er
schon längst in der Luft. Er ist also doch ein unglücklicher Mensch. Wozu helfen
ihm alle Schätze der Welt, wenn seine Seele verlorengeht. Das ist ja doch das
teuerste, was der Mensch hat. Weiss er diesen Schatz nicht zu bewahren, so gebe
ich ihm für all das andere keine Melone. Redlich gelebt und selig gestorben, das
ist das beste. Bei Rinaldini heisst's aber, fröhlich gelebt und traurig
gestorben. Das taugt nichts! Er schläft einst auf seinen erstohlenen Geldkisten
doch nicht so sanft ein, als ich auf meinen redlich erworbenen Maultierdecken.
Das ist ein ganz anderes Lager!
    RINALDO Er soll aber, wie man sagt, sehr wohltätig sein.
    MAULTIERTREIBER Mitunter. Aber, hole ihn der Teufel mit seiner
Wohltätigkeit! Erst stiehlt er's, hernach verschenkt er's. Ich mag nichts von
ihm haben. Segne mir Gott mein redlich erworbenes Stückchen Brot. Betrügen oder
bestehlen möchte ich keinen Menschen auch nur um eine Bohne.
    RINALDO Es ist wahr, er treibt ein elendes Handwerk.
    MAULTIERTREIBER Ein Allerweltskammerdiener ist er und kommt ungerufen, wie
der Rabe aufs Aas. Er hätte doch wohl etwas Besseres lernen können, denn er soll
gar nicht dumm sein. Spitzbubenkniffe muss er genug im Kopfe haben. Gott behüte
und bewahre jeden ehrlichen Christen vor solchen Kenntnissen und Wissenschaften!
    RINALDO Er selbst soll nicht stehlen, wie ich gehört habe.
    MAULTIERTREIBER Aber er lässt stehlen. Das ist gleich viel. Kurz, es ist kein
gutes Haar an ihm; aber ein verzweifelter Kerl ist und bleibt er doch immer.
Denn so wie er, hat noch keiner die Justizen genarrt.
    RINALDO Wie alt mag er wohl sein?
    MAULTIERTREIBER Er soll noch nicht einmal sechsundzwanzig Jahre alt sein,
sagen einige. Andere aber wollen wissen, er sei ein Dreissiger. Das ist aber wohl
gleichviel! Reif zum Galgen ist er schon längst gewesen. - Sehen möchte ich ihn
wohl einmal. Es müsste aber im Guten sein, denn im Bösen mag ich nichts mit ihm
zu tun haben.
    RINALDO Wo mag er jetzt wohl eigentlich stecken?
    MAULTIERTREIBER Wer will das wissen! Er ist, wie Herr Niemand, allentalben.
Gar oft spaziert er als Kavalier umher, lebt sogar in Städten, sponsiert unter
den vornehmen Damen herum und soll deren ein paar schon weidlich gezogen haben.
Kommen sie ihm auf die Spur, so ist er fort und kein Teufel weiss wohin. Er zieht
beständig verkleidet im Lande umher und nimmt allerlei Gestalten an. Heute ist
er da, morgen dort, und seine Bande umschwärmt ihn allentalben. Er ist mit
einem Worte: ein Himmeltausend elementischer Kerl!
    Jetzt wurde Lodovico auf der Anhöhe die bewusste Kapelle der Schwarzen
gewahr. Ein kalter Schauer lief ihm durch alle Glieder. Er seufzte tief auf und
gab seinem Herrn einen bedeutenden Wink. Dieser blickte hinauf, sah die Kapelle
und verstand ihn sogleich.
 
                                  Achtes Buch
 Schweigend zwischen Traum und Hoffen
 Näherst du dich nie dem Ziel;
 Von des Glückes Wankelmut betroffen,
 Spielst du zaghaft auch des beste Spiel.
»Die Kapelle dort oben«, - sagte Rinaldo, - »scheint ein altes Werk zu sein.«
    »O ja!« - antwortete der Maultiertreiber. - »Es wird sich aber wohl keine
Seele die Mühe nehmen, sie zu besuchen, denn sie ist alt und baufällig und ohne
Bild und Altar. Raben und Eulen werden sie vermutlich bewohnen, wenn sie
zuweilen nicht gar eine Herberge für den Signor Rinaldini und seine Nachtvögel
abgibt.«
    Rinaldo merkte, dass von seinen Gefährten keine Nachricht, wie er sie zu
haben wünschte, einzuziehen sein würde, und schwieg. Sie kamen endlich nach
Saldona. Rinaldo bezahlte Lodovicos Ritt reichlich und liess sich zu einem Juden
bringen, wo er seinen Gesellen neu kleidete. Dann wurden Salben, Wasser und
Pflaster in der Apoteke gekauft, Proviant wurde nicht vergessen und eine Chaise
gemietet. In dieser rollten sie nach gehaltener Siesta auf der Heerstrasse weiter
fort.
Unterwegs untersuchte Rinaldo seine Büchse und fand sie ungeladen. Dies erklärte
ihm ganz natürlich das wunderbare Versagen derselben gegen den den Schwarzen.
    »Man hat mir« - sprach er bei sich selbst, - »im Schloss den Schuss aus
meinem Rohre gezogen, um mich ungestraft misshandeln zu können. - Wie? wenn
Violanta, einverstanden mit der schwarzen Gesellschaft, zu irgendeinem Endzwecke
lebte, der vielleicht Bezug auf die Gräfin hätte? Sollte es nicht daher kommen,
dass Lodovico so misshandelt wurde, weil er den Aufentalt der Gräfin zu
erkundschaften suchte? - Die Bilder im Schloss, auf welchen sich die schwarze
Figur befand; - Das Skelett in dem Schranke und jene Skelette, die Lodovico bei
den schwarzen Richtern sah! - Hm! das alles könnte zu mancherlei Vermutungen
führen. Wie? Wenn Dianora von einer gegen sie und ihr Vermögen verschworenen
Bande selbst misshandelt würde? - - O! dass ich jetzt nur an der Spitze von
zwanzig der Meinigen stünde! ich wollte alle diese Rätsel gewiss lösen.«
    Vor Merona stiegen Rinaldo und Lodovico aus der Chaise, schickten den
Fuhrmann zurück und schlugen einen Seitenweg ein. - Hier kamen ihnen ein paar
Männer mit einigen Maultieren entgegen, in denen Lodovico bald alte Bekannte
erkannte. Es waren Luzo und Jordano, zwei handfeste Gesellen von Luiginos Bande.
    Die gegenseitige Freude, sich zu finden, war sehr gross, und es kam bald zur
Unterhaltung, die Rinaldo eröffnete.
    RINALDO Wo ist Luigino?
    JORDANO Soviel wir wissen, hat er sein Corps geteilt, halb steht es unter
seinen und halb unter Amalatos Befehlen. Bei diesem waren wir. Vor sechs Tagen
wurde unser Corps alarmiert, und wir, unserer Zwölf, wurden von demselben
abgeschnitten. Wir haben uns noch nicht wieder zum Ganzen finden können und
treiben indes in der Nähe unser Wesen, so gut es gehen will, für uns.
    RINALDO Habt ihr sichere Plätze?
    LUZO O ja! - Wir stecken in Felsen und Forsten bis über die Ohren.
    RINALDO Ich gehe mit euch.
    JORDANO Wetter! das gibt uns Ehre und Glück.
    Die Maultiere wurden bestiegen und Rinaldo kam bei dem Häuflein an, welches
sich nun dreifach so stark fühlte, als es wirklich war, da der gefürchtete
Räuberhauptmann an seiner Spitze stand.
    RINALDO machte gleich Anordnungen, sendete Einige aus, teils zu werben,
teils alte Kameraden herbeizuziehen und machte allen kund, dass er gesonnen sei,
einen Hauptstreich auszuführen. Das machte die Burschen stolz und froh, und das
Viva Rinaldini tönte in allen Klüften wieder.
    Den vierten Tag brachte man schon zwei alte Gesellen aus Luiginos Haufen,
die versprengt umherstrichen und sehr froh waren, wieder Gesellschaft zu finden.
Auch wurden drei neue Mitglieder hinter den Zäunen aufgerafft, aufgenommen und
beeidigt, und so sah Rinaldo, mit sich selbst, seinen Haufen schon neunzehn
Köpfe stark. - Mit diesen schwenkte er sich rechts und brach über Saldona in die
Bergkette ein, auf deren linken Seite die verrufene Kapelle stand.
Rinaldo schlug in einem unwirtbaren Tale, zwischen Felsen, sein Lager auf und
erhielt Proben von der Geschicklichkeit seiner Leute; sie schleppten reichlich
von allen Seiten herbei. Es fehlte weder am Gelde noch an Proviant. - Man
brachte auch noch ein paar Landstreicher ein, die sich mit grossem Vergnügen zu
der neu etablierten Gesellschaft begaben.
    Nachdem alle gehörig mit Munition versehen waren und Lodovico wieder auf den
Beinen sein konnte, brach Rinaldo mit seinem Schwarme auf, besetzte den Pass und
kam in der Mitternachtsstunde bei der berüchtigten Kapelle an. Sie war
verschlossen. Die Tür wurde eingeschlagen. Das Innere der Kapelle wurde mit
Fackeln durchsucht. Man fand Gewölbe und Keller, aber alle waren öde und leer.
    Jetzt wurde wahr, was der Maultiertreiber glaubte: Rinaldo nahm Quartier in
der Kapelle.
    Den folgenden Abend zog er ins Tal hinab, und als die Nacht einbrach,
marschierte er auf das Schloss der Gräfin Martagno los. Da er alle Ausgänge
wohlbesetzt hatte, wollte er sich mit Lodovico und Jordano in das Schloss selbst
begeben, als ihm gemeldet wurde, man vernehme von weitem das Pferdegetrappel von
einem nicht unbedeutenden Kavallerie-Corps. - Er zog seine Leute zusammen und
schwenkte sich links in ein Buschholz, welches er kaum erreicht hatte, als die
Reiterei auf der Heerstrasse näher herbeikam. Seine Gesellen waren schussfertig,
die Hunde lagen schweigend auf der Lauer. Fernher blinkten ihnen brennende
Fackeln entgegen.
    »Sonderbar!« murmelte Lodovico, - »ein Kavallerie-Detaschement reitet doch
sonst nicht mit Fackeln einher.«
    Der Zug kam näher. Es waren zwölf Reiter, die einen mit Maultieren
bespannten Wagen umgaben. Einige trugen Fackeln, und alle waren schwarz, genauso
vermummt wie jener Schwarze, Lodovicos Schrecken und Rinaldos Gegner.
    Jetzt waren sie dem Buschholze nah, welches Rinaldo verliess und dem Zuge mit
gespanntem Rohre in den Weg trat. Hinter ihm standen Lodovico, Luzo, Jordano und
noch zwei andere ihrer Gesellen schussfertig. Der Überrest des Corps nahm den Zug
im halben Zirkel, rechts in die Flanke.
    »Haltet an!« - donnerte ihnen Rinaldo entgegen. - »Hier steht ein Mann, der
euch näher kennenlernen will.«
    »Wer ist der Mann?« - fragte der Anführer. - »Wer ist er, der uns Befehle
geben kann? Uns Gefürchteten? Uns schreckbar Gewaltigen?«
    »Nennt euch, wie ihr wollt«, - sagte Rinaldo. - »Ich habe euch einen Namen
entgegenzusetzen, der Staaten erschüttert, und die Mündungen meiner Kugelbüchsen
liegen euch Gewaltigen und Gefürchteten entgegen. Ich bin Rinaldini.«
    »Dieser«, - antwortete jener, - »ist der Mann nicht, der uns schrecken kann,
ist nicht der Gewaltige, der mit Erfolg uns drohen darf, denn er selbst ist in
unserer Gewalt.«
    »Das lügst du!« - schrie Rinaldo erbittert. - »Rinaldini ist in keines
Menschen Gewalt.«
    »Törichter Brausekopf!« - sagte jener, - »Dein Drohen und Pochen könnte dir
bald gelegt werden, wenn man nicht Mitleid mit dir hätte! aber zu seiner Zeit
sollst du schon dafür büssen. Hart fallen die Geisselstreiche der Gewaltigen auf.
Frage nur deshalb Lodovico.«
    »Ich hoffe«, - schrie Lodovico, - »Hieb mit Hieb vergelten zu können.«
    Der schwarze Anführer fuhr weiter fort: »Jetzt, Rinaldini! frage ich dich:
warum trittst du uns in den Weg? Was willst du?«
    »Genugtuung will ich haben«, - antwortete Rinaldo, - »für unbefugte
Misshandlungen, die ihr an Lodovico und an mir selbst verübt habt. Ich erkenne
eure vorgebliche Macht nicht an. Auch will ich wissen, welche Heimlichkeit ihr
in dem Wagen mit euch umherführt.«
    »Auf alles das«, - antwortete der Schwarze, - »habe ich dir kein Wort zu
antworten. Wir geben keinem Menschen von unsern Handlungen Rechenschaft. Gib
dein Vorhaben auf und stelle dich zur Busse ein, sonst wird ein schweres Gericht
über dich ergehen.«
    Ohne eine Silbe hierauf zu antworten, gab Rinaldo das Signal, und seine
Gesellen rückten dem Zuge näher.
    »Noch ein Wort von mir«, - sagte er, - »und ihr liegt zu Boden gestreckt.
Öffnet freiwillig die Geheimnisse eures Wagens und ergebt euch, oder euer Blut
bezahlt eure Hartnäckigkeit.«
    »Du kannst tun, was dir beliebt. Aber aufmerksam auf deine eigene Gefahr
will ich dich doch machen. Du bist umzingelt. Auf allen Anhöhen blinken Gewehre
zu deinem Verderben. Ergib dich uns auf Gnade, sonst ist dein Leben verloren.«
    »Hauptmann!« - lispelte Jordano ihm zu, - »die Anhöhen sind wirklich mit
Menschen besetzt.«
    Lodovico sagte ihm in ihrer Räubersprache:
    »Der Schein von Gewehren blinkt durch die Nacht.«
    »Die Würfel liegen!« - antwortete Rinaldo. - »Gewinne, wer da will. Der Wurf
ist gefallen. Man bemächtigt sich unserer nicht so leicht, und gewiss nicht ohne
Blut. Angesetzt, sobald ich das Zeichen gebe. Wir schlagen uns durch.«
    Hierauf wendete er sich zu seinem Gegner und fragte: »Zum letztenmal: wollt
ihr euch gutwillig ergeben?«
    »Zum letztenmal, nein!« - war die Antwort.
    Rinaldo löste seine Pistole gegen den schwarzen Anführer, zwanzig Schüsse
seiner Leute fielen auf einmal, drei der Schwarzen stürzten von den Pferden. Die
andern zogen ihre Pistolen, schossen ein paar von Rinaldos Gesellen nieder,
drückten ihren Pferden die Sporen in die Seiten und sprengten feldein, rechts
davon.
    Rinaldo näherte sich dem Wagen, riss den Schlag auf, glaubte Dianoren in
seine Arme stürzen zu sehen und fand statt Menschen in dem Wagen - einen Sarg.
    Jordano, Lodovico und Luzo bemächtigten sich der Pferde der Gefallenen.
Jetzt hörten alle von ferne Trompetenstösse, und bald darauf ertönte die
Sturmglocke im nächsten Dorfe.
    »Hurtig!« - schrie Rinaldo, - »hurtig mit dem Wagen nach dem Gebirge rechts
zu!«
    Er warf sich auf ein Pferd, das ihm Lodovico zuführte, und jagte dem
Bergpasse zu. Ihm folgten Jordano und Luzo.
    Lodovico und noch einige seiner Gesellen sprangen auf und in den Wagen. Die
andern schlossen sich dicht an, und der ganze Zug rückte, so schnell wie
möglich, dem Hauptmann nach.
Kaum hatte Rinaldo den engen Pass des Gebirges erreicht, als er und seine
Gesellen von den Pferden stiegen und Posto fassten, entschlossen, den Eingang zu
ihrer Retirade auf das äusserste zu verteidigen. Aber es erschienen keine Gegner.
Sie wurden nicht angegriffen.
    Bald darauf kam der Wagen an, und, nach und nach, laufend die andern
Gesellen. Sie zogen sich tiefer in die Gebirge und erreichten ein kleines Tal,
als eben der Morgen anbrach. Hier wurde haltgemacht. Maultiere und Pferde wurden
der Weide des Tals überlassen und Rinaldo musterte seine Leute. Ausser den
beiden, bei der Gegenwehr der Schwarzen gefallenen, fehlte kein Mann.
    Hierauf liess Rinaldo den Sarg aus dem Wagen heben. Er war ausserordentlich
schwer und fest vernagelt. Man zerschlug den Deckel und fand wohleingepackt eine
Menge goldene und silberne Gefässe aller Art. Sie packten aus: Leuchter,
Schüsseln, Teller, Kannen, Becher und Schmuck; auch lagen in zwei Kästchen
einige Ringe, Uhren und sechs Rollen, jede mit 1000 Dukaten gefüllt.
    »Ah! siehe da!« - sagte Rinaldo, - »Nun kennen wir doch wohl die schwarzen
Herren? Sie treiben unter einem gar sonderbaren Scheine unser Handwerk selbst.
Daher ihre Erbitterung. Brotneid ist es, der sie gegen uns aufbringt? - Gut, dass
sie gesammelt haben! Wir wollen uns, wie frohe Erben, in den Nachlass alter
Wucherer teilen. Seht, sie haben zusammengescharrt, um uns frohe Tage zu
machen!«
    Hierauf schritt er ohne Aufentalt zur Teilung. Er selbst behielt nur ein
Pferd und zwei Rollen mit Dukaten ausschliesslich für sich.
    Da es ihm sehr wahrscheinlich war, dass er aufgesucht werden würde, teilte er
seine Rotte und schrieb seinen Gesellen rechts und links Wege vor, welche sie
einschlagen sollten, um sich nach und nach dem Platze zu nähern, wo, wie er
meinte, Luigino stand, wohin er kommen wollte.
    Als nun alles angeordnet und verabredet war, setzte er sich zu Pferde. Eben
das taten Lodovico und Jordano als seine Begleiter. Alle drei schlugen die
Heerstrasse nach Nisetto zu ein.
Sie hatten kaum das Tal im Rücken, als ihnen ein Bewaffneter begegnete, der
ihnen ohne Anstand in den Weg trat und, ohne ein Wort zu sprechen, Rinaldo einen
Brief überreichte. Rinaldo sah ihn misstrauisch an und gab seinen Begleitern
einen Wink, den diese verstanden, von den Pferden sprangen und den Kerl in die
Mitte nahmen. Dieser blieb, ohne sich zu regen und ohne anscheinliche Furcht,
auf dem Platze, wo er stand. Rinaldo öffnete den Brief und las:
        »Tapferer Rinaldini!
    Deine Standhaftigkeit und dein Mut flössten uns Bewunderung ein. Du hast uns
überwunden und aus Feinden zu deinen Freunden gemacht. Noch mehr, wir bieten dir
hiermit feierlich die Hand zu einer Vereinigung, die du nicht ausschlagen wirst,
da sie dir Männer bietet, die furchtbar genug sind, sich allentalben Ehrfurcht
zu verschaffen. Des Joches einer tyrannischen Regierung müde, sind wir
entschlossen, selbst zu herrschen.1 Dies wird dir genug sein. Du, der du
verdientest, an der Spitze eines Kriegsheeres zu stehen, wirst den Platz
einnehmen, der dir bestimmt ist. Wir fragen dich: Wo willst du dich finden
lassen, damit wir dir mündlich mehr sagen können? Dem Überbringer dieses Briefes
kannst du ohne Bedenken deine Antwort anvertrauen. Wir erwarten sie so, wie wir
sie wünschen.
                                                    Deine Freunde, die schwarzen
                                                                                
                                                        Richter im Verborgenen.«
Rinaldo riss ein Blatt Papier aus seiner Schreibtafel, nahm Bleistift und
schrieb:
    »Rinaldini mag euch nicht besser kennenlernen, als er euch schon kennt. Er
ist kein Rebell gegen den König und verachtet eure Anerbietungen. Er weiss euch
zu verfolgen und mag sich nie von euch Freund nennen lassen.«
    Er faltete das Billet und übergab es stillschweigend dem Boten, der es
ebenso annahm und, ohne ein Wort zu sprechen, davonging.
    Als er fort war, teilte Rinaldo seinen Begleitern den Inhalt des Briefes
mit, die sich höchlich darob verwunderten.
    Sie waren noch über diese Sache im Gespräch begriffen, als sie eine Kutsche
kommen sahen, in der, als sie näherkam, Rinaldo zu seinem grossen Erstaunen
Olimpien gewahr wurde, die an der Seite eines Unbekannten sass, der, wie sein
starkes und wohlgekleidetes Gefolge vermuten liess, ein Mann von Ansehen und
Stande war. - Sie entfärbte sich, als sie Rinaldo erblickte, sichtbar, gab aber
kein Zeichen einer Bekanntschaft von sich und nickte, als sie gegrüsst wurde,
sehr vornehm, ganz ohne Bezug, mit dem Kopfe. - Rinaldo hielt einen Diener an,
der einige Schritte hinter dem Wagen herritt, und fragte: »Wer ist der Herr in
dem Wagen?«
    »Der Stattalter von Nisetto«, war die Antwort.
    Lodovico sah Rinaldo an und sagte ganz lakonisch:
    »Nicht wahr! wir wollen diese Dame nicht kennen?«
    »Natürlich!« - lachte Rinaldo heraus, - »sonst hätten wir uns ja anders
benommen.«
    »Jetzt wird sie der Herr Stattalter kennenlernen sollen« - fuhr Lodovico
fort. - »Das muss ich sagen, die Signora kommt doch unter macherlei Hände. Wenn
sie nur nicht auch etwa einmal die Schwarzen in die Klauen bekommen und ihr,
weil sie uns kennt, eine Busse auflegen, wie die war, die mir aufgelegt wurde.
Mir haben sie den Kalender auf den Leib geprägt, das kann ich wohl sagen.«
    Jordano bemerkte, es erhebe sich vor ihnen eine Staubwolke, die von Reiterei
herzukommen scheine. So war es auch. Die Staubwolke kam näher, und die Reiter
kamen zum Vorschein. - Rinaldo ermahnte seine Begleiter, ihre Waffen in
Bereitschaft zu halten, und ritt gerade auf die Reiter zu.
Ein Dragoner-Kommando kam ihnen entgegen. Der Offizier dankte sehr höflich, als
er gegrüsst wurde, und fragte ebenso:
    »Darf ich Euern Namen wissen?«
    Ohne Anstand zu nehmen, antwortete Rinaldo:
    »Ich bin ein Reisender. Baron Tegnano ist mein Name. Diese sind meine
Diener.«
    »Ihr habt doch Pässe?« - fragte der Offizier weiter.
    »O ja!« - antwortete Rinaldo ganz unbefangen. - »Auch habe ich
Empfehlungsbriefe von dem Stattalter zu Nisetto, dessen Anverwandter zu sein
ich die Ehre habe, bei mir.«
    »Das ist recht gut!« - fuhr der Offizier fort, - »denn Ihr werdet
allentalben angehalten werden, wo Ihr Militär antrefft, was sehr häufig der
Fall sein wird.«
    RINALDO Wie kommt denn das? Besorgt man etwas von den Barbaresken?
    OFFIZIER Dazu ist man hier zu weit von der Küste entfernt. - Aber es streift
viel loses Gesindel umher, und Rinaldini mit seiner Bande haust mitten unter
uns.
    RINALDO Das habe ich auch gehört, habe es aber kaum glauben können.
    OFFIZIER Es ist Wahrheit. - Auch existiert noch eine andere Gaunertruppe,
von der man nicht einmal recht weiss, ob sie mit zu Rinaldinis Bande gehört oder
nicht. Ihre Mitglieder tragen schwarze Mönchskutten und haben sich sehr
furchtbar gemacht. Es ist mir recht lieb, Euch und Eure Leute so gut bewaffnet
zu sehen, ich würde mich sonst schwächen und Euch Bedeckung mitgeben müssen:
denn selbst ein Militärkommando wagt, wenn es auf die Banditen trifft, die ganz
verzweifelt fechten. - Ihr geht doch nach Molano zu?
    RINALDO Gerade nach Molano.
    OFFIZIER Ich wünsche Euch glückliche Reise!
    Sie schieden und ritten davon.
    »Das hiess wohlfeil weggekommen«, - sagte Lodovico. - »Mir war immer bange,
er möchte die Pässe und Empfehlungsschreiben sehen wollen.«
    RINALDO Dann hätte ich meine Brieftasche herausgezogen, hätte darin
geblättert, gesucht und mich, da ich nichts finden konnte, bestürzt gestellt.
»Meine Papiere sind liegengeblieben«, wär' meine Antwort gewesen. Wir wären auf
mein Erbieten nach Nisetto zum Stattalter geritten, und da Olimpia bei ihm war,
meinst du denn, dass diese uns würde haben stecken lassen?
    LODOVICO Bravo! Darauf wär' ich, straf mich Gott! nicht so schnell gefallen
wie Ihr.
    Sie trabten nun stark zu, aber nicht nach Molano, wie Rinaldo dem Offizier
gesagt hatte, sondern sie hielten sich links an der Gebirgskette hin, wo sie
gegen Mittag ein kleines Dörfchen erreichten, bei welchem ein benachbartes
Serviten-Kloster eine Herberge für Reisende hielt. Hier hielten sie an und
kehrten ein.
Indes ein kleines Mittagsmahl zubereitet wurde, packte Rinaldo das
Anforderungsschreiben, welches er von der schwarzen Rotte erhalten hatte, an den
Stattalter zu Nisetto ein, überschickte es ihm durch einen Boten und legte
folgendes Schreiben dazu:
        »Mein Herr Stattalter!
    Beikommendes Schreiben einer Schwarzen Brüderschaft schickt Euch zur
Einsicht der Mann zu, der eingeladen wurde, einem Bunde beizutreten, der gegen
den Herrn dieser Insel gerichtet ist. Er fühlt keinen Beruf dazu, mit diesen
Menschen gemeinschaftliche Sache zu machen, und macht Euch aufmerksam auf eine
Pest, die im Finstern schleicht. Ihr werdet Eure Massregeln zu nehmen wissen. Der
gebannte, geächtete und verachtete Räuberhauptmann ist kein Rebell; auch hat er
seinem Handwerk jetzt gänzlich entsagt und wird bald nicht mehr auf dieser Insel
sein. Er wünscht Euch wohl und glücklich zu leben und unterzeichnet hier seinen
Namen:
                                                             Rinaldo Rinaldini.«
Nach der Besorgung dieses Geschäftes überliess er sich dem Anschauen der
romantischen Gegend, in welcher er sich befand. - Das Wirtshaus lag am Fusse
einer hohen Felsenmasse der Bergkette, auf deren einer Spitze ein niedliches
Schloss stand, umgeben mit hohen Mauern, geschmückt mit mehreren Türmen. Rinaldo
erinnerte sich des Bergschlosses der Gräfin Martagno, und die Rückerinnerung
rief in seine Seele Bilder verflossener Tage zurück.
    Er wandelte am Fusse der Felsen, in stille Betrachtungen verloren, auf und
ab, und näherte sich gedankenvoll einem Gebüsch, aus welchem plötzlich einige
handfeste Männer hervorsprangen, ihn anpackten, niederwarfen, banden und ins
Gebüsch schleppten. Hier gaben sie ein Zeichen. Eine mit Rasen überlegte Falltür
ging auf, und Rinaldo wurde einige Stufen hinab durch einen finstern Gang
getragen. Eine Treppe und zweite Falltür brachte ihn zurück über die Erde, und
er befand sich, als er wieder Tageslicht sah, in einem ziemlich geräumlichen
Schlosshofe. Hier band man ihn los.
    Auf seine Frage: wo er sei, erhielt er zur Antwort: er werde es mit der Zeit
erfahren.
    Auf der Treppe kam ihm eine Gattung von Castellan entgegen, der ihm drei
Schlüssel überreichte und dabei sagte:
    »Dies sind die drei Schlüssel zu den drei Zimmern, welche Euch in diesem
Schloss zur Wohnung bestimmt sind.«
    RINALDO Also doch Zimmer und keine Kerker?
    CASTELLAN Bewahre Gott uns alle vor den Kerkern dieses Schlosses! sie sind
fürchterlich. - Aber wie sollten auch ein Kerker und der Herr Baron
zusammenkommen?
    RINALDO Du weisst also, wer ich bin?
    CASTELLAN Von Euch weiss ich weiter nichts, als dass man mir befohlen hat,
Euch hier zu bedienen, und dass Ihr ein Herr Baron seid, dessen Namen ich nicht
weiss.
    RINALDO Auf wessen Veranstaltung bin ich hier?
    CASTELLAN Meine Instruktion lautet: Du räumst dem Herrn Baron die
bezeichneten drei Zimmer ein, bedienst ihn und leistest ihm Gesellschaft, wenn
er es haben will; wo nicht, so bleibst du für dich. Deine Frau wäscht und kocht
für den Herrn Baron, und übrigens erwartest du weitere Befehle.
    RINALDO Und den Namen des Besitzers dieses Schlosses erfahre ich nicht?
    CASTELLAN Von mir nicht.
    RINALDO Ich bin also doch wohl eine Art von Staatsgefangener?
    CASTELLAN Das kann sein. Ich weiss es nicht, warum und weswegen Ihr hierher
gebracht worden seid.
    Rinaldo schwieg und liess sich seine Zimmer anweisen, die sehr artig möbliert
waren. Er fand Schreibzeug, Papier, Bücher, ja sogar eine Guitarre. Ein Beweis,
dass die, die ihn hierher hatten bringen lassen, ihn und seine Bedürfnisse
kannten.
    Die Aussicht aus seinen Zimmern ins Freie war romantisch schön. Er trat an
ein Fenster, sie zu geniessen, und ein Fernrohr gewährte ihm dieses Entzücken
doppelt.
    Er sah hinab, sah das Wirtshaus, wo er noch kurz zuvor eingekehrt war, und
erblickte seine Gefährten, Jordano und Lodovico, die sehr verlegen allentalben
umherblickten und sich vermutlich das Verschwinden ihres Herrn nicht erklären
konnten. Er rief und winkte. Seine Stimme verhallte in den Felsen, sein Winken
wurde nicht bemerkt. Er beschrieb ein Papier und vertraute es der Luft an. Es
irrte kreisend umher und blieb nahe vor dem Schloss in einem Dornstrauche
hängen.
    Noch sann er nach, wie er sich seinen Gesellen bemerkbar machen wollte, als
er einige Reiter auf das Wirtshaus zusprengen sah. - Lodovico und Jordano wurden
von den Reitern umzingelt, es fielen Schüsse, Säbel blitzten, und bald waren die
Reiter und Rinaldos Gefährten verschwunden. Links wölkte sich der Staub in die
Luft. Die Gegend wurde menschenleer und öde.
    Die scheidende Sonne traf Rinaldo noch nachdenkend am Fenster an, und dort
sahen ihn der Mond und die nächtlichen Sterne.
Drei Tage waren vergangen, als den vierten Tag, abends, da Rinaldo eben in
tiefen Gedanken auf seinem Ruhebette sass, die Tür seines Zimmers aufging und
eine verschleierte weibliche Gestalt ganz unvermutet erschien. Sie blieb bei der
Tür stehen. Rinaldo, der sie einige Augenblicke schweigend betrachtet hatte,
fragte:
    »Wer ist da?«
    Die Verschleierte kam näher, trat dicht an Rinaldos Lager und streckte
schweigend ihre Hand aus.
    ER Bekannt oder unbekannt?
    SIE Rate, wer ich bin?
    ER Du bist Olimpia. - Wie kommst du hierher zu mir?
    SIE Auf eben dem Wege, auf welchem du hierher kamst.
    ER Du kennst also die Schlupfwinkel dieses Schlosses?
    SIE Noch nicht. Ich bin jetzt zum erstenmal hier.
    ER Hast du von dem Stattalter abkommen können?
    SIE Wie du siehst.
    ER Er wird doch nicht argwöhnisch sein?
    SIE Eine gute Haut!
    ER Desto besser für dich.
    SIE Und für dich. Er ist der Unsrigen einer.
    ER Das heisst doch: er ist auch eine Maschine des Alten zu Fronteja?
    Olimpia rückte einen Stuhl herbei und setzte sich.
    Lächelnd fragte Rinaldo: »Warum bin ich hier?«
    SIE Zu deiner Sicherheit.
    ER Wer liess mich überfallen und hierher bringen?
    SIE Dein Freund. Der Alte.
    ER Wem gehört dieses Schloss?
    SIE Einem unsrer Freunde. - Wärst du nicht hier, du sässest jetzt im Kerker.
Die Schwarzen sind mächtiger als du glaubst.
    ER Wie? Und die Schwarzen gehörten nicht auch zu den Eurigen?
    SIE Ich weiss nichts davon. - Wie könnten sie auch dann deine Feinde sein?
    ER Wer sind sie, diese imponierenden Strauchdiebe?
    SIE Das, was du gesagt hast. Aber sie sind durch geheime Verbindungen
mächtig.
    ER Sind sie mächtiger als der Alte und seine Ergebenen?
    SIE Das wohl nicht, aber sie sind dennoch sehr mächtig. Indessen, dein Brief
an den Stattalter hat ihnen einen starken Schlag versetzt. Der Brief ist jetzt
in den Händen der Regierung, die ohnehin schon auf diese Menschen aufmerksam
gemacht worden ist, und nur noch etwas, und ihr Untergang ist da. - Doch, das
wirst du hören. Jetzt meine Botschaft, die ich an dich habe. - Man fragt dich,
ob du entschlossen bist, nach Korsika zu gehen? Wir wollen deinen Entschluss von
deinem freien Willen haben. - Du bist frei. Der Alte überlässt dich deinem freien
Willen. Auch wenn du nicht nach Korsika gehen willst, kannst du dieses Schloss
verlassen; sobald du willst, kannst du gehen, wohin es dir beliebt.
    ER Ich nehme euch beim Worte.
    SIE Du willst also nicht nach Korsika gehen?
    ER Sobald ich den Alten von Fronteja gesprochen habe, werde ich mich
bestimmter erklären.
    SIE Gegen mich nicht? - Gute Nacht!
    Sie stand auf, ging nach der Tür, blieb stehen und schien etwas zu erwarten.
Rinaldo wünschte ihr, wohl zu ruhen. - Sie ging zurück, ergriff seine Hand.
Schweigend zog sie Rinaldo zurück. Sie blieb stehen.
    SIE Ich habe dir noch etwas zu sagen.
    ER Ist es etwas Unangenehmes?
    SIE Noch mehr als das.
    ER Nun! was es auch sei, darf und muss ich es wissen, so sage es.
    SIE Deine geliebte Rosalie ist krank.
    Er seufzte und schwieg. - Olimpia erwartete vergebens eine Antwort und ging
endlich wieder nach der Tür zu. Hier blieb sie stehen.
    SIE Hast du nichts an Rosalien zu bestellen?
    ER Tausend Grüsse und meine innigsten Wünsche für ihre Besserung.
    SIE Aber, wenn sie - Rinaldo! Rosalie ist sehr krank.
    ER O Gott! Aber - Es ist kein beneidenswertes Los, die Geliebte eines
verrufenen Räuberhauptmanns zu sein! Welche Erdenglückseligkeit könnte das arme
Geschöpf auch mit gegründeter Hoffnung erwarten? Die ihren Liebhaber auf dem
Rade und sich, schon deswegen, weil sie von ihm geliebt wurde, am Pranger und
zeitlebens im Zuchtaus versorgt zu sehen.
    SIE Rinaldo, du vergisst die Lorbeeren, die dir in Korsikas Tälern grünen.
    ER Auch diese sogar sind kein Brautkranz für ein Mädchen. Für mich aber
grünen sie nicht. - Ein so edles Gewächs, geschaffen für imperatorische
Siegerstirnen, kühlt die Schläfe eines Räubers nicht. Auf meinem Haupte würde
der Kranz welken, und ich könnte ihn nun zur Satire für alle Helden der Nachwelt
machen.
    SIE Unglücklicher Mann!
    ER Jetzt nennst du mich bei meinem rechten Namen.
    SIE Was wird und was könnte aus dir werden?
    ER Was ich schon bin. Ein Unglücklicher!
    SIE Dein Unmut ist gross! Wie willst du enden?
    ER Wie es mir gebührt.
    SIE Wehe dir, dass du so sprechen kannst! - Ermanne dich und bleib', was du
immer warst, ein grosser Mann.
    ER Beschimpfe die grossen Männer nicht mit meiner Parallele. - Ich weiss nur
allzugut, was ich bin.
    Olimpia schwieg und zog den Schleier über ihr Gesicht. Rinaldo schlug sich
vor die Stirn und seufzte tief auf.
    SIE Rinaldo! Rinaldo!
    ER Rosalie ist sehr krank?
    SIE Ich kann dich nicht täuschen. Sie ist tot.
    ER Tot? - Ach! - Fahre wohl, liebe, gute Seele! Wohl dir, dass du geendet
hast! - Olimpia! Nicht wahr, ihr ist sehr wohl? - Auch mir muss es so wohl
werden, wie es ihr ist. Nur bald! nur bald! Er wendete sich gegen die Wand und
weinte. Olimpia verliess das Zimmer.
Aus einem schweren Traume entriss ihn ein Geräusch. Er erwachte und sah das eine
seiner Zimmer erleuchtet. Er rieb sich die Augen und sah: An einem mit sieben
brennenden Wachskerzen besetzten Tische sassen hinter Bechern und Flaschen
Cintio, Nero, Lodovico, Jordano, Luigino, Olimpia und Eugenia, jedes hinter
einer Kerze. Schweigend, und wie in eine optische Maschine, blickte Rinaldo in
die Gesellschaft, die, seines erwachten Daseins unbekümmert, sich ihrer
Unterhaltung fortgesetzt überliess. Er schwieg und hörte.
    LODOVICO Sie hatten uns schon Handschellen angelegt und führten fatale
Reden, z.B. von der Folter, vom Köpfen, Hängen und dergleichen Ausdrücke, die
einem braven Kerl gar nicht behagen können. Das machte uns wirklich ein wenig
bange, und wir sahen schon unserm gewissen Lebensende, auf der Folterbank
zerdehnt und zerzerrt, entgegen, als unvermutet Hilfe und Rettung kam.
    JORDANO Das hiess in der Tat Hilfe in der Not! Wir werden sie unserm
ehrlichen Alten zu Fronteja nie vergessen. - Lasst uns anstossen und seine
Gesundheit trinken. Er soll leben!
    ALLE Er soll leben!
    LODOVICO Unsern braven Rinaldini hat er auch schon verschiedenemal den
ungewaschenen Händen der misslaunischen Justiz entzogen. Der wär' vielleicht
schon längst eine Speise der Raben geworden, hätte der gute Alte sich nicht
immer so freundschaftlich ins Spiel gemischt.
    OLIMPIA Das ist gewiss wahr! Rinaldini hat ihm sein Leben auf vielfache Art
zu verdanken.
    CINTHIO Das wird er auch tun. Mein Freund Rinaldo ist dankbar. - Mir ist es
ein sehr grosses Vergnügen, den guten Alten und seine wackern Freunde
kennengelernt zu haben. Da säss ich, wenn es recht köstlich gewesen wär', als
Förster in einem Dorfneste und müsste Dachse und wilde Katzen verfolgen, um nicht
zu verhungern. Nun aber soll's den übermütigen Korsen Feinden gelten.
    LUIGINO Es soll ihnen gelten! - Es leben die wackern Korsen, die unsrer
Ankunft, die ihrer Retter harren!
    ALLE Es leben die wackern Korsen!
    LODOVICO Wie stark sind wir nun aber eigentlich?
    LUIGINO Es schiffen sich über vierhundert Mann ein und finden in Korsika
über dreitausend Freunde, ohne die, die sich zu uns schlagen werden, sobald wir
den ersten Streich ausgeführt und uns eines haltbaren Platzes bemächtigt haben
werden. Das Fort Ajalo wird zuerst genommen. -
    LODOVICO Wetter! es wird einen schönen Lärm geben, wenn es heisst: Das
unüberwindliche Corps des grossen Rinaldini ist da! Die Kerls sind wahre Teufel
gegen ihre Feinde und die grossmütigsten Menschen von der Welt gegen ihre
Freunde. Sie vergiessen ihr Blut für die Freiheit der unterdrückten und
misshandelten braven Korsen. Freunde! das bringt uns Ehre und Ruhm. Schon sehe
ich unsere Namen an dem Obelisk glänzen, der uns und unsern Siegen errichtet
werden wird, und die Mitwelt und Nachwelt wird sagen: Seht, das taten Menschen,
die man Räuber, Männer, die man Banditen nannte. Da stehen ihre Namen mit
goldenen Buchstaben, und obenan glänzt der Name Rinaldini. Das gibt hohe Ehre!
    NERO Geht denn unser Alter auch mit uns?
    LUIGINO Das versteht sich. Auch er ist ein Korse, der das Wohl seines
Vaterlandes im Herzen trägt.
    OLIMPIA Wir gehen alle mit. - Viele unserer Schwestern werden fechten an der
Seite der tapfern Streiter, mit Mannskraft und von Vaterlandsliebe beseelt.
Andere winden Kränze für die Sieger, und ihre Küsse belohnen die Tapfern.
    Jetzt trat ein schöner Mann von edler Bildung und schlankem Wuchse in das
Zimmer. Luigino nannte ihn Astolfo und Olimpia gab ihm den Namen Bruder. Er
setzte sich zu ihr. - Man zündete eine Wachskerze an und setzte sie vor ihn auf
den Tisch. Sein Becher wurde gefüllt. Es wurde gesprochen.
    CINTHIO Nun? Wie steht es? Ist das Schloss bald voll?
    ASTOLFO O! dass es doch bis unter das Dach vollsteckte! Es wär' ein
gesegneter Aufentalt wackerer Männer! - Unserer neunzig sind nun hier.
    LODOVICO Dass wir alle doch schon in Korsika wären! Dem Klingenschmied oder
Büchsenmacher, dessen Klinge oder Rohr den ersten Feind in den Sand streckt,
will ich zehn Messen lesen lassen, und seiner ganzen Familie soll, wenn er fällt
eine ex profundis bei weissen Wachskerzen gesungen werden, auf meine Kosten.
    ASTOLFO Spätestens bis morgen früh muss Amalato mit dreissig Mann hier auch
eintreffen. Malatesto schwenkt sich noch mit seinen Leuten im Tolonischen
Gebirge herum. Er macht nun einmal so gern Jagd auf die Schwarzen.
    LODOVICO Das vergelte ihm Gott! Wenn er doch die ganze verfluchte Rotte mit
Stumpf und Stiel ausrotten könnte!
    OLIMPIA Die Schwarzen nimmst du wohl oft in dein Gebet?
    LODOVICO O ja, so wie der Nachtwächter den Teufel. Die verdammten Popanze!
Sie haben mir die Erinnerung an ihre Existenz so fest eingegraben, dass ich bei
jedem Stoss einer Windfahne die Rückerinnerung an ihre Bekanntschaft in allen
Gliedern und Nerven fühle.
    JORDANO Jeder Neumond muss sie dir unvergesslich machen.
    LODOVICO Jeder veränderte Windstoss, sage ich! Sie haben mir ein Calendarium
perpetuum dergestalt aufs Leder geprägt, dass ich die Buchstaben und Charaktere
in jeder Ader fühle, wenn die Hähne musizieren. Aber dem ersten dieser
Kalendermacher, den ich unter die Fäuste bekomme, will ich auch ein solches
Honorarium reichen, dass er es als Zehrpfennig bis ins Fegefeuer mitnehmen soll.
    Noch hörte Rinaldo dem Gespräch, bei welchem die Becher fleissig geleert
wurden, schweigend zu, als die Tür aufging und der Alte von Fronteja ins Zimmer
trat. Alle erhoben sich von ihren Sitzen und grüssten ihn ehrerbietig. Er winkte
ihnen freundlich zu, sie setzten sich. Er nahm in dem Zirkel Platz. Zwei
brennende Wachskerzen wurden vor ihn gesetzt, und sein Becher wurde gefüllt. Er
sprach.
    DER ALTE So rein wie das Wachs und die Flamme dieser Kerzen ist die Absicht
aller derer, die hier versammelt sind, entschlossen, den Boden eines Landes zu
betreten, welches, mit dem Blute seiner Tyrannen gedüngt, uns eine reiche Ernte
des Ruhms schenken möge! Wir säen und ernten für die Unterdrückten. Wir sind die
wahren Ackerleute des Ruhms und der Gerechtigkeit. Wir kommen, die Ketten einer
unterdrückten, tapfern Nation zu zerbrechen.
    LUIGINO Ja, wir kommen!
    DER ALTE Der Tag der Rache, der Tag der Rettung bricht an. Eine neue Sonne
geht über Korsika auf. - Geist des edlen, unglücklichen Teodors2, erscheine den
Freunden des Landes, das du liebtest und retten wolltest!
    Er sprach's, fuhr langsam im Kreuzschlag mit der Hand über den Becher, und
schnell entbrauste der Wein in demselben, wie gährender Most. Die Blasen stiegen
hoch auf, entschwebten dem Rande des Bechers, türmten sich pyramidisch, wurden
zum schäumenden Dunstkreis, zerplatzten in der Luft und bildeten eine
aufsteigende Nebelgestalt in verwischter Menschenform. Die Lichter verlöschten,
die Gestalt schwebte, wie ein geformter Nebel, hell und durchsichtig über die
Tafel in die Höhe und verschwand. Die Lichter entzündeten sich wieder. Die
Gesellschaft sass sprachlos in feierlicher Stille da, und der Alte leerte seinen
Becher auf König Teodors Wohl.
    Noch sassen alle in erwartungsvoller Stille sprachlos, als der Alte sich
gegen Rinaldo wendete und fragte:
    »Hast du keine Rede für deine Freunde?«
    RINALDO Wohl bekomme euch alles!
    DER ALTE Ist das der ganze Anteil, den du an unserm Vorhaben nimmst?
    RINALDO Ich kann nicht mehr tun, als euer Wohl zu wünschen.
    DER ALTE Hat dich der grosse, ruhmvolle Gedanke, der edle Wunsch, ein Retter
der Korsen zu sein, verlassen?
    RINALDO Ihre Sache liegt in guten Händen.
    DER ALTE Entsagst du dem Ruhme, diese gerechte Sache zu verteidigen?
    RINALDO Ich entsage jedem Gedanken nach einem Ruhme, der mir nicht gebührt.
Für einen Räuberhauptmann wachsen keine Palmen des Ruhms, grünen keine Lorbeern
der Unsterblichkeit.
    DER ALTE Kleinmütiger! du bist nicht mehr der kühne, unerschrockene
Rinaldini. Dein Geist ist von dir gewichen. Du bist kaum noch der Schatten
deiner vorigen Wirklichkeit. - O Freund! was würde, hörte er dich jetzt reden,
dein ehemaliger Lehrer, der wackere Onorio, sagen? Er, der so oft mit dir in den
Zeiten der Helden der Vorzeit umherschwärmte; was würde er sprechen? - Wie
jammert uns dieser dein Zustand? Was können wir für dich tun?
    RINALDO Seid ihr wirklich meine Freunde, so vergesst, dass man mich Rinaldini
nannte. Verbindet mit diesem Namen keine Erwartung an kühne Taten und lasst mich,
unbekannt und ungenannt, in Ruhe sterben.
    CINTHIO Rinaldo! Freund! -
    RINALDO Ich beklage dich, den man seiner ruhigen Einsamkeit entrissen hat!
Du warst zu glücklich für einen Räuber, darum konnte es nicht so bleiben.
    DER ALTE Ich beklage dich!
    RINALDO Verschaft mir, ihr Allesvermögenden, sichere Abfahrt aus dieser
Insel auf irgendein kleines, unbedeutendes Eiland, wo Platz für mich und Gras
für meine Ziegen ist. Dort will ich in stiller Ruhe, unter Hirten und Fischern,
mein Leben endigen, ungekannt und ungenannt.
    DER ALTE Wie wird das möglich sein können? Du bist zu allbekannt.
    RINALDO Doch nicht in jedem Weltteile. - Ich schenke euch meine vergrabenen
Schätze, ich nenne euch die Plätze, wo sie liegen, sie werden euch bei eurem
Vorhaben nicht unwillkommen sein. Mich führe unbemerkt ein Schiff über die
rollenden Fluten an den Küsten des Landes vorbei, dessen Fesseln ihr zerbrechen
werdet.
    DER ALTE Freund, du bist krank. Wir können dich nicht eher aus den Augen
lassen, bis du genesen bist.
    Rinaldo seufzte und verhüllte sein Gesicht. Die Gesellschaft blieb
schweigend und stumm.
    Der Alte gab Astolfo einen Wink. Dieser verliess das Zimmer. - Die Stille
wurde durch keinen Laut unterbrochen.
    Auf einmal ertönten Trommeln im Schloss und Trompeten durchschmetterten die
Säle. Man sprang auf.
    »Wir sind überfallen!«
ertönte es von allen Seiten ins Zimmer. - Rinaldo sprang vom Lager auf, ergriff
seinen Säbel und eilte nach der Tür. Hier umfing ihn der Alte und rief entzückt
aus:
    »Ja! du bist noch der Unerschrockene, der Tapfere, wie sonst! Trompetentöne
und Trommelwirbel haben dich dem Schlummer entrissen, und der Mann stand vor
uns. Diese Töne werden dich nach Korsika begleiten. Der Donner unsres Geschützes
wird unsern Feinden entgegenbrüllen: Der Rächer kommt!«
    Rinaldo sah den Alten betroffen an, und der Säbel entsank seiner Hand.
    »Ha!« - schrie er: - »Ihr kennt das Spiel, das ihr mit mir spielt, und ich
kenne mich selbst nicht!«
    Der Alte sah ihn bedeutend an und sagte:
    »Wir haben nur geweckt, was entschlummert war. Jetzt wissen wir, dass du noch
Rinaldini der Tapfere bist. Trompeten und Trommeln mögen schweigen. Dein Geist
spricht kräftiger und lauter als dein Mund. Was du auch sagen magst, wenn Missmut
und üble Laune dich quälen, wir glauben dir nicht. Wir kennen die Töne, die dich
deinen Freunden geben, wie du bist. Was die Stimme der Freundschaft nicht
vermochte, das vermochten die Töne der Trompeten. Dies ist der Ruf der Ehre. Wir
wissen nun, dass du der Held bist, den wir suchen und gefunden haben.«
    RINALDO Ihr irrt Euch. Den Tod wollte ich suchen im Gefecht -
    DER ALTE Den sucht keiner, der unter Hirten und Fischern, bei weidenden
Ziegen leben will. Er sucht der Gefahr nur zu entfliehen, aber der Tapfere
bietet ihr die Stirn.
    RINALDO Verzweiflung ist nicht Tapferkeit. Sie macht den Mutlosesten zum
Löwen.
    DER ALTE Genug, Rinaldo! Wir kennen dich.
    Auf einen Wink des Alten entfernten sich die Anwesenden nach und nach und
ohne Geräusch. Auch der Alte verliess endlich das Zimmer und sagte:
    »Wir überlassen dich der Ruhe.«
    Rinaldo warf sich wieder auf sein Lager. Die Rückerinnerung der ganzen Szene
seit seinem Erwachen gaukelte wie ein Traum vor seinen Sinnen vorüber.
Den folgenden Tag verliess Rinaldo das Zimmer nicht und blieb ungestört und
allein. Tages darauf verlangte er Cintio zu sprechen und erhielt die Antwort,
dieser sei nicht mehr im Schloss. Hierauf begehrte er eine Unterredung mit dem
Alten von Fronteja, und auch dieser war nicht mehr hier. Bald darauf erschien
Astolfo. Diesem eröffnete Rinaldo sein Verlangen, das Schloss zu verlassen.
    »Das steht in deiner Willkür«, - sagte Astolfo, - »wiewohl ich es dir nicht
raten möchte, du müsstest denn mit den Unsrigen ziehen wollen. Die schwarze Rotte
lauert allentalben auf dich, und ohne Begleitung bist du immer in Gefahr, dich
ihrer grenzenlosen Rache ausgesetzt zu sehen. - Die Unsrigen ziehen sich nach
und nach an die Küste, wo sie eingeschifft werden und nach Korsika absegeln
können. Denn viel Zeit mögen wir nun nicht mehr verlieren, um sobald wie möglich
den Ort unserer Bestimmung zu erreichen.«
    Rinaldo schien nachdenkend zu werden, fasste sich aber bald wieder und
fragte:
    »Hast du zu Fronteja ein Mädchen gesehen, das man Rosalie nannte?«
    ASTOLFO Ich sah sie krank und im Tode.
    RINALDO Sie starb also wirklich?
    ASTOLFO So gewiss, als wir beide noch leben.
    RINALDO Nicht gewaltsam?
    ASTOLFO Was willst du damit sagen? Hast du Argwohn, so ist er ungegründet.
Der Alte liebte sie wie seine Tochter.
    RINALDO Und doch hat er ihres Todes gegen mich mit keinem Worte gedacht.
    ASTOLFO Das ist so seine Art. Von Verstorbenen spricht er nicht gern.
    RINALDO Rosalie war mir sehr wert! Ich liebte sie.
    ASTOLFO Das hat man gesagt. - - Auch ich verlasse morgen dieses Schloss.
Willst du mit mir gehen, so hast du Bedeckung. Wir ziehen uns, wie gesagt, alle
nach und nach der Küste zu.
    RINALDO Du bist Olimpiens wirklicher Bruder? Ein Korse?
    ASTOLFO Beides bin ich.
    RINALDO Ist auch Luigino schon fort von hier?
    ASTOLFO Auch er.
    Hier entstand eine Pause. Astolfo näherte sich langsam der Tür. Rinaldo
wendete sich auf einmal rasch zu ihm und sagte:
    »Ich verlasse morgen mit dir dieses Schloss.«
    Astolfo freute sich dieses Entschlusses. Ganz vergnügt verliess er das
Zimmer.
Den folgenden Morgen bestieg Rinaldo ein Pferd und verliess in Astolfos
Begleitung das Schloss. - Sie begegneten hier und da verschiedenen ihrer Leute,
die sich zerstreut und in kleinen Trupps, doch nicht allzu entfernt voneinander,
über die Gebirge hinzogen. - Die Unterhaltung auf dem Wege war sehr einsilbig.
    In kurzen Tagesreisen erreichten sie Sutera, wo sie einige Tage still lagen
und dann ihren Weg gerade auf Syracus zu nahmen. Sie liessen die Stadt links
liegen, blieben ein paar Tage auf einer Villa, die, wie es schien, einem
Bekannten der Gesellschaft gehörte, und reisten dann auf die Flächen von Marsala
zu.
    Hier quartierten sie sich wieder in eine Villa ein, und von hier aus machte
Astolfo eine Tagesreise allein. - Als er zurückkam, sagte er:
    »Auf dieser Villa kannst du sicher und ruhig leben, bis wir dich zum
Einschiffen abrufen. Wird dir die Zeit lang, so gehe zuweilen in die Gebirge von
Sambuca, dort ist das Hauptlager unserer Leute. - Ich reise jetzt zu dem Alten
und hoffe, dich bald wiederzusehen.«
    Astolfo reiste ab. In der Villa fand Rinaldo alles zu seiner Bequemlichkeit
eingerichtet. Ein Gärtner und seine Tochter waren seine Hausgenossen und
bedienten ihn. Etliche Diener von der Gesellschaft gingen ab und zu.
    Die Tochter des Gärtners, Serena, ein gutes Naturmädchen, war seine
Gesellschafterin und die Gefährtin auf seinen einsamen Spaziergängen. In ihr sah
er eine zweite Rosalie und gewöhnte sich nach und nach so sehr an ihre
Gesellschaft, dass er sich nicht mehr von ihr trennen konnte. Sie unterhielt ihn
mit kleinen Erzählungen von Geistern, Nixen und Rittern und sang ihre und seine
Romanzen, die er für sie dichtete, ihm vor.
    In diesem einfachen Unterhaltungskreise verfloss ihm ein Tag nach dem andern
so unbemerkt, dass er schon drei Wochen auf der Villa war, als er kaum glaubte,
dahin gekommen zu sein.
    Einst sass er mit Serenen in einer Gartenlaube und machte gegen sie die
Bemerkung, dass er glaube, seit ein paar Tagen sie nicht so heiter wie gewöhnlich
zu sehen.
    SIE Das kann sein! Ich bin wirklich auch nicht mehr so heiter wie sonst.
Daran ist mein Vater schuld. - Der sagte mir neulich, Ihr könntet nun nicht
lange mehr hierbleiben, Ihr würdet fortreisen und nicht wieder zu uns kommen.
    ER Und das könnte dich missmutig machen?
    SIE Warum sollte es nicht? Ich habe mich nun an Euch gewöhnt. Man sollte
sich in der Welt gar nicht kennenlernen, wenn man sich wieder trennen muss. Nach
meinem Sinn müsste alles hübsch beisammenbleiben, was sich einmal kennt und sich
gut ist.
    ER Du bist mir also gut?
    SIE Ich dächte, das hättet Ihr längst schon gemerkt.
    ER Aber ob ich dir gut bin?
    SIE Ich glaube es, weil Ihr mich immer um Euch haben mögt. Wenn man einem
Menschen nicht gut ist, wird einem das zur Last. Aber bei Euch ist das nicht der
Fall, denn wenn ich nur einmal ein paar Stunden nicht bei Euch bin, gleich ruft
Ihr: Serena, wo bist du denn? - Und ich höre Euch mich gern rufen. Ich habe es
schon einigemal darauf angelegt, von Euch gerufen zu werden. Das habt Ihr nicht
bemerkt, aber es ist wahrhaftig wahr!
    ER Was kann es dir aber helfen, wenn ich dir auch wirklich gut bin?
    SIE Ei! das hilft mir gar viel. Es macht mich fröhlich und froh, munter und
leicht.
    ER Da ich aber nicht hierbleiben kann -
    SIE Das ist freilich schlimm! - Wo geht Ihr denn hin?
    ER Fort aus dieser Insel in ein anderes Land.
    SIE Ist's dort auch so schön wie hier? - Ist dort auch eine Serena, die Euch
gut ist?
    ER Vielleicht finde ich eine.
    SIE Wenn Ihr sie erst suchen müsst, warum bleibt Ihr nicht lieber hier, wo
Ihr sie schon gefunden habt?
    ER Ich habe Verhältnisse, Geschäfte -
    SIE Das ist mir gar nicht lieb! - Wenn Ihr fortgeht, werde ich sehr traurig
sein.
    ER Du wirst auch wieder heiter werden. Das gibt sich alles.
    SIE Nein! das gibt sich nicht. Es ist besser, es bleibt so, wie es ist.
    ER Es lässt sich nicht tun.
    SIE Das ist sehr ärgerlich! - Ihr kommt also auch nicht wieder?
    ER Schwerlich!
    SIE Wenn's auch ein Jahr währt, ich will's überstehen. Kommt nur wieder!
    ER Gutes Mädchen! du weisst nicht -
    SIE Ich weiss freilich nicht viel, aber ich kann vielleicht noch manches
lernen; besonders, wenn Ihr mein Lehrer sein wollt. Ach! was lernte ich nicht
gern von Euch!
    ER Lerne mich vergessen, wenn ich fort bin.
    SIE Das wird schwerlich gehen. - Nein! 's geht nicht, das weiss ich schon.
Ihr kennt ja das Lied von dem schönen Fischermädchen und dem verliebten Grafen.
Ich habe es Euch schon oft vorgesungen, darin heisst es:
Was ich liebe zu vergessen,
Nein, ach nein, das kann ich nicht.
Alles könnt' ich wohl versprechen;
Aber nur Vergessen nicht!
Was man liebt zu vergessen,
Nein, ach nein! das kann man nicht!
    ER Liebst du mich denn?
    SIE Ei! jawohl!
    ER Das ist nicht gut!
    SIE Wie sollte es besser sein? Und wer kann es mir wehren, wenn ich Euch
liebe?
    ER Was kannst du von deiner Liebe hoffen?
    SIE Von Euch widergeliebt zu werden. Wisst Ihr nicht, wie es in dem Liede von
dem gefangenen Ritter heisst?
Hoffnung ist der liebe Schwester
Und verlässt im Tod sie nicht,
Schlingt die schönen Banden fester,
Die die Freude um uns flicht.
Hoffnung gibt der Liebe Leben,
Mut und Kraft, wenn Leiden droh'n.
Ach! was kann sie bess'res geben?
Gab sie nicht das Beste schon?
Ein Bote suchte Rinaldo auf und gab ihm einen Brief. Er war von Cintio. Dieser
machte ihm freundschaftliche Vorwürfe, dass er noch nicht ein einzigesmal in das
Lager, zu seinen Freunden, in die Gebirge gekommen sei. Er bat ihn, dies recht
bald zu tun.
    Rinaldo schrieb eine Antwort, in welcher er versprach, was man forderte, und
ging, als er den Boten abgefertigt hatte, ans Ufer des Meeres, wo er einige
Fischer in einer Bucht beschäftigt fand, eine Barke mit Lebensmitteln zu
beladen. - Er nahte sich ihnen, grüsste sie, wurde widergegrüsst und spann ein
Gespräch an.
    RINALDO Wohin führt ihr diese Lebensmittel in der Barke?
    FISCHER Nach Pantaleria.
    RINALDO Nach Pantaleria?
    FISCHER Kennt Ihr das Inselchen3 Pantaleria nicht?
    RINALDO Wie sollte ich es kennen? - Liegt es weit von hier?
    FISCHER Sechzig Meilen! Ein Katzensprung!
    RINALDO Ist das Inselchen stark bevölkert?
    FISCHER Ach lieber Himmel! zählt mir ausser den Bewohnern der kleinen Stadt
und des Kastells noch dreihundert Menschen dort, so gewinne ich eine Wette. Es
liegen ein paar Dörfchen auf der Insel und einige lustige Landhäuser. Alles ist
rundherum von den Felsen des Ufers umschlossen. Aber im Innern ist es ein
hübsches, feines, lustiges Inselchen! In der Mitte ist ein vortreffliches,
fruchtbares Tal, und die Bergrücken sind alle gar sorgfältig bebaut. Die Insel
hat Äcker, Wein, Öl, Pomeranzen und eine kleine Schafzucht. Was die Leute dort
nicht haben, führen wir ihnen zu.
    RINALDO Die Bewohner der Insel sind wohl arm?
    FISCHER Reich sind sie freilich nicht, aber sie sind gut, arbeitsam und
menschenfreundlich. Woran es ihnen am meisten fehlt, das ist an Gelde. Ein
Goldstück ist unter ihnen eine rare Sache und eine wahre Seltenheit. Sie graben
aber zuweilen seltene Münzen aus, auch wohl Antiken und dergleichen, diese
machen sie in Sizilien zu Gelde. Sie brauchen wenig und behelfen sich lange mit
ein paar Silberstückchen.
    RINALDO Die guten Leute leben also dort wohl in wahrer patriarchalischer
Einfalt?
    FISCHER Ja, einfältig genug leben sie! Sie haben ausser drei Kirchen in der
Stadt auf dem ganzen Inselchen übrigens nur noch eine einzige Kirche.
    RINALDO Sie sind aber deshalb doch wohl fromme Leute?
    FISCHER O ja! Sie haben, ausser einem Clarisser-Nonnenkloster in der Stadt,
auch ein kleines Klösterchen im Lande, das bewohnen etwa vier bis sechs
Franziskaner-Herren; mehrere können sie nicht ernähren. Diese terminieren aber
auch in unserer Insel und schleppen, was sie bekommen, hinüber auf ihr
Inselchen.
    RINALDO Ich hätte Lust, das Inselchen zu besehen.
    FISCHER Das kann leicht geschehen. Der Herr darf ja nur mit uns
hinüberfahren. Wir wollen's schon billig machen. - Morgen, ein paar Stunden nach
Sonnenaufgang fahren wir ab.
    RINALDO Ich fahre mit.
    FISCHER Der Herr muss sich aber zeitig einstellen. Warten können wir nicht.
    RINALDO Sorgt nicht. Ich werde frühzeitig genug hier sein. Hier habt ihr
etwas auf Abschlag, und morgen sehn wir uns wieder.
    Er ging mit dem festen Vorsatz in seine Wohnung zurück, nach Pantaleria mit
überzuschiffen und von dort nie wieder nach Sizilien zurückzukehren.
    »Vielleicht« - sprach er bei sich selbst - »gelingt es mir endlich doch
noch, unter guten, unverdorbenen, reinen Naturmenschen eine stille, friedliche
Stätte zu finden und mir selbst ruhig und reuig für den Himmel zu leben.«
 
                                    Fussnoten
1 Lionardo Monte Bello. 1. T. S. 220.
2 Der bekannte König der Korsen, Baron Neuhof, ein Deutscher. - Seine Geschichte
hat der Verfasser dieses Buchs der deutschen Lesewelt mitgeteilt, unter dem
Titel: Teodor, König der Korsen. Rudolstadt 1801, 3 Teile, m.K.
3 Isoleta, nämlich im Vergleich mit der grossen Insel Sizilien. Pantaleria hat
nur 7 bis 8 Meilen im Umkreis.
 
                                 Dritter Teil.
 Numquam simpliciter fortuna indulget.
                                                                      Q. CURTIUS
 
                                  Neuntes Buch
 Lächelt dir die Ruh in Friedensauen,
 Lächelt dir der Hoffnung Zauberblick,
 Fürchte Stille, Ruh und Selbstvertrauen,
 Dolche für erträumtes Erdenglück.
Der Morgen brach an, der Vorbote eines schönen, heitern Tages.
    »Lass, guter Himmel«, - flehte Rinaldo - »mich finden, was ich suche. Stoss
den Reuigen nicht von dir und gib mir eine stille, ruhige Wohnung unter guten
Menschen!«
    Schnell verliess er sein Lager, nahm Wäsche mit, steckte alles Geld, was er
hatte, und seine Kleinodien zu sich, bewaffnete sich mit Säbel, Rohr und
Pistolen, schlich an Serenens Kammer vorbei, lispelte ihr ein Lebewohl und eilte
aus der Villa in die Bucht, wo die Fischer seiner warteten.
    »Nun, das heisst doch Wort gehalten!« - schrien sie ihm entgegen, grüssten ihn
und schüttelten ihm traulich die Hände.
    »Sind wir nun alle beisammen?« - fragte der eine, und als mit Ja geantwortet
wurde, nahm er seinen Hut ab und faltete die Hände. Die andern folgten seinem
Beispiel.
    Rinaldos Augen entstürzten Tränen, auch er faltete seine Hände und
stammelte:
    »Herr! Erbarme dich des Räubers, der zu dir fleht um eine glückliche Fahrt
nach dem Orte der Ruhe, wohin seine Seele sich sehnt. Lass es diesen guten Leuten
nicht entgelten, dass sie ihre Barke unwissend mit einem Verbrecher beladen, der
dir nirgends entfliehen kann. Willst du mich bestrafen, so strafe nicht mit mir
die Unschuldigen. Bringe sie glücklich in den Hafen und lass sie die Früchte
ihres Fleisses ernten. Auch wende dein Angesicht nicht von dem friedlichen
Eilande, wohin ich schiffe; strafe die Felder, die mein Fuss betritt, nicht mit
Misswachs; wirf deine Blitze nicht auf schuldlose Hütten; nimm meine Busse an und
lass, unter guten Menschen, mich ein guter Mensch werden!«
    Die stille Andacht war geendigt, die Barke ward bestiegen, die Fischer
ergriffen die Ruder, schlugen harmonisch im Takte eines Morgenliedes die Wellen,
und das Schifflein durchschnitt im offenen Meere lustig die Wellen.
    Rinaldo stand und schaute nach Siziliens Küste zurück, die nach und nach
seinen Blicken immer ferner wurde. Die Berge erschienen als Hügel; Häuser und
Türme wurden zu Punkten; alles schwand endlich im grauen Nebel dahin, und nur
die glänzende Sonne blieb die treue Gefährtin der schwankenden Barke.
    Die Fischer waren munter und froh, scherzten und lachten, sprachen viel und
sangen noch viel mehr. Rinaldo hörte mit Wohlgefallen ihre Gesänge und bat sie,
das eine ihrer Lieder, welches ihm am besten gefiel, zu wiederholen. Sie taten
das gleich. Er schrieb es sich auf und sang es hernach mit ihnen. Hier ist es.1
                                    Romanze.
Früh am Sanct Johannistage
Stand ich auf und ging ans Meer;
Dort sah ich ein Mädchen wandeln
An dem Ufer hin und her.
Auszubreiten ihre Wäsche,
Ging sie her und ging sie hin,
Sie zu bleichen und zu trocknen,
Legte sie die Wäsche hin.
Unter einem Rosenbusche
Pflegte sie der süssen Ruh,
Strählte sich die goldnen Haare,
Strählte sie, und sang dazu:
»Wo soll ich den Lieben suchen
Auf der blauen Flutenbahn?
Schiffer! dass dich Gott bewahre!
Trafst du wohl mein Liebchen an?
Sahst du meinen Herzgeliebten?
Sahst du ihn, so sag es mir!
Seiner harrt sein treues Liebchen,
Ganz allein am Strande hier.«
Eine Windstille nötigte die Fischer, die Ruder nicht aus der Hand zu lassen.
Selbst Rinaldo legte mit Hand an. Das gefiel den Fischern, und sie machten in
ihrer Art ihm viele Komplimente darüber. - Gegen Abend erblickten sie die
Lichter im Kastell der Stadt, und ein frischer Wind trieb sie dort vorbei, an
die östliche Küste der Insel, wo sie in eine Bucht einliefen und Ankergrund
fanden.
    Mit Tagesanbruch stiegen sie ans Land. Bald waren sie von Einwohnern
umringt, die aus ihren zerstreut liegenden Wohnungen und aus dem einen Dorfe
herbeikamen, die Herrlichkeiten zu besehen, die ihnen im Kauf überlassen werden
sollten. Da ging es rasch an ein lebhaftes Handeln und Einkaufen, und als die
Fischer ein Gezelt aufgeschlagen hatten, wurde die Gegend noch belebter. Männer,
Weiber, Mädchen und Kinder strömten herbei, und sogar etliche Musikanten kamen.
Da gab es im Freien Tanz und Gesang. Rund umher war Lust und Vergnügen.
    Rinaldo entzog sich der lärmenden Freude und nahte sich einem entfernten
Olivenwäldchen. Einige hundert Schritte davon lag rechts ein kleines, artiges
Landhaus; auf dieses ging er zu.
    Er traf dort eine geschäftige, muntere Frau bei ländlicher Arbeit an. Diese
bat er um einen Trunk Milch und erhielt, was er forderte. Er wollte bezahlen.
Sie aber wollte kein Geld nehmen. Rinaldo drang es ihr auf. Es war mehr, als sie
hätte fordern können. Sie setzte ihm Feigen, Weintrauben und Reiskuchen vor.
dabei kam es zur Unterhaltung, und die gute Frau wurde sehr gesprächig. Rinaldo
fragte nach ihrem Manne.
    »Ach, heilige Jungfrau!« - antwortete sie, - »der liegt nun schon seit zwei
Jahren unter der Erde und hat mir die Wirtschaft allein überlassen. Ich habe
drei Kinder, zwei Buben von sieben und fünf Jahren, und ein Mädchen, das neun
Jahr alt ist. Die Nachbarn stehen mir bei meinem kleinen Feldbau bei. Ich bin
frisch und gesund und will so lange arbeiten, bis die Kinder grösser werden, wenn
mir Gott Kräfte und Gesundheit schenkt. Hernach mögen die Kinder für mich
arbeiten.«
    Rinaldo machte sie immer zutraulicher, und als er sich endlich ihres Anteils
an seiner Person und ihres Wohlwollens ganz versichert hielt, kam er der
Erklärung seines Endzweckes und der Entdeckung seines Wunsches und Verlangens
näher.
    ER Es gefällt mir hier sehr wohl.
    SIE Ei! Es ist auch recht hübsch bei uns. Wir leben zwar nicht im Überfluss,
aber was wir brauchen, hat uns der Himmel geschenkt. So lange ich lebe, weiss ich
nur in einem einzigen Jahre Misswachs bei uns. Da versorgte uns Sizilien. Wir
fühlten es hart, das Unglück, das uns traf. Aber das sind nun schon acht Jahre
her, und jetzt ist alles wieder verschmerzt.
    ER Ich habe einen Einfall! Wie wär's, wenn ich mich ein paar Monate hier bei
euch aufhielt?
    SIE Das muss der Herr am besten wissen, ob es ihm zuträglich ist, ob es sein
kann oder nicht.
    ER Die Luft ist hier rein und gut, der Himmel ist heiter, warum sollte es
mir nicht zuträglich sein, mich hier aufzuhalten? Und sein kann es auch, denn
ich bin frei und ungebunden und kann leben, wo ich will.
    SIE Nun! Der Herr kann's versuchen, und gefällt es ihm in die Länge nicht,
so kann er ja gar leicht wieder nach Sizilien zurückkehren.
    ER So sei es. - Wo werde ich aber meine Wohnung aufschlagen? Darf ich bei
euch wohnen!
    SIE Warum nicht?
    ER Das ist mein Wunsch!
    SIE Es sind zwei leere Stübchen in meinem Hause, die ich nicht brauche. Da
kann der Herr wohnen. Aber das sage ich ihm voraus, gut aufführen muss er sich,
sonst rufe ich die Nachbarn herbei, und er kommt übel weg.
    ER Gute Frau! Du sollst keine Klage über mich haben. Ich werde still und
einsam leben und will dir in mancherlei Arbeiten beistehen.
    Frau Marta, so hiess die Bäuerin, führte ihren Mietmann ins Haus, zeigte ihm
die Stübchen, die ihm gefielen, und der Mietkontrakt wurde gleich abgeschlossen.
Rinaldo zahlte ihr zwei Monate Mietgeld voraus, wofür sie sich bei den
Sizilianischen Fischern gleich Korn und Fleisch einkaufte.
    Rinaldo machte den Fischern seinen Entschluss bekannt, und diese fanden ihn
drollig genug.
    »Nun«, - sagte der eine - »in etlichen Wochen kommen wir wieder und wollen
hören, wie es dem Herrn auf dem Inselchen gefällt. Gefällt's ihm nicht, so kann
er wieder mit uns abfahren. Denn Sizilien bleibt doch immer Sizilien, und gegen
dieses Inselchen ist es noch mehr als ein Paradies.«
    Rinaldo berichtigte seine Fracht reichlich und kaufte Wein und mancherlei
Lebensmittel ein, die er in seine Wohnung bringen liess, von der er sogleich
Besitz nahm. Und als den folgenden Tag seine Gefährten mit leichter Barke
davonsegelten, machte er Anstalt, sich zu metamorphosieren. Er schnitt seine
langen Haare rundherum so ab, wie sie die Landleute auf Pantaleria trugen, und
warf sich auch in eine Kleidung nach Form und Schnitt des Landes. So
ausgeschnitten glich er einem Landmann der Insel vollkommen, und keiner seiner
Nachbarn liess es sich gewiss auch nur entfernt einfallen, den berüchtigten
Räuberhauptmann, dessen Ruf ganz Italien durchflog, auf dessen Kopf ein so
ansehnlicher Preis gesetzt war, zum Nachbar zu haben.
    Er unterzog sich mancher Arbeit im Garten, im Weinberge, in der Haushaltung,
so dass Frau Marta gar nicht wusste, wie sie mit ihrem Mietmann daran war.
    »Ich hätte nie geglaubt«, - sagte sie, - »dass ein Herr, wie Ihr, sich so gut
in unsre ländliche Arbeiten würde schicken können. Und dass Ihr sogar unsre
Tracht angenommen habt, das kommt mir ebenso sonderbar vor, als es mir gefällt.
Man sollte, wenn man Euch so sieht, darauf schwören, Ihr wärt hier als Landmann
auf der Insel gezogen und geboren worden.«
    »Glaube das selbst, liebe Frau!« - antwortete Rinaldo, - »und du tust mir
einen grossen Gefallen.«
    SIE Je nun, den Gefallen kann ich Euch wohl tun! Man muss ja so manches
glauben, was auch nicht viel wahrscheinlicher als dies ist, also wüsste ich
nicht, warum ich es nicht tun sollte? - Sagt mir aber nur, wo Ihr das Geschick
zu den Arbeiten, die Ihr verrichtet, hernehmt?
    ER Ich habe mich ehemals auch mit dergleichen Arbeiten abgegeben.
    SIE Das muss sein! Sonst wär's nicht möglich, dass es Euch so anstehen und
flecken könnte. - Seid ihr denn kein Sizilianer?
    ER Nein. Ich bin in der Italienischen Schweiz geboren, und mein Vater hatte
Landgüter.
    SIE Habt Ihr denn die Landgüter nicht geerbt?
    ER Mein Bruder hat mich mit Geld abgefunden, und ich habe die Welt
durchreist. - Hier gefällt mir's. Ich habe grosse Lust, bis ans Ende meines
Lebens auf dieser Insel zu bleiben.
    SIE So tut es. - schafft Euch etwas Eigenes, Haus und Herd an, und nehmt
Euch eine Frau, wenn Ihr noch ledig seid.
    ER Ledig bin ich, und das andere wird sich geben.
    SIE Nur bitte ich mir aus, dass ich Freiersfrau sein darf.
    ER Ja, ja! - Für jetzt aber bleibe ich noch bei Frau Marten.
    SIE Die Nachbarn werden zwar manches darüber munkeln, aber das hat nichts zu
sagen. Wir haben ja doch gute Gewissen.
    ER In diesem Punkt, ja!
    SIE Nur in diesem Punkt? Nein, auch in andern Punkten. Nicht wahr? -
Wenigstens ich. Ihr doch auch?
    ER (verlegen) Warum nicht?
    SIE Denn sonst, - nehmt mir's nicht übel! - sonst möchte ich nicht gern
unter einem Dache mit Euch wohnen. Die bösen Gewissen bringen kein Glück ins
Haus.
    Dies traf Rinaldo stark. Er brach das Gespräch ab und griff zu einer Arbeit.
Er bemerkte, dass Frau Marta jeden Abend mit einem grossen Milchtopfe wegging und
wohl erst eine Stunde darauf wieder zurückkam. Eines Tages fragte er sie, wohin
sie die Milch so entfernt trage?
    »Ich trage die Milch« - antwortete sie - »in eine Villa, die dort hinter dem
Wäldchen liegt.«
    ER Wem gehört diese Villa?
    SIE Einem Herrn in der Stadt.
    ER Und dieser bewohnt sie?
    SIE Nein. - Vor ungefähr sechs Wochen sind ein paar Damen in die Villa
gezogen, die, wie man sagt, übers Meer gekommen sind. Man weiss nicht, wer sie
sind. Sie leben still und eingezogen und haben mit den Nachbarn keine
Gemeinschaft. - Ich habe sie selbst noch nicht gesehen. Eine alte Magd nimmt mir
die Milch ab und bezahlt sie. Diese fragte ich einmal, wer denn wohl die Damen
wären, und sie sagte, sie wisse es nicht. Die Damen wären fremd hier, und sie
sei aus Pantaleria.
    ER Weiss die Nachbarschaft nichts von den Damen?
    SIE Nichts. - So wenig als ich. Die meisten wissen gar nicht, dass sie da
sind.
    ER Gehen sie denn nicht aus?
    SIE Das habe ich auch einmal gefragt, und da antwortete mir die alte Magd:
Zuweilen gingen sie in die Gärten, und dann und wann gingen sie in das
Kreuzkapellchen, das dort auf dem Berge steht, ihrer Andacht wegen. - Bei der
Sache muss es ein Geheimnis geben. Wer weiss, was sie angerichtet haben, dass sie
so verschelmt sich verbergen müssen. Entweder sie haben gemordet oder gestohlen.
    ER Wenn sie schön sind, Herzen vielleicht.
    SIE 's ist auch ein Diebstahl!
    ER Auf diese Art ist Frau Marta wohl auch eine Diebin?
    SIE Ich? - Ach lieber, heiliger Gervasio! Das müsste ich sonderbar genug
angefangen haben. - Mein seliger Mann nahm mich des bisschen Geldes wegen, das
ich zur Aussteuer bekam. Ich habe aber in meinem Leben nichts von
Herzensstehlereien gewusst. - Jetzt ist's nun ganz vorbei. Drei Kinder und meine
Arbeit! Da denkt man nicht an solche Dinge!
Rinaldo hatte nun seine Gedanken beständig darauf gerichtet, die Damen zu sehen.
Er bemühte sich deshalb so sehr, als man sich in einer solchen Angelegenheit nur
bemühen kann; aber vergebens. Die Nachbarn wollte er auf so etwas nicht
aufmerksam machen, und berichten konnten sie ihm ohnehin nicht. Er bat also
einmal Frau Marten, ihn die Milch in die Villa tragen zu lassen, was diese ihm
herzlich gern erlaubte und glaubte, bei diesem Geschäft etwas Näheres von der
Existenz der Damen erfahren zu können. - Er trug die Milch in die Villa und liess
sich mit der alten Magd, die sie ihm abnahm, in ein Gespräch ein.
    ER Meine Nachbarin, Frau Marta, ist nicht wohl und hat mich ersucht, die
Milch hierher zu tragen. Ich weiss nicht, wer sie braucht oder bekommt.
    SIE Ich nehme sie dir ab, mein Sohn!
    ER Aber Ihr verbraucht sie nicht allein? - Ihr habt wohl Kinder?
    SIE Gott bewahre! Was denkst du? Ich bin noch ledig und habe nie Kinder
gehabt.
    ER So ist die Milch wohl für eure Herrschaft.
    SIE Ja, so für eine Art von Herrschaft ist sie. Das weiss ja Frau Marta
schon längst.
    ER Ich habe mein Abendbrot zu mir gesteckt. Ihr erlaubt mir doch, es hier zu
verzehren?
    SIE Meinetwegen! - So etwas zu erlauben, ist mir nicht verboten.
    ER Ich habe heute schon viel gearbeitet, bin müde und matt und will da ein
Schlückchen Syrakuser zu mir nehmen.
    SIE Syrakuser? Ei! Wo hast du denn den herbekommen?
    ER Gekauft habe ich ihn von den Fischern aus Sizilien.
    SIE Er ist wohl teuer?
    ER Es geht noch an! Aber er schmeckt herrlich.
    SIE Das glaube ich. - Unsereiner darf auf so etwas nicht rechnen. - Die
Damen, die ich bediene, trinken nichts als Wasser und Schokolade.
    ER So? - Ist ein Schlückchen Syrakuser gefällig?
    SIE Je nun, wenn ich so frei sein darf!
    ER Warum nicht? Ich biete nichts an, was ich nicht gern gebe. - Getrunken!
    Das tat die Alte; und sie hatte kaum das Glas geleert, als stark geschellt
wurde. Sie sagte, das gelte ihr, lief fort und versprach, bald wiederzukommen. -
Das geschah auch. Sie stürzte ängstlich die Treppe herab und schrie:
    »Ach! Heilige Jungfrau! Der einen von den Damen ist eine Ohnmacht
zugestossen. Was fangen wir nun an? Sie liegt ganz leblos da.«
    Rinaldo besann sich nicht lange, sprang die Treppe hinauf durch einen Saal
und kam in ein Zimmer, wo sich die Damen befanden. - Die eine kniete vor der
andern, die aus einer Ohnmacht wieder zu sich zu kommen schien. Unbemerkt blieb
Rinaldo an der Tür des Zimmers stehen.
    Die kniende Dame stand eben auf, erblickte Rinaldo, fuhr heftig zusammen,
fragte: »Was willst du hier?«
    Rinaldo trat näher und stand, - wer schildert sein Erstaunen? - vor
Violanten und Dianoren.
Noch erkannte ihn Violanta nicht ganz in seiner Verkleidung, und Dianora kam
eben wieder zu sich. Sie bemerkte den Fremden im Zimmer und fragte, wer er sei?
- Rinaldo stand sprachlos und seine Blicke ruhten auf Dianoren. - Violanta sah
ihn aufmerksam an und stammelte ängstlich:
    »Freund! Wer du auch sein, durch welchen Zufall du auch hierher gekommen
sein magst, um deines Gesichts willen! verlass uns eilig.«
    »Für keinen Preis!« - antwortete Rinaldo.
    Violanta betrachtete ihn genauer und rief erschrocken aus:
    »Er ist es!«
    »Er ist es!« - wiederholte Dianora, sank zurück und verbarg ihre Augen ins
Schnupftuch.
    »O Dianora«, stammelte Rinaldo - »soll der Zufall, der mich hierher führte,
nicht für mich entscheiden? Willst du deine Blicke von mir wenden, von mir, den
das Schicksal so wunderbar auf dieses Eiland führte, um dich zu finden? Sei
nicht grausamer gegen mich als Schicksal und Zufall es sind!«
    Es entstand eine Pause. - Endlich entüllte Dianora ihre Augen, fragte:
    »Unglücklicher, wo kommst du her? Ist es nicht genug, dass dein Bild mich
allentalben hin verfolgt, musst du auch noch selbst kommen?«
    »Der Zufall will es so«, - antwortete Rinaldo, - »und ich bin glücklich!
Glücklicher auf dem kleinen Pantaleria als ich in der grossen Welt es sein
durfte. Beneiden könnte ich mich selbst um dieses Glück, wolltest du, Geliebte,
es mir nicht missgönnen?«
    Die alte Magd trat mit Wasser in das Zimmer. Violanta ging auf sie zu, nahm
sie bei der Hand und führte sie ins Vorzimmer.
    Als Rinaldo sich mit Dianoren allein sah, näherte er sich ihr, ergriff ihre
Hand und stürzte vor ihr nieder. Sie blickte mit Augen voll zärtlicher Wehmut
auf ihn herab und seufzte. Er benetzte ihre Hand mit Tränen, bedeckte sie mit
tausend Küssen und drückte sie an sein klopfendes Herz. Dianorens Tränen flossen
schnell und stark. Heftig arbeitete ihr klopfender Busen unter dem leichten
Flor. Ihrer sich selbst nicht bewusst, neigte sie sich hinab, und ihre Wange
glühte an der seinigen. Magnetisch flogen ihre Lippen aneinander. Rinaldo
jauchzte laut:
    »Dieser Kuss der Vergebung, dieses herrliche Siegel der Verzeihung, reiniget
mich von meinem Vergehen und segnet mich zu einem neuen Lebenswandel ein! - Du
siehst, geliebte Dianora, ich bin abgeschieden von der geräuschvollen Welt. Auf
dieses kleine Eiland floh ich, um mir selbst und der Ruhe zu leben. Ja, der
Himmel selbst schenkt Wohlgefallen meinem frommen Entschluss. Meine Bitten sind
erhört. Er hat mir vergeben, und zum Pfande der Versöhnung schenkt er dich mir
wieder. Du bist wieder mein, und ein neues Leben beginnt!«
    »O Rinaldo!« - seufzte Dianora - »Schläfere dich nicht selbst mit
Schmeicheleien ein. Lass deine Träume dich nicht zu süssen Hoffnungen verführen,
zu Hoffnungen, die nie in Erfüllung gehen können.«
    »Du raubst mir meine Überzeugung nicht!« - fuhr Rinaldo fort. - »Du selbst
bist das Pfand der Gewährung meiner Hoffnungen. Das, was ich hier umfasse, ist
die schönste Wirklichkeit. - Ich träume nicht; mein Glück beginnt von neuem in
deinen Armen.« Er legte sein Gesicht an ihren Busen, umschloss sie mit seinen
Armen und verlor sich in süsses Entzücken. Dianora hatte keine Worte. Die Szene
blieb stumm und dennoch sprechend.
    Violanta fand, als sie wieder ins Zimmer trat, beide noch in dieser
schweigend sprechenden Lage. Sie machte ihr Dasein bemerkbar und ging in ein
Seitenzimmer. Dianora drängte ihn sanft von sich ab. Rinaldo stieg auf. Er blieb
vor ihr stehen und ruhte mit fragenden Blicken auf ihren Augen.
    SIE Rinaldo, was sagen diese fragenden Blicke?
    ER Sagt dir das dein Herz nicht? - Der Himmel gab dich mir wieder, doch
nicht, um dich wieder verlassen zu müssen.
    SIE Ach! Rinaldo, wie soll und kann, wie darf ich dir diese Fragen
beantworten?
    ER Wie es dein Herz verlangt.
    SIE Nein, die Herzen dürfen jetzt nicht unsere bestochenen Ratgeber sein.
    ER Wer sonst?
    SIE Vernunft und Überlegung.
    ER Auch diese sind bestochen. - Sind sie es nicht, so fürchte diese kalten
Ratgeber, die uns nicht glücklich machen können. - In Abgeschiedenheit und Ruhe
wies beiden uns der Himmel die Freistätte dieses Eilandes an, lass uns dankbar
den Wert des herrlichen Geschenkes erkennen und benutzen.
    SIE Wohin könnte uns aber all das führen?
    ER Wohin anders, als zum Glück in der Einsamkeit und Verborgenheit, durch
uns selbst?
    Violanta kam wieder in das Zimmer zurück.
    »Wenn Rinaldos Hiersein nicht Aufsehen, selbst bei unserer alten Magd,
erregen soll«, - sagte sie - »so muss er sogleich wieder gehen und kann nicht
länger hier bleiben.«
    »O Violanta!« - sagte Rinaldo - »Du hast nie geliebt, warst nie getrennt von
dem geliebten Gegenstande deines Herzens, fandest nie wieder, was du verloren
hattest, und hast nie die Wonne eines unverhofften, glücklichen Wiedersehens
genossen! Darum spricht dein Mund einen so schrecklichen Befehl aus.«
    »Dianora mag selbst entscheiden«, - antwortete Violanta.
    Dianora blickte ihn zärtlich an und sagte: »O ja, Rinaldo, du musst uns jetzt
verlassen.«
    RINALDO Um dich nicht wiederzusehen? - Du wirst diese Insel verlassen. -
    DIANORA Nein!
    RINALDO Gewiss nicht?
    DIANORA Nein! Nein!
    RINALDO Wenigstens nicht ohne mich?
    DIANORA Nicht ohne dich.
    RINALDO Nun gehe ich, wenn du es verlangst. - Und morgen sehe ich dich
wieder?
    DIANORA Ja, morgen!
    Er schlang seine Arme um ihren Nacken, drückte zärtliche Küsse auf ihre
Lippen und ging. - Violanta begleitete ihn bis an die Haustür. Er eilte, seiner
selbst sich unbewusst, in seine ländliche Wohnung zurück.
Die goldene Königin des Tages, die freundlich lächelnde Sonne, entstieg dem
Meere. Rinaldos Wirtin war schon ins Feld gegangen. Er stand mit klopfendem
Herzen der Villa gegenüber, in welcher der geliebte Gegenstand seiner
Empfindungen wohnte. Ringsherum umging er diese Wohnung seines Glücks, aber er
wusste selbst nicht, warum er sich nicht hineinzugehen getraute. - Jetzt fiel ihm
die einsame Kreuzkapelle in die Augen, in welcher Dianora zuweilen betete. Von
gleichem Gefühl ergriffen, ging er dahin, warf sich vor dem Bilde der
Hochgebenedeiten nieder und zerfloss in Andacht und Gebet.
    Auf einmal rauschten hinter ihm Fusstritte. Er sprang auf, drehte sich herum
und erblickte Dianoren. - Er flog ihr entgegen, drückte sie an sein Herz und
sagte:
    »Unsere Herzen begegneten sich einst und fanden sich, unsere Seelen hielten
sich fest und finden sich jetzt hier in gleicher Absicht ein. Ich habe gebetet
und gelobt. Deine Andacht, schöne Seele, will ich nicht stören. Bete auch du,
und lass mich mit dir glücklich durch die Erhörung unserer gemeinschaftlichen
Bitten sein.«
    Er führte sie zu dem Altar. Sie warf sich betend nieder. Er verliess die
Kapelle.
    Unter einer himmelanstrebenden Zypresse fiel er auf die Knie, streckte seine
Hände gen Himmel, betete tränend und ohne Worte.
    So fand ihn Dianora noch, als sie aus der Kapelle zurückkam. Sie näherte
sich ihm leise, bog sich zu ihm herab, umschlang ihn sanft und küsste seine
Andacht glühende Stirn.
    »Gewiss, Rinaldo!« - sagte sie, - »du bist ein guter Mensch geworden.
Trostreich und herzerhebend war mein Gebet für mich. Die Hochheilige lächelte
mir Erhörung. Süsser Trost erfüllt mein Herz. Hat der Himmel dich zu Gnaden
angenommen, wie könnte Dianora dich verstossen? Mein Herz ist dein. Die Liebe
wird uns nicht ohne Freuden, nicht ohne Trost lassen.«
    Er begleitete sie in die Villa. Die alte Magd erfuhr, dieser verkleidete
Bauer sei ein zufällig gefundener Verwandter ihrer Damen, den Laune und Hang zur
Einsamkeit nach Pantaleria und der Zufall zu ihnen geführt habe. - Eben dies
wurde auch Frau Marten entdeckt, die sich darüber ebensosehr freute als
verwunderte.
    Und nun nahm alles eine andere Gestalt an. - Rinaldo blieb nicht mehr Frau
Martens Hausgenosse; er zog zu den Damen in die Villa. Das ganze Hauswesen
erhielt eine neue Einrichtung.
    Einst erkundigte sich Rinaldo bei Violanten nach der wahren Ursache ihrer
schnellen Abreise aus dem Schloss der Gräfin, wo ihm der Schwarze zum erstenmal
erschienen war, und vernahm mit Erstaunen, dass eine fürchterliche Drohung von
eben diesem schwarzen Abgesandten sie zu der Abreise bewogen habe. Man erklärte
sich von beiden Seiten über die Vorfälle mit dem Schwarzen und seiner Rotte und
konnte endlich doch nicht anders vermuten, als dass das Unerklärbare in der Sache
in einer Verbindung dieser Gesellschaft gegen den Staat liege und dass man sich
des gefürchteten Räuberhauptmanns nur als einer Maschine zur Ausführung eines
entworfenen Plans habe bedienen wollen, dessen wahrer Endzweck ebenso verborgen
als die Vermutung der geheimen Machination beinahe unbezweifelt war. Violanta
hatte anfangs sogar die Meinung gehegt, die Schwarzen möchten verdeckt mit
Rinaldini zu einem Zwecke spielen, und es sei ihren Plänen entgegen gewesen, ihn
eine Bekanntschaft erneuern zu lassen, deren Einverständnis ihren Endzwecken
ganz entgegen gewesen sei.
    Rinaldo fand keinen Beruf, sich über ein Geheimnis den Kopf zu zerbrechen,
welches in seiner jetzigen Lage gar keinen Enträtselungsreiz für ihn haben
konnte; er hielt sich, viel zu glücklich, an die Gegenwart, die ihn alles leicht
vergessen lassen konnte, was geschehen war. Er stand jetzt als ein ganz anderer
Mensch in einem Kreise, welchen Liebe und Freundschaft um ihn gezogen hatten,
und verlor aus seinen Blicken die Aussicht nach den Gegenständen unangenehmer
Rückerinnerung. Weder die Szenen der verübten Gewalttätigkeiten in den
Apenninen, noch die Begebenheiten in Kalabrien und Sizilien konnten sein
Nachdenken fesseln, alles war für ihn vergangen, war ein Schauspiel, welches er
ehemals hatte aufführen sehen, in welchem er sogar selbst mitspielende Person
gewesen war, aus welchem er aber seine Rolle vergessen hatte oder wenigstens
ganz vergessen wollte. So wie er jetzt lebte, wünschte er sich die ganze Zeit
seines Lebens gelebt zu haben, und wenn er sich ja mit Wohlgefallen dem Andenken
an Szenen der Vergangenheit überliess, so waren es jene, die in die Tage seiner
frohen Jugendzeit fielen, in denen er seine Zeit in ländlicher Einsamkeit, auf
der Weide, hinter seinen Ziegen zugebracht hatte.
    Als dem Jüngsten seiner sechs Geschwister fiel ihm, als er kaum 10 Jahre alt
war, das Los, die Ziegen seiner Eltern, in nicht geringer Dürftigkeit, zu hüten.
Das Patriarchalische dieses Geschäfts fesselte ihn, als er grösser wurde, nicht
mehr so sehr, dass er sich nicht Wünschen anderer Art, als Ziegenhirt zu bleiben,
hätte überlassen sollen. Er war sehr wissbegierig und fühlte Trieb in sich, einst
mehr als seine Brüder im Weinberge oder Ackerfelde zu leisten. Das brachte ihn
auch dazu, den Umgang eines Eremiten zu suchen, der in jener Gegend wohnte,
wohin er seine Ziegen auf die Weide trieb. Der Klausner, Onorio genannt, war ein
Mann von Einsicht und Menschenkenntnis, der sein Einsiedlergewand nicht
beständig getragen hatte. Er war der Welt erst entflohen, als er sie, wie er
sagte, verachten gelernt hatte.
    Dieser Mann nahm sich die Mühe, den wissbegierigen Jüngling zu unterrichten.
Er war sein Lehrer im Lesen und Schreiben; er erzählte ihm viel und gab ihm
Bücher zu lesen, die der junge Rinaldo in seiner Einsamkeit verschlang. Diese
waren eine Übersetzung der Lebensbeschreibungen des Plutarch, ein Livius, ein
Curtius, Ritterbücher und Geschichtsschreiber Italiens. Alles, was Rinaldo in
diesen Büchern las, waren Taten, die seiner empfänglichen Einbildungskraft einen
romantischen Heldenschwung gaben, der den sichtbarsten Einfluss auf seine
Vorstellungen, Entschlüsse und Handlungen hatte.
    Siebzehn Jahre war er alt, als Onorio, sein Freund und Lehrer, einst
unvermutet verschwand und in einem hinterlassenen Schreiben ihn zum Erben seiner
wenigen Habseligkeiten ernannte. Alles, was Rinaldo jetzt erhielt, nur die
Bücher nicht, machte er zu Gelde und ging damit unter die Soldaten. Hier wollte
er sein Ideal realisieren. Es war umsonst. Die Maschinerie seines Heldenlebens
konnte ihn unter den päpstlichen Heerscharen nicht halten. Er ging davon und
nahm Dienste in Venedig. Auch hier blieb er nicht und ging unter die Truppen des
Königs von Sardinien. Hier schien ihm das Glück zu lächeln. Ein General bemerkte
ihn, zog ihn hervor, beförderte ihn bald zum Korporal, und endlich wurde er gar
als Fähnrich mit nach Sardinien in Besatzung nach Cagliari geschickt. Hier bekam
er Händel, fehlte gegen die Subordination und wurde kassiert. Das brachte ihn
auf. Er rächte sich auf italienische Art durch den Dolch an seinem Chef und
entfloh. Unstet und unsicher, seines Verbrechens öffentlich angeklagt,
durchirrte er Italien und fand nirgends eine bleibende Stätte.
    So kam er unter die Räuber, die er bald selbst beherrschte, zu ordentlichen
Korps organisierte und als ihr Hauptmann mit unter ihnen lebte, wie wir ihn
gefunden haben.
In seiner neuen, jetzigen Lage wurden nun von ihm und Dianoren Pläne wegen ihrer
künftigen Lebensart gemacht, und endlich wurde beschlossen, nach Spanien zu
gehen, von da eine Reise auf die Kanarischen Inseln zu machen und dort in
stiller Verborgenheit glücklich und ruhig zu leben. Violanta wollte ihnen
folgen.
    So weit war nun alles in Richtigkeit gebracht, und die schnellste Ausführung
des Plans beschäftigte alle mit der grössten Tätigkeit. Aber alles war im Rate
des Schicksals anders beschlossen.
    Eines Morgens ging Rinaldo, wie gewöhnlich, ans Ufer, sah eben eine
Fischerbarke in See zurückgehen, folgte ihr in Gedanken nach Sizilien und
gedachte an seine dortigen Bekannten und an Serenen. In diese Gedanken verloren,
warf er sich unter einen Baum. Aber er hatte nicht lange hier gelegen, als er
hinter sich ein Geräusch vernahm. Er sah sich um und erblickte, in gewöhnlicher
Landestracht, den Alten von Fronteja, der sich ihm näherte. Erschrocken sprang
Rinaldo auf und wollte entfliehen, als ihm der Alte nachrief:
    »Bleib! - Wohin du auch gehen magst, ich folge dir nach. - Hier sind wir
allein.«
    RINALDO Was verlangst du von mir? Warum folgst du mir allentalten hin nach,
wie das böse Gewissen einem Verbrecher? Mag ich doch nichts von dir wissen.
Warum störst du mich in meiner Ruh und vergiftest durch deine Gegenwart die
stillen Freuden meiner Einsamkeit? - Bist du mein böser Geist, so weiche von
mir! Denn ich bin nicht mehr der, der ich war, und habe mit dir keine
Gemeinschaft.
    DER ALTE Ei! Du bist auf Pantaleria ein sehr gestrenger Herr geworden! -
Glaubst du denn, einen deiner ehemaligen Rottgesellen vor dir zu haben?
    RINALDO O! warum musst du, um mir die Freuden meines Lebens zu vergiften,
auch bis hierher mir in das stille Ländchen der Ruhe nachfolgen?
    DER ALTE Hast du mich schon sprechen lassen?
    RINALDO Sprich.
    DER ALTE Du bist verschwunden. In Sizilien weiss keiner deiner Freunde und
Bekannten, wohin du gekommen bist. Nur ich weiss es. Und dass ich es wusste, davon
ist dir mein Hiersein ein Beweis. - Die schwarze Rotte ist, hoffen wir, genug
gedemütigt, und du bist von deinen Freunden an deinen Verfolgern gerächt worden.
Das haben sie nicht ohne Aufopferungen für dich getan. - Jetzt ist alles zur
Abfahrt nach Korsika bereit, und ein jeder fragt: Wo ist der Anführer unseres
Zugs? Wo ist der tapfere Rinaldini, der uns an unserer Spitze zu fechten
versprach? - Man sucht dich und findet dich nirgends. Man wird ungeduldig, setzt
selbst mich über dein plötzliches Verschwinden zur Rede, und untersteht sich hie
und da sogar Mutmassungen zu hegen, die für mich entehrend sind. - Ich wusste,
wohin du gegangen warst, ich weiss, was du hier gefunden und wozu du dich
entschlossen hast. - Du entsagst des Ruhmes und verlangst den Kranz nicht, der
dir in Korsika grünt. Du bist nicht mehr der, der du warst, das weiss, das sehe
ich. Deine Taten sind früh veraltet, dein Ruhm wird eher zu Grabe gehen als du,
deinen Jahren nach, dahingehen könntest. Du hast dir einen eigenen Weg
vorgezeichnet und hast deinen Freund verkannt. - Ich werfe dir nicht vor, was
ich zuweilen für dich getan habe; ich rechne dir selbst das Leben nicht an,
welches du mir zu verdanken hast. Denn ohne meinen Beistand wär' dein Körper
schon längst dem Himmel näher als der Erde. Ich will dir deine Ruhe gönnen und
mich freuen, dass du sie durch mich geniessest. Bist du ruhig, wirst du glücklich,
so rechne ich auf deinen stillen Dank. Öffentlich verlange ich ihn nicht. Aber
das kannst du auch nicht verlangen, dass ich um deinetwillen bei unsern Freunden
verlieren soll.
    RINALDO Verlieren? Um meinetwillen? - Was könntest du verlieren, du, der
alles hat?
    DER ALTE Noch habe ich nicht alles, was ich mir, um deinetwillen, zu haben
wünschen muss.
    RINALDO Das verstehe ich nicht.
    DER ALTE Deine Freunde haben einen Argwohn auf mich geworfen, der entehrend
ist. Viele glauben dich sogar nicht mehr am Leben. Ich hätte geschwiegen und
dich deiner Ruhe in Pantaleria überlassen, aber ein grosser Teil unserer
Angeworbenen will sich schlechterdings nicht eher einschiffen lassen, als bis
Nachricht und Gewissheit von deinem Leben da ist. Du musst meine Ehre retten, du
musst dich diesen Zweiflern zeigen.
    RINALDO Wie kannst du das von mir fordern?
    DER ALTE Die Rettung meiner Ehre hängt davon ab.
    RINALDO Ich kann deinen Wunsch nicht erfüllen. Ich gehe nicht von hier.
    DER ALTE Ich muss dich nochmals daran erinnern, dass du mir dein Leben
schuldig bist.
    RINALDO Du nimmst es mir, wenn du mich meinem stillen Aufentalte entreissen
willst. Ich gehe nicht von hier.
    DER ALTE Nun gut! So mögen jene Zweifler hierherkommen und dich selbst noch
am Leben auf Pantaleria sehen. - Ich kann mir nicht anders helfen!
    RINALDO Rechne nicht darauf. Ich kann weitergehen.
    DER ALTE Wohin, dass ich es nicht erfahren würde?
    RINALDO O Gott! Wie konntest du mich den Händen eines solchen Mannes
übergeben? - Alter! - Wie du auch heissen, wer du auch sein magst! - Ist dir je
das Glück, die Ruhe eines Menschen heilig gewesen, so sei barmherzig gegen mich
und lass mich ruhig in meiner Einsamkeit.
    DER ALTE Das will ich. Aber meine Ehre musst du retten und mich von einem
falschen Verdacht reinigen, der mich mit Schande brandmarkt. Habe ich das um
dich verdient? - Soll ich den Verdacht eines Mordes an deinem Leben auf mir
sitzenlassen? Sollen wir deshalb unser ganzes Unternehmen scheitern sehen und
die Edlen von Korsien umsonst auf versprochene Hilfe harren lassen? - Das kannst
du nicht verlangen! - Zeige dich deinen Freunden, und dann gehe, wohin du
willst.
    RINALDO Wenn ich wüsste - dass das, was du von mir forderst, mir Ruhe
verschaffen könnte! -
    DER ALTE Du wirst deine Ruhe allentalten hin mit dir selbst nehmen, wenn du
welche hast. Was du nicht hast, kannst du nirgendhin verpflanzen.
    RINALDO Ich hatte Ruhe, bis du nun wiedergekommen bist, sie mir neidisch zu
rauben. - Aber wie konntest du das? Bist du wirklich ein guter Mensch, und hast
du uneigennützig mir das Leben einigemal gerettet, so begreife ich nicht, wie du
einem Unglücklichen das wieder rauben konntest, was ihm der Himmel gab und was
ihm mehr wert ist als das elende Leben, das du ihm als Geschenk vorwirfst! - Ich
folge dir nach Sizilien.
    DER ALTE Meine Dankbarkeit soll dir beweisen, was ich für dich tun kann.
    RINALDO Deine Ehre, die Expedition nach Korsika, und dich von dem Verdacht
eines Meuchelmords zu retten, folge ich dir nach Sizilien. Aber heute noch
nicht.
    DER ALTE Du hast zwei Tage Zeit. - Übermorgen sprechen wir uns an diesem
Orte wieder.
    Der Alte ging schnell davon und verlor sich bald hinter dem Hügel auf dem
Wege nach der Stadt zu.
    Rinaldo war, nach langem Überlegen, entschlossen, den Alten zu hintergehen
und nicht mit ihm nach Sizilien zu reisen. Er entdeckte Dianoren, was ihr in
dieser Angelegenheit zu entdecken war, und erzählte ihr, soviel sie davon wissen
durfte, alle seine Begebenheiten, auf welche der Alte Einfluss gehabt hatte.
Dianora wurde ängstlich und stimmte Rinaldos Entschlusse bei. Nur war die
Verlegenheit um ein Fahrzeug, welches sie auf eine von den nahegelegenen Inseln
und von dort nach Malta bringen sollte, sehr gross.
    Sie sprachen noch darüber, als ein Brief aus der Stadt von dem Herrn der
Villa an Dianoren ankam. Er meldete ihr, dass noch diesen Abend eine Dame mit
ihrer Kammerjungfer auf der Villa eintreffen werde, welche in dem Seitengebäude
derselben ihre Wohnung nehmen würde, und die er ihrer Freundschaft empfahl.
    Die Nachricht veränderte nichts in ihrem Plane. Rinaldo ging aus, um ein
Fahrzeug aufzusuchen, kam wieder zurück und hatte keins angetroffen.
    Gegen Abend kam die angekündigte Dame an. Sie liess Dianoren ihre Ankunft
wissen und kam gleich darauf selbst, ihre Bekanntschaft zu machen. Rinaldo
wollte eben das Zimmer verlassen, als sie kam, sie begegneten einander. Er sah
die wohlbekannte Signora Olimpia. - Das Mädchen, welches sie als Kammerjungfer
bei sich hatte, war Serena.
Die Gegenwart dieser Personen in der bisher so ruhigen Villa setzte Rinaldo in
eine ziemlich lebhafte Verlegenheit. Olimpia spielte in Dianorens Gegenwart
gegen Rinaldo die Rolle einer Unbekannten ziemlich natürlich. Er wurde von ihr
mit keiner Silbe kompromittiert. Serena aber wusste nichts von Verstellung und
wurde, als sie Rinaldo in der Antichambre erblickte, ziemlich lebhaft. Sie
bestürmte ihn mit Fragen und mischte sogar kleine Vorwürfe in ihre Bitten. Der
Verlegenheit öffentlicher Erklärungen entging Rinaldo nur mit genauer Not.
    Olimpia, als ihr Besuch bei Dianoren geendigt war, suchte Gelegenheit, ihren
verlegenen Bekannten allein zu sprechen, und diese fand sich auf ihrem Zimmer.
    Rinaldo suchte sie selbst auf. Er wünschte durch vorläufige Erklärungen
ihrem beiderseitigen Verhalten gegeneinander wenigstens eine gefällige Richtung
geben zu können. Es wurde viel gesprochen und kam nach und nach zu einer
lebhaften Unterhaltung.
    ER Der Alte gab mir die Versicherung, nur er ganz allein wisse, unter allen
meinen Bekannten, dass ich hier sei.
    SIE Das glaube ich auch. Wenigstens ich habe davon kein Wort gewusst. Mein
Erstaunen, als ich dich hier fand, kannst du dir denken. Ich denke aber mich so
betragen zu haben, dass du keine Klage über mich zu führen hast.
    ER Und was trieb dich nach Pantaleria?
    SIE Not und Vorsicht. - Die Hälfte von meinen Freunden und Bekannten ist
verhaftet.
    ER Verhaftet?
    SIE Auf Ansuchen des französischen Gesandten zu Neapel. Wir sind verraten
und unser Plan auf Korsika ist entdeckt.
    ER Wie? - Was sagst du? -
    SIE Die Wohnungen des Alten zu Fronteja sind mit Wachen besetzt und seine
Jünger sind verhaftet. Er selbst weiss davon noch nichts. Ich bringe ihm die
erste schreckliche Nachricht von der Verräterei gegen uns.
    ER Konnte der mächtige Alte diesen Schlag nicht von sich und den Seinigen
abwenden? Oder ging er vielleicht davon, als er erfuhr, was im Werke sei?
    SIE Daran zweifle ich.
    ER Wird er seine Freunde retten können? Oder ist nun das Schauspiel seiner
Taschenspielereien geendigt?
    SIE Ich weiss nicht, was er tun wird. - Gewiss aber etwas sehr Kluges und für
ihn das Beste. - Ein so gewandter Mann und kluger Kopf.
    ER Glaubst du ihn, dich und mich auf diesem Eiland sicher?
    Da trat der Alte von Fronteja in das Zimmer. Er schien ganz ruhig zu sein,
nahm Olimpien bei der Hand und hiess sie willkommen. Olimpia sah ihn verlegen an.
Er lächelte.
    DER ALTE Tochter, du bist verlegen?
    OLIMPIA O! Du weisst nicht -
    DER ALTE Ich weiss, warum du hier bist; ich weiss, was in Sizilien vorgeht.
    OLIMPIA Und kannst dabei so ruhig sein?
    DER ALTE Ich kann es nicht ändern.
    OLIMPIA Und du gibst das Unternehmen auf Korsika verloren?
    DER ALTE Was glaubst du? - Ich bin bereit, nach Korsika abzugehen.
    OLIMPIA Doch? nach dem noch, was geschehen ist?
    DER ALTE Warum nicht? - Willst du mir nicht dahin folgen?
    OLIMPIA Und unsere Freunde? -
    DER ALTE Sie werden uns bald nachkommen.
    OLIMPIA Aber die Verhafteten? - Wirst du diese Freunde befreien können?
    DER ALTE Du wirst sehen, was geschieht.
    OLIMPIA Sind wir hier sicher?
    DER ALTE Nein. - Deshalb segle ich von hier ab.
    RINALDO Kannst du das Unglück von den Deinigen nicht abwenden?
    DER ALTE Dein ist die Schuld, dass geschah, was geschehen ist. Wärst du in
Sizilien geblieben, wir wären jetzt schon in Korsika. Du trägst die Schuld des
Unglücks, welches über deine Freunde kommt. Dein Verschwinden machte sie
schwierig, die Abfahrt musste aufgeschoben werden, ich musste nach Pantaleria
gehen, dich aufzusuchen, und unsere Freunde wurden ergriffen. Die Französische
Partei triumphiert. Die Schwarzen frohlocken. Mich sollen sie, wenn ich nicht
will, nicht in ihre Gewalt bekommen, aber dich werden sie aufsuchen und werden
dich ohnmächtig, ohne Beistand, im schwachen Arm der Liebe finden. Das Rad
deiner Taten ist abgelaufen. Deine Freunde sind nicht mehr mächtig genug, dich
zu schützen. Du fällst; ein Opfer deiner Unbesonnenheit. - Aber was ich noch in
den letzten Augenblicken deines Lebens für dich tun kann, werde ich, selbst mit
Aufopferung meiner eigenen Sicherheit, für dich tun. Du sollst erfahren, wie
sehr ich dein Freund war und noch bin.
    RINALDO Gibst du mich so ganz gewiss und zuverlässig verloren?
    DER ALTE Ich kann nicht anders. - Du, Olimpia, wirst wissen, was dir die
Klugheit raten muss.
    Er ging davon und liess beide verlegen und bestürzt zurück. - Rinaldo fragte
Olimpien, was sie zu tun gedenke?
    »Ich folge dem Alten.«
    Rinaldo verliess sie und ging zu Dianoren. - Er entdeckte ihr, was sie von
der Geschichte, die ihn jetzt in Verlegenheit brachte, wissen durfte, und
beredete sie, die Villa zu verlassen, sobald es sich schicken würde. Er selbst
ging zu seiner alten Wirtin und bezog sein verlassenes Quartier wieder.
    Mit Tagesanbruch eilte er an den Strand und war endlich so glücklich, eine
Fischerbarke zu finden. Man versprach ihm, binnen drei Tagen ihn auf die Insel
Limosa zu bringen, wenn die Barke nötig ausgebessert sein würde.
    Bis dahin gedachte er, sich auf dem Meierhofe des Bruders seiner Wirtin
aufzuhalten, der drei Meilen von der Villa entfernt lag. Dianoren schrieb er und
bat sie, ohne Aufsehen zu erregen mit Violanten die Villa zu verlassen und zu
ihm zu kommen.
    Er selbst durchspürte die Gegend und sah sich vorsichtig nach einem
Schlupfwinkel um. Er entdeckte einige Felsenhöhlen, besah, durchsuchte sie genau
und fand sie sehr bequem, sich drinnen verborgen zu halten. Deshalb schaffte er
auch Proviant und Gewehr dahin.
    Er hatte eben seinen aufgesuchten Schlupfwinkel verlassen und ging nach
seiner Wohnung zurück, als er seitwärts, zwischen den Hügeln, eine weisse,
weibliche, verschleierte Gestalt hinschweben sah, die, ihrer Kleidung nach, kein
Landmädchen sein konnte.
    Dies machte ihn aufmerksam. - Er folgte ihren Schritten und kam ihr endlich
in der Ebene ganz nahe. Sie ging auf eine Villa zu, wo ihr ein einfach, aber
nicht ländlich gekleideter Mann entgegenkam, sie bei der Hand nahm und in das
Haus führte.
    Rinaldo ging der Villa näher und traf ein Mädchen an, das Gras mähte. Dieses
fragte er:
    »Gehörst du in die Villa?«
    »Ja«, antwortete das Mädchen.
    »Der Herr und die Dame, welche eben jetzt in die Villa gingen, sind wohl
deine Herrschaft?«
    »Ja.«
    »Wie heissen sie?«
    »Das weiss ich nicht.«
    »Wie ist das möglich?«
    »Weil ich es, wie gesagt, nicht weiss.«
    »Wer sind sie?«
    »Das weiss ich auch nicht.«
    »Bist du auf dieser Insel geboren?«
    »Ja, in jener Villa, wo mein Vater Gärtner ist.«
    »Und deiner Herrschaft gehört die Villa?«
    »Nein. Sie gehört dem Signor Mandramo in der Stadt. Der ist gar ein reicher
Herr und hat die Villa an meine jetzige Herrschaft vermietet.«
    »Ist deine Herrschaft schon lange hier?«
    »Die Pomeranzenbäume haben schon zweimal geblüht, seit sie hier wohnt.«
    »Die guten Leutchen sind also fremd hier?«
    »Ja. - Wollt Ihr etwas von dem Herrn oder von der Dame haben, dass Ihr Euch
so genau nach ihnen erkundigt?«
    »Ach nein! - Es fiel mir nur auf, Fremde zu sehen, die man hier zu sehen gar
nicht gewohnt ist.«
    Er gab dem Mädchen Geld und ging davon, wieder nach seiner Wohnung zurück.
    Hier fand er Frau Marten mit einem Briefe von Dianoren. Sie billigte in
demselben seine Vorsicht, glaubte aber, es sei ratsamer für sie, in der Villa zu
bleiben, bis die Abfahrt der Barke bestimmt und gewiss sei.
    Frau Marta war, mit einer Antwort an Dianoren abgefertigt, kaum
davongegangen, als der Alte von Fronteja in Rinaldos Zimmer trat. - Verdriesslich
fragte Rinaldo, was ihn hierherbringe?
    DER ALTE Meine Freundschaft.
    RINALDO Kann ich denn nirgends vor dir und deiner Zudringlichkeit sicher
sein?
    DER ALTE Nein! solange du noch lebst, nicht, weil ich, mehr als du das zu
schätzen weisst, dein Freund bin.
    RINALDO Wie hast du meinen Aufentalt wieder ausgekundschaftet?
    DER ALTE Das kann dir gleichviel sein. - Genug, dass ich hier, und wenn du
mir folgen, wenn du meinen Rat annehmen willst, zu deinem Glück hier bin. - Noch
bist du zu retten. Ich bringe dich sicher nach Korsika.
    RINALDO Doch?
    DER ALTE Dieses spöttische Benehmen soll und kann mich nicht kränken, denn
ich bin dein Freund. O Rinaldo! es wär' zu spät, wenn du das erst in den letzten
Augenblicken deines Lebens empfinden solltest! - Jetzt, sage ich dir, bist du
noch zu retten. Aber nur heute noch.
    RINALDO Feind meiner Ruhe!
    DER ALTE Gott weiss es, wie sehr ich dein Freund bin! - Ich bitte dich, folge
mir! Noch bist du zu retten. Aber - wie gesagt - nur heute noch.
    RINALDO Nur heute noch?
    DER ALTE Wahrlich! bei dem ewigen Wesen, das über uns waltet! nur heute
noch. - Staune mich nicht an! Ich spreche Wahrheit. Folge dem Rufe deines
herzlichsten Freundes! Gehe mit mir, lieber Rinaldo! Rette dich und erspare mir
die Tränen, die ich auf deinen Grabhügel zu weinen habe.
    RINALDO Morgen, sagst du, entscheidet sich mein Schicksal?
    DER ALTE Morgen - und morgen auf immer. Der Morgen, der nach dieser Nacht
dir lächelt, ist der letzte deines Lebens, wenn du hier bleibst, wenn du nicht
mit mir gehst.
    RINALDO Gib mir Beweise.
    DER ALTE Wie kann ich das?
    RINALDO Ich will dir glauben. Lass mich ein Wunder sehen!
    DER ALTE Wie kann ich das?
    RINALDO Gute Nacht!
    DER ALTE Du glaubst mir nicht?
    RINALDO (rasch) Nein, morgen schlägt die Stunde meines Untergangs noch
nicht!
    DER ALTE (feierlich) Sie schlägt. Sie schlägt morgen, bei dem allmächtigen
Gott und meiner unsterblichen Seele.
    RINALDO Du willst mich nach Korsika locken. Ich folge dir nicht. Ich trotze
deinen Weissagungen. Ich bleibe hier.
    DER ALTE (herzlich) Nun dann! Willst du die Hand, die ich dir biete, dich zu
retten, nicht ergreifen, so soll dir doch wenigstens meine Freundschaft bleiben,
so sollen meine Tränen deine Begleiter sein in das Land, aus welchem wir nie
wiederkehren.
    Er senkte sein Haupt, als er das sagte, blieb einige Augenblicke in dieser
Stellung und ging dann auf die Tür zu, als diese mit Geräusch aufsprang. Das
Licht im Zimmer verlosch und eine weisse, glänzende Gestalt schwebte herein.
    Der Alte schrie:
    »Heiliger Gott! Rosalie!« und stürzte aus dem Zimmer.
    »Taschenspieler!« rief Rinaldo ihm nach, warf seine Augen auf die Gestalt
und erblickte wirklich Rosaliens Gesicht. Er trat betroffen zurück. Sie öffnete
ihre Arme, schien etwas an ihre Brust zu drücken, winkte ihm und verschwand.
    Rinaldo blieb in einer starken Betäubung zurück, sammelte sich aber bald
wieder, und bitter lächelnd schrie er laut auf:
    »Ein Taschenspieler, und nichts als ein Taschenspieler bist du! - Mich
sollst du an dir selbst nicht irre machen, ich kenne dich!«
Der erste Strahl des Tages fand Rinaldo wachend. Er hatte wenig geschlafen.
    »Der Tag ist da!« - sprach er; - »der Tag, der allen künftigen Tagen meines
Lebens ein Ziel setzen soll. Der letzte! - Schreckliches Wort! - Wer aber sagte
dem alten Taschenspieler mit Gewissheit, dass dieser Tag, eben dieser Tag, mein
Leben enden soll, und nur dann, wenn ich auf diesem Eiland bleibe?«
    Er sprang auf, schrieb an Dianoren, schickte den Brief in die Villa und
machte sich auf den Weg nach seinem Schlupfwinkel, den er an diesem Tage nicht
verlassen wollte, die Prophezeiung des Alten unwahr zu machen.
    Eben näherte er sich dem Felsen, als er am Gestade des Meeres, in der
Entfernung, nach der Seite seiner Höhle zu, sizilianische Soldaten erblickte.
Dieser Anblick schreckte ihn zurück und traf ihn heftig. Erschrocken verliess er
den Pfad, der ihn nach seinem Schlupfwinkel fuhren sollte, und schlug den Weg
rechts, nach einem Gebüsche zu, ein.
    Dieses hatte er kaum erreicht, als er im Tale ein starkes Kommando Soldaten
gewahr wurde, welches den Marsch auf seinen Aufentaltsort zu nahm. - Er verliess
das Gebüsch und ging auf die Villa zu, in welche er tags vorher den unbekannten
Herrn und die Dame hatte gehen sehen.
    Er fand die Tür des Gartens offen und ging hinein. - Aus einem Pavillon trat
ihm der Unbekannte von gestern entgegen, den er und der ihn sogleich erkannte.
    »Mein Prinz!« - rief ihm Rinaldo erschrocken entgegen.
    »Unglücklicher! Du hier?« - sagte der Prinz und ging in den Pavillon zurück.
    Rinaldo zitterte, aber er wagte es, ihm dahin zu folgen.
    Der erkannte Unbekannte war der aus Rinaldos Geschichte bekannte Malteser,
der Prinz della Roccella.
    Rinaldo warf sich vor ihm nieder, wollte sprechen, vernahm einen Ausruf des
Schreckens und erblickte auf einem Sofa die schöne Aurelia. - Dieser Anblick
übermannte ihn ganz. Er zitterte heftiger und vermochte nicht aufzustehen.
    Der Prinz ergriff seine Hand, zog ihn auf und sagte:
    »Bleibst du auf diesem Eiland, so ist dieser Augenblick der letzte unseres
Aufentalts hier.«
    »Nein!« - seufzte Rinaldo. »Ich bleibe nicht hier. Morgen schon verlasse ich
dieses Eiland, und Ihr sollt mich nicht wiedersehen. Gott sei gedankt, dass ich
Euch noch am Leben sehe! Dieser Augenblick ist einer der schönsten meines
unglücklichen Lebens.«
    »Bist du hier noch in Verbindung mit den Deinigen?« - fragte der Prinz.
    »Nein!« - stammelte Rinaldo. »Ich bin nicht mehr in jener
verabscheuungswürdigen Verbindung. Jene Banden der Verachtung, die mich
umschlungen, sind zerrissen, und ich bin jetzt ein anderer Mensch.«
    Aurelia wankte vom Sofa auf und wollte den Pavillon verlassen, als der
Gärtner beinahe atemlos herbeistürzte und meldete, die Villa und der Garten sei
mit sizilianischen Soldaten umringt.
    »Das gilt mir!« - rief Rinaldo mit gebrochener Stimme aus.
    »Unglücklicher!« - stammelte Aurelia und sank auf das Sofa zurück.
    »Suche dich zu retten!« - sagte der Prinz.
    »Es ist zu spät!« - seufzte Rinaldo. - »Ich habe Freundes Rat und Warnung
verachtet. - Es ist zu spät!«
    Ein starkes Geräusch näherte sich. Im Augenblick war der Pavillon von
Soldaten besetzt und ein Offizier trat ein.
    »Hier ist er!« - schrie eine Stimme.
    Rinaldo wandte sich gegen diese Stimme, und sein Todfeind, der Schwarze,
stand vor ihm.
    »Habe ich Euch hintergangen?« fragte er den Offizier, zeigte auf Rinaldo und
fuhr fort: »Dieser ist Rinaldini; nehmt ihn fest!«
    Hohnlächelnd blickte der Schwarze auf ihn nieder, Rinaldo schlug zitternd
die Augen zu Boden.
    »Bist du Rinaldini?« - fragte der Offizier.
    »Ich bin es«, antwortete Rinaldo bebend und ohne Bewusstsein. Da entstand ein
Gewühl vor dem Pavillon. Der Alte von Fronteja drängte sich herein.
    »Rinaldo!« - sagte er, »Ich habe dir meine Freundschaft bis in den Tod
versprochen. Ich halte Wort. Du bist nicht zu retten. Fahre wohl!«
    Er sprach's, zog einen Dolch und bohrte denselben, ehe es zu hindern war, in
Rinaldos Brust.
    Rinaldo stürzte bei Aurelien am Sofa nieder. Er streckte seine Rechte nach
dem Alten aus, liess sie sinken und seufzte schwach: »Ich danke dir!«
    Aurelia sank ohnmächtig in ihres Vaters Arme.
    Der Alte wandte sich gegen den Schwarzen und sagte:
    »Jetzt bist du verloren!«
    Hierauf warf er einen Blick auf Rinaldo und sprach:
    »Dein Freund Onorio konnte seine unglücklichen Lehren nur mit deinem Tode
besiegeln. Du solltest ein Held werden und wurdest ein Räuber. Du wolltest die
Bahn, auf der du wandeltest, nicht verlassen. Dein Freund aber, der dich mehr
liebt als sich selbst, konnte dich nicht auf dem Rabensteine sehen.«
    Er trocknete Tränen aus den Augen, wandte sich hierauf rasch zu dem Offizier
und sagte:
    »Im Namen des Königs! Diesen schwarzen Verräter haltet fest. - Mich führt
nach Neapel. Ich gehöre vor des Königs Gericht. Dort werde ich mich zu
rechtfertigen wissen.«
 
                                    Fussnoten
1 Das Original ist Alt-Spanisch und steht in dem Canciouern de Romances. Anvers.
1568. p. 241 - Die Spanischen Romanzen sind unter der Herrschaft der Spanier
über Sizilien dahin gekommen und in die Landessprache übertragen worden.
 
                                  Zehntes Buch
 Wunderbar gerettet und geborgen
 Hat das Glück, zu neuer Not,
 Den Verfolgten, den der Morgen
 Jeden Tages neues Unglück droht.
Tobend heulte die entfesselte Schar der Winde, donnernd brachen sich die
empörten Wellen am Felsengestade, flammende Blitze durchschnitten die finstre
Wolkennacht: Himmel und Erde waren in Aufruhr.
    Betend lag Onorio in der Kapelle; seufzend und stöhnend ruhte Rinaldo auf
seinem Lager.
    Unfern Malta liegt die kleine unbewohnte Insel Lampidosa, meerumgürtet,
traurig und einsam, aber ihr sicherer Hafen gewährt den Schiffenden Aufentalt
und Schutz, wenn wütende Stürme sie verfolgen. Mitten auf diesem Eilande steht
eine kleine Kapelle, geweiht der heiligen Jungfrau. Kein Schiffer, sei er Christ
oder Muhameds Verehrer, vergisst es, für gewährten Schutz in der Kapelle, als ein
dankbares Opfer, Proviant oder Munition niederzulegen. Wer davon etwas zur Zeit
der Not bedarf, legt Geld dafür hin, und jährlich kommen Galeeren von Malta, die
dieses gemünzte Opfer nach Trapani in Sizilien zu unserer lieben Frau führen.
    In der lieben Frauen-Kapelle auf Lampidosa lag Onorio betend vor dem Altar
der Hochgebenedeiten.
    Rauschend entströmte der Regen den geborstenen Wolken; stärker rollte der
Donner; es erbebte die Erde.
    Onorio erhob sein Gesicht, streckte seine Arme gegen das Bildnis der
heiligen Jungfrau und sang mit sanfter Stimme:
Du, o Geberin des Guten!
Quelle der Barmherzigkeit!
Gib uns Menschen deinen Frieden,
Schenk uns einst die Seligkeit!
Zähme die empörten Fluten,
Zeige deine Allgewalt,
Gib auch du dem Meere Frieden,
Sichre unsern Aufentalt!
Lächle gleich dem Morgensterne,
Der dem müden Wandrer lacht,
Zeige deine hohe Gnade,
Zeige deine hohe Macht!
Ein flammender Blitzstrahl durchzischte die Kapelle, ein heftiger Donnerschlag
folgte. Es erbebte die Kapelle. Aneinander schlugen die geweihten Ampeln. Das
Bild der heiligen Jungfrau schien sich zu bewegen. - - Onorio sprang auf und
eilte in die Klause zu Rinaldo.
    Wie aber kam dieser auf die Insel Lampidosa? - Das wollen wir soeben
erzählen.
»Mich führt nach Neapel«, - sagte der Alte von Fronteja, ruhig und mit fester
Stimme. - »Ich gehöre vor des Königs Gericht; dort werde ich mich zu
rechtfertigen wissen.«
    Sichtbar erbebte der Schwarze; mit starren Blicken sah der Offizier dem
Alten ins ruhige Auge. Staunen fesselte die Wache. Ausser sich stürzte Dianora
herbei. »O! Mein Rinaldo!« - jammerte sie weinend, warf sich auf den Blutenden,
bedeckte seinen Mund mit unzähligen Küssen und küsste zurück ins Leben seinen
fliehenden Geist. - Er atmete.
    »Er lebt!« - schrie sie. »Er lebt!« und schloss ihn fest in ihre Arme.
    Einer leicht zu erklärenden Bewegung des Schwarzen kam der Offizier zuvor.
Er wandte sich winkend zur Wache, und blutend wurde Rinaldo Dianorens Armen
entrissen. - Jammernd sank Dianora in Violantens Arme.
    Der Alte folgte dem Verwundeten und den Soldaten. - Rinaldo wurde verbunden.
- Alle bestiegen eine Barke. - Zu entkommen versuchte auf dem Wege nach dem
Hafen der Schwarze. Er wurde gefesselt.
»Wir fuhren«, - sagte der Offizier zu seinen Leuten, - »gute Beute und wichtige
Geheimnisse nach Sizilien. Die Entwicklung sonderbarer Verbindungen umschliesst
diese Barke. Glücklich bringe uns der Himmel übers Meer in den Hafen!«
    Der Anker wurde gelichtet, gespannt die Segel; das Fahrzeug entfloh dem
Hafen.
    Geheimnisvolle Stille herrschte auf dem Schiffe; hell glänzten Mond und
Sterne am blauen Himmel; sanft umspülten die dunklen Wellen die Barke, laut
knarrten die bewegten Ruder durch die Stille der Nacht.
    »Ein Schiff! Ein Schiff!« - lief der Ruf von Munde zu Munde.
    Schnell getrieben vom frischen Südost eilte das Schiff herbei. Man rief die
Barke an, sich zu ergeben. Die Besatzung griff zu den Waffen. - Geöffnet waren
die Schiesslöcher des feindlichen Schiffs; der silberne Mond blinkte von den
grünen Flaggen.
    »Tunesier!« - schrie der Offizier. - »Wir sind zu schwach! Wir sind
verloren!«
    Schon blitzte des Feindes Geschütz, der Donner rollte über die Wellen. Was
half Widerstand? Die Barke wurde genommen. Cintio, Luigino und ihre Leute, in
türkische Tracht gekleidet, sprangen über; die Soldaten und der Schwarze wurden
niedergehauen. Nach Sizilien kam keiner zurück; wieder sah keiner das liebliche
Vaterland.
    Der Alte umarmte seine Freunde, sie ihn, und alle jauchzten:
    »Das ist wohl gelungen!«
    Vor Lampidosa gingen sie vor Anker. Hier wurde Rinaldo ausgesetzt und
Onorios Pflege übergeben. - Das Schiff stach in die See.
Ungefähr hundert Schritte von der Kapelle auf Lampidosa lagen drei kleine
Einsiedeleien, die vor vielen Jahren von drei Eremiten, einem Christen, einem
Griechen und einem Muhamedaner mit sonderbarer Einigkeit bewohnt worden waren.
Sie starben und begruben einander neben ihren Klausen. Der Christ überlebte
seine Freunde. Ihn fand ein türkischer Meerräuber auf seinem Lager entschlafen,
las seine und seiner Gefährten Geschichten, die er hinterlassen hatte, und liess
ihn zur Ruhe bringen. Die Nachrichten blieben zurück, so wie die einfachen
Hausgeräte, ein Inventarium der Klausen.
    So fand es Onorio, als er nach Lampidosa kam. Hier wollte er sein Leben
beschliessen, Gott und heiligen Betrachtungen geweiht. Er kannte den Alten von
Fronteja, dieser kannte ihn, wie die Folge dieser Geschichte lehren wird, und
ihm übergab man den Verwundeten so lange, bis es nötig sein würde, ihn wieder
abzuholen.
    Schon war Rinaldo ganz ausser Lebensgefahr, als der fürchterliche Sturm das
kleine Eiland erschütterte.
    »O!« - seufzte er. - »Allentalben hin folgt der Zorn des Himmels dem
Verbrecher! Wo könnte er ihn nicht finden?!«
    Sanft antwortete Onorio: »Allentalben. - Der Sturm ist schrecklich! Solange
ich auch schon dieses einsame Eiland bewohne, hörte ich noch nie ein solches
Ungewitter. Wehe denen, die dieses Wetter jetzt auf dem Meere trifft! - Es folgt
allen, die jetzt die Wogen durchschneiden, so fromm und makellos sie auch immer
sein mögen. Überall flammen die Blitze des strafenden Himmels, der auch seine
Sonne scheinen lässt über Böse und Gute. - Wer reinen Herzens ist und ein gutes
Gewissen hat, sieht jedem Blitzstrahle ruhig entgegen.«
    Rinaldo sah gedankenvoll, seufzend, vor sich nieder. - Onorio sprach weiter:
»In dieser Einsamkeit, wo wir allein sind.« -
    »Der Mensch« - fiel rasch Rinaldo ein, - »ist nie allein. Und wär' alles um
ihn herum schweigend und stumm. Sein Herz ist bei ihm.«
    Onorio blickte ihn schweigend an. Rinaldo fuhr fort:
    »O! das Herz! das bewegliche Herz! - Wie schwer trage ich an dieser leichten
Last! Sie wird mich noch zu Boden drücken.«
    Abbrechend sagte Onorio: »Meine Ampeln brauchen Öl!«, - nahm den Ölkrug und
ging in die Kapelle.
Über Nacht legte sich endlich der Sturm, und als am Morgen die Sonne lachte,
lief ein Schiff in den Hafen und warf die Anker aus.
    Der Alte von Fronteja trat in die Klause. Heiter war sein Blick, sanft war
die Sprache seines Mundes.
    »Grüsse Euch Gott, meine Freunde, und gebe uns allen Heil und Glück! Der
Sturm ist vorüber, die Sonne lacht, und glücklich liegt mein Schiff im sichern
Hafen.«
    »Bist du«, - fragte Rinaldo, - »ebenso sicher als dein Schiff?«
    »Unsicher«, - lächelte der Alte, - »bin ich nie.«
    »Du hast viel Glück!« - rief Rinaldo aus. - »Doch bedenke, dass das Glück
wankelmütig ist. Zwar fasst es wohl, doch sich fassen lässt es selten.«
    »Verstehst du es aber auch, mit Glück umzugehen? - - Stelle dich diesem
wankelmütigen Dinge als eine Kugel dar, welche es hinrollen kann, wohin es will,
an der aber nirgends ein Fleck ist, an welchem du festzuhalten bist. Will das
Glück sich zu dir setzen, wohl! so reiche ihm die Hand; breitet es seine Flügel
aus, davonzufliegen, so gib ihm seine Geschenke zurück und lass es fliegen. - Das
Glück ist ein Weib. Du weisst ja, wie Weiber sind: denn ich glaube, du kennst
sie!«
    »Weiber«, - begann Onorio, - »sind doppelte Menschen, und ein einfacher
Mensch ist gewöhnlich schon nicht viel wert!«
    Der Alte lächelte Onorio an und fuhr fort:
    »Des Weibes Launen müssen uns ergötzen, dürfen uns aber nie betrüben. - Es
gibt Menschen, die sich für glücklich halten, weil sie sich weise dünken; halte
du dich für weise, wenn du dich glücklich fühlst.«
    »Das werde ich nie können!« - seufzte Rinaldo.
    »Der Mensch«, - antwortete der Alte bedächtig, - »kann alles, was er
ernstlich will. - - Ich bin gekommen, dich zu fragen, mein Freund, willst du
hier auf diesem Eiland bleiben, oder fühlst du Verlangen und Mut genug, wieder
in die Welt zu gehen? - Nur etwas Trotz weniger, und du wirst unter den Menschen
dich ganz wohl befinden. Trotz schickt sich nicht in die menschliche
Gesellschaft; die Menschen ertragen ihn nicht. Entweder man erwidert deinen
Trotz, - dabei gewinnst du nichts, - oder man flieht dich; - und dabei gewinnst
du noch weit weniger. Ich kenne Welt und Menschen. Höre mich an, aus mir spricht
die Erfahrung. Ich will dir ein Geheimnis anvertrauen, und dadurch entdecke ich
dir das Geheimnis aller klugen Menschen, die in der Welt bedeutend worden sind
und es noch werden. Nenne das, was ich dir sage, Philosophie des Lebens, und
handle nach dem, was du von mir hörst. - - Die Pflichten der menschlichen
Gesellschaft sind nur ein unaufhörlich fortgesetzter Tauschhandel. Lass dich auf
nichts ein, ohne zu erwarten, dass es dir Vorteil bringe. Deinen Verstand, deine
Einsichten, deinen Diensteifer und deine Gefälligkeiten, alles lege im Handel
an. Tue deinen Nebenmenschen keinen Schaden, achte sie, wenn du musst; diene
ihnen, wenn du kannst; lass ihnen ihre Ansprüche und entschuldige ihre
Schwachheiten. Sie sind nicht undankbar. Deine Auslage wird dir immer mit
beträchtlichen Zinsen wieder erstattet werden.« - »Unter diesen Menschen aber«,
- fiel Rinaldo ein, - »werden auch Freunde sein, und die Freundschaft fordert
doch wohl« - »Die Freundschaft«, - fiel ihm der Alte schnell in die Rede -
»betrachte stets als das schönste und als das gefährlichste Geschenk des
Himmels. Ihre Guteit ist entzückend, ihre Unbeständigkeit ist entsetzlich. Und
wie willst du, dass ein Weiser der Gefahr eines Verlustes sich aussetze, dessen
Bitterkeit sein ganzes übriges Leben vergiften kann? - Trifft deinen Freund ein
Unfall, und du hast keine Hilfsmittel dafür, so erspare dir den Schmerz, ihn
leiden zu sehen.«
    Rinaldo sah ihn mit bedeutenden Blicken an und sagte:
    »Du hast nicht gehandelt, wie du sprichst; wenigstens gegen mich nicht!«
    »Du bist mir mehr als Freund.«
    »Mehr? - Mehr als Freund? - Ich dir? - Und was? - Was bin ich dir?«
    Onorio sah den Alten bedenklich an; dieser schwieg. - Rinaldo wiederholte
die Frage:
    »Was bin ich dir?«
    »Ich liebe dich«, - antwortete der Alte, - »wie ein Vater seinen Sohn liebt.
So will es mein Herz, so will es die allgewaltige Sympatie, die zwischen
Menschen waltet.«
    Nach einer starken Pause fragte Rinaldo: »Warst du, seit wir uns nicht
sahen, wieder in Sizilien?«
    Zufrieden lächelnd antwortete der Alte: »Ich war in meinen lieben Gefilden
von Fronteja. - Man hat dort übel gehaust. Die Pfaffen haben meine Jünger vor
ihr Tribunal gezogen und sind schlimm mit ihnen umgegangen. Die meisten stecken
in Klöstern, zu kirchlicher Busse verdammt, und einige sind sogar auf der Folter
gestorben.«
    »Gerechter Gott! - Warum das?«
    »Man wollte ihnen das Geständnis ihres vermeinten Heidentums auspressen. -
Bei Gott! Es ging den Meinigen, wie es ehemals in Frankreich den unschuldigen
Tempelherren ging; aber ich war nicht zur Rolle eines Molay zu bringen! - -
Übrigens glaubt man in Sizilien, die Barke mit mir und dir und der königlichen
Wache sei entweder untergegangen oder von einem Meerräuber in den Grund gebohrt
worden.«
    Nach einer Pause fuhr der Alte lächelnd weiter fort:
    »Meine ganze Krata Repoa, alle dazugehörigen Dekorationen und Bücher,
befinden sich im heiligen Inquisitionsgericht; als Studium wahrlich nicht! - Ich
las zu Palermo und zu Messina gedruckte, öffentlich angeschlagene Aufhebungen
des Preises auf deinen Kopf; - hier ist ein Exemplar! -, weil Rinaldini von den
Wellen verschlungen worden sei. - Doch werden vermutlich bald neue Preise
ausgesetzt werden, denn Cintio und Luigino, an der Spitze eines starken Korps,
treiben es in Sizilien ein wenig arg.«
    »Wie? - Cintio? Luigino?« -
    »Was du tatst, bleibt gegen das, was diese tun, nur Spielwerk.«
    »Wohl mir! - Wie steht's um das Unternehmen auf Korsika?«
    »Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.«
    »Wo lebt Dianora?«
    »Geh in die Welt; du wirst sie finden.«
    »Und was treibst du jetzt?«
    »Handel. - Als Kaufmann durchschiffe ich die Meere und werde reich.«
    Noch sprachen sie, als zwei Kanonenschüsse fielen und die Ankunft eines
Schiffs verkündigten. - Onorio und der Alte verliessen die Klause. - Bald kamen
sie zurück, und der Alte sagte:
    »Rinaldo, ein sizilianisches Schiff ist angekommen, es hat im Sturm
gelitten, man will es ausbessern. Der Kapitän spricht davon, einige Tage hier zu
verweilen. Mein Schiff geht in die See. - Willst du mit mir gehen?«
    Onorio fiel ihm um den Hals und stammelte: »Folge deinem Freunde! Lass mich
allein hier ruhig sterben.«
    »Ich fühle, was du sagen willst!« - stammelte Rinaldo wehmütig. - »Ja! Du
sollst ruhig sterben. Lebe wohl! - O! Onorio, wie sehr drückt die Last deiner
freundlichen Bitte mich nieder! - Ich fühle, was ich bin, was ich dir und allen
Menschen sein muss. - Fort in die Welt! Fort aus der Welt, zu meinen Räubern! -
Alter! - Ich folge dir.«
Der Morgen war schön. Das Schiff durchschnitt die See. - Rinaldo stand auf dem
Verdeck, überflog mit suchenden Blicken das Meer und rief endlich seufzend aus:
»O! Es ist ein schöner Morgen!«
    Der Alte fiel sogleich ein: »Ein schöner Morgen! Er lächelt dir und mir und
uns allen! - Was der Mensch an den Tageszeiten Schönes geniessen kann, geniesst er
des Morgens und des Abends, beim Kommen und Scheiden des Tages. - So ist es auch
mit dem Menschen. Sein Morgen und sein Abend lehrt ihn uns kennen und schätzen.
Im Kommen und Scheiden kennt er keine Verstellung. In der Mitte seines Lebens
nur wirft die Zeit ihm trügerische Schleier über. - Unser Abend sei heiter! Ein
schöner Wunsch! - Gott gebe uns allen seine Erfüllung!«
    Als die Wellen das schwankende Schiff in die See trugen, flimmerten nur
wenige Sterne noch am Himmel. - Auch diese verschwanden. - Schon brachen die
ersten Strahlen des Tages durch des Himmels bläulichen Schleier; die Nacht zog
gegen Westen sich zurück, und die flüchtigen Schatten folgten ihr nach.
    Im Osten wurde der Himmel immer röter. Leuchtende Strahlen durchschossen die
reine Luft und überzogen das bläuliche Gewölbe mit purpurnen Streifen.
    Rinaldo stand, in sich selbst verloren, noch auf dem Verdeck; blickend gen
Himmel, mit feuchten Augen. Sein Gefühl war ein stummes Morgengebet. - Ihn
beobachtend stand der Alte neben ihm.
    Stärker wurde die Erhellung, lichter wurden die Farben. - O! welch ein
herrliches Schauspiel öffnete sich den Blicken. Tausend goldene Strahlenflammen
fuhren von einem einzigen Mittelpunkt aus und zerteilten sich in der Luft. -
Ganz Osten stand in Feuer.
    »Rinaldo! siehst du das?« - fragte rasch der Alte.
    »Ich sehe und fühle«, - antwortete er mit sehr bewegter Stimme.
    Jetzt trat die Sonne hervor. Ihre strahlende Scheibe schwebte über dem
Horizont. Einen Augenblick schien sie noch auf dem Meere, wie auf einem Trone
zu ruhen, - und nun erhob sie sich, in all ihrer Klarheit und Pracht, die
glänzende Königin des Himmels. - Wie prächtig sie sich über das Wasser erhob!
Wie vielfach aus den Wellen ihr glänzendes Bild zurückstrahlte! - Da stand sie
nun, die leuchtende Sphäre, die mit ihrer Klarheit die Welt erfüllt, umgeben mit
flammender Pracht!
    Von einem unwillkürlichen Gefühl ergriffen, wie von einem elektrischen
Schlage getroffen, stürzte Rinaldo auf die Knie, erhob die Hände, und stammelte:
    »Grosses Licht des Himmels! Wie oft sahest du den Räuber auf blutbesprjetzten
Pfaden, wie oft drang dein Blick in seine, menschlichen Augen verborgene Winkel!
- O! blicke in mein Herz, und sieh, was ich leide!«
    Rasch riss der Alte ihn auf, ihn unterbrechend, und sagte:
    »Sieh, Freund, schon vermagst du es nicht mehr, ohne Fernrohr, Lampidosa zu
erblicken. Die Insel liegt hinter uns. So entschwinden die Taten der Menschen im
eiligen Laufe der Zeit; so entschwindet das Andenken an Gutes und Böses!«
    Die Schiffsglocke läutete zum Frühstück. Die Matrosen verbreiteten sich auf
dem Verdeck, und der Kapitän des Schiffs, dessen Namenstag gefeiert werden
sollte, gab Wein zum besten. Ein hundertstimmiges Lebehoch tönte ihm zu Ehren,
in die Lüfte, und einige Guitarren, Triangel und Geigen kamen zum Vorschein. Es
wurden Lieder angestimmt, und endlich sang die ganze Gesellschaft.
                                    Romanze
In des Waldes finstern Gründen
Und in Höhlen tief versteckt
Ruht der Räuber allerkühnster,
Bis ihn seine Rosa weckt.
»Rinaldini!« - ruft sie schmeichelnd:
»Rinaldini! wache auf!
Deine Leute sind schon munter,
Längst ging schon die Sonne auf.«
Und er öffnet seine Augen,
Lächelt ihr den Morgengruss.
Sie sinkt sanft in seine Arme,
Sie erwidert seinen Kuss.
Draussen bellen laut die Hunde,
Alles flutet hin und her,
Jeder rüstet sich zum Streite,
Ladet doppelt sein Gewehr.
Und der Hauptmann wohl gerüstet,
Tritt nun mitten unter sie.
»Guten Morgen, Kameraden!
Sagt, was gibt's denn schon so früh?«
»Unsre Feinde sind gerüstet,
Ziehen gegen uns heran.«
»Nun, wohlan, sie sollen sehen,
Ob der Waldsohn fechten kann.«
»Lasst uns fallen oder siegen!«
Alle rufen: »Wohl es sei!«
Und es tönen Berg' und Wälder
Rundherum vom Feldgeschrei.
Seht sie fechten, seht sie streiten!
Jetzt verdoppelt sich ihr Mut;
Aber, ach, sie müssen weichen,
Nur vergebens strömt ihr Blut.
Rinaldini, eingeschlossen,
Haut sich, mutig kämpfend, durch
Und erreicht im finstern Walde
Eine alte Felsenburg.
Zwischen hohen, düstern Mauern
Lächelt ihm der Liebe Glück,
Es erheitert seine Seele
Dianorens Zauberblick.
Rinaldini! Lieber Räuber!
Raubst den Weibern Herz und Ruh.
Ach, wie schrecklich in dem Kampfe,
Wie verliebt im Schloss bist du!
»Jetzt ist es aus mit ihm!« sagte der Kapitän. »Beim Teufel! Das war ein Kerl,
von dem man noch lange singen und sagen wird!«
    »Jawohl!« sagte der Alte und lächelte.
    Der Kapitän fuhr fort: »Er hatte es, sozusagen, verdammt weit gebracht! Wenn
nur mehr Ehre dabei gewesen wäre! Man hätte ihn begnadigen sollen, und er würde
dem Staate gewiss, mit dem Degen in der Faust, gute Dienste geleistet haben. -
Jetzt ist er wohl schon längst, wer weiss in welchem Haifischmagen über die
Grenze geschifft.«
    Alle lachten. Rinaldo, - musste natürlich auch mit lachen.
    Bald kam's wieder zu einem Wettgesang. Ein Mädchen und ein junger Matrose
traten nun auf und sangen zur Musik
ER
Geh nicht in die Berge,
Rinaldo wohnt dort;
Er plündert, beraubt dich,
Und schleppt dich mit fort!
SIE
Ich geh' in die Berge,
Rinaldo wohnt dort;
Er kennt mich, er liebt mich;
Ich zieh' mit ihm fort!
ER
Ha, Rosa, du Röslein
In Wälder versteckt,
Hat auch dich die Liebe
Im Freien geneckt?
SIE
Es neckt mich die Liebe
Im Feld und im Wald. -
Dort glänzen Gewehre;
Wir wandern nun bald!
Langsam schlich Rinaldo von dem Verdeck in die Kajüte. Je lauter draussen der
Lärm wurde, desto beklommener hörte er das Getöse an. - Tausend Entwürfe und
Entschliessungen durchkreuzten seine Seele; welchen konnte er fassen? Er musste
alles auf den Zufall ankommen lassen, aber diesen aufs beste zu benutzen, war
sein ernster Wille, sein fester Entschluss. Schon hatten sie Sizilien im Rücken,
als auf einmal ganz unerwartet der Wind nach Südost umsprang. Wütend warf er das
Schiff hin und her durch die tobenden Wellen, die sich, Bergen gleich, dem
krachenden Kiele entgegentürmten. - Die Nacht brach an, und die dickste
Finsternis umlagerte das Schiff. Nichts war zu sehen als der leuchtende Schaum
der wütenden Wogen, die das Schiff so ungestüm umherschleuderten, dass auch die
Kühnsten zaghaft wurden.
    Rinaldo lag ruhig auf dem Lager, fürchtete nichts und sah gelassen dem Tode
entgegen. Er blieb allein, auch der Alte kam nicht zu ihm.
    Duftige Nebel sanken hernieder; das Brausen des Windes glich dem stärksten
Donner des Geschützes. Im Schiffe ertönten Angstgeschrei und Klagen. - Ängstlich
harrte man des anbrechenden Tages. - Nach Mitternacht stiess das Schiff auf eine
Klippe, es borst und sank.
    Ein schreckliches Wehklagen erfüllte die Lüfte. - Rinaldo, der bisher ruhig
den Tod erwartete, ergriff einen Balken; eine Welle schleuderte ihn ins Meer,
eine zweite warf ihn ans Land, wo er, matt und entkräftet, dem anbrechenden Tage
entgegensah.
Der Sturm legte sich. Es wurde Tag. Rinaldo lag unter einem Baume. Die Gegend
wurde heller. Er blickte um sich und sah einen Fischer, der nach dem Ufer ging.
Diesem klagte er sein Unglück, und der ehrliche Mann führte ihn in seine Hütte,
wo er ihn, so gut er es geben konnte, mit Speise und Trank erquickte. Bald wurde
der benachbarte Pfarrer herbeigerufen; dieser fragte den Schiffbrüchigen aus und
erhielt eine Geschichtserzählung von Rinaldo, die einer ganz gewöhnlichen
Erzählung glich. Er war ein Kaufmann aus Ancona, hatte Schiffbruch gelitten und
war in demselben um seine Habseligkeiten und Papiere gekommen. »Und wo bin ich?«
- fragte er. Der Pfarrer gab zur Antwort: »Dieses Eiland, auf welchem Ihr Euch
befindet, heisst Alicudi, hat etwa fünfzehn Meilen im Umkreis, ernährt gegen
achtundert Bewohner, ist eine der Liparischen Inseln und liegt achtundvierzig
Meilen von Lipari entfernt, wohin Ihr aber noch heute kommen könnt, weil eine
Barke dortin segelt und Wein holt.«
    Dieser Gelegenheit bediente sich Rinaldo, liess sich nach Lipari führen und
kehrte in dem Hospitio bei den Bernhardiner-Mönchen ein, die Reisende, weil es
dort keine Gastöfe gibt, beherbergen.
    »Wie?« - sprach er bei sich selbst, - »Wie? wenn du hier dich in das Gewand
der frommen Einfalt und Verborgenheit hülltest? Wenn du bliebst unter diesen
Mönchen?«
    Mit diesem Selbstgespräch, das er im Freien hielt, nahte er sich einem
kleinen Landhause, das sehr romantisch mitten in einem Blumengarten lag. - Er
ging auf dasselbe zu, dachte sich in seine Einsamkeit, nach Pantaleria, zurück
und seufzte:
    »Dort war ich glücklich und durfte es nicht bleiben! - Ach Dianora! - O! ihr
goldenen Tage meiner Ruh und meines Glücks! Warum entfloht ihr so schnell?«
    Da vernahm er Gesang, der aus den nahen Gebüschen ihm entgegentönte. Er
lauschte und hörte:
Einsam wandl' ich hier, und weine,
Nur mein Gram begleitet mich!
Nicht im Sonn'- und Mondenscheine
Find ich Ruh, ach! Ruh für mich!
Die Stimme kam näher. Aus den Büschen trat die Sängerin. Rinaldo fuhr erbebend
zurück. Sie schrie laut auf, als sie ihn erblickte, lehnte sich zitternd gegen
einen Baum und stammelte mit gebrochener Stimme: »Armer Geist! Was quält dich?
Was bringt deine irdische Gestalt mir vor die Augen?«
    ER Kein Geist! kein Geist! - Ich bin es selbst; bin wirklich hier.
    SIE Kein Geist? - Kein Traum? - Kein Blendwerk?
    ER Nicht Geist, nicht Traum, kein Blendwerk! - Ich lebe! Ich sehe dich!
dich, die ich über alles liebe. Ich fasse deine Hand! -
    SIE Du lebst?
    ER Ich lebe und bin dein!
    Er sprach's und schloss sie in seine Arme. Ihre zitternden Hände falteten
sich auf seinem Rücken und ihre Lippen stammelten:
    »Gelobt sei Gott und die heilige Jungfrau; ich habe dich wieder, geliebter
Unglücklicher! - Und du bist mein!«
    »Dein! - dein auf ewig!«
    Ich kann sie nicht schildern, diese Szene des glücklichen, unvermuteten
Wiederfindens. Rinaldo umschlang entzückt seine geliebte Dianora und eilte mit
ihr in ihre Wohnung.
»O Rinaldo!« - rief Dianora aus, - »und du entgingst dem Tode? - Ich wähnte der
Gerechtigkeit dich übergeben, öffentlich und mit Schande gemordet! Krank,
jammernd und elend verliess ich Pantaleria und floh in die Einsamkeit dieses
stillen Eilandes. Hier beweinte ich dich und wollte hier mein Leben beschliessen.
Violanta, meine treue Gefährtin und Freundin, ist nach Sizilien gegangen, meine
Angelegenheiten dort zu besorgen, aber dennoch bin ich hier nicht allein, und
die glückliche Szene des Wiedersehens soll frohe Zeugen haben!«
    »Ist noch jemand hier, der mich kennt?« - fragte Rinaldo.
    »Ein Wesen ist noch hier, das dich nicht kennt, und dennoch ist es dir so
nahe verwandt!«
    Sie ging, kam bald zurück und trug ein jähriges Knäbchen auf ihrem Arme ihm
entgegen.
    »Mein Kind!« - schrie Rinaldo und schloss es küssend, mit der Mutter, in
seine Arme.
    »Dein Kind! - Es lächelt dir entgegen. Es lallt den Namen Vater.«
    »Die Stimme des Blutes! - O! süsser Vatername! - O Weib, o Kind! - Jetzt bin
ich glücklich!«
    »Bist du das?« - fragte eine rauhe Stimme hinter ihm.
    Er drehte sich herum und trat erschrocken zurück. - Dianora sank mit einem
lauten Schrei des Schreckens, das Kind umklammernd, aufs Sofa. - Mitten im
Zimmer stand, in die bekannte Kleidung des Schreckens gehüllt, der korsische
Kapitän, in der Tracht der Schwarzen, und lächelte höhnisch die Betroffenen an.
    »Kennst du mich?« - fragte er.
    Rinaldo schöpfte Atem, fasste sich und sprach:
    »Ich kenne dich, weil du mich kennst. Was willst du von mir? - Unsere
Rechnung ist abgetan; ich habe nichts mit dir zu tun.«
    »Nichts?«
    »Ich schenkte dir das Leben, als es in meiner Gewalt war.«
    »Ich hatte längst zuvor das deinige dir geschenkt.«
    »So sind wir dennoch quitt.«
    »Die Rechnung wird neu. - Du kennst doch diese Tracht, in der ich dir mich
zeige? - Ich bin jetzt nicht mehr mein; ich gehöre denen an, die mich sandten.«
    »Was wollen sie von mir? Warum schleichen sie mir allentalben hin nach?«
    »Sie tun, was dein Gewissen tut.«
    »Gott richte mich, nicht sie, nicht du, selbst der Sünder einer, wohl noch
grösser als ich.«
    »Du rechtfertigst dich selbst? - Das darf nicht sein!«
    »Furie, die mich quält, wie einst die Erinnyen folgten auf allen seinen
Schritten dem fluchbelandenen Orest! - Weiche! - Wenn du mich auch in den Hütten
des Raubes aufsuchtest, so solltest du doch an der friedlichen Hütte
vorübergehen, an die der Engel des Friedens sein hohes Zeichen schrieb. Was hat
der Würgeengel hier zu tun? - Ich bin nicht mehr, was ich war. Ich bin
zurückgetreten aus dem weiten Kreise meines ehemaligen Wirkens und will hier
leben im engen Zirkel stiller Häuslichkeit. Hier ist mein Weib, mein Kind. Diese
haben nichts Böses getan. Unschuldig lächelt der Knabe den Feind seines Vaters
an. Kommst du auch zum Verderben der Unschuld?«
    »Ich hänge nicht von mir selbst ab.«
    »Aber steht nicht mein Verderben bei dir? - Du mordest in mir Gatten und
Vater. Sind diese Namen dir nicht heilig?«
    Kalt antwortete der Kapitän: »Heilig sind mir jetzt nur die Befehle meiner
Obern.«
    »Wollen diese meinen Tod? - Gut dann, so morde man mich hier, unter den
Augen meiner Frau und meines Kindes! Aber morden müsst ihr mich, und mein Leben
werde ich teuer verkaufen. - Du bist der erste, der fällt.«
    Schnell riss er ein paar Pistolen von der Wand und vertrat dem Kapitän den
Ausgang aus dem Zimmer.
    »Was beginnst du?« - fragte dieser bestürzt.
    »Ich fechte für mein Eigentum. Habt ihr den Räuberhauptmann wieder in mir
aufgesucht, so sollt ihr ihn auch finden. Dass Rinaldini zu fechten weiss, wisst
ihr; ihr sollt erfahren, dass ich der noch bin, den ihr suchen wollt.«
    Der Kapitän suchte sich zu fassen und begann nach einer kleinen Pause:
    »Dass ich nicht für mich selbst handle, weisst du. Die Not brachte mich in
Dienste anderer. Für diese habe ich Pflichten. - Was gibst du mir? Womit
belohnst du mein Schweigen?«
    »Mich hintergehst du nicht!« - schrie Rinaldo. - »Deine glatten Worte gibt
dir die Not ein. Ich lasse dich gehen, und ich bin verhaftet. Du suchst mir
jetzt zu entkommen. Das kann nicht sein! - Die Klugheit dringt mir einen Mord
ab; Gott verzeihe ihn mir! Ich morde nur zu meiner Lebenssicherheit. Es kann
nicht anders sein! Ich rette mich, mein Weib, mein Kind. Gott sei deiner Seele
gnädig!«
    »Rinaldo! - Um Gottes willen! - Höre! - Nur noch ein Wort!«
    »Was hast du noch zu sagen?«
    »Lass mich beten und morde mich im Gebet.«
    Rinaldo blickte ihm forschend in die Augen. Der Kapitän fiel vor ihm nieder
und faltete die Hände.
    Draussen erhob sich ein Geräusch. Die Tür ging auf. Wache trat ins Zimmer.
    Der Kapitän sprang auf. Der Anführer der Wache redete ihn ganz trotzig an:
    »Elender, vermummter Verräter!«
    Gelassen erwiderte der Kapitän:
    »Gott hat Euch mir zum Retter gesandt!«
    Der Offizier sah ihn fragend an; er fuhr fort:
    »Mein Leben konnte nicht mehr gerettet werden; es stand in der Hand eines
Mannes, der mich vernichten musste, um nicht der Justiz in die Hände zu fallen.«
    »Was soll das sagen?« - fragte der Offizier ernstaft.
    Der Kapitän sprach weiter:
    »Wohin Ihr mich auch führen mögt, wie mein Schicksal auch entschieden werden
mag, so verdiene ich doch eine Belohnung des Staates, wenn ich der
Landesregierung, was hiermit geschieht, einen Mann überliefere, auf dessen Kopf
sie schon längst hohe Preise setzte, der stets ihren Nachforschungen entging,
den sie tot glaubt, der aber noch hier steht, lebt und Rinaldini heisst.«
    »Wie?« - fragte der Offizier heftig.
    »Elender Bösewicht!« - schrie Rinaldini, - »willst du deiner Strafe durch
ein neues Verbrechen entgehen? Welche Frechheit! Willst du dich durch die
schändlichste Verleumdung, mit der schamlosesten Lüge retten?«
    Der Kapitän wollte sprechen; Dianora sprang auf: »Dieser ist mein Gemahl,
und dass ich die Gräfin Martagno bin, weiss der Stattalter, der auch meinen
Gemahl kennt. Dieser schwarze Bösewicht, dessen Erdichtungen« -
    »Signora«, - fiel der Offizier ein, - »dass dieser Vermummte ein
Nichtswürdiger ist, wissen wir, er wird den Lohn erhalten, der ihm und seiner
ganzen Brüderschaft gehört; dennoch aber bin ich verbunden, auf seine Angabe,
Euern Gemahl zu ersuchen, mir zum Stattalter zu folgen. Ich kenne ihn nicht -
und muss meiner Pflicht gehorchen.«
    »So folge!« - sagte Dianora mit einem bedeutenden Blick.
    Der Kapitän wollte sprechen; der Offizier liess ihn binden und sagte: »Was du
sagen willst, kannst du vor Gericht sagen. Ich bin dein Richter nicht. - Wache!
führt ihn fort! - Dieser Herr folgt mir zum Stattalter.«
    Rinaldo umarmte Dianoren, die ihm etwas sagen wollte, welches der Offizier
höflich verbat. Sie gab ihm sprechende Blicke, die Rinaldo dennoch aber nicht
recht entziffern konnte, und er folgte dem Offizier in die Stadt.
Hier führte ihn dieser auf die Wache und ging zum Stattalter, wo er Dianoren
fand. Der Stattalter lächelte nach des Offiziers Rapport:
    »Sonderbar! Wie weit geht doch die Bosheit der Schwarzen! - Man verfährt in
Sizilien und in allen Staaten unseres Königs aufs schärfste gegen alle
Mitglieder eines Bundes, dessen Absichten man kennt, der die Staatsverfassung
des Reichs vernichten und eine allgemeine Rebellion erregen wollte. Ein
allgemeiner Urteilsspruch hat alle Teilnehmer an dieser Verschwörung schon
gerichtet. Der Schwarze, der sich nach Lipari schlich und sein schändliches
Gewand überwarf, ehrliche Menschen zu schrecken, der sich erkühnte, verwegen,
sich selbst so kennbar zu machen, soll dem Schwerte der Gerechtigkeit nicht
entrinnen. - Auf unserm friedlichen Eiland soll die Sache kein Aufsehen machen.
Die Bewohner brauchen eine Sache gar nicht kennenzulernen, die sie nicht kennen;
ihre stillen Gemüter soll so etwas weder bewegen noch entflammen. Ich werde
dafür sorgen. Stille und Verborgenheit sind hier heilsam. - - Der Gemahl dieser
Dame kommt zu mir.«
    Rinaldo kam zu dem Stattalter. Er trat ins Zimmer, bebte zurück, drückte
die gefalteten Hände vor die Stirn, sah in der Person des Stattalters den ihm
und uns bekannten Prinzen della Roccella und warf sich vor ihm nieder. Mit
bebenden Lippen stammelte er: »O mein Prinz!«
    Der Prinz ging auf ihn zu:
    »Mann! - Sehe ich auch hier dich wieder? - - Ich brauche dir wohl nicht zu
sagen, wie sehr deine Gegenwart mich in Verlegenheit setzt? - Fühle das selbst.«
    »O! ich fühle es! - Ich bitte nicht für mich, ich bitte nur für Weib und
Kind! - Stets grossmütig war mein Prinz!« -
    »Mein Schicksal quält mich durch dich.«
    Er ging im Zimmer auf und nieder. Rinaldo erhob sich, wankte an ein Sofa und
stürzte sich mit gesenktem Blick mit beiden Händen auf dasselbe. - Endlich
begann der Prinz:
    »Nach langem Überlegen und Streiten zwischen Pflicht und Wohlwollen kann ich
mich zu weiter nichts entschliessen, als deine Flucht dir zu erleichtern. Du
wirst aber fühlen, dass das für dich sehr viel getan ist!«
    »Alles - alles, was nur die Grossmut des Edelsten tun kann!«
    »Ich kann und darf nicht mehr für dich tun!«
    »Mich vernichtet diese Güte!«
    »Eine englische Fregatte liegt segelfertig in dem Hafen, diese wird dich
aufnehmen. - Für Reisegeld ist gesorgt. In meiner Verwahrung sind 1000 Stück
Dukaten, die deinem Freunde, dem Alten von Fronteja gehören -«
    »Ach! Ihn verschlang das Meer. - Hätte es doch mich verschlungen!«
    »Reise glücklich!«
    »Und Dianora?«
    »Kann nicht mit dir gehen. Sie ist das sich selbst, sie ist es ihrem Kinde
schuldig. Fühlst du das?«
    »O! ich Unglücklicher! - Ach, Dianora! - Mein Kind! - Mein armes Kind!« -
    »Es soll das meinige sein. - Welche Erziehung, welche Ansprüche auf Glück
und Fortkommen in der Welt, könntest du dem Kinde geben? Du, der du geächtet,
verfolgt, der du ein Mann bist, dessen Name schon ein Verbrechen ist? Welche
Hoffnung könnte unter deiner Wartung und Pflege dem zarten Sprössling blühen, ein
Baum zu werden, der seine Äste frei emporstrecken könnte in die Lüfte? Ewig
würde der Sohn nur das Kind eines Räubers bleiben. - Diese Schmach will ich von
ihm nehmen. Ich erkläre ihn für meinen Sohn.«
    »Prinz!« -
    »Ich gebe ihm einen Namen, der durch kein Verbrechen befleckt ist, und so
erhalte ich ihm seine mütterlichen Güter. Er wachse heran, unbefangen, zum
Jüngling, er werde ein Mann, sei geehrt und erfahre nie, wer sein Vater war.«
    Ein Tränenstrom entstürzte Rinaldos Augen; er jammerte laut: »Grausames
Geschick! - O mein Sohn! mein Sohn! Wo wird dein Vater endlich noch das Ziel
seiner mühseligen, kummervollen Pilgrimschaft finden?« -
    »Lass ihm«,- fiel der Prinz ein, - »dein Grab ohne Erröten sehen, und er kann
glücklich sein.«
    »O, warum mussten Dianorens Küsse mich wieder zurück ins Leben rufen!«
    »Es ist geschehen. - Unser Wissen, Wirken und Wollen, unsere Kräfte sind
menschlich. Über uns waltet eine höhere Macht. Wir können nicht widerstreben.
Was sie beschlossen hat, geschieht.«
    »Und Dianora bleibt hier?«
    »Das - weiss ich jetzt noch selbst nicht.«
    »Ich darf sie nicht wiedersehen?«
    »Erspare dir und ihr den Abschied. - Sie leidet viel. - Willst du die Leiden
vermehren, die sie quälen?«
    Ein Diener trat ein, brachte einen Brief und verliess das Zimmer. - Der Prinz
las und sagte:
    »Der englische Kapitän will absegeln. Er dringt auf die Ankunft des
Reisenden, den ich ihm zuschicken will; dieser bist du. Eile in den Hafen.
Verliere keine Zeit, sie ist kostbar, und jede Zögerung bringt dir Gefahr. Hier
ist Geld, dein Reisepass - Gott sei mit dir! Sein heiliger Engel geleite dich! -
Reise glücklich!«
    Er entfernte sich schnell. - Rinaldo blickte schluchzend ihm nach, ward
abgeholt und in den Hafen geführt. - Er ging zu Schiffe. Die Anker wurden
gelichtet; das Schiff stach in die See.
»O Dianora! O mein Sohn!« - jammerte Rinaldo. - »Diese rollenden Wellen tragen
mich von euch hinweg; vielleicht sehe ich euch nie wieder! - Der ärmste
Handarbeiter darf so glücklich sein, am Busen seines Weibes zu ruhen. Er
schaukelt sein Kind auf seinem Fusse, und liebevoll umschlingt sein Weib seinen
Nacken. Er vergisst seine beschränkte Lage, sein Unglück, sich selbst und die
Welt, umschlungen mit Banden ehelicher Freuden und Liebe. - Und ich
Unglücklicher muss mein Weib verlassen, muss meinem Kinde von Fremden einen andern
Namen erbetteln, damit es den seinigen nicht am Rabensteine erblickt! - O! mein
Weib! - O! mein Sohn! mein Sohn! Schenke der Himmel dir zweifach den Frieden und
die Ruhe, die dein unglücklicher Vater entbehren muss; er, der dir das Leben gab
und dem du dafür nicht danken darfst. - - Wenn der Name deines Vaters genannt
wird, wirst du mit andern Menschen zugleich deinen Abscheu nicht verbergen
können, und wirst nicht wissen, dass es dein Vater ist, den du verabscheust. -
Wohl dir! - Guter Gott! Schenke meinem Sohne deine Gnade, gib, dass er ein guter
Mensch werde, und ich habe der Welt in ihm gegeben, was ich ihr selbst nicht in
mir gab. - In die Flammen mit dem Baume, der so schlechte Früchte trug! ein
anderer nehme seinen Platz ein. - - Ich weiche meinem Sohne!«
    Das Schiff lief in den Hafen zu Melazzo ein. - Rinaldo stand auf dem Verdeck
des Schiffs, überschaute die reichen Felder, die um die Stadt herliegen, letzte
sich an dem Anblick der fruchtbaren Hügel, die sich amphiteatralisch nach den
fernen Gebirgen erheben, und versank ganz in den Genuss des süssen Schauens. - Er
wurde von dem Kapitän angeredet und bestieg mit ihm das Boot, das ihn ans Land
brachte. Hier nahm er Abschied von dem Kapitän und suchte eine Wohnung, die er
auch, sehr bequem, bald fand.
    Im Stillen überliess er sich seinen Betrachtungen und machte Pläne. Täglich
besuchte er die Kirche, hörte eine Messe und vertrieb sich dann zu Hause die
Zeit mit Lektüre und bei der Guitarre.
    Eben war er in Gedanken bei Dianoren. Er spielte und sang:
O! was spricht so laut zum Herzen,
Glücklich werden kannst du nicht?
Selbst mein Glück will ich verscherzen,
Wenn dies nicht die Wahrheit spricht!
Wiege Liebe mich in Schlummer,
Dass die Wahrheit wachend flieht!
Dass mein Auge nicht voll Kummer,
In der Wahrheit Spiegel sieht!
Täusche mich mit süssen Träumen,
Täusche mich mit sanftem Blick,
Lass mich keinen Traum versäumen,
Rufe Wahrheit mir zurück!
Wiege mich mit sanften Worten,
Fern vom Blick der Wahrheit ein,
Öffne die geschmückten Pforten,
Lass die goldnen Träume ein.
Luftig rauschet ihr Gefieder
Über meine Schläfe hin,
Bilder wanken auf und nieder,
Und erfüllen Herz und Sinn.
O! wie sanft die holden Bilder
Allgemach vorüberziehn,
Mild und sanft, und immer milder,
Wiederkommend, selbst im Fliehn!
Decke Liebe deine Schleier
Über diese Bilderwelt!
Immer wird die Aussicht freier,
Immer schöner wird das Feld!
In dem Haine will ich wallen
Wo den Mohn die Liebe streut,
Wo mit sanftem Wohlgefallen,
Liebe jedes Herz erfreut!
»Ja!« - rief er aus. - »Trennen können uns Menschen und Verhältnisse, aber
hindern können sie uns doch nicht, stets beieinander zu sein!«
    Es wurde an die Tür geklopft; sie ging auf, und ein Franziskanermönch trat
ins Zimmer, der sich selbst mit folgenden Worten einführte: »Gott sei mit Euch,
edler Herr! Ich bin der Pater Amaro, aus dem Orden des heiligen Franziskus.«
    »Was bringt Euch zu mir?« - fragte Rinaldo.
    »Mein Herz«, - war des Paters Antwort, - »welches das Eurige sucht.«
    »Ich verstehe Euch nicht.«
    »Lasst Euch mit einer Explikation dienen! - Ich mache mir ein Geschäft
daraus, bei guten und mitleidigen Seelen Almosen einzusammeln; nicht um damit
mich oder mein Kloster zu bereichern -, denn was zu unserm schmalen Unterhalt
gehört, sammeln unsere Terminierer ein -, sondern um damit Notleidende zu
unterstützen, denen Verhältnisse, Stand oder Krankheiten nicht erlauben, selbst
Almosen zu begehren. - Die Not, edler Herr, ist da am grössten, wo sie am
verschwiegensten, wo sie am heimlichsten drückt! - Bei diesem meinem wohltätigen
Geschäfte nun, welches ich durch Gottes Beistand schon einige Jahre mit
sonderlichem Segen treibe, habe ich mir nach und nach Bemerkungen abstrahiert,
welche ich, aufgezeichnet, dem hinterlassen werde, der mein Nachfolger sein
wird. - Unter diesen ist auch die Bemerkung, dass Fremde sich weit wohltätiger
finden lassen als Einheimische. Deshalb wende ich mich an Euch. Das ist es, was
mein Herz an das Eurige sendet und was es bei dem Eurigen sucht. - Irre ich mich
nicht in den Gesichtszügen, die Euch Gott geschenkt hat, so wird mein Gang zu
Euch gesegnet sein.«
    Rinaldo drückte dem humanen Almosensammler 10 Dukaten in die Hand und sagte:
    »Ihr habt recht, Herr Pater! Die heimlichste und verschwiegenste Not ist und
bleibt immer die grösste.«
    Der Pater dankte im Namen der Notleidenden sehr verbindlich, und gerührt
drückte Rinaldo ihm die Hand herzlich. Freundlich rief ihm dieser zu:
    »Nicht zu stark! nicht zu stark! Ihr zerdrückt mir sonst etwas Kostbares,
das ich hier in der Hand habe.«
    RINALDO Etwas Kostbares? - Und das ist?
    P. AMARO Es ist ein Portrait.
    RINALDO Das Bild eines Heiligen?
    P. AMARO Nein! - Es ist das Bild - eines Frauenzimmers.
    Rinaldo sah ihn lächelnd, verwunderungsvoll an und fragte:
    »Das Bild eines Frauenzimmers? Und in Euren Händen?«
    Gelassen und freundlich antwortete der Pater:
    »Warum nicht? - Ich habe auf meiner Zelle eine artige Sammlung von
Bildnissen -, Ihr könnt sie sehen! -, unter denen sich viele weibliche
befinden.«
    Rinaldo sah ihn fragend an, er aber fuhr fort: »Lasst Euch mit einer
Explikation dienen! Meine Gemäldesammlung ist eine Galerie von Armenwohltätern.
Die mir am willigsten und am meisten geben, denen falle auch endlich ich mit
einer Bitte für mich selbst beschwerlich: Ich bitte um ihre Portraits. Diese
hänge ich dann in meiner einsamen Zelle in zierlicher Ordnung auf und unterhalte
mich mit ihnen, wenn ich von menschlicher Gesellschaft entfernt bin. Ich bin
wirklich in guter Gesellschaft, ich bin unter Menschen, darf ich dann mit
Gewissheit sagen.«
    »Gewiss, Herr Pater! - Auch Ihr seid ein Mensch, und ich - bin jetzt in guter
Gesellschaft.«
    »Die guten Werke, mein Herr, geben eine hohe Menschlichkeit, und das sei
unser Stolz voll Demut!«
    »Und das Portrait in Eurer Hand?«
    »Ist das Portrait einer vortrefflichen Armenwohltäterin; es soll in meine
Gemäldesammlung kommen.«
    Er zeigte es. Rinaldo fragte betroffen:
    »Wie nennt sich diese Dame?«
    »Violanta de Noli.«
    »Ja! so heisst sie.«
    »Kennt Ihr sie?«
    »Ich kenne sie. - Lebt sie jetzt hier in Melazzo?«
    »Seit 14 Tagen. Sie wartet auf ein Schiff und wird nach Lipari gehen.«
    »Bringt mich zu ihr!«
    »Ich will Euch ihre Wohnung zeigen.«
    Rinaldo griff eilig nach Hut und Degen und folgte dem Pater.
 
                                  Elftes Buch
 Geseh'n, gefunden und verloren,
 Aus einem schönen Traum erwacht!
 Der Wechsel hat sich dir verschworen;
 Oh er dich wohl auch glücklich macht?
Erschrocken bebte Violanta zurück, als Rinaldo in ihr Zimmer trat, ängstlich
schlug sie ein Kreuz, und über ihre bebenden Lippen konnte sich kein Wort
drängen.
    »Freundin!« - begann Rinaldo. - »Sehen wir uns doch wieder?« Violanta kam
nach und nach zu sich, und endlich fragte sie stammelnd:
    »Ihr lebt?«
    »Ich lebe, um zu meinem Unglück Dianoren zu finden.« -
    »Sie?«
    »Die ich wieder verlassen musste.«
    »Ist es möglich? Ihr saht sie? Ihr seid dem Tode entronnen? - Ihr habt
Dianoren gesehen, gefunden? - Wo?«
    »Auf Lipari.«
    Er erzählte ihr, was wir wissen. Ihre Verwunderung stieg, und die
Unterhaltung wurde herzlicher. - Violanta wartete, wie sie sagte und wie Rinaldo
durch den Pater schon wusste, auf ein Schiff, das sie nach Lipari bringen sollte.
- Jetzt fragte sie:
    »Und was wollt Ihr tun?«
    »Ich wende mich« - antwortete Rinaldo, - »mit der herzlichsten Bitte meines
Lebens an Euch, an die Freundin, die ich einst aus finsterer Kerkernacht ins
Licht des Lebens zog!« -
    »Ich errate diese Bitte!« - seufzte Violanta.
    »Folgt mir Dianora, so blüht mir das Glück meines Lebens. - Ich bin fest
entschlossen, mein Leben daran zu wagen, meine vergrabenen Schätze aufzusuchen
und - dann nach Spanien zu gehen, wohl weiter, dortin, auf jene glücklichen
Inseln, wo ein ewiger Lenz den frohen Bewohnern lacht. Dort, Violanta, wollen
wir in stiller, verträglicher Einsamkeit leben, dort wollen wir froh und
glücklich sein!«
    »Das war auch unser Wunsch auf Pantaleria! - Das Glück erfüllte ihn nicht.«
    »Vielleicht lächelt es uns günstiger in entfernteren Zonen!«
    Noch sprachen sie weiter, und Violanta versprach ihm endlich, alles
anzuwenden, Dianoren zu bereden -, wenn es einer Überredung bedürfe -, dem Rufe
der Liebe zu folgen. Melazzo sollte der Ort der Versammlung bleiben, und um
einen Mittelsmann zu haben, der dies und jenes besorgte, durch dessen Hände die
Briefe gingen, ohne dass er selbst wüsste, wozu er seine Hand biete, ward der
Pater Amaro erlesen, auf glückliche Rechnung für seine Notleidenden und seine
Portraitsammlung, der hilfreiche vierte zwischen dreien zu sein. - Beide wollten
die Sache gehörig überlegen, und diesen Abend sollten bei einem frugalen Mahle,
wozu Violanta ihren Gast bat, alle Punkte festgesetzt und die nötigsten
Bedingungen, Erklärungen etc. bestimmt werden.
Rinaldo ging eben aus Violantas Wohnung, als, dieser gegenüber, aus einem
Weinhause einige betrunkene Matrosen auf ihn zu taumelten. Er trat auf die
Seite, sie vorüberzulassen, als der eine stehenblieb und mit grossen Augen ihn
angaffte.
    »Straf mich Gott!«, - schrie er endlich; - »wenn ich lüge! Kameraden, seht
diesen Mann hier an und ihr seht, hole mich der Teufel!, den verrufenen
Rinaldini vor euch, wie er leibt und lebt!«
    Rasch trat Rinaldo auf ihn zu, ergriff seine Hand, drückte sie bedeutend und
fragte:
    »Hast du den Mann, den du eben nanntest, gekannt?«
    »Ja, beim Teufel! ich habe ihn gekannt«, - sagte jener trotzig, vielleicht
ohne die Bedeutung des Händedrucks zu erraten oder auch, um sich nicht irre
machen lassen zu wollen.
    »Was?« schrie einer seiner Gesellen; - »du hättest den berühmten Rinaldini
gekannt? Berühme dich nicht solcher Dinge! Der Wein lügt aus dir.«
    »Kamerad!« - stammelte jener,- »der Wein lügt nicht. Der Wein spricht die
Wahrheit.«
    Lächelnd sagte Rinaldo:
    »Geh nach Hause und schlafe deinen Rausch aus!«
    »Was?« - schrie der Schreier; - »Ich hätte einen Rausch? - Ich? - Mord und
Wetter! brüllen will ich wie eine Gerichtsposaune, schreien will ich, dass es die
ganze Stadt hören soll. So wie Ihr ausseht, so sah er aus, der vermaledeite
Räubersultan Rinaldini!«
    Bald gab es ein Zusammentreten der Vorübergehenden, es mischten sich endlich
Sbirren unter die Umstehenden und fragten, was es gebe?
    »Einen Trunkenbold gibt es hier!« - sagte der Pater Amaro, der eben
herbeitrat, Rinaldo bei der Hand nahm, ihn ins Kloster führte und die Pforte
schliessen liess.
    Die Sbirren begnügten sich nicht mit des Paters unerbetener Antwort, sie
examinierten den Schreier stärker und führten ihn endlich, als er bei seiner
Aussage blieb, vor den Polizeirichter.
Der Pater Amaro führte den Geretteten durch den Klosterhof in den Klostergarten,
schweigend bis an die hintere Pforte desselben. Hier nahm er ihn bei der Hand
und sagte:
    »Eine Liebe ist der andern wert, ein Dienst des andern. - Ihr kennt mich
nicht mehr. Gram und Kummer haben mich entstellt, aber ich kenne Euch noch. -
Jetzt führe ich Euch aus diesem Garten in jenes Weinberghaus. Dort seht Ihr mich
in kurzer Zeit wieder, und dort - sollt Ihr mich auch wieder kennenlernen.«
    Rinaldo wollte Erklärungen, der Pater liess sich auf nichts ein.
    »Wir sehen uns bald wieder!« war seine Antwort, und so brachte er ihn in das
Weinberghaus, dessen Tür er hinter ihm verschloss, als er ihn verliess.
    Rinaldo schwebte in bangen Erwartungen. Er fürchtete Verrat und
Entdeckungen. Seinen Dolch steckte er sich zur Hand, und ein Plättchen Gift,
welches er unter seinem Fingerringe führte, hob er hervor, es im äussersten
Notfalle zu gebrauchen. - Ängstlich klopfte sein Herz; er erwartete und
fürchtete des geheimnisvollen Paters Zurückkunft. - Bekannter wurden ihm, nach
langem Nachdenken, seine Gesichtszüge, dennoch aber konnte er sich seines Namens
und seiner Bekanntschaft nicht so, wie er es wünschte, erinnern. - Er zog die
Uhr beinahe von Minute zu Minute. Die schnell enteilenden Sekunden wurden ihm zu
Stunden.
Endlich vernahm er Fusstritte. Die Tür ging auf und Pater Amaro, ein Päckchen
unterm Arme, trat ein. - Freudig fiel Rinaldo ihm um den Hals und fragte
ängstlich:
    »Seid Ihr endlich da?«
    Der Pater fasste seine Hand und sagte: »Wie so sonderbar! Ich musste Euch
retten, Euch - der Ihr einst, wie Ihr meintet, mein Glück mir in die Hand gabt;
mein Glück, das mein Unglück wurde! - wenn es ein Unglück ist, in diesem Kleide,
wenn auch nicht glücklich, dennoch ruhig zu sein!«
    Rinaldo staunte den Sprechenden an. - Dieser fuhr nach einer kleinen Pause
also fort:
    »Einst sahen wir uns, als die Notwendigkeit Euch zu der Entdeckung zwang, zu
sagen, welchem Manne man Eure Hilfe verdankte, auf dem Schloss des Barons
Denongo« -
    »Ha! Jetzt erkenne ich Euch wieder!« - schrie Rinaldo. - »Ihr seid der
Sekretär des Barons Denongo, der damals glückliche Liebhaber der schönen Laura!«
    »Der bin ich.«
    Hundert Fragen schwebten auf Rinaldos Lippen, allen kam Amaro zuvor.
    »Ich war«, - sagte er,- »der Glückliche, den damals Laura liebte. - Eurer
Grossmut verdankte ich es, dass der Baron mir die Hand seiner Tochter versprach;
aber, schlau genug, setzte er dem Ziele unsrer Wünsche einen Zeitraum von drei
Jahren entgegen. Er kannte Weiberherzen! - Laura liebte mich. Die Zeit, die böse
Räuberin der Zärtlichkeit! raubte mir ihre Liebe, oder - wenigstens ihre Hand.
Sie gab die Hand, die mir gehörte, Grafen Lentini, floh mich, meine Klagen, und
der Vater bot mir Geld.« »Ihr seid beide wortbrüchig!« sagte ich, »nahm kein
Geld und ging nach Melazzo zu meinem Bruder, der Prior des Klosters ist, in
welchem ich mich als Mönch befinde. - Dies ist meine Geschichte, und dass ich
Euch kenne, wisst Ihr. - Ich erkannte Euch sogleich, als ich Euch zum erstenmal
sah, und wunderte mich der Kühnheit Eures unverstellten Gesichts. - Allgemein
werdet Ihr totgeglaubt, und ich - rette Euch jetzt, denn schon ist Lärm in der
Stadt und Session bei dem Polizeigericht. Vermutlich werde ich selbst
vorgefordert werden. Diese Kutte lässt mich aber nichts fürchten, und ich bin
ruhig. Ich erfülle jetzt die Pflichten der Dankbarkeit.«
    »Edler Mann!« - stammelte Rinaldo.
    Der Pater legte das mitgebrachte Päckchen auseinander und sagte:
    »Hier sind Kleidungsstücke. Ich schaffe Euch, so gut es gehen will, zum
Franziskaner um. - Die Kapuze über den Kopf, diese falsche Nase ins Gesicht,
Farbe auf die Backen, dieser falsche Bart ums Kinn, und Ihr könnt getrost
weiterwandern.«
    Rinaldo fiel ihm um den Hals und stammelte Worte des Dankes. Der Pater half
ihn ankleiden, nahm Aufträge an Violanten an, die er pünktlich zu bestellen
versprach, gab ihm den Segen, zeigte ihm den Weg nach Achi zu, in die Gebirge,
und der metamorphosierte Freund wanderte seufzend von dannen.
Kaum hatte er die Anhöhe erstiegen, als von dem Kastell zu Melazzo ein
Kanonenschuss fiel; das Signal, die Tore zu sperren.
    »Guter Amaro!« - seufzte Rinaldo und eilte weiter.
    In der Wohnung eines einsamen Bauerngutes wurde er (als Franziskaner,
versteht sich) um Gottes willen gespeist und getränkt; ja, er erhielt auch noch
Proviant mit auf den Weg. Damit wanderte er getrost weiter, und als er gegen
Abend eine vom Wege etwas entlegene Kapelle der sieben Schmerzen nahe bei einer
Quelle fand, entschloss er sich, hinter derselben zu übernachten.
    Als er erwachte und seine Morgenandacht verrichtet hatte, ging er weiter.
Schon hatte er Achi im Rücken und näherte sich dem Gebirgspasse, als er ganz
unvermutet Gesellschaft bekam. - Von der Seite her kamen ein ehrwürdiger
Kapuziner und ein artiges Harfenmädchen zu ihm.
    »Wir beide«, - sagte der Kapuziner nach den gewöhnlichen Begrüssungen -
»wandern selbander: Ich ihr zum Schutz, Sie mir zur Aufheiterung; so wie uns das
Ungefähr zusammenführte. - Nun aber, tres faciunt collegium! - Musik ist die
Freude der Menschen und Heiligen. Ja, eine Harfe ist das Instrument, auf welchem
selbst König David sich die Grillen vertrieb.«
    Rinaldo fragte, wohin die Wanderschaft gehe? Das Mädchen wollte, wie sie
sagte, über Galati nach Scaletta gehn, der Pater aber gab Pezzolo als das Ziel
seiner Reise an.
    Da es eben Mittag war, wurde Platz bei einem Brunnen vor einem Pappelhaine
genommen. Der Kapuziner öffnete seinen Brotsack und teilte mit, was er hatte.
Der Brunnen lieferte den Tischtrunk.
    »Nun, Annetta!« - sagte der Pater, - »spiele uns etwas.«
    Annetta ergriff die Harfe, spielte und sang dazu:
Um des Menschen Wiege wanken
Freud und Leid mit gleichem Schritt,
Sind die Amme seiner Tage,
Wandeln durch sein Leben mit.
Hüpft ihm Freude zu der Rechten,
Schwebt zur Linken ihm das Leid,
Bis sich beide selbst verlieren
In dem Ozean der Zeit.
Der Pater faltete die Hände und seufzte. Rinaldo wollte sprechen, als Annetta
präludierte. Sie spielte und sang:
Letze dich am Duft der Rosen,
Eh' sie welken und verblühn,
Lass der Liebe holde Blumen
Ungenossen nicht verglühn!
Freude senkt im Rosenschimmer
Sich auf die beblumte Flur
Folge ihrem Freudenrufe,
Folge ihrer sanften Spur!
Rosa stand vor Rinaldos Sinnen. Er sah sie mit der Guitarre singend in Wüsten
und Einöden an seiner Seite sitzen, er hörte ihre Stimme, dachte sich in
vergangene Zeiten und verlor sich in Betrachtungen. - Der Pater hatte sein Haupt
gesenkt und entschlummerte. Annetta klimperte auf der Harfe. - Rinaldo kam
endlich zu sich. Es entspann sich zwischen den Wachenden ein Gespräch.
    RINALDO Du kommst wohl aus Melazzo?
    ANNETTA Ich komme aus Rametta.
    RINALDO Wanderst du stets allein umher?
    ANNETTA Mein ältester Bruder begleitete mich. Er spielt eine schöne Geige.
In Messina hat er sich bei einer Kapelle engagieren lassen. Nun gehe ich in
meinen Geburtsort, nach Scaletta zurück und will meinen Jüngern Bruder, der die
Flöte spielt, bereden, mit mir zu gehen.
    RINALDO Trägt dir dein Spielen etwas ein?
    ANNETTA Ach ja! - Ich ernähre Vater und Mutter, die arm, alt und gebrechlich
sind.
    RINALDO Das ist brav!
    ANNETTA Die Eltern haben mich ja auch ernährt, da ich noch nichts verdienen
konnte.
    Jetzt erwachte der Pater. Sogleich wurde aufgebrochen und weitergewandert.
    Die Sonne sank, die Schatten wurden länger, rundherum wurde alles still; nur
die geschäftigen Abendfliegen summten noch übers Feld; da erreichten sie ein
einsames Wirtshaus. Hier nahmen sie Nachtquartier.
    Der Tag brach an. Die Waller erwachten. Der Pater stimmte einen Morgengesang
an, Rinaldo fiel ein und Annetta akkompagnierte mit der Harfe. - Die Wirtin war
sehr erbaut von diesem Gesange und bat sich noch einen zweiten aus, womit, wie
sie sagte, die Zeche bezahlt sein sollte. Ihr Wunsch wurde ihr sogleich gewährt,
und sie trug sogar, dankbar, noch einen Krug Wein auf.
    »Gott segne dich, du frommes Weib, die du die Wanderer labest und erquickst,
und schenke dir für diesen irdischen, den du uns so freundlich gibst, dereinst
den Wein der himmlischen Freude!« - sagte der Pater.
    »Das gebe Gott; so spät wie möglich!« - seufzte die Wirtin mit gebrochenen,
gen Himmel erhobenen Augen.
    Rinaldo sah in diese gebrochenen Augen, nicht ohne weltliche Rührung, und
drückte ihr die Hand.
    »Ach!« - sagte die Wirtin, - »wenn es Euch doch gefallen wollte, auch diesen
Mittag, noch bei mir zu verweilen. Mein Mann ist nach Messina gegangen, ich
erwarte seine Zurückkunft erst in einigen Tagen und ich bin gar nicht gern
allein. Wenn nun solche frommen Männer bei mir bleiben wollten, so würde ich in
sehr erwünschter Gesellschaft sein.«
    »Meine Stunden, liebe Frau, sind gezählt«, - antwortete der Pater. - »Man
erwartet meine Ankunft sehnlich zu Pezzolo.«
    »Was mich betrifft«, - sagte Annetta, - »so blieb ich gern hier, wenn es in
Gesellschaft geschehen könnte, einen Tag auszuruhen, denn ich bin sehr müde.«
    »Und Ihr, Herr Pater?« - fragte die Wirtin, indem sie sich gegen den
Pseudopater Rinaldo wandte.
    »Ich bleibe hier«, antwortete dieser.
    »Das ist mir sehr lieb!« - sagte die Wirtin und eilte in die Küche.
    »Mir auch!« - setzte Annetta hinzu.
    »Wenn dem so ist«, - sagte der Pater bedächtig, »und da ich einmal an
Reisegesellschaft gewöhnt bin, so bleibe ich auch mit hier. Morgen, so Gott
will, wandern wir weiter.«
    Annetta ergriff sogleich die Harfe, spielte und sang:
Der Himmel streut Blumen
Auf dornigen Pfad;
Der Himmel streut Dornen
Auf blumigen Pfad.
Es welken die Blumen;
Die Dornen zerstreut
Ein freundliches Lüftchen
Der heilenden Zeit.
»Was mich betrifft«, - sagte Annetta; - »so halte ich es mit der freundlichen
Gegenwart.«
    »Die Gegenwart«, - erwiderte Rinaldo, - »verschlingt das Vergangene. Der
Sturm geht vorüber, und helle Sonnenblicke erheitern das erschütterte Herz. -
Der Mensch ist der Welt geboren; er lebt mit der Zeit. Die Freude mache ihn nie
übermütig; Leiden dürfen ihn nicht zaghaft machen. Der Nacht folgt Tag.
Morgenröte und Abendröte glänzen an einem Horizont.«
    Annetta sah ihn aufmerksam an und sagte: »Euch möchte ich predigen hören,
Herr Pater!«
    »Ich auch«, - sagte die Wirtin, die eben herzutrat.
    Annetta und die Wirtin fuhren fort:
    »Wollt Ihr uns nicht etwas vorpredigen?«
    Der Kapuziner schüttelte den Kopf, aber Rinaldo bat sich einige Stunden
Bedenkzeit aus.
Indessen kamen einige Maultiertreiber und hielten mit ihren beladenen Tieren in
dem Wirtshause an.
    Der Pater kam sogleich mit ihnen ins Gespräch und erzählte einige
Wundergeschichten, die von den Maultiertreibern und Annetten mit offenen Ohren
empfangen wurden. - Rinaldo sah sich in dem Hause um und wurde von der Wirtin
eingeladen, ihren Weinvorrat im Keller zu besehen. Sie öffnete freigebig die
Schätze dieses Vorrats, und der fromme Gast liess es sich wohl schmecken.
    »Ich bin«, - sagte die Wirtin, - »der Geistlichkeit von Jugend auf ganz
besonders gewogen gewesen, und ich wär' sogar selbst gern eine Nonne geworden,
bloss des geistlichen Umganges wegen, aber - es hat nicht sein sollen.«
    Rinaldo tröstete sie deshalb. Die Wirtin liess sich recht gern trösten. Ihre
Lebhaftigkeit nahm zu. Je weniger sie sprach, je lebhafter wurde sie.
    Indessen wurde es über der Erde auch lebhafter. - Die Maultiertreiber
wollten weiterziehen und schrien nach der Wirtin, ihre Zeche zu bezahlen. Sie
musste den Keller verlassen. Rinaldo folgte ihr und die Gäste zogen von dannen.
    Kaum waren sie fort, als drei Bewaffnete eintraten und Wein forderten.
Rinaldo musterte die Angekommenen und erinnerte sich an die Zeiten, wo er mit
Kerlen dieses Schlags täglichen Umgang pflegte. - Er zog die Wirtin auf die
Seite und fragte, ob sie diese Gäste kenne?
    »Herr Pater! Was denkt ihr von mir und meinem Wirtshause?« antwortete diese.
- »Ich kenne die Leute so wenig, als mich der Papst kennt. - Seit einigen Tagen
murmelt man von einer Räuberbande, die im Gebirge hausen soll, vielleicht
gehören gar diese saubern Gäste dazu.«
    Die Bewaffneten wandten sich an den Kapuziner. Der eine fragte: »Was gibt's
Neues?«
    »Neuigkeiten«, - antwortete der Pater, - »interessieren bloss Weltleute. Ich
weiss keine.«
    »Man spricht von Räubern in der Gegend.«
    »Meine Armut fürchtet sie nicht.«
    Indessen war die Wirtin in die Stube getreten; ihr folgte Rinaldo.
    »Ei, Frau Wirtin!« - fing der Sprecher der Bewaffneten an; - »Ihr seid ja
recht geistlich von beiden Seiten beschlagen! Mitten drinnen sitzt Ihr in der
geistlichen Umgebung, wie eine Rose zwischen Dornen.«
    »Ei! Wie spasshaft!« - lächelte die Wirtin und warf einen scherzhaft
sprechenden Blick auf den Pseudopater Rinaldo. - Der Sprecher fragte weiter:
    »Hat dieses Wirtshaus geräumige Stallung?«
    »O ja!« - erwiderte die Wirtin; - »Wenn die Dragoner hier exerzieren,
stallen wir oft 30 bis 40 Pferde.«
    »Viel Gelass für Menschen?«
    »Ziemlich. - Habe ich etwa Besuch zu erwarten?«
    »Vielleicht diese Nacht noch.«
    »Mein Gott! - Aber doch wohl« -
    Indem sprengten drei Dragoner in den Hof. - Schnell sassen sie ab, und zwei
davon traten in die Stube.
    »Die Frau Wirtin«, - hiess es, - »gibt uns ein Glas Wein, und diese
Gesellschaft zeigt ihre Pässe vor!«
    Annetta griff sogleich nach ihrem Passe, und eben das tat auch der
Kapuziner, der sein Missiv hervorzog. Die Dragoner fassten die Bewaffneten in die
Augen. Der Sprecher schien ohne Verlegenheit zu sein. -
    »Wir sind reisende Jäger«, - sagte er; - »wollen nach Melazzo und wollen uns
dort unter das Feldjäger-Korps anwerben lassen. Vorher waren wir als
Grenzschützen in Diensten des Prinzen von Policastro. Hier sind unsre ehrlichen
Abschiede, die man allentalben als Pässe anerkannt hat.«
    Die Dragoner sahen die Papiere durch und gaben sie wieder zurück. Der eine
redete:
    »Es ist in Melazzo ein verteufelter Streich passiert.«
    DER GRENZSCHÜTZ Wieso?
    DRAGONER Da ist auf einmal der Teufelskerl Rinaldini wieder sichtbar
geworden.
    GRENZSCHÜTZ Was? - Rinaldini? -
    WIRTIN Der soll ja aber schon längst tot sein.
    KAPUZINER Die Regierung hat ja die Nachricht von seinem Tode öffentlich
ausrufen, gedruckt anschlagen und bekannt machen lassen.
    GRENZSCHÜTZ Das habe ich selbst in Messina gelesen.
    RINALDO Ich nicht weniger.
    WIRTIN Alle Reisenden haben es bei uns erzählt.
    DRAGONER Das kann alles nichts helfen! - Er lebt und ist in Melazzo beinahe
erwischt worden. Er hat sich ins Franziskanerkloster salviert und ist entkommen.
    KAPUZINER Gott sei bei uns!
    DRAGONER Zu Melazzo ist eine Untersuchung. Es sind einige Personen arretiert
worden, sogar ein Franziskaner, sagt man.
    RINALDO Das muss geschehen sein, als ich Melazzo verlassen hatte. Mir sind
das lauter Neuigkeiten. - Vielleicht beruht aber die Sache auf einem Irrtum. Ich
wenigstens glaube steif und fest, dass Rinaldini nicht mehr unter den Lebendigen
ist, denn - lasst euch erzählen! - der fromme P. Domenico, ein Mann, der schon
hienieden selig ist, hat die Seele Rinaldinis im Fegefeuer erblickt, wohin sein
geistliches Auge gar oft sieht. Dort hat der Bösewicht gewinselt, geklagt und um
Seelenmessen gebeten. Ich habe deren selbst drei, auf Befehl der Obern, für den
Missetäter lesen müssen, secundum faciem sanctorum, aus christlicher Liebe und
Erbarmung.
    WIRTIN Hat das aber der Bösewicht auch verdient?
    RINALDO Sind wir nicht alle sündige Menschen? - Gott mag richten!
    DRAGONER Herr Pater! Ihr habt gewiss das Geschäft, die armen Sünder in hohe
Gegenden zu begleiten? - Das hört man gleich an Euern Reden. Ich habe
dergleichen Worte schon bei Exekutionen gehört.
    Indem sprengten abermals sechs Dragoner in den Hof.
    »Wisst ihr auch«, - schrie der Wachtmeister, als er in die Stube trat, - »dass
das Dörfchen Norretto in Flammen steht?«
    WIRTIN Norretto? - Ach Gott! - In Flammen?
    WACHTMEISTER Von Räubern angesteckt.
    WIRTIN Von Räubern?
    WACHTMEISTER Es hat seine Richtigkeit. - Rinaldini, der Teufelsbraten, lebt,
ist entwischt, steht an der Spitze einer Bande, haust in den Gebirgen von Achi,
sengt und brennt.
    WIRTIN O! Der schlechte Kerl!
    KAPUZINER Den Gott züchtigen und verdammen möge! - Der schlechterdings dem
Galgen nicht entrinnen will und darf.
    WIRTIN O! Der schlechte Mensch!
    WACHTMEISTER Sind hier die Pässe aufgezeigt?
    DRAGONER Es ist alles in seiner Ordnung, wie es sich gehört.
    WACHTMEISTER Sitzt auf, Burschen! Es wird gestreift!
    Die Dragoner verliessen die Stube und das Wirtshaus.
Rinaldo stand vor der äussern Tür des Wirtshauses, als der sogenannte Grenzschütz
auf ihn zukam, ihm die Hand und ein Goldstück hineindrückte. Rinaldo sah ihn
verwunderungsvoll an:
    »Was soll das?«
    »Zu Seelenmessen, für Rinaldini.«
    »Dein Name?«
    »Morletto.«
    »Dein Gewerbe?«
    Morletto schwieg. Rinaldo wiederholte die Frage; Morletto nahm in bei der
Hand.
    »Du gehörst zu der Gesellschaft im Gebirge!«
    »Herr Pater!« -
    »Du gehörst zu der Gesellschaft im Gebirge! - Kommandiert euch Cintio oder
Luigino?«
    »Herr Pater! - Ich weiss nicht, wie Ihr«
    »Ohne Furcht, ohne Zurückhaltung!« -
    »Nun dann, in Henkers Namen! - Ja! Ich stehe unter Cintios Kommando.«
    »Gut! - Nimm dein Goldstück zurück. Die Seelenmessen lese ich gratis. Deinem
Hauptmann Cintio gib diesen kleinen Siegelring. Er kennt ihn, er weiss, wer ihm
den Ring schickt. - Gott befohlen, wackrer Grenzschütz!«
Rinaldo entfernte sich schnell. Er sass jetzt im Garten. - Die Grenzschützen
hatten das Wirtshaus verlassen. Rinaldo vertiefte sich in mancherlei
Spekulationen und Gedanken. - Der Kapuziner umwandelte das Haus, Annetta
klimperte auf der Harfe, und die Wirtin hatte Küchengeschäfte. - Unruhig
wanderte Rinaldo endlich über die Gartengrenze. Ihn empfing eine schöne Wiese.
Mitten auf derselben, unter hohen Pappeln, stand eine kleine Kapelle. Er nahte
sich derselben. Eine Dame lag betend vor dem Altar. Er trat einige Schritte
zurück, und als sie sich zum Aufstehen bewegte, wandelte er vorüber. - Sie
verliess die Kapelle. Er drehte sich und kam ihr entgegen. Sie neigte sich ganz
unbefangen gegen ihn, und erschrocken erkannte Rinaldo in ihr - eine längst
Bekannte.
    Sie wollte vorübergehen; Rinaldo redete sie an und lobte sie ob ihrer
Andacht.
    »Ach! Herr Pater!« sagte sie. - »Ich bin eine schlimme Sünderin! und eine
Unglückliche zugleich!«
    »Viel auf einmal, schöne Frau! - Ein Fremder darf nicht so kühn sein, sich
in Euer Vertrauen eindringen zu wollen, aber fragen möchte ich doch, wen ich vor
mir zu sehen das Glück habe?«
    »Ich bin die Gräfin Lentini.«
    Nun wissen die Leser aus der Erzählung des guten Portraitsammlers, des P.
Amaro in Melazzo, dass diese Gräfin Lentini eben jene Laura Denongo war, die
Rinaldini schon längst kannte.
    Sie sprach weiter und nötigte den gleichfalls gesprächigen Pater höflich,
auf ihrem nahegelegenen Schloss einzukehren.
    »Mein Gemahl«, - setzte sie hinzu, - »ist schon seit drei Tagen abwesend. Er
kommandiert als Oberster die Truppen des Königs, die gegen eine starke
Räuberbande ausgerückt sind, die unsägliches Unglück über die ganze Gegend umher
verbreiten.«
    Davon erzählte sie einige Tatsachen. Schweigend begleitete Rinaldo die
Erzählerin. Sie kamen in das Schloss. Rinaldo folgte der Einladung.
In dem Schloss befand sich Leonore, die Schwester des Grafen Lentini, ein
Mädchen in der schönsten Blüte ihrer Jahre, schlank und schön gewachsen,
gefühlvoll, mit sanftem Reiz geschmückt und mit einem Paar sehr feurig
sprechender Augen, die sich in den lieblichsten Kreisen sanfter Anmut drehten.
Dieser Schönheit stand der verkappte Pater eben nicht gar anmutig entgegen und
wurde mutwillig lächelnd von ihr willkommen geheissen.
    »Verwünschte Larve!« - seufzte Rinaldo bei sich selbst und sprach nicht ohne
Verlegenheit mit dem Fräulein, die das Gespräch sehr bald endigte.
    Laura sass nachdenkend am Fenster und blickte in die freie Gegend. Rinaldo
sprach von ihrem Gemahl; ihre Antworten begleiteten Seufzer.
    Ein Bote brachte einen Brief von dem Grafen, der seiner Gemahlin schrieb, er
habe das Lager der Räuber umschlossen, und man erwarte stündlich ein Gefecht,
weil, dem Anschein nach, die Umringten entschlossen wären, sich hartnäckig zu
verteidigen.
    Das Gespräch fiel nun ganz natürlich auf die Räuber.
    »Es scheint«, - sagte Rinaldo, - »der Mann, der die Räuber anführt, ist noch
einer aus Rinaldinis Schule.«
    LAURA Ob er aber auch so grossmütig ist, als Rinaldini es war?
    RINALDO Habt Ihr ihn gekannt?
    LAURA Ich kann es nicht leugnen, werde es auch nie leugnen. Was ich seiner
Grossmut verdankte, sollt Ihr hören.
    Sie erzählte ihm die Geschichte der Überrumpelung ihres Schlosses, die wir
kennen, und schilderte seine grossmütige Aufopferung. Ach! sie wusste nicht, wem
sie dieselbe erzählte. Ihre Erzählung beschloss sie mit Tränen. - Jetzt war
Rinaldo auf dem Punkte, sich zu entdecken, doch dachte er einen Augenblick nach
und hielt seine Entdeckung zurück. Ziemlich keck aber fragte er ohne Einleitung:
»Seid Ihr nicht glücklich vermählt?«
    Laura schlug die Augen nieder und seufzte: »Ich habe einen guten Menschen
hintergangen, dem mein Herz, dem meine Hand gehörte; ich habe ihn ins Unglück,
zur Verzweiflung, ach! vielleicht habe ich ihn in den Tod getrieben!«
    Ein Tränenstrom endigte ihre Rede. - Rinaldo ergriff ihre Hand und sagte:
»Er lebt!«
    »Er lebt?« - schrie sie laut auf.
    »Er lebt und liebt Euch noch.«
    »Er liebt mich noch? - Kennt Ihr ihn!«
    »Ich kenne ihn und weiss um Eure Geschichte. Ich erfuhr sie von ihm selbst.«
    »Wo lebt er?«
    »Zu Melazzo.«
    »Wie geht es ihm?«
    »Er kann Euch nie vergessen.«
    »Womit - Ach Gott! erratet diese Frage!«
    »Ich errate sie. - Er hat keinen Mangel.«
    »Gelobt sei Gott!«
    »Er trägt das Ordensband des heiligen Franziskus; jetzt Pater Amaro
genannt.«
    »Amaro! - Ach, Amaro!« -
    Rinaldo wollte sprechen, als Leonore ins Zimmer trat.
    »Ich habe mir«, - sagte sie, - »von meinem Bruder ausgebeten, gefesselt mir
den wilden Räuberhauptmann Cintio zu zeigen; das hat er mir versprochen. - Was,
in aller Welt, hätte ich nicht darum gegeben, hätte ich so den kühnen Rinaldini
zu meinen Füssen sehen können!«
    »Wie grausam Ihr seid!« - rief Rinaldo nicht ohne Bewegung aus.
    »Das bin ich gewiss nicht!« - lächelte das Fräulein; - »Aber das Eigene und
Einzige dieser Begebenheit macht, dass ich ihre Erfüllung wünschte. Doch da es
nun einmal Rinaldini nicht sein kann, so soll es wenigstens sein Nachfolger
Cintio sein.«
    Rinaldo lächelte und wollte eben antworten, als Laura bemerkte, ein Mädchen
mit einer Harfe komme ausser Atem über den Schlosshof gesprungen. - Es war, wie
Rinaldo sogleich vermutete, Annetta. - Sie bat um Schutz.
    »Was hast du vor? - Was gibt es?« - fragte Leonore.
    »Ach!« antwortete Annetta keuchend. - »Das nächstgelegene Wirtshaus haben
Räuber überfallen. Sie suchen Euch, Herr Pater!«
    »Mich?« - fragte Rinaldo bestürzt. - »Mich suchen die Räuber? - Mich? - Was
wollen sie von mir?«
    »Wo ist der Franziskaner, schrien sie, dem dieser Ring gehört? dabei zeigten
sie einen Ring vor und beschrieben Euch sehr deutlich.«
    LAURA Was ist das mit dem Ringe?
    RINALDO Zwar vermisse ich seit einigen Tagen einen mir sehr werten Ring,
aber - wie sollten Räuber -
    ANNETTA Man suchte Euch im ganzen Hause, und ich entfloh.
    LEONORE Nun werden sie Euch auch hier bei uns suchen.
    LAURA Kann der Verlust des Ringes Euch Nutzen oder Schaden bringen?
    LEONORE Ihr müsst fliehen!
    RINALDO Ich fliehen? - Was hat ein Franziskaner zu furchten?
    LEONORE Von Räubern? - Alles, so gut wie jeder Mensch.
    RINALDO Und wenn ich nun gehe, Euch hier, ohne männlichen Beistand, allein
lasse? - Das kann ich nicht! - Dieses Gewand ist heilig. - Ich setze meinen Kopf
daran, die Räuber sollen hier, wo ich bin, keine Gewalttätigkeit ausüben.
    LAURA Herr Pater! was Ihr sagt - der Ton, die Stimme, womit Ihr das sagt -
macht mich noch weit verlegener, als ich es schon bin.
    RINALDO Ohne Verlegenheit! - Wir sind ausser Gefahr.
    LEONORE Durch Euer Gewand, Herr Pater! bei Gott nicht! - Wenn Ihr nicht etwa
Bekannte, gute Freunde unter den Räubern habt. -
    RINALDO Ich? -
    LEONORE Vergebt! - Ohne diesen Umstand kann ich nicht glauben, dass wir ausser
Gefahr sind; Ihr selbst könnt es nicht sein. - Also flieht! - Wir tun am besten,
wir packen ein und erwarten den Besuch hier nicht. - Da noch dazu mein Bruder
gegen die Räuber kommandiert, so wird sicher ihre Rache schrecklich sein!
    RINALDO Seid ruhig! seid unbesorgt!
    LAURA Herr Pater, täuschet uns nicht mit falschen Hoffnungen! - Ich habe
einst das Unglück erlebt, dass meines Vaters Schloss von Räubern überfallen wurde,
und weiss es noch gar zu wohl, wie uns damals allen zumute war.
    RINALDO Ich auch!
    LAURA Ihr? - Herr Pater! Ihr! - Was sagt Ihr? - Wenn ich - Um aller Heiligen
willen, lasst mich keine Wahrheit ahnen.
    LEONORE Schwester, was willst du sagen? Welche Wahrheit -
    LAURA O! was kann, was will ich sagen! - Auf unsre Rettung lasst uns denken!
    RINALDO Ihr bleibt hier und fürchtet nichts. - Ich will doch sehen -
    LEONORE Was wollt Ihr sehen? Glaubt Ihr? -
    RINALDO Ich kann Euch, mich -, ich will und kann uns alle schützen!
    LEONORE Durch ein Wunder? - Denn wodurch sonst?
    RINALDO Durch mich selbst.
    LAURA Allmächtiger Gott! soll ich -
    RINALDO Ihr sollt erwarten, was geschieht, und sollt ohne Furcht sein.
    LAURA Mann! - Ich schwöre -
    RINALDO Keine Schwüre! - Ruhig! ruhig! -
    LEONORE Ich kann mir nicht erklären -
    RINALDO Wozu Erklärung? - Jetzt, wie immer, macht Euch nur der Glaube selig.
Ich aber - weiss, was ich sage, stehe für alles, was ich verspreche, mit Leib und
Leben! - Seid Ihr mit dieser Erklärung zufrieden? - Seid Ihr beruhigt? - Oder
soll ich Euch Zeichen und Wunder sehen lassen, ehe es noch nötig -, ja! sogar
ehe es nur heilsam ist? - Lasst die Suchenden gegen dieses Schloss anziehen, lasst
sie den Franziskaner suchen -, sie sollen ihn finden! - Fliehen wird er nicht. -
Hier stehe ich. Euch deckt meine Hand, und die Gräfin Lentini soll mich - -
Nein! weiter nicht! Kein Wort, keine Silbe, keine Versprechungen weiter! - Aber
Eurer Flucht widersetze ich mich durchaus. Ihr sollt hierbleiben - um zu sehen -
    LEONORE Seid Ihr vielleicht der heilige Franziskus selbst? - - Schwester! -
Eilig! - Lass uns einpacken!
    RINALDO Tut, was Ihr wollt.
    Ein Bedienter stürzte ins Zimmer und meldete, der Turmwächter sehe Flammen
und einen Zug, der sich dem Schloss nähere.
    ANNETTA Heilige Jungfrau!
    BEDIENTER Es brennt allentalben. Von Sesinetta her ertönt die Sturmglocke.
    RINALDO Lasst sie ertönen! - Fort! - Zieht die Zugbrücke auf! - Wir erwarten
die Kommenden, wer sie auch sein mögen.
    Der Bediente eilte davon. Laura verbarg ihr Gesicht ins Schnupftuch; Leonore
sah den Pater verlegen an; er ging hastig im Zimmer auf und nieder; Annetta
stand zitternd in einem Winkel. - Rinaldo sprach: »Ihr habt das Wort eines
Mannes und glaubt ihm nicht; Ihr wollt fliehen und habt keine Kraft zum Fliehen:
Ihr wollt meinen Worten nicht trauen, weil diese Mönchskutte Euch das Vertrauen
raubt; - aber ich will diese Kutte von mir werfen und Euch beweisen« -
    Indem sprengte ein Reitknecht in den Hof. Laura schrie:
    »Giorgio! - Der Reitknecht meines Gemahls!«
    »Kommt er?« - fragte Leonore hastig und riss die Zimmertür auf.
    »Giorgio!« - rief Laura.
    »Giorgio! Wo ist dein Herr, mein Bruder?« - fragte Leonore.
    Er stürzte atemlos die Treppe herauf, durch den Saal, ins Zimmer.
    »Ach! Gnädige Gräfin!« - stammelte er. - »Ich bin - Ach! heiliger Gennaro!
Kaum kann ich es sagen -«
    LAURA Um des Himmels willen! - Was ist es? - Was hast du zu sagen?
    LEONORE Rede! - Wo ist -
    LAURA Mein Gemahl -
    GIORGIO Er ist - Verzeiht! - O! dass ich es sagen muss! - Aber -
    LEONORE Ohne Umschweife!
    GIORGIO Mein Herr - der Herr Graf - Euer Herr Gemahl - ist - Ach! - Er ist
in der Gewalt der Räuber!
    LEONORE Er? -
    GIORGIO Beim Rekognoszieren haben sie ihn gefangengenommen. Hier sind einige
Zeilen von ihm. - Der Räuberhauptmann gab mir die Erlaubnis, dieses Briefchen
hierherzubringen. - Hier ist es.
    Laura las:
        »Liebe Laura,
    Ich bin in Gefangenschaft geraten. Giorgio wird dir sagen, wie es zugegangen
ist. - Der kühne Cintio erlaubt mir, dir dies zu schreiben, und missbraucht die
Gewalt nicht, die der Zufall ihm über mich gegeben hat. - Sende mir sogleich
3000 Stück Dukaten. Dieses ist der Preis, der auf meiner Freiheit steht; je eher
du das Geld sendest, desto eher siehst du wieder deinen Gemahl«
                                                                 Loisio Lentini.
Laura faltete, als sie den Brief gelesen hatte, die Hände und sah gen Himmel.
Leonore hiess Giorgio gehen und warf sich auf ein Sofa. - Rinaldo ging rascher
noch als zuvor im Zimmer auf und ab.
    LAURA Ich? - 3000 Stück Dukaten? - Schwester! - Ach! - Schwester! 3000 Stück
Dukaten!
    LEONORE Der König muss den Bruder auslösen!
    LAURA Aber, ehe das geschieht? -
    RINALDO Ihr habt kein Geld? - Könnt kein Geld schaffen? - Meine Gräfin! Ich
glaubte, die Tochter, das einzige Kind, die Erbin des reichen Barons Denongo
müsste - könnte nie um 3000 Dukaten verlegen sein!
    LAURA Ach! - Mein Gemahl - braucht viel Geld. - Ich kann mich nicht
verstellen! - Wir können ohne grosse Aufopferungen, ohne langen Zeitverlust diese
Summe nicht herbeischaffen.
    RINALDO So muss - der Räuberhauptmann warten. Vielleicht wird er indessen
geschlagen, und dann ist der Graf ohnehin frei. - Zwar wird er - doch es kann -
Aber das wär' denn wohl nur der Fall, wenn alles verloren wär'! -
    LEONORE Welcher Fall? -
    RINALDO Es sind freilich Räuber, aber - Sie machen es nun einmal nicht
anders!
    LEONORE Was tun sie?
    RINALDO Es geschieht wohl auch nur im äussersten Notfall, aber - dann - wenn
sie alles, sich selbst verloren sehen, ermorden sie ihre Gefangenen. Und den
Damen geht es vorher übel.
    LEONORE Grosser Gott! -
    Rasch sprang Laura auf und ging bedeutend und voll Entschlossenheit im
Zimmer auf und nieder, wandte sich dann gegen Rinaldo und fragte:
    »Herr Pater! Wisst Ihr meinen Gemahl zu retten?«
    RINALDO Ich? - Ach! heiliger Franziskus! Wir dürfen ja keinen Carlino,
geschweige denn Gold bei uns fuhren. Und - 3000 Stück Dukaten! - Wie könnt Ihr
so viel bares Geld bei allen Franziskanerklöstern des ganzen Königreichs,
geschweige denn bei einem armen, einzelnen Franziskanermönche suchen?
    LAURA Herr Pater! - Ihr könnt uns retten.
    RINALDO Beschützen kann ich Euch, aber - Euern Gemahl -, den mag Pater Amaro
retten.
    LAURA Wahrhaftig, diese Antwort - habe ich verdient!
    RINALDO Vielleicht könnt Ihr, schönes Fräulein, Euern Bruder retten?
    LEONORE Mit so viel Geld wahrhaftig nicht. - Keinen Spott, Herr Pater!
    RINALDO Ich spotte nicht! - Habt Ihr auch das Gold nicht, so habt Ihr
dennoch Macht und Gewalt genug, Euern Bruder zu retten.
    LEONORE Ich habe Euch nichts mehr zu antworten!
    RINALDO Seht, da kommt schon die Nachricht, dass die Zugbrücke des Schlosses
aufgezogen ist.
    Ein Bedienter brachte wirklich diese Nachricht.
    RINALDO Habt ihr Waffen?
    BEDIENTER Acht Flinten, zwei Büchsen, einige Paare Pistolen und viele Säbel
sind im Schloss.
    RINALDO Kanonen?
    BEDIENTER Haben wir nicht.
    RINALDO Schlimm! - Wieviel Köpfe?
    BEDIENTER Den lahmen Gärtner, den blinden Stallmeister und den alten
Kastellan mit eingerechnet, sind wir unsrer acht Männer im Schloss.
    RINALDO Wenig genug!
    BEDIENTER Jawohl!
    RINALDO Dennoch wollen wir nicht verzagen, und sollten auch Hunderte kommen.
    BEDIENTER Aber - Herr Pater! Wenn Ihr bedenkt -
    RINALDO Ich habe alles bedacht. Bewaffnet euch, haltet Wache und seid ohne
Sorgen! - Jetzt wollen wir Musterung halten und uns ein wenig umsehen, wie es
ausserhalb des Schlosses aussieht.
    Er ging; der Bediente folgte ihm.
Er bestieg die Warte, besah die Mauern und verteilte die Posten. Der kleinen
Besatzung flösste er Mut ein. - Als er auf die Galerie zurück vom Rekognoszieren
kam, trat Laura ihm entgegen.
    »Ich habe«, - sagte sie, - »alles wohl überlegt und bedacht, ich kann mich
in Euch nicht irren. - Ja! Ich weiss, wer Ihr seid.«
    »Ihr wisst es?« - fragte Rinaldo lächelnd.
    »Ihr selbst habt Euch verraten. So spracht Ihr auch einst auf meines Vaters
Schloss, in gleicher Gefahr. - Und dieser Ton der Stimme! - O! ich kann ihn nie
vergessen! Ihr habt Euer Gesicht verunstaltet. Diese Farben können mich nicht
hintergehen! Was könnte ich nicht fürchten, kennte ich Euch nicht, wüsste ich
nicht, dass Ihr Eure Gewalt nicht missbrauchtet. Ich wage es daher, Euch zu
bitten, nehmt Euch meiner an und verschafft meinem unglücklichen Gemahl die
Freiheit wieder!«
    »Wie käm ich zu 3000 Stück Dukaten?«
    »Euer gebietendes Wort« -
    »Nach dem Worte eines Franziskaners fragt kein Räuberhauptmann.«
    »Habt Ihr uns nicht versprochen, uns und dieses Schloss zu retten?«
    »Euch und dieses Schloss zu retten, habe ich versprochen, aber nicht Euern
Gemahl auszulösen.«
    Laura trat ihm näher, ergriff seine Hand und sagte:
    »Es war eine Zeit, in der ich einen gewissen Ritter de la Cintra zu Messina
kannte. Dieser Ritter -«
    Sie schlug, als sie das sagte, die Augen nieder. - Endlich, nach einer
langen Pause, fuhr sie fort:
    »Dieser Ritter ist für mich tot, und mein Gemahl - ist nicht von mir zu
retten.«
    Schnell erhob sie ihre Blicke, drückte mit Wärme ihm die Hand und sagte:
»Wir sind in deiner Gewalt!«
    Rinaldo konnte sich nicht mehr verstellen, mit einem festen Blick fragte er:
    »Will Laura in meiner Gewalt freiwillig sein?«
    »Sie will.«
    »So sage ich ihr: Sie hat sich nicht in mir geirrt. Sie kennt mich. - Ja,
Laura, ich bin -«
    »Du bist Rinaldini!«
    »Der bin ich.«
    Das Horn des Wächters auf der Warte ertönte. Die Glocke erklang. Die
Bewohner des Schlosses stürzten erschrocken herbei. Alle versammelten sich auf
dem grossen Saale.
    Laura sagte, dennoch aber mit bebender Stimme, indem sie Leonoren bedenklich
ansah:
    »Nun fürchte ich nichts!«
 
                                 Zwölftes Buch
 Der Nebel flieht! Nun schaust du wieder
 Hinaus in das bedrohte Land.
 Was schlägt des Kühnen Hoffnung nieder?
 Reicht sie dem Waller nicht Hand?
Drei Bewaffnete verlangten, ins Schloss gelassen zu werden. - Rinaldo gab Befehl,
sie einzulassen. Sie wurden in ein Zimmer geführt, in welchem sich Rinaldo
allein befand. - Sie traten ein.
    »Was« - fragte Rinaldo -, »führt die Herren zu uns?«
    »Vielleicht« - antwortete der eine der Bewaffneten, - »ist leichter
gefunden, als wir es glaubten, was wir suchen.«
    »Wieso?«
    »Wir suchen einen Franziskaner -«
    »So?«
    »Der wenigstens wie ein Franziskaner aussieht und dem dieser Ring gehört.«
    »Wer sucht den Gesuchten?«
    »Der, dem der Franziskaner diesen Ring geschickt hat. Cintio nennt sich der
Suchende. - Und der, den wir suchen - Herr Pater! Cintio hat keine Dummköpfe
abgesandt. Wir gelten etwas bei ihm, und zwei von uns - Nun? Herr Pater! wollt
Ihr denn Euern Lodovico nicht mehr kennen?«
    Rinaldo trat rasch auf ihn zu, nahm ihn bei der Hand und sagte:
    »Willkommen, Lodovico!«
    »O!« - schrie dieser; - »Wär' doch unser Cintio hier!«
    Es wurde von den Dienern Wein aufgetragen.
    »Hier ist Wein!« jauchzte Lodovico. - »Noch zwei Dinge, und ich erkenne
meinen Hauptmann ganz wieder: Ein Mädchen und eine Guitarre.«
    »Auch diese sind im Schloss zu haben«, lächelte Rinaldo.
    Sie sprachen viel zusammen, und nach geleerten Flaschen zog Lodovico mit
seinen Gesellen ab. Sie nahmen Rinaldos Begehren an Cintio schriftlich mit.
    Gegen Abend kam Lodovico zurück, gab ein Paket an Rinaldo ab. Den folgenden
Morgen trat dieser nicht mehr als Franziskaner, sondern so elegant, als einer
der elegantesten Männer Siziliens gekleidet, in seiner wahren Gestalt, mit
ungefärbtem Gesicht, ins gewöhnliche Gesellschaftszimmer.
Leonore sprang verwunderungsvoll vom Stuhle auf. Seufzend und errötend schlug
Laura die Augen nieder.
    LEONORE Was ist das? - Herr Pater, welche Verwandlung?
    RINALDO Die Kutte hatte mich verwandelt. Jetzt, schönes Fräulein, sieht mich
Euer holdes Augenpaar so, wie ich wirklich bin.
    LEONORE Schwester! Was ist vorgegangen?
    RINALDO Die schöne Leonore wünschte gestern sich, den kühnen Rinaldini zu
ihren Füssen zu sehen. Ihr Wunsch ist erfüllt. Er liegt hier vor ihr und küsst
ihre sanfte Hand!.
    LEONORE Rinaldini?
    LAURA Ja, Schwester! Er selbst.
    LEONORE Ewiger Himmel! - Was soll ich sagen? - Wie kommt sie einem Traume so
nahe, diese Wirklichkeit! - Rinaldini hier? Der Totgeglaubte lebend und zu
meinen Füssen? - Steht auf! steht aufl Das Schrecken soll nicht vor mir liegen.
Es hat mich ganz ergriffen. Meine Verlegenheit, meine Ängstlichkeit wächst mit
jeder Sekunde.
    RINALDO Nicht ängstlich, nicht verlegen! - Wir sprechen uns als gute Freunde
jetzt - vielleicht zum letztenmal. - Überall hin verfolgt mich mein
unglückliches Schicksal. Ich lebe noch - mir selbst zur Qual und zum Verderben.
Für mich blühen in der Welt keine Blumen des Glücks mehr. Zurück will ich in
meine Höhlen wandern, dort - winken meines Lebens Herrlichkeiten. Es ist kein
Glück, der Mann zu sein, der ich bin!
    LAURA Beklagenswerter, gefürchteter und doch guter Mann!
    RINALDO Lebt wohl!
    LEONORE Verlassen wollt Ihr uns?
    RINALDO Darf ich hier bleiben? Mich sucht ein böses Schicksal allentalben
auf. - Nur dort lebt es ruhig mit mir, wo Mord und Schrecken sich um meine Höhle
lagern. - In diesen Höhlen darf ich, will ich an Euch denken. Und hört Ihr,
vielleicht bald, Rinaldo ist gefallen: so schenkt mir eine Träne und wünscht mir
Glück, dass ich gefallen bin.
    LEONORE O Gott! und Rinaldini konnte ein Räuber werden?
    RINALDO Wär' ich es nicht gewesen, ich würde nicht so sprechen, wie ich
sprechen muss. - Lebt wohl!
    LAURA Und mein Gemahl? -
    RINALDO Ein zweites Rinaldinisches Stückchen werde Euch, damit Ihr, damit
die Welt mich kennenlernt: Euer Gemahl soll frei sein. Meine Ankunft bei Cintio
gibt ihm die Freiheit. Ich gebe darauf Euch mein Wort. Man weiss, dass ich mein
Wort nicht breche.
    LEONORE Grossmütiger Mann! Ach! geht zu den Räubern nicht zurück!
    RINALDO Es bleibt mir keine Wahl.
    LEONORE Grausames Geschick!
    RINALDO Es fordert gebietend streng sein Opfer. Ich gebe es ihm selbst.
    Da sprengte Lodovico in den Schlosshof, neben sich ein lediges, gesatteltes,
schönes Pferd. - Rinaldo ergriff Leonorens Hand; er drückte sie mit einem tiefen
Seufzer. Laura nahm seine Linke. Tränen standen in aller Augen. - Er machte
schnell sich los, wollte seine Arme öffnen, liess sie sinken und eilte aus dem
Zimmer.
    »Zu Rosse! zu Rosse!« - rief er Lodovico zu, warf sich aufs Ross und jagte
schnell zum Schloss hinaus, davon; Lodovico ihm nach.
»Ist es doch«, - sagte Lodovico, als endlich Rinaldo sein ermattetes Pferd
anhielt, - »als wollten wir die ewige Ruhe erreiten, so jagen wir darauflos! Die
armen Pferde haben es empfunden! - Hauptmann! Mir kam es vor, als flögen Euch
ein paar schöne Augensterne nach, voran und zur Seite. Ein Zwillingsschein, so
wie die Schiffenden ihn sehen! Nur scheinen diese Sterne immer eher vom Hafen
entfernt als demselben nahe zu sein!«
    Rinaldo, ohne sich auf Lodovicos Bemerkungen einzulassen, sagte: »Wie es
scheint, bist du immer noch ebenso wie sonst bei guter Laune.«
    »Solange es nur angehen will«, - erwiderte dieser, - »werde ich dabei
bleiben. Gute Laune ist eine herrliche Freundin, eine scharmante Gebieterin,
kurz, das liebenswürdigste Weib aller Weiber in der Welt; und ich - wechsle
nicht gern. Was ich habe, behalte ich, solange es mich behält. Geht mir es denn
mit unserem Gewerbe anders als mit der guten Laune? - Ich habe beiher schon mit
mancherlei mich beschäftigt; aber - das weiss der Himmel! - das alte Wesen zieht
mich doch immer wieder an sich, und mir gefällt's nirgends als da, wo es mir
doch - nicht gefallen sollte, wär's auch nur um meines Leibes willen.«
    »Um deines Leibes willen?«
    »Nun? - Ich möchte ihn doch gern bei mir behalten. - Wie viele meiner
Kameraden müssen ihre Leiber nicht auf Rädern und an dreibeinigen Obelisken
zusammensuchen! - Ich weiss nicht, wie es kommt, dass man sich an etwas gewöhnen
kann, das doch nie als Gewohnheit respektiert wird.«
    Rinaldo schwieg. Langsam ritten sie weiter. - Gegen Mittag waren sie einem
Dorfe nahe, auf welches zugeritten werden sollte. Lodovico bat, rechts feldein
nach dem Forste zu zu reiten.
    »Dort«, - sagte er, - »treffen wir Leute von uns an. Aber im Dorfe liegen
Soldaten.«
    Kaum hatte er dies gesagt, als querfeldein eine Reiterpatrouille auf sie
zusprengte.
    »Alle Wetter!« - schrie Lodovico. - »Da kommen Dragoner!«
    »Ruhig!« - sagte Rinaldo. - »Ich will schon mit den Dragonern fertig
werden.«
    Die Dragoner hielten an. Rinaldo ritt auf sie zu, grüsste und wollte vorüber,
als der Wachtmeister ihm ein: »Haltet an!« entgegenrief.
    »Was gibt es?« - fragte Rinaldo.
    WACHTMEISTER Es gibt hier herum mancherlei, was es nicht geben sollte.
    RINALDO Wieso?
    WACHTMEISTER Umsonst patrouillieren wir nicht herum. - Vor allen Dingen, die
Pässe aufgezeigt!
    RINALDO Und wenn wir keine haben? -
    WACHTMEISTER Zum Offizier, ins Quartier!
    RINALDO Auch das nicht! - Ihr drei Mann, wir zwei.
    WACHTMEISTER Nun? Da meint der Herr doch nicht etwa gar -
    RINALDO Was ich meine, davon kann nicht die Rede sein, sondern davon, was
ich will.
    WACHTMEISTER So? - Und was will denn der Herr?
    RINALDO Dass man mich ungestört meines Wegs reiten lassen soll. - Wofür hält
der Herr Wachtmeister mich? Bin ich ihm verdächtig?
    WACHTMEISTER Meine Order lautet: Wer keinen Pass hat, wird angehalten und zum
kommandierenden Offizier gebracht.
    RINALDO Wär' es denn nicht möglich, dass ein verdächtiger Mensch dennoch
einen Pass vorzeigen könnte, indes ein ehrlicher Mann keinen hätte?
    WACHTMEISTER Das wär' gar wohl möglich; aber - meine Order ist klar und
deutlich. Der Soldat kann und darf nicht distinguieren; er pariert, befolgt
seine Order und bekümmert sich um weiter nichts.
    RINALDO Liegt Graf Lentini in jenem Dorfe?
    WACHTMEISTER Ach Gott! Unser braver Graf Lentini ist in des elementischen
Cintios Händen. - Das ganze Korps wird jetzt von seinem Nachfolger, dem
Obristen Tornano, kommandiert. - Der Cintio ist ein verfluchter Kerl!
    RINALDO Und Rinaldini ist auch wieder auf dem Platze.
    WACHTMEISTER Rinaldini? - Wo käm' denn der her!
    RINALDO Über's Meer.
    WACHTMEISTER Da müsste der Teufel drinnen sitzen! - Das kann ich nicht
glauben.
    RINALDO Aufs Wort! - Hier, - sieht der Herr Wachtmeister? - ist eine seiner
gewöhnlichen Sicherheitskarten: Viaggio seguro. Rinaldini. - Er soll dergleichen
auch wohl sogar feindlichen Patrouillen geben, wenn er eben dazu aufgelegt ist.
    Der Wachtmeister sah ihn mit grossen Augen an und brach endlich aus:
    »Wie? - Was? - Patrouillen? Soldaten? Sicherheitskarten? Da müsste ja das
Wetter dreinschlagen! - Wenn z.B. mir das geschäh'« -
    »Könnte das nicht sein?« - fragte Rinaldo.
    »Nein!« - schrie der Wachtmeister. - »Ich würde mich eher niederhauen
lassen, als dass ich eine solche Erbarmungskarte annähm'. Dies könnte nie der
Fall sein!«
    »Er ist es! - Will der Herr Wachtmeister die Karte behalten?«
    »Wie? - Was?«
    »Ich bin Rinaldini.«
    »Ja!« - schrie einer von den Dragonern, indem er ihm zusprengte - »du bist
mein grosser Hauptmann Rinaldini! Unter dir habe ich in Kalabrien gedient. Mit
Leib und Seele eile ich dir wieder zu! - Ah! Wer einmal von einem solchen Manne,
wie du einer bist, kommandiert wurde, der lässt sich nicht mehr von einem
Wachtmeister kommandieren, wenn er seinen alten Chef wiederfindet.«
    »Willkommen, Tolomeo!« - sagte Rinaldo. - »Ich kenne dich wohl noch. Du hast
mit mir bei St. Lucito gefochten, und bei Lunaro warst du auch mit. -
Willkommen!«
    Der Wachtmeister wusste nicht, was er tun sollte. Rinaldo rief ihm zu:
    »Behaltet die Karte, sie könnte Euch vielleicht gute Dienste tun. In wenigen
Minuten wird jenes Dorf von meinen Leuten alarmiert werden.«
    Damit ritt er davon. Tolomeo und Lodovico folgten ihm. - Der Wachtmeister,
ausser sich, griff nach den Pistolen. Lodovico schoss, ehe er gespannt hatte, und
der Wachtmeister war verwundet.
»Mord und Wetter!« - sagte Lodovico; - »Hauptmann! Du hast eine Gegenwart des
Geistes, die dir ganz allein eigen ist. Das kann Cintio nicht, so entschlossen
und brav er auch ist. - Glück hast du auch, wie keiner es hat, das ist nicht zu
leugnen, aber die Augenblicke kannst du fassen, wie keiner sie fasst! Das ist es
eben, was dich so gross macht!«
    »Ja! Beim Teufel!« - fiel Tolomeo ein, - »Für einen solchen Mann lässt man
sich mit Vergnügen totschlagen!«
    »Viva Rinaldini!« - schrie Lodovico.
    »Aber«, - fuhr Tolomeo fort, - »Cintio wird sehr ins Gedränge kommen.
Morgen rücken 600 Mann Soldaten und 800 Mann Miliz gegen ihn an. - Er muss Wind
davon haben; denn diesen Morgen hat er sich eilig in die Berge zurückgezogen. -
Und wie wollen wir nun zu ihm kommen?«
    »Tolomeo«, - sagte Rinaldo, - »du musst uns von jetzt an als eine Salvegarde
gelten. - Ich bin ein Reisender; dich hat man mir zur Sicherheit mitgegeben: so
sagst du, wenn wir wieder auf eine Patrouille stossen sollten, und bleibst in
deinem Dragonerornat.«
    »Sieh!« - lispelte Lodovico ihm zu, - »So weiss ein kluger Kopf jeden Umstand
für sich und zu seinem Vorteil zu benutzen. Auch das macht unsern valoroso
Capitano gross, beliebt und bewundert.«
Der Forst wurde erreicht. Lodovico suchte ein ihm bekanntes Plätzchen auf und
scharrte versteckten Proviant und Wein aus der Erde.
    »Dass Cintio«, - sagte er, - »hier nicht einmal einen Vorposten
zurückgelassen hat, das ist ein Beweis, dass er sich sehr weit zurückgezogen
haben muss und dass er Wind von dem Generalangriffe hat. Sicher ist er über den
Grango gegangen und zieht sich in seine haltbarsten Plätze, in die Berge bei
Rocella und S. Domenicho, zurück. Dort haben wir einmal lange gesteckt, bis uns
der Mangel an Proviant endlich aus den Löchern trieb. Damals wurden uns aber die
Köpfe tüchtig gewaschen, und ich bekam auch einen Zirkumflex, der mir lange
genug besalbt, beölt und beschmiert wurde.«
    Rinaldo sann nach. Endlich sagte er: »Gehen wir auf Rocella oder S.
Domenicho zu, so sind wir in Gefahr, der Miliz in die Hände zu geraten. Rücken
die Soldaten vor, so wird's uns im Rücken leer, und rückwärts gehen wir dann
sicherer als vorwärts. Dennoch möchte ich gern mit Cintio sprechen, ihn zur
Loslassung des Grafen Lentini zu bewegen. Doch sehe ich auch ein, dass er jetzt,
da er im Gebirge ist, ihn als Geisel recht wohl wird brauchen können. - Ich weiss
also noch nicht recht, wozu ich mich entschliessen soll.«
    »Hauptmann!« - begann Tolomeo, - »Wie wär's, wenn du mich an Cintio mit
mündlichen Aufträgen abschicktest: denn etwas Schriftliches von dir bei mir zu
haben, das möchte wohl nicht gut sein. - Ich gelte für eine Ordonnanz, und so
komme ich sicher durch die Milizen. Die Gräfin Lentini will ihren Gemahl
auslösen, sie handelt und schickt mich an Cintio. Mit dieser Lüge komme ich bis
zu ihm.«
    »Dein Vorschlag lässt sich hören! Er ist gut, klug, und wahrscheinlich ist
es, dass du deinen Zweck erreichst.«
    Darüber wurde mehr gesprochen. Tolomeo wurde genau unterrichtet und machte
sich auf den Weg. - Rinaldo nahm Lodovicos Rat an, im Walde zu übernachten.
    »Wir haben in diesem Forste eine unterirdische Höhle«, - sagte er, - »die
oft, wenn die Not gross war, unserer zwölf bis sechzehn Mann aufgenommen hat.
Freilich logierten wir ein wenig eng, aber dennoch sicher.«
    Diese Höhle wollten sie aufsuchen. - Sie nahmen die Pferde bei den Zügeln
und wanderten darauf zu.
    Lodovico trat auf die verborgene Feder der mit Rasen belegten Falltür der
Höhle. Sie gab nicht nach.
    »Wetter!« - rief er aus, - »die Feder gibt nicht nach. Es sind Menschen in
der Höhle. - Es müssen welche von den unsrigen sein.«
    Er legte sich auf die Erde, drückte das Ohr fest an den Boden und sagte:
    »Ja, ja! In der Höhle stecken Menschen.«
    Darauf legte er sich an eine Fichte, zog den Dolch und gab das klingende
Waldsignal, auf eine unter der Bande verabredete Art. - Die Falltür wurde
gelüftet und eine Stimme fragte heraus: »Wo wird getanzt, gekocht und
getrunken?«
    Lodovico antwortete schnell:
    »Wir tanzen auf dem Schloss, kochen auf dem Kirchplatze und trinken im
Kämmerlein bei der Mutter Eva.«
    Dies waren Fragen und Antworten, an denen man sich erkannte. Die Falltür hob
sich. Eine Stimme rief:
    »Willkommen, Lodovico!«
    »Wie, zum Teufel!« fragte dieser, - »kommt ihr denn in die Spelunke, da
Cintio sich zurückgezogen hat? Wer steckt denn drunten?«
    »Wir sind«, - war die Antwort, - »verwundet zurückgeblieben. Claudiano und
ich. Dazu haben wir noch die beiden Mädchen Loretta und Melissa bei uns, die mit
wunden Füssen den Retirierenden nicht schnell genug folgen konnten.«
    »Gut!« - fiel Lodovico ein. - »So finden wir noch Platz.«
    »Wieviel Köpfe?«
    »Zwei Menschen- und zwei Pferdeköpfe. - Es haben einmal vier Rosse mit unten
gesteckt.«
    »Wer ist bei dir?«
    »Cintios bester Freund.«
    Die Tür ward gehoben, die Pferde wurden den schräg hinablaufenden Weg
hinuntergeführt, und die Ritter folgten.
Alle hatten nun in der Höhle ihre bestimmten Plätze. Die Höhlenbewohner
erfuhren, wer unter ihnen war. Staunend schwiegen sie und küssten dem vornehmen
Gaste die Hände. Er streckte sich auf das beste vorhandene Lager und - machte
Grillen. Alle schwiegen. - Er unterbrach diese Stille:
    »Mädchen! - Ihr habt Guitarren, wie ich sehe, spielt und singt mir etwas
vor.«
    Die Mädchen ergriffen die Guitarren, spielten und sangen.
                                 Wechselgesang
LORETTA
Wenn die Vöglein traulich scherzen,
In dem neu begrünten Hain,
Steigt es mir so froh zu Herzen,
Wünsch' ein Vöglein ich zu sein!
MELISSA
Wenn die frohen Lämmer spielen
In dem bunten Wiesenklee,
Wünsch' ich, so wie sie, zu fühlen,
Wird mir's ach! so wohl, so weh!
LORETTA
O! wer sagt mir, was ich fühle?
Was mich froh und glücklich macht?
MELISSA
Das sind, Liebe! die Gefühle,
Deiner sanften Zaubermacht.
BEIDE
Ja! das ist es, was ich fühle.
Was mich froh und traurig macht.
Es sind, Liebe! die Gefühle
Deiner sanften Zaubermacht.
»O! ihr armen Mädchen!« - sagte Rinaldo. - »Werdet ihr je wirklich fühlen, wie
glücklich Liebe macht? In Höhlen und Wäldern versteckt, zieht nie euch der Liebe
sanfte Zaubermacht an das freundliche Tageslicht. - Wo seid ihr geboren?«
    MELISSA Ich bin in Kalabrien, in einer Höhle geboren worden.
    LORETTA Ich in Sizilien, im Walde. Wir wurden beide zu solchem Höhlenleben
geboren, unter den Leuten, bei denen wir leben.
    RINALDO Und es gefällt euch unter ihnen?
    LORETTA O ja!
    RINALDO Dann freilich darf ich euch nicht beklagen!
    LORETTA War denn Rosa auch zu beklagen, als sie bei ihrem Rinaldo, in Höhlen
und Forsten, liebevoll verweilte?
    RINALDO Rosa war ein gutes Mädchen! Ich beweinte ihren Tod, aber um ihr
Leben konnte ich sie nie beneiden.
    LORETTA Liebte sie nicht?
    RINALDO Ist die Liebende beneidenswert?
    LORETTA Ich war es.
    RINALDO Und dein Glück hat dich verlassen?
    LORETTA Mein Geliebter fiel vor sechs Wochen in die Hände der Miliz, und -
    RINALDO - hängt jetzt?
    LORETTA Vermutlich, denn er war ein sehr verwegener Bursch und hatte schon
manchem Soldaten den Rest gegeben. O! er war ein rechter Kerl!
    RINALDO Du verdienst, die Braut eines Räubers zu sein!
    LORETTA Rosa war doch glücklicher als ich, denn sie wurde von dem
berühmtesten aller Räuber geliebt.
    RINALDO Du bist ruhmsüchtig?
    LORETTA Warum sollte ich es nicht sein? Da ich glaubte, Rinaldini sei tot,
wünschte ich mir immer, von Cintio geliebt zu werden. Nun aber habe ich diesen
Wunsch aufgegeben.
    RINALDO Und wünschest, von mir geliebt zu werden?
    LORETTA Darf ich nicht wünschen, was Rosa, was, wie man erzählt, Dianora,
Olimpia und andere Weiber wünschten?
    RINALDO Deine Aufrichtigkeit gefällt mir!
    LORETTA Sie ist das Beste an mir.
    RINALDO Und Melissa?
    LORETTA Denkt, darauf wette ich, ebenso, wie ich denke, - aber - sie hat
noch keinen Liebeshandel gehabt, soviel man weiss.
    LODOVICO Ihr Stündlein wird schon auch noch schlagen!
    RINALDO Ich beklage euch, ihr guten Mädchen! Euch fiel ein so zweideutiges
Los des Glücks, dass selbst die Erfüllung eurer Wünsche schwerlich ein Glück zu
nennen ist.
    LORETTA Man sagt, - verzeihe mir, Hauptmann! es noch zu sagen -, du seist
immer ein wenig gar zu düster gewesen, unzufrieden mit deiner Lage und missmutig.
    RINALDO Wer könnte auch in Höhlen fröhlich sein?
    LORETTA Ich bin es oft gewesen.
    MELISSA Ich habe bloss der Notwendigkeit nachgegeben und habe gedacht, wie es
ist, willst du es nehmen, weil du es so nehmen musst.
    RINALDO Bei euch steht's dennoch, eurer jetzigen Lage aus dem Wege zu gehen;
und dazu wollte ich euch raten. Denn gesetzt, ihr fallt der Gerechtigkeit in die
Hände, so seid ihr verloren, ohne etwas getan zu haben. Genug, dass sie euch in
einer Gesellschaft antrifft, die in schlechtem Kredit steht. - Ich biete euch
die Hände, euerm Unglück zu entgehen. Ein Brief von mir an die Gräfinnen Lentini
soll euch in Dienste bringen, und dann - könnt ihr doch wenigstens ruhig und
über der Erde schlafen. Claudiano, der indessen einen Gang vor die Höhle gemacht
hatte, kam jetzt zurück und meldete, er habe Pferde wiehern und viele Menschen
sprechen hören. Sicher werde der Forst durchstreift. - Sogleich wurden starke
Balken unter die Falltür gerammelt, und die Gewehre wurden untersucht.
    Gegen Abend schlich Lodovico sich ins Freie und brachte eine gefundene
Brieftasche mit. Man fand eine Militärorder darinnen, gegen S. Domenicho
vorzurücken.
    »Nun halte dich gut, braver Cintio!« - rief Lodovico aus; - »und wehre dich
männlich!«
    Gegen Morgen rekognoszierte Lodovico, indem Rinaldo den beiden Mädchen einen
Brief an die Gräfinnen schrieb. - Als Lodovico zurückkam, wurde der Abzug aus
der Höhle beschlossen. Rinaldo beschenkte die Mädchen und ritt mit Lodovico
davon.
Im freien Felde wurde an einer Quelle unter Pappeln Mittag gehalten. Rinaldo
warf sich von einer Seite auf die andere und wurde endlich laut.
    »Lodovico!« - sagte er, - »ich habe mancherlei hin und her überlegt und
meine Lage auf alle Seiten gewendet. Eine gute Seite will durchaus nicht zum
Vorschein kommen.«
    »Bei mir auch nicht!«
    »Endlich - habe ich beschlossen, es darauf ankommen zu lassen, ob uns das
Glück wieder in die Welt und durch die Welt helfen will.«
    »Vielleicht! - Das Glück ist eine Donna, und mit den Weibern ist es Euch ja
immer gutgegangen. Lasst sehen, was Donna Fortuna für uns tun wird, und lasst
hören, was Ihr zu tun beschlossen habt. Wollen wir wieder in die Welt, nun gut!
hier ist ein kleiner Vorrat von falschen Bärten und Nasen. Wie so manchem wird
ein honestamentum faciei dieser Art angedreht oder von ihm andern angesetzt, und
er geht seines Weges. Non cuique datum est, habere nasum! Wir haben welche. - In
der Gesichtsmalerei habe ich etwas getan. Ein paar Striche, und der Mund sitzt
mir krumm in der Larve; einige Punkte, und ein Auge steht hoch, das andere tief.
Ich kann mich alt und jung malen, trotz dem geübtesten Schauspieler! - Wie soll
es also werden?«
    »Wir gehen nach Palermo.«
    »Gut! - In dem dortigen Gedränge verlieren wir uns leicht. Die
Schutzpatronin von Palermo, die heilige Rosalie, ist ja auch eine Dame, und die
Rosalien - sind Euch nicht ungünstig. Dieser Umstand scheint mir schon von guter
Vorbedeutung zu sein, und er bleibe es! - Also frisch nach Palermo!«
    »Von dort, zu Schiffe, nach Kalabrien. - Das müssen wir wagen! - In den
Gebirgen liegen meine Schätze vergraben.«
    »Diese heben wir!«
    »Und damit - in die Welt.«
    »Ich wollte, die Schätze wären schon in unserer Gewalt. In die Welt wollten
wir leicht kommen.«
    »So schwer wie möglich!«
    »Gut! - - Wollen wir Palermo erreiten oder erwandern? - Wir haben bis
dortin noch eine artige Tour!«
    Noch sprachen sie, als aus dem naheliegenden Walde ein Trupp Reiter
hervorbrach.
    »O! heilige Rosalie! - rette uns«, schrie Lodovico.
    »Lass dir«, - sagte Rinaldo, - »nur nicht ans Gewehr kommen und beobachte
meine Mienen und Zeichen genau.«
    Sie sprangen auf und warfen sich auf die Pferde. - Die Reiter hielten. Der
Offizier ritt hervor. Er wollte sprechen. Rinaldo kam ihm zuvor.
    »Mein Herr Offizier! Ihr befreit mich aus einer grossen Verlegenheit. Diesen
Morgen entging ich einem Trupp Beutelschneidern mit genauer Not, durch die
Schnelligkeit meines Pferdes. Einige Kugeln flogen an mir vorbei, und meines
Dieners Mantel wurde durchlöchert. - Hier ruhten wir aus und überlegten, welche
Strasse wir einschlagen wollten, denn der Berg vor uns scheint nicht ohne Höhlen
und Schlupflöcher zu sein. Unter Eurem Schutze haben wir nichts zu fürchten.
Vielleicht gehört Euch oder einem Eurer Bekannten diese Brieftasche, die
verloren unter jenen Bäumen lag. Dagegen aber bitte ich, wenn einer Eurer Leute
etwa die meinige auf dem Wege gefunden haben sollte, mir dieselbe aus; ich habe
sie im Fliehen verloren.«
    Der Offizier fragte seine Reiter, ob einer eine Brieftasche gefunden habe.
Alle verneinten es.
    »Wisst Ihr«, - fragte der Offizier, - »dass sich ein Rinaldini wieder sehen
lässt? Es sei nun ein falscher oder der wahre Rinaldini, genug, er hat sich so
genannt, wie eine Patrouille aussagt, von der der eine Reiter, als einer seiner
alten Spiessgesellen, zu ihm übergeritten ist und dadurch seine Übermacht über
die Patrouille vermehrt hat.«
    »Sonderbar genug!«
    »Er hat ein grünes Kleid und einen roten Mantel getragen, wie Ihr tragt, hat
einen Fuchs geritten, wie Ihr reitet, und sein Diener war der Beschreibung nach
ebenso gekleidet wie der Eurige, ritt auch einen Rappen wie dieser.«
    »Ein für mich sehr ungünstiger Zufall!«
    »Gewiss!«
    »Ich sehe ein -, dass ich Euch überzeugen muss, dass ich der Ritter de la
Cintra bin. Da ich mein Portefeuille verloren habe, so muss ich Personen stellen,
die mich kennen. Ich muss Euch also dringend bitten, mich auf das Schloss der
Gräfin Lentini zurückzuführen, woher ich komme. Die Gräfin kennt mich.«
    »Die Gräfin Lentini ist durch ihren Gemahl mir verwandt. Ich nehme keinen
Anstand, ihr Zeugnis zu respektieren.«
    Dahin kam es. - Den folgenden Morgen erreichten sie das Schloss. - Der
Offizier liess die Reiter zurück und ritt mit Rinaldo und Lodovico ein.
    Die Gräfinnen erbebten. Leonore verschloss sich in ihr Zimmer.
    »Meine schöne Cousine!« - sagte der Offizier, - »Ihr werdet gebeten, uns
beide aus einer Verlegenheit zu reissen.«
    Rinaldo trug die Sache vor. - Laura schien sich zu fassen.
    »Ich muss«, - sagte sie, - »bekennen, dass ich diesen Herrn schon längst als
Ritter de la Cintra kenne.«
    Der Offizier empfahl sich sehr freundlich und sprengte mit seinen Reitern
davon.
    Leonore kam herbei. Sie erfuhr den Vorgang und nahm schweigend auf einem
Sofa Platz.
LAURA Ich war Euch schuldig, was ich jetzt abgezahlt habe.
    RINALDO Grossmütige Freundin!
    LAURA Ich weiss und erkenne dankbar, dass Ihr einst mir und meinem Vater das
Leben gerettet habt. - Dass ich nun in Verlegenheit kommen kann, fühlt Ihr.
    RINALDO Ich fühle es!
    LEONORE Welche schwere Verantwortung!
    LAURA Unglücklicher Mann! Wie unglücklich machst du alle, die dich auch nur
kennen!
    RINALDO Seht, das ist es, was meinen Entschluss bekräftigt! - Durch mich soll
niemand wieder in Verlegenheit kommen. Es ist einmal Zeit zu enden!
    Als er das sagte, zog er eine Pistole aus der Tasche und fuhr rasch damit
nach dem Munde. Leonore sprang schnell auf, entriss ihm die Pistole, schleuderte
sie in eine Ecke und fragte:
    »Wisst Ihr, was Ihr uns schuldig seid?« Laura sank mit dem Ausruf: »O
Rinaldo!« - auf ein Sofa.
    Rinaldo hob seine Blicke, sie fielen auf Leonorens Auge, er bedeckte sein
Gesicht mit den Händen, stürzte auf ein Sofa und schrie mit dumpfer Stimme:
    »Unglücklicher! Wie so sehr unglücklich bist du!«
    Leonore ging zu ihrer Schwägerin. Tiefaufseufzend erhob sich diese, und mit
gepresster Stimme rief sie:
    »Meine Rechnung habe ich, - ach Gott! - wie redlich! glaube ich, bezahlt. -
Wir dürfen und können uns nun nie wieder sehen, Herr Ritter!«
    Ein Bedienter stürzte mit dem Ausrufe: »Der Herr Graf!« - ins Zimmer.
    »Mein Gemahl?« - schrie Laura.
    »Er selbst!« - sagte der Graf, indem er sie in seine Arme schloss. Weinend
fiel sie ihm an den Busen und stammelte: »O! Heiliger Gott!«
    GRAF Was ist dir?
    LAURA Ach! mein Gemahl!
    GRAF Leonore! - Was ist meiner Laura?
    LEONORE Mich frage nicht. Von mir erwarte keine Antwort.
    GRAF Was ist das?
    LEONORE Ich stehe hier wie vernichtet, glaube zu träumen und kämpfe dennoch
mit einer schrecklichen Wirklichkeit!
    GRAF Was ist hier vorgegangen?
    LAURA O! jetzt nur keine Antwort auf diese Frage!
    GRAF Wie verlegen macht ihr mich!
    LEONORE O! wie sehr sind wir es!
    GRAF Ich begreife nicht -
    RINALDO Ich will es lösen, das Rätsel, das sich -
    LEONORE Schweigt!
    GRAF Mein Herr!
    RINALDO Lasst mich sprechen!
    LEONORE Nicht jetzt!
    GRAF Euer Name?
    RINALDO Rinaldini.
    LAURA Gerechter Gott!
    LEONORE Ewiger Himmel!
    GRAF Rinaldini? -
    LEONORE Er ist wahnsinnig!
    RINALDO Wie edel! - O Gräfin! Ihr habt Euch verrechnet! Ihr sollt mir nicht
zum zweitenmal das Leben retten. - Graf! Ich fordere Euch auf, bei Gewissen und
Pflicht, mich nicht entfliehen zu lassen. Ich bin und bleibe in Eurer Gewalt.
    GRAF Und ich in der Eurigen.
    LEONORE Bruder!
    RINALDO Graf!
    LAURA Was sagst du?
    GRAF Ich war in Cintios Gewalt. Auf 3000 Stück Dukaten war mein Lösegeld
bestimmt.
    LEONORE Wir wussten sie nicht herbeizuschaffen!
    GRAF Das fürchtete ich selbst! - »Graf! sagte Cintio, als ich mich mit
Sorgen quälte«, »Ihr seid frei; frei ohne Lösegeld.« - Ich staunte. »Wer hat für
mich bezahlt?« - fragte ich. »Rinaldini«, war die Antwort. - »Rinaldini?« - »Er
hat auf Euerm Schloss übernachtet und zahlt seine Zeche mit 3000 Stück Dukaten.
Bald hoffe ich ihn wiederzusehen. Eure Güter sind ihm und mir empfohlen.« - Ich
bin frei, hier, und - Rinaldini ist mein Retter!
    RINALDO Wehe mir! - Wehe Euch, dass ich es bin! Welcher Rechenschaft
unterwerft Ihr mich und Euch!
    Er stürzte, als er dieses sagte, aus dem Zimmer in die Galerie, hinweg über
diese und hinab in den Garten. Leonore folgte ihm nach. Er hörte sie nicht ihm
nachkommen. In einer Laube erreichte sie ihn, fasste ihn und forderte ihm sein
Gewehr ab.
    »O Leonore! Wie grausam seid Ihr!«
    »Euer Gewehr!«
    »Lasst doch den Unglücklichen sterben!«
    »Ich forderte Euer Gewehr! Hier, bei uns, sollt Ihr nicht sterben.«
    »Nein!« - sagte befehlend eine starke Stimme. - »Hier sollst du nicht
sterben!«
    Verlegen trat Leonore zurück, Rinaldo ging aus der Laube. Ein Mann warf den
Mantel ab, und vor ihm stand der Alte von Fronteja.
    »Wie?« - fragte Rinaldo bestürzt. - »Bist du auch hier bekannt?«
    »Dem Menschen«, - antwortete jener, - »gehört die Welt, und in diesem seinem
Eigentum muss er allentalben bekannt, nirgends darf er unbekannt sein.«
    Jetzt trat der Graf in den Garten. Der Alte ging ihm entgegen, ergriff seine
Hand und schüttelte sie traulich, so, wie man es mit alten Bekannten tut. Sie
umarmten, küssten sich und gingen Hand in Hand den Garten hinauf.
    Rinaldo sah den Alten bedeutend an und fragte:
    »Kennt Ihr diesen Mann auch?«
    »Der Bruder kennt ihn«, - sagte Leonore. - »Ich weiss nicht, wer er ist. Wir
nennen ihn nur den unbekannten Alten. Mein Bruder aber nennt ihn Nicanor. Nie
hat er uns gesagt, wer er ist, was er hier will, und fragten wir darum, so gab
er uns keine Antwort. - Ihr aber scheint ihn ja auch zu kennen!«
    »Ich kenne ihn; dennoch aber weiss ich nicht, wer er ist.«
    Der Graf verliess den Garten; der Alte kam wieder auf die Laube zu.
    »Schöne Gräfin!« - sagte er sehr freundlich, - »Diesen Unglücklichen erbitte
ich mir auf einige Minuten!«
    Leonore verneigte sich und verliess den Garten. - Der Alte setzte sich, und
das Gespräch begann.
    »Ermorden also wolltest du dich?«
    »O! hätte ich es doch schon längst getan!«
    »Der Mensch hat freien Willen. Sein Leben steht in seiner Gewalt. Darüber
kannst du im Seneca und Cicero gar viel, pro und contra lesen. Bürden legt man
ab; was drückt, wirft man hinter sich. Indessen, bei dem Selbstmorde ist doch
noch immer eine Art von Feigheit mit im Spiele. Wer Mut hat, seinem Schicksal
die Stirn zu bieten, der erliegt im Kampf nicht so leicht als der Verzagte.«
    »Wie stirbt man ehrenvoller, durch eigene oder durch Henkershand?«
    »So wie in der Welt die Begriffe einmal kursieren, so ist die eigene Hand
der Hand des Henkers vorzuziehen. Indessen - bis die letztere uns erreicht, hat
man Zeit, zur eigenen Hand zu greifen. - Du wolltest nur in schöne Hände fallen!
darum -«
    »Keinen Spott!«
    »Spott?«
    »Keinen Scherz! - Meine Lage ist zu ernstaft.«
    »Und eben deswegen kann ein kleiner Scherz -«
    »Ach! keinen Scherz!«
    »Nun also, ernstlich! Wunderst du dich nicht, mich hier zu sehen?«
    »Ich beneidete dich schon um das Glück, den Tod in den Wellen gefunden zu
haben!«
    »Ich beneide keinen Menschen um so etwas. - Den Wellen entronnen finde ich
dich wieder und sehe - noch mehr als das -, alles wieder, was schön, was
sehenswürdig ist.« -
    »Du kennst Lentini?«
    »Er ist ein Freund, auch deines Freundes, des Marchese Germano, und der
meinige. Darum hatte er auch nichts von Cintio zu fürchten.«
    »Wie? - Ihr alle steht noch immer miteinander in Verbindung?«
    »Wir alle.«
    »Habt ihr noch immer nicht die Expedition nach Korsika aufgegeben?«
    »Nicht ganz. - Vielleicht gelingt uns bald ein kühner Streich.«
    »Gegen Korsika?«
    »Gegen Korsika oder gegen - sonst einen Weltteil.«
    »Du lebst von Plänen!«
    »Für dieselben.«
    »Glück zu!«
    »Für mich und dich! - - Jetzt einige Worte an dich. - Du bist so
unbedachtsam gewesen, dich und deinen Namen selbst wieder zu promulgieren -, was
ein wenig unklug war! - und man ist dir überall auf dem Nacken. - Das taugt
nichts! - Du musst wieder verschwinden, du musst versteckt werden, bis der Sturm
vorüber ist.«
    »Wohin?«
    »In diesem Schloss kann man dich nicht lassen, ob du gleich vielleicht gern
hier bliebst.«
    »Gleichviel!«
    »Hm! - Gleichviel wohl nicht, denn du hast doch einmal hier Bekanntschaft.«
    »Mich darf kein rechtlicher Mensch kennen.«
    »Oho!«
    »Wenigstens darf er es nicht sagen.«
    »Bin ich kein rechtlicher Mann?«
    »Ich muss es dir verdenken, dass du dich meiner Bekanntschaft freuen kannst!«
    »Ich nicht. - Doch wieder zu unserer Angelegenheit! - Gegen Abend wird ein
Mann kommen, der dir diesen Ring, mit einer Maienblume, den ich hier an diesem
Finger trage, übergibt. Diesem folge. Die Nacht ist schön und mondhell. Ihr
reitet fort. Gegen Morgen seid ihr an Ort und Stelle.«
    »Wo?«
    »An einem Schloss, wo man euch einlassen wird und wo du sicher bist.«
    Rinaldo wollte sprechen. Der Alte stand auf, drückte ihm die Hand, sagte:
»Wir sehen uns bald wieder!« und ging schnell davon.
Leonore kam in einiger Zeit in den Garten zurück und fand Rinaldo nachdenkend in
der Laube. - Sie nahte sich ihm. -
    »Mein Bruder«, - sagte sie, - »ist mit Nicanor weggefahren. Meine Schwägerin
wünscht Euch zu sprechen.«
    Sie gingen ins Schloss zurück. Laura fragte nach dem Alten, konnte sich ihres
Gemahls Verbindung mit ihm nicht erklären und erhielt von Rinaldo auch darüber
keine Aufklärung.
    Gegen Abend kam der Überbringer des Ringes von dem Alten. Rinaldo schickte
sich zur Abreise an. Er nahm Abschied. Von Leonoren begehrte er ein Andenken.
Sie gab ihm eine Busenschleife. Er schob ihr schnell einen Ring an den Finger,
eilte die Treppe hinab und schwang sich aufs Ross. Vergebens rief Leonore ihm
nach. Er sprengte zum Schlosshofe hinaus, begleitet von seinem Führer und von
Lodovico. - Sie ritten bei Mondenschein die ganze Nacht hindurch, bis an den
folgenden Morgen. Auf einem Felsen lag ein altes, kleines Schloss, zur
Verteidigung wohl versehen. Dieses wurde erreicht. - Der Führer gab ein Signal.
Die Zugbrücke fiel. Sie ritten ein. Hier nannte sich Rinaldos Führer als
Kastellan des Schlosses und führte ihn herum, sich selbst Zimmer zu seinem
Aufentalt zu wählen. - Er wählte und fragte:
    »Wo bin ich?«
    »Auf dem Schloss meiner gnädigen Frau«, - antwortete Toronero, der
Kastellan.
    »Sie heisst?«
    »Wisst Ihr das nicht?«
    »Ich weiss nicht, wo ich bin, warum ich hier bin, kenne die Besitzerin dieses
Schlosses nicht und weiss nicht, wie sie heisst.«
    »Sie aber kennt Euch. - Sie hat mit mir selbst von Euch, von dem Ritter de
la Cintra -, so heisst Ihr doch?« -
    »So heisse ich.«
    »- gesprochen, ehe ich abreiste.«
    »Sie ist hier?«
    »Nein. - Als ich abreiste, reiste sie auch ab.«
    »Wohin? - Hierher?« -
    »Das weiss ich nicht.«
    »Ist sie nicht immer hier?«
    »Nur selten und nie lange.«
    »Wie heisst sie also?«
    »Gräfin Ventimiglia.«
    »Ventimiglia? - Ich kenne sie nicht; wenigstens - nicht unter diesem Namen.«
    »So weiss ich nicht, was ich denken und sagen soll. - - Doch, es wird sich
gewiss alles aufklären!«
    Der Kastellan ging. Lodovico kam. Er brachte einen Brief von dem Alten.
Rinaldo wurde von demselben gebeten, ihm Lodovico zuzuschicken, dessen er
bedürfe. - Es war ein Bote da. Rinaldo befahl Lodovico, bald wiederzukommen, und
dieser versprach es, indem er mit dem Boten davonritt.
Der Kastellan, von dem Rinaldo eine Guitarre begehrte, brachte ihm dieselbe,
entschuldigte sich zugleich, dass er, überhäufter Geschäfte wegen, nicht immer
bei ihm sein könne, versicherte aber zugleich, seine Schwester Margalisa werde
oft zu ihm kommen und seine fleissige Gesellschafterin sein.
    Margalisa, ein ganz artiges, rundes, tätiges Geschöpf, erschien bald und
sagte ganz treuherzig, sie sei da, dem Herrn die Zeit zu vertreiben. - Rinaldo
unterhielt sich schäkernd mit ihr. - Er pries die schöne Aussicht der Gegend.
    SIE O ja! Die Aussicht ist schön, die Gegend ist reizend, aber nach und nach
wird man sie auch gewohnt, so wie alles, was man täglich sieht, seinen Spiegel
nicht ausgenommen.
    ER Und in den Spiegel siehst du wohl gern?
    SIE Täglich; da müsste ich kein Mädchen sein! Gewöhnlich zwar nur des
Morgens, ich müsste mich denn etwa in der Küche schwarz gemacht haben. Sonntags
aber geschieht's mehr als einmal, wenn ich in die Kirche gehe.
    ER Hast du weit in die Kirche zu gehen?
    SIE In einer Stunde bin ich dort. Ich bin aber eine gute Fussgängerin, mein
Bruder endet den Weg in einer Stunde nicht.
    Rinaldo ging im Zimmer auf und ab, klimperte auf der Guitarre. - Margalisa
fragte lächelnd: »Könnt ihr auch spielen und singen?«
    »Willst du etwas hören?«
    »O ja! - So etwas höre ich recht gern. - Oder wollt Ihr etwas Gesungenes von
mir hören?«
    Er gab ihr die Guitarre und bat sie, etwas zu singen. Sie spielte und sang.
                                    Romanze
Am Bache lag's Liebchen
Im lieblichen Traum,
Sein Schlummer war ruhig,
Er atmete kaum.
Da sah ihn das Mädchen;
Sie schlich sich herzu,
Und freute sich innig
Der friedlichen Ruh.
Sie küsste ihm leise
Das zärtliche Licht
Der zitternden Augen;
Er regte sich nicht.
Sie wand seine Locken
Um Finger und Hand,
Und küsste behaglich
Dies ringelnde Band.
Er atmete stärker,
Sein Auge ging auf;
Sie drückte, ihn grüssend,
Ein Küsschen darauf.
»Was schlummert mein Liebchen
Am rauschenden Bach?
Was küss' ich im Grünen
Den Schlafenden wach?
Im Arme der Liebe
Schläft's Liebchen so weich.
Ach! wechsle, mein Trauter!
Dein Lager doch gleich!«
Rinaldo lobte Spiel und Gesang. Sie dankte und gab ihm die Guitarre zurück.
dabei fragte sie:
    »Werdet Ihr lange hier auf dem Schloss bleiben?«
    ER Noch weiss ich das selbst nicht.
    SIE Es lebt sich gar zu einsam, wenn die Frau Gräfin nicht hier ist. Ich,
mein Bruder, seine Frau, eine Magd, zwei Kinder, das ist die ganze
Schlossgesellschaft. Da ist ein Tag wie der andere. Das bisschen Arbeit ist bald
getan, und dann - hat man Langeweile. Es ist etwas Verwünschtes, in einem
solchen Bergschlosse zu stecken! - Ihr werdet das erfahren. Bleibt Ihr lange
hier, so werdet Ihr auch sicher viel Langeweile haben.
    ER Aber - du bist ja hier.
    SIE Das wird euch wenig helfen. Wie könnte ich Euch die Langeweile
vertreiben?
    ER Du wirst mir mancherlei erzählen.
    SIE Wovon?
    ER Von diesem Schloss.
    SIE Was?
    ER Allerlei.
    SIE Von dem Schloss weiss ich selbst nicht viel. Mein Bruder aber mag wohl
mehr davon wissen.
    ER Was denn?
    SIE Je nun! Dies und jenes. - Unser Schloss hat auch seine Heimlichkeiten.
    ER So?
    SIE Ich kenne sie aber nicht. Und - ich rede auch nicht gern davon.
    ER Warum nicht?
    SIE Weil ich nichts Gewisses davon zu sagen weiss.
    ER Ich habe auch mancherlei davon gehört.
    SIE Wirklich? - Was denn?
    ER Man sagt, es sei in dem Schloss nicht recht geheuer.
    Margalisa sah sich besorgt um, trat ihm näher, legte ihre Hand auf seine
Schulter, blickte ihn gutmütig an und sagte:
    »Sagt nichts davon!«
    Aufmerksam gemacht auf etwas, woran er vorher nicht dachte, nahm Rinaldo
eine noch freundlichere Miene an, drückte Margalisen sanft die Hand und sagte in
eben dem Tone, in welchem sie bat:
    »Ich weiss - was ich weiss!«
    Verlegen blickte sie ihn an und fragte mit gezogener Stimme:
    »Was wisst Ihr denn?«
    Bedeutend fuhr Rinaldo mit der Hand sich übers Gesicht und sagte:
    »Ich weiss gar viel und mancherlei.«
    Margalisa zog ihre Hand von seiner Schulter, ergriff den Zipfel ihrer
Schürze, zog ihn gegen die Brust, schlug die Augen nieder und lispelte:
    »Ich habe nichts gesagt. Und« - setzte sie schnell hinzu, - »ich weiss auch
nichts zu sagen. Ihr wisst also auf jeden Fall mehr als ich weiss.«
    Rinaldo griff ihr unters Kinn, richtete ihr Gesicht auf und lächelte ihr zu:
    »Das glaube ich selbst!«
    Sie sah ihn an und fragte ganz naiv:
    »Wie gefällt Euch denn die Frau Gräfin Ventimiglia?«
    »Ich kenne sie gar nicht!«
    »Ach! Ich dachte gar!«
    »Ich habe sie nie gesehen.«
    »Und seid doch auf ihrem Schloss?«
    »Ich bin auf ihrem Schloss und kenne sie dennoch nicht.«
    Sie sah ihn an, unterdrückte sichtbar ein: Sonderbar! und fuhr fort:
    »Sie hat prächtige Kleider, glänzende Ringe und schönes Geschmeide. Man
steht nur so neben ihr, wie ein Krokusblümchen neben einer Aloe! - Vielleicht
kommt sie bald wieder, da Ihr jetzt hier seid, und da werdet ihr selbst sehen,
wie wir aussehen, wenn wir nebeneinander stehen.«
    Mit einem Knicks sprang sie zur Tür hinaus. Rinaldo rief ihr nach, sie war
aber schon die Treppe hinab, wie hinuntergeflogen. - Er ging ins Zimmer zurück
und warf nachdenkend sich auf ein Sofa. Endlich rief er laut aus: »Sie spielen
mit mir das alte Spiel!«
 
                                Dreizehntes Buch
 Deckt die Ruh wohl ihr Gefieder
 Über dich mit sanfter Huld?
 Nein! doch sucht sie friedlich wieder,
 Niemals die verhasste Schuld.
Es kamen Boten mit Briefen auf das Schloss, gesendet von dem Alten, der dennoch
nie schrieb, wo er sich aufhielt. - Rinaldo war in seiner Einsamkeit in einer
sehr peinlichen Lage.
    Der Kastellan schien ein sehr verschlossener Mann zu sein. Er betrug sich
gegen seinen Gast sehr zurückhaltend. Von Margalisen aber hoffte er, nach und
nach mehr zu erfahren. Deshalb tat er sehr artig gegen sie, was ihm gar nicht
schwerfiel, denn sie war wirklich ein hübsches Mädchen, das noch dazu in der
Einsamkeit des einsamen Schlosses doppelte Reize erhielt. Er beschenkte sie sehr
freigebig mit einer Halskette und einem Ringe. Diese Kostbarkeiten wurden ebenso
gern genommen als sie gegeben wurden. Rinaldo sah an der Aufmerksamkeit, mit der
er bedient wurde, dass die Dienstwilligkeit durch die goldene Kette stark an den
Geber gefesselt worden war.
    Er war einige Wochen auf dem Schloss, als er durch einen Boten einen Brief
an den Alten sandte, in welchem er ihn dringend bat, ihm Beschäftigung zu geben.
Auch ersuchte er ihn, Lodovico wieder zu ihm zu schicken.
    Margalisens Zutraulichkeit wurde nach und nach immer herzlicher, und sein
freundliches Entgegenkommen bestimmte das treuherzige Mädchen endlich sogar, in
dem freundlichen Herrn mehr als den bloss freundlichen Herrn zu sehen. Seine
Geschenke und die Einsamkeit taten auch das ihrige, und so kam es denn, dass der
Herr Ritter seine schönen Stunden ebenso gefällig als gern erhielt. Das gefiel
dem Mädchen und gefiel dem Herrn. So waren sie miteinander zufrieden.
    Einst, als sie, so ganz traulich wie er, recht liebevoll bei ihm sass, fragte
sie lächelnd ganz naiv:
    »Die Wievielte bin ich denn wohl, die Ihr schon liebgehabt habt?«
    Rinaldo, freilich ein wenig gewandter als das guterzige Schlossmädchen,
wusste die Antwort dieser Frage durch eine Gegenfrage klüglich zu vermeiden. -
Eine Metode, die wir (gelegentlich gesagt), als sehr heilsam jedem empfehlen
wollen, der in die Verlegenheit kommen sollte, einem artigen Mädchen eine
ähnliche Frage zu beantworten. - Er fragte also:
    »Der Wievielste von denen, die dich liebgehabt haben, bin ich denn wohl?«
    Darüber vergass das gute Kind ihre eigene Frage, wurde noch röter, als sie
wirklich schon war, schlug die Augen nieder und zupfte an ihrem Busentuche,
sanft den Mund bewegend, ohne zu sprechen.
    Durch diese Verlegenheit der Verlegenen - so machen's die Männer! - noch
kecker gemacht, verlor Rinaldo jeden Antwortspunkt aus dem Sinne und wiederholte
seine Frage sehr dreist, indem er Margalisens Gesicht dem seinigen
entgegendrehte.
    Sie wurde darüber fast empfindlich, unterdrückte aber dennoch ihren Unwillen
und sagte weinerlich:
    »Ihr seid der Dritte meiner Liebhaber, aber der einzige, der Küsse von mir
erhalten hat.«
    Sie schwieg, fuhr aber schnell auf und fragte fast erzürnt:
    »Glaubt Ihr das?«
    »Ich glaube dir es nicht allein«, - antwortete Rinaldo gelassen, - »sondern
ich bin sogar davon überzeugt.«
    »Das lässt Euch der Himmel reden!« - fiel sie rasch ein und schob etwas, das
sie mit der rechten Hand gefasst hatte, unter das Busentuch zurück.
    »Was ist das?« - fuhr Rinaldo fragend auf, rang scherzend mir ihr und zog
einen Dolch aus ihrem Busen.
    ER Das war es, was du gefasst hattest und wieder zurückschobst? O Margalisa!
    SIE Ich habe Euch gegeben, was ich keinem Manne wieder geben kann. Hättet
Ihr so frech sein und dieses Geschenk ableugnen wollen, so hätte ich Euch den
Mund auf ewig verschlossen, damit Ihr, undankbar, nie in der Welt wieder etwas
hättet ableugnen können. - Ich habe unbesonnen gehandelt, das muss ich mit
Schmerzen tragen, aber - verhöhnen lass ich mich nicht.
    Rinaldo sah, dass er es mit einem Mädchen zu tun hatte, deren
Entschlossenheit seiner Keckheit die Waage hielt. Er fand sich schnell in die
gehörige Rolle, warf seine Arme um ihren Nacken, küsste sie heftig und sagte:
»Margalisa! Jetzt liebe ich dich zweifach!«
    Sie schwieg. Einige grosse Tränen entstürzten ihren Augen. Endlich sagte sie
beinahe trotzig:
    »Dass ich nicht verdiene, unglücklich zu sein, weiss ich! Aber das weiss ich
auch, dass Ihr es mit mir sein werdet, wenn Ihr es vergessen wollt, dass Ihr es
seid, der mich unglücklich machen kann.«
    So hatte er noch kein Mädchen sprechen hören. Seine Liebchen hatten ihm wohl
nachgeweint, aber mit Dolchen war ihm noch keine nachgefolgt. Er fasste sich aber
schnell, küsste Margalisen zärtlich und sagte:
    »Sei ruhig, Margalisa! Ich werde nie vergessen, was ich dir schuldig bin, da
ich von dir geliebt werde.«
    Da tat es in dem verschlossenen Saale neben dem Zimmer, in welchem sie sich
befanden, einen starken Fall.
    »Was ist das?« - fragte Rinaldo.
    Margalisa sprang auf, schrie:
    »Das ist ja eben der Unglückssaal!« und verliess eilig das Zimmer.
Betroffen blieb Rinaldo zurück. Er lauschte und hörte nichts weiter. Er legte
sein Ohr an die Saaltür. Nichts bewegte sich in dem Saale.
    Er wandelte aus dem Schloss ein Stündchen im Freien umher, genoss das
prächtige Schauspiel der untergehenden Sonne, ein Schauspiel, welches immer
traurige Empfindungen in seiner Seele zurückliess, und ging langsam und
gedankenvoll den Berg hinauf, wieder ins Schloss zurück. - An der Zugbrücke sah
er noch einmal ins Tal zurück, das schon ganz im Schatten der Abenddämmerung
lag, und seufzte:
    »Es war eine Zeit, da trieb ich, wenn die Abenddämmerung auf die Täler sank,
meine Ziegen in die kleine Wohnung zurück, und damals war ich froh und heiter.
Jetzt blicke ich von stolzen Schlössern hinab ins Tal, und der Schleier der
Abenddämmerung umhüllt meine Seele mit Traurigkeit.«
    Er wankte ins Schloss, auf seine einsamen Zimmer zurück, fand den Tisch
gedeckt, und bald darauf trug Margalisa ihm das Abendbrot auf. - Er leerte eine
Flasche Wein und schellte nach einer zweiten. Margalisa brachte sie ihm.
    »Du musst mit mir trinken«, - sagte er. »Du musst bei mir bleiben. Es ist mir
zu einsam; ich bin verstimmt.« -
    SIE Das ist nicht gut! - Kann Margalisa Euch aufheitern?
    ER Du allein kannst es.
    SIE Wenn meine Arbeit getan ist, will ich wiederkommen. Aber Ihr müsst mir
etwas vorsingen. Ihr singt gar zu artig und könnt so schöne Lieder. Einige habe
ich Euch schon abgelernt: das Fischermädchen und den traurigen Rittersmann im
Felsentale.
    ER Komm bald wieder, liebes Mädchen! Ich will dir Romanzen und Lieder
singen, so viele du hören willst.
    SIE In einer Stunde bin ich wieder bei Euch.
    Sie hielt Wort, setzte sich, als sie wiederkam, mit ihrem Strickzeug auf ein
Sofa, indem Rinaldo, auf der Guitarre klimpernd, im Zimmer auf und ab ging.
    »Hat Euch etwa«, - fragte Margalisa ganz unbefangen, - »die Frau Gräfin
geschrieben? - Mein Bruder meinte, sie würde wohl bald hierherkommen.«
    »So? - Ich habe keine Briefe bekommen.«
    Eine Pause.
    »Ihr erwartet sie doch?« - fing Margalisa wieder an.
    »Ich weiss von keiner Erwartung!«
    »Nicht? - Wirklich nicht? Und Ihr seid hier?«
    »Das hat einen andern Grund als diese Erwartung.«
    »Das kann ich freilich nicht wissen.«
    Eine zweite, längere Pause. - Er unterbrach sie:
    »Gehören Dörfer zu dem Schloss der Gräfin?«
    »Zwei. - Das Dorf am Wäldchen und jenes rechts an dem grossen Teiche.«
    »Sind Klöster hier in der Nähe?«
    »Eine Stunde von hier liegt ein Nonnenkloster, vom Orden der heiligen Klara;
zwei Stunden weit ist ein Kapuzinerkloster. Weiter kenne ich keine Klöster in
der Nähe. - In dem Klarenkloster habe ich eine Schwester. Sie ist Pförtnerin.«
    »Du besuchst sie wohl zuweilen?«
    »Gewöhnlich des Jahrs dreimal, an den hohen Festen. - Es könnte mir in dem
Kloster gefallen. - Einem armen Mädchen bleibt ja auch gewöhnlich nichts weiter
als ein Kloster übrig, wenn sie keinen Mann bekommt.«
    »Den wirst du schon bekommen.«
    »Ei ja doch! - Ihr denkt wohl, die Männer sind bei uns auch nur so zu
haben!«
    Hier entstand die dritte Pause.
    Margalisa sagte endlich:
    »Was klimpert Ihr? Singt doch etwas. Ihr habt mir's ja versprochen.«
Margalisa ist das Liebchen,
Das mir nur allein gefällt. -
»Habt Ihr das Liedchen selbst gemacht?« - fiel Margalisa fragend ein.
    »Ich dichte es unterm Singen.«
    »Aha! - Wisst Ihr wohl, wie es in einem Liede heisst, das Ihr auch oft singt?
Da singt Ihr:
Nichts erdenken, nichts erdichten
Darf ein Mund, der Liebe schwört.
Vom Erdenken, vom Erdichten
Ward manch Liebchen schon betört.«
Er lachte, legte die Guitarre weg, umschlang, küsste Margalisen und sagte:
    »So will ich die Wahrheit reden. Ich liebe dich!«
    Sie seufzte: »Wie lange?«
    Es wurden Fusstritte gehört. - Margalisa sprang auf und setzte sich auf einen
Stuhl. Er ergriff die Guitarre und stimmte. - Der Kastellan trat ins Zimmer.
    »Ich wollte Euch fragen«, - sagte er, - »ob Ihr etwas an den alten Herrn
Nicanor zu bestellen habt?«
    Rinaldo schrieb an den Alten einen Brief, in welchem er die Bitten seines
letzten Briefes wiederholte.
    Margalisa, die indessen mit ihrem Bruder das Zimmer verlassen hatte, kam,
als Rinaldo schellte, wieder dahin zurück. Er gab ihr den Brief und bat sie,
wiederzukommen.
    »Mein Bruder«, - antwortete sie, - »geht diese Nacht selbst mit dem Boten zu
dem alten Herrn. Wenn er fort ist, will ich kommen.«
    Sie ging, und Rinaldo, dem ihre Gesellschaft jetzt beinahe unentbehrlich
geworden war, erwartete ihre Zurückkunft wirklich mit Ungeduld.
Gegen Mitternacht trat er ans Fenster und sah hinab ins Tal. Der Mond erhellte
die ganze Gegend. Er erblickte am Fusse des Berges einen stark bespannten Wagen
und einige Menschen hin und her gehen. Diese kamen bald den Berg herauf ins
Schloss. Als sie, aus demselben zurück, wieder hinabgingen, trugen sie kleine
Fässer, wie es schien, mit nicht geringer Anstrengung ihrer Kräfte. Sie kamen
noch einmal und gingen, ebenso beladen, wieder zurück. - Der Kastellan ging mit
ihnen und führte sein Pferd den Berg hinab, das er im Tale bestieg. - Die Fässer
wurden auf den Wagen gelegt, und der Zug ging im Tale rechts fort. Die Begleiter
des Wagens waren bewaffnet.
    Gleich darauf trat Margalisa ins Zimmer. Es kam sogleich zum Gespräch.
    »Was schaffte man in Fässern den Berg hinab?«
    »Ich weiss es nicht.«
    »Du bist nicht aufrichtig!«
    »Eben weil ich aufrichtig bin, sage ich, dass ich es nicht weiss. -
    Mein Bruder sagt uns nichts von seinen Geschäften. Solche Fässerchen werden
oft von hier fortgeschaft. Ich weiss nicht, woher sie kommen und was darin ist.
Sie sind sehr schwer. Ihr wisst, dass ich gewiss Stärke habe, aber ich kann das
kleinste Fässchen kaum von der Erde erheben. Ach! in unserm Schloss gibt's wohl
mancherlei sonderbare Dinge, von denen ich nichts weiss. - Mein Bruder ist gar
geheimnisvoll. Wir Weiber erfahren nichts von seinen Geheimnissen.«
    »Er hat also doch Geheimnisse?«
    »Das will ich meinen!«
    »Ich bin nicht neugierig, aber die Fässer beschäftigen mich doch.«
    »Mich haben sie schon längst beschäftigt. Besonders, da ich gar nicht weiss,
wo sie herkommen. Ich sehe sie nicht ins Schloss bringen, und dennoch sind sie da
und werden fortgeschaft.«
    Rinaldo warf sich aufs Kanapee. Margalisa setzte sich zu ihm und spielte mit
seinen Locken.
    SIE Ihr denkt nach? Ich habe auch schon nachgedacht - gar oft! -, aber das
hat mir alles nichts geholfen.
    ER Weisst du auch nichts von den Geheimnissen des Saals zu erzählen, den du
den Unglückssaal nennst?
    SIE Mein Bruder nennt ihn stets den Unglückssaal, sagt aber nie, warum, und
hält ihn fest verschlossen. Geheuer ist es nicht darin. Wer weiss, welcher Kobold
darin hauste!
    ER Du glaubst Gespenster?
    SIE Ei! Wer wird die nicht glauben! - In unsrem Lande gibt's, leider!
Gespenster und Hexen vollauf.
    ER Auch Hexen?
    SIE Ja! - Da will ich Euch einmal erzählen, was ein Franziskanermönch selbst
erfahren, gesehen und einem vornehmen Herrn entdeckt hat.
    ER Nun? Lass hören!
    SIE Ein feiner, artiger, junger Mann fiel einem paar Hexen in die Hände, die
ihm, während er schlief, das Herz aus dem Leibe nahmen. Das ist eine
Leckerspeise, welche sie gebraten essen. Eben wollten sie das Herz sich
wohlschmecken lassen. Er wurde seinen Verlust nicht gewahr, weil er, wie gesagt,
schlief. Als er aber aufwachte, fing er an, Schmerzen zu fühlen, und entdeckte
endlich, dass ihm sein Herz fehlte. - Der Franziskanermönch, der in eben der
Kammer lag, aber nicht schlief, hatte alles mitangesehen und wusste, was die
Unholdinnen getan, er konnte es aber nicht verhindern, weil ihn die Hexen
bezaubert hatten. Endlich, als nun der arme Mensch erwachte, löste sich die
ganze Bezauberung. Die Hexen salbten sich mit einem Öle und flogen davon. Der
Franziskaner aber nahm das Herz, das schon gebraten war, vom Roste und gab es
dem Jüngling zu essen; und der wurde denn mit Gottes Hilfe wieder gesund.
    ER Eine schreckliche Geschichte!
    SIE Jawohl!
    ER - - Wie lange wird dein Bruder von hier wegbleiben?
    SIE Zwei Tage.
    ER Könntest du mir nicht die Schlüssel zu dem Saale verschaffen?
    SIE Was mutet Ihr mir zu! - Ich müsste Euch gar nicht ein bisschen gut sein,
wenn ich Euch die Schlüssel verschaffen wollte.
    ER Wenn du mir gut bist und mich liebst, verschaffst du sie mir.
    SIE Nein! zu Euerm Unglück mag ich nichts beitragen.
    ER Geht dein Bruder in den Saal?
    SIE Ich glaube wohl!
    ER Und es geschieht ihm nichts? - Mir wird also auch nichts geschehen.
    SIE Nein! Ich gebe Euch die Schlüssel nicht! - Wenn Ihr unglücklich sein
solltet, ich wüsste nicht, was ich anfangen sollte. - Und, wenn ich Euch auch die
Schlüssel wirklich geben wollte, so weiss ich nicht, wo ich sie finden soll. Mein
Bruder wird sie gewiss verschlossen haben.
    Indem vernahmen sie ein Geräusch. Sie lauschten und hörten deutlich, dass es
- in dem Saale war. - Margalisa schmiegte sich zitternd an Rinaldo an. Dieser
winkte ihr, zu schweigen. Sie zitterte und schwieg.
    Er erhob sich langsam, stieg auf, schlich sich an die Saaltür und lauschte.
- Es blieb ruhig.
    Er ging zurück. Margalisa erklärte ängstlich, sie werde diese Nacht nicht
aus dem Zimmer gehen. - Rinaldo lächelte und verliess mit ihr das Zimmer. Sie
gingen durch das zweite ins dritte Zimmer. Hier wurde Margalisa ruhiger,
gleichsam als sei sie durch eine weitere Entfernung von dem Saale in grösserer
Sicherheit als in dessen Nähe. - Als sie ihn aber endlich verliess, musste sie
Rinaldo die Treppe hinab bis vor ihre Kammer im untersten Stock des Schlosses
begleiten.
Als er wieder in sein Zimmer zurückkam, fielen seine Blicke auf seine Schatulle.
Sogleich fiel ihm ein, dass er in derselben sehr gute Schliessinstrumente habe. -
Er öffnete die Schatulle, nahm die Werkzeuge ehemaliger Geschicklichkeit heraus
und entschloss sich rasch, die Geheimnisse des sogenannten Unglückssaals zu
untersuchen.
    Ebenso rasch ging er dabei zu Werke, nahm Gewehr zu sich und näherte sich
mit Wachskerzen dem Schloss der Saaltür.
    Die Vortrefflichkeit seiner Instrumente krönte sogleich die erste Probe. Die
Schlösser wurden geöffnet. Die Saaltür ging auf. - Im Saale war es still und
finster. Die Fenster verdeckten Gardinen, welche auch der feinste Strahl des
Mondes nicht durchbrach.
    Er trat in den Saal, der leer und ohne Möbel war. Eine doppelte Flügeltür
war rechts. Nur einfach verschlossen, öffnete sie sich dem erfahrenen Schliesser
bald. - Sie führte zu einer langen Galerie, die auf beiden Seiten mit Bildern
geziert und mit Wandleuchtern versehen war. Auf den Wandleuchtern steckten
Lichter, die, wie man deutlich sah, angezündet gewesen waren.
    »Also gibt es hier«, - sprach Rinaldo bei sich selbst, - »Menschen, denn
Geister bedürfen dieser Lichter nicht!«
    Mit festem Schritt und leisem Tritt ging er weiter und kam am Ende der
Galerie an eine gleichfalls verschlossene Tür. Er öffnete sie und trat in einen
kleinen Saal, dessen Wände auch mit Bildern und Leuchtern behängt waren. Eine
Tür, die nicht verschlossen war, führte in ein Zimmer. Dieses war möbliert und
zeigte Spuren, dass es von Menschen besucht wurde. - Nun ging er behutsam weiter
und kam aus dem Zimmer in einen schmalen, dunklen, gewölbten Gang.
    Hier blieb er stehen und überlegte, ob er jetzt weitergehen oder ob er seine
ferneren Untersuchungen bis morgen aufschieben wollte. Zögernd ging er nur
langsam nach und nach weiter. Er überlegte noch, als er auf etwas Nachgebendes
trat, worauf unter ihm laut eine Glocke ertönte und er langsam auf einer
Versenkung in die Tiefe hinabfuhr.
    Als er festen Fuss fasste, befand er sich in einem grossen, von einigen
schwebenden Lampen nur schwach erleuchteten Gewölbe und sah, dass die Maschine
der Versenkung langsam wieder hinaufging. - Nun war an kein Zurückgehen mehr zu
denken.
    Er stand, lauschte und hörte in der Entfernung ein Geräusch wie von einer
Pochmaschine und von Räderwerk, das durch Wasser getrieben wird.
    »Und sollte ich mich der rauschenden Arbeit der Danaiden, dem Rade Ixions
und allen Schrecken des wahren oder eines Orkus der Krata Repoa nähern«, sprach
er bei sich selbst, - »ich gehe weiter.«
    Er nahm die Lichter in die linke Hand, in die rechte eine gespannte Pistole
und ging weiter fort. - Je weiter er kam, desto stärker wurde das Geräusch.
    Eine Tür hemmte seine Schritte. Er öffnete sie entschlossen und trat in ein
zweites, stärker erleuchtetes und niedrigeres Gewölbe, in welches er kaum den
Fuss gesetzt hatte, als er eine Figur bemerkte, die bei seiner Erscheinung laut
auf: »Alarm!« schrie und davonlief.
    Nun blieb er stehen, sicherte sich den Rücken, setzte die Lichter neben sich
auf die Erde, stellte sich in bewaffnete Positur und erwartete, was geschehen
würde.
Ein dunkel gekleideter Mann mit weissem Haar und Barte trat herbei und donnerte
ihm entgegen:
    »Verwegener, wer bist du? Wie kommst du hierher? Was suchst du hier?«
    Gelassen antwortete Rinaldo: »Ich frage dich: Wer bist du? Nach deiner
Antwort wird die meine folgen.«
    Der Alte schwieg einige Augenblicke und fragte dann wieder: »Bist du allein
hier?«
    »Das wirst du erfahren«, war die Antwort.
    »Du bist mit allen den Deinigen, soviel deren auch mit dir hier und in jenem
Gewölbe verborgen sein mögen, in meiner Gewalt, und ihr werdet lebendig nie
diesen Ort wieder verlassen, wenn ich euch nicht freilassen will. - Also
antworte, Mensch! wer bist du?«
    »Ein Mensch, wie du gesagt hast. Oder glaubst du nicht, dass es einen
Menschen gibt, der ohne Furcht hierher kam?«
    »Viel gewagt!«
    »Noch nicht genug.«
    »Was mehr?«
    »Das sollst du erfahren!« - schrie Rinaldo, sprang auf ihn zu, packte ihn,
drängte ihn gegen die Wand und setzte ihm die Pistole auf die Brust.
    Der Alte zitterte und schwieg. - Rinaldo aber fragte wieder:
    »Wer bist du?«
    Der Alte gab keine Antwort. - Rinaldo schüttelte ihn und schrie ihm zu:
    »Beantworte meine Frage, oder ich schiesse dich nieder.«
    »Das kannst du tun«, - sagte der Alte, - »wenn du dein Leben selbst verloren
geben willst. Beantworte meine Fragen, und ich will die deinigen beantworten.
Ich sehe wohl, dass ich es mit einem kühnen, entschlossenen Manne zu tun habe,
aber dennoch werde ich dich nicht furchten.«
    »Gelogen!« - schrie Rinaldo. - »Du zitterst.«
    »Ich bin«, - fuhr der Alte fort, - »ein alter, schwacher Mann, und du bist
mir an körperlicher Stärke überlegen, aber es sind junge, kraftvolle Männer in
unserer Nähe, mit diesen musst du dich messen, wenn du im Kampfe Ehre erwerben
willst.«
    Rinaldo liess ihn fahren und wollte eben sprechen, als er drei starke Männer
mit blanken Säbeln auf sich zukommen sah.
    »Greift« - schrie der Alte, als er sie erblickte und sich frei sah, -
»diesen Unbesonnenen!«
    Zu Rinaldo sagte er: »Wenn du dich zur Wehr setzest, so lass ich dich
niederhauen.«
    »Wenn du das bei der Gräfin Ventimiglia verantworten kannst, deren Bruder
ich bin«, - antwortete Rinaldo, - »so kannst du mich niederhauen lassen; ich
aber werde mich wehren, solange ich noch ein Glied bewegen kann. Wenn sich mir
einer naht, so schiess ich dich zuerst nieder.«
    »Haltet an!« - schrie einer von den Dreien, - »diese Stimme ist mir sehr
bekannt. Diese Gestalt, dieses Gesicht. - Ich will des Teufels sein! wenn du
nicht mein vom Tode erstandener, geretteter Hauptmann, wenn du nicht Rinaldini
bist.«
    »Ich bin es. - Du bist Nero. - Ich bin dein Hauptmann und befehle dir und
deinen Kameraden, die Waffen niederzulegen.«
    »Lustig, ihr feinen Gesellen!« - schrie Nero. - »Hört meines Hauptmanns
Befehl, habt Respekt und streckt die Waffen. Hier steht der grosse Rinaldini und
spricht mit euch.«
    »Schweig!« - donnerte der Alte.
    »Was da! - Was wollt Ihr? - Ich trete auf meines Hauptmanns Seite, ich
fechte und sterbe mit ihm. Aber kommt uns einmal zu nahe, wenn ihr erfahren
wollt, wie es zugeht, wenn man sich an den grossen Rinaldini wagt!«
    »Lass sie nur kommen, - Nero!« sagte Rinaldo, - »wir wollen sie schon
empfangen. Meine Leute im Schloss werden mich suchen. Wir werden bald Succurs
erhalten.«
    »Schliesst die Falltüren!« - schrie der Alte.
    »Unnütze Vorsicht!« - fiel Rinaldo ein; - »Meinen Leuten sind keine
Schlösser zu fest.«
    »Das wollen wir erwarten«, sagte der Alte.
    Da stürzten einige Männer aus jenem Gewölbe, durch welches Rinaldo gekommen
war, herbei und schrien:
    »Alarm! Alarm! Das Schloss ist überrumpelt, Soldaten haben es besetzt. Wir
sind verraten und verloren!«
    »Rettet euch!« - keuchte erschrocken der Alte und lief hinter jenen drein.
    Nero nahm Rinaldo bei der Hand und schrie ihm zu:
    »Nur mir nach! - Uns sollen sie nichts tun. Wir haben Schlupfwinkel. - Nur
mir nach!«
In den unterirdischen Winkeln war die Verwirrung allgemein. Man schrie, lärmte
und fluchte; auch glaubte Rinaldo Weiberstimmen und Kindergeschrei zu hören. -
Ohne sich das, was um ihn herum vorging, erklären zu können, folgte er seinem
Führer getrost nach.
    Es ging durch einige Keller, durch eine Spelunke aufwärts, und als sie hier
waren, lispelte ihm Nero zu:
    »Diesen Weg kenne nur ich allein. Der Zufall hat ihn mir entdeckt, und ich
habe diese Entdeckung für mich behalten, weil ich schon längst dachte, dass die
Wirtschaft hier einmal ein Ende mit Schrecken nehmen würde. - Nun aber müsst Ihr
auf allen vieren kriechen!«
    So krochen sie durch die Mündung einer fürchterlichen Felsenhöhle, deren
Ausgang in äusserst rauhe Berggegenden führte. Sie wälzten ein Felsenstück vor
die Schlucht und wanden sich in eine andere, mit Gesträuch bedeckte Felsenhöhle.
Nero küsste seinem Hauptmann die Hände und fing an zu erzählen:
    »Mord und alle Wetter! Wie freue ich mich, dich endlich wiederzusehen,
Hauptmann! Dass du wieder hergestellt und ins Leben zurückgebracht worden warst,
wusste ich schon, aber es hiess, - ich weiss nicht, wer das einfältige Gerücht
verbreitet hatte! -, du seist in ein Kloster gegangen. Das konnte und wollte ich
nicht glauben. Da ich aber gar nichts wieder von dir hörte und sah, dachte ich
zuletzt: Es kann ja doch wohl möglich sein, dass er den Säbel endlich gegen ein
Paternoster vertauscht hat, um sich und uns alle mit dem Himmel wieder
auszusöhnen. - Ich griff zum alten Handwerk, aber es warf nicht viel ab. Endlich
kam ich wieder zu unsrem Cintio. Da ging es etwas besser. Wir machten ganz
artige Geschäfte und führten oft tolle Streiche aus. Du weisst ja, wie das
zugeht!«
    »Aber«, - fragte Rinaldo einfallend, - »wie kamst du denn in das Schloss der
Gräfin Ventimiglia?«
    »Höre nur! - Wir lagen eben bei Sarsona, als mich Cintio mit einem Briefe
nach Marsala sandte. Der Brief war adressiert: An den Herrn Florio, berühmten
Kaufmann aus Korfu, dermalen zu Marsala. Ich traf die beschriebene Wohnung,
übergab den Brief, und siehe da! der berühmte Kaufmann Florio aus Korfu war -
unser lieber alter Herr Frontejaner.«
    »Dieser?«
    »Der nannte sich damals Florio. Bei ihm war auch unsre wohlbekannte Signora
Olimpia -«
    »Olimpia?«
    »Sie selbst; zwar ein wenig älter, aber immer noch so angenehm wie sonst.
Diese hatte, wie ich erfuhr, einem alten, verliebten Narren das Seil über sein
erhabenes Ypsilon geworfen und hatte ihm die Hand gegeben -«
    »Olimpia, verheiratet?«
    »- und war dadurch Gräfin Ventimiglia geworden.«
    »Was sagst du? - Olimpia? - Sie? Olimpia die Gräfin Ventimiglia?«
    »Ja, ja! Sie selbst. - Der alte Herr, ihr Gemahl, war in ihrem Besitze recht
glücklich. Kein Gedanke an einen korsischen Kapitän, an einem Räuberhauptmann,
an einen Stattalter zu Nisetto, an alle guten Freunde des Alten von Fronteja,
an - wer weiss, woran noch, vor und nachher! - verbitterte ihm sein Glück. Er
leerte den Becher den Olimpia ihm fühlte, con amore, und lag senza dolore
entzückt in ihren Armen, so oft ihm das erlaubt war. Kurz, er war glücklich.«
    »Wohl ihm!«
    »Wie ging dir's zu Marsala?«
    »Das sage ich auch. Die Einbildung und der Glaube sind die beiden
herrlichsten Himmelsgeschenke für uns arme, miserable Kreaturen! - Denn was
haben wir sonst noch, das so erfreulich wär' wie sie?«
    » Wie ging dir's zu Marsala?«
    »Im Hause der Gräfin lebte ich herrlich und in Freuden und sehr mich gar
nicht wieder aus demselben. - Endlich reiste die Frau Gräfin mit dem Herrn
Florio auf ihr Schloss, wo wir vorher eben auch waren. Sie nahmen mich mit,
erteilten mir viele Lobsprüche und komplimentierten mich endlich ganz human, mit
vielen Versprechungen, in den Keller, in welchem Ihr mich gefunden habt.«
    »Und in diesem Keller?« -
    »Da trieben wir's stark.«
    »Was?«
    »Wir münzten Geld.«
    »Falsche Münzer wart ihr?«
    »Wenigstens waren unsere Münzen nicht so gut, wie sie sein sollten, ob sie
gleich sehr schwer als falsch zu erkennen waren, denn wir hatten es, im
Anschein, weit gebracht. - Wir haben rechtschaffen darauf losgearbeitet, das muss
ich sagen! Die ganze Insel muss von unsern Gold- und Silbermünzen angefüllt sein,
wenn das Geld nicht weitergegangen ist. Wappen und Bild Sr. Maj. des Königs
beider Sizilien, wie auch Sr. Heiligkeit, wurden respektiert. Alle unsere Münzen
tragen nur republikanische Wappen und Stempel und sind den Teufel nicht wert.
Die Respublica Veneta, mitsamt ihren unnatürlichen Löwen, die liebe Libertas von
Luca und Ragusa, das Genuesische Kreuz und Elend, sogar liebe bisschen St.
Marinosche Potestà, - alle diese freien Herrlichkeiten wurden mit unendlich viel
Freiheit unsern Münzen aufgedrückt. Sie erhielten dadurch Freiheit, hinzugehen,
wohin sie wollten, und zu bleiben, wo man sie behalten mochte. - Wir haben eine
schöne Anzahl Geldfässerchen abgeschickt. Toronero, der Kastellan des Schlosses,
nahm sie gewöhnlich in Empfang und spedierte sie weiter.«
    Jetzt konnte Rinaldo sich jene Nachtszene erklären, die er, von den
Schlossfenstern aus, sah, worüber ihm Margalisa keine Auskunft geben konnte. -
Nero fuhr fort:
    »Diese Nacht erst ist ein solcher Transport wieder abgegangen.«
    »Ich sah ihn abgehen, konnte aber nicht erraten, was in den Fässern stak.«
    Die Versendung muss aber unrecht angekommen oder gar von ungebetenen Gästen
in Empfang genommen worden sein. - Jetzt sitzen sicher einige Dutzend Köpfe
weniger fest zuvor.
    »Und wie wird es unsrer lieben Gräfin gehen?«
    Rinaldo sah schweigend vor sich hin, suchte das ganze Negoz zu überschauen
und verlor sich darüber endlich so sehr in seinen Gedanken, dass Nero ihn
gleichsam aus einem Traume weckte, als er ihm zurief:
    »Wollen wir hierbleiben, oder wollen wir weitergehen?«
Sie stiegen hinab und erreichten das Tal. - Hier kroch aus dem Gebüsche ihnen
ein Vermummter entgegen, der ihnen zuwinkte näherzukommen. Sie folgten ihm in
eine Höhle, wo er seinen Mantel abwarf. Lodovico stand vor ihnen.
    NERO Lodovico?
    RINALDO Du hier?
    LODOVICO Du hier?
    LODOVICO Erwünscht! - Ich kam aber vorhin zu einer verdammten Szene!
    NERO Auf dem Schloss?
    LODOVICO Dahin war ich noch nicht. - Die Gräfin und der alte Herr schickten
mich ab, Euch, mein wertester Hauptmann, ihre Ankunft auf morgen oder übermorgen
zu melden. Ich eilte, Euch wiederzusehen, und kam eben dazu, als die Soldaten
einen Transport Geld anhielten. Ich hörte, es sei falsche Münze und sie komme
aus dem Schloss. Zugleich hiess es geradezu, Rinaldini sei auf dem Schloss. -
Ich machte mich davon, bebte für Euer Leben und bin so glücklich, Euch noch
frisch und gesund zu sehen!
    Rinaldo empfing von ihm ein Päckchen. Es entielt Kostbarkeiten, Geld und
Wechsel. Olimpia und der Alte schrieben von herrlichen Aussichten und freuten
sich, ihm dieselben bald mündlich mitteilen zu können. - Er las, überdachte
seine Lage und entschloss sich kurz.
    Lodovico und Nero wurden von ihm abgeschickt zu erforschen, wie es um den
Alten und seine Freundin stehe. In Mascoli wollten sie sich wiederfinden, wie er
ihnen sagte.
    In Treno trennten sie sich. Rinaldo steckte sich in Pilgerkleider und ging
als ein gebrechlicher Waller, hinkend und verstellt, auf Taormino zu. - Hier lag
eben ein sardinisches Fahrzeug segelfertig im Hafen, welches er bestieg, indem
er das Gelübde einer Wallfahrt zum Gnadenbilde zu Saorsa auf Sardegna
herwinselte. - Der Kapitän lobte seinen frommen Entschluss und nahm ihn willig
auf. - Die Anker wurden gelichtet; die Felucke stach in die See und erreichte
glücklich das Ziel ihrer Fahrt.
Rinaldo warf seine Pilgerkutte ab und eilte nach dem ihm wohlbekannten Cagliari.
Hier mietete er sich eine angenehme Wohnung und setzte seine Garderobe in
glänzenden Zustand.
    Er besuchte die Kirchen, Promenaden und öffentlichen Häuser, fand
allentalben fremde Gesichter und wenig Unterhaltung.
    Einst schlich er, wie gewöhnlich, um die Gartenhäuser der Stadt herum; es
wurde Abend, und er wollte wieder in seine Wohnung zurückgehen, als er an einem
Garten vorbeikam, dessen Tür offenstand und in welchem er auf einer Guitarre
spielen und dazu singen hörte. So etwas war, wie wir wissen, seine schwache
Seite. - Er trat in die Tür, ging nach und nach weiter und kam in den Garten. -
Eben verstummten Musik und Gesang. Bald darauf schlüpfte eine weibliche Figur
aus einer Laube, die Allee hinauf, in ein Gartenhaus.
    Rinaldo wollte jetzt eben den Garten wieder verlassen, als er bei einem
Blumenbeete ein Gärtnermädchen gewahr wurde. Er sprach ihr zu und fragte, ob sie
Blumen verkaufe.
    »O ja!« - sagte das Mädchen, - »ich verdiene gern etwas. Ihr sollt gleich
bedient werden!«
    Sie sammelte einen schönen Blumenstrauss, den er ihr gut bezahlte. Sich
bedankend, da sie sah, dass der freigebige Blumenkäufer zu gehen zauderte, fragte
sie:
    »Wollt Ihr noch etwas?«
    ER Ich wollte nur noch etwas fragen.
    SIE Nun, so sagt! - Wer fragt, sagt mein Vater, wird berichtet.
    ER Ich sah vorhin eine Dame aus jener Laube ins Haus gehen; gehört ihr etwa
dieser Garten?
    SIE So ist es.
    ER Wer ist sie?
    SIE Es ist die Signora Fiametta.
    ER Ist sie verheiratet?
    SIE Nein.
    ER Ist sie schön?
    SIE Das will ich meinen!
    ER Unabhängig?
    SIE Wie versteht Ihr das?
    ER Hat sie Eltern, Geschwister?
    SIE Das weiss ich nicht.
    ER Bekannte?
    SIE O ja!
    ER Liebhaber?
    SIE Das weiss ich wieder nicht. Aber sie ist ja hübsch. - Und wenn sie auch
welche hat, wird sie mir's doch nicht sagen. So etwas behält man für sich. - Ich
bin, muss ich Euch sagen, nur die Tochter ihres Gärtners, aber nicht ihre
Vertraute. - Gott befohlen!
    Rinaldo wollte auch ihr nachgehen, als ein alter Mann mit finstern Blicken
in den Garten trat. Er empfing seinen Gruss ziemlich kalt, sah ihn mit einem
durchdringenden Blick an und ging an ihm vorbei, nach dem Gartenhause zu. - Auf
halbem Wege kehrte er sich um und fragte:
    »Sucht der Herr etwas hier?«
    »Was ich suchte«, - antwortete Rinaldo, - »habe ich schon gefunden«, und
zeigte ihm seinen Blumenstrauss.
    Der Alte schien noch etwas fragen zu wollen, unterdrückte aber sichtbar die
Frage. Rinaldo ging langsam nach der Gartentür zu. - Eine Sänfte, von zwei
Mohren getragen, ward vor der Tür niedergesetzt, geöffnet, und eine Dame kam
heraus. Sie schlug ihren Schleier zurück. Rinaldo blickte in ein Paar Augen, die
- ja! wer kann solche Augen beschreiben?
    Getroffen wie von einem elektrischen Strahl, der ihm durch alle Nerven
zuckte, trat er einige Schritte zurück, riss den Hut vom Kopfe und machte eine
Verbeugung, die eigentlich gar keine Verbeugung war. Die Dame lächelte, neigte
grüssend ihren Fächer gegen ihn und flog mehr als sie ging die Allee hinauf. Im
fliegenden Gange rauschte ihr weissseidenes Gewand hoch auf, und sie verlor eine
Busenschleife. Rinaldo hob sie auf, eilte ihr nach, blieb stehen, steckte die
Schleife zu sich und verliess den Garten.
Im Freien besah er, was er gefunden hatte, genauer. Es war eine hellblaue
Bandschleife, aus der aber, als er sie genauer besehen wollte, ein kleines,
zusammengerolltes, beschriebenes Papier fiel.
    Er bedachte sich ein wenig und zauderte, das Papier zu entfalten: »Was hast
du«, - sprach er, - »mit den Geheimnissen einer Dame zu tun, die du nicht
kennst? - Sind es aber auch Geheimnisse, die dieses Papier entält? - Was geht
das dich an? Du gibst ihr das Papier ungelesen zurück. - Du kennst sie aber
nicht. Wirst du sie ertragen und finden können? Und wenn das auch geschehen
kann, wird sie dir glauben, wenn du sagst, du hast nicht gelesen, was in deiner
Gewalt war? - Sie wird dich noch dazu auslachen, wenn sie es glaubt.«
    Als er das sagte, entfaltete er schnell das Papier und fand - eine
Sicherheitskarte, wie er sie als Räuberhauptmann Reisenden gab, die von seinen
Leuten nicht ausgeplündert werden sollten. Noch betrachtete er den
bedeutungsvollen, sonderbaren Passport, ausgestellt von einem Räuberhauptmann,
als an seine Tür geklopft wurde. Er steckte die Karte zu sich und öffnete die
Tür.
 
                                  Vierter Teil
 Dolum ad virtutem addere oportet.
                                                                         FLORUS.
 
                                Vierzehntes Buch
 Was vergangen ist, vergangen
 Bleibe es. Die Gegenwart
 Schenket Wünsche und Verlangen,
 Wenn man auf die Zukunft harrt.
Ein Mädchen trat ins Zimmer. Es war Lusette, die Tochter seiner Hauswirtin,
einer Krämerin. Sie trug eine Schüssel, belegt mit Zitronen und süssduftenden
Limonen, die, von einem so hübschen Mädchen getragen, die angenehmsten
Nebenbegriffe von schönen, schwellenden Limonien, neben reizende Wirklichkeiten
stellten. Blumen lagen über den goldenen Früchten.
    »Meine Mutter schickt Euch diese Blumen und Früchte und lässt Euch bitten,
sie ebenso gern anzunehmen, als sie dieselben gibt«; - sagte Lusette, indem sie
sich verneigte und ihm die Schüssel überreichte.
    Rinaldo nahm und dankte.
    »Was uns« - sagte er, - »ein hübsches, freundliches Mädchen gibt, hat einen
sehr angenehmen Wert!«
    Lusette neigte sich errötend und verliess schnell das Zimmer.
    Rinaldo war mit der Dame beschäftigt, die die Busenschleife verloren hatte.
- Von ihr träumte und mit ihr erwachte er. - Er ging, eine Messe zu hören, dem
Dome zu. - Hier lag betend die unbekannte Dame. Mit hochklopfendem Herzen warf
er sich hinter ihr nieder.
    Als sie den Betschemel verliess, sprang er auf, nahte sich ihr, reichte mit
zitternder Hand ihr das Weihwasser und stammelte: »Ich überreiche Euch, schöne
Signora! eine Schleife, die Ihr gestern verloren habt, als ich so glücklich war,
Euch im Garten der Signora Fiametta zu sehen.«
    Lächelnd nahm sie die Schleife und fragte:
    »Als Ihr, - wie sagt Ihr? - so glücklich wart?«
    »Ja! ich war es, und wurde es wieder -«lispelte er.
    Sie schlug die Augen nieder und ging langsam zur Kirchtür.
    Hier blieb sie stehen und sah ihn freundlich an, indem sie fragte:
    »Ihr seid ein Fremder?«
    Eine Verbeugung bejahte ihre Frage. Sie fuhr fort:
    »Auch ich bin eine Fremde.«
    »Mein Herz hegt klopfend einen Wunsch, der -« stammelte Rinaldo.
    »Was Herzen wünschen, hoffen sie auch gewöhnlich.«
    »Dürfen sie?«
    »Wer kann es wehren?«
    »Die Erfüllung ihrer Wünsche, die nur umsonst gewünscht wurde.«
    Schweigend sah sie vor sich nieder, schlug den Schleier über ihr Gesicht und
ging langsam der Sänfte zu, in welcher ihre Mohren sie in ein Haus trugen, das
dem Dome gegenüber stand.
    Rinaldo ging unter dem Säulengange auf und ab, blickte nach dem Hause,
überlegte, beschloss - und ging endlich, nach langem Deliberieren, auf das Haus
zu. - Hier blieb er stehen. - Die Tür ging auf. Er ging ins Haus. Er fragte nach
der Dame, ward gemeldet und vorgelassen.
    Fächer und Handschuhe in der Hand trat ihm Fortunata, - so hiess die
Unbekannte - entgegen. Sprachlos blieb er ihr gegenüber stehen. - Endlich kam es
aber doch zu Worten. Er stammelte ein Kompliment heraus, sprach von glücklichen
Augenblicken, von der Schleife, von Verlegenheit, und schloss mit einem Seufzer.
    Fortunata spielte mit dem Fächer und sagte:
    »Hier sind wir beide fremd. Dies gibt uns ein Recht zu Hoffnungen, uns näher
kennenzulernen, wenn wir - einander nicht etwa fremd bleiben wollen.«
    »Wollt Ihr das?« - fragte er, indem er ihre Hand ergriff und sie küsste. Nach
dem Kusse zog sie die Hand zurück und fragte:
    »Wie nenne ich Euch?«
    »Ich bin der Ritter de la Cintra.«
    »Welch ein Stern leitete Euch nach Sardinien in das traurige Cagliari?«
    »Ich bin - weil ich« -
    »So, halb auf der Flucht, erzählt man einander keine Lebensgeschichte. Ich
bin eben im Begriff, meinen Bankier zu besuchen. - Wir müssen schon ein andermal
von unsern Reiseabenteuern miteinander sprechen. Doch, da es mich, - noch weiss
ich nicht warum! - so sehr interessiert, den Finder einer verlorenen
Busenschleife, die mich auch interessiert, näher kennenzulernen, so wollen wir
es nicht lange anstehen lassen, uns wiederzusehen.«
    »Ihr macht mich glücklich!«
    »Glücklich? - Wie viel gehört dazu, einen Mann glücklich zu machen! Genug,
wenn Ihr zufrieden seid! - Oder meint Ihr, dass es mit uns Weibern wie mit den
Königen sei? Indem sie glücklich machen, wissen sie selbst nichts davon und sind
wohl gar dabei noch sehr unzufrieden.«
    »O! dies Los müsse Euch und mir nicht fallen! - - Wenn sich zwei Wanderer
von ungefähr, einander fremd, auf einem Wege treffen, freuen sie sich dieses
Zusammentreffens und wandern miteinander.«
    »Und diese Wanderer sind wir?«
    »Wenn Ihr es wollt!«
    »Treffen wir uns auch wirklich auf einem Wege? - Dies wär' zu untersuchen.«
    »Und diese Untersuchung?«
    »Wir wollen sie nicht aufschieben. Erklärungen bei einer kleinen, frugalen
Abendtafel -«
    »Diesen Abend?«
    »Schon? - Doch gut! Es sei! - Diesen Abend also, sehen wir uns wieder!« »Wir
sehen uns! und ich bin glücklich!«
Es war noch lange bis zur Abendzeit. - Wie waren bis dahin die Stunden
auszufüllen? - Ein Spaziergang, wie gewöhnlich, und Rinaldo kam in Fiamettens
Garten.
    Er ging die Hauptallee hinauf, schlug einen Nebenweg ein und kam an einen
Pavillon. Hier blieb er stehen. - Die Tür war halb geöffnet. Er nahte sich der
Öffnung und sah ein interessantes Mädchengesicht. Das Mädchen selbst sass auf
einem Sofa, windend einen Blumenkranz. Sie sah ihn, lächelte ganz unbefangen und
rief ihm zu:
    »Nur herein!«
    Verlegen fasste Rinaldo die Tür an und getraute sich kaum, sie ganz zu
öffnen, als von drinnen heraus ihm abermals ein freundliches:
    »Nur herein!«
entgegenschallte. Dies gab ihm Mut. Er trat in den Pavillon.
    »Ich glaube Euch« - sagte das artige Mädchen, - »schon in meinem Garten
bemerkt zu haben?«
    »In der Tat!« - stammelte Rinaldo, - »ich war gestern hier. Aber dass ich das
Glück haben sollte, von so schönen Augen bemerkt zu werden, das konnte ich in
der Tat nicht hoffen.«
    SIE Und warum nicht? Habt Ihr meinen schönen Augen ein Kompliment gemacht,
so lasst mich Eurer interessanten Figur eins machen. Ein Mann wie Ihr wird immer
bemerkt werden. Und ich wette darauf, ich bin nicht die erste in der Welt, die
Euch bemerkt. - Ihr seid also hier fremd?
    ER So ist es!
    SIE Auch ich bin es. Erst seit 10 Wochen lebe ich hier. Ich hoffe aber hier
einheimisch zu werden. Deshalb habe ich mir diesen Garten gekauft. Gefällt er
Euch?
    ER Der Garten ist schön! doch seine Besitzerin -
    SIE Ist noch weit schöner? - Natürlich! -
    Hier entstand eine Pause. - Rinaldo verlor die schöne Kranzwinderin nicht
aus den Augen, diese aber arbeitete, ohne aufzublicken, emsig fort. Er sah ihr
lange stillschweigend zu und wollte endlich eben sprechen, als ein Mädchen
eintrat und Fiametten ein Briefchen brachte. Sie las es, lachte, schrieb ein
paar Worte mit Bleistift dazu, faltete das Papier und gab es zurück. Das Mädchen
verliess den Pavillon. Fiametta, die eben ihre Kranzarbeit beendet hatte, legte
den Kranz aufs Sofa und stand auf. Indem sie aufstand, fiel ihr ein Portrait,
das an einem grünen Bande ihr um den Hals hing, aus dem Busen auf die Brust
herab. Sie bemerkte es und schob das Portrait in den Busen zurück.
    »Das war ein böser Mann!« - sagte sie; »sein Bild gehört nicht vor
jedermanns Augen.«
    Rinaldo stand ohne Sprache ihr gegenüber. Fiametta drehte sich unbefangen,
als sei sie ganz allein, im Zimmer herum, sang dazu und ergriff endlich eine
Guitarre. Sie setzte sich, präludierte ein wenig, spielte und sang.
                                    Romanze.
»An der lauten Meeresküste,
In dem Tal, im Feld und Wald,
In der öden Berge Wüste,
Such ich deinen Aufentalt.
Rinaldini! Dich zu finden,
Eil' ich ängstlich durch die Flur,
Und um mich Bedrängte schwinden,
Alle Reize der Natur.«
Seufzte Rosa, die Betrübte,
Die ihn im Gefecht verlor,
Ängstlich weinte die Geliebte,
Die Rinaldo sich erkor.
Sieh, da glänzt' im Mondenschimmer
Hell ein aufgespanntes Rohr.
Rosa sah des Rohrs Geflimmer,
Das in Büschen sich verlor.
»Ach! dahin! ich werd' ihn finden,
Sagt des Herzens Ahnung mir;
Und wenn alle Sterne schwinden,
Zeigt die Liebe Pfade mir.
Saht ihr nicht, ihr hellen Sterne,
Saht ihr nicht den kühnen Mann,
Den ich suche nah und ferne,
Ach! und ihn nicht finden kann?
Husch! und horch! es rauscht dort drüben,
Ha, es pfeift! das ist sein Ton!
Ja! ich find ihn, meinen Lieben,
Seine Stimme hör' ich schon.«
»Halt! Wer da? Gib dich gefangen!« -
»Längst gefangen hast du mich.
Dich, Rinaldo, mein Verlangen,
Sucht' ich hier, und finde dich!«
»Sie hat ihn gefunden!« - sagte Fiametta.
    »Wie wir uns gefunden haben!« - fiel Rinaldo schnell ein und ergriff ihre
Hand.
    »Nicht ganz so!« - lächelte Fiametta, indem sie ihre Hand sanft zurückzog. -
»Ich bin kein Zigeunermädchen, und Ihr seid kein Räuberhauptmann; ich kann nicht
wahrsagen, und Ihr werdet mich schwerlich ausplündern.«
    Sie schien weitersprechen zu wollen, als ein Offizier in den Pavillon trat.
Er grüsste Rinaldo gleichgültig, legte Hut und Degen auf einen Tisch und setzte
sich ganz unbefangen zu Fiametten aufs Sofa. Leichtin, als ob er mit ihr ganz
allein im Zimmer sei, fragte er: »Ist nichts vorgefallen?«
    »Nichts von Bedeutung«, - antwortete Fiametta ebenso unbefangen.
    Der Offizier fragte, indem er ihn fixierte:
    »Wer ist der Herr?«
    »Ein Fremder«, - war die Antwort.
    »Wollt Ihr Euch nicht niederlassen?« - fragte der Offizier, aber in einem
Tone, in welchem man weit eher fragen könnte: Wollt Ihr bald gehen?
    Das wollte Rinaldo auch wirklich tun, als der Mann mit dem finsteren Blick,
der ihm schon gestern im Garten begegnete, in den Pavillon trat.
    Er grüsste gar nicht, behielt den Hut auf dem Kopf und setzte sich auf einen
Stuhl ihm gegenüber. Indem er ihn bedeutungsvoll ansah, sagte er:
    »Ich habe Euch gestern schon mit Verwunderung und Bedauern betrachtet. Ihr
habt ein unglückliches Gesicht!«
    Rinaldo erschrak, Fiametta lachte laut auf, der Offizier lächelte und der
Physiognomist nahm Tabak.
    »Was hat Euch mein Gesicht getan?« - fragte Rinaldo verlegen.
    »Das nicht, was es Euch tut«, - sagte der Alte.
    »Es ist einmal die Art dieses alten Herrn«, - sagte Fiametta -, »jedem
Menschen etwas Unangenehmes zu sagen. - Er ist zwar kein Engländer, aber er hat
dennoch den Spleen. Die Engländer haben die Korsen angesteckt.«
    »Seid Ihr ein Korse?« - fragte Rinaldo schnell.
    »Ich bin einer«, - sagte der grämliche Alte. - »Das kann Euch aber nichts
verschlagen.«
    Fiametta sprang schnell auf, ergriff Rinaldos Hand und sagte:
    »Empfehlt Euch diesen Herren! Wir haben von andern Dingen, als von Korsika,
miteinander zu sprechen.«
    Damit zog sie ihn aus dem Pavillon in den Garten, um das Bosquet herum, nach
einer Laube zu, und in dieser sass Fortunata, in einem Buche lesend.
    Er war Impertinenzen entrissen worden und stand einem schönen Weibe
gegenüber, die er in einigen Stunden in ihrer Wohnung sprechen sollte, und die
er jetzt ganz unvermutet auf einem Platze fand, der vielleicht ein Erklärungsort
über verschiedene Sachen zwischen ihm und einem artigen Mädchen geworden wär',
hätte nicht eine andere Schöne denselben schon eingenommen gehabt. Das alles
kam, wenigstens ihm, ebenso sonderbar als unerwartet und schnell. Er konnte
nicht ohne Verlegenheit sein.
    Fiametta flog auf die schöne Fortunata zu, umarmte und küsste sie, während
Rinaldo ein wenig Luft und Zeit sich zu sammeln bekam. - Aber er durfte nicht
bei sich bleiben. Fiametta drehte sich rasch herum, nahm ihn beim Arme, schob
ihn auf ihre Freundin zu, lachte laut auf, sagte:
    »Da habt ihr euch!«
damit flog sie lachend zur Laube hinaus.
Rinaldo trat betroffen zurück, wollte sprechen und konnte nicht. Fortunata sah
auf die Erde und spielte mit ihrer Busenschleife. Er glaubte zu bemerken, dass es
eben die Busenschleife war, die er gefunden und ihr diesen Morgen überreicht
hatte. - Nach einer langen Pause kam es endlich zum Gespräch.
    ER In der Tat! diese Szene -
    SIE Sie ist sonderbar genug!
    ER Meine Verlegenheit -
    SIE Und die meinige dazu! - - Fiametta ist ein mutwilliges Geschöpf! -
    ER Ich soll diesen Abend so glücklich sein, Euch in Eurer Wohnung zu
sprechen, und nun kommt der Zufall meinem Glücke zuvor!
    SIE Das hat so sein sollen!
    Er wollte weitersprechen, aber Fiametta trat wieder in die Laube.
    »Ich wünschte«, - sagte sie, - »dich, liebe Freundin, und diesen verlegenen
Herrn diesen Abend bei mir bewirten zu können, aber es lässt sich nicht tun. Der
grämliche Korse hat eine Gesellschaft hierher zusammengebeten.« -
    »Hierher?« - fragte Fortunata schnell.
    »Ei freilich!« - fuhr Fiametta fort, - »und ich muss, ich mag wollen oder
nicht, die Rolle der Wirtin übernehmen. Du weisst ja, wie das ist! - Es sind
schon einige Gäste angekommen.« -
    Schnell stieg Fortunata auf, sagte Fiametten etwas ins Ohr, wendete sich
dann gegen Rinaldo, bat ihn um seinen Arm und liess sich von ihm aus dem Garten
zu ihrer Sänfte führen. Fiametta begleitete beide bis an die Gartentür. Als
Fortunata fortgetragen wurde, ergriff sie Rinaldos Hand und sagte lächelnd:
    »Nun haben wir sie fortgeschaft und Ihr bleibt hier.«
    »Da Ihr Gesellschaft bekommt?«
    SIE Nicht doch! Mit der Gesellschaft wär's nur Scherz. - Es steht bei Euch,
ob Ihr hierbleiben oder ob Ihr der Sänfte folgen wollt. Bleibt Ihr hier, so sage
ich, Ihr seid willkommen; geht Ihr fort, so rufe ich Euch ein Lebewohl nach.
    ER Ich verstehe Euch nicht!
    SIE Sonderbar! - Aber noch deutlicher! Dieser Augenblick entscheidet für
mich oder für meine Freundin. Es geht alles ohne Groll ab. Da wir aber wissen
möchten, ob Ihr wirklich der seid, für den wir Euch halten -
    ER Und wofür könntet Ihr mich halten?
    SIE Für einen zärtlichen Abenteurer wenigstens, wenn nicht gar für -
    ER Für?
    SIE - einen Menschen, der sich vom Grund seines Herzens aus verlieben kann.
    ER O! schöne Fiametta! - Wenn ich so sprechen höre -
    SIE Fort! Fort! der Sänfte nach! Dieser feierliche Ton sagt mir alles, was
ich wissen will. - Geht! diesen Kuss bringt meiner Freundin und sagt ihr:
Fiametta hat resigniert. - Gott befohlen! werdet glücklich, aber denkt an mich!
    Damit gab sie ihm einen Kuss, schob ihn sanft zur Gartentür hinaus und sprang
rasch die Allee hinauf, ohne sich umzusehen, nach der Laube zu. Er sah sie
gelassen davoneilen, drückte den Hut in die Augen und lief der Sänfte nach. In
der Stadt holte er sie ein, öffnete Fortunaten die Tür, die seiner Ankunft
heiter entgegenlächelte, und führte sie auf ihr Zimmer.
    Hier kam es zu einem gleichgültigen Gespräch, auf Fiametten, auf ihre Laune,
und leichtin wurde ihr Auftrag berührt.
    »Sie ist gut!« - sagte Fortunata. - »Ich zahle alles, was sie auf mich
assigniert.«
    Sie verliess das Zimmer, sich umzukleiden, wie sie sagte. - Indessen suchte
sich Rinaldo zu orientieren und sah jetzt, was er vorher nicht gesehen hatte,
dass er sich in einem prächtig ausmöblierten Zimmer befand. Was er sah, zeigte
Wohlstand und Geschmack, mit mehr als bürgerlicher Pracht vereint. - Er
betrachtete ein schönes historisches Gemälde, als Fortunata eintrat, in ein
gefälliges Gewand gleichsam mehr geworfen als verschlossen, ihn bei der Hand
nahm und in ein anderes Zimmer führte, welches dem erstem nichts nachgab.
    In diesem Zimmer kam es zu einer weit interessanteren Unterhaltung, die aber
bald durch die Nachricht unterbrochen ward, es sei aufgetragen. Rinaldo wurde in
ein glänzendes Tafelzimmer geführt und ass an einer wohlbesetzten Tafel mit
seiner schönen Wirtin, von zwei artigen Mädchen bedient, allein. Die
Unterhaltung wurde lebhafter, die Becher wurden fleissig geleert, und als der
Nachtisch aufgetragen war, entfernten sich die aufwartenden Mädchen.
    »Ich liebe« - sagte Fortunata, - »die Freuden einer interessanten
Unterhaltung bei einer gut besetzten Tafel, doch nur, wenn ich sie mit einem
Freunde teilen kann. Seit ich hier in Cagliari wohne, habe ich, Fiamettens
Gesellschaft ausgenommen, grösstenteils allein gegessen. Es hat mir daher heute
alles viel besser als gewöhnlich geschmeckt, und wenn Ihr einige Zeit hier
bleiben solltet, so bitte ich mir Eure Gesellschaft recht oft aus.«
    Sie füllte, als sie das sagte, einen Becher und brachte ihn ihrem Gast mit
der Gesundheit zu: »Unsre Freundschaft!«
    »Ein Band von der Farbe der Hoffnung hat sie geknüpft!« - fuhr sie fort. -
»Ich hoffe, sie wird sich erhalten.«
    Rinaldo küsste ihr schweigend die Hand und führte sie an sein klopfendes
Herz. Ihre Blicke flogen beredt einander entgegen. Ihre Lippen begegneten sich.
Hier hatten sich ihre Gefühle verkettet. Kein Laut entfloh den gepressten Lippen.
Da flog mit einem lauten Knall der Pfropf von einer Champagnerbouteille an die
Decke. Sie fuhren zusammen, lächelten und lagen einander in den Armen.
    SIE Mann, dem ich mich in den ersten Augenblicken unserer Bekanntschaft so
schnell dahingebe, - ich weiss nicht, was es ist, das mich so überraschend an
dich zieht! - Missbrauche die Gewalt nicht, die das, was mir unerklärbar ist, dir
über mich gibt! Du könntest mich wohl unglücklich, dich aber nicht glücklich
machen. - Ich fühle, ich empfinde es, was du jetzt vielleicht von mir denkst,
denken musst, aber - ich schwöre es dir zu! - du irrst dich. Du weisst nicht was -
    ER Fortunata! Lass mich dir alles das sagen, was du mir gesagt hast. Nicht
mein Argwohn soll mich unglücklich machen, lass nur nie die Wirklichkeit auf
meine Unkosten spielen.
    SIE Du glaubst -
    ER Ich glaube das am leichtesten und liebsten, was ich wünsche.
    SIE Was glaubst du jetzt?
    ER Dass du mich lieben wirst.
    SIE Ich liebte dich, als ich dich sah. Eine Liebe, wie die meinige, empfängt
alles, was sie gibt und nimmt, von Augenblicken. Die Augenblicke meiner Liebe
sind gekommen. Nun bleiben sie und werden zu Ewigkeiten. Bei allem, was mir
heilig ist, im Himmel und auf Erden! ich habe dich gefunden und kann nie wieder
von dir lassen. Entreissen muss man dich mir. Gutwillig gebe ich nie wieder her,
was ich mit diesem Feuer in meine Arme schliesse! - Gib dich mir ganz und nimm
alles, was mein ist, nur dich nicht wieder zurück! Meine Seele gebe ich dir in
meinen Küssen; gib mir dein Herz!
    Ein Geräusch im Vorzimmer riss sie auseinander. - Die Tafel ward aufgehoben;
sie gingen in ein anderes Zimmer.
    Er warf sich nachdenkend auf ein Sofa. So nahe war er dem ersehnten Glück
und dachte der Möglichkeit einer Wirklichkeit nach, die er gewünscht hatte. Bei
Fortunaten verschlang die Gegenwart jedes Nachdenken. Sie war geboren, um zu
lieben. - Dahin bringt es auch nur das Weib, selten der Mann. Die Liebe ist ein
Becher, gefüllt mit schäumendem Champagner. Sie will im Moussieren genossen
sein. Wer bedächtig trinkt, geniesst auch, er wird es aber nie zur höchsten
Krisis eines alles verschlingenden Rausches bringen. - So, wer bedächtig liebt,
liebt auch; zu einem Liebesrausch bringt er es aber nie.
    Jedoch, dieser Rausch, dessen Dauer zu berechnen zu sein scheint, gibt er
uns wohl mehr als ein nur bloss momentanes Glück? - Ach! was gewinnt Liebe nicht,
selbst auch nur durch Momente! Nach Augenblicken rechnet die Liebe, und für die
Zukunft hält sie sich in der Gegenwart schadlos. Der Genuss dieser gegenwärtigen
Augenblicke ist der Triumph der Freude, die uns glücklich macht. - Die Freuden
unsers Lebens hängen an sehr dünnen Fäden, und dennoch fesseln sie so stark, was
willig sich fesseln lässt.
    Fortunata kam zurück. Das Gespräch wurde fortgesetzt.
    »Du weisst nun«, - sagte sie, - »wie ich lieben kann, wie ich lieben will und
werde. Von dir verlange ich bloss, so geliebt zu werden, wie du mich lieben
kannst und wie du auch andere - nur bitte ich, nach mir! - lieben wirst. Die
Beständigkeit ist ein Weib. Sie zankt sich ewig mit ihren leichtgesinnten
Eheherrn. - Die Männer lieben in der Regel so leichtin wie möglich. So wie der
Mond, der gute Freund der Erde, diese liebt; zuweilen gar nicht, grösstenteils
nur halb und nur auf einige Tage mit voller Ergebenheit. - Was soll man aber
tun, wenn man einen Mann liebt? Man muss vorliebnehmen. - Ihr könnt ja doch nur
geben, was Ihr habt.«
    »Du meinst also, treue Liebe sei bei uns eine verrufene Münze?«
    »Wenn auch nicht verrufen, doch selbst ausgeprägt, aber dennoch immer eine
Münzart. Was die Männer geben, lässt sich gleich wieder verwechseln, und auf Agio
steht ihr Gold niemals.«
    »Fortunata ist bei Laune!«
    »Sie ist ja bei einem Manne, dem sie soeben gestanden hat, dass sie ihn
lieben kann.«
    »Und wird?«
    »Und will und wird. - Schwüre gebe ich nicht, aber mein Wort gebe ich dir,
so wie es eine Korsin gibt.«
    »Du, eine Korsin?«
    »Dies bringt mich nach Sardinien. Mein Vaterland seufzt unter der Geissel der
Franzosen, unter der Tyrannei ihrer übermütigen Satrapen, und für jedes Herz
voll Freiheit und Vaterlandsliebe hat ihre Hand geschärfte Dolche. - O! mein
unglückliches Vaterland! Ach Ritter! Ich bin nur ein Weib, aber könnte ich mein
Vaterland retten, ich würde nicht mein Blut, mein Leben, ich würde selbst meine
Freiheit nicht achten. In Ketten wollte ich in dem abscheulichsten Kerker
sterben, dürfte ich rufen: Korsika ist frei! Ich bin eine Zondarini. Schon unter
Teodors Fahnen focht mein Ahnherr für die Freiheit seines Vaterlandes. Mein
Vater fiel für die Freiheit der Korsen, meine Brüder sanken für ihr Vaterland
mit Ruhm und Ehre. Mein Bräutigam, ein Lampertini, wurde meuchlings von
Franzosen gemordet, und ich - bin eine Landflüchtige.«
    »Und warum flohst du aus Korsika?«
    »Höre! - Eine Gesellschaft Verbundener unterhielt Gemeinschaft mit einem
Bunde, der in Sizilien gestiftet wurde, Korsika zu befreien. An ihrer Spitze
stand der edle Prinz Nicanor« -
    »Der Prinz Nicanor?«
    »So nannte er sich. Seine Geburt ist ein Geheimnis.«
    »Lebt er noch?«
    »Das weiss ich nicht. - Er warb für die Korsen. Ein berühmter Mann wollte
sich an die Spitze der Retter meines Vaterlandes stellen« -
    »Wer war dieser Mann?«
    »Sein Name mache dich nicht irre. Es war Rinaldini. - Er ist gefallen.
Zerrissen wurde der Bund, verraten das Geheimnis. Ich, eine Mitwissende um
alles, was geschehen sollte, eine tätige Freundin dieses Bundes, entfloh zur
rechten Stunde noch und kam hierher, wo ich auch mich nicht sicher glauben darf.
Eine französische Requisition, und ich werde ausgeliefert an meine Feinde, die
in mir ihre unversöhnlichste Feindin kennen und auf das strengste bestrafen
werden.«
    »Du kennst den Prinz Nicanor nicht?«
    »Ich habe sein Bildnis. Ihn selbst sah ich nie.«
    Fortunata stieg auf, nahm aus einer Schatulle ein Portrait, und Rinaldo
erkannte in demselben das Bildnis des Alten von Fronteja. - Fortunata sah ihn
aufmerksam an. Er verriet sich, ohne es zu wollen oder es zu ahnen.
    SIE Du kennst ihn!
    ER Wie?
    SIE So sagt dein Blick.
    ER Mein Blick?
    SIE Keine Verstellung! Du kennst ihn.
    ER Ein diesem sehr ähnliches Gesicht kenne ich, doch keinen Prinz Nicanor.
    SIE So kennst du doch den Alten von Fronteja?
    ER Fortunata!
    SIE Oder nicht?
    ER Ich kenne ihn.
    SIE Und auch dich selbst?
    Sie gab ihm ein zweites Portrait. Es war das seinige. - Er gab es eilig ihr
zurück, bedeckte mit seinen Händen sein Gesicht und rief aus:
    »Ach! allentalben hin verfolgt es mich, mein eigenes Gesicht!«
    »Auch zu mir?« - fragte Fortunata, indem sie seine Hand ergriff.
    ER Nimm deine Versprechungen schnell zurück!
    SIE Nicht eine.
    ER Nimm sie zurück!
    SIE Nimmer! - Ich wusste ja, wem ich sie gab.
    ER Unglückliche!
    SIE Ich folge Olimpien, Lauren, Dianoren -
    ER Für dich und sie kein Glück!
    SIE Ich will geliebt von einem Manne mich wissen, der es wagen durfte,
voranzugehen der Fahne, die flatternd Freiheit meinem Vaterlande
entgegenrauschte! - Mit einem Kranze wollte ich frohlockend dir entgegeneilen,
und siehe da! es findet dich mein Herz. Der Kranz bleibt dir, dies Herz ist
dein.
    ER Mir grünen keine Kränze! - Wie könnten Herzen für den Räuber klopfen?
    SIE So bescheiden wurdest du mir stets geschildert!
    ER Die schöne Zondarini, der Kranz, dies Herz und - Rinaldini!
    SIE Dem kühnen Manne das entschlossene Weib.
    ER Meine Kühnheit liegt bei meinen Schätzen. - Kalabriens Gebirge decken
beide.
    SIE Du stehst auf deinen Monumenten.
    ER O Fortunata! Kränke mich nicht länger. - Sprich ihn nicht aus, den mir
verhassten Namen!
    SIE Wo nennt man ihn nicht gern? - Italien und seine Inseln, Frankreich und
England spricht von dir. In Deutschland trifft man ihn nicht minder oft, den
Namen Rinaldini. - Lies diese Briefe!
    ER Empfinde, was mich quält, wenn du es kannst!
    SIE Die Liebe nicht!
    ER Mein Selbstgefühl. - Die Welt bewundert einen Räuber; das kränkt mich
tief. Als Räuber könnt' ich nur gefallen. Dies ist der Stempel meines Ruhms. -
Und ich -
    SIE Du nimmst, was man dir gibt; und schweigst du nicht, so drücken
zärtliche Lippen den Mund dir zu!
Fiametten fand Rinaldo den folgenden Morgen allein im Garten. Sie sass am
Stickrahmen in der Laube. Rinaldo trat ein. Sie sprang auf, griff nach der
Guitarre, präludierte kurz, spielte und sang.
Es glühen im Haine
Die duftenden Rosen;
Im silbernen Scheine
Erglänzen die Blüten
Zum lieblichen Kranz.
Ich bringe dir Rosen;
Sie gelten der Freundschaft,
Die duftenden Rosen.
Wie zieret die Myrte,
Den lieblichen Kranz!
Es gelten die Myrten
Den zärtlichen Freuden.
Von allen Gesträuchen,
Erkor sich die Liebe
Die Myrte allein!
Rinaldo deutete den Sinn des Gesanges so, wie ihn gewiss auch die Leser deuten
werden. Lächelnd griff er nach der Guitarre, spielte und sang:
Anadyomene windet
Myrten in die braunen Locken,
Und die schönsten Blumenglocken,
Wanken um den Myrtenkranz.
Rosen duften an dem Busen,
Sanfter Krokus wankt bescheiden,
Um das Meer der Lüsternheit;
Und wo blüht Vergissmeinnicht?
Nah am Herzen blüht dies Blümchen,
Lächelt sanft im stillen Glanze,
Weit entfernt vom Myrtenkranze,
Doch dem schönsten Platze nah.
»Bravo!« - rief Fiametta und warf sich an seinen Hals. Fortunata trat in die
Laube, und auch ein »Bravo!« rief sie beiden zu.
    »Es bleibt alles unter uns!« - lächelte Fiametta.
    Fortunata fragte nach Fiamettens Gesellschaftern.
    »Sie sind« - antwortete diese, - »bei dem endlich erschienenen Prinzen
Nicanor.«
    RINALDO Wie?
    FORTUNATA Ist er hier?
    FIAMETTA Seit gestern Abend. Er hat die für ihn gemietete, herrliche Villa
Massimi bezogen.
    FORTUNATA So ist er denn endlich in der Nähe, der Stern, dem wir aus der
Ferne nachzogen!
    FIAMETTA Alles ist in Bewegung. - Aber unser Ritter ist stumm.
    RINALDO Diese Nachricht hat mich überrascht.
    FIAMETTA O! lasst Euch ja nicht überraschen, solange Ihr selbst noch
überraschen könnt!
Bald darauf kamen Nachrichten und Einladungen von dem Alten von Fronteja an,
der, wie wir wissen, jetzt als Prinz Nicanor auftrat. Er wollte diesen Abend
seinen Freunden eine glänzende Fete geben. Dazu waren sie eingeladen, und dahin
gingen sie, als es Abend wurde.
    Sie traten in den prächtigen Garten der schönen Villa. Eine sanfte,
angenehme Musik tönte aus den Hecken ihnen entgegen. - Der Alte von Fronteja
trat aus einer Laube hervor, gekleidet in ein himmelblaues, mit Sternen besätes
Kleid, umwunden mit einem goldenen Gürtel. Eine goldene Kette, an welcher als
Schaustück ein Saphir mit Diamanten umfasst hing, umschlang seinen Hals und
bedeckte seine Brust. Ein Purpurmantel umwallte seine Schultern, und ein
Lorbeerkranz umschlang seine Schläfe. So, im erhöhten und vermehrten Kostüm, als
Demiurg1 geschmückt, näherte er sich den Kommenden mit freundlichem Blick. Seine
rechte Hand reichte er den Damen zum Kuss, die Linke streckte er gegen Rinaldo
aus, indem er sagte:
    »Sei mir willkommen! Gegrüsst sei von mir in meinem, meiner, und deiner
Freunde Namen! - Ich reiche dir freundschaftlich die Hand des Grusses und des
frohen Empfanges. Es ist die Linke, es ist die Hand, die dem Herzen näher ist
als die Rechte. Es ist die Linke, die, - und wenn auch aus Freundschaft, -
dennoch keinen Dolch gegen den Freund führte; und die Rechte darf wohl wissen,
was die Linke tut. So ist es aber nicht im entgegengesetzten Falle. - Umarme
mich, mein Freund!«
    Er umarmte ihn, als eben Olimpia, die Gräfin Ventimiglia, herzutrat. Sie
öffnete ihre Arme, und Rinaldo lag, ohne selbst zu wissen wie schnell, an ihrer
Brust. - Aus sanften melodischen Kehlen ertönte in die Musik der Gesang:
Wiedersehen, wiederfinden
Wird sich Treu und Zärtlichkeit.
Wenn der Hoffnung Sterne schwinden,
Wenn das rasche Rad der Zeit
Sich in engen Kreisen windet,
Wenn der schönste Traum entschwindet,
Nähert sich die Wirklichkeit.
Wiedersehen, wiederfinden
Wird sich Treu und Zärtlichkeit!
Rinaldo war ohne Sprache. Olimpia nahm ihn bei der Hand. Der Alte führte
Fortunata; Fiametta folgte. - Im Freien war die Tafel serviert. Die Gäste nahmen
Platz. - Als sie sassen, erhob sich der Alte, breitete seine Arme gegen den
Himmel aus und sprach:
    »Lass, du ewiges, gegen deine Geschöpfe stets gütiges Wesen über uns! dieses
freundschaftliche Mahl uns gesegnet sein!«
    Der Himmel war hell, und die Luft so rein und still, dass sie kaum die
Flammen der zwanzig grossen Wachskerzen, die die Tafel zierten und erleuchteten,
bewegte. Der widerstrahlende Lichtschimmer tingirte das Laub auf vielerlei Art
und gab bald helle, bald dunkle Schattierungen. Hier strahlten Blätter in einem
glänzenden Gelb, dort verloren andere sich in dunkles Grün. Da glänzten die
weissen Blüten, die an langen Gewinden herabhingen, auf goldgelbem Grunde, dort
liessen zwei abstechende Blätter die Strahlen eines Sterns durchfallen, der wie
ein Diamant funkelte. Die kühle Nachtluft hielt die würzigen Düfte der Blüten an
der Erde gefangen und liess sie zweifach geniessen. Der wankende Widerschein, der
auf dem Laube spielte, das abwechselnde Hell und Dunkel, das Gestalt und Farben
der Blätter veränderte, - dies alles gab dieser Tafelszene im Freien einen
unbeschreiblichen Reiz. Der Alte ergriff einen Becher, goss Wein aus demselben in
eine goldene Schale und gebrauchte sie zu einer feierlichen Libation, mit den
Worten:
    »Den Manen unsrer Freunde!«
    Olimpia hob den strahlenden Becher hoch und sagte:
    »Unsern lebenden Freunden!«
    »Gott gebe uns Freuden!« - setzte der Alte hinzu.
    Ein feierlicher Chor ertönte:
Die Vorsicht streut Blumen
Auf dornigen Pfad,
Die Vorsicht streut Dornen
Auf rosigen Pfad.
Es welken die Blumen;
Die Dornen zerstreut
Ein freundliches Lüftchen
Der heilenden Zeit!
Der Alte sagte sehr patetisch in seinem gewöhnlichen Lehr- und Ermahnungstone:
    »Der Mensch, der sein Leben geniessen will, lebe der Gegenwart. Sie
verschlinge das Vergangene! - Vorüber geht der Sturm und schöne Sonnenblicke
erheitern das erschütterte Herz. Der Mensch ist der Welt geboren. Er lebe mit
der Zeit, welche die Welt wiegt und trägt. Leiden dürfen uns nie zaghaft machen.
Der Nacht folgt Tag. Morgenröte und Abendröte glänzen an einem Horizont. Was
können Unglück und Widerwärtigkeiten des Lebens einem Standhaften tun, der mutig
diesen brausenden Wellen die Brust entgegenwirft? - Sie können ihn umspülen, und
er kann sie bekämpfen. Dem Mutvollen riegelt die Natur selbst alle Pforten auf.
Von der Erde blickt er gen Himmel. Er kennt das Grab der Erde, er sieht das
glänzende Haus der Sterne. Sein Geist hat dort seine Heimat, und überirdische
Strahlen nährt seine unsterbliche Seele in sterblicher Hülle.«
    Die Musik fiel ein. - Olimpia wendete sich zu Rinaldo, dessen Aufmerksamkeit
ein ihm gegenübersitzendes Mädchen beschäftigte. Lächelnd fragte sie:
    »Kennt Ihr denn Eure Freundinnen so wenig?«
    »Serena!« - rief Rinaldo aus. - »Ja, es ist Serena!«
    Sie war es, das schöne Gärtnermädchen, das uns aus dem achten Buche dieser
Geschichte bekannt ist.
    Rinaldo reichte ihr die Hand. Auf frohes Wiedersehen wurden von beiden die
Becher geleert. Ihr winkte Olimpia. Serena erhob sich und reichte ihm einen
Blumenkranz. Der Alte lächelte:
    »Dies ist das Angebinde der Freude, das ein sanftes Herz reicht.«
    »Beides weiss ich zu schätzen!« - rief Rinaldo aus.
    Der Alte wurde immer gesprächiger. Die Freude glänzte auf seinem Gesichte
sichtbar. Olimpia ergriff eine Schale und sagte:
    »Wenn die Freude frohe Menschen glücklich macht, sollen diese immer der
Unglücklichen gedenken, und wo das Wohlleben tront, finde die Armut wohltätige
Freunde!«
    Sie warf Geld in die Schale, die herumging und bald gefüllt wieder zu ihr
zurückkam.
    »Die ersten Armen, die ich morgen sehe!« - sagte sie, indem sie die Schale
leerte.
    »Daran tust du sehr wohl, wohltätige Freundin!« - rief der Alte ihr zu.
    Man brachte Fortunaten einen grossen, goldenen Becher, geschmückt mit dem
Wappen von Korsika. - Sie hob den Becher, und ein: Es leben die Korsen! tönte
aus allen Kehlen ihrem Ausrufe nach.
    »Gott gebe ihnen« - setzte der Alte hinzu, - »Kraft und Mut und stärke ihre
Hoffnungen, welche die schönste Erfüllung krönen möge!«
    Musik und Gesang ertönten.
    Darauf stand der Alte auf, sprach ein kurzes Gebet, und die Tafel ward
aufgehoben.
Die Gesellschaft hatte sich zerstreut. - Rinaldo wandelte, in stille
Betrachtungen verloren, gegen einen Wasserfall in die Mitte des Gartens hin. Ein
Schatten wankte ihm zur Seite einer duftenden Jasminlaube zu. Er sah sich um und
sah Serenen. - Schweigend blieben beide einander gegenüber stehen. Er fasste ihre
Hand. Schweigend kamen sie in die Laube, schweigend setzten sie sich nieder.
Rinaldo spielte mit Serenens Fingern. Er seufzte. - Seufzend wurde Serena das
Echo dieses Seufzers. - Er ergriff ihre andere Hand und lispelte:
    »Serena!«
    Sie seufzte tief auf. - Glühende Wangen nahten sich glühenden Wangen;
schweigend fanden sich küssende Lippen. - Tiefe Stille herrschte rund umher. -
In das laute Rauschen des Wasserfalls tönte nur sanft der Wechselschall
zärtlicher Küsse. Des Mondes klares Antlitz spiegelte sich in den Wellen des
Wasserfalls und warf verstohlene Blicke in die Laube. Hier spiegelte sich Auge
in Auge, hier ruhten in langen Atemzügen Lippen auf Lippen, und verschlungen
waren Arme in Arme. - Tiefer sanken die Lippen des Entzückten, sanft sträubte
sich das zitternde Mädchen. Leise Seufzer kämpften kraftlos gegen brennendes
Ungestüm. Kein Wort wurde gesprochen.
    Es rauschten Fusstritte durch die Stille der Nacht. Serena riss sich los und
entschlüpfte der Laube. - Rinaldo sah ihr unentschlossen nach. Eine Hecke entzog
sie seinen Blicken. - Fortunata trat in die Laube.
    »Ich suchte dich!« - sagte sie und liess sich neben ihm nieder. Sanft
flöteteten die Nachtigallen, laut rauschte im lieblichen Unisono der Wasserfall,
girrende Vögel nisteten über der Laube nicht vergebens einander entgegen.
Wie viel und vielerlei hatte Rinaldo nicht mit dem Alten und mit Olimpien zu
sprechen!
    Mit tausend Fragen trat er in das Haus. Er fragte nach dem Alten. Dieser
hatte sich schon zur Ruhe begeben. - Er wollte zu Olimpien.
    Über die Galerie ging er auf ein ihm entgegenstossendes Zimmer zu. Er öffnete
die Tür. Eine schwebende Lampe erleuchtete ein geräumiges Zimmer. Sechs
Totengerippe sassen um einen Tisch herum. - Er trat betroffen zurück und verliess
schnell das Zimmer.
    Serena kam ihm entgegen. Er eilte auf sie zu, fasste ihre Hand und wollte
sprechen, als eine Glocke ertönte. »Was ist das?« - fragte er.
    »Es ist die Mitternachtsglocke, die uns gebietet, zur Ruh zu gehen«, - war
Serenas Antwort.
    Arm in Arm kamen Fortunata und Olimpia. Ein Knabe mit einer brennenden
Wachskerze ging voran. Serena verschwand von der Galerie. - Rinaldo ging auf die
Damen zu. Schweigend zeigte er auf das so sonderbar dekorierte Zimmer.
    Olimpia schien ihn zu verstehen, aber sein fragendes Zeichen mochte sie
nicht beantworten. Sie sagte:
    »Morgen, lieber Freund, haben wir recht viel miteinander zu sprechen.«
    »Warum nicht jetzt?« - fragte er.
    »Die Glocke ruft zur Ruh.«
    »Ich verlange nur eine kleine Antwort auf eine kurze Frage, die dieses
Zimmer betrifft.«
    Olimpia winkte. Der Knabe ging, und Fortunata folgte dem Knaben. - Rinaldo
fragte:
    »Was will das Unwesen mit den Totengerippen sagen?«
    »Unser Freund und Meister«, - antwortete Olimpia, - »der weise Alte, sagte
schon mehr als einmal zu mir: die Ägypter hatten die Gewohnheit, die Leichen
geliebter Personen bei Gastmalen sogar auf ihren Tafeln zu haben. Es war der
dritte Grad der Krata Repoa, das Tor des Todes, in welchem der Eingeweihte,
Melanephoris genannt, in ein Zimmer gebracht wurde, das mit Vorstellungen von
einbalsamierten Körpern und Särgen besetzt war. Alle Wände hingen von
dergleichen Zeichnungen voll.«
    »Spielt ihr denn allentalben die alte Komödie fort?«
    »Ein wenig.«
    »Die sechs Skelette in diesem Zimmer -«
    »Sind die irdischen Überreste von Freunden und uns werten Menschen. Besieh
sie selbst genauer und überzeuge dich. - Morgen sprechen wir recht viel
miteinander. Jetzt wünsche ich dir eine angenehme Ruh!«
    »Bleibt Fortunata hier?«
    »Bei mir.«
    »Ihr kennt Euch?«
    »Ein Zweck vereint uns alle zu einer Bekanntschaft.«
    »Und wo bleibe ich? - Wer fragt nach mir? Wer zeigt mir einen Ort, wo ich
ein Lager finde?«
    »Von diesen Zimmern allen kannst du dir wählen, welches du wählen willst. -
Der Sohn des Hauses hat freie Wahl.«
    »Den Sohn des Hauses nennst du mich?«
    »Du weisst nicht, was du bist, weisst nicht, wie sehr du geliebt wirst.«
    »Auch noch von dir?«
    »Von uns allen.«
    Sie wollte gehen. Er hielt sie zurück und fragte:
    »Ist dein Gemahl auch hier?«
    »Ich erwarte morgen seine Ankunft.«
    »Olimpia!« - -
    »Was wolltest du sagen?«
    »Ich bewundere dich!«
    »Es waren schöne Augenblicke, in denen du mir einst weit schönere Sachen
sagtest! Wenn die Zeit der Bewunderung kommt, ist die Zeit der Liebe dahin. Der
Liebesrausch verschlingt gewöhnlich die Bewunderung. - Auch Fortunata wird dies
noch erfahren. - Doch, sei du nur dem Ganzen unseres Bundes, was wir wünschen,
und du machst uns alle glücklich!«
    Sie drückte ihm die Hand und ging schnell davon.
    Rinaldo öffnete zum zweitenmal das geheimnisvolle Zimmer, trat unter die
tote Gesellschaft, ging näher hinzu und sah die Schädel der Skelette mit
Buchstaben bezeichnet. Er nahte sich dem nächsten, las, - und las den Namen:
Rosalie.
    Er bebte zurück und seufzte tief auf:
    »Ach! Rosalie! meine geliebte Freundin!«
    Noch einmal las er diesen Namen, verliess eilig das fürchterliche Gemach,
schlug die Tür hinter sich zu und eilte in heftiger Bewegung über die Galerie
einem leeren Zimmer zu.
 
                                    Fussnoten
1 Bei der den Lesern bekannten Krata Repoa, die Benennung des Obersten und
Aufsehers dieser Gesellschaft und des Bundes der ägyptischen Mysterien.
 
                                Fünfzehntes Buch
 Was dich fasste, wird dich halten;
 Kannst du dem Geschick entgehn?
 Wo des Schicksals Sterne walten
 Werden sie auch untergehn.
Die Sonne stand schon hoch, als Rinaldo erwachte. Er schlug die Augen auf.
Serena sass, mit weiblicher Arbeit beschäftigt, in seinem Zimmer. Sie wünschte
ihm einen guten Morgen und ging.
    Als er angekleidet war, kam sie zurück und fragte, ob er im Garten
frühstücken wolle.
    »Wo frühstückt Euer Prinz?«
    »Er ist nicht hier.«
    »Nicht hier?«
    »Vor einer Stunde fuhr er von hier weg.«
    »Wohin?«
    »Das weiss ich nicht.«
    »Wo ist Olimpia?«
    »Sie begleitet den Prinzen. Auch die Damen aus der Stadt sind mitgefahren.«
    Rinaldo liess sein Frühstück in den Garten tragen. Hier wandelte er
überlegend und nachsinnend auf und ab. Dann sprach er endlich mit sich selbst:
    »Ja! - Ich will allen diesen sogenannten Freunden entgehen! - Mit keinem
Menschen will ich mein Schicksal, nicht das seinige, mit dem meinigen teilen.
Allein will ich erwarten, was mir geschieht. Allein will ich stehen und -
fallen!«
    Er liess ein Pferd satteln, stieg auf und ritt in die Stadt. Hier brachte er
seine Sachen in Ordnung und verliess Cagliari, fest entschlossen, sich nach einem
Hafen zu begeben und die Insel zu verlassen. Nach Spanien wollte er zu kommen
suchen und dort versteckt in einer Sierra leben, oder nach den Kanarischen
Inseln segeln. So hatte er's bei sich beschlossen. - Rasch trabte er darauf los
und hoffte, vor Abend noch Salano zu erreichen.
    Gegen Mittag wurde die Luft drückend und schwül. Der Himmel umzog sich,
Blitze flammten durch die Nacht des Himmels, fernher rollte der Donner. Eine
Totenstille schwebte über der Gegend.
    Rinaldo erreichte, mit einem heftigen Platzregen, ein Schloss, das auf einer
Anhöhe lag. Er ward eingelassen. Man führte sein Pferd in den Stall und sagte
ihm, er befinde sich in dem Schloss der Gräfin Orana, die eben hier sei. Seine
Ankunft ward ihr gemeldet. Sie bat sich den Besuch ihres Gastes aus.
    Sie war eine Dame von Geist, und ihre Unterhaltung mit Rinaldo war sehr
lebhaft und interessant. Seit zwei Jahren war sie, wie sie sagte, Witwe, noch in
ihren besten Jahren, fest entschlossen, ihre Freiheit zu behaupten und sich
nicht wieder zu vermählen, sie müsste denn, wie sie sich ausdrückte, von etwas
überrumpelt werden, das interessanter wär', als die Männer gemeiniglich zu sein
pflegten. Sie war eine Dichterin und hatte eine Satire über die Männer
geschrieben, die sie aber ihrem Gaste, der darum bat, doch nicht mitteilen
wollte. Da sie aber, wie sie versicherte, viel Unterhaltung in seiner
Gesellschaft fand, so bat sie ihn, einige Tage bei ihr zu verweilen. Dies konnte
ihr Rinaldo nicht abschlagen.
    Sie hatte eine Cousine bei sich, die bei der Abendtafel durch ihre Laune das
Gespräch noch unterhaltender machte, und Rinaldo hatte mit einem Paar Damen zu
kämpfen, die sehr systematisierte Männerfeindinnen zu sein schienen. - Ihm waren
solche Weiber noch nicht vorgekommen.
    Den Damen nur ein wenig das Gleichgewicht zu halten, erklärte er, dass er
entschlossen sei, das Malteserkreuz zu nehmen, weil er sich nicht überzeugen
könne, durch eine zärtliche Verbindung mit einer Dame glücklich zu werden. Jetzt
änderte sich die Szene. Man wollte ihn vom Gegenteil überzeugen und stritt so
die Mitternacht herbei.
    Ein Kammerdiener wies ihm sein Schlafzimmer an, wo sich alles in bester
Ordnung befand und wo er sanft auf einem weichen Lager ruhte. -
    Er erwachte so spät, dass er die Damen schon bei dem Frühstück fand.
    Eben war eine Bande reisender spanischer Tänzer angekommen. Sie fanden sich
auf dem Schlosssaale ein, die Zuschauer nahmen Platz, die Musik begann, ein
freundliches Mädchen und ein artiger, junger Mann traten auf, den zärtlichen
Bolero zu tanzen.
    Beide in netter, Andalusischer Tracht, die zum Tanze erfunden ist, eilten
sie im Fluge aufeinander zu, als ob sie sich gesucht und gefunden hätten. Schon
wollte der Jüngling die Geliebte umarmen, schon schien sie in seine Arme zu
stürzen, als sie sich plötzlich umdrehte; er, halb erzürnt, tat eben das. Das
Orchester machte eine Pause. - Beide schienen unschlüssig zu sein, aber die
wieder beginnende Musik riss ihre Bewegungen von neuem mit sich fort. - Feuriger
suchte der Jüngling seine Wünsche auszudrücken, und zärtlicher schien die
Geliebte ihn anzuhören. Ihre Augen wurden schmachtender, ihr Busen hob sich
stärker, ihre Arme breiteten sich nach den seinigen aus; vergebens, sie wich
noch einmal schüchtern zurück, aber die Pause gab beiden neuen Mut. - Schneller
ertönte die Musik. Beflügelter folgten sich ihre Schritte. Ausser sich vor
Verlangen, eilte der Jüngling noch einmal auf das Mädchen zu, mit gleichen
Empfindungen kam sie auch ihm entgegen. Ihre Blicke verschlangen sich, ihre
Lippen schienen sich zu öffnen, nur süsse Scham hielt sie noch schwach zurück.
Aber stürmischer rauschten die Saiten, und heftiger wechselten ihre Bewegungen.
Ein Rausch, ein Taumel, eine Wollust wollte beide vereinigen; jede Muskel schien
zum Genusse sich zu drängen, jeder Augenblick demselben entgegenzufliegen. -
Plötzlich schwieg die Musik, und die Tanzenden verschwanden.
    Die Cousine schlug die Augen nieder und spielte mit dem Blumenstrauss an
ihrem Busen. Die Gräfin wendete sich lächelnd an Rinaldo und fragte:
    »Was sagt Ihr zu diesem Tanze?«
    »Ich sage, es ist ein bezaubernd schöner Tanz.«
    »Meint Ihr?«
    »Ein Tanz, der so lebhaft zu einem Gefühle spricht, das die ganze Natur
belebt, das allein den Egoismus der Menschen mildern kann, sollte der nicht
bezaubernder als jeder andere sein?«
    »Wie könnte auch«, - lächelte die Gräfin, - »ein Mann anders urteilen?«
    »Dürfte er?« - fragte Rinaldo.
    »O!« - rief die Cousine aus; - »was glaubten die Männer nicht zu dürfen!«
    Die Bolero-Tänzerin trat herzu. Sie wurde von der Gräfin und von Rinaldo
reichlich beschenkt.
Rinaldo schien seine Lage und sich selbst beinahe vergessen zu haben, als er auf
eine unangenehme Art an alles wieder erinnert wurde. - Die Gräfin lenkte bei
Tafel das Gespräch auf einen sonderbaren Vorfall. Wir wollen es hören.
    »Mein Jäger«, - sagte sie, - »den ich mit Aufträgen nach Cagliari geschickt
hatte, ist soeben wieder zurückgekommen. Er hat auf dem Wege etwas Kostbares
gefunden.«
    »Etwas Kostbares?« - fragte Rinaldo.
    »Er will es Euch verhandeln.«
    »An mich?«
    »Weil Ihr sicher wisst, wohin das Gefundene gehört.«
    »Ich bin begierig -«
    »Ihr nennt Euch fremd auf dieser Insel?«
    »Das bin ich.«
    »Doch wohl nicht ganz.«
    »Ich verstehe nicht -«
    »Wer trug dies Bild?«
    Sie überreichte ihm sein eigenes Portrait. Es war eben das, welches
Fortunata ihm gezeigt hatte. - Rinaldo fasste sich schnell.
    »Dies Bild trug niemand. Mein ist es; Ich habe es verloren. Meinen Dank soll
der Finder erhalten.«
    »Dies Bild trug keine Dame? Und dies sollen wir glauben?« - fragte die
Cousine.
    »Ja!« - fuhr die Gräfin fort. - »Es ist dies nicht das einzige Sonderbare;
das grössere kommt noch. - Der Jäger hat den sonderbaren Wahn, denn er behauptet
und beschwört, dies Bild, - verzeiht, Herr Ritter! - sei das Konterfei des
Räuberhauptmanns Rinaldini.«
    »Lustig!« - lächelte Rinaldo. - »Ist dies sein Bild, so bin ich der vom Tode
auferstandene, furchtbare Mann, den Ihr sogleich der Obrigkeit überliefern
müsst.«
    Verlegen blickte ihn die Gräfin an. Die Cousine lispelte:
    »Ein sonderbarer Zufall!«
    »Den Jäger muss ich sprechen!« - rief Rinaldo aus.
    Dieser kam.
    RINALDO Wie du gesagt hast, hast du den Räuberhauptmann Rinaldini gekannt?
    JÄGEK O ja!
    RINALDO Du hast ihn selbst gesehen?
    JÄGER Selbst.
    RINALDO Wo?
    JÄGER Auf dem Wege von S. Leo nach Florenz. - Ich war damals in Diensten der
Marchese Altanaro. Rinaldini kam als ein Jäger gekleidet, foppte meine
Herrschaft, bat sich zuletzt Ringe, Uhren und 100 Zechinen aus, nannte sich und
gab eine Sicherheitskarte.
    RINALDO Und er glich diesem Portrait?
    JÄGER Es scheint sein eigenes zu sein.
    RINALDO Das Portrait gehört aber mir, es ist mein Bildnis. Ich muss also auch
dem Räuberhauptmanne gleichen?
    JÄGER Wie ein Bruder seinem Bruder gleicht.
    RINALDO Gut, dass Rinaldini nicht mehr lebt! - Aber ich war doch in Sizilien
und Neapel, und kein Mensch hat meines Gesichtes wegen mich in Anspruch
genommen.
    GRÄFIN Du wirst dich irren, Corrado!
    JÄGER Es könnte sein, aber -
    RINALDO Er will sich nicht geirrt haben!
    DIE COUSINE So scheint es. - Aber er hat sich dennoch geirrt.
    GRÄFIN Nichts ist sicherer!
    RINALDO Er könnte mich in der Tat verlegen machen, wüsste ich nicht am
besten, wer ich bin. - Hier, mein Sohn! - ist ein Trinkgeld für das Gefundene.
    JÄGER Ich bin beschämt und weiss nicht, was ich sagen, wie ich danken soll.
Ich bitte um Verzeihung, dass ich -
    RINALDO Schon gut! Mein Gesicht nimmt dich nicht in Anspruch. Es soll und
kann auch keinen Toten erwecken. Wir lassen ihn ruhen!
    Der Jäger ging. Die Damen badinierten. - Nach aufgehobener Tafel empfahl
sich Rinaldo, dankte für gegebene Herberge, bestieg sein Ross und trabte davon.
Aus einem Busche brach ein Mensch hervor. Es war Fabio, der Kammerdiener der
Gräfin Olimpia.
    RINALDO Wie? Fabio? Du? - und hier?
    FABIO Verdeckt und entronnen.
    RINALDO Wie das? - Deutlicher!
    FABIO Die Damen sind arretiert.
    RINALDO Die Damen?
    FABIO Meine Gräfin, die Signora Fortunata, ihre Gesellschafterin, die andern
und die Herren dazu, welche aus Korsika waren.
    RINALDO Wo?
    FABIO Auf der Villa. Des Nachts wurde sie von Soldaten besetzt.
    RINALDO Von Soldaten?
    FABIO Die sämtliche Dienerschaft wurde zugleich mit arretiert. Ich bin
glücklich entflohen.
    - Der Prinz war nicht bei uns; ich glaube, man hätte ihn sonst auch
festgehalten. - Unter uns, Herr Ritter! Ich habe - nach meiner wenigen Einsicht
- dem ganzen Wesen immer nicht viel Gutes prophezeien können.
    RINALDO Welchem Wesen?
    FABIO Eine Art von Unwesen war es wohl eigentlich. Was man aber
beabsichtigte oder im Schilde führte, davon weiss ich nichts zu sagen. - Meine
Kameraden nannten die Gesellschaft nur die Goldmachergesellschaft. Der Prinz
soll wirklich ein geborner Ägypter, ein Adept sein, wie man sagte. - Das ist
wahr, von Ägypten und geheimen Dingen sprach er immer viel, besonders bei Tafel.
- Doch Ihr werdet ihn ohne Zweifel besser kennen, als ich ihn kenne.
    RINALDO Du irrst dich!
    FABIO Geld hat er genug. Er ist freigebig und gut. Meine Gräfin ist es auch.
Wenn ihr nur nichts Arges widerfährt.
    RINALDO Was soll ihr widerfahren? Ein Missverständnis, das sich bald lösen
wird, muss bei der Sache obwalten.
    FABIO Das gebe der Himmel! - Wenn ich nur wüsste, wohin ich mich nun wenden
sollte.
    RINALDO In Salonetta ist meine Wohnung. Dort bin ich, den Bernhardinern
gegenüber, leicht zu erfragen. Bis dahin ist hier ein kleines Zehrgeld. Wenn du
rasch zugehst, bist du gegen Abend an Ort und Stelle.
Kaum war er ihm aus den Augen, als er sich rechts wendete und einen andern Weg
einschlug. - Er sann hin und her, überlegte, bedachte, erwog und konnte nichts
ersinnen, das ihm Sicherheit versprochen hätte. Unmutig stieg er bei einem
Gebirgspass vom Pferde und warf sich nachdenkend unter einen Baum.
    Hier hatte er nicht lange gelegen, als sich ihm drei Bewaffnete nahten,
denen er ihr Handwerk gleich ansah. Seine Kameraden kamen ihm in den Sinn.
Schnell bemächtigte sich seiner der Entschluss, Sardegna zum neuen Schauplatz
seiner ehemaligen Taten zu machen und sich seiner Lage zu entreissen, von der er
sich wenig Gutes versprechen konnte. - Noch standen die Bewaffneten ratschlagend
in der Ferne. Er winkte sie herbei. Sie kamen näher. Der eine fragte mit Laune:
    »Der Herr verlangt unsren Besuch?«
    »Ich habe mit euch zu reden.«
    »Der Herr hat sich verirrt?«
    »Zu euch.«
    »Zu uns? - Kennt Ihr uns?«
    »Wir wollen uns kennenlernen.«
    »Wisst Ihr, ob uns etwas daran gelegen ist?«
    »Mir liegt etwas daran.«
    »Euch? - Man sieht, dass Ihr uns nicht kennt.«
    »Dein Name?«
    »Ein Verhör?«
    RINALDO Dein Name?
    SANARDO Ich heisse Sanardo.
    RINALDO Wie heisst dein Hauptmann?
    SANARDO Mein Hauptmann?
    RINALDO Nun! Einen Hauptmann werdet ihr, beim Teufel! doch haben?
    SANARDO Nun sind wir aufs Reine! Der Herr hält uns also für Leute, die - auf
anderer Nebenchristen Unkosten, nach eigener Willkür leben?
    RINALDO So ist es. - Bringt mich zu euerm Hauptmann.
    SANARDO Wie? - Hat man den Herrn genötigt, uns aufzusuchen? Ist die Justiz
hinter ihm her? Oder was treibt ihn zu uns?
    RINALDO Eine alte Bekanntschaft mit euerm löblichen Gewerbe.
    SANARDO Wer sah Euch das an? - Wo hat der Herr gelernt?
    RINALDO In den Apenninen, in Kalabrien, bei dem bekannten Meister Rinaldini.
    SANARDO Da muss der Herr etwas Rechtes können! Rinaldini soll's verstanden
haben. Wir sprechen oft von ihm. Unter uns sind zwei Teufelskerle, Jordano und
Filippo, diese haben bei dem nämlichen Meister gelernt. Sie sprachen oft von
ihm. Diese werden dich also auch kennen.
    RINALDO Wohl möglich! Wir waren oft gar zahlreich; aber immer in mehrere
Korps verteilt. - Wie stark seid ihr?
    SANARDO Vor vier Wochen waren wir stärker. Es hat aber starke Stösse gesetzt.
Bei S. Michiele hängen unserer achtzehn, und zwölf Köpfe sitzen auf Rädern;
meines Bruders Kopf in der Mitte. - Jetzt gehen wir alle in eine Höhle. Wir
zählen nicht mehr als achtzehn bis zwanzig Köpfe.
    RINALDO Eine Lumperei!
    SANARDO Freilich! - Das Rekrutieren will auch nicht gehen. Die Galgen sind
zu sehr gespickt. Dergleichen Ansichten machen keinen Mut.
    RINALDO Hat euer Hauptmann keinen Ruf?
    SANARDO Unser Hauptmann sitzt in Taborgo in Ketten und Banden. Jetzt haben
wir nur einen Interimskommandanten. Wir wechseln monatlich im Kommando ab.
    RINALDO Das taugt nichts! - Überhaupt scheint ihr mir eben keine grossen
Helden zu sein.
    SANARDO Davon sprich nicht! Wir stehen unseren Mann. Aber freilich,
furchtsam sind wir ein wenig geworden, denn die Kriminal-Gerichte haben uns die
Schnäbel derb abgeputzt.
    RINALDO Rinaldini hatte Gefechte, in denen er oft 50 bis 60 Mann verlor.
Aber den Mut liess der Überrest nicht sinken, denn er selbst kannte keine Furcht.
    Der eine Räuber bemerkte Reiter. Sie kamen näher. Es war eine
Dragoner-Patrouille von drei Mann. - Sanardo riet, sich eiligst zurückzuziehen:
Rinaldo rief ihnen zu:
    »Jetzt bleibt und zeigt mir, dass ihr Männer seid, die stehen können. Ihr
sollt auch mich kennenlernen.«
    Er schwang sich auf sein Pferd, und Sanardo schrie:
    »Wir stehen!«
    Die Dragoner kamen näher. Sie riefen ihnen zu, die Waffen abzulegen. Trotzig
fragte Rinaldo:
    »Könnt ihr das fordern?«
    »Wir befehlen es!« - war die Antwort.
    »Reitet zurück und sagt, dass Rinaldini nie die Waffen gestreckt hat.«
    Die Reiter stutzten. »Rinaldini?« murmelten sie einander zu. Dieser fuhr
fort:
    »Sucht ihr aber Kampf, den sollt ihr haben. - Burschen! schlaget an!«
    Die Büchsen lagen den Dragonern entgegen. Rinaldo hatte eine Pistole
gezogen.
    Die Reiter schwenkten sich und ritten davon. Rinaldo wendete sich zu den
Räubern und fragte:
    »Seid ihr nun mit mir zufrieden?«
    »Aber«, - fragte Sanardo, - »Rinaldini bist du nicht?«
    »Der bin ich.«
    Mit einem Tempo streckten alle drei die Gewehre, küssten ihm die Hand und
Sanardo sagte:
    »Wir bitten dich, unser Hauptmann zu sein!«
    »Das will ich« - antwortete Rinaldo. - »Euer Hauptmann will ich sein. Zu
meinem alten Handwerke will ich wieder greifen und enden will ich, wie ich enden
muss. Es waltet über dem Menschen ein unbeugsames Schicksal. Bestimmt ist ihm
sein Los. Sein bestes Spiel spielt er verzagt, und mutig wagt er, um zu
verlieren. - Fahrt hin, ihr schönen Träume meines Lebens! Ein anderer hege euch
in froher Brust. Mein Schicksal will es anders. - Es sei! Ich will nicht länger
widerstreben. - Voran! Ich folge euch.«
Jordano und Filippo sprangen hoch auf, als sie ihren Hauptmann erblickten. Sie
küssten ihm die Hände und weinten Tränen darauf. - Die andern standen mit
entblössten Köpfen um ihn herum und nahten sich ihm nur auf seine Winke. Er liess
sie alle versammeln, und als sie um ihn herum standen, sprach er:
    »Ich nehme euch hiermit alle zu Kameraden an, und ihr schwört mir, als euerm
Hauptmanne, Treue, Folgsamkeit und Gehorsam meinen Gesetzen, die ihr von mir
erhalten werdet. Sie werden euch bekanntgemacht. Ihr habt sie zu befolgen. Wer
dieselben einmal beschworen hat, muss nach denselben leben, denn jede bestimmte
Strafe wird unbedingt vollzogen. - Seid ihr damit zufrieden?«
    Ein allgemeines lautes: Ja! erscholl. - Rinaldo sprach weiter:
    »Wer mit mir leben will, muss mit mir fechten, muss mit mir sterben können.
Doch wie könnte einer, der alles zu wagen hat, zaghaft sein? Die Notwendigkeit
selbst muss ihm Mut geben. Lieber das Leben als den Körper verloren! Was ihr zu
erwarten habt, wenn man euch lebendig fängt, wisst ihr, und jedes Hochgericht
legt euch die Vermahnung deutlicher ans Herz, als es der beredteste Mund tun
könnte: lasst euch nicht fangen. - - Furchtbar müssen wir uns machen, und man
fürchtet uns. Dies ist leicht möglich. - Ihr alle wisst oder könnt es leicht
erfahren, wie schwach die Garnisonen und regulären Truppen dieser Insel sind.
Kaum reichen sie hin, die Städte Cagliari, Sassari und die Wachttürme an den
Küsten gehörig zu besetzen. Was aber die Landmiliz betrifft, so ist es ja
bekannt, dass sie nicht sonderlich zu fürchten ist. Die Sarden stehen auch nicht
wegen ihrer Herzhaftigkeit in grossem Rufe. - Ich habe mit den Meinigen in
geschlossenen Gliedern gegen Truppen der Florentiner und Römer, der Neapolitaner
und gegen ihre Milizen gefochten. Nie aber hat ihre Übermacht mich und meine
Leute zaghaft machen können. - Ein stärkeres Korps als jetzt müssen wir werden.
Dafür lasst uns sorgen. Doch ist es nicht eine grössere Anzahl, von der ich alles
hoffe. Wenige, wenn sie herzhaft zu stehen und zu fechten wissen, sind mir
lieber als Hunderte, die keinen Mut haben, die nur rauben, aber sich nicht
wehren können. Im Gebrauche der Waffen werdet ihr geübt, und unerfahren führe
ich euch nicht ins Gefecht. Aber nur dann fechten wir, wenn es nötig ist. - Ohne
Angriff falle kein Schuss. Genug, dass wohlhabende Reisende beraubt werden, ihr
Leben ist kein Gewinn für uns. Die Armut empfehle ich euch; das Wenige, was sie
hat, behalte sie. Der Arme ist ohnehin unglücklich. Er ist auch dankbar; und oft
dankt ihr wohl eure Rettung einem armen Teufel, der sein Stückchen Brot mit euch
teilt, statt dass ihr ihn zum Verzweifelten machen würdet, wolltet ihr ihm
nehmen, was er euch nicht freiwillig geben will. Auch empfehle ich euch Schonung
gegen Weiber, Kinder und Greise. Ihre Schwachheit kann uns nicht reizen, ihnen
unsren Mut zu zeigen. Als Männer lasst uns allentalben auftreten, und gebt eurem
Handwerk so viel Edles, als es ihm zu geben möglich ist. - Das ist es, was ich
euch rate, was ich von euch verlange. Wollt ihr es erfüllen?«
    »Wir wollen!« - schrien alle.
    »Nun dann! So bin ich euer Hauptmann.«
    »Es lebe unser Hauptmann!«
    »Hauptmann«, - begann Sanardo, - »lass dir die Gebräuche der Sarden gefallen.
Auch wir haben unsre Schutzpatronin.«
    »Sie sei auch die meinige.«
    »Viva gloriosa Santa Arega!«1
    Dieses wiederholte Rinaldo, und die ganze Gesellschaft stimmte nach dem Tone
einer Sardinischen Pfeife und einigen Zitern, den einzigen Instrumenten
gemeiner Sarden, nach welchen auch ihre Volkstänze getanzt werden, den Gesang
an:
In Deximu bella Aurora
Nascis de gracia luxenti;
Sias de sa devota genti
Santa Arega intercessora! etc.
Rinaldo fragte nach den verborgensten Schlupfwinkeln der Berge. Dahin brach die
Gesellschaft auf.
Auf einem schlechten Feldbette, unter einem Strohdache einer Sardischen
Berghütte von vier Pfählen untererstützt, lag Rinaldo, mit sich selbst
beschäftigt. Behaglich war ihm seine Lage keineswegs, er suchte sich aber selbst
zu täuschen und wollte sie nun einmal behaglich finden.
    Bekannt waren die Gesetze gemacht, auch waren sie beschworen worden. Es
wurden ihm einige Kerle zugeführt, und in einigen Tagen zählte er zweiunddreissig
Köpfe, die ihm gehorchten. Alle wurden in den Waffen geübt. Jordano und Filippo
machten dabei sich sehr verdient.
    Rinaldo hatte die Berge besucht, die Gegend rekognosziert, und suchte sich
nun mit Proviant, Gewehr und Munition zu versehen. Jetzt schickte er
Streifpartien aus und liess zusammenschleppen, was zu bekommen war.
    Auf der Spitze eines von den Bergen, unter denen man hier hauste, standen,
von hohen Fichten beinahe ganz bedeckt, die Ruinen einer kleinen Raubfeste, in
der ehemals ein gewisser Wegelagerer, Brancolino, nistete und die Bewohner der
Täler hart bedrängte. Endlich fiel er einmal im Gefechte gegen die spanischen
Soldaten, und sein Nest ward zerstört. dabei tat auch die Zeit das ihrige. Weil
jetzt der Platz einmal leer war, bevölkerte ihn die Furcht und die Liebe zum
Sonderbaren mit Geistern, von deren Walten und Wesen die benachbarten
Dorfbewohner gar viel zu erzählen wussten. Jedermann sprach von diesen Ruinen,
aber keiner wagte es, sie zu besuchen.
    Rinaldo aber war so kühn, sie sogar zu seiner Residenz zu wählen. Was nur
herzustellen war, wurde, so gut wie möglich, hergestellt. So erhielt er, mitten
unter Schutt und Trümmern, drei Plätze, die wieder für das gelten mussten, was
sie ehemals gewesen waren, für Zimmer. - Er untersuchte genau und fand zu seinem
grossen Vergnügen einen unterirdischen Gang, der am Fusse des Berges hinaus ins
Freie, in einen angrenzenden Forst führte. Der Ausgang war von Büschen und
Dornen umwachsen. Weit darin in einer schmalen Kluft, durch die nur ein
einzelner Mensch sich drängen konnte, verschloss ihn eine starke, doppelte
eiserne Tür, die bald wieder gangbar gemacht wurde. Die Eulen und Fledermäuse
wurden delogiert. Menschen bemächtigten sich ihrer bisherigen Residenz.
    Der Eingang in die Ruinen wurde mit einer kleinen Zugbrücke versehen. So,
wohlverschlossen und verwahrt, kampierte Rinaldo in seiner Burg, wenn er allein
sein wollte.
    In den Bergen umher wurden mehrere Höhlen bewohnbar gemacht; man grub sich
ein, so gut man konnte, und machte sich nur sichtbar, wenn man wollte. Dies
alles waren die Früchte einer angestrengten Arbeit von acht Wochen, bei deren
Vollendung, nahe bei den Ruinen, ein mit köstlichen Weinen wohlangefüllter
Keller entdeckt ward, der vermutlich ehemals dem edlen Brancolino gehört hatte.
Jetzt wurde er die Beute einer Gesellschaft, die auch Wein trank und manchen
Becher auf seine Gesundheit leerte.
    Neben diesem Keller wurde eine Kapelle ausgemauert, ein Bild der heiligen
Arega ward aus einer benachbarten Klosterkirche, auf gewöhnliche Art, abgeholt
und in dieselbe gesetzt. Das ordnete Rinaldo zu grosser Freude seiner sardischen
Kameraden an, die nun Wohnungen, Wein und Andacht so gut und so nahe hatten, als
sie dieselben nur schwer ehemals haben konnten oder sie zu erhalten Hoffnung
hatten.
    Das Kloster, welchem die heilige Arega entführt worden war, entrüstete sich
sehr über diese kühne Tat, zumal, da die ehemaligen Besitzer die Entdeckung
machten, dass man mit der Heiligen zugleich ihre besten goldenen und silbernen
Kirchenschätze geraubt hatte. Der Prälat forderte die benachbarten Bauern auf,
ihm die Räuber ausfindig machen zu helfen, aber man suchte sie nicht auf dem
rechten Platze und fand sie also auch nicht.
Es war ein schöner Morgen; Himmel und Erde lachten in verjüngter Pracht. Im
diamantenen Meere des reinen Morgentaues spiegelte ihr Antlitz die hehre,
heitere Sonne, und tausend Kehlen sangen ihr den Morgengruss. Da nahm Rinaldo,
sardisch gekleidet in Jägertracht, sein Rohr, verliess seine Mauern und ging
hinab ins Tal.
    Bald traf er auf ein Mädchen, das Futterkräuter in einen Korb sammelte. Er
bekam Lust, sich mit ihr zu unterhalten. Es kam zum Gespräch.
    ER Einen frohen guten Morgen, einen heitern Tag und eine schöne Nacht
wünsche ich dir, fleissiges Mädchen!
    SIE Viel auf einmal! - Wieder so viel von mir für Euch!
    ER Der Morgen ist so heiter, und du scheinst nur mit trüben Augen ihn zu
sehen.
    SIE So ist es schon lange.
    ER Was ist dir?
    SIE Ich bin ein armes Mädchen und habe viel Kummer.
    ER Verliebt?
    SIE Das leugne ich gar nicht. Ich wollte aber, ich wär' es nicht. Dass ich es
bin, das ist eben mein Unglück! - - Der schönste Bursch in unserm Dorfe ist mir
gut. Er hat mir Ständchen gebracht, er hat mich mit Limonen geworfen, und ich
habe ihn mit Wasser begossen2. Damit war's entschieden, dass wir uns beide
liebten. Aber - der Edelmann will's nicht leiden.
    ER Was geht es den Edelmann an?
    SIE Wir sind seine Untertanen, und er ist unser Herr.
    ER Kann er auch über Herzen gebieten?
    SIE Er muss es doch können, weil er es tut.
    ER Was sagen deine Eltern dazu?
    SIE Die sagen, was der Herr sagt, und der Pater sagt es auch, und jedermann
im Dorfe sagt: wir dürften einander nicht lieben.
    ER Sonderbar!
    SIE Ich wollte, ich wär' gestorben!
    ER Wie heisst dein Edelmann?
    SIE Mein Herr ist der Herr Marquis Reali. Er ist, sagt man, den Mädchen gar
gut, aber mir nicht. In unserm Dorfe verheiratet er die Mädchen beinahe nach
seinem Sinne, und er beschenkt sie dann auch.
    ER Er muss dich auch beschenken.
    SIE Er will nicht und will auch nicht, dass ich meinen Nicolo heiraten soll.
    ER Wie nennt man dich?
    SIE Maria. - Mein Vater ist Aldonzo und hat schöne Felder. Geschwister habe
ich nicht, arm bin ich auch nicht; aber - unglücklich.
    Ihr Korb war gefüllt. Sie schwang ihn auf den Rücken, trocknete die Augen
und ging. Rinaldo ging mit ihr. Sie sah ihn mit fragenden Blicken an.
    RINALDO Ist der Marquis Reali verheiratet?
    MARIA Nein.
    RINALDO Alt?
    MARIA Ein Dreissiger.
    RINALDO Hübsch?
    MARIA Ziemlich, aber doch nicht so hübsch wie mein Nicolo.
    RINALDO Ist er gesellschaftlich?
    MARIA Er gibt an Gastfreiheit keinem Sarden etwas nach.
    RINALDO Er ist wohl reich?
    MARIA Sein gutes Auskommen soll er haben; soll auch etwas zurücklegen
können, aber - das tut er nicht, wie man sagt. - Doch, - sagt mir nun auch,
warum Ihr mich so ausfragt?
    RINALDO Weil ich wünsche, dich glücklich zu sehen.
    MARIA Können das Eure Fragen und meine Antworten bewirken? Nein! Dahinter
steckt sicher etwas ganz anderes. - Aber, seht! dort kommen Leute, lasst mich
allein meinen Weg gehen und bringt mich nicht in böse Mäuler.
    Er sagte ihr ein Lebewohl und kehrte schnell in seine Burg zurück.
Als er auf den gewöhnlichen Versammlungsplatz kam, stellte man ihm einen
Rekruten vor. Rinaldo examinierte ihn. Seine Antworten waren:
    »Ich bin desertiert von dem Deutschen Regimente, welches in Cagliari in
Besatzung liegt. Das Schultern stand mir nicht länger an. Ich lief davon und
habe Lust, ein Handwerk zu treiben, das mir, obwohl in anderer Art, von jeher
sehr gefiel und behagte. Mit einem Worte, das Rauben war vorlängst schon meine
Sache. Von Geburt bin ich ein Deutscher, geboren in Reutlingen, wo ich das
Zugreifen lernte. Ein Buchdrucker von Profession erhob ich mich bald zum
Nachdrucker. Es ist dies ein sehr leichtes Geschäft, zwar unerlaubt, trägt aber
etwas ein. Man braucht nur zu vigilieren, welches Buch Aufsehen macht, und guten
Abgang verspricht. Gleich fährt man darüber her, druckt es auf Löschpapier mit
abgestumpften Lettern nach, schickt's in die Welt und streicht's Geld ein. dabei
lebt es sich gut und ruhig, denn es ist bei uns erlaubt, dies zu tun. Man
fürchtet keine Strafe, weil keine zu fürchten ist, und lacht darüber, dass man
uns Diebe, Piraten, Schufte, Schurken und schlechte Menschen nennt. Zwar weiss
man wohl, dass man das ist, aber man lacht dennoch und nachdrucket immer fort. So
stiehlt sich es wirklich gut!«
    »Warum aber«, - fragte Sanardo, - »bliebst du denn nicht bei deinem
eleganten Handwerke?«
    Der Reutlinger fuhr mit der Hand übers Gesicht, zuckte mit den Achseln und
sagte:
    »Wie das nun geht! Ich hatte Geld erworben und machte mich auf, meinen
Kollegen in Bamberg, Karlsruhe u.a.a.O. zuzusprechen. Wir sahen, sprachen uns
und lebten herrlich und in Freuden. Einen allgemeinen Nachdrucker-Kongress
schrieben wir aus und kamen im Bade zu Spa zusammen. Hier führte mich der Böse
an eine Farobank, und was ich mir erstohlen hatte, ging in drei Abenden fort.
Meine Kollegen waren grossmütig, bezahlten meine Zeche und reichten mir eine
Kollekte. Sie verliessen in Equipagen das Bad, und ich verliess es zu Fusse. Die
Kollekte war bald aufgezehrt. Ich liess mich unter die Soldaten anwerben. Man
schickte mich nach Mailand. Ich lief zu den Piemontesern über und ward mit nach
Cagliari abgeschickt. - Jetzt komme ich zu euch: denn ich will nun einmal meinen
Galgen haben.«
    »Den sollst du haben!« - rief Rinaldo und ging mit Sanardo auf die Seite.
    Dieser kam zurück, Rinaldo aber hatte kaum seine Burg erreicht, als schon
der Reutlinger an einem Baume hing, weil er, meinten sie, für ihre Gesellschaft
zu schlecht sei.
Den folgenden Tag bestieg Rinaldo sein Ross und erreichte bald das Schloss des
Marquis Reali. - Er selbst trat im Schlosshofe ihm entgegen und nötigte ihn sehr
höflich, mit sardischer Gastfreiheit, bei ihm einzusprechen.
    Er zeigte ihm sein Münzkabinett und führte ihn in eine Galerie, in welcher
eine ganz lange Reihe von Bauernmädchenportraits hing. - Lächelnd fragte
Rinaldo:
    »Was sagt wohl diese Suite?«
    »Dies« - antwortete der Marquis, - »sind Köpfe von Mädchen meiner Untertanen
auf meinen Gütern, die ich ausgesteuert und verheiratet habe. Es ist daraus so
nach und nach bei mir eine Art von Geschäft geworden.«
    »Das aber doch wohl auch seine Zinsen trägt?«
    »Zuweilen. - Aber, unter uns! es geht mit den Weibern gemeinhin wie mit
bösen Schuldnern, man verliert oft bei ihnen Zinsen und Kapital zugleich. -
Indessen, es macht mir Spass, die Suite zu vermehren, und Platz ist dazu
vorhanden.«
    »Aber doch wohl nur bis zu Eurer Vermählung?«
    »Ich werde mich nie verheiraten. Es ist dies einer meiner Grundsätze.«
    »Wie oft wurden Grundsätze von schönen Augen umgestossen!«
    »Ich lebe hier in einer artigen Kollektion von schönen Augen, wie Ihr seht!«
    »Sie sind unbeweglich.«
    »Die Phantasie kann alles bewegen. - Meine Vorfahren genossen bei den
Töchtern ihrer Untertanen das Recht der ersten Nacht. Sie haben es sicher
redlich exerziert. - Mein Vater, eine Art von Philosoph, fand dies Recht
ungerecht, besonders, da er meine Mutter ausserordentlich zärtlich liebte. Er
verwandelte das Recht in eine kleine jährliche Abgabe und hob es auf. Seine
Untertanen setzten ihm eine Bildsäule, die Ihr noch im Schlosshofe stehen seht. -
Ich besitze nun kein Recht mehr, aber ich erhandle mir zuweilen eine
Gefälligkeit. dabei geht alles ohne Groll ab.«
    »Ihr wählt die Männer für die Mädchen, die Ihr aussteuern wollt?«
    »Ich wähle sie.«
    »Machtet Ihr Euch noch nie den Spass und ihr die Herzensfreude, ein Mädchen
auszusteuern, die selbst sich einen Mann wählte?«
    »Dies ist, so viel ich weiss, noch nie der Fall gewesen. Doch sie betrügen
mich, das merke ich. Was meine Wahl zu sein scheint, war oft schon ihre eigene
Wahl. Das wissen die Mädchen gar schlau zu karten.«
    »Ich wage eine Interzession!«
    »Wieso?«
    »Ein Mädchen hat mich gebeten, für sie bei Euch zu bitten.«
    »Was will sie?«
    »Eine gewisse kleine, artige Brünette, Maria Aldonza, wünscht ihren Nicolo
heiraten zu dürfen.«
    »Wie kommt sie an Euch?«
    »Ich fand sie weinend auf dem Felde: Ich unterhielt mich mit ihr, vernahm
die Ursache ihrer Tränen und ward von ihr gebeten, ihr Vorsprecher zu sein.«
    »Es ist die Bitte meines Gastes die erste dieser Art an mich; - Maria soll
ihren Nicolo heiraten.«
    »Kommt ihr Portrait dann auch in diese Reihe?«
    »Nur dann, wenn ich sie ausstatte.«
    »Das tut Ihr doch?«
    »Das verspreche ich nicht. Doch, - es kommt auf Marien an. Ich handle nicht
gegen meinen Grundsatz.«
    »Als Fremder wage ich es nicht, Euch vorzugreifen. - Das Mädchen hat mich
gerührt. -«
    »Wollt Ihr sie ausstatten?«
    »Wenn ich darf -«
    »Nun gut! - Doch nicht eher, als bis ich selbst ihr keine Ausstattung gebe.«
    Die Zeit der Siesta war gekommen. Beide begaben sich zur Ruh. - Rinaldo
hatte länger als der Marquis geschlafen. Als er ins Zimmer kam, sass Maria einem
Maler, der sie portraitierte. - Der Marquis führte seinen Gast in ein anderes
Zimmer und lächelte. »Maria wird von mir ausgestattet, und Nicolo wird ihr
Mann.«
    Das Gespräch wendete sich. Man kam auf Cagliari, und endlich erfuhr Rinaldo
etwas, wobei er interessiert war.
    »Auf Requisition aus Frankreich«, - fuhr der Marquis im Verfolg seines
Gesprächs fort, - »sind in Cagliari eine ganze Hecke missvergnügter Korsen und
ihre Freunde arretiert worden. Man spricht von Anschlägen auf Korsika, von einer
Landung daselbst, von Truppen, die Rinaldini hätte anführen sollen, und
dergleichen. - Ich glaube, man vergrössert etwas sehr Unbedeutendes, vielleicht
aus Politik.«
    »Lebt denn Rinaldini noch?«
    »Man sagt es.«
    »So ist er sicher auch mit arretiert worden.«
    »Ihn hat man nicht angetroffen. Auch soll ein gewisser türkischer Prinz
entkommen sein, der, wie man sagt, das Haupt der korsischen Verbindung war.«
    »Sind die Verhafteten noch in Cagliari?«
    »Nein. - Man hat sie einem französischen Kommissar übergeben. - Nun heisst es
aber, das Schiff, auf welchem sie sich befanden, sei genommen worden. Doch davon
spricht man unbestimmt. Mir liegt nichts daran! Das aber möchte ich wissen: Ob
Rinaldini wirklich noch, und ob er auf dieser Insel lebt?«
    »Das möchte ich selbst wissen.«
    »Und lebt er noch, so wünsche ich, ihn zu sehen.«
    »Ihn zu sehen?«
    »Ja! ihn zu sehen. Es kostete allenfalls eine Börse mit Zechinen, ihm zu
begegnen, und dafür wollte ich ihn recht beschauen.«
    »Mit dieser Börse wären aber einige Mädchen auszustatten, und dabei - gäb'
es doch wohl mehr als nur etwas zu sehen.«
    Maria trat ins Zimmer, küsste dankend dem Marquis die Hand und bat ihn, ihr
gnädiger Herr zu bleiben. - Ein Bedienter trat ein und winkte dem Marquis, der
mit ihm das Zimmer verliess. Maria sagte:
    »Euch habe ich sicher alles zu verdanken!«
    »Dir selbst, mein Kind«, - sagte Rinaldo, - »hast du deine Aussteuer zu
verdanken.«
    »Wenn auch diese, doch das nicht, dass ich Nicolo heiraten darf. Die
Aussteuer wär' wohl längst schon zu bekommen gewesen, aber Nicolo nicht mit
dazu.«
    Rinaldo drückte ihr einige Goldstücke in die Hand. Sie fragte:
    »Wollt Ihr mich auch aussteuern?«
    »Ich bin kein reicher Marquis.«
    »Doch habt Ihr fein gegeben!«
    »Wenigstens uneigennützig.«
    »Das lobe ich, verdenke es Euch aber. Der Herr Marquis denkt anders als Ihr.
- Ich danke Euch!«
    »Geh, grüsse deinen Nicolo!«
    »Der wird recht froh sein, dass er mich heiraten darf und dass er nun auch
bald erfährt, wie es sich in einem Bette liegt!«3
    Sie sprang aus dem Zimmer, wohin der Marquis nachkam. Er bat um Verzeihung,
ihn allein gelassen zu haben, doch setzte er hinzu: »Ich habe Euch doch nur
allein bei einem artigen Mädchen gelassen -«
    »Die«, - fiel Rinaldo ein, - »ausgesteuert war.«
    Der Marquis lachte laut auf und fuhr dann in einem andern Tone fort:
    »Soeben habe ich durch einen reitenden Boten Briefe erhalten, die mir Gäste
ansagen, die diesen Abend noch eintreffen werden. Darf ich Euch bitten, so
erwartet Ihr sie mit mir. Die Gesellschaft besteht aus vier Damen, einer Tante
und drei Cousinen. Ich allein würde gar zu isoliert unter Vieren stehen. Ich
wiederhole also meine Bitte!«
    »Ich bleibe.«
    »Jetzt aber bitte ich, um ihn den Damen vorstellen zu können, um meines
Gastes Namen.«
    »Ich bin der Jüngste des gräflichen Hauses Marliani, im Veltelinerland
geboren. Mein Onkel schickte mich auf Reisen, und eine Reisenden erlaubte,
anständige Neugier brachte mich auf diese Insel.«
    Der Marquis gab seinem Haushofmeister Befehle. Rinaldo ging in den
Schlossgarten.
Er ging auf eine Hintertür des Gartens zu, öffnete sie und trat ins Freie. - In
einem Busche regte sich's. Rinaldo griff nach dem Dolche. - Jordano kam aus dem
Busche.
    »Bist du hier?« - fragte er.
    »Wir waren deinetwegen in Verlegenheit.«
    »Ich werde einige Tage auf diesem Schloss bleiben. - In dieser Gegend, wo
wir uns jetzt sprechen, mögen immer einige der Unsrigen stecken, damit ich sie
bei der Hand habe, wenn ich sie brauche.«
    »Gut! - Wir haben auch eine Spekulation.«
    »Welche?«
    »Es kommt ein Wagen hier vorbei. Diesen wollen wir ein wenig anhalten.«
    »Nichts! - Jetzt keinen Lärm, so nahe bei einem Orte, wo ich mich befinde.
Wir könnten alle in Verlegenheit kommen. Geht der Wagen aber weiter -«
    »Gut, gut! - Nun, weiss ich schon genug. - Ich muss zu meinen Burschen!«
    Er kroch in den Busch, und Rinaldo ging in den Garten zurück. Ein
freundliches Mädchen schnitt Blumen ab. Rinaldo kam mit ihr ins Gespräch.
    »Die Blumen« - sagte sie, - »sollen Kränze geben für die Tafel und
Sträusschen für die Damen, die der Herr Marquis erwartet.«
    »Du gehörst ins Schloss?« - fragte Rinaldo.
    »Ich habe die Ehre, dem Herrn Marquis zu dienen, und bin Aufseherin über die
Wäsche und das Tafelgerät im Schloss.«
    »Wenn du heiratest, wird dich der Herr Marquis wohl auch ausstatten?«
    »Er hat davon noch nichts gesagt, und ans Heiraten wird's wohl sobald noch
nicht kommen.«
    Der Marquis kam. Rinaldo ging ihm entgegen, zeigte auf das Mädchen und
sagte:
    »Dort gibt es etwas Hübsches auszustatten!«
    »Vielleicht!« - antwortete der Marquis lächelnd.
    Sie gingen nach der Hintertür des Gartens. Ein Wagen rollte heran; die
erwarteten Gäste sassen in dem Wagen.
    Man war im Saale des Schlosses. Die namentlichen und persönlichen
Bekanntschaften waren gemacht. - Die Tante war eine lebhafte Vierzigerin, sprach
viel und war sehr aufgeräumt. Von den Cousinen des Marquis waren zwei
Schwestern, beide noch sehr jung, etwas verlegen und still. Die dritte, in den
Jahren der Forderung, war lebhaft, witzig und gesprächig. Sie war es, mit der
Rinaldo sich unterhielt. Der Marquis scherzte mit der Tante. Sie neckte ihn
seiner Mädchengalerie wegen und plaisantierte über seinen Geschmack.
    Die Unterhaltung über Tafel war lebhaft genug. Es wurde gescherzt, gelacht
und endlich gar gesungen. Der Marquis und die lebhafte Cousine, Oriane,
ergriffen Guitarren. Sie spielten und sangen:
                                 Wechselgesang
ER
Gib mir die Blumen,
Gib mir den Kranz!
Ich führ' dich, Liebchen!
Morgen zum Tanz.
SIE
Lass mir die Blumen,
Lass mir den Kranz;
Führ' eine andre
Morgen zum Tanz.
ER
Nein, liebes Mädchen!
Du nur allein,
Sollst die erwählte
Tänzerin sein.
SIE
Was kann mir's helfen;
Sollt ich allein
Auch die erwählte
Tänzerin sein?
ER
Ewige Liebe,
Schwör' ich nur dir.
Gib mir die Blumen,
Tanze mit mir!
SIE
Schwörst du mir Liebe,
Folg' ich zum Tanz.
Hier sind die Blumen,
Hier ist der Kranz.
ER
Und mit den Blumen
Schenk' mir dein Herz!
Ich mein' es ernstlich,
Treibe nicht Scherz.
SIE
Meinst du es ernstlich;
Treibst du nicht Scherz,
So nimm die Blumen,
Nimm auch mein Herz!
»Wer wird dem Sänger trauen?« - rief die Tante lächelnd aus.
    »Ich nicht«, sagte Oriane.
    »Es blieb' ja alles nur in der Freundschaft«, - setzte der Marquis hinzu.
    »Und wird zum Kabinettstück«, fuhr die Tante fort.
    »Nur nicht zum Galeriestück!« - fiel Oriane ein.
    MARQUIS Man sammelt für den Kenner.
    ORIANE Und liebt die Kennerinnen, bis zum Studio.
    MARQUIS Nun ja! Kann man wohl mehr tun?
    TANTE Oft kann man nicht zu viel tun. Die sogenannten Kenner verlieren sich
nicht selten so sehr in ihr Studium, dass sie dieses Studium sogar selbst darüber
verlieren.
    MARQUIS Der Mensch ist zum Verlieren geboren.
    TANTE Und will dennoch stets gewinnen.
    MARQUIS Seine Existenz privilegiert seine Hoffnungen.
    TANTE Ei freilich! Wer träumte nicht wenigstens gern angenehm?
    RINALDO Aber das Erwachen?
    TANTE Ist freilich nicht immer angenehm. Unser Marquis aber träumt selten,
glaube ich.
    MARQUIS Er lebt ja. Und was ist unser Leben anders als ein Traum?
    TANTE Gute Nacht!
    Sie schob den Stuhl. Der Marquis protestierte gegen das Aufstehen. Er gab
ein Zeichen. Ein hübsches Mädchen und ein flinker Bursch traten ein. Sie tanzten
den Fandango. - Man klatschte ihnen Beifall zu, und als sie abgetreten waren,
wurde die Tafel aufgehoben.
Den folgenden Morgen ward eine Spazierfahrt auf eine Villa des Marquis
beschlossen. Man fuhr dahin, divertierte sich wohl und fuhr gegen Abend zurück.
- Durch einen Zufall war des Marquis Wagen weit vor dem Wagen voraus, in welchem
Rinaldo, Oriane und eine der beiden Nichten sassen. Sie fuhren in einem Hohlwege,
als plötzlich nahe am Wagen ein Schuss fiel.
    »Haltet an!« - donnerten einige Stimmen.
    Sprachlos, zitternd sahen die Damen ihren Begleiter an, der still vor sich
hinsah und eine Verwünschung in den Bart murmelte. - Der Wagen hielt. Zwei
Verlarvte traten an die Kutschenschläge. Sie sahen in den Wagen und baten sich
die Börsen aus.
    »Wie?« - fragte Rinaldo.
    Auf diese Frage sprangen die Verlarvten sogleich zurück und schrien:
    »Kutscher, fahr zu! - Gute Nacht, schöne Damen!«
    Der Wagen rollte davon. Sie kamen ins Schloss. Oriane erzählte, was geschehen
war. Der Marquis und die Tante fixierten den Fremden. Lächelnd sagte Rinaldo:
    »Ihr seht, meine Damen, welche Gewalt die Schönheit selbst über Räuber
ausübt. Männer wären so wohlfeil sicher nicht davongekommen. Kaum aber sahen die
rohen Kerle Damen, als sie den Wagen mit einem: Gute Nacht, schöne Damen!
verliessen und ich meine Börse behielt.«
    ORIANE Wie aber, Herr Graf, wenn ich nun das Glück bloss Euerm: Wie?
zuschrieb, auf welches die Verlarvten so schnell sich zurückzogen?
    RINALDO So müsstet Ihr voraussetzen, ich sei ein Zauberer. Wie könnte ein
blosses Wie? dergleichen Bewaffnete schrecken? Wie könnte es sogar Börsen retten?
Nein! dies Wie? konnte es nicht tun. Aber die Schönheit, der selbst Tribut
gehört, gibt keinen.
    TANTE Der Vorfall ist höchst sonderbar!
    MARQUIS Gewiss!
    ORIANE Er ist sogar unerklärbar. Denn des Herrn Grafen Erklärung erklärt den
Vorfall nicht.
    RINALDO Die Geschichte gibt meiner Erklärung hinreichende Belege.
    ORIANE Eine gewisse Autorität musste doch die Räuber schrecken.
    RINALDO Ehrfurcht vor der Schönheit, wie gesagt?
    ORIANE Uns sahen sie zuerst und forderten Börsen. Sie sahen Euch, vernahmen
Euer imponierendes Wie? und standen ab von ihrer Forderung.
    RINALDO Zuletzt wird es sich wohl gar zeigen, dass mich die Verlarvten
kannten! - Meint Ihr nicht?
    ORIANE Ihr setzt eine Beleidigung voraus, an die ich nicht dachte.
    RINALDO So bleibt's bei der Zauberei!
    Man lachte und sprach nicht weiter von der Sache.
Rinaldo ging in den Garten, wo man in einem Pavillon desselben speisen wollte. -
Er drehte sich um eine Hecke, aus der Jordano hervortrat.
    »Hauptmann!« - redete er ihn an, - »Ich lag hier und hörte hier den Herrn
des Schlosses mit seinem Haushofmeister sprechen.
    Er sendet soeben einen reitenden Boten nach Perona und bittet, dass morgen
früh ein Kommando Dragoner bei ihm einrücken möchte. Dies befahl er dem
Haushofmeister an den Obristen dort zu schreiben. - Das könnte wohl dir gelten!«
    »Ich wurde angefallen.«
    »Ich weiss die dumme Geschichte! Sie kann dich verraten. - Lieber hätte man
dir, da die Sache einmal so weit war, die Börse abnehmen sollen.«
    »Ich wollte sie eben ziehen, und das schnelle Wie? war mir entflohen.«
    »Der reitende Bote kommt nicht nach Perona; dafür ist gesorgt! - Es warten
ihrer viere auf ihn, alle auf verschiedenen Plätzen. Das habe ich schon besorgt,
aber -«
    »Es sei dennoch nicht zu trauen, meinst du?«
    »Willst du es wagen?«
    »Fort muss ich!«
    »Das ist auch meine Meinung.«
    »Aber ich möchte doch auch der edlen Versammlung -«
    »Ein kleines Schreckchen einjagen?«
    »Nicht so ganz, aber dennoch -«
    »Halb?«
    »Noch weiss ich selbst nicht recht, was ich tun werde! - Halte du dich mit
deinen Leuten bereit. Gebe ich das gewöhnliche Signal, so kommt ihr herbei. -
Wir speisen dort in jenem Pavillon.«
 
                                    Fussnoten
1 Novena de sa gloriosa Santa Arega Sarda; Martirisada in deximu mannu. Casteddu
1771. Dieses führen die Sardischen Räuber bei sich. Die eben angeführte Stanze
aus der Hymne an die Heilige gibt zugleich einen kleinen Begriff von der
Sardischen Sprache.
2 Verliebter Sarden und Sardinnen Gebräuche auf dem Lande.
3 Das Schlafen in Betten ist bei den Sarden nur ein Vorrecht verheirateter
Personen. Die Junggesellen schlafen auf dem Boden, höchstens auf Stroh und
Schilfmatten.
 
                                Sechzehntes Buch
 Nicht Trompetenruf allein zum Streite,
 Auch zur Tafel ruft ihr Feierton;
 Ja, der Freude höheres Geleite
 Rief dich in so manchen Tönen schon!
Rinaldo ging auf den Pavillon zu. Unweit davon, bei der Fontana, stand Oriane
und band Blumen in einen Strauss zusammen. Sie fragte:
    »Habt Ihr auch Blumen gesammelt? - Wenigstens für mich hättet Ihr es tun
können, denn ich habe mich empfindlich an einem Dorn geritzt. Doch wollte ich
alles verschmerzen, wenn ich nur wüsste, wie ich mit Euch daran wär'. Denn, seid
Ihr ein Zauberer, so fürchte ich Euch, und seid Ihr keiner, so - fürchte ich
Euch auch.«
    »Die Schönheit«, - antwortete Rinaldo, - »hat, wie Ihr erfahren habt,
überall nichts zu fürchten, nicht einmal das, was andere von ihr zu fürchten
haben.«
    »Fürchtet Ihr mich?«
    »Seid Ihr grausam?«
    »Zuweilen.«
    »So seid Ihr auch zu fürchten.«
    »Jetzt will ich einmal nicht grausam, ich will sogar, was ich nur höchst
selten bin, freigebig sein. - Ich schenke Euch diesen Strauss, in welchem eine
Rose glänzt, die mit meinem Blute gefärbt ist, wenn Ihr mir das Kunststück
dagegen mitteilen wollt, mit einem: Wie? Börsen zu sichern?«
    »Ihr besitzt es schon, auch ohne ein Wie?«
    »Ihr weicht aus! - Vertraut Euch mir lieber. Ich spiele gar zu gern die
Vertraute.«
    »Was ich Euch vertrauen könnte« -
    »Ist es von Wichtigkeit?«
    »Mein Herz sagt Ja.«
    »Das Herz bleibt diesmal ganz aus dem Spiele.«
    »Das meinige nicht.«
    »Sicher aber das meinige.«
    »So habe ich Euch auch nichts zu vertrauen.«
    »Wir sind einander fremd, sehen uns, wenn Ihr abreiset, vielleicht nie
wieder, und noch dazu, -«
    »Ihr brecht ab?«
    »Hört Ihr? Die Trompete ruft zur Tafel!«
    »Ach! wohin riefen mich nicht schon Trompeten?«
    »Auch ins Gefecht?«
    »Nur allzuoft.«
    »Ihr seid Soldat?«
    Der Marquis trat herbei. Man ging zur Tafel. - Rinaldo vergass sich, war
zerstreut, sah gedankenvoll oft vor sich hin und ward scharf beobachtet. - Die
Tante schlug vor, Geschichtchen zu erzählen. Man loste. Schon hatten Oriane und
der Marquis erzählt, als die Reihe an die Tante kam. - Diese begann:
    »Ich will Euch ein Geschichtchen erzählen, das mir mein Bruder erzählt hat.
Aber erschrecken dürft ihr Mädchen nicht!«
    ORIANE Es ist gewiss eine Gespenstergeschichte?
    TANTE Nein.
    ORIANE Oder ein Geschichtchen von einem alten Spukschlosse?
    TANTE Auch nicht. - Der Held meiner Erzählung ist der Räuberhauptmann
Rinaldini.
    ORIANE Rinaldini?
    TANTE Es ist ein spasshaftes Histörchen.
    ORIANE So lasst es hören!
    TANTE Rinaldini sass einst, ohne dass man ihn kannte, an einer Tafel -
    RINALDO Mit vier Damen in einem Pavillon. Nicht wahr? - O! ich kenne das
Geschichtchen und weiss es auch zu erzählen.
    TANTE Erzählt nur ein wenig weiter und ich will Euch gleich sagen, ob Euer
Geschichtchen auch das meinige ist.
    RINALDO Waren denn vier Damen an Eurer Tafel, an der Rinaldini sass?
    TANTE Die Anzahl weiss ich nicht. Es war eine Gesellschaftstafel.
    RINALDO In einem Pavillon?
    TANTE Auch den Ort weiss ich nicht. Man kannte ihn, wie gesagt, nicht und
sprach Verschiedenes von ihm. Man lobte, man schalt ihn. Besonders aber
zeichnete sich ein Abbate aus, der ihn mit Schimpfhamen aller Art belegte.
Rinaldini ergrimmte und fragte den Abbate, ob er es wohl wagen würde, diese
Schimpfnamen dem Geschimpften ins Gesicht zu sagen. »O ja!« - erwiderte dieser,
- »Wenn ich den Schuft nur einmal zu sehen bekommen könnte!« - Hier steht er vor
Euch! sagte Rinaldini, indem er aufstand. - Der Abbate erblasste, sank vor ihm
auf die Knie nieder und bat demütig um Verzeihung. - Lachend setzte sich
Rinaldini wieder nieder und sagte: »Herr Abbate, gut schimpfen könnt Ihr wohl,
aber Ihr seid der Held nicht, für den Ihr Euch ausgebt. Ihr sankt sogleich zu
Boden, als ich im Scherz mich Rinaldini nannte, und ich sehe doch gewiss nichts
weniger als diesem furchtbaren Manne gleich. Was würdet Ihr nicht erst getan
haben, hätte sich Rinaldini Euch wirklich selbst gezeigt!« - Die ganze
Gesellschaft lachte laut auf, und der Abbate schlich sich beschämt davon. Man
tadelte nun des Abbate Furchtsamkeit, und alle machten sich über ihn lustig.
Endlich erhob sich Rinaldini wieder und sagte: »Meine Herren, lacht nicht so
sehr. Den Abbate neckte ich; Euch aber sage ich die Wahrheit. Rinaldini hat
wirklich mit Euch gegessen.« - Er küsste, als er das sagte, seiner Nachbarin die
Hand, die in Ohnmacht sank, und verliess, indem man teils dieser Dame zu Hilfe
sprang, teils blass und zitternd, unbeweglich sass, schnell den Speisesaal.
    MARQUIS Das Geschichtchen ist allerliebst! Wie gefällt es.
    ORIANE Dennoch wäre ich sicher, ebenso wie jene Dame, in Ohnmacht gesunken,
hätten seine Lippen meine Hand berührt.
    RINALDO Er hatte vielleicht sich gar in die Dame verliebt.
    ORIANE Eine schöne Ehre! - Ich würde meine Hand zwanzig Jahre lang gewaschen
und gerieben haben, hätte sie das Unglück gehabt, von einem Räuber geküsst zu
werden.
    TANTE Man schildert ihn als einen schönen Mann.
    ORIANE Wie kann ein Räuberhauptmann schön sein? - Doch, nun Euer
Geschichtchen, Herr Graf! - Ich weiss nicht, wie es kommt, dass man so gern
zuhört, wenn etwas von dem bösen Kerl Rinaldini erzählt wird.
    TANTE Er gefällt, interessiert. - Nun, das Geschichtchen!
    RINALDO Rinaldini, - erzählte man mir in Neapel, - war einst in einer
Kirche, ich glaube in Messina oder wo es sonst war. Genug! in einer Kirche war
er. Er kniete hinter einer schwarz verschleierten Dame, die sehr emsig betete,
die vergass, dass sie nicht allein war, und in ihrer Andacht laut wurde. Rinaldini
hörte, dass sie den Himmel bat, auf einer bevorstehenden Reise ihr Sicherheit und
Schutz zu geben, auch gegen Rinaldinis Bande, die damals der Schrecken aller
Reisenden war. Er lispelte ihr ins Ohr: »Ihr könnt das näher haben!« - Sie
drehte sich herum; er drückte ihr eine seiner Sicherheitskarten, die er
gewöhnlich Reisenden gab, die von seinen Leuten nicht beraubt werden sollten, in
die Hand, stand auf und verliess die Kirche.
    TANTE Abermals ein Galanteriestück!
    ORIANE Das ist aber nicht die Geschichte, die Ihr vorhin erzählen wolltet.
    RINALDO Sie ist nicht halb so spasshaft und artig als die beiden, die Ihr
schon gehört habt.
    ORIANE Wenn auch das nicht, so ist sie doch von dem Manne, von dem man gern
erzählen hört.
    RINALDO Bei dem Nachtisch will ich sie erzählen.
    Die Nichten erzählten nun, und der Marquis gab auch noch eine Geschichte
preis, die sehr hübsch war. - Nun aber legte Oriane einen Finger ihrer Rechten
auf Rinaldos Hand und bat ihn, sein Versprechen zu erfüllen. Er sah sie an,
ergriff einen Becher, nickte ihr eine Gesundheit zu und trank. Sie erwiderte
seine Höflichkeit. Er begann:
    »Unter vier Damen sass einst in einem Pavillon, an einer Tafel, Rinaldini.
Sie wussten nicht, dass er es war, und unterhielten sich mit ihm wie mit einem
Manne ihres Standes. Er war galant und artig, nur zuweilen sehr zerstreut,
welches man auf die Nähe seiner reizenden Nachbarin schrieb, in deren Augen er
wirklich gern den schönsten Erdenhimmel sah.« - Man sprach, man unterhielt sich
von ihm. Er selbst tat das. »Er ist ein Räuber!« - sagte seine schöne Nachbarin.
»Dies leugnet er nicht!« - rief Rinaldini aus und raubte schnell ihr einen Kuss.
    Er sagte dies und küsste Orianen. Sie bog sich rasch zurück und schrie
entrüstet:
    »Keinen solchen Spass!«
    »Ernst ist es«, - sagte Rinaldo.
    »Ernst?« - schrie die Tante.
    »Ernst?« - fragte aufspringend der Marquis.
    Ruhig blieb Rinaldo, winkte ihnen zu, sich zu setzen, und sagte ganz
gelassen:
    »Ich bin Rinaldini.«
    Wie Bildsäulen sassen alle vor ihm; so standen auch die Diener, zu denen sich
Rinaldo wendete und sie lächelnd fragte:
    »Greift ihr mich nicht?«
    Erschrocken traten diese einige Schritte zurück. Rinaldo warf sich vor
Oriane nieder:
    »Verzeiht!« - sagte er; - »Euer Bild im Herzen, Euern Kuss auf meinen Lippen,
wandere ich in meine Einsamkeit zurück. Dort lächelt keine Oriane mir, dort
finde ich nur die Verzweiflung, die dieses unglücklichen Herzens Braut sich
nennt!«
    Er sprang auf und sagte zu dem Marquis:
    »Ich weiss es und erkenne dankbar, dass ich Eurer Gastfreundschaft verbunden
bin. Erwidern kann ich sie nicht. In meine Höhlen kommt kein Gast. Dort bin ich
stets allein, bewacht von Unruh, Furcht und Sorgen. Doch bitte ich Euch, als ein
kleines Andenken mein Ross zu behalten und Euch meiner zuweilen zu erinnern.«
    Noch wurde kein Wort gesprochen, das nicht Rinaldo sprach. Er ging zur Tür
und rief mit Ausdruck und Gefühl ein: Lebewohl! ihnen zu. - Da sprang der
Marquis auf und sagte: »Ich kann Euch nicht von hier lassen!«
    »Nicht?« fragte Rinaldo, indem er wieder zurückkam.
    »Wenigstens, - nicht ohne Bedeckung.«
    »Für diese ist gesorgt.«
    Er gab sein Zeichen. Jordano trat mit zehn Bewaffneten herbei. - Der Marquis
sank auf seinen Stuhl zurück; die Diener drängten sich zusammen. Oriane drückte
beide Hände vor die Augen und jammerte laut, die Nichten weinten, die Tante
zitterte, Rinaldo rief:
    »Oriane! Lebe wohl!«
    So verliess er mit seinen Leuten den Garten.
Oriane hielt Rechnung mit sich selbst: - »Es hätte dir möglich sein können,
diesen Mann zu lieben? - Aber wusste ich denn, wer er war? - Da du es aber nun
weisst? - Wie? und du könntest dennoch? - - Schweige! - Wohin willst du ihm
folgen? Willst du ihn sehen in seinen Räuberhöhlen, wo er als Regent unter
Banditen tront? - Nein! Auch nicht einmal dürfen deine Gedanken ihn dortin
begleiten. - Aber du trittst wieder zurück in deine Zirkel; man nennt seinen
Namen, du errötest: man sagt dir wohl gar: Auch dich hat er geküsst. -
Unbesonnener! was hast du getan? Wie sehr hast du mich und dieses Herz
beleidigt!«
    Rinaldo fühlte das Unbesonnene seiner Handlung selbst sehr lebhaft. Er
schrieb an Orianen, bat um Verzeihung und versicherte seine tiefste Reue. Dieser
Brief blieb, wie man leicht denken kann, unbeantwortet.
    Die Damen verliessen nach einigen Tagen das Schloss des Marquis. Er selbst
ging mit ihnen in die Stadt. - Oriane besuchte eine Anverwandte, die Äbtissin
des Klaren-Klosters unweit Sesto war.
    Dort durchstreifte sie, ihren Gedanken hingegeben, in der Einsamkeit die
herrlichen Fluren und reizenden Auen, die das Kloster umzogen, prangend mit
Schönheit und Reichtum des fruchtbringenden Herbstes.
    Ein Pilger grüsste sie freundlich, redete sie an und fuhr begeistert fort:
    »O! welch ein schönes Land! welch frisches, liebliches Grün erquickt das
Auge! welch ein Zauber umschwebt diese Fluren! Die schönen, himmelanstrebenden
Bäume, wie so brüderlich vereinigen sie ihre Äste! So verschlingen sich Arme der
Liebenden; so umarmt, trotzen sie jedem Sturme! - Jeden Baum umschlingen Reben,
so dicht und innig, wie der Liebende die Geliebte umschlingt. In den Wipfeln der
Bäume glänzen die schönsten, vollsten Trauben. Sie schenken uns den Nektar, der
uns labt und erquickt. Sieh über dich, freundliches Mädchen! Wie unter einem
Tronhimmel stehst du hier, und über dir glänzen in gelben, purpurnen, blauen
und rosenroten Farben, gleich Gesteinen, die herrlichen Trauben! Hell und sanft
schleicht dahin der Fluss. Ruhig spiegelt der bekränzende Wald sich in seinen
Silberwellen!«
    ORIANE Du schwärmst umher in einer Dichterwelt!
    PILGER Nur dichterisch, in wirklichen Gefilden des Paradieses, in welchem
ein Engel wandelt. Ach! Oriane -
    ORIANE Du nennst meinen Namen? Kennst du mich?
    PILGER Dieses Gesicht ist nicht mein wirkliches Gesicht, es gehört der
Kunst. Wenn ich mich dir zeige, wie du mich schon sahest, wirst du mich
wiedererkennen, aber - dennoch mich fliehen.
    ORIANE Was sagt mir mein ahnendes Herz!
    PILGER Es sage dir, was deine Augen dir sagen.
    Er nahm die Larve vom Gesicht. Laut auf schrie Oriane, bedeckte mit den
Händen ihr Gesicht und konnte nicht entfliehen. Rinaldo stand vor ihr.
    ORIANE Was suchst du hier?
    RINALDO Dich hier zu finden: und ich habe dich gefunden.
    ORIANE Du wusstest, wo ich war?
    RINALDO Ich weiss, was in der ganzen Gegend hierherum geschieht. Ich wollte
dich noch einmal sehen und sprechen, ehe du den Schleier nimmst.
    ORIANE Noch war ich dazu nicht entschlossen; jetzt bin ich es, wenn du mich
den Klostermauern überlassen willst.
    RINALDO Was sagst du?
    ORIANE Furchtbarer! Bin ich nicht in deiner Gewalt?
    RINALDO So nahm ich's nicht! - - Du in meiner Gewalt? O nein! Die Rollen
sind gewechselt. Du befiehlst und ich gehorche.
    ORIANE Verlass mich!
    RINALDO So grausam kannst du sein?
    ORIANE Darüber willst du klagen? - Was hoffest du denn? Was darfst du
hoffen? Vergisst die Welt, was du vergessen hast? Schnell aus dem Busche trat
zwischen beide ein zweiter Pilger, verlarvt und hochgegürtet. Er ergriff
Rinaldos Hand, erhob die andere drohend und sagte:
    »Hüte dich!«
    Rinaldo zog den Dolch. Oriane floh, laut aufschreiend, dem Kloster zu. Der
Pilger fuhr fort:
    »Den Dolch steck ein!«
    »Ich soll -«
    »Mir droht kein Dolch.«
    »Ich soll sie kennen -«
    »Das Mädchen?«
    »Deine Stimme.«
    »Das glaube ich selbst.«
    »Wer bist du?«
    »Du bist doch hierherum zu Hause?«
    »Nicht fern von hier.«
    »In deiner Wohnung siehst du mich ohne diese Larve. - Fort! fort! Hier ist
kein Zögern ratsam.«
    Rinaldo verlarvte sich. Schweigend ging der Pilger mit ihm. Jener tat
verschiedene Fragen, die dieser nur ganz kurz beantwortete. - Sie kamen an die
Schlucht, die zu dem Felsengange führte, der, wie wir wissen, hinauf zu der
verfallenen Burg ging, die Rinaldo bewohnte. Er fragte:
    »Kannst du ohne Furcht durch Schluchten mir und Felsengänge folgen?«
    »Ich folge dir«, - war die Antwort.
    Er folgte. - Sie erreichten die Ruinen. Rinaldo stand still und sagte: »Ehe
ich dich in meine Wohnung führe, verlange ich von dir genannt zu sein, damit ich
höre, dass du mich wirklich kennst.«
    »Ich will dich Ritter de la Cintra nennen«, - war die Antwort.
    »Jetzt nenne mich bei meinem wahren Namen.«
    »Ich weiss, dass du Rinaldini bist.«
    »Am Tone deiner Stimme höre ich, dass du Astolfo bist.«
    »Der bin ich nicht.«
    »So ist es Olimpia, die sich in diese Kutte steckte.«
    »Auch diese bin ich nicht.«
    »Du bist Olimpia. Ich kann mich gar nicht irren.«
    »Du irrst dich. Olimpia bin ich nicht. - Führe mich nur auf dein Zimmer, -
wenn es in diesen Ruinen Zimmer gibt, - dort siehst du mein Gesicht.«
    Rinaldo ging voran, hinauf die alte Wendeltreppe. Der Pilger folgte ihm. Sie
traten in Rinaldos Gemach.
    »Hier sieht es ja ganz artig aus!« - sagte der Pilger.
    Rinaldo legte Larve und Kutte ab. Der Pilger hob die Finger und zeigte ihm
geläufig der korsischen Partei gewählte Murra1, indem er fragte:
    »Kannst du noch nichts erraten?«
    »Ich sehe nur« - antwortete Rinaldo, - »dass du zu der unglücklichen
korsischen Partei gehörst.«
    »Und weiter nichts?«
    »Nichts weiter.«
    »Hast du denn gar keine Ahnungen, keine Vermutungen?«
    »Entlarve dich, wie du versprachst.«
    »Du willst aber auch gar nichts tun, etwas durch Raten zu erfahren! So sieh
denn mein Gesicht.«
    Der Pilger nahm die Larve ab. Rinaldo sah den Gast betroffen an, der vor ihm
stand, und langsam drängte sich der verwunderungsvolle, fragende Ausruf über
seine Lippen:
    »Du bist es?«
Es war Fiametta, die vor ihm stand. - Lächelnd fragte sie: »Nun kennst du mich
doch? - Aber siehst du mich auch gern bei dir?«
    »Du dich bei mir?« - fragte er zurück.
    »Ich bin doch wohl hier in Sicherheit?«
    »So sicher wie ich selbst.«
    »Du bist es?«
    »Ich glaube es zu sein. - Doch nun erzähle mir, was du mir zu erzählen hast,
ohne meine Fragen zu erwarten.«
    »Nun dann, ganz kurz! - Wir wurden überfallen; wenn man das einen Überfall
nennen kann, unvermutet arretiert zu werden. Auf Ansuchen des französischen
Gesandten geschah alles. Der Prinz Nicanor war nicht bei uns. Ich war so
glücklich zu entkommen, ehe wir noch nach Cagliari abgeführt wurden. Ich kannte
einen geheimen Ausgang aus der Villa. Durch diesen entkam ich. - In Sorini ging
ich als Haushälterin bei einem Landpfarrer in Dienst, wo mich die Gräfin Loriona
sah, die mich zu ihrer Gesellschafterin erkor. - Sie war Witwe, lebte einsam auf
dem Lande und ich zufrieden bei ihr. - Auf einmal durchflog der Ruf die Insel:
Rinaldini steht an der Spitze einer -«
    »Räuberbande«, - fiel dieser ein.
    »- Gesellschaft entschlossener Männer«, - fuhr Fiametta fort. - »Dieses
Gerücht drang auch in unsren ländlichen Winkel. Die Gräfin war Tag und Nacht in
Unruhe. Stündlich befürchtete sie ausgeplündert, wohl gar ermordet zu werden.
Sie jammerte und betete und war in einer Angst, die sich nicht schildern lässt.«
    »Wie weit habe ich es gebracht! Alten Weibern sogar presst mein Name
Angstschweiss aus und ermuntert zum Gebet.«
    »Ich fürchtete mich nicht. - Kommt er, dachte ich, so heissest du ihn
willkommen und gibst ihm, was du hast, wenn er es verlangt, wo nicht, so kannst
du es auch behalten.«
    »Wie entschlossen!«
    »Bei dir muss man es sein. - So aber, wie ich, dachte meine Gräfin nicht: sie
grämte sich und härmte sich aufs Krankenlager. Hier lag sie lange, und Rinaldini
kam nicht, wie ich es wünschte.«
    »Ei! wenn er das gewusst hätte!«
    »Über diesen Wünschen und Erwartungen starb die Gräfin, und ich war so
verwegen, den aufzusuchen, der nicht kommen wollte. Dies ist gelungen.«
    »Und nun siehst du dich umfangen mit den Höhlen des Unglücks.«
    »Wer weiss, in welchem Kerker ich jetzt säss, wär' ich nicht entkommen! Hier
finde ich doch wenigstens einen freundlichen Kerkermeister; nicht wahr?«
    »Wie aber, wenn man dich nun in einer Gesellschaft findet, mit der man gar
nicht lange prozessiert?«
    »Mit der korsischen Gesellschaft wird man sich auch nicht in
Weitläufigkeiten einlassen. Hat man besonders gewisse Papiere gefunden, so sitzt
kein Kopf zu fest, er fällt. Vielleicht hat man unsere Freunde schon nach
Korsika abgeführt, vielleicht bestiegen sie schon längst in Bastia das
Blutgerüst, denn die Franzosen sehen nur gar zu gern Blut. - Ob ich unter den
Sarden oder unter den Augen misshandelter Patrioten sterbe, das ist gleichviel.
Wenigstens spannt man in Cagliari mich gewiss nicht auf die Folter, wie es unsere
Unterjocher in Bastia und S. Fiorenza getan haben.«
    Rinaldo ergriff rasch ihre Hand und sagte:
    »Du bleibst bei mir!«
    Sie fiel ihm um den Hals und rief: »Ich bleibe bei dir!«
Die Glocke an der Zugbrücke ertönte. Rinaldo bat Fiametten in ein Nebengemach zu
treten und liess die Brücke fallen. - Jordano kam. Er verlangte Befehle und das
Losungswort. Ihm folgten Sanardo und Filippo.
    Nebenan war Fiametta eine aufmerksame Zuhörerin des Gesprächs.
    RINALDO Nun, Sanardo, bis du wieder aus den Bergen zurück?
    SANARDO Hauptmann, es sind treffliche Berge; sie tragen Wein und Öl.
    RINALDO Und auch wohl Früchte unseres wilden Gewächses?
    SANARDO Ich habe nichts davon bemerkt. Einige verwachsene Sprösslinge möchte
es wohl dort geben, Früchte tragen sie aber gewiss nicht.
    RINALDO Wir könnten also dort Pflanzungen anlegen?
    SANARDO Treffliche; sobald wir hier etwa delogiert werden sollten; denn man
spricht verteufelt laut über uns und mit einer Lizenz, die mir gar nicht behagen
will.
    RINALDO Wer könnte es aber auch uns recht machen?
    JORDANO Die es am wenigsten wollen. Sie tun uns in den Bann und kriechen in
ihre Löcher. Ihr Wein hat keine Eskorte, und ihre Kirchen haben Fenster.
    SANARDO Es heisst, der Stattalter wolle uns zeigen, wer er wär'.
    RINALDO Will er das?
    SANARDO Dein Name rouliert im Lande wie Scheidemünze. Man fürchtet dich, und
dennoch wünscht jeder dich zu sehen.
    RINALDO Ja, ja! - Welch ein Schauspiel voll Wonne für Cagliari, mich auf der
Bühne zu sehen, wo das Hochnotpeinliche den Knoten zerhaut. Wie würde der
Schmied jubilieren, der die Ketten zu fabrizieren hätte, mit denen man mich an
den dreibeinigen Ehrenbogen mit einem Pendens cum latronibus heften würde. Die
Inschrift über meinem Scheitel würde gewiss herzbrechend zu lesen sein!
    JORDANO Ein Hic jacet könnte sie doch nicht haben.
    FILIPPO An eine Fossa, Uma et Ossa würde auch nicht zu denken sein.
    JORDANO Leichensteine wirft man uns allen nicht auf den Leib.
    FILIPPO Aber zu Leichen können uns wohl Steine machen!
    RINALDO Mein Wunsch ist, im Gefecht zu sterben.
    FILIPPO Dann aber dürfen sie deinen Körper nicht finden, sonst wirst du
dennoch zur Ausstellung gebracht.
    SANARDO Ich habe sechs Galeerensklaven angeworben, Kerle wie Riesen, die
sich durchgebrochen hatten. Sie waren sehr froh, als ich ihnen unsere Höhlen
zeigte. Sie nannten sie Paläste der Freiheit und benetzten die H. Arega mit
Tränen. Hauptmann, wenn solche Kerle weinen, da muss ihnen das Wasser bis an die
Kehle gehen!
    FILIPPO Auf den Galeeren, oft weit genug hinan!
    SANARDO Diese fechten sicher für Herd und Höhle, wie der Teufel für Pfuhl
und Stuhl und Hölle.
    RINALDO Sie sollen uns ihre Kunst zeigen.
    SANARDO Dazu kann es bald kommen. In Cagliari giesst man schon Pillen zu
einem A is animas!2 für uns. Die Helden in den Wachttürmen drehen die
Pillenschachteln, und der Erzbischof von Sassari hat seine Haus-Artillerie dem
Gouverneur gratis offeriert; vermutlich, um - die königlichen Kanonen zu
schonen, deren Donner wir nicht wert sind.
    FILIPPO Oder weil der geistliche Herr auch einmal donnern will.
    RINALDO Da sieht's schlimm aus!
    JORDANO Das Gewitter zieht sich zusammen.
    RINALDO Sorgt für Proviant und Munition und schärft eure Klingen.
    SANARDO Ausser den Galeerenhelden habe ich auch noch einen Herkules mit mir
hierher genommen. Er ist vom Handwerk. - Heda! Kamerad, tritt ein!
    LODOVICO Mein Hauptmann!
    RINALDO Lodovico!
    LODOVICO Da hast du mich wieder, wie ich gewachsen bin!
    RINALDO Wie ist es dir ergangen?
    LODOVICO Miserabel! - Nach der entdeckten Münzaffäre dachte ich mich zu
Cintio zu schleichen; aber - fort war er. Ist er nicht entkommen, so ist er
jetzt sicher dem Himmel näher als wir. Die Soldaten haben seiner ganzen
Gesellschaft das Handwerk auf eine verteufelte Manier gelegt. Nero hängt bei
Rizini in einer herrlichen Weingegend. Ich sah ihn. Das war für mich ein
trauriges Memento mori! - Ein Schleichhändler nahm sich meiner an. Mit einer
seiner Kornbarken kam ich nach Sardegna. Hier hörte ich deinen Namen nennen. Ha!
dachte ich, hat der Hauptmann die Fehdehandschuhe wieder angezogen, so kann er
dich auch brauchen. Ich quittierte meinen Dienst, kroch in die Berge und suchte
dich auf. Da stiess ich auf einen deiner Leute. Männer vom Metier erkennen
einander sogleich, und siehe da! - ich bin nun bei dir.
    RINALDO Wenn du anderswo nicht besser sein kannst, so ist es mir lieb, dass
du bei mir bist! - Geht, Kameraden, macht euch lustig! Bald bin ich bei euch im
Tale.
»Du hast gehört«, - sagte Rinaldo zu Fiametten, als die andern fort waren, -
»was wir zu hoffen haben. Bleibst du bei mir, so fällt dein Los mit dem
meinigen. Wie es auch fallen mag, glücklich fällt es gewiss nicht.«
    »Was habe ich zu hoffen?« - fragte Fiametta, warf die Pilgerkutte ab und
setzte entschlossen hinzu: »Ich gehe nicht mehr von hier.«
    Rinaldo liess sie in seiner Burg zurück und ging ins Tal zu seinen Leuten.
Die Rekruten legten ihren Eid ab, und das Korps exerzierte. - Darauf visitierte
Rinaldo die Höhlen und befahl, einen Weg, der nach dem Tale führte, unzugänglich
zu machen.
    Einer von den ehemaligen Galeerensklaven präsentierte dem Hauptmann Proben
seiner Kunst in Verfertigung falscher Pässe und Siegel, die ihn auf die Galeere
gebracht hatten. Er hatte es darinnen so weit gebracht, dass seine
Geschicklichkeit mit Vergnügen angesehen wurde. Rinaldo beschäftigte ihn
sogleich mit Verfertigung einiger Pässe, die er ihm angab.
    Es wurden Streifpartien ausgeschickt. Der Hauptmann schärfte allen
Behutsamkeit und Schonung der Armen ein. - Seine Vorposten stellte er weiter vor
gegen das flache Land zu. Den Hauptposten gegen Marmilla zu vertraute er Jordano
an. Filippo stand unweit Baronia, und gegen Mani zu lag Sanardo. - Die Weinlese
war ergiebig. Früchte wurden in grosser Menge eingebracht.
Der Winter war durchlebt; schon schmolz der Schnee auf den Bergen, und Lenz und
Lerchen kamen wieder. - Rinaldo gebot jetzt 160 Köpfen und dehnte sich in den
Bergen bis gegen Capra aus. - Die Bewohner von Oristagni wurden verlegen, man
plünderte vor ihren Mauern.
    Sanardo war so kühn, der Stadt selbst eine Brandschatzung von 4000 Stück
Dukaten anzufordern, und drohte, würde man diese Summe nicht binnen
vierundzwanzig Stunden bezahlen, mit Brand. - Der Bischof schrieb um Hilfe; die
Bürger bewaffneten sich. Sanardo wiederholte seine Forderung; man trat in
Unterhandlung. Es wurden 2000 Stück Dukaten bewilligt, doch verlangte man
darüber eine von Rinaldini unterzeichnete Quittung. Ganz lakonisch schrieb
dieser der Stadt:
    »Soll Rinaldini selbst quittieren, so zahlt ihr viel zu wenig. Nur Sanardo
wird über 2000 Stück Dukaten quittieren.«
    Diese kecke Antwort brachte die Bewohner von Oristagni auf; sie ergriffen
die Waffen, unterstützt von einigen Soldaten, und gingen auf Capra los. -
Sanardo zog sich gegen Marmilla und vereinigte sich mit Jordano. Lodovico stiess
zu ihnen. Hundert Mann standen gegen dreihundert Bürger und Soldaten. Der
Bischof segnete im Tale vor der Stadt die Seinigen ein und gab ihnen eine
geweihte Fahne. So versehen rückten sie an. Die Räuber hatten sich verschanzt
und erwarteten einen Angriff. Rinaldo eilte ihnen zu, kam an und führte sie
sogleich ins blache Feld. Man gab das Signal zum Angriff, Rinaldo blickte über
sich und seufzte:
    »Jetzt lass mich enden!«
    Das Gefecht begann und wurde hitzig. Die Oristagner wichen. Ein Trupp
Kavallerie sprengte herbei. Filippo wurde zurückgetrieben. Die Oristagner
sammelten sich, rückten vor. Sanardos Leute wichen; umsonst bemühte er sich, sie
zu sammeln; sie zerstreuten sich und flohen. Viele fielen.
    Hartnäckig focht Rinaldo; überallhin bahnte seine Klinge sich den Weg. Wie
Löwen kämpften neben ihm seine Leute. Viele fielen, viele wurden verwundet.
Rinaldo wich nicht. - Ein Musketenschuss verwundete ihn: die Klinge entfiel der
Hand; blutend lag er mitten unter den Feinden. Lodovico brach ein. Ihm folgten
Sanardo, Filippo und andere Entschlossene, ihren Hauptmann zu retten. Mit Wut
wurde um den Verwundeten gefochten. Sie wollten ihn retten oder sterben.
    Das Gefecht war mörderisch. Hageldicht stürzten Streiche, ein Kugelregen
umsauste die Kämpfenden. Jene wollten behaupten, was diese ihnen zu entreissen
suchten.
    Endlich wichen die Oristagner. Lodovico ergriff mit Jordanos Beistand den
Blutenden und nun flohen alle tief in die Berge, in ihre Schlupfwinkel hinein,
wohin die Oristagner sie nicht verfolgen mochten. - Vierzig Mann von Rinaldinis
Leuten blieben auf dem Wahlplatz, einige wurden gefangen nach Oristagni geführt,
viele waren verwundet. Aber auch die Oristagner beklagten sechzig Tote, und mit
Wunden kehrten die meisten zurück.
    Rinaldo wurde auf seine Burg gebracht, wo Fiametta den Verwundeten mit
vieler Sorgfalt und Liebe wartete und pflegte. Er seufzte:
    »Warum konnte ich meines Wunsches nicht froh werden! Warum blieb ich nicht
auf dem Wahlplatz!«
    »Um unsere Scharte uns wieder auswetzen zu helfen«, - sagte Sanardo.
    »Um noch länger unser Hauptmann zu bleiben«, - setzte Filippo hinzu.
Das Gefecht bei Oristagni machte, was man leicht denken kann, in Cagliari
Aufsehen. Zum Glück für die Geschlagenen, die jetzt ganz ruhig in ihren Winkeln
sich verhielten, hatten sie es mit dem grosssprecherischsten Stamm aller
Sardenstämme zu tun gehabt, sonst würde ihr Untergang entschieden gewesen sein.
Denn als der Gouverneur ernstliche Anstalten gegen die Räuber traf, erhielt er
von den Bürgern aus Oristagni die Nachricht:
    »Wir haben die Räuber geschlagen. Es ist beinahe keiner dem scharftreffenden
Schwerte entflohen, der da sagen könnte: Die Bewohner von Oristagni haben uns
geschlagen. Wir melden es dir daher. Die Räuber sind vernichtet, und Rinaldini
selbst ist in unserer Gewalt. Respekt und Gruss!«
    Die Oristagner wollten nun einmal den berühmten Räuberhauptmann in ihrer
Gewalt haben, und so gaben sie einem der Gefangenen den Namen Rinaldini. Dieser
selbst lächelte und liess sich Rinaldini nennen. Davon zog er Vorteil. Jeder lief
zum Gefängnis, den verrufenen, allbekannten Räuber zu sehen, und wer ihn sah,
beschenkte ihn. Die Damen wetteiferten miteinander, dem vermeinten Held des
Tages Wein, Kuchen, Torten und Früchte zu senden, und die Bewohner der
benachbarten Städte und Dörfer strömten herzu, den Friedensstörer in Ketten zu
sehen. Der Kerl, welcher Rinaldinis Rolle spielte, die er spielen musste, benahm
sich dabei so ziemlich. Ganz weislich sprach er nur wenig, stellte sich aber
sehr demütig und unterhielt sich gern mit Franziskanern und Kapuzinern von dem,
was droben ist.
    Die Oristagner waren unentschlossen, auf welche ausgezeichnete Art sie dem
Gefangenen sein Recht antun wollten. Schwert, Rad und Scheiterhaufen wollten
ihnen nicht genügen, es sollte etwas ganz Sonderbares sein, das dem vermeinten
Rinaldini den Garaus machen sollte. Die Richter konnten darüber nicht einig
werden. Man wendete sich an den Stattalter in Cagliari. Dieser gab ihnen den
Rat, den Verbrecher in Ketten aufzuhängen und dann seinen Kopf auf einen Pfahl
zu stecken. - Man schob die Vollziehung dieses Urteils auf und fing wieder an zu
deliberieren.
    Indessen hatte einer der Gefangenen sich durchgebrochen und war entkommen.
Von diesem erfuhren die Räuber, was in Oristagni vorging. Sanardo hatte die
Verwegenheit, in korsischer Tracht als ein Reisender nach Oristagni zu gehen. Er
liess sich in den Kerker führen, sprach mit dem vermeinten Rinaldini, der ihn gar
wohl erkannte, und steckte ihm eine Lanzette zu. Dieser wusste sie zu gebrauchen,
öffnete sich die Pulsadern und eines Morgens fand man den Ungehängten tot auf
seinem Lager. Dahin waren nun alle Erwartungen. Ganz still begruben die
Oristagner den, über dessen Todesart sie nicht hatten einig werden können. Um
aber doch der Nachwelt zu sagen, was sie wissen sollte, legte man auf Unkosten
und Rechnung der Stadtkasse eine Platte auf sein Grab und bezeichnete sie mit
den Worten:
Rinaldini, Centurio Latronum,
In Domino obdormivit,
In tumulo habitat,
In pace requiescat. Amen!
Darüber erhob sich ein grosser Lärm. Der Stattalter befahl, die Platte
hinwegzuschaffen. Der Magistrat wollte die Unkosten nicht umsonst gehabt haben
und belegte die steinerne Platte mit einer hölzernen.
Rinaldo war hergestellt. In den Bergen wurde es nach und nach wieder lebhaft.
Man kam zu sich. Die alte Wirtschaft begann wieder.
    An einem schönen Morgen warf Rinaldo seine Doppelflinte auf die Schulter und
stieg, als Jäger gekleidet, hinab ins Tal. - Bei einem Grenzsteine sass, vor dem
nächsten Dorfe, ein weinender Greis. Mit diesem kam Rinaldo ins Gespräch. Er
fragte, was ihm fehle. Der Greis jammerte: »Ach! lieber Herr! mir fehlt nur
wenig, aber ich habe auch das Wenige nicht.«
    »Rede!«
    »Ich bin ein alter, schwacher Mann, habe weder Frau noch Kinder, und ein
Hüttchen und ein Gärtchen sind mein ganzer Reichtum. Zu schwach und kraftlos,
etwas verdienen zu können, borgte ich von einem reichen Nachbar eine kleine
Summe nach der andern, wovon ich spärlich lebte, bis mein Hüttchen und mein
Gärtchen aufgezehrt war. Ich dachte, bis dahin wird der liebe Gott dich wohl zu
sich genommen haben; aber er hat's nicht getan. Ich lebe noch und habe nichts
mehr, wovon ich leben könnte. Morgen wird mein Hüttchen und mein Gärtchen meinem
Gläubiger gerichtlich übergeben, und ich weiss nicht, wovon ich mich ernähren
soll. Ach! ich soll betteln. Das kann ich nicht! Deshalb weine ich und rufe den
Himmel an, mich zu sich zu nehmen.«
    »Wieviel bist du deinem Nachbar schuldig?«
    »Es sind, leider! 20 Dukaten. - Ich bin ein unglücklicher Mensch! Auch der
liebe Gott will mich nicht haben.«
    »Er will dir helfen.«
    »Mir? - Wie? - Gott wird für mich kein Wunder tun.«
    »Er wird dir helfen.«
    »Womit?«
    »Hier sind 30 Dukaten, bezahle deinen Gläubiger. Von dem Übrigen lebe
dankbar gegen Gott. Für mich aber bete.«
    »Ach Herr! seid Ihr ein Engel?«
    »Ich bin ein unglückseliger Mensch. Hier ist das Geld. - Lebe wohl!«
    Er gab ihm die Börse und eilte davon.
Einige hundert Schritte weiterhin fand er ein Bauernmädchen schlafend auf ihrem
Graskorbe liegen. Er nahm den Blumenstrauss von ihrem Busen und legte ein
Goldstück auf den beraubten Platz. Sie erwachte, fuhr auf und schrie:
    »Mein Strauss! Mein Strauss!«
    »Ich habe ihn bezahlt«, - sagte Rinaldo, auf das Goldstück zeigend, das von
seinem hohen Platze herab auf die Erde gefallen war.
    »Den Strauss bezahlt man mir nicht. Ich habe ihn geschenkt bekommen und
verkaufe ihn nicht.«
    »Wenn's so ist! - Hier ist dein Strauss.«
    Er gab ihr den Strauss, hob das Goldstück auf und steckte es zu sich. Das
Mädchen sah ihn an und sagte:
    »Wenn der Herr es mir recht hätte machen wollen, so musste er mir den Strauss
wiedergeben und dennoch das Goldstück auch lassen.«
    »Ich gebe nichts umsonst.«
    »Ich aber nehme es. - Diesen Strauss kann ich nicht verkaufen, aber einen
Strauss, den ich selbst binde, den kann ich dem Herrn geben. - Wollt ihr den?«
    »Zu einem solchen Geschenk gehört auch noch ein Kuss.«
    »Verschenkt wird nichts. Aber bezahlt ihn der Herr, so kann er auch den Kuss
bekommen.«
    »Küsse bezahle ich nicht.«
    »So habe ich auch keine wegzugeben.«
    »Küsse bekommt man allentalben umsonst.«
    »Bei mir nicht. Entweder ich nehme andere dafür, oder Geld.«
    »So werden wir des Handels nicht einig!«
    »Wer ist denn der Herr?«
    »Das siehst du mir nicht an?«
    »Er sieht so aus - wie ein Jäger. Aber die Herren Edelleute tragen zuweilen
auch solche Kleider, wenn sie mit uns Bauernmädchen ihren Scherz treiben wollen.
dabei kommt aber nichts Gutes heraus. - Hebe Er mir den Korb auf den Rücken,
wenn Er so gut sein will!«
    »Herzlich gern!«
    Das geschah; das Mädchen ging nach dem Dorfe zu. Rinaldo ging mit ihr. - Sie
sprachen mancherlei, und das Mädchen erzählte ihm, morgen sei bei ihrem Dorfe
grosser Markt.
    »Es ist« - sagte sie, - »die Jahresfeier des Namenstages der H. Claudia. Auf
der grossen langen Wiese, auf der ihre Kapelle steht, ist Markt. Da gibt es
allerlei zu kaufen, und da hätte ich Euer Geld recht gut anwenden können.«
    »Du sollst mich«, - antwortete Rinaldo, - »morgen auf dem Markte finden, und
wenn du freundlich bist und artig, kaufe ich dir etwas.«
    »Es wär' doch besser, wenn ich es selbst kaufen könnte. Mein Schatz ist gar
eifersüchtig. Ein Fremder darf sich mir nicht nahen; das leidet er nicht. Das
Goldstück aber hätte ich gefunden gehabt, und er wüsste nicht, wie ich dazu
gekommen war.«
    Es kamen Bauern. Rinaldo drückte dem Mädchen die Hand und verliess sie, indem
er sagte:
    »Ich halte Wort!«
    Er ging den Rain hinunter nach einem Wäldchen zu, wo er auf eine Eiche stieg
und sanft in ihren dichten Zweigen ruhte.
Aus seinem Schlummer weckte ihn ein ziemlich lautes Gespräch. Zwei, dem
Anscheine nach, ziemlich verwegene Kerle sassen unter der Eiche, auf welcher sich
ein ungebetener Lauscher befand, und instruierten einander sehr laut. Man hörte
sie im Doppelgespräch:
    »Also - der Marquis hat pränumeriert?«
    »Die Hälfte, wie ich dir sage! Hier ist dein Anteil. - Die andere Hälfte
bekommen wir, sobald wir ihm den Schatz überliefern.«
    »Du musst mir den ganzen Zusammenhang der Affaire kundmachen.«
    »Was ist dabei gross kundzumachen! Der Marquis liebt das Fräulein, und weil
sie nicht auf eine andere Art zu haben ist, so lässt er sie entführen. - Morgen
ist der Claudiens-Markt auf der grossen Wiese bei Lienzo. Dahin kommt gewöhnlich
der ganze benachbarte Adel, und dahin kommt auch, wie schon ausgekundschaftet
ist, das Fräulein mit ihrer Mutter. Gegen Abend passiert sie auf dem Rückwege
das Wäldchen, und dort wird sie entführt.«
    »Wenn ich der Marquis Lomanieri wär', ich liess das Fräulein unentführt.«
    »Das will er aber nicht. Sie ist schön; ihr Vater, der alte Baron Moniermi,
ist der reichste Edelmann in der ganzen Gegend, und - da ist es schon der Mühe
wert, ein Fischchen dieser Art zu erangeln.«
    »Es wird einen schönen Lärm geben!«
    »Was geht das uns an? - Für die Folgen haftet der Marquis.«
    »Gesetzt aber, das Fräulein hat Bedeckung?«
    »Die hat sie nicht.«
    »Es reitet etwa ein Liebhaber neben ihrem Wagen her? - Dergleichen Herren
haben besonders im Angesicht ihrer Liebchen verteufelt viel Courage!«
    Sie sprangen auf und liefen schnell davon. - Einige Kohlenbrenner gingen
vorüber und sprachen von den morgenden Vergnügungen auf dem Markte zu Lienzo.
    Als sie vorüber waren, stieg Rinaldo von der Eiche und schlenderte seinen
Ruinen wieder zu. Er hatte mancherlei im Kopfe. Besonders schien er etwas darauf
setzen zu wollen, das Fräulein zu retten und die Entführung zu vereiteln.
    Er liess Lodovico und Sanardo kommen und sprach mit ihnen über den Markt zu
Lienzo.
    SANARDO Den Markt müssen wir allerdings besuchen! Aber zu diesem Besuche
dürfen nur die Behutsamsten von uns gewählt werden.
    RINALDO Diese magst du selbst wählen.
    SANARDO Gut! - Die meisten können als Pilger passieren, denn deren kommen
eine grosse Menge nach Lienzo. Andere sind Kohlenbrenner, Bauern, und einige sind
als Zigeuner da. Bei diesem Zuge stecken wir auch einige in Weiberkleider, die,
welche die längsten Finger haben.
    RINALDO Du instruierst die Burschen.
    SANARDO Gut! - Sie sollen ihre Sache schon machen.
    RINALDO Ich habe auch etwas vor. - Du, Lodovico, wirst dich immer etwas nahe
zu mir halten.
    LODOVICO Soll geschehen!
    RINALDO Du wirfst dich in Kavaliers-Kleider, was auch ich tun werde. Und
weil Fiametta mir täglich anliegt, sie doch auch einmal zu einem kleinen Spasse
mitzunehmen, so mag sie dich in Pagentracht begleiten.
    FIAMETTA Allerliebst!
    RINALDO Ihr seid zu Pferde wie ich, und beide wohlbewaffnet. - Nun wollen
wir einmal sehen, wenn etwa Schüsse fallen müssten, ob der Page nicht vom Pferde
fällt.
    FIAMETTA Keine Sorge! Sie wird sitzen und auch schiessen.
    RINALDO Winke ich dir, Sanardo, so müssen zehn Mann sich fertig halten,
dahin zu gehen, wohin ich sie schicke.
    SANARDO Diese zehn sollen die Pilger sein.
    RINALDO Ordnet an und setzt alles in Bereitschaft, damit die Expedition gut
abläuft. Jordano und Filippo mögen die Pässe besetzen und wachsam sein, damit
wir wissen, wo Hilfe steht, und dass keine Bönhasen sich in unsere leeren Nester
schleichen können.
 
                                    Fussnoten
1 La Murra, eine Zeichensprache mit Händen und Fingern
2 Aufruf der Saiden für die armen Seelen im Fegefeuer.
 
                                Siebzehntes Buch
 In den Kreis erwünschter Träume
 Tritt die holde Wirklichkeit,
 Führt durch blumenvolle Räume
 Zu dem Port der Sicherheit.
Aus den benachbarten Städten, Flecken und Dörfern, von Schlössern und aus Hütten
strömten Menschen herbei auf den Wiesenmarkt von Lienzo. Käufer, Verkäufer,
Pfaffen, Pilger, Edelleute, Damen, Bauern, Zigeuner und Beutelschneider
wandelten, wie auf einem Karneval, in buntem Gewühle durcheinander und
nebeneinander. Hier wurde gekauft, hier wurde gegessen und getrunken, dort tönte
die sardische Pfeife, hier erklangen Ziter und Triangel, und tanzlustige Füsse
stampften den Boden. Hier standen schöne Gezelte, und unter denselben webte die
vornehme Welt; dort loderten Feuer, und dampfende Kessel standen darüber,
gefüllt mit mancherlei Speisen, leckerhaft und einladend für sardische Gaumen
und Magen. Bretterne Baracken und grüne Hütten waren mit Zechenden besetzt. In
der Kapelle der heiligen Claudia gab's Messen, geweihte Blumen und Absolutionen.
Hier stand ein Wurmdoktor auf einer bretternen Bühne, verkaufte Kräuter, Salben
und Öle, indes sein Lustigmacher die Käufer mit derben Schwänken unterhielt und
die wunderbarsten Kuren seines Herrn auf Unkosten aller Könige in Europa
erzählte. Dort hörte man Bänkelsänger schreckliche Balladen herkreischen. Nahe
dabei bat sich ein lebendes Franziskaner-Geripp etwas zu Seelenmessen aus, die
er für noch unerlöste Seelen zu lesen versprach. Kurz, das bunte Bild der
belebten Welt schwebte auf dieser Wiese im kleinen.
    Rinaldos Leute fanden sich zeitig ein und kaum waren sie angekommen, als
schon mancher Marktgast seine Börse nicht mehr sah. Sanardo hinkte als Bettler
an Krücken einher. Er bettelte selbst seinen Hauptmann an, der eben in ein
Gezelt treten wollte, von dem er Geld erhielt, ohne dass er erkannt worden wär'.
Das erfreute des Gauners Herz.
    Rinaldo forderte Wein und kam mit einem jungen Manne ins Gespräch, der
Uniform trug und in der vornehmen anwesenden Welt bekannt war. Von diesem erfuhr
er die Namen der Edelleute und ihrer Damen. Endlich ward ihm auch die Baronin
Moniermi nebst ihrer Tochter gezeigt. - Diese waren es ja, die er kennenlernen
wollte; und nun liess er sie nicht aus den Augen.
    Er ging zwischen einer Reihe von Buden hin, als er das Bauernmädchen sah,
mit der er Tages vorher gesprochen hatte. Er zupfte sie und fragte:
    »Habe ich nicht Wort gehalten?«
    Liana, so hiess das Mädchen, sah ihn an, musterte ihn vom Kopf bis auf die
Füsse und sagte lächelnd:
    »Habe ich es doch gleich gesagt, dass der Herr kein gemeiner Jäger ist!«
    »Es gibt auch vornehme Jäger.«
    »O ja! - Warum nicht?«
    »Ich bin da, Wort zu halten und dir etwas zu kaufen. Ist dein Schatz in der
Nähe?«
    »Nein! Der ist unter der Miliz, die den Platz bewacht und Ordnung hält.
Nachmittag aber wird er abgelöst, dann wird er bei mir sein.«
    »Wähle dir etwas. Was willst du haben?«
    »Diese seidenen Tücher gefallen mir.«
    »Das beste ist dein. Welches möchtest du haben?«
    »Dieses.«
    Rinaldo kaufte das bezeichnete Tuch und gab es ihr. Liana nahm es, sah es an
und sagte:
    »Das Tuch ist recht schön! Aber - wie soll ich nun dazu gekommen sein?«
    »Du wirst schon was zu erdenken wissen! Du bist ja ein Mädchen.«
    »Hinter der Kapelle bedanke ich mich.«
    Sie warf das Tuch über und ging davon. Rinaldo folgte ihr nach. Hinter der
Kapelle stand Liana, ergriff seine Hand, küsste sie und sagte:
    »Ich erfülle mein Versprechen und danke für das schöne Tuch.«
    »Rinaldo drückte lächelnd ihr die Hand, zog sie zu sich und küsste, indem sie
sich wendete, ihr die Wange«. - Ein Kapuziner trat herbei; er drohte mit dem
Finger. Liana schrie:
    »Da haben wir's!«
und sprang davon.
    Der Kapuziner kam näher und sagte:
    »Ei, ei! So hinter dem Rücken der Heiligen, der diese Kapelle geweiht ist!
Das ist nicht gut! So etwas kann nicht erlaubt werden!«
    »Es ist nun einmal geschehen!« - antwortete Rinaldo lächelnd.
    »So gebe man wenigstens einen Sühnpfennig in den Almosenstock der Kapelle.«
    »Das soll geschehen.«
    »Und - tue dergleichen nicht wieder.«
    »Sie ist ja fort.«
    »Kann aber wiederkommen.«
    »Jetzt nicht.«
    »Nie wieder. - Mein Sohn! sei genügsam. Wiederholter Genuss erweckt endlich
Reue und Ekel.«
    Er ging und Rinaldo trat in die Kapelle. Nach angehörter Messe bedachte er
den Opferstock und sah sich hinter der Kapelle um, sah aber weder den Kapuziner
noch, was ihm weit lieber gewesen wär', die schalkhafte Liana.
    Er fand sie endlich bei der Bude des Marktschreiers. Leise nahte er sich ihr
und zwickte sie sanft. Sie sah sich um und lachte. Bald war sie aus dem
Gedränge, und am Ende der Wiese fand er sie wieder. Sie sah sich fragend um:
    »Es ist doch kein ehrwürdiger Herr in der Nähe?«
    »Ich sehe keinen als mich.«
    »Ich bin recht erschrocken, als wir vorhin überrascht wurden. Wir wollen uns
hier nicht wieder sprechen. Wenn Ihr aber fleissig auf den Platz kommen wollt,
auf welchem ihr mich gestern saht, so könnt Ihr mich wohl einmal wiederfinden.
Doch vorher müsst Ihr mir sagen, wer Ihr seid.«
    »Ich bin ein Fremder, und lange werde ich in dieser Gegend nicht mehr
bleiben.«
    Sie sah zur Erde und zupfte an dem Busentuche. Schweigend nahm sie den
Strauss vom Busen, gab ihm denselben und sah ihn seufzend an, indem sie sagte:
    »Dieser Seufzer gilt Eurer Abreise. Lebt wohl!«
    Damit eilte sie rasch davon und verschwand in dem Menschengedränge.
    Auf einmal entstand ein Lärm. Man hatte einen von Rinal dos saubern Gesellen
auf der Tat ertappt, als er eben einer Beutel kapern wollte. Man hielt ihn fest.
Die Miliz eilte herbei und nahm ihn in Empfang. Sanardo hinkte hinzu und gab
einem entschlossenen Burschen einen Wink. Die andern kamen, das Gedränge wurde
vermehrt; man presste die Miliz hart an den Arrestanten, und ehe dieser es sich
versah, wurde er so geschickt mit einem Stilett getroffen, dass er tot zu Boden
sank. Man schrie, lärmte, fluchte, schimpfte, schlug aufeinander los, der Kerl
blieb tot, und die Miliz trug den Kadaver davon.
Trompeten riefen zur Prozession. Die heilige Claudia wurde, auf einem hohen
Gerüste sitzend, einhergefahren. Freundliche Mädchen streuten Blumen, Weihrauch
dampfte in die Luft, geweihte Kerzen flammten und Hymnen ertönten der Heiligen
zu Ehren. Der feierliche Zug ging über die Wiese von der Kapelle aus bis zum
Dorfe. Die Zuschauer standen dicht auf beiden Seiten; mitten darunter die
Baronin Moniermi, ihre Tochter Erminia und neben ihr Rinaldo ganz absichtlich.
    Es konnte nicht an Bemerkungen fehlen; eine gab die andere. Den
Blumenstreuerinnen wurden mancherlei Beifallsbezeugungen zugerufen. Rinaldo
bemerkte:
    »Die Mädchen machen Glück!«
    »Sie entzücken« - sagte Erminia, - »dreifach. Durch ihr Amt, durch ihre
Blumen und durch sich selbst. Seht nur, wie artig, sogar wie schön einige dieser
Mädchen sind!«
    »Die Nähe«, - versetzte Rinaldo etwas leise, - »verdunkelt die Ferne.«
    Erminia schlug die Augen nieder und sagte noch etwas leiser als er:
    »Die Nähe ist nie so gefährlich als die Ferne.«
    »Sie täuscht nicht.«
    »Sie gibt sich, wie sie sich geben muss. dabei bleibt ihr kein Verdienst.«
    »Sich selbst bleibt sie, mit jedem holden Zauber ihrer Gegenwart.«
    »Wir sind hier auf dem Lande.«
    »Wo die Natur in schöner, kunstloser Fülle prangt!«
    Erminia zeigte schnell auf einen Greis und rief aus:
    »O! welch ein schöner Apostel-Kopf! Wär' ich ein Maler, der Kopf stünd'
heute noch auf einem Petrus-Rumpfe.« »Und ich« - setzte Rinaldo hinzu, - »würde
als Maler auch meine Madonna gefunden haben.«
    »Doch unter jenen Mädchen?«
    »Auch jetzt noch näher!«
    »Ein Künstler darf kein Schmeichler sein!«
    Sie sprach etwas zu ihrer Mutter. - Der Zug war vorüber; die Zuschauer
gingen auseinander.
    In den Gezelten wurden die Tafeln gedeckt. Rinaldo verlor seine Schöne nicht
aus dem Gesichte. - Man setzte sich zu Tische. Erminia sah sich um. Rinaldo
stand hinter ihr. Sie griff nach einem Stuhle, sie sass; Rinaldo neben ihr; sie
neben ihrer Mutter. Bei Tische wurde viel gesprochen. Erminia sprach wenig, noch
weniger ihr Nachbar. - Der Nachtisch kam.
    »Wir haben viel gehört«, - sagte Erminia.
    »Ich« - antwortete Rinaldo, - »war so glücklich, mit meinen Augen zu hören.«
    Sie schwieg. - Die Tafel ward aufgehoben. Die Gesellschaft zerstreute sich.
    Das Fräulein trat an eine Glücksbude. Er folgte ihr auch dahin. Sie
lächelte:
    »Ich bin im Spiele nicht glücklich, und dennoch wage ich gern etwas im
Spiele des Glücks.«
    Sie nahmen beide Lose. Erminia gewann ein Paar Pistolen. Rinaldo einen
schönen Fächer.
    »Wie sonderbar!« - lächelte das Fräulein.
    Rinaldo bot ihr einen Tausch an, der auch sogleich getroffen ward.
    »Um zu verwunden«, - sagte er, - »bedürft Ihr keines Gewehrs. Auch
Anadyomene ist unbewaffnet, und ihr gehorcht der Erdkreis. - Ich nehme diese
Pistolen und weihe sie Eurer Verteidigung.«
    ERMINIA Vielen Dank, edler Ritter! - Doch hoffe ich, es wird so arg nicht
kommen.
    RINALDO Ich halte Wort.
    ERMINIA Aber ich muss meinen Ritter auch kennen. Aus dieser Insel seid Ihr
nicht.
    RINALDO Ich bin ein Römer.
    ERMINIA Und ein Ritter?
    RINALDO So ist es. Ostiala ist mein Name.
    ERMINIA Schon lange auf der Insel?
    RINALDO Einige Wochen.
    ERMINIA In Geschäften?
    RINALDO Auf Reisen.
    ERMINIA Doch habt Ihr wohl an Höfen viel gelebt? Wenigstens sagt dies Euer
Ton.
    RINALDO Ich liebe das Land, die Natur, und verehre die Schönheit.
    Das Gespräch war geendigt. - Der Abend nahte sich. Sanardo machte sich
kenntlich.
    »Die Pilger sind bereit«, - sagte er.
    Rinaldo bestimmte den Platz, auf den sie sich begeben sollten, und
bezeichnete den Wagen und die Personen, die zu beobachten waren. Lodovico und
Fiametta fanden sich ein. Filippo hatte Händel mit einigen Vagabunden gehabt.
Sanardo zog seine Leute zusammen. Sie gingen nach ihren Bergen, Lodovico und
Fiametta folgten ihnen, wie Rinaldo befahl.
Der Wagen stand angespannt. Die Baronin und Erminia stiegen ein. Rinaldo liess
sich nicht sehen. - Schon war der Wagen ihm aus den Augen, als er sein Ross
bestieg und davonjagte. - Vor dem Walde holte er den Wagen ein.
    Es wurde dunkler. Erminia hörte Hufschlag. Sie blickte aus dem Wagen.
Rinaldo erschien am rechten Kutschenschlage; das Fräulein rief:
    »Ei, seht doch, Mutter! meinen Ritter.«
    »Ich halte Wort«, - sagte er. - »Der Wald ist lang, es wird dunkler, und
meine und Eure mir geschenkten Pistolen sind geladen.«
    Mutter und Tochter dankten sehr höflich. Das Fräulein fuhr fort:
    »Schon glaubte ich Euch verschwunden.«
    Die Mutter aber fragte sehr naiv:
    »Ihr reitet aber doch nicht um?«
    »Ein Fremder ist allentalben daheim«, - antwortete Rinaldo.
    Es erfolgte eine Pause. - Im Walde wurde laut gepfiffen. Die Damen fuhren
erschrocken zusammen. Rinaldo hörte das ihm bekannte Zeichen. Er wusste nun, dass
seine Leute ihm zur Seite im Walde waren.
    »Was war das?« - stammelte Erminia.
    »Ein Wanderer vielleicht«, - sagte Rinaldo, - »der sich die Zeit vertreibt.«
    »O nein! Es war ein Schreckenston für jedes Wanderers Ohr.«
    »Fürchtet nichts!«
    Ein nahes Geräusch. Es rauschte durch die dürren Blätter des Bodens wie
menschliche Fusstritte; es kam näher, zwei Kerle wurden sichtbar. - Sie nahten
sich dem Wagen.
    »Legt die Waffen ab!« - schrie Rinaldo, indem er mit gezogenem Gewehr auf
sie zu ritt.
    Der eine wollte Feuer geben. Das Pulver flog von der Pfanne auf, der Schuss
versagte.
    Besser traf Rinaldo. Der Kerl stürzte sogleich zu Boden. Der andere fiel
bittend auf die Knie. Rinaldo liess ihn von den Bedienten binden und auf den
Wagen setzen. Ein Bedienter, den Rinaldo bewaffnete, sass neben ihm; dem Kutscher
rief er zu, rasch darauf loszufahren, und seine Gesellen im Walde erhielten von
ihm das Zeichen ihrer Entlassung.
Der Wagen hielt vor dem Schloss des Barons Moniermi. Man stieg aus. - Die Damen
klagten dem Baron ihren Unfall und stellten ihm ihren Retter vor. - Der Baron
empfing ihn herzlich. Rinaldo nahm bescheiden jede Lobeserhebung an, die man ihm
zollte.
    Der Gebundene ward vorgeführt. Er sagte aus, was wir schon wissen, und ward
ins Schlossgefängnis gebracht. - Man legte sich spät zur Ruhe und stieg des
Morgens sehr spät auf.
    Rinaldo fand den Baron, seine Frau und Tochter beim Frühstück in einem
Pavillon des Gartens.
    BARON Mein Herr Ritter, indem ich Euch nochmals danke, bezeige ich Euch
zugleich meine Verlegenheit, denn ich muss Euer Schuldner bleiben und weiss nicht,
womit ich -
    RINALDO Ohne Verlegenheit, Herr Baron! Jeder Mann von Ehre würde getan
haben, was ich tat. Ein Reisender muss dergleichen Auftritte beständig vor Augen
haben. Es konnten mich Räuber anfallen, und ich würde mich auch gewehrt haben.
    ERMINIA Aber ihr wagtet Euer Leben für eine Unbekannte, die -
    RINALDO Für eine Dame zu kämpfen, ist Ritterpflicht, gleichviel, sei sie
auch eine Unbekannte!
    ERMINIA Ihr seid auf Reisen, wir sehen einander vielleicht nie wieder, aber
immer wird mein Herz dankbar für meinen Retter schlagen!
    BARONIN Mutter und Vater danken Euch die Rettung ihres einzigen Kindes!
    Man lustwandelte im Garten umher, und kaum sah Rinaldo sich mit dem Fräulein
allein, als es zu einer wechselseitigen Unterhaltung kam.
    ER Noch habe ich eine Bitte an Euch, mein Fräulein!
    SIE An mich? Geschwind die Bitte!
    ER Stellt dem mich vor, für den ich Euch rettete.
    SIE Ihr kennt schon meine Eltern.
    ER Doch den nicht, dem Euer Herz -
    SIE Mein Herz ist noch mein, so wie meine Hand.
    ER Ich darf nicht zweifeln, weil Ihr's sagt, wie gern ich auch zweifeln
möchte.
    SIE Ich wiederhole es, mein Herz ist frei und meine Hand ist mein.
    ER Wenn Ihr dereinst diese teuren Pfänder Eurer Liebe verschenkt, so -
    SIE Ihr brecht ab?
    ER Mein Fräulein! Das, was ich sagen wollte, darf ich als - Die Mutter kam.
- Rinaldo zog die Uhr und sprach von seiner Abreise.
    »Wir meinten«, - sagte die Baronin, - »unsern uns so werten Gast einige Tage
bewirten zu können.«
    »Ich muss«, - versetzte Rinaldo, - »zu meinem Gepäck, zu meinen Leuten. Doch
das Vergnügen, mich unter so guten Menschen länger zu sehen, kann ich mir
unmöglich rauben. Wir sehen uns wieder. Ich komme zurück.«
    Das musste er versprechen. - Schon als er auf dem Pferde sass, wurden Bitte
und Versprechen wiederholt. Erminia bestimmte sogar die Zeit des Wiedersehens.
Rinaldo kam bei seinen Gesellen an. Der Markt hatte etwas eingetragen. Die
Teilung ging, wie gewöhnlich, gewissenhaft vor sich. - Einige Tage blieb es
ruhig.
    Liana fiel dem Hauptmann wieder ein. Er ging aus, sie zu sprechen, und fand
sie wirklich da, wo er das erstemal sie gefunden hatte. Sie lächelte ihm
entgegen:
    »Da sehen wir uns ja doch wieder!«
    Im Grünen sassen sie. - Liana sprach von dem Markt und erzählte ihm, wie sie
sich divertiert habe. Darauf bemerkte sie: »Ich sah Euch wohl mit einem schönen
Fräulein fleissig sprechen. Die hat sicher etwas mehr als ich von Euch bekommen!«
    »Auch nicht einmal, wie du, ein seidenes Tuch!«
    »Das macht Ihr mir nicht weis! - Ich denke immer -«
    »Was denkst du?«
    »Sie wird es, denke ich, mit Euch wie ich mit meinem Lorenzo machen.«
    »Wie?«
    »Zu meinem Manne mache ich ihn.«
    »Und wozu machst du mich?«
    »Euch mache ich, wenn Ihr noch dann in der Gegend seid, zu einem
Hochzeitsgast.«
    Sie stieg auf, nahm ihren Korb und wollte gehen. Eine Frage schwebte ihr auf
den Lippen, die sie aber sichtbar unterdrückte. Endlich sagte sie:
    »Übers Jahr um diese Zeit wollen wir sehen, wie es mit uns aussieht!«
    Rinaldo seufzte. - Liana lächelte:
    »Wohin wohl dieser Seufzer flog!«
    »Dir nach.«
    »Ich nehme ihn mit und gebe Euch einen andern dafür.«
    Schnell ging sie fort, doch zweimal blieb sie auf dem Wege stehen und sah
sich nach ihm um.
Rinaldo streckte sich ins Gras. Seine Phantasie trug ihn zu der schönen Erminia.
Lange verweilte er bei ihr. Unmutig begann er endlich:
    »Was willst du tun? - Du willst sie wiedersehen? - Du willst sie täuschen? -
Musst du das nicht? - Wirst du nie dich ändern? - Schämst du dich nicht? - Ende,
ende!«
    Er sprang auf. Langsam ging er seinem Aufentalte zu. - Fiametta, in
männlicher Tracht, kam ihm entgegen.
    »Man fragt nach dir und sucht dich allentalben«, - sagte sie.
    Jordano kam.
    »Hauptmann!« begann er, - »Wir suchen dich! - Es kann viel geben.«
    »Wieso?«
    »Ich habe es ausgekundschaftet. Als Bettler verkleidet schlich ich nach
Oristagni, und dort erfuhr ich es. - Ein Schiff ist eingelaufen und hat drei
Fässer mit Geld ausgeladen. Dies Geld wird morgen früh zu dem Stattalter nach
Cagliari gebracht. - Nun frage ich dich in meinem und deiner Leute Namen: Soll
der Stattalter diese Geldfässer bekommen oder nicht? - Was uns betrifft, so
meinen wir alle, er soll sie nicht bekommen.«
    »Ihr wollt euch also die Hunde selbst an den Leib hetzen?«
    »Über lang oder kurz spüren sie uns doch wieder einmal auf.«
    »So nehmt das Geld.«
    Jordano zog sogleich seine Gesellen zusammen. Gegen Abend rückten sie in die
Weinberge vor Marmilla. - Der Tag brach an; sie zogen der Landstrasse zu. Alle
Büsche und Gräben waren belegt. - Die Geldwagen kamen, begleitet von 20 Reitern.
- Jordano brach hervor. Es kam zu einem hartnäckigen Gefecht. Zuletzt
behaupteten die Räuber den Platz und führten die Geldwagen in die Gebirge.
    Dieses Wagestück brachte ganz Oristagni und Cagliari in Bewegung. - Der
Stattalter liess Soldaten ausrücken. Die Oristagner bewaffneten sich eilig.
    Am dritten Tage waren die Berge von dreihundert Soldaten und fünfhundert
Mann Miliz umsetzt. Diesen konnte Rinaldo kaum achtzig Mann entgegenstellen.
    Die Soldaten drangen gegen die Pässe vor. Sie fanden einen Widerstand, den
sie nicht zu finden geglaubt hatten; doch ihr Geschütz entschied, und die Pässe
wurden forciert. Jetzt zogen alle Truppen sich in das Gebirg hinein. Rinaldinis
Leute flohen in ihre Löcher.
    Rinaldo sah, dass er sich nicht halten konnte. Er gab Fiametten Geld und
Edelsteine. Er bat sie, sich zu retten. - In eine Pilgerkutte gehüllt floh sie.
In Lode hoffte sie ein Schiff zu finden, und Malta war der Platz, den Rinaldo
ihr bestimmte, ihn dort, käm' er in dem bevorstehenden Gefecht davon, zu
erwarten.
In einem kleinen Tale mitten im Gebirge zog Rinaldo sein Häuflein zusammen. Hier
ward er angegriffen. Drei Stunden dauerte das Gefecht; er musste weichen und floh
mit zwanzig Mann auf seine Burg.
    Hier verteilte er, was von Werte noch zu verteilen war, um sie mutig zu
machen, für den Besitz ihrer Schätze zu streiten, und erklärte ihnen, dass er
entschlossen sei, bis auf den letzten Atemzug sich zu verteidigen. - Alle
schwuren ihm zu, mit ihm zu leben und zu sterben. - Wie war aber auf Menschen zu
rechnen, die sich selbst keinen Glauben, keine Treue abgewinnen konnten?
    Rinaldo mochte wohl selbst ebenso denken, denn er wurde sehr vorsichtig und
beobachtete seine Gesellen genau.
    Eines Abends schlich er dem verborgenen, unterirdischen Gange zu, der ein
Geheimnis für seine Gesellen blieb, wo er seine Kostbarkeiten verborgen hatte,
um sein getreues Ross zu füttern, das dort versteckt war. Als er zurückkam, hörte
er bei einem Schuttaufen im Schlosshofe sprechen. Er kroch hinter eine Mauer. Da
wurde er Zuhörer einer sonderbaren Unterredung zwischen einigen seiner sauberen
Kameraden.
    »Ich will euch alles« - sagte der eine derselben, der der Sprecher zu sein
schien, - »ganz kurz darstellen. Wozu sollen unsere Verteidigungsanstalten
dienen? Unsren Schuttaufen werden die Soldaten bald erstürmen. Wir sitzen dann
alle auf Rädern. Der Hauptmann selbst ist verloren. Lasst uns an unsere
Selbstrettung denken. Wir wollen akkordieren; den Hauptmann liefern wir aus und
erhalten Freiheit und Pardon. Dann können wir unser Geld anwenden, wozu wir
wollen, und entgehen dem Galgen auf die beste Manier.«
    Man sprach hin und her, und endlich gab man dem Sprecher Beifall.
    Rinaldo, der so etwas schon längst befürchtet hatte, zog sich in seinen Gang
zurück, führte sein gesatteltes Ross sich nach, nahm seine Kostbarkeiten zu sich,
setzte sich auf, trabte davon und überliess die Verräter ihrem Schicksal.
Auf dem Schloss des Barons Moniermi treffen wir den Entflohenen wieder an, wohl
aufgenommen, freundlich bewirtet, in Gesellschaft der schönen Erminia, die es
sich selbst gestehen musste, dass sie gern in der seinigen war.
    In das Schloss kam die Nachricht, in einer zerstörten Feste sei endlich
Rinaldini mit dem Überrest seiner Leute gefangengenommen und nach Oristagni
geführt worden.
    »Ich habe«, - sagte der Baron, - »ob er gleich ein Räuber ist, dennoch
Mitleid mit Rinaldini. Er hat, wie man erzählt, auch eine sehr grossmütige Seite
gehabt und ist gegen Arme mitleidig gewesen. Das ist es, was mir an ihm gefallen
hat!«
    »Nur ein grossmütiger Mann, Herr Baron«, - begann Rinaldo, - »kann selbst an
einem Räuber etwas bewundern, das grossmütigen Handlungen ähnlich sieht.
Wenigstens hat sicher Rinaldini die meisten derselben mit Eigennutz ausgeübt. Da
Tausend so schlecht von dir sprechen, - sagte er vielleicht bei sich selbst, -
so sollen doch wenigstens auch einige Wenige gut von dir reden; dies könnte doch
wohl einigen Eindruck machen, einige Entschuldigung geben. - So nehme ich die
Sache.«
    BARON So werden sie die meisten Menschen nehmen. Ich aber habe noch eine
Seite, von der ich sie betrachte. - Vielleicht war Rinaldini durch irgendeinen
Unglücksfall in seine Lage gekommen. Die Bahn des Lasters ist breit, er wandelte
dieselbe mit Bequemlichkeit. Als er aber dennoch endlich zu sich kam und
zurückgehen wollte, war es zu spät.
    RINALDO Ja, ja!
    BARON Um also nur in etwas gleichsam sich selbst zu entsündigen, - wenn man
so reden darf, - wurde er edelmütig.
    RINALDO Das ist sehr möglich!
    BARON Mir ist es äusserst wahrscheinlich, und ich glaube es sogar.
    RINALDO Wenn er aber nun, wie man erzählt, von jeher, ehe er sich am Ziele
seiner Räubertaten sah, so handelte?
    BARON So brachte er ein gutes Herz mit in seine Wälder, und Gutes zu tun,
war ihm gleichsam angeboren.
    RINALDO Er soll wirklich mitleidig gewesen sein.
    ERMINIA Wenigstens sehr zärtlich. - Von seinen Liebschaften erzählt man
viel.
    RINALDO Man weiss allentalben viel von ihm zu erzählen. In Florenz, in Rom,
in Neapel und in ganz Sizilien spricht man von ihm. Und, was das Sonderbare ist,
man erzählt grösstenteils nur Gutes von ihm.
    ERMINIA Die Menschen sind sehr gefällig, wenn man nur ihre Aufmerksamkeit zu
erhalten weiss.
    BARON Mein Vater war ein Florentiner. Er verliess sein Vaterland. - Ich hatte
in Florenz Familienangelegenheiten zu berichtigen, und als ich dahin ging,
machte ich einst in den Apenninen eine merkwürdige Bekanntschaft mit einem
Klausner, Donato genannt. Dieser kannte Rinaldini genau. Er hat mit mir viel von
ihm gesprochen. - Diese Nachrichten haben mich, ich kann es nicht leugnen, sehr
für ihn eingenommen, und ich glaube, ich hätte beinahe selbst gewünscht, seine
Bekanntschaft zu machen, wenn er allein und ohne Gesellen zu sehen gewesen wär'.
In unserer Nähe will man ihn allentalben gesehen haben; doch bis zu meinem
Schloss hat er sich nicht verirrt.
    Ganz unvermutet gab Rinaldo diesem Gespräch eine andere Wendung, indem er
Erminias Stickerei bewunderte.
Nach Tische sprach man von einem Besuche, den man erhalten würde, und ehe
Rinaldo noch den Namen des Gastes erfuhr, trat dieser selbst ins Zimmer. Es war
der Marquis Reali, den wir kennen. - Betroffen trat er einen Schritt zurück,
fasste sich aber schnell, ging auf Rinaldo zu und fragte: »Treffen wir uns hier?«
    »Eine Bekanntschaft?« - fragte der Baron.
    »Eine interessante Bekanntschaft«, - antwortete der Marquis lächelnd und
wendete sich zu den Damen.
    Der Baron fixierte den vermeinten Ritter Ostila, und dieser war nicht ganz
ohne Verlegenheit. - Der Marquis stattete Erminien seine Glückwünsche wegen
ihrer Befreiung ab und erzählte, der Marquis Lomanieri habe die Insel verlassen.
    »Es war« - fuhr er fort, - »in der Tat ein Unternehmen, welches dem Marquis
Lomanieri teuer würde zu stehen gekommen sein! Er ist, sagt man, nach Turin
gegangen, um dort bei dem König um Gnade zu bitten.«
    BARON Meine Berichte an den König werden eher dort eintreffen als er. Ich
verlange Satisfaktion und muss und werde sie erhalten.
    MARQUIS Gewiss!
    BARON Der Marquis darf ungestraft meine Ehre nicht angetastet haben.
    MARQUIS Natürlich!
    ERMINIA Ohne den tapferen Beistand dieses Herrn, den Ihr kennt - wär' das
abscheuliche Unternehmen sicher geglückt.
    MARQUIS O! es durfte nicht glücken! Der Himmel hält stets sein schützendes
Schild über Schönheit und Tugend.
    Der Marquis nahte sich einem Fenster. Rinaldo trat schnell hinzu. - Die
Damen zogen sich zurück. Erminiens Augen blieben bei den Sprechenden; der Baron
wurde nachdenkend.
    »Herr Marquis«, - sagte Rinaido, - »Ihr kennt mich; Ihr wisst, wer ich bin.
Hier kennt man mich als den Retter des Fräuleins und nennt mich Ritter Ostiala.
Es steht bei Euch, meinen wahren Namen zu entdecken; ich kann nichts dagegen
haben, da ich dies selbst bei meiner Abreise tun wollte. Was ich für den Baron
tat, berechtigt mich, Anspruch auf seine Dankbarkeit zu machen. Ihr habt gegen
mich keine Verbindlichkeit. Aber ich bitte Euch, bringt uns alle nicht in
Verlegenheit! Meine Leute sind in der Nähe, und die Not könnte uns etwas
erlauben, was wir und ihr alle bereuen würden.«
    »Ich habe Pflichten gegen den Staat«, - erwiderte der Marquis, - »die ich
erfüllen muss, will ich nicht selbst schuldig erscheinen. Das Wenigste, was ich
tun kann, ist, - dem Baron zu sagen, wer sein Gast ist.«
    »Ihr wollt ihn also in Verlegenheit setzen?«
    »Kennt Ihr die Befehle der Regierung?«
    »Sie werden Euch gebieten, mich ihr zu überliefern?«
    »So ist es.«
    »Wie könnt Ihr das?«
    »Wie?«
    »Wagt Ihr nicht Euer Leben? - Ich kann mit Euch nicht scherzen, wenn Ihr es
ernstlich meint. Ihr fallt zuerst.«
    »Was wagt Ihr, mir zu sagen?« - schrie der Marquis laut und griff an den
Degen.
    »Mich treibt die Not!«
    Der Baron trat herzu.
    »Ich will nicht hoffen«, - sagte er, - »dass zwischen Euch ein Missverständnis
-«
    MARQUIS Kein Missverständnis! Wir kennen uns, und mir gebietet die Pflicht -
    RINALDO Was sie jetzt, da die Sache so weit gekommen ist, mir selbst
gebietet, Euch meinen wahren Namen zu nennen.
    BARON Ihr habt uns hintergangen?
    ERMINIA Ihr seid der Ritter Ostiala nicht?
    RINALDO Der bin ich nicht.
    BARON Ihr gabt Euch einen falschen Namen?
    MARQUIS Es ist der erste nicht. Der letzte aber kann es sein. - Baron! Ich
bin verbunden, diesen Mann -
    RINALDO Nun bedarf es weiter keiner Umschweife. - Ich bin Rinaldini.
    Das Fräulein sank auf ein Sofa; laut auf schrie die Baronin. Der Baron trat
betroffen zurück, indem er sagte:
    »Marquis! Ihr habt uns allen keinen Gefallen getan.«
    MARQUIS Ihr kennt, wie ich, die Befehle der Regierung. Ich kenne sie auch
und weiss, was ich zu tun habe.
    RINALDO Tut, was Ihr tun müsst.
    BARON Marquis! - In welche Verlegenheit stürzt Ihr uns alle! Meine
Dankbarkeit kämpft mit der Pflicht, den Retter meiner Tochter der Obrigkeit zu
überliefern.
    RINALDO Herr Baron! Ich kann nur mit Gewalt Euch Eurer Verlegenheit
entreissen. - Ich öffne dieses Fenster. Ein Schuss, und meine Leute dringen ins
Schloss. Mein Leben verkaufe ich teuer. Der Marquis fällt, wenn man sich mir
feindlich naht. Furcht kenne ich nicht, und jetzt heisst die Not mich morden.
    BARONIN Mein Gott! lässt sich kein Ausweg treffen?
    RINALDO Nur einen Ausweg wüsste ich.
    BARONIN O! nennt ihn, gebt ihn an!
    RINALDO Lasst von meinen Leuten mich hier abholen. Ihr weicht dann der Gewalt
und habt keine Verantwortung zu fürchten.
    MARQÜIS Ihr schwört, dass Eure Leute sich keine Gewalttätigkeiten erlauben.
    RINALDO Das kann ich nicht, selbst um Euretwillen nicht. Gewalt muss mich
befreien, sonst könnte man das Ganze für Spiegelfechterei erklären. Der Marquis
lässt sein Leben, und um das meinige wird gekämpft. - So weit habt Ihr es selbst
getrieben, Herr Marquis! Ich habe keine Schuld.
    Er spannte, als er dies sagte, ein gezogenes Terzerol und riss das Fenster
auf.
    »Haltet ein!« - schrie Erminia.
    BARON Keine Übereilung!
    RINALDO Ich werde, was ich tun muss, ewig bereuen. Aber, zwingt man mich
nicht, es zu tun?
    BARON Marquis! - Nur Ihr könnt uns alle retten.
    MARQÜIS Wie könnte ich das?
    BARON Unter uns bleibt alles. Ihr gebt Euer Ehrenwort, von diesem
unglückseligen Vorfalle nie zu sprechen. - Wer könnte uns verraten?
    Der Marquis wollte sprechen, als der Kammerdiener der Baronin eintrat und
meldete, der Gärtner habe zwei verdächtige Vermummte um die Gartenmauer
schleichen sehen.
    Dieser glückliche Zufall machte dem Gedrängten Luft. - Der Baron stammelte:
    »Der Gärtner soll die Vermummten genau beobachten!«
    Der Kammerdiener ging. Rinaldo redete:
    »Meine Leute haben den Marquis gesehen, sie ahnen, was mir bevorsteht. Ihr
seht, sie sind wachsam. Zum Unglück kommandiert sie Jordano, der unbändigste
meiner Gesellen, der mir schon oft grossen Kummer durch seine Wildheit verursacht
hat.«
    BARONIN Er wird doch nichts ohne Order unternehmen?
    RINALDO Ich hoffe und wünsche es nicht. Wie kann ich's aber ändern, wenn es
geschieht?
    BARONIN Gebietet ihm, sich zu entfernen.
    RINALDO Ich kann, ich darf das nicht.
    BARONIN Marquis! - Ich fordere von Euch -
    MARQÜIS Wenn ich -
    BARONIN Ihr könnt uns retten.
    ERMINIA Gebt Euer Wort!
    Der Jäger trat ein. Man sehe, sagte er, Bewaffnete im Wäldchen hinter dem
Garten.
    »Beobachtet sie!« - sagte der Baron ängstlich.
    Der Jäger ging. Rinaldo sah den Marquis fragend an. Dieser erklärte sich,
sein Wort zu geben, wenn Rinaldo ihm das seinige geben wolle, sich nicht an ihm
oder an seinen Gütern zu rächen.
    ERMINIA Das wird er nicht tun!
    RINALDO Ich gebe Euch, was Ihr verlangt. Nie werde ich mich an Euch oder an
Euern Gütern rächen, solange Ihr schweigt. Wolltet Ihr aber -
    MARQÜIS Ich brach noch nie mein Wort. - Es bleibt alles unter uns.
    RINALDO Herr Baron! Lasst mein Pferd vorführen. Ich scheide von Euch mit
dankbarem Herzen. Ihr wisst, was Ihr von mir gesprochen habt, ehe Ihr mich
kanntet. Ach! was empfand ich, als ich Euch so sprechen hörte! - Der
Räuberhauptmann hat ein Herz und weiss dankbar zu sein. Lebt wohl! Mein
unglückliches Schicksal treibt mich von allen meinen schönen Plätzen, aus allen
Wohnungen des Friedens. Ach! wo schöne, edle Seelen weilen, darf ich nur im
Geiste sein. So bin ich stets bei Euch. Beklaget mich, verdammt mich aber nicht!
Schenkt Euer Mitleid einem Unglücklichen, der nirgends sicher ist, der nie sich
zeigen darf, ohne Schrecken und Verwirrung zu verbreiten. Diese Gefühle drücken
mich zu Boden. Schenkt, wenn Ihr dürft, mir Eure Freundschaft, und lebt wohl!
    Tränen in den Augen, verliess er das Zimmer. Ihm folgte der Baron.
Im Wäldchen hinter dem Schloss wurde geschossen. Dragoner wurden sichtbar.
    »Der rechte Flügel meines Schlosses« - sagte der Baron, - »ist an ein altes
Gebäude angebaut, das ich aus mehr als einer Ursache noch nicht habe abreissen
lassen. Dortin bringe ich Euch. Dort seid Ihr sicher. Ich selbst werde es weder
an Nachfrage noch an Verpflegung fehlen lassen. Den Soldaten jage ich Euch nicht
entgegen. Ist der Marquis abgereist, und die Gegend ist von Soldaten geräumt,
dann - mögt Ihr reisen.«
    Rinaldo dankte dem Baron schweigend, mit Blick und Händedruck, und folgte
ihm über den Hof. - Sie kamen in das alte Gebäude. Der Baron verschloss die Türen
und ging zur Gesellschaft zurück.
    Der Marquis war sehr verstimmt und nahm, mit Wiederholung seines
Versprechens, Abschied. Erminia liess sich zu Bette bringen. Die Baronin klagte
Kopfweh.
Rinaldo befand sich in einem getäfelten, mit gemaltem und vergoldetem
Schnitzwerke verzierten Zimmer, versehen mit wenigen und alten Möbeln. Auf
einigen Wandleuchtern staken Wachslichter, welche die Zeit ihres Nichtgebrauchs
ganz braun gemacht hatte. Die Seitentür des Zimmers führte in einen Saal, dessen
Wände mit Familiengemälden rundherum umhangen waren.
    Diese Gemälde betrachtete Rinaldo eben aufmerksam, als der Baron eintrat.
    »In diesem Saale«, - sagte er, - »bin ich oft. Dies sind die Bilder meiner
Ahnherren und ihrer Weiber; das meinige schliesst diese Reihe. Ich sterbe ohne
Sohn. Seit vierhundert Jahren blühte mein Geschlecht unter der Republik und
unter den Herzögen von Florenz. Mein Vater verliess sein Vaterland mit seinen
Schätzen, kaufte dieses Schloss und hängte hier die Bilder einer Familie auf. -
Dieser hier focht als General der Florentiner gegen die Venetianer; dieser
diente unter Doria bei Lepanto. - Dieser war mein Vater. Ihm zur Seite hängen
die Bildnisse seiner beiden Weiber. Die erste gab ihm eine Tochter und einen
Sohn, der nicht mehr lebt; die zweite gebar mich. - Ehemals lebte hier die
ausgestorbene Familie Sestino. Hier ist ihre Hauskapelle.«
    Er öffnete die Tür. Sie traten hinein. - Es rauschte hinter einem seidenen
Vorhange. Rinaldo sah den Baron an. Dieser nahm ihn bei der Hand und ging mit
ihm in den Saal zurück.
    Schweigend kamen beide in das Zimmer. - Der Baron ging, kam bald zurück und
trug einen Korb mit Speisen und Wein. - Sie setzten sich. Der Baron begann:
    »Das Geräusch in der Kapelle machte Euch aufmerksam.«
    RINALDO Ist die Kapelle bewohnt?
    BARON Die Zimmer hinter der Kapelle sind es.
    RINALDO Wie?
    BARON Seid unbesorgt! - Dort wohnt ein Wesen, das Ihr nicht zu fürchten
habt. Ich bitte Euch aber, sie nicht zu beunruhigen.
    RINALDO Sie?
    BARON Meine unglückliche Schwester wohnt dort.
    RINALDO Eure Schwester?
    BARON Ein Geheimnis, von dem selbst meine Frau und meine Tochter nichts
wissen. - - Euch teile ich es mit. Warum? sollt Ihr nachher erfahren. - Meine
Schwester Isotta war durch ein Gelübde ihrer Mutter zum Klosterleben bestimmt,
zu dem sie keine Neigung fühlte. Sie wurde mit einem Prinzen bekannt, und ihre
Bekanntschaft hatte Folgen. Ihr Bruder suchte den Liebhaber seiner Schwester auf
Befehl der Mutter auf. Vergebens waren Vorstellungen und Bitten; er verlangte
Blut. Der Prinz musste sich mit ihm schlagen und war so unglücklich, seinen
Gegner zu erstechen. Die Mutter starb; der Vater vermählte sich zum zweitenmal
und verliess Florenz. - Isotta ward hierhergebracht. Ihren Sohn hat sie nie
wieder gesehen. Er wurde auf dem Lande erzogen, ging verloren, und man weiss
nicht, hat es nie erfahren können, wohin er gekommen ist.
    RINALDO Und der Vater?
    BARON Hat, heisst es, sein Grab in den Morgenländern gefunden. - Ich liebe
meine unglückliche Schwester Isotta herzlich, und der Zufall will, dass Ihr
dieser Schwester sehr ähnlich seht. - Ich denke jetzt nicht daran, dass Ihr
Rinaidini seid. Ich sehe in Euch nur den Fremden, der meine Tochter gerettet
hat. - Wo seid Ihr geboren?
    RINALDO In Ostiala. Der Jüngste meiner sechs Geschwister, bin ich eines
Bauern Sohn. Ein Klausner in jener Gegend, wo ich die Ziegen hütete, war mein
Lehrer. Ihm verdanke ich jeden Unterricht, den ich erhielt. Seine Bücher,
besonders die Biographien des Plutarch, erhitzen meine Phantasie, und die Welt
der Ritterbücher war meine Lieblingswelt. Wär' ich edler geboren gewesen, wer
weiss, welche glänzende Rolle ich gespielt hätte!
    Der Baron schwieg. - Er ging endlich zu seiner Schwester und blieb lange bei
ihr. Spät trennte er sich von seinem Gaste.
Die Sonne weckte früh den Schläfer, der gegen Morgen erst entschlummert war.
Rinaldo stand auf, öffnete ein Fenster und blickte in die schön erleuchteten
Fluren. Der Nebel wallte schnell, in hohen Wirbeln, die Berge hinauf. Ein
Diamantenmeer flimmerte im Tale. Ergriffen von einem wehmütigen Gefühle, warf
sich Rinaldo mit nassen Augen vor dem offenen Fenster nieder. Er seufzte tief
auf, hob seine Augen gen Himmel und rief aus:
    »O! Gottes Sonne leuchtet dieser Flur so schön! - Auch ich geniesse ihre
milden Blicke, und dennoch dringt kein Strahl der Freude in dieses klopfende
Herz! - Ach! - Ach! überallhin werden diese Strahlen mich begleiten, und
überallhin trage ich mein Herz mit mir.«
    »Klage nicht!« - ertönte eine Stimme hinter ihm.
    Er wendete sich, sprang auf; die Tür der Kapelle war geöffnet. Eine
schwarzgekleidete Dame stand vor ihm. Er blickte sie betroffen an. Sie hob die
Hand und bedeckte die Augen, indem sie sagte:
    »O! dieser Spiegel blendet mich!«
    Rinaldo stammelte:
    »Ach! gönnt mir Eure Blicke, wie mir die wohltätige Sonne ihre Strahlen
gönnt.«
    Sie zog die Hand von den Augen und sagte:
    »Seit beinahe dreissig Jahren sah ich kein so freundliches Bild als das
deinige, Fremdling! Es tut so wohl, und dennoch schmerzt es! Diese Augen sehen
mich selbst. In dir sieht sich Isotta. - Verweile hier bei mir. Ich spreche so
selten mit einem Menschen. Ach! und in ein Gesicht, wie in das deinige, habe ich
noch nie gesehen. - Ich hatte einen Sohn. - Nur wenige Stunden lächelte er mir!
- Wie du, so müsste er jetzt aussehen. - Mein Herz will mich täuschen! - Nein!
Ich weiss es ja, dass du nicht mein Sohn bist. - Mein Bruder sagte mir, du seist
ein Reisender; ein unglücklicher Zweikampf halte dich hier verborgen. - Ach!
auch mein Bruder fiel einst im Zweikampf! - - Solange du noch hier bist, musst du
noch viel, recht viel mit mir sprechen. Denn wenn du fortgehst, bin ich wieder
allein und spreche nur zuweilen meinen Bruder und einen Klausner - er wohnt auf
jenem Berge -, der durch einen verdeckten Gang, den mein Bruder ihm gezeigt hat,
zweimal in jeder Woche zu mir kommt.«
    Rinaldo ergriff ihre Hand und benetzte sie küssend mit seinen Tränen.
    SIE Du weinst?
    ER Mein Herz! mein Herz!
    SIE Sonst habe ich viel geweint. Jetzt kann ich nicht mehr weinen. Die
Quellen meiner Tränen sind vertrocknet. Ich habe keine Tränen mehr, die das Herz
erleichtern. Nur Seufzer sind mir noch geblieben. Ich sende sie vergebens meinem
Grabe zu!
    ER Auch ich!
    SIE Auch du!
    ER O ja! Auch ich!
    SIE So bist du gewiss nicht glücklich.
    ER Ich war es nie!
    SIE Ich beklage dich. Auch ich bin sehr unglücklich und kann nie wieder
glücklich werden. Mein Gatte, mein Sohn, mein Unglück. - Ach! - - O! dieser
Blick von dir! - Ach! keinen dieser Blicke mehr! Doch dieser Händedruck soll - -
Gerechter Gott! -
    ER Was ist dir?
    SIE Was sehe ich? - Täusche ich mich nicht? - Nein! Ich sehe - O Gott!
    ER Rede! -
    SIE Auf deiner rechten Hand, dies sonderbare Mal -
    ER Ich habe es mit auf die Welt gebracht.
    SIE Dieses, ach! so sonderbare Mal - trug auch mein Sohn auf seiner rechten
Hand. Ich war so froh, als ich es sah, dereinst ihn daran wiederzuerkennen! Ein
zweites Mal, auch diesem gleich, trug mein Kind auf seinem linken Knie.
    ER Hier ist das Mal! Ich trage es.
    SIE Heilige Jungfrau! - Bist du deiner Mutter gewiss?
    ER Eine Bäuerin. Nie nannte man mir eine andere.
    SIE Nein! Sie war deine Mutter nicht. Zwei Tage warst du auf der Welt, als
man dich mir entriss und dich, ich weiss es nicht wohin, brachte. - Du bist mein
Sohn! Nicht diese Zeichen allein, auch mein Herz sagt es noch lauter! O! fühle
diesen Schlag! An meine Brust! Du bist mein Sohn!
    Der Baron trat ein. Betroffen sah er die Umarmung, blieb stehen und konnte
nicht sprechen.
    ISOTTA O Gott! - Ich habe wieder Tränen! Du bringst sie mir, diese
Freudentränen! - Der Mutter gibst du alles wieder; auch Tränen und - dich
selbst! dich selbst! -
    BARON Schwester!
    ISOTTA Mein Sohn!
    RINALDO Meine Mutter!
    BARON Ewiger Gott!
    ISOTTA Er ist es! Ja, er ist es! Die Zeichen sind an ihm; er ist mein
Ebenbild; für ihn schlägt dieses Herz. - O! guter Gott! Du gabst mir Tränen
wieder und den geliebten Sohn! - Wie mächtig ist dein Zauberruf, Natur! O! wer
dies nie empfand, der kann's auch nicht begreifen. So belehrt der Himmel nur; so
kann der Schöpfer nur belehren. O! halte dich, mein Herz! - O Gott! wie ist -
Sie sank in Ohnmacht. - Als sie nach mancherlei Bemühungen wieder zu sich
gebracht wurde, bat sie der Baron, auf ihrem Zimmer ein wenig zu ruhen. Sie
brachten sie dahin.
Als der Baron und Rinaldo wieder in den Saal zurückkamen, warf dieser sich
zitternd auf ein Sofa und stöhnte tief auf:
    »O! wie ist mir!«
    Der Baron ging schweigend auf und nieder, sagte endlich mit gepresster
Stimme:
    »Ich muss mich sammeln. - In einigen Stunden seht Ihr mich wieder.«
    Er verliess den Saal. - Rinaldo ging auf sein Zimmer, warf sich aufs Lager
und weinte laut.
    Als der Baron zurückkam, ging er ganz heiter auf Rinaldo zu, ergriff seine
Hand und sagte:
    »Was mich betrifft, so habe ich guten Rat für euch alle. Mir folgt ein Mann,
der dich auch kennt und der dich sprechen will.«
    »Wer ist er?« - fragte Rinaldo und dachte an den Alten von Fronteja.
    Dieser aber war es nicht. Onorio trat ein. - Er war der Klausner, dessen
Isotta erwähnte, der zuweilen sie besuchte. - Rinaldo flog auf ihn zu. Onorio
schloss ihn in seine Arme.
    ONORIO Du bist glücklich!
    RINALDO Meine Mutter habe ich gefunden!
    ONORIO Sie ist es.
    RINALDO Du weisst es?
    ONORIO Die Bäuerin, die du für deine Mutter hieltst, die dich erzog, war
nicht deine Mutter. Das hat sie mir einst selbst gesagt.
    Übers Gebirg warst du ihr zur Erziehung zugetragen worden. Deine
Pflegeeltern waren arme Leute, sie waren gezwungen, die Kostbarkeiten, die du um
dich hattest, zu Gelde zu machen. Sie fürchteten Nachfrage und flohen nach
Ostiala, als du zwei Jahre alt warst. So konnte deine Mutter nichts von dir
erfahren, und du bliebst der Sohn eines armen Mannes, der aus Not an deinem
Eigentume sich vergriffen hatte und dies nicht zu gestehen wagte. - Ich erfuhr
dies zu spät. Mein Verdruss trieb mich aus jener Klause, in der du Unterricht von
mir empfingst.
    RINALDO Und meinen Vater kennst du nicht?
    ONORIO Ich hoffe, dein Glück wird dich ihn finden lassen.
    RINALDO Du wolltest ja auf Lampidosa bleiben?
    ONORIO Ich wollte, aber es sollte nicht sein. - Barbaren störten mich in
meiner Ruh, und ich entfloh ihren Nachstellungen nur mit äusserster Gefahr. Dies
hat mich bewogen, Lampidosa zu verlassen. Ein Schiff brachte mich auf diese
Insel. Der Zufall führte mich in eine Klause, die ich noch bewohne. - Der Baron
ist mein Freund; er würdigte mich seines Zutrauens, und Isotta schenkte mir ihr
Vertrauen.
    RINALDO O! gute Menschen! Ach! hier steht der Räuber zwischen euch.
    BARON Behutsam! - Isotta darf nie wissen, nie erfahren, dass du warst, was du
nie hättest werden sollen. - - Schone deine Mutter!
    ONORIO Schone sie, uns alle und dich selbst. - Wir haben keinen Umgang mit
dem Räuber, wir lieben unsren Freund. Wir wollen sein voriges Leben nicht
kennen.
    RINALDO Ach! ich kann ja doch nicht bei euch bleiben.
    BARON Nun kommt mein Rat, mein Vorschlag. - Weit entfernt von Italien musst
du der Mutter leben. Sie glaubt dich flüchtig eines Zweikampfs wegen; sie glaube
auch, dass du deswegen diese Insel verlassen musst. Sie gehe mit dem Sohne.
    RINALDO Wohin?
    BARON Ewiger Frühling lächelt auf den glücklichen Kanarischen Inseln -
    RINALDO Dortin! - O! dass wir doch schon auf dem Meere wären! dass ich, die
teure Last in meinen Armen, fröhlich ans Land spräng' und ausrief: Ihr lachenden
Gefilde, ein Glücklicher führt Euch seine Mutter zu! - Hinter mir läge dann der
Schauplatz meiner Verbrechen, und vor mir lachte mich das Land meiner
Entsündigung an. Ein neues Leben hätte einer neuen Welt mich wiedergeboren.
Erst gegen Abend sah Rinaldo seine Mutter wieder, die, gleichsam neu verjüngt,
in seinen Armen lag, weidend sich an seinen Blicken. - Die Stunde der
Mitternacht trennte endlich beide.
    Onorio und der Baron hatten den folgenden Tag mit Isotta alles abgeredet.
Diese willigte mit Vergnügen darein, mit ihrem Sohne Sardinien zu verlassen. Der
Zweikampf blieb der Vorwand der Verkleidung, mit der Rinaldo sich umgeben musste.
Auch Isotta nahm Pilgerkleider. Beide gaben eine Wallfahrt vor, zum Wunderbilde
der hochheiligen Helferin zu Babato auf Malta.
    Der Baron besorgte Kleider und füllte die Kasse seiner Schwester wohl. -
Endlich hatte er auch ein englisches Schiff gefunden, und der Tag zur Abreise
war festgesetzt.
    Schmerzlich war die Trennung der Geschwister; Onorios matte Augen glänzten
in Tränen; man schluchzte laut und hatte keine Worte als ein dumpfes Lebewohl!
    »Reiset glücklich!« - schluchzte endlich der Baron und riss sich aus den
Armen los, die ihn scheidend umfingen. »Reiset glücklich!« - wiederholte Onorio.
    »Lebet wohl!« - schluchzte Isotta.
    »Lebet wohl!« - stöhnte Rinaldini.
 
                                Achtzehntes Buch
 Wenn nun alle Sterne prangen,
 Die dir glänzen sollen, sinkt
 Deine Sonne; aufgegangen
 Ist der Mond; die Sichel winkt!
Schon waren Isotta und Rinaldini auf dem Schiffe. Die Anker wurden gelichtet;
ein günstiger Wind schwellte die Segel; das Schiff flog aus dem Hafen ins Meer.
Das Kastell lag in der Ferne; die Türme wurden kleiner; das Land verschwand.
    Einer Wolke gleich lag die Insel den Schiffenden im Rücken. Rund umfangen
mit der unermesslichen Fläche des Meers, umgeben mit dem ausgedehnten Gewölbe des
Himmels schwebte lustig dahin das Schiff über die glatten Wellen; ein frischer
Süd-Ostwind blies in die runden Segel. Schnell durchschnitt der Kiel die braunen
Fluten.
    Rinaldo ergriff die Guitarre. Jetzt erwachte sie wieder in ihm, die Liebe
zum Gesang, er fühlte sich begeistert; er spielte und sang:
Wie ein Schiff durch Meeres-Wellen,
Schwebt das Leben durch die Zeit.
Dieses Schiffes Segel schwellen
Zufall und Gelegenheit.
Wünsche sitzen an dem Steuer,
Hoffnung hält den Anker fest.
Der ersehnten Liebe Feuer
Wird dem Schifflein sanfter West.
Doch des Unglücks Stürme brechen
Bald herein von Ost und Nord,
Wellen drohen zu zerbrechen
Des bedrohten Schiffes Bord.
Endlich lächelt doch der Hafen
Und das längst ersehnte Land.
Wenn sich Wunsch und Hoffnung trafen
Gab der Zufall oft die Hand.
Stille Sehnsucht blickt zum Strande,
Und die Freude schwebt zum Port;
Beide finden nun am Lande
Den gewünschten Freuden-Ort.
Ha! die klaren Zwillings-Sterne
Lächeln an dem Äter mir.
Fremdes Land! in schöner Ferne,
Such ich meinen Port in dir!
»In der Tat« - sagte der Kapitän, - »das Liedchen hat mir gefallen, und der Herr
Passagier singt recht gut! Mein God save the King! schnurre ich wohl auch mit
weg, aber so künstlich brächte ich keinen Gesang heraus. - Wir müssen eine
Bouteille Zypernwein miteinander ausstechen!«
    Das geschah, und der Kapitain erzählte seine See-Abenteuer. - Im Schiffe war
die ganze Mannschaft munter und vergnügt. Diese Freude dauerte aber nur einige
Tage. Ganz unerwartet brach eines Tages gegen Abend wütend der Sturm los und
schleuderte das Schiff von seinem Laufe weit ab. - Es flog zwischen den
Liparischen Inseln durch, nahe an Palmaria vorbei. Umsonst versuchte man
einzulaufen. Drei Tage schwebte das Schiff im Sturme umher. Endlich gelang es,
aber nur mit grosser Anstrengung, bei Capo di Calaro auf Sizilien die Anker
auszuwerfen, das Schiff festzumachen.
Isotta war seekrank. Sie musste ans Land gebracht werden. Bekümmert folgte ihr
Rinaldo nach Sinagra, in eine ihm bekannte Gegend.
    »So bin ich denn wieder, wo ich war!« - rief er aus. - »Hierher soll ich die
Mutter führen, wo mein Fuss so oft schon wandelte, und ach! in welcher Gestalt! -
Wieder in Sizilien! Wieder in Gegenden, die mich einst als Räuber sahen! - Und
hier sollte ich unerkannt bleiben können? - - Die Mutter kann ich nicht
verlassen! Es komme über mich, was beschlossen ist!«
    Er konnte nicht zu Schiffe gehen. Der Kapitän musste nach zwei Tag ohne ihn
wieder in die See stechen.
    Isotta wurde kränker. Sinagra lag zu nahe an der Küste; die Kranke musste
tiefer ins Land gebracht werden.
    »Ach!« - seufzte Rinaldo. - »Dieses sind die mir so wohlbekannten Berge von
Remata.«
    Er mietete sich in einem kleinen Landhause ein und nahm eine Wärterin für
seine kranke Mutter an.
    Täglich schweifte er umher und konnte es sich nicht verwehren, auf bekannten
Plätzen zu verweilen. - Zitternd bestieg er die bekannten Berge und blickte nach
dem Schloss, aus welchem sein Bekenntnis einst ihn trieb, als Dianora glücklich
sich an seiner Seite wähnte.
    »Dort liegt das Schloss!« - seufzte er. - »Ich erblicke die bekannten Mauern,
die Brücke, den Turm - und, ach! sehe mich dem allen gegenüber in Angst,
Verlegenheit und Besorgnis!«
    Langsam ging er weiter und nahte sich schon dem Berge, auf dessen Scheitel
das Schloss sich erhob. Die goldenen Fähnchen auf den Türmen blitzten ihm
entgegen. - Am Fusse des Berges warf er unter einem Baume sich nieder und wagte
es nicht, weiterzugehen. In tiefe Betrachtungen verloren, schlummerte er endlich
ein. Ängstliche Träume quälten ihn. Er sah Dianoren, sah seinen Sohn, und dieser
zückte gegen ihn den Dolch. Er schrie:
    »Halt ein! Ich bin dein Vater. Lass mich leben! Für meine Mutter lass mich
leben!«
    Er erwachte, trocknete den Schweiss sich von der Stirn, erhob seine Augen -
sprang erschrocken auf und schrie:
    »Was ist das? - Heiliger Gott! - Dich, - dich sehe ich hier?«
    Vor ihm stand der Alte von Fronteja in ländlicher Landestracht. Er nahte
sich ihm.
    »Ich kenne diese Stimme!«
    »O ja! Du kennst auch mich, wie ich dich kenne!«
    »Jetzt weiss ich, wer du bist.«
    »Ich weiss es, leider! auch.«
    »Sehr unkenntlich hast du dich gemacht. Nur ich konnte dich erkennen.«
    »Und du bist in Sizilien?«
    »So frage ich dich.«
    »Sturm und Unglück trieben mich hierher.«
    »Ich hoffe - in den Hafen. Wenigstens in Freundes Arme führe dich das ewig
über uns waltende Geschick. - Kaum zwanzig Schritte weit von hier liegt meine
kleine Wohnung. Dortin folge mir.«
»Mein Sohn!« - begann der Alte, als sie in seiner Wohnung angekommen waren. -
»In diesem kleinen Hause heisse ich auch jetzt dich willkommen! ebenso herzlich,
als ich in Palästen dich sonst willkommen hiess. Wie hat mein Herz sich nach dir
gesehnt! Deinetwegen habe ich viele Tränen vergossen, die aber alle nun
vertrocknen, da ich dich wieder in meine Arme schliessen kann. - Wir sehen uns
wieder!«
    »O! dass wir uns glücklich nennen könnten!« - seufzte Rinaldo.
    »Sind wir es nicht?«
    »Ach! wer weiss, welch ein neues Unglück uns beweist, dass wir es nicht sind!«
    »Was man nicht wünscht, muss man nicht denken. Ich lebe etwas länger schon
als du und weiss, was der Mensch zu tun hat, um ruhig zu leben. - Du siehst mich
hier als Landmann; was mich umgibt, ist ländlich. Hier denke ich, oder
wenigstens doch in diesem Zustande, wenn auch anderswo, zu sterben, ob ich
gleich seit meiner Geburt mehr auf seidenen Polstern als auf dem einfachen Lager
eines Landsmanns lag.«
    »Bist du ein Prinz, wie man sagt?«
    »Höre meine Geschichte, und erfahre, wer ich bin; erfahre, was du jetzt
erfahren kannst, und nimm mein Wort, dass du die reinste Wahrheit hörst. Ich will
dir nichts verhehlen; du sollst alles wissen. - Höre!«
 
                       Geschichte des Alten von Fronteja
»Gegen seines Vaters Wissen und Willen trieb den Prinz Anselmo Sansovini sein
Mut in den Krieg. Ungestüm klopfte sein Herz den Waffentaten entgegen. Er diente
und focht, ein Edelmann, ohne sich zu erkennen zu geben, als Volontair gegen die
Türken. In einer heissen Schlacht ward er verwundet und gefangengenommen. -
Zufällig sah ihn der Seraskier. Seine Bildung gefiel ihm; er nahm sich seiner
an, liess ihn kurieren und schickte ihn dem Grosswesir zu. - Dieser fand
ebensoviel Vergnügen an seinem Gefangenen als der Seraskier, unterhielt sich oft
mit ihm, bewunderte seine Kenntnisse, seinen Verstand und wurde ganz zu seinem
Vorteile von ihm eingenommen.«
    »Der Grossherr kam eben damals selbst zur Armee. Der Wesir stellte seinen
Gefangenen seinem Souverän vor. Auch dieser schenkte demselben seine Gnade und
nahm ihn, als er die Armee verliess, mit nach Konstantinopel.«
    »Ich vermeide alle Weitläufigkeiten und sage daher nur ganz kurz, dass
Anselmo der Liebling des Grossherrn und endlich sogar sein Vertrauter wurde.«
    »In Adrianopel erhielt er Gelegenheit, eine von den Schwestern des Sultans
genauer kennenzulernen, als es hätte sein sollen. Dieser verbotene Umgang drohte
bald mit einem lauten Zeugen und erhöhte die Verlegenheit der Liebenden auf den
höchsten Grad. Sie wagten endlich einen kühnen Schritt, den besten, den sie, wie
sie meinten, wagen konnten und mussten. - Anselmo und Fardina warfen sich dem
Sultan zu Füssen. Sie machten ihn selbst zum Vertrauten ihres Glücks und ihres
Unglücks.«
    »Der Grossherr wollte sich anfangs den Ausbrüchen des höchsten Zorns
überlassen und fuhr schon nach dem Säbel, sie beide selbst zu bestrafen, als
Fardina mit den Worten des Korans ihm zurief: Gott ist barmherzig, und die
Menschen sind sein Ebenbild! - Der Grossherr hörte die Worte des Propheten, fasste
sich, zog die Hand von dem Säbel und kündigte ihnen ihr Urteil an.«
    »Anselmo, der seinen Stand entdeckt hatte, ward einem venetianischen Schiffe
übergeben. Er ging nach Malta, wo er das Kreuz annahm.«
    »Fardina ward nach Syrien verwiesen. - Zu Damaskus gebar sie einen Sohn, den
der Bassia einem griechischen Priester übergab, der ihn erziehen liess, und als
er acht Jahre alt war, ihn nach Griechenland schickte. Hier ward der Knabe einem
weisen Manne übergeben, der die Weisheit der alten und neuen Zeit in sich
vereinigte und der seinen Zögling so gelehrig fand, als er es sich nur wünschen
konnte.«
    »Siebzehn Jahre alt war der Knabe, als er mit seinem Lehrer auf Reisen ging.
Beide durchreisten ganz Griechenland, gingen nach Ägypten, durchstreiften die
Sandwüsten, besuchten die Oasis des Ammonstempels, bewunderten die Pracht der
Pyramiden und studierten unter Tebens Ruinen die Überbleibsel der Mysterien der
Ceres und Proserpina.«
    »Dieser Knabe, den du jetzt auf Reisen siehst, ist der Mann, der mit dir
spricht. Ich bin es. - Ich bin Nicanor, der Sohn der Sultanin Fardina.«
    Hier entstand eine kurze Pause, nach welcher der Alte in seiner Erzählung
fortfuhr:
    »Zwanzig Jahre war ich alt, als mich mein Lehrer nach Damaskus führte und
mich dem Bassa übergab. Dieser erklärte mir das Geheimnis meiner Geburt und
brachte mich zu meiner Mutter.« Rinaldo seufzte tief auf. Der Alte sah ihn
fragend an. Aber erzählte endlich weiter:
    »Wie zärtlich empfing mich diese gute Mutter! - Ach! ich fand sie krank.« -
    »Krank?« - rief Rinaldo aus.
    Der Alte sah vor sich nieder und sprach mit gebrochener Stimme weiter:
    »Sie starb in meinen Armen. - Ich küsste ihre brechenden Augen und begleitete
die Entseelte zu ihrem kostbaren Mausoleum, bei der Moschee der Sultane. - Sie
hinterliess mir ihre Schätze.«
    Er verhüllte sein Gesicht, und als er es wieder entüllte, glänzten Tränen
in seinen Augen. - Rinaldos Augen waren nass; er blickte tief gerührt zur Erde. -
Endlich fasste der Alte sich wieder und sprach weiter:
    »Ich verliess Syrien, durchzog Indien und Persien, studierte die Teologie
der Brahminen und die Lehrsätze des Zenda Vesta der Parsen. Selbst China habe
ich durchzogen. Ich kannte nun die emblematische Mytologie verschiedener Völker
und ging nach Europa zurück.«
    »In meinem sechsundzwanzigsten Lebensjahre kam ich nach Malta und warf mich
in die Arme meines Vaters. Dieser versah mich mit Empfehlungen und sendete mich
nach Rom. - Leider! folgte mir dahin bald die Nachricht von seinem Tode nach.
Mir blieb nun von meinen Eltern nichts mehr übrig als ihr mir noch immer
heiliges Andenken und ihre Schätze.«
    »Rom war kein Ort für meinen Geist, für meine Wissenschaften. Ich ging nach
Florenz. Dort wurde ich mit einem Fräulein bekannt, das ihre Eltern zum Kloster
bestimmt hatten. Wir sahen, wir liebten uns. - Die Wachsamkeit der Eltern wurde
hintergangen. Wir waren glücklich, um unglücklich zu werden. - Ihr Bruder nahm
sich der verletzten Ehre seines Hauses an, er hörte nicht auf meine Vorschläge,
verwarf meine Bitten, mit seiner Schwester ehelich mich zu vereinigen, und zwang
mich zum Zweikampf. Er fiel. - Ich floh in die Schweiz, um den Nachstellungen
der Familie zu entgehen. - Ich durchreiste Frankreich, durchzog Spanien und
Portugal und ging endlich nach sechs Jahren nach Italien zurück. - In Venedig
erfahr ich, meine Geliebte sei Mutter eines Sohnes geworden. Ihr Vater hatte
Florenz verlassen. - Ich eilte dahin. Eine alte Wärterin meiner Geliebten gab
mir die Versicherung, mein Sohn werde auf dem Lande erzogen; wohin die Mutter
gekommen war, wusste sie nicht. - Vergebens suchte ich zwölf Jahre hindurch Weib
und Kind und fand sie nicht! - Allentalben suchte ich meinen Sohn auf, mit
Vaterliebe, und endlich - fand ich ihn.«
    »Du fandest ihn?« - fragte Rinaldo schnell, mit sichtbarer Unruhe.
    Der Alte fuhr fort:
    »Ja! - Ich fand ihn. - Aber wo?«
    »Wo?«
    »Ach! ich fand ihn an der Spitze einer Räuberbande.«
    »Grosser Gott!« - schrie Rinaldo. Gelassen sagte der Alte: »Du - du selbst
bist mein Sohn.«
    RINALDO »Ich bin dein Sohn?«
    NICANOR Dies erklärt dir alles, was ich für dich tat und was ich nicht für
dich tun konnte.
    RINALDO Mein Vater!
    NICANOR Mein Sohn! - In meinen Armen starb meine gute Mutter! - Das
Schicksal will's, ich soll in meines Sohnes Armen sterben!
    RINALDO Ach! mein Vater! Du weisst nicht, kannst nicht ahnen -
    NICANOR Ich hoffe es, dass wir uns nun nie wieder trennen werden. Ein Etwas
sagt mir, deine Hände werden meine Augen schliessen.
    RINALDO Nein, Vater! nein! - Der Sohn reifte früher dem Tode.
    NICANOR Sei ruhig! Du kannst nun nur in Vaterarmen sterben. Ich drücke dich
an dieses Herz, entsage allen Gaukelspielen meines bunten, abenteuerlichen
Wallens in dieser Welt und trenne mich nun auch selbst im Tode nicht mehr von
dir!
    RINALDO O Mutter!
    NICANOR Ach!
    RINALDO Isotta!
    NICANOR Wie? - Isotta nennst du deine Mutter?
    RINALDO Isotta Moniermi.
    NICANOR Dies ist ihr Name. - Wer sagte dir den Namen deiner Mutter?
    RINALDO Sie selbst.
    NICANOR Sie selbst? Isotta selbst?
    RINALDO O! meine gute Mutter!
    NICANOR Wo sprachst du sie? - Lebt sie noch? -
    RINALDO Sie lebt.
    NICANOR Wo?
    RINALDO Nicht weit von hier. - Mit mir kam sie hierher.
    NICANOR Nach Sizilien? Hierher? - Und sie lebt? - O! sieh! Die Freude macht
mich jung. Ich denke nicht mehr an den Tod. Isotta lebt? Für sie will ich leben!
- O! führe mich zu ihr! - Ich übersteige die Gebirge, ich eile ihr zu, ich
drücke sie an meine Brust. Isotta! meine Liebe! Dich, dich soll Nicanor
wiederfinden? Dich Totgeglaubte soll er sehen, an sein Herz soll er dich
drücken? - O! zaudre nicht! Du fühlst es nicht, was ich empfinde! Du hast sie
schon gefunden, ich aber suche sie noch. - Fort! Fort zu ihr!
    RINALDO O! fasse dich! - Lass mich zu Worte kommen und höre mich.
    Rinaldo erzählte seinem Vater alles, was wir schon wissen, schilderte ihm
den Zustand seiner Mutter und bat ihn, durch seine schnelle Erscheinung ihr
nicht den Tod zu geben. - Nicanor sah wohl ein, dass er seiner Ungeduld, Isotta
jetzt zu sehen, entsagen müsse. Beide redeten nun ab, wie sie auf eine solche
Erscheinung und Zusammenkunft vorzubereiten sei.
    So schieden sie, und Rinaldo eilte zu seiner Mutter.
    Er fand sie über seine lange Abwesenheit unruhig. Mit der Erzählung, einen
alten Bekannten getroffen zu haben, beruhigte er sie.
    Den folgenden Morgen kam ihm Nicanor auf halbem Wege entgegen. Er gab ihm
Kräuter und einen Trank.
    »Diesen Trank« - sagte er, - »zu verfertigen, lernte ich von einem alten
koptischen Priester, der noch die koptische Sprache sprechen konnte und
verborgen unter den Ruinen von Teben lebte. Dort suchten ihn nur Kranke auf. Er
half denselben. Die Kräuter, die ich dir gebe, wachsen in Hennas blumenreichen
Feldern, aber sie wachsen auch um die Quellen des Nils. Ein Abessinier, den ich
in Mecca kennenlernte, machte mich mit ihren Kräften bekannt. - Gebrauche
beides, stärke deine Mutter, bereite sie vor und lass mich bald wieder meine
liebe Isotta umarmen. - Hoffnungen und Wünsche beleben meine Brust wie die Brust
eines Jünglings. Des Lebens schönster Traum schlingt seinen Mohnkranz aufs neue
um meine Sinne, ich spreche das Zauberwort Liebe mit Entzücken aus, und alle
meine Sinne wiegen sich in sanfter Zärtlichkeit! - O mein Sohn! die Sehnsucht
tötet mich, wenn ich die Treugeliebte nicht bald an diesen klopfenden Busen
drücken kann. - Eile! bringe der Geliebten diese heilsamen Tropfen. Gegen Abend
sprechen wir uns hier auf diesem Platze wieder.«
    Rinaldo erfüllte den Willen seines Vaters. Isotta nahm den Trank und fiel in
einen tiefen Schlaf. Gestärkt erwachte sie in einigen Stunden wieder und befand
sich wohl. - Mit dieser Nachricht eilte der frohe Sohn zum harrenden Vater.
Freudig ergriff dieser seine Hand und rief aus: »Bald werde ich glücklich sein!«
    Rinaldo hob seine Blicke zu dem bekannten Schloss und seufzte: »Auch ich
war einst glücklich!«
    NICANOR Die Rückerinnerung schenkt schöne Freuden. Sie ist dem Monde gleich,
der uns die Sonne gibt.
    RINALDO Ist dieses Schloss jetzt bewohnt?
    NICANOR Ich glaube wohl, doch weiss ich es nicht gewiss. - Lass uns von deiner
Mutter sprechen! - Morgen wird sie ihr Lager verlassen; du bereitest sie ein
wenig vor, und ich erscheine.
    RINALDO Nur nicht zu rasch!
    NICANOR Sei ohne Sorge! Ich kenne die Kräfte des Trankes, und hier gebe ich
dir noch ein Elixir. Dieses wird alles vollenden. Nichts Kräftigeres hat die
Natur; es ist die Quintessenz von allen ihren heilenden Kräften.
    So fand es sich. - Isotta verliess am folgenden Morgen ihr Lager und wusste
nichts von Krankheit mehr.
    ISOTTA O! mein Sohn, woher hast du diese Wundertropfen?
    RINALDO Es gab sie mir ein alter Freund, den ich ganz unvermutet in diesen
Bergen fand.
    ISOTTA Gott segne ihn; er ist der Retter meines Lebens; er gab dir deine
Mutter wieder. - Ich muss ihm danken, führe mich zu ihm! - Der gerettete Kranke
versteht es am besten, seinem Arzte zu danken. Wie nennt sich dieser Freund?
    RINALDO Nicanor.
    ISOTTA Nicanor? - Wie? Nicanor? - Ach! dieser Name sagt mir schon, dass er
mein Retter sein konnte. - Nicanor hiess der Mann, der dieses Herzens schönste
Freude war. Nicanor hiess dein Vater. - Um dieses Namens willen liebe ihn, mein
Sohn!
    RINALDO Er ist ein sehr erfahrner Mann. Seine Wissenschaft stammt aus den
Morgenländern.
    ISOTTA Die kannte auch dein Vater. Sie waren seine Wiege. Dort wuchs er auf,
und dort - ruhen auch, - sagt man, - seine Gebeine.
    RINALDO Das wisst Ihr nicht gewiss?
    ISOTTA Gewissheit habe ich nicht.
    RINALDO Vielleicht lebt er noch in jenen Ländern.
    ISOTTA Das wünscht mein Herz, und glaubt es doch nicht.
    RINALDO Wenn wir ihn nun irgendwo fänden, wenn er auf jenen glücklichen
Inseln -
    ISOTTA Ich hoffe nichts.
    RINALDO Du hast den Sohn gefunden, lass mir, gib dir ihn selbst, den süssen
Wahn, den Vater auch zu finden!
    ISOTTA O! nähre du diese Hoffnung allein! - Ich habe ihr entsagt. - Zu
deinem Freunde führe mich!
    RINALDO Er kommt zu uns. Er will die Kranke sehen.
    ISOTTA Nicanor! der süsse Zufall gab dir diesen Namen, und deine Wissenschaft
ein Gott. - Stammt dieser Mann aus diesem Lande? Nennt er sich nur Nicanor?
    RINALDO Nicanor Sansovini.
    ISOTTA Sansovini? - Nicanor Sansovini? - - Mein Sohn! - Er ist dein Vater.
    RINALDO Er ist es.
    ISOTTA O Gott! - Ach! Sansovini - Sie sank in ihres Sohnes Arme. Der Vater
trat herein bei ihrer letzten Rede. Er drückte sprachlos sie an seine Brust.
Tränen rollten über seine Wangen. Isotta weinte Freudentränen, und mit ihr der
gerührte Sohn. - Stumm blieb die ganze Szene, bis Nicanor endlich sprach:
    »Die Mutter weinte, als sie den Sohn wiederfand, sie weint, da sie den
Gatten rindet; wir weinen mit ihr. Es sind Tränen des Entzückens. Die Wahrheit
unserer Empfindungen beglaubigt sich in Tränen. Sie sind das älteste Siegel der
Wahrheit, ein Pfandbrief, der im Herzen gelöst und mit den Augen ausgeliefert
wird.«
Nicanor und Isotta waren nun allein. Rinaldo schweifte auf den Bergen umher.
    »Darf ich mit frohem Herzen, o goldene Sonne!« - rief er aus, -»dich wieder
begrüssen? Beleben diese mächtigen Strahlen mit frohen Hoffnungen mein Herz, oder
sind es bange Erwartungen, die es heben? - Du lächelst ja so mild, freundliches
Licht der Welt! Ach ja! du lächelst auch mir!«
    Er stieg hinab ins Tal. Dann erstieg er mit zitternden Füssen den Berg, auf
welchem das Schloss lag. - Schon war er an der Zugbrücke. - Dort spielte ein
freundlicher Knabe mit bunten Steinchen, ein schäkerndes Windspiel neben ihm.
    Beherzt sah der Knabe den Fremden an und fragte: »Was willst du, fremder
Mann?«
    Rinaldo konnte nicht antworten. Tränen erstickten die Sprache; sein Herz
drohte den Busen zu zersprengen. - Der Knabe wurde freundlich und sagte:
    »Weine nicht! - Ich hole dir Brot und Geld.«
    Damit sprang er über die Zugbrücke ins Schloss. Rinaldo warf sich zu Boden
und schluchzte laut.
    »O! brich, mein Herz! Ihr Augen, schmelzt in Tränen! - Ihr saht meinen
Sohn!«
    Er wankte auf, lehnte sich an einen Baum und blickte gen Himmel sprachlos,
mit bebenden Lippen. - Der Knabe kam zurück, brachte ihm ein Stück Brot und
Geld, und sagte freundlich: »Da, nimm! - Weine nicht mehr. Gott wird dir helfen.
Er verlässt keinen Menschen.«
    »O! guter, lieber Knabe!« - stammelte Rinaldo. - »Ich danke dir! - Ach! du
weisst nicht, wem du diese Gabe gibst! - Ich danke dir!«
    KNABE Du bist ein armer Mann -
    RINALDO Jawohl! ein armer Mann bin ich! Doch dieser Augenblick macht mich
sehr reich.
    KNABE Es ist nur wenig Geld, was ich dir geben kann; es ist das letzte aus
meiner Sparbüchse. Morgen bekomme ich erst wieder Geld, und wenn du morgen
wiederkommen willst, sollst du mehr bekommen.
    RINALDO Gutes Kind! Dies ist schon allzuviel für mich, um mich glücklich zu
machen.
    KNABE Wo kommst du her?
    RINALDO Weit übers Meer.
    KNABE Was suchst du hier?
    RINALDO Einen Sohn.
    KNABE Ist er noch klein?
    RINALDO So gross und alt wie du.
    KNABE Der muss sich weit verlaufen haben! Ich bleibe fein vor unserm Schloss
und gehe nicht weg von hier.
    RINALDO Aber doch zuweilen mit der Mutter?
    »Lionardo!« - rief eine weibliche Stimme.
    »Die Tante ruft!« - sagte der Knabe und sprang über die Brücke ins Schloss
zurück.
    Wie verfolgt, eilte Rinaldo hinab ins Tal, über die Berge, in seine Wohnung
zurück.
    Isotta schlummerte. Nicanor trat ihm fragend entgegen:
    »Was hast du?«
    »Ach Vater!«
    »Was ist dir? - Du zitterst? -«
    »Vater! Was ich gesehen habe -«
    »Was?«
    »Vater! Ich habe meinen Sohn gesehen.«
    »Deinen Sohn?«
    »Dieses Brot, dieses Geld reichte er mir, hielt mich für einen Bettler und
wusste nicht, wie reich ich war in diesem Augenblick.«
    »Du sahest den Sohn allein?«
    »Allein. - Gott sah sein Herz. O! wohltätiger, guter Knabe!«
    »Gingst du ins Schloss?«
    »Nein. - Ich sprach den Knaben vor der Zugbrücke. - O Vater! mein Herz! -
Ich sah den Sohn!«
    »Werde ruhig!«
    »Wie kann ich dieses Herz beruhigen? Es klopft nach meinem Kinde.«
    »Fasse dich!«
    »Ist das möglich?«
    »Übereile dich nicht!«
    »Kann Vaterliebe sich übereilen?«
    »In deiner Lage, ja! - Entdecke dich dem Knaben nicht, du könntest ihn
verlieren, du könntest deine schönsten Hoffnungen vernichten.«
    »O mein Lionardo! Dich soll ich nicht an meinen Busen drücken?«
    »Nur nicht zu rasch! - Der Knabe ist nicht dein allein.«
    »Ich bin Vater.«
    »Ist dies des Knaben Glück?«
    »Das meinige.«
    »So störe das seinige nicht. - Fasse dich, werde ruhig, und dann wollen wir
zusammen von den Massregeln sprechen, die du zu nehmen hast. - Jetzt keine
Übereilung! - Dir ist es nicht vergönnt, hier rasch einherzutreten. Dein Schritt
sei sicher und nicht übereilt. Hier ist ein rasches Spiel verloren. Gehst du
langsam, so ist vielleicht noch alles zu gewinnen. - Noch einmal, Sohn!
überlege, und übereile dich nicht.«
Rinaldo konnte kaum den Morgen erwarten. Er eilte nach dem Schloss.
    Der liebe Lionardo sass spielend mit seinem Windspiel vor der Brücke. -
Rinaldo nahte sich ihm kaum, als er aufsprang, zu ihm trat und ihm Geld gab.
    »Da hast du mehr, als ich dir gestern geben konnte«, - sagte er. Rinaldo
dankte, sah auf die Erde und sagte: »Du spielst mit schönen, bunten, glänzenden
Steinen!«
    »Willst du sie haben?« - fragte der Knabe schnell.
    »Ach nein!« - antwortete Rinaldo, - »aber ich mag solche Steinchen gern
sehen.«
    Indem er das sagte und unter den Steinchen wühlte, schob er einen, der
ehemaligen Besitzerin wohlbekannten Ring unter dieselben; ein Saphir, umgeben
mit Diamanten; drüber auf Golde, zwischen einem doppelten Triangel, die Devise:
Nuestro Amor Es Immortal, welche auch der Siegelring des Alten von Fronteja
hatte; in der Mitte das Zeichen des Schweigens, die Rose. - Hierauf unterhielt
er sich mit ihm, bis der Knabe, des Fragens und Antwortens müde, wieder nach
seinen Steinchen griff. Er fand den Ring, sah ihn verwunderungsvoll an und
fragte:
    »Was ist das? - Das ist ja ein Ring!«
    »Den musst du deiner Tante bringen«, - sagte Rinaldo. - »Die wird sich sehr
darüber freuen.«
    »Das ist auch wahr!« - rief der Knabe aus und eilte ins Schloss. Rinaldo zog
ein Pulver aus der Tasche und machte sich dadurch noch unkenntlicher, als er
schon war. - Lionardo kam mit der Tante zurück. Er zeigte auf den Unbekannten,
der vor der Brücke lag, und sagte:
    »Der Mann war dabei! - Der Ring lag unter meinen Steinchen.«
    »Guter Freund!« - rief die Dame, - »kommt doch näher!«
    Rinaldo blickte auf. Es war Violanta, die mit dem Knaben kam. Gelassen sagte
er:
    »Ich habe es gesehen. Der Kleine hat den Ring unter diesen bunten Steinchen
gefunden.«
    Violanta trat näher, sah ihn forschend an und fragte: »Der Knabe fand den
Ring?«
    »Er fand ihn.«
    »Und du - machtest keine Ansprüche daran?«
    »Er gehörte nicht mir.«
    »Auch nicht an das: Nuestro es amor immortal, an den Saphir und die
Diamanten? Wie kamst du dazu? - Du scheinst doch arm zu sein?«
    »Arm bin ich, und ich bin auch reich. Wer wenig braucht, hat stets
Überfluss.«
    »Wer bist du?«
    »Ein Waller.«
    LIONARDO Er sucht seinen Sohn.
    VIOLANTA Seinen Sohn?
    LIONARDO Ja. - Weit kommt er übers Meer ihn aufzusuchen. Das hat er mir
gestern schon erzählt.
    VIOLANTA Gestern schon? - Mein Freund, rede er selbst. - Was sucht er hier?
Was hat er mit dem Kinde zu sprechen? - Warum kam er heute wieder hierher? Wir
haben Mittel, ihn zum Geständnis zu bringen, wenn er nicht sprechen will. Es
gibt viel schlechtes Gesindel hier herum, und sein Aufzug - verkündet eben
nichts Erfreuliches.
    LIONARDO Liebe Tante! sei nicht so zornig. Der arme Mann ist ja unglücklich.
Gib ihm etwas, und lass ihn gehen.
    VIOLANTA Will Er nicht sprechen?
    RINALDO Was soll ich sprechen?
    VIOLANTA Er ist verdächtig!
    RINALDO Ich? - Ach Gott! - Signora! ist das Unglück verdächtig? Ihr wisst
nicht, wie mir zumute ist. - Seid nicht so hart!
    LIONARDO Er weint. - Der arme Mann! Ich will ihm noch etwas geben. - Sieh,
Tante! sieh! - Er weint!
    VIOLANTA Verstellung!
    Sie sah hinter sich, winkte und zwei Diener kamen herbei.
    »Nehmt diesen Bettler fest!« - sagte sie.
    »Lasst ihn gehen!« - schrie der Knabe, indem er sich von Violanten losmachte,
und zwischen Rinaldo und die Bedienten trat.
    »Was willst du?« - fragte Violanta zornig, indem sie ihn zurückzog.
    »Das Kind« - sagte Rinaldo, - »weiss wohl, was es tut. Der Himmel gibt ihm es
ein, die Unschuld zu verteidigen. - Signora! übereilt Euch nicht. Die Menschen
sind nicht immer, was sie zu sein scheinen. So ist es auch mit mir.«
    VIOLANTA Ihr habt Geheimnisse?
    RINALDO Habt Ihr keine?
    VIOLANTA Warum eine solche Gegenfrage?
    RINALDO Erlaubt sie mir. - Wenn ich Eure Geheimnisse ehre, so ehret auch die
meinigen. Es sind Geheimnisse eines Unglücklichen, der aber das nicht ist, wofür
Ihr ihn haltet.
    VIOLANTA Von Euch kommt dieser Ring!
    RINALDO Der Knabe fand ihn.
    VIOLANTA Wer kann das glauben?
    Der Alte von Fronteja trat herzu, in prächtiger spanischer Tracht, wendete
sich gegen Rinaldo und sagte:
    »Nun weiss ich, wer du bist! Du folgst ohne Widerrede meinen Leuten, oder du
bist verloren.«
    Der Knabe bat: »Ach! tut dem armen Manne nichts!«
    Nicanor küsste den Knaben und sagte freundlich: »Auf deine Vorbitte soll er
ohne die verdiente Strafe davonkommen.«
    »Ihr kennt ihn?« - fragte Violanta.
    »Ich kenne ihn« - sagte Nicanor und streckte die Hand gegen die Gebirge aus.
    Rinaldo verstand diesen Befehl. Er ging langsam davon. Lionardo rief ihm
nach: »Lebe wohl, du armer Mann!«1
    Rinaldo streckte seine Hand nach ihm aus und schluchzte: »Gott segne dich!«
    Nicanor nahm Violantens Arm und ging mit ihr ins Schloss. - Rinaldo sah ihnen
nach. - Die Zugbrücke ward aufgezogen.
Er kam in seine Wohnung, reinigte sein Gesicht und sprach ganz gelassen, doch
sehr zerstreut, wie diese selbst bemerkte, mit seiner Mutter. Bald aber suchte
er das Feuer, setzte sich unter einen Baum, der vor seiner Wohnung stand, und
sah, in Gedanken verloren, hinaus in die Ferne. - So bemerkte er kaum, dass ein
Mann neben ihm stand, der ihn genau besah. - Endlich fielen Rinaldos Blicke auf
den Gaffer. Er fragte: »Was suchst du hier?«
    »Ich suche nichts«, - war die Antwort, - »als einen Schatz.«
    »Den wirst du hier wohl schwerlich finden.«
    »Es träumte mir in voriger Nacht, der Schatz stehe unter diesem Baume, und
ich sollte ihn heben.«
    »So musst du nachgraben.«
    »Erst will ich darüber mit einem Kapuziner sprechen. Ist ein Teufel dabei,
so muss er beschworen werden, sonst bekomme ich nichts.«
    Damit ging er fort. Rinaldo sprang auf, seinem Vater entgegen, der eben,
wieder in seine ländliche Tracht gekleidet, auf ihn zukam.
    »O Vater!« - rief Rinaldo ihm entgegen. - »Ihr wart im Schloss bekannt,
wusstet alles und sagtet mir nichts davon!«
    NICANOR Zu seiner Zeit hättest du alles erfahren.
    RINALDO Ist Dianora in dem Schloss?
    NICANOR Sie ist im Schloss. - Seit dem Tode des Prinzen della Roccella
verliess sie Lipari und begab sich hierher.
    RINALDO Weiss sie, dass ich hier bin?
    NICANOR Nein. - Sie wird es aber erfahren.
    RINALDO Doch bald?
    NICANOR Binnen drei Tagen wirst du sie sprechen. - Ich habe ihr meinen
wahren Namen und Stand entdeckt; ich habe ihr gesagt, dass ich meine Gattin
gefunden habe und habe die gute Seele bereitwillig gefunden, sich mit uns nach
den Kanarischen Inseln einzuschiffen. - Morgen führe ich deine Mutter aufs
Schloss. Violanten habe ich alles vertraut. Morgen wirst du sie sprechen. - Jetzt
lass uns zu deiner Mutter gehen. Noch darf sie von allem, was vorgeht, nichts
erfahren. Alles bleibt unter uns.
Nicanor führte den folgenden Tag seine Gattin auf Dianorens Schloss. - Vor der
Brücke erschien Violanta. Freudig eilte Rinaldo auf sie zu, ergriff ihre Hand
und drückte sie an sein Herz.
    ER Freundin! - Hier sehen wir uns wieder! In diesem Schloss fand ich Euch
einst, gab Euch der Welt zurück und einer Freundin, die Eure Freundschaft
erprobt und bewährt gefunden hat.
    SIE O! Mann des Unglücks! wie rühren mich deine Leiden! Du durftest dich
nicht Vater nennen und empfingst Almosen von deinem Sohne. Die Stimme der Natur
sprach laut; er trat zwischen mich und dich und nahm sich deiner mit kindlicher
Wärme an. Er wusste nicht, wer es war, den er verteidigte. Sein Gefühl sprach für
einen Unglücklichen, und dieser - war sein Vater!
    ER Er hat ein gutes Herz! - Ach! hätte er nichts als dies, wie zu beneiden
wär' er. - O! denket Euch, wie ich gerührt war. - Bald wird er mich Vater nennen
dürfen, und seine Mutter werde ich wieder an dieses klopfende Herz drücken.
    Etliche Jäger gingen über die Berge. - Violanta trat ins Schloss.
    Rinaldo folgte ihr.
    Sprechend standen sie im Schlosshofe, als Lionardo, der am Fenster stand,
seiner Mutter zurief: »Dort steht der arme Mann und spricht mit der Tante.«
    Dianora trat ans Fenster, ehe es Nicanor verhindern konnte. Sie sah hinaus,
schrie laut auf: »Er ist's!« und sank in Isottens Arme. Nicanor rief Violanten.
Rinaldo ging ihr nach. Lionardo jammerte:
    »Die Mutter ist erschrocken!«
    Sich seiner selbst unbewusst, trat Rinaldo ins Zimmer, als eben Dianora
wieder zu sich kam. - Nicanor winkte allen zu, das Zimmer zu verlassen. Er
selbst folgte und liess die Zugbrücke aufziehen. Rinaldo und Dianora waren allein
im Zimmer. - Er lag vor ihr. Sie sah zärtlich auf ihn herab. Heftig klopfte ihr
Herz. Endlich sprach sie: »So sehen wir uns dennoch wieder!« Schnell und unruhig
trat Violanta ein, indem sie sagte: »Man sieht Soldaten im Tale. Sie beobachten,
wie es scheint, das Schloss.«
    Rinaldo sprang auf und rief: »Nun! da ich glücklich bin, fehlt Euerm Glücke
nichts als mein Tod.«
    »Was sprichst du?« - fragte Dianora bestürzt.
    Nicanor kam. Er fragte ihn:
    »Hast du dich einem Menschen, ausser uns, entdeckt?«
    Rinaldo erzählte, was ihm gestern mit einem Unbekannten begegnete.
    NICANOR Und du ahntest nichts? - Der Kerl hat dich gekannt, war vielleicht
einst einer deiner Leute, und der Schatz, von dem er sprach, bist du. Dich will
er heben.
    RINALDO Er hat sich verrechnet. - Ich fühle, dass mein Dasein Euch stets zum
Unglück gereichen wird, und weiss zu sterben.
    DIANORA Unglücklicher!
    NICANOR Nicht zu rasch! Ein Augenblick darf nichts entscheiden.
    Er verliess das Zimmer. Ihm folgte Violanta. - Dianora lag in Rinaldos Armen.
Stumm und dennoch sprechend blieb die Szene.
Die Soldaten standen vor dem Schloss. Ein Kapuziner und der Kerl (als
Verräter), der den Schatz heben wollte, waren bei ihnen. Der Offizier verlangte
eingelassen zu werden. - Man fragte, was er suche? - Er antwortete, er habe
Order, das Schloss zu durchsuchen, und werde seine Befehle vorzeigen.
    Nicanor trat auf die Warte und liess sich mit dem Offizier in eine
Unterredung ein.
    »Wir wissen«, - sagte dieser endlich, - »dass Rinaldini sich in dieses Schloss
geflüchtet hat. Ihn suchen wk. Bei uns sind Leute, die ihn kennen.«
    »Mein Sohn!« - sagte Nicanor, indem er ins Zimmer trat, - »du bist verraten.
Ich weiss jetzt nicht, was zu tun ist. Sammle dich und überlege.«
    Dianora sank auf ein Sofa. Violanta und Isotta eilten herbei.
    Nicanor und Rinaldo gingen in den Saal.
    »Was willst du tun?« - fragte Nicanor.
    »Ich will sterben!« - war Rinaldos Antwort.
    »Der Tod bleibt dir noch, wenn alles verloren ist.«
    Violanta stürzte herbei. Schlüssel klirrten an ihrer Seite, zwei brennende
Wachskerzen trug sie in den Händen. Rinaldo erblickte sie kaum so, als er
ausrief:
    »Wie konnte ich auch etwas vergessen, das Violanta nicht vergass! - Vater!
öffne das Schloss. Die Soldaten finden mich nicht.«
    »Fort! fort!« - schrie Violanta.
    Rinaldo nahm ihr die Schlüssel ab. Der Alte fragte:
    »Wir lassen also die Zugbrücke fallen?«
    »Sie falle!« - sagte Rinaldo. - »Mich finden sie nicht.«
    Violanta reichte ihm ein Päckchen mit Proviant und kurzem Gewehr, gab ihm
Feuerzeug, Kerzen und eine Brechstange, begleitete ihn bis an die Treppe und
ging dann dem Alten nach.
Die Leser kennen die unterirdischen Gänge dieses Schlosses, in denen einst
Rinaldo Violanten fand. - Hier befand er sich wieder. Die Tür des Eingangs hatte
er hinter sich verschlossen und verriegelt. Eben das geschah mit der Tür, die
sich an dem Ausgange des Gewölbes befand; - er kam durch das zweite Gewölbe an
Violantens Kerker vorbei, hob die eiserne Falltür, stieg die Wendeltreppe hinauf
und kam in den einsamen Turm, der allein auf der äussersten Spitze des Berges
stand, auf welchem das Schloss lag.
    Zwischen den Zinnen dieses Turms hervor überblickte er die Gegend. Alles war
rund herum öde und still. Nur das Blöken und Brüllen der weidenden Herden tönte
zu ihm hinauf, und in der Entfernung erklangen die Schallmeien der Hirten. -
Endlich ertönten die Abendmetten-Glocken der benachbarten Klöster. Es schwebte
die goldene Sonne in Feuerpracht dem Meere zu. - Jetzt wurde es noch stiller.
Leichte Abendwölkchen schwebten die Berge hinan. - Rinaldo blickte nach dem
Schloss zurück und seufzte: »O Dianora! Ach! mein Lionardo!«
    Am Fusse des Berges wandelten menschliche Gestalten umher. - Der Mond ging
auf, trat hell und rein an den hellen Äter und versilberte die Bäche des Tals.
- In den Schiesslöchern der Warte nisteten Turteltauben. Ihr sanfter Flügelschlag
durchtönte die Stille der Nacht.
    »Da girrt der Gatte bei der Gattin!« - seufzte Rinaldo; - »da deckt er die
liebliche Brut mit sanften Flügeln, und stille Ruhe umschwebt das liebende
Pärchen!«
    Er blickte über sich:
    »Dort schwebst du, stiller Gefährte der Nacht! Heiter ist dein Antlitz.
Deine sanften Strahlen erquicken die Fluren. Warum umleuchtest du nicht meine
Pfade in den friedlichen Gefilden der glücklichen Inseln, wo man den Verbannten
nicht kennt!« Er sah hinab. Unten am Berge blinkten Gewehre. - Er verliess die
Warte und stieg in die finstern, unterirdischen Gänge zurück, durch die er
gekommen war. - Vor der zweiten Tür hörte er Geräusch. Man sprach:
    »Noch eine Tür! - Sie ist auch von innen verschlossen. - Brecht sie auf!«
    Man setzte die Werkzeuge an. - Rinaldo floh die Treppe hinauf, warf die
Falltür hinter sich zu und kam in den Turm zurück. - Hier zog er aus dem
Päckchen, welches Violanta ihm gegeben hatte, eine Strickleiter hervor,
befestigte dieselbe, liess sich an dem Turme hinab und zog die Leiter nach.
»Sehen Sie, mein lieber fremder Herr!« - sagte der Führer, der die Fremden
umherführt. - »Sehen Sie, dieses ist das Schloss der Gräfin Martagno, die so
unglücklich war, den Räuberhauptmann Rinaldini zu lieben. - Hier steht die
Warte, an der er sich hinabliess, als man ihn suchte. - Hinter diesem
Dornenbusche, wo die Aloen stehen, fiel er und gab seinen Geist auf. - Er wollte
den Berg hinab. Die Soldaten am Fusse des Berges sahen bei Mondenlicht sich etwas
hier bewegen; sie schossen herauf, er sank und verblutete hier sein Leben. Da
sich weiter nichts regte, glaubten sie vermutlich nach einem Berghöhlentier
geschossen zu haben, und suchten nicht nach. - Als die Soldaten vom Schloss
abgezogen waren und nicht gefunden hatten, was sie zu finden hofften, suchten
Rinaldinis Freunde umher, glaubten ihn vielleicht in einer Berghöhle verborgen
und fanden ihn entseelt hinter jenem Busche.«
    Der Führer zieht den Hut, faltet die Hände, und bewegt die Lippen. Dieses
Gebet gilt der Seele des Verschiedenen. Dann fährt er fort:
    »Hier an dieser Seite des Turms bemerken Sie ein Kreuz in diesen Stein
gehauen, und hier, wo wir stehen, unter uns, liegt Rinaldini. Der Boden ist
gleichgemacht, kein Grabeshügel erhebt sich über seinen Gebeinen. Sein Leichnam
ruht nicht in geweihter Erde.«
    »Unglücklicher!«
    »Jawohl, unglücklich!«
    »Und sein Vater, seine Mutter, seine Gattin, sein Kind? Wo blieben diese?«
    »Sie haben sich eingeschifft, in einen entfernten Weltteil zu gehen2. -
Dieses Schloss bleibt unbewohnt, wird verfallen und endlich zum Steinhaufen
werden; dieser Turm wird zusammenstürzen und endlich des Unglücklichen Grabhügel
sein. - Ruhig modere sein Gebein! Friede sei mit seiner Seele!«
 
                                    Fussnoten
1 Die Erzählung seiner nachherigen Schicksale, das Leben, Weben und Streben
dieses Knaben finden die Leser in dem Buche: Lionardo Monte Bello; oder: der
Carbonari-Bund. Leipzig, 1823. Dahin muss ich hier dieselben verweisen
2 Eine ausführlichere Erzählung der Schicksale und Begebenheiten dieser Personen
werden in dem Buche: Nicanor, der Alte von Fronteja, die Leser finden, und gewiss
nicht ohne Teilnahme lesen.
 
    