
        
                             Charlotte von Ahlefeld
                                  Marie Müller
                                  Erstes Kapitel
Marie Müller war die einzige Tochter eines wohlhabenden Bürgers in L., - sein
Stolz und die Freude seines Alters. Ihre Schönheit zeichnete sie früh vor allen
Mädchen ihres Standes aus, und ihr Vater sparte nichts, seinen Liebling auch
durch eine sorgfältige Erziehung über sie zu erheben. Marie hatte Talente, und
liebte ein häusliches Leben. In ihrer Eingezogenheit bildete sich ihr Verstand
durch Lesen nützlicher Bücher, und ihre Gefühle wurden durch Nachdenken und
Natur verfeinert und veredelt. Sie lernte Klavier, und begleitete ihr Spiel mit
einer sanften, melodischen Stimme; jedoch nur im Geheim, um nicht verspottet zu
werden, da sie wohl wusste, dass Vorurteile den unteren Ständen jedes Streben
nach höherer Ausbildung untersagen. Fast in allen weiblichen Arbeiten war sie
Meisterin, und eine liebenswürdige Bescheidenheit erhöhte den Wert ihrer
Talente. Sie übte sie nur, um ihrem Vater Freude zu machen, und ihre einsamen
Stunden nützlich und angenehm zu beschäftigen. In einer glücklichen
Verborgenheit gingen ihre Tage vorüber; - unbekannt mit der Welt und ihren
verführerischen Freuden, hatte sich Marie freilich jenen feinen Ton höherer
Stände nicht erworben, der den Geist fesselt, aber in ihrem ganzen Wesen
herrschte mit zauberischer Allmacht jene reine Innigkeit der unverdorbenen, und
doch gebildeten Natur, die unwiderstehlich zum Herzen dringt.
    Als sie achtzehn Jahr alt war, sagte der Vater: Marie! es ist Zeit, dass ich
an Deine Versorgung denke. Ich bin alt und schwach, und würde mit schwerem
Herzen sterben, wenn ich Dich so allein zurücklassen müsste. Sage mir, hast Du
noch auf keinen Mann gesehn, mit dem Du glücklich sein könntest? Ich will Dich
nicht zwingen, nicht einmal überreden, aber wenn Du Den gefunden hast, den Du
Deiner Liebe wert hältst, so entdecke Dich mir, und mache meine alten Tage froh
durch Dein Zutrauen, und die Freude, Dich nach Deinem Herzen versorgt zu wissen.
    Marie schlang ihre Arme um den redlichen Greis, und antwortete mit einer
Träne und einem holden Erröten: Guter Vater, red' Er nicht so ernstaft von
den Zeiten, wo ich Ihn verlieren werde. Er tut mir zu weh damit. Nicht um nach
Seinem Tode, den der Himmel noch lange entfernen möge, einen Schutz zu haben,
nein, um Seinem Willen zu gehorchen, will ich Ihm recht aufrichtig sagen, was
ich denke. Mein Vetter Ludwig ist brav, und scheint mir gut zu sein. Ich fühle
eine recht herzliche Freundschaft für ihn, und glaube, ich würde ihm einst gern
meine Hand geben, wenn ich denn doch einmal heiraten muss.
    O Marie! rief der glückliche Alte, Du hast meinen grössten Wunsch erfüllt,
ohne es zu wissen. Längst wollt' ich Dir ihn vorschlagen, und jetzt kömmst Du
mir so freundlich zuvor. Er umarmte seine Tochter mit der ganzen Lebhaftigkeit
seiner Freude.
    Ludwig war der Sohn seines verstorbenen Bruders, ein offner, redlicher
Jüngling, seit seinen Kinderjahren mit Marien erzogen. Die Unbefangenheit jenes
fröhlichen Alters knüpfte schon früh das Band der festesten Freundschaft unter
ihnen. Er hatte sich den Forstwissenschaften gewidmet. Unverdorben, wie die
schöne Natur, in der er immer lebte, war sein Sinn, und innig seine Liebe zu
Marien. Sie hatte schon in den Tagen der Kindheit sein junges Herz erfüllt, und
war fester und ernster in spätern Jahren geworden. Wenn den wilden, brausenden
Knaben nichts zu bändigen vermochte, so gelang es Marien mit ihrer milden,
liebkosenden Stimme, die sich sanft und beruhigend in die Tiefen seiner Seele
stahl. Ein freundlicher Blick, ein Wort von ihr ging ihm über alles, und lenkte
alle seine Handlungen und Wünsche. Auch Marie empfand ein herzliches Wohlwollen
für ihn. Leidenschaft war es nicht, die sie zu ihm hinzog, es war Kenntnis
seines Innern, Achtung für seinen edeln Karakter, lang gewohnte Vertraulichkeit,
und die Unwissenheit ihres unbefangenen Herzens, das die Liebe noch nicht
kannte.
    Nach ihrer Erklärung säumte Müller nicht lange, den Jüngling von seinem
Glück zu unterrichten. Ludwig eilte herbei, und empfing Mariens Geständnis mit
Entzücken. O Marie! rief der Freudetrunkne aus, wie reich macht mich Deine
Liebe! Wann, wann willst Du mein sein? -
    Sobald noch nicht, versetzte Marie. Du musst Dich erst noch mehr in der Welt
umsehn, damit Dir dann ein ruhiges Leben desto besser behagt. O ich weiss wohl,
wie Dirs zu Mut war, wenn wir so Sonntags hinaus an den Fluss gingen, und die
Gegend breitete sich weit und fruchtbar vor uns aus; - wie Du dann hinstarrtest,
mit unbeweglichen Augen, und mich oft fragtest, schon als wir noch Kinder waren,
ob ich mich nicht auch hinüber sehnte über die blauen Berge, wie Du? Oder wenn
wir in der Ferne ein Postorn blasen hörten, wie Dich das ergriff! - Oder wenn
ein leichter Reisewagen an uns vorüber rollte - da ward Dirs so eng um die
Brust, und Tränen standen Dir oft in den Augen, dass mir's nur selten gelang,
mit aller meiner Liebe Deinen finstern Unmut zu zerstreuen. Geh, sieh Dich noch
ein paar Jahre um, und dann - - Ihre Worte verloren sich in einen leisen
Seufzer, und eine leichte Röte flog über ihr Gesicht.
    Es ward beschlossen, dass Ludwig einen Prinzen, der ihm vorzüglich wohl
wollte, als Jäger noch ein oder zwei Jahr auf seinen Reisen begleiten sollte.
Alsdann sollte er mit einem ihm angemessenen Dienst, der ihm versprochen war,
die Hand seiner schönen Braut empfangen, eine Aussicht, die das Paradies vor ihm
öffnete.
    O ihr seligen Träume und Hoffnungen der Liebe, warum erfüllt euch die
Wirklichkeit so selten? - Die Zeit der Abreise nahte heran. - Ludwig machte
Anstalten, seinem neuen Berufe zu folgen. Lebe wohl, mein Freund! sagte Marie zu
ihm in der Stunde des Abschieds. Gedenke meiner in der Entfernung, und kehre gut
und brav wieder, wie Du von mir gehst.
    Lebe wohl, Marie! antwortete Ludwig mit bebender Stimme, indem er ihr einen
Ring von seinen Haaren gab, und grosse Tränen traten in sein redliches Auge.
Darf ich Dir schreiben? - Schreib meinem Vater, Ludwig, versetzte Marie, und
neigte sich in seine Umarmung. -
    Ewig, ewig bin ich Dein! rief Ludwig, schloss sie fester an sein Herz, und
eilte, wohin ihn sein Schicksal rief.
    Ernstaft stand Marie am Fenster, und sah ihm nach. Ihr ganzes Wesen bewegte
sich mit Wärme für ihn. Er war so gut, er war so herzlich-nie fühlte sie das
inniger als jetzt. Sie sah ihn noch, wie er vor ihr stand, im Schmerz der
Trennung verloren, die hellen Tränen, die über die braune Wange flossen, den
schüchternen Blick, der auf ihr ruhte, mit stillen Bitten um ihre Treue. Ja, ich
werde glücklich mit ihm sein, rief sie, und ihr Auge hing noch immer an der
Stelle, wo er verschwand. Sie setzte sich ans Fenster nieder, und versank in
ernste Träumereien.
    Zwar oft, in ihren einsamen Stunden, hatte sich ihre Einbildungskraft ein
Ideal entworfen, und diesem glich Ludwig nicht. Mit jeder männlichen
Vollkommenheit geschmückt stand ein Bild vor ihrer Seele, dem sie huldigte in
stiller Liebe; - aber ach, wo sollte sie den finden, dem es ähnlich war? O wie
würde ich ihn lieben, seufzte sie oft, wenn ich ihm begegnete, ihm, der meinem
Bilde gleicht! Aber ihre Sehnsucht war umsonst. Er ist nicht auf dieser Erde,
sagte sie traurig, und suchte ihr Ideal zu vergessen. Als sich Ludwig mit allem
Feuer seiner Leidenschaft um sie bewarb, stellte sie es tiefer in den
Hintergrund ihrer Seele, weil sie überzeugt war, es nie zu finden. Seine Güte,
so anspruchlos und wahr, sein fester, männlicher Sinn, seine innige Liebe zu
ihr, erwarb ihm ihre Dankbarkeit und Freundschaft. Sie duldete seine
Zärtlichkeit, wenn sie sie auch noch nicht erwiederte, und sah mit Hoffnung und
Ruhe in die Zukunft, die sie verbinden sollte.
    Der Vater unterbrach ihre Gedanken, die sich mit fernen Tagen beschäftigten
- es war ein Geräusch auf der Strasse entstanden - sie hatte es nicht bemerkt.
Sieh doch, Marie, sagte er zu ihr, wer mag wohl der Herr sein, der da an unserm
Hause vorüber reitet? Marie öffnete das Fenster, und erblickte einen jungen,
schönen Mann, der in einem einfachen Jagdkleide, umgeben von einigen Dienern in
reicher Livree, auf einem mutigen Falben vorüber ritt. Eine englische Dogge
begleitete ihn mit frohem Gebell; Marie sah gedankenvoll hinab - ein Armer bat
um eine Gabe. Der Unbekannte hielt, und mit einer Leutseligkeit im Ton und
Blick, die sein Geschenk noch übertraf, warf er mit freundlichen Worten ihm ein
Goldstück zu, und sprengte rasch von dannen.
    Er schien ohngefähr sechs oder sieben und zwanzig Jahr alt zu sein, hatte
eine schöne Gestalt voll Anstand und Würde, Augen, in denen eine sanfte
Schwärmerei mit jugendlichem Feuer sich stritt, Lippen, auf denen der mildeste
Ernst mit dem frohen Lächeln der Jugend sich paarte, eine Stirn, stolz und
leicht empört, und regelmässige Züge, durch eine sanfte Melancholie verschönert.
Mit wilder Anmut flogen die seidnen Locken um ihn her, und kühn und
gebieterisch wölbten sich die dunkeln Augenbraunen über den ernstaft lächelnden
Blick. - -
    Marie ging hinab in den Garten. Sie bewohnten ein schönes Haus in der
Vorstadt, dessen Garten eine freie Aussicht auf die lachende Landschaft hatte,
die L. umgab. Sonst sass sie gern allein, in dem grünen Dunkel ihrer Lauben, aber
heute war es ihr zum ersten Mal zu einsam. Eine ahnende Wehmut bemeisterte sich
ihrer, sie wusste sich ihr Gefühl nicht zu erklären, so sehr sie ihm auch
nachhing, und buntverworrene Bilder umgaukelten sie.
    Der Anblick des schönen Fremden hatte die Spuren von Ludwigs Abschied halb
verlöscht. Wer er wohl sein mag? fragte sie sich selbst. Doch was kann mir daran
liegen, antwortete sie schnell, und setzte sich nieder zu ihrer Arbeit.
    Aber es wollte ihr heute nichts gelingen. Mit Unwillen bemerkte sie es. Sie
fühlte sich so beklommen, alles schien ihr so öde, dass sie rasch aufsprang, und
die Tür öffnete, die auf die Strasse ging, um eine ihrer Nachbarinnen um ihre
Gesellschaft zu bitten. Aengstlich sprang ihr, als sie heraustrat, die englische
Dogge entgegen, die vor kurzem den Unbekannten begleitet hatte. Sie schien sich
verlaufen zu haben, und eilte freundlich zu Marien, als wäre sie längst mit ihr
bekannt. Marie, deren weiches Herz von einem reichen Wohlwollen für Menschen und
Tiere erfüllt war, nahm den Flüchtling gütig auf, und dachte nicht mehr an die
Nachbarin. Der Hund trug ein Halsband von blauem Sammet, mit einem goldenen
Schloss, dem die Buchstaben C. v. W. zierlich eingegraben waren.
    Seh' Er, Vater! rief Marie, da er ihr entgegen kam, seh' Er den Hund des
Herrn, der vorhin vorbei ritt. Er muss seine Spur verloren haben. Wir wollen ihn
behalten, bis uns die Zeitungen melden, wem er gehört, damit wir ihn dann
zurückgeben können.
    Der Alte war es zufrieden, und Marie übernahm die Pflege des schönen Tiers,
das sehr bald ihre Zuneigung gewahr wurde, und sie erwiederte.
 
                                Zweites Kapitel
Es vergingen einige Tage. Marie dachte oft an Ludwig, doch öfter an den Fremden,
dessen Bild sich ihrem Herzen tief eingeprägt hatte. Immer erblickte sie ihn vor
sich, den Glanz der schönen Augen vom milden Schimmer der Wohltätigkeit
überflossen, und ihre Fantasie malte die schönsten Züge, die sie jemals sah,
aus, und grub sie tief in ihre Seele. Endlich trat der Vater mit einem
Zeitungsblatt zu ihr. Lies, sagte er, man fordert Deinen Hausgenossen zurück. -
Marie ergriff das Blatt, ihr Blick durchlief es flüchtig, bis sie den Namen
fand, den sie suchte; - mit einem tiefen Erröten las sie: Carl Graf von Wodmar.
Wehmütig betrachtete sie den Hund, der ihr so lieb geworden war, und der ruhig
zu ihren Füssen schlummerte. Wir sollen uns trennen, sagte sie zu ihm, und neigte
sich ihn streichelnd zu ihm herab, und ich hätte Dich so gern immer bei mir
behalten. - Was wolltest Du wohl mit dem grossen Tiere machen? versetzte der
Alte. Nein, wir wollen ihn zurückgeben, und ich kaufe Dir lieber einmal ein
Bologneserhündchen, oder ein kleines Windspiel, wie es sich eher für ein Mädchen
schickt.
    Also ein Graf? sprach Marie zu sich selbst, als sie allein war, und ein
tiefer Seufzer schwellte unwillkürlich ihren Busen. - Wie schön ist er nicht!
Mich dünkt, ich sah nie einen schönern Mann! Selbst Ludwig, der doch auch
wohlgebildet ist, würde mir neben ihm so gemein, so alltäglich vorkommen. - Und
wie gut muss er nicht sein, fuhr sie mit gerührter Stimme fort, denn er war so
freundlich, und schien so gern zu geben, als der Arme um ein Almosen bat! Aber
was geht es mir an? - Sie wurde unwillig über ihr Selbstgespräch, brach es
schnell ab, und lief, ohne zu wissen warum, geschwind zu dem Vater, um ihn zu
bitten, dass er doch gleich möchte im Zeitungs-Comtoir bekannt machen, wo der
Hund abzuholen sei. Es geschah, und in wenig Stunden darauf klopfte jemand an
die Tür. - Marie rief herein, es war der Kammerdiener des Grafen.
    Mein Herr dankt Ihnen sehr, hub er an, und wandte sich zum alten Müller, der
seine Pfeife Tabak in Ruhe rauchte, dass Sie Sich so gütig seines verirrten
Hundes angenommen haben, den er wie seine beiden Augen liebt. Er bittet, Sie
möchten diese Kleinigkeit, hier wollte er dem Alten sechs Louisd'or in die Hand
drücken, als ein Zeichen seiner Erkenntlichkeit annehmen.
    Sie sind Ihren Dank eigentlich meiner Tochter schuldig, antwortete Müller.
Ich habe wenig Verdienste um das Tier, denn Marie hat sichs nicht nehmen
lassen, dafür zu sorgen. Der Kammerdiener machte eine Verbeugung an Marien, und
wollte ihr das Gold überreichen. Ihr holdes Gesicht glühte, - sie fühlte sich in
diesem Augenblick beleidigt, und von einer sonderbaren Beschämung durchbebt.
    Sagen Sie Ihrem Herrn, sprach sie, dass ich, ohne mich belohnen zu lassen,
meine Schuldigkeit tue. Der Hund ist sein, und ich gebe ihn unentgeldlich
zurück. Ihr Herr, fuhr sie zögernd fort, scheint von seinem Gelde den besten
Gebrauch zu machen, indem er gütig seinen Überfluss unter die Armen verteilt; -
bitten Sie ihn, die mir zugedachte Belohnung eben so anzuwenden. Sie liebkosete
Pallas, so hiess der Hund, zum Abschied, entfernte sich dann, begleitet von den
verwunderungsvollen Blicken des Kammerdieners, der niemals so viel Schönheit und
Anmut beisammen gesehn hatte.
    Georg, dies war sein Name, kehrte zum Grafen zurück, und nachdem er
ausführliche Rechenschaft von seinem Auftrage abgelegt hatte, ergoss er sich in
eine Menge Lobsprüche über Mariens Reize. Der Graf, ein junger Libertin, wurde
neugierig, eine Bekanntschaft zu machen, von der Georg ganz begeistert war. Sie
hat mein Geld verschmäht, sagte er zu ihm, - meinen Dank wird sie doch annehmen.
Morgen will ich einen Augenblick hingehn, und sehn, ob dein Lob nicht
übertrieben ist.
    Mariens Gemüt, das durch des Grafen Anblick bewegt worden war, fing gerade
an diesem Tage an, wieder ruhig zu werden. Sie dachte ernstaft an Ludwig und an
die Zukunft, und eine sanfte Schwermut bemächtigte sich ihrer, und füllte ihr
Auge mit Tränen. Neben den schönen Grafen stellte sie im Geist ihren Ludwig mit
seiner treuen Liebe, und so, glaubte sie, würde ihr es leicht werden, den Mann
zu vergessen, den sie gleichsam nur im Vorüberfliegen gesehn hatte, und der wie
ein Zauberbild aus einer schönen Ideenwelt vor ihrer Seele schwebte. Da hörte
sie einen leisen Gang vor ihrer Tür, endlich Pallas wohlbekanntes Bellen;
unentschlossen stand sie noch da, als es klopfte; - sie öffnete, und der Graf
mit seiner Dogge stand vor ihr. Pallas lief auf sie zu, und bezeugte ihr seine
Freude, sie wieder zu sehn; sie neigte sich lächelnd zu ihm, und Wodmar, dessen
Erwartung weit übertroffen war, redete sie an. Verzeihen Sie, liebenswürdiges
Mädchen! sagte er, dass ich selbst komme, Ihnen den Dank zu überbringen, den ich
Ihnen schuldig bin. Er schwieg, aber sein Auge sprach fort. Marie schlug
errötend die ihrigen nieder, eine süsse Unruh bewegte ihr Innres: - O gnädiger
Herr! stammelte sie leise, und schwieg dann verlegen. Gerade zur rechten Zeit
kam der alte Müller, der beim Anblick seines vornehmen Gastes in ein angenehmes
Erstaunen geriet. Der Graf wurde zum Sitzen genötigt, und Marie erlangte ihr
unbefangnes Wesen wieder, als ihr der Vater den Auftrag gab, eine Flasche alten
Rheinwein aus dem Keller zu holen, mit welcher er ihn bewirten wollte. Wodmar
folgte ihr mit seinen Blicken, - Marie war schön wie ein Engel. Ihre einfache,
aber saubre, bürgerliche Kleidung lieh ihren Reizen nichts, ohne sie
allzuneidisch zu verhüllen. Sie war liebenswürdig durch sich selbst, und
brauchte keiner fremden Hülfe um zu gefallen. Die holde Sittsamkeit auf ihrer
leicht errötenden Wange, und die kunstlose Anmut, die ihre Bewegungen
schmückte, alles dies gab ihrer Schönheit in seinen Augen doppelten Reiz.
    Der Wein öffnet die Herzen; besonders hatte er auf Müllern, der ihn selten
zu trinken pflegte, für den Grafen den wohltätigsten Einfluss. Er wurde lustig
und vertraulich. Wodmar besass die Gabe, sich mit einer Geschmeidigkeit, die man
nur in der grossen Welt erlernt, in jede Lage zu fügen, und so verschlossen auch
Müller gegen jede neue Bekanntschaft war, so offen wurde er bald gegen ihn.
Diese abgeglättete Feinheit, die den Mann von Ton karakterisirt, diese Politur,
die sich nur im Glanz der Höfe und eines rauschenden Lebens erwerben lässt, und
ach! unter welcher oft die schönste Würde des Menschen, die edle Einfalt und
Unschuld des Herzens verloren geht, wie gefährlich ist sie nicht dem stillen
Biedersinn des redlichen Bürgers, der keine Tiefe ahnet, wo er eine klare,
ruhige Fläche sieht.
    Marie sass bescheiden in einiger Entfernung den beiden Trinkenden gegenüber.
Ihr ganzes Gesicht wurde Glut, als der Vater in seiner gutmütigen
Geschwätzigkeit dem Grafen ihr Verhältnis zu Ludwig entdeckte, unterm Spiegel
ihm seinen Schattenriss zeigte, und das Glas mit den Worten: Er soll leben! hoch
empor hob, und dann leerte. Das soll er, versetzte der Graf, indem er langsam
trank, und einen ernsten, forschenden Blick auf Marien heftete, der dies
Gespräch immer peinlicher wurde. Dann stand er auf, ging hin zu dem Schattenriss,
und sah ihn an. Marie, die ihn in den letzten Tagen vernachlässigt hatte, putzte
den Staub herunter, und mit einer stillen Melancholie in seinen Zügen
betrachtete er den glücklichen Bräutigam.
    Lieben Sie Ludwig? fragte er leise Marien, auf deren Gesicht er einen
verschwiegenen Kummer wahrzunehmen glaubte.
    Ich schätze ihn hoch, war ihre Antwort.
    Sie schätzen ihn, aber Sie lieben ihn nicht? fuhr er dringender fort. - Ich
bin ihm gut, versetzte das errötende Mädchen. - Reden Sie bestimmt, ich
beschwöre Sie bei dem Glück meines Lebens! Lieben Sie Ihren Bräutigam? - -
Mariens Auge sank zu Boden; - sie schwieg.
    Des Grafen Blicke wurden inniger, eine brennende Röte flammte auf seinen
Wangen, er drückte ihre Hand, und setzte sich wieder zum Alten.
    Marien wurde es zu eng im Zimmer. Sie eilte hinaus, und machte sich Vorwürfe
über ihr Betragen. Wie töricht habe ich mich aufgeführt, rief sie aus. Muss
nicht der Graf denken, dass mir Ludwig so gleichgültig ist, wie ein Fremder?
Warum sagt' ich denn nicht, dass ich ihn liebe? - und liebe ich ihn etwa nicht,
fuhr sie nach einer Pause fort, - hat ihm nicht seine Gefälligkeit, seine Treue,
seine Liebe für mich die meinige erworben? - Sie dachte nach über ihre Gefühle,
und sie wurden ihr klarer. Mit tiefem, edlem Unwillen über sich selbst erblickte
sie Ludwigs Bild in ihrem Herzen von des Grafen Liebenswürdigkeit ganz in
Schatten gestellt. Sie wurde bestürzt über Empfindungen, die sie für Sünde
hielt. Ich war auf dem Wege mich zu verirren, sagte sie, und holte aus ihrem
Schmuckkästchen Ludwigs Ring, den sie an ihren Finger steckte, und zärtlich
betrachtete. Vergieb mir, Ludwig! Dieser Ring, das Andenken Deiner Liebe soll
mich erinnern was ich Dir schuldig bin, und mir selbst, wenn eine unselige
Schwäche es mir vergessen lassen sollte. Bei diesen Worten trocknete sie ihr
Auge, das eine unwillkührliche Träne benetzte, und ging wieder zu ihrem Vater,
welcher allein war. Der Graf hatte so viel Vergnügen an seinem Umgange gefunden,
dass er mit dem Versprechen gegangen war, öfter wieder zu kommen.
    Es macht uns nicht immer glücklich, wenn es uns klar ist, was wir fühlen.
Mariens Nachdenken über sich selbst führte die erste dunkle Stunde ihres Lebens
herbei. Ihre Lage erschien ihr jetzt in einem ganz andern Lichte, wie ehemals.
Wo sie zu lieben glaubte, fand sie nur Freundschaft, und ihr Wohlgefallen an dem
Grafen führte sie zu aufkeimender Liebe. Noch immer erblickte sie ihn neben
sich, als er, Ludwigs Schattenriss in der Hand, mit einem festen, ausdrucksvollen
Blick sie ansah, als wollte er in ihrem Herzen lesen. Immer kehrte die süsse
Beklemmung wieder, die bei seinem Händedruck ihr Wesen mit einem wonnevollen
Schauder durchdrang. Immer rief sie sich die Melodie seiner Stimme, die
Zauberkraft seines Anblicks, die rührende Schwermut zurück, die seine Züge
bewölkte, und suchte dann das Bild wieder zu verlöschen, mit dem sie sich so
gern beschäftigte. Die reichen Fräulein sind doch glücklich, dachte sie oft,
wenn sie allein war, und Er ihre Gedanken belebte. Sie dürfen ihn anhören, wenn
er von Liebe spricht, sie dürfen hoffen! Aber ich - - - ich murre nicht über
meinen niedern Stand, - ich murre nicht über mein Schicksal, ich bin ja Ludwigs
Verlobte. Er wird mich glücklich machen, meine Wünsche sind Träume, - ich will
sie vergessen. Sie bemühte sich, es zu tun, es kostete ihr Seufzer, und oft
auch heimliche Tränen, und Wodmars Bild grub sich dennoch mit unauslöschbaren
Zügen in ihr Herz.
    Drei Tage waren vergangen seit seinem Besuche. Er wird nicht wiederkommen,
sagte sie traurig zu ihrem Vater. Wer, mein Kind? antwortete Müller. Sie
schwieg, lächelte schmerzlich, und setzte sich zum Klavier, um durch Musik die
dumpfe Traurigkeit, die ihre Seele umlagerte, in milde Wehmut aufzulösen. Der
Vater ging seinen Geschäften nach, und liess sie allein mit ihrer Schwermut, die
er Ludwigs Abwesenheit zuschrieb. Da flog die Tür auf, sie sah sich um, und
Todtenblässe wechselte schnell in ihrem Gesicht mit dem hohen Rot der Freude,
die ihren schönen Augen doppelten Glanz gab, als sie den Grafen mit einem
schmeichelhaften Erstaunen, sie am Klavier zu finden, vor sich stehn, und ihre
Hände mit Innigkeit fassen sah.
 
                                Drittes Kapitel
Sie scheinen verwundert, mich wieder zu sehn, sagte er mit einem unaussprechlich
süssen Ton, der tief in ihr Herz drang; darf ich hoffen, Ihnen willkommen zu
sein? - Willkommen sind Sie wohl überall, versetzte Marie, und sah verlegen zur
Erde. Als sie zu viel gesagt zu haben fühlte, fuhr sie fort: Darf ich fragen,
was uns die Ehre Ihres Besuchs verschafft?
    Der Wunsch, näher mit Ihnen bekannt zu sein, holde Marie, antwortete der
Graf, und sah ihr bittend ins Auge. Sehr neu ist unsre Bekanntschaft, aber warm
und innig der Anteil, den ich an Ihnen nehme. Sie sind liebeswürdig, Marie! das
fühl' ich, und ich sage immer was ich fühle; - nehmen Sie mein Geständnis mit
Güte auf. - Die himmlische Einfalt, die Reinheit, die Weiblichkeit Ihres Wesens
hat mich bezaubert, und mir eine Achtung für Sie eingeflösst, die ich noch für
sehr wenig Mädchen empfunden habe. Mein Schicksal bestimmt mich, im Geräusch der
grossen Welt zu leben; aber ich habe in ihrem Getümmel nicht den Sinn für höhere,
obwohl stillere Freuden verloren, die allein beglücken. Darf ich Ansprüche auf
Ihre Freundschaft machen, Marie? Sie schmücken den Stand, zu dem Sie gehören,
und über den ich sonst gleichgültig hinweg sah, Sie machen mir ihn wert. - Darf
ich, ermüdet vom seelenlosen Einerlei des Hofes und meines geräuschvollen
Lebens, zuweilen eine Stunde der Erholung an Ihrer Seite damit zubringen, dass
ich Sie bewundre, und die Verhältnisse beklage, die mich von Ihnen trennen?
    Marie fühlte sich von seiner Rede heftig ergriffen. O Herr Graf, sagte sie,
und zog leise ihre Hand aus der seinigen; was kann Ihnen an der Freundschaft
eines armen, unbedeutenden Mädchens liegen? -
    Viel, alles! versetzte Wodmar mit Feuer. Unbeschreiblich ist der Eindruck,
den Sie auf mich gemacht haben, ewig wird seine Dauer sein. Lassen Sie uns
aufrichtig mit einander reden, Marie, und beantworten Sie mutig meine Frage:
sind die Bande, die Sie an Ludwig knüpfen, unauflöslich? - Marie schwieg und
weinte. Ist es keine Möglichkeit, fuhr er fort, eine Verbindung wieder zu
zerreissen, die, wie ich an Ihren Tränen sehe, Sie nicht glücklich machen würde?
    Marie ermannte sich. Gnädiger Herr, nahm sie das Wort, ich bin Ludwigs
Braut. Freiwillig hab' ich ihn gewählt, und er verdient das Zutrauen, mit dem
ich von ihm das Glück meines Lebens erwartete. Diese Tränen - o Herr Graf,
verkennen Sie mich nicht, wenn ich gestehe, was ich vielleicht ewig verschweigen
sollte - diese Tränen fliessen nicht aus Reue, weil ich Ludwig meine Hand
versprach; - sie fliessen, weil ich fühle, dass ich ihn glücklicher gemacht haben
würde, wenn ich Sie nie gesehen hätte.
    Wodmar umschlang sie mit Entzücken. Ist es möglich, rief er, indem er sie
fest an seine Brust drückte, ist es möglich, was ich kaum zu hoffen ahnete, dass
ich meiner Marie nicht gleichgültig bin? - Marie, mit fortgerissen durch den
Sturm seiner Leidenschaft, barg ihr Gesicht an seinen Busen, und antwortete nur
durch Tränen. - So hab' ich denn endlich gefunden, was Jahrelang meine heisse
Sehnsucht vergebens sucht, Liebe in einem reinen, unverwahrloseten Herzen! Sein
dankender Blick hob sich zum Himmel, und Marie entwand sich seinen Armen, um
aufs neue in sie zurück zu kehren.
    Ja, rief sie endlich, und ihre Wangen glühten höher vom Morgenrot der
Liebe, ja ich liebe Sie, aber ich will meine Neigung beherrschen, denn sie ist
ein Verbrechen.
    Wie schwach ist ein Herz, zum ersten Mal von der heiligen Flamme der Liebe
durchlodert, wie schwach ist es, sie zu löschen! Mariens Vorsatz war ernst, aber
die Umarmungen des Geliebten erstickten ihn, und sie überliess sich einem nie
gefühlten Entzücken. Eine neue Welt lag vor ihr, geschmückt mit allen Farben des
Lichts, und breitete eine rosenfarbne lächelnde Zukunft vor ihr aus. Ihr war,
als fühlte sie jetzt erst den ganzen Wert ihres unbemerkten Lebens, jetzt, da
die Liebe sie in den schönen Schatten ihrer Myrten nahm.
    Eine selige Stunde war vorüber, - die Liebenden mussten sich trennen. Lebe
wohl, Geliebter! hiess es beim Abschied; lebe wohl, Marie! antwortete der Graf,
und tausend Küsse besiegelten den Bund ihrer Liebe. Endlich riss er sich aus den
liebkosenden Armen, getröstet und beruhigt durch das Versprechen, das er mit
zärtlicher Gewalt ihr abgedrungen hatte, den andern Abend mit Aufgang des Mondes
sie allein in ihrem Garten zu sehn.
    Als er fort war, als sie ihn nicht mehr vor sich sah, - als nach und nach
die Stimme der Vernunft den Sirenengesang der Leidenschaft übertäubte; - da sank
der Schleier von dem Abgrund, zum dem die Liebe sie hingeführt hatte.
    Ach, ich bin verloren! rief sie aus: - der goldne Frieden meines Gemüts,
alle Freuden meines Lebens sind hin, denn nie wird er mein sein. Sein Stand,
sein Reichtum trennen ihn von mir auf ewig.
    Der grösste Teil der Nacht ging schlaflos an ihr vorüber. Endlich wiegten
sie süsse Bilder der Liebe in Vergessenheit ihres Kummers, und in Träume, aus
denen sie fröhlich erwachte. Der erste Morgenstrahl fand ihr Auge schon offen.
Sie ging in den Garten, an dessen Ende ein kleines Gartenhaus hinab auf den Fluss
und die fruchtbare Gegend blickte. Sie stieg hinauf; - - mild und erfrischend
wehte sie die Morgenluft an, und mischte sich mit ihren Seufzern. Er ist Dein!
schien ihr jetzt die ganze Natur in ihrem jugendlichen Schmucke zururufen; er
ist Dein, las sie im Blau des unbewölkten Himmels; er ist Dein, sangen ihr die
Vögel in ihrem Morgengesang. Da fiel ihr fröhlicher Blick auf den Ring an ihrem
Finger, und eine Träne stieg in das heitre Auge, das jetzt nur Paradiese um
sich her sah. Sie nahm ihn herunter: - vergieb mir, Ludwig! sagte sie, und
breitete ihre Arme nach der Ferne aus, vergieb, dass ich Dich täuschte. Ich
kannte die Liebe noch nicht, als ich mich Dir verlobte. Kannst Du zürnen, wenn
ich der süssen Stimme folge, die mich von Deinem Herzen hinweg ruft? O Karl,
setzte sie hinzu mit der hohen Schwärmerei der ersten Liebe, in der Seele, wo Du
wohnst, ist kein Raum für einen andern! - Sie sprachs, und warf den Ring in den
Fluss, der in stolzen Wogen zu ihren Füssen dahin wallte.
    Als die Sonne höher herauf kam, ward es ihr enger um die Brust. Karls Bild
schwebte unablässig vor ihren Augen, aber Wehmut und Ahnungen beklemmten ihr
Herz. Die Einsamkeit, die sie umgab, begünstigte ihr schwermütiges Nachdenken
über Empfindungen, die ihr wohl und wehe taten. Bald hing sie mit stillem
Trauern, bald mit allem Feuer der Hoffnung an dem Andenken des Einzigen, und mit
jedem Augenblick, der ihr die Stunde des Wiedersehns näher brachte, wechselte
Schmerz und Freude in ihrer Seele.
    Auch dem Grafen war es sonderbar zu Mut. Mariens Schönheit, ihr offnes,
unverstelltes Gemüt, von der heftigsten Leidenschaft bewegt, ihre gutmütige,
kunstlose Einfalt, alles dies hatte einen um so tiefern Eindruck auf sein Herz
gemacht, je seltner er diesen liebenswürdigen Eigenschaften noch begegnet war.
Er besass ein lebhaftes Gefühl. Ein Himmel voll Fröhlichkeit stritt sich in ihm
mit dem unaufhörlichen Toben unbefriedigter Wünsche, und gab seiner Bildung
jenes innig zusammen geschmolzene Gemisch von Wehmut und Freude, das schöne
Menschen doppelt verschönert. Mitten in dem Glanz seiner Ansprüche, mitten in
dem lauten, rauschenden Leben, in das er verflochten war, hob oft eine Sehnsucht
seine Brust, die nichts zu stillen vermochte. Natur, Schönheit und Liebe war das
Ideal seiner Träume, aber noch nirgends hatte er es realisirt gefunden, als
jetzt durch Marien, die die Bilder seiner kühnsten Hoffnung erfüllte.
    Er war aus einer grossen Familie, und einst der Erbe eines unermesslichen
Vermögens. Die Erwartungen, zu denen er sich berechtigt sah, gaben ihm einen
Stolz, der sich mehr auf die äussern Zufälle des Glücks, als auf innern Wert
gründete. Seine Leidenschaften waren heftig und noch in ihrem ersten Brausen: um
sie zu befriedigen, opferte er ihnen alles auf. Wenn sie schwiegen, war sein
Herz weich und edel, und nicht selten voll Reue über vergangene Ausschweifungen.
Leider wurden aber immer schnell alle seine guten Vorsätze durch neue
Vergehungen vergessen, denen er sich hingab. Sein Vater, der den Glanz seines
Hauses liebte, hatte ihn mit Josephinen, Gräfin von der Ecke, verlobt, welche
Ansprüche auf eine solche Verbindung machen konnte. Josephine gehörte ebenfalls
einem der ersten Häuser an, eine halbe Million war ihre Mitgift, und ihr Geist
und ihre Schönheit hob sie über alle jungen Damen von Stande. Wodmar kannte sie
nicht, aber er hing fest an dem Grundsatz, dass nur Rang und Vermögen die Ehen
schliessen müsse, und nicht die Liebe, die er sich unmöglich mit Fesseln denken
konnte. Eine Verbindung mit Josephinen schmeichelte seinem Ehrgeiz, und schien
ihm sein Verhältnis zu Marien nicht zu stören. Josephine bekam seine Hand, Marie
hatte sein Herz; - Josephine führte seinen Namen, - Marien beglückte seine
Liebe. Oeffentlich wollte er der Gemahl der einen, und in der Stille, gesichert
durch die süsseste Verborgenheit, der Geliebte der andern sein: - ein Plan, dem
nichts im Wege stand, als Mariens Tugend.
 
                                Viertes Kapitel
Der Abend dämmerte heran, - mit lautem Herzensschlag begrüsste Marie die sinkende
Dunkelheit. Bleibe doch noch, mein Kind! sagte der Vater, als sie nach dem
Abendessen ihm gute Nacht wünschte. Mir ist nicht wohl und ich bin müde, lieber
Vater, antwortete sie und wurde rot. Es war ihre erste Lüge: - die erste Liebe
ist gemeiniglich mit der ersten Lüge verbunden.
    Als sie die Treppe zum Garten herab ging, zitterte sie in süsser Erwartung.
Sie hielt sich an das Geländer, das der blühende Jelängerjelieber umduftete, und
gab sich wonnevollen Ahnungen hin, in die ein leiser Schmerz sich mischte. Da
trat die blinkende Scheibe des Mondes hinter den Bergen hervor, und erhellte mit
magischem Zauber die dämmernde Gegend. O Marie! es war nicht allein die Nähe des
Wiedersehns, die mit einem ängstlichen Schauer Deine Seele erfüllte, als Du
bebend da standst, bestrahlt von seinem Golde; es war Dein Schutzgeist, der dich
warnte. Ach, an die selige Stunde, der Du entgegen sahest, knüpfte sich das Glück
Deines einsamen Lebens, und floh mit ihr auf leichtem Fittig vorüber. Noch wäre
es Zeit gewesen, eine Leidenschaft zu ersticken, die Dich so unglücklich machte;
aber umsonst! Der Wurf war gefallen, im Buche des Schicksals stand Dein Elend,
und eine unwiderstehliche Allmacht riss Dich hin ins Verderben.
    Sie schloss die Tür auf, und sah die lange, einsame Strasse hinab. Alles war
leer und öde, nur in den dunkeln Büschen ihres Gartens klagte eine liebeflötende
Nachtigall; endlich schwebte eine weisse Gestalt herauf - er war's, er flog in
die Tür, warf den Mantel ab, und lag in den Armen des harrenden Mädchens, die
ihn mit schweigender Inbrunst, mit stummen Entzücken empfing.
    Ihr Glück und ihre Seligkeit war unbeschreiblich. Umschlossen von des
Geliebten Armen, alle ihre Sorgen und Schmerzen eingewiegt durch die Schwüre
ewiger Liebe, durch die Beteuerungen unwandelbarer Treue, sah sie den Himmel
offen, den Liebe nur auf Erden gewährt. Die Hälfte der Nacht war vorüber. Die
feierliche Stille um sie her, nur dann und wann von Philomelens zärtlicher Klage
süss unterbrochen, Mariens Nähe, ihre Schönheit, die der Mondschein bis zur
Verklärung erhob, ihre glühende Liebe, ihre Unschuld, - alles dies bestürmte des
Grafen pochendes Herz, von wilden Wünschen, von brennenden Begierden
durchschauert. Er drückte sie heftiger an sich, Marie ahnete nichts. Sorglos
überliess sie sich seinen Liebkosungen, und erwiederte sie mit unbeschreiblicher
Zärtlichkeit. Diese Stunde hatte ihr Herz auf ewig an das seine geknüpft.
    Marie! rief Wodmar mit allem Zauber seiner schmelzenden Stimme, liebste,
teuerste Marie! Du wirst mein, und nur der Tod soll mich von Dir trennen.
Marie, freudig überrascht, in ihren Hoffnungen und Wünschen, die bis jetzt
schwiegen, übertroffen, schmiegte sich unter süssen Tränen fester an des
Geliebten stürmende Brust. Karl, stammelte sie leise, im Übermass der Liebe und
Wonne, ich Dein, Dein auf ewig! und ihre süssen Umarmungen umstrickten ihn enger.
    Wodmar kam zu sich, und errötete. So verdachtlos traut sie Deinem Worte,
sagt' er zu sich selbst, und du wolltest sie betrügen? - Ein edler Unwille
flammte in seinen Augen. Ein Blick auf Marien rief schnell die unheiligen Bilder
zurück, mit denen seine entweihte, gereizte Fantasie ihn umgab, aber er
erstickte sie, indem er reinern Gedanken Raum in seiner Seele gab. Nein, ich
will ihr Zutrauen nicht missbrauchen, war endlich das Resultat seines Kampfes mit
sich selbst, ich will nicht das schöne, frohe Auge zu bittern Tränen verdammen.
Sie soll mein werden, aber freiwillig, durch einen Bund, den, wenn auch kein
Priester seinen Segen darüber sprach, dennoch unsre Seelen ehren werden, - nicht
jetzt durch die Gewalt, die mir ihre unbefangne Unschuld, ihr wallendes Gefühl
über sie gibt. Lebe wohl, Marie! rief er, indem er aufsprang, um seinem
Entschluss treu zu bleiben, lebe wohl, ich muss fort!
    Schon fort? seufzte Marie, und er unterbrach ihre Klage mit dem süssen
Versprechen, ihr morgen zu schreiben. Der Gedanke ergriff sie mit Feuer, auch in
der Abwesenheit von ihm, und durch ihn zu hören. Lebe wohl, rief sie ihm nach,
lebe wohl, flüsterte sie noch in die Winde, als er schon fort war, und eilte auf
ihr Lager, um von ihm zu träumen.
    Am andern Morgen begrüsste ein Brief von Wodmar sie bei ihrem Erwachen. Mit
Entzücken betrachtete Marie die Züge der geliebten Hand, mit stillen Seufzern
sein grosses, gräfliches Wappen. Ihr Siegel war ein bescheidner
Vergissmeinnichtkranz mit ihrem Namen; das seinige bekrönt, und mit allem Prunk
seines Standes geschmückt. Es erinnerte sie an den Unterschied zwischen ihnen,
den sie so gern vergass, und verminderte die Freude, mit der sie es erbrach. Aber
als sie ihn gelesen hatte, - mit bleichem Erstarren sank sie auf einen Stuhl,
das Blatt flog auf die Erde, und ihr Blick hob sich mit allem Schmerz
vernichteter Hoffnung zum Himmel. Kann wahre Liebe dies wollen? rief sie heftig,
und verlor sich in die Qualen ihrer betrognen Erwartung.
    »Noch fühl' ich die Glut Deiner Küsse, schrieb er, auf meiner brennenden
Wange. Noch bin ich berauscht von dem süssen Nektar Deiner holden Umarmungen, und
meine Liebe zu Dir ist bis zu der Ueberzeugung gestiegen, dass ich ohne Dich
nicht leben kann. Marie! holder, liebevoller Engel! ich muss, ich will Dich
besitzen!
    »Mein Verhängnis bestimmte mich für Glanz und Geräusch, ich muss der
Konvenienz folgen. Meinem Herzen aber gnügt nicht der laute Schall betäubender
Freuden, nur Deine Liebe und Dein stiller Besitz können es befriedigen. Opfre
mir die Vorurteile, die man Tugend nennt; entschliesse Dich, ganz für mich zu
leben, so wie auch ich, selbst als der Gemahl einer andern, nur für Dich und
Dein Glück die ganze Fülle meines Daseins anwenden will. Was ist jene Tugend,
der wir in scheuer Demut huldigen, weil man die Unwissenheit unsrer früheren
Jugend benutzte, uns eine unverdiente Ehrfurcht für sie einzuprägen? - Wie ein
Gespenst der Mitternacht tritt sie zwischen uns und das winkende Vergnügen, und
vergiftet die Schale des seligsten Genusses, ehe sie noch die durstende Lippe
berührt. Nein, die wahre Tugend, Marie, ist jene Gefälligkeit, die Glück und
Freude verbreitet, jene Treue, jene Liebe, die einem Einzigen alles aufopfert
was ihr heilig war, jenes Hingeben, nicht aus Pflicht, sondern aus Zärtlichkeit.
Man heiratet, wie die konventionellen Verhältnisse, von denen man abhängt, es
wollen: - Stolz und Eigennutz knüpfen das Band der Ehe in der grossen Welt. Man
liebt, um seinem Herzen genug zu tun, um im Stillen Ersatz für die
Aufopferungen zu finden, die man gezwungen ist, dem unumstösslichen Schicksal zu
bringen. Die Verborgenheit ist der schöne, zauberische Schleier, der die Liebe
umweht und verschönert, wie das Rosengewölk des Morgens die aufgehende Sonne.
Die Freiheit belebt ihre Wangen mit himmlischem Lächeln, und setzt ihr den Kranz
auf, den Zwang und Pflicht nur mürrisch zerpflücken. Ich bete die Liebe an, aber
ich hasse die Ehe, die ihr Grab ist. Nie wird das Weib, das einst meinen Namen
führt, zu gleicher Zeit mein Herz besitzen. Es wird ewig für Dich allein und mit
festerer Treue schlagen, als wenn die nichtige Ceremonie vor dem Altar sie Dir
verpflichtete.
    »Lass mich aufrichtig mit Dir reden, Mädchen meines Herzens! Ich kann Dich
nicht heiraten. Dein Stand, über den Dich zwar Deine Seele, aber leider nicht
das Vorurteil erhebt, und tausenderlei Rücksichten trennen mich von Dir für die
Welt; aber im Stillen will ich Dein sein. Entschliesse Dich, mir die
Bedenklichkeiten aufzuopfern, die Deine schüchterne Unschuld vielleicht meinen
Wünschen entgegenstemmt. Einsam liegt in einer ruhigen, vom Geräusch
abgesonderten Gegend eins meiner Güter, welches Dein sein soll. Fern von Neid
und Schmähsucht, die unsre Freuden tadeln würden, will ich, wenn ich mich heraus
stehlen kann aus dem abgeschmackten Lärm meines lästigen Lebens, an Deinem Busen
mein Paradies, in Deinen Armen meinen Himmel finden, und kurze, Augenblicke, die
mir bei Dir entfliehen, werden mich für ganze Monate des Zwangs und der
Langenweile entschädigen.
    »Dein Vater kann Dich begleiten, oder wenn er nicht einwilligt, so bringe
der Liebe auch dies Opfer, und fliehe mit mir, mit Deinem Karl, dem Dein
Vertrauen heilig ist, der Dir schwört, es mit der treuesten Zärtlichkeit zu
vergelten. Rede mit Deinem Vater, Marie! und verlass Dich auf das feierliche
Versprechen, das ich Dir gebe, Dich glücklich zu machen, so wahr ich Dich liebe.
Mit Sehnsucht erwarte ich eine Zeile von Deiner Hand, die mein Glück bestätigt.«
    Als Marie noch einmal diesen Brief gelesen hatte, der ihr Herz und ihren
Stolz zerriss, war ihr Entschluss gefasst. Sie war der Feder ungewohnt, und hatte
deshalb Ludwig ihren Briefwechsel abgeschlagen, aber ihr gemisshandeltes Gefühl
half ihr jede Schwierigkeit überwinden, und sie antwortete:
    »Herr Graf! der entehrende Antrag, den Sie mir tun, heilt mich schnell von
der hohen Meinung, die ich von Ihnen hatte. Ich habe Sie sehr geliebt, und
schäme mich nicht, es Ihnen zum letzten Mal zu bekennen. Aber die Grundsätze,
die mir mein Vater früh einflösste, sind stärker, als meine Leidenschaft, und
werden mir Kraft geben, Ihren Verlust zu ertragen. Ich hatte, als ich Sie kennen
lernte, ein leichtes, frohes Herz, und einen unbefleckten Ruf. Wenn auch das
erste dahin ist, so will ich mir doch die Reinheit meines Bewusstseins, und die
gute Meinung der Welt erhalten, gegen die ich nicht gleichgültig bin. Wären Sie
ein Mann meines Standes, - auf den Knieen hätte ich mir Sie, nur Sie vom Himmel
erbeten. Aber der Unterschied, den das Glück zwischen uns gemacht hat, an den
Sie mich so grausam erinnern, erlaubt mir keinen andern Gedanken, als den: dass
Sie nicht für mich geboren waren. Lassen Sie uns einander niemals wieder sehn! -
In dem engen Kreis meines häuslichen Lebens eingeschränkt, wird es mir zwar
schwer werden, Ihr Bild, das meine ganze Seele beherrschte, zu verbannen, aber
mein Selbstgefühl, das mich nicht sinken liess, wird mich unterstützen und mir
Mut geben, fest in meinem Entschluss zu sein. Hoffen Sie nicht, ihn jemals
wankend zu machen, und leben Sie glücklich, ob Sie gleich die Ruhe meines
heitern Gemüts vielleicht auf ewig unterbrachen. Ich will für Sie beten, dass
Gott Ihre falschen Begriffe von Tugend reinigen, und Sie so glücklich machen
möge, als man nur sein kann. Mich sehn Sie niemals wieder.«
 
                                Fünftes Kapitel
Als sie diesen Brief geschrieben hatte, trug sie ihn zum Vater, gestand ihm
alles, weinte an seinem Halse, und empfing seine Vergebung und seinen Beifall.
Nie liebte wohl ein Vater sein Kind inniger! Er glaubte nun, sie würde in
Tränen zerfliessen, aber als die ersten vorüber waren, wurde der Schmerz, sich
nicht allein in ihren süssesten Hoffnungen, sondern auch in dem Karakter des
Geliebten getäuscht zu sehen, still und ernst. Sie suchte der Melancholie zu
entfliehn, aber sie folgte ihr, wie ihr Schatten. Man sah ihr Auge trocken, und
nur wenn sie aus ihrer Kammer kam, verriet eine kleine Röte, dass es sich in
der Einsamkeit ergossen hatte. In ihren sonst so heitern Blicken wohnte jetzt
jene rührende Freundlichkeit, die mit Tränen kämpft, und das feinere, durch
stille Duldung umschleierte Gefühl karakterisirt, das schweigend seinen Kummer
trägt, und ihn der Welt schonend verbergen möchte.
    Um diese Zeit kam Ludwigs erster Brief an den Alten. Er atmete
Herzlichkeit, Sehnsucht und Liebe. Marie las ihn, und ihr Gesicht von Schwermut
umwölkt, wurde ernster, als sie ihn zurückgab. Was denkst Du, Marie? fragte
Müller. - Dass ich ihn nicht betrügen will, antwortete sie. Ludwig verdient ein
freies, ganzes Herz, ein Herz noch nicht von Gram zerrissen, noch nicht von
fremder Liebe erfüllt. - Wie, meine Tochter! Du könntest den Mann noch lieben,
der Dich so tief herabwürdigen wollte? - Mit Unwillen, sogar mit Verachtung
wende ich mich von seinem entehrenden Antrag hinweg, versetzte Marie, aber ihn
selbst - ach mein Vater, ihn liebe ich noch immer mit aller Innigkeit, deren ich
fähig bin. Die Welt hat seine Sitten verdorben, aber es ist nur ein
vorübergehender Taumel, ein Schlaf seiner bessern Ueberzeugung, aus dem er gewiss
erwachen wird.
    Vielleicht gelingt es einem edlen Mädchen seines Standes, ihn den rechten
Weg liebevoll und sanft zu führen, von dem er abweichen wollte. Wenn er dann
recht glücklich ist, fuhr sie fort, und senkte ihr tränenschweres Auge zur
Erde, o dann will ich ihm gern verzeihen, dass er diese tiefe Wunde meinem Herzen
schlug. Und Du willst Ludwigs Hoffnungen, die auch die meinigen sind, durch eine
romanhafte Grille vernichten? sagte der Vater.
    Ludwig würde mit mir nicht glücklich sein, erwiederte Marie. O erlaub' Er
mir, guter Vater, einsam mein trübes Leben zu enden. Still und eingezogen will
ich meinen Frühling dahin fliehn sehn, Sein Alter erheitern, und alle die
Pflichten erfüllen, die Gott und mein Gewissen mir auflegen. Aber heiraten will
ich nie! - Brauche ich einst, wenn ich so unglücklich sein sollte, Ihn zu
verlieren, männlichen Rat und männliche Hülfe, so wird sie mir Ludwigs
Freundschaft nicht verweigern. - Sie umschloss den Vater mit heissen Tränen, sie
bat, sie flehte so süss um ihre Freiheit, dass der gütige Alte ihr das feierliche
Versprechen gab, sie niemals zu zwingen.
    Wodmar war von Mariens entschlossener Antwort überrascht worden. Er hatte
ihrem zartfühlenden Herzen die feinsten Empfindungen für Ehre und Tugend
zugetraut, aber bei dieser glühenden Liebe für ihn zweifelte er an ihrer
Beharrlichkeit. Ein Blick, ein Kuss, ein Wort, dachte er, würde sie überreden:
aber er hatte sich betrogen. Er kam täglich in ihr Haus, aber die alte Magd
hatte den bestimmten Auftrag, ihn abzuweisen. Er schrieb mit alle der feurigen
Beredsamkeit, mit der das Laster seine Wünsche verteidigt; - Marie sandte ihm
seine Briefe unerbrochen zurück. Er wandte sich an eine ihrer Nachbarinnen, und
sparte weder Geld noch Schmeichelei, um durch ihre Vermittelung Marien
wenigstens zu sehn, und sie mit sich auszusöhnen; aber das edle, beleidigte
Mädchen vermied jede ihrer Schwachheit gelegte Schlinge, und war immer dem Auge
ihres Verführers unsichtbar.
    Mit jeder neuen, vergeblichen Mühe machte der Unmut, sie umsonst angewendet
zu haben, des Grafen brennende Begierde nach Mariens Anblick lauer. Es ist ein
überspanntes Geschöpf, sagte er missvergnügt zu sich selbst, das geheiratet,
aber nicht geliebt sein wollte; eine Tugendheldin, wie man sie in Romanen
findet, weiter nichts. - Aber Mariens Bild, mit der ganzen Harmonie ihrer Reize,
das ihm die Erinnerung so oft zurück rief, stellte sich dann immer seinem
Unwillen gegenüber, und besiegte ihn schneller, als er wünschte. Er fühlte eine
Leere in seiner Brust, die ihm jede Freude verbitterte, und alle seine ehemalige
gute Laune verdarb. Vergebens suchte ihn Georg durch neue Bekanntschaften zu
erheitern, - vergebens ihn zu gewaltsamen Mitteln, sogar zu einer Entführung zu
bewegen. Die Stimme seines Edelmuts unterdrückte die Stimme seiner glühenden
Wünsche, und er sagte mit fester Entschlossenheit: Nein! wenn sie nur in ihrer
eingebildeten Tugend das höchste, einzige Glück findet, dessen sie fähig ist,
warum soll ich es ihr entreissen? Wer gibt mir das Recht, es zu tun? Ach, ich
hätte meine Welt in Deiner Liebe gefunden, setzte er voll Wehmut, mit allem
Schmerz unbefriedigter Liebe hinzu, und Du wolltest mir Deine Grillen nicht
opfern? Behalte sie denn, und sei glücklich, ich will Dich vergessen! - Er
seufzte, und mit jedem neuen Seufzer goss seine immer mehr und mehr besänftigte
Fantasie stillere Ruhe und Ergebung in seine Seele.
    »Komm, lerne Deine Braut kennen, schrieb ihm sein Vater aus der Residenz,
sie verlässt in diesen Tagen die Pension, in der sie erzogen wurde, und ist
bereit, Deine Hand anzunehmen. Ehe zwei Monat ins Land gehn, müsst Ihr verbunden
sein.«
    Diese Nachricht ergriff den jungen Grafen mit einem sonderbaren Schrecken.
Er war kein Freund des Ehestandes, indessen wollte er keinesweges dem Bande
ausweichen, das ihn an Josephinen knüpfen sollte, ob er gleich überzeugt war,
dass es einen Teil der Freuden seiner goldnen Unabhängigkeit stranguliren würde.
Eine lange Reihe ihm bisher so fremder Gedanken schloss sich an die Aussicht
seiner nahen Verheiratung. Josephine soll schön und geistreich sein, dachte er
bei sich selber, sie wird mich wenigstens zerstreuen, wenn sie mich auch nicht
zu fesseln vermag. - Sein Trübsinn floh vor einer Menge Bilder der Zukunft,
denen wenigstens die Neuheit Reize lieh. Noch einmal versuchte er Marien zu
sprechen, aber umsonst, ihre Tür blieb ihm verschlossen, die Klagen, die er in
seine Briefe goss, fanden nicht den Weg zu ihrem Herzen.
    So reisete er ab, mit dem festen Vorsatz, ihr Andenken in ewige
Vergessenheit zu begraben. Als sein Wagen durch die Vorstadt an ihrem Hause
dahin flog, und an der Gartenmauer vorbei, über die die dunkeln Linden flüsternd
sich beugten, die in jener glücklichen Nacht ihn und seine Marie in ihren
vertraulichen Schatten nahmen, da ward ihm das volle Herz so gepresst, und noch
einmal empörte sich laut sein Unmut gegen ihre strenge Tugend. O, rief er
unwillig aus, warum habe ich jene Stunden so ungenützt verstreichen lassen, die
mir Mariens Liebe auf immer erworben hätten, wenn ich nicht zu gewissenhaft
gewesen wäre! Jetzt wäre sie mein, und meine flammende Zärtlichkeit hätte längst
ihre Zweifel beruhigt, und besser als alle die Gründe, mit denen ich ihre
Unschuld einzuwiegen gedachte, mich dem Ziel meiner Wünsche genähert.
    Er gab sich Mühe, sie zu vergessen, sie zu verachten, aber es war nicht
möglich. Seine Sehnsucht nach ihr wuchs mit dem Raum, der sie trennte. Er
erinnerte sich ihrer Liebkosungen, so süss und rührend, ihrer Reize, ihrer
glühenden Liebe, mit der holdesten Sittsamkeit verbunden, und ein tiefer
Seufzer, dass dies alles nicht bestimmt war, sein Leben zu verschönern, klagte um
die Vergangenheit. In seinen Unwillen gegen Marien mischte sich dennoch eine
geheime Achtung für ihre festen Grundsätze. Was für eine Tugend muss das nicht
sein, sagte er, die eine so innige Neigung überwindet? Sie muss glücklich machen,
weil sie nach dem allgemeinen Wahne, der ihr huldigt, Ansprüche auf ein besseres
Leben gibt. Könnt' ich auch mich täuschen, und an sie glauben! setzte er hinzu;
die Hälfte der Freuden, die ich durch die Freimütigkeit meiner Denkungsart
genoss, gäbe ich gern um diesen frommen Betrug meiner Sinne dahin.
    Während Wodmar mit dem Gedanken an Marien beschäftigt, seiner Braut
tiefsinnig sich näherte, ward er von dieser mit zerrissnem Herzen erwartet.
Josephine, fest entschlossen, dem Manne, den man ihr bestimmte, ihre Hand zu
geben, ob sie ihn gleich nicht kannte und nicht liebte, ob sie gleich, ohne ihn
gesehn zu haben, durch ein andres Bild, das in ihrer Seele wohnte, schon sogar
wider ihn eingenommen war, Josephine, die mit heimlichen Tränen sich die
Entsagung ihres Lieblingswunsches errungen hatte, musste oft ihren ganzen Stolz
zurückrufen, um das Beben zu ersticken, das bei der Annäherung seiner Ankunft
sie überfiel.
    Ach, sie war nicht glücklich, so viel sie auch beneidet wurde. Unter einer
kalten, stolzen Aussenseite verbarg sie ein weiches, gefühlvolles Herz, das mehr
verlangte, als Geld und einen gräflichen Bräutigam. Ihr Sinn war ernst und
melancholisch, tiefe Gefühle lagen in ihrer Brust, und wenn auch der Zwang ihres
Standes sie mit einer Hülle von Kälte überzog, wie der Schnee die duftenden
Veilchen, so lohnte sich doch das Aufsuchen bei diesen wie bei jenen. Ihre
Eltern, zu unbedeutend, um viel von ihnen zu sagen, verliessen die Residenz als
Josephine vierzehn Jahr alt war, weil ihr gutes Vernehmen mit dem Hof durch ihre
allzugrossen Ansprüche auf Auszeichnung gestört worden war. Josephine, mit der
man sich im Prunk eines glänzenden Lebens wenig beschäftigt hatte, ob sie gleich
die einzige Tochter, und, was der Welt noch mehr galt, die einzige Erbin ihrer
Eltern war, - Josephine bedurfte noch einer feinern Ausbildung, um vollendet zu
sein, und da man bei dem finstern Missmut, der die Ihrigen aufs Land begleitete,
zweifelte, ihr diese selbst geben zu können, so liess man sie in einer
Erziehungsanstalt, die vieles Aufsehn machte, und die erst vor kurzem durch eine
gewisse Madam Wilmut errichtet worden war.
    Madam Wilmut war eine Witwe mit vielen Kenntnissen, aber einem geringen
Vermögen. Vor ihrer Verheiratung hatte sie sich als Gouvernante in
verschiedenen grossen Häusern alle die Fähigkeiten erworben, die das eben so
schwere, als ehrenvolle Amt einer Erzieherin verlangt. Aus einer glücklichen Ehe
war ihr ein einziger Sohn geblieben, der durch alle die guten Anlagen, die sich
schon frühe in ihm entwickelten, den Schmerz über den Verlust ihres geliebten
Mannes milderte, und in eine stille Trauer verwandelte, die ihr lieber war, als
alle Freuden eines Herzens, das noch nie gelitten hat, und dem der süsse Gram
fremd ist, mit dem man verhüllte Aussichten, vergebliche Hoffnungen, verlorne
Freunde betrauert. Als sie Witwe ward, bot man ihr in den angesehensten Familien
die Erziehung der Töchter an, aber eine gewisse Unabhängigkeit war ihr lieb
geworden, und sie konnte sich nicht entschliessen, ihr zu entsagen. Sie nahm ihr
kleines Vermögen zusammen, um eine Kostschule zu errichten, und es gelang ihr.
Die Sanftmut ihres Wesens, so viel Vertrauen einflössend, die Nachsicht, mit
welcher sie ihre Zöglinge behandelte, vor der so gern jugendliche Herzen sich
öffnen, und der gutmeinende Ernst, mit dem sie tadelte und strafte, erwarb ihr
die Liebe und Achtung der Eltern und Kinder. Josephine schloss sich mit Innigkeit
an die ehrwürdige Matrone. So warm war man noch nie ihren Empfindungen begegnet,
so herzlich hatte man noch nie ihren Gefühlen geantwortet, wie jetzt, und sie
sah sich zu einem neuen, bessern Leben erwacht, zu einem Leben, welches ihr im
einförmigen Kreise ihrer bisherigen Existenz immer wie ein schönes Ideal
vorgeschwebt war, aber ohne die Hoffnung, es je realisirt zu sehn.
    Madam Wilmuts Metode war sehr einfach, die Herzen ihrer Untergebenen mit
dem festen Bande einer zärtlichen Freundschaft an sich zu ziehen. Sie bewies
ihnen Vertrauen, und nahm dafür im schönen Tausche das ihrige hin. Sie tadelte
immer nur den Fehler, nicht die Person, die ihn hatte, und vermied auf alle
Weise die Eigenliebe zu verwunden, die, wenn sie richtig geleitet wird, oft die
edelsten Gemüter bilden hilft. Ihr Ton war so mütterlich und schonend, dass er
tief in die zarten Seelen eindrang, und sie mit kindlicher Liebe erfüllte. Seid
wahr und einfach, sagte Madam Wilmut ihren Zöglingen oft, und sie wurden es,
weil ihr Beispiel dasselbe sagte. Sie lehrte die jungen Mädchen immer tätig,
nie müssig sein, weil Fleiss eine der lieblichsten Blumen im Kranz weiblicher
Tugenden ist. Sie empfahl ihnen Verschwiegenheit, und zeigte ihnen, dass durch
den Mangel derselben schon oft der stille Friede einer ganzen Familie
zertrümmert, die Eintracht der festesten Freundschaft unterbrochen, das Glück
der innigsten Liebe gestört worden sei. Tränen zitterten dann in Josephinens
schönem, blauem Auge, und sie tat sich und Madam Wilmut das feierliche
Gelübde, jedes Geheimnis, das ihr die Zukunft anvertrauen würde, treu in ihrem
Busen, wie in einem Grabe, zu verwahren. Seid streng gegen eure eignen Fehler,
aber nachsichtig und duldend gegen die Fehler andrer, bat Madam Wilmut; aber
Josephine schüttelte dann zweifelnd mit dem Kopf, denn ob sie gleich den ersten
Teil dieser Lehre an sich selbst anwandte, so konnte sie doch gegen fremde
Fehler kaum die Miene der Toleranz beobachten, und kaum fremde Schwächen nur
bemitleiden. Sie fühlte ihren innern Wert und die Kraft zum Guten zu sehr in
sich, als dass sie nicht von Andern alles das hätte fordern sollen, was sie
selbst zu leisten im Stande war. Madam Wilmut konnte diesen Stolz, der sich auf
die Reinheit ihres Herzens gründete, weder missbilligen noch vertilgen. Sie
suchte ihn bloss zu mildern, und es gelang ihr. Dieser Stolz, dachte sie bei sich
selbst, wenn sie ihn in seiner ganzen Würde erhält, wird sie niemals sinken
lassen. Sie wird sich fest und rein auf der Spiegelglätte des Hofs erhalten, und
die Klippen der grossen Welt vermeiden, ohne an ihnen gescheitert zu sein.
    Josephine war die älteste ihrer Pflegetöchter, und da sie von dem
allgemeinen Unterricht der Kleinern ausgeschlossen war, so brachte sie den
grossten Teil ihrer zeit in der belehrenden Gesellschaft der Madam Wilmut zu.
August Wilmut pflegte auch, so oft es sein Dienst erlaubte, - er war Offizier,
- diese stillen Stunden zu teilen, die das sanfte, unterrichtende Wesen seiner
Mutter, und Josephinens heitrer Geist, durch einen freundlichen Ernst gemässigt,
zu Stunden des Himmels umschuf.
    August war ein liebenswürdiger junger Mann, noch in der ersten Blüte der
Jugend. Seine Gestalt war angenehm, ohne schön zu sein, denn sie trug den
Stempel der Güte und des Edelmuts. Er verband dieses Gefühl und reine Moralität
mit einem festen Karakter, und die Liebe und Verehrung, die er für seine Mutter
empfand, machte seinen Sinn weich und biegsam, und gab ihm eine Sanfteit, die
seinen Umgang sehr angenehm machte. Er hatte noch nie geliebt. - Oft, in der
Einsamkeit, in der er gewöhnlich lebte, gab er süssen Träumereien Raum in seiner
Seele, und seine Fantasie webte immer mit leiser Ahndung die Freuden einer
glücklichen Liebe in die Bilder der Zukunft, die er sich entwarf. Aber noch
hatte er das Wesen nicht gesucht und nicht gefunden, das ihm fähig schien, die
Leere seiner Seele zu füllen. Schöne Gesichter waren ihm wie schöne Blumen, ein
lieblicher Anblick, aber noch keins hatte seine glückliche Ruhe unterbrochen.
    August zeichnete sehr schön. Seine Mutter stellte ihn scherzend als
Lehrmeister ihrer Untergebnen an, und da man sich von beiden Seiten Mühe gab,
und mit einander zufrieden war, so liess sie ihm ein Amt, das er so wohl zu
verwalten wusste. Josephine hatte viel Geschicklichkeit, und fand Geschmack an
der Malerei; sie machte sehr bald grosse Fortschritte, und August beschäftigte
sich am liebsten mit ihr, weil ihre Leichtigkeit zu lernen seinem Bestreben, ihr
nützlich zu sein, gefällig zu Hülfe kam.
    So mochten ungefähr zwei Jahre vorübergegangen sein. Josephine war eins der
schönsten Mädchen geworden, aber August, der ihre Reize nach und nach sich hatte
entfalten sehn, bemerkte es nicht, weil er an ihren Anblick gewöhnt war. Die
Gelegenheit sich täglich zu sehn und zu sprechen, hatte bei Josephinens
liebenswürdigen Eigenschaften ihr seine ganze Zuneigung erworben, aber sie war
nicht leidenschaftlich, sondern wie die ruhige Liebe des Bruders zu der
Schwester. Auch Josephine fühlte ein Wohlwollen für ihren Freund, das mit einer
stillen, reinen Flamme in ihrem Innersten loderte, und ihr Herz mit dem zarten
Vertrauen der heiligsten Freundschaft ihm öffnete. Es ward ihr wohl in seiner
Gesellschaft, und die Stunde, die zum Zeichnen bestimmt war, wurde allemal von
ihr mit froher Ungeduld erwartet. Das Vergnügen, das sie in seinem Umgang fand,
leuchtete aus ihren Augen, und entging Augusts Blicken nicht, der ihr Wohlwollen
zu schätzen wusste, und sich immer mehr ihr mit wärmern Gefühlen näherte, je mehr
er sah, dass Josephine sich mit der ganzen Unschuld ihrer reizenden
Unbefangenheit an ihn anschloss. Um diese Zeit wollte August einen Versuch im
Portraitmalen machen. Er bat Josephinen um die Erlaubnis, sie malen zu dürfen,
und sie erlaubte es gern. Schnell waren seine Anstalten getroffen, und Josephine
sass in einer schönen, ungezwungenen Stellung, die ihr eigen war, ihrem jungen
Maler gegenüber.
 
                                Sechstes Kapitel
Es ist gefährlich für ein Paar junge, unerfahrene Herzen, die noch nicht ihr
Spiel mit den heiligsten Empfindungen des Lebens trieben, deren Unschuld bisher
die Stimme der Natur in leise Seufzer erstickte, - sich Blick an Blick, Auge in
Auge, Seele in Seele, gegenüber zu sitzen.
    Josephine, die sonst ganze Stunden mit August allein gewesen war, ohne im
mindesten verlegen zu sein, ohne eine höhere Röte auf ihren Wangen, ohne einen
lautern Herzensschlag in ihrem Busen zu fühlen, - Josephine sah sich jetzt kaum
genötigt, ihrem Freund unverwandt ins Auge zu schauen, als sie eine süsse
Beklemmung ergriff, die ihrem Gesicht eine noch nie empfundene Glut, ihrem Blick
einen sonderbaren Blitz, - sogar eine Träne gab. So unbeschäftigt hatte sie
noch nie vor ihm gesessen, so war er ihr noch niemals vorgekommen. Sein Auge,
sonst sanft und ruhig, schien jetzt von einem Feuer beseelt, das bald auch
Josephinens Wesen durchschwärmte, und zuletzt war das Resultat ihres
ununterbrochenen Einanderansehns die Bemerkung, die jedes zum ersten Mal machte,
dass sie ausserordentlich liebenswürdig wären.
    Josephine stand auf, und August gab ihr das Bild hin. Es war nur eine
flüchtige Skizze, aber mit allem Liebreiz des Originals ausgestattet. Josephine
erstaunt über ihre eigne Anmut, mit der sie noch so wenig bekannt wer,
errötete, und sagte, indem sie es mit gesenktem Blick betrachtete: O, Wilmut!
Sie haben mir geschmeichelt, ich bin nicht so schön.
    Ich bin nicht so glücklich gewesen, Sie ganz zu treffen, versetzte August,
aber wie wär' es auch möglich, dies schöne Auge, aus dem der Himmel lacht, diese
milde, majestätische Stirne, diese süssen, freundlichen Lippen, diese blühenden
Wangen, wie vom Morgenrot überzogen, getreu zu schildern. Kein Pinsel wird je
Ihre Liebenswürdigkeit ganz erreichen, und ich habe dies zu sehr gefühlt, als
dass ich hätte hoffen dürfen, glücklicher zu sein.
    Wollen Sie mich stolz machen, sagte Josephine, oder, welches mir
wahrscheinlicher dünkt, über mich spotten?
    Keines von beiden, antwortete Wilmut mit einem tiefen Seufzer, ich will
schweigen.
    Er entfernte sich mit einer ehrerbietigen Verbeugung, und die junge Gräfin
blieb zurück, und sah ihm nachdenkend nach. Diese einzige Stunde hatte auf
einmal Licht über das Dunkel ihres Herzens verbreitet. Das Wohlwollen, das sie
für August empfand, fühlte sie um vieles erhöht. Es war inniger, zärtlicher
geworden, und galt nicht mehr allein seiner Güte und seinem sanften edlen
Karakter, sondern auch seiner Gestalt, in der vollen Blüte der Jugend und
Gesundheit. Sie rief sich sein Bild zurück, - sein grosses, flammendes Auge, aus
dem die erwachende Leidenschaft sprach, - seine angenehmen Züge, durch die Glut
seiner Empfindungen doppelt seelenvoll und belebt, den Adel seiner Figur, die
Würde seines Ganges, den Ton seiner Stimme. Ihr war, als nähme eine unsichtbare
Hand auf einmal den Schleier hinweg, der sie verhindert hatte, seine Anmut eher
zu fühlen und zu sehen. Mit einer unbeschreiblichen Sehnsucht breitete sie ihre
Arme aus, und rief August! August! mit bebendem Laut, und umsasste die leere
Luft, als wär' es der geliebte Jüngling. Dann ging sie in ihr Zimmer, und warf
sich träumend aufs Sopha. Ach, es gibt eine Schwermut, in manchem Zeitpunkt
des Lebens so süss, - die unzertrennliche Begleiterin der ersten Liebe.
    In den goldnen Flittertagen, wo die Kraft zu lieben im Innern der Seele
erwacht, wo der Gegenstand schon gefunden ist, der uns die Fühlbarkeit unsers
Herzens lehrt, da hält der süsse Sturm namenloser Gefühle, die Ungewissheit der
Gegenliebe, an die sich die Hoffnung wie ein strahlender Engel anschliesst, immer
eine Träne im Auge bereit, die die holde Wehmut hervorbringt, welche die
Tochter der Liebe und des Schmerzes ist. O, man möchte sie nicht vertauschen um
alle Freuden, die uns späterhin das Schicksal reicht, diese süsse, frohe,
wehmutsvolle Unruh, die die Brust beklemmt, welche bisher nur die Unschuld
kannte, und jetzt mit ihr die Liebe verschwistert fühlt.
    Auch August suchte die Einsamkeit, die Freundin und Vertraute liebekranker
Herzen, mit Josephinens Bilde auf, an dem seine Blicke voll schwärmerischer
Innigkeit hingen. Ach, sie allein vermag diese unendliche Leere zu füllen, rief
eine innere Stimme in ihm mit dem zauberischen Tone der Liebe. Er drückte das
Bild an sich, und benetzte es mit Tränen. Ach, wenn sie mich wieder liebte -
wie unendlich selig wär' ich da! Er verfolgte diese Idee mit dem ganzen Feuer
der Leidenschaft, und süsse, trügerische Hoffnungen erwachten in ihm. Zwar sah er
die Unmöglichkeit sie jemals zu besitzen, aber er setzte die Täuschung fort, die
ihm so wohltätig war, und seine glühende Fantasie führte ihn in die
Zaubergefilde einer erträum ten Zukunft, wo Josephine das Geständnis seiner
Empfindungen mit einem frohen Erröten vernahm, und mit dem Bekenntnis ihrer
Gegenliebe belohnte. Sie wurde sein, und bei dem Gedanken öffnete sich ihm der
Himmel. - Armer August!
    Als sie am andern Tag sich wieder sahen, las Wilmut in dem Antlitz seiner
Josephine eine süsse Verwirrung. Sie schlug die Augen nieder, wenn sie seinen
Blicken begegnete, und betrachtete ihn mit stummen Entzücken, in das sich einige
Wehmut mischte, wenn es unbemerkt geschehen konnte. Endlich waren sie allein.
Josephine setzte sich zu ihren Zeichnungen nieder, ihr Herz pochte laut. Sie
wünschte und fürchtete eine Erklärung. - Aber Wilmut schwieg. -
    Diese Landschaft, hub sie endlich mit bebender Stimme an, macht mir sehr
viel Freude zu zeichnen. Der Hintergrund ist so feierlich, - die blauen Berge,
die sich in die tiefen, einsamen Täler verlieren, der Strom, der sich tobend
vom Gipfel des Felsen hinabstürzt, und schäumend im Tale dahinströmt, - - und
hier an der Seite die friedliche Hütte, mit Epheu bezogen, die so ruhig die
sanfte Anhöhe hinunter blickt, auf der sie steht, es ist ein so lieblicher
Kontrast zwischen den erhabnen Naturschönheiten, und der stillen Häuslichkeit in
dieser Landschaft. Meinen Sie nicht auch, Wilmut? -
    O, gewiss, versetzte August, und heftete sein Auge auf das einfache Häuschen,
das auf einem waldigen Hügel lag. Es blickt sich schön auf das majestätische
Gebirge und auf den tobenden Strom, der herab braust. Aber schöner, fuhr er mit
leiser, gerührter Stimme fort, schöner muss sichs dort in der isolirten Hütte
wohnen, die aus dem Grünen so freundlich heraus sieht. Ich kann mich von dem
Gedanken nicht losreissen, dass irgend eine unglückliche Liebe, die die Welt
verdammte, aber die Gott gut hiess, in ihr einen Zufluchtsort gegen die Stürme
des Schicksals suchte und fand.
    Die die Welt verdammte, aber die Gott gut hiess? wiederholte Josephine kaum
hörbar.
    Ja, Fräulein! antwortete August, der sich in wehmütigen Träumen verlor.
Gesetzt, dass ein Paar Herzen, aufgefordert durch die Natur und ihre
Uebereinstimmung in allen Punkten, sich zu lieben, mit der ganzen Wahrheit jener
heiligen Gefühle an einander hingen, und die Konvenienz träte zwischen sie, und
die Welt tadelte ihre reine Liebe, - o wie beneidenswert wären sie dennoch,
wenn sie beide den Mut hätten, einander die Verhältnisse zu opfern, die sie
trennen wollten! Wenn sie einer Welt entsagten, die so voll von Vorurteilen
ist, und in einer ähnlichen Einsamkeit durch wechselseitige Liebe und Treue
einander Alles wären! Glauben Sie nicht, dass Gott eine solche Liebe segnen
würde, auch wenn sie Menschen verdammten? Glauben Sie nicht, setzte er lebhafter
hinzu, dass eine solche Liebe reichen Lohn für jede Aufopferung in sich selbst
hat? - -
    Ich weiss es nicht, sagte Josephine, indes bin ich der Meinung, dass eine
solche Liebe, so schön sie auch ist, doch immer denen nur ein Ideal bleiben muss,
die höhere Verbindlichkeiten haben.
    Höhere Verbindlichkeiten? fragte August verwundert.
    Ja, erwiederte Josephine. Ich fühle, dass es oft Pflicht sein kann, das
Urteil der Welt zu verlachen, wenn es unserm wahren Glück im Wege steht. Ich
bin fest überzeugt, dass die erste Stimme, der wir folgen müssen, die Stimme
unsrer Vernunft und unsers Herzens, nicht die des Publikums sein muss; aber eben
so sehr bin ich auch überzeugt, dass man alles Mögliche tun soll, eine Liebe zu
ersticken, die man überhand nehmen sieht, ohne die Hoffnung, sie laut und stolz
bekennen zu dürfen. Setzen Sie den Fall, ich liebte, liebte einen Mann unter
meinem Stande, der jede liebenswürdige Eigenschaft hätte, nur nicht die kleinen
unseligen Vorzüge, die Rang und Reichtum geben und die ein volles Herz gewiss
leicht entbehrt, setzen Sie den Fall, ich liebte ihn mit der innigsten
Leidenschaft, ich wäre seiner Gegenliebe gewiss, so gewiss ich mit keinem andern
glücklich sein könnte, was, glauben Sie, würde ich tun?
    Sie würden ihn glücklich machen, und selbst glücklich sein! sagte August
heftig bewegt, denn ihm war, als entscheide sich jetzt das Schicksal seines
ganzen Lebens.
    Nein, Wilmut! antwortete Josephine mit Rührung und einer Träne im Auge. So
lange der Segen meiner Eltern den Bund nicht heiligte, den mein Herz geschlossen
hätte, so lange würde mich selbst die zärtlichste Liebe nicht zurückhalten, ihn
wieder zu brechen. Die Pflichten eines Kindes gegen seine Eltern sind das
heiligste in der Natur, und wehe dem, der sie nicht erfüllt. - Nein, ich werde
nie ungehorsam sein! Schon der Gedanke, meine liebsten Wünsche dem kindlichen
Gehorsam aufgeopfert zu haben, würde Trost in meinen Kummer mischen, und indem
ich, um ihrem Willen zu folgen, dem meinigen entsagte, würde ich Ersatz in der
beruhigenden Ueberzeugung finden, meine Schuldigkeit getan zu haben.
    Liebenswürdiges, edles Mädchen! rief August, ich bewundre Sie, ob ich Ihnen
gleich nicht nachahmen könnte. Den sonst so schönen, festen Ton seiner Stimme
hatte die Anspruchslosigkeit auf Glück gebrochen, die sein Herz mit Wehmut
füllte. Sein Auge, in das eine helle Träne trat, schien zu sagen: O warum so
viel Edelmut, und so wenig Liebe!
    Josephine hatte ihm wirklich in dem, was sie sagte, ihre wahrsten Gedanken
entüllt. Sie war jetzt überzeugt, dass der warme Anteil, den sie an ihm nahm,
das Wohlwollen, das sie für ihn fühlte, und die Achtung, die ihr eine lange
Bekanntschaft mit den vielen guten Seiten seines Karakters eingeflösst hatte,
durch genaues Nachdenken über alle diese Gefühle zur zärtlichsten Liebe geworden
war. Für einige Stunden konnte sie sich mit süssen Hoffnungen täuschen, und o wie
selig waren diese Stunden nicht! Sie überliess sich mir dem ganzen Ungestüm eines
jungen Herzens, in dem alle Empfindungen im Blühen sind, der Schwärmerei, die
sie dahin riss; aber dieser Zustand der Bezauberung dauerte nicht lange, und dann
stand mit desto bitterern Farben die wirkliche Welt vor ihr, aus der eine
gereizte Fantasie sie entrückt, und in eine idealische versetzt hatte.
    Ich liebe ihn, rief ihr ganzes Wesen, aber ich will ihn vergessen, weil ich
ihn nie besitzen darf! - Ach, es war so schwer. - Sie sah ihn wieder, und sein
Anblick änderte ihren Entschluss. Laut sprachen alle ihre Gefühle in ihr: Das ist
der einzige Mann, mit dem Du glücklich sein kannst, und indem sie sich mit
frohem, kurzem Vergessen von der Erinnerung ihrer Verhältnisse hinwegwandte,
wünschte sie das Geständnis seiner Liebe, um es mit allem Feuer der ihrigen
erwiedern zu können. Als aber August von einer Leidenschaft sprach, von Gott
gebilligt, aber von der Welt verdammt, da trat das Andenken ihres Standes wie
ein Gespenst der Mitternacht zwischen die klopfenden Herzen, die sich einander
nähern wollten, und sie rief alle Kräfte ihrer Seele zusammen, um mit Ruhe und
scheinbarer Gelassenheit ihm jede Hoffnung benehmen zu können, die, wie sie
wusste, vergeblich gewesen wäre.
    Josephine stand auf, um sich zu entfernen, weil sie fühlte, dass ein längeres
Bleiben ihrem Vorsatz gefährlich war, und dass die angenommene Gleichgültigkeit,
mit der sie gesprochen hatte, schon wärmeren Empfindungen zu weichen anfing. -
August, in seinen Schmerz verloren, sah sie mit unbeschreiblicher Wehmut an; in
ihr schönes, ernstes Auge, welches lächeln wollte, stieg eine glänzende Träne,
- sein Schicksal spiegelte sich in ihr. Er sank vor ihr nieder, - ein Gefühl
ohne Namen beklemmte seine Brust. Die Erklärung einer Liebe entfloh seinen
bebenden Lippen, und Josephine, zu schwach, ihr überwallendes Herz zu besiegen,
gab ihm in einer langen Umarmung das Bekenntnis der ihrigen hin.
    In späten Zeiten noch hing August gern an der Erinnerung dieser Stunde. Das
Weh der Hoffnungslosigkeit, das sich in den ersten Kuss der Liebe mischte,
milderte das Entzücken sich geliebt zu sehn, und goss Wehmut in den Jubel der
Freude.
    O, Wilmut! rief Josephine, warum haben Sie mich genötigt, das Schweigen zu
brechen, das ich mir gelobte. Ich liebe Sie, aber ich muss, ich will diese
Neigung bekämpfen, und sollte ich unterliegen.
    Wie, Josephine? Ist das Liebe? - Ich würde um Ihrentwillen die ganze Welt
aufopfern, wenn Sie es wollten, und diese heilige Flamme in meiner Brust, die
Sie entzündet haben, würde mir eine reiche Belohnung meiner Entsagung sein, auch
wenn mir nichts bliebe, als sie; und Sie wollen das ganze Glück meines Lebens
zertrümmern, weil mir das Schicksal keine Ahnen gab? -
    Ist Ihr Glück nicht auch das meinige? versetzte Josephine. O August! Sie
werden nicht allein unglücklich sein, wenn ich Ihnen auf ewig entsagen muss. Aber
ich kenne meine Eltern. Die leiseste Ahndung unsrer Liebe, und ich wäre
verloren. Ach, Wilmut, ein andrer hat schon von ihnen das Versprechen meiner
Hand, - ich kann nichts tun, als gehorchen, und um Sie weinen! Sie verbarg ihr
Gesicht in seinen Busen, und liess ihren Tränen freien Lauf.
    Sie könnten nichts tun, als gehorchen, und um mich weinen? sagte August. O,
Josephine, Sie können mehr, wenn Sie mich lieben. Hier, er hielt ihr die
Landschaft entgegen, und zeigte auf die einsame Hütte: - hier ist ein
Zufluchtsort für treue Liebe, und mit allem, was ich bin und habe, will ich
Ihnen die Opfer versüssen, die Sie mir bringen.
    Haben Sie vergessen, antwortete Josephine mit einem schmerzhaften Lächeln,
dass ich Pflichten auf mir habe, denen meine Leidenschaft weichen muss? Dürft' ich
meinem Herzen folgen, o wie gern entsagt' ich allen den Vorteilen, die mir das
Glück gab, um Ihnen zu beweisen, dass ich es nicht in Glanz und Geräusch suche.
Aber ich habe keinen eignen Willen. Graf Wodmar ist für mich bestimmt. Ich kenne
ihn nicht, - ich werde ihn niemals lieben, - ach, ich werde vor Schmerz sterben,
wenn ich ihn heiraten muss, aber ich werde ihm dennoch meine Hand geben.
    O, nein, Sie werden nicht sterben, erwiederte August bitter. Sie werden
leben, um zu glänzen, und um bewundert zu werden; und das Herz elend zu sehn,
das Sie so unbegränzr liebte, wird Ihrer Eitelkeit nur einen Triumphbogen
erbauen, ohne ihrem Auge eine Träne zu kosten.
    Er ging stolz und beleidigt nach der Türe. Josephine breitete ihre Arme
nach ihm aus, aber sie war stumm im Übermass ihres Kummers. Hätte er nur einen
Blick zurückgeworfen, der Anblick ihres Schmerzes hätte ihn versöhnt, aber er
ging, und Josephine verbarg ihre Tränen in ihrem Zimmer.
 
                               Siebentes Kapitel
Langsam und still ging eine ganze Woche vorüber, Wilmut kam nicht zu seiner
Mutter, Josephine war melancholisch. Madam Wilmut bemerkte es wohl, aber sie
glaubte, die ihr angekündigte Verbindung mit einem Mann, von dem sie nichts
wusste als den Namen, wäre Ursach genug zur Schwermut für ein junges Mädchen.
Ueberdies rückte die Stunde der Trennung heran, und da Josephine ihrem Herzen
fast unentbehrlich geworden war, so tat ihr der Gedanke wohl, dass auch diese
ungern von ihr scheide. -
    Augusts Wegbleiben begrub sein Bild nicht in Vergessenheit bei Josephinen.
Ihr Blick durchlief mit heiliger Erinnerung die ganze Vergangenheit, und jede
mit ihm verlebte Stunde trat lächelnd vor das Auge ihrer Seele zurück. Seine
Gutmütigkeit, sein sanfter Ernst, sein bescheidnes Wissen, - wie sehr
unterschied es ihn von allen Männern ihrer Bekanntschaft. Ach, warum bin ich
nicht in der glücklichen Beschränkteit des Mittelstandes geboren, seufzte sie.
Er wäre dann mein, und in stiller Häuslichkeit verlebte ich meine Tage in den
Armen der Liebe. Oder warum mussten meine Brüder sterben? Ach, dass sie noch
lebten, - ich wäre dann nicht mehr das einzige Kind, die einzige Hoffnung meiner
Eltern, und wenn ich sie verliesse, um den Eingebungen meines glühenden Herzens
zu folgen, so ständen sie nicht allein in der Welt, und wohlgeratene Söhne
würden sie über den Verlust einer Tochter trösten, die glücklicher in ihrer
Armut wäre, als sie es jemals mit allem ihren Reichtum sein kann!
    Sie malte sich mit allem Zauber ihrer lebhaften Fantasie eine reizende
Zukunft an Augusts Seite. In eine einsame, romantische Gegend baute sie im Geist
eine Hütte für sich und ihn, mit Epheu bezogen, und mit Gärten umringt, in denen
ihre einfache Nahrung wuchs. - Der heiterste Himmel lachte über diesen
Aufentalt des Friedens und der Liebe mit ewiger Klarheit herab, - die Natur
breitete ihren schönsten Teppich um ihn aus, und Glück und stille Zufriedenheit
war das Loos seiner frohen Bewohner. O wie ist man glücklich, wenn man, noch vom
frischen Morgenrot der ersten Jugend umglänzt, sich solchen Träumereien
überlässt! Denn nur selten ist es in der wirklichen Welt so, wie es sein könnte -
keine Rose blüht ohne Dornen, kein Abendhauch weht durch die Fluren, der sich
nicht mit Seufzern mischte. - Es war einmal eine Zeit, in der ich glaubte, nur
die Erinnerung reiche dem Herzen, das die Gegenwart verwundet, ihren lindernden
Balsam, aber auch diese Ueberzeugung gehört zu den Irrtümern meiner Jugend.
Denn zu den genossenen Freuden, die man sich zurückruft, gesellt sich das herbe
Andenken an alles, was man längst verloren, längst betrauert hat. Jede vergossne
Träne netzt noch einmal das Auge, jeder Seufzer hebt noch einmal die Brust. -
Zwar breitet die Erinnerung einen milden Schleier über die Szenen unsers Kummers
und unsrer hingeschwundnen Freuden, aber er benimmt nur die erste Schärfe, nicht
die langsam verzehrende Bitterkeit, die der Gram uns gibt. Aber in den frohen
Augenblicken, in denen man sich in idealische Welten träumt, vergisst man die
Leiden der wirklichen, und jeder Wunsch, der im Geräusch verstummt, wird in der
Stille laut, weil die bewegte Seele Kraft fühlt ihn zu erreichen, - - obgleich
nur im Traum.
    Von dem lächelnden Gemälde, das Josephinens Einbildungskraft entwarf, und zu
dem Liebe und Schwärmerei ihr die Farben reichten, wandte sie ihr Auge auf die
ernsten Bilder der Zukunft, die ihrer wartete. Sie sah sich im Glanz des Hofs,
mit ihrem traurigen, unerwiederten Herzen, - an der Seite eines Mannes, dessen
Wahl sie aus Konvenienz war, und der sie bei ihrem Rang und Vermögen mit eben so
viel Lastern geheiratet hätte, als sie ihm Tugenden zubrachte. Sie fühlte einen
heftigen Widerwillen gegen ihn, als den Störer ihrer hier so ruhigen Existenz
bei Madam Wilmut. Sie nahm sich vor, ihm recht verächtlich zu begegnen. Aber,
dachte sie dann wieder, - vielleicht ist er so wenig Herr seines Willens, wie
ich. Wer weiss, ob nicht die Verbindung mit mir Bande zerreisst, die sein Herz
knüpfte, - ob er nicht eben so ungern wie ich an die Zeit denkt, in der er seine
Freiheit, und vielleicht eine glückliche Liebe mir opfern muss. Ihr Widerwillen
verwandelte sich in Mitleid. Nein, rief die Stimme ihrer angebornen Güte in ihr,
ich will ihm die Bürde, die wir gemeinschaftlich tragen müssen, so viel wie
möglich versüssen. Ich will es ihm nie fühlen lassen, dass ein Andrer meine
Neigung besitzt. Ich will, wenn er gut ist, ihn schätzen, wenn er Fehler hat,
sie schonen, ich will alles tun, was ich kann, um meine Pflichten zu erfüllen.
    Jene heilige Ruhe, die jeden guten Vorsatz begleitet und belohnt, erfüllte
ihre Seele, und ward ihr zur Aufmunterung, ihren Entschluss auszuführen. - August
beherrschte indes ihre Gedanken noch immer mit der Zärtlichkeit, die er ihr
eingeflösst hatte, und die er so sehr verdiente. Er will mich nicht wieder sehn,
sagte sie zu sich selbst, als acht Tage vorüber waren, und er noch immer nicht
kam, - er will das Bild der Unglücklichen durch Entfernung aus seinem Herzen
bannen, der Unglücklichen, die ihm entsagen muss. - Sie fand sich durch sein
Betragen geehrt, er wurde ihr noch werter durch die Delikatesse, mit der er
ihre Schwäche behandelte. Den Unwillen, mit dem er von ihr schied, hatte sie ihm
längst vergeben, - sie glaubte, und hatte Recht zu glauben, - dass bei einem
unparteiischen Nachdenken über sie, selbst die leiseste Spur desselben schon
längst verschwunden sei. - Aber Madam Wilmut bemerkte mit Verwunderung, dass
sich August gar nicht mehr sehn liess. Seine Wohnung war nicht weit von der
ihrigen, - sie beschloss, selbst hinzugehen, und ihn zu fragen, was ihn abhielt,
zu ihr zu kommen.
    Ein wenig blass, aber ruhig fand sie ihn bei seinen Zeichnungen. Als er seine
Mutter gewahr wurde, stand er auf, küsste ihre Hand, und bezeugte ihr seine
Freude, sie bei sich zu sehn.
    Wie, mein Sohn! sagte Madam Wilmut verwundert, weder Krankheit noch
Geschäfte haben Dich abgehalten, mich zu besuchen? und während ich mich unruhig
nach Dir sehnte, sitzest Du ganz phlegmatisch bei Deinen Malereien, da Du doch
weisst, wie viel Freude es mir macht, Dich bei mir zu haben?
    Seine Wangen färbten sich mit einem schwachen Rot bei den sanften Vorwürfen
seiner Mutter. Sein Auge wurde feucht, er sank an die mütterliche Brust, und
brach in einen Strom von lang verhaltnen Tränen aus. Was ist Dir, August? rief
Madam Wilmut bestürzt, was hast Du für Kummer? Rede, entdecke Dich mir, - so
hab' ich Dich noch nie gesehn!
    O, meine Mutter, schluchzte August, und drückte sich fester an sie, ich bin
sehr unglücklich!
    August, Du erschreckst mich! Was hast Du gemacht? - Ach es muss etwas sehr
schlimmes sein, da Du es nicht wagtest, Dich mir anzuvertrauen, und wie konnte
ich so etwas von Dir erwarten.
    August gab sich Mühe sich zu sammeln, und stillte seine Tränen. Nein, beste
Mutter, sagte er, befürchten Sie nichts. Ich bin unglücklich, aber Ihrer Liebe
nicht unwert. Meiner Ruhe hab' ich das schmerzhafte Opfer gebracht, nicht mehr
zu Ihnen zu kommen, wo ich sonst meine glücklichsten Stunden verlebte, aber wenn
ich auch schwach bin, so verdiene ich doch gewiss Ihr Mitleid, Ihren Rat, Ihren
Trost. -
    Mein Herz war immer Ihren Augen offen, aber ach, seine wichtigsten
Bewegungen sind Ihnen doch entgangen. Ich liebe, liebe Josephinen mit einer
Leidenschaft, die lange in mir schlummerte, da ich sie nur für Achtung hielt,
die aber mit aller Heftigkeit meiner lebhaften Gefühle jetzt erwacht ist. -
Josephine ist das erste Mädchen, das mir gefallen, das erste, das mein Innerstes
gerührt hat. Sie wissen selbst, wie liebenswürdig sie ist, - ach, können Sie
mich tadeln, wenn ich den Abgrund fliehe, dem ich so nahe bin?
    Madam Wilmut stand da in ein bitters Erstaunen verloren. Und weiss Josephine
um Deine Liebe, rief sie, liebt sie Dich wieder? -
    Ich konnte ihr nicht verschweigen, was ich für sie empfand, versetzte
August. Die Stimme der Hoffnung, die mich zum Geständnis aufrief, war
trügerisch, aber doch lag sie zu tief in mir, als dass ich sie hätte vertilgen
können. Josephine liebt mich wieder, - aber mehr als mich, ihren Stand, ihre
Verhältnisse, ihre Pflichten. Ich will sie nicht wiedersehn! Meine verweinten
Augen sollen sie nicht zu meinem Vorteil bestechen. Zeit und Entfernung von ihr
werden mich beruhigen, und vor allen Dingen dann Ihr tröstender Umgang, liebe
Mutter! und die Vorstellung, dass Josephine glücklich ist ohne mich. Ach, ich
hatte ihr freilich die Opfer nicht ersetzen können, die sie mir hätte bringen
müssen, um mich glücklich zu machen. - Ich hätte ihr nichts geben können, als
mein Herz voll unbeschreiblicher Liebe, und, - indem er in ihre Arme fiel, und
sie unter neuen Tränen umschloss, - eine Mutter, die sie doch in jenem Stande,
auf den sie stolz ist, nicht so gut und edel finden wird, wie die, die dann die
ihrige geworden wäre.
    So unangenehm auch der Madam Wilmut die ganze Sache war, die für diese
Liebe traurige Folgen vorher sah, da sie den festen, stillen, rief empfindenden
Karakter ihres Sohns kannte, so entschuldigte doch ihr mütterliches Herz Augusts
Unbesonnenheit, mit der er sich Josephinen entdeckt hatte, und sie beschloss,
alles mögliche zu tun, um die Flamme zu löschen, die so hell noch in ihm
brannte.
    August! sagte sie zu ihm, Du hast nicht die rechten Mittel gewählt,
Josephinen zu vergessen. Der Weg, den Du betreten hast, bringt Dich ihr immer
näher, statt Dich von ihr zu entfernen. Wenn du ihren Anblick noch so sorgfältig
meidest, wird sie doch immer vor dem Auge Deiner Fantasie stehn, und am Ende
nicht mehr wie ein Mädchen, sondern wie ein Ideal, und deswegen gefährlicher vor
Deiner Einbildungskraft schweben. Nein, sieh' Josephinen täglich, - sage Dir
immer vor, wenn Dich ihre Liebenswürdigkeit entzückt, dass sie die Braut eines
Andern ist, dass Dir die Ehre zum heiligen Gesetz macht, zu schweigen. Nach und
nach wird Deine Liebe sich in Freundschaft verwandeln, und diese verbieten Dir
Josephinens Verhältnisse nicht. Josephine selbst wird Dir, ihrer Pflichten
eingedenk, die Hand zur Rettung aus dem Labyrint bieten, in das Dich die Liebe
führt.
    August kämpfte mit sich selber. Er wollte sie vermeiden, und doch sehnte er
sich nach ihr, und wenn er ihr Bild, das seine Einsamkeit teilte und schmückte,
mit liebevollen Blicken betrachtete, wachten alle seine übertäubten Wünsche, das
schöne Original selbst zu sehn, in seiner Seele auf, und es kostete ihm viel,
sie zu ersticken. Madam Wilmut bestritt seine Zweifel, sein Herz war mit im
Spiel, er gab nach, und versprach ihr, den andern Tag zu kommen. Ruhiger als
Madam Wilmut wirklich war, schied sie von ihm, und begab sich nachdenkend nach
Hause.
    Was sie erfahren hatte, war ihr sehr unangenehm, und machte ihr viel Unruh.
Sie kannte Josephinens Lage, und hatte sie oft im Stillen bemitleidet. Da sie
wusste, dass ihre Bestimmung einst war, die Gattin eines Mannes zu werden, den die
Konvenienz ihr erwählte, so hatte sie mit der grössten Sorgfalt über Josephinens
Herz gewacht, um es frei zu erhalten. Sie wird weniger unglücklich sein, dachte
die gute Frau, wenn sie, ohne die Liebe zu kennen, ihrem künftigen Gemahl ihre
Hand gibt. Ein wenig Herzlichkeit von seiner Seite zu der Achtung, die sie
gewiss auch dem leichtsinnigsten Libertin einflösst, und jene glückliche
Unwissenheit bei ihr, zu ihrem angebornen Wohlwollen, wird vielleicht eine Ehe,
die nur Stolz und Eigennutz schlossen, zu einer glücklichen machen. - So dachte
Madam Wilmut, und erhielt Josephinen in einer strengen Eingezogenheit. Ihr
Umgang mit August war so unbefangen, und blieb, bis er den unglücklichen Einfall
hatte, sie zu malen, so ganz in den Gränzen einer ruhigen, weit von der Liebe
entfernten Freundschaft, dass sie nicht das geringste von der Vertraulichkeit
fürchtete, die sie unter beiden herrschen sah. Josephinens stille Trauer, die
sie der nahen Veränderung ihres Standes und der Trennung zuschrieb, die ihnen in
wenig Monaten drohte, ihr Hang zur Einsamkeit, ihre leidende Gestalt; - alles
dies erschien ihr jetzt in einem andern Lichte. Sie fühlte sich gekränkt durch
Josephinens Heimlichkeit, mit der sie ihr die wahre Ursach ihres Kummers
verborgen hatte, und doch lag in ihrem Schweigen wieder etwas Edles, das sie
zwang, dem Mädchen zu verzeihen, und es zu achten, das im Stillen litt, und
seine Liebe bekämpfte, ohne seinen Schmerz auf andre zu verbreiten, - - denn
musste es der zärtlichen Mutter nicht weh tun, ihren Sohn hoffnungslos lieben zu
sehn? -
 
                                 Achtes Kapitel
Sie ging zu ihr mit einer niedergeschlagenen Miene. August ist sehr krank, sagte
sie, - Josephine wurde so bleich, wie ihr Gewand. Krank? - wiederholte sie mit
bebenden Lippen. - Ja, versetzte Madam Wilmut. Ein geheimes Leiden der Seele,
vielleicht eine unglückliche Liebe, sagte der Arzt, wird ihn - -
    O, Himmel, schrie Josephine, indem sie schnell aufsprang, und kraftlos
wieder zurück fiel, er stirbt, und ich, ich bin seine Mörderin!
    Madam Wilmut sah sie mit einem befremdeten Blick an. Was fällt Ihnen ein,
was ist Ihnen, Josephine? - Ach können Sie mir verzeihen? - Nein, niemals,
niemals werde ich mir selbst vergeben, rief die Gräfin, August liebte mich, er
gestand mir's, ich liebte ihn wieder! - Aber die Vorurteile, die Strenge meiner
Eltern, die ich kannte, - ach ich benahm ihm jede Hoffnung, weil ich's für meine
Pflicht hielt; - aber jetzt, - ihn zu retten ist auch eine Pflicht, und ich muss,
ich will sie erfüllen. - -
    Wie Josephine? sagte Madam Wilmut sehr ernstaft, so schnell können Sie
Ihre Entschlüsse ändern? Einen Vorsatz, den Sie Sich selbst, den Sie Ihren
Eltern schuldig zu sein glaubten, der sich auf eine feste, ruhige Ueberlegung
gründete, diesen könnten Sie auf einmal in einem leidenschaftlichen Augenblick
aufgeben, um dann lebenslang Ihre Unbesonnenheit zu bereuen? - Josephine stand
vor ihr mit gesenktem Auge, und tief errötenden Wangen.
    Es ist wahr, hub sie endlich an, ich glaubte, es sei meine Pflicht, die
Stimme zum Schweigen zu bringen, die so laut in meinem Herzen zu Augusts
Vorteil spricht. - Meinen Eltern, die meine Neigung niemals billigen würden,
bin ich das Leben schuldig, - Ihnen, teure Freundin! mehr als dies. Sie lehrten
mich gut sein, und zeigten mir den Weg des Friedens, indem Sie mir gute
Grundsätze einflössten, und meinen Begriffen eine richtige Stimmung gaben. - -
Wenn nun August ohne mich nicht leben kann, so wie ich ohne ihn gewiss nie
glücklich bin, o wodurch könnte ich Ihnen meinen Dank und meine Zärtlichkeit
stärker beweisen, als wenn ich durch die freiwillige Entsagung aller meiner
Ansprüche Ihnen einen Sohn, mir einen Mann erhielte, den wir beide lieben, der
mir alles ersetzen wird, was ich ihm opfere, - alles! - Ihr Auge füllte sich mit
Tränen. - Meine Eltern! rief sie weinend aus, aber mit Fassung setzte sie
hinzu: Ja, auch meine Eltern! Heilig sind die Rechte, die Sie, meine zweite
Mutter, auf mich haben, sie geben meiner Liebe die Sanction der Pflicht.
    Nein, meine Josephine! antwortete Madam Wilmut innig gerührt. Weder ich
noch August können die Opfer annehmen, die Sie uns bringen wollen. Ihre Eltern
vertrauten mir in Ihnen ihren grössten Reichtum, ihre einzige Hoffnung an. Ich
habe den fruchtbaren Boden gebaut, den ich fand, und bin reichlich belohnt für
jede kleine Mühe, die mir Ihre Erziehung machte, durch die Folgsamkeit, mit der
Sie meine Lehren annahmen. Wenn ich mir Rechte auf Ihre Dankbarkeit erworben
habe, o so bitt' ich Sie, Josephine! bleiben Sie bei Ihrem ersten Vorsatz, der
für ihre Ruhe und die meinige am heilsamsten ist, - nehmen Sie die Hand des
Gemahls an, den Ihnen Ihre Verwandten gewählt haben, und bleiben Sie immer die
Freundin meines Sohns. Er ist nicht so krank, als ich ihn schilderte; - musst'
ich nicht diesen Kunstgriff brauchen, um Sie zur Sprache zu bringen, da eine
gegenseitige Erklärung uns so notwendig war? - Der Balsam der Freundschaft wird
ihn heilen, und die Ueberzeugung, dass Ihr Glück von ihm Entsagung fordert.
Glauben Sie mir, und wär' er auch dem Tode nahe, so würd' ich ihn doch lieber
sterben, als Sie in Ihrer Pflicht wanken sehn. Nein, meine Liebe! vergessen Sie
einen jungen Mann, den die Leidenschaft hingerissen hat, zu sprechen, wo er ewig
hätte schweigen sollen, und sehen Sie mit Mut in die Zukunft, die auch ohne ihn
Ihren Weg mit Blumen bestreuen wird. Dies Erwachen der ersten Gefühle, wie oft
betrügt es nicht die jungen, unerfahrnen Herzen, welche glauben, dass von ihm das
ganze Glück des Lebens abhängt, und dass es zertrümmert ist, wenn Verhältnisse
sich den ersten Wünschen entgegen stellen. Ach, Josephine, die erste Liebe macht
nur selten, fast möcht' ich sagen, nie glücklich; denn sie ist nur ein Rausch,
der die Sinne fesselt, die noch nicht wissen, was sie wollen. Und wenn er
verfliegt, - o was vermag dann die Leere auszufüllen, die wir überall empfinden?
Mit überspannten Erwartungen erreichen wir das Ziel unsrer Hoffnung, wenn es uns
erlaubt ist, uns ihm zu nähern, und fast immer sehn wir, dass die rosenfarbnen
Träume schwinden, eben wenn wir glauben, dass sie in schönere Wirklichkeit
übergehn sollen.
    Ach, seufzte Josephine, werd' ich nicht ewig mein Loos beweinen müssen, wenn
August nicht mein wird? Wie werd' ich einen Andern lieben können, wenn Er in
meiner Seele herrscht? -
    Achtung und Freundschaft sind Gefühle, versetzte Madam Wilmut, die die
Liebe ersetzen, und überleben. Sie werden glücklich sein, Josephine! wenn Ihr
künftiger Gemahl Ihnen beides einflösst, und auch er wird ein besseres Loos
haben, als wenn Sie ihn liebten, wie Sie vielleicht August lieben.
    Wie meinen Sie das? fragte Josephine verwundert.
    Leidenschaft, fuhr Madam Wilmut fort, nimmt uns die Gewalt über uns selbst,
durch die wir erst Glück und Freude in die geselligen Zirkel verbreiten können,
die uns umgeben. Sie stumpst den scharfen Blick ab, den ein freies Herz in die
Welt wirft, und wie können wir ohne diesen Blick sehen, was dem Gegenstand wohl
oder wehe tut, den wir beglücken wollen? - Ach, Josephine! unsere Bestimmung
ist ja, mit Selbstverläugnung die Seufzer der Sehnsucht zu ersticken, die unsre
Brust heben, und die Rosen, die auf unserer Laufbahn blühn, zu entblättern, um
sie auf die Wege Andrer zu streuen. Wollen Sie ihn nicht erfüllen, diesen
traurig-schönen Beruf der Entsagung? - Kann Sie das Bewusstsein nicht trösten,
dass Sie die Wünsche Ihrer Eltern auf Kosten der Ihrigen befolgt haben? -
    Josephinens Blicke netzten sich mit Tränen. Ja, rief sie endlich aus, Sie
haben Recht, meine teure, mütterliche Freundin! Ich will mich fügen in mein
Schicksal. Unterstützen Sie mich, wenn ich wanke. Ach, Madam Wilmut, wie
kommt's, dass ich, sonst so streng in meinen Meinungen gegen mich und Andre,
jetzt auf einmal so schwach bin? Ehmals glaubt' ich, ein innerliches Gefühl in
mir, auf das ich stolz war, würde gleichsam mechanisch meine Wahl bestimmen,
wenn ich mich für den rechten oder unrechten Weg entscheiden sollte. Und jetzt,
- der kindliche Gehorsam führt mich auf die Dornenbahn meiner Pflichten, aber
meine ganze Neigung widerstrebt.
    Madam Wilmut antwortete: Das liegt so in uns egoistischen Menschen. Unsere
Forderungen gegen Andre sind streng, aber uns scheinen sie leicht, weil wir uns
einbilden, dass wir in ähnlichen Fällen alles leisten könnten, was wir fordern.
Dieses allzugrosse Selbstvertrauen macht oft, dass unsre Vorsätze scheitern, und
dass wir dann in unsrer ganzen Schwäche gedemütigt da stehn. Wir sehen alsdann,
dass es leicht ist, zu wissen, was gut oder böse ist, aber schwerer das Gute
auszuüben, als es von Andern zu verlangen. Eine solche Bekanntschaft mit unserer
eignen Unvollkommenheit ist nicht unnütz, denn sie macht tolerant, und langsam
und bescheiden arbeitet man daran, stärker, fester und besser zu werden.
    Josephine war allein, und dachte nach über ihre Empfindungen. Madam Wilmut
hatte sie nicht überzeugt, dass sie glücklicher mit Wodmar durch Achtung und
Freundschaft, als mit August durch die innigste Liebe werden würde, denn wer
könnte die Leidenschaft überzeugen, die mit ihrer ganzen, ersten Allmacht sich
in einem siebzehnjährigen Busen regt, - aber sie hatte doch eine leise Hoffnung
in ihrem Herzen geweckt, dass es möglich sein könnte, und die dornenvolle
Zukunft, der sie entgegensah, mit einigen duftenden Rosen verschönert. Sie
überlegte sich alles noch einmal. Es dünkte ihr edel und gross, dem Manne, den
sie liebte, aus Gehorsam zu entsagen, und voll Duldung und Unterwerfung dem
ernsten Rufe ihres Schicksals zu folgen. Selbst die wehmutsvollen Träume, in
die ihre unglückliche Liebe sie wiegte, waren ihr süss, und nährten ihre
Festigkeit. Ach, dem menschlichen Herzen sind die Freuden weniger notwendig,
als der Schmerz - vielleicht weil es früher mit diesem als mit jenen bekannt
wird. - August stellte sich vor das Auge ihrer Fantasie mit seinem
tränenvollen, gutmütigen Gesicht, das der Kummer gebleicht hatte. Sie streckte
ihre Arme mit Rührung aus, das geliebte Schattenbild zu umfangen, das sich ihre
Einbildungskraft mit goldener Täuschung schuf, - aber sie zog sie wieder zurück,
denn die Konvenienz, der sie doch einmal geopfert war, stand drohend ihr zur
Seite. Diese zärtlichen Empfindungen, die sie ihrem unbekannten Bräutigam
opferte, erfüllten sie jetzt nach und nach nicht mit Unwillen, sondern mit einem
sanften Wohlwollen für ihn, das zart-fühlende Herzen immer für die Gegenstände
empfinden, für die sie viel taten, viel verloren, viel vergessen mussten.
    Es ist wahr, dachte sie, der Unterschied unsers Standes ist eine Kluft, die
mich entweder von August oder von meinen Eltern trennt. Und soll ich denen, die
mir das Leben gaben, nicht die Neigung meines Herzens als ein Zeichen meiner
Dankbarkeit zum Opfer bringen, um ihre Wünsche zu erfüllen, die mich gern gross
und glücklich sähen? - Zwar - kann die Natur es billigen, wenn man seinem Glück
entsagt? - Können Eltern die entscheidende Stimme verlangen, wenn es auf das
Wohl und Wehe ihres einzigen Kindes ankommt? und doch, doch! setzte sie ihr
Selbstgespräch fort, und gelobte sich feierlich, gehorsam zu sein. Der Gedanke,
unrecht und undankbar gehandelt zu haben, sagte sie zu sich selbst, würde
Wermut in den Wonnebecher der Liebe mischen, und ein ewignagender Wurm an
meinem Innern sein. Aber wenn ich nun allen meinen rosenfarbnen Hoffnungen auf
Lebensglück Lebewohl sage, und dem Mann meine Hand gebe, dem nie mein gebrochnes
Herz gehören wird, o da wird mein Bewusstsein Balsam in die Wunde träufeln, die
mir das grausame Verhängnis schlug.
    August kam, wie er es seiner Mutter versprochen hatte; Josephine flog ihm
entgegen. Sie reichte ihm die zitternde Hand, die er ergriff, und an seine
Lippen drückte. Madam Wilmut war in ängstlicher Erwartung Zeuge dieses
traurigen Augenblicks. Nehmen Sie mit diesem Händedruck, sagte Josephine ernst
und wehmutswoll, aber ruhig, nehmen Sie mit diesem Händedruck die Versicherung
meiner ewigen Freundschaft. August! ich darf Ihnen nichts als Freundin sein,
aber das will ich Ihnen bleiben, so lange diese Augen offen stehn, und so lange
diese Lippen Ihren Namen stammeln können. Ich habe gekämpft mit meinem Herzen,
und es ist nun ruhig. Sein Sie es auch, August! - Sollte ein Mann nicht mehr
vermögen, als das schwache Mädchen? - Sollte ich Ihnen mehr Stärke der Seele
zugetraut haben, als Sie wirklich besitzen? O, nein, nein Wilmut! ich habe mich
nicht in Ihnen geirrt, wenn ich, da ich Sie nicht lieben darf, von Ihnen
gleichen Mut erwartete, ein Schicksal zu tragen, das nun einmal unsre
Bestimmung ist. Nicht wahr, Sie tadeln mich nicht, dass ich eine folgsame Tochter
bin, obgleich mein Gehorsam mir und Ihnen so viel kostet? -
    August verhüllte sein tränendes Auge. Es gibt eine Zukunft, antwortete er,
in der keine Vorurteile mehr herrschen. Da werden wir uns wieder finden, das
weissagt mir meine Seele. Bis dahin ewige, ewige Freundschaft!
    Madam Wilmut umarmte eins nach dem andern. Seid fest, meine Kinder! sagte
sie, und beide versprachen es.
    Das alte Verhältnis war nun so ziemlich unter beiden wieder hergestellt, bis
auf jene holde Unbefangenheit, die ehemals die glückliche Unwissenheit ihrer
Gefühle begleitete, und die die schönste Würze ihres Umgangs war. August und
Josephine sahen sich täglich, und die Flamme ihrer Leidenschaft brannte noch
immer insgeheim fort, ob sie gleich öffentlich gedämpft zu sein schien. War
Madam Wilmut bei ihnen, so wachte jedes über seine Worte und Bewegungen, -
waren sie aber allein, so entschlüpfte Josephinen ein tiefer, lang
zurückgehaltner Seufzer, der seinen Wiederhall in Augusts Busen fand. Sie sahen
sich dann an, und ihre Blicke wurden feucht. August berührte mit wonnevollem
Beben ihre blonden, seidnen Locken, so oft es unbemerkt geschehen konnte, und
wenn ihn ihr Gewand bestreifte, so durchdrang ein süsser Schauer sein innerstes
Wesen. Josephine hing mit trüben Blicken an seiner angenehmen Gestalt, wenn er
nicht hinsah, - begegnete aber sein Auge dem ihrigen, so schlug sie es nieder,
und wurde rot, und oft schwamm es in einer stillen Träne, wenn sie es wieder
erhob. Ihre Lieblingsbeschäftigung wurde jetzt das Zeichnen. Ihm widmete sie den
grössten Teil ihrer Zeit, mit der sie sonst karg war. Da sass sie, und
betrachtete die Gemälde, die vor ihr lagen, mit flammenden Blicken, denn August
hatte sie entworfen, und die Liebe beseelte ihren Pinsel. Die einsamsten
Gegenden wählte sie sich, und sie dünkten ihr paradiesisch zu sein, wenn sie im
Geist sie mit August bewohnte. Diesen Träumen überliess sie sich so gern, sie
machten sie heiter, ob sie gleich mit der Unmöglichkeit einer Erfüllung gepaart
waren. Ihre glühende Fantasie zauberte den Himmel einer glücklichen Liebe um sie
her, von dem sie so weit entfernt war, und grub das Bild des Geliebten immer
tiefer in ihre Brust. Sie schwiegen beide, aber dies Schweigen war gefährlicher
wie der Erguss ihrer gepressten Herzen gewesen wäre, denn jede Klage, die
verstummen muss, jede Träne, die nur im Verborgnen fliessen darf, und jeder
Seufzer, der sich verstohlen mit den Lüften mischt, ist ein Dolchstich für das
kranke Gemüt, denn nur der Schmerz ist zu heilen, der sich mitteilen darf.
 
                                Neuntes Kapitel
Der Sommer nahte seinem Ende. An einem schönen Morgen im Anfang des September
sassen August und Josephine im Garten, - Josephine arbeitete still, und beide
sahen gedankenvoll vor sich nieder.
    Wie doch alles vorübergeht! sagte August, indem er auf ein Beet verblühter
Blumen wies, - vor wenig Tagen noch war's hier so bunt, und nun - - ach,
Josephine! wir haben sie nicht gepflückt, diese Blumen, weil wir ihnen eine
längere Dauer zutrauten, und die Natur bestrafte unser Zögern. Wann werden wir
lernen den Augenblick benutzen? Wenige Wochen vielleicht nur noch, und wir sind
auf immer geschieden. Wie mancher Tag, wie manche Stunde der Vergangenheit ist
vorüber geeilt, ohne dass ich Sie gesehn habe, und wer weiss, wie karg mir die vom
Schicksal zugemessen sind, in denen ich Sie noch sehen kann. Und doch ist die
Erinnerung an Sie, an Ihre Güte, an Ihr liebevolles Wesen, selbst an diese
unbenutzten Stunden, wo ich von Ihnen träumte, das einzige, was einen Strahl von
schwermütiger Freude in mein künftiges Leben weben wird. Wie will ich mir das
Andenken jener unwiederbringlichen Zeiten erneuern, in denen das Heiligtum
Ihrer Seele mir offen lag! - wie will ich mir alle jene köstlichen Augenblicke
zurückrufen, wenn die goldnen Tage des Beisammenseins wie ein schöner Traum
dahin geflohn sind, und mir nichts mehr bleibt, als ihr Bild und mein Schmerz!
    O, glauben Sie, Wilmut! versetzte Josephine mit feuchtem Auge, glauben Sie,
dass ich weniger als Sie an diese unvergesslichen Jahre zurückdenken werde? Aus
dieser Einsamkeit herausgerissen, in der mir so wohl war, in neuen
Verhältnissen, vor denen mir schaudert, in die geräuschvollen Freuden der grossen
Welt verflochten, denen ich ruhig in der Ferne zusah, ohne sie mir zu wünschen,
- glauben Sie nicht, dass ich höchst unglücklich sein, und mich immerdar sehnen
werde nach dem entschlüpften Labsal der Ruhe, die mir diese Stille gewährte.
Ach, Wilmut, ein Gefühl ohne Namen presst mir die Brust, wenn ich in die Zukunft
blicke. Hier unter dem schönen, blauen Himmel, der meinen Kampf sieht, geloben
Sie mir ewige Freundschaft. Nicht in der kalten, alltäglichen Bedeutung, in der
man sie gewöhnlich sich verspricht, - nein, im ganzen heiligen Sinne dieses
Worts, für dieses und jenes Leben. Vorurteile trennen uns für diese Welt, aber
nicht den ewigen Bund unsrer Seelen.
    August beugte sich herab auf ihre Hand, und eine sanftere, schönere
Empfindung, als alles vorhergegangene Verlangen seiner Liebe, füllte sein Herz.
Ja, Wilmut! fuhr Josephine fort, und ihr Auge glänzte heiter, als erblickt' es
Paradiese, ja Sie sollen immer mein erster, vertrautester Freund bleiben. In
Ihren Busen will ich meinen Kummer ausgiessen, - mit Ihnen will ich die Freuden
teilen, die ich sparsam auf meiner künftigen Laufbahn finden werde. Nehmen Sie
den Namen Bruder von mir an, da ich nicht Geliebter sagen darf. Als Ihre
Schwester ist es mir erlaubt, Ihnen alle die Liebe und Freundschaft zu
versichern, die ich für Sie empfunden habe. Als Ihre Schwester darf ich Ihnen
schreiben, was mich kränkt und freut, und wenn ich auch vor jedermann meinen
stillen Gram verhülle, so soll doch immer mein teurer Bruder den wahren Zustand
meines Gemüts erfahren, und mit mir trauern, dass gerade ich, ich mit diesem
Herzen voll warmer Liebe ein Opfer der Konvenienz geworden bin! -
    Sie sanken an einander in eine lange, sprachlose Umarmung. August zitterte
an ihrem Busen, aber Josephine umfasste ihn mit der ganzen Unschuld und Reinheit
des Verhältnisses, das sie sich erfunden hatte, ihre Wehmut zu lindern, ohne
strafbar zu sein. Die Ruhe und Ergebung eines Engels glänzte in dem milden
Blick, mit dem sie in Augusts flammende Augen sah.
    Madam Wilmut näherte sich ihnen langsam und verlegen. Jetzt gilts,
Josephine! sagte sie, jetzt ist die Stunde gekommen, die allen Ihren Mut, alle
Ihre Standhaftigkeit fordert. Ein reitender Bote hat diesen Brief an Sie
gebracht, und zugleich, - ihre Stimme fing an zu brechen, - die Nachricht, dass
wir uns trennen müssen. Josephine erkannte die Hand ihrer Mutter, und ward
bleich. - August stand unbeweglich wie ein Marmorbild.
    Als die erste Betäubung vorüber war, ermannte sich August, hob den Brief
auf, der Josephinens zitternden Händen entfallen war, und sagte mit ruhiger
Fassung: Lesen Sie, Josephine! Kann er etwas schlimmeres entalten, als was wir
schon wissen? - Vielleicht, und eine kleine Bitterkeit mischte sich
unwillkürlich in seinen Ton, - vielleicht den Tag Ihrer Hochzeit, - - aber uns
kann ja nichts mehr scheiden! Nein, Josephine! die Freundschaft, die unsre
Herzen verknüpft, ist ewig, wie die Zukunft, die uns hinter dem Grabe erwartet!
    Josephine erbrach mit Beben den furchtbaren Brief. Bei jeder Zeile, die sie
las, nahm der Schmerz zu, der ihr Innerstes folterte, und als sie geendigt
hatte, ward ihr Auge dunkel, das Blatt entfiel ihr, und August fing sie in einer
tiefen Ohnmacht in seine Arme auf.
    »Sobald Du diese Zeilen erhalten hast, lautete der mütterliche Brief, so
mache Dich zur Abreise fertig. Du wirst von den Händen Deiner Eltern den Gemahl
empfangen, den wir Dir bestimmt haben. Er verdient unsre Wahl. Schönheit, Geist,
Reichtum und hohe Geburt machen ihn zu einer der ersten Partien im Lande. Der
zwanzigste Oktober ist zu Deiner Vermählung bestimmt. Säume daher keinen
Augenblick, mit dem Wagen, der Dich abholen wird, sogleich die Stadt zu
verlassen.«
    
                                                            Gräfin von der Ecke.
    Josephine, liebes, teures Mädchen! rief August, das schöne Geschöpf an sein
Herz drückend, das aus Liebe zu ihm so bleich war, - komm wieder zu Dir, fasse
Mut, beruhige Dich! Josephine öffnete das matte Auge, und fand sich in den
Armen ihres Geliebten. Süss war ihr Erwachen, denn alles Vorhergegangne lag wie
ein schwerer Traum hinter ihr, - sie lächelte bewusstlos die bittere Erinnerung
an, die sie für ein Bild ihrer Fantasie hielt, und fühlte sich nur wieder
unglücklich, als der grausame Brief ihr bewies, dass die Dinge wirklich so waren.
Der kalte Schauder, der alle ihre Adern bei der Nähe ihrer Verbindung
durchdrang, hatte sie erst gelehrt, wie sehr sie August liebte. Als jener
fürchterliche Zeitraum noch in weiter Entfernung von ihr war, glaubte sie sich
stark genug, mit festem Sinn den Mann ihrer Liebe dem kindlichen Gehorsam
aufopfern zu können. Es schien ihr gross und erhaben, die Neigung ihres Herzens
ernstern Pflichten zu unterwerfen, und das Gefühl ihres Wertes und ihrer Gewalt
über sich selbst, regte sich stolz und schwärmerisch bei dieser grossen
Gelegenheit, wo es sich zeigen konnte. Aber da der Gedanke einer nahen, und
wahrscheinlich ewigen Trennung mit aller seiner Bitterkeit vor sie trat, -
jetzt, da sie mit jedem Tage sich fester an den liebenswürdigen Freund schloss,
und es tiefer fühlte, wie glücklich sie mit ihm sein könnte, - jetzt löschte die
stille Träne der Liebe das Fantom ihres Stolzes aus.
    Ist er denn wirklich für mich verloren? - sagte sie zu sich selbst, als sie
allein war. Hab' ich denn einen einzigen Versuch gemacht, das Glück meines
Lebens zu retten? - Ich will es wagen - ich will mich meiner Mutter entdecken,
ich will sie in das Herz blicken lassen, das nur Augusts Liebe erwiedern kann.
Welche Mutter könnte gleichgültig bei dem ewigen Wohl und Wehe ihres einzigen
Kindes sein, - welche Mutter könnte ihr einziges, flehendes Kind den
Vorurteilen opfern, vor denen es zurückbebt!
    Zwar mischten sich leise bittre Zweifel in ihre aufkeimende Hoffnung, aber
sie fasste Mut, und entschloss sich fest zu sein. Hab' ich nicht durch die
schmerzlichste Bemühung zu gehorchen, schon meine Pflichten erfüllt? fuhr sie in
ihrem Selbstgespräch fort, und ist nicht das Streben nach Glück zu natürlich in
der Brust des Menschen, als dass es Sünde sein könnte? - Die Welt wird freilich
einen Schritt tadeln, der nicht in ihre Konventionen passt, aber was ist das
Urteil der Welt gegen ein langes, trauriges Leben, hingeschleudert an einen
Mann, den ich nicht kenne, der mich nur aus Eigennutz wählt, weil mir das
Unglück Vermögen gab. - Und muss ich denn mit der Welt leben? finde ich nicht
alles, was sie mir entziehen kann, in dem engen aber schönen Kreise meines
stillen, häuslichen Glücks wieder? - - Ja, ich will mich mit frohem Sinn über
ihren Beifall und ihren Tadel erheben und hinwegsetzen. Augusts treue Liebe, ein
einsames, ländliches Leben, der Umgang seiner Mutter, die Einwilligung meiner
Eltern, - Gott, es wäre zu viel, zu viel der Wonne für ein Herz, das schon
anfing, das Hoffen zu verlernen!
    Josephine sah jetzt gefasster dem Abschied entgegen, da sie diese süssen
Bilder einer erträumten Zukunft nährte. Sie rief sich das Andenken ihrer Eltern
ins Gedächtnis zurück, welches, da sie ihr durch die lange Trennung ganz fremd
geworden waren, freilich ihre Hoffnungen nicht belebte, aber auch nicht
niederschlug. Das Wiedersehn nach so manchem fern verlebten Jahre, glaubte sie,
würde die Eisrinde schmelzen, mit der Stolz und höfische Eitelkeit ihre Herzen
überzogen hatte, und dieser Glaube war so wohltätig für sie, dass sie sich
hinwegwandte von allem, was ihn hätte vermindern können.
    Nicht so August. Ihm war, als risse sich mit Josephinen der bessere Teil
seines Ichs von ihm los. Als die Stunde des Scheidens schlug, breitete sich über
sein ganzes Gesicht eine tödtliche Blässe aus. Leise verhallte der Ton, aber in
seiner Seele klang er fort, wie die Sterbeglocke aller seiner Freuden. Josephine
hatte ihm ihren Vorsatz verschwiegen, um ihn durch diese grosse Probe ihrer Liebe
zu überraschen, wenn er ihr glückte. Ihr Auge hatte keine Träne, nur einen
Blick voll Seele, der Treue gelobte, und um Treue bat. Madam Wilmut umarmte sie
weinend, - Josephine dankte ihr mit stiller Rührung für alle ihre Liebe und
Güte. Wir sehn uns bald wieder, flüsterte sie zuversichtlich in den letzten
Abschiedskuss, und vielleicht fröhlicher! Drauf reichte sie August, der
unbeweglich und ganz versunken in seinem Schmerz da stand, mit einem süssen
Lächeln die Hand, aber bald mischte sich Wehmut in ihre Miene. Leben Sie wohl,
sagte sie mit leiser Stimme, und schnell wurde ihr Blick feucht, denn eine trübe
Ahndung durchflog ihr Innres, - leben Sie wohl, mein Freund, und erhalten Sie
mir ihr Andenken. Ich werde Ihnen schreiben, ich werde immer an Sie denken, ich
werde Sie niemals, niemals vergessen! Ein paar Tränen rollten ihre Wangen
herab, - sie eilte in den Wagen, und schnell flog er mit ihr und ihrem Kummer
dahin.
    Eine Kammerfrau ihrer Mutter sass neben ihr, und betrachtete sie mit
Teilnahme. Josephine war nicht aufgelegt zum Reden. Sie durchdachte stumm und
in sich gekehrt den Plan, den sie sich entworfen hatte, und sah ihn
wechselsweise in der Ebbe und Flut ihres Mutes bald gelungen, bald vernichtet.
    Sie scheinen traurig zu sein, gnädige Gräfin, nahm das Mädchen endlich das
Wort, und ich dächte, niemand hätte mehr Ursach zur Freude, als Sie. O, wenn Sie
wüssten, wie schön der junge Graf ist, wie herrlich das aussieht, wenn er in
seinem hohen Whisky mit den sechs muntern Schimmeln daher gefahren kommt, Sie
würden gewiss vergnügt sein.
    Glückliches Geschöpf, seufzte Josephine, das mich vielleicht um den lästigen
Glanz beneidet, den ich verachte! Ach, wie gern wollte ich Dir um Deine
unbefangene Lage den schönen Bräutigam mit allem seinem Schimmer überlassen, und
in der Mittelmässigkeit, die das Loos Deines Standes ist, zufrieden sein!
Hannchen schüttelte verwundert den Kopf, denn sie konnte die Gräfin nicht
begreifen. Josephine schwieg auch, und wurde immer düsterer, je näher sie dem
Ziel ihrer Reise kam. Endlich, als sie in einem Vorwerk ihres Vaters abstieg, um
da nach ihrer Mutter Vorschrift die Nacht zu bleiben, hoben sich ihr aus weiter,
blauer Ferne die Türme ihres Schlosses von einem waldigten Berggipfel entgegen,
und ein paar Tränen stiegen in ihr Auge, die der Gedanke erpresst hatte: Wie
wird sich Dein Schicksal entscheiden? -
 
                                Zehntes Kapitel
Am andern Morgen zögerte Josephine mit ihrer Abreise so lange als möglich.
Ungestört konnte sie hier sich ihren Träumen überlassen, und sie tat es mit
aller der schmerzlichen Wollust, die durch die tiefe Ruhe der Natur, durch ihren
blauen, klaren Himmel, an dem nicht ein einziges Wölkchen zu sehn ist, und durch
die reine, kühle, vom Sonnenstrahl gemilderte Luft den Anfang des Septembers so
reizend macht; - Josephine ging hinaus ins Freie, ganz versunken in ihr
Nachdenken, die Unruhe der Ungewissheit, und die Wehmut ihrer Zweifel. Auf
einmal hörte sie hinter sich ein Geräusch, wie den Tritt eines Mannes. Sie sah
sich um, ahndend hob sich ihr Busen, eine hohe Röte stieg in ihre Wangen, und
mit einer Verwirrung, die ihr keine Worte liess, erwiederte sie den Gruss des
Unbekannten, der sich ihr mit einem freimütigen Anstand als den Grafen Wodmar,
ihren Bräutigam, darstellte.
    Einige Minuten standen sie sprachlos einander gegenüber, Wodmar
beobachtender als Josephine, die mit lächelnden Lippen gegen die Trauer ihres
Auges zu streiten suchte, um dem Mann, der sie mit glühenden Blicken
betrachtete, die Träne zu verbergen, die es trüben wollte. Aber vergebens, sie
kam aus einem vollen Herzen, das zu wund war, um mit Fassung diese Ueberraschung
zu ertragen, und ehe sie es verhindern konnte, rollten sie über ihre brennende
Wange. Lange sah sie der Graf ernst, fest und stumm an, endlich ergriff er
bewegt ihre Hand, und führte sie an seine Lippen.
    Diese schönen Augen sollen nie wieder weinen, sagte er, wenn es von mir
abhängt, jede Ursach des Kummers von Ihnen zu entfernen.
    Unsre Familien haben über uns entschieden, - - versetzte Josephine leise mit
bebendem Ton, ohne ihn anzusehn. Möchte Ihre Verbindung mit mir keine
glücklichere stören!
    Wodmar dachte an Marien, und konnte einen Seufzer nicht unterdrücken, den
der Rückblick in eine schöne, aber kurze Vergangenheit forderte. Aber er wusste
seinem innerlichen Schmerze eine heitre Aussenseite zu geben, und versicherte
Josephinen mit aller Beredsamkeit, die er besass, dass der Ruf ihrer
Liebenswürdigkeit, und das Ideal ihrer Anmut, das er sich geträumt, und nun
realisirt gefunden hätte, bisher einzig sein Herz beschäftiget hätte. Josephine,
in deren edlen Seele das Verlangen lag, immer mehr zu geben, als sie empfing,
wurde rot und beschämt, als sie fühlte, dass sie niemals diese Zärtlichkeit
würde belohnen können, die der Graf äusserte. Sie fand ihn schöner und
angenehmer, als das Bild, das ihr ihre Einbildungskraft von ihm entworfen hatte.
Der Unmut der gestörten Liebe, mit dem sie immer ehmals an ihn dachte, und
Augusts ihm gefährliche Nähe, hatten ihm in ihrer Fantasie eine finstre
unfreundliche Gestalt gegeben, von der sie keine Spur an seinem wirklichen
Selbst fand. -
    Aber nichts desto weniger war ihr Vorsatz fest, dem Mann, dem, ohne dass er
diese glänzenden, äussern Vorzüge wie Wodmar besass, dennoch alle die heiligen
Gefühle ihrer ersten Liebe gehuldigt hatten, treu zu bleiben. Sie nahm sich vor,
zuerst mit ihrer Mutter von der Lage ihres Herzens, und dann mit Wodmar selbst
zu reden. Sie traute ihm Edelmut genug zu, ihr freiwillig zu entsagen.
    Sie reisten ab. Er war ihr in dem schönen Whisky entgegen gekommen, der auf
Hannchen einen so tiefen Eindruck gemacht hatte, und Josephine nahm ohne eine
Weigerung den Platz an seiner Seite ein, indes Hannchen ihnen in dem andern
Wagen folgte. Welch' ein schönes Paar! murmelte die Menge, die sich versammelt
hatte, Braut und Bräutigam zu sehen. Beide zeigten in der Art, wie sie diesen
unparteiischen Lobspruch aufnahmen, die Verschiedenheit ihrer Denkungsart.
Josephine zog bescheiden den Schleier über ihr lieblich errötetes Angesicht,
nachdem sie freundlich dem Gruss gedankt hatte, der von allen Seiten ihr winkte.
Sie verbarg sich lieber, als dass sie schimmerte. Der Graf hingegen liess stolz
und zufrieden sein triumphirendes Auge umhergehn, ergriff selber die Zügel der
Pferde, und lenkte sie stehend, um durch die ganze Anmut seiner schönen Figur
noch mehr um die Bewunderung zu buhlen, die ihm so süss war. Endlich, als sich
nach und nach die Gaffenden verloren, setzte er sich wieder nieder zu seiner
Braut, die, als sie sich unbemerkt sah, den Flor von ihrem Gesicht entfernte,
der ihr neidisch den schönen Tag verbarg.
    Sie sprachen wenig mit einander, aber sie dachten viel. Josephine ging im
Geist in die Rosenauen der vergangnen Zeiten zurück, und hing mit stillem Gram
an den Bildern ihrer süssesten Wünsche. Wodmar verglich sie mit Marien, ohne die
Träumereien zu stören, denen sie nachhing. Sie waren beide schön, Josephine
stolzer, Marie rührender in ihrer Bildung. Die innige, hingebende Zärtlichkeit,
die diese Letztere für ihn empfunden hatte, malte mit doppelt reizenden Farben
ihr trauriges Bild in seine Seele, und die Sehnsucht nach ihrem Wiedersehn und
ihrem Besitz wachte mit aller der Leidenschaft seines Wesens in ihm auf. Ein
tiefer Seufzer machte seiner Brust Luft, von der süssen Qual seiner Erinnerung
und seiner Wünsche beklemmt; - Josephine sah ihn schüchtern an, sie hatte nicht
den Mut, ihn um dessen Ursach zu fragen, noch wenige ahndete sie sie. Wodmar,
dem es wie einem Mann von Welt nicht an der Gewandteit fehlte, jeden Umstand zu
seinem Vorteil zu nutzen, liess ihr in Anspielungen merken, die ihre Feinheit
verstand, dass sie selbst der Gegenstand seiner Seufzer sei. Die Sonne loderte
eben im Abendrot hinter dem waldigten Gipfel der westlichen Anhöhe, als sie
ankamen. Noch spiegelte sich die sterbende Glut in den grossen Bogenfenstern,
die wie brennende Spiegel aussahen, und eine sanfte Rührung ergriff Josephinen
beim Anblick der stolzen Gebäude, die im milden Abendlicht vor ihr lagen. Eine
grosse Anzahl von Bedienten empfing sie mit einer so schüchternen Ehrfurcht, dass
sie daraus sehr leicht auf die Art ihrer Eltern, mit ihnen umzugehn, schliessen
konnte. Wodmar leitete ihre wankenden Schritte zu einem Saal, wo die ganze
Familie beisammen war.
    Josephine, erschüttert und zärtlich bewegt durch den Anblick ihrer Eltern,
die sie liebte und ehrte, denn ihre Grundsätze waren edel, und zogen sie mit
einer geheimen, unwiderstehlichen Macht zu denen hin, die ihr das Leben gaben, -
Josephine sank auf ihre Kniee in frommer, kindlicher Regung nieder, und benetzte
die Hand ihrer Mutter, die ihr entgegen kam, mit den bittersüssen Tränen des
Wiedersehns.
    Die Versammlung war gross, und beobachtete ein feierliches Schweigen, nicht
gemacht, Josephinens schüchterne Schwermut zu zerstreuen. Besonders fremd und
traurig waren ihr die finstern Blicke ihres Vaters, mit denen er von Zeit zu
Zeit ihre ganze Gestalt und ihr Benehmen musterte. Sie befolgte daher gern
seinen Befehl, sich umzukleiden, weil ihr der Zwang, in dem sie sich befand,
peinlich wurde. Als sie die Zimmer betrat, die sie bewohnen sollte, war ihr
erster Gang zu den Fenstern, von denen sie eine herrliche Aussicht in die
weiten, tiefen Täler hatte, die das Felsenschloss umgaben. Sie sah mit einer
unbeschreiblichen Empfindung den Weg zurück, den sie gekommen war, der sich in
der Ferne in einer dunkeln Krümmung verlor. Die Tränen waren ihr so nahe, die
Brust so beklemmt, all' ihr Mut mit der Sonne gesunken, die ihre letzten
bebenden Strahlen, und lange Schatten auf die Fluren warf. Auf einmal rauschten
die Flügeltüren auf, und - ihre Mutter trat herein.
    Verzeih, meine Tochter, sagte sie, dass ich Dich überrasche, aber Du wirst
aus meinem Besuch sehn, dass ich es gut mit Dir meine. Dein Vater ist nicht ganz
zufrieden mit Deiner Art, Dich vorzustellen, und ich muss selbst gestehn, dass
Dein Niederknieen und Deine Tränen etwas sehr Romaneskes hatten. Indessen muss
man dies der bürgerlichen Erziehung zurechnen, die Du gehabt hast, und deren
Rost sich bald in besseren Gesellschaften abreibt. Um nun den Eindruck wieder
auszulöschen, den dies auf meinen Gemahl zu Deinem Nachteil gemacht hat, will
ich Dir Verhaltungsregeln geben, wo Du Dich noch nicht zu betragen weisst. Fürs
erste kleide Dich so elegant an, wie möglich, und bediene Dich dieses Schmuckes,
den Dir Wodmar bestimmt. - Sie reichte ihr ein Kästchen, das Josephine
erschrocken auf den Tisch setzte.
    Die Gräfin von der Ecke war einnehmend, wenn sie wollte. Sie hatte mehr
Sanfteit in ihrem Gesicht, als in ihrem Herzen, mehr Verstand in ihren Augen,
als in ihrem Kopf, und wusste besser Vertrauen einzuflössen, als es zu verdienen.
Die mütterliche Güte ihres Tons zog Josephinen zu ihr hin. Jetzt, dachte sie,
ist vielleicht der einzige Moment, wo ich wagen darf, für das Glück meines
Lebens zu reden. Und sie tat es mit klopfendem Herzen.
    O, meine Mutter, sagte sie mit bittender Stimme, wenn ich mich anders
benommen habe, als ich sollte, so verzeihen Sie meiner Unerfahrenheit in den
Sitten und Gebräuchen der grossen Welt, verzeihen Sie dem Schmerz, der mich zu
Boden drückte, und der mir die Ruhe meines ganzen Lebens kosten wird, wenn Sie
mir, gütigste Mutter, Ihren Beistand versagen. Verwundert sah sie die Gräfin an.
Was kannst Du für einen Schmerz haben, da alle Umstände sich vereinigen, Dich
glücklich zu machen? Josephine sank in ihre Umarmung, und drückte sich fest an
die Brust, von der sie Teilnahme erwartete. Ach, rief sie aus, kann all' der
Glanz, den Sie mir bereiten, aller Überfluss, dem ich entgegen sehe, mich über
den Kummer einer hoffnungslosen Liebe trösten?
    Die Gräfin wand sich aus Josephinens Armen, die sie umschlangen, trat einen
Schritt zurück, und sah sie starr und unbeweglich an. Das liebe Mädchen war in
heftiger Wallung. - Ja, fuhr sie mit dem Feuer der Verzweiflung fort, die alles
wagt, weil sie nur wagen oder verlieren kann, ja ich liebe, - liebe einen Mann,
dessen Adel der Seele mir das Wörtchen von zehnfach ersetzt, das seinem Namen
fehlt. Sprachlos fiel die Gräfin in einen Stuhl, und Josephine - sagte ihr
alles.
    Elende, Verworfne! - waren die ersten Worte, die die alte Gräfin zu stammeln
vermochte, und Du hast den Mut, den Wunsch einer Mesallianze zu nähren, und ihn
sogar, - was alle menschliche Vorstellung übertrifft, - zu äussern? Schande
Deiner Familie, die sich so viel von Dir versprach! - Sie würde noch ein
Weilchen in diesem Ton fortgefahren haben, wenn nicht ein Bedienter den jungen
Grafen gemeldet hätte, der in eben diesem Augenblicke herein trat. Sogleich
verdrängte eine Meeresstille in ihrem Gesicht alle Spuren des vorigen Sturms, -
lächelnd stand sie auf und wandte sich zu Wodmar, der mit Blicken voll Sorgfalt
und Liebe an seiner Braut hing, die blass und leblos mit weit offnem Auge auf
eine Stelle sah. Wir wollen Josephinen jetzt Zeit zu ihrem Anzug lassen, lieber
Graf! sagte sie. Meine Tochter, ich habe vergessen, Dir zu sagen, dass noch heute
Abend Deine Verlobung ist. - Josephine ist Ihnen sehr verbunden für die schönen
Juwelen, setzte sie hinzu, indem sie seinen Arm ergriff und mit ihm das Zimmer
verliess. Die arme Josephine! - Dahin war ihre letzte, einzige Hoffnung, dahin
die Träume einer beneidenswerten Zukunft, mit denen sie oft ihren Gram zur Ruhe
gewiegt hatte. Sie warf sich auf ein Sopha und überliess sich dem Schmerz ihrer
getäuschten Erwartung, der milder wurde, als er sich in Tränen ergoss.
    Hannchen trat herein, sie anzukleiden. Sie hatte vor Begierde, die schönen
Diamanten zu sehn, kaum die Zeit erwarten können, wenn sich die Gräfin entfernen
würde. Mit einem gutmütigen Neid betrachtete sie die blitzenden Steine, und ihr
eitler Sinn konnte nicht begreifen, wie es möglich war, einen solchen Schmuck zu
haben, und dabei zu weinen.
 
                                Eilftes Kapitel
Josephine war für heute unfähig, den Befehl ihrer Mutter zu befolgen. Zwar zog
sie sich, Dank sei Hannchens emsiger Bemühung, - aufmerksam genug an, zwar band
sie sogar mit zitternden Händen das reichgefasste Bild des Grafen an einer Schnur
von Brillanten um den Hals, aber kaum war der bräutliche Anzug vollendet, als
sie in eine dumpfe Bewusstlosigkeit versank, die sich mit einem Fieber endigte.
    Hannchen benachrichtigte die Familie von diesem Unfall, der jedermann
überraschte, ausgenommen die Gräfin. Wodmar, in dessen Herzen ihre Anmut, wenn
auch nicht Liebe, doch einen innigen Anteil entflammt hatte, eilte, sie zu
sehen. Bleich wie eine Lilie, lag sie da, und aus ihrem geschlossnen Auge drangen
schönere Perlen, als er ihr gegeben hatte. Die Gräfin befahl, sie zu Bette zu
bringen und einen Arzt zu holen, und man begab sich wieder weg. -
    Einige Tage lag Josephine ohne Besinnung: endlich, als sie wieder zu sich
selbst kam, und als ihre Seele wieder ruhig genug wurde, an vergangene Dinge zu
denken, reifte ein Entschluss, in ihr, ihrer würdig, - der schöne Entschluss die
rosenfarbnen Bilder ihrer Liebe dem Willen des Schicksals zu opfern. Sie fing
langsam an zu genesen; - mit stummer Geduld ertrug sie die Vorwürfe ihrer
Mutter, und versprach zu gehorchen. Sie bemühte sich sogar, ihre ehemaligen
Wünsche zu vergessen, aber das war unmöglich. Wie das immergrünende Epheu sich
um öde Mauern windet, so schlangen sich holde Erinnerungen um die versinkenden
Trümmer ihrer Freuden.
    Wodmar sah ihren innern Kampf. Ihr ganzes Wesen war Huld und Güte, und das
Bemühen, ihm die ausgezeichnetste Achtung zu bezeigen, - aber Liebe war es
nicht, wie er sie an Mariens Herzen empfunden hatte, so glühend, so einzig, so
entgegen kommend allen seinen Gefühlen. Sein Stolz war beleidigt, denn das
pflichtmässige, stille Wohlwollen, mit dem ihm Josephine begegnete, gnügte seiner
Eitelkeit nicht, die Liebe verlangte, auch wenn er selbst kalt blieb. Wie anders
war doch Marie! seufzte er oft im Stillen, wenn seine unzufriedne Seele die
Sehnsucht, geliebt zu werden, füllte. Alle ihre Reize, selbst ihre hartnäckige
Weigerung, auf eine unrechtmässige Weise sein zu sein, stellten sich seiner
Einbildungskraft wieder dar, und erhöhten die Begierde, sie zu besitzen. Aber
ach, nur vergebens! Mariens Tugend war unerschütterlich, und wenn auch seine
nahe Verbindung mit Josephinen nicht gewesen wäre, so vernichtete doch ihre
niedre Herkunft, trotz der Allmacht, mit der ihn ihre Liebenswürdigkeit anzog,
jeden Anspruch auf seine Hand.
    Der Zeitpunkt seiner Vermählung rückte immer näher. Josephine sah diesem
feierlichen Tag mit einem stummen Gram entgegen, den sie nur in der Stille
entüllte. Gegen ihren Bräutigam war sie sanft und duldend, - keine Klage
erleichterte ihr Herz, und still, wie die Ergebung, mit verschlossenen Lippen,
die sich zu lächeln bemühten, trug sie ihren Schmerz, und nur ungesehen liess ihr
volles Auge seine bittre, einsame Träne auf den Boden fallen.
    Erst wenig Tage vor dem gefürchteten zwanzigsten Oktober hatte sie Kraft
genug, ihrem August die Entscheidung ihres Schicksals und ihren gescheiterten
Vorsatz zu schreiben. Sie tat es mit zerrissenem Herzen.
    »Auch den letzten lichten Strahl von Hoffnung, schrieb sie ihm, der noch
beim Abschied heimlich die düstere Nacht meines Innern erleuchtete, ist nun
verschwunden. Ich muss den Mann heiraten, den mir meine Eltern bestimmt haben,
und ich will suchen, ihn glücklich zu machen. O, Wilmut, glauben Sie nicht, dass
es mir so leicht wird, Ihnen auf ewig zu entsagen, aber ich bemühe mich, die
Gedanken zu verbannen, die wider mein Schicksal murren. Die Ansprüche, die mir
die Erfüllung meiner Pflichten auf ein besseres Leben gibt, wo ich laut
gestehen darf, was ich empfand, diese sind's allein, die mich zu trösten
vermögen über ihren unersetzlichen Verlust.
    Leben Sie wohl, teurer Freund meiner schönsten, glücklichsten Jahre! Nehmen
Sie den Dank Ihrer fernen Josephine noch einmal für alle Ihre Liebe und Treue.
Ach, wenn ich sie Ihnen auch nicht lohnen konnte, so hätte sie doch kein Herz
tiefer empfunden, als das meinige, keines. Ihren Wert inniger erkannt. Nur nach
Jahren erst schreib' ich Ihnen wieder. Dann wird vielleicht, und Gott erhöre
mein Gebet, das darum fleht, dann wird vielleicht nicht mehr Leidenschaft meine
Feder führen, dann werden die Wünsche, die meine Seele nährt, sich selbst
aufgezehrt haben, da das Schicksal sie niemals stillen wird, und meine heisse
Liebe wird geworden sein, was sie werden muss: innige Freundschaft, an der unser
ehemaliges Verhältnis keinen Teil mehr hat. Die Zeit wird Ihr Andenken in mir
nicht verlöschen, nur mildern, und auch in der kältern Sprache der Freundschaft
noch werden sich unsre Seelen verstehn.« - - -
    Endlich erschien der zwanzigste Oktober, und mit dem sinkenden Laub sanken
auch die Tränen ihrer Entsagung. Wodmar bemerkte den Kummer, den sie verhehlen
wollte, der aber nur zu deutlich aus ihrem verlöschten Auge und ihrer bleichen
Wange sprach. Fehlt Ihnen etwas, Josephine? frug er mit zürnendem Befremden, als
er sie zu der feierlichen Ceremonie abholen wollte, die auf sie wartete, um ihre
Hände zu vereinigen, und er sie blass, bebend und in Tränen fand. Diese
sonderbare Traurigkeit, der Sie Sich überlassen, ist zu gross und anhaltend, als
dass sie aus den Regungen Ihrer Sittsamkeit entstehen sollte, wie mich Ihre
Mutter überreden will. Haben Sie vielleicht Vorstellungen vom Ehestande, die
Ihnen Schrecken machen, so sein Sie ruhig. Ich werde alles tun, was in meinen
Kräften steht, Ihnen ein frohes, glückliches Loos zu bereiten. Oder, fuhr er mit
ernsteren, forschendern Blicken fort, sollten Sie nur mir, gerade mir, ungern
diese Hand geben, da vielleicht ein Andrer Ihr Herz besitzt? Hab' ich
vielleicht, ohne es zu wissen, Hoffnungen vernichtet, die einen andern
Gegenstand hatten, als mich? O, Josephine, Ihr einsames Grämen ist mir nicht
entgangen, ob es Ihnen gleich so schien. Reden Sie, was ist seine Ursach? -
    Josephine warf sich zum erstenmal in ihrem Leben in seine Arme mit einer
Heftigkeit, die ihr der aufgeregte Schmerz lieh. Wodmar! rief sie aus, schonen
Sie mit Güte und Nachsicht die Schwächen meines nicht ganz glücklichen Herzens.
Ich fühle, dass ich Ihnen eigentlich mehr sein sollte als ich bin, und es macht
mich traurig, dass ich es noch nicht kann. Aber haben Sie Geduld, mein Freund, -
wenn ich auch nicht mit dem Feuer der Leidenschaft, das wohl ohnedem bald
verraucht, an Ihnen hänge, so soll mir doch stets meine Schuldigkeit heilig und
kein Opfer zu teuer sein, wenn es Ihr Glück erkauft.
    Den Graf befriedigte diese Erklärung nicht, im Gegenteil beleidigte sie
seinen Stolz, da er in ihr nur das verschleierte Geständnis ihrer Liebe zu einem
Andern sah. Aber sie war so schön mitten in ihrem Kummer, dass er mit einem
grausamen Vergnügen sie lange betrachtete. Er sah an ihr nur die Anmut, nicht
die Bitterkeit ihrer Tränen, - nicht die Seufzer ihres Schmerzes, nur den
schwellenden Busen, den sie hoben; und so sehr er auch Willens war, ihr seine
gereizte Empfindlichkeit unverhüllt zu zeigen, so konnte er doch ihrer
Schönheit, die ihre Fürsprecherin war, nicht widerstehn, und eine glühende
Umarmung war seine einzige Antwort.
    Ruhiger folgte ihm nun Josephine in den von hundert Kerzen erleuchteten
Hochzeitssaal, und in den bebenden Ton, mit dem sie das feierliche Ja aussprach,
goss sie die ganze Sanftmut ihres Herzens. Wir sind nun verbunden, Josephine!
sagte ihr Gemahl, als sie allein waren, aber um beide glücklich zu sein, wollen
wir die Uebereinkunft treffen, einander wechselsweise nicht in unsrer Freiheit
zu beschränken. Sie sind ganz Meisterin Ihrer Zeit und Ihres Willens, und Ihr
feines Gefuhl ist mir Bürge, dass Sie, auch wenn Sie Sich ganz selbst überlassen
sind, nichts trotz Ihrer Jugend unternehmen werden, was meiner Liebe und meines
Namens unwert wäre, und den zarten Ruf beflecken könnte, den Sie zu erhalten,
Sich und mir schuldig sind. Die grosse Welt spottet über eine zärtliche Ehe, und
ich muss gestehn, ich bin zu stolz, als dass ich verliebt in meine Frau scheinen
möchte; - wenn ich also in Gesellschaften Ihre Liebenswürdigkeit weniger zu
fühlen, und diesen schönen Augen, die ich zu Hause mit so vielem Vergnügen
aufsuche, weniger zu begegnen scheine, als ich sollte, so geben Sie nicht mir,
sondern dem grossen Ton, in den man einstimmen muss, die Schuld dieser scheinbaren
Vernachlässigung, und sein Sie versichert, dass ich demohngeachtet das Glück
lebhaft empfinde, Sie zu besitzen. Ich möchte, wenn ich wählen sollte, der Welt
lieber verächtlich als lächerrlich sein, und unterwerfe mich deswegen willig
diesem Zwang, um dies letztere zu vermeiden. - Josephine hörte ihm ernstaft zu,
ohne zu antworten. Seine Grundsätze empörten ihr Herz, und füllten es mit Kälte
für ihn, die sich ihrem Benehmen gegen ihn mitteilte. Wenig Tage nach ihrer
Verheiratung führte sie der Graf auf seine Güter, um sie ihr zu zeigen, ehe sie
die Stadt bezögen, der seine Brust sehnlich entgegen klopfte, weil sie der
Wohnort seiner unvergesslichen Marie war. Josephine, an ein einsames Leben
gewöhnt und nicht gestimmt, Teil an den Freuden der Stadt zu nehmen, äusserte
den Wunsch, den Winter auf dem Lande zuzubringen, und Wodmar willigte gern ein,
da die Verschiedenheit ihrer Gesinnungen immer eine Scheidewand zwischen beiden
war, die sie nicht zu übersteigen vermochten, und da die, oft mit etwas Stolz
und Strenge verknüpfte Moralität ihres Wesens ihn eben so sehr von ihr
zurückscheuchte, als ihre Schönheit ihn anzog. Aber werden Sie nicht Langeweile
haben, den ganzen langen Winter hindurch? frug er Josephinen. - O nein,
versetzte diese, - denn Beschäftigung wird meine Gesellschaft sein.
    Noch einen Monat hielt es der Graf in der ländlichen Abgeschiedenheit aus,
die ihm anfing herzlich zur Last zu werden. Die Jagd war sein einziges
Vergnügen, und er hing ihr mit Leidenschaft nach, aber sie konnte doch nicht
ganz die Wünsche seines Herzens stillen, die nach süsseren Freuden strebten.
Marie war und blieb der Inbegriff seiner schmerzlichsten Sehnsucht. Er suchte
alles hervor, um die Gedanken zu entfernen, die ihn immer auf ihr Andenken
leiteten; - er versammelte eine Menge junger Wüstlinge um sich her, und bemühte
sich durch die lärmende Fröhlichkeit, die unter ihnen herrschte, die Seufzer
seiner Liebe zu ersticken: aber das Denkmal, das verschwundne Freuden
zurücklassen, ist nicht zu verlöschen. Er suchte es zu verbannen, wenn er sich
mit seinen Freunden der zügellosesten Laune überliess, und wirklich floh vor
ihrer stürmischen Munterkeit das Bild seines süssen, ehemalichen Glücks, und
seiner Marie. Aber ein Augenblick der Einsamkeit gab seiner Erinnerung ihre
ganze Kraft wieder, die die Zerstreuung geschwächt hatte, und er fühlte sich
missvergnügter als jemals.
    Eine Menge Entwürfe beschäftigten nun seine Seele. Ueberall stand ihm
Mariens Festigkeit im Wege, aber er liess doch den Mut nicht sinken, denn er
rechnete auf die Ueberreste ihrer Liebe, und auf - Betrug.
 
                                Zwölftes Kapitel
Endlich erschien der Augenblick, wo er dem Landleben und seiner Frau Lebewohl
sagte; er tat es mit heiterm Sinn, und auch Josephine sah ihn ohne Kummer
abreisen. Seine Gegenwart legte ihrer Schwermut Fesseln an, denn sie hielt es
für ihre Pflicht, ihm zu verbergen, dass ein andres Bild als das seinige mit
Flammenzügen in ihre Seele gegraben war. Nie soll er fühlen, gelobte sie sich in
der Stunde der Vermählung, dass ich einen Andern liebe. Alle Folgen dieser
unglücklichen Leidenschaft sollen mich allein treffen, und verschwiegen und ohne
Klagen will ich leiden, bis mein Herz bricht oder ihn vergisst!
    Der Graf kam glücklich in der Stadt an, und all' sein Blut geriet in
Wallung, als sein Wagen an Mariens Hause dahin rollte. Vergebens sah er an alle
Fenster: - ohne sie zu erblicken, fuhr er vorüber. Die trauliche Dämmerung
empfing ihn, als er in seine Wohnung trat, und begünstigte die Erinnerung der
Vergangenheit. Er fand Mariens Briefe, die er zurückgelassen hatte, weil es
einst sein ernstliches Bemühen war, sie zu vergessen. Wie lebhaft trat nicht,
als er sie jetzt wieder las, das Andenken jener glühenden Stunden vor seine
feurige Einbildungskraft, und mahnte ihn an die unbeschreibliche Seligkeit, die
er in ihren Armen genossen. Es war ihm unmöglich, seinen ersten Versuch, sie zu
sehn, bis auf den morgenden Tag aufzuschieben. Er hüllte sich in einen Mantel,
und trat nicht ohne heftige Bewegung den Gang zu ihrem Hause an.
    Es war verschlossen, er zog die Klingel, man öffnete. Eine unbekannte Person
kam ihm mit einem Lichte entgegen und frug nach seinem Begehren. Er erkundigte
sich nach dem alten Müller. Mein Gott, wissen Sie denn nicht, dass er nun schon
beinah vier Monate todt ist? - Wodmar trat erstaunt zurück. Und seine Tochter? -
Hat dies Haus verkauft, und wohnt bei einer Muhme in der andern Vorstadt. -
Bestürzt verliess er die geliebte Schwelle und ging zurück.
    Am andern Tage fand er ohne Mühe Mariens neue Wohnung. Ungestüm pochte sein
Herz, als er sich ihr näherte. Mariens Muhme war eine Stickerin; dies gab ihm
den Mut, geradezu zu gehn, denn Mariens edles Zürnen versprach ihm fürs erste
nicht den besten Empfang. Er fragte nach Frau Köhler, und man machte ihm die
Tür eines kleinen aber reinlichen Zimmers auf, in welchem Tante und Nichte
arbeiteten. Mit einem unbeschreiblichen Aufruhr aller seiner Empfindungen trat
er hinein. Die tiefe Trauer, nicht allein in Mariens Kleidung, sondern auch in
ihrem Wesen, lieh ihrer Schönheit einen neuen, doppelten Reiz, und gab ihr etwas
unendlich Rührendes. Den Glanz, den ihre schönen Augen durch Tränen verloren
hatten, ersetzte eine sanfte Melancholie, die ihre ernsten Blicke bewohnte. -
Als sie aufsah und ihn erkannte, ward sie bleich, dann wieder glühend rot, und
die Nadel fiel aus ihrer zitternden Hand. Wodmar näherte sich schüchtern, grüsste
beide mit einem Anstrich von Scham, Verwirrung und Reue, der ihn, wie er wohl
wusste, nicht verstellte, und bat die Alte, ihm die Muster ihrer Stickereien zu
zeigen, weil er einige Bestellungen machen wollte. Sie ging und Wodmar und Marie
blieben allein.
    Sie fühlte tief die Gefahr dieses Augenblicks, stand auf und wollte sich
entfernen. In ihrer Haltung lag ein Adel, eine Würde, die den Grafen noch mehr
entflammte, dessen Innres alle Begierden mit dreifacher Macht durchschauerten,
die das reizende Mädchen jemals in ihm erweckt hatte. Er hielt sie auf. Marie!
rief er mit einer Stimme, deren liebe-atmender Ton zart, aber innig die
leise-tönendsten Saiten ihrer Empfindung berührte, Marie! willst Du kein Wort zu
meiner Verteidigung hören? - kein Wort von Versöhnung? - Sie wandte sich weg
und verhüllte ihr weinendes Angesicht. - O, Marie! fuhr er fort, indem er vor
ihr niederkniete, und sie ohngeachtet ihres Widerstrebens umfasste, kannst Du dem
Mann verzeihen, der Deine engelreine Tugend so bitter beleidigte? - Kannst Du
ihm vergeben, wenn er reuig zu Dir zurückkehrt, und wieder gut machen will, was
sein Leichtsinn verdarb? - Sieh', ich wollte Deinem Bilde entfliehn, aber es
folgte mir, wie das Andenken Deiner ehemaligen Liebe! Umsonst sucht' ich Dich zu
vergessen, - alle wonnevollen Stunden vorüber geflohner Zeiten, alle Freuden,
die ich an Deinem Busen genossen, alle noch schönern Träume der Zukunft, deren
Erfüllung ich hoffte, vereinigten sich, mir mein Leben ohne Dich zur Qual zu
machen. Und Du solltest mich verstossen, Marie! da nur Deine Hand mich wieder auf
die rechte Bahn zu leiten vermag? Du solltest Dein Herz, das mich ehedem so
zärtlich liebte, jetzt auf ewig für mich verschlossen haben, jetzt, da ich es
erst verdiene? -
    Marie richtete sich auf und sah ihm mit einem Blick ins Auge, in dem ein
Himmel voll Selbstgefühl lag. Warum, sagte sie ernst und ruhig, warum erinnern
Sie mich an Zeiten, deren ich nur noch wie eines Traumes gedenke? Warum
unterbrechen Sie durch Ihren Anblick den Frieden meiner Einsamkeit aufs neue? -
-
    Um, rief der Graf vor Freude zitternd, als er die Milde sah, mit der sie zu
ihm sprach, um Dir, Geliebte meines Herzens, die grösste Probe von der Wahrheit
meiner Reue und meiner Liebe zu geben, indem ich Dich durch eine rechtmässige
Verbindung zu der meinigen mache. Starr blickte Marie in die zärtlichen Augen
des Geliebten: - O wenn dies nur eine Betörung meiner Sinne ist, seufzte ihr
Herz, so möge sie nie der Wirklichkeit weichen. Lass mich niemals erwachen,
gütiger Gott, wenn ich jetzt träume!
    Frau Köhler kam jetzt wieder und war äusserst erstaunt, den schönen Fremden
vor ihrer Nichte auf den Knieen, und diese in Tränen zu finden. Es waren die
süssen Tränen der Vergebung, in denen sie die letzten Funken ihres Unmuts
erstickte, und die die düstern Spuren einer bittern Vergangenheit in ihrer Seele
verlöschten. Wodmar sprang auf, gab sich der Alten zu erkennen, und entdeckte
ihr den Vorsatz, ihre Nichte zu heiraten. Er war unwiderstehlich, wenn er bat,
und war es doppelt, wenn er die Befriedigung seiner Leidenschaften hoffte.
    Frau Köhler merkte wohl, dass sich die Liebenden länger kannten, als heute,
es wurde ihr nicht schwer zu sehen, dass Marie den schönen Grafen liebte, - und
wie wär' es anders möglich gewesen? Ihr sorgenloses Herz ohne allen Argwohn, von
dieser glühenden Liebe gefesselt, die die erste ihres Lebens war, sah in ihm nur
das, was er scheinen wollte, den Bereuenden, Zurückkehrenden, der ihr und seiner
Zärtlichkeit alle Vorteile seines Standes zum Opfer bringen, und die Tage ihrer
Trauer um ihn ihr nun vergolden wollte. Zwar regten sich noch Zweifel in ihr,
aber sie betrafen mehr sie selbst, als die Redlichkeit des Geliebten. Werd' ich
Dir auch, rief sie zaghaft aus, durch alles, was ich bin und habe, die Opfer
belohnen können, die Du mir bringst? Ach, bedenke wohl, was Du tun willst! Du
musst dann jeder Verbindung entsagen, die Deinem Stand und Deinem Reichtum
angemessner wäre, und für ein armes Bürgermädchen leben, das nie aus dem engen
Kreise ihrer Häuslichkeit kam, und nichts weiss, als Dich zu lieben. Wird Dirs
dann niemals gereuen, wenn Du die vornehmen Fräulein und Gräfinnen siehst, die
Deine arme Marie in allem so weit übertreffen, dass Du mich gewählt hast zur
Gefährtin Deines glänzenden Lebens? O, geliebter Karl, meine ganze Seele hängt
an Dir, aber mit frohem Mut will ich Dir entsagen, wenn Du glaubest, durch mich
nicht so glücklich zu werden, wie ich durch Dich!
    Höre mich, Marie! sprach der Graf. Ich liebe Dich mit unendlicher
Leidenschaft, und kann nur mit Dir glücklich sein, und sonst mit Keiner. Gern
sagt' ich zu Dir: teile den Glanz meiner äussern Lage mit mir, aber ich habe
einen sehr ehrgeizigen Vater, und kenne ihn zu gut, als dass ich mir schmeicheln
könnte, er würde jemals in unser Glück willigen. Die Vorurteile der Konvenienz
sind ihm heiliger, als die Gesetze der Natur, und Fluch und Enterbung würde mein
Loos sein, wenn ich es wagen wollte, ihm meine Liebe zu Dir zu entdecken. Aber
wenn Du in mir nicht den Grafen, sondern nur den Menschen, nicht den glänzenden
Schimmer, sondern nur meine feste Anhänglichkeit liebst, wenn Dir mein stiller
Besitz genügt, so willige in eine heimliche Heirat, bis der Tod meines Vaters
einst die Freiheit in meine Hände gibt, laut die schönen Fesseln zu bekennen
und zu zeigen, die uns vereinigt haben. Ich habe ein einsames, abgelegenes Gut,
welches Dich und unsre Freuden dem Blick der Welt verbergen kann, bis ich unsre
Verbindung gestehn darf. Meine Liebe soll Dir die Einsamkeit versüssen, meine
Treue, mein Dank Dir lohnen für Deine Einwilligung!
    Marie, errötend, halb in Scham, halb in Freude verloren, schloss ihn in ihre
Arme und sagte mit rührender Zärtlichkeit: O Karl, wenn ich wirklich hoffen
kann, Dich glücklich zu machen, so werde auch ich es sein, und wäre eine Wüste
mein Aufentalt. Aber - eine Träne trat in ihr glänzendes Auge, - wie könnt'
ich jemals mich selbst ertragen, wenn nur die leiseste Reue über Deine Wahl Dich
anwandelte!
    Wie leicht ist ein liebendes Herz überredet. Marie glaubte gern und froh den
Schwüren ihres Wodmars, und Frau Köhler fand sich zu sehr geschmeichelt von der
vornehmen Verwandtschaft, die ihr bevorstand, als dass sie hätte an der Wahrheit
seiner Beteuerungen zweifeln können. Der Graf bat sie um Verschwiegenheit und
um ihre Begleitung für Marien. - So schwer ihr auch das erste vorkam, denn sie
hätte gern der ganzen Stadt das Glück ihrer Nichte erzählt, so fühlte sie sich
doch durch sein zweites Anerbieten viel zu geehrt, als dass sie ihm nicht
unbedingt hätte Gehorsam versprechen sollen. Jetzt schied Wodmar und liess beide
in den süssesten Träumen von Ehre und Liebe zurück. - Als er nach Hause kam und
nun ganz allein mit seinen Gedanken war, regte sich sein Gewissen mit
schmerzlichen Stichen, und der Betrug, den er sich erlauben wollte, stand mit
seiner ganzen Abscheulichkeit vor seiner Seele. Aber er wusste bald seine
Absichten, so schwarz sie auch waren, zu entschuldigen.
    Sind wir nicht am glücklichsten, sprach er zu sich selber, wenn ein
freundlicher Wahn uns täuscht, und eine holde Betörung, ein Traum, uns gibt,
was uns ewig die Wirklichkeit versagt? - Es ist wahr, ich hintergehe Marien,
aber nur um sie glücklich zu machen. Dieses zärtliche Herz, das mich nie
vergessen konnte, ungeachtet ich sie so sehr beleidigt hatte, würde im einsamen
Kummer gebrochen, und ihre Reize verwelkt sein, wenn ich nicht käme, sie ins
Leben zurück zu rufen. Und kann ich ihr nicht diese Täuschung, in der sie die
Erfüllung ihrer Wünsche findet, verlängern, so lange ich will? - Sichere ich ihr
nicht, im Fall sie auch den Betrug entdeckt, der sie zu der meinigen macht, ein
hinlängliches Auskommen für sie und ihre Kinder? - Und steht es nicht bei mir,
ihr, so lange sie lebt, meine wahren Verhältnisse zu verbergen? Wer wird es
wagen, ihr zu entdecken, dass ich verheiratet bin, wenn ich es verbiete? - Nein,
fuhr er beruhigt fort, sie müsste mir es eigentlich selbst Dank wissen, dass ich
mich zur List herabgelassen habe, ihre Bedenklichkeiten zu überwinden, ohne ihre
Tugend, die ihr so heilig ist, scheinbar zu verwunden. Ich mache mir keine
Vorwürfe mehr! Sie wird ihr Glück in dem meinigen finden. -
 
                              Dreizehntes Kapitel
Er besuchte nun Marien täglich, teils verkleidet, teils in der Dämmerung, die
ihn den Blicken der Neugierigen verbarg. Sie verlangte noch zwei Monate Frist,
um mit dem Ende ihrer Trauer den Anfang ihres Glücks zu beginnen, und Wodmar,
der die Wintervergnügungen leidenschaftlich liebte, bestritt ihre billige Bitte
nicht, und überliess sich indessen allen den Freuden, die sich ihm darboten,
schon zufrieden, das schöne Ziel ihres Besitzes vor Augen zu haben. O, wenn mein
Vater noch lebte, sagte Marie zuweilen, wenn sie süss berauscht von der
wonnevollen Aussicht ihrer künftigen Tage in seinen Armen lag, wie würde er sich
freuen, seine Tochter der Tugend getreu und glücklich zu sehen! Als er starb und
ich vor seinem Bette kniete, seinen letzten Segen zu empfangen, nahm er mit
seiner kalten Hand die meinige und ermahnte mich, nie meine guten Grundsätze zu
vergessen! Sei noch so arm und verlassen, sagte er, so wirst Du dennoch nicht
unglücklich sein, wenn Dein Gewissen rein ist, und Dein Bewusstsein Dich an keine
Handlung erinnert, vor der Du erröten musst. Eine gute Aufführung, eine edle
Denkungsart belohnt sich von selbst. Wenn sie auch oft die Welt vergisst und
übersieht, so ist der innere Frieden, den sie mitten in Verfolgung und Elend dem
Herzen gewährt, reichlicher Ersatz für die Entsagungen, die sie fordert. Denn
glaube mir, es kommt eine Stunde, wo uns alles, was uns im Leben schön und
glänzend schien, schal und unschmackhaft, mit verblichenen Farben vorkömmt, wo
wir jeden kleinen Fehltritt schmerzlich bereuen, jede übereilte Tat ungeschehen
wünschen, weil das sterbende Auge wie durch ein Vergrösserungsglas seine
begangnen Fehler sieht, und der Glaube an Vergeltung Dornen auf das Krankenlager
streut! O, wohl mir, dass ich meine Schuldigkeit tat, so viel mir's möglich war,
dass ich mich bemühte, gut zu sein, und den Keim der Tugend in Dir nicht zu
ersticken, sondern zu bilden! Ehre mein Andenken, indem Du meinen Lehren getreu
bleibst, Dein Ohr dem Sirenengesang des Lasters, Dein Auge den Lockungen der
Verführung entziehst, und nur guten, frommen Empfindungen Raum in Deiner Seele
giebst! -
    Der gute Vater! fuhr Marie mit sanften Tränen fort, wie ruhig starb er
nicht, als ich ihm alles dies versprach! - Und ehe der Tod noch sein Auge
schloss, fragte er mich mit brechendem Blick und Ton: Was wird aus Ludwig? - Ich
konnte nur mit Seufzern und Tränen antworten. Er verstand mein Schweigen,
drückte mir die Hand und sagte mit einer Güte, an die ich nie denken werde, ohne
vor dankbarem Schmerz ausser mir zu sein: Ich will Dich nicht überreden, meine
Tochter! ich will Dir nicht einmal meine Wünsche sagen, aus Furcht, Du möchtest
sie als die letzten, die ich tue, auf Kosten Deiner Neigung erfüllen. Aber
prüfe Dich wohl, wenn Du einst eine Wahl triffst, ob sie auch verdient, dass Du
ihr Ludwig opferst. - Hier wurde sein Auge immer dunkler und starrer, nur dann
und wann flackerte es wild auf, und wurde dann wieder ruhig, ehe eine ewige
Nacht es bedeckte. - Ach, da vergingen mir die Sinne, und ich fiel hin auf die
geliebte Leiche, und wünschte mich an ihre Stelle. -
    Wodmar fühlte sich von dieser einfachen Erzählung heftig ergriffen, ein
leiser Schauer durchflog wie Fieberfrost alle seine Glieder, aber er versteckte
unter dem Anschein einer Rührung, die ihm Marien noch werter machte, seine
wahren Empfindungen.
    Das war der Tod eines braven Mannes, sagte Frau Köhler, und war doch nicht
ganz frei von Unruh und Angst; - wie muss nicht der Bösewicht sterben, dessen
Leben nichts als eine Reihe vorsetzlicher, mutwilliger Sünden war? Ach in der
Todesstunde schweigt der Lärm der Fröhlichkeit, mit dem er sein Gewissen in
gesunden Tagen zu übertauben pflegte, und alle seine Laster treten nackt und
schwarz um sein Sterbelager, und haben die bunten Farbenkleider von sich
geworfen, in denen er ehedem gewohnt war sie zu erblicken. Wenn sich nun dem
Gottesläugner, dem Betrüger, dem Verführer, - und oft findet man alles in einer
Person, - wenn sich ihm nun die dunkle Aussicht in das Land, woher keiner
wiedergekommen ist, uns zu sagen, wie es dort aussieht, mit allen Schrecknissen
des Todes öffnet, und der Gedanke an die Vergeltung, die uns dort verheissen ist,
füllt seine Seele mit Verzweiflung und durchfährt sein Innres wie tausend
Dolche, - o wie gern gäbe er die Wollust ganzer Jahre, in der er schwelgte, für
einen einzigen Tropfen Linderung, den eine gute Handlung seiner namenlosen Angst
böte! - Wie wird nicht jeder seiner Seufzer ein Fluch der Vergangenheit, jede
Erinnerung ein Anspruch, den die Verdammnis auf ihn macht! - -
    O, hören Sie auf, rief der Graf, indem er bebend von seinem Stuhle sprang,
und sich dann in lebhafter Bewegung wieder neben Marien warf, und sein Gesicht,
in dem Fieberhitze mit Todesblässe wechselte, an dem ihrigen verbarg, hören Sie
auf mit Ihren schrecklichen Bildern, und lassen Sie uns lieber die Armen
schweigend bedauern, deren Leben sich so fürchterlich endigt. - Marie umschlang
ihn mit einem ernsten Gefühl von Wohl und Wehe. Lass uns gut sein, mein Karl!
sagte sie, und dann wird unsre letzte Stunde ruhig wie die vergangenen, nur ein
wenig feierlicher vorüberziehn! -
    Wodmar hatte kein Bleibens mehr. Mit Wermutsbitterkeit war in ihm die
Stimme des Gewissens erwacht, die er durch die anmutigen Hoffnungen einer
rosenfarbnen Zukunft in Schlummer gewiegt hatte. Er eilte nach Hause. Das
Verbrechen, das er begehn wollte, die einsamen Qualen des Sterbebetts eines
Verführers und die Ahndung einer Strafe nach dem Tode standen mit allen ihren
Schrecken vor seiner feurigen Fantasie, und er wollte ihnen ausweichen, indem er
Marien entsagte. -
    Aber Marien entsagen, - - Marien, die ihm mit jedem Tage reizender schien,
die mit der ganzen Wärme der ersten Liebe sich an ihn anschloss, - Marien, die
sich von ihm die Erfüllung ihrer Träume versprach, die ohne ihn unglücklicher
gewesen wäre, als es vielleicht selbst nach der Entdeckung seines Betrugs
möglich war, - - und dies alles in der Blüte seiner Kräfte und Jahre, bei
diesem heissen Verlangen sie zu besitzen, bloss weil die gereizte Einbildungskraft
einer frömmelnden Matrone ihm eine Hölle vorspiegelte, die, wenn er sie auch
wirklich glaubte, doch noch weit, weit von ihm entfernt war! - Und konnte er
sich nicht dann noch bekehren, wenn ihn die Abnahme seiner Gesundheit und die
Annäherung des Alters erinnern würde, dass es Zeit sei? - - So raisonnirte er
sich selber seine Unruh hinweg, und die Zerstreuungen taten das ihrige.
    Niemand war glücklicher als Marie; ihr jetziges Leben glich einem
ungetrübten Fluss, auf den der Himmel sein Bild prägte, und der nur Sonnenschein
und Klarheit in seinen Spiegel aufnahm. Auf rosenfarbnen Flügeln eilte der
Winter vorüber, sie legte die Trauerkleider ab, zwar noch mit einer Träne
dankbarer Rückerinnerung an den Verstorbenen, die aber der Vorbote von süssern
war. Es war gegen Ende des Märzes, als der Graf, da er sie zum erstenmal wieder
in bunten Farben erblickte, sie an ihr Versprechen erinnerte, sein zu sein.
Marie errötete sanft und Wodmar küsste von ihren Lippen das Geständnis ihrer
Einwilligung.
    Man machte Anstalten zur Abreise. Marie hatte eine ansehnliche Summe Geld
aus dem Verkauf ihres Hauses und ihrer liegenden Gründe erhalten, die sie mit
sich nahm. Eine andere legte sie nieder für Ludwig, nebst einem Brief, in dem
sie ihm ihr künftiges Schicksal trotz dem Verbot des Grafen entdeckte. Sie
glaubte ihm, sich, und selbst der Asche ihres Vaters diese Aufrichtigkeit
schuldig zu sein, und kannte Ludwigs sichern Charakter zu gut, als dass sie hätte
nachteilige Folgen von ihrem Zutrauen befürchten können.
    Ich habe mich selbst betrogen, Ludwig! schrieb sie ihm, nicht ohne Kummer,
weil sie voraussah, wie sehr ihn dieser Brief betrüben würde. Ich glaubte Dich
zu lieben, aber es war nur Freundschaft, was ich für Dich empfand, und sie
gnügte meinem Herzen, als es noch unbefangen war und die Liebe noch nicht
kannte. Aber jetzt, da ich den Mann habe kennen lernen, den ich allein mit
Leidenschaft zu lieben vermag unter allen, jetzt nimm meinen innigsten Dank für
das Vertrauen, mit dem Du von mir das Glück Deines Lebens hofftest, und die
Bitte um Verzeihung, dass ich es niemals Dir gewähren kann. Ein heiliges,
unauflösliches Band vereinigt mich in wenig Tagen mit dem Grafen von Wodmar, und
es wird meinem künftigen Glück nichts fehlen, wenn ich Dich ruhig und zufrieden
weiss, - und dies wirst Du gewiss bald sein, wenn es Dir auch jetzt weh tut, mich
verloren zu haben. Denn die liebenswürdigen Eigenschaften Deines Herzens werden
Dir bald eine Freundin erwerben, die Dich mehr verdient, als Marie, die, wenn
sie Dir auch Wort gehalten, Dir doch nur ein geteiltes Herz hätte geben können,
das Deiner unwert gewesen wäre, da Du ein ganzes verdienst. Nicht der Glanz,
der mit dem Stande meines künftigen Mannes verknüpft ist, hat mich verblendet,
sondern Liebe zu ihm selbst, die sich unwiderstehlich meines Wesens bemächtigte.
Denn erst nach Jahren, wenn die Hindernisse nicht mehr sind, die jetzt die
Konvenienz unsrer Verbindung entgegen stellen würde, erst dann werd' ich
öffentlich diesen Glanz, der mir gleichgültig ist, mit ihm teilen und laut den
Namen führen, der mich bis dahin in der Stille beglückt. - Dir, mein Freund,
teile ich im vollen Vertrauen auf Deinen Edelmut und Deine Verschwiegenheit
dieses mein heiligstes Geheimnis mit, um Dir mein schnelles Verschwinden zu
erklären. Nimm diese Summe als ein Andenken an mich und meinen gütigen Vater,
der sie für uns beide sammelte, und wenn wir uns einst nach langer Zeit
wiedersehn, so lass mich in Dir den treuen Freund wiederfinden, der Du mir warst,
so lange ich denken kann.
    Als Marie diesen Brief geschlossen hatte, dünkte es ihr, als hätte sie sich
nun von allem losgerissen, was sie bisher noch abhielt, ganz ihrem geliebten
Grafen zu leben. Noch einmal ging sie auf den Kirchhof, um Abschied von dem
Grabe ihres Vaters zu nehmen. - Die ersten Veilchen, die es gab, hatte sie sich
bringen lassen, und als ein Todtenopfer auf den braunen Hügel gestreut, der die
teuren Ueberreste verbarg. Noch einmal sagte sie in stummen Gebeten für den
Frieden seiner Seele, ihm Dank für alle seine väterliche Sorge: - - es wurde ihr
so wohl und doch so weh, dass sie ihren gedrängten Gefühlen keinen Namen geben
konnte. Wie eine dunkle Gewitterwolke zog eine bange Ahndung an ihr vorüber,
aber der Sonnenstrahl der Liebe leuchtete drein und verminderte ihre Schwermut.
 
                              Vierzehntes Kapitel
Sie reisten am andern Morgen ab, Marie ohne Betrübnis die Stadt zu verlassen, in
der sie geboren und erzogen war, denn fern von ihren Mauern warteten süssere
Bande auf sie, als sie noch jemals getragen hatte. - Schon auf der ersten
Station holte sie der Graf ein, und nun setzten sie vereint ihre Reise fort.
    Glückliche Tage! - auch lange nachher hob noch bei ihrem Andenken ein
stiller Seufzer Mariens Brust, und schien sie zurück zu wünschen. An der Seite
des Mannes, den sie liebte und der nun bald ihr auf ewig angehören sollte, die
schönsten Gegenden ihres Vaterlandes gleichsam zu durchfliegen, - Freude und
Belehrung in jedem Gegenstand zu finden, an dem sie vorübereilten, - dazu die
sanfte, laue Luft und der ungetrübte Himmel des ersten Frühlings, - die Neuheit,
die das Vergnügen des Reisens für sie hatte, und die schonende Zarteit, mit der
der Graf, um sein Opfer noch mehr zu täuschen, mit ihr umging, - - endlich die
Hoffnung einer nahen Vereinigung, die über alles ihren eignen Zauber goss; - war
dies nicht genug, um ein schuldloses, empfängliches Herz, wie das ihrige, mit
dem höchsten Grad des Entzückens zu füllen?
    Am dritten Tage kamen sie auf ein Landgut an, wo man sie schien erwartet zu
haben. Wodmar führte seine Marie in das alte prächtige Schloss, und gleich nach
ihrer Ankunft verrichtete ein gewissenloser Betrüger, den der Graf durch
Bestechungen gewonnen hatte, mit allem Schein der Wahrheit die heilige Handlung
der Vermählung.
    Sie blieben hier nur wenige Tage, denn Wodmar glaubte sich hier nicht
verborgen genug; dann verliessen sie diesen, Marien so teuer gewordnen Ort, um
den zu erreichen, der ihre künftige Bestimmung war.
    Nesselfeld lag nur sechs Meilen davon, aber immer einsamer wurde der Weg,
der über unfruchtbare Haiden und steinigte Felder dahin führte. Endlich, als die
öde Gegend immer flacher und flacher wurde, sahen sie es schon weit aus der
Ferne liegen, denn es war das einzige Haus, das das Auge auf der ganzen leeren,
mit Getreide sparsam bebauten Ebene erblickte. Einige wilde Kastanienbäume,
deren Grün noch nicht erwacht war, warfen den Schatten ihrer unbekleideten Aeste
auf den Hofraum, und an der grauen, halbbemoosten Steinwand schlängelte sich der
gesellige Epheu empor. Sie stiegen ab, der Kastellan des Schlosses empfing sie
und öffnete ihnen die Zimmer, die für sie bereitet waren. Ausser ihm und dem
Schlossgesinde gab es meilenweit kein lebendiges Wesen in der Gegend, denn
Nesselfeld lag ganz allein, ohne ein Dorf das dazu gehörte. Ein artig möblirtes
Zimmer, mit einem schönen Klavier, über welchem das wohlgetroffne Bild des
Grafen in Lebensgrösse hing, war für Marien bestimmt, und hatte eben dieses
Bildes wegen unaussprechlichen Wert für ihr Herz. Auch fand sie eine kleine
Bibliotek, die ihr Unterhaltung genug in ihren Nebenstunden hoffen liess.
Uebrigens hatte das Ganze ein etwas melancholisches Ansehn. Trat sie ans
Fenster, halb von dem düstern Grün des Epheus verdunkelt, so breitete sich die
unermesslich weite Fläche vor ihren Blicken aus, die sich in ferne, zum Teil von
Waldung geschwärzte Höhen verlor. Nirgends eine Spur von Leben und Tätigkeit, -
nirgends ein Gegenstand, auf dem das Auge mit Teilnahme hätte verweilen können!
- Aber Marien dünkte an der Seite ihres Karls die Gegend paradiesisch. Sie
fühlte sich so innig vertraut mit jedem Wehen der kosenden Frühlingsluft,
empfand so tief und mit so viel Dank das Glück seiner Liebe, dass die Schwermut
ihres Aufentalts keinen Eindruck auf sie machte.
    Auch Wodmar lebte die glücklichsten Tage, die ihm noch jemals geworden
waren, in den Armen dieses reizenden Geschöpfs, und in dieser menschenleeren
Einsamkeit. Er, der immer mehr gesucht als gefunden, immer mehr verlangt als
genossen hatte, sah durch Mariens Zärtlichkeit, die ihm immer neu blieb, die
süssen Erwartungen übertroffen, die er genährt hatte. Bessere Regungen, als er
noch jemals gekannt, kehrten bei ihrem sanften Umgang in sein Herz zurück, und
bittre Empfindungen durchbebten es bei dem Gedanken, sie so grausam hintergangen
zu haben. Ach, er hatte oft die liebevolle Sorgfalt nötig, mit der sie seinen
Kummer zu zerstreuen suchte, wenn sei Bewusstsein ihm Vorwürfe über den schwarzen
Betrug machte, den er sich erlaubt hatte. Vielleicht, wenn seine Hand noch frei
gewesen wäre, hätte er mit ihr ihre gränzenlose Liebe belohnt, - vielleicht,
wenn er den ganzen Umfang ihrer Güte, den ganzen Wert und die ganze Reinheit
ihres Wesens, die sich ihm nun entüllte, vorher gekannt hätte, hätte er den
schönsten Sieg über sich selbst errungen und nie den goldnen Frieden ihrer
Unbefangenheit gestört. Marie wäre dann glücklich mit ihrem Ludwig, wenn auch
nicht durch eine leidenschaftliche Liebe, doch durch gegenseitige Achtung und
Gleichheit ihrer Verhältnisse geworden, und der Staat hätte eine nützliche,
bürgerliche Familie mehr gehabt. Aber nun, - da alles geschehn war, was es ihm
unmöglich machte, zurück zu gehn, da ein feierliches Gelübde ihn an Josephinen,
die zärtlichste Neigung ihn an Marien band, da entschloss er sich wenigstens ihr
so lang als möglich den durchbohrenden Schmerz der Entdeckung ihrer wahren Lage
zu ersparen, und ihr einsames Leben so süss zu machen, als in seinen Kräften
stand.
    Einige Monate brachte er bei ihr zu, ohne sich andre Freuden zu wünschen,
als ihm ihr Umgang bot. Nie hatte er im Getümmel der grossen Welt geglaubt, dass
Häuslichkeit so süss sei. Marie wusste sie durch eine immer gleiche Heiterkeit
ihres lebhaften Geistes, durch ein beständiges, freundliches Entgegenkommen
seiner Wünsche, und durch die angenehmen Talente zu würzen, die sie gesammelt
hatte und zu vermehren suchte. Oft gingen sie Hand in Hand durch die sparsam
grünende Wiese, über die sich ein schmaler Bach, mit Weiden bepflanzt,
lieblich-flüsternd ergoss, und war gleich die Aussicht weit und leer, so blickten
sie sich wechselsweise ins Auge, und glaubten im Paradiese zu wandeln. Oder sie
sassen in der Mittagsstunde unter den Kastanien in ihrem Hofraum in ein süsses
Schweigen versunken, - oft angenehmer noch, als das traulichste Geschwätz, - und
nahmen ihr einfaches Mittagsmahl ein. Sanft regte sich der laue Wind in den
breiten, schattigten Blättern, und manche weiss und rötliche Blüte wehte sein
Hauch herab, um damit ihre Tafel zu schmücken. Oder sie sahen die Sonne
untergehen, wie sie hinter die fernen Anhöhen wie in ein Meer von Purpur sank,
und Wodmar hinderte den rosenfarbnen Schimmer ihres Wiederscheins Mariens
Gesicht zu erreichen, das die Gesundheit schöner geschmückt hatte, als es das
Abendrot vermochte; - oder wenn der Abend herandunkelte, lockte Marie den
Geliebten durch die silbernen, rührenden Töne, die sie dem Klaviere abzugewinnen
wusste, in ihr stilles, friedliches Zimmerchen und begleitete sie, wenn er kam,
durch ihren kunstlosen, aber reizenden Gesang, der ohne mit Künsteleien
überladen zu sein, unwiderstehlich zum Herzen drang.
    War das Wetter trübe und erlaubte ihnen nicht im Freien zu sein, so schloss
Marie den Bücherschrank auf, und sie lasen sich wechselseitig vor, - oder der
Graf unterrichtete sie im Zeichnen, worin er viel Geschicklichkeit besass, und
freute sich der Fortschritte, die seine holde Schülerin in allem machte, was sie
unternahm. Bald erfanden sie Desseins zu Stickereien, die dann Mariens Nadel auf
seidnen Grund zauberte, während Wodmar ihr vorlas, - bald gaben sie sich mit
ernstaftern Dingen ab, entwarfen Landschaften, Monumente, oder zeichneten
Kupferstiche nach, - oder Wodmar lehrte sie Französisch und Marie begriff um
ihres Lehrmeisters willen, alles mit erstaunender Leichtigkeit.
    So flohen mit unbeschreiblich süsser Eile die Stunden des Beisammenseins
vorüber, und ernst und traurig nahte ihnen die Trennung. - Marie weinte die
bittre Träne des Abschieds an seinem Herzen, und auch ihn beklemmte das
Lebewohl mit namenloser Wehmut. O wie gern hätte er ganze Jahre seines Lebens
dahingegeben, um den Vorwürfen zu entfliehen, die ihm sein Gewissen mit jeder
neuen Probe lauter machte, die ihm Marie von ihrer Liebe gab.
    Die Gewohnheit, sie täglich zu sehen, und die anspruchlose, stille Güte
ihres Charakters, und ihre ungeheuchelte Frömmigkeit in einer Menge kleiner
Vorfälle zu bemerken, - seine jetzige, unzerstreute, einfache Lebensart, seine
Entfernung von den verdorbnen Sitten der grossen Welt, und der wohltätige
Einfluss der Natur auf sein ganzes Wesen, hatten ihn besser und fühlbarer für
Mariens Wert und seinen eignen Unwert gemacht, als er es jemals war. Tiefe
Schwermut umhüllte seine Stirn und trübte sein Auge, - und er empfand die
Wahrheit in ihrem ganzen Umfang: dass der Betrogne fast immer glücklicher ist,
als der Betrüger.
    Endlich schied er. Marie sah ihm aus ihrem Fenster nach, so weit ihr Auge
reichte; - selbst auf der Staubwolke, hinter der sein Wagen verschwand,
verweilte noch lange ihr Blick und dann verhüllte sie ihn und seine Tränen. -
Wie war ihr nicht alles so leer, als Er ihr fehlte! - Wie vermisste sie ihn nicht
überall, wo Er sonst mit ihr gegangen war, und wie öde dünkten ihr jetzt ihre
Spaziergänge, denen damals nur seine Gesellschaft Anmut und Reize lieh! - Zwar
hatte er ihr versprochen, oft zu schreiben, und auf diese Art sie und sich über
die Schmerzen der Trennung zu täuschen; - aber ach! ist wohl der todte Buchstabe
des Briefwechsels Ersatz für die Abwesenheit des Geliebten? Konnte er sie
entschädigen für das Glück ihn zu sehn, ihn zu sprechen, ihn zu umarmen? -
    Die ersten Tage vergingen ihr in tiefer Traurigkeit. Endlich verlor ihr
Schmerz bei ihrer angebornen Milde etwas von seiner Schärfe, und die Hoffnung
des Wiedersehns verwandelte ihn in eine sanfte Melancholie, die ihr teuer
wurde. Sie ertrug gern die Einsamkeit, in die sie die Liebe verbannte, und wusste
sie zu verschönern. Sie schrieb ihm täglich, und ihre Briefe trugen das Gepräge
der Sehnsucht, der Zärtlichkeit und des innigsten Vertrauens. Sie arbeitete
fleissig, denn es war für ihn! Sie setzte ihr Zeichnen und ihr Französisch mit
einem unermüdeten Fleiss fort, und in den Abendstunden, die ihr sonst mit ihm so
fröhlich vergangen waren, folgte sie dem stillen Gebot ihrer Gefühle und stimmte
oft das traurige Lied aus Nina an, welches ihr Karl einst gelernt hatte, und das
jetzt auf ihren Zustand passte:
                      Quand le bien-aimé reviendra etc. -
 
                              Funfzehntes Kapitel
In tiefe Betrachtungen verloren, setzte der Graf seinen Weg fort, und oft wandte
er sein Auge zurück, um noch einmal den Ort zu erblicken, wo er so unvergesslich
glücklich gewesen war. Er fühlte sich sonderbar erschüttert von den Empfindungen
des Abschieds, - die Tränen waren ihm so nahe, das Herz so weich und so geneigt
zur Wehmut, wie noch nie in seinem Leben. - O, Marie! sagte er zu sich selbst,
wärst Du wirklich mein durch rechtmässige Verbindung, die ich laut bekennen
dürfte, wie Du jetzt im Stillen mein bist, durch Dein unverdientes Vertrauen in
meine Redlichkeit, - wie gern wollte ich dem eiteln Schimmer entsagen, der mir
sonst so wichtig dünkte, um ganz für Dich und die häuslichen Freuden zu leben,
die Du mich erst kennen lehrtest!
    Er kam auf dem Landgut an, wo er Josephinen verlassen hatte. Sie empfing ihn
freudig und zärtlich. Die Schwermut ihrer unglücklichen Liebe hatte sich in der
Einsamkeit selbst aufgezehrt, da sie keine Nahrung fand, und es war ihr nichts
mehr davon übrig geblieben, als ihrem Auge ein freundlich-umwölkter Blick, und
ihrem Herzen eine Narbe und ein süsses Andenken der Vergangenheit, das sie noch
oft beschäftigte, ohne ihr mehr weh zu tun. Sie war schöner und blühender
geworden, als sie Wodmar je gesehen hatte, und die nahe Aussicht, Mutter zu
werden, die sie ihm erst jetzt mit einem süssen Erröten gestand, webte um beide
das innige Band einer gegenseitigen Achtung, durch Dankbarkeit und Zärtlichkeit
erhöht. Wodmar war ernster, stiller und einfacher geworden. Dies brachte ihn
Josephinen näher, die ihn nun wirklich anfing zu lieben, und das Bild ihrer
frühern Leidenschaft immer mehr in den Hintergrund ihrer Seele stellte.
    Die Erinnerung an Marien riss jedoch eine brennende Wunde in sein Herz. Es
war ihm unmöglich, Josephinens, nur durch eine kleine Zurückhaltung gemässigte
Zärtlichkeit so innig zu erwiedern, als sie verdiente. Der Gedanke, nicht allein
Marien betrogen, sondern auch gegen das tugendhafteste Weib unedel gehandelt zu
haben, trat wie ein böser Dämon immer vor ihn und verbitterte seine Freuden. Die
Hoffnung, Vater zu werden, erfüllte ihn mit Dank und innigem Anteil gegen
Josephinen, aber sein Aufentalt bei ihr war ihm peinlich, da er sich von ihr
geliebt sah, und sein Herz ihm sagte, wie unwert er ihrer Anhänglichkeit sei,
und wie unfähig, sie durch Gegenliebe zu vergelten.
    Er war ganz verändert. Den Ausdruck und die Heftigkeit seiner sonst so
stürmischen Gefühle brach jetzt eine stille Sanfteit, die unwiderstehlich an
brausenden Menschen ist, und ihm in den Augen seiner sanften Gemahlin noch ein
Interesse mehr gab. Seine Sehnsucht nach Marien stieg bis zur Schwärmerei. Mit
Blicken der Liebe sah er jede Wolke an und dachte: vielleicht hat sie über der
Gegend geschwebt, wo sie wohnt, und um mich trauert! und auch in der Ferne tat
ihm die Ueberzeugung wohl, der Gegenstand ihrer Liebe und ihres Verlangens zu
sein.
    In dieser Stimmung verlebte er die Sommermonate. - Im Anfang Augusts wurde
Josephine von einem Knaben entbunden, und mit wehmütiger Freude drückte er den
Sohn ans Herz, und dankte der Mutter für das kostbare Geschenk ihrer Liebe. Ein
liebliches Rot stieg auf Josephinens vorher blasse Wange. Ich schenke Ihnen
mehr, als diesen Knaben, liebster Wodmar, sagte sie mit schwacher und gerührter
Stimme, ich schenke Ihnen mein Herz, das von nun an ganz und auf ewig das Ihrige
ist. Ungern gab ich Ihnen meine Hand, und die Grundsätze, die Sie im Anfang
unserer Verbindung äusserten, stimmten so wenig mit den meinigen überein, dass ich
kälter gegen Sie war, als ich es vielleicht hätte sein sollen. Aber ich fühle
mich jetzt, nicht allein durch dieses Kind, auf das wir gemeinschaftliche Rechte
haben, sondern auch durch eine freiwillige, zärtliche Neigung zu Ihnen
hingezogen, mit welcher ich mich bemühen will, Sie so glücklich zu machen, als
ich es durch Sie sein werde. Sie scheinen jetzt die Vorzüge eines häuslichen
Lebens vor den Freuden der Stadt einzusehn; - lassen Sie uns, wenn Ihr Herz
ihnen entsagen kann, - einen stillen, ländlichen Aufentalt immer dem Geräusch
der grossen Welt vorziehn, - oder wenn Ihr muntrer Sinn zuweilen nach
Abwechselung verlangt, so geniessen Sie allein die Lustbarkeiten, die ich nicht
kenne, und nicht kennen mag, weil sie niemals Reiz für mich haben werden, - und
mir erlauben Sie, immer so einsam fort zu leben, wie ich es jetzt gewohnt bin.
Die Erziehung unsers Sohnes wird meinem Herzen und meinem Geist Beschäftigung
geben, und mit alle der Liebe und Achtung, die ich für Sie empfinde, werde ich
Sie empfangen, bester Gemahl! wenn Sie müde des Herumschwärmens zurückkehren, in
meinen Armen auszuruhn.
    Mit einem liebevollen Lächeln reichte sie ihm ihre Hand, und mit der andern
drückte sie den Säugling fest an ihre mütterliche Brust, indem ihr Auge einen
ganzen Strom von Liebe über den schönen Mann ausgoss, der an ihrem Bette knieete,
und Tränen der Beschämung und der Rührung weinte. Ihre ehemalige
Gleichgültigkeit wäre ihm lieber gewesen, als diese liebevolle Milde, die sein
Inneres verwundete, denn sie hätte ihm eher den Schein eines Rechts gegeben,
seine leidenschaftliche Anhänglichkeit an Marien zu entschuldigen und
fortzusetzen.
    Ja, meine Josephine! nahm er endlich das Wort, die grosse Welt hat keine
Reize mehr für den, der die stillern Freuden der Häuslichkeit in ihrem ganzen,
schönen Umfang gekostet hat. Ich strebe nicht mehr nach den lächerlichen
Torheiten eines falschen Genusses, die mir sonst so süss dünkten; Ihrer wert zu
sein, sei fortan das Ziel meiner Mühe. O, wenn ich auch noch nicht ganz diese
Liebe verdiene, die Sie mir eben bewiesen haben, so dulden, ertragen Sie mich
mit Ihrer gewöhnlichen Sanftmut und Nachsicht, und sein Sie versichert, dass
mein Herz durch seinen eignen Kummer sich für jede Handlung selbst bestraft, die
es missbilligen muss.
    Er entfernte sich hier schnell, das Tuch vor den Augen. - Josephine sah ihm
verwundert nach. Schon längst hatte sie einen gewissen Trübsinn an ihm bemerkt,
der ihr zwar besser gefiel, als der gaukelnde, eitle Leichtsinn seines
ehemaligen Betragens, der sie aber zu gleicher Zeit, und nicht mit Unrecht, auf
einen heimlichen Gram schliessen liess, der an seinem Innern nagte. Da er aber
nicht geneigt schien, sich zu entdecken, so wagte sie nicht, um die Ursache
desselben in ihn zu dringen, denn der Schmerz, der sich selbst aufopfert, indem
er sich verbirgt, war ihr heilig.
    Sie erlangte bald ihre verlornen Kräfte wieder, und die Mutterfreuden, die
ihr so neu als entzückend waren, beförderten ihre Genesung. Jetzt dachte sie mit
einer Empfindung, die ihrer Ruhe nicht mehr gefährlich war, an August, wie man
eines Gespielen aus früher Jugend gedenkt, von dem uns das Schicksal trennte,
ohne uns mehr von ihm zurück zu lassen, als eine wehmutsvolle Erinnerung, der
aber Zeit und Vernunft jede Bitterkeit nahm. Sie hatte versprochen, ihm zu
schreiben, so bald sie sich diese Stimmung zugeeignet haben würde, und jetzt war
der Zeitpunkt, wo sie Wort hielt.
    Die Sehnsucht nach Ihnen, schrieb sie, die mich zum Schreibtisch hinführt,
gehört nicht mehr der Liebe an, und darum bekenne ich sie Ihnen ohne zu
erröten. Ein anderes Gefühl, nicht weniger hehr und heilig wie das erste, hat
seine Stelle eingenommen, und in meinem Herzen trage ich das Bild meines Gemahls
und meines Freundes in seliger Eintracht. Sie werden mich keines Wankelmuts
beschuldigen, Wilmut! wenn ich Ihnen frei bekenne, dass dem Manne, der den Bund
meiner ersten Liebe störte, jetzt meine zweite gehört. Er ist der Vater meines
Kindes, und die Allmacht dieses Gedankens würde mich schon zu ihm hinziehn, auch
wenn er weniger liebenswürdig wäre. - Ich trat mit grosser Abneigung in den
Ehestand, aber eben die geringen Erwartungen meines Glücks machten, dass ich nach
und nach den Wert meines Mannes und meiner Lage zu fühlen anfing. Ich bemühte
mich, jeden Wunsch zu ersticken, der wider meine Pflicht war, und bald gab mir
eine höhere Macht den Frieden wieder, der meiner Seele fehlte. Ich bin Mutter, -
mit wonnevollen Tränen benetzte ich den Knaben, dem ich Ihren Namen gab, und
gelobte ihm und seinem Vater Liebe und Sorgfalt für meine ganze Lebenszeit.
Nichts stört mehr das Glück meiner Ehe, als die Besorgnis, noch immer so innig
von Ihnen geliebt zu werden, wie sonst. Möchten Sie doch nichts mehr für mich
empfinden, als jene feste, unwandelbare, aber ruhige Freundschaft, die Sie mir
einst in jener schönen Stunde gelobten. Mein Herz hat alle süssen Erinnerungen
der Vergangenheit aufbewahrt, aber sie sind mir zum Traume geworden, von dem mir
nur ein flüchtiges Schattenbild bleibt, das ich mit feuchtem, aber heiterm Auge
ansehe, - den ich zurück haben möchte, und doch ruhig vorüberfliehn sah. Sind
Ihre Empfindungen für mich dieselben, - haben auch bei Ihnen Zeit und
Abwesenheit und neue Gegenstände Balsam in die Wunde gegossen, die Ihnen die
Liebe schlug, - bin ich Ihrem Herzen noch wert, ohne ihm mehr gefährlich zu
sein, - o, so reichen Sie mir noch einmal die Hand, um den Bund zu erneuern, den
wir schlossen, und er dauere bis die Morgenröte eines zweiten Lebens tagt, und
eine zweite Welt unsre festvereinten Seelen aufnimmt.« -
    Wodmar begegnete Josephinen mit dem feinsten Zuvorkommen, mit dem leisesten
Erraten aller ihrer Wünsche, und da er, je mehr sich ihm die Schönheiten ihres
Geistes und ihres Herzens entüllten, mit immer tieferer Achtung sich an sie
anschloss, glaubte sie sich so herzlich geliebt, als er es war. Aber ach, - Marie
war eine zu gefährliche Nebenbuhlerin, und Josephine vermochte nicht mit dem
zärtlichsten Bemühen, ihm die Trennung von ihr ganz zu ersetzen. Zu tief hatte
sich ihr liebenswürdiges Bild in sein Inneres gegraben, und überall wo er
hinsah, vermisste er den Zauber, den wahre Liebe über alles verbreitet, was sie
umgibt.
 
                              Siebzehntes Kapitel
Josephine wünschte ihren Gemahl zu begleiten, da er Anstalt machte, im September
auf seine andern Guter zu gehn, und er konnte diese billige Bitte, die sie mit
so viel Zärtlichkeit an ihn tat, nicht abschlagen, wiewohl er diesmal gern
allein gegangen wäre, da der Zweck seiner Reise war, Marien, die so innig darum
bat, wieder zu sehn. Vier lange Monate waren verflossen, seit er sich von ihr
getrennt hatte, und laut klopfte sein Herz den Fluren entgegen, die sie
bewohnte. Er beschloss, seine Gemahlin in Wodmarshausen (so hiess das Schloss, wo
er Marien durch eine Scheinheirat betrogen hatte) zu lassen, einen Ritt nach
Nesselfeld zu machen, sie zu sehn und zu umarmen.
    Als sie sich Wodmarshausen näherten, war es Abend, und der Vollmond streute
sein magisches Silber auf die schlummernden Fluren. Eine unendliche Sehnsucht
ergriff den Grafen. Er lehnte sein glühendes Gesicht mit Heftigkeit an
Josephinens Wange, beteuerte ihr seine Liebe, und kleidete seine
zärtlich-stürmischen Gefühle, die Marien entgegen strebten, in Worte, die
Josephinen geweiht waren, um seinem Herzen Luft zu machen. - So fühlen die
Männer oft, was sie der einen versichern, für eine andre. Josephine war entzückt
über die Versicherungen, die er ihr gab; sie hatte ihn noch nie so gesehn, und
erwiederte seine Beteuerungen mit der ganzen Innigkeit ihrer Liebe.
    Am andern Tag sagte Wodmar zu Josephinen, um sie vorzubereiten: - Ich habe
noch ein Gut in dieser Gegend, das ich ohngeachtet seiner unangenehmen, fast
traurigen Lage dennoch liebe, und zuweilen besuche. Es liegt nur sechs Meilen
von hier, in einer flachen öden Gegend; und ich zeigte es Ihnen gern, wenn seine
Wohnung eingerichtet wäre, mehr als eine Person aufzunehmen, und wenn ich Ihnen
von einem Aufentalt dort etwas anders als Unbequemlichkeit versprechen könnte.
Indessen will ich doch hinreiten, da ich diese nicht achte, um den Castellan
einmal wieder zu sehn, der sich immer so herzlich freut, wenn ich ihr besuche.
    Die Gräfin hatte keinen Argwohn, und liess ihren Gemahl ruhig von sich, der
die Reise zur Geliebten wie im Fluge endete.
    Er traf Marien am Klavier an, aber sie spielte nicht mehr, sondern schlug
nur mit der einen Hand zuweilen einen schwermütigen Ton an, indes ihr Auge mit
dem reinsten Ausdruck des Verlangens auf dem Bilde ihres Karls verweilte, das
ihr gegenüber hing. Ein einziges Licht erhellte sparsam das Zimmer - sie hatte
es so gestellt, dass nur die Züge ihres Wodmars von seinem matten Schimmer
beschienen wurden, und alle übrigen Gegenstände in einer holden Dämmerung
schwammen. Leise hatte er die Tür geöffnet, leise sich unter dem heftigen
Klopfen seiner Brust ihr nahe geschlichen, und nun, da er sie so tief mit sich
beschäftigt sah, konnte er sich nicht länger halten, und schloss sie mit dem
Ausruf: Liebste, beste Marie! fest in seine bebenden Arme.
    Marien nahm der Schrecken die Sprache. Aber ihr Schrecken war süss, wie die
Umarmung, in der sie ihn verbarg. Karl! mein Wodmar! stammelte sie an seinem
Halse, und die beiden Glücklichen schwiegen im wonnevollen Rausche des
Wiedersehns, der ihre Zunge fesselte. -
    Zwei glückliche Tage brachten sie mit einander zu. Da musste Karl wieder
scheiden. Und warum schon jetzt? fragte traurig Marie. Ich muss! war seine
Antwort, die ein Seufzer begleitete: - mein Vater ist in Wodmarshausen, und
würde Verdacht schöpfen, wenn ich länger bliebe. - Marie glaubte unbedingt
seinen Worten, und sie trennten sich mit dem Vorsatz, sich bald und länger
wieder zu sehn.
    Auf dem ganzen einsamen Rückwege beschäftigte sich der Graf mit dem
Gedanken, wie es sich anfangen liesse, einige Wochen bei Marien zu sein, ohne
Josephinens Argwohn zu erregen, und der Genius der Liebe flüsterte ihm einen
Anschlag ins Ohr. Als er zurückkam, sagte er seiner Gemahlin, dass ihn
notwendige Geschäfte in die Stadt riefen. Er würde von da über Nesselfeld
reisen, und ohngefähr den zwanzigsten Oktober wieder in Wodmarshausen sein, um
mit ihr den Jahrestag ihrer Verbindung zu feiern. - Josephine war ihm schon im
Voraus dankbar für diese Aufmerksamkeit.
    Er reiste ab, und nahm den Weg nach der Stadt, so lange man ihn sehen
konnte. Dann wendete er um, und seine Rosse flogen mit ihm nach Nesselfeld.
Wirklich hatte er einige Geschäfte in der Stadt, aber sie erforderten nur wenige
Tage, und er beschloss, sie erst nach seinem Aufentalte bei Marien zu besorgen.
    Sie empfing mit so viel Liebe, als sie ihn entlassen hatte, den Mann ihres
Herzens wieder, und die Stunden des Beisammenseins flogen auf goldnen Fittigen
wie lächelnde Engel vorüber. Der Graf, der sonst wie ein Schmetterling,
unbeständig geliebt hatte, fühlte mit jedem neuen Wiedersehn, dass sich Mariens
Fesseln fester und enger um sein Wesen schlangen. Immer gebildeter fand er ihren
Geist, immer reizender ihre Gestalt, immer holdseliger ihr einfaches gefälliges
Betragen. Als er sich aufs neue von ihr trennen musste um in die Stadt zu reisen,
beklemmte eine sonderbar schmerzliche Ahndung seine Brust beim letzten Lebewohl.
Ihm war bei der Umarmung des Abschieds, als wurde er gewaltsam von ihr
losgerissen, als würde er sie niemals wiedersehn! Noch einmal drückte er sie an
sich, und eine Träne fiel aus seinem Auge, die bitterste seines Lebens, - auf
ihr umwölktes Gesicht. Ich komme noch zu Dir, Marie! rief er, eh' ich nach
Wodmarshausen zurückkehre, ich mache gern diesen Umweg, um Dich noch einen Tag
zu sehn. Erwarte mich den neunzehnten bei Dir. - Mariens feuchtes Auge blickte
ihn freudig an, als wollt' es ihm für die angenehme Verheissung danken, und mit
gelindertem Schmerz sah sie ihn abreisen.
    Indessen war es Josephinen einsam in dem grossen, prächtigen Schloss, das
sie bewohnte, und sie wünschte die Zurückkunft ihres Gemahls. Wie weit ist es
nach Nesselfeld? - frug sie den Schlossverwalter. Nur sechs kleine Meilen, war
die Antwort. Schade, dass die Wohnung so eng ist, fuhr die Gräfin fort, ich
machte mir sonst das Vergnügen, meinen Gemahl dort zu überraschen, und ihm bis
dahin entgegen zu kommen. - Die Wohnung zu eng, Ihro Exzellenz? unterbrach sie
das gesprächige Hannchen, die diese Reise wünschte, weil sie wusste, dass sie die
Gräfin mitnehmen würde, und weil ihr der Aufentalt in dem stillen Wodmarshausen
misfiel: - wie ich hier gehört habe, sind erst vor einigen Jahren ein paar
schöne Zimmer dort zum Bewohnen eingerichtet, und mit allen Bequemlichkeiten,
die eine hohe Herrschaft braucht, versehen worden. Ist es nicht so, Herr
Schlossverwalter?
    Der Schlossverwalter hatte längst gemerkt, dass der lange Besuch im Frühjahr,
den der Graf dort abgestattet hatte, seine geheimen Ursachen haben müsste. Da er
seiner Wachsamkeit nicht traute, hatte er ihn die wenigen Tage, die er mit
Marien in Wodmarshausen zubrachte, unter dem Vorwand einiger Geschäfte entfernt,
und die wenigen Menschen, die um sein Geheimnis wissen mussten, durch
Bestechungen in sein Interesse gezogen, und ihre Verschwiegenheit erkauft. Den
Schlossverwalter, dem man doch nicht alles so gewissenhaft verbarg, wie man
sollte, verdross dieser Mangel an Zutrauen, den ihm der alte Graf nie hatte
fühlen lassen, und er glaubte nun eine schickliche Gelegenheit gefunden zu
haben, seinem jungen Herrn zu zeigen, dass es besser gewesen wäre, ihn mit um das
Geheimnis wissen zu lassen. Da die Verantwortung nicht auf ihn fallen konnte,
weil er nicht von des Grafen geheimen Freuden in Nesselfeld unterrichtet war, so
nahm er freudig das Wort, und versicherte der Gräfin, dass alles dort im guten
Stande, und fähig sei, sie einige Tage recht bequem aufzunehmen. Was würde der
Herr Graf für grosse Augen machen, setzte er schelmisch hinzu, wenn er Ihro
Exzellenz so unvermutet dort anträfe, und sähe, dass Ihnen seine Gesellschaft
lieber wäre, als alle Pracht und aller Überfluss ohne ihn in Wodmarshausen!
    Josephine trug diesen Gedanken mit sich herum, und malte im Geiste mit so
lachenden Farben sich das frohe Erstaunen ihres Gemahls, sie in Nesselfeld zu
finden, dass sie endlich dem Verlangen nicht widerstehn konnte, ihn zu
überraschen.
    Es wird ihm ein neuer Beweis meiner Liebe sein, dachte sie, wenn ich, ohne
mich durch die Schilderung abschrecken zu lassen, die er mir von Nesselfeld
machte, in seine Arme eile, um ihn einen Tag früher zu sehn. Und wenn ich auch
nicht alles in dem Stande finde, wie ich es gewohnt bin; - wie wenig braucht ein
volles Herz, das sich der Gegenliebe des liebenswürdigsten Gemahls erfreut? wie
wenig braucht eine Mutter, wenn sie den Sohn ihrer Liebe lächeln sieht! -
    Der kleine August, ganz das Ebenbild seines Vaters, der mit jedem Tage
schöner wurde und werter seiner Mutter, war nebst seiner Wärterin und Hannchen
die einzige Begleitung der Gräfin, als sie am achtzehnten Oktober in aller Frühe
die Reise nach Nesselfeld antrat. Als sich die öde Gegend wie eine menschen- und
freudenleere Wüste um ihren Weg ausdehnte, fühlte sich Josephine, schönerer
Gefilde gewohnt, unaussprechlich beklommen. Immer einsamer wurde es um sie her,
je weiter sie kam. Kein Baum, kein Strauch, kein Dorf, keine Spur von
Menschenleben, so weit sie blickte! Nur an der steinigten Landstrasse, die zwei
Stunden von Nesselfeld durch die unfruchtbaren Felder führte, und die zuweilen
ein einzelner Kärner mit seiner Fracht bezog, grünte eine traurige Fichte, und
Josephine, als sie an ihr vorüber fuhr, konnte sich nicht entalten, ihr
verlassenes Schicksal zu beseufzen. - Arme Unglückliche! schenke nicht dem
fühllosen Baume, der gesund, wiewohl einsam in diesem dürren Boden wurzelte,
Deine Seufzer! Spare sie für Dein eignes Schicksal, das sich Dir in wenig
Stunden grausam entüllen wird!
 
                              Achtzehntes Kapitel
Es war ein lauer schöner Nachmittag, als Josephine vor Nesselfelds einsamen
Gebäude abstieg. Marie sass unter den Kastanien in ihrem Hofraum und arbeitete.
Als sie das hier so seltne Geräusch eines Wagens hörte, sprang sie fröhlich auf,
in der Meinung, es sei ihr Geliebter, und trat heraus auf den Rasenplatz vor
ihrer Tür, ihn zu bewillkommen. Aber wie gross war ihr Erstaunen, als sie eine
junge, schöne Frau mit weiblicher Begleitung und einem holden Knaben, der in den
Armen seiner Amme schlummerte, auf sich zugehen sah. Befremdet und bestürzt wich
sie einen Schritt zurück, und konnte sich das Rätsel nicht erklären.
    Auch Josephine konnte ihre Verwunderung nicht bergen, ein Mädchen von so
seltner Schönheit, und so sorgfältig gekleidet, an diesem abgelegenen Orte zu
finden. Marie trug ein einfaches aber seines weisses Kleid, dessen reizender
Faltenwurf die ganze Anmut ihrer schönen Gestalt verriet, und ihre dunkeln,
seidenen Locken leicht und kunstlos, wie von den Händen der Grazien geordnet,
waren der ganze Schmuck ihres Hauptes. An ihrer Brust trug sie eine späte Rose -
vielleicht die einzige, die die Kunst in diesen öden Fluren hervorgebracht
hatte, und an ihrer Hand den goldnen Ring der Treue, der ihr endlich Mut gab,
der schönen Unbekannten entgegen zu gehn.
    Josephine war sanft und gütig gegen jedermann. Aber die öftern Besuche ihres
Mannes in Nesselfeld, die ihr einfielen, und die ausserordentlich interessante
Bildung Mariens, die sie für die Tochter des Castellans hielt, erfüllten sie
plötzlich mit einer geheimen Regung von Eifersucht, die der Art, mit der sie
Marien entgegen sah, mehr Stolz und Kälte gab, als ihr gut stand.
    Marie näherte sich ihr bescheiden, aber doch ohne die Würde zu vergessen,
die sie ihrem neuen Stande schuldig zu sein glaubte, und frug Josephinen,
welcher Zufall sie hierher bringe, da man sonst hier gar nicht gewohnt sei,
Fremde zu sehn.
    Josephine antwortete kurz: Ich glaube hier in meinem eignen Hause zu sein,
und komme nicht durch einen Zufall, sondern in der Absicht hierher, meinen
Gemahl zu erwarten. - Wollen Sie wohl so gütig sein, mein Kind, und mir ein
Zimmer anweisen? -
    Mariens Wangen fingen an zu glühen. In Ihrem eignen Hause? sagte sie, ein
wenig beleidigt durch den stolzen Ton, in dem die Gräfin sprach. Mir dünkt,
diese Wohnung gehört dem Grafen von Wodmar.
    Ganz recht, versetzte Josephine, und da ich mit diesem verheiratet bin, so
habe ich aller Wahrscheinlichkeit nach eben so viel Recht hier zu sein, wie Sie,
meine Liebe! ob Sie gleich andrer Meinung zu sein scheinen. Darum bitte ich Sie
noch einmal um ein Zimmer, denn ich bin ermüdet. -
    Marie hielt Josephinen für eine Verwandtin des Grafen, die dieses Mährchen
behaupten wollte, um sich desto mehr Gewicht zu geben. - Mein Zimmer steht zu
Ihren Diensten, sagte sie ein wenig unwillig, wiewohl ich viel zu gut weiss, dass
Sie nicht die Gemahlin des Grafen sind. Er wird es nicht wenig schmeichelhaft
finden, dass Sie so bestimmt behaupten, mit ihm verheiratet zu sein.
    Wie? ist er schon hier? - rief Josephine.
    Noch nicht, erwiederte Marie, aber ich erwarte ihn morgen.
    Sie erwarten ihn, sagte Josephine empfindlich. - Das ist doch sonderbar! Wer
sind Sie denn, Mamsell, dass Sie ein Recht haben, ihn zu erwarten? Sind Sie die
Tochter des Castellans, oder die Haushälterin? - oder stehen Sie in besondern
Verhältnissen mit dem Grafen - sind vielleicht gar der Magnet, der ihn so oft
nach Nesselfeld zieht. Beinah sollt' ich es aus Ihrem entschiedenen Tone
schliessen.
    Marien verdross diese Begegnung unbeschreiblich. Sie konnte die
Geringschätzung nicht ertragen, die ihr die Gräfin bewies. -
    Wer ich bin, weiss ich recht gut, antwortete sie, und wenn Wodmar da wäre,
dürften Sie sich vielleicht dieses unartige Betragen nicht erlauben. Ich habe
nicht nötig, über das, was ich bin, zu erröten, aber vielleicht werden Sie es
tun müssen, wenn Sie mich einmal näher kennen lernen, und einsehn, wie wenig
ich verdiente, dass Sie mich so behandelten.
    Diese Worte, die sie mit einem edlen Stolze sprach, machten Josephinen
schweigen. Nun folgte sie ihr ins Zimmer, als ihr aber sogleich das Portrait
ihres Gemahls in die Augen fiel, brauseten im Stillen die Wellen der Eifersucht
von neuem. Wenn ich Sie anders behandelt habe, als Sie verdienen, sagte sie
sanfter als vorher zu Marien, so vergeben Sie mir. Aber Ihr Benehmen gegen mich
war gewiss auch nicht ganz, wie es sein sollte. Ich hoffte, auf die Achtung und
Gefälligkeit aller der Leute, die in meinem eignen Hause wohnen, Ansprüche
machen zu können. - Sie sind mir aber mit einer Dreistigkeit und Zuversicht
begegnet, als ob Sie selbst die Besitzerin dieses Landgutes wären. Sagen Sie mir
doch, wer Sie sind, dass wir uns endlich einmal verstehen?
    Marie kämpfte mit sich selbst, ob sie sich entdecken sollte oder nicht. Zwar
hatte ihr Wodmar die strengste Verschwiegenheit befohlen, und ihre Vernunft
billigte seine Gründe. Aber da sie ganz gewiss glaubte, dass er des andern Tages
selbst seinem Gaste ihre Verbindung entdecken würde, um sie über ihr stolzes
Betragen zu beschämen, so konnte sie sich's nicht versagen, die Gräfin rot zu
machen.
    Wenn ich Ihnen als die Frau dieses Hauses begegnet bin, versetzte sie
Josephinen, so habe ich dadurch nicht mehr scheinen wollen, als was ich wirklich
bin. Eine heimliche Heirat, fuhr sie fort, indem sie auf das Bild ihres Karls
zeigte, hat mich zur rechtmässigen Frau dieses Mannes gemacht, von dem Sie mit so
viel Zuversicht behaupten, er sei der Ihrige. Meine geringe Herkunft, deren ich
mich nicht schäme, hält meinen Gemahl ab, unsre Verbindung bekannt zu machen, so
lange sein stolzer Vater lebt, der sie wieder trennen würde; aber wenn ich auch
nur im Stillen seinen Namen führe, so weiss ich doch, was ich ihm schuldig bin.
Hören Sie morgen von ihm selbst die Bestätigung meiner Worte, und verzeihen Sie
meine Aufführung, die sich an Ihrer Haushälterin freilich nicht entschuldigen
liesse.
    Immer bleicher wurde Josephine, und als Marie schwieg, konnte sie sich nicht
mehr aufrecht halten, sondern sank bewusstlos in einen Sessel. Marie hielt in
ihrer noch glücklichen Unwissenheit dies Erstarten der Fremden für Schaam und
Demütigung, und suchte sie mit liebevoller Pflege und Sorgfalt zu ermuntern. Es
gelang ihr, sie wieder zu sich selbst zu bringen. Josephine schlug ihre Augen
auf, die in Tränen der Wehmut schwammen. Arme Betrogne! rief sie, und fasste
mitleidig Mariens Hand, die sie für wahnsinnig zu halten anfing.
    Ich bin nicht betrogen, sagte sie so sanft, als man die Meinung eines
Kranken zu bestreiten pflegt: zu gleicher Zeit zog sie den Trauring von ihrem
Finger, und reichte ihn ihr hin. Sehn Sie hier selbst das Unterpfand seiner
treuen, gesetzmässigen Liebe.
    Josephine nahm ihn mit bebender Hand. Arme Betrogne! rief sie noch einmal in
einem noch schmerzlichern Tone, wie vorher, und zeigte ihr den ihrigen, und das
Bild ihres Gemahls, das sie an einer goldnen Kette in ihrem Busen trug. Ein
grausamer Betrüger hat Dich mit falschen Hoffnungen getäuscht, und Dein Vertrauen
in seine Redlichkeit gemissbraucht, um Dich zu verderben. Ich, ich bin Wodmars
Frau, und bin es nicht heimlich, sondern im Angesicht seiner Familie und der
meinigen geworden. Ihn zu überraschen kam ich hierher, und finde Dich und das
Unglück meines Lebens!
    Sie verhüllte ihr Gesicht und weinte. Marie stand da wie vernichtet. - Indem
trat Hannchen herein, und trug den kleinen August seiner Mutter entgegen. Sieh
hier die Züge des Verräters in diesem unschuldigen Gesicht, rief Josephine mit
Heftigkeit, indem sie den Kleinen in ihre Arme schloss. Jetzt schwankten Mariens
Kniee, und sie warf sich blass wie der Tod auf das Sopha.
    Frau Köhler kam herein, das ganze Haus lief zusammen, die Gräfin befand sich
so krank, dass man sie zu Bette bringen musste. Marie lag nach einer Stunde noch
immer unbeweglich in ihrer vorigen Stellung, weit offen und ohne Tränen ihr
starres Auge, vor sich hinblickend, und unvermögend, nur ein Wort zu reden.
    Am Bette der Gräfin erfuhr Frau Köhler den ganzen schrecklichen Zusammenhang
des Unglücks ihrer Nichte, und nur die Wiederholung der Geschichte der Gräfin
vermochte Marien aus ihrem dumpfen Hinbrüten zu wecken. Wild rollte ihr Blick,
wie die Verzweiflung, und in ihrer Seele wogte ein Meer von tobendem Schmerz. -
Die ganze Verräterei des Mannes, den sie angebetet hatte, war ihr nun klar, und
erfüllte sie mit Abscheu und Verachtung. Aber mit tausend Dolchen durchfuhren
diese Gefühle ihr Herz, in dem sein Name mit unauslöschlicher Schrift, von der
Hand der Liebe geschrieben, brannte, denn nichts zerreisst das Innere mehr, als
wenn Verachtung an die Stelle der Zärtlichkeit tritt.
    Sie schwankte zu Josephinen; diese fühlte durch alles, was sie durch Frau
Köhler von Marien erfahren hatte, die lebhafteste Achtung für ihre Tugend, und
das innigste Mitleid für ihr Unglück. Ich bin nicht strafbar, sagte sie mit
leiser gebrochner Stimme, beurteilen Sie mich nicht so hart, wie mein Schicksal
ist. Ach die Wahrheit schien auf seinen Lippen zu wohnen, und mein Herz voll
Liebe glaubte ihm nur allzuleicht!
    Josephine umarmte sie, und nun vermischten beide ihre Tränen. Es
erleichterte Marien ihren Kummer, dass sie endlich weinen konnte. Und nun? - was
willst Du tun? frug Frau Köhler. Ihn niemals wieder sehn! versetzte Marie fest
und mit Empörung. Ich will gehn, so weit mich meine Füsse tragen, - es wird doch
irgend ein Winkel in der Welt sein, wo ich mich und meine unverdiente Schande
verbergen kann. Vater in der Ewigkeit! seufzte sie unter hellen Tränen, ich
habe die Lehren nicht leichtsinnig vergessen, die du mir auf dem Sterbebette
gabst! Tief waren sie in mein Herz geschrieben, aber ein Bösewicht gewann meine
Liebe durch Heuchelei, und meine Arglosigkeit riss mich ins Verderben. Aber ich
habe nicht mit meinem Willen gesündigt, und der Ewige wird mir vergeben!
    Nein, Sie müssen mich nicht verlassen, Marie! sagte Josephine. Bleiben Sie
bei mir als meine Freundin, als meine Schwester, als die Gefährtin meines
Unglücks und meiner künftigen trüben einsamen Tage.
    O gnädige Frau! rief Marie, ich empfinde tief die Grösse Ihrer Seele, mit der
Sie mich behandeln. Aber kann ich je den Frieden wieder erlangen, um den mich
Ihr grausamer Gemahl betrog, so ist es nur fern von allem dem möglich, was mich
an ihn erinnern könnte. Lassen Sie mich diesen Ort fliehn, eh' noch die Nacht
anbricht, denn morgen - ach morgen hiess er mich ihn erwarten, und ich kann
seinen Anblick nicht mehr ertragen!
 
                              Neunzehntes Kapitel
Aber wo wollen Sie hin? fragte Josephine. Fremd, vielleicht ohne Geld, in dieser
leeren, Ihnen unbekannten Gegend? - Nein, Sie müssen bleiben, bis ich Ihnen und
Ihrer Verwandtin ein lebenslängliches, reichliches Auskommen gesichert habe.
    Wie, beste Gräfin? antwortete Marie, ich sollte hier bleiben, wo mich alles
an die goldnen Hoffnungen mahnt, mit denen ich dieses Haus betrat, und mit denen
ich zuversichtlich in die Zukunft blickte? Ich sollte den Mann wiedersehn, der
mich um die Ruhe, um das Glück meines ganzen Lebens betrog? - ich sollte
vielleicht von der Hand meinen Unterhalt annehmen, die mich ins Verderben stiess?
Nein, lassen Sie mich fort - ich habe eine ansehnliche Summe, die mein eigen
ist. Diese und die Arbeit meiner Hände wird mich und meine Tante ernähren, und
der Abscheu, den ich jetzt für ihn empfinde, wird mir Kraft geben, die
Beschwerlichkeiten meiner Flucht zu ertragen.
    Marie entfernte sich, und rief die ganze Stärke ihrer Seele zusammen, um
fest und entschlossen zu sein. Schon war es Abend geworden, und kalt und feucht
wehte die herbstliche Luft. Aber wie wenig wirken äussere Gegenstände auf ein
Herz, das die Notwendigkeit fühlt, sich von dem loszureissen, den es liebte, um
dem Gebote der Moralität und der Verzweiflung zu folgen! Sie öffnete ein
Kästchen, das seine Briefe entielt, packte sie zusammen, und hinterliess sie,
ohne sie wieder anzusehn, der Gräfin, als die Rechtfertigung ihres ehemaligen
glücklichen Wahns. Die Geschenke, mit denen sie die Freigebigkeit des Grafen so
reichlich überhäuft hatte, legte sie diesen Briefen bei, und riss sich mit
blutendem Herzen von allem los, was ihr ehemals wert war.
    Aber, wandte Frau Köhler ein, als sie die Anstalten zur Entfernung auf immer
sah, ist es denn nicht genug, dass Dich der Graf durch eine falsche Heirat
betrogen hat, - soll er auch nicht einmal zur Strafe seines Verbrechens die
Sorge für unser anständiges Auskommen haben? Sei klug, Marie! und bleibe da! Dass
Du nicht wieder mit ihm lebst, billige ich sehr, denn es wäre Sünde. Aber so
aufs Geratewohl in der Welt herum zu irren, ist er nicht wert, und ich bin zu
alt und schwächlich, um Dir folgen zu können. Lass uns hier bleiben, und der
Gräfin die Sorge für unsern Unterhalt überlassen.
    Frau Köhler war eine gute Frau, und so wie Marie, gebildeter als ihr Stand.
Aber das feine Gefühl ihrer Nichte hatte sie nicht, und sie wusste nicht, dass
einer zarten Empfindung nichts schrecklicher ist, als Wohltaten von einer Hand,
die sie verachtet. -
    Wohl, sagte Marie kalt und bitter, so bleiben Sie denn, und leben Sie in
Überfluss von dem Gnadengehalt des Verräters. Ich will allein fort, denn ich
ziehe eine Armut in Ehren dem Reichtum eines Menschen vor, den ich
verabscheuen muss. - Frau Köhler suchte sie zu beruhigen, und Marie schien still
über den Entschluss nachzudenken, den sie fassen wollte. Aber er war schon fest.
- In einem Tuch verwahrte sie einige Wäsche und ihr ererbtes Geld, und unbemerkt
und leise schlich sie sich in dunkler Nacht die Treppe hinunter, und zum Hause
hinaus.
    Noch einmal blickte sie zurück, nach den düster erleuchteten Fenstern ihres
lieben, unvergesslichen Zimmerchens. Ach ein matter Schein stahl sich durch das
dunkle Epheu, das es mit treuer Anhänglichkeit umgab, und zitterte herab auf den
bereiften herbstlichen Boden. - Unwillkührlich musste sie an alle die seligen
Stunden denken, die sie innerhalb seiner traulichen Mauern an der Seite ihres
Wodmars verlebt hatte, und vor dem Wonnegefühl der Erinnerung verstummten noch
einmal ihre Schmerzen, um dann desto heftiger zu toben. Ein paar Tränen stiegen
in ihr Auge, und rasch wandte sie sich um. Fort, fort, sagte sie zu sich selbst,
und die ganze Grösse ihres Unglücks überfiel sie jetzt; - o dass sich meine
Vernunft mit meinem Glücke verloren hätte! -
    Sie ging mutig zu, da sie wusste, dass weder ein Graben noch ein Fluss das
ewige Einerlei dieser flachen Gegend unterbrach. Die Nacht wurde kalt, aber
heiter, und ihre Dunkelheit erhob das Flimmern der Sterne am weiten Horizont,
den sie überschauen konnte. Ohne zu wissen, wo sie sich befand, war sie mehrere
Stunden durch die steinigten Felder gegangen, und nach und nach verlor sie
Nesselfelds matt erhellte Fenster aus den Augen. Endlich bemerkte sie einen
rauhen Weg, den sie einschlug, weil sie hoffte, er werde sie zu Menschen führen.
Aber hier verliessen sie ihre Kräfte, und sie hatte Mühe, die einsame Fichte zu
erreichen, die ihr der blasse Schimmer der Sterne zeigte. Hier warf sie sich
nieder, und die Erschöpfung und Mattigkeit, die sie fühlte, schienen ihr die
Vorboten des Todes zu sein. - Wie gern wäre sie gestorben, da sie ihre Freuden
überlebt hatte! - Ihre Gedanken fingen an sich dunkel in einander zu mischen,
und sie glaubte das Ende ihres Lebens herannahen zu sehen. Eine unbeschreibliche
Müdigkeit drückte ihr Auge zu, und sie fiel - nicht in die Arme des Todes, -
sondern eines tiefen fast todtenähnlichen Schlummers.
    Er dauerte noch in seiner ganzen ersten Festigkeit, als sie ein starkes,
unsanftes Schütteln daraus erweckte. Langsam schlug sie die trüben Augen auf,
und erblickte einen braunen, von der Sonne verbrannten, gemeinen Mann, mit einer
ehrlichen offnen Physiognomie, der in der linken Hand eine derbe Peitsche hielt,
und mit der rechten bemüht war, sie aus dem Schlaf, der ihm bedenklich schien,
zu ermuntern. dabei war es heller Tag, und die Sonne schien sanft und wärmend
vom klaren blauen Himmel herab.
    Wo bin ich? frug Marie mit heiserer Stimme, denn der nächtliche Frost hatte
sie erkältet. Auf der offnen Landstrasse, Jungfer! erwiederte der Mann mit einer
Miene voll Verwunderung und Teilnahme. Wo gedenkt Sie denn hin, so allein? - -
Wo ich hingedenke? versetzte Marie, und brach in einen Strom von Tränen aus.
Ach meine Heimat ist nirgends mehr! - Der Mann schüttelte den Kopf. Ey, Sie muss
doch wohin wissen, sagte er gutmütig, indem er ihr aufhalf; aber Marie fühlte
eine schmerzliche Lähmung in allen ihren Gliedern, und sank kraftlos wieder
zurück. Sei Sie gutes Muts, und hör' Sie auf zu weinen! Unser Herrgott verlasst
Niemanden, der auf ihn baut; - warum denn also Sie? - Verzage Sie nicht; wenn
Sie wirklich keine Heimat hat, so kann Sie leicht eine finden. Fleiss und
Gottesfurcht lassen nicht zu Schanden werden! -
    Der redliche Ton und der biedre Ausdruck in seinem Gesicht, der diese
tröstenden Worte begleitete, rührten Marien. Sie bemerkte hinter sich einen
kleinen Karrn, mit weisser Leinwand überbaut, und mit einem einzigen Pferde
bespannt, welcher ihrem unbekannten Freunde anzugehören schien. Guter Mann,
sagte sie, und bemühte sich, ihre strömenden Augen zu trocknen, ich bin nicht so
arm, dass mich der Mangel so tief betrüben sollte; ich habe Geld, so viel ich zu
meinem Unterhalt brauche, wenn es nur hier ruhiger wär'! - hierbei wies sie auf
ihr Herz. - Ich will nicht nach Ihrem Kummer forschen, Jungfer! antwortete der
ehrliche Kärner. Es weiss ein jeder, wo ihn der Schuh drückt! Aber ich sollte
meinen, ein so junges Blut, wie Sie, könnte unmöglich schon viel Herzeleid in
der Welt erlebt haben. - Hier kann Sie doch mein' Seel' nicht bleiben, es mag
Ihr gegangen sein, wie es will. Hat Sie Lust, so setze Sie sich in meinen Karrn,
ich fahre eben ledig nach Hause, und will Sie umsonst mitnehmen, so lang bis es
Ihr beliebt auszusteigen. Da, fuhr er fort, und holte aus seiner Tasche ein
Stück schwarz Brod und eine kleine Flasche mit Brandtewein, welches er ihr
hingab, - erquicke Sie Sich mit Speise und Trank, und hernach, wenn Sie mit
will, soll's fort gehn.
    Dankbar nahm Marie den guterzigen Vorschlag des Kärners an, und stieg mit
seiner Hülfe in das nicht unbequeme Fuhrwerk, unter dessen Leinwandshimmel sie
ein weiches Heulager fand. Der Fuhrmann schwang seine Peitsche, und langsam
rollte der Karrn mit ihr dahin. -
    Sie hatte nicht viel Zeit, den traurigen Gedanken nachzuhängen, die ihr ihr
Schicksal bot. Ihr Führer war in einer gesprächigen Laune, und suchte sie, indem
er nebenher ging, bald durch ein Liedchen, das er sang oder pfiff, bald durch
Erzählungen aus seinem häuslichen Leben zu unterhalten. An mir, sagte er, hat
sich Gottes Segen reichlich bewiesen. Ich war vor zehn Jahren ein armer Bursch,
und erwarb mir mit Dienen mein sparsames Stückchen Brod. Mein Herr hatte ein
grosses Freigut, und pflegte sein Getraide viele Meilen weit zu verfahren. Da er
nun sah, dass ich treu war, und das liebe Vieh wohl in Acht nahm, so übertrug er
mir's, und ich musste viele Fuhren tun, die mir glückten. - Liese, die Hausmagd,
war eine flinke Dirne, und ich wurde bald gewahr, dass sie mir allemal ein
freundlicher Gesicht machte, wenn ich wieder kam, als wenn ich wegfuhr, woraus
ich schloss, dass sie mir gut war. Ich konnte sie ebenfalls leiden, denn sie hatte
schwarze Augen und rote Backen, und war fix und gewandt, aber ich dachte:
Konrad, geh' nicht so geschwind zu Werke! - es gehört mehr als das zu einer
guten Frau. Ich liess mir nichts merken, dass sie mir wohl gefiel, sondern gab
Acht, und erkundigte mich unter der Hand, wie sie sich aufführte. Da sah ich
denn selbst, und hörte auch von andern, dass sie ein fleissiges, ehrbares,
vertragliches Mädchen war, die jedem das Seine gab, und still und ordentlich vor
sich hin lebte. Nun erst frug ich: Liese, willst Du mich haben? - Sie wurde rot
bis über die Ohren, hielt die Schürze vor die Augen, gab mir die Hand, und
sagte: Ja! - Das war nun wohl ganz gut, aber wovon leben? - Liese hatte nichts
als ein paar flinke Arme und ein ehrlich Gemüte, und ich hatte bis jetzt auch
noch nicht dran gedacht, etwas von meinem Lohne zurück zu legen, denn ob ich
gleich weder ein Spieler noch ein Säufer war, so liebt' ich doch Sonntags meinen
Tanz, und versäumte keinmal, mich in der Schenke einzufinden, wo ich denn auch
was aufgehn liess. Aber das wurde nun anders. Ich kam nicht mehr zum Hause
hinaus, und ersparte jeden Groschen zu meiner künftigen Wirtschaft. Liese
machte es eben so, und nach ein paar Jahren hatten wir schon so viel gesammelt,
dass wir uns konnten ein Hüttchen mit einem Garten kaufen, welches eben im Dorfe
feil war. Weil es baufällig war, bekamen wir es um einen geringen Preis, und ich
wandte nun alle meine Feierabende an, es auszubessern, und in guten Stand zu
setzen. Endlich nahm ich Liesen, und kriegte eine gute, fleissige Frau an ihr.
Wir tagelöhnerten, und Liese spann noch nebenher; - so verdienten wir reichlich
was wir brauchten, und konnten noch einen Sparpfennig zurücklegen. Wie der nun
allmählig heranwuchs, schafft' ich mir ein Pferd und den Karrn an, weil ich mit
dem Geschirr wohl umzugehn wusste, und tat für meinen ehemaligen Herrn, der mir
immer noch wohlwollte, Fuhren für's Geld. Jetzt hab' ich doch nun so viel
erübrigt, dass der Hafer, den der Gaul frisst, auf meinem eignen Acker wächst, und
dass ich das Getraide selbst kaufen kann, was ich verfahre. dabei bin ich gesund
und fröhlich. Komm' ich nach Hause, so freut sich mir das Herz im Leibe, wenn
ich meine freundliche Frau, und die vier gesunden Kinder seh', die sie mir
geboren hat. Dann ruh' ich mich wieder aus, besorge das Häusliche, mache mir
einen guten Tag, und fahre dann wieder in die Welt hinein. O Sie glaubt nicht;
Jungfer! was das für ein frohes Leben ist. Alles was ich habe, hab' ich eignem
Fleisse und meiner Zuversicht auf Gott zu verdanken, der mich niemals verlassen
hat, und dies macht gutes Blut und frohe dankbare Herzen.
    Marie hörte den biedern Kärner an, ohne ihn zu unterbrechen, aber ihrem
Herzen, so wund und krank, gab die Schilderung seines einfachen häuslichen
Glücks schmerzhafte Stiche.
    Er blieb bei seinem Stande, seufzte sie, und strebte nicht nach einem
höhern! O warum verleitete mich die Liebe, den meinigen zu vergessen? - -
 
                              Zwanzigstes Kapitel
Marie machte mit diesem Fuhrwerk einige Tagereisen, und es war ihr gleichgültig,
in welchen Winkel der Erde es sie führen würde. Die ganze Entwickelung ihres
Schicksals dünkte ihr ein fürchterlicher Traum zu sein, aber vergeblich sah sie
dem lindernden Augenblick des Erwachens entgegen. Abgeschiedenheit von der Welt
und ihren Täuschungen war das einzige, was sie noch wünschte, und wohl ihr, dass
ihre Fantasie ihr ihr Unglück mit ungewissen Farben malte, sie oft ganze Stunden
in dem Wahn liess, als habe sie geträumt, - sie würde sonst der Schwere desselben
unterlegen sein. - So gewöhnte sie sich nach und nach, fest ihren Blick auf die
untergesunknen Trümmer ihrer ehemaligen Seligkeit zu heften; - sie gewöhnte sich
daran mit einer Ruhe, die nur das Bewusstsein der reinsten Unschuld gewährt, mit
einer Verachtung, die an Grösse ihrer vorigen Liebe glich, dem fliehenden
Schattenbild ihrer Freuden nachzusehn, und an den Unwürdigen zurück zu denken,
der ihr ehedem so wert war. Nicht als ob es ihr leicht geworden wäre, ihn zu
vergessen; - o nein, wahre Liebe, besonders wenn es die erste ist, die sich
eines Herzens bemächtigte, baut ihrem Abgott in dem Heiligtum seines Innersten
einen Altar, den nur mühsam die Hand der Zeit, selbst der gegründeten
Verachtung, umzustürzen vermag. Aber wenn sie das gefährliche Gift der
Liebenden, die schwärmerische, süsse Erinnerung ihres sonstigen Glücks mit vollen
Zügen schlürfen wollte, mischte sich ihr gemisshandeltes Gefühl in das Andenken
jener reizenden Vergangenheit, und verschwunden war dann die Glorie von
Schönheit und Edelmut, mit der ihre Einbildungskraft den Ungetreuen umgab. -
Sie lernte ihn verachten, und in einer reinen, weiblichen Seele ist dies der
erste, entscheidendste Schritt zum ewigen Vergessen. - Mit der Achtung lösen
sich die zartesten Bande des gegenseitigen Vertrauens auf, und die Liebe stirbt
mit ihr dahin.
    Am vierten Tage, als Konrad ruhig neben dem Karrn herging, und eben sein
Morgenlied sang, erhob er auf einmal freudig Blick und Hand, und rief mit einer
Stimme voll Gefühl und Rührung: Dort, dort! indem er auf eine Kette von blauen,
mit Duft umflossenen Gebirgen wies, die sich ihnen aus der Ferne entgegen hob;
dort, setzt' er endlich hinzu, dort wohnen meine Frau und meine Kinder!
    Die nahen Freuden des Wiedersehns machten ihn stumm, und Marien ihre Plane
für die Zukunft. Sie hatte mit ihrem guterzigen Freund ausgemacht, dass sie
gegen ein billiges Kostgeld, welches Liese bestimmen sollte, in seiner Hütte
leben, und sich ganz nach ihrem eignen Willen beschäftigen wollte, - aber die
tiefe Schwermut, die ihr ihr Unglück gab, bedurfte so sehr eines teilnehmenden
Wesens, dem sie ihren Kummer ausschütten konnte, um sich seine Bürde zu
erleichtern, - sie war so sehr an einen vertraulichen, ihr angemessnen Umgang
gewöhnt, dass sie zum erstenmal bereute, die Bedenklichkeiten ihrer Muhme, ihr zu
folgen, nicht mehr bestritten zu haben. Der Gedanke war ihr unerträglich, sie
noch in Nesselfeld und abhängig von den Wohltaten des Grafen zu wissen. Oft
dachte sie an ihn zurück mit einer sonderbaren Mischung von halb erstickter
Liebe und Unwillen. Sie dachte sich sein Erschrecken, wenn er sie nicht wieder
finden würde, seine Trauer um ihren Verlust, seine Reue über sein Verbrechen. O,
dann war ihr Herz nur gar zu geschäftig, sein Bild mit den vorteilhaftesten
Farben sich zu entwerfen, und ihren Zorn zu mildern. - Weinend blickte dann ihr
Auge zurück, in die festlichen Tage der Vergangenheit, und nicht selten
beschlich sie der leise Wunsch, der ihr allezeit eine Schamröte kostete, dass
sich der Schleier von neuem fest und dicht in einander weben möchte, der ihr
ehemals die Tücke seines Herzens verhüllte, oder - diesen gestand sie sich schon
selbst mit weniger Beschämung: dass er sich entschuldigen könnte, um doch
wenigstens ihre Freundschaft zu verdienen. Aber alles war umsonst! - Zertrümmert
war mit ihrer Hoffnung auch ihre Ruhe, und ihr blieb nichts übrig zu ihrem
Trost, als das stolze Selbstgefühl, sich edel betragen zu haben, das so oft der
Betrogne vor dem Betrüger voraus hat.
    Josephine war indessen nicht glücklicher. Sie hatte alles für ihn getan,
was Pflicht und Liebe forderten, und durch das Opfer ihrer ersten Neigung, das
sie ihm gebracht, durch die ganze Hingebung ihres Wesens und durch die
Innigkeit, mit der sie an ihm hing, glaubte sie die heiligsten Rechte auf seine
Treue erworben zu haben. Was hätte wohl tiefer ihr feinfühlendes Herz verwunden
können, als die Untreue des Mannes, den sie liebte, und der durch die
feierlichsten Gelübde der Ihrige war! - Das Glück ihrer Ehe schien ihr
unwiederbringlich dahin zu sein! -
    Wie oft bereute sie nicht den Einfall, ihn zu überraschen. Ohne ihn lebte
sie noch glücklich in dem süssen Wahn, der ihr den Besitz seiner vollen Liebe und
Treue vorspiegelte; - ohne ihn wäre auch Marie noch glücklich, für die sie
Mitleid und Achtung empfand. Als man sie gegen Morgen vermisste, und ohngeachtet
alles Suchens nicht fand, war sie ausser sich. Sie fürchtete, ohne dass sie wagte,
Frau Köhler ihre Sorge zu gestehen, dass die Arme, Verzweifelnde sich durch eine
rasche Handlung möchte gewaltsam von dem vernichtenden Gefühl ihres Elends
befreit haben, und ihre Fantasie, die jetzt alles im schwarzen Licht erblickte,
malte sich die schrecklichsten Bilder.
    Endlich kam der Graf an. Schnell, und mit unruhig pochendem Herzen sprang er
aus dem Wagen, und stürmte die Treppe heran. Ihm begegnete Frau Köhler. Wo ist
Marie? fragte er, aber sie wandte sich mit einem Blick, der ihren ganzen Abscheu
ausdrückte, von ihm weg, ohne ihn einer Antwort zu würdigen. Er öffnete
verwundert die Tür ihres Zimmers, - wie dünkte es ihm so todt und verlassen!
Marie, rief er, wo bist Du? - da trat Hannchen aus dem Schlafzimmer, und er
erstarrte. Wie kommst Du hierher? schrie er mit einem fürchterlichen Blick, und
sie erzählte ihm mit wenig Worten den ganzen Lauf der Sache.
    Bei der Heftigkeit, die der Hauptzug seines Karakters war, schon vorher
gereizt durch Frau Köhlers rätselhaftes Schweigen, stieg sein Zorn jetzt aufs
Äusserste. In seinen eignen Augen dünkte er sich in diesem Moment weniger
strafbar als Josephine, die er für die neidische Zerstörerin seiner geheimen
Freuden hielt. Der Gedanke, Marien verloren zu haben, ihr jetzt vielleicht eben
so abscheulich als ehedem wert zu sein, brachte ihn der Raserei nahe. Der
Kastellan, das Hausgesinde, selbst die treue Pallas, die doch seinen Verlust zu
teilen schien, musste seinen Zorn fühlen; - er sandte alles aus, das Mädchen
seines Herzens zu suchen, und die Nachricht, dass man keine Spur von ihr
entdecken könnte, erhöhte seinen Schmerz und die namenlose Verzweiflung, die
sich seiner Seele bemächtigt hatte.
    Endlich gewann er es über sich, vor das Bett seiner Gemahlin zu treten.
Madam, hub er mit strenger Stimme an, ich habe nicht gehandelt, wie ich sollte,
aber ich kann mich entschuldigen. Die glühendste Liebe fesselte mich schon an
Marien, eh' ich Sie noch kannte, und ihre Tugend vernichtete alle die
Hoffnungen, mit denen ich nach ihrem Besitz strebte. Ich fasste den Entschluss,
sie zu vergessen, denn ich bebte damals vor dem Gedanken zurück, sie zu
betrügen, und mit dem Vorsatz, Ihnen, wenn auch nicht meine Liebe, doch meine
Aufmerksamkeit zu weihen, kam ich, um den Wunsch unserer Familien zu erfüllen,
und Ihnen meine Hand zu geben. O, Josephine! - seine Stimme wurde sanfter, und
durch Wehmut gebrochen, - weniger Stolz und mehr Wärme von Ihrer Seite hätte
mich damals an Sie gefesselt, und die Wünsche nach belohnter Liebe, deren Ziel
nun Marie lebhafter als jemals wurde, in mir erstickt. Ihre Nachsicht und Güte,
nur mit dem leisesten Schimmer von Zuneigung verbunden, hätte meine wilde
Leidenschaft bezwungen, meine leichtsinnigen Grundsätze verbessert, und mich zum
guten, glücklichen Menschen gemacht. Aber ich fühlte nur allzu deutlich, dass Sie
mit dem grössten Kampf dem Befehl Ihrer Eltern folgten, und dass Sie mit
blutendem, widerstrebendem Herzen mir aus Pflicht verstatteten, Sie zu besitzen.
Die Kälte, die Sie mir wahrnehmen liessen, die gleichgültige Verachtung, mit der
Sie meine Gesinnungen beantworteten, statt mir liebevoll und duldend den bessern
Weg zu zeigen, empörte meinen Stolz, und befriedigte die Forderungen eines
Herzens nicht, das einst von Marien geliebt worden war. - Ich musste Sie achten,
aber lieben konnte ich Sie nicht! In meiner Seele stieg Mariens reizendes Bild
wieder auf, und die Sehnsucht nach ihrem Anblick erwachte mit doppeltem Feuer,
da der Ihrige nur meine Eigenliebe verwundete, und mir die Achtung für mich
selbst raubte.
    Diese allein war vorher der Schutzengel, der über Mariens Tugend und der
meinigen wachte. Ich errötete oft vor mir selbst, wenn ich mich beim Nachsinnen
der Möglichkeiten antraf, durch die Marie auf eine unrechtmässige Weise mein
werden konnte. Ich hielt mich für besser als ich war, und dieser Glaube schützte
mich vor dem Sinken. Aber nun, als er dahin war, als Ihr Stolz auf Ihre
unbefleckte Tugend mir so bitter hatte fühlen lassen, wie viel mir fehlte Ihnen
gleich zu sein, - da wagt' ich es Pläne zu entwerfen, und Dinge zu denken, vor
denen ich sonst mitten in meinen Ausschweifungen zurück geschaudert wäre. Ich
sah Marien wieder, - ich gewann sie durch das Versprechen einer heimlichen
Heirat, - sie wurde vollzogen, und ich lernte von diesem guten, edlen, sanften
Geschöpf in glücklichen Stunden, die nur das Bewusstsein meines Betrugs trübte,
welche unglaubliche Kraft die moralische Natur des Menschen hat, sich unter dem
Beispiel bescheidner, schonender Güte wieder empor zu richten und zu veredeln,
wenn sie auch noch so tief gesunken ist. -
    Ich empfand wieder den Wert meiner Bestimmung, fühlte wie ich hätte handeln
sollen, und bereute mein Vergehn, trotz dem Glück, das ich in Mariens Armen
fand. Auch dass ich gegen Sie meine Pflichten verletzt, und gewissermassen Ihr
Geringschätzung durch meine Handlung gerechtfertigt hatte, vermehrte meinen
Kummer, aber ich sah Marien glücklich in ihrem Wahn, und gelobte mir, ihn zu
verlängern, um ihrer Ruhe zu schonen. -
    So sah ich Sie wieder, und fand Sie verändert. Wo ich Fremdheit und
Gleichgültigkeit erwartete, kam mir Liebe und Sanftmut entgegen, und unsre
gemeinschaftlichen Hoffnungen auf den Knaben, den Sie unter Ihrem Herzen trugen,
knüpften mich mit den Banden der innigsten Achtung und des wärmsten Anteils an
Ihr Wesen. Aber ach! es war zu spät, den Besitz meiner Liebe zu verlangen. Er
gehörte Marien, die ihn durch tausend liebenswürdige, früher erkannte
Eigenschaften erworben hatte, und die auch trotz der Ferne mir nahe blieb, und
immer auch durch andre Gegenstände zerstreut, meiner Seele gegenwärtig war!
    Das Geheimnis meiner Liebe zu Marien ward Ihnen verraten, und Sie benutzten
meine Abwesenheit, ein Glück zu zerstören, das mir die Vorwürfe meines Gewissens
so oft verbitterte. Zu gut ist es Ihnen gelungen, und Marie ist für mich auf
immer verloren, - ist vielleicht ein Raub ihres Schmerzes geworden. - Aber
triumphiren Sie nicht! Ich bin strafbar, und bekenne es frei, aber Sie wissen,
warum ich es ward, und ich finde Entschuldigung genug in meinen Gründen für mein
Betragen gegen Sie, und Strafe genug durch die ewig tobende Hölle in meiner
Brust bei der Erinnerung meiner betrognen, unvergesslichen Marie! Leben Sie
glücklich, aber fern von dem Menschen, der Ihnen nun nichts mehr sein kann. Ich
will mich bemühen, mit Ergebung mein grausames Schicksal zu tragen, und Marie
soll die Gotteit meiner reuigen Tränen sein. Sorgen Sie für meinen Sohn, und
bedauern Sie seinen Vater, den Ihre unselige Neugierde und Eifersucht
unglücklicher machte, als es sein eignes Herz im Stande war.
    Mit diesen Worten entfernte er sich rasch, liess in die väterliche Umarmung
des Kleinen, den ihm Hannchen entgegen trug, um ihn zu besänftigen, eine
glühende Träne fallen, und verliess sogleich den Schauplatz seiner ehemaligen
Freuden.
 
                          Ein und zwanzigstes Kapitel
Josephine war unvermögend, auch nur mit einem einzigen Laut die ernste,
vorwurfsvolle Rede ihres Gemahls zu unterbrechen. Sie hatte nicht geglaubt, dass
ihr erstes Wiedersehn von dieser Art sein würde, und dass er sie mit Vorwürfen
überhäufen werde, da sie sich allein berechtigt glaubte, sie ihm zu machen. Ihr
Herz sprach sie frei von seinen Beschuldigungen, - sie war sich nur der
zärtlichsten Absicht bei ihrer Reise nach Nesselfeld bewusst, und mit tieferm
Schmerz, als sie noch vorher empfunden hatte, erfüllte sein Verdacht, und das
Geständnis, dass er sie nie geliebt habe, ihr Innerstes. Hatte die Entdeckung
seiner Untreue ihre zarten Nerven schon erschüttert, um wie viel mehr blutete
nicht die Wunde ihres Herzens bei der rauhen unverdienten Art, mit der er sie
verliess. Sie wurde kränker, - man holte einen Arzt, er zweifelte an ihrer
Genesung. Wodmar liess nichts von sich hören.
    Indessen besiegte doch die Geschicklichkeit des Arztes die Stärke der
Krankheit, und Josephine fing langsam an, sich zu erholen. Die Liebe zu ihrem
Sohne war das einzige, was sie noch an die Welt fesselte, in der sie schon so
viel gelitten hatte. Aber je mehr sie sich nun auf ewig von ihrem Gemahl
geschieden glaubte, je fester schloss sie sich mit aller mütterlichen Innigkeit
an den Kleinen an, den sie als eine vaterlose Waise betrachtete, und in dieser
traurigen Rücksicht doppelt liebte. Frau Köhler war immer um sie, und oft
unterhielten sie sich von Marien, deren Schicksal Josephine noch trauriger fand,
als das ihrige. Hab' ich doch noch meinen August, sagte sie zu sich selbst, wenn
ihr in stillen Stunden ihre Lage mit den düstersten Farben erschien, und die
Gegenwart ihr nichts bot, sie über die Vergangenheit zu trösten. Hab' ich doch
meinen August und durch ihn Beschäftigung, und Ersatz für mein Herz. Aber Marie,
- was hat die, das ihr Entschädigung wäre für den verschwundenen Zauber ihrer
Täuschung, in der sie so glücklich war! Wodmar konnte unmöglich Marien so
dringend aufsuchen lassen, als es Josephine tat. Jede Eifersucht, jeder
Unwille, die sie einst für sie empfunden hatte, war nunmehr in ihrer edlen Seele
zu dem Verlangen geworden, ihr Loos so viel als möglich ihr zu versüssen. Aber
alle ihre Nachforschungen waren vergeblich, und Frau Köhler beweinte oft die
Ungewissheit über ihren Zustand.
    Marie war unterdessen glücklich in dem friedlichen Dorfe angekommen, das
Konrad bewohnte. Es lag in einer schönen, waldigten Gegend, in einem Tal, von
freundlichen Gebirgen begränzt. An einer netten, reinlichen Wohnung hielt der
Kärner, und bei dem Geräusch des Fahrens stürzte die ganze Familie, die eben
beim Mittagbrod sass, mit einem lauten Freudengeschrei heraus, den Vater zu
bewillkommen. Liese heftete einen fragenden, aber gutmütigen Blick auf ihren
Gast, und Konrad erzählte ihr, wo und wie er sie gefunden, und dass ihre Absicht
sei, künftig unter ihnen zu leben. Herzlich gern, war ihre Antwort, die sie mit
einem biedern Händedruck begleitete, und sogleich rückte man der neuen
Hausgenossin einen Stuhl und einen Teller hin, und tat, als hätte man sich
schon Jahre lang gekannt.
    Was Marien vorzüglich an diesen unverdorbenen, braven Kindern der Natur
wohlgefiel, war ihr einfacher, frommer, fleissiger Lebenslauf, die Guterzigkeit,
mit der sie alles, was sie hatten und was ihnen ihr Fleiss erwarb, mit ihren
ärmern Nachbaren teilten, und gegen sie insbesondere, die Achtsamkeit, mit der
sie ihren Kummer schonten, ohne nach dessen Ursach zu forschen. Zwar war Liese
keineswegs von jener Neugierde frei, die man Evens Töchtern, - und vielleicht
nicht mit Unrecht, - Schuld gibt; zwar hätte sie gern gewusst, warum Marie in
der Blüte der Schönheit und Jugend so traurig war, warum sich oft ihre lieben
Augen mit grossen Tränen füllten, ohne dass sie in den äussern Gegenständen Anlass
dazu fand, - wo ihre Heimat, wie ihre Geschichte sei: - aber sie fürchtete mit
einer Schonung, wie man sie in höhern Ständen nur selten für Leidende nährt, der
sanften Unglücklichen weh zu tun, und wartete mit Verläugnung ihrer Gefühle den
Augenblick ruhig ab, wo sie sich ihr von selbst vertrauen würde. Dieser erschien
bald, da Marie in Liesens Blicken die redlichste Teilnahme an ihrem Schicksal
und den Wunsch, es zu wissen, las. Sie verschwieg ihr nichts, und ihre rührende
Erzahlung, die den Stempel der Wahrheit trug, kostete Liesens Augen den Zoll des
Mitgefühls und der Wehmut. Aber, sagte sie und nahm sie liebreich bei der Hand,
als Marie geendet hatte, und beide noch mit ihren Tränen kämpften, aber Jungfer
Mariechen, ist es der Mann auch wohl wert, dass Sie Sich so um ihn grämt und
abhärmt, in Ihren besten Jahren? - Wer weiss, ob er nicht jetzt, wo Sie seufzt
und die Hände ringt, auf neue List und Bosheit denkt, eine andere zu berücken,
denn vornehme Herren sollen gar schlimm sein! - Tröste Sie Sich mit Ihrem guten
Gewissen, das Ihr das Zeugnis gibt, nicht wissentlich gefehlt zu haben, und
führe Sie ferner einen frommen, christlichen Wandel, so wird sich Ihr Gemüt
auch nach und nach beruhigen. Aber so muss es nicht bleiben, Mariechen! - Sie
kann und muss noch eine brave Hausfrau werden und ein glückliches Leben führen.
Oft ist der Morgen trübe, aber am Mittag scheint doch die liebe Sonne und
zerteilt die Regenwolken, die sich am Himmel gesammelt hatten, und auf einen
stürmischen Tag folgt oft ein helles Abendrot. Fasse Sie Mut und vertraue Sie
auf Gott, es wird sich gewiss ein rechtschaffner, braver Mann finden, wenn er
auch kein Graf ist, der Ihr Ihr voriges Herzeleid vergessen und Sie zu einer
glücklichen Frau macht.
    Ach, gute Liese! seufzte Marie unter neuen Tränen, sein Andenken wird mir
ein ewiges Gegengift wider fein ganzes Geschlecht sein.
    Ey nun freilich, versetzte Liese, ich rede nicht von heute und morgen. Aber
es hat alles seine Zeit in der Welt, warum denn nicht auch Ihr Kummer? Lasse Sie
ihn nur austoben, es wird schon wieder still in Ihrem Sinne werden, und hernach
denke Sie dran, dass Sie nicht bloss deswegen da ist, um über vergangenes Unglück
zu klagen, sondern auch um sich drüber zu trösten, und nicht über den
Kanarienvogel, den man einmal auf dem Dache sah, den Sperling zu verachten, den
man mit der Hand ergreifen kann. Ich müsste mich recht irren, wenn sich nicht der
Mann, den ich für Sie im Kopfe habe, recht für Sie schickte. Es ist der neue
Förster oben auf dem Waldenberg, ein junger, stiller, ordentlicher Mensch, der
sich in der kurzen Zeit, da er hier ist, schon bei Alt und Jung durch seinen
guten Wandel beliebt gemacht hat. Es käme auf eine Bekanntschaft an, und dafür
will ich schon sorgen, wenn ich glaube, dass es die rechte Zeit ist; er ist schon
ein paar mal hier eingesprochen, denn Konrad hat Fuhren für ihn tun müssen. Da
hat er sich mit den Kindern abgegeben, als ob sie sein eigen wären, besonders
gewann er die kleine Marie lieb und schenkte ihr etliche Silberkreuzer. dabei
sah er sie immer an und seufzte dazu, als ob er dächte: Wer doch auch so muntre,
gesunde Kinder hätte! -
    In Mariens Herzen fanden die gutgemeinten Absichten der ehrlichen Liese
keinen gefälligen Eingang, doch war sie dankbar für die Wärme, mit der sie sich
für ihr Schicksal interessirte, aber sie dachte keineswegs daran, dieses zu
verändern. Ihre Liebe zu Wodmar, die sich so fest und innig in ihr Wesen verwebt
hatte, war ihr zu gewaltsam entrissen und vernichtet worden, als dass sie nicht
hätte sollen eine grosse und sehr traurige Leere in ihrem Innern fühlen, - aber
noch hing sie zu schwärmerisch an den Ideen einer einzigen Liebe, als dass sie
hätte daran denken können, diese Leere durch eine zweite Neigung auszufüllen.
 
                          Zwei und zwanzigstes Kapitel
Durch Fleiss und Wohltun suchte sie den Gram zu bannen, der an die Stelle ihrer
ehemaligen Munterkeit getreten war, und er ging nach und nach in jene stille
Schwermut über, die immer die Begleiterin einer unbelohnten Liebe ist. - Sie
verhüllte sich gewaltsam die Bilder einer Zeit, in der sie von unerschöpflichem
Glück geträumt hatte, und kämpfte mit allen Kräften ihrer Seele gegen die
schmerzlich-süssen Erinnerungen, die sich ihr aufdrängen wollten.
    Der Geist ihres Vaters schien sie unterstüzzend zu umschweben, wenn ein
leiser Seufzer bisweilen ihren vorübergegangnen Freuden nachfloh, und jedesmal
verwandelte sich bei seinem Andenken die Sehnsucht ihrer halb erstorbnen Liebe
in heissen, unversöhnlichen Hass, wie ihn Wodmars unedles Betragen gegen sie
verdiente.
    Zwar überhob sie die Summe Geld, die sie besass, aller Sorgen um ihren
anständigen Unterhalt, aber sie war an ein tätiges Leben gewöhnt und wusste, dass
immerwährende Beschäftigung ihr die stärksten Waffen in die Hand geben würde,
ihren Schmerz zu besiegen. Sie brachte also ihre Tage unter unablässiger Arbeit
zu, und suchte zu nützen, so viel es ihr ihre eingeschränkte Lage erlaubte.
Konrad und Liese segneten den Augenblick, wo sie in ihr Haus gekommen war, denn
sie belehrte und erzog mit der zärtlichsten Sorgfalt ihre Kinder.
    Die Mädchen unterrichtete sie in weiblichen Arbeiten, die Knaben in Lesen
und Schreiben, und dabei suchte sie einfach, aber mit dem ganzen Zauber der
Wahrheit, der auf ihren Lehren ruhte, ihren Verstand und ihre Herzen zu bilden,
so viel es ihr Bedürfnis für ihren künftigen Stand schien. Dies fesselte die
guten, unverdorbenen Kleinen mit dem schönsten Bande, das die Menschheit
verknüpfen kann, mit dem der Dankbarkeit an sie, und gab ihr süsse Sorgen und
schwermütige Freuden. Der Glaube an eine bessere Zukunft jenseits des Grabes,
an die Vergebung ihres unwissentlich begangenen Vergehens, schmiegte sich in
tröstender Gestalt an ihren Kummer, und erheiterte ihn wie der Sonnenstrahl das
finstre Gewitter, aber er erweckte auch ihr Verlangen nach einem zweiten Leben,
und die Welt lag vor ihr wie ein Tal vom herbstlichen Nebel verdunkelt. Nur auf
die Spuren, wo sie einst gewandelt war, hatte das Schicksal Rosen gestreut, aber
ihr Duft war verflogen und ihre Dornen blieben dem verlassenen Herzen zurück.
    Liese hatte mit Konrad den Plan indessen besprochen, dem jungen Förster zu
Mariens Bekanntschaft zu verhelfen, denn ihre glückliche Ehe machte es ihr nicht
glaubhaft, dass ein so isolirtes Leben, wie Marie führte, auch seine Reize,
besonders für die haben könnte, die so bitter betrogen worden war. Konrad gab
ihr vollkommen Recht, aber die Sache war schwerer als sie schien. Der Förster
lebte eingezogen und einsam in seiner romantischen Wohnung auf dem Waldenberg
und schien keine Heuratsgedanken zu nähren. Auch war die Geselligkeit eben
nicht seine hauptsächlichste Tugend, denn er liess sich nur selten, und auch dann
nur ganz von weitem sehn, wenn er mit seinem getreuen Hunde und dem Gewehr über
die Schulter die untern Waldungen durchstrich.
    Vergebens hatte ihn Konrad einigemal, wenn er ihm begegnet war, eingeladen,
in seiner engen, ländlichen Klause bei ihm einzusprechen; - er schützte
Geschäfte vor und schlug es ab. Vergebens hatte die kleine Marie, noch eingedenk
seiner ehemaligen Liebkosungen, nach dem Willen ihrer Mutter, als Herbst und
Winter vorüber waren, und die schönere Jahrszeit die ersten Erdbeeren reifte,
diese in ein Sträuschen gebunden, und sie ihm auf seinen einsamen Berg getragen,
in der Hoffnung, ihr erneuertes Andenken werde ihn zu einem Besuch bewegen; - er
drückte die Kleine mit Innigkeit an seine Brust, gab ihr Spielwerk und Zucker
und die Erlaubnis, so oft zu ihm zu kommen, als sie nur selbst wollte. Aber
dabei blieb's, - und da Marie sich durchaus nicht dazu verstehen wollte, seine
Bekanntschaft zu suchen, und der Förster eben so wenig Verlangen bezeugte, die
ihrige zu machen, so glaubten Konrad und Liese am besten zu tun, wenn sie diese
Sache, wie so manches andre, was ihnen einst am Herzen lag, dem lieben Gott und
dem Zufall überliessen. - -
    Marie war nicht mehr das schöne, blühende Geschöpf, das sie in den Tagen
ihres Glücks gewesen war. Ihre Wange war zwar noch voll, aber der Kummer hatte
sie abgebleicht, und dem sonst so frohen, heitern Auge seinen Glanz genommen.
Auf ihren Lippen tronte nicht mehr jenes süsse Lächeln, das sonst mit
unwiderstehlicher Anmut zum Herzen drang; aber der sanfte, resignirte Gram, der
in ihren Zügen wohnte, störte die Harmonie derselben nicht, und gab ihnen ein
rührendes Interesse, wenn er auch die frische Blüte der jugendlichen
Fröhlichkeit, und der Gesundheit der Seele gebrochen hatte, die man sonst in
ihrem Gesichte las.
    Ihre Leiden hatten ihr eben so viel gegeben, als genommen, wenigstens
ersetzte der ruhige Ernst ihres Wesens die Heiterkeit, die man an ihr vermisste,
und man konnte der edlen Art, mit der sie ihren Schmerz trug und überschleierte,
weder seine Achtung, noch sein innigstes Mitgefühl versagen. Sie glich einer
Lilie, die im dürren Boden verschmachtet, aber noch sterbend ihre süssen Gerüche
verbreitet.
    Einst lockte sie ein schöner Sommerabend ins Freie. Sie war zu ihrer
bürgerlichen Tracht zurückgekehrt und hatte mit dem Wahn eines höhern Standes
alles abgelegt, was er ihr zu erlauben schien. Einsam durchwandelte sie die
schönen Fluren, ohne sie zu bemerken, denn ihre Fantasie versetzte sie in die
Tage ihrer ersten Jugend, und rief ihr noch einmal mit süss-umdämmerten Farben
den ruhigen, einfachen Genuss ihres häuslichen Glücks und der Erfüllung ihrer
kindlichen Pflichten zurück. Auch an Ludwig dachte sie in dieser stillen Stunde,
und die Vorstellung, ihn vielleicht unglücklich gemacht zu haben, mischte
Wermut in ihre lächelnde Erinnerung. - So ging sie an dem Gehölze dahin, und
jeder Beweis von Güte und Liebe, den er ihr sonst gegeben hatte, stiess einen
neuen schmerzlichen Dorn in ihre Brust. Sie hatte keine Nachricht von ihm, und
ach! sie wünschte auch keine, weil es ihre Leiden noch vermehrt haben würde, ihn
um ihrentwillen traurend zu wissen. Ach wer weiss, sagte sie unter strömenden
Tränen, ob er nicht mit Hass und Unwillen an die Unglückliche zurück denkt, die
ihn mit falschen Hoffnungen betrog! Aber könnt' er mir sein Mitleid verweigern,
wenn er wüsste, wie bitter mich das Schicksal bestraft hat, dass ich der Stimme
der Leidenschaft folgte? - Könnt' er grausam genug sein und mir, die ich so
verarmt an jeder Freude bin, den Trost seiner Vergebung und seines Bedauerns
versagen? - Ach, möchte er glücklich sein, glücklicher als ich, und möchte mein
Bild ihm nur in einer sanften Stunde vorschweben, wo sein Herz geneigt wäre, mir
den Kummer zu verzeihen, den ich ihm machte! - Sie warf sich unter eine hohe,
majestätische Eiche und versank in ernste, wehmutsvolle Träume. Auf einmal rief
sie eine sanfte, gebrochene Stimme aus einer bessern Welt zurück, in der sie
schwärmte. Mein Herz ist geneigt, Dir zu vergeben. Marie! sagte die Stimme
bebend und leise, wie die Rührung zu sprechen pflegt, - ach, es vergab Dir schon
längst und alle mein Unwille fiel nicht auf Dich, sondern auf Deinen Verführer.
    Erschrocken sprang sie auf und trocknete die von Tränen verdunkelten Augen,
die sie verhinderten, die Gestalt zu sehen, die so sanft zu ihr sprach. Ach, es
war Ludwig, - bleich wie sie und abgezehrt vom stillen Schmerze einer
vergeblichen Liebe! - Sprachlos und starr stand ihm Marie gegenüber, und ihre
Betrübnis war beredter wie ihre Lippe. -
    Marie, sagte Ludwig, erwarte keine Vorwürfe von mir. Dein blasses Gesicht
und Dein rotgeweintes, erloschnes Auge sagen mir, dass Du unglücklich bist, und
dieser rührende Anblick würde meinen heftigsten Hass entwaffnen, wenn ich den
jemals hätte für Dich fühlen können. Kann ich etwas beitragen, Dir Deine Lage zu
erleichtern, so rechne ganz auf Deinen ersten, Dir immer treugebliebnen Freund,
und - - - seine Tränen liessen sich nicht länger zurückhalten, er umfing sie in
einer schmerzlichen krampfhaften Umarmung, in der sich alle ihre stechenden
Wunden regten und beruhigten, durch die Qualen der Erinnerung und den Balsam der
Freundschaft!!! -
    Marie war unvermögend, nach diesem Auftritt, der ihr Herz zerschnitt, zu
reden. Sie verlangte nach Hause, und Ludwig führte sie durch die schlummernden
Gefilde nach dem Dorfe und ihrer Wohnung zurück. Oben von dem Gipfel des
Waldenbergs blickte ein freundliches Ziegeldach, von Tannen umgeben, herab in
das Tal, und auf ihm glänzten noch die letzten Strahlen der schon
untergegangnen Sonne.
    Dort wohn' ich, Marie! sagte Ludwig, indem er hinauf wies, dort hab' ich
einsam an Dich gedacht und um Dich getrauert, ohne zu wissen dass ich Dir so nahe
war. O, wie oft hat mich die Ungewissheit Deines Schicksals gequält, und doch
hätt' ich mich nicht entschliessen können, Dir den Wahn zu nehmen, in dem Du so
glücklich schienst! - Marie drückte ihm stumm die Hand, mit einem zermalmenden
Gefühle in ihrem Innern.
    Und so unerwartet muss ich Dich wieder finden, fuhr er fort, nachdem ich die
Hoffnung aufgegeben hatte, Dich jemals wieder anzutreffen. Und so blass, so
leidend! O, Marie, Du könntest Dich keiner rührendern Beredsamkeit bedienen, als
dieser Spuren eines tiefen Grams, die ich in Deinem Gesicht lese. Aber verbanne
sie, ich bitte Dich darum! Dein Herz ist rein, Du liessest Dich nicht verführen,
nur betrügen, und dies muss Dir Beruhigung sein.
    Marie konnte nichts antworten. Nur dann und wann erwiederte ein leiser Druck
der Hand, von einem Seufzer begleitet, die Herzlichkeit, mit der er sprach.
Endlich erreichte sie die friedliche Hütte, die sie bewohnte. Ach Ludwig! sagte
sie beim Abschied, Ueberraschung und innre Vorwürfe haben meine Zunge gelähmt,
aber ich fühle Deine Güte! - - Gerührt und innig drückte er sie noch einmal an
sein ehrliches Herz und sie schieden.
 
                          Drei und zwanzigstes Kapitel
Als sie in ihre Kammer trat, warf sie sich mit den Kleidern aufs Bett und liess
ihre wunden Augen weinen, so lange sie wollten. Ach, diesem guten, edlen
Menschen habe ich seine Hoffnungen und seine Freuden genommen, rief ihr Inneres
mit allen seinen blutenden Wunden, und wie leicht wär' es mir gewesen, ihn mit
ein wenig Verläugnung meiner selbst froh und glücklich zu machen. O, hätt' ich
meine unbesonnene Liebe überwinden können und ihm die Hand gegeben, von der er
sich so vieles Glück versprach! - Sein argwohnloses Herz hätte nie geahndet, dass
eine heftige Leidenschaft das meine erfüllte, und meine ruhige Ergebenheit hätte
ihm genügt! Nach und nach wären in einem bürgerlichen, häuslichen Leben, wie es
sich für mich schickte, die bunten, strahlenden Farben verblichen, mit denen ich
mir Wodmars Liebe mahlte, und der Sieg über mich selbst hätte meines Vaters
Sterbestunde erheitert. Ach, und alles dies hätte mir nichts gekostet, als die
Aufopferung einer Liebe, die mir nun so grausam mit aller Ruhe und Heiterkeit
aus dem Herzen gerissen wurde, dass es an der Leere brechen wird, die darin
zurück blieb! -
    Der sanfte Mond erhellte nach und nach ihr kleines Gemach, aber in ihrer
Seele blieb düstre Nacht und ununterbrochne Schwermut. - Und wie, fuhr sie fort
mit ungestillten Qualen sich zu denken, wie, wenn er noch jetzt den Flecken, den
die Vergangenheit unverdienter Weise auf meinen guten Namen wirst, wieder
auslöschen wollte, indem er mir erlaubte, den seinen zu führen? - - Würd' ich,
könnt' ich es annehmen? - Könnten auf den Trümmern dessen, was ich ehedem war,
noch Blumen der Freude für ihn sprossen? - Nein, nein, rief sie dann laut unter
neuen Tränen, nein, Ludwig, Du verdienst mehr, als ich Dir sein kann, Du
verdienst eine Gattin, die Dir frei ins Auge zu sehn vermögend ist, ohne dass es
feucht und beschämt zu Boden sinken muss, bei der Erinnerung voriger Zeiten.
    Schlaflos brachte sie die Nacht unter Schinerzen hin, die sie sich selbst
machte, und wie mit einem Fieber kämpfend fand sie Liese am andern Morgen mit
erhitzen, geschwollenen Augen, die die Spuren des Wachens und des Weinens
trugen. Marie erklärte ihr alles, ihr ehemaliges enges Verhältnis mit ihrem
Vetter Ludwig, den sie in dem Förster wieder gefunden hatte, ihre Erwartungen
eines erneuerten Antrags, und ihren Entschluss, ihn auszuschlagen. Liese fand
diesen Vorsatz unbillig und unklug. Wenn jemand einen Fehler begeht, sagte sie,
und bereut ihn, und möchte ihn gern ungeschehen machen, - ists denn da nicht
unsre Schuldigkeit, ihm zu vergeben? - Und wie viel mehr ist der nicht zu
entschuldigen, der ohne zu wollen fehlte, und demohngeachtet so herzlich bereut,
wie Sie? Nein, Jungfer Mariechen! gebe Sie ihm in Gottesnamen Ihr Jawort, wenn
er es verlangt, und mache Sie Sich keinen Kummer über das, was geschehn ist. Und
wenn Sie auch selbst mit Wissen und Willen in Unehren mit dem Grafen gelebt
hätte, so müsste man doch wegen Ihres guten, frommen Wandels nachher ein Auge
zudrücken, und der Mann wäre immer noch glücklich zu schätzen, der Sie bekäme.
Bedenke Sie auch, dass Sie dem Förster für manches Herzeleid Entschädigung
schuldig ist, das Sie ihm zugefügt hat, und dass es im Alter wohl tut, wenn alle
Bekannten um uns her sterben und uns vorangehn, einen treuen Freund, der bei uns
aushält, und liebe Kinder zu haben, die uns die Augen zudrücken.
    Liese würde ihr noch mehr Gründe vorgelegt haben, wenn nicht ein
Morgenbesuch des Försters ihre Rede unterbrochen hätte. Sie hielt sich nun für
überflüssig, lächelte fromm und bedeutend auf Marien und entfernte sich mit der
Zuversicht, dass er mehr auf sie wirken werde, als sie. Ludwig erschrak, als die
erste Röte der Ueberraschung vorüber war, die sein Kommen auf ihre Wangen
trieb, über die kranke, leidende Gestalt, die ihm weniger bleich und zusammen
gebrochen im Rosenlichte des gestrigen Abends vorgekommen war, - über das
lebensmüde Auge, mit dem sie ihn ansah, und über die blassen Lippen, mit denen
sie sich bemühte, zu lächeln. Marie, meine geliebte Marie! Du bist sehr krank!
rief er aus, heftig bewegt von ihrem Anblick, der ihn einst in der vollen,
frischen Blüte der Gesundheit so sehr entzückt hatte. -
    Ich bin es, Ludwig! versetzte Marie sanft, aber in meinem Herzen wohnt meine
Krankheit. - Wie ein Leichenstein liegt der Kummer auf meiner Brust und seine
Schwere wird sie erdrücken. Aber ruhig, glücklich wird sie nicht eher sein, bis
sie der wirkliche Leichenstein auseinander presst!
    Ludwig konnte seine Augen nicht mehr beherrschen. O Marie, rief er, könnte
denn meine innige Liebe den Gram nicht vermindern, der Dich darnieder beugt?
Könntest Du wirklich dem Manne, den Dein guter Vater einst wert hielt, Dich zu
besitzen, die süsse Sorge für Dein Glück verweigern? - Ich will ja Deine Liebe
nicht, denn ich weiss, dass sie noch immer dem Verräter gehört, so gern Du Dir
Deine Gefühle auch selbst verbergen möchtest. Ich will nur Deine Freundschaft,
nur das Recht, Dir so viel Freuden zu geben, als ich kann!
    Marie sank erbleichend, fast ohnmächtig in seine Arme. Nein, Ludwig! sagte
sie rasch, ich lieb' ihn nicht mehr, weil ich ihn tief verachte! Aber was willst
Du mit mir, Du, der Du das beste, glücklichste Mädchen verdienst? - Nein, lass
mich einsam weinen, weinen, dass ich das beglückende Gefühl meiner innern Ruhe
verloren habe, und dann sterben!
    So stirb an meinem Herzen! sagte Ludwig, und diese feierliche Minute schloss
den Bund der Freundschaft und der Liebe. Marie versprach ihm die Seinige zu
sein.
    Als es allmählig ruhiger in ihnen wurde, erzählte ihr Ludwig seine
Schicksale seit ihrer Trennung. Mit den süssesten Hoffnungen, die ihn zu einer
lachenden Zukunft berechtigten, war er mit seinem Prinzen ausgereiset, aber bald
wiegte die immer zunehmende Entfernung seine Seele in eine düstre Schwermut,
die seinem Herrn nicht entging. Er gestand ihm seine Liebe, seine Sehnsucht nach
der Geliebten, und seinen Wunsch, sie auf immer zu besitzen. Der Prinz hörte ihm
teilnehmend zu, sagte aber nichts darauf. Ohngefähr zehn Monate nach ihrer
Abreise rief ihn der Prinz zu sich. Geh' und sei glücklich! sprach er mit nassen
Augen, indem er ihm seine Bestallung als Forster auf dem Waldenberg gab, um die
er sich heimlich für ihn bemüht hatte. Und wenn Du recht froh mit Deinem jungen
Weibe lebst, so denke auch an mich und bedaure mich, den Schicksal und
Konvenienz auf ewig von dem Ziel seiner Wünsche scheiden. - Der Prinz liebte ein
Mädchen unter seinem Stande. - Sie zu vergessen und ihre gefährliche Nähe zu
fliehen, tat er diese Reise. Ludwig konnte nie ohne die tiefste Achtung und
Rührung von der Würde sprechen, mit der er seine hoffnungslosen Leiden trug. -
    Auf den Flügeln der Sehnsucht eilte er nun zurück, in der Hoffnung, seine
Marie werde in froher Verwunderung sein Glück mit ihm teilen. Aber ihr Haus war
leer, ihr Vater begraben, sie selbst verschwunden; - nur an ihrer Stelle fand er
den Brief, der ihm fürchterlichen Aufschluss über alles gab, was ihm rätselhaft
schien. - Er schwieg von dem heftigen Schmerz, den er empfand, da er sah, dass
Marien seine Erzählung peinigte, die sie gleichwohl selbst von ihm gefordert
hatte.
    Er verliess die Stadt, die ihm nun unerträglich war, teilte die Summe Geld,
die sie ihm beschieden hatte, unter ein paar arme Verwandten ans, und bezog mit
finsterm, menschenfeindlichem Gram seinen Waldenberg. Eh' er sich noch auf immer
der Einsamkeit überliess, die ihn erwartete, bemühte er sich um Nachrichten von
dem Grafen von Wodmar. Man sagte ihm, dass er im vorigen Herbst sich mit einer
jungen, schönen und reichen Gräfin vermählt habe, die einsam auf dem Lande
lebte, da das Geräusch der Welt keinen Reiz für sie habe. Da stand ihm das ganze
Bubenstück seines Nebenbuhlers vor den Augen. Er kannte Mariens strenge
Grundsätze und ihre feste Tugend. Nur durch eine Scheinheurat war es möglich
gewesen, zu ihrem Besitz zu gelangen. Bald loderte das Feuer seines Zorns zu dem
Vorsatz auf, dem Betrüger die Maske zu entreissen; - bald aber, wenn er ihren
Brief von neuem überlas, sagte er zu sich selbst: Warum soll ich die goldne
Täuschung vernichten, in der sie so selig schwärmt? Ach, sie würde doch an
meinem Herzen keinen Ersatz finden für den süssen Traum, aus dem ich sie weckte!
- - So zog er sich ganz von der Welt in die Stille seines ländlichen Lebens
zurück und ihr Andenken schwand nie aus seiner Seele, die sie immer betrauerte.
    Auch Marie teilte ihm, nicht ohne innern Kampf, ihr voriges Leben mit, und
schilderte ihm unparteiisch und treu ihre Bekanntschaft mit Wodmar, ihre Liebe,
ihre Verbindung und dann die Entdeckung seiner Verräterei. Es griff sie an, von
Dingen zu sprechen, die ihr nur die bittersten Erinnerungen erwecken konnten.
Ludwig bemerkte es. Erzähle mir nichts mehr, meine gute Marie! sagte er schonend
und sanft. Wende Deinen Blick weg von den trüben, vergangenen Tagen und schaue
froh in eine bessere Zukunft. Ich weiss ohne Dein quälendes Geständnis, dass Deine
reine Seele unfähig war, sich zu verirren. - Marie weinte seiner Güte Tränen
des Danks und der Rührung. -
    Ludwig blieb den ganzen Tag bei ihr und die gutmütige Liese war ausser sich
vor Freude über ihren schnell gelungenen Plan. Am Abend führte er seine Geliebte
ins Freie und besuchte mit ihr die hohe Eiche, unter der er sie wiederfand.
Stumm und selig ging er neben ihr her, - schweigend und voll sanfter Wehmut
folgte Marie den grünen Spuren des Weges an seinem Arm, die sie gestern noch
einsam betrat. Das volle, glühende Abendrot goss selbst auf die östlichen Wolken
seinen reizenden Purpur aus, - die Abendglocke tönte melodisch durch die stille
Luft, die sie umgab, und schien ihr in dieser rosenfarbenen Minute der Nachhall
ihrer ersten Jugend zu sein, in der sie einst mit ähnlichen Aussichten, wie
jetzt, nur nicht so traurig, vor Ludwig stand. Aber in ihre süss gerührte Seele
drang die herbe Vorstellung von allem, was sie ehemals davon geschieden hatte. -
 
                          Vier und zwanzigstes Kapitel
Unter einem immerwährenden Wechsel von Weh und Freude in Mariens Seele gingen
einige Wochen vorüber und Ludwig bestand nun auf die Erfüllung ihres
Versprechens.
    Mit schwerem Herzen willigte Marie in eine Verbindung mit ihm auf ewig.
Nicht als ob sich der leiseste Zweifel an seinem schonenden, vergebenden
Edelmut in ihr geregt hätte, - nur zu tief hatte sie so manche Probe seiner
Delikatesse durchdrungen; aber in ihrer Seele, in der sich alles auf Nebelgrund
mahlte, fühlte sie deutlich, dass ihr die Vergangenheit ewig eine Wunde bleiben
würde, die nur der Tod zu stillen vermöchte. Was ihr ehemals im blendenden
Rosenlicht der Liebe verzeihlich dünkte, schien ihr jetzt ein Verbrechen zu
sein, und dahin gehörte auch ihr wankelmütiges Benehmen gegen Ludwig, und die
Uebereilung, mit der sie im Rausch der Leidenschaft die Belohnung, die sie
seiner festen Treue schuldig war, ihrem eignen, erträumten Glück und der Liebe
eines Mannes opferte, der ihrer so unwert war.
    Aber Ludwig wollte nicht ohne sie leben und sie ergab sich sanft in seine
Wünsche. Ihre Heurat wurde feierlich in der Kirche vor der ganzen versammelten
Gemeinde vollzogen, und Konrad und Liese wohnten der Trauung mit einer so
gerührten, innigen Freude bei, als würde ihre eigne Tochter vor dem Altar zur
unzertrennlichen Gefährtin des glücklichen Försters geweiht.
    Marie bezog nun mit ihrem Manne den Waldenberg, und ihre kleine, aber
angenehme Wohnung war ganz so einsam, wie sie es wünschte. In nützlichen
Beschäftigungen brachte sie ihre Tage hin, und über ihre Gestalt breitete sich
eine holde Ruhe, die ihr Wesen beseelte und Ludwig die süsseste Hoffnung gab, sie
werde von ihrem Grame genesen. Aber er war nur erschöpft, nicht gehoben, und
führte sie langsam dem offenen Grabe zu. Sie empfand immer einen schmerzlichen
Unterschied zwischen ihrem und Ludwigs Innern. Je reiner und fleckenloser das
seinige war, je vorwurfsvoller dünkte ihr das ihrige, und alle seine Liebe kam
ihr nur wie ein mitleidiges Herabneigen zu einer unglücklichen Verirrten vor, so
sehr er sich auch Mühe gab, ihr zu zeigen, dass er sie nicht allein liebte,
sondern auch achtete. - Ihrem traurenden Herzen tat seine Güte weh, und je
weiter er sich von jeder Erinnerung voriger Zeiten entfernte, je näher leitete
sie ihr stiller Schmerz zu ihr hin.
    Einige Monate war sie seine Frau gewesen, da überfiel sie eine
unbeschreibliche Mattigkeit. Ludwig pflegte sie mit aller Zärtlichkeit, die er
für sie empfand, und suchte alles hervor, was sie erheitern und stärken konnte.
Ich habe einen Wunsch, liebster Mann! sagte sie zu ihm, den ich gern erfüllt
sähe, da ich vielleicht bald mein Auge auf ewig schliesse. - Ludwig konnte das
seinige nicht trocknen und ihr nur durch eine Bewegung mit der Hand zu verstehn
geben, dass er ihn gewähren würde.
    Meine Muhme Köhler, fuhr sie fort, lebt wahrscheinlich noch immer in Wodmars
Hause, - ich wünschte sie in meinen letzten Stunden um mich zu haben und sie Dir
zu hinterlassen, wenn ich sterbe. Sie wird Dein Hauswesen gut in Acht nehmen,
bis Du zu einer zweiten Wahl schreitest, und sollte Deine künftige Frau sie
nicht um sich haben mögen, so lass sie zur guten Liese ziehn und gieb ihr, um
meines Andenkens willen, so viel, als sie zu ihrem Auskommen braucht. - Sie
verliess aus Liebe zu mir ihre ruhige Lage in der Stadt, und hoffte Freuden mit
mir zu teilen, die man uns vorspiegelte. - Ach, sie hat nichts mit mir
geteilt, als meine einsamen Tage, meine Tränen um den geliebten Vater, und
mein Erstarren, als wir entdeckten, dass wir betrogen waren! - Willst Du ihr
schreiben, dass sie kommen soll? - Ludwig tat es mit einem namenlosen Kummer. -
    Noch eins, sagte sie, als er fertig war, und zog ihn liebevoll zu sich
nieder. In ihren schönen Augen schwamm ein feuchter Schimmer, der sich in eine
volle Träne sammelte und ihre eingefallene, blassgerötete Wange hinab schlich,
- noch eins habe ich auf dem Herzen, aber ich tue es nicht ohne Deinen Beifall.
Ich fühle, dass der Tod mir nicht mehr fern ist, und seine Annäherung macht mich
sanfter, als ich in den Tagen meiner sinkenden Gesundheit war. Vielleicht ist
Wodmar schuld an meinem frühen Sterben, - vielleicht auch nicht! Aber wäre er es
auch, so ist es schön, den Abend seines Lebens mit einer edlen Tat zu
bezeichnen und zu enden; drum erlaube mir einige Zeilen an ihn, in denen ich ihm
sage, dass ich ihm vergeben habe, und dass ich diese Welt verlasse, ohne seinem
Andenken zu fluchen. Ach, ich hasse ihn nur noch um Deinetwillen; - die
Schmerzen, die er mir machte, hab' ich ihm längst verziehen. Willst Du, mein
Ludwig! mir diese letzte Bitte erfüllen, so wirst Du meinem Herzen noch neue
Freude geben, ehe es bricht; - willst Du es anders, nun so bring' ich Dir ohne
Murren den kurzen Genuss, den sie mir gewähren würde, zum Opfer.
    Kannst Du noch fragen, unterbrach sie Ludwig auf ihre Hand gebeugt, die er
fest an sein Herz drückte. Tu' alles, geliebte Seele, was Dir Freude macht! -
O, könnt' ich für Dich sterben! - -
    Marie liess sich also eine Feder bringen und Ludwig irrte im Walde umher, den
Schreckensbildern zu entfliehn, mit denen ihr herannahendes Ende ihn umgab. Es
war still in dem öden Krankenzimmer um sie her, wie in ihrer Seele, und sie nahm
alle ihre Kräfte zusammen, um diese Zeilen zu schreiben:
    »Wenn Sie dieses Blatt erhalten, werden vielleicht die Hände schon verwesen,
die es schrieben, und das Herz, das Sie geliebt hat, schlägt nicht mehr und
schlummert in der Erde. Aber ehe es der Todeskampf stumm und kalt macht, will es
noch einmal zu dem Ihrigen sprechen und Ihnen vergeben. Still und feierlich naht
sich mir die Minute meines Sterbens, und ich sehe ihr heiter entgegen, denn sie
erscheint mir wie eine geliebte Gestalt im Traum und öffnet mir den Himmel. Ich
habe nichts auf dieser Welt gehabt, als den kurzen, aber süssen Wahn Ihrer Liebe,
- den Schmerz betrogen worden zu sein, und Tränen. Selbst die Zärtlichkeit des
besten, edelsten Mannes vermochte mir nichts mehr als doppelte Reue zu geben,
dass ich ihn jemals meiner unglücklichen Leidenschaft aufopfern konnte; - ich
scheide also gern, da meiner traurenden Seele die Erde nur ein Kerker dünkt. -
Aber in diesen letzten Stunden meines Lebens wird mein Herz weich und geneigt zu
vergeben. Nehmen Sie also mit dem letzten Lebewvhl, das ich Ihnen durch die
weite Ferne zurufe, die uns trennt, die Versicherung hin, dass ich versöhnt mit
Ihnen sterbe. Ach, ich will es Ihnen nicht verbergen, dass mein Hass und mein
Abscheu für Sie mit meiner fallenden Gesundheit dahin floh, und - meine Lippen
soll auch im Tode keine Lüge beflecken, - dass ich Ihr Bild und alle meine
ehemalige Liebe zu Ihnen in meinem brechenden Herzen mit ins Grab nehme. Sein
Sie glücklich in den Armen ihrer liebenswürdigen Gemahlin, und mein Andenken
störe nie Ihre Heiterkeit, sondern nur Ihren Leichtsinn, indem es Sie an die
traurigen Folgen erinnert, die er hatte. Ich verzeihe Ihnen, ich würde Ihnen
noch mehr sagen, aber der Augenblick ist nun vorüber, der mir erlaubte,
offenherzig zu sein, und alle die übrigen, die ihm folgen, gehören Ludwig und
meinen Pflichten! - Leben Sie ewig, ewig wohl! Einst, wenn Ihr Herz zur Tugend
zurückgekehrt ist und sich müde geschlagen hat im Getümmel der Welt und unter
dem Drucke des Lebens, dann Wodmar! - o diese Hoffnung ist Deiner Marie süss, -
dann sehn wir uns wieder!«
    Sie endigte diesen Brief mit vieler Heiterkeit und Ruhe des Geistes,
siegelte ihn selbst und gab ihn Ludwig, mit der Bitte, ihn nach ihrem Tode zu
besorgen. Konrad eilte so schnell, als es ihm möglich war, Frau Köhler zu holen,
und Liese kam nicht von dem Krankenbett ihrer geliebten Freundin, und gab durch
die unermüdete Sorgfalt, mit der sie sie abwartete, und durch die redlichen
Tränen, die sie bei ihrer immer zunehmenden Entkräftung vergoss, einen rührenden
Beweis, wie gut der Mensch sein kann, auch ohne Politur, die oft am innern
Werte nimmt, was sie dem Aeusserlichen an Glanz gibt.
    Ludwig, dessen treues Herz sich, nachdem er sie wiedergefunden, fester als
jemals an sie geheftet hatte, - Ludwig, der jetzt den Moment sich nahen sah, in
dem er sie für dieses ganze lange Leben verlieren sollte, hatte keinen Trost für
seinen Schmerz, als den, der allen Unglücklichen bleibt, den Trost der
Sterblichkeit.
    Er verliess das Zimmer seiner geliebten Gattin keinen Augenblick, und
bewachte unter Furcht und Hoffnung, die in ihm abwechselten, jede ihrer
Bewegungen. Einst erwachte sie nach einem sanften Schlummer, - ihr Auge blickte
sich hell und selig um, und sie reichte in trunkner Freude Ludwig ihre Hände,
der an ihrem Bette sass. O mein Ludwig! sagte sie, und die Glorie der Verklärung
schien ihre bleiche Gestalt zu umschweben und lieh ihr ein überirdisches
Lächeln, ich habe den ganzen Himmel gesehn, und meinen Vater und mich selbst, in
dem schönsten aller Träume! Ach, wie war mir so wohl im Kreise der Seligen!
Unsre Erde lag wie eine dunkle Wolke unter mir, und ich konnte keine der lieben
Gestalten erkennen, die ich zurückgelassen hatte. Und doch wurde mein Herz weich
vor Sehnsucht, die Seligkeit mit ihnen zu teilen, die mein ganzes Wesen
durchströmte. Da senkte sich von der zweiten Welt, die ich bewohnte, eine blaue
Nebelsäule hinab auf die verlassenen, dunkeln Gefilde meines ehemaligen
Vaterlandes, - und glänzender stieg sie wieder empor, - - süsse Ahndung und
Wehmut schmelzten mein Herz! Du tratest aus dem blauen Duft, der Dich umgab,
und mein Vater segnete unser Wiedersehn. Dann führte mir der Engel der
Versöhnung auch Wodmar entgegen und wir umfassten uns alle in stiller Liebe, die
niemand störte und niemand tadelte! Da verloren wir plötzlich unsre Gestalten, -
sie sanken hinab in offne Gräber, aber unsre Seelen kannten sich doch und
liebten sich, auch ohne die bekannte Hülle. - Ihr Auge wurde starrer unter den
freudigen Tränen, die es vergoss, - ihr Mund bewegte sich noch lächelnd, aber
ohne zu sprechen, und ohne Krampf und Zuckungen floh in Ludwigs Armen, wie der
leise Atem der Frühlingsluft, ihr entrinnendes Leben dahin! - -
 
                          Fünf und zwanzigstes Kapitel
Frau Köhler kam an, - um ihre Nichte begraben zu sehn. Sie weinte mit Konrad und
Liesen bei der teuren Leiche, aber Ludwig konnte seine Tränen nicht mit den
ihrigen vermischen. Sein Auge war trocken und starr, und so heftig auch der
Schmerz in seinem Innern wütete, so las man nichts von ihm auf seinem Gesicht,
als die gleichgültige Betäubung, die seine erste Stärke mit sich führt. Er
wirkte sich die Erlaubnis aus, ihre Ueberreste unter der Eiche begraben zu
dürfen, wo er sie zum erstenmal nach langer Trennung wieder gesehen hatte. Sie
war schon vorher sein Lieblingsplatz und wurde es nun noch mehr, da unter ihrem
Schatten das Liebste, was er auf der Erde hatte, schlummerte. - Er setzte ihr
ein einfaches Grabmal, mit dem Tag und Jahr ihrer Geburt und ihres Todes, und
der simpeln Inschrift: Ihr Tod war schön und sanft, wie ihre Seele! - Täglich
besuchte er das Heiligtum seines Schmerzes, und Konrads Kinder, die den
Grabhügel ihrer Freundin oft mit Blumen bestreuten, fanden ihn zuweilen ohne
Spuren des Bewusstseins, ganz verloren und versenkt in seine Schwermut, oder
auch in milden Tränen, die ihm endlich Zeit und Nachdenken gab. - Er führte
sein Leben still und traurig fort, wie in den Tagen, da er Marien betrauerte,
als sie sich durch ihre Liebe zu einem Andern von ihm losgerissen hatte, aber
seine Empfindung war nicht mehr so herbe, wie damals, denn Marie war ja als die
Seinige gestorben. Er dachte an keine zweite Verbindung, und Frau Köhler führte
mit der Sorgfalt einer Hausfrau seine Wirtschaft an Mariens Stelle. Jedes
Ueberbleibsel von ihr war ihm eine heilige Reliquie, und in stillen Stunden, wo
er sich frei von Zeugen glaubte, oder über seinen Kummer der Zeugen vergass,
vertiefte er sich schwermütig in die Grösse seines Verlustes. Er pflückte jede
Blume aus dem Felde der Vergangenheit, um damit den Rautenkranz der Gegenwart zu
schmücken, oder um sie in süsser Täuschung auf die verheerten Ruinen seines
Glücks zu streun. - In die Rinde der Eiche, unter der sie ruhte, schnitt er
ihren Namen, und nun war der geliebte Baum ihm doppelt wert. Hier fand ihn
jeder Abend in Träumereien verloren, die ihm entweder die Zukunft jenseit des
Grabes mit Farben der Hoffnung malten, oder alle Freuden seiner vergangnen Tage
ihm wieder zurück riefen. - Oft glaubte er sich auch von Mariens Geiste
umschwebt, und dann verliess er allemal mit erhöhtem Mute zum Leiden das Grab,
in dem seine Geliebte und seine Glückseligkeit ruhten. Er überlebte sie nur
einige Jahre, und Frau Köhler folgte ihm bald nach.
    Mariens schriftliches Vermächtnis an den Grafen wurde ihm richtig
überbracht. Er hatte, da jede Mühe, ihren Aufentalt auszuforschen, vergeblich
war, in dumpfer Schwermut seine Tage in der Stadt verlebt, aber ohne an ihrem
Geräusch und seinen ehemaligen Gesellschaften Teil zu nehmen. Alle seine
Heiterkeit war hin, - immer erblickte er im Spiegel der Erinnerung Mariens
Vertrauen und ihren gemisshandelten Glauben, der ihn an seine innere Entehrung
mahnte. - Er hatte, seit er so hart von Josephinen gegangen war, wohl oft mit
Anteil und Zärtlichkeit an diese arme, auch von ihm Betrogne gedacht, aber sie
nicht wieder gesehn. Jene Vorwürfe, die er ihr mit so viel Bitterkeit in einer
Stunde machte, wo sie des Balsams für ihr zerrissenes Herz bedurfte, kamen nicht
aus seinen Gedanken. Aber es liegt leider in den mehresten leichtsinnigen
Menschen der Wunsch und das Verlangen, einen begangenen Fehler dadurch zu
beschönigen, dass sie die Ursachen, die ihn veranlassten, nicht in sich selbst, wo
sie wirklich zu Hause sind, sondern in dem andern suchen, der darunter leidet.
    Das Gewissen weicht nie aus der menschlichen Seele, so oft es sich auch
einschlummern lässt, und wenn auch der Strom der lauten Freuden den Bösewicht in
dumpfer Betäubung mit sich fortreisst, so kommt doch endlich eine stille Stunde,
der er nicht ausweichen kann, die ihm den Spiegel vors Gesicht hält, aus dem ihm
zu seinem Schrecken alle seine Vergehungen in ungefärbter Hässlichkeit entgegen
strahlen. Dann möcht' er gern den innern Stichen entgehn, die ihn peinigen, und
sucht den kleinsten Flecken in dem Charakter auf, den er beleidigte, um sein
Verfahren zu rechtfertigen. Wodmar hatte zwar anfangs mit einem unangenehmen
Gefühl Josephinens erste Kälte und den Stolz bemerkt, mit dem sie ihm begegnet
war; - aber da er sie nicht liebte, so war ihm nach und nach die Kluft lieb
geworden, die die Verschiedenheit ihrer Denkungsart zwischen sie warf, da sie
ihm wenigstens in seinen eignen Augen eine wichtige Entschuldigung seines
Verfahrens gegen Marien schien. Er schätzte Josephinen, wie es ihre reine Tugend
verdiente und er bereute es, ihrem weichen Herzen durch seine rauhe Begegnung
weh getan zu haben, - aber er wagte es nicht, sie zu sehen, und die
Ungewissheit, die ihn wegen Mariens Schicksal folterte, erlaubte ihm auch bis
jetzt nur als Nebensache den Gedanken an sie.
    Als er Mariens Brief erhielt, und ihre Hand auf der Aufschrift erkannte,
ergriff ihn ein ahndungsvolles Beben. Er legte ihn unerbrochen vor sich hin, um
einige Minuten sich den süssen Vermutungen und Hoffnungen zu überlassen, die ihn
umgaukelten. Er glaubte sie versöhnt, aber nicht erst an der Pforte der
Ewigkeit, sondern noch in diesem unvollkommnen Leben, das er ihr so sehr getrübt
hatte. Aber als er das Blatt entfaltete, dessen wankende Schreibart ihm bewies,
dass sie ihm ihre letzten Kräfte geopfert hatte, als er es las und in dumpfer
Bestürzung wieder las, überfiel ihn die grässliche Verzweiflung. Marie todt, und
seine Anklägerin vor Gottes Richterstuhl! diese Gedanken vermochte er nicht zu
trennen, so sehr auch Mariens sanfte Vergebung den letztern widerlegte. Sein
Körper wurde so krank, wie seine Seele. Zwar rettete ihn seine Jugend und die
geschickte Behandlung des Arztes von dem Tode, den er wünschte und fürchtete,
aber eine schwarze Melancholie blieb immer in seiner Seele zurück, und nur als
er umständliche Nachricht von Mariens letzten Stunden und ihrem Ende eingezogen
hatte, ging sie in eine weichere Art von Schmerz, in die tiefste Wehmut über. O
Marie! sagte einst sein ganzes Wesen, womit kann ich Dir ein schöneres Monument
bauen, als durch gute Taten und die Erfüllung meiner Pflichten! Womit kann ich
Deinen schlummernden Staub besser ehren, als durch das Bestreben, Deiner wert
zu sein! - Die traurende Josephine trat in diesem Augenblick vor seinen
lebhaften Geist, und in ihrem schönen Auge hingen noch die Tränen, die er ihrem
Herzen entpresst hatte, und sie zu trocknen schien ihm sein schönster Beruf. Er
machte Anstalt zur Abreise. - - Josephine lebte eingezogen und still in
Wodmarshausen und widmete alle ihre Zeit dem geliebten Kinde, das die einzige
ihr noch übrig gebliebne Quelle ihrer Freuden war. Sein Name und seine Sanftmut
rief den ersten Geliebten, und seine sich immer mehr entwickelnden Züge den
zweiten in ihr trauriges Andenken zurück, und liess den Gedanken nie verlöschen,
dass sie Beide verloren. Ach, von dem ersten hatten sie die Vorurteile ihres
Standes geschieden, und von dem andern trennte sie auf ewig die Ueberzeugung
seines Unwerts.
    Der Graf kam an. Josephine empfing ihn mit ernster Würde. Ich habe Sie
beleidigt, teure Josephine! sagte er, aber die unglückliche Ursach, die uns
trennte, ist nicht mehr. Sie starb, indem sie mir vergab! Wollen Sie dem
Beispiel ihrer Versöhnung folgen? - - Er reichte ihr hier Mariens Brief und
schwieg. - Josephine nahm ihn kalt und gleichgültig, aber sein Inhalt machte ihr
Herz weich, und sanft wurde ihr stolzes Auge von Tränen überzogen, die sie der
Unglücklichen nicht verweigern konnte. Rasch wandte sie sich zu ihrem Gemahl,
mit festem Entschluss und festem Blicke, obgleich einer gerührten Stimme. Dieser
Brief, sagte sie, indem sie ihn zurück gab, sei unser Scheidebrief. Ich verlange
nichts von Ihnen zur Entschädigung meines Kummers, als den Besitz meines Kindes,
und die Sorge für seine Erziehung, damit sein Herz rein bleibt von der
Falschheit seines Vaters. Mit diesen Worten verliess sie ihn, ihre Wange von
edlem Unwillen entflammt, und nie sah sie ihn wieder. Sie erfüllte ihre
Mutterpflichten mit der grössten Gewissenhaftigkeit, und ihr Sohn lohnte ihre
Mühe durch den liebenswürdigsten Charakter, der sich unter ihrem Beispiel
bildete und befestigte. In ihm fand sie den Ersatz aller ihrer Leiden. - Wodmar
zog sich nach einigen vergeblichen Versuchen, sie zu versöhnen, nach Nesselfeld
zurück, wo er das Andenken seiner Marie beweinte. Er suchte sich oft durch
Reisen zu zerstreuen, aber die Ruhe, die er zuweilen genoss, war nur
Fühllosigkeit, und wich schnell neuen Qualen, die ihm Vergangenheit und Zukunft
gab und verhiess. Er suchte durch Wohltätigkeit feinen Gram zu zerstreuen, aber
er blieb fest in seiner Seele und wich nur spät dem Tode, der alle Wunden heilt.
    Und August? - hatte seine erste, unglückliche Liebe nicht vergessen, sondern
sie langsam in eine sanfte, aber feste Freundschaft umgestimmt, die er ewig für
Josephinen beibehielt. Jahre waren nötig, die Flamme der Leidenschaft in ihm zu
dampfen, aber als es endlich geschehn war, loderte eine schönere in ihm auf, die
er frei und stolz der ganzen Welt bekennen durfte, und ihrer reinen,
wohltätigen Wärme freute sich Josephine.
    Auch die Liebe behauptete noch ihre Rechte in seinen männlichen Jahren an
ihm, und schmückte sie durch ein Mädchen seines Standes, das seine Wahl
verdiente. Als er verheiratet war, sah er erst Josephinen wieder, und die
Erinnerung der vorigen Zeiten betrübte sie nicht mehr, sondern wurde durch die
angenehme Wehmut, die sie in die Freuden des Wiedersehns mischte, ein neues,
zartes Band der Freundschaft. Madam Wilmut und August mit seiner Familie zogen
zu Josephinen aufs Land, und bei dem heitern Abendrot, das ihnen lachte,
vergassen sie die Stürme des Morgens.
 
    