
        
                             Caroline von Wolzogen
                                Agnes von Lilien
                                 An meine Kinder
Für Euch, meine Kinder, entriss ich diese Blätter dem Strome der Vergangenheit!
Ich habe die Blütezeit meines Lebens noch einmal durchlebt, während ich sie
schrieb. Die Natur gab mir jenen wohltätigen Schleier, der den Bildern der
Vergangenheit ihren lebendigen Zauber bewahrt, und mit ihm tausendfachen Genuss
und reicheres Leben.
    Die klare Ansicht einer fremden Existenz ist nie ganz ohne Wirkung auf unsre
eigne. Was ich bin, oder was ich zu sein wähne, und unter welchem freundlichen
Einfluss des Schicksals ich es wurde, - sollen Euch diese Blätter zeigen.
    Alle Kunstforderungen müsst Ihr hier aufgeben. Nur die Erinnerung bewegte
meinen bildenden Sinn, und die Geister der Vergangenheit erschienen wie Ossians
Geister auf flüchtigen Wolkengestalten.
    Wie sanft ist der Übergang aus der jugendlichen Täuschung zur Wahrheit des
Lebens, wenn selbst der Besitz des höchsten Gutes, welches wir wünschten, uns in
den Kreis der Wirklichkeit zurückführt! Es bleibt nichts unbefriedigtes in
unsrer Seele, und das stille Geschäft einer höheren Bildung nimmt seinen
ununterbrochnen Fortgang, ohne von den beunruhigenden Träumen eines ungestillten
Verlangens gestöhrt zu werden.
    Die Verbindung zweier liebenden Seelen löst das sonderbare Rätsel unsrer
Existenz, im Gefühl einer ewigen Befriedigung und eines ewigen Strebens nach
etwas Unerreichbarem.
    Euer holdes Dasein gab unserm Leben die schönste würdigste Bedeutung. Eure
klaren Augen, in denen die Welt sich von so einfachen Seiten spiegelte, Euer
kindisches Begehren und Streben - führte uns sanft in die Unschuldswelt zurück,
erhielt den zärtesten Bildern unsres Gemüts ihre frischen Farben, und klärte
die Quellen des heiligsten innren Lebens auf. Als Ihr denken und wollen lerntet,
sah ich mit Entzücken, dass das schöne Verhältnis der Gemütskräfte Euch wie die
Gestalt Eures Vaters angebildet wurde.
    Den Kreis von Freunden, der sich um uns versammelte, vermochte keine Laune
des Schicksals zu zerstreuen. Im Drang der Verhältnisse hatten sich die edlen
Naturen erprobt und bewährt erfunden.
    Kindliches Vertrauen verband alle Herzen, Mut und Weisheit vereinte sie zu
edlem Wirken, Geist und Grazie webte das Band des Umgangs.
    Eure verehrten Grosseltern lebten ein glückliches Alter.
    Mein Pflegevater wiegte Euch noch auf seinen Knieen. Mit freudestrahlendem
Blick sah er in meinem ältesten Sohn den künftigen Herrn seines geliebten
Dörfchens. Die stille Wirkung dieses edlen Geistes blieb unter uns ewig
lebendig, sein Glaube glühte in unserm Herzen.
    Die Obergewalt der Güte in der Natur zu fühlen, wie er, das war die Quelle
und die Wirkung unsres Glücks.
    Die Ruhe, die sich unter die blinde Notwendigkeit beugt, tödtet die
schönsten Blüten unsers Wesens, sie erzeugt nur das kräftige Selbstgefühl eines
Atleten; - aber die Stille der Seele, die ihr eignes Glück wieder in der Natur
auszuatmen strebt, die liebliche Fülle der Freiheit und Schönheit, die
Wohltätigkeit des ganzen Daseins, bildet sich nur in einem Gemüt, dem die
Notwendigkeit als höchste Güte erscheint.
    Über der Wiege meines ersten Kindes gelobte mir Julius auch Vater zu werden,
und in dem ersten reinsten Naturverhältniss alles liebende Vermögen seines
reichen Herzens zu beschäftigen.
    Bettina hatte sich schön ausgebildet unter den Augen der Gräfin und ihres
Vaters. Ihr Geist, ihr Talent war bezaubernd.
    Sie scherzte selbst mit mir in Nordheims Gegenwart über ihren ersten
Jugendtraum; ich hielt sie für ganz geheilt.
    Bald fühlte ich, dass sie Julius in einem neuen Lichte wahrnahm.
Leidenschaftliche Liebe, Neigung ohne Grenzen war die Natur des Mädchens, und
Julius nahm sie mit dem zärtesten Herzen auf. Er selbst schien sich mehr
hinzugeben, als sie lebhaft zu ergreifen, aber es war im höchsten feinsten Sinn;
sie wurden ein glückliches Paar.
    Die Gestalt des alternden Mütterchens macht einen sonderbaren Kontrast mit
der glühenden Leidenschaft die in diesen Blättern atmet. Die Zeit macht von
selbst unser Leben zu einem vollendeten Gemählde, in dem jede Farbe der
allgemeinen Harmonie untergeordnet ist. Nur wenn ein irrer Wille dem stillen
Naturgang widerstrebt, entstehen grelle Töne.
    Euer Vater lächelte bei manchem Zug dieser Geschichte, und freute sich unter
dem ergrauenden Scheitel, das freundliche Leben der Jugend noch einmal
aufglühen zu sehen.
    Wir freuten uns dessen, was wir gewesen sind und noch sind. Die Form ist
unverändert geblieben. Wir gehen dann in den grossen Saal, und sehen unsre Bilder
an.
    Die Vergangenheit umleuchtet uns als ein freundlicher Strahl, und wenn wir
uns die Hände drücken, die sich durch eine Reihe von Jahren zu mildem Wirken
vereinten, - dann fühlen wir nicht, dass uns die Jugend entflohen ist, sondern
dass eine neue Jugend in uns aufblüht.
 
                                  Erster Teil
Ich wurde in dem Hause des Pfarrers zu Hohenfels, als seines Bruders Tochter
erzogen. Sobald ich es verstehen konnte, sagte mir der Pfarrer, meine Eltern
wären während meiner ersten Kindheit gestorben, aber ich sollte ihn als meinen
Vater ansehen. Ich erfüllte dieses Verlangen in seinem vollen Sinn, denn ich
fühlte nie, dass meine Eltern mir fehlten. Er war ein seltener Mann, und ich
werde in der Geschichte meiner Erziehung ausführlicher sein, als ich vielleicht
sollte, weil sich sein Charakter in derselben am besten darstellt. Sein Gemüt
war eine reine Harmonie, der sich jeder mit Vergnügen näherte, und ohne es zu
suchen, wirkte er auf einen grossen Cirkel. Er liess sich gern und leicht in ein
Gespräch ein, und wusste das gemeinste an die wichtigsten Gegenstände so
natürlich und leicht anzuknüpfen, dass er das innere Wesen der Menschen
aufschloss.
    Als mein Verstand reif genug war, um die Menschen gegen einander zu
vergleichen, sagte ich oft meinem Vater, wie hoch über alle andere erhaben Er
mir erschiene. Mit einem milden Ernst in seinem Blick erwiederte er dann: Wenige
zwang das Schicksal mit so freundlicher Gewalt auf der Bahn des Rechten zu
bleiben, als mich. Manche Kraft wird zerstöhrt, ehe sie ihre wahre Richtung
empfängt. Ich hatte hohen Genuss und tiefes Leiden, aber die Flamme der reinen
Liebe erhielt mein besseres Leben. Eine Welt von Erinnerungen schien sich bei
solchen Äusserungen in seinem Innern zu entwickeln; sein Auge war gesenkt, er war
in sich selbst versunken, aber schnell, als von einem neuen Feuer belebt,
kehrten sich dann seine Blicke nach mir; er sagte mir ein freundliches Wort, gab
mir einen kleinen Auftrag, welchen ich vorzüglich gern befolgte; ich fühlte, dass
irgend ein Gefühl seinen Busen drängte, welchem er Gewalt antat, und es war mir
als schwebte auf seinen Lippen: »Du bist doch mein Liebstes in der Welt!« Über
meine Erziehung wachte er mit der Sorgfalt, mit der er jede einmal übernommene
Pflicht beobachtete. Er beschäftigte sich mit mir in seinen ernsten Stunden,
aber ich war auch sein liebstes Spiel in den wenig geschäftlosen Augenblicken,
die er sich vergönnte. Ich entsinne mich, dass er mich früh gewöhnte, die
Begriffe der Arbeit und Ordnung mit meinen Spielen zu verbinden; das geringste,
einmal angefangene Geschäft musste ich vollenden. Ich war weich und liebend
gebildet, und konnte auch keine leise Äusserung der Unzufriedenheit von meinem
Vater ertragen. Am tiefsten schmerzte mich, wenn er nach einer begangenen Unart
mich wenige Stunden von sich entfernte. Das Einkommen, von welchem das Hauswesen
bestritten wurde, war sehr mässig, aber eine weise Einrichtung verbannte, mit
aller unnützen Verschwendung auf der einen Seite, auch allen Geiz auf der
andern. Nichts ging verloren, also war genug da, um ein reines ordentliches
Leben zu führen, und meine Jugend war reich an allen kleinen Freuden, die der
Wohlstand erzeugt.
    Diese einfachen Verhältnisse, durch die Kunst meines Vaters geleitet,
dienten mir zur Schule des Betragens für das künftige Leben. »Du sollst
herrschen und dienen lernen, mein liebes Kind,« sagte er mir zuweilen: »wenn man
beides mit Einsicht und mit Achtung für sich selbst zu tun versteht, so ist
eins so leicht als das andere; aber sicher ist es Quelle mannichfaltiger
Schiefheit und Verworrenheit in vielen Verhältnissen, wenn unsere Fähigkeit
ausschliessend für das eine oder für das andere entwickelt wurde. Die
Ungeschicklichkeit, sich in irgend einer Lage zu betragen, zieht ein Heer
kleiner Übel um uns her, die endlich den Blick in die äussere Welt und in unser
Inneres umdämmern. Darum übe dich in allen Formen des Umgangs, und lerne jeden
Menschen nach seinem individuellsten Dasein behandeln, und dich selbst in jedem
Verhältnis auf die freieste und für andere am wenigsten drückende Art stellen.«
Sein Beispiel, sein stillwirkendes Leben erklärte mir den tiefen Sinn dieser
Rede.
    Wenn mich nicht häusliche Geschäfte abriefen, war ich grösstenteils in einem
Kabinet, welches an meines Vaters Zimmer stiess. Ich fühlte mich in voller
Freiheit, und, war doch in immerwährender Aufsicht. Da mein Vater selbst nie in
eine gewisse Leere und Unbedeutenheit des Daseins versank, so lernte ich sie
auch nicht kennen; ich lebte in einem Cirkel stiller Geschäftigkeit, und mein
jugendlicher Frohsinn entwickelte sich mit einigen Gespielen meines Alters. Die
Kinder unserer Gutsherrschaft und ein paar Bauerkinder aus der Nachbarschaft
lockten mich zu allen kindischen Spielen, und mein Vater sah es gern, wenn ich
in körperlicher Behendigkeit die andern übertraf; selbst Rosine durfte kein
schiefes Gesicht machen, wenn ich mit zerrissener Schürze und Halstuch
zurückkam, aber ich selbst musste auch alles wieder in guten Stand bringen, und
wenn sie dazu helfen wollte, so war es nur Gefälligkeit. Ich hatte einige
Lehrstunden, um mich an regelmässige Arbeit zu gewöhnen; aber mir damahls
unbemerkbar war mein Vater, während dem ganzen Lauf des Tages, mit meiner
Bildung beschäftigt.
    Wir lebten in einer lieblichen Gegend, und die mannichfaltigen und grossen
Naturgestalten um mich her nährten meinen Schönheitssinn. Das geheimnisvolle
Leben der Natur ergriff mich früh, und die sanften Schauer der Bewunderung
dehnten meinen Busen in erhabenen Gefühlen aus. Freundlich gesinnte Geister,
schien mirs, wandelten im wechselnden Spiel des Lichtes um die Häupter der
Berge, und in den buschigten Ufern des Flusses; ich empfand jenen namenlosen
Zauber, in den der Genuss der Schönheit uns wiegt, in vollem Masse. Mein Vater
ergriff diese reinsten aller Lebensmomente, um mein tiefstes Dasein mit dem
Gefühl Gottes und der Unsterblichkeit zu beleben. Die christliche Religion
lehrte mich mein Vater in ihrem wahren Sinn, kindlich und einfach, als das
Resultat der reinsten menschlichen Natur, der wir streben müssen uns zu nähern,
und sie in unserm innern und äussern Leben herzustellen.
    Mein glückliches Gedächtnis und mein leiser Sinn für die Schönheit brachte
meinen Vater auf den Gedanken, mich die alten Sprachen zu lehren, die er
entusiastisch liebte. Die langen Winterabende hinter den Spinnrocken oder am
Strickzeug vergingen uns so, dass er mir Stellen aus den Alten vorsagte, die ich
auswendig lernen und übersetzen musste. Die Kunstgestalten der alten Welt sollten
meine Einbildungskraft zum Schönen und Edeln stimmen, und mich lehren, meine
Sinne für den Eindruck des Gemeinen und Unwürdigen zu verwahren. Durch den Reiz
der Neuheit dringt oft ein gemeiner Gegenstand an unser Gemüt, und aus Mangel
an schönern Bildern, die ihn verdrängen könnten, umfangen wir ihn mit
leidenschaftlichem Begehren.
    Ich war immer beschäftigt, und durch einen wichtigen Gegenstand interessirt.
Dieses erhielt meinem Vater die Zügel meiner Einbildungskraft in Händen. Freie
Luft und Bewegung stärkten meinen Körper. Ich lernte den Feldbau in allen
Details kennen, legte im Obst- und Küchengarten wohl selbst Hand an. Mein
Sprachstudium, Übungen des Stils im Deutschen und Französischen, Geographie,
Naturlehre füllten die Morgenstunden, die von häuslichen Geschäften übrig
blieben. Des Nachmittags lehrte er mich Klavierspielen, und liess mich nach einer
Sammlung guter Kupferstiche und Gypsabgüsse, die er besass, zeichnen, um meiner
Hand einige Fertigkeit zu geben, und mein Auge in der Richtigkeit der
Verhältnisse zu üben.
    Sorglos und unbefangen flossen meine Tage dahin, die Liebe meines Vaters
erfüllte sie mit fröhlichem Wechsel. Jede ländliche Beschäftigung war uns ein
kleines Fest, welches die gewohnte Lebensweise unterbrach, und der Fleiss wurde
mir wieder zum Genuss, wenn ich meines Vaters Freude an meinen Fortschritten
wahrnahm.
    Mein Vater lebte grösstenteils einsam, und hatte von mancherlei Verbindungen
in der Nachbarschaft nur einen alten Arzt auch als Freund des Hauses
beibehalten. Es war ein Mann von ernsten strengen Sitten, und höchst bestimmten
Begriffen. Ich fürchtete ihn als Kind, aber jemehr ich heranwuchs, lernte ich
ihn achten und beinah seinen Umgang lieben, da er mir immer etwas Neues aus der
Natur und Menschenwelt zu lehren wusste, und eine Freude an meiner schnellen
Fassungskraft bezeigte. Herzlich bedauerte ich seinen Tod. Mit diesem Freund
verlor mein Vater den einzigen Umgang, der ihm zu einem Gedankenwechsel Anlass
gab, und ich die Freude manches unterrichtenden Gesprächs.
    Die Gesellschaft der Salmschen Familie, unserer Gutsherrschaft, wurde mir
uninteressanter, jemehr sich mein Geschmack bildete. Aber mein Vater hiess mich
oft sie besuchen, damit ich meine Eigenheiten der Gesellschaft anschmiegen
lernte, und von der Äusserung einer gewissen Sonderbarkeit befreit bliebe, die
man leicht in der Einsamkeit gewinnt. Durch natürliche Gutmütigkeit, die gern
jeden glücklich und frei in seiner eigenen Sphäre sich bewegen sieht, lernte ich
leicht den Ton der Unterhaltung treffen, der für die Familie passend war, und
diejenigen Seiten meines Wesens verbergen, die sie nicht fassen mochte. Die
Fräulein liebten meinen Umgang, weil ich weder in Kleiderpracht noch in
sogenannten feinen Manieren mit ihnen rivalisirte, und wenn mein natürlicher
Anstand und mein reinliches einfaches Hauskleid ein Lob von ihren Eltern, oder
einem Fremden, welcher zum Besuch bei ihnen war, erhielt, so waren die
Eigenschaften einer Pfarrerstochter doch so ganz unter der Sphäre ihrer
Ansprüche, dass keine Aufwallung des Neides ihr Wohlwollen gegen mich unterbrach.
Ich fühlte mich, ohnerachtet ihres guten Betragens gegen mich, dennoch fremd in
ihrem Hause, und wenn ich dann mit dem Ausdruck herzlicher Sehnsucht wieder zu
meinem Vater kam, sagte er mir mit einem tiefsinnigen Blicke: Mädchen, Mädchen!
Du gewöhnst dich so ganz nur in Odem der Liebe zu leben; ich fürchte, du wirst
sonst nirgends zu Hause sein. So erreichte ich mein achtzehntes Jahr.
    Es war einer der ersten schaurigten Herbstabende. Ein dichter Nebel lag in
den Tälern, der Wind trieb stürmisch graue Wolken über den östlichen Himmel,
und der West flammte in tiefem Purpurrot. Gelbe Blätter flogen aus den schon
halbnackten Wipfeln der Bäume, und flatterten an den Fenstern vorbei. Das
Knistern des Feuers im Kamin versammlete den ganzen kleinen Haushalt. Alle
Bilder des herannahenden Winters spielten in der ersten erwärmenden Flamme
empor, und jedes Mitglied der Familie durchflog in Gedanken den Kreis seiner
Geschäfte, die Freuden und Leiden, denen es in diesem Zeitraum entgegen sah.
    Mein Vater sass mit jener weisen Ruhe, die des Wechsels gewohnt ist, und
Jahre wie Tage gleichmütig vor sich hinziehen sieht, in seinem Lehnstuhl. Er
legte den Plutarch aufgeschlagen aus der Hand, weil es finster wurde, und nahm
die grossgedruckte Bibel vor sich, um einen Text für die nächste Sonntagspredigt
zu wählen. Rosine ging im Zimmer auf und ab, das blank gescheuerte Geräte aus
der Küche herbeizuholen, welches ich mit zierlicher Ordnung in den Wandschrank
im Hintergrunde des Zimmers aufstellte. Man zog die Türschelle, und mein Vater
rief: Agnes, mein Kind! Schon war ich an der Haustüre. Es war halbfinster, doch
konnt' ich noch bemerken, dass eine fremde Gestalt hereintrat. Was wünschen Sie,
mein Herr? fragte ich; und er erwiederte: »Ich bin ein Reisender und sehr
ermüdet, man kann mich im Gastof nicht aufnehmen; darf ich hoffen, dass der Herr
Pfarrer es verzeihen wird, wenn ich ihn um ein Nachtlager bitte?«
    Die Stimme war einnehmend, und erregte einen sonderbaren Anteil in meinem
Herzen, so dass ich die gewohnte Gastfreiheit meines Vaters, mit lebhafterm
Ausdruck als gewöhnlich verkündigte. Das wird Ihnen mein Vater mit Vergnügen
geben, sagte ich, treten Sie herein. Er trug seine Bitte meinem Vater nochmahls
vor; dieser hiess ihn freundlich willkommen, und setzte sich wieder an seinen
Tisch bei dem Fenster, um einige Gedanken aufzuzeichnen, die ihm für seine
Predigt eingefallen waren. Der Fremde war ein grosser schöner Mann, seine
Kleidung war sehr einfach, und deutete weder Armut noch Reichtum an. Ich trug
ihm einen Stuhl zum Kamin, und setzte mich mit meinem Strickzeug ihm gegenüber.
Die Flamme im Kamin warf einen hellen Schimmer auf sein Gesicht; und ich nahm
feste und anmutige Züge wahr, aus denen nicht mehr die erste Fülle der Jugend
leuchtete. Rosine hatte unterdessen Licht herbeigeholt, mein Vater schrieb fort,
und alles war still. Ich suchte vergebens nach ein paar Worten, um eine
Unterhaltung anzuknüpfen, aber nichts war mir gut genug von allem, was mir
einfiel, und nie scheuete ich mich mehr, etwas Unbedeutendes zu sagen, als in
diesem Augenblick. Die Furcht, er möchte mein Schweigen für Unaufmerksamkeit
oder für Mangel an feiner Sitte halten, machte mir es gleichwohl peinlich. Er
schien keinen Anspruch auf Unterhaltung zu machen, und sah still nach dem Feuer.
Zuweilen streifte sein Blick im Zimmer umher, und nur einmal ruhte er auf mir.
Es war etwas unaussprechlich anziehendes in seinem dunkelbraunen Auge; mild und
still fasste es die Gegenstände, aber zugleich so tiefeindringend, als möchte es
das verborgenste im Herzen erspähen. Mein Strickgarn fiel zu Boden, er hob es
auf, und gab es mir mit gerader gutmütiger Höflichkeit. Der Faden hatte sich um
seine Hand geschlungen, sie ruhete einige Sekunden in der meinen, und ein Ring
fiel von seinem Finger. Während ich den Ring aus dem Faden loswickelte, hatte
ich Zeit, auf der blauen Emaille den Nahmen Amalie zu lesen.
    Der Fremde nahm ihn mit einem flüchtigen Erröten zurück. Ob seine gebückte
Stellung, oder die Nähe des Feuers es verursacht hatten? oder ob der Ring
lebhaftere Gefühle in ihm erregte? oder ob er den Nahmen seiner Schwester,
seiner Freundin, oder seiner Frau am Finger trug? Diese Fragen kreuzten sich in
meinem Kopf, und neben dem bemerkte ich die feingeformte Hand, die so eben in
der meinen gelegen hatte. Nun legte mein Vater ein Zeichen in seine Bibel, und
nahte sich dem Kamin. Freundlich zog er mit der linken Hand sein ledernes
Käppchen vom Haupt, reichte die rechte dem Fremden, und hiess ihn nochmahls
willkommen. Sie rauchen vielleicht eine Pfeife Tabak in der kalten Herbstluft?
fragte mein Vater. Der Fremde winkte Beifall. Ich trug nun auch den Teetisch
zum Feuer, so kam alles in Ordnung, und der kleine Zirkel näherte sich einander
vertraulicher, als der blaue Dampf in leichten Gewölken umherzog, und der gute
Tee balsamisch duftete. Nach ächt griechischer Sitte schritt man erst zum
Gespräch, nachdem der Gast gespeist worden war.
    Wahrscheinlich kommen Sie heute von A.? sagte mein Vater. Sie hatten dann
eine schlimme Tagreise, es ist eine von unsern schlechtesten Strassen im Lande. -
»So unwegsam und holpericht die Strasse ist,« erwiederte der Fremde, »so mild und
freundlich scheinen mir die Menschen, die daran wohnen, und mit dem Tausche wäre
man wohl gern zufrieden, wenn man es überall so haben könnte.«
    Mein Vater. Ja brave gute Leute gibt es hier, und gibts überall, hoffe ich.
Seit fünf und zwanzig Jahren liegt meine Welt in dem engen Zirkel von wenigen
Stunden beschränkt, und wenn es mir in diesem dunkel und verwirrt scheint, so
habe ich doch immer ein sicheres Mittel, wieder ins Klare zu kommen.
    Der Fremde. Und welches?
    Mein Vater. Ich suche mir die individuellsten Verhältnisse des Menschen, der
mir grundschief und verdorben scheint, ganz bekannt zu machen. Sein Alter,
Stand, Erziehung, Temperament, Vermögen, Freundschaften u.s.w. Dann greife ich
in meinen eigenen Busen, und fürwahr violes, vieles in seiner Handlungsweise
wird mir da leichter erklärlich, was mir ausser jenen Beziehungen ungeheuer
dünkte.
    Der Fremde. Glauben Sie an den Saamen des Bösen in der Menschennatur?
    Mein Vater (lächelnd). Nicht in dem Sinn, wie Sie vielleicht meinen, mein
Herr; aber ich glaube, und fühle den Saamen der Schwachheit in jeder
menschlichen Brust; - glaube, dass nicht jeder sich halten kann, in der schönen
Freiheit des Herzens, dass er oft das begehrt, was er nicht sollte, und dadurch
zum Sklaven wird, weil er aus dem Gleichgewicht seines innren Wesens
heraustritt, wo er König und Herr sein könnte.
    Der Fremde. So sind wir eins! O wie freut, es mich, wenn ich ein Gemüt
finde, das seine Einheit bewahrte, das seine Wahrheit und Liebe lebendig
erhielt! Wer in diesem schönen Kreise der Menschheit zu bleiben strebt, kann
nicht irren, denn Wahrheit und Liebe sind das Wesen der Religion und
Philosophie, und erhalten die Gesundheit und Grazie der Empfindung. Ihr seid nun
einmal die privilegirten Seelenärzte - fuhr er freundlich lächelnd fort - und
mich dünkt, ich sei bei einem der bescheidensten, mitin der erfahrensten. Wie
bewahrt sich die Seele am freiesten im Kampf mit den widerstrebenden Eindrücken
von aussen, und der Verdorbenheit um sich her?
    Mein Vater. Freund, vor allem möcht' ich Ihnen sagen: Alle gute Gabe kommt
von oben herab, vom Vater des Lichts!
    Der Fremde. Und wenn es Seelen gibt, die nur die Richtung gegen das Licht
kennen? Es windet sich die eingeschlossene Blume nach der Seite, wo ihr der
Lichtstrahl entgegendringt, aber die dunklen Schranken weichen nicht, und ihre
Farben bleiben matt und bleich. Was sollen diese tun?
    Mein Vater. Sich des geahneten Lichtes freuen, bis das Schicksal, oder eine
bis jetzt ungeahnete neue Kraft in ihrem Gemüt die Schranken zerbricht. Jedes
wahre innige Verlangen deutet auf die anziehende Kraft eines fernen
Gegenstandes.
    Der Fremde stand lebhaft von seinem Sitze auf, stellte sich dicht vor meinen
Vater, sah ihm fest, aber freundlich, ins Auge. Über meine Wangen flog eine
glühende Röte. Du wahrer Jünger Deines Herrn, sagte er mit sanftgehobener
Stimme, indem er meines Vaters beide Hände fasste; Du besitzest seine Milde und
seinen grossen Sinn; wie lange suchte ich vergebens eine Seele, wie die Deine?
Mein Vater sah innig zufrieden aus, und es war seit diesem Augenblick ein
herzlicheres Verständnis zwischen uns dreien. Welcher feinfühlende Mensch hatte
nicht solche Momente, in welchen die Seele gleichsam als in ein feineres Element
versetzt, zärtere, innigere Beziehungen wahrnimmt, und sich leichter und fester
an eine andere anzuschliessen vermag, deren Schönheit sie im reinern, erhöhteren
Licht erblickt!
    Rosine hatte den Tisch gedeckt, und das Abendbrod aufgetragen, welches aus
unsern gewöhnlichen zwei Schüsseln bestand, und wegen des, Gastes nur mit einem
kleinen Nachtisch vermehrt wurde.
    Mein Vater hatte die Gewohnheit in seinem Hause, dass immer ein kleiner
Vorrat vorhanden sein musste, um einen guten Freund bewirten zu können.
Traktirt wurde nie, und kein Fremder konnte an einem ungewöhnlichen Treiben und
Lärmen in Küche und Keller wahrnehmen, dass er Ungelegenheit verursachte. Ich bat
mit der geringen Bewirtung vorlieb zu nehmen, und der Fremde erwiederte
freundlich, es sei nichts gering, was mit solcher Güte und Anmut gereicht
werde, er habe nie einen bessern Reisbrei gegessen, und wirklich liess er sich
ihn treflich schmecken. Das Einfache, Edle in seinem Betragen rührte mich
sonderbar, und ich hatte es an keinem andern Manne meiner Bekanntschaft noch
bemerkt. Sein Schweigen gegen mich gefiel mir vorzüglich; mir schien es, als
läge eine Art von Achtung darinnen, und als hielte er mich für eine gewöhnliche
unbedeutende Unterhaltung zu gut. Oft fand ich seine Augen auf mich gerichtet,
und der stille Anteil, den ich an seiner Unterhaltung mit meinem Vater nahm,
schien ihm nicht zu entgehen.
    Das Gespräch begann sich wieder anzuknüpfen, als der junge Herr von Salm,
der Sohn unsers Gutsherrn, hereintrat. Er war eben von der Universität gekommen,
um seine Eltern während der Ferien zu besuchen. So vorlaut der junge Herr auch
sonst sein mochte, so still war er in der Gesellschaft meines Vaters, der keine
Platteit, welche sich mit Anmassung äusserte, ungerügt hingehen liess. Er sah den
Fremden aufmerksam an, der ihm ohngeachtet seines einfachen Anzugs zu imponiren
schien. Lange trug er sich mit einer Frage, die er endlich bei einem Stillstand
des Gesprächs herauspolterte; denn wenn er nicht ungestraft vorlaut sein durfte,
so war er schüchtern. Auch wollte er nicht gern Fremden eine geringe Meinung von
sich geben, und hub darum immer mit etwas Gelehrtem an. Darf ich fragen, mein
Herr, ob Sie gute Lateiner in Ihrer Stadt an der Schule haben? Für diesesmahl
war ich mit seiner Frage sehr wohl zufrieden, denn ich hoffte etwas von unsers
Gastes Wohnort durch sie zu erfahren. Die Antwort befriedigte mich nur halb. Ich
war seit drei Jahren ausser Deutschland auf Reisen, Herr von Salm, und kenne also
den gegenwärtigen Zustand der Schulen nicht. Er sprach nach diesem mit meinem
Vater über den Nutzen, die alten Sprachen gründlich in der Jugend erlernt zu
haben, und endlich kamen sie auf ihre Lieblingsschriftsteller. Es freute mich
wahrzunehmen, wie sehr mein Vater das Urteil des Fremden ehrte, und die
mannichfaltige Schönheit und Anmut zu bemerken, die sich bei regerem Interesse
des Geistes in seinen Zügen entfaltete.
    Herr von Salm, halb verlegen und halb unmutig, keinen Anteil an der
Unterredung zu haben, sagte mir halbleise, er ginge, um seine Schwester zu mir
abzuholen. Wie gern hätte ich für diesen Abend ihre Gesellschaft entbehrt! Der
Fremde wandte sich gegen mich, als uns Herr von Salm verlassen hatte, und fragte
mich, ob diese Familie meine einzige Gesellschaft sei, und ob ich vergnügt in
dieser Einsamkeit lebte? Ich erwiederte, dass es mir nur sehr selten einfiele,
mannichfaltigern Umgang zu wünschen, und dass ich mich nie entschliessen könnte,
ihn zu suchen, wenn ich die Gesellschaft meines Vaters dadurch verlieren müsste.
Es kamen mir leicht Tränen ins Auge, wenn ich an die Trennung von meinem Vater
dachte, weil er selbst oft mit Rührung von der unfehlbaren Trennung sprach, die
uns früh oder spät, doch so sicher, drohte. Ich war diesen Abend, seit der
Erscheinung unsers Gastes so sonderbar gespannt, dass ich mich vergebens bemühte,
meine hervorquellenden Tränen zurückzuhalten. »Gutes Kind,« sagte der Fremde
lebhaft, und sah mir freundlich teilnehmend ins Auge: »halten Sie diese schönen
Tränen nicht zurück. - Nichts bürgt so sicher für die Weisheit der Eltern, und
die Güte der Kinder, als wenn diese das väterliche Haus lieben.« Mein Herz
schlug heftig, und ich fühlte einen noch nie empfundenen süssen Schauer durch
meine Nerven zittern; wir schwiegen alle einige Minuten, der Fremde sah starr,
doch lieblich vor sich hin; endlich wandte er sich zu meinem Vater und sagte mit
gemilderter Stimme: Wie glücklich sind Sie durch Ihre Tochter! »Ja ich bin es so
sehr durch sie, als wäre sie es durch die Natur.« - Der Fremde sah den Pfarrer
hier fragend an, und ich selbst fühlte zum erstenmahl etwas Geheimnisvolles mit
meiner Existenz verbunden. Als mein Vater die Augen niederschlug, und schwieg,
schlossen sich die schon zu einer Frage geöfneten Lippen des Fremden. Erndten
Sie auch sichtbar Segen an Ihrer Gemeinde? sagte er nach einigen Momenten des
Nachdenkens. - Ja, Gott sei Dank, antwortete mein Vater, mein Bemühen bleibt
nicht fruchtlos. Es war ein wildes Völkchen, als ich herkam. Eigennützig und
diebisch aus Faulheit und Ungeschicklichkeit, und voller Streitsucht aus
Unwissenheit und Misstrauen. Aber jetzt fängt es an, sich in die Ordnung zu
fügen.
    Der Fremde. Welcher Mittel bedienten Sie sich?
    Mein Vater. Mein Herr, ich fing es von der umgekehrten Seite an, als man es
gewöhnlich treibt. Mir scheint es ein Irrtum, wenn man wähnt, man müsse alle
Kultur sogleich beim Geistigen anfangen; - ich meine, man kommt immer zu früh
daran, ehe das Leibliche in Ordnung ist, und sogenannte aufgeklärte Gesinnungen
seien nur taube Blüten, wenn sie nicht aus dem gesunden Stamme eines
ordentlichen reinlichen Lebens Nahrungssaft einsaugen. Wenn das Volk durch
Arbeitsamkeit sichern Unterhalt findet, so kommt Ordnung und Sitte von selbst.
Wirkliche Not hebt alle moralische Bande auf; der Mensch, den sie drückt, ist
im Zustande des Kriegs gegen die Gesellschaft. Wenn die physischen Bedürfnisse
mässig befriedigt sind, sprosst die Seele aus eigener Kraft in Gedanken auf, und
die Gefühle des Rechten und Guten, des Glaubens und der Hoffnung entkeimen ihrem
mütterlichen Boden, als starke, gesunde Gewächse. Die Erfahrungen, die ich in
meinem kleinen Kreise machte, scheinen mir beweisend. Ich war so glücklich,
durch die Hülfe meiner vorigen Gutsherrschaft vieles für den Wohlstand dieses
Dörfchens tun zu können. Unser voriger Herr war nicht allein ein vortreflicher
Landwirt, er kannte auch alle Produkte und Bedürfnisse der umliegenden Gegend
auf das genaueste, verstand in hohem Grad die Kunst, die Menschen zu behandeln,
und sie zu seinen guten Zwecken zu lenken. Er richtete den Feldbau und alle
Arbeiten seiner Untertanen nach den Bedürfnissen der benachbarten Orte ein, so
sehr es die Eigentümlichkeiten des Bodens gestatteten. Da er das Zutrauen aller
besass, so verband sein Geist das Ganze, und jeder Einzelne fand irgend einen
Vorteil in seiner Haushaltung dadurch. Überall wusste unser Herr Zugang zur
vorteilhaftesten Absetzung der überflüssigen Produkte, und so entstand nach und
nach durch die Sicherheit des Erwerbs der Geist der Arbeitsamkeit und stillen
Ordnung. Wenig Müssiggänger blieben in der Gemeinde, und die Gemüter bildeten
sich gesund und sittlich. Im Anfang wurde der Geldbeutel ihres Herrn mehr in
Anspruch genommen, als meine Seelenarzneien. Jetzt, bei einem ruhigen und
arbeitsamen Leben, und nach den Eindrücken, die die Jugend, mit welcher ich mich
gleich anfänglich beschäftigte, empfing - jetzt nahet sich mir der grösste Teil
meiner Gemeinde im ächten Gefühl edlerer Bedürfnisse. Die Jugend wünscht
Aufklärung über manche Gegenstände des Denkens, und oft Regeln für das Leben von
mir, und das Alter spricht gern von seinen Hoffnungen nach dem Tode. O warum
musste uns unser treflicher Herr so bald entrissen werden!
    Seit wann ist er gestorben? fragte der Fremde mit sichtbarer Bewegung. Ich
habe nicht einmal den Trost, erwiederte mein Vater, zu wissen, dass seine Seele
in ein besseres Leben hinübergegangen ist; - er lebt vielleicht noch im Elend,
in trauriger Gemütsverwirrung, in Gefangenschaft; nur Gewalt kann ihn von uns
trennen, wenn er noch am Leben ist, und dieses bange Schweigen des Todes gegen
Herzen, die ihn so innig liebten, verursachen. Er lebte so mit seinem ganzen
Herzen in diesem Dörfchen, dem Kreise seiner Wohltätigkeit; - willig hat er es
nicht verlassen, es liegt eine uns undurchdringliche Nacht auf seinem Schicksal!
    Die Gemütsbewegung des Fremden stieg immer höher, und er fragte mit
zitternder Stimme: Auf welche Art verschwand er?
    Es sind achtzehn Jahr, als unser Herr eines Morgens befahl, sein schnellstes
Pferd zu satteln; er zog seine Jagdkleidung an, ritt an meinem Hause vorbei, und
rief mir zu, an die Gartentür, die etwas entfernter von der Strasse ist, zu
kommen. Er reichte mir einen Beutel, und sagte: Hier haben Sie einen kleinen
Fond zu unsern Einrichtungen für meine Untertanen. Es möchten vielleicht
Hindernisse für unsere Plane in den nächsten Zeiten entstehen; diese Summe,
denke ich, soll hinreichen, sie fürs erste sicher zu stellen. - Leben Sie wohl,
mein bester Freund. - Er wandte das Gesicht von mir ab, aber ich hatte eine
ungewöhnliche Spannung in seinem Wesen wahrgenommen, seine Hand schien zu
zittern, als er mir den Beutel reichte. Die Ahndung eines Unglücks flog durch
meine Seele, und als ich meine Arme nach ihm erhob, um seine Hand zu drücken,
und noch ein Wort von ihm zu vernehmen, gab er dem Pferde die Sporen, und war
mir pfeilschnell aus den Augen. Noch einmal sah er sich nach mir um, und
seitdem sah ich ihn nie wieder.
    Es sind achtzehn Jahr verstrichen, aber noch liegt jener Augenblick als
gegenwärtig in meiner Seele, und nie seh' ich den kleinen Fusssteig, der in den
Wald führt, ohne dass alle Schrecken seines Abschieds mich überfallen. Dort ritt
er hin, und warf den letzten, gewiss schmerzlichen Blick auf sein Eigentum. Alle
Herzen waren sein, und er in dem blühenden Mannsalter von dreissig Jahren, mit
einer Fülle der Taten im Busen, musste das alles verlassen! Die Unruhe jener
ersten bangen Tage seines Verschwindens ist unaussprechlich. Ich fand die Summe
von zweitausend Talern in dem Beutel, und dieses vermehrte meine Besorgnisse,
als seien sie ein Vermächtnis, wenigstens deuteten sie eine lange Abwesenheit
an. Ich kannte seine Vermögensumstände, seine Güter waren nicht schuldenfrei,
und nur durch eine sehr strenge Ökonomie in allen Ausgaben für seine Person
gewann er den Überschuss, den er zum Besten seiner Untertanen verwendete. Seit
fünf Inhren, die er hier verlebte, sah ich ihn immer nach dem festen Plan
handeln, seine Güter von Schulden zu befreien, und sich durch kluge Wirtschaft
eines unabhängigen Einkommens zu versichern. Die Summe von zweitausend Talern
konnte er nicht erübrigt haben, und es musste eine fremde gewaltsame Lage ihn
nötigen, von seinem Plan abzugehen. Oft hatte er mir gesagt, wie glücklich er
durch das Gefühl sei, frei und unabhängig auf seinen Gütern zu leben, und wie
kein anderes Verhaltniss ihn anziehen könnte, weil ihm keines so natürlich und
ehrwürdig schiene.
    Die Untertanen, welche gewohnt waren, ihren Herrn alle Sonntage bei ihren
Vergnügungen zu sehen, bestürmten mich mit Fragen nach ihm, und ich musste
suchen, meine quälende Unruhe zu verbergen. Seinem Jäger und Verwalter hatte er,
gleichsam im Scherz, weil er eben überflüssig Geld habe, ihren Lohn auf drei
Jahre vorausbezahlt. Ich schickte sie und einige meiner zuverlässigsten Bauern in
der Gegend umher, aber keiner konnte eine Spur von dieses geliebten Herrn
Aufentalt entdecken. So vergingen mehrere Wochen, die Bauern wurden immer
unruhiger und drangen mit Fragen in mich. Als ich endlich sagen musste, ich wisse
eben so wenig als sie, und teile ihre Besorgnisse, entstand ein allgemeiner
Jammer. Sie liefen stürmend im ganzen Schloss umher, und am selbigen Abend
durchsuchten sie das ganze Jagdrevier und alle Wälder der Gegend mit Fackeln,
und behaupteten, man habe ihren geliebten Herrn ermordet, und sie müssten die
Mörder ausfündig machen. Keiner wollte an seine Arbeit, bis sie ihn gefunden
hätten; es war in der Erndtezeit, aber sie liefen lieber Gefahr ihren Unterhalt
für das ganze Jahr zu verlieren, ehe sie sich vorwerfen wollten, nicht alles für
ihren Herrn getan zu haben. Nach vielen fehlgeschlagenen Versuchen hörten sie
endlich auf meine Ermahnungen, ihr Schmerz wurde stiller, und sie gingen wieder
an ihre gewohnte Arbeit. Die Hoffnung, welche ich ihnen machte, dass die
Entfernung ihres Herrn von kurzer Dauer und freiwillig sei, weil er für sie bei
seiner Abreise gesorgt habe, stellte am besten Ruhe und Ordnung wieder her. Ich
selbst nährte diese süsse Täuschung, bis ich eine Reise nach S. unternahm, wo ein
vertrauter Freund meines Herrn sich aufhielt. Dieser bat mich, alle
Nachforschungen einzustellen; er schien mit dem traurigen Geheimnis seiner
Flucht bekannt zu sein. »Sehen Sie unsern Freund als einen Todten an, er kann
uns nur durch ein Wunder wiedergegeben werden, meine Pflicht erlaubt mir nicht
Ihnen mehr zu sagen.« Diese Worte schlugen alle meine Hoffnungen danieder.
    Der Herr von Salm wusste es bei der Ritterschaft durchzusetzen, dass er, als
Mitbelehnter, auch die Administration des Guts erhielt; er zog nach einem Jahre
ein; man fand alles im besten Stand, und keine neue Schuld im Verzeichnis
angezeigt. Den Schreibtisch in unsers Herrn Kabinet fand man ganz leer, und der
Jäger sagte: er habe in den letzten Tagen viele Papiere verbrannt. Nirgends
konnte ich seitdem eine Spur seines Aufentalts entdecken. Vor zwei Jahren starb
sein Freund in S., und mit ihm ist meine letzte Hoffnung verschwunden.
    Der Fremde wurde immer bewegter, und drückte meinem Vater mit feuchten Augen
die Hand, sah dann lange stumm vor sich hin, und als die Tränen von neuem seine
Augen schwellten, verbarg er das Gesicht in seinen gefaltenen Händen.
    So oft ich diese Geschichte auch schon gehört hatte, so hörte ich sie doch
immer mit gleichem Interesse, und von Kindheit an war es meine liebste
Unterhaltung gewesen, meinen Vater von seinem verschwundenen Freund erzählen zu
hören. Wenn die Ältesten des Dorfes an schönen Sommerabenden unter den Linden
versammelt waren, und ich mit meinem Vater vom Spatziergang zurückkommend bei
ihnen ausruhte, kam wohl einer, legte ihm traulich die Hand auf den Arm, und
flüsterte ihm ins Ohr: Ja unser Herr sollte wiederkommen! Mehrere kamen herbei,
und man sprach von seiner Regierung und sehnte sich nach ihr zurück, wie nach
der goldenen Zeit.
    Der lebhafte Eindruck, den diese Geschichte auf unsern Gast machte, freute
mich innig. Mir war es, als machte ihn dieser Anteil an einen so oft
wiederkehrenden Gegenstand unserer Gespräche noch heimischer in der Familie;
auch ergriff mich eine dunkle Ahndung, er sei in das geheimnisvolle Schicksal
jenes so geliebten Mannes enger verflochten, als er es äussere. Es war ein
bedeutendes Schweigen in dem kleinen Zirkel; unsere Herzen näherten sich
einander ohne Worte; die junge Familie von Salm unterbrach es zu meinem Verdruss.
    Die Fräulein hatten ihren Sonntagsstaat angelegt, da sie von einem Fremden
gehört hatten, und kamen mit zierlichen Verbeugungen und einer franzosischen
Exklamation zur Türe herein. Nachdem sie den Fremden steif und vornehm gegrüsst
hatten, musterten sie ihn von Kopf zu Fuss mit neugierigen Augen, und flüsterten
dann zusammen: obgleich seine Kleidung nicht nach dem neuesten Schnitt sei, so
habe er doch einen vornehmen Anstand. Er hatte für die Verbeugung höflich
gedankt, und nach einigen flüchtigen Blicken auf die Damen, zog er sich mit
meinem Vater in ein Fenster zurück. Die Fräulein sprachen viel über ihre Reise
nach S., von den vornehmen Familien, mit denen sie dort Bekanntschaft zu machen
dächten, und von ihrer Verwandschaft mit ihnen. Sie sprachen von diesem allen
mit ungewöhnlich lauter Stimme, aber da alle Versuche, die Aufmerksamkeit des
Fremden auf sich zu ziehen, fehlschlugen, flüsterten sie wieder heimlich
zusammen: es sei schwerlich ein Mann von Stande, da er keine der guten Familien
dieser Gegend zu kennen schiene.
    Das Geflüster, welches sich die jungen Damen oft bis zu einer beleidigenden
Art über einen dritten erlaubten, den sie für unbedeutend hielten, war mir
unerträglich; ich schlug ein Spiel vor. Die Fräulein, die nun einmal die
Hoffnung aufgegeben hatten, durch ihre glänzende Unterhaltung die Aufmerksamkeit
unsers Gastes zu fesseln, überliessen sich nunmehr auch ganz ihrer ungebundensten
Laune, und wählten die blinde Kuh. Das nächste Zimmer wurde geöfnet, und der
junge Salm musste sich die Augen verbinden. Er tat es nur nach wiederhohlten
Neckereien seiner Schwestern, da er noch immer eine hohe Meinung von dem Fremden
hegte, und noch hofte, seine Gelehrsamkeit in einer Lücke des Gesprächs
einzuschieben. Endlich kam das Spiel in Gang, und ob ich gleich immer mit der
halben Seele bei meinem Vater und dem Fremden war, so konnte ich doch nur
abgetrennte Worte vornehmen. Ich hörte meinen Nahmen wiederhohlt nennen, sie
sprachen eifrig, die Augen des Fremden suchten mich oft, und leuchteten mir wie
ein Blitz in die Seele; bei jedem Stillstand des Gesprächs nahte er sich unserm
Spiel immer mehr, und schien es mit Anteil anzusehen. Die Fräulein blieben mit
ihren hohen Absätzen und langen Schleppen überall hängen, und liefen so
ungeschickt, dass sie oft hinfielen, während ich in meinem leichten Hausanzuge
und platten Schuhen leicht fortüpfte. Es freute mich nicht wenig, zu fühlen,
dass die Augen unsers Gastes nur mir folgten, und zum erstenmahl bemerkte ich mit
Vergnügen, wenn unsere Schatten auf der weissen Wand durch einander hüpften, dass
ich eine schlankere Gestalt hatte, als meine Gespielinnen. Endlich kam die Reihe
an mich, die Augen zu verbinden. Ich lief ein paar Minuten im Zimmer umher, dann
nach der Tür, wo mein Vater und der Fremde standen, und fasste den Letzten beim
Arm, um ihn in unser Spiel zu ziehen. Ich tat dieses in einem Ausbruch
fröhlicher Jugendlaune, die mich leicht bei solchen Spielen ergreift; selbst
meinen Vater neckte ich oft so. Als ich schon des Fremden Arm gefasst hatte, fiel
mir erst ein, mich zu fragen, ob ich dieses auch hatte tun sollen? Und mein
unbefangenes Gemüt wunderte sich wieder über diese Frage, da es ihren
geheimnisvollen Sinn noch nicht verstand. In dieser Verwirrung hielt ich immer
den Arm fest, bis er sich von meiner Hand losmachte, und meinen Leib umfasste.
    Süsser Moment des Lebens, wo Sinn und Geist zuerst in der holden
himmelanstrebenden Flamme emporfliegen, wie allgegenwärtig bleibst du einem
zartfühlenden Gemüt! Ich war anständig erzogen, in der höchsten Reinheit und
Keuschheit des Sinns und der Einbildung; dies war der erste Mann, gegen den ich
meine volle Weiblichkeit empfand. Ich fühlte mich seit seiner Gegenwart von
jenem magischen Gewebe umsponnen, das die Blicke der Liebe zu erzeugen scheinen,
und in dem all unser Tun zärter, feiner und bedeutender wird. Bei seiner
Berührung bebten meine Nerven, und eine hohe Heiligkeit schwebte um sein Wesen,
die schauernd meinen Busen beklemmte. In diesem nahmenlosen süssen Gemisch der
ersten Regungen des Herzens stand ich sprachlos, und versuchte nicht der süssen
Gewalt, die mich umwand, zu entfliehen. Fallen Sie nicht, liebes Kind, sagte er
sanft, als ich endlich seinen Arm leise wegrückte, und umfasste mich von neuem.
Ich suchte meine tiefe Bewegung durch einen Scherz zu verbergen, und verlangte,
er sollte an meiner Stelle ins Spiel. Er löste mir das Tuch um die Augen ab. Als
ich ihn ansah, waren seine Blicke fest auf mich gerichtet, und eine
unaussprechliche Lieblichkeit milderte ihren Ernst. Sie haben mich also
gefangen, Liebe; wollen Sie mich auch fest halten? sagte er mit dem zärtesten,
doch halb ernsten Ton, der in der Modulation seiner klangvollen Stimme meine
tiefste Seele ergriff. Er mischte sich nun auf eine leichte, fröhliche Art für
einige Momente in unser Spiel; seine schöne Gestalt und die grosse Leichtigkeit
und Grazie seiner Bewegungen entfaltete sich in vollem Reiz. Als er sich
zurückzog, gab er mir die Binde zurück, und sagte: ich hätte ihn um zwanzig
Jahre verjüngt; eigentlich dürfe man Amors Binde im vierzigsten nicht mehr
tragen.
    Er sah mich bei den letzten Worten scharf an; mir war, als suchte er eine
Widerlegung in meinen Blicken. Bald hernach bat er meinen Vater um die
Erlaubnis, sich zur Ruhe zu legen, indem er sehr ermüdet sei, und morgen eine
starke Tagreise vor sich habe. Er ging sachte aus dem Zimmer, ohne weder mich
noch die andere Gesellschaft zu grussen. Mein Vater folgte ihm.
    Als er zur Tür hinaus war, ergossen sich die Fräulein mit ihrem Bruder in
tausend Vermutungen und Fragen über die Erscheinung dieses Fremden. Nicht
weniger drangen sie in mich, alle kleinen Umstände seiner Ankunft zu erzählen.
Die Gegenwart meines Vaters machte sie etwas zurückhaltender. Er hatte einen
edlen Ton in seinem Hause eingeführt, und alles unnötige leere Geschwätz wurde
soviel als möglich verbannt, weil es nur aus kleinen Gesinnungen entsteht, und
sie auch wieder nährt. Der junge Salm, der doch den Wert des Geistes und der
Kultur genug erkennen konnte, um grosse Achtung dafür zu äussern, ergoss sich in
Lobeserhebungen über den Fremden. Ein vortreflicher Mann! rief er mit jenem
affektirten Entusiasmus, in den Seelen von geringen Fähigkeiten leicht
verfallen: in Wahrheit ein vortreflicher Mann! begann er von neuem, wie er schön
und bieder spricht, welch ein Feuer in seinem Auge, und wie etwas Grosses und
Vornehmes in seinem ganzen Benehmen liegt, als stehe ihm alles an, was er zu
tun gedenkt, und als sei er überall der Herr. Und durch Simplizität und
Verstand Herr, sagte mein Vater, welches die beste Herrschaft ist. Die Fräulein
fielen auch ein, und fanden, er habe gute Fassons; einen Tadel, der schon auf
den Lippen schwebte, schienen sie nur aus Furcht vor meinem Vater zu
unterdrücken Im Ganzen schien es ihnen doch aufgefallen zu sein, dass die wenige
Aufmerksamkeit, die er der ganzen jungen Gesellschaft bezeigt hatte, nur einzig
auf mich gerichtet war. Wie froh war ich, als die Gesellschaft endlich Abschied
nahm, und mich meinem Herzen überliess! Mein Vater gab mir sogleich gute Nacht,
und hiess mich das Frühstück gegen sieben Uhr bereiten.
    Selbst meinen Vater verliess ich gern, zum erstenmahl in meinem Leben. Ich
ordnete das nötigste für den morgenden Tag, und ging in mein Zimmer. Ich sank
auf einen Stuhl neben dem Bette, und überliess mich den lieblichen Bildern, die
allgewaltig auf meine Seele eindrangen.
    Nur der vergangene Abend lag mir vor den Sinnen, aber in welchen
Zauberfarben, die mein ganzes Dasein überglänzten, wie eine neu hervorbrechende
Sonne! Mein Wesen ging mir in einer nie empfundenen erhöhten Kraft auf, eine
Welt süsser Ahndungen umfasste mich, und statt in flacher Dämmerung lag das Leben
mit seinen Höhen und Tiefen klar vor meinem geistigen Auge. Immer fühlte ich den
Druck seiner Hand aufs neue wieder, kindisch legte ich die meine auf die Gegend
des Armes, die er berührt hatte, um gleichsam den Eindruck fest zu halten, und
ihn in allen meinen Nerven wiedertönen zu lassen.
    Holdes Zaubergefühl der Liebe, wo Sinn und Geist sich in einem allgewaltigen
Klang vermählen! Ich genoss diese einzigen Momente, voll und rein, in allem Reiz
der süssen mystischen Dämmerung, die die Freuden der Liebe im Busen eines sittsam
erzogenen Mädchens umschleiert. Mich hinzugeben dem unaussprechlichen, hohen und
schönen, der mir als eine Göttergestalt erschien; in ihm, durch ihn nur zu
leben, zu empfinden, - alles dieses ging mir in der Seele auf, und mein Inneres
zerfloss in der Gewalt und im Wechsel dieser seligen Bilder. Die Stunde der
Mitternacht ging so vorüber, und vergebens legte ich mich zum Schlummer, nachdem
ich mir ein nettes, weisses Morgenkleid zurecht gelegt hatte. Holde Träume
umfingen mich, und der Geliebte erschien mir in tausend Gestalten und unter
tausend verschiedenen Situationen.
    Der Morgen begann. - In wenigen Stunden wirst du ihn sehen, sagte ich mir -
und die sonderbare Furcht, mit welcher der Mensch allem hoch und heilig
geachteten begegnet, ergriff mich. Die schlaflose Nacht bewirkte auch noch
physische Ermattung; mit zitternder Hand kleidete ich mich an, und schlich leise
durch Rosinens Zimmer, um sie noch eine Stunde Schlaf geniessen zu lassen. Kaum
wagte ich zu atmen, als ich auf dem Vorsaal an der Tür des Geliebten vorbei
kam. Aufs neue ergriff mich das Bild des vergangenen Abends, als ich in das
Wohnzimmer trat; die Magd war noch nicht aufgestanden, es zu reinigen, und es
lag und stand noch alles umher, wie ich es am Abend verlassen hatte. Ich setzte
mich auf den Stuhl, wo der geliebte Mann gestern gesessen hatte. Das Morgenrot
flammte in Osten, die Häupter der Berge waren verklärt, und bald von Strahlen
übergoldet. Die ferne Gebirgkette, und die niedern Hügel, die unser Tal
einschlossen, schwammen im blauen Dufte des Herbstes, und das harmoniereichste
Farbenspiel belebte die liebliche Landschaft. Silbern glänzte der Fluss aus den
Schatten des Ufers, die sich allgemach verloren. Wie neu erschien mir diese
liebe, so bekannt gewordene Gegend. - Sein Bild war gemischt mit allem was mir
erschien, und alles Schöne schien mir nur ein Teil seines Wesens. Die Magd trat
herein, um das Zimmer zu reinigen, und nur um die Sonderbarkeit meines frühern
Erwachens zu entschuldigen, berief ich sie über ihr spätes Aufstehen. Es ist so
spät noch nicht, erwiederte sie, und der Fremde wird auch gerne ausruhen wollen.
    Diese Worte, die ersten die ich an diesem Tage vernahm, - sie trennten mich
auf einmal von meiner innern Welt freundlicher Bilder, wie die feindliche
Scheere der Parzen das Leben von dem goldenen Lichte des Tages. Der Fremde!
wiederhohlte ich bei mir selbst; das ist er, und wird es vielleicht immer für
dich bleiben, und du räumtest ihm dein ganzes Herz so leicht ein. Die Tränen
stürzten aus meinen Augen, und ich eilte ins Kabinet meines Vaters, welches ich
alle Morgen selbst mit leisen Schritten aufräumte, um durch kein unzeitiges
Geräusch seinen Morgenschlummer zu unterbrechen.
    Der Vorhang innerhalb der Glastür war verschoben, und ich sah sein Gesicht
gegen die Tür gewendet. Welche Würde und heitere Stille schwebte über der
reinen Stirn, deren Falten nur ruhiges Denken gezeichnet hatte! - welche
Lieblichkeit atmete der sanft geöfnete Mund, um welchen Anteil, Mitleid und
sorgliche Liebe sanfte Linien gezogen! Die milde segnende Hand lag auf der
Decke, und drückte sanft auf die leis atmende Brust. Diese Stille umfing mich,
und mein Busen wallte leichter und stiller. Ach für diese Beiden zu leben! sagt'
ich bei mir selbst; keiner ohne den andern kann mich ganz glücklich machen! Ich
vollführte mein gewöhnliches Geschäft, und ging dann in die Küche, um das
Frühstück anzuordnen.
    Nachdem alle häuslichen Geschäfte geordnet waren, setzte ich mich an das
Pianoforte, um das Erwachen meines Vaters zu erwarten. Kaum hatte ich Naumanns
Kora aufgeschlagen, und ein paar herzerhebende Akkorde aus dem schönen Chor:
Geist aller Welten etc. gegriffen, so hörte ich die Tür sich hinter mir öfnen.
Mein Herz schlug hoch, und die Noten verwirrten sich vor meinen Augen. Es war
der geliebte Mann, und aller Zauber meiner Träume schwebte um seine Gestalt. Die
Furcht, meine Empfindungen möchten auf meinem Gesicht ausgedrückt sein, brachte
mich in beinahe schmerzliche Verwirrung. Er grüsste mich sanft, seine Stimme
schien mir noch rührender, als am vergangenen Abend. Er liess mich nicht vom
Klavier ausstehen, und begleitete meine zitternden Noten mit dem reinsten
vollkommensten Gesang. Ruhe durchströmte mich, die Morgenröte flammte um uns
her, und der erhabene Sinn dieser Musik füllte meine Seele; ich konnte ihn bald
mit meiner Stimme begleiten, und unser Gesang floss so rein in einander, wie der
Odem der Liebe. Mein Vater kam noch während des Gesangs aus seinem Kabinet, und
blieb still hinter uns stehen. Als ich ausgespielt hatte, ging der Fremde
freundlich auf meinen Vater zu, und fasste seine Hände. »Wir hielten unser
Morgengebet; lieber Vater, möchte ich jeden Tag mit so reiner Andacht beginnen!
Der stille Geist Eures Hauses hat mich ergriffen, Ihr seid glücklich, Euch fehlt
nichts, mir fehlt auch nur eines - und vielleicht können Sie mirs geben.« - Er
drückte hier des Alten Hände heftiger an seine Brust, und seine Augen fielen auf
mich; ich stand bebend auf, den Stuhl ans Klavier gelehnt. Mein Vater sah ihm
heiter ins Auge, und als er seine Hände nicht los liess, sagte er sanft: »Gern,
gern, wenn ichs kann!« - Ich konnte mich nicht länger halten, schlich mich an
dem Fremden vorbei, und eilte an ein Fenster auf den Vorplatz; die Tränen
stürzten aus meinen Augen. Als ich mit dem Frühstück zurück kam, schien mir's
als hätte ich die Unterredung gestöhrt; mein Vater schien sehr ernstaft, der
Fremde bewegt, und es schien eine Wolke vor seiner Stirn zu liegen. Der Ring
blickte mir wieder ins Auge, indem er nachdenklich seine Tasse Kaffee ausleerte,
und der Nahme zog wie eine Last mein Herz aus der goldenen Zauberwelt zurück.
Der Nahme ist nicht unbedeutend, sagte ich bei mir selbst; ein so feinsinniger
Mann trägt kein Zeichen des Andenkens, als wenn es ihm herzlich wert ist. Ob er
nur eine Schwester hat? Als er bei einer kleinen Abwesenheit meines Vaters sich
mir näherte, sanft die Locken berührte, die über meine Schultern wallten, und
dann mit bewegter, leiser Stimme sprach: Gutes, liebes Kind, o möchte ich etwas
für Ihre Glückseligkeit tun können! dann schwoll mein Herz wieder in
freundlichen Hoffnungen, und der Nahme war vergessen. Er machte sich reisefertig,
ein Schauer fasste mich, als er Hut und Stock ergriff: - vielleicht seh' ich ihn
zum letztenmahl, sagte mir eine Unglück weissagende Stimme in meinem Innern,
denn er hatte nichts geäussert über seinen Aufentalt, noch seine übrigen
Verhältnisse. Bebend stand ich, und hielt mich am Fenstergesimms, denn meine
Kniee fingen an zu wanken, während er von meinem Vater mit einer treuherzigen
Umarmung Abschied nahm. Nun nahte er sich mir, schlang sanft den einen Arm um
meinen Leib, und drückte seine Lippen auf meine glühende Wange. - Vergessen Sie
mich nicht, - sprach er mit holder Stimme, und kaum konnte ich die
hervorstürzenden Tränen zuruckhalten. Schon war er an der Tür, und sah noch
einmal auf mich zurück, als wir das Rollen eines ankommenden Wagens vernahmen.
Er warf einen Blick aus dem Fenster, und befahl dem Kutscher zu halten: er würde
augenblicklich einsteigen; aber eine Dame rief ihm aus dem Kutschenfenster zu,
sie wünsche hier eine halbe Stunde auszuruhn. Er erwiederte, sie hätten wenig
Zeit zu verlieren; aber sie war schon beim Aussteigen, ehe sie seine Antwort
ganz vernommen hatte, und mein Vater war an die Tür geeilt, sie zu empfangen.
    Der Empfang der Dame liess mir keine Zeit, mich meinen Empfindungen zu
überlassen; aber ich war in der disharmonischsten Stimmung. Freude über die
aufgeschobene Abreise, und diese neue Erscheinung, die sich so schnell zwischen
meinen Freund und mich drängte, kämpften in meinem Busen. Sein Betragen schien
mir gezwungener, seitdem sie unter uns war, und drückte doch Achtung und Neigung
für sie aus. Ihre Züge waren schön, aber sie versprachen mehr Verstand, als
Gefühl. Der Firnis der feinen Welt, der über ihr Betragen gezogen war, entfernte
mich, ohne mir zu misfallen. Sie begegnete mir auch nur mit jener, Menschen von
feinen Sitten mechanisch gewordenen Gefälligkeit.
    Ihre Entfernung, mein liebster Freund, hat mir Sorgen gemacht, sagte sie
halb laut in französischer Sprache; ich fürchtete, es wäre Ihnen ein Unfall
begegnet. Er dankte mit einer Beugung des Kopfes für ihre Teilnahme, und wandte
sich dann gegen uns. - Ich habe in dieser liebenswürdigen Gesellschaft einen der
glücklichsten Abende meines Lebens zugebracht, und wünschte, Sie hätten ihn mit
mir genossen. Die Dame sah mich scharf an, und zeigte mir nach dieser Äusserung
mehr Aufmerksamkeit. Nicht ein Wort entfiel, aus welchem mir ihr gegenseitiges
Verhältnis hätte klar werden können. Es schien mir grosse Vertraulichkeit
zwischen ihnen zu herrschen; vergebens wünschte ich den Nahmen Schwester zu
hören, und ich wagte es nicht, auszudenken, dass sie vielleicht verheiratet sein
könnten.
    Als ich nach einem kleinen Geschäft ins Zimmer zurückkam, fühlte ich, dass
man von mir gesprochen hatte. Die Dame bat mich, neben ihr zu sitzen, nahm meine
Hand, freute sich, mich so unvermutet kennen zu lernen, und hofte, wir würden
uns bald und öfters wiedersehen, um uns näher zu kennen. Sein Auge war mit
innigem Wohlgefallen auf uns geheftet. Ich fing an, die Dame als ein Band
zwischen ihm und mir anzusehen; dieses gab vielleicht meinem Betragen gegen sie
die Farbe der Neigung. Ach, ihn zu sehen, in seinem Kreise zu atmen, wie viel
schien mir dieses in dem Augenblicke der Trennung! Die Dame sprach viel und
scharfsinnig mit meinem Vater über Literatur, fremde Länder und Sitten. Wie
interessant könnte mir ihr Umgang sein, wenn sie die Schwester des geliebten
Mannes wäre!
    Zum zweitenmahl kam der Moment des Abschiedes, aber die Lage war verändert.
Die Reinheit der ersten ungemischten Empfindung war durch die Dazwischenkunft
der Dame mit mehreren kleinen Leidenschaften gefärbt. Am mächtigsten wirkte der
Stolz, die tiefen Bewegungen meines Herzens den Augen eines scharfbeobachtenden
Weibes verbergen zu wollen. Ich folgte der Gesellschaft mit einer sonderbaren
Dumpfheit des Sinnes an den Wagen. Wir werden uns wieder sehen, mein bestes
Kind, sagte die Dame, als sie mich beim Abschied umarmte; Ihr guter Vater hat es
mir zugesagt. Der Geliebte drückte noch einmal schweigend meine Hand an seine
Lippen; er sagte kein Wort, das Hoffnung des nahen Wiedersehens zeigte. Lieber
Vater, sagte er noch mit einem Blick stiller Liebe zu uns, man steigt vom Himmel
auf die Erde, wenn man von Ihnen scheidet; geben Sie mir Ihren Segen! Aber wie
schmerzlich bebte mein Busen, als er sich gegen die Dame mit den Worten wendete:
»Liebe Amalie, nicht wahr, Sie fühlen es mit mir, dass man dieses gastfreundliche
Haus nur ungern verlassen kann?« Das ist also diese Amalie, sagte ich bei mir
selbst. Ach ein glückliches, glückliches Weib, so an der Seite des
liebenswürdigsten Mannes durch die offene schöne Welt zu fliegen! Süsses
Geschäft, für ihn zu sorgen, und wieder die zarte Sorge seiner Liebe zu sein!
Mein Vater blieb gedankenvoll neben mir stehen, bis das Rasseln des Wagens in
der weiten Ferne verstummte, fasste dann meine Hand, und hiess mich einige Stunden
ruhen. Ich zitterte bei seiner Berührung. Der Gedanke, mit ihm allein zu sein,
mit ihm, in dessen Gegenwart kein Geheimnis in meiner Seele bleiben konnte,
ergriff mich, und in schmerzlicher Bewegung sank ich weinend an seine Brust.
Mein gutes, gutes Kind, sagte er mit tröstender, weicher Stimme, Du bedarfst der
Ruhe sehr, suche einige Stunden Schlummer zu finden, Deine Nerven sind
verspannt; Du findest mich im Garten.
    Vergebens suchte ich dem Rat meines Vaters zu folgen; der Schlaf floh mein
bewegtes Gemüt. Ich ging an meine Hausgeschäfte, und das liebste war mir, das
Zimmer des Fremden wieder in Ordnung zu bringen. Mein Vater war still und
nachdenkend beim Mittogsessen, aber voll zarter Teilnahme gegen mich. Als ich
mich nach Tische wieder entfernen wollte, hiess er mich ihn in den Garten
begleiten.
    Wir sassen an einem kleinen Hügel, von dem wir die freie Aussicht in ein
enges Tal hatten, wo zwischen dunklen Fichten ein Waldstrom hinbrauste. Er zog
seinen Homer aus der Tasche, und las die rührende Klage Andromache's. Das Gefühl
meines eigenen Leidens floh, mein ganzes Wesen war von Andromache's Schmerz
durchwühlt, und als der Zauber der hohen Dichtung von mir wich, war meine Seele
wie rein gebadet durch einen Strom des erhöheten Lebens.
    Ich liebte, aber ich liebte reiner; meine Sehnsucht war still und lieblich.
Das Bild des Geliebten lag in meiner ruhigen Brust in all' seiner Schönheit,
einfach und gross, wie der Mond auf der Fläche des ruhigen Sees. So hörte die
Liebe auf, eine Krankheit für mich zu sein. Die Tage der Woche gingen in dem
gewohnten Zirkel einfacher Beschäftigungen hin. Alles hatte seine Zeit, aber
alles war so weise verteilt, dass jedes pedantisch lästige Ansehn dabei
vermieden war. Wer die Wohltat des einförmigen Lebens nie empfunden hat, der
sieht nur Langeweile dabei; aber wer es gekannt hat, wie die Seele nach
Zerstreuungen und Weltgewühl ihr besseres Ich in einer tätigen Einsamkeit
wieder findet, wie sie sich endlich der äussern Stille und Ordnung anschmiegt,
und sie in sich einsaugt, der wird vielleicht diese Lebensweise die glücklichste
nennen.
    So verwebte sich das Bild meines Freundes mit allen meinen Beschäftigungen,
aber sanft waren die Wallungen des Verlangens in meinem Busen, und zart die
Sehnsucht. Mein Vater war noch sorgsamer und zärtlicher gegen mich als
gewöhnlich; wenigstens schien seine Aufmerksamkeit noch ununterbrochener auf
mich gerichtet zu sein. Rührend war mir sein Schweigen über die neuen Bewegungen
meines Herzens. Er fühlte sie tief, aber mit zarter Schonung vermied er jedes
Wort, das eine Erklärung hätte herbeiführen können. Solche Momente des
Schweigens erzeugen Jahre der Freundschaft; die Seelen scheinen sich inniger zu
nähern, als bedürften sie schon der Worte nicht mehr. Aber dieses Schweigen, mir
so wert und meinem wunden Gemüt so wohltätig, dünkte mir auch ein Beweis zu
sehn, dass meine Liebe hofnungslos sei.
    Ach diese Amalie ist sein Weib! sagte mir oft eine Stimme im Innern, aber
eine andere widerlegte die erste. Nein, er würde sich nicht erlaubt haben, dir
mit solcher Herzlichkeit zu begegnen. Lag nicht in seiner Rede der ganze Sinn,
dass er mich zu besitzen wünsche? So gern gab mein hoffendes Herz der zweiten
Stimme Gehör!
    In Rosinens Betragen war eine sonderbare Feierlichkeit. Nach meines Vaters
Beispiel war auch zwischen ihr und mir alles unnütze Geschwätz verbannt, und wir
respektirten uns gegenseitig zu sehr, dass wir nicht hätten wünschen sollen, uns
immer nur etwas Passendes und Vernünftiges zu sagen. Rosine, die noch mit der
alten Gewohnheit der Schwatzhaftigkeit zu kämpfen hatte, und die sich überdem
bei mir, ihrem Zögling, der dankbarsten Achtung so gewiss hielt, überliess sich
doch zuweilen in der Abwesenheit meines Vaters ihrer geschwätzigen Laune. Jetzt
wartete ich seit mehrern Tagen vergebens auf ein Wort über die neue Begebenheit,
die in einem so einförmigen Leben notwendig Eindruck auf sie gemacht haben
musste. So gern hätte ich den geliebten Nahmen von irgend einem lebendigen Wesen
aussprechen hören. Es wäre mir ein Zeugnis der Wirklichkeit für die ganze Scene
gewesen, die oft als ein leichter Traum aus meiner Seele zu entfliehen drohte.
    Mehrere Tage verstrichen ohne Nachricht von dem Fremden. Mit neugieriger
Eile nahm ich alle ankommenden Briefe in Empfang, und besah alle Aufschriften
und Siegel genau, denn ich kannte den grossen Korrespondentenzirkel meines
Vaters. Am fünften Posttage endlich erschien ein Brief mit grossem unbekannten
Siegel; mit zitternder Hand reichte ich ihn meinem Vater beim Aufstehen, und
vergass vor glühender Ungeduld das Frühstück herbeizuhohlen. Der Alte besah
Aufschrift und Siegel, legte den Brief langsam auseinander, und setzte sich zum
ruhigen Lesen. Ich kannte alle feinen Falten auf dem stillen Gesicht meines
Vaters; mit Zittern nahm ich die Wirkung wahr, welche der Innhalt dieser Zeilen
auf ihn machte, ein gewisses Staunen, in dem noch etwas Freudiges lag, das aber
bald in eine Wolke des Schmerzens vor seiner Stirne verschwand. Meine Unruhe
wuchs, als er den Brief hastig einsteckte, und mit einer ruhig sein sollenden
Miene nach dem Frühstück fragte. Der Tag verstrich, als wenn eine
gewitterschwüle Luft den Atem presst; die gewohnten Geschäfte wurden getan,
aber die gedankenschwere Stirn des Hausvaters verbreitete Düsterheit über alles.
    Nach einem einsamen Spatziergang fand mich mein Vater bei seiner Zurückkunft
allein im Zimmer; ich fühlte mich gedrückt, da er den ganzen Tag vermieden
hatte, mit mir allein zu sein, und hielt schon die Türklinke in der Hand, mich
zu entfernen. Bleib, mein Kind! rief er mir zu, ich habe dir sehr wichtige Dinge
zu sagen, die mir das Herz pressen - und die ich nur mit Geduld und Glauben an
die ewige Güte mit Ruhe ertragen werde; - die Zeit ist gekommen, wir müssen uns
trennen. Ich flog mit einem lauten Schrei an seinen Hals, seine Tränen
träufelten auf meine Wangen, und wir hielten uns sprachlos umschlossen. Nachdem
unser Schmerz sich gemildert hatte, fuhr er mit zitternder Stimme fort: Die
Vorsicht hat mir deine Bildung anvertraut, mein bestes einziges Kind, und ich
fand das süsseste Geschäft meines Lebens darinnen. Gott hat mich nicht reich
gemacht, aber ich machte mir es zur Pflicht, von meinem kleinen Einkommen
jährlich so viel zurückzulegen, dass du nach meinem Tod für Mangel und
Abhängigkeit sicher sein könntest. Meine einzige Sorge war, wo du leben würdest?
Unter dem Zirkel unserer bisherigen Bekannten war niemand, dem ich dich mit
ruhigem Gemüt hätte anvertrauen können. Meine Freunde sind zu weit entfernt,
und alle in Familienverhältnissen, die für dich nicht taugen. Wir müssen uns
nach einem Zufluchtsort für dich nach meinem Tode umsehen. - Stille deine
Tränen; - einem siebenzigjährigen Mann muss der Tod so bekannt sein, als der
Schlaf, und wir finden uns ja wieder beim Erwachen! Ein heiterer Strahl fiel aus
seinem Auge in meine Seele, und das Leben schwand vor mir hin als eine Wolke,
mit seinen Freuden und seiner Not; ich blickte gelassen zu meinem Vater und zum
Himmel auf.
    So sehr ich durch deine Entfernung leiden werde, mein bestes Kind, fuhr mein
Vater fort, so danke ich doch der Vorsicht für den Wink zu einem künftigen
Aufentalt für dich, bei Menschen, die meine Achtung verdienen, und die durch
Geisteskultur und feine Sitten dein Leben anmutig und glücklich machen können.
Die Dame, welche jüngst bei uns war, ist die Gräfin von Wildenfels. Ihr Äusseres
verspricht Feinheit und Bildung, aber ich kenne auch ihren Charakter durch einen
meiner vertrauten Freunde, und ich kann dich ohne Sorge ihrer Führung
anvertrauen. Sie wünscht dich für den nächsten Winter zu ihrer Gesellschafterin,
und will aus besonderm Anteil, welchen sie an dir nimmt, noch einige kleine
Talente dir erwerben helfen, die du in unserm einsamen Aufentalt entbehren
würdest. Bist du mit der Gräfin und der neuen Lebensart zufrieden, so wird sie
dich gern immer um sich haben. Sie wohnt für jetzt in D**. »Ich werde ihn
wiedersehen!« war mein erstes Gefühl bei den Worten meines Vaters, aber die
lieblichen Hoffnungen, welche bei diesem Gedanken meinen Busen füllten, wurden
bald von dem schmerzlichen Gefühl der Trennung verscheucht. »Du versuchst die
neue Lage für ein halbes Jahr,« sagte mir mein Vater, als er meinen tiefen
Schmerz wahrnahm; »misfällt sie dir ganz, so kehrst du zu mir zurück, schliesst
meine Augen, und ich empfehle dich unserm himmlischen Vater. Aber ich kann nicht
wünschen, den Sonnenschein weniger Tage für mich durch den Frieden deines
künftigen Lebens zu erkaufen. Wende alles an, um dein Gemüt zu der neuen Welt
gefällig zu stimmen, in welche du eintreten wirst.«
    Schon in drei Tagen wollte mich die Gräfin durch ihre Kammerfrau abhohlen
lassen. Meine Seele zerfloss in schmerzlichen Gefühlen. Alle Freuden einer
glücklichen Kindheit, alle einsam genossene Stunden der erwachenden
Jugendfantasie gingen in den Tagen der Trennung wieder auf, und drangten sich
fester an mein Gemüt. Ich ging durch das Dorf, und empfing mit gerührtem Herzen
den treugemeinten Segenswunsch der guten Landleute; mein Vater, welcher den
Verständigsten unter seiner Gemeinde gern Rechenschaft von seinem Tun und
Lassen gab, hatte auch über meine Reise mit ihnen gesprochen, und ihnen gesagt,
dass er sich um einen Aufentalt für mich nach seinem Tode umsehen müsste. Einige
der Wohlhabendsten drangen mit Bitten in ihn, für die Zukunft nicht zu sorgen,
und wollten mich durchaus zwingen, Geschenke anzunehmen, die für ihre Umstände
ansehnlich waren. In jedem Abschied, den ich nehmen musste, fühlte ich schon den
allerschmerzlichsten, den von meinem Vater.
    Die Salmische Familie empfing meinen Abschiedsbesuch mit ungewöhnlicher
Feierlichkeit. Ich umarme Sie vielleicht als eine grosse Dame, wenn wir uns
wiedersehen, sagte mir die älteste Fräulein beim Abschied. Ich achtete nicht
mehr auf ihre Rede, als wie auf einen gewöhnlichen Mädchenscherz, und erzählte
sie in diesem Tone Rosinen. Die gute Alte sah mich einige Minuten lang forschend
an, führte mich mit geheimnissvollem Schweigen in ihr Kabinet, und verschloss die
Türe hinter uns. Sie drückte mich an ihre Brust, bedeckte mein Gesicht mit
Küssen und Tränen, und rief aus: »Du bist unschuldig, bestes Kind, Gott sei
Dank, du bist unschuldig! - Ach ich war so traurig; ich wähnte, du wüsstest um
den Heuratsantrag des Fremden, und fürchtete deine Liebe und dein Vertrauen
verloren zu haben, weil du mir nicht ein Wort darüber sagtest. Jetzt sehe ich,
dass ich dir Unrecht tat. Schweigen konntest du gegen mich, aber dich verstellen
und die Unwissende spielen, das kann mein aufrichtiges gutes Mädchen nicht.« Von
was schwatzest du, Mütterchen? erwiederte ich, indem ich sie mit grossen Augen
anstarrte. Liebes Kind, du sollst alles wissen, aber schweigen musst du, selbst
gegen deinen Vater, so hart es dir auch ankommen mag. Nein, ich begreife deinen
Vater nicht, so sehr ich auch sonst alles recht getan finde, was er tut: - mir
mag er's verzeihen, dass ich meiner Agnes alles entdecke.
    Entsinnest du dich jenes Morgens, Liebe, als jener fremde schöne Mann bei
uns war? Du verliessest einmal schnell das Zimmer, und er blieb allein mit
deinem Vater; da war ich in dem Seitenkabinet. Du weisst, es ist nur durch eine
Bretterwand von dem grossen Zimmer geschieden, und ich verstand alle Worte, die
gesprochen wurden. Da die Rede von dir war, half mein Herz meinem Gedächtnis,
mir entfiel nicht eine Silbe der Unterredung. Liebliches Geschöpf! rief der
Fremde aus, als du die Tür geschlossen hattest. - O dass diese Wahrheit und
Reinheit in deinem Wesen nie verfälscht werden möchte, ich wäre dann der
glücklichste Mann, dich gefunden zu haben! Mein Vater, unsere Gemüter sind eins
in der Liebe der Wahrheit, unter uns braucht es keine Umschweife, Sie sollen
mich ganz kennen, ich will Ihre Tochter ganz kennen, und ist alles, wie ich mirs
denke, wie Sie es wünschen, dann bitte ich aus voller Seele: Vater gib sie mir
zum Weibe! und ich gelobe es Ihnen, sie soll ein glückliches Weib werden.
    Sie kann sich nur selbst geben, sagte der Pfarrer. Du seist seine Tochter
nicht. Wessen Tochter sie ist, gilt mir gleich, erwiederte der Fremde. Ich
besitze die Eigenschaften, die die Väter meist bei einer Heurat für ihre
Töchter suchen, ich bin reich, und von hoher Geburt. Aber wenn der Vater ihres
Geistes mich wert findet, durch das holde Wesen glücklich zu werden, dann werde
ich dreifach glücklich sein. Ich frage nach nichts was ihr äusseres Verhältnis
betrift, weil ich unabhängig bin, aber Sie werden einen sonderbaren Mann finden,
der Ihnen seine Seele öfnen wird; - ich schreibe Ihnen. Meine Adresse ist: Baron
von Nordheim in D. Über die äussere Existenz des lieben Kindes haben Sie keine
Sorge von heute an. Kann sie mein Weib nicht werden, so schenk' ich ihr ein
Vermögen, das sie unabhängig macht; aber sie muss kein Wort von meinem Plane
wissen. Ihre Güte rührt mich tief, sagte mein Vater. Tröstend wäre es mir, meine
Agnes als Weib eines edlen Mannes auf der Welt zurück zu lassen; ihre Geburt ist
mir selbst noch ein unergründliches Geheimnis, und selbst meine Ahndungen
darüber muss ich in meinen Busen verschliessen. Alles was ich sagen kann, ist -«
Du tratest wieder herein, mein Kind. -
    Wunderbar, klar und leicht wurde mir bei dieser Erzählung. Sein Weib, des
liebenswürdigen Mannes nächstes innigstes Verhältnis! ich dachte es mit stillem
Entzücken. Doch schämte ich mich beinahe, meinem Vater gegenüber, etwas gegen
seinen Willen erfahren zu haben; und die peinliche Empfindung, ihm etwas
verbergen zu müssen, liess mich mit mehrerer Ruhe an die Trennung von ihm denken.
    Der Tag des Abschieds brach an, alle nahmenlose Liebe, die ich empfangen
hatte, füllte einzig meine Seele; sprachlos lag ich zu den Füssen meines Vaters,
als der Wagen vorfuhr. Er wollte mich trösten, aber Tränen erstickten seine
Worte: Gott segne dich in Zeit und Ewigkeit, meine Tochter! rief er mit
zitternder Stimme. Endlich schieden wir beide in jener stillen Erhebung der
Seele, welche nur der tiefern Empfindung eigen ist.
    Meine Begleiterin war ein gutes harmloses Geschöpf, das mir meine neue Lage
mit den glänzendsten Farben vorzumahlen strebte. Zum erstenmahl dachte ich jetzt
über meine Geburt und den Stand meiner Eltern nach. Ich fand mich fremd und
allein in der Welt, da ich aus den Augen meines Vaters war. Das Gefühl war mir
schmerzlich, und ich ermunterte mein Gemüt nur durch das Bestreben, sich selbst
gleich zu bleiben, und keiner äussern Lage Gewalt über mich einzuräumen.
Ernstlich nahm ich mir vor, meinen ganzen Sinn nur auf die Ausbildung der
Talente zu richten, die ich jetzt erwerben konnte, und die meine Einsamkeit
beschäftigen, und meine Unabhängigkeit in jeder Periode des Lebens mir
versichern sollten. Reizend dachte ich mir es, durch eine feine Malerei eine
Summe zu erwerben, und dann meinen Vater unvermutet mit einem Buche, welches er
sich längst gewünscht hatte, zu überraschen. Ach ich wusste, dass er sich manches
versagte, um mir irgend ein kleines Geschenk zu machen!
    Die Neigung, welche mein Herz füllte, war zu rein, als dass ich sie mit einer
Aussicht auf äusseres Glück hätte verknüpfen sollen. Wenn ich den geliebten Mann
dachte, lagen alle Verhältnisse unter mir, so wie einer gläubigen Seele in dem
Gedanken des Himmels alles Irrdische entschwindet.
    Den zweiten Tag meiner Reise hielt ich Mittag in N**. Die Kälte nötigte uns
in der Wirtsstube zu bleiben, bis ein besonders Zimmer erwärmt wurde. Mehrere
Reisende befanden sich darinnen. Ausser den gewöhnlichen Fragen und Gesprächen,
nahm niemand aus der Gesellschaft besondern Anteil an mir. Ein Mann sass
nachdenklich am Feuer; als er mich erblickte, stand er auf und sah mich einige
Minuten hindurch scharf an. Wohin geht Ihre Reise, mein schönes Kind? redete er
mich an; und als ich erwiederte: »nach D**.« schüttelte er den Kopf einigemahl
bedeutend, und murmelte: so jung, so schön! zwischen den Zähnen. Er war ein Mann
von mehr als mittlerer Grösse, er trug einen dunkelblauen abgetragenen Überrock,
seine schwarzen Haare hingen zerstreut ums Haupt, und seine düstern Augen
blickten scharf unter der hochgewölbten Stirne hervor. Seine Wäsche war sehr
fein und reinlich. Er zog eine Schreibtafel hervor, bat mich um meinen Nahmen
und um den Ort meines Aufentalts. Dann bat er mich, mich in ein günstiges Licht
zu setzen, weil er mein Portrait zu zeichnen wünsche.
    Sein Benehmen dünkte mir sonderbar, aber es war von solch einer
Unbefangenheit begleitet, dass man ihm seine Bitten nicht wohl versagen konnte.
Sie sind unter einem glücklichen Zeichen geboren, rief er aus, nachdem er
einige Linien gezogen hatte. Es ist nichts Streitendes in deinen Zügen, holdes
Geschöpf! O ermüde nicht, diese holde Einheit durch das innigste Streben deines
Gemütes zu erhalten! Deine ganze Tugend ist, das zu bleiben, wozu die Natur
dich machte. Dieses klare, blaue Auge vermag die Wahrheit vom Irrtum zu
scheiden, und unter dem freien Gewölbe dieser Stirn entwickeln sich die Gedanken
rein und zart. Wie fein ründet sich das Näschen, noch schwankend, ob es sich
mehr zur Vorsichtigkeit und Klugheit, oder zur gutmütigen, beinahe
leichtsinnigen Hingebung formen wird. Aber den Übergang von der Nase zur Lippe,
den hat ein guter Engel mit dem Finger der Liebe gezeichnet. Der Mund ist fest
und unverstellt; er sprach nur Wahrheit und Liebe. Gutes Mädchen, o lass deine
unentweihte Lippen nie etwas anders reden! Gott gebe dir eine glückliche Liebe,
und du kannst ein vollkommenes Weib werden.
    Er arbeitete während dieser Rede, die er ganz als einen Monolog zu
betrachten schien, an seiner Zeichnung fort. Als er die Hauptzüge entworfen
hatte, hielt er mir das Blatt vor die Augen, und sagte mit einem feierlichen
Ton: »So sind Sie jetzt; die Fülle der Jugend muss von der Zeit verweht werden,
aber möge nach dreissig Jahren derselbe reine Geist diese Formen durchatmen!
Sähe ich Sie wieder, und zum gemeinen Weibe gesunken, dann soll dieses Blatt Ihr
strafender Richter sein. Sollte in diesen geradblickenden treuen Augen je
Koketterie spielen, der liebeatmende Mund sich flach und falsch hin und her
ziehen - O ich sah schon mehr solche gefallene Engel! Wie ein armer Landmann auf
einem vom Hagel zerschlagenen Acker, den vor wenig Stunden noch eine blühende
Saat schmückte, so ging ich oft unter den Ruinen der Menschheit. Mädchen, rief
er aus, indem er mir freundlich die Hand bot, mache mir die Freude, ein reines
einfaches Weib zu bleiben, dem Wahrheit und Liebe über alles geht.
    Das ganz eigene Wesen dieses Mannes hatte mich bewegt. Es war eine solche
Wahrheit in seinem Ton und seiner Miene, dass alles Karrikaturmässige aus seinem
sonderbaren Benehmen verschwand. Werde ich Sie bald wieder sehen? fragte ich mit
einem herzlichen Anteil, der seinem Auge nicht entging. Gutes Kind, ich weiss
selten, was ich tun werde. Meine Zeit ist nicht mein, und mein Wirken folgt dem
grossen Laufe der Begebenheiten, deren tausendfache Räder auch mein Individuum
forttreiben. Ich beobachte Sie vielleicht im Stillen und Ihnen unsichtbar, dann,
wann Sie es am wenigsten vermuten. Vielleicht auch verlange ich einmal als
Mahler Zutritt bei Ihnen. Sie sind der Kunst hold, üben Sie sie fleissig; gleich
der Stimme eines treuen weisen Freundes bringt sie Klarheit und Frieden in die
Seele. Er führte mich an den Wagen, und legte ein aufgerolltes Gemählde mir
gegenüber. »Nehmen Sie dieses als ein kleines Andenken. Es sei ein Talisman,
sagte er lächelnd, den Sie in Stunden der Liebe vor Augen haben; dann denken Sie
noch, liebes Mädchen, dass Sie eine glückliche Mutter werden wollen.« Ohne meinen
Dank anzuhören, war er mir aus den Augen, und ich erstaunte, als ich die
Leinwand aufrollte, eine trefliche Kopie von Raphaels Madonna della Sedia zu
finden.
    Den nächsten Tag kam ich in D** an. Es war Abend, als ich bei dem Hause der
Gräfin vorfuhr. Eine lange Reihe von Zimmern war erleuchtet, man sagte mir, eine
grosse Gesellschaft sei bei ihr versammelt, und sie habe befohlen, mich in ihr
Kabinet zu führen. Nach wenigen Momenten erschien sie selbst, in einem sehr
glänzenden Putz, der meinem Willkommen etwas Feierlicheres gab, als ich wollte;
da ich mich in die Stimmung, ihr mit Liebe und Offenheit zu begegnen, versetzt
hatte. »Ich fühle, wie viel Sie mir durch die Trennung von Ihrem Vater
aufopfern, mein bestes Kind,« redete sie mich nach einer Umarmung an. »Ich werde
alles anwenden Ihren Verlust erträglicher zu machen; wenn Sie mich zufrieden mit
sich sehen wollen, so sagen Sie mir mit der Offenherzigkeit einer Freundin alle
Ihre Wünsche. Ich muss Sie jetzt für ein paar Stunden verlassen, ich konnte die
Gesellschaft heute nicht los werden. Sehen Sie sich in meinen Zimmern, unter
meinen Büchern und Kupferstichen um, wenn es Ihnen Freude macht; hernach wird
meine Kammerfrau Sie ankleiden, und ich hohle Sie zum Nachtessen ab. Sie
verzeihen, dass ich mir die Freude mache, Sie diesen Abend nach meinem Geschmack
geputzt zu sehen. Ich hatte es schon bemerkt bei unserer ersten momentanen
Bekanntschaft, dass Sie von meiner Taille sind, und liess Ihnen ein Kleid nach dem
neuesten Schnitt machen. Wir müssen es mit den alten Kindern, die man in den
grössern Zirkeln so häufig antrift, nicht verderben,« setzte sie lächelnd hinzu,
und verliess mich.
    Ich ging in den Zimmern umher, und die geschmackvolle Pracht, die ich
überall erblickte, machte einen gefälligen Eindruck auf mich. Meine Fantasie
ward reger, und ich dachte mich in den mannichfaltigen Situationen, die mich
vielleicht in diesem Hause erwarteten. Das Schlafzimmer der Gräfin war am
meisten nach meinem Geschmack. Alle Formen waren angenehm beruhigend, und die
hellgrüne Seide der Vorhänge flog als ein leichtes Gewölk in den mahlerischsten
Falten um das Ruhebette und die Fenster. Eine schöne antike Lampe war in der
Mitte des Platfonds durch goldene Ketten befestigt, und goss ein mildes Licht auf
alle Gegenstände umher. Zwischen den Fenstern, gerade dem Ruhebette gegenüber,
wallte ein seidener Vorhang herab über ein Gemählde. Ich hob ihn auf, und fand -
das Bild Nordheims in schöner geistvoller Wahrheit. Ach es schien mir jetzt nur
ein Augenblick, seit er mich verliess! Der holde Zauber seiner Gegenwart bebte
durch meine Sinne, gleich der wiederkehrenden Frühlingssonne durch die Nerven
eines Kranken. Alle Nebel waren verschwunden; er war wieder mein, und
Sonnenschein und freundliches Dasein umglänzten mich. Bald schwand die liebliche
Magie; ich betrachtete das Bild. Er war in Lebensgrösse gemahlt, vor einer Herme
stehend, welche die Büste der Gräfin vorstellte; die eine Hand ruhte auf dem
Marmor, und das Haupt war etwas gesenkt, gleich als wär' er in Betrachtung
verloren.
    Welch ein inniges Verhältnis muss er zu dieser Amalie haben? Kein anderes
Portrait ist in diesem Zimmer, gleich als sei es ein Heiligtum der Liebe, nur
für diesen Einen bereitet! Die Gräfin stand neben mir, ohne dass ich sie
wahrgenommen hatte. Ihre grossen forschenden Augen waren fest auf mich gerichtet.
Sie schien meine Verlegenheit nicht bemerken zu wollen, und sagte mit einem
leichten Ton: »Sie werden das Bild vortreflich gemahlt und getroffen finden! Ich
pflege es sonst immer so für den Staub zu bewahren« - Sie drückte an einer
Feder, und ein Feld der Tapete bedeckte das Gemählde. Sie schob ein kleines
Ruhebette unter die Vorhänge, und führte mich aus dem Zimmer. Eine Wolke schien
mir vor ihrer Stirn zu schweben, und ihr Betragen etwas minder herzlich zu sein,
doch sagte sie freundlich: »Ich werde Sie nun in die, für Sie bereiteten, Zimmer
führen; Sie bewohnen sie, so lang es Ihnen gefällt; ich werde meine liebe kleine
Gesellschafterin immer zu früh verlieren, und alle Künste anwenden, um sie zu
fesseln. Vielleicht hilft mir ein gewisser Geist, den magischen Kreis um sie zu
ziehen.«
    Ich hatte ein Besuchzimmer, ein Schlafzimmer und ein Ankleidezimmer; alle
drei waren anmutig geschmückt, und mit allen Bequemlichkeiten versehen. Ich
musste mich ohngeachtet alles Widerstrebens, von der Kammerfrau ankleiden lassen,
und als ich fertig war, führte mich die Gräfin zur Gesellschaft. »Sie waren
vielleicht noch nie in so einem grossen Zirkel, als der ist, in den ich Sie heut
einführe,« sagte sie mir, während wir über die lange Gallerie gingen. »Ihr
feiner Sinn wird Sie in jeder Lage ein passendes schönes Betragen finden lassen.
Die Kunst der grossen Zirkel, liebes Kind, ist übrigens die der Unbedeutenheit.«
    Die Gesellschaft sass grösstenteils beim Spiel, die Gräfin präsentirte mich
an einigen Tischen unter dem Nahmen der Fräulein von Lilien. Lilien war der
Nahme meines Vaters, nach welchem ich mich immer mit Freude und Stolz nennen
hörte; aber die Fräulein fiel mir auf; es war mir widrig, mich mit fremden
Federn zu schmücken, und mein Stolz konnte sich zu keinem Schein bequemen. Für
jetzt musste ich's schon schweigend hingehen lassen. Man tat ein paar leere
Fragen an mich, auf die ich eben so flache Antworten gab. Die Gräfin hiess mich
zu ihrer Partie hinsitzen, und begegnete mir mit der gefälligsten Achtung, die
bald die allgemeine Aufmerksamkeit auf mich zog. Nach geendigtem Spiel glaubte
mir jeder etwas sagen zu müssen, und Fragen nach meinem vorhergehenden
Aufentalt, nach meiner Reise, wechselten mit Schmeicheleien ab. Die Gräfin
wusste auf eine geschickte Art alle Fragen nach meinen vorigen Verhältnissen
abzuschneiden, welches mir, da seit Rosinens Entdeckungen das Gefühl einer
sonderbaren geheimnisvollen Existenz drückend auf meinem Herzen lag, zum
erstenmahl eine dankbare, zarte Neigung für sie einflösste.
    Bei der Abendtafel, wo der grössere Teil der Gesellschaft sich entfernt
hatte, wurde die Unterhaltung zusammenhängender, und ich konnte mir den Umriss
von einigen Charakteren entwerfen. Ich kannte noch wenig vom konventionellen
Leben und der Sprache der Weltleute. Meine einfachen Grundsätze fanden so
manches paradox, womit der durch Gewohnheit geschmeidige Sinn sich ohne Mühe
aussöhnet. Es war mir so natürlich, als dass die Nacht auf den Tag folgt, den
Betrogenen zu beklagen und den Betrüger zu hassen, die Tugend der Ehre, und die
Ehre dem eigenen Vorteil vorzuziehen. In den Urteilen dieser Gesellschaft sah
ich alle diese Begriffe umgestossen; selbst die Leidenschaften, die eine
ungewöhnliche Kraft des Gemüts erfordern, als die Liebe und der Ehrgeiz,
dienten vielen Personen aus derselben zum Spott. Mir schien diese Höhe, von der
sie auf alle ächten Verhältnisse unsers Daseins herabblickten, eine schauervolle
Öde zu sein; nur Dornen und Disteln wachsen auf dem Felsengrunde des Egoismus.
Die Gräfin gab kein Zeichen weder des Tadels noch der Billigung. Ihr Charakter
blieb fleckenlos für mich; aber warum sind diese Menschen ihre Gesellschaft?
Noch eine junge weibliche Gestalt, und zwei junge Männer, die ihr zur Seite
sassen, zogen mich durch ein liebenswürdiges einfaches Betragen an. Einer der
Männer warf oft betrachtende Blicke um sich, wenn eine gemeine, niedrige
Gesinnung sich äusserte, oder zeigte durch feinen Spott die Nichtigkeit des
Gesagten. Die Dame war mir als Fräulein von R** vorgestellt worden, und ich
fühlte, dass sie und ihre beiden Nachbarn mich genau beobachteten.
    Die Gräfin brachte gewöhnlich einige Abende jeder Woche in der Gesellschaft
des Fürsten zu, und ich musste sie begleiten. Der Fürst war zwischen sechzig und
siebenzig Jahren, und belästigte sich und andere noch mit der steifen,
altfranzösischen Etiquette, die die deutschen Fürstensöhne am Hofe der
französischen Könige erlernt, und auf ihren Boden, freilich in etwas
verminderten Dimensionen verpflanzt hatten. Der Fürst hatte durch Alter und
Gewohnheit sich beinahe natürlich unter dieser schweren Rüstung des Ceremoniels
bewegen lernen. Gegen die Frauen beobachtete er die feine hochgespannte
Höflichkeit der alten Ritterzeit, so dass sein Äusseres für diese nicht ungefällig
war; aber ausser der Sphäre der feinen Manieren durfte er keinen Moment geraten,
um erträglich zu sein. Seine Kinder suchten so viel wie möglich entfernt von ihm
zu leben, weil sie nur den Despoten in dem Vater fanden. Der Sohn blieb auf
Reisen, so lange es der Anstand erlaubte, und machte nur seltene Besuche bei
seinem Vater; die Prinzessin, von der man als einer der besten sanftesten Seelen
sprach, lebte unter dem Vorwand ihrer Gesundheit bei ihrer verheurateten
Schwester.
    Die Karrikaturen unter den Hofleuten schienen mir bald lächerrlich, bald
beweinenswert. Die Ehrfurcht, die sie sogleich bei der Erscheinung ihres Herrn
aus ihren Herzen in ihre Hände und Füsse rufen konnten; ein gnädiger oder
zorniger Blick, der wie ein elektrischer Schlag durch ihren Körper fuhr, und
seine natürlichen Bewegungen veränderte; das augenblickliche Beugen ihrer
Meinung nach der letzten Äusserung der fürstlichen Lippen, - dieses alles war mir
unbegreiflich; ich stand wie vor einem Puppenkasten, so wenig Menschliches,
Wahres sorach an mein Herz. Der Fürst bezeigte mir viel Aufmerksamkeit, als mich
die Gräfin vorstellte, und meine natürliche Unbefangenheit schien ihm, als eine
ungewöhnliche Erscheinung, keinen unangenehmen Eindruck zu machen. Die Gräfin
verstand es vortrefflich mit dem Fürsten umzugehen, und diese schwere Masse
alter verrosteter Gefühle und Vorstellungen oft in ein gefälliges Spiel zu
setzen. Ich schloss daraus, dass die Geistesarmut der Hofleute vielleicht selbst
den Fürsten bewog, ihnen nur als Maschinen zu begegnen. Fräulein R**, die beiden
Herren von Alban, und der Arzt des Fürsten, der sich als eine unentbehrliche
Person fühlte, diese blieben in ihrem natürlichen Wesen.
    Nach der Tafel kam Fräulein R** auf mich zu, und stellte mir die beiden
Albans vor. Sie hatten Langeweile während der Tafel, sagte mir Fräulein R**,
aber wir genossen nicht wenig Vergnügen, indem wir Sie beobachteten. Natur und
Grazie sind uns hier eine seltene Erscheinung. Ich hoffe, Sie halten sich
künftig zu uns. Wie Sie uns hier sehen, fuhr sie lächelnd fort, machen wir drei,
die beiden Herren von Alban und ich, einen kleinen Staat im grossen Staat der
Gesellschaft aus. Herr von Alban der jüngere behauptet aus Ihrer Physiognomie zu
sehen, dass Sie zu uns gehören müssen, und ich fühle es.
    Wenn Sie in Ihren Staat nur stille friedliche Bürger aufnehmen, erwiederte
ich, so denke ich Ihr Vertrauen zu verdienen. Zu grossen Geschäften und
Negoziationen hoffe ich, werden Sie ohnedem ein Landmädchen, das die Welt noch
so wenig kennt, nicht brauchen wollen. Wen die Natur so reich machte, fiel der
jüngere Alban ein, den kann die Kunst wenig lehren. - Übergeben Sie sich uns nur
ohne Bedingungen, lassen Sie mich nur Fräulein Lilien mit unserer Verfassung
bekannt machen, rief Fräulein R** und führte mich in ein Fenster. Die zwei
Herren und ich, fuhr sie fort, sind von Kindheit an zusammen aufgewachsen. Ein
guter Genius bewahrte uns vor einigen Torheiten der Welt um uns her. Wir haben
vielleicht andere dafür, aber wir bleiben dabei doch froh und unschädlich. Wir
hassen die Falschheit, wir verachten die Kleinheit, die nur den Schein sucht,
fliehen die Leerheit, und suchen uns selbst dafür zu bewahren. Da wir nicht alt
und vornehm genug sind, um den Ton anzugeben, so helfen wir uns mit dem
pytagoräischen Schweigen so gut durch, als wir können. Wir sind durch unsere
Verhältnisse verbunden, einen grossen Teil unsers Lebens in den grossen Zirkeln
zu verlieren, wo die Mittelmässigkeit das Regiment führt, aber wir streben, unser
eigenes Selbst unverdorben durch den Strom der Gesellschaft hindurch zu treiben.
Aber Sie müssen unsere Art zu sein erst beobachten und prüfen. Ich danke, fuhr
sie fort, der Existenz dieser kleinen Gesellschaft vieles von meiner moralischen
Bildung. Viele gute Menschen haben stillschweigend unter sich dasselbe Bündnis,
aber es schleicht sich nach und nach eine Art von Trägheit unter ihnen ein, die
unter dem Nahmen der Toleranz am Ende alles, und sich selbst mit allem Andern
hingehen lässt, wie es kann oder will. Wir vermeiden dieses durch ein Gesetz, uns
alle acht Tage Rechenschaft von unsern Beobachtungen zu geben. Die Mitteilung
unserer Gedanken zwingt uns, unsere Wahrnehmungen aufzuklären. Wir leben
glücklich durch diese Verbindung unter den heterogenen Menschen, die uns
umgeben. Ich fand auch das Glück meines Herzens in unserm kleinen Zirkel. Der
ältere Alban wird mein Gemahl werden, sobald unsere Familienverhältnisse es
erlauben. Mein künftiger Schwager ist eigentlich die Seele des ganzen
Verhältnisses durch die grosse Lebhaftigkeit seines Verstandes und seiner
Einbildungskraft. Der ruhigere, aber nicht weniger tiefe Blick meines Albans
macht einen angenehmen Kontrast mit der glühenden Fantasie seines Bruders. Oft
belehrt uns die Erfahrung, dass Julius, dieses ist der Nahme meines Schwagers,
durch seine Fantasie uns und sich selber getäuscht hat. Wir lachen ihn aus, und
glauben ihm doch das nächste mahl wieder. Teilen Sie uns Ihre Bemerkungen und
Ihre Erfahrungen, wenn Sie wollen, mit, nehmen Sie dagegen das Gelübde der
Aufrichtigkeit und Freundschaft von uns an.
    Julius von Alban trat zu uns, und sagte halb feierlich: Nehmen Sie die
Gelübde dreier Menschen an, die nach dem hohen Sinn der Schönheit streben. Noch
rein von jedem verfinsterten Hauche der Weltluft wird uns die himmlische
Klarheit Ihrer Seele die Gegenstände im treuesten Spiegel wiederstrahlen. Mit
Vergnügen, liebe Fräulein R**, antwortete ich, werde ich meine besten Gedanken
vor Ihnen und Ihren Freunden darlegen, weil ich Belehrung von Ihnen erwarte.
Julius schien mehr Wärme von mir zu erwarten, aber es lag von jeher in meinem
Wesen, dass ein exaltirter Ausdruck meine eignen Empfindungen herabstimmte. Mein
Vater hatte mich immer gelehrt, grosse Worte nur für wirklich grosse Dinge zu
brauchen.
    Ich verlebte alle Abende in derselben Gesellschaft in verschiedenen Häusern.
Fräulein R** und die beiden Albans waren geistvoll und liebenswürdig. Mein Herz
öfnete sich gegen sie; vorzüglich zog mich ihre zarte Neigung für ihren
Bräutigam an; der Odem der Liebe ist einer sehnsuchtsvollen Seele so erquickend.
Die Gräfin war sehr gefällig gegen mich, aber die glatten Weltsitten, vielleicht
noch mehr meine Zweifel über ihr Verhältnis zu meinem Freund, hielten jedes
vertrauliche Wort in meinem Busen zurück. Sie schien auch nur auf mein Äusseres
wirken zu wollen, und sagte mir nach den ersten Tagen: »Ich bin zufrieden mit
Ihrem gesellschaftlichen Betragen, und bewundere, wie Ihr Vater auch hier nur
die freie schöne Natur in Ihnen entfaltet hat. Sie besitzen die Elemente der
feinen Lebensart, sanfte bescheidene Gefälligkeit, und einen heitern Geist, der
immer die momentane Lage richtig fasst, und das passendste, was in ihr zu tun
ist, findet.«
    Wir sahen uns übrigens sehr selten allein, und ich konnte nicht begreifen,
wie die Gräfin mit so viel Geist und Geschmack, und in solch einer freien Lage,
den grössten Teil ihrer Zeit in leeren, geistlosen Zirkeln verlor. Ich
bewunderte ihr Talent, mit dem grossen Haufen zu leben, ohne dabei von ihrer
feinern Individualität etwas einzubüssen. Sie wusste die gehörige Entfernung der
feinen Lebensart vortreflich zu benutzen, um ihr Verhältnis zu fremdartigen
Menschen auf die leichteste, beste Art zu stellen, und sich selbst die Ausserung
jeder gemeinen Empfindungsart zu ersparen. Da sie selbst bei den Zwisten der
kleinen armseligen Eitelkeit immer von Leidenschaft frei blieb, so wurde sie die
Vertraute jeder Partei. Nur selten zeigte sich ein Funke ihres überlegenen
Verstandes, vor welchem der Kurzsinn und die elende Egoisterei, gleich den
lichtscheuen Vögeln, in ihre Dunkelheit zurückflohen. In kleinern gewählteren
Zirkeln schien sie mir oft eine Schülerin der Aspasia. Jedes geringe Talent
fühlte sich in ihrer Gegenwart erhöht, und jedes edle wahrhaft menschliche
Gefühl stärkte sich. Die Unterhaltung war meist nur durch ihren Geist
interessant, aber er wirkte in so leisen flüchtigen Zügen, dass man seine
Wirksamkeit, wie das Element welches uns immer umgibt, nur genoss, nicht
bemerkte. Ich achtete diese Talente, aber in einem gewissen Alter erwirbt sich
Einseitigkeit eher Vertrauen und Liebe, als Vielseitigkeit.
    Der teure Nahme wurde nicht genannt, und meine bebenden Lippen wagten keine
Frage. Hat er nicht befohlen, seine Briefe nach D** zu addressiren? Warum wird
eines so vorzüglichen Mannes nirgends gedacht? Und vor allen, warum spricht die
Gräfin nicht ein Wort von ihm, da sie doch mein Herz bei seinem Bilde
überraschte? Das erste leidenschaftliche Begehren weckt in dem jungen Gemüt
alle Kräfte zur Tugend und zum Laster. Ein qualender Argwohn füllte meine Seele,
die Gräfin habe mich in ihr Haus genommen, um mich von meinem Geliebten zu
entfernen, und seine vielleicht flüchtige Neigung für mich durch die Abwesenheit
zu unterdrücken. Vielleicht sucht er mich eben jetzt bei meinem Vater auf,
findet mich nicht, und das höchste Glück des Lebens, seine Liebe, geht mir für
immer verloren. Diese ganze Lage, nebst der Sehnsucht nach meinem Vater, zog
eine schwarze Wolke vor mein Gemüt, die meine neuen Freunde mit Anteil
bemerkten, und durch eine verdoppelte Gefälligkeit zu zerstreuen suchten.
    Der Umgang mit den beiden Albans wurde mir immer interessanter, vorzüglich
durch die Kenntnis von der politischen Welt, die sie mir mitteilten. Sie hatten
beide in den wichtigsten Geschäften gearbeitet, und kannten die Menschen, welche
die Staatsmaschine dirigirten. Ich las die neuern Geschichten der europäischen
Staaten, und lernte die Begebenheiten an einander reihen, aus denen das Gemählde
der gegenwärtigen Welt entstand. Die beiden Brüder freuten sich meines lebhaften
Sinnes und Verstandes für diese Verhältnisse, aber mit wundem Herzen fühlte ich,
dass Fräulein R** sich von mir entfernte, jemehr sich die Brüder mir näherten;
ihre Augen ruhten mit Sorge und Unruh auf mir, wenn ich mit ihrem Bräutigam
sprach, und sie war nie ganz frei und heiter, als wenn sie mich mit Julius
allein beschäftigt sah. Julius heftete sich jeden Tag inniger an mich; meine
Liebhabereien wurden die seinen; er bildete sich mit dem zärtesten Sinn nach
meinem Geschmack, sein Ausdruck wurde einfacher, da sein Gefühl tiefer wurde,
und mein Herz konnte ihm eine zarte Neigung nicht versagen.
    Da mich Fräulein R** Stimmung nötigte, seinen Umgang ausschliessend zu
suchen, so überliess er sich ganz der Hoffnung, geliebt zu werden. Aus Schonung
für Elisen von R** konnte ich ihm den Grund meines Betragens nicht entdecken,
und ich litt durch die Täuschung, in die ich ihn vielleicht über mein Herz
setzte. Julius war ein schöner junger Mann, ein vollkommenes Ebenmass war in
seiner Gestalt und seinen Gesichtszügen, aber es fehlte dem Ganzen jener
Ausdruck von Kraft, von ruhigem Bestand auf sich selbst, an den ein weibliches
Herz sich gern anschmiegt. Er hatte poetisches Talent, und war oft versunken in
seine Dichterwelt, wenn es darauf ankam, Würde und Kraft in der Wirklichkeit zu
zeigen. Nur dem ächten Himmelssohn Genie gebührt es, aus der Klarheit seiner
innern Welt als ein Fremdling auf die Erde zu schauen. Mein Geschmack war durch
die Lektüre der Alten zu sehr gebildet, um Julius Gedichte reizend zu finden.
Aber ich selbst war meist der Gegenstand seiner Lieder, und sie sprachen nicht
selten an mein Herz, da er sie mit so reiner Gutmütigkeit und Anspruchlosigkeit
überreichte.
    Elisa sagte mir mit klaren Worten, dass sie mich gern als ihre künftige
Schwägerin ansähe, und in den bunten Lebensansichten und Planen, in denen wir
mit leichter, fröhlicher Jugendfantasie umherschwärmten, war immer ein
ununterbrochenes Zusammenleben vorausgesetzt.
    Ich sehnte mich nach einer unabhängigen Existenz. Die glückliche Unkenntnis
der Verhältnisse des Eigentums war für mich entflohen. Stolz, und eine beinahe
kranke Empfindlichkeit trat an die Stelle der Sorglosigkeit; ich empfing das
kleinste Geschenk mit einem unaussprechlichen Widerstreben. Nur von meinem Vater
empfing ich ohne Widerwillen, aber seine eingeschränkten Umstände schufen mir
Leiden einer andern Art. Es ist ein unaussprechlicher, zwischen Wonne und
Schmerz schwebender Zustand des Herzens, mit dem wir ein Geschenk von einem
armen Freund empfangen.
    Als ich meinen Koffre in D** auspackte, fand ich ein Paquet mit funfzig
Louisd'ors, von meines Vaters Hand überschrieben: »Empfange und verbrauche es
ohne Sorgen, ich geniesse meine beste Freude in dir.« Ich nahm es mit dem Gelübde
der grössten Sparsamkeit, und, um auch den Geschenken der Gräfin auszuweichen,
nahm ich die grösste Simplicität in der Kleidung an. Es kostete mich nicht wenig
Erfindungskunst, immer gut und der Mode gemäss gekleidet zu sein, um die Gräfin
nicht aufmerksam zu machen; sonst wurde ich gezwungen, ein neues Kleidungsstück
anzunehmen. Die Furcht, meinem Vater, selbst bei den eingeschränktesten
Bedürfnissen, zur Last zu fallen, umzog mir oft die Aussicht in die Zukunft mit
Sorge. Ich übte mein Talent für die Malerei, und, nicht ganz nach meiner
Neigung, ausschliessend die Portraitmahlerei; diese sah ich als ein Mittel an,
die Unabhängigkeit meiner Existenz zu erhalten, und meinem Vater ein
gemächlicheres Alter zu verschaffen, indem ich ihn von aller Sorge für mich
befreite. Je mehr wahre treue Neigung ich bei Julius fand, je fester war ich
entschlossen, ihm meine Hand zu versagen, da ich mein Herz nicht ihm allein
geben konnte. Er war zufrieden in meinem Kreise zu leben, meiner Freundschaft
gewiss zu sein; das Bekenntnis meiner lebhafteren Neigung, welches ich ihm fest
versagte, erwartete er von der Zeit und der stillen Kraft seiner treuen Liebe.
Der ernstliche Wunsch unsers ganzen kleinen Zirkels, mich in ihre Familie
aufzunehmen, rührte mich um so mehr, da ihnen meine Lage ganz unbekannt war. Nie
erlaubten sich meine Freunde eine Frage über meine Verhältnisse; nur im
Allgemeinen schienen sie zu wissen, dass sie von Seiten des Vermögens nicht Glück
lich wären. Aus ihrem völligen Schweigen über mein vergangenes Leben konnte ich
sogar schliessen, dass sie das Geheimnis meiner Geburt ahndeten. Ich schwieg ganz
darüber, weil mir die Dunkelheit über meine Existenz immer schmerzlicher wurde;
nur in dem Fall, dass Julius dringender mit seinen Anträgen würde, nahm ich mir
vor, ihm durch ein offenherziges Geständnis meiner ganzen Situation, die
Schwierigkeit einer Verbindung mit mir vorzustellen.
    Es war ein heitrer Morgen. Ich genoss mit Elisen auf einem der öffentlichen
Spaziergänge die lang entbehrten freundlichen Sonnenstrahlen. Unter mehreren
bekannten und unbekannten Gestalten, die an unsrer Seite vorübergingen,
erblickte ich den Mahler, dem ich auf meiner Reise begegnet war. Er ging ein
paar mahl an uns vorbei, ohne zu grüssen, blieb aber an den Schranken der Allee
stehen, wo wir notwendig vorbei mussten. Ich war im Begriff, ihn als einen
Bekannten anzureden, und ihm für sein Gemählde zu danken; aber er fiel mir ins
Wort, und überreichte mir ein kleines zierliches Portefeuille, mit den Worten:
Ich bin ein reisender Künstler, liebes Fräulein. Sehen Sie diese Blätter durch,
Sie haben die Güte, mir sie morgen um dieselbe Stunde auf diesen Platz wieder zu
schicken; meine Adresse ist Johannes Charles. Er war uns aus den Augen, eh' ich
ihm antworten konnte, und das Portefeuille blieb in meinen Händen. Wir sahen es
auf einer Bank in der Promenade durch; es entielt einige fein ausgeführte
Landschaften und viele Skizzen, meistens Schweizeraussichten. Unter diesen fand
ich einen Brief an Agnes Lilien überschrieben, mit Bitte, ihn allein zu eröfnen.
Elise scherzte über diesen Vorfall, und verlangte den Brief zu sehen. Ich will
keines Menschen Vertrauen beleidigen, sagte ich halb ernstaft, und steckte ihn
ein, in der Vermutung, dass er vielleicht ein aufrichtiges Geständnis seiner
Bedürfnisse entielte, welches er mir lieber abzulegen wage, als einer ganz
Unbekannten. Ich eilte in mein Zimmer, das Blatt zu eröfnen. Es entielt
folgende Zeilen von einer kleinen, weiblich zarten Handschrift:
    »Meine teure Agnes, deine Mutter schreibt diese Worte; ach schwere
Verhältnisse hielten mich bis jetzt gebunden! - Ich konnte mich dieses Nahmens
nicht wert machen - noch immer liegen sie auf mir, und nur unter der Decke des
tiefsten Geheimnisses kann ich das Glück geniessen, das, was mir auf der Welt am
teuersten ist, zu sehen. Johannes Charles wird dich morgen Abend gegen sechs
Uhr zu mir bringen. Niemand darf um diese Zeilen und deinen Besuch wissen; suche
einen Vorwand, um dich zu entfernen. Ist es dir für morgen unmöglich einen zu
finden, so komm einen andern Abend. Aber eile, ich bin krank, schmachte nach
deinem Blick, und darf mich auch nur kurze Zeit an dem Ort, wo ich dich sehen
kann, aufhalten. Auf Johannes Charles kannst du dich ganz verlassen, er ist mein
Freund.«
    Meine Mutter - meine Mutter! rief ich aus, und die Gewalt des neuen süssen
Gefühls machte sich durch einen Tränenstrom Luft. Ich werde das heiligste Band
der Natur kennen lernen! rief ich aus; werde kein verlassnes Geschöpf mehr sein,
auf das man immer, selbst in den sanften Ergüssen der Freundschaft, mit einem
gewissen Mitleiden hinblickt!
    Aber wie konnte mich mein Vater in Hohenfels täuschen? Warum konnte er nicht
mein Herz wenigstens mit einer leisen Ahndung meines Glücks beleben?
    Ich verlor mich in diesen Gedanken. Meine innige Verehrung für meinen Vater
litt keinen Schatten der Schuld auf seinem heiligen Bilde. Er wollte dich nicht
täuschen, sondern wurde selbst getäuscht, sagte ich mir endlich. Aus sanfter
Schonung wollte er mich nicht mit der Ansicht ungewisser Verhältnisse quälen.
War ich nicht reich genug in seiner Liebe?
    Ich entsann mich jetzt auf alles dessen, was mir Rosine von meines Vaters
Gespräch mit Nordheim gesagt, und jeder Zweifel über das Betragen meines Vaters
verschwand.
    Mit glühender Ungeduld erwartete ich den andern Morgen, um Charles zu
sprechen. Die Winterlustbarkeiten waren ihrem Ende nahe, und wurden darum noch
eifriger besucht. Den nächsten Morgen war Maskenball, und dieser erleichterte
den Plan zu meinem Verschwinden im Hause. Ich legte in Charles Portefeuille, aus
Vorsicht, im Fall ich ihn nicht unbeobachtet sprechen könnte, ein Billet mit den
Worten: »Ich komme zur bestimmten Stunde, hohlen Sie mich um neun Uhr an der
Gartentüre ab; ich bin bereit Ihnen überall zu folgen.« Zum erstenmahl musste
ich Umwege brauchen, um mir den einsamen Morgenspaziergang zu verschaffen. Meine
Lage, und das Vertrauen meines Vaters hatten mich vor allen kleinen
Unwahrheiten, zu denen die Tyrannei des Scheins zwingt, bewahrt; mit
widerstrebendem Herzen nahm ich meine Zuflucht zur List. Eine widrige Empfindung
zieht meistens Reflexionen nach sich. Wie wär' es, raunte mir ein böser Dämon
ins Ohr, als ich, statt zu Elisen zu gehen, wie ich gesagt hatte, die Strasse
nach der Promenade einschlug, wie wär' es, wenn man sich deiner Unerfahrenheit
bediente, um dir Fallstricke zu legen? Ist es nicht eine Unbesonnenheit zu
kommen? Aber der teure, teure Nahme, - und sie ist krank! Eh' ich mich bei
meinem Vater in Hohenfels Rats erhohlen kann, müsste ich sie in der Ungewissheit
lassen, könnte sie vielleicht verlieren, - sie niemahls sehen.
    Charles stand vor mir. Ich komme, ja ich komme, sagte ich bei mir selbst,
mein Herz fodert es, mag mich die Welt auch verkennen. Charles gerades, edles
Gesicht gab mir meine Ruhe wieder. So erscheint oft im Moment der Not ein
Genius, wie mir Treue und Wahrheit jetzt in seinen Zügen aufging, und allen
Schatten von Betrug verbannte. Er war sauber gekleidet, seine braunen, sonst
wildfliegenden Haare lagen natürlich, doch wohl geordnet um Stirn und Wangen,
und in seinem Benehmen war etwas feierlich stilles. »Sie finden meine Antwort in
dem Portefeuille. Wie geht es meiner teuren Mutter?« flüsterte ich ihm ins Ohr,
indem ich ihm das Portefeuille übergab, denn mehrere meiner Bekannten näherten
sich mir. »Ihre Mutter ist glücklich in der Hoffnung, ihr geliebtes Kind zu
sehen, erwiederte er; ich hoffe, ihre Unpässlichkeit entstand nur durch die weite
und schnelle Reise. Sie kommen heut, ich lese es in Ihren Mienen.« Ich winkte
Ja, und entfernte mich schnell.
    Die Gräfin fuhr um fünf Uhr in eine Assemblee, von der sie dann gleich auf
den Ball gehen wollte. Unter dem Vorwand einer Unpässlichkeit erhielt ich,
wiewohl ungern, die Erlaubnis zu Hause zu bleiben. Um allen Nachforschungen und
allem Geschwätz der Bedienten auszuweichen, kleidete ich mich an, als wollte ich
heimlich auf den Ball gehen, um die Gräfin und meine Bekannten zu überraschen.
Die Gräfin liebte solche Auftritte, höchstens konnte sie diesen Schritt nur
jugendlich unbesonnen, und bei meinem Mangel an Weltkenntnis natürlich und
verzeihlich finden. In einer weissen griechischen Kleidung, umhüllt mit einem
langen Schleier, eilte ich um sechs Uhr in den Garten, und verbat alle
Begleitung, weil Niemand ausser meinem Kammermädchen wissen sollte, wie ich
angekleidet sei. Charles erwartete mich schon, und führte mich schweigend durch
die am wenigsten besuchten Strassen der Stadt, bis zu einem Tore, wo ein Wagen
unser wartete. Er half mir einsteigen, und setzte sich neben mich. Die Nacht war
sehr finster, und ich konnte weder Weg noch Gegend erkennen. Ich musste ihm
sagen, welche Massregeln ich im Hause der Gräfin über meine Entfernung genommen
hatte. Er lobte meine Vorsicht, und sagte: Nun so mögen die Schellen der
Torheit auch einmal den ächten Gefühlen der Natur dienen, die sie sonst mit
ihrem Geklingel so oft übertäuben helfen! Er war sonst still und in sich
gekehrt, seine Stimme war sanfter, als suchte er meine bewegte Seele in
Gleichmut zu wiegen Wir waren, so dünkte es mir, schon eine Stunde weit
gefahren, und ein ängstigender Zweifel flog durch meine Brust. Charles schien
ihn im Augenblick zu ahnden. Liebes, liebes Mädchen, haben Sie keine Angst, wir
sind bald an dem Ort unsrer Bestimmung. Ach könnte ich jeden Zweifel ... er
stockte, seine Stimme bebte, er nahm meine Hand zwischen seine beiden Hände,
drückte sie an seine Lippen; ich fühlte dass er weinte. Sein Schmerz lag mit
solcher Gewalt auf meinem Herzen, als wäre ich die Ursache desselben. Die
Zukunft erklärte mir diese sonderbare Ahndung nur allzu gut.
    Ein grosses erleuchtetes Haus glänzte mir aus der finstern Nacht entgegen, es
lag einsam und war nur von einigen Nebengebäuden umgeben. Hier werden Sie Ihre
Mutter sehen, sagte mir Charles. Wir fuhren an einer langen Gartenmauer hin, und
der Wagen hielt an einer kleinen Türe. Ein Schauer fasste mich beim Aussteigen.
Die Nähe eines unaussprechlichen Glücks, - die Furcht vor einem unbekannten
Übel, pressten meine Brust bis zum Ersticken. Meine Unschuld und Unerfahrenheit
über die Sitten in D ** verbargen mir was ich hätte fürchten können. Jetzt
erhielt mich die Notwendigkeit, weiter zu gehen, bei klaren Sinnen, und mein
Herz sammelte seine Kräfte, um jeder Begebenheit zu begegnen. Die kleine Türe
führte zu einem langen schmalen Gang, den eine Lampe nur sparsam erleuchtete.
Charles öfnete eine Seitentüre, und hiess mich hineingehen. Ich trat in ein
dunkles Zimmer, Charles schloss die Türe hinter mir ab, und befahl mir auf
dieser Stelle zu warten. Nach wenigen Augenblicken öfnete sich eine Türe mir
gegenüber, aus welcher ein mattes Licht drang, und eine sanfte Stimme rief: -
»Komm herein, meine Agnes, deine Mutter erwartet dich mit Ungeduld.« Ich folgte
dem Ton dieser Stimme, und bei dem trüben Schimmer einer einzigen Wachskerze,
die im Hintergrunde des Zimmers brannte, erblickte ich eine Gestalt in einem
weissen Gewand, die auf einem Sofa lag, und ihre Arme nach mir ausstreckte. O
mein Kind! mein Kind! rief sie aus, endlich mein nach so langer Sehnsucht! Sie
drückte mich fest an ihre Brust, und die sanftesten Wallungen der Natur und
Liebe bewegten mein Innerstes. Meine Mutter weinte heftig. - Ach dass ich dich so
lang entbehren musste, dass alle meine Liebe für dich sich nur in fruchtlosen
Seufzern der Sehnsucht aushauchen konnte! - Aber Gott sei Dank! jetzt habe ich
dich! - Sie sank ermattet auf den Sofa zurück, ihre Augen schlossen sich, und
wenn sie zuweilen sich gegen mich öfneten, brannte das feinste Feuer eines
liebenden Geistes in ihnen, der gleichsam seine ganze Kraft durch sie
auszudrücken strebte, da seine übrigen Organe durch die Gewalt der Krankheit
gebunden waren. Ich suchte auf einem Nachttisch, der vor uns stand,
krampfstillende Essenzen, und wollte das Licht aus dem Hintergrunde des Zimmers
herbei holen. - Um Gottes willen rühre das Licht nicht an, rief meine Mutter mit
Heftigkeit, wir sehen uns nie wieder! Diese sonderbaren Worte füllten mich mit
Schrecken, ob sie gleich nur einen unverständlichen Sinn für mich entielten.
Ich reichte ihr die Arzneigläser, um sie nach dem Gefühl wählen zu lassen. Ich
musste ihr einige Tropfen eingeben. Nun setzte ich mich zu ihren Füssen, und
versuchte durch ein stilleres Gespräch ihr Gemüt zu beruhigen.
    Wie vielen Dank bin ich Ihnen schuldig, meine teure Mutter, für die
Erziehung, die Sie mir durch den ehrwürdigen Pfarrer von Hohenfels geben liessen!
Mit der väterlichsten Zärtlichkeit pflegte er meiner Kindheit. Ich weiss es,
meine Agnes, unterbrach sie mich. Wie freut es mich, diesen Gleichmut in deinem
Wesen wahrzunehmen, diese Mässigkeit in deinem Empfinden, die deiner Mutter zu
ihrem Unglück fehlten. Mein teures Kind, mein Leben war ein Gewebe von Leiden,
meine Gesundheit ist zerrüttet, und ich bin erst in meinem vierzigsten Jahre,
könnte mich noch lange mit dir des irdischen Daseins erfreuen. Mein tiefstes
Leiden ist, dass ich den Zeitpunkt noch nicht bestimmen kann, in dem ich offen
und frei vor den Augen der Welt dich als Tochter anerkennen werde. Bist du recht
vorsichtig und verschwiegen, so können wir öfters in geheim zusammen kommen;
aber die geringste Unvorsichtigkeit, - und dieses Glück wäre für immer verloren.
Deine Geburt ist rechtmässig, du bist von einem vornehmen Geschlecht. Wenn es dir
nötig ist, will ich dich in Stand setzen, es zu beweisen; nach meinem Tode
wirst du die Papiere, die dazu dienen, erhalten. Du wirst einmal meine
Geschichte erfahren, und wirst mit mir die unglückliche Stellung der Umstände
beweinen, die mich des süssesten Glückes beraubte, die Sorge für deine Erziehung
selbst zu übernehmen. In diesem Portefeuille sind zwanzigtausend Taler in
Banknoten entalten, die dir eine unabhängige Existenz versichern, wenn du mit
einer mässigen Einrichtung zufrieden sein kannst. Ich hoffe dieses von deiner
Erziehung. Da ich nicht wusste, ob ich dir so viel Vermögen hinterlassen könnte,
so liess ich diese so einfach und sparsam als möglich einrichten; dein Vater in
Hohenfels selbst soll erst jetzt erfahren, dass du ein anständiges Einkommen
besitzest. Auf die Frage, ob ich letzterem das Glück schreiben dürfte, sie
gefunden zu haben? sagte sie: Nein, er soll es nächstens durch eine sichere
Gelegenheit erfahren.
    Sie sprach noch manches über meine Bildung, und schien sehr zufrieden mit
dem Gang der Erziehung, welchen mein Vater eingeschlagen hatte. Beinahe, sagte
sie mit einem muntern Tone, möchte ich der Vorsicht danken, dass sie mich zwang,
dich von dem Kreise entfernt zu halten, in welchem ich unglücklich wurde. Eine
ernste, feste Bildung des Geistes ist selten im Zirkel der grossen Welt möglich.
Du wärest vielleicht ein Püppchen geworden, das am Seile der Meinung hin und her
getanzt hätte, - und so bist du ein selbstständiges Wesen, das in der Flut des
Lebens sein besseres Selbst bewahren kann. Wie freue ich mich der Zeit, wenn du
als Freundin mit mir leben kannst. Tausendmahl muss ich mir es sagen, dass ich um
deines eigenen Besten willen dieses Glück noch entbehren muss. - Meine teure
Mutter! rief ich aus, mein grösstes Glück wäre mit Ihnen zu leben, ach und zumahl
jetzt, da ich hoffen könnte, Ihnen durch meine Pflege einige Erleichterung zu
verschaffen. Welches Auge kann treuer wachen, als das Ihrer Agnes! Und glauben
Sie, dass ich ruhig sein kann, wenn ich entfernt von Ihnen in Ungewissheit über
Ihre Gesundheit bleiben muss? Was nennen Sie mein Bestes, wenn es nicht die
Befreiung aus diesem angstvollen Zustand ist? - Stille! verführerisches Mädchen,
sagte sie, und legte ihren Finger auf meinen Mund, stille! Du musst dich den
Massregeln, die ich jetzt für uns beide nehmen muss, unterwerfen. - Ja wenn es für
Sie ist, rief ich schmerzlich aus! - Du wirst täglich Nachricht von mir
erhalten, mein bestes Kind! sagte meine Mutter sanft; sie hatte eine der reinen
sonoren Stimmen, die immer zum Herzen sprechen, und sie wusste ihr die
mannichfaltigsten Beugungen zu geben; für jeden Affekt der Seele hatte sie einen
Ton. Überhaupt schien sie mir eines der zärtesten, feinsinnigsten Geschöpfe, bei
denen jedes Wort, jede leise Bewegung bedeutungsvoll ist, als Teil eines
harmoniereichen Ganzen. Ihre Füsse ruhten unter einer Decke, ihr Nachtgewand war
dicht und voller Falten, aber da es von einem weissen Zeuge war, erblickte ich
bei dem Schimmer des trüben Lichtes doch die schönen Umrisse und das richtige
Verhältnis ihrer Gestalt. Die Hande waren zart, und hatten die feinsten Formen.
Eine tiefe Haube bedeckte ihr Gesicht. Stirn, Wangen und Kinn waren ganz
versteckt, und von den übrigen Zügen konnte ich in dem düstern Zimmer nur einen
höchst schwankenden Umriss wahrnehmen. Nur an der lieben sanften Stimme dünkte
mir, würde ich meine Mutter unter tausend fremden Gestalten erkennen können.
    Sobald ich bemerkte, dass sie vermied, von mir gesehen zu werden, musste ich
meiner Neugier Gewalt antun, und wagte nur flüchtige Blicke auf sie. Unter
tausend zärtlichen Äusserungen, unter den gefälligsten Hoffnungen für die Zukunft,
sagte meine Mutter kein Wort über ihre äussere Verhältnisse; erst da ich wieder
von ihr entfernt war, dachte ich darüber nach. Sie empfahl mir mehrmahlen
dringend die grösste Vorsichtigkeit. Verbirg auch, sagte sie, dein Vermögen.
Charles wird dir die Einnahme der Zinsen besorgen, und bald werde ich eine
Zusammenkunft mit deinem Vater von Hohenfels veranstalten, in welcher du dich
mit ihm verabreden kannst, wie dein Kapital auf eine vorteilhafte Art anzulegen
ist. Dein Aufentalt bei der Gräfin ist für jetzt unsern Zusammenkünften
dienlich. Eine Wanduhr schlug Neune. Meine Agnes, ach, da schlägt die Glocke des
Abschieds! Diese Stunde des Genusses war die Frucht tränenvoller Jahre, aber
ich habe sie nun auch rein genossen, rein wie den Sterblichen ein Genuss vergönnt
ist! So ein liebes Geschöpf in der Blüte seiner Schönheit und Unschuld vor sich
zu erblicken, und der Natur danken zu können, dass ich das innigste zärteste
Verhältnis zu ihm habe. - Ich hoffe, meine Agnes soll ein glückliches Geschöpf
werden; ein ruhiges, weises Gemüt, das das Leben mit freier Kraft ergreift,
statt sich von dem schnellen Strom fortreissen zu lassen - möge es dein Loos
sein! Möge dich eine glückliche Natur in früher Jugend schon lehren, was wir in
dieser Welt sind und können. Mich lehrten es schmerzliche Erfahrungen! Sage mir,
Liebe, hat dein Herz schon eine heftige Neigung...
    Charles erschien unter der Türe, wo ich hereingekommen war. Ach es ist
Zeit! rief meine Mutter, und die Wallungen, die bei ihrer Frage mein Herz
bewegten, vereinigten sich mit den Tränen des Abschieds. Ihre Arme hielten mich
fest umschlossen, und mit lautem Weinen und Stöhnen liess sie mich los. Charles
riss mich mit Gewalt von ihrem Bette, und als ich laut über Grausamkeit klagte,
meine Mutter in diesem Zustand zu verlassen, rief sie mir selbst noch zu: Gehe,
gehe mein Kind! eile! Charles zog die Schelle, ehe wir das Zimmer verliessen, und
sprach mir zu, ruhig zu sein, meine Mutter sei jetzt in den Händen ihrer
Kammerfrauen, die ihr innigst ergeben seien, und von welchen sie mit der
zärtlichsten Sorgfalt behandelt werde.
    Wir verabredeten während unsrer Rückfahrt noch die Art, wie wir uns künftig
sehen wollten, und wie ich alle Tage Nachricht von meiner Mutter empfangen
könnte. Charles sollte als Zeichenmeister im Hause erscheinen, und so auf die
natürlichste Art die Gelegenheit gewinnen, jeden Tag eine Stunde um mich zu
sein. Mein Herz war voll überwallender Freude, mich in so glücklichen
Verhältnissen zu befinden. Vermögen, Stand, eine liebende Mutter,
Unabhängigkeit, und die Hoffnung meinem Vater in Hohenfels ein sorgenfreies Alter
zu verschaffen! Wie viel reines Glück schenkst du mir, ewige Vorsicht! rief ich
aus, und fasste Charles Hand, um dem nächsten vernünftigen Geschöpf mein frohes
Dasein mitzuteilen. Charles drückte meine Hand, und sagte: Welcher Genuss ist
es, eine freudenwallende Seele zu sehen, die in der Fülle ihres Herzens sich zu
dem ewigen Lebendigen über den Wolken kehrt! Dank war gewiss das erste Opfer,
welches ein edles Gemüt den Unsterblichen brachte. Die Bitte ist ein Zeichen
der Schwachheit, das gepresste Herz seufzet nach Hülfe. Ich ehre den, der im
Unglück sich auf seine eigne Kraft zurückstemmt, und keinen Laut des Schmerzens
zum Himmel schickt; aber ein Gemüt, dem die irrdischen Bande der Sorge gelöst
sind, in dem das Leben rein und frei auf und ab flutet, muss sich in Dank und
Liebe der Gotteit verwandt fühlen.
    Die Wolken hatten sich zersireut, und die Sterne glänzten hell. Charles fuhr
fort: Sieh wie der Himmel seine tausend Augen öfnet, um in dein freudiges Herz
zu blicken, und ihm eine ewig fröhliche Zukunft zuzulächeln! Das Glück der
Menschen ist wie eine hochgetriebene Woge, die notwendig wieder zur Tiefe muss;
aber die Erinnerung der Herzensfülle bleibt dem, der es als eine Erscheinung
einer bessern Welt aufnahm, und sich durch keinen Genuss zum Übermut versuchen
liess.
    Am Komödienhause mussten wir uns trennen, so gern ich auch Charles länger
angehört hätte. Seine sinnvollen Reden brachten Licht in meine Seele; gleichwie
eine schöne Dichtung der Musik dunkle Empfindungen entwickelt. Mein Innres wurde
klärer, Entschlüsse und Regeln für mein künftiges Leben reihten sich in dieser
Stimmung an einander.
    Ich suchte die Türe des Ballsaals, um mich unter dem Gewühl der Masken
unbemerkt mit einzudrängen, aber aus Versehen geriet ich in ein Nebenzimmer,
welches noch durch einige andere Zimmer vom Saale getrennt war. Neben der
Seitentüre, durch welche ich eintrat, befand sich ein Alkove mit einem Vorhang
drappirt; dieser war halb heruntergezogen. Ich hörte ein paar leise flüsternde
Stimmen hinter dem Vorhange. Ich glaubte den Ton der Gräfin zu vernehmen, und
wollte deutlicher hören, ob ich nicht irre, und sie dann, nach meinem Plan,
durch meine Erscheinung überraschen. Ich hofte so jede Spur meiner Entfernung
aus dem Hause zu vertilgen. Ich blieb einige Momente in der Ecke des Zimmers
stehen; die Stimmen sprachen immer leiser. Schon näherte ich mich der Türe,
welche ins Nebenzimmer führte, als meine Augen auf einen Spiegel fielen, in dem
ich die verborgenen Gestalten des Alkovens erblickte. Ich erkannte die Gräfin im
vertraulichen Gespräch mit einem Manne.
    Sie hielt seine Hände zwischen den beiden ihrigen, und beugte ihren Kopf an
seine Brust. Das Gesicht des Mannes war abgewendet, aber die grosse edle Gestalt
erinnerte mich sogleich an das geliebte Bild, welches so klar in meiner Seele
lag. Er ist hier, und nicht für mich! fühlte ich schmerzlich; nicht einmal eine
Frage nach mir .... Von bangem Zweifel ergriffen, blieb ich wie an den Boden
gekettet stehen.
    Jetzt richtete sich die Gestalt auf, und ich erkannte wirklich die
Gesichtszüge meines Geliebten. Lassen Sie uns jetzt gehen, Liebe, sprach er, und
beide näherten sich der Tür. Sehen wir uns morgen? sagte sie zärtlich; - ich
konnte seine Antwort nicht verstehen.
    Betäubt floh ich in den Saal, und sank auf einen Stuhl. Mein Herz arbeitete
in gewaltigen Schlägen gegen meine Brust, und meine Sinne drohten zu erlöschen.
Die Gräfin ging, auf den Arm meines Freundes gestützt, dicht an mir vorbei. Ich
hatte weder Bewegung noch Stimme, und zitterte vor Furcht, dass sie mich erkennen
möchte. In diesem Zustande war ich unfähig, das Anschaun des geliebten Mannes zu
ertragen, auch wollte ich vor ihm nicht jugendlich unbesonnen erscheinen.
    Diese ängstigenden Vorstellungen vermehrten mein Übelsein. Ich war nahe an
der Ohnmacht, und da ich keine bekannte Gestalt in meiner Nähe erblickte, blieb
ich starr und fühllos auf meinen Stuhl gelehnt, in der Furcht, jeden Moment
herabzusinken. Julius erschien mir als ein guter Genius. Er hatte mich erkannt,
und kam auf mich zu; ich bat ihn, mich sogleich in ein anderes Zimmer zu führen,
wo ich freie Luft schöpfen könnte. Die Entfernung von der betäubenden Musik und
einige Erfrischungen brachten mich wieder zu mir selbst, doch fühlte ich mich
unfähig länger in dem Getümmel zu bleiben, und am unfähigsten, Nordheim mit der
Fassung und Würde zu begegnen, wie ich wünschte. Ich bat Julius, mir einen
Wagen, in dem ich nach Hause fahren könnte, zu verschaffen. Er drang in mich,
noch wenige Momente auszuruhen. Seine zarte Sorge, in der der Anteil des
Herzens so unverkennbar war, rührte mich innig; dankbar drückte ich seine Hand.
Meine teure Agnes, ich bin neu beseelt! rief er aus. Mir dieses Glück! Es war
das erste sinnliche Zeichen einer zarten Neigung, welches er von mir empfing;
ich hatte es ihm mit dem unbefangensten Herzen gegeben; nur als ich fühlte, wie
hoch er es empfand, bereuete ich, es getan zu haben. Er eilte auf meine
wiederholte Bitte nach einem Wagen.
    Mit der Unbedachtsamkeit, die einem reinen Herzen und ländlich einfachen
Sitten so natürlich ist, verschloss ich die Türen des Zimmers, um nicht weiter
gesehen zu werden. Ein Fenster ging auf den Vorplatz, und hinter diesem wartete
ich Julius Zurückkunft ab. Man machte verschiedene Versuche, die Türen, welche
in die Nebenzimmer führten, zu öffnen, und eine Gesellschaft entfernte sich nach
ihrer fehlgeschlagenen Mühe mit einem unbescheidenen Gelächter. Julius kam bald
zurück, und führte mich zum Wagen; er war etwas verlegen, als er die
verschlossene Tür wahrnahm, und meine Erzählung über die Versuche, sie zu
öffnen, hörte. Ich bat ihn, der Gräfin zu sagen, dass ich auf dem Ball gewesen
sei, aber dass mich ein schneller Anfall von Übelsein gezwungen hätte, sogleich
wieder nach Hause zu gehen.
    Kaum waren wir zur Türe hinaus, und auf einer engen Gallerie, als uns
Nordheim entgegen kam. Es war unmöglich, ihm auszuweichen, ich hatte unterlassen
meine Maske wieder vorzunehmen, weil mir Julius gesagt, dass er mich eine
Seitentreppe hinunter führen würde, wo uns niemand begegnen werde. Ich hielt
mich mit Mühe an Julius Arme aufrecht, so gewaltig wirkte jene geliebte
Erscheinung auf mich. Wir standen unter einem Wandleuchter, und Nordheims
Gesicht war im vollen Licht. Wie finde ich Sie hier wieder? sagte er mit sanfter
Stimme, indem sein scharfer Blick Julius mass. Meine Stimme zitterte, ich
stammelte einige verwirrte Laute: Ich wollte die Gräfin überraschen ... Ich
wurde nicht wohl ... Herr von Alban will die Güte haben, mich nach Hause zu
begleiten. Ein Blick auf Julius machte meinen Zustand noch schmerzlicher. Eine
glühende Röte flammte über seine Wangen, er wagte nicht die Augen
aufzuschlagen, und ich fühlte, dass er meine Verwirrung teilte. Ich will Sie
hier nicht länger aufhalten, sagte Nordheim, und verliess uns nach einer steifen
Verbeugung.
    Ich Unbedachtsamer, was habe ich getan! rief Julius, als wir wieder allein
waren. Erst nach mehreren Wochen erfuhr ich durch Elisen bei einer andern
Veranlassung den Grund dieses sonderbaren Ausrufes, über den mir Julius keine
Erklärung geben wollte.
    Julius hatte mich, in der dringenden Verlegenheit über mein Übelbefinden,
unachtsamer Weise in ein Zimmer geführt, welches die jungen Herren einer
gewissen Klasse in übeln Ruf gesetzt hatten. In Nordheims schwankendem Betragen
und forschendem Blick nahm er zuerst seinen ganzen Irrtum wahr, und meine
kindische Unbedachtsamkeit die Türen zu verschliessen, machte den Vorfall noch
zweideutiger. Er wollte mir diese unangenehme Entdeckung ersparen, und behielt
sich vor, Nordheim, dessen nähere Bekanntschaft er zu suchen gedachte, die
nötige Aufklärung über diesen Zufall zu geben. Wie viel musste ich durch diese
in Julius Lage so natürliche Delikatesse leiden!
    Julius verliess mich, auf mein dringendes Bitten, am Wagen. Mein Gemüt war
verwirrt durch die Gewalt der süssen und schmerzlichen Eindrücke, die ich in
dieser Nacht empfangen hatte. Mein Schlaf war nur eine fieberhafte Ermattung,
und meine Träume wiederholten die empfundenen Scenen in den sonderbarsten
Zusammenstellungen. Mit den Morgenstralen ging mir die Wirklichkeit in ihrem
lieblichen Schimmer auf; der Gedanke an meine Mutter, der Blick auf meine so
glücklich verwandelte Lage, die Ahndung einer schönern Zukunft beruhigten mein
Herz über den Verlust des Geliebten. Aber was soll ich hier, hier in diesem
Hause, wenn mich seine Liebe nicht hieher rief? Warum traute ich auch Rosinens
Geschwätz, und nahm das bedeutungsvolle Schweigen meines Vaters nicht einzig zum
Leitstern meiner Gefühle? Er liebt ja diese Amalie ... warum hörte ich nicht auf
den Nahmen, der mir in der ersten Viertelstunde warnend von seinem Ringe
entgegen rief? der sich als ein unglückweissagender Dämon zwischen die ersten
Wallungen meines Herzens für ihn drängte?
    Die Gräfin kam in einer ungewöhnlich zierlichen Morgenkleidung, mich zu
besuchen. Ein freundlicher Schimmer ergoss sich um ihre ganze Gestalt, ihre
Bewegungen waren leichter und der Ton ihrer Stimme sanfter. Seine Küsse schienen
mir von ihren Lippen entgegen zu schweben. Nach zärtlichen Fragen über mein
Übelbefinden, von welchem sie durch Julius unterrichtet war, fragte sie, ob sie
das Frühstück in mein Zimmer dürfe bringen lassen? Aber Sie müssen sich etwas
ankleiden! rief sie mir zu, als sie schon halb zur Türe hinaus war, denn ich
bringe noch einen Fremden mit. Ich darf doch? - Sie eilte hinweg, ohne meine
Antwort abzuwarten. Ihr Betragen schien mir Spott in meinen Verhältnissen; ich
war schmerzlich bewegt, aber seit ich aus meines Vaters Hause war, hatte ich die
so nötige Kunst, Meister meiner äussern Bewegungen zu werden, genugsam erlernt.
    Ich will mich nicht ankleiden, beschloss ich in einem Ausbruch kranker
Empfindlichkeit; ich will Amalien zeigen, dass ich nicht mit ihr über die Vorzüge
der Gestalt und des Schmuckes wetteifere! Ein blau seidnes Tuch war nachlässig um
meine Haare geknüpft, und über mein alltägliches weisses Morgengewand warf ich
nur ein Schawl um; wahr ists, ich legte es so, dass es den Leib eng umschloss, und
die Brust und Arme nur leicht und in malerischen Falten drappirte. Du willst
kalt und zurückhaltend sein, nahm ich mir vor, aber kaum war der geliebte Mann
zum Zimmer hereingetreten, und hatte mich sanft und freundschaftlich gegrüsst, so
sagte ich mir: Nein, du willst wahr und einfach sein! Eine herzliche Frage nach
dem Befinden meines Vaters verbannte bald allen Zwang. Bei diesem teuren Nahmen
verschwand alle Verwirrung, und ich fühlte mich in der fröhlichen Unbefangenheit
meiner ersten Jugend.
    Sonderbar dünkte es mir, dass er es ganz vergessen zu haben schien, wie wir
uns gestern gesehen hatten. Ich musste viel sprechen, und die Gräfin spielte ganz
die Rolle einer gefälligen Freundin; sie gab mir Anlass, meine Ideen auf die
beste Art zu entwickeln, und wusste den Faden der Unterhaltung so kunstreich
fortzuspinnen, dass sich meine geringe Kenntnisse auf die natürlichste Art
einflechten mussten.
    Wissen Sie wohl, Nordheim, sagte sie bei einem Stillstand des Gesprächs, dass
die liebe Kleine und ich uns noch sehr wenig kennen? Wir waren vielleicht nicht
zwei ruhige Stunden ununterbrochen beisammen. Auch sehne ich mich aus dem Kreis
der Karten und Würfel so herzlich hinaus, wie ein Kind aus der engen dumpfigen
Schule sich nach der freien Himmelsluft sehnen mag. Wäre es nicht für Sie
gewesen, so hätte ich es schwerlich so lange aushalten können. »Ich danke Ihnen
herzlich für Ihre freundschaftliche Aufopferung, meine beste Freundinn,
erwiederte Nordheim. Durch Ihre Bemerkungen bin ich kein Fremdling mehr auf dem
Boden, den ich anbauen soll. Mein Hauptzweck, dem künftigen Fürsten seine
Residenz angenehmer zu machen, wird sicher durch Ihr Bemühen erreicht. Der durch
Sie umgestimmte Ton gibt der Masse der Gesellschaft einen modernen Anstrich, und
der Prinz wird sie der B .. schen, die ihn bisher so sehr anzog, weniger
unähnlich finden. Ich wünschte, gefällige Eindrücke fesselten seine Neigung an
sein Land. Ich habe das Vertrauen des Prinzen nicht gesucht; aber da ich es
gewonnen habe, so will ich es ehren, und keine Aufopferung schonen, um ein edles
Gemüt, durch erfüllte Pflicht, im Frieden mit sich selbst zu erhalten.«
    »Ihre Bemerkungen über die Menschen in D .. sind so fein, so treffend, so im
einfachen Sinn der Wahrheit dargestellt, dass ich sie unsrer Agnes einmal als
ein Muster in dieser Art vorlesen werde. Entfernt von der Sucht zu spotten, die
lieber das Böse wahrnimmt, weil Witz und Laune besser damit spielen können, und
gleichweit entfernt von der schwachsinnigen Gutmütigkeit, die nicht durch den
äussern Firnis eines Karakters hindurchzuschauen vermag, erscheint Ihrem reinen,
festen Blick immer die Linie der Wahrheit. In ihrem gesellschaftlichen Benehmen,
in ihren Erhohlungsstunden entschleiern die Menschen ihre Individualität am
leichtesten, und am allerwichtigsten ist es, den Grundton eines Jeden zu kennen,
ob Liebe, ob Egoismus das Übergewicht in seinem Handeln hat! Es freut mich, dass
Sie einige Menschen von Gehalt unter den Geschäftsleuten fanden, auf die ich bei
meiner Prüfung doppelt aufmerksam sein werde.«
    »Die beiden Albans nennen Sie mir? - Es scheinen mir Menschen von
vorzüglichem Wert zu sein, erwiederte die Gräfinn. Unsre Agnes ist zu meinem
Vergnügen sehr genau mit ihnen bekannt geworden, ich freute mich schweigend
dieser verständigen Wahl. Was denken Sie von ihnen, beste Agnes, und da Sie sie
noch genauer als ich kennen, welchem geben Sie den Vorzug unter den beiden
Brüdern?« Ich erwiederte: dem Karakter nach wären sie beide gleich
achtungswürdig. Beide hätten den reinsten Willen. Über ihre Talente wage ich
nicht zu entscheiden. Mir schiene der älteste einen sicherern Blick, der jüngste
hingegen einen schnelleren zu haben. Er übersähe immer ein weiteres Feld als
fein Bruder. Der älteste kombinire in seinem engern Zirkel meist immer richtig;
der zweite in seinem weiteren freilich manchmahl falsch, aber er ehre die
Wahrheit über alles, und sei immer geneigt, jede fremde Meinung gegen die seine
zu prüfen. Übrigens könne ich nicht ganz richtig urteilen, weil ich mit Julius
näher bekannt sei, als mit seinem Bruder.
    Ich hatte dieses mit der grössten Unbefangenheit gesagt, aber ein schlauer
Blick der Gräfin brachte mich bei Julius Lobe ausser Fassung, und beinahe geriet
ich in's Stocken, weil mir die Folgerungen durch den Sinn flogen, die Nordheim
über ein zärtliches Verhältnis unter uns daraus ziehen könnte. Ich schämte mich
dieser egoistischen Ansicht, und nahm mir vor, da, wo es den Vorteil eines
Freundes gälte, alle Launen der Liebe ausser Spiel zu setzen. Mit glühenden
Wangen und bebender Stimme fuhr ich fort: Julius schiene mir ganz gemacht, durch
die rastlose Tätigkeit seines Geistes und edle Wärme seines Herzens, einen
grossen Kreis der Wirksamkeit würdig zu durchlaufen.
    Nordheim sass mit niedergeschlagenen Augen, und nur dann und wann traf mich
ein Blick von ihm. Er antwortete nicht auf meine Äusserungen, sprach wieder von
mir, sah meine Mahlereien durch, und wunderte sich, dass ich die Portraitmahlerei
nur allein übe, und die Landschaft ganz vernachlässige. Ich sagte ihm offenherzig
meine Gedanken dabei, dass ich diesen Zweig der Kunst nur in Rücksicht auf meine
und meines Vaters in Hohenfels ökonomische Lage erwählt hätte. O liebe Seele!
... sagte er, und legte seine Hand sanft auf meinen Arm. Ich fühlte, dass er ein
grossmütiges Anerbieten aus Feinheit zurückhielt. Ich war bewegt, und fasste den
Augenblick, um auch der Gräfin in seinen Augen über ihr Benehmen gegen mich
Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ich fühle es, sagte ich, an der
grossmütigen Sorgfalt, mit welcher man in diesem Hause allen meinen Wünschen
zuvorkommt, dass ich auch der Sorge für die Zukunft überhoben sein könnte; aber
ich läugne nicht, es schiene mir Pflicht, und meinem innigsten Empfinden
angemessener, mich durch eignen Fleiss zu erhalten, und die Wohltaten
gutmütiger Menschen Unbemittelten zu überlassen, die sich durch kein Talent
fortelfen können. Liebes Kind, o schweig mir davon! rief die Gräfin, und schloss
mich in ihre Arme. Es war der erste Ausdruck einer lebhafteren Empfindung, den
ich an ihr wahrnahm; sie erschien mir in erhöhter Liebenswürdigkeit. Tränen
glänzten in ihren Augen, als sich ihr Haupt aus meiner Umarmung wieder erhob,
und mit einer ganz eignen Grazie lächelte sie unter den Tränen hervor. Die
Kleine ist fürwahr recht eigensinnig, Nordheim, sagte sie; meinen Sie, dass sie
mir erlaubte, mich nur im geringsten in ihre Garderobe zu mischen! Ich spreche
von den ersten Kleinigkeiten. Schmälen Sie mit ihr! Lieber verdirbt sie ihre
schöne kostbare Zeit damit, einer alten Haube eine neue Form zu geben, einen
verwaschnen Zeug aufzufärben, ehe sie mir erlaubte, ihr für ein paar Dukaten
solchen Plunder zu kaufen. Wir haben schon manchen Streit darüber gehabt.
    Nordheim sah uns mit stillem Wohlgefallen zu, ging in meinem Zimmer auf und
ab, und verweilte vorzüglich bei meinem Bücherschrank. Er nahm meinen
griechischen Homer, in welchem einige Blätter von meinen Übersetzungen lagen. -
Darf ich, liebe Agnes? fragte er, indem er eines derselben herauszog. - Ich
antwortete etwas verwirrt, es sei eine Arbeit, die ich noch bei meinem Vater in
Hohenfels, und mit seiner Hülfe unternommen hätte. Es freut mich, liebes
Mädchen, erwiederte Nordheim, dass Sie die griechische Sprache treiben; ich hoffe
nicht, dass Sie mich für einen der Männer ansehen, die die Krücken der weiblichen
Umwissenheit gern zu ihrem eignen Fortkommen brauchen. Schon längst hielt ich es
für ein schädliches Vorurteil, dass man den Weibern in unsern höhern Ständen
nicht durch eine sorgfältigere Erziehung die Bekanntschaft mit der alten
Literatur erleichtere, die die Blüte ächter Kultur für Geist und Herz so
glücklich entfaltet. Die Gräfin bat mich, Nordheimen ihr von mir angefangenes
Portrait zu zeigen; ich hohlte es aus dem Nebenzimmer, und als ich an der Türe
war, hörte ich Nordheimen folgende Worte aussprechen: - Nein, es ist unmöglich
bei solcher Wahrheit und solchem Geist! Sie waren mir rätselhaft, und nur durch
Elisens Entdeckung über das unglückliche Zimmer im Komödienhause wurden sie mir
in der Folge verständlich.
    Elise kam, sich nach meiner Gesundheit zu erkundigen, und sprach mit der
natürlichsten Unbefangenheit von meinem Übelbefinden auf dem Ball. Nordheims
ganze Aufmerksamkeit war bei unserm Gespräch, ob er gleich nur mit meinem
Gemählde beschäftigt zu sein schien.
    Aber nicht wahr, Fräulein R...., sagte die Gräfin scherzhaft, die Kleine
soll uns nicht mehr aus den Augen! Scheues Vögelchen, wo in aller Welt hast du
nur das Herz hergenommen, dich unter solch einem Gewühl von Menschen allein zu
verlieren?
    Schon schwebte mir eine feine Antwort auf den Lippen, die mich durch einen
Scherz aus der Schlinge gezogen hätte, als Nordheims Blick fest und fragend auf
mich fiel. Meine Kraft versagte mir; diesem gegenüber etwas Unwahres zu sagen,
dünkte mir unmöglich. Mein Atem war gepresst, meine Stimme erlosch, und die
glühende Verlegenheit presste Tränen aus meinen Augen.
    Elise, welche glaubte, ich fände eine Art Vorwurf in den Worten der Gräfin,
suchte mich aus der Verlegenheit zu reissen.
    Machen Sie mich zur Hofmeisterin unsrer Agnes, gnädige Frau, sagte sie zur
Gräfin, über alles was die Etiquette betrifft. Ich werde stolz sein, sie auch
nur von dieser armseligen Seite zu übertreffen, da es mir auf jeder andern doch
missglücken müsste.
    Ich konnte die Augen wieder aufschlagen. Nordheim stand mir sehr ernstaft
gegenüber.
    Ich fürchte, meine Freundin, sagte ich Elisen, Sie würden eine zu
ungelehrige Schülerin an mir finden. Ich fühle zu sehr, dass ich nicht fürs
höhere Leben gemacht bin, und die süsse Freiheit meiner Kindheit in Hohenfels
wird es mir immer schwer machen, mich mit Leichtigkeit in die künstlichen
Schranken der Gesellschaft zu fügen.
    Sie sind zu ernstaft, liebste Agnes, sagte die Gräfin. Wollen Sie nicht
eine Spatzierfahrt machen? sagte Nordheim. Freie Luft und Bewegung ist die beste
Arznei für unsre Freundin. Elise war zugesagt zum Mittagsessen, und konnte nicht
mit von der Gesellschaft sein. Die Gräfin und ich nahmen den Vorschlag mit
Vergnügen an.
    Wir fuhren in der Mittagsstunde weg, Nordheim war uns zu Pferde
vorausgeeilt. Die ganze Gegend glänzte im Sonnenlicht, und mein Auge spähte
sehnsuchtsvoll in der weiten Fläche umher, um nur eine Spur des Hauses wieder zu
finden, in dem ich gestern das reinste Glück genossen hatte. Mein Bemühen blieb
fruchtlos, die Gegend war mit Dörfern und Landhäusern so reichlich übersäet, und
von so vielen Strassen durchschnitten, dass es mir unmöglich war, den Weg, welchen
ich gemacht hatte, wieder zu erkennen. In einem alten, majestätischen
Tannenwald, durch welchen die Strasse führte, fanden wir Nordheim wieder. Er ritt
ein wildes mutiges Pferd mit grosser Geschicklichkeit, oft warf er einen
freundlichen Blick in den Wagen. Sahen Sie je einen schönern Mann, liebe Agnes?
sagte mir die Gräfin; je einen, dessen ganzes Wesen solchen Adel, solche Grazie
zeigt? Und welch eine himmlische Einheit ist in seinem ganzen Wirken und Leben!
Schweigend stimmte mein Herz in ihre Gefühle ein; sie verstand es, und schaute
gedankenvoll vor sich hin.
    Jetzt öfnete sich der dicht verwachsene Wald, und die reizendste Landschaft
lag vor uns. Gegen Osten ergoss sich ein breiter Fluss durch eine unabsehbare
Fläche, und gegen Westen drängten sich seine Ufer durch zwei Gebirgketten, die
die sonderbarsten Formen bildeten. Drohende Felsen neigten sich über den Spiegel
des Flusses, wechselnd mit freundlichen Wiesenflächen, an denen einfache, doch
reinliche Häuser regellos hingestreut waren. Auf einem dieser Felsen lag ein
Schloss, dessen graue Mauern im ernsten Charakter der Festigkeit emporragten.
    Wo führen Sie uns hin, Nordheim? rief die Grafin; ist das nicht Ihr Landgut?
Ja, erwiederte er, und ich hoffe, Sie nehmen mit der geringen Bewirtung
vorlieb, die ich Ihnen für heute anbieten kann. Der Wald war durch ein
liebliches Wiesental mit den Felsen, auf welchen das Schloss lag, verbunden; wir
wünschten dieses ganz zu geniessen, und beschlossen, es zu Fusse zu durchwandern.
    Der junge Rasen unter unsern Füssen war von klaren Bächen durchschnitten, die
sich aus den Felsen ergossen, und mit frischem Grün umkränzt, in sanften Linien
durch das Tal rieselten. Die Pappeln und anderes Gesträuche trugen schon zarte
Blätter, und der Hagedorn stand in voller Blüte. Nur an den reinlich gehaltenen
Wegen bemerkte man die Hand der Kultur in diesem Tal, in dem sonst die
liebliche Freiheit der Natur herrschte.
    Unser Weg führte uns an einigen zierlichen Häusern vorbei, wo Obst- und
Gemüsepflan ungen angelegt waren. Ein alter Mann von ehrwürdigem Ansehen war in
dem einen Garten beschäftigt, die Rebengeländer zu ordnen. Sorgfältigere Kultur
rief hier die Erscheinungen eines mildern Himmelsstriches hervor. Die Weinranken
wanden sich von Baum zu Baum, und bildeten zierliche Bogen. Der Alte grüsste uns
schweigend, und fuhr in seiner Arbeit fort. Aus dem zweiten Hause kam ein
Mädchen und ein Knabe herausgesprungen, der Grösse nach schienen sie beide
zwischen vierzehn und sechszehn Jahren. Beide waren von schöner Bildung. Ihre
lebhaften schwarzen Augen und dunkeln Haare, das warme Kolorit ihrer
Gesichtsfarbe und ihre sprechenden Geberden gaben ihnen einen unter unserm
Himmel fremden Anstrich. Warten Sie ein wenig! rief der Knabe Nordheimen auf
italiänisch zu, meine Schwester bringt Ihnen Veilchen. Das Mädchen nahte sich
bescheiden, und die zurückgehaltene Lebhaftigkeit gab ihrem ganzen Wesen ein
reizendes Spiel. Mit einer angenehmen Verbeugung gab sie Nordheimen einen
Veilchenstrauss, und sprang schnell wieder fort. Während dem Laufen rief sie uns
zu: sie eile, um den Damen auch Blumen zu hohlen. Nein, das will ich tun! rief
der Bube, und sprang ihr nach. Auf halbem Weg wendete er wieder um, und fragte
Nordheimen: ob er seine Flöte mitbringen dürfe und seiner Schwester Guitarre, um
den Damen eine Musik zu machen? Das bitten wir uns einmal in meinem Hause aus,
Battista, die Damen sind jetzt ermüdet; erwiederte Nordheim, ohnerachtet die
Gräfin bat, den Kindern die Freude nicht zu verderben.
    Als sich der Kleine entfernt hatte, sagte uns Nordheim: er habe Battista's
Gesuch aus Schonung für die Mutter abgewiesen, die durch sonderbare Schicksale
verstimmt, das Anschaun jedes Fremden fliehe, oder nur zuweilen, aus
Gefälligkeit, mit schmerzlichem innern Kampf aushalte. Die Schwester eilte mit
ihren Veilchen herbei, Battista nahm ihr den einen Strauss ab, und überreichte
ihn mir mit einer natürlichen Feinheit, während seine Schwester den ihrigen der
Gräfin gab. Nordheim reichte ihr seine Hand zum Abschied, die sie mit Heftigkeit
an ihre Lippen drückte. Die Mutter sahen wir nur auf einen Blick durchs Fenster,
ein edler ausdruckvoller Kopf einer hinwelkenden Schönheit. Sie bevölkern Ihren
englischen Garten mit lebendigen Bewohnern, sagte die Gräfin, und das ist
freilich interessanter, als die ausgestopften Einsiedler, welche man jetzt
überall findet, und die leeren Bauernhäuser, die ein wohlwollendes Herz nur mit
dem Gedanken ansehen kann: Hier sollten glückliche Menschen wohnen!
    Es ist vielleicht mehr Zufall als Plan in diesen Anlagen, erwiederte
Nordheim lächelnd. Wenn es unser Genius gut mit uns meint, so hält er uns eine
Pflicht vor, indem wir eben eine Torheit begehen wollten. Sie haben es
erraten, der Plan war schon gemacht, dieses Tal zum Park umzuschaffen; das
eine Haus sollte eine gotische Kapelle, und das andere ein griechischer Tempel
werden. Ein Freund, mit dem ich seit vielen Jahren in inniger Vertraulichkeit
lebte, empfahl mir auf seinem Sterbebette eine Sängerin, die er unterhalten
hatte, und die bei der Geburt seines zweiten Kindes durch eine heftige Krankheit
ihre sehr schöne Stimme verloren hatte. Sie und ihre Kinder wurden hülflos durch
den Tod meines Freundes; und ich liess meine gotische Kapelle zum einfachen
Wohnhause für sie einrichten. Die Kinder wuchsen heran, verrieten Talent, und
ich war eben um ihre Erziehung verlegen, da ich sie ungern von der Mutter
trennen wollte, als eines Morgens ein alter Hofmeister von mir ankam, der mir in
meiner Jugend einen wichtigen Dienst geleistet hatte, und sich jetzt, nach
vielen vergeblichen Kämpfen mit dem Schicksal, nach einem Zufluchtsort umsah. Er
besitzt mannichfaltige und gründliche Kenntnisse und eine gute Art sie
mitzuteilen. Er soll deinen griechischen Tempel bewohnen, dachte ich, bot ihm
einen kleinen Jahrgehalt an, den er mit Vergnügen annahm, und von dem er, bei
seiner ächt philosophischen Simplicität und in der grössten Unabhängigkeit, sehr
glücklich lebt. Die Kinder sind ihm lieb geworden, und er verwendet sich mit
Treue und Fleiss auf ihre Bildung. Mir ist wohl, auf dem kleinen Plätzchen einen
Zirkel ruhig lebender Menschen vereint zu sehen; wenn ich hier bin, verlebe ich
manchen vergnügten Abend unter ihnen.
    Ein bequemer Weg, mit Bäumen besetzt, führte von der einen Seite über den
Felsenrücken bis an eine Zugbrücke. Mannichfache anmutige Anlagen schmückten
den Fels, und nur von einer Seite war er ganz unangebaut, und neigte seine
formlosen Massen, zwischen denen wildes Gesträuch hervorwuchs, drohend über den
Fluss. Wir gingen über die Zugbrücke in den geräumigen Hof, um das Innere des
Gebäudes zu sehen. Die Tore waren mit zwei Wappen geschmückt, und alle
Verzierungen waren im alten Geschmack in Stein, rein gezeichnet und gearbeitet,
und auf das beste unterhalten.
    Ich habe mich sehr gehütet, sagte Nordheim, den alten Charakter dieses
Gebäudes durch modernes Flickwerk zu verfälschen. Mir dünket oft, die Sprache
der alten Zeit in diesen festgewolbien Hallen zu vernehmen. Aus der glatten,
neuern Welt flüchte ich mich gern in diese rauhen Mauern, wo lauter feste und
starke, wenn gleich etwas grelle Formen mich umgeben. Wir gingen durch einen
grossen Saal, dessen Hauptverzierung aus Familienportraits in Lebensgrösse
bestand, von denen die meisten durch gute Künstler gemahlt waren. Es war eine
Reihe fester biederer Gesichter, in denen die Stärke der hervorstechendste
Ausdruck war. Wappen und Titel standen zu ihren Füssen, und die mehresten hatten
in den ersten Fürstenhäusern Deutschlands ansehnliche Ämter bekleidet, bis auf
Nordheims Vater und Grossvater, die gar keine Titel hatten.
    Die Gräfin bemerkte es, und Nordheim sagte lächelnd: Die Talente zum
Hofglück verlöschten hier in unserer Familie, oder die Verfassungen änderten
sich, und foderten andere Talente, als die wir von unsern redlichen Vorfahren
ererben konnten. Was sollten die stolzen ehrlichen Ritter bei den französischen
Kabinetskünsten? und die braven und geistvollen verachteten den müssigen
Hofdienst. Mein Grossvater merkte, wo der Wind der Zeit herwehte, und zog sich
auf seine Güter zurück, nachdem er die Welt durch Reisen hatte kennen lernen. Er
kaufte diese zwei Dörfer, die Sie hier längs des Flusses sehen, wieder an sich.
Seit langen Jahren hatten sie der Familie zugehört, und nur unter den letzten
Besitzern gingen sie verloren, weil diese lieber den grossen Diener in der Stadt
spielten, als den Herrn in ihrem Hause. Mein Grossvater war ein verständiger
Landwirt und ein sorgsamer Vater seiner Untertanen.
    Ununterbrochen arbeitete er daran, seinen Nachkommen ein unabhängiges
Vermögen zu verschaffen, und da seine Vorfahren oft wenig an die Nachkommen
gedacht hatten, so musste er oft zu seiner Unbequemlichkeit an sie denken. Er
hatte grosse Neigung zur Pracht, sein Geschmack hatte sich in den Hauptstädten
Europens ausgebildet, aber er ordnete alle Liebhabereien den Grundsätzen einer
weisen Sparsamkeit unter. Er lebte bequem, aber sehr einfach, und verbannte
allen Luxus, der nur der Meinung fröhnt, ohne einen reellen Lebensgenuss zu
verschaffen. Seine Freunde waren ihm alle Tage an seiner Tafel willkommen, aber
nie wurde diese mit Überfluss besetzt. Jedem Fremden war wohl in seinem Hause.
Weil er allen Zwang des eitlen Scheins abgeworfen hatte, stöhrte selten etwas
seine gute Laune, und ich entsinne mich noch, dass ich mich als Kind immer in des
Grossvaters Hause frei fühlte, wie ein Vogel, den man des Käfigs entlassen hat.
    Mein Vater lebte auch in demselben Sinne wie mein Grossvater, und hielt sich
nur oft in S** auf, weil er mit dem Fürsten in freundschaftlichen Verhältnissen
stand. Und sollte ein so biederes blühendes Geschlecht verlöschen, liebster
Freund! sagte die Gräfin, indem sie ihre Hand auf Nordheims Arm legte. Möchte
ein edler Sohn, fuhr sie fort - aber ihre Stimme bebte und verlöschte, eine
sonderbare Bewegung war in ihrem ganzen Wesen sichtbar, ihre Wangen glühten, und
in ihren Augen zitterten Tränen. Nordheims Blicke fielen auf mich, wie in jenem
Moment in Hohenfels, als er meinem Vater sagte: Mir fehlt auch nur eines, und
Sie könnten mir's vielleicht geben! Er nahm die Hand der Gräfin und die meine
zusammen, und sagte: Überlassen wir das der Zukunft, meine Besten! Die Bewegung
der Gräfin stieg immer höher, und Nordheim führte mich gegen die andere Seite
des Saals, als wollte er ihr Zeit lassen sich zu sammeln. Unsere Agnes muss auch
meine Eltermütter kennen lernen, sagte er. Scheinen sie nicht sanfte
stilltätige Seelen gewesen zu sein, deren Blick, gewohnt sich in einem engen
Zirkel zu beschränken, tief und scharf auf das ihnen Zunächstliegende sieht? Das
Blumensträuschen in ihrer Hand, oder der goldene Trauring an ihrem Finger,
scheint ihre Gedanken zu beschäftigen, und eine süsse Erinnerung ihres Brauttages
vor ihrer reinen Fantasie zu schweben. Die Grossmutter blickt schon freier um
sich her, aber ein edles Selbstgefühl tronet auf der offnen Stirn. Auch war sie
ein braves, kluges Weib, das während der Abwesenheit meines Vaters die Güter
beinahe ohne männliche Beihülfe einige Jahre hindurch ganz nach dem Sinne ihres
Mannes verwaltete. Alles hatte Gedeihen und glücklichen Fortgang unter ihrer
Aufsicht.
    Meine Mutter fehlt hier, Sie werden sie in meinem Zimmer sehen, ich bin
gerne unter ihren Augen. Auch sie hatte, wie wir es unbilligerweise ausdrücken,
einen männlichen Geist. Die schöne Fähigkeit des weiblichen Gemüts in einer
neuen fremden Lage, gleichsam in seinem Innern ein neues Ressort aufzufinden,
sollte von uns mehr als eine dem Geschlecht inwohnende Kraft angesehen werden,
anstatt dass wir sie nur für eine Ausnahme anerkennen wollen. Wir sind um so
unbilliger in diesem Urteil, da wir positive Vorteile gegen die Frauen haben,
und mit manchen Federn geschmückt sind, die wir am Ende doch nur unsern stärkern
Klauen verdanken. Die Vorteile einer frühern wissenschaftlichen Bildung und
mannichfacher Lebensverhältnisse mussten für Kraft des Charakters, für
Besonnenheit in schweren Lagen auf unserer Seite entscheidend sein, wenn nicht
wirklich zuweilen ein innrer Reichtum der Natur die Weiber entschädigte. Aber
nicht alle hat die Natur so begünstigt; wenige nur widerstehen durch eine
glückliche Anlage der Gewalt, welche eine falsche Erziehung, schon von der
frühesten Jugend, an ihnen ausübt. Die Unwissenheit und Charakterlosigkeit, zu
denen sie meistens ihre Verhältnisse verdammen, tragen die bittersten Früchte
für ihr ganzes Leben, und wer hat diese zu geniessen, als wir selbst? Der Ruin
vieler Familien entsteht grösstenteils aus Schwachheit und Kurzsichtigkeit der
Weiber. Störriger Eigensinn ist die Folge eines beschränkten Geistes, und
existirt meist neben kindischer Furchtsamkeit. Die unterdrückte Natur rächt
sich; wir sind die Betrogenen, weil wir es sein wollen. Weil die meisten unter
uns Stärke an den Weibern nicht zu tragen und nicht zu lieben vermögen, so
suchen sie nur die über alles gepriesene Sanfteit, und nehmen sie ohne
Untersuchung hin. O wie ist die ächte Sanftmut, die das Leben jedes dauernden
Verhältnisses ist, so unverkennbar in der Grazie ihrer Äusserungen! Glücklich,
wer sie besitzt und wer sie geniesst. Nur von solchen Gemütern haben wir
Schonung zu erwarten, wenn sich die Erbsünde des Übermuts in uns regt;
ungebildete Seelen brauchen die rohen Naturwaffen gegen uns, Verschlagenheit und
List.
    Die Gräfin näherte sich uns, sie wünschte noch einen Gang durch die übrigen
Zimmer zu machen. An beiden Seiten des Saals waren zwei runde Türme durch
wenige Verzierungen in sehr freundliche Zimmer verwandelt. Das eine diente zum
Gesellschaftssaal, das andere zur Bibliotek. Aus der Bibliotek ging man in
eine Reihe zierlich eingerichteter Zimmer, deren einige trefliche
Kupferstichsammlungen, und wenige, aber vorzügliche Gemählde entielten. Zuletzt
sah man sich in einer kleinen Rotunde, die das Licht von oben empfing, und worin
Abgüsse der vorzüglichsten Antiken aufgestellt waren. Zum erstenmahl sah ich in
solcher Vollkommenheit diese unsterblichen Werke, in denen der reinste Geist der
Kunst ewig fortlebt.
    Fräulein R** mit ihrer alten Tante und die beiden Albans kamen gegen Abend.
Nordheim hatte sie eingeladen. Julius begrüsste mich mit seiner gewohnten
Unbefangenheit, aber ein Blick Nordheims, der auf uns fiel, liess mich in seinem
Benehmen gegen mich etwas zu Freies finden. Aus Dankbarkeit für die zarte
Sorgfalt, mit der er mich gestern gepflegt hatte, zwang ich mich alle
Zurückhaltung gegen ihn aus meinem Betragen zu verbannen. Mit Schmerz bemerkte
ich, dass Nordheim mich und Julius bei allen Gelegenheiten zusammen zu bringen
suchte, wie zwei Liebende, deren zärtliches Verhältnis allgemein anerkannt ist.
Er sprach viel mit Julius, bezeugte Gefallen an seinen Kenntnissen und an dem
geistvollen Ausdruck, den er seinen sehr eigentümlichen Vorstellungsarten zu
geben wusste.
    Wir brachten den grössten Teil des Abends bei der Antikensammlung zu, und
das Anschaun der schönen Gestalten versetzte uns in eine erhöhtere Stimmung.
    Sinn und Verstand waren bei Nordheim gleich lebendig bewegt, und seine
Bemerkungen gaben mir neue Begriffe und reinern Genuss.
    Wie jeder Genuss sich in Sehnsucht auflöst, so schloss sich auch unser
Gespräch mit der Betrachtung, dass das erste, fröhliche, schöne Jugendalter der
Kunst nie in seinem vollen Glanze wiederkehren werde.
    Nordheim führte mich in mein Zimmer. Die Glorie des Geistes schien mir um
seine ganze Gestalt zu leuchten, und eine sonderbare heilige Stille war in
seinem Wesen.
    Wie glücklich sind wir, sagte er, wenn uns eine liebliche Gestalt begegnet,
die uns in ihrer holden Einheit ein Ahnden jenes Grenzenlosen zuführt, das in
den Kunstgestalten der Alten atmet! Die Reinheit des Sinnes findet keine
Schranken, und wandelt mit himmlischer Freiheit durch das Leben. Welche Gestalt
auch das Schicksal unserm Verhältnis geben mag, sagte er, indem er meine Hand
fasste, so danke ich Deinem Anschaun, holdes Wesen, ein süsseres Leben!
    Ich hatte keine Worte, mein Innres war in der reinsten Liebe aufgelöst. Wir
waren an der Tür des Zimmers, Elise stand bei mir, und er gab uns gute Nacht.
    Welch ein schönes Leben erwartet uns, beste Agnes! sagte Elise, als wir uns
auf unserm Zimmer allein befanden. Mehr als jemahls hoffe ich mit meiner Agnes
eine Familie, ein Haus auszumachen. Julius ist hoffnungsvoller seit gestern;
seine Liebe ist treu und zart. Sie werden glücklich mit ihm sein, so wie er und
wir alle es unaussprechlich durch Sie sein werden.
    Wenn ich könnte, Elise, wenn ich Julius lieben könnte, wie er es verdient!
erwiederte ich. - Wir sprachen oft darüber, sagte Elise nach einigem Nachdenken.
Ihre Kälte bei allem was auf Liebe deutet, schien uns ein Phänomen in einem so
weichen liebenden Herzen. Julius behauptet, Sie wären von zu reicher hoher
Natur, um eine Leidenschaft zu haben, und diese Stille des Gemüts, die nicht
aus Mangel an Kraft, sondern aus hoher Richtung derselben entstünde, würde sein
Glück eher vermehren als vermindern. Ich glaube dennoch, fuhr sie lächelnd fort,
der Drache der Eifersucht würde diese goldenen Früchte der Weisheit mit immer
offenen Augen bewachen. Ich verstehe Sie nicht, Elise, versetzte ich etwas
empfindlich.
    Ich kenne das heilige Herz meiner Agnes, sagte Elise, und weiss, dass es
unfähig ist, Vertrauen und Liebe zu beleidigen. Ich wäre der Glückseligkeit
unsers Julius an Ihrer Seite gewiss. Es war ein Scherz unter uns, der zu dem
Gesagten Anlass gab. Julius war diesen ganzen Abend hindurch sehr gespannt auf
die Aufmerksamkeit und Achtung, die Nordheim für Sie bezeugte. Als Alban und ich
es ihm im Scherz vorwarfen, sagte er: Dieser wäre ein gefährlicher Nebenbuhler,
oder vielmehr gegen einen Mann von solchen Vorzügen finde gar keine Rivalität
statt. Alban tröstete Julius mit dem allgemein bekannten Verhältnis Nordheims
mit der Gräfin.
    Und welches? fragte ich mit erzwungener Kälte.
    Die Welt sagt, sie seien heimlich verheiratet. Die Welt sagt freilich viel
Falsches, aber da die Gräfin schon seit zehn Jahren Wittwe ist, und während
dieser Zeit mit Nordheim in der grössten Vertraulichkeit lebt, auch seit dem Tode
ihres Gemahls keinen andern Liebhaber hatte, so ist freilich hinlänglicher Grund
zu dergleichen Vermutungen vorhanden. - Sie sind nicht wohl, liebes Mädchen,
rief Elise lebhaft aus; Ihre Gesichtsfarbe wechselt so schnell! Oder hätte ich
Sie durch meine Äusserungen über die Gräfin beleidigt? Verzeihen Sie, aber Ihre
Kälte gegen diese Dame, die mir oft auffiel, da sie wirklich sehr liebenswürdig
ist, diese verleitete mich jetzt, so treuherzig alles über sie herauszusagen.
    Meine wechselnde Farbe hatte einen tiefern Grund, als meine gute Elise
wähnte. Ich beruhigte sie, und sie überliess mich bald der Einsamkeit und meinen
Betrachtungen.
    Alle jene freundlichen Zauberfarben, mit denen die Liebe uns die Zukunft
erhellt, verlöschten durch den Zweifel an Nordheims Neigung. Ich sah nur eine
licht- und formlose Dämmerung vor mir, und die Mühe, mich hindurch zu arbeiten,
war das einzige was ich bestimmt erkannte. Das nötigste für den Moment war mir,
Julius aus seiner Täuschung zu reissen. Ich will ihm meine Liebe und meinen
Schmerz gestehen, und eine beinahe gleiche Lage wird uns in fester Freundschaft
verbinden. Julius selbst, vielleicht durch seinen Zweifel über Nordheim
angetrieben, bot mir den nächsten Morgen die Gelegenheit dazu.
    Nach eingenommenem Frühstück zerstreute sich die Gesellschaft. Die Gräfin
ging auf ihr Zimmer, Nordheim in sein Kabinet, Elise ging mit ihrem Freunde in
dem grossen Saal auf und ab, und ich blieb allein beim Klavier mit Julius. Er
spielte mit grosser Fertigkeit einige meiner Lieblingssonaten, und sprach dann
von seiner Liebe und seinen Wünschen, für immer mit mir vereinigt zu sein.
    Sein Gesicht war so rein, so gut, so bescheiden hoffend, dass ich ihm meine
Hand, die er zwischen den seinigen hielt, nicht entziehen konnte. - Ach, wenn
Sie in meine Wünsche einstimmen könnten, beste Agnes, rief er aus, welche
glückliche Familie würden wir ausmachen! Mein Bruder und Elise, unsre besten
nächsten Freunde, die so harmonisch mit uns denken und empfinden, würden vereint
mit uns leben. Auch Ihr Vater würde mit uns leben, nicht wahr? Alles Leere und
Unbedeutende würden Sie aus meinem Leben verbannen. Ihr grosser Sinn würde mich
in allem meinem Wirken zum Schönsten und Edelsten leiten. Sie selbst sollten so
frei, so sorgenlos leben, ganz nach der Wahrheit Ihrer schönen Natur. Könnten
Sie nicht auch glücklich sein, wenn wir alle es durch Sie sind? Ach Sie müssten
es sein! Sprechen Sie, bestes Mädchen.
    Das redliche Bemühen der gutmütigen feinen Seele rührte mich innig, aber je
zärter ich diese Seele empfand, je mehr fühlte ich, dass ich ihr nicht alles
geben könnte, und nichts halbes geben dürfe.
    O beste Agnes, Sie sind bewegt, rief Julius. Reden Sie! - Aber Sie
schweigen; o ich verstand Sie unrecht, ich habe Sie beleidigt! rief er
schmerzlich aus, und verbarg sein Gesicht in seinen Händen. - Nein, beste Seele,
sagte ich, nein, wie wäre es möglich! - Julius - wenn ich könnte - ach wenn ich
Sie so über alles lieben könnte, wie Sie es verdienen!
    Über alles? meine Agnes, wie könnte ich das verlangen! Täuschen wir uns
nicht, meine Beste; ein Herz wie das Ihrige, in dem sich so mannichfache Kräfte
früh entwickelten, dieses kann keinen Mann über alles lieben.
    Sein Sie mir nur gut; lassen Sie mich Sie so glücklich machen, als ich kann.
Ihr Gutsein ist tausendmahl mehr, ist inniger, zärter, als das was andere Frauen
Liebe nennen.
    Es war ein entscheidender Augenblick; das schwankende, vielleicht nur in
meiner Einbildung gewebte Verhältnis mit Nordheim, schwebte mir vor, Julius
reine zarte Liebe drang zu meinem Herzen; ich drückte seine Hand fester, und
mein tränenschweres Auge verbarg sich an seinem Arm. Ein Geräusch unterbrach
uns, ich erhob meine Augen Nordheim stand unter der Türe, zog sich aber
augenblicklich zurück. Werde ich nicht das Bild dieses einzig Liebenswürdigen
immer mit verlangender Sehnsucht umfassen, selbst an Julius treuem Herzen? Diese
Frage bewegte meine ganze Seele. Meine Lippen zitterten, und ich hatte keine
Worte, so wie keine klare Empfindung.
    Julius sass mit dem Rücken gegen die Türe, und hatte Nordheim nicht gesehen,
er wähnte, Liebe für ihn bewege mein Herz so heftig. O beste Agnes, fuhr er
fort, nur ein holdes Wort von Ihren Lippen, welches die süssen Ahndungen, die ich
aus diesem Schweigen nehme, zur Hoffnung erhebt! Nie sah ich Sie so bewegt: -
ists für mich? - Ja, es ist ein sanftes Neigen Ihrer Seele gegen die meine.
    Der Wahn, in dem Julius meine verwirrte Empfindungen zu seinem Vorteil
auslegte, war mir innig schmerzlich. Ich fühlte, dass ich ihm ganz wahr sein, ihm
mit Aufopferung aller Weiblichkeit den Zustand meines Gemüts rein darlegen
müsse. Er hielt noch immer meine Hand, und sagte sanft: Warum wenden Sie Ihr
liebes Auge von mir? O Agnes, können Sie mich lieben? - Liebte ich nicht schon,
so könnte ichs, erwiederte ich mit weggewendetem Gesicht, während meine Hand die
seine drückte. Ach Gott! rief er mit einem Ton des tiefsten Schmerzens. Nicht
für mich! Nach einigen Momenten der lebhaftesten Bewegung, wo seine Brust einen
tiefen Kummer zu verarbeiten schien, und sein Auge mit hervorstürzenden Tränen
kämpfte, wendete er sich wieder gegen mich, indem er ausrief: Und doch für mich!
Wer kann mir die zarte Neigung rauben, die mich belebt? Wer die innige treue
Sorge, die mit meinem ganzen Dasein verwebt ist? Fühlte ich nicht erst die ganze
Tiefe meines Wesens, seit die Gewalt dieser Liebe deiner allbesiegenden
Schönheit alle Kräfte in mir aufregte! Ja, für dich will ich leben, du sollst
meine zärteste Sorge sein, wie du meine süsseste Freude hättest werden können.
    Sie sollen alles wissen, mein werter Freund, sagte ich ihm, meine Liebe,
meinen Schmerz. Ach Julius! Warum musste ein früherer Eindruck mein Herz für Ihre
Neigung verschliessen! - ein Eindruck, der mich schwerlich zur Glückseligkeit
leiten wird.
    Als mich Julius entschlossen sah, ihn zum Vertrauten zu machen, half er mir
mit jener schonenden Feinheit, ihm mein Geständnis abzulegen, welche die
Gedanken errät, bevor sie sich noch Worte gebildet haben. Da ich endlich
Nordheims Nahmen aussprechen musste, erschrack er, als hätte er etwas ganz
Unerwartetes vernommen.
    Ihre Liebe, meine Agnes, wird mit Leiden verbunden sein, sagte er. Die Hülfe
der Freundschaft kann vielleicht den Kummer Ihres Herzens erleichtern. Heilig
gelobe ich, Ihr Freund, und nur Ihr Freund zu sein. Ich verspreche nicht wenig,
aber ich will und werde es halten.
    Wie wert war mir Julius in diesem Moment! Ich gelobte mir selbst im Stillen
sein Glück an meinem Herzen zu tragen, und ihm immer mit unverbrüchlicher Treue
und Wahrheit zu begegnen.
    Wir müssen jetzt zur Gesellschaft, sagte Julius; ich sehe, man versammelt
sich im Garten. Wenn Sie nicht mein werden können, beste Agnes, so muss ich
künftig vorsichtiger in meinem Betragen sein, um die Welt in keiner Täuschung
über unser Verhältnis zu lassen. Verzeihen Sie, dass ich meine Empfindungen bis
jetzt zu laut sprechen liess; es soll nicht mehr geschehen. Nur wenn wir allein
sind, werden Sie immer mein offenes, ganz von Ihnen erfülltes Herz auf meinen
Lippen finden.
    Die Gesellschaft war in einem kleinen Pavillon versammelt. Nordheim sah mich
nur flüchtig an, als ich mich ihm näherte, gleich als wollte er meiner
Verlegenheit schonen. Er begegnete mir mit derselben feinen Achtung als zuvor,
aber doch hatte sich eine gewisse kalte Höflichkeit als eine fremde Farbe in
sein Betragen gemischt, und die sanfte Vertraulichkeit war verschwunden. Mein
Herz war gepresst. Er schien mir unaussprechlich liebenswürdig. Selbst die
Entfernung, welche er gegen mich beobachtete, deutete auf einen zärteren Anteil
seines Herzens an mir, der durch die Situation, in welcher er mich mit Julius
gefunden, notwendig beleidigt werden musste. Wie gern hätte ich meine ganze
Seele offen vor ihm dargelegt! Battista und seine Schwester waren eingeladen,
uns mit ihrer versprochenen Musik zu ergötzen. Beide waren zierlich gekleidet,
und die blühenden Gestalten voll jugendlichen Lebens, die unter einem
Blütenbaume sassen, und den Zauber ihrer einfachen herzlichen Melodien um sich
her verbreiteten, teilten uns allen eine beinahe idealische Stimmung mit. Die
Kinder spielten ein welsches Liedchen, und das Mädchen legte den ganzen Sinn
hinschmelzender Zärtlichkeit in die süsse Melodie. Unter dem Schatten der breiten
Augenlieder und der langen Wimpern blitzte zuweilen ein feuriger Blick hervor;
immer traf er auf denselben Gegenstand, auf Nordheim.
    Bravo, Bettina! sagte Nordheim, indem er die Kleine bei der Hand fasste, und
die schwarzen Locken zurückschlug, die in der Glut des Gesangs über ihre Stirne
herabgefallen waren. Seit wann lehrte dich deine Mutter dies Liedchen?
    Auf meine Bitte, erwiederte Bettina, lehrte Sie mich's vor einigen Tagen, da
wir hörten, dass Sie zurückkommen würden.
    Ich danke dir, mein Kind! sagte Nordheim freundlich. Bettina drückte seine
Hand an ihre Lippen, und eilte hinweg.
    Arme Bettina! rief die Gräfin aus, indem sie ihr mit einem traurigen Blick
nachsah.
    Warum beklagen Sie Bettina, liebe Gräfin? fragte Nordheim. Ich rechne selbst
auf Ihre Güte, um dem anmutsvollen kleinen Geschöpf ein glückliches Schicksal
zu bereiten.
    Ich dachte nicht an Bettina's äussere Lage, als ich sie beklagte, sagte die
Gräfin. Aber wohl schmerzte es mich, das junge Gemüt schon in der vollen Glut
der Leidenschaft auflodern zu sehen, die sie mit so rührender Wahrheit in ihrem
Gesang aushauchte. Nordheim erwiederte: Sollen wir den grossen Anlagen der Natur
misstrauen, meine Freundin? An der Glut der Leidenschaften reift das Edelste in
uns. Gewiss, mein Freund, sagte die Gräfin. Aber wenn ein hoher stolzer Baum vom
Blitz zerschmettert vor unsern Augen hinstürzt, oder ein holdes Gemüt der
Gewalt einer Leidenschaft unterliegend, in seinen besten Lebenskräften dahin
stirbt, fühlt sich unser Herz nicht von allen Schmerzen der Zerstörung
ergriffen? Zumahl, setzte sie hinzu, wenn ein eigenes schmerzliches Schicksal
uns das innere Gefühl des Wesens in seiner geheimsten Tiefe erkennen lehrt?
    Die Damen gingen nach ihrem Zimmer, um sich anzukleiden; ich nahm Bettina
mit mir. Das holde Geschöpf, voll Jugend und Leben, zog mich an sich, und die
innigen wahren Laute der Natur in ihrer Neigung zu Nordheim trugen vielleicht
nicht wenig bei, den Reiz zu vermehren, welchen ihr ganzes Wesen für mich hatte.
    Anfänglich war sie still und verlegen, aber als sie fühlte, dass ich es wohl
und treu mit ihr meinte, schwatzte sie lieblich und unbefangen über ihr
häusliches Leben, ihre Beschäftigungen und Verhältnisse. Meine Mutter, sagte sie
unter andern, spricht davon, mich in der Stadt in einem guten Hause
unterzubringen, wo ich dann vielleicht mit der Zeit einen braven Mann fände, und
so unserm Wohltäter die Sorge für uns erleichtert würde. Es sei unbescheiden,
sagt sie, ihn mit unsrer ganzen Existenz zu belästigen.
    Ich fühle, dass sie Recht hat, aber ... Die arme Kleine brach in einen Strom
von Tränen aus. Ich sprach ihr zu, ruhig zu sein, Nordheim sei zu gütig, um sie
zu irgend einem Schritt zu nötigen, welcher nicht mit ihrer Neigung geschähe;
er selbst würde es nicht zugeben, dass ihre Mutter sich der Freude, sie zu sehen,
beraubte. Ach welchen Trost Sie mir geben! rief sie lebhaft aus; ihr schönes
schwarzes Auge kehrte sich gen Himmel, sie legte ihre Arme übers Kreuz und
drückte sie fest an ihre Brust. Mein ganzes Leben soll im Gebet für das Glück
des edelsten liebenswürdigsten Mannes hinfliessen, fuhr sie fort, o ihm verdanke
ich ja alles! was kann ich sonst für ihn tun! Wär' ich wie mein Bruder, hätte
ich Stärke in meinen Armen, um ein Ross zu bändigen, könnte ich schiessen und mit
Waffen umgehen, dann wiche ich nie von seiner Seite, ich folgte ihm auf Reisen
als Knappe, in allen Gefahren blieb' ich bei ihm, und kein Unfall sollte ihm
nahen; würd' er verwundet oder krank, dann wollt' ich nicht von seinem Bett
gehen: meine Mutter lehrte mich Wunden verbinden und Kranke pflegen. Ach und wie
vorsichtig wollte ich sein! Niemand als ich sollte ihn anrühren, und niemand
sonst an seinem Bette wachen, damit der Schlaf durch keine unvorsichtige
Bewegung von den lieben Augenliedern verscheucht würde.
    Eine glühende Röte überzog ihr Gesicht; sie fühlte erst jetzt, dass sie mir
ihr innerstes Dasein entüllt hatte.
    Die schönen Anlagen eines starker tiefer Eindrücke fähigen Gemüts, die sich
so lieblich in ihrer Rede entfalteten, flössten mir herzliche Zuneigung ein. Ich
versprach ihr Liebe und Sorge für ihr künftiges Leben, und sie freute sich der
Hoffnung, mir oft schreiben zu dürfen.
    Durch einen Boten aus der Stadt empfing ich folgenden Brief: Eine Ihnen sehr
werte Person wünscht einige Zeilen von Ihrer Hand; vorzüglich wünscht sie eine
Antwort auf die letzte Frage, die sie an Sie getan, ehe die Glocke des
Abschieds schlug. In der Stunde der Mitternacht werden Sie einen treuen Boten
bereit finden. Gerade der kleinen Pforte, die in den Garten führt, gegenüber,
wird er Sie an der Gartenhecke, so lange Sie noch in diesem Aufentalt sind,
alle Nächte hindurch erwarten. Warten Sie Zeit und Umstände wohl ab, bis sich
der günstigste Augenblick zeigt.
                                                                    Johannes Ch.
    Ich eilte sogleich meiner Mutter zu schreiben, und benutzte jeden Moment des
Tages dazu, wo ich mich unbemerkt von der Gesellschaft hinwegstehlen konnte. Auf
die Frage: ob ich schon eine lebhaftere Neigung für irgend einen Mann empfunden?
sagte ich ihr: An eine geliebte Gestalt ist die Freude und die Hoffnung meines
Lebens in der Liebe geheftet; und trennt mich das Schicksal von dieser, so
wünsche ich unverheuratet einzig für meine teure Mutter und meinen Vater in
Hohenfels zu leben.
    Nordheim erhielt einen unerwarteten Besuch des Prinzen, welcher sich wegen
einer Zusammenkunft mit seiner Schwester, für einige Tage auf einem Lustschloss
in der Gegend aufhielt.
    Der Prinz verband eine schöne Gestalt mit einem einnehmenden Betragen. Durch
seinen langen Aufentalt in fremden Ländern hatten sich die scharfen Ecken
abgeschliffen, welche Gewalt und Schmeichelei notwendig in einem Charakter
erzeugen. Sein Betragen war einfach und fein, doch zeigte es sich bei manchen
kleinen Veranlassungen nur als erworbene Manier. Man näherte sich ihm, ohne
jenes Vertrauen zu empfinden, welches nur eine schöne Natur, nur eine
wohlwollende Seele einzuflössen im Stand ist. Die Neigung des Prinzen für
Nordheim äusserte sich lebhaft; man fühlte, wie er nach seiner Achtung rang, und
Beifall oder Tadel in seinen Augen zu lesen strebte.
    Während die Herren sich in den entfernteren Gartenanlagen umsahn, ging die
Gräfin auf ihr Zimmer, und bat mich, sie zu begleiten. Sobald wir allein waren,
sagte sie: Liebes Mädchen, unter Menschen, die sich nicht fremdartig, vielmehr
durch gleiche Liebe zum Schönen und Guten mit einander verschwistert sind, kommt
früh oder spät ein Moment der innigeren Annäherung, wenn sich nicht feindselige
Verhältnisse dazwischen legen. Ich wollte jenen Moment unter uns erwarten, denn
es ist mit der Neigung wie mit gewissen Früchten, die, wenn sie auf den rechten
Punkt der Reise gekommen sind, uns von selbst am schönsten zufallen. Das Gewebe
sonderbarer Missverständnisse, welches zwischen uns zu entstehen droht, änderte
meinen Entschluss. Ich fühle es, bestes Kind, meine geübtere Hand muss diese
verworrnen Fäden trennen, und unsern Gemütern die schöne Lauterkeit und
Klarheit erhalten, für die wir beide geboren sind. O Agnes, das Leben ist kurz,
und wir verlieren den grössten Teil desselben durch Missverständnisse. Nicht nur
wünschte ich mir, jeden Vorwurf über dein Schicksal zu ersparen, holdes Kind,
sondern vielmehr die süsse Beruhigung in der Seele zu tragen, dass ich ein
liebenswürdiges Gemüt vor dem Unfrieden mit sich selbst bewahrte. Ich forsche
nicht nach den Geheimnissen des Herzens, aber von mir nimm die Versicherung, dass
ich Nordheim nie besitzen kann.
    In ungünstigen Verhältnissen verblühte die Jugend meines Lebens - meines
Herzens; ich rettete nur Trümmer, und diese können das volle Glück eines Mannes
nicht machen, der selbst die schöne Grazie eines jugendlichen Empfindens
bewahrte. Ich läugne es nicht, ich halte es für ein beneidenswertes Loos, in
der innigsten ruhigsten Verbindung mit dem liebenswürdigsten Manne zu leben; -
aber die Offenherzigkeit dieses Geständnisses kann dir auch, wenn du und ich
anders dessen bedürfen sollten, die Wahrheit meiner Zusicherung verbürgen. Liebe
Seele, sagte sie sanft, und zog mich an ihre Brust, bleibe dir selbst klar, du
hast ihn geliebt; und wenn man ihn einmal geliebt hat, - kann man sein Herz von
ihm wieder losreissen? Meine Lage war unglücklich und sonderbar, und meine
Gemütsstimmung wurde es auch. Der freie schöne Blick ins Leben ging früh für
mich verloren; ich habe meinem eigenen Herzen Schulden abzubüssen, und nur in
strenger Wachsamkeit auf mich selbst bewahre ich meinen innren Frieden. Mein
Dasein ist Kampf und Arbeit. Jetzt genug, Liebe, verlass mich, und glaube sicher,
dass ich deinem Glücke nicht im Wege stehe.
    Ich sank stumm in Amaliens Arme; ihre Worte hatten mein Innres ergriffen,
und Achtung und Mitleid füllten meine Brust.
    Mehr noch als ihre Worte, hatte ein unaussprechlicher Ausdruck des tiefen
Leidens, der mir in ihren Zügen zum erstenmahl erschien, meine Seele in inniger
Neigung gegen sie eröfnet. Unter der Herrschaft der Weltsitte hatte sie sich
gewöhnt, einen Schleier des leichten Mutes um ihren Gram zu ziehen, der ihr in
diesem Augenblick der herzlichen Vertraulichkeit entfiel.
    Arme Amalia! sagte ich in dem tiefsten Herzen, aus welcher schmerzlichen
Verwirrung sich unser Schicksal lösen soll, fasse ich noch nicht!
    Die Herren kamen bald von ihrem Spatziergang zurück, und die Gesellschaft
versammelte sich zum Tee. Der Prinz sprach mit Offenheit über seine
gegenwärtigen und künftigen Verhältnisse. Ich hoffe, sagte er, in solch einem
geistvollen Cirkel ein guter Mensch zu bleiben, und Erhohlung und Lebensgenuss
nach erfülltem Beruf unter Ihnen zu finden. Ich hoffe, fuhr er fort, auch meine
Schwester wird von Ihnen wert gefunden werden, das Vergnügen Ihrer Gesellschaft
zu teilen. Sie ist ein gutes liebenswürdiges Geschöpf, und mein Hof wird, durch
die Grazie ihres Umgangs belebt, eine lieblichere Gestalt gewinnen. Er zeigte
der Gräfin ein Portrait der Prinzessin, und hernach auch Elisen und mir. Mit
welcher Gewalt ergriffen mich diese Züge! Eine dunkle Rückerinnerung an die
Gestalt meiner Mutter erwachte in meiner Seele; - ich bebte, errötete, und
verbarg meine Bewegung nur mit der grössten Anstrengung vor den Augen der
Gesellschaft. Der Prinz, welcher mir am nächsten stand, suchte mich mit seinem
forschenden Blick zu durchschauen. Solche sanfte liebliche Formen, wie auf
diesem Bildnis der Prinzessin, dichtete sich meine Fantasie zu dem zarten
feurigen Blick meiner Mutter, der mir immer vor der Seele schwebte, so wie die
reinen Verhältnisse ihrer Gestalt.
    Nordheim gab bei seiner jedesmahligen Ankunft den Landleuten ein kleines
Fest. Dieser Abend war dazu bestimmt, und der Prinz wünschte ein Zuschauer zu
sein. In der Mitte des Dorfes war ein Rasenplatz für die Tänzer, hohe Linden
überschatteten ihn, an beiden Seiten waren Tische mit Speisen und Getränke
bereitet, und rings herum Bänke für die Zuschauer. Die fröhlichen
selbstgenügsamen Gesichter der Eltern, und die starke markige Jugend, die sich
gleichsam der Fülle ihrer Kräfte im raschen Tanz entlastete; alles zeugte von
einem sichern ruhigen Wohlstand. Das bescheidne Betragen des grössern Teils und
seine Mässigkeit in der Freude bewies, dass diese Göttin hier keine seltene
Erscheinung sei. Wir mischten uns in den kunstlosen Tanz. Nordheim bot mir die
Hand. In welchen süssen einzigen Klang der Liebe löste sich gleichsam mein ganzes
Wesen auf, als ich von seinen Armen umschlossen, unter dem klaren weiten Himmel
dahin flog. Als der Schwindel des Tanzes meine Sinnen ergriff, und Bäume und
Menschen um mich her anfingen sich zu drehen und zu schwanken, dann war mirs
nicht anders, als trügen uns die lauen lieblichen Frühlingslüfte empor ins
gränzenlose Blau des Himmels, wo irgend eine schöne Insel sich niedersenken und
uns aufnehmen werde. Ich bebte als wir aufhörten zu drehen; er setzte sich neben
mich; Himmel, Luft und Menschen, alles war so heilig und liebevoll um mich her,
und sein Blick so voll göttlicher Reinheit auf mich gerichtet.
    Julius näherte sich uns, und er stieg auf, um ihm Platz zu machen. Ein
Schatten der Trauer schien über das himmlische Bild zu schweben, während sein
Blick mit einem Ausdruck süsser Neigung sich von mir losriss, als wollte er mir
sagen: »Und du willst nicht die Freude deines Lebens an meinem Herzen suchen?«
Mir dünkte, ich könne dem Drang meines Herzens nicht mehr widerstehen, müsste dem
Geliebten nacheilen, und ihm sagen: »Du bist meine süsseste heiligste Liebe!« Als
ich mich durch Schaam und Anstand gebunden fühlte, zuckte ein verwundender
Schmerz gleich einem schneidenden Stahl durch meinen Busen.
    Ich musste mit dem Prinzen walzen, und es war mir erwünscht, meine Gefühle im
Tanz zu zerstreuen, wenigstens zu verbergen. Ich geriet in eine andere
Verlegenheit. Als wir einigemahl rasch um die Linden herum geflogen waren, und
in dem Zirkel der Tänzer nun langsam mit fortgingen, fasste der Prinz meine Hand,
die in der seinen lag, fester, und sagte: Darf ich eine Frage an Sie tun,
liebes Mädchen? Woher entstand die sonderbare Bewegung, mit welcher Sie heute
das Portrait meiner Schwester betrachteten?
    Ich war in quälender Verlegenheit, und suchte vergebens nach einer passenden
Antwort.
    Der Prinz fühlte es, und fuhr fort: Ich schweige, meine Beste; ich habe Ihr
Vertrauen noch nicht verdient, und war unbescheiden mit meiner Zudringlichkeit.
Verzeihen Sie, ich hoffe wir lernen uns besser kennen.
    In Wahrheit, gnädigster Herr, sagte ich etwas gefasst, es gibt so manche
Dinge, die wichtig für ein Mädchen wie mich sind, und die nur Kleinigkeiten für
Sie sein könnten, dass ich mich schämen würde, Sie damit zu belästigen.
    Alles, was in so einem holden guten Herzen vorgeht, wird nie unbedeutend für
mich sein, sagte der Prinz lebhaft. Glücklich wäre der Bruder, wenn der zarte
Anteil, welchen Sie der Schwester schenkten, auch auf eine günstige Stimmung
für ihn deutete!
    Wir wurden aufs neue in den Wirbel des Tanzes mit fortgerissen, und ich
konnte nichts antworten. Ich fühlte, dass er meine Bewegung beim Anblick des
Bildes für sich auslegte. Durch meine einfache Erziehung, und durch frühe ernste
Geistesbeschäftigungen war ich beinahe ganz unbekannt mit dem System der
weiblichen Eroberungssucht geblieben, und der Ausdruck des Wohlwollens für
Männer und Weiber hatte bei mir dieselbe Farbe, um so mehr seit meine zärtliche
Neigung ausschliessend für einen Einzigen sprach.
    Ich dachte mir also keinen andern Sinn in den Worten des Prinzen, als dass er
mir wohlwolle, und meine Freundschaft wünsche.
    Während des Tanzes fiel mir die grosse Ähnlichkeit seiner eignen Züge mit dem
Bildnisse seiner Schwester erst recht auf, und das Andenken meiner geliebten
Mutter, welches sich auf eine sonderbare geheimnisvolle Art mit jenem Bildnis
verwebt hatte, gab meinem ganzen Wesen eine Stimmung zur Zärtlichkeit, welche
den Prinzen in seinem Irrtum unterhielt. Er schloss mich während des Tanzes fest
an seine Brust, seine Augen und sein ganzes Betragen verrieten eine Glut der
aufgeregten Sinne, die mich scheu und' verschlossen machte, und mein Gemüt
endlich in Widerwillen von ihm abwendete.
    Das Nachtessen wurde in einer Laube von frischen Tannenzweigen aufgetragen,
welche zierlich erleuchtet war. Die Tafel war mit den schönsten Blumen des
Frühjahrs geschmückt. Der Abend war lieblich. In dem ganzen Ton des kleinen
Festes herrschte eine schöne Einfalt. Die ländliche Musik, oft von den frohen
Jubeltönen kunstloser Freude begleitet, stimmte das Herz zu reiner Fröhlichkeit,
weil es rings um sich her mitgeniessende Wesen wahrnahm.
    In allen Anordnungen fand ich das wohlwollende Herz meines Geliebten. Er
selbst war nicht heiter. Der Prinz ging den ganzen Abend hindurch nicht von
meiner Seite, und mir dünkte, Nordheim vermied, sich uns zu nähern, aber er
beobachtete mich von fern, und selten, wenn meine Augen ihn suchten, fehlte mir
sein lieber Blick.
    Auch Julius war still und traurig. Ich konnte in dieser Situation nicht
ruhig bleiben. Die leiseste schmerzliche Empfindung, die meine Freunde durch
mein Betragen erfahren konnten, fiel auf mein eignes Herz zurück.
    Mit Vergnügen sah ich die Pferde des Prinzen vorführen. Die Gräfin und die
ganze Gesellschaft mussten dem Prinzen versprechen, in den nächsten Tagen in D.
gegenwärtig zu sein, um ihm die Langeweile des Hofes erträglich zu machen. Beim
Abschied führte er mich, so sehr es der Anstand litt, bei Seite, und flüsterte
mir ins Ohr: Wenden Sie sich nicht von mir, süsses Mädchen, und verzeihen Sie es
meiner angebohrnen Raschheit, wenn ich die schöne Blüte im Sturm zu erobern
wähnte, die, ich fühl' es, nur durch süsse Sorge und Treue zu gewinnen ist.
    Es war eine schöne mondhelle Nacht; die Herren begleiteten den Prinzen. Nach
einem kleinen Spatziergang mit Elisen und Bettinen, den ich dazu anwendete, um
die von Charles bestimmte Gartenhecke genau zu bemerken, eilten wir in unsre
Zimmer. Als ich Bettina gute Nacht gab, sagte sie mit einem sanftschwärmenden
Ton: Zum erstenmahl sieht mich der Mond und die Sterne als deine Freundin, und
sie sollen mich immer so sehen, so lang ich unter ihrem glänzenden Angesicht
wandle! Die Neigung des guten Geschöpfs hatte ganz das Mädchenhaftscheue und
Geheimnisvolle der ersten Liebe. Ein heftiges, lang verhaltenes Gefühl ihres
Wesens fand auf einmal in der Freundschaft für mich einen Ausdruck, in welchem
es die ganze Kraft seines ahndungsvollen Verlangens auszuhauchen vermochte.
    Unter dem Vorwand, dass ich sehr ermüdet wäre, und mich schlafen zu legen
wünsche, hatte ich Elisen aus meinem Zimmer entfernt, um mich zu meiner
nächtlichen Wanderschaft vorzubereiten. Die Herren waren gegen eilf Uhr zurück
gekommen, im ganzen Schloss herrschte tiefe Stille, und ich erwartete die Stunde
der Mitternacht, um in den Garten zu eilen.
    Unter allen Szenen des vergangenen Tages hatte die Erklärung der Gräfin am
tiefsten auf mich gewirkt. Die erste Jugendliebe will ein Ganzes besitzen, wie
sie ein Ganzes gibt; sie versteht es nicht, sich mit Verhältnissen abzufinden,
die nur einen einseitigen Genuss gewähren. Die Liebe der Gräfin für Nordheim, das
Mitleid für sie, und die Unfähigkeit meines Gemüts, durch den Verlust eines
andern zu geniessen, dieses alles brachte mich in eine verwirrtere Stimmung, als
ich noch je gekannt hatte. Das ununterbrochene Zusammensein mit Nordheim nährte
auf der andern Seite die Lebhaftigkeit meiner Neigung. Die Liebenswürdigkeit
seines Wesens zeigte sich in jeder veränderten Stellung der äussern Lage, in
immer neuer Grazie, und mein ganzes Dasein war Liebe für ihn.
    Als die Glocke zwölf schlug, nahm ich eine kleine Handlaterne, und eilte zu
der bestimmten Gartenhecke. Ich hatte meine Gestalt so sehr als möglich
verhüllt, und hoffte unerkannt zu bleiben, im Fall mir jemand begegnen sollte.
Mit Mühe fand ich durch die verworrenen Gänge des alten Gebäudes den Weg zur
Gartentüre. Charles erwartete mich schon, nahm meinen Brief in Empfang, und
verliess mich schnell, weil er befürchtete überrascht zu werden. Dringend empfahl
er mir noch beim Abschied die grösste Vorsichtigkeit im Nahmen meiner Mutter. Der
leiseste Verdacht auf unser Verhältnis, sagte er, könnte uns aller Freuden der
Zukunft berauben, und meine Mutter selbst lege sich die schmerzliche Trennung
von mir auf, um unserer künftigen Zufriedenheit willen. Beim Rückwege durch den
Garten verlöschte der Wind mein Licht. Mühsam schlich ich mich durch die
unerleuchteten Gänge, und suchte die Treppe, welche zu meinem Zimmer führte. Ich
half mir mit den Händen an einer Wand fort, und glaubte am Ende der Gallerie die
Treppe zu finden. Ich fühlte, dass ich an mehreren Türen vorbei kam, und die
Furcht, mich durch irgend ein Geräusch zu verraten, brachte mich in die
peinlichste Lage. Innerhalb der Zimmer vernahm ich jedoch keine Bewegungen, und
tröstete mich mit dem Gedanken, sie seien unbewohnt, oder ihre Bewohner liegen
im tiefen Schlafe. Eben schlich ich an einer Türe vorbei, als sie sich heftig
gegen mich öfnete, und mich zu Boden schlug. Der Schrecken des Falles und der
gefürchteten Entdeckung nahmen mir die Besinnungskraft. Als ich wieder zu mir
kam, fand ich mich auf einem Lehnsessel, und Julius mit einem Licht in der Hand,
neben mir stehend.
    Wie ist Ihnen, meine Agnes? fragte er besorgt. - O, dass ich die Türe so
ungestüm öfnen musste! Aber wer konnte auch denken, Sie hier zu finden! Die
Furcht, in Julius Zimmer angetroffen zu werden, gab mir schnell meine Kräfte
wieder. Ich verirrte mich ... es war ein Irrtum ... stammelte ich verlegen und
ungeschickt, zündete meine Laterne an, und eilte mich zu entfernen. Lassen Sie
mich Sie nur die Treppe hinauf begleiten, ich fürchte Sie haben durch den Fall
gelitten, sagte Julius. Zum erstenmahl sah ich in seinem so reinen liebenden
Blick eine Spur des Misstrauens, und fürchtete meine Weigerungen möchten eine
noch schlimmere Wirkung auf ihn haben. Ich duldete also schweigend seine
Begleitung, weil die Furcht, einen Freund zu beleidigen, alle andern Rücksichten
verdrängte. Eilen Sie, Julius, ich beschwöre Sie, bat ich, dass wir nicht gesehen
werden.
    Mein geheimnisvolles Wesen schien ihm unbegreiflich, doch erfüllte er meine
Bitte, liess sein Licht zurück, und fasste mich unter dem Arm, mich zu
unterstützen. Kaum waren wir einige Schritte von Julius Zimmer entfernt, als
Nordheim dicht vor uns stand. Er war die Treppe herab gekommen, und es war
unmöglich ihm auszuweichen; er hielt ein Licht, trat ein paar Schritte zurück,
als er mich erblickte, und nie erschütterte ein Blick so meine Seele, als der
seine in diesem Moment. Gern wäre ich zu seinen Füssen gesunken, aber weibliche
Verlegenheit hielt mich starr und bewegungslos am Boden gekettet.
    Die Furcht verkannt zu werden, und Stolz, der es seiner unwert fand, sich
zu entschuldigen, fesselten alle meine Gedanken und Bewegungen. Ich hatte in
diesem Moment eine Ahndung des Zustandes jener Wesen aus der Fabelwelt, die ihre
Lebenskraft in einer Felsenmasse erstarren fühlen.
    Nordheim hatte schnell seine Besonnenheit wieder, ging an mir vorbei, als
bemerkte er mich gar nicht, und sagte zu Julius: Erlauben Sie mir einen
Augenblick in Ihrem Zimmer zu verweilen. Es geschieht, um Ihnen die Freiheit zu
lassen, mit dieser Dame durch mein Kabinet zu gehen, aus welchem Sie sogleich
auf den grossen Saal kommen, und schneller und unbemerkter zu ihrem Zimmer
gelangen können. Verweilen Sie nur wenige Minuten in meinem Kabinet, um meinem
Kammerdiener nicht auf der Gallerie zu begegnen.
    Ich war auf das schmerzlichste bewegt, und konnte Nordheim nichts sagen; er
war eilends in Julius Zimmer gegangen, und hatte die Türe hinter sich
zugemacht. Lassen Sie mich allein gehen! rief ich schmerzlich. Ach Julius,
lassen Sie mich, wie kann ich solche Kränkungen ertragen! - Julius selbst schien
verwirrt und nachdenklich, aber seine zarte Liebe verläugnete sich keinen
Augenblick.
    Ich verlasse Sie, sagte er sanft, weil Sie es wollen. Beruhigen Sie sich,
beste Agnes, Nordheim soll in keinem Zweifel über Sie bleiben. Sein Sie ruhig,
und geniessen des Schlafes. Er drückte meinen Arm sanft an seine Brust, und küsste
meine Locken, die über das Gewand zerstreut lagen. Ich eilte davon, so sehr es
mir der Schmerz an meinem Fuss erlaubte, der durch den Fall gelitten hatte. Ich
war in Nordheims Kabinet, Liebe durchdrang mein ganzes Wesen, goldne Bilder
webten sich vor meinen Sinn. Hier wird er ruhen, sagte ich mir. Eine Lampe
brannte, mir dünkte die Harmonien unsichtbarer Genien um seine Lagerstatt zu
vernehmen. - O möchte ihm ein Traum das reine unentweihte Bild der armen Agnes
zeigen! Mit Gewalt musste ich mich dieser Zauberluft entreissen, sie hatte mit
einer freundlichen Magie alle Verwirrung in meinem Busen aufgelöst, die in der
Einsamkeit meines Zimmers aufs neue erwachte, und den Schlaf von meinen Sinnen
verscheuchte. Ich habe die Achtung des edelsten, geliebten Mannes verloren, er
muss mich für ein leichtsinniges Geschöpf halten, das sich selbst vergessend, die
zarten Verhältnisse überschreitet, ... das von Leidenschaft hingerissen ... Ich
wagte es nicht auszudenken, nicht mich selbst anzuschauen mit diesen quälenden
Vorstellungen.
    Wird nicht jede Ausrede, die ich nehmen könnte, Nordheimen auch nur eine
Ausrede dünken? und muss ich nicht die Wahrheit verschweigen, muss ein Opfer der
unglücklichen Stellung der Umstände werden, die die Reinheit meines Charakters
in seinen Augen beflecken!
    Es wird eine Zeit kommen, sagte mir ein milder tröstender Genius, wo du dein
Innres entschleiern darfst, wo du von jedem Schatten des Verdachtes gereinigt,
vor Nordheim erscheinen wirst.
    Die glückliche Spannkraft des Gemüts in der Jugend, wo das volle rege Leben
der Einbildungskraft die Bilder der Zukunft mit der Gegenwart leicht und
vielfach vermischt, half mir jenen bittern Schmerz, von meinem Geliebten
verkannt zu sein, nicht besiegen, aber wohl ertragen. Gleichwohl fühlte ich, es
sei etwas in meiner innern Existenz zerrissen, da ich die erste Ungerechtigkeit
des Schicksals erfuhr, indem ich unschuldig litt. Ich scheute mich, mich selbst
anzusehen, als der Tag anbrach; mein unbefangenes frohes Dasein fand ich nicht
wieder, aber eine Kraft zu leiden durchdrang meinen Busen, die ich noch nicht
geahndet hatte. Ich schien mir um zehn Jahre älter an Erfahrung, und ein
konzentrirteres Dasein schien mein Wesen auf der einen Seite zu umschränken, auf
der andern es in seinem Innern fester und sicherer zu gründen.
    Elise kam zu mir zum Frühstück, aber ihre Augen, sonst so lieb und traulich,
schienen mir, von meinem eigenen Misstrauen gefärbt, nur forschend, sogar
beleidigend.
    Ach so gewiss entflieht die Liebe mit der Unschuld, da sie schon vor einem
täuschenden Schatten der Schuld entweicht! Ich schützte Geschäfte vor, um allein
zu bleiben, und las in einem meiner Lieblingsschriftsteller. Es war mir
beruhigend, mich in die Gedankenwelt zu flüchten, da die Welt der Empfindungen
mein Herz so tief verwundete! Die ruhige Geschäftigkeit unserer Denkkraft ist
dem leidenden Gemüte, was ein stärkendes Bad dem ermüdeten Körper ist. Ein
labender Quell spühlet alles Beängstigende aus unsern Vorstellungen hinweg, und
wir empfangen, uns selbst unbewusst, mit dieser Stärkung des geistigen Vermögens,
auch eine freiere Ansicht unserer äussern Lebensverhältnisse.
    Elise kam nach einigen Stunden mit verweinten Augen in mein Zimmer. Sie
schloss mich mit ungewohnter Heftigkeit in ihre Arme, und rief mit einem süssen
Ausdruck der Liebe und Unschuld aus: Nein, das wird mich niemand auf der Welt
überreden, dass meine Agnes so fehlen kann! Guter lieber Engel, sagte sie, indem
sie ihre Hand sanft an meine Wangen legte, du dich verstellen können, du unwahr
und falsch sein! aber welche fatalen Umstände zwangen dich ... - Was redest du,
liebes Mädchen, fragte ich bewegt, wer beschuldigt mich der Falschheit? - Ich
sollte dir schweigen, musste selbst meinem Alban versprechen, dass ich es wollte,
fuhr sie fort, aber ich vermag es nicht, und ich will es nicht vermögen! Als ich
von dir ging, wollte ich auf den Balkon im grossen Saal, der Morgenluft geniessen,
und fand die beiden Albans in heftigem Wortwechsel auf- und abgehen. Beide
grüssten mich mit so verstörten Gesichtern, dass ich meinen Alban fragte, was
geschehen sei.
    Wir streiten über Agnes, sagte er mir, und ihre sonderbare geheimnisvolle
Aufführung .... - Die wir, eben weil sie geheimnisvoll ist, nicht tadeln können,
erwiederte Julius... - Aber die wir auch nicht ehren sollen, bis wir sie kennen,
sagte mein Alban mit grosser Heftigkeit, nicht mit einem unauflöslichen Band in
unsere eignen Verhältnisse verflechten, und zu unserer eignen Schande machen
müssen. - Bruder, nur du darfst mir dieses ungestraft sagen, rief Julius, und
verbiss seinen glühenden Unmut. Ich bat um Erläuterung über den Anlass zu diesem
Streit, und Julius erzählte mir den Vorfall der gestrigen Nacht. Und bemerken
Sie, Elise, sagte mein Alban, dass ich um dieselbige Stunde aus meinen Fenstern,
die auf den Garten gehen, eine vermummte weibliche Gestalt durch denselben
hereinkommen sah, die ihr Licht auslöschte, als sie sich dem Schloss näherte.
Wenige Minuten nach ihr kam aus einem kleinen Pavillon am Ende des Gartens Herr
von Nordheim, den ich ganz deutlich erkennen konnte, weil er ein Licht trug.
    Erzähle nun weiter, Nordheims Anmutung ... - Das ist alles nichts
beweisend, fiel Julius ein, gegen Personen, für die man lang verdiente Achtung
hegte. - Das ist der Fall bei Agnes, aber Nordheim kennen wir persönlich seit
wenigen Tagen, und können über seine Sitten nicht urteilen, fiel Alban ein.
Männer von so entschiedenen Verdiensten haben eine Toleranz vom Publikum zu
erwarten, die sie selten vergessen in Anschlag zu nehmen. Über das Betragen
gegen die Weiber herrschen sehr schwankende Maximen in der Welt, und dass
Nordheim nicht unter diejenigen gehört, die sich streng an die einmal
eingeführte Regel binden, das zeigt er durch sein Verhältnis mit der Gräfin. Er
ist zartfühlend, und das Mitleid für ein liebenswürdiges Mädchen wie Agnes,
könnte ihn leicht bewegen, sie auf deine Unkosten aus einer Verlegenheit zu
ziehen, da er deine Liebe für sie kennt. Undankbar ist es wenigstens nicht.
Menschen, die viel Verkehr mit der politischen Welt haben, gewöhnen sich leicht,
alles was sie umgibt, für Schachsteine anzusehen, die sie nach ihren
Bedürfnissen hin und wieder schieben können. Nun bat er Julius, mir den Vorgang
mit Nordheim zu erzählen, um mich selbst urteilen zu lassen.
    Als ich in mein Zimmer zurückkam, begann Julius, kam mir Nordheim mit
ernster Miene entgegen, und sagte: Herr von Alban, ohne meine Erinnerung werden
Sie wissen, was ein Mann von Ehre zu tun hat, wenn er ein liebenswürdiges
Mädchen in den Fall setzte, Schwachheiten für ihn zu zeigen. Ich traue Ihnen zu
viel Charakter zu, um zu befürchten, dass Sie sich durch eine Laune des Herzens
berechtigt hielten, Opfer anzunehmen, die ein weibliches Herz nur der treuen
festen Neigung ohne Schaden bringen kann. Wenn Sie wahrhaft lieben, bedürfen Sie
keiner Erinnerung, aber sollten Sie derselben bedürfen, so bin ich nicht der
Mann, in dessen Angesicht man die sanfte Hingebung eines weichen Herzens
ungerügt missbraucht.
    Julius sagte ihm, dass er sich irre, dass er aus einem ganz unvermuteten
Zusammentreffen falsche Folgerungen ziehe, dass du, meine Agnes, einet
leichtsinnigen Schwachheit so unfähig seist, als er selbst der Verführung. Die
Unbesonnenheit, die er mit dem verrufenen Zimmer im Comödienhause begangen, und
über die er seit einigen Tagen Gelegenheit gesucht, sich gegen ihn zu erklären,
mit dem Zufall in dieser Nacht zusammen genommen, könnten natürlich Verdacht bei
Nordheim erregen; - aber dass er ungegründet sei, versichere er ihn bei seiner
Ehre, und hoffe es zu beweisen.
    Elise gab mir hier zuerst Nachricht von jenem Vorfall, welchen ich früher
anführte, der mich in nicht geringe Verlegenheit brachte, aber auf der andern
Seite doch auch über Nordheims ungleiches Betragen beruhigte.
    Nordheim sei unüberzeugt geblieben, sagte mir Elise ferner. Mit Augen voll
Unwillens, und mit verbissenen Lippen habe er lang geschwiegen, und dann zu
Junus gesagt: Was soll ich von Ihnen denken? Ich hoffe nur aus jener, der wahren
Liebe so natürlichen Feinheit wünschen Sie Ihr Glück profanen Augen zu
verbergen. Aber Sie tun mir Unrecht. Ich habe kein gefühlloses Herz für die
Verirrungen einer jugendlichen Neigung. Es hängt nur von Ihrem fernern Betragen
ab, ob ich Sie tadeln, oder Ihnen aufrichtig Glück wünschen soll. Das Glück muss
den Blüten des Genusses folgen, sonst fällt mit diesen Blüten die beste Kraft
unsers Wesens ab. Was bleibt, bei den einmal festgestellten Verhältnissen,
einem armen Mädchen, die mehr Zärtlichkeit als Klugheit besass, anders, als
bittre Reue? Und wenn wir nicht entartet sind, was kann uns bleiben, als der
Unfrieden eines Räubers?
    Julius wiederholte ihm von neuem, dass sein Verhältnis mit dir ganz und gar
nicht von der Art sei, wie er es wähne.
    Herr von Alban, Sie werden wissen und fühlen, was Sie zu tun haben,
erwiederte Nordheim mit Heftigkeit. Nur noch eins erlauben Sie mir zu sagen, da
ich Ihre Familienverhältnisse ganz und gar nicht kenne, und nicht weiss, wie sehr
Sie darauf Rücksicht zu nehmen haben. - Als ein vertrauter Freund des
Pflegevaters Ihrer Geliebten, verspreche ich Ihnen, dass Sie über ihre Geburt,
wenn es möglich ist, Aufklärung erhalten sollen. Sollte es unmöglich sein, Ihre
Wünsche über diesen Punkt zu befriedigen, so nehmen Sie von mir die Versicherung
an, dass Agnes in einen Stand erhoben werden soll, der ihre Existenz in D.
glänzend machen wird. Auch soll sie ihrer Familie ein Vermögen hinterlassen, das
ihren Enkeln den Verlust der Ahnen ersetzen kann.
    Julius antwortete: wenn er dich glücklich machen könnte, so bedürfe er
keines fremden Motivs, dich zu heiraten, als seiner Liebe. Aber er sei nie
gewohnt, nach andern Gesetzen zu handeln, als nach denen, die ihm sein eigenes
Herz vorschriebe. Für heute nichts mehr, sagte Nordheim mit unterdrücktem
Unwillen. Ich hoffe, Sie sind morgen einig mit mir, dem lieben Mädchen alles
Erröten zu ersparen. Wo nicht, - so kenne ich meine Pflicht, die Unschuld in
meinem Hause vor jeder Beleidigung zu beschützen.
    Ich vermute, es fielen noch mehrere Anzüglichkeiten unter ihnen vor. Julius
hat nach der Stadt geschickt, um seine Pferde kommen zu lassen; sein Reitknecht
hält am Schlosstor, auch höre ich, dass er ein Billet für Nordheim zurück zu
lassen gedenkt.
    Julius ist voll Liebe für meine Agnes, voll Glauben an ihre reine Sitten,
und wünschte nichts eifriger, als dir seine Hand zu geben, nachdem er Nordheim
überzeugt haben würde, dass einzig der Wunsch seines Herzens eine Verbindung
zwischen euch schliesse. Mein Alban ist heftig dagegen, bis du dich über die
Geschichte der vergangenen Nacht gerechtfertigt hättest. Er fürchtet, Nordheim
liebe dich selbst, wolle aber wegen seines Verhältnisses mit der Gräfin nicht
heiraten, und wünsche dir durch eine Verbindung mit Julius ein bleibendes
Etablissement in D. zu verschaffen. Auch die Neigung des Prinzen für dich, die
sich gestern Abend so lebhaft äusserte, erregte Verdacht bei ihm. O was für
unselige Umstände mussten zusammentreffen, um dieses Misstrauen in dem edlen
Herzen meines Albans zu erzeugen! Elise sank an meine Brust und weinte heftig.
Beste Agnes! rief sie aus, ich beschwöre dich, löse diese schmerzliche
Verwirrung durch ein offenherziges Geständnis. Du kannst keine Schuld haben! und
ach! die halbe Freude meines Lebens ist dahin, wenn mich der Argwohn Albans von
dir trennt.
    Die treue Liebe des guten Mädchens stillte gleich einem labenden Tau die
Glut der Verwirrung in meinem Innern. Wie friedebringend und wie achtungswert
ist der stille Sinn, der die Gestalten seiner Liebe fest und rein zu bewahren
vermag, in jenem Gewirre ungünstiger Verhältnisse!
    Du vertraust meiner Unschuld mit Recht, liebstes Kind, sagte ich Elisen. Ich
verdiene deine Freundschaft, und du sollst ewig die meinige besitzen. Aber wir
müssen jetzt vor allen Dingen suchen, den Irrtum zwischen den zwei lieben
Männern aufzuklären. Sage Julius, dass ich ihn vor seiner Abreise zu sprechen
wünsche, und ich will Nordheim bitten lassen, auf einen Augenblick in mein
Zimmer zu kommen.
    In kurzem erschienen sie beide zugleich, und waren etwas verwundert,
einander anzutreffen. Ich suchte alle Verlegenheit zu überwinden, nahm Nordheims
und Julius Hand, und sagte: Da ich die unglückliche Ursache eines
Missverständnisses zwischen zwei edlen Gemütern bin, so wünsche ich, sie auch
wieder zu vereinen.
    Sie tun mir Unrecht, Herr von Nordheim, wenn Sie an meinen Sitten zweifeln:
- ich muss und will es ohne Verteidigung dulden, aber wenn Sie auch keinen
Glauben an mich fassen konnten, hätten Sie nicht das Andenken an meinen Vater in
Hohenfels zu Hülfe rufen können? Sollte die Kraft zum Rechten und Guten so
schnell in einem Gemüte verblühen, das durch seine Pflege gebildet wurde? Herr
von Alban hat sich immer als ein edler grossmütiger Freund gegen mich betragen,
und eben darum könnte ich seine Hand nicht annehmen, da ich keinem Freunde eine
Frau zu geben wünschte, deren Verhältnisse sie vielleicht zuweilen nötigen
könnten, den Anstand der Pflicht aufzuopfern. Auch ich, für mich, bin ganz und
gar nicht in der Lage, für jetzt an eine solche, Verbindung zu denken. -
    Und nun, meine teuren Freunde, geben Sie mir die Ruhe wieder durch die
Gewissheit, dass kein Zweifel mehr zwischen Ihnen Statt haben kann. Das Schicksal
eines unbedeutenden Mädchens soll nicht edle Männer entzweien, die bestimmt
sind, sich zu schönen Taten zu vereinigen.
    Nordheim und Julius waren bewegt. O wer, rief Nordheim aus, wer würde nicht
von dieser Sprache der Unschuld und Wahrheit, selbst gegen das Zeugnis seiner
eigenen Sinne hingerissen! Herr von Alban, sagte er, indem er Julius die Hand
zur Versöhnung bot, wenn ich Sie durch Misstrauen beleidigte, so verzeihen Sie es
der Sorge für dieses liebenswürdige Kind, und helfen Sie mir auch von ihr
Verzeihung erbitten! Julius fasste Nordheims Hand, und ich drückte die beiden
lieben vereinten Hände herzlich an meine Brust. Meine Tränen flossen
unaufhaltsam, mein tiefstes Wesen war aufgeregt von süssen, von schmerzlichen
Empfindungen, ich musste mich entfernen.
    Bettina benutzte einen günstigen Augenblick, wo sie mich allein im Garten
fand. »Ich habe eine Bitte an Sie, sagte Sie mir leise. O bewegen Sie Herrn von
Nordheim und die Gräfin, dass ich Sie in die Stadt begleiten darf! Ich weiss
nicht, wie mich Ihr Anschaun so verwandelt hat, meine sonst so geliebte
Einsamkeit scheint mir ein Grab. Ich fühle, wie wenig ich bin, aber zugleich den
Mut, noch mehr zu werden. In welch kindischer Gedankenlosigkeit verstrichen
meine Tage! Jetzt weiss ich, was ich werden möchte. Ein andres Dasein steht mir
so klar hier, (sie deutete mit dem Finger auf ihre Stirn) als wie die Gestalt
dieser Blume vor mir steht, ob sie gleich jetzt noch in der schwellenden grünen
Knospe verborgen liegt. O ziehen Sie mich in Ihr Dasein hinüber!« sagte sie mit
dem sanftesten Ton.
    Als ich Nordheim das Anliegen des guten Kindes vortrug, sagte er freundlich:
Sie kommen meinen Wünschen zuvor. Bettina hat das Alter erreicht, in welchem nur
der vertraute Umgang einer schönen weiblichen Seele ihre Bildung vollenden kann,
denn sie hat nicht Kraft genug, durch sich selbst das rechte Gleichgewicht zu
finden, aus welchem sich eine schöne Form zu entwickeln vermöchte. Die Mutter
hat nur einzig in ihrem Talent und in ihren Reizen gelebt: seitdem sie mit der
Jugend diese Existenz verloren, ist sie in jene Erschlaffung und Dumpfheit
versunken, mit der eine leere Seele immer in sich selbst zurückkehrt. Sie hat
sich, in ihrem Wahn, dem Himmel, aber eigentlich den Träumen ihrer frühen
Kindereinbildung zugewendet. Die todten Formen blieben in ihr liegen, weil keine
Vernunft sie belebte oder hinwegräumte, und geben jetzt einen matten Trost.
Beinah scheint mir die Furcht vor jeder Art von Gesellschaft, bei dieser Frau
noch auf etwas mehr verschobenes im Gemüt zu deuten, als einzig auf das
peinigende Gefühl der kleinen Eitelkeit, eine kleine Existenz überlebt zu haben.
Sie sehen aus diesem allen, fuhr er fort, dass Sie mir durch Ihre Güte für
Bettina eine Sorge vom Herzen nehmen, ich will dem guten Geschöpfe herzlich
wohl. Wie gern, beste Agnes, verdanke ich Ihnen dieses! Wie gern verdanke ich
Ihnen alles! Er fasste meine Hand heftig, liess sie aber im Augenblick wieder los,
und entfernte sich.
    Die Gräfin willigte sogleich in unsern Vorschlag wegen Bettina ein, und die
Mutter wurde nunmehr befragt.
    Nach einer halben Stunde kam Battista gelaufen, und rief: Meine Mutter
wünscht die junge fremde Dame zu sprechen, welche so viel Güte gegen ihre
Tochter bezeugt.
    Das ist höchst sonderbar, sagte Nordheim. Ich folgte Battista durch ein
zierliches Blumengärtchen in das kleine Wohnhaus. Eine Frau von grosser Gestalt
und sehr feinen Gesichtszügen, in denen aber eine beunruhigende Lebhaftigkeit
lag, empfing mich an der Treppe; sie schien verlegen, suchte dies aber hinter
einem kalten und steifen Anstand zu verbergen. Schweigend führte sie mich ins
Zimmer, welches mit Verzierungen überladen war, und mehr für Nordheims
Freigebigkeit, als für den guten Geschmack der Bewohnerin zeugte. Die Mutter
befahl Battista, uns zu verlassen. Als wir allein waren, fasste sie meine beiden
Hände, sah mir starr, doch freudig ins Gesicht, und rief: Ja, das ist sie! das
ist die Gestalt, die du mir als meine Beschützerin zeigtest, heilige Jungfrau!
so schwebte sie aus goldnen Wolken zu mir hernieder; das sind dieselben blonden
Locken, wie sie jenes himmlische Haupt umwallten. Ich erkenne das sanfte Lächeln
wieder, welches die Hoheit der verklärten Züge milderte. Ja sie wird, sie muss
mir helfen!
    Ich war erschrocken, und wusste nichts zu sagen.
    Sie fasste sich, sass einige Augenblicke mit beinah geschlossnen Augen neben
mir, und fragte dann heftig: Welche von Ihnen beiden ist die Braut unsers guten
Herrn, die Gräfin von Wildenfels oder Sie?
    Ich antwortete, dass von keiner Heurat des Herrn von Nordheim die Rede sei.
    Die Gräfin ist es nicht? rief sie freudig, und Sie können es werden. O
schönes gutes Mädchen, wie innig soll es mich freuen, Sie als die Gemahlin
meines Beschützers zu verehren! Gewiss Sie machen einen sonderbaren Eindruck auf
ihn! Nie sah ich ihn noch so himmlisch heiter, so sanft, so leuchtend möchte ich
sagen von Leben und Freude, als wie er gestern neben Ihnen einherging. Innigst
freute ich mich dieser Erscheinung, aber man sagte mir diesen Morgen, er werde
seine Vermählung mit der Gräfin feiern. Es drang ein kalter Schauer durch meine
Adern, Sie fühlen, ich habe mich noch nicht vom Schrecken erhohlen können.
    Die Reden des Weibes waren mir ein unbegreifliches Rätsel, aber immer
bindet es uns mit einer gewissen magischen Gewalt selbst an das gleichgültigste
Geschöpf, wenn wir den liebsten Wunsch unsrer Seele auch von seinen Lippen
vernehmen.
    Jetzt nahm sie ein verschlossnes Kästchen aus ihrem Schreibepult, ihre Hände
zitterten, mit gen Himmel gerichteten Augen drückte sie das Kästchen an ihre
Brust, und rief: Heilige Jungfrau! du selbst gebotest mir, ich folge deinem
Wink, er kann mich nicht irre führen!
    Starr richteten sich nun ihre Augen auf mich, indem sie fortfuhr: Seit
langen Jahren vertraute ich keinem menschlichen Wesen, und seit ich durch das
Bekenntnis meiner Schuld von einem frommen Vater Vergebung empfing, seit dieser
Zeit beschloss ich, mein Geheimnis auf ewig in meiner Brust zu begraben.
Gleichwohl drängten sich mancherlei Umstände, und meiner Kinder Schicksal
foderte eine schmerzliche Eröfnung meines Herzens. Auf der andern Seite hiess
mich auch manches schweigen. So rang ich mehrere Monate nach einem Entschluss,
und lebte im schmerzlichen Kampf. Ich flehte oft zur Mutter Gottes um einen
leitenden Wink, endlich erschien sie mir im Traum, hielt eine Heilige an der
Hand, und sagte zu mir: Dieser vertraue!
    Ich fühlte mich beruhigt, und wartete mit stillem Geist auf die Deutung
dieses Gesichtes. Beim ersten Blick, den ich auf Sie warf, als Sie durch den
Garten mit Herrn von Nordheim kamen, erkannte ich jene himmlische Traumgestalt.
Um so mehr erschienen Sie mir als ein hülfreicher Engel zur schlimmsten Stunde
der Not, weil ich die Gräfin neben Ihnen erblickte. Sie werden dieses in der
Folge verstehen. Ich sah Sie noch oft lange und genau an, ohne von Ihnen
bemerkt zu werden, und überzeugte mich ganz, dass ich mich nicht getäuscht hatte,
als ich in Ihnen die versprochne Retterin zuerst erkannte. Die schwere Last fiel
von meinem Herzen durch diese augenscheinliche Hülfe des Himmels. Nun vertraue
ich Ihnen mein und meiner Kinder Schicksal in den Papieren an, die dieses
Kästchen entält. Schwören Sie mir, dass unser Herr die Gräfin von Wildenfels
nicht zum Altar führen soll, bevor Sie es eröfnet, ihr den Inhalt der Papiere
verkündigt, und das Versprechen von ihr empfangen haben, dass sie für meine
Kinder Sorge tragen will. Sind Sie die Braut, so werden Sie die Beschützerin
meiner Kinder, und öfnen an Ihrem Hochzeittag das Kästchen. Herr von Nordheim
wird dann um Ihrentwillen der Vater meiner Kinder bleiben, wie er es jetzt durch
Güte und Sorge ist. Oft fühlte ich den Drang, meine Seele vor ihm
aufzuschliessen, aber die Ehrfurcht hielt das Vertrauen gebunden.
    So glaubte ich mir aus der schmerzlichen Verwirrung geholfen zu haben, fuhr
sie fort, nachdem sie wenige Momente in Nachdenken versunken, unbeweglich vor
mir stand. Schwören Sie mir nun, sagte sie feierlich, bei allem was Ihnen heilig
ist, schwören Sie mir bei dem Allwissenden, meine Bitte zu erfüllen, und geben
so einer Unglücklichen die Ruhe wieder!
    Ihre Augen waren mit wildem schmerzlichen Verlangen auf mich geheftet, alle
ihre Züge blieben wie erstarrt, und der Mund halb geöfnet. Ich gelobte die
Erfüllung ihrer Bitte, sofern sie in meinen Kräften stünde, indem ich den
Allwissenden zum Zeugen anrief. Jetzt fiel sie mir zu Füssen, benetzte meine
Hände mit Tränen, und pries sich selig, von dem bängsten Zustande befreit zu
sein. Ich suchte sie zu den gesunden wahren Gefühlen der Natur zurück zu führen,
indem ich von dem Schicksal ihrer Tochter redete, und für sie Sorge zu tragen
versprach. Mir dünkte, die Einsamkeit sei ihr schädlich, und werde sie am Ende
ganz zur Schwärmerei führen, so wie dieses vielleicht bei jedem erfolgen muss,
der sich nicht durch Beschäftigung des Verstandes im gehörigen Gleichgewicht zu
erhalten weiss. Jeder braucht im gewissen Sinn das Leben mit Andern, um seiner
selbst gewiss zu werden, aber Menschen von schwachen Fähigkeiten denken allein
mit den Worten und Formen, die sie von Andern empfangen.
    Ich sprach von Entwürfen, auch die arme verstimmte Frau, so wie ihre
Tochter, wieder in das gesellige Leben zu verflechten, aber sie sagte traurig
lächelnd: Nein, die Nachtigallen sind im Winter unansehnliche lästige Tiere,
ich will einsam bleiben, bis ich im Chor der Engel wieder singen kann.
    Bettina sollte mir noch denselben Abend das geheimnisvolle Kästchen
überliefern, ihre Mutter schien keinen vollkommenen Frieden zu finden, bis sie
jedes sinnliche Zeichen ihres schmerzlichen Geheimnisses von sich entfernt
hatte.
    Ich begegnete Nordheim und Julius als ich durch den Garten zurück ging. Sie
schienen in einem vertraulichen Gespräch begriffen. Nordheim fasste meine Hand,
und fragte: wie ich Madame Barsino gefunden?
    Mir dünkt, sagte ich, ihr Gemüt bedürfe eines starken äusseren Anstosses, um
die tiefen Spuren der Vergangenheit wieder auf eine leichte Art mit der
umgebenden Welt vermischen zu lernen.
    Der Rest des Lebens, sagte Nordheim, muss notwendig schaal sein, wenn der
Anfang nur der einseitigen Kultur eines Talents gewidmet war, dessen wir uns nur
durch Andere erfreuen können. Nur Geist und Liebe tragen Frucht in jeder Region
des Lebens.
    Wir standen an einer Bank, über welcher sich eine Laube wölbte. Nordheim
hiess uns sitzen. Es war etwas zärtlicheres in seinem Betragen, als ich noch je
wahrgenommen, und der Ton seiner Stimme wurde weicher und zärter, wenn er mit
mir sprach.
    Ist es der Wunsch, ein angetanes Unrecht vergessend zu machen? Ist es
Liebe?
    Dieser Zweifel bewegte meine Seele, aber lebendig drang die holde
Erscheinung zu meinem Herzen. Julius, Nordheim und ich waren in der lebhaftesten
Stimmung, nur abgebrochne Worte hielten den Faden der Unterhaltung zusammen.
Etwas Unaussprechliches, Unendliches füllte unsre Busen, glänzte in unsern
Blicken, arm und leer schien jedes Wort, wir unterhielten uns von den
entferntesten Dingen, um nur das nächste Gefühl unsers Herzens nicht zu
verraten. Der Wunsch, mit Nordheim allein zu sein, wechselte mit einer
sonderbaren Furcht vor einem entscheidenden Augenblick, in welchem ich das
Geständnis seiner Liebe empfangen sollte, und Julius schien selbst so nach einer
Gelegenheit zu suchen, uns mit Anstand zu verlassen, und nur aus Verlegenheit zu
bleiben, dass ich nicht unzufrieden mit ihm sein konnte. Ich wünschte auch
eigentlich seine Entfernung nur, weil ich fürchtete, es müsse ihn schmerzen,
wenn er den vollen Ausdruck meiner Liebe gegen Nordheim als Augenzeuge empfände.
Ich hätte ihn mit mir an der Brust meines Geliebten gewünscht, selig mit mir im
reinsten Genuss an dem liebeschlagenden Herzen.
    Unsre lebhafte Stimmung stieg beinah bis zur schmerzlichen Spannung. Es zog
sich gleich einer drückenden Gewitterwolke um uns her, die sich nur in Blitzen
entlasten konnte.
    Julius stand auf, und war im Begriff sich zu entfernen. Die lieblichste
heiligste Ahndung einer glücklichen völlig einverstandenen Liebe bebte durch
mein Wesen; - aber in dem Augenblick verliess uns Nordheim mit einer flüchtigen
Entschuldigung von Geschäften.
    Meine Arme erhoben sich unwillkührlich, die geliebte Gestalt fest zu halten,
mein Herz schlug gewaltig gegen meine Brust, und ein lauter Seufzer verriet
Julius meinen Zustand.
    Was habe ich getan, rief er schmerzlich aus. Warum zögerte ich, mich zu
entfernen? Warum muss ich Unseliger! immer der Glückseligkeit des liebsten Wesens
im Wege stehen?
    Seine Verwirrung gab mir meine Fassung wieder.
    Lieber Freund, sagte ich ihm, dar Schicksal lässt sich die schönsten Blumen
des Lebens nicht entreissen, sondern reicht sie nur freiwillig dar. Sollte mir
noch gewährt sein, Nordheims Liebe zu gewinnen? Alles beinahe heisst mich
zweifeln.
    Ich empfand in diesem Augenblick, wie ich sprach; Furcht und Verlangen
erhalten unser Gemüt notwendig im Irrtum. Nordheim konnte selbst wünschen,
mich mit einem andern Manne zu verbinden; wie kann er mich lieben? So schloss ich
natürlich in dem Moment einer getäuschten Hoffnung.
    Julius Blicke ruhten mit der zärtesten Teilnahme auf mir. Vertrauen Sie
meinen Augen, liebste Agnes, sagte er sanft. Sie werden geliebt. Einfacher,
klärer fasst eine weibliche Seele das Gefühl der Liebe; mit mannichfachen oft
streitenden Gestalten vermischt es sich in der Brust des Mannes. In einer so
reichen Natur wie Nordheim, wo so hohe Kräfte wirken, muss die Liebe eine ganz
eigne, neue Gestalt annehmen, die zu mancher Täuschung Anlass geben kann.
    Ich fühlte mich gestärkt und beruhigt, mehr durch das Anschaun von Julius
schönem Wesen, das seine Freiheit bei dem lebhaftesten Empfinden so rein zu
bewahren vermochte, als durch die Hoffnungen, welche er mir einzuflössen strebte.
    Wir kehrten noch denselben Abend nach der Stadt zurück. Der Prinz hatte die
ganze Gesellschaft dringend eingeladen, sich bei einem Fest einzufinden, welches
er seiner Schwester zu Ehren veranstaltet hatte.
    Ungern trennte ich mich von dem Wohnort meines Geliebten. Die Gärten, das
Haus, die Zimmer und alles was sie entielten, schienen mir als sein Eigentum
von seiner Gegenwart belebt und verschönert zu sein. Ein freundlicher Schimmer
erleuchtete alles was mich umgab; so wie ein heitrer Sonnenblick uns alle Formen
einer wohlbekannten Gegend gleichsam erneut, und näher an die Seele bringt.
    Die nächsten Tage waren geräuschvoll. Mir war nie wohl unter dem Gewühl
einer bunten Menge, sie brachte mich immer in eine Art von Betäubung, in welcher
ich den Mangel an innrer Klarheit schmerzlich empfand.
    Die Gestalt der Prinzessin ergriff mich mit sonderbarer Gewalt. Sie sass in
einem Zirkel von Damen, als ich mich ihr näherte. Ihr Anstand war edel, ihr Putz
einfach und geschmackvoll. Ich musste den Zirkel vermehren, und als ich ihre
Gesichtszüge genauer betrachten konnte, fand ich sie alle von dem Ausdruck
unaussprechlicher Lieblichkeit belebt.
    Nur wenig, und sehr leise wurde von den Damen gesprochen; die Prinzessin
schwieg, oder sagte ihren Nachbarinnen ein paar Worte, von denen ich nichts
vernehmen konnte. Endlich wendete sie sich mit einer Frage an mich. Der Ton
ihrer Stimme durchdrang mein Innres. Meine Nerven bebten. Die Verzierungen der
Zimmers, die Personen der Gesellschaft schwankten vor meinen Blicken, mit Mühe
hielt ich mich auf meinem Stuhle. Ich sass neben einer gutmütigen geschäftigen
Alten, sie fasste mich bei der Hand, und wiederholte mir leise die Frage der
Prinzessin. Ich stammelte einige Worte gegen diese. Die gute Alte hielt meinen
Zustand für Verlegenheit, und suchte dem armen Landmädchen zu Hülfe zu kommen.
Der Prinz näherte sich uns, die Prinzessin sprach viel und lebhaft, ich bekam
nach und nach meine Fassung wieder, und schalt mich töricht, einem ersten
Eindruck der Macht eines Tones solche Gewalt über mich gestattet zu haben.
    Der Prinz begegnete mir im Angesicht der Gesellschaft, und vorzüglich unter
den Augen seines Vaters mit zurückgehaltener Aufmerksamkeit. Dennoch fanden die
Hofleute, deren Scharfsinn nur ein einziges Feld, die Schwachheiten ihres Herrn
kennt, sehr bald etwas Auszeichnendes in dem Betragen des Prinzen gegen mich.
Ich musste manches Lob und manchen Tadel ertragen, ohne beides zu verdienen.
    Ich fühlte, dass Nordheim und Julius über mein Verhältnis mit dem Prinzen
wachten; ihre gegenseitige Vertraulichkeit schien täglich inniger zu werden. So
sehr es mich freute, zwei mir so werte Menschen vereinigt zu sehen, so
schmerzlich fühlte ich doch die Veränderung in Nordheims Ton gegen mich. Die
Güte eines zärtlichen Vaters lag in seinem Blick, so wie in dem Sinn seiner
Rede. Täglich sah ich ihn, täglich entfaltete sich sein Wesen in neuer
Liebenswürdigkeit, und gerade in einer Art der Liebenswürdigkeit, die unsre
ganze Weiblichkeit mit Verlangen befängt.
    Der Wunsch, Liebe zu gewinnen, anzugehören, ergreift unser Wesen nie stärker
und inniger, als wenn wir eine hohe Kraft in Tätigkeit erblicken. In den
leichten Verhältnissen der Gesellschaft war Nordheim hingebend, wohlwollend,
voll hinreissender Grazie, aber sobald es ein ernstes Verhältnis galt, stand er
mit unerschütterlicher Festigkeit bei seinen Grundsätzen. Voll Mut und Würde
glich er einem kräftigen Löwen, der die Insekten grossmütig in seinen Mähnen
spielen lässt. Selbst die sinnloseste Menge hat die Ahndung einer
unüberwindlichen Kraft, und fühlt ihre ganze dumpfe Beschränkteit in ihrer
Nähe. Des Prinzen allgemein bekannte Freundschaft für Nordheim gab ihm Einfluss
auf den Zirkel der Geschäftsleute, sein heller Verstand war die Freude der
Rechtschaffenen und das Schrecken der Arggesinnten.
    In der Einsamkeit meines Zimmers überliess ich mich der Sehnsucht nach den
ersten lieblichen Träumen, die mich aus dem frohen Gleichmut der Kindheit
erweckten.
    Nordheim liebt mich nicht. - Welchen Ersatz vermag mir das Schicksal für den
Verlust dieses einzig schönen Glückes darzubieten?
    Nur das Andenken an meinen Vater in Hohenfels, der Wunsch sein Alter zu
beglücken, wie er meine Kindheit verschönerte, diese erhielten meinen
Lebensmut.
    Die Sorge für Bettina verband sich mit dem Andenken an meinen Vater, um das
Gleichgewicht in meinem Gemüt zu erhalten, wenigstens jedes äussere Zeichen des
Unmutes zu unterdrücken. Bettina war viel in meinem Zimmer. So wie ich über den
ruhigen Kreislauf ihrer Beschäftigungen wachte, erinnerte ich mich selbst an
Arbeiten, die meine Träume unterbrachen. Lust und Reiz war mit der Hoffnung der
Liebe entflohen, und mein erloschnes Auge kündigte ein Gemüt an, das in sich
selbst zurückkehrt, den Mut aufsucht, um den freudenlosen Gang durchs Leben zu
vollenden.
    Nordheim schien den wahren Zustand meines Innern zu übersehen; oft schien es
sogar, als hielt er sich an die falsche Seite einer erkünstelten heitern Laune,
die ich der Gesellschaft darbot.
    Julius kannte mein Herz, und betrug sich mit edler Feinheit. Er vermied,
sich mir zu nähern, um allem Anschein von Ansprüchen auszuweichen. Wenn er es
irgend konnte, ohne bemerkt zu werden, sagte er mir ein herzliches Wort, das
innigen Anteil an Leidenschaft verriet. Ich fühlte den Wert dieses Betragens,
und lernte seine gleich schöne und starke Seele täglich mehr schätzen.
    Die Gräfin verhielt sich seit der ersten und einzigen Erklärung gegen mich
ganz passiv. Die Eröfnung ihres Herzens schien mit einer schmerzlichen
Anspannung ihres ganzen Wesens verbunden zu sein, und sie in einen so
gewaltsamen Zustand zu versetzen, den sie wo möglich zu vermeiden suchte. Sie
betrug sich mit sanfter schonender Gefälligkeit, als fühlte sie meinen Zustand,
aber als habe sie die Pflicht einer Freundin schon gegen mich erfüllt, und müsse
mich meinem Schicksal überlassen.
    Elise war zart und liebend, aber von zu wenig Energie für solch eine Lage;
auch hatte Albans Misstrauen gegen mich die Vertraulichkeit unsers kleinen
Zirkels in etwas vermindert.
    Der Prinz war nur mit sich beschäftigt, so sehr er auch nur mit mir
beschäftigt scheinen wollte, vielleicht es selbst zu sein wähnte.
    So war ich mitten in einem Zirkel treflicher Menschen dennoch einsam und mir
selbst überlassen.
    Der erste gewaltige Eindruck, welchen die Prinzessinn auf mich gemacht
hatte, liess eine Art von Furcht, mich ihr zu nähern, in mir zurück. Gleichwohl
zog sie mich gewaltig an, mit einem sonderbaren Vergnügen stand ich hinter ihrem
Spieltisch, ihre unbedeutendsten Worte blieben in meinem Gedächtnis, und wenn
ich im Vorübergehen ihr Gewand berühren konnte, fühlte ich ein unbegreifliches
Vergnügen. Die Prinzessin schien mich ganz zu übersehen, aber zuweilen suchte
mich ihr glänzendes Auge in einer Ecke des Saales auf, wo ich es am wenigsten
erwartete. Sie ist dir nicht ungeneigt! sagte ich mir mit innigem Vergnügen, und
nur meinem ersten kindischen Benehmen schrieb ich es zu, dass sie mir eine neue
Verlegenheit ersparen und nicht wieder mit mir sprechen wollte.
    In Augenblicken, wo ich es nicht vermeiden konnte, mit dem Prinzen allein zu
sein, sprach er von Leidenschaft. Ich wurde oft unwillig, einen Charakter, der
mir anfänglich im schönen Lichte erschienen war, durch solch eine Schwachheit
entstellt zu sehen. In seiner Neigung war mehr Begierde als Zärtlichkeit, und,
selbst mit einem ganz freien Herzen, hätte ich ihr widerstanden.
    Ich stand eines Abends, als Gesellschaft beim Fürsten war, mit einigen
jungen Damen in einem Fenster des Saals. Der Prinz wusste sie durch einen Vorwand
zu entfernen, und als ich ihnen folgen wollte, hielt er mich mit Gewalt zurück.
Agnes! verdien' ich diese Kälte? sagte er heftig. Ist es meine Schuld, dass ich
gebunden bin durch unleidliche Verhältnisse, dass ich Ihnen jetzt nur ein Herz
anbieten kann? O ich bin unglücklich genug, unter dem Zirkel hirn- und herzloser
Puppen, die meinem Stand und Reichtum so platt entgegen kommen, ein gutes Herz
gefunden zu haben, es mit wahrer Neigung zu umfassen; und von diesem verkannt zu
werden! Warum entziehen Sie mir die Blüte Ihrer Schönheit? O wir Fürsten sind
Opfer der Verhältnisse! selbst unsre Freunde entfernen sich von unsern ächt
menschlichen Gefühlen, und ihr mitleidsvoller Blick wiederholt es: - Ihr seid
Opfer!
    Die Stadt lag vor uns am Fusse des Berges, und die Lichter in den Häusern
glänzten durch die dunkle Nacht. Ich war gerührt und sagte: Teurer Prinz, es
kann nur eine trübe Laune sein, in welcher Sie Ihre Bestimmung verkennen, die
den höchsten menschlichen Kräften die schönste Übung gewährt. Sollte es Ihrem
Herzen nichts sagen, wenn Ihr Nahme in stillen Familienzirkeln als ein guter
Genius genannt wird? Wenn aus Ihrem hellen Verstand, aus der Kraft Ihres Herzens
der Wohlstand dieser Gegend erblüht?
    O meine Agnes, sagte er, Sie entflammen nur das Verlangen nach Ihrem Besitz,
indem sich Ihre geistige Schönheit vor mir entüllt. Ich will streben, das zu
werden, was Sie wünschen! Nehmen Sie diesen Ring, Geliebte, fuhr er fort, zum
Pfand alles Guten, was dieser Augenblick in mir entfaltet. Jene erste glückliche
Täuschung, welche ich durch ihn erfuhr, werde ich nie vergessen.
    Er verliess mich in heftiger Bewegung, und der Ring blieb an meinem Finger.
Es war dasselbe Bild seiner Schwester, welches ich mit so sonderbaren Regungen
angesehen hatte.
    Als ich wieder ins Gesellschaftszimmer gehen wollte, wickelte sich eine
Gestalt aus den Vorhängen des Fensters, welches zunächst an dasjenige stiess, wo
ich mit dem Prinzen gestanden. Ich eilte vorbei, aber ich fühlte mich gehalten,
und zärtlich umschlungen.
    Ich erkannte die Prinzessin. Gutes Kind, sagte sie, ich nehme herzlichen
Anteil an Ihnen, kommen Sie, wir schwatzen ein wenig zusammen.
    Ihre Stimme zitterte, aus Verlegenheit, wie ich es deutete, mich und ihren
Bruder vielleicht gegen ihren Willen belauscht zu haben.
    Ich musste mich neben sie setzen, und sie fuhr fort.
    Ich habe Ihre Unterredung mit meinem Bruder gehört. Ob ich zufrieden mit
Ihnen bin, fühlen Sie. Ich beklage ihn, und freue mich zugleich, dass er so
wählen konnte. Leicht und beweglich wie die Farben der Iris, Kinder aller
Elemente sind unsre Neigungen, und wie sie jenen gleich aus Regen und
Sonnenschein entstehen, so verkünden sie doch auch nur, wie sie, aufs neue
Regen. Ich wünschte Ihnen ein heiteres Dasein unter einem blauen wolkenlosen
Himmel. Darf ich einen Mann nennen, neben welchem Sie dieses finden würden?
    Ich schwieg bewegt und verlegen.
    Darf ich? fragte sie aufs neue. Darf ich Julius von Alban nennen?
    Er ist ein edler, achtungswerter Mann, sagte ich.
    Ich habe den rechten Nahmen nicht genannt, erwiederte die Prinzessin. Ich
muss Ihr Vertrauen erst verdienen lernen, liebste Agnes. Sie hielt meine Hand,
ihr Bild fiel ihr in die Augen.
    Das ist der Ring meines Bruders!
    Trage ich ihn auch mit Ihrer Genehmigung? fragte ich. Ich leugne nicht, ich
würde mich nur mit Schmerzen von diesem lieben Ringe trennen. -
    Von welchen Erinnerungen sprach mein Bruder?
    O von den heiligsten meines Lebens! sagte ich mit einer Offenheit, die ich
mir selbst im nächsten Moment vorwarf.
    Wie das? fragte die Prinzessinn heftig.
    Ich war verwirrt, und fuhr fort: Er gibt mir die wunderbarste Reminiscenz
durch die Ähnlichkeit mit einer sehr geliebten Person.
    Lassen Sie uns zur Gesellschaft gehen, sagte sie, indem sie rasch aufstand,
und mich mit sich in den Saal zog.
    Charles kam den nächsten Morgen zu mir. Er brachte mir einen zärtlichen Gruss
von meiner Mutter, und eine Ermunterung unsre für jetzt notwendige Trennung
ruhig zu ertragen. Der Inhalt meines Briefes habe sie betrübt, sagte mir
Charles, doch werde sie nie nach einem Einfluss in mein Schicksal streben,
welcher meiner Neigung Gewalt antun könnte. Ein gesundes Gemüt werde durch
sich selbst mit allen Erscheinungen im Leben fertig, und lerne seine Macht
kennen, sie zu verwandeln, oder zu ertragen. Ihre Mutter, fuhr Charles fort,
vertraut Ihrer guten Natur. In einem heftigen allbezwingenden Verlangen lernt
unser Wesen seine ganze Kraft empfinden. Die Illusion der Leidenschaft ist in
der Ökonomie der menschlichen Natur, was die Blüte in der Pflanzenwelt ist. Die
Schönheit umschleiert den Moment, wo sich die Kraft und Gestalt eines Wesens
entscheidet. Ich zweifle nicht, meine Agnes wird in reiner tadelloser Form aus
dieser Verwandlung hervorgehen, und mit erhöhter Kraft zum Leben und Wirken
gerüstet. Eine Seele, die im Zauber der lebendigen Fantasie ihre entflohenen
Freuden und Leiden zurückzurufen vermag, bewahrt leichter das heilige Gesetz der
Billigkeit gegen andere, als lebendiges, gegenwärtiges Gefühl in der Seele. Sie
werden Ihre Mutter bald wiedersehen, auch in kurzem Ihren Pflegevater in
Hohenfels, und wenn Sie selbst wollen, werden Sie an seiner Seite einen Kreis
der Tätigkeit finden, der Ihnen das Glück der Liebe ersetzen kann, oder in
stäter Dauer bewahren wird.
    Charles brachte in jeder Woche einige Morgenstunden bei mir zu. Er liess mich
Zeichnungen kopieren, die er selbst nach den besten Meistern entworfen hatte.
Ich wählte eine Landschaft nach Poussin, und während dieser Arbeit fielen unsre
Gespräche auf die wichtigsten Gegenstände.
    Charles herzlicher Anteil, und die Klarheit seiner Vorstellungen wirkten
wohltätig auf mein Gemüt. Ich wurde mir selbst klärer in seinem Umgang. Er
fasste meinen Zustand, und suchte die verworrenen Bilder zu zerstreuen, welche
meine Fantasie aus den grossen Cirkeln der vergangenen Abende zurückgebracht
hatte. Ich heftete mich an ihn, und ehrte ihn wie einen guten Genius, der den
Faden meines geistigen Daseins aus dem Gewühl des Sinnlichen zu lösen vermochte.
    Meine kleine Kunstarbeit hatte während unsrer Gespräche guten Fortgang. In
jeder Darstellung eines grossen Sinnes liegt eine gewisse magische Kraft gleich
als für immer gefesselt, sie bewegt jeden fühlenden Beobachter, er fühlt eine
fremde Gewalt, die seine Kräfte aufregt und emporzieht. So wirkte auch der Geist
des grossen Meisters, dessen Dichtung vor uns lag, still und erhebend auf mein
Gemüt; und das Andenken an meine Mutter, das mir in Charles Gespräch beinah zu
einer geheimnisvollen Gegenwart wurde, stärkte mein Herz in dem zarten süssen
Leben der Hoffnung.
    Ich war heiterer und lebendiger nach jeder Zusammenkunft mit Charles, und
hatte manche kleine Spötterei der Gräfin über den Einfluss des Zeichenmeisters
auf meine Laune auszustehen.
    Bettina war oft gegenwärtig, während Charles bei mir war, sie zeigte viel
Freude und Geschicklichkeit zur Kunst, und gewann Charles Neigung sehr bald.
    Die Kleine hatte ihre Liebe zu Nordheim so innig mit der Neigung gegen mich
vereinigt, dass wir beide gleichsam zu einem Bilde in ihrer Vorstellung
zusammengeflossen waren. Je inniger sie uns in sich vereinte, je schärfer
trennte sie jede dritte Erscheinung von der unsern. Jede kleine Vertraulichkeit
Nordheims mit der Gräfin schmerzte sie tief, sie kam traurig zu mir, und
verweilte mit ihrem kindischen Geschwätz bei jedem kleinen Umstand. Sie machte
auch in Charles Gegenwart oft bittre Anmerkungen über die Gräfin, und schwatzte
nach und nach so viel, dass Charles den Grund ihres Herzens und des meinen
erblickte. Nein, rief sie einmal heftig aus, nein, es ist unmöglich, dass
Nordheim ein anderes Weib als meine Agnes lieben sollte! Ich suchte meine
Bewegung durch einen Scherz zu verbergen, aber ich fühlte es, Charles hatte mein
Geheimnis erraten.
    Mir selbst blieb Nordheims Verhältnis mit Amalien immer ein Rätsel, ich
scheute mich bei den Kleinheiten der Eifersucht in meinem Gemüt zu verweilen,
und verstattete mir keine genauere Beobachtungen. Es fuhr gleich einem kalten
Stahl durch meine Brust, wenn ich die Gräfin mit Nordheim allein fand, meine
Lippen bebten, und meine Worte wurden zu unsichern Lauten. Aber ein freundliches
Wort von Nordheim, voll einfachen treuen Sinnes, brachte den Frieden in meinem
ganzen Wesen zurück. Was willst du? fragte ich mich selbst; nimmt er nicht Teil
an dir, will dir wohl? ist das nicht schon so viel? ist es nicht genug?
    Ein sonderbarer Vorfall zeigte mir auf einmal die ganze Gewalt der
Leidenschaft über mein Herz, indem er den freundlichen Wahn der Erfüllung
zerstörte, welcher sich insgeheim immer an unsern heissesten Wunsch anschmiegt,
so sehr unser klarer Verstand ihn auch zurückzuweisen strebt.
    Die Hindernisse, welche Elisens Verbindung im Wege standen, waren nunmehr
besiegt, der Tag der Hochzeit war festgesetzt, und der Hof nebst der ganzen
Gesellschaft versammelte sich bei Elisens Tante, um der Trauung beizuwohnen. Die
Gesellschaft verteilte sich bis zum Anfang der Ceremonie in mehrere Zimmer.
Elise nahm mich geheimnisvoll bei der Hand, und führte mich in ein Kabinet, wo
ich den Prinzen fand.
    »Verzeihen Sie das, was ich Ihnen zu sagen habe« redete er mich an: »es ist
ein Auftrag meiner Schwester, welche uns seit wenigen Tagen verliess.«
    Die Prinzessin hatte mich seit der letzten sonderbaren Szene ganz
vernachlässiget; ich war durch ihr Betragen gekränkt, weil etwas unaussprechlich
Anziehendes für mich in ihrem Wesen lag.
    »Meine Schwester und ich,« fuhr der Prinz fort, »vereinigen uns mit den
Wünschen Ihrer Freundin, heut mit einem liebenden Gemahl zugleich auch eine
geliebte Schwester zu besitzen.«
    Elise lag in meinen Armen. O meine Agnes, gewähre uns allen dieses Glück!
rief sie aus. Mein Alban bittet für seinen Bruder, Julius bittet nur mit stiller
Liebe und Treue.
    Geben Sie uns allen die Freude, Sie für immer unter uns zu sehen, sagte der
Prinz. Selbst mein Vater ist von dem Zauber Ihres Betragens gerührt, und
wünscht, Sie möchten bei uns leben. Er wird Julius in eine Lage setzen, welche
Ihnen eine angenehme Existenz versichert.
    Der Fürst trat herein, und sein freundliches gütiges Lächeln über den
ernsten Zügen, die aus allen ihren gewohnten Falten gerückt waren, ergriff mich
auf eine sonderbare Art, und rührte mich bis zu Tränen.
    Ein geschäftiges Männchen unter den Hofleuten hatte etwas von der Szene
durch die halboffne Tür gesehen, und breitete in den andern Zimmern die
Nachricht aus, ich empfinge die Glückwünsche zu meiner Heurat. Das Kabinet
füllte sich, Nordheim kam mit den Übrigen, blieb ernstaft an der Tür stehen,
ohne ein Wort zu sprechen. Julius erfuhr von Elisen die Veranlassung dieses
Auftritts. Er sah mich in der peinigenden Verlegenheit, wagte nicht, sich mir zu
nähern, und bat die Gräfin, mich von der lästigen neugierigen Menge zu befreien.
    Ich hatte mich unterdessen gefasst, und ersuchte den Prinzen, seinem Herrn
Vater meinen Dank auszudrücken, nebst dem Wunsch, für jetzt noch unverheuratet
zu bleiben. Der Fürst sah verdriesslich aus, und sagte halb laut: Er hätte von
mir solch eine Ziererei nicht erwartet. Der Tadel des alten Mannes schmerzte
mich, wie mich sein Anteil bei seiner sonstigen gewohnten Kälte rührte. Die
Gräfin zog mich in ein Fenster, und sagte nach einigen Minuten: Welch eine eigne
Gestalt nehmen doch alle gewöhnlichen menschlichen Verhältnisse für Seelen
gewisser Art an! Die Liebe für Dich, meine Agnes, scheidet sich von jedem
eigennützigen Begehren, sie will nicht sowohl besitzen, als Dein Wesen gleich
einer schönen Kunstgestalt in reiner Anschauung geniessen. Dein holdes Gemüt
wirkt geheimnisvoll, aber mächtig auf alles, was sich Dir nähert, und bildet
eine Welt feinerer zärterer Verhältnisse um Dich her. Doch jeden, fuhr sie fort,
jeden, mein bestes Kind, ergreift früh oder spät das unbezwingliche Schicksal,
und versetzt ihn in den Kreis des Bedürfnisses und der Not, in welchen unser
Dasein gebannt ist. Nichts bleibt rein und ungemischt in diesem, und jedem Genuss
folgt bittres Entbehren. Besser ist es, freiwillig den Göttinnen des Schicksals
ein Opfer zu bringen, einem Gut zu entsagen, um ein andres zu gewinnen. Doch ich
fühle, sagte sie mehr sanft und betrübt, als unmutig, ich fühle, dass ich Ihr
Vertrauen nicht besitze, ob ich gleich wähne, es zu verdienen. Wir waren allein
im Kabinet geblieben, Nordheim näherte sich uns. Vertraulicher als ich es in der
letzten Zeit gewohnt war, fasste er meine Hand, seine ernsten Blicke ruhten mit
zärtlicher Teilnahme auf mir, indem er sagte: Wie gern, beste Agnes, nähme ich
noch auf eine weite Reise, die ich in kurzem antreten werde, die Überzeugung mit
mir, dass ich meine Freundin glücklich zurückliess.
    Sie wollen verreisen? sagte ich mit zitternder Stimme.
    Ich muss, erwiederte er. Im Vertrauen auf die Freundschaft Ihres Vaters, wage
ich es, vielleicht zudringlich zu werden. Die Wünsche Ihrer Freunde scheinen mir
einen Lebensweg für Sie zu bezeichnen, der zur Zufriedenheit führen wird. Der,
welchen Sie aus eigner Stimmung für jetzt vielleicht erwählen könnten, würde Sie
nur zu Unruhe und Sorge führen. Trauen Sie den Blicken eines Freundes, der
zärtlichste Anteil macht sie scharfsichtig. Was mich selbst betrifft, so bliebe
mir noch einiges zu sagen übrig. Ich wünsche klar vor Ihnen zu stehen, ob ich
gleich Ihr Vertrauen nie erwerben konnte. Sie werden mich aus meinen Briefen an
Ihren Vater ganz kennen lernen, in kurzem werden diese in Ihren Händen sein.
Julius edle Liebe wird Ihr Leben beglücken, meine teure Agnes, und Ihr Glück
wird die reine Freude Ihres fernen Freundes sein. Ich gewöhnte mich seit langer
Zeit, nur in dem Glück meiner Freunde zu geniessen. Der Moment, wo ich aus diesem
Dasein heraustrat, rächte sich durch manche innre Verwirrung.
    Nordheim verliess mich hier schnell.
    Unendlich ist der Schmerz der Liebe, weil sie selbst ein Verlangen nach dem
Unendlichen ist.
    Nordheim selbst wünscht dich mit einem andern Mann verbunden! Jeder Wunsch
nach dir ist also in seinem Herzen erloschen! Er liebte dich nie! Nur dieses
Gefühl klang immer aufs neue in meiner Seele wieder, meine Sinne waren wie
erstarrt, und jedem äussern Eindruck verschlossen.
    Die Gräfin fasste meine Hand, und diese Berührung erweckte mich durch eine
höchst widrige Empfindung. Ich hatte den Sinn ihrer Worte nicht ganz gefasst, und
nur eine dunkle Vorstellung dabei gehabt, als entielten sie den Rat, Julius
meine Hand zu geben, und meiner Neigung für Nordheim zu entsagen. Ich war schon
in der widrigsten Stimmung gegen die Gräfin, als sich Nordheim zu uns gesellte,
und jetzt in dem schwersten Moment meines Lebens stand sie vor mir als ein
feindseliger Dämon, der sich meines bösen Geschicks erfreute, in welches er
mich, so wähnte ich, selbst hineingezogen. Ich hatte keine Worte für solche
widrige Gefühle; in Liebe und Stille der Seele erzogen, kannte meine Brust den
kalten Hass nicht.
    Mit einer unwillkürlichen Bewegung hatte ich den Arm der Gräfin
zurückgestossen, und jetzt strebte ich, meinen Schmerz zu verbergen. Julius
bemerkte die gewaltsame Anstrengung in meinem Wesen, und äusserte sein
Missvergnügen, der Anlass zu einer so unangenehmen Szene für mich gewesen zu sein,
der er meinen ganzen Zustand zuschrieb.
    Ich hielt die Gesellschaft aus, aber man trug mich halb ohnmächtig aus dem
Wagen, so sehr hatte die Gewalt, mit welcher ich mein Herz zurückhielt, meine
Nerven zerrüttet. Wie wohltätig kehren sich die Genien unsrer entflohenen guten
Stunden in jenen Zeiten zu uns, wo uns eine hofnungsleere Finsternis umgibt!
    Nachdem ich einen Strom erleichternder Tränen vergossen, standen meine
lieblichen Wälder von Hohensels mit ihren kühlen Lauben vor meiner Fantasie.
Dort, sagte ich mir, wo mir die ersten goldnen Jugendträume blühten, dort wird
das Andenken an Nordheim, mein ewig lebendiger Schmerz über seinen Verlust,
ungestört wohnen!
    Ich rief mir jetzt Nordheims Worte zurück. Ausser ihrem schmerzlichen Sinn,
welcher mir eine Verbindung mit einem andern Manne anriet, lag noch etwas
Rätselhaftes in seiner Äusserung.
    Er warnt dich selbst, dich deiner Neigung für ihn zu überlassen! Auf diese
Erklärung kam ich endlich zurück, ob sie mir gleich mit seiner Bescheidenheit
und Feinheit zu streiten schien.
    Wir sind so geneigt, die fehlgeschlagnen Hoffnungen unsers Herzens aus der
Stellung der äussern Umstände herzuleiten, um die Erscheinung eines geliebten
Wesens rein in unsrer Seele zu bewahren. An welchen zarten Fäden hängen oft die
wichtigsten Begebenheiten unsres Lebens! sagte ich mir. Ein geheimnisvolles
Gewebe umspannt uns unsichtbar, aber gewaltsam, und alle Kraft unsers Herzens
vermag nicht die eisernen Fäden zu durchbrechen. Hätte die Gräfin heut nicht
zwischen uns gestanden, hätten uns statt der steifen Hofwelt, Wälder und Wiesen
umgeben, statt des engen Zimmers, das weite blaue Gewölbe des Himmels, o! wer
weiss, ob nicht das innigste Gefühl der Liebe in meiner Brust ein Wort, einen
Ausdruck gefunden hätte, welcher Nordheims Herz mir wieder zugewendet! Alles
erinnert uns an Beschränkteit in den Cirkeln der feinen Welt, sie bestehen nur
durch dieselbe, und die himmlische Freiheit der Liebe fühlt sich dort gefesselt.
Welche unselige Stellung der Umstände musste den entscheidenden Moment meines
Lebens umgeben! Ich habe alles verloren! für immer verloren!
    Unter diesen Selbstgesprächen nahte der Morgen. Der Entschluss, Nordheim
nicht wieder zu sehen, stand hell in meiner Seele. Die Gräfin kam, mich zu
besuchen; ich war milder gestimmt, und sie selbst schien mir mehr ein Werkzeug
des Schicksals zu meinem Unglück, als die erste Ursache desselben. Gleichwohl
blieb ich ungerührt von ihrem gutmütigen Betragen, so sehr ich mich selbst
darüber tadelte. Es gibt Menschen, welche uns nie von ihrem guten, und andre,
welche uns nie von ihrem bösen Willen überzeugen können. Ausser meiner
leidenschaftlichen Stimmung, die eine unreine Farbe in das Bild der Gräfin
mischte, lag noch vielleicht in ihrem eignen Wesen ein gewisses Etwas, welches
das Vertrauen raubte. Wo die Manier ganz vorherrscht, da scheint zuletzt der
Charakter selbst nur Manier.
    Der reine Klang des Herzens entlockt einzig hinwiederum dem Herzen Neigung
und Vertrauen.
    Man rief die Gräfin bei mir ab, weil Nordheim zu ihr gekommen war.
    Mein Entschluss, ihn nicht wieder zu sprechen, blieb fest, aber noch einmal
wollte ich den lebendigen Zauber seiner Gegenwart empfinden, und seine Gestalt
als ein holdes Bild für meine dunkle Zukunft bewahren.
    Ich lauschte hinter meinem Fenster, bis er aus dem Hause ging. Er trug
dasselbe Reisekleid, in welchem ich ihn zuerst gesehen. Er wendete sich nach
meinem Fenster. Mut und Vertrauen und Vergessenheit alles Schmerzens strahlte
aus dem edlen liebevollen Gesicht in meine Brust. Aber als er hinter der Ecke
der Strasse verschwand, ergriffen mich alle Schauer der Zerstörung aufs neue. Zum
letztenmahl - es ist vorbei - es ist aus, sagte ich mir. Zum letztenmahl, ist
ein beunruhigendes Gefühl bei der gleichgültigsten Sache, weil es an unser
engbeschränktes menschliches Dasein so innig erinnert; und zum letztenmahl! bei
der höchsten Lebensfreude ergreift uns wie die kalte Hand des Todes.
    Charles trat in diesem Augenblick ins Zimmer. Ich eilte ihm entgegen, und
suchte mein Gemüt zu verbergen, aber er wich stumm und erschrocken bei meinem
Anblick zurück.
    Haben Sie mir eine böse Zeitung zu bringen? fragte ich ihn. Nein, erwiederte
er, möge ich keine von Ihnen zu vernehmen haben, und Ihre Worte Ihrem Aussehen
widersprechen.
    Sein herzlicher Anteil löste alle Banden meines Schmerzens, meine Tränen
flossen unaufhaltsam.
    Der zarte Sinn meiner Mutter schien mir von Charles Lippen entgegen zu
schweben. Er nahte sich mir sanft, fasste meine Hand, und nach einem tiefen Blick
in meine Seele saate er: Sollte für dich, gutes Geschöpf, der Moment schon
gekommen sein, wo die freundlichen Täuschungen der Sinnenwelt sich in quälende
Gestalten verwandeln? Ist der jugendliche Wahn einmal verschwunden, in dem wir
freundlich und harmonisch mit der äussern Welt zusammenfliessen, wo unser Wesen in
allem innig und ganz lebt, und eben darum keine Trennung in seinem Innern
empfindet; ist jene Magie einmal aufgehoben, und musst du den innern Bestand in
dir selbst durch eignes Streben wieder herstellen, dann kann dir vielleicht der
Rat eines Freundes nützen. Dein Wesen, gutes Kind, fuhr er fort, ist Liebe und
Sympatie. Genuss ist für dich nur in der reinen Stimmung deines Innern zu
finden; also lasse früh ab von der Täuschung, die uns einen äussern Gegenstand
als die höchste Wonne des Lebens vormahlt. Aber hüte dich auch vor jenen
Momenten starrer Apatie, in welche unser Gemüt so leicht nach einer
zerstörenden Anspannung fällt. Handle nicht eher, bis der klare Blick deines
Verstandes alle Dinge in ihrem rechten Mass zu würdigen vermag. Der erste tiefe
Schmerz getäuschter Erwartung treibt die Seele aus dem endlichen Beschränkten
empor ins Unendliche. Wir herrschen über die Gestalten der Erde in unserm
Gemüt, denen wir sonst dienten. Glücklich wenn wir in solch einer Periode
innrer Klarheit und Neinheit uns selbst eine richtige haltbare Stellung in
unsern innern und äussern Verhältnissen geben! Glücklich, wenn das Schicksal uns
an einem Scheideweg stehen lässt, bis wir uns selbst gesammelt haben, und das Mass
unsrer Kraft zu ermessen vermögen. Wenig Glückliche führt ihr Genius ganz
schuldlos durch das Leben. Manche müssen mit dem Opfer eines ganzen Lebens
wenige Augenblicke büssen, in welchen sie verschmähten, auf jenen leitenden Wink
zu achten. - Hier hielt Charles ein, schlug die Augen nieder, und sein ganzes
Wesen verriet einen Sturm durch die Gewalt schmerzlicher Erinnerungen erzeugt.
Meine Agnes, rief er aus, indem sein Auge einen Blick unaussprechlicher Liebe
auf mich warf, wenn es mir gelänge, dir den reinen nie getrübten Frieden der
Seele zu erhalten, dann will ich jedes Leiden, das ich erduldete, als eine
Wohltat des Schicksals dankend verehren! Er stieg heftig von seinem Stuhl auf,
lief ein paarmahl im Zimmer auf und ab, und kam dann mit ruhiger Miene wieder zu
mir.
    Sie müssen sich billig wundern über den so lebhaften Anteil eines
Unbekannten, sagte er, aber es ist meine Art so. Mein Herz nähert sich allem
Liebenswürdigen mit einem innigen Verlangen, es in seiner eigentümlichen Grazie
erhalten zu sehen. Das Schicksal versagte mir zarte Naturverhältnisse, in denen
meine Liebe lebendig wirken könnte, und darum spähet mein Auge nach allen holden
Gestalten, die in meinen Kreis kommen, und mein Herz schliesst ihnen seine
Erfahrungen auf.
    Charles Worte hatten mich lebhaft ergriffen, seine Vorstellungsart drang
sich meinem Verstande auf, und die Wärme seines Herzens belebte meinen Willen.
Ich fühlte die Kraft, neue Ansichten des Lebens zu fassen. Die Pflicht, die
gesunde heitre Tätigkeit meines Gemütes für meine Mutter zu erhalten, war das
erste Verhältnis welches ich lebendig ergriff. Wenn Freude und Hoffnung vom
Herzen gefallen sind, finden wir nur unser Dasein im notwendigen, allgemeinen
Gesetz unsrer Natur wieder.
    Sie werden Ihre Mutter diesen Abend sehen, sagte mir Charles, und sie wird
Ihnen viel Wichtiges und Neues entdecken, was die Sphäre Ihrer künftigen
Tätigkeit und den Ort Ihres Aufentalts betrift.
    In Ansehung des Wunsches, sogleich zu meinem Vater nach Hohenfels zu eilen,
verwies er mich auf die Unterredung mit meiner Mutter.
    Ich blieb den ganzen Tag auf meinem Zimmer. Bettina's liebevolle heitre
Geschäftigkeit erhielt mich in einer sanften wehmütigen Stimmung. Das liebe
Geschöpf wird doch immer ein Verhältnis zwischen Nordheim und mir erhalten;
wenigstens werde ich wissen, wo er lebt, sagte ich mir. Über Bettina wird er mir
etwas zu sagen haben, und ich zu antworten. O die einzig edle, holde Gestalt
wird nicht ganz für mich in das Reich der Schatten verschwunden sein! Ich werde
zuweilen ein Zeichen seines Daseins empfangen. Diese Gedanken gaben meiner
Neigung für Bettina etwas rührend Zärtliches, welches ich noch nie bei ihr
empfunden hatte. Ich sagte ihr manches über ihre innre und äussre Existenz,
welches sie mit lebendigem Wahrheitssinn aufnahm, denn ich selbst hatte ein sehr
klares Gefühl ihrer ganzen Individualität. Ohne etwas besonders dabei zu denken,
brachte ich meine Sachen in Ordnung, und versiegelte meine Papiere. Bettina fiel
mir weinend in die Arme, und rief: Ach du willst mich verlassen! Ich lachte, und
versprach ihr dann ernstaft, sie sollte immer bei mir bleiben.
    Bei einbrechender Nacht entfernte ich das Mädchen, verhüllte meine Gestalt
so sehr als möglich, und eilte dem Stadttor zu. Charles hatte diese Einrichtung
getroffen, er schien mir bedenklicher, ja furchtsamer, als bei unsrer ersten
Zusammenkunft mit meiner Mutter.
    Es war eine sehr finstre Nacht. Regenwolken umhüllten den Mond und die
Sterne, und der Regen fing schon an zu fallen, als ich kaum einige Schritte vom
Hause der Gräfin entfernt war. Ich eilte so sehr ich konnte, aber ich war
schwach von der schlaflosen Nacht und den mancherlei Stürmen, welche in den
letzten Tagen auf mein Gemüt eindrangen. Der Wind jagte mir den Regen entgegen,
und benahm mir die Luft. Atemlos lehnte ich mich für einen Augenblick an eine
Mauer, einem Laden gegenüber, welcher sehr erhellt war. Eine grosse Gestalt ging
ganz dicht an mir vorbei, sie hatte den Hut tief in die Augen gedrückt. Aber in
dem Moment, wo das Licht aus dem Laden das Profil des Untergesichts stark
erhellte, dünkten mirs Nordheims Züge zu sein. Ich bebte vor Furcht und vor
Freude. - Ein Wort der Liebe von den geliebten Lippen zu vernehmen, und dann an
der Brust der Erde mein Leben auszuhauchen, um in dem Atem des Ewiglebenden neu
aufzublühen, dieser Wunsch bewegte mein Innerstes. Wenn uns die Naturkräfte im
Sturm aufgeregt erscheinen, und wir selbst dem Sturm in unserm Innern kaum
entrannen, dann schmiegt sich ein Gemüt. welches das Vermögen besitzt, sich der
ewigwirkenden Kraft nahe zu fühlen, mit unendlichem seligem Verlangen an das
Eine, Bleibende, in oder über der Natur.
    Die grüne Erde dünkt uns wirklich der Schoss der Mutter, über welchem ewig
unwandelbares Leben weht, um uns einem neuen Dasein zuzubilden.
    Wie sonderbar geht oft eine neue ungewöhnliche Stimmung in unsrer Seele
einer Begebenheit zuvor, die unsern Verhältnissen und uns selbst eine neue
Gestalt gibt; gleich als gäbe uns unser Genius den Wink, unsre Kraft zu
sammlen! Der Wunsch nach der Auflösung unsers Wesens, bildet in gewissen
Stimmungen unsrer Seele ein neues Lebensorgan, und die gestaltlose, aber lichte
Zukunft, der sich unser Innres entgegendrängt, wirft auf alle Erscheinungen der
Erde ein neues milderes Licht. Welcher feine Mensch, der gewöhnt ist in sich
selbst zurück zu blicken, kennt nicht jene Momente des reichern höheren Lebens,
wo die Seele eine unabsehliche Kette der Gedanken durchfliegt, und die reicher
an lebendigen Erscheinungen in seinem Innern sind, als oft Zeiträume von Jahren!
    Ich halte solch einen Moment durchlebt, und fand mich gestärkt und erhellt,
um jeder Begebenheit zu begegnen. Selbst der geliebten Erscheinung Nordheims
ging ich mit Ruhe und stiller Freude, ohne Furcht und Sehnsucht entgegen.
    Der Regen dauerte fort, und durch die Finsternis und den Sturm arbeitete ich
mich nur mühsam und langsam hindurch, bis zum bestimmten Ort. Als ich bei
einigen erleuchteten Häusern vorbeikam, dünkte mir's, als folge mir die Gestalt,
die ich zuvor sah; sie stand still, sobald ich mich nach ihr unwendete. Ich
dachte nicht mehr, dass es Nordheim wäre, und glaubte mit Recht, meine Einbildung
habe mich betrogen.
    Auf dem bestimmten Platz fand ich den Wagen. Charles bot mir die Hand zum
Einsteigen, und nahm seinen Sitz neben mir. Er schien ungewöhnlich bewegt, und
sprach wenig. Wir waren ohngefähr eine Viertelstunde gefahren, als der Weg vom
Steinpflaster abging. Einige Reiter waren uns bis dahin gefolgt, Charles sah
sich oft nach ihnen um. Jetzt verliessen sie uns, und er schien ruhiger.
    Wir hatten schon einen weitern Weg gemacht, als bei der ersten
Zusammenkunft, als sich die Wolken zerteilten und der Himmel aufhellte. Ich
öffnete das Wagenfenster, um des gestirnten Himmels zu geniessen. Welch eine
schöne Nacht, mein Freund! sagte ich zu Charles, um seinen Trübsinn zu
zerstreuen. Ist's Ihnen nicht auch, fuhr ich fort, als ob die Klarheit des
Äters den innren Sinn umleuchtet, wie die Sonne die Gestalten der Erde? Alles
Drückende und Verworrene löst sich auf, mit einem Blick in das grenzenlose Blau
des Himmels, von dem eine Ahndung des Unvergänglichen uns entgegenweht. Dieser
Tag soll mir ein merkwürdiger Tag bleiben. Ihr Gespräch diesen Morgen hat mich
zu mancherlei Erscheinungen in meinem eignen Wesen vorbereitet. - Charles
drückte meine Hand, und sagte mit zitternder Stimme: Unser eignes Dasein ist zu
ermessen und zu ertragen, aber die Sorgen der Liebe drücken uns dreifach schwer
darnieder. Wer für sich nur fürchtet, fürchtet nichts.
    Die Reiter stiessen wieder zu uns. Charles hiess mich ängstlich, mich nicht
wieder aus dem Wagenfenster herauszubeugen. Sie folgten unserm Wagen seit einer
halben Stunde, Charles wurde immer unruhiger, und als wir durch ein Dorf fuhren,
sagte er: Wir müssen diese Leute von unsrer Spur entfernen; und bat mich, am
Wirtshause auszusteigen. Man führte uns in ein kleines Zimmer, dessen Fenster
gegen den Garten geöfnet waren. Die Düfte der vom Regen erfrischten Pflanzen
wallten uns durch die helle Mondnacht entgegen. Mir war wohl und sonderbar klar
in meinem Gemüt. Ich sprach mit Charles von der Freude, meine Mutter zu sehen,
und von der Hoffnung, dass die geheimnisvollen drückenden Verhältnisse sich
endlich einmal auflösen würden.
    Hoffe nichts und fürchte nichts, liebes Kind, sagte Charles, so hat das
Schicksal keine Gewalt über dich. Er stand trübsinnig neben mir, und gab nur
unzusammenhängende Antworten.
    Ein wilder Lärm drang an unsre Tür. Charles verwahrte sie von innen, so gut
er konnte, stellte sich mit blossem Degen davor, und bat mich, in einer Ecke des
Zimmers ruhig zu bleiben.
    Unter einem wilden Getöse von mancherlei Stimmen erkannte ich Nordheims
Stimme. Mit festem gebietendem Ton befahl er dem Wirt, die Tür unsres Zimmers
zu öffnen. Der Wirt entschuldigte sich, es sei ein Herr mit einer Dame
darinnen, welche gewiss nichts weniger als einen Überfall erwarteten.
    Nichtswürdiger! sagte Nordheim zornig, eben das Mädchen fodere ich, sie ist
mit Gewalt geraubt.
    Wie belebend fühlte ich in meinem ganzen Wesen Nordheims Anteil an mir! Die
ganze peinigende Verworrenheit dieser Szene vermochte nicht dieses Gefühl
niederzuschlagen. Ich bat Charles, die Tür zu öfnen, und sich gegen Nordheim
frei zu erklären. Er sah mich wild an, und sagte: Du weisst nicht, was du
begehrst. Du bist deiner Mutter für immer entrissen, wenn du in die Hände des
Fürsten kommst, Nordheim ist sein Freund. O er ist edel, Charles! rief ich.
Lassen Sie uns ihm alles vertrauen. Er kann nie ein in ihn gesetztes Vertrauen
beleidigen.
    Armes, hingebendes, leichtgläubiges Geschöpf! sagte Charles. Du kennst das
Leben noch nicht, und welche doppelte Gestalt es dem menschlichen Gemüt
aufdrückt. Lass dich zu keiner Unvorsichtigkeit verleiten, die du ewig bereuen
müsstest.
    Nordheims wiederholter Befehl, die Tür zu öfnen, machte unserm Wortwechsel
ein Ende. Er befahl seinen Leuten, sie aufzuschlagen. Der Wirt gab
wahrscheinlich nach. Die Tür öffnete sich, Nordheim trat herein, und eine Menge
von Leuten des Wirts und von seinen eigenen drangen ihm nach.
    Es wage sich keiner über diese Schwelle! rief Nordheim. Alles entfernte
sich, bis auf einen von seinen Leuten, der bittend rief, indem er auf Charles
wilde Gestalt deutete: Bester Herr, lassen Sie mich bleiben! Geh augenblicklich!
sagte Nordheim, und schloss die Tür hinter ihm ab.
    Jetzt, redete er Charles an, jetzt sagen Sie, was berechtigt Sie zu diesem
Betragen? Nur die Neigung dieser Dame für Sie kann es entschuldigen, aber nie
rechtfertigen, Im Nahmen Ihres väterlichen Freundes bitte ich Sie, sogleich nach
dem Hause der Gräfin zurückzufahren, sagte er mir sehr ernstaft. Mein Wagen
erwartet Ihren Befehl. Er fasste meine Hand, legte sie in seinen Arm, und eilte
der Türe zu. Ich vermochte es nicht, der süssen Gewalt zu widerstehen; ich
folgte, beinah unwillkührlich, denn der Gedanke an meine Mutter hielt mich nicht
weniger mächtig zurück. Nun schrie Charles: Ich behalte das Mädchen, oder den
Tod für einen von uns beiden! Verteidigen Sie sich. Er hatte Pistolen aus dem
Gürtel gezogen, reichte die eine Nordheimen, und behielt die andre, nach ihm
zielend, in der Hand.
    Waffen können nur zwischen Menschen von gleichen Rechten und gleicher Kraft
entscheiden, sagte Nordheim. Ich schlage mich mit keinem Unbekannten. Wer sind
Sie? Und was treibt Sie an, die Ruhe eines edlen Mädchens und ihrer Freunde zu
kränken?
    Ich hatte einst einen Nahmen, der mir das Recht gab, mich mit den Edelsten
zu messen, sagte Charles, aber er ist aus dem Reich der Lebendigen verlöscht; -
ich bin nichts mehr, - ein Schatten, der kraft- und tatenlos umherschwebt.
    Die Hand mit dem Pistol sank, und er blieb starr und unbeweglich. Es war ein
Ausdruck dumpfer Verzweiflung in seinem Ton. Nordheim näherte sich ihm edel und
gütig, ohne Waffen, und sagte: Was zwingt Sie, Unglücklicher, solch eine Rolle
zu übernehmen? Ist es eine unbezwingliche Leidenschaft, so werde ich Ihr
Vertrauen nicht missbrauchen. Handeln Sie zur Beförderung fremder Zwecke, unter
fremdem Einfluss, so kann nur ein offenherziges Geständnis Ihnen meine Verzeihung
erwerben. Dringt Sie die Not, ein unedles Geschäft zu übernehmen, so erwarten
Sie von mir eine grössere Belohnung, wenn Sie sich davon lossagen. Reden Sie,
aber widersetzen Sie sich nicht, dass ich das Fräulein zurückführe, oder Sie
bezahlen es mit Ihrem Leben, denn in jedem Fall bin ich entschlossen, sie nicht
hier zu lassen.
    Bittres Schicksal, zwingst du mich, auch noch ein Mörder zu werden! rief
Charles, und richtete das Pistol gegen Nordheim.
    Ich hatte mich von Nordheim losgemacht, und fiel Charles in den Arm, ihn
zurück zu halten. Nordheim war mir schon zuvor gekommen, und hatte ihm das
Pistol mit einer geschickten Bewegung und überlegener Stärke aus den Händen
gewunden.
    Wie rasch, bestes Kind! sagte mir Nordheim. Wie leicht hätten Sie sich
verwunden können! Beruhigen Sie sich, ich werde keine Waffen gegen einen Mann
führen, der Ihnen wert ist. Aber folgen Sie mir jetzt. Verzeihen Sie, ich muss
es fordern, und ich weiss, Sie selbst werden es mir in einer ruhigen Stimmung
danken.
    
    Die reine Güte in diesen Worten zog mein Herz unaussprechlich zu Nordheim,
so sehr mich auch ihr Sinn schmerzte, der ein Herzensverhältniss mit Charles
durchaus voraussetzte, und auch in meiner glühenden Besorgnis um ihn selbst nur
Liebe für seinen Gegner sah.
    Ach Nordheim, sagte ich, wie sind Sie so gütig, und so grausam zugleich!
Meine Tränen flossen unaufhaltsam.
    Sein Sie überzeugt, meine Agnes, ich wünsche nur Ihr dauerhaftes Glück,
sagte Nordheim sanft. Ich verspreche alles für Ihre Liebe zu tun, aber für
jetzt folgen Sie mir!
    Ich fühlte, wir verwirrten uns unauflöslich. Meine vorhergegangene Stimmung
hatte mich über alles konventionelle erhoben, und ich glaubte mich wirklich in
diesem Moment jugendlicher Selbsttäuschung über alle Leiden und Freuden des
Lebens emporgerückt.
    Charles stand in stummer Betäubung mit dem Rücken an die Türe gestemmt, und
schien entschlossen, alles zu wagen. Die Spannung zwischen ihm und Nordheim
musste aufgelöst werden. Nur der unendliche Himmel mit seinen glänzenden Sternen
lag vor meinem Auge. Ich fühlte eine Kraft der Wahrheit, des Vertrauens, in
meinem Busen, und den Mut, als könne und müsse ich diese verworrene Lage
auflösen.
    Hören Sie mich an, Nordheim, sagte ich. Es sind die letzten Worte, die Sie
von meinen Lippen vernehmen werden. Nach diesem Augenblick werden Sie mich nie
wieder sehen. Nicht Liebe führte mich hierher mit diesem Manne. Ein Geheimnis,
welches nicht mein gehört, und ich Ihnen also verbergen muss, hiess mich diesen
und alle andere Schritte tun, welche Ihnen von jeher Verdacht gegen mich
einflössten. Was Liebe und Zärtlichkeit in meinem Wesen heisst, fand längst einen
Gegenstand, den es fest und einzig umsasste, - aber seit gestern mit tiefen
Schmerz verlässt. Leben Sie wohl, sagte ich mit tiefer Bewegung, und bewahren Sie
das Bild eines Wesens, welches Ihnen angehörte, rein im Andenken. Jetzt lassen
Sie mich meinen Verhältnissen, meinen Pflichten ruhig folgen. - Nordheim lag zu
meinen Füssen. Ist es möglich! xief er, bin ich der Glückliche! von Ihnen
geliebt! Verzeihung, beste Seele, - ich wagte dieses Glück nur vor wenig
Augenblicken zu träumen. Von nun an lebe ich nur für Sie. Können Sie mir
verzeihen? - Süsser einziger Moment unsers Lebens, wo unsre heiligste Hoffnung
unser Herz als Wirklichkeit ergreift, und mit jenen süssen geheimnisvollen
Schauern eines neuen Daseins überströmt!
    Ich hatte keine Worte, meine Sinne waren verwirrt, ich zog Nordheim zu mir
auf, seine Arme umfassten mich, und unsre Lippen berührten sich.
    Jene süssen Augenblicke bewahrt sich selbst die Zauberkraft der Erinnerung
nur in geheimnisvollen Zeichen, und wagt es nicht, sie in eine Sprache zu
übersetzen. Schwindelnd entwand ich mich Nordheims Umarmung, und da mein Herz in
seinem beschränkten Dasein seine Vergangenheit wieder fand, schwankte Amaliens
Bild vor meinen Sinnen. Auch sie ruhte an dieser Brust! sagte ich mir. Vergebens
wollte ich dieses Bild zurückweisen, ein tiefes schmerzliches Mitleiden, bald
mit ihr, bald mit mir selbst, bewegte meine Seele. Nordheims Blicke sprachen nur
Liebe und hingebende Zärtlichkeit, unter süssen Tränen bat er aufs neue um meine
Verzeihung. Auch ihm schien die Vergangenheit lebendig vorzuschweben, aber nur
sein schwankendes Betragen gegen mich schien ihn schmerzlich zu bewegen. O wie
viel, rief er aus, nimmt uns das Leben mit der Welt, indem es das holde Vermögen
zerstört, der sichern Stimme unsers Herzens zu folgen. Wir müssen uns des
Glaubens entwöhnen, wenn wir für andere handeln und leben, und können ihn dann
für uns selbst oft nicht wieder finden. Misstrauen konnte ich der heiligen
Einfalt und Wahrheit deines Herzens nie, über jede Vergleichung erhaben stand
dein schönes Wesen vor mir. Oft fühlte ich deine Liebe, - hätte ich meinem
Herzen gefolgt. - Doch so süss ist es auch, all mein Glück Ihrer Güte zu danken,
meine Agnes.
    Himmlische Ruhe, Klarheit und Treue leuchteten aus Nordheims Augen; - ich
fühlte mich unaussprechlich sein. Von diesem heiligen Herzen kann mir nichts
Böses kommen, von dem Anschaun dieser teuren Gestalt kann ich nicht scheiden, -
unter den verworrensten Lagen wird mich dieses Gefühl empor halten. Der stille
Entschluss, um seinetwegen alles zu tragen, überglänzte wie ein leuchtender
Schild Amaliens Bild, so stark es auch hervordrang.
    Mein Freund, sagte ich jetzt zu Charles, ich bin bereit Ihnen zu folgen. Sie
werden Herrn von Nordheim künftig näher kennen lernen.
    Charles hatte wie in einem tiefen Traum gestanden. Es ist ein Nahme, den die
Welt mit Ehrfurcht nennt, sagte er, ein mir unaussprechlich teurer Nahme! Aber
ein finstres Schicksal hält mich gebunden. Ich muss die liebsten und schönsten
Erscheinungen als düstre kalte Schatten vor mir vorbei schweben sehen. Meine
Hand darf nichts Lebendiges mit Mut und Freude ergreifen. Alles Misstrauen
schwindet vor solch einer edlen Gestalt, sagte er freundlicher und indem er sich
Nordheim näherte; ob Sie gleich ein Freund des Fürsten von ** sind, der mich
verfolgt, so fühle ich doch, Sie können mir gerecht sein.
    Ich folgte Ihnen nur, erwiederte Nordheim, um das Herz meiner Agnes zu
ergründen, um sie vor einem Fehltritt jugendlicher Übereilung zu beschützen.
Jede andre Beweggründe sind fern von mir. Ohne irgend ein bestimmtes Verhältnis
in D., diene ich nur zu Übungen der Güte. Ich weiss, dass der Fürst aufmerksam auf
Ihren Aufentalt in der D .. schen Gegend war. In jedem Fall war meine Meinung,
Ihnen auf meinen Gütern eine Freistatt anzubieten. Jenes alles sind von nun an
fremde Verhältnisse, und als der Freund meiner teuren Agnes haben Sie ein Recht
an meinem wärmsten Diensteifer.
    Charles sah uns beide einige Minuten hindurch fest und mit scharfen Blicken
an. Ist es so? sagte er leise vor sich hin, und seine Augen blieben sinnend am
Boden geheftet. Dann eilte er freudig auf uns zu, indem er rief: Ja, es ist so!
Reine Freude, der erste belebende Strahl der Liebe flammt in den Blicken meiner
Agnes; und, indem er auf Nordheim deutete: auf solch einer Stirn wohnt keine
Unwahrheit. Möge ein gutes Schicksal die heiligen Blüten, die die Natur jedem
menschlichen Wesen nur einmal reicht, für euch, meine Kinder, in Schutz nehmen.
Möge nur die Zeit sie hold umwandeln, aber kein Sturm sie abbrechen. Verzeihen
Sie mein voriges Misstrauen, Herr von Nordheim, fuhr er fort, in einem lange
gepressten Herzen ist die Furcht eingewachsen. Verachten Sie mich nicht um meiner
ängstlichen Sorge willen. - O wenn Sie wüssten, warum ich leben muss!
    Nordheims Augen fielen voll schmerzlicher Besorgnisse auf mich. Charles
sonderbares Wesen schien ihn zu beunruhigen.
    Ich hoffe, sagte er sanft zu Charles, Sie gönnen mir für die Zukunft ein
Vertrauen, welches uns beiden wohltätig sein wird. Sie finden auf meinem Gute
alles zu Ihrem Empfang bereit, und sobald als meine Agnes es wünscht, komme ich
selbst zu Ihnen.
    Jetzt lassen Sie uns eilen! sagte Charles zu mir. Sobald ich Agnes wieder
nach D. begleitet habe, eile ich nach Ihrem Schloss. Bereiten Sie sich manches
von mir zu vernehmen, was Sie verwundern, schmerzen, aber auch erfreuen wird.
    Geht meine Agnes auch keiner neuen Gefahr entgegen? sagte Nordheim
bedeutend. Ohne in Ihr Geheimnis eindringen zu wollen - dürfte ich Sie nicht
begleiten, nur von fern Ihrem Wagen folgen, um Ihnen auf den ersten Ruf nah zu
sein?
    Ich fühle Ihre Besorgnis, sagte Charles, aber ich muss diesen Wunsch
versagen.
    Ich bin ein unglücklicher, aber ein ehrlicher Mann! Es lag ein
fürchterlicher Nachdruck in dem Ton, mit welchem er diese Worte aussprach, und
sein starrer Blick, eine wilde Bewegung der Hand nach Nordheims Arm, deutete auf
die ganze Bitterkeit gegen ein Schicksal, welches ihn nötigte, zu diesem
Selbstgeständniss seine Zuflucht zu nehmen.
    Bitten Sie Herrn von Nordheim, uns nicht zu folgen, sagte mir Charles.
    Sie fühlen, mein Teurer, sagte ich zu Nordheim, dass nur die unbezwingliche
Notwendigkeit mir gebieten kann, Ihnen einen Augenblick Unruhe zu machen. Meine
Tränen flossen auf Nordheims Hände, die ich zwischen den meinigen hielt. Es ist
das erste Zeichen meiner völligen Ergebenheit, liebste Agnes, sagte er sanft,
ich gestehe dass es mir viel kostet, aber ich werde Ihrem Befehl folgen. - O
meine teure Liebe, wie schnell gewöhnt sich doch unser Herz an das Glück! Schon
ist mir's, als könnte ich mich nicht für wenige Stunden von dir trennen. In
einer süssen Umarmung strebten unsre Herzen sich auf ewig zu vereinigen, und
schon schwebt drohend die kalte Hand des Schicksals über uns, die ein
menschliches Dasein unaufhaltbar in der Flut der Begebenheiten fortdrängt.
Unsre Tränen flossen unaufhaltsam. Gute Seelen! sagte Charles bewegt.
Überlassen Sie mir das Mädchen getrost, Nordheim, sagte er halbscherzend. Sie
hörten von Ihrem Vater den Nahmen eines alten unglücklichen Freundes?
    Ist es möglich? rief Nordheim freudig. Mit ihm beschäftigte sich mein Vater
in seiner Todesstunde, vertraute mir Papiere für ihn, und manches meinem
Gedächtnis, was zu gefährlich fürs Papier war. Sonderbare Ahndung, du hast mich
also nicht betrogen!
    Auch haben Sie etwas, um sich auf das weitere, welches ich Ihnen für morgen
verspreche, zu vertrösten, - sagte Charles, und fasste meinen Arm. Leben Sie wohl
bis dahin. Wohl mir! rief er aus, ich werde den treuen Sinn meines entschlafenen
Freundes noch einmal vernehmen. Die Zeit verstattet für jetzt keine weitere
Erklärung.
    Er zog mich fort. Nordheims Auge strahlte Freude und Ruhe, und auch aus
meiner Brust entflohen die Sorgen in seinem heitern Blick. Zwar lag mir ein
Schleier über meinen Verhältnissen, aber es war der duftige Rosenschleier eines
Frühlingsmorgens, hinter welchem das neusprossende Leben der Natur waltet, um
den Schoss der Erde mit jungen Blumen zu schmücken.
    Ich grübelte nicht über Charles Rede, und genoss die Fülle süsser Ahndungen.
Morgen finden wir uns wieder, sagte Nordheim als er mich in den Wagen hob, und
ein Kuss auf meine Hand aus dem Wagenfenster goss eine belebende Flamme durch mein
Wesen.
    Ihre Mutter, sagte Charles als wir im Wagen sassen, muss morgen diese Gegend
verlassen. Der Trost, Sie noch einmal zu sehen, war zu ihrer Erhaltung
notwendig.
    Ich musste Charles von meiner Liebe reden. Wir durchflogen eine goldene
Zukunft; Charles hatte eine innige Empfindung meines Glückes, die mich tief
rührte.
    Ich gäbe die Momente meines Zwistes mit Nordheim nicht um Jahre einer
längern Bekanntschaft, sagte er unter andern. Die Art, wie sich ein Mann in
solchen Lagen benimmt, ist entscheidend für Charakter und Herz.
    Welche Grösse und Festigkeit war in seinem Betragen! Der wahre Mut, der aus
Kraft des Charakters entspringt, Besonnenheit und heller Blick in der Gefahr,
bleibt immer die Krone des Mannes.
    Das Lob des Geliebten ist die süsseste Musik; ich war verloren in Entzücken
und süssen Hoffnungen.
    Wir fuhren an der langen Mauer hin, die ich beim ersten Besuch bemerkt
hatte. Bald hielt der Wagen. Charles stieg aus. Statt des Stillen und
Geheimnisvollen bei unserm ersten Empfang, sah ich ihn von Leuten umringt, die
mit Lichtern und Geschrei durch einander liefen. Ich hörte heftigen Wortwechsel
mit Charles, zwei Schüsse, nach denen ich meines Freundes Stimme nicht wieder
vernahm.
    Ich wollte mich aus dem Wagen werfen, man stiess mich ungestüm zurück. Der
Gewalt konnte ich nicht widerstehen, und lag in dem schmerzlichsten Zustand der
gebundenen Kraft bei dem regesten Willen, in Krämpfen auf dem Boden des Wagens.
Man spannte andere Pferde vor, und fuhr weiter. Ein fremder ganz unbekannter
Mann richtete mich auf, und setzte sich neben mich. Er gab keine Antwort auf
meine Fragen, doch bezeugte er Mitleid bei den Ausbrüchen meines Schmerzens.
    Es soll Ihnen kein Übel widerfahren! wiederholte er mir öfters.
    Ich fiel in Fieberhitze, dann in Ermattung und Ohnmacht, endlich verlor ich
alles Bewusstsein.
    Als ich aus diesem Zustand erwachte, lag ich in einem kleinen düstern
Zimmer. Eine Frau sass an meinem Bette, es war eine kleine zusammengefallene
Gestalt, ihre Gesichtszüge trugen die Spuren mancher widriger Schicksale, und
die Freundlichkeit, die sie anzunehmen suchte, machte sie ganz zur Larve. Seit
acht Tagen, sagte sie mir, lagen Sie hier, ohne ein Zeichen des Bewusstseins von
sich zu geben; Sie sind mir teuer empfohlen, und Ihr Zustand machte mich sehr
besorgt.
    Wo bin ich aber? fragte ich aufs neue; und sie erwiederte: Beunruhigen Sie
sich nicht, Sie sind an einem Ort, wo Sie sich bald Ihrer völligen Genesung
erfreuen werden. Die Lage ist anmutig, die Luft gesund, und man wird sich ein
Vergnügen daraus machen, alles zu Ihrem Zeitvertreib beizutragen, was die
Umstände nur immer erlauben.
    Ich hörte an der Aussprache, dass die Frau keine Deutsche war, sondern eine
Französin. Der Mann hatte sich entfernt. Die Kraft der Jugend und meine gute
Natur hatten die Macht der Krankheit besiegt, mein Blut ging seinen ruhigen
Kreislauf aufs neue, und mein Gedächtnis fing an, die Fäden der wirklichen
Begebenheiten aus dem Gewirre der Erscheinungen zu lösen, die meine
Einbildungskraft während der Fieberhitze erzeugt hatte.
    Kalt und zerstöhrend ergriff mich die Entfernung von meinem geliebten
Freunde. Das Gefühl des Fremden und Unbekannten um mich her ergriff mich mit
Grauen, ein wilder Schmerz bewegte krampfhaft meine Brust, und mein Dasein
drohte aufs neue in dumpfer Fühllosigkeit zu vergehen, als ein guter Genius
meine jugendliche Phantasie neu und heiter belebte, und mein Herz auf eine
wundersame Art mit Glauben und Hoffnung stärkte.
    Ein lieblicher kleiner Knabe trat herein, und brachte einen Teller voll der
schönsten Früchte. Ich empfand ein inniges Vergnügen bei diesem Anblick, er
knüpfte sich auf eine sonderbare Art an eine meiner vergangenen Erscheinungen,
die ich während der Fieberhitze gehabt hatte, und die sich jetzt als ein
liebliches Bild in meiner Seele wieder ordnete. Mit unaussprechlich lebhafter
Farbe stellten sich alle jene Traumgestalten vor mich, nur ein leichter duftiger
Nebelschleier schien zwischen ihnen und der Wirklichkeit zu liegen.
    Ich sass neben Nordheim in einem blühenden Garten. Er hielt mich ernst und
schweigend bei der Hand. Ein grosser bunter Vogel mit den glänzendsten Farben
geschmückt, flog auf uns zu, und hielt ein Körbchen voll der schönsten Früchte
in seinem Schnabel. Wir reichten beide nach den Früchten, aber der Vogel
flatterte bei uns vorbei, lachte und rief Nordheimen zu: Noch nicht, sobald noch
nicht, denn sie liebt dich nicht! Nordheim zog seine Hand aus der meinen, und
eilte sich zu entfernen, ich warf mich zu seinen Füssen, weinte, wollte ihn
zurück halten, aber vergebens, er war verschwunden. Ich suchte ihn auf, aber wo
ich auch hinfloh, so zog sich ein Kreis von Gebüschen, meist von wilden Rosen um
mich her, und versperrte mir den Ausgang. War ich einmal durch eine Lücke der
Hecke entwischt, so bildete sich gleich wieder ein neuer Kreis, der zu einer
schauerlichen Höhe empor wuchs. Julius stand mitten in solch einem Kreis, er
trug die Rüstung eines alten Ritters, und über die Brust eine breite weisse
Binde, die Blutflecken hatte. Ich näherte mich, er riss die Binde auf, und aus
seiner Brust wuchs eine Blume von sonderbarer Gestalt und Farbe, die ich nie
gesehen. Reiss mir die Blume von der Brust, sagte er mir ernstaft, und ich
befreie dich. Ich gab mir alle Mühe, die Blume abzubrechen, aber vergebens. Er
sah mir lächelnd zu, berührte die Rosenhecke um uns her mit seinem Degen, und es
öfnete sich ein kleiner Fusspfad. Bald zerteilten sich die Gebüsche, vor uns lag
Nordheims Schloss. Nordheim selbst näherte sich uns freundlich, und als wir alle
drei dicht bei einander standen, flog derselbe bunte Vogel auf uns zu. Langsam
liess er sich über unsern Häuptern nieder, und als er die Erde berührte, sahen
wir statt seiner einen wunderschönen Knaben. Er hielt denselben Teller mit
Früchten, welchen uns der Vogel erst versagt hatte, wir eilten alle drei, das
Kind zu umarmen.
    Der Zauber dieser Traumgestalten wirkte belebend auf mein Gemüt, wie die
Gegenwart eines Freundes, und die alte Frau freute sich der sonderbaren
Veränderung, die der Anblick des Kindes in mir bewirkt hatte.
    In kurzem erschien der Arzt, ein Mann von mittlerem Alter, mit einer
angenehmen Bildung und wohlwollenden Miene; er näherte sich mir mit Anstand, und
erkundigte sich mit bescheidnen Fragen nach meinem Befinden.
    Ich bemerkte bald, dass ihm die Gegenwart der Alten Zwang auflegte; als sie
sich auf ein paar Augenblicke entfernen musste, sagte er sanft: Vor allem wird es
zu Ihrer Genesung beitragen, wenn Sie sich über Ihre, ich gestehe es, freilich
sonderbare Lage an diesem Ort, keine beunruhigenden Gedanken machen. Haben Sie
Mut, und sorgen jetzt einzig und allein für Ihre Genesung! Die Alte kam zurück,
ehe ich antworten konnte, und das Betragen des Arztes gegen sie, hiess mich jede
Frage in ihrer Gegenwart unterdrücken.
    Als sie auch entfernt auf meine Gemütsstimmung deutete, und mich Mut
fassen hiess, antwortete ich kalt, dass ich mir nichts bewusst wäre, wodurch ich
ein böses Schicksal verdient hätte, und dass ich also auch keins befürchtete.
    Der Arzt sagte hierauf: alles läge daran, jede trübe Vorstellung zu
entfernen, und mich auf eine angenehme Art zu zerstreuen. Die Alte sollte mir
leichte und anmutige Geschichten vorlesen, die meiner Phantasie freundliche
Bilder zuführten. Sie haben ja die Schlüssel zu der Bibliotek, sagte er, und
das Fach der Mährchen ist gewiss gut besetzt.
    Ich wusste es dem Arzt herzlichen Dank, dass er mich durch diesen Vorschlag
von der unerträglichen Alten lästigem Gespräch befreite. Die Feinheit und der
gute Wille, welchen dieses Mann gegen mich bezeigte, waren mir sehr tröstend,
und gaben mir Hoffnung, bald Nachricht von meinen Freunden zu erhalten. Charles
Schicksal füllte mein Herz mit Bangigkeit, und lag immer als ein dunkler
Schatten vor den süssen Rückerinnerungen jenes letzten Abends, der dem
gewaltsamen Zustand, aus welchem ich eben erwacht war, voranging.
    Alle kleinen Züge jener seligen Zeit erfrischten sich in meiner Vorstellung,
und des Gefühl: Du besitzest Nordheims Liebe! gab mir ein neues, wundersames,
kräftigeres Dasein. Er war mir auf eine unaussprechliche Art immer gegenwärtig,
Verlangen und Sehnsucht nach seinem lebendigen Dasein waren zart und lieblich,
aber nicht ungestüm. Die Kraft, alles zu werden, was hoch und treflich ist,
fühlte ich nie so tief und lebendig. Seine Sorge um mich war das Schmerzlichste,
was ich empfand; und doch, welcher geheimnisvolle unaussprechliche Reiz gab auch
dieser Sorge eine sanfte Farbe!
    Nur zuweilen flog durch meinen von der Krankheit geschwächten Kopf, in
welchem Traum und Wahrheit noch schwankten, ein beunruhigender Zweifel, ob mein
Glück auch kein Traum sei? Mit welchem Vergnügen fand ich bei meinen Kleidern,
die auf einem Stuhl am Fuss des Bettes lagen, ein Tuch mit Nordheims Nahmen
gezeichnet! Ich verwahrte das Tuch an meinem Herzen als das liebste, was ich
besass, und gleich als vermöchte es die Fülle lieber Erinnerungen mit dem
Schleier der Wahrheit zu bedecken und fest zu verwahren.
    Der Arzt kam täglich, aber meine Alte bewachte mich mit Drachenaugen, und
ein besondres Gespräch mit ihm war unmöglich.
 
                                 Zweiter Teil
Während der Genesung von einer schweren Krankheit, ist das Gemüt zum stillen
Hoffen und Dulden mehr als zum heftigen Verlangen gestimmt. Das Gefühl, eine
freudenreiche lebenvolle Gegenwart nicht mit vollen Sinnen geniessen zu können,
beruhigt über einen freudenlosen Zustand.
    Unser Gemüt ergreift Vergnügen und Schmerz mit gleicher Gewalt, und eben so
stehen Sorge und Verlangen in gleichem Verhältnis. Auf diese Art ertrug ich
meine höchstsonderbare Lage mit einer Ruhe, die mir in der vollen Tätigkeit
meiner Gemütskräfte unbegreiflich war.
    Das gute wohlmeinende Wesen des Arztes, sein heller Blick, der mit
offenbarem Vergnügen auf mir verweilte, gaben mir sogar Mut. Hätte mir dieser
Mund ein Unglück zu verkündigen, er würde mir nicht so heiter zulächeln! sagte
ich mir oft.
    Nur die Unruhe um Charles verfolgte mich mit quälenden Bildern. Sein
Verstummen nach dem Schuss, welchen ich an jenem unglücklichen Abend gehört, liess
mich oft seinen Tod befürchten.
    Der Verlust eines so treuen Freundes war mir innig schmerzlich; und er war
auch das einzige Band zwischen meiner Mutter und mir! Wo sollte ich die geliebte
Stimme aufsuchen, die mir nur körperlos, wie ein Laut des Echo aus der Wildnis
zutönte!
    Als mich der Arzt den nächsten Tag besuchte, sagte er: Die Musik ist ein
sehr wirksames Mittel, um den schwachen, verstimmten Nerven wieder Ton zu geben;
ich habe eben in dem nächsten Dorfe zwei kleine Musikanten gefunden, zwei
liebliche Knaben; ich nahm sie mit hierher, um Ihnen ein kleines Concert zu
machen.
    Er öfnete die Tür ins Nebenzimmer, und ich hörte ein liebliches Vorspiel
einer Guitarre und Flöte. Es war dieselbe Melodie, welche Bettina in Nordheims
Garten gespielt hatte.
    Mein Busen wallte in sonderbaren anmutigen Erwartungen; der Arzt
beobachtete mich genau, winkte mir freundlich zu, und sagte lächelnd: O, ich bin
der guten Wirkung dieses Mittels gewiss!
    Die Alte setzte ihre Brille auf, und schüttelte den Kopf; so tat sie zu
allem, was sie nicht verstand. und wobei sie sich doch ein bedeutendes Ansehn
geben wollte.
    Jetzt tönte eine reine volle Stimme in die Saiten; ich erkannte Bettina.
Meine Augen füllten sich mit süssen Tränen, und ein sanfter Schauer bebte durch
meine Nerven. Der Arzt fasste meine Hand und sagte: Sie müssen den einen Knaben
sehen, es ist ein so liebliches Kind! Komm herein, Kleiner! rief er; aber geh
und sprich ja leise!
    Ein Knabe trat schüchtern an die Tür. Er stand im Schatten, und ich
erkannte die Gesichtszüge nicht. Nur näher! winkte der Arzt; und jetzt stand
Bettina in Knabenkleidern mitten im Zimmer.
    Sie sank auf ihre Knie, sah mich mit einem Blick an, in dem sich ihr ganzes
Wesen aufzulösen strebte, und verbarg dann ihr Gesicht in ihre beiden Hände.
    Der Arzt gebot ihr aufzustehen, zog sie zu sich, und sie stand jetzt dicht
an meinem Bette.
    Ich reichte ihr meine Hand, der sie einen heissen Kuss aufdrückte, und als
sich ihr Haupt wieder erhob, flüsterte sie mir leise auf Italiänisch zu:
Nordheim sendet mich zu dir, er ist nicht weit. Gott, was litten wir um dich!
    Die Alte schob ihre Brille zurechte, hustete, fand das alles sehr sonderbar;
doch wagte sie keine Bemerkung. Der Arzt wusste sie mit unerschöpflicher guter
Laune zu unterhalten.
    Bettina und ich selbst waren jetzt gefasst genug, um ein gleichgültiges
Gespräch vor der Alten anzuknüpfen. Sie musste ihren Bruder auch aus dem
Nebenzimmer zu mir bringen, beide Kinder betrugen sich mit grosser Feinheit.
Battista machte sich an Madame Imbert, und wusste durch tausend Schäkereien ihre
Aufmerksamkeit von mir abzulenken.
    Bettina spielte mir geschickt einen Brief in die Hände; ich erkannte
Nordheims Handschrift, und verbarg ihn in meinen Busen.
    Ich hoffe Ihnen morgen einen Spatziergang im Garten verordnen zu dürfen,
sagte der Arzt.
    Die Alte wollte Einwendungen machen, aber eine scherzhafte Antwort des
Arztes brachte sie zum Schweigen.
    Auch meine kleine Hofkapelle bringe ich Ihnen bald wieder mit, sagte er beim
Abschied.
    Bettina küsste meine Hände noch einmal, und während sich ihr Bruder mir
näherte, ergriff sie eine Scheere, die auf dem Tischchen am Bette lag, und
schnitt eine Haarlocke ab, die über meiner Schulter lag; schnell hatte sie ihren
Raub in ihr Westchen verborgen, drückte die Hand auf ihre Brust, und flüsterte
mir leise zu: Es ist für ihn!
    Ich erwartete die Ruhestunde der Alten mit klopfendem Herzen. Als ich hörte,
dass sie in tiefem Schlafe lag, wagte ich es, meinen lieben Brief zu eröfnen.
    »Endlich, meine geliebte Agnes, kenne ich Ihren Aufentalt. Die qualvollsten
Tage meines Lebens folgten auf die schönste Stunde desselben. Aber der
Augenblick, welcher uns wieder vereinigen wird, ist nicht fern; unser Leben soll
bis dahin ganz der Hoffnung gehören. Ich wäre zu Ihnen geeilt, hätte mich der
Arzt nicht zurückgehalten. Er fürchtete, eine so ganz unerwartete Erscheinung
möchte zu heftig wirken.
    »Der Arzt ist einer meiner liebsten Freunde den ich von nun an als den
Schutzengel meines Lebens verehre, weil er meine geliebte Agnes erhielt.
    »Fürchte nichts mehr, meine einzig Geliebte! Du bist von den Armen der Liebe
umgeben, keine Gefahr soll dir mehr nahen. Fürchte auch nicht für die, die dir
wert sind, sie sind gerettet, um sich eines schönen Lebens mit uns zu freuen.
    »Sobald der Arzt die Reise zuträglich für Sie findet, bitte ich Sie, diesen
Aufentalt zu verlassen.
    »Alles wird sich freundlich auflösen.
    »Ich schicke meiner süssen Geliebten hier einen Ring, welcher nie von meiner
Hand kam; mir dünkte, ihre lieben Blicke ruhten oft darauf, und schienen eine
gewisse verworrene Empfindung auszudrücken. Er löse jetzt alle Zweifel des
besten Herzens, dessen Vertrauen ich ganz verdienen will.«
    Wie sonderbar ward mein Gemüt bewegt, als ich den Ring mit Amaliens Nahmen
aus einem Papier wickelte! Die reine Güte meines Geliebten, der treue zarte Sinn
dieses Briefes, die seelenstärkende Hoffnung, wirkten als wohltätige
Zaubermittel auf mein ganzes Wesen. Alle Sorgen um Charles und meine Mutter
fielen von meinem Herzen, das sich ganz in seliger Hoffnung erhob.
    Arme Amalie! seufzte ich über den Ring mit einer unaussprechlich wehmütigen
Empfindung, als ich ihn wieder einwickelte, um ihn zu verwahren. Aber der erste
Abend, wo er von Nordheims Hand in die meine fiel, stand vor meiner Seele, und
ich verlor mich in den schönsten Träumen, die die Zukunft an die Vergangenheit
knüpften.
    Der Arzt fand mich am folgenden Morgen so stark, dass er darauf bestand, ich
sollte einige Stunden der freien Luft im Garten geniessen.
    Ich sah die ganze Façade des Hauses, worin ich mich befand. Es war ein
altes, aber sehr grosses Gebäude, und schien ganz unbewohnt. Der Garten war
ringsum von einer mässig hohen Mauer umgeben, und einige Durchsichten waren
angebracht, wo man durch eiserne Stäbe in die umliegende Gegend blickte. Der
Garten stiess an einen anmutigen Wald, aber die ganze Gegend schien öde und
menschenleer, und nur in weiter Entfernung lagen einige Dörfer.
    Aus wiederholten Fragen, mit welchen ich die Alte oft überraschte, hatte ich
mir zusammengesetzt, dass dieser Ort ohnweit U. läge, welches zehn Meilen von D.
entfernt war.
    Wem dieses Landhaus zugehöre, hatte ich bis jetzt nicht bestimmt erfahren
können, aber als ich im Garten über den Toren des Schlosses das Wappen des
Fürsten von ** bemerkte, blieb mir kein Zweifel, durch welche Autorität ich
hiehergebracht worden sei, so unergründlich mir auch die Ursache dieses
Benehmens war.
    Der Arzt ging an meiner Seite, aber Madame Imbert ging an der andern, und es
wurde uns unmöglich, etwas Zusammenhängendes zu sprechen.
    Sie werden Herrn von Nordheim sehen! flüsterte mir der Arzt zu, ich konnte
ihn nicht länger zurückhalten; aber halten Sie sich, und verbergen sich vor der
Alten so viel wie möglich!
    Mein Herz schlug hoch, der Atem fing an zu entgehen, und mein gebrochnes
Auge richtete sich nach dem unendlichen Blau des Himmels, um Stärke zu sammlen.
    Der Arzt warf einen besorgten Blick auf mich, unterstützte mich mit seinem
Arm, und sagte mir ins Ohr: Wenn Sie sein Anschaun nicht still zu ertragen
vermögen, so eile ich ihn aufzuhalten. -
    Nein, sagte ich, es ist schon besser, Sie sollen mit mir zufrieden sein.
    An einem Platz wo man die freie Aussicht auf den Wald hatte, bat mich der
Arzt auszuruhen. Es war ein heitrer Herbstmorgen. Der Himmel glänzte im reinsten
Licht, und der Wald, der vor uns lag, im Schmuck der mannichfachsten Farben.
    Ein Duett von Waldhörnern schallte aus der Ferne, und näherte sich uns in
immer wachsenden Tönen. Bald vernahmen wir den Lärm von Pferden und Hunden, und
jetzt sahen wir die Reuter aus dem Dickicht des Waldes sich uns nähern.
    Der Arzt hielt meine Hand, und ein freundlicher Wink verkündigte mir
Nordheims Ankunft.
    Er wird nicht mit Ihnen sprechen, flüsterte er mir ins Ohr, nur unter dieser
Bedingung erlaubte ich ihm zu kommen.
    Es ist Herr von U. mit seiner Jagdgesellschaft, sagte er laut.
    Nordheims Gestalt leuchtete mir sogleich aus allen übrigen hervor. Welche
Zauberkraft fesselte alle meine Sinnen! Mein Herz flog ihm entgegen, und alles
hielt mich zurück. Die Gewalt des Verlangens bewegte mein Herz aufs neue bis zum
schmerzlichen Krampf; aber jetzt näherte sich der Geliebte, ich sah die reinen
grossen Formen von hohem, stillem Geist belebt, und jeder Sturm in meinem Busen
schwieg. Wie im Anschaun der reinen Schönheit, fühlte ich nur ein hohes stilles
Vergnügen, in dem mein eignes Wesen sich stärkte und erhob.
    Seine Augen ruhten auf mir mit süssem Verlangen, mit zarter Besorgnis. Wie
fühlte ich die Allgewalt, mit der die Seele sich durch dieses Organ auszudrücken
vermag! In wenig Augenblicken stand die ganze Seele meines Geliebten in reiner
Klarheit vor mir, wie nach einem sanften Gespräch, und Hoffnung belebte mein
ganzes Wesen.
    Auch Julius war in Nordheims Gesellschaft, und sein sanfter Gruss zeigte mir
sein liebendes Herz. Bettina und ihr Bruder folgten. Gleich einer himmlischen
Erscheinung wallten die lieben bekannten Gestalten vor mir vorbei, um mir
Heiterkeit und Trost zuzulächeln.
    Die Vereinigung derer die wir lieben, ist einer der zärtesten Genüsse des
Herzens. Meine heitern Blicke dankten dem guten Arzt, der den innigsten Anteil
an meiner Freude nahm. Bewahren Sie diese sanfte Geduld nur noch wenige Tage,
sagte er mir während einer kurzen Entfernung der Alten. Treue Liebe wacht über
jeden Ihrer Schritte. Mit Engels Unschuld wandeln Sie ohne Furcht in Licht und
Klarheit. - Ich danke Nordheim alles was ich bin, und das Schicksal konnte mir
keine grössere Wohltat erzeigen, als die Gelegenheit, mich dankbar zu beweisen.
Im Grunde ist wenig Verdienst hierbei, denn ich war entschlossen, alles für Sie
zu tun, sobald ich Sie kennen lernte. - Halten Sie sich ruhig für heute, sagte
er, als die Alte zurückkam, und nahm Abschied.
    Als ich aus dem Garten zurückging, begegneten mir ein paar alte verlebte
Gestalten, die gleich den Schatten der Vorwelt, in den langen Gängen und den
öden Gemächern nur noch eine Spur des entflohenen Lebens zu bezeichnen schienen.
In der einen erkannte ich den widrigen kleinen Mann, der mir beim ersten
Erwachen aus meiner Krankheit den Puls fühlte. Die zweite war ein freundlicher
Alter, der mir gütig und vertraulich zulächelte.
    Verschiedene Gemächer waren geöfnet, man war beschäftigt sie zu reinigen und
auszulüften. Der freundliche Alte bezeigte mir sein Verlangen, mich mit den
Seltenheiten, welche sie entielten, bekannt zu machen, aber mein alter Argus
warf einen unwilligen Blick auf ihn, und alle Hausgenossen schienen unter
demselben Joch, welches auch mich drückte, zu seufzen. Endlich gelang es doch
meinem neuen Freund, der als ein alter Hofdiener auch etwas jener kleinen
Künste, welche die grosse Welt regieren, erlernt haben mochte. Er schwang den
Zauberstab der Schmeichelei, und die tausend Augen der Vorsichtigkeit schlossen
sich gefällig. Wollen Sie nicht in jenem Cabinet der jungen Dame Ihr Bildnis
zeigen? sagte er der Alten. Es ist von wunderbarer Schönheit, und seltner
Ähnlichkeit. Sie werden darüber erstaunen, sagte er mir, und schon nahmen unsre
Schritte eine andere Richtung. Alle Falten des alten Gesichts klärten sich auf,
und legten sich in einen selbstgefälligen Zirkel um Mund und Wangen. Das alte
Weib hüpfte uns selbst voran, die Tür zu öffnen. Wir standen vor einer Diana,
und ihre Redseligkeit war in vollem Strom, uns die Situation, in welcher das
Bild gemacht war, und die Leidenschaft des Fürsten, der es begehrt hatte, zu
vergegenwärtigen. Es konnte uns kein Zweifel mehr übrig bleiben, dass man diese
Göttin hier nur wegen des Kontrastes gewählt hatte.
    Der gute Mann lächelte und winkte mir sein Vergnügen über die gute Laune zu,
in welche er die Alte versetzt hatte. Wir besahen nun mehrere Zimmer, ich wurde
weniger streng bewacht, und er gewann die Gelegenheit sich mir zu nähern.
»Erschrecken Sie nicht, wenn sich in dieser Nacht eine Tapetentür in Ihrem
Zimmer eröffnet, und folgen Sie Still dem Wink, welchen man Ihnen geben wird.«
    Ich suchte die Alte diesen Abend zeitig zur Ruhe zu bringen, indem ich mich
selbst bald zu Bette legte. Als sie im Nebenzimmer in tiefem Schlaf lag, stand
ich auf, zog mich an, und erwartete, welche neue Begebenheit meinen neuen
gegenwärtigen Zustand freundlich auflösen, oder auch vielleicht tiefer verwirren
würde.
    Ich fand wirklich eine verborgne Tür, die ich noch nie bemerkt hatte, und
nach der Mitternachtsstunde vernahm ich ein Geräusch an derselben.
    Ich bebte vor ungeduldigem Verlangen. Jetzt öffnete sich die Tür, eine
verhüllte Gestalt bog sich herein und winkte mir. Ich folgte, und die Hoffnung,
meine Mutter in dieser Gestalt zu finden, bewegte mein Herz in süsser Freude.
Aber eine starke männliche Hand fasste die meine, und führte mich durch einige
finstre Gänge.
    Sollte es Nordheim sein? dachte ich, aber mein Herz schwieg, und empfand
nichts von dem nahmenlosen Zauber, welcher uns in der Nähe eines geliebten
Wesens ergreift. Jetzt öffnete sich vor uns ein erhelltes Zimmer, die Gestalt
warf einen langen Mantel von sich, und ich erkannte den Prinzen.
    Ists möglich? Sie hier? sagte ich. O Sie kamen gewiss, um das Unrecht Ihres
Vaters wieder gut zu machen, mich aus diesem Ort zu befreien und meinen Freunden
wieder zu geben!
    Gutes, vertrauendes Geschöpf! erwiederte er, ich komme, um Sie Ihrer Mutter
zuzuführen. Mein Herz eilte dieser glücklichen Entdeckung ungestüm zuvor, als es
sich Ihnen im ersten Augenblick mit Liebe und Verlangen näherte. O meiner
Schwester Glück im Besitz einer so lieben Tochter ist gross und einzig!
    Ihrer Schwester? rief ich aus. Meine Mutter .... O so war jene wunderbare
Ahndung keine Täuschung!
    Die Seitentür öffnete sich, und die Prinzessin trat herein.
    Bestes Kind! rief sie aus, indem sie mich in ihre Arme schloss, der
Augenblick ist endlich gekommen ... Meine Tochter ... Ich lag zu ihren Füssen,
sie zog mich an ihre Brust, und unsre Herzen schlugen unter süssen Tränen gegen
einander.
    Nach den ersten Momenten süsser Verwirrungen, in denen mich auch der Prinz
als seine Nichte umarmte, blieb ich allein mit meiner Mutter.
    Du bist die Frucht der heiligsten, aber der unglücklichsten Liebe, sagte
sie, die unter dem Druck der schwersten Verhältnisse sich von Tränen und
Entbehrungen nährte. Meine Freunde, die die fürchterliche Gewalt kannten, mit
welcher mein Herz die Gegenstände seines Verlangens ergreift, entrissen dich
mir. Ich beweinte dich als eine Todte, während du in holdem Leben aufblühtest.
Jetzt da ein längeres Leben mir stilles Dulden und Geniessen lehrte, jetzt gab
dein Vater dich mir wieder. - Ach und beinah verlor ich ihn selbst! Eine tiefe
Finsternis liegt noch auf unserm Schicksal. Stolz, Härte, kalte Eitelkeit
sammlen undurchdringliche Wolken um uns her. O die Menschen können viel Böses
beginnen, wenn ihr Herz dem Strahl der Liebe undurchdringlich ist! Unsre zarten,
süssesten Neigungen dünken ihnen dann nur leichte Opfer!
    Ich lag zu den Füssen meiner Mutter, mein Haupt ruhte in ihrem Schoss, und
ihr tiefer, schwermütiger Blick lösete jede Kraft meines Busens auf. Eine
unaussprechliche Bangigkeit fasste mich, doch suchte ich ruhig zu scheinen.
    Ich habe noch wenig Erfahrung, meine teure Mutter, aber doch fühlte ich
schon oft, wie uns das Herz in der Gefahr wächst, und wie in dringender Not
gleichsam ein guter Engel in den Lauf des Schicksals greift, um die Umstände
freundlich zu uns zu fügen. Lassen Sie uns Vertrauen schöpfen. -
    Armes Kind! sagte meine Mutter mit einem süssen schmerzlichen Lächeln, du
ahndest nicht, welches Opfer man von dir fordert! ...
    Sie verlangte eine kurze Erzählung meiner Begebenheiten in jener Nacht, und
meines Aufentaltes an diesem Ort.
    Mit dem süssen Vergnügen, mit welchem wir innig Vertrauten die glücklichen
Momente unsers Lebens mitzuteilen streben, weil sie ihnen zum eignen Genuss
werden, und mit jener Schüchternheit einer hochbewegten Seele, die sich ihr
reinstes Glück kaum selbst auszusprechen wagt, entdeckte ich meiner Mutter
Nordheims Liebe, unser erstes Zusammentreffen, meine Hoffnungen und meinen
Schmerz, bis zur glücklichen Stunde, wo sich mir das schönste, edelste Herz
ergab.
    Meine Mutter war höchst bewegt, antwortete nichts, und schloss mich weinend
in ihre Arme.
    Er ist das Opfer! tönte es in meinem Innersten; und gleich der kalten Hand
des Todes, ergriff ein starres Entsetzen meinen Busen. Mögen sich diese Augen
auf ewig schliessen, wenn sie sich zu seinem Anschaun nie wieder erheben sollten,
sagte ich in mir selbst. Nur eine schaudervolle Ode fand ich in meinem Innern;
der Wunsch, mich selbst darin zu verlieren, war mein klärstes Gefühl.
    Meine Mutter hiess mich fortfahren, und fragte nach allen kleinen Umständen
der unglücklichen Stunde, die mich hier her versetzte.
    Ich sprach lebhaft von meiner Sorge um Charles; ob mich gleich Nordheims
Zeilen von der Furcht befreiten, ihn verloren zu haben, so sagten sie mir doch
auch nichts Bestimmtes über seinen jetzigen Zustand. Wo ist der gute, treue
Mann, dem ich so viel zu verdanken habe? O du hast ihm noch mehr zu danken, als
du weisst, sagte meine Mutter. Alles - er ist dein Vater! und welch ein Vater,
welch ein Mann er ist, wirst du aus einer kleinen Lebensgeschichte sehen, die
ich seit unserer ersten Zusammenkunft für dich aufschrieb.
    Du hörtest von deinem Pflegevater den Nahmen Hohenfels gewiss mit Verehrung
nennen. Ich weiss es, er war der gute Engel jener Gegend, den man bis zur
Anbetung verehrt, wie der fromme Wahn einen entschlafenen Schutzheiligen. Und
dieser Mann entzog sich der Welt, in welcher ihn die schönsten Verhältnisse fest
hielten, entzog sich dem grossen Cirkel seiner Wirksamkeit aus Liebe für mich,
für dich, mein Kind. Sein glänzendes Leben verschwand wie ein schöner Stern vom
Himmel. Alle Augen suchten ihn mit Sehnsucht. Er erhielt, ernährte unsre Herzen
mit seinem heiligen Feuer. - Du wirst es fühlen, liebstes Kind, wenn sich der
ganze Lauf seines Lebens vor dir entüllt; wir können nie, nie genug für ihn
tun!
    Welche Freude empfand ich, in diesem edlen geliebten Mann, der mir gleich
anfangs als ein guter Genius erschienen war, meinen Vater zu finden! Die Freude,
welche mein Vater von Hohenfels über diese glückliche Erscheinung seines so lang
beweinten Freundes fühlen würde, erhöhte mein eignes Glück.
    Aber dieser edle Mann, fuhr meine Mutter fort, ist jetzt in den Händen
meines Vaters! Warum muss ich es aussprechen! meines Vaters, in dessen ehernem
Busen nie ein sanftes Gefühl der Natur keimte. Fühllosigkeit und Misstrauen sind
das Loos derer, die auf einer höheren Stufe zu stehen wähnen, wenn nicht eine
besonders reiche Natur ihr bessres Gefühl erhält. Die Sklaverei des Scheins
unterdrückte die freie Regungen seines Herzens, die Convenienz wurde aus seiner
Tyrannin seine Göttin. Wie sein eignes Dasein, so opfert er dieser auch jede
andere Existenz, die ein unglückliches Schicksal an die seinige knüpfte. Gutes
Kind! musste dich meine unvorsichtige Neigung auch in dieses feindselige Gewebe
ziehen!
    Lies dieses, sagte sie, indem sie mir zwei versiegelte Papiere gab: das
erste entält einen flüchtigen Umriss meiner Lebensgeschichte; das zweite, Briefe
meines Bruders, aus welchen du die gegenwärtige Lage der Dinge sehen wirst.
    Ich fordre nichts von dir ..., sagte sie mit zitternder Stimme: mein Herz
wird nur Ruhe finden, wenn es aufgehört hat zu schlagen. Dein grossmütiger Vater
fordert nichts von dir, er hat jedes Glück dieser Welt für sich aufgegeben, nur
das deine kann ihn noch rühren. Fordre nichts von dir selbst, was deinen Frieden
für immer stöhren könnte. Ich ahnde eine höhere Kraft in dir, welche mir die
Natur versagte; ohne dieses, und ohne den dringenden Rat meines Bruders, hätte
ich dir diese Papiere jetzt nicht überliefert.
    Der Prinz trat herein, und bat meine Mutter, sich zu entfernen. Höchst
bewegt lag sie in meinen Armen, und konnte sich nicht von mir losreissen. Bald
riss sie die Papiere, welche sie mir eben zugestellt hatte, aus meinen Händen,
und rief: Nein, ich will die Ruhe deiner Liebe nicht morden! Bald gab sie mir
sie wieder mit den Worten zurück: Rette deinen edlen Vater!
    Als sie mir sie aufs neue entreissen wollte, stellte sich der Prinz zwischen
uns, fasste meine Mutter sanft bei der Hand und sagte: Schwester, fasse dich!
Unsre Agnes hat den Sinn und den Mut, das Edelste zu wählen. Dein armes Herz
hat so viel gelitten, dass deine gesunde Vorstellungsart davon erkrankte. - Wer
kann zweifeln in deiner Lage? Agnes muss alles wissen; - die Pflicht wird in
ihrem schönen Herzen siegen.
    Meine Mutter rief mit wildem Blick: Ja, und die Liebe wird es im Todeskampf
brechen. O nur ein Mann, nur mein Gemahl konnte lieben, konnte ein weibliches
Herz verstehen. Ihr andern spielt mit euch selbst mit der Leidenschaft, und mit
uns. Ich kenne eure Siege! Ihr umfasst nichts mit der ganzen Kraft eures Wesens,
und vermögt darum von allen zu scheiden, und euch noch dazu in eurem eitlen Sinn
zu überreden, die Stärke habe errungen, was die Schwachheit aufgab. Nein, von
der vollen Hingebung eines weiblichen Herzens, von der Gewalt seiner Neigung,
habt ihr weder Gefühl noch Begriff. - Auch nicht von der Zarteit, mit welcher
wir in ein anderes Dasein überfliessen, und wie seine Leiden unsern Busen
zerreissen. Diese tausend feinen Fäden unsers Wesens, die allen Schmerz der
weiten Natur zu dem unsern machen, und diese Gewalt, die uns ganz und einzig in
einer Liebe hinreisst und ewig fest hält, öffnet uns eine eigne Welt des Leidens.
Trauriges Geheimnis unsrer Existenz! Ihr vermögt euch in eurem Innren zu
trennen, mit dem Verstand wahrzunehmen, mit den Sinnen. Wir umfassen alles mit
unserm ganzen Wesen, der Schmerz zerstöhrt uns auch ganz. - O verzeih, mein
Bruder, ich kenne dein edles treues Herz. - Ich folge deinem Rat, aber aller
Mut ist mir entgangen in der Ahndung ihres Leidens. Sie zog mich an ihre Brust.
    Ich fühlte nur ihren schmerzlichen Zustand. In meinem Innern war es finster,
nur eine schreckenvolle Gestalt bewegte sich schauervoll in dieser Finsternis,
die Furcht Nordheim zu verlieren.
    Ich weiss nicht was ich soll, noch kann, meine teure Mutter, sagte ich: aber
ich will alles, was Ihnen Ruhe gewährt.
    Schone dich, bestes Kind! sagte meine Mutter. O, muss dieser neue Kampf deine
noch schwache Gesundheit schon wieder bestürmen! Übermorgen sehen wir uns
wieder.
    Der Prinz sagte mir noch: Der alte Bediente ist von uns gewonnen, verlassen
Sie sich ganz auf seine Treue. Wir sind nicht weit von Ihnen entfernt, in wenig
Tagen leben Sie in dem Kreise Ihrer Freunde.
    Der vertraute alte Diener brachte mich wieder in mein Zimmer. Mit bebender
Hand eröffnete ich die folgenden Blätter, welche das Geheimnis meines Schicksals
entielten, und wendete den Rest der Nacht dazu an, sie zu durchlesen.
»Ich wurde in jener Beschränkung erzogen, zu welcher so oft die isolirte Lage
eines höhern Standes führt.
    Meine Mutter hielt streng auf einmal hergebrachte Gewohnheiten, und in
allen einfachen fröhlichen Genüssen der Jugend klirrten die Fesseln der Etikette
mit ein. Tausend Ermahnungen, die Schicklichkeit, zu der meine Geburt mich
verpflichtete, ja niemahls aus den Augen zu setzen, begleiteten jeden meiner
Schritte. Natürlich waren diesen Vorstellungen für mich seelenlose Töne, wie
alle conventionellen Begriffe es für uns sind, ehe wir die Verhältnisse kennen,
aus denen sie sich erzeugen.
    Alles was mich umgab zweckte darauf ab, mich zu isoliren, und mein weiches
liebe-bedürfendes Herz strebte, mich mit allem zu verbinden. Meine ganze Natur
gewann mehr Stärke des Empfindens durch den Widerspruch, den sie von aussen
erfuhr, als sie vielleicht in einer andern Lage gewonnen hätte.
    Ein erhöhter Zauber von magischen Farben umstrahlte alle kleinen
Verbindungen, die ich in den seltenen Gelegenheiten anknüpfte, wo ich mit
mehreren Kindern meines Alters zusammenkam. Kein Ball, keine Assemblee verging,
wo mir nicht irgend eine Gestalt erschien, welcher ich mich mit Liebe näherte,
und nach der ich in den folgenden Tagen eine leidenschaftliche Sehnsucht
empfand.
    Mein Verstand entwickelte sich nicht im gehörigen Verhältnis zu meiner
Einbildungskraft. Meine Lehrstunden waren nur mechanische Übungen. Ich gewann
Kenntnisse und Fertigkeiten; aber ohne ausgezeichnetes Talent zu besitzen,
schlossen sie sich zu keinem Ganzen in meiner Seele, und beschäftigten mich also
auch nur einseitig. Es war immer etwas Unbeschäftigtes, etwas Überflüssiges in
mir, welches nach einem Organ zur Wirksamkeit rang.
    Meine Fantasie, die in keiner Kunstschöpfung erblühen konnte, waltete
bildend über meinem gewöhnlichen Lebenskreis, wo sie nur Täuschung und
Verwirrung erfuhr und erzeugte. Sie lag als eine Wolke zwischen mir und der
Wirklichkeit, meine Genüsse und Leiden bildeten sich nur in diesem Medium, und
mein Wesen trat aus dem Kreise der gewöhnlichen allgemein verbindenden
Vorstellungen beinah heraus. Ich fühlte es, man fasste mich nicht, und so verlor
auch ich das Vermögen, die Menschen um mich her rein zu verstehen. Zu meinem
Unglück lagen auch nur lauter verschobene verwirrte Naturen in meinem näheren
Kreise. Ein gesundes, starkes, lieblich gestimmtes Gemüt, welches sich dem
meinigen zugeneigt, hätte vielleicht die Harmonie unter meinen Seelenkräften,
und zu meinen äussern Verhältnissen wieder herstellen können. Aber der belebende
Hauch der Liebe blieb mir fremd während meiner ersten Bildung. Mein Herz
verschloss sich allen ungefälligen Gestalten meines ältern Cirkels, und die
einzige holde Gestalt, die mich umgab, meine ältere Schwester, wurde früh
verheiratet, und schwebte, als sie mich verliess, noch selbst zu sehr in jenem
magischen Duft, der auch meinen Gesichtskreis bewölkte, um klar und bestimmt auf
mich zu wirken. Mein jüngerer Bruder wurde ganz von mir getrennt erzogen.
    Ich war der genaueren Aufsicht einer alten Französin übergeben. Diese wachte
sorgfältig über mein Äusseres, über den Anstand mit welchem ich in ein Zimmer
eintrat, und über die Art und Weise, wie ich jedem Mitglied der Gesellschaft zu
begegnen hätte. Sie selbst glaubte durch den Wiederschein meines Ranges zu
glänzen, und erhielt mich nach den Maximen meiner Mutter, in einer strengen
Zurückhaltung gegen alles was mich umgab.
    Meine Vernunft blieb unkultivirt, aber glücklicherweise blieb mein Herz
gesund in seinem besten Vermögen. Ich ehrte die Wahrheit über alles, und war
durch die Lebendigkeit meiner innern Erscheinungen zu einer gewissen Erhabenheit
des Sinnes gestimmt, die mich über allen kleinen Collisionen erhielt, in denen
unsre Gutmütigkeit oft scheitert.
    Ich verlebte meine Tage in einer sonderbaren Wehmut, zu der ein
unbestimmtes Verlangen hinneigt. Die edlen Seiten meiner angebohrnen
Verhältnisse wurden nie durch klare Vorstellungen, die einzig ansprechen, an
mein Herz gelegt. Das Leben und Wirken für Andere, die immerwährende Sorge und
Tätigkeit für ein Ganzes, die gleichsam das reinste Element ist, in welchem ein
menschliches Gemüt das reichste und reinste Dasein gewinnt, diese hatte man mir
nie in der notwendigen Verbindung mit mancher Beschränkung meiner Lage gezeigt.
    Wer für andere wirken will, muss seiner selbst gewiss sein, und die
künstlichen Schranken, welche die Grossen oft um sich herlegen, sind immer als
Symbole, die reelle Eigenschaften erzeugen oder ersetzen sollen, achtenswert.
Ruhe Besonnenheit, Mässigung gesellen sich gern zu einem gleichförmigen
feierlichen Gang des Lebens. Man legte mir zuweilen diese Verhältnisse vor, aber
es geschah ohne Klarheit und Wärme. Wie so selten geniessen wir einer andern
Erziehung als die der Umstände, und wie tausend kleine Begebenheiten machen uns
endlich zu dem was wir sind!
    Die Musik war das einzige Organ zarter menschlicher Empfindungen um mich
her; ich ergab mich ihr, und lernte sie mit Leidenschaft.
    Meine Bücher waren einer strengen Wahl unterworfen, aber wie die
Vorsichtigkeit immer der Natur eine Lücke geöffnet lassen muss, so schlich sich
auch unter dem Vorwande der Sprachstudien, manches Contrebande mit ein.
    Die Äneis berührte gewisse zarte Saiten in meinem Wesen am ersten, und
während mein alter Lehrer nur Construktionen, Substantive und Adjektive sah,
drang die mächtige Stimme der Leidenschaft, in den Schicksalen der armen Dido,
an mein Gemüt.
    Diese bestimmt gezeichneten Bilder schoben sich meinen italienischen Arien
unter, die ich mit grosser Wahrheit des Ausdrucks singen lernte.
    Ein sanftes, zärtliches Mädchen, die wie ich, unter dem Druck einer
sogenannten feinen Erziehung seufzte, bekam auf einer Landpartie, wo ich meine
Mutter begleitete, Gelegenheit sich mir zu nähern.
    So ungestört hatte ich noch selten der freien Natur genossen! Ein Garten mit
alten verschnjetzten Hecken, ein Weg durch eine Allee, dahin begränzten sich
meine Wanderungen. Ich blickte in die herrliche Gegend, die ich aus meinem
Fenster übersah, wie in eine Zauberwelt, zu welcher mir die Brücke
hinweggebrochen war. Die schönen Formen der Gebirge, die hohen dunkeln Bäume am
Ufer des Flusses, zogen mich an, wie lebendige Wesen, die vielleicht Anteil und
Liebe für mich fühlen könnten. Zuweilen wurde ausgefahren, und. ich grüsste die
schönen Gegenden, an denen ich vorbei flog, mit stillen Seufzern der Sehnsucht.
    Wenn ich zurück in mein hohes dunkles Zimmer kam, rief ich mir die
Zauberbilder wieder zurück, und gleich den Gestalten der Fata Morgana schwebten
die durchstreiften Gegenden um mich her an den hohen Wänden meines Zimmers, die
sich gegen den Plafond in eine angenehme Dämmerung hüllten. Diese Lebhaftigkeit
meiner innren Darstellung war mein schönster Genuss.
    Mein Glück war unaussprechlich, als ich mit meiner Mutter für ein paar Tage
auf ein entferntes Lustschloss ging, und mit meiner Freundin in den kunstlosen
Gärten, die sich in einem anmutigen Wäldchen verloren, frei umherschweifen
konnte. Ein sanftes empfindendes Wesen mir so nahe zu fühlen, meinen Genuss an
der Natur aussprechen zu können, und ihn aus der Bewegung eines gleichgestimmten
Herzens verstärkt zurück zu empfangen, war für mich ein ganz neuer Zustand. Mein
innerstes Wesen erschloss sich in seinen tiefsten heiligsten Quellen in jenen
Tagen, und die Fähigkeit zu Liebe und Genuss, die ich bis jetzt nur in mir
geahndet hatte, gab mir ein stärkeres Gefühl des Daseins. Ich hatte jetzt einen
bestimmten Wunsch, in welchem sich die Kräfte meines Gemüts vereinten: Liebe
und Freiheit.
    Meine Freundin war liebenswürdig, die feinste Gestalt und das reinste Gemüt
zeigten sich in der sanften Gefälligkeit des Betragens.
    Auch ich war ihre erste Neigung in der weiblichen Welt, die erste Freundin,
die ihren ästetischen Sinn berührte, der in der Kindheit mehr als man
gemeiniglich annimmt, entscheidet.
    Der Zauber jugendlicher Träume, der unsern ersten Blick ins Leben begleitet,
gibt auch der ersten Mädchenfreundschaft jenen unaussprechlichen Reiz einer
unbegränzten Empfindung.
    Das vollste Vertrauen belebte alle unsre Gespräche. Meine Freundin hatte
unter dem Kreise ihrer Bekannten einen liebenswürdigen Jüngling gefunden, den
sich ihr junges Herz bald zu seinem Abgott erkohr. Meine dunkeln Träume hatten
noch keinen Gegenstand, und meine Fantasie dichtete sich den schönsten.
    Das Wäldchen hinter dem Garten war unser Lieblingsaufentalt. Eine
Gattertür, die zu einer freien Strasse durch den Wald führte, war uns als die
Gränze unserer Wanderungen vorgeschrieben, und bei jedem Ausflug begleitete uns
die strenge Warnung der Französin, sie niemals zu überschreiten. Natürlich wurde
das Gattertor jetzt das Ziel unsrer Neugierde. Die breite Strasse durch den Wald
lud uns so lieblich ein, und die Ahndung tausend fröhlich-sonderbarer Abenteuer
schwebte uns auf ihr entgegen.
    Nach wiederholten vergeblichen Versuchen fanden wir das Gatter eines Abends
offen. Wir flogen hindurch, und wandelten unter den alten himmelhohen Fichten
umher, mit klopfendem Herzen, als würden sie uns anreden, wie in Armidens
verzaubertem Wald.
    Bei unsrer Rückkunft fanden wir das Gatter verschlossen. Welcher Schrecken!
Angstvoll versuchten wir das Unmögliche, bald uns durch eine kleine Lücke des
Zauns hindurchzudrängen, bald über das Gatter zu klettern; und als jedes Bemühen
vergebens war, sanken wir ins hohe Gras nieder, und liessen unsern Tränen freien
Lauf. Oft hatte unsre Freundschaft sich Gelegenheit gewünscht, durch irgend ein
heroisches Opfer ihre Stärke zu beweisen. Jede wollte sich allein alle Schuld an
diesem unglücklichen Zufall beimessen. Die Sonne war nah am Untergang, und
senkte ihre schiefen Strahlen durch den bläulichten Dampf des Waldes; die ganze
breite Strasse durch den Wald hindurch, welcher sie gerade gegenüber unterging,
glänzte im rötlichem Lichte.
    Wir gerieten in die höchste Unruhe, als wir in einem benachbarten Dorfe die
Stunde schlagen hörten, die uns zu unsrer Zurückkunft im Schloss bestimmt war.
Die Furcht, unsre schöne, kaum errungene Freiheit mit einemmahle wieder zu
verlieren, erfüllte uns mit tausend Sorgen. Wir hielten uns weinend umfasst, und
machten noch einen neuen verzweifelnden Versuch auf das Gatter. Einige Reuter
kamen jetzt die Strasse durch den Wald her. Der Eine, dem die übrigen zum Gefolge
dienten, hatte eine edle Gestalt, die uns gleichsam aus den Strahlen der
Abendsonne hervorging, und deren Zuge sich nach und nach aus dem Lichtglanz
entüllten. Immer wurde die Gestalt edler und schöner, und als endlich die
lieblichen Formen des Angesichts aus dem rötlichten Schimmer hervorglänzten,
dünkte es uns einen freundlichen Boten des Himmels zu sehen, welcher käme, um
uns aus der Not zu erretten.
    Schon war er uns nah, als meine Freundin und ich uns den Gedanken
zuflüsterten, ihn um Hülfe anzurufen. Zu gleicher Zeit hatten wir beide diesen
Einfall gefasst; aber als der Ritter, der uns erlösen sollte, dicht vor uns war,
hatte ich den Mut verloren, und suchte vergebens nach Worten. Er grüsste uns,
und ich war verloren im Anschauu der edlen grossen Züge dieses Gesichts, wie mir
noch nie eines erschienen war. Schon wendete er uns den Rücken, als meine
Freundin ihm nachrief: Mein Herr! Wir sind hier in grosser Verlegenheit. Ich
bitte ... Schnell wendete er sich wieder gegen uns, und war im Augenblick vom
Pferde gestiegen. Was steht zu Ihrem Befehl? sagte er freundlich, und meine
Freundin trug ihm unser Anliegen vor. Da denk' ich wohl Rat zu schaffen, sagte
er, indem seine Augen die Höhe des Zauns massen. Nein, das wäre zu gefährlich,
sagte er vor sich hin, und ging zum Tore. Mit starkem Arm griff er in die Stäbe
des Gatters, und hob den einen Torflügel aus den Angeln.
    Meine Freundin hüpfte hindurch, ich folgte; sie rief einen flüchtigen Dank
aus, ich wendete mich noch einmal gegen unsern freundlichen Erretter, es zog
mich eine fremde Gewalt zurück, aber ein Wink meiner Freundin beflügelte meine
zweifelnden Schritte.
    Und wir haben ihm nur so flüchtig gedankt! war mein erstes Wort gegen
Teresen, und mein Gefühl während der nächsten Tage.
    Es war etwas Zufriednes in seinem Blick, als ich ihn zuletzt ansah; aber
gleichwohl dachte ich mit einer unaussprechlichen Rührung an den Jüngling, und
warf mir immer von neuem vor, ihn durch meine schnelle Flucht beleidigt zu
haben.
    Sein Bild, das Bild der ganzen Scene blieb lebhafter als noch irgend ein
anderes Andenken, in meinem Gemüt. Meine Träume hatten jetzt einen Gegenstand
gefunden. Die Gestalt des Jünglings stand als ein Riesenbild in meiner dunkeln
Zukunft, in dem sich alle übrige Lebensgestalten verloren.
    Bald nahm meine Freundin den tiefen Eindruck wahr, welchen mein Gemüt
empfangen hatte, und das schwankende Ahnden und Verlangen wurde in unsern
Gesprächen zu bestimmten Erwartungen und Planen.
    Meine Freundin forschte nach dem Nahmen und Stand des Jünglings, aber lange
blieb jedes Bemühen fruchtlos. Er war entflohen, wie eine holde überirdische
Erscheinung, und ich überliess mich der innigsten Sehnsucht nach ihrer Wiederkehr
um so ungestörter, weil sich diese Empfindung ganz von dem Kreise der wirklichen
Welt, die mich umgab, abtrennte.
    Die Fantasie flog über alle Schranken, und erhielt das Herz durch Träume und
Hoffnungen in den Banden der Leidenschaft.
    Der Prinz von *** kam, um bei meinen Eltern um meine Hand zu werben. Welche
Gestalt gegen das zauberische Bild voll Kraft und Leben, das in meiner Seele
stand! Kein Funken der Kraft noch des Geistes leuchtete aus den schlaffen Zügen;
selbst die leichten fröhlichen Regungen der Jugend schienen in den tiefen Falten
des Alters erstarrt zu sein. Seine Reden waren, wie seine Gestalt, ohne Klarheit
und Sinn, und jeder Ausdruck, der irgend eine Empfindung darstellen sollte,
wurde durch seine klanglose Stimme, die sich oft in einem grinsenden Gelächter
verlor, zur widrigsten Karrikatur.
    Die Convenienz stimmte für die Verbindung mit dem Prinzen; sie herrschte als
Tyrannin in dem Gesichtskreise meiner Eltern: ich sollte aufgeopfert werden.
    Meinen Eltern zu widersprechen, war mir undenkbar; eben so undenkbar, dem
Prinzen meine Hand zu geben. Ich wurde auch nie um meine Einwilligung gefragt.
Meine Mutter beschäftigte sich mit meiner Ausstattung, ich hörte von den Festen
bei meiner Verlobung, und in einer tauben Fühllosigkeit wäre ich vielleicht dem
Drang der Umstände gefolgt bis zum Altar, wo mich die Verzweiflung erweckt
hätte.
    Die Gewohnheit in den Träumen der Einbildung zu leben, gibt unserer ganzen
Existenz, unserer Art zu handeln, etwas Unterbrochnes, etwas Verwirrtes, welches
für den klaren Verstand an das Unbegreifliche gränzt. Wie der Nebel in einem
tiefen Tal die Formen der Gebirge verbirgt, dass nur dann und wann, wenn er sich
trennt, eine Felsenkuppe hervorragt, so liegt die Fantasie vor unserm Leben.
Nachdem dieser oder jener Teil der Gegend vor uns aus dem Nebel steigt, lenken
wir unsre Schritte, und unser Tun und Handeln bleibt ein Fragment für den
klaren Verstand, der die ganze Aussicht im hellen Morgenlichte erblickt.
    Meine innern Erscheinungen rührten mich tiefer, als die Wirklichkeit, und
mit einer unglaublichen Verschlossenheit des Sinnes ging ich in einem dumpfen
Traum meinem Schicksal entgegen. Nur der sorgenvolle Blick meiner Freundin
warnte mich vor dem Abgrund, der sich vor mir öfnete; in ihren Tränen las ich
mein ganzes trauriges Loos.
    Wir fassen so früh die Gewohnheit, uns mit den Schranken, die jeden unsrer
freien Schritte hemmen, durch Ausweichen oder Überspringen abzufinden, dass wir
so selten edles Dulden oder mutiges Widersetzen lernen. So oft beugt das
Unglück mit unserm Mut unsern Charakter.
    Meine Freundin fand den Gedanken, sich zu widersetzen, so unmöglich als ich,
und da sie mich resignirt wähnte, erlaubte sie sich nicht die kleinste
Bemerkung, die meinen Frieden hätte stöhren können.
    Der Hof war zu einem kleinen Fest versammelt. Stumm und gedankenvoll stand
ich mit meiner Freundin in einer Ecke des Saals, als mein Vater mit einigen
Fremden hereintrat.
    Kaum wagte ichs meinen Augen zu trauen, vor denen alle Gegenstände anfingen
zu schwanken und in farbigen Lichtstrahlen zu zittern. Unter den Fremden war der
junge Mann, das geliebte Bild meiner Träume.
    Er ists! flüsterte mir meine Freundin zu, indem sie mir die Hand reichte,
mich zu unterstützen. Bald näherte er sich uns; mit einem feinen Lächeln gab er
sich das Ansehen einer ganz neuen Bekanntschaft, und nur als er mit meiner
Freundin und mir allein blieb, gedachte er unsers Abenteuers. Diese kleine
Begebenheit stellte bald eine eigene Vertraulichkeit unter uns her.
    Ich fühlte nichts mehr als den Zauber seiner Gegenwart. Meine Freundin hatte
von seinen Begleitern seinen Nahmen und seine Verhältnisse ausgefragt. Ein
ältlicher überall geschätzter Mann hatte viel zu dem Lobe meines Geliebten
gesagt, hatte in wenig Worten ein Bild seines Charakters und Lebens entworfen,
das sich mit Flammenzügen in mein Herz schrieb.
    Dieser Mann war Nordheims Vater. Sein geübter. Blick, sein klarer Verstand
flösste allen seinen Bekannten unbegränztes Zutrauen ein.
    Nach seinem Zeugnis schien mir die Stimme der Vernunft für meine
Leidenschaft entschieden zu haben. Ich überliess mich dem neuen zarten Gefühl
meines Herzens, und wagte zu hoffen, da, wo meine Lage mich verzweifeln hiess.
Ich fühlte, dass Hohenfels mich liebte, ob er gleich seinem Betragen strenge
Zurückhaltung auflegte. Meine Freundin stand zwischen uns beiden, und von ihren
Lippen vernahmen wir Beide das Geständnis einer Neigung, welcher eiserne
Verhältnisse ein tiefes Schweigen hätten auflegen müssen.
    Der Schmerz, welchen Hohenfels über meine Verbindung mit dem Prinzen
äusserte, erweckte jede unbekannte Kraft in meinem Gemüt. Ich begegnete dem
Prinzen mit einer Verachtung, die selbst seinem Stumpfsinn nicht entging, und
auf die Vorwürfe meiner Mutter über dieses Betragen, gab ich die höchstbestimmte
Erklärung, dass ich mich nie zu dieser Verbindung entschliessen würde.
    Ich ertrug alle schmerzlichen Scenen, welche dieser Erklärung folgten, mit
Festigkeit, und da man endlich alle Versuche, meinen Entschluss umzustimmen,
fruchtlos fand, bekam der Prinz seinen Abschied; aber mein Vater war so
aufgebracht gegen mich, dass meine Mutter mich zu meiner älteren Schwester
schickte, um mich den lauten Ausbrüchen seines Zorns zu entziehen.
    
    Den Tag meiner Abreise empfing ich durch meine Freundin einen Brief von
Hohenfels. Er wollte meinen Lebensfrieden nicht länger stöhren, sagte er mir;
nachdem ich der Gefahr entronnen wäre, mich mit einem unwürdigen Manne zu
verbinden, sollte ich um seinetwillen nicht länger die Eintracht mit meiner
Familie unterbrechen. Ich sollte ihn vergessen, und er wollte lernen sich meines
Glückes zu freuen, wenn er auch nur durch das schmerzlichste Entsagen etwas zu
demselben beizutragen vermöchte.
    Ich sank in Ohnmacht, als ich den Brief gelesen. Meine Freundin stand
weinend an meinem Bette, und suchte mich durch die Hoffnung aufzurichten, dass
eine glückliche unerwartete Begebenheit unserm Schicksal eine andere Wendung
geben könnte. Sie kannte mein Vermögen, das Unmögliche erreichbar zu denken, und
hoffte mich so zu heilen.
    Wir lasen den Brief noch einmal, und sein edler Sinn nährte meine Liebe,
und gab ihr die Allmacht, welche diese Leidenschaft selbst aus der
Hoffnungslosigkeit schöpft, wenn sie sich, nur bestehend auf sich selbst, als ein
Kind des Himmels empfindet, und aller Aussicht auf irdisches Glück entsagt hat.
    Die Erde fordert uns nur allzubald zurück, so lange wie ihr noch angehören.
Verlangen und Sehnsucht zerstörten meine Gesundheit. Die Ärzte glaubten mich dem
Tode nahe.
    Ich fand an dem Hofe meiner Schwester mehrere Bekannten meines Geliebten.
Ich folgte seinem Schicksal mit meinen Gedanken, wusste den jedesmahligen Ort wo
er sich aufhielt, und meine Fantasie dichtete sich die kleinsten Umstände seines
Lebens. Mein verspannter kranker Sinn lebte in einer Welt erdichteter Genüsse
und Leiden, und wenn unser Herz nur in der Dichtung lebt, und keinen Ruhepunkt
in der existirenden Welt um sich her findet, dann drohet der Stimmung unsers
ganzen Wesens Auflösung oder wilde Zerrüttung.
    Eine Gestalt, von der ich wusste, dass er sie kürzlich gesehen, bewegte mein
Blut in wildem Kreislauf.
    Ganze Tage brachte ich einsam in den Gärten zu, und wiederholte jedes Wort,
welches ich in den Tagen unsers Zusammenseins von seinen Lippen vernommen.
    Alle Kleider, welche ich in jener Zeit getragen hatte, bewahrte ich als
Reliquien auf, und berührte sie nie, ohne dass ein süsser Schauer durch mein Wesen
drang, wie in der Gegenwart des Geliebten.
    Oft stärkte mich ein wunderbares Gefühl seiner Gegenwart, und der süsse Wahn,
dass die Gedanken der Liebenden durch ein eignes feineres Element sich zu
begegnen vermögen, erhielt mich in der Zuversicht von seiner dauernden Liebe.
    Ich war in einem immerwährenden Traum, und das Gegenwärtige blieb oft von
mir ungefühlt, oder falsch vernommen.
    Meine Nerven fielen, durch die dauernde Verspannung zerrüttet, in wilde
Verzuckungen, und in der Erschlaffung, die darauf folgte, brach der dünne Faden,
der unsre innere Erscheinungen an die äussere Welt knüpft, oft ganz ab. Ich
blickte nur in mich selbst, und die Harmonie der innren Kräfte, die uns der
äussern Welt zustimmt, war in fieberhaften Träumen zerstört.
    Meine Schwester liebte mich zärtlich. Meine abgebrochnen Reden gaben ihr
hinlängliche Einsicht in die Krankheit meines Herzens. Sie liess meine Freundin
zu sich kommen, und wurde mit meinem ganzen Zustand genau bekannt.
    Das Mitleid wird in zarten reizbaren Gemütern zur Leidenschaft, und sieht,
wie diese, nur den Augenblick. Meine Schwester selbst suchte eine Gelegenheit zu
finden, bei welcher sie Hohenfels dringend und bestimmt zu sich einlud.
    Ich sass an meinem einsamen Platz im Garten, als sich mir meine Schwester,
meine Freundin und Hohenfels näherten.
    Er fuhr erschrocken bei meinem Anblick zurück, lag zu meinen Füssen, die
Natur sprach laut, und bald allein, in unsern Herzen. Wir hatten die fesselnden
Verhältnisse der Welt vergessen und gelobten uns ewige Liebe und Treue, als ob
die Freiheit des goldnen Weltalters uns lächelte. Mit der Hoffnung gewinnt die
Liebe allbesiegenden Mut und Schlangenklugheit. Ein Priester aus einem kleinen
benachbarten Freistaat wurde gewonnen, um uns zu trauen; ich sollte so viel wie
möglich an dem Hofe meiner Schwester leben, Hohenfels auf einem Gut in der Nähe,
und so hoften wir unsre Verbindung und unser Glück den Augen der Welt zu
entziehen. List und Verschlagenheit dünkten uns die natürlichen Waffen gegen
ungerechte Anmassungen der Gesellschaft. Aber gute einfache Seelen rechnen immer
falsch, wenn sie sich in Kampf mit der Arglist und den tausend kleinen
Leidenschaften wagen, die sich in dem Kreise jeder willkührlichen Gewalt eben so
notwendig, wie die Irrlichter in sumpfigten Gegenden, bilden.
    Wir waren in den ersten seligen Tagen unsrer Vereinigung, und genossen das
unaussprechliche Glück des tiefsten Friedens in dem regsten Leben der
Leidenschaften.
    Meine Gesundheit kehrte zurück, die Ärzte gaben Hoffnung zu meiner völligen
Genesung, und jedes Gefühl meiner wiedergewonnenen Kräfte wurde zum Dank gegen
die zarte Pflege der Liebe, die gleich Prometeus belebendem Funken mein Gemüt
erhellte.
    Die wirkliche Welt sprach mich in ihren tausend holden Formen wieder rein
an. Alle schweren Träume waren aus meiner Seele hinweggenommen, und verwandelten
sich in leichte liebliche Gestalten. Fast jeden Moment genoss ich das lebhafte
Vergnügen eines Erwachenden, dem ein drückendes ungeheures Traumbild im goldnen
Strahl der Morgensonne zerrinnt.
    Die innigsten wahresten Bande der Natur geben uns nur alle Kraft und allen
Reichtum unsers Wesens zu empfinden. Die Hoffnung Mutter zu werden, gibt unserm
Dasein eine unendliche Tiefe, und wir fassen die Natur in ihrem zartesten Gewebe
und ihren stärksten Banden.
    So verlebte ich einige glückliche Monate, die schönsten meines Lebens, denn
ein wohltätiger Schleier ruhte auf allen meinen drückenden Verhältnissen. Nur
zuweilen erinnerte mich ein so sorgenvoller Blick meiner Freundinnen an die
unsichere Blüte meines Glücks.
    Mein Gemahl schien in einem edlen Selbstvertrauen über jede Besorgnis
erhoben. Die reine Tätigkeit in der sein Leben hinfloss, sein immerwährendes
Wirken für fremdes Wohl, und sein Leben mit der Natur, gaben seinem Gemüt jene
schöne seltne Einfachheit und Klarheit, zu der notwendig auch ein freundliches
Geschick mitwirken muss.
    Sein Herz hatte die schöne Gewohnheit gefasst, nur durch Sympatie zu
geniessen und zu leiden, und selbst seine Leidenschaft für mich war nur eine
lebhaftere Farbe dieser Sympatie. Seine Liebe hatte mich aus dem traurigsten
Zustand gerissen, und seine Freude an meiner Genesung erhöhte den Genuss der
Leidenschaft.
    Welch seltnes Talent zur Glückseligkeit lag in dem Gemüt deines Vaters!
Welches Vermögen zum reinen freien Leben in dem schönsten und höchsten!
    Aber ein feindliches Schicksal zerstöhrte dieses schöne zarte Dasein, und
warum musste es meine Hand dazu leihen? Durch mich musste die reine Natur deines
Vaters alle schmerzlichen Gestalten des Lebens kennen lernen, Gewalt der
Leidenschaften und den Druck quälender Verhältnisse, vor welchen sein milder
Sinn, der sich nie vor dem Ausspruch seines klaren Verstandes entschied, ihn
vielleicht immer beschützt hätten.
    Er hielt sich so viel an dem Hofe meiner Schwester auf, als es nur immer
unsre Lage und die strengste Vorsichtigkeit, welche wir uns auflegen mussten,
erlaubte.
    Wir glaubten unser Glück jedem neidischen Auge verborgen. Meine Freundinnen
wachten über jeden allzulebhaften Ausdruck der Bewegungen meines Herzens, und
ihr inniger Anteil an meinem Glück löste mein ganzes Wesen in Genuss und Liebe
auf. Meine Schwester war sehr unglücklich verheiratet, und hatte eine zärtliche
Leidenschaft überwunden, als ich zu ihr kam. Die tiefe Wunde, welche ihr Herz
davongetragen, machte sie empfänglicher meinen Schmerz zu verstehen und zu
teilen. Sie freute sich, mich einem Schicksal entzogen zu haben, dessen
Bitterkeit sie jede Minute empfand, und suchte sich, so viel als möglich, mit
mir in die freundliche Täuschung zu versetzen, als sei das Geheimnis meines
Glückes für immer gesichert.
    Mein Gemahl war für einige Tage auf seine Güter gereist, als sich der
Minister meines Vaters ganz unerwartet bei meiner Schwester anmelden liess, und
sich sogleich des Auftrags entledigte, dass er nach dem Befehle meiner Eltern
mich wieder zu meiner Mutter bringen sollte; der Unwille meines Vaters wäre
besänftigt, und meine Mutter wünschte meines Umgangs wieder zu geniessen.
    Meine Schwester verbarg mit Mühe ihre Verlegenheit, suchte tausend
Ausflüchte: meine schwächliche Gesundheit, den allzuheftigen Eindruck, den jedes
harte Benehmen meines Vaters auf mich machen würde; aber vergebens. Der Befehl
meiner Mutter war so bestimmt, dass ich ohne offenbaren Ungehorsam notwendig
abreisen musste.
    Meine Lage machte jedes Ausserordentliche in meinem Betragen gefährlich;
meine Schwester und meine Freundin selbst rieten mir, für einige Zeit nach D.
zu gehen, um jeden Eindruck, den die Welt vielleicht gefasst haben könnte, so am
besten wieder zu vertilgen.
    Meine Schwester fand nichts Bedenkliches in dem Auftrag des Ministers, meine
Freundin eben so wenig; aber ich las mein Unglück in der falschen, höchst
widrigen Mine dieses Mannes, auf dessen Gesicht jeder Ausdruck des Wohlwollens
fremd und furchtbar wurde.
    Meine Freundin begleitete mich. Ich schied von dem Schloss meiner
Schwester, wie ein Sterbender von dem goldnen Licht des Tages scheidet, ohne
Hoffnung es wieder zu geniessen. Wir kamen an, und eine erzwungene Freundlichkeit
in dem Benehmen meiner Mutter bestätigte meine bösen Ahndungen.
    Ich zitterte vor der strengen Mine meines Vaters, und bald bemerkte ich, dass
man jeden meiner Schritte bewachte. Die alte Französin durchsuchte alle meine
Papiere, und meine Freundin hielt man ganz von mir entfernt. Nur bei
öffentlichen Gelegenheiten, wo man sie ohne Beleidigung nicht von der
Gesellschaft ausschliessen konnte, wurde sie eingeladen, und dann gab ich ihr
einen Brief für meinen Gemahl, oder empfing einen von ihr.
    Mein Gemahl und meine Schwester vermahnten mich zur Geduld. Die letztere
versprach mich bald wieder abzuhohlen, und meine Freundin wendete alles an, mich
von einem verzweifelnden Entschluss abzuhalten, indem ich oft meinen Eltern alles
entdecken wollte.
    In dieser beunruhigenden Lage vergingen einige Monate, als ich meine
Freundin in der Nacht vor meinem Bette erblickte. Ich fürchte, wir sind
entdeckt, flüsterte sie mir zu. Morgen muss ich zu einer meiner alten Verwandten
auf das Land; durch tausend Schwierigkeiten gewann ich diesen Augenblick, um Sie
noch einmal zu sehen.
    Ich war aus dem ersten Schlummer erwacht, und fühlte meine ganze Lage in der
schauderhaftesten Verwirrung. Getrennt von meinem Gemahl, umgeben von Schlingen
der Arglist, in einem Zustand, der mich der schrecklichsten Verlegenheit
aussetzte, - wo sollte ich Rettung finden vor der quälenden Sehnsucht, vor den
tausend Besorgnissen die meinen Busen füllten. Ich sah keinen Ausweg, vor meiner
umwölkten Vorstellung, als die Flucht zu meiner Schwester.
    Meine Freundin umarmte mich, als sie mich entschlossen sah, und versprach
mich nicht zu verlassen.
    Wir packten die wichtigsten Sachen zusammen, mein Schmuckkästchen und meine
Börse, und eilten, durch die langen matt erleuchteten Gänge, einer Tür zu, die
in den Garten führte; dort hofften wir über die niedrige Mauer leicht ins Freie
zu kommen.
    Meine Leute vermissten mich, noch ehe wir an der Gartenmauer waren. Meine
Mutter wurde sogleich von meiner Flucht benachrichtigt. Sie folgte nur ihrer
Heftigkeit, es wurde mehr Lärm gemacht, als die Klugheit anriet.
    Meine Freundin und ich suchten, wie scheue Vögel, das dichteste Laub und die
finstersten Gänge durch den Garten, da es eine mondhelle Nacht war; aber bald
sahen wir uns von einer Menge Menschen umringt; meine alte Französin und ein
Cavalier meiner Mutter waren dabei, und befahlen in ihrem Nahmen sogleich zurück
zu kehren.
    Meine Freundin wendete alles an, um durch ein unbefangenes Betragen glaubend
zu machen, wir seien nur auf einem Spatziergang begriffen; aber die Alte hatte
mein Schmuckkästchen, welches ich unter meinem Arme trug, entdeckt. Ich wurde
allein in das Zimmer meiner Mutter geführt, so wie man meine Freundin nach dem
Hause ihres Vaters zurückschickte.
    So ist es denn wahr! sagte meine Mutter, als sie mich erblickte: Du hast
dich und uns alle entehrt. O Gott, was muss ich erleben! - Ich war höchst
verwirrt und hatte nur Tränen zur Antwort. Noch nie sah ich ihren Unwillen mit
dieser Farbe des Schmerzens vermischt, und der erste Laut der Empfindung, den
ich von ihr vernahm, lösete alle Bande, welche seit langen Jahren ihre Kälte
jedem Ausdruck des Herzens auflegte.
    Mein Zustand gab mir den Mut der Verzweiflung, und ich rechnete um so
sicherer auf Schonung, da mein Schicksal unwiderruflich bestimmt war. Ich bat
meine Mutter, ihre Kammerfrauen wegzuschicken, und als wir allein waren,
versuchte ich Natur und Liebe in ihrem Busen zu erregen. Vor ihrem Bette lag ich
zu ihren Füssen, zum erstenmahl drückte ich ihre Hand an meine Brust, und nun
wagte ich, ihr meinen ganzen Zustand zu entdecken. Sie hörte mir mit starrer
Aufmerksamkeit zu, und als sie vernahm, dass ich vielleicht in kurzem Mutter
werden würde, sank sie halb ohnmächtig zurück, ihre kalte Hand stiess mich
krampfhaft von sich, und als sie durch meine und ihrer Frauen Hülfe wieder zu
sich kam, war ihr erstes Wort ein Befehl für mich, sie augenblicklich zu
verlassen.
    Ich wurde streng in meinem Zimmer bewacht. Mein Zustand gränzte an den
Wahnsinn, nachdem alle meine Hoffnungen auf das Herz meiner Mutter mich so bitter
getäuscht hatten.
    Den dritten Tag kam der Minister zu mir. Er wendete alle Künste an, um einen
unangenehmen Auftrag in einen Schleier zweideutiger Worte zu hüllen; aber das
Resultat war nicht weniger schmerzlich für mich. Meine Eltern hielten meine
Heurat für falsch und ungültig, Hohenfels für einen Räuber meiner Ehre, und
wenn wir uns nicht beide mit blindem Gehorsam allen Massregeln unterwerfen
würden, welche mein Vater zu nehmen für gut fände, so würde er lieber die Sache
bei den Reichsgerichten zur Verhandlung bringen, mich ganz aus seiner Familie
verstossen, und in lebenslänglicher Gefangenschaft halten, als den geringsten
Anschein haben, dass er mein Betragen aus väterlicher Schwachheit entschuldige.
    Ihr Herr Vater ist entschlossen, seine beleidigte fürstliche Ehre auf das
bitterste zu rächen, sagte mir der Minister: Sie kennen seinen Einfluss am
kaiserlichen Hofe, und was hat nicht Hohenfels zu fürchten, wenn der Fürst mit
aller Macht dort gegen ihn wirkt? Der Befehl Ihres Herrn Vaters für Sie ist,
sich ruhig zu halten; den geringsten Schritt, welchen Sie tun würden, sich
Hohenfels wieder zu nähern, wird sein unausbleibliches Verderben nach sich
ziehen. Den Vorfall der letzten Nacht sucht man als eine jugendliche
Unbesonnenheit zu bemänteln. Ihr Herr Vater war längst durch einen sichern Mann
vom Hofe Ihrer Schwester von dem Aufsehn unterrichtet, welches Ihre Neigung
gegen Hohenfels dort gemacht, und darum wurden Sie zurück gefordert. Ein äusserst
abgemessenes strenges Betragen kann Ihren Ruf wieder herstellen. Geben Sie den
Umständen nach, und ersparen Ihren Eltern die bittere Kränkung einer beleidigten
Ehre. Mit dem Befehl meiner Mutter, nie wieder ein Wort gegen sie von der
unglücklichen Begebenheit zu erwähnen, machte der Minister den Beschluss, und
überliess mich meinen quälenden Gedanken.
    Die Furcht, Hohenfels in Unglücksfälle zu ziehen, die Sorge für mein Kind,
gaben mir einen noch nie gefühlten Mut, mich zu verstellen, um Gelegenheit zu
gewinnen, meiner Schwester Nachricht von mir zu geben, und ich vermochte es, mit
gefasster Mine vor meinen Eltern zu erscheinen. Das Verbot meiner Mutter liess
mich doch auf die Furcht gerührt zu werden schliessen, und die Hoffnung einen
günstigen Augenblick zu finden, erschien mir aufs neue, um so mehr, da sie von
meinem ganzen Zustand unterrichtet, notwendig auf Hülfe für mich denken musste.
    Selbst die Verzweiflung muss neue Kräfte sammlen, wenn sie das Herz nicht
ganz zu brechen vermag, und ein Traum der Hoffnung ist dem siechen Gemüt die
Schlummerstunde eines Kranken, eine Erhohlung der Natur zu neuem Leiden.
    Einige Tage gingen so hin, als eines Abends ein paar gleichgültige gute
Geschöpfe, die ich nicht ungern sah, auf meinem Zimmer versammelt waren.
    Neuigkeiten waren der Gegenstand des Gesprächs, als eine unter ihnen mit der
grössten Unbefangenheit erzählte: der liebenswürdige Herr von Hohenfels sei durch
die Unvorsichtigkeit eines Jägers auf der Jagd erschossen worden; seine Leute
suchten den Täter überall auf in der bittersten Wut.
    Ich sank ohnmächtig zur Erde, und als ich wieder zu mir selbst kam, fand ich
mich in der fürchterlichsten Zerstöhrung. Der einzige Gedanke, in dem sich mein
Wesen zu einem klaren Bewusstsein zu sammeln vermochte, war, mir den Tod zu
geben. Schon hielt ich ein Federmesser, welches ich mir während einer
Unachtsamkeit meiner Wächter verschafft hatte, in der Hand, als es mir im Gefühl
des kleinen Wesens, welches meinem schmerzlichen Dasein entkeimte, wieder
entsank.
    Ich sah niemand als meine Leute und den Arzt um mich her, und blieb mir
selbst und meinem gränzenlosen Schmerz ganz überlassen. Keine Träne des
Mitleids linderte die Glut der schmerzlichen Verwirrung in meinem Innern, und
rief einen schwachen Laut des Lebens in mein Wesen zurück.
    Nachdem ich einige Tage in diesem Zustande gelegen, erblickte ich Herrn von
Nordheim unter den kalten todten Gestalten, die mich bisher umgaben. Sein
Anblick wirkte wie ein Lichtstrahl in ein dunkles Gewölbe, und rief mich ins
wahre Leben zurück.
    - Er war ein Freund meines Geliebten, und eine lebendige Gegenwart alles
dessen, was wir verloren, ist nie ohne einen zarten Wiederschein des entflohenen
Glücks in irgend einer, dunklen Gegend in unsrer Seele. - Er nahte sich mir und
sagte leise: Trösten Sie sich, Ihr Geliebter ist nicht todt! Sie werden ihn
wieder sehen. Aber sprechen Sie gegen niemand über diese Entdeckung.
    Meine Lebenskraft kehrte zurück. Ich konnte den nächsten Tag vor meinen
Eltern erscheinen, und mit Verwunderung bemerkte ich an ihrem Betragen, dass sie
den ganzen Vorfall vergessen wollten. Meine Mutter liess mich Abends in ihr
Cabinet rufen und sagte:
    Ich habe dir vergeben, wende jetzt nur die möglichste Vorsichtigkeit an, um
die unglücklichen Folgen deines Leichtsinns zu verbergen; wenn es die Zeit
fordert, werde ich dich entfernen. Dank' es der Vorsicht und deinem Vater, dass
die Spuren deines Fehlers vertilgt werden können.
    Nach einigen Tagen gab mir Herr von Nordheim einen Brief deines Vaters. Er
entielt nur die Versicherung seines Wohlseins, die Bitte mich für jetzt allen
Massregeln meiner Eltern zu unterwerfen, und die Hoffnung, dass wir bald wieder
vereint werden würden.
    Herr von Nordheim schien das volle Vertrauen meines Vaters zu besitzen. Er
sagte mir nur oft verstohlen einige Worte des Trostes, denen sein edler sichrer
Blick eine sonderbar überzeugende Kraft gab. Er bat meine Mutter, einige Tage
auf seinem Landgut zuzubringen, und dort entdeckte er mir die ganze Lage meines
Gemahls.
    Schon längst hätten meine Eltern die Geschichte meiner heimlichen Heurat
vernommen, doch sich noch immer mit der Hoffnung eines unsichern Gerüchts
getäuscht, bis mein Geständnis endlich alle Zweifel auflöste.
    Unglücklicherweise, fuhr Herr von Nordheim fort, war in jenem entscheidenden
Moment niemand als der Minister von C. um Ihren Vater, der bei jeder, auch
entfernt scheinenden Begebenheit, eine Beziehung auf seinen Eigennutz zu finden
wusste, und diesem hellen Punkt jede andere Rücksicht unterordnete.
    Dass Ihr Vater je in Ihre Heurat willigen sollte, war für ihn eine
Unmöglichkeit. Streng musste er, nach seiner, durch lange Gewohnheit eisern
gewordenen Vorstellung, diese Schmach seiner Ehre rächen, und alle Bande
trennen, die den reinen Glanz seines Geschlechts verdunkelten.
    Der Minister wurde von Ihrem Vater mit dem Auftrag an Hohenfels abgeschickt:
er müsste Deutschland auf eine unbestimmte Zeit verlassen, jedes Recht auf Sie
aufgeben, und um Ihnen Ihre volle Freiheit wiederzugeben, und Ihnen jede Hoffnung
auf die Zukunft zu benehmen, müsse man Ihnen mit Wahrscheinlichkeit glaubend
machen können, Hohenfels sei gestorben. Öffentliche Entehrung, lebenslängliche
Gefangenschaft würde Ihr Loos sein, wenn Hohenfels nicht in diese Bedingungen
willigte.
    Hohenfels schrieb eilends an Ihre Schwester; Sie war furchtsam geworden
durch das Betragen ihrer Eltern, und fürchtete Verdruss mit ihrem Gemahl, wenn
die ganze Sache nicht unterdrückt würde. Mit dem Anschauen des Glücks flieht so
leicht auch der Mut der Freunde.
    Hohenfels, der nur in dem Glück anderer lebte, hatte keinen Mut frei zu
handeln, da der Ausgang höchst zweifelhaft war. Er willigte in alles, um das
Verderben seiner Geliebten zu verhüten.
    Herr von C. erhielt als eine Nebensache von Hohenfels, dass sein Schwager,
als Lehnsfolger seine Güter während seiner Abwesenheit administriren sollte, und
um dieses zu erhalten, hatte er die ganze Sache, die gewiss einer andern
Verhandlung fähig gewesen wäre, zu diesem Extrem geführt.
    Vor einigen Wochen kam Ihr Gemahl bei mir an, und vertraute mir die ganze
Geschichte. Er bat mich, eilends nach D. zu reisen, um Sie von dem falschen
Gerücht seines Todes zu benachrichtigen. Man war mir doch zuvorgekommen, und ich
konnte den schon empfundenen Schmerz nur wieder heilen.
    Herr von Nordheim gab mir einen Brief von meinem Gemahl. Dieser hielt sich
unter einem fremden Nahmen in einer benachbarten Reichsstadt auf, wo er in der
grössten Eingezogenheit lebte; nur für meine Ruhe besorgt, sagte er mir, dass er
in meiner Nähe bleiben würde, um die erste Gelegenheit zu ergreifen, wo er mich
ohne Gefahr sehen könnte. Er sagte mir nicht ein Wort über den Verlust seiner
Güter und der wirksamen friedlichen Existenz, an welcher sein ganzes Gemüt
hing, und suchte nur mich mit freundlichen Aussichten auf eine unsichre Zukunft
zu trösten.
    Vor der Hand bat er mich, den Frieden in meiner Familie mit jeder
Aufopferung und um jeden Preis, zu erhalten. Er würde mir in dem entscheidenden
Moment nahe sein, um die Sorge für das geliebte kleine Wesen, die heiligste
Blüte unsrer Liebe, mit mir zu teilen.
    Herr von Nordheim wachte seit diesem über das Geheimnis unsrer Liebe; in
seinem Herzen ruhte unser Schicksal, und wir empfingen jede Zusammenkunft, jeden
glücklichen Moment von seiner Hand.
    Sein sichrer Blick in alle Verhältnisse wachte über unsre Unachtsamkeit. Er
und Hohenfels suchten mich mit sanften Tröstungen bis zu meiner Niederkunft
hinzuhalten, und Frau von Nordheim, die auch in unser Geheimnis gezogen wurde,
versprach, da sie das Vertrauen meiner Mutter besass, es bei dieser dahin zu
bringen, ihr die Sorge für mich und für die notwendigen Massregeln bei dieser
Gelegenheit ganz allein zu übertragen.
    Wie bitter täuschte das Schicksal, oder die kalte Politik meiner Mutter, die
mit allen wahren Verhältnissen spielte, meine freundlichen Erwartungen!
    Kurz vor meiner Niederkunft (denn jede Bitte, mich früher zu entfernen,
blieb unerhört,) liess mich meine Mutter entlegenere Zimmer des Schlosses
beziehen, und übergab mich der Wartung einer alten Hofmeisterin, und einem Arzt,
der ihr ganzes Vertrauen besass.
    Meine Mutter selbst war in den entscheidenden Augenblicken gegenwärtig.
    Wie unaussprechlich reich belohnt für jede Sorge, jeden Schmerz fühlte ich
mich durch deinen ersten Anblick, mein geliebtes Kind!
    Ein neues, reineres Dasein bewegte die Elemente meines Lebens. Stärker
fühlte ich mich von der Natur umschlungen, und reicheren verdoppelten Sinns, sie
in ihrer Endlosigkeit zu fassen. Jeder Kampf dünkte mir ein leichtes Spiel; so
erhöhte das geliebte kleine Wesen jedes Gefühl meiner Kraft.
    Wenige Stunden hattest du an meiner Brust geschlummert, als meine Mutter
befahl, dich, aus Schonung für meine durch die Niederkunft erschöpften Kräfte,
in ein entfernteres Zimmer zu bringen.
    Noch einen Kuss drückte ich auf deine Stirn, als man dich schlummernd von mir
trug: - es war der letzte.
    Als ich dich den nächsten Morgen zu sehen begehrte, antwortete man verlegen:
das Kind sei nicht ganz wohl. Bald erschien meine Mutter und verkündigte mir
deinen Tod.
    Auf meine Tränen, auf meine verzweiflungsvollen Klagen, gab sie mir die
kalte Antwort:
    Die Zeit wird dich lehren, der Vorsicht zu danken, dass sie jede Spur deines
Fehlers vertilgte. Dem armen kleinen Geschöpf ist wohl!
    Meine Mutter war gütiger als jemahls gegen mich. Sie glaubte meinen Ruf
jetzt ganz gerettet, und ich genoss aller Freiheit, die ich nur wünschen konnte.
Um meine Heiterkeit wieder herzustellen, machte sie mir selbst Gelegenheit, viel
mit der Nordheimischen Familie zu leben.
    Mit welchem Schmerz umarmte ich deinen Vater, bei unsrer nächsten
Zusammenkunft!
    Ein unerschöpfliches Meer von Genuss und Leiden lag in meinem Busen, und das
Bild meines Kindes, die wenigen Stunden, wo ich mich des süssen Geschöpfs
gefreut, verdrängten die Erinnerungen meines ganzen vergangenen Lebens. Mein
innigster Wunsch war, dass mein Gemahl seines Anschauens auch nur für einen
Moment genossen haben möchte.
    Ich fühlte eine neue Kraft zum Leiden in mir, nachdem ich die stärksten
Gefühle meiner Natur durchlaufen, und die ganze Tiefe meines Wesens in Freude
und Schmerz kennen gelernt hatte.
    Ich selbst drang in deinen Vater, Reisen in entfernte Länder zu unternehmen,
um sich aus dem ängstlichen Zustand zu befreien, worin er seit unsrer Verbindung
lebte. Er reiste, und besuchte mich alle Jahre auf wenige Tage.
    Die Sehnsucht verzehrte mich, ich lebte aufs neue nur in Erinnerungen, und
es schien gleichsam als habe die Natur mich durch den Reichtum des innern
Lebens für jedes Entbehren, das mir die schwere Hand des Schicksals auflegte,
schadlos halten wollen.
    Die Schwermut, die aus dem stäten Rückblick in sich selbst entsteht, und
meine wankende Gesundheit, hatten meine Eltern von jedem Gedanken, mich zu
verheuraten, zurückgebracht, und ich war wenigstens vor neuen Verfolgungen und
gewaltsamen Scenen sicher.
    Während der Abwesenheit meines Gemahls, verloren wir unsern vertrauten
Freund, den Beschützer unsrer Liebe, Herrn von Nordheim; seine Gemahlin war kurz
vor ihm gestorben.
    Ich empfing durch Teresen folgendes Billet von ihm; es war kurz vor seinem
Tode, mit zitternder Hand geschrieben:
    Für Sie, gutes unglückliches Paar, hätte ich gewünscht noch länger zu leben.
Ich fand mich verpflichtet, da mich der Tod übereilt, meinem Sohn einige Dinge
zu entdecken, die in der Folge sehr wichtig werden können, und die Hohenfels
Güter betreffen. Ihre Verbindung weiss er nicht, diese ist Ihr Geheimnis.
    Ich sage es mit freudigem Herzen, indem ich diese Welt verlasse: meine
Freunde gewinnen mehr an meinem Sohn, als sie an mir verlieren.
    Ich hörte von dem jungen Nordheim als von dem edelsten, liebenswürdigsten
Manne sprechen. Ich bat meinen Gemahl bei seiner Zurückkunft sich gegen ihn zu
eröfnen; aber er schien keine Neigung dazu zu haben, und antwortete mir immer:
Die Zeit ist noch nicht gekommen, wir können jetzt nur schweigen und dulden.
    Auch meine Mutter starb in dieser Zeit, und nach ihrem Tode erlangte ich von
meinem Vater, dass meine Freundin Terese bei mir leben durfte. Er schien von
vielen kleinen Zügen jener Begebenheiten nicht unterrichtet zu sein, und wusste
vielleicht nicht, dass Terese einen Anteil daran genommen hatte. Herr von Salm
hatte mit Hohenfels vermeintem Tode was er wünschte erreicht, und bezeigte sich
gegen mich sehr gefällig.
    Terese half mir jetzt bei dem Briefwechsel, und den Zusammenkünften mit
meinem Gemahl, und wir konnten weiterer Hülfe entbehren.
    Nordheim lebte in entfernten Gegenden, und dein Vater hatte durch sein
trauriges Verhältnis, das ihn zur Zurückhaltung zwang, auch von seinem Glauben
an die Menschheit verloren.
    Meine Mutter hatte mich immer von meiner Schwester entfernt gehalten, und
diese hatte ihre Vergebung niemahls erhalten können.
    Tiefes eignes Leiden hatte die letztere von der anhaltenden Aufmerksamkeit
auf mein Schicksal abgebracht, und als ich sie nach dem Tode meiner Mutter
wiedersah, fand ich sie so verändert und mutlos, dass ich eine Vertraulichkeit
für keine von uns Beiden ratsam fand.
    Sie mass dem allgemeinen Gerücht von Hohenfels Tode natürlich Glauben bei,
und der Aussage meiner Mutter nach, glaubte sie wie ich auch, mein Kind sei
gestorben.
    Sie beobachtete ein tiefes Stillschweigen über die Vergangenheit, und so
wurde es auch mir leichter, mein Herz, dessen volles Vertrauen sie noch immer
besass, gegen sie zu verbergen.
    Mein Gemahl hatte seit der Zurückkunft von seinen Reisen den Ort seines
Aufentaltes oft gewechselt. Seit dem Tode unsres Freundes waren unsre
Zusammenkünfte mit grösseren Schwierigkeiten verbunden. Mit dem tätigen heitern
Leben deines Vaters, entflog der jugendliche Mut. Aus zärtlicher Besorgnis für
mich, deren Leben daran hing, in seiner Nähe zu sein, ihn oft zu sehen,
unterwarf er sich der peinigendsten Vorsichtigkeit. Aus Furcht, auf einen
Verräter oder Unvorsichtigen zu stossen, entbehrte er allen Umgang, und sein
schönes Gemüt, das nur in Mitteilung und wohlwollender Liebe gelebt hatte,
bekam gleichsam im Überfluss der zurückgedrängten Lebenskraft, eine Unruhe, die
sich oft in beinahe phantastische Menschenscheue verwandelte.
    Die Malerei war seine einzige Beschäftigung, aber sein ganzes Wesen, das
nach lebendigem Wirken hinstrebte, fand mehr eine Trösterin, als eine
freundliche liebevolle Gesellin in dieser Kunst.
    So verstrichen die Jahre. Der Zustand meines Gemahls schmerzte mich tief,
und ein innerer Vorwurf, sein friedliches schönes Leben unterbrochen zu haben,
erwachte immer stärker in meinem Herzen, je mehr mir alle Verhältnisse des
Lebens aus dem Schleier jugendlicher Täuschung hervortraten.
    Ich erkannte nur zu sehr, dass es für ein zartes Gemüt unbezwingliche Hydern
auf dem Wege zur Glückseligkeit gibt.
    Aller sanfte Trost deines Vaters war vergebens, nachdem ich einen klaren
Blick ins Leben getan hatte. Ich sah, so wie viele andere, erst, nachdem ich
durch Irrwege auf den Gipfel des Berges gekommen war, die bessere Strasse; und
das Gefühl, ein inniggeliebtes Wesen von der ebenen heitern Bahn des Glücks, in
Dunkelheit und Verworrenheit gezogen zu haben, wurde zum immer regen, nagenden
Schmerz in meinem Busen.
    Als mein Gemahl während einer unsrer geheimen Zusammenkünfte alles versucht
hatte, um mich durch die heitersten Ansichten unsres Schicksals zu beruhigen,
und ich dennoch weinend an seine Brust sank, erhob er mich sanft, und blickte
mir mit himmlischer Heiterkeit ins Auge. Nun wohl, so lass auch unser Leben voll
schmerzlicher Entbehrungen sein; unsrer Liebe entblühte ein Wesen, reich an
tausend schönen Kräften, des reinsten klärsten Daseins fähig. Du hast eine
Tochter, in ihr lass uns leben und geniessen. -
    Mein starrer, auf deinen Vater gehefteter Blick, suchte den Sinn dieser Rede
zu ergründen; noch wagte mein Herz nicht, sich in Hoffnung zu erheben.
    Deine Tochter lebt! sagte dein Vater, indem er mich an seinen Busen drückte.
Verzeih, dass ich dir es bis jetzt verbergen konnte; ich nahm dir ein
unaussprechliches Glück, aber welche Unruhe, welche schmerzliche Sorge nahm ich
dir nicht zugleich!
    Ich glaubte, wie du, ein ganzes Jahr hindurch der Nachricht von dem Tode
unsres Kindes.
    Auch Nordheims waren davon überzeugt.
    Du weisst, wie mein sonderbares Leben mich oft und am liebsten an die
entlegensten Orte führte. So kam ich bei meiner ersten Rückreise aus Italien,
Abends an einen einsamen Pachtof unweit D. an. Ein junges Weib sass vor der
Haustür, und hielt zwei Kinder auf ihrem Schoss, die sie wechselnd säugte. Ich
fragte: Sind diese Kinder Zwillinge? Sie antwortete errötend: Ja. Ich spielte
mit den Kindern, von denen das eine eine entzückende Bildung hatte; hohe reine
Formen leuchteten aus der lieblichen Fülle der Kindheit hervor, und schon lag in
dem Blick der grossen blauen Augen eine gewisse süsse Bedeutung.
    Ich war verloren in dem Anschauen des holden Geschöpfs, als die Frau einen
lauten Schrei tat, die zwei Kinder unter die Arme fasste, und der Haustür
zurannte.
    Ein Stier hatte sich aus den Ställen losgemacht, und lief wütend auf dem
kleinen, rings verschlossenen Hofplatz umher.
    Die Haustür hatte sich unglücklicher Weise beim Zuschlagen verschlossen.
Ich nahm meinen Stock, stellte mich vor die Frau, und suchte sie so zu
verteidigen.
    Aber der Schrecken nahm ihr die Besinnungskraft; sie setzte das schöne Kind
auf einen Pfeiler neben der Haustür, wo es im Augenblick herabstürzen musste,
und sprang mit dem andern nach einer kleinen Tür in der Ecke des Hofes.
    Als ich mich wendete, das Kind zu fassen, wollte der Stier gerade auf
dasselbe losstossen. Lächelnd streckte das kleine Geschöpf die Händchen nach den
Hörnern des Stiers aus, als wären diese Werkzeuge seines Todes ein unschuldiges
Spielzeug. Ich hatte das Kind in meinen linken Arm gefasst, und gab dem Stier mit
dem rechten einen derben Schlag zwischen die Hörner, dass er zurückprallte.
    Die Knechte waren herbeigekommen, das wütende Tier wurde eingefangen, und
als ich mich nach der Frau umsah, fand ich sie in der Ecke des Hofes vor ihrem
Kinde knieend.
    Ich überreichte ihr die Kleine, die ich gerettet hatte. Sie warf einen
freundlichen Blick auf sie, aber alle ihre Zärtlichkeit und Unruhe schien einzig
auf das andere Kind gerichtet zu sein.
    Diese Sonderbarkeit in dem Betragen der sonst gutmütigen Frau fiel mir auf,
um so mehr, da ich einen herzlichen Anteil an dem Kinde nahm, das viel schöner
und liebenswürdiger war, als der Liebling der Mutter.
    Ich übernachtete in dem Hause, und brachte den Abend unter der Familie zu.
In Gegenwart des Vaters bemerkte ich die Kälte der Mutter gegen das liebliche
Geschöpf, welches auf meinem Schoss ruhete, und machte ihr sanfte Vorwürfe
darüber. - Sie errötete und wurde höchst verlegen.
    Warum willst du dem Herrn, der es so gut mit uns meint, eine Unwahrheit
sagen? fiel der Mann ein: es ist nicht unser Kind.
    Die Leute wurden immer treuherziger, und ich erfuhr nach und nach so viel,
dass das Kind von einem vornehmen Herrn aus D. in ihre Verwahrung gegeben worden
sei, dass man ein grosses Jahrgeld dafür bezahle, und sich die tiefste
Verschwiegenheit ausbedungen habe. Um sich gegen jeden Fremden aus der
Verlegenheit zu ziehen, liessen die Leute das Kind für die Zwillingsschwester
ihres eigenen Kindes gelten.
    Ich erkundigte mich genau nach der Zeit, in welcher sie das Kind bekommen,
und mit sonderbaren Bewegungen hörte ich den Tag nennen, an welchem das unsre
gestorben war. Es fiel mir jetzt gleich einem Schleier von dem Gesicht der
holden Kleinen; ich sah deine Züge in anmutiger Verjüngung, dein Lächeln, deine
Minen. Ich wagte es nicht zu hoffen, aber ich genoss gleich eines holden
Morgentraumes dieser Erscheinung. Ich fragte nach allen Umständen, und erkannte
in einer genauen Bezeichnung der Person, welche diesen Leuten das Kind
übergeben, die alte Hofmeisterin, welche um dich war.
    Ich eilte Herrn von Nordheim meine Begebenheiten zu erzählen. Er dachte
einige Minuten lang nach, und sagte: ich finde Ihre Mutmassungen nicht ganz
unwahrscheinlich; aber Ihrer Gemahlinn kein Wort davon, auch wenn wir der Sache
auf die Spur kommen sollten.
    Ihr Herz hat sich jetzt an den Schmerz des Verlustes gewöhnt, und die Unruhe
des Besitzes und der notwendigen Entfernung ihres Kindes würde ihr Gemüt nur
in neue Stürme aufregen.
    Er kannte alle Personen und Verhältnisse in D. und in kurzem, umarmte er
mich, und brachte mir die freudige Nachricht, das holde kleine Geschöpf, zu dem
die geheime Kraft der Natur mich hingezogen, sei meine Tochter.
    Herr von Nordheim verschafte den Leuten auf dem Pachtof eine bessere
Pachtung, und entfernte sie aus der Gegend. Bald gelang es uns, durch Geld und
Vorstellungen das Kind von ihnen zu bekommen.
    Wie reich fühlte ich mich im Besitz des lieben Geschöpfs, und wie viel
kostete es mir, dir die Freude vorzuentalten!
    Aber ich fühlte zu sehr, dass der Rat meines Freundes mit der Klugheit
übereinstimmte.
    Erst nach dem Tode deines Vaters sollte Agnes dir übergeben werden, nichts
zwang dich dann bei dem Aufentalt in einem fremden Lande, sie wieder von dir zu
entfernen. Ich wollte dir ein reines Glück aufbewahren.
    Mein unstäter Aufentalt, meine schnellen Reisen, erlaubten mir nicht Agnes
bei mir zu behalten, und wem sollte ich sie mit mehr Ruhe anvertrauen, als
meinem vortreflichen Prediger zu Hohenfels!
    Ich kannte sein edles Gemüt, und die Allmacht seines Geistes auf
menschliche Bildung zu wirken. Ich hatte noch einen Freund ohnweit Hohenfels,
welcher Arzt in einem kleinen Städtchen war. Er hatte als Feldarzt mehrere
Feldzüge mitgemacht, und in den mannichfachsten, oft höchst verworrenen
Verhältnissen, in denen er gelebt, solch eine Kraft des Charakters in sich
entwickelt, die ihn in dem vollkommensten stoischen Gleichmut erhielt.
    Er lebte nur der Übung seiner Kunst, ohne Familien- oder irgend einer andern
nahen Verbindung. Wo es auf Liebe und Mitempfindung ankam, war der Prediger mein
erster Freund; wo es nur Rat, kalte Besonnenheit, und den sichern Überblick der
Verhältnisse galt, da nahm ich meine Zuflucht zu dem Arzt.
    Auch jetzt entdeckte ich ihm mein ganzes Verhältnis. Wir beschlossen, die
reine einfache Seele des Predigers nicht mit einem Geheimnis zu belasten, das
ihn oft in Verwirrung setzen, und zu Unwahrheiten nötigen konnte, denen sein
himmlisch-reiner Sinn sich nur mit schmerzlicher Verwirrung unterzogen hätte.
    Ich war seiner Liebe, seiner zärtesten Sorge für Agnes gewiss, und unter dem
Druck der Meinungen und Vorurteile, die mein Leben so fürchterlich zerstört
hatten, war es mir ein wohltätiges Gefühl, mein Kind entfernt von allen
künstlichen Schranken der Gesellschaft zu halten, und nur durch Wahrheit und
Natur die Kraft seines Herzens entwickelt zu sehen.
    Meine Tochter sollte alles durch sich selbst zu erreichen vermögen, was den
wahren Wert des Lebens ausmacht, und die unsichren Geschenke des Glückes
sollten weder durch ihren Genuss noch ihr Entbehren ihr bessres Wesen aus seinem
Gleichgewicht zu bringen vermögen.
    Oft hatte es der Prediger bereut, nicht in früheren Jahren geheuratet zu
haben, um jetzt in seinen Kindern wieder aufzuleben.
    Ich gebe ihm eine Tochter, sagte ich dem Arzt, und wie gross wird seine
Freude sein, wenn er einst die unaussprechliche Dankbarkeit seines Freundes
empfinden wird!
    Der Arzt selbst trug das Kind eines Abends in der Dämmerung zum Hause des
Predigers. Er sagte ihm, dass er ihm ein Kind, welches durch sonderbare Umstände
hülflos geworden sei, übergäbe, um es als sein eignes zu erziehen; die kleinen
Ausgaben, die es veranlasse, wolle er mit ihm teilen.
    Der Prediger sei durch die Schönheit und den sanften Ausdruck des Kindes so
gerührt worden, dass er es sogleich aus Liebe und Neigung aufgenommen habe.
    Um die Neugierigen von jeder Spur zu entfernen, wurde ausgemacht, dass Agnes
für des Predigers Bruderstochter gelten sollte.
    So wuchs unsre Tochter. Kein Kind genoss je einer liebevolleren Sorgfalt.
    In des Arztes Hause sah ich Agnes zuweilen unbemerkt, und die Erinnerung der
lieben Gestalt begleitete mich wie ein guter Genius.
    Sechszehn Jahre waren so verstrichen, als der schnelle, ganz unvorgesehene
Tod des Arztes mich in die grösste Unruhe setzte, indem ich gezwungen wurde, auf
andere Massregeln zu denken.
    Ich finde keinen Menschen in der Gegend von Hohenfels, den es ratsam wäre
in unser Vertrauen zu ziehen; ich muss dort, der Salmschen Familie wegen, die
grösste Vorsichtigkeit beobachten. - Und sollen wir so ganz geschieden von jeder
Erscheinung, jeder Spur des nächsten liebsten Wesens, unsre Tage vertrauren?
Selbst wenn wir dieses Opfer bringen wollten, so zwingen uns doch die übrigen
Verhältnisse zu einem verschiedenen Betragen. -
    Ich umarmte meinen Gemahl mit einem neuen unaussprechlichen Gefühl, nach
dieser Erzählung. Dein geliebtes Bild, meine Agnes, war zwischen uns, und
läuterte unsre Wesen, gleich einer reinen Flamme, zu einem neuen heiligern
Dasein.
    Wir durchflogen tausend Plane, um dich in unsre Nähe zu bringen, aber immer
war ihre Ausführung mit Schwierigkeiten verbunden, die uns Schrecken einflössten.
    Eine Veränderung musste vorgenommen werden; hätten wir auch unser eignes
Glück aufopfern wollen, so waren die Umstände an sich dringend.
    Du warst in dem Alter, um an die Zukunft denken zu müssen. Der Prediger war
alt, und seine zärtliche Liebe für dich musste tausend Sorgen erzeugen. Er hatte
von dem Arzt nur kleine Summen angenommen, und aus Liebe für dich alles allein
tragen wollen, da er zumal wusste, dass der Arzt selbst nicht wohlhabend war. Mein
Gemahl hatte es bis jetzt geschehen lassen, weil er dich selbst gern zur
Unabhängigkeit von allen äussern Dingen gewöhnt sehen mochte, und wusste, dass er
es für die Zukunft in seiner Hand hatte, dem Pfarrer alles zu vergüten.
    Aber jetzt, da der Tod des Arztes dich ganz von deinem Vater trennte, und er
auch keinen ausserordentlichen Schritt tun mochte, welcher zu sonderbaren
Combinationen hätte Anlass geben können, jetzt waren wir deinetwegen in der
grössten Verlegenheit.
    Mein Vater lag in dieser Zeit an einer gefährlichen, von den Ärzten
unheilbar geachteten Krankheit darnieder.
    Sein Tod veränderte alle Verhältnisse für uns, und wir beschlossen den
Ausgang dieser Krankheit abzuwarten, ehe wir eine Veränderung in deiner Lage
unternähmen.
    In dieser Zeit begegnete dir mein Gemahl auf deiner ganz unerwarteten Reise
nach D.
    Natürlich hatte dein Pflegevater nach dem Tode des Arztes, von welchem er
doch noch eine Aufklärung deines Schicksals erwarten konnte, die Gelegenheit
ergriffen, um dich in eine bessere Lage zu versetzen.
    Ich nahm diesen Zufall, der dich ohne unser Mitwirken in unsre Nähe brachte,
für einen gütigen Wink des Schicksals an.
    Ich kannte die Gräfin als eine gebildete kluge Frau, man sprach von ihrer
Heurat mit Nordheim, und das Vertrauen, welches mir die letzten Worte des
Vaters gegen den Sohn einflössten, beruhigte mich über alle weitere Folgen.
    Meine. Sehnsucht nach dir, die nur den Moment ihrer Befriedigung sah,
stellte alle diese Gründe in das günstigste Licht. Dein Vater sagte mir: Agnes
fühlt tief, aber still; die Kräfte ihres Herzens und Geistes stehen in einem
schönen Verhältnis, und nach einigen Jahren der Welterfahrung, wird sie die
Kunst erlernen, allen Schlingen der Arglist mit ihrem hohen sichren Blick, und
einer feinen Gewandteit des Betragens zu entgehen. Wir entdecken ihr dann unser
ganzes Schicksal, und du geniessest vielleicht das Glück sie immer um dich zu
sehen.
    Der lange Zeitraum, in welchem ich das Vertrauen meines Vaters wieder zu
geniessen schien, machte uns zu kühn. Er schien alles vergessen zu haben,
wenigstens empfing ich kein Zeichen des Misstrauens von ihm, und nie hatte er ja
mein Herz gegen sich eröffnet, weil das seine, ewig verschlossen, nur eine
starre Kälte um sich her ergoss.
    Ich vermied anfänglich, dich vor der Welt zu sehen, weil ich mein Herz zu
verraten fürchtete; aber bald überflog meine Ungeduld alle Schranken. Meine
Freundin, meine einzige Vertraute, hatte sich an einem entfernten Ort
verheiratet, und mein Gemahl wagte jetzt selbst nach D. zu kommen; da auch
meine Gesundheit aufs neue harte Anfälle litt.
    Die Zeit hatte seine ganze Gestalt verändert, und er hatte die Fertigkeit
angenommen, seinem Betragen tausend wechselnde Formen zu geben.
    Bald gab mein Gemahl meinen dringenden Bitten nach, die Sehnsucht rieb meine
Lebenskräfte auf, er musste oft fürchten, dass ich aus der Welt gehen müsste ohne
meine Tochter umarmt zu haben, und bald veranstaltete er unsre erste
Zusammenkunft.
    Nach dieser durfte ichs wagen, dich vor fremden Augen zu sehen.
    Welchen Kampf kostete es mir, dir kalt und fremd zu begegnen! Aber welchen
süssen Genuss fand mein Herz im Anschaun deines liebenswürdigen Wesens! Jedes Herz
fühlte sich von zärtlicher Teilnahme und süssem Verlangen in deiner Nahe
ergriffen.
    Mein Bruder liebte dich mit Leidenschaft Selbst die kalte Brust meines
Vaters schien ein sanfter Zug der Natur mit Liebe für dich zu beleben. Oft
ergriff mich ein beinah unwiderstehliches Verlangen, das tiefe Geheimnis meines
Herzens an das seine zu legen, wenn ich ihn dir freundlich zulächeln sah, aber
die Furcht lähmte meine Zunge.
    Ich bemerkte, wie sehr Julins Alban dich liebte, ich wünschte dein Schicksal
durch eine Heurat mit ihm bestimmt zu sehen, es konnte in der engen Verbindung
mit solch einem reinen, treuen Gemüt nicht anders als glücklich sein; aber bald
entdeckte ich durch dein eigenes Geständnis deine vorgefasste Neigung. Dein Vater
fühlte die ganze Gewalt hoffnungsloser Leidenschaft in deinem Busen. Er fand
dich durch dieses allgewaltige Gefühl so schnell in die Mittagshöhe des Lebens
versetzt, fand dein ganzes Wesen solch einer Energie fähig, um das Geheimnis
unsers Schicksals zu tragen.
    Jener Abend, den die Arglist des Ministers zu unserm Untergang ausersehen
hatte, war für die schönsten Genüsse der Liebe und des Vertrauens bestimmt.
    Ich erwartete sehnsuchtsvoll meinen Geliebten in meinem einsamen Zimmer.
Euer längeres Aussenbleiben ängstigte mich schon, als ich den fürchterlichsten
Lärm auf dem Hofe hörte. Ich ging an ein verborgenes Fenster, sah euern Wagen
mit Lichtern umgeben, hörte schiessen, und sank ohnmächtig zurück.
    Meine Kammerfrauen hörten den Fall, und kamen mich zu Bett zu bringen. Als
ich meine Kräfte nach wenigen Stunden wieder gewonnen, wollte ich nach der Stadt
fahren. Meine Leute waren verstöhrt und stumm, und meine Befehle, vorzufahren,
blieben unerfüllt.
    Ungeduldig über das lange Zögern, drang ich auf eine Antwort. Meine
Kammerfrau fiel mir weinend zu Füssen, und sagte mir: man dürfte mich nach dem
Befehl meines Vaters nicht nach der Stadt fahren, und überhaupt nicht aus dem
Schloss lassen.
    Ein Raub der bängsten Unruhe, der seelen-zerreissendsten Furcht, verlebte ich
zwei der schrecklichsten Stunden meines Lebens. Mein Gemahl hatte mehr als
gewöhnliche Besorgnisse bei den Veranstaltungen zu unsrer letzten Zusammenkunft
geäussert. Jedes Wort, jeder kleine, vorher übersehene Umstand trat jetzt ins
klärste Licht meines Gemüts, und meine Angst vermehrte sich mit jedem
Augenblick.
    Endlich kam mein Bruder, und sein Anblick verscheuchte die Furie der
Ungewissheit, die fürchterlichste von allen, aus meiner Einbildung.
    Ich vernahm, dass mein Gemahl und meine Agnes ausser Gefahr wären.
    Sonst hatte er mir nur traurige Wahrheiten zu verkündigen; aber alles
wirkliche Übel erscheint uns doch sogleich begrenzt, und ruft unsern Mut wieder
zum Kampf, der unter den Riesengestalten der Fantasie erlag.
    Mein Bruder machte mir sanfte Vorwürfe, ihm mein Vertrauen nicht früher
gegönnt zu haben, und enträtselte mir hernach die Begebenheiten der letzten
Nacht, und ihre Veranlassungen.
    Der Minister war der erste, welcher meinen Vater mit der Eröffnung deiner
Verhältnisse überraschte, sagte mir mein Bruder. In der ersten Aufwallung des
Unwillens zog mich mein Vater in die Vertraulichkeit. Der Minister schien es
ungern zu sehen, weil er meine Freundschaft für dich kennt, und mir überhaupt
nicht recht traut. Auch bewog er meinen Vater, mir seine fernern Massregeln
geheim zu halten.
    Aus verschiedenen Gesprächen mit dem Minister, aus den verlegenen Antworten,
welche ich ihm oft durch unerwartete schnelle Fragen entlockte, konnte ich mir
ohngefähr zusammensetzen, auf welche Art er selbst zu seinen Entdeckungen
gekommen war.
    Nach dem, was mir mein Bruder ferner hierüber angab, und welches ich mit
meiner eigenen Kenntnis der Verhältnisse und Charaktere verband, schlossen wir
auf folgenden Zusammenhang:
    Der Herr von Salm in Hohenfels hatte bei dem lebhaftesten Interesse an der
Entfernung meines Gemahls, auch den schärfsten Blick auf unser Verhältnis. Jeden
unrechtmässigen Besitz umwinden die Schlangen des Verdachts und der Furcht.
    Herr von Salm hatte durch Nachforschungen in der Gegend bald entdeckt, dass
der Fremde, welcher sich bei dem Prediger aufgehalten, Herr von Nordheim war.
Die Freundschaft meines Gemahls mit der Nordheimischen Familie war ihm nicht
unbekannt, und Nordheims besonderer Anteil an Agnes, welcher ihm durch tausend
kleine Umstände zu Ohren kam, dass man sogar von einer Heurat sprach, dieses
alles erweckte seine Besorgnisse.
    Die Neugierde trug sich schon längst mit verschiedenen Gerüchten über Agnes
Geburt, zu denen die Aussage eines alten Bedienten des verstorbenen Arztes den
ersten Stoff gegeben. Dieser Mensch hatte nähmlich ausgesagt, Agnes sei nicht
die Bruderstochter des Predigers.
    Man legte sich jetzt aufs weitere Nachforschen bei dem alten Bedienten. Zum
Glück hatte sein Herr seine Geheimnisse wohl zu verwahren gewusst; doch erfuhr
man: dass Agnes, als einjähriges Kind, durch einen fremden Mann erst in des
Arztes Haus gebracht worden sei, und dieser sie hernach dem Prediger übergeben
habe.
    Die Furcht, welche der Ungerechtigkeit unzertrennliche Begleiterin ist, gab
allen diesen ausschweifenden Gerüchten eine feste Gestalt im Gemüt des Herrn
von Salm.
    Agnes Abreise von Hohenfels gab von neuem Stoff zu den sonderbarsten
Mutmassungen.
    Herr von Salm schrieb an seinen Schwager über seine gemachten Entdeckungen.
Alles was Intrigue hiess, hatte einen natürlichen Reiz für den alten Minister,
und die krummen Wege, zu denen ein geheimes Verhältnis zwingt, entgingen seinem
geübten Blick weniger, als die gerade einfache Strasse, auf welcher die
Unbefangenheit wandelt. Er selbst hatte auf der Fürstin Befehl, die kleine Agnes
den Leuten auf dem Pachtof übergeben lassen, und hatte nach der Veränderung
ihres Aufentaltes, die Nachricht von dem Tode des Kindes von ihnen empfangen.
Wir hatten diesen Ausweg selbst an die Hand gegeben, weil er allen
Nachforschungen am besten Einhalt tat.
    Der Minister lockte die Leute durch grosse Versprechungen zu sich, und es war
ihm ein Leichtes, ihre gutmütige Treuherzigkeit in die Schlinge seiner List zu
ziehen. Er erfuhr jetzt, dass ein Fremder und der verstorbene Herr von Nordheim
sie überredet hatten, ihnen das Kind zu überlassen.
    Agnes, welche sogleich die allgemeine Aufmerksamkeit in D. erregte, wurde
von dem Minister genau beobachtet. Er kam unsrer ersten Zusammenkunft auf die
Spur, und die sonderbare Gestalt des Mahlers, welcher zuweilen in D. erschien,
und so vertraut mit Agnes war, erregte seine ganze Aufmerksamkeit. In kurzem
blieb ihm kein Zweifel mehr übrig.
    Er überraschte den Fürsten vor wenigen Tagen mit der Entdeckung: dass
Hohenfels gegenwärtig in D. sei, dass wir beide Mittel gefunden hätten, unser
Kind aus den Händen der Leute wieder zu bekommen, denen es meine verstorbene
Mutter übergeben, und dass wir wahrscheinlich nur auf einen günstigen Zeitpunkt
warteten, unsere Ehe für gültig zu erklären.
    Mein Vater entbrannte natürlich im heftigsten Unwillen. Nichts empört das
Gemüt bitterer, als getäuschtes Vertrauen, und jeder Beweis der Güte, welchen
mit mein Vater in den letzten Zeiten gegeben, entflammte jetzt seine Brust zum
unversöhnlichsten Hass.
    Er liess meinen Bruder rufen, erzählte ihm die jetzigen Begebenheiten, und
meine frühere Geschichte, von welcher mein Bruder nur schwankende Gerüchte
vernommen, über die er mich selbst aus Feinheit nie befragen mochte.
    Jetzt beschwor mein Vater meinen Bruder und den Minister, auf Mittel zu
sinnen, wie die Ehre seiner Familie zu schonen und zu rächen sei.
    Der Verwegene muss sogleich entfernt werden! sagte der Minister. Mein Bruder
widersprach ihm nicht, um das Vertrauen meines Vaters in der Sache zu gewinnen,
und für mein Bestes handeln zu können.
    Aber wo ist jenes Kind, fragte der Fürst: jener unglückselige Zeuge unsrer
Schande?
    Sie werden sich über die Kühnheit des Plans wundern, erwiederte der
Minister. Es lebt an Ihrem Hofe. Die sogenannte Agnes von Lilien -
    O Gott, rief der Fürst gerührt: warum hat das Mädchen keinen andern Vater!
    Mein Bruder baute auf diese Aufwallung der Natur in dem Herzen meines Vaters
die schönsten Hoffnungen. Aber der Minister wusste sie geschickt zu dämpfen,
indem er Ehrgeiz und Unwillen wieder erregte, und in ihrer ersten Aufwallung
meinem Vater einen Plan des Betragens in unsrer Sache vorlegte.
    Mein Vater war gewohnt, nur durch diesen Mann zu handeln. Die Gewohnheit ist
die Tyrannin leidenschaftsloser Gemüter, deren Ruhe nicht aus innerem
Gleichgewicht, sondern aus Schlaffheit des Herzens entsteht.
    Mein Bruder fand den nächsten Tag meinen Vater nie allein, sondern immer in
der Gesellschaft des Ministers. Beide waren verschlossen, doch fand er noch
immer in meinem Vater die stärkste Abneigung gegen alle gewaltsame Massregeln,
und hoffte, es würde vor der Hand nichts entscheidendes geschehen.
    Auch der Minister schien zur Milde gestimmt zu sein, und zeigte besonders
die grösste Furcht vor dem Herrn von Nordheim. Er wusste, wie frei dieser zu Werke
ging, und hatte schon mehr als eine Beschämung durch ihn erfahren.
    Nordheims lebhafte Teilnahme an deinem Schicksal war unverkennbar, sie
mochte nun Zärtlichkeit oder allgemeines Wohlwollen zum Grunde haben.
    Es war dem Minister, so wie jedem, der Nordheimen handeln gesehen, wohl
bekannt, wie sicher jeder Unterdrückte auf seinen Schutz rechnen durfte, und
seine Freunde ruhten vertrauungsvoll, wie unter der Aegide der Pallas, an seiner
Brust.
    Unabhängig durch seinen Charakter, seine Tapferkeit, den hellen Blick seines
Geistes und seine äussere ganz freie Lage, war er der zuverlässigste Freund, aber
ein furchtbarer Gegner.
    Mein Vater selbst hatte eine an Furcht gränzende Achtung für ihn, und dass er
auch hier seinen mächtig wirkenden Einfluss fürchtete, nahm ich an dem Befehl
wahr, welchen er meinem Bruder gab, von der ganzen Geschichte nicht mit Nordheim
zu sprechen.
    Diesen Morgen, fuhr mein Bruder fort, kaum nach Tages Anbruch, liess mich der
Fürst rufen. Ich fand ihn sehr bewegt, er schien ermattet nach einer heftigen
Anspannung. Mit zitternder Stimme befahl er mir, an seinem Bette niederzusitzen,
und sagte: Der Verführer deiner Schwester ist jetzt in meinen Händen in guter
Verwahrung, und wir sind vor jedem unvorsichtigen Schritt sicher. Ich liess ihn
gestern Abend, eben wie er zu einer Zusammenkunft eilte, gefangen nehmen, und
auf das Schloss ** bringen. Er wagte es, sich gegen meine Leute zu verteidigen,
und empfing eine zum Glück leichte Wunde. Blut will ich nicht vergiessen, sondern
nur der verhassten Aufführung deiner Schwester Einhalt tun. Die Welt soll nicht
mit Spott, gleich als auf einen weichherzigen Comödien-Vater auf mich deuten,
welcher am Ende die Torheiten seiner Kinder durch seine Vergebung krönt.
    Auch für die Kleine ist gesorgt, sie wird nicht wieder in dieser Gegend
erscheinen, aber versorgt soll sie werden; ich will dem Mädchen wohl, und was
kann das unschuldige Geschöpf für die Torheit seiner Eltern?
    Ich sende den jungen Herrn von Salm, den Neffen des Ministers, in besondern
Angelegenheiten nach Frankreich. Agnes empfängt eine Aussteuer von mir, die ihre
Hand wünschenswert machte, besässe sie auch keine weitere Vorzüge, und der junge
Mann wird sich zur immerwährenden Entfernung aus seinem Vaterlande um diesen
Preis gern verstehen, wie mir sein Oheim versichert.
    Eile zu deiner Schwester und hinterbringe ihr diese Nachrichten, nebst
meinem Befehl, sich von ihrem Schloss nicht zu entfernen. Nur der strengste
Gehorsam kann ihr die Hoffnung auf meine Vergebung erhalten.
    Mein Bruder tröstete mich mit den zärtlichsten Versicherungen, meinem Gemahl
die Freiheit bald wieder zu verschaffen, und meine Agnes solch einem verhassten
Geschick zu entziehen. Er verliess mich beruhigt, und versprach mir jeden Tag
Nachricht zu geben.
    Sieh nun, bestes Kind, aus folgenden Briefen den Fortgang der Begebenheiten
- die Lage deines Vaters - das Opfer welches man deinem Herzen abzwingen will -
und das Unglück deiner Mutter.«
                     1. Der Prinz von * an seine Schwester.
»Als ich von dir zurück kam, liebste Schwester, erfuhr ich, Nordheim habe schon
zweimahl nach mir gefragt.
    Nach wenigen Augenblicken kam er selbst.
    Er grüsste mich ernstafter als gewöhnlich. Es war etwas schmerzlich Bewegtes
in seinen Minen, welches mein Gemüt gewaltig ergriff. Ich hatte ihn nie leidend
gesehen, und der Schmerz welcher über seine edle Gestalt ergossen war, gab
seinem ganzen Wesen gleichsam etwas überirdisches. Ich fühlte die Gewalt einer
regeren stärkeren Natur, die in ihrem inneren Leben gereizt, dennoch ihre Kraft
unzerstreut und im schönsten Gleichgewicht empfand.
    Er frug mich sogleich, ob ich etwas um die Begebenheiten der letzten Nacht
wisse? ob mir der Ort bekannt sei, wo man Agnes hingebracht?
    Ich hatte die besten Vorsätze gefasst, das Vertrauen meines Vaters zu
respectiren; aber bei Nordheims geradem vertraulichem Benehmen, vor seinem
Blick, der immer mein ganzes Herz zu durchschauen gewohnt war, entfiel mir aller
Mut ihm etwas zu verbergen.
    Gleichwohl vermochte ich zu sagen: Sein Sie unbesorgt um Agnes Schicksal,
mein Freund, und beruhigen auch die Gräfin. Agnes ist in sichren achtungswerten
Händen. Verzeihen Sie, dass ich Ihnen nichts weiteres sage, es ist das Geheimnis
meines Vaters.
    Ihr Herz hat keinen Teil an der ganzen Begebenheit? fragte mich Nordheim.
    Als ich diese Frage mit Nein beantwortet, sagte er: Nun so eile ich, den
Fürsten sogleich selbst zu befragen.
    Es war mir lieb, dem Minister Nordheims tätigen Anteil an dieser Sache
lebhaft fühlen zu lassen, und ich erwartete ein schonenderes Betragen gegen
Hohenfels, wenn Nordheim in die ganze Verhandlung gezogen würde. Diese Hoffnung
war, so wie ich die Lage der Sachen damahls einsah, nicht schimärisch.
    Ich begleitete Nordheim zu meinem Vater, der eben mit dem Minister
arbeitete. Dieser zog sich höchst verlegen in ein Fenster zurück.
    Ich komme, sagte Nordheim laut, Ihro Durchlaucht um Schutz zu bitten, gegen
ein höchst sonderbares, unbegreifliches Benehmen. Ein unschuldiges
liebenswürdiges Mädchen wurde gestern gewaltsam ihren Freunden entrissen.
Niemand hat ein stärkeres Recht sich dieser Beleidigung anzunehmen als ich, denn
sie schenkte mir ihre Liebe, und ist seit gestern meine Verlobte.
    Mein Vater geriet in die glühendste Verlegenheit, dennoch antwortete er
nach wenig Augenblicken kalt und sicher: Es sind gewisse Verhältnisse, Herr von
Nordheim, eine sehr sonderbare Lage, welche mich bewogen hat, Agnes von Lilien
unter meinen Schutz zu nehmen. Was eine Verbindung mit ihr betrift, so muss ich
Sie bitten, diesen Plan aufzugeben.
    Aufzugeben? - sagte Nordheim mit zurückgehaltener Heftigkeit: ich kenne
nichts in der Welt welches mich hierzu nötigen könnte, so lange ich hoffen
darf, das Glück meiner Geliebten zu machen.
    Mein Vater wurde nun immer verlegner und verwirrter in seinen Antworten.
Nordheim bestand kühn darauf, von Agnes Aufentalt unterrichtet zu werden, er
zeigte ungemeine Gewandteit des Geistes, und ehrne Festigkeit des Willens in
der ganzen Unterredung. Gegen meinen Vater betrug er sich mit Schonung, aber der
Minister bekam manchen drohenden Wink.
    Alles ist demnach vergebens sagte er, indem er aufstand um Abschied zu
nehmen. Ich habe gezeigt, wie gern ich in den Grenzen der Mässigung und
schuldigen Achtung bleibe. Aber jetzt werden mir Ihro Durchlaucht verzeihen, dass
ich mich für ungebunden halte, alle Massregeln zu ergreifen, die ich nur immer
vor meinem eignen Herzen verantworten kann.
    Ich wollte Nordheim folgen, mein Vater hielt mich zurück. Er überliess sich
den heftigsten Ausbrüchen des Unwillens. Der Minister wusste geschickt, durch
seine angenommene Ruhe und Kälte, der Flamme nur noch mehr Öl zuzugiessen. Mein
Vater tat die fürchterlichsten Gelübde, durch welche schwache Charaktere immer
ihren eignen unrechtmässigen Entschlüssen Festigkeit zu geben suchen: nie würde
er eine Verbindung zwischen Nordheim und Agnes zugeben.
    Nordheims höchst sichres und festes Benehmen vermehrte die Furcht meines
Vaters, das Geheimnis seiner Familie in seinen Händen zu sehen. Alle Handlungen,
deren Motive im Herzen zu suchen sind, liegen ganz ausser dem Gesichtskreise
meines Vaters; und wenn er ein Interesse hat, sich solche zu erklären, so
schiebt er natürlich falsche Bewegungsgründe unter. Überdem gibt er den
Verhältnissen des Standes und Ranges, die einmal seine Natur ausmachen, auch
eine alles überwiegende Wichtigkeit. Unbegreiflich wird es ihm dünken, dass
Nordheim die Ansprüche auf Agnes Geburt, nicht geltend machen, oder sie aus
Liebe aufgeben könnte. Mein Vater glaubt Nordheim von der ganzen Geschichte
deiner Heurat durch seinen Vater unterrichtet; fürchtet, dass das Recht, welches
er dir selbst in gewissen Momenten zugestehen muss, durch Nordheims Kühnheit und
höheren Geist geleitet, noch obsiegen, und dahin führen möchte, deine
Verhältnisse vor der Welt bekannt zu machen.
    Wie der Schwache jede Kraft fürchtet, deren Wirkungen er nicht zu ermessen
vermag, so sieht er auch lauter Poltergeister um sich her. Güte und Stärke sind
die natürlichen Poltergeister eines schwachen Sinns.
    Nordheims höheres Wesen fiel meinem Vater auf, als eine neue Erscheinung,
welche seine Achtung erzwang. Aber jetzt, da er selbst in Collision mit jenem
höheren reineren Gemüt tritt, verwandelt sich die Achtung in Furcht. Die Furcht
verwirrt den Verstand, und verhärtet das Herz. Was bleibt uns zu tun und zu
hoffen übrig?
    Unsre Agnes muss nicht aufgeopfert werden. Ich vermag es nicht zu denken, das
sanfte holde Geschöpf, das Schönheit und Wahrheit mit solch einem regen
unverstimmbaren Sinn ergreift, sollte für immer an einen Toren gefesselt
werden? Der junge Mensch ist herz- und geistlos. Es wuchs mit Agnes auf, und der
Onkel sprach gegen mich von einer Leidenschaft, die er aus Gehorsam gegen seine
Eltern unterdrückte, und die jetzt auf einmal in vollen Flammen auflodert.
    Du weisst, was ich von dem denke, und dass ich gewisse Gesichter lieber vom
Galgen und Rad, als von Liebe und Tugend reden höre.
    Agnes muss gerettet werden; aber dass mein Vater für Nordheim zu bewegen ist,
daran zweifle ich. Wir werden einen dritten Weg einschlagen müssen, auf welchem
wir vielleicht leichter mit meinem Vater zusammentreffen.
    Ich benutzte den ersten freien Augenblick, um zu Nordheim zu eilen.
    Ich war entschlossen ihm alles zu entdecken, da ich den innigen Anteil
seines Herzens für Agnes empfunden hatte, und mit ihm gemeinschaftliche
Massregeln zu nehmen; aber er war schon abgereist.
    Ich suchte die Gräfin auf, sie war unruhig und verschlossen, und wollte,
oder wusste mit über Nordheims Aufentalt nichts zu sagen.
    Die kleine Bettina fiel mir im Vorzimmer zu Füssen und rief: Wenn Sie ein
Herz haben, die Leiden der Trennung zu fühlen, so sagen Sie mir, wo ist meine
Agnes?
    Morgen denke ich den Aufentalt unsrer Agnes zu erfahren. Die Leute, die ich
auf Kundschaft ausgeschickt, müssen zurückkommen.«
                                       2.
»Hohenfels ist ausser Gefahr, das Wundfieber war nur leicht, und ist jetzt schon
vorüber. Die Wunde ist im besten Zustand, und wir werden uns in kurzem seiner
völligen Genesung erfreuen. Man begegnet ihm gütig, aber übrigens wird er streng
bewacht. Er ist einem alten Officier übergeben, der sich streng an die Befehle
meines Vaters bindet, und von unbestechbarer Rechtschaffenheit ist. In allem was
nicht gegen seine Pflicht läuft, ist er mild und gefällig, und hat mir
versprochen, Hohenfels mit der grössten Aufmerksamkeit zu begegnen. Beruhige dich
also, liebe Schwester, über Hohenfels Schicksal, welches an sich nicht
unglücklich ist, und unverändert bleiben wird, wenn der Unwille meines Vaters
nicht auf das neue gereizt wird. Der Lauf der Natur erinnert mich an den
Zeitpunkt, wo es in meiner Gewalt stehen wird, jeden Kummes von deinem Herzen zu
nehmen; rüste dich bis dahin mit Stärke und Geduld.
    Unsre Agnes ist auf das Jagdschloss B. gebracht worden. Einer alten
Französin, einer ehemahligen Liebe des Ministers, an welcher mein Vater auch für
kurze Zeit Geschmack fand, ist sie übergeben. Alle Zugänge sind dort für uns
offen, da ich einen meiner vertrautesten Leute an diesem Ort habe, einen alten
Bedienten, der mir seit meiner Kindheit manchen Dienst tat.
    Der Mensch ist sehr schlau, und hat sein ganzes Leben hindurch gesucht sich
durch das Auslernen fremder Schwachheiten der Dienstbarkeit zu entziehen, ja
sich oft zum Herrn seiner Herrschaft zu machen.
    Möchte ich dir über die Gesinnungen meines Vaters auch etwas zu sagen
finden, welches deinen Wünschen gemäss wäre! Aber noch immer fand ich seinen Sinn
unbeugsam, so oft ich Nordheims Nahmen nannte. Die entfernteste Äusserung über
Agnes Verbindung mit ihm wies er mit dem heftigsten Unwillen zurück.
    Ich fühle wie der Minister darauf arbeitet, meinen Vater immer mehr gegen
Nordheim zu entrüsten, um diesen aus dem ganzen Verhältnis zu entfernen.
    Mein Vater ist in dem Zustand einer kranken Reizbarkeit, und sein empörter
Starrsinn stösst jede milde Empfindung zurück. Ich fürchte, er könnte in diesem
Zustand einer harten, ungerechten Handlung fähig sein; höchst gefährlich wäre
es, ihn zu reizen, so lange Hohenfels in seinen Händen ist. Er kennt keinen
Frieden, bis Agnes verheiratet und entfernt ist. Die fieberhafte Verspannung
seines Wesens, bei seiner Ermattung, seinen dumpfen Vorstellungen, flösset mir
inniges Mitleid ein.
    Wie furchtbar sind die starken Züge des Gemüts im Alter, wenn sie nicht von
der Wahrheit belebt werden!
    Ich deutete schon gestern auf eine Idee, die vielleicht alle Parteien
vereinte. Meinem Vater war sie nicht fremd, da er sich schon sonst einmal dafür
interessirt hatte.
    Der -sche Hof wünschte schon längst Julius als seinen Geschäftsträger in
England. Wenn wir meinen Vater bewegen könnten, Julius statt des jungen Salm als
einen Gemahl für Agnes zu wählen, so wäre ihr Schicksal, wo nicht ganz der
Wunsch ihres Herzens, doch gewiss sorgenlos und heiter. Wüsste ich Nordheims
Aufentalt, ich würde ihn zuerst mit der ganzen Lage bekannt machen, und alles
der Leitung seines höheren Sinns überlassen.
    Indes sind die Umstände dringend. Hohenfels muss befreit werden. Bald sollst
du deine Tochter sehen, wir müssen alles versuchen, ihr Herz zum Gehorsam zu
stimmen.«
Diese Blätter zogen mich in eine Welt neuer Verhältnisse und Gefühle. Seit
meiner Jugend war mein Leben nur durch ein einziges Band gehalten. Die
Zufriedenheit meines Vaters in Hohenfels, war, nach der innren Regel des Rechts
in meinem Gemüt der einzige feste Gesichtspunkt, nach dem sich alle meine
Handlungen richteten. Meine ganze Wirksamkeit strebte nach diesem Ziel. Für
meinen Vater hatte jeder meiner Schritte Bedeutung, und ich fühlte mein Glück
oder Unglück nur in seinem Herzen. Seitdem Nordheims Bekanntschaft mein Wesen
den Stürmen der Leidenschaft öffnete, in Momenten wo die Hoffnung entfloh, der
Puls des Lebens in meinem Herzen stockte, und starre Fühllosigkeit mich ergriff,
da erhielt mich das Andenken meines Vaters. Über den Anteil, den er an meinen
Leiden nehmen würde, vergoss ich lindernde Tränen, und meine Seufzer nach dem
Unendlichen, in dem wir die ganze Verkettung unsers Schicksals denken, hatten
den Sinn: Mache mich glücklich, damit mein Vater sich meines Glücks erfreue!
    Nordheims Liebe hielt mich mit einem neuen allgewaltigen Band umschlungen.
Die Sorge für sein Glück begleitete jeden Pulsschlag meines Herzens. Jetzt
erschienen die Gestalten meiner liebenden Eltern, die an meinem Herzen Ruhe
suchten, und in meinem heitern Leben Trost, Freude, und Ersatz für ihr eignes
schmerzliches Schicksal finden wollten!
    Unaussprechliches Mitleid füllte mein ganzes Wesen. Mein eignes Dasein
verlor sich gleichsam in diesem Gefühl; ich hätte alles aufopfern können -
selbst das Glück meiner Liebe - nur nicht Nordheims Zufriedenheit. Wenn ich ihn
leidend dachte, leidend durch mich! dann versagte mir jede Kraft, und alle Fäden
meines Daseins rissen entzwei.
    Physische Ermattung umzog endlich alle diese Vorstellungen gleichsam mit
einem Nebel. Das stille Gefühl meines Herzens, jedes eigne Glück der Ruhe meiner
Eltern aufopfern zu wollen, stimmte mich zu einer beruhigenden Einheit, in der
ich bald einschlief.
    Ein paar Akkorde auf der Guitarre erweckten mich wieder. Das Instrument
schien dicht unter meinem Fenster gespielt zu werden. Bald ertönte Bettina's
Stimme; sanft und halb leise sang sie folgende Worte:
Du liegst im bangen Schlummer,
Ich irr' im dunklen Wald;
Entferne jeden Kummer,
Dein Freund erscheint dir bald.
Schon flimmert Licht im Schloss,
Die Knappen rasten nicht,
Gezäumet stehn die Rosse
Im grauen Morgenlicht.
Er schwingt sich auf den Rappen,
Fliegt über Berg und Tal,
Ein Sturm, mit seinen Knappen
Langt an im Abendstrahl.
Und in der Dämmrung Hülle
Birgt sie das hohe Korn,
Jetzt schallt durch Nacht und Stille
Der wackern Jäger Horn.
Es stürmt wie ein Gewitter
Der ganze Tross feldein,
Es stürzen Tor und Gitter,
Der Liebste ziehet ein.
Des Turmes Riegel schwirren,
Die Wächter sind entflohn;
Vernimm's, der Waffen Klirren
Sei dir der Liebe Ton.
Ich eilte zum Fenster, und erkannte die Gestalt des guten Mädchens in der
Morgendämmerung. Sie stand dicht an einem Spalier an der Mauer unter mir, und
vernahm sogleich meinen leisen Ruf.
    Leicht wie ein Vogel schwang sie sich auf dem Spalier empor bis zu den
Gittern meines Fensters. Ich musste ihr die Hand reichen, die sie an ihren Mund
und an ihre Brust drückte.
    Nachdem sie sich beruhigt hatte, vernahm ich von ihr die Lage meines
Freundes und den Sinn ihres Liedes.
    O, ich konnte deine Entfernung und die Ungewissheit deines Schicksals nicht
länger aushalten! rief sie aus. Nordheim war wenige Tage nach dir weggereist,
ich erfuhr von der Gräfin, es sei um dich aufzusuchen.
    Die Angst und Sorge um dich verzehrten mich, ich hatte Tag und Nacht keine
Ruh. Ich war ganz mir selbst überlassen, die Gräfin war durch einen sonderbaren
Vorfall in die tiefste Schwermut verfallen, sie hatte mich ihrer Kammerfrau
übergeben, und uns allen befohlen, sie allein zu lassen.
    In deinem Zimmer hatte sie das Kästchen gefunden, welches dir meine Mutter
in Verwahrung gegeben.
    Ich kam dazu, als es geöffnet vor ihr stand. Bleich, auf den Stuhl zurück
gelehnt, ein Papier in der Hand haltend, auf das ihre Augen starr geheftet
waren, so fand ich sie.
    Was ist Ihnen? rief ich, und auf meinen Ruf erwachte sie wie aus einem
Traum.
    Weisst du wie dieses Kästchen hieher kam? fragte sie heftig.
    Von meiner Mutter, sagte ich, durch ihre Heftigkeit erschreckt: sie übergab
es an Agnes, als ich in die Stadt kam.
    Sie umarmte mich unter heissen Tränen, versprach mich zu lieben, für mich zu
sorgen wie für ihre eigne Tochter, und bat mich sie allein zu lassen. Ich
beklagte sie herzlich, ob ich gleich von dem allen nichts verstand.
    Ich sah wie sie das Kästchen in ihr Zimmer trug; den ganzen Tag wurde
niemand vorgelassen.
    Mein Bruder war eben in die Stadt gekommen, er fand mich entstellt und
bleich wie ein Schatten.
    Er hatte von Nordheims Leuten erfahren, dass er sich in der Gegend von U.
aufhalte. Lass uns gehn, Agnes aufzusuchen, sagte ich meinem Bruder, und ich will
ruhig werden.
    Der Weg nach U. war uns bekannt, wir waren ehemahls mit meiner Mutter da
gewesen. Mein Bruder ging nach Hause zurück und hohlte ein Kleid für mich, und
seine Flöte. Meiner Mutter sagte er, er solle in der Stadt bei mir bleiben. Nun
gingen wir des Abends aus dem Hause der Gräfin. So wie die Reise fortging wurde
mir leichter, ich sah dich immer am Ziele der selben.
    So kamen wir ohne Hindernis nach U. Schon den andern Tag begegnete mein
Bruder einem von Nordheims Bedienten auf der Strasse. Er hiess uns ruhig bleiben
wo wir wären; den Abend kam ein Wagen uns abzuhohlen. Ich zitterte vor Furcht,
man möchte uns zurück bringen, in wenigen Stunden kamen wir in einem Hause an,
wo uns deine Freundin Elise empfing.
    Dort war ich bald in meinem Element, denn alles war nur mit dir beschäftigt.
Elise sagte mir, dass du ausser Gefahr seist, und dich auf einem Schloss
aufhieltest, welches nicht weit von ihrem Landgut entfernt läge.
    Nordheim und Julius kamen den nächsten Tag. Ich fürchtete, Nordheim möchte
meine Flucht von D. missbilligen. Aber die Liebe für dich entschuldigte alles.
Bald bemerkte ich, dass noch etwas geheimnisvolles in deinen Verhältnissen sei,
über welches man sich nicht in meiner Gegenwart erklärte.
    Julius und Nordheim waren oft abwesend, und unzertrennlich verband sie die
Sorge um dich. Nordheim sendete mich jetzt zu dir, mit dem Arzt, er selbst
schrieb mir genau vor, wie ich mich zu betragen hätte, und als ich zurück kam,
konnte er mit Fragen über dein Aussehen, deine Mienen, deine Stimmung nicht
fertig werden. Er ist jetzt für einige Tage verreist, ich bemerkte bald, dass man
Anstalten macht, dich diesem Aufentalt zu entreissen.
    Elise sagte mir diesen Abend, dass morgen Nordheim wieder ankommen würde, um
dich mit Gewalt zu befreien, wenn alle andere Mittel fehlschlagen sollten.
    Dein einsamer Zustand und meine Sehnsucht zerrissen mir die Seele, bei der
einbrechenden Nacht trieb es mich fort. Mir war es, als hiesse mir eine innre
Stimme dir Mut und Hoffnung zusingen.
    Ich fand mich in der mondhellen Nacht leicht auf dem Waldpfad, der mir durch
den Arzt bekannt wurde, hierher.
    Gutes treues Geschöpf! rief ich - Ja, dir gab ein guter Genius den Anschlag
ein, zu mir zu kommen.
    Ich schrieb folgende Zeilen an Nordheim:
    »Mein Schicksal steht mit dem Leben meines Vaters in der genausten
Verbindung. Unternehmen Sie es nicht, mich diesem Aufentalt zu entziehen!«
    »Wie gern folgte ich dem Wink der Liebe, der für mich auch die Leitung eines
höhern Sinnes ist! Aber Umstände, die mein geliebter Freund nicht kennt, halten
mich gebunden.«
    Ich bat Bettina zurück zu eilen, und bei Nordheims Ankunft sogleich ihm
dieses Billet zu übergeben. Sie eilte von mir, wie ein leichter Morgentraum,
dessen freundliche Erscheinung uns während dem Lauf des Tages begleitet, um uns
als ein Friedensbote bessrer Zeiten, Freiheit und Hoffnung zuzuwinken.
    Die Sonne ging auf. Der Zauber des Morgenlichts wirkte, im tiefsten Schmerz,
im höchsten Glück, immer lebendig auf mein Gemüt. Nordheims Liebe umfasste mein
ganzes Wesen mit freundlicher Gewalt.
    Ich habe es genossen, das höchste, zärteste Leben! sagte ich mir selbst.
Nichts vermag mir diese Erinnerung, dieses ewig lebendige Dasein in seinem
Herzen zu rauben. Was für wechselnde Erscheinungen auch die Zeit mit sich führen
mag, alle müssen sich auflösen in der Ewigkeit der Liebe.
    Ich las die Blätter meiner Mutter von neuem. Meiner Eltern Schicksal ergriff
mein Herz mit einer schauervollen Gegenwart, und ich fühlte die Notwendigkeit,
diesen teuren Unglücklichen mein Leben und alle Kräfte meines Geistes und
Herzens aufzuopfern.
    Für meinen Grossvater fühlte ich mehr Mitleiden als Unwillen.
    Ich sagte mir, noch fordre die Zeit keinen Entschluss, aber ein lebhaftes
klares Gefühl sieht immer die Strasse, die es zu wandeln hat, vor sich, ehe der
Verstand die Verhältnisse abgewogen, und die Vernunft einen Vorsatz gefasst hat.
    Nordheim hatte mein Wort, ihm sollte die ganze Lage vorgelegt werden, von
ihm erwartete ich die Richtschnur meines Betragens.
    Ich schöpfte sonderbaren Mut und Trost aus diesem Vorhaben. Mein Schicksal
mochte nun bitter oder lieblich werden, aber es sollte nur von ihm kommen.
    Ich hofte, wenn ich an seinen Mut, den tiefen heitern Blick seines Geistes
dachte, der dem ganzen Verhältnis vielleicht eine neue Wendung geben könnte. Ich
lebte, wenn ich die Kraft seines Herzens ermass, dem Rechten und Schönen alles
Glück seines Lebens aufzuopfern. Von Julius, wusste ich, konnte mir nichts Böses
kommen, ich war seines Edelmutes gewiss. Aber das Bild meines gefangenen Vaters
drängte sich allen diesen Vorstellungen entgegen, und mein Herz zerfloss in Angst
und Kummer.
    Eine bestimmte Tätigkeit entriss mich der Verworrenheit meines eignen Wesens
Das Kind, welches mir meinen lieblichen Traum zurückgerufen hatte, war seit
dieser zeit fast immer um mich gewesen, und ich sehnte mich jeden Morgen nach
dem heitern Anblick seiner Liebenswürdigkeit und Unschuld. Kaum war es diesen
Morgen in mein Zimmer getreten, als es einen Anfall von Krämpfen bekam. Das arme
kleine Geschöpf wollte nicht von meinem Schoss, klammerte seine Händchen um
meinen Hals, gleich als könnte es nur an meiner Brust genesen.
    Der Anblick des physischen Schmerzens ruft unsre ganze Natur auf.
    In der Pflege des Kindes vergingen die Stunden des Tages, die sich durch
meine unruhigen Vorstellungen zu Jahren des Leidens verlängert hätten.
    Der Arzt kam, seinen gewöhnlichen Abendbesuch abzustatten. Die Alte war
teils mit dem Kinde beschäftigt, teils schien sie von den Begebenheiten der
vergangnen Nacht unterrichtet, und weit entfernt ihren künftigen Herrn durch
allzugewissenhafte Treue für den gegenwärtigen zu beleidigen, bezeigte sie sich
nachgiebiger und gefälliger gegen mich, da sie auf ein ernstaftes Interesse des
Prinzen schliessen musste.
    Der Vorschlag des Arztes, mich allein in den Garten zu führen, wurde
angenommen.
    Der Arzt, las bedenklich auf moinem Gesicht, wo er die Heiterkeit und Ruhe,
die er erwartet hatte, völlig vermisste. Er führte mich ans Ende des Gartens in
eine Laube, und fragte, ob er einen Freund zu mir bringen dürfe? Nordheim trat
aus dem Gebüsch hervor, lag zu meinen Füssen, schloss mich an seine Brust. Süsses
heiliges Leben der Liebe, vor dem die Zukunft und Vergangenheit verschwindet,
durchflammte uns. In der ersten süssen Verwirrung der Freude war jede Last von
meinem Herzen gesunken. Der Arzt entfernte sich. Nordheim hielt zärtlich meine
Hand, und als wir wieder Worte finden konnten, strebten unsre Wünsche nach einer
Zukunft, die uns vereinen, und unser gegenwärtiges Glück uns für immer
versichern sollte. Alle Schwierigkeiten meiner Lage fielen jetzt mit furchtbarer
Gewalt auf mein Herz.
    Ich habe Ihren Vater gesprochen, sagte mir Nordheim: mit seiner Einwilligung
machte ich den Plan, Sie so bald als möglich diesem Aufentalt zu entreissen.
Warum befahlen Sie mir ihm zu entsagen?
    Ich sagte ihm die Besorgnisse meiner Mutter. Er war von dem ganzen
Verhältnis durch meinen Vater unterrichtet.
    Nordheim hatte dem Commandanten der Vestung ein Vertrauen einzuflössen
gewusst, das ihm völlig freien Zugang zu meinem Vater gestattete. Auch von D. aus
hatte er Nachrichten, die ihn mit dem Widerwillen meines Grossvaters gegen unsre
Verbindung bekannt machten.
    Mit sanften Bitten suchte er meinen Entschluss zu bestimmen. Ich fühlte, dass
mir die Kraft fehlte, ihm zu widerstehen, und gleichwohl hielt mich das meiner
Mutter gegebene Versprechen. Schonen Sie mich, Nordheim! sagte ich. O, Sie
kennen die Gewalt Ihrer Bitten nicht.
    Seine Augen ruhten mit innigster Zärtlichkeit auf mir. Welcher Himmel wohnte
in den klaren heitern Blicken, die im vollen Vertrauen der Liebe mein ganzes
Wesen umfassten!
    Da war kein Zweifel, kein scharfes Beobachten mehr, aber die selige Freiheit
eines Wesens das sich ganz hingibt, und ein reines Herz ganz und rein empfängt.
    Wie konnte ich ein solches Herz missverstehen, solche himmlische
Unbefangenheit! rief Nordheim aus. Bitter rächt das Schicksal meinen Irrtum,
mein Zögern, meine Untreue an mir selbst, da ich der bessern Überzeugung des
Herzens entfloh.
    Ich wünschte nicht meine teure Agnes zu überreden, sondern zu überzeugen,
fuhr er fort. Der Drang der Verhältnisse muss meine grelle Darstellung unsrer
Lage entschuldigen. Ihr Grossvater ist ein schwacher unempfindlicher Mann; Ihre
Mutter zärtlich, hingebend und durch lange Leiden mutlos. Ihr Onkel keines
tiefen Eindrucks fähig, gibt fremde Empfindungen eben so leicht wie seine
eignen auf, und wird immer in seinen Handlungen von äussern Rücksichten
hingerissen, so sehr sein reiner Verstand sich zu einer entgegengesetzten
Handlungsweise bekennt. Was haben wir von dem Zusammenfluss dieser Charaktere zu
erwarten? Der Fürst wird nur der Notwendigkeit nachgeben, und diese allein wird
Ihre Mutter und Ihren Onkel zu einem festen Betragen bewegen.
    Ich bin gewiss, dass der Minister kein Verbrechen wagt, auch ist Ihr Vater
durch die Treue und Redlichkeit des Commandanten geschützt.
    Hohenfels Gefangennehmung ist ein Eingrif in die Vorrechte unsres Standes,
der nicht ungeahndet bleiben wird. Die Stimme der Freiheit, die uns nicht mehr
ins Feld zum ofnen Kampf gegen die Unterdrückung lockt, ist darum nicht
verstummt. Der Geist jeder Zeit liefert Waffen gegen ungerechte Unterdrückung,
für den der sie zu gebrauchen versteht.
    Die kalte arglistige Politik, mit welcher der Minister gegen uns wirkt, soll
vor dem Geradsinn des Rechts und der Unschuld zu Schanden werden. Ich darf es
hoffen, der Fürst selbst wird sich zu uns wenden, wenn wir ihn aus den Banden
der Gewohnheit gerissen haben.
    Diese armseligen Menschen, die sich zu allem brauchen lassen, deren erstes
Gut die Gunst ihres Herrn ist, ziehen die edelsten Charaktere in ihr niedriges
Gewerbe herab. Julius, ihr Vater und ich, sollten wir nicht den Kampf mit einem
eigennützigen schädlichen Toren wagen?
    Ein edler Unwille glühte auf Nordheims Stirn. Ich fühlte mich hingerissen,
aber die Besorgnisse meiner Mutter um die Sicherheit meines Vaters, die Furcht
ein unwiederbringliches Gut zu verlieren, kämpfte mit meiner Neigung, dem
Geliebten zu folgen.
    Geben Sie mir ein Recht, meine Agnes, Sie vor jeder Gewalt zu beschützen,
sagte Nordheim zärtlich. Nachdem wir den Segen Ihres Vaters von Hohenfels
empfangen haben, eilen wir nach England. Unsre Entfernung wird den Fürsten
beruhigen. In kurzem wird er einsehen, wie entfernt mein Herz von jedem Streben
des Ehrgeizes ist, und dass ich mit meiner Agnes jede Freude des Lebens besitze.
Giebt der Fürst Ihrem Vater die Freiheit, so ist alles vergessen. In der
Verborgenheit, wie es ihre Verhältnisse fordern, wird Ihre Mutter die Ruhe des
Herzens im Glück ihrer Geliebten finden. Ihr Vater wird bald mit uns, bald mit
ihr leben.
    Ich schwieg, verloren in dem Glanz der schönen seligen Zukunft, und sah
Nordheim lächelnd an.
    Eine neue Welt öffnet sich mir in der himmlischen Klarheit deines Wesens,
sagte Nordheim mit dem zärtlichsten Ausdruck. Zum erstenmahl gibt sich mein
Herz ganz, und der seligste Traum meiner Jugend steigt, wie die Sonne aus Nacht
und Dämmerung, strahlend aus den Wogen des Lebens empor. Da ist keine Täuschung
des jugendlichen Sinnes, der den Gegenstand seines Begehrens, vom Glanz seines
eignen Feuers umleuchtet, erblickt.
    Mannichfache Gestalten haben sich in meinem Herzen abgedrückt, sie erregen
manch sanftes Andenken, - die Liebe ist so heilig, dass selbst ihre Täuschungen
uns wert bleiben. So oft sich mein Herz jener zarten süssen Gewalt der Schönheit
überliess, so oft versank es in eine furchtbare Leere zurück, denn Mangel und
Beschränkteit zog es in kurzem von jedem Gegenstand wieder ab. Nur deine schöne
Natur, die sich im freien Spiel lieblicher Neigungen vor mir entfaltete, erhielt
die Regungen des Verlangens in meinem Busen. Nur die innre Freiheit eines
Wesens, die angebohrne Grazie des Gefühls, zieht uns in jene Ahndung des
Unendlichen, ohne die unser Leben in dumpfer Beschränkung entflieht. Nur die
Liebe lehrt unsere Herzen ein Leben ahnden, für dessen Begrif, Verstand und Sinn
schwindeln. Holdes Wesen, die Natur in deiner schönen freien Seele ist
unendlich, ein rastloses Streben nach dem Höchsten und Schönsten ist ihr innres
Leben. Jeder niedre Zweck, jede Kleinheit des Sinnes, ja selbst das edelste,
jeder Kampf das Rechte und Schöne zu erringen, gibt ein Gefühl des Mangels und
der Eingeschränkteit. Eine selige Fülle ist in deinem lieblichen Wesen. Das
Rechte ist dein Instinkt, die Schönheit dein Element, und deine liebliche
Fantasie, als ein unerschöpflicher Quell des neuen Lebens, bildet dein eignes
Selbst in tausend wechselnden reizenden Formen.
    Lass mich es aussprechen, was du bist, sagte Nordheim, indem seine Augen sich
mit Tränen füllten. - Fühle mein Glück in der hohen Gestalt deines Wesens, und
zwinge so deine holde Bescheidenheit auf deinem Bilde zu verweilen.
    Gleichwie vor einer Verklärten schwand die Erde vor mir, und ein Himmel des
reinsten Genusses öffnete sich.
    Ewiges Wesen! seufzte ich, gieb mir das Vermögen die Gestalt des Innren zu
bewahren, die das Glück meines Geliebten macht!
    Das Leben hat vielleicht manche Klippe die mir noch unbekannt ist, sagte ich
zu Nordheim. Wie manche gute Natur wird vom Schicksal zerstöhrt. Mein teurer
Freund, lehre mich selbst die Existenz zu bewahren, die das edelste Herz zu mir
zog.
    Wir durchflogen den Cirkel unsrer Freunde, und wünschten sie alle mit dem
Gefühl unsers Glücks zu beleben. Über Julius sagte mir Nordheim: Seine schöne
reine Liebe flösst mir oft die Furcht ein, meiner Agnes den Verlust solch eines
Herzens nie ersetzen zu können.
    Ich wagte es nicht von der Gräfin zu sprechen, aber Nordheim selbst sagte:
Mein ganzes vergangenes Leben werde ich meiner Agnes entüllen, nachdem uns
irgend eine Spur der Gegenwart darauf führt. Wir sehen uns selten rein, wenn wir
eigentlich darauf ausgehen, unser innres Dasein als ein Ganzes vor eine fremde
Vorstellungsart zu halten. Und hier, wo der Eindruck so wesentlich zu meinem
Glück ist, misstraue ich meiner Unbefangenheit. Amalie selbst wird unser
Verhältnis gegen Sie aussprechen, dass in ihrer zarten weiblichen Seele eine
schönere Gestalt gewinnt.
    Ein paar glückliche Stunden waren entflogen. Jedes Wort meines Geliebten war
voll des heiligen Sinnes der Güte und Liebe. Immer kam er auf seine Bitte
zurück, dass ich ihm diesen Abend zu Elisen folgen sollte.
    Mein Entschluss schwankte, aber ich fühlte dass mein Herz mich zwang, seinen
Bitten nachzugeben. Das Schicksal gab den Ausschlag.
    Der Arzt kam eilends zu uns, und meldete, dass der Fürst, die Prinzessin und
der Prinz so eben angekommen wären. Die Alte sei in der fürchterlichsten Angst,
er selbst hätte ihr versprochen, mich unverzüglich auf mein Zimmer zu bringen.
    Nordheim küsste meine Hand mit einem traurigen Blick. Eine Blume, die ich
eben zwischen den Fingern hielt, verbarg er in seinen Busen.
    Ich fühlte, dass er sich nur aus Schonung für den Arzt entfernte, leise
flüsterte er mir zu:
    »Um zehn Uhr bin ich wieder an diesem Platz.«
    Kaum war ich in meinem Zimmer, als meine Mutter hereintrat.
    Der Fürst ist hier und will dich sehen, sagte sie mir. Die Ärzte verordneten
ihm das - sche Bad.
    Ich und mein Bruder begegneten ihm ganz unvermutet. Er erriet wo ich
gewesen war, aber er war mild gestimmt, und äusserte selbst den Wunsch, dich von
diesem Ort zu entfernen. Deine Freundin Elise wohnt in der Nähe, und ich
erlangte die Erlaubnis meines Vaters, dich auf einige Tage zu ihr zu bringen.
    Die Gefälligkeit, mit welcher der Minister selbst an diesem Plan arbeitete,
befremdete mich nicht wenig.
    Aber deine Entfernung von diesem einsamen Ort, deine Vereinigung mit deinen
Freunden, ist immer ein Gewinn, welchen wir eilend ergreifen müssen.
    Meine Mutter befahl mir, mich so sorgfältig anzukleiden, als die Kürze der
Zeit es gestattete. Gütig und besorgt um den Eindruck welchen ich machen sollte,
half sie mir selbst. Wie sanft bewegte ihre Liebe, ihre süsse Sorge mein Herz!
    Ich hatte die Alte weggeschickt, um mir Nachricht von dem Befinden des
Kindes zu bringen. Sie kam zurück und brachte es selbst mit, man hatte sein
ungestümes Verlangen nach mir nicht anders befriedigen können.
    Ich hielt es einen Augenblick in meinen Armen, um es zu beruhigen, als der
Prinz hereintrat.
    Er näherte sich mir, wollte mit dem Kinde scherzen, aber eine glühende Röte
flog über seine Wangen, als er dessen Züge genau betrachtete. Ich hatte die
Mutter des Kindes nie gesehen, und Madame Imbert hatte mir gesagt, dass sie sich
seiner aus Mitleiden, als eines hülflosen Geschöpfes angenommen.
    Der Prinz tat mit dem lebhaftesten Ausdruck ein paar heimliche Fragen an
die Alte, und wendete sich dann mit einem zärtlichen Blick gegen das Kind. Er
zog meine Mutter in ein Fenster, und diese sagte der Alten:
    Sie wenden sich künftig an mich über alles was dieses Kind betrifft, ich
übernehme seine Erziehung.
    Ich war glücklich über die gute Wendung, welche das Schicksal dieses kleinen
Geschöpfs genommen, dem ich so manche gute Stunde in meiner Einsamkeit
verdankte, und drückte meiner Mutter und des Prinzen Hand an mein Herz.
    Das Schicksal hat Sie einmal zu meinem guten Genius gemacht, liebste Agnes,
sagte der Prinz. Die sanften Neigungen Ihres Herzens führen mich zu meinen
Pflichten. O warum kann uns nicht das zärteste Band verbinden, und mir für den
reichen Gehalt meines Lebens bürgen!
    Meine Mutter sagte gerührt: Mein gutes Mädchen wird unser aller Leben
verschönern, und uns immer zur Wahrheit und Natur führen, wie ein freundlicher
Sonnenblick ins freie Feld lockt.
    Wir waren an dem Vorzimmer des Fürsten.
    Ich bebte vor dem Anschauen der ernsten strengen Gestalt, von welcher ich
den tiefsten Schmerz meines Lebens empfangen sollte, die Trennung von meinem
Geliebten; gleichwohl zog mich eine geheimnisvolle, zarte Regung der Natur zu
ihr hin.
    Der Fürst schien anfänglich noch ernster und kälter als gewöhnlich. Er sah
mich scharf an, und ich fühlte, dass die Gewalt, die er durch eine lange
Gewohnheit über seine äussern Bewegungen erlangt hatte, doch in diesem
ausserordentlichen Fall nicht ganz zureichte. Seine Kälte hatte dennoch nichts
unfreundliches, und schien mir nur ein Misstrauen gegen sich selbst anzudeuten.
    Er fragte nach meiner Gesundheit. Ich dankte, und mein Herz riss mich hin,
mich nach seiner Hand zu beugen. Er zog sie heftig zurück, kusste mich auf die
Stirn und sagte: Ich will Ihnen herzlich wohl, gutes Kind, und hoffe Sie werden
meiner guten Meinung für Sie nicht widerstreben.
    Eine Träne hing in seinen Augenwimpern, er strebte die Regungen der Natur
zu überwinden, und wendete sich von mir.
    Unaussprechlich rührte mich der Anteil dieses sonst so kalten Herzens. Ich
zitterte vor Furcht, er möchte mir sein Begehren deutlicher aussprechen, und vor
der Notwendigkelt, ihm widerstehen zu müssen.
    Wenn das Alter Würde mit Liebe vereint, dann wirkt es mit überirdischer
Gewalt auf unser Gemüt, und der Blick eines Greises vor dem die Welt in
Erfahrungen und Begriffe aufgelöst daliegt, deutet uns immer mit einem Wink
strenger Warnung auf die Strasse des Lebens.
    Der Minister kam zur Gesellschaft, und mein Innres empörte sich vor dem
Anschauen eines Mannes, durch den meine Eltern so viel gelitten hatten, und der
auch so feindselig in mein und Nordheims Schicksal zu greifen versuchte.
    Das Spiel dämpfte die so ganz disharmonirende Stimmung unsers kleinen
Cirkels. Mit welchem Flitter umkleidet der Gang der Gesellschaft unter den
höhern Ständen, die einfache Wahrheit des Lebens! Das Gewebe kleiner
mechanischer Beschäftigungen umstrickt den Geist und schläfert das rege Herz
ein. Jeder lernt endlich so, neben dem was ihm am heterogensten ist, aushalten.
    Der Prinz hatte sich entfernt, ich wurde zur Whistpartie unentbehrlich.
    Meinem Grossvater, meiner Mutter gegenüber, musste mein Herz sein zärtestes
Empfinden verschliessen. Die kostbaren Augenblicke eines einzigen Genusses,
müssen sie in dieser Nichtigkeit vergehen? sagte ich mir selbst. Es drängte mich
beinah unwiderstehlich, die zitternde Hand meines Grossvaters von den Karten
zurück zu halten, und zu seinen Füssen mein Innerstes auszusprechen. Die Zeit
versammelt uns nur einmal auf diesem Erdball, und unsre unselige
Zerstreuungssucht betrügt uns noch um die rasch entfliehenden Momente!
    Jede Viertelstunde, deren Verstreichen mir durch eine grosse Wanduhr
verkündigt wurde, machte mich zittern. Die Stunde nahte, in der Nordheim sich im
Garten einfinden sollte. Ich rechnete auf seine Einwilligung, bei Elisen den
Ausgang unsrer Verhältnisse zu erwarten. Aber sollte er vergebens, ohne einen
Laut von mir zu vernehmen, zurückgehen? vielleicht durch mein Stillschweigen in
Sorge geraten, oder zu einem kühnen Unternehmen gereizt werden? Die Unruhe
verwirrte meine Vorstellungen immer mehr. Jeder Schlag der Uhr trieb den
Angstschweiss auf meine Stirn. Endlich war ich entschlossen, ein schnelles
Übelbefinden vorzuschützen, welches den Arzt herbeirufen würde, dem ich alsdann
einen Auftrag an Nordheim geben könnte.
    Der innre Scheu vor solch einer Unwahrheit liess mich zögern. Die Besorgnis
meiner Mutter, der meine Unruhe nicht entging, gab mir die Sprache. Meine Lippen
öffneten sich zu der Bitte, mich entfernen zu dürfen, als die Tür aufging und
Nordheim hereintrat.
    Ich bebte vor Freude, und bald vor Furcht einer bittern Erklärung zwischen
ihm und dem Fürsten.
    Wie angenehm fühlte ich mich überrascht, als ihn der Fürst freundlich
willkommen hiess, als einen sehnlich Erwarteten, und ich Nordheim sagen hörte,
dass er vor wenigen Stunden erst die Befehle des Fürsten vernommen.
    Nordheim grüsste mich zärtlich, und hatte ein so unbefangenes offnes
Betragen, wie nur ein Herz einflössen kann, das sich seiner Gefühle erfreut, und
sich durch ihre Stärke über jede Rücksicht erhaben empfindet.
    Sanfte Freude füllte meine Brust im Gefühl der vielfachen zarten Bande, die
sich an mein Herz knüpften. Welch eine neue Welt der Liebe! Nur die Liebe
bezeichnete den Kreis meines Wirkens, meines zärtesten Lebens, ich kannte kein
anderes Dasein. Für wenige Momente konnte ich mich dem Gefühl meines Glücks
überlassen. Meine Mutter und Nordheim standen in der Vertiefung eines Fensters.
Ich hielt ihre Hände vereinigt in den meinen, drückte sie an meine Lippen, und
empfing ihre zärtlichen Küsse. Wir waren alle drei zu bewegt um zu sprechen.
    Noch ein Herz wird bald an dem unsern schlagen, sagte Nordheim zu meiner
Mutter. - Ach, erwiederte sie sanft: Dann bin ich zu glücklich! Ich war gestern
bei ihm, sagte Nordheim, und empfing seinen Segen. Wie gross ist sein Herz in der
Gewohnheit geworden, für seine Geliebten zu leiden! Meine teure Mutter, ich
wage den süssen Nahmen, lassen Sie jede Sorge an meinem Herzen ruhen. Ich nehme
den Ölzweig, welchen mir der Minister vor wenigen Stunden reichte, an; aber mit
keiner unbewaffneten Hand, denn leicht könnte er sich in einen Dornstrauch
verwandeln. Fürchten Sie kein gewagtes Spiel, ich gelobe es Ihnen, ich will die
teure Hand Ihrer Agnes nicht eher begehren, bis ich sie aus dem freien Arm
ihres Vaters empfange.
    In wenigen Tagen sehe ich Sie bei Albans wieder, sagte er mir sanft. O wenn
es mir gelänge, den guten edelgesinnten Greis zur Teilnahme an unserm Glück zu
bewegen!
    Der Fürst bat Nordheim, ihm in sein Kabinet zu folgen, und als sie zum
Abendessen zurückkamen, dünkte es mir, als hätten sich einige leichte Wolken vor
der Stirn meines Geliebten gesammelt.
    Jeder spielte seine Rolle den Abend hindurch, so gut er konnte. Nordheim
allein spielte keine, sondern war mit der höchsten Freiheit und Unbefangenheit
gegen jeden, was die Natur seines Wesens und des Verhältnisses forderte.
Nachgebend und schonend gegen den Fürsten, wie es überlegene Stärke und Mitleid
gegen Alter und Schwachheit gebot; kalt, zuweilen schlau gegen den Minister,
sanft und gefällig gegen meiner Mutter, leicht und angenehm mit dem Prinzen, und
ohne Zurückhaltung zärtlich gegen mich.
    Seine Freiheit verbreitete eine allgemeine, für die verworrenen Verhältnisse
beinah unbegreifliche Heiterkeit.
    Der Fürst wollte früh abreisen. Der Prinz, meine Mutter und der Minister
begleitete ihn ins Bad. Auch Nordheim sollte ihm für einige Tage folgen, wegen
Geschäfte, über die er mit ihm zu sprechen hätte.
    Der Fürst fragte mich beim Abschied, wie ich mit dem Betragen seiner Leute
gegen mich auf diesem Schloss zufrieden sei? Ich lobte ihre Gefälligkeit. Er
überreichte mir beim Abschied ein goldnes Etui, in dem ich eine Rolle Louisd'ore
fand.
    Er entzog seine Hand meinem Kusse nicht, sondern drückte die meine bewegt,
und wendete sich schnell von mir.
    Meine Mutter und Nordheim verlangten, dass ich augenblicklich zur Ruhe gehen
sollte. Ich musste sie durch die Zimmer führen, wo ich krank gelegen, ihre Liebe,
ihre Freude an meiner Genesung belohnten mich für jedes Leiden.
    Wie sanft schlief ich ein in der Nähe meiner Geliebten! Leicht und gestärkt
erwachte ich, und eilte diesen Aufentalt zu verlassen. Heilige Erinnerungen
bezeichneten diese Mauern.
    Madame Imbert sagte mir, dass alles zu meiner Abreise bereit sei. Herr von
Nordheim habe es so eingerichtet, dass ich in seinem Wagen reisen sollte, der
Doktor sei da, um mich zu begleiten. Sie selbst nahm einen rührenden Abschied,
und schien höchst zufrieden über das gute Zeugnis, welches ich ihr beim Fürsten
gegeben.
    Ich empfahl ihr das Kind, und eilte in das Vorzimmer, den Arzt zu grüssen.
Welche süsse Überraschung! Ich fand Nordheim bei ihm, der sich mit Fleiss
verspätet hatte, um mich noch einmal zu sehen. Er stärkte mein Herz mit Liebe
und Hoffnung, sprach von der seligen Zeit, die uns für immer vereinen sollte, und
wir schieden leicht und fröhlich im Gefühl des nahen Wiedersehens. Wir flogen
über die breite Strasse durch den Wald, Nordheim folgte uns, und unsre Wagen
begegneten sich noch einmal.
    Eine glückliche Vorbedeutung! rief mir Nordheim lächelnd zu.
    Durch die Hülfe des Arztes verliess ich diesen Ort gesund und heiter Er
fühlte sich glücklich in meiner Dankbarkeit.
    Nordheim, den er bis zur Anbetung verehrte, war der Gegenstand unsers
Gesprächs.
    Elise und ihr Mann empfingen mich mit herzlicher Liebe. Julius kam so eben
von einem Spatzierritt zurück. Er schien heiter. Aber die letzte Zeit hatte eine
tiefe Spur der Unruhe in seinen sanften Zügen zurückgelassen, alle Umrisse waren
schärfer und bestimmter geworden.
    Julius fand mich unerwartet. Elise hatte meine Ankunft erst vor wenigen
Stunden durch Nordheim erfahren.
    Mein Herz öffnete sich in dem lieben Cirkel, wie in den Tagen unsren ersten
Verbindung. Ich dachte mit Elisen der Zeit, wo sie mich zuerst in ihren kleinen
Cirkel zog. Glücklich, unsre Freundschaft schon in solcher Vergangenheit
gegründet zu finden, riefen wir aus: Alles ist wieder wie in D.!
    Nein, alles ist nicht so, sagte Julius. Eine der Göttinnen fehlt, die
Hoffnung! Schnell fasste er sich wieder, sah mich heiter an und sagte: Bleibt doch
die himmlische Schwester, immer mögen die zwei irdischen fehlen.
    Ich musste mit meinen Freunden über meine letzten Begebenheiten sprechen.
    Über vieles waren sie unterrichtet. Nordheim hatte grösstenteils mit ihnen
gelebt, und lebhaft beschrieben sie mir ihre Unruhe, mich in dieser Nähe zu
wissen, ohne mich sehen zu können.
    Die Verhältnisse meiner Mutter schienen ihnen unbekannt zu sein, und mit
diesen also der eigentliche Grund meines Aufentaltes auf dem Jagdschlosse.
    In der ersten süssen Verwirrung des Wiedersehns liebender Freunde wird nichts
genau bestimmt, und während wir uns noch in dieser befanden, liess sich die
Gräfin von Wildenfels anmelden.
    Die Sorge um Bettina, und der Wunsch sich mir zu nähern, schienen sie zu
dieser Reise bestimmt zu haben.
    Nachdem wir die Gräfin empfangen, und die Begebenheiten, die sich seit
unsrer Trennung zugetragen, im Verlaufe des Tages gemeinsam besprochen hatten,
lud sie mich am Abend zu einem einsamen Spatziergange ein.
    Beim ersten Blick hatte ich eine sonderbare Veränderung in ihrem ganzen
Wesen wahrgenommen. Die Leichtigkeit und Grazie ihres Betragens hatte sich in
Stille und Ernst verwandelt. Sie schien den äussern Eindruck ganz aufzugeben; ihr
Junres schien durch Vorstellungen bewegt, die sich an eine höhere Ordnung der
Dinge knüpften. Es war eine stille Hoheit um sie her, die sich mit dem Entsagen
auf alles was Schein ist, natürlich gattet. Ihre Kleidung war höchst einfach,
die sorgfältigste Reinlichkeit schien der einzige Schmuck zu sein, nach welchem
sie strebte.
    Sie hörte einen jeden sanft und geduldig an, da sie ihre grosse Lebhaftigkeit
sonst zu mancher Unaufmerksamkeit hinriss. Natürliches Wohlwollen, und eine
beständige Resignation ihrer selbst, gab ihrem Betraen eine einnehmende Ruhe.
    Ich fragte mich selbst, ob diese bemerkte Veränderung vielleicht nur der
Wiederschein meines eignen ruhig gewordenen Herzens sei, das bei ihrem Anblick
sonst so selten ohne den Krampf der Leidenschaft geblieben war. Aber meine
Freunde hatten mir gleich gefühlt, und teilten mir ihre Bemerkungen noch früher
mit, als sie die meinen vernahmen.
    Ein tiefes Mitleiden füllte meine Brust, ich hätte zu den Füssen dieser edlen
reinen Gestalt sinken mögen, um sie über den Besitz eines Glückes um Verzeihung
zu bitten, dessen ich sie so würdig fand.
    Ich folgte ihr höchst bewegt durch den Garten. Sie sprach mit vertraulichem
Wohlwollen über meine ganze Lage, die sie durch meine Mutter, nebst dem
Geständnis ihrer eignen Verhältnisse vernommen. Sie gab mir Hoffnung, dass der
Sinn des Fürsten sich vielleicht noch günstig zu unsrer Verbindung beugen würde,
die er dem Lauf der Natur nach, doch in wenigen Jahren notwendig voraus sehen
müsste. Ich fand schon oft diese sonderbare Erscheinung, sagte sie, dass Menschen,
die nicht eine tiefere Ahndung der Seele zum Glauben an eine Zukunft hinreisst,
ein gänzliches Unvermögen besitzen, ihre Rolle auf dem Schauplatz dieses Lebens
als ausgespielt zu denken. Sie versuchen mit aller Macht in den Lauf der
Begebenheiten einzugreifen, und schmieden Fesseln für die fernsten Generationen.
    Glücklicher Weise ist Ihr und Nordheims Verhältnis ganz ausser dem Einfluss
jenes irren Willens. Wenn Sie Ihren Vater frei und Ihre Mutter ruhig sehen, so
kann sich Ihr Herz ungeteilt dem Glück der Liebe hingeben.
    Ihr Schicksal ist schön und einzig, bestes Kind! rief sie mit einem sanften
Lächeln aus. Eine heitre Jugend, in der sich alle Kräfte des Gemüts frei und
schön entfalteten, eine edle Liebe, in der sie sich erhöhten und zu dem
lebenreichsten Ganzen vereinten, und das stille reine Verhältnis der Ehe, in dem
Friede und Ruhe des Himmels liegt, wenn ächte Liebe es webte! Wie verschieden
verteilt das Schicksal seine Gaben! - Mein bessres Wesen musste untergehen - die
Harmonie des Glückes berührte es auf Momente - aber immer löste sie sich in
fürchterliche Stürme auf, spät empfange ich mich selbst aus dem Strohm zurück,
um dem bessern Erkennen und Wollen noch wenige Jahre der reinen freien
Tätigkeit zu widmen.
    Die Tränen stürzten über meine Wangen, ich sank an ihre Brust und sagte ihr
leise: Ach, ist mein Glück das Opfer Ihres Herzens, so nehmen Sie es zurück: -
ich kann so nicht glücklich sein; durch keinen Raub es sein.
    Mit himmlischer Heiterkeit blickte sie mir ins Auge, drückte mich an ihre
Brust und sagte:
    Bestes Kind, der Moment ist gekommen, wo mein ganzes Gemüt der reinen
Mitempfindung deines Glückes fähig ist. Wie fühl' ichs doch aufs neue so wahr,
dass nur in der vollen Klarheit und Einheit des Willens zwei feinfühlende
Menschen sich in ächter Liebe begegnen.
    Ich empfand es oft, du konntest mich bis jetzt nicht lieben! Seit wenigen
Tagen lernte ich mein Innres ganz kennen.
    Mein klärstes Erkennen, mein reinster Wille gönnte, wünschte dir Nordheims
Liebe seit wir uns kannten. Ich darf es sagen, in sehr verwickelten Lagen, in
Lagen, wo die Selbsttäuschung für mich beinah unvermeidlich wurde, habe ich
keine Handlung begangen, kein Wort gesprochen gegen das Interesse deines
Herzens. Mein folgendes Bekenntnis wird diese Selbsterhebung entschuldigen.
    Immer fand ich eine unvertilgbare Schwachheit auf dem Grunde meines Herzens.
Den Mann, der mir einzig liebenswürdig schien, ob ich ihn gleich nicht besitzen
konnte, vermochte ich doch auch nicht, ohne den bittersten Schmerz, in den Armen
eines andern Weibes zu denken. Jetzt reisst das Schicksal mit gewaltiger Hand auf
einmal einen Vorhang vor meinem Leben hinweg, fremde Gestalten treten hervor,
und ergreifen mein Innres mit einer Gewalt, die seine ganze Vergangenheit
umstürzt.
    Ich kann jedes Übel, welches mein jugendlicher Leichtsinn stiftete, wieder
vergüten, und die Tränen der Reue, die ich einer Entschlafenen weinte, werden
sich in tätiges Wohlwollen, in Übungen der Liebe verwandeln.
    Ich will Ihnen in wenigen Zügen die Geschichte meines Lebens vorlegen, und
dein gutes zartes Herz wird aus der neuen Wendung meines Schicksals den Frieden
eines ungestörten Genusses schöpfen.
    In meinem sechzehnten Jahre wurde ich aus der Kinderstube gezogen. Meine
Mutter sagte mir, es sei meinem Vater ein vorteilhafter Heuratsantrag für mich
geschehen, mein Bräutigam werde in zwei Monaten ankommen, und ich sollte diese
Zeit ja gut anwenden, um recht liebenswürdig vor ihm zu erscheinen.
    Meine Mutter war ganz ohne Wahrheit und Herz, die Welt hatte ihr gesundes
Empfinden zerstört, sie lebte nur im Äussern und liebte auch ihre Kinder nur, in
sofern sie ihnen eine glänzende Existenz zu verschaffen gedachte, die auf sie
selbst zurückstrahlte.
    Mein Vater lebte in seinen Geschäften. Meine zwei Brüder hatte er einem
verständigen Hofmeister übergeben, die Erziehung der Töchter überliess er der
Mutter, und diese übergab uns einer alten Französin, die weder Herz noch Kopf
hatte, und uns als Puppen behandelte, mit denen sie nach Laune spielte, oder sie
in Winkel warf.
    Das alte Weib hatte eine leichtfertige Imagination, und sie unterhielt uns
grösstenteils mit Geschichtchen, bei denen sie sich immer angenehmer Zeiten
erinnern mochte. Wir empfingen ein treues Gemählde der Weltsitten, aber unsre
Gemüter verloren, wo nicht den zarten Duft der Unschuld, dennoch jenen heiligen
Scheu, dem ein unwürdiges Betragen als ein unmögliches erscheint.
    Meine Schwestern beschützte ihre kalte träge Natur, aber ich fasste lebhaft
und schnell, und mein Verstand, der ganz unkultivirt blieb, kombinirte die
wenigen Eindrücke, die er empfing, desto sorgfältiger und mannichfacher.
    Meine Bildung war gefällig, und vor meinem Spiegel träumte ich mich oft in
tausend Situationen, zu denen immer die Bilder meiner Französin die Grundlinien
lieferten.
    So ist die Welt! sagte mir alles was mich umgab, aber so sollte sie nicht
sein! sagte mir eine innre Stimme, die sich durch nichts übertäuben liess.
    Der Tanzmeister, Schneider und Friseur hatten, wie es meine Mutter begehrte,
am meisten für meine Liebenswürdigkeit gearbeitet. Jetzt kam der Tag, an welchem
mein Bräutigam in unserm Hause erscheinen sollte. Er kam, geführt von einem
alten Oheim, der mich lorgnirte, ein paar Fragen an mich tat, und mich dann mit
seinem Neffen allein liess. Dieser, der während der Unterredung mit dem Onkel
bescheiden an der Tür stehen geblieben war, näherte sich mir jetzt, und seine
Blicke, sein ganzes Wesen stimmte zu den Worten, die einen glühenden
Liebesantrag entielten. Meine Brust wallte ihm entgegen, von dem ersten Hauch
jugendlichen Verlangens entzündet.
    Unsre Verbindung erfolgte in wenigen Tagen. Wir verlebten das erste Jahr in
dem Taumel einer neuen Lage. Die Welt umflocht uns mit tausend Verbindungen, wir
kehrten nie in uns selbst zurück, und unsere Neigung, die vielleicht in der
Einsamkeit, oder in Lagen, die sie zu Proben aufgefordert hätten, einen ernsten
dauerhaften Charakter würde gewonnen haben, verflog jetzt in ihrem ersten Genuss.
    Ich bekam kein Kind, die Natur hätte mir sonst vielleicht das Rätsel des
Lebens gelöst, das noch verworren in meinem Innren lag; und in der Tätigkeit
des Instinkts, der die Mutter zur Sorge für ihr Kind treibt, hätte sich
vielleicht meine Vernunft entwickelt, und mir eine wahre Seite des menschlichen
Daseins gezeigt.
    Der Glanz der Jugend und des Reizes zog die gedankenlose Menge an mich, die
nur von der Neuheit gefesselt wird. Die verlöschende Zärtlichkeit meines Gemahls
machte vielen Männern Herz zu Unternehmungen. Einige versuchten es, mich durch
die Sprache einer ernstaften Leidenschaft zu verführen, andere durch
leichtsinnige Grundsätze. Die Gesellschaft, in welcher ich lebte, spottete über
jede feine und edle Empfindung. Achtung gegen sich selbst tragen, nannten sie
Beschränkteit; Schonung für andere, Schwachsinn.
    Ohne innre Festigkeit wurde meine Aufführung ein Nachhall dieser Grundsätze.
Ich überliess mich jedem flüchtigen Geschmack, jedem Reiz der Augen, und schämte
mich beinah wenn ich einige Wochen durchlebte, ohne ein lebhaftes Interesse zu
erregen und zu fühlen. Ein eitler herzloser Mann, ein Abgott aller Frauen unsers
Cirkels, gab sich endlich das Ansehen mich ausschliessend gefesselt zu haben. Er
rühmte sich eines vollkommenen Sieges; - aber, Dank sei es meinem Genius! - er
rühmte sich ohne Grund. Ich muss es gestehen, mein Betragen gegen ihn hatte die
Farbe der Leidenschaft, die mein Herz zu fühlen wähnte; ich würde seinen Anblick
noch jetzt nicht ertragen. Die Grazien des Vertrauens und der Freundschaft
blühen nur da, wo zwei schöne Seelen in heisser Liebe glühten; wenn der ganze
Wert des Geliebten mit der Täuschung der Leidenschaft entflieht, dann bleibt
nur Scham und Verachtung in der kalten Brust zurück.
    Die Wahrheitsliebe war das einzige Gut, das mir unverloren geblieben war;
diese verhinderte meinen Fall. Die innre Notwendigkeit, die mich zwang ein
unwürdiges Betragen zu gestehen, hielt mich davon zurück.
    Ich lebte mit meinem Gemahl in einer Entfernung, die seinem Überdruss und
meiner Lebensweise gleich willkommen war. Er fragte mich nie über meine
Verhältnisse; diese Gleichgültigkeit riss mich immer mehr hin. Ein zärteres
Betragen hätte meinen Ruf gerettet, der jetzt unwiederbringlich verloren ging.
    Mein Gemahl machte eine Reise nach einem entlegenen Landgut, welches der
Familie zugehörte, und als er zurückkam, fand ich eine grosse Veränderung in
seiner Lebensweise.
    Er suchte die Einsamkeit, verlebte ganze Tage in seinem Kabinet, und wenn er
eine Gesellschaft zu sich bat, so waren es Menschen von Geist und Kenntnissen,
denen ich unter dem grossen Haufen nie begegnet war.
    Er war sanfter gegen mich gestimmt, und empfing mich auf die gefälligste
Art, so oft ich ihn aufsuchte. Er bereitete mich auf die Ankunft eines Freundes
vor, mit dem er die ersten Jugendjahre verlebt, und dessen Bekanntschaft er
während seines Aufentalts auf seinen Gütern erneuert hatte. Mit Bewunderung,
mit Entzücken sprach mein Gemahl von Nordheim; in kurzem erschien dieser in
unserm Hause. In der ersten Blüte der Schönheit, von jeder Grazie geschmückt,
entflammte er mein Herz für sich. Ich suchte seine Gunst zu erobern, aber zum
erstenmahl fühlte ich mich verlegen, ich war furchtsam in seiner Gegenwart, und
jeder Anschlag verunglückte.
    Anstatt meine Vorzüge zu bewundern, gab er mir oft auf eine feine Art meine
Fehler zu verstehen.
    Mein Gemahl hatte eine gute Erziehung bekommen. Er besass Kenntnisse, und das
Verlangen sie zu erweitern entstand natürlich in einem unterrichtenden
geistvollen Umgang. Überhaupt gehörte er zu der Gattung von Menschen, die nur
durch eine äussere Gewalt einen innern Zusammenhang gewinnen konnten. Im Überfluss
erzogen, von Menschen umgeben, die seinen Launen schmeichelten, von Natur mehr
leicht und schnell als tiefempfindend, verlor sein Wesen in einer zu grossen
Fläche. Hätte das Schicksal seine Kraft auf sich selbst zurückgedrängt, hätte
das Bedürfnis ihn früher zur Arbeit genötigt, vielleicht hätte er eine Tiefe
gewonnen, die die Natur ohne Hülfe des Schicksals nur seltnen Wesen verleiht.
    Der ganze Ton unsers Hauses war seit Nordheims Ankunft verändert. Meine
Eitelkeit fühlte sich beinahe in jedem Augenblicke beleidigt, aber mein Herz
unaussprechlich angezogen. Meinen sorgfältigsten Anzug, der bisher meine
Morgenstunden anfüllte, bemerkte er höchstens nur mit einem leichten Scherz.
    Ich hatte nie gelesen, und war nie mit unterrichteten Menschen umgegangen.
Jetzt empfand ich das Bedürfnis, von den Gegenständen, die oft in Nordheims
Unterhaltung vorkamen, doch wenigstens die Anfangsgründe zu kennen. Ich besuchte
meines Mannes Büchersammlung. Mein lebhafter Sinn fasste und verband schnell, und
bald zog mich das Interesse meiner eignen Neugier weiter fort. Nordheim half mir
auf die gefälligste Art. Ich war immer beschäftigt. Meine wirklich schöne Stimme
war gar nicht entwickelt, ich wusste nicht was Fleiss und Anwendung war; jetzt
lernte ich dieses Talent üben, und Nordheims Beifall oder Tadel lehrte mich eine
richtige Metode finden. Eben so entfaltete sich ein Talent zur bildenden Kunst
in mir, das meinem Geschmack Sicherheit und Reinheit gab.
    Mein vergangnes unbedeutendes Leben flösste mir Eckel ein, seit die Liebe
mein Dasein beseelte. Nordheims Anteil an meiner Bildung erhielt die Hoffnung
ihm zu gefallen. Ich wusste, dass er der Liebe nicht unempfänglich war; durch
meinen Gemahl hatte ich erfahren, dass er sonst eine schöne Tänzerin unterhalten
hatte, und nachdem er ihrer bald müde geworden, sie mit einem ansehnlichen
Jahrgehalt entlassen. Wie die wahre Leidenschaft immer ein Ganzes vor sich
sieht, dessen Grenzen sich im unermesslichen Dunkel verlieren; so wusste ich mir
auch nicht klar zu gestehen, was ich wünschte und hoffte, aber doch hoffte ich.
    Aus den seligsten Träumen, die meine Beschäftigungen unterbrachen, riss mich
wohl oft eine Äusserung seines Gleichmuts, seiner völligen Geistesfreiheit.
Immer war er bloss durch die Sache interessirt, mit der wir uns eben
beschäftigten; ich sah immer nur ihn in der Sache.
    In einem Menschen, dessen Fähigkeiten ein richtiges Verhältnis haben, findet
keine einseitige Bildung statt. Wie der Verstand anfängt tätig zu sein, blickt
er auf die innren Verhältnisse unsers Wesens, und die Stimme der Vernunft
erwacht.
    Wie schrecklich beleuchtete ihr erster Strahl mein vergangnes Leben! Gleich
einer Schreckengestalt, der wir nicht zu entfliehen vermögen, ergriff mich das
Bild meines Leichtsinns, und mähte mit der eisernen Sense des Todes jede
keimende Blüte des Glücks und der Hoffnung vor mir nieder.
    Die Gesellschaft, der ich mich seit Nordheims Umgang entzogen hatte, fiel
jetzt mit unbarmherziger Verläumdung über mich her. Der Mann, der meinen
Leichtsinn benutzt hatte, war unedel und unvorsichtig genug sich seines Sieges
über mein Herz laut zu rühmen; und die Frauen von üblem ruf schonten mich
natürlich so wenig als sich selbst.
    Die Geschichte kam meinem Gemahl zu Ohren. Der Mann, der seine Ehre
beleidigt hatte, betrug sich auf die niedrigfle Art. Ein Zweikampf erfolgte,
während dem ich mit Todesqualen rang. Nordheim, als der vertrauteste Freund
unsers Hauses, erfuhr alles. Mein Schmerz grenzte an Verzweiflung, und in seinen
bittersten Augenblicken musste ich mir noch selbst vorwerfen, dass meine Tränen
weniger die Furcht der Reue, als meiner unglücklichen Liebe waren, die jetzt nur
Verachtung statt der Gegenliebe erwarten durfte.
    Ich will deine sanfte reine Seele nicht mit dem Gemählde eines Zustandes
kränken, über den eine höhere Natur sie erhebt.
    Die Gräfin sank weinend in meine Arme, und nachdem sie ihre Fassung wieder
gewonnen, fuhr sie fort:
    Mein Gemahl, durch Nordheims Rat, und vielleicht durch manchen leisen
Verweis über sein eignes Betragen geleitet, betrug sich auf eine grossmütige Art
gegen mich. Wir beschlossen unsern Wohnort zu verändern, und er schien einen
Fehler vergessen zu wollen, der ein Verhältnis, welches nur auf Achtung und
Vertrauen gegründet ist, für immer zerstört.
    Nordheim trennte sich von uns, um eine weitere Reise anzutreten.
    In den Tagen meines heftigen Leidens hatte er mir unaussprechliche Milde und
Schonung gezeigt, mit rührender Sorgfalt über meine Gesundheit gewacht, und jede
schmerzliche Rückerinnerung zu entfernen gesucht.
    Ich weiss nicht, ob meine tausendfachbewegte Seele sich in jenen Tagen durch
irgend eine unwillkührliche Äusserung verriet, aber in der kurzen Zeit die wir
noch zusammen verlebten, fand ich Nordheim gedrückt und verlegen in meiner
Gegenwart. Ich hielt die, einer zarten Seele eigne Feinheit, mit welcher sie
sich einer unerwiederten Empfindung nähert, für die Verwirrung der Leidenschaft.
    Den letzten Abend vor unsrer Trennung gewann er seine volle Freiheit wieder.
Er bat mich zärtlich, jetzt an meiner Ruhe und an der Glückseligkeit seines
Freundes zu arbeiten. Er sprach im sanften ruhigen Ton eines Freundes; meine
Seele glühte, aber sein höherer Sinn hatte sich gleichsam in meine Brust
ergossen. Ich gelobte mir selbst in jenen Augenblicken, nur für meinen Mann zu
leben.
    Ein verwöhntes Gemüt, das lange der Gewalt jedes Eindrucks nachgab, gewinnt
das ruhige Gleichgewicht, in welchem es der Pflicht grosse Opfer zu bringen
vermag, so leicht nicht wieder.
    Wir waren auf ein Familiengut gezogen, das in einer menschenleeren Gegend
lag. Die Einsamkeit erhielt die innre Glut die mein Wesen verzehrte, jede stille
Beschäftigung wurde zu einem Traume der Liebe.
    Mein Gemahl empfand es, dass ich unglücklich war, dass unsre Herzen sich nicht
wieder begegnen konnten, ohne die Ursache zu kennen. Heitre Laune, ein immer
gleiches gefälliges Betragen hätten mir vielleicht seine Liebe und sein
Vertrauen wieder erworben, aber die Leidenschaft zieht stürmische Wolken um
unsern Geist, wie um unsre Stirne.
    Weder mein Gemahl, noch ich, hatten je an häusliche Einrichtung gedacht, und
der Mangel der Ordnung und Sparsamkeit fing jetzt an, sich in bittern Folgen
fühlen zu lassen.
    Ich schadete dadurch, dass ich nichts erhielt; aber mein Gemahl brauchte
grosse Summen, und mein Vermögen war zuerst verschwendet, da es in Capitalien
bestand. Mein Gemahl machte öftere Reisen nach den zunächstliegenden Städten,
und jetzt häuften sich auch die Schulden auf unsern Gütern.
    Ich fühlte, wie nötig meinem Mann Zerstreuungen waren, und machte bei den
unsinnigsten Ausgaben nie eine Einwendung.
    Mit seinem guten Genius, mit Nordheim, war die Freude an stillen
Beschäftigungen verschwunden, und geistlose Zerstreuungen wurden aufs neue
hervorgesucht.
    Ich machte mir das stille Dulden, zu dem mich meine immerwährenden Träume
ohnedies hinneigten, zur Tugend, und empfand eine Art von Selbstzufriedenheit
dabei.
    Bald erfuhr ich, dass mein Gemahl eine Sängerin unterhielt, und meine
Leidenschaft, der jeder Schimmer einer Rechtfertigung willkommen war, hatte ihre
stille Freude an diesem Verhältnis.
    Als Nordheim von seiner Reise zurückkam, sah ihn mein Gemahl in der Stadt;
er schrieb mir teilnehmende freundschaftliche Briefe, aber er besuchte mich
äusserst selten, und nie allein.
    In kurzem entwarf mein Mann den Plan nach Paris zu reisen, um dort in der
grössten Eingezogenheit zu leben. Mich bat er in eine Stadt zu ziehen, und mich
mit einem mässigen Jahrgelde einzurichten. Die Güter sollten während dem nach
einem strengen ökonomischen Plan verwaltet werden.
    Ich merkte wohl, wer diesen Plan entworfen hatte. Natürlich willigte ich in
alles. Mein Mann schied mit sonderbarer Rührung von mir. Wir beweinten beide
unser Schicksal, wie wir es nannten, dem doch nur die Schwachheit unsers eignen
Herzens diese traurige Gestalt gegeben.
    Ich hatte während meines Aufentalts auf dem Lande, im Ganzen an
wissenschaftlicher Bildung gewonnen. Der Prediger des Orts war ein gelehrter und
gebildeter Mann, der meine Wissbegierde lebendig erhielt, so sehr sie auch immer
wieder von den Träumen der Leidenschaft unterbrochen wurde.
    Vor leerer Gesellschaft beschützte mich mein gebildeter Geschmack, als ich
jetzt wieder in der Stadt lebte. Ich liebte die Einsamkeit, und vertauschte sie
nur gern mit einem Cirkel, wo Bildung und Geschmack herrschte. Zum Glück fand
ich einen solchen, in dem ich mit Liebe empfangen wurde. Aller Umgang, aus dem
ein zärtliches oder leichtsinniges Verhältnis entstehen konnte, war mir verhasst,
weil er meine Empfindung für Nordheim berührte, und ich fand in kurzem keine
Liebhaber mehr, sondern Freunde.
    Die Verwirrung meiner ersten Jugend hatte mir den heitern Frieden der
Unschuld für immer geraubt. Ich fühlte eine schreckliche Lücke in meinem Dasein;
nur in einem stillen guten Wirken fand ich eine Art von Ruhe, von Einheit in
meinem Innern. Meine Liebe wurde dann von einem Schimmer der Hoffnung erhellt,
und sie war und blieb das Element meines Daseins. Die Hoffnung erhielt mein
Leben.
    Nordheim schrieb oft und freundschaftlich von einem Posttag zum andern.
Jeden Brief entfaltete ich mit der Ahndung eines zärtlichen Inhalts; immer wurde
diese getäuscht, aber immer fand doch auch mein Herz einen neuen Faden, an dem
sich seine goldene Träume fortspannen.
    Mein Gemahl schrieb mir, in der ersten Zeit seiner Entfernung, alle Woche,
hernach alle Monate, und endlich nur von Vierteljahr zu Vierteljahr. Seine
letzten Briefe verrieten Unruhe und den Zwang sie zu verbergen.
    Was fühlte ich, als nach fünf Jahren der Trennung Nordheim in mein Zimmer
trat!
    Er brachte mir die Nachricht von dem Tode meines Mannes, und Trauer und
Unruhe mischte sich in den süssesten Genuss des Wiedersehns.
    Der Tod verändert unser Herz, und der Charakter eines Verstorbenen erscheint
immer in anderm Licht, weil er uns getrennt von allen Verhältnissen erscheint,
die Furcht und Hoffnung in unsrer Brust erzeugten. Er macht alles unwiderruflich.
Spuren, die der Gang des Lebens vertilgt hätte, bleiben jetzt wie in Erz
gedrückt stehen.
    Das Bild eines beleidigten unversöhnten Schattens verfolgte mich, und innre
Vorwürfe zerrissen meine Seele.
    Der letzte Wille meines Mannes zeigte nur Güte, ja das reinste zärteste
Wohlwollen für mich an. Alles von seinen Besitzungen, was nicht Lehngüter waren,
hatte er mir zugeteilt, und Nordheim zeigte mir einen Brief, in dem er ihn
ausdrücklich und dringend bat, für mein Bestes zu sorgen.
    Wir gingen auf das Gut, wo die Geschäfte hinriefen, Nordheim, ich und eine
Freundin, ein gutes Geschöpf, das sich unaussprechlich an mich geheftet hatte.
    Diese zwei Monate waren die süssesten meines Lebens, obgleich Schmerz, Reue
und Hoffnung sich sonderbar in mein Innres teilten.
    In Nordheims Gegenwart schwiegen Schmerz und Reue, gleich wie aus dem Hain
der Göttin die rächenden Erinnyen entfliehen.
    Den ganzen Tag sah ich meinen geliebten Freund für mich beschäftigt; den
Abend versammelten wir uns. Mit sanfter Heiterkeit suchte er mich zu
unterhalten.
    In edlen Seelen nimmt das Mitleid so leicht die Farbe der Zärtlichkeit an.
Das glänzende Auge, die sanfter bewegte Stimme täuschen ein liebeglühendes Herz,
ohnedies so geneigt an die Empfindung zu glauben, die es fühlt und wünscht.
    Wie schrecklich erwachte ich aus meiner Täuschung, als Nordheim bei unsrer
Abreise vom Lande sogleich die Anstalten zu einer neuen langen Entfernung von
mir machte!
    Dieses Umstürzen aller meiner Erwartungen erzeugte eine heftige Krankheit,
an der meine Natur längst gearbeitet hatte. Ich fiel in ein hizziges Fieber.
Meine Freundin und Nordheim verliessen mich nicht. Ich lag am Tode. Nur selten
hatte ich einen hellen Augenblick während meiner Krankheit. Ich freute mich in
solchem über die Hoffnung, aus der Welt zu gehen, und sah Nordheims Sorgfalt für
mich mit der zärtlichsten Rührung.
    Wie verwundert, wie angenehm überrascht wurde ich, als ich bei meiner
Genesung wahrnahm, dass Nordheim seinen Reiseplan geändert hatte.
    Als er mich stark genug fand, um wieder an die Zukunft denken zu können, bat
er mich um meine Hand.
    Ich bebte zurück vor dem Glanz eines unaussprechlichen Glücks; es war eine
hohe Erscheinung, die ich nicht zu umfassen wagte; sie kam zu unerwartet, und
eine dunkle Ahndung hielt meine Seele gebunden, dass mein Schicksal mir solch ein
Glück nicht gewähre. Nur Mässigung und Dulden hielt die rächenden Göttinnen von
mir entfernt; ich ahndete, dass die labenden Früchte des Genusses vor meinen
Lippen verschwinden würden.
    Ich willigte gleichwohl in alles, was Nordheim wünschte. Sein Betragen blieb
sich gleich. Er war der gefälligste zärtlichste Freund, aber einsam fühlte ich
mich neben ihm in der Glut meines Herzens.
    Der Besitz verändert jeden Gegenstand. Ich fing an zu fürchten, zu zweifeln,
und eine rächende Stimme in meinem Innren rufte mir unaufhörlich zu: ich sei
eines solchen Glücks nicht wert.
    Jetzt dachte ich mir Nordheims edle hohe Gestalt, als meinen Gemahl, im
Angesicht des Mannes für den ich schwach gewesen war; - der entscheidende
Augenblick war gekommen, ich fühlte es, ich musste der geliebten Hand entsagen.
    Ich war unruhig bis ich meinen Entschluss Nordheim entdeckt hatte, und meiner
Freundin, die mein ganzes Herz kannte, kündigte ich ihn zuerst an. Sie fand mein
Benehmen grillenhaft, sie kannte mein vergangnes Leben nicht ganz. Als wir
einmal im Gespräch auf Nordheims so schnell aufgegebenen Reiseplan kamen, sagte
sie:
    Ach es war in jener fürchterlichen Zeit, wo du mit dem Tode rangest! Sein
edles Herz vermochte dein Leiden nicht zu ertragen.
    Meine Freundin kannte das Gewicht dieser Worte nicht. Nach und nach lockte
ich ihr die ganze Geschichte ab.
    Alle meine Fieberfantasien waren voll von einer unglücklichen hofnungslosen
Liebe. Nordheim hatte dieses oft aufmerksam und höchst bewegt vernommen.
    An einem Abende, nachdem ich mit einem schmerzlichen Schrei aus dem Schlaf
erwachte, hatte ich ausgerufen: Der Reisewagen fährt vor! - o ich werde
wahnsinnig werden! aber still, dass er nicht erfährt warum; es würde ihn
betrüben!
    Als ich dann mein Haupt lautweinend ins Kopfkissen verborgen, sei Nordheim
vor meinem Bette niedergekniet, habe meine Hände mit tausend Tränen benetzt und
ausgerufen: Teures, unglückliches Wesen, wenn ich dich retten kann, so nimm
mein ganzes Dasein!
    Hierauf habe er zu meiner Freundin gesagt: Diese Scene bleibe ewig ein
Geheimnis für unsre Freundin! und sich in der grössten Bewegung entfernt.
    Ich dankte meinem Genius, dass mein Entschluss dieser Entdeckung zuvorgegangen
war. Zum erstenmahl in meinem Leben hatte ich ein Gefühl meiner selbst vor
Nordheim, als ich ihn mit der Eröfnung meiner Gesinnung überraschte. Er gab mir
tausend Beweise, dass sein Antrag das volle Gefühl seines Herzens war, dass mein
Glück in gewisser Art unzertrennlich von dem seinen sei. Als er aber meinen
Entschluss unwiderruflich fand, gestand er mir frei, ich hätte das edelste
erwählt.
    Unsre Gemüter begegneten sich nun in himmlischer Freiheit. Unaussprechlich
ist das Verhältnis zarter Seelen, die auf ihre gegenseitige Stärke zu rechnen
wagen. Er sagte mir frei, dass er mich nie in dem Sinn geliebt hätte, wie es
vielleicht meine volle Glückseligkeit erforderte, dass er das Vermögen zu einer
tiefern höhern Empfindung in sich trüge, die als Ideal des höchsten Glückes vor
ihm schwebe, und sich noch nie auf einen Gegenstand gesammlet habe.
    Welches Glück fand ich darin, die hohe Seele meines Freundes im holden
Vertrauen aufzufassen! welche Erhebung meines eignen Wesens! Mein Zustand war
ein Wechsel von Genuss und Leiden. Meine geistigen Kräfte blieben in rascher
Übung, ich hatte mein Gefühl immerwährend zu bekämpfen. Nordheim blieb mein
zärtlicher Freund; Gewohnheit und Gewissheit des Besitzes, so hoffte er, würden
die Dornen der Liebe aus meinem Gemüte reissen.
    Ich genoss seines Umgangs in langen Zeiträumen ungestört. Wenn die Welt unser
Verhältnis falsch auslegte, so zeigte sie ihren gewöhnlichen Kurzsinn; gerade
seine Reinheit bürgte mir für seine Dauer. Nordheim und ich hatten uns
vielleicht zu sehr gewöhnt mit dem Beifall unsers Herzens zufrieden zu sein. Es
mochte wohl mit unter auch ein guter Mensch an uns irre werden, aber wer uns
genau kennen lernte, kam von seinem Irrtum zurück.
    So vergingen die Jahre. Je mehr ich in die Welt, in die mannichfachen
Lebensweisen der Menschen blickte, je mehr lernte ich die reinen, ersten
Naturverhältnisse der Ehe und der elterlichen Liebe ehren. Es schmerzte mich,
dass mein Freund sie entbehren sollte; wie ich dir sagte, liebstes Kind, mein
bessres Wesen wünschte sein reines Glück, und besiegte die Schwachheiten des
Herzens.
    Ich darf es hoffen, sie blieben sogar den Augen meines Freundes unbemerkbar,
aber keine Gestalt hatte ihn gefesselt, obwohl er nicht immer ungerührt blieb.
    Endlich fand er dich, und ich fühlte sein Herz getroffen, seine Seele voll
Verlangen, und voll neuer Bilder des Lebens.
    Deine sonderbare hülflose Lage, der Gedanke, dein Schicksal in jedem Fall
verbessern zu können, stimmte in seinen Plan. Er wollte das Herz, dem er die
Ruhe seines Lebens vertraute, ganz kennen, in seiner Kraft des Empfindens, in
der Gewalt seiner Neigungen, in dem Vermögen einzig durch Liebe beglückt zu
werden. Er eröfnete sich gegen deinen Vater in Hohenfels, der dich uns
anvertraute.
    Bald entstand ein gespanntes Verhältnis zwischen uns beiden, und jedes
verlor an innrer Klarheit und freiem Blick.
    Nordheims unaussprechliche Bescheidenheit und Zarteit war mit den
zunehmenden Jahren beinah zur Krankheit geworden, die seinen sonst so scharfen
Blick umdämmerte.
    Er wollte ein einziges reines Glück dem Herzen, das er liebte, gewähren, und
schwankte zwischen Verlangen und Furcht.
    Bald bemerkte er Julius Neigung, und war entschlossen, jeden Anspruch
aufzuopfern, um dein Glück zu machen. Deine sonderbare verwickelte Lage kam
dazu, ich selbst fing an irre zu werden. - Ach nur in einem ganz klaren Gemüt
fasst das Misstrauen nie Wurzel!
    Nordheim empfand die ganze Gewalt der Leidenschaft, und wollte alle ihre
Schwachheiten bekämpfen; ein schweres Unternehmen, dem seine Riesenkraft selbst
zuweilen unterlag.
    Daher sein ungleiches Betragen, sein heftiges Ergreifen und schnelles
Verlassen, das dich gute Seele quälte.
    Als ein Genius wachte er über deinem Glück, und die zärtlichste Sorge eines
liebenden Vaters beherrschte selbst sein Hoffen und Begehren nach dir.
    Ich war entschlossen dich kalt zu prüfen. - Ach du fühlst was das in meiner
Lage hiess, und welche Schwachheiten ich zu besiegen hatte!
    Die Tage nach deinem Verschwinden waren unruhig und angstvoll; Nordheim
sagte mir sein völliges Einverständnis mit dir, sein reines Glück in deiner
Liebe; - ich teilte sein Empfinden - ja gewiss - aber gleichwohl fühlte ich
meinen Busen gepresst bis zum Zerspringen.
    Nordheims Weib, war eine Gestalt die mir undenkbar war, und die mich
gleichwohl ängstigte, wie ein Gespenst, mit dem man unsre Kindheit schreckte,
uns noch jetzt ängstigen kann, wenn wir uns in einem halbwachenden Zustand
befinden.
    In dieser Stimmung war ich, als ich in deinem Zimmer jenes Kästchen von
Madam Barcino fand. Es war eine kleine Reisechatouille, die ich meinem Gemahl
geschenkt hatte, ein sonderbares Kunststück von Schreinerarbeit.
    Ich zog an einem verborgenen Fach, um mich ganz zu überzeugen, und sogleich
fiel mir ein Blatt von der Handschrift meines Gemahls in die Augen.
    Es war eine alte Rechnung, die von ohngefähr in das Fach gekommen zu sein
schien; aber wie verwundert war ich, als ich das Datum am Ende der Schrift
besah. Es war vom zweiten Jahre nach dem Tode meines Mannes, und aus Batavia.
    Kaum konnte ich meinen Sinnen trauen. Meine Ungeduld kannte keine Schranken,
ich erbrach das Kästchen, und fand dass mein Gemahl noch am Leben ist, und dass
der edle Grund seiner Entfernung, meine innigste Dankbarkeit, mein ganzes Herz,
mein ganzes Leben fordert.
    Ich umarmte Amalien unter herzlichen Tränen.
    Die rührende Wahrheit, mit der sie mir ihr Gemüt darlegte, der düstre Sinn
ihres Schicksals, ein Dasein, das in der Knospe schon zernichtet wurde; - alles
dieses senkte eine unaussprechliche Wehmut in mein Herz. Ihre schöne
anspruchlose Liebe warf ein himmlisches Licht um ihre ganze Gestalt, und mein
Wesen wallte in seinen zärtesten Regungen gegen sie.
    Ich eile jetzt, einen Freund meines Gemahls, der in der Schweiz lebt,
aufzusuchen, sagte die Gräfin. Nach den Nachrichten, die ich von diesem
empfangen werde, folge ich meinem Gemahl vielleicht in einen andern Weltteil,
vielleicht dass ich ihn zur Rückkehr nach Europa bewegen kann.
    Vergebens bat ich sie, dieses Unternehmen aufzugeben, und die Rückkehr des
Grafen im Schoss ihrer Freunde zu erwarten.
    Nein, rief sie schmerzlich, auf den stürmischen Wogen des Meeres wird mein
Herz ruhiger schlagen. Nur einem schuldlos Leidenden wird jede Stunde stiller
Trauer zum Segen! Aber wenn eine düstere Vergangenheit in unserm eignen Herzen,
und nicht allein in dem Gewebe unsers Schicksals hängt, wenn wir unser eignes
Wesen nicht rein aus den entflohenen Begebenheiten zu scheiden vermögen, dann
sind die rächenden Göttinnen des Schicksals nur durch Taten, Mühe und Leiden zu
versöhnen.
    Lesen Sie die Briefe des Unglücklichen, den die Kraft eines stärkern
Herzens, als das meine war, vielleicht in dem Sonnenschein des Glücks erhalten
hätte.
    Sie gab mir folgenden Brief:
                               An Emilie Barcino.
Das Glück, gute Emilie, scheint vor dem törichten Leichtsinnigen zu fliehen,
der es einmal mutwillig von sich gestossen.
    Bis jetzt zeigte sich mir noch keine Gelegenheit zu einer vorteilhaften
Unternehmung, die mir Hoffnung machen könnte, unser aller Schicksal zu
verbessern.
    Wahrscheinlich werde ich in dieser entfernten Weltgegend mein Grab finden,
ehe ich meine Glücksumstände wieder hergestellt habe.
    Ich kenne Nordheims Grossmut, und bin gewiss, dass du versorgt bist, und meine
Kinder gut erzogen werden. Gleichwohl quält mich der Gedanke, dass die armen
Geschöpfe nur Wohltaten empfangen, keine Rechte besitzen sollen. Sollen selbst
meine Kinder das Andenken ihres Vaters nicht segnen? Soll es ganz ungesegnet
verlöschen?
    Ich rechnete auf einen früheren Lohn meiner Arbeit, als ich nach Indien
ging, und es tat meinem Herzen wohl, meiner Gemahlin meinen guten Willen zu
zeigen. Die wenigen Güter die ich noch zurückliess, schienen mir eine geringe
Entschädigung für den Verlust ihres schöneren Lebens, ihres ansehnlichen
Vermögens, dass sie an meiner Seite verlor.
    Meine schwankende Gesundheit, die von diesem Klima bald ganz zerstöhrt
werden wird, und der unvorgesehene langsame Gang meiner Unternehmungen,
beunruhigen mich über das Schicksal meiner Kinder.
    Ich sende dir hier durch einen sichern Freund, der eben nach Europa
zurückgeht, einen Brief an meine Gemahlin, aber mit dem ausdrücklichen Befehl,
ihn erst dann zu übergeben, wenn du die Nachricht meines Todes durch eben diesen
Freund empfangen hast.
    Lebe wohl, gute Seele! Ach, meine Kinder haben ihren Vater schon beweint!
Glückliches Alter, wo der Tod und ein unersetzlicher Verlust sinnlose Worte
sind!
    Lebe wohl!
                           An Amalie von Wildenfels.
Diese Zeilen sagen Ihnen, dass ein Unglücklicher noch einige Jahre durch litt, wo
Sie ihn schon in der Ruhe des Grabes wähnten.
    Mein Leben war ein Gewebe leichtsinniger Schwachheiten; nur wenigen
Glücklichen vergönnt das. Schicksal, die Folgen ihrer Torheiten auszulöschen.
    Ich wünschte aus einer Welt zu verschwinden, wo ich nur Verwirrung
anrichtete und empfand.
    Zweimahl riss mich mein edler Freund Nordheim vom Abgrund des Verderbens,
rettete meine Existenz, meine Ehre. Heisse Gelübde folgten dem Gefühl dringender
Not, aber ein Charakter, ein Leben, dem einmal die Folge gebricht, findet sie
nur durch die Hülfe eines bessern Genius wieder. Aufs neue hingerissen, fiel ich
aufs neue in dringende Schulden. Sollte ich noch einmal beladen mit
unverzeihlicher Schwachheit und Schuld vor meinem edlen Freund stehen? Je
gewisser ich seiner Hülfe war, jemehr scheute ich die Hoheit und Güte dieses
Wesens.
    Ich will seine Achtung gewinnen, oder nie wieder vor ihm erscheinen,
beschloss ich, als ich meine Reise nach Indien unternahm.
    Ihnen, teure Amalie, wollte ich eine Freiheit wiedergeben, die Sie zu Ihrem
Unglück zu früh an mich verloren; an einen Mann, der Sie nicht zu schätzen, Ihre
Jugend nicht zu leiten verstand. Die Gesetze unsrer Kirche erlauben Ihnen keine
Heurat, so lange ich am Leben bin, und warum sollen Sie Fesseln tragen, die das
Glück Ihres Lebens vergiften? Mein gänzliches Verschwinden allein lösete die
Verworrenheit, die ich verursachte.
    So fühlte ich, als ich Madame Barcino mit der Nachricht meines Todes zu
Nordheim schickte. Ich hatte das arme Geschöpf von der Notwendigkeit meines
Verschwindens vom Schauplatz überzeugt, und ein heiliges Gelübde ihrer
Verschwiegenheit empfangen.
    Ich hoffte bald durch Arbeit und Anstrengung ein kleines Vermögen zu
erwerben, mit dem ich meine Kinder versorgen könnte, aber das Schicksal spielte
mit meinen Entwürfen.
    Wahrscheinlich unterliegt meine geschwächte Gesundheit in kurzem der Gewalt
dieses feindseligen Klima's. Von Ihrem guten Herzen wage ich etwas zu bitten,
und bin der Erhörung gewiss.
    Geniessen Sie die Einkünfte des geringen Vermögens, welches ich Ihnen
zurücklassen konnte, so lange Sie leben, ungeteilt; aber nach Ihrem Tode gehe
es nicht in fremde Hände über, sondern werde ein Besitztum für meine Kinder.
Erst jetzt, da ich das Bittere der Armut und harten Arbeit unter einem fremden
Himmel empfinde, fühle ich den Stachel der Sorge für die Zukunft dieser armen
Geschöpfe.
    Sollten sie sich als verlassen von ihrem Vater ansehen?
    Mein Andenken bleibe von Ihnen nicht ungesegnet. Mein Wille war nie, Sie
unglücklich zu machen, aber was ist der Wille einer kraftlosen Brust?
    Jetzt, da mich die Einsamkeit des Geistes und Herzens in mich selbst
zurückführt, jetzt labt mich oft nach anstrengender Arbeit ein Traum von Ihnen,
von allem was wir hätten für einander werden können; aber die Schlange der Reue
liegt unter diesen blühenden Träumen.
    Alles ist vorbei, ich bin schon für Sie nicht mehr. Auch der Nachhall meines
Daseins, das Schattenleben das ich hier führe, wird bald verlöschen. Ein Wunsch
für Ihr Glück wird die letzte Regung meines Herzens sein. Danken Sie Nordheim
für seine Treue an meinen Kindern. - Das Herz entgeht mir im Andenken dieses
edlen Freundes, und die Züge meiner Hand verlöschen in Tränen. Leben Sie wohl
auf ewig!
Nach diesen Briefen hatte ich allen Mut verloren, Amaliens Entschluss für jetzt
zu bekämpfen. Nachdem ich des Unglücklichen Schicksal mit ihr beweint hatte,
fuhr sie fort:
    Ich eilte sogleich zu Madame Barcino, nachdem ich diese Briefe gelesen. Aus
wenigen Äusserungen meines lebhaft bewegten Herzens fühlte sie, dass ich ihr
Geheimnis wusste. O Gott! rief sie aus: Sie wissen, dass Ihr Gemahl noch lebt,
wissen es, ohne dass ich meinen Eid verletzte! Welches Wunder deines Erbarmens!
sagte sie, und sank vor einem Marienbild in stillem Gebet nieder.
    Ich erfuhr von ihr, dass sie seit diesen Briefen noch einige von meinem
Gemahl erhalten. Alle waren traurig, in demselben Sinn niedergeschlagener
Hoffnungen wie der erste, und entielten nur Fragen nach den Kindern. Der Freund,
durch welchen der Briefwechsel geführt wurde, und der über meines Mannes
Schicksal näher als sie selbst unterrichtet schien, lebte in der Schweiz.
    Das arme Weib war ein Raub der schmerzlichsten Gefühle, die ihr Gemüt bis
zum Wahnsinn verspannt hatten. Sie hörte von einer Heurat Nordheims mit mir,
von der sich das Gerücht oft verbreitete.
    Da sie von dem Leben meines Mannes überzeugt war, trieb sie ihr Gewissen an,
solch eine Entweihung des Sakraments zu verhindern. Ihr abgelegter Eid, das
Geheimnis von meines Mannes Leben nie zu entdecken, die Sorge um das Schicksal
ihrer Kinder, dieses alles erregte einen fürchterlichen Sturm in der Armen
Gemüt, das endlich den friedebringenden Traum als ein Rettungsmittel ergriff.
Sie beschwor mich jetzt, da sie mein Gelübde für ihre Kinder zu sorgen
empfangen, ihr einen Zufluchtsort in einem Kloster zu verschaffen.
    Ich werde mit Nordheim darüber sprechen, und glaube beinah selbst, ihre
Fantasie, die von solchem Wahn nur befangen und erkrankt ist, wird auch am
besten durch Wahn geheilt werden. Die Gräfin verliess uns den folgenden Tag,
versprach mir aber noch einen Besuch vor ihrer Reise nach der Schweiz.
    Die alte holde Vertraulichkeit unsers Cirkels umfing mich so sanft in dem
stillen häuslichen Leben meiner Freunde! Das Stillschweigen, welches ich über
meine Verhältnisse beobachtete, stöhrten ihren Anteil an mir nicht. Es schien
ihnen bekannt, dass mein Schicksal in einer entscheidenden Crise lag. Die feine
Sitte bürgte mir vor jeder indiskreten Frage; aber mehr als das, ich fühlte auch
den stillen Sinn meiner Freunde, der mich dem ungestöhrten Genusse des
ahndungsvollen, sanftoffenden Zustandes meiner Seele überliess. Julius schien
sehr beschäftigt, und suchte nicht mich allein zu finden.
    Ich schrieb an meinen Vater. Mit welch innigem Anteil rief ich mir jeden
kleinen Umstand unsrer ersten Bekanntschaft zurück! Jedes bedeutende Wort,
welches ich von ihm vernommen, die geheimnisvolle Kraft seiner Reden entüllte
sich mir jetzt; der Sinn des Vaters hatte meine ahndende Seele getroffen.
    Auch dem Prediger von Hohenfels schrieb ich, beruhigte ihn über die
sonderbare Begebenheit, deren Entzifferung ich ihm mündlich versprach. Mein
Glück, in dem völligen Einverständnis mit Nordheim, legte ich an sein
teilnehmendes Herz. Nordheim hatte ihm schon früher geschrieben.
    Von Nordheim empfing ich jeden Tag liebevolle Zeilen, die mich mit der
Hoffnung trösteten, dass unser Glück keine Opfer kosten würde.
    Als die Gräfin nach D. zurückging, sollte Bettina sie begleiten, sie bat
dringend bei mir bleiben zu dürfen. Auf die Anspannung, in der sie ihre Sorge um
mich erhalten hatte, folgte eine Art von kranker Ermattung. Sie weinte an meinem
Busen über mein Glück in Nordheims Verbindung, und es blieb mir und ihrem eignen
unschuldvollen Herzen unentschieden, ob der Krampf des Schmerzens oder der
Freude diese Tränen hervorpresste.
    Sie war verändert, und schien einen Rückblick auf sich selbst zu bekommen,
den ihre grosse Lebhaftigkeit, und die Ungebundenheit ihres Wesens in allen
seinen Empfindungen, bis jetzt immer gestöhrt hatte. Ihre Weiblichkeit erwachte,
und suchte natürlich nach den Gesetzen des Anstandes, der der innern Sittsamkeit
auch einen äussern Ausdruck zu geben strebt.
    Julius und Nordheim lebten in der innigsten Verbindung, und wechselten
beinah täglich Briefe. Julius sann nur auf unser Glück, und wenn ich ein Wort
des Dankes gegen ihn aussprechen wollte, hiess er mich zärtlich schweigen, und
sagte sanft: Wer sollte nicht sein Dasein in dem Glück zweier solchen Menschen
finden können!
    Nach einer Entfernung von wenigen Tagen kam Julius des Morgens auf mein
Zimmer. Er gab mir einen Brief von Nordheim, der mich auf eine neue Wendung
unsrer Lage, die ich von Julius vernehmen sollte, vorbereitete, und der sich mit
den Worten schloss:
    »Meine Agnes allein wird meinen Entschluss bestimmen. Seit das beste Herz an
dem meinen schlug, ist sein Glück die erste nächste Bestimmung meines Daseins
geworden, und ich fürchte nur zu sehr in diesem Fall seine Stärke, die ich schon
erfuhr.«
    Julius sagte mir jetzt, dass eine Veränderung in den Constellationen der
politischen Welt es für den Fürsten und das ganze Land äusserst wichtig mache,
eine Negotiation, die Nordheim auf seiner letzten Reise an einem nordischen Hofe
angeknüpft habe, weiter zu verfolgen. Der entscheidende Moment sei nun gekommen,
und von Nordheims persönlichen Eigenschaften und Lokalkenntnissen könne man sich
einzig den glücklichsten Erfolg versprechen.
    Der Minister fühle das, er selbst habe dem Fürsten die Notwendigkeit,
Nordheim wieder zu gewinnen, vorgestellt.
    Über das Verhältnis mit mir zeige er jedoch eine unbegreifliche
Unbiegsamkeit. Der Prinz und die Prinzessin glaubten beide, dass das Gemüt ihres
alten kränklichen Vaters so sehr von Furcht und Zweifeln über diese Heurat
umstrickt sei, dass es dem Minister jetzt unmöglich falle, die selbst
geschlungenen Knoten wieder aufzulösen. Das Verhältnis sei für Nordheims
Edelmut zart, und schwierig zu behandeln. Er verschmähe es, meine Hand, als den
Preis eines zu leistenden Dienstes zu fordern. Da er gegen den Minister nicht
zeigen dürfe, dass er von den Verhältnissen der Prinzessin unterrichtet sei, so
könne er dem Fürsten gar keine Gewalt über Agnes zugestehen. Bei dem Fürsten sei
die Sache noch schwerer, und leide beinah gar keine Berührung. Der Prinz und die
Prinzessin scheuen es, in den alten Mann zu dringen; ruhige Vorstellungen
anzuhören sei er unfähig, und jede Aufwallung des Zorns drohe die schwache Natur
zum Kampfe des Todes aufzureizen.
    Über Hohenfels hingegen habe Nordheim höchst mutig und bestimmt mit dem
Fürsten und Minister gesprochen, und beiden deutlich gesagt: er könne keinem
Herrn dienen, der mit einer Ungerechtigkeit beladen sei. Auch habe er das Wort
des Fürsten empfangen, Hohenfels solle in einem Monat befreit werden.
    In jedem Fall werde Nordheim in Gemeinschaft mit Julius Massregeln für
Hohenfels Sicherheit nehmen.
    O warum, meine teure Agnes, sagte Julius, indem er meine Hand fasste: warum
ist Ihrem schönen Herzen nicht der volle Genuss seines Glücks gegönnt! Nordheims
Abwesenheit kann wenigstens ein halbes Jahr dauern, denn mancher Berg ist zu
übersteigen oder zu untergraben; die verschiedendsten Interessen sind zu
vereinigen, und auf die verschiedensten Gemüter ist zu wirken: welcher Verlust
wäre diese Trennung für die Liebe!
    Nordheim drang bei Ihrer Mutter darauf, mit Ihnen vor seiner Abreise getraut
zu werden, damit er Sie bitten dürfte, ihm nach Hohenfels Befreiung, an den Ort
seiner Bestimmung zu folgen. Die Prinzessin fand den Plan zu gewagt, und
fürchtete, der Fürst möchte davon unterrichtet werden.
    Nordheim wollte sodann den Auftrag ganz ablehnen. Der Prinz und die
Prinzessin bestürmten ihn mit Bitten, ersterer aus Staatsinteresse, und die gute
milde Seele in der Hoffnung, dass nach vollbrachtem Geschäft, die Heurat mit der
Einwilligung des Fürsten geschehen würde. Nordheim musste endlich beiden in so
weit nachgeben, dass die ganze Lage der Sache Ihnen dargelegt werden sollte, und
versprach sich nach Ihrer Entscheidung zu betragen.
    Mein erstes Gefühl war ungeteilt für die Reise, und es stand als ein
Entschluss in meiner Seele, welcher alle folgenden Augenblicke der Schwachheit
bekämpfte.
    Meinem Verstande war es klar, dass das Interesse fürs Allgemeine die
schmerzlichen Gefühle meines Herzens überwiegen müsste, dass es sogar unwürdig
sei, sie gegen dasselbe nur abwägen zu wollen. Aber die Sehnsucht der Liebe
umschwebte mich mit einer ahndenden schauervollen Gegenwart. Schmerz und Freude
tönen mit verstärkter Gewalt von einem Herzen, welches die Liebe in seinen
zärtesten Saiten bewegt. Ein leichtes Wölkchen wird zu einem schwarzen
Gewitterhimmel, eine Trennung von wenig Monden scheint eine Trennung für die
Ewigkeit.
    Meine Augen blieben zur Erde geheftet, als Julius ausgeredet hatte. Ein
Druck seiner Hand entriss mich der innern Verworrenheit, und als mein Auge seinen
klaren Blicken begegnete, fühlte ich die volle Kraft meines Wesens in dem
Entschluss des mutigen Duldens.
    Nordheim wird reisen, sagte mir Julius sanft, ich lese es in Ihrem Auge.
    Ja, mein Freund, erwiederte ich. Könnte ich es versuchen ihn aufzuhalten,
wäre ich dann seiner, wäre ich meiner Freunde wert?
    Julius suchte mein Herz zu stillen, indem er mit mir auf allen meinen
Verhältnissen verweilte, denen er eine günstige Wendung prophezeihete. Sein Herz
genoss diese Stunden stiller Vertraulichkeit, und das meine fühlte sich
erleichtert.
    Des andern Morgens meldete man mir die Ankunft des Prinzen. Ich eilte in das
Gesellschaftszimmer: nach der ersten Bewillkommung führte er mich in ein Fenster
und sagte:
    Meine Agnes, welche Probe hat Ihr Herz zu bestehen? Ist sie nicht zu schwer
für solch ein zartes liebendes Wesen? Zwar kenn' ich auch Ihre Stärke ....
    Meine Stärke ist meine Liebe, erwiederte ich. Sollte ich Nordheim von einem
wichtigen guten Unternehmen zurückhalten, von einer Kraftäusserung, die ihn zum
reinsten Lebensgenuss führt? Sollte ich ihm nicht gern auch die Freude noch
danken wollen, durch ihn Ihr Bestes, die Ruhe meiner Mutter befördert zu sehen?
    Ein reiches Gemüt gab Dir die Natur, liebstes Mädchen! sagte der Prinz.
Nordheim, fuhr er fort, wird vielleicht morgen früh hier sein. Ich bat ihn, die
Anstalten zu seiner Reise zu machen, während ich Ihre Einwilligung für ihn
abhohlte, aber das schlug er rund ab. Es ist nicht Misstrauen gegen Sie, noch der
Wunsch Agnes Willen zu lenken, sagte er, aber ich muss sie sprechen - ich muss es
wissen, fühlen, dass dem besten Herzen keine Gewalt geschieht, dass es der volle
Einklang ihres Wesens ist, aus dem sie handelt, nicht ein Moment der
Selbstentsagung, deren das schöne Herz so fähig ist. Gern will ich dem Gesetz
gehorchen, welches ich erkenne; aber ich sage Ihnen, es steht auf Agnes Stirn
geschrieben, und alle andere Rücksichten werde ich dieser aufopfern.
    O nie kann ich dieser himmlischen Güte wert sein! rief ich aus, indem süsse
Tränen mein Auge füllten.
    Sie sind es, bestes Kind, sagte der Prinz gerührt, da Sie den freien Kreis
seiner Tätigkeit respektiren. Nordheim kennt die Gewalt, die ihm die Natur über
Menschen und Begebenheiten gab, nicht ganz. Die Resultate seiner Wirkungen nennt
er nur eine Gunst des Glücks. Da er alles Grosse mit Leichtigkeit vollbringt,
wirkt er stille, sich selbst unbewusst, wie die Natur. Bescheiden wähnt er, ein
anderer könne seine Stelle ersetzen, die unersetzbar ist. Wüsste er ganz was er
vermag, er hätte jetzt nicht zweifeln können. Verzeihen Sie, Beste! er hätte es
nicht gekonnt, selbst aus Liebe für Sie nicht.
    So eben fuhr Nordheims Wagen zum Tore herein.
    Erhalten Sie Ihren Mut, liebstes Kind, sagte der Prinz.
    Alles eilte Nordheimen entgegen. Das Feuer seines Blicks schien gedämpft,
still nahm er beim Frühstück seinen Platz neben mir ein, und wagte selten mir
ins Auge zu schauen. Klar und immer gegenwärtig, wie gewöhnlich, war sein Geist,
aber es war eine Milde, eine Süssigkeit in dem Ton seiner Stimme, vor der mein
Innerstes erbebte.
    Ich sehne mich nach einer stillen Stunde mit Ihnen, meine Liebste! flüsterte
er mir leise zu. Die Gesellschaft zerstreute sich, ich ging auf mein Zimmer, und
in wenigen Momenten folgte mir Nordheim mit Julius, der uns sogleich wieder
verliess.
    Nordheim drückte meine Hand sanft an seine Brust, an seine Lippen, und
sagte: Ich komme die Befehle meiner Agnes zu vernehmen, sie hat mich zu ihrem
Eigentum gemacht, ich muss und will alles sein, was ihr holdes Herz beglückt.
    Die süsse Gewalt der Liebe ergriff mein ganzes Wesen. Mein Entschluss, jede
Kraft meines Busens zerrann wie in einem goldnen Morgennebel; - ich fühle mich
leicht und gestaltlos wie Luft, die nur zum Ton in dem Atem des Geliebten
werden konnte.
    Rechneten Sie nicht zu viel auf die Kraft eines Liebe-erfüllten Herzens,
Bester? sagte ich.
    Er hielt mich in seinen Armen, mein Gesicht war an seine Brust gelehnt, und
als mein Auge dem seinen zu begegnen wagte, glänzte Hoffnung und Freude in
seinem feurig-fragenden Blick.
    Ach, ich müsste mich des höchsten Lebensglückes unwürdig achten, fuhr ich
fort, wenn ich nicht fähig wäre, es durch ein Opfer zu erringen. Nie könnte ich
mit mir zufrieden sein, wenn mein Herz mir jetzt seine Kraft versagte, - wenn
ich Sie zurück zu halten strebte, da Sie mir mit so viel Güte einen Einfluss auf
Ihren Entschluss gestatten.
    Ich gehe also! sagte Nordheim, und seine Augen blieben einige Minuten
hindurch starr am Boden geheftet.
    Ich wusste es! fuhr er fort, indem er seinen hellen Blick nach mir kehrte,
aber mein Herz hörte dennoch auf die Zaubergesänge der Hoffnung.
    Ich fühlte einen leisen Vorwurf in diesen Worten, und in dem Ton, mit
welchem Nordheim sie aussprach. Mein Busen wallte in Schmerz und Liebe, meine
Tränen flossen. Nordheim umfasste mich sanft, und blickte voll rührender
Zärtlichkeit in mein Auge.
    Leise flüsterte ich ihm zu:
    Mein Einziggeliebter, ach Du fühlst meine Liebe nicht in diesem
schmerzlichen Kampfe!
    Ja, meine teure Seele, rief er höchst bewegt, - ich fühle es, Du scheidest
nicht ohne Schmerz von den ersten Wallungen Deines zärtlichen Herzens. Ich
scheide mit wunder Seele von der schönsten Blüte - vielleicht weniger Tage!
Aber ich fürchte es ganz, Du kannst nicht anders handeln.
    Mit süssen Worten suchte er nun mein Herz in Frieden zu wiegen. Dann sprach
er von seinem Geschäft, von seinen Massregeln in Ansehung meines Vaters und
meiner. Er wünschte, ich möchte mit der Gräfin sogleich in die Schweiz reisen,
mein Vater und Julius sollten uns nachkommen. Er selbst würde uns dort wieder
finden, und in unsrer Nähe leben, bis alle Hindernisse unsrer Verbindung
hinweggeräumt wären.
    Die Zukunft stand halb vor meinem Gemüte, der Zwischenraum der Trennung
rollte sich in seiner düstern Einförmigkeit immer enger zusammen.
    Wir standen an einem Fenster, und blickten in die weite Gegend, die im Glanz
der Mittagssonne schimmerte.
    Hell wie die Natur sei unser Gemüt im Scheiden, sagte Nordheim Wie sich
ihre Strahlen ewig verjüngen, so hat auch das Glück unsrer Liebe eine ewige
Jugend. Ich eile jetzt von Dir, meine Agnes; wenn wir uns wiederfinden, liegen
Jahre der Vereinigung vor uns.
    Sein Abschiedskuss glühte auf meinen Lippen, sein Auge, in welchem Tränen
rollten, kehrte sich noch einmal nach mir, und er war verschwunden.
    Nach wenigen Minuten sah ich seinen Wagen vorfahren. Bald erschien er
selbst, von Julius begleitet Er wendete sich nach meinen Fen stern, ich winkte
ihm noch ein Lebewohl zu. Welche geheimnisvolle All gewalt ist zwei liebenden
Herzen gegeben! Der dumpfe zerstöhrende Schmerz, mit welchem ich Nordheim sonst
verliess, eh sich sein Herz zu mir gewendet, war jetzt in ein unaussprechliches
lebendiges Verlangen verwandelt, in dem meine Seele der Unendlichkeit entgegen
blühte.
    Auch sein Herz blieb bei mir zurück. Eine glühende Kette des ewig regen
zarten Verlangens zog mich ihm nach, und die guten Geister des Himmels webten
goldne Träume, die Entfernten zu laben.
    Ich sah seinem Wagen auf der langen Strasse nach, und als er sich endlich im
Gebüsch verlor, und des Schmerzens kalte Hand mein Herz zusammenpresste, rief mir
eine freundliche Stimme aus der lichten glänzenden Luft: Er wird liebend
wiederkehren!
    Wie todt und kalt scheinen uns selbst die lieblichen Gestalten des Lebens,
nach dem äterischen Dasein der Liebe! Matt und strahlenlos, wie eine Gegend, in
der das purpurne Abendlicht ausgebrannt ist, scheint das ganze Leben.
    Julius hatte den letzten Händedruck meines Geliebten empfangen. Er wusste das
Segel der Hoffnung in meinem Gemüt mit sanften Worten zu schwellen. Aber ich
bemerkte eine schmerzliche Anspannung in seinem Wesen, die mir mit jedem Trost
von seinen Lippen auch einen Stachel des Schmerzens in den Busen warf.
    Der Prinz war nach D. gereist, meine Mutter noch immer mit dem Fürsten im
-schen Bade. Ich hatte sie nach Nordheims Wunsch um die Erlaubnis gebeten, die
Gräfin in die Schweiz zu begleiten, aber sie bat mich, noch einige Wochen ruhig
bei Elisen zu bleiben. Die Gesundheit des Fürsten sei sehr schwankend, er
schiene nicht mehr so ängstlich auf meine Entfernung zu dringen. Nach dem Bade
würde er noch die schönen Herbsttage auf dem Lustschloss, wo ich mich befunden,
zubringen, und ihr sei es ein Trost, mich in ihrer Nähe zu denken. Sobald mein
Vater seine Befreiung erhalten, könnte ich sodann mit ihm reisen.
    Ich wusste hierauf nichts zu erwiedern, so gern ich auch nach Nordheims Sinn
gehandelt hätte, der mir für die Reise noch andere Gründe als mein Vergnügen zu
haben schien.
    Der Fürst sei höchst zufrieden von Nordheims Betragen, schrieb mir meine
Mutter, sie hoffe auf die schönste Entwickelung unserer Verhältnisse.
    Alban und Julius waren häufig abwesend, meine gute Elise war meinem Gemüt
gleichsam ein sanfter Nachhall seiner Gefühle. Der Genuss des Landlebens, das
Interesse, das ich aus der Bekanntschaft mit dem Gang der Landwirtschaft, aus
allen. seinen einfachen Beschäftigungen schöpfte, erhielt mich in stiller
Erwartung. Nordheims Briefe voll Geist und Leben, voll der unaussprechlichen
Einfachheit eines grossen liebenden Herzens, waren die Sonnenblicke in diesem
Dasein, welche über das Ganze einen sanften Dämmerschein ergossen.
    Die Zeit nahte heran, wo wir die Befreiung meines Vaters erwarteten, aber
statt der frohen Erwartungen, nahmen die Briefe meiner Mutter einen ungewöhnlich
traurigen Ton an. Auch in dem Cirkel meiner Freunde herrschte Traurigkeit, Unruh
und Missbehagen.
    Es war ein dumpfes Missbehagen, das die Lippen vor jeder vertraulichen Frage
zusammenpresste.
    Julius besonders schien höchst gereizt und missmutig gegen seinen Bruder,
und hatte nur gegen mich die ganze gewohnte sanfte Gefälligkeit des Betragens
beibehalten.
    Ich glaubte, es sei eine Familienstreitigkeit, die mich unter so edlen
innigvereinten Naturen schmerzte, aber natürlich jede Frage unterdrücken hiess.
Julius vermied mit mir allein zusammen zu treffen.
    Ein Gespräch über Julius Gesundheit, das ich selbst anfing, weil ich seit
einiger Zeit besorgt darum war, führte endlich zu einer Erklärung. Alban sagte
mir, dass Julius nach einer sehr schnellen erhitzen Reise Blut ausgeworfen
hätte. Ich ahndete, die Reise sei zu meinem Vater gewesen. Die Besorgnis um
meinen Freund, der etwas rauhe vorwurfsähnliche Ton des Bruders, bebte durch
meinen Busen. Ich entfärbte mich, und eilte zum Fenster, um meine Tränen zu
verbergen.
    Und wie er's treibt! fuhr Alban fort, als bemerkte er mich nicht; dieser
schmerzlichste Kampf der Seele, diese zerstöhrende Tätigkeit des Körpers müssten
die stärkste Natur aufreiben. Jetzt, da sich alle Verhältnisse von selbst fügen,
gleichsam aufdringen, jetzt dem Glück des Herzens entsagen zu müssen, das kann
wohl einer zarten Natur den letzten Stoss geben. - Den talentvollen
liebenswürdigen Jüngling so zu Grunde gehn zu sehen, ist wahrhaftig
seelenzerreissend, sagte Elise.
    Mein Herz war wie auseinandergesprengt, alle meine Nerven zuckten vor
Schmerz, - ich sank auf einen Stuhl, verbarg meine Tränen nicht länger, und
rief aus: O Gott! was vermag ihn zu retten!
    Elise fasste meinen Kopf an ihre Brust, sah schmerzlich auf mich nieder, und
sagte: Du!
    Unmöglich, unmöglich! rief ich. Er selbst wird diese Hülfe verschmähen.
    Alban hielt meine Hand und sagte: Fassen Sie sich, liebste Agnes! Da Elise
und ich einmal von unsern Herzen hingerissen wurden, - da Sie einmal das
wichtigste wissen, so muss ich, ohngeachtet des Versprechens, das ich meinem
Bruder gab, Ihnen nun auch alles noch übrige entdecken. Vereint wollen wir für
unsern Julius sorgen.
    Ich lag in dem bängsten Zustand an der Brust meiner Freundin.
    Nachdem ich meine Tränen getrocknet hatte, folgte ich Elisen zu Alban.
    Er eröffnete mir, dass der Fürst durch den Minister, Julius den Antrag hätte
tun lassen, in Diensten des - schen Hofes nach England zu reisen, und ihm dabei
zu verstehen gegeben, wie er sich um meine Hand bewerben möchte. Julius habe den
Minister abgewiesen; Er werde nie die Verlobte seines Freundes und sich selbst
durch solch ein Betragen beleidigen. Der Minister habe erwiedert: die Heurat
mit Nordheim werde nie geschehen; und ernst hinzugesetzt: Sie wissen nicht, was
für Folgen aus dieser Unbeugsamkeit entstehen können! Julius hochgestimmtes
Gefühl und des Ministers glattgeschlissner Weltsinn wären sich gegenseitig so
unverständlich geblieben, dass sie nur gehaltlose Worte mit einander gewechselt
hätten. Er selbst hätte sich aus des Ministers Reden von den Schwierigkeiten
meiner Verbindung mit Nordheim überzeugt. Auch mit dem Prinzen und der
Prinzessin hätte er über das Verhältnis gesprochen; beide sähen diese Heurat
als das einzige Mittel an, den Fürsten zu beruhigen, und die ganze verworrene
Lage aufzulösen.
    Julius glüht von heisser Leidenschaft für Sie, sagte Alban, und arbeitet
gleichwohl sich selbst entgegen. Ist das menschliche Gemüt gemacht, solch einen
Kampf zu bestehen, da er die geheimsten Fäden des Lebens trennt? Ich will nicht
in Sie dringen; aber wenn Ihre Hoffnungen scheiterten, und Ihr Herz wendete sich
zu spät gegen das im Lebenskampf ermattete Ihres Freundes ...
    Ich war verwundet bis in mein Innerstes. Aber die falsche Ansicht meines
Verhältnisses, die Alban mir, vielleicht sich selbst unterzuschieben suchte,
stumpfte den Pfeil der Empfindung ab, den er an mein Herz warf.
    Der Ausdruck einer Empfindung, der nicht trifft, tut immer eine
entgegengesetzte Wirkung, und bewafnet den Verstand gegen das Herz.
    Es ist hier nicht allein von Gefühlen, von Glück und Unglück die Rede,
sondern von der Notwendigkeit, von Recht und Unrecht, meine teuren Freunde,
sagte ich. Ich gab Nordheim mein Wort, wie mein Herz. Was kann ich sonst tun?
soll ich mich entfernen?
    Elise und Alban baten mich innigst zu bleiben, Julius würde es nicht
ertragen.
    Wie manche Verwirrung richten gute Seelen im Leben an, wenn sie den
Gesichtskreis edler Naturen mit ihren schwächeren Augen beherrschen wollen?
    Julius kam noch denselben Abend zurück. Er war heftig, zerstöhrt; meine
Brust war gepresst bis zum Ersticken, in seinem Anschaun wurde mein Herz in
Wehmut aufgelöst.
    Den nächsten Morgen liess er mich um eine Unterredung bitten.
    Seine sanften Züge waren entstellt; Fieberröte glühte auf seinen Wangen.
    Mit zitternder Hand reichte er mir einen Brief. Lesen Sie, sagte er heftig.
All mein Bestreben, Ihnen dieses zu ersparen, war fruchtlos. - Lesen Sie. -
    Mit bebenden Fingern erbrach ich den Brief. Er war von meiner Mutter.
    »Wir sind verraten, mein bestes Kind, alle unsre Hoffnungen sind zernichtet
Deinem edlen Vater droht lebenslängliche Gefangenschaft. Der böse arglistige
Mann kündigte mir in Gegenwart meines Vaters an, Staatsraison erlaube durchaus
nicht deinem Vater die Freiheit zu geben, wenn er solche furchtbare Stütze an
Nordheim zum Schwiegersohn bekäme. Er werde auf eine - sche Vestung transportirt
werden, wenn wir auf der Heurat bestünden.
    Die Albansche Familie sei sehr geneigt zu einer Verbindung mit Julius, diese
löse den ganzen verworrenen Handel auf, wir müssten dich dazu bewegen. Mein
Bruder kann für jetzt nicht wirken, dein Vater ist in dringender Gefahr, -
Julius war mir ein guter Engel, - berate dich mit ihm. - Was kann ich sagen?
was raten? meine Seele ist an den Grenzen des Wahnsinns! - Jeder Gedanke bricht
ab. - Der Fürst will dich selbst in den nächsten Tagen sprechen.«
    Julius Zustand hielt meine Sinnen beisammen, wie sehr auch mein Gemüt durch
den Brief erschüttert war. Ich behielt ihn sprachlos und sinnend in Händen, ob
ich gleich keinen klaren Gedanken festalten konnte. -
    Ich las diese Zeilen! rief Julius. Der tückische schändliche Mensch!
Staatsraison - Wohl uns, dass diese Nüanz der Schelmerei ein Fremdling auf unsrer
Zunge ist. Die Albansche Familie wünscht die Heurat? Ja, so sind diese alten
eingerosteten Staatsmaschienen. Jedes individuelle Interesse suchen sie ins
Collective zu spielen, zu vernichten. Das ganze lebendige Herz wird so zum
leeren Schall, zum todten Zeichen, - - ein altes Familien-Dokument. Verzeihen
kann ichs meinem Bruder nie, dass er einen Augenblick von den Schlingen des
listigen Alten umfangen wurde.
    Er fasste sich jetzt, sah mich sanft an und sagte: Was zu tun ist, liebe
Agnes? Mir Ihre Hand zu geben? - ein schmerzliches Lächeln verzog seine Lippen.
- Nicht wahr, das wäre so in der Manier des Herrn Ministers? Aber mir Ihre Hand
geben, - und gleich nach der Trauung mit Ihrem Vater nach der Schweiz reisen,
während ich nach England abgehe, - das ist der Ausweg, den Sie zur Rettung Ihres
Vaters vielleicht erwählen müssen!
    O Julius! rief ich höchst bewegt, und drückte seine Hand an mein Herz: Mit
dieser edlen Hand, die das unaussprechlichste Glück eines freien Herzens machen
müsste, mit dieser edlen Hand soll und muss kein leichtsinniges Spiel getrieben
werden!
    Beste Seele! sagte er mit dem Ton himmlischer Ruhe; was können treue wahre
Menschen anders tun, als den unausweichbaren Leiden ihres Schicksals, mit
klarem reinem Sinn, fest vereint begegnen! Das holde Vertrauen, mit welchem Sie
meiner Liebe entgegen kamen, ist vielleicht ein so unauflösliches Band, als die
Gegenliebe selbst. Bleiben Sie immer frei vor mir, und lassen sich von einem
Moment der Schwachheit nicht irre machen. Jeder fühlt wohl zuweilen die zwei
Seelen in sich streiten; aber das Vertrauen der Freunde macht stark und gross,
und gibt der bessern das Übergewicht.
    Nordheim betrug sich gegen mich als gegen einen Starken, und ich wurde es.
Und warum sollte ich auch bedürftig und schwach sein?
    Was heisst denn Selbstgenuss, wenn nicht die Wirksamkeit für das Glück
geliebter Wesen?
    Sein Auge glänzte gleich als im überirrdischen Lichte in diesem Augenblick,
und drückte den höchsten Zustand des Gemüts aus, eine Klarheit, nur würdig,
sich im endlosen Blau des Äters zu spiegeln.
    Aber in seinem Lächeln war etwas, welches auf ein Unvermögen der Natur
deutete, sich der Individualität ganz zu entziehen, in der die Angeln unsers
jetzigen Daseins ruhen.
    Sein Empfinden erschien in der Sphäre des menschlichen Seins als Tugend,
während aus dem Blick des fessellosen Geistes die Freiheit des Himmels strahlte.
    O Julius, sagte ich, meine Achtung für Sie ist grenzenlos. Ihr grosser reiner
Sinn ist mir zum Schutzgeist gegeben. Er soll mich leiten. Was soll ich tun?
Wie können wir meinen Vater befreien?
    Aller Schein der Widersetzlichkeit ist in diesem Moment gefährlich, sagte
Julius. Wenn Sie zum Fürsten kommen, willigen Sie in alles. Noch habe ich
Hoffnung, Ihnen den entscheidenden Schritt, der Ihre Feinheit beleidigen muss, zu
ersparen; fällt diese .... Sein Blick sank zur Erde, eine feine Röte flog über
sein Gesicht, aber schnell sah er mir wieder klar ins Auge und sagte: Doch warum
sollte es Ihnen zuwider sein, sich und Ihren Vater durch den Nahmen Ihres
Freundes allen weitern Verfolgungen zu entziehen? Sie erwarten Nordheim in der
Schweiz. Er lächelte still, schüttelte den Kopf und sagte: Es ist sonderbar, dass
mir das Schicksal diese Illusion weniger Momente an Ihrer Seite noch vergönnt!
    Es war ein inniges Widerstreben in meinem Gemüt, dem diese Worte seine
volle Bedeutung gaben. Die Furcht, Nordheim zu kranken, war es nicht allein, was
mich bis jetzt quälte.
    Du solltest spielen mit der Ruhe der besten Seele! solltest ihre Träume
eines einmal heiss ersehnten Glücks mit glühenden täuschenden Farben aufs neue
beleben! - Ich bebte vor mir selbst zurück. - Aber dein Vater liegt gefangen! so
drang eine schneidende Stimme durch mein Innres, und ich musste der
Notwendigkeit allein gültigem Ausspruch folgen.
    Ich war verwirrt und suchte vergebens nach einem Ausdruck. Sanft und
schonend sagte Julius: Ich reise diesen Abend zu Ihrem Vater, vielleicht gelingt
mir ein gutes Unternehmen. Nordheim hatte vieles vorbereitet, er traute schon
bei seiner Abreise nicht recht.
    Ich bat Julius innig, sich auf der Reise zu schonen, da seine Brust litte.
    Ich ahndete es doch, rief er aus, da ich gestern Abend die zurückgehaltenen
Perlen in Ihrem Auge sah, man hat Sie auch mit kleinlichten Besorgnissen
gequält!
    Ich bat ihn, mild mit seinem leidenden Bruder und Elisen zu sein, und sich
für uns alle zu schonen.
    Sein Sie unbesorgt, Beste, sagte er beim Abschied, ein Leben für Sie - hat
immer seinen Wert. Bewahren Sie in jedem Fall die himmlische Unbefangenheit
Ihres Gemüts gegen mich. Diese und die grosse Seele Ihres Geliebten heilten mich
von jeder Schwachheit, die die gutmütige Ängstlichkeit meines Bruders
unvertilgbar wähnte.
    Mir selbst überlassen verlebte ich einige höchst unruhvolle Tage. Die
Notwendigkeit musste mir gebieten, aber immer sah ich neue mögliche Fälle, die
ihren strengen Schluss abzuändern vermöchten.
    Rege Lebensmomente sind es, wo wir selbst die Wagschale unsers Lebens in der
Hand zu halten wähnen! Uns ists wie dem Wandrer, der im Schoss der Gebirge im
Morgennebel wallt. Alle Gestalten schweben in schwankenden Umrissen vor ihm.
Bald erblickt er einen fürchterlichen Abgrund, bald eine lachende Ferne. Aber
wenn wir wählen sollen unter den Schmerzen, die unserm Entschluss notwendig
folgen, wenn eines unsrer Geliebten leiden muss, dann drängen sich alle Rätsel
unsers engbeschränkten menschlichen Daseins um uns her, und unser Herz erliegt
unter ihrer Last. Die Stimme des Rechts, der innren Notwendigkeit unsers
Wesens, selbst diese spricht nicht stark genug. Wir vermögen uns selbst
aufzuopfern, aber ein geliebtes Wesen zu kränken, da versagt unsre Kraft. Unser
Herz treibt unsern Verstand im Zirkel des Wahnsinns herum, vergebens versucht er
in tausend neuen Combinationen der Verhältnisse, sich dem unausweichbaren
Geschick zu entziehen. Glücklich, wem sein Genius hier erscheint, der seinen
heiligen Schleier um unser Auge hüllt, und uns mit freundlicher Gewalt
fortzieht!
    Den dritten Tag nach Julius Abreise kam ein Bote von meiner Mutter, mit
einer Einladung des Fürsten an uns alle, ihn noch heut auf dem Lustschloss zu
besuchen.
    Ich bemerkte ein geheimnisvolles Wesen zwischen Alban und Elisen. Elise war
geschäftiger als je, mich zu schmücken; als sie meine Haare mit Rosen
durchflochten hatte, sagte sie: Und die Myrtenkrone hältst du deiner Freundin
verborgen, oder Julius wird sie dir erst reichen?
    Ach die Myrte ist kein Baum der Glückseligkeit für uns, sagte ich. Sie
schwieg traurig. Alban war nachdenkend auf dem Wege. Es schmerzte mich, dass die
guten Seelen Erwartungen schöpften, denen mein Innres widersprach.
    Der Fürst empfing mich gütig. Meine Mutter nahm mich in ein Fenster, küsste
mich weinend und sagte: Mein Kind, wie kann ich dir danken!
    Ich bemerkte lange Gespräche zwischen Alban und dem Minister, geheime Winke
des Fürsten. Etwas ausserordentliches schien im Werke zu sein, alle Augen waren
auf mich gerichtet. Madam Imbert hielt mich in einem Vorzimmer mit einem
weitläuftigen Glückwunsch auf, der alte treue Diener flüsterte mir leise den
seinen zu. Alles schien zu einem Feste geordnet. Mein Herz schlug voll
ängstlicher Erwartung.
    Der Abend war heiter, die Gesellschaft stand auf einem Balcon, vor dem ein
weiter Grund lag, den die breite Landstrasse in Krümmungen durchschnitt.
    Ein Wagen fuhr rasch dem Schloss zu. Es ist meines Bruders Wagen! rief
Alban.
    Der Minister fragte den Fürsten, ob er in den Saal gehen wollte, Herr von
Alban würde sogleich hier sein.
    Der Fürst bot mir die Hand; ich zögerte ihm die meine zu reichen, und bebte
zitternd zurück. Ein sorgsamer Blick meiner Mutter, - und ich folgte ihm ohne
Widerrede.
    Die Ruhe, die Sie über die letzten Stunden eines Greises verbreiten, sagte
mir der Fürst im Gehen, werde ein Segen für Sie.
    Die zitternde dumpfe Stimme des Greises, die bebende Brust, die zitternde
Hand in der meinen - gab diesen Worten eine Gewalt, die in allen meinen Nerven
wiedertönte. Guter Mann, sagte ich in meinem Innren: warum trennen mich die
unvertilgbaren Züge des Vorurteils von deinem Herzen!
    Kaum waren wir in den Saal getreten, als ein Geistlicher erschien, der mich
mit tiefen Verbeugungen und einem langen Glückwunsch empfing.
    Der Bräutigam wird sogleich hier sein, sagte der Fürst.
    Eine Seitentür in eine kleine Kapelle öfnete sich. Die Lichter glänzten auf
dem Altar, der Geistliche stand mit der Agende in der Hand vor demselben. Die
Kirche war dichtgedrängt voll Zuschauer, und ein feierlicher Kirchengesang
schallte dumpf aus den Hallen des Gewölbes.
    Ich atmete schwer, mein Herz zog sich krampfhaft zusammen; bald glühte ich,
und bald schüttelte ein Fieberfrost meine Glieder durch einander. Meine Nerven
wirbelten vom Kopf bis zur Ferse, mir war als sänke ein Flor vor meine Augen,
der immer undurchdringlicher wurde.
    Als meine Sinne sich wieder den gegenwärtigen Erscheinungen eröffneten,
fühlte ich meine Hände sanft gehalten, und meine Blicke fielen auf den Arzt, auf
meine Mutter. Der Anblick des Arztes versetzte mich in andere Zeiten, aber ich
schauderte, als ich die Wände des Saales wieder um mich erblickte.
    Der Arzt sagte mir: Die Trauung wird nicht vollzogen, Julius sendete mich zu
Ihnen. Beruhigen Sie sich, und lesen Sie diese Zeilen.
    Er entfernte sich, und ich las:
    »Ich war glücklich. Ihr Vater ist frei. Jede Sorge falle jetzt von Ihrem
Herzen. Der Arzt wird alles übrige einleiten!«
    Das höchste glühendste Leben schwellte meinen Busen, ich sprang auf, lag
sprachlos zu den Füssen meiner Mutter, und hielt ihr die Zeilen vor.
    Der Arzt kehrte zurück und sagte uns, dass er an Herrn von Alban den Auftrag
seines Bruders ausgerichtet, welcher dem Fürsten sogleich gemeldet hätte, dass
Julius, von einem schnellen Übelbefinden angefallen, sich für heute
entschuldigen müsse, die Ceremonie zu unterbrechen. Der Fürst habe sich
missmutig auf sein Zimmer begeben, und Herr und Frau von Alban warteten auf
mich, um wegzufahren, er selbst wollte uns begleiten.
    Elise kam, sich nach meinem Be finden zu erkundigen; sie war mehr sanft
traurig, als verstimmt.
    Ich versprach meiner Mutter, den folgenden Morgen Nachricht durch den Arzt
zu senden, und Alban führte mich zum Wagen.
    Wir fahren über E. zurück! sagte er dem Kutscher beim Einsteigen. E. war der
Nahme eines kleinen Guts, welches sich Julius besonders eingerichtet hatte.
    Der Arzt war ein Vertrauter des Albanschen Hauses. Er wusste Nordheims Liebe
für mich; aus meiner Abneigung gegen eine andere Heurat schloss er, wie
natürlich, dass der Minister mich zur selben zwingen wollte; dies befremdete ihn
weiter nicht, denn man war seiner krummen Wege, und seiner Einmischung in
Familienverhältnisse schon gewohnt.
    Julius sei bei ihm vorgefahren, sagte er uns, habe ihn gebeten, eilends in
seinem Wagen nach dem Lustschloss zu fahren, und die Briefe an mich und Alban zu
bestellen. Während dem sei jener mit noch einem Fremden in eine Postchaise
gestiegen, und eilend weggefahren.
    Der Wagen des Arztes folgte uns, und wo sich die Strasse teilte und nach dem
Städtchen zog, stieg er aus, mit dem Versprechen mich den nächsten Morgen bei
Albans zu besuchen.
    Alban sagte mir, als wir allein waren, wir würden Julius selbst in E.
finden, mit noch einem Freunde.
    Sein bedeutender Blick sagte mir, dass er wohl wüsste, wer dieser Freund sei.
Mein Herz ergoss seinen Dank, seine Bewunderung für Julius mit Entzücken.
    Die Gemüter meiner Freunde waren rein gestimmt, um ein edles Betragen zu
empfinden, ob sie gleich nicht immer die Energie hatten es zu ihrem eignen zu
wählen. Mit ihrer ganzen Herzlichkeit fassten sie mich aufs neue, und im Gefühl
des hohen Sinnes eines geliebten Bruders, verbanden wir uns wie in einem neuen
Element zur zarten Freundschaft.
    Julius empfing mich in E. am Wagen, und führte mich in ein entlegenes
Zimmer, wo ich die Gestalt meines verehrten Vaters erblickte. Frei lag ich jetzt
mit unaussprechlicher Liebe an der treuen Brust, die so oft schon mein Wesen in
seinem Innersten vernommen hatte.
    Im Gefühl einer Würde, die nicht fürchten darf erkannt zu werden, hatte
meines Vaters Gestalt einen Ausdruck von ruhiger Kraft genommen, der stille
Verehrung gebot.
    Julius wollte sich entfernen, wir baten ihn beide, sich nicht von dem Glücke
unsers Herzens, seinem eignen Werke, zu trennen. Ich vernahm jetzt die
Geschichte der Befreiung meines Vaters, von der mich Julius aus zarter Schonung
erst nach dem glücklichen Erfolg unterrichten wollte.
    Schon damahls, als Nordheim mich selbst gewaltsam aus dem Schloss des
Fürsten entreissen wollte, hatte er auch den Anschlag mit Julius gefasst, meinen
Vater zu befreien.
    Mein Vater verwarf den Vorschlag, hoffte, der Sinn des Fürsten würde sich
durch mildere Massregeln am ersten gegen ihn verändern, nur mich wünschte er in
Nordheims Händen zu sehen.
    Man hatte den Prinzen zu keinem Unternehmen gegen seinen Vater ziehen
wollen.
    Jetzt, während Nordheims Abwesenheit, wurden die Umstände dringender. Die
neuen Drohungen gegen Hohenfels, das Bemühen, mich von Nordheim zu trennen,
bewogen Julius nach D. zu eilen, und den Prinzen zu meines Vaters Befreiung
aufzurufen.
    Äusserst entrüstet über die Unverschämteit des Ministers, der den Fürsten
von Ungerechtigkeit zu Ungerechtigkeit hinriss, beschämt durch die Untreue an
Nordheim, entschloss er sich zur lebhaften Wirksamkeit. Er liess den alten
Osficier zu sich rufen, entdeckte ihm die Notwendigkeit Hohenfels zu befreien,
und entzog ihn selbst aller Verantwortung, indem er ihn mit einer guten Pension
ausser Landes schickte. Julius war während dem auf dem festen Schloss, und die
übrige Garnison wurde bestochen. Mein Vater gab den dringenden Umständen nach,
und entschloss sich zur Flucht.
    Nach einer Zusammenkunft mit meiner Gemahlin reise ich sogleich ab, sagte
mein Vater, um unsern Freund in keine weitern Verlegenheiten zu setzen. Wird mir
meine Agnes nach der Schweiz folgen? Wird unser edler Freund uns gern begleiten?
    Während der ersten Tagereise, sagte Julius, wo ich Ihnen vielleicht dienen
kann; hernach versprach ich dem Prinzen, in D. bei ihm zu bleiben.
    Wir blieben in Julius Hause, weil es dem Zufluss der Fremden weniger
ausgesetzt war.
    Den nächsten Morgen kam der Arzt auf mein Zimmer; er hatte meine Mutter
schon gesprochen, da er wegen der Krankheit des Fürsten auf das Lustschloss
gerufen worden.
    Meine Mutter schrieb mir, der Prinz sei angekommen, der Minister sei
demütig gegen ihn, da er uns mit keinem üblen Einfluss auf Hohenfels Schicksal
mehr drohen könne, und habe versprochen, Hohenfels Entweichung dem Fürsten ganz
zu verbergen, ihn auch über die fehlgeschlagene Trauung zu trösten, und ihm
meine Entfernung aufs neue als ein hinlängliches Mittel, das Geheimnis zu
verwahren, anzuempfehlen.
    »Müssen uns aus dieses bösen Mannes verschobenem Gehirn, wie aus der Büchse
der Pandora, alles Übel, alle unglücklichen Begebenheiten hervorgehen? rief mein
Vater. Traurig ists, dass die Wirkung des Bösen einen rascheren Gang haben muss,
als die des Guten. Der Böse verfolgt nur sein Ziel, tritt ohne Zögern die
blühenden Saaten darnieder, durch welche der Gute mit mildem Herzen einen
schlängelnden Pfad sucht. Er fühlt, dass er nur die Wirkung des nächsten
Augenblicks zu bestimmen vermag, und dass diese, vom raschen Schicksal ergriffen,
- in die Fluten des regen Lebens versinkt. Rein menschlich ist es, keinen
Augenblick Böses wirken wollen. Nur einem höheren Genius ist die Zukunft auch
zugleich die Gegenwart.«
    Wir freuten uns, dass das Gemüt des Fürsten nicht in den letzten Tagen
seines Alters noch durch Widersprüche gereizt werden sollte. Ich entschloss mich,
ihn noch einmal zu besuchen, und den Frieden seines Busens ganz herzustellen.
    Meine Mutter hatte eine Zusammenkunft mit meinem Vater in einem entlegenen
Wäldchen in Julius Garten. Wir überliessen diese teuren Augenblicke den
glühenden zarten Seelen ganz unentweiht.
    Ich begleitete meine Mutter nach dem Lustschloss. - Süsse Augenblicke, wo ich
ihr Herz ruhig und liebeschlagend an dem meinen fühlte! An Entbehrungen gewöhnt,
achtete sie selbst nicht die Entfernung ihrer Geliebten, über dieser ihrer
glücklichen Vereinigung.
    Der Fürst hörte es gern, als ihm meine Mutter sagte, dass ich mich bei ihm
beurlauben wollte. Er lag auf einem Ruhebette, und beugte den Kopf freundlich,
als ich mich ihm näherte. Ich war tief bewegt, mir war als risse die kalte
unsichtbare Hand des Todes alle goldene Lebenshofnungen aus meinem Busen.
    Ich sagte ihm: der Anteil den er an meinem Schicksal genommen, machte es
mir zur Pflicht, es für die Zukunft ganz in seine Hände zu legen.
    Ich schwöre Ihnen, sagte ich, indem ich an seinem Bette niederkniete, auf
das heiligste schwöre ich es, nie eine Heurat als mit Ihrer Bewilligung zu
schliessen.
    Er legte seine zitternden Finger an meine Wangen, Tränen rollten in seinen
erloschnen Augen, und sanft sagte er: Wir gehören uns selbst nicht an, der Glanz
unsers Hauses ist ein Gut, das wir unsern Nachkommen zu überliefern schuldig
sind; - darnach beurteile mich auch du, gutes Mädchen!
    Er umarmte mich und sagte: Was ich für dich tun kann, soll geschehen. Nimm
meinen ganzen Segen.
    Schmerzlich riss ich mich von ihm los, im Gefühl, dass ich ihn nie wiedersehen
würde.
    Durch die Tür sah ich ihn noch einmal, dass er heiter gen Himmel blickte,
und hörte, dass er meine Mutter freundlich zu sich rief.
    Meine Mutter und der Prinz waren mit meinem Betragen höchst zufrieden, und
wir verliessen uns unter zärtlichen Umarmungen.
    Als Bettina die Reiseanstalten für mich machen sah, drang sie auf das
lebhafteste in mich, mich begleiten zu dürfen.
    Es schmerzte mich, dem lieben Geschöpf, von dem ich so viele Beweise der
treusten Liebe empfing, diese Bitte abzuschlagen, aber ich hatte einen Brief von
der Gräfin erhalten, in welchem sie mich bat, ihr Bettina zuzusenden. Battista
war schon bei ihr, und wurde als ihr Sohn gehalten und erzogen.
    Die Gräfin selbst hatte sich auf unser aller Zureden entschlossen, die
Seereise aufzugeben, und ihren Gemahl in Holland zu erwarten. Durch den Freund
aus der Schweiz hatte sie die Nachricht seines jetzigen Aufentalts erfahren. Er
war nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung zurück gereist, wo er auf einer
kleinen Besitzung mühselig lebte.
    In Holland wollte die Gräfin selbst die besten Anstalten zu seiner Reise
nach Europa treffen. Ihre Güter hatten sich unter Nordheims Verwaltung in guten
Stand gesetzt, und sie dachte dort mit ihrem Gemahl künftig zu leben.
    Bettina wollte immer durch ein leidenschaftliches romantisches Interesse
befangen sein. Ich erzählte ihr das Schicksal der Gräfin, ihr nahes Verhältnis
zu ihr, die Hofnnug ihren Vater wieder zu sehen, und ihr reines zartes Gemüt
ergriff nun seine Pflichten mit aller Gewalt der Neigung. Ja, ich will leben für
die gute unglückliche Frau, rief sie aus, und will mich auszubilden suchen zu
deiner und ihrer Freude!
    Julius begleitete uns, und schied von uns, in lauter Glanz und Klarheit
gehüllt, wie ein Bote des Himmels, der sich bewusst ist, uns auch unsichtbar
gegenwärtig zu bleiben.
    Mein Genius hatte mich beim Scheideweg meines Lebens gewaltsam ergriffen und
in eine veränderte Laufbahn gezogen. Das ewig reine rege Verlangen meines Wesens
nach Nordheim, das mir seit seinem ersten Anschaun durchs Leben folgte, erhielt
mich in einem sonderbaren abwechselnden Zustand. Wenn die Zeiträume, welche wir
durchleben, mehr nach dem Kreis unsrer innern Erscheinungen bezeichnet werden
müssen, als nach den äussern Eindrücken und Spuren, die wir von der Welt um uns
her empfangen, oder ihr geben, so sind Tage der Liebe reicher und lebenvoller,
als Jahre der Gleichmütigkeit.
    Schmerz und Vergnügen entreissen sich wechselnd die flüchtigen Momente, und
der immer lebendige Strom der durch unsre Seele rinnt, nimmt oft das Bewusstsein
mit hinweg. Das Gedächtnis hat keine Zeichen für diese bewegliche Flut innrer
Regungen, das geheimnisvolle Wesen der Musik ist am vertrautesten mit ihnen, die
Töne folgen den Zaubereien unserer Gefühle in ihre feinsten Beugungen, in ihr
stärkstes unerschöpfliches Leben.
    Die raschen schnellen Würfe des Schicksals, die einem so stillen einförmigen
Leben folgten, drängten mich gleichsam in mich selbst zurück. Mir war oft, als
hätte ich Nordheim durch mein dem Fürsten gegebenes Versprechen gekränkt. Dann
war es, als dürfte ich keine Gestalt mehr fest halten, - alles entflog mir unter
der Hand, als ein täuschender Schatten. Zur heitern Ruhe und Sicherheit des
Daseins konnte ich auf diese Art nicht kommen, und in meinen klärsten
Augenblicken fühlte ich hart ihren Mangel. Unser Wesen scheint so sehr auf eine
notwendige Harmonie mit der uns umgebenden Welt berechnet zu sein, dass ein
gewisses klares Gefühl des Daseins uns doch einzig aus dieser zuwächst. Und ist
nicht am Ende dieses klare Gefühl unsrer Selbst in einem lebenreichen Ganzen,
die bleibende Gestalt, in der wir den tausendfach wechselnden Proteus, die
Glückseligkeit, fassen?
    Mein Vater verstand meinen ganzen Zustand mit seinem gewohnten zarten Sinn.
Vergebens hatte ich ihn gebeten, den Freund meiner Jugend in Hohenfels auf
unsrer Reise zu sehen. Erwarte eine günstigere Gemütsstimmung, liebes Kind,
sagte mir mein Vater sanft. Der edle Greis ist von jeder Wallung der
Leidenschaft so fern, dass ihm der Zustand worin du jetzt bist, unvernehmbar oder
zerstöhrend sein muss.
    Ich fühlte diesen Grund nur allzurichtig, und gab meinen Wunsch auf.
    Die Zerstreuungen der Reise wirkten bald wohltätig auf mein Gemüt.
    Welchen neuen Ton gibt es unserm innern Sinn, wenn unsre Tage im
wechselnden Reiz der Naturerscheinungen verfliessen, wenn unser Gesichtskreis
sich mit immer neuen Bildern füllt, die im Wechsel des Morgen- und Abendlichtes
tausend zauberische Verwandlungen annehmen.
    Die weite Natur hat eine beruhigende Antwort für jeden Zustand unsers
Gemüts. Wenn wir in dem frischen Duft des Waldes unter einem Gewölbe von Laub
in stille Betrachtung versinken, bis alle Schauer wehmütiger Erinnerungen sich
um uns her drängen, dann auf einmal in eine weite Ferne schauen, wo die feinste
Linie am Horizont in den blauen Himmel verfliesst, und wo mannichfache Städte und
Türme aus der Ebene steigen; dann wird unsre Fantasie in eine Welt neuer Bilder
und Lebensweisen hinübergezogen, und unser Herz erhebt sich aus den Fesseln
seines Grams zum freundlichen Anteil an dem Leben und Wirken um sich her.
    Wir fühlen unsre Einschränkung, der Kreis unsrer innren Sorgen fängt an sich
freundlich und mild aufzulösen, und wir schweben in eine freiere Region hinüber.
Die umgebende Welt spricht uns wieder laut an; sie schien uns eine todte Masse,
so lang der Kummer auf unserm Busen lastete, und eine lebendige Sympatie
verbindet uns wieder mit den Wirkungen des mannichfachen Lebens.
    Wir flogen in einem leichten Wagen durch manche liebliche Gegend, und
endlich durch den schönsten Teil Oberschwabens der Schweiz zu. Architektur und
Malerei waren neben den Naturschönheiten, die Hauptgegenstände unsrer
Beobachtungen, und mein ungeübter Sinn schloss sich unter der Leitung meines
Vaters auf.
    Das harmonische Gefühl, welches die reinen Verhältnisse der Baukunst geben,
bewegte meine Seele tief, und von allen Schauern der Grösse und Erhabenheit
durchdrungen, stand ich vor den Monumenten gotischer Kunstfantasie.
    Es war mir ein unvergesslicher Augenblick, als ich zuerst die Eisberge empor
steigen sah. Wir selbst scheinen in eine neue Existenz hingezogen, wenn wir
unsern Wohnplatz, die Erde, sich mit den Massen der Wolken vermischen sehen. Der
Bodensee mit seinen lieblichen Ufern und ernstfeierlichen Bergen, entschleierte
sich nach und nach vor uns, und nun eilten wir von einem schönen erhabenen
Gegenstand zum andern.
    In dieser herrlichen Natur, sagte mein Vater gerührt, wo wir uns auf jedem
Schritt von den Zauberformen der Schönheit umfangen fühlen, hier ist der Ort für
zwei liebende Herzen, denen das Schicksal nach einem stürmischen Leben noch
wenige freundliche Tage vergönnt. Hier wird auch dein sehnendes Herz sich wieder
zu den glücklichen Träumen der Zukunft stärken, bis Nordheim zurück kehrt. Hier
wollen wir uns einen einsamen Wohnplatz aussuchen!
    In der nächsten Stadt, wo wir übernachten sollten, fand mein Vater einen
Brief, den er mit sichtbarer Bewegung las.
    Der Fürst ist todt! sagte er mir, als er ausgelesen hatte. Der Prinz und
meine Gemahlin wünschen unsre schnelle Rückkehr.
    Alles ist also aufgelöst, sagte ich. Traurig ist es, dass nur der Tod eines
guten Mannes die Verwickelung unsers Schicksals lösen musste! Sein Leben hätte
unser reinstes Glück machen können. Sein Herz war geschaffen, um uns zu lieben.
-
    Mit Wehmut, mit Verehrung dachte ich an den letzten Augenblick, wo ich den
Greis gesehen. Wie rege war sein Herz! Warum mussten Eigennutz und Arglist es
umstricken, seine freien Bewegungen für uns hemmen! O welche heilige Kraft der
Liebe unterläge nicht dem weitgesponnenen Gewebe tausend kleiner Leidenschaften!
Jedes sanfte Gefühl verwandelte sich zum Schmerz in seinem Busen, wo noch ein
Traum von Liebe aufdämmerte.
    Mein Vater entdeckte mir den Entschluss, seine Ehe für immer in den Schleier
des Geheimnisses zu verhüllen.
    Meine Gemahlin und ich ehren so den Willen des Entschlafenen, sagte er. Es
lehrte mich nicht nur mein eignes Schicksal, sondern auch der freie Blick ins
Leben, dass das stille Fügen in manche Verhältnisse, der Gewohnheit zur Tugend
günstiger ist, als das Überspringen derselben. Ich mag mich durch meine
Handlungsweise nicht laut zum letzteren bekennen. Mein Vater wollte mich für
seine Tochter, aus einer während seiner Abwesenheit von Hohenfels geschlossenen
Ehe, erklären, die der Tod wieder getrennt hätte.
    Wir beschleunigten unsre Rückreise so sehr als möglich, und nahmen den
kürzesten Weg nach D.
    Mein Gemüt konnte die heitre Zukunft nicht fassen.
    In mehreren Paketen von nachgeschickten Briefen hatte ich keinen von
Nordheim gefunden. Tausend Besorgnisse quälten mich, und alle schönen Träume,
die mir in der ersten Zeit seiner Entfernung, in dem Zauber eines
ununterbrochenen Briefwechsels geblüht hatten, verkehrten sich zu furchtbaren
Gestalten. Er hat dein Betragen übel gedeutet, sagte ich mir, und schweigt
darum.
    Wenn die glückliche Liebe einmal von der Sorge umschlungen wird, dann ist
ihr Schmerz unaussprechlich, weil er zwei Herzen in einem trifft. Die Hoffnung
schweigt vor dem allgewaltigen Drang des Verlangens, und wird von glühenden
Erinnerungen verzehrt. Jedes Geschäft dünkt uns eine Zerstreuung, der Lauf des
Tages nur ein mühevoller Wechsel der Arbeit, jedes gleichgültige Wort eine
Wunde.
    Wenn die Sterne in Osten entglimmen, dann dringt etwas Lebendiges an unser
Wesen. Es ist als ob eine sanfte Hand uns fasste, die Seele löste, und hinzöge in
das tiefe Blau der unendlichen Ferne.
    Das Bild unsrer Liebe wird gleichsam eins mit den Sternen, es ist die
geliebte Gestalt, die uns ergreift! Dann hat gleichsam die Unendlichkeit ein
Zeichen, einen Ring, an dem wir uns in ihr fest halten, und unser Schmerz löst
sich, wenn die Banden des Raums von uns fallen.
    Das heilige Leben der Natur, ihre zarten nie verblühenden Gestalten ziehen
uns ins Reich der unermesslichen Kräfte.
    Der unendliche Himmel liegt vor unserm Auge, das Geräusch der Wasserströme,
Symbole des nie stockenden Lebensquelles der Natur, tönen in unserm Ohre; - so
dringt heilige, unendliche Fülle durch unsre Sinne, und der Sturm der Sehnsucht
verwandelt sich in ein laues Lüftchen.
    Aber jetzt schallt der Ton einer Glocke durch die Nacht, und wir kehren mit
unserm Empfinden in das engbegrenzte menschliche Sein, in die Bande der Zeit
zurück.
    Unser Herz sucht den Geliebten aufs neue, und findet nur seine Sehnsucht
wieder.
    Mein Vater, gewohnt in meiner Seele zu lesen, folgte meiner Stimmung. Die
Sehnsucht wahrer Liebe hat keine Sprache, aber meine Besorgnisse, meine Unruhe,
die sich auf jeder Post vermehrten, wo ich Briefe erwartete und nicht fand,
beantwortete er oft nur mit einem stillen Lächeln, oft mit dem sanften Vorwurf:
    Und alles dieses um einen ausgebliebenen Brief, der so tausend Zufällen
unterworfen ist?
    Es war etwas Fremdes in diesem Betragen, was mein Herz verschloss und meine
Unruh vermehrte.
    Das Wetter fing an trübe zu werden, ein trauriger Nebel lag auf allen
Gegenden, wie auf meiner Seele.
    Wir fuhren eines Abends tiefer in die Nacht hinein als gewöhnlich. Wir waren
beide still in die Ecken des Wagens gedrückt. - Nur zuweilen drückte mir mein
Vater lebhaft die Hände. Als der Wagen hielt, stieg mein Vater rasch aus, zog an
einer Glocke. Ein Licht erschien in der Tür. Mein Vater gab mir den Arm, wir
folgten schnell dem Diener, der das Licht trug, und ich verbarg meine Augen vor
dem Schimmer, der mich nach der Dunkelheit blendete.
    Die Tür öfnete sich, ein Licht stand ihr gegenüber; bekannt und vertraulich
sprach mich die ganze Anordnung beim ersten Blicke an. Es dünkte mir das Zimmer
meines Pflegevaters. Wie in einem Zauberkreis von meiner Verwunderung gefesselt,
wagte ich nicht, vorwärts zu gehen. Zwei Gestalten erhuben sich vom Kamin. In
der Dämmerung, welche die Tiefe des Zimmers umhüllte, schwankte ihr Umriss vor
meinen geblendeten Augen. Jetzt fielen die Lichtstrahlen auf sie, - und ich lag
in Nordheims, in meines Pflegevaters Armen.
    Die Ströme der reinsten unnennbaren Wonne fluteten so gewaltig um mein
Herz, dass die Bewegungen des gewöhnlichen Lebens stockten. - Schwindelnd sank
ich in Nordheims Arme, zog meinen Vater an mein Herz, und aufgelöst in Harmonie,
verhallte mein Bewusstsein in dem grenzenlosen Genuss der Liebe.
    Ich befürchtete es, dass der Eindruck zu stark auf sie wirken würde, - waren
die ersten Worte, die ich wieder vernahm. Mein Vater hatte sie ausgesprochen,
und der Prediger antwortete: Die Wallungen der Freude hemmen den Lauf des Lebens
nur, um ihn mit neuen Schwingen zu beflügeln; sie wird bald wieder bei sich
sein.
    Der goldne Duft war vor meinen Augen zerronnen, ich sah die geliebten
Gestalten hell vor mir. Nordheim kniete an meiner Seite, und unterstützte mich
mit seinen Armen. Ich las nur Zärtlichkeit in seinem Auge, keine Spur des
Vorwurfs.
    Jedes suchte nun den holden Schatz seiner Empfindungen im eignen Busen zu
versenken, um mich mit ihrem allzugewaltigen Ausdruck nicht anzugreifen.
    Unser Glück wurde ein sanfter erstohlner Genuss, wir wähnten, uns gegenseitig
unsre zeiter durchlaufenen Verhältnisse aus einander zu legen, aber
augenblicklich ergriff uns wieder die süsse Verwirrung liebender Herzen, denen
jeder Ausdruck der Sprache schwach und langsam dünkt.
    Unser glückliches Zusammentreffen klärte sich jedoch aus dem folgenden
Zusammenhang der Begebenheiten auf.
    Nordheim hatte sein Geschäft mit einer nur ihm gegebenen Gewalt über die
Gemüter schnell und glücklich beendigt. Julius Nachrichten von der Falschheit
und Wortbrüchigkeit, zu welcher der Minister den Fürsten bewogen, die Nachricht
von der Gefahr, in der Hohenfels schwebte, die Gewalt, mit der man mein
Verhältnis mit Nordheim, durch eine andere Verbindung aufzuheben strebte; -
dieses alles erfuhr Nordheim erst durch die Briefe, die den Tag vor seiner
Abreise ankamen.
    Im Zweifel, wie die Sachen stehen möchten, wagte er nicht, mir zu schreiben,
sondern reiste selbst mit unglaublicher Schnelligkeit nach D.
    An dem Tag seiner Ankunft erfolgte der Tod des Fürsten. Er wollte mir
nachreisen, der Prinz bat ihn inständig zu bleiben, auch fürchtete er, wir
möchten uns verfehlen. Er schrieb mir; der Prinz, der den Brief zum Einschluss
bekam, behielt ihn zurück. Er hatte die Idee einer frohen Überraschung zu
lebhaft gefasst, und leitete alles dahin, sie auszuführen.
    Der Minister bekam seinen Abschied, und trug die Schande und den Missmut
fehlgeschlagner Plane des Eigennutzes mit in die Einsamkeit.
    Julius übernahm seine Geschäfte. Sein edles Herz, das jede Tätigkeit in
ihrer tiefsten und höchsten Beziehung ergriff, schien in der Wirkung auf ein
grosses lebenvolles Ganze ein neues Leben zu atmen.
    Sein Bruder war sein treuer Mitarbeiter.
    Der Prinz bat Nordheim, mit der Salmschen Familie wegen Hohenfels Gütern zu
verhandeln. Man wollte wegen des ganzen Verhältnisses kein Aufsehen machen, sie
wurde mit einer Geldsumme abgefunden. Nordheim musste selbst, um die Güter zu
übernehmen, nach Hohenfels reisen, und wollte dort die Nachricht meiner
Zurückkunft und Reiseroute erwarten, um die er mich in dem untergeschlagnen
Briefe gebeten, um mir sodann mit dem Prediger entgegen zu reisen.
    Von Nordheim hatte mein Pflegevater die Rückkehr seines geliebten Gutsherrn
vernommen, und in diesem auch den Vater seiner Agnes, einen unnennbar
verpflichteten Freund kennen lernen.
    Herr von Salm war schon abgereist, und alles zum Empfang meines Vaters
bereit.
    Mein Vater wurde von dem Prinzen benachrichtigt, dass er Nordheim in
Hohenfels treffen würde, und dringend gebeten, ihm die Freude unsrer
gegenseitigen Überraschung nicht zu verderben.
    Meine Mutter genoss unser Glück in der Entfernung, wie es ihre Lage forderte,
aber mit dem ganzen Entzücken, dessen ihre zarte Seele fähig war. Ihre warme
Einbildung zauberte sie in die Gegenwart ihrer Geliebten, keine Trennung war für
sie.
    Die gute treue Rosine umarmte mich mit tausend Freudentränen, hatte mit
sibyllinischer Weisheit vorhergesagt, wie es kommen würde, und bediente uns mit
unerschöpflicher Redseligkeit. Wie lieblich flogen die guten Geister meiner
Jugend um mich her! Aller Hausrat der stillen einförmigen Wirtschaft, jeder
Winkel des Hauses rief mir eine holde Erinnerung zurück. Bildend wirkten die
Spuren der Vergangenheit auf mein Gemüt; möchte ich bleiben wie hier alles
blieb, rein, einfach und still!
    Mein Vater sollte den nächsten Tag einen feierlichen Einzug ins Schloss
halten; man wollte den guten Leuten, bei denen noch die Feste ein Ausdruck des
Herzens sind, die lebendigste Erinnerung dieses Tages schenken.
    Man sprach von den Anstalten zu meiner Trauung, sie sollte im Schloss vor
sich gehen. Mein Vater, sagte ich zum Prediger, ich wünschte, sie möchte hier
sein, hier in diesem Zimmer voll heiliger Erinnerungen der ersten Stunde der
Liebe. O jener Abend, mein Vater, - ist er Ihnen nicht auch so unvergesslich?
    Nordheim dankte zärtlich, stimmte lebhaft in meinen Wunsch ein, und
flüsterte mir sanft zu: Wenn es hier sein darf, meine Agnes, warum nicht heute,
warum nicht jetzt? Darf ich Ihren Vater bitten?
    Der Prediger hatte Nordheims Wunsch vernommen, und rief lebhaft: Sie haben
Recht, der Becher der Freude muss voll werden! Es gibt keinen schönern
Augenblick, um Euer Bündnis zu schliessen!
    Mein Vater bat mich, einzuwilligen.
    Rosine wand einen Myrtenstrauch zum Kränzchen, und schmückte mein
ehemahliges kleines Wohnzimmer zum Brautgemach.
    So reicht mir auch die Vorsicht noch diesen Genuss, rief der Prediger, indem
er mich Nordheim zuführte. Ich sehe das Glück meiner Agnes in würdigen Händen.
    Ich empfange alles mit ihr, sagte Nordheim. Was ist das Leben, wenn es nicht
unser Herz zu einem Ganzen macht? Am Ziel der Wissenschaft, der Tugend fühlt der
Mensch immer nur das Wachstum seiner Kraft, die ganze Kraft selbst fühlt er nur
in seiner Liebe!
    Man hatte im Dorfe die frohen Begebenheiten vernommen, alles drängte sich
zu, und der Abend verging unter rauschender, aber herzlicher Fröhlichkeit.
 
    