
        
                              Sophie von La Roche
                          Erscheinungen am See Oneida
                                 Erstes Bändchen
                                     Ihrer
                               Königlichen Hoheit
                                      der
                             Prinzessin von Wallis
                                    gebornen
                          Prinzessin von Braunschweig.
Edle Wissbegierde und Menschenliebe leiteten Euer Königliche Hoheit, schon in der
ersten Blüte Ihres Lebens zu gründlicher Kenntnis der Erde und ihrer Bewohner;
die Wunder und Wohltaten der Schöpfung waren Ihrem forschenden Geiste
ehrwürdig; Glück und Verdienste Ihrer Neben-Menschen eine Angelegenheit Ihres
gütevollen Herzens. Diese Ueberzeugung sagte mir, dass Euer Königliche Hoheit die
Denkblätter von dem See Oneida und seiner Insel gnädigst aufnehmen werden von
                                  Höchst Ihrer
                                         untertänigsten altergebensten Dienerin
                                                            Wittwe von la Roche.
 
»Oft wendet eine edle, gefühlvolle Seele ihr Auge von den Begebenheiten, welche
das Schicksal als eine Folge der französischen Staatsveränderung zusammen reihte
- oft aber kehren auch ihre Blicke gegen den Schauplatz trauriger Auftritte
zurück, in der schönen Hoffnung, etwas Gutes herbei geführt zu sehen.« -
    Wissen Sie noch, meine Freundinn, wer dieses sagte, als eine werte Hand die
Morgens-Zeitungs-Blätter zum Lesen fasste, und man erinnerte, Abends vorher
versichert zu haben, keine mehr zu berühren? O, gönnen Sie, - nach dem Verwerfen
meiner ersten Briefe, - diesen Papieren auch einen der Blicke, welche auf Gutes
zählen! - denn gewiss - Sie finden es an dem See Oneida. -
    Helfen Sie meinen Freund mit mir versöhnen - und vergeben Sie beide dem
Verfasser des Genius unsers Zeitalters, dass er, wie Sie sagen, mich so
phantastisch stimmte. Ich glaube selbst, dass ich manche weitschweiffende Ideen
habe, unter welchen meine Reise nach Amerika gerechnet werden kann; aber warum
sollen nur Kaufleute, Eroberer, Physiker und Maler ferne Weltteile besuchen?
warum nicht auch, nach Lorenz Sterne, ein gefühlvoller Reisender? Warum wollte
man mir nur die Wanderungen auf die Berge in Europa vergeben, und nicht auch die
nach dem See Oneida? Warum liebt mein Freund alles, was die alte und neue
Dichtkunst hervor brachte, und sollte er mit den wahren Bildern edler Empfindung
zürnen, indem der Gang meines Geistes, wie der von seinen Lieblings-Poeten, das
freie Ungebundene liebt, und wie Dichter immer auf Neues sinnen, auch mit
Begierde Neues sucht? Ich unterwerfe mich gerne dem Ausspruch, dass die Erstern
durch einen Genius, ich nur durch Phantasie geführt wurde; es bleibt doch
Aehnlichkeit zwischen den vorgezogenen Günstlingen und mir. Dichter schaffen mit
ihrem Geiste das Mögliche, Grosse und Schöne, welches sie in der wirklichen Welt
zu sehen wünschen; - und mein Herz sucht es auf, wo ich es zu finden hoffen
kann. Neues lieben wir alle in Allem. - Meine in Europa gemachten Reisen,
zeigten meinen gesättigten Begierden und meiner immer regen Einbildungskraft
keine Aussicht mehr auf ganz unbekanntes, weder in Menschen noch Dingen; denn
ich wollte noch nicht nach Russland. - Ostindien, wohin ein Freund mich mitnehmen
wollte, hat nichts reitzendes für mich; denn, freimütig gesagt, ist es mir zu
weit von meinem Vaterlande, und meinen Lieben; zu viel von Leidenschaften
beherrscht, zu vergoldet, zu heiss, zu weichlich und zu grausam. Nordamerika war
mir nahe; eine Art Sympatie zog mich an, die Wesen dieses Weltteils kennen zu
lernen; müde des Denkens und Nachsuchens, über das was sein könnte, da ist und
da war; - überzeugt in Amerika Anfang und Fortgang des Anbaues der Vernunft und
der Erde zu sehen, ging ich, ohne von Ihnen und meinem Freunde Abschied zu
nehmen; denn ich besorgte, mein Widerstreben gegen Ihre Vorstellungen würde Sie
unzufrieden machen; ich wollte Sie nicht vergebens reden lassen, und meinen Plan
ausführen. Möge meine Aufrichtigkeit dem Geiste und dem Herzen meiner Freunde
genügen, und ihre Güte das übrige meiner Rechtfertigung besorgen!
    Sie, meine Freundin! dachten einst nur im Scherz meine Reisebeschreibung zu
fordern, aber ich weihe sie Ihnen und Ihren Wünschen für mich. Heben Sie sie
gütig in einer Ecke Ihres Cabinets auf, diese Blätter, denn sie können von hier
aus nichts anders sein, als Merkstäbe von dem Wege meiner Beobachtungen und
Gefühle; einst werde ich sie mit Ihnen durchgehen, Ihre Fragen darüber hören,
Erläuterung über das Dunkle geben, und dem Freunde und der Freundin mündlich
sagen, was sich mit Dinte nicht sagen lässt. Da ich also meine Gedanken bei
Ihnen, wie auf den Altar der Muemosine niederlegen will, so muss ich genau bei
meiner Abreise anfangen, und erzähle dann: - Sontags den 28. Juny schiffte ich
in dem Fahrzeuge Hussmann, mit einer schätzbaren Familie aus dem Hessischen, von
Braak unweit Bremen ab, und kam den 29. in die Nordsee, wo alles anfing krank zu
werden. Fünf Tage segelten wir bei sehr günstigem Winde, mit welchem wir in den
Canal zwischen Frankreich und England kamen, wo wir beide Küsten, doch die von
Frankreich nur in den emporragenden Bergen erkannten, welche den folgenden Tag
verschwanden; England aber kamen wir so nahe, dass ein Flintenschuss hingereicht
hätte. Dieser Anblick erneuerte in meiner Seele den Wunsch, dieses mir so werte
Land noch einmal zu besuchen, ja es dünkte mich schön, Ihnen beiden ein
Rendezvous in London zu geben, und mich freute sehr, dass wir in vier Tagen durch
den Canal waren, weil ich dadurch unserer Zusammenkunft um so viel näher schien,
da wir in 9 Tagen 200 teutsche Meilen zurück gelegt hatten. -
    Bei dem Eintritte in das spanische Meer, begegneten uns drei englische
Kriegs-Schiffe, nebst funfzehn amerikanische Kauffartei-Schiffe, welche sie,
ich weiss nicht aus welcher Ursache, genommen, und nach Brittanien führten; auch
fühlten wir ihre Herrschaft auf dem Meere, denn unser Schiff musste halten, und
ein englischer Officier, der zu uns an Bord kam, untersuchte Alles. Da er
überzeugt war, dass unser Schiff nach Amerika bestimmt sei, durften wir weiter
segeln. Dieser Gegenstand meiner Beobachtungen war neu, und staunend der Anblick
schwimmender Vestungen und Gebäude grosser Schiffe, welche auf dem unermesslichen
Raume des Weltmeers, so gehorsam einen bezeichneten Weg befolgen müssen. Ich
liess mir von dem Steuermann die Gegend von Albion zeigen; meine Einbildungskraft
stellte mir diese Kriegsschiffe in Linien, ich dachte mir ein Seegefecht - den
Mut und die Grösse des menschlichen Geistes, der die hohe Kunst der Schiffart
und des Schiffbaues, zu dieser Vollkommenheit führte. Denn was ist alles andre,
so durch Arbeit, Kunst und Gewalt auf dem festen Lande geschieht, gegen die
Unternehmungen zu Wasser? Ich betrachtete mit neuer Aufmerksamkeit unser Schiff,
und machte Vergleiche mit einem Kriegsschiffe von 100 Canonen, und dem was an
Menschen, Mund-Vorrat, Kugeln und hundertfachen andern Bedürfnissen da sein
muss. Was für eine Last zwischen hölzernen Wänden! Was werden die Zimmerleute,
Nagelschmiede, Schlosser, Segeltuchweber und Anker-Schmiede für wichtige
Menschen, wenn ihre guten Arbeiten als Schutzgeister des Lebens und des Glücks
so vieler tausend Sterblichen erscheinen! Ich suchte mit einer Art Liebe und
Ehrfurcht, die Freundschaft unsers Schiffcapitains zu gewinnen, um etwas von
seinen, zur Schiffart nötigen Büchern zu lesen, weil ich nun den ausübenden
Teil dieser Wissenschaft vor Augen hatte. Der gute Capitain war sehr geneigt
dazu, aber da er seit 30 Jahren Seereisen macht, hatte er wenig mehr zu lernen,
also auch wenige Bücher bei sich. Mein freiwilliges Studiren dauerte auch nicht
lange, indem ein 48 Stunden dauernder Sturm uns Reisenden eine allgemeine
Lection gab, welche aber sehr glücklich vorüber ging, hingegen einer sehr
widrigen Witterung Platz machte; denn bald hatten wir Windstille, bald eine Art
Sturm. Dieses dauerte bis den 15. August, da wir nur noch einen halben Segel
gebrauchen durften. Die Wellen wurden zu Gebirgen, auf deren Spitze das Schiff
bald hier, bald dortin geschleudert ward. Ich konnte nicht lange bei diesem
Gleichnisse verweilen, denn ich fühlte die Verschiedenheit zu stark, zwischen
dem seligen Staunen über Grösse, Festigkeit und feierlicher Stille der Alpen um
die Senn-Hütten, gegen den schreckvollen Anblick der um unser Schiff brausenden
und tobenden Berge. O! wie lieb, wie unschätzbar wird die ihre Kinder so
geduldig tragende Mutter Erde in einem solchen Moment; denn niemand konnte sich
aufrecht erhalten, Kisten und Kasten, welche nicht fest waren, wurden wie Bälle
herum geworfen. In fünf Minuten war der Wind von Südost in Nordost, und ehe man
sichs versah, schlug eine Welle alle Fenster unserer Cajüte in Stücken, und das
Wasser strömte in den Raum. Alles glaubte nun, das Schiff sei geborsten, und wir
würden sinken. O, meine Freundin, was für eine Erfahrung, ein solches Tod-und
Jammer-Geschrei zu hören! Ich war stille, sagte mir aber doch sehr ernst: was
hattest du hier zu tun? dann aber ruhig: sterben müssen wir, es sei auf diese
oder jene Weise. Indessen hatten die Schiffsleute die Wahrheit entdeckt, und
beruhigten Alle. Gross und innig war die Freude, noch zu leben, und herzlich
schmeckte der Punsch, in welchem wir uns neue Gesundheit zutranken. Nun konnte
ich auch bei der beruhigten See, ihre so verschiedenen ungeheuren Fische sehen,
deren einige über 50 Schuh lang waren, Meerschlangen von 25 Schuh, und den
prächtigsten Farben. Ich betrachtete alle, nicht nur als Gegenstände der
Neugierde und Bewunderung der Mannigfaltigkeit aller Arten Geschöpfe, sondern
auch mit dem Schauder erregenden Gedanken; vor wie kurzer Zeit ich in Gefahr
stand, die Nahrung eines von ihnen zu werden, und in diesen Moment schien mir
das glänzende Farbenspiel ihrer Schuppen düster und unangenehm; desto
ergötzender war mir aber bei dunkler Nacht der Anblick der Wellen, welche alle
entzündet schienen, da man staunend durch ein Feuer-Meer zu segeln glaubte,
indem zugleich die ganze Luft beleuchtet war. Den 25. August ertönte von dem
Mastbaume der frohe Ruf: Land! Land! Ich sah nun in meinen Reisegefährten das
Entzücken der Freude, wie ich vor wenigen Tagen den allgemeinen Jammer der Angst
gesehen hatte. Wir liefen darauf den 28. August glücklich in den Hafen zu
Baltimore ein; viele Teutsche kamen uns zu bewillkommen, Erfrischungen und
Dienste aller Art anzubieten, aber auch tausend Fragen zu machen. Baltimore, ein
hübsches Städtchen von 2000 Häusern, zählt 14000 Einwohner, liegt an dem
prächtigen Flusse Surquehanna und vergrössert sich täglich, indem ein Teil der
Handlung von Philadelphia sich hieher zog, weil dieser Fluss immer beschifft
wird, und sich ein beträchtlicher Seehafen formirt. Da ich sicher bin, dass meine
Freundin auch den ökonomischen Teil meiner Ueberfahrt zu kennen wünscht, so
will ich dieses nachholen. Ich musste, da ich in der Cajüte, als dem besten
Teile des Schiffes zu wohnen verlangte, 100 Taler bezahlen; mein Bette, Wein,
Zitronen-Saft in Bouteillen, gesalzne Butter, dürre Zungen und Würste, feinen
Zwieback, Zucker, Caffee und Mandeln mitnehmen, welches mir auch wieder so viel
kostete. Das gewöhnliche Essen besteht in gesalzen Rindfleisch, Stockfisch,
Bohnen und Grütze.
    Ich eilte meine Reise fortzusetzen, und verliess Baltimore zwei Tage nach
meiner Ankunft, um sogleich Neu-Jersei aufzusuchen, welches mir als der Garten
von Nordamerika bekannt war: ein Ausdruck der auf mich wirkte, wie die Benennung
der Bergstrasse, als Garten von Teutschland, in unserm Europa mich eher anlockte,
als das schöne Mannheim; - so durchreiste ich Jersei ehe ich Philadelphia
besuchte, und wahrlich ich staunte bei jedem Schritte meines Pferdes in den
prächtigen Kornfluren, und zwischen den vielfachen Kräutern, die so üppig da
wachsen, und die Erde mit dem lieblichsten Grün schmücken. Mein mir seit meiner
englischen Reise so wertes Ferren-Kraut, stand in höchster Schönheit; das
zweiblättrige Kolben-Kraut, Indian Grass, typha latisolia, wovon man die
Saamen-Woll benützt, und aus den Stengeln geflochtene Sachen macht, traf ich in
der höchsten Vollkommenheit an. Diese Freude über die Pflanzen-Welt wurde für
mich dadurch erhöht, weil ihre, mehr als anderwärts, herrlich grüne Farbe, den
Eisenteilchen des Bodens zugeschrieben wird. Sie wissen, dass ich Eisen mehr als
andre Metall-Arten schätze, ich freute mich also, dass mein, allen Menschen so
nützlicher, Liebling, in seinen kleinsten Teilen die Gabe der Verschönerung
zeigte: die Menge prächtiger weisser Cypressen, welche zu tausenden, 120 Schuh
hoch wachsen, und ihren Sümpfen den Namen; Cypressen-Sümpfe gaben, würden Jersei
allein reich machen können, weil dieses Holz so dauerhaft zum Schiffbau,
Zimmerholz, Bretter, Stäbe und Dachschindeln ist. Magnolia, Wallnüsse, rote
Cedern, Eichen, Sommer-Lorbeer, roter Massholder zu Tischlerarbeit, Buchen,
Eschen, wilde Castanien, der blumigte Fischerbaum, Accacia, Ulmen, Pech-Kiefer,
Persimon, der eine Art Mispel trägt, aus welcher man eine Gattung leichtes Bier
braut. - - - O, meine Freundin! wie glücklich machte mich die Pflanzen-Welt,
wovon ich die Beschreibung der Bäume meinem Freunde, die schönen fruchttragenden
Sträuche aber Ihnen weihe. Sie haben nie solche Heidel- Johannis- Moos- Erd- und
Brombeeren gesehen, so wie mir die an den Bäumen sich aufschlängelnden
Fuchs-Trauben, ganz unbekannt waren, welche sehr klein, in ihrer Blüte einen
herrlichen Geruch verbreiten, essbar sind, Wein geben, und deren gedörrte Beeren
zu Backwerk dienen. Dieses Gewächs werde ich suchen in Ihren und meinen Garten
zu pflanzen, so wie das hanfartige Apoeinum, aus welchem schon die Indier
Stricke, Säcke und Decken machten. Ich hatte jetzo die mächtigen Schifftragenden
Flüsse: Hudson und Belavare gesehen, welche Jersei der Länge nach von
Pensilvanien abschneiden. Nun ging ich nach dem Wasserfall des Passaik, welcher
in einem, auf der Höhe liegenden Moor entstand; aber nach einem langsamen
ruhigen Lauf zwischen zwei Reihen mit Kiefern bewachsenen Bergen stellte sich
ihm auf einmal ein grosser Fels entgegen und hemmte seinen Gang. Der Druck des
Wassers sprengte den Fels bis in die Tiefe, nun stürzt der Fluss durch eine 30
Fuss breite Spalte 70 Schuh hoch in einen grundlosen Schlund, in welchem er sich
von dem Falle zu erholen scheint; dann ohne das mindeste Brausen zwischen den
Steinmassen hervorkommt, und sich als stillfliessender Strom verbreitet, welcher
auf der Abendseite durch ein hohes Ufer eingeschlossen wird, von dessen Höhe man
die schönste Aussicht nach den fruchtbaren östlichen Flächen hat. Jersei ist
meist von Holländern und Engländern angebaut, welche den Geist der Ordnung und
Nettigkeit ihres Vaterlandes in allem zeigen.
    Denken Sie, was für einen ergötzenden Anblick dieser Fleck der fruchtbarsten
Erde dem Auge gewährt. Mais, 8 Schuh hoch, viel von meinem lieben wilden Spargel
dazwischen; Buchweizen, der zu Kuchen, sonst aber wie Hafer zur Fütterung
gebraucht wird; tausend Weizen-Felder, welche Korn und Mehl zur Ausfuhr liefern;
Roggen, der unter Mais-Mehl gemischt, ein gutes Brod gibt, welches von allen
Einwohnern gebraucht wird; Erbsen, aber sehr wenig, weil ein in Amerika eignes
Insect, Brunus genannt, sie zerstört, hingegen wird sehr viel Gerste gebaut:
Obst- und Küchen-Gärten im höchsten Flor: Wasser-Melonen gibt es so viel, dass
im Sommer die Feldarbeiter sie, wie es in Italien üblich ist, zum Labsal
erhalten; grosser weisser Winterkohl, Artischocken, alle Arten Rüben, Bohnen,
Zwiebeln, Knoblauch, Salatkräuter, Raute, Salbei, Senf, besonders eine Menge der
schönsten Aepfel, von welchen der vortrefflichste Cider gemacht wird: jeder
Bauerhof hat auch seine eigne Presse; Pfirsiche werden häufig zu Branntwein und
zu Schweinsmast gezogen, Kirschen, Birnen und Wallnüsse in Menge; da man weiss,
dass die europäischen Obstbäume früher blühen, als die amerikanischen, so hat man
viele gepflanzt. Sie können leicht denken, dass mir diese Aussicht und dieser
Wasserfall eine ausserordentliche Freude machten, aber die Nachricht, dass die
waldigten Teile dieses Gartens von Panter, Tieger, Wölfen, Luchse, Bären,
roten und grauen Füchsen bewohnt waren, und noch sind, machte mich etwas ernst
und missmutig. Meine Freundin weiss, dass ich von allen vierfüssigen Tieren nur
Pferde, Rindvieh, Schaafe, Hirsche, Rehe, Haasen und zahme Schweine liebe, also
waren mir alle oben benannte, im Walde und dem Garten zu viel; die Pelz-Tiere,
als: Waschbären, Marder, Fischotter, Bieber, Caninchen, will ich wegen ihren
wärmenden Fellen, und wegen dem Nutzen der Handlung gerne dulden; wildes
Geflügel söhnte mich etwas mit den rauhen Waldbewohnern aus. Fasanen, Kalkutten,
Purpur-Drossel, Schnepfen, Lerchen, Wachteln, Perl- Reb-und Birkhühner,
Wander-Tauben, welche sich auch von Eicheln nähren, und des Jahrs viermal
kommen, leicht zu fangen sind und delicates Fleisch haben, und die
Wander-Drossel, sind alle in wohltätiger Menge da. Aber wie diese Erde in allem
ein Gegengewicht hat, so gibt es auch alle Arten Raubvögel: Falken, Adler,
Eulen, Krähen, ja einen, der den schrecklichen Namen: Menschenfresser, hat.
Hingegen wieder alle wahrhaft liebenswürdige Wasservögel: Schwanen, wilde Enten
und Gänse in reichem Ueberflusse. Die Zucht zahmer Gänse aber, wird in den
niedern Gegenden, durch ein mir verhasstes Geschöpf, die Schildkröten gestört. -
See- und Fluss-Fische haben alle Provinzen in Übermass; diesen Auszug habe ich
wegen Ihnen und mir selbst niedergeschrieben. Ebelings Staats-Calender von
Nordamerika belehrt Sie noch besser in Allem, und ich gehe nun nach dem
berühmten Philadelphia - wirklich eine der schönsten Städte alter und neuer
Welt. Ihre breiten geraden Strassen, mit den abgesonderten Wegen für Fussgänger,
welche alle Nächte beleuchtet sind; Wasser-Rinnen, Brunnen, zierliche Häuser und
die, wie in London, reitzenden Kaufläden, und Reinlichkeit; - aber wie sollte
sich Penn wundern, die völlig europäische Pracht, in Equipagen, Hausrat,
Kleidung, Gastgeboten und allen Belustigungen zu sehen! - Es ist ohnmöglich,
Ihnen einen Begriff davon zu geben. Die Gegend, der grosse Fluss Delavare, der
Shulkyl, alles erregt Staunen, und gibt dem Begriff von Schönheit mit Grösse
vereint. Nur muss ich bekennen, dass mich diese Pracht schmerzte; dass die Idee von
Penn mich verfolgte, und dass, nachdem ich viele Wanderungen gemacht hatte, der
lebhafte Wunsch in mir entstand: Europäer in einer neuen Anpflanzung zu sehen;
um nach dem so vollkommnen Philadelphia und den schönen Garten von Jersei, ganz
wilde Natur und erste arme Holzhütten zu betrachten. Ich sprach in ein Paar
Familien davon, und wurde angewiesen, nach dem in Neuyorks Gebiet liegenden See
Oneida zu reisen, wo ein teutscher Kaufmann, Scriba, eine grosse Strecke Landes
gekauft, und einen seiner Freunde aus Holland überredet habe, sich bei ihm ein
Landgut anzubauen, und die Colonisten anleiten zu helfen, welche er hinführe,
um nach dem Bedingnis des Congresses, in zehn Jahren eine Stadt errichtet zu
sehen. Diese Leute wären noch nicht lange hingezogen, bei diesen könnte ich
meine Neugierde vollkommen befriedigen. Die Jahrszeit war schön, ich bekam von
einem schätzbaren Mann Emphelungsschreiben, nahm einen braven jungen Zimmermann,
der auch neues Land suchte, mein Bett und andre Bedürfnisse mit mir, und machte
mich in einem gemächlichen Fuhrwerke mit einem braven Philadelphier, welchem
dieser Weg bekannt war, mit grossen Freuden reisefertig. In Wahrheit, das Auge
des Philosophen geniesst viel, bald an prächtigen Flüssen, bald durch
unermessliche Wälder, längst hohen Bergen und engen Tälern hin. Anfangs noch
einige artige Dörfer, dann abgesonderte Wohnungen, in welchen die Menschen weise
genug sind, ihr Glück in Gemütsruhe und in der Natur zu suchen. Wir waren bei
einem dieser einsamen Pächter über Nacht, der ehemals in einem Städtchen wohnte
und mir sagte:
    »Wie wohl ist meiner guten Frau und mir, bei unserer täglichen Arbeit,
welche uns Statt Besuche, und Abends die versammelte Familie Statt grosser
Gesellschaft dient; das Gewühl der Städte hat keinen Wert für uns, - wie oft
sagen wir: Bäume verläumden nicht, und verführen unsere Töchter nicht.« - - - -
    Wie soll ich aber meinen Freunden das Staunen schildern, in welches meine
Einbildungskraft, meine Vernunft und meine Gefühle versetzt wurden, als ich in
dem, wenig Tage vor meiner Ankunft, durch Ahndung errichteten Loghouse oder
Holzhütte ankam, welche Herr Scriba mir und meinen Gefährten einräumte, nachdem
er mich seinem Freunde Vandek und seiner eigenen Familie vorstellte. Die lange,
400 englische Meilen dauernde Reise; alle Naturscenen von Gebirgen, Flüssen,
Seen, unabsehbaren Flächen, seit Jahrhunderten nur vor Gottes Augen geblühter
und verwelkter Millionen Pflanzen und grünen Wildnissen, an welchen ich vorüber
gekommen; der Anblick des 18 Stunden langen See's Oneida, in welchem die Stralen
der niedergehenden Sonne eine lange Feuersäule bildeten, welche sich längst
einer Insel, an den Ufern des festen Landes ausdehnten, und die hölzernen Häuser
der Europäischen Ansiedler beleuchteten; die, in dieser weiten Einsamkeit,
feierliche Stille, zu welcher ich, von dem geräuschvollen Philadelphia an, durch
bewohnte und unbewohnte Gegenden gelangt war, hier wo man nicht einmal die Räder
meines Wagens tönen hörte. - Alles dieses hatte schon auf mich gewirkt; ja es
erschien mir die Idee meiner Freunde in Europa, in einigen dunkeln Vertiefungen
der Wälder, mit dem Gefühl: ach wie weit bin ich von ihnen, dem Aufentalt einer
Menge von wilden Tieren, und vielleicht auch wilder Menschen gegen über! An dem
See aber frenete ich mich innig, zu Teutschen zu kommen: lebhafte Neugierde
führte sämtliche Hüttenbewohner, welche von der Feldarbeit zurückgekehrt vor
ihren Türen sassen, mit Nachbarn und ihren Kindern schwatzten, zu mir. Alle
eilten meiner kleinen Kutsche nach, alle rusten: willkommen! obschon uns keiner
kannte; alle drängten sich die späten Ankömmlinge zu sehen, und nach der
freundlich erhaltenen Sitte der Gastfreiheit, beeiferten sie sich nach den
Pilgern zu fragen und ihnen Herberge und Dienste anzubieten. Doch dieses war mir
nicht so neu, weil ich es auf allen Reisen durch die vereinigten Provinzen
erfahren hatte. Meine Briefe verschaften mir die allergünstigste Aufnahme, und
ich speiste in Gesellschaft der zwei Familien sehr vergnügt zu Nacht; dennoch
schlief ich spät ein, und war unruhig. Die unglückliche Eigenschaft, Ideale zu
denken, hatte mir schon einige Unzufriedenheit gegeben, und ich besorgte, bei
Tages Anbruch würden auch die übrigen Bilder, welche ich mit so neuen lieblichen
Farben ausgemahlt hatte, in den See niedersinken. - Ich stand früh auf, öffnete
meinen Koffer, kleidete mich an, und betrachtete den Bau meiner Stube, welche
natürlich, wie die Wohnungen aller Colonisten, aus lauter auf einander gelegten,
grob behauenen Baumstämmen bestand, deren Zwischenräume mit Moos ausgestopft
wurden. Alles Gerät ist äusserst einfach, wirklich ganz nach der Kindheit der
Künste des Zimmermanns und Schreiners. Denken Sie sich die Freude meines Kopfs,
über die so oft getadelte Anhänglichkeit an Rousseau, um dessentwillen ich
Schreinerei gelernt hatte; und da ich auf so viele hundert Meilen das satyrische
Lächeln meines Freundes nicht sehe, so habe ich Mut genug Ihnen zu bekennen,
dass alle meine Werkzeuge, ja das Model, meines mir noch immer so lieben
Säpflugs, und die kleine Drehmachine, mit mir an die User des See's Oneida
kamen, und dass ich durch sie mein Andenken in der neuen Stadt gründen und
verewigen will. Ich spreche noch nicht davon, aber da ich heute Nachmittag die
Fruchtfelder betrachtete, und sie wegen der darauf stehenden Baumstumpen, einen
unabsehlich grossen Gottesacker voll Leichensteine ähnlich fand, so habe ich mir
den Augenblick vorgesetzt, meinen Freunden ihre Aecker reinigen zu helfen, und
dann mit meinem Säpflug zu beweisen, dass sie Zeit, Korn und Arbeiter sparen,
daneben auch bessere Erndte, und schöneres Stroh erhalten sollen. - - Meine
Freundin wird nun sagen, dass unsre Lieblingsgrillen einen sehr langen Flug
aushalten, indem sie unermüdet aus einer Ecke meines schwäbischen Vaterlandes,
bis nach Nordamerika hinüber schwebten. Aber ich will von Ihrem kleinen Spott
und meinen Phantasien hinweg, zu den wirklichen Wohnungen von 10 Familien eilen,
welche diese neue Pflanzstadt bevölkern wollen. Ich ging mit herzlichem Segen
umher, besuchte Alle, und wünschte ihnen die Fruchtbarkeit der Ehen, welche ich
schon in andern Gegenden von Nordamerika sah, indem ich selten unter fünf
Kinder, mehrmal aber 7, 8, ja 11 und 12 von einer Mutter getroffen hatte. Doch
dünkten mich die jungen Leute der Holländer und Teutschen nicht so stark und
schön, als die Stämme der Eingebohrnen, von welchen ich einige bei einem Handel
von Biber-und Bärenfellen sah, und mich bei ihrer Schönheit und Stärke an den
Auftritt des grossen englischen, in Amerika gebohrnen Mahlers: West, erinnerte,
welcher in Rom bei dem ersten Blick auf den Apoll des Vaticans ausrief: »O was
für eine Aehnlichkeit mit einem jungen Krieger der Mohawks, welcher den Bogen
gespannt, das Aug' auf den Feind geheftet, ihn mit schnellen Schritten
verfolgt!« - - - nur diejenigen, welche wie ich, diese edlen Gestalten sahen,
werden finden, dass West nicht als Amerikaner, sondern als Kenner grosser edler
Schönheit der Natur und Wahrheit, die Kunst in der Nachahmung zu beurteilen
wusste.
    Heute wünsche ich, dass Sie alle Tage, neben dem Gebet für mein Leben, den
Himmel auch anflehen möchten, mir die Gabe des guten Erzählens zu verleihen,
damit ja nicht das mindeste von der Geschichte verloren gehen möge, welche mir
der schätzbare Vandek und seine vortreffliche Frau bekannt machten. Gerne möchte
ich sie dem Geiste und dem Herzen meiner Freundin ganz darstellen, weil ein
Frauenzimmer von Ihrem Alter die schönste Rolle darin spielt. Ich dachte nur den
Jahrhunderte gehäuften Reichtum einer fruchtbaren, noch nie benutzten Erde
kennen zu lernen: ursprüngliche Pflanzen und Tiere zu beobachten, und zu sehen,
wie Colonisten sich dabei benehmen, wie Verstand und Herz in dieser Ferne und
Verschiedenheit, mit dem vaterländischen Boden, sich in erfinderischem Fleiss und
freundlicher Hülfe unter ihnen zeigen würden. Diese Gegenstände meiner
Aufmerksamkeit dünkten mich Beschäftigung genug für meinen Geist; aber wieviel
mehr wollte mir das Schicksal geben! -
    Der teutsche Haupt-Director hatte mich den ganzen Morgen in der Gegend und
bei seinen Arbeitern umher geführt: der Holländer bat uns auf den folgenden Tag
zu Tische; als wir dem Hause uns näherten, wurde ich gebeten, ja nicht viel von
Europa, am allerwenigsten von Frankreich zu reden, indem ein Coloniste und seine
Frau mit uns speisen würden, welchen diese Erinnerung schmerzliche Gefühle geben
könnten: ich möchte nur diese zwei Menschen beobachten. -
    Diese Vorbereitung spannte meine Erwartungen ungemein. Vandek, seine Frau
und fünf Kinder, hatte ich den Morgen in seiner, mit dem Geiste der
hölländischen Reinlichkeit und Ordnung beseelten Wohnstube gesehen, der Tisch
zum Mittagessen wurde im Freien, nahe an dem User des See's gedeckt. Der Platz
war auf festem Sande, sehr eben, und wie die Bänke, mit schönem Moos und
Waldblumen bestreut: eine herrliche Reihe von Bäumen beschattete uns, und die
Insel zeigte sich gegen über. Madame Vandek schien noch im Hause beschäftigt:
ich mit ihrem Manne im Gespräch auf- und abgehend, wurde sehr überrascht, auf
einmal zwischen einem Bouquet von Bäumen, einen grossen jungen Mann von 27 Jahren
mit leichtem edlen Schritt, und einer schönen Frau von etwa 24 Jahr, recht
geschmackvoll Europäisch gekleidet, mit einem allerliebsten Knaben von drei
Jahr, gegen uns kommen zu sehen. Ich betrachtete sie erst schweigend, dann bat
ich aber Vandek mit einem Blicke voll Verwunderung, mir diese Art rätselhaften
Auftritts zu entüllen. -
    »Es ist Herr und Frau von Wattines aus Flandern, die bei uns wohnen.« -
    Eine solche Erscheinung, sagte ich, hätte ich in dieser Gegend nicht
vermutet. - Je näher sie kamen, desto höher stiegen die Gefühle des Erstaunens
in meiner Seele; mein geistvoller Vandek lächelte, und indem er auf seine
Wohnung deutete, sagte er, seinen Friessrock fassend: »nicht wahr, das schlichte
Gewand des Batavers passt besser zu einer Holzhütte, als die Eleganz eines
Hofmanns?« - Ich war nun überzeugt, dass die zwei guten Fremdlinge zu den
zerstreuten Emigrirten des französischen Adels gehörten, und der Ausdruck:
Hofmann, dessen sich Vandek bedient hatte, sagte mir, dass Herr von Wattines
einst bei Hofe lebte, und nun hier! tönte in meiner Seele, da ich auf das
Loghouse, den See und die halbe Wildnis umher blickte. - - Der Mann erschien
mir, als ein durch Sturm zur Erde gebogner junger Baum, den eine sorgsame Hand
an einen nahstehenden Wildstamm sanft erhob, und festband, um wieder in gerader
Richtung fortzuwachsen. Die Frau war mir eine schöne, mit einem Sprössling, in
das Gras ihrer Blätter sich bis zum Brechen neigende Nelke. Ich musste, so bald
ich ihnen genannt war, mich etwas entfernen, um meine Rührung zu verbergen, und
ging den Seribas entgegen, mich ganz zu sammeln. - Wir speissten vergnügt,
tranken vortreffliches Bier, auch Jerseier Cider; doch denken Sie sich meine
Empfindungen, als ich folgende Geschichte hörte: - nachdem ich gefragt wurde,
wie mir das eingebejetzte Fleisch schmeckte? und ich bei der Antwort:
vortrefflich! zugleich meinen Teller hinreichte, und mir noch ein Stück ausbat,
ich aber alle mit bedeutender Miene, doch sehr freundlich aufeinander blicken
sah, rief ich mit einer Art von Sorge, doch dabei lächelnd: habe ich etwas,
gegen die Sitten am See Oneida, Unschickliches getan, da ich das zweite Stück
forderte? -
    Nicht das mindeste. Im Gegenteil freuen wir uns, dass ein Europäer in den
ersten Tagen diese Speise freiwillig isst, da wir dieses nur durch Not lernten.
- Diese Bemerkung dünkte mich sonderbar, und ich dachte sogleich an
Büffelfleisch, sagte es, und kaute mit eben so kluger Miene, wie Wein-Prüfer
Wein kosten. Alle Augen waren auf mich geheftet; ich blickte auch in der Runde
nach ihnen, wobei ich zugleich wiederhohlte: dass ich dieses Fleisch sehr zart
und schmakhafter fände, als unser Europäisches Ochsenfleisch. Vandek sagte nun:
    Sie haben uns alle davon essen sehen; es wird Ihnen also nicht am Namen,
sondern an der Sache liegen, und nicht zuwider sein, dass es die Lende von einem
Bären war, womit ich meine Gäste bewirtete. - Der Gedanke wirkte mechanisch auf
mich, denn ich sagte mit einem sichtbaren Stutzen:
    Bärenfleisch! - Alle schwiegen; aber ich setzte schnell hinzu:
    Sie sehen, was Gewohnheit den Worten für eine Gewalt gibt; da ich bei dem
Bilde eines Bären etwas zurück schauderte, ohngeachtet ihr Beispiel bei Tische,
und meine so eben gemachte Erfahrung des Wohlgeschmacks dieses Fleisches, mich
daoor schützen sollten. Aber ich habe jetzt doppelte Freude; einmal, ein
Vorurteil verloren zu haben, und, mir sagen zu können, dass rechtschafne
Menschen in den Wäldern dieses fernen Bodens, die Bären zu den angenehmen
Nahrungsmitteln zählen können. Sie müssen, setzte ich hinzu, mir diese Jagd
bekannt machen.
    Sehr gerne, sagte einer, aber nicht wie Herr von Wattines diesen Bären
fieng.
    Sie können leicht vermuten, dass der Ton in welchem dieses gesprochen wurde,
meine Augen nach Hrn. v. Wattines lenkte, und mich wünschen machte, die
Geschichte dieses Fangs zu hören. - Der edle Mann sagte:
    Ich stimme mit meinen Freunden in den herzlichen Wunsch, dass ja niemand
anders und ich selbst auch nie wieder in den Fall komme, eine solche
Jagdgeschichte zu erzählen. - Nun deutete er nach einem Teil des See's, gegen
die Länge des Waldes hin, und sagte:
    »Dort war ich, um etwas Wild aufzujagen; der Bär kam langsam zwischen den
Bäumen, hervor; ich zielte, und glaubte ihn richtig gefasst zu haben, schoss, traf
ihn, aber nicht tödtlich; sah ihn nach mir laufen, und eilte so schnell ich nur
konnte einem Kahne zu, der am Ufer lag, und stiess ab. Das Tier schwamm mit mehr
Schnelligkeit, als ich rudern konnte, und war nahe dabei seine Tatzen anzulegen,
wodurch er den Kahn umgestürzt, und ich also entweder damit unter das Wasser
gebracht und ertrunken, oder in seine Klauen geraten wäre; denn mein Schwimmen
konnte mich nicht retten, und keine Seele war in der Gegend nahe genug. Gott gab
mir den Gedanken und die Kraft, aus dem Strick des Kahns, ich weiss nicht wie,
eine Schleife zu machen, und schenkte mir das Glück, gerade den Hals des Tieres
zu treffen, und die Schleife zuzuziehen. Erst nach einigen Minuten war ich
gefasst genug aus dem Kahne zu springen, und, meinen erstickten Feind nach mir
ziehend, an das User zu schwimmen. Schauder überfällt mich heute noch bei
deutlicher Vorstellung meiner Gefahr, und selten gehe ich, an der in meinem
Hause aufgestellten Haut vorbei, ohne dem Himmel für die gesegnete Gegenwart des
Geistes zu danken.« - Seine liebenswürdige Frau hatte während der Erzählung
Tränen der Sorge und der Liebe in ihren schönen Augen. Mir war auch eine
Bewegung des Entsetzens durch die Seele gegangen, und alle sprachen mit erneuter
Bewunderung und Freude von dieser glücklichen Klugheit, welche ihnen einen
würdigen Freund erhielt; - und, setzte Vandek hinzu, Herrn von Wattines auf
immer mit uns verband.
    Hier bemerkte ich, dass die Frau sich sanft gegen Frau Vandek neigte, und sie
zärtlich küsste; zugleich aber ihren Knaben umarmte, die Träne im Auge
zerteilte, und wieder ruhig um sich blickte. Dieser kleine Umstand zeigte mir
etwas Besonderes in der Geschichte der Wattines und ihrer Verhältnisse mit
Vandek. Doch das muntre, durch die Jagd-Erzählung unterbrochene Tischgespräch
wurde wieder belebt: wir tranken guten Caffee, und ich begleitete mit Frau
Vandek die Wattines nach Hause. Ernst betrachtete ich die über eine Holzform
gezogene Haut des Bären, welche wie eine Art von Trophee, mit dem Strick um den
Hals aufgestellt ist, und dem kleinen Caremil zum reiten dient. Das Haus der
Wattines ist viel kleiner als die andern, sie haben auch weniger Dienstboten,
Kühe und Schaafe; aber ihr Hof und Garten ist nach der Vestungsbaukunst mit
Pallisaden und Gräben eingefasst und beschützt, weil sie, da ihre Länderei als
der zuletzt angesiedelten Familie, an der äussersten Seite steht, den Anfällen
der aus dem dichten Gehölze kommenden Bären und Füchsen am meisten ausgesetzt
sein würden. So hatte Wattines seine als Ingenieur-Officier erlernte
Wissenschaft, für die Sicherheit seines Wohnsitzes verwendet. Ich erkannte das
Vaterland dieser guten Menschen an dem Eingange in ihr Haus, da man wie in
Flandern über einen kleinen Graben an der Landstrasse hin eine schmale Brücke von
einigen Schritten bis an die Haustüre geht, wo zu beiden Seiten Accacien
gepflanzt sind, und zu einer Laube gebogen werden, in welcher ein paar einfache
Sitze zur Abendruhe, und dem Anblick der vorübergehenden Nachbarn dienen. In der
Stube fand ich nur äusserst einfaches Holzwerk, wie es einem Loghouse zukommt,
aber was mich staunen machte, war eine aus 300 Bänden bestehende Bücher-Sammlung
der besten französischen Schriftsteller, und die Englische Monatschrift
universelle Magazin. - Der edle, bisher ganz schweigend mit uns gegangene
Wattines lächelte gegen mich, sasste aber mit ernster gerührter Miene meine Hand
und sagte:
    Dieses erwarteten Sie nicht in meiner Hütte, aber diese Freunde erhielten
das Leben meiner Seele, wie Milch der treuen Mutter das Leben ihres Kindes,
wobei er auf seine Frau deutete, welche sich eben gesetzt hatte, ihrem Säuglinge
die Brust zu geben. - Das äussere Betragen dieses Mannes und seiner Frau, hatte
ganz die seine Form dessen, was wir unter dem Namen grosse Welt bezeichnen. Sein
Aufentalt an dem See Oneida, war mir eine Erscheinung, einiger, auf den
Trümmern eines Schiffs, vom Sturm an eine Insel geschleuderten Menschen. Der Ton
und Gang seiner Ideen, wie richtig gestimmte aber zu schwach gespannte Sayten
einer prächtigen Leier, deren Töne nun in einer Art von Wüste verhallen. Ich
fühlte Teilnahme an ihm, und eine Art fromme Ehrfurcht für sie, wie für eine
Märtyrin des Schicksals; aber ich wagte keine Frage darüber. Der Abend neigte
sich, die Schaafe kamen vom Felde zurück. Frau Vandek nahm Abschied, und ich
begleitete sie zu Hause. Nun kam ich zu meinem teutschen Landsmann, und erzählte
diesem, wie sehr mich das Wesen und die Umstände der zwei liebenswürdigen
Wattines eingenommen habe: dass ich sicher sei, die Pariser Revolution habe sie
aus ihrem Vaterlande getrieben, aber so weit bis zu den Ufern des See's Oneida,
dünke mich noch andre Beweggründe zu verbergen. - Er antwortete mir: wenn Sie
noch einige Zeit bei uns bleiben, so werden Sie alles entdecken können. Im
Ganzen ist die Verkettung des Vandek und Wattines eine merkwürdige Erscheinung,
und konnte nur durch die eiserne Hand der Gesetze der Not hervorgebracht
werden. -
    Wattines wurde durch die Liebe zur Fürsten-Regierung, und Vandek aus Hass
gegen sie hierher geführt. Ersterer floh aus Europa, wo man seinen geliebten
König von dem Tron stürzte, der Zweite, weil Holland seinen Prinzen wieder
aufnahm. Mangel des Vermögens hinderte sie, gute angebaute Ländereien oder
Güter in der Nachbarschaft grosser Städte zu kaufen: Bedürfnis des geselligen
Lebens mit guten vernünftigen Menschen verband uns zusammen. Dieses kann für
Sie, der nur beobachten will, einen grossen Wert haben, und wird Sie gewiss für
Ihre Reise belohnen. Ich als erster Ankäufer dieses öden Landes, darf mich nicht
mit solchen Betrachtungen aufhalten, und muss für das Beste des Lebens meiner
Famille und der Colonisten sorgen, welche aus Vertrauen auf mich hierher zogen.
Wie sehr freute ich mich, als Ihre mitgebrachten Briefe, mir einen Mann
verkündeten, welcher allein den Gang der Anlage einer neuen Colonie sehen will,
voller Güte zu uns kam, uns gewiss gerne seine Einsichten mitteilt, so wie er
unsere Erholungsstunden versüsst. Vandek ist ein Gelehrter, der sich nun als
Familienvater der Landwirtschaft widmet, mit welchem ich als einem gebohrnen
Holländer auch von Producten und Erwerb sprechen kann. Fleiss und Sparsamkeit
seines National-Characters, seine Sitten und Lehren als Geistlicher, sind mir
von unschätzbarem Werte und Nutzen für meine Colonie. Ihm wird es auch wohl
tun, hie und da ein Stündchen mit Ihnen zu sprechen, so wie ihn die Bücher von
Wattines freuten. Dieser ist auf einer andern Seite viel für uns geworden, weil
wir den klagenden Colonisten sagen konnten:
    Seht! dies war ein reicher junger Edelmann in Frankreich, der alles verlohr,
und eben so dürftig hierher kam, als Ihr, auf der Insel allein wohnte, mit
seiner schönen jungen Frau arbeitete, Geduld hatte, und Gott vertraute. Wir sind
gleich mit nachbarlicher Hülfe unserer eigenen Landeleute hergekommen, haben
Handwerkszeug und Nahrungsmittel mitgebracht, welches alles der gute Mann und
seine Frau nicht hatten. Seht, wie beide noch arbeiten, und euch und eure Weiber
noch vieles lehren können. -
    Dieses wirkte viel; denn unsere teutschen Landsleute sind noch sehr an den
alten Begriff der Vorzüge des Adels geheftet, und beurteilen das Schicksal der
Wattines nach dem, was sie besassen und verloren. Die meisten unserer Leute
haben ihre Wohnung und ihre Felder auf der Insel besucht, alle kamen von
Hochachtung und Mitleiden durchdrungen zurück, und der letzte Auftritt des Hrn.
v. Wattines, da seine Gegenwart des Geistes, sein Mut und seine
Geschicklichkeit ihn von der augenscheinlichen Todesgefahr rettete, hat diese
Gesinnungen mit einer Art höherer Ehrfurcht verbunden, und nicht nur das,
sondern unsere Jungens, und Handwerks-Gesellen, ja selbst Männer, üben sich mit
Schleifen machen, und haben Pflöcke mit einem Stück Bärenhaut auf einem Bret
befestigt, welches einige Buben ziehen, und andre dastehende bemühen sich, dem
Pflock die Schleife überzuwerfen, und den Bären, wie sie ihn nennen, nach sich
zu schleppen; ja viele tragen jetzo einen Strick bei sich, um mit ihrer
Geschicklichkeit und Stärke auch einst einen Fang zu machen. - Mich dünkt dieser
Tag und diese Unterredung war die Hälfte meiner Reise wert; aber mein Hauswirt
und seine Frau endigten mit der Versicherung, dass die Wattines sich sehr über
meine Ankunft freueten, weil ich so geläufig französisch spräche, und Frankreich
kenne, indem sie wie alle Emigrirte, an ihrem Vaterlande, seiner Sprache und
Gewohnheiten hängen. Er dankte mir dabei nochmals für den jungen Zimmermann,
welchen ich mitbrachte: ihm wird morgen nach dem Gottesdienste, ein Stück Feld
und Wald zugemessen werden. Ja der Kaufmann, der heute lange mit ihm redete, und
seinen guten Verstand schätzt, will ohne Kaufschilling und ohne Pacht für ihn
sorgen. Sie können nicht glauben, meine Freunde! Mit was für einem vergnügten
Herzen, ich in mein Loghouse kam; diesen jungen Mann versorgt, und die Colonie
mit einem nützlichen Bürger bereichert zu haben. Es war ein wahres Fest, diese
Aufnahme des neuen Einwohners der künftigen Stadt, und gewiss konnte in der
ganzen Christenheit kein Sonntag schöner gefeiert werden. Vandek hielt erst die
Gebete, dann eine kurze rührende Rede; über die göttliche Vorsicht und
Bestimmung der Menschen, welche sie alle von so verschiedenen Gegenden hierher
führte, um den ursprünglichen Beruf, bete und arbeite, hier auszuüben; es koste
Mühe, gösse aber seeligen Trost in das Herz, als guter Hausvater und nützlicher
Mensch zu leben. Er sei sicher, dass nicht einer unter ihnen sei, der nicht mit
ihm Gott danke, dass er jetzo die Schritte eines guten Zimmermanns hierher
leitete, weil sie gerade noch einen solchen Mitbürger gewünscht hätten, um noch
in der schönen Jahreszeit ihre Wohnungen alle gesund und nützlich auszubauen.
Gewiss würden auch alle mit ihm jeden Fussbreit Erde, der ihrem neuen Nachbar
zugemessen würde, segnen, und ihm hülfreiche Dienste leisten, wo er es brauchte;
und Gott würde diese Ausübung der Nächstenliebe an ihnen lohnen. Nun zog alles
hinaus, die Messstangen wurden von jungen Leuten, in vollem Jubel getragen:
kleinere Knaben, und die Mädchen trugen Baumzweige und Tannenreissig, welche sie
auf die gemessenen und etwas aufgehackten Striche der Felder des neuen Landmanns
legten, so dass der ganze Umfang des ihm zugeteilten Bodens, eine zwei Fuss
breite Einfassung hatte, die von beiden Seiten an den ausgesteckten, und mit
Waldblumen verzierten Bäumen endigten, welche man an der Stelle eingegraben
hatte, wo das Wohnhaus hinkommen soll. Dieser, nebst dem bestimmten Hofplatz,
war seit ein paar Tagen gereinigt und geebnet, und Baumstämme statt Bänken umher
gelegt: dort hatten während dem Abmessen des Landes, die Weiber Mittagessen und
Bier zugetragen, und alles, Herr und Knecht, Frauen und Mägde, Kinder und Alte,
verzehrten ihr Mittagbrod mit freundlicher Eintracht und Munterkeit. Ich gab
gutes englisches Bier, auf die Gesundheit des Zimmermanns zu trinken, und Vandek
sagte: wir sind hier in dieser Wildnis viel glücklicher als der berühmte Lord
Baco, Canzler von England, mitten in London war, da er in seinem Alter zu arm
wurde, um sich gutes Bier zu kaufen. Diese wohl angebrachte Erinnerung,
verhinderte jeden Wunsch nach Wein. Die Zufriedenheit wurde vermehrt, da ich
einen Vorrat Braten, Schinken, Bier und Punsch zum Vesperbrod schaffte, meine
Flöte nahm, und ein paar junge Einwohner ihre Geigen holten, dann wechselsweise
Musik machten, sangen und tanzten, nachdem alle in einer Reihe geschlossen, den
neuen Hofraum umhüpften. Bei Sonnen-Untergang kehrten alle vergnügt nach Hause
zurück; indem der Ober-Anordner frühes Schlafengehen und frühe Arbeit mit
einander verbindet. Den Morgen nachher besuchte ich das Vorratshaus, wo Breter,
Nägel, Korn, Hülsenfrüchte, Mehl, gesalzen Fleisch, Oehl, Butter, Salz,
Sämereien, grobes Tuch, Leinen, Kochgeschirr, Eisenwerk und so weiter liegt.
Diese wichtige Hütte steht neben dem Platze, wo einst in der neuen Stadt 4 grosse
Gewölber zu den Niederlagen von Lebensmitteln und Waaren erbaut werden, daneben
aber mit den Mauern der zwischen ihnen laufenden breiten Gänge in dem obern
Stockwerke, wieder vier eben so grosse Stuben tragen, und zwischen ihnen eben
solche helle Gänge formiren sollen: wo die Einwohner hingehen und sicher sein
können, in jeder dieser Stuben an gewissen Tagen der Woche bei ihren Vorstehern
einen Vorrat von Klugheit und Erfahrung zu benötigten Ratschlägen, Güte und
Gerechtigkeit in Streit, Sicherheit für wichtige Urkunden, und eine allgemein
nützliche Büchersammlung zu finden. Diesem doppelten Rattause gegen über soll
die Kirche, und unmittelbar neben ihr, auf einer Seite die Wohnung des Pfarrers,
auf der andern Seite die Schule und das Haus des Schulmeisters sein. Der Raum
zwischen diesen Gebäuden soll den Hauptplatz der Stadt bestimmen, und zwei
andre, der dritten und vierten Seite des Quadrats gegen über stehende Häuser,
soll eines dem Arzte und Chirurgo, das andre dem Mauermeister und dem
Holzverwalter angewiesen werden: wo dann den aufwachsenden Knaben, bei dem
Schulunterrichte zugleich von der ersten Jugend an, Bild und Begriff von
Pflichten und Verdiensten nützlicher und nötiger Menschen und Wissenschaften
sich einprägen; Erwachsene aber sogleich die Häuser zu finden wissen werden, wo
sie in Sorgen und Leiden der Seele und des Körpers Hülse und Erleichterung
finden können. Zwischen diesen vier Gebäuden laufen die vier Hauptstrassen in die
Länge und Quere hin, an welchen nachwachsende und nachfolgende Einwohner sich
nach Willen und Vermögen anbauen sollen. Längst dem Rathause gegen den See,
wird ein offner Gang, ein Warff und ein Landungsplatz für Schiffe angelegt. Sie
können nicht glauben, meine Freunde! wie sonderbar mein Herz bewegt wurde, als
ich den kleinen rauhen Grundriss in der Hand auf den noch leeren Platz, zwischen
den einzelnen Holzhütten hinblickte, und mir sagte: »diese Stelle war also seit
Jahrtausenden noch nie bebaut, nie von Menschen bewohnt, nun sind welche da, die
von ihrem, so viele hundert Jahre cultivirten Vaterlande, die Kunst zu dem Bau
der Holzhütten mitbrachten, und, sagte meine Einbildungskraft, in zehn Jahren
werden links und rechts hinlaufende Häuser entstehen: nun ist einfaches
Bedürfnis, Genügsamkeit, ämsiger Fleiss und Eintracht, Verehrung der
Fruchtbarkeit des Bodens, einfache Wohnung, Kleidung und Speisen in diesen
Hütten: und nach diesem Zeitraume werden aufkeimende Lustgärten,
Verschönerungen, Geschmack und Begierden des Ueberflusses mit allen Fehlern in
die Seelen der Bewohner derselben folgen; und dann auch Unmut und Schmerz in
den schätzbarsten Menschen entstehen, welche zum Entbehren bestimmt zu sein
dünkten.« - Dieser Spaziergang und dieses Denken kostete mich Seufzer, und
verdarb mir beinahe die Hälfte der ersten Freude. Ich ging zu Vandek, und
erzählte ihm diese in mir entstandene Unzufriedenheit. Er sagte mir: dieses
geschieht immer, wenn wir die wirkliche Welt nach Idealen beurteilen, denn was
sollen die Bewohner dieser Ufer vornehmen? Immer in Holzhütten bleiben und ihr
Korn zwischen Grabmälern fortpflanzen, wie Sie von unsern Aeckern sagten?
Bedenken Sie, dass der gesunde menschliche Geist nicht gerne stille sieht, und
dass wir alle aus Ländern kamen, wo wir Wohlstand, Künste und angenehmen Genuss
des Lebens sahen, dass vielleicht der Kummer, es nicht so zu haben, uns hierher
führte. Wir sangen mit harter Arbeit an, wissen aber, dass es für uns ist, und
arbeiten um so ämsiger, immer das Auge auf die Zukunft des Genusses geheftet,
wie wir andre den Erfolg ihres Fleisses geniessen sahen; denn diese Ideen und
Gefühle verlieren sich nie. Und warum sollen wir für das Vergnügen einer
philosophischen Phantasie immer nur die Rollen der ersten Scene der Cultur
durchspielen? Gönnen Sie uns die Aussicht der Freude des Höhersteigens, des
Weiterumsehens auf der Bahn von Glück des Erdelebens, der Kräfte des Verstandes
und der Kunstfähigkeit, wie unsere Vorfahren in Europa, und die frühern
Colonisten Westindiens genossen: helfen Sie uns bei unsern Anlagen durch
Vorteile der Handarbeit, eine Abkürzung des mühevollen Weges finden, den wir
noch vor uns haben: geben Sie uns Auszüge richtiger, für Alle passende,
Begriffe, von Bedürfnis, Glück Pflichten; damit unser Geist auch Umwege und
Zeitverlust der Vorurteile vermeide.
    Mein Freund muss sich noch der Miene erinnern, welche ich hatte, wenn mir in
jüngern Jahren ein begangener Fehler so deutlich bewiesen wurde, wie Vandek mich
von dem Unrecht meines Wunsches überzeugte, dass die Colonie ja nicht sobald zu
den Ideen des Schönen gelangen möge. Ich suchte mich zu verteidigen, und
versicherte, dass ich weit entfernt sei, den Gang ihres Geistes und ihres
Wohlstandes gehemmt zu wünschen, dass ich nur den Leidenschaften den Zugang
erschweren möchte; weil diese immer das Glück der Menschen zerstören. Er
lächelte und sagte:
    Dies heisst dem Seefahrer sehr freundlich gewünscht, dass er keinem Winde
ausgesetzt sein möge, weil es sehr gefährliche Stürme gibt; aber es ist
männlicher zu sagen: Sorgen Sie für einen geschickten Steuermann. - Dieses
werden wir bei der Erziehung unserer Kinder tun, indem wir soviel möglich ihrer
Vernunft zu den Kräften helfen wollen, Schiff und Seegel, bei Wind und Ruhe,
nach dem bestimmten Hafen zu bringen. -
    Vortrefflich, sagte ich, - hier und in meinem fernen Vaterlande werde ich
den Himmel um Segen zu diesem Plane bitten.
    Dank, recht schönen Dank und Lohn für Ihre Liebe, erwiederte er, schwieg
dann etwas nachdenkend, und ich rufte mir unsre Unterredung zurück, um
auszufinden, ob ich etwas gesagt hätte, so ihn beleidigen könnte. Da ich ihn von
Moment zu Moment forschend anblickte, sagte er, ich kenne ihn wohl, den
traurigen Einfluss der Leidenschaften, aber sie sind in der moralischen Welt
durch eine allmächtige Hand eingeführt, wie nützliche und schädliche Tiere
unser liebes Amerika bewohnen. Wir Menschen haben aber die Kraft erhalten, beide
zu zähmen und zu überwältigen, wenn wir nur immer eben so ernstaft für die Ruhe
unserer Seele sorgten, als Sie uns hier, unsern Schlaf, und unsere Besitzungen
gegen die Einfälle der Tiere besorgen sehen. Doch, wer die Vorsicht versäumt,
wird durch Schaden klug, oder durch Unglück gestraft. Ich glaube, dass wir neuen
Bewohner dieser Gegend alle, durch versäumte Vorsicht auf unserer ersten
Lebensbahn Schaden genommen hatten, wünschen Sie uns nur, dass wir jetzo klüger
sein mögen... Nun erwiederte ich, vergeben Sie mir, tbeurer Vandek! mich dünkt
ich habe einen Gegenstand berührt, der Ihnen unangenehm ist. - Er sagte sanft
aber ernst: bloss deswegen, weil er mir mit dem Wort Leidenschaft, die Ursache
meiner Entfernung von Freunden und Europa zurück ruft. Ein in mir liegendes
Ideal vollkommner Regierung und Glück meines Vaterlandes, wurde der Gegenstand
einer, wie ich glaubte, schönen und gerechten Leidenschaft meiner Seele. Ich
strengte mich an, verbessern und abändern zu helfen, es wurde auch Aenderung
hervorgebracht, aber nichts besseres. - Ich möchte mir früher gesagt haben: wo
Menschen sind, ist Unvollkommenheit. Sei du der beste, tue das beste in deinem
Beruf, aber nicht mit Leidenschaft, sie führt dich zum Verderben, und erbittert
die andern. Sie, junger Mann! setzte er lächelnd hinzu, leiden auch an dem Weh
der Ideale: nehmen Sie sich in acht! das wirkliche Leben leidet darunter; wir
werden unzufrieden mit dem was wir hören und sehen, werden ungerecht und strenge
gegen unsern Nächsten und unser Schicksal, und was das schlimmste ist, man
stiftet selten Gutes; wenigstens wünsche ich seit Jahren, dass nur Poeten und
Künstler, die gefährlichen Reitze der Fähigkeit Ideale zu schaffen kennen
möchten, weil diese ihr Glück dadurch gründen, und das Vergnügen der andern,
durch Darstellung schöner Bilder befördern. -
    Ich musste bekennen, dass er recht habe, sagte aber, dass ich die Gabe, Ideale
zu denken, für ein süsses Geschenk der Natur halte. Schnell fasste er mich bei der
Hand, und antwortete:
    Gut, bleiben Sie immer bei dem Genuss des Denkens und Dichtens; aber gehen
Sie nie so weit, weder von sich selbst noch von andern ungewöhnliche Dinge zu
fordern.
    Während diesem Gespräche waren wir aus seinem Loghouse herausgetreten, um
noch etwas auf und ab zu gehen, als uns Wattines entgegen kam, und Vandek mir
nur ganz kurz sagte:
    Hier kommt ein menschliches Wesen, das wirklich zu Idealen gehört. -
    Wie so, sprach ich?
    Das werden Sie morgen auf der Insel hören, wohin ich sie führen werde.
Wattines war nun bei uns, und erzählte von einem sehr glücklichen Fischfange,
und dem Vorsatze, einen Versuch mit dem Einmariniren zu machen, wie sie es in
Frankreich gewohnt waren. Diese Unterredung musste mit Madame Vandek fortgesetzt
werden, ich ging also nach Hause, diese Blätter zu schreiben, und auf etwas zu
sinnen, womit ich, wie Vandek es wünschte, den guten Menschen nützlich werden
könnte.
O meine Freunde! ich war auf der Insel, und hörte Vandek erzählen. Nie, niemals
wird der Eindruck erlöschen, welchen dieser Besuch auf meine Seele machte, nie
habe ich süssere Wehmut und reinere Bewunderung gefühlt, und ich möchte
hinzusetzen, nie die Menschheit in einem schönern Lichte gesehen. Ein Kahn
brachte uns mit einem kleinen Vorrat Vesperbrod nach der mit hohen Bäumen
bewachsenen Insel, deren Ufer von tausend, in Blüten, Blätter und Formen,
verschiedenen Pflanzen besetzt, sie wie ein von Nymphen geflochtener Kranz zu
umfassen scheint, welcher zwischen Wurzeln prächtiger Bäume durchgeschlungen, da
und dort an gebogne abhängende Aeste geknüpft, sich zu Bade-Lauben bilden; denn
das Wasser der See ist so helle und rein, dass man Muscheln, Fische und
Wasserkräuter wie in Crystal schwimmen sieht. Vandek schickte die zwei Ruderer
mit dem Schischen zurück, weil er allein mit mir bleiben wollte, und sie uns
erst um acht Uhr abholen sollten. Schmale Wege zwischen dichtem Gesträuch,
leiteten uns zu dem etwas erhöhten Teil dieser äusserst lieblichen aber tiefen
Einsamkeit; endlich war ein ziemlich freier Platz mit Gras bedeckt vor mir, und
bei dem Umwenden erblickte ich eine mit Mangolia und Accacia beschattete Hütte;
zu beiden Seiten Rasenbänke und kleine Blumenstücke unter Bäumen. Ich sah auf
Vandek und sagte:
    Ey, was für eine Erscheinung ist das? und bemerkte zugleich, dass die Hütte
zwei Schuh hoch schräg aufwärts eine Einfassung von länglichen schwarzen
Muscheln hatte, welche mit grossem Fleiss und Sorgfalt eingepasst waren. Meine
Blicke fragten Vandek, und er antwortete:
    »Sie staunen! denken Sie sich mich mit dem Candidaten Holl, da ich aus
simpler Neugierde die Insel sehen wollte, welche ich eben so unbewohnt dachte,
als die uns angewiesene Seite des See's, und nun traf ich eine Wohnung. Diese
damit verbundene Zierlichkeit, zeigte mir die Hand der Europäer von Erziehung
und Geschmack. Wieviel? Wer? war natürlich die nächste Frage, welche in mir
entstand. - Wir gingen zur Hütte, und pochten, niemand antwortete. Ich wollte
nicht mit Gewalt hinein. Wir legten den kleinen Vorrat Brod und Bier auf eine
der Bänke und gingen abwärts dem Sandwege nach,« wo er mich jetzo auch
hinführte. Ein kleines Gesträuch hatte die angebauten Felder verborgen, die nun
ausgebreitet in vollem Wachstume da lagen. Mein Auge weilte auf einem Stücke
blühenden Flachs, als Vandek sagte, »so stand es vor einem Jahre, als ich
herkam, den Anblick kann ich Ihnen nicht geben, der mich überraschte, als ich
einen jungen Mann in dem Felde arbeiten, und seine holde Frau mit zwei Kindern
dort unter den Bäumen bei den hohen Büschen von Gicht-Rosen sitzen sah. Sie
erblickte uns zuerst, und schrie laut, Europäer! fasste aber zugleich ihre Kinder
in ihre Arme. Der Mann sah auf, sie deutete nach uns, er stutzte im ersten
Moment mit einer Art von Schrecken, blickte dann nach unsern Händen und Armen,
ob wir bewafnet wären oder nicht, winkte seiner Frau ruhig zu bleiben, und kam
mit seiner Harke und einem mutvollen Schritt gegen uns, gleich als wollte er
fragen: was macht ihr auf meinem Gebiete? Die Frau rief ihm etwas zu, ich
bemerkte, dass es französisch war, und sagte ihm ganz sanft in dieser Sprache, ja
nicht unruhig zu sein, wir wären Colonisten, welche sich auf der Neuyorker Seite
des See's anpflanzen wollten und sehr entfernt wären die kleine Insel bewohnt zu
denken. - Er hatte eine Art gestricktes Hemde und Beinkleider an, aber keine
Strümpfe, und seine Füsse statt Schuhen mit einem Stück Leder umbunden, wie es
auch seine Frau und Kinder hatten. Könnte ich nur, setzte Vandek hinzu, den
Anstand schildern, mit welchem er sich näherte und sagte:
    Seit beinahe vier Jahren, da ich hier wohne und arbeite, kam keine lebendige
Seele auf die Insel, wundern Sie sich also nicht, dass wir etwas erschraken.
    Vier Jahre! rief ich, und Sie erbauten die Hütte? Gott! davon hörte ich in
Philadelphia und Neuyork keine Sylbe. -
    Ich wünschte auch nicht, sagte er mit einer Art Unmut, dass man in den
prächtigen Städten von mir sprechen möchte.
    Nun schwiegen wir beide etwas, ich bat ihn aber, dass er seine Familie
versichern sollte, wir wären weit entfernt ihnen Missvergnügen oder Besorgnis zu
geben, im Gegenteil verspräche ich ihm, als Vorsteher der Colonie, dass wir
ihnen alle Dienste guter Nachbarn erweisen würden, welche sich rechtschaffne
Menschen, in einer solchen Abgelegenheit von jeder Hülfe und Verbindung, doppelt
schuldig sind. Er dankte mit edler Verbeugung und gesenktem Blick, ging nach
seiner noch immer ruhig sitzenden, aber aufmerksam nach uns blickenden Frau,
sprach mit ihr; sie schien ernst zuzuhören, reichte ihm die Hand, indem sie mit
ihrem Kopfe eine Bewegung gegen den Himmel machte, und er winkte uns näher zu
kommen.
    Die in Kummer welkende Schönheit dieser jungen Frau, und die vollblühenden
Kinder rührten mich so, dass ich nicht sprechen konnte, sondern mit Augen voll
Tränen nach ihr und den holden Unschuldigen blickte. Sie bemerkte es, errötete
sanft, und sagte mit etwas zitternd bewegter Stimme:
    Sie haben gewiss eine Frau und Kinder, ich sehe es in Ihrem Blick auf meine
Kleinen.
    Ja, erwiederte ich, ich habe eine sehr schätzbare Gattin und fünf Kinder mit
mir aus den Niederlanden an die Ufer des Oneida gebracht. Hier fassten sich beide
an der Hand, blickten mit inniger Wehmut sich an, und sagten zu gleicher Zeit
mit sichtbarer Rührung: aus den Niederlanden, sagen Sie? Der Mann war aber
schnell gefasst, und ruhig setzte er hinzu, ich habe mich einst da aufgehalten,
und kenne das schöne Land voll Fleiss und Ordnung. Nun war eine Pause. Ich sah
nach den so vortrefflich stehenden Feldern, indem ich sagte: Sie müssen gute
Leute mitgebracht haben, denn die Bestellung der Aecker ist ganz die von der
netten Flandrischen Landschaft. Nun wurde der Mann rot, die schönen Augen
seiner Frau waren mit Liebe und Trauer auf ihn geheftet. Er blickte einen Moment
durchdringend nach ihr, und sagte dann männlich sanft mit Stolz gemischt:
    Mich freut, wenn Sie die Felder gut angebaut finden. Wir sind allein hier.
Diese Arme graben um, indem er mit einem Arm über das Feld hin reichte, mit dem
andern die Hand seiner Frau fasste, setzte er hinzu, und die Hand der Tugend
streuet den Saamen aus.
    Mein Herz war hier auf einen hohen Grad gerührt, so dass ich kaum stammeln
konnte.
    Sie allein! aber der Allmächtige segnete beides. Nun schwiegen wir alle. Die
holde Frau sah mit Zufriedenheit mich an, und sagte mit bebendem Tone, und einem
sehr ausdrucksvollen Blick zum Himmel. Ja, wie er uns jetzo einen Nachbar gab.
Lebhaft erwiederte ich, mit aufgehobenen Händen, und er sieht, dass ich guter
Nachbar sein will.
    Dies sagte ich gegen Beide mich hinneigend. Ich wollte nun etwas traulicher
werden, wendete mich gegen die Frau, und sagte, auf die Rosenbüsche deutend,
gewiss haben Sie die Blumen gepflanzt!
    Nein, mein Herr! es ist Sorgfalt der gütigen Liebe. Ich wünschte eine Bank
nahe bei dem Felde zu haben, um meinem Carl manchmal bei seiner Arbeit zu
sprechen und zu unterbrechen, damit er je zuweilen ausruhe; da fand ich eines
Tages die Bank mit Moos bedeckt, und nachher sprossten die Blumen auf. Aber
kommen Sie, ich will Ihnen noch mehr zeigen - lieber Carl, sich zu ihrem Manne
wendend, führe unsere Kinder - mich leitete sie um diese Bäume, (wo Vandek auch
mich hinführte), da waren Gemüs-Felder so ganz Flandrisch schön, so vortrefflich
geordnet, dass ich Hochachtung für den Arbeiter fühlte, und meinem Gefährten
sagte: Vetter! wir wollen über nichts klagen.«
    Vier Jahre hier allein, o was kann der Mensch, wenn er will, rief ich bei
dem Teile dieser Erzählung! - Vandek fuhr fort:
    So, mein Freund! fand ich Herr und Frau v. Wattines, die mich nun zu ihrer
Hütte führten, wie wir dahin zurück wollen. Vandek ging voran, mein Gedächtnis
sagte mir vieles, was ich von den Schicksalen emigrirter Familien in unserm
Europa gehört hatte, aber nie wäre ich fähig gewesen, mir ein Bild des Lebens zu
denken, welches die Wattines hier erwartete. Auf einmal stand ich vor der Hütte,
welche so lange Zeit dem höchsten Grade der Liebe, dem edelsten Mute und dem
ehrwürdigen Unglück der Tugend zum Aufentalte diente. Das Erdreich hatte da
eine sanfte Erhöhung, und mein Führer sagte:
    Frau Wattines bat, die Hütte da zu errichten, damit der Regen von allen
Seiten ablaufen, und sie einen trocknen Wohnort haben möchten. Sorgsam schonten
sie schöne umher stehende Bäume, welche zugleich die Hütte beschatten und ihre
rauhen Aussenseiten mit ihren Aesten bedecken konnten. -
    Meine Freunde können leicht denken wie aufmerksam ich auf alles war. Die
Türe, und wenige Fensterladen sind von der Hand des damals 24 Jahre alten
Wattines, aus mitgebrachten Bretern über einander genagelt, denn keinen Leim
hatte er nicht: die Fenster sind mit Leinewand überspannt. Statt der Angeln
befestigte er längst der Türe und den Pfosten der einen Seite, einen Streif von
Leder, denn aus Philadelphia hatte er nur zwei Kloben und Schlingen mitgebracht,
um die zwei Türen von innen zuzuschliessen, denn die, welche zu den kleinen
Abteilungen führten, wurden mit einem Stück eingeschnittenen Lederriemen an
einem Nagel befestigt. Der durch die ganze Hütte laufende schmale Vorplatz, war
die Wohnstube, und hatte zugleich in einer Ecke den Feuerheerd, wo man sich
wärmte und kochte. In dem zweiten Teile war gegen Mittag die Schlafstätte, an
dieser die Art Vorratskammer, wo sie gesammelte Früchte und ihre kleine
Habseligkeit verwahrten. An der Wand des Herdes hin, war ein Stall für ihre
mitgebrachten Hühner, neben welchem auch ihr Holzvorrat lag. - Nun machte mich
Vandek auf den Teil der Wand aufmerksam, welche von der Schlafstelle an, bis in
die Ecke der Hütte läuft. Er deutete auf diesen Platz und sagte: denken Sie
Freund! wie ich staunte, als Wattines hier, eine von seinen übrigen Bretern
verfertigte Doppeltür öfnete, und ich die vielen Bände der besten französischen
Werke fand, die über den Vorrat von Sägen, Hacken, Beil, Hämmer, Nägel,
Eisendrat, Schaufeln, Sensen, einem Degen, zwei Flinten und Pistolen
aufgestellt waren. Die Armut in allem, und der Reichtum in Büchern! Ich konnte
mich nicht entalten auszurufen: Gott! dieser Vorrat hier. Edler junger Mann!
Vandek setzte hinzu, hätten Sie nur den ernsten, aber schönen Ausdruck seiner
Züge gesehen, als er mit einer Hand die Bücher, mit der andern eine Harke
berührte und sagte: dies waren die vier Jahre hindurch die zwei Stützen unsers
Lebens.
    Sie sehen mich nun auch, meine Freunde, auf diese Wand blicken, Sie hören
mich gewiss wiederholen: 300 Bände hier, auf dieser Insel?
    Ja, sagte Vandek, sie hatten in York und Philadelphia vieles andere zu Gelde
gemacht, um Bedürfnisse für diese Wohnung zu kaufen, aber ihre Bücher
veräusserten sie nicht.
    Mir ward einige Augenblicke wunderlich zu Mute, weil ich mir sagte: Himmel
ich war stolz, alles von meines Vaters Erbschaft, ja selbst meine Bibliotek
wegzugeben, um auf meinen Reisen ganz frei, lauter Tatsachen zu sammeln, und
Wattines opfert alles, nur Bücher nicht. Er, den das Schicksal zu so viel
Tatsache bestimmte! Hatte wohl dieser französische Edelmann weniger Eigenliebe,
als ich guter Schwabe? aber ich musste die Antwort aufschieben, weil mich Vandek
weiter führen wollte. Er schloss die Hütte, und da ich die Einfassung mit den
Muscheln betrachtete, sagte er: die Geschichte dieser Arbeit werden Sie in den
Noten meiner Frau erzählt finden.
    Bei der Wendung um die Hütte, zeigte er mir zwei, einen Schuh ins gevierte
in die Erde gemachte Gruben: hier mein Freund, haben die guten Wattines auf
einem eng geflochtenen Dratgitter, schottisches Bergbrod gebacken. Ich starrte
auf die Gruben hin, und da ich weder von Bergschottenbrod, noch von dem
Brodbacken über einer Grube einen Begriff hatte, fragte ich darnach, und hörte,
dass Frau Wattines es besser wusste, indem sie bei dem Brodmangel auf der Insel
sich erinnerte, einst gelesen zu haben:
    Die Schotten machten einen Teig von Habermehl, welchen sie auf sehr dünne,
ein Schuh breit und lang, mit lauter Löcherchen durchschlagnen Eisenbleche
legten, und über solchen durch Feuer erhitzen Gruben zu backen wüssten. Wollten
sie nun davon essen, so schlügen sie Stücken ab, würfen sie in Wasser oder
Ziegenmilch um sie etwas zu erweichen, und nährten sich recht gut damit.
    Nun hatten Wattines kein Mehl, aber die liebe Frau kochte Mais und
Buchweizen recht weich, zerrieb sie zu Brei, machte einen Teig und dünne Kuchen,
wie die guten Weiber der Schotten: Wattines machte die Gruben, und da sie kein
Blech hatten, so wollte sie sich der eisernen Gartenschaufel bedienen. Wir haben
auch Wasser im See, um es einzuweichen, sagte sie, da leben wir wie die
Bergschotten, welche mich bei der Beschreibung ihres armen Brods so jammerten,
da ich noch unser gutes französisches Brod hatte. Ich glaube, sagte sie zu ihrem
Manne, dass Gott mir um dieses Mitleids willen das Ganze in meinem Gedächtnisse
bewahrte, damit ich einst auf einer öden Insel Brod hätte wie die Schotten auf
ihren Bergen.
    Sind Sie nicht, meine Freunde! hier eben so gerührt wie ich? Hätten Sie
nicht mit mir gesagt:
    Holdes, verehrungswertes Weib! - Vandek fiel ein, gewiss ist sie beides,
setzen Sie hinzu, dass Emilie damals kaum 20 Jahre zählte, und Wattines 24, als
er hier von seinem Drat enge viereckigte Gitter über die zwei Backgruben
machte. Meine Freundin vergibt mir, dass ich hier der jungen edlen Französin zu
Ehren wünsche, dass unsere teutschen Frauenzimmer, welche so gerne lesen, sich
auch solche Züge der Geschichte der Menschheit zu eigen machen möchten. Ich
betrachtete diese Gruben mit mehr Achtung und Empfindungen, als ich die
Werkzeuge des vornehmsten Pasteten-Beckers ansehen würde, und freuete mich
herzlich, dass die liebe Frau und ihre Kinder jetzo ordentliches Brod zu essen
haben. - Mein letzter Blick auf diese Hütte war mit dem Gedanken verbunden:
    Vier Jahre hier, von der ganzen Welt getrennt, ein junger französischer
Edelmann und sein blühendes Weib. Beide für die glänzendsten Zirkel ihres
Vaterlandes gebildet! Mit Schauer setzte ich hinzu, o Schicksal! - Vandek führte
mich weiter, und bei jedem Schritte vermehrte sich mein Staunen; denn Wattines
hatte Wunder des anhaltenden Fleisses und der Geschicklichkeit getan. Zugleich
liegt in allem der Beweis, dass guter Geschmack uns eben so natürlich werden
kann, als Atem holen, und Zierlichkeit ein beinahe eben so grosses Bedürfnis für
unser Auge wird, als die Lichtstralen selbst. Urteilen Sie, lieben Freunde, ob
ich dieses nicht denken, nicht sagen musste, als ich die grossen, von Wattines
Hand noch jetzo aus Dankbarkeit ganz allein und äusserst nett angebauten Felder,
hier und da mit Blumenbüschen besetzt sah. Alles sieht vortrefflich, und Vandek
ist mit Wattines völlig überzeugt, dass der gute Abbee Rozier Recht hatte, als er
behauptete, dass ein mit dem Spaten umgegrabenes Stück Erdreich immer gegen die
mit dem Pfluge bearbeiteten von doppeltem Ertrage sein würde. Zwanzig Schritte
näher gegen Mittag, von den Feldern ab, stehen schlanke Pappeln, an welchen
Wattines von den in Neu-Jersei so gut fortkommenden Fuchstrauben anpflanzte,
welche wirklich schon von einem Baumstamme zu dem andern, in lieblichen, wie
Tomson vom Geissblatte sagt, phantastichen Gewinden zusammen hängen, unter
welchen einige abgesägte Baumstumpen Statt Stühlen umher stehen. Unweit dieser
Stelle endigt sich der von Wattines angebaute Teil der Insel, und man kommt zu
einem schönen Wäldchen, dessen Eingang Wattines ziemlich erweiterte, und den
Boden mit Waldgras unterhalten hat. Aber dieser Gang wird gegen das Dickigt des
Waldes schmäler und etwas gewunden. Vandek führte mich unter beständigem
Sprechen und Erzählen, bald stille stehend, bald rückwärts blickend, zu einer
noch viel unerwartetern Ansicht, als alle Vorhergehenden; denn eine Art sich
unter düster verwachsene Eichen und Trauer-Birken hinziehender Waldplatz, zeigt
auf einmal zwei grosse weisse Aschen-Krüge, wovon der eine in schwarzen Buchstaben
die Aufschrift trägt:
        Dem Andenken der Väter und Mütter von Carl und Emilie von Wattines
        geweiht.
Der andere:
        Dem Oheim und den Brüdern.
Der Uebergang von der Holzhütte zu den Feldern, der Moosbank und den Blumen
durch einen ganz einsamen Teil des Waldes, und dann auf einmal diese Vasen von
der schönsten Form zu treffen, war sehr überraschend. Ich stand wie träumend,
und blickte staunend auf die Urnen. Nun fasste mich Vandek bei der Hand und
sagte:
    Treten Sie näher! Dieses ist Emiliens Arbeit in Zeit von zwei Jahren. - Was
fand ich, Vasen und Fussgestell aus Ton, mit lauter Muscheln besteckt, und in
das schattigte Dickigt gestellt, damit sie nicht von der Sonne ausgetrocknet, in
Stücken springen möchten. Ich war sehr gerührt, und auch noch nicht ganz von der
Ueberraschung erholt, als mein Begleiter mir lächelnd sagte: Freund! hatten
Wattines und seine Frau Unrecht, den Geschmack an Ordnung und Zierlichkeit, mit
in ihre Hütte und in ihre Einsamkeit zu bringen? Sie sehen, das Feld wurde nicht
vernachlässigt: nun erlauben Sie mir zu wünschen, dass unsere Stadt bald stehe,
und das nach dem Riss der Ihnen missfällt, weil er so hübsch ist. Glauben Sie,
teurer Freund, der Geschmack an Ordnung, Blumen und Symmetrie, verdirbt die
Menschen nicht, sonst würde Holland nicht in dem Wohlstande sein. Begierden nach
Überfluss und Leidenschaften, die verderben alles.
    Ich war über den Eifer betreten, mit welchem er mir meine Sorgen verwies,
dass seine Colonisten zu früh schöne Häuser und Gärten haben würden, und da er
auf einen andern Weg eingelenkt hatte, folgte ich ihm schweigend nach, und kam
an einem, dieses Jahr zum erstenmal angesäeten Kleestücke vorbei, in einem
lichten Teile des Waldes, welchen Vandek den Hayn der Liebe nannte; weil
Wattines durch seiner Emilie Muschelarbeit gerejetzt, auf einem, mit Magnolia
bewachsenen Platze, einen nach alter Form dreieckigten Altar errichtete, ihn
auch mit Muscheln bedeckte, und auf die drei Seiten den Namen, Emilia, setzte.
Sie können nicht glauben, meine Freunde! wie alles dieses auf mich wirkte, und
was dieses Denkmal edler Liebe unter den schönen, in voller Blüte stehenden
Bäumen, für einen Eindruck auf mich machte. Von da kamen wir an das Ufer des
See's, wo der gute Wattines einen Platz zum Fisch- und Otterfang eingerichtet
hatte. Eine Strecke davon, auf etwas erhöhetem Boden traf ich Carmils ersten
Garten, mit einem Laubhüttchen und zwei Bänken, wo väterliche Liebe das, für
Sonnenblumen, zu ihrem kleinen Vorrate Oehl bestimmte Feld umarbeitete,
ordnete, kleine Wege machte, und Linien zog, in welchen er Grübchen bezeichnete,
wohin der Kleine die Saamenkörner einlegte, welche von den Händen der Unschuld,
wie die Mutter sagte, wirklich besonders gesegnet schienen, und zu einem
Wäldchen en quinconce erwuchsen, worin die Kinder unter einem Blumenschatten
spatzierten. Längst der Anhöhe hin, machte er sorgsam eine Verzäunung, damit die
Kinder keinen Schaden nähmen, und die Mutter mit ihnen, den in der Tiefe mit
wirklichem Kunstfleisse und Kenntnis angelegten Endtenfang sehen, und sie durch
Fütterung anlocken könnten. - Alles, selbst der Platz für die Hühner, ist mit
nettem geometrischen Geiste abgemessen und eingeteilt. Das nicht weit von der
Hütte gegen Mittag liegende Stück Land wurde mit unsäglicher Mühe, für die
mitgebrachten Obstbäume zubereitet und verwendet. Wattines versuchte auch den
Zucker-Ahorn aufzuziehen. Diese Bäume stehen alle gut, und versprechen Ertrag;
auch sind noch wilde Bienen da, denn mehrere der selbst gezogenen Stöcke, nahmen
sie mit nach der neuen Wohnung, um dort wie hier, nicht nur Wachs zu ihren
Lichtern, und Honig zur Speise, sondern auch eine Art sehr guten Wein, und Essig
zu erhalten. -
    Teurer Freund! sagte ich zu Vandek, wie viele Kräfte, und wie viele
Verdienste schlummern auf ewig in dem Menschen, welchen alles zur Hand gelegt
und getragen wird.
    Ja, erwiederte er, die Wattines können durch dies, was sie als zwei einzelne
Menschen vier Jahre hindurch an Arbeit, Erfahrung und Nachdenken getan haben,
unserer ganzen Colonie ein lebendes Model des anhaltenden Fleisses, und ein
sicherer Wegweiser, zu stillem wahrem Glücke des Erdelebens werden.
    Meine geliebten, vaterländischen Freunde sehen, dass ich heute nur mit den
einfachen Umrissen und Merkstäben, des mühsamen Weges einer in Verbannung
lebenden Tugend beschäftigt bin; aber Sie können leicht denken, dass ich alles
anwenden werde, auch die eigentliche Geschichte der Wattines, die von ihrem Zuge
in diese Einöde, und die der Entwürfe ihres so schön verwendeten Lebens zu
erfahren; denn es ist beinahe unglaublich, was dieser Mann und diese Frau
bewirkten. Vandek und ich verzehrten unser mitgebrachtes Vesperbrod auf der
Bank, welche Wattines an dem obersten Ende der Insel, neben schönem Gesträuche
und vertieften Blumenbeten anlegte, von welcher Stelle man einen grossen Teil
des See's übersehen kann. Sie ist nicht weit von der Hütte, wo Wattines mit Frau
und Kindern 4 Jahre wohnte, ohne von Jemand besucht worden zu sein: ohne alle
andre Hülfe, als Geduld, Fleiss und Liebe. Ich äusserte Vandek meine Begierde mehr
von ihnen zu wissen, indem das Abmessen des Weges von Flandern und Versailles,
nach dieser Insel, und die Uebersicht von allem, was diese jungen Leute hier
getan haben, meine ganze Seele beschäftigte. Er fand meine Neugierde sehr
natürlich, und sagte: was er von ihnen wisse, sei, dass sie in französisch
Flandern, diesem so sehr bevölkerten, und so schön angebautem Lande geboren
wurden, durch den Wohlstand ihrer Familien eine vortreffliche Erziehung genossen
haben, und zu äusserst glücklichen Aussichten bestimmt waren. Emilie ward im
18ten Jahre durch die unselige Revolution zu einer Vater- und Mutterlosen Weise
gemacht, und aller Güter beraubt, so, dass ihr beinahe nichts, als ihr Bräutigam
Wattines blieb, welcher, nachdem sein Oheim und sein Bruder ermordet worden,
seinem eigenen Tode und dem Anblicke der Ungeheuer entfloh, welche ihm seine
Verwandten und Freunde tödteten Die Seele und die Grundsätze des edlen jungen
Mannes waren verwundet. Der mit dem Blute seines guten Königs und so vieler
tausend rechtschafnen Menschen benetzte Boden war nicht länger Vaterland für
ihn. Er raffte das Wenige, was er und seine geliebte Emilie noch hatten,
zusammen, und eilte einen Weltteil zu erreichen, wo er keine Mörder der
Unschuld, keine Räuber des Vermögens der Witwen und Waisen sehen würde. Amerika
war also sein Zufluchtsort, aber unsere grossen Städte zu reich und prachtvoll.
Angebaute, oder bevölkerten Orten nahe liegende Pachtöfe waren ihm zu teuer,
für die kleine Summe geretteter Pfennige, wie er uns sagte. Der Zufall machte
ihn mit einem alten, aber auch armen Quaker bekannt, welcher ihn nicht weit von
seinem Garten, trostlos und Menschenscheu herum gehen sah, ihn anredete, ihm
Teilnahme zeigte, und durch sein sanftes Zureden den Kummer seiner Seele
ergiessen machte. Dieser wackere Mann sagte zu ihm:
    Du bist arm, und willst weder mit Reichen noch vielen Menschen leben, willst
du aber arbeiten und Gott vertrauen, so nimm einen Teil des Erdreichs an der
uns abgetretenen Seite des See's Oneida, oder der Insel, die werden sehr
wohlfeil gegeben, und nimm einen treuen Mann zu dir, welcher Arbeit und Ertrag
mit dir teile.
    Diesen Vorschlag ergriff Wattines mit Eifer. Der Quaker schaffte ihn die
Freiheit, die Insel zu bewohnen, half ihm alle nötigen Bedürfnisse einfach aber
dauerhaft anschaffen, gab ihm Unterricht in Ansehung der auf der andern Seite
des See's wohnenden Indier und ihrer Behandlung, wiess ich Fischer an, welche ihn
auf die Insel begleiteten und die Holzhütte bauen halfen. Nach dieser Leitung
zog er mit seinem zärtlichen Weibe hierher. Wie ich sie entdeckte, habe ich
Ihnen kurz erzählt. Von dem ganzen Gange ihres Lebens auf dieser Insel können
Sie Bruchstücke in den aufgezeichneten Erinnerungen meiner Frau finden, die
Ihnen gerne alles mitteilen wird. Gewiss, alles verdient bemerkt zu werden, und
Sie können Ihre Musse nicht besser anwenden, als dieses Bild der edlen Verwendung
seines Unglücks und seiner Kräfte, in ein vorteilhaftes Licht zu stellen. Ich,
meine Frau und andre Colonisten haben entweder keine Zeit, oder kein Geschick
dazu. Vielleicht gewinnen Sie Wattines Freundschaft, und dann ergänzt er die
Lücken welche in den kleinen Blättern meiner Frau sein müssen, da sie meist nur
Abends spät, ehe sie zu Bette ging, oder während sie unser jüngstes Kind
stillte, mit Bleistift das Merkwürdigste aufzeichnete, was sie ihrem Mädchen
nützlich achtete, erzählt zu werden. wenn sie einen Abend mit der lieben Emilie
verschwatzt hatte.
    Bei dem Zurückfahren erzählte mir Vandek noch, wie sehr Wattines ihn bei
seinem ersten Besuche auf der Insel bat, ja auf dem festen Lande nicht von ihm
zu sprechen, und ja niemand anders von den Colonisten zu ihm herüber zu
schicken; doch hätte er gerne eingewilligt, dass er seine Frau, ein paar Kinder,
und wegen dem Rudern auch seinen Verwandten, den Candidaten, wieder mitnehmen
könnte. Auf die Anfrage, ob er ihm nichts mitbringen solle, habe er ihm nach
einigem Schweigen die Hand gedrückt und errötend gesagt: ja, etwas Brod und
Salz. In dem Augenblicke aber, wo Vandek sich dem Nachen näherte, habe Wattines
noch mit angelegnem Tone gesagt: o, bringen Sie doch eine Carafine Milch mit,
für meine gute Frau, welche sie so sehr liebt, und in vier Jahren keine kostete.
    Regen verhinderte einige Tage den Besuch, aber dann kamen sie mit allem, was
zu Tee gehört und mit ihrem vier Jahre alten Knaben auf die Insel.
    Lassen Sie sich, sagte Vandek, von meiner Frau erzählen, mit welcher
Bewegung Frau von Wattines sie aufnahm, wie herzlich sie ausrief: Gott sei Dank!
als die Milch auf den Tisch gestellt wurde, und die liebe Emilie sogleich um
eine halbe Tasse voll für sich bat, und Tränen von ihren schönen Augen in die
Schale ranten, als sie die Hälfte dieses ihr so lieben Tranks ihren Kindern zu
kosten gab. Artig war es, wie der muntre junge Franzose Caremil, meinen dicken
gesunden Jonas betrachtete, dann ihn freundlich bei der hand nahm und zum Laufen
winkte. Meine Frau hatte von dem Spielzeuge unserer Kinder, ein kleines
nürnberger Pferd für Caremil, und dem Mädchen eine Puppe mitgebracht. Diese
freuete sich der Puppe, Caremil besah das kleine Pferd, welches mein Knabe in
das Gras stellte, lange von ferne, und am Ende besonders die Füsse, lief aber
schnell weg, und kam mit einem kleinen Käfer wieder, den er auch hinsetzte, und
zu seinem Vater sagte:
    Dieses Tier sei so klein und laufe, das Ding da viel grösser und bewege sich
nicht.
    Wir mussten alle lächeln, und sein Vater zeigte ihm, warum das Pferd nicht
laufe, ging dann mit mir, dem Knaben und meinem Vetter weg, bis der Tee fertig
sein würde. Bei unserer Zurückkunft bemerkten wir bei Frau Wattines eine
sichtbare Freude, dass sie eine europäische Familienmutter bei sich sah, und
ihres guten Herzens und Verstandes sicher sein konnte. Ihr heutiges Staunen,
mein Freund, setzte er hinzu, und das Meine, so gross es bei meinem ersten
Besuche war, können auf keine Weise der innigen Gemütsbewegung meiner Frau zur
Seite gestellt werden; denn sie fühlte nicht nur als Gattin eines Colonisten
alle Beschwerden der ungeheuern Arbeiten des Mannes, sondern auch als Mutter das
unaussprechliche und vielfache Weh, hier Mutter zu werden, hier zu denken, dein
Mann, der Vater deiner Kinder kann sterben! dann bist du und sie allein in
dieser Einöde; oder zu sagen, ich kann sterben, lass ihm ein kleines Kind, und er
bleibt mit allem Jammer des Lebens belastet hier. Es schauderte meiner
menschenfreundlichen Frau, die nicht sehr gerne an den See Oneida zog, weil sie
auch zu bessern Tagen gewöhnt war, aber nun dankte sie Gott für unsern
Entschluss, weil dadurch einer so verlassenen, aus aller Verbindung gerissenen
Familie Trost und Hülfe zufloss. Sie war seitdem auch heiterer und glücklicher in
unserer Hütte. Es kostete Mühe, Wattines zu bewegen, ein Landgut bei uns zu
nehmen. An Alleinsein gewöhnt, und zu stolz jemand anders als einem Könige etwas
zu danken, nahm er es nur auf bedingte Abgaben an, und da wir ihm den Genuss der
Insel von dem Congress verschaffen wollten, stimmte er nur dahin ein, dass es
Belohnung für Ingenieur Dienste bei der Anlage der Stadt sein sollte.
    Sie sehen, meine Freunde! was dieser Tag für mich sein musste, und können
sich die Gefühle denken, mit welchen ich bei unserer Zurückreise die Insel
betrachtete. Ich speisste bei Vandek zu Nacht, und er sagte mir:
    Sie kennen nun die Scene, wo das Schicksal zwei ausserordentlichen Personen
den Beweis gab, wieviel die Menschen vermögen, wenn es ihnen Ernst ist, alle
ihre Kräfte, und ihr Nachdenken zu verwenden. Nun sagte er seiner Frau, dass er
mir die Versicherung gegeben hätte, sie würde mir alles mitteilen, was sie von
Wattines aufgeschrieben habe.
    Die gute Frau versprach es nicht allein, sondern gab mir noch den Abend alle
Hefte mit nach Hause, mit dem Versprechen, Hrn. und Frau Wattines zu bewegen,
sich mit mir in Erläuterungen einzulassen, wenn ich ihre Erinnerungen
unvollkommen fände, oder einige Teile besser ausgeführt wünschte. Ich trug das
kleine Packet Papiere mit mehr Freude und Sorgfalt in meine Wohnung, als ich
vielleicht einen Sack mit Geld heim getragen hätte; denn ich war von den Bildern
alles dessen, was ich auf der Insel sah, noch so eingenommen, dass mir die
Geschichte dieser Menschen die merkwürdigste schien, welche mir vorkommen
könnte. Zwei Tage lebte ich allein mit diesen Papieren, welche ich mit wahrem
Heisshunger verschlang, dann stückweise überlas, und nachdachte, wie ich in
dieser Lage gehandelt haben würde? und ich musste hier die Verschiedenheit des
National-Characters anerkennen.
    Sicher hätte ich wie Wattines gearbeitet, mich und meine Familie zu
ernähren. Ich hätte Korn, Flachs, Gemüs und Obstbäume gepflanzt, aber gewiss
nicht daran gedacht, neben einer Bank meiner Frau Blumen aufzuziehen, oder ihren
Namen dreifach an einem Altare zu schreiben; doch sagte ich mir auch, mit
Zurückdenken an Heinrich Humes Grundsätze der Critik: wie er behauptet:
Wohlgefallen an einer Handlung, welche wir erzählen hören, zeige an, dass in
unserer Seele eine übereinstimmende Neigung liege, und beweise, dass wir gerne
eben so handeln und denken würden, wenn die nämlichen Umstände uns dazu
aufforderten. Ich schrieb mir also etwas von Humes sympatetischem Gefühle der
Tugend zu. Sie, die mich am besten kennen, werden bei dem Fortgange der
Erzählung, genau zu sagen wissen, in wie weit ich Wattines ähnlich gewesen sein
würde, und in was der teutsche National-Character eine Verschiedenheit
bezeichnet hätte.
    Mein Zimmermann erleichterte mir die Annäherung zu Wattines trauterer
Bekanntschaft. Er wurde, wie Sie wissen, in der Colonie aufgenommen, und bekam
sein Stück Land, gleich neben Wattines, an dem See. Letzterer fieng an zu
besorgen, sein Nachbar möchte ihm durch den Bau seines Hauses, die Aussicht auf
die Insel benehmen, für welche er die grösste Anhänglichkeit hat, und ihren
täglichen Anblick nicht verlieren möchte. Da ich den braven jungen Mann hieher
führte, und zu seinem Glücke half, so glaubte Wattines, dass ich etwas über ihn
vermögen würde; er suchte mich also auf, erwähnte freimütig seine Besorgnisse,
und die Wünsche darüber beruhigt zu sein. Er ist mir so wert, der Boden der
mich aufnahm, sagte er, dass ich ihn nicht aus den Augen verlieren möchte. Ich
fand die Ursache so schön, so sehr in die Gefühle seines Herzens verwebt, dass
ich im versprach, dafür besorgt zu sein. Er freute sich, und bat um baldige
Antwort, indem er hinzu setzte: der Mann wäre gerade beschäftigt, einen Platz zu
ebnen, und er habe ihn mit Schritten umgangen, welche den Plan eines Hauses
bezeichneten. Ich nahm sogleich meinen Hut, und folgte ihn bis an seine Wohnung,
von welcher er mir die so liebe Aussicht auf die Insel zeigte, welche er allein
um Emiliens willen verlassen habe, und nur in dem täglichen Anblicke einen
Ersatz fände.
    Nun suchte ich meinen Zimmermann auf, und sprach eben so gerade mit ihm, als
Wattines mit mir. Ich bemerkte dass mein Landsmann rot und nachdenkend wurde;
dies machte mir bange, eine schwere Arbeit zu treffen, und flochte allerlei
schöne Beweggründe zusammen, um ihn zu dem gewünschten Entschlusse zu leiten,
wurde aber sehr überrascht, als er mit dem Lächeln der innigsten Freude sagte:
    O wie froh bin ich, zu hören, dass es Ihnen und dem guten Herrn v. Wattines
so sehr darum zu tun ist, dass ich meiner Hütte eine andre Stelle gebe; denn
jetzo darf ich wohl auch um etwas bitten, woran mir eben so viel gelegen ist.
Gewiss, antwortete ich, sage Er es nur frei heraus. Ach! erwiederte er
schüchtern, es ist etwas sehr grosses, aber ich will gerne Herrn von Wattines
meine Hütte ganz opfern, oder mein Gut zu seinem Hofgut machen, wie es in
Teutschland gewöhnlich ist, wenn er mich etwas Geometrie und Baukunst lehren
wollte. Ich würde sehr fleissig sein, dass er nicht so viele Mühe mit mir hätte,
wie mit einem andern, und danken würde ich es ihm mein Lebelang. Richten Sie es
doch aus, ich bitte Sie.
    Ich hatte wahre Freude für Wattines, und Freude an der Wissbegierde meines
Zimmermanns, der so gerne sich und sein Gut verpfänden wollte, wenn er nur
hoffen könnte, eine Art geschickter Baumeister zu werden. Ich sagte ihm, dass ich
sogleich mit Wattines sprechen würde, ging auch mit wirklich eilenden Schritten
seiner Wohnung zu. Er hatte mit Wünschen und Verlangen nach guter Antwort auf
mich gewartet, und kam, mit einem noch viel lebhaftern Gang als der meine war,
mir entgegen. Ich winkte ihm von ferne das ja zu, und er dankte mir sehr
gerührt, setzte auch hinzu: könnte ich nur dem braven Manne und Ihnen, meine
Dankbarkeit in der Tat beweisen. - Er sagte dieses mit dem Ausdrucke der
Wahrheit und des Wehs, so wenig zu vermögen. - Sie können es, fiel ich schnell
ein, ihn bei der Hand fassend, Sie können Ihren Nachbar zehnfach belohnen.
    Wie, wie? ich bitte Sie, wie kann ich es?
    Nun erzählte ich ihm meine Unterhaltung mit dem Zimmermann, wie Sie eben
gelesen haben, und Wattines sprach freudig:
    Von ganzer Seele will ich dem rechtschafnen Manne alles mitteilen, was ihm
dienen und ihn freuen kann. - Sie sind doch nicht zu müde, fuhr er fort, kommen
Sie mit mir zu ihm, und sein Sie Zeuge meines Versprechens.
    Das bewilligte ich gerne, und redete noch mit ihm von der Wissbegierde des
Mannes, und wie er so getreu seinen Dank, nach dem hohen Werte der Wohltat
berechnete. Wattines wurde nach gerade stille, etwas tiefsinnig, ja mich dünkte
er blicke mit ernster Trauer nach mir. Sollte, dachte ich, der Mann eine Reue
über sein schnell gegebenes Versprechen fühlen? und stand stille. Herr von
Wattines, wir wollen nicht weiter. Mir scheint, Sie machten Ueberlegungen wegen
der so rasch gegebenen Zusage, einen mühsamen Unterricht zu übernehmen. Sagen
Sie mir, ich bitte, Ihre Gesinnung. - Er antwortete, gerne; aber mit gedämpfter
Stimme setzte er hinzu: das Anerbieten des ehrlichen Mannes, mir für das, was er
von mir wünschte, seine Besitzungen hinzugeben, machte mich nachdenkend. Ach,
ist dieses nicht Wiederholung der Geschichte der Lehen-Rechte, da Bedürfnis
einer Hülfe, Begierde nach Erfüllung eines Wunsches, nach etwas, so in der
Gewalt eines andern war, ehemals solche Entwürfe machte, gute Menschen zu eben
solchen Anerbieten leitete, welche von Rechtschafnen, ohne Missbrauch der Not
des Bittenden auf billige Bedingnisse angenommen, leider aber von den niedern
habsüchtigen Seelen, zu grössern Vorteilen benützt wurde? Der traurige Gedanke
drängte sich mir auf: ach, hier auf diesem neubewohnten Boden keimte nun auch,
in dem Kenntnis und Ehre liebenden Herzen dieses redlichen Mannes die Idee auf:
ich will was er hat, was ich wünsche, nicht umsonst, will ihm dagegen anbieten,
was in meiner Gewalt ist. Wissenschaft ist ihm, was ehedem Sicherheit gegen
Feinde in dem Schutz tapferer Ritter oder Versicherung der Seligkeit von den
Geistlichen, vor so vielen Jahrhunderten in Europa war, wofür sich Landleute
hingaben, wie der gute Zimmermann, sich und seine Haabe für Geometrie und
Baukunst, in meine Hände geben wollte, und also einst in Amerika, die Nachkommen
meines Sohnes, auch in einer Revolution ermordet, auch wieder von dem eigen
angebauten und übertragenen Feldgute vertrieben würden, wie ich von dem meiner
Voreltern.
    Mein ernster europäischer Freund wird mich nicht tadeln, wenn ich sage, dass
diese unerwartete, aber in Wattines sehr natürliche Betrachtung, gerade weil sie
so treffend war, mich rührte. Ich sagte ihm, ich ich könnte diese Erinnerung und
Anwendung nicht missbilligen, und nur den angenommenen Satz grosser Philosophen
entgegen stellen, dass nichts auf der Erde zweimal in der vollkommnen
Aehnlichkeit erschiene.
    Er lächelte, wie ein Kranker gegen den Freund lächelt, der ihn mit Hoffnung
des Besserwerdens tröstet, und sagte mit einem Blicke nach der sich senkenden
Sonne: ach, die Geschichte der Menschheit zeigt mir einen Kreisslauf des Denkens,
Handelns und der Leidenschaften, wie die Sonne und die Jahrszeiten ihre Cirkel
seit Jahrtausenden beschreiben.
    Ich fasste seine Hand und ging in seine Gedanken über, indem ich sagte: Sie
sahen also auch immer, von Zeit zu Zeit, einen höchst edeln Sterblichen, wie Sie
es sind, auf ihres Gottes Erde wandeln.
    Er drückte meine Hand, und blickte männlich innig mich an, da er mit sanft
ernstem Tone sagte: Dank, dass Sie Gottes Erde nannten, denn dieses allein hielt
mich auf ihr fest, aber ich freue mich sterblich zu sein.
    Ich sagte: der Himmel wird Sie für Ihre Familie und zu einem Beispiele des
hier neu aufwachsenden Geschlechts erhalten.
    Ein Blick und eine bescheidne edle Verbeugung seines Kopfes war die einzige
Antwort, welche er gab. Nun waren wir nahe bei dem Zimmermann, dieser eilte uns
entgegen, und bald war der schöne Vertrag des emsigen Fleisses, und des treuen
Unterrichts in dem beiderseits gebrochnen Englischen, unter meiner Gewährschaft
geschlossen. Wattines freuete sich, und der brave Handwerker dankte mir. Bei dem
Zurückgehen fragte mich erster, ob ich noch einige Zeit dieses Sommers hier
bleiben würde? - Der Ton seiner Stimme, und sein auf mich geheftetes Auge,
sagten so deutlich, dass er es wünsche, dass mein Herz antwortete:
    Ja! auch den Winter, wenn ich Sie oft sehen und sprechen kann.
    Ein flüchtiges Erröten, das ein schnelles Pressen unsers Herzens hervor
bringt, und eine eben so schnell und flüchtig in seinem prächtigen Auge sich
zeigende und schwindende Träne, waren unmittelbare Vorläufer einer nach einigem
Stillschweigen folgenden Antwort, wobei er stehen blieb, sich zu mir wandte und
sagte: das Schicksal hat mich nach vier Jahre langer Einsamkeit wieder mit
Nebenmenschen verbunden. Ich fühlte schon oft den wohltätigen Einfluss des
gesellschaftlichen Lebens für mich und die Meinigen, fühlte auch durch die
Bekanntschaft des Vandek wieder Empfindungen der Freundschaft erwachen: Sie
erheben dieses Gefühl zu einem Wunsche, um so mehr, da Sie aus einem Teile von
Teutschland sind, dessen Einwohner ich, besonders wegen dem Geiste und Character
der Fürstlichen Familie liebe; denn ich war einige Zeit in Strassburg in
Garnison, machte kleine Reisen nach Carlsruh, lernte den weisen
menschenfreundlichen Regenten kennen, verehrte ihn, gefiel mir in dem Fleisse der
Untertanen, und der Güte ihres Landesherrn; aber wie weit war ich entfernt zu
denken, wenn ich bei der Zurückkunft mit meinen Jugend-Freunden von diesen
Reisen sprach, dass ich einst ohne Freund in einem andern Weltteile leben würde,
bis ein in den baadenschen Landen gebohrner schätzbarer junger Mann, mir diese
edle Menschenfreude in einem erneueten Bilde zeigte.
    Wir waren jetzt am Ufer des See's. Die von einem sanften Abendwinde bewegten
Wellen rauschten in dem von der niedergehenden Sonne erhaltenen Purpurlicht an
uns vorbei, und in diesem Moment traf die Erinnerung an mein Vaterland, an
meinen Fürsten und an meine Freunde Wucherer so unverhoft an meine Seele, dass
ich Wattines weinend umarmte, indem ich ausrief: Gott! die Erinnerung an
Carlsruh hier! von einem Sohne Frankreichs! Wie sonderbar ist dieses
Zusammentreffen!
    Nicht so sonderbar, erwiederte Wattines lebhaft, als dass Carl Friedrich von
Baaden und Robespierre zu gleicher Zeit als Nachbaren lebten.
    Nun gingen wir den übrigen Weg meist schweigend, gegen seine Wohnung zu.
Emilie kam uns mit den Kindern entgegen. Wattines rief ihr zu: Ich habe meinen
Wunsch erreicht, die Aussicht auf die Stelle, wo wir den ersten Abend auf der
Insel uns umsahn, bleibt mir offen. Hier der Freund des Herrn Vandek hat mir
dieses Glück erhalten.
    Die liebenswürdige Frau dankte mir für die grosse Freude welche ich ihnen
dadurch schaffte, und ersuchte mich den Abend bei ihnen zu bleiben, indem
Vandeks, bei welchen ich mich zu Gaste gebeten hatte, bei ihnen essen würden.
Wattines entfernte sich, und brachte den Zimmermann mit nach Hause. Unser Tisch
war in ganz altem Tone bestellt, denn der gute, bei Wattines wohnende Taglöhner,
seine Frau und Tochter assen mit uns ihren Anteil Wandertauben und Erdtoffeln,
wie wir, tranken Sprossbier mit uns, und sprachen dann mit ihrem Herrn von der
Arbeit des folgenden Tages, gingen aber früh weg zu Bette. Nun sprach Wattines
von dem Plane und den Wünschen des guten Zimmermanns, Emilie brachte eine
Flasche von ihrem Honigwein, dessen wirklich angenehmer Geschmack mich in
Verwunderung setzte. Ich berührte nun mein Verlangen etwas von ihrer Reise nach
der Insel, und von ihrem einsamen und arbeitvollen Leben zu wissen.
    Das sollen Sie, sagte Wattines, in sehr munterm Tone in meinen Abendstunden
hören, wenn Sie Wort halten, und den Winter bei uns bleiben.
    Ich versicherte dieses, und alle bezeigten ihre Zufriedenheit über meinen
Entschluss. Der edle Wattines setzte hinzu: Emilie soll Ihnen auch von ihr
erzählen, und alle Abend von ihrem Inselwein vorsetzen.
    Also bin ich wirklich verbunden zu bleiben, auch wie ich die Menschen und
die Gegend fand, gefalle ich mir besser am See Oneida, als in einer der
Hauptstädte, wo man ganz den Wiederschein europäischer Pracht und Wohlleben
findet. Hier bin ich für alle diese Menschen sehr viel, bei den glücklichen
Bewohnern einer schon eingerichteten volkreichen Stadt, nur eine Person mehr;
und ich bekenne, dieser Gedanke fesselte mich auch. Vandek und seine Frau
versicherten mich bei dem Nachhausegehen, dass mein Entschluss ihr Glück
vergrössere, und so ging ich selbst auch glücklich schlafen.
Meine Freunde glauben gewiss ohne meine Versicherung, dass ich sehr bald einen
Auszug von den Blättern der Frau Vandek notirte, über welche ich bei Wattines
noch einige Erklärungen wünschte; aber da ich irgendwo in der Ordnung anfangen
musste, so wiederholte ich ihm selbst die Erzählung, welche mir Vandek von den
Beweggründen gab, die ihn nach Amerika führten. Wattines sagte: ich will Ihnen
darüber schreiben, denn die Zeit und die Sammlung der Gedanken fehlen mir zum
mündlichen Vortrage. - Acht Tage nachher gab er mir diesen Aufsatz.
    »O, wie soll ich sagen, warum ich auf der Insel war, und nun in dieser
Holzhütte bin? Ich floh Frankreich, nachdem man meinen Onele und meinen ältern
Bruder ermordet hatte, welche ich beide unaussprechlich liebte. Meine Schwägerin
starb in Geburtswehen mit dem Kinde aus Jammer über den Tod ihres so
liebenswürdigen Mannes. Die Familiengüter wurden eingezogen: die höchste Güte
und Wohlwollen für alle, konnten selbst den besten König nicht retten.
Ungerechtigkeit und Grausamkeit siegten überall, und Tugend verlor. - Meine
Seele war empört und zerrissen. Ich konnte nichts mehr tun, als mein Leben oder
meine Grundsätze aufopfern. Das letzte wollte ich nicht. Mich auch morden zu
lassen? zu was half ein Todter mehr? und Emilie, meine Braut, die mich liebte,
hatte niemand mehr, als mich. Ich konnte mich dem Tode nicht weihen, da Emilie
nur für mich lebte. - Wir flohen also, wie so viele andre Familien, nach
Amerika, raften von dem, was die Räuber und Mörder nicht genommen hatten, noch
so viel zusammen, als wir konnten, selbst Lieblingsgegenstände von mir, Bücher
und matematische Instrumente: Emilie, meine mir nun augetraute, in Flandern
gebohrne, so gern reinliche Emilie, wollte sich nicht von dem Ueberreste ihres
Leinen trennen. Ich wollte nicht nach England, weil man mir sagte, es liebe uns
nicht; andre europäische Staaten waren mir nicht eifrig genug zur Hülfe, und
ihre Länder zu sehr mit den Nachrichten und Anhängern der Revoluzion erfüllt.
Mein Vater und mein älterer Bruder hatten mir Amerika oft gerühmt. Liebe zum
Leben, zu Emilie, und der Wunsch, das Ende der Revoluzion zu sehen, neben dem
Hass gegen die Menschen in Frankreich und Europa, führten mich nach Philadelphia;
aber da wurde stets und immer von den unseligen Begebenheiten meines
Vaterlandes, und seinem Umsturze gesprochen, und meine tief verwundete Seele
hatte schon auf der Reise durch das Geschwätz des Leichtsinns, durch leere
Entwürfe der Wiederherstellung des Guten, und durch Ideen einer elenden Rache,
unter den mit uns überschiffenden Flüchtlingen gelitten. Die Pracht, die
Lebensart in Philadelphia, ruften mir Paris und Brüssel in das Gedächtnis
zurück; auch waren viele Emigranten mit viel mehr Hülfsmitteln als ich herüber
gekommen. Ihr Character und ihr Betragen missfielen mir, ich wollte die Zeit
nicht abwarten, den Gutgesinnten durch Vorschläge und Ansuchen beschwerlich zu
fallen, oder den Bösgrtigen ein Gegenstand des Spottes und des Übermuts zu
werden; besonders da ich in dem Grunde meiner Seele diesen Übermut der Reichen
und Grossen als die Ursache des Umsturzes der Monarchie betrachtete, und sie
hasste, - sicher war, dass diese Menschen, welche in glücklichen Tagen keine edlen
Gesinnungen zeigten, auch zetzo nicht mit mir stimmen würden. Ich fühlte
Geringschätzung für den Geist der Männer, fürchtete für Emilien den Umgang ihrer
Weiber, scheute den Vergleich zwischen meinen Umständen und denen, in welchen
sich die Bewohner der französischen Seeküsten noch mit grossem Vorteile retten
konnten. Ich suchte ein kleines Landgut in der Nähe der Stadt zu kaufen, ging
daher oft zu den Besitzern der umherliegenden Bauerhöfe, weil ich hoffte, einen
zu treffen, der als Pächter mit mir leben, und den Kaufschilling als
zurücklegenden Erwerb ansehen würde. Ich war aber zu einem solchen Kaufe nicht
reich genug. Traurig machte ich einen Abend meinen Weg zurück: unweit eines
artigen Bauerhauses blieb ich an einer Magnolia gelehnt stehen und jammerte aus
voller Seele, dass mir von dem grossen Vermögen und zwei Schlössern meiner Väter,
nicht einmal so viel übrig war, eine eigne Hütte zum Obdach, und Feld zum Anbau
meines Brods zu kaufen. In meinem Kummer und Nachdenken vertieft, bemerkte ich
nicht, dass jemand sich mir näherte, bis auf einmal ein alter Quäker neben mir
stand, und teilnehmend mich betrachtete. Ich stutzte, und grüsste ihn, - als er
sagte: Fremder! du vergisst, dass es bald Nacht sein wird, wenn du nach der Stadt
willst, so hast du Zeit. - Ich dankte ihm und war in Wahrheit etwas ängstlich
als ich mich umsah. Der liebe Mann bot mir an, mich den kürzesten Weg zu leiten.
Mein wenig Englisch zeigte ihm deutlich, dass ich einer der neuen unglücklichen
Ankömmlinge sei, und seine väterliche Treuherzigkeit bewegte mich, ihm die
Ursache meines Tiefsinns zu sagen. Er erwiederte mit sanftem Ernst:
    Du hast sehr irrige Begriffe aus Europa mitgebracht, da du vermuten
konntest, ein guter Landmann würde so leicht, die von seinem Vater, oder von ihm
selbst angebaute Erde verkaufen, und kein Mann, der Seele und Eigentum hat,
wird jemals Söldner werden. Ziehe tiefer in das Land, suche eine Familie die
auch nicht reich ist, vereint Eure Kräfte, und bauet Felder unter Gottes Segen
und täglichem Fleisse, so wird sich deine Trauer und deine Sorge mindern.
    Es war zu spät ihn mehr zu fragen, als, ob ich ihn wieder besuchen dürfe?
    Gerne, wenn ich dir was helfen kann. Schon lange hatte ich von den Quäkern
gehört, und es war mir eine angenehme Zerstreuung, diese mir neue Art Wesen
näher kennen zu lernen; aber es verflossen einige Tage, ehe mir die Umstände
erlaubten, wieder auszugehen, und Emilie wollte sich nur Abends auf dem schönen
Platze eine Bewegung machen. Während dem verbitterten mir die Nachrichten von
der Ankunft so vieler Familien des französischen Adels den Aufentalt in
Philadelphia, und da ich meiner holden Emilie, die zunehmende Unruhe meiner
Seele verbergen wollte, so ging ich bei einbrechender Nacht noch auf dem grossen
Spatziergange allein, über unser Schicksal nachzudenken. Ich wollte keinem
meiner Landsleute mich entdecken, und dachte an den Quäker, um seinen Rat zu
holen. Um ferner nachzudenken, setzte ich mich auf das oberste Ende einer Bank,
welche ganz im Finstern stand. Ich war aber nicht lange da, als ich einige
Stimmen französisch sprechen hörte, und aus dem Stoff der Unterredung bemerkte,
dass es der Gesandte der Pariser Patrioten mit einigen Anhängern aus Philadelphia
war. Mein Herz wurde äusserst bewegt, und der Gedanke: in Amerika ward der Saame
zu der unseligen Revoluzion geholt, beklemmte meine Seele. - Amerika war nun
nicht mehr Zufluchtsaufentalt für meinen Engel Emilie und für mein Herz, es war
der Boden, auf welchem unser Elend keimte. Die Gestalt meines Schicksals wurde
mir fürchterlich und unerträglich. Die Idee, dass ich einmal diesen verwünschten
Gesandten treffen und sehen könnte, dass ich unter lauter Freunden der Neufranken
lebte, dass Frankreich die Republik der Amerikaner gründen half, alles dieses
bestürmte meine Seele zu sehr. Ich verfluchte die Asche des Ministers von
Vergennes, welcher England necken wollte, und den Verfall unsers Königreichs
bereitete. O, was für eine Lage war die meinige! Geburts- und Zufluchtsort mit
gleichem Hasse zu denken! - Stellen Sie sich die Stimmung vor, in welcher ich zu
Emilien zurückkam; denn an das Verbergen meiner Gemütsbewegung dachte ich gar
nicht mehr. Sie erschrak über den Ausdruck der Leidenschaft, welcher in meinen
Zügen verbreitet war. Ich hatte sie umarmt, ohne zu sprechen. Ich holte schwer
Atem, und vermied ihre Blicke.
    Mit zärtlicher Angst fragte sie: O, was ist in deiner Seele? rede, lass mich
Anteil nehmen an deinen Jammer, Wattines! Du leidest, du bist krank, Gott, was
ist dir geschehen! kann deine Emilie nichts für dich tun? - Ach! sie stand vor
mir mit ringenden Händen und flehenden Blicken. Ich stürzte zu ihren Füssen, und
rief:
    Ja Emilie! ja, du kannst mir helfen. O, wenn du mein Leben und meine Ruhe
liebest, geh mit mir in die äusserste Einsamkeit. Ich sterbe hier elend und
wahnsinnig. -
    Sie zitterte und sank auf den Stuhl zurück, von welchem sie aufgestanden
war, bog sich aber gleich wieder vorwärts gegen mich, und lebhaft rief sie aus:
    O, gerne! gerne, heute noch, indem sie eine Bewegung zum Aufstehen machte.
Nur lass mich wieder deine Züge sehen, wie mein edler liebender Wattines immer
war.
    Sie küsste meine Stirne, und weinte in stillem Schmerze. Ich weinte auch, und
bat sie, mir den Kummer zu vergeben, den sie leide; aber ihr Versprechen nicht
zurück zu nehmen, mit mir weit von Philadelphia wegzuziehen. - Sie hatte mich,
während ich sprach von allen Seiten emsig betrachtet, meine Hände besehen, meine
in Unordnung um meinen Kopf hängende Haare von beiden Seiten in die Höhe
gehoben, meinen Kopf und Nacken zärtlich berührt, und sagte nochmals mit festem
Tone und ohne Tränen: Ich folge dir in jede Wüste, ja in den Tod, und das heute
noch, mit all meiner Liebe.
    Ihre Blicke lagen durchdringend auf meinen Augen, und die Erinnerung der
nächsten Gefahr, die nach alt europäischer Sitte einen französischen Officier
unter seinen Landsleuten begegnen konnte, verleitete sie zu der Frage: O sage,
hattest du kein Duel? bist du nicht verwundet?
    Aeusserst bewegt durch diese sorgsame Frage, sagte ich: nein, mein Engel! ich
bin unverletzt, und habe seit ich dich verliess meist nur an dich gedacht, und
mit niemand besonders gesprochen, als mit mir selbst.
    Mich mit Ernst betrachtend, und mit dem Finger drohend, sagte sie: Du
zweifeltest also an deiner Emilie, und ersannest die fürchterliche Scene, um
mich desto eher zu bewegen. O Wattines! da legte sie schweigend ihren Kopf auf
mich und weinte. Ich setzte mich neben sie, umfasste sie und erzählte ihr alles,
was diesen Nachmittag in mir vorgegangen war, und die holde Liebe tadelte mich
nicht, nahm Anteil an allen meinen Klagen und meinen Unmut, ermahnte mich,
einen Aufentalt zu suchen, welcher mich und sie vor solchen Erinnerungen, und
unser Glück und Liebe zerstörenden Gemütsbewegungen schützen könnte.
    Du willst einsam leben! führe mich hin wo du willst, wo nur unsere Liebe und
die gütige Natur um uns sein werden. Der ganz eigne Geist meines Wattines wird
nur da glücklich sein, und ich bin es nur, wenn er es ist; - denn mein Carl!
deine Liebe allein kann nie der Grund meiner Zufriedenheit werden, deine Ruhe,
deine Zufriedenheit müssen damit verbunden sein. -
    Sie können leicht denken, dass meine ganze Seele sich in Dankbarkeit ergoss,
und dann schon Plane den übrigen Abend wegnahmen; ja als Emilie durch den auf
ihr Herz gestürmten Auftritt schon sanft schlummerte, wachte mein empörter Geist
unter dem Hin-und Herwägen eitler Entwürfe noch. Der Gedanke, morgen meinen
alten Quäker aufzusuchen, ihn um Rat zu fragen, beruhigte mich endlich, und ich
schlief ein, aber nicht lange. Bei dem Frühstücke sagte ich Emilien meinen
Entschluss, diesem guten Manne mich zu eröfnen; sie freuete sich darüber. Ich
eilte zu ihm, besuchte aber noch einen Moment ein Caffeehaus, wo immer alle
Nachrichten aus Europa zuerst mitgeteilt wurden. Ach! alle Tage besuchte ich
es, mit der stets eitlen Hoffnung, gute Aenderung in Frankreich zu hören, auch
den Morgen waren die Sachen schlimmer als je, und ich ging mit neu gebrochenem
Herzen zu meinem Quäker, nach der Benennung dieser Secte, zu einem Freunde, die
man immer in Stunden des Kummers aufsucht. Er empfieng mich, wie ein gütiger
Weiser einen Jüngling, dem er wohl vill. Ich erzählte ihm alles, zeigte ihm
Trauer, Wünsche, Liebe, Sorgen und Hass meiner Seele. Er hörte mir aufmerksam zu,
unterbrach mich nie, als hie und da mit dem sanften Ausrufe: arme Menschen! wie
verirrt, wie quält ihr euch.
    Die Erzählung des Mordes meines Oncles, meines Bruders und des Vaters meiner
Emilie, füllte seine Augen mit Tränen. Er drückte meine Hand und sagte:
    Ach! der Boden von Amerika ist auch mit Blut getränkt; - - aber sei ruhig,
deine Verwandten sind bei Gott. Er sah alles. Er hat sie getröstet. Er lohnt
sie. Er hat dich erhalten und wird dich stützen.
    Nun zeigte ich ihm aufrichtig das Verzeichnis dessen, was wir retteten, was
wir noch für die Zukunft verwahren und noch zum Verkauf geben wollten,
ausgenommen unsre Bücher. - Nach einigem Stillschweigen sagte er: Junger Mann!
du bist hitzig, du hast Vorurteile und Stolz, hast Bedürfnisse des Lebens und
bist mit allen Menschen unzufrieden. Reichtum und Gewalt fehlen dir, um deinen
Menschenhass in Trotz zu zeigen, Güter zu geniessen, und mitten unter ihnen
einsam zu leben. Möchtest du es wagen, mit dir allein beschäftigt, wie unser
erster Vater auf einer artigen, aber sehr abgeschiedenen Insel zu leben, wo du
nicht gezwungen sein würdest, nur des Nachts auszugehen, oder Einöden
aufzusuchen um keine Menschen anzutreffen, aber immer unter den Augen Gottes zu
wandeln, auf einer Seite nichts als Waldung und Fläche am Creek, auf der andern
Waldung und ein kleines Dorf von guten Indianern zu sehen? Wolltest du dort die
liebe Erde, durch ordentliche Feldarbeit bewegen, dir Nahrung zu geben, so will
ich sorgen, dass du ohne Pacht und Kauf dahin kommst, will dir durch gute
Menschen ein Loghouse erbauen lassen, und einen rechtschafnen Mitarbeiter geben;
aber du musst dich bald entschliessen, während meine Freunde noch in der Gegend
fischen. Ich will für alles, einem genügsamen Menschen, Nötige sorgen Deine
Bücher, und das Beste so du rettetest, sollst du dabei behalten: dort kannst du
lernen Menschen ertragen, Überfluss und Stolz verachten, den Wert mancher
Kräuter und Tiere, ja, den von dir selbst kennen; aber Geduld und Fleiss müssen
dich geleiten.
    Ich dankte ihm, und ergriff den Vorschlag mit Freuden, zeigte ihm meine
Arme, und sagte: dass ich Gärtner-Arbeit verstünde, und als sehr junger Mensch,
meinem Oncle, welcher mich und meinen Bruder erzog, den Versuch machen half, ob
der Abbee Roziers recht habe, zu behaupten, dass ein mit dem Spaten umgegrabenes
Feld doppelt soviel trage, als ein nur gepflügtes. - Mein Quäker freuete sich
und sagte:
    Nun so gehe in Segen, und werde ein guter Ackersman! Ich will für alles
Nötige sorgen, denke mit deiner Frau an mässige Kleidung und auch an
Weiber-Arbeitzeug. - Ich eilte zu Emilien; die sanfte liebende Seele war froh,
noch einen lebhaften Wunsch, noch eine Hoffnung in mir zu sehen, mit Vergnügen
und Zärtlichkeit folgte sie mir an den See Oneida. Ach, ich sagte ihr nicht, dass
wir vielleicht ganz allein leben, oder nur Indier sehen würden. Ich fühlte da am
lebhaftesten für mich, dass ich fern von jeder Spur europäischer Sitte, Kunst und
Regierung sein würde. Emilie fühlte sich glücklich über mein heiteres Aussehen,
und fand den Entwurf auf einer Insel zu leben ganz herrlich. Die in dem Blute
unserer Nation liegende Leichtigkeit alles zu fassen, alles tunlich zu finden,
und im Vertrauen auf unsern Geist und Tätigkeit, alles zu unternehmen, hat
immer in Krieg und Frieden unserm Vaterlande grosse Vorteile geschafft. Dieses
angebohrne Selbstvertrauen beseelte uns, und versicherte uns Glück und
Vergnügen; deswegen kauften wir beinahe eben so viel Blumen- als Gemüs-Saamen,
folgten unserm Quaker in allem, nur nicht in der Wahl der Betten, indem wir auch
für den Winter nur Matratzen mit Schafwolle gestopft, statt der amerikanischen
Federbetten nahmen, und allein grosse lederne Pfühle mit Federn gefüllt, nebst
einigen wollenen Decken kauften; alles andre blieb der Kenntnis, und dem
Gutdünken meines alten Quakers überlassen, welcher mir in wenig Tagen ein
Verzeichnis aller meiner in Kisten gepakten Sachen gab, das was ich hatte, wurde
damit vereint, und gute Quaker-Kleidung für uns auf die Reise und auf die Insel
angeschafft hatte. Recepte zu Sprossbier, zu Ahornzucker, zum wilden Bienen, und
Wander-Taubenfang kamen auch zu unserm Vorrate. Ich führte Emilien den Tag vor
unserer Abreise zu unsern Freund, welcher ihren Mut bewunderte, und durch
seinen herzlichen Segen stärkte. Er hatte zwei Fuhrleute bestellt, und gab uns
Briefe an die Fischer, welche wir am See Oneida treffen würden. Bald würden wir,
setzte er hinzu, Europäer zu Nachbarn auf dem Lande erhalten, indem diese Gegend
zu der Grafschaft Onotaga gehöre und der Congress den schifbaren Creek-Fluss,
welcher sich in den See Oneida ergiesst, zu Beförderung des inländischen Handels
benutzen, und an dem Ufer des See's Oneida eine Stapelstadt erbauen wolle. Diese
Aussicht war uns sehr tröstlich; mich freuete aber, dass die Stadt noch nicht
stand, und ich also noch einige Zeit, weit von Menschen entfernt leben, und
dabei einen Wunsch meiner Emilie erfüllt sehen würde, ohne etwas von dem
meinigen zu opfern; denn bei der Bereitwilligkeit mir überall zu folgen, hatte
sie immer die Bedigniss gemacht, dass wir nahe an einem Flusse wohnen möchten. Ich
hatte in meinem Herzen vieles dagegen, denn Flüsse werden von Menschen und
Tieren besucht, und der Vorschlag von der Insel war mir tausendmal willkommner,
weil er mein Fliehen vor Nachbarn, und Emiliens Verlangen nach Wasser
befriedigte. Nun war aber noch ein grosser Punkt zu besorgen; meines Quäkers
Freunde sollten mir einen Gehülfen schaffen, und ich wollte keinen haben;
bemerkte mit Vergnügen, dass Emilie mit mir gleich dachte, aber aus Sorge, ich
würde, wenn ich allein arbeitete, meine Kräfte zu sehr anstrengen, wollte sie
lieber eine starke arbeitsame Magd, am liebsten eine Witwe, welcher sie die
Kinder besorgen wollte, während die Mutter im Felde, um zu arbeiten sein würde.
Der Quaker fragte:
    Warum willst du nicht lieber einen braven Knecht? - Emilie war verlegen, und
sagte: guter Vater! wie, sollten wir einen alten Mann sich viel plagen lassen?
und ein junger bei uns in der Einsamkeit, würde sich bald unglücklich fühlen.
Der leisere Ton in welchem Emilie dies sagte, das Erröten dabei, wurde von
unserm Freunde so gut verstanden, dass er sie bei der Hand sasste, liebreich auf
sie blickte, und wirklich wie ein Patriarch sprach:
    Du hast recht, meine Tochter! Zieh hin und glaube, dass wer so für seinen
Nächsten denkt, von seinem Gotte nie vergessen sein wird. Bereite dich aber auf
das Entbehren einer Magd, denn fleissige Witwen ohne Kinder sind nicht gern in
der Einsamkeit, weil sie wissen, dass man in Amerika arbeitsame und geschickte
Weiber sucht, und was würdest du mit einer trägen Gehülfin machen? Eine treue
Mutter würde beängstigt sein, was aus ihren Kindern werden solle. Hier schwieg
er, und sah auf Emilien, welche schnell antwortete:
    Nein Vater, ich will keine Seele mit Sorgen beladen, und an deinen Segen
glauben, dass Gott für uns sorgen wird. -
    Wir schieden von diesem Manne wie von einem Vater, und er weinte mit uns. -
Ach, wie leicht war mir, als Emilie unterwegs versicherte, sie würde mit mir
allein viel ruhiger und zufriedner sein, als bei dem Gedanken, dass ein andres
Wesen aus Not in unser Schicksal verwickelt würde, welches vielleicht die
Einsamkeit nicht tragen, oder unsere Lebensweise nicht lieben würde. Doch
zitterte ich oft wenn wir bei einzelnen kleinen Anlagen vorbei kamen, wo mehrere
Leute arbeiteten, und Emilie nachdenkend hinblickte. Die Idee, ach vielleicht
fühlt sie nun, dass wir nicht so glücklich sein werden, Menschen um uns zu haben,
und verbirgt ihre Unruhe vor mir, wie ich mein Entzücken über die unbewohnten
Ebenen, Wälder und unbeschifften Flüsse. Ich webte in unsere Entwürfe oft den
Gedanken: Es freue mich eine Probe der gänzlichen Einsamkeit zu machen, die Zeit
gehe schnell, und die Fischer, welche uns nach der Insel führten, würden uns
besuchen, und könnten uns wieder zurück nehmen. Unter dem Ausbruche des
Entusiasmus für Grösse und Schönheit der Natur, machte ich die holde Emilie
aufmerksam auf die Scenen, an welchen wir vorüber kamen, wenn hier und da ein
Blick von ihr in das Dunkle dichter Wälder hinschauderte, und das Aufbrechen und
Fliehen wilder Tiere Emilien erschütterten, und den Gedanken in mir rege
machten: wohin führst du sie? so nahm ich meine Zuflucht zu ihrer innigen Liebe
für mich, und zu ihrer Religion, drückte sie an mich und sagte:
    Emilie! wie prachtvoll, stark und innig verbunden ist alles, wie es aus der
Hand Gottes kam, wenn Menschen noch nichts verdorben haben! Ach, da freuete sie
sich der ungeheuren Wälder der Gegend am Ontaria, der Wasserfälle in den
Strömen, und lächelte, wenn der Knall der Peitschen unserer Fuhrleute die
Indischen Hühner scheu und von den Bäumen abflattern machten: die grossen Flüge
der Zugtauben ergötzten sie. - Endlich waren wir bei den Fischern und ihren
Hütten. Es schauderte mir in meiner Seele, aber ich wollte nicht zurück, Emilie
bebte, bei dem Erheben der Blicke über den See hin, nach der Insel. Ich fasste
mich, umarmte sie und sagte: Gott sei Dank, wir sind gesund hier, und die Sonne
unsers Schöpfers beleuchtet den uns bestimmten Wohnplatz recht freundlich. Mit
sanfter Freude sagte sie: Es ist ja auch unsers Gottes Erde, wie die Gegenden,
wo wir bisher lebten. Die Fischer waren äusserst rechschafne Leute, bei denen wir
den ersten Abend blieben, den andern Morgen waren bei unserm Erwachen unsere
Fuhrleute schon weg, und ein Teil unserer Habe auch schon nach der Insel
abgefahren. Wir assen Mittags noch von ihren guten Fischen, und wurden dann auch
gelandet. - Aber den ersten Moment kann ich nicht beschreiben. Ich weiss es
nicht, ich hob Emilien aus dem Kahne. Sie, die mich auf der Reise nach Amerika
und auf der nach dem See Oneida leicht wie ein Vogel dünkte, schien mir wie
Himmel und Erde auf mir zu wägen, beinahe taumelte ich, Emilie bemerkte es, und
bewundern Sie, mein Freund! die Gegenwart ihres Geistes und ihrer Liebe, indem
sie ausrief: Carl, hab Sorge! oder willst du Besitz nehmen, wie Cäsar von
Brittanien. Dies weckte meinen Mut. Ich stellte sie nieder, blickte sie und den
Himmel an, konnte aber nicht reden. Sie fasste meine Hand, und folgte mit ihrem
Auge meinen Blicken, sagte dann: du betetest diesen Moment für mich, Gott erhöre
dich, und segne uns beide. Ich drückte sie an meine Brust, sie küsste mich und
sagte mit unaussprechlicher Sanftmut: Carl! lächle mich an, alles lächelt auf
diesem Platze; indem sie mit Heiterkeit und der ihr eigenen Grazie sich überall
umsah.
    Der Landungsplatz war in der Tat schön, aber ich sah und fühlte es nicht
sobald, als der holde Engel, welcher mich durch Gottes Fügung begleitete. Nun
hatten die vier Fischer beinahe alles ausgeladen, und Emilie ermunterte mich
ihnen zu helfen. Ich will, setzte sie hinzu, indessen die Stelle zu unserer
Hütte suchen. Wirklich entfernte sie sich, meine Blicke folgten ihr, sie sank
neben einem Gebüsche auf ihre Kniee, und erhob ihre Arme flehend zum Himmel,
stand aber schnell wieder auf, drängte sich zwischen einigen Bäumen durch, und
rief laut: O, welch ein schöner Platz! -
    Sie war 19 Jahre alt, wahre Gehülfin meines Lebens; denn Sie fühlen selbst,
dass ihre Heiterkeit und ihre Zufriedenheit mich unterstützten, so wie die
Arbeiten mich zerstreuten. Staunend bemerkte ich, dass schon viele Balken auf
einem Platze lagen, und hörte von den Fischern, dass sie ein Loghouse am Ufer
hätten bauen wollen, aber dem Quaker alles verkauft hätten, ich möchte nur bald
einen Platz wählen, weil sie nicht länger als zwei Tage von ihrer Arbeit und
ihren Gefährten entfernt bleiben könnten. Emilie wählte wirklich den Platz, wo
Sie unsre Hütte fanden, weil der Boden eine sanfte Erhöhung hatte. Wir
arbeiteten vereint an ihrem Baue; es geht auch mit Errichtung dieser Häuser, wie
Sie bei den Colonisten sehen, sehr schnell. Emilie war es, welche bat, die zwei
Accacien-Bäume neben dem Eingange der Hütte stehen zu lassen, indem sie mir
zugleich liebreich sagte: diese Bäume machen unsere Wohnung zum Sinnbilde des
Tempels von Philemon und Baucis.
    In diesem Moment wurde sie für das süsse Vergnügen belohnt, welches diese
schöne Idee mir gegeben hatte; denn die Fischer stellten einen Korb mit Hühnern
neben ihr nieder. Ihr Entzücken über diese unverhoffte Freude durchdrang mein
Herz. Die Erbin einer Herrschaft hatte nun kein Eigentum mehr, als einen
Hühnerkorb, welchen ein guter alter Quaker ihr zum Hausgeschenk in die Einöde
bestimmte. Die Fischer sagten, er hätte auch zwei Ziegen geschickt, aber die
trächtige sei gestorben, weil sie übertrieben wurde. Emilie wurde bis zu Tränen
gerührt, sah gen Himmel, und rief mit dem Anedrucke des innigsten Schmerzes:
    Auch hier noch Verlust! lehnte sich auf meinen Arm, ich umfasste sie mit
einem unaussprechlichem Gefühl innern Jammers, sie sah ihn über meine Züge
verbreitet, küsste mich lächelnd, und sagte: sei ruhig, Carl! wir haben Eyer, da
kann ich lait de Poule1 machen; aber es war schön von dem guten Vater John, dass
er seine Kinder mit Milch und Eyer versorgen wollte. Nun gab sie den Hühnern
Brod von unserm Vorrate, streichelte sie, küsste sie, legte gebratene Fische,
welche in einem Napf lagen, auf einen Balken, um an die See zu laufen, und
Wasser für ihre Hühner zu holen. Ich segnete den Quaker für diese Freude des
besten, edelsten Geschöpfs, aber der Verlust der Ziege quälte mich, weil Emilie
so gerne Milch ass; es war mir trauriger, als die Einsamkeit. Denken Sie, wie
tief Emiliens Ausruf, auch hier noch Verlust! meine Seele erschütterte. Ich sah
auch um mich, und dachte empört: auch hier noch Schläge des Schicksals! Warum?
fragte ein erbitterter Blick, den über mir fliessenden Himmel. Sie haben gewiss
mit Achtung bemerkt, wie schnell Emilie ihre Trauer-Gefühle überwand, aber
dieses schärfte nun die, welche mein Herz durchschnitten. Ich hatte eifrig an
dem Bau meiner Hütte geholfen, eilte aber zu Emilien, nahm ihre Hand, und
beschwor sie, mir zu sagen, ob sie nicht lieber zurück wollte, da wir einen so
schlimmen Anfang unsers Verhängnisses gesehen hätten.
    Nein Carl! sagte sie schnell, nein, wir bleiben, Gott wird für uns sorgen,
und auf die vor uns liegenden Kisten und Fässchen blickend, setzte sie hinzu:
Sieh, wie reich wir sind! und auf die prächtigen Bäume deutend, wie schön ist
die Natur. Wir wollen bleiben. Wir sind uns genug. Nun war sie heiter, ordnete
unser weniges Küchengerät zusammen, ich half das Haus beendigen, das am zweiten
Morgen bis zu der Decke fertig war. Die Fischer hatten zwei Bären- und einige
Bieberfelle mitgebracht, um darauf zu schlafen, ein kleines Segel wurde an zwei
Stöcken aufgehängt, um Emilien und mich wie mit einem Zelte zu decken. Schönere
Witterung sah ich nie: bessere Menschen als unsere Fischer auch nicht. Den
andern Tag halfen zwei Männer meine Türen und Fensterladen im Rauhen machen,
zwei andre fällten Bäume, nahe bei einer Art Wiese, um den Platz zu Feldern
etwas zu vergrössern; sie lehrten mich vieles von ihren Handvorteilen. Zwei von
ihnen gingen den Abend bei schönem Mondschein mit einem Kahn zurück, die zwei
andern lehrten mich die Lücken zwischen den Balken mit Moos ausstopfen, und die
Wände im Winter mit Bieberfellen verwahren. Da mein Dach gut gedeckt war,
verschob ich die bessere Arbeit für das Innere, auf die Regentage für mich.
Emilie raufte alle Tage Moos, und breitete es zum Trocknen auf einen leeren
Platze in die Sonne. Wir fragten die Leute nach den Indianern, die jenseits des
See's wohnten, und hörten, dass wir nichts von ihnen zu befürchten hätten, da sie
wenig an Zahl, und ein sehr gutes Volk wären, das sein Wort immer heilig halte,
und nie ein abgegebenes Land beträten. Ich fand dieses auch ganz war, denn nie
habe ich einen auf der Insel gesehen, aber was uns unendlich schmerzte, auch nie
mehr einen von unsern Fischern, nie bekamen wir Nachricht von unserm Vater John,
als von Hrn. Vandek die von seinem Tode, den wir herzlich beweinten, und nur
hofften, dass er durch unsre Fuhrleute und die Fischer, die zwei kleinen Briefe
erhielt, welche wir ihm schrieben. Den letzten halben Tag halfen mir die zwei
guten Fischer noch mein erstes Feld ein wenig umgraben, und versprachen heilig
das kommende Jahr uns zu besuchen, und neuen Vorrat Oehl, Salz und geräuchert
Fleisch zu bringen, weil ich bis zu meiner eignen Erndte, Bohnen, Mais und
Buchweizen genug hätte. Das Ordnen dieses Vorrats in Kisten, in welchen unsere
Habe von Philadelphia kam, das Aufstellen der Bücher und des Arbeitzeugs;
Emiliens Säubern und Ordnen des blechernen und eisernen Küchen-Gerätes,
erfüllte die ersten Tage, nachdem uns die Fischer verlassen hatten. Wir
verbargen unter unsere Schlafstätte das Wenige, so wir noch an Kostbarkeiten und
letztes Hülfsmittel für künftige Zeiten aufhoben, legten das wenige Gute von
Weisszeug und Kleidungsstücken auch zurück, selbst die Schue, indem wir von
niemand gesehen, uns gewöhnten nur ein Stück Leder um unsere Füsse zu binden. Mir
als Officier, war in Vergleich eines Zeltes, mein Loghouse ein Pallast, und
wenig Hausgeräte war mir auch genug: wir mussten wohl genügsam sein, da wir erst
gegen Ende des vierten Jahres, durch den Entwurf des Anbaues einer Stadt, wieder
Umgang mit Menschen und wieder Hülfe nebst Darreichung ehemals gewohnten
Genusses erhalten haben.«
Dieser Auszug von Wattines Geschichte und Denkart, machte mich nun begierig auf
die in der nehmlichen Zeit bei seiner Frau erschienenen Äusserungen, nachdem die
Fischer abgereist, und die zwei Unglücklichen ganz allein waren. Mir graute vor
den Moment ihrer gänzlichen Abgeschiedenheit von allen andern Menschen, und
durchblätterte die Noten der Frau Vandek mit erneuetem Eifer, und
Aufmerksamkeit; da fand ich zu meiner Freude Emilien über den ersten einsamen
Abend redend.
    »Wattines führte mich auf den Teil der Insel, der nicht weit von unserer
Hütte an das Ufer des See's leitet, und zugleich zwischen den Bäumen hin einen
grossen Waldplatz neben unsern Feldern zeigt, von welchem er mir erst, da wir auf
dem vesten Lande mit Ihnen lebten, sagte, dass er ihn oft mit Sorge betrachtet
habe, weil es bei dem üppigen Wuchse aller Bäume und Gesträuche der Insel nicht
natürlich war, dass die Natur eine solche grosse Stelle ohne grosse Gewächse
gelassen habe; sondern er war überzeugt, dass ehemals die Indier hier Feste
hielten, oder bei ihren Jagden auf der Insel öfters Feuer da hatten und
Strauchwurzeln nebst Bäumen ausgerottet wurden. Da die Fischer uns beruhigten,
sagte er mir nichts von seinen Vermutungen über diesen mir so schön dünkenden
Wiesengrund. Mein Herz dankt ihm heute noch dafür; denn was würde mein Leben
geworden sein, wenn ich den schönen Rasen mit dieser Vorstellung und dem
Gedanken betrachtet hätte: die Wilden können wiederkommen.
    O, wie gütig ist die Vorsicht, wie sehr sind es die Menschen, welche uns
traurige Aussichten decken! Ich ging über dieses feine Gras sehr vergnügt an
Wattines Seite nach der schönen Aussicht hin, wo er mich die ganze, von der
Abendsonne beleuchtete Gegend, betrachten machte, mich dann umarmte, und nachdem
er seine schönen Augen mit einem flehenden Blicke zum Himmel erhoben hatte,
sagte er feierlich:
    Emilie! nun sind wir hier auf diesem fernen Teil von unsers Gottes Erde
ganz allein, aber weit von den Barbaren, die uns unschuldige Nachkömmlinge
unserer von ihren Vorfahren verehrten Eltern, dem Tode und der Armut weihten:
hier von Einsamkeit, Ruhe und Bäumen umgeben, weit von Unrecht und Bosheit, die
unsere Verwandten mordete, und uns beraubte. Von schöner, fruchtbarer Erde
aufgenommen, leben wir hier allein vor Gottes Augen, seinen Himmel über uns, mit
deiner Tugend und unserer Liebe. - Emilie! erinnerst du dich noch, mit welchem
Vergnügen du die Versicherung hörtest, meine erste Liebe zu sein, und wie
entzückt ich war, dass noch kein anderer Mann jemals den geringsten Anteil an
dein Herz erhalten hatte: und unser guter Vetter, welcher noch glücklich vor der
Revoluzion starb, bei dem Feste unserer Verlobung, auf dem Landgute deines
Vaters, uns das schöne Bild der Liebe von St. Pierres Feder zueignete?
    Kennen Sie es? fragte Emilie Frau Vandek, als diese mit nein antwortete,
sagte Emilie mit Erröten; O lassen Sie mich dieses schöne Stück von einem
Lieblings-Schriftsteller meines Wattines Ihnen vorlesen, weil, dem Schicksal sei
Dank, noch jede Zeile Wahrheit für uns ist. -
    St. Pierre: In dem Alter der Liebe entwickeln sich alle edle Gefühle,
Unschuld, Aufrichtigkeit, Grossmut, Sittsamkeit, Heldenmut und Frömmigkeit,
zeigen sich in unauslöschlicher Anmut in der Stellung und den Zügen zweier
jungen Liebenden; denn die Liebe nimmt in ihren Seelen den Character der Tugend
und Religion an. Sie fliehen die lärmende Gesellschaft der Städte, und suchen
auf einer einsamen Stelle des Feldes einen ländlichen Altar, um sich ewige Liebe
zu schwören. Wasserquellen, der Aufgang der Sonne, der gestirnte Himmel hören
ihre Gelübde. Oft sehen sie sich für göttliche Wesen an, das Gras, worauf sie
treten, die Luft, welche sie atmen, die Schatten, unter welchen sie ruhen,
dünken sie durch ihre Gegenwart geheiligt. - Sie sehen in der ganzen Welt kein
grösseres Glück, als mit einander zu leben und zu sterben; werden sie getrennt,
so können weder die Hoffnungen des Reichtums, noch Freundschaft sie trösten.
Sie haben Seligkeit kennen lernen, und schmachten nun auf der Erde, schliessen
sich aus Verzweiflung in Klöster, um von Gott die Hoffnung der Wiedervereinigung
zu erbitten.
    Emilie! setzte er hinzu, wir leben, wir sind vereint, wir wellen mit
vereintem Geiste und Herzen ihn wahr machen, den schönen Traum alter und neuer
Dichter: glücklich zu sein, in Einsamkeit durch Liebe. Er umarmte mich dann und
sagte zärtlich: ich will arbeiten, das Feld umgraben, du, indem er meine rechte
Hand fasste, wirst mit dieser Hand, die das Glück meines Herzens versicherte, den
Saamen einstreuen, Engel und Heilige werden es sehen, und Gott mit uns um
Gedeihen bitten. Ich drückte seine Hand gerührt an meine Brust, und sah wirklich
mit innerm Gebete nach Gott in die Höhe. Wattines sprach fort: ich will nun
unsere Hütte ordentlich ausbauen, Fische zu fangen suchen, auf die Wandertauben
lauschen, und Achtung geben, ob nicht auch etwas Wild in den tiefern Gebüschen
lebt. Morgens mache ich Feuer und helfe dir unser kleines Mahl bereiten. Sind
wir ermüdet, stürmt es, und denken wir zurück an Genuss und glückliche
europäische, im schönen Flandern unter liebreichen Verwandten verlebte Tage, da
werden wir dieser Erinnerung eine Träne weihen, aber auch sagen: ach, die
besten, die liebsten dieser Verwandten sind nicht mehr, sind ermordet, die
andern flüchtig, unglücklich wie wir. Sie können uns, wir ihnen nicht helfen,
und hier sind wir doch weit von unsern Feinden, von den Boshaften und Fühllosen,
die uns alle unglücklich machten. Unsere Blicke treffen nur auf uns oder den von
Gott bewohnten Himmel und die friedliche Erde, die uns trägt und nährt.
    Ich umarmte meinen Wattines und sagte: Gott hat unsern Weg bis hieher
geleitet; diese völlige Abgeschiedenheit von allen Menschen, dünkt mich, stellt
uns noch näher, noch genauer vor sein allsehendes Auge; wir wollen auch, mein
Geliebter! hier diese Prüfungszeit so durchleben, als ob ein jeder Tag der
letzte sein könnte; in dieser Stimmung wird alles Ansehen und Vergnügen der Erde
gleichgültig betrachtet, ohne Wunsch und ohne Trauer daran gedacht, und nichts
erhält einen Wert, als moralische Gefühle gegen Gott, und das Bild von der
künftigen Welt. Wattines fand diese Ideen zu düster, und erwiederte:
    Nein Emilie! ich denke mich lieber in die Lage unserer ersten Eltern, welche
aus dem Paradiese wandern und allein wohnen mussten: wo noch kein andres Wesen
ihrer Art lebte, und Eva, nicht so ruhig, nicht mit so unschuldsvollem Herzen
auf Adam blicken konnte, als meine Emilie auf mich.
    Er verlängerte den Spatziergang mit Fleiss, um mich müde zu machen, aber es
erhob sich ein Wind, die Bäume flüsterten, die Wellen des See's rauschten, und
der Wiederschein des Mondes zitterte auf dem Wasser. Es wurde kühl, Wattines war
froh, dass ich dies alles noch im Freien hörte und fühlte, also das Geräusch
kenne, und nicht unruhig sein würde. Er führte mich nach unserer Hütte, wir
sahen auf unserm kleinen Wege eine Menge Leuchtkäferchen, welche mich, da ich
sie liebe, sehr freueten. Wir zündeten eine Lampe an, und schliefen diese vierte
Nacht auf der Insel allein, und das erstemal in der geordneten Schlafstelle
unserer Hütte. Das mitternächtliche Krähen unsers Hahns, war mir eine Art
tröstlicher Täuschung von Nachbarschaft und Idee von Hausfreunden. Wir erwachten
früh, hatten aber sehr wohl geschlafen, und fanden sehr gut, dass wir von
Philadelphia an, so viele abwechselnde Ruhestätten hatten, bis wir am Ende noch
zwei Bärenfellen auf der Erde, unter ein niedres Zelt von dem Segel der
Fischer-Barke krochen; nun also den Wert unserer Hütte, der Matratze und
Wolldecken mit Dankbarkeit fühlten - und, o wie glücklich machten mich zwei Eier
von unsern Hühnern, und ihr trauliches Zulaufen gegen mich! Ich bat Wattines,
ihnen doch sobald möglich einen kleinen Umfang anzuweisen, damit sie die Freude
haben möchten, Grünes zu fressen, ohne dass ich in Gefahr käme, sie zu verlieren.
Ich bin heute noch sicher, dass mein guter Mann eine ganz andre Arbeit vor hatte,
aber seine Güte überwog sein Nachdenken, und mein Hühner-Hof wurde besorgt. Ich
half kleine Breter herbeitragen, holte Nägel, hielt die Aeste des Gesträuchs,
welches Wattines umbiegen und einflechten wollte; aber ich muss bekennen, sagte
sie halb lächelnd, dass ich damals noch Handschuhe anzog. Mein geliebter Carl
machte das alles so geschickt, und so schnell, dass ich ihn bewunderte, und mit
inniger Rührung seine Hände küsste, und nun an meinen Heerd ging, Feuer anmachte,
und zwei Wander-Tauben, welche die Fischer uns noch zurück gelassen hatten, zu
dämpfen Es geschah nicht ohne Tränen, dass ich mir selbst dankte, aus Liebe zu
meiner Amme, welche Küchenmagd bei meinen Eltern war, mich immer gern um sie
befand, selbst da ich 12 und 13 Jahre alt war. Wenn wir auf dem Lande wohnten,
mich oft in die Küche stahl, auch bei mancher Sache, die nicht schmutzig war,
mit arbeitete, und Freude hatte, etwas so gut zu machen, als Trinette.
    Wie weit war ich damals mit ganz Frankreich, und so viel tausend andern
Personen entfernt zu vermuten, dass dies, was wir uns zum Vergnügen, oder als
schöne Kunst bekannt machten, einst Erwerb zu Lebensmittel sein würde, und dass
ich, die meiner Milchschwester manchmal zum Scherz Vögel rupfen, oder in den
Zimmern eine Arbeit bei dem Aufräumen fertig machen half, mich tausend Meilen
von unserm Geburtsorte entfernt, ihrer erinnern, und sie in dem Grunde meiner
Seele glücklicher achten würde, als ich war. Gewiss, es flossen Tränen mit in
den Topf, in welchem ich die Tauben kochte, aber die Sorge, meinen Wattines
dadurch zu kränken, trocknete sie. Ich blieb auch etwas länger, als nötig war,
an meinem Herde, um jede Spur von Trauer verschwinden zu lassen, und lief nur
einen Augenblick zu Wattines, um zu fragen, ob ich ihm noch etwas helfen könnte?
als er nein sagte, kehrte ich schnell um, rang dann unter Beten und Seufzen nach
Heiterkeit. Einige Zeit nachher ruste mich mein teurer Carl und bat um etwas
Bindfaden, damit wir den Hühnern einige Schwungfedern zusammen binden könnten,
um sie am Fortfliegen zu hindern, und nun liessen wir sie auf ihrem angewiesenen
Spatziergange laufen. Wattines bat mich, zu beobachten, ob sie nicht irgend in
der Einzäunung durchzukommen suchten; er wolle nur noch ein wenig auf sein Feld
gehen. Meine erste Bemerkung, dass er schon früh eine andre Arbeit, als den
Hühnerhof vorhatte, und dieser Austrag, machten mich den Schauder überwinden,
der mir bei dem Gedanken ankam, dass ich nun ganz allein in der Hütte sein, und
selbst Wattines nicht sehen und hören würde. Er eilte mir nach in die Hütte, wo
ich meine Bewegung verbergen wollte, er aber seinen Spaten und Rechen holte,
liebevoll zu mir an den Herd kam und fragte, was ich kochte? ich den Topf
aufdeckte und traurig sagte:
    Carl! nur eine Speise - und einen Kuss, antwortete er, mich innig an seine
Brust schliessend und forteilend. Ich sah ihm nach, bis er zwischen den Bäumen
weg war, da fiel ich auf meine Knie, weinte, konnte nichts anders zu Gott sagen,
als: O, Ewiger! erhalte ihn, und stärke mich.
    Diese wenigen Worte wurden gesegnet, denn ich fühlte mich durch diese
Gedanken gestärkt und selbst ermuntert: ich nahm mir vor, den Topf mit den gar
gekochten Tauben in ein Tuch zu binden, auf den umgewandten Deckel einen Teller,
das Messerzeug und Brod zu legen, in die andre Hand aber die noch übrige Flasche
Sprossbier zu nehmen, und so mit einem Strohhut auf dem Kopfe, wie eine gute
Landfrau ihrem Manne das Essen auf den Acker zu bringen. Ich gewann dabei eine
doppelte Freude; denn schon der Entwurf verscheuchte meine Furcht des
Alleinseins, und jeder Schritt näherte mich meinem Manne. O, wie war der gute
Wattines gerührt und erstaunt, wie warf er den Spaten von sich, mir entgegen zu
eilen, wie träufelten Tränen der Freude über meine Heiterkeit von seinen
Wangen. Emilie! Engel Emilie! rief er, o wie edel verschönerst du mein Leben,
wie rührst, wie lohnst du mich!
    Er war sehr rot und erhitzt, und bekannte, dass er mich ängstlich dachte,
deswegen um so eifriger arbeitete, weil das Feld morgen angesäet werden müsse,
und er mich nicht länger allein lassen wollte, als bis die die Stunde des
Mittagsessens gekommen sein würde. Wir assen sehr vergnügt unter den Bäumen, auf
der Stelle, wo Wattines nachher die Mosbank errichtete, und die schönen
Gichtrosen dabei pflanzte, weil er wusste, dass ich sie liebe. - Als er sich
wieder nach seiner Arbeit umsah, wollte ich meinen Mut auf die Probe stellen
und sagte, dass ich unterdessen unser Ess- und Trinkgefässe nach Hause tragen und
reine machen wollte. Mein Carl lächelte mit trauervoller Zärtlichkeit mich an,
und ich erinnerte mich glücklicher Weise an ein kleines Duett, aus der Operette:
Suson et Colin, und fieng an es zu singen. Er antwortete mir, und ich eilte weg,
weil mich seine Stimme etwas zitternd dünkte: auch als ich um den Busch unserer
schönen Magnolia herum war, und über das untre Gesträuch nach ihm hinsah,
erblickte ich ihn, seine Arme über der Brust gekreutzt, den Spaten an sich
drückend, Kopf und Augen zum Himmel erhoben. Er betete. Innig vereinte sich mein
Herz mit ihm, und mit desto weniger Furcht setzte ich meinen Weg fort, dachte
auch da an Trinette, die oft in der Nacht allein eine halbe Stunde Wegs nach
Hause gehen musste, und bat Gott, da er das Schicksal meines Lebens, zu den Beruf
einer Bäurin geführt habe, mir auch alle Tugenden dieses Standes zu geben; wie
ich ihn ehemals eben so aufrichtig um die Gabe der Verdienste meiner Geburt und
meiner Aussichten gebeten hätte. Ich räumte unsere Hütte sehr nett auf, wie ich
es auf unserer Reise nach der Insel, in englischen kleinen Pachtäusern gesehen
hatte, suchte Waldblumen, setzte sie in einem unserer kleinen, aber neu noch
recht hübschen Koch-Töpfen auf den Tisch, und kam dann zu Wattines zurück.
Dieser wurde mit seiner Tagarbeit bald fertig: es war noch sehr hell, und
Wattines wollte einen andern Weg zu der Hütte zurück nehmen. Er hatte sein
grosses Gartenmesser und eine Hacke bei sich hatte, um niedres Gesträuch
abzuschneiden, und an Bäumen einen Span einzuhauen, um unsern Weg zu zeichnen,
und wieder zu erkennen. Wir fanden eine Menge Tymian und blühendes Heidekraut,
welches uns Hoffnung gab, ganz gewiss auch Bienen zu finden, welche Wattines
aufsuchen wollte, sobald sein ganzes Feld bestellt sein würde. Ich suchte nach
wildem Sauerampfer, und traf welchen. Mein Mann schnitt davon und zeichnete die
Stellen durch Niederbiegen der umherstehenden Pflanzen. Sauerling oder Epine
vinette fand sich in Menge, nebst Erdbeeren, so uns beide freueten; denn die
ersten konnten kühlendes Getränke geben, und die zweiten uns in Sommertagen
erquicken. Wir kehrten von diesem Besuche unserer Insel vergnügt zurück, assen
unsere kalten Fische, und mit sparsamen Bissen von unserer gesalznen Butter. -
Wattines sagte: ich wünschte wohl zu wissen, ob sich einer unserer Pächter in
Europa und seine Frau jemals einen so deutlichen Begriff von unserm Wohlstande
machten, als wir uns jetzo ihre Gefühle bei Arbeit und Entbehren vorzustellen
gelernt haben. Ich wollte weder für mich, noch Wattines, bei der traurigen Seite
dieser Betrachtung verweilen, sondern antwortete: dass die Pächter meiner Eltern
oft mit eben der Ergebung, welche wir jetzo übten, unsere Wohnung, Speisen und
Geräte, als nach Gottes Willen verordnete Verschiedenheit angesehen hätten, und
ich überzeugt wäre, meine Milchschwester Trinette und ihr Mann würden uns
bedauern, und gerne arbeiten helfen. Wattines sagte: er sei auch davon
versichert, und setzte hinzu: Gott gebe uns nur, was der Pächter sich als das
beste wünscht, Gesundheit, und mir, sagte ich: erfülle er den schönen Traum von
Philemon und Baucis. So floss uns dieser Tag zu Ende: wir gewöhnten uns an frühes
Schlafengehen und Aufstehen.
    Die Obstbäume mussten in die Erde, alles was zu pflanzen war, besorgte der
liebe gute Mann so eifrig, so gut, wie es heute noch zu sehen ist. Er suchte
auch Wild auf, aber ich liebte es nicht, wenn er auf der Seite gegen die Indier
jagte, weil ich besorgte, es möchte sie reizen zu uns herüber zu kommen. Die
Einteilung unserer Arbeit schaffte uns Zeit, alle Tage einen andern Teil
unserer Insel zu besuchen, und bald kamen wir unvermerkt an eine, etwas mehr als
alle andre, erhöhte Stelle, von welcher noch nicht lange ein Teil in den See
gesunken zu sein schien, weil das abgebrochene Stück noch gar nicht bewachsen,
und auch nicht von Schlamm bedeckt war, aber eine grosse Menge weisse und schwarze
süsse Wassermuscheln aufgehäuft da lagen. Während mein nachdenkender Wattines
welche auffasste und losbrach, sie betrachtete und nachsann, wie diese Menge
ausgewachsener lehrer Muscheln hieher gekommen sein möchten, da bemerkte ich
glücklicher Weise, dass das Wasser kleiner Wellen, welche eine leichte Bewegung
des See's anspülen machte, bei dem Zurückweichen über die Müschelchen herunter
träufelte, und in diesem Moment kleine niedliche Cascaden bildeten, die ich mit
dem grössten Vergnügen betrachtete, aber wenige Minuten nachher sagte: ach warum
haben wir keinen solchen Grund bei Erbauung unserer Hütte getroffen? der Regen,
welcher an dem Fuss der Balken anschlägt, würde schneller abgelaufen sein, und
unsere Wohnung mehr Schutz gegen die Feuchtigkeit der Herbsttage haben.
    Wattines gab mir Recht, setzte aber hinzu, die Sache könnte noch gut werden,
wenn er so glücklich wäre, etwas Ton zu finden, so wollte er davon eine zwei
Schuh hohe schräge Einfassung um die Hütte machen, und diese mit Stücken dieser
Muschelerde bedecken, wodurch ein doppelter Vorteil entstehen würde, weil Ton
kein Wasser durchlasse, und die schiefe Lage der mit Muscheln besetzten Lambris
den schnellen Abfluss des Regens befördern würde. - O, sagte ich lebhaft, mein
lieber! diese Muschelarbeit will ich machen, wie ich in Flandern die Wände einer
kleinen Gartenhöhle besetzt sah; möchtest du nur Ton genug finden, dann will
ich unserm Hause eine schöne Lambris geben. Meines guten Carls Auge ruhte,
während ich sprach, mit der zärtlichsten Liebe auf meinen Zügen. Er lobte mein
Gedächtnis, und nannte meine Aufmerksamkeit auf die Arbeit in dieser Grotte,
einen Geist der Ahndung, der mich so lange voraus, so vieles bemerken machte,
das mir nun in unserer Einsiedelei dienen könnte. - Die Vandek vereinten hier
ihre Betrachtungen über den Zufall und die Verdienste der Aufmerksamkeit, welche
mit den Bedürfnissen des Lebens verbunden, alle Künste und Entdeckungen
erzeugten. Wenige Tage nach diesem, fuhr Emilie fort, als ich wirklich nach
Wattines Anweisung allerlei Saamen in die von ihm bereiteten Felder eingestreuet
hatte, welche er mit dem Rechen zudeckte, und ich zusah, erinnerte ich mich an
den schönen Wunsch des englischen Dichters Tomson, den ich nur noch in der
Uebersetzung kannte, aber meine ganze Seele betete mit ihm, wie ehemals für die
Feldarbeit unserer Pächter.
    Himmel, sei gnädig! denn jetzt hat der Mann, der zu der Arbeit gewöhnt ist,
seine Pflichten getan. Haucht pflegende Lüfte! steigt nieder nährende Tropfen
des Taues, ihr gelinden Güsse des Regens! Mildre du alles, du diese Welt
belebende Sonne, zum vollkommen Jahre! - Wattines näherte sich mir in diesem
Augenblicke, er hatte bemerkt, dass ich gerührt ihm nachsah, bis an das Ende des
Feldes. Er umarmte mich und sagte: Nun haben wir der Erde die Hoffnung einer
Erndte vertraut, für welche Gott sorgen wird. Heiter, um das Aussehen meines
Tiefsinns zu zerstreuen, setzte er hinzu: wir wollen heute noch etwas tun, und
einen Platz zum Fischen suchen, vielleicht können wir dann mehrere fangen, und
für den Winter auftrocknen. Dieser Platz war nicht schwer zu finden, und neben
diesem entdeckte Wattines eine Stelle zum Baden, welche durch eine Art Sanddüne
von dem Fischplatz abgesondert war. Die erste Stunde fieng er schon Fische, und
versuchte zu baden, wozu er mich auch ermunterte, indem es gut sein würde, durch
das von der Sonne erwärmte Wasser den Staub abzuwaschen, welchen wir bei dem
Säen und Einrechen des Saamens gesammelt hätten. Ich folgte ihm, und fand in
Wahrheit ein grosses Vergnügen bei dem Herumplätschern in der kleinen Bucht des
Cristal klaren See's und so reinen Sandes: Wattines machte sich weiter, bis er
Wasser genug zum Schwimmen bekam, wo er sich dann hin und her wand, bei meinem
Rufen zurück zu kommen, mich neckte und zu sich bat. Ich wagte so weit ich gehen
konnte, mich ihm zu nähern, doch als das Wasser bis an meine Arme kam, dünkte es
mich, empor gehoben zu werden, ich rufte Wattines zu Hülfe, er kam, und hegte
den Wunsch, dass ich schwimmen lernen möchte: es gefiel mir, und er überzeugte
mich, dass alle Menschen schwimmen könnten, sobald ihre Furcht überwunden sei.
Ich fasste also auch Mut, und da ich beinahe jeden Abend an warmen Tagen
Unterricht bekam, so erhielt ich auch bald das Zeugnis, eine Meisterin zu
werden. Auf diese Weise waren die Abende schön, aber die Tage nicht so, denn
Wattines suchte Bienen und Ton, da musste ich lernen allein sein, indem es nicht
möglich war, meinen Mann zu begleiten. Er ging mit Aufgang der Sonne weg, und
kam nur spät wieder, und da er eine Art matematischer Beobachtungen mit diesem
Bienensuchen verbinden musste, wollte er auch ungestört seine ganze
Aufmerksamkeit dazu verwenden, indem er diese Art zu verfahren nie gesehen, also
nur nach der Beschreibung einen Versuch machte.
    Dieser Teil von Emiliens Erzählung war mir so wert geworden, dass ich
diesen Bienenfang zu kennen wünschte, ob wir es schon in unserm Europa nicht
nötig haben, so dünkt es mich den guten Menschen schätzbar zu wissen, wie andre
weniger Glückliche Schwierigkeiten überwinden, etwas zu erhalten, was er so
leicht und so nahe hat; wie die Bewohner des Fürstentums Zelle ihren
Bienenstadt auf der Lüneburger Heide. Ein amerikanischer Landmann lehrte
Wattines Waldbienen suchen; dazu gehörte ein Gläschen Honig, ein Compass,
Feuerzeug, einige platte Steine, gelbes Wachs und Carmin, nebst einem Stock mit
etwas schwerem Knopfe von Eisen oder Metall. Mit diesen Werkzeugen gerüstet, und
eine gute Flinte dabei, geht man in den Teil des Waldes, welcher am weitesten
von Dörfern entfernt ist, sucht nach den grossen Bäumen, klopft mit dem
Stockknopf an die obern Teile, und starke Aeste des Baumes, und horcht ob sie
nicht hohl lauten. Sobald man vermutet, dass irgendwo Bienen sind, so macht man
auf einem der platten Steine ein kleines Feuer, in welchem man etwas Wachs
schmelzen lässt, auf einem andern dieser Steine, lässt man einige Tropfen Honig
fallen, und streut rings um diese von dem Carmin. Sobald nun die Bienen den
Wachsgeruch bemerken, fühlen sie auch durch Instinkt, dass Honig dabei ist, und
fliegen zu. Die, welche von dem Honig kosten, färben sich an dem Carmin rot,
und da sie ihre gefundene Beute sogleich nach ihren Zellen tragen, kommen sie
mit mehreren ihrer Freundinnen zurück. Der Jäger kennt die ersten an dem rot
gefärbten Kleide, und da er mit seinem Compas die Richtung ihres Fluges, und an
seiner Uhr die Zeit beobachtet, welche sie zum Hin- und Herfliegen nötig
hatten, indem diese Tierchen immer den geraden Weg nehmen, so folgt er ihnen
nach, und betrachtet im Gehen jeden Baum; denn da der Wachsgeruch alle
Bienen-Familien rejetzt, so ist auch leicht die Unruhe bei ihren Wohnungen zu
bemerken, mit welcher sie nach Raub fliegen. Nun werden die Bäume und der Weg zu
ihnen bezeichnet, die hohlen Aeste sorgsam abgenommen, und bei den Bauerhöfen in
Sicherheit gestellt; wodurch sie ihre Bienenzucht anlegen.
    Meine Freunde können sich nicht vorstellen, mit welchem Vergnügen ich von
dieser Bienenjagd sprechen hörte, und wie eifrig ich mich verband, mit
auszugehen. Indessen sagte die Fortsetzung von Emiliens Geschichte sehr artig:
    Wattines und ich waren da sehr verschieden beschäftigt. Er bahnte sich einen
Weg durch verwachsene Gebüsche, um bald zu Bäumen vorzudringen, wo er Bienen zu
finden hoffte, und ich kämpfte zu Hause mit meiner Angst allein zu sein, und mit
meiner Sorge um ihn. Ich musste also in meinem Geiste eben soviel Vorurteil und
weibliche Schwäche auf die Seite räumen, als Wattines verwirrte Gesträuche im
Walde. Es glückte uns beiden. Er fand Honig, und ich, ruhiges Vertrauen auf den
Himmel und die Natur. Heute noch achte ich die Stunde als eine der glücklichsten
meines Lebens auf der Insel, in welcher ich nach überwundenen Tränen und
schmerzvoller Erinnerungen mir sagte:
    Ach! wenn ich mein Nachdenken immer an die Bilder dessen verwenden will, was
ich in Europa war, hatte und genoss, so vermehre ich das kummervolle Gefühl des
Mangels, und verschwende meine Kräfte im Streiten gegen Wolken und
Unmöglichkeit. Gott hat zugelassen, dass mein Verhängnis mich hieher führte. Er
sah, wie ich in glücklichen Tagen ihm nach der Anleitung der besten Mutter für
alles Gute, und auch für die Fähigkeit es zu geniessen dankte: ich will nun hier
biegsam unter seiner mich prüfenden Hand das Gute aufsuchen, welches diese Insel
von ihm erhielt, und mir darbietet. Ich will die Lehren der heiligen Religion
ausüben, will ihm eine folgsame Schülerin des Christentums in mir zeigen, will
seinen Schutz und seine Fürsorge, neben der Beruhigung meines Geistes dadurch
verdienen, und meine erhaltene Erziehung, nebst der Aufmerksamkeit, welche ich
immer auf alles hatte, dazu anwenden, alle Verstandes- und Leibeskräfte mit
europäischer Geschicklichkeit vereint, aufzubieten, unser beschwerliches Leben
zu erleichtern und angenehm zu machen.
    O wie süss, wie erquickend waren die Gefühle meines Herzens, als ich nach
diesem Selbstgespräche aus unserer Hütte heraustrat, und mir laut sagte: Gott!
der Allgegenwärtige, sieht mich in der einsamen Hütte, und hier auf dem einsamen
Felde. Nach diesem Gedanken ging ich den Abend mutig den Weg hin, meinen
Wattines entgegen, welchen ich nahe an dem Ende seiner umgearbeiteten Felder,
voll Freude mit einem Stück Wachswawe in der Hand antraf. Wir vereinten unsre
Tränen des Danks. Ich erzählte ihm meine gefasste Entschliessung: er umarmte mich
äusserst gerührt, sank auf seine Knie, bat Gott um Leben, Trost und Glück für
mich, um Stärke und Weisheit für sich selbst, um für mich zu sorgen, und meine
Liebe zu lohnen. Ich war neben ihn gekniet, konnte nicht reden, ich weinte und
mein Herz betete. Wattines stand zuerst auf, half mir und umfasste mich mit einem
Arme, erhob den andern und seine schönen Augen gegen den Himmel, und als ob er
einen Eid ablegte, sagte er:
    Ja ewiger Vater! du sollst auf deiner ganzen Erde keine bessere Kinder
sehen, als uns. Einige der letzten Stralen der sich unter die fernen Ufer des
See's senkenden Sonne, beleuchteten in diesem Moment seine Züge, unsere
vereinten Schatten erstreckten sich über die Felder hin, und alles das ward mir
sichtbares Zeichen von Beifall und Segen unsers Gottes. Von da an war
Resignation der Grund meines Wohls.
    Wattines sagte, als wir Abends von der Entdeckung des Bienenbaums sprachen,
dass gewiss kein Kaufmann von Amsterdam ein höheres Maass Freude empfinden könnte,
wenn ein für ihn beladenes Schiff aus Ostindien glücklich anlangte, als er bei
der Entdeckung eines kleinen Bienenschwarms, an der Höhle eines nicht gar hohen
Baums empfand. Wir mengten von dem Honig aus der Wawe unter unsern Abendtrank,
waren glücklich einen Ersatz des Sprossbiers vor uns zu sehen, und Wachs zu
Lichtern zu hoffen. Wattines musste mir versprechen, dass ich den wohltätigen
Bienenbaum bald besuchen sollte.
    Den zweiten Tag ging Wattines früh aus, um einige Fische zum Mittagsessen zu
fangen: Emilie dünkte ihm gegen ihre Gewohnheit mit seiner Abwesenheit
zufrieden. Er fand sie auch bei seiner Zurückkunft sehr heiter. Sie forderte ihn
auf, dass er die Fische schuppen helfe; weil sie bei dem guten Bäume zu Mittag
essen möchte, dann trug jedes einen Teil der Mahlzeit in den Wald. Emilie fand
den Weg schon gebahnt, weil der Mann schon zweimal hin und her gegangen war,
auch mehrere Bäume zum Fällen gezeichnet hatte. Er zeigte nun Emilien den so
werten Baum, und machte noch etwas Platz umher, damit sie sich zu ihrem Essen
setzen könnten. Emilie schien das Tuch öfnen zu wollen, in welchem sie ihre
kleine Last eingeknüpft gebracht hatte, bat aber Wattines, er möchte etwas
Wasser holen, weil sie dürstete. Er eilte hinweg, und fand bei seiner
Zurückkunft den Bienenbaum mit einem Gewinde von Löwenzahn, wilden roten
Nelken, weissen Blüten der Schaafgarben und mit schönen blauen Blumen
geschmückten Sauerampfer umgeben. Diese liebliche Idee entzückte ihn, weil sie
ihm Emiliens heitre Zufriedenheit anzeigte, indem sie ihm zugleich sagte: ich
konnte der guten Dryade, welche den Honig so wohl verwahrte, meinen Dank auf
keine andre Art beweisen. Wattines bekam auch einen Kranz, und sie sagte: dass
dieses die Arbeit sei, welche sie den Morgen während seiner kleinen Fischerei
gemacht hätte.
    Ihr einfaches Mittagsessen wurde dadurch unendlich angenehm, sie beredeten
sich dann über die Art den neuen Schwarm einzufangen, welches Wattines nach der
Vorschrift ausführte, und Emilie ihm getreu an der kleinen Schleife ziehen und
tragen half. Wenige Zeit nachher entdeckte er auch Ton. Emilie suchte Muscheln
und machte sie rein, dann kamen sie mit ihrem eisernen Kessel an einer Stange,
und trugen mehrere Tage scherzend und munter, bald eine Last Ton, bald eine von
Muscheln in die Nähe ihrer Hütte, zu einem hinreichenden Vorrat für ihre Arbeit
zusammen. Wattines besetzte nach seinen ersten Gedanken den Fuss der Hütte schräg
abwärts mit Ton, und half Emilien Vorteile finden, welche das Einsetzen und
Festmachen der Muscheln erleichterte.
    Da war es angenehm arbeiten, sagte sie, weil Wattines immer bei mir war, und
die Lambrisarbeit anordnete, welche Ihnen so wohl gefällt und auch mich sehr
freute, besonders da ich mich erinnerte, in einer Reisebeschreibung von der
Arbeit einer Engländerin gelesen zu haben, welche einst zwei Vasen von Kütt
machte, sie mit lauter kleinen Müschelchen von allen Gattungen besteckte, und in
den Ecken ihres Zimmers aufstellte. Diese Erfindung dachte ich, durch Urnen von
Ton nachzuahmen, und sie in einem dicht bewachsenen Teil des Wäldchens als
Denkmähler unserer geliebten Verstorbenen aufzustellen. Ich sagte es Wattines,
welcher diese Idee gut fand, und während er die Formen machte, und auf den
Platz, wo sie stehen bleiben sollten, festsetzte, sammelte ich Muscheln. Diese
Arbeit zerstreute mich, aber oft fühlte ich, dass es mehr Denkmähler meines
innern Grams über mich selbst, als die der Trauer über den Verlust meiner
Verwandten waren: denn ich achtete sie glücklich. Sie litten nicht mehr, und
wurden beweint: Wattines und ich lebten in Kummer, und niemand dachte unser; -
doch jetzo erkenne ich, dass Beschäftigung wohltätig ist, und die Gedanken von
Schönheit und Geschicklichkeit sehr wirksam sind; denn mitten in der Trauer,
welche ich bei dem Anfange der Arbeit dieser Denkmähler fühlte, entstand in
meiner Seele eine Art süsses Wohlgefallen, über den Entwurf, und über die
Fähigkeit ihn auszuführen. Ich genoss wahres Vergnügen bei der Erinnerung, immer
die Gestalten der Urnen geliebt zu haben; die Arbeit verkürzte mir die Tage, und
wahre Freude durchdrang mein Herz, als Wattines mich mit Entzücken lobte; ja ich
bekenne, dass die Hoffnung in mir aufkeimte, es würden einmal gebildete
Amerikaner diese Aschenkrüge sehen und bewundern. Gewiss diese angenehme
Vorstellung dieser möglichen Begebenheit, wurde ein grosses wohltätiges
Gegengewicht meines wirklichen Elends. Liebe und Wünsche des Lebens erwachten
aufs neue, und der gute Wattines eilte, während dem Eifer der phantastischen
Arbeit seiner Frau, einen Teil unserer Erndte heimzubringen, um mich zu
schonen: und ordnete dann, als ich fertig war, alles um die Urnen herum so
schön, dass der Platz wirklich das Ansehen eines, den Todes-Göttern geweihten
Hayns bekam. Der gute Wattines war weit entfernt, sich die Empfindung zu denken,
welche mich einst ergriff, als ich ihn bat, mit mir in vollem Mondenschein zu
den Urnen zu gehen, und wir bei dem schönen Anblicke des Ganzen, von dem
liebenswürdigen Geiste der Griechen sprachen, welcher jede Idee und jede
Empfindung, in edlen Bildern darzustellen wusste. Als wir nahe genug waren, die
Nahmen unserer geliebten Verwandten deutlich zu sehen, erinnerte sich Wattines
an den Glauben dieser seelenvollen Nation; dass die Verstorbenen oft ihre
Denkmähler umschwebten, und setzte hinzu: dass unsre geliebten Verlornen uns
segnen würden, dass wir so getreu, bis in diese ferne Gegend ihr Andenken mit uns
brachten. Ich dachte, ach mögen sie da sein, und in meiner Seele den Wunsch
lesen, Gott zu bitten, dass er Wattines und mich auch zu sich nehme. Es war ein
höchst feierlicher und schaudervoller Moment, in welchem wir beide
stillschweigend da standen, und bei der vorübergehenden gänzlichen Beleuchtung
der Urnen, sie voll Ehrfurcht und Wehmut betrachteten, zugleich aber auch das
leichte Flüstern der Blätter von den umstehenden Bäumen hörten, und es durch ein
dumpfes Gefühl, für das leise Geräusch von Fusstritten nahmen; denn ich zitterte
ein wenig, und fühlte an Wattines Arm, dass auch er schauderte. Ich verbarg meine
Furcht, indem ich mit einer Hand auf die Inschrift von unsern Eltern deutete,
und er unterdrückte seine Bewegung, da er laut ausrief: Ach Gott lohne ihre
Tugend und ihre Leiden: ich aber hinzusetzte: und unterstütze uns in der
zugemessenen Prüfung; dabei verschloss ich aber meine Augen vor den sich
verlängernden Schatten der Bäume, und wandte mich gegen den Rückweg. Wattines
hatte diese Bewegung in mir bemerkt, sagte aber nichts, sondern warf noch feste
Blicke auf die Aschenkrüge, erhob mit einem halb erstickten Seufzer die Augen
zum Himmel, umfasste mich mit einem Arm, und führte mich langsam zurück; aber nie
mehr gingen wir des Nachts zu den Denkmählern, nie sprachen wir von diesem
Spatziergange, als erst hier, da ich ihm meine damals gehegten Gedanken sagte,
er mir aber seine Besorgnis wegen den in mir liegenden Trauerphantasien
eröfnete, von welchen er Ueberspannung befürchtete.
    Wattines bedeckte nun die Wand an dem Herd und den Rauchfang, welchen er mit
vieler Mühe und Geschicklichkeit gemacht hatte, auch mit Ton, wobei er mir von
den vortrefflichen Eigenschaften des Tons erzählte, dass er die Ecke der Hütte,
wo der Feuerherd war, vor Brand beschützen würde, welches mir unendliche Freude
machte, indem mir schon oft für unsere Hütte bange war; aber so sehr ich damals
den Ton schätzte, weil er mich vor Feuer und Wassersgefahr bewahrte, so geschah
kurz darauf etwas, welches mir auf lange Zeit den Gedanken, und selbst das Wort,
Ton verhasst und schmerzlich machte. - Vandek sagte mir da, dass sie alle bei
diesem Teile von Emiliens Erzählung staunten, und begierig zuhörten, als die
liebe Frau sagte: dass sie wegen Ton die heftigste Gemütserschütterung erlitten
habe, und die allerempfindlichste Vorstellung von ihrem Manne hörte. - Einen
Vormittag, da ich Mais mit Sauerampfer kochte, und in meiner kleinen
Vorratskammer etwas von dem noch übrigen geräucherten Speck holte, bemerkte ich
bei dem Zurückkommen, dass Wattines mit einem hölzernen Napf in der Hand, und
etwas Salz hinweg eilte, dabei aber wie mich dünkte, sehr tiefsinnig und ernst
auf den Herd blickte. Da ich wusste, dass er es nicht liebte gefragt zu werden,
wenn er etwas von neuer Arbeit oder Probestücken vorhatte, so schwieg ich, war
aber desto begieriger unterrichtet zu sein, indem er mit einem Teil der
nachdenkenden Miene, die er bei dem Weggehen hatte, wiederkam, und den noch
nassen, aber rein gespülten Napf an seine Stelle setzte, aber von ganz andern
Dingen sprach, ohngeachtet er meine unruhige Wissbegierde sehr deutlich bemerkte.
Erst lange nach diesem Vorgange, als unsere Gemüse, Mais, Bohnen und
Buchweizen-Erndte heimgebracht war, erst da sagte er, den Napf in die Hand
nehmend:
    Jetzo, meine Emilie! werde ich diesen Napf gewiss nie zu dem Gebrauche nötig
haben, wozu ich ihn das erstemal holte. Diese Art Vorrede spannte meine so lange
genährte Erwartung noch höher, und er sagte:
    Ich dachte bei dem Tongraben und meinen Arbeiten von ihm, an die
ausserordentliche Nutzbarkeit dieser Erdart, und am Ende erinnerte ich mich,
gelesen zu haben, dass die kleine Völkerschaft der Altanes in Louisiana, wenn
ihnen bei langen Reisen, bei einer unglücklichen Jagd, einer missratnen
Fischerei, oder andern Zufällen die Lebensmittel fehlen, so essen sie weich
gekneteten Ton. - Mein Herz fing an beängstigt zu werden, und als Wattines
hinzusetzte, ich war unsicher, ob ich unsere Felder geschickt genug anbaute und
bepflanzte, und befürchtete, dass wir von ihrem Ertrage den Winter hindurch nicht
beide genug Vorrat haben würden; da wollte ich mich mit diesem Nahrungsmittel
bekannt machen, und es ein wenig mit Salz würzen; aber dem Himmel sei Dank! es
ist nicht nötig. Ich hörte das letzte kaum, denn ich war starr vor Schrecken,
über diese Erzählung, da ich von der Liebe, die sich selbst vergass, um nur für
mich zu sorgen, und von der Gefahr bei diesem unseligen Versuche krank zu
werden, gleich stark gerührt ward, aber auch sein Leben durch diese unnatürliche
Kost angegriffen glaubte. Meine ganze Kraft war überwältigt, und ich sank
ohnmächtig in Wattines Arme: klagte ihn, da ich mich erholte, einer grausamen
Vergessenheit an, dass er mich durch diese Unternehmung zu dem äussersten Grad des
Elends führen konnte; indem ich nicht ohne Verzweiflung an die Möglichkeit
seines Verlustes zu denken wüsste. Nichts beruhigte mich, als das heilige
Versprechen, dass er nie mehr einen solchen Versuch wagen würde; als wir hernach
gelassener davon sprachen, sagte Wattines sanft, aber sehr ernst:
    O Emilie! wie tief liegt das Andenken an die ehemals genossenen Speisen in
deiner Seele, weil es da selbst deinen Glauben an die gütige Natur und deine
sonst so schwesterliche Gesinnung für die armen Amerikaner überwog, und dich so
heftig fürchten machte, dass dies, was den guten Aitanern in der Not zu
Erhaltung ihres Lebens dient, mir zu Gift werden könnte.
    Dieser Abend, sagte die liebe Frau, war der bitterste meines Aufentalts auf
der Insel, weil Wattines mir noch nie so ernste Vorstellungen gemacht hatte. Er
bemerkte auch nachher bei unsern Spatziergängen, dass ich meine Augen immer von
der Tongrube abwand, wenn wir auch nur von ferne gegen sie hinkamen, und dass
ich aus der Hütte ging, als er etwas an unserm Rauchfang auszubessern hatte. Er
sagte aber nichts darüber, und lächelte nur freundlich nach mir, wie auf ein
Kind, das man liebt, und ihm einen Eigensinn durch Nachsicht abgewöhnen will. Er
sprach nie von Ton, aber dieser Verdruss machte mich nachsinnen, ob ich nicht
bei unsern Nahrungsmitteln etwas verbessern, oder erfinden könnte. Die Franzosen
essen gerne Brod, unser Vorrat war lange weg, kein ordentliches Brod konnte ich
nicht backen, da erinnerte ich mich an das Brod der Bergschotten, welches doch
immer besser als gerösteter oder gekochter Mais war. Ich rieb also gekochten
Mais und Buchweizen, welcher so gute Kuchen gibt, zu einem Teige, und versuchte
es erst in einer erhitzen Pfanne trocken zu backen. Wattines machte die
Gitterchen und Gruben, wie Vandek schon weiss, wir versuchten es auch mit
Erdtoffeln, so dass wir immer Vorrat hatten, und am Ende dieses in unsern
Honigwein geweichte Brod ein köstliches Abendessen war.
    Als Emilie sich gewöhnt hatte allein zu bleiben, und mit heiterer Miene für
ihre kleine Hausarbeit und Hühner zu sorgen, wurde Wattines dadurch auch viel
ruhiger in seinem Gemüte, arbeitete leichter und konnte mehr um seine Emilie
sein. Die Einrichtung des Endtenfangs hatte ihm, nach Heimführung der Bienen die
meiste Mühe gekostet; aber diese Endten gaben ihnen Fleisch und Federn zu warmen
Decken für den kalten amerikanischen Winter. Die Beschreibung des
Wandertaubenfangs konnten sie nicht benützen, weil sie keine Locktauben hatten,
um die vorbeifliegenden einzuladen und zu fangen. Jetzo hat man welche bei der
Colonie, und ich war mit dabei, als auf einmal 14 Dutzend gefangen wurden. Dies
erinnerte mich an die Freude, welche ich in meiner Jugend in Oberschwaben hatte,
wenn wir bei unserm weisen und gütevollen Graf Stadion zu Wartausen, bei dem
Finkenstrich im November, das grüne Jägerhaus und den mit Tannen umgebenen
Finkenherd besuchten, und sehr oft bei 800 dieser kleinen, etwas bittern
Vögelchen habhaft wurden. Wie entschieden ist hierin der Vorteil der Amerikaner
mit ihren Wandertauben, indem diese des Jahrs drei bis viermal, und oft in
solcher Menge kommen, dass sie die Luft verfinstern, und man von diesen fetten
und vortrefflich wohlschmeckenden Tauben eine unzählbare Menge fängt, welche den
Armen Nahrung und Federn geben. Es ist sonderbar, dass man noch nicht weiss, wo
sie herkommen, und wo sie brüten, indem es nur Vermutung ist, dass die Ebenen
längst des Ohio, wo viel wilder Haber und Reiss wächst, ihr Vaterland sein müsse.
Sicher ist, dass ein Einwohner der Grafschaft Carlile in der Provinz
Pensilvanien, in dem Kropfe einer dieser Tauben noch unverdauten Reiss fand, und
daraus schloss, dass entweder diese Vögel während dem Fliegen nicht verdauen, oder
dass ihr Flug von einer solchen Geschwindigkeit sei, dass sie vom Fressen bis zum
gänzlichen Verdauen 560 englische Meilen zurücklegen; indem das nächste Reissfeld
von Carlile in dieser Entfernung liege.
    O meine Freunde! auf wie vielen Seiten lerne ich hier grössern Reichtum,
grössere Mannichfaltigkeit der Natur, und in beiden Wattines, mehr unschätzbare
Eigenschaften der moralischen Menschenwelt kennen, als ich in Büchern und der
wirklichen cultivirten Welt nicht traf.
    Emilie sagte einst bei Vandek: Einige unserer Sommerabende waren
unaussprechlich schön und voll seliger Gefühle; denn die Zerstreuung, welche das
Tageslicht durch Beleuchtung aller Gegenstände mit sich bringt, wurde der
vielfältigen Sorge für unsere Erhaltung, Abends und Nachts aber, wo alle ausser
uns liegenden Gegenstände sich in Dunkel hüllen, wo man sich und seine Ideen
sammelt, diese Stunden wurden unserm Geiste und seinen Betrachtungen gewidmet.
Wie die einer sternhellen Nacht, da wir von der kleinen freien Anhöhe unweit
unserer Hütte an dem obern Ende der Insel, den prächtig gestirnten Himmel über
uns sahen, und ihn Hand in Hand anfangs stillschweigend betrachteten, Wattines
dann sich freuete etwas von der Astronomie zu wissen, und mir einige der
Sternbilder dieses Weltteils nennen zu können. Ich freuete mich auch und sagte:
mich dünke bei dem Anblicke dieser Menge erhabener und sich bewegender
Geschöpfe, dass wir weniger allein sind, und da ich nun einige Namen von ihnen
weiss, so ist mir, als ob freundliche edle Wesen auf uns blicken. Ich war dabei
etwas bewegt, und legte meinen Kopf an Wattines Brust. Er küsste meine Stirne und
sagte lächelnd:
    Du hast recht, meine Emilie! diese Sterne als liebreiche Nachbarn anzusehen,
welche nach Untergang der Sonne, bei sanftem Lichte eine stille Wache für uns
halten. Die Luft war so ruhig, dass wir den Wiederschein der Gestirne auf der
glatten Oberfläche des Wassers sahen. Wattines machte mich darauf aufmerksam,
indem er sagte:
    Teure Emilie! sind wir nicht in diesem Moment zwischen zwei Himmel? und mit
einem Arme mich umfassend, mit dem andern auf den See und die Sterne deutend,
setzte er hinzu: hier bei dem nahen Ebenbilde des Himmels über uns, bist du mein
Engel, der sanfte Tugend und Vorschmack der Seligkeit in meine Seele giesst. Ich
dankte ihm zärtlich, da ich aber dabei einen Seufzer unterdrückte, vielleicht
auch etwas traurig um mich blickte, wollte er die Ursache wissen, und ich
antwortete: dass ich uns eher als zwei, aus beiden Himmeln, an die Gränze
verbannte Unglückliche betrachtete. - Ich fühlte an seinem mich umfasst haltenden
Arme, dass er schauderte; er seufzte, schwieg lange, endlich umarmte er mich
lebhaft, und sagte wie in Begeisterung: Nein Emilie! der Anblick dieser
zahllosen Welten über uns, und das Gefühl unserer moralischen Verbindung mit
ihrem und unserm Schöpfer, erhebt meine Seele über alles Wohl und Weh unserer
Erde. Diese Gestirne und Gott über uns, du, deine Liebe für mich und unsere auf
dieser Insel ausübende Tugend, erfüllen alle meine Gedanken. - Nach einigem
Stillschweigen von uns beiden, sagte ich: - mein Carl erinnert sich wohl an den
schönen Ausspruch eines grossen Alten:
    Dass die Gotteit kein angenehmer Schauspiel kennt, als den rechtschafnen
Mann mit dem Unglücke kämpfen zu sehen; - ist dieses nicht die Lage meines
Carls? Wattines staunte über diesen Gedanken seiner Frau, umarmte sie äusserst
gerührt, und sagte dann männlich ernst:
    Diesen Anblick soll der Himmel in mir geniessen.
    Sie waren bei dieser Stimmung des Geistes sehr vergnügt, und gingen, wie
Emilie sagte, durch diese Betrachtungen zu jeder edlen Tat, und zu der Kraft
allein zu sein gestärkt, zufrieden in ihre Hütte zurück, wo der zum Sprechen
sehr aufgemunterte Wattines noch sagte:
    Alleinsein und stillschweigen, wurde immer als die härteste Strafe für uns
junge Franzosen angesehen, und dies war der Grund, warum so grässliche Bilder von
dem Gefängnis der Bastille gemacht wurden, weil unsere Minister vornehme
Bösewichter dort einsperrten; dennoch ruhte neben diesem Zuge unsers
National-Characters, ganz genau der Beweis entgegengesetzter Ideen; denn
Frankreich hatte mehr Klöster von dem so streng, einsam und schweigenden Orden
de la Trappe, als das ganze übrige Europa: Emilie hörte gern und aufmerksam ihm
zu. Er fasste sie bei der Hand und sagte mit dauernder Lebhaftigkeit: Ja, teure
Emilie! verkehrte Begriffe von Gott, von seiner Güte und den Pflichten gegen
ihn, auch zu weit getriebener Hass gegen die Fehler der Menschen, führten ehemals
Einsiedler in Wüsteneien, und in neuern Zeiten viele unserer besten Landsleute
in diesen harten Orden; wie mich der Abscheu vor den Mördern unserer Verwandten
hierher brachte: denn, ach Emilie! gerade in der vollen Blüte aller Kräfte
bestimmt der junge Mann sein Schicksal, der edle gute will mit warmen Eifer
alles bessern, der stolze, herschsüchtige alles ändern. Geht es nicht, wie die
ersten wünschen, so reissen sie sich von allem los, gehen mit dem Geiste der
Religion in Klöster, und mit dem meinigen an den See Oneida: die zweiten
vereinigen sich, wie es in Frankreich geschah, zerstören das Alte, morden was
sich widersetzt. Entusiasmus der Frömmigkeit hielt die Einsiedler fest, und die
Mönche in ihren Zellen. Ich sah einst eines dieser Klöster nahe bei Lyon, einer
unserer grössten und volkreichsten Städte, das Gelübde verbot ihnen irgend jemand
zu sehen und zu sprechen: wir meine Emilie! sind durch das Schicksal einsam,
sehen, sprechen und lieben uns. Sollte der Entusiasmus unserer Tugend sich
nicht erhalten und uns hier glücklich machen?
    Diese Unterredung freuete die sanfte Emilie, denn sie stützte ihren Mut;
doch, sagte sie, war ich froh, dass Wattines für seinen und meinen Unterhalt
arbeiten musste, weil ich gelesen hatte, dass jedes nur durch überspannte Ideen
entzündete Feuer der Gesinnungen auslösche, und nicht nur Kälte, sondern
Erstarren aller Kräfte und Missmut des Geistes zurück bleibe, wo man nichts mehr
wünsche noch liebe. Dieser Zustand der Seele war das grösste Uebel, das Emilie
sich für ihren so feuervollen Wattines denken konnte.
    Er fällte nun, wie er es von den Fischern gelernt hatte, einige Bäume, um
einen Vorrat Winterholz zu sammeln; machte eine Tragbare, damit Emilie nach
ihrem Verlangen, ihm Stücke Holz und Büschel nach der Hütte bringen helfen
konnte. Es war Pflicht meinem Mann die Arbeit zu erleichtern, sagte sie, und
diente ja uns beiden. Es erinnerte mich wie oft ich diese Arbeit von den armen
Bauersleuten in dem Dorfe meines Vaters sah, und nun Gott dankte, dass ich
niemals sie belachte oder mit Verachtung ansah, sondern immer bedauerte; so dass
ich meine beschwerliche Arbeit nicht als Strafe ansehen durfte. -
    Mich dünkt, meine Freunde! Sie müssen nun die beiden freiwillig Verbannten
eben so sehr lieb gewinnen, als ich selbst.
    Ein paar Tage nach dem Schreiben der letzten Blätter ging ich mit Frau von
Wattines am See spazieren. Ich sprach von ihrer Familie, durch welche mir
dieser Teil von Amerika unvergesslich bleiben würde, und dass ich selbst in
meinem Vaterlande oft nach dem See Oneida zurückblicken würde. Ich weiss nicht,
dachte die holde Emilie, dass ich auf dem Wege sei ihr etwas Galantes zu sagen,
und mir eine Sperre machen wollte, indem sie sogleich das Wort auffasste und
sagte: ich liebe ihn sehr den guten See. Er verschönerte nicht nur unser Leben
durch seinen Anblick, sondern auch durch unsern Fisch- und Endtenfang und die
vielen Arten Wasservögel, welche wir auf ihm sahen. Wattines gab mir auch ihre
Geschichte zu lesen, und dieses machte mich sehr glücklich, denn er hatte bis
gegen den Herbst immer nur die Bilder einsamer Liebenden und die Naturgeschichte
von Bäumen und Pflanzen in unserm Büchervorrate aufgesucht. Ich fand es
natürlich, weil alles, was zur Nahrung gehörte, ihn zuerst anziehen musste, aber
ich bemerkte auch, dass er mit einer Art von Sorgfalt vermied, von Poesien,
Comedien und andern Schriften der schönen Litteratur zu sprechen, und ich suchte
bei erster Gelegenheit die Ursache zu erforschen.
    Der Anblick vieler Schwanen und ihrer Spiele reizte mich, ihre Geschichte
zu wissen, Wattines war bereit und sagte, meine Emilie hat recht, wir leben in
der einfachen Natur, wir wollen sie ganz kennen lernen und unsern Büffon lesen.
In diesem Moment war Wattines zu uns gekommen, und hatte das letzte gehört. - Er
sagte:
    Emilio war bei einer Erläuterung: ja, sagte sie, aber sie ist zu Ende,
wollte auch nicht fortsprechen, sondern ging nach Hause, da nahm Wattines das
Wort und sagte:
    Emilie will nicht von sich reden, weil sie mir bei diesem Anlasse ihren
Geist auf einer ganz neuen Seite zeigte, denn nachdem ich Büffons
Naturgeschichte zu lesen vorgeschlagen hatte, setzte sie sich lächelnd zu mir,
und sagte mit ihrer Miene: nicht wahr, Lieber! du wolltest bisher nicht, dass ich
an Europa und sein geselliges Regentenleben zurück denken sollte, deswegen
hindertest du immer das Lesen der Menschen-Geschichte, wegen der Idee von
Menschen-Gesellschaft. - - Ich war in etwas verlegen, und blickte nur traurig
nach ihr, Sie umarmte mich und erwiederte: guter Carl! du hattest nicht ganz
unrecht, die dadurch entstehende Rückerinnerungen oder Wünsche zu besorgen, weil
dir deine Emilie nicht ganz bekannt war: vergieb mir den Stolz dieses zu sagen,
und lass mich die Betrachtung beifügen, dass der Weg welchen du nahmst, nicht der
sicherste war; nicht allein weil Evens Kinder immer das Verbotne und Versagte
lieben; sondern wenn meine Seele an das Bild des geselligen Lebens geheftet
gewesen wäre, so würden ja schon Bücher an sich, und nun Büffons Beschreibung
von den Kunstfähigkeiten und Sitten der Tiere, seine Kenntnis und seine Feder,
mir die allein in grosser menschlicher Gesellschaft erlangten Verdienste zurück
gerufen haben; denn Lieber! diese Einsamkeit konnte keinen Büffon hervorbringen.
Vereinte Kräfte des Geistes vieler Menschen bildeten ihn. Hast du mich nicht
selbst gelehrt, dass von den geschafnen Wesen keines einzeln wirken kann, dass ein
Lichtstrahl keinen heitern Tag, ein Wassertropfen keinen fruchtbaren Regen geben
kann, dass viele Feuerteile vereint werden müssen, um uns zu wärmen, und nun
hier unser schottisches Brod zu backen, so wie unzählbare Sand- und
Staubteilchen dazu gehören, die Stellen unserer Aecker zu füllen?
    Mit liebevollem Ernst setzte sie hinzu: Sammelten wir nicht auch in der
Gesellschaft, wo wir ehemals lebten, die Kräfte, mit Nachdenken und
Zufriedenheit alles zu tragen, zu entbehren oder selbst zu schaffen? aber ich
bekenne das Alleinleben drückte mich bei Erinnerung an genossene Vorteile in
der geselligen Menschen-Verbindung doch nie so schmerzhaft, als wenn ich dich
über deine Kräfte arbeiten, und das tun sah, wozu in einer Stadt oder einem
Dorfe mehrere Personen erfordert würden, und dann Gott bat um Nachbarn; aber
heute bitte ich meinen Carl, schätze sie genug deine Emilie und ihre Liebe, um
mit mir von dem Vergangnen und Gegenwärtigen, bei jedem Anlasse offenherzig zu
reden, und lass uns mit Klugheit und Ruhe unsern Bücher-Vorrat geniessen; welches
dann auf die Regentage, und die nun näher kommenden langen Winterabende
beschieden wurde. Emilie suchte für sich zu lesen, alle Artikel auf, welche ihr
kleines Hauswesen betreffen konnten: Bienen, Hühner, Eier, Mais, Oehl, welches
sie aus den Körnern der Sonnenblumen zu erhalten hoffte, das Verwahren der
Gemüs-Pflanzen u.s.w. Wattines aber brachte beinahe zwei Monate zu, um eine
brauchbare kleine Oehlpresse mit ihrer Schraube zu verfertigen, während Emilie
auf ihrer Seite nachdachte, ob nicht aus diesen Körnern das Oehl durch
Zerstampfen und auskochen gewonnen werden könnte.
    Ihre Flachserndte freuete sie unendlich, weil sie nun sicher war, Strümpfe
verfertigen zu können. Wattines half ihn nach der Vorschrift in ihren Büchern
bereiten, und klopfen. Er machte auch von starken Drat, welchen er spitzte,
eine Art von Hechel, um den Flachs etwas fein zu kämmen, aber der Drat bog
sich, und das erschwerte die Arbeit; da kam Emilie aus ihrer armen
Vorratskammer mit vier zweizinkigten eisernen Essgabeln; deren der gute Quaker
ihnen 6 gekauft hatte, und die liebe Frau sagte zu Wattines: sie glaube, dass
wenn er diese Gabeln in einem Stücke Holz befestigen könnte, so würde sie eine
recht gute Art Hechel erhalten. Ich habe, meine Freunde, da die guten Menschen
alles aufhoben, was ihnen auf ihrer geliebten Insel gedient hatte, diese zwei
Nothecheln gesehen, ja ich wünsche sehr, dass meine liebenswürdige Baase sich
bei diesem Blatte in ihrem Hause und Keller umsehe, um sich dann einen Begriff
von der Freude zu machen, welche die gute Emilie empfand, als sie nach einigen
Versuchen so glücklich war, eine Art Honigwein und Honigessig zu kochen, wodurch
sie einen gesunden Trank erhielten, und Fische teils in Essig zum Speisen
abkochen, teils gebraten mit Essig besprengen und aufheben, und nach vielen
Tagen, neben einer Schüssel gekochter Bohnen auftischen konnte. Im Winter aber,
da sie mit unendlicher Mühe Sonnenblumenöhl erhalten hatten, assen sie auch, wie
ihr grünes Gemüse verzehrt war, Bohnen als Sallat. Ihr Freund der Quaker hatte
an vieles, aber nicht an alles gedacht. Sie trösteten sich indes auf das
kommende Frühjahr, wo sie durch die wiederkommenden Fischer Nachrichten und neue
Hülfsmittel zu erwarten hatten. Der gute alte Freund, welcher ihnen einen Knecht
oder Magd mitzunehmen geraten hatte, hatte alles für drei Personen berechnet,
womit sie nicht nur bis zu ihrer Erndte, sondern bis zu der neuen Fischzeit
reichen würden. Da sie nun allein waren, und Emilie sehr sorgfältig
wirtschaftete, kamen sie über dieses Ziel hinaus. Wattines fieng einige Biber
und Fischottern, wovon seine Frau die zartesten Teile zum Essen bereitete, das
Fett aber sorgsam auskochte, um davon bei Mangel des Mondscheins, in den langen
Winternächten, welche sie fürchteten, eine Lampe zu unterhalten; Wattines aber
die Felle, nach Anweisung der Encyclopädie, auf eine geschickte Art bewahren und
weich zu machen lernte. Als sie Flachs hatten, musste er Spindeln schnitzen, so
wie er auch eine recht artige, aber sehr einfache Haspel verfertigte, und am
Ende selbst spinnen lernte; wobei er sich an die Geschichte des Herkules und der
Omphale erinnerte, Emilie aber zu ihm sagte:
    Ach, die Aehnlichkeit ist sehr klein, da wir beide nur Sterbliche sind, ich
keine Prinzessin und Wattines kein Halbgott ist; da wir, wo diese nur spielten,
sehr ernstaft arbeiten müssen. Wir lächelten bei diesem Teile der Erzählung,
und die holde Frau sagte:
    Sie sehen, dass wir auch Mittel fanden, manchmal mit unserm Kummer zu
scherzen, und dies war sehr nötig, denn mein guter Wattines war nur zu oft
ernstaft. Da sie mit diesem Worte aus dem Zimmer ging, sah er mit Blicken voll
Liebe und Bewunderung ihr nach, dann aber stillschweigend auf mich, der ihn
fragte: ist es wahr, dass sie oft zu ernstaft waren?
    Er antwortete nach einiger Ueberlegung: ja, ich wurde es in den
allerglücklichsten Stunden meines Lebens, wenn ich an den hohen Wert des Engels
dachte, der alles verlassen hatte, und ohne Klagen oder Murren, mir hieher
gefolgt war. O Emilie weiss nicht, wie oft ich mit mir selbst kämpfte, wenn nun
die Stunde kam, nach meiner Hütte zurück zu gehen, und ich manchmal die Ermüdung
bei einer schweren Arbeit, auf einen Grad fühlte, dass mich der Gedanke von
Möglichkeit meines Krankwerdens fasste. O, da lag ich vor Gott, flehte um Leben,
um Barmherzigkeit und Unterstützung, nur um Emiliens willen. Denken Sie sich,
was für eine Menge von Ideen und Empfindungen ich unterdrücken musste, um mit
einer etwas heitern Miene in meine Hütte zu treten, und dem doppelt scharfen
Blicke ihres Verstandes und ihrer Liebe zu entweichen, und ihre Aufmerksamkeit
von mir abzulenken. Oft machte ich unvermutet eine Frage, welche sie mit dem
liebenswürdigsten Geiste beantwortete, und hundertmal meine Seele zwischen
Schmerz und Entzücken teilte.
    Wattines sah, dass ich eine dieser Scenen zu kennen wünschte, und erzählte
mir, dass er einst zwei schöne Fische und eine wilde Endte in seinem Hute nach
Hause brachte, seinen Fang aber auf grossen Blättern, und mit Waldblumen geziert
zu Emiliens Füssen niederlegte, worüber sie viel Vergnügen bezeugte und munter
sagte: Carl! ich bin froh, dass wir nicht mehr in der Zeit der Griechen oder
unter einem amerikanischen Jägerstamme leben, weil ich auf die Vermutung
geraten könnte, Diana selbst oder eine reizende Sqwa beschenkte dich so oft mit
ausgewählter und geschmückter Beute.
    Da ich ihr nun die Geschichte der kleinen Jagd erzählte, und sie meine
Geschicklichkeit mit so vieler Zärtlichkeit lobte, sagte ich wie sehr mich ihre
Zufriedenheit mit meinen ländlichen Talenten freue, und setzte hinzu:
    Emilie! ich wünsche schon lange zu wissen, was in dem Innern deiner Seele
für ein Bild von mir liegt? - sie blickte mich forschend an, sagte aber gleich
mit fester Stimme: das von einem edlen, feuer- und gütevollen liebenswerten
Manne.
    Ich war gerührt, umarmte sie dankbar, sagte aber mit einer Art Schmerz: ach
Emilie! edel und gütevoll suchten meine Eltern mich zu bilden, aber das Feuer
welches die Natur in mir legte, verzehrte und verwüstete vieles davon. Das holde
liebe Weib küsste mich und sagte lächelnd: der See Oneida hat alles zu Feurige
gedämpft. Hier erwiederte ich schnell, also fandest du mich auch zu feurig?
    In deiner Liebe nicht, aber deine zu lebhaften Empfindungen bei Gesprächen
und Urteilen, machten mich erst oft vor Duellen, und dann vor der Guillotine
zittern, aber dem Himmel sei Dank, diese Sorge habe ich hier nicht mehr. - Nun
fragte ich: Emilie! war dies alles, was du von meinem Feuer dachtest?
    O ich wünschte es selbst in den glücklichen Königstagen, natürlich noch bei
der unseligen Revoluzion mindern zu können, aber bald erschien es mir als
verehrungswerter Eifer, des edlen, wohldenkenden, gegen Unrecht,
Niederträchtigkeit und Bosheit empörten jungen Mannes.
    Ich sasste sie in meine Arme, und dankte ihr; aber ich war nun im fragen, und
setzte, doch etwas stockend, hinzu: teure gute Emilie! aber was ist es dir
hier? hier in dieser Einöde, wohin der wilde Teil dieses Feuers dich an meiner
Seite trieb?
    Sie nahm meine Hand und sagte zärtlich: Es ist immer Teil meines Carls,
dieses Feuer, und hier mehr als anderswo, denn dieses Feuer half unsre Hütte
bauen, Bieber, Fische und Endten fangen; bestellte unser Feld mit Korn und
Gemüs; belebt deine Liebe, deine Kenntnisse und unsere Hoffnung zu künftigem
Glücke.
    Ich hatte ihr staunend zugehört und rief aus, Glück? Emilie, Glück? hier für
dich, für uns o Beste? - Ernst, aber voll Liebe, erwiederte sie, ja Carl! Glück
unserer Lage für jetzt, ist für mich in deinem Leben und deinem Geiste;
künftiges Glück für uns beide, ruhet noch in der Hand Gottes, der durch deine
Hand es geben wird. - Sie küsste hier meine Hand, drückte sie an ihre Brust, und
indem sie bittend und zärtlich auf mich blickte, sagte sie noch: lass, mein
Geliebter! keinen Zweifel unsere erworbene Ruhe und unsere tröstende Hoffnung
stören; denn so lange Gottes Himmel über mir und deine Tage neben mir
hinfliessen, so kann meinem, Gott und dich liebenden, Herzen kein Wohl fehlen,
das ich wünsche.
    Wattines schwieg hier einige Minuten: ich war voll Bewunderung über den
Geist und Character dieser so jungen Frau, denn sie war damals erst 20 Jahr alt.
Ich ergriff Wattines Hand und sagte innig: o wie glücklich waren Sie in Ihrer
Verbannung durch Ihre vortreffliche Frau!
    Ach, mein Freund! antwortete er mir seufzend, höchst glücklich, und höchst
elend.
    Wie das? fragte ich schnell. Er antwortete lebhaft, wie das, sagen Sie?
konnte ich wohl mit einem wahren innern Gefühl von Glück sehen, wie getreu meine
liebenswürdige Emilie den wirklich harten Befehl des obersten Gesetzgebers
erfüllte, ihrem Manne untertan zu sein, alles mit ihm zu teilen, und wenn ich
bedachte, wie verschieden die Liebe in ihr und in mir wirkte, sie mir alles
opferte, ich ihr nichts? - Ach, nur seit der Ankunft des Vandek genoss ich den
Trost, auch etwas für Emilien zu tun, das den Namen eines Opfers verdient, da
ich meine vorzügliche Liebe für die Insel, den Hang des Alleinseins, den Wunsch
des Alleinbleibens aufgab, und das Land von Vandek annahm, weil ich sah, dass
meine Emilie das so lange entbehrte Glück des Umgangs mit einer Freundin zu
geniessen wünschte.
    Ich sagte ihm: Sie müssen doch finden, dass es so besser ist. Er antwortete:
ja nach dem Ernst der Vernunft, aber fragen Sie sich selbst, ob es nicht viel
kostet, eine geliebte und gewähnte Phantasie zu opfern?
    O wie sehr fühlte ich, dass Wattines recht hatte, als er von der Gewalt der
Phantasten sprach; denn ich weiss wie stark man sich an sie heftet, aber ich
tadelte ihn, dass er sich bei der Liebe für seine Insel dieses Ausdrucks
bediente; denn diese Anhänglichkeit ruhet auf bessern Grund, als dem von einer
Phantasie: Er fand für sich und Emilie einen Schutz, als sie Vaterland und
Menschen flohen; sie vergnügte täglich seine Liebe für die Schönheiten der
Natur; sie trug Nahrungsmittel und Blumen wie er sie wünschte; er hatte viele
Teile von ihr angebaut und verschönert, Kräfte und Erfindung dazu verwendet,
hatte da Leiden getragen, Tugenden geübt: dieses waren schöne Bande, welche sein
Herz mit Dankbarkeit an den Boden und den Gewächsen der Insel festielten. Er
war ganz frei und Herr von allem. Alles dieses lag in der Wagschale, wenn er
Insel und festes Land verglich; - aber ich will ihn forterzählen lassen.
    Oft machte ich Betrachtungen über die Macht der christlichen Moral, welche
Emilien vergeben, Fehler meiden und Uebel tragen lehrte; meine stolzen
Grundsätze aber mir Hass erlaubten, und mich durch das Gefühl meiner Ohnmacht,
Rache auszuüben, straften: mich auf diese unbewohnte Insel trieben, wo ich, nach
aller Gerechtigkeit, in Erfüllung meiner feindseligen Gesinnungen, in dem Jammer
des Mangels, in harter Arbeit und Verlassenheit meine Züchtigung finden sollte;
denn bei dem Genusse des Trostes, dass ein sichtbarer Engel mein Elend teilte
und alles bittre meiner Lage versüsste, ergriff mich tausendmal der zerreissende
Gedanke, diesen Engel an die Gränzen eines unabsehbaren Jammers geführt zu
haben; auch dünkte mich oft in dem Blicke ihres grossen seelenvollen, zum Himmel
erhobenen Auges, das Gebet zu lesen:
    Ewiger Vater! du siehst, wie geduldig ich dem von dir bezeichneten Pfade
meines traurigen Schicksals folge.
    Ich konnte nicht mit dem Vertrauen zu dem Erhabenen blicken. Er war für
meine Seele nicht ein mich prüfender Vater, wie er Emilien erschien. Er war mir
beobachtender mächtiger Richter. Ich musste mir sagen:
    Ach, in meiner Jugend wurde ich wie Emilie gelehrt, dass wir alle zu
ausübender Tugend berufen sind; aber ich fasste nicht wie Emilie den Gedanken,
dass Leiden und Unglück die Prüfungen für diese ausübende Tugend sind. Ich sah
immer nur die Störer der Ruhe meines Vaterlandes, fühlte mit innern Klagen gegen
die Vorsicht und mit Empörung meines Geistes, die Oberherrschaft, welche unsere
Feinde erhalten hatten; durch die meine Leiden, wie ein unaufhaltbarer wilder.
Strom auf mich flossen: ich floh das Ungewitter und glaubte alles getan zu
haben, da ich Emilien rettete und entfernte.
    Er dauerte mich und ich sagte teilnehmend: teurer Wattines! Sie sind zu
streng gegen sich selbst, Sie berechnen Ihre Leiden, Ihre mühvollen Arbeiten und
die errungene Tugend des standhaften Ausdauerns zu gering. Er antwortete: o mein
Freund! sagen Sie nichts in diesem Tone, auf der einsamen Insel des See's Oneida
lernt man den innern Wert jeder Wahrheit und jedes Verdienstes kennen. Was habe
ich denn getan als die Erde bearbeitet, wie jeder redliche Landmann in Europa
und hier, für die Erhaltung seines Lebens und seiner Familie tut? Ich hatte
doch unendlich mehr Erleichterung als ein anderer durch meine Bücher, meine
Erziehung, durch die Liebe des Schönen, und in dem Geiste und der Zärtlichkeit
meiner Frau: wir lernten beide an dem See Oneida den Wert der Zeit kennen, wenn
jede Stunde wohl benutzt wird; denn alle unsere Arbeiten wurden besorgt, und wir
hatten noch Musse zum Lesen. Ich sprach nun, von meinem Staunen über den Geist
der Zierlichkeit, welchen ich auf der ganzen Insel bemerkt hatte, indem mir
ehemals dieser Geschmack nur als Eigentum des Wohlstandes und des Ueberflusses
bekannt war. Er erwiederte:
    Sie haben recht, es würde auch in der ersten Zeit meines Hierseins, eher
eine Art Wahnsinn, als ruhige Fassung angezeigt haben; doch dauerte es nicht
lange, das erste innere dumpfe Gefühl von Wildnis und Abgeschiedenheit von allen
Menschen, so wie sich die Furcht vor den Indiern und wilden Tieren verlor,
welche anfangs alle Gegenstände um uns her, durch einen trüben Nebel scheinen
machten; aber bald gab Emiliens Liebe für mich mit ihrem kindlichen Vertrauen
auf Gott vereint, ihr die Kraft, alle Zufriedenheit zu zeigen und mich bei
meiner Feldarbeit zu erheitern; wir machten auch die Erfahrung, dass die Gesetze
der Not und der Nahrungssorgen die dringendsten Beschäftigungen vorschreiben,
und sagten uns mit einer Art Freude;
    Ach, so wie jetzt der Gedanke unser Feld zu bestellen und unsere Wohnung gut
zu versorgen, alle andre Ideen aus unserer Seele entfernt, so ist es in dem
Leben der guten Landleute. Ihre Arbeiten und die Hoffnung des glücklichen
Erfolgs ihrer Mühe hindern sie auch, wie jetzo uns, mit unnützen Kummer
rückwärts und um sich zu sehen: wir leiden also nicht mehr wie sie trokne Zeit
zum Pflügen und Graben, sanfter Regen nach den ersten Tagen der Saat, und
Sonnenstrahlen zum Blühen und Reifen der Früchte, sind die lebhaftesten Wünsche
ihrer redlichen Her zen, wie es jetzo die unsern sind. Grüne Wiesen mit ihren
Blumen, erfreuen sie, wie uns hier die schönen Rasenplätze zwischen den Bäumen,
mit ihren blühenden Waldpflanzen uns bei jedem Blicke ein sanftes Gefühl des
Vergnügens gewähren, und, setzte Emilie hinzu, noch mehr, ich bin überzeugt, dass
die ruhige Zufriedenheit der Landleute mit ihrem Stande und Berufe darin
besteht, dass sie alles von dem gütigen Himmel und der Erde hoffen, also mehr
Sicherheit für die Erfüllung ihrer Wünsche haben, als wenn ihre Erndten von dem
Willen der Menschen abhiengen. Wie froh bin ich, sagte das liebreiche Geschöpf,
dass alle diese reinen Gefühle in das Los der Pächter meiner Familie verwebt
sind, wie die Feldarbeiten in ihre tägliche Beschäftigung.
    Solche Unterredungen erleichterten unsere Lage: Trieb der Erhaltung, Sorge
für Emilie machten mich arbeiten. Die Umstände hatten mich schon lange entbehren
und nachdenken gelehrt. Nationalcharacter, Farbe und Falten, welche ihm die
Erziehung, die Gesetze und Landesgewohnheiten geben, verliert sich niemals.
Beobachten Sie unsern Holländer, ob nicht der still ämsige Geist der Ordnung,
des Fleisses, des Ausdauerns, der Sparsamkeit und Reinlichkeit in allem wirksam
ist. Sollte nicht die Gabe des leichten Denkens und Vergessens, des muntern
Tragens einer Beschwerde, und das Erfinden der Hülfsmittel, welches man alles
den Galliern zuschreibt, mit uns hieher gekommen sein? Die Bildung des
Geschmacks für das Schöne und Artige, konnte sich nicht aus unsern Empfindungen
verlieren, weil wir ehemals zu vieles Vergnügen dabei genossen hatten, und wer
sucht nicht die Gefühle der Freude zu erneuen?
    Also, da nun die Hütte fertig, die Felder besäet, und so die ersten
Bedürfnisse befriedigt waren, Sicherheit der Nahrung im Fischen und Endtenfang,
bis zur Erndte uns beruhigte, wir auch das einsame Leben gewohnt wurden, so
erhob sich wieder das seine Gefühl für das Schöne. Ich suchte jede Anmut der
Insel auf, um Emilien zu zerstreuen, und durch den Genuss der Reitze in den
Wundern der Natur, die Erinnerungen an das Reitzende der Künste zu schwächen.
Die angeborne Stimmung ihrer höchst moralischen Seele leitete sie mit
Lebhaftigkeit auf die Bahn dieser edlen einfachen Empfindungen; denn sie achtete
es eine heilige Pflicht gegen Gott zu sein, alles Gute dankbar zu bemerken,
welches seine väterliche Hand um unsern Aufentalt verbreitet hatte. Ich nährte
diese sanft tröstenden Gesinnungen, durch Aufsuchen aller Stellen von
Schäferleben und Auszügen der vortrefflichen, obschon sehr kleinen,
philosophischen Betrachtungen in dem englischen Journal universal Magazine,
welche uns wirklich schöne Stunden gaben; mir kam glücklich ein Teil der
Abhandlung: Ueber das Gefühl des Schönen in der Natur, in das Gedächtnis zurück,
wo ein Schriftsteller beweisst, dieses Gefühl erhebe die Seele über niedre
Begriffe und Neigungen. Ich nenne diese Erinnerung glücklich, weil sie mich
überzeugte, dass Emiliens geduldiges Tragen alles Ungemachs unserer Lage, und in
mir das Aufbieten meiner Kräfte diese Lage zu bessern, schön sei. Selbst da ich
mir innerlich mit Schmerz bekennen musste, dass mein zu weit getriebener Abscheu
gegen die Menschen, uns hieher brachte, und ich mir nicht erlaubte, den Himmel
mit Bitten oder Klagen über ein selbst gegebenes Weh zu ermüden, dünkte mich
diese freiwillige Art von Busse und Selbstbestrafung auch schön, wie der Mut,
mit welchem ich mir sagte: Habe ich Kummer um mich gehäuft, so will ich alles
anwenden ihn zu vermindern. Die Kraft diesen Entschluss zu fassen, dünkte mich
ebenfalls schön: und ich weiss nicht, ob es mir wirklich ging, wie man von
Einsiedlern sagte, dass alle ihre Gefühle überspannt würden, oder ob es Folge der
Empfindung von dem Wesen der Schönheit war, welche immer, sie mag durch den
Anblick eines schönen Mädchens, eines grossen Kunstwerks oder edlen Gedanken
wirken, uns stets aus der natürlichen Stimmung in eine Art Entzücken ausser uns
versetzt; gewiss ist, dass mich däuchte, bei dem Gedanken des Worts schön erhöbe
sich mit sanfter Empfindung begleitet, eine stärkende Triebfeder in meiner
Seele, welche mir die Ahndung gab: Gott würde das redliche Anerkennen meines
Unrechts, das Versagen der Erleichterung im Erguss der Wehmut und den Aufruf
meiner von ihm erhaltenen moralischen Kräfte in Ausübung jeder Tugend meiner
Umstände, mit eben soviel Beifall anblicken, als Emiliens sanfte Ergebung; denn
ich fühlte ihn ganz den Unterschied zwischen mir und ihr. Ich suchte alles gute
zu tun, um Fehler auszulöschen und das Unrecht zu ersetzen. Ich unterdrückte
jede Ungeduld, jeden leidenschaftlichen Jammer, um durch gelassenes Dulden der
Strafe meines Trotzes gegen das Schicksal und meines Menschenhasses, Gnade und
Vergebung zu verdienen.
    Hier dachte ich an unsern Schiller, welcher die Menschen durch die
Empfindung des Schönen zu der Moral führen will. Wie weit ist er aber entfernt,
sich einen solchen Schüler in den Wäldern von Nordamerika zu denken! Wattines,
der mir alle freie Stunden dieses Tages schenkte, führte seine Erzählung fort.
    Ich freuete mich Emiliens frommer Ruhe, die in allen ihren Ideen und
Handlungen herrschte, da hingegen in mir bald dumpfer, bald heftiger Schmerz
entstand. Zum Beweis, ich hatte viel Blumensaamen mit nach der Insel gebracht,
Sie können leicht denken, dass ich Emiliens Lieblinge am sorgsamsten pflegte. Ich
zog ein schönes Beet voll nach einer englischen Anlage, zwischen Gesträuchen und
Bäumen versteckt, bis sie in Blüte standen, und führte dann Emilie zu dem
unerwarteten Anblick. Ihre dankbare Freude rührte mich in dem Innersten meiner
Seele, trauervoll sagte ich:
    O Emilie! wie ungerecht war ich gegen diese Blumen und dich. Ihr verblüht
beide ungesehen und unbekannt in dieser Einsamkeit. - Möchte ich ihnen aber
Emiliens Blick beschreiben, und den anmutsvollen obgleich ernsten Ton der Güte
angeben können, mit welchem sie erwiederte:
    Mein Carl! wie kannst du dieses sagen, da Gott, du und die Sonne uns sehen,
und Bienen die Blumen besuchen, indem sie dadurch von deiner Hand ein neues
Gastmahl geniessen, wie ich, dass die Gestalt deiner Emilie deinem Auge so wert
ist.
    Sagen Sie, war nicht Emiliens Resignation reines Gefühl der Ueberzeugung,
dass die Vorsicht immer Gutes will, und dass Gott, gegen dessen Befehle sie nie
handelte, liebreich und zufrieden auf sie blicken müsse? - Ich konnte dies nicht
denken, nicht hoffen! Nach einigem Schweigen sagte er, mir die Hand drückend,
und sich von mir nach Hause wendend: sehen Sie Freund! so verschieden wirkten
bei dem nehmlichen Gegenstande die Gefühle der Unschuld und die der Reue auf der
lieben Insel.
    Ich war auch gerührt und wollte ihn nicht aufhalten, denn die Unterredung
hatte schon lange gedauert. Die Bewegung seiner Seele war mir ehrwürdig, und ich
wusste aus eigner Erfahrung, dass man bei einem gewissen Gange der besten Ideen
und Erinnerungen gerne ganz allein ist. Ich wollte ihm auch nicht nachsehen,
sondern ging einige Schritte nach dem neu umgegrabenen Felde zurück, wo mir bei
der Uebersicht der ganzen Anlage der Gedanke kam, dass ich auf diesem, erst jetzo
von Menschen bewohnten und angebauten Stücke Erde, in Wattines und Emiliens
Seele die Wirkung des in Europa seit Jahrhunderten geübten Anbaues der
moralischen Welt bemerken könne, wo Kenntnisse und Leidenschaften schon so lange
sich zeigten, und zwei auf die nehmliche Bahn gewiesene Menschen, in der
innigsten Verbindung der Liebe und der Schicksale, beinahe in allem so
verschieden denken, und dennoch, wie richtig gestimmte Saiten, den edelsten
Einklang der starken und raschen, schwachen und sanften Töne geben. - In dem
Manne dünkte mich eine durch philosophische Moral gebildete Heldenseele, voll
edlen Stolzes zu sein, der sich kraftvoll fühlt, und eher mit äusserster
Anstrengung selbst trägt, als um Hülfe ruft. - Emilie aber mir das Bild
darstellt, welches Gray, der englische, mir so liebe Dichter, in seiner Ode an
die Widerwärtigkeit beschreibt. Was er von der Tugend sagt, kann man von Emilien
sagen: Sie, die unter der eisernen Hand der Widerwärtigkeit, die ernste Zucht
dieser strengen harterzigen Pflegerin manches Jahr hindurch mit Geduld trug,
von sanfter Weisheit in entzückte tiefsinnige Gedanken verhüllt begleitet wurde,
das stolze Gemüt ihres Mannes erweichte, nicht verwundete, und den beinahe
ausgelöschten edelmütigen Funken in seiner Seele wieder belebte, ihn lehrte
lieben und vergeben, eigene Fehler richtig wägen, was andre sind fühlen, und
daran zu denken, dass wir alle unvollkommne Menschen sind.
 
                                Zweites Bändchen
Meine teuren Freunde schätzen gewiss diese Emilie und ihren Wattines mit mir
unendlich höher als viele Menschen, welche wir in grossem Ansehen wissen.
    Da beide Wattines mich nochmals versicherten, dass ich von ihnen alle
Erläuterungen erhalten sollte, welche ich bei den unvollkommnen Noten der Frau
Vandek, von ihrer kleinen Inselgeschichte wünschte, so vermehrte ich meine
Fragen, wie sich auch die Gelegenheit sie zu beantworten vermehrte, indem ich
beinahe immer mit Wattines lebe, weil ich an dem Teile ihres Gartens arbeiten
helfe, wo er von seinem zu Feldern angewiesenen Stück Waldes gegen Norden 20
Bäume stehen liess, um längst dem gezogenen Graben hin sogleich eine schattige
Allee zu haben. Vielleicht arbeite ich darum eifriger, weil dorten wieder eine
mit Gichtrosenbüschen umgebne Bank für Emiliens Ruhestunden angelegt wird, von
welcher sie nicht nur den ganzen Garten und ihren Hof, sondern auch wie auf
ihrer Insel-Bank, die Feldarbeiten sehen kann. An der Mittagsseite sind vier
Morgen Land mit Zucker-Ahorn, und vier Morgen mit Aepfel- und andern Obstbäumen
besetzt; so wie von dem Hofe an eine Laube mit Fuchstrauben den ganzen Garten
gegen die Felder hin durchläuft. - In Wattines Scheune habe ich eine Sämaschine
zu schnitzeln angefangen, weil er sich mit so vielem Vergnügen an diesem mir so
lieben Gedanken anschloss, der Zimmermann sich auch darüber freuete, und in
mancher Ruhestunde nicht nur mir zusah, sondern alles nachahmte: und da jetzo
ein Hüttchen für die Schreinerarbeit und Drehbank errichtet wird, indem ich
Wattines diese Künste eben so getreu lehren will, als er meinen Zimmermann die
Geometrie lehrt; so will ich ihm zu meinem Andenken alle meine Werkzeuge lassen.
Mit dem Zimmermanne habe ich verabredet, dass wir beide zwei Morgen Land von den
Baumstumpen reinigen wollen; indem man sonst meinen Säpflug nie gebrauchen kann.
Bei alle dem vergass ich meine Fragen nicht, und suchte eine besonders
bezeichnete Scene auf, welche selbst in den Noten der Frau Vandek die Aufschrift
hat: zweiter und letzter Kummer, welchen Wattines seiner Frau machte.
    Als die Regenzeit einfiel, sagte Emilie: lieber Carl! nun werden wir in
vielen Wochen keine so schöne sternhelle Nacht von unserm Belvedere, wie sie den
obern Teil der Insel nannten, sehen, wie die war, in welcher wir unsre
himmlischen Nachbarn zuerst betrachteten.
    Ist dir dieser Platz so vorzüglich wert, meine Emilie? fragte Wattines
zärtlich.
    Ja Bester! ich werde sie auch nie vergessen, die Gefühle, welche der Anblick
des so herrlich gestirnten Himmels und seines Wiederscheins in der ruhigen See
mir gab, und nie sah ich ihn, selbst bei Tage nicht, ohne mich an den Wunsch zu
erinnern, welchen ich damals hegte. - Wattines fragte schnell und eifrig: was
für einen Wunsch, meine Liebe? Emilie fasste die Hand ihres Mannes, drückte sie
an ihre Brust und sagte: Ich wünschte, dass mein Carl mir einmal verspräche, dass
wenn ich hier stürbe, er mich in einer solchen Nacht, von der Anhöhe des
Belveders in die See senken wolle. Wattines stand auf, warf sich mit einem
Ausdruck der bittersten Schmerzen zu ihren Füssen und rief: o Emilie! dies
wünschtest du!
    Lächelnd und ihn küssend erwiederte sie: ja, herzlich wünschte ich es, weil
es mir eine schöne Bestimmung zu sein dünkte, dass wenn nun meine Seele zu dem
Himmel über uns aufgestiegen sein würde, auch ihre Hülle aus den Armen meines
Carls, zwischen den Abglanz der Sterne, sanft nach dem Grunde der reinen See
hinabgleitete. - Wattines umfasste sie mit Heftigkeit, drückte sie an sein
pochendes Herz, legte seinen Kopf auf einen ihrer Arme, und ihre Blicke
vermeidend rief er: o Emilie! was für ein Bild! und welche Erinnerung kommt mir
von einem dieser ersten Abende in die Seele zurück.
    Er schwieg dann, sah tiefsinnig und mit bewegtem Herzen vor sich hin, als ob
er etwas überlegte, endlich wie mit sich selbst sprechend, sagte er:
    Ich will bekennen, dass ich auch einen Todesgedanken hatte, und dann leise
hinzu setzte, als wollte er es nur denken, und mit etwas Stocken: Ach Rousseau!
mit Heloise auf dem Felsen Meillerie! - Seine Arme, welche bis auf diesen Moment
Emilien umfasst hielten, öffneten sich und fielen wie erstarrt zurück. Mich
schauderte, sagte Emilie noch bei dem Erzählen.
    O Gott rief ich, was für eine Verschiedenheit zwischen Mann und Frau. Ich
dachte unter dem schönen Himmel, an den mich zu Gott rufenden Tod - und du! die
Scene deiner und meiner Zerstörung. O Rousseau! wie viel Uebel hast du bei
Erwachsenen gestiftet, wie sehr würdest du diesen schrecklichen Ausbruch deiner
Leidenschaft bedauern, wenn du diese Wirkung deiner gefährlichen Beredsamkeit
auf das beste edelste Herz wissen könntest! sie faltete ihre Hände, und
unwillkührlich aber ernst sagte sie, ihre Augen zum Himmel hebend: Ewiger! ich
danke dir für die Kraft zu tragen, ich will sie nicht, die Gewalt des
Zerstörens, des Niederwerfens. Nun war aber alle ihre Stärke erschöpft, sie
weinte voll innigem Schmerz. Wattines war äusserst gerührt, umfasste ihre Kniee
und bat: O vergieb Emilie! dass ich deinem gefühlvollen Herzen diesen Schmerz
verursachte, vergieb Rousseau'n! ach, tiefgefühlter Jammer wirkt so, wenn jede
Hoffnung entflohen ist,
    O wie nah, sagte Emilie, war meinen Lippen zu sagen, du und dein Rousseau,
sind auf diesem Punkte sehr klein, aber stolze Männer tragen das nicht, dachte
ich, weil ihr hoher Geist, das Wort klein so sehr herunter würdigt, trügen es am
wenigsten, wenn eine Tatsache als Zeuge neben dieser Anklage da stünde; und
dann befürchtete ich auch, dass Wattines denken möchte, eine Idee von etwas
Kleinem in seiner Seele, würde notwendig meine Liebe für ihn mindern, welche in
dieser Einsamkeit einen so grossen Wert für ihn hatte, und diesen Kummer wollte
ich ihm nicht machen, sondern sagte zärtlich ernst, meinen Kopf auf seinen
hinbiegend:
    Carl! dein Freund unter den Alten, welcher von dem Vergnügen der Götter
sprach, wenn sie Tugend mit dem Unglück ringen sehen, dieser Mann war grösser und
besser als Rousseau, obschon gewiss nicht weniger leidend als er; denn wie sollte
ein glücklicher Mensch zu einer solchen Betrachtung gelangen.
    Wäre ich in diesem Moment bei meinen Freunden in Europa, so traulich allein,
wie in den seligen mit Ihnen verlebten Abendstunden, so fragte ich hier meine
Baase: hat Emilie bei ihrer Sanftmut nicht mehr Stolz als Wattines und andre
Männer? aber hat sie nicht im Ganzen eine höchst edle Denkart, und habe ich wohl
Unrecht, meine Freunde! wenn ich mit Bewunderung von Emiliens Character
schreibe? dennoch wird mir alle Tage überzeugender wahr, was beide Wattines aus
Erfahrung sagen: dass das einsame Leben des moralischen Menschen seine Gefühle
erhöht, und allen seinen Ideen einen stärkern Ton gibt. Dieser oben erzählte
Auftritt, noch mehr aber die Folge der vollkommensten Aussöhnung dieser edlen
Unglücklichen, dünkt mich ein grosser Beweis dieses Ausspruchs zu sein; denn als
Emilie, mit welcher ich die Blätter von der Beschreibung dieses
ausserordentlichen Auftritts las, mir alle abgebrochne Anzeigen der Frau Vandek
berichtigt hatte, sagte ich freimütig: dass ich zu wissen wünschte, wie sie die
ersten Tage nach diesen erschütternden Erklärungen durchlebten? - sie antwortete
voll Würde: sehr glücklich. - Wattines war mit erneueter Zärtlichkeit um mich,
wir sprachen ernst und vernünftig von Leben, Tod und der bessern Welt, Gott,
unser Schicksal, und wenn ich so sagen darf, unsere, durch diese Unterredung
gewiss über gewöhnliches Leben erhöhte und veredelte Tugend und die Gesetze der
Natur wurden uns heiliger und werter, als zuvor. Mein liebenswürdiger Wattines
söhnte sich mit einer strengen moralischen Empfindlichkeit aus, ich mich mit
seinem Rousseau; und da er teils wegen der schönen Idee der Alten: Erde ruhe
leicht auf ihrer Brust, teils weil die Bewegung des Wassers, das sanfte Bild
des ruhigen Schlafes der Begrabenen störte, auch mir dabei sagte, dass, da sein
Herz bei dem Versenken in den See, keinen sichern Platz treffen könnte, den
geliebten Staub zu besuchen, er nichts von meinem Wunsche hören wollte; so
endigte sich unser kleiner Streit mit dem Entwurf, zu beiden Seiten des
Belveders, in der Nähe unserer Hütte, gemeinschaftlich wie die frommen Mönche de
la Trappe, unsere Grabstätte zu bereiten, sie wie Rousseaus Ruheplatz auf der
Insel zu Ermenonville auch mit jungen Pappeln und den schönen Blüte tragenden
Gesträuchen unseres Eilandes zu umpflanzen. Sonne und Mond würden unsere
Ruhestätte bescheinen, und Vögel auf den Bäumen bei unserm Grabhügel, im
Frühjahr, das Lob unsers Schöpfers singen; ja wir freueten uns bei der
Vorstellung, dass diese Pflanzen durch die aufgelössten Teile unsers Wesens einen
stärkern und schönern Wuchs erhielten, also die Zierde der Insel sein würden,
welches der Genius der Griechen gewiss als ein Dankopfer für den auf der Insel
genossenen Schutz angesehen hätte. Das Ganze wurde noch vor dem Anfange des
Winters fertig, und war die letzte Arbeit im ersten Jahre unserer Einsamkeit,
und diese Scene die letzte, in welcher eine schmerzhafte Verschiedenheit der
Ideen zwischen Wattines und mir vorkam.
    Ich kann Ihnen nicht sagen, meine Freunde, welchen Eindruck der Gedanke
dieser Arbeit und der Vorstellung dieses Bildes auf mich machte. Ich konnte
nicht reden, wollte auch nicht weiter fragen, sondern sagte nur: Gott sei Dank,
seltene ehrwürdige Frau! dass alles in Ihrem Schicksale anders wurde. O wie innig
war der Blick, mit welchem sie mit gefaltenen Händen zum Himmel sah und sagte:
gewiss es hergeht kein Tag, ohne dass meine ganze Seele der ewigen Güte für diese
glückliche Aenderung dankt.
    Ich erwiederte aber, dass ich diese, ihrer letzten Ruhe bestimmten Plätze
noch nie bebemerkt habe, ob ich schon vier Wallfahrten zu der mir heiligen Zelle
und den zwei Sitzen der liebenden Einsiedler der Insel Oneida machte. - Emilie
antwortete mir lächelnd:
    Sie waren doch sehr nahe dabei, denn die zwei nun mit Moos bedeckten Sitze
auf dem Belvedere, entstanden von der aus den Gräbern gehobenen Erde, und die
zwei etwas tiefer liegenden Blumenbeete zwischen den Pappeln sind die von uns
selbst verfertigten Ruheplätze; denn da ich die Idee, dass Wattines meinen Körper
in den See bringen sollte, ganz aufgegeben hatte, und wir viel vom Tode
sprachen, erneuerte sich in meinem Gedächtnisse die Vorstellung, welche meine
vortreffliche Mutter mir einst nach einem alten Schriftsteller von dem Bilde des
Todes gab: dass er weit entfernt, von der schreckenden Gestalt eines Gerippes,
als mächtiger, liebreicher Genius, die Strasse des Lebens auf- und abschwebe, um
die von Kummer und Leiden ermüdeten Sterblichen zur Ruhe des Grabes zu tragen;
da forderte ich meinen Carl auf, einmal die Stelle dieses Genius zu vertreten,
und mich vom Kampf ermüdet in mein letztes Bette zu legen. Er versprach es mit
Zärtlichkeit, und ich bat ihn, meinen Grabhügel mit unsern Lieblingsblumen zu
schmücken, wie er stets während meinem Leben die Gegend meines Aufentalts mit
dem Flor der Jahrszeit verschönerte.
    Den kommenden Frühling fand ich die Gruben, und die zum Decken der
Verstorbenen bestimmte Erde, mit feinen wohlriechenden Kräutern und holden
niedrig wachsenden Blumen, wie mit einem Teppich überzogen. Als Wattines mich
bei diesem Anblicke so dankbar gerührt sah, betrachtete er meine ganze Gestalt
mit aufmerksamer Liebe, und sagte, indem er mich an seine Brust drückte: wenn
meine so angenehm blühende Emilie hier dahin welkt, so soll sie auch nach ihrem
Wunsche von mir zur Ruhe gebracht werden, und hier in dem Schoss der
Blumengöttin schlafen.
    Dieser unerwartete Gedanke erhöhte meine Gemütsbewegung, ich umarmte
Wattines und sagte: Lieber wie schön und gütig ist dieses. Nun erzählte er mir,
dass er diese Idee einer Reise nach Berlin danke, als es Mode war, die Revue der
Armeen des grossen Friedrichs zu besuchen, hätte er in den prächtigen Garten zu
Sans-Souci, die so vortreffliche Idee ausgeführt gesehen, dass Flora in
anmutsvoller Stellung daliegend, ihren Kopf auf eine Hand gestützt mit
lächelnder Miene auf einem Grabe schläft; wodurch der grosse Mann in dem herrlich
gearbeiteten Marmorbild, nicht nur den sanften Schlummer des Todes anzeigte,
sondern den edlen tröstenden Sinn des Wiederauflebens und Auferstehens zum
ewigen Frühling damit verband. Sehr artig setzte Emilie hinzu: finden Sie nicht,
dass ich recht hatte zu behaupten, lange Einsamkeit schafft Erscheinungen bei
frommen Seelen in Klöstern und bei liebenden Unglücklichen auf der Insel Oneida?
    Ich fasste den Gang des Gesprächs auf, indem ich sagte, dass die Vorstellung
des Sterbens, der Trennung und der andern Welt, zu allen Zeiten auf schöne
gefühlvolle Seelen wirkte: bei den Griechen das Bild von Elysium, und bei den
Christen das von himmlischer Seligkeit hervorbrachte, so wie Liebe und
Freundschaft die Denkmähler der Verstorbenen errichtete, und fügte hinzu, dass
diese Empfindungen, und selbst ein Spiel des Zufalls mich in den Stand setzte,
ihr von mir selbst, und in Personen meiner Nation ganz neue Beweise von dem
Einflusse zu geben, welche die Erinnerung an Grab und geliebte Todte, immer
haben würde; Sie forderte mich auf, ihr das alles bekannt zu machen: ich suchte
nun in meiner Briestasche das kleine Gemälde eines mit Vergissmeinnicht
bepflanzten Grabes, welches mir um eines unvergesslichen Freundes willen so wert
geworden war, weil er diese Blümchen vorzüglich liebte, und ich dem Andenken
dieses geliebten Freundes zu Ehren, sehr oft zwischen Lerchenbäumen einen
schmalen Bergpfad bestieg, wo Schloss und Garten der Grafen von Stadion lag, um
den Teil der Anlage zu besuchen, wo zwischen hohen grünen Wänden ein einsamer
Springbrunnen lag, dessen Wasserbecken mit einem zwei Schuhe breiten Kranz von
tausend und tausend Vergissmeinnicht umgeben war. Dort wo ich in früher Morgen-
oder in der Abendstunde bei Auf- und Niedergang der Sonne, das Haus sehen
konnte, in welchem er geboren war, unser Franz von la Roche, welchen wir in der
vollen Blüte von männlichem Geiste, Tugend und Gestalt verloren. Ich zeigte
Emilien die Einfassung, welche meine schätzbare Baase von dem aus diesem Kranze
gepflückten Blümchen, um den Nahmenszug meines Freundes machte; dieser Kranz, wo
sein schönes Auge diese Blümchen zuerst sah, und sein noch schöneres, zur
edelsten Freundschaft gebildetes Herz, sie zuerst lieben lernte. Ich bekenne,
dass ich mich in diesem Andenken ganz verlor, aber doch bemerkte, dass Emilie mir
gerne zuhörte, und als ich ihr von der Betrachtung sagte, welche ein edler
Teutscher über die Vergissmeinnicht schrieb, so wollte sie den Inhalt kennen.
    »Es ist als hätte die Natur überall die Vergissmeinnicht als ein Memento für
das Herz hingesäet, denn wo ist der Mensch, dem nicht irgend in der Schöpfung
etwas zurufe: vergissmeinnicht? Das gefühlvolle Mädchen drückt dem scheidenden
Jüngling die Hand, vergissmeinnicht! die Mutter dem Sohne, der Freund dem
Freunde, vergissmeinnicht! Wehe dem Unglücklichen der in der weiten Welt nichts
gefunden hat, woran ihn dieses Blümchen erinnern könnte! doch ihr holden blauen
Wesen! wenn Ihr kein Memento seid für Liebende, Mütter und Freunde, dem
Verlassnen, ruft der aus Euch zu, der Euch gebildet hat, vergissmeinnicht!«
    Ich dankte Emilien für ihre teilnehmende Aufmerksamkeit und fragte: ob sie
nicht bei dem kleinen Bilde des Grabes in meiner Brieftasche, auch etwas von der
sanft melancholischen Schwärmerei fände, welche die Mönche von la Trappe und die
edlen Wattines zu ihren eigenen Gräbern führten? ja, sagte sie, ich denke es ist
der nehmliche Geist, welcher gute grosse Römer die Aschenkrüge in ihren
Grabmälern beleuchten liess, und, erwiederte ich, Emilien von Wattines zwei Jahre
an Errichtung der Urnen ihrer geliebten Verwandten arbeiten machte. Sie senkte
bescheiden ihr Auge zur Erde, fasste sich aber und sagte: Sie sprachen auch von
einem Spiel des Zufalls, welches mit diesen rührenden Gegenständen unserer
Unterredung verbunden sein solle.
    Ich zog Schillers Klagen der Ceres aus meinen Papieren hervor, wobei ich
fragte: Ist es nicht ein sonderbarer Zufall, dass in dem einzigen Paquet Briefe
meiner Freunde, welches ich hier bekam, gerade ein vortreffliches Gedicht von
einem der schätzbarsten Genies von Deutschland mit eingeschlossen ist, dessen
Inhalt so ganz zu Friedrichs Flora und dem Andenken meines Freundes passt, auch
Ihrem gütevollen Mutterherzen gefallen wird, weil es die Trauer der Mutter
meines geliebten Freundes in etwas milderte?
    Ich gab ihr nun im Ganzen einen Begriff von den in dem Gedicht gegebenen,
jeder edlen sanften Seele heiligen und willkommnen Beweis, dass durch die auf den
Gräbern der Geliebten entsprossnen Pflanzen eine Verbindung mit den
zurückgelassenen unterhalten würde. Ich suchte Emilien so viel möglich eine Idee
von der schönen Poesie zu geben, und übersetzte die Verse, wo Ceres sagt:
Nein, nicht ganz ist sie entflohen,
nein! nicht ganz sind wir getrennt:
haben uns die Ewighohen
eine Sprache doch vergönnt!
wenn des Frühlings Kinder sterben,
von des Nordes kalten Hauch,
Blatt und Blumen sich entfärben,
traurig sieht der nackte Strauch;
nehm ich mir das höchste Leben
aus Vertumnus reichem Horn -
opfernd es dem Styx zu geben,
mir des Saamens goldnes Korn:
traurend senk ichs in die Erde,
leg es an des Kindes Herz,
dass es eine Sprache werde.
meiner Liebe, meines Schmerz's.
Führt der gleiche Tanz der Horen
freudig nun den Lenz zurück,
und wird alles neu geboren
von der Sonne Lebensblick;
Keime, die dem Auge starben,
in der Erde kaltem Schoss,
in das heitre Reich der Farben
ringen sie sich freudig los.
Wenn der Stamm zum Himmel eilet,
sucht die Wurzel scheu die Nacht,
gleich in ihre Pflege teilt
sich des Styx, des Aeters Macht;
halb berühren sie der Todten,
halb der Lebenden Gebiet;
ach, sie sind mir teure Boten
süsse Stimmen vom Cozyt,
hält er gleich sie selbst verschlossen
in den schaudervollen Schlund,
aus der Frühlings jungen Sprossen
Redet mir der holde Mund:
dass auch fern vom goldnen Tage,
wo die Schatten traurig ziehn,
liebend noch der Busen schlage,
zärtlich noch die Herzen glühn.
O so lasst Euch froh begrüssen
Kinder der verjüngten An!
Euer Kelch soll überfliessen
von des Nectars reinstem Tau;
tauchen will ich euch in Stralen,
mit der Iris schönstem Licht,
will ich Eure Blätter malen
gleich Aurorens Angesicht;
in des Lenzes heiterm Glanze
lese jede zarte Brust,
in des Herbstes welken Kranze
meinen Schmerz und meine Lust.
Ich wünschte Sie hätten die Aufmerksamkeit der vortrefflichen Frau gesehen, mit
welcher sie auf jedes meiner Worte horchte, und wie schnell dem Gefühle ihres
reinen Herzens, meine Uebersetzung und der feine edle Sinn der Verse deutlich
wurden.
    Ich wusste ihr von unserm Franz la Roche erzählen, und da sie als Beweis
ihrer zärtlichen Teilnahme an dem Kummer seiner Mutter und dem Verdienste des
Sohnes, mich um einige Blümchen von den Vergissmeinnicht bat, schenkte ich ihr
die Einfassung mit dem Namenszuge, indem ich sagte: dass es bei meiner
Zurückkunft in mein Vaterland eine meiner süssesten Freuden sein würde, eine
Blume von seinem Grabe zu pflücken, um dadurch nach der Anweisung des herrlichen
Gedichts, noch meine Verbindung mit dem edelsten und besten jungen Manne zu
fühlen.
    Hier stossen Tränen von ihren Augen, und sie sagte mit innigem Schmerze:
ach wenn ich nach Frankreich zurück käme, wäre ich nicht so glücklich, Blumen
auf der Ruhestätte meiner geliebten Freunde zu finden. -
    Diese Anwendung meines Gedankens war mir unerwartet, ich blickte äusserst
gerührt nach ihr hin, aber sie verliess mich. Ich sah ihr nach und bemerkte, dass
sie ihren Carmil bei seinem Spiele in dem Hofe aufgesucht hatte, und ihn lange
in ihren Armen hielt. Der Kleine betrachtete sie, und bemühte sich dann mit
seinen Händchen ihre Tränen abzuwischen. Ich war ihr langsam gefolgt, und hielt
mich ferne, weil ich ihre Bewegung still verehrte und ruhig vorüber gehen lassen
wollte; aber Wattines kam gerade von dem Felde zurück, und wusste natürlich keine
Ursache zu denken, warum seine Frau bei dem Kinde in Tränen schwamm, und fragte
ängstlich:
    Emilie! warum diese Trauer?
    Sei ruhig, mein Bester! es ist nichts geschehen, sagte sie. Meine Wehmut
entstand bei einem schönen Gedichte, und aus Mitleiden für eine arme Mutter in
Teutschland.
    Dies war ihm noch immer unverständlich. Nun erzählte ich, mit dem Bilde des
teutschen Grabes in der Hand, den Anlass zu Emiliens so schön sympatisirender
Trauer. Sie lächelte hier ruhig und sprach von dem so neuen und rührenden
Gedanken des teutschen Gedichts, mit so viel Empfindung und Klarheit, dass ich an
die Harmonie schöner Seelen glauben müsste, wenn ich auch niemals davon gehört
oder eine Ahndung gehabt hätte; denn der Auszug, welchen diese Frau, von dem
tief moralischem und schönen mütologischem Sinne von Schillers Gedicht, in
ihrer Landessprache machte, war eine neue herrliche Abbildung von dem
Originalideen in französischen Glanzflor gehüllt, der die Farben nicht
verlöschte, sondern nur etwas dämmernd schimmern machte: ich staunte daneben
über die Stärke und Feinheit des Geistes dieser Frau, indem sie, um ihren Mann
zu schonen, mit keiner Sylbe die Erinnerung an ihre verlornen Freunde berührte,
und nur von der sanften Wehmut sprach, welche ihr das Gedicht einflösste; so wie
das Mitleiden für die teutsche Mutter ihre Seele erweichte und ihre Liebe für
Carmil erhöhte.
    Wattines nahm nun das Wort und sagte: alles was ich von dem Inhalte dieser
Poesie höre, macht mich bedauern, dass ich es nicht im Original lesen kann; aber
es erinnert mich auch an einem meiner Lieblings-Schriftsteller unserer Nation,
Bernardin de St. Pierre, welcher, setzte er gegen mich lächelnd hinzu: obschon
geborner Franzose, dennoch eine schöne Abhandlung über das Vergnügen der
fühlbaren Seele bei den Gräbern schrieb; nun besann er sich ein wenig, und sagte
zu mir: wir wollen dieses Stück einmal auf der Insel lesen.
    Dieser Vorschlag freuete mich, denn da konnte ich nach der Stelle von den
Gräbern fragen. Unsere folgenden Unterhaltungen waren nicht von so rührender,
aber doch nicht minder angenehmer Art, denn sie betrafen die Antworten auf meine
Fragen, über ihre Herbst- und Wintertage. Wattines sagte: an diese gewöhnen sich
Europäer nur mit der äussersten Mühe, indem Amerika nur drei Jahrszeiten hat,
Sommer, Herbst und Winter; vom September bis November ist das Clima
paradiesisch, aber wie im November die Blätter fallen, so kommen kalte,
abgesetzte Regengüsse und Schneegestöber, Nordwestwinde führen um Weihnachten
den strengen Winter über das ganze Land, die Erde wird hoch mit Schnee bedeckt,
die Lust zu Eis; aber der Himmel ist reiner Azur. Unsere Blicke, Wünsche und
Bitten konnten stets, ohne von Nebel oder Wolken aufgehalten zu werden, zu
unserm Urheber in die Höhe steigen, denn die Sonne leuchtet täglich hervor.
Anfangs Mai schmilzt der Schnee und acht bis zehn Tage nachher, stehen Bäume,
Felder und alles in Flor.
    Diese Beschreibung freuete mich sehr für die guten Wattines, denn sie sahen
also doch in ihrer tiefen Einsamkeit, zwischen den entblätterten Bäumen und
Gesträuchen hindurch, - wie der Abbe Reirac in seiner Hymne sagt:
    »Alle Tage einen stets warmen Freund, die Sonne.«
    Als nun Wattines zu seinen Geschäfften eilte, nahm Emilie die Fortsetzung
des Erzählens auf und sagte: unser Herbst und Winter wurden auch schön durch
neuen Kunstfleiss, bei Lichtern und Lampen, für mich aber durch Wattines
freigebige Mitteilung aller seiner Kenntnisse.
    Ich fragte nach dem Kunstfleisse, welcher für mich immer viel Anziehendes und
Schätzbares hat, hier aber um so mehr hatte, wenn ich bedachte, dass weder
Wattines noch seine Frau zu Mangel geboren, oder zu rauher Handarbeit erzogen
waren. Aus den Bibern, Fischottern und fetten Vögeln, welche er gefangen hatte,
kochte Emilie das verschiedene Fett sorgsam aus, und mengte es mit dem Vorrate
Oehl, welchen sie mitbrachten. Die Dochte verfertigte sie aus äusserst schmal
geschnittnen Streifen Mouselin, von einigen Halstüchern, welche sie dann
zusammen drehte, Lampen- und als sie im zweiten Jahre Wachs genung hatten, und
es zu behandeln wussten, auch Kerzdochte davon machte: Wattines aber, um den
starken Lampendampf abzuziehen, erbaute, nahe an der Wand, von Ton einen
kleinen Rauchfang, welchem er einen guten Zug zu geben wusste. Was für eine
Wohltat in den langen Winternächten, wo Lesen und Arbeit der einzige Genuss von
Erleichterung ihrer Not und des schrecklichen Wehs, der langen Weile war. Ihre
ihnen Eier gebende, bis zu 15 Stück angewachsene Hühner, wohnten des Tages mit
in ihrer Stube. Wattines hatte sich einen Weg zum Fischen und Wasserholen offen
gehalten, wodurch der Wechsel unserer Speisen, wie auch die Mittel zu unserm
Honigwasser und der Reinlichkeit gesichert war. Unser Flachs, sagte Emilie, war
gut geraten, und noch in den letzten Herbsttagen ziemlich bereitet. Ich spann
ganz artiges Garn, Wattines etwas starkes. Hier verliess sie mich, und kam mit
zwei Spindeln voll Garn und einer Handvoll Flachs zurück. Sehen Sie! da sind
noch Reste von unserer Arbeit, und Spindeln welche mein Wattines so nett und
mühsam schnitzelte: dass er Netze stricken konnte, berühre ich nicht, denn dieses
muss ja immer ein guter Jäger verstehen, aber das Garn dazu verfertigen, lehrte
ihn die Nymphe des Hayns auf der Insel Oneida. Ich bezeugte ihr meine Freude
dieses alles gesehen zu haben, und bat sie, mir Flachs, Garn und eine Spindel zu
schenken. Sie bewilligte es gerne, ich dankte und setzte hinzu, ach! was für
Erinnerungen ruft Ihnen diese Arbeit zurück! sie erwiederte, o diese Tage waren
süss, denn Hoffnung der Rückkunft unsrer Fischer war damit verbunden. Wir
arbeiteten bald in die Wette, dann auch unter wechselseitigem Lesen.
    Da ich den eigentlichen Unterschied zwichen der männlichen und weiblichen
Erziehung von unserm Stande wissen wollte, so erzählte mir mein guter Carl,
soweit er sicher zurück denken konnte, den Gang der Leitung seines Geistes und
seiner moralischen Gefühle; wie nun etwas wissenschaftliches vorkam, wurde ein
Band der Encyclopädie genommen, das Ganze vorgelesen und erklärt; so dass ich
dadurch mit Wattines eine völlige Wiederholung aller seiner Studien machte, ihn
wegen dem was er wusste höher schätzte, wegen dem, was er mich lehrte, dankbarer
liebte. Er musste mich den Nutzen und den Gebrauch aller matematischen
Instrumente lehren, ja ich plagte ihn mit der Begierde das Latein zu wissen. Ich
lächelte, und wiederholte das Wort: plagte.
    O gewiss es war Plage, denn wir hatten keine Grammatik, kein Dictionaire
mitgegebracht, nur Ciceros Werke und Briefe, da auf einer Seite Latein, auf der
andern die französische Uebersetzung war, eben so der Horaz, nur Virgil war ganz
in seiner Sprache da. Alle diese Schriften las Wattines mit mir, und ich lernte
eifrig, kam auch durch mein gutes Gedächtnis so weit, um so ziemlich alles was
in andern Büchern vorkam zu verstehen, - und o wie sehr lernten wir beide den
Wert der Kenntnisse verehren! Buchdruckerkunst war uns göttliches Verdienst;
denn durch sie waren wir in der Zeit, wo das Schicksal uns von allen Lebenden
getrennt hatte, mit den besten die jemals lebten, umgeben, und konnten uns immer
die nützlichste angenehmste Gesellschaft wählen. Wie oft sagte ich mit dem
grössten Staunen: o wie viel schönes hat der menschliche Geist hervorgebracht!
ja, als ich das Glück des Wissens kannte, segnete ich unsere Einsamkeit, ohne
welche Wattines nie Zeit gefunden hätte, weder mich zu belehren, noch für sich
zu wiederholen. Er wurde uns sogar wert, der Zustand der Armut und des Mangels
an allem, was Glück des physischen Lebens ist, da wir den höchsten Reichtum,
aller seit Jahrtausenden gesammelten Schätze des Geistes um uns sahen. Dieser
wirklich schöne Gang unseres Schicksals, welchen wir selbst in unsere Umstände
verwebt hatten, und uns einzig in seiner Art schien, gab uns durch das
angenehme, welches der Ausdruck einzig unter Millionen jungen Leuten unsers
Alters zu sein, mitten in unserer tiefen Einsamkeit, die edelste Freude der
Eigenliebe zu kosten, und wurde, ich bin es gewiss, wahre Stütze unsers Lebens
und unserer Kräfte. Wir genossen darin nicht allein das Glück, dass wir uns
liebten, sondern auch hochschätzten, und so, edel vergnügt, die Wahrheit des
Gedankens fühlten: dass Unwissenheit die Armut des Reichtums, Kenntnis und
Tugend, Reichtum der Armut sei. Wir bemerkten auch wohl, dass dieser
unterscheidende Zug unsers Wesens, bei der Ankunft der Colonie sehr für uns
sprach. Unsere Jugend rührte die guten Herzen, der Anblick unserer schön
bearbeiteten Felder erregte freudiges Staunen; aber unsere vielen und
vortrefflichen Bücher, die höchste Bewunderung, vielleicht um so mehr, da wir
von der französischen Nation, und von der Classe waren, welche sich durch
Leichtsinn und Begierde nach Vergnügen ausgezeichnet hatte.
    Unsere Erfahrung und unsere Bücher gaben uns richtige Begriffe von Tugend,
Verdienst, Glück und Jammer. Diese richtigen Begriffe wurden Grundpfeiler des
Gebäudes unserer Ruhe; denn wie viele Arten Wohl und Weh werden uns in Städten
und grossen Gesellschaften durch die Einbildung zugeführt, welche wir am See
Oneida nicht mehr hörten und sahen. Wir waren gegen das Lachen der Torheit und
gegen die tyrannische Herrschaft der Mode geschützt, unsere Leiden und Freuden
der Sinne kamen aus der Hand der Natur, und je länger wir auf unserer Insel
unter ihrer Aufsicht und Pflege waren, desto mehr fühlten wir, dass sie sich
gegen gute, ihr immer nahen Kinder wahrhaft mütterlich zeigt; denn unsere
Gesundheit und unsere Kräfte vermehrten sich, nie hinderte Unverdaulichkeit
unsern Schlaf, nie plagte uns Langeweile. Sie sehen nun auch, wie sehr ich Recht
hatte zu sagen, der Herbst und Winter waren eine reiche Erndtezeit für meinen
Verstand und für mein Herz. Sie kennen meinen Wattines durch den männlich
sanften Ton der Freundschaft und das gefällig Ernste, wenn er mit Männern über
einen wissenschaftlichen Gegenstand spricht: denken Sie sich die Stimme der
edlen wahren Liebe, welche nicht nur die besten Gefühle des Herzens, sondern
auch die besten Güter des Verstandes mitzuteilen sucht. Sie wissen, dass in dem
ersten rauhen Loghouse keine Fensterscheiben sind, aber Not und Nachdenken
lehren vieles: unsre kleinen mit welsrem Leinen bespannten Fenster, würden einen
mir unschätzbar gewordenen Unterricht eben so sehr unterbrochen haben, als sie
das völlige Eindringen der Lichtstralen hinderten; aber Wattines nahm den
ohngefähr einen Schuh grossen Spiegel, welchen ich zwischen die Bücher gepakt
hatte, und sagte mir: er wolle die Hälfte des mit Quecksilber auf das Glas
befestigten Staniols abmachen, so würde dieser Teil Fensterscheibe werden, der
andre Spiegel bleiben, und wir also den dreifachen Nutzen vereinen, bei Wind und
Regen, dennoch die Ansicht unserer Insel zu geniessen, mitten im Winter
Sonnenstralen aufzufangen, und zugleich die Ordnung unserer Haare und unsers
Gesichts zu beobachten Sie können sich, sagte sie mit wahrer weiblicher Freude,
keinen Begriff von dem Vergnügen machen, welches ich über diesen Gedanken meines
Carls empfand, und was für eine Quelle edlen reinen Genusses sich damit für uns
öffnete. Lesen und Arbeiten wurden erleichtert, und wir konnten nun, ohne den
Wind, das Schneegestöber oder den Regen bei dem Aufmachen eines Fensters
einstürmen zu sehen, alles bemerken, was auf dieser Seite vor unserer Hütte lag
oder sich zutrug. Sonne, Mond, Sterne, Bäume und Erde, die Luft und der See,
waren nun selbst in übler Witterung frei vor unsern Augen, weil Wattines uns
durch Aushauen einiger Baumäste eine Aussicht längst dem See geschafft hatte. Da
ich, setzte sie hinzu, in meinem englischen Nähzeuge noch ein kleines
Spiegelchen besass, welches mir zu meinem Putze auf der Insel genügte, so bat ich
Wattines, den ganzen Spiegel zur Fensterscheibe zu nehmen. Ein Gefühl von Glück
durchdrang unser Herz bei dem ersten Genuss dieser Aussicht: wie gerne hätten wir
dem Oberherrn der Insel eine englische Fenstertaxe bezahlt, wenn sie jemand
gefordert haben würde. Da dieses liebe Fenster nahe bei unserm Heerde war, und
wir uns freistehend, sowohl wärmen als umsehen konnten, sagte Wattines: gewiss
der Generalpächter in Paris, welcher über seinen Camin statt eines grossen
Spiegels ein eben so hohes prächtiges Glas einsetzen liess, um bei dem wärmenden
Feuer zugleich die Aussicht auf der volkreichsten Strasse der Stadt zu geniessen,
dieser fühlte gewiss bei diesem kostbaren Kunstwerke kein so hohes Maass Vergnügen
als wir, bei der kleinen eine Spanne hohen Scheibe. Die liebe Frau führte mich
nun gleich zu dem so sehr geschätzten Fensterchen, welches etwas schief zwischen
dem Hausbalken befestigt war, gerade das Kämmerchen beleuchtet, wo alle ihre
Inselgerätschaften aufgestellt sind, und Wattines in warmen Tagen auf dem
kleinen Tischen aus der Hütte arbeitet.
    Das Opfer meines Spiegels wurde reichlich bezahlt, indem mich mein Carl in
den stürmenden Tagen des Novembers, über die Naturgeschichte der Winde, des
Regens, der Wolken und des Schnees belehrte: da ich noch kein Englisch verstand,
übersetzte er mir alle die schönen Herz erhebenden Betrachtungen eines
Philosophen im universal Magazin: zeichnete mir dabei die feinen Stern
gebildeten Schneepflocken, welche ich seitdem in Vandeks Hause, im Catechismus
der Natur, nach zwölf abgeänderten sehr schönen Gestalten sah. Des Engländers
Betrachtung über den Schnee reizte mich zum Fleiss seine Sprache zu lernen, weil
er immer Kenntnis der Sache selbst, moralische Empfindungen, Auszüge aus den
vortrefflichsten Dichtern neuerer Zeit, mit den Ideen der Alten verband, und ich
diese Lehrart unendlich liebte: wie er zum Beispiel vom Entstehen des Schnees
sagte, Homers Bild war:
In des Winters dunkler unfreundlicher Regierung
deckt eine Ueberschwemmung von Schnee die Ebne.
Jupiter heisst die Winde schweigen und die Wolken schlafen,
dann stösst er das flille Unwetter dick und tief herab:
zuerst umhüllt es die Spitzen der Berge,
nach dem die grüne Flur und auch sandige Wüsten.
Das Gewicht des Schnees fesselt die Bewegung der Bäume,
und ein weit verbreitetes glänzendes Weiss verbirgt alle Werke der Menschen,
nur der bei ihrem Fall sich in lauter kleine Cirkel teilende See verschlingt
sie
und trinkt seine aufgelösten Flocken wie sie fallen.
Der Philosoph Aristoteles nannte den Schnee kurz und richtig, eine gefrorne
Wolke, wie er den Hagel gefrornes Wasser nannte. Plinius, welcher dreihundert
Jahre nach ihm lebte, also eine noch gewissere Idee von dieser Lufterscheinung
geben konnte, verirrte sich doch wieder zu der poetischen Phantasie, zu sagen:
es sei der Schaum, welchen das in den obern Luftgegenden zusammen geschlagne
himmlische Ge wässer hervorbringe.
    In dem englischen Dichter der Jahrszeiten aber findet man den Wiederhall der
Stimme des Vaters aller Poeten, Homers; denn Tomson sagt:
Siehe! sie kommen, die strengen Witterungen; aufdämpfend
aus dem schwarzgelben Osten, aus scharf durchdringendem Norden
steigen die dicken Wolken; in ihrem Schoss liegt
eine Dunstüberschwemmung, zu Schnee gefroren.
Siehe, sie rollen schwer durch ihre wolligte Welt hin;
und der Himmel ist traurig, beim dicht versammelten Sturme,
durch die gestillte Luft steigt ein weisser Schauer herunter,
welcher dünn zuerst wirbelt; und endlich fallen die Flocken
breit und weit und geschwind, so dass sie den Tag selbst verdunkeln
in beständiger Flut. Die wertgeschätzten Gefilde
nehmen ihr Winterkleid vom allerreinsten Weissen,
alles glänzt; nur nicht wo der neugefallne
Schnee schmilzt, längst den labyrintischen Bach.
Hier unterbrach die liebe Frau das Lesen der Verse und sagte: o wie sehr fühlte
ich, dass der Dichter recht hatte, als er anmerkte, dass im freien ofnen Felde
alles glänzte, nur nicht am labyrintischen Gange, längst den Bach. Labyrinte
haben gewiss nichts glänzendes, nichts helles, jeder Schritt ist mit Furcht und
Ungewissheit umgeben, kleine, wie Schneeflocken von ferne hellscheinende
Aussichten und Hoffnungen, verlieren sich in einem Labyrinte in dunkle
Ungewissheit, wie die weissen Flocken im Wasser. Wundern Sie sich nicht, setzte
sie hinzu, dass mein Herz hierin das Bild unsers Schicksals erblickte, so wie
mein Geist in Tomsons Beschreibung des Winters die vollkommenste Aehnlichkeit
mit dem von Amerika, so wie ich glaube, dass meine Aufmerksamkeit mich nicht
täuschte, als ich eine Aehnlichkeit zwischen Homers und Tomsons Wintergemählden
fand; es müsste nur in Popens Uebersetzung des ersten etwas gefehl sein; denn Sie
glauben wohl, dass ich weder Homer noch Pope im Original kenne? doch da ich
unüberlegt von zwei grossen Männern sprach, so muss ich noch einen Punkt der
Aehnlichkeit zeigen, die ich zu sehen glaubte, da Tomson auch sagt:
    »Es beugen die Wälder jetzt ihr bereistes Haupt, das Antlitz der Erde ist
tief verborgen, gefroren, eine blendende Wüste welche der Menschen Werke
begräbt.«
    Ich konnte nicht anders, ich musste etwas über den Eifer der guten Frau
lächeln, mit welchem sie von den zwei aufgefassten Auszügen sprach. Ich sah noch
den alt französischen Geist darin, wo artige Weiber alles beurteilten. Emilie
bemerkte aber mein Lächeln: ein Schimmer von Rosenfarbe überzog ihr Gesicht, ich
war bange, ihr Missvergnügen verursacht zu haben, und wurde in Wahrheit mehr
verlegen als sie es sein konnte; auch dieses bemerkte sie, und sagte freimütig:
    Lächeln Sie nur ganz offenherzig, ich weiss wohl, dass Ihr Männer Eure
Sprachkenntniss und alten Schriftsteller wie Heiligtümer betrachtet, welche wir
guten Geschöpfe nicht berühren sollen. Wattines lächelte auch, als ich mit ihm
davon sprach. Er war aber aufrichtiger als Sie, und sagte wie zu einem
vorschnellen guten Kinde: ich sehe darin, dass der Winter in Homers Vaterland
nach den ewigen Gesetzen der Natur dieser Jahrszeit sich zeigte, wie in den
kalten Gegenden von England. Ich fühlte diese Wahrheit, und liebte die
Betrachtungen des englischen Philosophen je mehr ich seine Landessprache kennen
lernte, desto inniger, ja Tomson war auch mein Freund, weil ich in mir
Sympatie mit ihm fand, da er alles was vom Himmel auf die Erde kommt, rein und
schön nannte. Er wurde mir mehr als Homer durch seine edle Bitte an Gott:
    »Vater des Lichts und des Lebens! lehre du mich was gut ist, fülle meine
Seele mit Einsicht, mit innerem Frieden, mit reinster Tugend, mit heiliger,
wesentlicher und nie welkender Wonne.«
    Diese Anhänglichkeit an das universal Magazin und der lange Auszug welchen
die liebe Frau gemacht hatte, bewogen mich, das Heft zu begehren. Sie ging und
brachte alle. In allen waren die Stücke der Betrachtungen bezeichnet. Sie machte
auch im Febr. 1796 die über den Schnee. Sie ist in Wahrheit sehr schön. Als ich
nun sagte, dass ich mir diese Monatsschrift selbst anschaffen wollte, und gewiss
nie vergessen würde, bei welcher Gelegenheit sie mir bekannt wurde, sagte sie
mit Würde und Freundschaft:
    O es wird Sie immer freuen, das vortreffliche Werk zu besitzen, wie es mich
freut, dass Sie es bei uns kennen lernten, und bei jeder Betrachtung über die
Güte der Natur, auch an die zwei guten Wattines in Amerika denken werden.
    Diese Äusserung überraschte mich. Ich ward durch das Bild meiner Entfernung
von diesen wirklich guten Menschen bewegt, wollte nicht in gerührtem Tone
sprechen, und lobte nur Emiliens Fleiss im Lesen, ihren Geschmack an Kenntnis,
und ihre Bemerkungen. Sie lächelte und erwiederte ganz heiter:
    Meine Bemerkungen bei dem Lesen auf der Insel machten sehr oft meinen
Wattines lächeln, schafften mir aber auch die Freude, von seinen eigenen
Gedanken unterrichtet zu werden, wie es einst bei der sehr ernstaften
Gelegenheit geschah, da er mit mir von den wesentlichen Verdiensten aller
Wissenschaften sprach, wo natürlich auch Sittenlehre vorkommen musste, und ich
sagte: ach Männer! warum habt ihr in so vielen Jahrhunderten die Gesinnungen und
das Betragen der Menschen gegen einander, wovon das Glück des Lebens für alle
abhängt, nicht unter so unwandelbaren Gesetzen befestigt, als die Regeln Eurer
Sprachen, Eurer Geometrie, Matematik und Künste! Mein guter Carl lächelte, wie
Sie bei meiner Äusserung über Tomson und Homer, sagte aber bald, und wie mich
dünkte seufzend: ich fürchte, gute Emilie! das konnte nicht sein, weil in der
moralischen Welt der Gesinnungen unserer Seele vollkommne Freiheit ist; aber für
das was wir tun wollen, hat unsere sinnliche Welt Gesetze, diese werden schwer
gemissbraucht, Freiheit immer.
    Ich wollte, sagte sie, nicht weiter gehen, denn nie, ach nie hörte ich ihn
das Wort Freiheit aussprechen, oder von andern in seiner Gegenwart nennen, ohne
zu bemerken, dass seine Seele an den grausamen Gang der französischen Freiheit
dachte und er dann litte.
    Auch ich konnte nun diese liebenswürdige Frau weder lange fragen, noch
Auslegungen über die geäusserten Gedanken ihres Wattines vorlegen, besonders da
er alles, selbst das Ernstafte so leicht und artig einkleidet, dass es natürlich
seiner Frau stets das beste und vorzüglichste sein muss, und auch, weder das
gründliche noch schwankende seiner eigenen Ideen auf der Insel Oneida, keine
besondern Folgen haben konnte. Aber indessen bekommt Wattines Geist und
Charakter immer mehr anziehendes für mich, so dass ich mit äusserster Sorgfalt
alle Züge davon zu haschen suche: noch mehr, es liegt mir unendlich stärker
daran, zu bemerken, auf was für eine Art er sich bei seiner Frau in dem
unterrichtenden Tone zeigte, als zu beobachten, was er für mich oder andre
Männer sein möchte; denn da, wo wir uns unter einander zeigen, durchdringen wir
uns sehr oft bei der schwachen Ecke, Lustigkeit, Unmut, Eitelkeit oder
Leidenschaften, verraten uns auch eher als wir denken. Nun wird Wattines seiner
Frau keine Ideen geben, die er nicht gern in ihrem Geiste einheimisch sehen
möchte. Sie spricht mit Vergnügen von seinen Gedanken und seinen Taten, so, dass
meine Neugierde nur durch die Sorge beunruhigt ward, dass ich nichts als
abgebrochne Stücke erhalten würde; weil Emilie auch mit ihren Kindern und ihrem
häuslichen Wesen so getreu beschäftigt ist, dass ich gewiss bin, hätte sie mir
nicht versprochen, über alles zu antworten, sie schenkte mir wenig Zeit; denn
bei ihr möchte ich nicht auf die gewöhnliche Gesprächigkeit der französischen
Damen zählen. Demnach urteilen Sie, wie sehr ich wünschen musste, die ganze
Reihe folgender Gedanken zu wissen, da er zu seiner Frau einmal sagte: dass er
den Verstand und die Seele für sehr verschiedene Wesen halte, und glaube, dass
der erste nur für das beste der Geschäfte dieses Lebens, wie ein erhöhter
Naturtrieb zu den Künsten des vornehmsten Geschöpfs unter den Tieren bestimmt
sei; auch hätte Gott nirgends dem vorzüglichsten Verstande, sondern nur der
vorzüglichsten Seelengüte eine Belohnung verheissen.
    Ein andermal sagte er: bald möchte ich hohe Tugenden, die schönen Künste der
moralischen Welt nennen, unter welchen in so vielen Jahrtausenden, die
Menschengeschichte alter und neuer Zeiten, nur wenige einzelne Bilder des
Verdienstes, der Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und hülfreichen Grossmut
aufzeichnen konnte. So wie die Kunstwelt auch nur Einzelne: einen Apoll, eine
Venus, nur einmal die holde Idee der Grazien aufstellte; das Urbild des Cirkels
als Laufbahn der Sonne, der Gestirne, Welten und Jahrszeiten, nur einmal
Sinnbild des Unendlichen wurde. Es war natürlich, dass Menschen, welche selbst
gut und edel sind, die Modelle der hohen Tugend eines Socrates und Mare Aurels
verehrten und schön fanden; wie das Auge des feinen Geschmacks, der Künste, seit
mehr als tausend Jahren die Meisterstücke der griechischen Bildhauer und
Baumeister bewundert und liebt. Natürlich entstanden in der moralischen Denk-
und der materiellen Kunst-Welt, Millionen Copien und Versuche der Nachahmung und
des Bestrebens, die schöne Höhe des Verdienstes der Alten zu erreichen; man
lernte ihre Sprachen, um die Modelle ihrer Gedanken zu besitzen. Man mass und
zeichnete ihre Bildsäulen und die edlen Bruchstücke, welche die Zeit und
barbarische Kriege von ihren Gebäuden übrig gelassen haben, - aber dieser Gang
der Ideen schien Emilien nicht der angenehmste zu sein, denn sie unterbrach ihn
mit einer sehr muntern Bemerkung und Frage, indem sie sagte: mich dünkt, mein
Carl hat eine sehr neue Anwendung von der griechischen Bildhauerkunst gemacht.
Sage mein Bester! was sind wir auf unserer Insel? sollten wir unter Copien oder
Originale gezählt werden?
    Wattines antwortete mit sanftem Ernst: unsere Lage, meine Emilie! ist nicht
ganz Original, weil es schon oft geschah, dass zwei gute Menschen, durch
Schiffbruch, Treulosigkeit ihrer Reisegefährten, oder wie wir durch Unglück
geleitet, auf einem unbekannten und unbewohnten Eilande einsam lebten, und wie
wir, ohne alle fremde Hülfe harren und für sich sorgen mussten, bis das erzürnte
Verhängnis wieder mit ihnen ausgesöhnt, ihre Erlösung veranstaltete: doch ist
gewiss die Ursache unsers Hierseins etwas eigenes, und alles was du, meine
Emilie, getan hast, einzig, dass es auch selbst in der andern Welt als Urbild
einer der schönsten Erscheinungen in der Menschheit aufgestellt zu werden
verdient.
    Emilie erwiederte: dies würden vielleicht höfliche Männer sagen, welche mich
als junge Frau von 21 Jahren hier fänden; aber meines Carls Pariser und
Versailler Freundinnen könnten am aller staunenswürdigsten finden, dass ein
junger französischer Hofmann, dessen liebenswerter Geist die glänzendsten
Cirkel belebte, sich aller Bewunderung entzog, um freiwillig mit einer einfachen
Landnymphe in dieser Einöde zu leben, und gewiss, sollten sie sehen, was der
schöne Wattines auf dieser Insel für meine Unterhaltung und für mein Vergnügen
unternahm, so würden alle mein Los nur zu glücklich achten.
    Dieses kleine Gespräch, meine Freunde! zeigt Ihnen doch ganz, einen Grundzug
der Nation, welche stets einen so hohen Wert auf Scherz und Höflichkeit legte,
dass weder Unglück den ersten verbannen, noch die häussliche Verbindung die zweite
vertilgen konnten; aber gehören diese zwei Eigenschaften nicht mit unter die
wirklichen Nationalvorzüge? Ich erinnere mich in diesem Moment, dass einmal in
unserer kleinen Abendgesellschaft, von dem Scherze bei Kummer, und von
Höflichkeit unter Eheleuten gesprochen wurde, wo die Gattin meines Freundes
sagte:
    Sie wünsche sich nicht das Talent, mit dem Unglücke zu scherzen, weil sie es
für die erzwungne, unnatürliche Wirkung des Stolzes der wilden Iroquesen halte;
aber dass sie den Himmel bitte, ihr die Kraft zu geben, den Kummer ruhig zu
tragen, und wie die schöne leidende Engländerin ihrem Jammer zuzulächeln, smile
and griefs, denn dieses allein sei wahre edle Stärke der Seele. Höflichkeit im
Ehestande, schien ihr vor ihrer Heurat der einzige beneidenswerte Vorzug der
adelichen Damen zu sein, weil ihre Männer die Ebenbürtigkeit ihrer Gattinnen mit
Achtung behandeln, und also jede rauhe, die Liebe tödtende Vertraulichkeit
vermeiden müssten; aber jetzo, fügte sie hinzu, da ich den besten, höflichsten
Mann der ganzen Gegend mein nenne, habe ich keinem Frauenzimmer auf der weiten
Erde etwas zu beneiden.
    Meine Base wird, hoffe ich, mit mir zufrieden sein, wenn sie bemerkt, dass
das Meer und die grosse Entfernung von Ihnen, ja selbst die schöne romantische
Erscheinung der Wattines, das Andenken Ihres Hauses und Ihres Umgangs nicht aus
meinem Gedächnisse verdrängte, und dass ich herzliche Wünsche zu dem Himmel
schicke, mich wieder gesund zurück zu führen, damit ich die Erinnerungen meiner
Reise und alles dessen, so mich hier freute, mit Ihnen teilen, und aufs neue
das Glück Ihrer Freundschaft geniessen könne. Ich werde mir auch ein Stück Feld
neben Ihrem Garten kaufen, und dort eine Hütte bauen, wie Wattines Hütte auf der
Insel ist, welche ich mit Bäumen, Gesträuchen, Pflanzen und Blumen von der Insel
Oneida umgeben werde, die ich mitbringen und einheimisch machen will; wie ich es
mit dem Zucker-Ahorne versuchen werde, welcher eine wahre Wohltat ist, indem
jeder Baum, der wie bei uns die Birken, angezapft wird, fünf Kannen Saft gibt,
aus welchem fünf Pfund Zucker gekocht wird. Ein Mann kann mit drei bis vier
Knaben oder Mädchen in einem Monat 1500 Pfund Zucker sammeln, wenn die Kinder
nur stark genug sind, die Gefässe mit dem Safte zu dem Kessel zu tragen, und ein
leichtes Feuer zu unterhalten wissen, wobei sich der Saft auflöst. Wenn die
Bäume geschont werden, so können sie mehrere Jahre dauern. In Europa könnte man
sie zwischen die Obstbäume setzen, da sie zwei Schuh weit von einander stehen
müssen, und ein Morgen überhaupt 140 Stämme sasst, da erhielten wir Zucker, von
welchem das Pfund nur 8 Kreuzer kostete.
    Die amerikanischen Indier machen mit diesem Safte und Maismehl einen Teig zu
ihrer Nahrung auf Reisen, oder auch bei Jagden und für Kinder. Bei diesen
Anlagen meines Landguts, welches Oneida heissen wird, soll auch die schöne
Moossbank vor den Büschen der Jerich oder Peonien-Rosen als Vorbild einer artigen
Gartenverzierung zu stehen kommen; dort werden wir den Ahorn-Zucker quellen
sehen, und ich also zweifacher Wohltäter meines Vaterlandes werden.
    Bald nach diesem Tage, an welchem Frau von Wattines mit mir mit so vieler
Gefälligkeit, als geistvoll von ihrem ersten völlig einsamen Winter gesprochen
hatte, verwies sie meine fernern Fragen an ihren Mann, indem sie artig
bescheiden sagte; da ich bis zu dem Anfange der neuen Feldarbeiten meines
Wattines vieles von ihm lernte, so würde das Zeugnis meines Fleisses in meinem
Munde nicht so anständig lauten, als das, welches mein liebreicher Lehrmeister
mir geben kann, auch, setzte sie mit gerührter Stimme und sanft errötend mit
niedergesenktem Kopfe hinzu, wurde meine Rolle im Frühjahre sehr wichtig. Ich
wusste dass ich Mutter war, und es zu Ende Juny ganz werden sollte: aber ich
verbarg dem teuren Wattines diesen Zustand so lange als möglich, um sein edles
zärtliches Herz noch einige Zeit von diesen neuen Sorgen befreit zu halten. Ich
konnte es um so leichter, da wir nun von der Zeit der Rückkunft unserer Fischer
sprachen, und jeden Tag, da die Sonne höher stieg, lächelten wir ihnen mit mehr
Freude entgegen, mehr, in Wahrheit mehr, als dem wiederaufblühenden Frühlinge
und dem schönen Abglanze des Himmels, der Bäume und der Blumen am Ufer des
See's. Wir hofften durch sie so viel von Freund John, auch von Europa zu hören,
und wieder Menschen, bekannte, gute Menschen zu sehen. O kaum, kaum, selbst in
den glücklichen Tagen, des noch königlichen Frankreichs, als mein Herz der
Ankunft des geliebten Wattines entgegen klopfte, ach kaum da waren meine
Hoffnungen so süss, so lebhaft, und gewiss sah ich nicht so oft nach der
Landstrasse, von welcher Wattines kommen musste, als nach dem Teile des See's,
von wo die Fischer kommen sollten. Nun schwieg sie, nahm ihren Carmil in ihre
Arme, und sagte dann so innig zu ihm: Lieber Unschuldiger! du teiltest diese
Sehnsucht und diese Hoffnungen unter meinem Herzen mit mir, ach, du wirst in
künftigen Tagen deines Lebens auch grosse und kleine Wünsche kennen lernen, möge
Gott die besten immer erfüllen.
    Ich bemerkte die Träne sehr nahe in ihrem Auge, und entfernte mich, um
Wattines aufzusuchen, welcher mir mit dem Zimmermanne begegnete, da sie von der
Arbeit eines neuen Hausbaues zurückkamen, wobei der edle rechtschaffne Wattines
eben so fleissig hilft und angreift, als die übrigen; auch durch seine grössere
Geschicklichkeit und seinen erfindungsreichen Geist, bei hundert Anlässen, den
andern das Anstrengen ihrer Kräfte erleichtert, abkürzt und die Arbeit
verbessert. Er hat den Vorschlag getan, dass man die ersten Wohnhäuser auf der
Stelle des künftigen Hofes oder eines Seitengebäudes errichten solle, um einst
die Arbeit des bessern grössern Hauses gut beobachten zu können, ohne der, beim
Bauen so angenehmen und dem Ordnung liebenden Auge so nötigen Symmetrie zu
schaden. Als ich ihm von Emiliens Anweisung auf seine Nachrichten sagte,
willigte er sogleich ein, mit dem mir so erfreulichen Zusatze, dass er morgen mit
mir einen Teil des Sonntags auf der Insel feiern wolle, indem bei den
Erinnerungen der wichtigsten Vorgänge, in der Geschichte des zweiten Jahres
ihres Aufentalts in der Insel-Hütte, einige Auftritte vorkämen, welche mich auf
der Stelle selbst mehr freuen würden, als irgend eine Erzählung. Dieser Entwurf
entzückte mich, weil ich viel mehr erwarten konnte, als er jemals in seinem
Hause und Garten gesagt haben würde.
    Wir nahmen, nach Vandeks wirklich schöner Predigt, ein gutes Frühstück ein,
und schifften über. Wattines lenkte den Kahn selbst, befestigte ihn an einem
Baume, und ging lebhaft der Hütte zu, öfnete, sie und sagte: ich weiss, Sie haben
die gute Hütte schon gesehen, aber treten Sie doch auf einige Augenblicke mit
mir hinein; denn, ob ich Sie schon weiter führen will, so ist mir doch
unmöglich, an der lieben Hütte vorbei zu gehen, in welcher die
allermerkwürdigsten Tage meines Lebens vorüber flossen. Ich erwiederte: gewiss!
ich betrachte sie mit neuen Gefühlen, da ich sie mit Ihnen besuche. Er drückte
mir die Hand, blickte voll Freundschaft mich an, und sagte: es ist mir auch neu,
das Gefühl, mit einem Freunde meines Alters zu sein, und das hier in dieser
Hütte, wo ich vier Jahre lang weit von dieser schönen Hoffnung lebte.
    Ich erwiederte hierauf: indessen war sie Tempel der Liebe, diese einfache,
mir dadurch heilig gewordene Hütte.
    Haben Sie Dank, für diesen Ausdruck, sagte er, mich umarmend. Emiliens
Tugend hat sie zum Tempel geweiht, denn es ist keine Stelle hier, wo sie nicht
als eine Heilige dachte und handelte. -
    Der Tisch und die Bank zwischen der Schlafkammer und dem grossen Bücher- und
Gärtnerzeug-Schrank sind noch da, Wattines wusste, bei welchem Punkte seiner
Geschichte meine Fragen stehen geblieben waren. Er blickte nachdenkend auf die
Ecke der Bank, deutete nachher dahin, und sagte: diese Stelle wird mir
unvergesslich sein, hier las ich Emilien vor, und auf eine andre Stelle zeigend,
da sass sie in den trüben Tagen des ersten Winters mir gegen über und arbeitete,
weil unsere kleine Fensterscheibe, da gerade beiden leuchtete, und wir zugleich
die Aussicht über einen Teil der Insel, des See's und der Luft vor uns hatten,
ja manchmal mit so vieler Freude Vögel vorbei fliegen sahen.
    Emilie zögerte, so lange sie konnte, mir zu sagen, Carl! ich glaube du bist
Vater. Ich bemerkte es früh genung, und einige Minuten genoss ich die süsse
erschütternde Freude, ein Kind von meiner Emilie zu hoffen, ganz rein und
ungemischt; da ich aber wusste, dass sie es noch verbergen wollte, so ging ich mit
meiner innigen Freude ausser der Hütte, auf den schön erhöhten Platz, welchen
wir Belvedere genannt hatten, dort sagte mir aber der weite Blick auf den See,
und das feste Land, ach, und die grosse, grosse Stille um mich her: Emilie ist in
diesem Zustande hier allein! Nun war sie fort, meine Freude, mein vor wenigen
Augengenblicken so ausgedehntes Herz wurde beklemmt, tausend Ideen kreutzten
sich in meiner Seele, Reue, hier zu sein, Reue, Vater zu werden, erneuerter Hass
gegen die Menschen der Revolution, ach! alles, alles stürmte in meinem Innern.
Ich sah nach der Hütte, meine für Emilien umher gepflanzten Blumen und feinen
Gesträuche wiegten sich durch die sanfte Bewegung der Luft, welche mein Gesicht
und meine Brust kühlte. Die Beleuchtung des See's und unserer Insel, war
ausserordentlich schön. Mein Herz wurde gerührt, ich warf mich nieder vor dem
Schöpfer von allen mich umgebenden Wesen, meiner Emilie und meines Kindes
Schöpfer. Denken Sie sich, was ich bat und wünschte, sagte er meine Hand
fassend: gewiss haben Sie auch schon erfahren, wie ein aufrichtiges Gebet in
unserer Seele wirkt, meiner Worte waren wenig. Du siehst, du hörst mich,
Allmächtiger! Nun trat auch die Hoffnung auf die Ankunft der Fischer vor mich,
und flüsterte mir zu, dass diese verheurateten Männer uns Rat geben: uns auf
einen Pachtof führen, oder jemand zu uns bringen könnten, wie es schon der gute
Quäker gleich anfangs haben wollte. Hoffnung lächelt gern und macht lächeln,
mein Herz war durch sie erleichtert, und ich fühlte nur noch, dass ich jetzo
keine nähere Pflicht hätte, als Emilien ihr Leben und ihren Zustand so angenehm
als möglich zu machen; doch setzte ich mir zugleich vor, zu beobachten, wie
lange sie noch darüber schweigen würde. Ich musste ihr in den ersten
Wintermonaten von meiner erhaltenen Erziehung und Bildung meines Verstandes sehr
genau erzählen, ja sie manches lehren, und Sie können nicht glauben, mein
Freund! wie schnell und richtig sie fasste, wie fleissig sie sich in der
Sprachkenntniss übte, aber meist nur auf dem abgekürzten Wege, sich nach
Uebersetzungen einige Ausdrücke und Verbindungswörter bekannt zu machen, und
dadurch in den Sinn der andern zu dringen. »Ich will, sagte sie, nur den Geist
der grossen Menschen hören, welche in dieser Nation lebten und dachten, dazu muss
ich wohl etwas von ihrer Sprache wissen, aber ich möchte es mit dieser
äusserlichen Einkleidung ihrer Gedanken halten, wie mit den Gewändern der Statuen
und Basreliefs, wo man sogleich das Amt, den Stand und das Alter kennt, ohne
alle Büge des Faltenbruchs aufzuzählen und durchzumessen.« Denk und
Sittensprüche, abgesetzte Lehrsätze, Ausdrücke der Freundschaft und der Liebe,
suchte sie auf, fasste sie rein und lebhaft; denn ob sie schon eine geborne
Französin ist, so kann sie Wortspiele gar nicht leiden. Der Witz muss sehr sanft
und geistvoll sein, wenn Emilie bei ihm verweilen soll. Als sie nach
Uebersetzungen, welche neben den Originalen standen, einige Vergleiche mit dem
Französischen und Latein machen konnte, und in dem universal Magazin so viele
Auszüge der Alten fand, dann auch die Uebersetzung von den Werken des Hesiodes
eifrig gelesen hatte, so sagte sie eines Tages mich umarmend: »Lieber Carl! ich
finde, dass zu allen Zeiten die besten geistvollsten Männer, wie du bist, ihren
Gott, ein Weib und das Landleben liebten.« Sie kennen sie selbst, und werden mit
mir sagen, setzte er hinzu, dass die immer wirksame Liebe, das aufmerksame und
doch leichte Durchlesen meiner Büchersammlung, und die mit so viel Jammer
verbundene Einsamkeit meiner Emilie, zu einem der edelsten Weiber bildeten,
    Meine Freunde finden es gewiss auch, aber das Schicksal hatte doch die
Liebenswürdigkeit der Frau von Wattines, auf einen zu hohen Preis gesetzt. Meine
teure Base wird es selbst sagen, wenn sie nun folgende Erzählung liesst.
    In einiger Zeit, sagte Wattines, misch-Emilie Fragen in unsere Gespräche,
von dem was meine Mutter zu meiner Ausbildung beigetragen habe, und bei diesen
Fragen hieng sie an meinen Blicken auf die Antwort harrend, liebkosste jeden Zug
meines Gesichts mit der äussersten Zärtlichkeit, und war so dankbar für jeden
Beweis meiner Liebe, dass ihr und mein Schweigen mir bald unerträglich wurde, und
ich auf Mittel sann, wie ich sie zum Sprechen leiten könnte. - Nach einigen sehr
schönen warmen Tagen, munterte ich sie auf, wieder einmal mit mir zu baden und
zu schwimmen. Sie versagte es zärtlich errötend, und von etwas anderm
sprechend; doch begleitete sie mich an das Wasser und sagte: ihr Auge müsse sich
wieder an die Schwimmkunst gewöhnen, sie wolle mir zusehen. Den andern Morgen
nahm ich einen Band der Encyclopädie, und suchte den Artikel: Pflege der
Gesundheit einer schwangern Frau auf. Ich las, während Emilie unser kleines
Mittagsmahl bereitete, sehr eifrig, wobei ich von Zeit zu Zeit voll Liebe und
Rührung nach ihr hinblickte.
    Der Winter war meist unter Lehrstücken aus der Encyclopädie hingegangen,
Emilie liebte dieses Werk unaussprechlich, und kam schnellen Schrittes, sich
über meine Achsel zu lehnen, um zu sehen, was ich lese. Ich umfasste sie mit
einem Arme, da sie eine ihrer Hände auf meine Achsel gelegt hatte. In wenigen
Augenblicken fühlte ich ihre kleine Hand zittern, und ihr Herz klopfen; drückte
sie an mich, sah mit Feuer und Liebe auf ihr holdes an mich geschmiegtes
Gesicht, und so sanft ich sprechen konnte, sagte ich: Emilie! warum zittert
deine Hand? warum fliehst du meinen Blicken? Nun schlang sie beide Arme um
meinen Hals, und rief mit Vergiessung vieler Tränen, ach Carl! du hast es also
gefunden, das Geheimnis meines Herzens? Ja, meine Liebe, mir ist es Heiligtum
meiner Seele, das ich höher achte als mein Leben.
    Sie küsste mich zärtlich und sagte: ach teurer Wattines, verzeih der Natur
und mir, die neue Last und Sorgen, welche dir mit einem Kinde zukommen, Gott
wird dich gewiss unterstützen und segnen.
    Ich staunte über diese Bitte, und antantwortete: ja Emilie! er wird es tun,
der Ewige, um deiner Tugend, und um der Unschuld unsers Kindes willen.
    Sagen Sie, redete er mich an, war dieses nicht eine mir ewig werte Stunde?
Ich fühlte es, drückte seine Hand, konnte aber nicht reden, und er fuhr fort:
hierauf lasen wir zusammen in Büffon und der Encyclopädie, die Naturgeschichte
des Menschen ; denn wir selbst, und die ganze Menschheit, erhielten um des
kleinen anfangenden Wesens willen in unserm Geiste und Herzen einen höhern
Wert, und von dort an, war unser Denken, unser Lesen und unsre Arbeit nur für
unser Kind berechnet. Meine Feldgeschäfte wurden mir leicht, meine Kräfte
schienen mir verdoppelt, wenn ich Mutter und Kind mir dachte. Emilie durchsuchte
unsern kleinen Vorrat Weisszeug, und machte sorgsam etwas davon für den Dienst
des kleinen kommenden Fremdlings auf dieser Insel zurecht. Sie arbeitete mit
zärtlichen Blicken auf ihre Nadel und das Leinen blickend, auf einer Ecke des
Feldes sitzend, wo ich zu tun hatte. Sie war wohl und heiter, aber bald wurde
es trübe um uns, da jeder Tag Emilien und ihr Kind der Zeit näher führte, wo
beide eine Hülfe bedurften, die ich nicht geben konnte, und wir nun die zum
Fischen bestimmte Zeit, immer vergebens nach der Seite der Insel gegangen waren,
wo unsere guten Fischerleute herkommen mussten; da fühlten wir zugleich unsere
jammervollen Sorgen und Zweifel. Einen Nachmitag, da wir lange und oft in tiefem
schmerzvollem Schweigen nach der ganzen Länge des See's hingeblickt hatten: da
der Abend näherte, und nichts einen Kahn ähnliches erschien, drückten wir uns
die Hand, sahen mit Seufzen, mit beklemmten Herzen nach dem Himmel; ich konnte
nicht reden, ich war beinahe ausser mir. Emilie fasste sich zuerst, und sagte
ruhig fest; Lieber! wir wollen uns nicht mehr schmeicheln. Ich bin überzeugt,
die guten Leute kommen dieses Jahr nicht, denn vielleicht betrifft ihr Fang
Zugfische, die nicht alle Jahre nutzbar sind, und auch ihre Zeit zum wachsen
nötig haben. Vielleicht ist es eine Gattung, welche der Creek-Fluss nur alle
zwei oder drei Jahre herbeiführt: wir armen guten Kinder vergassen, selbst da wir
von den schmackhaften Fischen assen, nach ihren Namen und eigentlichem Vaterlande
zu fragen; denn es ist gewiss, keine Art von allen Fischen, welche Du in dem See
fingest, waren denen, von der Fischergegend ähnlich. Nach einigem Stillschweigen
setzte sie hinzu, Carl! ich bin gewiss, wir werden dieses Jahr nichts hören,
nichts sehen was andre Menschen betrifft. Diese Ueberzeugung war auch in der
Tiefe meiner Seele, wo sich Verzweiflung erhob. Emilie umarmte mich mit inniger
Zärtlichkeit, und sagte feierlich: Lieber, wir bleiben uns! Gott ist mit uns,
Hoffnung war unsere Gesellschaft, und täuschte uns ein ganzes langes Jahr.
    Sie schwieg wieder und rief endlich: mögen die guten Leute und unser Freund
John glücklich sein, die göttliche Vorsicht wird für uns sorgen. Ich sagte nur
Amen, die Welt lag auf meiner Brust, und ich bemerkte, dass Emilie nicht weiter
sprechen wollte, nur im nach Hause gehen sagte sie, noch einmal rückwärts
blickend, und die Hand nach der Fischereigegend hin, wie zum Abschiede bewegend,
adieu Hoffnung, und zu mir gewendet, Lieber Carl! wir wollen nie mehr von
verlornen Dingen sprechen, aber desto mehr an Gott, und an unsere von ihm
erhaltenen Kräfte denken.
    Nun führte mich Wattines nach der andern Seite des See's zu seinem
Endtenfang. Ich suchte diesen, sagte er, zu einer Art Vollkommenheit zu bringen,
wie Sie noch Spuren sehen. Die warmen Tage gaben Emilien öfters Lust zu baden,
und das Schwimmen zu üben. Ost fragte sie mich scherzend: Geometer! wie weit ist
jene Ecke der Insel von dem Platze wo wir nun sind? oder auch, wie weit ist das
nächste Ufer?
    Während dem Erzählen führte mich Wattines ein langes Stück am See hin, blieb
manchmal stehen, sah mit bewegter doch vergnügter Seele sich um, bis wir zu
einigen, in einen halben Kreis gesetzten jungen Bäumen kamen, und uns auf eine
der vier Bänke zwischen den fünf schönen Pappeln setzten, welche dadurch wie mit
einem breiten Gurd von vielfarbigtem Moos zusammen verbunden schienen, so wie
der sanfte Abhang, welchen die Insel gegen den See hatte, wie mit einem grünen
Sammtteppich bedeckt war. Ich hatte, als wir unweit von Wattines Endten- und
Fischfangplätzen längst dem Ufer, einen schmalen ungleichen Pfad betraten, wohl
die sorgsam gepflegte Einfassung von tausend Waldblumen bemerkt, welche nur
durch kleine Gesträuche unterbrochen, an dem bald für zwei, bald nur für eine
Person passenden Pfad hinläuft, bis er am Ufer sich endet, aber ich wollte den
vorangehenden und schweigenden Wattines durch keine Frage unterbrechen, weil ich
sicher einen Aufschluss erwarten konnte. Auf diesen Platz mein Freund! sagte er,
sollen Sie den grossen Character meiner Emilie ganz kennen lernen. Wir sprachen
nicht mehr von unsern Fischern, vermieden aber, ohne es verabredet zu haben,
beiderseits den Spaziergang von der Seite, welche wir einige Wochen täglich mit
so viel Eifer besucht hatten. Emilie war in meiner Gegenwart immer sehr heiter,
aber wenn sie allein zu sein dachte, bemerkte ich, dass sie viel betete,
besonders bei dem Auf- und Abgehen an dem Ufer des See's, wovon sie nur die
Seite zu lieben schien, welche wir so eben herkamen. Da sie diesen Weg so oft
nahm, so belauschte ich sie durch Umwege in den Gebüschen, und beobachtete, dass
sie unruhig bis an die äusserste Spitze von diesem Platze hier ging, und
sehnsuchtsvoll nach den zwischen den Bäumen des festen Landes, an dem
jenseitigen Ufer versteckten Hütten der Indier blickte, und vermutete sehr
natürlich die Ursache in den Wünschen nach dem Beistande einer Person ihres
Geschlechts. Von meinen Empfindungen dabei, will ich keine Beschreibung machen:
der edle, gefühlvolle Mann, mit welchem ich spreche, der Emilie und mich kennt,
empfindet sie selbst. Einst da ich keine besondre nötige Arbeit hatte, und
darauf sann, ihr meine Ahndungen über die einsamen Spatziergänge zu entdecken,
nahm sie mich schweigend aber mit Zärtlichkeit bei der Hand, führte mich einen
Weg, welchen ich vorher nie betreten hatte, auf diese Stelle, welche, wie Sie
sehen, sich am weitesten in den See gegen das Land erstreckt, und sagte mit
ernster liebevoller Miene, indem sie zugleich errötete, und mit einer
zitternden Träne im Auge, auf ihren stark erhöhten Leib blickte:
    Bester Mann! der Tag wird bald kommen, an welchem die Natur uns ein
geliebtes Unterpfand unsrer Liebe geben wird: hier hielt sie voller Bewegung
inne, fasste sich aber und fuhr fort: ich möchte dieses Pfand unserer treuen
Liebe gesund in deinen Armen sehen; ich habe es unter meinem Herzen vor aller
heftigen Bewegung meines Leibes geschützt, und machte auch sorgfältige Schritte,
damit es nicht schädlich erschüttert würde; ich suchte auch meine Kräfte zu
erhalten, um den so entscheidenten Moment seiner Geburt gesund zu überleben, und
unser Kind unter meiner Pflege aufwachsen zu sehen, - aber - nun schwieg sie,
schmiegte sich mit einem Arme an mich, legte ihren Kopf an meine Brust, die mit
banger Angst erfüllt, sich nur durch langsames Atemholen bewegte. Ich drückte
Emilien an mich, aber kaum konnte ich sagen: was aber! o meine Emilie! was? Sie
blickte zärtlich auf, küsste mich und sagte: deine und meine gänzliche
Unwissenheit in allem, was zum Besten des geliebten Unschuldigen, zur
Erleichterung seines Eintritts in die Welt, und zu meiner Erhaltung geschehen
muss, dies machte mich schon lange sorgen, und erweckte am Ende einen innigen
Wunsch in mir. -
    Ich dachte, sie würde mir vorschlagen, hinüber zu schwimmen, und eine
Indianerin zu holen, und antwortete schnell, welchen Wunsch meine Emilie! kann
ich ihn erfüllen? Sie fasste eine meiner Hände, drückte sie an ihre Brust, und
mir ins Auge sehend sagte sie mit festem Tone: ja Carl! du kannst es für mich
und für dein Kind. Schwimme mit mir hinüber zu den Hütten unserer Nachbarn, da
finde ich erfahrne Personen meines Geschlechts, denn die Natur machte in nichts,
was zu dem physischen Leben gehört, einen Unterschied, und Weiber wissen zu gut,
dass wir in diesem Zustande hülfsbedürftig sind. Unsere Fischer haben gesagt, dass
diese Indier sehr gut sind, wir fanden es auch in der Treue, mit welcher sie das
dem Congress gegebene Versprechen halten, die Insel und das gegenseitige Ufer nie
zu betreten. Meine Seele, lieber Carl! ist für alles, was uns bei dieser Reise
und Aufentalt betreffen kann, voll Vertrauen auf Gott und auf die Herzen
dieser, wie wir aus seiner Hand stammenden Menschen. -
    Emilie bemerkte, dass mein Geist mit Staunen, und mein Herz mit tausend
Empfindungen erfüllt waren, sah, dass ich gleichsam mechanisch, bald auf sie,
bald nach dem jenseitigen Ufer blickte, und sagte, indem sie mit zärtlicher
Miene mich streichelte, als ob sie die Züge der Sorgen aus meinem Gesichte
verwischen wollte:
    Ich sehe, Lieber! dein geometrisches Auge misst den Weg, welchen ich machen
muss, und deine Güte befürchtet meine süsse Last würde mir das Schwimmen
erschweren; denke an beladene Schiffe, die im Sturme über das grosse Weltmeer
gehen, wir werden bei heiterm Himmel und ruhiger Luft, nur quer über den kleinen
Arm eines Land-See's, wie im Baden spielend, an das andere Ufer schwimmen. Ich
habe seit vielen Tagen den schmaleften Teil des Wassers gesucht, um den Weg
abzukürzen, ich fand ihn hier, mit der innern Ueberzeugung, dass Gott mich mit
seinem Schutze zu der Erfüllung einer mir von ihm auferlegten Pflicht geleiten
wird.
    Wattines hielt nun mit seiner Erzählung inne, sah, wie ich, nach dem
gegenüber liegende Lande, und fuhr fort: Sie können leicht glauben, mein Freund!
dass ich diesen Tag und diese mütterlich heroische Entschliessung meiner Emilie
nie vergessen kann. Wir sassen hier auf einer kleinen mit Moos bedeckten
Erhöhung; ich warf mich beinahe ausser mir zu ihren Füssen, bereuete das Glück
ihrer Liebe und ihres Besitzes, drückte sie mit Bewunderung, Schmerz und
Leidenschaft an meine Brust, und rief aus, ach warum - mit edelmütiger Eile
schloss sie meinen Mund mit einer ihrer Hände, und sagte ernst:
    O sprich ihn nicht aus, den schwarzen, deiner und meiner Liebe unwürdigen
Gedanken. Sei zärtlicher, sorgsamer Vater, wie ich treue Mutter sein will! und
geleite mich einen dieser schönen Tage hinüber.
    Ich fragte, ob es nicht besser für sie sein würde, wenn ich eine von den
Indianerinnen holte, aber Emilie wollte es nicht, und erwiederte: es ist gegen
die Sitte dieser Leute, und gewiss, die beste von diesen Weibern hat eigene
Kinder und einen Mann der sie liebt, wie soll sie ihre Kinder verlassen, und der
Mann seine Frau ruhig mit einem Fremden davon schwimmen sehen? - nein, mein
Carl! wir wollen zu ihnen, der erste Blick auf meinen Zustand wird für mich
reden.
    Ich nannte sie eine heldenmütige Mutter, schnell und munter antwortete sie,
ich hoffe auch Mutter eines Helden zu werden; denn ein Mädchen würde mich mich
nicht zu dieser Unternehmung treiben, sondern mich still ergeben, mein Schicksal
erwarten lassen.
    Bei dem Zurückgehen nach unserer Hütte sprach sie von den Zurüstungen zu
unserer Reise; den Morgen darauf fand ich, dass Emilie schon für alles gesorgt
hatte, und für sich eine Art blauen leinenen Mannsschlafrock zurecht hielt, den
sie als Staubrock auf der Reise trug; Linnen für ihr Kind, ein paar Hemden für
sie, und meine Matrosen-Sommerkleidung, sollte in ein paar Bieberfelle gepackt,
und diese Bündels im Ueberschwimmen vor uns hergestossen werden. Unsere übrige
Haabe war geordnet und dem gütigen Schicksale empfohlen, nur für unsere Hühner
war ihr bange, da wir nicht wussten, wie lange unsere Abwesenheit dauern würde,
und wir sie nicht verlieren wollten, so machte ich eine gedeckte und
wohlverwahrte Einzäunung, wo sie Gras hatten, streute ihnen Futter umher, bald
mehr, bald weniger, trug morastigen Boden hin, damit sie Würmer suchen konnten,
grub hie und da von unserm kleinen Vorrate Schüsseln ein, welche ich den Tag
unsers Weggehens mit Wasser füllte. Wie es mir bei alle dem zu Mute war,
unternehme ich nicht zu beschreiben. Gott sah es, Gott stützte mich.
    Die Hast und die Eile, mit welcher Emilie alles betrieb, wie ich sie der
Hütte, den Hühnern und Blumen Abschied sagen hörte, und da, wo man bei den dicht
bewachsenen Büschen gegen die See geht, Felder und Hütte nur noch ein wenig
sieht, ihre Hände küsste, noch gegen die Plätze hinblickte und sagte: Himmel!
schütze den Zufluchtsort den du uns gabest, liebe Felder! ihr werdet eurer Reife
nahe sein, wann ich wiederkomme - alles dieses wälzte Centner Lasten auf mein
Herz. Eine Träne war in ihrem Auge, ihre Stimme war so zärtlich, wie wenn man
von Freunden scheidet. Bald waren wir am Ufer des See's, Emilie rüstete sich
mutvoll, und selbst scherzend zum Schwimmen. Sie umarmte mich noch einmal, und
blickte, an meine Brust gelehnt, auf zum Himmel. O mein Freund! was für ein
Gebet stieg in diesem Blicke zu Gott! Ich konnte nicht reden, aber mein Auge
erhob sich auch flehend zu dem Allmächtigen um seinen Beistand. Ich schloss
Emilien in meine Arme, aber sie wand sich los und sagte: komm mein Carl, denn
die Sonne muss uns noch hinüber begleiten; damit eilte sie nach dem See. Ich
folgte ihr mit gepresster Seele, und flehte im Stillen um Kräfte zu ihrer
Unterstützung. Denken Sie sich meine Lage, als wir so weit von dem Ufer waren um
Wasser genung zum Schwimmen zu haben, ich immer nur Emilien beobachtete, sie
dann gegen das Ufer binüber blicken, und zugleich eine Hand küssen sah, mit
welcher sie das Wasser um sich her streichelte, und mit bittender Stimme sagte:
o Ewiger! beweise deinen Namen an mir! Sei wirklich Arm, der mich an das andere
Ufer trägt!
    Diese unerwartete Einkleidung ihrer innern Besorgnisse, ruste mir
unglücklicher Weise die Bitte des jungen liebenswürdigen Prinz Artur, aus einem
Stücke des Shakespear in mein Gedächtnis zurück, welches einen unauslöschlichen
Eindruck auf mein Herz gemacht hatte: da der holde Knabe auf der Mauer seines
Gefängnisses stehend, ehe er heruntersprang, die Steine bat, ihn sanft
aufzunehmen, und das Schicksal den Unschuldigen den Kopf zerschmettern lässt.
Mich ergriff der Gedanke, Emilie könnte in ihrem Zustande durch Erkältung einen
Krampf bekommen und sinken. Ich litte unaussprechlich bei dieser Vorstellung,
war aber fest entschlossen, sie zu retten, oder mit ihr zu sterben. Gott
schützte uns, wir kamen glücklich, ohne die mindeste Gefahr an das Land, wo wir
uns für Freude zitternd umarmten und Glück wünschten. Ich half Emilien ihren
armen Schlafrock anziehen, band ihr das Stück Leder, so uns statt Schuhen
diente, um die Füsse: ihre schönen Haare waren mit einem dünnen groben Filet von
Zwirn und Garn, meiner ersten Spinnprobe umbunden, ein leichter Gurt unter ihrer
Brust, machte ihren hohen Leib um so sichtbarer, und dieser Anblick durchdrang
mein Herz. Dennoch, so äusserst beängstigt der bevorstehende Auftritt bei den
Indianerinnen mich machte, fühlte ich mit Entzücken die natürliche Anmut,
welche stets meine Emilie umgab, und mich versicherte, dass selbst die Wilden von
ihr eingenommen werden müssten. Ich hatte eine kleine Flasche Honig-Wasser an
meinem Hals hängend, mit hinüber gebracht, wir tranken davon, und die leere
Flasche begrub ich bei einem Baume; denn die Indier denken bei einer Bouteille
gleich an Rumm, und wir hatten keinen mitzubringen. Nun gingen wir langsam und
wahrlich beide etwas bebend die Hütten aufzusuchen, welche wir hinter dichtes
Gebüsche trafen. Gleich bei der ersten sassen zwei gute Weiber mit ihren Kindern,
welchen sie gekochten Mais zu essen gaben. Sie betrachteten uns mit Staunen.
Eine von ihnen stand auf, sah sorgsam weiter nach dem Wege, wo wir herkamen, ob
nicht mehr Leute bei uns sein möchten. Emilie erriet ihre Sorge, winkte ihr
nein, zeigte dabei auf mich, und mit einer Hand die gute Indianerin fassend, mit
der andern auf ihren hohen Leib deutend, sagte sie in ihrem wenigen Englisch
ihre Bitte mit so rührender Stimme und Wesen, dass die Frau, ob sie schon die
Worte nicht verstand, durch die Pantomime belehrt wurde. Ich beobachtete sie,
ihre Züge sprachen sehr deutlich von Güte und Verstand. Ich fasste nun ihre noch
freie Hand, welche ich an mein Herz drückte, mich auf ein Knie warf, auf Emilien
zeigte und auch in meinen Ausdrücken um Hülfe für sie bat. Die gute Sqwa legte
nun auch eine Hand auf ihre Brust, und indem sie in abgebrochenen kurzen Sylben,
doch ziemlich sanft etwas sprach, streichelte sie zu gleicher Zeit Emilien die
Hände, zeigte ihr den Eingang der Hütte, und liess sie neben sich sitzen, besah
sie nochmals, fühlte ihr Kleid an, und winkte voll Ungeduld dass Emilie ihren
Gürtel sogleich auflöse, indem sie lebhaft deutete, dass er ihr und ihrem Kinde
schaden würde. Die andre Frau, welche wie verschwunden gewesen, kam mit eilenden
Schritten nebst einem starken jungen Manne, der einen kleinen sehr muntern
Knaben an der Hand führte, gegen uns.
    Der Mann fragte sogleich auf Englisch, was wir wollten, wo wir herkämen? und
blickte dabei scharf in mein Auge. Ich sagte auch kurz, wie seine Frage war! von
der Insel. Emilie, über meinen Ton beängstigt, eilte zu antworten, ehe ich mehr
sagte. Da sie schon bei seiner Annäherung aufgestanden war, und sich an mich
anschmiegte, bog sie sich nach dem kleinen Indier, reichte liebreich nach ihm,
und sagte dem Alten: o lass mich hier, um deines Sohnes willen, diesem guten
Manne (auf mich deutend) auch einen Sohn gebähren! - Aber nun war ihre ganze
Kraft dahin, sie sank halb ohnmächtig in meine Arme. Ich war im höchsten Jammer.
    Die Weiber halfen Emilien stützen und zurecht bringen. Eine holte eine
Bärenhaut aus der Hütte, um sie darauf zu legen, der Indier blickte voll
Empfindung auf uns erhob dann seine Hand zum Himmel, und sagte:
    »Bei dem Gott der Sonne und der Erde! du sollst sicher wohnen und Hülfe
haben,« lief fort wie ein Reh, und kam eben so schnell wieder, mit weich
geklopften Bieberfellen unter einem Arme, breitete sie an dem Eingange der Hütte
aus, und winkte Emilien, sich darauf zu legen. Sie scheuete sich und fragte
warum? Er sagte freundlich: du musst ruhen, denn dein Sohn wird dich oft müde
machen, bis er so gross ist wie dieser, seinen vier Jahr alten schön gebildeten
Knaben küssend. Emilie war gerührt, weinte und küsste die Hände des Knaben, da
kam auch eine Träne in mein Auge, der Indier wischte sie mir ganz rasch ab, und
sagte dabei: komm, sei Mann! lass das Weib bei Weibern. Meine Schwester ist gut.
Ich stutzte: Emilie war gefasster als ich, denn ich wollte nicht gehen, wollte
sie nicht verlassen: aber sie bat mich, dem Manne zu folgen, sie sei in Gottes
Schutz und voll Vertrauen zu den Töchtern der Natur. Ich verliess sie ungern,
erfüllte aber ihren Wunsch. Der gute Indier suchte mich zu zerstreuen, und ich
hörte von ihm, dass die Männer von den zwei Sqwas, mit andern jungen Leuten, sehr
weit von dem Dorfe auf der Jagd wären, dass die Weiber sich liebten, und indessen
in einem Wigwham beisammen wohnten, welches ich für eine glückliche Bedeutung
für uns hielt. Nun führte er mich zwischen blühenden Accacien an den See, zeigte
mir unsere Insel, wie jemand der sein väterlich Haus liebt, einem andern seine
Heimat zeigt. Zwischen den Bäumen dort steht dein Wigwham, sagte er sehr
freundlich auf mich blickend, und schien mit dem Ausdrücke der Sehnsucht
zufrieden zu sein, mit welcher ich unsere Insel betrachtete, und wirklich den
innigen Wunsch hegte, mit meiner Emilie und meinem Kinde wieder glücklich da zu
sein. Meine Augen sahen lange hinüber, und folgten mit Trauer dem zunehmenden
blauen Nebel der sie deckte. Mein Begleiter schwieg immer, nur als ich um mich
sah, zeigte er mir seinen Beifall über die Liebe zu meiner Erde. Hast du auch
Mais und Squash? ich sagte ja Mais, aber das andre kenne ich nicht. Du sollst es
haben, und dann deine Erde noch mehr lieben. Ich fragte ihn nun, wo er das
Englische lernte? er antwortete mir mit einem Gemisch von Trauer, Stolz und
Freude: von meinem Vater Nesquehiounah, welcher als Obrist Louis den Amerikanern
ihre Freiheit erwerben half. So war ich auf einmal in einer Familie, mit welcher
mein Vater und mein Oncle gegen die Engländer gekämpft hatten, und der Sohn
eines Indianers, dessen Geschichte ich in meinem Vaterlande mit Widerwillen
anhörte, war nun in dem Wohnsitze seines Vaters Schutzgeist meines Lebens und
meiner Familie. O die Alten hatten recht, an ein Wesen zu glauben, das sie
Verhängnis nannten.
    Von diesem Nesquehiounah hatte ich nie etwas sagen hören, die Ausdrücke, in
welchem Wattines von dem Manne und seinem Sohne sprach, mussten mich begierig
machen, mehr zu hören. Ich bat ihn daher, mir diese von ihm geäusserte sehr
wichtige. Anmerkung bei dem Aufentalte unter den Oneidas zu sagen. Er
antwortete: vielleicht, mein Freund! liegt das Besondere welches ich in dem
zufälligen Zusammentreffen mit einem Sohne des Colonel Louis sah, nur in der
durch mein Schicksal und die Einsamkeit geschärften Einbildungskraft, welche mir
alles, was mich betraf, mit einem eigenen Werte und Farbe darstellt; aber von
dem Vater meines Wohltäters will ich Ihnen erzählen:
    Er war eigentlich ein Iroquese, diente den Amerikanern mit Geist und Eifer,
so gut, dass er zum Obrist gemacht wurde. Er hatte ganz europäische Kleidung,
Waffen und Sitten angenommen, sprach englisch, französisch und selbst
holländisch. Man konnte ihn für den Rechtsgelehrten und Geographen seines
Vaterlandes halten; denn er kannte alle Jagddistriete und Gerechtsame jedes
Stammes und jeder Nation seiner Landsleute; die Lage und Länge der Gebirge, den
Lauf der Flüsse, die Anzahl der Dörfer und wehrhaften Indier. Er war mutvoll,
von einem vortrefflichen Character, hatte mehrere Jahre mit Europäern gelebt,
und am Ende des Kriegs erschien die Macht der Gewohnheit so unüberwindlich in
dieser schätzbaren männlichen Seele, dass er unvermutet 1785 zu einem seiner
amerikanischen Freunde in Neuyork kam, noch einmal mit ihm zu frühstücken und zu
rauchen, ehe er abreise. Da er schon ganz wieder in der Kleidung eines Mohawks
war, staunten ein paar Europäer, welche gerade aus dem Schiffe gestiegen waren,
ihn mit einer Art von Schauer an, staunten aber noch mehr, als er ihrem
gemeinschaftlichen Freunde die Hand schüttelte, und in sehr deutlichem Englisch
sagte: »habe ich dir gestern nicht versichert, dass der Obrist Louis das
Letztemal bei dir sei, dass der Weg, welcher zu meiner Hütte führt, geebnet und
gereinigt ist? Die Oneidas haben mir ein Stück Land und Wald an dem See hier
gegeben, (indem er auf die Charte deutete) mein Weib und meine Kinder haben
schon meinen Wigwham dort aufgerichtet und mein Feuer angezündet, ich kann nicht
mehr nach meiner alten Wohnung in Canada zurück; weil die Kriegsleute des Königs
Georg wissen, was durch mich geschehen ist, würden sie sich rächen wollen, und
ich und die Meinigen stritten wieder gegen sie; aber die Blätter des Baums
meines Lebens fangen an abzufallen, der Kopf des Nesquehiounah wird weiss,
nachdem ich mich so viele Monden bewegt und bemühet habe, will ich nichts mehr
als meine Pfeife in Ruhe rauchen, unter dem Schutze meines Wigwham gegen Wind
und Regen, wo ich bei Sonne und Mond in dem Schatten schlafen kann, wo sollte
ich sonst meine Bärenfelle hintragen, als an einen Ort des Friedens? Meine Augen
werden dunkel und meine Ohren verrostet; ich bin zum Jagen zu alt. In dem nahen
Flusse bei meinem Wigwham will ich Salmen fangen, mein Weib wird sie räuchern
und aufheben, meine Kinder gehen auf die Jagd und pflanzen Mais. Ruhe ist
Reichtum und Nahrung der Alten, deswegen habe ich die europäische Schale
abgelegt, und meine Rinde wieder genommen.« Nun sagten die Fremden auf
französisch zu dem Hausherrn: ist dies nicht ein Wilder? aber wie erschraken
sie, als der Indier ihnen in ihrer Sprache ganz rasch erwiederte:
    »Ein Wilder! Ihr Leute vom Aufgang der Sonne seid sonderbar. Ich ein Wilder!
O, ich habe lange genug bei den Weissen gelebt, um überzeugt zu sein, dass sie,
nicht die Menschen im Walde, Wilde genannt werden sollten. Haben wir Gefängnisse
und Prozesse? Sind wir nicht frei wie die Vögel, und sie Sclaven wie Hunde?
haben wir so viel Leidenschaften, Laster, Krankheiten und Kummer als sie? Nein,
wir ehren das Alter und sie verachten es. Ihre brennenden Wasser machen uns oft
toll, aber ich und die Meinigen sagen: das Land, wo der Tag anfängt, ist ein
böses Land, die Sonne geht nur vorbei, es ist nicht so gut wie das Unsere, wo
sie zur Ruhe geht. Hört ihr! ein Jesuit sagte mir in meiner Jugend, dass unser
Leben zu leer sei. Ich weiss jetzo, dass der Europäer ihres zu voll ist; dass ein
böser Geist sie treibt und ihnen keine Ruhe lässt, bis sie sterben. Kitchy
Manitu wird für uns sorgen. Er ist gut und der Vater aller Menschen. Er gebe
dir gute Gedanken, bis du nach Osten gehst,« sagte er seinem amerikanischen
Freunde; als er ihm die Hand schüttelte und Abschied nahm: »wenn du jemals an
die Gewässer des grossen Ontario gehst, so kommst du nahe zu einem Dorfe der
Oneidas, ehe du dein Feuer an den See anzündest, frage nach den Wigwham des
Nesquehiounah, du wirst unter seiner Baumrinde Schutz und zu Essen finden.«
    Ich hörte dieses vor eilf Jahren erzählen, und ärgerte mich als junger
Offizier, der nichts grösseres kannte, als ein mit Ruhm und Belohnung umgebner
Obrist zu sein. Dieser Mann legte alles zurück und wurde Oneida. Musste mir nicht
hier, als ich seinen Namen hörte, der Gedanke eines Verhängnisses vor die Seele
kommen, und ich mir sagen: ohne Nesquehiounahs Liebe zu den Sitten seiner Väter,
stünde kein Dörfchen am See Oneida, wo meine Emilie ihre Wochen halten, und ich
mit einem Sohne dieses ausserordentlichen Mannes zu ihrem Besten reden könnte?
    Diese kleine Ausschweifung in Wattines Geschichte war mir sehr angenehm, ich
dankte ihm, aber er bemerkte, dass ich mehr von seinem Aufentalte bei den
Indiern zu hören wünschte, und knüpfte den Faden wieder an, indem er sagte: ich
fragte den jungen Mann, ob er nicht auch bei den Engländern gewesen wäre? Er
sagte ja, einige Zeit. Nun fragte ich weiter: warum er nicht geblieben sei, da
er doch viel Gutes und Gemächliches bei ihnen sah? Er blickte mit einer Art
spöttischem Lächeln mich an, und sagte kurz: nichts als viele Arbeit, welche die
guten Oneidas nicht brauchen und ruhen können.
    Ich blickte da etwas sorgsam nach ihm, nun liess er mich aus seiner Pfeife
rauchen, führte mich zu seiner Hütte, gab mir eine eigene Pfeife, zündete sie
an, und als ich einige Züge daraus getan hatte, tauschte er mit mir, und
versicherte mich seiner Freundschaft, zeigte mir die Stelle seiner Hütte, wo
sein Vater starb, und freuete sich, als ich mit Hechachtung von seiner
Tapferkeit und Klugheit sprach; aber mein Herz war voll Unruhe, immer mit dem
Gedanken an Emilien beschäftigt. Ich sagte es meinem Indier und bat ihn, mich zu
meinem Weibe zurück zu führen. Emilie sass in der Hütte zwischen den zwei
Weibern, welche ihr freundlich zuredeten. Sie schien glücklich zu sein mich
wieder zu sehen, sagte mir aber, dass sie gewiss sei, bald Mutter zu werden, weil
die Bewegung des Schwimmens und die Erschütterung ihrer Seele bei dem Anblicke
und Wesen dieser guten, aber uns sehr fremden Leute stark auf sie gewirkt habe.
Die Weiber gaben uns von einem unter der Asche gebratenen grossen Kürbis Squash
zu essen, und legten statt Löffel länglichte Muschelschalen hin. Diese Kürbis
haben wirklich, auf solche Art bereitet, einen vortrefflichen Geschmack, welches
mich wegen Emilien unendlich freuete, indem sie es auch sehr gut fand, auch den
gerösteten Mais kostete. Da sie mir nun sagte, sicher zu sein, dass die Weiber
mich nicht in der Hütte dulden würden, sie aber sehr wünschte, dass ich die Nacht
in der Nähe bliebe, so vertraute ich diese Bitte unserm Indier. Er fasste meine
Sorge, und machte mir mit einem Bärenfelle, mit fünf Stangen und einigen
Birkenrinden ein Lager und Zelt, oder halben Wigwham.
    O was ist eine Wilden-Hütte oder Wigwham für eine Erscheinung, besonders für
einen Mann, der wie ich eine geliebte junge Frau hat, welche als Braut zu der
Auswahl zwischen zwei prächtigen Familien-Siren bestimmt war, und sie nun nahe
der Stunde ihrer ersten Niederkunft, in einer solchen Hütte sieht!
    Denken Sie sich einen ebenen Platz zu Anfang oder Seite eines Waldes, der
gegen die heftigen Winde schützt, hier werden 15 bis 20 Fuss hohe junge Tannen
oder Birkenstangen in einem etwas mehr als halben Cirkel eingesteckt, und oben
etwas zusammengebogen; an diesen befestigen die Indier Birkenrinde, welche in
Stücken zu drei bis vier Schuh geschnitten, und mit Fischdärmen zusammen genäht
sind. Diese Decke machen sie nett und dicht, und am allerdichtesten an der
Stelle wo die Alten schlafen. Zwischen der Türe, das heisst, wo die Stangen am
weitesten von einanderstehen, wird das Feuer gemacht, wobei immer auf den Wind
geachtet wird; denn wenn er sich ändert, wird ein Fleck Rinde auf eine andre
Seite gehängt, und das Feuer bekommt eine andre Stelle. Die Stücken Rinden
liegen, wie die Fischdärme, in Vorrat da, so wie immer einige Bieber- und
Bärenfelle innen umher hängen, welche Abends beim Schlafengehen in der Hütte
ausgebreitet werden. Ein mittelmässig grosser Kessel, ist der ganze Hausrat,
darin kochen und rösten sie ihren Mais. Wildpret essen sie roh, oder nur etwas
am Feuer gesengt. So mein Freund, sagte Wattines, sah die Wohnung meiner Emilie,
in diesen für ihren Tod oder fernern mühvollen Leben entscheidenden Stunden aus;
so waren die Sitten unserer, an dem See Oneida, erhaltenen Freunde. Musste ich da
nicht an das schöne l'Isle in Flandern, am Wohnsitze unserer Bekannten denken?
Litte ich nicht auf das äusserste für Emilien und unser Kind?
    Unser guter Indier blieb noch bei uns, und sagte ohne Zweifel seiner
Schwester, dass sie neben dem Eingange der Hütte einige Rindenstücke wegheben
solle, damit es ein wenig heller werde, und wir noch sprechen könnten. Wir
dankten ihm sehr; denn es machte Emilien und mir wahre Freude, uns noch ganz zu
sehen. Ich bat den Mann, seiner Schwester zu sagen, Emilien zu lieben wie eine
Tochter, weil ihre Mutter und Vater, wie auch mein Bruder ermordet seien. Er
bedauerte mich, und die Frau blickte, da er von dem Tode unserer Eltern
erzählte, tröstend und teilnehmend nach Emilien und mir; aber da er von dem
Tode meines Bruders sagte, bemerkte ich, wie sehr sie ihren Bruder liebte, denn
sie fasste, mit so viel Ausdruck wahrer Zärtlichkeit, seine beiden Hände, und
drückte sie an ihre Brust, indem sie in höchst sanften Tönen zu ihm sprach, sich
dann gegen mich wandte, und mit Bewegung ihres Kopfs etwas sagte, welches der
Bruder mir in die Worte übersetzte: Alha sagt, dass du weisser Mann unglücklich
bist, keinen Bruder mehr zu haben. Ich sah immer auf Emilien, und bemerkte, dass
sie viel litt; da ich aber von meinem Kummer wegen ihrer Schmerzen, und Mangels
an schicklicher Hülfe sprach, lächelte das holde edle Weib und sagte: vor 21
Jahren litte meine Mutter um meinetwillen eben so viel. Gott wird für mich die
Gesetze der Natur nicht ändern, aber gewiss auch nicht erschweren. Ich fühle
Kräfte in mir, und traue fest auf den Himmel. Sei auch ruhig mein Geliebter, und
freue dich unserer Hoffnung.
    Die Weiber und der Indier bemerkten ihren Mut in ihrem Tone und ihren
Blicken, und bezeigten ihren lauten Beifall. Ich wurde mit der einbrechenden
Nacht ängstlicher und gepresster, die Weiber schlossen den Wigwham ganz zu, der
Indier ging auch schlafen, und ich, der nicht in die Hütte kommen durfte, ging
in das Freie, warf mich nieder, betete. Ach nie, niemals war meine Seele
bedrängter! Die schöne Sommernacht war mir trübe. Die höchste Ruhe war in der
ganzen Natur, und in mir die unruhigste Sorge. Ich blieb etwas über eine Stunde
weg, als ich zurückkam, war Feuer in der Hütte, aber doch keine besondere
Bewegung, die Weiber sprachen sanft, aber sehr wenig mit Emilien, sie aber
lispelte kaum. Ich blieb vor der Hütte liegen und lauschte, bald ward alles
stille. Ich wünschte den Tag. Endlich dachte ich die guten Weiber und meine
Emilie im Schlafe, und kroch unter meine aufgehängte Bärendecke. Von Angst und
Kummer ermüdet schlief ich ein, weiss aber nicht, wie lange es dauerte; aber noch
ehe es Tag wurde, durchdrang das zitternde Schreien eines Kindes mein Herz. Wie
mir bei dem Gedanken war, mein Kind, das kann ich nicht sagen. Ich sprang auf,
war gleich an der Hütte, rief Emilien, und suchte zugleich hinein zu dringen.
Emilie antwortete mir heiter: Lieber Carl! sei ruhig! und danke Gott für das
Leben deines Sohnes. Ich bin wohl, aber ich würde dir in diesem Moment selbst in
dem Hause meines Vaters den Zutritt versagen. Sei ohne Sorge, und gieb mir keine
durch deine Unruhe. Ich versprach alles und schwieg, blieb aber vor der Hütte,
horchte, dankte der Vorsicht für das Leben der Mutter und des Kindes. Bald war
alles wieder stille. Als der Himmel sich rötete, kam mein guter Indier sich
nach mir umzusehen, ehe er auf die Jagd ging; gab mir eine schon angezündete
Pfeife zu rauchen, und freuete sich wahrhaft über die Geburt meines Sohnes.
Lange dauerte es meinem Herzen, bis ich Mutter und Kind sah; aber dann war ich
vor Entzücken ausser mir, zu den Füssen meiner Emilie, zugleich voller Qual bei
dem Gedanken, sie als Wöchnerin in dieser Hütte zu sehen, Sie bat mich, ja
keinen Kummer, sondern Dank und Freude zu zeigen. Aber denken Sie, mein Freund,
was für ein Bild war vor meiner Seele? Hier Emilie auf Bieberfellen liegend,
ihren Sohn in ihren Armen mit der Haut eines Fischotters gedeckt. Zwei indische
Weiber mit drei Kindern, auf Bärenfellen, nicht weit von ihr in tiefem Schlafe.
Emilie beobachtete mich, und kannte mich zu genau, um nicht in meiner Seele zu
lesen, und allen den Jammer zu sehen, der mich zerriss, als ich da knieend sagte:
ach Emilie! du und unser Sohn hier!
    »Gott sei dafür gedankt, sagte sie, denn gewiss, in Paris, wo Glück und Stolz
der Wissenschaften und der Künste wohnen, in Paris, welches der Kriegsgeist
seiner Könige und seines Adels, zu der grössten Macht erhoben hatten, ach da
würden Robespierres Fischweiber die Edelfrau und ihren Sohn nicht so liebreich
gepflegt haben, als ich und dein Kind es in dieser Hütte sind.
    Sie können leicht denken, was diese Betrachtung in mein Gedächtnis zurück
rufen musste; aber Emilie fand eine edle Zerstreuung für meinen innern Jammer
darin, indem sie sagte: Lieber! wir haben nichts bei uns, womit wir diese guten
Weiber belohnen könnten, gieb einer deinen Trauring, ich gebe den meinigen der
andern; denn hier (indem sie unsern Sohn an ihre Brust drückte) ist ein mehr als
goldenes Unterpfand unserer Liebe. Nun wünschte Emilie, dass ich, ehe die Weiber
erwachten, unsern Sohn taufen sollte. Knieend nahm ich aus dem holzernen Napfe,
der neben Emilien stand, einige Tropfen Wasser, welches unnötig war, denn meine
und seiner Mutter Tränen netzten seine Stirne und Kopf. Ich wollte ihm nur den
geliebten Namen Emil beilegen, aber ich musste den meinen dazu nehmen, und ihn
Carl Emil nennen, wodurch in der Abkürzung am Ende das heutige Carmil entstand.
Als die Weiber erwachten, kochten sie Mais, gaben ihren Kindern und mir davon,
stellten Emilien einen Teil mit einer Muschel hin, und wollten nach ihrer
Arbeit auf das Feld. Ich fasste die Hand von Alha, deutete auf Emilie und mein
Kind, sagte in zärtlichen Tönen meinen Dank, und gab ihr den Ring, so wie Emilie
den ihrigen zu gleicher Zeit der andern Frau. Beide schienen vergnügt, belehrten
Emilien noch mit ihrer Pantomime und abgebrochenen Tönen, wie sie ihr Kind
behandeln solle, und gingen ihrer Arbeit nach. Ich blieb bei Emilien: ihr
Wohlsein dünkte mich wundervolle Güte Gottes: ich ergoss mich in Dank- und
Freudentränen; und da wir uns erinnerten, dass die Indier es gerne haben, wenn
man ihre Namen annimmt, so beschlossen wir Abends, wenn der Jäger nach Hause
kommen würde, unsern Sohn in seiner Gegenwart Nesquehiounah zu nennen. Ich hob
also, da er zu der Hütte kam und mich fragte, ob ich noch froh sei? meinen Sohn
unter der Tür gegen Morgen empor, wobei ich den Namen Nesquehiounah ausrief,
worüber mein Indier und seine Schwester sehr viele Zufriedenheit bezeigten. Was
mich dabei rührte, war, dass der Mann eine Hand meines Kindes fasste und sagte:
Kitchy manitou soll dich leben lassen und stark machen, ich will dich jagen und
fischen lehren; dann auf einmal seinen Hund rufend und ihn streichelnd, sagte er
mir: wenn du einmal deinen Sohn im Walde verlierst, wie Derik, der Holländer
verloren wurde, so rufe mich und meinen Hund, da finden wir dein Kind, wie
Tewenissa und sein Hund Oniah, den Sohn Derik gefunden haben.
    Ich dankte ihm, und bat ihn, mir die Geschichte zu erzählen, welche ich
nachher besser hörte. Ein Colonisie an dem Fusse der blauen Berge, verlor einen
Knaben von vier Jahren; die Eltern und ihre Freunde waren voll Angst, suchten
und ruften das Kind, erhielten keinen Laut. Der Gedanke, wilde Tiere hätten es
zerrissen, durchbohrte ihr Herz. Ein Indier, der mit Pelzwerk handelte, will den
Colonisten besuchen, und erfährt die traurige Nachricht. Ruf deinen Herrn, sagt
er einer alten Sclavin, ich will ihm Gutes sagen. Die Frau stösst ins Horn,
welches gewöhnlich geschieht, wenn der Herr auf dem Felde ist, und jemand zu ihm
kommt und ihn sprechen will. Der Mann kommt. Der Indier sagt: gieb mir Schuhe
und Strümpfe deines Sohnes, die er kurz zuvor getragen hat, nun lässt er seinen
Hund daran riechen, und zieht mit der Hand einen Cirkel in die Luft. Der Hund
läuft fort, bald gibt er einen Laut, welches anzeigte, dass er auf der Spur sei.
Der Indier geht seinem Hunde nach, konnte auch, wie alle seine Landsleute,
geschwinder laufen, als die Europäer, und bald trifft er das Kind unter einem
Baume halb verschmachtet, weil es beinahe in 24 Stunden nichts genossen, und die
Nacht da gelegen hatte. Der Colonist gab seinem Sohne auch den Namen Tewenissa,
aus Dankbarkeit für den Mann, welcher sein Leben rettete. War es nicht schön,
dass mein Indier, mir und meinem Sohne den nehmlichen Dienst gelobte, und ist es
nicht, setzte Wattines hinzu, ein schöner obwohl sehr dünner Faden der
Verbindung des Denkens und der Gesinnung der Europäer und Indier, dass der
wechselseitige Namentausch, ihre wehre Freundschaft bestätigt? Ich ging diesen
zweiten Abend glücklicher unter meine Bärenhaut, schlief wohl, und genoss gleich
bei Sonnen-Aufgang den süssesten Anblick für das Auge eines treuen jungen
Vaters, meinen Sohn an der Brust seiner Mutter. - O gewiss, in keinem Momente ist
eine schöne Frau schöner, als mit einem Säugling an der reinen Brust! - Wie soll
ich Worte finden, Ihnen das Gefühl zu beschreiben, welches meine Seele
durchdrang, als eine innere Stimme mir sagte: hier saugt dein Kind Leben und
Tugend ein; aber urteilen Sie, von dem Eindruck welchen ein Gedanke meiner
Emilie auf mich machte. Sie wissen wie sehr sie über den Verlust der Ziegen
gejammert hatte, weil sie, die ihr ganzes Leben so gerne Milch ass, nun keine
hoffen konnte, mich nun, da ihr Kind von ihren reinsten Lebens-Säften Milch
erhielt, bei der Hand fasste und sagte: O wie glücklich bin ich, mein Carl! durch
die Anordnung der Natur: das Schicksal beraubte mich des angenehmen Genusses der
Milch, und die Natur gibt mir Milch für unser Kind. O ich freue mich, das ich
es nun glücklicher sehe als ich bin.
    War ich nicht in diesem Augenblick der allerglücklichste Gatte und Vater auf
der ganzen Erde? Wir waren wieder den ganzen Tag allein, ausgenommen ein
hübsches Mädchen von acht Jahren, welches sich vor unsere Hütte setzte, und von
Maisblättern recht artige Körbchen flocht. Dieses freute meiner Emilie ungemein;
sie wünschte mit dem guten Geschöpfe sprechen zu können, und dieses Flechten von
ihr zu lernen, um auch Körbe zu unserm Gebrauche auf der Insel zu machen; aber
besonders eine Art Fussdecken zu verfertigen, auf welchen unser Carl Emil in
unserer Hütte sitzen, spielen, auch liegen und kriechen könne, ohne sich auf der
gestampften Erde Hände und Füsse zu besudeln. Ich musste auch Abends den Indier
bitten, dass seine Schwester mit dem Mädchen reden solle. Ich rauchte mit ihm vor
den Bäumen der Hütte, seine Schwester brachte jedem ein grosses Stück
geräucherten Salmen und Wasser, ich sprach mit ihm von dem Glanze der
untergehenden Sonne, und hörte bei dieser Gelegenheit das ganz einfache, und in
Wahrheit eben so reine Ideengemälde ihrer Religion. »Sie glauben an ein
mächtiges oberstes Wesen, von welchem alles da ist, das in dem Aufgange der
Sonne wohnt, und zu welchem alle gute Menschen kommen. Die Gewitter halten sie
für Kennzeichen seines Zorns, machen dann Gelübde und bieten alles zum Opfer an,
was sie besitzen: die Stille und Sonnenblicke nach einem Sturme, ist ihnen
Beweis der Versöhnung und Güte, Tanz und Gesang der Ausdruck ihres Danks. Sie
ehren das Alter, wie ich schon bemerkte, dass wo diese ihre Schlafstelle im
Wigwham haben, doppelte Rindenstücke ausgehängt werden, um sie am besten vor
Wind, Regen und Kälte zu schützen; aber einen Zug darüber hätten Sie eben so
wenig erwartet, als ich vermutete; nehmlich durch Wald-Indier an das schöne
Jahrhundert von Ludwig dem XIV. erinnert zu werden. Wenn ein alter Mann oder
Krieger auf der Jagd oder einer Reise ermüdet, sich auf Laub oder Gras hinwirft
und einschläft; so erbauen sie in der grössten Geschwindigkeit und mit
feierlicher Stille einen Wigwham über ihn, damit er Schatten und völlige
Windstille geniessen könne. Die Soldaten machten dem braven ermüdeten Herzog von
Vendome eine Decke und Schatten von eroberten Fahnen im spanischen
Erbfolgekriege. - Ich liebe sie, sagte er, die verschwisterten Ideen der
Menschenliebe und der Kennzeichen der Hochachtung für Verdienste. Liebe für
unsere Kinder haben wir auch, wie die Indier; aber in der Ehrfurcht und der
Sorge für das Alter, in der Begierde ihre Erfahrungen zu benutzen, darin kommen
wir ihnen nicht gleich.
    Unsere Tage flossen sich sehr ähnlich dahin. Die Gesundheit meiner Emilie
und meines Kindes war vollkommen, dies machte uns glücklich, erhöhte aber
Emiliens ungeduldige Wünsche nach unserer Rückreise auf die Insel. Ich verlangte
auch wieder da zu sein, aber wie sie am eifrigsten davon sprach, heftete ich
meine Blicke voll Angst und Zärtlichkeit auf unsern Sohn. Sie bemerkte es und
sagte: Carl! ich brachte ihn unter meinem Herzen hieher, du sorgtest für unsere
in Bieberfelle gewickelte Kleidung, nun machst du einen kleinen Kahn von
Baumrinden, wie die Indier für sich, in diesen legen wir unsere Biberfelle,
binden unsern Sohn hinein, und du stossest den Kahn mit deiner Brust vorwärts,
ich schwimme neben dir und ihm. Sie können denken, mein Freund! dass ich sie
etwas staunend ansah. Emilie sagte aber: ich kenne kein ander Mittel, und finde
mich doch viel glücklicher, als die Mutter des kleinen Moses war, die ihren Sohn
in dem Schilfkorbchen, den Gewässern des Nils übergab, und mit dem
unaussprechlichen Kummer der mütterlichen Liebe im Herzen zurück bleiben musste.
Unser Carmil wird Vater und Mutter bei sich haben. O wie glücklich werde ich auf
unserer Insel mit meinem Kinde, seinem Vater und meiner neu erhaltenen
Gesundheit sein. Ich wünsche wirklich auf der ganzen Welt nichts anders.« Wie
viel sagte der Blick, welcher die Küsse begleitete, die Emilie in diesem Moment
mir und unserm in meinen Armen ruhenden Carmil gab! Dieser Blick drückte mehr
aus, als ich beschreiben kann. Sie sah mich äusserst gerührt an, und konnte wohl
schliessen, dass ich geneigt sein müsse, alle ihre Wünsche zu erfüllen, denn sie
wiederholte mit so vielem Eifer die Bitte um unsere baldige Abreise, war so
heiter, so voll Vertrauen auf Gottes Fürsorge, durch welche sie hier so
glücklich aus Land kam, wohl und stark blieb, und gewiss auch so zurück kommen
würde. Ich gab ihr das Versprechen, fleissig an Carmils Schifchen zu arbeiten,
und so bald dieses fertig sein würde, den ersten hellen und ruhigen Tag
abzureisen. Ich verband also nach einer kleinen Anweisung meines Indiers, einige
Weidenstäbe in die Länge und Quere mit einander, bog sie in Form eines Kahns,
und befestigte innen und aussen grosse Platten Birkenrinde umher, wodurch in
Wahrheit ein recht gutes Schifchen entstand, in welchem mein Carl Emil, ja
selbst ein viel grösseres Kind, ganz sicher und bequem liegen und übergeführt
werden konnte. Emilie lernte eben so fleissig, wie man die Maisblätter zusammen
flechten kann, sagte mir dann, sie wolle unserer kleinen Indianerin auch etwas
lehren, ich sollte Bindgras und Waldblumen holen; von diesen band sie nun Arm-
und Fussringe, einen Kranz auf den Kopf, ein Blumengewinde über die Achsel, nebst
einer Art von Gürtel mit abhängenden Blättern zusammen, schmückte das gute
Mädchen damit aus, wie eine Opern-Tänzerin in der Vorstellung eines indischen
Ballets sein könnte. Ich führte das hellbraune, mit gelben und roten Blumen
verzierte Mädchen, an das User des See's, damit sie sich in seinem Wasser
betrachten könne, sie freuete sich und hüpfte unsern Hauswirtinnen entgegen,
welche Emilien dankten. Unsere kleine braune Blumenkönigin, welche wir Flora
nannten, lernte auch mit vieler Geschicklichkeit die Blumengewinde machen. Ich
machte Pfeifchen, wollte auch ein paar Jungens auf dem Blatte blasen lehren, die
Pfeifen nahmen sie, hatten aber die grösste Freude an scharfen abgebrochenen
Tönen, die auf den Blättern schienen jung und alt zu weich; aber Flora lernte
sie gerne und ganz artig. Nun sprachen wir von unserer Abreise, die guten Weiber
schienen damit eben so zufrieden, wie mit unserer Ankunft. Der Indier sagte
doch, in seinem und ihrem Namen: wir könnten bleiben, oder wiederkommen, bei
ihrem Feuer uns wärmen und ich mit ihm aus seiner Pfeife rauchen. Ich gab ihm
ein gutes Messer, welches ich mitgebracht, und immer verborgen gehalten hatte.
Es war ihm recht, aber er nahm es, mit der Gleichmütigkeit, mit welcher die
Indier alles ansehen, was nicht geradezu auch für ihre Leidenschaften und Ideen
passt. Sie zeigten auch nicht die geringste Begierde, uns wegschwimmen zu sehen,
oder uns zu helfen, sondern die Weiber gingen morgens mit ihren Kindern weg wie
sonst. Emilie hatte bemerkt, dass Flora in ihren Blumenzierraten geschlafen, und
sie auf der Bärenhaut zerknickt hatte, und schmückte sie mit einer neuen
Guirlande, wovon sie die andere Hälfte um Carmils Schifchen band, der Flora aber
bedeutete, sich in den andern Wigwhams zu zeigen. Ich liess mein Matrosenwams in
der gastfreien Hütte zurück, und trug unsern auf Moos und einem mitgebrachten
Bieberfell in sein Schifchen gelegten Carmil an das User, mit welchen Wünschen
und welcher Sorge, lasse ich Sie urteilen. Hier band sich Emilie das andre
Biberfell über ihre Brust, deckte ihren Sohn mit ihrem Kleide, wovon sie eine
Ecke zum Schirm gegen die Sonne machte, und unsern Sohn mit zu dünnen Stricken
gedrehten Bindgras in dem Kahne befestigte. Wir küssten beide den schlafenden
Engel, und umarmten uns schweigend. Emilie kniecte, bat Gott um Schutz, und
indem sie auf mich deutete, sagte sie: dies ist mein alles auf dieser Erde,
Ewiger! du weisst es. Nun stand sie auf, winkte mir, mit dem kleinen Kahn in den
See zu gehen, sah noch einmal nach der Gegend der indischen Hütten, küsste beide
Hände gegen sie, mit einem herzlichen, Gott segne Euch, rauste noch eine Hand
voll Kräuter von dem Ufer, warf sie auf Carmils Decke, und eilte zu schwimmen
Die Idee der Geschichte des Moses kam ihr wieder in das Gedächtnis, denn sie
sagte so eifrig zum Himmel: ach du hast den kleinen Moses auf dem Nil geschützt,
schütze auch mein Kind! Ich hatte meine Augen stets nach der kleinen in den See
sich erstreckenden Spitze der Insel, Emilie die ihrigen auf mich und ihr Kind
gerichtet, war stets sehr nahe bei mir. Ich war bange der Kleine möchte weinen,
aber er schlief sanft bei der Bewegung welche das Rudern meiner Arme in dem
Wasser um ihn her machte: mir wurde sonderbar zu Mute. Anfangs war ich
ängstlich, dann voll Vertrauen dass Gott den Engel Emilie, um ihrer selbst
willen, und mich um meines unschuldigen Kindes willen erhalten würde; denn was
konnte ich für mich hoffen? war ich nicht Ursache an unserm Jammer? Mir
schauderte vor mir selbst, als meine Einbildung mir sagte: der Bösewicht Nero,
nahm im Ungewitter auch unschuldige Kinder in die Arme. Ich litte viel, sehr
viel, aber Gott half, Gott schützte uns. Wir landeten glücklich. Emilie küsste
mit Entzücken die Erde, sprang auf, band ihr Kind los, fasste es in ihre Arme.
Der Kleine schrie bei der heftigen Bewegung, und suchte gleich die Brust. Emilie
wurde blass, und dann wieder feuerrot, riss heftig an den kleinen Riemen, mit
welchem sie das Bieberfell über ihre Brüste befestigt hatte: ich eilte ihr zu
helfen, sie reichte, die Augen zum Himmel erhoben, dem Kinde stehend die Brust,
der Kleine sog begierig und bekam zu viel in seinen kleinen Mund. Nun sah sie
auf ihn, und rief laut, mit einer Art wilder Freude: o ich habe Milch, ich habe
Milch! -
    Ich war durchdrungen, umfasste und stützte sie, denn sie taumelte beinahe für
Freude. Ich war bange. Emilie! teures Weib! was ist in deiner Seele? Mit einem
Seufzer und in Tränen zerfliessend antwortete sie: ach, ich hatte besorgt, das
Schwimmen und das Wasser habe die Milch zurück getrieben, was würde da aus
unserm Kinde geworden sein!
    Das Weinen erleichterte ihr gepresstes Herz, und ich führte sie bis zu diesen
Bäumen, wo sie auf meinem Schoss sitzend, den Carmil völlig stillte. Dies, mein
Freund! setzte er hinzu, ist die Ursache, warum dieser Platz besonders geordnet
und besorgt ist; so wie ich den Lieblings-Fusspfad meiner Emilie in etwas
auszeichnete, wo sie allein voll Sorge eine günstige Stelle zu unserm leichten
Ueberschwimmen suchte. Als der Kleine gesättigt war, stand sie auf, hob ihn
gegen den Himmel, und rief: Dank, o Dank gütiger Gott! aber nicht mehr von hier,
als zu dir, Vater der Welt!
    Dieses Gebet, so schnell, so eifrig aus ihrer Seele gesprochen, zermalmte
mein Herz; denn ich dachte sie müsse in der indischen Hütte, von den Weibern
mehr gelitten haben, als sie mir nicht sagte, und die Rückerinnerung an die auf
dem jenseitigen Ufer zugebrachten 10 Tage blieb lange wie Dolchstiche in meiner
Seele. Bei dem Aufsuchen unserer Hütte genoss ich eine Freude, für welche ich dem
Himmel wegen Emilien innigst dankte, als ich das Vergnügen bemerkte, mit welchem
sie auf dem Wege zu unserer Wohnung auf Bäume, Gesträuche, Felder und Blumen
sah, mit ihren Blicken alles grüsste, bei einem Lieblingsstück stehen blieb, das
Kind küsste, und mit Hoffnung im Auge mir sagte: ach wenn einst unser Knabe hier
die Blumen pflücken wird, welche du für seine Mutter pflanztest!
    Mein zu volles Herz erlaubte mir nicht, viel oder munter zu reden, ich
erwiederte nur äusserst gerührt: da werde ich höchst glücklich sein. Sie
überhörte aus Eile nach der Hütte den abgeänderten Ton meiner Stimme, und
horchte allein auf das Gackern unserer Hühner, worüber sie viel Vergnügen
zeigte. Denken Sie sich selbst den Eintritt in unsere Hütte. Ach, sie war uns
ein Pallast, unsere kleine Habe wurde zu Reichtum, Kleidungsstücke, Weisszeug
und Hausgerät, so wir ganz unverrückt wieder fanden, gaden uns Gefühl von
Sicherheit und Überfluss. Emilie hatte Freudentränen im Auge, küsste ihre Hemden
und den armen aber reinen Schlafrock, welchen sie anzog, beinahe hätte ich auch
meine Weste umarmt; denn ob wir schon in der indischen Hütte sahen, wie wenig
der Mensch zum täglichen Fortleben bedarf, so konnten wir das Wohlsein, welches
das Mehrere mit sich führt, nicht vergessen, nicht aufhören es zu wünschen. Wir
öfneten Türen und Fenster, um wieder frische Luft und Sonnenstralen in unsere
Wohnung zu sammeln. Ich machte ein grosses Feuer, Emilie bat mich Wasser zu
holen, und welches aufzustellen, Carmil schlief noch in seinem Schifchen, seine
Mutter eilte zu den Hühnern mit einem Vorrate klein gestossnen Mais, welchen sie
noch vorfand. Sie wollte sich ihnen wieder bekannt machen und Eier suchen, sie
fand einige Hühner zerstreut, brachte sie mit Jubel zu dem Herde, glaubte aber
eines verloren zu haben, welches ich ihr zu suchen versprach. Wir kochten Eier,
assen sie mit unendlichem Vergnügen. Emilie trank herzlich vom Honigwasser, und
ich bat sie, sich niederzulegen, und neben unserm Carmil zu schlafen, denn die
jähe Eile, mit welcher sie alles vornahm, die ausserordentlich schnellen
Bewegungen, welche sie machte, gaben mir viele Sorgen: da noch keine 14 Tage von
ihrer Entbindung an verflossen waren, fürchtete ich ein Fieber. Sie schlief
recht sanft bis gegen Abend, neben unserm Liebling, Ich war zu sehr erschüttert
um ruhen zu können, und setzte mich vor unsere Hütte. Das Bild einer Krankheit
meiner Emilie trat vor mich mit allen quälenden Ideen trauriger Nebenumstände
für Carmil und mich: tiefer Jammer bemächtigte sich meines Geistes, alle
vergangnen Scenen meines Lebens zogen in meinem Gedächtnisse vorüber. Der
Mittelpunkt, auf welchem ich bei dieser Hütte war, rückwärts verlornen
Wohlstand, gemordete Verwandte und Freunde, verlornes Vaterland, und meine
ohnmächtige Wut gegen Bösewichter, hier ich mit der liebenswürdigsten Frau und
einem Kinde allein: die Zukunft, die mit einer ernsten innern Stimme mich
fragte: was willst du ferner tun? - O mein Freund, die Sprache hat keine Worte
für die Beschreibung des Kummers der meine Seele zerriss, als ich mir sagte, was
soll aus ihnen werden? In den Staub gebeugt, auf der Erde krümmend flehte ich: O
lass sie nicht leiden die Unschuldige, für ihre Liebe zu dem heftigen,
trotzbietenden Manne, für den Trost, für die Freude welche sie in mein Herz goss!
- o es ist zerreissend, das Gefühl, Unrecht getan zu haben! Es ist wirklich in
der fühlbaren Seele der Wurm, der immer nagt, und keine Empfindung von Glück und
Zufriedenheit zu reiner Blüte gedeihen lässt. Er untergräbt die Scheingründe,
welche die Leidenschaften uns gegen anerkannte Pflichten aufführen helfen. Ja,
mein Freund! es ist für eine moralisch edle Seele nichts trauriger und
schrecklicher, als zu sagen: ich hatte Unrecht. Wie viele Vorwürfe, sagte er
nach einigem Schweigen, machte ich mir nicht, dass ich meinen Indier nicht
genauer nach den amerikanischen Fischern fragte, nicht weiter in ihn drang, als
er mir kurz sagte, es seien keine mehr da: ich verheelte es Emilien, und
tröstete mich mit den dunkeln Ahndungen, welche uns der alte Quäker mitgegeben
hatte, dass bald eine Colonie Europäer nach den Ufern des Oneida kommen würde,
welche gewiss wie wir ein hartes, ungerechtes Vaterland fliehend, die kleinen
Ueberreste ihres Vermögens und ihrer Kräfte anstrengen würden, sich und ihren
Kindern einen sichern Aufentalt und Nahrung zu schaffen. Mit welchen Schmerz
rang ich meine Hände, indem ich sagte, ach wann kommt sie! die Colonie, wann?
Sie wissen, dass wir noch zwei volle Jahre einsam blieben. Gott sei Dank, sie
sind vorbei, aber ich schaudre heute noch, wenn ich an sie denke. - Emilie
erwachte wohl, und wie sie sagte erquickt.
    Lieber, hast du unser Huhn gesucht, fragte sie angelegen? Ich sagte, dass ich
sie und Carmil nicht hätte allein lassen wollen, ich würde jetzo hingehen, weil
es noch helle genug sei. Es freuete sie. Stellen Sie sich das Entzücken vor, als
ich ihr sagte, dass ich nicht nur das Huhn, sondern als Brutenne in einer Grube
unter dem Gebüsch der Einzäunung gefunden habe. Wie ein Pfeil war Emilie von
ihrem Bette, und eilte unaufhaltbar, selbst ohne auf den schlafenden Carmil zu
sehen, nach dem Hühnerplatz. Freudentränen flossen von ihren Wangen über dieses
so unerwartete Glück. Bald lief sie zurück, holte Mais, und unsern einzigen
kleinen Napf welchen wir hatten, mit Wasser gefüllt für die brütende Mutter. Ich
musste noch eine kleine Umzäunung machen, dass unsere übrigen Hühner diese mit
ihrem Müssiggange nicht störten. Wir glaubten bald an eine gute Vorbedeutung, und
assen eine Suppe von Buchweizen zu Nacht.
    Freunde! was für eine Geschichte beschreibt Emiliens erstes Wochenbett!
Gewiss meine schätzbare Base hat während dem Lesen dieser Blätter, an sich und
andre Frauenzimmer, auch an gute Bürgerweiber in ihrer Nachbarschaft gedacht.
Wie glücklich muss sie sich und alle geschätzt haben, wenn sie an das Schicksal
der holden jungen Frau von Wattines sich erinnerte. Ich konnte den guten Mann
mit keiner Frage unterbrechen, welche ihn zu einem grössern Detaile seiner Leiden
geführt haben würde. Eine solche neugierige Frage dünkte mich, wie das Sondiren
in einer Wunde, von welcher man die Tiefe untersucht, welches allein dem
heilenden Arzte, aber auf keine Weise einem bloss Neugierigen erlaubt sein darf.
Ich zeigte dem schätzbaren Wattines mein Staunen, meine Teilnahme und Verehrung
nur in kurzen abgebrochenen Ausdrücken, doch so, dass es ihm Trost, Zufriedenheit
mit sich selbst und das süsse erleichternde Gefühl gab, welches den Beifall eines
guten vernünftigen Menschen uns gewährt. Ich umarmte ihn mit der innigsten
Hochachtung und wahrer Liebe. Er sah, dass ich tief gerührt war, als ich ihm
dankte, dass er meinen Wunsch, nach diesem Teile seiner Geschichte, so
freundlich erfüllte, und es freuete ihn als ich ausrief: Sie und Emilie sind
Zierden der Menschheit, sind Modelle für Tausende, und machen ihrem Schöpfer
Ehre. Es war spät als wir zurück kamen. Ich sollte mit ihnen zu Nacht essen,
aber ich konnte es nicht, denn als ich Emilien erblickte, dachte ich sie
schwimmend auf dem Wasser, das ich heute sah. Die Hütten, die indischen Weiber,
alles war vor mir. Ich sagte, ich müsste fort, um alles aufzuschreiben, wie sie
es erlaubt hätten. Sie gingen mit mir bis an die Gränzen ihres Hauses und
Gartens: ich konnte nicht reden, reichte beiden meine Hände, drückte die ihrigen
an meine Brust und rief: Edle, edle Wesen! Gott segne Euch! O er muss es! - und
so eilte ich heim, ass Brod, trank etwas Wein, und fieng an zu schreiben: dachte
mir diesen Wattines, als jungen schönen Officier in Versailles um seinen König,
dann in glänzenden Cirkeln in Paris, dachte seine Aussichten - und Emilie als
eine blühende Rose auf den schönen Gütern ihres Vaters, ihre Bestimmung, noch
vor fünf Jahren, - und jetzo, beide hier? O Verhängnis: wie spielst du mit uns
träumenden, armen Geschöpfen. - Diese Gedanken begleiteten mich auf mein
Kopfküssen, und ich träumte wirklich die sonderbarsten Dinge.
Wattines kam früh zu mir, ehe er auf sein Feld ging, fragte nach meiner
Gesundheit, und sagte: er und Emilie, hätten gestern mit vieler Dankbarkeit von
meinem teilnehmenden Herzen gesprochen, und ich hätte ihn glücklich gemacht,
denn nun lebte sie wieder in seiner Seele, die Ueberzeugung, dass jemand sein
Herz kenne, und sich an seine Stelle zu setzen wisse, indem es ein Mann von
seinem Alter, und mit den Sitten seiner Nation bekannt sein müsste; die andern
guten Einwohner von Oneida wären das nicht, könnten es nicht sein; noch setzte
er hinzu, dass Emilie gestern von meinem Segen und dem Kennzeichen meiner
Verehrung für sie beide sehr gerührt war, sie wolle auch das Bild ihres
Aufentalts bei den Indianerinnen ergänzen, wenn ich glaubte, in seiner
Erzählung leere Stellen bemerkt zu haben. Ich dankte und dachte: ja es fehlen
mir alle feine Züge und Schattirungen, welche allein durch eine Frau wie Emilie
gesehen und bemerkt werden konnten.
    Wie er sich entfernt hatte, schrieb ich alle Erinnerungen von gestern
nieder, und machte Auszüge aus den Noten der Frau Vandek. Diese hatte Emilien
gefragt, wie sie zu dem Entschlusse gekommen sei hinüber zu schwimmen? da
antwortete sie: »durch das Gefühl der Selbsterhaltung und der Liebe für mein
Kind und seinen Vater; auch war kein ander Mittel der Hülfe für mich da. Es war
kein Krieg mit den Indiern, und ich wusste, dass sie im Frieden treu und gut sind,
damit verband ich mein völliges Hingeben in die göttliche Fügung, wenn ich nun
alles getan haben würde, was er meiner Vernunft und den Umständen erlaubte.«
    Aber, sagte Frau Vandek, warum warteten Sie so lange mit Ihrem Uebergange?
denken Sie, wie schnell ihre Entbindung folgte.
    »Darüber müssen Sie, meine Freundin, sich nicht wundern, ich war unwissend
und unerfahren, meine Seele hatte viel bei der Trennung von unserer Insel
gelitten, und nie werde ich den Auftritt und mein inneres Zittern vergessen, als
ich der Hütte und den beiden indischen Weibern mich näherte. Denken Sie sich
zwei grosse braun gebrannte Frauenspersonen in langen Beinkleidern und Wams nebst
Kappe von groben braunen Tuch, glatte, schwarze, über Gesicht und Schultern
hängende Haare, einen kurzen Rock über die Beinkleider, und dies alles dabei
sehr unreinlich, tief liegende etwas düster blickende Augen. Gewiss es kostete
mich mehr Mühe den Widerwillen meiner Augen zu überwinden, als die Vorstellung
der Gefahr des langen Schwimmens, aber ich strengte mich gegen Wattines an,
heiter und vertraut zu scheinen; doch bald waren die Töne der Weiber gefälliger
als ihre Blicke und ihr Aussehen, auch war es gut, dass ich europäische und
philadelphische Bilder aus meinem Geiste entfernte, und nur an Wahrheit und
Bedürfnis des Moments dachte. Indische in Wäldern lebende Weiber, konnten weder
in Kleidung noch Sitten denen ähnlich sein, an welche ich in meinem Vaterlande,
oder wo sonst europäische Sitten üblich sind, gewöhnt war. Ich fühlte, dass es
ungerecht und töricht sei, allein nach einem verwöhnten Auge zu urteilen, und
nahm mir vor, genau bei den einfachen Bedürfnissen der Natur, und bei Wahrheit
stehen zu bleiben. Ich fühlte mich übel, und war froh, als der Indier meinen
Mann wegführte. Die Weiber und ihre Hülfe waren liebreich, mein Glaube, dass die
Natur mir nicht mehr auflegen würde, als andern Müttern, der kleine, aber mir
äusserst wichtige Umstand, dass alle Mohawks wohl gewachsen sind, dieses stützte
meine Hoffnung für die gute Besorgung meines Kindes. Ich bat Gott, mir meinen
Verstand und mein Leben zu erhalten, damit ich mit dem ersten alles bemerken
könne, was bei diesen Umständen nötig ist, weil diese Töchter der Natur in
nichts eingebildete Bedürfnisse haben, und keine unnützen Dinge vornehmen, der
Himmel aber in meiner Seele lesen konnte, dass ich nur für mein Kind zu leben
wünschte. Gott erhörte meine Bitte, ich genass, und das sehr bald. Die
überströmende, alle andre Gefühle übertreffende Freude der guten Mutter, mein
Kind in meinen Armen zu halten und der ewigen Güte für meinen schönen Sohn zu
danken: dieser schon vor seiner Geburt beraubte Erbe grosser Güter und zwei
schöner Wohnsitze edler Ahnen, lag mit seiner Mutter unter Birkenrinden auf der
von einem Indier gelehnten Bärenhaut, hatte wie Kinder der Indier von seiner
Mutter nichts als ihre Liebe und die Milch ihrer Brust, von seinem Vater
Unterricht im Feldbau und Fischerei, zu Erhaltung eines Lebens zu erwarten, das
sie, von ihm ungewünscht, ihm gaben. Hätte wohl eine Rivalin, welche an dem Tage
meiner Verlobung mit Wattines, alle Hoffnung auf sein Herz verlor; mich
beneidete und hasste, hätte mir diese wohl mehr Jammer wünschen können? Wer hätte
mir an diesem, meinem Herzen so schönen, glücklichen Tage gesagt: von allen,
welche dich als gesunde, heitere Braut sehen, wird in den Tagen des Kummers
keiner um dich sein, und während dem Gefühl der Geburtsschmerzen deines ersten
Kindes wirst du sein und dein Leben in den Händen von zwei Indianerinnen sehen.
    Es war sonst meine Gewohnheit, bei Schmerzen ruhig und stille, mit
zugeschlossnen Augen auf Linderung zu warten, diesmal war ich auch stille, aber
ich deckte meine Augen nicht: immer waren meine Blicke mit Aufmerksamkeit und
bittend, auf die Mienen und Züge der zwei Sqaws gerichtet. Mich däuchte auch,
dass sie meine Stille, meine Geduld und mein Achtung geben auf ihre Zeichen und
Winke, unter sich lobten, und dass sie mit mir, meiner glücklichen Entbindung
sich freuten, und die Beweise meiner überfliessenden Liebe für mein Kind gut
fanden. O, in der Hütte meiner Indianerinnen wurde ich überzeugt, dass die Natur
keinen Unterschied macht, dass meine Schmerzen, meine Bedürfnisse, bei der Geburt
meines Sohnes, und sein hülfloses Wesen, der Zustand jedes gebährenden Weibes
und jedes neugebohrnen Kindes ist.
    Ach! nur in den Gefühlen und Bedürfnissen der Natur ist sie, die wahre
einzige Gleichheit, welche Frankreichs neue Philosophen durch das ganze Leben
und in allen Verhältnissen der Menschen haben wollen. Aber zu was dienen diese
Betrachtungen? - Ich befand mich wohl, und war eine glückliche Mutter, nur einen
Jammer hatte ich noch zu überstehen: die eine Frau lief weg, blieb einige Zeit
aus und brachte etwas auf einem Blatte, wovon sie meinem Kinde einen Teil von
ihrem Finger abzusaugen gab. Ich war mit der grössten Geschwindigkeit bei ihr, um
es zu wehren, indem ich befürchtete, es möchte meinem europäischen Kinde
schaden. Ich weinte, als ich beide Weiber mich so ernst zurückweisen sah, sie
bedeuteten mir, es sei gut. Ich war ruhig aus Angst sie zu erzürnen und tröstete
mich ganz, als sie mir gleich darauf meinen Knaben zum Säugen an die Brust
legten, indem ich hoffte, dass meine Milch diesen Saft verdünnen und weniger
schädlich machen würde; und nun wünschte ich Wattines zu sehen, und bat ihn, er
solle den Indier fragen, was man unserm Sohne gegeben habe Er sagte: Ein Pulver
von guten Kräutern mit Honig, dies beruhigte mich ganz. Meine Nahrung war,
dünner, zerriebener Maisbrei. Ich genoss ihn mit Dank, und schätzte es als eine
liebe Nahrung; denn mein Kind fand immer Milch und war wohl. Mir fehlte gar
nichts, Wattines war immer um mich so dass ich ihn oft bat, mir Blumen und
Kräuter von den Wiesen und aus dem Walde zu holen, weil ich sie kennen lernen
wollte, aber ich tat es, um ihn zu zerstreuen und Bewegung zu verschaffen; denn
Blumen und Pflanzen dieser Seite waren wie die von unserer Insel. Der Indier
nahm ihn ein paarmal mit auf die nahe Jagd. Ich wurde bange, es möchte diese
alte Edelmannsfreude wieder in ihm erwachen, und ich liebte ihn mehr als Bauer
und Gärtner, als ich ihn wie Jäger lieben würde. Traurige Betrachtungen konnte
ich bei mir nicht verhindern, wenn ich, während die Indianerinnen und ihre
Kinder schliefen, bei dem schwachen Lichte des Feuers in der Hütte umher
blickte, und mir zurück rufte, wie meine Tante in ihrem Wochenbette lag, und wie
ohne die Revolution, ich und mein Kind in den Armen geliebter Anverwandtinnen
und Freundinnen gepflegt sein würden; hier traf mein Auge auf niemand, den mein
Gedächtnis mir nannte, doch verscheuchte ich diese unwillkommnen Erinnerungen,
dachte an meine Gesundheit, mein Kind, Wattines und den Allwissenden,
Allgütigen, welcher in meinen Blicken um mich her, in den Tränen, welche auf
meinen Säugling fielen, und in diesen Erinnerungen meine Bitten und Wünsche sah.
Die guten Weiber gingen morgens mit ihren Kindern nach ihrer Arbeit auf dem
Felde, hatten aber die Sorgfalt, mir ein liebes Mädchen von acht Jahren vor die
Hütte zu setzen, welche das Feuer unterhalten musste, und mir von Zeit zu Zeit,
in einer grossen Muschel von dem Maisbrei oder Wasser brachte. Dieses Mädchen
lehrte ich Kränze und Blumengewinde machen, so wie ich von ihr Körbchen zu
flechten lernte. Oft war ich ganz allein, an die Hütte gewöhnt, dachte ich an
Philadelphiens und Europens Gebäude, musste mir sagen: wie unendlich ist der
Abstand zwischen einfachem Bedürfnis der begränzten Gefühle des physischen
Lebens, und der mit dem Anbau unseres Verstandes sich vermehrenden Begierden,
welche bei uns den Wechsel des neuen, und die Menge in allen Dingen zur
Notwendigkeit machten. Diese Hütte fasst alles, was eine Familie der Oneidas zu
ihrem Glücke wünschet. Die Begriffe ihres Verstandes von einem obersten Wesen
und von andern Geschöpfen um sie her, sind eben so einfach und beschränkt wie
ihre Wohnung, ihre Geschäfte, Essen und Kleidung; dennoch ist die Seele dieser
Menschen, wie ihr Körper mit allen Fähigkeiten begabt, die wir übrigen stolzen,
glücklichen Europäer an uns kennen. Aber musste ich nicht zugleich denken, dass
auch in unserm Europa die Seele einen gleichen Schritt mit dem Körper hält, wie
man es in abgelegenen Wohnungen, bei Armen, die wenig Umgang baben, und bei den
meisten Landleuten findet, welche man nur für Besorgung der Bedürfnisse des
Leibes beschäftigt sieht, indem ihre Seele eben so wenig und so einfache
Begierden nach Kenntnis zeigt, als man bei Millionen Menschen einfache Gefühle
und Wünsche für körperliches Wohl und äusserliche Umstände antrifft. Wir Europäer
kennen mehr Vergnügen und mehr Weh der Einbildungskraft als die Indier; diese
wünschen nur heftig, was zu unmittelbarem Genusse führt; Stärke,
Geschicklichkeit bei der Jagd und Fischerei, Tapferkeit im Kriege, Genuss der
Rache und des Ueberwindens; weil es mehr Kraft beweisst. Emilie glaubt auch, dass
der Hass, und alle in der einfachen Natur liegenden Leidenschaften, bei den
ungebildeten Völkern um so heftiger sind, weil sie, wie ein in unbewohnter
Gegend aus einer reichen Quelle fliessender Bach, auf keiner Seite in Ableitungen
geteilt, und also der Hauptstrom nie geschwächt ward; daher ihre Freuden,
Trauer und Hass unbändig, tobend und schreiend sind. Ich war dankbar und gerecht
gegen die Natur, dass sie mir in einem der wichtigsten Auftritte meines Lebens
unter ihren eigentlichen Kindern Hülfe gab; diese Erfahrung, und die Beobachtung
meines eigenen Kindes, der drei und fünf Jahr alten Indier, und yon unserer acht
Jahr alten Flora, überzeugten mich von der Wahrheit des Glaubens und des
Ausspruchs unsers schätzbaren Bernardin de St. Pierre, welcher sagt:
    »Die Natur hat den Menschen gut geschaffen, wenn sie ihn hätte übeltätig
haben wollen, so würde sie, die in allen ihren Werken die Folgen bedachte, dem
Menschen auch entweder Klauen, einen Rachen oder Gift, und andre angebohrne
Waffen gegeben haben, wie sie viele andre Tiere ausrüstete; aber sie hat ihm
nicht allein keine Verteidigungs- und Angrifsmittel gegeben, sondern sie schuf
ihn, als das ärmste und hülfsbedürftigste von allen, gewiss um ihn als Gegenstand
der Menschenliebe und Güte zu zeigen, und die nehmlichen Gefühle für andre in
ihm zu erwecken. Die Natur schuf nirgends eine Nation von lauter neidischen,
verläumderischen, ehrgeizigen, harterzigen Menschen; eben so wenig, als man
Gegenden trifft, wo alle aussätzig, fieberhaft oder mit den Blattern behaftet
gewesen wären. Diese physischen Uebel kommen von schlechter Nahrung, und die
moralischen Fehler von irrigen Begriffen des Verstandes!« Diese Betrachtung
erweckte aufs neue meine Dankbarkeit für meine erhaltene Erziehung, für Kenntnis
der Religion. Kenntnis meines Gottes und der Verdienste der Menschheit. Meine
verfeinerten Sinnen, meine gebildeten und geweckten Fähigkeiten, machten mich
selbst hier, mitten in dem grössten Mangel, glücklich. Meine Indianerinen
entbehren vieles, ohne Kummer, weil sie wenig kennen, ich entbehre, mit dem
süssen Gefühle, einer ausübenden Tugend, geduldiger Unterwerfung in dem
göttlichen Willen, und schaffe mir auch Hülfe durch meinen angebauten Verstand.
Ich wünschte mir nicht die Zufriedenheit meiner Indier, freute mich für sie, dass
sie es sind, weil ich nichts für sie tun kann, aber ich hoffe doch, dass der
allmählige Umlauf der Kenntnisse und Wissenschaften, auch für sie ein edleres
Glück hervorbringen wird: aber wie lange mag es noch dauern, bis diese
Völkerschaften einmal ihre Kinder die ganze Würde der Menschheit lehren, und
ihnen sagen werden: was für grosse und glückliche Vorzüge hat der Mensch durch
die Gestalt und Fähigkeiten seines Körpers! wie viel mehr aber durch seine
Vernunft, vor allen andern Wesen. Jedes schädliche Tier weis er aus dem Wege zu
räumen, jedes nützliche sich zu eigen zu machen. Beider Arten bemächtigt er sich
nach Gefallen, sie mogen fliehen wie sie wollen: denn, sind sie stärker und
schneller als er, so ersetzt seine Vernunft beides: diese hat an dem Elephanten
und an dem Pferde die empfindlichen Teile entdeckt, so dass er als Knabe sie
leitet wohin er will. Er machte Netze für Fische, Fallen für Mäuse und andre
schädliche Tiere, die Pfeife um Vögel in sein Garn zu locken, und das Gewehr,
womit man den Hirsch in weiter Ferne zu Boden streckt. Viele der nützlichen
Tiere hat er zahm gemacht, braucht sie zu Arbeiten, und auch zur Speise; dem
packt er seine Lasten auf; dies muss ihn tragen und ziehen; jenes ihn kleiden und
nähren. Fuchs, Wolf und Bär erkennt er an ihren Fusstritten, vergebens fliehen
sie in die Wälder. Er fängt sie, nimmt ihnen ihre Pelze für sich zu einer
wärmern Kleidung ab. Bei den Pflanzen herrscht er eben so willkührlich. Er
entdeckte alle die, welche zu Speise, Trank und Kleidung taugten. Schneidet den
Kohl, presst den Saft der Traube, das Oehl der Olive, schüttelt das Obst, ärntet
den Weizen, hechelt den Flachs, wirft die Eiche zu Boden, stürzt ganze Wälder um
sich Häuser zu bauen, im Winter sich zu wärmen, seine Mahlzeiten zu kochen, und
das übrige andern zum Schiffbau und Gerätschaften zuzuführen. Er heilt mit
Kräutern seine Wunden, weiss sie, Wurzeln und Rinden zu seiner Gesundheit zu
gebrauchen, pflanzt Blumen, geniesst ihre schönen Farben, ihren balsamischen
Geruch, und pflückt sie zu Sträusser und Kränzen.
    Das Steinreich steht ihm auch zu Gebot. Er gräbt Erz aus den Eingeweiden der
Erde; verfertigt die herrlichsten, nützlichsten Werkzeuge, Gefässe und die
schönsten Zierraten daraus. Sammelt Edelsteine zum Schmuck, bricht den
Kalkstein, seine Mauern zu verbinden, den Schiefer, seine Dächer zu decken.
Sprengt Felsen, zu Landstrassen, gräbt und pflügt die Erde auf, und sie muss ihm
Früchte tragen, welche er will; findet er die Oberfläche zu dürftig, so bohrt er
tiefer, und wühlt die untere bessere Erde herauf; gräbt Brunnen, trägt die Höhen
ab, ebnet das Ungleiche, pflanzt Alleen, verwandelt Sümpfe in Wiesen, Sandfelder
in Gärten; das Meer selbst muss sich seiner Herrschaft unterwerfen, denn seine
Vernunft lehrte ihn Fahrzeuge bauen, mit welchen er über unermessbare Oceane von
einem Weltteile zu dem andern segelt; er mag Land sehen oder nicht, so leitet
ihn der Compas. Er bringt Feuer hervor, und löscht es wieder; dem Wasser setzt
er Gränzen durch Erddämme. Er baut Brücken über die Flüsse, und verbindet sie
durch Canäle, leitet den Blitz ab und zerteilt Regenwolken durch Canonendonner;
alle Städte, alle Dörfer, alle fruchtbaren Felder und Auen sind sein Werk. Er
hat durch sorgsame Pflege alle Getraidearten, Blumen und Früchte veredelt. -
Ach, wie lange mag es noch dauern, bis alle Gegenden der Erde zu dem seligen
Genuss dieser Kenntnisse und dieser Betrachtungen gelangt sein werden? Wie lange,
bis einst ihre Nachkommen die Encyclopädie kennen und lieben werden, wie ich und
Wattines sie lieben und kennen, durch vermehrte Wissenschaft glücklich, durch
erhöhte Gefühle der Tugend gestärkt und getröstet werden?«
    Hier, sagte Emilie, muss ich Ihnen die muntre Antwort mitteilen, welche
Wattines mir gab, als er die Frage las: Wann wird die Zeit kommen, dass unsere
guten Indier Kenntnisse haben werden wie wir.
    Das will ich gleich ausrechnen, sagte er, und ging zu unsern Büchern. Frau
Vandek und ich dachten, er habe nur den Anlass genommen wegzugehen, weil er, wenn
von meinen Erinnerungen auf der Insel gesprochen wurde, sich immer entfernte, so
bald er bemerkte, dass er genennt werden könnte: nun kam er aber mit einem
Papiere in der Hand zurück, und las in Wahrheit eine Berechnung vor, indem er
sagte:
    Als Cäsar nach Brittannien kam, lebten die meisten Einwohner, wie jetzt die
Nordamerikaner, in Gebirgen und Wäldern, wussten nichts vom Ackerbaue, mahlten
sich den Körper wie Nesquehiounah, als er wieder Mohawk wurde, und deckten sich
mit Tierhäuten. Von dort an, bis zu der Zeit, wo England einen Bacon und Newton
sah, verflossen 900 Jahre, also müssen die Oneidas, wenn sie nicht von den
Europäern ausgerottet werden, noch 937 Jahre warten, bis ein Gelehrter von
diesem hohen Verdienste unter ihnen erscheint. So wie die Griechen 514 Jahre
bestanden, ehe ein Socrates, und die Römer 642 zählten, ehe Cicero kam, unser
Vaterland aber sagte er zu mir, von Cäsar an 1700 Jahre durch alle Stuffen der
Kenntnisse gehen musste, bis ein Büffon entstehen konnte.
    Der muntre Einfall dieser Berechnung dünkte mich sehr in dem französischen
Nationalgeiste zu sein, dessen angeborne Heiterkeit wohl auf einige Zeit bewölkt
wird, aber bei jedem Anlasse wieder mit Leichtigkeit hervorbricht. Ich setzte
nun mit einer Art doppeltem Stolze hinzu, dass wir Teutschen von Cäsar an auch
1700 Jahre zurücklegen mussten, ehe wir unsern Leibnitz sahen. Mein Stolz ruhte
in der Tat auf zwiefachem Grunde. Einmal dass Leibnitz, welchen Wattines in
seiner Encyclopädie mit so vielem Ruhme genannt finden kann, uns gehört: und
weil ich die Jahre von Cäsar bis auf ihn, ohne Bücher nachzuschlagen, sogleich
nennen konnte. Ich erinnerte mich auch, dass unser grosser Wieland einmal bei dem
edlen weisen Graf Friedrich von Stadion, dessen letzte Lebensjahre er
verschönerte, und die Freundschaft des geistvollen Ministers genoss, einmal von
den Wanderungen der Wissenschaften sprach, und auch eine Art von Rechnung
gemacht wurde, wie lange die Musen ihre griechische Heimat bewohnten, und dann
durch das Verhängnis zu einer Pilgrimschaft getrieben, bis in nördliche Gegenden
kamen. Wieland versicherte, dass eine Zeit kommen müsste, wo seine Gedichte in
Lappland, auf der Toilette jeder schönen Dame neben Rosengewinden liegen, und
sie von ihren Verehrern fordern würden, ihnen seine Werke vorzulesen. Diese
Unterredung verwandelte Wattines Holzhütte in eine Art von einfachen Tempel
schöner Kenntnis der ersten Zeit. Ich sagte Emilien, wie oft ich schon ihre und
ihres Gemahls Erziehung segnete, durch welche sie in ihren Leiden und ihrer
Einsamkeit so wundervoll unterstützt wurden, und wodurch sich auch ihr Herz in
der Borkenhütte der Indier in so vollem Glanze zeigte.
    Ach, erwiederte sie, in der Stunde, wo mein Herz so viele Wünsche für die
Indier machte, musste ich mir auch sagen: da habe ich nun die glücklichen Vorzüge
der Europäer gegen den Mangel der Indier abgewogen, habe an die durch Kenntnis
vermehrten Tugenden gedacht, und völlig vergessen, dass in Paris, wo der Sitz des
höchsten Grads der Wissenschaften und Künste war, die Quelle alles Elends und
aller Ungerechtigkeiten entstand, der Mord unsers guten Königs, der von meinen
Verwandten und so vieler tausend Unschuldigen, durch Menschen von grossen
Talenten beschlossen und entschuldigt ward. Alle Abscheulichkeiten wurden von
Parisern begangen, welche meine gutmütigen Indier wegen ihrer Unwissenheit
verachten und belachen würden. Denken Sie, was in der indischen Hütte die
Betrachtung mir werden musste, dass von so vielen hunderttausend geistvollen
Bewohnern dieser Stadt, welche gegen das Dörfchen der Oneidas eine ganze Welt
ist, so wenige gut waren, und ach! Männer voll Kenntnisse rotteten die von
Jugend auf gepflegten Ideen und Gefühle, von Gott, Religion, Menschenliebe, Güte
und Mitleiden aus ihrer Seele, opferten dem Ehrgeiz und der Herschsucht jede
Tugend, und das Wohl, das Leben so vieler Tausende.
    Wie sehr wurde ich in diesem Momente überzeugt, dass der Gelehrte recht
hatte, welcher sagte: der Mensch ist oft nicht so weit von den Tieren
verschieden, als Menschen von Menschen; denn waren nicht die Oneidas, bei
welchen ich Schutz und Hülfe gefunden hatte, Engel gegen das Volk der Pariser?
Dennoch, ich bekenne es, dachte ich mit Abscheu an den Entschluss, eines durch
den Krieg verarmten Amerikaners, der ein geborner Irrländer war, und mit Frau
und Kindern zu einem Stamme der Indianer überging, und aus einem guten Bauer ein
Waldmann wurde, seine Frau und seine Töchter zwang, sich zu kleiden und zu leben
wie die gebornen Indianerinnen. O, ich hatte mehr verloren, als der Irrländer,
war an alles Gute, Schöne und Angenehme gewöhnt. Wattines wurde auch beraubt,
und war über seine Landsleute empört, aber wir entsagten nicht auf Vorteile
unserer Erziehung, nicht auf das Glück, alle Tage unsern Geist zu bereichern,
und dies, was wir wissen, zur Verbesserung unserer Umstände anzuwenden.
Einfacher zu leben, als ich von Jugend auf gewöhnt war, geringer gekleidet, als
ich tausend und tausend Familien ehemals weit unter uns kannte, ach das haben
wir mit Unterwerfung in den göttlichen Willen gerne getan, aber entsagen auf
Wissen, auf verbesserte Sitten, und zurückgehen auf die niederste Stuffe der
Vernunft, - o nein, nein, lieber sterben, als erworbne Kenntnisse verlieren.« -
Emilie sagte dieses mit Eifer, mit einer Träne im Auge und mit auf ihre Brust
gefalteten Händen. Wir waren alle gerührt, so wie wir alle überzeugt waren, dass
beide Wattines als die edelsten Beweise des Werts der Kenntnisse, vor uns
stehen. Aber, meine Freunde! welch ein Character in Emilien, dieser so jungen,
schönen Frau! Sie sagte freimütig: ihre Betrachtungen in dem indischen Wigwham
hätten ihre Begierde, nach der Insel zurückzukehren vermehrt. Unsere Blumen,
unsere so schön und ordentlich angebauten Felder, die Aussichten auf den See,
unser Loghouse, die Schlafstelle, die Fenster darin, die Abteilung, mein Herd
und weniges Kochgeschirr, mein schottisches Brod, meine Hühner und Eier, meine
kleine Kochkunst, wurden viel für mich, im Vergleiche des armseligen Zustandes
und der Unreinlichkeit eines Wigwhams und seiner Bewohner. Denken Sie selbst,
was unsere Büchersammlung gegen die Unwissenheit der Indier für mich werden
musste. Ich vergoss Freudentränen, als ich sie wiedersah, wie ich Freudentränen
vergiessen würde, wenn ich liebe Verwandte und Freunde an meine Brust drücken
könnte. Ich wusste, dass der Zustand dieser Völker einst der von unsern Voreltern
war, als auch diese in Wäldern wohnten, und wie Wattines berechnete, so viele
Jahrhunderte nötig hatten, um alle Fähigkeiten ihres Geistes und alle
Eigenschaften ihrer Nebengeschöpfe kennen zu lernen, wie sie jetzo dem so
glücklichen Europäer bekannt sind. Ach bei allem Mangel, bei allem Leiden dankte
ich Gott, in dieser spätern Zeit geboren zu sein, selbst der Mangel eines
geliebten Guts, dessen Beraubung ich, so lange wir auf der Insel wohnen, mit
tiefem innerlichen Schmerze trug, selbst dieser Mangel wurde in der Borkenhütte
eine Quelle mütterlicher Freuden für mein Herz. Milch war meine
Lieblingsnahrung, ich hatte keine für mich zu hoffen, aber (setzte sie mit
sanftem zärtlichem Erröten hinzu) meinem Kinde konnte ich Milch geben. O wie
deutlich fühlte ich, dass die treue Mutter ihr Kind mehr liebt, als sich selbst,
denn wie innig sagte ich: o mag die süsse Nahrung mir auf mein ganzes Leben
fehlen, wenn nur mein Carmil die Milch hat, so lange sie ihm notwendig ist.
Wattines besuchte den andern Morgen nach unserer Zurückkunft seine Felder,
während ich unsern Sohn und meine kleine Wirtschaft, besonders meine Hühner
besorgte, kam wieder, durchsah, ordnete und putzte, mit erneuetem Vergnügen und
Eifer, alle seine Werkzeuge; der Nachmittag war uns eine Art festlicher
Spatziergang, unsere glückliche Rückkunft zu feiern, uns und unser Kind den
Bäumen, den Feldern, Blumen und Gesträuchen zu zeigen; als wir zu Ende dieser
lieben Wallfahrt auf eine der Moosbänke des Belvedere uns gesetzt hatten, unsern
See zu betrachten, und wieder den Niedergang der Sonne zu geniessen, sah ich auf
einmal meinen Wattines auf das nun ganz vollblühende Blumenbeet meines Grabes
blicken, dann sein Auge voll Tränen und Dank zum Himmel erheben, schnell sich
gegen mich wenden, Carmil und mich umfassend rief er: Gütiger Gott! Ewig sei dir
für das Leben meiner Emilie und meines Sohnes gedankt.
    Ich war durch diese unvorgesehene Bewegung erschreckt und gerührt, küsste ihn
und sagte: teurer, geliebter Vater meines Carmils! woher entsteht diese Art von
Schmerz in deiner Seele? lass mich Anteil nehmen, mein Bester! ich bitte dich,
denn ich bin voll Unruhe. Nun bat er mich, wegen der auch ihm unerwarteten
Erschütterung um Verzeihung: er hätte bei dem Blicke auf mein bestimmtes letztes
Ruhebette, an den schrecklichen Gedanken sich erinnert, welcher ihm auf seinem
Lager vor der Wildenhütte quälte. Da er sich meinen Tod möglich dachte, und mein
Begräbnis als Folge hinzu setzte, erschien auch die Frage: wie willst du
Emiliens Wunsch erfüllen, ihre geliebte schöne Hülle in ihr selbst bereitetes
Blumenbeet zu tragen? Was soll aus ihrem Kinde, aus mir werden? alle diese
kummervollen Ideen hätten sein Dankgefühl mit schmerzhaften Erinnerungen
gemischt, welche er nicht mehr unterdrücken konnte. Ich weinte aus zärtlicher
Freude über seine Liebe und mein Leben mit ihm, ja ich muss bekennen, dass es mir
unangenehm gewesen sein würde, mir ein andres Grab, als dies auf meiner Insel zu
denken, ob ich schon weiss, dass die Erde überall des Herrn ist, so war dieser
Widerwillen doch selbst mit den Ergebungen verbunden, welche ich Gott bei den
ersten Geburtsschmerzen zeigte. Die lebhafte Einbildungskraft meines Wattines
war noch weiter gegangen, er wollte mit unserm Kinde, bei dem Orte meines
Begräbnisses bleiben, und genoss eine Art Beruhigung in der Geschichte eines
Sclaven, welche St. Pierre erzählt, welcher zwei Jahre lang, in der wenigen
Ruhezeit, die man diesen Unglücklichen bei der harten Arbeit lässt, alle Tage mit
seinen zwei Kindern zu dem Grabe der Mutter ging und dort weinte; da er auch
wusste, wie sehr die Indier den Staub ihrer Voreltern lieben, so hoffte er, sie
würden ihn nicht hindern, meinen Grabhügel zu besuchen, oder seinen Wigwham
daneben aufzurichten. Ich dankte dem Himmel aber herzlich, dass alle diese
Trauerbilder in dem Nebel der Vergangenheit versanken. Nach einigen Tagen, als
wir ganz ruhig unsere Bemerkungen über die Indier uns mitteilten, fanden wir,
dass sich der Vorzug unserer Sitten und unserer Denkart täglich erhöhte, und die
Gleichgültigkeit der Indier gegen alles, was sie aus ihrem gewöhnten Gange
führen könnte, dünkte uns wahres Unglück zu sein; so wie die Wissbegierde den
Wert hat, nicht allein den Geist zu unserm Vergnügen und Nutzen zu bereichern,
sondern auch die Fähigkeit vermehre, unsern Nebenmenschen in hundert
Gelegenheiten angenehme Dienste zu beweisen; denn die Gleichgültigkeit der
Indier machte uns viel Leiden, da sie nichts von den nahen Wohnungen der
Europäer wussten, also die Sorgen unserer Herzen nicht erleichtern konnten,
welche wir wegen dem Ausbleiben der Fischer, und wegen der völligen Unwissenheit
über Leben und Tod unsers wohltätigen Freundes des Quäkers fühlten. Auch, um
aufrichtig zu sein, litten wir empfindlich, gar nichts von Europa zu horen;
denn, sagen Sie! war es möglich Europa zu vergessen? erinnerte uns nicht jeder
Band unserer Bücher daran, ob wir schon beide vermieden davon zu reden? aber die
Betrachtung über die Gleichgültigkeit der Indier, brach den Damm, welchen wir
unsern innern Wünschen durch das Schweigen gesetzt hatten. Ich will nicht
wiederholen, was unser Schmerz und unsre Tränen sagten, uns aber auch genauer
an die Idee von Gott und moralischen Gesinnungen hefteten, um die Barmherzigkeit
und den Schutz unsers Urhebers zu verdienen. Bei diesem Anlasse dachten wir
wieder an religiöse Einsiedler, welche sich auch von allen Verhältnissen mit der
Welt losrissen, und nur desto eifriger eine Verbindung mit den Ideen der
Ewigkeit suchten. Wattines ruste sich das Leben und die Pflichten des Ordens de
la Trappe zurück, und fand eine grosse Klugheit, ja selbst
Menschenfreundlichkeit, nicht nur in dem Verbot, sich zu sprechen, sondern auch
in den grossen Kappen, welche verhindern, dass sie sich sehen, weil Mitteilen
alle Gefühle vermehrt, und man mit Blicken eben so deutlich sprechen könne, als
mit Worten; also jeder die Leiden und die Wünsche des andern in seinen Augen
lesen könnte, wodurch der Kummer des edlen Herzens vergrössert würde. Bei dem
Schweigen des Mundes und der Blicke aber, jeder in seiner Resignation eine
Tugend für sich übte, und die andern sie ausüben sah. Da ich in diesem Moment
auf Wattines blickte, setzte er hinzu: Emilie! schwiegen wir nicht auch bei
unserm Weh, ohne unter den Befehlen einer harten Ordensregel zu stehen? - Ich
wollte nicht in diesem Tone fortreden, und sagte nur: wahre Geduld schweigt
immer, und findet darin die Kraft zum tragen.
    Glücklich unterbrach Carmil alles Folgende. Wattines fischte wieder, fieng
Endten und arbeitete an der Verschönerung des Weges, auf welchem ich den Platz
zu unserm Schwimmen nach dem festen Lande gesucht hatte, und belegte unsern
Landungsplatz mit Rasen, so wie er Ruhebänke zwischen den Pappeln errichtete.
Ich will nicht ganz in die Gefühle gehen, die mich froh machten, dass Wattines
mehrere Tage länger abwesend blieb, als gewöhnlich, indem er an diesen Arbeiten
beschäftigt war, welche ich nicht wissen sollte, ich aber auch etwas vorhatte,
das ich ihm zu verbergen wünschte. Ich sage nicht wie mir war, als ich meinen
Carmil das erstemal zu den Denkmählern seiner Grosseltern trug, ihn ihrer
Fürbitte bei Gott zu empfehlen, und den Weg an den Bäumen zurückkam, in welche
die Anfangs-Buchstaben der Namen unserer liebsten Freunde eingeschnitten waren,
und ich seufzend sagte: keiner, ach keiner von allen den Lieben, wird je meinen
Sohn, den Sohn meines Wattines sehen, keiner wird je wissen, dass ihre Erinnerung
uns heilig war, dass ich ihre geliebten Namen auf ihren Festtagen mit Blumen
bekränzte, welche von meinen Tränen benetzt wurden. Wie oft habe ich auf den
einsamen Wegen, wenn ich Wattines entgegen ging, oder bei seiner Feldarbeit ihn
aussuchte, den guten Carmil zum Himmel empor gehoben, und flehte um seiner
Unschuld willen die göttliche Güte an, uns wieder bessere Umstände, und
Nebenmenschen sehen zu lassen, aber ach, noch mehr als zwei volle Jahre dauerte
dieses hoffnungslose Gebet, und doch ruhte auf diesem Gebete mein Leben, ruhte
darauf als wir noch allein waren. Denken Sie, wie ich betete, als ich Mutter
war, und den Vater meines Sohnes so viel arbeiten sah, dass mir für seine
Gesundheit bange wurde. Glücklich entdeckte ich wie genau er mich beobachtete,
und dass ein trüber Blick von mir, oder eine tiefsinnige Miene von mir seine
Seele verwundete. Gewiss! wir können immer sagen: es war eine glückliche Stunde,
in welcher ich den Entschluss zu einer guten Tat fasste! denn ich segne heute
noch den Augenblick, in welchem ich sagte, dass ich Gott und allen Heiligen
gefällig sein würde, wenn ich ohne davon zu reden, nur von ihnen gesehen und
gehört, der Gemütsruhe meines Mannes, den Kummer und die Wünsche meines Herzens
opferte, ihm Zufriedenheit und die feste Hoffnung zeigte, Gott würde uns und
unser Kind väterlich besorgen Auch war es nicht verloren das Opfer, denn
Wattines wurde glücklicher und ruhiger in seinem Geiste.
Sie sehen, meine Freunde! wie viel ich von den Ideen der lieben Frau sammelte,
und natürlich meine zu sehr andringende Fragen wieder etwas zurück halten musste.
Ich blieb auch zwei Tage von ihrem Hause entfernt, um mich bei andern Colonisten
umzusehen, und fand es aufs neue schön, das ämsige Gewühl, das Anpflanzen, Bäume
fällen, umgraben und aufräumen der Plätze, wie auch das Heimtragen kleiner
Bürden von Futterkräutern, Spänen, Moos, und selbst einzelner Strohhalme, welche
hier noch selten sind, und meist nur durch ankommende Packwagen zerstreut
werden, zu deren Sammlung einige arme Familien ihre Kinder gewöhnen: von welchen
viere mir sehr schätzbar sind, weil sie sich des verdienstvollen Herrn Doctor
Hirzel philosophischen Bauern zum Muster nehmen, und, wie dieser, durch
unausgesetzten Fleiss, Sparsamkeit und Ordnung, Vermögen sammeln und besonders
Kleinjoggs Gedanken von verschiedenen Düngergruben ausführen wellen; weil dieser
Bauer, die schnelle und langsame Verwesung dieses Krauts, jenes Blatts, und
aller andern Sachen beobachtete, und dadurch nach Anweisung der Natur, welche
immer einen Kreislauf von Welten, Verwesen, Keimen und Wachsen macht, mit
Ueberlegung ihren Weg befolgt, so, dass allen Landleuten sein Beispiel nützen
kann. Ich wünsche bei dieser Gelegenheit herzlich, dass auf diesem neu angebauten
Stück Erde, der schöne Ehrgeiz in den Seelen seiner Bewohner entstehe, immer der
beste ihrer Klasse zu sein.
    Ich bin nun die zwei Tage bei allen Feldern und Colonisten herum gewandelt,
und habe ein paar Träumer der vollkommnen Gleichheit hergewünscht, um hier diese
seltsame Idee zu berichtigen, indem mir dieser Aufentalt der wahre Standpunkt
zu sein scheint; denn die Umstände dieser Colonisten sind alle gleich, alle
haben nur Holzhütten, keiner hat Hoffnung zu Wohlstand, als in der Viehzucht und
dem Anbaue seiner Felder und Gärten. Aber wie sehr verschieden ist doch schon
alles, in und um die Hütten herum: alles arbeitet ämsig, aber die eine, wie die
holländische Familie, verbindet den höchsten Grad der Ordnung und Reinlichkeit
mit ihrem Fleisse, eine andere muss sich doppelte Mühe geben, um so weit zu kommen
wie ihre Nachbarn, die dritte ist in steter Eile und Bewegung, aber da sie kein
Nachdenken damit verbindet, so bleibt der Nutzen ihres Bestrebens, weit hinter
dem Fortgange der übrigen zurück; im Ganzen aber ist vieles geschehen, und da
wieder vier Familien neuer Ansiedler angelangt sind, so wird der Wetteifer
vermehrt, und die freudige Aussicht auf die Stiftung einer Stadt vergrössert
sich. Aber ich habe auch bemerkt, dass Handwerksleute und ihre Frauen, welche mit
den ersten Colonisten anlangten, sich schon als Altbürger ansehen, und die neu
angekommenen mit stattlichem Wesen auf den Platz führten, welcher für das
Rathaus, die Kirche und Schule bestimmt ist. Wattines und Emilie waren anfangs
sehr beängstigt, es möchten französische Emigrirte dabei sein, und scheinen sehr
zufrieden, nichts als Teutsche und Holländer um sich zu sehen, indem sie sagten:
dass ihre Landsleute eine besondre Anhänglichkeit von ihnen fordern würden, und
alles nach ihrer Sitte haben wollten, und auch sie beide durch Landessprache und
Erzählungen, immer zu den Bildern und Erinnerungen ihres Jammers zurück führen
würden. Mir war die Beobachtung sehr viel wert, welche ich über die neuen
Ankömmlinge und die schon länger hier wohnenden Colonisten machte. Die ersten
waren froh, durch erfahrne Leute mit der Landschaft und ihrem Anbaue bekannt zu
werden, die zweiten genossen das Vergnügen der Eigenliebe, den andern eine
Anweisung zu geben, mehr Menschen zu sehen, und wieder von andern Gegenden
sprechen zu hören. Characterzüge, welche sich bei allen in etwas eivilisirten
Nationen finden. Vandek und Scriba erhielten auch Briefe, in welchen die
Nachricht einer sehr wichtigen Naturerscheinung Wattines und mich äusserst
beunruhigte. Es war die Beschreibung von dem Erdbeben, welches einen Teil des
Felsen lossriss, der den Wasserfall des Niagara bildet, wovon die Umstände sehr
beängstigend sind, indem, wenn noch eine solche Erschütterung kommen sollte, und
noch ein Stück von 15 Klaftern völlig einstürzte, so wird sich der See Erie mit
solcher Gewalt in den See Ontario ergiessen, dass nicht nur alle niedre Gegenden
seiner Ufer, sondern auch der grösste Teil von Ober- und Unter-Canada an dem
Lorenzo-Fluss überschwemmt würden, und also den Untergang der schönsten
Landschaft mit so vielen Dörfern und Wohnsitzen guter Familien auf mehr als 40
Meilen hervorbringen würde. Bei diesem Teile der Unterredung zwischen Wattines
und mir, da auf einer Ecke des Tisches die Landeharte vor uns lag, und Emilie
auf der andern Seite mit ihrer Autonette auf dem Schoss ihr Suppe gab, und
Carmil neben ihr auch welche ass, zeigte sich ein schöner Teil von Emiliens
Seele, indem sie auf die Charte blickte, als wir den Umfang des Landes
bezeichneten, welches mit diesem Unglücke bedrohet ist. Sie wurde
ausserordentlich gerührt, und der Instinkt mütterlicher Liebe wirkte zugleich in
dem hohen Grade, dass sie ihre Kinder an sich drückend, in Tränen ausbrach und
sagte: Ach Gott! wie viele Mütter müssten da ihre Kinder ohne Hülfe umkommen
sehen! Man bemerkte dabei, dass ihre Seele schauderte und gepresst war, aber wie
schön war diese Bewegung!
    Mein Freund weiss aus Herrn Ebelings Beschreibung von Amerika, dass der
Landstrich des See's Erie 300 englische Fuss höher liegt, als die Gegend des
Ontario, dass der Sturz des Falls durchaus steil, und 2226 Fuss breit und 273 Fuss
hoch ist, also unserm so prächtigen Rheinfall bei Schafhausen das Ansehen der
Cascade eines Bachs geben würde, wenn man beide in kurzer Zeit nach einander
sehen könnte. Sicher ist es, dass man das Getöse von dem Fall des Niagara auf 20
englische Meilen hört. Da ich diesen Wasserfall und die herrliche Landschaft
umher kenne, so war mir diese Nachricht eben so schmerzhaft, als mir die von dem
Ergusse einer glühenden Lava des Vesuvs über die Elysäischen Gefilde sein würde,
welche an seinem Fusse verbreitet liegen. Der edle kenntnissvolle Wattines öfnete
seinen Bücherschrank, holte einen Band der schönen Edition von Büffons
Naturgeschichte, und bat mich, sogleich mit ihm die Abhandlung über die Erdbeben
zu lesen. O mein Freund! wer wie Sie, die Werke des grossen verehrungswerten
Mannes las, und in seinem Geiste einzugehen wusste, nur der kann fühlen, was die
Schönheit und Würde seiner Schreibart, auf Wattines und mich wirkte. Je weiter
wir kamen, desto höher glühten die Wangen des schätzbaren Wattines, von edlem
Stolze bei den prächtigen Bildern und Ideen der edelsten, den Wundern der
Schöpfung ganz angemessenen Beredsamkeit des grossen Büffons. Er war unser, sagte
Wattines, dieser einzige Mann, um welchen die stolzen Engländer uns beneideten.
Schön war der riefe Schmerz, mit welchem Wattines aufstand und ausrief, o
Büffon! und deinen Sohn mordete man auch. Der edle, das Verdienst seines Vaters
fühlende Sohn, sprach noch seinen Namen aus: ich heisse Büffon! dennoch wurde er
gemordet. Nun küsste Wattines mit einer Träne seine Emilie, drückte meine Hand
und ging in seinen Garten, indem er deutete, dass er allein zu bleiben wünsche.
Seine Frau sah mit Tränen, ich mit Rührung und Verehrung ihm nach. Ich nahm den
kleinen Carmil auf meinen Schoss, und konnte, ihn an mich drückend, mich nicht
entalten laut zu sagen: liebenswürdiger Knabe! Gott lasse den Geist und das
Herz deiner Eltern vereint auf dir ruhen. Emilie dankte mir sanft errötend, und
mit einem Blicke zum Himmel um die Erfüllung dieses Wunsches betend. Ich nahm
den Band von Büffon wieder in die Hand, fühlte mich glücklich in einer Zeit zu
leben, und eine Erziehung erhalten zu haben, welche mich fähig machte, nicht nur
den grossen Geist, der vor Jahrtausenden lebenden Griechen und Römer, sondern
auch Englands Bacon und Newton, unsere grossen Teutschen und Büffon zu kennen.
Der Wasserfall des Niagara, wurde mir Quelle edler geistiger Freude; denn ich
setzte mir vor, diesen Herbst und Winter Buffons Epoques de la nature hier zu
lesen. Hier, wo seit der ersten Erschütterung, seit der ersten Ueberschwemmung
der Erde noch niemand wohnte. Hier die Geschichte der Erde und aller ihrer
Geschöpfe wieder zu lesen, dünkte mich einzig und höchst interessant, da ich
zugleich die Geschichte des Menschen vor mir haben werde. Mein Geschmack an
Reisebeschreibungen, und selbst Reisen zu machen, wurde mir ein hohes Verdienst,
als ich bedachte, dass Büffon alle möglichen Reisebeschreibungen alter und neuer
Zeiten las, Vergleiche zwischen ihnen machte, und gleichsam die Mehrheit der
Stimmen, für den Beweis einer Naturbegebenheit sammelte, welche in fernen
Landen, und in entfernten Zeiten beobachtet wurde. Ich konnte dieses nicht ganz
allein denken, sondern drückte meine Bewunderung und Liebe für Büffon auch bei
Frau Wattines mit vielem Eifer aus, und machte sie lächeln; doch sagte sie auch
ernst: »ich glaube sehr gerne, dass Ihrem die Natur und schöne Kenntnis liebenden
Geiste, Büffons Werke sehr schätzbar sind, uns war er wohltätiger Genius, der
in der engen Hütte auf der Insel, die ganze Grösse unsers Schöpfers uns zeigte;
die Geschichte der Gestirne und der Erde mit ihren Bewohnern vor uns vorbei
führte, und uns dadurch glückliche Tage schenkte.«
    Wattines kam mit dem guten Zimmermanne zu uns zurück, weil dieser sich bei
ihm wegen der Angelegenheiten der neuen Colonisten befragte: wie er ihre
Wohnungen besser und auch hübscher, als die bisher gewöhnlichen erbauen könnte.
Er bekam die vortrefflichste Anweisung zu allem, weil der edle Wattines mit dem
Bleistifte in der Hand, seine Ideen doppelt deutlich und nützlich machte; auch
ging der Mann mit einem frohen, dankerfüllten Herzen weg. Ich gab Wattines die
Hand, und dankte ihm für alle Güte, welche er dem Fremdlinge bewiese. Er
erwiederte den Druck meiner Hand, und sagte männlich wahr:
    »O mein Freund! Nutzbarkeit für andre, und Tätigkeit sind wirklich gute
Genien, die jeden traurigen übeltätigen Dämon verjagen.« Emiliens holdes
Gesicht glänzte für Freude, ihren angebeteten Carl wieder ruhig zu sehen. Es war
mein Fragetag, aber ich hielt es in Wattines Stimmung für unschicklich, nur im
mindesten davon zu reden. Er sagte aber selbst: sind heute keine Noten der Frau
Vandek in Ihrer Tasche? und lächelte mich an.
    Nein! antwortete ich, der Niagara hat sie weggeschwemmt.
    Das soll nicht sein, bleiben Sie den Abend bei uns und fragen; denn es gehen
doch wieder Tage vorbei, ehe die grosse Reihe an mich kommt. Emilie war
beschäftigt, Wattines nahm mich noch in den Garten, wo wir ernst schweigend bis
an das Ende, bei den Alleen von grossen Waldbäumen, dann wieder auf den freien
Platz in der Mitte zurück gingen, wo er stille stand und sagte: O wie lieb sind
mir Luft und Erde! sie tragen und umfassen mich so beruhigend, und ein Blick auf
die Ferne zeigt mir das schöne Ziel, wo der Lauf meines Lebens sich enden wird,
wie der tägliche Lauf der Sonne. Ich stutzte in mir selbst über diesen Ton, aber
ich wollte mit einstimmen und sagte: ja, so soll es, aber nur am späten Abend
des längsten Tages, an welchem ein glückliches Schicksal, Sie mit Lächeln auf
den zurückgelegten Weg blicken heisst, sein.
    Mit Ernst sagte Wattines: Dank mein schätzbarer Freund! aber wo sind Ihre
Fragen? Weil ihm nun so viel daran gelegen zu sein schien, so sagte ich
freimütig, ich wünsche zu wissen, welche ihrer ländlichen Arbeiten die
beschwerlichste war. Meine Presse zum Sonnenblumenöhl, antwortete er, denn ich
musste die Schraube von festem Holze mit vieler Mühe und Sorgfalt schneiden, dann
eine dichte Holzplatte durchsägen, in die zwei Hälften die Schraube passend
einarbeiten, und diese mit Drat und Nägeln verbinden. Die gemeinsame Mühe für
Emilien und mich war, die Körner zu dörren, von den Schalen zu reinigen, damit
das Oehl zu unserm Salate süss bliebe. Dieses alles erforderte Fleiss; aber wir
hatten alle Stunden des Tages für uns, da konnten wir vieles unternehmen. Keine
Besuche, keine Einladungen, kein Spiel- und Putztisch störten oder verhinderten
unsere Beschäftigungen, und raubten uns unsere Zeit. Meine zweite Erndte war
reich in allem, denn wir hatten auch Gerste von welcher wir eine Art leichtes
Bier kochten, und hatten daneben auch schöne, und eine Menge Erdtosseln, so dass
ich sicher war, dass Emilie, mein Sohn und ich, keinen Mangel leiden würden. Also
auch, sagte ich, seine Hand fassend, keine Schüssel mit Ton nötig war. O, mein
Freund, was für eine Erinnerung! Sprechen Sie ja bei Emilien, in meiner
Gegenwart nie von Ton und der Nation der Altanen.
    Ich versicherte es ihm, und bedauerte, ihm diese unangenehme Scene
zurückgerufen zu haben.
    Mir ist es lieb dass ich Sie warnen konnte, meine Emilie ja nie damit zu
betrüben. Die Sache schmerzte mich nur wegen ihr, da ich bei dem Versuche doch
sagen konnte, die Altanes sind Menschen wie ich, vielleicht trägt die Luft des
nehmlichen Landes, das ich jetzt bewohne, etwas zur Verdauung einer Speise bei,
welche ich in Europa nie gekostet haben würde; doch wusste ich von meinem
Grossvater, welcher unter dem Marschall von Belleisle mit in Böhmen war, dass dort
die armen Landleute, unter ihre Erbsen und Korn, einen Teil Baumrinden malen.
Ich habe auch gelesen, dass die Isländer Fischgräten dörren, stossen, sein malen
und mit ihrem Brodteig vermengen; so wie in Hungersnot das Bergmehl oder
Mondmilch gebraucht wird, welches man in den Klüften der Berge findet; dieses
Bergmehl aber gewiss sehr wenig nährende Eigenschaften hat, da es nichts als
feines Kalkpulver ist.
    Ich war nun sehr mit mir selbst zufrieden, von der Tongeschichte gesprochen
zu haben, weil ich dadurch aufs neue einen Beweis erhielt, wie sehr schätzbar
die Aufmerksamkeit auf alle, die Menschheit betreffende Gegenstände ist, und
jungen Leuten nicht genug empfohlen werden kann. Ich sagte Wattines auch: ich
verehre den Fleiss ihrer Jugendjahre, mit welchem Sie alles bemerkten, und segne
dabei den Boden Ihrer Insel, dass er eben so fruchtbar war, als Ihr Geist.
    Er dankte mir mit bescheidnem Lächeln, und setzte hinzu: die Eide der lieben
Insel ist in Wahrheit so fruchtbar, dass ich oft bedauerte, keine Haustiere,
seien es Schaafe, Rindvieh, Ziegen oder Schweine, zu haben, welche die
herrlichen und reichen Gras- und Kräuterarten benützen könnten, die die Natur
ihren verschiedenen Gattungen bestimmte.
    Denken Sie, meine Freunde, wie ich überrascht wurde, als Wattines zu mir
sagte: es ist noch helle genug, um in der freien Luft noch etwas zu sehen:
warten Sie einige Augenblicke auf meine Zurückkunft, dann forteilte, und mit
zwei von Maisblättern geflochtenen Körben wiederkam, in welchen auf grossen
getrockneten Pflanzen und Baumblättern, ja selbst auf dünne abgezogene
Birkenrinden, alle Kräuter, Blumen und Blüten seiner Insel, sorgfältig
getrocknet und geordnet lagen. Die Blumen alle auf grossen oder kleinern
Blättern, die Pflanzen auf den Rinden, besonders aber alle Grasarten oder Gramen
in einer Reihe aufgeheftet waren. Ich staunte sie an. Sie wundern sich, sagte
er, über die vielen Exemplare des Grases. Ich wusste, dass unser Korn nur eine
durch Anbau verbesserte Grasart ist, deswegen habe ich einige Halme wild
erhalten, ihren Saamen in gebesserte Erde gesäet, und auch von diesen welche
aufgehoben, um ihre Veredlung zu bemerken, wie Emilie, als sie hörte, dass die
schönfarbigten und gefüllten Blumen, welche sie so sehr liebt, nur seit 160
Jahren in Frankreich bekannt, und in Holland so vollkommen sind, durch den Fleiss
der Gärtner, die herrlichen Schattirungen und Grösse erhalten haben; so wollte
sie auch Wiesen-Ranunkel, kleine. Pferdnelken und andre Blümchen sich unter
ihrer Pflege verschönern sehen; aber auch den kleinen Anfang bemerken. Sie
trocknete also die Blümchen aller Art, und sorgte für ihre Anpflanzung.
    Drei Jahrgänge davon sind aufgehoben, und zwischen Birkenplatten verwahrt.
    Wir hatten kein Papier, und mussten uns helfen wie wir konnten, sagte
Wattines, und wahr ist es, ohne die Borkenhütte der Indier wäre uns auch dieses
Mittel verborgen geblieben.
    Meine Freunde können glauben, dass mir unter allen Kräutersammlungen der
ganzen Erde, keine schätzbarer sein konnte, als diese. Meine Augen waren auch
bald auf die Sammlung der Pflanzen, bald auf die nett geflochtenen Körbe
geheftet. Mein Herz war von Bewunderung durchdrungen, und ich sagte zu ihm, ach,
wenn der Glückliche seine Güter mit eben der dankbaren Achtsamkeit für ihren
Urheber behandelte, wie Sie teure Wattines, die kärglichen Geschenke ihrer
armen Insel! schnell erwiederte er:
    Nein, nein! Ihr Wunsch soll nie erfüllt werden, denn da würde der Reiche wie
wir, zuerst nur für sich geniessen, und dann das übrige aufheben, und so
träufelte von dem Ueberflusse niemals etwas auf den Armen. Nun bemerkte er meine
Blicke auf die Körbe, fasste beide an der Handhabe, und mit dem Ausdrucke des
Zurücksehens auf eine schöne Gegend, sagte er mit gerührtem Tone: diese Körbe
entalten manche der süssesten Stunden meines Lebens auf der Insel, denn der
Entwurf zu dieser Sammlung verursachte meiner Emilie viele Freude, indem sie
gleich die mütterliche Berechnung machte, dass unser Carmil einst vieles
Vergnügen darüber haben, Pflanzenkunde dabei lernen, vielleicht glücklicher als
seine Eltern, die Werke des Linne' und die Abbildung aller Pflanzen und Blumen
besitzen wird, und mehr Papier als sein guter Vater, welcher die Namen der
Kräuter, welche er kannte, nur mit Bleistift auf die aus einem Buche
geschnittenen Blätter bezeichnen konnte. Ich schrieb, fuhr er fort, dieses
kleine Gespräch der Mutter auf ein anderes ausgeschnittnes Blatt, welches ich
seitdem mit Tinte copirte, das erste dabei legte, Emilie aber hinzusetzte,
vielleicht wird dann Carmil einem edlen Freunde von seinen Eltern erzählen,
welche diese Sammlung für ihn machten.
    Die Geschichte des Korns und seiner vielen Gattungen machten Emilien
unendliche Freude, besonders aber die Versicherung in unserm St. Pierre, welcher
im Homer fand, dass überall Korn wachse, und der grosse Sänger deswegen die Erde
Zeidora, Kornträgerin, nannte. Nur die Beobachtung schmerzte sie, dass weder die
Süd- noch Nordamerikaner Ackerbau oder Viehzucht liebten, also diese, der
natürlichen Anlage zu Güte und stiller Arbeitsamkeit, so günstige Beschäftigung
mit dem Pfluge und dem Gartenspaten, noch lange nicht kennen, und von
gesellschaftlichen Verbindungen entfernt bleiben würden. Wie sehr wünschte sie,
nach dem Auszuge des St. Pierre aus dem Linne, alle die Kräuter zu kennen,
welche nach der genauen Beobachtung und Kenntnis des grossen Mannes den
verschiedenen Haustieren von der Natur angewiesen und bekannt gemacht sind;
denn wahrlich, Naturtrieb ist gegebne Kenntnis. Die Kühe haben 286 Kräuter,
welche sie besonders lieben, 184 aber nur bei dem grössten Mangel und Hunger
abweiden: die Schaafe fressen eifrig 417 Arten, und meiden 110; die Ziegen
finden Geschmack an 458 Gattungen von Pflanzen und Blättern, verwerfen nur 74;
das Pferd zieht 278 allen andern vor, und lässt 207 unberührt; die Schweine
suchen begierig 107 und versagen 190.
    Die gute Emilie segnete und verehrte den Linne innigst, wegen dieser
Aufmerksamkeit auf die nützlichen Haustiere, und behauptete dabei: er würde
nicht so gut gewesen sein, wenn er nicht die Pflanzen vorzüglich geliebt hätte;
weil die stille Schönheit und Verdienste dieser Geschöpfe, das Herz auch mit
sanften, wohlwollenden Gesinnungen erfülle. Aber wie sehr dankte sie dem Himmel,
für die herrliche Gabe, welche er den Menschen schenkte, Gemüs und Blumen zu
veredeln und zu vermehren; mit wie viel Freude war ihr Staunen verbunden, als
sie lernte, dass die Sorgfalt der Gärtner, aus der erst einzelnen Art Lattich und
Cichorien, welche nicht sehr wohlschmeckend, und etwas herbe waren, jetzo mehr
als funfzig sehr nahrhafte und angenehme Gattungen ziehen. Bei dem Artikel der
Naturgeschichte der Tiere, wunderte sie sich, dass nur 300 Gattungen vierfüssige
und 1500 Vögel gezählt werden, und dass unter diesen die Menschen nur ungefähr 20
auswählten; aber diese so vermehrten und verbesserten, dass sie dadurch einen
grössern Teil Glück auf der Erde verbreiteten, als die übrige Menge beider
Tierarten geben. Wie glücklich, wie unendlich glücklich war ich in meinem
Elende, dass Emilie, die junge blühende Emilie, Gott, mich und die Natur so innig
liebte. Und was für ein gesegnetes Geschenk der Gotteit war unser Carmil,
dessen Dasein und Liebenswürdigkeit das ganze Herz seiner Mutter erfüllte, und
sie in der Uebung der Pflichten ihres Erdenlebens glücklich machte: Kinder zu
erziehen, wie ich dem ursprünglichen Beruf folgte, das Feld zu bauen und damit
Mutter und Kind zu ernähren. Carmil war aber noch mehr als Kind für uns, er war
Gesellschafter, und gab uns das Vergnügen eines süssen Wechsels, zwischen Arbeit,
Büchern und uns selbst zu kosten; denn ach! der Herbst kam, aber keine Fischer
mit ihm, auf welche wir doch beide, nach gegenseitigem Geständnisse, in dem
Innern unserer Seele, den ganzen Sommer hofften. Wir suchten also nur unsern
Vorrat gut zu ordnen. Unsere Hühner hatten uns sehr glücklich gemacht, indem
wir 20 Küchelchen bekamen, welche wir für den Winter, und zu jüngern Nachzucht
aufbewahrten. Emilie erinnerte sich, dass in ihrem väterlichen Hause öfters schon
gebratenes Geflügel, in Töpfen, mit zerlassenem Fette übergossen, sich lange
essbar erhielt, und versuchte es mit unsern wilden Endten, mit dem aus mehrern
von ihnen ausgekochten Fett, so wie wir auch welche räucherten. - Was Emilie am
meisten wünschte und betrieb, war die Zubereitung von unserm Flachs. In den
letzten schönen Tagen aber führte sie mich auch auf Stellen der Insel, auf
welchen Moos und langes Strickgras war, wovon sie auch eine Aernte zu machen
wünschte. Ich mähte also Gras, sie raufte Moos, und Carmil lag auf einer
ausgebreiteten Decke nahe bei uns; als wir genug hatten, und beides trocken war,
trugen wir es auf unserer kleinen Tragbare aufgebunden, unsern Carmil oben
liegend, nach der Hütte, wo Emilie mir dann ihre geheime Absicht eröfnete,
welche darin bestand, unsere Bettmatratzen aufzutrennen, die Wolle auszunehmen,
und sie dagegen mit dem Strickgrase in der Mitte, unten und oben mit Moos zu
füllen, um die Wolle den Herbst und Winter über zu spinnen, wovon sie dann einen
höhern Nutzen zu ziehen hoffte, als auf der Wolle zu schlafen, weil im Sommer
das Moos kühl und eben so weich sei, im Winter aber eine unserer wollenen Decken
darüber gelegt, uns warm halten würde. Carmil schlief in seinem mit Moos
belegten Schifchen, wie in einer Wiege zwischen unsern beiden Schlafstellen, und
Emilie bestimmte ihm eine, mit den Federn unserer gefangenen Endten gefüllte
Decke, welche sie aus einem ihrer Kleider verfertigte. Ich nahm sehr gerne
Anteil an allen Arbeiten, welche sie ersann, besonders weil sie einst sagte,
dass sie Gott danke, dass ich täglich Arbeit hätte, meinen eifrigen und tätigen
Geist zu zersirenen und zu beschäftigen. Ich bemerkte aber auch sehr wohl, dass
Nachsinnen und Arbeit auch sehr gut für Emilie war, und freuete mich, wenn sie
auf neue Gedanken und Erfindungen kam; denn ihre Stille und Tiefsinn, kurz nach
der Zurückkunft auf unsere Insel, waren mir sehr schmerzlich, und ihre
anhaltenden Besuche mit Carmil bei den Urnen unserer Eltern, machten mir Kummer,
Mich däuchte immer, sie gehe hin ihre Klagen über ihr Schicksal zu ergiessen, und
ich konnte sie dort nicht belauschen, wie ich bekenne, es zu tun wünschte; denn
diese Vermutungen durchwühlten mein Herz. Bald aber stellte sie diese mich
quälenden Wallfahrten ein, ohne dass ich mir nur das mindeste verlauten lassen,
und trug nun den Liebling ihrer Seele öfter auf den Platz, an dem Ufer des
See's, welchen wir, wie Sie wissen, Belvedere nannten. Einen der schönsten
Abende, welcher mir auf immer unvergeblich bleiben wird, glaubte sie mich ohne
Zweifel länger bei meiner Arbeit mit den Obstbäumen beschäftigt, welche, wie sie
wusste, meine Lieblingsarbeit war, und ging mit Carmil auf dem Arme nach dem
Moosgrunde, an der Spitze der Insel. Ich sah sie von ferne, und folgte ihr wie
ein von Eifersucht über einen Liebhaber gequälter Mann tun könnte, auf einem
andern Wege in die nahen dichten Gebüsche. Sie setzte sich, gab dem Kleinen die
Brust, an welcher er einschlief. Emilie raffte mit der rechten Hand so viel Moos
zusammen, als sie erreichen konnte, breitete ihr Halstuch darüber, und legte
voll Sorgfalt das Kind darauf, bewegte sich lange nicht, und beobachtete
zärtlich ob es fortschlafe. Leise stand sie auf, ging einige Schritte näher zum
Ufer, blickte, ich sah es, mit einem Ausdruck voll tiefer Gefühle auf das Wasser
und die Bäume umumher, dann auf unser Kind und nach dem Himmel, kniete sich vor
Carmil, faltete ihre erhobenen Hände und sagte:
    Ewiger, Allmächtiger! dein Himmel fliesst über alle Geschöpfe deiner Erde,
auch über uns, du siehst uns, wie alles. O erhalte und stärke das Leben des
guten Vaters dieses Unschuldigen und mich! Schütze und segne uns um dieses
Kindes willen! Ihre Hände und Arme breiteten sich mit einer schnellen
convulsivischen Bewegung über den Kleinen hin, ihre Blicke sanken voll
Mutterliebe auf ihn, und Tränen erstickten ihre Stimme: sie trocknete sie ab,
und hauchte in ihre Hände, wie man gewöhnlich tut, wenn die Spuren des Weinens
verwischt werden sollen. Ich war von tausend Gefühlen durchdrungen, traute mir
kaum zu atmen, denn ich wollte nicht, dass sie nur im mindesten vermute, von
mir gesehen und gehört zu sein. Emilie war mir heilig, dreimal heilig, weil
nicht eine Sylbe von Klage über ihr Schicksal mit ihrer Bitte für Carmil und
mich vereinigt war. Nur Verehrung Gottes, und Liebe für Vater und Kind. O, wie
schien Emilie mir so glücklich, dass sie so beten konnte! Still, tief in meiner
Seele sagte ich, Ewiger! erhöre sie, und gieb mir einen Teil ihrer Tugend!
Emilie nahm unsern kleinen Engel sanft von dem Moos, und eilte nach Hause. - Ich
kam ruhiger und glücklicher zurück in die Hütte, als ich nie war, weil nun meine
Sorge wegen Emiliens geheimen Leiden und Klagen ganz gehoben war; dieses innern
Schmerzes befreit, erleichterte mein Herz von einer quälenden Last. Ich kam
Emilien noch entgegen, nahm unsern erwachten Sohn in meine Arme, trug ihn zur
Hütte, und sah seine englische Mutter durch meine Heiterkeit vergnügt.
    Bald näherte sich der amerikanische Winter, mit den starken Regen, da
machten wir Pläne zu Winterarbeit und Lesen. Carmil wurde ein wichtiger
Beweggrund, die Geschichte des Menschen mit aller Aufmerksamkeit vorzunehmen,
und den Vorsatz zu fassen, die Bemerkungen des edlen Büffons und der
Encyclopädie bei unserm Carmil Schritt vor Schritt nach dem Gange der Natur zu
berichtigen, und bei der Erziehung des Knabens zu befolgen. Diese Verwendung
unserer Bücher und unserer Tage, machte uns doppelt glücklich, indem wir auch
wahre Achtung für uns selbst bekamen, und den Himmel mit dem Zeugnisse unserer
Herzen anblicken konnten, dass wir getreu und geduldig alle Pflichten erfüllten,
welche der Schöpfer den ersten Eltern, in Sorge für Kinder und Anbau der Erde
aufgelegt hatte. Wir fanden uns auch unendlich glücklicher, als Adam und Eva
nicht waren, weil sie nur wussten, dass sie eine unzählbare Nachkommenschaft haben
würden, wir aber in unserer Moral, Natur- und Kunstgeschichte sehen konnten, was
diese Millionen und Milliarden von ihren Enkeln durch Jahrtausende hin, mit
sich, ihren Fähigkeiten und allen übrigen Geschöpfen der Welt gemacht hatten.
Wie reich, wie unterhaltend wurden unsere leeren Wintertage und die Einsamkeit.
Was für ein Vergleichpunkt in dem Menschenleben und der Kunstgeschichte, wurde
mir die Borkenhütte in dem Dorfe der Oneidas, und die Erinnerung von Versailles.
Alles, alles innere und äusserliche physische, im Bau, in der Bestimmung und in
den Bedürfnissen so ähnlich, wie verschieden aber die Verwendung körperlicher
Fähigkeit, durch die verschiedenen Anstalten des Wesens, welches in den Menschen
wohnt und sie belebt. Emilie bemerkte den schnellen Wachstum unsers Carmils,
natürlich dachte sie an Bedürfnis seiner Kleidung, und kam auf den glücklichen
Einfall, ihm von unserm Flachsgarne Rockchen zu stricken: mich lehrte sie von
der Wolle unserer Matratzen grobes wollenes Garn spinnen, und da sie sich dunkel
erinnerte, ihre Amme bei dem Zwirnen der Faden beobachtet zu haben, machte sie
auch einen Versuch damit, der vortrefflich gelang; und von diesem warmen Garne
bekam Carmil auch ein Wämschen, welches mir Lust gab, eine Weste für mich zu
stricken. Sie wissen dass ich Eisendrat von mehrerer Gattung zu Vogelbauern mit
auf die Insel brachte, und dann schon im ersten Jahre noch Stricknadeln für
Emilien machte, nun verfertigte ich welche von grösserer und dickerer Art für
mich, und brachte wirklich eine Weste zu Stande, welche mir meine zwei tuchenen
Kleider schonen half, so dass ich recht hatte zu behaupten, dass Phantasie,
welcher man meist nur die Ideen der Verschönerung zuschreibt, bei mir die
Grundlage einer wahren Wohltat wurde; denn nach strengem und gerechtem Urteile
der Vernunft, war der Ankauf von so vielem Drate zu Vogelbauer nach den
Umständen in welchen ich Philadelphia verliess, eine wahre tadelhafte Phantasie,
aber durch den Gebrauch welchen das Bedürfnis einer Presse, Strick-und Webnadeln
mich davon machen lehrte, erhielt diese Phantasie den Wert der Weissheit; wurde
also mehr als der Zufall, welcher oft Gutes findet, und Nützliches schafft.
    Ich lächelte hier ein wenig, Wattines sagte munter: ich bin sicher, ernster
Teutscher! dass Sie in diesem Augenblicke an die französische National-Eigenliebe
dachten, welche immer das, was sie vornimmt, mit einem erhöhten Glanze umgibt.
Diese Äusserung war mir auffallend und unerwartet, und setzte mich in
Verlegenheit, denn wahrlich, ich würde bei Wattines niemals an die berüchtigte
französische Eitelkeit gedacht haben, weil er es gewiss nicht verdient, und mein
Herz ihn und seine Frau mit Verehrung betrachtet und denkt; auch versicherte ich
ihn, dass ich, weit entfernt ihn so zu beurteilen, selbst für das seiner Nation
zugeschriebene leichte Denken, eine wahre Hochachtung hege, und wenn alle seine
Landsleute das edle Geschenk des schnellen Laufs ihrer Lebensgeister so schön
verwendeten wie er und seine Emilie, so achtete ich es für das höchste Glück
dieser Erde.
    Machen Sie keine Entschuldigung, mein Freund, da Sie wirklich durch dieses
rasche Wogen unserer Gedanken, sich beleidigt halten können.
    Ja, dachte ich, denn gewiss lag, unter der Hülle des Ausdrucks: ernster
Teutscher! ein versteckter Sinn, welcher auf das gelindeste, schwerfälliger
Teutscher, sagen wollte. Ich vermied aber die fernere Erklärung, und sagte: er
könne mir alles ersetzen, wenn er den noch übrigen Raum des Abends mit seiner
Geschichte ausfüllte, und mir fürs erste sogleich sagte, was er mit einer
Webenadel andeuten wollte? Gefällig, wie der gute und wohlerzogne Franzmann es
immer ist, sagte er sogleich, sehr gerne.
    Emilie beobachtete, dass meine gestrickte Weste sich zu sehr in die Länge
zog, und machte mich erst eine lange Nadel verfertigen, mit welcher sie meine
Weste mit Faden von einem Moose durchzog, also die Maschen am Ausdehnen
hinderte, nachdem aber leinene Fäden von der Länge eines Mannsreckes an zwei
Stäben aufspannte, diese aber vermittelst einer halben Elle langen Nadel von
meinem Drat, welche ich unten rund spitzte, oben glühend machte und dann platt
klopfte, dann mit einem spitzen Nagel in das platte Teil ein Oehr schlug, worin
sie Garn fasste, und mit einer erstaunenden Sorgfalt und Fleiss, mit dieser Nadel
durch die aufgespannten Faden, einen andern quer durchzog, indem sie einen der
langen Faden auf die Nadel hob, den andern liegen liess, bis sie am Ende der
Breite war, dann bei dem Umwenden den obern niederbog und den liegenden
ausfasste, und dadurch in Wahrheit eine Art recht guter grober Weberei
hervorbrachte, wodurch ich, als die Stücken zusammen genäht waren, eine Art
kurzen Schlafrock erhielt, der mich in der Arbeit nicht hinderte, aber doch in
den noch kühlen Tagen des Frühjahrs, auf dem Felde wärmte und gegen Erkältung
sicherte. Meine holde Emilie hatte unaussprechliche Freude, mich durch diese
Erfindung noch auf einige Zeit gegen Kleidermangel gesichert zu sehen, sie
strickte auch Hemden für Carmil, um nichts von unserm Weisszeug zu verschneiden;
aber aus mütterlicher Sorgfalt machte sie es so, dass die gewöhnliche Aussenseite
innen kam, weil die Maschen der verkehrten Seite etwas rauhes haben. Wie
freundlich lächelte Emilie auf unsere Flachsblüte, weil sie uns durch Wämschen,
welche sie schon in Zukunft, auch für sie und mich stricken wollte, mehr Wechsel
der Wäsche, also auch mehr Reinlichkeit versicherte. Sie sehen, setzte er hinzu,
dass wir ihn ganz kosteten den süssen Reichtum der Armut und der Kunst
Hülfsmittel bei Arbeit, und Beweggründe der Heiterkeit in uns selbst zu finden;
doch waren wir aufrichtig genug zu bekennen, dass wir ohne Arbeit und ohne
Bücher, selbst bei dem erfüllten Wunsche der Liebenden, die so gerne allein
sind, doch sehr unglücklich sein würden; ja wir fanden, dass der venetianische
Gesandte sehr richtig urteilte, als er seinen Freund von einer heftigen
Leidenschaft heilen wollte, das artigste Lustaus für ihn mietete, wo er ohne
alle andre Gesellschaft als seine Geliebte, ohne Bücher und Beschäftigung nicht
Tage leben sollte; die zwei zärtlichen Müssiggänger, anfangs über den Vorschlag
entzückt, sehr glücklich abreissten, aber ehe die Woche um war, sich unerträglich
fanden, und in den Wirbel der Welt zurück eilten. Unsere Bedürfnisse erweckten
die Fähigkeiten des Erfindens, dieses und die Bereicherung unseres Geistes
wurden alles für uns: wie gross und schön war darüber ein Gedanke meiner Emilie,
als sie einst auf der Grasbank in meiner Ruhestunde neben mir sitzend sagte:
    Lieber Carl! wir sind hier wirklich in den Armen der reinen einfachen Natur,
von niemand gesehen, als von unserm Urheber. Wir wollen die physischen Wunder
und Güter seiner Erde ganz kennen lernen, und ihm in unsern Herzen das schönste
und beste zeigen, was die moralische Welt für sein göttliches Auge haben kann.
    Gewiss sagt meine teure schätzbare Verwandtin, dass dieser Abend mir
unendlich wert sein musste, gewiss würde sie gerne Anteil daran genommen haben;
denn die Unterhaltung bei unserem angenehmen, aber mässigen Nachtessen, war wie
sanfter Nachhall einer schönen deutlichen Stimme, welche beim Niedergange der
Sonne, in einem einsamen aber reitzenden Tale, bei Felsen, oder einem
verlassenen Gebäude, das Echo ruft, und sich bei ihm teurer abwesender Freunde
erinnert; denn der Geist und die Tugend der Wattines ruften mir Gespräche und
Gesinnungen meiner liebsten Freunde in Teutschland zurück, welche auch bei dem
kleinen ländlichen Mahle, welches Ihre erst so beschränkten Einkünfte Ihnen
vorschrieben, statt Überfluss der Speisen, Reichtum und Heiterkeit der Seele
mitteilten.
Ein kleiner Zufall, welcher Wattines bei dem Springen über einen Graben
begegnete, und ihn einige Tage von seinen Feldern entfernt zu Hause hielt,
verschafte mir einen schnellern Fortgang seiner Geschichte, welche in
Rückerinnerungen des zweiten Winters und dritten Frühjahrs bestanden, und mir
höchst schätzbar waren; denn da ich die Insel und die Hütte kenne, in welcher
die lieben Einsiedler vier Jahre hinbrachten, so musste mir der Ausruf sehr
angenehm sein, mit welchem Wattines auf meine Bitte, den vor ein paar Tagen
abgebrochnen Faden der Erzählung wieder ausfasste, da er mich fragte, wo habe ich
Sie denn gelassen, mein Freund! und ich antwortete: bei dem Bilde Ihres zweiten
Winters in Oneida.
    O, sie waren schön, diese Wintermonate, durch den Gebrauch unsers Lebens und
unserer Kräfte: sie flohen schnell, die trüben Tage, und innig fühlten wir die
Wiederkehr des Frühlings; so wie ich mit erneutem Eifer auf meinen Feldern und
an Verschönerung jeder Stelle arbeitete, welche Emilie vorzüglich liebte.
Pflanzen, Vögel, Insecten, alles hatte einen erhöhten Wert in unsern Augen, da
wir ihren Bau ihren Nutzen, und menschlich zu reden, die vielfache Mühe kannten,
welche der Schöpfer an sie verwendet hatte. Emilie glaubte zwar schon im ersten
Jahre, wir schätzten die Tiere auch, weil sie eine Art von Seele zeigten, durch
Leben, Bewegen, Bau der Nester und Sorge für ihre Jungen, uns daher in allem
näher, als die Pflanzen, und eine Gesellschaft seien, und nun machte sie beinahe
mir und sich selbst Vorwürfe, dass wir unsern Carmil gewiss nicht rein als Kind,
Frucht und Unterpfand des zärtlichsten Bundes, sondern auch als menschliches
Wesen ausser uns und als einen Gesellschafter liebten, der unser Herz neu
beschäftige, und uns neue Empfindungen gab. Ich musste sie darüber beruhigen,
denn sie glaubte sich beinahe des Kindes unwürdig zu sein. Meine für den Knaben
verdoppelte Liebe allein, gab ihr wieder Zufriedenheit. Die angenehmste
Zerstreuung aber traf ich für Emilie, in Büffons Berechnung der wahrscheinlichen
Länge des Lebens, indem wir beide die sichere Hoffnung darin sahen, unsern Sohn
aufwachsen zu sehen, und noch so viele Jahre ungetrennt zu leben, also gewiss
wieder Europäer zu sehen. Unsere arme Nahrung wurde uns nun doppelt lieb, weil
sie durch ihre Simplicität, die Reinheit unserer Säfte und unsers Blutes
versicherte, welche so viel zu einem verlängerten Leben beitragen; also Carmil
auch Kräfte und mehrere Jahre zu erwarten habe, weil die Milch seiner Mutter,
ihm diese Grundlage schenkte.
    Ich hatte meine im Freien gezognen Blumen bedeckt, andre ausgehoben und in
der Hütte überwintert, war auch so glücklich, keine zu verlieren, und verwendete
jede Stunde der ersten schönen Frühlingstage zu Ausführung eines im Winter für
mich gemachten Plans, einen schönen lichten Teil unsers Wäldchens mit den
besten Blumen zu schmücken, einen dreieckigten Altar von Muscheln, mit Emiliens
Namen zu errichten, und zu sorgen, dass alles auf Carmils Geburtstag in voller
Ordnung und Flor sein möge. Ich trug Erde zu der kleinen mit Blumen bepflanzten
Erhöhung, an deren Fuss ich den Altar zwischen schönen ihn zur Hälfte
beschattenden Stränchen stellen wollte; ich rettete fünf Bäume aus, weil sie der
Ordnung im Wege standen, welche ich zu der Form meines Naturtempels nötig
hatte, Emilie sollte vor dem bestimmten Tage nichts wissen, nichts sehen. Den
noch im verstossnen Jahre geordneten und verzierten Pfad längst dem See, und die
Sitze bei den Pappeln, und der schöne Grassteppich, mit welchem ich unsern
Abreise- und Landungsplatz bedeckte, kannte sie, und waren ihr als Denkmähler
ihrer mütterlichen Liebe sehr angenehm; aber der doppelte Weg zu meiner neuen
Anlage blieb ihr verborgen, weil sie glücklicher Weise während meiner Arbeit
sehr mit Carmil beschäftigt wurde, indem dieser Zähne bekam, und daneben gehen
lernte. In der Hälfte des Junys konnte er schon Papa und Mama stammeln, worüber
wir eine doppelt süsse Freude genossen. Ich hatte doch auch das Feld für
Buchweizen besorgt, und da ich wusste, dass Abänderung der Saamen, die nehmlichen
Aecker in gutem Ertrage erhält, so hatte ich die Stelle, welche erst Kohl trug,
für unsern Mais umgegraben und besorgt, die Sonnenblumen rückten näher zum
Endtenfang, die Erdtoffeln zu unserer Hütte, und auf die wärmsten Stellen gegen
Mittag kam etwas Tobak, weil Emilie die Blüten davon so gerne sieht, auch
begierig war die Saamenkörner zu zählen, mich aber auch wirklich plagte, einen
Versuch zu Verfertigung einer kleinen Wage zu machen, damit sie sehen könne, ob
es ganz wahr sei, dass 1012 Tobak-Saamen-Körner, nur ein Gerstenkorn schwer
seien; ich wünschte mir den Geruch der Blätter zurück, und war fleissig bei dem
kleinen Felde. Unsere reiche Hühnerzucht machte uns glücklich, und der gute Wach
stum unserer Jerseier Fuchstrauben beinahe noch mehr; indem Emilie die noch
zarten Ranken in kleine Stücken schnitt und mit den grünen Beeren in dem von
Honigwein verfertigten Essig verkochte, wodurch dieser mehr Schärfe bekam,
welches für uns einen unendlichen Wert hatte, weil unser Salzvorrat sehr
geschont werden musste. Wir und der gute Quäker hatten auf die jährliche Ankunft
der Fischer gerechnet, welche uns frischen Proviant und also auch neues Salz
mitbringen sollten, aber da sie auch das zweite Jahr wegzubleiben schienen,
dankten wir dem Himmel, den auf einen Knecht oder Magd gerechneten Scheffel oder
80 Pfund, nebst mehr als 40 Pfund der für uns gezählten 2. Scheffel erübrigt zu
haben; denn die kleine Probe, aus Holz- und wilder Sauerampfer-Asche, durch
Ablangen eine Art Salz zu ziehen, misslang schon an sich selbst, auch fand Emilie
den Geschmack davon unangenehm. Sie wissen, dass unser französisches Brod ganz
süss ist, unser schottisches war es auch. Unsern Carmil wollten wir gar nicht mit
dem Salze bekannt machen, sondern ihn wie unsere ersten Landsleute, die alten
Gallier, und wie Plinius von den ersten drei Jahrhunderten der Römer erzählt,
mit Brei von unsern Feldfrüchten ernähren, wozu Emilie etwas Honig mischte.
    So lebten wir in immer regem Fleisse vergnügt unsre Tage hin, bis ein Zufall
durch die Hand meines mich verfolgenden Verhängnisses, aufs neue etwas Wermut
in die Schaale meiner süssesten Hoffnung goss Die zweite Hälfte des May's war
äusserst schön, alles stand in herrlichem Wuchse, Carmil war gesund, stark,
blühend, wie unsere jungen Bäume, lief auch im Juny schon mir mit seiner
angebeteten Mutter entgegen, aber den Tag, an welchem ich ihn zu dem Altare
seiner Mutter tragen, und wie in dem Tempel der Tugend segnen und einweihen
wollte, in der Stunde wo ich hin ging, meine heimlich gezognen und gepflückten
Blumen um den Altar und die Bäume zu streuen, einen schön geflochtnen Kranz auf
ihn zu legen, welchen ich mit Emilien vereint unserm Lieblinge aussetzen, und
ihn mit einem zahm gemachten Vogel, in einem mit hundert kleinen Blümchen
umgebnen feinen Dratkäsich beschenken wollte, - in dieser Zeit, wo mein Herz
voll Wonne alles dieses veranstaltete, hatte ihn seine Mutter zu den Urnen, zu
dem Andenken alles unsers Jammers getragen, hatte mir nichts von diesem Vorhaben
gesagt. Ich kam hüpfend zur Hütte, um sie und unsern Sohn zu holen, fand sie
nicht, rufte und suchte sie vergebens bei dem Belvedere, als mir die unseligen
Urnen in das Gedächtnis kamen. Ich wollte sie nicht stören, aber alle meine
Freude war dahin, und die Empfindungen, welche Emilie bei den Denkmählern der
gemordeten Verwandten sammelte, machten auch sie der Freude unfähig. Ich ging
lange Zeit traurig halb ausser mir, von Emiliens Bank zu der Hütte, und von der
Hütte zu der Bank hin und wieder, immer mich umsehend, endlich kam sie langsam,
ihren Kopf auf Carmil gebogen, zwischen den Bäumen hervor, blickte eifrig um
sich her, und als sie mich an ihrer Bank stehen sah, verdoppelte sie ihre
Schritte, staunte aber etwas zurück, als sie mich, wie auf den Boden angewurzelt
fand. Ich, der sonst ihr entgegen eilte, mit meinen Blicken schon sie umarmte,
stand mit zu der Erde geheftetem Auge da, und erhob nur eine Hand matt gegen
sie, die ihre rot geweinten Augen in einer Beugung gegen das Kind verbergen
wollte.
    Der Kleine rief: Papa, und reichte mit seinen Aermchen nach mir hin: dies
lösste mein Starren, und zugleich meine Tränen, ich eilte nach meinem Sohne,
fasste ihn, drückte ihn hastig an meine Brust. Emilie sah mit dem höchsten
Schmerz auf mich, hieng sich an meinen Arm, und schluchzend sagte sie:
    Carl! o Carl! was ist in deiner Seele? und dies auf den Geburtstag unsers
Carmils, ich antwortete mit zitternder Stimme: ach Emilie! ich wollte ihn auch
feiern, den lieben Tag, aber nicht mit Tränen des innersten Jammers, indem ich
traurig auf sie hinblickte. O, rief sie aus, gibt es andre Tränen auf dieser
Stelle?
    Diese Frage schmerzte mich tief, und ich erwiederte mit gedämpftem Tone: ich
hoffte es, aber nun ist alles entflohn.
    Emilie schwieg einige Augenblicke, sah um sich, und dann auf mich, wobei sie
eine meiner Hände fasste, und ängstlich sagte: Carl, eine Freude dir entflohn?
durch mich? O verzeih mir! Nun war ich gerührt und sagte: teure Emilie! ich
hatte Unrecht dich zu verlassen, dir nicht gleich zu sagen: komm mit mir! nimm
für dich, nimm für Carmil, was ich hier geben kann; aber wo soll jetzt ein
Gefühl der Freude herkommen, da du deine Seele bei den Urnen mit tiefem,
bitterem Kummer erfülltest? Sie schwieg wieder einige Zeit still weinend, und
sagte dann ernst, ob schon sehr sanft:
    Carl! ich habe dort für unsern Sohn gebetet, und unsere Mütter angerufen,
für ihn und uns vor Gottes Trone zu beten, und brachte ihn dann zu dir zurück.
Soll da keine Ursache zum Vergnügen sein?
    Ich fürchte es Emilie! aber ich habe ein kleines Geschenk füx Carmil
aufgestellt, das wollen wir holen, und schweigend ging ich mit meinem Sohne im
Arme voran, gegen den kleinen Hayn.
    Sie können nicht glauben, meine Freunde, wie traurig mich bei diesem Teile
der Erzählung der Gedanke machte, dass selbst unter den besten edelsten Menschen,
bei sehr geringen Anlässen Missverständnisse erscheinen, welche die schönsten
Tage verderben. - Wattines fuhr fort: Sie wissen, dass man bei Emiliens Ruhebank
vorbei, den gebognen Weg zwischen den Gesträuchen nach Elysium gehen muss, wie
wir von dem Tage an diesen kleinen Teil des Waldes genannt haben. Emilie folgte
mir nachdenkend mit langsamen Schritten: ich hielt auch ein mit meinem raschen
Gange, kehrte mich am Ende des Ganges gegen Emilie, stellte Carmil auf die Erde
und sagte, geh, und hole Mama. Sie staunte auf die mit einem Blumengewinde zu
einem Bogen verbundenen Aeste von zwei prächtigen Accarien hin, sah dann mit
Blicken voll Liebe und Tränen nach mir, unsern Sohn an der linken Hand haltend,
und mit der rechten nach mir hinreichend, sagte sie mit dem zärtlichsten Tone:
Carl! mein Carl! hole du mich.
    Ich umfasste sie, und sagte äusserst gerührt: komm meine Emilie! komm! mit
Liebe und Zufriedenheit, zu einem Platze, welchen dein Name zu meinem Elysium
machte; und so leitete ich sie unter dem schattenden Bogen zu dem Anblicke des
Ganzen, woran mein Herz von den ersten Frühlingstagen her gearbeitet hatte.
Emilie schien entzückt, ich setzte unsern Carmil auf dem Altar, und stellte den
Käsich mit dem abgerichteten Vogel neben ihn, welcher alles, was man ihm
darreichte, mit artigem Flattern, aus den Fingern wegpickte. Carmil jauchte
laut, seine Mutter fiel auf ihre Knie und sagte, ihre Hände an dem Altare
erhebend: o Gott! Segne den Vater meines Sohnes! ich bog mich zu ihr, um sie
aufzuheben, indem ich hinzu setzte: ja Ewiger! Segne seine Mutter und ihn!
Emilie stand auf, ich umfasste sie und unserm Carmil an ihrem Altare. Wir küssten
und segneten vereint unsern geliebten Erstling, und von dort an war ich immer
glücklich, denn nun entstand kein Missverständnis mehr, weil wir beide bei
ruhigem Denken gerecht und edel erkannten, dass unser Unglück, unsere Einsamkeit,
und der innere in uns nagende Kummer, die angeborne und durch sanfte Erziehung
genährte Fühlbarkeit zu reitzbar gemacht habe, und wir uns vorsetzten dagegen zu
arbeiten, um nicht das Schmerzbare unsers Schicksals, durch uns selbst zu
vergrössern. Emilie machte nicht nur weniger Wallfarten zu den Urnen, sondern
besuchte mit Carmil und mir vereint den Blumenhayn, welchen ich immer in
möglichster Schönheit zu erhalten suchte. Emilie äusserte einst den tief
traurigen Gedanken, wir hätten recht, diesen reitzenden Teil unserer Insel
Elysium zu nennen, indem wir ja, wie in dem Schattenreiche der Griechen lebten,
well uns hier nichts als Erinnerungen umgeben, welche in Wahrheit nichts als
Schattenbilder der vorüber gegangenen wirklichen Begebenheiten seien.
    Ich fasste diesen artigen, aber im Grunde sehr düstern Gedanken heiter und
zärtlich auf, indem ich ihr umarmend sagte: Emilie! jeder Augenblick deines
Lebens auf der Insel, widerlegt, was du vorstelltest; denn ausübende Tugend ist
gewiss in den Augen des Himmels kein Schattenbild, sondern hat ewigen Wert.
Diese Antwort kam meiner guten Emilie unerwartet, denn sie schien etwas
erstaunt, sagte aber, meine Hand fassend: O, mein Carl! wie viel mehr kann ich
dieses von dir, deinen Sorgen und Arbeiten für Weib und Kind sagen.
    Der Tag war sanft bewölkt, und die Luft ruhig, also auch diese Stunden von
der Natur selbst zum Nachdenken geschickter, als der hell glänzende
Sonnenschein, und ich leitete unsere Betrachtungen ausser uns, da ich den
Vergleich zwischen unserm einsamen Leben auf dieser Insel und den mehreren
tausend Menschen machte, welche in Bergwerken arbeiten, von denen viele niemals,
andre wenige sehr selten an das Tageslicht kommen, also die süssen Gefühle nie
kennen lernten, nie genössen, die schönen mit Bäumen, Blumen, Tieren aller Art,
mit Früchten, Wasser und Kräutern geschmückte Erde zu sehen, welches alles uns
so reichlich zu Teil wurde. Wir wollen also, teure Emilie! immer wie du,
geduldig ergeben, das in Erwägung ziehen, was Gott unsern glücklichen
Jugendjahren, durch Unterricht und Erziehung schenkte, und den Reichtum
schätzen, welchen er an Gefühlen für Tugend Güte und Schönheit der Natur in
unsere Seele legte. - Emilie nahm diese Ideen mit Vergnügen auf, und setzte
hinzu, dass sie schon oft für uns selbst, und alle andre Menschen, dem Himmel in
ihrer Seele, für die wohltätige Macht der Gewohnheit dankte, welche wie ein
höchst gütiges Wesen unvermerkt für das Glück unsers Lebens sorgte, jede
beschwerliche Beschäftigung erleichtre, das erst Unangenehme und Widrige nach
und nach gefällig mache, wie uns schottisches Brod und gerösteter Maisbrei,
durch die sanfte allmählige Wirksamkeit des Angewöhnens, wohlschmeckende Nahrung
wurde. - Sie erinnerte sich auch von ihrer vortrefflichen Mutter, in einem aus
dem Englischen übersetzten Aufsatz gelernt zu haben, dass die Gewohnheit Gutes zu
denken und Gutes zu tun, unserm Geiste schon in diesem Leben, die Gefühle der
Seligkeit bekannt mache, welche den Tugendhaften in der bessern Welt der
vollkommnen Weisheit und des vollkommnen Glücks erwarten.
    Denken Sie sich, mein Freund! sagte er, die edle, blühende, erst 22 Jahre
alte Emilie, wie sie bei den letzten Worten eine meiner Hände fasste, an ihre
Brust drückte, und mit ihrer seelenvollen Stimme sagte:
    O wie glücklich ist es, in unserer Einsamkeit, mein Carl! nichts kann uns
hindern, diese seligen Gefühle zu geniessen, und jede Tugend unsers Berufs zu
erfüllen; - - die lebhafte Erinnerung alles dessen, woran unser Auge gewöhnt
war, als Blumen und Verzierung der Gärten zu sehen, hat uns alle Sorge
eingeflösst, so viel möglich diese Anmut um uns zu verbreiten. Dein
matematischer Geist, welcher an Ordnung gewöhnt alles nett auszuarbeiten, gibt
unsern Korn-und Gemüs-Feldern das Ansehen der schönsten Gartenbeete. -
Gewohnheit reichte mir die Hand, einsame Wege ruhig zu durchwandeln, minderte
meine Furcht, ohne Nachtlampe zu schlafen, und macht die selige Uebung, alle
Tage etwas Nützliches zu lesen und meine Kenntnisse zu vermehren, zum Bedürfnis
meines Lebens und zum Gefühl des grössten Glücks der Erde.
    Nun kam Emilie zu uns, und ich sagte zu Wattines: Dank! Edler, wahrhaft
glücklicher Freund! für das so schön ausgemalte Bild verdienstvoller Tage, und
er erwiederte auf seine Frau deutend:
    Emilie, Emilie allein, war die Triebfeder des Besten von allem was geschah.
- Sie hörte dieses und fragte, wovon die Rede sei? Wattines machte einen kurzen
Auszug von dem, was er mir erzählte, sie lächelte und sagte: nun bleibt mir für
Ihren nächsten Besuch beinahe nichts zu tun übrig, als die Probestücke unserer
Kunstarbeiten und Erfindungen vorzulegen: mit dieser mir so angenehmen Aussicht
auf einen der folgenden Tage, ging ich nach Hause und schrieb einige, Ihnen
meine Freunde, und mir selbst versprochene, Blätter.
 
                                Drittes Bändchen
Ich glaube fest, dass selbst Philosophen, ja auch Frauenzimmer, eben so begierig
gewesen sein würden, wie ich es war, die neuere Fortsetzung der
Einsiedler-Geschichte unserer Wattines durch Emilie zu hören. - Mich dünkt, dass
diese Erzählung dadurch das Ansehen einer denkwürdigen Medaille bekommt, welche
bei einer besondern Gelegenheit geprägt wurde. Der innere Gehalt ist durchaus
von gleichem Werte, - aber beide Seiten wurden auf verschiedene Art, in
Beziehung auf die Geschichte bezeichnet. -
    Wattines Arbeiter fragte mich den zweiten Abend, wann ich wieder zu seinem
Herrn zu kommen gedächte? es fiel mir etwas auf, aber ich vermutete, dass
Wattines, welcher nun ganz hergestellt war, eine Feldarbeit vorhabe, warum er es
wissen wollte: der Mann sagte auch, des Nachmittags erwarteten sie mich bald, -
das war mir lieb, weil Scriba, bei welchem ich speiste, gerne früh vom Tisch
aufstand. - Ich machte mich also zu meinen Wattines, fand ihn in einer
ungewöhnlichen Jacke an seinem Tische sitzend, einen Band der schönen Ausgabe
des Büffons vor sich, Emilie aber eifrig beschäftigt, an etwas vor ihr hängendes
zu arbeiten.
    Die Loghouses sind nicht helle genug, dass jemand, welcher von der freien
Luft eintritt, sogleich alles unterscheiden kann. So sah ich nach einigen
Minuten erst, dass Wattines strickte, Emilie ein halb graues Wämschen trug, und
Antonette in dem kleinen Schifchen lag, in welchem Carmil nach der Insel
gebracht wurde, und es zu seiner Schlafstätte hatte. - Beide lächelten über mein
staunendes Kucken; Wattines sprach zuerst, und sagte: kommen Sie, Freund! und
sehen eine kleine Wiederholung eines unserer auf der Insel verlebten Tage: als
Carmil nicht grösser wie Antonette war, Emilie für mich webte, und ich bald etwas
vorlas, bald fleissig strickte.
    Ich kannte die einsame Hütte, in welcher sie wohnten, Wattines hatte mir die
Plätze gezeigt, welche sie da einnahmen, nun waren sie mit ihrer damaligen
Beschäftigung und Kleidung, selbst mit dem Stücke Leder um ihre Füsse, auch in
einer Holzhütte lebend vor mir. Dieser Austritt, welcher für das feine, leicht
strömende französische Blut nichts als eine Teaterscene zu sein schien, bewegte
und durchdrang mein teutsches Herz auf das innerste. Trauer und Hochachtung
erfüllten meine Seele, sie bemerkten es beide dankbar, und es schien ihnen leid,
ihre Rolle zu gut gespielt zu haben. - Ich dachte mitten in dem Schauer, mit
welchem ich ihr Leben von diesem Zeitpunkte durchblickte, und ihre Vorstellung
so rührend fand:
    Ach sie sind wie der Schauspieler der Alten, welcher bei einer Trauerscene,
den Aschenkrug seines einzigen Sohnes umfasste, also den Jammer eines Vaters so
eindringend spielen konnte, wie diese guten Menschen die Erinnerungen ihrer
Kummertage. Nachdem sagte ich, näher zu ihnen tretend: Sie haben mich, meine
würdigen Freunde mit einer für Sie ehrenvollen, und für mich äusserst wehmütigen
Scene überrascht, von welcher ich den Eindruck niemals vergessen werde. - Gott
erfülle die Wünsche, welche mein Herz für Sie macht. Wattines stand auf und
umarmte mich, indem er sagte: dass er des Wohlwollens meines Herzens für sich und
die Seinigen ganz versichert sei. - Emilie setzte mit sehr sanftem Tone, sich
anmutsvoll gegen mich beugend, hinzu:
    Unser Herz ist gewiss auch dankbar dafür. Nun schwiegen wir alle einige Zeit,
Emilie arbeitete fort und rief mir dann zu: Wollen Sie nicht meine Weberei näher
sehen?
    Ich betrachtete sie nun aufmerksam, und sah zu, bis wirklich eines
Fingersbreit fertig war. Wattines nahm munter sein Strickzeug, indem er sagte:
ich will auch meine Kunst zeigen. Nun sprach aber Emilie, als er wegging, um
noch seinen Arbeitern nachzusehen, und ich meine Hochachtung für ihren mühvollen
Fleiss bezeigte: die mechanischen Künste, welche das Bedürfnis in unserer
Einsamkeit uns lehrte, gingen langsam und mit wankenden Schritten voran, es war
ganz anders mit den Saamen, welchen wir der Erde anvertrauten, denn diese folgte
nach ewigen Gesetzen, der Bestimmung ihrer Wirksamkeit. Tau, Sonnenblicke und
Regen, finden in der Erde weniger Hindernisse, als die Versuche der Handarbeit
für den ungeübten Menschen. Wir hatten nur Erinnerungen, wie Träumende, keine
Modelle, keine Werkzeuge, keine Helfer die Rat gaben, unsre Anstrengungen zu
erleichtern, oder uns durch Beifall zu belohnen. - Wattines sagte einmal: er sei
wirklich unter der Hand des Schicksals, in der Lage der russischen Soldaten,
welche man auf den Marsch zu allen Arbeiten commandirt; ein Rad des Wagens geht
entzwei, da gibt der Officier dem nächsten Manne den Befehl: schaffe ein neues
Rad! ich kann das nicht, sagt der arme Mann, das sollen Schläge dich lehren, ist
die Antwort: nun fängt der Mensch zitternd und ungewiss die Arbeit an, denkt
dabei nach, und so entwickelt sich sehr oft ein äusserst nützliches Talent unter
dem Zwange der Furcht vor Schmerzen, wie bei mir, unter den Gesetzen des
Mangels. - Ehe ich etwas darüber sagen konnte, fasste Emilie den von den
Indianerinnen von Maisblättern geflochtenen Korb, und fragte: ob ich da nicht in
dem Verschlingen der Blätter viel dichtere und nettere Arbeit bemerkte, als sie
bei ihrem Gewebe hervorbrächte? - Ich erwiederte: wie viele Jahre mögen die
Sqwas schon daran gelernt haben; - aber wie viele Tugenden haben Sie auf Ihrer
Insel geübt!
    Mit Würde und Ernst antwortete sie: - ach Gott war unsere einzige Hoffnung
und Stütze. Die Lehre von seiner Allgegenwart, seiner Allwissenheit, wirkten auf
unsere moralischen Gefühle, welche um so schneller zu einer mehr als
gewöhnlichen Höhe kamen, weil wir mehr und inniger, als andre Menschen überzeugt
waren, dass wir das Wohlwollen des höchsten moralischen Wesens, nur durch
moralisches Betragen erhalten konnten. Religiöse oder politische Heuchelei,
durch welche man sich selbst und andre durch äusserlichen Schein verblendet, half
auf unserer Insel zu nichts, alles musste wahr sein, wie die Natur um uns und
Gott über uns. Und gewiss, Wattines und ich waren von ganzer aufrichtiger Seele,
was wir sein sollten.
    Nun schwieg sie, nach einem nur der allerkürzesten Blicke, wenn ich so
sprechen kann, gen Himmel, und dem eben so schnellen Niedersenken ihres Auges
zur Erde, einige Minuten stille, während welchen sie ihre Weberei aufwickelte,
das Strickzeug des Wattines ordnete, beides in den Oneida-Korb legte, in der
Kammer verwahrte, und in der gewöhnlichen Kleidung wiederkam, heiter und sehr
gefällig sagte:
    Ein Gang in den Garten wird Sie nicht ermüden, und es ist nicht zu kühl, den
Rest des Tagebuches zu füllen. - Ich war es zufrieden, und sie sagte mit schönem
dankbarem Ausdruck der Stimme und Mienen: - der Sommer war sehr schön, bis lange
nach der Reise unserer Erndte, welche sehr reich war, da lasen wir am Ufer des
See's die Naturgeschichte des Schwans und anderer Wasservögel. Hier fiel ich
ein, da hätten Sie auch die von den Alcyonen lesen sollen, welche im höchsten
Sturme ihre Schwungkraft nicht verlieren, wie Wattines und seine Gemahlin mitten
im grössten Unglücke, sich in Geist und Character über alles erhoben. - Die holde
edle Frau staunte, lächelte, errötend und mit dankbarer Verbeugung gegen mich,
sagte sie äusserst bewegt:
    Nein, die so schön angezeigte Geschichte lasen wir nicht, - aber die von
Fischen und Muscheln, wodurch unser Herz eine desto grössere Verehrung für den
Schöpfer fühlte, Ach oft, wenn wir die Anstalten bewunderten, welche er, selbst
für die Erhaltung der Würmer und Insecten gemacht hatte, gaben wir uns die Hand,
blickten auf unsern, in seiner Grube, mit Steinen, Gras, Käfern und Muscheln
spielenden Carmil, und sagten: O, der für die Käfer und Würmer sorgte, wird
unser Kind nicht vergessen.
    Ich frug, was sie unter Carmils Grube verstehe, und hörte, dieses
Hülfsmittel bei Kindern habe sie in dem kleinen Dorfe der Oneidas gesehen,
welche um junge Kinder, die noch nicht fest gehen können, vor dem Fallen und
andern Beschädigungen zu bewahren, an der Seite ihrer Hütte, oder wo die Mütter
arbeiten wollten, eine runde Grube machten, welche dem Kinde bis unter die Arme
reichte, innen legten sie Gras, ringsum Steine, Holzästchen, eine grosse Muschel
mit Essen, womit sich die Kinder auf allen Seiten im Spielen unterhalten, bis
die Mütter wieder für sie sorgen können. Die holde Frau führte mich zugleich auf
ihren Lieblingsplatz im Garten, wo sie mir eine solche Grube zeigte, welche für
Antonette bestimmt war, wenn die Mutter im Freien arbeiten wollte, und Emilie
beschäftigt sich viel mit der Nadel, seitdem sie auf dem festen Lande die kleine
Colonisten-Familie haben, welche jede grobe Haus- und Küchengeschäfte besorgt,
wie Wattines durch den Mann bei seiner Feldarbeit einen fürtrefflichen Gehülfen
hat, welcher wie seine Frau und Tochter, es für Pflicht der Liebe gegen ihre
gute Herrschaft, und auch als Ehre ansehen, eben so fleissig und eben so
geschickt zu arbeiten als sie selbst. Manche der andern Colonisten nehmen einen
Umweg nach ihren Feldern, um bei Wattines Anlagen vorbei zu kommen, und ihn
arbeiten zu sehen. Sie staunen dann über seine Aemsigkeit, und schätzen ihn
aufrichtig.
    Ja, da sie seine Herkunft, und sein Unglück kennen, so hat der vortreffliche
Anbau der Insel, und dies, was sie auf seinen Feldern, in seinem Hause und
Garten beobachten, ihren Begriffen von Vorzügen des Adels, die schönste Wendung
gegeben; indem sie nun überzeugt sind, dass Wattines Gewandheit, und der Geist
der Verschönerung, welcher alles was er berührt, auszeichnet, ganz eigentlich
dem gebornen Adel gegeben sei. Einige der Colonisten freuen sich, dass er nun
auch Feldarbeit versuchen musste, aber die besten von ihnen bedauern und
bewundern ihn. Ich sagte es den Wattines, es freute beide, und Emilie sagte
errötend und vor sich hin lächelnd: also keimte die in unserm Vaterlande
ausgerottete Idee der Classe des Adels, in den Wüsten von Onotaga, in den
Gemütern der neuen Bewohner wieder in die Höhe.
    Nun fiel ich mit der Bemerkung ein: dass der Adel der Seele niemals seine
Wirkung verliere. - Indessen bin ich von Carmils Grube hinweg gekommen, wo ich
doch so etwas artiges von Emilien horte, indem sie bei meinem Lobe dieser
einfachen mütterlichen Erfindung sagte: sie hätte diesen Gruben noch etwas zu
danken, denn als Wattines unsers Carmils Freude und Begierde nach Käfern und
Papilions bemerkte, behauptete er, es sei Trieb der Geselligkeit, etwas sich ihm
näherndes, wie er sich bewegendes um sich zu haben, und fieng an, Käfer um ihn
zu sammeln. Hier machte mich aber Mutterliebe und Muttersorge ein Vorurteil
überwinden. Da ich diese Insecten nie liebte, aber meinen Carmil seine Freude
nicht nehmen wellte, las ich mit Eifer die Naturgeschichte dieser Geschöpfe, um
zu wissen, ob etwas für Carmil zu besorgen sein könnte, und fand dadurch eine
neue Quelle von Kenntnis und Freude für mich selbst.
    Ich sagte ihr nun auch von der Freude, welche die edelmütige Güte ihres
Gemahls, durch seinen Unterricht, in der Seele meines guten Zimmermanns und in
meinem Herzen verbreitete. - Sie versicherte mich, mit dem schönen Tone des
edlen Stolzes, in welchem eine rechtschafne Frau von dem Geiste und Verdiensten
ihres Gatten spricht: dass ihr wirklich grossmütig gesinnter Wattines sich
glücklich fühle, Gutes zu tun, und ein so lange Jahre ruhendes Talent wieder zu
üben; denn der Mangel des Papiers auf der Insel und das Entbehren des Vergnügens
der Zeichenkunst, hätte ihn lange und tief geschmerzt. Ich bemerkte es, sagte
sie mit Seufzen, an der Miene seines so sanft männlichen Gesichts, wenn er
manchmal auf der Insel Gebäude, Festungswerke oder Gartenanlagen mit einem Stock
in den Sand zeichnete, sie still denkend eine Zeitlang ansah, dann mit
Lebhaftigkeit wieder auslöschte. Wenn ich darüber jammerte, machte er den Boden
wieder glatt, und stellte etwas anderes vor. Ich will ihm sagen, er soll Ihnen
die Arbeiten seiner Reissfeder zeigen, welche er machte, seitdem er wieder das
Vergnügen genoss, etwas Papier zu besitzen. Ach, Papier war auch das erste,
wornach er sich in dem Magazine der Colonie umsah, das erste, was er mit eben
dem Eifer suchte, mit eben dem kleinen Zittern der Freude in der Hand hielt, wie
ich Leinewand und Nähzwirn zu Hemden für meine Kinder; - aber, setzte sie hinzu,
ich muss Ihnen bei dieser Gelegenheit auch von einer edlen Feinheit der
Empfindung meines Wattines erzählen, welche mich äusserst rührte: - niemals
zeichnete er in unsern Sandgrund bei der Hütte, Gegenden oder Gebäude, welche
mir bekannt waren; nur Erinnerungen von Phantasten, von italienischen Gebäuden,
schroffen Felsen, oder einen Gegenstand, wozu das Lesen einer Poesie oder
deutlichen Beschreibung den Anlass gab. - Diese Bilder in dem Sande waren oft
angenehmer Zeitvertreib in Sommerabenden, so wie er einmal den muntern Gedanken
fasste, einige Minuten ehe die niedergehende Sonne eine Seite des Ufers
beleuchtete, mir die die Stellung einer Bildsäule der Flora mit einem
Blumenkranze in der Hand zu geben, und dann meinen Schatten abzeichnete, indem
er sagte: diese Statue der Flora sei auch über Lebensgrösse, wie jetzo mein
Schatten mich über die natürliche Höhe zeigte. - O wie oft, in wie vielen
Stellungen, mit und ohne unsere Kinder, zeichnete der gute liebe Wattines mich
auf diese Art! - Einst sagte er, ach Emilie, wenn ich so glücklich gewesen wäre,
wie der auf eine unbewohnte Insel verbannte Grieche, hier einen weissen
Marmorbruch zu finden, ich weiss, die Liebe hätte auch mich zum Bildhauer
gemacht. - Lächelnd fuhr sie fort: wenn Sie einmal unsere Insel ganz nahe an dem
Ufer des See's umgehen wollen, so finden Sie noch ein Denkmahl der Kunst, der
Liebe, und wie Sie oft sagten, von der lebhaften, leicht beflügelten
Einbildungskraft des französischen Ritters an dem See Oneida, von dem letzten
Jahre unsers einsamen Aufentalts. - Hinter dem obern Busche, unweit unserer
Hütte, gegen den Endtenfang, hatte Wattines die Erde aus dem kleinen Keller,
welchen er den zweiten Frühling grub, gegen den Abhang aufgeschüttet: die immer
wirkende Natur, entwickelte in dieser an frische Luft und Sonne gebrachten Erde,
die in ihrem Schoss versteckten Grass-und Pflanzenkeime, oder die Winde trugen
sie in Menge herbei; denn im folgenden Jahre war dieser Abhang ganz grün
bedeckt. Wattines legte nahe an dem Ufer, wo vieler Sand angeschwemmt war, eine
Art Vestungsban, mit einem kleinen Graben an, welches ich für lebhaftes Andenken
alter Studien und Beschäftigungen ansah; denn der liebe Mann sagte, er wolle mir
einen Begriff von dieser Art Arbeit geben. Nun hatte er schon weiter oben eine
Bank angelegt, von welcher ich ihn graben, Linien ziehen und alles ordnen sehen
konnte. Einen Nachmittag als Wattines schwimmen wollte, ging ich mit Carmil
dahin, welcher in dem von seinem Vater für ihn gezognen Laufgraben wohl besorgt
war, hin- und hergehen, und dem Schwimmen des Vaters zusehen konnte, welcher
auch mit ihm spielte, bald sich näherte, ihn mit Wasser bespritzte, und dann
sich wieder entfernte. Ich hatte erst gearbeitet, dann ein paar Bouquette von
Wiesenblumen zusammen gebunden, welche ich Carmil gab, um sie Wattines
zuzuwerfen, - gegen Abend legte ich meine Arbeit zusammen, rollte sie mit
Wattines Weste zu einem Pack, legte mich auf die Bank, und stützte mit einem
Arme mich auf das Paquet, ihm noch ruhig zuzusehen; als er mit der neigenden
Sonne gegen das Ufer und die Bank zurückkam, bat er mich diese Stellung zu
behalten. Ich lachte, wollte wissen warum? und stand auf, Carmil zu holen.
    O Emilie! diese Stellung muss ich nach dem Umrisse deines Schattens in den
Rasen eingraben, morgen kommen wir wieder her, und da werde ich mit vielem
Vergnügen diese Idee ausarbeiten. - Es war mir unmöglich zu erraten, was er
damit sagen wollte, aber den zweiten Tag musste ich seinen Bitten nachgeben, und
mit Carmil um die nehmliche Stunde hin, mich wieder auf eine Rolle legen, und
als mein Schatten sich auf dem grünen Hintergrunde ganz deutlich zeigte, raufte
er mit dem grössten Eifer das Gras aus dem innern Umrisse, an dem kleinen über
die Bank erhabenen Hügel, und änderte mehrere Tage so lange daran, bis es
wirklich in einer gewissen Ferne das Ansehen hatte, als als ob eine weibliche
Gestalt längst der Anhöhe auf der Bank liege. Diese Phantasie dünkte mich
äusserst neu, Wattines sagte aber, dass es eine Erinnerung von seiner Reise durch
England sei, wo er bei einem Dorfe, die Colossalgestalt eines Pferdes auf diese
Art an der Seite einer schönen Anhöhe eingegraben sah, und hörte, dass es alle
Jahre ein grosse Fest für die jungen Bauersleute sei, den Umriss des Pferdes von
dem Grase zu reinigen, damit es ja recht weit gesehen werden könnte, welches bei
dem kalkartigen Boden sehr leicht sei. Er hätte diesen vorteilhaften Grund
nicht gefunden, hoffte aber doch, die Dame seines Herzers sichtbar zu machen.
    Nun pflanzte er einige Gesträuche näher an den Abhang, grub den Umriss
tiefer, vergrösserte und ründete die ganze Gestalt, machte auch den Zusatz, sie
den rechten Arm ausstrecken zu lassen, als ob sie nach einem überhängenden Ast
des Gesträuches greifen wollte; und um das Ganze weiss zu halten, damit es sicher
von ferne gesehen werde, besteckte er es ganz enge mit Muscheln und weissen
Kieselsteinen, machte zu den Füssen des Bildes eine Vertiefung, welche einen
Wasserkrug vorstellte, wozu er die wenigen, von dem Wasser angeschwemmten Steine
verwendete. Mehrere Wochen gingen hin, bis dieser Einfall das gewünschte Ziel
erreichte, und ich muss bekennen, dass das Ganze wirklich bei anfangender
Dämmerung oder bei Mondschein, einen ausserordentlichen Eindruck machte. Wattines
hoffte auch, dass künftige Schiffer auf dem See Oneida, sich freuen würden, die
weisse Frau zu sehen, weil es klares Wetter anzeige, wenn die Ufer der Insel
helle seien, munter setzte er hinzu:
    Die Gestalt meiner Emilie wird den Stoff zu künftigen Feen- und
Nymphengeschichten geben, meine Liebe für dich, Anfang zu schönen Mährchen und
zur Bildhauerkunst der Bewohner der Grafschaft Onotaga werden, welche dann
meinen Namen auch aufbehalten werden, wie die Griechen den von der
Töpferstochter Dibutade verewigten, welcher man die Entstehung der Zeichenkunst
zuschreibt. Vielleicht erzählen die Oneidas einmal: die da liegende weisse Frau,
sei zweimal zu ihren Grossmüttern übergeschwommen, ihre Wochen zu halten; nachdem
aber verschwunden, bis man sie in einer schönen Nacht, auf einer Moosbank an dem
Ende der Insel schlafen sah, wo sie aber durch das Plätschern der Ruder
neugieriger Schiffer geweckt, das Gesträuche herunter ziehen und sich verstecken
wollte, aber aus Schrecken und Angst vor den rauhen Fischern in Stein und
Muscheln verwandelt wurde.
    Als ich über diese scherzhaften Träumereien lächelte, sagte Wattines ganz
ernstaft: Meine Emilie! wenn wir zurück gehen zu den Griechen der ersten alten
Zeit, so war diese Art Vorstellung und Ideen der Anfang ihrer Dichtkunst und
ihrer Geschichte. Wer weiss also, was die Imagination der künftigen Poeten dieses
Landes aus der einfachen Erzählung der Fischerfamilien des See's Oneida, für
schöne Heldengedichte machen werden, da sie schon an Halbgötter glauben, welche
mit Erlaubnis des grossen Gottes, der in Süden wohnt, die Dinge dieser Welt
besorgen. Sie verehren schon Sonne und Mond, halten den Donner für die Stimme
der obersten Gotteit, beten, bringen Sühnopfer. Sind sie nicht auf dem Wege,
einst eine schön zusammenhängende Mytologie, einen Homer und Ossian zu haben? -
Vielleicht haben wir in der Hütte der Indier durch die Blumengewinde und Kränze
des kleinen Mädchens, die Sage von einer Flora oder Venus gestiftet. Einer der
grössten griechischen Geschichtschreiber, Tueidides sagte, dass man in den Sitten
der noch rohen und sogenannten barbarischen Völker den Character der ersten
Griechen kennen lernte; so wie man gewiss auch in den Bildern, welche die auf
ihre Macht und Grösse so stolzen Römer von andern Nationen darstellten, den
Zustand und die Gesinnungen sehen konnte, in welchen sie sich selbst, bei dem
Anfange ihrer berühmten Stadt befanden. -
    Ich wurde, setzte Emilie hinzu, sehr aufmerksam und blickte nachsinnend auf
Wattines hin, er bemerkte es und sagte lächelnd: Ja, meine Emilie! wie die Römer
uns Gallier kennen lernten, betrachteten sie uns als Barbaren; denn sie hatten
schon weiche Bett-Polster und Trone, als unsere Fürsten noch auf zusammen
gebundenen Heubündeln sassen; und als sie das erstemal nach Britannien kamen,
trafen sie die Bewohner der glücklichen Insel, wie die Engländer in den neuern
Zeiten die nordamerikanischen Wilden fanden; denn Newtons und Bacons Landsleute
wussten damals auch noch nichts von Ackerbau, bemahlten ihren Körper, und deckten
sich im Winter mit den Fellen wilder Tiere. Bedenke nun, meine Emilie, was
Gallien und Brittannien seitdem geworden sind.
    Die Natur machte keinen so grossen Unterschied in der ursprünglichen Anlage,
nur das Verhängnis schafft Aenderung, durch die Verschiedenheit der Umstände.
    Der nackte, arme, rohe Mensch, hat alle Leidenschaften des gebildeten. Er
liebt das Spiel, ist stolz unter seines gleichen, und so arm als er ist, liebt
er den Putz und ist eitel. -
    Hier, meine Freunde! sagte ich mir, ist Urbild eines Franzosen von einem
ihrer besten Landsleute aus dem Gedächtnis gemahlt. Urteilen Sie auch von
meinem Staunen, als ich zugleich darin einen Teil des Auszugs erkannte, welchen
ich in meiner Brieftasche habe und mit mir führe, weil ich ihn aus Betrachtungen
nahm, welche über die Geschichte wilder Nationen, und das Vergleichen mit
civilistrten Völkern gemacht wurden, und äusserst auf mich wirkten. Ja ich
bekenne noch mehr, dass diese Betrachtung eine der grössten Triebfedern meiner
Reise nach Amerika wurde.
    Emilie setzte ihre Erzählung fort, indem sie sagte: Wattines sprach mit mir
auch von den Verdiensten der Wilden, dass sie bei armer Sprache beredt sind, wie
ihre Liebe und ihr Hass alle Energie zeigen. Auf der Jagd der listigsten Tiere
bemerkt man in ihnen eine Feinheit, eine Urteilskraft und einen Scharfsinn,
welche ein Schüler des Locke, in Aufsuchung der tiefsinnigsten Wahrheit und
Wissenschaft nicht vollkommner zeigen könnte; und diese Klugheit finden sie auf
dem Wege der Natur, welche ihnen oft mehr Grösse der Seele gibt, als alle unsere
Schulen und Gesetze nicht geben können; weil diese Grösse aus den innern Gefühlen
des Herzens kommt, nicht aus buchstäblichen Lehren stiesst. Denn ach! was bringt
Religion und Philosophie hervor, wenn das Herz nicht damit übereinstimmt?
    Emilie musste, während sie sprach, eine ungewöhnliche Bewegung in meinen
Zügen bemerkt haben, auch blickte sie mich fragend an. Ich sagte, indem ich mein
Taschenbuch vornahm, mit einer Art Entzücken, wie ich mich glücklich fände, auf
einem Puncte der Sympatie mit ihrem Gemahl zu stehen, da ähnliche Betrachtungen
mich nach Amerika führten, um Natur und Kunst an ihren Gränzen zu vergleichen. -
Ich las ihr dann einen aus dem Mereure de france 1783 gemachten Auszug vor, und
fragte, ob sie nicht einen Grund übereinstimmenden Geschmacks und Ideen darin
fände, weil diese Gedanken sich so tief in Ihres edlen Wattines Seele prägten,
um sie ganz aus dem Gedächtnisse zu wiederholen, ihren Einfluss auf mich aber
durch meine Reise nach dem See Oneida bewiesen hätten? Sie sagte mit gefälliger
Miene, ja, schwieg aber gleich wieder und sah mit einem Ausdruck von Staunen und
Trauer vor sich hin. Ich war nun auch stille, endlich sagte sie: Vergebung für
mein langes Schweigen! es kam zum Teil von einer Betrachtung in dem Innern
meiner Seele, über Wattines und Sie. - Meine Blicke hefteten sich fragend auf
ihr Auge, als sie hinzu setzte: ich sagte mir, ach, mein Carl ist hier, weil er
bei der unglücklichen Revolution, die allercultivirteste Nation in Barbarei
zurücksinken sah, und Sie, weil Sie das Erheben aus der Unwissenheit und Rohheit
beobachten wollten. Gott sei Dank! sagte sie mit gefalteten Händen, dass ich an
der äussersten Gränze von beiden, in der Rindenhütte einer Indianerin die
Menschenliebe fand, welche einem Kinde das Leben erhielt, dessen Grossväter in
dem Wohnsitze des feinsten Geistes und der schönen Künste, wegen dem Stande
ihrer Eltern ermordet wurden.
    So natürlich diese Rückerinnerungen bei jedem Anlasse in Emiliens Seele
emporstiegen, so sehr bedauerte ich den Gedanken der Sympatie mit Wattines,
indem ich damit die traurigen Gefühle in der guten Frau hervorrief; aber als
Wattines selbst kam, und sie ihm von meiner zufälligen Bemerkung sagte, so
bezeugte er eine Art von Freude darüber, als ob ich die Beweise einer nahen
Verwandtschaft vorgelegt hätte. Vielleicht war dieses die Wirkung eines
moralisch wahren Gefühls, indem man sicher behaupten kann, dass Uebereinstimmung
der Ideen eine Verbindung der Seelen andeute. Wattines wollte nun den in meiner
Brieftasche verwahrten Auszug mit mir lesen, und ich musste ihm eine Abschrift
versprechen. Ich bewunderte die Lebhaftigkeit mit welcher er das Lob der
griechischen Mytologie auffasste und ausrief:
    O wie wahr ist alles, was der Mann von dem gefälligen und einnehmenden
Geiste der griechischen Einbildungskraft erzählt, welche heute noch Dichter und
Künstler beseelt, und nach verflossenen Jahrtausenden, noch so wohltätig für
mich war, dass ich durch sie nicht nur Tage lang meinen Kummer vergass, sondern
auch durch den Geschmack der Zierlichkeit, welchen der Genius von Griechenland
bis auf uns verbreitete, so glücklich war, meiner Emilie angenehme Stunden zu
geben: nicht allein durch meine Anstalten in Elysium, sondern auch, weil ich
kleine Blumenbeete, wie Kränze um den Fuss dieses oder jenes einsam stehenden
Baumes oder artigen Busches anlegte, wo ich wusste, dass Emilie betend oder
nachdenkend hinging, dann auch den eingeschlafnen Carmil hinlegte, oder nicht
weit von unserer Hütte unsere Obstbäume mit Wünschen und Seegen besuchte, da ich
nahe dabei einige Waldbäume von der Natur so gestellt fand, dass ich nur einiges
Gesträuch zwischen ihnen wegzuräumen, die untern Aeste abzunehmen, und ein paar
umschlingende Pflanzen an ihnen aufzuziehen hatte, um einen grünen Tempel der
Gotteit des Hanns vor mir zu haben. Wie glücklich, sagen Sie selbst, wie höchst
glücklich war es für Emilie und mich, dass unser Herz nicht allein das Ganze der
Wunder und Schönheiten der Natur mit dankbarer Verehrung ihres und unsers
Schöpfers liebten; dann aber auch in unserer eigenen noch blühenden Jahrszeit
des Lebens, bei den kleinen Wiesenstücken der Insel an Naväen, und bei den schön
aufgewachsenen tausendfachen Blumen an der Griechen ihre Blumengöttin dachten.
Wir dankten dennoch unserem erkannten Gott, mit frommer Verehrung für jedes
Körnchen Mais und Gerste, für jedes Blatt unseres Gemüses; - aber die holden
Phantasien der griechischen Dichter, welche zuerst ländliche Arbeit und die
einsame Hütte der Liebe besangen, dieser, den Griechen allein zuerst bekannt
gewordene Geist, der alles mit einer gefälligen und wohltätigen Anmut beseelt,
dieser begleitete und lenkte unsere Spatziergänge und unsere Gefühle, machte uns
lächeln und an den Frühling der Welt und die guten Kinder der Natur denken, wo
Gesetze und Ordnung noch keine Stuffenfolge unter den Menschen gemacht, und den
bösen niedern Neid noch nicht geweckt hatten. Ich wollte den edeln gefühlvollen
Wattines nicht an der Reihe dieser Ideen stehen lassen, sondern ihn sobald
möglich ablenken, doch denken meine Freunde gewiss noch nicht, dass ich hiezu das
Andenken an einen Mönch und einen Pabst zu Hülfe nahm. Ich bin gewiss, meine Base
lächelt, über diese seltsame Mischung mit griechischem Genius, Haynen und
Nymphen einen düstern Kloster und den Vatican. Mich dünkte, dass Wattines sich
entschuldigen wollte, so vielen Wert auf mytologische Bilder und Ideen zu
legen, auch vielleicht vermutete, ich hätte von ihm lauter ernstaft moralische
Vorstellungen gefordert, weil poetische Ideen in seiner Lage zu tändelnd seien.
- Alles dieses wollte ich in den guten Mann verscheuchen, und sagte ihm: dass er
mache, dass ich die Fabeln und die Dichtkunst der Griechen aufs Neue segne, da
dieser liebenswürdige Genius seine bittre Einsamkeit versüsste; so wie er dem
schätzbaren Ganganelli in seinem Kloster erschien, und ihn liebreich tröstete;
wie es ein kleines Gedicht anzeigte, welches er zu der Teorbe gesungen haben
soll. Da ich es nur in der Uebersetzung kenne, sagte ich Wattines den mir stets
interessanten Inhalt des Liedes, so gut als möglich in seiner Sprache, weil mich
dünkte, Gefühle verstehen sich leichter, als gelehrte Gedanken. -
Lichtgeist! der vor Gottes Trone
Anmut über Engel giesst,
und durch den auf jeder Zone
eine Schönheitsquelle fliesst.
Aus dem Gitter meiner engen Zelle
seh ich oft den Wiederschein von dir,
plötzlich wird die dunkle Clause helle
und den ganzen Himmel zeigst du mir.
In des Himmels weiter Ferne
und hier auf der nahen Flur,
Folget Glanz im Abendsterne,
und dort Blumen deiner Spur.
Lieg ich einst auf jenem Todeshügel
den dein Fuss auf ewig flieht,
o! dann wehe mit dem Purpurflügel
bis auf meinem Grab ein Blümchen blüht.
Wattines fasste den Sinn dieses Liedes so richtig, dass er gerührt wurde und
sagte: edler Mönch, unglücklicher Pabst! dein Herz verdiente ein besseres
Schicksal; - aber wäre Europa noch, was es vor zehen Jahren gewesen, und ich
hätte diese Anecdote in Versailles gehört, so würde ich einen Urlaub von drei
Monaten erbeten, und die Reise nach Rom gemacht haben, um diese Verse in ihrer
Ursprache, mit der Teorbe begleitet, singen zu hören; - denn, sagte er nach
einigem Schweigen: nun liegt Ganganelli vergiftet in der Peterskirche begraben,
und ich wohne hier. Der Geist seines Gedichts soll aber neben dem Bilde seines
Lebens und seiner schönen Briefe in meinem Gedächtnisse bleiben.
    Ich war unendlich erfreut, unserer Unterredung diesen Ton gegeben zu haben.
Wattines folgte nun seinen Geschäften, und ich ging die Erlaubnis zu benützen,
meine Fragen bei Emilien fortzusetzen, denn ich wollte ihr ganzes Leben auf der
Insel kennen, zog also die Noten der Frau Vandek aus meiner Brieftasche, und
ordnete meine Blätter und Fragen. Mit Verehrung muss ich sagen, dass Madame
Wattines stets in gelassenem ruhigen Tone und gleichmütig von ihrem erlittenen
Jammer sprach, während ich sehr oft mit Schauer an die 4 Jahre zurück dachte,
welche die vortreffliche Frau auf der öden Insel verlebte: - oft auch segnete
ich in dem Grunde meiner Seele, die Liebe des Schönen und zierlichen, durch
welchen die schätzbaren Wattines so viel kleinen freundlichen Trost, Zerstreuung
und Vergnügen fanden. Gärtnerei, Poesie, Blumen, ja die Zeichenkunst, alles ist
mir werter, und auf gewisse Art heilig geworden, indem ich sie alle als gute
untergeordnete Wesen ansehe, welche nach der Weisung des Oberherrn unserer
Schicksale, die arme Wattines stützen, sanft erheitern, und an dem Zauberfaden
angenehmer Gefühle, von den traurigen Aussichten ihres einsamen labyrintischen
Pfads ablenken sollten.
    Ich arbeite viel in Wattines Garten, wenn ich bemerke, dass Emilie mit ihren
Kindern, oder mit sich selbst allein sein möchte, wie sie auch freimütig
bekennt, dass alleinsein ein Bedürfnis für sie geworden sei, und dass sie Mühe
hatte, sich ohngeachtet ihrer Freude, Europäer zu sehen, an die Erscheinung
vieler Leute zu gewöhnen. Nur für Carmil hatte ich Sorge auf der Insel, für
Carmil liebte ich das feste Land und die Verbindung mit Menschen. Er schien so
glücklich mit Käfern und andern Insecten, mit den kleinen Fischen am Ufer, denn
die ruhige Schönheit und das stille Verdienst der Blumen und Pflanzen konnten
für den muntern, immer in Bewegung lebenden Knaben nicht sein, was sein Vater
und seine Mutter darin fanden. Als ich bemerkte, wie sehr ihn der Gesang der
Vögel anzog, suchte ich meine Stimme wieder hervor, und Wattines machte eine Art
Flöte, auf welcher er nach einiger Uebung recht artige Liedchen und Tänze
spielen konnte. Ja der gute Wattines machte einen Versuch, die erste Leier
nachzuahmen, wie er sie in den Kupfern der Idyllen des edlen sanftmutvollen
Gessner sah, aber es mangelte nun an Verschiedenheit des Drats, doch spannte er
sieben Sayten auf, und brachte auch da für Carmil gefällige, und für mich durch
ihre Einfachheit äusserst rührende Töne hervor.
    Ich sagte Emilien da aus vollem durchdrungnen Herzen, o, was für ein
schätzbarer und grosser Beweis sind Sie und Ihr Gemahl, von dem Werte des wahren
Geistes und wahrer moralischer Stärke!
    Ach, erwiederte sie, unser Glück war, dass nur Abschen vor Bosheit und
Niederträchtigkeit uns von Menschen entfernt hatte, diese Gesinnung konnten wir
dem Himmel zeigen, dauernder Hass gegen unsere Verfolger, hätte uns keine ruhige
Ergebung in unser Schicksal, keine Hoffnung auf Gottes Beistand einflössen
können. Wahr ist es, Fleiss und Nachdenken stützten uns auch, wir sind jetzo um
so viel glücklicher in allem, ja in Wahrheit die glücklichsten aller Colonisten;
denn diese haben keine völlige Abgeschiedenheit von Menschen, keinen so
gänzlichen Mangel aller Hülfe empfunden, können also nicht sagen, wie viel ein
guter Nachbar wert ist. - Wattines scherzte manchmal über die Wünsche des
Alleinseins der Liebenden, welchen alle andre Gesellschaft zu viel und zuwider
ist. - Wir liebten uns, aber gewiss, ohne moralische Gefühle, ohne edle Kenntnis
und ohne Arbeit, würde unser Elend unaussprechlich gewesen sein. - O, schätzen
Sie meinen Wattines für alles was er tat und ist! so viel Feuer! so sehr an
grosse Welt gewöhnt, und auf der Insel Taglöhnerarbeit, bei armer Nahrung, dann
so viese Ueberwindung und Opfer zur Stütze und Erheiterung für mich, und doch
bei jedem Anlasse so schöne liebenswürdige Ideen, welche ihm bei seinen Griechen
selbst ein Verdienst gegeben haben würden. Eines Abends, da wir vom Belvedere
mit unserm Knaben nach der Hütte zurückgingen, und Wattines, um mir und Carmil
allen Raum zu lassen, sich näher an den Bäumen und Gesträuchen hindrängte, also
keinen Schatten machen konnte, ich aber die vor uns sich hinstreckenden schönen
Gestalten der Baumschatten mit vielem Vergnügen bemerkte, sagte er so unerwartet
schmeichelhaft:
    Ich bin glücklicher als du, meine Emilie! denn ich sehe die Schatten von
zwei Engeln neben mir hinwallen, indem er auf die Stelle deutete, wo mein Umriss,
und der von unserm Carmil hinschwebten. - Er übte sorgsam die Fähigkeit, schöne
Bilder und Gedanken zu schaffen, damit selbst seine mühvolle Feldarbeit in
meinen Augen immer in neuer Gestalt als Spiel der ergötzenden Gärtnerei
erscheinen möge, wie er im dritten Jahre des Aufentalts auf der Insel, unser
Sonnenblumenfeld längst dem Endtenfange hin, äusserst sorgfältig umarbeitete, in
Felder und Gänge abteilte, Linien zog, welche sich zwischen zwei kleinen Wegen
immer durchkreutzten, wo er dann kleine Grübchen machte, und mir sagte, unserm
Carmil das Körbchen von Maisblättern zu geben, welches ich von den Indianerinnen
hatte. Wattines nahm das Mass Saamenkörner mit zu dem Felde, füllte Carmils
Körbchen, und zeigte ihm, wie er in jede Grube ein Körnchen werfen solle. Der
liebe Knabe war erst zwei Jahre, fasste es aber sehr leicht, trat nicht aus dem
von seinem Vater angewiesenen Weg, und übersah kein Grübchen; gleich als ob der
Geist der geometrischen Ordnung mit ihm geboren wäre. In der Mitte des Ganges
pflanzte Wattines eine Laubhütte von Bohnen, für Carmil, welcher dann, als
unsere Blumen ganz aufgeschossen waren, zwischen den Reihen der hohen Stengel,
wie in einer Allee hin und her gehen, und über das von seinem guten Vater
gemachte Geländer hin, dem Schwimmen und Plätschern der Endten zusehen konnte.
Vandek und seine Frau haben es noch gesehen, das liebe mit Blumen besetzte Feld,
fanden es schön, staunten aber sichtbar darauf hin, als ob sie die Menge der
Sonnenblumen für überspannte Einsiedlerideen, oder übertriebene Phantasie der
Vaterliebe hielten; aber am Ende freuten sie sich des Gedankens von
Sonnenblumenöhl, welches ich ihnen zu kosten gab, und bei diesem Anlasse das
lang entbehrte Glück, andern zu nützen, wieder genoss; denn die vortrefflichen
Vandek setzten sich vor, diese Pflanzung bei der Colonie, als etwas sehr
vorteilhaftes einzuführen; doch wusste die liebe Frau die Tränen nicht zu
begreifen, welche bei dieser Äusserung ihres Mannes meine Augen netzten, aber
als sie mich die Hand meines Wattines fassen sah und sagen hörte: O mein bester
Freund! wir aus unserer armen Hütte, einer ganzen Colonie Dienste leisten, - da
umarmte sie mich, weinte auch die schöne Träne des Mitgefühls, und schätzte von
da an eine Eigenschaft meines Herzens, welche sie täglich ausübt; denn niemand
kann wohltätiger sein, als diese würdige Frau und ihr Mann es sind. - Das
schmeichelhafte Lob, welches sie unserm Oehle gegeben hatten, weckte oder
reizte vielmehr meine Eigenliebe, zu sagen: ich hoffte mich noch durch eine
andre Einsiedlerkunst mit Frau Vandek zu verbinden; wenn sie eine glückliche
Bienenjagd gemacht haben würden, wollten wir eine Honigweinfabrik anlegen, wovon
ich alle Vorteile wüsste und geübt hätte. Beide lächelten darüber, aber ich
füllte nun die Tassen in welchen sie mir wieder Tee und Milch zu kosten gegeben
hatten, mit einer Probe Honigwein, und erhielt neben der Freude, sie dieses
Getränke loben zu hören, einen schönen Beweis der Güte ihres Herzens, denn sie
segneten die Stunde, in welcher ich den Versuch dieser kleinen Brauerei machte,
weil uns in diesem angenehmen Weine eine Art von Erquickung zufloss.
    Nun kam ich wieder mit meinen Fragen über das letzte Prüfungsjahr hervor,
indem ich beinahe eilte, darüber wegzukommen, da mir der Gedanke ihres langen
einsamen Wohnens auf der Insel ganz peinlich wurde, so dass ich sehr vergnügt
war, als Frau Wattines sagte:
    Ich will Ihnen das immer auflebende und wieder hinschwindende Bild der
Hoffnung auf die Ankunft unserer Fischer nicht wieder vorzeichnen, denn sie
würden nur die tiefer eingegrabenen Züge eines innern Jammers sehen, welchen wir
uns beide zu verbergen suchten; noch viel weniger kann ich, sagte sie mit holder
schöner Verwirrung, von meinem zweiten Ueberschwimmen nach den indischen Hütten
erzählen, nur glaube ich sagen zu dürfen, dass mir hier die Pflicht, Mutter zu
sein, durch das Schicksal zehnfach erschwert wurde. - Ich kam wieder sehr
glücklich auf unsere Insel zurück, aber der tägliche Anblick unserer zwei
liebenswerten Kinder, wirkte unendlich auf Wattines und mich: tausendmal sagten
wir im letzten Herbste in unsern Herzen, was soll aus ihnen werden, wenn eines
von uns ihnen fehlt? Aber am Ende des langen traurigen Winters sagten wir uns
traulich und offen, dass, wenn wir im künftigen Jahre noch einen einsamen
Frühling durchleben sollten, wir den Sommer mit unsern Kindern auf einem kleinen
Floss zu den Oneidas gehen, und durch sie den Weg nach einer europäischen
Pflanzung suchen wollten, wo wir wohl jemand treffen würden, der mit Wattines
nach unserer Insel zurückreiste, um sich mit uns zum Anbau zu vereinen, oder
Mittel treffen würde, unsere kleine Habe wegzubringen, und uns zu einem Güte
bei Nachbarn zu helfen, auch den Rat und Nachricht von unserm liebreichen
Quäker schaffen würde. - Dieser fest gefasste Entschluss verschönerte die trüten
Tage, milderte die Strenge des Winters, und verscheuchte meinen Kummer, wenn ich
mir sagte:
    Es ist der letzte Winter in dieser Einöde. Meine Kinder werden unter
Europäern wohnen, werden Freundschaft, Güte und Kunstfleiss kennen lernen, werden
auch arbeiten müssen, aber nicht so mühsam wie ihre Eltern, weil sie durch
hundertfaches Handwerkszeug erleichtert, sich alles geschwinder und besser
werden verschaffen können, und in Mangel erzogen, nie mit glänzendem Glücke
bekannt, werden sie keine schmerzhaften Vergleiche mit dem Vergangnen zu machen
finden, also auch diesen Teil des Kummers ihrer Eltern nicht zu überwinden und
nicht zu tragen haben. Felder umgraben, ansäen, Blumen pflanzen, Fische fangen,
könnte sich Carmil schon von seinem guten Vater erinnern, wie er die Schwester
von der Mutter tragen, ihn dabei liebkosen und das Essen zubereiten sah. Eine
Holzhütte war ihm von Jugend auf bekannt, sie würde auch an einer andern Stelle
sein Auge nicht schmerzen, und mein Herz wusste von nun an, dass meine Kinder
bessere Nahrung, Kleidung und Hülfe haben würden, als ihr Vater und ich. Diese
Ueberzeugung machte mich nun die süssen Mutterfreuden ungestört geniessen; denn
wie oft wurde das so natürliche Vergnügen, an Blüte der Gestalt und der
Fähigkeiten unserer Kinder in den bittersten Schmerz verwandelt, wenn
Mutterliebe, Muttersorge mir dabei sagten: zu was blühen sie hier, diese Blumen?
was soll aus ihnen werden? war ihnen ihr Vater und ihre Mutter nicht mehr
schuldig, als das arme physische Leben? ist es nicht Pflicht, sie so weit zu
führen, wie Naturtrieb die jungen Tiere von den Alten führen lässt, bis sie
Stärke und Kenntnis haben, sich selbst zu besorgen? O was lag für ein eisernes
Gewicht in der Frage: bin ich, ist Wattines sicher, dass wir die lieben
Unschuldigen in dieser Einöde so weit führen werden? Wie traurig war es, die auf
den Bäumen um unsere Hütte ausgebrüteten Vögel glücklicher zu achten, als meine
so liebenswerten Kinder! - Wie oft sagten es unsre Blicke, wenn wir die Alten
bemüht sahen, den ersten Flug der nun ganz flück gewordenen Jungen zu leiten,
und sie dann ihrem Schicksale in der weiten Luft übergaben; wie oft bemerkte
ich, dass die Frage nach dem Glück unserer Kinder Wattines Herz durchdrang, wenn
ich ihm etwas von ihrer Liebenswürdigkeit erzählte, oder wenn er eines an meiner
Brust liegen sah, mich und sein Kind küsste, Tränen in den Augen hatte, seufzte
und sich entfernte. - O mein Herz trug viel unnennbares Weh, und Wattines viele
harte Arbeit, von welcher er, um meine Empfindlichkeit zu schonen, niemals
sprach, aber seit dem seligen Entschlusse, unsern Kindern auf das wenigste
europäische Nachbarn zu geben, waren wir beide ruhiger in unserm Innern. Wir
empfanden den unendlich hohen Wert des Zeugnisses unserer Herzen, eine Pflicht
erfüllt zu haben. Unsere Insel wurde dadurch verschönert, und unser Inneres
glücklicher. Wir konnten wohl zur Strafe unseres Eigensinns, noch länger einsam
leben, aber unsere teuren geliebten Kinder! warum diese?
    Mich dünkte in diesem Augenblick das Wörtchen wir, Inbegriff der
liebenswürdigsten Edelmütigkeit, und schönster Ausdruck der ganzen Sprache zu
sein, indem die vortreffliche Frau so getreu die Hälfte des übereilten
Entschlusses ihres Gatten auf sich nahm, und so gelassen die Strafe des
Eigensinnes anerkannte. Sie, welche als zärtlich erzogenes Frauenzimmer, als
Mutter, der Liebe mehr geopfert, zu Erfüllung der Pflichten der Natur mehr
getan hatte, als Wattines, und nicht der leiseste Ton der Klage, nicht die
kleinste Mine entfernte sie von dem gegemeinsamen Geständnis: »wir könnten wohl
zur Strafe unseres Eigensinns noch länger einsam leben, aber unsere Kinder!«
    Wie schön eignet sie hier ihrem Manne die Hälfte ihres Nachdenkens für ihre
Kinder zu! - Wie verehrungswürdig war sie mir! Sie bemerkte aus einen meiner auf
sie gehefteten Blicke, dass ich im Begriff war etwas darüber zu sagen, und wich
meiner Lobesergiessung durch den schnell einfallenden Gedanken aus:
    Mein Herz wollte aber diesen Entschluss mit einem Festtag feiern, und dieses
bei den Urnen, - aber nicht heimlich, weil es meinen Wattines wieder geschmerzt
hätte, sondern ich bat ihn um einige Blumen, welche Carmil in seinem Körbchen,
Antonette in ihrer Decke zu den Füssen der Denkmähler ihrer Grosseltern, als ein
Dankopfer bringen sollten, weil sie ihnen so gute Eltern gebildet hatten. Mein
gütevoller Wattines war es sehr zufrieden, und brachte uns den Morgen nachher
eine Menge lieblicher Blumen, verliess uns mit zärtlichen Küssen, eilte zu seiner
Arbeit, und ich auf meine Wallfart, wo ich mit äussersten, aber süssem Staunen
die zwei Aschenkrüge mit Blumengewinden geziert erblickte, welche um den obern
Teil der Urnen gehängt, die Inschriften zu beiden Seiten umfassten. Ich näherte
mich innigst gerührt, und sah noch Tränen meines Carls auf dem Aschenkrug
seiner Eltern glänzen. - Die meinigen vermischten sich damit, und da meine
Antonette unruhig wurde, ging ich zu der Urne unserer Mütter, liess die Blumen zu
ihren Füssen fallen, setzte mich, um mein Mädchen zu stillen, und sagte dann zu
Carmil, seine schönen Blümchen bei dem Denkmahle der Väter auszustreuen, und
liess ihn die Namen küssen. Was ich da bei den Erinnerungen an die besten Eltern
fühlte, kann ich nicht aussprechen, aber es war unendlicher Dank damit
verbunden, weil die Idee in meiner Seele lag, dass die Fürbitte unserer Eltern,
Wattines bewegt habe, sich zu der Abreise von der Insel zu entschliessen. Ich
rufte Gott und sie für meine Kinder an, Antonette schlief auf meinem Schoss.
Wattines kam, setzte sich mit dem zärtlichsten Gefühle zu mir, und wünschte, dass
einst unsere Kinder für uns gesinnt sein möchten, wie wir für unsere Eltern.
    Meine Freunde kennen mich, und sagen sich gewiss bei dem Lesen dieser Scene,
dass ich bei der Erzählung sicher eben so gerührt war, als Wattines selbst.
Dieses ist auch so; doch beschäfftigte ich mich sogleich mit der Vorstellung,
dass dieser Auftritt unter den Händen eines gefühlvollen Künstlers, ein äusserst
schönes Bild werden könnte. - Frau Wattines sah mich von tausend Gefühlen
durchdrungen, und schien zu bereuen, meine Empfindungen so sehr bewegt zu haben.
Sie schwieg einige Zeit, lächelte dann etwas vor sich hin, nachdem auch gegen
mich und sagte:
    Es ist in Wahrheit eine sonderbare Sache um die Verbindung und das Wecken
der Ideen, denn da ich so eben von dem dicht mit Bäumen besetzten Platze sprach,
welcher den heiligen geliebten Denkmählern gewidmet war, kam mir bei Erinnerung
unsers Rückweges längst den zur Seite frei stehenden Stämmen, eine Phantasie von
Wattines in das Gedächtnis zurück, welche ich Ihnen als einen neuen Beweis
vorlegen will, dass Einsamkeit die Einbildungskraft lebhafter Menschen auf
mancherlei Art beschäftigt. - Die Vermutung, dass die feindenkende Frau meine
Ideen von dem mit so rührenden Farben gemalten Bilde der Wallfart zu den Urnen
abziehen wolle, gab mir um so viel mehr Aufmerksamkeit, auf die Art, wie sie es
anfangen würde, und ich bat sie angelegen, wenn das Erzählen sie nicht ermüde,
so wünschte ich den Anlass zu ihrem Lächeln zu hören: ich wüsste wohl, setzte ich
hinzu, dass unsere Seele sehr schnell die entferntesten Gegenstände mit einander
verbände, und diese Uebergänge in einer Seele wie die Ihrige, würden mir immer
äusserst wichtig sein. Ihr Erröten und die kleine Verlegenheit, in welche sie
kam, zeigten mir aufs neue, dass ich richtig urteilte, als ich die Besorgnis in
ihr dachte, ich möchte am Ende zu viel Anteil an ihr nehmen! welches sie
vermeiden und also einen zu gefühlvollen Eindruck verwischen wollte. Sie sagte
mit Ruhe und gefasstem Tone: Sie legen zu viel Wert auf eine vorübergehende
Idee, von dem leicht hin- und herschwankenden Geiste einer Frau; aber Sie sollen
es wissen: als Wattines unsere Obstbäume pflanzte, fällte er mehrere von den
Wildstämmen, welche den ersten die Mittagssonne benahmen, die welche in einiger
Entfernung stehen blieben, konnten sich aber um so mehr ausbreiten. Eines Tages,
da Wattines seine Obstbäume besorgte, und ich unser kleines Vesperbrod, den
schottischen, in Honigwein gelegten Brodkuchen brachte, und auf die Rasenbank
neben ihm mich setzte, jeden Bissen seines hart erworbenen Abendbrods segnete,
so wie ich Anteil an der Freude nahm, welche er über den Wachstum der guten
Fruchtbäume äusserte, ich aber bei Betrachtung der prächtigen Wald-Stämme
wünschte, dass die Obsttragenden auch so stark und dauerhaft werden möchten,
Wattines mich aber ganz darüber belehrte. -
    Endlich aber sagte mein teurer Carl: er habe in einer Ruhestunde diese
Bäume als Sinnbild des menschlichen Geistes betrachtet, wie unser geliebter
Bernardin de St. Pierre das Bild des menschlichen Schicksals darin erblickte,
und sagte:
    »Alle Aeste und Zweige unsers Lebens sind sterblich wie der Stamm selbst es
ist. Unser Glück, unser Ruhm, unsere Freundschaften, unsere Liebe, alle
Gegenstände unserer liebsten Neigungen vergehen und verfallen sehr oft vor uns.
- Wie oft scheinen glückliche Umstände einer Familie zu glänzen, wie der weit
verbreitete, den Wald verschönernde Gipfel einer mächtigen Eiche, welche
unerwartet vom Donner zerschmettert fällt.« Diese Erinnerung war mir nicht lieb,
und ich sagte zu Wattines: Bester Mann! deine Betrachtung wird doch nicht so
düster sein wie diese?
    Nein, aber vielleicht nicht so nahe bei der Wahrheit. Meine Träumerei
entstand aus der Erinnerung, dass unsere grossen Gelehrten in der Encyclopädie
sagten: alle unsere Ideen und Kenntnisse erhält unser Geist durch die Sinne:
also durch sinnliche irdische Hülfsmittel, des Fühlens und Sehens, wie Bäume,
welche nach dem Gesetze der Natur aus der Erde stammen, von ihr festgehalten und
ernährt werden, die Kraft des Erhebens und Ausbreitens durch sie bekommen, durch
die Wurzeln unaufhörlich Säfte und Kräfte sammeln, und diese in dem freien
Luftraum in Aesten, Zweigen, Blättern und Früchten, in tausendfacher Richtung
und Biegungen zeigen, weil sie in der Luft sich frei und willkührlich ausbreiten
können, ihre Bewegung aber nur durch zufällige, schwache oder starke
Erschütterung erhalten. - Ist es, dachte ich, nach dem Grundsatze der Gelehrten
und dem Stammbaume der Wissenschaften nicht eben so? Da sie durch die Sinne,
also durch die mit unserer Erde verbundenen Wesen entstehen, und durch sie
unterhalten werden? - Erheben und verbreiten sich die Ideen der Menschen nicht
in dem unermesslichen Spielraume der moralischen Welt des Denkens, bald in
mächtigen fruchtbaren Aesten grosser und nützlicher Wissenschaften, bald in
tausend grössern und kleinern Zweigen der Dichtkunst, wohl auch in Tändelei und
Phantasien? Sind die Werke des Geistes nicht auch zufälligen Meinungen, oder
Erschütterung fremder Gewalt unterworfen?
    Ich lächelte nun auch, und stimmte mit Frau Wattines ein, dass die Einsiedler
sehr oft Erscheinungen und Träume für wahr halten, und überhaupt ihre Denkkraft
einen besondern Gang nehme; - doch ist Wattines Vergleich, da er sich auf seine
geliebte Encyclopädie gründet, nicht so schief, besonders da er ihn nur seiner
Frau in einer Erholungsstunde vorlegte, und gewiss niemals bei einer Akademie
damit auftreten wird. Wie sehr wünsche ich über diese und alle andre in meinen
Blättern entaltene Gedanken und Bilder, etwas von den Bemerkungen und Noten
meines teuren Freundes zu hören. Aber es wird noch viele Zeit hinfliessen, ehe
ich dieses angenehme Glück meines Geistes geniessen kann. Leben Sie indessen
Beste beide wohl, und wünschen Sie, dass auch ich leben möge. Mit einem innigen
Gefühle von Freude sage ich, die Tage an dem See Oneida haben auch nur 24
Stunden, wie in unserm Vaterlande, und gehen bei nützlicher Arbeit eben so
geschwind zu Ende, doch machen mich die Nachrichten aus Europa wünschen, dass der
so schnelle Lauf der Zeit, doch bald, sehr bald, alle gute Leidende, mit den
schönen Vers unseres edlen Haller einstimmend sagen lasse:
ja, ja die Zeit trägt auf geschwinden Flügeln,
das Unglück weg, und unser Wohl heran,
und mein Herz wiederholte leise:
geliebte Luft! auf väterlichen Hügeln
wer weiss, ob ich dich nicht bald schöpfen kann;
denn ich fühle, der Schwabe liebt sein Vaterland, wie der Schweizer.
    Meine nächsten Fragen betrafen den dritten Winter, welchen die guten
Wattines auf der Insel verlebten. Sanft sagte die edle Frau:
    Es war alles einförmig, wie die zwei ersten Jahre, und Gewohnheit hatte mit
ihrer wohltätigen, sanft wirkenden Macht, schon vieles versüsst und erleichtert.
Gewiss erheiterte auch der Gedanke, im künftigen Sommer wegzuziehen oder Leute zu
uns zu nehmen, unsere trüben Stunden, wie eine Trennung dichter Regenwolken,
durch den Anblick des blauen Aeters, an die wiederkommende Sonne denken und ihr
entgegen lächeln macht. Sie wissen, dass Lesen und Arbeit unsere einzige Stütze
war. Die zwei ersten Winter wollten wir nur die Naturgeschichte ganz kennen, -
als mein Carmil da war, wiederholten wir die von dem Menschen und seiner Seele,
indem wir dadurch in den Stand gesetzt wurden, unsern Sohn um so besser zu
erziehen, und ihn um so glücklicher zu machen. Nun da das Bild von
Wiedervereinigung mit Menschen vor unsern künftigen Tagen schimmerte, so bat
mich Wattines, die Wiederholung der historischen Geopraphie mit ihm zu teilen.
Sie können leicht denken, dass ich gerne einwilligte, aber ich glaube auch, dass
es Ihnen nicht möglich ist, sich die Summe der glücklichen Gefühle zu denken,
welche mein Herz und mein Geist in unserer Holzhütte genoss, wenn mein edler
tenrer Carl mir kurze Auszüge mitteilte, welche als Abbild des Ganzen in
seiner Seele waren, indem er mich auf den Character aller grossen und kleinen
Nationen alter und neuer Zeiten aufmerksam machte, mir das Entstehen, die Dauer
und den Zerfall der Verbindungen, Regierungsarten, Fürstentümer, Monarchien und
Republiken bekannt machte, und mit eben so viel Empfindung als Kenntnis in dem
mir so lieben Gang seiner Ideen, mir in einer Betrachtung sagte: alle Millionen
Menschen, welche in den verflossenen Jahrtausenden auf unserer Erde lebten,
erhielten von der Natur die nehmlichen Gefühle für körperliches Wohl und Weh,
wie wir, wurden von der nehmlichen Erde getragen, von ihren Früchten genährt,
von der nehmlichen Sonne beleuchtet; alle Keime der Leidenschaften unserer
Seele, alle Fähigkeiten des Geistes wurden mit mütterlicher Hand unter sie wie
unter uns ausgestreut; - alle Menschengeschlechter hatten einen gleichen Anteil
an Tugenden und Fehler. - Weissheit und Torheit flossen durch alle Jahrhunderte
der Geschichte der Menschheit, wie Wasser durch alle Gegenden der Erde; alle vor
uns lebenden genossen den Wechsel der Jahrszeiten, Blumen im Lenz, Korn-Erndten
im Sommer, Früchte im Herbste und tiefe Ruhe im Winter. Ein Philosoph
behauptete, dass Tugend, Wissenschaft, Glück und schöne Kunst die Menschheit
durchwandeln, wie die Jahrszeiten unsere Erde, - und Wattines erzählte mir nun
auch die Geschichte des Geistes der Kenntnisse und moralischer Begriffe. Mir war
der Wechsel der Jahrszeiten in dem Gebiete der Seele äusserst unangenehm, denn
die Idee des Winters der Menschheit, der jeden Anbau des Verstandes deckt, jede
Quelle der Wissenschaften stocken macht, schmerzte mich noch mehr als die
begränzten Einsichten unserer Oneidas. Wattines sagte, ich will also dieses
Gleichniss nicht weiter führen, besonders da die Naturgeschichte der Erde
beweisst, dass das irrdische Paradies nur einmal unter dem Monde erschien, und mit
der Unschuld verschwand. - Unter allen Himmelsgegenden fand einer der grössten
Seefahrer nur durch ein Ungefähr auf der kleinen Insel Tinian, den Ueberrest
eines Landes, wo immerwährender Frühling herrscht, viel merkwürdiger ist, dass
sie unbewohnt war, diese liebliche Insel, auf welcher der englische Admiral
Ansen, und alle Leute seiner Flotte, ihre verlorne Gesundheit und ihre
Heiterkeit wieder fanden. Ich fragte ob Tinian jetzo in der Gewalt von
Grossbrittannien sei? nein sagte er, sie ist auch noch nicht bevölkert, die
schöne wohltätige Insel, und dieses wie man sagt, aus gemeinsamen Neide der
Seemächte, weil Tinian zu klein ist, um von ihnen allen Colonisten aufzunehmen,
so kamen sie zum Besten der Menschheit überein, die Natur ungestört in dem
schönen Besitze zu lassen, damit immer notleidende Schiffer sicher sein
könnten, auf Tinian Erquickung und Ruhe zu finden.
    Dieses machte mir Freude, sagte Emilie, dadurch behält die liebe Insel ganz
den schönen Character des Frühlings, der allen Menschen Wohltat und Freude ist.
Der Nahme Tinian, dünkte mich für eine blühende Gegend geschaffen, und ich
wünschte die Nation zu kennen, in deren Sprache die sanfte Benennung entstand. -
Lange war meine Seele nicht so angenehm bewegt, als bei der Idee von dieser
Insel, indem mein Herz sagte: Tinian ist also für das physische alles was man
wünschen kann, wie reine Tugend und Weissheit alles für das wahre Glück der Seele
sind. - Wattines fand mein Gleichniss wahr, und setzte hinzu: man sucht aber den
stillen sichern Hafen nur, wenn die Schiffe durch Stürme beschädigt sind, und
die ruhige Weissheit, wenn uns die Leidenschaften unglücklich gemacht haben. Wir
waren nun beide einige Momente stille, bis Wattines mit etwas bewegter Stimme
sagte:
    Wie soll ich nun meiner Emilie alles erzählen, was man durch Anson von der
lieben Insel weiss, welche dich so sehr anzieht? Wie könnte ich gleichgültig
bleiben, mein Bester! bei ewigem Frühling, bei Zuflucht gegen Stürme und
Krankheit. - o, sage mir ja alles, was du von Tinian weisst. - Nun hörte ich, dass
dieser reitzende Garten der Erde einst von Menschen voll schöner Gefühle bewohnt
war; denn Admiral Anson traf in einem Dickigt von Bäumen und Sträuchen noch
einige schwanke Pfeiler, welche oben mit Blumenkörben von vortrefflicher
Bildhauerarbeit besetzt waren. - Anson wurde dadurch begierig noch mehr
Entdeckungen zu machen, aber es fand sich nirgends eine andre Spur von Gebäuden,
nirgends Einwohner, die etwas erklären, oder nach alten Sagen ihrer Vorzeit
erzählen konnten. - Tinian beschäftigte nun meine ganze Seele, diese Insel
dünkte mich der höchste Teil eines grossen, in das Meer versunkenen Eylandes zu
sein. Die schönen Pfeiler mit den Blumenkörben umfassten vielleicht den Vorhof
eines ofnen, dem guten Gott der Welt geweihten Tempels, welcher von allen
Seiten, jeder an der Seite des Berges und in der Pläne wohnenden Familie,
sichtbar gewesen sein musste, gegen welchen die guten Menschen bei Auf- und
Niedergang der Sonne, ihre Augen mit einem Dankgebet erhoben; und gewiss lehrte
jede Mutter ihr Kind auf dem Arme, seine Blicke nach dem schönen Berge zu
richten, und seine Händchen dabei zu falten. Wie oft mag eine in blühender Wiese
knieende Mutter ihre betenden Hände, über denen des vor ihr stehenden Kindes
geschlossen haben, von dem Urheber der Sonne, der Erde und des Meers, Glück und
Leben für das geliebte Kind zu erflehen: gewiss flüchteten bei dem ersten Weichen
des Bodens unter ihren Füssen, viele nach dem geliebten Berge, sahen den
Untergang der andern, und zitterten für sich. Gewiss viele wurden gerettet. Wo
sind ihre Nachkommen? - Wattines antwortete mit traurigem Ernst:
    Vielleicht hat Begehrlichkeit und Neid der benachbarten Insulaner, mit dem
kleinen geretteten Ueberreste des Volks von Tinian um den Besitz des schönen
Berges gestritten, und sie völlig ausgerottet. - Und dieser Neid, sagte ich,
hinderte gewiss auch, dass man nichts von der Tugend und den Verdiensten dieser
einst so glücklichen Tinianer hörte. Nur der Geist des schönen Geschmacks, und
der Genius der Kunst, haben vereint die letzten Fusstapfen der guten würdigen
Bewohner von Tinian bewahrt, und den Staub dieser, von der ganzen Welt
vergessenen, edlen Menschen, nährt noch Pflanzen, welche Kranke heilen und
erquicken, Tinians ewigen Frühling verschönern, und den Wuchs der schattenden
Bäume vergrössern; auch ruht stets noch ein Teil des Segens der genesenen
erheiterten Seeleute auf ihrer Asche, der reine, nie getrübte Himmel fliesst über
sie, ihre Seelen sind bei ihrem Schöpfer und - hier fiel Wattines mit der
liebreichen Anmerkung ein, ihr Andenken wird von dem edelsten Herzen, mir so
vieler Teilnahme gefeiert, wobei er zärtlich nach mir blickte. - Unbedachtsam
erwiederte ich diesen Blick mit dem Wunsche, ach, wenn unser Carmil auf Tinian
erzogen würde! - plötzlich erschien nicht nur in Gesichtszügen und Augen,
sondern in der ganzen Gestalt meines Carls ein Ausdruck von Ernst und Schmerz,
der mich staunen machte. Erst waren seine Augen zur Erde geheftet, dann erhob er
sie mit der Träne des innern Unmuts benetzt gegen mich, reichte mit der Hand
über sein Buch nach mir, und sagte:
    Bekenne teure Emilie! dass dieser Wunsch für Carmil nur ein kleiner Umweg
für die erregten Wünsche deines eignen Herzens war. Tinian ist dir mehr als
unsere Insel geworden. - Vergiss aber doch nicht, dass die Bewohner Tinians aus
dem Schoss des ewigen Frühlings verschwanden, und dass wir auf Oneida mit Carmil
ruhig leben. -
    Ich starrte ihn an, und da er bei der zuletzt ausgesprochenen Sylbe meine
Hand nur einen Moment drückte, und die seine sogleich zurückzog, warf ich meine
Arbeit weg, umarmte ihn und sagte an seinem Halse weinend:
    O Gott sei Dank für den Entschluss des Wegziehens, denn die Einsamkeit dieser
Insel wirkt trauriger auf meinen edlen Carl als auf mich, sein ofner, gütevoller
Character wird misstrauisch, selbst auf seine Emilie, wird ungerecht gegen sich
selbst. Sage Lieber! wie sollte ich mit einer Idee meines Kopfs, oder mit einem
Gefühle meines Herzens einen Umweg nehmen? Verdient dein Character und deine
Liebe nicht alles Vertrauen meiner Seele, und würde mir nicht das Blid deines
scharfsinnigen Geistes immer zeigen, dass alle meine Feinheit ganz platt vor
deinem Auge liege? - Dass ich unserm blühenden Carmil einen immerwährenden
Frühling wünschte, sagt nicht, dass ich Elysium vergass, welches deine Liebe hier
für mich schuf.
    Wattines wurde überzeugt, dass ich gerecht für ihn dachte, und diese
Betrachtung besänftigte ihn ganz: sie war ihm leid die Strenge, mit welcher er
eine kleine Phantasie meines mütterlichen Herzens beurteilt hatte. - Mir war
dieser kleine Auftritt sehr viel zur Beleuchtung eines neuen Teils in Wattines
Character und Lage.
    Ich dankte mit Emilien dem Himmel, dass er sie aus dem peinlichen einsamen
Leben zog, denn als der Entusiasmus der Reue und der Trauer, die holde Emilie
hieher gebracht zu haben, nur einen Augenblick einem Zweifel gegen ihre
Gesinnungen Raum gab, so wankte eine Stütze des in Wahrheit kunstvollen Gebäudes
ihrer Glückseligkeit, und mir wurde auf der andern Seite wegen Emiliens
Bemerkung, über den Einfluss von Oneidas Einsamkeit bange; aber sie wusste ihren
Ideen und Ausdrücken so schnell eine liebliche Wendung zu geben, dass sein
Verstand und sein Herz eben so umfasst wurden, als er selbst von ihren Armen
umschlungen ward. Ich erkannte den hohen Wert der Feinheit des Gefühls einer
mit einem Hitzkopfe verbundenen Frau, denn wie viel vermag da sanftes Schweigen
und Klugheit, den schicklichen Moment zu einer liebreichen Unterredung zu
finden. Ich wünsche diesen Geist jedem Frauenzimmer, wie ihn Frau Wattines hat;
aber ich konnte ihr diese Betrachtungen nicht mitteilen, und auch nicht länger
auf diesem Gegenstande verweilen, sondern ich zeigte ihr auf einmal einen grossen
Unmut über Englands Barden, dass noch keiner die Geschichte von Tinian zu dem
Gegenstande eines Gedichts wählte, wo der Poet einen so reichen und edlen Stoff
vor sich hat; den Character des Seehelden Anson, dann Sturm, Melancholie der
Seeleute, und endlich die Entdeckung des herrlichen Tinians. Engländer haben so
viele Empfindung für Natur und grosse, schöne Charactere, müssen wir nicht sagen,
dass Madame Wattines ganz nahe bei dem Entwurfe eines entzückenden Gedichts war?
Bild des fruchtbaren, mit Einwohnern und Wohltaten der Erde versunkenen Landes,
nur die Anhöhe mit dem Tempel gerettet. - Die Mutter welche ihr Kind beten
lehrt. - Zwei Schutzgeister welche in Ueberresten schöner Kunst, das Andenken
der ersten Besitzer dieser Insel aufbewahren. -
    Emilie verliess mich auf einige Zeit, und ich dachte an unsers schätzbaren
Professors Jacobi in Freiburg nicht genug bekanntes, nur zu kleines Werk: Nessir
und Zulima, worin man wirklich in ein moralisches Tinian versetzt wird;
einfache, wahre, schöne, gut und glücklich machende Begriffe von allem, was der
Menschheit am meisten angelegen sein kann erhält. - Frau Wattines kam mit einer
heitern, doch sehr aufmerksamen Miene zurück, nahm ihre Arbeit wieder und sagte:
    Warum haben Sie meine Geschichte von Tinian mit einem Ausfalle auf die
englischen Poeten abgebrochen? - Ich sagte ihr von dem Ernst meiner
Unzufriedenheit, dass ich Tinian noch nie besungen fand, - lächelnd antwortete
sie: ich glaube an diesen Unwillen, aber gewiss ists doch auch, dass Sie nichts
weiter fragen wollten, weil die Idee des kleinen Zwistes zwischen Wattines und
mir vor Ihnen stand. -
    Ich war wegen ihrem scharfen Auge etwas betreten, sagte aber freimütig: wer
sollte da weiter fragen? Lebhaft und mit freundlichem Tone erwiederte sie: ein
Freund sollte es, der Wattines und mich als gute Menschen kennt, die wohl
manchmal auf dem Wege ihres Lebens ein paar Schritte von einander abweichen,
aber sich immer wieder einholen, und zurufen, um Hand in Hand weiter zu wandeln,
Blumen zu pflücken, oder sich bei beschwerlichen Stellen zu wechselseitiger
Stütze zu dienen.
    Ich konnte mich nicht entalten zu sagen: verehrungswürdige Frau!
    Warum dieser grosse Ausruf bei einer so erstaunend einfachen Gelegenheit?
Geht in Ihrem Teutschland das eheliche Leben so ganz ohne Missverständnisse hin?
hat man nie Anlass dem Manne zu sagen: Vereine mit der Obergewalt edle Güte! und
der Frau zuzustüstern, sei sanft und klug? muss man letzteres nicht bei Freunden
und Bekannten beobachten, so lange wir und sie keine Engel treffen? Aber ich
will meine durch Wattines unterrichtende Gespräche verkürzten und verschönerten
Winter wieder vorsuchen, da wir gerade auf einen Beweis kommen, dass die
Eigenschaften der Engel sich selten mit irdischen Wesen vermengen. Mein Carl
liess mich bei dem so äusserst angenehmen Vorlesen der historischen Geographie, in
dem Character aller Zeiten, das ungleiche Mass der Talente und Glücksgüter, der
Tugenden und der Künste bemerken. Meine Emilie, sagte er, bedauerte in der
Borkenhütte der freien Indier, die so sehr engen Gränzen ihrer Kenntnisse, hier,
indem er die Charte von Europa ausbreitete, in diesem, auf seine allgemeine
Cultur so stolzen Weltteile, leben unter dem Scepter moralischer und
politischer Gesetze, Halbwilde, an welchen man nichts zu achten scheint, als
ihre körperlichen Kräfte zum Kriegsdienst und Landbau. - Er zeigte mir Provinzen
aller Mächte von Europa, über welche weder Philosophen noch Politiker und
Teologen sprechen dürfen, deren Europa so viele hat, sie, für welche unsere
Könige so viele Ehrenstellen, so viele Belohnungen bereitet hatten: und, zeigten
sich nicht in Frankreich, in Paris, tausend und tausend Verwilderte, Rohe,
Grausame, Unwissende, wie in irgend einem Stamme der wildesten Nordamerikaner?
Sie wissen, setzte Emilie hinzu, dass Wattines die Erinnerung des an dem jungen
Grafen Büffon begangenen Mordes nicht ertragen konnte, und dass er voll edlen
Schmerzes und Unmuts uns verliess, um sich unter Gottes freiem Himmel wieder zu
sammeln; eben so eilend verliess er bei diesem Punkte seiner Betrachtungen, mich
und unsere Hütte. Ich sah aus unserer kleinen Fensterscheibe, wie er den Weg
durchlief, welchen er sich zum Wasserholen von der Hütte zu dem See, in dem so
viele Schuhe hohen Schnee gebahnt hatte. Die Luft war kalt aber heiter, die
Bäume mit gefrornem Duft übersilbert, und die Sonne beleuchtete meinen Carl und
seinen Weg. Ich betete für ihn, und er kam ziemlich gefasst zurück, lass in der
Encyclopädie den Artikel Gesetz, nahm dann die Lebensbeschreibung unsers grossen
Montesquieu, - aber dies erinnerte ihn an das Werk von dem Geist der Gesetze,
und dass 34 Jahre nach dem Tode dieses Mannes alle Gesetze mit Füssen getreten
wurden. Die Seele meines teuren Wattines war düsterer, als der einbrechende
Abend, doch konnte er die Idee von Montesquieu nicht verlassen, und las in einem
Bändchen seiner Briefe, welche ihn endlich zerstreuten. Nun bat ich um das
Vorlesen einiger Blätter im Bernardin de St. Pierre, welchen Wattines besonders
liebt, und dessen Art die Natur zu betrachten, unserer Lage und unsern Gefühlen
nah und sympatetisch war, also immer am meisten auf uns wirkte, so wie die
Natur stets sanfte Wehmut, die Menschengeschichte aber, meist bittre Gefühle in
Wattines Seele goss. - So wechselte der Gang unserer Tage und Empfindungen mit
nötiger Arbeit, mit Besorgung des so schön aufwachsenden Carmils, zwischen
ungerufnen Erinnerungen, und mit Nachdenken aufgesuchter Beschäftigung unsers
Geistes.
    Sie können nicht glauben, meine Freunde! wie diese Unterredung meine ganze
Seele mit Teilnahme und Hochachtung erfüllte. Ach, wie oft zitterte ich, bald
für das Glück der Zufriedenheit, bald für das Leben dieser ausserordentlichen
Menschen, in ihrer eben so ausserordentlichen Lage. Wie gütig wurden sie durch
die Vorsehung vor sich selbst gerettet; denn sollte der so viel Schönes
erschaffende Entusiasmus der Liebe und des Heldenmuts in Wattines zu
Misstrauen, in seiner Frau zu Aengstlichkeit geworden sein, - gütiger Himmel! was
für eine Verwandlung, was für Jammer auf ihr Leben! - Ich war froh in diesen
Ideen gestört zu werden, denn ich geriet da in einen traurigen Ton.
    Nun hatte sich Wattines erinnert, dass er mich auf die Insel führen, und dort
etwas von seinem Lieblinge St. Pierre mit mir lesen wolle, ich freute mich sehr,
mit ihm allein überzufahren, denn da ich auch rudern und steuern gelernt hatte,
so konnte ich ihm vorschlagen, dass wir auf unserer Seefart abwechseln wollten.
Ich speiste mit ihnen zu Mittag, welches schon nach englischer Gewohnheit etwas
spät ist, und setzten sodann über den See. Wattines schien entzückt, seine
geliebte Insel wieder zu sehen, und mich dünkte, dass in seinen Blicken auf das
Ufer, auf seine ehemalige Wohnhütte, seine Felder und Obstbäume ein Ausdruck von
Liebe und Freude des Wiederdaseins herrschte, welche mich innig rührte. Ich
sagte zu ihm: ich verehre Ihre Anhänglichkeit an diesen Boden. Er antwortete mit
sanfter Stimme und ernster Miene:
    Wie undankbar wäre mein Herz, wenn ich ihn nicht liebte und segnete, den
Boden, der mich aufnahm und beinahe vier Jahre mit Frau und Kinder nährte. - Nun
gingen wir stille miteinander gegen die Seite des Belveders, durch einen etwas
engen, an dem Ufer hinlaufenden ungleichen Weg. Ich vermutete, dass er mich zu
den Gräbern führen wollte, von welchen Emilie mir gesagt, und wovon ich seit dem
ersten Besuche auf der Insel ein Bild in dem Gedächtnisse behalten hatte;
nämlich zwei schmale Blumenbeete und zwei Moosbänke zu ihrer Seite. Urteilen
Sie aber, wie ich staunte, auf einer zwischen zwei Bäumen sich vordrängenden
stumpfen Pyramide eine runde, halb von den Zweigen der Pappeln bedeckte kupferne
Tafel zu erblicken, welche wie die zwei Blumengräber und das Gebüsche umher, zur
Hälfte beleuchtet war. Ich trat wirklich bei der unerwarteten Erscheinung in dem
Halbdunkel etwas zurück, besonders da ich bei einem Blicke nach dem See mich der
Veranlassung zu diesen Gräbern erinnerte. Wattines stand neben mir und sah vor
sich hin, ich drückte seine Hand und sagte:
    Hier wollten Sie ruhen? Er antwortete: O, mein Freund! was würde aus mir
geworden sein, wenn ich Emilien hier begraben hätte. Er setzte sich dabei, wie
unter der Last dieser Vorstellung ermattet, auf die eine Bank nieder, ich wandte
mich von ihm ab, und ging zwischen den zwei in Blumenbeete verwandelte
Ruhestätten gegen die Pyramide, welche in der Mitte stand, und fand wahrlich in
englischer und französischer Sprache folgende Inschrift:
Zwei junge treue Gatten, von der Classe des unglücklichen französischen Adels,
flüchteten sich, nachdem der Convent von Paris ihre Verwandte ermordet hatte,
1791 im May auf diese unbewohnte Insel, bauten Felder an, bereiteten diese
Gräber, und hofften auf Gottes Güte.
                                                    Emilie und Carl von Wattines
Sie wissen meine Freunde, dass ich gerne bei Denkmählern welle, und vermuten,
dass mich dieses besonders anziehen musste. Ich blieb auch von tausend Gefühlen
durchdrungen lange dabei stehen. Jugend, Schicksal, Verdienste und Sorgen dieser
guten Menschen umschwebten mich: Wehmut, Wünsche, teilnehmende Freundschaft
und Bewunderung wechselten in meiner Seele. - O wie ganz anders war der Gedanke
des Todes hier, neben den ofnen Gräbern dieser zwei Edlen in der gänzlichen
Einsamkeit, als Todesideen, welche in grossen Kirchen und eigen erbauten
Capellen, bei Marmor und Wundern der Bildhauerkunst mich an mein eignes Sterben
und Staubwerden erinnerten. Die Stille umher, die Blumen und Pflanzen in den
Grabbeeten, ein Blick auf den schönen, jungen, abgehärmten Wattines, der auf der
Bank sass, welche er aus der Erde formte, die aus Emiliens letztem Ruhebette
ausgehoben war, auf welches seine Augen geheftet waren. Ach, alles dieses wirkte
sehr auf mich. Ich kam mit der Träne der Rührung im Auge zu dem lieben Manne
zurück, setzte mich neben ihn und umarmte ihn schweigend. Nach einigen Minuten
sagte er, mich bei der Hand fassend:
    Nicht wahr! sie finden natürlich, dass ich wünschte unsere kleine Geschichte
zurück zu lassen? Es ist so traurig, ganz, ganz vergessen zu sein. -
    Ich erwiederte: Sie haben recht, aber ich danke Gott, dass er durch
Colonisten zu Hülfe kam, und ich hoffe er tut noch mehr.
    Seufzend sagte er: ich wünsche es, beten Sie meiner guten Kinder wegen, um
mein und Emiliens Leben. - Imsigst, gewiss innigst, teurer Wattines.
    Nach einer Pause von etlichen Minuten fragte ich: wo haben Sie denn die
Platte zu dem Denkmahl bekommen? nun lächelte er und sagte: ich brachte sie mit
aus Philadelphia.
    Ich sah mit einer Miene voll Zweifel nach ihm. Er wiederholte aber:
    Ja, mein Freund! ich brachte sie mit, aber in einer andern Gestalt, welche
Sie den Abend sehen werden. - Es dauerte lange bis die arme Inschrift fertig
war, und ich das Mittel gefunden hatte, sie mit einiger Sicherheit zu
befestigen, indem ich sagte: nachkommende Besitzer dieser Insel, finden hier
keine Ruinen von Gebäuden und prächtigen Denkmählern alter, kunstvoller
Bewohner, wie auf den Inseln Griechenlands; aber mit dem guten Träumer Bernardin
de St. Pierre hoffte ich, edle Seelen der künftigen Colonisten, würden bei
diesem einsachen Denkmahle der Liebe und des unverschuldeten Unglücks, das
melancholische Vergnügen des Anblicks eines Grabes geniessen. Ich nahm es weg,
als wir auf das feste Land zogen, und brachte es heute sehr früh herüber, damit
Sie meine Phantasie sehen sollten; - aber wir sind, fürchte ich, etwas zu
ernstaft geworden, und, (indem er ein Buch aus der Tasche zog) diese
versprochenen Blätter werden uns nicht ermuntern.
    Ich erwiederte, warum? dieser Ernst hat wirklich seinen Anmut. Sie müssen
gesehen haben, dass Todte und Gräber mir wert sind; lesen Sie mir immer die
Blätter, deren Inhalt Ihnen so wert ist. - Ich achtete es für meine Pflicht,
dem guten Wattines diese Bitte zu machen, denn er hatte mit so vieler
Achtsamkeit auf meine teutschen Grabgeschichten gehorcht, warum sollte ich nicht
zeigen, dass die Ideen von seinem geschätzten Landsmanne, mir auch angenehm sein
würden. Er las mir also eine Betrachtung über das Vergnügen bei Gräbern vor.
    »Es gibt kein Denkmahl, welches mehr Eindruck macht, als Gräber, und es ist
merkwürdig, dass der grösste Teil civilisirter Völker die Gräber ihrer Voreltern
zum Mittelpunkt ihrer Frömmigkeit, und zu einem Teile ihrer Religion machten.
Die Gräber der Voreltern sind bei den Chinesen die Hauptzierde ihrer Vorstädte
und ländlicher Hügel. Indische Stämme, weichen man sagte, zieht anderswo hin,
antworteten: können wir den Gebeinen unserer Eltern sagen, steht auf! und zieht
mit uns in andre Länder?«
    »Gräber haben Young und Gessner die rührendsten Bilder gegeben, - selbst
Wollüstlinge kommen manchmal zu diesen natürlichen Gefühlen zurück, und erbauen
in ihren Gärten künstliche Gräber. Woher kommt dann dieses Trauergefühl mitten
in dem Genuss des Vergnügens? Ist es nicht von der Empfindung, dass etwas nach
unserm Leben besteht? denn es ist nicht die von der Kürze des Lebens, und dass
wir in ein Grab verschlossen werden, - dieses würde ihre Phantasie empören, und
die meisten von ihnen fürchten den Tod. - Nein, das Anziehende der süssen Trauer
bei einem Grabe, entsieht aus den zwei entgegen gesetzten Gefühlen, unserer
wenigen Dauer auf Erden, unb unserer Unsterblichkeit.«
    »Dieser stille Gedanke ist es, welcher sich bei dem Anblicke dieser letzten
Wohnung der Menschen in unserer Seele erhebt. - Ein Grabmahl ist wie ein
Gränzstein zwischen dieser und jener Welt; es zeigt das Ende des Gewühls des
Lebens auf Erden; ist Sinnbild der ewigen Ruhe, und gibt das Gefühl einer
unaufhörlichen Glückseligkeit. Diese Ueberzeugung ist um so stärker, je
tugendvoller der Verstorbene war. Dieser Gedanke ist so richtig, dass gewiss
niemand die Asche des Nero, selbst in einer silbernen Urne, in einem Garten
haben möchte, und hingegen die von Socrates, sollte sie nur in einem irdenen
Topfe sein, gewiss gerne verwahren würde. Gräber verdienstvoller Personen flössen
uns Verehrung ein. Man wird bei dem kleinen Hügel gerührt, welcher die Asche
eines liebenswürdigen Kindes verschliesst, indem man an seine Unschuld denkt,«
und ach! setzte er seufzend hinzu, ein Blick auf das Grab einer schönen,
tugendvollen jungen Frau! - »Erz und Marmor geben da keinen Wert, ein einfacher
Grabhügel erhält mehr Tränen als Trauergerüste. Der bei einem bemoosten Grabe
des Dorfkirchhofs stehende Eibenbaum rührt mehr als Pyramidenbaue und Grab,
bleiben auch in Verbindung mit der ganzen Natur: der Aufgang der Sonne, das
Rauschen der Luft, die Abendröte und das Dunkel der Nacht, die härteste Arbeit,
der niedrigste Stand erlöschen dieses Gefühl niemals; man erinnert sich, dass
zwei Jahre lang ein Neger nach dem Tode seiner Frau, in seinen Ruhestunden ihr
Grab mit seinen Kindern besucht und dabei geweint habe. -«
    O denken Sie, was dieses Bild für mich war, sagte Wattines, wenn ich mit
Emilien und Carmil hieher kam, und wusste, dass sie zum zweitenmal Mutter werden
sollte, und ich sagen musste: ach die Schwangere, die Gebährerin gibt von ihren
Lebenskräften mehr als der Mann bei dem Graben des Feldes; wenn ich nun, wie
dieser arme Neger, mit zwei Kindern bei dem Grabe ihrer Mutter weinte! -
    Ich antwortete ihm hier nur mit einem Blicke, und durch Erwiederung des
Drucks von seiner Hand; denn was hätte der grösste Redner in diesem Moment sagen
können? - Er nahm aber sein Buch wieder, und machte, indem er auf eine Linie
deutete, die Anmerkung:
    Hier hat St Pierre ganz die Lage gemahlt, in welche das Schicksal mich
brachte; denn er sagt: die erste Wirkung des Unglücks macht unsere Seele
starren, die zweite zermalmt sie. - In der ersten Bewegung erhebt sich der gute
Unglückliche zu Gott, mit der zweiten wird er zu dem Gefühle des Mangels aller
körperlichen Bedürfnisse hinunter gebogen. - Eine Stimmung, in welcher ich den
Weg von meiner Hütte hierher oft zurück legte. -
    Ich konnte es begreifen, und mein Herz wünschte des edlen Salis Gedicht an
die Wehmut mit dem schätzbaren Wattines lesen zu können, es schien als ob
Wehmut in meinen Zügen sich ausdrückte, weil mir Wattines in seinem schönen
männlichen Tone sagte:
    Ich besorge, dass ich ihr teilnehmendes Herz mit den Trauerideen des
meinigen plagte. - Lassen Sie mich von dieser Stelle nur noch etwas von meiner
Emilie erzählen. - Sie machte es wie alle gefühlvolle Seelen, welche das beste
immer ohne Zeugen zu tun wünschen, und ich belauschte sie gerne, besonders wenn
ich was vorzüglich Nachdenkendes oder Zärtliches gegen unsre Kinder bemerkte. In
einer solchen Stunde, nach unserm Frühstücke, war ich bei der Pyramide, hier
zwischen den Bäumen, kurz nachdem Emilie von ihrer zweiten Reise nach den
indischen Hütten zurück war; sie glaubte mich lange bei meiner Fischerei, und
kam mit unserer, in ein Tuch gewickelten Antonette und Carmil an der Hand
hierher, legte die kleine neben die Moosbank meines Grabes, fasste aber da
knieend Carmil in ihre Arme, zeigte ihm die Blumen, dann den zwischen den Bäumen
so klar blinkenden Himmel, faltete seine Händchen und lehrte ihn beten: guter
Gott! der du die Sonne und die Blumen machst, lasse meine Eltern leben, und gieb
mir meines Vaters Geist. - Nun zerfloss sie in Tränen, fasste sich aber, dem sie
traurig anstaunenden Carmil zu Liebe, und zeigte ihm wo er Blumen pflücken
solle. Ich war äusserst bewegt, bemerkte aber doch, dass sie Carmil zu den Blumen
ihrer Ruhestätte gewiesen hatte, und fragte sie einst bei dem Bekenntnisse sie
belauscht zu haben, nach der Ursache dieser Abteilung zwischen der Stelle des
Betens, und des Geschenks der Blumen. - Sie antwortete mit Zärtlichkeit: mein
Herz wünschte das blühende Sinnbild deines Lebens länger dauern zu sehen als
meines. -
    Ich hoffe, sagte ich, Sie edle beide! sollen diese Blüten noch oft sehen.
Wattines dankte mir, legte sein Buch hin, und forderte mich auf ihm zu helfen,
die Platte seiner Inschriften loszumachen, indem es Zeit wäre wieder nach Hause
zu schiffen. - Ich wollte Hand anlegen, sah ihn aber lächelnd sich wenden, zur
Seite einen Stock ausziehen, nachher hinter die Pyramide gehen, Erde abwerfen,
und der Platte einige Stösse mit dem Stocke geben, so dass sie vorwärts rückte,
und am Ende eine flache drei Zoll hohe, und 1 1/2 Schuh weite gelbkupferne
Schüssel mit zwei Handhaben vorkam, auf deren umgekehrten Bodenseite die
Inschrift eingegraben war, das ganze in dem obern Teile der Erdpyramide
eingeschoben, und der Stock zur Seite durch die Handringe gesteckt, dann alles
mit Erde gefüllt und gedeckt war, so dass man nicht leicht diese Erfindung
erraten konnte.
    Ich äusserte Wattines meine Bewunderung, er sagte: dringende Not und heftige
Begierden machen immer erfinderisch; und so endigte dieser Tag mit einem neuen
Beweise, des immer tätigen, und so leicht in tausend Gestalten erscheinenden
Geistes der französischen Nation. - Ich speisste bei Wattines zu Nacht, und
hörte, dass sie allein um ihrer Kinder willen Verbindung mit Europäern wünschten.
    Den folgenden Tag fragte ich nach dem Reste des letzten einsamen Frühjahrs,
weil sie den Sommer zu ihrem Abzuge bestimmten, und Wattines zu den Oneidas
gehen, ihnen seine Hütte und seine Felder empfehlen, und sie nur ersuchen
wollte, ihnen den Weg zu den nächsten europäischen Colonisten zu weisen.
»Hoffnung und Ungewissheit kämpften in unsrer Brust, bei jedem Blicke auf dem
schönen Wachstum unsrer Felder, und auf unsere Bücher, sagte Frau Wattines,
welche wir nebst allem andern auf einige Zeit dem Zufalle überlassen mussten.«
Beinahe waren sie entschlossen noch länger zu bleiben, als mitten in diesem Hin-
und Herwanken Vandek erschien, und ihr Herz mit Freude überströmte. Emilie
weinte und zitterte noch, als sie davon erzählte, ja weder Wattines noch sie
vermochten mir einen deutlichen Begriff von ihren Gefühlen zu geben. - Wattines
sagte:
    Der ungewöhnliche Ton der Stimme, mit welchem Emilie rief, Carl! Europäer!
machte mir die Worte unverständlich, und ich sah eifrig nach ihr, allein um die
Ursache dieses durchdringenden Tons zu erforschen; aber ihre ausgehobne Hand
deutete, und ihre Blicke waren auf den nehmlichen Ort geheftet, da sah auch ich
den vortrefflichen Mann, der sich uns näherte, und von der Stunde an so viel
väterlichen Anteil an uns nahm.
    Nun schwiegen beide, Emilie fasste sich zuerst, und sagte gegen mich: O,
glauben Sie, dass mein Herz den weisen, gütigen Vandek die ganze Ewigkeit
hindurch danken wird!
    Sie kennen, meine Freunde, die Geschichte der Entdeckung aus den ersten
Blättern meines Tagebuchs, nach der Erzählung des guten Vandek, welcher aber
nicht sehen konnte, dass Wattines an dem äussersten Rande des Wassers einen
Baumstamm umfasst hielt, und seinem kleinen Kahne nachsah, so weit sein Auge
reichen konnte. - Vandek wusste nicht, dass Wattines wie ein Betrunkener zu
Emilien zurückkam, welche er mit ihren Kindern dem Ufer zueilend fand, und ihm
zurufen hörte: Wattines, zeige mir den Weg, welchen unser guter Engel nahm:
konntest du ihn landen sehen? Ich konnte ihn nicht begleiten, meine Füsse wankten
zu sehr. - Vandek sah sie nicht fliessen die Tränen der Freude und des Danks zum
Himmel. Er hörte den Segen nicht, welcher ihm bis an das Gestade nachfolgte; -
aber Gott sah uns, Gott hörte uns, sagte Emilie. - Wir umarmten uns und unsere
Kinder, und waren nahe dabei, Bücher, Hausrat und Kleidung zu küssen, welche
wir seit vielen Tagen mit innerer Trauer des Verlassens angesehen hatten; nun
sicher behalten und in glücklichern Tagen geniessen würden. Die Gefühle, und die
Unterredung dieses Abends sind in Wahrheit unbeschreiblich, jedes von uns wollte
schönere, edlere Züge in Vandek gesehen haben. Wir, welche unsere Hütte und
unsere schlafenden Kinder des Abends niemals verliessen, schlossen unsere Türe
und eilten noch an das Ufer, um zu sehen, ob wir Lichter oder Nachtfeuer der
Colonisten entdecken könnten. Es war gut, dass ein, mehrere Tage anhaltender,
Regen das Aussenbleiben von Vandek rechtfertigte, denn bei schöner Witterung
würde meine Seele von Jammer durchdrungen gewesen sein. Die wenigen Minuten, wo
der Regen aufhörte, war eines von uns am Ufer. - Gewiss man empfindet sie nicht
zweimal die Bewegung des Herzens, welche schon der Anblick des zu uns rudernden
Kahns, und der Anblick einer europäischen Frau in mir hervorbrachte; wie diese
Frau meine Sprache redete, und meine Kinder so teilnehmend umarmte. Ich kann es
nicht ausdrücken das Gefühl, welches der Gedanke mir gab: meine Kinder,
Wattines, ich, haben nun Freunde, Nachbarn, Hülfe zu hoffen. - Was wurde die
Vorstellung, Milch, Leinwand, Brod, Salz! - Niemand, ach niemand kann ohne
Erfahrung sich einen Begriff von dieser Empfindung machen. - Ich dankte Gott für
die Aussicht auf dieses so lang entbehrte, so unerwartete Glück. - Ich sprach
nun mit ihr von den Noten, welche Frau Vandek über ihren Character und über ihre
Leiden gemacht habe, und erzählte ihr auch von der Achtung, welche die fleissige,
Hausshalt verständige Holländerin für die Ordnung und die Arbeiten der Frau
Wattines in der Hütte auf der Insel bezeigte. - Es freute Emilie, und lächelnd
sagte sie: ich habe sie also recht wohl angewendet, die Mühe, unsere Hütte und
kleinen Haussrat auf das möglichste zu ordnen, als ich wusste, dass eine
Niederländerin auf unsere Insel kommen würde. -
    Ich bat jetzo, dass sie mir den ganzen Vorrat ihrer Arbeitswerkzeuge weisen
solle, indem ich wisse, dass sie wie Reliquien geordnet und aufbewahrt würden. -
Lebhaft erwiederte sie:
    Ja, es sind mir heilige Ueberreste von Geist, Liebe und Tugend meines
Mannes; denn diese drei Eigenschaften mussten vereint sein, um bei dem höchsten
Kummer und Leiden hervorzubringen und auszurichten, was er vier Jahre hindurch
für Frau und Kinder tat.
    Ihr Ton und etwas in ihrem Äußern machte mich unruhig, und ich ersuchte
sie, mir eine Frage zu erlauben, - ganz gerne, antwortete sie, vor sich
hinsehend: ich besorge, etwas gesagt zu haben, dass Ihnen missfiel. - Sie
errötete ein wenig, sagte aber sehr sanft: ich bekenne, der Ausdruck, dass ich
die Arbeitswerkzeuge von Wattines wie Reliquien aufbewahrte, deuchte mich Spott,
und verwundete mein Herz.
    Ich fühlte nun auch, dass diese gesuchte Wendung, bei einer ganz einfachen
Idee, in Wahrheit unschicklich war, und die liebe Frau doppelt beleidigen
konnte, um so mehr da sie von einer Kirche ist, welche die Reliquien verehrt,
und daher dieses unbesonnene Gleichniss, in dem Munde eines Protestanten wirklich
Spott wurde, gewiss auch alles was Emilie und ihr Mann, in den harten
Prüfungsjahren ihrer Einsamkeit ertragen und erfunden hatten, keine zweideutige
Benennung verdiente. - Ich war unaussprechlich unzufrieden mit mir selbst, denn
wenn man sagen wollte: Frau Wattines sei durch lange getragenes Weh zu
empfindlich geworden, so hätte man unrecht. War es nicht eine Pflicht ihres
Herzens, alles mit Dank und Liebe zu umfassen, was ihr Mann mit so viel Sorgfalt
und Beschwerde verfertigte? und ich fühle mit Schmerzen, dass ich ohne Verstand,
und sehr ungerecht gehandelt hatte. Ich stand in dem kleinen Kämmerchen neben
Emilie tief schweigend, und in dem Moment, wo ich eine Entschuldigung
herstammeln wollte, erschien Wattines. Meine innere Demütigung wurde nun mit
Verlegenheit gemischt, welche ich etwas verbergen wollte, und mich gegen das
kleine Fenster wandte, wo meine Augen gerade auf die Insel trafen, wo das ganze
Bild von dem Leben dieser Edlen vor mir stand, mich rührte, und meine Blicke mit
wehmutsvoller Ehrerbietung bald auf Wattines, bald auf die verschiednen
Werkzeuge heftete. Der schätzbare Mann schwieg einige Zeit, bemerkte dass mein
Auge auf rund gebogne Stücken Drat geheftet waren. Er fasste den Drat und
sagte: Ihnen allein, mein Freund! darf ich die Idee mitteilen, dass ich hier an
die grossen und kleinen Zirkel denke, welche beseelte und unbeseelte Wesen dieser
Erde, von Anfang ihres Entstehens, bis zu ihrem Ende neben einander durchlaufen.
-
    Ich sah auf ihn und lächelte, er sagte aber: ja mein Freund! nicht wahr?
Eisenteilchen verbanden sich in dem Innern der Erde zu Erz, dieses wurde
ausgegraben, geschmolzen und zu Drat verarbeitet, da kaufte ich ihn zu Gitter
eines Vogelhauses; aber die Gesetze der Not, welche nach dem alten Sprichwort
Eisen bricht, änderten, wie es auch oft mit Menschen geschieht, die erste
Bestimmung dieses Drats, machte ihn teils zur Gitterflechte, für unsere
schottitische Brodkuchen, teils zu grossen und kleinen Stricknadeln, zum Band
für meine Oehlpresse, und zwei lange Stücke wurden Nähnadeln, mit welchen Emilie
eine Art Gewebe hervorbrachte, endlich wurde ein Teil zum Vogelbauer für meinen
Carmil verbraucht, und werden wohl hier in Rositeilchen aufgelöst, vielleicht
neben der Asche meiner Kinder liegen, mit dem Ganzen vereint werden, damit die
ersten wieder neue Eisenerze, die andre aber Pflanzen nähren, welche zum Dienst
des Lebens nachfolgender Menschengeschlechter berufen sein mögen.
    Ich sagte zu ihm: Sie haben Ihren Drat in eine zusammenhängende Kette
artiger Betrachtungen eingeflochten.
    Er hob das Wörtchen artig aus, indem er fragte, warum sagten Sie nicht
geradezu phantastische Betrachtungen. - Ich antwortete ernst, weil es mir nicht
in den Sinn kam, und wirklich Ihre Ideen mehr als Phantasien sind.
    Nun fasste er den Vogelkäfich, und sagte munter: es hätte mir nicht
missfallen, denn ich habe selbst den Gedanken eines Vogelkäfichs für die Insel
Oneida als Phantasie geachtet, nur da ich den vielfachen Nutzen meines Drats
bemerkte, sagte ich mir: in der grossen Welt dient Phantasie nur zu Verschönerung
des erfundenen Nützlichen, auf meiner einsamen Insel ist eine meiner Phantasien
Grundlage einer vielfachen Wohltat für meine Familie geworden. -
    Mein Herz freuet sich, wenn ich Wattines bei einem freien Gange seiner stets
regsamen Einbildungskraft, mit einer Art von besonderer Zufriedenheit in dem
Felde des Denkens herum wandeln sehe. Ich fasste den Faden von dem
labyrintischen Wege seiner Gleichnisse auf, und lenkte das Gespräch mit
erneuten Kennzeichen der Teilnahme, auf die Betrachtung ihres so
ausgezeichneten Schicksals, Wattines fand es sehr gut und sagte:
    Sie haben recht, wir wurden zu dem Zustande der Probe berufen, zu was Liebe,
Religion, Verstand, Erziehung und die dem Menschen gegebenen Kunstfähigkeiten
dienen. Denken Sie in wie kurzer Zeit wir von einem äussersten Ende zu dem andern
geführt wurden, in Philadelphia noch alles sahen, was Pracht, Reichtum und
Wohlleben bei Menschen vermögen; auf der Insel Oneida, völlige Einsamkeit und
Mangel; bei Indier, Naturmenschen und ihre zufriedne Armut, gegen die wir in
unserer Hütte uns reich dünken konnten; hier fiel Emilie ein: es war aber sehr
gütig von der Vorsehung, dass sie uns durch das einfache Denken und Handeln eines
Quäkers zu dem noch einfachern Naturleben vorbereitete, - und sagte ich, Sie
durch arme Colonisten wieder zu gesellschaftlichen Verbindungen zurückführte. -
Emilie erwiederte, und dies zu meinem ewigen Dank gegen Gott, durch die Hand
eines weisen, tugendhaften Mannes wie Vandek ist. Seine Erscheinung wirkte auf
meine Seele, wie der Regenbogen nach geendigter Sündflut auf Noah, weil er die
Befriedigung des strafenden Schicksals zeigte, -
    Sagen Sie, meine Freunde! ist diese Frau nicht immer auf dem schönen Pfade
edler frommer Gesinnungen, kann meine ehrerbietige Bewunderung ihres
vortrefflichen Geistes und Characters nur im mindesten zu viel oder zu tadeln
sein? - Wie sehr wünschte ich, gleich mit der Colonie hierher gekommen, und mit
Vandek das erstemal auf die Insel gereist zu sein, gewiss dann wäre alles
aufgezeichnet worden, was mit Wattines seit ihrer Verpflanzung auf das feste
Land vorging; denn wie viel äusserst interessantes hätte man bemerken können, als
Wattines wieder einmal Nachrichten von Europa hörte, begierig und ängstlich nach
Frankreichs Begebenheiten fragte u.s.w. aber sie schrieben wenig auf, nur
weniges hatte dem Vetter des schätzbaren Vandek besonders merkwürdig geschienen,
wie zum Beispiel die Äusserung, als Emilie mit tiefem Kummer ihres Herzens ihren
Mann fragte, wodurch wurde denn unser französischer Nationalconvent so grausam
und blutdürstig? - warum wurde keines von diesen tausend und tausend
Schlachtopfern gerettet? sagte Wattines, ach meine Emilie! ich habe einst eine
traurige Betrachtung darüber gelesen, welche mir nun ganz in das Gedächtnis
zurückkommt, und vielleicht damals durch den Geist meines Schicksals so tief in
die Seele geprägt wurde, weil er wusste, dass ich einst diese Beleuchtung des
tiefsten, schwärzesten Abgrunds des menschlichen Herzens nötig haben würde. -
Der Aufsatz sagte: »wenn der auf seine Vorzüge stolze und mächtige Mensch, aus
Leidenschaft oder Uebereilung jemand unglücklich macht, oder verurteilt, und es
vor Zeugen tat, so würde er selbst bei dem Gefühle, dass er unrecht und grausam
handle, fortfahren, würde seinen Verstand verwenden, zu beweisen, dass der arme
Unglückliche seine Leiden verdiene, würde immer härter, immer grausamer werden,
um die Zeugen glaubend zu machen: dass ein Mann von seinem Geiste und Character
nicht so handeln würde, wenn es der Verurteilte nicht verdiente,« - und so
verwandelt Stolz und Rachbegierde selbst das Mitleid der fremden gefühlvollen in
Beifall der Grausamkeit. Dieser unseelige Geist der stolzen Eigenliebe
verwandelte die Hälfte der sonst so liebenswürdigen Bewohner Frankreichs in
gefühllose Tieger. -
    Emilie weinte da sanft auf Frau Vandeks Brust gelehnt, und sagte: ach meine
Freundin! wie glücklich sind die Verstorbenen! Wattines las mit Eifer in den
Heften fort, und traf die Nachricht der Verbindung des spanischen Hoses mit der
jetzigen Regierung in Frankreich. Seine erste Bewegung soll unaussprechlichen
Schmerz gezeigt haben, wobei er ausrief: Bourbon, gegen Bourbon! O Menschen!
nachher aber sagte er mit bitterm Lächeln: aber da war schon lange voraus
gegangene Sympatie, und sehr natürlich dass die Spanier den Neufranken alle
Grausamkeiten des Fanatismus der Freiheit vergaben, da sie schon so lange an die
Unmenschlichkeit des religiösen Fanatismus der Inquisition gewöhnt sind, und der
Pariser Convent hat noch einen Vorzug der Redlichkeit, vor der Regierung zu
Madrit, denn unsere französischen Oberherren verläugneten zuerst den Glauben an
den Gott der Güte und Gerechtigkeit, ehe sie ihre barbarischen Grundsätze
ausübten: sie schlossen die Kirchen, verbannten die Lehrer der christlichen
Religion, welche Sanftmut und Wohltätigkeit predigten, und erst nachher
folgten sie den Eingebungen ihres bösen Geistes. Die Spanier hatten christlichen
Gottesdienst, und den Namen Christi, neben der quälenden Inquisition. -
    Er ging auch mit ringenden Händen aus der Stube des Vandeks; und suchte
Milderung seines Jammers in der stillen weiten Einöde eines ausgerotteten Stück
Waldes, unweit Vandeks Feldern. - O wie erneute sich hier mein Wunsch, von alle
diesem Zeuge gewesen zu sein, alle Ideen bemerkt zu haben, welche sich nach
einem 4 Jahre gedauertem Schweigen empor drangen, also den hohen Wert erster
Ergiessung seiner wahren Gefühle hatten; denn nun werden meine Fragen über seine
jetzige Lage und über die Menschen um sie her, nicht mehr so freimütig
beantwortet, als die, welche ihr Leben auf der Insel betrafen; denn mit ernenten
europäischen Verbindungen ist, zugleich die kluge Besorgnis, dass sie zuviel
sagen möchten, in ihre Seele zurück gekommen, und verhindert alle Eröffnung über
Denken und Sitten ihrer neuen Freunde. Mir ist es ehrwürdig, dass sie nur in dem
ganz innern ihres Hauses, mit sich, ihren Kindern und hie und da einer Speise
ächt französischer Art behalten, und in allem andern, wie Vandek und Scriba
leben. - Wattines arbeitet auf dem Felde, wie jeder andre Colonist, nur dass bei
allem was er vornimmt, mehr Geist, Leichtigkeit und Gewandheit sichtbar ist,
wodurch aber auch bei den jungen Leuten, welche nur ein wenig Anlage hatten, ein
schöner Wetteifer geweckt wurde, welcher, neben den Einfluss von Vandeks Lehren
und Lebensart, diese anwachsende Colonie als äusserst schätzbare Menschen zeigen
wird.
    Die Predigt, welche Vandek bei vollendeter Ansaat der neuen Felder hielte,
war das schönste Stück Beredsamkeit des Herzens, so ich jemals hörte, und wahre
Einsegnung der Saamenkörner; ich bin auch überzeugt, kein Colonist verliess die
Kirche, ohne Gott um Erfüllung dieses Segens zu bitten. Ich beobachtete den
Ausdruck der Physiognomien aller Zuhörer, niemand zeigte eifrigere Wünsche als
Wattines, und niemand innigere Gottesfurcht als seine Frau. Nach der Predigt
gingen die meisten Zuhörer nach ihren Feldern, um diesen, wie ich behauptete,
die Fürbitte ihres gütigen Lehrers zu überbringen. - Vandek, Wattines und Scriba
durchwanderten langsam die Strasse längst dem See; ich blieb zurück, und schlich
in eine Ecke von Wattines Garten, wo ich alle bemerken konnte, und dachte: wie
sonderbar ist das menschliche Schicksal! Wer würde vor zehen Jahren dem
Holländer Vandek gesagt haben: jetzo gehst du unter den Schatten der Bäume an
des prächtigen Amsterdams Canälen, zwischen Kauffarteischiffen und einer Menge
zierlicher Gebäude, welche mit allem erfüllt sind, was Reichtum von dem Geiste
der Kunst, und von den Wundern der Natur in allen Weltteilen sammeln konnte;
aber 1796 wirst du an den Ufern des noch nie beschifften See's Oneida, zur Seite
einiger von rohen Baumstämmen und verflochtenen Baumästen gebauten Hütten, nach
deinen frisch bearbeiteten Aeckern eilen, auf welchen die Hoffnung des
Wohlstandes deiner Kinder keimen wird. - Wer hätte damals dem schönen
glücklichen Wattines und seiner blühenden Braut, die schreckende Aussicht
gezeigt, dass sie, statt des reitzenden Wechsels zwischen Lille, Paris und
Versailles, dem Schicksale für eine unbewohnte Insel danken würden, wenn ihr
guter König und ihre geliebten Verwandten ermordet, alle Grossen verjagt, umher
irrend, nichts mehr würden helfen können, Wattines alsdann vier Jahre lang die
Erde seiner einsamen Insel bearbeiten, und am Ende durch die Hand eines, von
Unglück verfolgten, teutschen Kaufmanns, in Nordamerika, wieder zu
gesellschaftlicher Verbindung zurückkommen würden?
    Innere Trauer und Ernst erfüllten mein Herz, und ich war froh, mir selbst
entzogen zu werden, weil ich bei dem Kaufmanne zu Mittag speiste. Ich achte ihn
glücklicher als alle andre, auch hat er wirklich die schönste Rolle. - Er bahnte
allen übrigen den Weg zu neuer Hoffnung von Glück und Zufriedenheit des Lebens,
alle seine Entwürfe sind gut durchdacht, seinen Colonisten und ihrer Lage
angemessen, welches nicht bei allen neuen Anstalten beobachtet wird. - In dem
Gange der Unterredung äusserte Hr. S. den Wunsch recht genau bemerken zu können,
welche Wendung die so verschiedenen Grundsätze des Vandek und Wattines am Ende
nehmen würden. Ich behauptete, dass er beide als vollkommne Muster guter
Familienväter und Landwirte, die Zierde seiner Colonie nennen könnte. - Hr. S.
gab es zu, zeigte mir aber eine Sorge in Ansehung des Characters, Geburt und
Geist von Wattines, indem dieser auf der Insel allein nach Willkühr seiner Ideen
und Gefühle lebte, wo Bedürfnis der Lebensmittel, die einzige Art von Gesetzen
war, welche seinen Gehorsam forderten. Diesen Forderungen unterwerfe man sich in
jedem Stande und jeder Lage: dass alles was Wattines aus Liebe für Frau und
Kinder tat, mit süsser, natürlicher Freude verbunden war, und er in seiner
Familie, keinen Gedanken und keine Leidenschaft fand, welche den seinen entgegen
standen, sie in ihrem Gange hindern oder stossen konnten; jetzo aber, da er
wieder mit Vielen und verschieden Gesinnten leben müsste, wo der Name Colonist,
jedem gleiche Rechte und gleiche Pflichten gebe, alle aber aus so verschiedenen
Gegenden unsers Europa kamen, also verschiedene Erziehung und Gewohnheiten
mitbrachten, wodurch leicht eine Gelegenheit entstehen könnte, in Wattines das
Gefühl angebohrner Vorzüge zu erwecken, und eine unfreundliche Leidenschaft zu
reitzen. - Ich sagte hier freimütig, dass ich das sicherste Verwahrungsmittel
gegen diese Gefahr, in dem Festalten und Einprägen der englischen Grundgesetze
sähe: Freiheit zu lassen, mit sich und seinem Eigentume zu tun was man will,
nur nichts gegen das gemeine Beste und gegen andre. Dieses würde alle und jeden
glücklich machen, wobei ich wirklich versichern konnte, dass Wattines nie dagegen
fehlen würde. Ich ersuchte daneben den Hrn. S. um stillen Schutz für das
vorzügliche Verdienst, um es nie dem Neide und Widerwillen gewöhnlicher Menschen
auszusetzen, und war sehr froh, die Versicherung geben zu können, dass Wattines
niemals eine andre Beschäftigung annehmen würde, als was mit Ingenieur und
Bauwesen in Verhältnis stünde, im übrigen aber nur als fleissiger Landmann und
Lehrer seiner Kinder leben, und arbeiten wollte. - Dienste zu leisten sei ihm
heilige Pflicht vor Gott, und Vergnügen für sein Herz. - Mehr wollte ich nicht
zu seinem Besten sagen, weil man oft durch zu viel Gutes rühmen schadet; und da
ich schon bemerkt hatte, dass Wattines mehr beobachtet wird als andre, so freute
mich ein Zug von Klugheit, welchen er mit einem artigen Plane zu dem Besten
unsers Zimmermanns, und Verschönerung der Anlage verband. Da noch kein
Steinbruch und keine Ziegelbrennerei im Gange ist, und man Holz genug hat, so
soll der Zimmermann sein Haus nach der Gewohnheit in der Ukraine bauen, wo auch
die Steine fehlen, aber das Holz alles so behauen und bearbeitet wird, als ob es
Quaderstücke des besten Steines wären, welche dann mit Oehlfarbe angestrichen,
sehr schöne Gebäude darstellen. Wattines wollte sein Haus nicht zuerst auf diese
Art unterscheiden, weil er sich in nichts auszuzeichnen sucht. Bei dem
Baumeister sieht es als Lockspeise aus, einem reichen Colonisten die Begierde
nach einem so schönen Hause zu geben, und also etwas mehr zu verdienen als bei
einem Loghouse. - Diesen Winter will Wattines zu einer solchen Bekleidung seiner
wirklich stehenden Gebäude, selbst Hand anlegen, da er in allem die Bahn des
männlich tätigen Lebens so lebhaft und eifrig befolgt. Jagd freut ihn, aber
seine Meierei noch viel mehr, doch tief, sehr tief hat der Kummer, wie unsere
Karschin sagte, mit diamantnem Pfluge Furchen in sein Herz gegraben; denn als er
mir den Plan von dem Bezirke seiner Felder, Gärten und Waldung vorgelegt, und
mir alles auf dem freien Platze seines Hofes zeigen wollte, sagte seine Frau: er
solle doch die Zeichnung seines väterlichen Hauses mit dazu nehmen, und es mir
auch weisen. Hier bemerkte ich, dass er mit einem Zuge des innersten Schmerzens
gegen die Türe des kleinen Kämmerchens ging und die Rolle holte. Die mit
Antonette auf dem Schoss da sitzende Emilie, reichte, da er vorbei wollte, mit
der Hand nach ihm, küsste seine Hand, blickte mit so wahrer Zärtlichkeit ihn an,
dass sein schönes Auge auch lächelte, als er einen Kuss auf ihre Stirne und ihre
Hand drückte, dann aber mit mir dem Hofe zueilte, wo ich ihm den zu Wäsche und
Weiberarbeit bestimmten Tisch, näher zu den Bäumen tragen half. um dort seine
Papiere auszubreiten. Der Zufall schickte es, dass das Bild von dem prächtigen
Wohnsitze seiner Voreltern, und das gerade von ihm daneben gelegte Blatt, mit
der Zeichnung seines Loghouses, in dem Moment von der Sonne beleuchtet wurden,
als er mit seinem Bleistifte in der Hand auf das erste deutend sagte: hier
Wohnung des Vaters, - und, indem er das zweite berührte, mit einer etwas
geänderten Stimme und einem unterdrückten Seufzer hinzu setzte, hier die des
Sohnes. Bei den über alles verbreiteten Stralen, ergriff er schnell das Bild des
Schlosses von Wattines, hielt es mit ausgestrecktem Arme gegen die Sonne, indem
er mit einem mir auf immer unvergesslichen Tone sagte: O, du sahest den schönen
Wohnsitz meiner Voreltern gründen und diese Hütte bauen, du reiftest die Saaten
ihrer durch Gerechtigkeit und Güte glücklichen Pächter so viele Jahrhunderte, o
reife auch die, welche die Hand ihres unglücklichen Enkels hier in dieser fernen
Gegend ausstreute! - Ich war äusserst gerührt, umfasste ihn und sagte: Edler,
schätzbarer Mann! der Gott der Sonne sieht Sie, Ihre Leiden und Ihre Tugend,
gewiss lohnt er Sie! -
    Innig blickte er mich an und antwortete seufzend, ach mein Freund! ich
wünsche nichts für mich, aber für Emilie und meine Kinder. Nun eilte er nach
seiner Gewohnheit hinweg, nach irgend einer einsamen Ecke zwischen Bäumen und
Gesträuchen, damit er durch schnelles Gehen, durch die Bewegung der Luft, durch
das Eindringen, Anstreifen und den Widerstand der kleinen verwachsenen Aeste in
dichten Gebüschen einen Teil der Empörung seiner Seele und seines Blutes
verliere, bis er sich am Ende etwas ermüdet umsieht und Freude fühlt allein zu
sein, keinen Menschen zu erblicken, nur von seelenlosen Geschöpfen umgeben zu
sein. Einst sagte er, in diesen Momenten bin ich nicht einmal ein guter Grieche
der schönen alten Zeit, da ich in einer solchen trüben Stunde, selbst die sanft
auf mich wirkenden Gestalten und Farben der Pflanzen nicht sehen wollte, einen
dastehenden Baum umklammerte, und mein Gesicht mit geschlossnen Augen gegen seine
Rinde andrückte, und wirklich eine Wohltat darin empfand, als die Idee der
Lehre von Dryaden vor mir erschien, und mich von dem umarmten Baums fliehen
machte; aber dann folgen ganz andre Gefühle: ich bedaure niedergestampfte
Pflanzen, zerrissne Zweige, suche meinen Rückweg, freue mich der sich
erweiternden Aussicht, und des fernen Horizonts, und eine, das Weh meiner Seele
mildernde, Träne füllt mein nun zum Himmel erhobnes betendes Auge, und langsam,
halb erschöpft, halb beruhigt komm ich zurück.
    Wer, meine Freunde! kann diesen Ausdruck der schmerzvollen Rückerinnerung
tadeln? Die Zeit wird das Gefühl davon schwächen, aber nie ganz erlöschen. -
Wattines kam auch jetzo bald und erheitert wieder zurück, drückte mir die Hand
und sagte: ich hoffe, Sie finden meine etwas lebhafte Erinnerung doch nicht
ungegründet? ich antwortete: gewiss nicht, ja noch mehr, ich finde sie gerecht
und natürlich.
    Dies schien ihm zu gefallen, und er sprach nun ganz gelassen von allem, was
seine verlornen Güter und seine Familie betraf. - Ach, er verlor viel, sehr
viel, der gute Wattines! - Mein Abend war dem Vandek versprochen, welchem ich
die kleine Scene von Wattines erzählte, dieser sagte mir, indem er einen
Pappendeckel öfnete, und einige Quartblätter aushob: ja, ja, es wird noch oft
unruhige Momente seiner Seele geben, ehe alles so ganz in einer dauernden
Stimmung sein wird, wie er einst hoffte, und sich damals bei meinem Lobe seiner
Gelassenheit gegen mich äusserte, indem er hier schrieb:
    »Gütiger Vandek! Sie loben meine Gleichmütigkeit, meine Ruhe bei dem
Andenken dessen was ich war, hatte und verlor, ach, das Unglück und die
Einsamkeit, welche mich in moralischen Gefühlen und Ideen Hülfe suchen machte,
zeigte mir auch den wahren Wert aller Dinge dieser Erde; das Schicksal meiner
Verwandten und tausend andrer schätzbaren Menschen verbietet mir zu klagen;
Nachdenken und Ergeben heisst mich den Mangel des gewohnten Wohlstandes durch
ausübende Tugend meiner Lage ersetzen. - Der Himmel hat mir unendlich viel Gutes
getan, da er mir in Ihnen einen Freund gab, der älter und weiser als ich, doch
auch durch überfliessenden Eifer für das, was er seinem Vaterlande das beste zu
sein achtete, auch den Schauplatz dieses standhaften Eifers verlassen musste. -
Unsere Erinnerungen von Menschen, die unter alten Gesetzen aufwuchsen, unsere
Erfahrung des gewaltsamen Abänderns, können hier unsere Beobachtung über
Fähigkeiten, Leidenschaften und Neigungen der menschlichen Seele zum Besten
unserer Kinder berichtigen helfen. - Ich wurde beraubt, Sie opferten alles auf.
Unsere Lage, unsere Miteinwohner und die Natur lehren uns, glaube ich, wahres
Wohl und Weh bestimmen. Mich dünkt, wir werden unser Glück gründen, wenn Geduld
und unser Fleiss eben so wirksam und anhaltend bleiben, als der Unmut war, durch
welchen wir hierher getrieben wurden.« - Vandek fuhr fort: Sie sehen hierin den
edlen raschen jungen Mann von philosophischer Moral und schöner Kenntnis
beseelt, welche seinen Gesichtspunkt bald glänzend bald trübe machen. - Seine
Frau zeigte sich ganz anders, schön freute sie sich, wieder bei Menschen zu
wohnen, und sagte zu meiner Frau: ach wie viel Glück ist durch Ihre Ankunft auf
mein Leben verbreitet! Ich bin wieder unter denkenden Menschen, geniesse
Freundschaft, Mitteilung der Gefühle, Teilnahme an mir, und dabei das edle
Vergnügen, hier und da Gutes zu tun; denn ich litte auf der Insel, selbst durch
die Wirkung der besten Grundsätze. - Meine geliebte Mutter hatte die Pflichten
der Wohltätigkeit und Nächstenliebe so tief und so früh in meine Seele
gegraben, dass wohltun in meinem Herzen nicht nur zu den Ideen der Tugend
gehörte, sondern mit den Gefühlen des süssen innerlichen Glücks verbunden war.
Ach dieses Glück fehlte mir nun ganz; ich fühlte mich nur glücklich durch das
geduldige Tragen dieses Mangels, weil er dadurch ein Verdienstopfer wurde. In
solchen Stunden empfand ich den stärkenden Einfluss der Religion, stand nach
Weinen und Gebet, wenn Wattines beim Fischen war, von meinen Knieen auf, ging
mit ausgebreiteten Armen auf den freien Platz vor der Hütte, von welchem ich
einen grossen Teil des über mir fliessenden Himmels sehen konnte, der mir dann,
mit innigst empfundener Wahrheit der Wohnsitz meines Gottes war, zu welchem ich
einst berufen werden sollte, wenn ich nach dem Willen unsers Urhebers alles Gute
getan haben würde, wozu mir mein Schicksal den Fingerzeig gab. Diese Gedanken,
welche mich beruhigten, machten mich meine Erziehung und meine Religion segnen;
riefen mir aber die schreckliche Handlung des Nationalconvents zurück, welcher
dem Volke alle Religion genommen hat, so, dass diese armen Geschöpfe keine grosse
Triebfeder zum Guten in glücklichen Tagen, keinen heilig wirkenden Trostsrund in
Unglück sahen. - Dieses schmerzte mich aus Menschenliebe, selbst in meiner
Entfernung von meinem Vaterlande, wie mich ehemals in dem vollen Genusse meiner
glücklichen Tage schmerzte, wenn ich einen Leidenden wusste, dem Nahrung,
Kleidung und Arzenei fehlte. -
    Vandek setzte hinzu, Frau Wattines erfüllt nach dem Zeugnisse meiner
erfahrnen Frau, ihren häuslichen Cirkel mit allen Verdiensten der guten Mutter
und Hauswirtin, lässt sich aber gerne in gesellige Gespräche ein, von welcher
mein Vetter noch eines aufzeichnete, weil es ihm so voll Kenntnis und
Herzensgüte schien.
    Die zwei Freundinnen redeten einen Nachmittag von ihrem Vaterlande und
seinen Vorzügen und Gewohnheiten; da mussten wohl Vergleiche zwischen Europa und
Amerika vorkommen, natürlich beide sich an die traurigen Ursachen erinnern,
welche sie an den See Oneida führten. Nehmen Sie aber, was hier in der Seele von
Frau Wattines vorging, als sie ganz ernst sagte: wir bewohnen nun diesen Teil
der Erde, welcher Amerika heisst, wir wissen was Europa in Geist und Künsten ist,
wir haben erfahren, was ein Teil unserer Landsleute für uns wurden, und gewiss
wir klagten oft über unser Schicksal; aber was für ein Loos traf Nord- und
Südamerika durch die Hände der Europäer, welche so stolz auf die Namen Christ
und Philosophen sind? - Fielen nicht die ursprünglichen Bewohner des südlichen
Teils, die mir so lieb gewordenen Kinder und Verehrer der Sonne, in die Gewalt
des moralischen Ungeheuers, der Inquisition, welche sie durch Feuer, das von
Gott zum Besten aller Geschöpfe gegeben worden, zu den grausamsten Mitteln
gebrauchten, ihre Gold- und Herrschsucht zu vergnügen? Vergassen die Spanier
nicht, dass Mexico auch ein Teil von Gottes Erde ist, seine Bewohner auch aus
der Hand unsers anerkannten Gottes kamen: dass ihre Kenntnisse, ihre Moral und
Künste auch Gaben unsers gemeinsamen Schöpfers waren? - Ach, die guten Mexicaner
missbrauchten das Gold ihres Vaterlandes nicht, wie die Europäer ihr Eisen, um
Mordgewehre zu verfertigen, und weit entfernte Gegenden aufzusuchen, zu
unterjochen und elend zu machen. Armes, unglückliches Pern! um des Goldes deiner
Berge willen, vergassen deine Ueberwinder jede Tugend und jedes menschliche
Gefühl, raubten der Hälfte deiner Bewohner Glück und Leben, und verdammten die
andern in den finstern Tiefen deiner Gebirge, nach Gold- und Silberadern zu
graben, wo sie ihr ganzes jammervolles Leben hindurch das doppelte Weh fühlen,
des tröstenden Anblicks ihrer geliebten Sonne beraubt zu sein, und immer das
Gold, die unselige Ursache ihrer Leiden, für ihre Peiniger aufzusuchen. Ich hole
für Sie, meine Freundin, den Auszug der Erziehungsgrundsätze der Mexicaner, Sie
sagen dann, ob Ihnen nicht das Verhängnis dieser Menschen doppelt traurig sein
wird. - Nun war sie fort, und kam wieder mit den versprochnen Papieren:
                        Unterricht eines Mexicaners für
                                  seinen Sohn.
»Mein Sohn, du kommst von dem Leibe deiner Mutter, an das Licht der Sonne, wie
das Huhn aus dem Ey, und bist jetzo wie diese bestimmt in die Welt zu fliegen.
Ich weiss nicht, wie lange mir Gott das Kleinod gönnen will, welches ich in dir
besitze; aber ich werde ihn stets bitten, dich zu schützen. Er hat dich
erschaffen, du bist sein Eigentum. - Er ist dein Vater und liebt dich mehr, als
ich dich nicht lieben kann; wende deine Gedanken nach ihm, bete morgens und
Abends zu ihm; verehre das Alter; verachte niemand; sei niemals taub bei den
Bitten der Unglücklichen und sage ihnen Worte des Trostes, - Ehre deine Eltern,
erweise ihnen Gehorsam und Dienste, und meide das Beispiel böser Söhne, welche
wie unvernünftige Tiere handeln, ihre Eltern gering achten, und sich weder
bessern noch belehren lassen, und auf ihrem eignen Wege dem Unglücke oder wilden
Tieren zum Raube werden. - Spotte nie weder des Alters, noch der
Unvollkommenheiten der andern; verachte niemand der fehlt, sondern hüte dich,
den Fehler zu begehn, der dir missfällt. Geh nirgend hin, ohne dass du gerufen
bist, und menge dich nie in fremde Dinge. - Bemühe dich in deinen Reden und
Handlungen deine gute Erziehung zu beweisen. - Lege bei einer Unterredung
niemals die Hand auf einen andern. Sprich nie zu viel, und unterbreche niemals
das Gespräch eines andern, auch wenn es töricht wäre, wenn du nicht
verpflichtet bist, ihn zu bessern; musst du dieses, so bedenke was du sagen
willst: rede nicht mit Stolz, damit die Ermahnung gut aufgenommen werde. -
Spricht jemand mit dir, so höre ihm aufmerksam und in einer anständigen Stellung
zu; spiele nicht mit deinen Füssen, und nimm die Ecke deines Mantels nicht in den
Mund; spucke nicht zu oft aus und blicke nicht viel hin und her; stehe nicht von
deinem Sitze auf, denn alles dieses ist gegen gute Erziehung. - Bei Tische iss
nicht begierig, und zeige keinen Widerwillen gegen eine Speise. Kommt jemand
unerwartet zu deinem Essen, so teile gerne mit ihm was du hast, und wenn du mit
jemand sprichst, so starre ihn nicht zu fest an. - Wenn du ausser Haus gehest, so
gieb acht, niemand zu stossen, sondern weiche dem entgegen kommenden aus. Gehe
nie einem ältern vor, als wenn es nötig ist oder dir befohlen wird. Wenn du mit
Alten zu Tische bist, iss und trink nie früher als sie; sondern betrage dich
ehrerbietig, damit du ihr Wohlwollen erhalten mögest. Wenn sie dir etwas geben,
nimm es mit Dankbarkeit: ist das Geschenk gross, so werde deswegen nicht eitel
oder toll vor Freude: ist die Gabe klein, verachte sie nicht, um den Geber nicht
zum Misvergnügen zu reitzen. Wenn du reich wirst, sei nicht übermütig, und
blicke nicht mit Verachtung auf den Armen, sondern besorge, dass dir die Götter
den Reichtum, welchen sie dir schenkten, um des Stolzes willen wieder nehmen
würden. - Ernähre dich von deinem Fleisse; dein Essen wird dir besser schmecken.
Ich, mein Sohn, habe dich bis jetzo durch meine Arbeit erhalten, und ohne fremde
Beihülfe alles Nötige angeschafft, mache es auch so. Erzähle nie eine
Unwahrheit, denn es ist eine gehässige Sünde; wenn es nötig ist, einem dritten
mitzuteilen, was ein andrer dir sagte, so setze nichts zu und sage die einfache
Wahrheit. Rede von niemand Böses, werde kein Neuigkeitsträger, und säe nie
Zwietracht, wenn du zu jemand geschickt wirst, und die Botschaft missfällt, sage
nicht wieder was dem Menschen im Zorne entfiel, sondern suche alles zu
besänftigen: scheine das Böse nicht zu hören, und vermeide Missverständnisse zu
vergrössern; denn es würde dich gereuen. Bleibe auf dem Marktplatze nicht länger
als nötig ist, denn auf diesen Plätzen ist die grösste Gefahr für die guten
Sitten, - Wird dir eine Stelle angetragen, ergreife sie nicht zu schnell, als ob
du glaubtest dass andre nicht so viel Verdienst hätten als du, sondern zeige
bescheidnen Zweifel in dich selbst, so wirst du mehr geschätzt werden. - Lebe
niemals sittenlos; denn die Götter werden dich mit Schande strafen. - Halte dich
von den Mädchen entfernt, du bist noch jung mein Sohn! warte bis die Götter dir
deine bestimmte Gattin zeigen. Verbinde dich nicht ohne die Einwilligung deiner
Eltern, es möchte dir Unglück bringen. - Raube niemand nichts, spiele nicht; du
machst sonst deine Eltern und dich selbst elend, wenn du gegen ihre Lehren
handelst; wenn du aber tugendhaft bist, so wird dein gutes Beispiel den bösen
beschämen und bessern. - Nun nichts mehr, mein Sohn, ich habe alles gesagt, was
die Pflicht eines Vaters fordert, ich wollte mit diesen Ratschlägen deinen
Verstand stärken, verwirf sie nicht, denn das Glück deines Lebens hängt daran.«
So unterrichteten die Mexicaner ihre Söhne überhaupt, und jeder Vater sprach
noch von den besondern Pflichten jedes Standes. - Nun folgen die
                     Lehren der guten mexicanischen Mütter.
»Meine Tochter! du bist aus den besten Säften meines Lebens entstanden, ich habe
dich mit meiner Milch genährt, mit vieler Müheerzogen, und mit äusserster Sorge
so weit gebracht, als du nun bist. Dein Vater hat deinen Verstand bearbeitet und
polirt, wie einen Smaragd, damit du in den Augen aller Menschen, als ein Kleinod
erscheinen mögest. Befleissige dich immer gut zu sein, denn wer würde dich sonst
zu seiner Frau wünschen? du würdest von allen verworfen werden. Das Leben ist
ein Mühe- und Dornenvoller Pfad, und wir müssen uns bestreben, die Güter zu
verdienen, welche uns die Götter geben sollen; also dürfen wir nicht träge und
nachlässig bleiben, sondern eifrig und fleissig in allem sein. Liebe die Ordnung
und bemühe dich, eine gute Haushaltung zu führen. Gieb deinem Manne Wasser für
seine Hände und backe gutes Brod für seine Hausgenossen. Wohin du deine Schritte
wendest, gehe eines bescheidnen und gesetzten Ganges, ohne zu eilende Schritte,
oder laut mit den Bekannten zu lachen welche du antriffst, oder deine Blicke
gedankenlos hierhin und dahin zu werfen. Sorge, dass dein guter Ruf nicht
besudelt werde; gieb aber allen, welche mit dir sprechen, höfliche Antwort. Sei
fleissig in Spinnen und Weben, in Säumen und Sticken; denn durch diese
künstlichen Arbeiten, wirst du deine Nahrung und Kleidung erwerben. - Schlafe
nicht zu lange. Suche nicht immer den tiefen Schatten, sondern gehe in die freie
Luft und ruhe dort; denn Weichlichkeit bringt Müssiggang und andre Laster mit
sich. - Bei allem was du tust, denke an die Verehrung der Götter und an die
Freude deiner Eltern. Wenn dich dein Vater oder deine Mutter rufen, bleib nicht
stehen, bis du ihre Stimme zum zweitenmale hörst, sondern gehe gleich hin, wo du
etwas zu ihrem Vergnügen tun kannst, damit deine Langsamkeit sie nicht erzürne.
- Gieb niemand eine rauhe Antwort, zeige niemals einen Mangel an Gefälligkeit;
kannst du das, was man fordert nicht ausführen, so mache eine bescheidene
Entschuldigung. Wird eine andre Person gerufen, und kommt nicht gleich, so komme
du, höre was man verlangt, und verrichte es auf das beste: betrüge niemand; denn
die Götter sehen alle deine Handlungen. - Lebe mit allen Menschen in Frieden,
zeige allen ein aufrichtiges und anständiges Wohlwollen; so wirst du auch bei
allen beliebt sein. - Sei nicht geizig mit den Gütern, welche du hast, und nicht
begierig nach dem, was du siehst, das andern gegeben wird. Gieb dem Neide
niemals eine Stelle in deinem Herzen; denn die Götter teilen ihre Güter nach
ihrem Gefallen. - Wenn du kein Missvergnügen erfahren willst, so gieb auch den
andern keines. - Hüte dich vor jeder Vertraulichkeit mit Männern. Horche nicht
auf verführerische Wünsche, und auf strafbare Begierden deines eignen Herzens,
oder du wirst den Vorwürfen deiner Familie ausgesetzt sein, und dein eignes
Gemüt beflecken, wie Morast das klareste Wasser trübt. Meide die Gesellschaft
sittenloser Lügnerinnen und Müssiggängerinnen, oder du wirst von ihrem Beispiele
wie durch eine ansteckende Krankheit ergriffen, - Wenn du spazieren gehen
willst, warte auf die Gesellschaft deiner Familie, gehe nicht leichtsinnig aus
geringen Ursachen aus dem Hause, und lass dich nicht viel auf der Strasse sehen,
oder auf Plätzen, wo dein Unglück bereitet werden kann. Erinnere dich, dass das
Laster, wie ein vergiftetes Kraut den Tod bringt, wenn man es nur kostet; wenn
es aber in die Seele gedrungen ist, so ist es schwer zu vertreiben. Triffst du
auf der Strasse einen artigen jungen Mann, zeige ihm keine besondre
Aufmerksamkeit, sondern vermeide seinen Anblick und gehe weiter: sagt er dir
etwas, horche nicht, folgt er dir, wende deine Augen von ihm; er wird dich mehr
lieben und in Frieden gehen lassen. - Tritt nie ohne dringende Ursache in ein
fremdes Haus, damit ja niemals etwas Nachteiliges von dir gesagt werden könne;
wenn du aber zu einem Verwandten gehst, so zeige dich gegen alle höflich, bleibe
aber keinen Augenblick müssig, ergreife sogleich eine Spindel, oder nimm eine
andere Beschäftigung vor. Wenn du verheiratet wirst, verehre deinen Gatten,
gehorche ihm, und befolge alles was er verlangt. Vermeide ihm zu missfallen,
zeige ihm niemals eine üble Laune, sondern alle deine Zärtlichkeit; auch wenn er
arm ist, und von deinem Vermögen lebte. Wenn er Dinge von dir fordert, welche
dir unangenehm sind, zeige ihm dein Missvergnügen nicht sogleich, sondern richte
seine Befehle aus, und mache deine Vorstellung für die Zukunft, auf eine sanfte
liebenswürdige Art. Empfange seine Freunde mit Achtung, und erweise ihnen alle
Höflichkeit: ist dein Mann unbesonnen, so befleissige dich der Ueberlegung in
allem was du tust: geht er leichtsinnig mit seinem Vermögen um, so ermahne ihn
mit aller Güte und besorge seinen Nutzen auf das beste. Bezahle alle, welche für
dich arbeiten, zu rechter Zeit, und hüte dich, dass niemand durch deine
Nachlässigkeit schaden leide. - Fasse, meine Tochter, diese Vorschriften in dein
Herz: ich bin alt und kenne die Welt; ich bin deine Mutter und liebe dich; wenn
du gegen meinen Rat lebst, so ist dein Unglück deine eigne Schuld.«
    Vandek setzte nun hinzu, dass Frau Wattines sagte: ich will, meine Freundin,
von diesen einfachen Ratschlägen nicht erst sagen, dass sie beweisen, dass die
Mexicaner civilisirt waren, wie wir Europäer; denn die Lehren des Vaters zu
allgemeiner Güte und Höflichkeit, beweisen es, so wie der Unterricht der Mutter
zu klugem Betragen bei dem Liebhaber und Ehemann in jede unserer Familien passen
würde, - müssen wir meine Freundin nicht sagen: gewiss waren unter den
Gemordeten, unter denen in die Goldgruben Gestossenen viele tausende, welche nach
den Grundsätzen dieses Vaters und dieser Mutter erzogen wurden. Ach was litten
diese an Leib und Seele! Was für ein Anblick für Gott, Engel und Heilige, in der
Verschiedenheit des Gebrauchs, welchen die Mexicaner von ihrem Golde, und die
Europäer von ihren Wissenschaften machten! Wie traurig ist es zu sagen: die aus
der heissen Region von Spanien gekommenen Christen, quälten die Amerikaner in
Süden durch Feuer zu Tode, verachteten ihre moralischen Gefühle, und
unterdrückten jede Kenntnis ihres Geistes. Die aus den kältern Gegenden
angelandeten Engländer und Holländer jagten sie aus den freundlichen Ebnen in
die Wälder zu wilden Tieren, und liessen sie mit vieler Gleichgültigkeit
unwissend. - Raynals Geschichte der beiden Indien zeigte mir auch Franzosen und
Portugiesen eben so ungerecht, eben so grausam. - O, wenn Tränen, welche ich
über das Schicksal der guten Indier und Africaner vergoss, etwas zur
Erleichterung ihres vielfachen Jammers beitragen konnte, so haben sie gewiss
Linderung gefühlt. - Ich betete für sie, in meinen noch glücklichen Tagen, als
ich meinem Oncle das schöne wichtige Werk vorlesen musste, und mich damals in
meiner Seele schämte, dass auch Franzosen ihre Obermacht in Kunst und Geist, so
hart und treulos gegen diese guten Kinder der Natur gebrauchten.
    Ach wie weit war ich in den Jahren 1787 und 1788 entfernt, zu vermuten, dass
so bald eine Zeit kommen würde, wo ich das ungerechteste Betragen eines Teils
Franzosen gegen Franzosen, und den Martertod meiner nächsten Verwandten
beweinen, und froh sein würde, in Amerika's einsamen Gebüschen einer Insel, weit
von meinem Vaterlande zu wohnen, und Gott danken würde, dass die Hütte einer
armen Indianerin mich aufnahm, mein und meines Sohnes Leben rettete, welches ich
mir in Paris nicht versprechen konnte, da ich zu der nun so sehr verachteten
Classe des Adels gehörte. Ach gewiss, meine Freunde! setzte sie hinzu, der Hass
verblendet den Geist mehr, als die Liebe niemals getan hat, diese wendet unsere
Gefühle und unser Denken nur von der Klugheit und Sorge für unser eignes Wohl
ab, der Hass aber entfernt uns von Güte und Gerechtigkeit: Liebe gibt Stärke zum
Tragen, Hass die zum Niedertreten: - Liebe übersieht alle Fehler, Hass jede
Tugend: - Liebe opfert sich selbst so gerne, Hass sucht Opfer seiner Rache. - Das
Herz des guten Menschen muss auch einen Widerwillen gegen die Falschen und Bösen
haben, aber er verfolgt sie nicht, er flieht nur ihre Gegenwart, wie Ihr Mann
und mein Carl die Europäer flohen.
    Finden Sie nicht, meine Freunde! dass Frau Wattines immer in allem einen sehr
schönen Character zeigt? war es nicht schön dass ihre gefühlvolle Seele das Weh
der Mexicaner eben so lebhaft fühlte, als ihr eigenes? - und, sagen Sie nicht
auch mit mir, dass die Familie der Vandeks sehr schätzbar ist, da sie die Züge
des fremden Verdienstes so gerne sammelt und bekannt macht? wie ich sogleich
noch eine Note abschreiben kann. -
    Einmal, da Frau Wattines ihren Carmil mit den Kindern der Vandeks spielen
sah, drückte sie ihr die Hand und sagte:
    Liebe Freundin! ist es Ihnen nicht ein süsser Trost in dieser Einsamkeit, dass
unsere Kinder nichts als das Beispiel ihrer guten Eltern zum Vorbilde ihres
Lebens und ihrer Sitten haben? Erzählen Sie einmal meiner Tochter von den
Tugenden der Mädchen ihres Vaterlandes, ich will den Ihrigen von den Verdiensten
junger Personen unseres Geschlechts in Frankreich erzählen, aber nie nichts von
Leidenschaften, nie, sondern von abwechselndem Fleisse, Heiterkeit, Kenntnis,
Güte und dem Geschmack am Schönen. - Ja das wollen wir, sagte Frau Vandek, für
unsere Töchter tun, denn unsere Knaben werden durch ihre Väter zu männlichem
Sinn und Kraft des Denkens gebildet. -
    Ich wünsche, sagte Frau Wattines, dass unsere Männer einen kurzen Auszug des
Besten aus den Gesetzen machten und hier einführten. - Frau Vandek erwiederte
lächelnd: Ihr Wunsch wird schon zu der Hälfte erfüllt, denn Vandek macht
wirklich einen Auszug aus der Moral, welcher gewiss gerne befolgt werden wird,
weil alles ganz einfach diesem Leben und Pflichten angemessen, nicht übertrieben
und nicht überladen sein wird. Frau Wattines erwiederte lebhaft:
    O, unsere Kinder werden es gerne annehmen, denn ihre Seelen sind, wie der
Boden dieses Aufentalts, noch neu, und wie dieser gerne Saamen auffasst, werden
ihre reinen Seelen Ideen annehmen und zur Vollkommenheit bringen. Mögen diese
einfachen Vorschriften nur so lange ungestört wirken, als der Bau unserer Stadt
dauern wird; denn unsere jungen Colonisten würden indessen neben der fleissigen
Handarbeit an die Befolgung dieser Gesetze gewöhnt, und genössen das Glück des
ausübenden Guten.
    Einmal fragten die Vandeks unsere holde Emilie; ob sie auf der Insel nie an
den Tod ihres Mannes dachte, was sie da für Entwürfe machte? - Die liebe Frau
schauderte und sagte: ach! an was für Tage erinnern Sie mich! Nach einigem
Schweigen setzte sie sanft nachdenkend hinzu. - Ehe ich Kinder hatte, war dieser
Fall so schrecklich in meinen Augen, dass ich nichts vor mir sah, als mein Leben
in dem See zu endigen, indem ich fest überzeugt war, dass mir Gott in dieser
fürchterlichen Lage, diese willkührliche Erscheinung vor seinem Trone vergeben
würde; aber als ich Mutter war, wollte ich Carmil und etwas Kleidung in das
Rindenschifchen binden, welches Wattines zu seinem Vergnügen verfertigte, und
damit zu den guten Oneidas hinüber schwimmen, welche mich gewiss aufgenommen, und
dann zu Europäern gebracht haben würden, welchen ich dann von meinem Schicksale,
von meiner Hütte und der Anlage auf der Insel erzählt, und sie gebeten hätte,
die kleine Habe meines Waysen zu retten.
    Frau Vandek sagte hier, als ich sie weiter fragte: Ach das war eine sehr
melancholische Unterredung, und ich bereuete sehr, der lieben Frau Wattines eine
so schmerzliche Erinnerung erneuet zu haben: bereuete es um so mehr, da sie mir
den nehmlichen Abend einen rührenden Beweis des edelsten fühlbarsten Herzens
zurück liess, indem sie mir, ehe sie nach Hause ging, dieses Papier als Uebung im
Englischen gab. -
    Vielleicht kennen Sie es, meine Freunde, schon lange, das schöne Stück
englischer Phantasie, aber ich kann mir doch das Vergnügen nicht versagen,
diesen neuen Beweis von Emiliens Denkart, in meine Blätter zu verweben, ob ich
schon sicher bin, niemals nur das mindeste zu vergessen, was eine Familie
betrifft, welche die Vorzüge der edlen Menschheit so glänzend zeigt, - Emiliens
Papier sagte:
    »Ihre Güte, Ihre Teilnahme an meiner Familie und an mir, rufen meinem
Gedächtnisse eines der ersten englischen Stücke zurück, welches ich wie aus
einer Art von Ahndung, vorzüglich liebte, weil es mir gegenwärtiges und
kommendes Schicksal zeigte.
                               Liebe und Freude.
In der Zeit des goldnen Weltalters schuf Zeus Liebe und Freude, ein
Zwillingspaar, und schickte sie von dem Himmel zur Erde. Wo sie hinkamen
sprossten Blumen, und verschönerte sich die Natur, aber zu gleicher Zeit
verliessen die Menschen den Weg der Unschuld und Güte. Asträa floh mit der Freude
und ihrem Gefolge die mit Blut besudelte Flur, die Liebe allein blieb zurück.
Die Hoffnung, ihre Amme, hatte sie aus dem Haufen der bösen verdorbnen Menschen
entwandt, und nach Arkadien gebracht, wo sie unter schuldlosen Hirten auferzogen
wurde; aber der erzürnte Zevs vermählte sie mit dem Schmerze, der Brautkranz war
von Cypressen und Wermut, aus dieser Verbindung entsprang eine Nymphe, welche
mit ihren beiden Eltern viel ähnliches hatte; Kummerzüge des Vaters, und das
süsse Liebenswürdige der Mutter. Die Hirtenmädchen versammelten sich um sie, und
nannten sie Mitleid. Ein Rotkehlchen baute in der Laube worin sie geboren war,
und eine vom Habicht verfolgte Taube floh in ihren Busen. Sie war von etwas
ernstem melancholischen Ansehn, hatte aber einen so einnehmenden Blick, das sie,
wo sie sich zeigte, geliebt wurde. Ihre Stimme war leise, aber von
unaussprechlicher Lieblichkeit. Viele Stunden weilte sie unter hangenden Weiden,
am Ufer eines klagenden Stroms, und sang zur Laute. Sie lehrte die Menschen
weinen, und oft, wenn die Mädchen zum Abendspiele versammelt waren, schlich sie
in ihre Reihen, und nahm ihre weichen Herzen durch schmelzende Hirtengedichte
und süss klagende Elegien ein. Auf ihrem Haupte trug sie einen Kranz von den
Cypressen des Vaters, und den ihrer Mutter geweihten Myrten. Zevs befahl ihr,
den Schritten des Schmerzes durch die Welt zu folgen, und Balsam in Wunden zu
träufeln. Sie folgte auch mit ofnem, hoch klopfenden Busen, ihr Gewand wurde oft
von Dorngesträuchen zerrissen, ihr Fuss blutend von Steinen des rauhen Weges. Die
Nymphe ist sterblich, wie ihr Vater der Schmerz; wenn ihr Weg auf der Erde
geendet ist, werden sie in einem Grabe verschlossen, und die Liebe wieder mit
der Freude vereint.
    Ich bitte, meine gütige Freundin Vandek, diese unvollkommne Uebersetzung
aufzuheben, weil mein Herz dabei sagte: ach, mit Liebe und Freude folgte ich
Wattines auf die Insel, Schmerz und Jammer folgten nach: meine Vandek kam, wie
die tröstende Nymphe des edlen Mitleidens und goss Balsam in unsere verwundeten
Seelen. Ihr Blick, ihre Stimme waren liebreich, und an ihrer Hand kam sanfte
Weisheit und Freundschaft, uns aus den labyrintischen Gang des Kummers, auf den
ebnen Weg geselliger Arbeit und Menschenliebe zurück zu führen. - Treue Liebe
wohnte immer in meiner einsamen Hütte, Gott leitete aber die verdienstvollen
Vandeks, um uns für alles erlittene Weh zu belohnen, den harten Verlust vieles
Guten leichter zu vergessen, und unsere Tugend zu stärken.«
    Tadeln Sie mich nicht, meine Freunde, wenn ich sage, dass ich nicht weiss, was
ich dem Verhängnis antworten würde, wenn es mich früge: ob ich als Beispiel
eines schätzbaren Reichen, oder wie Wattines, als Vorbild der
verehrungswürdigsten Armut aufgestellt sein wollte? denn sagen Sie, ist es
nicht schön das Bild der Beschreibung, wie Wattines sein Unglück trägt, oder
wenn Sie den Ausdruck schön bei einer solchen Last von Jammer unschicklich
finden, so müssen Sie doch den grossen und wahren Gedanken der Königin Christina
von Schweden auf Wattines anwenden lassen; dass eine edle Seele alles adelt was
sie tut. Fragen Sie sich aber auch selbst, wie ich mich fragte, und horchen
Sie, ob nicht in dem Innersten Ihres Herzens eine Stimme tönen und sagen wird;
ja, lieber Wattines auf der Insel Oneida, als einer der Regenten Frankreichs,
welche den so guten schuldlosen Ludwig XVI. zum Tode verdammten, und wegen des
elenden Neides über Titel und eines Platzes in den Zimmern der Könige, den Adel
hassten, und viele tausende von ihnen mordeten, und hundert tausende unglücklich
machten.
    O, wie viel lernte auch ich an den Ufern des Oneidas. Wie gerne gäbe ich die
Hälfte der Heiligen- und Heldennamen, welche man aufzeichnete, für den Namen des
weisen Menschenfreundes der Alten, welcher zuerst den schönen Wunsch ausdrückte:
der Himmel gebe dir eine gesunde Seele in einem gesunden Körper; denn gewiss
meine Freunde, nichts fasst den wahren Wert alles dessen in sich, was man Glück
nennt, als dieser so einfache Wunsch, - und diese wahren Güter des Lebens
erhielten Wattines und seine Gattin in dem grössten Kummer. Zeigten sich nicht
beide in Arbeit, Denkart und Leiden, auf ihrer einsamen Insel, zeigen sie sich
nicht heute noch, als zwei durch Erfüllung dieses Wunsches beglückte Sterbliche?
- O wüsste ich ihn diesen Namen, so würde ich Sie bitten, ihn dem nächstkommenden
Ihrer Sohne beizulegen; alle welche der Himmel mir schenkte, müssten ihn tragen,
und ich führte eine liebliche Gewohnheit der katolischen Kirche in meinem Hause
ein, sich dem Schutze und den Eingebungen seines Namenspatrons zu empfehlen.
    Sie glauben nicht, mit wie vielem Vergnügen ich heute meine Feder ergreife,
da ich einen so vortrefflichen Beweis meiner gestern aufgestellten Gedanken zu
bezeichnen habe.
    Frau Wattines erzählte uns von einem Spatziergange an den Saatfeldern hin,
wo einige Colonisten ihnen begegneten und eine gute Nacht wünschten, Emilie
ihnen dankte und sagte: möchten auch meine guten Nachbarn einen erquickenden
Schlaf geniessen. - Diese gegenseitigen Wünsche, und die Ruhe der Gegend um uns
her, flössten äusserst sanfte Empfindungen in Wattines Seele. - Er sah den Leuten
nach, blickte überall um sich, und sagte dann:
    Nicht wahr, Emilie! man liest oft in den besten Stunden der grossen Welt das
Lob der Natur, der reinen einfachen Gefühle, bei Schönheit und Anmut einer
stillen ländlichen Gegend, wie oft auch, wenn man alles gekostet hat, was die
Kunst- und Lustgärten, was Reichtum und Überfluss in Pallästen geben können,
eilt man begierig zu dem Anblick der Felder und Wiesen, und besucht die einfache
mit einigen Bäumen umgebne Bauerhütte. - Wie entzückte uns einst der in die
Gartenhecke verwachsene Rosenstock, und das Beet voll Lilien, welche unsere
Pächterin längst ihrem Salat- und Petersilienfelde gezogen hatte. Wie innig
wurden wir gerührt, als sie uns sagte: so lang' es weisse Lilien gibt, opfern
sie meine zwei Mädchen der allerheiligsten Jungfrau, und bitten sie dabei um ein
reines Herz. - Nun schwieg er einige Zeit, hob die kleine, das Gehen übende
Antonette auf, küsste sie, und drückte sie an seine Brust, gab sie der Mutter zu
küssen, stellte sie dann wieder hin, und sagte: Ich will auch Lilien für dich
pflanzen, und deine englische Mutter soll dich ihre Bedeutung lehren.
    Nach einer Pause setzte er hinzu: Unser vortreflicher Prinz Conde zu
Chantilly, unsere gute unglückliche Königin zu Triauon, und die Gemahlin des
Grafen von Provence, bauten zu Ende der prächtigen Gärten kleine Dörfchen, um
die durch den Glanz der Höfe ermüdeten Augen an dem kunstlosen Anblick wieder zu
stärken, und sich da zu erholen. Ach, Emilie! nicht einmal diese Bauerhüttchen
sind ihnen geblieben! - Wir haben einen Pachtof, ruhige wohlmeinende Nachbarn,
friedliche Stunden zu Arbeit und Schlaf, können, wenn unsere, dem Leben der Erde
nötige Haus- und Feldarbeit besorgt ist, den Anbau unsers Geistes, durch unsere
Bücher fortsetzen, und den edlen Ehrgeitz zu vergnügen suchen, Modell einer
verdienstvollen Pächterfamilie zu werden, welche dem Staat durch gute
Kinderzucht nützliche Bewohner bildet. - Er umarmte hier seine in sanfte Trauer
gesunkene Emilie, und sagte: wir wollen uns, meine Beste! in die Zeiten des
Adels der Normandie und der Schweiz versetzen, wo der erste von dem König
unterjocht, der andre, wie wir, von dem Volk ihrer grossen Güter beraubt wurden,
und kaum einen armen Meierhof erhielten, ihr Brod anzubauen. Die Normandie hat
Frankreich, in dessen unterdrückten und verarmten Familien, eine Pflanzschule
vortreflicher Seeoffiziere gegeben, in welchen die Namen alter Barone nicht mehr
wegen Reichtum und Macht, aber durch Verdienst und Kenntnis neues Ansehen
erhielten; wie man von den Schweizerfamilen sagt, dass sie durch Tapferkeit in
fremden Kriegsdiensten, und durch Regentenweisheit in ihrem Vaterlande, ihren
alten geschätzten Namen neue Verehrung erwarben. Unser Carmil soll hier nie von
dem Adel seines Namens sprechen, aber den moralischen Adel der Seele in
Wissenschaft und männlicher Tugend beweisen. - Ein, durch seinen Vater
angebauter, zu reichem Ertrag und einfacher Naturschönheit gebrachter, Bauerhof,
soll sein Erbteil werden. Die Geschichte seiner Eltern soll er auch finden. Ich
werde ihm sagen, dass sein Grossvater der Nordamerikanischen Regierung das so
schöne Recht erkämpfen half, den Orden des Cincinatus zu errichten - Ich werde
ihm von den Ehrenzeichen erzählen, welche seine Voreltern in Europa erworben
hatten, und will ihn zu den Tugenden bilden, welche den Namen des Cincinatus
verewigten, und unserm Carmil einst gerechte Anwartschaft auf eine Stelle in
diesem Orden geben sollen. - Und so, meine Emilie, stehen wir nun zwischen den
in der alten Welt niedergerissenen und zu Boden getretnen Vorzügen unsrer
Familien, und der aufblühenden Hoffnung, in der neuen Welt den Namen Wattines auf
der Höhe des edlen nützlichen Verdienstes neu glänzen zu sehen.
    Wie innig waren unsre Blicke auf Carmil geheftet, und dann zum Himmel
erhoben, welcher uns günstig schien, sagte Frau Wattines; denn nie hatten wir
schönere Abendwolken gesehen: die holden jugendlichen Züge unsrer Kinder waren
so schön beleuchtet, und die ganze Landschaft glänzte in dem Schimmer der
Abendröte. Wattines sah mit Entzücken auf uns, und sagte dann lächelnd: ich
hoffe, dass es zu den Zeiten des Glaubens an Vorbedeutung auch einen jungen Vater
gab, welcher in einer so lieblichen Stunde von Verdiensten und Glück seiner
Kinder träumte, wie es mir so eben begegnete; war die Mutter eine Emilie, so
genoss der alte Grieche oder Römer gewiss eine unaussprechliche Freude bei diesem
prächtigen Niedergang der Sonne, weil es ihm Anzeige der Erfüllung seiner
Wünsche war. Auf meine Einbildungskraft wirkte es nur halb, indem unsere
Lehrsätze jede Deutung verwerfen, und ich jetzt auch alles in einen grauen Nebel
sinken sehe. - Dieser Nebel ist mir, sagte Emilie, das Sinnbild des Schleiers,
hinter welchem die göttliche Vorsicht, der ich mich und alles was ich liebe
überlasse, die Begebenheiten unserer künftigen Tage verbirgt, aber gewiss unsere
Wünsche und Entwürfe nicht übel nimmt.
    Mit diesen sanft dämmernden Ideen gingen sie nach Hause, und freuten sich,
dass der letzte Sonnenstrahl, welcher den ganzen See durchstreifte, noch einen
Augenblick auf ihrer Hütte weilte.
    Er musste, sagte die holde Emilie, an der Insel und unserer alten Wohnung
vorbei, ehe er den kleinen Teil unsers jetzigen Aufentalts berührte, und dann
an den Wipfeln der hohen Bäume verschwand, welche Wattines, von dem Geist des
wahren Schönen geleitet, hatte stehen lassen. Meine Blicke folgten der
Beleuchtung des letzten Blatts, und ich dachte tröstend: der erste Lichtstrahl,
welcher die Nacht endigt, kommt wie der Hauch des Lebens meiner Seele von dem
Himmel, und beide gehen zu ihm zurück, Mein Abendgebet war durch Wattines
Betrachtungen, über das Vergangene, und durch seine Entwürfe für unsere Kinder,
inniger geworden. Er seufzte und betete auch ganz leise, aber wir schliefen
beide einen recht erquickenden Schlaf, wie die ganze Natur; denn der schöne
Herbstmorgen war nicht heiterer als wir.
Nun hat Wattines Garten seine völlige Einteilung, und für die ersten Jahre
bestimmten Anbau erhalten: alle Arten von Gemüspflanzen finden eine Stelle, alle
haben auch schon ihre eigenen Vlumen zu Gefährten angewiesen bekommen. Sie
nehmen nicht viel Platz ein, und geben bei der grossen Ordnung des Ganzen, dem
Garten einen Reitz, den kostbare Blumenstücke nicht haben. Als ich mit Wattines
davon sprach, antwortete er lächelnd: ich glaube, dass diese Phantasie ein
Ueberrest des Eindrucks ist, welchen ein gesellschaftliches Gespräch auf mich
machte, worinnen Poeten und Maler den Kunst- und Weingärtner, prosaische
Schriftsteller aber, den Weitzen und Gemüsbauer ähnlich gefunden wurden. Die
ersten ergötzten und die zweiten nährten. Mein Garten verbindet beides, und ich
kann sagen, meine Gemüs-Felder sind mit Blumen verziert, wie oft ein sehr
nützliches prosaisches Werk mit poetischen dazu passenden Auszügen geschmückt
wird -
    Diese kleine Unterredung war in Wattines Garten. Carmil lief umher und
suchte noch alle mogliche Wiesenblümchen zusammen, brachte sie seiner Mutter,
legte sie auf ihren Schoss und überstreute Antonettens Bettchen, brachte den
Kühen die, von welchen man sagte, dast sie sie liebten, auch wollte er die
Bücher des Papa's und das Arbeitszeug der Mama mit Blumen überdecken. Wattines
lehrte ihn Bouquete binden, sie auf seinem Hute befestigen, und in die
Knopflöcher seines kleinen Westchens stecken, und führte den mit Kinderstolz
erfüllten Carmil, so geputzt seiner Mutter entgegen, welche gerade mit einem
Blatte Papier in der Hand zu uns kommen wollte. Sie küsste ihren Sohn, lobte die
schönen Blumen, und der Knabe hüpfte weg, um sich dem Gesinde und den Nachbarn
zu zeigen. Ich sprach von seiner ausserordentlichen Liebe zu Blumen. Ein Zug von
Besorgnis, und ein Blick voll sanfter Wehmut nach einigen noch umher stehenden
Blumen, war auf wenige Momente in Emiliens schnell von mir gewendetem Gesichte
merkbar, und mit gerührter Stimme sagte sie: ach möge Carmils Blumenliebe keine
Ahndung sein, wie es bei mir war.
    Wie sollte dieses, bei einer so höchst unschuldigen Sache, zu einer
traurigen Ahndung werden können, wie Sie anzudeuten scheinen? sagte ich, sie
erwiederte: meine Mutter und meine Wärterinnen erzählten mir immer, dass ich von
den ersten Kinderjahren an, eine solche Freude an Blumen zeigte, dass ich mitten
in dem stärksten Weinen und Weh, auf dargereichte Blumen lächelte, in dem
Blumengarten alles andre vergass, und nie glücklicher war, als wenn ich mit
meiner Puppe, zwischen den hohen Büschen der Gicht-Rosen spielen, und sie dort
neben mich setzen konnte. - Sie sehen hierin, setzte sie lächelnd hinzu, die
Ursache, warum mein liebreicher Wattines mit so vieler Sorgfalt Gichtrosen um
meine Ruhebank pflanzte. - Ich war so Blumen gierig, dass man hätte den Garten
verwüsten müssen, um mich zu befriedigen, und die Mägde brachten mich nach den
Wiesen, wo sie meine Aermel, mein Brust stück und Schürze mit Blumen besetzen
mussten. - Dieser Geschmack blieb mächtig in mir, denn die wildwachsenden Blumen
der Insel, und die, welche mein Carl für mich erzog, gossen immer durch die
Anmut ihrer Gestalt und ihrer Bewegung, durch ihre stille bescheidne
Verschönerung der Erde und in der Luft verbreitete Wohlgerüche, bei jedem blicke
auf sie Besänftigung in mein Herz, und Erquickung in meine Brust. Tausendmal
sagte ich mir in unserer Einsamkeit auf der Insel: Gott legte dieses lebhaft
wirkende Gefühl für die Schönheit der Pflanzenwelt von Jugend auf in deine
Seele, weil er vorhersah, dass ich einst alle andre Freuden des Lebens, alles was
Gesellschaft der Menschen geben kann, verlieren, und in dem stillen, süssen
Genusse dieser Geschöpfe, einen Ersatz finden würde. - Verzeihen Sie mir jetzo
nicht einen Teil, der künftiges Weh ahnenden Sorge, für die erwachsenen Jahre
meines Sohnes, wenn ich in seinen kindlichen Tagen, das ganze Bild der meinigen
erneuert vor mir sehe?
    Sehr gerne, antwortete ich, versprechen Sie mir nur, bei diesem zufälligen
Auffinden von Carmils Aehnlichkeit mit ihrer Blumenliebe, auch an ähnliche Züge
des heroischen Geistes seiner Eltern, an die in ihm vereinten moralischen
Gefühle, und die im Ganzen abgeänderte Lage zu denken. Sie haben in einem Sturme
alle Ihre Glücksgüter verloren, aber ihr aus doppelten Ursachen unschätzbares
Leben wundervoll gerettet. Dies, was Sie beide am meisten liebten, Tugend und
Kenntnisse wurden mit Ihnen geborgen: bedenken Sie, was diese hohen Kräfte edler
Seelen für Sie bewirkten, und für Ihre Kinder tun werden, und geniessen Sie die
Freude ungetrübt; sich zu sagen: dass gewiss kein menschliches Wesen unter einem
günstigern Einfluss entstand, als Ihr Carmil. - In den Armen der reinen Natur,
unter dem Schutze ausübender Tugend, als Frucht der schönsten Liebe! - Alles in
ihm verkündet Morgenröte eines von Gott bezeichneten heitern Tages. Er wird,
wie sein würdiger Vater, Blumen und Bäume pflanzen; wie seine verehrungswerte
Mutter, alles Gute und Schöne lieben, und o, glauben Sie meiner Ahndung, er wird
durch Sie beide, als Vorbild des hier aufwachsenden Geschlechts aufblühen, und
gewiss das edelste Erdenglück wird sein Loos. - O wie war die Mutter gerührt! mit
welchem Ton der Stimme sagte sie mir: Gott erfülle diese Prophezeihung, und
kröne einst dieses vorhergesagte Glück meines Sohnes, durch die Freundschaft
eines Mannes wie Sie.
    Ich dankte ihr durch eine Verbeugung, und da wir am Ende der hohen Baumalles
Wattines und Carmil zurückkommen sahen, und bemerkten, dass er dem Kleinen, die
in beiden Ecken angelegten halben Lauben, und einander gegenüber liegende
Gärtchen zeigte, welche er für ihn und Antonette bezeichnet hatte, so sagte Frau
Wattines: jetzo ist es gerade noch schicklich, meine kleine Uebersetzung aus dem
Englischen zu lesen, mit welcher ich in den Garten kam: als der Anblick meines
blumigten Carmils mich auf meine Kinderjahre zurückführte.
    Indessen waren wir Vater und Sohn nahe genug, um Carmil schon die kleinen
Wege durchlaufen zu sehen, und dass Emiliens Stimme Wattines hörbar wurde, als
sie sagte: glückliches Kind! mögest du in allem die von der Hand deines Vaters
bezeichneten Wege mit so freudigen Schritten durchlaufen, und diese mir so liebe
Betrachtung, einst deiner Denkungsart und deinem Glücke angemessen sein.
    Da sie bei dieser kleinen, nicht ohne Bewegung der Seele ausgesprochenen
Rede, das Papier auseinander faltete, so werden meine Freunde sehr natürlich
finden, dass Wattines und ich auf den Inhalt begierig wurden: es waren wenige
aber schön gedachte Zeilen: -
                              Ueber die Gärtnerei.
»Man hat sie schöne Kunst und üppige Prachtliebe des glücklichen Ackerbaues
genannt, mich dünkt sie der anständigste, tugendvollste Zeitvertreib, des mit
Reichtum gesegneten Mannes zu sein. Sie ruft ihm die unschuldige Beschäftigung
des ländlichen Lebens zurück, und die Ausgaben, welche er zu Verzierung seiner
Gärten verwendet, gewährt ihm die Befriedigung seines Geschmacks am Schönen, und
der Neigung zu Aufwand, welche immer mit grossen Glücksgütern verbunden ist; ohne
ihn der Gefahr auszusetzen, bei dieser Leidenschaft gegen die moralischen
Gefühle zu handeln. Liebe der Gärtnerei ist weit von den gewöhnlichen
Vergnügungen der Höfe und der grossen Welt entfernt; denn sie besänftiget die
empörten Leidenschaften der Seele, und jeder Blick in ihrem holden Gebiete,
scheint die zarten reinen Bande zwischen uns und der Natur zu verstärken.«
Diese letzte von Emilie dem englischen Original zugegebne Idee rührte mich, und
ich sagte der frommen Frau: Sie werden auch so lange, als die Welt und Menschen,
dauern, diese schönen, von Gott selbst im Paradiese geknüpften Bande, aber ich
sehe in diesem Gedanken auch den Faden von der edlen sympatetischen Verbindung
zwischen Ihnen beiden und Ihrem Lieblinge St Pierre. -
    Wie das? fragte Wattines sehr schnell. Weil mir das schöne wehmutsvolle
Stück in Erinnerung kam, welches Sie mir auf der Insel vorlasen, wo St. Pierre
von dem Grabe unter dem Eibenbaume so rührend sagt: unser Staub bleibt da durch
Tau und Regen, durch die Stralen der Sonne und des Mondes, durch den Wind,
welcher die Grashalme auf unserm Hügel bewegt, in Verbindung mit der ganzen
Natur, - und Sie edler gefühlvoller Freund! setzte ich gegen Wattines hinzu,
welcher auf der lieben Insel das Gebiet der Verwesung in eine Blumenflur
verwandelte, Sie werden meine Bemerkung nicht unrecht angewendet finden. -
Wattines drückte meine Hand und sagte:
    O nein! mir ist im Gegenteile Ihre Aufmerksamkeit für alles was die
Wattines der neuen Welt betrifft, Unterpfand Ihrer Liebe und Ihrer Teilnahme,
und nun müssen Sie eine so eben entstandne Bitte meines Herzens erfüllen und
hier in der Ecke des Gartens, nahe bei dem von dem Dach meiner Scheune halb
bedeckten Platz, neben Carmils Garten, fünf Zuckerahornbäume pflanzen, welche in
einem Halbzirkel stehend, unsere Namen tragen sollen. Ihr Friedrichsbaum in der
Mitte, Emilie, ich, und unsere zwei Kinder zu beiden Seiten. - Diese von Ihnen
gepflanzten Bäume, werde ich besorgen, und Blumen zwischen ihnen pflanzen, dort
werde ich mit Emilien mich erinnern, dass Sie unsere Felder, welche man von der
Stelle alle sieht, segneten, und unsern Garten anpflanzen halfen; dort soll ein
Tisch und Stühle hinkommen, dort mein Carmil das erstemal die Geographie von
Deutschland hören, bei Ihrem Namen soll er den Wert der edlen Wissbegierde, und
die Eigenschaften eines edlen jungen Freundes kennen lernen, und bei dem Punkt
von Carlsruh, wo Sie die erste und endliche Bildung Ihres Geistes erhielten,
werde ich ihm den Weg der Kenntnisse bezeichnen, Begriffe von den Ländern geben,
welche Sie durchreisten, von Ihrem Aufentalt bei uns erzählen, und ihm sagen,
mit wie viel dankbarer Verehrung Sie sich stets Ihres verdienstvollen Lehrers
der Matematik, und das edle Beispiel des Denkens und Lebens vom Rat Wucherer
erinnerten, und dadurch so schön eine Tugend und Vorschrift des würdigsten der
Kaiser befolgten; da Marc-Aurels Leben beweist, wie er noch als Regent des
grössten Reichs der Erde, das Andenken seiner Lehrer segnete. - So will ich Ihr
Andenken feiern. Ihre in der schönen Jahreszeit uns zukommenden Briefe sollen
auch hier gelesen werden. - Wenn unsere Felder gut stehen, wenn alles im Garten
blüht, will ich Carmil sagen: die Wünsche der wahren Freundschaft wirken noch
über Berge und Meere herüber auf unsere kleine Besitzungen. Er soll auch jeden
Frühling die Blumen besorgen helfen, welche zwischen den Bäumen gezogen sind,
und bald, sehr bald, hoffe ich, soll er die Bedeutung fassen, welche ich damit
verbinden werde: dass schöne Kenntnisse und abwechselnde angenehme Unterredungen,
uns mit Ihnen - Ihre wohlwollende Güte und Geduld, Sie mit uns verband, wie
diese fünf Bäume durch die Blumengewinde verbunden sein werden. Er soll dort
hören, dass ich am Ende Mühevoller Tage in Ihrem Umgange mich erholte, neue
Stärke und Heiterkeit des Geistes sammelte, wie der Schatten der lieben Bäume
mir in heissen Stunden erquickende Ruhe schaffte, und Ihr Zuckersaft bittres
Getränk versüsste.
    Diesesmal brachte mich Wattines durch das liebliche Gemälde meines mir
gewidmeten Denkmals auch zum Fliehen, denn er hatte dadurch meiner
Einbildungskraft, meine Abreise und weite Entfernung so vorgestellt, dass ich die
Pferde schon gesattelt, und einen Wagen zum Abfahren fertig sah. In dieser
Empfindung umarmte ich ihn, ohne ein Wort zu sagen, und verliess ihn eben so
eilig, als ob ich die Schmerzen des Abschiednehmens vermeiden und abkürzen
wollte. Er hielt mich nicht zurück, weil seine lebhafte Beschreibung eben so
sehr auf ihn gewirkt hatte als auf mich. - Ich dachte zu Hause nach, ob ich
nicht auch etwas finden könnte, welches Wattines zum fühlbaren Andenken bleiben
möchte, und ich glaube einen guten Gedanken auszuführen, bei welchem mein
Zimmermann mich unterstützen wird. Da Wattines bei den fünf Bäumen auch einen
Tisch und Stühle nannte, so will ich nicht nur die erstern pflanzen, sondern
auch diese verfertigen, und dabei, wie er von dem Ankauf seines Eisendrats
sagte: es war Phantasie, welche am Ende ernstaft nützte - so sage ich, in
meinem Vaterlande erschien meine genaue Befolgung der Grundsätze des Rousseau,
die Schreinerei zu lernen, auch als Phantasie, und jetzo hilft sie hier meinen
Freunden, einen Dienst erweisen, und Vergnügen zu machen. Mit dieser Arbeit wird
mein Winter sehr angenehm verfliessen, denn ich will jedem Stück den höchsten
Grad Vollkommenheit geben, der in meinen Kräften steht. - Vielleicht wird dieses
Vorhaben zum Beweis, dass die Freundschaft einen Schwaben zu einen eben so
geschickten Schreiner machte, als die Liebe einen Holländer zum Maler schuf.
Aber ehe ich an diesem Entwurf Hand anlegen kann, werde ich mit der ganzen
Colonie an einem Tempel der treuen Liebe arbeiten helfen, wovon ich hier die
kleine Geschichte erzählen will. - Vorgestern kam noch eine neue
Colonistenfamilie hier an, welche in einem jungen Weber, seiner Mutter, einem
Bruder und Schwester besteht. Da es schon spät in der Jahreszeit ist, waren wir
alle verwundert, noch Leute ankommen zu sehen. Neugierde führte alles zusammen.
Ich ging mit, und sah gerade noch, wie ein ziemlich hübscher junger Mann einer
ältlichen Frau mit grosser Sorgfalt von dem Wagen half, sich unter den vielen
Menschen eifrig umsah, den Hals nach den abgesetzten Häusern ausstreckte, und
jemand fragte: wohnt der Becker Illig weit weg? Ja, sagte ich, am obersten Ende
der Strasse. Er wurde rot, blickte traurig auf die alte Frau, welche er bei der
Hand fasste, und zu mir sagte: O lieber deutscher Herr! wollen Sie nicht einen
Augenblick bei meiner guten Mutter bleiben, bis ich wieder von dem Becker komme.
    Ich will gewiss gleich wieder zurück sein, sagte er gegen die Frau, sie
lächelte unter Tränen, und antwortete liebreich: geh in Gottes Namen - und fort
war er wie ein Pfeil, längst der Strasse hinauf. Alle sahen ihm staunend nach,
die Blicke der Mutter blieben auf ihn geheftet; endlich sagte sie, ihre Augen
zum Himmel erhebend: Guter Philipp! Gott helfe dir! dann wandte sie sich zu mir,
und fragte: ob der Becker und seine Kinder noch lebten? Bei der Antwort ja,
dankte sie Gott mit freudigem Wesen, und gegen ihre Tochter: ach jetzt wird ihm
wohl sein.
    Indessen war der Fuhrmann mit dem andern Sohne und einem Colonisten zu Herrn
Scriba gegangen, und die Tochter der alten Frau sprach bescheiden und gutartig
mit den Leuten umher, bat einen Mann, ihr einen Pack von dem Wagen heben zu
helfen, damit ihre Mutter sich setzen könne, bis die Brüder wieder kämen. Die
Mutter wollte es nicht, sondern sagte, sie würde ein wenig mit mir sprechen, und
kehrte sich etwas ab, als ob sie mit mir dem Sohn nachgehen wollte. - Traulich
sah sie in mein Auge, und sagte: Herr! Sie sind gewiss ein guter Landsmann, Ihnen
will ich auch sagen, warum mein Sohn so fortlief. Des Beckers älteste Tochter
ist schon zwei Jahre seine Braut, da ist es ja natürlich, dass er sie gleich
besucht. - Ich fand es auch so, indem ich aber fragen wollte, so rief die
Tochter, auf die Strasse deutend: Mutter, da kommt Philipp und Suse gelaufen.
Wirklich kamen sie, und diese eilte auch entgegen. - Die arme Suse war ganz
ausser Atem, als sie uns erreichte, und der alten Frau um den Hals fiel, indem
sie rief: Mutter, Mutter! Diese hielt das Mädchen umsasst, und sagte: liebe,
liebe Susanna! Der Sohn, äusserst gerührt, nahm eine Hand von Suse, und
wiederholte: o gewiss, liebe, liebe Susanna! - Wir alle nahmen Anteil an dieser
Familienscene.
    Indessen hatte Herr Scriba die Zeugnisse und nötigen Schreiben gelesen, und
kam mit Herrn Vandek, mit den Leuten zu sprechen. Der Becker war nun auch da,
und bot der Frau und Tochter sein Haus an. Ich trat auf, und sicherte den zwei
Brüdern die Abteilung meiner Stube, Wattines gab seine Scheune, um ihr Gepäcke
dort abzuladen und zu verwahren; andere sagten zum Becker, sie wollten zum Essen
beitragen, alle gingen mit der Freude über neue Landsleute beschäftigt nach
Hause. Ich besorgte den Schlafplatz der jungen Leute, welche ich, da sie nach
dem Abendbrod bei dem Becker zu mir kamen, ausfragte: Warum seid Ihr nicht
früher aus Europa herüber gereist? Treuherzig sagte Philipp: Ach, mein Vater
konnte nicht früher sterben, und dann weinte die Mutter so lange, dass viele Zeit
hinging, ehe das Haus und Gütchen verkauft wurde. Helfen Sie, lieber Herr, aber
doch hier, dass meine Mutter in dem neuen Hause ein gutes Stübchen bekommt, meine
Schwester wohnt dann bei ihr, ich und meine Braut in der grossen Stube, und mein
Bruder will nur ein Winkelchen. Ich versprach ihm, mit dem Zimmermann zu reden,
sagte aber nicht, dass mir die Mutter etwas von der Braut gesagt habe, und fragte
scherzend: also hat er eine Braut mitgebracht? - Ach nein, so glücklich war ich
nicht! Susanna ist schon ein Jahr mit ihren Eltern in Amerika, ich durfte nicht
mit, weil mein Vater dem Grabe zuging; aber da meine gute Mutter wusste, dass ich
ohne Susanne nicht leben könnte, versprach sie mir, sobald der Vater bei Gott
sein würde, mit uns allen herüber zu gehen. Sie hat Wort gehalten, die gute
Mutter, wir sind hier; Susanna und ich wollen ihr auch Wort halten, dass sie bei
uns glücklich sein soll, in gesunden und kranken Tagen, ohne dass sie viel
arbeite. -
    Meine Freunde erkennen hierin mit mir nach dem alten allgenieinen Zeugnis,
einen runden redlichen Schwaben. - Ich wollte nun meine Fragen Schritt vor
Schritt fortsetzen: Wo ist denn seine Susanna? - Ey hier in dem hölzernen Dorfe,
sonst würde ich nicht hergekommen sein; aber ich ginge noch viel weiter nach
ihr, wenn es sein müsste, doch danke ich Gott, dass wir da sind. Es ist schön an
dem hellen Wasser, es gefällt auch der Susanne recht wohl, und sobald unser Haus
fertig ist, wird uns, hat sie gesagt, ein recht braver Geistlicher einsegnen,
und wir wollen recht gut haushalten.
    Wer sind die Eltern seiner Susanne? - Die braven Beckersleute, welche Ihr
gutes Brod backen, und gewiss dabei die besten Kornbauer sind. - Ich habe nie
nichts von ihnen gehört, sagte ich. Er staunte, und erwiederte schnell: Das
wundert mich, denn er ist der rechtschaffenste Mann, und seine Tochter Suse war
immer das schönste Mädchen in unserm Dorfe, schon in der Schule, und dann bei
dem Tanz. - Ernstaft fragte ich: Versteht sie aber auch die Feld- und
Hausarbeit von einer guten Landwirtin? - O das werden Sie sehen. Sie ist
fleissiger und geschickter, als zehen andere, und immer gut und lustig dabei. -
Nun so wird sie eine gute und schätzbare Amerikanerin werden; denn diese sind
munter, sehr fleissig, und wie die Engländerinnen in allem reinlich.
    Ich konnte alle weibliche Verdienste nennen, Susanne übertraf alles. Sie war
über das Meer gegangen, und liebte ihn wie vorher, hatte vielen andern gefallen,
wollte aber nur für ihn leben, und ich würde sehen, wie glücklich sie sich in
ihrer treuen Liebe fänden. Nun war der erste Zug von Glück, dass unser Zimmermann
schon behauene Bäume daliegen hatte, welche heute auf den Platz des neuen Hauses
geführt wurden, und alles Hand bot, damit es bald in wohnbaren Stand komme. Die
Braut kam Abends mit Mutter und Schwester, uns Kuchen auszuteilen, uns zu
danken, zu beweisen, dass sie eine recht artige Hausfrau sein würde. Sie hatten
in der Frühe bei dem Vorsteher als Brautleute sich gemeldet, und als die zwei
Mädchen mit Körben voll Kuchen, Philipp und sein Bruder aber ein Fass gutes Bier
herbeibrachten, liefen kleine Jungens und Mädchens mit Blättern und kleinen
Baumästen um sie her, und riefen: Glück zu, junge Frau! - Glück zu, junger Mann!
- und streuten die Blätter und Zweige vor ihnen her. Die alte Mutter fand dieses
schön und von guter Vorbedeutung. Der Kuchen und das Bier wirkten auch so stark
auf die freiwilligen Arbeiter, dass der Zimmermann versicherte, morgen Abend
fertig zu sein, und bat Weiber und Mädchen zu Hülfe bei dem Ausstopfen der Fugen
und Lücken, denn kleine Knaben und ganz junge Mädchen rauften Moos dazu. Die
Dankbarkeit der neu angelangten Familie war äusserst rührend, da sie sich Glück
wünschten, unter so guten Nachbarn zu leben. Ich stand unweit Philipps Mutter,
welche mit ihren Blicken bald ihrem Sohn, bald Susannen folgte, welche, während
die andern nach dem Vesperbrod noch Balken und Breter tragen halfen, mit einem
Rechen die Spähne zusammenraffte, und einer Frau, die ihr zurief: o das Holz ist
ja umsonst! antwortete; ich spar' es doch, es ist Gottes Gabe. Da rollten der
alten Frau Tränen von den Backen, indem sie zu mir sagte: Lieber Herr! bekommt
mein Sohn nicht eine gute Frau? Ich versicherte sie, dass ich es glaubte. Nun
sprach sie fort - O ich habe ihr alles von Jugend auf angesehen, sie ist auch
mein Patchen. - Dieses letzte däuchte mich mit dem Tone gesagt zu sein, als ob
sie der alten Sage sich erinnerte, welche in unserm Vaterlande zu Hause ist: dass
die Kinder den neunten Teil des Charakters ihrer Taufpaten bekommen.
    Philipp hatte so eben einen Balken zu dem innern Teil des Hauses getragen,
kam zurück, wieder einen zu holen, bot Susanna vorbeieilend die Hand, und wollte
weiter; die Mutter rief ihn, und streichelte seine Achsel, indem sie fragte: hat
dich der Balken nicht zu schwer gedrückt? - Nein, liebe Mutter! er war zu Eurer
Stube, und sie wird bald fertig sein.
    Schön war diese Antwort, und schnell war er aus unsern Augen. Die Mutter
blickte auf mich, gleich als ob sie sagte: Habt Ihr gehört, wie mein Sohn denkt?
Ich erwiederte: Gute Frau! Sie hat recht gute Kinder, ich wünsche Ihr Glück! -
Mit Tränen im Auge dankte sie mir, und setzte hinzu: Ja Gottlob! es sind gute
brave Kinder, und es freut mich sehr, dass es schon einer von den Herrn in diesem
fremden Lande weiss.
    Susanna, welche neben ihrer Arbeit immer nach ihrer Schwiegermutter blickte,
bemerkte nun, dass sie sich die Augen wischte, liess ihren Rechen fallen, und kam
zu uns gelaufen, fasste die Hand der alten Frau: Mutter, was fehlt Euch? sagte
sie sehr sanft, indem sie dabei forschend in ihr Gesicht blickte. Weil die gute
Frau fortweinte, und nicht sogleich sprechen konnte, sagte ich: Sei Sie ruhig,
gute Susanne, die Mutter weint aus Freude über ihre schätzbaren Kinder. - O das
ist recht, erwiederte sie munter, der Mutter die Hand drückend, mir war Angst,
es reue Euch, hieher gezogen zu sein, und das wäre mir und Eurem Philipp recht
leid. - Freundlich sagte die alte Frau: Fürchte das nie, liebe Suse! ich bin
gern da, und würde noch kommen, wenn ich nicht da wäre. Suse drückte ihr die
Hand, und sagte: es soll Euch auch nie, nie reuen, bei uns zu sein.
    Den Moment sah sie einen Mann Breter herbeitragen, und eilte, sie gleich
abheben zu helfen. Mich freute, sie arbeiten zu sehen- und von ihrer
Schwiegermutter segnen zu hören, eilte auch, von meinem Zimmermann gute Dielen
zu begehren, und half sie an der Wand von dem Stübchen der Mutter annageln, die
andern überlegten das Dach, alles war fleissig. Wir hatten Donnerstag, am Sonntag
sollten die treuen Liebenden getraut werden. Uebermorgen früh wird der Platz vor
dem Hof und Garten vollkommen geräumt, und beide ringsum mit Persimonbäumen
bepflanzt sein. Dieses ist ein sehr nützlicher amerikanischer Pflaumenbaum, mit
langen schmalen Blättern, welcher schwarze mittelmässig grosse Pflaumen, von sehr
süssem Fleisch und drei harten Körnern trägt, die man aber nicht gleich von dem
Baum weg geniessen kann, sondern einige Zeit liegen lassen muss, nachdem aber
dient sie dem Amerikaner, ein schmackhaftes Bier daraus zu kochen, durch Gährung
einen Cyder zu erhalten, Branntwein daraus zu brennen, und durch sorgfältige
Auswahl eine sehr angenehme Speise bei dem Nachtisch zu haben.
    Mein Freund muss diese kleine häusliche Ausschweifung übersehen, weil ich
gewiss bin, dass sie meiner teuren Base gefallen wird; denn sie verachtet nicht
den Lebenslauf des Armen, welcher nur einfache Freuden, und so vielfache Mühe in
sich fasst. Teilnehmend segnet sie seine Arbeit und kärgliche Kost, dankbar
erhebt sie ihr Auge zum Himmel für ihr glücklich gefallenes Loos, und betet für
die andern. - Sie mag sich bei diesen wenigen Zeilen des Tages erinnern, an
welchem sie Grays Elegie auf einem Landkirchhofe mit mir las, und ich sie von
dem schönen Gedichte so eingenommen sah, dass ich ihr damals meine ganze
Hochachtung widmete. - Sie kannte ihren für ihr ganzes Leben bestimmten Freund
noch nicht, sonst würde er vielleicht mit bei dem Spatziergange gewesen sein,
und hätte schon damals die Ahndung haben können, dass Luise W. einst sein edles
Herz in allem unterstützen würde, was er für das Beste der Landleute zu tun
wünschte. Es war ein schöner, sehr schöner Nachmittag; wir sassen auf der niedern
Kirchhofmauer, von welcher man einen Teil der Gegend, und den Ruheplatz der
guten Bauern von Otteim ganz übersieht. Luise hatte die prächtige Auflage von
Grays Gedicht in ihrem Arbeitsbeutel mitgebracht, und las sogleich, nach den
Gräbern umher blickend:
Nicht die kühle Einladung des Weirauch atmenden Morgen,
nicht die von dem Dach der Strohhütte herabzwitschernde Schwalbe,
nicht die schwirrenden Töne des Hahns, noch das
wiederschallende Horn, nichts, wird sie
künftig wieder aus ihrem niedern Bette wecken.
Für sie wird der flammende Herd nicht mehr brennen,
keine geschäftige Hausfrau für sie die Abendsorgen erfüllen,
keine Kinder werden mehr laufen des Vaters Rückkunft zu erzählen
oder an seinen Knieen aufklimmen des beneideten Kusses zu geniessen.
Oft hat ihre Sichel die Erndte abgemähet,
oft hat ihre gezogene Furche den harten Erdkloss gebrochen,
fröhlich führten sie ihren Wagen auf das Feld
und der Wald bückte sich unter ihren nachdrücklichen Streichen.
Dass doch der Ehrgeitz ihrer nützlichen Arbeiten,
ihrer bäurischen Freuden, und ihres dunklen Schicksals nicht spotte;
dass doch die Hoheit nicht mit einem verachtungs-
vollen Lächeln den kurzen und einfachen Lebenslauf des Armen höre.
Vielleicht liegt in diesem ungeachteten Fleckchen
ein Herz, das ehmals von einem himmlischen Feuer beseelt war;
vielleicht Hände, welche das Scepter der Herrschaft mit Weisheit geführt
oder die lebhafte Leier zu Entzückung gespielt haben würden; -
aber die Erkenntnis öffnete ihnen niemals ihr grosses,
durch die Beute der Zeiten bereichertes Buch, und
kalte Dürftigkeit tat ihrem edlen Eifer Einhalt;
doch weit von unedlen Begierden des betörten Haufens
lernten ihre gemässigten Wünsche niemals auszuschweifen.
In dem kühlen sichern Tale des Lebens,
setzten sie gleichmütig und ohne Geräusch ihren Weg fort.
Unzählbare Edelgesteine von den reichsten und heitersten Stralen,
liegen in des Oceans finstern unergründlichen Tiefen begraben;
unzählbare Blumen werden geboren, ungesehen zu blühen und
ihre süssen Gerüche an eine einsame Luft zu verschwenden.
Meine Freunde sehen, dass ich unsers geliebten Gray schönes Gedicht noch ganz im
Gedächtnisse habe, noch mehr, ich erinnere mich wie heute, dass eine Träne in
Luisens Auge glänzte, als sie diese Verse las, und dass wir auf dem Rückwege bei
einer etwas einsam wohnenden Bäurin einkehrten, bei welcher wir alles so
reinlich fanden, sie in dem muntersten Tone und mit vielem Verstande von ihren
Arbeiten reden hörten, sehr gutes Brod und Butter bei ihr assen, und dabei schöne
dunkelrote Nelken auf den Weg bekamen; die Frau wollte nichts von uns annehmen,
und versagte es wie eine Art Beschimpfung, als sie Geld in unsern Händen sah.
Luise beruhigte sie, und sprach mit dem kleinen 6 Jahr alten Mädchen der Bäurin,
welche uns durch einen Heckengang näher zum Amtause führen sollte. Wir dankten,
und die Bäurin verbot dem Kinde, ja kein Geld anzunehmen. Luise machte aber die
schwarze Schnur, mit dem kleinen goldnen Kreutzgen von ihrem Halse, und band sie
der kleinen zum Andenken um den ihrigen, die nun voll Freude davon lief, während
Luise mir sagte:
    Sie haben bei den vielen schwarzen Kreuzen auf den Gräbern gesehen, dass die
guten Leute hier dieses Kennzeichen ihres Glaubens verehren, die Bäurin wird
also dieses Geschenk wegen seiner Form gerne behalten. - Ehe wir nach Hause
kamen, sagte sie mir auch den Wunsch, immer auf dem Lande zu leben, und wie die
von ihrem Vater gepflanzten Bäume, in dem Boden des ihr so lieben Dorfes Otteim
eingewurzelt zu sein. Sie mag aber wohl um des geliebten Mannes willen alles
vergessen haben, was sie mit dem Better gesprochen hatte. Ich will nun die
eigene Ursache erzählen, warum ich alles dieses so neu und lebhaft vor mir sah.
Wir haben einen Kranken und befürchten seinen Tod, dadurch wurde der Gedanke
geweckt, von einem allgemeinen Ruheplatze zu sprechen. Vandek, Wattines und ich
wurden von dem Vorsteher gebeten, eine schickliche Stelle aussuchen zu helfen,
diese wurde bald gefunden, und dem Zimmermanne gesagt, durch eine kleine
Umpfählung für die Sicherheit des ersten Grabes zu sorgen, damit die Ueberreste
unsers Miteinwohners nicht durch wilde Tiere ausgescharrt würden. Während der
Vorsteher und Vandek noch mit zwei Leuten über das Ganze sprachen, gingen
Wattines und ich stillschweigend neben einander, mir kam der Gedanke, dass ich
hier schon mehreren Menschen ihre Ackergüter zumessen sah, und nun auch die
Stelle bestimmen half, welche nach unserer schwäbischen Mundart der Gottesacker
genannt wird, weil gewiss der erste, welcher sich dieses Ausdrucks bediente, die
tröstliche Idee der Auferstehung damit verband, und uns, als die für unsern
Schöpfer gemachte Aussaat betrachtete. Diese Idee führte mich zu dem Andenken
von Otteim, zum Spaziergang mit Luise und zu Gray's Gedicht, welches ich in
meinen Gedanken den hiesigen Landleuten widmete, und zu Wattines sagte: dass ich
wünschte, Grays Elegie möchte einst durch ein eben so edles Mädchen als meine
Base, an den Ufern des Oneida bekannt gemacht werden. Wattines antwortete:
wünschen Sie zuerst, dass die Bewohner dieser Stadt die Zueignung dieses edlen
Bildes verdienen möchten. Vandek, welcher sich uns in diesem Moment näherte,
hatte die letzten Worte gehört, und fragte, was für einen Gegenstand Wattines
mit dem Beinamen, edles Bild bezeichnete? ich erzählte es. Vandek, welcher mit
Grays Gedicht bekannt war, sprach mit Verehrung von dem Geiste welcher darin
atmet, und setzte hinzu: wenn alle nachfolgenden Colonisten von dem Gefühle der
guten Weberfamilie beseelt hieher kämen, so würde ein Nordamerikanischer Gray
gewiss den Stoff zu einem Gesange der ländlichen Tugend finden: er wünsche diesem
guten Lande keine bessern Bewohner, und sich keine bessern Pfarrkinder. Wir
vereinten unser Lob über das was wir wussten. Vandek erzählte uns aber einen viel
schönern Zug. Schon diese Nacht hätte Susanna und ihre Schwägerin der Frau des
Kranken zu seiner Wartung beigestanden, diesen Morgen aber, sagte der junge
Hausswirt, seine Wohnung würde heute Abend ganz eingerichtet sein, Susanne und
er wünschten auch morgen nach der Predigt getraut zu werden, aber sie wollten
nicht die geringste Lustbarkeit anstellen, da in der kleinen Gemeinde eine ganze
Familie in Trauer versenkt sei, so würde seine Schwester bei der betrübten Frau
bleiben, bis alles vorüber gegangen, und sie wieder im Stande sein würde, ihre
Kinder und Haushalt ruhig zu besorgen: indessen wolle Susanne die Stelle seiner
Schwester bei der Mutter vertreten, damit dieser nichts an ihrer Wartung mangeln
möge. -
    Der vortreffliche Vandek freute sich über die schönen Gefühle der
Menschenliebe und der Ordnung, welche sich in der ganzen Anstalt des jungen
Mannes so tätig zeigten. - Der Ueberrest meines Abends wurde mir in Wattines
Holzhütte noch sehr angenehm gemacht, indem unser Zimmermann noch zu uns kam und
erzählte: Susanna und ihr Bräutigam seien mit ihm überall herum gegangen, hätten
auch frei von den Bewohnern gesprochen, und bei Wattines gesagt, dieser Herr und
Frau wohnen wie wir, und pflanzen ihren Garten und ihre Felder auch mit Mühe,
wir wollen alles nachahmen, was wir mit der Arbeit unserer Hände nachahmen
können. Es ist in dem Garten den Sommer gewesen, wie im Paradiese, sagte
Susanne, das wolle sie ablernen, weil es nichts koste als Achtung geben; so
könnte es ja ein guter Arbeitsmann und seine fleissige Frau auch so machen. - Ich
dachte an meine Vorbedeutung, dass Frau Vandek das Beispiel der Reinlichkeit,
Frau Wattines das von gutem Geschmack und Geschicklichkeit in allem geben würde;
alles Nette und Angenehme des Milchkellers, werden wir der Holländerin;
Mariniren der feinen Fische und gute, mit Gartenkräutern zugerichtete Speisen
der Franzosin zu danken haben; und so wird das Beispiel des Fleisses, und das
angenehme Gefühl, welches der Anblick des Schönen und der Ordnung hervorbringt,
die Anlage unserer kleinen Stadt beleben, sie wird nicht prächtig, nicht
glänzend, aber anziehend sein, wie von jeher eine reine ländliche Nymphe des
friedlichen Hayns und der blumigten Wiesen war, und auf diese Art wird Oneida
den vortrefflichen Grundsatz des Amerikanischen Pächters befolgen: dass die
Einwohner die Erde durch ihre Gegenwart verschönern, und durch ihre Arbeit
bereichern sollen. - Wattines, der Zimmerman und ich, bereiten wirklich noch
zwei Spatziergänge an den beiden Enden der jetzigen Gränze der Stadt, am Ufer
des See's mit Bänken und Bäumen besetzt. Wird Oneida einmal gross, so können
diese Plätze als Nachahmung der englischen Squarres dienen, und bis diese rings
umher mit steinernen Häusern besetzt sind, werden Grossväter und Enkel der
jetztlebenden, die guten Menschen segnen, welche ihre Vaterstadt verschönerten,
und ihnen einen erquickenden Erhohlungsplatz verschaften. - Unser Vorsteher hat
einen Schiffsbau verständigen Zimmermann begehrt, wodurch die Bewohner der neuen
Stadt, bei dem 18 Stunden grossen See, durch Abkürzung und Erleichterung der
Zufuhr und des Fischens grosse Fortschritte machen könnten. Vandeks Vetter
besorgt den gewöhnlichen Unterricht der Schulen schon sehr gut, und der edle,
tätige Wattines, will die jungen Leute schwimmen lehren, weil es ihm äusserst
notwendig dünkt, dass die Bewohner der Ufer einer See es wissen. Sein und
Emiliens Beispiel zeigen den Nutzen, und ihn freut, den jungen Nachfolgern
einige Meister in dieser, Leben und Vermögen wichtigen Kunst zu bilden; denn
unsere guten teutschen Landsleute hier, sind nur mit dem festen Boden bekannt,
und würden bis jetzo noch niemand von dem Ertrinken retten können. -
    Wir hatten heute einen sehr schönen Tag und noch schönern Abend, die
Vandeks, Wattines und ich assen unser Vesperbrod ganz im Freien. Herr Scriba mit
seiner Familie kam auch nach unsern schon halb geebneten Spazierplatz, und die
lieben Männer besuchten noch vor dem Niedergange der Sonne, die von Wattines zum
Schwimmen bezeichnete Stelle. Während er mit den beiden Führern der Colonisten
darüber sprach, waren sie ihm schweigend zur Seite, als er endigte, ergriff
jeder von ihnen eine seiner Hände: Vandek segnete ihn, Scriba dankte ihm innig
für dieses menschenfreundliche Vorhaben, und Vandek sagte mit sanft
eindringendem Eifer:
    O lieben Sie immer den Boden, auf welchem Sie so viele Tugend übten,
vergegeben Sie ihrem Schicksal, welches Sie hier zum Beispiel des Verdienstes
aufstellen wollte, und freuen Sie sich, durch die Stiftung der Schwimmschule
einer der Schutzgeister von Oneida zu werden. Mit edler Bescheidenheit
erwiederte Wattines: Sie legen mir zu viel Gutes bei, mein würdiger Freund, aber
ich verspreche Ihrem Herzen, dass ich den Boden nie verlassen werde, auf welchen
ich durch Ihre Hand geleitet wurde.
    Ich bemerkte eine Art Feierlichkeit in Wattines Mine und Stimme, welche mir
bedeutend schien, doch konnte ich ihn diesesmal nicht gleich fragen, und musste
mich bis morgen gedulden. Vandek und der Vorsteher waren eben so gerührt als
ich. Die allgemeine Unterredung stockte, und endigte sich bald nachher; doch lag
etwas äusserst angenehmes in dem Tone, in welchem sie sich gute Nacht zuruften.
Der Wohlstand forderte, dass ich mit meinem Hausherrn zurück ging, - und wohl
mir, denn ich hörte noch etwas die Menschheit ehrendes von ihm, als ich
freimütig sagte: mich dünkt, die Unterhaltung dieses Abends hat einen ganz
ungewöhnlichen Gang genommen. Sie haben nicht unrecht, erwiederte er, aber der
Gang war doch gut, und ich hoffe der Grund der Stimmung unseres Freundes Vandek,
und der meinige soll Ihnen lieb sein; denn wir hatten so eben, mit allen
Colonisten eine Vorstellung an den Congress unterschrieben, in welchem wir die
Geschichte und die Verdienste der Wattines, nebst unsern Wünschen bekannt
machten, dass der vortreffliche Wattines als Ingenieur und Baumeister der Stadt
Oneida angestellt werde, und die kleine von ihm angebaute Insel zum Eigentume
erhalte.
    Denken Sie sich den ganzen Umfang meiner Freude, über das Glück der
Wattines, und die edle Handlung der Bewohner dieses Ufers! Ich umarmte den
Vorsteher, segnete ihn und seine Bürger, sagte aber doch auch: o mögen Sie alle
es so lebhaft fühlen, wie ich, wie schön es ist die Tugend zu belohnen. Wie
herrlich verwalten Sie ihr Amt, mein teurer Freund! Freuen Sie sich, dass die
Stiftung der Stadt Oneida, durch Ihre Hand sich so gut gründet, und dass Sie
stets als der würdigste Vorsteher verehrt sein werden. - Er zeigte mir viele
Zufriedenheit mit meinen Ideen des Lobes und Vorhersagung von seinem Namen und
Taten, setzte aber hinzu: Vandek und ich zweifelten nicht, dass die Aussicht auf
den Besitz der Insel Wattines erfreuen würde, so wie er gewiss auch einen Wert
auf unsere Hochachtung und unsere Vorstellung bei dem Congress legen werde; aber
wir wollten ihn vorher auf die Probe stellen, wie er im Innern für uns denkt,
und wie er die Wünsche beantworten würde, ihn immer bei uns zu sehen. Mein Herz
wurde gerührt da wir ihn gleich auf dem schönen Platze fanden, welchen Oneida
ihm zu danken hat, und Sie horten in dem, was Vandek sagte, wirklich den Wunsch
von uns allen. - Wattines Antwort war schön, und bewegte mich besonders, da ich
von der Betrachtung durchdrungen wurde, es sei ungerecht, den edlen Mann bei uns
anfesseln zu wollen, da moralische Schwärmerei ein herrschender Zug seines
Characters zu sein scheint, so ist er fähig, aus Dankbarkeit gegen die innern
Wünsche seines Herzens zu handeln. - Mich beruhigte der Gedanke, dass wir ein
gewisses Mittel in Händen haben, dieses Übermass der Dankbarkeit zu hindern;
denn er soll bei der Uebergabe der Insel, der Freiheit versichert werden, mit
ihr zu tun was er will. -
    Diese Erklärung des Vorstehers machte mir viel Vergnügen, und gewiss nach
allem was Sie von unsern Colonisten wissen, werden Sie mit mir sagen: die Stadt
Oneida wird unter glücklichen Anzeigen gegründet. - Ich konnte nicht
einschlafen, hundert Bilder von der künftigen Gestalt der Insel, Begierde
sogleich zu wissen, wie sich Emilie und Wattines bei Ankündigung des Geschenks
von dem Congress benehmen würden, und andre Phantasien erlaubten mir nichts als
abgebrochnen Schlummer. Früh war ich auf dem Platze, welcher noch bearbeitet
werden musste. Ich speiste bei Wattines, und in der kleinen Ruhestunde fragte ich
nach der Ürsache des so feierlichen Tons seiner Antwort an Vandek, und bekannte
freimütig, dass ich es erklärt wünschte, indem mich dünkte etwas
ausserordentliches darin bemerkt zu haben. Er lächelte mir zu und sagte:
    Ihre genaue Achtsamkeit auf die Bewegungen meiner Seele, ist mir sehr
schmeichelhaft, und mich freut, dass alle so sind, dass ein rechtschafner Mann sie
ohne Widerwillen betrachten kann. - Ich war gestern in Wahrheit ernstaft
gestimmt, wozu mich der Auszug des Lebens der St. Johns geführt hatte: ich
wollte erst nur die Beschreibung der Bienenjagd nachlesen, um ihren Vorteil
durch meine Erfahrungen auf der Insel deutlicher und nützlicher zu machen. Das
ganze Bild dieser Familie von St. John ist aber so anziehend, dass ich es mit
erneuter Aufmerksamkeit las, und über das Schicksal seines Vaters nachdachte,
der auch edler Franzose war, durch den Fanatismus der Religion aus seinem Lande
nach Amerika getrieben wurde, wie mich der Fanatismus der neuen politischen
Regierung durch ihre Grausamkeit hierher jagte. Ich war wie der Vater von St.
John, froh, weit von meinen Verfolgern entfernt, Sicherheit des Lebens und
Ackerland gefunden zu haben; welches durch meine Arbeit mich und die meinigen
ernährt. Schon dieses Gefühl machte mir den Boden lieb, auf welchem ich wohne,
dann aber ward ich ganz St. John, wo er sagt: »der Gedanke, dass ich für eine
geliebte Frau arbeitete, machte mir mein Haus und meine Felder angenehm, alles
wurde mir leicht, wenn sie mich mit ihrer Arbeit in der Hand, auf meinen Acker
begleitete, und in dem Schatten eines Baumes sitzend, meine schön gezogne
Furchen, die braune fruchtbare Erde, und die Folgsamkeit meiner Pferde lobte.
Ich baute mein eigen Feld, liebte, war geliebt, war froh, unabhängig und ohne
Schulden, hatte schöne Wiesen, grosse Baumgärten um meinen Cyder zu machen, 450
hochstämmige Pfersichbäume zu Mastung für meine Schweine, und Brantewein zu
brennen, ein gutes Wohnhaus und eine grosse Scheune. Ich salze alle Jahre 15 bis
20 Centner Speck, und zwölf Centner Rindfleisch ein, gebe bei der Erndte 6 fette
Hämmel, und habe Korn, Gemüs, Butter und Käse in Überfluss für mich, meine
Familie und Gäste. Meine Neger sind treu, gesund und vergnügt. Ich gab ihnen
immer den Sanistag frei zu ihrer Arbeit, und Land zu Tobak, so viel sie
brauchen. Die zwei ältesten verkaufen alle Jahre für 300 fl. Tobak, sie essen
die nehmlichen Speisen wie ich, und sind mit dem nehmlichen Tuche bekleidet. Ich
habe keinen Prozess, und kenne den Geist unserer Gesetze hinreichend genug, um
meine Geschäfte so zu führen, dass ich den Schutz des Gesetzes zu verehren, aber
seine Strenge niemals zu fürchten habe. Als mein erstes Kind geboren ward,
öffneten sich neue Aussichten vor meinem Auge, tausend Gegenstände bekamen einen
höhern Wert, meine Frau wurde mir schätzbarer, neue Bande knüpften mich an Feld
und Haus, die Eigenschaft des Familienvaters, gab mir Achtung für mich selbst,
und ich machte das Gelübde, mich niemals von meinen Anpflanzungen zu trennen, im
Gegenteil ein neues Stück anzubauen, welches den Namen meines ersten Sohns
bekam, und so bei jedem Kinde fortzufahren. Ich lebte nicht mehr für mich,
sondern für sie und ihre Mutter. Ich erfand einen kleinen Sitz, welchen ich auf
dem Pfluge befestigte, und meinen Sohn damit auf das Feld führte. Die Bewegung
der Maschine und der Pferde, machte ihn glücklich, und indem ich dieses
Vergnügen mit meiner nützlichen Arbeit verband, ersparte ich der Mutter einige
Mühe, und sie gewann Zeit zu andrer Arbeit. Die angenehmen Ausdünstungen der
Erde stärkten mich und mein Kind. Wenn jemals Genuss des Glücks eine Pflicht für
den Menschen ist, wenn uns jemals der Himmel mit Erquickung segnet, so ist es
auf dem Lande im Frühjahre, wenn wir mit gesundem Verstande und reinem Herzen
die verschiedenen Auftritte der Natur beobachten, und diese allgemeine Mutter
ihre Fruchtbarkeit unter dem Sinnbilde von tausend und tausend Blumen verkündet.
In dieser Jahrszeit danke ich dem höchsten Wesen noch viel inniger als in jeder
andern, weil der Anblick der Blüten mir als Versprechen seiner Güte erscheint.
Mir ist es leid, dass ich nicht mit der Gabe der Dichtkunst geboren wurde, ich
besänge die Najaden von Amerika, die Schönheit unserer Wiesen, die Majestät der
Flüsse und den Reichtum unserer Kornfluren. - Oft sang ich mit dem ersten der
Vögel, welcher den Morgen begrüsste: wir hatten die nehmlichen Gefühle, von der
frischen Luft, den balsamischen Gerüchen und dem neuen Glanze, welchen Aurora
über alle Gegenstände verbreitete. War jemals ein Mensch ohne entzückende
Bewegung in einem blühenden Obstgarten? Es ist das edelste Fest für unsre Sinne:
das Auge wird entzückt, der Geruch vergnügt, und das Ohr ergötzt sich an den
Harmonien der Vögel. So zeigt sich die Güte unsers Schöpfers bei dem Anbruche
des Tages. Wie begierig würden die Menschen diesen herrlichen Anblick zu
geniessen suchen, wenn er ihnen nur alle Jahre einmal erschiene. Mit wie vieler
Verehrung würden wir ihn betrachten, indem wir gewiss nichts schöners und nichts
prächtigers denken können. Auch darin, setzte Wattines hinzu, stimmte ich mit
ihm, und konnte mich nicht von dem Gemälde der seligen Tage eines wohldenkenden
Pächters trennen, wie er in seiner Laube sagt: O du wohltätiger Geist der
Menschheit, der alle Teile der Natur belebt, Quelle glücklicher Gesinnung und
neuer Gedanken, ich höre deine Eingebungen in dem sanften Rausche der Blätter,
und in dem erquickenden Hauche des Zephirs! Dir sei die Stunde des süssen
Ausruhens geweiht! hier will ich auf deine Lehren horchen, leite mich zu dem
Nachdenken, welches uns in Betrachtung der Schönheit der Natur, moralische und
menschenfreundliche Gefühle, Zufriedenheit und Sanftmut lehrt.«
    Auf meinem Felde, sagte Wattines, will ich diesen Herbst noch eine solche
achteckigte Laube hauen, will sie gross machen, dass einst meint Arbeitsleute sich
mit Vergnügen darin sehen, vielleicht auch moralische Empfindungen darin kennen
lernen: sie soll auch mit wilden Reben, Geissblatt und Hopfen umpflanzt werden,
wie St. John seine Laube beschattete. -
    Denken Sie, lieben Freunde! dass mir Wattines hier immer ein Stück von dem
Aufsatze des St. John vorlas, und dann mit dem ganzen schönen Eifer seiner Seele
Noten dabei machte. Ein Blatt weiter sagte er: Sehen Sie, wie hier in der
zweiten Generation das Gefühl für Verdienste des Vaterlandes, schon so innig
wirkt, da St. John nach Beschreibung eines amerikanischen, aus den blauen
Gebirgen sich erhebenden Gewitters, mit wahrem Stolze, den Nationen von Asien
und Afrika zuredet. »Seid ruhig! glaubt nicht, dass eine zürnende Gotteit auf
den Flügeln des Sturms herbeikomme, euch zu strafen: folgt uns, und ihr werdet
glauben, dass die Natur immer Gutes will, und dass die Gewitter über euren
Häuptern, die Luft reinigen, welche ihr einatmet, und die Erde fruchtbar
machen, welche ihr anbaut. Ist es nicht wunderbar, fährt er fort, dass die
Bewohner der alten Welt, noch vor den Wirkungen des Donners und des Blitzes
zittern, während die glücklichen Amerikaner, welche erst seit gestern da sind,
unter ihren aufgerichteten Eisenspitzen ruhig schlafen, und die Gewitter als
nötige und nützliche Lufterscheinung betrachten? - Wie weit war der Erbauer von
Boston 1626 von der Vermutung entfernt, zu denken, dass auf dieser Halbinsel
eine der reichsten Städte entstehn, und 78 Jahre nach ihm, dort ein Mann,
Benjamin Franklin, geboren würde, welcher sein Genie zu den Wolken erheben, und
ihren Blitzen einen abgeänderten Weg vorzeichnen würde! Wie sehr sollten die
Griechen diesen Mann verehrt haben, da sie dem Triptoleme und die Ceres
vergötterten. - Diese einfachen Ideen und Betrachtungen erfüllen meine müssigen
Augenblicke, aber bald wird die Entwickelung der Vernunft und des Characters
meiner Kinder, mir eine edlere Beschäftigung darbieten. Schon führe ich sie auf
das Feld, leite ihre Gedanken und Gefühle, lege den ersten Saamen der
allgemeinen Moral in ihre jungen Seelen. Rechtschaffenheit, Wahrheit,
Menschenliebe, Gehorsam gegen die Gesetze, den Geschmack an Landbau und
einfachen Sitten. Der Friede und die Einigkeit in meinem Hause, der tägliche
Fleiss welchen sie sehen, wird ihnen, hoffe ich, die nehmlichen Neigungen und den
nehmlichen Geschmack einflössen, welche das ruhige Glück meines Lebens
gründeten.«
    Wattines fragte mich nun, ob ich nicht, wie er, in dem Bilde des täglichen
Lebens dieses Colonisten, etwas ungemein anziehendes fände? Ich konnte nicht
anders als ja sagen, und dabei allen Landleuten diese Grundsätze wünschen. -
Jetzo sagte Wattines etwas ernst: ich bin überzeugt, dass Sie in Ihrem Herzen
dieses denken, aber wenn Sie, wie ich, Familienvater und Landmann wären, so
würden Sie auch stuffenweis mit St. John bis zu dem Entusiasmus gestiegen sein,
welcher meine Seele durchglühte, als ich unserm vortrefflichen Vandek versprach,
ihn nie zu verlassen, den Boden, auf welchen er mich führte; denn musste nicht
Dankbarkeit in meinem Herzen reden? hat nicht Vandek als väterlicher Freund an
mir gehandelt? hat er nicht bei dem Vorsteher alles für mich erhalten, und floss
nicht aus Vandeks Hand erquickender Trost auf das Leben meiner Emilie und meiner
Kinder? Habe ich nicht bemerkt, dass ich, dass meine Familie einen hohen Wert bei
Vandek haben? Kann ich an das denken, was er für mich und die Meinigen war, und
nicht wünschen, etwas für ihn, für die Seinigen zu tun? - Emilie liebt den
Boden wo noch kein Blut floss, der noch nicht von Bosheit und Grausamkeit
besudelt wurde. Was wir in Europa liebten ist nicht mehr. - Ich musste vor meinen
Landsleuten fliehen, hier fassten mich fremde in ihre Arme: dort wurde ich meiner
Güter beraubt, hier gab mir die schönste Freundschaft einen reichen Ersatz; und,
lassen Sie mich, mein Freund! noch ein paar Sandkörner auf die Wagschale legen,
dort würde mein Jammer und meine Arbeiten verlacht, hier sah ich Tränen des
Mitleides und Verehrung meines Fleisses. Dieses sind starke Bande für das Herz
des redlichen Mannes, wie viel mehr, für meine fromme, Gott und der Natur so
sehr ergebnen Emilie. - Aller Prunk ist ihrem Herzen zu Staub geworden.
Sicherheit meines Lebens und Hoffnung des Unterhalts für unsere Kinder, ist
alles was sie von der Erde wünscht, und sie sagt: Gott wollte uns hier haben,
bleiben wir, und erfüllen die stille Laufbahn, mit Tugend und Wohltun. - In
Frankreich müssten wir das Brod für unsere Kinder in einer Mördergrube betteln,
unter Räubern und Mördern leben. Wir wollen in Oneida werden, was St. John in
Virginien ist.
    Emilie ging noch weiter, sie wünschte eine Negerfamilie, eine Wittwe mit
Kindern, oder auch lauter Waisen auf unserm Gute zu haben, damit nicht Brüder
von Brüdern. Kinder von Eltern getrennt würden. Diese Familie wollte sie recht
glücklich machen, und ihre Liebe verdienen. Dieser Wunsch keimte schon in ihrer
Seele als wir in Philadelphia die Negerschule besuchten, welche ein Abkömmling
des, wegen Religionsverfolgung geflüchteten Benezets aus der Picardie
errichtete, und Emilie nur bedauerte, so wenig Englisch zu verstehen, indem sie
die Stelle einer Lehrerin in der Mädchenschule gesucht hätte, da sie von dem
Zeugnis der Fähigkeiten und Folgsamkeit der guten schwarzen Mädchen so
ausserordentlich gerührt war, dass ich bei dieser Bewegung, bei ihren Tränen und
Umarmungen der Negerkinder in die Sorge kam, in meinem ersten Kinde einen
sogenannten Negrillon zu erblicken. Sie hätten die Ehrfurcht sehen sollen,
welche sie dem Negerarzt Derham erzeigte. Fragen Sie sie nach dem alten Neger
Fuller: und bemerken Sie den Eifer, mit welchem sie Ihnen von dem Geiste und dem
Gedächtnisse dieses Mannes sprechen wird, der in 2 Minuten die grosse Rechnung
bestimmte, wie viel Secunden in andertalb Jahren, das Jahr zu 365 Tagen
gezählt, verfliessen? Es sind, sagte er, 47 Millionen 304 tausend Secunden.
    Wie mühsam und fleissig lernte Fuller, ohne dass er lesen oder schreiben
konnte, indem die Geschichte seiner Rechenkunst darin bestand, dass einer seiner
Nebensclaven ihn bis hundert zählen lehrte, er aber nachdem sich in Berechnung
der Körner eines Scheffels Weitzen übte, und am Ende genau wusste, wie viele
Körner zu der Ansagt dieses oder jenes Stück Feldes erfordert würden. - Hier
sagte Emilie: was würde eine edelgesinnte, menschenfreundliche Herrschaft aus
einem solchen Genie, mit solchem Fleisse vereint, gebildet haben! Warum gab ihn
das Schicksal nicht in die Hände des vortrefflichen Benezet? was würde Fuller
für ihn, wie viel für seine Schule gewesen sein, der Schüler Beweis der
unendlichen Fähigkeiten der Negers, der Lehrer Beweis, dass Europa Herzen voll
Güte und Gerechtigkeit hat. Wie würde Fullers edle Seele die Hand gesegnet
haben, die seinen Geist in allem angebaut hätte. Er, welcher seiner Herrschaft
dankte, weil sie ihn nicht verkaufen wollte. - Ich bekenne, setzte Wattines
hinzu, dass es mir Freude machte, als ich hörte, dass die schöne Seele voll
Menschenliebe dieses Benezet aus Frankreich stammte; doch vereinte sich mit der
gerechten Bewunderung dieses grossen Characters, sehr bald die schmerzvolle
Betrachtung, dass ich hier, in dem Herzen von Nordamerika, die überfliessende Güte
eines Franzosen segnen und wünschen muss, dass Frankreichs Adel und Geistlichkeit,
in der Nationalversammlung, einen solchen menschenfreundlichen Verteidiger
gefunden haben möchten, als die Negers in der Seele unsers Benezet trafen. Nun
schwieg er ernstaft vor sich hinsehend, und ich bemerkte, wie tief diese
Vergleichung sein Herz verwundete, und ihm Trauerscenen zurückrief. Ich suchte
ein Mittel, ihn von dieser Vorstellung abzulenken, aber ehe ich eines finden
oder wählen konnte, zeigte sich Wattines Herz durch Betrachtung fremder Tugend,
und des Wohls anderer Menschen gestärkt und erheitert, indem er ausrief: Wie
glänzend erscheint zu beiden Seiten der englische Nationalgeist, denn dieser
unterstützte Venezets Bemühungen zum Besten der Negers mit Gold und mit
Fürsprache bei der Negierung; so wie dieser edle Geist jetzo, tausend und
tausend verfolgte Unglückliche, des französischen Adels und der Geistlichkeit,
unterstützte und aufnahm.
    O, meine Freunde, wer kann es Wattines übel nehmen, wenn bei solchen
Anlässen Rückerinnerungen, Trauer und Wünsche in seiner Seele entstehen? - Wer
sollte ihn nicht bedauern und doppelt lieben, wenn man den schmerzvollen aber
schönen edlen Gang seines Denkens und seines Lebens beobachtet? Mir wird er auch
immer unvergesslich bleiben, und mit äusserstem Kummer werde ich mich von ihm
trennen. - Indessen will ich seine Verdienste um die Colonie nachahmen, und
daneben mein Andenken in einigen Familien stiften; denn ich habe mich zum
Unterricht im Zeichnen erboten. Da werden nun alle Tage fünf Knaben auf zwei
Stunden zu mir in die Lehre gehen, mit welchen ich von der Nutzbarkeit und dem
Vergnügen der Zeichenkunst sprechen, und davon bei der Ausarbeitung des Tisches
und der Gartenstühle Beweise geben will; wobei sie zugleich die Anfangsgründe
und Handgriffe der Schreinerei lernen können; und da ich aus freundschaftlicher
Phantasie meines Herzens diese Stücke für Wattines alle allein verfertigen
werde, so kann ich den Knaben daneben vorzeichnen, ihre Versuche korrigiren, und
mit ihnen reden; so können sie dabei den Wert der Einteilung der Zeit, und des
überlegten Fleisses eines einzelnen Menschen kennen lernen.
    Ich sprach ehegestern mit den edlen Wattines von dieser Idee; sie fanden für
seht gut, aber da ich hinzu setzte, dass ich den Jungens zugleich von alle dem
sagen würde, was Herr Wattines bisher allein gearbeitet habe, so bat er mich, es
ja nicht zu tun, indem es schon allen Einwohnern bekannt sei. - Lassen Sie
meine Felder und meine Blumen von Nutzen und Vergnügen meines Tagewerks reden,
und gönnen Sie mir den Genuss Ihrer vorzüglichen Freundschaft, ohne die
Besorgnisse, eines Fremden Schmerz über ihren Mangel, oder des Neides darein zu
mischen. - Ich bitte Sie darum, sagte er, mir die Hand drückend; aber indem ich
die Klugheit, Bescheidenheit und Menschenkenntnis, des Mannes bewunderte, stand
Frau Wattines von ihrer Arbeit auf, ging an den Bücherschrank, und holte, da sie
den Ausdruck Tagewerk in der Unterredung ihres Mannes bemerkt hatte, den kleinen
Band, des von Gin übersetzten Hesiodus, reichte ihm mit anmutsvoller Errötung
und einem halben Blick nach mir, ihrem Wattines dar, wobei sie sagte: Lieber!
unser Freund will mit den guten Knaben von nützlichem Tagewerk reden, du willst
nicht genannt sein, könnte nicht aus dem guten alten Hesiod etwas zu ihrer
Belehrung gezogen werden?
    Was ist, meine Freunde, mein Zeichnen, mein Schreiben, da ich nicht fähig
bin, diese Frau mit dem Buch in der Hand darzustellen, oder die Miene und den
Ton zu beschreiben, welche ich sah und hörte. Wie viel weiblicher Geist,
Feinheit und Wohlwollen liegt hier vor uns! - Ich war da, staunend und äusserst
gerührt, Wattines sah auf mich und sie, lächelte, nahm das Buch, und sagte gegen
mich: In Wahrheit, Emilie hat das beste für Ihre Absicht gefunden. - O benutzen
Sie ihn, den guten Hesiodus, indem er mir ihn darreichte.
    Ich wusste wohl, dass die Griechen einen Dichter dieses Namens hatten, kannte
die Zweifel, ob er vor oder nach Homer lebte; aber da ich die griechische
Sprache nicht kenne, und nie eine Uebersetzung von ihm las, so bewunderte ich um
so mehr Emiliens feine Empfindung und Berechnung dessen, was zu meiner Absicht
taugte; denn Sie können wohl glauben, dass ich ein von Emilie auf eine so
unerwartete Weise vorgeschlagnes Buch mit dem grössten Eifer und Aufmerksamkeit
durchlas. - Wirklich hat sich auch dadurch der Plan meiner Winterbeschäftigungen
weiter ausgedehnt, als ich dachte, indem ich den Knaben der Landleute am See
Oneida einen Auszug des Lebens und der Schriften des Hesiodus und des Virgils
machen, und ihnen eine kleine, durch Gefühl und Wahrheit verschönerte Geschichte
des Ackerbaues und aller ländlichen Arbeit und Freuden, dieser so weit von uns
entfernten Zeiten und Nationen für sie schreiben, und dabei ganz genau die
einfachen Vorschriften und Ermahnungen des Hesiodes, und die seinem Bruder
vorgelegte, auf alle Zeiten passende moralischen Grundsätze damit verbinden
werde. - Alles dieses werde ich in einem heitern Lichte darstellen; Ackerbau,
Gärtnerei und Viehzucht in lauter angenehmen Bildern zeigen, und die gute
Landwirtschaft eines vernünftigen und rechtschaffenen Mannes als sicherste
Quelle des wahren unabhängigen Glücks der besten Menschen in allen Jahrhunderten
zeigen. Der liebe Wattines wird mir einen Teil dieses, wie ich glaube,
nützlichen Werkchens, verschönern helfen, indem ich den guten Knaben, nach dem
Beispiel des Hesiodes, auch die Gestirne bekannt machen möchte, welche man von
den Ufern dieses angenehmen See's beobachten kann. Ich hoffe meinen Zöglingen
dadurch mit neuen Gefühlen für ihr Herz, und mit neuen Begriffen für ihren
Verstand zu bereichern, und Wattines will die Knaben noch diese letzten
Herbstabende, die Namen der über uns stehenden Sternbilder lehren.
    Emilie, welche jetzt diesem Entwurfe mit Vergnügen zuhörte, sagte mit edler
Teilnahme: Wie sehr, mein Carl, erhöhest du hiermit den Wert der
Spatziergänge, welche du an dem See anlegtest, die der arbeitende Mann und die
Lehrlinge nur nach Untergang der Sonne besuchen können, und sich gewiss glücklich
achten werden, wenn sie nun die Namen ihrer sie sanft beleuchtenden Nachbarn zu
nennen, und ihre Stellen zu bezeichnen wissen. - Wie glücklich wird der Abend
sein, an welchem sie sagen werden: hier, nach geendigtem Tagewerk, dient der
stille Glanz dieser erhabnen Geschöpfe zu vermehrter Freude bei unsern
Erholungsstunden; den Seefahrern aber ist ihre Erscheinung, nach überstandnen
Stürmen und irre getriebnem Lauf der Schiffe, ein wahrer Trost, weil sie durch
die holden niemals von ihrer Bahn abweichenden Sterne, auf den Weg ihrer
Bestimmung zurück geleitet werden.
    Diese Betrachtung ist ein wahres Geschenk, welches Emilie meinen Zöglingen
aus der Fülle ihrer vier Jahre lang gesammelten Gedanken macht; denn ihr waren
ja damals die Gestirne einzige liebreiche Nachbarn. Mich freut, dass die Knaben
damit zugleich die schöne Verbindung sehen, in welcher eine edle Seele die
Gefühle ihrer Freuden mit dem Wohl ihrer Nebenmenschen vereint.
Lange, meine Freunde, hatte ich nichts von Ihnen gehört, aber Sie haben mich mit
dem letzten Paquet entschädigt, und mehr als dieses, Sie haben mich so reich und
glücklich gemacht, wie ich es hier nach meinem Charakter und nach meiner Lage
nur immer werden konnte. - In welch einer seligen Stunde lispelte Ihnen der
Geist der Freundschaft den wohltätigen Gedanken ein, mir des vortreflichen
Herders Briefe zur Beförderung der Humanität zum Stoff meiner Herbst- und
Winter-Unterhaltungen zu schicken. - Lange hatte ich nicht an die
Verschiedenheit des männlichen und weiblichen Geistes gedacht, und hier sah ich
ihn so liebenswürdig gleich nach der vollkommensten Uebereinstimmung erscheinen.
Diese sagte: unser Freund in Amerika muss Herders Briefe haben: der Mann will mit
dem ersten Postwagen, das ganze allgemein nützliche nach Hamburg senden: die
Frau aber sucht, beherzigt und schreibt Auszüge, welche in diesem Moment für
mich passen, und gibt sie sogleich der Briefpost.
    O meine Base! wie soll ich Ihnen dieses vergelten? wie belohnen? Glücklich
ist, wer mit einem solchen Charakter, mit einem so ausgebreiteten Wohlwollen,
wie Sie, sich die Freude wünschet, eine schöne Absicht erreicht zu haben - Und
dieses ist geschehen, meine teure, mit einer unschätzbaren Feinheit begabte
Luise! Diese von Ihrer Hand gemachte Copie ist früher angelangt, als das Ganze
nicht kommen kann. Was diese Blätter mir für eine Freude machten, kann nur der
fassen, welcher einst die gewünschte Versicherung ewiger Liebe erhielt; denn
Sie, meine liebenswürdige Base, haben mich damit in den Stand gesetzt, mit den
edlen Wattines aufs neue von Menschen zu sprechen, welche in diesem Weltteil
ihrem Herzen doppelt heilig sind, und ich genoss das edle Vergnügen, von einem
unsrer verdienstvollen Landsleute zu erzählen, welcher mit dem hohen Gefühl von
den verehrungswürdigsten Freunden der Menschheit spricht, wie Herder von dem
spanischen Bischof las Casas, welcher sich der südlichen Amerikaner erbarmte,
und an dem Hof zu Madrit für sie bat, wofür Emilie noch seine Asche segnete, und
sich freute, dass der französische Bischoff Fenelon sogleich in die Reihe der
Menschenfreunde gestellt wurde, nicht nur, well er Frankreichs Völker durch den
Telemach einen weisen, gütigen Regenten bilden wollte, sondern weil er dem
Erbprinzen, von dem damals herrschenden Religionshass und Religionsverfolgung
abmahnte. Beide Wattines schienen mit unserm Herder äusserst vergnügt, da er den
Liebling der besten Menschen von der ganzen Nation mit Verehrung nannte, aber
Wattines wurde entzückt, seinen Bernardin de St. Pierre den Schüler Fenelons
nennen zu hören, und indem er sagte: O er war es, er kannte Fenelons Geist ganz!
hatte er schon den ersten Band von den Studien der Natur geholt, und sagte im
blättern:
    Ihr Freund schätzte Fenelon, weil er gegen gewaltsame Religionsbekehrungen
eiferte. - Sehen Sie, wie sein Schüler diese Seite des Charakters des wahren
Bischoffs darstellt, da er von den Zeiten spricht, sagte er gegen Emilie
lächelnd, wo unsere Voreltern noch vor Freude hüpften, wenn sie einen wilden
Pflaumenbaum entdeckten, oder in den Ebnen der Normandie ein Reh im Laufen
gefangen hatten, und ihre Priester, die Druiden, ihnen eine Menge Vorurteile
und Grausamkeiten im Namen ihrer Gotteit einflössten, unser Fenelon mit seiner
Tugend zu ihnen getreten, und gesagt haben würde: Wie irrend ängstigt Ihr Euch
und das Volk durch fürchterliche Begriffe von unserm Urheber, welcher diese
Ausbreitung falscher Ideen an Euch selbst durch bange Erwartungen straft!
Spricht er nicht zu den Menschen durch tausend um sie verbreitete Wohltaten?
Ihr sucht sie durch Furcht zu regieren - Meine Religion ist, sie durch Liebe zu
leiten, und wie die Sonne Gute und Böse beleuchtet, gegen beide wohltätig zu
sein. - Gewiss hätte er ihnen zugleich Geschenke der Natur bekannt gemacht, und
den Nutzen der Waizengarbe, des Traubenstocks und der Schafwolle gezeigt. O wie
würden unsere Voreltern ihm gedankt und seine Religionsgrundsätze befolgt haben!
    Dieser Geist, setzte er hinzu, verband unsern St. Pierre als Schüler mit
Fenelon, und, fiel ich ein, schaffte ihm an Herders Hand eine Stelle neben
seinem Lehrer, weil jede von Bernardin Schriften, bis auf die kleinste
Erzählung, im Geist der Menschenliebe geschrieben wurde, da er so gerne die
Natur mit der Geschichte der Menschheit verbindet, von welcher er das Gute mit
so viel Freude, das Böse mit so viel Milde erzählt. - Mit Recht setzte Herder
den guten Abt St. Pierre unter die Menschenfreunde, weil er Gerechtigkeit,
Tugend, Vernunft und Wohltätigkeit lehrte. Emilie wurde über das Lob der Quäker
äusserst gerührt, da Herder sagt, dass sie von Penn an eine Reihe verdienstvoller
Männer nennen, welche zum Besten der Menschheit mehr getan haben, als tausend
anmassende Weltverbesserer: die tätigsten Bemühungen zu Abschaffung des
Negerhandels und des Sklavendienstes kamen von Quäkern, und auf dem Denkmahl im
Vorhof des Tempels allgemeiner Menschlichkeit, dessen Bau künftigen Zeiten
bevorstehet, werden die Namen von Quäkern glänzen.
    Kaum hatte ich diese Stelle übersetzt, als Wattines und Emilie sich bei der
Hand fassten und sagten: O wir wollen den Namen unsers wohltätigen Freundes John
eingraben! - Tränen der Rührung und der Dankbarkeit füllten ihre Augen, und ich
kann wörtlich sagen, ihr Mund überfloss von dem Ruhm der Tugend und der Weisheit
des väterlichen Freundes. - Dass Herder auch Montesquieu unter die Wohltäter der
Menschheit stellte, hatte einen Ausruf der Freude hervorgebracht, indem wir alle
den vortreflichen Mann mit gleichem Eifer lieben und ehren. Hier behauptete ich
aber einen Vorzug, weil ich die schöne Wallfahrt der Hochachtung zu dem Wohnsitz
seiner Familie bei Bordeaux machte, das alte einfache Schloss la Brede, mit der
grossen Halle voll Bücherschränken, die getäfelten Zimmer und hundertjährige
Tapeten, wie Reliquien verehrte, und mich so sehr freute, das Haus zu kennen, in
welchem Montesquieu geboren wurde, und das kleine Kabinet gesehen hatte, in
welchem er das grosse Werk über den Geist der Gesetze schrieb. - Wir sachten in
der Encyklopädie und dem Dictionaire des Hommes illustres die Namen aller dieser
Männer, auch Penn nach, feierten das Andenken ihrer Verdienste, und machten
Wünsche, dass sie Nachfolger haben möchten.
    Doch hören Sie, wie einer der schönsten Züge aus des edlen Montesquieu
Leben, durch Emilie verherrlicht wurde, indem sie ihn ihrem Mann zueignete, als
wir auf die Stelle kamen: Montesquieu suchte das Glück seines Lebens nicht in
der grossen Welt und grosse Gesellschaften, denn er floh stets sobald als möglich
in das gotische und einsame Wohnhaus seiner Voreltern zurück, wo ihn seine
Philosophie, seine Bücher und Ruhe erwarteten. - In seinen müssigen Stunden war
er von Landlenten umgeben, wo er nach erschöpfter Kenntnis des Geistes der
Nationen und des Zirkels der Gelehrten, in diesen von der Natur allein
unterrichteten Menschenseelen sich umsah, und oft behauptete, von ihnen gelernt
zu haben. Er sprach vertraulich mit ihnen, und suchte, wie Sokrates, ihren Geist
durch Fragen zu üben und zu entwickeln, entschied und verglich ihre
Streitigkeiten, und unterstützte sie in allen ihren Bedürfnissen.
    Ich bemerkte wohl, dass Wattines Stimme sich immer mehr änderte, je weiter er
las, endlich zu stark gerührt, das Buch hinlegte, und sagte: Montesquieu war
Präsident eines Parlaments, wo ist sein Geist der Gesetze? Emiliens Auge
glänzte, und war voll Zärtlichkeit auf ihren Mann geheftet, als sie seine Hand
fasste, und mit sanftem ernsten Tone sagte: Teurer Carl! Montesquieu hat für
unser ausgeartetes Vaterland vergebens gelebt, aber die besten schätzbarsten
Eigenschaften des guten grossen Mannes ruhen in deiner Seele, vielleicht bist du
berufen für die Bewohner der Ufer des Oneida zu sein, was Montesquieu für die
Landleute an der Garonne war. Du warest auch einst in der grossen Welt, und
wünschtest dich nie zurück. - Deine Tugend und das Wohl deiner Familie genügten
seit fünf Jahren zu dem Glück deines Lebens. Der Kreis deiner Wohltätigkeit
wird durch jede neue Colonistenfamilie erweitert, und so wächst dein Vergnügen
in gleichem Masse; denn Montesquieu half den Leuten â la Brede auch unangebautes
Land in Aecker und Wiesen zu verwandeln. - Wattines hatte seiner Frau mit einer
Art von Staunen zugehört, küsste voll Empfindung ihre Hand, und antwortete
gerührt: Teure, edle Emilie! gerne, sehr gerne will ich sein, was du wünschest,
gerne tun, was der Himmel mir auf dieser Stelle gebietet.
    Sie sehen, meine Freundin, wie schön und mit wie viel Klugheit Frau Wattines
die emporsteigenden Trauergefühle ihres geliebten Mannes, in die edelste
Empfindung gerechter und verdienstvoller Eigenliebe verwandelte, ihm dadurch das
düstre Bild des Vergangenen aus den Augen rückte, ohne ihn von Montesquieu
abzuziehen, und dabei alle edle Grundsätze in ihm zu wecken. - Jeden schönen
Auftritt dieses Abends haben Sie mir bereitet, meine teure Verwandtin, denn
ohne die Lebhaftigkeit, mit welcher Sie mir so schnell als möglich Herders Ideen
von den Quäkern und den Wohltätern der Amerikaner mitteilen wollten, würde ich
vielleicht diese angenehmen Stunden nie erlebt haben, welche im Ganzen das
waren, was der Engländer ein Fest der Vernunft, a feast of reason, nennt,
welches auch gewiss der Fall ist, wenn schätzbare Lebende sich verdienstvoller
Verstorbenen erinnern, oder gemeinnützige Entwürfe für Wissenschaft und Künste,
für Sitten und Wohlstand machen. - Ungewiss bin ich, wie Sie die endliche Wirkung
dieser mir so äusserst schätzbaren Blätter beurteilen werden: gewiss hatten Sie
die edelste Absicht für die guten Landleute am See Oneida, als Sie das
vortrefliche Gedicht von dem hohen Wert der Arbeitsamkeit kopirten. Sie waren
sicher, dass es mir Freude machen würde, dachten aber nicht, dass damit eine lang
gewaltsam unterdrückte Lieblingsphantasie mit neuer Stärke erhoben und zur
Ausführung kommen sollte. Diese ist meine, aus Italien und dem Berner Gebiet mit
mir wandelnde Ziter und meine Stimme am See Oneida ertönen zu lassen, und bei
meinen Schülern nicht nur den Geschmack an schön schreiben und zeichnen, sondern
auch die Liebe des Gesangs und der Musik anzufachen.
    Die Wattines, mit welchen ich davon sprach, nannten diesen Entwurf den
Ehrgeiz in den Wäldern und den Jahrbüchern von Oneida als nordamerikanischer
Orpheus zu glänzen; aber ich werde mich nicht irre machen lassen, sondern hier
diese leichte und angenehme Musik bekannt und beliebt zu machen suchen, durch
welche in Italien und in dem Dorfe Langen in der Schweiz die Dämmerung und
Abende verschönert werden. - Sie wissen, dass ich bei meiner Zurückkunft so
manche Stunde spielte und sang, ohne dem Klavier nur eine Seele zu entwenden.
Erinnern Sie sich meiner Klagen, dass jede Art einfaches Vergnügen verkannt
würde, dass man lauter mühevolle, gekünstelte Dinge aufsuche, und weil sie
gewöhnlich kostbar sind, aus Eitelkeit nur bei diesen eine Freude zeige, und das
Natürliche allentalben geringschätze? Ich verschloss meine Ziter, und redete
nicht mehr von ihr; aber wohlbehalten kam sie mit mir nach Philadelphia, von wo
ich sie werde kommen lassen, dort schon nach den Ankauf einer zweiten Ziter
fragte, auch Dratsaiten verlangte, weil ich suchen werde, durch meine
Schreinerkunst eine zu verfertigen. Sie wird doch immer besser sein, als die
erste, welche in Italien entstand. Bis mein Koffer kommt, habe ich dem schönen
Gedicht gewiss schon auch eine schöne Melodie angepasst. Sehr artig finde ich das
Spiel des Zufalls, welcher wollte, dass ich in Europa dem auf Ihre Hand stolzen
Fortepiano meine arme demütige Ziter opferte, welche nun so viele hundert
Meilen entfernt, in Amerika durch Sie so ruhmvoll als wohltätig erscheinen
wird. Ich habe auch mit Vandek und dem Vorsteher von den Gedichten und den
Blättern gesprochen. Beide fühlten sogleich den Wert. Vandek wurde gerührt von
dem Inhalt des Himmlischen. Er fand es so wahr, so ehrfurchtsvoll, so würdig des
Stifters unserer Religion.
Heil und Gebet dem Mann im Himmelsglanz,
Zu dessen Füssen jetzt die Sterne wallen;
Wie Mond und Sonne glänzt sein Angesicht.
Er denke unser, wenn wir beten, wenn
Sich unser Herz zum Armen freundlich neigt,
Und lasse jeden Wandrer Schatten finden,
Und jedem Durstigen zeig' Er den Quell.
Er war es selber einst, der Menschlichkeit
Die Menschen lehrte, der Erbarmen, Sanftmut
Und Milde zur Religion uns gab.
Heil und Gebet dem Mann, der Menschlichkeit
Die Menschen lehrte, der Erbarmen, Sanftmut
Und Milde zur Religion uns gab.
Der Vorsteher fand es eine unsers göttlichen Lehrers würdige Hymne; aber als
Oberaufseher über das gemeine Beste, überzeugt von dem hohen Wert des Fleisses
in unserer Lage, wurde er von den so ernst, schön und belehrenden Versen, das
Gegengift, ganz eingenommen, wünschte auch, es bei unserer Gemeine bekannt zu
machen, aber eher unter der freundlichen Aufschrift: Wert des Fleisses, weil er
glaubt, dass, da diese Tugend wirklich von allen Bewohnern dieser Ufer ausgeübt
werde, jedes von ihnen einen Teil an dem Lobe nehmen, und die Lehren desto
lieber fassen würde.
Preis sei dem Geber! jede seiner Gaben
ist Huld und Weisheitsvoll. Er teilte sie,
Er wog sie ab zur langen Dauer und
Vollkommenheit der Schöpfung.
Seine Erde gab Er nicht Engeln,
Menschen gab Er sie. -
Der Menschen bester ist, der selten strauchelt,
ihr edelster, der bald vom Fall aufsteht.
Tief keimte das Laster in der neu
geschafnen Erde; wild schoss es empor,
Gift seine Blüte, seine Früchte Tod.
Da schuf er ihm ein mächtig Gegengift,
für Torheit ein Verwahrungsmittel, Arbeit,
die macht er uns zum heiligen Gesetz, den Fleiss zur Pflicht.
Arbeitsamkeit verriegelt
die Tür dem Laster, das dem Müssigen
zur Seite schleicht, und hinter ihm das Unglück.
Willst du dem Feinde fluchen, wünsch' ihm Musse,
Auf Musse folgt viel Böses, und des Kummers viel.
Arbeitsam wirkt die Seele froh,
langweiliger Müssiggang beschäftigt sie
zur Reue, zum Verderben; Torheit leitet
den Müssigen; Mutwill und Vorwitz führen
ins Dunkel ihn, wo Gott nicht ist.
Arbeitet! Ihr Weisen in dem Volk,
befördert Euer und Vieler Glück!
Wo wohnt Beruhigung? wo Segen der liebreichen
Gotteit? Wo Genuss der Tage? wo das edelste
Vergnügen? nur in der Arbeit.
Diese zwei Gedichte scheinen mir zu einem Wechselgesange geeignet, und selbst
das erste kann zu Anfang und Ende durch einen Chorgesang feierlich gemacht
werden. Ich bekenne, mein Herz heftet sich an die Idee, welche mir sagte: wie
schön wäre es, wenn die guten Menschen hier durch mich, ehe sie eine Orgel bauen
können, bei ein paar gleich gestimmten, von ihren Kindern gespielten Zitern,
das Lob der Religion und der Arbeit hörten. - Wer hatte das Recht zu sagen: nur
die Hayne Griechenlands sollen das Lob der Gotteit und Lehren der Moral neben
den Tönen der Lyra hören, nur in Spanien und im Berner Gebiet, sollen die
Abende durch die sanfte Ziter verschönert werden? warum nicht auch die
prächtigen Gegenden von Nordamerika? Alle meine Wünsche vereinen sich nun in
dem, dass ich in Philadelphia noch eine Ziter finde, oder das Talent erwerbe,
eine zu verfertigen: schon habe ich die Beschreibung ihres Baues in der
Encyclopädie auswendig gelernt, und mich gefreut, in ihrer Geschichte gefunden
zu haben, dass ihre Erfindung so alt ist, als die von der Harfe, dass ihre Töne
sanft bescheiden, und etwas melancholisch genannt werden, dass man, um sie recht
zu geniessen, sie nur an stillen Orten spielen kann. Da sind ja die Ufer unseres
Oneida und die Spatzierplätze, welche der edle geschmackvolle Wattines
bereitete, wirklich die Gegend, in welcher die Ziter tönen soll. Kein Geräusch
der reichen grossen Welt, kein Lärmen der berauschten Geringen, stört Abends nach
vollbrachtem Tagewerk die Ruhe der Erholungsstunden, nur das leise Flüstern der
Blätter der die Bänke beschattenden Bäume, nur das abgesetzte sanfte Anschlagen
der kleinen, vom Abendwinde getriebenen Wellen sind hörbar. Wenn nun Väter und
Mütter hier sitzend, ihre jungen Leute die Ziter spielen, und Herders Lied der
Freude singen hörten. O meine Freunde! möge ich die Bewohner dieses Teils von
Nordamerikas Wäldern mit den sanften einfachen Tönen der Ziter bekannt, und sie
ihnen angenehm machen, - ich habe ein paar Schüler, die meine Hoffnung stützen,
und es verdienen werden dieses Lied anzustimmen.
Freue dich, edles Herz, das hold der Freude ist!
Schuf nicht der Schöpfer der Welt alles zur Freude?
Wer sich freuet erfüllet der Schöpfung Zweck.
Süsse Gabe des Gebers, giesse dich ganz in mich!
Noch ist mein Herz von Tücke nicht befleckt.
So hüpfe dann das vergängliche Paradies hindurch
du! nicht mit drückenden Lasten beschwertes Herz.
Sei froh des Vergangnen!
jeglicher Labung froh, die du dem müden Pilger
darreichen konntest; danke dem Herrn der Welt,
der dir zu reichen sie gab.
Häuser, die deine Hände gestützt,
Hütten, die deine Hände befestigten!
Siehe sie froh! besuche des Greises Grab,
der sich an deinen Troststab lehnte.
Komme der grosse Tag, an welchem der Schöpfung Herr
Gericht hält! wann die Schaaren um ihn stehn
voll heiliger Erwartung, sanfte Stille
sich verbreitet die sieben Himmel hindurch.
Du trittst, ein Jüngling mit tausendmal tausend hervor
anzubeten, der Spruch des Richters ist:
was ihr der Menschheit tatet, tatet ihr
Mir selbst. Geht ein zu eures Herren Freude.
Ich hoffe mit meiner Schule glücklich zu sein, und dann meinen schönen lieben
Traum auszuträumen, und mit dem hier so schnell auf den Winter folgenden
Frühling, eine mir äusserst lieb gewordene Phantasie zur Wirklichkeit zu führen,
da die Feldarbeit, mit den, nach dem Schmelzen des Schnee's hervorbrechenden
Blättern der Bäume, und schnellen Wachstum des Grases anfängt, so will ich
meine besten Sparpfennige zu der Stiftung verwenden, dass alle Frühjahr, wenn die
Bäume der Spazierplätze das erste Laub tragen, das Gedicht von dem Werte der
Arbeitsamkeit, mit zwei Zitern begleitet gesungen, und den Schulkindern eine
kleine, aber nach einem von mir gezeichneten Stempel geprägte Münze ausgeteilt
werde; der Gehalt wird nur 6 Kr. unsers Geldes sein, aber auf einer Seite soll
ein Baum, ein Pflug und ein Fischernetz mit der Aufschrift: Arbeit, auf der
Gegenseite ein Obstzweig, eine Garbe und ein Fisch mit dem Worte Segen, geprägt
sein. - Jährlich dazu bestimmte 25 Fl. werden lange hinreichen, bis die Gemeinde
und die Zahl der Schulkinder eine Vermehrung fordern. - Wattines soll der
Beschützer dieses kleinen Andenkens meines Hierseins werden. Emilie bezeigte,
als ich den Plan vorlegte, und die übersetzten Gedichte las, wahre Freude, und
sagte sehr schön gegen ihren Mann: hat man nicht immer bei cultivirten Nationen
wichtige Begebenheiten durch besondre Münzen im Gedächtnisse zu erhalten
gesucht? und dienten diese Münzen nicht als Belege der Geschichte eines Volks?
Ja meine Liebe! dieses ist wahrer Begriff von den Denkmünzen, antwortete er, und
sie erwiederte mit dem Tone edler Wünsche und Hoffnung: wie schön wäre die
Vorbedeutung der ersten Münze in der Grafschaft Onotaga! wie schätzbar müsste
einst die Sammlung davon den Enkeln sein, wenn Fleiss stets den Chargeter der
Einwohner, und Segen immer ihr Schicksal bezeichnete! -
    Wattines und ich waren über diese Wendung ihrer Ideen gerührt, er sagte: das
wird auch sein, meine Emilie! so lange als im Frühling die Feier des Gedichts
der Arbeit heilig und geliebt sein wird.
    Ich bedauerte, nicht reich genug zu sein, um die Stiftung, zu dem Werte und
Grosse eines Silbertalers zu setzen. - Nein! sagte Emilie lebhaft, das wünschte
ich nicht, indem ich besorgt wäre, dass man sie wie die Piaster in zwei und drei
Stücken zu Scheidemünze machte. - Ich sah mit etwas Verwunderung nach ihr, und
horte dass es wirklich geschieht. Spanische Piaster, welche stets von dem
feinsten Silber sind, entzwei zu schneiden um halbe Piaster zu haben, oft sollen
die Eigentümer auch einen Streif in der Mitte ausschneiden, und die zwei
Seitenstücke doch einen halben Piaster gelten. Die teuren Wattines bedauerten
aber meinen so vervielfachten Arbeitsplan, weil sie mich weniger sehen, und die
Hoffnung verloren werde, etwas Teutsch zu lernen, wie sie beide es für die
Wintertage bestimmt hatten, um die Muttersprache des geliebten Freundes zu
kennen, und mit seinen guten Landsleuten an dem See von ihm zu reden: bei Vandek
und Scriba, werden Sie, sagte Wattines, sehr oft Gegenstand der Unterredung
sein, aber ich wünsche ihre Erinnerung in allen Einwohnern, besonders auch in
Ihren Schülern zu umfassen, und so vielfach zu erneuern als Colonisten hier
sind.
    Ich war äusserst gerührt und dankbar für diese schmeichelhafte
Anhänglichkeit, und werde ihnen die meinige beweisen so lange ich lebe, aber
sicher die Einteilung meiner Herbst und Wintertage so machen, dass sie gewiss
mich oft sehen, und im Frühjahr teutsch sprechen sollen. - Es ist unhöflich
gegen Sie, meine Freunde! wenn ich sage, dass mich meine Trennung von Oneida, von
Wattines sehr, sehr viel kosten wird, aber es ist Wahrheit und Gerechtigkeit
gegen Wattines und die Natur, welche mir beide alles zeigten, alles für mich
sind, was ich zu sehen und zu geniessen wünschte.
    Diese letzten Herbsttage teilte ich noch eine allgemeine Freude, die
Ankunft, das Austeilen und Pflanzen von einer Ladung Apfel- und Birnbäume. Sie
können sich keinen grössern Jubel denken, als den, mit welchem jede Familie ihren
Anteil nach ihrem Hause trug, die Alten sich schon des Apfelweins, und die
Jungen sich der Birnen freuten, welche nun bald wachsen würden. Vortrefflich war
das Betragen des Vorstehers, und eben so schön das von den Colonisten. Die
Fuhren brachten Vorrat für den Winter an Kleidungszeug, Leinwand, Flachs und
Wolle. - Alles lief zu, alles half nach Anweisung des Vorstehers den Vorrat in
das dazu bestimmte grosse Loghouse zu bringen und zu ordnen, die Weiber machten
aber Anstalt, für Essen und Lager der Fuhrleute zu sorgen. Der Wagen mit den
Baumstämmen war der letzte zum abladen, da es noch helle genug war, sagte der
Vorsteher, die Hausväter sollten sich in zwei Reihen stellen, er wollte ihnen
sogleich bei dem Abladen, jeden seinen Anteil von den Bäumchen geben. Ein Wagen
hatte lauter Birn- der andre lauter Aepfelstämmchen. Die Mädchens und Jungens
jeder Familie wollten tragen helfen, und stunden an den Wagen, von der Seite wo
ihre Väter sich gestellt hatten. Ordnung und Vorsicht wurde geboten, und die
Namen ausgerufen, wie immer nach der Reihe das Austeilen kam. Keiner hatte
einen Vorzug, selbst der Vorsteher und Vandek nicht. - Wattines sagte, er habe
Obstbäume auf der Insel, und schon welche in seinen Garten, seine Mitbürger
sollten also diese allein unter sich verteilen. - Nein, Sie sind auch
Coloniste, riefen sie; Sie sollen Ihren Anteil nehmen. Er gab nach und stellte
sich auch in die Reihe, indem er mit grosser Freundlichkeit allen dankte. -
Vandek stellte sich ihm gegenüber, seine Kinder konnten Stämmchen tragen, ich
besorgte die für Wattines, und bekenne, dass ich ihn mit innerer Rührung ansah,
den schönen vortrefflichen Mann, da in der Reihe, mit alle seinem Geiste und
Talenten; - aber er betrug sich so einfach, wie sein brauner Colonistenfrack es
wollte. - Mein Zimmermann erhielt seinen Teil aus den Händen des jüngern
Bruders von dem Weber Philipp, dieser aber die seinigen durch seine Schwester,
diese zwei braven Teutschen zeichneten sich mit einem schätzbaren Gedanken aus,
denn sie machten den Vorschlag, ihrem braven Lehrer Vandek, jeder zwei Stämmchen
zu Vergrösserung seines Anteils zuzulegen, und ihn zu bitten, es als einen
kleinen Beweis ihrer Liebe und Verehrung anzunehmen, und dabei zu denken, dass
diese Gesinnungen für ihn immer wachsen und zunehmen würden, wie die Bäume
seines Gartens.
    Alle Colonisten stimmten mit Vergnügen ein, und es war ein schöner Auftritt,
erst die Aemsigkeit zu sehen, mit welcher die Väter die schönsten Stämmchen
aussuchten, und dann ihre Kinder zu dem Pfarrer abschickten. Philipps jüngere
Geschwister sagten sehr treuherzig: unser Bruder und der brave Zimmermann haben
noch keine Kinder, da schicken sie uns, Ihnen zu sagen, dass wir den Herrn
Pfarrer lieben und ehren, wie alle andre tun. - Vandek war gerührt, dankte
allen äusserst freundlich, und versprach diesen Bäumchen einen besondern Platz
und Sorgfalt zu widmen. Wattines bat sich von dem Vorsteher die Anweisung des
Gartens für den künftigen Schullehrer aus, indem er dort in dem Namen seiner
eigenen und aller Colonisten-Kinder, seinen Anteil pflanzen wolle; alle sahen
auf ihn und nickten ihm Beifall zu, der Vorsteher lächelte gegen alle und trat
dabei etwas vorwärts indem er sie anredete:
    Meine Freunde und Miteinwohner haben mir beinahe nichts zu tun übrig
gelassen, als ihren Lehrern zu der Liebe Glück zu wünschen, welche man ihnen
bezeigte: ich bitte aber nun alle! ihre Obstbaumstämmchen als ein Herbstgeschenk
von meiner Hand anzunehmen.
    Der Ausdruck des Staunens auf den Gesichtern, und das eifrige Zudringen so
vieler Hände, welche jede die Hand des Gebers fassen und danken wollten, die
Freude, mit welcher jede Familie ihren Anteil heim trug, machte diese Stunde zu
einer der schönsten des ganzen Jahres, sagte der Vorsteher. Philipp und der
Zimmermann freuten sich aber sehr, den Gedanken des Geschenks für den guten
Herrn Pfarrer gefasst zu haben, ehe sie wussten, dass sie die Bäumchen umsonst
erhalten würden. - Vandek segnete den Vorsteher für die wohl ausgedachte Gabe an
seine Gemeinde, und Wattines drang darauf, das Persprechen zu haben, den
folgenden Morgen den Schulgarten ausgemessen zu bekommen. - Ich, der als Zeuge
des schönen Wetteifers, welcher alle Bewohner der freundlichen Hütten beseelte,
so viel Vergnügen genossen hatte, war begierig auch etwas zu tun, und sagte:
dass ich wünschte, den Arbeitslohn für die Umzäunung des Schulgartens zahlen zu
dürfen, und auch dieser Wunsch wurde gut aufgenommen.
    Der Vorsteher hatte nun noch mit den Fuhrleuten Geschäfte zu besorgen. Ich
ass mit Vandeks zu Nacht, freuten uns noch dieses Abends, und fanden, dass viel
Gutes geschehen und geweckt werden kann, wenn die Vorsteher mit einer
menschenfreundlichen Ueberlegung, in die Bedürfnisse ihrer Untergebnen eingehen,
und ihnen in einem schicklichen Moment eine Wohltat erweisen. - Wattines,
welcher, wie beinahe alle seine Landsleute, ein gebohrner Obstgärtner ist, ging
den andern Tag bei den Colonisten umher, ihnen bei dem Pflanzen ihrer Bäumchen
guten Rat zu geben, und besetzte den Schulgarten recht artig. Junge Leute
kamen, ihm arbeiten zu helfen, und von ihm zu lernen. Der edle Mann ist ein
wahrer Segen für diese Colonie, durch die Begierde, welche sich unter alle
Colonisten verbreitet, auch so geschickt und so schön zu arbeiten, wie er.
Nun ist wirklich der nordamerikanische Herbstregen eingetreten. Solche
Wassergüsse sah ich nie, und wie glücklich finde ich mich in meiner kleinen
Schule und bei meiner Schreinerei, wie viel mehr aber in Wattines Bibliotek.
Nun fühlte ich die Wahrheit des Ausspruchs von dem edlen Lord Falkland, ich
beklage den Unwissenden, an einem Regentage. Schauer überfiel mich bei dem
Gedanken, was unsere teuren Wattines auf ihrer einsamen Insel ohne die Hülfe
ihrer Bücher geworden sein würden. Beide segnen auch die Anwendung, welche sie
von dem Lehrsatze machten, dass man bei Veränderung eines Landes zu dem andern,
wegen seiner Gesundheit das Clima, wegen Ruhe und Sicherheit die Gesetze, sich
bekannt machen solle: ihr guter Schutzgeist aber ihnen dabei zuflüsterte, bei
dem Wechsel von Europa mit Amerika, nicht nur diese Vorsicht für ihr
körperliches Wohl, sondern auch gegen die Leiden der Seele, bei einem vielleicht
einsamen Wohnsitz, und Entfernung von allen geselligen Vergnügen zu befolgen.
    Diese innere Stimme habe ihnen gesagt, ihre Büchersammlung mitzunehmen, weil
Wissenschaft ein so wesentlicher Teil des Glücks edler Menschen sei, und man in
wohlgewählten Büchern, immer den Umgang einsichtsvoller und erfahrner Männer
aller Zeiten und aller Nationen geniesse. Ach diese belehrten uns auf der
einsamen Insel, dass Regengüsse und Stürme, Hitze und Frost, der Fruchtbarkeit
der Erde eben so nützlich sind, als Widerwärtigkeit und Beschwerden des Lebens
der Menschheit, welche die Tugend ihrer Seele, und die Fähigkeiten ihres Geistes
übten, - gute Bücher also immer treue Freunde und lehrreiche Gesellschaft sind.
-
    Dieses Gefühl der Ehrfurcht und Liebe, mit dem lebhaftesten Ausdruck der
Dankbarkeit verbunden, erscheint in Wattines schönen Zügen, so oft er einen Band
seiner Bibliotek für sich, oder für Vandeks oder mich holt; oft auch bemerkte
ich es, wenn sein Auge auf den Bücherschrank geheftet war, wenn von der Insel
oder Einsamkeit gesprochen wurde, und Vandek während der Regentage einen Besuch
machte, und von ungefähr eine Klage über die Witterung hörbar wurde; da
lächelten die Wattines sich zu, blickten zum Himmel und auf ihre Bücher, Emilie
aber sagte: o mein teurer Freund! wie erträglich würden sie diesen Regen neben
der Hütte eines Nachbars finden, wenn Sie ihn drei Jahre alle Herbst mit Sturm
in ganz einsamer Gegend rauschen hörten, und kein Obdach hoffen könnten, wenn
das Ihrige einstürzte. Mein Herz wusste wohl, dass es die Stimme der Allmacht
meines Gottes war, aber ich zitterte oft halbe Nächte hindurch, bei der
Vorstellung der Möglichkeit des Verlusts unserer Hütte. - Wohin mich retten mit
den Kindern? war eine Herz zerreissende Frage, in dem Brausen der Windstösse; aber
nun würde ich bei Vandeks Tugend und Freundschaft Schutz finden, wobei sie seine
Hand fasste und an ihre Brust drückte. Vandek war äusserst gerührt, und sprach
dann von den Eindrücken des ersten Winters auf ihn und seine Familie, welches
aber, wie er es wohl erkannte, mit den Beschwerden auf der Insel in keinem Falle
zu vergleichen war, auch sie alle sich jetzo keine Klagen erlauben würden. - So
wahr ist es, dass die Betrachtung welche wir über den Zustand der weniger
Glücklichen anstellen, uns zufriedener mit unserem Schicksal, und
menschenfreundlicher gegen andre macht.
    Die hier angesiedelten Familien aus unserm Vaterlande haben eine in
Oberschwaben übliche Gewohnheit eingeführt, alles spinnt, weil im Felde nichts
zu tun und alles Ackerwerkzeug ausgebessert ist, so kommen sie nach der Reihe
in den Nachbarshäusern zusammen, bringen ihr Abendbrod mit, und die Hausfrau
gibt jedem einen Becher Milch oder im Hause gebrautes leichtes Bier, dabei wird
gesungen, in die Wette gearbeitet und fröhlich schlafen gegangen. - Bei Wattines
ist alle Tage das alte Bild der Schlosshallen in verflossenen Zeiten sichtbar, an
dem grossen Camine wird gekocht, unweit davon die einfachen Mahlzeiten genossen
und wenn alles gesäubert und aufgeräumt ist, spinnt die Frau und der Mann,
welche als Knecht und Magd bei ihnen leben, das Mädchen lernt von Madame
Wattines nähen und stricken, Carmil und Antonette spielen, Wattines hält sich so
lange es Tag ist, mit dem Zimmermanne in der Arbeitshütte, um die Bekleidung
seines Hauses bald zu endigen, ich bin fleissig an meinem Tisch und Stühlen, wenn
aber Licht nötig ist, mit meiner Feder bei den Auszügen beschäftigt. Scriba,
Vandek und Wattines nebst mir, leben auch gesellschaftlich, lesen auch zweimal
die Woche in Scribas Hause einmal die Zeitungen, das andremal etwas die
Landwirtschaft betreffendes, und sprechen mit den Colonissen darüber. Fischfang
beschäftigt auch, wenn es der Regen erlaubt, auch haben wir schon getanzt,
fernere Arbeits- Handels- Bau- und Reichtumsplane gemacht, so fliessen selbst
Wintertage im Genusse des Fleisses, des Mitteilens, der Entwürfe und Eröfnung
der Aussichten auf glückliche Zeiten, schnell und angenehm vorüber, so schnell,
dass ich mich abwende von dem Gedanken des Frühjahrs, weil meine Abreise damit
verbunden ist. Eine Lieblingsidee habe ich heute noch, in dem liebenswürdigen
und so äusserst tätigen Geiste des edlen Wattines niedergelegt, meinen Saepflug,
welcher jetzo noch nicht brauchbar ist, indem noch Jahre hingehen werden, ehe
der Ackerboden so genau von den Baumwurzeln gereinigt sein wird, dass man ebenes
Feld genug vor sich haben kann, um den dreifachen Nutzen der Säfurchen Aussaat,
Egge und Ersparnis von zwei Drittel des Saamenkorns zu geniessen: ich erhalte
dafür von den schätzbaren Wattines getrocknete Pflanzen von ihrer Insel, nebst
einem von Emiliens Händen aus Maisblättern geflochtenen Sonnenhut und Körbchen,
welche, ich bekenne es, mehr, unendlich mehr für mich sein werden, als alle
meine Schreinerarbeit für sie sein kann. Meine Schüler sind gute junge Leute,
welche mir noch die Uebung ihrer verbesserten Handschrift zu danken haben, denn
wie ich meine Auszüge und kleine Noten blattweis im Reinen habe, so müssen sie
solche abschreiben, damit jeder ein Exemplar bekomme, und sich den Inhalt um so
tiefer einpräge: bei diesem Anlasse sprach ich mit ihnen von der
Buchdruckerkunst und dem hohen Werte dieser Erfindung, wodurch der Geist aller
Nationen und aller Jahrhunderte, sich mitteilt und bekannt wird. Der
Unterricht, welchen ich diesen Knaben gebe, ist für mich eine angenehme
Wiederholung dessen, was ich lernte, und in Wahrheit, im Mitteilen mich
bereichere, weil alles neu und deutlich auf einem abgekürzten Wege vor mir
vorüber geht. In der eigentlichen Schule wird ihnen die Geschichte von Amerika
und den europäischen Colonisten erzählt und zu Leseübung gegeben, welches ich
als vortreffliche Anstalt des Vorstehers betrachte, weil es sie mit der
englischen Sprache, welche sie ohnedem verstehen müssen, und mit den Vorbildern
ihres Schicksals und der Verdienste des Fleisses und des Nachdenkens bekannt
macht. -
    Meine geliebten Wattines nehmen doppelte Lehrstunden im Teutschen, einmal
mit mir, dann spricht der Zimmermann mit ihnen. Der holde Carmil wächst mit der
Kenntnis von drei Sprachen auf, und gab dadurch im Vandekschen und seinem
eigenen Hause schon manche liebliche Scene, wenn er nun seine Gespielen oder
seiner Schwester neue Wörter lehren will, welche er haschte. Sein Vater lehrt
ihn zugleich lesen und schreiben, welches bei dem Französischen sehr leicht
geht, da aus ihrem c oder halben Ring so viele Buchstaben gebildet werden
können, wobei die Kinder ihr Lieblingsvergnügen geniessen, allen Dingen eine
andre Gestalt zu geben. In vielen, oder vielmehr im Ganzen wird sein junger
Geist und Gefühl nach den Ideen und den Empfindungen des St. Pierre gebildet
werden. Was mich dabei innigst freut, ist, dass Wattines ihn auch Latein lehren
wird. Nun gibt es keine Blumen mehr zu suchen, keine Insecten mehr zu haschen,
da sucht Carmil in den wenigen Zwischenstunden des Windes und des Regens, unter
den, von dem letzten rein gewaschnen Steinchen, die verschieden farbigten zu
sammeln, mit welchen er dann, in Gesellschaft der zwei kleinen Holländer Vandek,
auf dem offenen Platze der Scheunen ihrer väterlichen Wohnungen, in glatt
gestreuten Sand, Gärten und Blumenstücke anlegen, auch in der Werkstatt von
Wattines, die Stückchen Holz nach Grösse und Form ordnen, Triangel, Quadrat und
Zirkel, gerade Linien oder halbe Bogen beschreibende Züge damit auslegen,
welches alles für ihr junges Auge eine höchst nützliche Uebung ist, und nicht an
der, Kindern so gesunden, Bewegung hindert.
    Heute fand ich Wattines, um die Zeit meiner deutschen Lehrstunde, mit seinem
St. Pierre in der Hand, den er mir mit der Bitte entgegen reichte: O lassen Sie
mich heut einige Lieblingsblätter übersetzen! Ich antwortete: Sehr gerne, lieber
Freund! und als ich das Buch gefasst hatte, traf ich die herrliche Betrachtung
über Mannigfaltigkeit und entgegengesetzte Farben und Gestalten aller Wesen
unserer Erde, alles aus dem schönen Gesichtspunkt der Verehrung des Schöpfers,
und in der lieblich glänzenden Einkleidung der Mytologie dargestellt: äusserst
rührende Stellen waren von Wattines mit Bleistift unterstrichen, oder am Rande
bezeichnet, wie z.B.: »Ein Hain am Ufer der See, welcher von den ersten Stralen
der aufgehenden Sonne beleuchtet, hier dichte, dort sanft durchsichtige Schatten
auf die Wiesen wirst, dunkles, und mit Silberglanz vermischtes Grün der
verschiedenen Bäume, zeigt sich in Abschnitt mit dem Azur des Himmels, ihr
Wiederschein schimmert im Wasser, und was weder Dichtkunst noch Malerei abbilden
können, der Wohlgeruch von Blumen und Kräutern, das leise Rauschen der von dem
Morgenwinde bewegten Blätter der Bäume, das Summen der Insekten, der Gesang der
Vögel, das dumpfe, mit gänzlichem Stillschwelgen unterbrochne Brausen der an dem
Ufer anschlagenden Wellen, und alle diese, nebst dem fernen Echo, sich auf der
Fläche der See verlierende Töne, scheinen die Stimme der Nereiden zu sein: Ach
wenn Liebe oder Philosophie dich in diese Einsamkeit führen, so wird dein
Aufentalt angenehmer sein, als in einem Pallast« ... Mit erstaunend kleinen
Buchstaben war am Ende dieses Gemäldes geschrieben: Erster Frühling mit Emilien
auf der Insel Oneida. Gleich auf dem andern Blatte fand ich die kaum noch
sichtbaren Züge des Entwurfs zu dem Gemälde der Insel Lemnos, mit Lorbeer- und
Olivenbäumen, um das Grab des edlen Philoktet, unfern einer Grotte, in welcher
man den hölzernen Wasserkrug und arme Kleidung sieht, welche die Grausamkeit der
Griechen ihm in dieser Einsamkeit gelassen hatten: ich konnte mir die Ursache
dieses Entwurfs denken, forschte also nicht nach Erklärung. Wattines selbst
machte mich diesen Teil gleich überschlagen, und ich konnte kaum die Aufschrift
des Grabes lesen:
Hier ist Ruhe nach einem wohltätigen Leben,
und Schutz gegen Bosheit der Menschen. -
Ich wunderte mich nicht, dass er die Zeilen unterstrichen hatte, wo St. Pierre
sagt: »Ohne Instrumente, ohne Naturalienkabinet kann man die Natur beobachten,
ihre reizenden, abwechslungsvollen Bilder kennen lernen. - Die Sonne, welche mit
ihren Strahlen die halbe Erde umfasst, während die Nacht die andre mit ihren
Schatten deckt, doch ist keine Stelle, wo nicht Anbruch des Tages, Dämmerung.
Morgenröte, hoher feuriger Mittag, dann glänzender Sonnenuntergang, sternhelle,
oder ernst dunkle Nacht sich folgen. Die Jahreszeiten geben sich die Hand, wie
die Stunden: der Frühling mit Blumen bekränzt; der Sommer mit Korngarben
umgeben; der Herbst mit seinem Füllhorn voll Früchte; vergebens streben Winter
und Nacht die Wirkung der Sonne zu hemmen, ihre Feuerpfeile zerstören das
aufgetürmte Eis, sie zieht Wasser in die Luft, und lässt es als Ströme und Bäche
die Erde durchfliessen. - Sie setzt Gewitter und Sturmwinde in Bewegung, und
befiehlt den unsichtbaren Kindern der obern Luft, die Wolken zu leiten. Oft
verbreiten sie diese wie goldne Schleier und in schönen Farben gestreiften
Seidenzeug, oder rollen sie zu fürchterlichen Gestalten mit Donner und Blitzen
erfüllt; bald lassen sie diese gesammelten Dünste als Tau, Regen, Schnee und
Hagel die Erde übergiessen, jeder Fluss bekommt seine Urne, jede Najade ihren
Wasserkrug gefüllt; bald ruhen sie, und lassen das Meer wie einen unermesslichen
Spiegel glänzen; bald kräuseln sie seine Oberfläche mit sanftem erfrischenden
Hauch, andre erheben sie zu grünen und blauen Wogen; stärkere, unruhigere aber
stürzen sie wie Gebirge von Schaum und Gewässer zusammen; jeder Kreis der Erde
hat seine Eis- und Feuerberge, jeder hat Flächen und Hügel, in jedem fliessen
Ströme nach allen Richtungen, und bei allen diesen Erschütterungen, Lasten und
einander widersprechenden Bewegungen, setzt unsere Erdkugel ihren Lauf
ununterbrochen durch die Luft fort.« -
    Aufmerksam sass Emilie mit ihrer Arbeit bei Wattines, als er diese
ausgewählten Stellen übersetzte; aber mit süssem zufriedenen Lächeln blickte sie
auf das Buch, als die Reihe an sie kam, und wie billig während ihrem Lesen jede
Schönheit unserer Erde bei uns vorüberschwebte, wo St. Pierre sagt: »Ganz andere
Verzierungen schmücken das Äussere unserer Erde: Ein Gürtel von Palmbäumen,
welche die Datteln und Kokosnüsse tragen, umfassen sie zwischen den heissen
Zonen, moosigte Fichtenwälder bekränzen die beiden Pole, tausend und tausend
andre Pflanzen dehnen sich wie Strahlen von Mittag gegen Norden, bis sie in
verschiedenen Stufen der Kälte verschwinden - der Bananier2, dessen Früchte und
Blätter so nützlich sind, wächst in Menge von der Linie bis an die
mittelländische See - Der Pomeranzenbaum kam über das Meer zu uns, und umfasst
die Ufer der mittäglichen Gegenden mit seinen goldenen Früchten. - Die
nötigsten Gewächse, wie Korn und Gras, dringen viel weiter, und stark in ihrer
Schwäche, breiten sie sich in dem Schutz der Täler von den Ufern des Ganges bis
an das Eismeer aus. Pflanzen des rauhen Nords, kommen von den Höhen des Taurus,
unter der Decke des Schnees, bis an den heissen Gürtel der Erde. Tannen und
Cedern krönen die Berge in Arabien und das Königreich Cachemir, indem sich zu
ihren Füssen die brennenden Ebnen von Oden und Lahor erstrecken, wo man Datteln
und Zuckerrohr sammelt; andre Bäume und Gesträuche, welche Hitze und Kälte
scheuen, haben ihren Wohnsitz in den gemässigten Gegenden genommen. Der Weinstock
kränkelt in Deutschland und in Senegal, der Apfelbaum ist meinem Vaterlande
eigen (der Normandie), und hat niemals die Sonne gerade über sich, oder in einem
Kreise um sich herum gesehen seine schönen Früchte zu reifen; und so hat jedes
Stück Erde seine Flora und seine Pomona; Felsen, Sümpfe und sandigte Gegenden
haben ihre Pflanzen, selbst die steilen Ufer des Meers sind fruchtbar. Der
Cocosbaum liebt diese sandigen Gestade, von welchen sich seine süssen
milcherfüllten Früchte, über die gesalzenen Fluten hinbeugen. Wäldchen von Moos
bedecken Steine, verschiedene Pflanzen den Grund des Meers, zwischen welchen
Fische und Muscheln herumgehen, und alle, alle tragen Blumen. - Manche sind der
Luft, den Jahreszeiten und Stunden des Tages gewidmet, so dass Linnens sie nach
der Ordnung des Calenders und der Uhren pflanzte. - Wer kann die unendliche
Mannigfaltigkeit ihrer Gestalten und Farben beschreiben, den Nutzen und die
Anmut erzählen, welche durch sie über die ganze Erde schweben, in Lauben,
Gängen und Pyramiden voll Früchte! Wie viel köstliche und ergötzende Gastmale
werden in ihrem Schatten genossen, und nichts von ihnen geht verloren!
Vierfüssige Tiere essen ihre zarten Blätter, Vögel ihre Samen, andre Tiere ihre
Wurzeln und Rinden, die Bienen ihren Blumensaft zu Honig, ihren Staub zu Wachs.«
    Ich will nicht weiter gehen, als diese von Emilie gewählte Uebungsblätter
mich führten, aber ich glaube, es wird meine Base freuen, bei diesem Teile
meines Tagebuchs eine geographische Wanderung auf den Landkarten ihres Saals zu
machen, und den Blumen und Bäumen nachzugehen, welche St. Pierre auf ihrem
stillen Wege über die Erde beobachtete, und mit so edler Verehrung des
Schöpfers, mit so inniger Liebe seiner Mitmenschen begleitete. Emilie rührte
mich durch eine Anwendung auf ihr Schicksal, denn bei der wirklich schönen
Betrachtung: dass Felsen, Sandboden und Sümpfe, durch die wohltätige Hand der
Natur, mit eigenen Blumen geschmückt, und mit nützlichen Pflanzen begabt sind,
blickte sie innig auf ihren Mann, und sagte: Könnten wir nicht, mein Carl! in
dem Geist deines Freundes St. Pierre behaupten, dass es in der moralischen Welt
mit dem Verhängnis der Menschen eben so gütig, ja mit noch grösseren Vorzügen
geordnet ist; denn so hart, so ungünstig und traurig die Begebenheiten des
Lebens sind, so hängt es von dem Willen unserer Seele ab, durch ausübende
Tugend, mit Kenntnis vereint, die bittersten Leiden zu versüssen, trübe Tage zu
erheitern, und mit unserm Geiste das Nützliche des Fleisses und des Nachdenkens,
wie das Schöne der Geduld und der Ergebung zu finden, welche unsere Tage als
unsterbliche, der Ewigkeit geweihte Blumenkränze zieren, wie unser Auge
reitzende Blüten und nahrhafte Pflanzen, für das angenehme des physischen
Lebens bemerkt und aufsucht.
    Wattines war noch stärker gerührt, als ich, fasste ihre Hand, und mit einem
zugleich ernst und zärtlichen Blick, auf die holde, edle Frau, sagte er mit
bewegtem doch männlichen Tone: Ja, meine Emilie! diese Grundsätze deiner Seele
haben nicht nur unser Leben auf der Insel verschönert, sondern unsere Kräfte
erhalten. In dir sah ich die wohltätige Wirkung wahrer Religion und wahrer
Liebe, dein auf Gottesfurcht ruhender Mut, dein sanftes Tragen jeder Beschwerde
stärkte mich; deine voll kindlichen Vertrauen zum Himmel erhobenen Blicke,
erhoben auch mein Herz zu der Ueberzeugung, dass der ewige Vater uns erhalten und
für uns sorgen werde; dadurch ward meine Arbeit Freude, unsere Bücher und die
Schönheit der Natur meine Erquickung. - Sie drückte seine Hand an ihre Brust,
und sagte ihn unterbrechend: O nichts mehr, mein Carl! nichts mehr von mir! Ich
war glücklich an deiner Seite, gleichen Schritt den Weg unserer Prüfung
zurückzulegen, ohne den Gang deines edlen Geistes zu hemmen, oder deine Gefühle
zu lange bei traurigen Gegenständen festzuhalten. Er hat glücklich geendet, der
einsame, von dir mit Blumen bestreute Pfad, Ruhe und Freundschaft erfüllen
unsere Wintertage, setzte sie mit einer anmutsvollen Verbeugung gegen mich
hinzu, und dieses verspricht mir eine noch schönere Zukunft an unserm lieben
See.
    War diese Anwendung von St. Pierres Ideen nicht ungemein schätzbar und
überraschend? Ist diese Frau nicht in allen Gelegenheiten eine der
verehrungswürdigsten Personen ihres Geschlechts? kann man jemals Stärke des
Characters und Feinheit der Gefühle, liebenswerter verbunden sehen? sollte man
nicht wünschen, dass alle Glücklichen die physische Welt betrachten wie St.
Pierre, und alle Unglücklichen ihr Schicksal mit so viel Geist und Tugend
tragen, als Wattines und seine edle Frau.
Nun sind die Regentage vorüber und der prächtigste Winterfrost eingetreten. Wohl
uns, dass kein Mangel an Holz ist; denn kalt ist es mehr als ich ausdrücken kann,
und wir haben es versehen Schlitten zu machen. Nun sind alle damit beschäftigt,
damit wir mit unsern wenigen Pferden doch diese Winterfreude geniessen, indem wir
daneben mit Handarbeit und Entwürfen für den Frühling beschäftigt sind. - Alle
unsere Schüler machen gute Fortschritte, zeigen Verstand, und haben Freude an
den Gedanken, vernünftige und geschickte Leute zu werden. - Ich spreche mit den
Meinigen sehr oft von dem allgemeinen Ruhme, welchen bisher die teutschen
Colonisten erhalten haben, und die guten Jungens setzen sich alle vor die besten
unter den Guten zu werden. Meine Arbeit geht sehr vorwärts, und Wattines lernt
nicht nur die teutsche Sprache, sondern mit meinem liebsten Schüler die Ziter
gleichsam in die Wette spielen; dieses bestimmt mich zu einem Opfer. - Ich werde
ihm meine geliebte Ziter, welche mich seit Italien nie verlassen hat, zum
Andenken unserer harmonischen Gesinnungen geben, er aber mir das Gelübde
ablegen, diese sanfte Musik am See Oneida fortzupflanzen. Schon wird sie den
guten Einwohnern sehr angenehm, und ich habe dafür gesorgt, dass wenigstens vier
bei Wattines in Vorrat gelegt werden. - Meine Auszüge mehren sich und werden
recht gut, da ich sie den Knaben vorlese, und mit ihnen darüber spreche, sind
sie mit Eifer zu den Abschriften gekommen.
    Alle Sontag Abend spiel ich die Ziter bei dem Vorsteher, singe dabei, dann
gibt er einen Kuchen, gutes Bier und Tanz für unsere wenigen aber wackern
jungen Leute. Wechselsweise wird bei Vandek und Wattines der Abend mit Lesen
zugebracht, dann beisammen gespeisst, und die Frauenzimmer im Schlitten nach
Hause gebracht. So gehen sie auch in 24 Stunder vorüber die langweiliger
Wintertage. Ich schreibe nicht mehr viel an meinen Denkblättern, wie Sie sehen
werden, denn ich möchte meine Schreinerarbeit bald endigen. - Ich mache jetzo
einen Plan zu meiner Rückreise, ohne mit jemand davon zu reden, weil alle
zeigen, dass sie meine Entfernung ungern sehen; doch bekenne ich, dass öfters ein
Wunsch nach Europa in mir entsteht. Ich habe gesehen was ich wünschte, und noch
mehr als ich erwartete.
    Ich dachte nur an ein Abbild der Bemühungen unserer ersten Vorfahren, Bäume
zu Hütten zu ordnen, Felder zu Kornbau anzulegen. - Ich fand es, dieses Bild des
ersten Bestrebens, Bedürfnisse zu befriedigen, und Beschwerden zu bekämpfen,
aber auch kann ich sagen, dass jede Stuffe menschlichen Verdienstes in Arbeit und
Denken, auf diesem kleinen Platze vereint vor meinem Auge war. Ein Zimmermann,
der die Loghouse mit rohen Baumstämmen erbaut; geschickte Landleute; einen
Kaufmann der sie anweisst, die Producte ihres Fleisses für das beste ihrer Kinder
und eigenen Wohlstandes zu gebrauchen; einen Geistlichen, welcher sie die
moralischen Kräfte der Seele kennen lehrt, und auf einem einfachen Wege, zu der
Liebe ihres Schöpfers und ihrer Pflichten führt; in Wattines Hütte Abglanz des
feinsten Anbaues der Sitten, und Wirkung wahrer Kenntnis und Tugend; denn, liegt
nicht in dem Leben dieser zwei merkwürdigen Menschen das grösste, schönste
Vorbild eines edlen starken moralischen Characters, und fand ich nicht in ihrer
Büchersammlung den Schatz aller seit Jahrtausenden gesammelten Wissenschaften?
Sah ich nicht alles, was Menschen bedürfen, vermögen und ausführen? - Wie tief
ist dieses alles in meine Seele gegraben! Wie heilig, wie lieb werden diese
Erinnerungen mir mein ganzes Leben sein! Wie oft sagte ich schon hier meinen
Schülern, wenn ich mit ihnen von Wattines sprach: wie viel kann der gute,
fleissige Mensch tun! und wenn ich die Encyclopädie sah, wie viel kann unser
Geist denken, wissen und entdecken! - Wir haben die Briefe eines Amerikaners
aufs neue mit grosser Aufmerksamkeit durchgelesen, dieser sagt einmal:
    Warum kommen die Europäer nicht zu uns, neue Tugend und Glück zu sehen?
warum gehen sie in das ausgeartete Griechenland, in das alte Italien, wo sie
nichts mehr von dem alten Glanze finden, wo niemand das Grab des Socrates und
des Aristides, des Catons und des Fabius zeigen kann? sonst würde ich selbst
diese Reise machen, kommt, besteigt statt des Aetna und Vesuv unsere Apalaches,
betrachtet von einer Seite, was wir auf 900 Meilen angebaut, auf der andern noch
anbauen werden, setzt an die Stelle der alten Trauererinnerungen von Italien in
seinen Ruinen den belehrenden und angenehmen Anblick von vier Millionen
angebauten Ackerland, 600000 Häuser. Die grosse Scheune voll Garben des fleissigen
Colonisten soll euch wohl mehr Freude geben, als die Ueberreste eines Tempels
der Ceris. Unsere Gesetzgebung, unsere Mechanik, unser Landbau und schönen
Städte, Schulen und liebreiche Versorgungshäuser der Armen, - was für schönen
Stolz, welchen, lassen Sie mich es meinen geliebten Britten zu gerechtem Ruhme
hinzusetzen, edlen, auf Glück und Verdienst gestützten Stolz könnte der
Amerikaner nicht haben, wenn er nicht unter dem Einflusse des Geistes der
englischen Gesetze und Sitten geboren und erzogen wäre. - Ich sage gewiss andern
Reisenden: geht an den See Oneida, lernt diese neue Colonie kennen, bittet um
die Bekanntschaft der Familie Wattines, lasst euch die Insel zeigen, wo sie vier
Jahre einsam wohnten, sprecht mit ihnen, betrachtet ihre Arbeiten und überdenkt
ihr Schicksal, und eure Seele wird den Wert der ausübenden Tugend, der hohen
Kräfte der Menschen und der Kenntnisse schätzen lernen. -
    Sonderbar, meine teuren Freunde, ich war einige Zeit nicht ganz wohl, und
bekenne, dass ich da mehr an Europa zurück dachte, aber weit, weit entfernt war,
nur den geringsten Gedanken zu hegen, dass in der nehmlichen Zeit ein eigenes Weh
an den Lebenskräften meines geliebtesten Freundes nage. - Ich wünschte wohl den
Frühling bald zu sehen, um Nachrichten aus Europa zu erhalten, und dann auf
einem, während dem Winter, gut gebautem Kahne mit Wattines einen Besuch bei der
Hütte der Indier zu machen, in welcher Emilie zweimal wohnte. - O jetzo bleibe
ich nicht mehr so lange, werde mich nirgends, nirgends mehr aufhalten, eile
übermorgen von hier, - die guten lieben Menschen alle fühlen mit mir. - Sie
wissen was Freundschaft ist, ich teile meine Haabe unter sie aus, jeder muss ein
Andenken haben, Schreiner-Handwerkszeug, Ziter und andres Wattines. Morgen in
der Nacht werden durch den Zimmermann der Tisch und die Stühle in den Garten
gestellt: ich nehme wenig mit mir zurück. - Einer unserer rechtschaffnen
Landleute führt mich zu dem nächsten Ort, ich schreibe den Wattines meinen
Abschied, ich kann es nicht mündlich tun. Der Vorsteher und der würdige Vandek
allein wissen die Stunde, alle sehen und fühlen dass ich nicht mehr bei ihnen
bin, dass meine Seele in Europa ist, meinen leidenden Freund, seine Gattin, seine
Kinder umschwebt. - Ich werde es nicht feiern, das Fest der Uebergabe der Insel
an Wattines, wozu alle Hoffnung ist, werde nicht dabei sein, wenn das erstemal
das Lob der Arbeit gesungen wird, aber die Denkpfennige sind fertig, ich werde
sie von Piladelphia aus schicken, und hoffe von dort bald, bald absegeln zu
können, denn ich glaube, da der Himmel meine auf gewisse Art phantastische Reise
hieher begünstigte, o so wird er die sichere schnelle Erfüllung der heiligsten
Pflicht segnen. O was werde ich empfinden, wenn ich mitten in der Nacht Wattines
Wohnung vorbei gehe, dieses Haus, die ganze Anlage, den See und die Waldungen
mit den Feldern noch im Mondschein betrachten werde, denn der Zimmermann und
mein Fuhrwerk erwarten mich am äussersten Ende der Landstrasse, ach wie herzlich
werde ich sagen: ich lasse euch Gott und eurer Tugend.
 
                                    Fussnoten
1 Eygelb mit heiss Wasser gerührt, Hühnermilch.
2 Paradies-Feigenbaum, Bananas-Baum, Patanen.
 
    