
        
                          Friedrich Maximilian Klinger
                  Geschichte eines Teutschen der neusten Zeit
                                   Erstes Buch
                                       1.
Der teutsche Mann, dessen Geschichte ich, aus mir selbst aufgelegter Pflicht, zu
schreiben unternommen habe, ist durch seine ihm eigne Denkungsart und besondre
Stimmung des Herzens ebenso merkwürdig als durch sein Schicksal. Für mich war er
eine Erscheinung in der moralischen Welt, einem Luftzeichen ähnlich, das durch
seinen strahlenden Ausfluss die Augen so lange ergötzt, als es sich noch am
fernen Horizont bildet; zieht es aber im düstern Dunstkreise den Bogen des
Himmels herauf, so fliehet der Haufen vor der ihm zweideutigen Erscheinung, und
nur der Kundige freut sich, wenn auch unter kleinem Schauder, eine nicht
alltägliche Wirkung der Natur gesehen zu haben. Unter diesem Bilde stelle ich
euch Ernst von Falkenburg als Jüngling und Mann dar. Als er in blühender Jugend
die Bahn des tätigen Lebens betrat, zog er die Blicke der Menschen auf sich; als
er aber die Mitte derselben kaum erreicht hatte und Bosheit und Wahnsinn seinen
Glanz verdunkelten, ward er eben diesen Menschen ein Gegenstand des Schreckens,
des Abscheus. Was er dem Kundigen werden wird, hängt von dieser Geschichte ab.
Hier, wo nur Wahrheit spricht, wo nur sie Zweck ist, zieht sich der
Schriftsteller zurück.
    Von ihr allein geleitet, soll und muss ich dartun, warum, wie und wodurch
Ernst von Falkenburg aus dem mildesten, freundlichsten und edelsten Jüngling ein
Mann geworden ist, den man in den Gegenden seines Aufentalts nur zu nennen
braucht, um die Herzen erkalten oder ergrimmen zu sehen; den man nie nennt, ohne
dass eben die Lippen, welche einst nie ermüdeten ihn lobzupreisen, den Spruch des
Hasses und der Verwerfung über ihn aussprechen.
    Ich muss der Welt zeigen, warum ihn seine Lästrer verkennen, und es soll aus
seiner Geschichte hervorgehen, dass keiner der ihn so schnöde und schonungslos
Richtenden je nur das erhabene Gefühl geahndet hat, das sein Führer im Leben
war, welches ihn nun auf einen Punkt des moralischen Daseins geführt hat, worauf
ich ihn zwar mit ängstlichem Schauder, aber mit dem Schauder, den Bewunderung
erzeugt, stehen sehe. Seine Lästrer sollen einsehen, dass er sich selbst nie
untreu ward, dass er sich noch jetzt treu ist und dass sie in dem
Verdammungsspruch über ihn nur sich, ihrem Wahne und ihrem gesamten Wesen,
Denken und Tun das Urteil sprechen. Doch diejenigen, mit welchen er nie etwas
gemein hatte als die Erde, die sein Fuss nur betrat, sie, deren Weg von dem
seinen so weit entfernt liegt als die Heerstrasse, die der Karrnführer im nassen
Herbste durchackert, von der Sonnenbahn, auf welcher der Gott des Lichts seinen
fliegenden, feurigen Wagen lenkt, werde ich ihm schwerlich zuführen. Auch
kümmert mich ihr Urteil ebenso wenig als den Mann, von dem ich zu euch rede, und
ich halte mich für belohnt genug, wenn ich für ihn die Teilnahme, das Mitleiden,
die richtige Erkenntnis seines Zustands einiger Edlen unseres Volks gewinne. Mit
ihnen war er immer verwandt und ist es jetzt noch, da er, getragen von dem
Gefühl, wodurch er ihnen gleicht, über der Brandstätte seines herrlichen
jugendlichen Gebäudes emporgehalten schwebt und sein düstrer männlicher Geist
über die Leiche des Jünglings stille klagt, der unter dem dampfenden Moder in
Asche zerfiel. Nie konnte er ganz fallen, weil er fühlte, was er als Jüngling
war, was ihn als Jüngling beglückte, weil er über den Schauplatz von seinem
einsamen Schloss hinsieht, auf welchem seine schönen blühenden Jugendträume,
seine edlen Entwürfe und die versprechenden Keime uneigennütziger Tugenden
entstanden, sich bildeten und entwickelten.
    In diesen muss ich euch führen; denn der Schauplatz der Jugend hat auf
Menschen der Art, wie der Mann ist, dessen Seele ich euch nun zu entüllen
beginne, nicht mindern Einfluss als die Felsenklippen in der Einöde, zwischen
welchen der Adler nistet, und der Myrtenbusch im geselligen Rosengarten, auf
welchem die Nachtigall den jungen Sänger der Liebe erzieht, auf die Brut des
Königs der Luft und die Brut des Sängers der zärtlichen Gefühle.
                                       2.
Nicht weit von den Ufern des *** Flusses lag auf einer Anhöhe das Schloss der
Herren von Falkenburg, seit Jahrhunderten im Besitze dieses edlen Geschlechts.
Ein biedrer, treuer teutscher Sinn hatte mit dem alten, festen Felsenschlosse in
diesem Geschlechte fortgeerbt und wurde vermutlich dadurch so unverfälscht
erhalten, dass sie den grössten Teil ihres Lebens hier zubrachten. Ein dichter
Eichenwald, der unsern Urvätern, den alten Germaniern, Schatten verliehen zu
haben schien, empfing den Knaben in seinem kühlen feierlichen Dunkel. Felsen,
mit der Erde geboren, lockten ihn auf ihre Höhe, dass er von ihren Spitzen die
Anmut, den Reichtum, die Herrlichkeit und Macht, womit die Natur die Gegend so
schön und erhaben geschmückt hatte, in einem Überblicke genösse. Eine Höhle in
dem nahen Gebirge, zu deren düsterem, weitklaffenden Schlunde man durch
Felsenkrümmungen mühsam gelangte, in deren Mitte die Natur ein kühnes
wunderbares Werk gebildet hatte, indem sie einen grossen Raum zu einem
Riesensaale wölbte und die ganze Masse des Gebirges auf ungeheure wild und
regellos geformte und geordnete Säulen stellte, die verschlungen in
labyrintischen Gängen endlich zu einem Abgrunde führten, welcher sich, der Sage
nach, weit unter dem Flusse weg verlor, lud die Seele des Jünglings zum
Nachsinnen über die dunkeln Geheimnisse der Ober- und Unterwelt und ihre
mächtigen, unfasslichen Kräfte ein. Fleiss und Kunst hatten die wilden Striche der
Gegend mit Wiesen, Feldern und anmutigen Gärten durchschnitten. Betriebsame,
gesunde und ruhige Bewohner belebten diesen grossen und lieblichen Schauplatz und
prägten dem heranwachsenden Jünglinge früh ein reines, sanftes, durch die
glückliche Beschränkteit einfaches und leicht zu fassendes Bild des
menschlichen Lebens in das zarte Herz.
    Glückliche Bewohner dieses Bezirks! Ihr kanntet keine Klagen über die
Menschheit und ihr Elend, da ihr ihre Torheiten, ihre Laster, ihren Wahn, die
Quellen dieses Elends, nicht ahndetet. Euer froher Sinn, eure Genügsamkeit, eure
Geduld und eure Hoffnungen, bei dem unabänderlichen Leiden, das uns die
Notwendigkeit aufgebürdet hat, um ihre geheimen Zwecke zu befördern, bewahrten
selbst die Bewohner des Schlosses vor dem Missbehagen, dem Missmut, dem grämlichen
Nachsinnen, nicht selten dem einzigen Gewinn des verfeinerten Teils der Bewohner
der Erde. Ja selbst der Städter, der Welt- und der Hofmann vergassen, wenn eure
reine Luft sie anwehte, der grosse Schauplatz eures Wirkens sie in Erstaunen
setzte und eure gesunden Kinder sie anlächelten, was sie Bittres in der Welt
erfahren, was sie sich durch Wahn und rastloses Jagen nach Glück zugezogen und
was sie der leicht- und tiefsinnige Philosoph über das Menschengeschlecht und
seine Bestimmung gelehrt hatte. So ist das Leben auf dieser unsrer Mutter, der
Erde, nur denen kein Rätsel, die sie im Schweisse ihres Angesichts bebauen.
    Hier nun erblickte Ernst von Falkenburg das Licht der Welt, hier empfing
seine Seele die ersten lebendigen und kräftigen Eindrücke der Natur und nahm für
immer die Farbe der Gegenstände an, die ihn umgaben. Unter solchen Menschen
keimten die ersten, einfachen, reinen, moralischen Gefühle und Gesinnungen in
seinem Herzen auf. Sein Vater, der im *** Dienste beim Anfange des
Siebenjährigen Kriegs so schwer verwundet ward, dass er jahrelang darnieder lag,
erwählte nach seiner Wiedergenesung den ruhigern Reichsdienst, um wenigstens
etwas für eine Verfassung zu tun, die er aus Vaterlandsliebe schätzte und als
unmittelbarer Reichsritter, als Herr solcher Untertanen zu schützen alle Ursach
hatte. Seinem Ernst gesellte er einen Jüngling zu, den ihm sein Jugendfreund und
Dienstgefährte nach der blutigen Schlacht bei Zorndorf als Erbschaft
hinterlassen hatte; und er erfüllte dessen Pflicht mit so vieler Treue und
Zärtlichkeit, dass er das Glück genoss, Vater zweier hoffnungsvoller Söhne zu
sein.
    Diesen beiden Jünglingen gab er Hadem, den Feldprediger seines ehemaligen
Regiments, zum Führer, den er wegen einiger nicht gewöhnlichen Taten nie
vergessen konnte und den er für ebenso bescheiden, klug und rechtschaffen als
unterrichtet hielt. Er machte ihm Bedingungen, wie sie der teutsche Adel selten
macht, und nahm ihn auf, wie der teutsche Adel selten Männer aufnimmt, denen sie
so viel anvertrauen.
    Hadem trat zu seinen Zöglingen mit Offenheit und Vertrauen und ward von
ihnen in eben dem Geiste aufgenommen, mit welchem er sich ihnen nahte. Er fasste
dadurch ein gutes Vorurteil für seinen Beruf und entdeckte bald mehr als er
erwartete.
                                       3.
Hadem ward früh gewahr, dass Ernstens Dasein und Wirken mehr in seinem Innern
ruhte, sich mehr gegen dieses richtete als nach aussen und um sich her. Er
bemerkte schon in den ersten Tagen, dass er ohne Aufwand und Geräusche höher und
tiefer empfand und dachte als Ferdinand von *** mit dem lebendigsten Ausguss und
Gebrause einer feurigen Einbildungskraft; mit einem Worte, er sah, dass sich die
Welt in der Seele Ernstens abspiegelte und Ferdinands Seele in der Welt. Er
hielt diese Entdeckung für so wichtig, dass er seine Erziehung darauf bauen zu
müssen glaubte. Fragen und Proben überzeugten ihn in kurzer Zeit, dass in Ernsten
vermöge seiner moralischen Kraft der Stoff zu einem Manne verborgen läge, der
einstens wohl das Wagestück mit seinen Sinnen, der Welt und dem Schicksale
bestehen könnte; dass Ferdinand, mehr auf den Flügeln einer warmen Phantasie
getragen, zwar kühnere Dinge unternehmen möchte, das Mass seiner moralischen
Kraft aber sehr schwer mit der Leichtigkeit und Kühnheit seines Wollens und
Begehrens in ein richtiges Verhältnis treten würde. Nach diesen Beobachtungen
fürchtete er nur für den letztern. Er strebte nun, die moralische Kraft in
Ernsten zu entwickeln, ihn durch dieselbe über alle Ereignisse des Schicksals zu
erheben und in Ferdinand die Einbildungskraft mehr in Einverständnis mit der
seinigen zu bringen, ihn so fest daran zu knüpfen, dass er bei den feurigen
Aufwallungen der Begierden und den ersten Schlägen des Schicksals nicht erläge,
jenen nicht auf Kosten seines bessern Werts nachgäbe oder vor diesen, um
denselben hohen Preis, sich zu bergen suchte.
    In diesem Sinne unternahm Hadem die Bildung der Jünglinge; und da er mehr
entwickelte als lehrte und nichts lehrte, was nicht mit seinem Hauptzwecke in
Verbindung stand, so bildete sich der Geist aus der moralischen Kraft des
Herzens, und jede neue Kenntnis und Anschauung dienten nur dazu, diese zu
verstärken, zu erheben und zu veredeln. Durch den milden und schimmernden Glanz
guter und grosser Taten des Altertums und der neuern Zeit führte er sie mit der
Erlernung der Sprachen zur Kenntnis der Welt und der Geschichte. Ferdinands
lebhafte Einbildungskraft folgte der Bahn der Helden. Er erkämpfte ihre Siege
mit ihnen, zog mit ihnen die Augen der Menschen auf sich, genoss ihres Ruhms,
sprang an das Ziel, pflückte mit ihnen den Lorbeer, und, trunken von dem
Siegesgeschrei, verblendet von dem Glanze der Taten, übersprang sein feuriger
Geist die Mühe und Aufopferungen, die sie erforderten, übersah er die Mittel und
die Folgen dieser täuschenden Taten für ihre Urheber, ihr Glück und das Glück
ihrer Zeitgenossen. Nur auf dem Siegeswagen erblickte er die Helden der Vorwelt,
und ihr schimmernder Glanz verbarg ihm sowohl ihr wahres Bild, als das Bild der
echten Menschengrösse.
    In tiefer Stille aber betrat Ernstens Geist jenes Land der reinen, erhabenen
Tugend, das die Menschen idealisch nennen, weil sie, versunken im Schlamme des
Eigennutzes und der niedrigen Begierden, das Gefühl bis zur Ahndung verloren
haben, dass der Mensch sich nur als Bewohner dieses Landes von den Tieren
unterscheidet, dass wir dieses unsichtbare Land nicht nur ahnden, dass wir uns bis
in sein innerstes Heiligtum schwingen können. Wer es erreicht hat, ist über das
Schicksal erhaben, ihn tragen für immer die Fittiche der hohen und echten
Begeistrung der Dichtkunst, die nur aus jenem Lande die Farben und die Kraft zu
ihren Darstellungen erhält. Es eröffnet sich den Geistern der Geweihten in dem
Augenblicke, da die moralische Kraft ihres Herzens die Wolken durchdringt und
dort ihr Dasein mit höhern Zwecken verknüpft. Die dieses Land betreten, werden
von der Beherrscherin desselben mit hohen Gesinnungen, mit unüberwindlichen
Waffen zum Kampfe ausgerüstet, und ihre Taten, ihre Gedanken und ihre
Empfindungen tragen das unnachahmliche Merkzeichen ihres wiedererrungenen
Vaterlands an sich. So sind alle grossen und edlen Menschen, die von dem Wege des
Haufens abtraten und Gutes, Wahres, Edles denken, tun und laut sagen, die
Bewohner jenes unsichtbaren Landes, das die Menge nicht ahndet und durch dessen
Einfluss gleichwohl auch sie von diesen unter sich verwandten Geistern zu den
Zwecken geführt werden, welche der erhabenste Geist dem Menschengeschlecht dort
aufgestellt hat. Daher entspringt das Eigentümliche, Kräftige, Feste und Sichre
jener Dichter, tätiger Menschen und Helden, und umsonst bemühen sich alle
andern, die sich über die Erde, ihre Verhältnisse und die Vorteile, die sie
gewährt, nicht erheben, den sichern Schwung, die feste Haltung in Wort und Tat
nachzuschweben oder nachzuahmen; ihre Handlungen, wie ihre Darstellung, sind nur
Abdrücke ihres eignen, um sich besorgten Selbsts. Ihre kalte, berechnende
Vernunft, die über Tat und Darstellung wuchernd und künstelnd dasitzt, entfernt
den Geist jener Geweihten. Ernst drang in die Mitte dieses Heiligtums und ward
da zum Dichter für dieses Leben eingeweiht. Ungern setze ich zur Erläuterung
dieses Worts hinzu, dass er seine Gefühle weder in Versen noch in Prosa der Welt
mitgeteilt hat, dass er Dichter in einem Sinne war, den ich nicht nötig hätte
anzudeuten, wenn Dichter dieser Art so gemein wären, als es diejenigen sind, die
sich darum Dichter nennen, weil sie die Spiele ihres Witzes und ihrer Phantasie
in wohlklingenden Versen zur Schau ausstellen. Die Spuren der Teorie der
Dichtkunst, von welcher ich rede, findet man ebenso selten in geistigen
Darstellungen als in Taten und Handlungen; denn ich rede von der hohen
moralischen Kraft, die allein den Helden und den Dichter macht und ohne welche
es zwar mancher durch Talente und glückliche Umstände scheinen, aber nie es
wirklich in seinem Innern sein kann.
    Gleich der Tochter Jupiters, mit Schild und Speer bewaffnet, sprang die
Göttin, welcher sich Ernst im stillen weihte, plötzlich aus seinem Herzen: mit
dem Speer, um die niedrigen Ungeheuer, die Feinde des Lichts und der Wahrheit,
zu bekriegen, mit dem Schild, um den Liebling gegen die Pfeile des Schicksals,
gegen die Angriffe des Neides und der Bosheit zu decken. So schwebte sie vor
ihm, so wandelte er, ein anderer Telemach, an der Seite der unsichtbaren,
erhabenen Führerin: von ihr war Hadem ihm zugesellt. Selbst in reifern Jahren
verliess ihn dieses über ihm schwebende jugendliche Bild nicht; und oft, wenn ihn
alles verliess, wenn er in Gefahr war, sich selbst zu verlassen, trat es in
seiner ganzen Klarheit aus den verdunkelten Wolken hervor.
    Schon lange war Ernst in dieses idealische Land gedrungen, schon hatte er
sich dort angepflanzt, es gleich den Gärten der Hesperiden ausgeschmückt und mit
den Geistern bevölkert, deren Asche um ihn her zu lebendigen Wesen wurde, ehe
Hadem bemerkte, dass der Jüngling das Irdische übersprungen, das Land seines
Ursprungs erobert hätte und sich dort an der Tafel der Unsterblichen labte.
    Ein besondrer Vorfall musste ihm dieses entdecken. Oft gingen die Jünglinge
durch den Eichenwald, in welchem ihre Phantasie die vergangenen Zeiten träumte,
sie mit den jetzigen verband, wieder trennte und alle tätig im Geiste
durchlebte, nach der Höhle im nahen Gebirge. In dem Riesensaale der Höhle
überfiel sie das erhabene Erstaunen, der gedankenvolle geheime Schauder, der uns
bei den mächtigen Gegenständen der Natur ergreift; und aus diesen Gefühlen
erwachten in der Seele der Jünglinge das Nachsinnen und Ahnden über die Höhe,
Tiefe, den Zweck, die Mittel alles Geschaffenen, der denkenden, der fühllos
scheinenden Wesen, die diese Schöpfung beleben und darstellen.
    Ferdinand nannte den Riesensaal den Tempel des Ruhms, weil ihn keine
menschliche Kraft zerstören könnte, weil er so alt wäre als die Welt und so
lange als sie dauern müsste. Ernst nannte ihn den stillen Tempel der Tugend, weil
ihn Menschenhände nicht gebaut hätten. Ferdinand schuf die Säulen um sich her zu
Denkmälern der von ihm bewunderten Helden und nannte sie nach ihnen. Ernst
behielt sich, fern von den Denkmälern seines Gespielens, nur eine Blende in der
Felsenwand des Bergs nahe bei dem Abgrund vor, deren Mitte zu einer Stunde des
Tags ein Lichtstrahl traf und erleuchtete.
    Eines Tages drangen die Jünglinge weiter in dieses unterirdische Labyrint
als sie bisher noch gekommen waren. Ihre Schritte und abgebrochenen Worte
hallten dumpf an den Felsen. Ohne Verabredung schien jeder von ihnen das schwere
Rätsel der Natur in ihrem düstern, geheimnisvollen Schosse auflösen zu wollen.
Hand in Hand wandten sie sich forschend aus einem Gang in den andern. Auf einmal
standen sie beide vor dem ihnen bekannten Abgrund, der sich der Sage nach in
einem Gange unter dem Fluss weg endet und nach einem Gebäude führt, von dem die
Bewohner der Gegend viele wunderbare Geschichten zu erzählen wussten. Und eben
dieses Wunderbare entflammte Ferdinands Phantasie; seine aufkeimende Ehrbegierde
sah in diesem Dunkel seine erste Heldentat vergraben. Zuckend drückte er
Ernstens Hand, und sein kühner Vorsatz sprang durch die Adern in Ernstens Herz
über. Er erwiderte den Druck und zog ihn sanft zurück. Nun erst erglühte
Ferdinands Einbildungskraft, und er rief in einem starken Tone:
    »Ernst, ich will hinunter, das Geheimnis entüllen und aus dieser Finsternis
an das Licht bringen. Herkules stieg in den Schlund des Orkus, um den Höllenhund
herauszuziehen - ich muss der erste sein, über dessen Haupte der Strom hinrollt!«
Ernst bewies ihm das Verwegene und Unsinnige des Unternehmens, die Unmöglichkeit
der Tat und der Rückkehr, die unvermeidliche Gefahr des Todes und reizte durch
den Widerspruch Ferdinands stolze Kühnheit nur um so mehr. Schon machte er
Anstalten, den Abgrund hinabzugleiten, als Ernst vor ihn trat und entschlossen
zu ihm sagte:
    »Du willst? Wohlan! so warte nur eine Sekunde. Den Weg der Gefahr muss man
nicht so langsam kriechen, wie du tun willst, man muss ihn überspringen. Dieses
will ich nun tun. Tritt zurück.«
    Ernst war im Begriff den Sprung zu wagen, als ihn Ferdinand umfasste, an sein
Herz drückte, seine Wangen und Lippen küsste und, vor Freude bebend, rief:
    »Ernst! ich weiss, warum du es tun wolltest! Mich, der eine Tollheit begehen
wollte, durch eine wahre Heldentat zu retten!« »Eine Heldentat?« erwiderte Ernst
ruhig.
    FERDINAND: Wäre sie es nicht, da der Tod, wie du selbst sagtest, bei der Tat
unvermeidlich ist?
    ERNST: Könnte sie es sonst sein? Aber daran dachte ich gar nicht. Würde ich
dir nicht ohnedies gefolgt sein, wenn du die Tollheit, wie du es nun selbst
nennst, begangen hättest? Sollte ich ohne dich zurückkehren? Freilich hätten
vielleicht mein guter Vater und der gute Hadem nie erfahren, was aus uns
geworden wäre. - Und, Ferdinand, sprang ich allein hinein, so hatte ich auch
mehr Hoffnung als du, an das Licht zurückzukehren. - Dein Führer war ja nur die
Ruhmbegierde, aber ich - ich trat unter den Schild einer Göttin, die mich nicht
verlassen, die mich in diesen Schlund begleitet hätte.
    FERDINAND: Und wer ist diese Göttin?
    ERNST: Die Tugend, die, wie Hadem sagt, ruhig und prunklos einhergeht, die
denen immer zur Seite steht, welche den Pfad nach ihrem erhabenen Tempel
wandeln. Erinnerst du dich, wie uns Hadem vor einiger Zeit die Fabel von Minerva
erklärte? Freilich nannte er es eine Fabel, aber er erklärte sie sehr schön.
Auch ich deutete sie, und zwar nach meinem Sinne; und seit dieser Zeit schwebt
diese Tochter Jupiters immer vor mir - und ich sah sie in dem tiefen Abgrund,
wie ich sie in der lichten Höhe sehe.
    FERDINAND: Was du sagst, begreife ich nicht ganz, aber ich bewundre dich
jetzt mehr als Alexandern, der allein über die Mauern der feindlichen Stadt
sprang. Du wolltest für mich Toren aus Liebe tun, was er um seines Ruhmes willen
tat, und darum nenne ich die ihm geweihte Säule meines Tempels nach deinem
Namen. Er sprang in die Stadt wie ich in den Abgrund, aber du! du!
    Ferdinands ganzes Herz war in seinen Umarmungen; zum erstenmal nannten sich
die Jünglinge Freunde und schworen an dem gefährlichen, dunkeln Abgrund, der
ihnen wie ein Bild des Lebens vorschwebte, den Bund der Liebe, und jeder von
ihnen verpfändete der Seele des andern sein Leben und Dasein.
    Hadem, der die Jünglinge nie aus den Augen verlor und ihnen oft, unbemerkt
von ihnen, folgte, um die Früchte seines Unterrichts in ihren Reden, ihrem Tun
und den freien Ergiessungen ihres Herzens zu beobachten, hatte hinter einem
Felsen die ganze Szene angehört. Als Ernst den gefährlichen Sprung zu wagen
unternahm, wollte er schon hinzuspringen, als er aber gewahr wurde, dass
Ferdinand ihm zuvorgekommen war, zog er sich leise zurück. Auf den Schrecken und
den Schauder, die ihn bei dem Wagestück der Jünglinge überfielen, erfolgte
Staunen und Bewundrung, und bei den letzten Worten Ernstens, die den Grund
seines Entschlusses so klar entüllten, erglühte sein Herz in sanfter Wonne. Er
blickte gegen das Gewölbe der Höhle und lispelte leise:
    »Braucht dieser mich noch, da du ihm zur Seite stehest?«
    Die Jünglinge eilten aus der Höhle. Als Ferdinand an Alexanders Denkmal
vorüberging, rief er: »Du heissest Ernst!«
    Hadem folgte ihnen und erreichte sie in dem Eichenwald, Sie hatten sich
unter dem grössten Baum gelagert; noch glühten ihre Wangen sanft von der
vergangenen Szene, und der Abendwind spielte in ihren Locken.
    Hadem setzte sich nicht weit von ihnen auf eine Anhöhe, noch tief über das
bewegt, was er vernommen hatte. Er sah die Jünglinge nah bei dem Abgrunde
stehen. Plötzlich stellte sich ihm das menschliche Leben, in Rücksicht ihrer,
unter diesem düstern Bilde vor, und unter diesem Gesichtspunkt fühlte er nun den
ganzen Vorgang. Ferdinands Kühnheit, die ihn um des Wahns willen zu der
Erforschung des Abgrunds trieb, erregte Sorge und Angst in seinem Busen. Selbst
Ernstens Entschluss, der ihn in dem ersten Augenblick des Vorgangs dahinriss,
erschien ihm nun unter düstrer erhabener Gestalt, und er konnte seine Gedanken
lange von der Zukunft nicht ablenken, die sich ihm hier in weissagendem Gesichte
entüllt zu haben schien. Die Geschichte und seine Erfahrung hatten ihn gelehrt,
was den Mann in der Welt erwartet, was das Schicksal von dem fordert, der sich
der Göttin weiht, unter deren Schutze sich sein Zögling für so sicher hielt. Er
kannte die Gefahr der Proben, die ihre Verehrer zu bestehen haben, er wusste, dass
man selten mit dem Geist und Herzen aus ihnen hervortritt, mit denen man sie
beginnt. Der rastlose Kampf mit den Menschen, ihren Verfassungen, ihren
wirbelnden Leidenschaften, ihrem Wahne und Eigennutze malte sich in wilder
Gärung vor seinen Augen. Auf dem Schlachtfelde stand endlich der ermüdete
Kämpfer zwischen nagenden Zweifeln, grämlichem Missmut, der kalten Selbstigkeit,
dem bittern Menschenhass, und statt des Triumphgesangs hört er zischendes
Hohngelächter und die frostigen, erstarrenden, giftigen Sarkasmen der
Vernünftler. Sein Herz rief ihm zu, so könne sein Ernst nicht enden, aber ob er
ihn gleich am Ziele der Laufbahn in sich selbst unbesiegt sah, so fasste er doch
den festen Entschluss, seines Zöglings Begriffe über die Tugend in Rücksicht auf
die Menschen und ihre Verhältnisse so zu berichtigen, dass sie nicht in
schimärische Überspannung ausarteten: eine Stimmung der Seele, in welcher sich
nur die Edelsten der Erde befinden können und die gewiss die glücklichste,
beneidungswürdigste wäre und bliebe, wenn nur diejenigen, zu deren Bestem diese
Stimmung immer wirkt, sie nicht auf Tod und Leben davon zu heilen suchten.
Ernsten dachte er nun dahin zu leiten, dass ihm zwar die Höhe und Reinheit seines
Geistes und Herzens verblieben, seine Begriffe aber sich so berichtigten, dass
ihn die Widersprüche und Missverhältnisse von aussen mit seinem Gefühl weder irre
machen, noch zerrütten möchten. Vorzüglich sollte er das, was ihn belebte, in
den Menschen nicht mit der Kraft suchen, noch von ihnen erwarten, wie er es zu
empfinden schien; und zu dieser gefährlichen Erkenntnis wollte er ihn durch
Nachsicht und schonende milde Menschlichkeit führen. Ferdinands eitle Ruhmsucht
hoffte er durch Ernstens milden Geist und seine eignen, absichtslos scheinenden
Lehren zu läutern.
    Nach diesen Betrachtungen nahte er sich den Jünglingen.
    Das Abendrot glühte an dem Horizont, und der Eichenwald glänzte in seinem
goldnen Feuer. Ferdinand stand heftig redend vor Ernsten, und dieser blickte ihn
soeben mit sanfter Begeistrung an und sagte: »Ferdinand, ich habe es gefunden.«
    Hadem trat hinzu: »Was hat Ernst gefunden?«
    FERDINAND: Den Stoff zu einem Heldengedicht über unsre Altväter, die
Cherusker, Chatten und Sveven.
    HADEM: Und wie kommt ihr darauf?
    ERNST: Der Strom, die Abendröte, die Vergangenheit, Homer, der Eichenwald -
die Schatten unsrer Vorfahren traten herein, wir träumten sie lebend, mit den
Römern im Kampfe um ihre Tugenden.
    HADEM: Wie das? Ernst, wie das?
    ERNST: Dies ist eben der Sinn des Heldengedichts, das wir dachten oder
träumten, als Sie kamen. Der Teutsche kriegt mit den ihn angreifenden Römern um
seine Tugenden, seine Sitten, seine Freiheit. Hermann ist der Held. Der Kampf
wird nun geführt zwischen den unverdorbenen Söhnen der Natur und den durch
Glück, Kunst und Üppigkeit ausgearteten Römern. Spott, List, Betrug, Biederkeit,
Aufrichtigkeit und Treue stehen gegeneinander auf. Es ist der Krieg der edlen,
einfachen Natur mit der Ausartung der Kultur. Die römisch-griechischen Götter
schweben über dem Schauplatz im Kampfe für ihr Volk mit den Göttern unsrer
Väter, die Sie uns bekanntgemacht haben. -
    HADEM: Gut, recht gut, aber ich fürchte für die Götter des Nordens.
    ERNST: Fürchten Sie nichts, Hadem; jedem der griechisch-römischen Götter
haben wir einen kühnern und mächtigern entgegenzustellen.
    HADEM: Und doch fehlt eine Göttin, die leicht den Ausschlag zum Vorteil der
Götter des griechisch-römischen Himmels geben könnte.
    ERNST: Und diese?
    HADEM: Wer anders als Minerva, die erhabene Tochter Jupiters, die Göttin der
Weisheit und Klugheit.
    ERNST: Oh, auch sie war unter den Göttern des Nordens, unsre Väter kannten
sie recht gut und unter einem viel reinern und kräftigern Bilde.
    HADEM: Sagen Sie doch! Unter welchem?
    ERNST: Unter dem Bilde der männlichen Tugend, um deren Besitz sie eben mit
den Römern stritten, von denen sie sich die griechisch-römische Göttin nicht
aufdringen lassen wollten, weil die Klugheit derselben ihrem geraden,
aufrichtigen Sinne zuwider war, weil Klugheit so gern in List ausartet, sich so
leicht in List gefällt. Unsre Väter dachten sich ihre Götter wie sie selbst
waren: ohne alle List, Betrug und Feinheit. Und siegten sie nicht unter dem
Schilde ihrer Göttin über die Zöglinge der Kunst? Ja, eben diese Göttin müsste
die Muse des Heldengedichts sein, den Dichter begeistern und die Helden so
beleben, dass sie sich selbst in ihnen kräftig darstellte.
    Hadem sagte lächelnd: »Ernst, Sie sprechen ja selbst wie ein Dichter.«
    Ernst erwiderte: »Macht dieses, was ich empfinde, den Menschen zum Dichter,
Hadem, so soll mein ganzes Leben unter ihrer Leitung ein Heldengedicht werden;
denn auch ich will unter dem Schilde dieser erhabenen Göttin stehen. Die Tugend
der Helden blüht nicht allein auf dem Schlachtfelde, dieses haben unsre
Vorfahren gezeigt.«
    HADEM: Wozu auch immer Heldentugend? Warum ein so grosses, ein so schallendes
Wort?
    ERNST: Nicht wahr? Denn ist nicht Ausübung der Pflicht, wenn ein Sieg über
uns, unsre Leidenschaften, unsern Eigennutz vorausgeht, eine Heldentat? Lehrten
Sie uns dieses nicht?
    HADEM: Freilich, wenn wir sie ohne Rücksicht auf uns selbst, mit Gefahr für
uns, zum Besten andrer ausüben. Ich wünschte nur dem schönen, guten Gefühl ein
bescheidneres Beiwort. Ich kenne zum Beispiel einen Mann, der sich keiner
Heldentugend und Heldentat bewusst ist, sich wenigstens keinen Helden nennt und
gleichwohl, nach meiner Meinung, ein reinerer Held ist als euer Mazedonier.
    FERDINAND: Als Alexander? Oh, lassen Sie uns geschwind seine Taten hören!
    HADEM: Taten? Ich sagte ja, er weiss nichts von Taten. - Ich rede nur von dem
Kammerrat Kalkheim. Lachen Sie immer, Ferdinand; Sie werden dessenungeachtet
sehen, dass dieses Mannes Geschichte, in dem Herzen einer grossen Anzahl von
Mensehen im stillen gefühlt, einen Wert hat, um den ihn wohl mancher grosse Held
beim letzten Überblick seiner Taten beneiden möchte.
    Dieser Kalkheim hatte früh einen grossen Teil seines Vermögens zu einer Reise
angewendet, um die Entdeckungen zur Verbesserung der Landwirtschaft praktisch
ausüben zu sehen. Mit diesem Zwecke, den er sich zur künftigen Bestimmung
machte, allein beschäftigt, versagte er sich allen andern Genuss, den sonst junge
Leute auf Reisen suchen. Als ihm bei seiner Rückkehr ins Vaterland der Fürst
diese Stelle anvertraute, machte er viele Versuche der gesehenen Neuerungen auf
seinem eignen Lande nach; er hoffte, die Aufmerksamkeit andrer dadurch zu
reizen. Aber die Vorliebe oder das Vorurteil für das Alte schien unüberwindlich,
und ob er es gleich über sich nahm, den aus seinen Versuchen entstehenden
Schaden zu ersetzen, so konnte er doch nur mit grosser Mühe einige Landleute
dahin bringen, sie nachzuahmen. So erreichte er seinen Zweck nur nach und nach,
nur unter Streit, Kampf und Mühe. Durch den nähern Umgang mit den Landleuten
lernte er so viel Elend und Armut kennen und sah die Quellen davon so genau ein,
dass er sich bald mit der fürstlichen Kammer in eine Fehde einliess; aber da er
hier nichts ausrichten konnte und doch helfen wollte, so war er in kurzem dahin
gebracht, von seinem beträchtlichen Vermögen nichts mehr übrig zu behalten als
ein kleines Haus und ein kleines Gärtchen, in welchem er Gesäme zieht. Seinen
Sold teilt er mit den Dürftigen. Der Verlust seines Vermögens zog den Verlust
der Freundschaft eines Mannes nach sich, der ihm ohne alle Schonung seine
versprochene Tochter, in welcher der Kammerrat den Lohn für alles hoffte,
versagte. Dieses verwundete sein Herz, und doch ist er glücklich; denn er sieht
seine Taten auf den Feldern der einst Armen blühen, und die ganze Gegend unter
seiner Aufsicht gleicht einem von ihm gebauten Paradiese, in welchem ihn der
reinste Segen und Dank von den Lippen und Augen der Bewohner empfängt, wenn er
es betritt.
    ERNST: Hadem, lassen Sie uns diesen Mann, diesen Glücklichen in seinem
Paradiese besuchen.
    FERDINAND: Wäre der Mazedonier ein Kammerrat gewesen, er hätte dies auch
getan; denn Gold achtete er nicht.
    ERNST: Ich fürchte, Ferdinand, um die Herrschaft über dieses Paradies hätte
er es im Kampf zerstört.
    FERDINAND: Um es schöner wieder aufzubauen.
    ERNST: Führen Sie uns zu ihm, Hadem?
    HADEM: Gern und bald. Ihr Herr Vater will ohnedies, dass wir uns in der
Residenz bei Ihrem Oheim aufhalten sollen, während er nach den Bädern reist.
                                       4.
In der Residenz *** wohnte nun Hadem mit seinen Zöglingen in dem Hause des
Präsidenten von ***, Ernstens mütterlichem Oheim. Hier fanden sie alle die feine
Höflichkeit und allen den kalten Anstand, wodurch sich die Vornehmen von dem
Volke unterscheiden und womit sie ihre Genüsse zu veredeln glauben. Hadem hatte
die Jünglinge hierzu weder vorbereitet, noch ihnen Regeln des Betragens
vorgeschrieben; er wollte auch hier ruhiger Beobachter sein und bleiben. Ernst
schien ihm in den ersten Tagen einer Pflanze zu gleichen, die, durch Versetzung,
in dem einheimischen Boden ihre Lebenskraft gelassen hat; aber Hadems Gegenwart
wurde auch ihm bald, was dieser der erste Morgentau und die wiederkehrende Sonne
sind. Er drang sich hier noch fester, noch inniger an ihn, und in ihren Blicken
drückte sich ohne weitere Erklärung ein Verständnis über alles Neue und Besondre
aus. Bald ging auch Ernst so sicher und fest einher wie in seinem Eichenwalde.
Ferdinand ward in kurzem der Liebling des ganzen Hauses. Die neuen Gegenstände
belebten seine Einbildungskraft, reizten seine Ehrbegierde, seinen Stolz, seine
Eitelkeit: und durch die Aufregung dieser Empfindungen wurden ihm die
Verhältnisse der Menschen untereinander so deutlich, dass er, gleichsam aus
natürlichem Triebe, ohne weiteres Nachsinnen und weiteren Vorsatz, jedem gab,
was er zu wünschen schien; denn es war das, was er selbst von ihm erwartete. Dem
Oheim, der die Jünglinge von seinem Schwager auf einige Zeit gefordert hatte, um
zu sehen, was sie versprächen, gefiel zwar Ernstens festes Betragen, weil er es
dem Bewusstsein zuschrieb, das der junge Mensch von seinem Range und seiner
künftigen Rolle in der Welt empfände; aber ihm gefiel auch das Lob, das jeder
dem muntern, artigen und gewandten Ferdinand erteilte.
    Er sprach hierüber mit Hadem, doch bevor ihm dieser seine Gedanken sagen
konnte, fiel er ihm ins Wort:
    »Verstehen Sie nur! Ich will darum gar nicht, dass Ernst eigentlich so wie
dieser arme Ferdinand werden soll. Ernst soll fühlen, was er ist, was aus ihm
wird, was ihn erwartet. Ferdinand ist ein armer Waise, der sein Glück machen
muss; und ein solcher Mensch kann nie artig genug sein. Was ich eigentlich
wollte, wäre, dass Ernst zuzeiten zeigte, auch er könnte es sein, wenn es ihm so
gefiele. Dadurch, lieber Herr Hadem, unterscheidet sich der Mann von Stande,
dessen Glück und Ansehen gewiss ist, von dem, der beides noch suchen muss: der
eine tut alles, weil es ihm so gefällt, und der andere, weil er muss. Hätte
Ferdinand zu hoffen, was mein Neffe zu hoffen hat, so sagte ich, er tut zu viel;
und nun sage ich, er kann nicht genug tun.
    Und sehen Sie doch nur! Die Natur hat das, was ich sage, selbst in den
beiden jungen Leuten angedeutet. Bemerken Sie nur den schönen, schlanken, kühnen
Wuchs Ferdinands! seine feurigen schwarzen Augen! seine anlockende
Gesichtsfarbe! sein Feuer, seine Lebhaftigkeit, sein einschmeichelndes, immer
zuvorkommendes, lächelndes Wesen! Da steht der Abenteurer, der Wagehals, ganz
ausgerüstet zum Kampfe mit der Glücksgöttin. Es wird ihm nicht fehlen, glauben
Sie mir. Und nun mein Neffe - man kann eigentlich nicht sagen, dass er schön sei;
aber er ist mehr als schön, er hat etwas Feierliches, etwas Eignes, ihn von
allen Unterscheidendes an sich, etwas, das mehr auf die Seele als auf die Augen
wirkt - und da liegt ja der Unterschied, den ich bemerkte. Ferdinand wird den
Weibern gefallen, und das kann ihm nützlich sein; Ernst verständigen Männern -
und den Weibern, wenn er will!«
    Hadem schwieg nach diesen ihm unerwarteten Äusserungen, und der Präsident
legte ihm sein Schweigen als Bescheidenheit aus, in seinen Augen das
Hauptverdienst an Leuten ohne Stand.
    Hadem liess Ernsten gehen und nutzte jede sich darbietende Gelegenheit,
Ferdinands gereizte Eitelkeit zu mässigen.
    In dem Hause des Präsidenten versammelten sich der Hof und die Angesehensten
der Stadt. Seine zwei Töchter und sein Sohn empfingen von ihrer Seite die
Fräulein und jungen Herren mit ihren Gouvernanten und Gouverneuren und übten
sich in ihren Zimmern in den Rollen, die in dem grossen Gesellschaftssaale
gespielt wurden. Natürlich musste Hadem mit seinen Zöglingen dieser Versammlung
beiwohnen. Ernst hörte und sah zwar, aber er schien nur zu träumen bei dem, was
er hörte und sah; Ferdinand hingegen war hier ganz in seinem Elemente.
    Zum erstenmal hörten sie jetzt von Romanen und wunderbaren Begebenheiten
reden; und als die junge Gesellschaft ihre Unwissenheit in einer so wichtigen
Sache entdeckte, erstaunte man, bedauerte und liess es sich sehr angelegen sein,
sie mit dieser nötigen Kenntnis zu bereichern. Hadem sah die Unmöglichkeit ein,
seine Zöglinge vor einem Übel zu bewahren, das alle Stände unsers Zeitalters
ergriffen hat. Man gab den Jünglingen die Romane des Tages. Ferdinand verschlang
sie; Ernst, dem ein Wunderbares andrer und höherer Art vorschwebte, konnte das
Wesen, Leben, Handeln und Denken der Menschen in denselben gar nicht begreifen
und würde von aller weiteren Neugierde auf immer geheilt worden sein, wenn ihm
die Tochter des Präsidenten nicht einen gegeben hätte, der sein Herz zerriss,
ausdehnte und seine Seele folterte, spannte, erhob, niederdrückte und zermalmte.
Wer kennt nicht die feurigste, vollendetste Darstellung des heutigen Genius?
    Auch Ferdinand las diesen Roman, und seine Einbildungskraft entbrannte so
gewaltig, dass er von diesem Augenblick nichts Grösseres, Erhabneres und
Nachahmungswürdigeres kannte als die Lage dieses jungen Helden, sein
patetisches Ende, das er als ein Opfer hoher Tugend für ein Geschlecht ansah,
für welches man nach seiner jetzigen Stimmung nichts weniger tun könnte. Alles,
was sonst so tief, stark und schön Gedachtes und Gefühltes über Menschen,
Schicksal und Natur darin lag und was einen so mächtigen Eindruck auf Ernsten
machte, entwischte ihm.
    Natürlich ward nun dieses der Hauptgegenstand der ersten Unterhaltung in dem
jugendlichen Kreise. Ferdinand malte seine Gefühle mit den stärksten und
lebhaftesten Farben und fand in den jungen Fräulein um sich her, die sich als
den Gegenstand seiner Begeistrung und seines Heldenmuts ansahen, sehr
aufmerksame und gespannte Zuhörerinnen. Begeistert rief er, indem er seine
feurigen schwarzen Augen gegen Amalien, die dreizehnjährige Tochter des
Ministers ***, eins der reizendsten Geschöpfe, wendete: »Oh, es muss ein süsser,
erhabener Tod sein, für seine Geliebte zu sterben! Ich wünsche mir ihn!«
    Keine der Zuhörerinnen widersprach, und nur einige Junker, die schon weiter
in der Erfahrung gekommen waren, lächelten. Amalie errötete sanft, und die
Tochter des Präsidenten fragte Ernsten, in dessen Augen sie ein ihr fremdes
Gefühl zu bemerken glaubte, was er davon dächte. Er antwortete gelassen, indem
sein Blick auf eben diese reizende Amalie fiel: »Ich schlage des Mannes
Bestimmung höher an.«
    Alles schwieg, und Amaliens Wangen färbten sich höher. Ein Blick schoss unter
ihren langen Augenwimpern auf Ernsten hervor, dann sah sie gegen den Boden.
    Hadem trat nun näher und sprach:
    »Ich höre Ihnen wirklich mit Verwunderung zu und kann gar nicht begreifen,
wie junge Leute, die weder den Wert des Lebens noch die Bestimmung des Menschen
kennen, sich anmassen, über Dinge zu reden, die ihnen ebenso fremd als dunkel
sein sollten. Da es aber nun einmal so ist, so will ich Ihnen doch sagen, was
mein Zögling unter den Worten gedacht hat, die Ihnen so sonderbar vorzukommen
scheinen. Er meint, der Mann habe höhere und bedeutendere Pflichten, als für ein
Mädchen zu seufzen oder zu sterben; und ich hoffe, er soll auch dann noch so
denken, wenn er erfährt, was dies ist, von dem Sie so früh vor der Zeit reden.
Jetzt weiss er es gewiss nicht; aber sollte er es einmal empfinden, so bin ich
gewiss, er würde für die Person, für die er es empfände, noch weit grössere Übel
ertragen, als das ist, welches man sich unter dem Tode denkt; und doch würde er
leben und eben durch sein Leben beweisen, wie würdig er ihrer sei. Die Liebe, um
das Wort nur zu nennen, das Sie so leicht aussprechen, soll den Mann erhöhen,
nicht niederwerfen; und derjenige, welcher darum stirbt, weil ihm das Schicksal
den Gegenstand seiner Leidenschaft vorentält, ist ein Kranker, der vermutlich
an der Versagung jedes andern heissen Wunsches gestorben wäre: denn er wollte
über seine Kräfte. Des jungen Menschen Schicksal, das dieses Buch so meisterhaft
darstellt, lag ebenso sehr in seiner ihm eignen Denkungsart, der düstern,
forschenden Stimmung seiner Seele, seinen Begriffen über die Natur und die
Verhältnisse der Menschen gegeneinander als in seiner leidenschaftlichen Lage;
ja sie gaben eigentlich seiner leidenschaftlichen Lage die auszeichnende Farbe
und mussten endlich die Katastrophe hervorbringen, die schon so früh in ihm
vorbereitet war, gegen die er auch so wenig kämpfet, dass er ihr vielmehr
langsamen Schritts und mit einer Art innern Genusses entgegengeht. Er gleicht
einem seltnen, lieblichen, interessanten Kinde, das einen düster erhabenen
dichterischen Traum schwärmt, bevor seine Vernunft ganz erwacht ist. Ich
bewundre das Buch als dichterische Darstellung der Wirkung dieser gefährlichen
Leidenschaft gewiss mehr als Sie; aber ich bewundre nicht den Helden, den es uns
darstellt. Ich könnte ihn zuzeiten sogar hassen, weil er den Mut unsrer
Jünglinge erschlafft und die Köpfe unsrer Mädchen so verwirrt, dass sie beide das
zu einem übertriebenen, romantischen Spiele machen, was doch die Natur und die
Gesellschaft zum wichtigsten und ernstaftesten Geschäfte des Lebens gemacht
haben. Die Männer sind in der Welt, um Beweise ihres Verstandes und Mutes zu
geben; und die Weiber, wenn ihr Verstand und ihr Herz nicht durch Romane
verdorben sind, achten nur die Männer, welche dieses tun. So war es bei den
Völkern, die wir noch jetzt bewundern, die wir nur so lange zu bewundern Ursache
finden, als dieses dauerte. Welche seelenkranke, erbärmliche und niedergedrückte
Männer müssen die nicht sein, die in solchen Spielen der Phantasie Ersatz für
Tätigkeit und Mut finden können, die ihre Weiber und Töchter schon bis dahin
gebracht zu haben scheinen, dass sie ihnen solche Erschlaffung, Weichlichkeit und
Feigheit für die einzigen Heldentugenden anrechnen, deren sie noch fähig sind!
Glauben Sie darum ja nicht, dass ich dieses dem Dichter zuschreibe. Er denkt
weder der Toren noch der Schwachen, noch weniger will er ihnen Bilder zur
Nachahmung in seinem Helden aufstellen. Ihn ergreift die Liebe zu einem
Gegenstand, die Begeistrung übt ihre Gewalt an ihm aus. Sein entflammter Genius
tut dasselbe an euch, indem er euch durch Angst, Staunen, Furcht, Grausen und
alle menschliche Gefühle in seinen magischen Kreis bannet, in welchem eine
Gotteit ihn gefesselt hält und aus dem er selbst nicht eher treten kann, als
bis ihn seine mächtige Beherrscherin entlässt.
    Ich sehe wohl, dass ich Ihnen lästig falle; mein Rock mag es entschuldigen.
Eigentlich spreche ich hier nur um eines einzigen willen, und dieser versteht
mich. Um Ihnen übrigens den Unterschied zwischen meinen beiden Zöglingen zu
zeigen, will ich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen, dann mögen Sie selbst
urteilen, wer von ihnen im Fall der Not für Freundin und Freund mehr zu tun
fähig wäre.«
    Er erzählte hierauf den Vorfall in der Höhle, beschrieb den furchtbaren
Abgrund, seine Angst, den Ausgang des Vorfalls und endigte mit den Worten:
    »Wer war nun hier der mutigste? Er, der in die Höhle gleiten wollte, um der
erste zu sein, der uns sagen könnte, ob die einfältigen Märchen des Volks
gegründet wären; oder der, welcher, um den törichten Freund zu retten,
hineinzuspringen drohte, hineingesprungen wäre?«
    Keiner der Gesellschaft schien das Edle des Zuges zu fühlen, den ihnen Hadem
von Ernsten mitteilte, und aller Augen, ausser Amaliens Augen, wendeten sich
jetzt nach Ferdinand. Sein Vorsatz schien ihnen grösser, kühner, obgleich seine
eigne jetzige Beschämung so laut gegen ihn sprach. Hadem bemerkte hier die
gewöhnliche Wirkung des Romanenlesens auf die alltäglichen Menschen, das alle
einfache, natürliche Gefühle in ihnen verzerrt und verdunkelt und an deren
Stelle einen erkünstelten Kitzel der Phantasie und der Eitelkeit setzt.
    Ernst schien in diesem Augenblick ein Verbrechen begangen zu haben. Er
atmete kaum, und nur die sichtbare Verwirrung seines Freundes erweckte ihn aus
seiner Betäubung. Er eilte auf ihn zu; die glühenden Wangen der Jünglinge
berührten sich, und einige Tränen, von verschiednem Gefühl erzeugt, drängten
sich zwischen ihre Küsse.
    Amalie allein sah gerührt dieser Umarmung zu. Sie sah immer auf Ernsten,
aber nun verweilte ihr begeisterter Blick länger auf Ferdinand. Dieser bemerkte
es und drängte sich zu ihr, von ihrem Blicke angezogen. Noch ganz von dem
vorigen Gefühle belebt, das jetzt unter dem Rosenschimmer der Scham, von
Beleidigung der jugendlichen Eitelkeit hervorgebracht, sanfter auf seinen Wangen
und in seinen Augen glühte, stand er schweigend vor ihr. Sie sah ihn lächelad an
und sagte:
    »Sein Sie froh, dass die Fräulein in der Residenz zu mitleidig oder zu klug
sind, Sie bei dem Worte zu nehmen, das Sie so rasch ausgesprochen haben. Wir
würden sonst bald über Ihre Leiche weinen müssen, und das wäre doch zu früh.«
Ferdinand erwiderte, und ein Flammenblick begleitete seine Worte:
    »Für eine einzige Träne aus solchen Augen wollte ich es schon wagen.«
    Und noch kühner setzte er hinzu:
    »Spotten Sie nur; aber hüten Sie sich, diesem Fenster hinauszuwinken; denn
ginge auch der Sprung durch die Erde, ich folgte dem Winke doch.«
    Nun zog sich Amalie sanft von ihm weg, fasste eine Gespielin unter dem Arme
und ging an das Klavier im Nebenzimmer.
                                       5.
Beim Niederlegen sagte Hadem zu seinen Zöglingen:
    »Morgen besuchen wir den Kammerrat Kalkheim; aber ihr müsst früh aufstehen,
damit wir durch seine blühenden Felder wandeln, bevor die Sonne den Morgentau
ganz aufgetrocknet hat. Die Lerche erhebt sich dann mit schmetterndem Gesange.«
    Sie brachen früh auf, und nach einigen Stunden sagte Hadem zu den
Jünglingen:
    »Hier fangen die Felder an, die unter des Kammerrats Aufsicht und Leitung
bebauet werden. Vergleicht sie mit denen, an welchen wir vorübergegangen sind.
Bemerkt doch, wie viel höher und voller die Ähren stehen, wie auf diesem überall
blühenden und grünenden Schauplatze kein Fleckchen unbenutzt geblieben ist. Das
ganze Land gleicht einem einzigen grossen Garten: so unschädlich und geschickt
für Äcker und Wiesen sind die Fruchtbäume angelegt. Ehemals entbehrten die
Einwohner der Gegend diesen frischen und erquickenden Genuss, und nun danken alle
diese Bäume dem Kammerrat ihr Dasein und füllen reichlich die Behälter der
Hausmütter. Die Kinder empfangen die süssen, gesunden Früchte aus den Händen der
Mutter und geniessen sie unter dem Andenken ihres Wohltäters. Von jenem Hügel
werden wir das Dorf schon sehen, in welchem der Glückliche wohnt, dessen
wohltätiger Geist diesen einst rauhen und unfruchtbaren Strich Erde so schön und
blühend geschmückt hat. Es soll heute das Ziel unsrer Wanderung sein; den
Rückweg nehmen wir durch eine andre Gegend, denn seine Verwaltung erstreckt sich
über mehrere Dörfer und Felder.«
    Ferdinand hatte viel zu fragen. Hadem mischte in seine Antworten seine
Gesinnungen über das Glück der Beschränkteit und Einfalt, um dem Geiste des
reizbaren Jünglings die Richtung zu geben, die er ihm wünschte.
    Als sie an das reine, wohlgebauete Dorf kamen, führte Hadem sie gerade nach
dem Hause des Kammerrats. Sie traten hinein, und Hadem bemerkte schon in dem
Vorhause eine ihn befremdende Veränderung. Er öffnete die Tür des Zimmers, worin
sonst Kalkheim wohnte, und fand hier alles verändert. Die Wände, die er bei
seinen ehemaligen Besuchen mit den verschiednen Werkzeugen des Ackerbaues bemalt
sah, waren blendend weiss übertüncht. Die Schränkchen an diesen Wänden, in
welchen der Kammerrat in Flaschen oder unter Glase alle nötigen Gesäme in
systematischer Ordnung aufbehielt, waren abgebrochen; das Bücherbrett im Winkel,
alle Gerätschaften waren verschwunden, und das ganze Zimmer strotzte von langen
Tischen und leeren Bänken. Hadem glaubte sich in dem Hause geirrt zu haben und
wollte schon umkehren, als ihm aus dem Winkel eine traurige Stimme zurief:
    »Nur immer zu, meine Herren!«
    Hadem fragte nun nach dem Kammerrat, und der Mann sagte noch klagender:
    »Ach, dass Gott erbarme! Er wohnt schon lange nicht mehr hier; aber ich
armer, zugrunde gerichteter Mann - ein Gastwirt ohne Gäste - wohne hier in einem
Wirtshause, das Ihr zum erstenmal als Gast betretet!«
    HADEM: Ein Wirtshaus?
    WIRT: Ja, ja! ein Wirtshaus, so schön als nur eins im Lande sein kann und so
unbesucht als eins in dem grossen Teutschland. Haben Sie denn das Schild nicht
gesehen, das so prächtig vergoldet über die Strasse hinüberhängt? Pracht von
aussen, Herr, und Elend im Innern. Gras wächst vor meiner Türe, dass der Hirt die
Kühe nicht vorüberbringen kann, wenn er hinaustreibt. Haben Sie das nicht
bemerkt?
    Hadem trat an das Fenster und las die Aufschrift »Zum Verschwender« mit
grossen goldnen Buchstaben. Das Schild selbst war mit einem anspielenden Gemälde
geziert, das den Geist verriet, der es angegeben hatte. Und nun erfuhr Hadem:
der Kammerrat sei von der Kammer abgesetzt worden, man habe das Haus um einiger
Schulden willen verkauft und zu einem Wirtshause gemacht. »Aber«, setzte der
Wirt hinzu, »es ist ein Kauf, der mich zum Bettler macht. Kein Bauer des Dorfs
und der Gegend hat noch den Fuss über meine Schwelle gesetzt. Mit Vergnügen sieht
jeder das Gras vor meiner Türe wachsen und sagt laut: ich müsste in diesem Hause
entweder verhungern oder toll werden. Der Kammerrat, der mich bedauert, ist noch
der einzige, der mich zuzeiten besucht; aber selbst sein Beispiel vermag nichts
über die Halsstarrigen, die nie an meinem Hause vorübergehen, ohne einen Fluch
in ihren Bart zu murmeln. Und mich recht elend zu machen, spricht keiner ein
Wort mit mir, keiner dankt meinem Grusse, in der Kirche muss ich allein sitzen,
und selbst die kleinen Kinder laufen schreiend weg, wenn ich sie anreden will.
Ich war bei dem Pfarrer, auch der schweigt und seufzt und scheint unzufrieden
mit der Kammer.«
    FERDINAND: Und warum setzte denn die Kammer ihn ab? Was hatte er Böses
getan?
    WIRT: Böses? Junger Herr, darüber wäre vieles zu reden! Die Kammer muss es ja
wohl wissen. - Ich klage und jammre nun auch umsonst bei ihr. -
    »Und wo ist denn der Kammerrat?« fragte Hadem besorgt.
    WIRT: Dem geht es recht gut! Jetzt wohnt er bei dem Schulzen. Er ändert
seine Wohnung von Woche zu Woche, und ist er bei den Wohlhabenden eines Dorfes
herum, so zieht er auf das nächste, und so immer fort. Da ist es denn ein
Lärmen, Singen und Schreien, wenn der Sonnabend kommt! Da führen ihn Mütter,
Kinder und die Alten mit Hund und allem was lebt so freudig und mit solcher
Ehrfurcht in die neue Wohnung ein, als wäre ein Engel vom Himmel gestiegen, um
das Haus reich, glücklich und alles darin gesund zu machen. Hadem eilte nun mit
seinen Zöglingen nach dem Hause des Schulzen. Die Hausfrau war in der Küche
beschäftigt, und als man sie nach dem Kammerrat fragte, öffnete sie freundlich
die Türe. Den Kammerrat fanden sie an dem Bette eines kranken Knaben sitzen, mit
der rechten Hand einen Fliegenwedel und mit der linken ein grosses Pflanzenbuch
auf dem Arme haltend. Als er die Eintretenden gewahr wurde und Hadem erkannte,
bewillkommte er ihn, ohne aufzustehen und ohne sich anders zu entschuldigen, als
dass er mit einem Blick auf den kranken Knaben hinzeigte.
    Hadem stellte ihm seine Zöglinge vor, drückte ihm die Hand, zog einen
Schemel näher und setzte sich bei dem Bette nieder. Der Kammerrat stellte nun
sein Kräuterbuch zwischen seine Füsse und bewegte leise den Wedel über dem
Angesicht des Kindes.
    Hadem erkundigte sich, was dem Kinde fehle, das er so freundlich besorge,
und der Kammerrat antwortete: »Ein böser Bube hat ihm einen Stoss gegeben, der
üble Folgen haben könnte, wenn das Kind nicht so artig und geduldig litte, was
wir zu seiner Heilung tun. Ich suche nun noch kräftigere Kräuter zu Bähungen aus
- denn, unter uns gesagt, ich lege mich seit einiger Zeit auf die Kräuter- und
Heilkunde, um doch dem guten Volke durch etwas nützlich sein zu können. Sie
müssen mich aber ja nicht verraten, Herr Hadem, und auch Ihre junge Herren
nicht. Erführen es die Apoteker und der Landphysikus, so würden sie gewiss
schreien, ich schade ihnen.«
    HADEM: Sollten sie?
    KAMMERRAT: Ich habe es ja erfahren, dass man nicht behutsam genug gegen Leute
sein kann, die der Eigennutz zu einem Körper verbindet. Ich war es nicht genug,
Herr Hadem; wenigstens sagen sie so. Aber was soll ich tun? Wie Sie sehen, werde
ich den Fehler wohl behalten.
    Hadem drückte ihm noch wärmer die Hand, und Ernst trat näher.
    HADEM: Wir sind in Ihrem Hause gewesen, lieber Kammerrat.
    KAMMERRAT lächelnd: Und haben mich dort nicht gefunden, weil es mein Haus
nicht mehr ist. Aber doch haben Sie mein Porträt auf dem grossen Schilde gesehen.
Wenigstens soll es mich vorstellen, getroffen oder nicht.
    HADEM: Sie?
    KAMMERRAT: Sagen Sie, ist es nicht eine Torheit von der Kammer, dem armen
Manne mit aller der Vergoldung und närrischen Pracht so viele Kosten zu
verursachen? Wenn die Kammer sich einen Spass machen wollte, so hätte sie doch
ökonomischer dabei verfahren müssen. Dafür heisst sie die Kammer, und das hätte
sie auch hier nicht vergessen sollen.
    HADEM: Was wir da sahen, lieber Kammerrat, ist nichts anders als ein
dauerndes Denkmal Ihrer Tugend und durch seine Bosheit ein noch schändlicherer
Beweis von dem Unsinn und der Undankbarkeit der Kammer. Ich ahnde, woher es
kommen mag, und Sie würden mich sehr verbinden, wenn Sie mir sagten, wie es
möglich war, wie das geschehen konnte, was ich von dem jetzigen Bewohner Ihres
Hauses erfahren habe.
    KAMMERRAT: Der arme Mann dauert mich; ich musste die unschuldige Ursache zu
seinem Elende sein.
    HADEM: Wollten Sie uns erzählen -
    KAMMERRAT: Ich rede so ungern davon.
    HADEM: Nun, so kurz, als es die Bosheit verdient; wir lernen dann von Ihnen
sie zu vergessen.
    KAMMERRAT: Nur auf diese Bedingung. Nun, lieber alter Freund, die Kammer
sagt, der Kammerrat Kalkheim sei ein Narr; und daran mag wohl etwas sein. Aber
das weiss die Kammer nicht, dass ich immer ein sehr glücklicher Narr war und es
noch bin. Ich habe für die Bewohner der hiesigen Gegend allerlei getan, und die
Leute wussten mir es Dank. Sie werden wohl gesehen haben, wie es mit ihren
Feldern, Häusern, Scheunen und Ställen steht; das nun machte mir so viele
Freude, dass ich gar nicht daran denken konnte, es mache andern Leuten Kummer.
Auch dachte ich so wenig daran, was es mir etwa kostete, dass ich mir gar nicht
einfallen liess, die fürstliche Kammer, die doch dabei gewann, würde mir es
verargen. Aber sie sagen, ich sei nicht klug, verdürbe die hiesigen Bauern, die
unter andrer Leute Aufsicht ständen, und machte sie unzufrieden, weil die, unter
deren Aufsicht sie ständen, gescheitere Männer wären und man sie nicht darum als
Kammerräte über die Bauern gesetzt hätte, um solche Narren wie ich zu sein. Sie
sagen, ein Strich Landes müsse nach eben der Regel behandelt werden wie der
andere und der Kammerrat, welcher von dieser Regel abweiche, schade denen, die
bei dieser Regel blieben. Ja, ein solcher Kammerrat schade am Ende dem Fürsten
selbst; denn der Fürst könne doch unmöglich so verfahren wie der Kammerrat, der
von der Regel abweiche, wenn er Fürst bleiben wolle. Man müsse sich wohl hüten,
sagen sie, die Ansprüche der Bauern über die Gebühr zu reizen, weil es sonst
kein Ende damit nehme, und das Allerklügste wie das Beste sei, alles bei dem
alten zu lassen. Dies kann nun so wahr als klug sein; mir tut es nur leid, dass
es so ist. Und sehen Sie nur, wie sich alles sonderbar fügen und schicken muss.
Vor einiger Zeit brannten in einem der benachbarten Dörfer einige Häuser mit
Habe, Fahrt und der eingeführten Ernte ab. Das Elend war gross, und ich wusste,
wie langsam alles bei der Kammer vermöge dieser Regel geht. Ich wich also, mit
gutem Gewissen, meinte ich, ein wenig von dieser Regel ab, nahm von meinem
Eignen, was ich zusammenbringen konnte, und lieh das Fehlende aus der
fürstlichen Kasse; denn sehen Sie nur, zehn Monate hatte ich schon von meinem
Gehalt verdient, zwei Monate hatten bis zur Zahlung noch zu laufen. So borgte
ich demnach nur, was ich schon abverdient hatte. Wie dieses die Kammer erfahren
hat, das weiss ich nicht. Man kam auf einmal, untersuchte die Kasse vor der
gewöhnlichen Zeit, und als man sie eröffnete, sagte ich den Herren, was und
warum ich es getan. Man erschrak gewaltig, bedauerte höchlich den besondern
Vorfall, wollte gehörigen Orts melden, und ich erhielt nicht lange hierauf
meinen Abschied wegen des gefährlichen Beispiels, das ich gegeben. Der Abschied
entielt noch allerlei sonderbare Vorwürfe, Vorwürfe, Herr Hadem, die ich gar
nicht vermuten konnte. Aber man erfährt allerlei in dieser Welt, wenn man nicht
so klug ist wie die Herren. Es meldeten sich noch einige Schuldner, und so
verkaufte man geschwind mein Haus mit dem Gärtchen und machte den Mann, der
jetzt darin wohnt, zum Bettler. Ich kann ihm nicht helfen, so viele Mühe ich mir
auch gebe; denn die Bauern sind so eigensinnig, so aufgebracht - und, denken
Sie, der arme Mann kann nicht einmal das Gärtchen nutzen - was soll er mit den
Kräutern und Gesäme machen, das ich dort gepflanzt habe, das Ihnen so viel
Freude machte! Alles fault, lieber Herr Hadem!
    Einen Augenblick, ich muss doch der guten Schulzin sagen, dass sie etwas mehr
zum Mittag anrichte, die jungen Herren werden Hunger haben. Der Schulze wird nun
bald nach Hause kommen. Denken Sie nur, der eigensinnige Mann wollte den
Branntwein zu den Umschlägen nicht bei dem Wirte »Zum Verschwender« kaufen, so
sehr es auch not tat; er lief lieber nach dem Städtchen. - Er gab Hadem den
Fliegenwedel und ging hinaus.
    Hadem setzte sich vor das Bett und blickte nach seinen Zöglingen. Ferdinand
bat um den Fliegenwedel. Ernst sah unverwandt nach der Türe, und als der
Kammerrat wieder hereintrat, ging er ihm entgegen, begleitete ihn bis zu seinem
Schemel und setzte ihn zurecht, als Hadem aufstand. Der Kammerrat sagte: »Alles
ist bestellt. Mir ist es sehr lieb, Herr Hadem, dass ich einmal der häuslichen
Sorgen los bin. Ich konnte nie mit dem Gesinde zurecht kommen, weil ich das
Zanken nicht verstehe; und recht zu zanken ist eine grössere Kunst, als Sie wohl
glauben. Man muss nach dem Sinne eines jeden zu zanken wissen, wenn es wirken
soll. Nun habe ich mehr Häuser als unser guter Fürst und nicht die geringste
Sorge dabei. Darum sage ich eben: wenn die Kammer recht hat, dass ich ein Narr
bin, so bin ich ein sehr glücklicher Narr!«
    Ernst ergriff seine Hand: »O Gott! lass mich es so werden!«
    Hadem sah Ernsten gerührt an. Ferdinand bewegte den Fliegenwedel stärker.
Der Kammerrat lächelte und sagte zu Ferdinand: »Sie machten es recht gut, wenn
es ein wenig langsamer ginge. Ich will indessen die Kräuter dort pflücken!«
Ernst half ihm, und Hadem unterhielt sich mit dem Kinde, das ihm erzählte, was
es von dem Kammerrat gelernt habe.
    Der Schulze kam nach Hause. Man setzte sich zu Tische, und die Zeit verflog
unter Gesprächen über das Leben des Landmanns. Der Kammerrat legte zuzeiten die
Umschläge auf, und Hadems Zöglinge gingen ihm zur Seite, wohin er sich wendete.
Er begleitete die Rückkehrenden: der Abschied ward wie von Freunden genommen,
und Ernst pflückte beim Heimwandeln in den blühenden Feldern einen Kranz von
Feldblumen und Ähren, den er sehr fest und sorgfältig zusammenfügte und dann am
Arme trug. Er bestimmte ihn im Geiste zur Zierde seiner gewählten Blende in der
Höhle; da sollte er als ein Denkmal des Mannes hangen, der dieses Paradies
geschaffen hatte und dessen Tugend und Güte so rein waren.
                                       6.
Beim Abendtische erzählten die Jünglinge dem Oheim, wie angenehm sie diesen Tag
auf dem Lande zugebracht hätten. Der Oheim liess sich erzählen und sah während
der Erzählung verdriesslich auf Hadem. Als aber Ernst über den Undank und die
Ungerechtigkeit klagte, die man gegen den Kammerrat ausgeübt, und von diesem
Manne in dem Gefühle sprach, in welchem er ihn ansah, endlich gar seinen Oheim
dringend bat, sich für ihn zu verwenden, sagte der Präsident in einem rauhern
Tone, als er bisher noch getan hatte:
    »Herr Hadem, wissen Sie wohl, dass ich Präsident dieser Kammer bin? dass ich
des Toren Abschied unterschrieben habe? dass ihm widerfahren ist, was er mehr als
verdient hat? Soll mein Neffe etwa von Ihnen lernen, sein Oheim sei ein
ungerechter Mann? Und was soll das heissen, dass Sie die jungen Leute zu einem
Toren führen, dessen Beispiel, Narrheit und Spiegelfechterei so verderbend als
ansteckend für sie sind? Zu einem Phantasten, der die fürstliche Kasse mit der
Rechten bestiehlt, um mit der Linken, wie Hans Eulenspiegel, Almosen zu spenden!
Ich mag mich jetzt nicht weiter über diese Sache herauslassen und sage Ihnen nur
so viel, dass dieses nicht die Leute sind, zu denen ein Hofmeister die ihm
anvertraueten jungen Edelleute führen muss, da sich in der Residenz und
vorzüglich in meinem Hause bessere, anständigere und nützlichere Bekanntschaften
für sie machen lassen.«
    Hadem antwortete kalt und trocken:
    »Den Schaden, Eure Exzellenz, der durch diesen Besuch diesen jungen
Edelleuten widerfahren sein mag, habe ich gegen Herrn von Falkenburg zu
verantworten.«
    »Sie vergessen, mein Herr, dass ich nun seine Stelle vertrete!« sagte der
Präsident mit Unwillen.
    Hadem erwiderte: »Das weitere nach der Tafel, Herr Präsident!« Ernst trat
bittend zu seinem Oheim, ergriff sanft seine Hand und küsste sie. »Sie irren
sich, lieber Oheim; dieser Besuch ist uns sehr nützlich gewesen. - Verzeihen Sie
mir meine Zudringlichkeit; und sollten Sie mir dieselbe auch nicht verzeihen, so
muss ich doch noch einmal für den Kammerrat bitten, dem so viel Unrecht geschehen
ist. Gewiss hat man Ihnen in Ansehung seiner nicht die Wahrheit gesagt; er hat
Feinde, der gute Mann. - Hören Sie die Wahrheit von mir!«
    PRÄSIDENT: Ich weiss sie recht gut, lieber Neffe, die Wahrheit, und weiss
auch, dass dieser Tor keinen grössern Feind hat als sich selbst. Vernimm nun mein
letztes Wort über diesen mir jetzt noch gehässigern Punkt. Lass dir dasselbe als
ein Edelmann, der einst tätig in der Welt auftreten muss, von einem erfahrnen
Geschäftsmann gesagt und unvergesslich sein. Jeder Staat, er sei gross oder klein,
besteht durch ein Ding, an das alles gefesselt ist und gefesselt bleiben muss,
das alles durch feste, unabänderliche Ordnung in Abhängigkeit von sich hält.
Dieses Ding, Ernst, heisst System, und nach ihm muss sich ein jeder von uns
bequemen, er sei und heisse wie er wolle. Es ist unser aller gewaltiger Herr und
Herrscher. Der Fürst selbst muss sich ihm unterwerfen und gleicht dadurch dem
Gott der alten Fabel, der zwar alles beherrscht, aber von dem ewigen Schicksal,
vor ihm selbst geboren, abhängt. Sieh, ich kann auch in Bildern reden und
beweise dir nun, dass ich die Bücher gelesen habe, die dich zu erhitzen scheinen.
Er blickte nach Hadem und fuhr fort. Jeder kühne Vernünftler nun oder jeder
heisse Schwärmer, der durch anmassende Zurechtweisungen, unregelmässige Eingriffe
den festen Gang dieses kalten, unbiegsamen, notwendigen Wesens, das alles
zermalmet, was sich ihm entgegenstellt, und das die Menschen zu ihrer eignen
Erhaltung als Herrscher über sich erschaffen mussten, zu stören wagt, zerstösst
sein leeres oder feuriges Gehirn an diesem in Erz gepanzerten Riesen. Ich habe
bemerkt, dass die Metapher deine Lieblingsfigur geworden ist; so wirst du mich ja
um so leichter verstehen.
    Hadem sass da, als führen verzehrende Blitze aus dem Munde des Redenden. Er
sah durch einige Atemzüge des gereizten kalten Mannes sein ganzes Gebäude
erschüttert, die Blüten seiner Hoffnung von einer giftigen Luft in dem
Augenblick angehaucht, da sie eben aus der Knospe dringen wollte.
    Ernst stand da, als habe sein Oheim durch einen Zauberspruch die Sonne
verfinstert und ihn mitten in den Kreis scheusslicher, der Finsternis
entsprungener Gespenster gestellt.
    Hadem wollte reden. Der Präsident hob die Tafel auf und trat mit ihm in ein
Seitenzimmer. Er sprach:
    »Es scheint nicht, Herr Hadem, dass Ihnen das sehr gefalle, was ich soeben
notgedrungen sagen musste. Ich glaube es gerne; denn ihr Herren, die ihr auf
eurer Studierstube die Menschen und ihr Wesen nur aus Büchern kennenlernt, tragt
gar zu gern eure abgezogenen Begriffe in die Welt über, in welcher ihr immer
Fremdlinge seid und bleibt. Ich dachte wohl, dass Sie so etwas diesem Ähnliches
vorbringen würden; darum endigte ich das Gespräch im Speisesaal. Glauben Sie
mir, Herr Hadem, nichts ist jungen Leuten von lebhaften Gefühlen nachteiliger,
als wenn man ihre Erwartungen von den Menschen und ihrem Wert über die Grenzen
der Wirklichkeit treibt. Denn entweder sieht der junge Mann ein, dass man ihm zu
viel gesagt hat, und wirft plötzlich alles als Lüge weg, wird ein schlechter
Kerl; oder, hat er Kraft und Stolz, so wird er am Ende ein missmutiger,
melancholischer Tropf, sich und andern zur Last. Darum frage ich Sie nun als ein
Mann, der beides hasst: was denken Sie eigentlich in meinem Neffen zu erziehen?«
    HADEM: Und so antworte ich Ihnen als ein Mann, der auch beides hasst. - Wenn
es mir glückt, wie ich zu hoffen Grund habe, wenn Äusserungen, wie ich soeben vor
der Zeit vernehmen musste, mich nicht in meinen schönen Hoffnungen betriegen ...
    Der Präsident ward finster-ernstaft.
    Hadem fuhr fort: »Warum sollt ich Ihnen nicht sagen, dass Bemerkungen, Bilder
über die Gesellschaft, der wir einst beitreten sollen, so fürchterlich und ohne
alle Vorbereitung aufgestellt, wie Sie es eben taten, nur dann von uns ertragen
und richtig beurteilt werden können, wenn unser Herz schon so weit ausgebildet,
schon seiner so mächtig geworden und mit der Vernunft in eine so richtige
Übereinstimmung gebracht ist, dass es unsre eigennützigen Leidenschaften, unsre
selbstigen Triebe und Begierden, die aus dergleichen auf sogenannte Erfahrung
gegründeten Sätzen entspringen, meistern kann? Leicht nimmt der Mensch die
Stelle des Ganzen ein und sieht es gerne für einen Gegenstand an, mit dem der am
besten auskommt, der ihn am klügsten zu seinem Vorteil zu benutzen weiss. Ich
denke Ernsten und seinen Freund so hoch zu stellen, dass sie nie im Schlamm des
Eigennutzes versinken können; und darum müssen die Flügel, die sie über diesem
Pfuhl emporhalten sollen, aus ihrem eignen Herzen wachsen. Hier haben Sie meine
Antwort auf Ihre Frage und den ganzen Sinn meines Erziehungsplans.«
    PRÄSIDENT: Und nochmals frage ich: was wollen Sie in meinem Neffen erziehen?
    HADEM: Einen Menschen.
    PRÄSIDENT: Einen Menschen!
    HADEM: Und zwar in dem Sinne, weil Sie doch die Bedeutung von mir hören
wollen, dass er es nicht für sich allein sei, dass er es für jeden sei, es für
sich selbst, in jeder Lage des Lebens, er sei glücklich oder unglücklich, reich
oder arm, verbleibe; dass er jeden Schlag des Schicksals, der Bosheit der
Menschen ertragen lerne und keinem unterliege, dass er keinen grössern Sieg kenne
als den Sieg über sich und seine eigennützigen Leidenschaften, über das Böse und
Unrecht anderer. Einen Menschen hoffe ich in ihm zu erziehen, der eine stille,
gute Tat der grössten und rauschendsten vorziehe und der den Menschen so durch
sich und sein Wirken achten lerne, dass er ihn in keinem, auch in dem Geringsten
nicht, verachte, der fest glauben lerne und nie vergesse, dass es nur Leute der
Art sind, wozu ich ihn bilden möchte und wozu er so vielversprechende Anlagen
hat, die das gepanzerte Gespenst, das Sie so fürchterlich schreckend auftreten
liessen, noch so im Zaume halten, dass es die Menschen, die es, wie Sie selbst
sagen, nur um ihrer Erhaltung willen geschaffen haben, nicht unter seinem
ehernen Fusse zermalmen kann.
    PRÄSIDENT: Ein Stoiker könnte nicht erhabener sprechen! Setzen Sie das
Horazische »Er ist König!« hinzu, und das Bild des Weisen ist vollendet.
Freilich sind dieses gewaltige Machtwörter, Herr Hadem; aber ihr zauberischer
Glanz verdunkelt sich gar schnell vor dem Zwitterlichte, das uns in diesem
Sumpfe, wie es Ihnen das menschliche Leben zu nennen beliebt, noch immer
leuchtet. Wir stecken nun einmal darin und müssen es sogar leiden, dass es uns
Leute Ihrer Art von ihrer glänzenden Höhe zurufen. Indessen ist leider auch
meinem Neffen ein Platz in diesem Sumpfe angewiesen, und er muss einmal darnach
erzogen werden, dass er darin nicht versinke. Darum, Herr Hadem, einen Edelmann
und keinen Menschen - Sie verstehen ja, was ich sagen will.
    HADEM: Und so, Ew. Exzellenz, dass jede Antwort überflüssig wäre.
    Der Präsident wendete ihm verdriesslich den Rücken zu.
                                       7.
Ernst ging wie im Traum auf das Zimmer. Sein innrer Sinn schwankte, und das hohe
Gebilde seiner Seele, in jugendlicher Begeistrung errungen, schien hinter fernen
dunklen Wolken ausser seinem Gesichtskreise zu schweben. Der Sinn der Worte, die
der Präsident gesagt hatte, bildete sich in ein furchtbares, drohendes Wesen um
ihn aus; und schon jetzt würde es sich ihm in dieser Spannung entüllt haben,
wenn der Mann, der die Veranlassung dazu gab, nicht aus dem ihn umschattenden
Dunkel hervorgetreten wäre. Seine reine, einfache Tugend warf einen sanften
Lichtstrahl auf den Kranz, den er heute gepflückt hatte und der jetzt über
seinem Hauptküssen hing. Die Wolken, die seine Göttin verhüllten, wurden wieder
lichter.
    »Ferdinand!« rief er nach langem Schweigen; »du hast gehört, dass ich meinen
Oheim umsonst für den Kammerrat gebeten habe. Der arme, gute Kammerrat! Wie
konnte der Oheim mir eine so billige, so kleine, so gerechte Sache abschlagen!«
    FERDINAND: Wenn ich deinen Oheim recht verstanden habe, so hat er dir sie
eben darum abgeschlagen, weil sie gerecht ist und er unrecht hat. Auch dünkt es
mich nach seinen Reden, dass es eben nicht die kleinste und leichtste Sache in
der Welt ist, gerecht zu sein. Und um so besser, Ernst! Es ist mir recht lieb,
dass es sich so verhält. Um so mehr können die, welche den Mut haben, gerecht zu
sein, Lob und Ruhm in der Welt erwerben. Wie, wenn wir nun dem guten Kammerrat
trotz dem Oheim zu helfen suchten, helfen könnten!
    ERNST: Trotz dem Oheim? Und wie?
    FERDINAND: Ich möchte gar zu gerne das ganze Fürstentum in einen solchen
Garten verwandelt sehen, den Hadem mit allem Rechte ein Paradies nennt. Und wenn
ich mich so mitten hineinsetzen könnte, als sein Schöpfer -
    ERNST: Dich? Was träumst du nun wieder von der Zukunft! Ich dachte, du
wüsstest ein Mittel, dem Kammerrat zu helfen, ihm sein Haus, seinen Garten, seine
Stelle wieder zu verschaffen!
    FERDINAND: Dies ist es eben, was mich beschäftigt; und darum, Ernst, muss
etwas Kühnes unternommen werden, etwas, das kein Mensch von uns erwartet, so
etwas, das deinen klugen Oheim selbst in Erstaunen setzt.
    ERNST: Und was?
    FERDINAND: Es wird in der ganzen Stadt, am Hofe selbst Aufsehen machen,
darauf verlasse dich. Ich dachte es mir schon heute, als ich an dem Bette des
kranken Knaben stand, die Fliegen wegjagte und den guten Mann so reden und
handeln hörte und sah.
    ERNST: Schon da dachtest du es? Nun, so muss es gewiss ein guter Einfall sein,
da du ihn in diesem Augenblicke gehabt hast. Ich dachte an weiter nichts als wie
glücklich er wäre, wie er gar nichts zu bedürfen schiene. Aber nun, Ferdinand,
da ich meinen Oheim so von ihm reden hörte, denke ich ganz anders, und jetzt
denke ich auch, dass ihn die Menschen brauchen, dass ihn die brauchen, die an das
Wesen, von welchem mein Oheim so ängstlich für mich sprach, gefesselt sind. Er
nannte das kalte, ungeheure Ding System; und mich überläuft ein frostiger
Schauder, wenn ich das Wort ihm nachspreche. Ach, ich sehe es wohl, eben dieses
furchtbare Wesen hat den guten Kammerrat zermalmet; und herrscht wirklich ein
solches Ungeheuer überall, so fürcht ich, Ferdinand, es wird auch mich
zermalmen.
    FERDINAND: Das würde es gewiss, wenn wir uns vor ihm fürchteten, aber das
wollen wir nicht. Wir fürchten uns ja nicht vor andern Gespenstern, sondern
lachen über den Wahn, der sie erzeugt. Und mit diesem da, das der Oheim so
schrecklich malt, möchte ich am liebsten kämpfen.
    ERNST: Auch ich könnte es; aber was hast du ersonnen?
    FERDINAND: Geradezu an den Fürsten zu schreiben, der, wie alle sagen, so gut
ist, und ihm die ganze Geschichte des Kammerrats zu erzählen. Ich wette, er gibt
ihm alles zurück, und dann kann der Kammerrat noch mehr Gärten in des Fürsten
Lande pflanzen.
    ERNST ging auf und ab: Und mein Oheim?
    FERDINAND: Deinen Oheim hat die Kammer betrogen; wie hätte sonst er, ein so
kluger Mann, etwas zum Nachteil der Kammer und des Fürsten tun können? Hätte er
es aber gekonnt, Ernst, so muss einer aus eurer Familie wieder gutmachen, was der
andere schlecht gemacht hat, und so die Ehre der Familie retten. Mein Timoleon
schonte seines Bruders nicht, als dieser anfing, ungerecht zu sein.
    ERNST: Ferdinand, ich will hoffen, mein Oheim hatte keinen Teil daran.
    FERDINAND: Und wenn nun? Wir zeigen ihm doch, dass wir uns vor seinem
Gespenste so wenig fürchten als Hadem, den dessen Hervorrufen nur deshalb zu
bekümmern schien, weil er ganz anders von der Sache denkt. Und sagt uns Hadem
nicht immer, dass man bei guten, gerechten Unternehmungen weder auf sich noch
andre Rücksicht nehmen müsse? Sollte ich nun etwas unternehmen, so würde ich
eher Hadem als deinen Oheim um Rat fragen; denn mich dünkt, dein Oheim weiss
recht gut, was sein Gespenst ihm nützt, kümmert sich aber nicht sehr viel darum,
was es andern schadet.
    ERNST: So lass uns Hadem um Rat fragen.
    FERDINAND: Auf keine Weise. Ich teile den Ruhm der ersten guten Tat, die wir
unternehmen wollen, nur mit dir, mit keinem andern, selbst mit Hadem nicht. Nur
dir bin ich dieses und alles schuldig, von der Höhle her. Ernst, es muss eine
Jugendtat sein - und soll sie ihn recht freuen, die Tat, soll er sie als eine
Wirkung seiner uns gegebenen Lehren betrachten, so muss sie ohne seine Leitung
geschehen. Leicht könnte es ihm auch bei deinem Oheim, der ihn eben nicht zu
lieben scheint, Verdruss machen, und da es etwas für die Gerechtigkeit Gewagtes
ist, so müssen wir alle Gefahr allein bestehen.
    In Ernstens Seele arbeitete die Vorstellung des Unternehmens mächtig. Schon
entwarf er im Geiste, was er dem Fürsten schreiben wollte. Er wendete sich zu
Ferdinand:
    »Aber wie dem Fürsten den Brief zustellen?«
    FERDINAND: Nichts ist leichter. Erinnerst du dich der dunkeln Laube am
hellen Teiche, der grünen Insel gegenüber, wo wir ihn jeden Morgen von fern mit
einem Buche allein sitzen sehen? Wir legen den Brief auf die Bank und
verschwinden. Er kommt, findet, liest; und der Kammerrat erhält, was wir ihm
wünschen.
    Die Jünglinge kleideten sich aus. Hadem kam; er fand sie ruhig, sah in
Ernstens Augen den Duft der schönen Begeistrung und schmeichelte sich mit der
Hoffnung, dass die Reden des Oheims ohne gefährliche Wirkung an ihm
vorübergegangen wären.
    Im Traume arbeitete der Gedanke in Ernstens Seele fort. Er erwachte sehr
früh und rief Ferdinand. Da dieser von dem gestrigen Vorhaben nichts erwähnte
und ganz ruhig im Bette blieb, so sprang Ernst auf, kleidete sich schnell an und
schrieb dem Fürsten die Geschichte des Kammerrats in eben dem schönen und
einfachen Gefühle, wie sein junges Herz sie gestern empfunden hatte. Er endigte
mit den Worten: »Ich fürchte durch eine Bitte für den Kammerrat einen so guten
Fürsten zu beleidigen, da jede Bitte einen Zweifel an seiner Güte und
Gerechtigkeit voraussetzt.« Ehe Hadem und Ferdinand aufstanden, war Ernst schon
in dem fürstlichen Garten gewesen und hatte sein Schreiben an Ort und Stelle
gebracht. Auf den Schwingen der ersten guten Tat flog er nach Hause und lispelte
die Zeitung davon in das Ohr des noch schlafenden Ferdinands.
    Es war der erste Schritt, der erste Gedanke, den er Hadem verheimlichte, und
dieser Schritt entschied über seine Denkungsart, die Stimmung seines Geistes und
verdunkelte über den wichtigsten Punkt seines Lebens sein Gefühl so sehr, dass er
dessen in spätern Zeiten nie mehr so mächtig werden konnte, wie er es in seiner
schönen, blühenden Jugend im Busen trug.
                                       8.
Der Präsident ward nach Hofe gerufen, und der Fürst gab ihm mit freundlicher
Miene den Brief seines Neffen, Er las, beobachtete dabei diese Miene, gab den
Brief lächelnd zurück und erzählte dann dem Fürsten in einem leichten Tone, was
abends vorher zwischen ihm und seinem Neffen vorgefallen sei. Zugleich gab er
dem Fürsten zu verstehen, er glaube, der Hofmeister verwirre dem jungen Menschen
den Kopf, bat dann für den Jugendstreich um Vergebung und versicherte dem
Fürsten, er wolle alles in der Stille in Ordnung bringen.
    Der Fürst antwortete:
    »Ich habe Ihrem Neffen gar nichts zu vergeben und bin so wenig gegen ihn
aufgebracht, dass ich ihn vielmehr zu sehen wünsche. Der Brief ist schön, ruhig
und bescheiden abgefasst. Ich erinnere mich von langer Zeit her keines, der mir
so viel Vergnügen gemacht hätte. Herz und Verstand sprechen hier, und meine Räte
schreiben nie so. Der junge Mensch tat, was ich selbst so gern tue, er will
einem nützlichen Manne helfen, und dazu wählte er den geradesten Weg. Diese
Einfälle kommen unsern jungen Leuten jetzt ebenso selten wie den Alten, und
darum muss man ihn so behandeln, dass man ihn nicht abschrecke. Leicht könnten wir
hier das Gute zerrütten, das sich mit so vieler Güte, mit so unschuldigem
Vertrauen zeigt. Sorgen Sie nur dafür, dass der Kammerrat wieder angestellt
werde; denn ich glaube der Erzählung Ihres Neffen mehr als Ihren Räten. Diese
verdrehten aus Liebe zur Ordnung einen Umstand, den der junge Mensch viel
richtiger gefasst hat.«
    Der Präsident äusserte, es sei nie sein Wille gewesen, den würdigen Kammerrat
in Untätigkeit zu lassen. Was geschehen sei, habe ihm selbst sehr leid getan;
aber das Sonderbare der Umstände habe ihn dazu gezwungen. Der Posten, den er ihm
jetzt bestimme, sei von der Art, dass der Kammerrat in demselben alle seine
Eigenheiten ohne Nachteil für andere ausüben könne; nur bitte er Seine
Durchlaucht, ihm noch einige Frist zu geben, damit sein Neffe nicht etwa glauben
möge, er habe es durch die Klage bewirkt. Er fürchte die Folgen davon nur für
seinen Neffen, da die Welt seinem Benehmen wahrscheinlich eine andere Wendung
geben werde, als es die wirklich gute Absicht des Jünglings verdiene. Auch wage
er es, Seine Durchlaucht zu bitten, seinen Neffen jetzt nicht zu sehen, es
könnte zu viel Aufsehen machen, vielleicht gar den Stolz des jungen Menschen
reizen; und nichts sei gefährlicher für Jünglinge von der sonderbaren
Geistesstimmung seines Neffen. »Gewiss«, setzte er hinzu, »wird niemand in der
Residenz, da doch im Grunde die Klage seinen Oheim betrifft, so darüber denken
wie Ew. Durchlaucht und ich. Soll ich nun den Jüngling dem Unwillen der Welt
über eine Handlung aussetzen, für die er, wie Sie selbst zu sagen geruhen, Lob
verdient?«
    Der Fürst fand seine Vorstellung billig und weise. Er nahm den Brief aus den
Händen des Präsidenten zurück und äusserte: »Sagen Sie Ihrem Neffen, dass ich
diesen Brief als ein mir getanes Gelübde aufbewahren will, dass ich, wenn er ein
Mann sein wird, nach diesem Briefe urteilen werde, ob er gehalten hat, was er
hier verspricht, wozu er sich durch einen solchen Schritt als Jüngling
verpflichtet. Sagen Sie ihm, dass ich auf ihn rechne - und Ihnen wünsche ich
Glück zu einem solchen Neffen.«
                                       9.
Der Präsident spottete in seinem Herzen über das Benehmen des Fürsten bei einer
Sache, die ihm so widerlich und empörend vorkam. Gleichwohl war er mit der
Wendung sehr zufrieden, die sie genommen hatte. Mit ganz andern Empfindungen
kehrte er nach Hause zurück. Die Handlung seines Neffen malte sich mit den
schwärzesten Farben vor seinen Augen. Er betrachtete sie als ein Verbrechen
gegen seinen nächsten Verwandten und ihn selbst als einen gefährlichen Aufrührer
gegen die Gerechtigkeit, die er nach Gesetze und Recht gegen einen schädlichen
Toren ausgeübt zu haben glaubte. Die ganze Tat kam ihm durch diese Vorstellung
so frech und unerhört vor, dass sein ganzer Hass auf den Neffen gefallen sein
würde, wenn der stärkere Hass gegen Hadem nicht in diesem Augenblick auf diesen,
als den Urheber der ihm so widrigen Tat, gezeigt hätte. Hadem missfiel ihm von
dem ersten Augenblick an, da er ihn sah; er war nun froh, ihn schuldig zu
finden, und seinen Neffen, den er als Sohn seiner Schwester und dadurch als
einen zu seiner Familie Gehörigen zu lieben glaubte, entschuldigen zu können. Er
liess sogleich Hadem rufen und fragte ihn mit spöttelnder, verachtungsvoller
Kälte:
    »Herr Hadem, wollen Sie einen Don Quichotte in meinem Neffen auferziehen,
der sich mit der Welt für die Dame Gerechtigkeit auf Leben und Tod herumschlage,
um seine Tage endlich im Tollhause oder auf einem Dorfe zuzubringen wie der
Held, um dessentwillen er den dummen Streich gemacht hat?«
    HADEM: Ich verstehe Ew. Exzellenz nicht.
    PRÄSIDENT: Verstellen Sie sich nur! Wenigstens soll es Ihnen hier an Zeit
fehlen, auch diese Kunst meinen törichten Neffen zu lehren.
    HADEM: Wie sollte ich zu dieser Kunst kommen? wie ihrer bedürfen? Präsidiere
ich doch weder am Hofe noch in einem Departement! - Sie scheinen eine Klage
gegen mich zu haben; warum bringen Sie diese nicht ebenso gerade und bieder vor
als ich sie, wie Ew. Exzellenz wohl sehen, erwarte?
    PRÄSIDENT: So hören Sie denn, biedrer, ehrlicher Mann! Ich habe soeben in
den Händen des Fürsten einen Brief meines Neffen gesehen. In diesem Brief klagt
mein Neffe über die Ungerechtigkeit, welche die Kammer, deren Präsident ich bin,
wie Sie und er wissen, gegen den Narren von Kammerrat begangen haben soll. Herr
Hadem, glaubte ich, dass mein Neffe diesen Brief aus eignem Antrieb geschrieben
hätte, ich würde ihn zur Stelle aus dem Hause stossen, in welchem er
Blutsverwandtschaft und Gastrecht so schändlich beleidigt und gebrochen hat.
Aber es ist Ihr Werk; meine gestrige vernünftige Vorstellung hat Sie beleidigt,
und um sich zu rächen, haben Sie den jungen Phantasten gegen seinen nächsten
Verwandten empört - haben ihn selbst dem Fürsten auf immer lächerrlich gemacht.
Ich denke doch, Sie wissen, was für Folgen dieses für ihn haben muss. Erfährt es
nun die Stadt, so muss er ein Gegenstand des allgemeinen Hasses und Absehens
werden. Und noch einmal - bei Gott! - könnte ich glauben, die Bosheit käme von
ihm her, ich würde ihn den Augenblick aus dem Hause jagen - ihn wegschleudern
wie ein giftiges Ungeziefer - die ganze Verwandtschaft vor dem jungen Ungeheuer
warnen, das schon so früh den Busen derer verwundet, mit denen es durch das Blut
verwandt ist.
    Kaum fasste Hadem den ganzen Sinn der Worte des Präsidenten, als er alle die
Folgen dieses unüberlegten Schrittes für sich und seinen geliebten Zögling
einsah. Er begriff die Tat, ihren reinen Bewegungsgrund in dem Herzen des
Jünglings, und schmerzlich drangen die Worte des Präsidenten, er habe sich bei
dem Fürsten lächerrlich gemacht, er müsse ein Gegenstand des Abscheus werden, in
seine Seele. Dieser Schmerz wurde aber bald durch ein noch peinlicheres Gefühl
verdrängt. Wenn er erklärte und bewiese, dass er von dem ganzen Vorfall nichts
wüsste, so würde der edle Jüngling, beladen mit dem Hasse seines Oheims, aller
seiner Verwandten, vielleicht selbst seines Vaters, dastehen; und wie müsste
dieser Hass auf sein fühlbares Herz, seinen hochgestimmten Geist wirken! wie ganz
seine Denkungsart verkehren, vergiften und alles geträumte Glück vernichten!
Sollte er ihn aus dem Hause seines Oheims stossen lassen? sich mit ihm? wie ein
mit ihm von seinem nächsten Verwandten Verstossner und Verbannter zu dem Vater
wandern?
    In dieser Angst für den von ihm so unaussprechlich geliebten Jüngling sah er
für ihn keine andere Rettung als die Schuld allein auf sich zu nehmen, alle
Vorwürfe des Oheims, ohne Entschuldigung, ohne ihn weiter zu reizen, als
verdient geduldig und bescheiden anzuhören. Er schwieg und sah ihn mit den
Blicken eines Mannes an, der sich zum Besten eines andern vergisst, dessen Glück
er seinem eignen vorzieht.
    Der Präsident sah sein Schweigen als ein Geständnis an und sagte:
    »Ihr schweigendes, demütiges Geständnis söhnt mich wieder mit meinem Neffen
aus, und ich bin so erfreut darüber, dass ich Ihrem eignen Gewissen die Vorwürfe
überlasse, die ich Ihnen zu machen so sehr berechtigt wäre. Ich ziehe einen
Schleier über das Geschehene, weil ich die ganze Geschichte zur Ehre meines
Hauses, der Familie und zum Vorteil meines Neffen unterdrücken will. Sie können
nur dadurch einen Teil des von Ihnen veranlassten Übels wiedergutmachen, dass Sie
mir hierin behülflich sind. Ernst soll von allem nichts erfahren, er soll nicht
wissen, wie der Fürst über seine Torheit denkt. Den Grund davon werden Sie,
hoffe ich, begreifen. Sie verlassen in einigen Stunden mein Haus; ich sorge
dafür, dass alles zu Ihrer Abreise fertig ist. Sie versprechen mir jetzt, mit
meinem Neffen nicht über das Geschehene zu reden und ihm zu verschweigen, dass
Sie ihn verlassen, warum Sie ihn verlassen. Ich werde ihm dieses auf eine Art
ankündigen, die ihn gewiss befriedigen wird. Und ferner geben Sie mir Ihr Wort,
an meinen Neffen nicht zu schreiben; wir haben schon an dieser Probe genug.«
    Der Gedanke an die plötzliche Trennung von seinem geliebten Zögling, die
Furcht vor den Folgen dieser unvorbereiteten Trennung für denselben
erschütterten Hadems männlichen Mut. Die Tränen brachen aus seinen Augen hervor,
er wankte gegen einen Stuhl hin, um sich daran zu stützen.
    Der Präsident, welcher seine Empfindungen falsch deutete, klopfte ihm leise
auf die Schulter und sagte kalt:
    »Ich wünsche von Herzen, dass dieses die letzte Torheit sei, die Sie zu
beweinen haben mögen.«
    Hadems Tränen erstarrten in seinen Augen, er sah den Mann mit einem Blick
an, den dieser nicht ertragen konnte.
    »Sie geben mir Ihr Wort?« fragte der Präsident abgewendet.
    HADEM: Ja, ich gebe es Ihnen; es ist zugleich das letzte, das Sie von mir
hören sollen. Vergessen Sie nur nicht, Herr Präsident, dass in dem Jüngling, den
Sie einen Phantasten nennen, ein Mann keimt, für den Sie weder in Ihrem Herzen
noch in Ihrem Geiste einen Massstab haben. Hüten Sie sich deshalb, da nach Ihrer
Art modeln und künsteln zu wollen, wo die Natur so kräftig und schön gebildet
hat!
    Er ging nach dem fürstlichen Garten, um sich zu sammeln. Unter dem tiefen
Schmerz des Abschieds von dem liebenswürdigen Jüngling, in welchem er alle seine
schönen Träume von edler Menschheit nach und nach lebend aufblühen zu sehen
hoffte, tröstete ihn jetzt nur der einzige Gedanke, dass er durch sein Benehmen
die Härte des Schlages für ihn gemildert habe. Der gestrige Tag, die
Veranlassung zu dem Besuche bei dem Kammerrat, der alle die Ereignisse erzeugt
hatte, drangen auf ihn ein; er sah sich von allem als die Ursache an. Obgleich
der Bewegungsgrund seiner Handlung und seiner Reden so rein war, so sah er doch
jetzt mit trübem, traurigem Blicke zum Himmel auf, und seinen bebenden Lippen
entfielen die Worte:
    »Sieh das Schicksal eines von deinen edelsten Geschöpfen durch Zufälle
herbeigeleitet, die ich veranlasste, weil ich ganz andere Folgen davon erwartete!
Gehört der unvermutete, für mich so peinliche Schlag zu meiner, zu des Jünglings
Prüfung? Musste ihn darum eine so rauhe Hand aus dem süssen Traume aufschrecken,
aus welchem ich ihn ohne Erschütterung zu erwecken hoffte? Ich hatte sein
Erwachen vorbereitet, und mitten in dieser Welt sollte er so leise und sanft
erwachen, wie der Säugling an dem Busen der sorgfältig wachenden Mutter. Gleich
ihm sollte er wissen, wohin er sein Haupt legen könnte. Ganz sollte er erst
fühlen, wie und wozu du den Menschen gebildet hast, eh er erführe, was der
Mensch aus sich gemacht hat! Ich kann es nun nicht mehr. Erhalte du ihm die
Denkungsart, die ich so sorgfältig gewartet habe; entferne den finstern Eindruck
dieser Ereignisse von seinem reinen Geiste und lass die Worte der Beschwörer von
seinem guten Herzen abgleiten. Gib ihm einen guten Führer, der seine Seele nicht
mit Tand, Wahn und Gaukeleien vergifte. Bewahre das Heiligtum seines Herzens, in
welchem sich die Schöpfung, dein erhabenes Werk, so schön und treu abspiegelt.
Lass mich ihn einst wiederfinden, wie du mir ihn gabst!«
    Hadem kam spät nach Tische zurück. Seine Zöglinge, gespannt durch die
Erwartung des Ausgangs von ihrem Unternehmen und beunruhigt über die
ungewöhnliche, lange Abwesenheit ihres Lehrers, sprangen ihm entgegen, als sie
ihn die Treppe heraufkommen hörten, und führten ihn in ihr Zimmer. Er trat bis
in die Mitte desselben, sah Ernsten mit seiner gewöhnlichen Freundlichkeit an
und sagte:
    »Lieber Ernst, vergessen Sie nicht, was ich Ihnen in diesem Augenblick und
viel früher sagen muss, als es mein Vorsatz war.
    Auch das, Geliebten, was den Menschen allein gut, gross und erhaben macht,
was seinen Ursprung von dem allein beweist, mit welchem er durch seinen
unsterblichen Geist verbunden ist - auch die Tugend hat auf Erden und unter den
Menschen ihr Mass und ihre Regel - auch sie verträgt, zum Besten derer, für die
sie ausgeübt wird, wie zum Besten derer, die sie ausüben, keine Übertreibung.
Das Herz -«
    Er wollte seine Empfindungen und Gedanken weiterentwickeln, als der
Präsident hereintrat:
    »Sie haben mir nur halb Wort gehalten, Herr Hadem; aber da es das erste
gescheite Wort ist, das Sie den jungen Leuten gesagt haben, so mag es darum
sein. Das letzte ist es gewiss.«
    HADEM: So lassen Sie mich denn in Ihrer Gegenwart den Abschiedskuss von
meinen Zöglingen nehmen und verantworten Sie die Folgen vor dem, der diesen
Geist so erschaffen hat, wie ich ihn kenne. Zu den Jünglingen. Die Notwendigkeit
gebietet hier; lernen Sie von mir ihr Joch tragen.
    Er drückte Ferdinanden und dann Ernsten an sein Herz. Ferdinand schrie laut
und heftig. »Was ist das? Verlassen Sie uns?«
    Ernst sah, mit der Aschfarbe des Todes bedeckt, auf Hadem, auf den
Präsidenten und stammelte seinem Freunde nach: »Verlassen!«
    Hadem bedeckte seine Augen und eilte davon.
    PRÄSIDENT: Es tut mir leid, lieber Neffe; aber es kann nicht anders sein.
Der verräterische, schändliche Brief, den er dem Fürsten geschrieben hat oder
durch dich schreiben liess, veranlasst seine Entfernung. Er kann von Glück sagen,
dass der Fürst mich rufen liess und mir die Sache anvertraute; ohne meine Bitten
und Vorstellungen wäre er für die Tat bestraft worden, wie er es verdiente.
    ERNST: Er gestraft? Er den Brief geschrieben? Er hat ja nicht das mindeste
davon gewusst! Ich, ich habe den Brief erdacht und geschrieben, als er und
Ferdinand noch schliefen, und ihn in dem Garten des Fürsten auf seine Ruhebank
gelegt, ehe Hadem noch aufgestanden war.
    PRÄSIDENT: Neffe, ich sage, er hat ihn geschrieben!
    ERNST: Er hat ihn nicht geschrieben; er weiss kein Wort davon. Ist es eine
Torheit, um so schlimmer für den Fürsten; aber ich allein beging sie.
    Der Präsident stampfte zornig mit dem Fusse auf den Boden und rief:
    »Neffe, bei meinem Gott! er muss den Brief geschrieben haben!«
    ERNST: Kennen Sie Ihren Neffen als Lügner?
    PRÄSIDENT: Er gestand es selbst.
    Sobald Ernst diese Worte vernahm, sprang er nach der Türe. Der Präsident
trat vor ihn:
    »Umsonst, du siehst den Pedanten nicht wieder; er hat seinen Abschied, und
ich kam, es dir anzukündigen.«
    ERNST: Seinen Abschied? - Oheim! - seinen Abschied von mir? - Mit starrer
Kälte. - Herr Oheim, geben Sie ihm seinen Abschied nicht - jetzt nicht - oh, nur
jetzt nicht! -
    PRÄSIDENT: Es ist nicht zu ändern. Aber warum nur jetzt nicht? Hast du ihn
noch zu einem solchen Geschäfte nötig?
    ERNST: O ja; ich habe ihn zu einem sehr wichtigen Geschäfte nötig. Tun Sie
es nur jetzt nicht! - nur jetzt nicht! - Es wird Sie gewiss reuen - denn ich
glaube, es wird mich sehr unglücklich machen - jetzt, in diesem Augenblick, wird
es mich mehr als unglücklich machen!
    Es lag etwas Erschütterndes, unbeschreiblich Rührendes in dem sanften
ernsten Tone, den zitternden Bewegungen der Lippen, dem schüchternen
Umherblicken der Augen und der ganzen Stellung des Jünglings. Er setzte selbst
den Präsidenten in besorgtes Erstaunen. Ferdinands Tränen und Schluchzen nahmen
mit jedem Blicke, jedem Worte von Ernsten zu. Er rief: »Ernst, wir sind
verloren!«
    PRÄSIDENT: Schweige du! - Sanft zu Ernsten. Und was ist es denn, das eben
jetzt von so vieler Bedeutung für dich ist?
    ERNST: Oh, er hat mein Herz mitten entzwei geschnitten - er hat vor meine
lichte Seele einen schwarzen Vorhang gezogen. Lassen Sie ihn schnell
zurückkehren, dass er mein Herz wieder ergänze, meiner Seele wieder das Licht
gebe, das er um sie her erschuf.
    PRÄSIDENT: Du schwärmst und träumst gleich einem faselnden Phantasten.
    ERNST: Ja, freilich träume ich jetzt; aber so zu träumen ist fürchterlich -
so zu schlafen ist ängstlich. Lassen Sie Hadem schnell zurückkehren, dass er mich
aufwecke! dass ich ja erwache, Oheim, dass ich ja nicht lange so träume! Oheim, er
hat die erhabne Göttin gelästert, die mich leitet; und er soll, er muss mir
sagen, warum er sie gelästert hat.
    PRÄSIDENT: Welche Göttin?
    ERNST: Kennen Sie denn diese Göttin nicht? Sie hörten ja, wie er sie
lästerte! - Oheim, er hat auch Sie gelästert, alle Menschen; denn seine letzte
Rede ist eine Satire, eine Schmähung auf das ganze Menschengeschlecht. Er sagte:
die Tugend habe auf Erden ihr Mass und ihre Regel, vertrage keine Übertreibung.
Sie, die ich mir denke als das ganze Menschengeschlecht in einem Kreise
umfassend, der von dem Trone dessen ausgeht, der es erschaffen hat, sie, die es
erhält, allein emporhebt über diese Erde, sie, diese Himmlische, Unendliche,
müsste beschränkt und vorsichtig ausgeübt werden? - nach Mass? - nach Regeln? -
Die Menschen vertrügen sie nicht in ihrer ganzen Kraft? - Und ihr ganzes volles
Dasein in meiner Brust - was ist denn das? Und was ist sie, wenn sie allen
Menschen nicht so natürlich und willkommen ist wie mir! Darf sie auf Erden nicht
in ihrem vollen Glänze erscheinen, nur stückweise, nur behutsam, wie ein Gast an
einer Tafel, den man nicht eingeladen hat? Oder ist das Wesen der Menschen auf
Erden so eingerichtet, dass ihre Gegenwart sich nicht damit verträgt? Gründet
sich das Wesen und Tun des Menschen nicht auf sie? O gewiss, Oheim, ist das
gepanzerte Gespenst, von dem Sie gestern so abschreckend für mich sprachen, ihr
Feind - Und wenn dieses ist - Oheim - wenn dieses ist - so sagen Sie mir
geschwind: warum ist es so? warum sind die Menschen da? warum bin ich da? - Sie
schweigen! - Lassen Sie Hadem zurückkehren, dass er mich belehre, meinen Zweifel
beruhige, meine Göttin versöhne! - Soll ich ihm durch das Fenster, über Berge,
durch Flüsse folgen? - Fort! nach meinen Bergen, meinen Tälern, meinem
Eichenwalde, in meine düstre Höhle! Dort werde ich ihn und meine Göttin
wiederfinden, dort erschien sie mir, dort ist ihr ungestörter Aufentalt.
    Die Empfindungen, die Gedanken des Jünglings, mit dieser Kraft, dieser
Begeistrung ausgesprochen, verwirrten den Präsidenten immer mehr, und die
Bewundrung des Neuen, Unerwarteten fesselte einige Augenblicke seine Zunge. Er
fasste sich, so viel er konnte:
    »Jetzt erst beweisest du mir recht klar, wie notwendig die Entfernung dieses
Mannes von dir ist. Beruhige dich! Du kannst den Sinn der einzigen wahren und
klugen Worte, die er gesprochen hat, jetzt nicht begreifen; wenn du mehr bei dir
bist, will ich ihn dir deutlich machen.«
    ERNST: Versuchen Sie es ja nicht! Von ihm muss ich es hören. Er nur weiss, wo
es mir not tut; er nur weiss, was ich bedarf. Wüssten Sie es, Sie würden ihn nicht
entfernt haben.
    PRÄSIDENT: Du wirst, du kannst ihn nicht wiedersehen. Willst du ihn dem
Zorne des Fürsten aussetzen und ihn unglücklich machen? Nur in seiner Entfernung
liegt seine Rettung.
    ERNST: Oheim, Hadem fürchtet keinen Fürsten der Erde, und um meinetwillen
trotzte er der ganzen Welt, so wie ich um seinetwillen die ganze Welt nicht
fürchte. Ich liebe ihn - Oheim, o wenn Sie wüssten, wie ich ihn liebe! - Für ihn
zu sterben, wäre das wenigste, was ich für ihn tun könnte. - Er tät es für mich
- und er sollte mich aus Furcht vor Menschen verlassen? mich, seinen Schüler,
dem er tausendmal sagte, dass er durch mich seinem Leben Wert zu geben hoffte?
Lassen Sie ihn zurückkehren, Oheim! Ich beschwöre Sie bei Ihrem Leben! bei
meines Vaters Leben! bei meiner Mutter in jenem Leben! bei der Tugend, die er
mir entstellt hat! lassen Sie ihn zurückkehren! Mein Leben, alles, was ich bin,
was ich werden soll, liegt auf dem Flügel dieses vorübereilenden Augenblicks! -
Oh, nur diese Nacht! Nur eine Stunde! Nur eine Viertelstunde, dass er den
Gedanken ausführe, den Sie unterbrachen, dass er mein Herz heile, dass er mich
wieder zu dem schaffe, der ich war!
    PRÄSIDENT: Er selbst verlässt dich; er selbst sagt, nach diesem Streiche
könne er nicht mehr in unserm Hause bleiben.
    ERNST: Sagt er das? Er verlässt mich? verlässt mich willig? So muss es recht
sein, was er tut, so fällt die ganze Schuld auf mich allein. So habe ich ihn
vertrieben! durch eine Tat vertrieben, wobei ich von ihm nichts befürchten zu
dürfen glaubte! So muss es sein; denn anders hätte Hadem mich nicht verlassen
können. Er handelt auch hier gerecht; denn, sehen Sie, Oheim, an Hadem glaube
ich, wie ich an meine Göttin glaube.
    Er stand mitten in dem Zimmer, erhob seine Augen gegen die sich neigende
Sonne, deren Strahlen durch einen dunkeln, vor dem Fenster stehenden
Kastanienbaum gebrochen in das Zimmer fielen. Die Begeistrung schimmerte in
seinen Augen; ein Licht, wie es von dem unsterblichen Geiste des Menschen
ausgeht, wenn dessen ganze Kraft ihn durchdringt, umglänzte seine Stirne und
schoss nun in Blitzen aus seinen Augen. Er rief:
    »Nein! nie werde ich dir untreu werden, erhabene Göttin! Dir folge ich, von
Hadems Lehren geleitet. So ferne du auch schwebst, so bist du mir doch nahe und
sichtbar. Ich stehe unter deinem Schilde, ich gehöre dir an, und sollte mich
auch das furchtbare Gespenst meines Oheims mit seiner gepanzerten Faust
zerschmettern. Bin ich nicht unsterblich, unvergänglich wie du?« Sein Blick fiel
auf den Blumen- und Ährenkranz, den jetzt die Abendsonne beleuchtete:
    »Schon welkte deine Blüte in der Sonnenhitze; erst gestern pflückt ich sie
frisch in den Feldern der Glücklichen als ein Denkmal der stillen Tugend. Und
doch bist du es noch, und zerfielest du auch in Asche - du bleibst es doch!«
    Er nahm den Kranz von der Wand, und seine Tränen benetzten ihn:
    »Alles hat mich verlassen - denn er hat mich verlassen; und von dem Dasein
meiner Göttin habe ich keinen andern Beweis als dich! So umwinde nun meine
Schläfe und lispele meinem Geiste und Herzen die Gedanken und Empfindungen zu,
unter denen ich dich pflückte!«
    Ferdinand fiel ihm um den Hals.
    »Und ist dir Ferdinand nichts? Hat Hadem nicht auch mich verlassen?«
    ERNST: Ja, und nun erst bist du eine Waise! Doch du sollst mich haben, und
auch du sollst diesen Kranz tragen, und wir wollen durch ihn in eins verbunden
sein.
    Die Jünglinge umarmten sich, und ihre Seelen, ihre Tränen flossen
ineinander.
    Einen Augenblick legte Ernst Ferdinanden den Kranz auf das Haupt; dann
hängte er ihn wieder an die Wand.
    Der Präsident sah dem Schauspiele gerührt zu; aber der kalte Geist der
Welterfahrung sagte ihm bald: »Die feurige Ergiessung des Jünglings ist gut und
heilsam; die Ruhe wird um so gewisser und schneller darauf erfolgen.«
    Ernst bestärkte ihn in dieser Meinung, da er nun gefasst zu ihm trat und
sagte:
    »Mein Vater wird bald kommen und Ihnen die Sorge für Ihren Neffen abnehmen.
Bis dahin wird ihn der Geist Hadems führen. Dieses Zimmer verlasse ich nicht,
bis zur Rückkehr meines Vaters. Ich traue nun der Welt nicht mehr; Ihre Worte
und diese Ihre Tat dienen mir zur Warnung.«
    Der Präsident versuchte ihm zu liebkosen; aber Ernst antwortete:
    »Dieses ist die Stunde, in welcher Hadem mit uns die Taten der Männer der
Vorwelt las. Er wird nicht kommen; aber wir werden denken, er sitze bei uns, und
alles das tun, was wir in seiner Gegenwart zu tun pflegten.«
    Er legte ein Buch auf Hadems Platz, stellte einen Stuhl für ihn hin, dann
zwei andre für sich und Ferdinand und sagte zu diesem:
    »Ferdinand, er ist mitten unter uns!«
 
                                  Zweites Buch
                                       1.
Der Präsident hoffte durch Vorstellungen des Unschicklichen und durch
freundliche Begegnung Ernsten von seinem Vorsatz abzubringen; aber an der Ruhe,
der Kälte, womit dieser darauf beharrte, sah er wohl, dass er damit nichts
ausrichten würde. Er schmeichelte sich indes, der beschränkte, einförmige
Aufentalt würde dem jungen Menschen bald lästig werden; doch auch hierin irrte
er sich. Ein Tag verfloss nach dem andern, und er sah in dem Gesichte des
Jünglings keine Spur des Verlangens oder der Unbehaglichkeit; er bemerkte nicht
die sanfte Melancholie, welche Ernst in seinem Busen darüber nährte, dass er
durch seinen Brief Hadems Entfernung veranlasst hatte. Es schien, als hielte er
seinen Schmerz für einen geheimen Schatz, der an seinem Werte verlöre, wenn er
ihn einem menschlichen Auge zeigte. Diese Stärke, diese Ruhe wirkten auf den
Präsidenten, und in den ersten Tagen bewunderte er sogar dieses Betragen; da
aber Ernst ohne weitere Äusserung immer dabei beharrte, so setzte sich ein
bitterer, tiefer Unwille in dem Herzen seines Oheims fest, der nur eine neue
stärkere Veranlassung zu erfordern schien, um in unauslöschlichen Hass
überzugehen. Jetzt sah er sich von seinem Neffen einem Fremden nachgesetzt, von
einem Knaben verachtet und beleidiget, und um so mehr beleidiget, da er alles zu
dessen Bestem getan zu haben glaubte und für alle seine Bemühungen nichts als
Beweise eines störrischen, undankbaren Gemüts entdeckte, das, durch eine
Schimäre verzerrt, keines einzigen natürlichen und vernünftigen Verhältnisses
unter Menschen achtete.
    Ferdinand sah in den ersten Tagen den Entschluss seines Freundes als etwas
Heroisches an, und es gefiel ihm ungemein; aber bald merkte Ernst, dass sein
lebhafter Gesellschafter sehnende Blicke nach der Ferne warf, dass er den im
Garten Spazierenden verlangend nachsah. Er bat ihn, in Gesellschaft zu gehen und
ihn allein zu lassen.
    Ferdinand antwortete:
    »Ich sollte dich verlassen, ich, der ich schuld an deinem Kummer und an
Hadems Entfernung bin? ich, der ich dich angefeuert habe, den Brief zu
schreiben?« -
    Ernst legte seine Hand auf seine Brust:
    »Sieh, dieses allein ist schuld - und war es ein Fehler, so muss ich wohl
dafür leiden. Hadem verzeiht mir ihn gewiss. Lass du mich nur immer allein; es
scheint ja doch nur so, als sei ich allein.«
    Er konnte Ferdinand auf keine Weise bewegen, ihn zuzeiten zu verlassen.
Dieser gestand ihm geradezu, er fände ihre freiwillige Gefangenschaft wohl
langweilig, aber er würde es anderwärts, ohne ihn, noch unerträglicher finden.
»Es würde mir gehen«, setzte er hinzu, »wie damals, als du krank warst. Lief ich
auch einen Augenblick in den Wald, so hörte und sah ich doch nichts anders als
dein schweres Atemholen, dein im Fieber glühendes Gesicht.«
    Ernst drückte ihm die Hand und rechnete ihm in seinem Herzen das Opfer um so
höher an.
    Ernstens Geistesstimmung schildert sich am besten in den Bruchstücken von
Briefen an Hadem, die er niederschrieb, während dass Ferdinand schlief, und dann
sorgfältig aufbewahrte.
                                 Ernst an Hadem
Ich habe meinen Oheim gebeten, Ihnen schreiben zu dürfen; er antwortete mir, Sie
hätten ihm Ihr Wort gegeben, weder einen Brief von mir anzunehmen, noch zu
beantworten. Das Vergehen Ihres Schülers muss sehr gross sein, da Sie gar nichts
von ihm hören, ihn vielleicht ganz vergessen wollen. Doch vergessen können Sie
ihn nicht, lieber Hadem; verlassen mussten Sie ihn und konnten gewiss nicht
anders. Sie mussten, und vermutlich mussten Sie auch Ihr Wort geben, mir nicht zu
schreiben; sonst wäre es nicht geschehen, sonst konnten Sie es nicht tun. Und
der Grund, der Sie dazu nötigte, muss ebenso gerecht als zwingend sein; denn,
lieber Hadem, was sollte aus mir werden, wenn ich dieses nicht glaubte! Ich
glaube daran wie an die Tugend, und darum will ich Ihnen auch gar nicht sagen,
wie weh mir dies alles tut, damit es Ihnen nicht wehe tue, damit Sie mich nicht
allzu sehr bedauern. Wie schmerzlich müsste es Ihnen nicht sein, mich verlassen
zu haben, wenn Sie wüssten, in welchem Zustande ich bin! Aber was wollte ich
Ihnen doch schreiben? Dieses war es wenigstens nicht. Es geht mir so wunderlich
durch den Kopf - durch das Herz, wollt ich sagen - dass ich gar nicht weiss, wovon
ich reden will und soll. Ja, das war es!
    Warum mussten wir den stillen, ruhigen Aufentalt meiner glücklichen Kindheit
verlassen? warum die hohen Felsen, die sprudelnden Quellen, die blühenden Täler
mit ihren guten freundlichen Bewohnern, den rauschenden Strom, den dunkeln
Eichenwald - die Wiege Ihres Schülers, verlassen? Nun dringt mein trauriger,
gebeugter Geist immer dahin; wir sitzen unweit des Stroms auf einer Anhöhe - die
kühle Abendluft umsäuselt uns - wir sehen die untergehende Sonne auf goldnen
Wolken ruhen - ihr Glanz verklärt Ihr Angesicht, und Ihre Gedanken bei diesem
Schauspiele, die alle Keime meines innern Wesens entfalteten, steigen wieder in
meinem Herzen auf. Ich fühle dann die Luft, die dort wehte, an meinen Wangen;
ich höre das Säuseln der Bäume - die Schalmei unsrer Hirten - den Gesang, das
frohe Gelächter unsrer Mädchen - und alles, was ich dachte und fühlte, steigt in
meinem Busen lebendig auf. - Und erwache ich aus diesen süssen Träumen, so frage
ich ängstlich: »Warum haben wir dieses verlassen? Darum, dass erfolge, was mir
widerfahren ist?« Mir antwortet keiner, lieber Hadem; und ich vermag es ja
nicht, da mir alles dunkel ist.
Ja dort, da kannte ich keinen Kummer, keine Veränderung; da stand der Tempel des
Glücks und der Freude auf jeder Stelle, denn das unschuldige Herz bauete ihn
überall auf. Wütete auch zuzeiten ein Sturm, so geschah es nur, die Gegend um
uns her erhaben-schauerlicher zu machen; und beleuchtete das Licht sie wieder,
so lag sie vor uns in neuer, erfrischter Herrlichkeit. Wir bebten staunend und
schaudernd bei den Blitzen, den Schlägen des Donners, bewunderten die Macht der
Natur in ihren grossen, erschütternden Erscheinungen, und süsse Freude
durchströmte uns, wenn wir nach der Gefahr die einsame Lilie unverletzt im Tale
wiederfanden. Erinnern Sie sich, wie ich Ihnen einmal kindisch sagte, als die
dicken Tropfen des nächtlichen Sturmregens von den noch leise schwankenden
Pappeln auf unsre Häupter fielen: »Hadem, die Pappeln weinen vor Freude, dass sie
den gewaltigen Sturm überstanden haben und noch grünen, noch leben.« Ich kann
dieses nicht von mir sagen - der Sturm, der mich überfiel, dauert fort - und
noch lebe ich - es ist der erste, Hadem, und ich bin noch zu jung. Noch hat die
Zeit den Stamm, auf dem mein Wipfel ruhen soll, nicht abgehärtet. Die Stütze,
deren ich bedarf, sank weg; mein Licht verschwand mir plötzlich und kehrt nicht
wieder. Vor meinen Augen liegt nun eine Dämmerung wie die Dämmerung meiner
Höhle, wenn ein plötzlicher düsterroter Fackelschein die dunkelsten Winkel
derselben erleuchtet. Kaum entdecke ich meine Göttin in dieser Dämmerung, und
nur dann werde ich sie wieder in ihrer ganzen, reinen Klarheit sehen, wenn ich
da sein werde, wo sie mir zum erstenmal erschienen ist. Und wenn sie mir nicht
wieder erschiene! Hadem, wenn auch sie mich verlassen hätte, da der mich
verlassen hat, der mir die Wolke öffnete, die sie mir verbarg!
Ich las einmal in einem Buche von einem frommen Jünglinge: es habe diesem
frommen Jünglinge geträumt, ein schöner, glänzender Engel küsse ihn im Schlafe.
Dieser Kuss habe auf seinen Lippen einen solchen unauslöschlichen, süssen Eindruck
zurückgelassen, dass er ihn sein ganzes Leben hindurch gefühlt, sich nie von
einem Sterblichen die Lippen mehr berühren lassen und nie ein unreines oder
sündliches Wort gesprochen habe. Hadem, Sie sagten, es sei sonst ein sehr
einfältiges Buch, aber diese einzige Stelle entalte einen so tiefen Sinn, dass
er alles andere Törichte reichlich bezahlte, und Sie möchten diese Stelle lieber
geschrieben haben als das gelehrteste Werk. Ich verstehe jetzt diesen Sinn!
    Was habe ich nicht alles erfahren, seitdem wir den Ort verlassen haben, wo
ich an Ihrer Seite wandelte! wo die schönsten Blüten des Geistes von Ihren
Lippen auf mich herabregneten und Ihre Empfindungen und Gedanken mir immer so
erschienen, als wären sie mir aus einer vergangenen Zeit, aus einem fernen Lande
her bekannt, deren Erinnerung Sie bloss erweckten und auffrischten!
Aber was ich sagen wollte, Hadem! Ihre letzten Worte! - Ich muss es Ihnen sagen,
und sollte ich Sie auch ängstigen - denn mich überfällt eine unbeschreibliche
Angst, wenn ich sie höre - und ich höre sie immer - im Schlafe - im Wachen - ich
höre sie im leisen Winde, der durch den Kastanienbaum vor meinem Fenster mich
anweht. - Warum unterbrach Sie mein Oheim mitten in Ihrer Rede? - Sollte die
Tugend das sein, was Sie mir sagten - was soll dann aus mir werden? Zerstückelt,
in Teile zerstückelt, die vor meinem Geiste zerrissen schweben - nach Masse
gemessen, nach Regeln gezogen - nach Verhältnissen abgewogen soll ich sie in
Rücksicht meiner und der Menschen denken? Das einzige Gute, das einzige Wahre,
die Tugend, leide keine Übertreibung? Was heisst hier Übertreibung? So soll ich
das nie in seiner ganzen Kraft und Stärke ausüben können, was meine Brust
ausfüllt, was mir allein der Mittelpunkt von meinem und der Menschen Dasein zu
sein scheint? So ist sie zu erhaben für den Menschen, um sie ganz zu besitzen,
um sie ganz auszuüben? Ihre Worte, Hadem, nicht die meines Oheims, von jenem
unglücklichen Abend auf einen so glücklichen Tag, erzeugen quälende Zweifel in
meinem Geiste; und doch scheint es, dass sie genau mit den Ihrigen
zusammenhangen. Hadem, wenn es so ist - wenn es ganz so ist, so geben mir die
Worte meines Oheims über einen mir so dunkeln, so weit entlegenen Gegenstand
mehr Licht als ich je zu sehen wünsche, als ich je ertragen kann. So sprengte er
zwischen mir und der Welt eine Kluft auf, in die ich mich stürzen muss, die ich
nicht überspringen kann, weil Sie mir fehlen, nachdem Sie dieselbe so weit
auseinandergerissen haben, dass sich meine Haare vor ihrem klaffenden Schlunde
sträuben.
    Verstehen Sie, was ich sagen will? Ich empfinde wohl, dass ich dunkel rede,
so dunkel, wie ich fühle; aber dies ist eben mein Unglück, dies ist es, worüber
ich klage, was für mich so ängstlich ist - da eben liegt die Qual, dass ich das
Dunkel nicht erleuchten, nicht durchdringen kann, in das mein Oheim mich
geführt, in das Sie mich tiefer gestossen und dann verlassen haben. Mich, einen
siebzehnjährigen Jüngling! mich, Ihren Schüler, Hadem! Ich fühle wohl, dass ich
den ganzen Kampf bloss meinem Herzen überlassen sollte, dass ich da gewiss Grund
finden würde; aber, Hadem, kann ich auch die Gespenster in die Flucht schlagen,
in deren Mitte mich mein Oheim gestellt hat und die nun mit ihren verzerrten
Larven meine Einbildungskraft schrecken?
Es ist schrecklich! - Lesen Sie nur und sagen Sie mir geschwind, was daraus für
mich werden soll. Beinahe fange ich an zu begreifen, dass solche Männer wie Sie
und der Kammerrat, und wie ich durch Sie einer werden sollte, dem Gespenste
meines Oheims zuwider sind, weil es durch sie als das erscheint, was es wirklich
ist, was es nicht sein sollte. Bin ich auf der Spur? auf der rechten Spur? Nun,
meine Göttin, so nimm du den verlassenen Jüngling in Schutz! - Hadem, ist jenes
Wesen ein Popanz, von Menschen zusammengesetzt, um Kinder und Schwache zu
schrecken? Ist es ein falscher Götze, den seine Priester auferzogen,
wohlgepflegt und dann in das Dunkel hinter dem Altar gestellt haben, damit
keiner von den Anbetern den Betrug entdecke? Sagen Sie mir das! beantworten Sie
mir nur dieses schnell! Muss es so sein? Vertragen es die Menschen nicht anders?
Warum sagten Sie mir denn, die stillste, geräuschloseste Leitung der Menschen
auf Erden sei die beste und weiseste, sie müsse einem Sommerregen gleichen, der
die Erde befruchte, ohne dass man ihn höre?
    Ich dachte, das Leben und Tun der Menschen unter- und gegeneinander sei so
freundlich, ihre wechselseitige Not schlinge ein Band um sie alle, dem sich
keiner entziehen möchte, das jeder gern fester zusammenzöge, und der beste und
auch der glücklichste unter ihnen sei der, welcher am meisten Gutes tun könnte,
auch sei er der Beliebteste und Willkommenste. Und ist es nicht so? Darf es
keiner auf seine Weise? Auf die gerade, die rechte Weise?
Auch für den guten Kammerrat ist es mir, wie es scheint, nicht gelungen. Mein
Oheim sagt überdies, ich hätte mich lächerrlich bei dem Fürsten gemacht.
Lächerlich? Desto schlimmer für den Fürsten, wenn man sich mit solchen
Erinnerungen bei ihm lächerrlich macht! Oder liegt das Lächerliche nur in dem
Neuen für ihn, oh, so ist es noch schlimmer! Was forderte ich denn von ihm? -
Die Geschichte des Kammerrats ist mir nun so klar - übte nicht auch er die
Tugend mit seiner ganzen Kraft, ohne alle Rücksicht auf sich, aus? Er ging ja
nicht mit dem Masse in der Hand an das Werk, er berechnete ja sein Tun und Wirken
nach keinen Regeln, folgte ja nur der Weisung seines guten, menschenfreundlichen
Herzens! - Und darum? darum? - Von seiner Geschichte begann alles, was mir
widerfahren ist; aus ihr entsprangen in meinem Kopfe die ersten ängstlichen
Gedanken über das Wesen der Menschen - und was darauf erfolgte, entwickelte und
verwirrte sie immer mehr. So liegt denn das Ding, das mein Oheim System nennt,
wie ein Joch auf dem Nacken aller? und jedem, der es trägt, ist seine Furche so
scharf abgezeichnet, dass er seinem Herzen und Geiste völlig entsagen muss, um,
solange er es trägt, die einmal gezogene Linie, ohne auszutreten, auf und ab zu
ackern? - Hadem, reden Sie doch! Ich fordere in meiner Not Ihren Geist auf, der
um mich ist. Er schweigt, alles schweigt um mich; ich sehe die Sichel des Mondes
am gestirnten, ruhig erhabenen Himmel, höre nichts als das Lispeln des Windes in
dem Baume vor mir und das leise Atemholen meines schlafenden, glücklichen
Freundes. Er ist es, Hadem; er weiss, er ahndet nicht, was mich quält, und er
soll es nie erfahren. Genug, dass einer leidet. Und weiss ich, ob er es ertrüge
wie ich? ob es nicht noch schlimmre Wirkung auf ihn hätte als es auf mich hat? -
Gute Nacht, Hadem. Ich vernehme Ihre freundliche Antwort nicht mehr wie sonst,
kann Ihnen nicht mehr nachsehen, wie Sie sich langsam nach Ihrem Zimmer begeben,
sich nochmals umwenden, mir noch zum letztenmal zuwinken. Ach, jetzt scheine ich
mir ganz allein auf der Erde lebend, allein wachend. Die von der Nacht
umschleierte Erde liegt vor mir wie ein düster geschmücktes Grab; die
flimmernden Sterne und der helle Mond sind die Lichter, welche diesen Kirchhof
mit ihrem sanften Scheine beleuchten. Ich rufe in der Einsamkeit über dieses
Grab, und keiner anwortet mir, keiner löset meine Zweifel. Soll ich mir allein
trauen? mich befragen? Ist die Zeit, die ich jetzt lebe, eine Prüfungszeit, so
früh mir aufgelegt, mein Herz und meinen Verstand zu üben? Dieser Gedanke kommt
jenseits dieses Grabes her; er kommt von Ihnen, Hadem. Ich will ihn fassen und
mich fest daran halten.
Wir leben recht glücklich, und ich sehne mich nach meinem Vater, den wir in
kurzem erwarten. Was wird er sagen, wenn er Sie nicht findet? Wie wird er seinen
Sohn bedauern, der Sie verloren hat! Indes arbeiten wir so fort, als wenn Sie
bei uns gegenwärtig wären. Wir lesen in den Ihnen bekannten Büchern von den
Stellen an, wo wir mit Ihnen stehengeblieben sind. Bei schweren fragen wir Sie
um Rat; und wenn Sie dann schweigen - es ist wahr, einigemal füllten sich meine
Augen mit Tränen bei Ihrem Schweigen, aber ich suche sie vor Ferdinand zu
verbergen, um ihn nicht zu bekümmern. Denken Sie, der Freundliche opfert sich
mir zuliebe so weit auf, dass ich ihn nicht überreden kann, das Zimmer zu
verlassen; und Sie begreifen leicht, was dieses dem Lebhaften kosten muss. Haben
Sie einen Freund, Hadem? Möchten Sie doch einen haben! Sie würden weniger
leiden, dass Sie mich verlassen mussten; denn ich weiss, ich fühle ja, wie weh es
Ihnen tut, dass Sie mich haben verlassen müssen.
Mein Oheim sagte mir, er würde dem Kammerrat Kalkheim eine Stelle geben, die ihm
reichlich die verlorne ersetzen sollte. Nun spricht er, der Kammerrat habe sie
ausgeschlagen und äussere sich, er ziehe seine jetzige Lage jeder vor, selbst der
ehemaligen. »Du siehst also«, setzte er hinzu, »für wen ihr den unbesonnenen
Streich gemacht habt, dass man die Menschen erst kennen muss, bevor man etwas zu
ihrem Besten unternimmt. Erst hättet ihr bedenken sollen, ob der Tor des
Dienstes bedurfte oder wert war. Du siehst also, Neffe, dass sich Hadems letzte
Worte besser bewähren als seine Handlungen, dass die gute Absicht bei einer
Handlung nicht genug ist, dass man dich durch Täuschung zu einer schlechten gegen
deinen nächsten Blutsverwandten reizte und dass der, um dessentwillen sie
geschah, dir nicht einmal Dank dafür weiss.«
    Seine schrecklichen Worte durchdrangen tief meine Seele. Was sollte ich ihm
antworten! Ich wusste es in diesem Augenblick wirklich nicht; denn das Gefühl,
dass ich durch diesen Schritt, der selbst dem, für den er geschah, unnütz
scheint, Sie, meine Ruhe, alles verloren hätte, presste mein Herz zusammen. Habe
ich mich nicht selbst aus dem Paradiese vertrieben, in welchem ich, an Ihrer
Seite, in Unschuld, Sicherheit und Unwissenheit einherging? Wenn meine erste gut
gemeinte Tat so ausfällt - solche Folgen für mich hat - mir solche Lehren
aufdringt, mir solche Aussichten in die Zukunft eröffnet - Hadem, was soll ich
von der Zukunft hoffen, was von der Welt denken, in welcher ich bald tätig
auftreten soll! Wenn ich bei jeder Tat, die mein Herz für gut und gerecht
erkennt, so verfahren soll, so wägend und berechnend - wird dann auch nur eine
so kräftig und rein aus ihm hervorspringen, wie sie sein muss, um diesen Namen
ganz zu verdienen? Wird bei diesem Wägen und Rechnen, bei dieser Rücksicht auf
die Verhältnisse um mich her, deren Umriss kein Auge erreicht, mein Blick sich
nicht nach und nach auf mich selbst zurückziehen? Und dann? Ja dann, wenn ich
einmal angefangen habe, die Tugend zu zerstückeln, um gerade so viel zu tun, dass
auch nicht das mindeste mehr geschehe als eben die Verhältnisse erlauben - dann,
Hadem, ist es mit mir und der Tugend aus. Dann bin ich ein recht guter
Handelsmann, der sein Kapital wohl anzulegen versteht, aber kein Mensch, wie Sie
einen aus mir bilden wollten. Meinen Geist schwindelt es vor diesem leeren,
starrende Kälte aushauchenden, sich immer weiter aufreissenden Abgrund - und ich
fürchte, die Gedanken, die ihr in mir erweckt habt, entfernen meine Göttin so
weit von mir, dass ich sie nicht mehr werde erreichen können. Um mich ihr auf den
Flügeln meines Geistes nachschwingen zu können, muss ich wieder fest glauben, dass
sie mit der einen Hand den glänzenden Sitz des Ewigen berührt und mit der andern
das Menschengeschlecht. Nach meinem dunkeln Eichenwalde! nach meinem rauschenden
Strome! meinen blühenden Tälern! meinen schroffen Klippen, aus denen der einsame
Adler zur Sonne emporsteigt! Wenn ich dann seinem kühnen Fluge nachsehe, und die
Lerche aus der Saat aufsteigt und über meinem Haupte wirbelt, und diese Stadt,
mit allem, was ich darin erfahren habe, aus meinem Geiste verschwunden ist, und
die freundlichen, glücklichen Landleute mich wieder anlächeln als den künftigen
Wohltäter ihrer Kinder - dann wird die Kluft verschwinden, die vor mir ist, dann
erst wird mir der Sinn, der in dem Kusse des frommen Jünglings liegt, recht klar
werden. Und sind nicht Sie mein Schutzengel? Küssten Sie mich nicht bei dem
plötzlichen Abschiede? begleiteten Sie nicht Ihren Kuss mit einem Blicke, der
meine Seele so durchdrang wie der Kuss des Engels die Lippen des träumenden
Jünglings? Hadem, dieser Ihr letzter Blick verlöschte in etwas den Eindruck
Ihrer Worte. Er sagte mir: »Verharre in der Lehre, die ich dir gegeben!« Und ich
setze hinzu: die Tugend muss das sein, was ich mir dachte, oder das ganze
Menschengeschlecht wäre längst zerfallen, es hätte sich längst zerstreuet, es
hätte sich in diesem gefährlichen Zustande, in dem es mir zu schweben scheint,
ohne sie nicht erhalten können. Sie ist ihm von dem Ewigen zur Erhalterin und
Beschützerin gegeben, und sie führt es wieder zu ihm zurück. Sie ist uns, was
die feste Ordnung der um uns rollenden Welten ist, die Sie uns so klar und schön
beschrieben haben. So wenig als die regellosen Kometen ihren fest bestimmten
Lauf nicht stören können, ebenso wenig vermögen die Toren und Bösen gegen die
Tugend. Sie bezeugen ihr Dasein, da sie durch allen ihren Wahnsinn, alle ihre
Bosheit das Band nicht lösen können, womit sie das Menschengeschlecht an den
Tron des Ewigen gebunden hat. Ja sie beweisen die Macht der Tugend wie jene
Kometen die Allmacht Gottes. Und was würde aus diesen Unglücklichen werden, wenn
sie nicht wäre! wenn alle ihres Glaubens würden! Hadem, sie erhält selbst die,
deren Herz sie nicht erkennt, deren Wahnsinn gegen sie arbeitet. Und ich sollte
nicht an sie glauben?
    Hadem, der Mann, der um ihrentwillen leidet, gleicht dem Märtyrer, dessen
vergossenes Blut den Glauben weiter ausbreitete, der selbst seinen Henker der
heiligen Sache gewann, für welche er soeben starb.
                                       2.
Einige Zeit nach Hadems Abreise brachte der Buchbinder Ernsten eine Anzahl
Bücher. Als Ernst sie in Empfang nahm, fand er vier französische Bände, die er
ihm nicht gegeben hatte. Er gab sie dem Buchbinder zurück und sagte ihm: »Diese
Bücher gehören vermutlich einem andern zu.« Der Mann erklärte ihm, Herr Hadem
habe sie ihm Donnerstag abends gebracht und ihm anbefohlen, sie seinem Zögling
Ernst von Falkenburg mit den andern zu übergeben.
    Es war der Tag der Abreise Hadems, und Freude floss aus Ernstens Herzen nach
seinen Wangen, in seine Augen. Er drückte die Bücher an seine Brust; und als ihm
der Mann sagte, Herr Hadem habe auf die Gegenseite des Titels vor dem ersten
Bande etwas geschrieben, eröffnete er ihn schnell. Er erkannte Hadems Hand und
küsste die Schriftzüge. Dann trat er auf die Seite und las leise:
    »Der Jüngling, der keinen Führer hat, wähle diesen. Er wird ihn sicher durch
das Labyrint des Lebens leiten, ihn mit Stärke ausrüsten, den Kampf mit dem
Schicksal und den Menschen zu bestehen. Diese Bücher sind unter der Eingebung
der lautersten Tugend, der reinsten Wahrheit geschrieben, sie entalten eine
neue Offenbarung der Natur, die ihrem Liebling ihre heiligsten Geheimnisse zu
einer Zeit entschleierte, da die Menschen sie bis auf die Ahndung verloren zu
haben schienen.«
    »Du siehst, Ferdinand«, rief Ernst entzückt, »dass Hadem uns nicht verlassen
hat, dass er uns nicht verlassen konnte. In diesem Buche muss sein Geist leben,
und er wird zu mir reden, ich werde ihn wieder hören.«
    Er schlug den Titel um und las: Emil.
    Es war das erste Buch unsers Jahrhunderts, das erste Buch der neuern Zeit.
Der Mann, der es schrieb, fasste den erhabenen Gedanken, die durch Üppigkeit,
Selbstigkeit, Witz, überfeinerte Ausbildung, durch eine Philosophie voller
Sophismen, eine alles zerstörende, sich selbst dadurch endlich auflösende
Regierung erwürgte moralische Kraft in seinen Zeitgenossen wieder aufzuwecken.
Dieses tat er so wahr und kühn, als er es fühlte, und mit der Stärke der
Beredsamkeit, deren nur derjenige fähig ist, in dessen Brust und Geist diese
moralische Kraft in ihrer ganzen Fülle wohnt. So tief wie er sah keiner die
Gebrechen der Gesellschaft, so tief wie er fühlte keiner, dass wahre Menschen in
derselben keine Stelle mehr finden können, auf welcher sie es ohne Gefahr
verbleiben dürfen. Sein scharfes Auge, sein forschender Geist, sein zartes,
verwundetes Herz entdeckten die Wurzeln des Übels; und mit kühner Hand riss der
Begeisterte die sich im Dunkel windenden Gänge auf, in denen sie vergraben
lagen, und verjagte die Gespenster, welche Stolz, Wahn, Eigenliebe und Gewalt zu
ihren schreckenden Wächtern bestellt hatten. Offen legte er das Gift dar,
welches das Edle und Wahre im Menschen zernagt, und nichts konnte ihn bestechen,
nichts ihn zurückhalten. Je mächtiger, je glänzender, je höher diejenigen
dastanden, welche dieses Gift erzeugten und unterhielten, desto schonungsloser,
desto kühner griff er sie an. In weissagendem Geiste sagte er den Vergiftern,
was ihnen bevorstände und wie eben das Gift, das sie ausstreuten, am Ende sie
selbst verzehren würde. Sie verschlossen ihm ihre Ohren. Er empfing von seinen
Zeitgenossen den Lohn, der jeden erwartet, welcher den Menschen die Wahrheit
sagt; aber eben dadurch legten sie bei der Nachwelt ein Zeugnis ab, dass er der
einzige Mann seines verderbten Zeitalters war, der ihnen den Spiegel der
Wahrheit treu vorhielt und sie vor dem Abgrunde warnte, den sie in ihrem Taumel
und Wahn selbst aufgruben.
    Nach vielen Leiden und Verfolgungen ist er in das Land zurückgekehrt, in
welchem er hier im Geiste wohnte: in das idealische Land, über welches der
Witzling spottet, an das der Eigennützige nicht glaubt und dessen Ahndung,
dessen Anerkennen unsern Ursprung und unsre Bestimmung allein beweisen. Und
trügen uns die schnellen Flügel des Geistes nicht dahin, wenn der Druck der
Gewalt, das Hohnlachen der Spötter, das Schauspiel der Torheit und Bosheit uns
drängt, verfolgt und empört - wo sollten wir Zuflucht vor ihnen finden? wie die
marternden Zweifel, die bittern Empfindungen, die aufrührerischen Gedanken
heilen?
    In jenem Lande ist unsre Zuflucht, dieser Mann sprengte die goldnen Pforten
unsers Vaterlandes auf, und vor dem Eingange rollte die Finsternis weg, welche
die Menschen davor gezogen hatten.
    Ernst verschloss die Bücher sorgfältig und sagte in seinem Herzen: »Da du mir
von Hadem geschenkt bist, so wirst du in diesem Hause nicht willkommen sein; du
sollst mich ja lehren, woran sie nicht zu glauben scheinen. Ich verschliesse dich
vor meinem Oheim und jedem, wie ich ihnen meine Brust verschliesse. In der Nacht
will ich dich öffnen und den Geist aus dir hervorrufen, der den Mann beseelte,
welcher dich der Welt gegeben hat.«
    Da Ernst in dem Französischen noch nicht sehr stark war, so entüllte er mit
vieler Mühe die ersten Worte dieses Buches: sie sind gleichsam die Inschrift an
diesem Tempel der Natur, den ihr Liebling dem Menschengeschlecht wieder geöffnet
hat.
    »Alles ist gut, wie es aus den Händen des Urhebers der Dinge kommt; alles
artet unter den Händen des Menschen aus. Er zwingt ein Land, die Erzeugnisse des
andern zu nähren, einen Baum, die Früchte des andern zu tragen. Er vermischt und
verwirrt die Himmelsstriche, die Elemente, die Jahrszeiten, verstümmelt seinen
Hund, sein Pferd, seinen Sklaven, er verkehrt, entstellt alles; er liebt die
Missgestalten, die Ungeheuer und will nichts, wie die Natur es gemacht hat,
selbst den Menschen nicht: man muss ihn für ihn zurichten wie ein Schulpferd, ihn
nach seiner Weise biegen wie den Baum seines Gartens.« (»Emile« 1. B.) Kaum
hatte Ernst den Sinn dieser Worte gefasst, als ihm ein lauter Schrei entfuhr, der
Ferdinand aus dem Schlafe weckte. Er beruhigte diesen und legte sich dann in das
Fenster. Seine Brust dehnte sich aus, seine Augen durchflogen den gestirnten
Himmel vom Niedergang zum Aufgang:
    »Also ist sie nur des Menschen Werk, diese Verzerrung, diese Ungestalt,
dieser Missklang mit mir! Und du bist, bist ganz wie ich dich dachte, fühlte und
sah! Diese Worte sagen mir es deutlich; ihr Sinn durchbebte meine Seele, und aus
dem Zittern entsprang ein Lichtstrahl des Himmels. Die Menschen konnten ihre
Bestimmung nur dadurch aus den Augen verlieren, dass sie das schönste, erhabenste
Werk der Schöpfung in sich und den Gegenständen um sich her verunstalteten,
verstümmelten und zerstörten. Und wie sie dieses bewirkten, wodurch sie so
unglücklich wurden und wie sie glücklich werden können, das soll mich dieser
dein Priester lehren, heilige Natur! Schon stehe ich vor den Geheimnissen; der
Vorhang ist aufgezogen, und der Geist meines Hadems steht mir zur Seite.«
    Mit eben der Anstrengung und Heftigkeit, mit welcher ein Durstiger in der
Wüste Afrikas arbeitet, den feuchten Boden aufzusprengen, unter dem er eine
Quelle wittert, sein kochendes Blut zu erfrischen, arbeitete Ernst an der
Entüllung der Worte, welche die Gedanken und Empfindungen verschleierten, von
denen er die Ruhe seiner Seele erwartete. Er stand vor dem Buche wie der
Unglückliche vor der begeisterten Priesterin zu Delphos, die ihm von ihrem
Dreifuss einen Rat erteilt, dessen Sinn er nicht ganz begreift. Seine beschränkte
Kenntnis dieser Sprache reichte nicht hin, den Mann zu fassen, der so viel mit
wenigen Worten sagt. Auch wagte er es nicht, eine Zeile zu verlassen, deren Sinn
er nicht hell begriffen hatte, aus Furcht, seinen neuen Führer zu missdeuten.
Über seiner Anstrengung ging die Sonne auf; er überblickte den erworbenen Gewinn
neuer Ideen und Gefühle, verschloss seinen Priester der Natur, wie er ihn nannte,
und freuete sich auf die nächtliche Zusammenkunft mit ihm.
                                       3.
Der Präsident gab sich indessen Mühe, für Ernsten einen Hofmeister zu finden,
der das alles zu verbessern und zurechtzusetzen imstande wäre, was Hadem nach
seiner Meinung verdorben hatte. Er fand bald alles, was er wünschte, in einem
Schweizer namens Renot. Eine empfangene Beleidigung, welche er an einem jungen
Manne aus einer grossen und mächtigen Familie in Frankreich zu gewaltsam und
auffallend gerächt hatte, brachte ihn in diese Gegenden. Er musste fliehen, um
der Bastille zu entwischen.
    Dieser Renot nun besass in den Augen des Präsidenten alle mögliche
Eigenschaften: Ton, Mut, Bekanntschaft mit den Gebräuchen der feinen Welt,
Geschmeidigkeit im Umgange und tiefe Achtung für das, was Stände und Menschen so
scharf unterscheidet und trennt. Den Angriff gegen einen Mann von hohem Stande
verzieh ihm der Präsident als Offizier und vergass darum, dass er nur ein
Bürgerlicher war. Dieser Renot war seit einiger Zeit bei ihm eingeführt, ass oft
an seiner Tafel, und je mehr der Präsident ihn sah und hörte, desto mehr
überzeugte er sich, es sei der Mann für seinen Neffen. Er sprach von diesem mit
ihm, erwähnte seiner Schimäre und hörte mit innigem Wohlgefallen Renots Äusserung
hierüber. Dieser sagte:
    »Der vorige Hofmeister hat höchstwahrscheinlich Ihres Neffen lebhaftes,
versprechendes Gefühl der Ehre und der Ruhmbegierde nach einem Gegenstande
geleitet, welcher ihm, als einem Manne, der die Welt und die Menschen nur aus
Büchern kennt, bekannter war als jene. Diese Verzerrung, Ew. Exzellenz, ist
nicht neu; es ist eine alte Krankheit aller derjenigen sogenannten aufgeklärten
Leute, die ihre Lage und ihr Stand auf immer von der Rolle ausschliessen, welche
Leute von Geburt und Macht mit Recht sich ausschliesslich zugeeignet haben. Auch
ist es natürlich, vielleicht gar verzeihlich, dass ihr gekränkter Stolz, ihre
zurückgedrückte Eigenliebe einigen Trost in dem Gedanken findet, sie besässen
etwas, das denjenigen fehlte, welche so weit über sie erhaben sind. Aber wenn
sie dieses Leuten von Geburt, Ansprüchen und Stand beibringen wollen und von
diesen zu fordern wagen, dass sie das, was sie wirklich besitzen, für Schimären
austauschen sollen, da muss man ihnen Einhalt tun, und ich sehe, dass Sie es zu
rechter Zeit getan haben. Sie werden vermutlich dieselbe Krankheit an einigen
neuen Schriftstellern Frankreichs bemerkt haben; die Teutschen, die diesen immer
so gerne nachahmen, wollen auch hier nicht zurückbleiben. Diese Schimäre
verschwindet aber leider sehr schnell, wenn man einmal selbst auf diesen
Schauplatz tritt und die Menschen in ihrem tätigen Wirkungskreise handeln sieht.
Gnädiger Herr, hätte ich die Kur eines solchen Jünglings zu übernehmen - wissen
Sie, was ich tun würde? - Ich würde eine luftige Schimäre durch eine andere
vertreiben, die gewisse Leute nur darum so nennen, weil sie, wie gesagt, der
edelste Teil des Volks, vermöge Geburt und Stand, ausschliessend in Anspruch
genommen hat und sich mit Recht in dem Besitze behauptet.«
    PRÄSIDENT: Und das wäre?
    RENOT: Wovon ich soeben sprach: die Ehre, der Ruhm, der point d'honneur, den
das erleuchtetste Volk zu einer Feinheit, einer Zarteit, einer Höhe und
Bestimmteit gebracht hat, dass er bei ihm alle andern Tugenden ersetzt, ja die
einzige Tugend der Gesellschaft geworden ist.
    Leiten Sie die Einbildungskraft Ihres Neffen auf diese Göttin, zeigen Sie
ihm diese Tugend unsers verfeinerten Zeitalters in ihrem ganzen Glänze, beweisen
Sie ihm, wie alle andren einen Mann von Stande zierenden Tugenden aus dieser
allein entspringen, durch sie allein geltend werden, und ich stehe Ihnen dafür,
er wird der phantastischen Göttin, welche sein grämlicher Hofmeister vor seine
Augen gezaubert hat, bald den Abschied geben.
    Der Präsident, höchst zufrieden mit den Gesinnungen Renots, erkundigte sich
nun sorgfältig nach seinen Umständen und Verhältnissen; seine Kenntnisse glaubte
er genug geprüft zu haben. Alles sprach zu Renots Vorteil, bis auf seine Kasse;
doch eben auf diesen letzten Umstand bauete der Präsident die Erfüllung seines
Wunsches. Er liess ihm die Erziehung der jungen Leute antragen und ihn
versichern, dass er ihm am Ende derselben durch seinen Einfluss eine ehrenvolle
Bestimmung verschaffen wollte, die ihn gewiss für dieses Opfer entschädigen
würde. Renot nahm nach vielen Schwierigkeiten den Antrag endlich an, bewies aber
dem Präsidenten sehr weitläuftig, welch ein Opfer er seinem einmal gewählten
Stande hierdurch brächte.
    Nun bereitete der Präsident seinen Neffen darauf vor. Dieser versicherte ihm
gelassen, er brauche keinen Führer mehr, Hadem habe ihm einen zurückgelassen,
und der Führer, den ihm die Natur gegeben, werde ihm bald in seinem geliebten
Vater zurückkehren.
    Der Präsident liess sich hierauf nicht ein; er erzählte, es sei ein Mann von
Ehre und Verdienst, ein Offizier, und rühmte unter andern, wie vortrefflich er
französisch spreche, wie er den ganzen Reichtum, die ganze Feinheit und
Gewandteit dieser Sprache in seiner Gewalt habe. - »Und du weisst, Neffe«,
setzte er hinzu, »wie nötig uns Leuten von Stande diese Sprache ist.«
    ERNST: Ja, Oheim, diese Sprache ist mir nun sehr notwendig; ich fühle es nur
zu sehr, wie wenig ich bisher Fortschritte darin gemacht habe - und darum, wenn
er mir in dieser Sprache Unterricht geben will, soll er mir willkommen sein. Ob
ich ihn als Führer brauchen kann - ob ich seiner dazu bedarf, davon sind mir
andere Beweise nötig, als Sie mir von ihm gegeben haben. Ich weiss nur allzu
sehr, was es bedeutet, einen Menschen zu erziehen, und was es von beiden Seiten
voraussetzt.
    Der Präsident glaubte, Ernst wollte wieder in seine alten Grillen verfallen.
Er schwieg darüber und dachte, er habe für jetzt genug gewonnen und könne nun
das übrige dem gewandten Renot überlassen.
    Er freute sich noch mehr, als Ernst ihm sagte: »Schicken Sie ihn noch heute,
ich möchte noch heute etwas von ihm lernen.«
    Der Oheim liebkoste ihm und sagte:
    »Ich hoffe, lieber Neffe, er wird dich bald zu uns bringen und du wirst uns
allen wieder der willkommne Gast sein, den wir so lange vermisst haben.«
    »Oheim«, antwortete Ernst, »glauben Sie, ich würde Sie so sehr beleidigen,
dass der Fremde von mir erhalten könnte, was ich Ihnen nicht gewähren konnte?
gewiss nicht konnte, sonst würde ich es längst getan haben.«
    PRÄSIDENT: Ich danke dir für die Feinheit der Empfindung. Behalte sie bei
und du wirst bald können, was ich so sehnlich wünsche. Bedenke nur, mit welchem
Kummer dein guter Vater das sonderbare Verhältnis bemerken wird, in welchem du
in seines Schwagers Hause lebst. Wird er an mir, dem lang Erprobten, zweifeln?
Wird er daran zweifeln, dass alles, was geschah, nur zu deinem Besten geschah?
Was konnte mich anders bestimmen, so zu handeln, als dein Bestes? die Liebe zu
dir, die Sorge für dich? Glaubst du, dass du die nie gestörte Eintracht zwischen
deinem Vater und mir zerrütten könntest? Oder willst du es? willst du Verwandte
trennen, die sich brüderlich lieben? in unsern Jahren trennen? - Ernst, ich habe
durch dich meine einzige geliebte Schwester verloren - denn du weisst ja wohl,
dass sie an den Folgen der Niederkunft mit dir starb - willst du mir nun auch die
Freundschaft des Mannes rauben, mit dem ich durch sie verbunden bin? willst du
mich bei ihm anklagen?
    Tränen der Rührung traten in Ernstens Augen:
    »Oheim, ich klage nur mich an, niemand anders; und - warum haben Sie mir
dieses nicht längst gesagt, warum nicht längst so mit mir gesprochen? Ich fühle
es wohl, ich bin ganz verkannt und werde es wohl immer bleiben; denn ward nicht
er es? - Aber ich kenne ihn, und ich hoffe, auch ich werde mich immer erkennen.
- Und, Oheim, noch heute sollen Sie mich an Ihrem Tische sehen, wenn Sie mich
annehmen wollen.« -
    Der Oheim küsste ihn, nannte ihn seinen lieben guten Neffen und sagte, er
eile nun, seinen Kindern die Freude schnell mitzuteilen, da sie sich schon so
lange nach ihrem Vetter sehnten.
    Ernst wendete sich zu Ferdinand: »Ich danke dir für deine Treue, dein
Ausharren und werde es nie vergessen.«
    Ferdinand lobte seinen Entschluss, freuete sich der Veränderung und konnte,
wie er Ernsten geradezu gestand, kaum den Augenblick erwarten, die Treppe
hinunterzufliegen.
    Ernst sprach von dem neuen Hofmeister (denn so nannte er ihn, wie er Hadem
nie genannt hatte) und sagte bedenklich: »Das einzige, was ich von ihm fürchte,
ist, dass er die Einrichtung unsrer Zeit stören wird; und ich kann den Gedanken
gar nicht ertragen, ihn an der Stelle sitzen zu sehen, wo Hadem zu sitzen
pflegte.«
    FERDINAND: Aber du kennst ihn ja noch nicht!
    ERNST: Ich kenne ihn, Ferdinand; denn gliche er Hadem nur in etwas - glaubst
du wohl, dass er dem Oheim gefallen hätte? Und gliche er ihm auch, so wäre es
doch er nicht - er! - Doch um eines willen, und um deswillen, wird es Hadem mir
gewiss vergeben; aber auf seiner Stelle soll er nicht sitzen. Wir wollen in dem
Nebenzimmer lernen, die Bücher wechseln, und das Französische soll mit ihm unsre
Hauptsache sein.
                                       4.
Renot glaubte, in Ernsten einen träumenden Phantasten oder störrischen,
missmutigen jungen Menschen zu finden, und ward etwas betroffen, als ihm ein
heiterer, schöner Jüngling frei und offen entgegentrat, ihn anständig grüsste und
seinen Antrag zu erwarten schien. Er gab sich zu erkennen und sagte, es sei zwar
bisher nicht sein Geschäft und seine Bestimmung gewesen, sich mit der Erziehung
abzugeben, wie sie an seiner Kleidung wohl sehen würden; aber er hätte unmöglich
dem Wunsche des Herrn Präsidenten widerstehen können. Es erfreue ihn nun, da er
ihn und seinen Freund sehe, dass der Herr Präsident ihn der Ehre würdig gehalten,
etwas zu der Bildung so vielversprechender Jünglinge beizutragen. »Das Opfer«,
setzte er hinzu, »das ich etwa dadurch bringe, kann mir nun selbst nicht anders
als zur Ehre gereichen!«
    ERNST: Gereicht es nur zu Ihrem Vergnügen und zu unserm Vorteil, so gönnen
wir Ihnen das gerne, was Sie so hoch anschlagen. Aber ich wünschte nicht, dass es
ein Opfer wäre; denn ein Opfer kostet so viel, und man wagt so viel dabei, dass
Sie mich dauern sollten, wenn es wirklich nur ein Opfer wäre.
    Renot empfand den abgewogenen Sinn dieser Worte recht gut und sah etwas
verwundert den Rosenmund an, aus dem sie so sanft flossen. Er antwortete:
    »Freilich wage ich es nicht, mir zu schmeicheln, den Verlust, welchen Sie in
Ihrem vorigen Hofmeister erlitten haben, zu ersetzen« -
    ERNST: Oh, mein Herr, er war mein Freund. Nennen Sie ihn nicht so - denn
eben in diesem Worte liegt ja, was ich vorhin sagen wollte.
    RENOT: Glauben Sie denn, ich würde dieses Geschäft übernommen haben, wenn
ich mir nicht mit der angenehmen Hoffnung schmeichelte, ihn ersetzen zu können?
    Eine leichte Röte flog auf Ernstens Wangen. Sein Herz klopfte - seine Augen
konnten den Eindruck der schmerzlichen Erinnerung nicht verbergen. Hadems
männliche, feste Gestalt, sein ruhiger, seelenvoller Blick, seine ernste,
gedankenvolle Stirne, von sanfter Freundlichkeit gemildert, sein lockiges,
ungepudertes braunes Haar, das sich um seinen Nacken ringelte und seine Schläfe
beschattete, der volle schöne Laut seiner Stimme, der nie durch Unwillen, Zorn
oder andre Leidenschaften in Misston überging - dies alles stellte sich in diesem
Augenblicke lebendig vor Ernstens Seele. Er sah ihn, hörte ihn, verglich mit ihm
das zuversichtliche, anspruchsvolle Wesen und Betragen des vor ihm Stehenden,
seine glatte, wie ein Spiegel glänzende Stirne, die nichts von dem zu verraten
schien, was sie verbarg - seine süsse Lieblichkeit, seine lispelnde Aussprache,
sein mit Sorgfalt gekräuseltes und weiss gepudertes Haar, seinen hastig lebhaften
Blick, dem er zu gebieten strebte; und er fühlte tief, wie unersetzlich sein
erlittner Verlust sei. Sein Geist sagte ihm: »Dieser kennt den Weg zu deinem
Tempel nicht!«
    Renot beobachtete ihn genau, ohne es sich merken zu lassen. Sein Blick
schien auf Ferdinand um so mehr zu verweilen, je mehr er mit Ernsten
beschäftiget war. Auch tat seine Gegenwart eine bessere Wirkung auf jenen, wozu
sein Rock und das Neue, Glänzende, Versprechende und Feine seines Betragens sehr
viel beitrugen.
    Ernst erwachte aus seinem tiefen Nachsinnen und sagte zu Renot: »Mein Oheim
hat mir Ihre Stärke in der französischen Sprache gerühmt. Ich freue mich sehr
darüber, und Sie können auf meinen Dank rechnen - Sie können mich sehr glücklich
machen, wenn Sie mich den kürzesten, leichtesten Weg zur Kenntnis dieser Sprache
führen. Aber ich muss sie in ihrem ganzen Umfange kennenlernen - Sie müssen mir
die ganze Stärke ihrer Ausdrücke, alle ihre Eigenheiten und Wendungen recht
deutlich machen. Ich bedarf es, den Wert, die Kraft der Worte so kennenzulernen,
dass ich mich in keinem irre, dass ich ja den Sinn eines jeden recht fasse -
keines zu missdeuten Gefahr laufe. Dieses halte ich für das Allerschlimmste - für
das Allerschwerste.« -
    Renot freute sich über Ernstens heisse Begierde, eine so wichtige Sprache in
ihrem ganzen Umfange lernen zu wollen, er sagte laut, dies sei ein gutes
Zeichen; und nun liess er sich in ein weitläuftiges Gespräch über diesen
Gegenstand ein. Er entdeckte sehr bald, dass Ernst die Hauptschwierigkeiten schon
besiegt hatte; und um so wichtiger machte er jetzt das, was ihm noch zu tun
übrig bliebe. Er bewies, dass ihm dieses nur ein Mann beibringen könne, der lange
in der Hauptstadt von Frankreich gelebt habe. Und nun erfolgte ein grosses,
glänzendes Lob des französischen Volkes. Vorzüglich rühmte er dessen zartes,
feines Gefühl für die Ehre und vergass nicht, seine eigne Geschichte damit zu
verweben. Weitläufig bemerkte er, wie viel er diesem Gefühle aufgeopfert und wie
er die glänzendsten Aussichten nun aufgegeben hätte; »dafür aber«, fuhr er mit
gefälligem Lächeln fort, »kann ich mich nun in meinem Unglücke mit dem Gedanken
trösten, der Ehre genug getan zu haben. Mein Name wird in Frankreich wie bei
meinem Regimente gewiss unvergesslich sein.« Indem er sich so den Jünglingen
bedeutend machen wollte, suchte er ihnen zu gleicher Zeit die glänzende Schimäre
in der Ferne zu zeigen, deren Anbetung von nun an der Hauptgegenstand ihrer
Erziehung sein sollte. An Ferdinand fand er einen sehr aufmerksamen Zuhörer;
denn seiner lebhaften Einbildungskraft stellten sich alle die Szenen, die Renot
leicht und flüchtig berührte und von denen er als dem Menschen ganz eigen und
natürlich sprach, lebendig dar. Er stand in der Mitte dieses Schauplatzes und
bewunderte den Mann, der dieses alles erfahren und mitgemacht hatte.
    Ernst hörte nur, wie vortrefflich er französisch sprach. Bei allen den neuen
Vorstellungen, die einander so leicht und schnell folgten, dachte er nur an
seinen geheimen Lehrer und sagte still in seinem Herzen: »Ja, der Mensch
verdirbt alles an sich, sogar das Organ, wodurch er seine Gedanken mitteilt!«
denn das Lispeln Renots war ihm unerträglich. Er leitete das Gespräch auf andere
Kenntnisse. Renot blieb keine Antwort schuldig; er wusste alles, wusste wirklich
vieles, wusste es leicht und verstand die Kunst vollkommen, schön und geläufig
über alles das zu reden, was er nur berührt hatte. Er hatte in Genf den
Wissenschaften geliebkoset; und da der Sinn ihm angeboren zu sein schien, das
allgemein Nützliche und überall Angenehme schnell auszufinden und er die Wirkung
auf andere sehr früh zu berechnen wusste, so hatte er die Ideen des Vertriebs
sehr geschwind und leicht erworben. In der französischen Literatur war er sehr
stark und sprach von ihren Schriftstellern mit Begeistrung. Ernst horchte auf
und erwartete jeden Augenblick, dass Renot seinen Lehrer unter den berühmtesten
Männern Frankreichs nennen würde, und besonders, weil dieser ein Genfer war, wie
ihm der Titel seines Werkes gesagt hatte. Da aber dieses nicht geschah, so hielt
er die sich immer vordrängende Frage über den einzigen Mann zurück, von dem er
so gern etwas erfahren hätte. Er fühlte wohl, Hadem würde ihm Rousseau nicht
gesandt haben, seine Stelle zu vertreten, wenn er der Liebling dieses Mannes
wäre; und ihn selbst zu nennen, hiesse den Schleier zerreissen, der sein schönes
Geheimnis bedeckte, vielleicht gar seine Wirkung stören. Er bat nun Renot um
eine Stunde und führte ihn in ein Seitenzimmer.
    Renot verliess die Jünglinge, sprach gegen den Präsidenten hoffnungsvoll von
ihren Fähigkeiten, leicht von ihren bisherigen Fortschritten und rühmte sich
sehr bescheiden, er denke alles übrige bald in das gehörige und natürliche
Geleise zu bringen.
    Ferdinand ergoss sich in grosse Lobsprüche über Renot. Ernst sagte gelassen:
»Da du nun einmal Soldat werden willst, so kann er dir vielleicht nützlich sein.
Ich aber bleibe bei dem, den du vergessen zu haben scheinst.«
    Ferdinand fühlte das Gerechte des Vorwurfs, und da ihm plötzliche Wirkung so
natürlich war, so traten ihm Tränen in die Augen. Er ergriff Ernstens Hand und
sagte:
    »Kannst du mich so missverstehen?«
    ERNST: Vergib mir; aber der Gedanke, du könntest ihn vergessen, machte mich
um deinetwillen besorgt. Und die Möglichkeit, du könntest ihn vergessen, zeigt
mir ja auch die Möglichkeit, dass du mich einst vergessen könntest. Denn mein
Dasein ist mit dem seinigen eins, und du weisst, was es mit dem seinigen
verbindet. Es soll mir lieb sein, wenn du von diesem lernest, was Hadem dich
nicht lehren konnte. Aber bewahre wohl, was Hadem dich gelehrt hat; denn
schwerlich wird es dieser ihm hierin gleichtun.
    Die Jünglinge erschienen bei dem Abendessen. Der Präsident hatte jedem
seiner Hausgenossen anbefohlen, weder durch Worte noch Mienen das Vergangne
merklich zu machen. Ernst trat ein, als wäre nichts vorgefallen, und nur eine
flüchtige Röte überzog seine Wangen, nur ein leises Zittern zeigte sich an
seiner Oberlippe, als Renot sich zwischen ihm und Ferdinand niedersetzte. Der
darauf folgende Gedanke, dieser Mann denke ihn nun unter seinem Schutze und
seiner Leitung, war ihm so empörend, dass es ihm den schwersten Kampf kostete,
das nicht zu zeigen, was jetzt in ihm vorging.
                                       5.
Trotz der gleichen Ruhe und Kraft, die Renot täglich mehr in Ernsten bemerkte,
zweifelte er doch nicht einen Augenblick daran, es würde und müsste ihm gelingen,
den jungen Phantasten zu einem vernünftigen Menschen zu machen. So viel sah er
nun wohl ein, dass es leise geschehen müsse, dass er das Vorhaben nicht merken
lassen dürfe, dass er durch einen raschen Schritt alles verderben könne, mit
einem Worte, dass man hier das aufgedunsene Herz durch Verstand, Spott und Witz
erleichtern müsse. Er bewunderte zwar Ernstens schnelle Fortschritte in dem
Französischen, schrieb sich aber ganz natürlich bei dem Oheim das Verdienst
davon allein zu. Gleichwohl konnten ihn seine Eigenliebe und seine Eitelkeit
nicht so weit verblenden, dass er nicht hätte einsehen sollen, Ernst sei ein
Wesen von so eigner sonderbarer Art, wie ihm noch keines vorgekommen sei.
Lächeln konnte er zwar über ihn, aber die Achtung für ihn drang sich ihm wider
seinen Willen auf, und dieses lästigen Gefühls wollte er für immer los werden.
    Indes kam der Vater aus dem Bade zurück. Der Präsident hatte ihm den
Vorfall, die Entfernung Hadems und die Anstellung Renots geschrieben. Mit
welchen Farben, lässt sich leicht vermuten; und wie nachteilig er die Wirkung des
Briefes auf den Fürsten vorstellen mochte, beweisen seine obigen Äusserungen.
Doch schonte er Ernsten und versicherte seinem Schwager, er würde bei dem
Fürsten alles wieder gutmachen. Nur sei es nötig, dass er Ernsten bei seiner
Rückkehr so bald als möglich wieder auf das Land bringe und sich selbst jetzt
dem Fürsten nicht zeige, um ihn nicht an die unangenehme Sache zu erinnern.
    So sehr Herr von Falkenburg Hadem auch liebte, so nahm er es ihm doch sehr
übel, dass er seinen Sohn zu einem solchen unüberlegten Schritte, den man so
hässlich auslegen konnte und musste, verleitet hätte. Er sah es, nach der
Vorstellung des Präsidenten, als eine schlechte Tat gegen diesen an, als eine
gesetzwidrige, aufrührerische Handlung gegen die Ordnung des Landes, als einen
Eingriff in die Rechte des Fürsten, für den er die tiefste Achtung fühlte, als
einen Vorwurf, den ein Jüngling seiner Gerechtigkeit gemacht habe. So sehr er
nun auch den Verlust Hadems im übrigen bedauerte, so hielt er doch jetzt seine
Entfernung für notwendig und nützlich. Das einzige, was ihn beunruhigte, war der
Gedanke an das Leiden seines Sohnes, dessen Anhänglichkeit und unbegrenztes
Zutrauen an und auf Hadem ihm so wohlbekannt waren.
    Ernst flog in seine Arme, drückte sich so fest an seine Brust und umschlang
ihn so innig, wie der Unglückliche den Erretter, der ihn eben der Gefahr des
Todes entrissen.
    Der tief gerührte Vater blickte ihn an und sah nur Zärtlichkeit, nur Liebe,
Vertrauen und Freude. Der Sohn blühte wie sonst, seine Augen strahlten das
vorige Feuer, seine Seele sprach durch alle seine Blicke und Bewegungen wie
ehemals; und nur, als er wieder zu Atem kam und zu reden anfing, zeigte sich dem
Vater einige Veränderung. Es war das durch das Geschehene fester, bestimmter
gewordene Wesen in seiner Haltung, seinem Tone, seinen Blicken, und er schien
dadurch seinem Vater in der kurzen Zeit um einige Jahre dem männlichen Alter
nähergerückt zu sein. Der Vater bemerkte dieses laut, und Ernst antwortete: »Ich
hatte dessen wohl nötig, geliebter Vater; und was wäre aus Ihrem Sohne geworden,
wenn er auch dieses nicht errungen - wenn es der, welcher ihn verlassen hat,
nicht so früh in ihm erweckt hätte. Ich habe meinen Schutz verloren, meinen mich
leitenden und bewachenden Engel selbst von meiner Seite entfernt, durch eine Tat
entfernt, bei welcher ich auch auf Ihren Beifall rechnete. Ich bin gestraft
genug dafür« -
    VATER: Ich weiss alles, Ernst. Aber er tat es ja, er reizte dich ja, den
Brief zu schreiben; warum klagst du denn dich an?
    ERNST: Er? Mein Vater, er tat es nicht, er wusste nichts davon. Sie glauben
Ihrem Sohne auf sein Wort, und nie beteuerte er Ihnen, was er sagte. Sollt ich
es jetzt bei einer für mich so wichtigen, ich möchte sagen heiligen Sache tun,
so würde ich mich als tief gefallen ansehen. Und dieses wollen Sie gewiss nicht.
Ich will gerne von dem Geschehenen schweigen; die Notwendigkeit gebietet hier.
Aber machen Sie, mein Vater, dass wir schnell hier weg kommen - ich muss diese
Stadt verlassen, wo mein Unglück entstanden ist, wo ich Dinge erfahren habe,
denen ich kaum gewachsen war, die ich so schwer ordnen konnte. Sein Sie nun mein
Führer, mein Freund!
    Der Vater fragte, wie er mit seinem jetzigen Hofmeister zufrieden sei, und
Ernst antwortete:
    »Er spricht das Französische vortrefflich; und da ich das brauche, so bin
ich zufrieden mit ihm. Reisen wir heute? Führen Sie mich heute nach unsern
blühenden Tälern zurück?«
    VATER: Morgen! morgen mit dem Aufgang der Sonne!
    Der ganze heitere Frühling der Jugend umschimmerte Ernstens Angesicht:
    »Und sagen Sie mir nun, geliebter Vater - nur noch das, was ich keinen hier
fragen konnte, nicht zu fragen wagte: - was ist aus Hadem geworden? Wo ist er
nun? werde ich ihn nicht wiedersehen? ihm nicht schreiben dürfen? keine Antwort
von ihm erhalten können?«
    VATER: So bald wirst du ihn wohl nicht wiedersehen, und zum Briefwechsel ist
die Entfernung viel zu weit. Er schrieb mir in einigen Zeilen den Abschied von
dir und meldete mir zugleich, er würde mit einem Regiment an England verkaufter
Teutscher nach Amerika gehen; und aus den Zeitungen erfahre ich, dass sein
Regiment sich schon einschiffet.
    ERNST: Also nach einem andern Teile der Welt vertrieb ich ihn - und ich bin
nun so geschieden von ihm, dass ich die weite Entfernung nicht mehr messen kann!
Aber, mein Vater, er ist hier, ist mir nahe; er wird, er kann sich nie von mir
trennen.
    VATER: Dieses wünsche ich in dem Sinne, wie du es verstehst. Er war ein
edler Mann, und ich bedaure seinen Verlust -
    ERNST: Oh, das war er, mein Vater, das ist er noch; und sein Lob aus Ihrem
Munde verklärt sein Denkmal in meinem Herzen. Oh, er ist ein edler Mann!
    Als sein Vater ihn verliess, suchte er Ferdinanden auf und rief ihm entgegen:
»Höre die Worte meines Vaters! Er sagte: Hadem war ein edler Mann! - Und morgen
fliehen wir diese Stadt, wo man ihn verkannte, morgen abend, Ferdinand, stehen
wir wieder in dem Garten der Unschuld.«
    Ferdinanden war diese Nachricht nicht so willkommen. Seine durch die
Eitelkeit und die Mannigfaltigkeit der Gegenstände gereizte Einbildungskraft
blickte mit Ekel auf den ihm nun tot scheinenden ländlichen Aufentalt, zu dem
er so plötzlich zurückkehren sollte. Ernst sah ihn an und sann seinem ihm
unbegreiflichen kalten Betragen bei einer so fröhlichen Neuigkeit nach.
    Ernstens Vater bezeugte dem Präsidenten seine Verwunderung darüber, dass er
ihm so gerade geschrieben, Hadem habe den unüberlegten Schritt veranlasst, da ihm
doch sein Ernst, der nie eine Unwahrheit gesagt, versicherte, Hadem sei der
ganze Vorfall unbekannt gewesen.
    »Bruder«, antwortete der Präsident, »unbekannt oder nicht, er hat es
veranlasst, deinen Sohn dazu gereizt; und eins ist so sträflich wie das andere
und gleich nachteilig für deinen Sohn. Wenn dein Ernst ihn zu entschuldigen
sucht, so entspringt dieses aus seinem guten Herzen, aus der närrischen Liebe zu
diesem Menschen, gegen den ich, bis auf diesen Punkt, selbst nichts habe. Willst
du übrigens aus deinem Sohne einen Phantasten oder ein störrisches Ungeheuer
erziehen lassen, das gegen seine nächsten Verwandten schon so früh zum Ankläger
wird, so ist dieses gerade der Mann dazu, ihn zu einem oder dem andern zu
machen. Dein Sohn war schon ganz auf dem Wege, ein träumender Philosoph zu
werden, dem alle bürgerliche Verhältnisse missfallen, der mit Lufterscheinungen
buhlt, während er jene mit Füssen tritt. Ich erwartete deinen Dank für das
Geschehene und dachte wenigstens, du würdest meiner Weltkenntnis so viel
zutrauen, dass ich wüsste, was sich für einen Edelmann von deinem Namen und
Ansehen schickt. Schriebe ich die Tat deinem Sohne allein zu, so würdest du ihn
wahrlich nicht in meinem Hause gefunden haben. Dafür danke mir wenigstens, dass
ich ihn durch die Wendung, die ich der Sache gab, von dem allgemeinen Hasse der
Stadt und des Hofes errettet habe.«
    »Dafür danke ich dir«, antwortete Herr von Falkenburg; »und du hast als
Bruder gehandelt. Hadems Absicht kann recht gut gewesen sein, aber der Schritt
war immer unüberlegt. Nach seinem Schreiben scheint er es gewissermassen selbst
auf sich zu nehmen, da er des Vorfalls gar nicht erwähnt. Indessen, der Fürst
hätte es auch nicht so ernstaft aufnehmen müssen; wenigstens verdient ich's
nicht um ihn. Und darum will ich deinem Rate folgen und ihn gar nicht sehen. Es
möchte leicht sein, dass ich ihm meine Empfindlichkeit darüber zu lebhaft zeigte.
- Es ist mir leid um das Geschehene, und ich wollte gerne meine alte Wunde
wieder aufbrechen sehen, wenn es nicht vorgefallen, wenn Hadem noch da wäre. Du
hättest immer nicht zu rasch verfahren, wenigstens meine Ankunft abwarten sollen
- denn du magst von ihm sagen, was du willst, er wollte nur das Gute; vielleicht
ein wenig auf seine Weise, aber er wollte es. Und wenn dein Schweizer da meinen
Ernst nur nicht gar zu weit von dem Wege abführt, auf den Hadem ihn leitete -
mein Ernst hat freilich Dinge im Kopfe, die sonderbarer Art sind, aber sie sind
so guter Art, dass ich es nicht gerne sähe, wenn er sie so ganz verlöre.«
                                       6.
Ernstens Einbildungskraft schwebte mit leichten, rosenfarbenen Schwingen. Mit
Ungeduld erwartete er den Untergang der Sonne; bei ihrem Aufgange stand er schon
am Fenster, und als sie nun im Osten in ihrer ganzen Herrlichkeit auferstand und
der Teppich der Nacht ganz verschwunden war und ihr goldnes Licht sich über die
neue Schöpfung ergoss und sie schmückte, sah Ernst die Erfüllung aller seiner
Hoffnungen, aller seiner Wünsche in diesem erhabenen Bilde am Horizont aufgehen.
    »Du gehst mir auf«, rief er, »glänzendes Licht; und wenn du dort wieder
hinter die Wolken trittst, so stehe ich schon in der Mitte meines
wiedergefundnen Paradieses, und dann zieht die Nacht ihren Schleier zwischen
mich und das, was ich hier erfahren habe. Dann stehe ich wieder in dem Tempel
der Natur, ihr Priester wandelt mir zur Seite, und ich höre das Zulispeln seines
Geistes - dort! dort werden mir seine Worte erst recht ganz lebendig werden!«
    Und als sie nun ankamen und die Freude der Hausgenossen und aller Landleute
sie empfing, als jeder herbeidrang, um die lange Vermissten zu sehen, und jedes
Freude sich in Blicken und Gebärden zeigte, da fühlte sich Ernst, wie er gewesen
war. Und als er den schmerzlichen Augenblick überstanden hatte, in welchem er
Renot in Hadems Zimmer treten und da sich einrichten sah, eilte er mit Ferdinand
nach seinem Walde, den Felsen, dem Flusse, den Tälern und jauchzte in seinem
Herzen, alles so zu finden, wie er es verlassen hatte. Er trug ein weisses,
feines Tuch in seiner Hand, in welches etwas eingeschlagen war; er verheimlichte
selbst Ferdinanden, was es entielte. Als er aber in die Höhle trat und die
Blende erreichte, sagte er zu diesem:
    »Ferdinand, alle diese Riesensäulen, welche den Berg tragen, hast du deinen
in der Geschichte berühmten Helden zu Denkmälern aufgestellt; ich lasse sie dir
und fordere keine. Aber auch ich will ein Denkmal aufstellen, ein Denkmal meines
Glaubens an die Tugend - an die Tugend, Ferdinand, die nicht erwägt, nicht
berechnet, ein Denkmal der ungeteilten, die ganze Welt umfassenden und
erhaltenden Tugend. Den Kranz, welchen ich in diesem Glauben in den blühenden
Feldern des edlen Mannes pflückte, will ich dieser einsamen, schauerlich
erhabenen Höhle anvertrauen und dem Auge der Menschen ganz verbergen. In dem
dunkelsten, unbemerktesten Winkel soll er hangen, solange als ich an die Tugend
glaube. Ferdinand, es ist ein Bundeszeichen zwischen ihr und mir. Noch einmal,
zum letztenmal, umwinde ich meine Schläfe damit - dann die deinen. - Erinnere
dich jetzt, was wir fühlten, als wir an dem Tage, da Hadem abreiste, vor meinem
Oheim standen und uns so bekränzt umarmten. Verehre mein Denkmal!«
    FERDINAND: Wie, Ernst? ein Kranz verwelkter Blumen, dürrer Ähren, den die
Feuchtigkeit des Orts in kurzem ganz vernichten wird - ist dieses ein Denkmal
der ewigen Tugend?
    ERNST: Mein Glaube macht ihn dazu, zu einer Pyramide, die den Menschen und
der Zeit trotzt. Ich werde Staub vor ihm sein, und mein Geist wird noch aus
jenen Welten herabsteigen und den seinen sammeln; denn wenn ich denken, wenn ich
fürchten könnte, dass je ihn meine Hand wegrisse, so wäre es besser für mich, ich
hätte nie das Licht der Welt erblickt, wäre nie aus jenem Lande in das Land der
Prüfung herabgestiegen. An dem Tage, Ferdinand, an welchem ich ihn wieder
berührte, gehörte ich den Toten zu!
    FERDINAND: Du wirst immer bleiben, wie du bist, so gut und edel. Aber warum
wählst du diesen Winkel? Sieh, ich trete dir gerne die grösste Säule in meinem
Tempel des Ruhms ab. Sprich ein Wort, und ich stosse Cäsarn herunter - hänge den
Kranz an das Felsenhaupt seiner Gedächtnissäule - sie scheint ewig und fest wie
die Tugend, scheint selbst der Erderschütterung zu trotzen.
    ERNST: Ich danke dir, Ferdinand - ich wähle diesen Winkel. Die Tugend ist
sehr bescheiden, und ich fürchte beinahe, man verstattet ihr in der Welt keine
ansehnlichere Stelle. Wenigstens glaube ich nicht, dass man sie in der Höhe
suchen muss. Und da dieses nur ein Denkmal zwischen mir und ihr ist, so soll es
so sein. Wenn ich daran vorübergehe oder davor sitze, so werden sich meine
Ansprüche darnach bilden, und die Lehren, die es mir dann zuflistern wird, die
Gedanken, die mir von ihm kommen, werden von der Art sein, wie ich ihrer bedarf:
gross im Innern, stark in sich selbst, still, ruhig, bescheiden im Äussern.
Ferdinand, der Ruhm bedarf prächtiger Denkmäler; denn nur zu oft soll die Pracht
uns die Wahrheit verhüllen. Dieses hier ist ein stiller Bund des Herzens.
    Als er nun ein zugespjetztes Holz zwischen die Spalte des Felsens in der
Blende getrieben und den Kranz daran gehängt hatte, sagte er feierlich zu
Ferdinand:
    »Verehre meinen Bund! berühre nie diesen Kranz! Nie möge ich ihn berühren!
Mein Geist sehe seinen Staub, sammle ihn und trage ihn in unser Vaterland.«
                                       7.
Während nun Ernst aller der Wonne in seinem Herzen genoss, die ihm die blühende
und wohltätige Natur so reichlich darbot, während er auf seinen einsamen
Wanderungen auf die Stimme seines geheimen Führers horchte und dessen Geist in
der reinen Luft, mitten im Schosse der Natur ihm immer näher trat, immer
vertrauter und deutlicher ward und sein Blick in das Wesen und Leben der
Menschen immer tiefer eindrang, sich immer weiter ausdehnte und er nun näher
sah, was für Schätze der Mensch verloren und wodurch er sie verloren hat,
während er von seinem geheimen Lehrer lernte, wie der Mensch, der auf den
deutlichen Ruf der Natur, die reine Stimme des Herzens horche und allen ihr
widersprechenden, sie zerstörenden Reizungen des Wahns, der Eitelkeit, der
Gewalt und Herrschsucht entsage, sich allein trotz allen wilden, empörenden, von
diesen angebeteten Götzen erzeugten Äusserungen getreu verbleiben könne, sann
Renot, ein Sklav dieser Götzen, auf Mittel, ihm dieses wiedergefundne Paradies
der Unschuld, der Ruhe und des Glücks zu rauben. Und nicht allein, sie ihm zu
rauben, sie ihm lächerrlich zu machen und alle die Begierden, Leidenschaften und
Torheiten in ihm zu entflammen, die ihm sein Führer als die Verwüster und
Zerstörer dieses Paradieses so treffend und schrecklich geschildert hatte.
    Zu diesem Zwecke sollte ihm das Werk Helvétius' »Von dem Geiste« dienen.
Dieses hielt er für den besten Wegweiser für einen Mann, der sein Glück,
ungestört von allen ängstlichen Träumen, nicht allein machen, sondern auch
geniessen will.
    Dieses Buch ist durch vielerlei Beziehungen merkwürdig. Der Verfasser stellt
uns in demselben ein treues, aufrichtiges Gemälde der Denkungsart seines
Zeitalters, seines ganz in Sinnlichkeit versunknen Volkes dar, und so
systematisch geordnet, dass, wenn die Zeit es allein dem Vergessen entrisse, es
den späten Nachkommen zu einem sichern Leitfaden dienen könnte, die Ursachen der
bald darauf erfolgten schrecklichen Ereignisse aufzufinden. Ohne alle Scheu und
Rücksicht entschleiert uns dieser Mann in dem dogmatischen Tone der Überzeugung
alle Triebe seiner Zeitgenossen, des Eigennutzes, der Selbstigkeit, Sinnlichkeit
und aller ihrer zahllosen Gefährten, als wären nur sie die einzigen notwendigen
Gesetze der menschlichen Natur. Kühn zerreisst er das Band, welches uns an eine
höhere Welt bindet, und beweist uns, dass wir nur ausgerüstet mit diesen Trieben
und Begierden in das Leben gestossen werden und nur durch sie unsre Bestimmung
erfüllen, dass alles andere Täuschung und erkünstelter Zusatz des Stolzes und
einer aufgedunsenen Einbildungskraft sei, das zu weiter nichts diene, als uns zu
blenden oder Dornen auf einen Weg zu streuen, den wir so leicht und froh
hinwandeln könnten. Sein Werk zeigt uns von Anfang bis zu Ende, durch das ganze
glänzende, witzige, metaphysisch und moralisch sein sollende Gewinde durch, dass
er und seine aufgeklärten Zeitgenossen samt allen Machtabern jedes Standes
nicht allein an die Tugend nicht mehr glaubten, sondern so weit gekommen waren,
dass sie es gerne hörten, wenn man ihren Unglauben durch sogenannte
philosophische Beweise systematisch erhärtete. Und so legte er in diesem seinem
Werke der Nachkommenschaft das Bekenntnis ab, dass nicht allein bei ihm und dem
Volke, für welches er schrieb, alle wahre moralische Kraft aufgetrocknet sei,
sondern dass es derselben entbehren konnte und wollte.
    Und dieses System der Sinnlichkeit, dessen Lehre sich an seinen Bewunderern
und Befolgern so schrecklich gerächt hat, sollte dem Schüler Hadems und des
Priesters der Natur, dem Jünglinge, in dessen Busen beide nur leise zu rufen
brauchten, um ihren eignen Geist sich antworten zu hören - diesem sollte es wie
ein langsames Gift als die einzige, durch Erfahrung bewährte Weisheit eingeflösst
werden!
    Das einzige, was sich zu Renots Entschuldigung sagen lässt, damit er nicht
wie Leviatan im »Faust« oder »Giafar« dastehe, ist, dass er es wirklich nicht
für Gift hielt, dass er es früh auf dem Schauplatze eingesogen hatte, wo es aus
der moralischen Fäulnis emporschoss; dass er wirklich dachte, seinen Zöglingen zu
nützen, und um so mehr, da es sie dem Ziele näher bringen sollte, nach welchem
allein ein Mann von Stand, Geburt und dadurch grossen Ansprüchen zu streben hat.
Auch kannte er in sich selbst keine andern Triebe, hatte nie nach andern
gehandelt - wie konnte er nun an Götzen zweifeln, die er selbst anbetete?
    Lange drehten sich seine Gespräche um den Lauf der Welt, um das, was sie in
Bewegung setzt und in Bewegung erhält. Er zeigte von fern an, wie aus diesen
Trieben allein alles Grosse, Glänzende und Nützliche, welches die Menschen getan
hätten und täten, entspränge, wie diese Triebe sie zusammenhielten und wie sie
eigentlich allein das Band der wechselseitigen Verhältnisse ausmachten. Gleich
einem vom Aberglauben entflammten Priester stellte er einen seiner Götzen nach
dem andern auf, schmückte jeden aufs herrlichste, rühmte jedes ihm eigne Wunder
und zeigte begeistert auf das glänzende Glück, welches er seinen Anbetern
gewährt. Und nun liess er zuzeiten seinem Witze freien, ungebundnen Lauf und
malte bis zur Verzerrung die Göttin, welche Ernst im stillen verehrte. Die
Geschichte und seine Erfahrung lieferten ihm freilich hierzu traurige Beweise,
und er wusste sie zu nutzen; aber er ahndete nicht, dass Ernst von seinem geheimen
Lehrer auf alles dieses vorbereitet war, er wusste nicht, dass ihn dieser fest
überzeugt hatte, die Stärke der Seele sei der Grundstein aller Tugend und diese
könne sich nur durch Proben erweisen.
    Da Ernst immer ruhig und still zuhörte, so glaubte endlich Renot wirklich,
der Zeitpunkt sei gekommen, worin er die nähere und gänzliche Entwickelung
seines Systems würde vornehmen können. Nun flocht er es in alle Unterredungen
ein, und jeder laute Gedanke, jede ausgesprochene Empfindung musste ihm dazu
Gelegenheit geben. dabei vermied er die Miene des Lehrers so viel als möglich;
alles sollte nur Erwerb der Erfahrung grosser, berühmter und weiser Männer
scheinen, damit es an Kraft und Glanz gewönne.
    Von mir erwarte niemand, dass ich ihm dieses System des Eigennutzes und der
Sinnlichkeit hier nach Renot vortrage und es mit ihm durch das ganze
Schlangengewinde von Sophismen, Witz und Vernünftelei verfolge. Möchte mein
Vaterland es nie ausüben lernen, nie so tief sinken, dass es unter uns die Triebe
der Handlungen bestimme! - Meine Zeit ist zu kostbar, und mich drängt das
Schicksal des edlen Mannes, der meine Seele so innig beschäftigt, zu gewaltig
vorwärts. Sollte ich nun über diesen Schlamm der Menschheit mit gesenkten
Flügeln hinschweben, in Gefahr, sie zu beflecken?
    Ernst hatte während dieser Zeit lebhaft gefühlt, dass die ganze Lehre Renots
die natürliche Folge der Zweifel sein müsste, welche ihn so lange gequält hatten,
dass eine Moral, die das bloss Nützliche zum Grund unsrer Handlungen aufstellte,
uns bald dahin bringen müsste, bei allen unsern Handlungen bloss auf das uns
Nützliche zu sehen, und dass demnach alle Moral nur Spiegelfechterei der Schule
wäre.
    Ernst liess Renot ruhig seine ganze Denkungsart mit allem dem Wohlgefallen,
das er dabei zu empfinden schien und das er täglich mehr zeigte, aufstellen.
Dieser legte ihm sein stilles, ernstaftes Nachdenken dabei so aus, als werde er
nach und nach von der Stärke seiner Gründe überzeugt; aber ehe er es sich
versah, erweckte ihn Ernst, auf eine Art, die er gewiss nicht erwartete, aus
seinem Irrtum. Und der Jüngling, welcher ihm so lange ohne den mindesten
Widerspruch zugehört hatte, bewies ihm plötzlich, dass er die ganze Zeit zu
nichts anderm angewandt, als dem sich gefallenden Redner bis in den
verborgensten Winkel des Herzens zu blicken, und dass er wirklich den Punkt
seiner Schwäche richtig gefunden hätte.
    Eines Morgens trat Ernst, nachdem er Ferdinanden entfernt, in Renots Zimmer
und stellte sich so männlich gefasst vor ihn, wie ihn dieser bisher noch nicht
gesehen hatte. Er sprach mit einem festen, immer gleich gehaltnen Tone:
    »Herr Renot, hören Sie mich nun einige Augenblicke mit eben der
Aufmerksamkeit an, die ich Ihnen so lange, ohne Sie ein einziges Mal zu
unterbrechen, geliehen habe. Es ist wirklich hohe Zeit, dass wir uns
gegeneinander erklären, damit jeder von uns wisse, wie er den andern anzusehen
und zu behandeln habe. Das, was ich Ihnen jetzt sagen werde, muss auf immer
zwischen uns entscheiden, es muss für immer über unser Verhältnis zu meiner Ruhe
und, wenn Sie wollen, zu Ihrem Vorteil bestimmen.
    Die Eltern bezahlen eigentlich die Hofmeister ihrer Kinder dafür, dass sie
denselben gute Lehren geben; ich, Herr Renot, will etwas Ungewöhnlicheres tun:
ich will Sie dafür bezahlen, dass Sie mir und meinem Freunde keine schlechte
Lehren geben, dass Sie uns der Tugend, welcher Sie uns entweder nicht zuführen
können oder wollen, wenigstens nicht zu entführen suchen. Meinem Versprechen
können Sie gewiss glauben; denn Sie sehen ja wohl, dass es Ihnen mit allem Ihrem
Witze, aller Ihrer Erfahrung und Ihrer wirklich glänzenden Beredsamkeit nicht
gelungen ist, mich einem Wesen untreu zu machen, welches Sie Schimäre nennen.
Darum meine ich nun, dass Sie dieser meiner Schimäre zuversichtlicher trauen
können als derjenigen, die Sie an ihre Stelle zu setzen suchten; und gewiss hat
Ihnen Ihre Welterfahrung auch hierüber einige Beweise gegeben. Ich will Sie
nicht um Ihre Aussichten bei meinem Oheim bringen, will Sie vielmehr über Ihre
Erwartung belohnen, sobald ich es imstande bin; denn lieber will ich doch den
Hofmeister behalten, den ich kenne, als Gefahr laufen, mir für die noch kurze
Zeit einen aufdringen zu lassen, der sich vielleicht sorgfältiger zu verbergen
wüsste.
    Zum Beweise, dass ich Sie nicht mit blossen Worten bezahlen will - ich habe
eine ziemliche Summe erspart; mein Vater gibt mir, wie Sie vielleicht wissen,
immer mehr als ich bedarf. - Diese Summe hatte ich zwar meinem Freunde Hadem als
ein Zeichen meiner Erkenntlichkeit bestimmt, aber er wird es mir gewiss
verzeihen, dass ich sie so anwende; er würde sogar, das versichere ich Ihnen,
sein Letztes hergeben, um sie zu vergrössern. Sie sollen dieses und alles künftig
Ersparte haben, darauf können Sie, bis zu der Zeit, wo ich reicher sein werde,
gewisse Rechnung machen.
    Wundern Sie sich nicht über das, was ich sage, und hören Sie mir mit der
Kälte zu, mit welcher ich rede.
    Entweder Sie nehmen nun meinen Antrag an, oder wir trennen uns. Nehmen Sie
ihn an, so lehren Sie uns Französisch, Geographie, Geometrie, schweigen aber von
allen Ihnen ganz fremden, unbekannten Dingen und behalten Ihre ganze
Welterfahrung zu eignem Gebrauche. Ich kann Ihre Lehren nicht allein nicht
brauchen, ich kann sie gar nicht mehr anhören, wie Ihnen mein Vorschlag klar
beweist. Gefällt Ihnen mein Antrag nicht, so verlassen Sie noch heute unser
Haus; meinem Vater werde ich sehr leicht die Notwendigkeit davon begreiflich
machen.«
    Nach diesen Worten legte er einen Beutel voll Gold vor Renot auf den Tisch
und schien ganz ruhig den Erfolg abzuwarten. Renot sah bald auf ihn, bald auf
den Boden, bald auf das Gold. Endlich antwortete er:
    »Sie verkennen und beleidigen mich, missdeuten ganz, was ich bei meinen Reden
über diesen Punkt beabsichtige. Bei meiner Ehre, ich denke nur an Ihr Bestes.«
    ERNST: Mein Bestes kannte ich schon vor Ihnen; doch darauf lasse ich mich
nicht ein. Ich habe Ihnen meinen Entschluss bekanntgemacht, er ist
unerschütterlich, denn er betrifft die wichtigste Angelegenheit meines Lebens.
Erwägen Sie nun die Ihrige. Und um Ihnen nichts zu verbergen - wissen Sie, warum
ich Sie von meinem Oheim angenommen habe? Nur darum, dass Sie mir durch die
Mitteilung Ihrer Kenntnis der französischen Sprache einen Führer verständlich
machen sollten, durch welchen Sie mir ganz entbehrlich waren, der mich jeden Tag
mit neuen Waffen gegen Ihre gefährlichen Lehren ausrüstete.
    Ernst ging in sein Zimmer und brachte den »Emil«.
    »Hier sehen Sie meinen Freund und Führer, in dieser Verlassenschaft Hadems
ruhet sein Geist und meine Stärke. Sie können, wenn Sie wollen, mein Geheimnis
nun verraten; sein Geist wohnt in meiner Brust, und nie werden Sie oder die
Menschen das austilgen, was er, dem die Tugend selbst den Griffel gab, in mein
Herz geschrieben hat. Doch vergessen Sie ja nicht, Herr Renot, dass Sie nur ihm
den Vertrag verdanken, den ich trotz allem, was ich von Ihnen hören musste,
bereit bin, mit Ihnen abzuschliessen. Ich kann wenigstens nicht vergessen, dass
ich ihn durch Sie erst recht habe verstehen lernen.«
    Renot schlug indessen die Bücher um, schob sie kalt beiseite und sagte:
    »Wissen Sie wohl, dass diese Bücher das gefährlichste Gift gegen die Religion
entalten?«
    ERNST: Vielleicht gegen die Ihrige, gegen die meinige nicht. Wenn Sie sich
die Mühe geben wollen, den dritten Teil aufzuschlagen, so werden Sie da einige
Stellen bezeichnet finden, die mich gegen die Ihrige schützten.
    RENOT: Es ist überflüssig. Folgen Sie diesem Führer in allem, Herr von
Falkenburg? - Ich sehe, Sie verehren ihn ausschliessend. Das einzige, was mir zu
wünschen übrigbleibt, ist, dass Sie sein Schicksal nicht treffen möge.
    ERNST: Und welches ist es?
    RENOT: Allen Menschen lächerrlich, von allen gehasst und verfolgt zu sein.
    ERNST: Von allen? Ich hoffe, von den Menschen nie schlecht genug zu denken,
um dieses glauben zu können. Und wäre es, so bewiese es ja doch nur, was ich
glaube, was ich von ihm glaube. Der Mann Ihres Systems wird freilich ein
glänzenderes Schicksal haben. Ich wette, er ist reich, geachtet, allgemein
beliebt. Es sei so! Darum behandele ich auch Sie nach seinem System und fordere
weiter nichts von Ihnen, als dass Sie mich nach dem meinigen behandeln möchten.
Weiter habe ich Ihnen nun nichts zu sagen. Zeigt mir mein Vater an, dass Sie
Ihren Abschied verlangen, so verwerfen Sie meinen Antrag, schweigt er, so ist
alles zwischen uns ausgemacht.
    Er ging.
    Renot sass noch lange, in tiefes Nachdenken über diesen sonderbaren Antrag
versenkt. Die Art und Weise, die Festigkeit, die Offenheit, der Geist und Mut,
womit Ernst sich erklärt und ihn so geradezu auf den Punkt der Entscheidung
gestellt hatte, brachten seinen Stolz, seine Eitelkeit und sein sogenanntes
Ehrgefühl in ein peinliches Gedränge. Sein Lieblingsgötze, der point d'honneur,
den der junge Mann so gewaltig und schonungslos geschüttelt hatte, spielte an
seinem Herzen, bis er es empörte; aber die Empörung dauerte nicht sehr lange,
denn sein ausgebildeter Verstand zeigte ihm schnell den ganzen Vorfall von einer
so lächerlichen Seite, dass er in ein helles Lachen würde ausgebrochen sein, wenn
er nicht befürchtet hätte, Ernst möchte sich in der Nähe befinden. Endlich
lispelte ihm der Geist seines Systems zu:
    »Warum sollt ich einen Toren nicht auf seine Weise behandeln? Tat ich nicht
meine Pflicht, da ich ihm zeigte, dass er es sei, da ich mir die Mühe gab, ihn
von seiner Torheit heilen zu wollen? Er will nun einmal zu der Zahl derjenigen
gehören, die das Schicksal so gestaltet und gestimmt in die Welt wirft, dass sie
Leuten von Verstande zum Spiel oder Missbrauch dienen. Soll ich nun meine Zeit
verloren haben oder mich von seinen Grillen anstecken lassen und mein Glück
zerstören? Alles, was ich für den Toren tun kann, ist, ihn zu bedauern; denn
seine Geistesstimmung verspricht ihm keine heitere Tage. Doch schaden wird er
mir gewiss nicht, dafür steht mir seine Narrheit. Er ist so zufrieden mit seinem
Zustande, dass alle Sorge für ihn lächerrlich wäre. Sein gewählter Führer hat, so
viel ich weiss, noch keinem Menschen genützt; so nütze er mir! - Aber dem Knaben
da, der mich so beleidigt hat, werde ich nie vergeben!«
                                       8.
Nach obigen Betrachtungen lebte Renot in dem Hause des Herrn von Falkenburg so
ruhig und heiter fort, als wäre nichts geschehen. Er behandelte Ernsten, wie
dieser es wünschte, das heisst, er kümmerte sich nicht um ihn. Da aber auch
Philosophen, von welcher Sekte sie sein mögen, ihren Systemen gerne Schüler
gewinnen, um ihre Schätze durch sie auf die Nachwelt forterben zu lassen, so
hielt sich Renot jetzt bloss an Ferdinand, in welchem er immer einen sehr
aufmerksamen Zuhörer bemerkt hatte. Das unruhige Feuer der Ehrbegierde, der Reiz
nach Genuss, das Verlangen, in der Welt zu glänzen und eine Rolle zu spielen,
waren durch Renots schimmernde Schilderungen schon lange in seinem Herzen in
brausender Gärung. Er konnte kaum den Augenblick erwarten, auf dem Schauplatze,
den man ihm so anlockend und bezaubernd malte, ein tätiger Mitspielender zu
werden. Gewisse andere Begierden, die in diesen Jahren so stark und laut
anfangen zu sprechen und die der Blick der reizenden Amalie so mächtig erweckt
hatte, zogen einen noch blendendern und reizendern Firnis über eine Welt, wo sie
ihre Befriedigung ahndeten. Renots Unterhaltung setzte sie in volle Flammen;
denn er erzählte ihm gerne seine und anderer Begebenheiten mit einem
Geschlechte, das, nach seinen geäusserten Meinungen, nicht allein den Wert eines
Mannes bestimmt, sondern auch über sein Glück entscheidet. Dieses alles tat nun
Renot in der Absicht, den jungen Menschen für die Welt zu bilden und ihn zum
wahren Glück zu führen. Demnach sah nun der lebhafte Ferdinand in seinem
Hofmeister nicht allein den angenehmen Verkündiger aller der Genüsse, nach denen
er sich sehnte, er sah in ihm auch den Mann, der ihm den leichtesten und
sichersten Weg zu ihnen zeigte, der allein ihn lehren konnte, zu gefallen und
die Herzen dieser Glücksgöttinnen zu gewinnen. Seine Einbildungskraft ward durch
diese Vorspiegelungen immer reger, und Genuss, Liebenswürdigkeit, Gefühl der Ehre
in Renots Sinne wurden bald die einzigen Gedanken, mit denen er sich
beschäftigte. Renot bewies ihm die Notwendigkeit seiner Lehre auch dadurch, dass
er als eine Waise nur durch die Gaben, mit denen die Natur ihn so reichlich
beschenkt hätte, das ersetzen könnte, was ihm vom Glück und Schicksal
vorentalten wäre. Und hier ergoss er sich gewöhnlich in ein grosses Lob über
seine Gestalt, seinen Witz, seine Lebhaftigkeit, Anmut und Gewandteit und
versäumte nie, Ernstens Betragen und Denkungsart lächerrlich zu machen.
Verteidigte Ferdinand diesen gegen seine Sarkasmen, so sagte er: »Den Reichen
ist alles erlaubt, ihnen verzeiht die Welt sogar die sonderbarsten Grillen; aber
ein Mann, der sonst nichts hat als seine Talente und empfehlende Gestalt, muss
sich hüten, einer Schimäre nachzulaufen, die noch keinen glücklich gemacht hat
und die gewöhnlich damit endiget, dass sie die Geissel derer wird, die mit ihr
gebuhlt haben. Diejenigen, welche sie noch am besten behandelt, lässt sie,
nachdem sie dieselben um allen wahren Lebensgenuss gebracht hat, als einen
Gegenstand des Spottes und des Gelächters stehen; und die vom Elend Erdrückten
und Erwürgten verweiset sie auf die Hoffnung über dem Grabe.«
    Hörte und sah Ferdinand Ernsten, so dachte er freilich anders; aber doch
glaubte er auch von ihm, es liesse sich zwischen Renots und Ernstens Denkungsart
ein Vergleich stiften, vermöge dessen ein Mann von Ehre mitten im Geräusche und
Genusse der Welt es verbleiben könne; und die Welt zu geniessen und zu benutzen,
schliesse die Tugend und Rechtschaffenheit nicht aus.
    Das schöne Band der jungen Freunde wurde, wenigstens von Ferdinands Seite,
durch diese Verschiedenheit der Gesinnungen von Tage zu Tage lockrer. Ernst sah
es mit tiefem Kummer. Er zeigte Ferdinand seine Besorgnisse; aber so schonend er
es auch tat, so erblickte doch dieser in ihm mehr einen spähenden Beobachter und
ernstaften Zurechtweiser als einen wohlmeinenden Freund. Renot unterhielt ihn
in dieser Meinung.
                                       9.
Die Zeit der Trennung war nun gekommen; Ernst und Ferdinand hatten die Jahre
erreicht, wo sie den Wirkungskreis ihrer Tätigkeit erwählen mussten. Ferdinand
wurde durch den Präsidenten bei einem auswärtigen Regimente in Frankreich
angestellt; Ernst sollte die Universität beziehen. Ferdinand reiste zuerst, und
Ernst sagte ihm beim Abschiede:
    »Ich bin dein Freund. Beweise mir, dass du der meinige bist, wenn du dich in
Not befindest. Ich teile mit dir; und gelingt es dir in der Welt nicht, hier
sollst du immer alles finden, dessen du bedarfst. Nur kehre mir zurück, wie du
mich verlässest. Vergiss Hadem und seine Lehren nicht, so kannst du mich nie
vergessen.«
    Renot dachte noch immer, er würde Ernsten auf die Akademie begleiten; aber
dieser wusste seinem Vater so klar zu beweisen, wie entbehrlich Renot ihm sei,
dass man ihn entliess und ihn dem Präsidenten zuschickte. Ernst wiederholte sein
Versprechen und gab ihm neue Beweise davon.
    Ernst blieb noch einige Monate bei seinem Vater und genoss nun ungestört
seines Zutrauens und seiner Liebe. Oft sprach er von Hadem mit ihm, und der
Vater überzeugte sich immer mehr, dass er seinen Sohn diesem ihn schützenden
Geiste anvertrauen könnte.
    Nun durchstrich Ernst die Gegenden, wo er seine Kindheit und die
Jünglingsjahre so glücklich und unschuldig verlebt hatte. Den letzten Abend vor
seiner Abreise besuchte er die Höhle, küsste den Kranz und sagte:
    »Blühend, wie ich dich gepflückt habe, schwebest du über meinem Haupte! Und
nie wirst du mir verdorren! Lass mich dich mit dem Gefühl wiedersehen, mit
welchem ich dich verlasse, und ich bin glücklich!«
 
                                  Drittes Buch
                                       1.
Vielleicht missfiel es manchem, dass ich mich bei der Jugendgeschichte des Mannes,
den ich darzustellen unternommen, so lange verweilt und Vorfälle erzählt habe,
die diesem und jenem geringfügig scheinen mögen. Gleichwohl konnte ich nicht
anders, wenn ich euch den Mann zeigen wollte, der so schrecklich verkannt wurde;
und entsprang nicht aus eben diesen unbedeutend scheinenden Vorfällen seine
ganze Denkungsart, die Stimmung seines Herzens auf sein Leben? - Hätte ich keine
anderen zu melden, ihr würdet auch diese nicht gelesen haben; aber nun muss ich
vorwärts und den glücklichen Szenen seiner Jugend den Rücken wenden. Solange ich
ihn nur mit sich selbst beschäftiget schilderte, solange ich die schönen Blüten
seines Geistes, die sein idealischer Sinn so lieblich färbte, zu malen
versuchte, konnte ich oft vergessen, was auf diesen seligen Traum der Jugend
erfolgte. Aber nun, da ich ihn, um der Ursache willen, die ich euch gleich
anfangs gesagt, in dem Verhältnisse mit den Menschen aufführen und euch dartun
muss, was Dummheit, Bosheit und Neid taten, einen Geist zu erschüttern, der gegen
alle Schläge des Schicksals durch ein Gefühl gestählt ist, das zwar nicht
vernichtet, aber doch verdüstert werden kann - nun wird mein Geschäft bei jedem
vorwärts getanen Schritte trauriger und schmerzlicher. Fassen will ich mich, so
viel ich kann, und ohne Bitterkeit und Hass das weitere treu und wahrhaft
erzählen.
    Ich überfliege, so viel ich kann und darf, um schneller den Begebenheiten
näherzukommen, die jetzt auf mich zudrängen.
    Nach einigen auf der Universität zugebrachten Jahren begab sich Ernst auf
Reisen: zuerst durch Teutschland, dann durch England und Frankreich. Seine
Kenntnisse erweiterten sich, aber sein innrer Sinn blieb derselbige; nur dehnte
er sich mehr aus, nur ward er kräftiger durch die gemachten Beobachtungen. Sein
geheimer Führer hatte ihm einen richtigen Massstab gegeben, die Erscheinungen der
moralischen Welt zu bestimmen; und darum konnten ihm diese Erscheinungen, so
auffallend und empörend er sie auch hin und wieder finden mochte, die Natur des
Menschen und seine Anlagen, gut und edel zu sein, in kein zweideutiges Licht
setzen. Sein Führer hatte ihm klar gezeigt, dass alles Verzerrte, Verstümmelte,
Missgestaltete und Ungeheure, welches in der Gesellschaft ohne Unterbrechen
hervorschiesst, bis ins Unendliche fortwächst und in allem, was der Mensch tut
und denkt, sichtbar ist, nur in dem Augenblick entstehen konnte, in welchem der
Mensch, dieses so vorzüglich geliebte, so glücklich ausgestattete Lieblingskind
der Natur, seine Mutter verliess. Sie hatte ja ihre heiligen Lehren als die
einzigen Quellen des Glücks seinem Herzen anvertrauet und ihm die Grenzen dieses
Glücks so fest und bestimmt angezeigt, dass er nicht übersehen konnte, das Elend
beginne, so bald er sie übertrete. Ernst wusste durch seine Lehrer, wodurch der
Mensch diese Grenzen einriss und übersprang, er wusste, wer ihre Spur so
ausgelöscht hatte, dass die aus ihrer glücklichen Heimat Verirrten wohl noch
zuzeiten ihr verlornes Glück wie einen Jugendtraum vor ihrem Geiste dunkel
schweben sehen, aber es nie wiederfinden können. Man glaube darum nicht, Ernst
habe seinen Lehrer so verstanden, wie ihn mancher verstanden hat und noch
versteht: als müsse man diese selige Heimat in dem wilden Zustande suchen, der
darum dem Menschen nicht allein und vorzüglich eigen und natürlich sein kann,
weil er in demselben seine hohe Würde, die seinen Ursprung allein beweiset, nie
entwickeln könnte. Nachdem er die übrigen Schriften seines Lehrers gelesen
hatte, die alle nur ein Geist durchhaucht und zu einem zusammenhangenden Ganzen
verbindet und wovon jeder Teil zu einer Stufe des Tempels der Wahrheit dient,
sah er klar ein, dass die oft wild und übertrieben scheinenden Gedanken des
begeisterten Künstlers, der dieses erhabene Gebäude aufführte, nur deshalb da
stehen, weil sie das entgegenstehende Gerüst des Wahns, der Torheit, Eitelkeit
und Eigenmacht in seiner elenden Blösse zeigen sollen. Er wusste, dass Plato, als
er die Gebrechen der Staaten seines Zeitalters merkbar machen wollte, dasselbe
tat, indem er das Gesetz, die Gerechtigkeit und die moralische Würde des
Menschen als die einzigen Führer und Leiter seinen Zeitgenossen mit der ganzen
Erhabenheit und Kraft seiner Seele darstellte; er wusste, dass ihn nur die
missverstanden, verhöhnten und hassten, welche ihn entweder nicht fassten oder, als
Verbrecher gegen diese Gesetze und Würde, es nicht ertragen konnten, dass
dieselben in diesem hohen Lichte der Wahrheit erschienen.
                                       2.
In Paris machte er sehr viele und angenehme Bekanntschaften mit Gelehrten,
Bürgern und Staatsleuten; und auch er fand, was so viele beobachtet hatten, dass
trotz der Verderbnis der Sitten in keiner Stadt Europas mehr Kenntnisse,
Annehmlichkeiten des Umgangs und gesellschaftliche Tugenden zu finden wären als
eben in dieser verderbten Stadt. Auch hatte gerade die allzu offne und
schreiende Äusserung dieser Verderbnis nach und nach alle diejenigen erweckt, in
welchen die Funken des Edlen noch glimmten; ihre Tugend erhob sich an der Seite
des Lasters, und schon hörte man einige laute Stimmen unter dem wilden Gebrause.
    Franklin war um diese Zeit in Paris, und Ernst hatte das Glück, diesem
seltnen Manne zu gefallen und von ihm geachtet zu werden. Als sich dieser nun zu
seiner Abreise fertig machte, bat ihn Ernst um die Bestellung eines Briefes an
Hadem, von dem er den edlen Greis so oft unterhalten hatte. Franklin versprach
ihm, wenn Hadem in dem ungeheuren Bezirke von Amerika lebte, so sollte er diesen
Brief gewiss bekommen. So viel hatte Ernst schon von Franklin erfahren, dass das
Regiment, wobei Hadem stand, in einem für die Engländer und Teutschen
unglücklichen Treffen beinahe gänzlich zugrunde gerichtet worden sei und man die
übrigen als Kriegsgefangene in das Innere des Landes geführt hätte.
    Ich darf dem Leser diesen Brief nicht vorentalten.
                                 Ernst an Hadem
Ein Brief von Ihrem Schüler, Ihnen durch den edelsten Mann des Landes, in
welchem Sie nun leben, zugesandt, wird Sie gewiss erfreuen. Und damit Sie ja
nicht fürchten, dass etwas diese Freude stören möchte, so sage ich Ihnen gleich
im Eingange meines Briefes, dass Ihr treuer Schüler noch in dem Lande lebt, in
das Sie ihn eingeführt haben. Sie würden ihn trotz der Veränderung, welche die
Zeit in seinem Äussern gemacht hat, gewiss wiedererkennen und so finden, wie Sie
ihn verliessen. Damit Sie sehen, wie und wodurch er sich auf seiner Grundfeste
erhalten hat, sende ich Ihnen hiermit zugleich die Beweise des Kampfes1, den Sie
bei Ihrer schrecklichen und plötzlichen Entfernung durch Ihre letzte Worte
veranlasst haben. Und dann sage ich Ihnen, dass Sie mich nie verlassen haben, dass
Ihr Geist mir immer zur Seite stand, dass ich nur in dem Gedanken lebte, Sie
wiederzusehen, nur Sorge trug, von Ihnen wiedererkannt zu werden. Franklin, der
erste Mann seines Volkes, hat mir versprochen, Sie in meine Arme zurückzusenden;
und dann, Hadem, mag das Schicksal über mich beschliessen, was ihm gefällt.
    Denken Sie sich meine Lage, meine Traurigkeit, meine Furcht, meine Angst,
meinen Kampf, als Sie mich verliessen! Und denken Sie, wie ich Ihnen in der
Stille des Herzens für den Führer dankte, dem Sie mich anvertraueten! Daran
erkannte ich meinen Hadem wieder. So übergibt der schützende Genius den ihm
anvertrauten, eben verschiednen Gerechten einem Engel, dass er ihn in unser
Vaterland leite, weil ein Neugeborner seines Schutzes bedarf. Er hat mich
geleitet, er hat den jungen, ganz verlassenen Kämpfer ausgerüstet mit Stärke, er
hat ihm wieder Mut eingeflösst auf der Bahn, auf welcher er einen Augenblick
wankte. Und von dem Augenblick an, da ich den Geist verstand, dem Sie mich
anvertrauten, stehe ich wieder in der Mitte meines Paradieses, und ich hoffe,
Sie sollen mich darin finden.
    Von dem Manne, dem man mich und Ferdinand nach Ihrer Entfernung übergab,
sage ich nichts. Er konnte mir nicht mehr schaden; er bestärkte mich nur in dem
Glauben, den Sie in mir erzeugt hatten. Nur fürchte ich, dass er auf Ferdinand
mehr Wirkung getan hat. Dieser ist jetzt im französischen Dienste, und ich habe
ihn in seiner Garnison besucht. Nach den Begriffen dieses Landes besitzt er
alles, was ein Mensch besitzen muss, um hier sein Glück zu machen; und ich
glaube, er wird das seinige machen. Freude, Vergnügen und Hoffnung umgaukeln
ihn, und er ist so liebenswürdig, so angenehmen Umgangs, dass der Zauber seines
Betragens und seiner Liebkosungen mir selbst die Furcht verschleierte, die
einige seiner Äusserungen in mir erweckten. Ich liebe ihn und werde ihn immer
lieben, und da seine ihn ganz beherrschende Einbildungskraft nun einmal nicht zu
bändigen ist, so wünsche ich nur, dass er bei Fehlern und Torheiten stehenbleibe,
dass diese Fehler unter einem so leichtsinnigen Volke wie das französische nicht
in Laster ausarten. Fehler kann er im Unglück bei mir vergessen, Torheiten kann
ich vielleicht gut machen; aber Laster?
    Ich habe mich vier Jahre auf der Universität *** aufgehalten und da das
menschliche Wissen mehr geprüft als mir zum Eigentum gemacht. Ich lernte mich
von der Beschränkteit des menschlichen Geistes überzeugen und fand bei meinem
Nachsinnen darüber, dass uns zu unserm Glücke so vieles Grosse und Herrliche
deutlich, klar und verständlich ist als wir bedürfen, um unsre Bestimmung zu
erfüllen. Ihr Geist und der Geist des Mannes, den Sie mir zum Führer
hinterliessen, leiteten mich auch hier; ich ging mit ungestörtem Verstande und
ruhigem Herzen an allen täuschenden Sirenen vorüber, die uns mit ihrem reizenden
Gesange in Labyrinte locken, aus denen wir uns selten herauswinden, ohne die
Heiterkeit des einen und die Zufriedenheit des andern zu verlieren. Wie die
goldnen Strahlen der Morgenröte schweben die Fäden meines Daseins, die mich an
jenes Land so sanft binden, vor meinem Geiste - ich überlasse mich ihrem Zuge
und vermeide alles, was sie düster färben könnte.
    Ich war in England, Hadem, in dem Lande, das die Söhne der Teutschen von
ihren Fürsten erkauft, um sie über das Meer zur Schlachtbank zu senden. Auch Sie
sandte es dahin, aber zum Schutz und Troste der dem Tode geweihten Opfer. Und
nur dieser Gedanke, wenn ich Sie bisweilen zu lebhaft zurückwünsche und murrend
über meinen Verlust klage, söhnt mich wieder mit dem Schicksal aus, das Sie mir
vorentält. Ich empfinde, was Sie diesen Unglücklichen sein müssen, welche die
Goldsucht ihrer Fürsten von dem väterlichen Boden vertrieb, die nun seufzen in
der Gefangenschaft, im Innern eines fremden Landes, dessen Erde schon den
grössten Teil ihrer Brüder in Wildnissen deckt. Ist der Teutsche dazu geboren?
seinem Fürsten von der Natur als eine Ware gegeben? Was hofft dieser von den
zurückgebliebenen Waisen, wenn die Zeit kommt, da das Vaterland seiner Söhne
bedarf? Wird er mit seinem aufgehäuften Golde nun auch fremde Verteidiger
erkaufen? oder wird er dem Feinde die Summe entgegentragen, die er für das Blut
seiner Kinder erhalten hat, und damit Schonung erkaufen? Ich darf diese Gedanken
nicht weiter verfolgen. Kein Volk der Erde verdient mehr Achtung und Schonung
von seinen Fürsten als das teutsche; und dieses Volk wird von ihnen verkauft!
Weg mit dem elenden Gedanken, der Teutsche habe kein Vaterland! - Er hat ein
Vaterland; ich habe ein Vaterland, ich fühle es und fühlte es schon, als ich das
erste lebendige Rauschen in meinem Eichenwalde vernahm. Ich fürchte, Hadem,
durch diese Gesinnung sind Tugenden in Teutschland verschwunden, deren Verlust
wir einst bereuen werden. Die Zeit kann kommen, wo sich dieser Gedanke, der
Teutsche habe kein Vaterland, grausam an denen rächen wird, die ihn erzeugten
und unterhielten. Der Teutsche hat kein Vaterland - was hat er denn, Hadem? Und
was sind seine ihm eignen Sitten und Tugenden? Ist nicht Treue, Aufrichtigkeit
und Tapferkeit sein unterscheidendes Merkzeichen? Und den Boden, der diese
Tugenden nährt, auf welchem sie gedeihen, sollten wir nicht unser Vaterland
nennen? Und wäre dieser traurige Gedanke wirklich wahr - wie, wenn nun der
Teutsche fragte, warum er kein Vaterland habe in dem Sinne wie andere Völker und
durch wen ihm diese Quelle edler Tugenden genommen sei - was würde man ihm
antworten?
    In England forschte ich vergebens nach jenen Tugenden, mit deren Geräusche
dieses nach allen Teilen der Welt handelnde Volk seine verblendeten Bewundrer so
lange täuschte. Längst hat die Goldgierde sie verschlungen. Mich überfiel ein
Schauder bei dem Gedanken, dass dieses von politischer Freiheit träumende Volk,
welches gleichwohl allen wirklichen Wert nur in Gewinn setzt, die unschuldigsten
und ältesten Bewohner der Erde in der scheusslichsten Sklaverei hält und uns ihre
unter der Gewalt erzwungenen Erzeugnisse zuführt, um für das uns abgenommene
Gold Teutschlands blühende Söhne von unsern Fürsten zu kaufen! Ich sehe sie alle
Meere durchfahren, alle Küsten der kultivierten und wilden Völker besuchen,
überall handeln, tauschen, Gewalttätigkeiten und Raub ausüben und selbst hier in
der Hauptstadt für den Glanz des Goldes den Schatten ihrer noch übrigen Freiheit
verkaufen. Hadem, und doch treibt dieses durch seine Reichtümer aufgeblähete
Volk seinen missverstandnen Stolz so weit, dass es alle Völker der Erde verachtet,
ob es gleich bei ihnen seine Tugenden für Gold umsetzt. Und wenn die Engländer
nun alles Gold der Erde zusammengehäuft haben, werden sie nicht ärmer durch
ihren Reichtum sein? Wird das Elend bei dem grössten Teile des Volkes nicht in
eben dem Masse steigen wie der Reichtum des kleinern? Welches bloss kaufmännische
Volk der alten und neuen Welt rief nicht in der Zeit der Not seinen Götzen
vergebens um Hülfe an? Oh, es ist ein trugvoller Götze, Hadem; und die Zeit wird
einst gewiss die gemisshandelten Völker der Erde an seinen feurigen Anbetern
rächen! Und geschieht es nicht schon jetzt, in dem Erdteile, wo Sie leben?
Tugend, Mittelmässigkeit zu Gefährten, Eisen zur Verteidigung - was vermag das
Gold gegen diese? Und ist dieses nicht das Los der Teutschen?
    Ich durchreiste verschiedne Provinzen von Frankreich, bevor ich mich nach
Paris begab. Da nun und in Versailles entdeckte ich freilich sehr geschwind die
Quellen des Elends, von dem dieses gutmütige, muntre, geistreiche und
freundliche Volk so vielfach leidet. Gewiss besitzen die Franzosen schon von
Natur alle geselligen Tugenden in einem höhern Grade als andere Völker; und
darum können andere Völker auch nur ihre Torheiten nachahmen. Ich werde überall
eine feine Urbanität und gefällige Redlichkeit gewahr, die nur der Hass oder der
rohe Sinn verkennt. Der Franzose ist durchaus ein vollendeterer Mensch, und
Feinheit im Denken, Sprechen und Handeln macht sein unterscheidendes Merkmal
aus. Um so mehr ist es zu beklagen, dass die Urheber seines Elends ihm alles Böse
mit einer Leichtigkeit, Zuversicht und Vergessenheit tun, als sei es ein
unvermeidliches Gesetz der Notwendigkeit. Ich fliehe oft den Tumult dieser
grossen Stadt, um mich dem Nachsinnen dessen zu überlassen, was täglich vor
meinen Augen vorgeht; und oft flüchte ich mich auf die ruhige, selige Insel,
welche die Gebeine des Mannes in sich schliesst, dessen Leitung Sie mich
anvertrauet haben. Mit welchem Gefühle der Rührung und des Danks ich zum
erstenmal sein Grab begrüsste, denken Sie wohl. Diese Insel, Hadem, war der
letzte Zufluchtsort des verfolgten Priesters der Natur und der Wahrheit. Auch
hat die Natur sie zur Ruhestätte ihres Lieblingssohns reizend ausgeschmückt.
Schlanke Pappeln wiegen sich lispelnd um sein Grab, als sprächen Geister aus
einer andern Welt von ihren Wipfeln herab. Hier sprach sein Geist stärker als je
zu mir; und selbst der heisse Wunsch, dass er noch leben möchte, die stillen
Klagen, dass ihn meine Augen nicht sehen, dass ich ihm für meine Errettung keinen
Dank sagen konnte, verloren sich bei dem Gedanken: Werde ich ihn nicht finden in
dem Lande, wohin er geflohen ist, zu welchem er mir die Bahn so fest, so
bestimmt vorgezeichnet hat?
    Hadem, nie vergehen die Worte dieses Mannes, und an seinem Grabe fühlt ich,
was denen bevorsteht, die dem Edlen ihr Ohr verstopften - diesem Edlen, der
ihnen so laut und schrecklich warnend den Abgrund zeigte, an dem sie so tätig
und rastlos graben, als könnte er sie nicht früh genug verschlingen.
    Hier, an seinem Grabe, schwor ich, seiner Lehre treu zu bleiben und alle
widrigen, empörenden Erscheinungen um mich her mit dem Gedanken zu bekämpfen:
»Die Natur machte den Menschen gut; in dem Augenblicke, da er sie verliess, hörte
er auf, es zu sein.« - Ja, Hadem, hier ist die Tugend nur ein Paradewort, nur
ein Ausdruck des Vertrags. Hier weiss man nichts von Übertreibung derselben, als
wenn man von ihr spricht, wenn man Handlungen aus Romanen zum Gegenstande des
Gespräches macht. Hier übt man Ihre letzten Worte in einem Sinne aus, wie Sie
dieselben gewiss nicht ausgesprochen haben; denn aus Vorsicht, die Tugend nicht
zu übertreiben, sich und andern durch sie nicht schädlich zu werden, verliert
man alle Kraft und allen Mut dazu.
    Ich werde in kurzem Frankreich verlassen; denn ich sehne mich nach meinem
Vaterlande, wo die goldne Mittelstrasse noch betreten wird, wo Üppigkeit und ihre
Quelle, der Reichtum, noch nicht alle Tugenden verschlungen haben, wo noch
Einfalt, Zutrauen und inniges Verhältnis unter den Bürgern herrschen. Möchte es
in diesem Zustande verbleiben! Möchten nie Witz und Spott die einzigen
Bedürfnisse der Unterhaltung, die Hauptforderung an unsere Schriftsteller
werden! Möchten dem Teutschen noch lange Wahrheit, Empfindung und Einfalt
genügen, und ein Gemälde der schönen, ruhigen Natur, die Erzählung einer guten
Tat, das rührende Schicksal eines ihrer Brüder sie mehr entzücken als die
witzigste, geistreichste Spötterei, die glänzendste Schilderung des üppigen
Wohllebens, die berühmteste Darstellung der mit dem schimmerndsten Firnisse
übertünchten Laster! Euer Ruhm sei eure Treue, eure Aufrichtigkeit, euer Mut!
Erhaltet diese Erbschaft eurer Väter und missgönnt andern Völkern den Ruhm nicht,
den sie sich auf Kosten dieser Tugenden erwerben!
    Mit diesen Empfindungen werde ich den vaterländischen Boden wiederbetreten,
mich auf den Schauplatz meiner fröhlichen, unschuldigen Jugend einschränken und
da Sie erwarten. All mein Bemühen soll darin bestehen, mir diesen Sinn zu
erhalten, meines Vaters und Ihre Lebenszeit aufzuheitern und alle die glücklich
und zufrieden zu machen, die meiner Sorge anvertrauet sind.
    Kehren Sie bald zu uns zurück, Hadem, so bald als Ihre Pflicht es
verstattet. Sie fehlen mir und meinem Vater. Mitten in dem blühenden Schosse der
Natur wollen wir einen Tempel bauen, dessen Grund ich an Ihrer Seite mit zarter
Hand anlegte. Ich bin nun kühner und zutraulicher geworden - und der Grundstein
dieses Tempels liegt mitten in dem von Ihnen gebildeten Herzen, welches ich so
rein erhalten will, dass Sie es nie abweisen werden. So bin ich, durch
unermessliche Entfernung getrennt, noch Ihr, so sind Sie noch mein; denn das
Band, das uns vereinigt, umschlingt und erhält die Welten. Leben Sie wohl,
Hadem!
    Zwei Dinge vergehen nie in mir: die Gewissheit eines höhern Ursprungs, sichre
Rückkehr dahin und die Freundschaft für Sie. An diesen Zeichen werden Sie Ihren
Schüler gewiss erkennen, in welcher Lage des Lebens Sie ihn auch finden mögen.
Noch einmal, leben Sie wohl!
                                       3.
Nach Franklins Abreise kehrte Ernst zu seinem Vater zurück. Wie er Teutschland
und seine Landsleute betrachtete, hat er selbst angedeutet; und ich brauche
nicht zu sagen, dass er den vaterländischen Boden mit Gesinnungen betrat, die dem
grössten Teil unsres von Reisen zurückkehrenden Adels fremd sind. Von aussen
gebildeter und vollendeter, mit Erfahrung und Kenntnissen bereichert, kehrte er,
was seine innere Denkungsart betrifft, unverändert zurück. Sein Äusseres hatte
durch seine festere innre Stimmung gewonnen, seine ernste und oft düster
nachsinnende Miene war durch gefällige Sanftmut gemildert. Aus seiner Liebe zum
Guten, seinem Mute, seinem Zutrauen, seinem einfachen Gefühl floss ein schonendes
Betragen gegen andere. Er konnte Torheiten mit ansehen, ohne aufgebracht zu
werden. Er bedauerte still; denn da er die Menschen kannte, so kannte er auch
die Ursachen ihrer Torheiten, und da er für sich ohne alle Anmassungen und
Ansprüche war, so liess er sich nie verleiten, durch Bemerkungen und
Zurechtweisen die Menschen zu reizen, überzeugt, dass man sie wohl dadurch
erbittern, in ihrem Unsinne verstärken, aber selten bessern kann. Nur wenn er
aufgefordert wurde, wenn man Wahrheit von ihm verlangte, wenn sie oder die
Unschuld in Gefahr waren, nur dann trat er in der ganzen Würde und Stärke seines
Gefühls auf, ohne die Folgen für sich zu achten.
    Die Freude seines Vaters, einen solchen Sohn nach allen ihm bekannten
Gefahren in seiner Unschuld zu umarmen, ihn so zu finden, wie er ihn verlassen
hatte, war unbeschreiblich. Es war immer sein Ernst, und in seinem Herzen lebte
das Gefühl der Jugend, als sei ihre Blüte unvergänglich. Musste sie nicht? Hatte
er sie nicht in dem ewig blühenden Lande gepflückt, in das er so früh
eingedrungen war? Auch sollten nur dort ihm die Früchte reifen, deren Keime er
so sorgfältig wartete; denn nur dort blühet der Baum des wahren Lebens.
    Als sein Vater nun alle Freude des Wiedersehens genossen und Ernst die Höhle
besucht, den Kranz unversehrt gefunden hatte, ohne dass ein Vorwurf die geistige
innre Verbindung mit ihm störte - drang sein Vater in ihn, sich dem Fürsten
vorstellen zu lassen. Ernst empfand, dass es notwendig wäre; aber er versicherte
seinem Vater, er würde sich durch nichts fesseln lassen, in seine Arme
zurückkehren und nur ihm und dem stillen Berufe leben, den die Natur ihm so
glücklich angewiesen hätte.
                                       4.
Ernst kam in der Residenz an und stieg bei seinem Oheim ab. Sein Eintritt und
sein Betragen überraschten den Präsidenten; der Jüngling, den er als einen
phantastischen, träumenden Knaben kannte, war nun zu einem jungen Mann
aufgewachsen, der bei allem Anstande, aller Freundlichkeit und Sanftmut doch mit
jedem Worte und Blick anzeigte, dass er auf einem festen Punkte der Stärke und
Entschlossenheit stände. Ich sage zu wenig, wenn ich sage: der erfahrne Mann
ward dadurch verwirrt. Ernst drückte ihn; denn wenn er ihm gleich als sein Neffe
und als Edelmann gefiel, so missfiel er ihm doch als Mensch. Indessen war der
Freude, des Bewillkommens und Wohlaufnehmens kein Ende, und der Tag seiner
Ankunft musste ein Fest in der Familie werden, wozu man alles einlud, was man
seine Freunde nannte. Ernst musste von seinen Reisen erzählen, und er sagte eins
und das andere darüber, das seinen Oheim in Erstaunen setzte. Zuzeiten dachte
er, Renot habe trotz seinen Prahlereien doch nur gepfuscht und der alte Schade
sei dem jungen Manne geblieben, er tauge nur für das Landleben oder für das
Bücherschreiben. Als er aber endlich seinen Entschluss erfuhr, dass er sich dem
Fürsten wolle vorstellen lassen, ward er ernstaft, lobte indessen seinen
Entschluss sehr und setzte hinzu:
    »Sie werden Ihren Hofmeister Renot als Sekretär bei dem Fürsten finden,
Neffe. Er hat mir diese ehrenvolle Stelle zu danken. Ich tat es um Ihrentwillen,
und Sie können dafür auf seine Gefälligkeit bei jeder Gelegenheit rechnen.
Wenigstens glaubte ich, ich sei verbunden, die Dienste zu belohnen, die er Ihnen
erwiesen hat.« -
    Ernst errötete; er hatte die Kunst nicht erlernt, einen Schlag an sein Herz
abzuleiten, ohne dass er sich dem Geiste mitteilte. Er antwortete kalt:
    »Ich sehe es gerne, dass es ihm wohlgeht, und da Sie wirklich glauben, er
habe Ihre Vorsorge verdient, so danke ich Ihnen dafür; doch erlasse ich ihm
seinen Dank und seine Gefälligkeit, wenn ich Ihre Worte recht verstehe, weil ich
nie etwas suchen werde, als wozu ich Recht habe, und dazu ist ja der gerade Weg
immer der beste.«
    Ernst traf hier, ohne es noch zu ahnden, gerade den rechten Gesichtspunkt,
den der Präsident bei der Anstellung Renots im Auge gehabt hatte. Er, der an dem
kleinen Hofe gerne die Politik ausübte, wie sie an grossen im Gange ist, um seine
Geisteskräfte alle zu gebrauchen, hatte Renot dem Fürsten zum Sekretär gegeben,
weil er gerade einen so gewandten und ihm zugetanen Menschen an dieser Stelle
brauchte. Der Fürst hatte unter vielen Eigenheiten auch die, dass er gewisse
Dinge gern allein tat und seine Minister und geheimen Räte nicht alles wissen
lassen wollte. Da dieses nun eine Eigenheit an einem Fürsten ist, welche
Minister und Räte an kleinen Höfen ebenso wenig vertragen können als die
Minister und Räte an grossen, so mussten sie natürlich diese ihnen unangenehme
Eigenheit für sich so unschädlich als möglich zu machen suchen. Nehmen liess der
Fürst sie sich einmal nicht; das hatten sie erfahren. Renot war nun freilich der
Mann zu einem solchen Zwecke. Er legte, sobald er den Fürsten kennengelernt und
das Verhältnis nebst allen daraus für ihn entspringenden Vorteilen durchschauet
hatte, den Franzosen so weit als möglich ab und stellte nur den biedern,
einfachen, treuen Schweizer dar. Der Fürst war mit ihm zufrieden; denn Renot
besass die Kunst, ihm jede Arbeit leicht und nach seinem Sinne zu machen. Und um
diese Zufriedenheit bis zum Zutrauen zu erheben, zeigte er ihm bei jeder
Gelegenheit das, was Grosse so gern an Kleinen sehen: eine besondere
Anhänglichkeit und Ergebenheit; und er wusste es so zu drehen, dass er dieses noch
mehr für den edlen Mann als für den Fürsten zu fühlen schien.
    Der Präsident versuchte nun, Ernsten einige Regeln über sein Betragen gegen
den Fürsten zu geben, und legte besonders auf diese einen starken Nachdruck: da
der Fürst das Kühne und Mutige nicht liebe, so möchte er ja zurückhaltend in
seinen Reden sein.
    Ernst hörte ihn ruhig an und sagte:
    »Ich gehe zu dem Fürsten, ihm die Achtung zu bezeigen, die er von mir, von
jedem unter uns, von jedem seines Volks und von jedem Teutschen verdient. Kann
ich ihn von diesem meinem Bewegungsgrund überzeugen, so habe ich meine Absicht
schon erreicht.«
    Der Fürst erlaubte Ernsten schon auf den folgenden Morgen Zutritt. Gerne
hätte ihn der Präsident an den Hof begleitet, aber er wusste, dass er darum doch
weiter nichts erfahren würde; denn der Fürst hatte auch die Eigenheit, dass er
den Zutritt in das Innere seines Kabinetts erlaubte und sich da gern allein und
ungestört mit denen unterhielt, die er sehen und kennenlernen wollte.
    Dem Fürsten gefiel nun alles das an Ernsten, was dem Präsidenten nicht
gefiel; und als er ihm angemeldet ward, erinnerte er sich augenblicklich seines
ehemaligen Schreibens. Er las es durch, bevor Ernst zu ihm trat, und nun sah er
den jungen Mann gerade in dem Lichte an, in welchem er ihm damals erschien. Der
Eintritt, das Betragen, die Gesinnungen Ernstens bestärkten den frühen guten
Eindruck. Nachdem sich der Fürst lange mit ihm von seinen Reisen und auswärts
gemachten Bekanntschaften unterhalten hatte, fragte er ihn, welchem Geschäfte er
sich nun zu widmen gedächte, welchen Teil an der kleinen Staatswirtschaft seines
Vaterlandes er wählen würde.
    Ernst antwortete: »Meine Neigung geht vorzüglich auf ein beschränktes Leben;
ich halte es jetzt für mein Hauptgeschäft, das Leben meines Vaters angenehm zu
machen und ihm alle Sorgen abzunehmen. Ich muss mich erst im Kleinen versuchen,
Ew. Durchlaucht, bevor ich mich an das Grosse wage.«
    FÜRST: Sie reden von Beschränkteit, Herr von Falkenburg, das heisst von
Ruhe. Der tätige Geist in Ihren Augen scheint über Ihre Worte zu zürnen. Was
sollen wir Alten denn tun, wenn Rosenlippen von Ruhe reden? Nach Ihrer jetzigen
Äusserung habe ich mich also in Ihnen geirrt. - Sie wundern sich? - Freilich
geirrt. Denn Sie haben mir nicht Wort gehalten, Ihr Gelübde gegen mich
gebrochen, das Sie mir schon in Ihrer Jugend durch diesen Brief ablegten.
    Er gab ihm den Brief und bemerkte sein Erstaunen darüber. Nun fuhr er fort:
    »Sie sehen, ich habe ein besseres Gedächtnis als Sie. Sie vergassen den
Vertrag, den Sie durch diesen Brief mit mir gemacht haben, ich vergass ihn nicht.
Es ist mir leid, dass Sie es taten; ich habe auf Sie gerechnet. Und doch hätte
ich mich in Ihnen nicht irren sollen, Ihre erste Bitte wenigstens habe ich
gleich erfüllt.«
    ERNST: Verzeihen Sie, gnädiger Herr, mein Erstaunen über das, was ich höre
und sehe. Wenn Sie wüssten, wie es mit diesem Briefe zugegangen ist, was er für
Folgen für mich gehabt hat, ich würde leicht Ihren ernsten Blick mildern.
    FÜRST: Reden Sie. Ich höre gerne von den Jahren, in welchen der Mensch
beginnt.
    ERNST: Darf ich eine Frage wagen?
    FÜRST: Sie wagen bei mir nur dann, wenn Sie mit blühenden Wangen von Ruhe
reden.
    ERNST: Waren Ew. Durchlaucht nicht ungehalten über diesen Brief?
    FÜRST: Gar nicht. Ich trug ja Ihrem Oheim auf, er sollte Ihnen sagen, dass
ich diesen Brief als ein an mich von Ihnen abgelegtes Gelübde ansähe, dass ich
hoffte, Sie würden als Mann leisten, was Sie hier als Jüngling versprächen. Ich
hörte in dem Briefe den jungen Mann, der hier vor mir steht; aber da nicht, als
Sie von Ruhe sprachen.
    ERNST: So muss mein Oheim Ihre gütige Äusserung dem Jüngling für nachteilig
gehalten haben, und vielleicht hatte der erfahrne Mann darin recht. Und nun
erlauben Sie mir, gnädiger Herr, dass ich Ihnen nicht erzähle, was für Folgen der
Brief für mich gehabt hat.
    FÜRST: Ich verstehe Sie, verstehe Sie gerne so und dringe darum nicht weiter
in Sie; aber dafür werden Sie auch Ihr Wort halten und das mir getane Gelübde
nicht vergessen. Ich bewahre es auf. - Herr von Falkenburg, versagen Sie sich
Ihrem Vaterlande darum nicht, weil sein Umfang so klein und beschränkt ist. Das
kleinste Land braucht gute Menschen; und vielleicht ist ein kleiner Bezirk
denen, welche gut sind und es bleiben wollen, zuträglicher als ein grosses Reich.
Ich gestehe Ihnen, dass ich darum als teutscher Fürst mit meinem Lose sehr
zufrieden bin. Jetzt kann ich meinen Wirkungskreis ganz übersehen; wär er
grösser, so müsst ich mein Geschäft zerstückeln und es mit so vielen Händen
teilen, dass mein Fürstentum zwar grösser, mein eigner Wirkungskreis aber eben um
so viel kleiner und beschränkter wäre. Jetzt kann ich mir noch etwas
zuschreiben, kann alles und jedes noch beobachten und in Ordnung halten; aber
wenn Leute Ihrer Art mir fehlen wollen, wenn sie sich mir versagen, wenn sie die
Probe mit sich und mit den Menschen aus Misstrauen oder Gemächlichkeit nicht
machen und ihre Tugend und ihr Talent vergraben wollen, so ist es traurig für
den, der an der Spitze steht. Und warum suchen Sie die Ruhe? so frühe Ruhe? Herr
von Falkenburg, das Amt in dem kleinen Staate schliesst die Sorge für den eignen
Herd nicht aus wie in dem grossen. Es bereichert selten; und um so besser! So
nimmt der Diener des Vaterlandes zugleich als Bürger und Hausvater teil am
Staate.
    Dieses sind meine Gesinnungen. Haben Sie etwas darauf zu antworten, so will
ich es gern anhören; haben Sie mir nichts zu antworten und verharren doch bei
Ihrem Vorsatz, so haben Sie Gründe, die Sie mir nicht anvertrauen können, und in
diesem Falle geb ich Ihnen Ihren Brief zurück.
    ERNST: Ich wäre des teutschen Namens nicht würdig, nicht würdig, in einem
Lande geboren zu sein, dem ein solcher Fürst vorsteht, wenn Ihre Worte meinem
Herzen nicht zu Gesetzen würden. Der Sinn, in welchem Sie meinen Brief
aufnahmen, als ich noch ein Knabe war, gnädiger Herr, ist so schön und selten,
dass mir die Erinnerung daran zum ewigen Vorwurf würde, wenn ich ihn nicht so
treu erfüllte als ich ihn lebendig fühle. So wird der Teutsche selten von seinem
Fürsten geworben. Nehmen Sie mich denn ganz wie ich bin und nützen Sie mich, wo
es Ihnen gefällt.
    FÜRST: Ich nehme Sie an; und glauben Sie mir, an den Fürsten liegt es nicht
allein, wenn sie ihren Adel nicht so werben, wie ich Sie geworben habe. Zeige
sich nur unser Adel so teutsch und bieder, wie ich Sie finde, wie ich Sie mir
denke, und erhalte sich auf den ihm vertrauten Posten so, dann werden teutsche
Fürsten auf diesen Titel stolzer sein als auf jeden andern. Und nun begleiten
Sie mich auf meinem Spaziergang.
    Der Fürst führte ihn durch verschiedne Alleen gerade nach dem Teiche und
liess sich in der Laube nieder, wo Ernst einst seinen Brief niedergelegt hatte.
Er lächelte über die schöne Wärme, die das Erinnern jenes Morgens auf Ernstens
Wangen zog; da aber Ernst die weitere Erörterung so zart abgelehnt hatte, so
vermied er jede Frage darüber. Ernst blieb zur Tafel.
                                       5.
Renot sorgte dafür, dass der Präsident alles auf das genauste erfuhr, was
zwischen dem Fürsten und Ernsten öffentlich vorgefallen war. Der Präsident
erwartete Ernsten mit vieler Ungeduld; und als dieser endlich kam, fragte er ihn
gleichgültig über seine Aufnahme. Ernst sprach von dem Fürsten, wie er es
verdiente, und um so auffallender für seinen Oheim, da er es mit Fassung tat.
Als er endlich dem Präsidenten erzählte, dass er dem Lande dienen würde, sagte
dieser: »So!« und als Ernst hinzusetzte, wie ihn der Fürst geworben, so rief er:
»O der vortreffliche Fürst! der vortreffliche Fürst! wie will ich ihm dafür
danken!« Diese Worte sagte er mit einem so sonderbaren, so lang gedehnten Tone,
dass Ernst ihn darüber ansah. Der Ton schien bloss aus dem Kopfe zu kommen und
durch eine Reihe von Nebengedanken verlängert zu werden.
    Nun nahm das Gespräch eine andre Wendung. Den Inhalt desselben wird der
Leser von Ernsten selbst lieber als von mir hören.
    Renot unterbrach sie. Er war eilends gekommen, um Ernsten seine Aufwartung
zu machen. Als der Präsident sich einen Augenblick entfernt hatte, sagte Ernst
zu Renot:
    »Sie haben mir Ihr Wort gehalten, als ich noch ein Knabe war; ich will nun
das meinige erfüllen, da ich ein Mann geworden bin.«
    Nicht die Sache, sondern die gerade Erinnerung daran verdross Renot, aber um
so freundlicher war er gegen Ernst, um so schmeichelhafter sprach er gegen den
Präsidenten und andre von ihm.
    Ernst fuhr den folgenden Tag zu seinem Vater zurück, und ich kann dem Leser
seine Gesinnungen über seine gegenwärtige Lage nicht besser darstellen, als wenn
ich ihm ein Bruchstück eines Briefes von ihm an Hadem vorlege. Er hatte die
Gewohnheit, bei jedem ihm wichtigen Vorfalle sich mit diesem zu unterhalten; und
eine solche Unterhaltung nannte er einen Geisterrat zwischen sich und diesem.
                                 Ernst an Hadem
Mit welchem Entschluss ich in meine Einsamkeit zurückkehrte, habe ich Ihnen
geschrieben, lieber Hadem. Doch alle die schönen Hoffnungen, die sichern
Erwartungen muss ich nun aufgeben, und dagegen zu murren wäre ein Verrat an Ihren
Lehren, an meinem Herzen. Ich soll ein Amt annehmen, fühle die ganze Stärke der
Gründe unsers edlen Fürsten; und doch gehe ich hier nachsinnend in meinen
blühenden Tälern herum und sehe mit scheuem Blicke nach der fernen Zukunft
hinter den Felsen. Wie ich jetzt hier herumwandere, denke ich mir den von der
Habsucht und dem Geiz an die Europäer verkauften Neger, der nun zum letztenmal
an dem Gestade seiner Heimat traurig umhergeht und bebend über das Meer nach dem
fernen Lande hinblickt, wo er weiss, dass ihn harte, ewige Sklaverei erwartet. Und
nicht darum, Hadem, nicht dieses ängstiget mich. Ihr Schüler kann nicht so klein
und eigennützig denken, um nur Ketten für sich im Dienste des Vaterlandes zu
sehen, weil er des Lohns nicht bedarf. Es ist nicht die Freiheit, mit seiner
Zeit nach eignem Gefallen und Gewissen schalten zu können, die ich beklage; ich
glaube vielmehr, dass ich sie nicht besser anwenden kann. Brauche ich Ihnen zu
sagen, was es ist? Wenn ich an dieses lebhaft denke, so fühl ich einen kalten
Schauder durch mein Herz laufen. Und doch - was will ich im Grunde? Kann ich
wohl dem süssen Rufe mein Ohr verschliessen? Kann ich meine Tugend als mein
Eigentum ansehen, solange sie nicht unter den Menschen und dem Wirken mit ihnen
die Probe bestanden hat? wenn ich nur mir in stiller Beschränkteit allein durch
sie nutze, wo mich keiner stört? Dass die auf diesem glücklichen Flecke hier
nichts verlieren, dafür sorgt mein Vater; denn dies ist die schöne Ernte seines
herannahenden Alters. - Und sind es nicht Teutsche, auf einem Boden mit mir
erzeugt, von eben demselben Boden mit mir genährt, gleich mir für ihr Bestes
besorgt, mit denen ich zu tun haben soll? Fordere ich mehr an sie als das, was
billig, gerecht, ihnen nützlich ist? Und dieses mögen sie an mich so strenge
fordern als sie nur wollen, darüber werde ich nicht mit ihnen ins Gedränge
kommen. Also was ist es, das diesen geheimen Schauder verursacht? An Willen,
meine Pflicht zu tun, fehlt es mir gewiss nicht; auf Mut, in Verwicklungen
auszuhalten, auf Stärke im Kampfe wage ich zu rechnen. Und ich sollte fürchten,
den Schauplatz zu betreten, wo sich dieses nun bewähren kann? Sind es nicht die
gefährlichsten Versuche zum Bösen, welche die Legende den Heiligen am höchsten
anrechnet? - Und doch, Hadem, ich muss es Ihnen sagen - verzeihen Sie, aber ich
kann nicht schweigen. Ihre letzten Worte erklangen in der Tiefe meines Herzens,
während der Fürst mit mir sprach. Ich fürchte, die Menschen können die Tugend in
ihrer Kraft, Würde, Reinheit und Unbestechlichkeit nicht ertragen, und nur
halbe, schielende Tugenden leiten ihre Handlungen, so wie sie durch ihre
Schwäche beständig nahe an der Grenze des Lasters hinstreifen. Sollte das ganze
Erblicken dieser erhabenen Tochter des Himmels für ihren moralischen Sinn das
sein, was das glänzende Licht des Himmels unserm physischen Sinne ist? Ist es
so, Hadem, was soll aus Ihrem Schüler werden? Wo soll er seinen Standpunkt
finden? Wo soll er seinen Fuss hinstellen? wo vorwärts schreiten? wo stille
stehen? wo und wonach seitwärts blicken? Wie? ich sollte meinen festen, reinen
Blick durch die strahlenbrechenden, dunkeln, verworrnen, sich kreuzenden
Verhältnisse der Menschen teilen und färben lassen? Das innere Licht meiner
Seele soll von fremden Schattierungen abhangen? Dies ist es, Hadem, dies ist es!
    Jetzt erst kann ich Ihnen erzählen, wie es gekommen ist, dass ich meinen
Entschluss so schnell geändert habe. Hadem, wenn Sie diesen Fürsten gehört
hätten! Ich wollte Ihnen gerne jedes seiner Worte hinschreiben, aber wo blieben
seine gutmütigen, menschenfreundlichen, väterlichen, geistreichen Blicke? wo das
sanfte Spiel des Wohlwollens um seinen Mund? das Herz und Zutrauen Gewinnende in
jeder seiner Äusserungen? der Nachklang seiner Stimme in dem Geiste? sein edler,
ruhiger Anstand? - Sie wissen, Hadem, wie sehr ich das Ruhige, Feste im Betragen
liebe, Sie wissen, an wem ich es so früh schon kennen und schätzen lernte! -
    (Nachdem nun Ernst die obige Unterhaltung zwischen dem Fürsten und sich
beschrieben, fährt er fort:)
    Ich fühle, dass Sie Ihren Schüler glücklich preisen, dieses von seinem
Fürsten, von einem teutschen Fürsten, gehört zu haben. Ich höre, dass Sie sagen:
»Mein Ernst wäre meiner und des Führers nicht wert, dem ich ihn überliess, wenn
er dieser Aufforderung nur mit dem leisesten Gedanken widerstanden hätte.« Und
Sie haben recht, Hadem! Ich bin sein. Er fordere, was ich vermag; denn nie wird
er fordern, was ich nicht vermöchte.
    Wie klopfte mein Herz, wie erhob sich mein Geist, als er von dem Briefe
sprach, so davon sprach! Wie standen Sie an meiner Seite, wie griff meine Hand
nach der Ihrigen! Wie strömte es aus meinem Herzen nach meinen Lippen, von Ihnen
zu reden! Ich schwieg hier, ich musste schweigen, aber das damalige Betragen
meines Oheims war von so sonderbarer Art, dass ich wenigstens gegen ihn nicht
schweigen konnte. Er schien betroffen, nachsinnend über die Veränderung meines
Entschlusses, über das Benehmen, die Äusserungen des Fürsten gegen mich; und als
ich ihm nun alles geradezu sagte, sprach er etwas von seinen guten Absichten und
setzte endlich kalt hinzu, er habe es für klug gehalten, den Stolz des Jünglings
nicht durch die Botschaft des Fürsten noch mehr zu reizen, und das aus der
gegründeten Furcht, ihn durch das Gelungene des ersten Schritts zu mehreren zu
verleiten, deren Erfolg nicht so glücklich ausfallen möchte.
    Ich zeigte ihm das Widersprechende seiner damaligen und jetzigen Reden sehr
gelinde und sagte:
    »Gleichwohl hielten Sie mich zu jener Zeit für ganz unschuldig und schrieben
meinem Hadem alles zu, so sehr ich Sie auch von dem Gegenteil versicherte.«
    Er schwieg einige Augenblicke, und dann sagte er:
    »Ich hatte meine Ursache dazu und habe sie noch jetzt.«
    Ich erwiderte:
    »Das Ding, welches Sie System nennen, mag vielleicht schuld daran sein; denn
es erlaubt gar sonderbare Dinge. Freilich war ich nur ein Knabe, aber vielleicht
waren Sie mir umso mehr die Wahrheit schuldig.«
    Er antwortete:
    »Der Mann sagt dem Knaben nur alsdann Wahrheit, wenn sie ihm wirklich
nützt.«
    Ich wollte ihn nicht aufbringen, ich wollte aus seinem Munde hören, was ich
ahndete, und sagte:
    »Ich bin es nun nicht mehr und bitte Sie jetzt als um eine Wohltat: sagen
Sie mir, da Sie nichts mehr für mich zu fürchten haben, da Sie vernehmen, dass
mir bekannt ist, wie der Fürst den Vorfall ansah - hat Hadem Ihnen eingestanden,
dass er mich zu diesem Schritte gereizt, dass er darum gewusst habe?«
    Er erwiderte trocken, Sie hätten geschwiegen und Schweigen sei in einem
solchen Falle ein Bekenntnis.
    »Verzeihen Sie, lieber Oheim«, antwortete ich ihm, »machen Sie Ihre Wohltat
ganz vollkommen! Zeigten Sie Hadem Unwillen über diese Tat? sagten Sie ihm, der
Fürst habe das Geschehene übel aufgenommen?«
    »Dieses tat ich«, erwiderte er verdriesslich, »weil es notwendig war, weil
ich Sie fortlieben wollte.«
    Und nun fiel die Hülle von meinen Augen. Sie standen verklärt vor mir, und
der Schimmer Ihrer Verklärung verbreitete sich über mein ganzes Wesen. Ich
dankte meinem Oheim mit Wärme und fühlte Tränen in meinen Augen.
    Da erkannt ich meinen Hadem! - Es war ein Opfer, das Sie der Tugend
brachten, ein schmerzliches, schönes Opfer. Und der Mann, der es brachte, der
mir einen solchen bedeutenden Wink noch mitgab, eben der Mann, der dieses für
einen Knaben, für seinen Schüler tat, mit Schmach und Vorwurf belastet ihn floh
und alles stillschweigend ertrug, warnte den Knaben in dem letzten Augenblicke
vor eben dem, was ihn zu der Tat antrieb - vor Übertreibung der Tugend, sprach
von Mass und Regel der Tugend! - Hadem, ich halte mich an Ihre Handlung; in
dieser liegt der Sinn, der mich leiten soll. Und ich sollte nach diesem
Fingerzeige zweifelnd am Scheidewege stehen?
                                       6.
Der Vater hörte das Betragen des Fürsten gegen seinen Sohn mit stiller Rührung
an. »Gehe, mein Sohn«, sagte er, »es sind dein Vaterland und der edelste
teutsche Fürst, die dich rufen. Fügte ich ein Wort hinzu, so müsst ich der
Wirkung dieses Rufs auf dich nicht trauen. Für diese hier will ich schon sorgen.
Riefe der Fürst mich an dem letzten Abend meines Lebens, so würde ich mich noch
von meinem Lager aufmachen und ihm die letzten Stunden widmen. Eile zu ihm!«
    Als Ernst wieder vor dem Fürsten erschien, erklärte ihm dieser: »Ich habe
eine Stelle für Sie gefunden, die Stelle eines Oberkammerrats in der Grafschaft
***; dem jetzigen Oberkammerrat dieser Grafschaft werde ich eine Stelle am Hofe
geben, wie dieser, weil er alle Arbeit hasst, schon lange zu wünschen scheint.
Sind Sie mit dieser Einrichtung zufrieden?«
    Ernst sprach von seinen wenigen Kenntnissen in diesem Fache, und der Fürst
antwortete ihm:
    »Wille Gutes zu tun ist hier das Haupterfordernis, und was Ihnen an
Kenntnissen fehlt, dazu wird Ihnen gern ein Mann behülflich sein, der sich Ihnen
gewiss nicht versagt. Ich verweise Sie an den Kammerrat Kalkheim. Der
eigensinnige gute Mann scheint nur auf Sie zu warten. Sie gewinnen ihn dem Lande
gewiss wieder.«
    Ernst ritt noch denselben Tag nach der Gegend, wo der Kammerrat sich
aufhielt. Im ersten Dorfe seines Gartens fragte er nach ihm. Man wies ihn nach
einem entlegenern, dort fand er den Kammerrat noch in derselben Lage und ebenso
gesund, zufrieden und glücklich, wie er ihn das erstemal gesehen hatte.
Kalkheims Freude war gross, als er Hadems Schüler in dem erwachsenen,
bescheidnen, schönen jungen Mann erkannte. Und als sich der Kammerrat genug
gefreuet und nach Hadem erkundigt hatte und immer froher ward, bezeigte ihm
endlich Ernst seine Verwunderung, dass er sich aller Tätigkeit entzöge.
    KAMMERRAT: Der Tätigkeit entzög ich mich? Lieber Herr von Falkenburg, im
ganzen Fürstentum ist kein Mensch tätiger und eben darum auch glücklicher als
ich. Mein Gott, sehen Sie mich doch nur an! Bin ich nicht so mager wie eine
Nachtigall im Frühjahr? Sehen Sie denn das glänzende Fleisch der Trägheit an
mir? Trag ich denn die Spuren der Langenweile in meinem Gesichte? oder der
dummen Behaglichkeit oder der kalten, gefühllosen Gleichgültigkeit gegen das,
was andern widerfährt? Sie glauben gar nicht, was ich alles zu tun habe. Ich bin
der Arzt der ganzen Gegend für Menschen und Tiere. Da ich die Äcker der Bauern
nicht mehr zu besorgen brauche (denn damit geht es noch immer gut), so sorge ich
nun für ihre Gesundheit und die Gesundheit ihrer Weiber, ihrer Kinder und ihres
Viehes. Erschrecken Sie nur nicht; denn ein so grosser Arzt ich auch geworden
bin, so brauche ich doch wenig Arzenei. Meine ganze Kunst besteht in gewissen
Regeln der Diät; und da ich durch mein voriges Bemühen für die Zufriedenheit der
Bauern gesorgt habe und weder der Kummer, die Sorge, noch das Elend meiner Kunst
in die Hände arbeiten, so geht alles so herrlich, dass bisher an meiner Kunst
noch keiner gestorben ist.
    ERNST: Dies alles ist so vortrefflich als vernünftig. Aber sagen Sie mir
doch - mein Oheim bot Ihnen ja nach unserm Besuche eine Stelle an; warum
schlugen Sie die aus?
    KAMMERRAT: Weil ich glücklich war und es mir schien, als ob Ihr Herr Oheim
mit mir spasste. Denn die Stelle, die er mir anbieten liess, schien mir ein gar
sonderbarer Einfall zu sein. Denken Sie nur - die Kammer wollte mich - was
glauben Sie wohl! - die Kammer wollte mich in diesem Lande, unter diesem
Himmelsstriche zum Vorsteher eines neu anzulegenden Seidenbaus machen. Lieber
Herr von Falkenburg, in diesem ganzen Lande werden Sie keinen Strauch vom
Maulbeerbaum finden. Doch dies liesse sich in Jahren wohl noch auftreiben; aber
ich muss Ihnen sagen, dass ich in der Welt nichts mehr hasse als solche
Künsteleien, solche unnatürliche Versetzungen, solche erzwungene Erzeugnisse.
Doch auch dies täte noch nichts. Aber wozu ein Seidenbau? Unsre Bauern zugrunde
zu richten? Ich weiss, dass dabei nichts herauskommt, ich weiss es so gewiss, dass
ich, und wenn die Kammer mir tausend Dukaten Gehalt angeboten hätte, doch nein
gesagt haben würde. Aber die Kammer hat es nie ernstlich gemeint, sie scherzte
nur mit mir, und ich wunderte mich wirklich noch mehr darüber, dass sie dazu Zeit
hat.
    ERNST: Wie es scheint, hat die Kammer an Ihnen keinen Bewundrer, und sie
machte es Ihnen darnach. Doch tut es mir jetzt leid; denn auch ich bin nun ein
Mitglied dieser Kammer.
    KAMMERRAT: Was Sie sagen!
    ERNST: Und zwar Oberkammerrat, lieber Kalkheim.
    KAMMERRAT: Wirklich? Nun, das freuet mich herzlich. Da hat doch der Fürst
wieder etwas recht Vernünftiges getan, wie er immer tut, wenn er aus eignem
Triebe wählt und handelt. Ich wünsche Ihnen 7Glück.
    ERNST: Aber bedenken Sie doch: ein junger, unerfahrner Mensch wie ich bin!
    KAMMERRAT: Aber ein guter Mensch! Meinen Sie, dass ich vergessen hätte, wie
Sie so jung um mich her gingen? Und Ihre Worte, und Ihre Blicke! - Ich sagte
Ihnen freilich gar nichts, das ist so meine Art, denn dem Guten braucht man gar
nicht zu verstehen zu geben, dass er gut ist. - Und sind Sie nicht ein Schüler
Hadems? Das ist ein Mann, Herr von Falkenburg! Nicht wahr? Oh, wäre er nur hier!
- Glauben Sie mir auf mein Wort, in solchen Geschäften macht ein guter Mensch
selten dumme Streiche; denn eben darum, weil er gut ist, bekümmert er sich immer
im voraus sorgfältig, was denen nützlich sein kann, für die er zu sorgen hat. Er
dringt in alle ihre kleinen Angelegenheiten; und da er es ehrlich mit ihnen
meint, so berechnet er den Gewinn nie auf den Augenblick, nie einseitig, er
arbeitet für den Nutzen des Fürsten und des Landes, durch den Nutzen der
Untertanen, und dann geht es. Sie können gar nicht glauben, Herr Oberkammerrat,
wie einem alles gelingt, wenn man nur auf das Gute und Nützliche sieht und keine
Nebenrücksichten hat.
    ERNST: Sie sprechen ganz im Geiste unsers guten Fürsten. Doch - um auf das
zu kommen, was mich heute eigentlich hierher führt und was ich von Ihnen zu
erhalten wünsche - der Fürst schickt mich als einen Schüler zu Ihnen. Sie sollen
mich durch Ihre Kenntnis in der Oberaufsicht der Grafschaft *** leiten, kurz,
Sie sollen der Kammerrat dieser Grafschaft und mein Lehrer sein.
    KAMMERRAT: Was? der Grafschaft ***? Und ich? ich soll sie an Ihrer Seite
anbauen wie diesen Gau? Und das sagt der Fürst? das will der Fürst? Herr von
Falkenburg, ich bin zu Ihren Diensten. Kommen Sie! Lassen Sie uns auf der Erde
Gottes Gärtner sein und sie durch die Hände seiner Geschöpfe schmücken, solange
wir darauf wandeln. Wir legen dadurch ein Fleckchen in seinem grossen Garten an!
Es lebe der Fürst! Er ist der erste, beste teutsche Mann seines Landes. Und
gelegentlich werden Sie ihm ja wohl sagen, dass Kalkheim der Narr nicht ist, für
den die Kammer ihn hält.
    ERNST: Das weiss er und soll es noch mehr erfahren. Morgen schicke ich Ihnen
meinen Halbwagen, und Sie treten in der Stadt bei Ihrem Schüler ab.
    KAMMERRAT: Gehorsamer Diener! Ich muss geschwind meinem Wirte die Neuigkeit
sagen. Ach, die werden schreien! Sie glauben mich aufs Leben zu haben, und nun
entwisch ich ihnen. Das wird ein Lärmen im Gau sein! Doch zum Glücke grenzen wir
ja mit ihnen.
                                       7.
Der Präsident hatte Ernstens Bestimmung schon erfahren, als dieser sie ihm
anzeigte; doch stellte er sich, als hörte er etwas Neues von ihm. Auch wusste er,
dass sein Neffe bei Kalkheim gewesen war.
    PRÄSIDENT: So! Oberkammerrat, Neffe! Das geht geschwind! Ich gratuliere. Und
der Oberkammerrat *** abgesetzt?
    ERNST: Der Fürst stellt ihn nach seinem Wunsche am Hofe an.
    PRÄSIDENT: So! am Hofe! Der Mann war mein Freund - er wird es ja wohl
bleiben trotz der Veränderung. Sie glauben nicht, lieber Neffe, wie weh es einem
tut, wenn ein Mann, mit dem man lange still und ohne Zänkerei den schweren
Amtsweg gegangen ist, aus einem Departement abgeht.
    ERNST: Liebster Oheim, das hiesse doch auch diesen Amtsweg auf eine allzu
ruhige Art wandeln wollen und setzte gar voraus, dass man sich gänzlich über
diesen Weg miteinander verstände. Gleichwohl ist der Zweck nicht unser
Einverständnis. Ich von meiner Seite freue mich wenigstens, dass ich bei dem
Eintritt in die Geschäfte in meinem Oheim ein erfahrnes Oberhaupt vor mir finde.
    PRÄSIDENT: Und zugleich Ihren ersten Blutsverwandten. Denken Sie denn,
Neffe, dass mich dieses nicht auch freuet, recht sehr um meinetwillen freuet?
Auch würde es mich um Ihrentwillen ebenso sehr freuen, aber nicht alle denken
wie Ihr Oheim, lieber Neffe. Diese Geschäfte setzen so viele Erfahrung, so viele
Kenntnisse voraus! Freilich gibt sich das mit der Zeit, besonders wenn man
einige Jahre bloss zuhört; aber werden die Alten nicht sagen: Ihr Neffe ist doch
gar zu jung, um gleich da anzufangen, wo andre aufhören?
    ERNST: Darin haben die Alten nicht unrecht; doch da es der Fürst nun einmal
wollte, und auf eine Art wollte, welcher nicht zu widerstehen war, so halte ich
mich an die Lehren des Kammerrats Kalkheim. Bei ihm will ich in die Schule
gehen, und er ist eine so gute Quelle, dass er mich nicht Mangel leiden lassen
wird.
    PRÄSIDENT: So! Sind Sie etwa gestern bei ihm gewesen?
    ERNST: Ja, ich habe ihn mir geworben, und der Fürst wies mich selbst an ihn.
    PRÄSIDENT: So! Der Kammerrat hätte, der Rangordnung wegen, doch wohl zu
Ihnen kommen können.
    ERNST: Darauf sehe ich nicht; ich brauche ihn, nicht er mich. Und da mir der
Fürst die Grafschaft *** übergab, wem hätte ich mich besser anvertrauen können
als ihm?
    PRÄSIDENT: So! Ist er wieder eingesetzt, und zwar als Kammerrat? Sonderbar,
höchst sonderbar, dass der Präsident dieses alles nur so von der Seite hört! Ein
Oberkammerrat abgesetzt, ein Oberkammerrat angestellt, ein abgesetzter Kammerrat
von neuem eingesetzt! Das ist wahr, die Kammer wird sich wundern! Nicht darüber,
lieber Neffe, dass Sie Oberkammerrat geworden sind, sondern dass es so geschah.
Aber mit Ihnen geht alles einen eignen Gang, und ich wünsche Ihnen von Herzen
Glück dazu.
    ERNST: Ich danke Ihnen. Gleichwohl begreife ich nicht, wie sich die Kammer
wundern sollte, da doch der Fürst den Oheim in dem Neffen zu ehren glaubt, wenn
er den Neffen, sei es auch auf eine eigne Art, in eben dem Departement anstellt,
dem der Oheim vorsteht. Natürlich konnte er auch den Gedanken dabei haben, dass
der Oheim und der Neffe sich leichter und besser darüber verstehen würden, was
seinem Lande, und dadurch ihm, nützlich sei. Hätte er diese Meinung nicht von
meinem Oheim, so müsste er ja befürchten, dass er seine Macht in eben dieser
Kammer zum Nachteil seines Landes verstärkte.
    PRÄSIDENT: Sehr richtig und fein bemerkt! Ja! es liesse sich so erklären;
auch will ich es denen, die sich darüber wundern, so auslegen. Und was für einen
Plan haben Sie bei der Verwaltung der Geschäfte? Wie werden Sie es angreifen?
Alles ist jetzt durch mein Bemühen so schön im Gange - und das Neuern - lieber
Neffe, hüten Sie sich ja vor dem Neueren! -
    ERNST: Hier kann nie die Rede vom Neueren sein. Warum sollte man das Alte
stören, wenn es gut ist! Etwas verbessern, hier oder dort nachhelfen heisst ja
nur, der wohltätigen Natur zu Hülfe kommen, ihr durch Fleiss und gehörige
Anwendung der Erfahrung von ihren reichen Schätzen mehr abgewinnen. Dies hat der
Kammerrat Kalkheim dem ganzen Lande schon lange bewiesen.
    PRÄSIDENT: So! der! Ich wünsche es von Herzen und werde dem vortrefflichen
Fürsten für alles danken, was er der Familie zu Ehren getan hat, und das, sobald
es ihm belieben wird, uns Ihre schriftliche Bestallung zuzusenden. Kommen Sie
doch zum Abendessen; Sie werden Gäste im Saale finden. Da können Sie noch heute
Bekanntschaften mit Leuten machen, mit denen Sie von nun an Verkehr genug haben
werden. Sie müssen übrigens meine Äusserungen ja nicht missdeuten! Wir im Amte
grau gewordenen Leute sind so besorglich, dass wir von den jungen gar leicht
missverstanden werden. Und doch geht es den jungen Leuten gerade so, wenn sie
dahin gelangen, wo wir Alten nun stehen.
    Ernst fand den Ton und das Betragen seines Oheims sehr sonderbar, aber er
war weit entfernt, die rechte Ursache davon zu ahnden. Seiner reinen Absichten
allzu sicher, glaubte er, der Stolz seines Oheims sei nur dadurch beleidigt, dass
der Fürst alles ohne sein Vorwissen getan habe. Daher glaubte er, diese
Empfindlichkeit würde bald vorübergehen. Freilich hatte er einen Teil der
Ursachen von dem Betragen seines Oheims erraten, aber er war weit entfernt, die
Wirkung derselben zu vermuten. Der Präsident meinte, der Fürst hätte dieses auf
keine Weise ohne ihn tun können und dürfen; und da er es doch gewagt, so müsste
sein Neffe schuld daran sein und aus geheimen Ursachen auf eine Art gebeten
haben, wodurch der Fürst überrascht worden wäre. In dieser Meinung bestärkte ihn
Ernst hauptsächlich dadurch, dass er sich äusserte, er würde sich dem Kammerrat
anvertrauen und ihn bei der Grafschaft anstellen, die ihm übertragen sei. In
diesem Augenblicke fiel dem Präsidenten die ganze Geschichte des Briefes für den
Kammerrat, Ernstens Bitte für ihn und die Lobeserhebungen desselben wieder ein.
Und so sah er in dem jetzigen Benehmen seines Neffen nichts als den festen Plan,
die ganze Führung der Kammer in ein widriges Licht zu setzen und alles nach des
Kammerrats närrischen Grillen einzurichten. Gelänge nun dieses, so sah er sein
ganzes Ansehen von seinem Neffen verdunkelt, alle seine bisherigen Bemühungen
als zwecklos dargestellt; und erhielt er sich auch auf seiner Stelle als
Präsident, so waren dann doch alle Hoffnungen verschwunden, sie seinem Sohne,
der jetzt auf Reisen war, als Erbschaft zu hinterlassen. Von diesem Augenblick
an sah er in seinem Neffen nicht nur einen gefährlichen Menschen, sondern auch
einen schlechten Verwandten und glaubte sich verpflichtet, ihm auf eine Art
entgegenarbeiten zu müssen, dass er keins von beiden öffentlich tätig werden
möchte, sein eignes Betragen aber so einzurichten, dass er immer mit ihm in einem
äussern guten Verhältnisse bliebe. Denn er merkte dem Toren wohl an, dass er den
Oheim leicht seiner Schimäre und seinen vermeinten guten Absichten nachsetzen
würde. Nun ging er sogleich an das Werk; er sprach zu den versammelten Gästen
mit den grössten Lobeserhebungen von seinem Neffen, rühmte die besondere Gnade
des Fürsten für ihn, bewies sie durch die Art, wie er angestellt worden sei, und
wünschte sehr, dass alles recht gut gehen - dass die alten, erfahrnen Leute die
Sache nur recht nehmen und verstehen möchten. Dieses sei um so mehr nötig, da
sein Neffe ein Mann von festen Grundsätzen wäre, der auf seinem Sinne beharre,
der das, was er für gut halte, auf jede Gefahr behaupte und durchzusetzen suche,
wobei ihm der vortreffliche Fürst, der gleich ihm das Gute wolle, gewiss mit
allen Kräften beistehen werde.
    Renot kam. Der Präsident zog ihn auf die Seite und sagte:
    »Sie haben nur geprahlt, lieber Renot. Mein Neffe ist noch so krank als er
war, vielleicht noch kränker. Wissen Sie, was sein erstes Geschäft war? Nach dem
närrischen Kammerrat Kalkheim zu reiten und sich einen Schulmeister in ihm zu
holen. Das sagte er mir, seinem Oheim. Was meinen Sie, das der Kammer
bevorsteht? Eine Reform! eine Reform! Mein Neffe ist in Frankreich gewesen; und
wenn sich seine Schimäre mit der Schimäre der Physiokraten vermählt hat, so wird
in unserm Lande etwas Artiges zum Vorschein kommen.«
    RENOT: Einer gegen die ganze Kammer? Was Sie mir da sagen, Herr Präsident!
Ein junger Mann gegen eine ganze fürstliche Kammer, und der erfahrne kluge
Präsident, sein Oheim, an der Spitze dieser Kammer? Wenn ich für einen
fürchtete, so wär es für ihn. Doch der junge Mann wird wohl auf den erfahrnen
Oheim hören, wird bei dem ersten Fehltritt einsehen, dass es sich in dem Lande
der Wirklichkeit nicht so leicht schwebt wie in dem Lande der Schimären. Es
sollte mir leid um ihn tun, wenn er diese wirklich bittere Erfahrung machen
müsste.
    PRÄSIDENT: So bedenken Sie meine Sorge, die Sorge eines Oheims. Er ist der
einzige Sohn einer geliebten Schwester. Aber sagen Sie, lieber Renot, kann ich
es zugeben als Staatsmann, als Patriot, als Minister, als Bürger, dass ein junger
Mensch, und sei er auch mein Neffe, sei er auch mein Sohn, die Ordnung störe,
die ich mit so vieler Mühe endlich so weit gebracht habe, dass alles nach
Tabellen geht? Sie sehen, ich hange auch an Schimären; aber die Schimären, denen
ich nachlaufe, halten Land und Leute zusammen. Es tut mir wahrlich weh, so reden
zu müssen, doch ich bin gerecht, und umso gerechter, da ich ein Mitglied meiner
Familie tadle, da ich, bei Gott! alles darum geben möchte, ihn dem Staate so
nützlich zu machen, als er sein könnte, wenn er sich leiten liesse. Da sehen Sie
nun die Früchte von der Erziehung eines Pedanten!
    RENOT: Sie werden noch sonderbarere Dinge sehen!
    PRÄSIDENT: Das fürcht ich eben. - Sich so gar nicht mit klügern Leuten zu
beraten, so seinen eignen Gang gehen zu wollen, als sei die Welt ein Wirtshaus,
wo man eintritt, ohne sich um die Gäste zu bekümmern, die um einen her sitzen -
das kann nicht gut gehen. Alle Räte wundern sich schon über das Benehmen des
Fürsten. - Mir macht es in allem Betracht Ehre; aber um seinetwillen wünscht
ich, es wäre anders gegangen. Lieber Renot, er wird sich gewiss bald lächerrlich
und dann verhasst machen. Und ich, der ich dieses alles voraussehe, muss es
geschehen lassen; denn Sie glauben gar nicht, wie bestimmt er ist.
    RENOT: Wenn er bestimmte Leute vor sich findet, wird er schon
herunterstimmen.
    PRÄSIDENT: Das eben glaube ich nicht. Höher, höher wird es ihn treiben, so
hoch -
    RENOT: Bis er fällt, meinen Sie doch.
    PRÄSIDENT: Und das sollt ich erleben?
    RENOT: Um Ihnen den Kummer zu ersparen, muss man ihn durch Mittel zu retten
suchen, die seine Erfahrung schneller belehren.
    PRÄSIDENT: Er wird sich jedermann zum Feinde machen.
    RENOT: Kluge Feinde, Ew. Exzellenz, sind in solchen Fällen bessere Lehrer als
nachgiebige Freunde. Das alles wird sich schon geben, das alles wird schon in
das gewöhnliche Geleise kommen. Ich wundere mich nur über Ihre Unruhe; denn noch
habe ich nicht erlebt, dass ein einzelner ein verbundnes Kollegium unter sich
gebracht hätte, wenn allgemeines Interesse das Kollegium gegen den einzelnen
verband. Gewöhnlich endigt der einzelne damit, dass er denkt, wie die andern
wollen, oder dass er schweigt, weil er einsieht, dass er mit der Unmöglichkeit
kämpft. Aber Ihrer zärtlichen Freundschaft für Ihren Neffen kommt in diesem
Augenblick alles ganz anders vor; und das ist sehr natürlich.
    Die Gäste waren so gut vorbereitet, dass Ernst wohl freundliche Gesichter,
aber sehr empörte und unruhige Herzen antraf. So legte er in aller Unschuld des
Herzens, mit den reinsten Absichten den Grund zu einer Zwietracht zwischen sich,
seinem Oheim und dessen Anhang, aus welcher endlich der tätigste Hass wurde; und
da er dieses nicht ahndete, so trieben seine Feinde ihr Spiel gegen ihn so lange
im stillen fort, bis er, von seinem eignen Schicksal gedrängt, auf den Punkt
getrieben ward, wo man alles offen, furchtlos und ohne Schonung wagen durfte.
                                       8.
Als nun der Kammer die Bestallung übersandt worden war und Ernst nebst dem
Kammerrat Kalkheim zum erstenmal der Sitzung beiwohnen sollte, fehlte der
letztere. Man schickte nach ihm. Er kam; aber anstatt Platz zu nehmen, stellte
er sich vor die Versammlung und erklärte, er fühle sich noch nicht würdig, neben
seinen Herren Kollegen zu sitzen.
    Man las ihm seine Einsetzung vor, und er sagte:
    »Ich danke dem gnädigen Fürsten; auch sehe ich, dass ich vor ihm rein bin.
Aber da ich es nicht vor Ihnen und dem Publikum bin, so sähe meine Einsetzung
allzu sehr wie blosse Gnade aus. Wegen meines schlechten Beispiels, wegen
Eingriffs in die Kasse oder wegen unerlaubter Verwendung der Kassengelder bin
ich von der Kammer meines Amtes entsetzt worden, erscheine folglich als ein
Mann, dem keine Kasse mehr anvertrauet werden darf. War mein Vergehen damals
gegründet, so ist es noch heute gegründet, ist es niemals gegründet gewesen, so
muss die Kammer mich reinigen; und dieses kann nicht anders geschehen, als dass
man mein Vergehen nochmals untersucht. Zu diesem Behufe überreiche ich dem Herrn
Kammerpräsidenten meine untertänige Bitte an Se. Durchlaucht, unsern
Landesfürsten.«
    Der Präsident sah bald den Kammerrat, bald seinen Neffen, bald die Räte
während Kalkheims Rede an. Als dieser endigte, sagte er:
    »Da Se. Durchlaucht den damaligen Beschluss der Kammer bestätigt haben, so
ist jetzt jede weitere Vorstellung unnötig, sogar beleidigend für den Fürsten
und die Kammer, weil sie einen Vorwurf angetanen Unrechts entalten würde.«
    KAMMERRAT: Das tut sie auch, wenn sich die Kammer geirrt hat, was nun zu
untersuchen ist. Der Fürst wird mir den Vorwurf des Unrechts gewiss verzeihen;
denn nach der Vorstellung der Kammer glaubte er recht zu tun. Doch dieses wird
sich ja alles aufklären. In einem Punkt hat die Kammer sich gewiss einmal geirrt;
denn sagen Sie mir doch: wie konnte die Kammer für das vorgegriffene Gehalt
zweier Monate mein Haus und meinen Garten verkaufen und die Sache meiner übrigen
Gläubiger über sich nehmen, die gar nicht einmal erschienen, die gar nichts
forderten, die die Kammer selbst aufsuchte? Wie konnte die Kammer vergessen, dass
sie schuldig war, mir das für das Beste des Landes angewendete Geld zu ersetzen,
wovon ich hier die gerichtlich bestätigten Rechnungen beigelegt habe?
    PRÄSIDENT: Sie hatten es ohne allen Befehl getan, lieber Kammerrat; und
bedenken Sie doch, wozu dieses führen würde, wenn jeder Beamte nach eignem
Dünkel mit den fürstlichen Geldern verfahren wollte! Ich gestehe, dass es sehr
drückend für Sie war, dass Sie es noch heute hart finden müssen; aber als ein so
erfahrner und uneigennütziger Mann wissen Sie auch, dass die mit den besten
Absichten unternommene Tat, wenn sie in Ansehung anderer schlimme Folgen haben
kann, bestraft werden muss, sobald sie das Gesetz verletzt.
    KAMMERRAT: Ew. Exzellenz haben wohl recht, aber auch ich kann recht haben;
und da wir uns über diesen Punkt wohl schwerlich vereinigen können, so werde ich
mein Amt nicht eher antreten, als bis ich durch einen neuen Spruch gänzlich
gereinigt oder verworfen bin.
    PRÄSIDENT: Der Fürst und die Kammer haben Sie dadurch freigesprochen, dass
Sie wieder eingesetzt worden sind.
    KAMMERRAT: Mich dünkt es nicht so. - Und dann, meine Herren, bedenken Sie
doch den armen Wirt in meinem Hause und nehmen Sie nicht übel, dass ich in meiner
Bitte da auf Ersatz meines Porträts, des Verschwenders, für ihn dringe. Er hat
es, wie er behauptet, auf Befehl müssen machen lassen; und gewiss, es war so
kostbar nicht nötig. Ich bitte demnach für ihn.
    Er trat ab.
    Alle schwiegen und sahen einander an.
    »Was sagen Sie dazu, meine Herren?« rief endlich der Präsident ungeduldig.
»So geht es immer, wenn man sich für Leute verwendet, die sich in keine
bürgerliche Ordnung fügen wollen.« Er sah Ernsten bei diesen Worten an.
    Man schwieg, und Ernst nahm das Wort:
    »Herr Präsident, mich dünkt vielmehr, dass der Kammerrat sich recht in die
bürgerliche Ordnung hineinfügt. Denn nach seinem Gewissen könnte er ganz ruhig
unter uns Platz nehmen; aber er achtet die Meinung anderer, wie jeder
öffentliche Beamte tun muss. Auch beweist er Ihnen dadurch, wie viel ihm an der
Ehre der Kammer gelegen ist. Würde es nicht selbst auf die Kammer einen Schatten
werfen, wenn sie ohne weitere Untersuchung ein Mitglied wieder aufnähme, das sie
wegen einer zweideutigen Handlung auszustossen sich genötiget sah? War die Kammer
damals gerecht, so muss sie bei ihrem Spruche verbleiben und den, welchen sie
einmal ausstossen musste, selbst auf Befehl des Fürsten nicht wieder aufnehmen.
War der Spruch übereilt, aus Irrtum oder Parteilichkeit gefällt, so hat die
Kammer zweierlei zu beobachten: den gemachten Fehler zu verbessern und es so
einzuleiten, dass der Mann befriedigt werde und die Ehre der Kammer dabei so
wenig als möglich leide.«
    Der Präsident ergrimmte in seinem Innern; denn von dem Augenblicke an, da
Ernst zu reden anfing und er die Wendung vernahm, die dieser der Sache gab,
hielt er sich für überzeugt, nur er habe den Handel mit dem Kammerrat abgeredet,
um sich an ihm wegen dieses Mannes zu rächen und die Kammer bei dem Fürsten in
einen übeln Ruf zu bringen. Brauch ich zu sagen, dass Ernst kein Wort von dem
Vorhaben des Kammerrats wusste?
    Der Präsident erhob nun laut seine Stimme:
    »Herr Oberkammerrat, liegt Ihnen etwas an der Ehre der Kammer, deren
Mitglied Sie sind und deren Sitzung Sie heute zum erstenmal beiwohnen, so können
Sie unmöglich bei dieser Meinung verbleiben; denn ich will Ihnen klar beweisen,
dass die Grille dieses Mannes, sie sei ihm nun eingeblasen oder er sei von selbst
darauf verfallen, so unerträglich als beleidigend ist. Der Fürst verzeiht ihm
seinen Fehler, um es gelinde zu nennen, aus Grossmut, hält ihn für gestraft
genug, und die Kammer selbst zeigt sich geneigt, alles Geschehene zu vergessen;
würde sie sonst nicht gegen seine Einsetzung protestiert haben? Nun kommt dieser
Mann aus eignem oder fremdem Triebe und will eben diese Kammer zwingen, dass sie
sich vor den Augen des Fürsten und des Publikums für ungerecht erkläre, damit
nur er als ein ganz unschuldig Beleidigter dastehe!«
    ERNST: Eben darum, weil es ihm nicht genügt, dass man ihm seinen Fehler bloss
vergesse und verzeihe. Und wenn sich nun wirklich aus den Akten ergäbe, dass er
unschuldig wäre? Was wird in diesem Falle die Kammer für grössere Ehre halten:
einzugestehen, dass sie sich in einem oder dem andern Punkte geirrt habe, oder in
ihrem angetanen Unrecht zu verharren? Ich hoffe, die Kammer hält sich nicht für
unfehlbar; denn ich sehe hier nur Menschen um mich sitzen, wie ich einer bin.
    PRÄSIDENT: Die Kammer hält sich nicht für unfehlbar, wohl aber den Fürsten.
    ERNST: Verzeihen Sie mir. So wie ich den Fürsten zu kennen die Ehre habe,
wird er Ihnen für diese Meinung wenig Dank wissen, und in Angelegenheiten, wo er
bloss nach Ihren Berichten urteilt, am allerwenigsten.
    PRÄSIDENT: So hält sich die Ordnung des Staats, das System, wodurch er
zusammengehalten wird, für unfehlbar. Herr Oberkammerrat; und in
Kollisionsfällen, deren Ihnen noch genug aufstossen werden, geht es über
Vorurteile hinaus, um des Ganzen und seines Besten willen.
    ERNST: Diese Worte sind mir nun nicht mehr so neu, dass ich davor erschrecken
sollte. Die Kollisionsfälle erwarte ich, und die Lehre, auf die Sie jetzt
deuten, habe ich in grossen Staaten oft vernommen. Aber wann geschieht dieses?
wann ziehen sich die Diener eines Staats hinter ein solches Bollwerk, das sie
System in diesem Sinne nennen? Nur dann, wenn es dahin gekommen ist, dass sie das
Licht scheuen; wenn sie alles so verwirrt und aufgelöst haben, dass sie sich nur
durch schlechte Mittel zu helfen suchen, oder der schlechten so gewohnt sind,
dass sie die guten, auch bei dem sichtbarsten Nutzen, verwerfen. Doch die
Ursachen davon gehören nicht hierher, weil wir nicht in diesem Falle sind. Wir
sind so glücklich, in keinem grossen Staate zu leben, noch weniger in einem
verderbten grossen Staate, und haben gar nicht nötig, dem vermeinten Besten des
Ganzen unschuldige Opfer zu schlachten, damit unser Spiel fortdaure und sich
nicht entülle. Und aus diesem Zutrauen auf Sie, Herr Präsident, und auf diese
Herren und alle Diener des Fürsten wage ich es, mich diesem Schreckenswort
entgegenzustellen.
    PRÄSIDENT: Ich bin zu alt zum Wagen. Doch davon ist jetzt nicht die Rede,
und die Kammer ist kein Ort zum Streiten über Meinungen; auch kann hier die
Meinung des einzelnen nicht bestimmen. Die Frage ist, soll die Bitte dem Fürsten
vorgetragen werden? Hat der Mann da ein Recht dazu, es zu fordern?
    ERNST: Hat er keins dazu, was wagt die Kammer?
    PRÄSIDENT: Ich setze die Frage anders. Verstattet es das Herkommen, der
Gebrauch?
    ERNST: Die Frage ist durch Herkommen und Gebrauch beantwortet; und selbst
das System, auf welches Sie sich stützen, erfordert, dass der wegen einer
zweideutigen Tat durch einen Spruch verurteilte Beamte erst gereinigt werde,
bevor er die Stelle wiedereinnimmt, aus welcher ihn der Spruch gestossen hat.
    PRÄSIDENT: Ich höre nur Sie.
    ERNST: Vermutlich, weil diese Herren auch meiner Meinung sind.
    Der Präsident brachte eine andere Sache vor. Nach Endigung der Sitzung bot
er seinem Neffen einen Platz in seinem Wagen an und lud ihn zum Mittagessen ein.
Er drang nun in ihn, den Kammerrat zu bewegen, von seiner Bitte abzustehen, und
unterstützte seine Forderung mit allen den Scheingründen, die ihm hier seine
Erfahrung darbot. Ernst antwortete, dies sei eine Gewissenssache des Kammerrats,
in die er sich nicht mischen könne. Wolle Kalkheim abstehen, so möge er es tun;
er würde ihm hierzu ebenso wenig raten, als er ihm geraten hätte, die
Vorstellung der Kammer zu übergeben.
    »Neffe«, sagte der Präsident, »Sie handeln nicht als Verwandter; Sie opfern
einem Grillenfänger das Ansehn Ihres Oheims auf.«
    ERNST: Ihr Vorwurf würde mich rühren und beschämen, wenn ich nicht eben
jetzt die grösste Achtung für Ihr Ansehen bewiese, freilich nach meiner
Denkungsart. Erklärte ich mich weiter, so wäre es Vermessenheit, und ich könnte
mir nur dadurch einen gerechtern Vorwurf von Ihnen zuziehen.
    PRÄSIDENT: Grillen! - Lassen Sie Kalkheim da, wo er ist. Ich will ihn
anderwärts entschädigen, und wir schlagen die unangenehme Sache nieder.
    ERNST: Sie vergessen, dass der Fürst mich an ihn wies, dass er ihn wieder
eingesetzt hat.
    PRÄSIDENT: Dem Fürsten wird die Sache vorzutragen sein. Überlassen Sie das
mir und schweigen Sie nur von Kalkheim. Ich weiss, wie man es macht, dass der
Fürst ein Ding vergisst.
    ERNST: Oheim!
    PRÄSIDENT: Nun, Neffe?
    ERNST: Ich bin nicht Ihres Systems und werde es nie sein.
    PRÄSIDENT: Immer jung in der Welt! - Desto schlimmer für Sie!
    ERNST: Lieber das Schlimmere für mich.
    PRÄSIDENT: Es wird nicht ausbleiben. - Sie wollen Krieg, junger Mann.
Freilich, Sie sind stark, mutig, das Herz schlägt hoch, der Geist ist stolz; wir
sind alt, zaghaft, niedergebeugt von der schweren Arbeit - wir bleiben nur bei
dem Alten, weil wir bisher gut dabei gefahren sind - Also Krieg! Warum nicht,
wenn es sein muss?
    ERNST: So weit verkennen Sie mich, Oheim? Ich Krieg mit Ihnen? und so führen
Sie mich in die Welt ein? So abschreckend deuten Sie mir auf die kaum betretne
Laufbahn?
    PRÄSIDENT: Fahren Sie nur so fort, Neffe, und ich sage Ihnen als ein Mann,
der die Welt kennt: Sie werden auf dieser Bahn, die Sie so stürmend betreten,
nicht weit kommen, sie noch weit vom Ziele verlassen müssen. Ihr Lohn wird Hass
und Undank sein. Sie werden sich und die Menschen, für die Sie arbeiten zu
wollen vorgeben, auch um das wenige Gute bringen, das die Menschen uns zu tun
erlauben.
    ERNST: Es ist traurig und niederschlagend, was Sie mir sagen, und doch für
mich nicht abschreckend. Geschieht dieses, so werde ich mich damit trösten, dass
es nicht meine Schuld ist. Diejenigen mögen die Schuld über sich nehmen, die uns
zu solchen Erfahrungen zwingen.
    PRÄSIDENT: Oh, sie tragen leicht daran.
    ERNST: Dieses weiss ich leider, so jung ich bin, und beneide sie nicht darum.
    PRÄSIDENT: Ich sagte Ihnen das, weil ich mehr an Ihr Bestes denke als Sie
selbst. Sie wollen Kalkheim nicht bereden?
    ERNST: Bereden!
    PRÄSIDENT: Das Wort ist teutsch, Neffe - warum nicht? Es sei denn, dass der
Tor Ihnen lieber ist als Ihr Oheim, der Bruder Ihrer seligen Mutter. - Sie
schweigen? - Gut, ich werde dem Fürsten die Vorstellung übergeben; denn mir
liegt ja mehr an meines Neffen Freundschaft, an seiner guten Meinung als ihm,
wie es scheint, an der meinigen.
    ERNST fasste gerührt seine Hand: Liebster Oheim, hören Sie jetzt auf,
Präsident der Kammer zu sein - vergessen Sie, dass wir verschieden denken; sein
Sie mein Oheim, ich bitte Sie. Erinnern Sie sich, dass Ihr Neffe unter Ihrer
Leitung, Ihrer Aufsicht in das bürgerliche Leben eintritt. Machen Sie ihm seinen
Weg nicht allzu düster. Bedenken Sie, welchen Gefahren Sie den von den besten
Wünschen ganz erfüllten Unkundigen aussetzen! Was für Eindruck Ihre Worte auf
ihn machen müssen!
    PRÄSIDENT: Davon sehe ich nichts; es wird sich ja schon alles geben. Jetzt
geht es nach Ihrem Willen. Kommen Sie. Nun führt der Oheim den Neffen zurück,
und der ungeschmeidige Präsident bleibt in diesem Kabinett. Lassen Sie den
Oberkammerrat nur auch hier.
    Er sagte dieses so freundlich, dass Ernst ihm die Hand drückte und ihm mit
Zuversicht in die Augen sah. Sein Blick war so frei und unbefangen, dass er
selbst den Groll des Oheims auf einen Augenblick besänftigte.
    An der Tafel ging es so, als wäre nichts vorgefallen. Ernst verfiel in
Nachsinnen über das, was er heute gehört und erfahren hatte; die anscheinende
Gleichgültigkeit, das freundliche, zuvorkommende Wesen seines Oheims
unterhielten dieses Nachsinnen. Die Frage kam ihm immer wieder: »Ist es wirklich
die Frucht der Geschäfte, dass der Geist und das Herz des Menschen so eng, sein
Blick so einseitig wird?« - Er konnte sich diese Frage nur damit beantworten:
»Ach, es kommt daher, dass der Mensch bei den Geschäften nicht sich selbst
vergessen kann, dass er nur sich zum Zweck hat, und den Zweck des aufgetragenen
Geschäfts nur insoweit befördert, als er sich mit dem seinigen verträgt. Will
dieses nicht gehen, so opfert er das Fremde dem Seinigen auf. Und in der Mitte
solcher Menschen stehst du nun und hast ihnen den Kampf schon angeboten!«
    Er konnte nicht mehr heiter werden, und seine ernste, tiefsinnige Miene
missfiel den Anwesenden nicht weniger als seine Tätigkeit am Morgen. Sie legten
ihm diese als Herrschsucht, auf Eitelkeit gegründete Ruhmsucht aus und jene als
Verachtung, besonders da sie sich alle Mühe gegeben hatten, auf ihre Art munter
und witzig zu sein. Eine solche Vernachlässigung verzeihen trockne, kalte
Geschäftsleute denen am allerwenigsten, die im Rufe stehen, als besässen sie
Geist, Welt, Verstand und sogenannte feine Kenntnisse.
    Ernst überliess ihnen das Feld und ward nicht vergessen.
    Der Präsident unterhielt sich später allein mit Renot. Dieser spottete
seiner Ängstlichkeit und sagte:
    »Es geht ja alles erwünscht mit Ihrem Neffen. Er wird sich in kurzem einen
erstaunlich grossen Namen machen, viel Aufmerksamkeit erregen; und Sie wissen ja,
was dieses nach sich zieht. Auch wissen Sie, wie ein grosser Mann unmerklich
wieder so klein wird, dass man am Ende gar nicht begreifen kann, wie und wodurch
er gross gewesen ist. Ich habe schon manchen so im Echo verhallen hören wie die
letzten Seufzer eines verlassenen Verliebten. Es ist wirklich schade um den Herrn
von Falkenburg! Man muss ihn aber einmal seinen gewählten Gang gehen lassen. Die
Hindernisse finden sich von selbst; denn Geister dieser Art erschaffen sie, ohne
dass andere Leute sich Mühe dabei geben. So viel ist gewiss, dass unser
vortrefflicher Fürst nicht aufhört, von unserm jungen Oberkammerrat zu reden. Er
ist stolz auf ihn und versichert laut, ihm sei noch kein teutscher junger
Edelmann wie dieser da vorgekommen. Und tritt Ihr Neffe im Kreise des Hofes auf,
Herr Präsident, so sollte man nach der Wirkung auf den Fürsten glauben, es träte
ein Wesen höherer Art in die Gesellschaft. Und, bei Gott! Herr Präsident, Ihr
Neffe hat so etwas nur ihm Eignes in seinen Blicken, seinem Betragen, als
erschiene wirklich ein Ding aus der Geisterwelt unter uns gemeinen Menschen. Man
vergisst zu lachen über die Bewunderung des Fremden und Ungewöhnlichen.«
    PRÄSIDENT: Sie haben ganz recht, dass Sie sich des Lachens entalten, Herr
Renot, und ich würde es nicht ertragen, weder von Ihnen noch von andern. Ich
kann mich wohl über meinen Neffen ärgern; aber geachtet will ich ihn wissen.
Doch dafür wird er selbst schon sorgen. Was ich tue, was ich wünsche, zielt nur
auf sein eignes Bestes.
    RENOT: Nun so wünsche ich, dass Sie Ihren Zweck erreichen mögen.
    Als der Kammerrat Kalkheim Ernsten erblickte, rief er ihm zu:
    »Nun, Herr Oberkammerrat? hab ich es nicht gut gemacht?«
    ERNST: Das Rechte ist immer gut getan. Aber wie kommen Sie so schnell dazu?
    KAMMERRAT: Das Ding kam mir gerade aus dem Herzen in den Kopf, und da dachte
ich, lieber wollte ich zu meinen Freunden auf dem Lande zurückkehren als
schweigen. Ich bin ein guter Narr, wie die Kammer sagt; aber wenn mir so etwas
und auf diese Art einfällt, so lass ich ihm freien Lauf. Und hören Sie, Ihnen
bleibe ich auf jeden Fall, die Kammer mag beschliessen was sie will; und wenn es
Ihnen gefällt, so gehe ich schon morgen hinaus und setze mich dort fest. Die
Leute kennen mich alle, und wenn ich gar sage, dass ich von Ihnen komme, so wird
der Freude kein Ende sein, denn der Schulze, bei dem Sie mich als Junker
besuchten, hat schon damals einen so grossen Lärmen von Ihnen gemacht - Sie sind
doch nicht böse?
    ERNST: Worüber könnte ich es sein?
    KAMMERRAT: Wegen der Kammer da - wegen meiner Vorstellung. Gewiss, ich konnte
nicht anders, und es betrifft mich ja nicht allein.
    ERNST: Und wen betrifft es denn noch?
    KAMMERRAT: Den armen zugrunde gerichteten Wirt in der Schenke zum
Verschwender. Sehen Sie, wenn mir die Kammer mein Haus zurückgibt, so muss sie
die Summe dafür zurückzahlen, und das Ende seines Elends ist da.
    ERNST: Vortrefflich! Ich dachte wohl, dass Sie noch einen besondern
Beweggrund hätten. Ach, lieber Kalkheim, auch dieser Grund würde an den harten
Ohren jener Herren vorüberrauschen.
    KAMMERRAT: Wenn Sie ihn nur hören und die nur tun müssen, was rechtens ist.
Und mein prächtiges Porträt, das müssen sie dem Wirte gewiss bezahlen.
                                       9.
An dem Abend eben dieses Tages sollte Ernst durch die reinste und schönste
Empfindung seines Herzens der harten Prüfung entgegengezogen werden, die das
Schicksal ihm bestimmt hatte. Er konnte nicht ahnden, dass es den schönsten
Rosenweg des menschlichen Lebens, auf dem die Natur uns zu ihrem schönsten
Zwecke hinführt, dazu wählen würde. Ich kann nicht umhin anzudeuten, was ich
vielleicht jetzt noch verbergen sollte. Das noch ferne, düstre Geschick des
edeln Mannes, welches sich von nun an aus allem, was er beginnt, entwickelt,
schwebt unter einem Trauerflore so nahe vor meinem Geiste, dass ich selbst bei
den glücklichen Augenblicken, die ich nun beschreiben sollte, die tiefe
melancholische Rührung nicht verbergen kann. Und schwiege ich auch davon - würde
sie nicht sichtbar sein? würde ich dem Leser nicht als ein Mann vorkommen,
welcher einen der Jugend zum frohen Tanze bestimmten Saal mit schwarzem Boie
ausschlüge und unter rauschende Musik stille Trauerchöre mischte? Ich will mich
fassen, soviel ich kann.
    Ernst war von dem Minister *** zum Konzert eingeladen. Die blühende Jugend
der Stadt hatte sich da versammelt, um die Alten durch ihre in der Musik
gemachten Fortschritte in den Frühling des Lebens zurückzurufen. Amalie, die
Tochter des Ministers, hatte nun den schönsten Grad ihrer Blüte erreicht, und
vergebens würde ich es wagen, ihre Schönheit zu beschreiben; denn ihre Schönheit
hatte sich mit dem erhabenen Ausdruck des Geistes und der innern Anmut so
vermählt, dass die Seele zwar diese Harmonie wahrnehmen und in ein Bild
vereinigen kann, aber vergebens sich bemühet, sie durch sinnliche Zeichen und
zerstückelte Züge zu schildern. Das, womit die Natur sie so liebkosend
überschüttet hatte, erhielt durch die erworbenen Talente, und besonders durch
die Musik, einen solchen unwiderstehlichen Reiz, dass ihr Anblick selbst
diejenigen begeisterte, die nur für das bloss Sichtbare Sinn zu haben schienen.
    Als sie aus dem Kreise ihrer Gespielinnen hervortrat und sich dem Klaviere
näherte, erblickte sie Ernst. Er erkannte sie. Ihr Bild ruhete in seiner Seele,
ihm unbewusst; nun entüllte es sich. In diesem Augenblick erwachte die ganze
damalige Szene in seinem Geiste; er erinnerte sich alles, der Worte Hadems über
die Romane und seines eignen Gefühls, so lebendig, als habe die Zeit bis hierher
stille gestanden. Er sah sich um und suchte Hadem, suchte ihn, als forderte er
ihn auf, mit ihm zu bewundern, als einen Geist, an den er sich um Hülfe drängte.
Amalie ging langsam an ihm vorüber, und sein Herz lispelte dem Geiste Hadems zu:
»So würde meine Göttin einhergehen, wenn sie auf Erden in menschlicher Gestalt
erschiene.« Und als sie die Saiten berührte und ihre Stimme sich mit den Tönen
des Klaviers in muntern, dann sanft klagenden und erhabenen Gefühlen vermischte,
malte sich das Bild seiner Jugend und seines ganzen Lebens, Denkens und Fühlens,
wie von einer mächtigen, kühnen Zauberhand aus Farben einer hohen Welt
geschaffen, vor seiner Seele. Und als sie aufstand und der Vater ihn seiner
Tochter, mit Entschuldigungen darüber, dass er es nicht eher getan habe,
vorstellte, zog die Liebe ihren Schleier, aus Morgenröte gewebt, leise über das
Gemälde, das vor Ernstens Seele schwebte. Soll ich Liebe nennen, was Ernst nun
fühlte? Bezeichnet dieses Wort das, was sein ganzes Dasein so plötzlich
emporhob, als löste sich alles Sterbliche und Irdische von ihm? Er trat an der
Hand des vor ihm stehenden Wesens in das Land des Unsterblichen, und, gleich dem
Gebete des Opfernden, das über die irdische Flamme emporsteigt, erhob sich seine
erste Empfindung über den Altar, den die Liebe sich jetzt in seinem Herzen
erbauete. Gedanken entsprangen, als lispelten ihm Geister zu: »Es ist das Wesen,
das dich durch dieses Leben leiten und deinen Pfad mit Rosen bestreuen soll. Ihr
Geist scheint aus dem Lande entsprungen zu sein, aus welchem du herabgestiegen
bist!«
    Auch Amalie hatte das Vergangene nicht vergessen. Sie erkundigte sich nach
seinem Jugendfreunde, nach Hadem, wiederholte den Sinn von dessen Strafpredigt
über die Romane und setzte lächelnd hinzu: »Sie sehen, ich habe, so jung ich
auch war, nicht vergessen, wie Ihr Freund Ihre Worte erklärt hat; und von jenem
Augenblick an warf ich die Romane weg. So verdanke ich es Ihnen und Ihrem
Freunde, dass ich die Musik noch lieber gewonnen, dass ich in ihr Ersatz für alles
andre gefunden habe.«
    ERNST: Wie hätte auch Ihnen verborgen bleiben können, dass die Musik unsern
Geist auf reineren Schwingen trägt, dass sie unser Herz in einer gleichen stillen
Harmonie erhält, dass wir durch sie empfinden, woher wir stammen! Als Sie sangen,
stand ich über den Grenzen dieses Lebens, und, von Ihren Tönen geleitet, würd
ich kaum seine Last empfinden.
    Amaliens Blick sank gerade vor sich hin wie damals, als Ernst jene Worte
sprach; die zarteste Empfindung bildete sich in süssem Lächeln um ihren Mund.
    »Man hat mir viel, oft artig, geschmeichelt, aber so wie Sie tat es noch
keiner. Man sagt nicht umsonst von Ihnen, Sie wären nicht von unsrer Welt.«
    ERNST: Sagt man dies von mir, Fräulein? Und was denken Sie davon?
    AMALIE mit noch süsserem Lächeln: Ich glaube es beinahe selbst.
    ERNST feierlich ernstaft und mit dem seelenvollsten Ausdruck: Freilich
gehöre ich, dem innern Sinne nach, einer Welt zu, in welcher Sie gewiss kein
Fremdling sind. Wenigstens haben Sie mich in ihre Mitte eingeführt, und so
teilen Sie den Spott mit mir.
    Eine rauschende Symphonie unterbrach das Gespräch, und Amalie mischte sich
unter ihre Gespielinnen.
    Ernst betrat zum erstenmal sein einsames Zimmer in den süssen, seligen
Träumen der Liebe, und so ruhig, so heiter in diesen Träumen, als hätte seine
Seele endlich das gefunden, wornach sie so sehnend strebte. Als er nun auf sein
Hauptkissen sank und Amaliens Gestalt vor ihm schwebte, ihre Stimme in seinem
Herzen erklang und er alles Empfundne unter dem harmonischen Lispeln in der
stillen Nacht noch reiner, noch höher wiederempfand, entschlief er auf den
leichten äterischen Schwingen, auf welchen die Liebe ihre Geweihten trägt. Er
erwachte leicht, mutig, voll Vertrauen, und die ganze Schöpfung schien ihm in
einen rosenfarbenen Duft gehüllt. Er ging an seine Geschäfte, betrieb sie mit
eben dem Eifer wie sonst und besuchte abends das Haus des Ministers. Je mehr er
Amalien kennenlernte, je mehr ihr Geist und ihr Herz sich vor ihm entfalteten,
desto ruhiger, glücklicher und vertrauter ward er.
    Amalie hörte und sah ihn gern, erwartete ihn mit Verlangen und zeigte es
ihm; aber noch wagte er es nicht zu sagen, was ihn so glücklich, so ruhig
machte. Ihn dünkte, er würde dieses Glück, diesen stillen, unaussprechlich süssen
Genuss in Gefahr setzen, wenn er laut davon spräche. In Amaliens Herzen erzeugte
sich ein Gefühl für ihn, das sie von diesem Augenblick an nie verliess, das immer
dasselbe blieb; und dieses war eine Art von Hochachtung, von Verehrung, die nahe
an jene kalte Bewundrung grenzte, welche wir für Wesen fühlen, die wir uns nicht
durch das Herz und die Sinne zueignen können. Seine Gesinnungen, seine
Zurückhaltung, sein äusserst zartes und oft feierliches Betragen mussten diese
Bewunderung erzeugen und unterhalten, da alle seine Sinnlichkeit unter dem
Rosendufte schlummerte, in welchen ihn sein Schutzgeist eingehüllt zu haben
schien. Noch lange, vielleicht für immer, würde dieses Verhältnis zwischen
Amalien und ihm fortgedauert haben, wenn sein Oheim es nicht erschüttert hätte.
                                      10.
Der Fürst hatte zugunsten des Kammerrats entschieden. Seine Sache musste von
neuem untersucht werden. Sie ward es; und nun fühlten der Präsident und die Räte
der Kammer, dass man ihr unmöglich eine andere Farbe geben konnte als sie
wirklich hatte, besonders nach der Erklärung des Fürsten: die Kammer muss
entweder Kalkheim lossprechen oder das Recht seiner Verurteilung dartun; in
jedem Falle aber muss sie ihm die Auslage ersetzen und sein Haus ihm zurückgeben.
    Der Präsident diktierte ein Reinigungsdekret, das der Kammer ganz
wohlgefiel, welches aber der Kammerrat wegen der Zweideutigkeit verwarf. Es
blieb also nichts übrig, als alles nach seinem Sinne zu machen. Kalkheim wohnte
hierauf einer Sitzung bei, nach welcher ihn Ernst in der Grafschaft *** förmlich
einführte. Dieser fuhr mit ihm nach allen Burgen und Dörfern, und überall wurden
sie als Freunde aufgenommen. Ernst sah Menschen um sich, deren Bewillkommen,
deren Blicke, deren Zutrauen ihn versicherten, dass sie des Glückes gewiss wären,
welches er ihnen darbrächte. Er hielt den Mann an seiner Hand, durch dessen
Hülfe er es zu bewirken hoffte; und zufriedner als dieser lebte nicht ein Mann
auf dem teutschen Boden. Er sah Arbeit vor sich, und sein wohltätiger Geist
erblickte schon das ganze Land in neuem Schmucke.
    Der Präsident konnte Ernsten das Geschehene nicht verzeihen, aber noch hielt
er an sich; denn das, was der Fürst selbst ihm über seinen Neffen sagte, machte
ihn behutsam. Und da er sich trotz dem Geschehenen gleichwohl in seinem Neffen
geschmeichelt fühlte und dessen Gunst bei dem Fürsten ihm für sich und seine
Familie nützlich sein konnte, so wollte er noch eine Probe mit dem Starrkopfe
machen. Ernstens öftere Besuche bei dem Minister waren ihm, wegen Amaliens und
der daraus möglichen nähern Verbindung mit diesem, das Allerunausstehlichste. Er
beneidete, er hasste den Minister und glaubte sich tief gekränkt und zu allem
Hasse gegen ihn berechtigt, weil er eine Stufe unter einem Manne stehen musste,
der kein Eingeborner des Landes, von minder altem Adel und beinahe arm war. Es
war ihm unbegreiflich, was der Fürst an einem solchen Manne fände, und seine
immer dauernde Gunst bei dem Fürsten blieb ihm ein quälendes, unauflösliches
Rätsel. Er wollte weder wissen noch glauben, dass dieser Mann durch seinen
Verstand, seine Mässigung, seine Kenntnisse des teutschen Reichs und durch die
Achtung, in welcher er an den grossen und kleinen Höfen stand, seinen Fürsten vor
allem dem Unangenehmen zu sichern wusste, dem kleine Fürsten dieses Reichs so oft
ausgesetzt sind. In gutem, vertraulichem Einverständnisse mit diesem Manne hatte
sich der Fürst aus vielen verdriesslichen Lagen glücklich herausgewunden. Der
Präsident, dessen Politik und Denken sich nicht weiter erstreckten als auf seine
Kammer und das, was das Land einträgt, sah in dem Minister nichts als einen
politischen Marktschreier, der die Kunst verstände, den Fürsten mit seinem
Gaukelspiele hinzuhalten und zu täuschen, um auf des Landes Kosten prächtig zu
leben und dem Staate seine Kinder als eine Last zur Erbschaft zurückzulassen.
Aber trotz dieser Meinung fürchtete er den Minister, und der Gedanke, sein Neffe
möchte sich mit ihm verbinden, um seine schimärischen Entwürfe der Neuerung, die
er ihm zuschrieb, durchzusetzen, brachte ihn aus aller Fassung. Seine Furcht,
sein Unwille raubten ihm alle Ruhe; und da er diese Lage nicht länger mehr
ertragen konnte, so ergriff er eines Tages plötzlich die Hand seines Neffen und
führte ihn in sein Kabinett.
    »Neffe«, sagte er schmeichelnd; »so wenig Dank ich mir auch bei Ihnen durch
alle meine Bemühungen bisher erwerben konnte, so rechne ich doch jetzt darauf. -
Nein, nein! Sie müssen mich erst ausreden lassen. Es ist natürlich, dass ein
junger Mann wie Sie, so gebildet, so sonderbarer Art und so reich und so in der
Gunst unsers vortrefflichen Fürsten, in allen alten Familien, wo eine Tochter zu
verheiraten ist, eine grosse Gärung verursachen muss. Nach Ihrer Denkungsart
müssen Sie doch einmal heiraten; so denkt jeder, so denke auch ich. Vielleicht
denkt auch manches arme Haus so und wirft listig sein Netz nach Ihnen aus, um
den reichen, schönen, seltnen Mann zu fangen. Ich muss aus Pflicht Sie vor diesen
Schlingen warnen, Neffe; und damit Sie ihnen um so leichter entgehen können, bin
ich berechtigt, Ihnen die einzige Tochter des ältesten Hauses nächst dem
unsrigen anzutragen. Sie ist zugleich die reichste Erbin, wenn der Vater stirbt,
und liebt Sie bis zur Schwärmerei.«
    ERNST: Erbin? Und wenn der Vater stirbt -
    PRÄSIDENT: Sie kennen sie doch?
    ERNST: Ich kenne sie nicht.
    PRÄSIDENT: Nun, es ist die Tochter des Mannes, dessen Stelle Sie haben.
    ERNST: Es tut mir leid, dass ich hierzu schweigen muss.
    PRÄSIDENT: Haben Sie etwas gegen die Person?
    ERNST: Was sollte ich gegen eine Person haben, die ich nicht kenne?
    PRÄSIDENT: So werden Sie dieselbe nicht kennenlernen?
    ERNST: In einer solchen Rücksicht gewiss nicht.
    PRÄSIDENT: Ich sage Ihnen ja: es ist nicht allein das älteste, es ist
zugleich das reichste Haus im Lande und die einzige Erbin eines Vaters, der
nicht lange mehr leben kann.
    ERNST: Oheim!
    PRÄSIDENT: Was nun wieder? Wird sie es nicht werden? Zweifeln Sie daran?
    ERNST: Ich hoffe, die Tochter denkt nicht an die Erbschaft.
    PRÄSIDENT: Und wenn sie es täte! Auch sie wird Erben hinterlassen, die daran
denken werden.
    ERNST: Das kann sein; und denkt sie daran, so verdient sie es.
    PRÄSIDENT: Was soll ich dem Vater antworten?
    ERNST: Dass Sie mir nichts gesagt haben.
    PRÄSIDENT: Wie? Ich tue es ja!
    ERNST: Und um des Mannes zu schonen, weil es ihn beleidigen könnte, sagen
Sie ihm nur, ich hätte Ihnen im voraus vertrauet, meine Wahl sei längst
getroffen; und diese müsste es sein oder keine.
    PRÄSIDENT: Neffe! Was Sie mir da sagen - sollte es wirklich Ernst damit
sein?
    ERNST: Sollte ich vergessen können, mit wem ich spreche?
    PRÄSIDENT: Und dieses so geheim, Neffe? Ohne mit mir zu Rate zu gehen? in
einer so wichtigen Sache auf das Leben?
    ERNST: Ich habe einen Vater, lieber Oheim; der muss doch wohl der erste sein.
    PRÄSIDENT: Allerdings! Und weiss es mein Schwager schon?
    ERNST: Nein.
    PRÄSIDENT: Und der Vater der Gewählten?
    ERNST: Ebenso wenig.
    PRÄSIDENT: Und die Person?
    ERNST: Noch weniger.
    PRÄSIDENT: Das ist doch sonderbar! so sonderbar wie alles mit Ihnen! Indes,
da ist ja noch nichts geschehen.
    ERNST: Nichts geschehen? Es ist sehr viel geschehen. - Und nun seh ich, es
ist hohe Zeit, dass ich das Schweigen breche. Ich tat es nicht, weil mich dieses
Schweigen so glücklich machte; aber damit ich mich nicht mehr in den Fall setze,
zu einem Ihrer Anträge nein sagen zu müssen, so will ich es morgen tun.
    PRÄSIDENT: Auf einmal so eilig? - Und die Person, die den seltnen,
sonderbaren Mann gefangen hat?
    ERNST: Oheim!
    PRÄSIDENT: Warum so feierlich, Neffe? Wir sprechen ja nicht von
Staatssachen, über die wir so selten einig sind, wir sprechen ja nur vom
Heiraten.
    ERNST: Und doch ist mir diese Sache ebenso feierlich. Jene betreffen mein
Gewissen, diese mein Herz, und die Feierlichkeit ist, denke ich, bei jeder an
ihrer Stelle.
    PRÄSIDENT: Sie werden die Person vor lauter Feierlichkeit doch nennen
können?
    ERNST: Nicht eher, Oheim, als bis ich weiss, ob ihr mein Antrag nicht
missfällt.
    PRÄSIDENT: Er wird ja nicht!
    ERNST: So sind Sie der erste, der mir mein Glück weissagt.
    PRÄSIDENT: Neffe, dieses hätte Ihnen Ihr Verstand längst weissagen können.
Väter, die ihre Kinder nur solange zu ernähren imstande sind, als sie selbst von
dem Staate über ihr Verdienst ernährt werden, greifen gerne zu; und Töchter,
die, in Pracht und Üppigkeit auferzogen, künftige Armut im Prospekt vor sich
sehen, sagen selten nein, wenn ein Mann sich anbietet, durch den man das jetzige
Leben fortzusetzen hofft. Sie sehen doch, dass ich Ihrem Herzen auf der Spur bin?
Eine Sirene hat Sie mit ihren Zaubertönen gefangen, Neffe - habe ich recht? -
Nun, wohin? Hab ich es getroffen? Ich denke doch, dass der Oheim zu dem Besten
seines Neffen reden darf? dass der Neffe sich wird gefallen lassen, ihn
anzuhören?
    ERNST: Wenn ich gehe, so tue ich es nur, um den Neffen nicht vergessen zu
lassen, dass er vor seinem Oheim steht; denn dieses könnte leicht durch die Art
geschehen, wie der Oheim jetzt zu meinem Besten spricht.
    PRÄSIDENT: So vergessen Sie es denn! Sie taten es längst. Entsagen Sie allem
Gefühle der Verwandtschaft und tun Sie, was Sie vorhaben. Sie wollen die Tochter
des Ministers heiraten, des Mannes, den ich hasse, der mein Feind ist, dessen
Feind ich bin; das wollen Sie. Können Sie es leugnen? Können Sie leugnen, dass
die Sirene Sie mit ihrer Zauberkehle gefangen hat? Ich sehe alles durch, alle
Ihre Absichten und die Absichten gewisser Leute, aber ich sehe auch die Zukunft.
- Nehmen Sie die Person, feierlicher Neffe; bei Gott! sie wird Ihrem Herzen
Feierlichkeiten von ganz anderer Art bereiten.
    ERNST: Kann Ihr Hass Sie so verblenden, Oheim! Und wenn ich Sie nun fragte:
worauf gründet sich Ihre fürchterliche Weissagung?
    PRÄSIDENT: Ich weiss es nicht; bei Gott! ich weiss es nicht. Wenn es nicht
dieses schöne Weib selbst ist, das mich zum Wahrsager macht - wenn es nicht der
sonderbare Mann ist, der hier vor mir steht. Neffe, ich habe die Fabellehre
nicht ganz vergessen: keiner glaubte der Weissagung Kassandras, bis Troja in
Flammen stand.
    Der Unwille, die Leidenschaften hatten des Oheims Blicke wild gemacht. Ernst
stand, betäubt durch das Unerwartete, vor ihm, und es wurde einen Augenblick
finster vor seinen Sinnen, aber plötzlich entstieg der Finsternis das Bild
Amaliens - sein Herz verklärte es; er erinnerte sich an den Hass seines Oheims,
an dessen gewöhnliche leidenschaftliche Äusserungen und sah sein Betragen als
eine Wendung an, die sein Groll und sein Missvergnügen einer ihm so widrigen
Sache gaben.
    Er antwortete nun mit Entschlossenheit:
    »Oheim, schon in der frühsten Jugend haben Sie meinem Herzen die erste Wunde
geschlagen, und ich fühle ihre Folgen noch. Sie raubten mir den edelsten Mann.
Ich ertrug es; und als ich entdeckte, wie Sie mir ihn geraubt haben, wie Sie
dabei zu Werke gegangen sind, machte ich Ihnen keine Vorwürfe darüber. Ich
entschuldigte Sie, indem ich Ihnen gute Absichten dabei zutraute. Als ich unter
Ihrem Vorsitze mein Amt antrat, waren Sie der erste, der von mir forderte, mehr
als einmal von mir forderte, dass ich mein Gewissen unter den Götzen beugen
sollte, den Sie System nennen. Ich tat es nicht und werde es nie tun.
    Und nun sind Sie noch nicht zufrieden, diese Versuche an mir gemacht zu
haben; Sie wagen einen auf eine Art an mir, die wirklich meine Geduld und
Achtung auf die schwerste Probe stellt. Und warum? Warum zerreissen Sie mein
Herz? Warum wollen Sie einen Menschen leiten, den Sie von Anfang an verkannten,
den Sie immer verkennen werden? in welchem Sie nichts achten, was er in sich
allein für achtungswürdig hält? Vergeben Sie mir, wenn ich einen Augenblick aus
den Schranken trete, in denen ich mich bisher gehalten habe. Es ist gut, es ist
nötig, dass wir einander verstehen. Ich werde nie sein, wie Sie mich haben
wollen; und so empfindlich, so schmerzend mir auch der Verlust Ihrer Gewogenheit
ist, so kann ich sie doch auf keinem andern Wege suchen als auf dem, welchen ich
eingeschlagen habe. Nicht Sie, nicht die Welt, nicht das Schicksal können mich
von der Bahn ableiten, auf die mich etwas geführt hat, das stärker ist als die
Menschen und das Schicksal. Und nur von der Person, die ich meine und die Sie in
Ihrem Unwillen gelästert haben, nur von ihr erwarte ich ein sichres Glück, da
jedes andere, wie ich täglich mehr einsehe, von so vielen Gefahren bedrohet ist.
Sie haben mir jetzt Mut gemacht; es ist Zeit, dass ich mich dieses Glückes
versichre, bevor die Stürme nahen. Denn sagen Sie mir, was kann Ihr Neffe Gutes
von andern hoffen, da er von Ihnen so verkannt wird, da Sie seine schönsten
Aussichten so verfinstern, seine besten Empfindungen so schonungslos zertreten?«
    PRÄSIDENT: Ich wünsche dem Neffen Glück; der Oheim hat seine Pflicht getan.
Beim Erwachen wird man sich meiner erinnern. Jetzt fehlt weiter nichts, als dass
Sie mit meinen Feinden ein Bündnis gegen mich schliessen. Doch ich bin darauf
gefasst und habe den Verteidigungskrieg schon von langen Zeiten her gelernt.
    In diesen letzten Worten vernahm Ernst den ganzen Grund von der düstern
Weissagung seines Oheims. Er entfloh schnell und eilte zu seinem Vater, den er
aber nicht antraf. Er durchwandelte den lachenden Schauplatz seiner Kindheit,
und sein Herz besänftigte sich. Er ging nach der Höhle und sass nachsinnend vor
dem Kranze seines Bundes. Gehüllt in den Morgentraum seiner Jugend, trat Amalie
herein, und der Glanz des Gesichts erfüllte die düstre Höhle; der Kranz
schimmerte in dem Lichte einer andern Welt. An ihrer Hand malte sich der
Begeisterte die Tage seines Lebens aus, und in allem, was sie umgab, was sie tat
und sagte, in ihren Bewegungen, ihren Blicken, ihrem Gesange lag, was sein
reines Herz hier träumte. Jeder Zweifel, jeder aufsteigende Gedanke, der dieses
erhabne Bild in ein andres Licht zu setzen drohte, schien ihm eine Lästerung der
Natur in ihrem schönsten Werke. Und wer sah, wer hörte Amalien, ohne dass sich
ihm dieses Gefühl aufdrang!
    Ernst trat voll Begeisterung, voll Liebe und Zutrauen an das Licht des
Tages.
    Sein Vater hörte seine Wahl mit Freuden; und als er vernahm, dass Ernst sich
noch nicht erklärt hatte, dass er es ohne Einwilligung des Vaters auch nicht
wagen wollte, versprach er, den folgenden Tag zu dem Minister zu fahren. Er tat
es, und der Minister gestand Ernstens Vater, dass dieses sein einziger Gedanke
und Wunsch gewesen wäre, seitdem er seinen Sohn kennte. An der Einwilligung
seiner Tochter zweifle er nicht; dafür stehe ihm der Wert des Mannes, der um sie
anhielte.
    Hierauf sprach er von seiner Lage: dass seine Tochter von ihm nichts zu
erwarten hätte und dass ihre Bildung die einzige Aussteuer wäre, die er ihr
mitgeben könnte.
                                      11.
Amalie schien über Ernstens plötzlichen Antrag durch ihren Vater verlegen und
verwirrt; sie sagte einigemale: »Das ist doch sonderbar! höchst sonderbar!«
    MINISTER: Und wodurch, Amalie?
    AMALIE: Dass er sich an Sie wendete - so gerade - ohne vorher mein Herz zu
fragen, ohne mir auch nur durch ein Wort die Wirkung, die ich auf sein Herz
gemacht habe, anzudeuten.
    MINISTER: Sieh, so fremd scheint uns die Handlungsart edler Männer! Es
wundert dich, dass dieser deinen Vater und dich in deinem Vater ehrt. Amalie, von
dir hätte ich diese Bemerkung am wenigsten erwartet.
    AMALIE: Vielleicht kommt dieses daher, lieber Vater, dass wir einander in
diesem Punkte alle gleichen.
    MINISTER: Du bist nun durch deinen Vater unterrichtet, und es hängt ganz von
dir ab, seine Erklärung anzunehmen oder ihm jede andere zu ersparen. Liebst du
ihn nicht, so ersparst du dem edlen Manne den Beweis von deinen eignen Lippen,
er habe sich in dir geirrt und selbst seine seltne Tugend, die Erhabenheit
seiner Seele seien in den Augen meiner Tochter nichts.
    AMALIE: Oh, er ist viel, sehr viel in Ihrer Tochter Augen, mehr als sie je
zu hoffen wagte! Und doch mein Vater - sagen Sie mir, was glauben Sie wohl, das
diesem schön gebildeten, so geistreichen, der Vollkommenheit so nahen Manne in
den Augen Ihrer Tochter fehlt?
    MINISTER: Soll ich es dir sagen? Die Eitelkeit, der Wahn unsrer Jünglinge,
Amalie; die Schwatzhaftigkeit, von dem zu reden, was sie zu fühlen glauben und
eben darum nicht fühlen. Ihr wollt nur Leidenschaft, wollt, dass die Leidenschaft
für euch in euren Anbetern die Vernunft, alle Tätigkeit im Leben und alle Würde
des Mannes verschlinge; dass für den, der euch einmal gesagt hat, er liebe euch,
nichts auf der Welt mehr Wert habe. Dies ist die Frucht eurer Romane! Aber hast
du nichts von dem Erwachen aus diesem unnatürlichen, schwächlichen Zustande, der
Krankheit unsrer Zeit, gehört?
    AMALIE: Sie wissen, dass ich keine Romane lese.
    MINISTER: Weil du vielleicht die deinigen auf dem Klavier, der Laute und der
Harfe in Musik setzest.
    
    Amalie errötete. Der Minister fuhr fort:
    »Der Mann, von dem ich rede, ist von so hohem Sinne, dass alle deine Reize,
alle deine Talente, alles Anlockende, womit die Natur dich so überreichlich
beschenkt hat, für ihn keinen Wert hätten, wenn er nicht glaubte, du seist von
eben solchem Sinne, auch du könntest ihn um das lieben, warum er dich liebt.«
    AMALIE: Und was ist das?
    MINISTER: Was seinem Herzen dieser Schleier äussrer Schönheit nur andeutet:
Tugend, reiner jungfräulicher Sinn und Mitgefühl für das, was er über alles
achtet. Er liebt dich, wie er eben diese Tugend liebt, mit reiner Begeisterung;
er hofft, wie sein Vater sagt, du werdest ihm Rosen auf den dornichten Weg des
Lebens streuen und ihn dem Ziele entgegenführen, das er so scharf und männlich
in das Auge gefasst hat. Nun erwäge! Für diesen Mann bedarf es keiner Bitten und
keiner Überredung; er selbst besteht seinen Wert. Ich kann dir sogar verzeihen,
wenn du ihn ausschlägst, weil der Gedanke mir empörend ist, dass er durch dich
nicht glücklich werden könnte.
    AMALIE: Ist Ihre Tochter so plötzlich und so sehr in Ihrer Meinung gefallen?
    MINISTER: Das sage ich noch nicht, werde es auch vielleicht später nicht
sagen; aber, Amalie, ich bin kein Fremdling in deinem Herzen und kenne dein
Geschlecht. Ich las Verwirrung in deinen Blicken und - soll ich es sagen? - ich
erwartete auf deinen Wangen nur die Rosen der jungfräulichen schüchternen
Freude, die wir aus Gefälligkeit Scham nennen, weil sie ihr so ähnlich sieht,
weil die Liebe sich so gern unter diesem Schleier verbirgt. Aber dein Mund
erklärte die Ursache der Verwirrung.
    AMALIE: Wie, mein Vater!
    MINISTER: War nicht deine Eitelkeit beleidigt, dass er ganz in dem Sinne
handelte, in welchem er dich betrachtet? Du wolltest, dass er dich auf dem Wege
der Romane suchen sollte; und dies ist nicht der seinige.
    AMALIE: Warum deuten Sie es so? Konnte nicht das Erstaunen, das Unvermutete
diese Verwirrung erzeugen? Wenn ich nun gar nicht hoffte, dass dieser edle,
seltne Mann je in dieser Rücksicht an Ihre Tochter denken könnte! Wenn mir nun
meine Bescheidenheit diesen Vorwurf von Ihnen zugezogen hätte! Was konnte, was
sollte mich veranlassen, da Liebe zu vermuten, wo ich nur Achtung, feierliche,
sonderbare Bewunderung wahrnahm? Und nur dieses fühl ich auch in seiner
Gegenwart - eine Verehrung wie für ein Wesen höherer, besserer Art; und ich
glaube beinahe, eben dieses heisst in dem Sinne lieben, wie er geliebt sein will.
Das Band, das ihn an mich zu fesseln scheint, mein Vater, ist, aus so geistigem
Stoffe es auch gewebt sein mag, doch meinen Sinnen sichtbar, so weiblich Sie
dieselben sich immer denken mögen. Er ist der edelste Mann, den Ihre Tochter je
gesehen hat.
    Der Minister umarmte seine Tochter:
    »Ich höre meine Amalie wieder, erkenne sie - erkenne die feine Künstlerin,
die durch zarte Wendungen so gern überrascht. Darf ich ihm das schöne Geheimnis
vertrauen?«
    AMALIE: Ich habe es längst getan, aber dieser Mann hat so wenig Eitelkeit,
ist so wenig mit sich selbst beschäftiget, dass er diese leise Sprache eines
Mädchens, für die unsre Junker so scharfe Ohren haben, weder vernimmt noch
versteht. Sie mögen es ihm sagen, wenn Sie nicht glauben, dass es mir besser
gelingen würde, es ihm vernehmlich zuzuflistern.
    MINISTER: So gescheh es heute.
    Es geschah. Ernst fühlte die Hand des Wesens seines Jugendtraums in der
seinigen und hoffte nun, an dessen Seite alle Gefahren des Lebens zu besiegen,
die ihn auf der einmal betretnen Bahn überfallen möchten.
                                      12.
Um die schönsten Tage seines Lebens zu verherrlichen, erhielt er um eben diese
Zeit einen Brief von Hadem, mit einer kleinen Zuschrift von Franklin, welcher
ihm meldete, er habe den jungen teutschen Mann auch in Amerika nicht vergessen,
seinen Auftrag erfüllt und sende ihm hiermit einen Beweis davon.
                                 Hadem an Ernst
Dass ich Ihnen, lieber Ernst, noch so schreibe, als wäre seit unsrer Trennung
keine Zeit verflossen, dazu berechtigt mich Glücklichen der Geist Ihres Briefes,
der Glaube, das feste Vertrauen auf diesen Geist. Nach der Durchlesung Ihres
Briefes und Ihrer Beilagen fürchte ich nichts mehr für Sie. Der mutig bestandne
Kampf des Jünglings lässt mich auf die Siege des Mannes hoffen. Ich wusste, wem
ich Sie anvertraute; ich wusste, wen ich ihm anvertraute! Gesegnet sei die Asche
des Mannes, dem ich Sie in jener Bedrängnis übergeben konnte! Gesegnet sei der
Augenblick, dass er mir, dem so sehr Bekümmerten, damals erschien und mir
zulispelte: »Übergib mir den Liebling deines Herzens; ich will ihn dir erhalten,
wie du mir ihn übergibst.« Sie haben ihn verstanden, ihn richtig verstanden, Ihr
rein gestimmter Geist musste seine Sprache bei dem ersten Laute verstehen, das
erwartete ich. Er schloss Ihnen ganz den Tempel der Natur, der Menschheit und der
Wahrheit auf, zwar plötzlicher, als ich es zu tun willens war (denn ich wollte
Sie von Stufe zu Stufe ihm zuführen und Ihrem zarten Geiste nur langsam das
merkbar machen, was ihn dem Auge der Menschen verbirgt), aber die unerwarteten
Ereignisse, die nur ein Jüngling wie Sie veranlassen und so veranlassen konnte,
zerrissen meinen Plan. Es ist wahr, sie haben durch einen starken Schlag auf Sie
gewirkt; aber eben dadurch, dass sie dieses taten und das noch weit Entfernte so
plötzlich und grell Ihrem Geiste aufdrangen, gaben sie Ihnen auch Gelegenheit zu
dem schönen, dem mutigen Kampfe. Und, Geliebter, die Deutung, die Sie nun meinen
letzten Worten geben, ist so schön, dass ich jetzt mit Ruhe, mit Wohlgefallen auf
die Begebenheit sehen kann, die sie veranlasst hat. Doch das, was Sie von meiner
Seite ein Opfer nennen, verdient nur durch das, was ich dabei litt, diese
Benennung; denn ich durfte, ich konnte nicht anders handeln. Konnte ich Sie in
diesem Alter, mit diesen über Ihr Alter weit erhabenen Gesinnungen dem Schlage
aussetzen, womit man Ihr Herz bedrohte? Wär ich dann der Mann gewesen, der sein
Glück, den schönsten Wert seines Daseins in Ihnen blühen und reifen sah? Sollte
eine rauhe Hand dies alles erschüttern, vielleicht zerstören? Entschied nicht
hier die Notwendigkeit, und gebot sie nicht gewaltig? Ja, es war ein
erschrecklicher Augenblick für mich; ich sah voraus, dass durch meine Entfernung
und die Veranlassung dazu das schöne Ideal Ihres Sinnes Gefahr lief, entweder
verdunkelt zu werden oder dass Sie seine Grenzen überschreiten würden. Das erste
fürchtete ich weniger, da ich mich allein dem Unwillen Ihres Oheims aussetzte
und durch meine Abreise Schonung für Sie erwarten konnte. Um so mehr fürchtete
ich das letzte; und aus dieser Furcht entsprangen die Worte, die Ihnen so vielen
Kummer verursacht haben. Möchten Sie nie in den Fall kommen, sich ihrer erinnern
zu müssen; aber wenn Sie mit dem Geiste, der Sie belebt, unter den Menschen
tätig sein wollen, so bewaffnen Sie sich mit Mut, Geduld und Stärke. Erwägen Sie
das, was die Menschen ertragen können! Erwägen Sie, dass diese, von Stolz,
Eitelkeit und andern niedrigen Leidenschaften angetrieben, unsern Handlungen
selten reinere Bewegungsgründe zuschreiben! Vergessen Sie nie, dass der Geist,
der Sie beseelt, den groben Sinnen des Haufens nicht fasslich ist, dass die
Menschen von Gott und der von ihm ausgehenden Tugend am meisten reden, weil sie
beide in ihrer erhabenen Reinheit am allerwenigsten denken und ahnden; und dann,
dass den Tugendhaften wie den wahren seltnen Dichter, die einander beide in einem
so edlen Sinne gleichen, hier gewöhnlich ein und dasselbe Schicksal erwartet.
    Mag jede Ihrer Handlungen ganz und rein aus Ihrem Herzen, wie Ihre Göttin
aus Jupiters Haupte, entspringen; aber bedenken Sie vor der Ausführung, dass eine
gute, für den Zweck erspriessliche Handlung in dem Verhältnisse mit den Menschen,
zu deren Bestem sie geschehen soll, freilich das Schönste, aber auch das
Schwerste ist, was der Mensch bewirken kann. Eine zu rasch, zu schonungslos
betriebene Tat bringt uns leicht um die vielen Früchte, die uns die Zukunft noch
aufspart. Wir leben nicht mehr in den Zeiten grosser, kühner Taten, wo ein Tag,
eine Stunde über den grossen Wert des Lebens entscheiden kann, wo wir in einem
Tage den Kranz des Ruhms erwerben. Wir müssen ihn nun unbemerkt, aus stillen,
prunk- und geräuschlosen Taten bilden und ihn im Innern unsers Herzens der
Tugend weihen, um durch unsern Schmuck das Auge der Menschen nicht zu reizen.
Und lieben Sie nicht die stille Tugend? Werden Sie sich über unser Los beklagen?
Besonders, Geliebter, hüten Sie sich vor den Folgen des Misslingens guter
Absichten auf Ihr Herz! Dieses ist der gefährlichste Felsen, der unter den
Fluten des Lebens verborgen liegt; nicht selten scheitert der Edle an ihm. Aber
hat Ihnen Ihr Führer, dem ich Sie übergab, dieses nicht alles schöner und
stärker gesagt?
    Für Ferdinand fürchtete ich immer; und nun stört er meine Ruhe, mich
überfällt eine unbeschreibliche Angst, wenn ich lebhaft an ihn denke. Sein
Verstand ist der Sklav seiner Sinne, und sein Herz ist zu leicht für den Sturm
der kühnen Leidenschaften, die in seinen Adern toben, das fühl ich; und was wird
aus ihm werden?
    Jetzt, Geliebter, einiges von mir. Aus öffentlichen Nachrichten werden Sie
wissen, dass der kleine Überrest des Regiments, bei dem ich angestellt war, in
Gefangenschaft geriet. Ich wurde mit fortgeführt, ohne den Sterbenden den
letzten Dienst leisten zu können. Was für Elend, was für Jammer habe ich erlebt
und angesehen! Und liegt nicht schon alles in dem Gedanken begriffen: die
Teutschen wurden für Geld nach Amerika verkauft? Ihre Verkäufer hätten sie sehen
sollen, verschmachtend, den Blick nach ihrem Vaterlande, ihren Eltern, Weibern,
Kindern, dann zum Himmel, dann auf die fremde Erde richtend, die sich ihnen zum
Grabe öffnete! - Ich ward von den Gefangenen getrennt, eine Kolonie Teutscher an
den Grenzen der Wilden bemächtigte sich meiner. Seit Jahren hatten sich diese
Leute, weil ihnen ein Prediger fehlte, nicht zum Gottesdienste versammeln
können. Sie trugen mir dies feierliche Geschäft auf, und es ward mir leicht, ihr
Zutrauen, ihre Liebe in dieser Wildnis zu erlangen. Eilig baueten sie mir ein
Haus und richteten es so bequem ein als es ihre Lage erlaubte. Ich lebte dem
Berufe, den sie mir gaben, mit völliger Ergebung. Als aber der Friede
geschlossen war und ich zu Ihnen zurückkehren wollte, nahm die Liebe die Gestalt
eines sehr verzeihlichen Eigennutzes an. Sie wollten mich nicht entlassen; und
da sie mein Recht nicht bestreiten konnten, so forderten sie Ersatz für den
Aufwand, den sie um meinetwillen gemacht hatten. Sie wussten, dass er von meiner
Seite unmöglich war. Als ich ihnen nun ihr Unrecht und ihre Undankbarkeit sanft
verwies, erkannten sie alles; aber sie hoben ihre Hände zum Himmel empor und
riefen: »Er wird uns das Unrecht verzeihen, das wir an Ihnen tun. Er weiss, warum
wir es tun! Er hat Sie zu uns gesandt, und Sie selbst werden zu ihm für uns
beten, dass er uns verzeihe, was wir an Ihnen Böses tun.«
    So bin ich nun gefesselt durch Pflicht und Gewissen. Ich schrieb an den
edlen Franklin, und er nahm es auf sich, der Kolonie einen Prediger aus
Teutschland zu verschreiben. Sobald dieser kommt, eile ich in Ihre Arme; und
dann sollen Sie den Greis in den Tempel führen, an dem Sie bauen.
 
                                  Viertes Buch
                                       1.
Ernstens Jahre des Glücks und der Ruhe flogen schnell und mit guten Taten
bezeichnet vorüber; aber das allgewaltige Schicksal schien ihn nur darum in
einen so sanften Schlummer versenkt zu haben, um ihn schrecklicher daraus zu
erwecken, um ihn beim Erwachen zu zermalmen. Warum muss ich die Feder wieder
aufnehmen! ich, der Zeuge des an ihm ausgeübten Frevels! ich, dessen Herz bei
dem Anblick der an ihm begangnen Ungerechtigkeit so unaussprechlich litt! Und
doch muss ich dem Zuge folgen und das nun einmal übernommene Geschäft vollenden,
so qualvoll es auch jetzt für mich wird. Die Ungerechten sollen wenigstens
sehen, wen sie in diesem Manne verfolgt haben; und das Mitgefühl der Edlen wird
mein Lohn sein. Fasse dich, mein empörter Geist, und wende dich von dem
zerstörenden Gedanken weg, nur das, was du zu berichten hast, habe der
Rechtschaffene von den Menschen zu erwarten!
    Der Kammerrat hatte schon die Grafschaft *** zum Garten umgeschaffen, und
Ernst ging neben dem treuen Pflanzer Gottes in dem blühenden Bezirke, den
verschönerten reinlichen Dörfern, wo nun Zufriedenheit und einfaches Wohlleben
herrschten. Hier wandelte er an der Seite des Kammerrats mit höherem Herzen als
Alexander an der Seite seines Lieblings in den Ebenen des von ihm eroberten
Asiens. Seine Trophäen waren blühende Bäume, reiche Kornfelder, grünende Wiesen,
Striche, die einst das Wasser ertränkte, zu Wiesen durch Fleiss gewonnen. Und
beide Freunde belebte die Hoffnung, das Glück, welches sie hier gestiftet
hatten, noch weiter um sich her zu verpflanzen. Ernst hatte mit Genehmigung des
Fürsten in diesem Bezirk eine neue Ordnung der Steuern und Abgaben zur Probe
eingeführt, und diese Probe war so gut ausgefallen, dass er beweisen konnte,
seinen beabsichtigten Zweck erreicht zu haben. Durch diese neue Ordnung fiel
alles Drückende von dem Landmann ab, und der in den ersten Jahren von dem Adel
und den Gutsbesitzern erlittene kleine Verlust ersetzte sich in den folgenden
vollkommen. Ausserdem hatte sie das vorzüglich Gute an sich, dass sie allem Zwist,
allem Hader, allen Klagen über Gewalt und allen heimlichen Eingriffen ein Ende
machte. Ernst konnte dartun, dass alle Landleute ihre Abgaben richtig bezahlt
hatten, dass keiner verarmt war und dass der Ertrag des Landes um ein Drittel mehr
ausmachte als sonst. Dieses legte er seinem Schwiegervater, dem Minister, vor
und teilte ihm sein Vorhaben mit, diesen seinen Plan mit Genehmigung des Fürsten
dem versammelten geheimen Staatsrate für das ganze Land vorzuschlagen. Der
Fürst, der von allem unterrichtet war und mit eignen Augen den guten Erfolg
gesehen hatte, forderte Ernsten selbst dazu auf. Er war so entzückt darüber, dass
er an seiner Tafel, in seinem Kreise mit Fremden und Einheimischen von nichts
sprach als von der Hoffnung, bald sein ganzes Land so blühend und wohlhabend zu
sehen als Ernst und Kalkheim den gesegneten Strich gemacht hätten. »Und dann«,
setzte er hinzu, »werde ich erst recht fühlen, wie glücklich ich bin, Fürst
eines kleinen Landes zu sein; denn nur hier fruchtet die Arbeit guter Menschen,
nur hier sind Mittel und Hindernisse gleich sichtbar.«
    Doch dieser Plan drohete nicht allein der Gewalt und dem Eigennutze
verschiedner Landeskollegien; er griff zu gleicher Zeit auch den Stolz des Adels
und der Gutsbesitzer an, denen die alte Ordnung schmeichelte, weil ihre
Vorfahren dieselbe entworfen hatten. Sie sahen in der gelinden Abhängigkeit des
Landmanns von ihnen, da diese doch allein den Fleiss und die Erfindungskraft
desselben beseelt, indem sie ihn von den äussern, drückenden Zeichen der
Herrschaft befreit, nur die Auflösung ihres Ansehens und ihrer Eigenmacht. Es
war ihnen nicht genug, dass der Landmann, und sie durch diesen, reicher würden;
sie wollten auch, dass er immer in der knechtischen Furcht vor seinen gestrengen
Herren verbleiben sollte. Sie wollten nicht dessen Wohltäter, Freunde und
Ruhestifter, sondern dessen Herrscher und drohende Richter sein. In den freien,
vertraulichen, heitern Gesichtern der Landleute dieses sich auszeichnenden
Bezirkes sahen sie Hohn und Aufruhr; in ihren reichen Feldern, ihren schön
gebaueten Dörfern, ihrer anständigen bessern Kleidung Reiz zur Üppigkeit,
Verschwendung und Eitelkeit, und ihr Spruch war: der Bauer muss immer fühlen, dass
er nur Bauer ist.
    Natürlich stimmte die Kammer in diesen Ton mit ein, und Ernst wurde bald als
ein Feind des Adels und der alten guten Ordnung angesehen. Seine Ruhe, seine
Zufriedenheit, seine Sorglosigkeit bei ihren hämischen Äusserungen entzündeten
den Hass und Unwillen des Adels noch mehr, und es bildete sich, ohne Verabredung
und mit Verabredung, eine geheime Verschwörung gegen ihn, die nur auf
Gelegenheit lauerte, den gefährlichen Widersacher zu stürzen. Indes stellte man
ihn allentalben als einen Mann dar, der, stolz auf die Gunst des Fürsten,
seinem Dünkel und seiner eingebildeten Weisheit alle zu unterwerfen strebt, der
durch die Zerstörung alles Alten sich einen glänzenden Namen machen will und
seinen herrschsüchtigen Geist unter dem sanften Schimmer gleisnerischer Tugend
zu verbergen sucht.
    Ernst ahndete das nicht. Er sah und fühlte wohl, dass den meisten das nicht
gefiel, was er tat; doch hoffte er noch immer, der gute Erfolg würde jeden nach
und nach von seinen reinen Absichten überzeugen. Bei seinem Plane rechnete er um
so mehr auf das Gelingen, da der Vorteil eines jeden so sichtbar war. Aber als
er ihn in dem geheimen Rate vorbrachte und sein Oheim heftiger als je auffuhr,
als die meisten Anwesenden auf das Recht ihres Adels pochten und geradezu
erklärten, der Fürst könne Privilegien nicht antasten, die von ihren Ureltern
auf sie vererbt wären, die sie als des Reiches Ritterstand von alten Zeiten her
genössen, und als sie ihn als den Schöpfer dieses Plans geradezu angriffen, da
erkannte er, wie sehr er sich geirrt hatte, da sah er ein, dass die Menschen noch
eher wirklichem Vorteil entsagen als dem eingebildeten des Stolzes und des
Wahns. Diese sich ihm jetzt aufdrängende Meinung verbarg ihm auch noch in diesem
Augenblick, dass der Hass gegen ihn vorzüglich die Haupttriebfeder seiner Gegner
war. Aber sein Oheim öffnete ihm bald die Augen; denn er sagte ihm geradezu:
»Neffe, meine Prophezeiung geht nun in Erfüllung. Sie sind nun endlich geworden,
was Sie so lange und so eifrig zu werden gesucht haben: der Gegenstand des
Hasses aller Vernünftigen; und wenn dieses Ihren Stolz befriedigen, wenn Ihre
Schimäre Sie dafür trösten kann, so haben Sie wirklich die höchste Stufe des so
sehnlich gesuchten Glückes erreicht.«
    Ernst antwortete:
    »Es sei! Auf dem Wege, auf welchem ich es erreicht habe, werde ich
gleichwohl verbleiben, und eben darum kann ich von der errungenen Höhe niemals
fallen. Noch wohnt Ruhe in meinem Herzen; auch war ich auf das, was Sie mir nun
ankündigen, nicht so unvorbereitet. Ich rechnete auf Undank, Unbilligkeit und
Ungerechtigkeit, doch nicht auf Hass, wenigstens nicht von Ihrer Seite; und,
Oheim, am wenigsten auf den Wahnsinn, der sich diesen Morgen bei einer Sache
offenbarte, wobei die am meisten gewannen, die am heftigsten dagegen schrien.«
    PRÄSIDENT: Dieses kommt alles daher, lieber Neffe, dass Sie nur dem Namen
nach ein Edelmann sind; sonst würden Sie mit dem Kleinode, in welchem unsre Ehre
und durch sie unser Dasein besteht, nicht so verwegen spielen. Ja, lächeln Sie
nur. Aber vergessen Sie nicht, dass wir für dieses Kleinod alles zu wagen fähig
sind, was Sie allenfalls um Ihrer Schimäre willen wagen könnten. Ich schenke
Ihnen alle Weisheit, die Sie mir jetzt vortragen möchten - wozu? Mir soll der
Neffe immer willkommen sein, aber nie der Staatsmann; denn als Staatsmänner sind
wir Feinde, in offnem Kriege. Ich weiss wohl, dass Sie dieses nicht abschrecken
wird; der Mut wächst Leuten Ihrer Art beim Widerstande. Dem Sieger bleibt am
Ende doch das Feld. Wir wollen nun sehen, was der von Ihren Träumen verblendete
Fürst weiter unternimmt; für jetzt scheint er Ihren Plan schon auf bessere
Zeiten auszusetzen. Wir danken ihm für den Aufschub und wissen, woher es ihm
kommt. Wie wohl hätten Sie getan, lieber Neffe, wenn Sie ein wenig mehr auf den
klugen Renot gehorcht hätten als auf Ihren Pedanten! Freilich, solchen Leuten
und Leuten, wie die sind, mit denen Sie zu Rate sassen, die keinen Fussbreit Lands
besitzen und als von geborgtem Glanze übertünchte Bettler nichts zu verlieren
haben - denen mag ein solcher Plan ganz wohlgefallen. Sie verstehen hoffentlich,
wen ich meine; und sollten Sie nicht, so fragen Sie mich nur!
    Ernst erglühte. Zum erstenmal schwellte heftiger Unwille sein Herz, zum
erstenmal faltete sich seine Stirn in Grimm, zum erstenmal verzog sich sein
Mund, um den sonst nur Weisheit und Güte so sanft sich zeigten. Er sagte nach
langem Kampfe:
    »Lieben konnt ich Sie nie, Oheim; es war nicht meine Schuld. Von diesem
Augenblick an kann ich Sie nicht mehr achten; und auch dieses ist nicht meine
Schuld. Sein Sie mein Feind, das Sie schon lange mehr als Mensch denn als
Staatsmann sind; als Staatsmann könnten Sie es ja nicht sein, wenn Sie nicht
Mensch in dem Sinne wären, in welchem Sie sich mir immer zeigten. Da ich dies
aber am wenigsten fürchte und eigentlich nichts mehr fürchte als ebenso tief zu
sinken, so steh ich ganz offen und ohne allen Schutz da - das Ziel Ihres Hasses
und des Hasses aller derer, die mich wie Sie verkennen. Ich habe viel von Ihnen
ertragen, aber die Lästerung des edlen Hadem und des Mannes, bei dessen
Bezeichnung Sie sich nur erniedrigten, konnt ich nicht ertragen, denn in diesen
lästerten Sie Tugenden, für die Sie keinen Sinn haben.«
    Er ging. Sein Oheim wütete, und in seiner Wut rief er: »Er hat Galle, er hat
es gezeigt; und davon lässt sich etwas erwarten.«
                                       2.
Nur als Ernst seinen einzigen Sohn sah und dieser ihm freudig entgegensprang,
besänftigte sich der Unwille in seiner Brust. Es war die erste Empörung, die
erste starke widrige Empfindung, welche Menschen in ihm erzeugt hatten. Er
schauderte selbst vor der Wirkung der Erschütterung, er drückte seinen Liebling
an das Herz und küsste die unschuldigen Augen, deren Blick die Finsternis
erhellte, die jetzt seinen Geist umringte. Der kleine Franz schmiegte sich an
ihn, und er hob ihn gegen den Himmel: »Du hast ihn mir gegeben! Und jene! ich
bin ja noch, was ich vor einer Stunde war!«
    Sein Blick fiel auf Amaliens Zimmer.
    Sie kam, weil sie seine Worte vernommen hatte. Er bat sie um Musik, und
während sie spielte, hielt er den Knaben auf dem Schosse. Der Knabe lauschte auf
die Stimme seiner Mutter, auf die Blicke seines Vaters; und als nun ihr Gesang
in das Besänftigende, das Feierliche überging und ihre Saiten wie das Gelispel
der Geister ertönten und der Knabe bei dem hohen Gesange ihn starr, bei dem
sanften wieder freundlich anblickte, da malten sich seine Jugendträume wieder
lebend vor seinen Augen, und der erhabene Gedanke, der diese Träume erzeugt
hatte, sauste durch seinen Geist. Er fühlte, sein Glück sei ausser der Gewalt der
Menschen, solange ihm dieser Gedanke, dieses Weib und dieser Knabe blieben.
Amalie hatte seine Bewegungen bemerkt; sie nahte sich ihm nun, und er teilte ihr
mit, was er empfand. Aber da sie bald nachher auf dem Klavier zu phantasieren
anfing und ihre Klagetöne die Dolmetscher ihrer geheimen Schwermut wurden, die
er solange bemerkt hatte, und ihre Blicke aufwärts flogen, als suche ihr Geist
in der Ferne die Erfüllung ihrer Wünsche, da drangen leise Tränen in seine
Augen, und er küsste den Knaben, um sie zu verbergen. Er fühlte sich von seiner
Seite glücklich, aber zwischen ihm und Amalien hatte sich seit ihrer Verbindung
ein seltsames Verhältnis entsponnen. Er zeigte ihr die zärtlichste Liebe, das
grenzenloseste Vertrauen, und sein Tun, sein Betragen, seine Worte bewiesen ihr,
dass er sie mit aller Kraft seiner hohen Seele liebte, dass er sich durch sie so
glücklich fühlte als es nur ein Sterblicher werden kann. Sie fühlte dieses; sie
sah, wie sie ihn durch ihren Geist, durch ihre Musik bezauberte, sie empfand,
wie der Knabe sein ganzes Dasein mit dem ihrigen aufs innigste verbunden hatte,
und immer blieb sie in ihrer ernsten Feierlichkeit, in ihrem sonderbaren,
unnatürlich scheinenden Schwunge des Geistes. Immer sich gleich, bezeugte sie
ihm für alles, was er tat und sagte, jene Achtung, jene Bewunderung, die nur
Personen von dem zartesten Herzen, dem ausgebildetsten, edelsten Geiste zu
empfinden und auszudrücken fähig sind. Er sprach in sanftem Entzücken von seiner
Liebe und seinem Glücke; sie von dem Werte der Tugenden ihres Gemahls, aber nie
überliess sie sich einer völligen Ergiessung des Herzens, nie einer innigen
Zärtlichkeit, immer schien eine Scheidewand zwischen ihm und ihr zu stehen. Es
genügte ihm lange; denn da er diese reine Stimmung am meisten achtete, auf sie
vorzüglich sein Glück bauete und Amalien hauptsächlich um dieses hohen Sinnes
willen gewählt hatte, so glaubte er, es müsse so sein und sein Glück sei um so
sichrer. Aber da er sie seit einiger Zeit oft einsam und in Gedanken verloren
überraschte und ihre Musik, ihr Gesang, womit sie ihn sonst emporhob und
aufheiterte, immer klagender wurden, in ihren Blicken sich etwas bisher von ihm
unbemerktes Düstere, Sehnende zeigte und sie seine Fragen nur mit Lächeln
beantwortete und er mit der zärtlichsten Hingebung, der herzlichsten
Aufforderung keine andere Antwort erhalten konnte als höchstens: »Kann ein Mann
wie Sie an dem Glücke seiner Gattin zweifeln? Wer sollte sich dann auf Erden
trauen!« - und sie sich in weiter nichts einliess und immer in dieser Stimmung
verharrte, so vermutete er geheimen Kummer, schrieb sich die Ursache zu und
spannte alle seine Aufmerksamkeit an, ihr zu gefallen. Sie bemerkte es und gab
ihm die rührendsten Beweise davon, dass sie es bemerkte. Seine Zärtlichkeit
überraschte sie oft; und wenn sie dieselbe nicht mit der Wärme erwiderte, wie
sie aus seinen Blicken sprach, so sagte sie:
    »Ich bin zu ernstaft, ich muss die Musik lassen, sie zieht mich mit
unwiderstehlicher Gewalt von dieser Erde nach dem Lande, von welchem Sie mir so
oft gesprochen haben. Wirklich, ich muss die Musik lassen, sie spannt meine
Phantasie über ihr Vermögen, sie macht mich zu weich, zu schwärmerisch. Ich
glaube, es geht mir wie den Dichtern, von denen man sagt, sie vermissten immer
etwas, sie möchten sein, wo sie wollten. Denn sie sehen, sagt man, alles mit den
Augen ihres Geistes an, der sich mehr im Schaffen, im Hervorbringen als in dem
Geniessen gefällt, der das Geschaffene, um nie müssig zu sein, wenigstens mit den
Farben seiner Träume schmückt.«
    Ernst lächelte bei dieser Äusserung.
    AMALIE: Lächeln Sie nicht! Ich glaube wirklich, dass ich ohne Musik viel
glücklicher wäre; ich würde mehr bei mir und viel beschränkter sein, und Franz
würde mir dann nicht so oft sagen:
    »Du liebst mich nicht, Mutter, du spielst nicht mit mir, du spielst nur mit
dem Klavier. Und doch liebt dich das Klavier nicht, wie ich dich liebe.«
    ERNST: Und doch küsst er mit mir die Hände, die diese Saiten so süss beleben,
und den Mund, dessen Töne seinen Vater mit sanften Schwingen in jenes Land
tragen, aus dem seine Mutter, mit dieser Harmonie begabt, herabstieg. Sie
vergassen oder wollten vergessen, dass es der Dichter allein ist, dessen Geist
Welten und Schöpfungen sieht, die wir ohne ihn nur dunkel ahnden würden, dass er
uns durch seine Schöpfungen von andern Welten ein Glück darbeut, welches uns
diese hier nie gewähren kann. Dank sei diesen Lieblingen der Gotteit gesagt,
auf denen der Geist der Schöpfung so sichtbar und wirksam ruht, in denen sich
die Schöpfung so fasslich und hinreissend für andere abspiegelt! Sie erwecken
durch ihre schaffende Kraft, durch die hohe Darstellung ihres innern Sinnes den
schlafenden Funken in unsrer Brust und beweisen uns durch seine Entzündung unsre
Abstammung aus jenem Lande und unsre Wiederkehr dahin. Ohne sie würde sich der
Mensch nie über das Irdische erhoben haben. Und dieses sind Sie mir! Dieses ist
mir meine Sängerin! Und Sie wären dadurch nicht glücklich? Sie wären glücklicher
ohne die Kraft, dieses auf uns wirken zu können? Fragen Sie nur unsern Franz.
Wie oft schleicht er zu mir und sagt mir leise ins Ohr: »Kommen Sie geschwind,
Papa! die Mama spielt ohne Noten!« Ahndet der Knabe nicht, dass nun die Dichterin
ihre Schöpfungskraft gebraucht?
    So schien sich immer ein Rätsel in dem Augenblick aufzulösen, in welchem es
sich noch mehr verwickelte.
                                       3.
Trotz dem allen hätte Ernst ohne die Ereignisse, die jetzt so plötzlich unsern
Weltteil erschütterten, durch seine Geduld, seine Gefälligkeit, seine Sanftmut
dennoch den Neid und die Bosheit der Menschen besiegt, vielleicht gar selbst
seinen heissesten Wunsch, seinem Vaterlande einen so wesentlichen Dienst zu
leisten, durchgesetzt. Aber die wunderbaren, grossen und schrecklichen
Begebenheiten, die nun in einem so kurzen Zeitraume sich aufeinander drängten
und die alles zu entalten schienen, was die Menschen in einer Reihe von
Jahrtausenden Grosses und Ungeheures mögen getan haben, sollte auch über Ernstens
Schicksal wie über das Schicksal so vieler tausend Unschuldiger entscheiden.
    Der unglückliche Zeitpunkt war gekommen, wo die ruhigen, friedlichen, treuen
Bürger Teutschlands, welche die Wörter »Aufruhr« und »Empörung« nur als eine
Schreckenssage aus vergangenen Zeiten kannten, plötzlich in Parteien zerfielen,
wo in jedem Hause Zwietracht herrschte, die Familien sich trennten, der Freund
den alten, erprobten Freund als Feind verliess und man nichts mehr vernahm als
den bittern Zwist über politische Meinungen, vor dem alle Freude und alles
Zutrauen aus dem gesellschaftlichen Kreise verschwanden. Alle Gefühle der
Menschheit schienen in diesem wilden, schonungslosen Kriege über Meinungen, die
niemand kalt prüfte, auf einmal zu verstummen; denn keiner fragte den andern:
was bist du mir und dem Vaterlande? sondern: wie denkst du über die Ereignisse
des Tages? Selbst das Mitgefühl, das Mitleiden, die bestimmtesten Gefühle der
Natur, arteten aus; man beklagte nur das Unglück derer, die unsrer Meinung
waren, verwendete sich nur für sie. Wissenschaften, Religion, Recht und Gesetz
sollten sich nach neuen Formen bequemen; und die Verblendung ging so weit, dass
man die Lehren, welche die Schreckensposten so laut ankündigten, weder vernahm
noch nutzte. Die Fürsten traueten ihren Völkern nicht mehr, Völker traueten
ihren Fürsten nicht mehr; und beide Teile schienen recht zu haben, denn jeden
rissen Furcht und andere Leidenschaften über das Ziel. Ein wilder, bisher
unbekannter Fanatismus hatte alle ergriffen, alle in einen Zauberkreis gebannt,
in welchem rastlose Neugierde, gespannte Hoffnung, steigende Furcht, Angst und
Hass sie gegen- und voneinander trieben. Ja, der Teutsche schien sogar seine alte
väterliche Sprache mit seiner alten Treue zu verlieren und seine Denkungsart
gegen neue Ausdrücke auszutauschen, die nur seine gereizten Leidenschaften
dolmetschten.
    Aber als der Feind den teutschen Boden betrat und verwüstete, als das Blut
der Teutschen die väterlichen Felder fruchtlos düngte, als der Teutsche besiegt
ward und der kühne Feind immer vorwärts drang, da wütete die Zwietracht und
zeigte dem Feinde die ferneren grössren Siege.
    Brauche ich zu sagen, von welcher Zeit ich rede? Hat sie nicht, zur Schande
der getrennten Teutschen, ein schmähliches unvergessliches Denkmal aufgestellt?
Steht das jetzige Geschlecht nicht mit gebeugtem, überwundenem Nacken davor? und
werden die künftigen bei seinem Anblicke glauben, dass ihre Väter Teutsche waren?
    In der Stadt, wo Ernst wohnte, pries man anfangs alles, was in Frankreich
geschah, und rechtfertigte es mit den alten Missbräuchen, die dort so lange
geherrscht hatten. Ernst, der diese Nation kannte, erlaubte sich bei ihren zu
raschen Taten manche Bemerkungen und Zweifel. Man nahm ihm dieses sehr übel und
hielt ihn für einen Fürstensklaven, welcher der Gunst des Hofes selbst seine
vorige Denkungsart aufopfere. Als aber die so laut gepriesene Sache wirklich die
Wendung nahm, die er verkündigt hatte, und alle schrien und er jetzt bei dem
wilden Geschrei aus Ursachen schwieg, die der grosse Haufe nicht erraten konnte,
so glaubte man sich berechtiget, sein Schweigen für Billigung alles dessen zu
erklären, was Schreckliches geschah. Seine Feinde wussten dieses von ihnen
ausgestreute Vorurteil zu benutzen, und Ernst musste als ein bekannter Feind der
alten bürgerlichen Ordnung für einen entschiedenen Gönner der gefährlichen
französischen Grundsätze gelten. Wo er sich jetzt befand, in welche Gesellschaft
er trat, hörte er nur von den greulichen Begebenheiten des Tages reden, und
immer mit Verwünschungen aller Neuerer und aller derer, die solche Gesinnungen
billigten und begünstigten. Er, der alles, was vorging, aus einem den Schreiern
ganz unbekannten Gesichtspunkt ansah und sich von diesen schrecklichen
Begebenheiten wie von einem finstern, bösen Dämon begleitet fühlte, konnte die
wilde, sinnlose und wahnsinnige Art, wie diese Menschen davon redeten, nicht
ertragen. Sein Geist ward düster unter ihnen, sein Herz litt; er floh und suchte
freie Luft; und sowie er den Rücken wendete, fiel man über ihn her.
    Erst jetzt vertrauete Renot dem Präsidenten, warum er nicht auf Ernsten so
habe wirken können, wie er gewünscht hätte. Rousseaus Schriften, die nun in
Frankreich den Aufruhr entzündet hätten, wären schuld daran. Hadem habe ihm vor
seiner Abreise dieselben heimlich zugeschickt und Ernst von der Zeit an nichts
anderes gelesen. Und eben dieser Rousseau, dessen Geist jetzt Frankreich
verheere, habe seines Neffen Gemüt von lange her auf diese Neuerungen
vorbereitet; man müsse sich also nicht über sein Schweigen wundern. »Hat er
nicht«, fügte Renot hinzu, »durch alles, was er bisher getan, sich als einen
treuen Schüler des kühnen, gefährlichen Mannes gezeigt? Und wissen Sie nicht,
dass Ihr Neffe, seitdem die Revolution ausgebrochen ist, in einem beständigen
Briefwechsel mit den Parisern steht? und ist es nicht klar, dass er bei seinem
Aufentalt in Paris sich mit diesen gefährlichen Menschen in Verbindung
eingelassen hat?«
    Renot war jetzt Ernstens gefährlichster Verleumder. So wie er hier sprach,
äusserte er sich gegen jedermann, besonders gegen den Adel. Er hatte dabei einen
doppelten Zweck: er befriedigte seine Eitelkeit und seinen Hass. Ihn drückte
Ernstens Wohltat, und nie konnte er diesem die Art, sie zu erweisen, vergeben.
Und dadurch, dass er so heftig die Partei des Adels nahm, gab er sich das
Ansehen, als gehöre er ihm zu; er war nicht der einzige, der sich aus diesem
Grunde zu dessen Verteidigern schlug.
    Ernstens Korrespondenz nach Paris wusste der Präsident und jeder. Von dem
ersten Augenblicke an, da die Revolution ausbrach, bemühte sich Ernst, durch
seine dortigen Bekannten genaue Nachrichten zu erhalten, weil er in einer so
wichtigen Sache nicht einseitig urteilen wollte, weil er bei der Wendung, welche
die Sache nahm, sehr bald einsah, dass sie für einen denkenden Geist ein ebenso
unterrichtendes Schauspiel werden müsste als sie für das Herz empörend wäre. Und
da dieses Schauspiel immer wilder und grässlicher ward und nun hin und wieder ein
Lichtstrahl dieses drohende, finstre Chaos erleuchtete, so deuchte ihn, das
menschliche Geschlecht sitze auf diesem Punkte der Erde über sich selbst zu
Gerichte, um sich in der grössten Angelegenheit, die seine Geschichte aufweist,
das Urteil zu sprechen. Er bebte vor dem Endausspruch.
    Der Präsident freuete sich über Renots Mitteilung, und bald sah man durch
beider Bemühen alles, was Ernst getan und gesprochen hatte, in diesem
Gesichtspunkt an. Nun hoffte der Präsident, allen fernern Unternehmungen seines
Neffen und hauptsächlich dem Durchsetzen des ihm verhassten Plans auf immer
Einhalt tun zu können. Ernstens Verleumder fanden leicht Eingang; denn die
Menschen glauben gerne alles Nachteilige von dem Manne, den sie hassen. Und sei
es auch noch so ungereimt, sei man auch noch so sehr vom Gegenteil überzeugt,
genug, es schadet; und das, was die Bosheit ersonnen hat, breitet die
Geschwätzigkeit gern weiter aus. Der Ruf, in welchen der Adel und die
Gutsbesitzer Ernsten brachten, wurde noch dadurch verstärkt, dass die Bürger und
alle die, welche so dachten, wie man von ihm vorgab, sich mehr an ihn schlossen
und ihn in eben dem Masse erhoben, in welchem die andern ihn heruntersetzten. Als
aber die Anklagen und Verfolgungen angingen, suchten auch diese ihre Sicherheit
in dem allgemeinen Geschrei gegen den Mann, den sie verehrten, liebten und als
ihren einzigen Freund erkannten.
    Ernst sah und fühlte die Wirkung dieses Vorurteils. Er vermutete dessen
Ursprung, aber er glaubte es unter seiner Würde, sein Betragen zu ändern, und
verwarf mit Unwillen den Vorschlag des Ministers, die elenden Urheber dieser
Verleumdung zu beschämen und Beweise von ihnen zu fordern.
    Er antwortete:
    »Soll ich in ihren die Vernunft und die Menschheit entehrenden Ton
einstimmen? Werden sie mich nicht der Heuchelei beschuldigen und mir noch das
einzige zu rauben suchen, was mich über sie erhebt, was sie selbst anerkennen?
Wenn mein Leben, meine Handlungen ihnen keine Beweise mehr sind, werden sie
meinen Worten glauben? Noch erkenne ich mich, und ich werde ihnen weder das Feld
räumen, noch mich vor ihnen beugen; denn nur alsdann hätten sie über mich
gesiegt. Glauben Sie mir, das, was Sie mir raten, wünschen diese Leute am
sehnlichsten, sie halten mich für geschlagen, sobald ich mich mit ihnen
öffentlich einlasse; und nur darin haben sie recht.«
                                       4.
Als nun eine Schreckenspost über die andere erscholl und der Feind den teutschen
Boden immer weiter verwüstete, als die Fliehenden durch die benachbarten Länder
Schrecken und Furcht vor dem entschlossenen und gefährlichen Feinde verbreiteten
und es immer mehr kund ward, dass die teutschen Krieger vergebens den väterlichen
Boden mit ihrem Blute tränkten, da entflammte sich in dem Herzen des alten Herrn
von Falkenburg die Vaterlandsliebe und der Hass gegen den alten Feind desselben.
Sein kriegerischer Sinn fachte beide an. Mit Unwillen sah er auf die starre Ruhe
der feigen, bebenden Schreier bei der immer näher rückenden Gefahr. Er erglühte
vor Zorn über die Untätigkeit eines Volkes, das bei der Verheerung, der nahen
Unterjochung seines Vaterlandes nicht zusammentrat; und sein graues Haar bewegte
sich auf seinem ehrwürdigen Haupte bei dem Gedanken, Teutschland, die Mutter der
tapfersten Söhne, von einem Feinde besiegt zu sehen, der, so ungerecht er auch
in seinem Urteile sonst war, demselben wenigstens dieses nicht abzusprechen
wagte. Plötzlich kam er in Uniform zu seinem Sohne und kündigte ihm an, dass er
zu Felde gehen würde.
    Ein schmerzliches Lächeln der Bewunderung war Ernstens erste Antwort. Er sah
auf die grauen Haare seines Vaters und küsste die Locke, welche an der von hohem
Gefühle geröteten Wange lag.
    »Mein Vater, dies ist die Glut der Jugend.«
    VATER: Und dies die Farbe des Alters, meinst du? Er strich die Locke zurück.
Lass es nur so sein. Um so sichrer bin ich jetzt vor dem jugendlichen Ungestüm,
dem ich meine Wunde verdanke.
    ERNST: Und ihre Folgen, die Sie so oft schmerzlich fühlen?
    VATER: Ich werde sie nicht fühlen, und mag noch eine kommen, wenn es sein
muss! Diese bekam ich, als ich für Sold, für Ehre diente; die für das Vaterland
wird nicht so schmerzlich sein. Ich kann es nicht mehr ansehen, Ernst, und ich
würde über das, was ich höre, vor Unmut sterben; in Tätigkeit werde ich neue
Lebenskraft bekommen. Vielleicht wirkt auch mein Beispiel auf die Schreier, die
alles getan zu haben glauben, wenn sie einen Feind lästern, den sie bekämpfen
sollten. Ich sehe Verheerung, ich sehe Schimpf, Schmach, ich sehe Ketten für
Teutschland in der Zukunft und kann die Vorstellung nicht ertragen, dass ich die
Wirklichkeit davon erleben könnte.
    ERNST: Und wenn ich Ihre Schuld an das Vaterland übernähme?
    VATER: Es ist dein Gewerbe nicht, und ich verlasse dich hier in einem
Kriege, wozu mehr Mut gehört als zu dem, zu welchem ich aufsitze. Streite du
hier und lass mich dort kämpfen, wir streiten beide für eben dieselbe Sache.
Seinem Feinde Stirn gegen Stirne in offnem Felde gegenüberzustehen und
zuzuschlagen, das ist nichts; aber dem Feigen, dem Elenden, der im Winkel seine
Pfeile zuspjetzt und vergiftet, um sie in der Finsternis ohne Gefahr
abzuschiessen, dem zu widerstehen, dazu gehört mehr. Und doch hoffe ich auf dich;
und darum schweige ich zu allem, und darum verlasse ich dich voll Mut und
Vertrauen. Du musst dem Fürsten bleiben. Hat er einen wahren Freund unter diesen
wilden Schreiern? Verteidigt einer seine Sache ausser nur um seines eignen
Vorteils willen? Nur solange er ihnen diesen sichert, halten sie sich an ihn;
kann er dies nicht mehr, so sind sie seine gefährlichsten Feinde.
    ERNST: Oh, mein edler Vater, leider ist dieses der Fall nicht bei uns
allein. Schon längst hätten diese Menschen gerne Teutschlands Fürsten zu
unweisen und gewaltsamen Massregeln gegen ihr treues Volk verleitet. Jedes Wort,
jede Äusserung des Volkes machen sie ihnen verdächtig und glauben sie zu
erhalten, wenn sie die schützenden Engel, das Vertrauen und die Liebe, von ihrer
Seite entfernt haben. Hier ist bisher noch ihr ganzes Bemühen fruchtlos gewesen,
aber mit jedem widrigen Gerüchte von empörenden Äusserungen, die nur Leute ihrer
Art hervorbringen, verdoppeln sie den Angriff. Und da der Fürst immer von ihnen
fordert, durch Weisheit dem drohenden Übel zuvorzukommen, bevor die
Notwendigkeit sie dazu zwingt und alles zweideutig macht, was sie alsdann tun
mögen, so glauben sie in seinen väterlichen Gesinnungen, in seiner Sorge für sie
nichts zu sehen als mein Bestreben, einen Plan durchzusetzen, der längst allen
diesen Bedenklichkeiten ein Ende gemacht hätte.
    VATER: Mit diesen Worten hast du deine Bestimmung entworfen. Folge ihr, ich
folge der meinigen. Lass den edlen Mann einen Freund in dir finden; du weisst, wie
er dich geworben hat. Ernst, nie hatten die teutschen Fürsten Freunde nötiger
als in dieser bedenklichen Zeit. Furcht, Eigennutz und nahe Not zwingen viele,
diese Maske vorzunehmen; aber eben darum sind ihre Eingebungen so gefährlich.
Ein teutscher Fürst hat nichts zu fürchten, solange er sein Volk nicht verkennt,
solange er selbst treu und ehrlich auf seines Volkes Treue rechnet.
    ERNST: Ich will es noch einmal versuchen, mein Vater, und es ist schon
eingeleitet. Ja, Sie haben recht. Der Krieg, den ich zu führen habe, ist
gefährlicher als der Ihrige. Als Sieger Hass, als Überwundner Hass, dies ist mein
Los; dies ist der Unterschied zwischen Ihrem und meinem Schlachtfelde. Auch Sie
verlassen mich nun, und ich bleibe allein. Sie gehen in einem Alter, wo Sie der
Ruhe bedürfen, dem Tode entgegen und ich in blühender Jugend vielleicht der
Schmach; doch Ihr Entschluss, die Wärme, mit der Sie mir ihn angekündigt haben,
erhebt mein Herz. Ich fühle vor Ihnen, dass ich ein Teutscher bin, dass ich ein
Vaterland habe.
    VATER: Oh, dass man diese Stimme, diesen Ruf durch ganz Teutschland hörte!
dass er auf alle Herzen wirkte wie auf das meinige! so wäre das Vaterland
gerettet. Ach, Ernst, freilich wir sind Teutsche, aber ich sehe keine Teutsche.
Umso mehr tut es not, dass sich hier und da der einzelne zeigt. Blieb' ich auf
dem Gute - ihre Lauheit, ihre Gleichgültigkeit und ihr Geschrei machten meinen
alten Kopf noch wahnsinnig. Darum fort! Freilich wäre es besser gewesen, wenn
man die Leute dort ihre Sachen, klug oder toll, hätte machen lassen; auch mögen
die Absichten der Mächtigen von unsrer Seite nicht so rein sein, als sie
vorgeben. Aber, wie dem auch sei, der Feind steht auf dem teutschen Boden, nur
dieses müssen wir jetzt denken und weiter nichts; denn nur dieses dachte und
empfand der Franzose, als unsre Heere sein Vaterland betraten, wenn er auch
gleich anderer Meinung war. Wache du, dass die Ruhestörer diesen Bezirk nicht
anstecken, dass die noch gefährlicheren Eigennützigen, die bei jedem kleinen
Vorteil jauchzen und drohend einhergehen, aber bei jeder Schreckenspost
zusammenfahren, unsern Fürsten nicht betören. Ich will zu ihm gehen, will ihm
sagen, was ich denke. Und dann zu deinem Oheim!Ihm muss ich durch den Sinn
fahren, bevor ich reise. Er ist einer von denen, die gern einen Teil des Volkes
erwürgten, um dadurch den andern durch Schrecken zu nötigen, auf ihren
Zwangmühlen fortzumahlen, in ihren Zwangöfen fortzubacken. Ich muss ihm und den
andern Laffen doch noch sagen, dass ein teutscher Edelmann jetzt mehr zu tun hat
als auf die Franzosen zu schimpfen, die stillen Bürger zu verleumden und Männer
deines Sinns verdächtig zu machen. Diesen Vorsatz erfüllte er auch redlich und
auf eine Art, dass wenig zu antworten übrigblieb, besonders da er es durch seine
Tat bewies. Man zuckte die Achseln, lächelte und wünschte ihm Glück. Diese
Antwort hätte er in allen Kreisen Teutschlands erhalten, wenn er so darin
aufgetreten wäre.
    Einige, und nicht die Dümmsten, sagten:
    »Wir verlieren immer, sind immer die Geschlagenen, die Fehde ende, wie sie
wolle.«
    Andere meinten, sein Eifer sei zu loben, indes geschehe ja alles, was die
Reichsverfassung mit sich bringe. Und wenn jeder Reichsstand seine Pflicht
erfülle, so tue er genug, besonders da die meisten Reichsfürsten kein Interesse
bei der Sache hätten.
                                       5.
Ernst hatte lange nichts von Ferdinand gehört. Alle seine Bemühungen um
Nachricht von ihm waren fruchtlos, und schon fürchtete er, auch sein Freund sei
ein Opfer seines aufrührerischen Regiments geworden, als dieser ihn eines Abends
plötzlich überraschte. Alle Gefühle ihrer jugendlichen Verbindung erwachten in
Ernstens Brust.
    Als er sprechen konnte, sagte er zu Ferdinand:
    »Du hast mir viele Sorgen gemacht; doch diese Sorgen machen nun deine
Anwesenheit umso süsser. Wie dank ich dem Schicksal, dass es dich mir sendet,
jetzt, da ich eines Freundes so sehr bedarf, da soeben mein Vater mich verlassen
hat!« Ferdinand weinte an seinem Halse.
    »Freund, ich habe alles verloren - alle Aussichten - alle Hoffnungen - alles
Glück.«
    ERNST: Du hast nichts Wesentliches verloren, das du hier nicht
wiederfändest. Mich findest du, wie du mich gekannt hast, als wir noch als
Knaben Hand in Hand gingen; und ich hoffe, auch dich werde ich wieder so finden.
Sei gutes Muts! Ich errate dein Unglück, aber du bist gerettet, du stehst unter
dem Dache deines Freundes, der gerne mit dir teilt. War dies nicht unser Bund?
Nur dein Zutrauen, nur deine Freundschaft, derer ich so sehr bedarf.
    FERDINAND: Könnt ich mein Unglück vergessen, es wäre geschehen, als ich dich
erblickte. Mildern, besänftigen kannst du es; heilen nie. Du hast dich nicht
verändert, aber ich habe mich verändert, in allem verändert, nur nicht in meiner
Liebe zu dir. Du kennst mich, du weisst, wornach ich strebte; und nun ist alles
um mich her zerfallen.
    ERNST: Du wirst dich hier wiederfinden. Komm, ich muss meiner Amalie meinen
Jugendfreund vorstellen. Er führte ihn in das Zimmer seiner Gemahlin und sagte:
»Hier, Liebe, ist Ferdinand, um den Sie mich so bekümmert sahen. Er ist
glücklich der Gefahr entgangen, und es muss nun unsre Sorge sein, ihn sein
Unglück vergessen zu machen.«
    Ferdinands schwarze, feurige Augen waren voll Tränen, als er in das Zimmer
trat. Sie erstarrten in seinen Augen, als er Amalien erblickte. Amalie erkannte
ihn - ein leiser Schrei des Erstaunens entfuhr ihr - der feurige, kühne Blick,
womit er nun auf sie sah, stellte plötzlich die lang vergangene Szene lebendig
vor ihren Geist, sie schien aus einem Traume zu erwachen, sie hörte seine
damaligen Worte, sah seinen kühnen Wink auf das Fenster hin, und alles wurde ihr
gegenwärtig.
    Ernst verliess beide mit den Worten: »Ich muss dir gleich meinen ganzen
Reichtum zeigen.«
    Kaum vermochte jetzt Amalie, einige Worte des Bewillkommens zu sagen.
Ferdinand stand sprachlos vor ihr und hielt seine Augen immer auf sie geheftet.
Sein Geist schien im Vergangenen zu forschen, um das Gegenwärtige begreifen zu
können. Und als Amalie die Augen niedersenkte und Röte auf ihre Wangen schoss,
erwachte auch in seinem Herzen jener Augenblick in seiner vollen Gewalt, und
beider Seelen hatten nur einen Gedanken, beider Herzen trafen nur in einem
Gefühle zusammen.
    Ernst unterbrach die stumme Szene, als er den kleinen Franz hereinbrachte.
Dieser war schon ausgekleidet; als aber sein Vater ihm sagte: »Der Offizier ist
da, von dem ich dir so oft erzählt habe«, wollte er noch nicht zu Bette gehen.
    Franz hängte sich an Ferdinand. Dieser küsste ihn und sagte zu Ernst: »Dein
lebendes Bild! So warst du, als man mich zu deinem Vater brachte. Lass mich zu
mir kommen. Ich fühle, dass mich in diesem Kreise das Gefühl meines Unglücks
einen Augenblick verlassen kann.«
    Als sie sich dann zu Tische setzten und Amalie ihm ein Glas Wein zum
Willkommen einschenkte, erinnerte er sich an das kummerstillende Getränk,
welches Helena im Homer ihren Gästen reicht.
    Amalie lächelte, und Ernst sagte:
    »So sei es dir dieser Trank! Und lerne du nur erst die Zauberkraft meiner
Amalie recht kennen! Wer ihr widersteht, der ist unheilbar. Ferdinand, und
widerstände auch dein Gram unserer zärtlichen Sorge der Freundschaft, so würde
doch ihre Musik ihn besiegen. Hier siehst du den Traum meiner Jugend, in allem
Reiz der körperlichen Schönheit und des Geistes, in seiner ganzen Wirklichkeit
erfüllt; sie ist die Göttin, die so früh mir vorschwebte.«
    FERDINAND: Du hast erreicht, was du verdientest. Der Traum, dem ich
nachlief, betrog mich; ich erwachte schrecklich, und umso schrecklicher, da ich
dem Ziele nahe war, das ich nur in meinen kühnsten Augenblicken zu erreichen
hoffte. Einmal muss ich es dir doch erzählen; so sei es jetzt. Und möcht ich dann
die Erinnerung so tief in meinem Herzen vergraben können, als alle meine
Hoffnung darin gesunken ist!
    Er verfiel in Nachsinnen. »Nein, es ist unmöglich!« sagte er mit dem
Ausdruck der innigsten Empörung. »Ich muss schweigen. Das Wagestück, welches ich
unternahm, wäre nur dann des Erzählens wert, wenn ein besserer Erfolg es gekrönt
hätte. Jetzt würdest du nur einen Verwegenen in mir sehen. Ich hatte alles
getan, was menschliche Kraft und Kühnheit vermögen, und glaubte nun das Glück zu
verdienen, das ich dem Schicksal mit so vieler Anstrengung abgezwungen hatte. Da
fühlte ich, was die Helden empfanden, mit deren Denkmälern ich in unsrer
Kindheit unsre Höhle ausschmückte. Aber die Menschen, die das blühendste Reich
der Erde zerstörten, das geistreichste, beste Volk zu Ungeheuern machten und
alles vernichteten, die vernichteten auch mein Glück. Mir bleibt nun nichts
übrig als die qualvolle Erinnerung daran und der Wunsch, im Gefühle meiner Kraft
in dem Ringen nah am Ziele gefallen zu sein. Wenn der Zauber deiner Gemahlin
machen kann, dass ich dieses vergesse, so will ich es dir einst wie eine alte
tragische Fabel erzählen. Der Held der Fabel bestieg, zum Unglück für sich, den
Olymp in dem Augenblick, da ein neuer Glaube ihn und die auf ihm wohnenden
Götter stürzte.«
    Ernst schwieg; er erriet, da er Ferdinand kannte, den Inhalt seiner
Geschichte. Amalie nahm das Gespräch wieder auf, lenkte es auf die Begebenheiten
des Tages und fragte ihn, wie er sich gerettet hätte.
    Ferdinands Stirne ward düster:
    »Soll ich Ihnen auf lange Ihren Schlaf rauben? und das die erste Nacht, die
ich in Ihrem Hause zubringe?«
    Ferdinand sagte alles mit einem so leidenschaftlichen Tone, einer so wilden
Stimmung des Geistes und begleitete jedes Wort mit solchen düstern Blicken, dass
Ernst Amalien winkte, sie nach ihrer Harfe leitete und sie bat, seinem Freunde
etwas von ihrer kummerstillenden Arzenei zu geben.
    Aber sie nahm die Laute. Ernst setzte sich mit Ferdinand auf den Sofa, und
Amalie sang einige ihrer sanftesten italienischen Lieder. Ferdinands Hand zuckte
in der Hand seines Freundes, und als Amalie endigte, stand er auf und sagte zu
Ernsten: »Alles, alles hat dir das Schicksal gegeben; und alles, wie du es
verdienst!«
    ERNST: Du fehltest mir noch. Und wenn nun noch einer käme - ich hoffe,
Ferdinand, du hast ihn nicht vergessen.
    FERDINAND: Du meinst Hadem! So komme er, und wir Darbenden sitzen an der
Tafel des Reichen, und wir Unglücklichen werden glücklich durch sein Glück. Lass
mich nur erst fühlen, wo ich bin, lass mich nur erst inne werden, dass ich mich
gewiss aus der Höhle des Mordes gerettet habe. Sie, die alles zerstören, mordeten
auch meinen frohen, heitern Sinn, meine Munterkeit. Ich werde sie wiederfinden;
denn sonst wäre ich ein lästiger Gast. Aber ich kenne deine Nachsicht und wage
es, auf die Nachsicht deiner Gemahlin zu rechnen. Ich hoffe, das Vergangene zu
vergessen und in diesem Elysium zu erwachen.
    Ernst führte ihn nach dem für ihn bestimmten Zimmer.
    Ferdinand war von dem Augenblick, da er Ernsten in seinem häuslichen
Verhältnisse gesehen hatte, mehr mit seines Freundes Glück als mit ihm selbst
beschäftiget. Diese Vorstellung überfiel ihn in der Einsamkeit umso stärker, da
Amaliens Bild einen so blendenden Glanz auf dieses Glück warf. Sie hatte wie
eine Erscheinung aus einer andern Welt auf ihn gewirkt, und er gestand sich
laut, nie Schönheit mit diesem Ausdruck, mit dieser Würde, von dieser sanften,
melancholischen Erhabenheit begleitet, gesehen zu haben. In dieses Beschauen
ganz verloren, sah er weder die Seelenruhe, die reine Herzensgüte, die schöne
Einfachheit seines Freundes noch dessen Beharren in Grundsätzen und Gesinnungen,
die schon seine Jugend geleitet hatten. Er sah in ihm nur den Glücklichen, den
stillen Glücklichen, den reichen Mann, der ausser allen Schätzen des Glücks noch
den grössten und seltensten besass, der je einem Sterblichen zuteil ward: ein Weib
ohnegleichen. Die Erinnerung jenes Augenblicks, der seine inneren, noch
schweigenden Empfindungen zum erstenmale so mächtig belebte, drang sich ihm nun
immer stärker auf. Er hörte jedes ihrer Worte, sah jeden ihrer Blicke, und sein
ganzes damaliges Gefühl glühte in seinem Busen. Ihre plötzliche Verwirrung, ihr
leiser Schrei deutete ihm nun an, auch sie habe sich jenes Augenblicks erinnert
und ihn eben darum bei seinem Eintritt so schnell erkannt als er sie.
    »Ihm ist alles gelungen«, seufzte er; »sogar der Traum seiner Kindheit.
Phantastisch sah er an den fernen Wolken eine Gotteit schweben, die er Tugend
nannte; sie stieg zu ihm herunter, und die geträumte Göttin, schöner als seine
schwärmerische Einbildungskraft sie schaffen konnte, wird seine Gattin. Ich
aber, der ich mit Gefahr des Lebens, mit der Gefahr, noch mehr als das Leben zu
verlieren, einen Weg betrat, bei dessen blosser Vorstellung mir nun schwindelt,
ich werde in dem Augenblick, da ich das Ziel erstiegen hatte, wieder
herabgeschleudert. Und nun sitze ich hier, ein Bettler an dieser Tafel der
Götter! Sind sie das nicht beide, durch ihre ruhige, feierliche Erhabenheit? Nun
sitze ich da, ein Zeuge seines Glücks, und kann weiter nichts dazu sagen als: er
hat es verdient. Hätte mir die Natur den Sinn für Ruhe und Beschränkteit
gegeben, ich würde jetzt nur dieses fühlen; aber ich habe den Zauberbecher der
Welt gekostet, er ward mir von den Lippen gerissen, als ich den brennenden Durst
ganz stillen konnte; und alles, was mir übrigblieb, ist das peinliche, endlose
Verlangen.«
    So brachte Ferdinand die erste Nacht unter dem Dache seines Freundes zu, der
sich unterdessen glücklich pries, ihn gerettet zu sehen, der nur auf Mittel
sann, ihm durch Gefälligkeit und Freundschaft und durch alles, was er vermochte,
seinen Verlust aus den Gedanken zu bringen und zu ersetzen.
    Mit solchen Gesinnungen erwartete ihn Ernst beim Frühstück. Er empfing
Ferdinanden mit einer Zärtlichkeit, dass dieser dem milden Blick nicht
widerstehen konnte und ihm, in seine Arme sinkend, zurief:
    »Hier finde ich Ruhe und Zufriedenheit oder nirgends mehr in dieser Welt.
Lass mich von dir lernen, dass das Glück in dieser Geistesruhe besteht, und ich
bin geheilt. Du kennst meinen Feind, hilf mir diesen bändigen - der ist es,
welcher unsre düstre Höhle mit Helden bevölkerte und nun mit Hohnlachen hinter
mich getreten ist. Und doch, Ernst, doch habe ich nicht geschwärmt - doch war es
kein Traum!«
    ERNST: So lass dir die erprobte Kraft zum Trost gereichen und geniesse nun,
was das Schicksal dir nicht nehmen kann. Und noch ist dir die Bahn des Ruhms
nicht verschlossen. Der sprengt sie leicht wieder auf, der das von sich sagen
kann, was du von dir sagst.
    FERDINAND: In Teutschland gelten nur stille Tugenden -
    ERNST: Und der Krieg?
    FERDINAND: In diesem fecht ich nicht -
    ERNST: Deine Feinde sind auch Teutschlands Feinde.
    FERDINAND: Und doch fechte ich nicht gegen sie; ich hasse sie ...
    In diesem Augenblicke trat Amalie mit Franz in das Zimmer. Da der leichte
Morgenanzug mehr das reizende Weib als die feierliche erhabne Göttin sichtbar
machte und diese vielmehr im nachlässigen Gewände nur zu verhüllen schien, so
konnte Ferdinand sich ihr mit freiern Sinnen nahen. Sein Blick ward sanfter,
sein Wesen ungezwungener, und der natürliche Zug seines Herzens, vor Weibern nur
angenehm und liebenswürdig zu sein, wirkte ohne weiteres Bemühen. Amalien, die
ihn den Abend vorher so düster und leidenschaftlich gesehen hatte, schien dieser
Ton zu gefallen, und sie konnte jetzt den Freund ihres Mannes ruhiger
betrachten. Nur wenn das kühne Feuer in seinen Augen plötzlich erglühte und er
dann seinen Blick auf sie heftete, sank der ihrige; und schlug sie die Augen
wieder auf, so fühlte Ferdinand, was er damals empfunden hatte.
                                       6.
Ferdinand machte bald Besuche. Der Präsident nahm ihn gut auf, schimpfte wütend
auf die Franzosen, spielte boshaft auf Ernsten an und fragte ihn, ob er Renot
schon gesehen hätte. Als Ferdinand dieses mit Nein beantwortete, sagte er:
    »Versäumen Sie ja nicht, ihn zu besuchen. Der Fürst, dem ich ihn gegeben
habe, beehrt ihn mit seinem Zutrauen. Er kann, und noch mehr, er wird Ihnen
gerne sehr nützlich sein, ja er war es Ihnen schon, und mein Narr von Neffe wäre
gewiss besser gefahren, wenn er die Lehren des klugen Mannes besser befolgt
hätte. Halten Sie sich an ihn. Wir müssen nun Ihren Verlust auf eine oder die
andre Art zu ersetzen suchen. Denn ein Mann wie Sie muss nicht von der Gnade
eines andern leben. Dieses kann man nur von Fürsten.«
    Renot empfing Ferdinand mit Entzücken, mit Bedauern, mit einem Strome von
Klagen über sein hartes, unverdientes Schicksal.
    »Schade! Schade!« rief er einigemal aus, »ich weiss, wie Ihnen alles geglückt
ist; und ohne diese Ungeheuer würden Sie gewissen Leuten gezeigt haben, was ein
Mann von Ihrem Geiste, Ihrem Mute, durch mich gebildet, vermag. Ich bedaure Sie
jetzt umso mehr, da Sie von den wütenden Demagogen das Schrecklichste erfahren
haben und nun bei einem Demagogen Schutz gegen das Elend suchen und Ihre
Gesinnungen, Ihr Leiden verbergen müssen.«
    FERDINAND: Wie verstehen Sie das?
    RENOT: Wie? Sie sind schon einige Tage in dem Hause eines Mannes, der in
ganz Teutschland als ein Demagoge bekannt ist, und fragen mich?
    FERDINAND: Ich habe noch kein Wort über diesen Gegenstand von ihm gehört.
    RENOT: Er schweigt, weil er heimlich wirkt, er schweigt, weil er billigt,
weil er fürchtet, weil er sein Spiel verbergen will. Dieses sind gerade die
Gefährlichsten. Er hat uns Proben genug davon gegeben, der Adel und die Bürger
werden Ihnen davon zu erzählen haben! Es tut mir leid, dass Sie bei ihm haben
abtreten müssen, dass Sie wegen Ihrer alten Verhältnisse mit ihm nicht anders
konnten, denn seine Freunde finden hier keine Freunde; und Freunde brauchen Sie
doch in Ihrer Lage. Sie erstaunen? Sie werden noch mehr erstaunen. Sehen Sie, so
weit hat es der Mann gebracht, der seine Schimären der Klugheit vorzog, die ich
ihn lehren wollte! Wie hat er Sie denn aufgenommen?
    FERDINAND: Ich kann nicht ohne Rührung daran denken.
    RENOT: Ich glaube es wohl. Der von allen Verlassne, der allen Verhasste nimmt
den Unglücklichen freudig auf, das Schicksal des Unglücklichen sagt ihm ja:
dieser bedarf meiner; er wird, er muss es mit mir halten.
    FERDINAND: Sie haben Ernsten immer verkannt, und nie mehr als in diesem
Augenblick. Wenn er hier gehasst ist, so verdient er es gewiss ebenso wenig als er
es zu fühlen scheint. Wenigstens stört es seine Ruhe nicht. Ich habe nie einen
edlern, nie einen gutmütigern Menschen gesehen, und ist einer unter uns
abhängig, so muss er es von mir sein, denn seit der Zeit, dass ich sein Haus
betreten habe, ist er nur um mich besorgt und sein Bestreben geht nur dahin,
mich ruhig und zufrieden zu machen und mir angenehme Aussichten zu eröffnen. Und
seine Gemahlin -
    RENOT: Der Stolze! - Freilich, er, der nur Schimären liebkoset, er ist
glücklich, aber - sie ist es nicht.
    FERDINAND: Was sagen Sie! Sie ist es nicht? Nun, so ist das Herz des Weibes
das unerforschlichste Geheimnis, so genügt ihm nichts!
    RENOT: Das weiss ich nicht, und es kann wohl so sein; aber dieses weiss ich,
dass sie nicht glücklich ist. Wie? Sie sinnen nach? Und Sie sollten es nicht
bemerkt haben, da wir es, ob wir sie gleich nur in Gesellschaften sehen, wo man
sich doch zusammennimmt, schon so lange bemerken? - Ich sage Ihnen, es nagt Gram
an ihrem Herzen, und aus diesem geheimen Gram entspringt das ernste, feierliche
Wesen, wodurch sie jetzt einer tragischen Muse gleicht. Sinnen Sie nur nach, und
dann will ich Ihnen ein Geheimnis sagen. - Sie liebt Ernsten nicht. - Ferdinand
sprang zurück:
    »Renot, schweigen Sie! Sie empören mich.«
    RENOT: Was ich noch keinem sagte, sage ich Ihnen: Sie liebt den ruhigen,
erhabenen Mann nicht. Nur dieses weiss ich - warum, das weiss ich nicht, aber von
der Zeit an, da sie mit ihm verbunden war, nahm sie dieses düstre, feierliche,
unnatürliche Wesen an. Seit jener Zeit schweben ihre Blicke über dieser Erde
weg, als suchten sie in der hohen Ferne einen ihrem Herzen verwandtern
Gegenstand.
    FERDINAND: Es ist nicht möglich! Wie könnte er sonst so glücklich sein?
    RENOT: Kennen Sie denn den Träumer nicht? Ihn macht nicht sie, ihn macht nur
das Ideal glücklich, das er in ihr träumt, das kalte Bild der Tugend, das er in
ihr sieht; und nicht das schönste, reizendste Weib der Erde. Wie, wenn nun
diesem Weibe ohnegleichen das Ideal der kalten Tugend in ihm nicht genügte? In
dem hohen, verstiegenen Sinne, worin er schwärmt, vermisst er die weibliche, süsse
Zärtlichkeit nicht; wenn nun sie von ihrer Seite etwas an ihm vermisste? Wenn sie
nun ein Ideal heisserer, glücklicherer Liebe träumte? Ich habe mir oft den Kopf
über dieses sonderbare Verhältnis, über dieses sonderbare Weib zerbrochen und
kann es nicht ergründen. Sie müssen mir dieses Rätsel lösen; denn Ihnen kann das
Geheimnis nicht lange verborgen bleiben. Hier waltet etwas ob, das sich
aufklären muss. Ich erinnere mich genau, wie diese Amalie, die damals die jüngste
der Grazien zu sein schien, auf Ihre feurige Einbildungskraft gewirkt hat und
was Sie mir von ihr erzählten. Wie fanden Sie nun die erhabene, ernste Göttin?
Das hätte sie nicht werden müssen. Diese Erhabenheit zerstört das Weib - er
zerstörte es in ihr, und was er darauf pflanzte, ist von zweideutigem Gehalte.
Sie haben doch den Zug des stillen Kummers bemerkt?
    FERDINAND: Ja, ich bemerkte ihn.
    RENOT: Das glaube ich wohl. - Nun, suchen Sie nur, dem Demagogen nicht zu
missfallen. Freilich bei dem Fürsten vermag er viel, doch was vermag der Fürst
gegen alle? Sie müssen nun einmal bei ihm bleiben, aber lassen Sie sich von der
Klugheit raten. Werfen Sie sich nicht zum Kämpfer für ihn auf; denn hier sieht
jeder nur einen Feind in ihm, den Feind der alten Ordnung, und diese ist in dem
gegenwärtigen bedenklichen Zeitpunkte natürlich die wichtigste Angelegenheit der
Menschen. Ich bedaure Ihren Freund; doch so will er es, nur so gefällt es ihm.
    Renot sprach nun von gleichgültigen Dingen und führte Ferdinand auf sein
Leben in Frankreich zurück. Er reizte dadurch dessen Eitelkeit, und Ferdinand
vertrauete ihm eine Geschichte, die er freilich Ernsten nicht so hätte mitteilen
dürfen. Ferdinand war so nahe an den Grenzen des Verbrechens vorübergegangen,
dass man Renots Grundsätze haben musste, um nicht bei seinem Wagestücke zu
schaudern.
    Renot hörte ihm mit zunehmendem Erstaunen zu; und als Ferdinand geendigt
hatte, rief er:
    »Und dieser kühne Mann, den die Natur als einen Liebling, mit Gestalt, Geist
und Mut ausgerüstet, dem Glücke übergab, als wollten sie beide einmal vereint
arbeiten - der soll nun von der Gnade eines Mannes leben, welcher mit denen im
Bunde steht, die sein Gebäude zusammenstürzten? Oh, dass es Ihnen nicht ganz
gelang! dass der Schwärmer nicht erfahren konnte, was Renots Schüler vermag! -
Haben Sie ihm Ihre Geschichte anvertrauet?«
    FERDINAND: Nein.
    RENOT: Tun Sie es ja nicht! Der Träumer ist nicht fähig, Männertat und -werk
zu beurteilen. Sein Spiel ist das sogenannte Glück des Pöbels, der das Ihrige
dort zerstörte. Nutzen Sie ihn; denn nur dazu sind solche Phantasten gut.
    FERDINAND: Renot, so weit entfernt auch meine Denkungsart von der seinigen
ist - bei Gott! wenn ich mich auf diesem elenden Gefühl ertappte, ich würde mein
undankbares Herz mit grimmiger Faust zerdrücken. Alles, was Sie sagen, hat nur
Sinn, wenn Sie von Menschen reden, wie ich sie habe kennenlernen; sprechen Sie
so von ihm, so ist es Lästerung.
    RENOT: Ich sehe, die teutsche Luft wirkt auf Sie, oder Sie fangen schon an,
sich zu bequemen. Freilich, hier werden Sie keine Rolle spielen, wie Sie dort
auf dem Wege zu spielen waren, und darum ist es vielleicht gut, dass Sie es jetzt
mit den Träumen Ihres Freundes halten. Ich wünsche Ihnen Glück dazu, doch lassen
Sie sich ja nicht so weit von ihm anstecken, dass Sie die feierliche, erhabne
Miene annähmen, die seine Gemahlin ihm verdankt; sie beweist die Täuschung. Und
um so zufrieden mit diesem Spiel zu sein, muss man gleich ihm mehr Phantasie als
Verstand besitzen.
    Ferdinand fühlte jetzt Abscheu vor Renot. Er wollte gehen, blieb aber immer,
hatte noch immer etwas zu fragen, schien immer noch auf etwas zu warten. In
diesem Augenblicke glich er einem Manne, der einem Pestkranken ein Geheimnis
abzufragen hat, das über sein Schicksal entscheiden soll: Furcht vor dem Tode
hält seinen Fuss zurück, die Begierde, das wichtige Geheimnis zu wissen, spornt
ihn vorwärts.
    Renot sagte ihm endlich:
    »Lassen Sie sich nur bald dem Fürsten vorstellen. Er liebt Leute von Mut und
Geist, und ich will ihn schon vorbereiten. Ich freue mich, wenn ich Sie ansehe;
ja, so gebauet, lohnt es der Mühe zu leben. Wie mag sich nun neben Ihnen Ernst
ausnehmen, der das kalte Bild einer antiken Tugend ganz erträglich vorstellt!
Sagen Sie, gleicht er nicht einer marmornen Säule, die der Kenner, weil an ihr
die Regeln der Kunst genau beobachtet sind, bewundert, bei der aber das Herz
eiskalt bleibt und die die Einbildungskraft eher tötet als belebt? Hier ist
lebendige Kraft, hier ist Ausdruck der Leidenschaft, die mit Blitzen wie mit
Wasserblasen spielt!«
    Ferdinand ging betäubt. Zwei Empfindungen wühlten in seinem Busen. Ernst ein
Demagoge! aber diese versank unter der andern: Sie liebt ihn nicht! Ein Schauder
ergriff ihn bei dem Gedanken: Und wenn sie ihn nicht liebt, wen könnte sie
lieben? Und aus dem Schauder entsprang ein so wildes, leidenschaftliches Gefühl,
dass seine Seele erbebte. »Ich muss dieses Geheimnis erforschen«, rief er; »hier
liegt etwas Unbegreifliches.«
    Und mit dem tiefsten Schmerz muss ich es nun sagen: Renot hatte recht. In
Amaliens Herzen lag ein Geheimnis vergraben, ein Geheimnis, von dessen
Entdeckung Ernstens und ihr Schicksal abhing. Ich muss es dem Leser mitteilen,
ich muss es los werden; denn es drückt so schrecklich auf mich, dass es den Gang
dieser Erzählung zu hindern droht. Hätt ich mit der Entüllung nur alles
abgetan, ich wollt es andeuten und dann schweigen. Aber die Pflicht fordert, dass
ich das peinliche Unternehmen fortsetze.
    Schon früh entdeckte Amaliens Vater die keimenden Talente, das Zarte, Weiche
und harmonisch Gestimmte ihres Geistes. Als sie kaum zu blühen anfing, bemerkte
er schon die starke Gewalt der Musik über sie. Er liess sie anfangs von einem
Frauenzimmer auf dem Klavier und der Harfe unterrichten; aber bald übertraf die
Schülerin die Lehrerin darin. Ihr Vater sah sich nun nach einem vollendeten
Musikus um, und diesen fand er in einem Italiener, welcher der Kapelle des
Fürsten vorstand. Es war ein junger, gefälliger, schöner Mann, der für seine
Kunst schwärmte, unbescholtne Sitten hatte und die zärtlichsten Ergiessungen der
italienischen Dichter, der Lieblinge zweier Musen, mit allem Zauber sang und
vorlas. Alle menschliche Gefühle, alle Bilder der Natur löste seine Phantasie in
Töne auf, und seine sanfte, begeisterte Gesichtsbildung findet man nur in
Gemälden seines Landsmannes Guido. Dieser Musikus nun führte die junge Amalie in
die Geheimnisse dieser bezaubernden Kunst ein und wusste ihr, da er ihr Herz und
ihren Geist nur zu berühren brauchte, das Schwere so leicht und fasslich zu
machen, dass er bald selbst über das, was er sah, erstaunte. Der Schwärmer ward
nun von seinem eignen Werke bezaubert, und sein Entzücken war eine fortdauernde
Begeisterung. Unter diesen Schwärmereien, dem Gefühle der Fortschritte, den
Entzückungen des begeisterten Lehrers ward Amaliens ganzes Dasein Musik, und die
Einbildungskraft, die feine Sinnlichkeit wurde durch die Musik in dem zarten
Mädchen zu einem solchen Grade gespannt und entwickelt, dass ihr Geist und ihr
Herz im beständigen Genusse unbeschreiblicher Wonne sich immer nach neuer, noch
höherer sehnten. Ihr Lehrer setzte für sie die süssesten Laute, die feinsten
Empfindungen, die zartesten Bilder seiner Dichter in Noten, machte ihr die ganze
Musik nur zu einer Empfindung, das schöne Glück, die süssen Schmerzen, die
sanften Klagen und die hohe Begeisterung der Liebe auszudrücken. Zugleich
unterrichtete er sie in der italienischen Sprache, und sie las bald sehr fertig
die Lieblinge dieses gefährlichen Schwärmers. So erfüllte er Amaliens Phantasie
und Seele mit Bildern, die nie erloschen, und reizte durch Musik ihre
Sinnlichkeit und ihre Einbildungskraft, ehe noch ihr Geist sich entwickelt
hatte.
    Um diese Zeit hörte sie Ferdinands kühne Äusserung. Gleich einem Blitze
zündeten seine Worte in ihrer Seele, und seine kühnen Blicke, seine schlanke,
schöne und heroische Gestalt, sein mutiges, kraftvolles Wesen wirkten so auf
sie, dass sie die Augen niederschlug. Es schien ihr, als stellte er plötzlich
alle schwankenden Träume, alle zerstreuten Bilder lebendig, vereinigt ihrer
Phantasie dar. Als Ernst sprach, konnte sie die Augen wieder aufheben, und ihn
konnte sie anblicken. Was er sagte, gefiel ihr, aber das war auch alles. Doch
was Ferdinand nach Hadems Rede zu ihr sagte, machte einen dauernden,
unauslöschlichen Eindruck, und nie konnte sie sich in das Zaubergelispel ihrer
Töne verlieren, in süssen Klagen der Liebe oder in feierlichen, erhabnen Gefühlen
an ihrem Klavier, auf ihrer Laute ergiessen, ohne dass Ferdinands Worte in ihrem
Herzen ertönten, seine Blicke in ihren Geist drangen und das Geschehene mit den
kleinsten Umständen in ihrer Seele lebendig machten. So schloss die Musik durch
die zu frühe, zu gefährliche Aufregung der Sinnlichkeit, der Einbildungskraft
und durch die immer zurückkehrende Erinnerung eines unvergesslichen Augenblicks
sie in einen Zauberkreis, aus dem sie nie mehr treten konnte, den ihr Herz und
ihre Phantasie, auch wider ihren Willen, erschufen.
    Zu ihrem Glücke zwangen häusliche Umstände den Italiener zur Rückkehr in
sein Vaterland. Der Vater selbst fühlte, sie sei für ihre Jahre in dieser Kunst
zu weit gegangen, und dachte nun auf bestimmtere Ausbildung ihres Geistes. Ein
vortrefflicher Mann ward ihr Lehrer. Ihr Herz, das durch die feinen Gefühle der
Musik vorbereitet war, nahm leicht die schöne und edle Stimmung an, die ihr
Lehrer ihm zu geben suchte, und ihr Verstand bemeisterte sich der Phantasie, der
allzu sehr gereizten Sinnlichkeit. Hohe Gesinnungen und eine besondre Kraft
schienen sie nun vor jeder Gefahr zu sichern.
    Als sie aber Ernsten zum erstenmal wieder erblickte, stand Ferdinand so vor
ihr, als habe die Zeit bisher stille gestanden.
                                       7.
Ferdinand strebte seit der Unterredung zwischen ihm und Renot nach Licht über
die Zweifel, die sein Herz und seinen Geist so rastlos beschäftigten und
quälten. Er benutzte das erste, ruhige Gespräch mit Ernsten über die
Angelegenheiten des Tages, um dessen Gesinnungen über diesen ihm nun so
wichtigen Punkt zu hören. Er wusste, dass Ernst ihm nichts verbergen konnte, dass
er selbst aus Schonung für ihn keine Lüge sagen und höchstens seine Ausdrücke
mässigen würde. Da aber Ferdinand immer mit Wut von diesem Gegenstande sprach und
alles, was geschah, nur in dem Lichte seiner Leidenschaft betrachtete, so
schwieg Ernst gewöhnlich und suchte das Gespräch auf andere Gegenstände zu
leiten. Jetzt bemerkte Ferdinand dieses mit verdriesslicher Laune, und Ernst
erwiderte:
    »Ich schweige, weil ich diese Begebenheiten, die uns in einem so kurzen
Zeitraume alles vor die Augen stellen, was die Menschen, seitdem sie die Erde
bewohnen und verwüsten, in diesem Sinne mögen unternommen haben, aus einem
andern Gesichtspunkte ansehe als du. Da unser Herz bei diesen Erscheinungen ohne
Unterlass empört oder von Zweifeln geängstigt wird und da das Interesse, die
Vorurteile der Menschen einander hierbei so sehr durchkreuzen, so wundert es
mich nicht, dass man die Quellen dieser Erscheinungen übersieht und weder gerecht
verfährt, noch verfahren kann. Dir vergebe ich es umso mehr; denn wer kann von
dir fordern, dass du vergessen sollst, was du durch diese Begebenheiten erlitten
und verloren hast! Es ist menschlich, dass du alles, was dort geschah und
geschieht, als Zerstörung deines Glückes, als Vernichtung deiner letzten
Hoffnung ansiehst; aber eben darum ist dein Urteil auch so parteiisch, weil es
aus Leidenschaften, aus Rücksichten auf dich selbst entspringt.
    Du siehst mich unwillig an. - Ferdinand, ich bitte dich, vergiss dich einen
Augenblick. Dir kann ich ja wohl sagen, was ich denke, du wirst meine Worte
nicht missdeuten und auch hier deinen Freund nicht verkennen, der sich dir jetzt
anvertrauen muss. Längst merkte ich, dass du dies erwartetest; denn leider können
in dieser unglücklichen Zeit weder Menschen noch Freunde zusammenleben, ohne
sich über diesen Punkt zu verständigen, und dieses ist nicht die kleinste der
bösen Folgen für uns und unser Vaterland.
    Du hast lange in Frankreich gelebt. Sage mir aufrichtig, hast du etwas
anderes von dem Augenblick erwartet, da dieses Volk das morsche, lockre Band
zerriss, das es nur noch zusammenzuhalten schien? Hatten seine Vorsteher und
Führer nicht schon längst durch ihren an ihm geheim und öffentlich ausgeübten
Frevel allen Glauben an Tugend und moralischen Wert in dem Herzen dieses Volkes
aufgelöst? es durch ihre Taten zu diesem Unglauben, dieser Verzweiflung an allem
Guten gezwungen? Konnten da die Folgen anders sein? Kannten ihre Führer andre
Götzen als das Interesse, die Befriedigung ihrer Torheit und ihrer
unersättlichen Begierden, die sie öffentlich, ohne alle Scheu und Scham, und
immer auf Kosten derer befriedigten, die sie unterdrückten? Ward die den
Menschen erniedrigende Lehre der Sinnlichkeit, des Nutzens nicht öffentlich in
Systemen aufgestellt? diesem zerdrückten Volke vorgelegt, damit es bei seinem
physischen Elende auch die moralischen Quellen desselben kennenlernte und sich
fest überzeugte, es sei nun keine Hoffnung der Rettung mehr? Übte man an diesem
gutmütigen, seinem Könige so treu ergebenen Volke in dessen mächtigem Namen
nicht alle Verbrechen solange aus, bis man das Vertrauen zu dem Könige und alle
Keime des Guten in dem Volke erstickt, alles Gefühl der Gerechtigkeit vertilgt
hatte? Kann der gerecht sein, gegen den man immer ungerecht war? Und warum
schreibst du nun alles das, was Böses geschehen ist, diesem Volke allein zu?
Musste es nicht endlich an seinem Lehrmeister, da dessen Macht und Ansehen
verschwunden war, das ausüben, was es von ihm gelernt und erfahren hatte?«
    FERDINAND: Musste, Ernst! musste!
    ERNST: Halte dich nicht an ein Wort, dessen Sinn zum Zergliedern viel zu
schrecklich ist. Mein Herz verwirft ihn; und glaubte ich, es hätte so verfahren
müssen, ich würde mit dir nicht davon reden.
    Alles, was bisher geschah, geschah von dem ersten Augenblick an so schnell,
so unerwartet, so ausser aller Regel der Erfahrung, war immer trotz dem
glänzenden Schleier, in das die Redner es hüllten, mit solchen drohenden
Umständen begleitet, schien immer so ganz das Werk der Partei und einer wilden
Begeisterung, dass mir vom Anfange an für das Volk und das Gute, welches die
Sache an sich hatte, bange ward. Es ist ein fürchterliches, erhaben ängstliches
Schauspiel, wenn ein so zahlreiches Volk aufsteht und mit einem Schrei ein Wort
ausspricht, dessen Sinn ihm noch dunkel ist, dessen Wert und Gefahren es nicht
gekostet und worin es nur das Gegenteil von dem sieht, was es erlitten und
erfahren hat. Mit Angst sah ich diesem Schauspiele zu, meine Angst vergrösserte
sich, je mehr meine düstre Ahndung in Erfüllung ging. Oft glaubte ich die Erde
um mich her mit ihren überreifen Bewohnern versinken zu sehen; meine Blicke
hefteten sich auf die ganze Menschheit und erhoben sich von ihr gen Himmel. -
Als nun bald unsern ganzen Weltteil grimmige Mordgeister erfüllten, als hier ein
Menschenopfer dem andern auf dem Schlachtfelde folgte und immer eine
schreckliche Nachricht von dort her durch eine noch schrecklichere verdrängt
ward, dass das Herz und das Gedächtnis und das Besinnen erlagen und sich alles,
was ich glaube und hoffe, aufzulösen drohte, da, Ferdinand, schwang ich mich
neben Jupiter auf den Ida, vor dieses dem Mord und der Zerstörung geweihte
Troja, und sah gleich ihm in die Waage des mächtigen Schicksals, ohne
Parteilichkeit und ohne Vorliebe, um unter diesem Schauspiele das zu erretten,
wodurch ich allein bestehe.
    Ferdinand schien einen Augenblick ergriffen von diesem ihn überraschenden
Bekenntnisse. Dann sprang er auf und sagte mit Bitterkeit:
    »Und dieses wäre alles, was deine kalte Tugend hierzu zu sagen hätte? Nun,
so möchte ich diesen erhabenen, dem würgenden Schicksale ruhig zuschauenden
Jupiter mitten in Paris sehen!«
    ERNST: Ich würde auch da so denken, und aus eben diesem dir schon
angedeuteten Sinne. Auch ist es alles, was ich zu sagen habe, wenn du mich
verstanden hast. Könnt ich nur so auf Teutschland blicken! Hier blutet mein
Herz. Was haben Teutschlands Söhne verbrochen? Warum sollen sie büssen für fremde
Verbrechen, für Verbrechen, die sie nicht kannten, nicht ahndeten? Warum soll
sich ein Teil von Teutschlands Söhnen für Meinungen eines andern Volks
erschlagen lassen, während die Übriggebliebenen zu ihrer Gefahr davon
unterrichtet werden? Warum soll die Sache eines Volkes die Sache der Menschheit
werden? So ist es ein Kampf der Finsternis mit dem Lichte, der Furcht mit der
Rache. Haben wir diese Rache verdient? Oder blutet unser Volk für Absichten, die
ich nicht berühren mag, ob sie gleich sich täglich mehr entwickeln? Und was tun
die Vorsteher dieses treuen, sich aufopfernden Volkes, um dem Geiste des
Aufruhrs, der gleich einem drohenden Gespenste mit dem Feinde uns immer näher
tritt, zuvorzukommen? Dass sie die Herzen der Fürsten gegen das beste und treuste
Volk der Erde vergiften. So sollen also diese Schreckensszenen auch für uns ohne
Nutzen und Lehren vorübergehn, und der Teutsche soll, von innen und aussen mit
Schmach bedeckt, besiegt dastehen? So soll alles zusammenstürzen? Für Stolz,
Wahn oder Eigennutz, missverstandne Macht wollen sie ihr Dasein und das Dasein
derer wagen, durch die das ihrige besteht? Hier, Ferdinand, will ich es noch
einmal versuchen, ob das Beispiel gewirkt oder ob uns alle Klugheit in dieser
allgemeinen Bezauberung verlassen hat.
    Und nun, wenn du meine Ruhe liebst, so ist dieses das erste und letztemal,
dass wir von diesem Gegenstande sprechen. Keinem als dir hätte ich geantwortet.
Mir ist das elende Gerücht, welches giftige Zungen gegen mich verbreitet haben,
nicht unbekannt, aber ich muss für etwas sorgen, das sie nicht kümmert, und mein
Sinn würde ihnen nur Torheit scheinen.
    FERDINAND: Ich begreife ihn, verzeih ihn dir, nur dir allein, und doch
empört er mich.
    ERNST: Ich bemerkte es; und um so nötiger ist es, dass wir von dieser Sache
schweigen. Lass nicht zwischen uns dieses Elend eintreten, das alle Freude und
alles Vertrauen unter den Menschen zu zerstören droht. Ich fordere nichts an
dich, fordere nichts an mich.
    FERDINAND: Und was willst du hier tun?
    ERNST: Mit Genehmigung des Fürsten den von ihm versammelten Adel noch einmal
auffordern, allem dem zu entsagen, was nur seinem Stolz und Wahne schmeichelt.
Ich will ihn auffordern, sein Dasein durch die Herzen eben der Menschen zu
sichern, in denen er jetzt nur seine Feinde sieht.
    FERDINAND: Du wirst nicht durchdringen.
    ERNST: So lass mich meine Pflicht tun. Mein alter Vater tut die seinige auf
dem Schlachtfelde; ich tue die meinige hier, und er selbst sagte, mein Krieg sei
gefährlicher als der seinige.
    FERDINAND: Ernst, so sehr ich dich liebe und bewundere - ich stimmte doch
mit dem Adel, ich stimmte gegen dich.
    ERNST: Weil du dich nicht vergessen kannst! Und doch, Ferdinand, würde ich
dich nicht weniger lieben.
                                       8.
So rein, schön und menschlich auch Ernst seine Gesinnungen Ferdinanden entüllt
hatte, so fand dieser doch Zweideutigkeit darin. Der Hass, die Wut gegen eine
Sache, die ihm so viel gekostet, seinen Stolz, seine Eigenliebe so schrecklich
beleidigt und jede Hoffnung, sein Glück wiederherzustellen, zertrümmert hatte,
waren stärker als die Freundschaft, die er jetzt noch für Ernsten - nicht
fühlte, sondern nur zu fühlen glaubte. Die Verschiedenheit ihrer Gesinnungen war
zu gross, als dass ein Mensch von Ferdinands Denkungsart einen Mann, der ihm diese
Verschiedenheit so merklich zu seinem Nachteile zeigte, herzlich lieben konnte.
Denn so verderbt auch seine Einbildungskraft durch Renots Lehren, durch den
fernern Umgang mit Menschen dieser Art und durch sein eignes bisheriges Leben
war, so fühlte doch sein Herz, Ernst sei auf dem rechten Wege, nur er habe die
wahre Würde des Menschen nicht allein errungen, sondern auch rein erhalten. Und
wenn er sich dieses auch nicht laut gestand, so zeigte es doch sein Betragen
gegen Ernst. Aber die Meinung, die er jetzt von ihm fasste, erregte seinen
Unwillen. Sah er ihn vorher als einen edlen, gutmütigen Schwärmer an, so hielt
er ihn jetzt für einen gefährlichen, und dieses rechtfertigte die Vorurteile
seiner Feinde gegen ihn vor seinen verblendeten Augen.
    Einige Tage nach dieser Unterredung gab er Ernsten an der Tafel des Fürsten
einen Beweis von seiner jetzigen Stimmung gegen ihn, den Ernst von ihm am
wenigsten erwartete. Es befanden sich einige neu angekommene Ausgewanderte an
der Tafel, und bald drehete sich die ganze Unterhaltung um ihr Schicksal und die
Begebenheiten, welche es veranlasst hatten. Gegen das Ende der Tafel erzählte ein
Greis sein und seiner Familie Unglück. Es war schrecklich, erschütternd, Ernst
wurde bis in das Innerste seiner Seele bewegt, er sah auf die Silberlocken des
Alten, der allein von einer zahlreichen blühenden Familie dem Tode, den alle
andern gelitten, durch eine Art von Wunder entgangen war und nun in diesem
Gefühl, unter diesem peinlichen Bewusstsein, mit diesem Erinnern die schwere
Bürde des geretteten Lebens trug. Ernstens Augen waren feucht, er sass ganz in
dieser Empfindung versunken, als plötzlich Ferdinand ihn anblickte und ihm
französisch zurief:
    »Und wie gefällt nun dieses dem Jupiter Olympius?«
    Ernst schwieg und glaubte, Ferdinand würde durch sein Schweigen zu sich
kommen, aber dieser forderte ihn noch stärker auf und erklärte sogar den
Anwesenden den Sinn seiner Frage.
    Ernst antwortete:
    »Was soll ich sagen, da der über uns schweigt - er, der nach eurem Glauben
alles dieses vorhersah, der nach eurem Glauben das Menschengeschlecht leitet.
    »Es herrschte jetzt eine grosse Stille an der Tafel, und Ernst nahm nochmals
das Wort:
    »Dächte ich nicht so, die Ereignisse unsrer Tage hätten mich längst um den
Verstand - aber vorher um etwas noch Kostbareres gebracht.«
    Keiner an der Tafel schien dieses zu verstehen, ausgenommen der Fürst und
der Minister, deren Blicke zu gleicher Zeit den seinigen begegneten.
    Ernst fuhr fort: »Ich habe über diesen Gegenstand eine Handschrift gelesen,
eine Art von Gedicht, das vielleicht mit der Zeit erscheinen wird. Die Erde und
die Hölle sind der Schauplatz. Alles ist in wildem, gärendem Aufruhr, nur der
Himmel schweigt - nur zwischen ihm und dem klagenden, bebenden, blutenden
Menschengeschlechte scheint ein undurchdringliches Gewölbe befestigt, durch
welches das Winseln, das Jammern nicht dringen kann. Der schlafende Genius der
Menschheit erwacht bei den ersten Erscheinungen. Es scheint ihm, als habe die
Zeit ihm die von dem Wahne und der Torheit gefesselten Flügel leise aufgelöst,
und freudig und kräftig dehnt er sie aus. Schon schwebt er empor, um Zeuge des
schönen Schauspiels zu sein; als sich aber nun die Szene so fürchterlich ändert
und er die ungeheuren Taten sieht und über das ganze Menschengeschlecht trauert,
erhebt er sich himmelwärts, um vor den Tron des verhüllten Ewigen zu treten und
ihn zu fragen, was der verborgene Zweck des Ewigen mit diesem Geschlechte sei,
das auf diesem Wege, durch diese Mittel die höhere Entwickelung seiner
Bestimmung suche.
    Er sucht den Verhüllten, schwebt von Welten zu Welten, immer fragend: Wo ist
er? Die grossen, die ungeheuren, die schrecklichen Taten und Verbrechen dauern
auf der Erde fort - Nun steht er, am Ende des Gedichts, an dem Ziele seiner
Reise. Der Glanz, der von dem Trone des Ewigen ausgeht, leuchtet durch den
Äter, verklärt das Angesicht des traurigen, bebenden Genius. Nun betritt er die
goldnen Wolken vor dem Trone des Verhüllten. Seine zitternden Lippen sprechen
die Frage aus - anbetend harrt er auf die Antwort, und eine Stille, ein
Schweigen herrscht durch die Himmel wie an dem ersten Schöpfungstage. Mit diesen
Worten endet die Handschrift.«
    DER FÜRST: Der Sinn dieses Schweigens ist fürchterlich.
    ERNST: Mir ist er es nicht, mir scheint er erhaben zu sein und die
Anerkennung der eignen Würde des Menschen zu entalten. Der Ewige sollte durch
laute Erklärung das Gefühl der Selbstständigkeit, auf welcher unser moralischer
Wert beruhet, nicht erschüttern. Sein Schweigen rettet unser Verdienst, es
deutet auf Licht jenseits des Grabes. Wir müssen an den hohen Zweck unsrer
Bestimmung glauben, damit wir ihrer wert seien. Die ganze Wendung missfiel
Ferdinanden, und zwar umso mehr, da er in den Augen des Fürsten Beifall wahrnahm
und der Minister ihn durch seine Blicke zu fragen schien, wie er, ein Freund
Ernstens, an dieser Stelle zu dieser unerwarteten, so leidenschaftlich
ausgesprochenen Frage gekommen sei?
    Ernst sah ihn freundlich an und hoffte, das Gespräch über diesen Gegenstand
würde nun zu Ende sein, als ein junger französischer Edelmann sagte:
    »Die Erklärung wie die Dichtung scheint mir mystisch, und nur jene
Königsmörder können mit ihr zufrieden sein, da sie alle ihre Greueltaten mit
einem Schleier decket.«
    Er legte hierauf Ernsten den Mord des Königs auf eine so hämische Art nahe,
dass dieser, durch die Zudringlichkeit und nun wiederholte Achtlosigkeit gegen
den Fürsten beleidigt, ihm antwortete:
    »Ich erinnere mich in diesem Augenblick einer traurigen Geschichte, die sich
zu meiner Zeit in Frankreich zugetragen hat. Ein reicher Edelmann, dessen Güter
an der savoyischen Grenze lagen, wollte nach Paris reisen, um seine Tochter, die
in einem Kloster daselbst erzogen ward, an einen jungen Mann von Geburt und
grossem Ansehen zu verheiraten. Seine Hausgenossen und Diener begleiteten ihn.
Eine Bande Schleichhändler, die von dem Gesetze geächtet waren, hatten
ausgekundschaftet, dass er einen grossen Schatz von Edelsteinen und eine
bedeutende Summe Geldes zum Schmuck und zur Aussteuer seiner geliebten, einzigen
Tochter mit sich führte. Sie überfielen ihn. Seine Hausgenossen und Diener, die
er so lange wohlgehalten und die sich in seinem Dienste bereichert hatten,
verliessen ihn, um sich zu retten. Der Edelmann ward beraubt und dann ermordet.
Wahr ist es, seine Getreuen eilten, was sie nur konnten, nach den nächsten
Dörfern, um Hülfe aufzubieten.«
    Jetzt herrschte ein tiefes Schweigen. Man sah einander einen Augenblick an,
die Ausgewanderten blickten auf ihre Teller - Der Fürst hob die Tafel auf.
    Ernst sagte Ferdinanden weiter kein Wort über das Geschehene, und Ferdinands
Gemüt wurde dadurch nur noch mehr erbittert. Er hielt Ernsten nun für das, was
Renot in seiner Schilderung aus ihm gemacht hatte, und dieser Gedanke ward durch
ein Gefühl verstärkt, das er sich noch nicht zu gestehen wagte.
                                       9.
In dieser Stimmung war Ferdinand, als sich eines Abends zwischen ihm und Ernsten
das Gespräch auf die teutsche Literatur wendete. Amalie war gegenwärtig und die
Unterredung hatte lange gedauert, bevor sie, dem Anscheine nach zufällig,
Ferdinanden fragte:
    »Sagen Sie mir doch, Herr von ***, hat der Roman, der einst einen so starken
Eindruck auf Sie machte, auch in Frankreich einige Wirkung getan? So viel ich
weiss, ward er übersetzt. Ich erinnere mich, dass Sie damals ganz bereit waren,
für die erste beste Dame zu sterben. Doch Sie haben dieses wohl längst
vergessen.«
    Ferdinand fuhr bei dieser unerwarteten Frage so zusammen, als berührte eine
Flamme sein Herz. Seine Wangen, seine Augen glühten, dann schoss Frost durch
seine Glieder, und erst nach einigen Sekunden konnte er antworten:
    »Ja, ich erinnere mich daran und werde es nie vergessen.«
    Nun senkten sich Amaliens Augen, und erst jetzt fühlte sie, was sie getan
hatte. Ernst, der mit Franzens blonden Locken spielte, sagte nun:
    »In dem Lande, worin Ferdinand seitdem gelebt hat, schien eine solche Liebe
Raserei, war längst aus der Mode, oder man stellte sie nur aus, um in dieser
oder jener Absicht Aufsehen zu erregen.«
    AMALIE: Das war ein Glück für Ihren Freund, sonst hätten wir ihn schwerlich
wiedergesehen. Sie erinnern sich doch, mit welchem Feuer er sich dem schönen
Tode vor unsern Augen weihte? Gut, dass nun die Gefahr vorüber ist!
    FERDINAND: Vorüber? Vielleicht! Bisher fand ich indes nicht, dass die
Empfindung, deren ich mich von meiner Jugend her bewusst bin und immer bewusst
war, schwächer geworden sei; sie ist vielmehr zu einer Leidenschaft geworden,
deren Bekämpfung alle meine Kraft erfordert. Freilich ist dieses nun eine der
Leidenschaften, über welche wir wenig oder nichts vermögen, da sie schon lange
unser Meister ist, wenn wir sie gewahr werden. Indes habe ich nichts mehr für
mich zu fürchten - in meiner Lage gleich ich auch hierin einem schmutzigen
Bettler, der sich an den Tisch der Erdengötter drängt.
    ERNST: Welche sonderbare Wendung du nun wieder diesem Scherze gibst!
    FERDINAND: Dieser Scherz macht, dass ich mein Nichts am empfindlichsten
fühle, dies ist es alles. Und sage, würde dieses nun nicht trotz Hadems weisen
Lehren ein süsser, wünschenswerter Tod für mich sein? Gibt es einen schönern für
den Menschen als, von den Flammen seines eignen Herzens verzehrt, zu sterben?
Ich rede dir Wahnsinn und werde mir selbst zum Gelächter. Das Opfer eines von
dem Schicksal Zertretnen ist ja keiner Träne wert, und darauf rechnet man doch,
wenn man es darbringt; wenigstens hofft man auf eine Träne aus den Augen
derjenigen, für die man sich opfert. Aber wer forderte ein solches Opfer von
einem Unglücklichen! Wer möchte es annehmen! Jetzt freilich, Amalie, wäre die
Wiederholung jener Worte Torheit, die Tat selbst würde man nur belachen. Und
doch, ist es nicht die Liebe allein, die dem Menschen ohne Mass und Grenze
gegeben ward, da er hier nach der Kraft seines Herzens so ganz sein Herr ist,
dass selbst das alles vermögende Schicksal in diesem Zustande nichts über ihn
vermag? Alle unsre andern Gefühle und Gedanken sind beschränkt, gemessen, auf
unser eignes Selbst gekehrt, hier nur fühlen wir uns ganz in dem Dasein eines
andern. Und drängt uns der Gegenstand unsrer Liebe endlich gewaltsam auf uns
selbst zurück, so ist es natürlich, dass man ganz zerfällt, da einem
zurückgegeben wird, was man nicht mehr brauchen, nicht mehr ertragen kann.
    ERNST: Diese Empfindungen sind so wild als dunkel. Sonderbarer Mensch, du
sagtest, du habest das Ziel des Ruhms erreicht, es schon festgehalten; und wie
ich dich kenne, hattest du gewiss dein ganzes Dasein gegen die glänzende
Täuschung hingegeben. Die Täuschung verschwand, deine Kraft kehrte zurück, du
eiltest in meine Arme und fühltest, dein Leben habe noch Wert. Und kennt die
Ehrbegierde Grenzen? Ist etwas, das ihren immer zunehmenden Durst stillt? Wächst
sie nicht bei jeder Stufe, die du höher steigst? Ist nicht eben das, was du
nicht erreichen kannst, das, wornach du dich am meisten sehnest?
    FERDINAND: Ja, sie hat Grenzen in meinem Vermögen, meiner Lage, die
Verhältnisse der Menschen gegen mich bestimmen sie nur allzu scharf, und keiner
ist toll genug, das Unmögliche unternehmen zu wollen. Aber das Reich der Liebe
ist grenzenlos, unermesslich, da gibt es keine Unmöglichkeit, hier herrscht der
Mensch aus eigner Kraft, als Gott und Schöpfer. Hier öffnet er selbst die nie
versiegenden Quellen seines Genusses und seines Glücks, und seine
Einbildungskraft macht sie zu immer wachsenden Strömen.
    Während Ferdinand dieses mit Begeisterung sagte, spielte Amalie,
unterbrochen, einige Passagen auf der Laute.
    Ein Bedienter kam und meldete den Sekretär des Ministers.
    ERNST: Ferdinand, hätte ich dich nicht in Frankreich gesehen, ich zweifelte
jetzt, ob du dort gewesen wärest. Was du uns da sagtest, sind Gefühle des
Einsamen in unserm Eichenwalde. Ich hoffe, auch die andern sind nicht ganz
erloschen, da diese so kräftig in dir leben.
    Ferdinand drückte ihm düster lächelnd die Hand. Als Ernst weggegangen war,
wendete er sich zu Amalien, welche, in die letzten Töne ihrer Laute verloren,
dasass, einem Träumenden gleich, der über einen entzückenden Gedanken
eingeschlummert ist.
    Sie schlug die Augen gegen ihn auf. (Die seinigen waren noch ganz von dem
vorigen Gefühle begeistert.)
    »Wie? und Sie hätten nie geliebt?«
    FERDINAND: Einen Augenblick habe ich geliebt, und dieser einzige Augenblick
lehrte mich alles, was ich jetzt gesagt habe.
    AMALIE: Es ist ein Glück für Sie, dass es nur einen Augenblick gedauert hat.
    FERDINAND: Es hätte zugleich mein letzter sein sollen, da es der grösste, der
glücklichste war, den ich gelebt habe.
    Amalie ergriff ihre Laute wieder. »Wo ist mein Gemahl?«
    FERDINAND: Man hat ihn abgerufen.
    Amalie nahm ihren Sohn bei der Hand und entfernte sich. Ernst kehrte bald
zurück:
    »Du hast gewiss mit deinen leidenschaftlichen Äusserungen meine Amalie
entfernt?«
    FERDINAND: So scheint es.
    ERNST: Ich glaube es wohl. Sie kennt dich noch nicht genug, sie weiss nicht,
wie deine allzu lebhafte Einbildungskraft den Herrn über dich spielt und wie
sehr sie sich in verwegenen, übertriebenen Vorstellungen gefällt. Solche Beweise
innerer Kraft sind für uns Männer wohl zu vertragen, aber diese zarten Seelen
werden dadurch erschreckt. Jetzt fehlt es dir an edlen Gegenständen, diese Kraft
zu üben. Indes sei ruhig, diese edlen Gegenstände sollen dir nicht lange fehlen.
Unser Vaterland braucht Männer.
    FERDINAND: Unser Vaterland? Ernst, unser Vaterland?
    ERNST: Ich hoffe, wir haben eins, und morgen hoffe ich, es zu sehen, oder
besser, ich wäre in einer Wildnis geboren! Du weisst, der Adel versammelt sich
morgen. -
    FERDINAND: Ein verlorner Morgen mehr für dich.
    ERNST: Für den, der seine Pflicht erfüllt, ist er es nicht, der Erfolg sei,
wie er wolle. Es tut mir nur leid, dass der Minister noch vor Tage reisen muss. Er
liess es mir eben sagen, und ich eile zu ihm. Er muss eilends nach ***. So geht es
den kleinen Staaten, die nur in Ruhe glücklich sind, wenn die grossen
Unternehmungen wagen. Sie sollen und müssen, ob sie gleich des Schadens gewiss
sind, das Spiel mitspielen und am Ende den Mächtigen zu dem auf ihre Kosten
errungenen Vorteile Glück wünschen und sich höflich bedanken, dass man sie noch
fortdauern lässt.
    FERDINAND: Ich mag davon nichts hören. Es geschieht ihnen selten mehr als
sie verdienen; und jetzt nun gar!
    Mit diesen unfreundlichen Worten schied Ferdinand mürrisch von Ernsten. Das,
was er von Amalien gehört und an ihr bemerkt hatte, durchglühte sein ganzes
Wesen. Entzücken, Schauder, die höchste Wonne und die tiefste Erniedrigung
wechselten in seinem Herzen. Noch wagte er es nicht, den Gedanken ganz
auszudenken, die Möglichkeit desselben sich gegenwärtig vorzustellen. Er ging zu
Renot und sagte diesem mehr, als er ihm sagen wollte, weil er kaum wusste, was er
ihm sagte. Renot lächelte und stellte sich, als verstände er nicht, als sei ihm
das nicht ganz klar, was Ferdinand aus seinen Bemerkungen folgerte. »Es freut
mich«, sagte er, »dass das Geheimnis endlich seiner Entüllung nahe ist, dass
dieser hohe, auf Ida sitzende Jupiter der Prüfung so nahe steht; als ein Weiser
bedarf er solcher Prüfungen und muss sie wünschen, um seine Tugend vor aller
Augen zu bewähren. Ich sehe dieses als einen moralischen Versuch an, den ich
nicht vergessen werde in mein Tagebuch aufzuzeichnen.«
    Ferdinand horchte, ohne zu hören. Einmal über das andere rief er: »Renot, es
ist unmöglich! eins so unmöglich wie das andere! eins so schrecklich für mich
wie das andere!«
    Renot liess ihn träumen, aber seine kalten, giftigen Bemerkungen über
Ernsten, sein Mitleiden mit Amalien nährten die wütenden Flammen in Ferdinands
Herzen. Beim Weggehen schüttelte dieser Renots Hand und sagte:
    »Verraten Sie mein Geheimnis, wenn Sie es entdeckt haben. Tun Sie es, ich
bitte Sie; denn wahrlich, die Tugend ist keine Torheit, sie ist nur verraten
unter Menschen, nirgends sicher, selbst bei dem Freunde nicht, selbst in dem
Busen des Weibes nicht, und gliche es einer Göttin an äusserer Reinheit und
Erhabenheit. Das sag ich Ihnen, Renot. Aber sie ist, sie lebt in ihm, und in ihm
müssen wir sie ermorden, um das ruhig sein zu können, was wir sind.«
    RENOT lachend: Wie tragisch die Liebe macht! Das alles wird sich schon
geben. Die Weiber verstehen das recht gut, ihnen muss man so etwas überlassen.
Morgen wird man ja den Demagogen hören, morgen will er ja uns und den Staat
ausgleichen.
    FERDINAND knirschend: Warum tut er das? Und jetzt?
                                      10.
Der grösste Teil des Adels hatte sich in einem Saale versammelt, jeder wusste den
Zweck der Versammlung, und aller Gemüter waren in dumpfer, stiller Gärung.
    Einer der ältesten las die Aufforderung des Fürsten vor, worin es hiess: Man
möchte in dieser bedenklichen Zeit beratschlagen, wie der Gefahr, die immer mehr
nahe, zuvorzukommen sei. Jeder wisse, dass täglich neue, traurige Nachrichten von
gesetzwidrigen Unternehmungen und aufrührerischen Äusserungen aus der
Nachbarschaft einliefen. Der Fürst bäte sie demnach, sein bisher so treues und
gutes Volk vor solchen gefährlichen Unternehmungen zu bewahren. Er für seine
Person würde gern augenblickliche Vorteile und vorüberrauschende Ergötzungen,
die oft so drückend wären, dem Glücke seines Volkes aufopfern, und er hoffe
dieselbe Gesinnung auch von seinem Adel. Jedem von diesem würde bekannt sein,
dass wirklich Bedrückungen obwalteten, die um so lästiger und schmählicher wären,
da selbst diejenigen, welche sie ausübten, nichts dabei gewönnen, durch die
Unterlassung aber wirklich gewinnen könnten. Diese Bedrückungen wären nun in dem
gegenwärtigen höchst kritischen Zeitpunkte sehr bedenklich, weil sie die Gemüter
durch das gegebene Beispiel so schrecklich erbitterten und selbst das wahre Gute
und Nötige verhasst und zweideutig machten. Er fordere darum gar nicht von dem
Adel, dass er eins seiner wesentlichen Rechte aufgeben solle, die er selbst gegen
jeden beschützen würde; er wünsche nur, dass man das aufgeben möge, was sich für
diese Zeit und die darin lebenden Menschen nicht mehr schicke.
    Nach diesem Vortrage herrschte dumpfe Stille.
    Nach einer langen Pause erhob Ernst seine Stimme:
    »Ein edler, weiser teutscher Fürst, der Vater dieses Landes, der erste
Edelmann dieses Landes, hat gesprochen, gesprochen wie es zu dieser Zeit noch
keiner tat - Ist er keiner Antwort würdig?«
    Noch tieferes Schweigen.
    Ernst fuhr fort:
    »Er hat für das treuste Volk gesprochen, für teutsche Männer zu teutschen
Männern, für ein Volk, das es immer mit seinen Fürsten hielt, das selbst in
dieser alles verkehrenden Zeit keine zweideutige Gesinnung geäussert hat, dass
alle rechtliche Lasten, wie alle widerrechtliche, mit Geduld erträgt, das euch
ernährt, von dem ein Teil jetzt für euch und eure Rechte blutet - ist dieses
Volk eurer Aufmerksamkeit nicht würdig?«
    Tiefes Schweigen.
    »Bin ich noch ein Teutscher? Rede ich zu Teutschen? Ist der Boden, den ich
betrete, wirklich mein Vaterland? Was sind wir hier zusammen? Bedenken Sie,
meine Herren, dass nie ein Fürst eine menschlichere, eine wichtigere Aufforderung
an seinen Adel hat ergehen lassen! Bedenken Sie, dass uns das Schicksal zu keiner
Zeit bedeutendere Winke gegeben hat, dass wir jetzt die Stunden zählen müssen,
die es uns noch verstattet! Wollen Sie mit Ihrem unbegreiflichen Schweigen die
Aufforderung des Fürsten abweisen? Haben wir nicht schon in der Nähe und in der
Ferne Beweise genug gegeben von dem Mangel des teutschen Gefühls, der teutschen
Vereinigung? Wollen wir nun einen geben, wie zur Ehre unsrer Vorfahren die
Geschichte keines Landes im teutschen Reiche einen aufgezeichnet hat? Noch
einmal, dieses Landes Fürst fordert Sie auf! Er fordert Sie auf, um Ihres Heils,
um Ihres eignen Daseins willen! Und schwiege auch die Menschheit ganz in Ihrem
Busen, so ruft er Ihnen, um Ihrer Sicherheit, um Ihres Vorteils willen, zu:
Gestatten Sie der Klugheit, was Ihnen spätere Notwendigkeit gewaltsam entreissen
kann. -
    Soll ich immer allein hier reden? Wohl! so sei es Wahrheit, die Sie mir
abzwingen. Und hören Sie auch diese schweigend an, so habe ich doch so viel
gewonnen, dass ich allein sie laut gesagt habe.
    Was haben Sie bisher getan, den immer mehr nahenden, fürchterlichen Stürmen
auszuweichen? die Gefahr von sich, Ihren Kindern und Weibern abzuwenden? Sind
Ihre Vorkehrungen, Ihre Hülfsmittel Ihres Ruhms, des Ruhms des teutschen Namens
würdig? Soll ich sie Ihnen aufzählen? Von dem Augenblicke an, da jenes Volk das
gefährliche Beispiel gab, vermehrten Sie die Last, die dieses treue Volk hier
trug, und traten in Verschwörung gegen dasselbe zusammen. Von Ihrem eignen
Gewissen gereizt, dungen Sie Ausspäher und Angeber, welche Ihnen die geheimen
Gesinnungen und Gedanken dieses aufrichtigen Volkes zutragen mussten, ja die, um
Ihr Gold zu verdienen und sich bei Ihnen wichtig zu machen, den treuen,
unschuldigen Bürger durch Fragen und Vorspiegelungen zu Äusserungen reizen
mussten, die man Ihnen als gefährlich vortragen konnte. Diese, mit allen denen,
welche der Hass und der Eigennutz zum Opfer auswählten, wurden nun das Ziel Ihrer
Verfolgung. So übergaben Sie den ruhigen Bürger der Gewalt dieser Elenden, so
erzeugten Sie das Misstrauen zwischen Bürger und Bürger, zwischen dem Fürsten und
seinem Volke. Gelang es Ihnen bei ihm nicht, so gelang es Ihnen vielleicht von
der andern Seite. Soll es dahin kommen, dass er in seinem Volke Verräter sehe,
sein Volk in ihm, seinem Vater, einen feigen Tyrannen, der seinen fürstlichen
Sitz schon unter sich beben fühlt? Wenn Sie dieses suchen, so haben Sie freilich
die besten Mittel dazu erwählt, aber ich verweise Sie auf die Zukunft, wegen des
Erfolgs für Sie.
    Und wenn Ihre Blicke hier mich töten sollten - Sie schweigen ja, so lassen
Sie mich reden! - Blicken Sie ergrimmt auf mich und schweigen Sie, bis Wort und
Tat zu nichts mehr helfen.
    Selbst die Prediger, die Lehrer der milden Menschlichkeit, der Güte und
Sanftmut, haben Sie zu ihren Mitverschwornen gemacht. Sie, die das Volk in
diesen traurigen Zeiten unterrichten und trösten sollten, mussten von den
Pflichten der Untertanen reden, als sprächen sie zu Sklaven, die Englands Gold
an der brennenden Küste von Afrika kauft, in Ketten schlägt und nach andern
Welten schickt, um dort unter dem Drucke des Elends, den qualvollen Strafen das
Gold zu erwerben, wofür ihr Herr ihre zurückgelassnen Brüder kaufen kann, wenn
sie selbst entkräftet niedersinken. Soll Ihnen unser menschlicher Fürst dafür
danken, wenn er seinem Volke unter diesem Bilde erscheint? Kann einer von Ihnen
sagen, dass er ihm gleicht? Glauben Sie das Volk durch solche Vorspiegelungen in
dem blinden, sklavischen Gehorsam zu erhalten, den Sie von ihm fordern? Glauben
Sie, ihm dadurch Mut zu Ihrer Verteidigung einzuhauchen? Glauben Sie, das Volk
sei so blödsinnig, Ihre Absichten nicht einzusehen? nicht einzusehen, woher Ihre
plötzliche Furcht, Ihr Beben, Ihr Trotz, Ihre verlorne Hoffnung, es bei nahender
Gefahr zusammenzuhalten, entspringen? Meinen Sie, es sähe nicht die Larve und
den Grund der Heuchelei ein, wenn nun der längst verschriene Ungläubige am
öftersten zur Kirche geht? wenn Leute laut beten, die schon lange Gott vergessen
zu haben schienen? wenn die, welche einst über alles spotteten, sich laut zu
Aufklärern des Haufens aufwarfen, nun den tollsten Wahnsinn, den verworfensten
Aberglauben in Schutz nehmen und zu befördern suchen? wenn sie die Vernünftigen,
welche dieser Unsinn empört, lästern und als Feinde der guten Sache und der
Fürsten ausschreien? Nur die, welche dieses tun, machen die Sache der Fürsten
verdächtig und untergraben ihre Trone; denn durch diese Mittel suchen sie
Missbräuche der Macht zu heiligen, um die ihrigen zu sichern. Nur durch diese
Mittel entüllen sie dem Auge, was sie fürchten.
    So soll Heuchelei, Betrug, Gewalt, Ausspäherei, geheime Anklage
zusammenhalten, was der Lauf der Zeit untergraben hat? Und was für ein Gemälde
von dem gemeinen Wesen stellen Sie den Menschen auf, wenn es solcher Stützen
bedarf!
    Was fordert der Fürst jetzt von Ihnen? Missbräuchen zu entsagen, die schon zu
lange dauern, das Volk drücken und für Sie ganz unbedeutend sind, dem Volke zu
zeigen, dass Sie seiner gedenken. Vor vielen Jahren, noch ehe ich geboren wurde,
hob mein Vater diese Missbräuche auf, und ich darf kühn sagen, kein Gut im ganzen
Lande trägt im Verhältnis mehr und keines nährt glücklichere, zufriednere
Arbeiter.
    Ich sehe es ja - Schweigen, Unwille, Hass, Grimm, starre und flammende Blicke
sind Ihre Antwort. Mögen Sie mir drohen! ich fürchte keinen von Ihnen, ich
fürchte Sie alle, verbunden gegen mich allein, nicht. Jetzt habe ich meine
Pflicht getan, als teutscher Mann für meinen Fürsten, für das Vaterland
gesprochen. Ich betrog mich nur darin, dass ich glaubte, ich spräche zu
Teutschen. Fahren Sie nur so fort, nennen Sie die Patrioten Aufrührer, fachen
Sie den Parteigeist an, beschützen Sie die geheimen Angeber, lösen Sie alle
Bande der Gesellschaft auf, zerstören Sie alle moralische Bande, alle
bürgerliche Tugend, malen Sie den Fürsten als einen Tyrannen, das Volk als
Verräter, übertünchen Sie Ihren Stolz, Ihre Hab- und Herrschsucht, Ihre
Missbräuche, Ihre Gewalttätigkeiten mit den Sophismen, welche der Zeitlauf
beschöniget, treiben Sie es auf dem ganzen teutschen Boden mit allen, die eines
Geistes mit Ihnen sind, so weit, bis das Ungeheuer aus der Finsternis plötzlich
hervorspringt, in die Sie alles einhüllen möchten! Dies Ungeheuer wird nur Ihr
Werk sein. So laden Sie die rächende Nemesis, die nun dort ihre Strafe ausübt,
auch auf den teutschen Boden ein - Ruft dann, wenn alles um euch her zerfällt:
des Fürsten waren wir nicht wert!«
    Kalt erhob der Präsident die Stimme:
    »Wir achten den Fürsten, darum schweigen wir. Durch unsre Rechte wollen wir
die seinigen erhalten, darum schweigen wir. Unsre Antwort für jeden andern liegt
in den Ereignissen des Tages. Jeder von uns in dieser gefährlichen Zeit getane
Schritt kann Verrat an unserm Fürsten, den Mitständen, dem erhabenen Oberhaupte
des Reiches werden. Dieses ist des Adels Antwort. Lasst Ruhe und Frieden
wiederkehren ... beraten wir, dann scheint das nicht erzwungen, was wir geben,
dann wird man uns danken. Jetzt würde jede Wohltat ein Beweis des Zwanges, des
Schreckens sein, und wohin dies führt, beweisen uns unsre Nachbarn. - Ihre Rede
würde sich übrigens in einem gewissen Klub in Paris recht gut ausnehmen, und sie
ist Ihres Lehrers des mehr berüchtigten als berühmten Rousseaus, wert. Doch was
Frankreich ihm verdankt, wollen wir ihm nicht verdanken, und sollten wir auch
das Unglück haben, seinem feurigsten Schüler zu missfallen.«
    Diese Worte drangen mit allem ihrem Gifte in Ernstens Seele; doch fasste er
sich:
    »Und dies ist alles, was der Fürst zur Antwort erhält?«
    PRÄSIDENT: Alles, was Sie zur Antwort erhalten. Wir sind nicht allein dieses
Fürstentums Adel, wir sind auch des Reiches Adel, haben Pflichten gegen dessen
erhabenes Oberhaupt. Und nun noch eine Frage von unsrer Seite an Sie: Sagten Sie
alles, was Sie uns sagten, kraft der Vollmacht des Fürsten?
    ERNST: Nein.
    PRÄSIDENT: Wir dachten es wohl! Und es ist darum gut zu wissen, wenn diese
Rede etwa bis zu höhern Orten gelangte. So liegt ja in Ihrer Antwort unsre
Rechtfertigung, und hier sind der Zeugen genug.
    ERNST: Nun erlauben auch Sie mir eine Frage: Wer ist der Aufrührer (denn
dieses wollten Sie mir doch vorhin sagen), der, welcher seines Fürsten Antrag
mit Schweigen beantwortet, oder der, welcher Sie zur Beherzigung desselben nach
Pflicht und Gewissen auffordert?
    PRÄSIDENT: Unser Schweigen ist weiser, ehrfurchtsvoller für den Fürsten als
Ihr Reden.
    Leise zu ihm: Sie werden nun erst die Kraft des Wortes System kennenlernen,
das Ihnen in Ihrer Jugend so abscheulich vorkam.
    ERNST ebenso leise: Eben weil ich es mir damals so dachte, kam es mir so
vor, und Sie haben nie ermangelt, seine Bedeutung in diesem Sinne zu
rechtfertigen.
                                      11.
Ernst ging zu dem Fürsten und meldete ihm alles, was vorgefallen war. Der Fürst
hörte ihn an und sagte endlich:
    »Junger Mann, wir sind hier die einzigen Teutschen. - Die Herren wollen es
so, und mir bleibt nichts übrig, als zu wünschen, dass sie den heutigen Tag nicht
zu bereuen haben mögen. Ich fühle, was ihnen früh oder spät bevorsteht, und kann
es nicht ändern. So handeln wir hier, während die wenigen Edlen und Tapfern für
das Vaterland fruchtlos fallen.
    Fassen Sie Mut! Sie brauchen ihn jetzt; denn an diesem Tage muss ich Ihnen
noch ein Trauerbote sein. In der letzten Schlacht, wo abermals das Blut der
Teutschen floss -«
    ERNST: Mein Vater -
    FÜRST: Er ist schwer verwundet.
    ERNST: Oh, er ist tot!
    FÜRST: Den Nachrichten zufolge, die ich erhalten habe und die einander
widersprechen, nicht. Reisen Sie und stärken Sie ihn durch Ihre Gegenwart. Sie
werden ihn in *** finden. Kann es Sie trösten, so sage ich Ihnen von ganzem
Herzen: Sie verlassen einen Freund in mir, der auf Sie zählt, auf den Sie zählen
können. Und nun geschwind. - Sie müssen noch heute fort.
    Er reichte Ernsten die Hand, zog ihn in seine Arme und drückte ihn an seine
Brust, indem er sagte:
    »Vergessen Sie nicht, dass ich auf Sie zähle, dass ich in diesen schweren
Zeiten Ihrer bedarf, dass Ihr Vater Ihre Pflicht mit seinem Blute auf den
teutschen Boden geschrieben hat!«
    Als Ernst aus dem Zimmer des Fürsten trat, bemerkte man seine Blässe, seine
Tränen, sein Schwanken, sein hastiges Eilen. Die Bosheit fasste es auf, deutete
es nach ihrem Wunsche und frohlockte schon über seinen vermeinten Fall. Sowie
Ernst nach Hause kam, befahl er, die Post zu bestellen und alles zur Abreise
fertig zu machen. Er eilte zu Amalien, bei welcher er Ferdinanden fand. Die
Worte des Fürsten hatten ihm sein Unglück nur allzu klar angedeutet, er sagte
also, sein Vater sei wirklich tot oder habe nur kurze Zeit zu leben und er reise
in dieser Stunde ab. Er fragte nach seinem Franz. Ferdinand lief, ihn zu holen.
Tief gerührt nahte sich Ernst Amalien, sie liess ihr Haupt sanft auf seine
Schulter sinken, und Tränen füllten ihre Augen. Sie bat ihn, Ferdinand
mitzunehmen, da er gewiss in dieser für ihn so traurigen Lage eines Freundes
bedürfte.
    Ernst antwortete, indem er sie zärtlich küsste: »Sein Sie nicht für mich
besorgt, Ihr Geist, Ihre Wünsche werden mich dortin begleiten. Ich weiss ja, dass
ich hier die Quelle meines Trostes und Glückes zurücklasse und dass ich sie
wiederfinde.«
    AMALIE: Ich bitte Sie, nehmen Sie Ihren Freund mit. Um der Gefahr willen -
    ERNST: Wäre Gefahr für mich, so würde ich ihn umso weniger zum Begleiter
wählen, und Sie wissen ja, er ist nicht in der Stimmung, die einem kummervollen
Herzen wohltut. Wann ich ruhig bin, kann ich alles von ihm ertragen, da ich die
Ursachen fasse. Vielleicht könnt ich dieses in meiner jetzigen Lage nicht,
vielleicht könnte ich vergessen, dass er unglücklich ist. Liebe, die Menschen
verlassen mich alle hier, ich will mir gerne den Freund meiner Jugend erhalten.
Sagen Sie ihm darum ja nichts von meiner Äusserung über ihn, seine lebhafte
Einbildungskraft könnte sie leicht in einem gehässigen Lichte ansehen.
    AMALIE: So erlauben Sie, dass ich Sie begleite.
    Ernst küsste sie heftig: »Oh, ich danke Ihnen für den Gedanken, für die
Empfindung -«
    Amalie sank auf den Sofa und drückte ihre Hände an ihre Brust. Ferdinand
trat mit Franz herein, und Ernst fuhr fort:
    »Dieser - unser Franz bedarf Ihres Schutzes, nur unter Ihrer Aufsicht kann
ich ihn verlassen.«
    Als Franz hörte, dass sein Vater ihn verlassen würde, rief er: »Nimm mich
mit, Papa! Du weisst, der Grossvater liebt mich, und wenn er krank ist, will ich
bei ihm sitzen, wie ich bei der Mama sitze, wenn ihr nicht wohl ist.«
    Ernst sagte ihm, das ginge nicht an, und führte ihn zu seiner Mutter. Dann
wendete er sich zu Amalien:
    »Alles das, was mein Glück auf Erden ausmacht, verlasse ich heute zum
erstenmal.«
    Der Knabe schrie nun heftiger: »Nimm mich mit, Papa!«
    Der Abschied war von Amaliens Seite düster, traurig, von seiten Ferdinands
leidenschaftlich, beklommen. Ernst riss sich ohne Worte aus Amaliens Armen - und
als er Amalien mit der einen Hand und Ferdinand mit der andern umfasste und in
der Betäubung von dem freundschaftlichsten Gefühle beider Hände ineinander
legte, stürzten seine zurückgehaltnen Tränen aus seinen Augen. Er drückte Franz
an sein Herz und eilte schnell weg.
                                      12.
Ernstens letzte Beurlaubung von dem Fürsten und seine plötzliche Abreise
schienen nun seinen Feinden einen Triumph zu versprechen, aber der Fürst liess
sie nicht lange in diesem Wahne.
    Als er den folgenden Tag in dem geheimen Rat sein Missvergnügen und seinen
Kummer über das Betragen des versammelten Adels zeigte, entschuldigte sich jeder
der Gegenwärtigen mit dem Vorwande, Ernst habe durch seine Heftigkeit, durch
seine Anmassungen, seine beleidigenden Vorwürfe die Gemüter der meisten so
erbittert, dass auch den Kältesten und Verständigsten nichts anderes übrig
geblieben als für jetzt zu schweigen, um in einer so wichtigen Sache das Ansehen
Sr. Durchlaucht nicht auszusetzen.
    Der Fürst antwortete:
    »So bin denn ich und mein Ansehen es abermals, die hier dem Guten im Wege
stehen mussten! Doch, meine Herren, ich kenne die Ursache von dieser zarten
Gewissenhaftigkeit meines Adels nur allzu genau und weiss, was Sie zu beschützen
suchen, indem Sie meine Macht zu beschützen vorgeben; und darum kann ich Ihnen
nicht dafür danken, wie Sie vielleicht wohl gar erwarteten. Auch weiss ich sehr
wohl, wie sanft und gesetzt Herr von Falkenburg anfangs gesprochen hat. Aber er
sprach zu Schweigenden - zu Schweigenden, von denen ich Antwort forderte - ich,
Ihr Fürst, dieses Volkes Fürst und Vater! und zwar über einen so wichtigen
Punkt, dass Ihr Schweigen auch den Weisesten hätte empören müssen. Dieses
Schweigen bewies nun freilich dem edlen Manne, wie es auch mir beweist, dass man
über meinen Antrag schon entschieden hatte, bevor man Ihnen denselben vorlas. Da
sprach freilich der junge Mann ein Teutsch, das, mit vielem andern Schönen,
unter uns veraltet zu sein scheint. Doch ist es gut, dass es zuzeiten noch
erschallt, und diente es auch nur dazu, dass es uns den geraden, offnen, biedern
Sinn unsrer Väter erklärt und zurückruft; wir würden sonst sogar die Erinnerung
daran verlieren. Hätten auch sie geschwiegen, wie jetzt mein Adel schweigt, wie
stände es nun mit uns!
    Noch ein Wort, und dann entlass ich Sie für heute; denn ich bin wahrlich
nicht gestimmt, über Kleinigkeiten nach der Form zu urteilen, da ich das Wahre,
das Gute nicht erreichen kann.
    Ich stelle das Schweigen meines Adels zwischen Gott, mein Volk und mich!«
                                      13.
Als Ernst in *** ankam und sich bei dem kommandierenden General nach seinem
Vater erkundigte, erfuhr er die Gewissheit seines Unglücks. Sein Vater war in der
Schlacht geblieben; eine Kanonenkugel hatte ihn in dem Augenblick getötet, da er
mit einem Bataillon eine feindliche Schanze ersteigen wollte, die schon
einigemal vergebens und mit grossem Verluste angegriffen worden war. Da der Feind
das Schlachtfeld behauptet und die Sorge für die Toten übernommen hatte, so
verlor Ernst auch den einzigen letzten Trost, bei dem Grabe seines Vaters zu
weinen. Er verschwand ihm in die Geisterwelt, ohne für ihn eine Stätte der
Vereinigung auf Erden zu hinterlassen. Der General, welcher den schrecklichen
Eindruck dieser Nachricht auf ihn bemerkte, sagte:
    »Ihr Verlust ist unersetzlich, und Worte können Sie jetzt nicht trösten,
aber zum Nachruhm Ihres Vaters muss ich Ihnen sagen: wenn Teutschland viele
Männer seinesgleichen hätte, so ständen wir nicht, wo wir stehen. Uns fehlt der
Geist, der ihn beseelte; und nur durch diesen vermöchten wir jene Scharen zu
besiegen.«
    Aber in seinem Hause, da, wo er nach seinem Verluste, in der Lage, in welche
seine edlen Gesinnungen für seinen Fürsten, seine aufrichtigen Bemühungen für
sein Vaterland ihn nach und nach geführt hatten, Trost und Ersatz erwartete, da
entschied sich, eben in diesem für ihn so schmerzvollen Augenblick, sein
Schicksal auf das schrecklichste. Seine Ruhe war schon ermordet, alle Blüten
seines jugendlichen Traumes, seines schönen Lebens verdorret und zertreten. Die
Quelle seines Glücks, welche ihm die Reinheit seiner Tugend, die Erhabenheit
seines Sinnes so zusicherte, dass er, stark in diesem Glauben, allen Schlägen des
Schicksals, aller Bosheit der Menschen entgegenging, war versunken, so
versunken, dass sein Auge die Spur davon nicht mehr entdecken, sein durstendes
Herz an dem Abgrund, in welchen sie sich verloren hatte, vertrocknen, erstarren
sollte.
    Die Verachtung, der Hohn, der Hass, womit Ernstens Feinde unermüdet von ihm
sprachen, die Entwürfe, die sie in ihrer Wut gegen ihn schmiedeten, die
Ursachen, womit sie alles rechtfertigten, was sie taten und sprachen, machten
nach und nach auf Ferdinands Herz, das in eine sträfliche, vermessene, alle
Sinne verschlingende Leidenschaft ganz versunken war, einen solchen Eindruck,
dass sich in ihm das lockre, kaum noch fühlbare Band der Freundschaft, der
Achtung und Pflicht völlig auflöste. Das wilde Geschrei dieses Hasses, dieser
Wut und dieses Hohns ward dem Verblendeten was dem noch schwankenden Verbrecher
die Sophismen einer durch die heftigen Begierden verdunkelten Vernunft sind. Er
sah in seinem Freunde nur den Volksaufwiegler, den Mitgenossen der Zerstörung
seines ehemaligen Glücks, den kalten Besitzer des schönsten Weibes auf Erden,
das er selbst mit aller der Kraft und Heftigkeit liebte, deren sein durch Renot
und die Welt verderbtes, unbändiges Herz, seine glühenden Sinne, die kein
anderes Gesetz erkannten als den Genuss, und seine alle Schranken überspringende
Einbildungskraft fähig waren. Sein Verlust, sein Neid, seine aus seinem
vermeinten Unglück entspringende melancholische Stimmung reizten unaufhörlich
seine Leidenschaft. Renot blies leise und um so gefährlicher in die Flammen, die
sein Herz verzehrten. In dessen Gegenwart dachte Ferdinand nicht mit einem
Gedanken an seinen Freund, nur wenn er Franzen, den sanften, lieblichen Abdruck
seines Vaters, sah, lief kalter Schauder durch seinen Busen. Aber glühendes
Feuer folgte auf die Erschütterung, wenn er in Amaliens düstre Augen blickte,
wenn sie sprachlos vor ihm sass, wenn eben dieses feierliche Schweigen, ihre
unwillkürlichen, hastigen Bewegungen, die wechselnde Röte und Blässe auf ihren
Wangen, ihr plötzliches Entfernen und Wiederkehren bezeugten, was in ihrem
Herzen vorging. In ihrem Zimmer herrschte jetzt die Stille, welche dem
Verbrechen vorausgeht - düster, drohend, anlockend, anziehend und dahinreissend
durch das schaudervolle, feierliche, das schmachtende Leiden, das Kämpfen, die
Blicke, die umso mächtiger reden, je mehr man sie zu bemeistern sucht, durch die
bebende Furcht, das Heben des geängsteten Busens, die fliegende Röte, von dem
Zurückdrängen der kühnen Wünsche erzeugt. Es erscholl kein Laut mehr. Selbst die
Musik, der Gesang verstummte. Klavier, Harfe und Laute waren in das Nebenzimmer
gebracht und fest verschlossen, Amaliens Geist schien zu ahnden, dass sie die
Urheber der ihn so schrecklich drückenden Schuld wären.
    So sassen die Unglücklichen ganze Stunden, Abende und Tage zusammen, wie von
dem mächtigen Schicksal in den magischen Kreis gefesselt, den der gefährliche
Zauber der Sinne um sie gezogen hatte. Sie sassen gegeneinander, als stände ein
drohender Todesengel zwischen ihnen, als sässen sie vor einem Abgrunde, den die
bezauberte Einbildungskraft mit einem glänzenden Nebel ausfüllt und aus dem
Gespenster aufsteigen, wenn man ihm nahet. Doch über dem Abgrunde, dem Grabe der
Tugend, der Pflicht, des Glückes, verdickte sich der Zauberdunst immer mehr,
verhüllte immer mehr den Todesengel vor den entflammten Sinnen der Vermessenen,
der Verblendeten. Der Anblick der immer Kämpfenden stellte Ferdinand zwischen
Leben und Tod. In einer Sekunde, da ihre Blicke sich begegneten und ihre Herzen
und Seelen sich in diesen Blicken gegeneinander öffneten und ihr ein Laut
entfuhr, als löse sich ihr Leben auf, lag Ferdinand auf den Knien vor ihr und
drängte gewaltsam sein Haupt an ihren Busen. Die Lippen des Unglücklichen
berührten ihre Lippen und lösten das heilige Siegel der Pflicht.
    In diesem Augenblick öffnete der kleine Franz hastig die Tür, streckte sein
blondes, liebliches Köpfchen herein und rief freudig:
    »Der Papa kommt!«
    Das Mädchen hatte ihn mit diesem Zuruf von einem gefährlichen Spiel abhalten
wollen, er glaubte es wirklich und lief, seiner Mutter die freudige Nachricht zu
verkündigen.
    Kaum vernahm Ferdinand seine Stimme, kaum erblickte er das unschuldige,
heitere Bild seines Freundes, als er wütend auffuhr und hastig nach der Tür
sprang. Der Knabe erschrak vor dem Blicke des Wütenden, er floh und fuhr in der
Angst gewaltsam mit der Brust gegen die scharfe Ecke des Klaviers. Er stürzte zu
Boden. Ferdinand raffte ihn auf, Amalie eilte hinzu. Aus dem Munde des Knaben
floss Blut.
    Schmeichelnd sagte Franz: »Es ist nichts, Mama, erschrecken Sie nicht.«
    Ferdinand zerschlug seine Stirne. Amalie sah starr vor sich hin. Ihre Augen
begleiteten das Blut, das aus dem Munde des lieblichen Kindes floss.
    Ferdinand rief um Hülfe. Man eilte hinzu - das Blut hörte auf zu fliessen,
und man trug den bleichen Knaben in ein Nebenzimmer auf den Sofa.
    Amalie stand noch immer mit Ferdinand vor dem Blute. Plötzlich fasste sie
seine Hand und sagte mit einem dumpfen, lispelnden Tone, indem sie mit
ausgestrecktem Finger auf den Boden zeigte:
    »Blicken Sie nur dahin auf dieses Blut! Sehen Sie diese Purpurtropfen nur
an, die dem unschuldigsten Herzen entflossen, es sind die ersten Früchte des
Verbrechens - sie reifen schnell!«
    FERDINAND: Sie töten mich, da ich kaum noch lebe - Es war Zufall und wird
nicht von Folgen sein.
    AMALIE: Es wird von grossen Folgen sein - Und Zufall? Zufall nennen Sie
dieses? Wenn dieses Zufall ist - gen Himmel blickend - was bist dann du? Oh, so
war es denn auch Zufall, dass ich einst einige Worte hören musste, die an den
Ohren aller andern Horchenden ohne Wirkung vorüberflogen und die nur hier so
anschlugen, dass ihr Laut mir immer fortklang und der Blick, der sie begleitete,
nie wieder aus meiner Seele verschwindet. Ich weiss nun nicht mehr, was ich bin,
ich weiss nicht, was Zufall ist; denn ich fühle nur, dass Sie dieses da durch
mich, und ich durch Sie, getan habe. Und Sie sagen noch, es werde nicht von
Folgen sein? - Ferdinand, solcher Tropfen, wie diese da, werden mehrere fliessen,
sie werden langsam dem Herzen Ihres Freundes entquellen. Und ich - ich
Unglückliche fühle schaudernd diesen Augenblick, dass dieses Verbrechen und seine
Folgen mich noch mehr an seinen Urheber, den ich verabscheuen sollte, fesseln -
ja mehr als das vorher Begangene, weil ich die Vorstellung dieses und alles
dessen, was geschehen ist, geschehen wird, nicht allein ertragen kann. Nun
müssen Sie die Last mit mir tragen. Uns beide unterwirft dieses Verbrechen dem
schrecklichsten Joche der Vereinigung.
    Sie ging nach dem Nebenzimmer und kehrte nach einigen Minuten zurück.
    Ferdinand wagte es nicht, sich nach Franzen zu erkundigen.
    AMALIE: Die einzige Brust zerschlagen, an der er sicher ruhen konnte, das
einzige Herz zerdrückt, das ihn treu liebte - oh, es ist schrecklich! Und er ist
blass, ruhig, entkräftet und küsst zärtlich besorgt die Hand seiner Mutter, die
ihn tötete. Ja, Ferdinand, von allen unseligen Gaben, die dem Geiste des
Menschen zu seinem Unglücke verliehen sind, ist die unseligste, sich Ideale zu
bilden und zu schaffen. Dieses fühle ich, dieses ist mein Fall mit Ihnen.
    FERDINAND: So sei es der unsrige! Ich habe in einem Augenblick alles Leben
gelebt und kann nun sterben, kann sterben, ohne es zu bereuen. Sie können mir
gebieten zu sterben, aber das, was geschehen, ist nun ausser Ihrer, ausser der
Menschen Gewalt. Das Schicksal hat damals über uns gesprochen, als unsre Blicke
einander begegneten, es hat uns hierher geführt. Ich bin zu allem bereit. -
    AMALIE: Ja, uns verbindet ein unauflösbares Band, hier knüpfte es nun das
Schicksal über das Grab hinaus - vor einigen Augenblicken konnte es wenigstens
durch das Leben noch getrennt werden. Fassen Sie sich nur immer, bereiten Sie
sich auf Qualen, die nun unser Werk sind. Es ist geschehen, es ist geschehen,
wovor ich bebte, und es muss geschehen, was das Schicksal mit dem Blute des süssen
Knaben, des Lieblings seines Vaters, hier aufgezeichnet hat. Auch ich bin nun
bereitet, alles zu empfangen, was ich verdient habe. Ich konnte nie aufhören,
Sie zu lieben, kann ich es jetzt? Und könnte ich es - würde ich nicht
unglücklicher als ich bin? Jetzt teilen Sie mit mir, jetzt kann ich mein
Verbrechen in das Herz des Mitverbrechers schleudern, jetzt müssen Sie mit mir
leiden und mich vor Verzweiflung retten.
    Sie drückte ihre Lippen auf die seinigen, und dieser Kuss verknüpfte die
Unglücklichen, entfernte alle Rettung.
    AMALIE: Ich fasse mich nicht - in diesem Augenblick steht er hier vor mir -
Erinnern Sie sich, als er hier, hier auf dieser Stelle, gerührt durch den ersten
Abschied von seinem Weibe, unsre Hände fasste, ineinander legte und dann seine
Tränen, Unglück weissagend, aus seinen Augen drangen?
    FERDINAND: Ja, ich erinnere mich. - Oh, warum mussten Sie ihm Ihre Hand
geben, ihm, den Sie nicht liebten!
    AMALIE: Ich gab ihm meine Hand, weil ich sie keinem edlern, würdigern unter
allen Männern geben konnte. Ich würde sie ihm gegeben haben, auch wenn Sie
gegenwärtig gewesen wären. Die Verblendete traute sich, ihrem Geiste und
glaubte, ihr Herz gliche diesem. In dieser Täuschung dachte ich nicht, dass,
indem ich die Hand des edelsten Mannes berührte, ich ihm die Hand des seiner
unwürdigsten Weibes darreichte. Jetzt begreife ich es, jetzt begreife ich, jetzt
sehe ich, wie ich fallen, selbst an seiner Seite mich nach diesem Falle sehnen
konnte. - Und nun gehen Sie. Jetzt erwarte ich den Arzt.
    FERDINAND: Werden Sie ihm die Wahrheit sagen?
    AMALIE: Die Wahrheit - ach ja, Sie erinnern mich an das, was ich nun bin,
dass ich in meiner Lage keiner Tugend mehr mächtig bin. Darum sagt Ernst, es gibt
nur eine Tugend für den Mann und das Weib, und sie muss fest beisammen gehalten
werden, denn sie kann keinen Verlust ertragen, auch den kleinsten,
unmerklichsten nicht. Schlafen Sie nun wohl. Sie haben Ihren Wunsch erreicht,
ich den meinigen. Wir müssen nun tragen, was erfolgt; für mich ist nach jenem
Augenblicke keine Rückkehr mehr! - Gehen Sie. Es ist schon spät, und wir müssen
von nun an den Anstand beobachten; gestern brauchten wir das noch nicht.
                                      14.
Amalie setzte sich bei Franz nieder, und der Knabe versicherte ihr, es sei ihm
ganz wohl, ganz leicht. Er fürchte nur, Ferdinand mochte böse auf ihn sein, dass
er ihn erschreckt hätte, er bat seine Mutter, sie möchte ihn wieder gut machen;
nur sei es schade, dass das Mädchen eine Lüge gesagt. Dann fragte er, ob sein
Vater bald kommen würde.
    Amalie antwortete: »Er wird bald kommen«; und ihre Tränen flossen.
    FRANZ: Weinen Sie nicht, Mama; ich bin schon wieder gesund. Es ist recht
gut, dass ich geblutet habe. Papa sagt mir immer, wenn ich aus der Nase blute, es
erleichtert den Kopf. Nun, da ich aus der Brust geblutet habe, wird es wohl das
Herz erleichtern. Das tat es gleich; denn als ich Ferdinand so böse sah, klopfte
es mir so heftig.
    Jedes Wort war ein Dolchstich in das Herz Amaliens, und nun sagte sie mit
bebender Lippe:
    »Franz, du musst dem Arzte nicht sagen, dass du vor Ferdinand erschrocken
bist, dass du dich darum gestossen hast; auch dem Papa nicht, er möchte auf
Ferdinanden zürnen.«
    FRANZ: Gewiss nicht, Mama! Ich war ja an allem schuld. Warum kam ich auch,
als wollt ich hören, was Ihnen Ferdinand Geheimes sagte! Hat Papa mich nicht
immer gelehrt, ich müsste das nicht tun? Zwar wusste ich's nicht und war voller
Freude und wollte Ihnen und ihm die frohe Nachricht zurufen. Ich werde es keinem
Menschen sagen, dass der gute Ferdinand einmal auf mich böse war. Er liebt mich
und sagt mir oft, ich gliche dem Papa und er glaubte immer, er sähe ihn in mir
vor sich, wie er damals war, als sie noch als Kinder zusammenlebten.
    Amalie hob ihre Augen gen Himmel und lispelte in ihrem Herzen: »Du rächest
dich schrecklich! Des unschuldigen Kindes Worte sind Schwerter, welche die Seele
durchdringen.« - Mater dolorosa! sang sie in zitterndem Tone und küsste den
bleichen Knaben, legte ihn bequemer und berührte seinen zarten Leib mit einer
Behutsamkeit, als fürchtete sie, die erschütterte Seele könnte ihm unter ihrer
Berührung entfliehen.
    Der Arzt kam. Amalie sagte ihm, das Kind habe sich aus Übereilung an die
Brust gestossen und stark aus dem Munde geblutet. Der Arzt fand den Umstand wegen
des zarten Alters bedenklich und sagte leise zu ihr: »Wenn die Lunge nicht durch
die Erschütterung gelitten hat, so hoffe ich, es soll vorübergehen. Ich bitte
Sie, ihn ruhig zu halten.«
    Amalie wachte lange bei dem Kinde. Es entschlief sanft, aber seine Blässe
war ihr ein Bild des Todes, sein leises Atemholen ein Zeichen nahender
Auflösung. Ihre Nacht war schrecklich, nur am Morgen schien sie mehr gefasst und
entschlossen. Das Weiche, Zärtliche schien ganz verschwunden, aber dafür lag auf
ihrer Stirne, in ihren Augen, ihrer Stimme der düstre Ausdruck der Entsagung.
Jeder, der sie sah, musste glauben, das ruhigste, erhabenste Gefühl habe nach
einer gefährlichen Erschütterung ihre Seele so gestimmt. Als Ferdinand kam,
lächelte sie ihm zu. Er ergriff ihre Hände, drückte sie an sein Herz und sagte:
    »Soll ich heute noch leben?«
    AMALIE: Sie sollen, Sie müssen es. Das, was uns erreichen soll, eilt mit
schnellen Schritten auf uns zu, wir können ihm nicht mehr entgehen.
    FERDINAND: Oh, so lassen Sie uns nur einen Augenblick in dem Gefühle leben,
das mich gestern gewaltsam zu Ihren Füssen hinwarf. Lassen Sie uns träumen, es
sei nichts vorgefallen seit jenem unbegreiflichen Augenblicke.
    AMALIE: Dieser Augenblick hat gewirkt, er entfloh nun und kehret niemals
wieder. Ich habe eine Nacht gelebt, wovon ich keine Ahndung hatte, und die
Ihrige ist wohl nicht besser gewesen. Wenigstens sehen Sie darnach aus. Nun habe
ich mich gefasst, wie der zum Tode Verurteilte, der noch wenige Zeit zu leben
hat. Der Unglückliche möchte so gerne geniessen, was man ihm anbietet, so gerne
nach einem andern Gegenstande hinblicken, umsonst! er sieht nur das nahe,
schreckliche Ende, und auch die wenigen, noch übrigen Minuten entfliehen ihm
ungenutzt.
    FERDINAND: Amalie! und dies nennen Sie gefasst sein? und Sie sagen, ich soll
leben? In diesem Zustande kann ich Sie nicht lange sehen, ich kann selbst den
meinigen mit aller meiner Kraft kaum ausdauern. Wohl! Von uns dreien muss eins
das Opfer sein; so sei ich es! Ich verschwinde, Sie vergessen mich und sind so
glücklich, als sei nichts geschehen.
    AMALIE: Sie jetzt vergessen, da ich Sie vorher nicht vergessen konnte? Und
ich sollte so glücklich sein, als sei nichts geschehen? Nichts geschehen! Und
wenn jetzt auch geschähe, was vorher unmöglich war, wenn ich mich von dieser
unbezwinglichen Leidenschaft befreien könnte, die mich gewaltsam zu Ihnen
hinzieht, bin ich noch das Weib, das ich gestern war? Zerbrach nicht mein
Gelübde auf Ihren Lippen? Ist nicht alles in mir zerstört? Ist da nichts
geschehen? kann, konnte noch mehr geschehen? Findet er mich, wie er mich
verlassen hat? Ich bin so tief unter ihn gefallen, dass mein Geist die
schreckenvolle Tiefe nicht anzublicken wagt; soll ich nun ebenso tief unter mich
selbst sinken und ihn als Betriegerin aufnehmen? Das vermag ich nicht; denn so
wenig ich dem hinwelkenden Knaben, seinem Lieblinge, die vorige Blüte
wiedergeben kann, ebenso wenig kann ich mir meinen vorigen Sinn, meine vorige
Reinheit wiedergeben. Und darum kann ich seine Gattin nicht mehr sein. Fliehen
Sie nur! Er wird darum nicht glücklicher, ich werde nur unglücklicher; denn wenn
ich Sie verliere, so wird mir das Verbrechen selbst unnütz. (Dieses sprach sie
mit Spott aus.)
    Ferdinand fasste diesen Gedanken mit der heftigsten Leidenschaft; er
umschlang sie. Sie ertrug seine glühenden, wilden Küsse, aber als er sich zu
vergessen schien, wand sie sich aus seinen Armen, hielt ihn zurück und rief:
    »Dieses! dieses sind die Täuschungen, die meine Seele so lange bezauberten!
diese Ergiessung der Liebe war es, was meiner verblendeten Seele so lange
vorschwebte - dieses allein. Kommen Sie! Sie haben dem Kranken noch keinen guten
Morgen gesagt. Sie sollen selbst hören, wie er trauerte, sie erzürnt zu haben.«
                                      15.
In dieser Stimmung verharrte Amalie, und Ferdinand fühlte bald, dass er nun alles
Glück verloren hatte, das ihm noch auf Erden übriggeblieben war. Er sah ein, dass
seine Vermessenheit um allen Preis, um sein Dasein selbst, das nicht erhalten
würde, wofür er es geopfert hatte. Er fühlte sich von Amaliens Geiste
unterjocht. Sie gestand ihm tausend-, tausendmal ihre sie verzehrende
Leidenschaft, zog ihn immer mehr an, und die Früchte für ihn waren -
erschütternde Szenen, ein wildes Gewühl von Empfindungen, die bald sein Herz
zerrissen, seinen Geist folterten und bald ihn mit einer Wonne erfüllten, zu
seiner Erhabenheit emporhoben, für welche es der Sprache an Worten fehlt. Amalie
hatte der Musik ganz entsagt, und sein Flehen, seine Tränen, selbst die Bitten
des kranken Kindes vermochten hierin nichts über sie. Es schien, als flistere
ihr Genius ihr zu: »So weit hat dich diese Zauberkunst gebracht, weiter soll sie
dich nicht bringen!«
    Renot lachte nur. Er fühlte seinen Triumph, er sah das Glück des Mannes
zerstört, der ihn um einer luftigen Schimäre willen verachtet, beleidigt hatte.
Er sah ihn in dem Mittelpunkte seines Daseins, in dem Glauben an seinen Traum,
verwundet. Er spottete über das feierliche, tragische, düstere Wesen, das nun
Ferdinand durch Amaliens Stimmung angenommen hatte, und bewies ihm, es gebe nur
ein Mittel, dieses von Ernstens Schimäre angesteckte Weib zu heilen, welches
trotz aller Schwärmerei doch so sehr zeige, dass es nur ein Weib sei; und diese
Heilung würde allem Übel zuvorkommen, das er befürchte. Ernst würde es dann
nicht gewahr werden. Nur halbe Sünder ertappe man, die Kühnen rette das Glück,
und er sei seinem Freunde wenigstens die Schonung schuldig, ihm sein Unglück zu
verbergen. Alles, was nun geschehen werde, sei ein unvermeidliches Schicksal,
das alle Toren dieser Art treffe.
    Er drang in Ferdinand, ihn bei Amalien einzuführen, und versprach, sie in
kurzem aus diesem langweiligen, düstern Wesen herauszuspotten. Ferdinand tat es.
Amalie sagte ihm, als sie jenen einigemal gesehen hatte:
    »Bringen Sie mir diesen Menschen nicht wieder. Nur er, nur das, was er mit
Zweck zu sagen scheint, könnte mich zur Verzweiflung treiben. Seine Worte
erkälten mein Herz und töten meinen Geist. In seiner Gegenwart seh ich nur mein
Verbrechen, und ich will es jetzt nicht sehen, ich will dem drohenden Schicksal
die letzten Augenblicke rauben und dann vergehen, dann mich ihm hingeben. Die
Liebe mit dem Verbrechen soll mich töten, nicht das Verbrechen allein.«
    Als sie den folgenden Tag zusammensassen, trat der Arzt herein:
    »Der Knabe hustet; es ist ein Fieber da.«
    AMALIE: Und morgen, morgen kommt sein Vater.
    Ferdinand bebte und wendete dem Arzt den Rücken. Amalie sagte leise zu
Ferdinand: »Ich habe Briefe von ihm und wollte es Ihnen verbergen.«
                                      16.
Voll Schmerz über seinen Verlust, erschüttert durch die Verwüstungen des Krieges
und durch das Elend des Volkes, das er nun in seinem ganzen schrecklichen
Umfange gesehen hatte, kehrte Ernst nach Hause zurück, wo er allein Trost,
Linderung und Ruhe erwartete, wo aber schon alles für ihn verloren war. Der
düstre, beklommne Empfang Amaliens und seines vermeinten Freundes fiel ihm jetzt
nicht auf, er fand die Ursache in seinem erlittenen Unglück, in seiner eignen
trüben Stimmung. Er fragte nach seinem Sohne. Amalie sagte ihm zitternd:
    »Erschrecken Sie nicht allzu sehr. Franz ist seit einigen Tagen nicht wohl,
wir halten ihn im Bette, damit er ruhiger sei.«
    Ernst eilte zu ihm. Der Blitz der Freude traf aus den jetzt grossen blauen
Augen sein väterliches Herz, aber als er nun seine trocknen, bleichen Lippen,
seine eingefallnen Wangen an seinen Wangen fühlte und den kranken Atem vernahm,
die welken Hände ansah und ihn lange angestarrt hatte, sank er an Amaliens
Busen, und sein Leben schien zu erlöschen. Der freundliche, kranke Zuruf des
Knaben erweckte ihn aus dem Todesschlummer, und als ihm Franz versicherte, ihm
sei recht wohl, er würde gleich aufstehen, wenn es die Mama erlaubte; und als er
dann nach dem Grossvater fragte, da zerschmolz Ernstens Herz, und nun erst
konnten seine Tränen fliessen. Er setzte sich bei dem bleichen Knaben nieder und
sah in die verwelkten Blüten seiner Hoffnung. Von diesem Augenblicke an konnte
er nichts anders mehr denken und fühlen, er sah nur ihn, lauschte nur auf ihn.
Bei jedem leisen Husten, jeder schmachtenden Bewegung drückte er Amaliens Hand,
als könnte er nur durch diesen Druck sein Herz in seinem Busen zusammenhalten.
Aber Amaliens Hand lag so kalt in der seinigen, als hätte der Tod ihr Blut
erstarrt.
    Sie konnte ihm die Ursache der Krankheit nur stammeln.
    Ernst brach auf und ging zu dem Arzte. Der Himmel und alle Gegenstände
hingen schwarz über ihm und um ihn. Seine ganze Seele war in Trauerflor gehüllt,
und die düstern Ahndungen schwebten in der Finsternis, ohne Namen, ohne Sinn.
    Der Arzt kündigte ihm mit Schonung sein nahes Unglück an und sagte ihm,
Franz habe nicht lange zu leben, da in diesem zarten Alter die Brust nicht lange
widerstehe.
    Ernst antwortete:
    »Nun, so will ich alle meine Geschäfte schnell zu Ende bringen und seiner
warten.«
    Als er nach Hause kam, sagte er zu Ferdinand: »Um deinetwillen habe ich so
lange gezögert, zurückzukehren, ich hoffe, dir in einigen Tagen gute Nachricht
geben zu können. Halte dich fertig!«
    Ferdinand konnte ihm kaum antworten: »Wie kann ich dich jetzt verlassen?«
    Ernst erwiderte: »Du verlässest nur Unglückliche.«
    Er ging in sein Kabinett und öffnete die Briefe, die in seiner Abwesenheit
angekommen waren. Auf einem erkannte er Hadems Hand, er drückte ihn an seine
Lippen und schlug ihn auf; denn hier schimmerte ihm Trost entgegen. Hadem
schrieb, er habe alles zu Ende gebracht, werde zu der und der Zeit in Paris sein
und dann zu seinem Schüler eilen, wo sein Paradies ihm blühe und wo er den
Vorschmack des künftigen Lebens schon in dem Lande ihres Bundes zu geniessen
hoffe. Ernst seufzte: »Komm, Edler! Aber ehe du kommst, werden die schönsten
Blüten dieses Paradieses schon verwelkt sein. Dein Schüler wird selbst in deinen
Armen wie ein Verlassner weinen! In ihm solltest du ihn wiederfinden und einen
neuen, sichrern Traum beginnen!«
    Nun öffnete er einen Brief des Ministers, seines Schwiegervaters. Dieser
schrieb, er melde ihm mit dem grössten Kummer, dass die niederträchtige Bosheit
seiner Feinde ihn an dem grossen Hofe, wo er sich wegen wichtiger Geschäfte für
den Fürsten aufhalte, als einen wilden Demagogen und Aufrührer bezeichnet und
diese Angabe durch seine letzte Rede in der Versammlung des Adels bekräftigt
habe. Man beweise es ferner durch einen langen, zwar offnen Briefwechsel, den er
mit Parisern unterhalte, und führe sogar seine Reden an der fürstlichen Tafel
an, denen man den giftigsten Sinn unterlege. Er würde ihm diesen Unsinn nicht
geschrieben haben, wenn der Minister im Namen seines Hofes ihm nicht
ausdrücklich aufgetragen hätte, dem Fürsten dieses alles zu schreiben und ihn zu
warnen, weil Beispiele dieser Art, von Leuten seiner Bedeutung gegeben, in der
jetzigen Zeit allzu gefährlich und an andern Höfen nachteilig für den Fürsten
wären. Er habe darauf geantwortet, was Gewissen, was Pflicht erforderten und was
sein edler Sohn verdiene. Gleichwohl sei man bei dem Verlangen geblieben, und er
habe also diesen für ihn so schmerzlichen Auftrag dem Fürsten schreiben müssen.
Er vermute, woher das alles komme; indes sei für jetzt nichts anders zu tun, und
man müsse des Fürsten Verhältnis, das in diesem Augenblicke wie die Lage jedes
kleineren Fürsten höchst bedenklich sei, zu schonen suchen. Wie dieses aber
einzuleiten sei, überlasse er dem Herzen und dem Verstande seines Sohnes, usw.
    Ernst hatte schon so viele Ungerechtigkeit von den Menschen erfahren, dass
dieser Brief beinahe gar keine Wirkung auf ihn tat. Er lächelte wehmütig und
schlug den Brief zusammen. Das einzige, was er dachte, war, den Wink des
Ministers zu befolgen und sich eine Zeitlang von dem Fürsten zurückzuziehen. Er
sah selbst in dem Vorfalle nur Gewinn für sich, da er sich jetzt seinem Schmerze
ohne allen äussern Zwang überlassen konnte. Er ging zum Fürsten. Dieser nahm ihn
mit eben der Wärme und eben dem Zutrauen auf, mit welchem er ihn entlassen
hatte, und beklagte gerührt seinen erlittnen Verlust.
    Ernst antwortete mit nassen Augen:
    »Noch drohet mir der zweite, und ich weiss nicht, wie ich ihn ertragen
werde.«
    Der Fürst glaubte, er deute auf des Ministers Bericht (dieser hatte ihm
nämlich gemeldet, er habe an Ernst darüber geschrieben). Er antwortete in diesem
Sinne:
    »Sein Sie ohne alle Sorge. Ich fürchte weder für mich noch für Sie, ich
achte solche Dinge nicht, die, wie es scheint, die einzigen Waffen unsrer
Verteidigung sind. Ich werde nie vergessen, dass ich ein Fürst, ein teutscher
Fürst bin. Ich werde mir nie, weil mein Fürstentum klein und darum glücklicher
ist, Gesinnungen und Handlungen aufdringen lassen, die mein Herz und mein
Verstand verwerfen. Der Minister schrieb mir, er habe Ihnen die Bosheit dieser
Elenden gemeldet. Ich wünschte, er hätte geschwiegen, aber wir wollen sie
entlarven.«
    Ernst dankte ihm und versicherte, das, was er höre, gereiche ihm in seiner
Lage zu grossem Trost. Er setzte hinzu:
    »Aber doch nötigen mich die Gesinnungen, die Ew. Durchlaucht mir Ihnen laut
zu bekennen erlauben, dass ich mich entfernt halte. Das Gelübde, gnädiger Herr,
das Sie mir einst abnahmen, kann nur mit der Tugend in meinem Herzen aussterben;
und darum hoffe ich, es soll ewig dauern. Der Hass, die Wildheit, der Eigennutz
und der Stolz der Menschen können seine Wirkung auf Augenblicke hemmen, ganz
auflösen nie. Meine Pflicht, die Umstände, Ihre eigenen Verhältnisse erfordern,
dass ich mich auf einige Zeit zurückziehe - und, gnädiger Herr, das, was ich in
meinem Hause fand, macht mich zu allem unfähig. Verzeihen Sie. Sie sind Vater -
Ich habe nur einen Sohn. Schön, lieblich, geistreich, hoffnungsvoll, in
blühender Gesundheit verliess ich ihn - der nahe Tod lächelte mich zum Willkommen
aus seinen Augen an.«
    Der Fürst ergriff seine Hand:
    »Es bleibt unter uns fest und ewig! Vergessen Sie nie, dass Sie einen Freund
in mir haben.«
    In dem Vorzimmer fand Ernst seinen Oheim, der auf ihn zutrat und ihm kalt
sagte:
    »Wie befindet sich Ihr Sohn?«
    Ernst antwortete nur mit einem schmerzvollen Blick, und der Präsident sagte
noch kälter:
    »Bald werden Sie meiner Weissagung glauben. Sie verachteten sie einst, nun
ist sie der Erfüllung nahe.«
    Ernst begriff ihn nicht, aber es dünkte ihn, eine glühende eherne Faust
umfasse sein Herz.
                                      17.
Ernst fand bei dem Bette seines Sohnes schon den Kammerrat Kalkheim. Dieser
konnte kaum seinen Gruss beantworten, er sass da, wie Ernst ihn einst an dem Bette
des kranken Knaben in des Schulzen Hause gefunden hatte, aber jetzt
niedergeschlagen, hoffnungslos, auf keine Heilungsmittel sinnend; denn auch ihm
hatte der Tod aus der hinwelkenden Blume entgegengelächelt. Die Blicke beider
begegneten einander - sie schwiegen, sie verliessen den Kranken nicht mehr. So
verflossen einige Tage. Der Knabe lag ermattet, aber nun erwachten seine letzten
Kräfte, und die beiden Freunde standen vor dem begeisterten Redner - Schöne,
unzusammenhangende, hüpfende Gedanken und Empfindungen dachte und fühlte die
begeisterte Seele des Knaben, die in dem verwelkten, engen Körperchen keinen
Raum mehr hatte und sich sehnte, das Bild des Todes in ihm zurückzulassen, um
nur das Freie, Fessellose zu denken - Diese Gedanken und Empfindungen drangen
von seinen jetzt geröteten Lippen wie der lyrische Gesang des von der Morgenröte
begeisterten Dichters, dem in ihr das Bild des künftigen Lebens aus dem Dunkel
der Nacht emporsteigt - er lispelt seine Gefühle nur, er deutet sie nur an, er
eilt, dass ihm kein irdischer Schatten, kein fremder Gedanke das entzückende
Gefühl schwäche - ihm stehen die Pforten der künftigen Welt offen - der
Unsterbliche singt dem Unsterblichen, und nur dieser vernimmt und versteht ihn.
    In Ernstens Hause herrschte nun die Stille des Todes. Da hörte er keinen
Laut, da sah er nur Verzweiflung, Blicke der Angst, bleiche Wangen. Das ihm
unbekannte Verbrechen schlich noch leise um ihn - es trat auf wie der Mörder,
der den süss schlafenden, bei dem letzten Strahl der Hoffnung eingeschlummerten
Unglücklichen ermorden will.
    Und in dem einsamen Zimmer sassen Amalie und Ferdinand, sie drängten sich
aneinander wie zwei von den stechenden Gewissensbissen Verfolgte, die sich
heimliche, unauslöschbare, unversöhnbare begangene Verbrechen entdeckten,
getäuscht von dem Wahne, durch die Mitteilung das zerdrückte Herz zu
erleichtern, die Folter des Geistes zu besänftigen. Sehnend suchen sie einander,
und wenn sie sich finden, so verschwindet die Täuschung. Jeder sieht sein
schreckliches Verbrechen in den Zügen, den Augen des andern - sie fliehen sich,
eilen wieder zusammen; denn jeden ergreift der Geist der Rache in der Einsamkeit
allein - vereinigt umschlingt er sie beide, und ihr Seufzen, ihr Ächzen, ihre
Gewissensbisse vermischen sich.
    Ferdinands Herz zernagte ein zwiefaches Verbrechen: Schuld an dem nahen Tode
des von seinem Vater so geliebten Kleinen, Bruch der Freundschaft und des
Gastrechtes, Beraubung alles Trostes, aller Hoffnung und Linderung in der
Gattin, auf die der unglückliche Dulder noch jetzt, an dem Bette des sterbenden
Knaben, zählte.
    Amalie sprach nun nicht mehr, sie schien den Schlag des Todes bei der
Auflösung des Knaben zu erwarten.
    Und noch betäubte die Flamme der Leidenschaft auf Augenblicke die Schläge
des Gewissens, aber diese Flamme brannte, wütete, zehrte, sie konnte nicht
beseligen; denn die Liebe hatte sich nun im Gewande des Schreckens, des Mordes
zwischen die Unglücklichen gestellt, und sie fuhr mit ihrer kalten, tötenden
Hand zwischen die brennenden Küsse, wenn die Strafbaren in Umarmungen ihre von
der Verzweiflung umhergetriebenen Seelen suchten.
    Die Nacht war tief heruntergesunken, und dunkel brannten die Kerzen in dem
stillen Zimmer. Die Unglücklichen lagen Wange an Wange, Arm in Arm verschlungen,
wie Bilder des Todes am Grabe; und sie sassen an dem Grabe ihrer Tugend, ihres
Glückes.
    Ernst trat herein, und mit einem Tone, wie nie sich einer dem Herzen eines
Menschen entriss, rief er:
    »Mein Franz ist verschieden! wohl ihm! weh mir!«
    Als er näher trat und die Unglücklichen Wange an Wange, Arm in Arm starr vor
ihm sassen - Todesangst sie ganz ineinander geschlungen hatte - und als er in
ihren auf ihn gerichteten Blicken etwas über allen Ausdruck Schreckliches und
Bedeutungsvolles erblickte, da stand er vor ihnen, wie das geängstete Gewissen
den Richter der Welt vor sich stehen sieht, und rief mit einem feierlichen Tone:
    »Über wen soll ich noch Weh ausrufen?«
    Jetzt sprang Amalie auf und riss sich aus den Armen des Bebenden,
Hinsinkenden:
    »Über mich! über diesen hier! über die Verbrecher, die deinen Liebling
ermordet haben - Treue, Freundschaft brachen und ihn in dem Augenblick
ermordeten, da sie die Treue brachen. Vor dem Zorne dieses fliehend, als er die
Treulosen überraschte, stiess sich der Zarte an dem Klavier; das Blut strömte und
mit dem Blute die Quelle seines Lebens. Diesen Unglücklichen hier liebte ich mit
der Flamme der Leidenschaft, sie schlief in meinem Busen und erwachte, als ich
ihn wiedersah. Und noch lieb ich ihn! - Ja, schaudere, bebe und wende dein
Angesicht von mir! Von dem Augenblicke an, da das erste und das darauf folgende
Verbrechen begangen war, blieb keine Rettung mehr für mich. Der Tod des
Unschuldigen, den du mir jetzt ankündigest, macht mich so unglücklich als ich es
werden kann; aber durch ihn wird das Band, das die Verbrecher zusammenkettet,
unauflöslich. Seine Reize sind jetzt seine und meine Gewissensbisse, seine
Lockungen die Qual, dass keiner ohne den andern leben kann, dass jeder in dem
Elende des andern leben muss - dies ist es, was uns auf ewig vereinigt!«
    Ernst antwortete mit bebender Stimme:
    »Oh, es ist genug!«
                                      18.
Als Ernst wieder in das Zimmer zurückkam, trat er neben die Leiche seines
Sohnes. Der Kammerrat blickte ihn an und bemerkte an ihm eine Veränderung, die
ihn so entsetzte, dass das Schlagen seines Herzens stille stand. Nachdem Ernst
den letzten Atemzug von den Lippen des Knaben geküsst, ihn gesegnet und seinem
scheidenden Geiste nachgesehen hatte, sagte er zu dem Kammerrat: »Ich kann hier
gar nicht weinen! Bei Amalien werde ich es können.« Jetzt, nach seiner Rückkehr,
stand er da, ganz mit der grauen Aschfarbe des Todes bedeckt, und heftete seine
gebrochenen Augen gleich einem Toten licht- und strahlenlos auf die Leiche
seines Sohnes.
    Der Kammerrat näherte sich ihm, ergriff seine Hand, drückte sie an seine
Lippen, an sein Herz und sagte schluchzend:
    »Können Sie noch nicht weinen?«
    Ernst schwieg wie in Todesschlummer.
    Und abermals schrie der Kammerrat heftig:
    »Können Sie noch nicht weinen?« - Er warf sich zwischen ihm und der Leiche
auf die Knie nieder und betete:
    »Gott, der du mit deinem Regen die Erde und den Durstigen tränkest, gib
diesem Menschen Tränen! Er ist eins deiner besten Geschöpfe! Gib ihm Tränen aus
der Quelle des bittersten Schmerzes!«
    Er erhob sich und umfasste ihn - seine Tränen netzten die Wangen des Starren
-
    »Hat Gott mein Gebet erhört? Können Sie weinen?«
    Ernst sagte wie träumend:
    »Weinen? Nein, noch nicht! Hören Sie doch! Glauben Sie nicht, dass dieser
ermordete Jüngling wieder aufwachen wird? Ist gar keine Hoffnung da?«
    KAMMERRAT: Er lebt! dort lebt er! Hier erwacht er nie.
    Ernst stürzte an dem Bette nieder, ergriff die Hand des Toten, bewegte die
Leiche sanft und sagte:
    »Er soll, er muss erwachen! Franz, mein Sohn, erwache! Errette deinen Vater!
- errette seine Seele, seine Tugend! Lebe, dass er nicht verzweifle, dass er sich
an ein treues Herz drücke!«
    KAMMERRAT: Ich erkenne Sie nicht mehr - und Sie verwerfen mich. Sie hören
nicht auf mich - Und warum rufen sie dem lieben Toten diese schrecklichen Worte
nach?
    ERNST: Oh, ich habe Dinge vernommen - Er legte die Hand des Toten auf seinen
Mund. Ich will es verschweigen - und ich versiegle deinen Mund - indem er ihn
küsste - Klage nicht an! schweige dort, wie du hier geschwiegen hast! - Auch ich
klage nicht an. - Legen Sie Ihre Hand in die Hand des Toten und verschweigen
auch Sie, was Sie gehört haben. - - Wir müssen noch diese Stunde dies Haus
verlassen.
    KAMMERRAT: Ihr Haus? Jetzt?
    ERNST: Es ist nicht mehr mein Haus. Wir müssen es verlassen und den Toten
auf mein Gut führen. Lassen Sie schnell den grossen Wagen anspannen - indessen
will ich ihn in ein Leichentuch einhüllen. Geschwind, geschwind! ehe der
Wahnsinn mich dahin bringt, dass ich ihm den letzten Dienst nicht leisten kann.
Niemand soll ihn berühren als ich und Sie, niemand in diesem Hause soll ihn
sehen - Und bestellen Sie, dass mir nur die alten Diener meines Vaters folgen.
    Der Kammerrat ging. Als er zurückkam, fand er Ernsten noch beschäftigt, den
Knaben in Leichentücher einzuhüllen. Nun trugen sie den Toten leise und sanft
die Treppe hinunter. Als sie an dem Zimmer der unglücklichen Mutter
vorübergingen, fühlte der Kammerrat den Körper des Entseelten durch das heftige
Zittern des Vaters in seinen Händen beben. Ernst lispelte ihm über die Leiche
zu: »Leise! leise! dass man uns nicht höre!«
    Ernst setzte den toten Knaben neben sich, dem Kammerrat gegenüber, und hielt
ihn fest umschlungen. Als sie aus der Stadt waren, liess er die Wagenfenster
nieder. Sie fuhren langsam und immer schweigend. Der Kammerrat fühlte noch oft
nach Ernstens Hand, aber dieser hielt den Toten fest umschlossen und bewegte
sich nicht. Der Kammerrat lauschte auf seinen Atem, er hörte ihn nicht und wurde
von einer schrecklichen Angst überfallen. Aber als sie um den Forst bogen, als
der Mond jetzt heraufgestiegen war und sein Schimmer in den Wagen fiel, als
Ernst in diesem Augenblick das Gesicht seines hingeschiednen Lieblings von dem
sanften Glanze verklärt sah und sich nun erst seine Tränen ergossen, da fiel der
Kammerrat auf seine Knie, drängte sich an ihn und hielt ihn und den Toten fest
umschlungen.
    Ernst sagte sanft:
    »Dort strahlt dein Geist im Lichte lieblicher! Und hier glänzt die zarte
Hülle, in welcher er so schön aufblühte, in dem reinsten irdischen Lichte!
    Er muss reisen, mein Geliebter, das väterliche Haus verlassen, um ein Grab zu
suchen - Glücklicher, du wirst es finden in dem Paradiese deines Vaters, an dem
Orte, den er nie hätte verlassen sollen, den er nun mit der Klage betritt, dass
ihm seine dort blühende Wiege nicht so früh zum Grabe geworden ist wie dir!«
                                      19.
Der Totenruf der Glocke von dem Hügel herab, auf dem die Kirche einsam stand,
versammelte die Gemeinde. Der mit Blumen geschmückte Sarg des lieblichen Knaben
war vor den Altar gesetzt, und die Gemeinde vergoss stille Tränen. Der Vater
stand neben dem Sarge und weinte nicht mehr, aber sein Anblick erschütterte die
Anwesenden, und Weinen und Schluchzen unterbrachen den frommen Redner, der
Bilder der Unsterblichkeit sammelte und sie an dem Sarge des Lieblichen zu einem
schönen Kranze für jenes Leben flochte. Als man den Sarg in die Gruft senkte und
der Geistliche den Segen sprach - sprach der Kammerrat ihn laut nach und aller
Stimmen mit ihm. Die Mädchen und Knaben überschütteten Sarg und Grab mit Blumen.
Nachdem alle die Kirche verlassen hatten, folgte Ernst, und als die Türen auf
ihren Angeln dröhnten und dumpfschallend zufuhren, wendete er sich um und sagte
zu dem Kammerrat:
    »Der Schall tönt wie aus der Ewigkeit her, die Pforten des Glücks auf Erden
schlossen sich mir!«
    Nichts, was ihn umgab, schien ihn jetzt zu rühren. Achtlos ging er in dem
Garten seiner Jugend umher, ihre goldnen Träume lagen verdunkelt in seinem
Geiste, die Tore jenes erhabenen Landes waren mit Finsternis bedeckt, und die
Göttin, die ihn geleitet hatte, die ihm einst in Amalien so sichtbar erschien,
dass er sie in ihr erkannte, war verschwunden. Wenn ihn das zermalmte Herz an ihr
Dasein erinnerte, so sah er in ihr das erhabene Bild erniedrigt und mit Schmach
bedeckt - auf ihrem Angesicht erblickte er eine grässliche Larve, die seinen
Glauben verhöhnte. Jetzt lag sein Geist nur an der Erde, er konnte seine
gesenkten Schwingen nicht erheben, ihre Flugkraft war zerschnitten, und er sass
in seinem blühenden Paradiese wie der düstre Genius des Todes am Grabe. Aber
bald entsprangen giftige Zweifel aus den schaudervollen Betrachtungen über sich
selbst, die Menschen und das, was sie, was die Geliebtesten unter ihnen ihm
getan hatten. Sie drangen in sein Herz und aus diesem zu seinem verfinsterten
Geiste. Aber noch trieb er ihren Stachel zurück. Auf einmal stand er plötzlich
vor der Höhle, die sein bedeutendes Kleinod in sich verbarg, und es erschien ihm
nun wie eine Sage der Fabelzeit - von einer andern Welt erzählt - Er wollte
hineindringen und fühlte sich gewaltsam zurückgehalten. Ihn dünkte, als vernehme
er Hadems Stimme, ihn dünkte, dessen Geist lispele ihm zu und rufe ihn zurück.
Er entfloh, und als er den Kammerrat in dem Garten des Schlosses fand, rief er:
»Zu ihm! zu ihm! Nur Hadem kann mich von dem bösen Dämon erretten, den jene mir
nachgesandt haben.«
    Der Kammerrat bestärkte ihn in seinem Entschlusse und freuete sich, dass ihn
ein anderer Gedanke beschäftigte. Nur erschrak er, als er vernahm, dass Ernst
seinen Hadem in Frankreich aufsuchen wollte.
    »Ja, in Frankreich!« rief Ernst; »dort will ich ihn suchen und erwarten,
wenn er nicht angekommen ist.«
    Er beschäftigte sich die ganze Nacht, schrieb an den Fürsten, meldete ihm
seinen Entschluss und sagte ihm, dass er sich nur so retten könne.
    An Amalien schrieb er folgende Zeilen:
    »Ich fliehe nach Frankreich - Die Entweichung, das Verlassen berechtigen zu
der Scheidung. Der Kammerrat Kalkheim wird, bevor Sie dieses erhalten, dem
Notarius die Bekräftigung von meiner Seite überliefert haben. Zugleich werden
Sie von ihm Wechsel auf eine Summe und die rechtliche Abtretung des Hauses,
worin Sie wohnen, bekommen.«
    Dem Kammerrat übergab er die Wirtschaft und verliess denselben Tag den
vaterländischen Boden.
 
                                  Fünftes Buch
                                       1.
Das Gerücht von Ernstens Abreise nach Frankreich erscholl und wurde mit aller
Bosheit ausgebreitet. Man wusste die wahre Veranlassung, aber jeder schwieg
davon; die, welche es redlich mit ihm meinten, aus Schonung, seine Feinde, um
diesen Beweis seiner wirklichen Verbindung mit den Feinden des Vaterlandes und
aller bürgerlichen Ordnung nicht zu schwächen. Der Fürst allein verteidigte ihn
laut, und wenn er die Ursache von Ernstens Flucht nicht öffentlich sagte, so
unterliess er es nur aus Achtung und Schonung für den abwesenden Minister,
Amaliens Vater.
    Amalie lebte eingeschlossen. Sie sah niemanden als den Unglücklichen; sie
sah ihn zu ihrer Qual und musste ihn sehen.
    Der Kammerrat stellte ihr das Schreiben zu. Sie wagte es nicht, nach Ernsten
zu fragen, auch nicht in des Kammerrats Gegenwart das Siegel zu erbrechen.
    Der Kammerrat ging. Ferdinand erbrach den Brief und las.
    Amalie rief: »So rächt sich der Edle! Und er weiss, er dachte es nicht, dass
dieses die grausamste Rache ist, die er ersinnen konnte. So lassen Sie uns denn
so unglücklich werden, als wir es zu sein verdienen, und das von ihm gegebene
Brot unter dem nie vergänglichen Gefühle essen, dass es uns täglich ein Mann
darreicht, den wir verraten haben, wie nie ein Mensch verraten ward!
    Oh, lassen Sie mich niederknien und zu ihm, wie zu einem Heiligen, um
Erbarmung, um einen einzigen milden Blick beten! Dieses soll er mir von nun an
sein. An seinen reinen Geist will ich mein Gebet wenden, ihn anflehen, es dem
Ewigen, an den ich mich nicht zu wenden wage, vorzutragen.«
    FERDINAND: Amalie! - Amalie!
    AMALIE: Warum reden Sie jetzt in diesem wilden Tone zu mir? Was soll Ihr
drohender Zuruf in mir erwecken? Ich verstehe Sie! Ja, wir wollen unsre Hände
zusammenschlagen - die Furien grinsen dazu - und wahrlich! wahrlich! sie sind
keine fabelhafte Wesen.
    Sie riss zum erstenmal wieder hastig das Klavier auf und sang in wilder,
kühner, erhabener Begeisterung die Raserei des von den Furien geplagten Orestes
nach Gluck. Dann schlug sie es zu und rief:
    »Das ist unser hochzeitlicher Gesang. Ich habe ihn gesungen, und die
Eumeniden heulten dazu. Nun lasst die Saiten auf ewig verstummen!«
    »Wir haben ja alles erhalten, wir leben ja noch!«
    Ferdinand schrie ergrimmt: »Ja, wir leben und wollen leben und müssen
leben!«
    Und er schlug mit geballter Faust auf das Klavier, dass es in Stücken
zersprang - seine Hand ward von dem Schlage verwundet, und das Blut rieselte
herab.
    Amalie riss Ferdinand weg.
    »Nicht auf diese heilige Stelle, auf welcher das Leben seines Lieblings
entquoll! hier brennt sein reines Blut unter meiner Sohle - und sein Geruch
steigt zu meinem Geiste empor. - Hierher! hierher! Sie riss ihr Tuch von dem
Busen. Hier lass diese Tropfen jene versühnen, bis mehr Blut fliessen wird. Lass es
hier kühlen oder in Feuer herunterregnen - Auch dieses ahndete ich in meinem
Wahnsinn, der mir wie süsse Begeisterung vorschwebte.«
    Und als sein Blut ihren vollen, weissen Busen befleckte, zog Todeskälte bei
dem Anblick durch Ferdinands Gehirn und Herz. Seine Zähne schlugen vor Frost
zusammen - er griff mit der blutigen Faust in seine Brust, riss an seinem Herzen,
als wollte er die Wurzel des Lebens ausgraben, und schrie knirschend:
    »Dies ist ein Gaukelspiel der Hölle, nicht der Liebe.«
    Amalie bedeckte ihren Busen und sagte:
    »Da haben Sie recht! das ist unsre Liebe! das musste sie werden!«
                                       2.
Ernst erkannte Paris nicht mehr. Die gänzliche Veränderung alles Alten, der
herrschende, wilde, leidenschaftliche Ton, die Szenen des Mordens, das Geräusch
der Waffen und des Aufstandes, das Siegesgeschrei über errungene Vorteile, die
Ermordung oder die Flucht aller seiner Bekannten, nach denen er fragte -
vermehrten die Dunkelheit seines Geistes, die Angst seines Herzens. Nur ein
Gedanke, nur eine Hoffnung erhielten ihn in dem schrecklichsten Gebrause, das je
die Kräfte und Leidenschaften der Menschen erregt hat - Hadem und das Licht, das
er durch diesen erwartete. Wie der vor Durst verschmachtende Wanderer eine
erquickende Quelle sucht, so suchte er Hadem. In allen Wirtshäusern, an allen
öffentlichen Orten, bei allen Bankiers, bei jedem, der jemals in Amerika gewesen
war oder dort die entfernteste Verbindung hatte, erkundigte er sich nach ihm.
Sein rastloses Bemühen blieb fruchtlos; Hadem war noch nicht angekommen.
Vergebens einsam herumirrend, kämpfte er nun in dieser ihn umbrausenden, allem
Auflösung drohenden Anarchie, seiner verhüllten moralischen Kraft ihren vorigen
Schimmer und ihre vorige Klarheit wiederzugeben.
    Es war jetzt der Zeitpunkt, wo ein Mann herrschte, dessen Name dieses Buch
nicht beflecken soll.
    Renots Briefe an einen berüchtigten Genfer kamen zu gleicher Zeit mit
Ernsten in Paris an. Er schilderte ihn als einen Royalisten, der mit den
französischen Prinzen in Verbindung stände und von einem grossen Hofe mit
geheimen Aufträgen nach Paris geschickt wäre. Man beobachtete ihn von dem ersten
Augenblick an, belauschte seine stillen Seufzer, seine oft laut ausgesprochnen
Worte über sein eignes Schicksal, das immer drückender wurde. Sein rastloses
Herumirren, Nachfragen und Suchen bestärkten den Verdacht. Eines Abends, als er
nach seiner Wohnung ging, ward er an der Tür ergriffen und nach dem
Schreckenshause gebracht, wo man die Schlachtopfer aufbewahrte, um sie
truppweise nach dem Blutgerüste zu führen, damit das blutige Schauspiel
unterhalten würde.
    Er erschien vor dem Ausschusse, den der Mordgeist zusammengesetzt hatte und
dessen Mitglieder sich Richter nannten, um der Menschheit Hohn zu sprechen.
    Er antwortete kalt und gefasst auf die ihm vorgelegten Fragen, lächelte über
die Verbrechen, die er gegen Frankreich begangen haben sollte, und sagte,
ermüdet von ihrem Wahnsinn und seiner Bürde: »Wie, meine Herren? Wenn ich nun,
gedrückt von der Last des Lebens, verfolgt von einem schrecklichen, unverdienten
Schicksal, in dem Zutrauen nach Frankreich geflohen wäre, dass ihr, die ihr so
viele Unschuldige ermordet habt, nun auch in mir einen Unglücklichen töten
würdet, der euch für den Dienst, den ihr ihm erweiset, noch dankt?«
    »So bereitet Euch auf diesen Dank, Ihr sollt Euch in Eurer Erwartung nicht
betrogen haben!« antwortete der Vorsitzer.
    Mit diesem Ausspruch ward er zurückgeführt und auf die Liste derer gesetzt,
die am folgenden Tage bluten sollten.
                                       3.
Renot hatte diese Nachricht aus Paris bekommen, und er hielt Ernstens Schicksal
für entschieden, wie man es ihm auch meldete. Er verbreitete das Gerücht in der
Stadt, und die ersten Pariser Zeitungen bestätigten es. Wenige beklagten den
Edlen, seine Feinde fanden die Strafe gerecht, welcher ihn, nach ihrer Meinung,
das rächende Schicksal entgegengeführt hätte.
    Renot konnte Ferdinand zu der Witwe Glück wünschen. Dieser antwortete ihm
mit einem gotteslästerlichen Fluche. Er eilte zu Amalien, sie liess ihn nicht vor
sich, und ihre Kammerfrau gab ihm im Namen ihrer Gebieterin einen Brief.
    Amalie hatte die Todespost durch einen Brief ihres Vaters erfahren. Sie
schrieb an Ferdinand:
                              Amalie an Ferdinand
Ich weiss, was ich von Ihnen hören soll! - Diese Nachricht aus Ihrem Munde würde
ich nicht überleben. Wagen Sie es jetzt nicht, vor mir zu erscheinen. Alles ist
für uns zu Ende; nur die Qualen, die wir uns bereitet haben, dauern fort. Auch
ich habe die schreckliche Nachricht vernommen, und ich sehe nun nichts als den
Edlen, den sein Weib und sein Freund so schrecklich betrogen und dann dem
Blutgerüst entgegengetrieben haben. Ich seh ihn in seinem Blute, ich seh ihn in
seiner Verklärung, und es ergreifen mich alle Schauder des Todes, den ein
Verbrecher leidet. Unter diesem Beben richtet mich eine so ängstlich erhabne
Bewunderung des Verratnen auf, dass sich ein Verlangen nach ihm, welches an
Wahnsinn grenzt, in meine Seele ergiesst. Ich fühle ein Entzücken in meiner
Verzweiflung - ich fühle, warum ich ihn nicht lieben konnte. Er war zu hoch, zu
erhaben für mich - mein Herz empfand seine eigne Unwürdigkeit, sein Unvermögen,
ihn zu erreichen. Ich liebte ihn nicht - nur zu feierlicher, stiller Verehrung
zwang er mich - Den Unwürdigern liebt ich, den, der mir mehr glich, und ich
liebe ihn noch - und die Glut der Liebe durchdringt mein Herz, da ich dieses auf
dem Sarge des Edlen schreibe. O der unbegreiflichen Verirrung! - Sie sind mir
ein Gegenstand des Abscheus und der unüberwindlichsten Liebe - Mich verlangt
nach Ihrem Anblick, und wenn Sie jetzt vor mir erschienen, so würde der Wahnsinn
meine Hände gegen Sie bewaffnen. Fliehen Sie mich - ich will nicht den schnellen
Tod der Verzweiflung sterben - ich will langsam vergehen, langsam die Qualen
empfinden. Nichts habe ich gerettet, was mich trösten könnte; denn dass ich
unterliess, wornach ich mich sehnte, auch das verdanke ich nur ihm. Gleich einem
wachenden, drohenden Engel stand er zwischen uns, als er lebte, und das Beben
vor dem furchtbaren Reinen erhielt den Schatten dieser einzigen unverdienten
Tugend, die ich mir oft in meiner Vermessenheit zuzurechnen wagte. Fliehen Sie!
Sollen wir, gleich jenem zum ewigen Durst Verdammten der Fabel, an der Quelle
des Verlangens sitzen, ohne es je stillen zu können? - Soll er, wenn wir uns
einander nahen - und unser Atem sich berührt - und unsre Seelen sich umfassen
möchten, das blutige Totengewand zwischen uns werfen? Sollen unsre Seelen bei
seiner kalten Berührung erstarren?
    Ich tat mehr als die Verworfenste; denn ich war das Weib des edelsten
Mannes. - Dies! dies erwägen Sie, wenn Sie mir mein Urteil nach Verdienst
sprechen wollen! Und ich ermordete seinen Liebling, vertrieb ihn vom
vaterländischen Boden - jagte ihn dem Blutgerüst entgegen als ein Opfer unsrer
Lust! Bewirkte nicht dieses allein seine Flucht? Hätte es die Bosheit der
Elenden vermocht? Würde er nicht vor ihnen wandeln, so stark und mutig wie
sonst? Also, was fehlt an meinen Verbrechen? Dass ich nun ruhig die Früchte
derselben genösse - in Ihren Armen seiner höhnte? Wenn ich nicht zu seiner
Tugend hinaufreichen konnte, so ging doch durch den Umgang mit ihm von seinem
Geiste so viel zu mir über, dass ich meinen Verbrechen ein Ziel setzen kann. Er
ist gerächt an mir, er ist gerächt an Ihnen. Und wenn diese wahnsinnige
Leidenschaft Ihr Herz erfüllt wie das meinige und immer dauert, wenn Sie
empfinden wie ich, wenn Sie auf sich selbst mit Abscheu blicken wie ich, wenn
Sie nach mir verlangen wie ich nach Ihnen und dabei wie ich die Unmöglichkeit
fühlen, dieses Verlangen je stillen zu können; und wenn alle grässliche
Erinnerungen mit allen Vorspieglungen einer zerrütteten, entflammten Phantasie
Sie unaufhörlich verfolgen - ist er da nicht gerächt? Und wenn Sie nach ihm
seufzten, sich nach ihm sehnten, zu ihm flehten wie ich, ihn zwischen sich und
den Richter der Welt stellen möchten, um einen seiner hohen Blicke und eins
seiner schönen, lieblichen Worte gerne noch mehr Qual erlitten, wenn es noch
grössere gibt - ist er nicht gerächt genug?
    Hier lege ich Ihnen den Brief meines Vaters bei. Er scheint viel zu wissen -
genug, um seine Tochter zu verwerfen, aber noch nicht genug, um den Fluch über
sie auszusprechen - er wird nicht fehlen. Ein glückliches Los stellte mich
zwischen zwei edle, seltne Männer, ein unbegreifliches Verhängnis zog mich zu
einem - oh, ich kann es nicht aussprechen - Und kennen Sie sich nicht?
    Fliehen Sie! - Während wir ihn verrieten, hat er für Ihr Glück gesorgt - Sie
sagten mir ja, dass man Sie auf den Weg des Glücks und der Ehre zurück beriefe -
es ist des Edlen Werk - sein letztes Werk. - Vielleicht dürfen Sie sich ihm dort
noch nahen, wenn Sie hier Ihre Pflicht erfüllen. Für uns Weiber bleibt nichts
übrig, als in der Schande, der Schmach zu sterben, wenn wir einmal gesunken
sind.
    Ferdinand schrieb zurück:
    Ihr Brief hat mich empört - aber mein Kopf blieb kalt, und mein Herz schlug
nicht stärker; denn mein Entschluss ist gefasst. Ich fliehe nicht, ich verlasse
Sie nicht, ich will nichts mehr in der Welt als Sie! Da das Schicksal dessen,
dem unser Verbrechen, wie Sie es nennen, das Leben kostete, sich so entschieden
hat, so sehe ich nicht ein, welches ich nicht noch begehen könnte, um mich Ihres
Besitzes zu versichern. Durch jedes neue wird die Glut, die mich verzehrt, nur
um so heftiger werden. Ich fühle nur, dass unser Dasein in jenem unbegreiflichen
Augenblick auf das Leben entschieden ward; warum drang er sich da auf, wo das
Schicksal so stark vorgezeichnet hatte? Amalie, ich habe Sie zu teuer erkauft,
um Sie fliehen zu können. Ich werde so wenig von Ihnen lassen wie Ihre
Gewissensbisse, ich werde Ihnen noch näher sein - Fliehen Sie, ich folge Ihnen -
ich bewache Ihre Schritte von nun an - Besser ist es, Sie bleiben - die Elenden
hier werden uns nicht tadeln - Amalie, das Geschick hat in uns beiden seine
Sklaven an eine Kette gebunden; Sie lösen sich nicht mehr davon, dies bedenken
Sie! Und bedenken Sie auch, dass ich nur um Ihrentwillen noch einigen Wert in
mein Leben setze, dass kein Verbrechen zu nennen ist, welches ich nun nicht um
Ihrentwillen begehen könnte!
- Weg mit diesen Unglücklichen! Mein Blick ruht auf dem Edlen, zu ihm zieht mich
mein Herz.
                                       4.
Als man dem berüchtigten Ungeheuer die Aussagen der am Morgen zum Tode
Verurteilten vorlas und er Ernstens Antwort vernahm, sagte er lachend:
    »Man hält mich für einen Tyrannen, so will ich es denn einmal beweisen. Der
teutsche Edelmann soll leben, weil er sterben will. Man führe ihn über die
Grenze.«
    Er strich Ernstens Namen durch.
    Auch diese unerwartete Rettung ward in dessen Vaterlande als ein neuer
Beweis seiner Verbindung mit jenen abscheulichen Menschen angesehen und durch
das ganze Land verbreitet. Verfolgt von seinem schrecklichen Schicksal, von der
Erinnerung der grässlichen Begebenheiten, deren Zeuge er gewesen war, und von dem
Gedanken an das traurige Schicksal Teutschlands, dessen Verwüstung er zum
zweitenmale sah, kehrte Ernst in das Vaterland zurück. Hier fühlte er die
Wirkung von der Bosheit seiner Feinde. Gehasst, verspottet, beschimpft floh er
schnell auf sein Gut, aber auch hier fand er das Herz seiner Landleute, deren
Wohltäter er immer gewesen war, die einst das grösste Zutrauen zu ihm hatten, die
ihn als ihren Freund und Vater ansahen, gegen sich vergiftet. Auch sie sahen in
ihm einen Freund und Mitgenossen derer, die schon viele ihrer Söhne und
Verwandten erschlagen hatten und die ihnen, wie den andern Unglücklichen, mit
Verwüstung, mit Erpressung drohten; denn um diese Zeit hatten die
Gewalttätigkeit und Zügellosigkeit der französischen Heere längst alle sonstige
Gefahr von dem teutschen Boden entfernt.
    Ernst stand allein; und jetzt, da sein hoher Sinn unter seinem Schicksal
hingesunken war, erreichten und trafen der tolle Wahnsinn und die giftige
Bosheit sein Herz. Ferne stand der Geist, der ihn geleitet hatte, die schönen
Träume seiner Jugend waren entflohen, seine Grundsätze, auf denen er wie auf
Felsen geruhet hatte, zusammengestürzt, sein Glaube erloschen; und die Tugend
schwebte nur noch zerstückelt vor seinem düstern Sinne. Seine moralische Kraft
war ganz verhüllt, er konnte das grosse, erhabene Ganze, in welchem die Tugend
besteht und sich darstellt, nicht mehr umfassen und übersehen. So zerstückelt
sich vor unsern Augen bald die Wolke in Osten, welche die Sonne bei ihrem
Aufgang erleuchtet und vergoldet, an einem stürmischen Tage, sie zerfällt in
graue, gestaltlose Fetzen und verschwindet in Dunst am Horizont. Hadems letzte
Worte erhielten nun den schrecklichen Sinn wieder, den Ernst einst bekämpft
hatte, seine Erfahrung an den Menschen, die Begebenheiten in Paris wurden ihm
durch Renots Lehren erklärt. Diese stellten ihm nun die Tugend als eine Gaukelei
vor, welche die erhitzte Einbildungskraft erschafft und ausschmückt, um Toren zu
verblenden. Er kämpfte gegen diese schrecklichen Gedanken und Empfindungen mit
aller ihm noch übrigen Kraft, er kämpfte vergebens; denn die Menschenscheu, die
Verachtung, die Bosheit, womit man ihn behandelte, hatten Menschenhass in ihm
erzeugt, aber sein Menschenhass war eigner Art; es lag auch noch da ein erhabnes
Gefühl zum Grunde, das in dieser Zerrüttung den vorigen Adel seines Geistes
bezeugte. Er hasste nicht den Menschen in andern, er hasste ihn in sich - wegen
der Erniedrigung, in welche ihn die nagenden Zweifel und die aus ihnen
entspringende Denkart gestürzt hatten. Er hasste den Menschen in sich, weil der
hohe Glaube, der ihn einst beseligte, in ihm gesunken war, er hasste ihn in sich,
weil er vergebens um das Licht kämpfte, in welchem er einst wandelte. Kalt und
gleichgültig gegen sich und alles ging er nun in dem Paradiese seiner Jugend
umher. Kein Gegenstand erinnerte ihn an das Vergangene, er lebte nur in dem
Gegenwärtigen, mit der quälenden Auflösung des Rätsels beschäftigt, ob er einst
nur geträumt habe, ob das Land über den Wolken, von dem er sich entsprossen
glaubte und wohin er zurückzukehren hoffte, blosse Täuschung sei. Und wenn ihn
diese schrecklichen Gedanken überfielen, rief er klagend: »Ich werde meinen
Franz nicht wiedersehen - auch sein Dasein war nur ein Traum - der mir bloss zu
augenblicklicher Beschauung vorschwebte - seine Blüte ist zerfallen - er modert
- ich finde ihn nirgends als aufgelöst in seinem Grabe! Die Erde hat auch mich
gefesselt wie ihn, ihre Bewohner haben meinen Geist gebunden - sie schlugen nun
die Pforten am Tempel der Natur, der Wahrheit, der Tugend und jener Welt zu, und
ich habe den Sinn verloren, der sie mir einst öffnete!«
    Der Kammerrat versuchte seine Aufmerksamkeit zu fesseln, aber es war
vergebens. Ernst wich seinen Gesprächen, selbst seinen treuherzigsten,
gefühlvollsten Ergiessungen aus. Nur wenn jener von Franzen redete, lächelte
Ernst zuzeiten schmerzlich; aber oft blickte er finster auf ihn und wiederholte
die schrecklichen Worte: »Ich werde ihn nicht mehr sehen!«
    Der Kammerrat stand den Geschäften mit der ihm gewöhnlichen Treue, dem ihm
eignen Eifer vor, freuete sich über den Fortgang der Wirtschaft und hoffte noch
immer, Ernst würde endlich aus seinem Kummer erwachen und sich an sich selbst,
an seinem Werke ergötzen. So oft er mit Ernsten ging, deutete er da und dort
hin, auf diese und jene Verschönerung oder Verbesserung, auf diese und jene neu
keimende Hoffnung.
    Ernst antwortete ihm: »Es ist Erde, von oben muss das Licht zu ihrer
Verklärung kommen.«
    Der Kammerrat antwortete:
    »An Licht hat es uns nicht gefehlt. Die Sonne scheint wie sonst, wir mögen
ihr nun dafür danken oder nicht, und das ist es eben, was mich so sehr erfreut
und so glücklich macht. Sehen Sie nur, wie alles gedeihet! wie alles um Sie her
blüht und Ihnen zulächelt und Ihnen vorwirft, dass Sie es nicht sehen.«
    Ernst schwieg -
    Seine Landleute, deren Herz man vergiftet, denen man ihren Herrn als einen
mit den Verwüstern Teutschlands Verbündeten gemalt und denen man gesagt hatte,
er sei nach Paris gereist, um sein Vaterland aus Rache zu verraten, hassten und
fürchteten ihn nun. Da er dieses nicht zu achten schien und kalt, traurig an
ihnen vorüberging, weil er sich aus Menschenscheu nicht getrauete, sie
anzureden, so glaubten sie diesem Gerüchte der Bosheit umso mehr und sagten
untereinander: »Er hat gewiss ein schreckliches Verbrechen begangen, sein
Gewissen foltert ihn nun; er ist wahnsinnig, man muss sich vor ihm hüten.« Diese
Meinung bestärkten unter dem gemeinen Volke seine stillen Reden mit sich selbst,
seine heimlichen Tränen, seine einsamen Wanderungen in dem dunkelsten Teile des
Waldes, sein öfteres Sitzen vor den Pforten der Kirche auf dem Hügel, wo er sich
so in Nachsinnen verlor, dass er die Beobachtenden nicht bemerkte und bei ihrem
lauten Reden oder bei Geräusche entfloh, als habe man ihn über einem Verbrechen
ertappt. Hier überdachte er Teutschlands trauriges Schicksal, hier kämpfte er um
den verlornen Glauben, um den vorigen hohen Sinn, hier gelang es ihm oft, durch
einen leisen Seufzer, durch wehmütige, zärtliche Erinnerungen die verlornen
Gefühle seiner glücklichen Jugend wieder hervorzurufen, sich durch seinen ihm so
nahen Liebling, durch den heissen Wunsch, ihn wiederzusehen, an das Land
anzuknüpfen, dessen Spur er für verloren hielt. Und es wäre ihm gelungen ohne
den ihn ganz betäubenden Schlag, der ihn eines Abends so schrecklich in seinen
traurigen und süssen Träumen erschütterte.
    Er sass eines Abends bei dem Untergang der Sonne vor den Pforten dieser
Kirche und sah starr in ein an dem Horizont dunkel und düster aufsteigendes
Gewitter. Schon donnerte es in der Ferne. Die Landleute eilten von den Feldern
nach dem Dorfe. Ein roher Bursche bemerkte ihn und rief ihm zu:
    »Geht doch von der Kirche weg, gnädiger Herr! Ihr seht ja, dass ein Gewitter
aufsteigt; leicht könntet Ihr die Kirche zu Schaden bringen.«
    Ernst antwortete verzagt und sanft:
    »Warum, mein Freund, sollte denn ich die Kirche zu Schaden bringen?«
    »Wer weiss, wem das Gewitter gilt! Uns gewiss nicht«, erwiderte der Bursche.
    »Und wie mir? Warum mir, mein Lieber?« fragte Ernst noch sanfter.
    »Dass Ihr nur fragt!« antwortete der Bauer rauh. »Wem zürnt anders der Herr
als dem Verbrecher, dem sein Gewissen keine Ruhe lässt, weil er das Vaterland
verraten hat, mit den Feinden im Bunde steht und kaum erwarten kann, bis sie da
sind? Aber lasst sie nur kommen! Ihr sollt wahrlich die Freude nicht lange
geniessen, und es soll Euch zu nichts helfen, dass die, die alle umbringen, Euch
allein nicht umgebracht haben.«
    Ernst bebte und zitterte wie ein Verbrecher. Seine plötzlich blitzenden
Augen schossen gegen den Himmel, und ihre feurigen Strahlen schienen sich mit
den Blitzen, die jetzt die Wolken zerteilten, zu vermischen. Der Donner ertönte
- die Erde bewegte sich - die Wipfel der Bäume sausten - er stand da und
breitete die Arme gegen den Himmel aus, als forderte er Rettung, Vernichtung von
dem Sturme, der an dessen Gewölbe wütete. Sein Herz klopfte, seine Lippen, seine
Wangen waren totenbleich - Und als nun die Stille erfolgte und das finstre
Dunkel des Ungewitters sich mit dem Dunkel der Nacht vermischte, floh er nach
dem Eichenwalde. Bald goss es von dem Himmel - er rettete sich nach der Höhle -
Schauder des Todes hatten ihn ergriffen - die Worte des Rohen erschallten
fürchterlicher in seinen Ohren als das dumpfe Gebrüll des Donners in dem
Widerhall der Höhle - das schnelle Licht eines Blitzes fuhr durch die Spalten
der Felsen und erleuchtete ihr schwarzes Dunkel. - Er erblickte den Kranz in der
Blende - riss ihn herunter - und schleuderte ihn in den nahen Abgrund. Dann sank
er bei dem Abgrund ermattet nieder, und der Geist des Jünglings schwebte düster
trauernd über dem Abgrunde, der das Zeichen des Glaubens verschlungen hatte.
                                       5.
Morgens kam Ernst nach Hause. Der Kammerrat, welcher ihn die ganze Nacht unter
Todesangst gesucht hatte, vergass seine Freude, ihn wiederzusehen, als er ihn
erblickte. Er sah jetzt aus wie damals, als er aus Amaliens Zimmer zu der Leiche
seines Sohnes zurückkehrte.
    Von diesem Augenblick an schien er nicht mehr zu leben; denn alles, was ihm
einst Leben gab, war durch seine letzte Tat, selbst mit der Hoffnung,
verschwunden, er sah nichts mehr, woran sein Geist sich hielt - das Zeichen
seines Glaubens mit aller seiner hohen Bedeutung war nicht mehr.
    So träumte er düster fort an seinem Grabe und vermied alle Menschen. Hörte
er eine Stimme oder das Gehen eines Menschen, so floh er in das dicke Gebüsch,
und da umsausten ihn immer die schrecklichen Worte des Unglücklichen.
    In diesem dunkeln Gebüsch vernahm er auf einmal die Stimme eines Menschen,
deren Laut durch sein Herz drang. Es war Hadem, von dem Kammerrat geführt. Ernst
sprang aus dem Gebüsche und eilte dieser Stimme entgegen. Er sah Hadem die Wiese
heraufwandeln wie den Priester des erhabenen Tempels, den die Natur um ihn her
aufgebauet hatte.
    Ernst eilte ihm entgegen, und als er ihm nun nahte und der durch das Alter
jetzt noch ehrwürdigere Edle vor ihm stand und ihn an sein Herz zu rufen schien
- blieb er stehen und sah ihn mit solcher Verehrung an, als wagte er es nicht,
ihn zu berühren, als fühlte er sich nicht mehr würdig, in seine Arme zu sinken.
Aber Hadem fiel ihm um den Hals und weinte. Die Freude zuckte einen Augenblick
durch Ernstens Adern und Herz, sie verschwand, und er glich einem Menschen, der
in düstern Träumen schwebt.
    Hadem sagte traurig: »Ich sehe das Land meiner Hoffnung, es ist, wie es
ehedem war - alles blühend, es verspricht den Vorschmack jenes Lebens, den ich
hier zu geniessen hoffte. Aber der Geist, der es einst belebte, der es zum
Paradiese machen sollte, wohnet nicht mehr hier. Ich suche meinen Schüler - Er
wendete sich zu dem Kammerrat. - O sagen Sie mir, wo soll ich ihn finden?«
    Der Kammerrat deutete in rührender Unschuld auf Ernsten.
    Ernst sprach: »Sie kamen zu spät, Hadem. Der Traum ist ausgeträumt. Wenn Sie
Ihren Schüler hier suchen, so ist Ihre Mühe verloren - der ist lange tot - ist
lange verweset! - Übrigens sein Sie willkommen, wenn Sie sich mit seinem hier
noch wandelnden Schatten begnügen wollen. - Kommen Sie nur, Sie werden Ihr
Zimmer finden, wie Sie es vor Jahren verlassen haben, mit allen Gerätschaften -
alles gerade so - dem Äussern nach.«
    Hadem hatte tief in seine Seele geblickt, er schwieg, ging mit ihm nach dem
Schloss, bezog sein Zimmer, dankte ihm für das zärtliche Andenken, alles so
schön und freundschaftlich erhalten zu haben, und versicherte ihm mit Wärme,
dieses tue einem alten Manne, wie er nun sei, dessen Herz noch immer so jung
fühle, ausserordentlich wohl, und er wenigstens werde für sich schon alles dieses
finden, was er gesucht, was er so lange habe entbehren müssen.
    Ernst hörte ihn ruhig an. Die Tage vergingen, und er blieb in seiner
Stimmung. Hadem erzählte, warum er so lange verweilt, dass ein Kaper den
Amerikaner, der ihn nach London geführt, aufgebracht hätte. Ernst hörte ohne
Äusserung zu. Selbst Hadems rührende Geschichte in Amerika, seine Beschreibungen
des Landes, der neuen Völker, die er gesehen - nichts schien Ernstens
Aufmerksamkeit zu fesseln, nichts seine Neugierde zu reizen. Zu seinem grössten
Schmerz sah Hadem, dass er selbst von den ersten glücklichen Zeiten vergebens
redete. Und dieses war die schrecklichste Entdeckung für ihn; denn sie drohte
allen seinen Hoffnungen.
    Von dem Kammerrate konnte er wenig erfahren. Er wusste, dass sein Schüler
keiner Tat von solchen Folgen fähig war, und umso empörender dachte er sich ihre
Ursachen von der andern Seite. Woher diese Gleichgültigkeit, die oft an
Fühllosigkeit grenzte? dieser in bitterm Lächeln sich ausdrückende Unglaube?
dieser entschiedne Hass gegen sich selbst, den er bei jeder Gelegenheit verriet?
diese Kälte gegen ihn selbst, seinen Lehrer, seinen Freund? Er sah dieses Herz,
welches einst die reinste Tugend erwärmte und belebte, jetzt erstarrt, selbst
gegen seine Stimme, gegen seinen Zuruf, gegen seinen Blick fühllos. Er sah
diesen Geist, der einst auf äterischen Schwingen schwebte und nur hohe Gedanken
dachte, zur Erde gedrückt, diese Lippen, welche einst die erhabensten
Gesinnungen ausgesprochen hatten, verschlossen - alle moralische Kraft in ihm
erdrückt - und die Tugend selbst als einen sinnlosen Schall nun an seinen Ohren
vorübergehen. Und dieser einst schöne, blühende, junge Mann glich im Äussern
einer Leiche - sein Haupt gesenkt, seine begeisterten Augen erloschen, seine
Wangen bleich, sein ganzer Körper nahe Auflösung drohend. Und er musste
schweigen, durfte ihn nicht um die Ursache fragen, weil er jedesmal, wenn er nur
entfernt darauf hindeutete, eine Erschütterung in ihm bemerkte, die seine
schnelle Vernichtung fürchten liess. Und doch musste dieser Augenblick
herbeigeführt werden; denn nur in der Mitteilung von ihm selbst, in der ganzen
Kenntnis seines erlittenen Unglücks konnte er die Mittel zur Heilung erblicken.
    Davon überzeugt fing er an, Ernsten kälter zu behandeln. Er sprach oft in
seiner Gegenwart mit dem Kammerrat von seiner nahen Abreise, sagte dann, er habe
sich betrogen, in aller seiner Hoffnung ganz geirrt, er verdiene es, er habe auf
Menschen zu viel gebauet. Das verheissene Paradies hier habe wirklich abgeblüht,
er wolle es nun am Ohiostrom, in den Wildnissen Amerikas wieder suchen, so alt
er auch sei, so sehr er auch der Ruhe bedürfe. Auch habe er mehr Zutrauen, mehr
Liebe, Sicherheit und Tugend unter den dortigen Wilden gefunden als in dem
aufgeklärten Europa. Hier spreche man von der Tugend wie von einem Tema der
Redekunst, und wenn es zur Probe komme, zeige es sich, dass der Europäer nur
schön davon zu reden verstehe. Die Wilden täten, wovon man hier spräche, und
dieses ergötze sein altes Herz und mache es wieder jung; er sei nun aller
europäischen Schwäche, Gleisnerei und Plage herzlich satt.
    Ernst senkte das Haupt, und Tränen träufelten aus seinen Augen. Er suchte
sie zu verbergen und schwieg noch.
                                       6.
Einige Tage hierauf sagte der Kammerrat zu Ernsten:
    »Herr Hadem macht wirklich Anstalten zur Reise und, wie es scheint, noch auf
heute!«
    Ernst eilte zu ihm und umfasste seine Knie:
    »O mein Vater! mein Lehrer! nehmen Sie mich mit an den Ohiofluss zu Ihren
Wilden!«
    Hadem antwortete mit strengem Ernste:
    »Was fordern Sie von mir? Ich eile zu den Wilden, um Sie, in welchem ich
mich betrogen habe, zu fliehen, um Sie nicht mehr zu sehen, um die wenigen noch
übrigen Tage meines Lebens nicht zu hassen. Ich bin müde, um einen Schatten
herzuwandeln, der mich bei jedem Blick an den edelsten, den hoffnungsvollsten
Menschen erinnert, den meine Augen gesehen haben, in welchem ich den Lohn meines
kummervollen Lebens aufblühen sah, der aber keiner meiner Hoffnungen entsprach,
der meinen Geist tötet, mein Herz zerreisst, der in seinem Unglück auch das
verloren hat, was der Trost des Unglücklichsten ist: das Vertrauen, sein Unglück
in den Busen seines Freundes zu giessen. Doch der moralisch Tote glaubt auch
nicht an Freundschaft, und damit ich das nicht in Ihrer Gesellschaft werde, so
gehe ich, so fliehe ich zu den Wilden, um mir dort noch einen Freund zu suchen,
der meine Augen schliesse und meinen Leib in die Erde senke.«
    Er hob seine Hände zum Himmel empor und rief mit lauter Stimme:
    »Geist des Edeln, dem ich diesen Menschen einst anvertrauet habe! kennst du
ihn noch? Wirst du ihn erkennen, wenn er einst zu dir tritt? Darf er dir sagen:
Ich habe deine Stimme vernommen, ich habe dich verstanden!«
    Jetzt stürzten Tränen aus Ernstens Augen. Er warf sich in Hadems Arme:
    »O mein Freund! mein Lehrer! erretten Sie mich vor mir selbst! - Wenn Sie
alles wüssten, Sie würden mich bei jenem nicht an klagen - Wenn Sie es wüssten,
Ihr gutes Herz würde bei meiner Geschichte brechen! O wie ist die Welt mit Ihrem
Schüler umgegangen! Wie haben die Menschen ihn gemisshandelt! - Was haben ihm die
getan, deren Busen er sein ganzes Glück anvertrauete! Und war jener, den Sie zum
Zeugen gegen mich anriefen, nicht unglücklich, nicht verfolgt wie ich?«
    HADEM: Nur dann würde er es ganz gewesen sein, wenn er an dem gezweifelt
hätte, was er Sie und die Menschen lehrte - Tat er dies? fiel er je so tief? Und
mag mein Herz bei der Erzählung Ihrer Geschichte brechen - kann mir mehr
geschehen als mir täglich geschieht? Und kann, muss ich nicht Rechenschaft von
den Früchten der Lehren fordern, die ich Ihnen gegeben habe? Sind Sie mir ihre
Anwendung nicht schuldig? Verdammt, oder rechtfertigt mich nicht die Art, wie
Sie das ertragen haben, was Ihnen die Menschen Böses zufügten? Muss ich nicht
wissen, was Sie dabei taten? Soll ich Sie mit dem schrecklichen Gedanken
verlassen, ich habe Sie irregeführt? Ihre Zweifel, Ihre jetzige Denkungsart
klagen mich, Ihren Lehrer, als einen Betrieger an; soll ich mit diesem Gefühl,
an dieser Vorstellung sterben?
    ERNST: Hadem! keine solche Vorwürfe! - Oh, wohl! es sei so!
    Zu meiner Verurteilung will ich Ihnen die Geschichten erzählen, die mich
hierher gebracht haben.
    Sitzen Sie hier, mein strenger, unbestechlicher Richter! sein Sie fühllos
gegen mein Unglück! Ihr Verstand allein höre mich!
    Ich weiss nicht, wer schuldig ist. Vielleicht können Sie es mir am Ende
meiner Erzählung sagen. Aber bevor ich dahin komme, will ich Ihnen erst einen
schönen Jugendtraum erzählen, will von mir wie von einem andern reden - wie von
einem, der hier zwischen uns im Grabe verscharrt liegt, dessen Leichenrede ich
zu halten bestellt bin. Ach, Sie wissen, wie dem bestellten Leichenredner zumute
ist, wie viel Anteil er gewöhnlich an dem Verstorbenen nimmt, wie sehr er eilt,
des lästigen Geschäfts bald los zu werden. Hier gleich ich ihm nun nicht, ich
möchte bis zu meiner Auflösung von dem Toten reden. Und wenn ich dahin komme, wo
dieser Jugendtraum verschwunden ist - glauben Sie, ich würde erzählen können,
wie er verschwand? Und ich soll es jetzt erzählen - jetzt, da mein Herz ganz
zerrissen ist - so wund, so zerrissen, dass alle meine Empfindungen
hindurchsinken - jetzt, da keine Fiber mehr zittert, kein Nerve mehr antwortet,
da meine Seele so verfinstert und gedankenlos ist, als sei ich in dem dunkeln
Schosse der Erde geboren und ihr nie entstiegen, als sei nie ein Lichtstrahl aus
jener Welt in mein Gehirn gefallen! Freilich habe ich nun eine Art von Wohlsein
errungen, wobei ich schaudere; und, Hadem, mein Lehrer, mein Freund, dieser
Schauder ist die einzige Empfindung, die der, den Sie moralisch tot nennen, noch
hat, die ihm zeigt, dass er lebt. - Und dann lispelt mir zuzeiten ein Geist aus
weiter Ferne: »Du lebtest! du träumtest einst!«
    Reden Sie nur jetzt nicht, Hadem! Aus jedem Ihrer Worte würden nur neue
Zweifel gleich giftigen Schlangen an meine Brust springen - Jetzt trotz ich der
Verzweiflung, was ich sonst nicht konnte; denn es war eine Zeit, wo ich mit
geballter Faust das Herz zurückdrückte, wenn es wieder dem Leben
entgegenschlagen wollte.
    So wie es jetzt ist, ist es recht gut, es könnte ja noch viel schlimmer
werden. Und wenn ich Ihnen einst laut zurufen sollte, in dem Tone, der so oft in
meine Ohren gellt: »Jüngling mit den grauen Haaren, der ernsten Stirne! auch du
träumest!« dann fliehen Sie schnell, dann möchten Lästerungen aus dem Munde
stürzen, der zum Segnen, zum Ausdruck der Verehrung gebildet ward. Dann wird der
Tempel ganz in Staub zerfallen sein, auf dessen Trümmern ich jetzt sitze wie ein
klagender Geist der Vorzeit. - Ich kann ihn nicht mehr aufbauen, es geht über
meine Kraft.
    HADEM: Den Jugendtraum! Ich bitte, erzählen Sie mir Ihren Jugendtraum.
    ERNST: Ah, seine Farbe ist verblüht, in dem Winde zerstreut - ich kann sie
nirgends mehr finden. Das Schicksal hat meine Flügel zerschnitten - und der
Geist, der sie erschwärmte, wo ist er? Erschuf er sie? Wahrlich, ich vermag es
nicht mehr, aber das, was darauf erfolgte, das schreckliche Erwachen, das! das!
werde ich Ihnen andeuten können, dazu liegen die schwarzen Farben in meinem
Herzen.
    Und langsam, unter dem peinlichsten Kampfe, bald stockend, bald in wilder
Ergiessung, bald mit Tränen, bald mit Heftigkeit erzählte er das Geschehene von
Renots Eintritt an bis auf den Augenblick, in welchem er den Kranz aus der
Blende riss und in den Abgrund warf.
    Und er endigte: »Mein Geist, mein Glaube an die Tugend stürzten ihm nach,
und nun hasse ich das Menschengeschlecht, hasse es in mir, hasse es darum in
mir, weil ich aufhören konnte, der zu sein, der ich war! Um den Verlust dieses
Glückes, dieses Sinnes, um den Verlust der Hoffnung, meinen geliebten Knaben
dort wiederzusehen, hasse ich mich! Und dieser wilde Hass wird täglich bitterer,
empörender - er, er allein, hält schon lange die Tränen in meinen Augen zurück,
die ich über mein Schicksal weinen könnte. Reisen Sie nun ohne mich, wenn Sie es
können.« Er floh aus dem Zimmer. Hadem hatte alle Qualen, die er bei der
Erzählung empfand, schweigend ertragen - sie trieb ihn an die Pforten des Todes,
und oft sank sein Bewusstsein; aber als Ernst die letzte rauhe Behandlung
berührte und dann mit dem schrecklichsten Blick, den Hadem je in eines Menschen
Auge gesehen, sagte, wie er den Kranz in den Abgrund geschleudert hätte, und
dann rief: »Mein Geist, mein Glaube an die Tugend stürzten ihm nach«, da stockte
sein Leben einen Augenblick, und als er wieder zu sich kam, sah er angstvoll
nach Ernsten, als wollte er sich von dem Dasein desselben überzeugen, als
zweifelte er, ob er es wirklich sei, der diesen Augenblick überlebt hätte.
    Und nun kannte er die schrecklichen Ursachen von der Verhüllung des Geistes,
der moralischen Kraft seines Schülers. Er dankte dem Ewigen für sein Dasein;
denn bei jedem neuen Schlage glaubte er, es zerfiele nun und das ihm bekannte
edle Herz, der milde Geist seines Schülers könne diesen nicht ertragen. Sein
Geist verwirrte sich auf Augenblicke, so dass er glaubte, der zu ihm Redende sei
eine täuschende Erscheinung aus der andern Welt. Aber jetzt fand er bei mehrerem
Nachdenken eben in den letzten Worten, wodurch sich Ernst alle Hülfe, alle
Genesung abzusprechen schien, einen Strahl der Hoffnung. Er bauete diese auf
eben das Gefühl, wodurch Ernst seine Verzweiflung an sich selbst andeutete.
    Und jetzt fühlte er das Erhabene in dem Bewegungsgrunde zu Ernstens gegen
sich selbst gekehrtem Hasse, der diesem verborgen war und verborgen bleiben
musste. »Er hasst nicht die Menschen, die ihm dieses getan, ihn dahin gebracht
haben, er hasst sich, weil er nicht mehr ist, was er war; und darum ist er noch
in seinem tiefen Innern, was er war!« So lispelte Hadems Geist seinem
bekümmerten Herzen zu, aber wie konnte er wieder einen Lichtstrahl aus jener
Welt durch die dicke Finsternis, die seinen Geist verhüllte, zu ihm leiten? wie
das von diesem Geiste ganz getrennte Herz wieder mit ihm vereinigen?
    So sass er lange sinnend. Er empfand, dass alle trockne Worte, alle Gründe der
Vernunft hier fruchtlos sein würden. Vielmehr fürchtete er, durch Gründe und
Vorstellungen den zu Zweifeln geneigten Geist seines Schülers noch mehr zu
reizen. Er überzeugte sich, dass er alles entfernen müsste, was weiteres
Nachsinnen über diesen Gegenstand erwecken könnte. Er sah ein, dass ein durch
solche Ereignisse hervorgebrachtes düstres Gefühl jedem Gedanken seine Farbe
mitteilen müsste, dass er durch Zergliederungen des Geschehenen Gefahr liefe,
Ernstens Selbstass gegen die Menschen zu kehren oder ihn auf die Klippe des
Unglaubens an alle Tugenden zu treiben, vor welchem ihn bisher sein Selbstass,
ihm unbewusst, noch gerettet hatte. Sein Geist ahndete Rettung, aber noch begriff
er nicht, woher sie kommen sollte.
    Ernst fragte ihn abends noch einmal:
    »Werden Sie reisen? Und wenn Sie zu Ihren Wilden reisen, werden Sie Ihren
Schüler nicht mitnehmen?«
    HADEM: Edler, der du grösser im Unglück bist, als du glaubst, ich verlasse
dich nicht. Und wenn du stirbst, so sterbe ich mit dir, denn stürbest du in
dieser Dunkelheit - müsste nicht ich dir den Weg zu unserm Vaterlande zeigen,
dessen Spur du verloren hast? Du bist seiner noch wert.
    Ernst wendete sein Angesicht weg.
    Hadem ergriff seine Hand: »Ich, der dir nie eine Unwahrheit gesagt, ich, der
mit dir sterbe, ich sage, du bist dieses Landes nie werter gewesen.«
                                       7.
So lebten sie noch einige Zeit fort. Ernst ward sanfter, milder, aber er sprach
wenig. Nur nahm die Sorge für seinen Freund täglich zu.
    Eines Abends ward Hadem sehr schwach und entkräftet, an Kopf und Hüfte
verwundet, von den Bedienten nach Hause gebracht. Ernst sah ihn in seiner
Entkräftung, in seinem Blute und konnte nur aufschreien: »Auch dich, mein
Vater!«
    Der Kammerrat sprang herbei. Hadem winkte auf Ernsten und tat sich Gewalt
an, frei auf seinen Füssen zu stehen. Er lächelte Ernsten an und sagte: »Sie
glauben mich krank und vergessen, dass ich es durch Ihr Benehmen erst recht
werden müsste. Jetzt brauche ich Ihre Hülfe, und die kleine Quetschung, die ich
bei einem Falle von den Klippen des östlichen Hügels bekommen habe, wird unser
Freund hier bald heilen. Sie wissen ja, wie gut er das versteht.«
    Hadems Zureden und sein erzwungenes Herumgehen beruhigten Ernsten. Der
Kammerrat untersuchte die beschädigten Teile, machte Bähungen zurecht und setzte
Ernsten als Krankenwärter an das Bett. Die Sorge für Hadem nahm seiner Stimmung,
seinem Tone das Bittere und Grelle ganz, und darum forderte Hadem sie noch mehr
auf und sagte ihm oft: »Nun sehe ich doch, dass Ihnen an meinem Dasein gelegen
ist, dass Sie mich lieben.«
    ERNST: Und zweifelten Sie daran?
    HADEM: Nun nicht mehr. Tragen Sie ja Sorge für mich, dass ich bald ausgehen
kann, und versprechen Sie mir, dass Sie mich bei meinem ersten Ausgange begleiten
wollen, wohin ich Sie auch führe.
    ERNST: Ich verspreche es.
    HADEM: Unbedingt?
    ERNST: Unbedingt.
    HADEM: So sei es morgen früh. Wir gehen in den Eichenwald, und Sie vergessen
Ihr Versprechen nicht.
                                       8.
Morgens führte Hadem Ernsten in den Eichenwald. Sie setzten sich auf den Hügel
unfern des Stroms. Hadem sprach nicht, er schien in seinem Innern sehr
beschäftigt. Bald lächelte süsse Hoffnung um seinen Mund, er stand auf und
leitete Ernsten an der Hand nach der Höhle. Jetzt fühlte er seines Schülers Hand
in der seinigen beben - er sah sich nicht um. Ernst folgte ihm, und er leitete
ihn gerade nach dem Abgrunde; dann wendete er sich zu Ernsten und sagte:
    »Erinnerst du dich jenes Augenblicks, mein Sohn, da du in diesen grundlosen
Abgrund springen wolltest?«
    Ernst bebte. - Hadem fühlte den kalten Schweiss auf seiner Hand, die er jetzt
wieder hielt.
    »Ich frage dich noch einmal, ob du dich dessen erinnerst.«
    ERNST: Ja, ich erinnere mich. Oh, hätte ich es damals getan, ich wäre nicht
in einen schrecklichern Abgrund gesunken!
    HADEM: Doch ist dieser schrecklich, schaudernd, gefahrvoll genug, dieses
habe ich erfahren. Es scheint beinahe unmöglich, diesem Schlunde wieder zu
entsteigen, und doch konnte ich es, selbst nach ausgestandner Todesangst; denn
mich leiteten Glaube, Liebe und Hoffnung.
    ERNST: Wie? bist du in diesem Abgrund gewesen, mein Vater?
    HADEM: Ja, ich stieg hinunter, ohne mein Leben zu achten. Ich stieg
hinunter, um ein kostbares, ganz verlornes Kleinod zu suchen. Den Tod fürchtete
ich nicht, ich fürchtete nur, es möchte mir nicht gelingen, dieses Kleinod zu
erobern. Lange lag ich leb- und sinnlos auf einem Felsenstück in dieser Höhle,
und als ich wieder das Leben fühlte, verlor sich mein Stöhnen und Seufzen in der
Tiefe. Aber als meine Kraft wiederkehrte und ich meinen Arm um Rettung
ausstreckte, fühlte ich das mühsam gesuchte Kleinod über meinem Haupte, es hing
an einer hervorragenden Spitze des Felsens. So brachte ich es an das Licht und
sage, mein Leben ist durch diese Tat etwas wert geworden.
    Er stellte nun Ernsten gegen die Blende. Sein Kranz, sein Zeichen des
Bundes, hing darin; es war die Stunde, zu welcher ein Lichtstrahl durch die
Spalte des Felsen dringt und die Blende an der Stelle erleuchtet, wo der Kranz
hing.
    HADEM: Ernst, du wirst einige Blutstropfen daran finden, ich hoffe, das
Zeichen deines Glaubens hat dadurch an Reinheit nicht gelitten. Um es sicherer
zu retten, umwand ich meine Schläfe damit; ich wusste damals noch nicht, dass mein
Haupt verwundet war. Doch ein solcher Kranz von solcher Bedeutung erwirbt sich
nicht anders - Ernst, in jenem Lande werden diese Flecken abgewaschen sein, dort
wird er dir glänzen!
    Ernst sank in seine Arme - und der Geist aus jenem Lande goss sich in sein
Herz. Er rief:
    »O mein Vater, an deiner Seite konnte ich an der Tugend zweifeln!«
    HADEM: Und Rousseau!
    »Rousseau!« antwortete Ernst - und aus den labyrintischen Felsengängen der
Höhle hallte es zurück, als antwortete die Ewigkeit.
 
                                    Fussnoten
1 Die obigen Briefe in dem zweiten Buche.
 
    