
        
                              Friedrich Hölderlin
                                    Hyperion
                                      oder
                           Der Eremit in Griechenland
                                   Erster Band
  Non coerceri maximo,
 contineri minimo, divinum est.
 
                                    Vorrede
Ich verspräche gerne diesem Buche die Liebe der Deutschen. Aber ich fürchte, die
einen werden es lesen, wie ein Kompendium, und um das fabula docet sich zu sehr
bekümmern, indes die andern gar zu leicht es nehmen, und beede Teile verstehen
es nicht.
    Wer bloss an meiner Pflanze riecht, der kennt sie nicht, und wer sie pflückt,
bloss, um daran zu lernen, kennt sie auch nicht.
    Die Auflösung der Dissonanzen in einem gewissen Charakter ist weder für das
blosse Nachdenken, noch für die leere Lust.
    Der Schauplatz, wo sich das Folgende zutrug, ist nicht neu, und ich gestehe,
dass ich einmal kindisch genug war, in dieser Rücksicht eine Veränderung mit dem
Buche zu versuchen, aber ich überzeugte mich, dass er der einzig angemessene für
Hyperions elegischen Charakter wäre, und schämte mich, dass mich das
wahrscheinliche Urteil des Publikums so übertrieben geschmeidig gemacht.
    Ich bedaure, dass für jetzt die Beurteilung des Plans noch nicht jedem
möglich ist. Aber der zweite Band soll so schnell, wie möglich, folgen.
 
                                  Erstes Buch
                             Hyperion an Bellarmin
Der liebe Vaterlandsboden gibt mir wieder Freude und Leid.
    Ich bin jetzt alle Morgen auf den Höhn des Korintischen Istmus, und, wie
die Biene unter Blumen, biegt meine Seele oft hin und her zwischen den Meeren,
die zur Rechten und zur Linken meinen glühenden Bergen die Füsse kühlen.
    Besonders der Eine der beeden Meerbusen hätte mich freuen sollen, wär ich
ein Jahrtausend früher hier gestanden.
    Wie ein siegender Halbgott, wallte da zwischen der herrlichen Wildnis des
Helikon und Parnass, wo das Morgenrot um hundert überschneite Gipfel spielt, und
zwischen der paradiesischen Ebene von Sicyon der glänzende Meerbusen herein,
gegen die Stadt der Freude, das jugendliche Korint, und schüttete den
erbeuteten Reichtum aller Zonen vor seiner Lieblingin aus.
    Aber was soll mir das? Das Geschrei des Jakals, der unter den Steinhaufen
des Altertums sein wildes Grablied singt, schröckt ja aus meinen Träumen mich
auf.
    Wohl dem Manne, dem ein blühend Vaterland das Herz erfreut und stärkt! Mir
ist, als würd ich in den Sumpf geworfen, als schlüge man den Sargdeckel über mir
zu, wenn einer an das meinige mich mahnt, und wenn mich einer einen Griechen
nennt, so wird mir immer, als schnürt' er mit dem Halsband eines Hundes mir die
Kehle zu.
    Und siehe, mein Bellarmin! wenn manchmal mir so ein Wort entfuhr, wohl auch
im Zorne mir eine Träne ins Auge trat, so kamen dann die weisen Herren, die
unter euch Deutschen so gerne spuken, die Elenden, denen ein leidend Gemüt so
gerade recht ist, ihre Sprüche anzubringen, die taten dann sich gütlich, liessen
sich beigehn, mir zu sagen: klage nicht, handle!
    O hätt ich doch nie gehandelt! um wie manche Hoffnung wär ich reicher! -
    Ja, vergiss nur, dass es Menschen gibt, darbendes, angefochtenes, tausendfach
geärgertes Herz! und kehre wieder dahin, wo du ausgingst, in die Arme der Natur,
der wandellosen, stillen und schönen.
                             Hyperion an Bellarmin
Ich habe nichts, wovon ich sagen möchte, es sei mein eigen.
    Fern und tot sind meine Geliebten, und ich vernehme durch keine Stimme von
ihnen nichts mehr.
    Mein Geschäft auf Erden ist aus. Ich bin voll Willens an die Arbeit
gegangen, habe geblutet darüber, und die Welt um keinen Pfenning reicher
gemacht.
    Ruhmlos und einsam kehr ich zurück und wandre durch mein Vaterland, das, wie
ein Totengarten, weit umher liegt, und mich erwartet vielleicht das Messer des
Jägers, der uns Griechen, wie das Wild des Waldes, sich zur Lust hält.
    Aber du scheinst noch, Sonne des Himmels! Du grünst noch, heilige Erde! Noch
rauschen die Ströme ins Meer, und schattige Bäume säuseln im Mittag. Der
Wonnegesang des Frühlings singt meine sterblichen Gedanken in Schlaf. Die Fülle
der allebendigen Welt ernährt und sättiget mit Trunkenheit mein darbend Wesen.
    O selige Natur! Ich weiss nicht, wie mir geschiehet, wenn ich mein Auge
erhebe vor deiner Schöne, aber alle Lust des Himmels ist in den Tränen, die ich
weine vor dir, der Geliebte vor der Geliebten.
    Mein ganzes Wesen verstummt und lauscht, wenn die zarte Welle der Luft mir
um die Brust spielt. Verloren ins weite Blau, blick ich oft hinauf an den Aeter
und hinein ins heilige Meer, und mir ist, als öffnet' ein verwandter Geist mir
die Arme, als löste der Schmerz der Einsamkeit sich auf ins Leben der Gotteit.
    Eines zu sein mit Allem, das ist Leben der Gotteit, das ist der Himmel des
Menschen.
    Eines zu sein mit Allem, was lebt, in seliger Selbstvergessenheit
wiederzukehren ins All der Natur, das ist der Gipfel der Gedanken und Freuden,
das ist die heilige Bergeshöhe, der Ort der ewigen Ruhe, wo der Mittag seine
Schwüle und der Donner seine Stimme verliert und das kochende Meer der Woge des
Kornfelds gleicht.
    Eines zu sein mit Allem, was lebt! Mit diesem Worte legt die Tugend den
zürnenden Harnisch, der Geist des Menschen den Zepter weg, und alle Gedanken
schwinden vor dem Bilde der ewigeinigen Welt, wie die Regeln des ringenden
Künstlers vor seiner Urania, und das eherne Schicksal entsagt der Herrschaft,
und aus dem Bunde der Wesen schwindet der Tod, und Unzertrennlichkeit und ewige
Jugend beseliget, verschönert die Welt.
    Auf dieser Höhe steh ich oft, mein Bellarmin! Aber ein Moment des Besinnens
wirft mich herab. Ich denke nach und finde mich, wie ich zuvor war, allein, mit
allen Schmerzen der Sterblichkeit, und meines Herzens Asyl, die ewigeinige Welt,
ist hin; die Natur verschliesst die Arme, und ich stehe, wie ein Fremdling, vor
ihr, und verstehe sie nicht.
    Ach! wär ich nie in eure Schulen gegangen. Die Wissenschaft, der ich in den
Schacht hinunter folgte, von der ich, jugendlich töricht, die Bestätigung meiner
reinen Freude erwartete, die hat mir alles verdorben.
    Ich bin bei euch so recht vernünftig geworden, habe gründlich mich
unterscheiden gelernt von dem, was mich umgibt, bin nun vereinzelt in der
schönen Welt, bin so ausgeworfen aus dem Garten der Natur, wo ich wuchs und
blühte, und vertrockne an der Mittagssonne.
    O ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt,
und wenn die Begeisterung hin ist, steht er da, wie ein missratener Sohn, den der
Vater aus dem Hause stiess, und betrachtet die ärmlichen Pfennige, die ihm das
Mitleid auf den Weg gab.
                             Hyperion an Bellarmin
Ich danke dir, dass du mich bittest, dir von mir zu erzählen, dass du die vorigen
Zeiten mir ins Gedächtnis bringst.
    Das trieb mich auch nach Griechenland zurück, dass ich den Spielen meiner
Jugend näher leben wollte.
    Wie der Arbeiter in den erquickenden Schlaf, sinkt oft mein angefochtenes
Wesen in die Arme der unschuldigen Vergangenheit.
    Ruhe der Kindheit! himmlische Ruhe! wie oft steh ich stille vor dir in
liebender Betrachtung, und möchte dich denken! Aber wir haben ja nur Begriffe
von dem, was einmal schlecht gewesen und wieder gut gemacht ist; von Kindheit,
Unschuld haben wir keine Begriffe.
    Da ich noch ein stilles Kind war und von dem allem, was uns umgibt, nichts
wusste, war ich da nicht mehr, als jetzt, nach all den Mühen des Herzens und all
dem Sinnen und Ringen?
    Ja! ein göttlich Wesen ist das Kind, solang es nicht in die Chamäleonsfarbe
der Menschen getaucht ist.
    Es ist ganz, was es ist, und darum ist es so schön.
    Der Zwang des Gesetzes und des Schicksals betastet es nicht; im Kind ist
Freiheit allein.
    In ihm ist Frieden; es ist noch mit sich selber nicht zerfallen. Reichtum
ist in ihm; es kennt sein Herz, die Dürftigkeit des Lebens nicht. Es ist
unsterblich, denn es weiss vom Tode nichts.
    Aber das können die Menschen nicht leiden. Das Göttliche muss werden, wie
ihrer einer, muss erfahren, dass sie auch da sind, und eh es die Natur aus seinem
Paradiese treibt, so schmeicheln und schleppen die Menschen es heraus, auf das
Feld des Fluchs, dass es, wie sie, im Schweisse des Angesichts sich abarbeite.
    Aber schön ist auch die Zeit des Erwachens, wenn man nur zur Unzeit uns
nicht weckt.
    O es sind heilige Tage, wo unser Herz zum ersten Male die Schwingen übt, wo
wir, voll schnellen feurigen Wachstums, dastehn in der herrlichen Welt, wie die
junge Pflanze, wenn sie der Morgensonne sich aufschliesst, und die kleinen Arme
dem unendlichen Himmel entgegenstreckt.
    Wie es mich umhertrieb an den Bergen und am Meeresufer! ach wie ich oft da
sass mit klopfendem Herzen, auf den Höhen von Tina, und den Falken und Kranichen
nachsah, und den kühnen fröhlichen Schiffen, wenn sie hinunterschwanden am
Horizont! Dort hinunter! dacht ich, dort wanderst du auch einmal hinunter, und
mir war, wie einem Schmachtenden, der ins kühlende Bad sich stürzt und die
schäumenden Wasser über die Stirne sich schüttet.
    Seufzend kehrt ich dann nach meinem Hause wieder um. Wenn nur die
Schülerjahre erst vorüber wären, dacht ich oft.
    Guter Junge! sie sind noch lange nicht vorüber.
    Dass der Mensch in seiner Jugend das Ziel so nahe glaubt! Es ist die schönste
aller Täuschungen, womit die Natur der Schwachheit unsers Wesens aufhilft.
    Und wenn ich oft dalag unter den Blumen und am zärtlichen Frühlingslichte
mich sonnte, und hinaufsah ins heitre Blau, das die warme Erde umfing, wenn ich
unter den Ulmen und Weiden, im Schosse des Berges sass, nach einem erquickenden
Regen, wenn die Zweige noch bebten von den Berührungen des Himmels, und über dem
tröpfelnden Walde sich goldne Wolken bewegten, oder wenn der Abendstern voll
friedlichen Geistes heraufkam mit den alten Jünglingen, den übrigen Helden des
Himmels, und ich so sah, wie das Leben in ihnen in ewiger müheloser Ordnung
durch den Aeter sich fortbewegte, und die Ruhe der Welt mich umgab und
erfreute, dass ich aufmerkte und lauschte, ohne zu wissen, wie mir geschah - hast
du mich lieb, guter Vater im Himmel! fragt ich dann leise, und fühlte seine
Antwort so sicher und selig am Herzen.
    O du, zu dem ich rief, als wärst du über den Sternen, den ich Schöpfer des
Himmels nannte und der Erde, freundlich Idol meiner Kindheit, du wirst nicht
zürnen, dass ich deiner vergass! - Warum ist die Welt nicht dürftig genug, um
ausser ihr noch Einen zu suchen?1
    O wenn sie eines Vaters Tochter ist, die herrliche Natur, ist das Herz der
Tochter nicht sein Herz? Ihr Innerstes, ists nicht Er? Aber hab ichs denn? kenn
ich es denn?
    Es ist, als säh ich, aber dann erschreck ich wieder, als wär es meine eigne
Gestalt, was ich gesehn, es ist, als fühlt ich ihn, den Geist der Welt, wie
eines Freundes warme Hand, aber ich erwache und meine, ich habe meine eignen
Finger gehalten.
                             Hyperion an Bellarmin
Weisst du, wie Plato und sein Stella sich liebten?
    So liebt ich, so war ich geliebt. O ich war ein glücklicher Knabe!
    Es ist erfreulich, wenn gleiches sich zu gleichem gesellt, aber es ist
göttlich, wenn ein grosser Mensch die kleineren zu sich aufzieht.
    Ein freundlich Wort aus eines tapfern Mannes Herzen, ein Lächeln, worin die
verzehrende Herrlichkeit des Geistes sich verbirgt, ist wenig und viel, wie ein
zauberisch Losungswort, das Tod und Leben in seiner einfältigen Silbe verbirgt,
ist, wie ein geistig Wasser, das aus der Tiefe der Berge quillt, und die geheime
Kraft der Erde uns mitteilt in seinem kristallenen Tropfen.
    Wie hass ich dagegen alle die Barbaren, die sich einbilden, sie seien weise,
weil sie kein Herz mehr haben, alle die rohen Unholde, die tausendfältig die
jugendliche Schönheit töten und zerstören, mit ihrer kleinen unvernünftigen
Mannszucht!
    Guter Gott! Da will die Eule die jungen Adler aus dem Neste jagen, will
ihnen den Weg zur Sonne weisen!
    Verzeih mir, Geist meines Adamas! dass ich dieser gedenke vor dir. Das ist
der Gewinn, den uns Erfahrung gibt, dass wir nichts Treffliches uns denken, ohne
sein ungestaltes Gegenteil.
    O dass nur du mir ewig gegenwärtig wärest, mit allem, was dir verwandt ist,
traurender Halbgott, den ich meine! Wen du umgibst, mit deiner Ruhe und Stärke,
Sieger und Kämpfer, wem du begegnest mit deiner Liebe und Weisheit, der fliehe,
oder werde, wie du! Unedles und Schwaches besteht nicht neben dir.
    Wie oft warst du mir nahe, da du längst mir ferne warst, verklärtest mich
mit deinem Lichte, und wärmtest mich, dass mein erstarrtes Herz sich wieder
bewegte, wie der verhärtete Quell, wenn der Strahl des Himmels ihn berührt! Zu
den Sternen hätt ich dann fliehn mögen mit meiner Seligkeit, damit sie mir nicht
entwürdigt würde von dem, was mich umgab.
    Ich war aufgewachsen, wie eine Rebe ohne Stab, und die wilden Ranken
breiteten richtungslos über dem Boden sich aus. Du weisst ja, wie so manche edle
Kraft bei uns zu Grunde geht, weil sie nicht genützt wird. Ich schweifte herum,
wie ein Irrlicht, griff alles an, wurde von allem ergriffen, aber auch nur für
den Moment, und die unbehülflichen Kräfte matteten vergebens sich ab. Ich
fühlte, dass mirs überall fehlte, und konnte doch mein Ziel nicht finden. So fand
er mich.
    Er hatt an seinem Stoffe, der sogenannten kultivierten Welt, lange genug
Geduld und Kunst geübt, aber sein Stoff war Stein und Holz gewesen und
geblieben, nahm wohl zur Not die edle Menschenform von aussen an, aber um dies
wars meinem Adamas nicht zu tun; er wollte Menschen, und, um diese zu schaffen,
hatt er seine Kunst zu arm gefunden. Sie waren einmal da gewesen, die er suchte,
die zu schaffen, seine Kunst zu arm war, das erkannt er deutlich. Wo sie da
gewesen, wusst er auch. Da wollt er hin und unter dem Schutt nach ihrem Genius
fragen, mit diesem sich die einsamen Tage zu verkürzen. Er kam nach
Griechenland. So fand ich ihn.
    Noch seh ich ihn vor mich treten in lächelnder Betrachtung, noch hör ich
seinen Gruss und seine Fragen.
    Wie eine Pflanze, wenn ihr Friede den strebenden Geist besänftigt, und die
einfältige Genügsamkeit wiederkehrt in die Seele - so stand er vor mir.
    Und ich, war ich nicht der Nachhall seiner stillen Begeisterung?
wiederholten sich nicht die Melodien seines Wesens in mir? Was ich sah, ward
ich, und es war Göttliches, was ich sah.
    Wie unvermögend ist doch der gutwilligste Fleiss der Menschen gegen die
Allmacht der ungeteilten Begeisterung.
    Sie weilt nicht auf der Oberfläche, fasst nicht da und dort uns an, braucht
keiner Zeit und keines Mittels; Gebot und Zwang und Überredung braucht sie
nicht; auf allen Seiten, in allen Tiefen und Höhen ergreift sie im Augenblick
uns, und wandelt, ehe sie da ist für uns, ehe wir fragen, wie uns geschiehet,
durch und durch in ihre Schönheit, ihre Seligkeit uns um.
    Wohl dem, wem auf diesem Wege ein edler Geist in früher Jugend begegnete!
    O es sind goldne unvergessliche Tage, voll von den Freuden der Liebe und
süsser Beschäftigung!
    Bald führte mein Adamas in die Heroenwelt des Plutarch, bald in das
Zauberland der griechischen Götter mich ein, bald ordnet' und beruhigt' er mit
Zahl und Mass das jugendliche Treiben, bald stieg er auf die Berge mit mir; des
Tags, um die Blumen der Heide und des Walds und die wilden Moose des Felsen, des
Nachts, um über uns die heiligen Sterne zu schauen, und nach menschlicher Weise
zu verstehen.
    Es ist ein köstlich Wohlgefühl in uns, wenn so das Innere an seinem Stoffe
sich stärkt, sich unterscheidet und getreuer anknüpft und unser Geist allmählich
waffenfähig wird.
    Aber dreifach fühlt ich ihn und mich, wenn wir, wie Manen aus vergangner
Zeit, mit Stolz und Freude, mit Zürnen und Trauern an den Atos hinauf und von
da hinüberschifften in den Hellespont und dann hinab an die Ufer von Rhodus und
die Bergschlünde von Tänarum, durch die stillen Inseln alle, wenn da die
Sehnsucht über die Küsten hinein uns trieb, ins düstre Herz des alten
Peloponnes, an die einsamen Gestade des Eurotas, ach! die ausgestorbnen Tale von
Elis und Nemea und Olympia, wenn wir da, an eine Tempelsäule des vergessenen
Jupiters gelehnt, umfangen von Lorbeerrosen und Immergrün, ins wilde Flussbett
sahen, und das Leben des Frühlings und die ewig jugendliche Sonne uns mahnte, dass
auch der Mensch einst da war, und nun dahin ist, dass des Menschen herrliche
Natur jetzt kaum noch da ist, wie das Bruchstück eines Tempels oder im
Gedächtnis, wie ein Totenbild - da sass ich traurig spielend neben ihm, und
pflückte das Moos von eines Halbgotts Piedestal, grub eine marmorne
Heldenschulter aus dem Schutt, und schnitt den Dornbusch und das Heidekraut von
den halbbegrabnen Architraven, indes mein Adamas die Landschaft zeichnete, wie
sie freundlich tröstend den Ruin umgab, den Weizenhügel, die Oliven, die
Ziegenherde, die am Felsen des Gebirgs hing, den Ulmenwald, der von den Gipfeln
in das Tal sich stürzte; und die Lacerte spielte zu unsern Füssen, und die
Fliegen umsummten uns in der Stille des Mittags - Lieber Bellarmin! ich hätte
Lust, so pünktlich dir, wie Nestor, zu erzählen; ich ziehe durch die
Vergangenheit, wie ein Ährenleser über die Stoppeläcker, wenn der Herr des Lands
geerntet hat; da liest man jeden Strohhalm auf. Und wie ich neben ihm stand auf
den Höhen von Delos, wie das ein Tag war, der mir graute, da ich mit ihm an der
Granitwand des Cyntus die alten Marmortreppen hinaufstieg. Hier wohnte der
Sonnengott einst, unter den himmlischen Festen, wo ihn, wie goldnes Gewölk, das
versammelte Griechenland umglänzte. In Fluten der Freude und Begeisterung warfen
hier, wie Achill in den Styx, die griechischen Jünglinge sich, und gingen
unüberwindlich, wie der Halbgott, hervor. In den Hainen, in den Tempeln
erwachten und tönten in einander ihre Seelen, und treu bewahrte jeder die
entzückenden Akkorde.
    Aber was sprech ich davon? Als hätten wir noch eine Ahnung jener Tage! Ach!
es kann ja nicht einmal ein schöner Traum gedeihen unter dem Fluche, der über
uns lastet. Wie ein heulender Nordwind, fährt die Gegenwart über die Blüten
unsers Geistes und versengt sie im Entstehen. Und doch war es ein goldner Tag,
der auf dem Cyntus mich umfing! Es dämmerte noch, da wir schon oben waren.
Jetzt kam er herauf in seiner ewigen Jugend, der alte Sonnengott, zufrieden und
mühelos, wie immer, flog der unsterbliche Titan mit seinen tausend eignen
Freuden herauf, und lächelt herab auf sein verödet Land, auf seine Tempel, seine
Säulen, die das Schicksal vor ihn hingeworfen hatte, wie die dürren
Rosenblätter, die im Vorübergehen ein Kind gedankenlos vom Strauche riss, und auf
die Erde säete.
    Sei, wie dieser! rief mir Adamas zu, ergriff mich bei der Hand und hielt sie
dem Gott entgegen, und mir war, als trügen uns die Morgenwinde mit sich fort,
und brächten uns ins Geleite des heiligen Wesens, das nun hinaufstieg auf den
Gipfel des Himmels, freundlich und gross, und wunderbar mit seiner Kraft und
seinem Geist die Welt und uns erfüllte.
    Noch trauert und frohlockt mein Innerstes über jedes Wort, das mir damals
Adamas sagte, und ich begreife meine Bedürftigkeit nicht, wenn oft mir wird, wie
damals ihm sein musste. Was ist Verlust, wenn so der Mensch in seiner eignen Welt
sich findet? In uns ist alles. Was kümmerts dann den Menschen, wenn ein Haar von
seinem Haupte fällt? Was ringt er so nach Knechtschaft, da er ein Gott sein
könnte! Du wirst einsam sein, mein Liebling! sagte mir damals Adamas auch, du
wirst sein wie der Kranich, den seine Brüder zurückliessen in rauher Jahrszeit,
indes sie den Frühling suchen im fernen Lande.
    Und das ists, Lieber! Das macht uns arm bei allem Reichtum, dass wir nicht
allein sein können, dass die Liebe in uns, so lange wir leben, nicht erstirbt.
Gib mir meinen Adamas wieder, und komm mit allen, die mir angehören, dass die
alte schöne Welt sich unter uns erneure, dass wir uns versammeln und vereinen in
den Armen unserer Gotteit, der Natur, und siehe! so weiss ich nichts von
Notdurft.
    Aber sage nur niemand, dass uns das Schicksal trenne! Wir sinds, wir! wir
haben unsre Lust daran, uns in die Nacht des Unbekannten, in die kalte Fremde
irgend einer andern Welt zu stürzen, und, wär es möglich, wir verliessen der
Sonne Gebiet und stürmten über des Irrsterns Grenzen hinaus. Ach! für des
Menschen wilde Brust ist keine Heimat möglich; und wie der Sonne Strahl die
Pflanzen der Erde, die er entfaltete, wieder versengt, so tötet der Mensch die
süssen Blumen, die an seiner Brust gedeihten, die Freuden der Verwandtschaft und
der Liebe.
    Es ist, als zürnt ich meinem Adamas, dass er mich verliess, aber ich zürn ihm
nicht. O er wollte ja wieder kommen!
    In der Tiefe von Asien soll ein Volk von seltner Trefflichkeit verborgen
sein; dahin trieb ihn seine Hoffnung weiter.
    Bis Nio begleitet ich ihn. Es waren bittere Tage. Ich habe den Schmerz
ertragen gelernt, aber für solch ein Scheiden hab ich keine Kraft in mir.
    Mit jedem Augenblicke, der uns der letzten Stunde näher brachte, wurd es
sichtbarer, wie dieser Mensch verwebt war in mein Wesen. Wie ein Sterbender den
fliehenden Otem, hielt ihn meine Seele.
    Am Grabe Homers brachten wir noch einige Tage zu, und Nio wurde mir die
heiligste unter den Inseln.
    Endlich rissen wir uns los. Mein Herz hatte sich müde gerungen. Ich war
ruhiger im letzten Augenblicke. Auf den Knieen lag ich vor ihm, umschloss ihn zum
letzten Male mit diesen Armen; gib mir einen Segen, mein Vater! rief ich leise
zu ihm hinauf, und er lächelte gross, und seine Stirne breitete vor den Sternen
des Morgens sich aus und sein Auge durchdrang die Räume des Himmels - Bewahrt
ihn mir, rief er, ihr Geister besserer Zeit! und zieht zu eurer Unsterblichkeit
ihn auf, und all ihr freundlichen Kräfte des Himmels und der Erde, seid mit ihm!
    Es ist ein Gott in uns, setzt' er ruhiger hinzu, der lenkt, wie Wasserbäche,
das Schicksal, und alle Dinge sind sein Element. Der sei vor allem mit dir!
    So schieden wir. Leb wohl, mein Bellarmin!
                             Hyperion an Bellarmin
Wohin könnt ich mir entfliehen, hätt ich nicht die lieben Tage meiner Jugend?
    Wie ein Geist, der keine Ruhe am Acheron findet, kehr ich zurück in die
verlassenen Gegenden meines Lebens. Alles altert und verjüngt sich wieder. Warum
sind wir ausgenommen vom schönen Kreislauf der Natur? Oder gilt er auch für uns?
    Ich wollt es glauben, wenn Eines nicht in uns wäre, das ungeheure Streben,
Alles zu sein, das, wie der Titan des Aetna, heraufzürnt aus den Tiefen unsers
Wesens.
    Und doch, wer wollt es nicht lieber in sich fühlen, wie ein siedend Öl, als
sich gestehn, er sei für die Geissel und fürs Joch geboren? Ein tobend
Schlachtross oder eine Mähre, die das Ohr hängt, was ist edler?
    Lieber! es war eine Zeit, da auch meine Brust an grossen Hoffnungen sich
sonnte, da auch mir die Freude der Unsterblichkeit in allen Pulsen schlug, da
ich wandelt unter herrlichen Entwürfen, wie in weiter Wäldernacht, da ich
glücklich, wie die Fische des Ozeans, in meiner uferlosen Zukunft weiter, ewig
weiter drang.
    Wie mutig, selige Natur! entsprang der Jüngling deiner Wiege! wie freut' er
sich in seiner unversuchten Rüstung! Sein Bogen war gespannt und seine Pfeile
rauschten im Köcher, und die Unsterblichen, die hohen Geister des Altertums
führten ihn an, und sein Adamas war mitten unter ihnen.
    Wo ich ging und stand, geleiteten mich die herrlichen Gestalten; wie
Flammen, verloren sich in meinem Sinne die Taten aller Zeiten in einander, und
wie in Ein frohlockend Gewitter die Riesenbilder, die Wolken des Himmels sich
vereinen, so vereinten sich, so wurden Ein unendlicher Sieg in mir die
hundertfältigen Siege der Olympiaden.
    Wer hält das aus, wen reisst die schröckende Herrlichkeit des Altertums nicht
um, wie ein Orkan die jungen Wälder umreisst, wenn sie ihn ergreift, wie mich,
und wenn, wie mir, das Element ihm fehlt, worin er sich ein stärkend
Selbstgefühl erbeuten könnte?
    O mir, mir beugte die Grösse der Alten, wie ein Sturm, das Haupt, mir raffte
sie die Blüte vom Gesichte, und oftmals lag ich, wo kein Auge mich bemerkte,
unter tausend Tränen da, wie eine gestürzte Tanne, die am Bache liegt und ihre
welke Krone in die Flut verbirgt. Wie gerne hätt ich einen Augenblick aus eines
grossen Mannes Leben mit Blut erkauft!
    Aber was half mir das? Es wollte ja mich niemand.
    O es ist jämmerlich, so sich vernichtet zu sehn; und wem dies unverständlich
ist, der frage nicht danach, und danke der Natur, die ihn zur Freude, wie die
Schmetterlinge, schuf, und geh, und sprech in seinem Leben nimmermehr von
Schmerz und Unglück.
    Ich liebte meine Heroen, wie eine Fliege das Licht; ich suchte ihre
gefährliche Nähe und floh und suchte sie wieder.
    Wie ein blutender Hirsch in den Strom, stürzt ich oft mitten hinein in den
Wirbel der Freude, die brennende Brust zu kühlen und die tobenden herrlichen
Träume von Ruhm und Grösse wegzubaden, aber was half das?
    Und wenn mich oft um Mitternacht das heisse Herz in den Garten hinuntertrieb
unter die tauigen Bäume, und der Wiegengesang des Quells und die liebliche Luft
und das Mondlicht meinen Sinn besänftigte, und so frei und friedlich über mir
die silbernen Gewölke sich regten, und aus der Ferne mir die verhallende Stimme
der Meeresflut tönte, wie freundlich spielten da mit meinem Herzen all die
grossen Phantome seiner Liebe!
    Lebt wohl, ihr Himmlischen! sprach ich oft im Geiste, wenn über mir die
Melodie des Morgenlichts mit leisem Laute begann, ihr herrlichen Toten lebt
wohl! ich möcht euch folgen, möchte von mir schütteln, was mein Jahrhundert mir
gab, und aufbrechen ins freiere Schattenreich!
    Aber ich schmachte an der Kette und hasche mit bitterer Freude die
kümmerliche Schale, die meinem Durste gereicht wird.
                                 -------------
                             Hyperion an Bellarmin
Meine Insel war mir zu enge geworden, seit Adamas fort war. Ich hatte Jahre
schon in Tina Langeweile. Ich wollt in die Welt.
    Geh vorerst nach Smyrna, sagte mein Vater, lerne da die Künste der See und
des Kriegs, lerne die Sprache gebildeter Völker und ihre Verfassungen und
Meinungen und Sitten und Gebräuche, prüfe alles und wähle das Beste! - Dann kann
es meinetwegen weiter gehn.
    Lern auch ein wenig Geduld! setzte die Mutter hinzu, und ich nahms mit Dank
an.
    Es ist entzückend, den ersten Schritt aus der Schranke der Jugend zu tun, es
ist, als dächt ich meines Geburtstags, wenn ich meiner Abreise von Tina gedenke.
Es war eine neue Sonne über mir, und Land und See und Luft genoss ich wie zum
ersten Male.
    Die lebendige Tätigkeit, womit ich nun in Smyrna meine Bildung besorgte, und
der eilende Fortschritt besänftigte mein Herz nicht wenig. Auch manches seligen
Feierabends erinnere ich mich aus dieser Zeit. Wie oft ging ich unter den immer
grünen Bäumen am Gestade des Meles, an der Geburtsstätte meines Homer, und
sammelt Opferblumen und warf sie in den heiligen Strom! Zur nahen Grotte trat
ich dann in meinen friedlichen Träumen, da hätte der Alte, sagen sie, seine
Iliade gesungen. Ich fand ihn. Jeder Laut in mir verstummte vor seiner
Gegenwart. Ich schlug sein göttlich Gedicht mir auf und es war, als hätt ich es
nie gekannt, so ganz anders wurd es jetzt lebendig in mir.
    Auch denk ich gerne meiner Wanderung durch die Gegenden von Smyrna. Es ist
ein herrlich Land, und ich habe tausendmal mir Flügel gewünscht, um des Jahres
Einmal nach Kleinasien zu fliegen.
    Aus der Ebne von Sardes kam ich durch die Felsenwände des Tmolus herauf.
    Ich hatt am Fusse des Bergs übernachtet in einer freundlichen Hütte, unter
Myrten, unter den Düften des Ladanstrauchs, wo in der goldnen Flut des Paktolus
die Schwäne mir zur Seite spielten, wo ein alter Tempel der Cybele aus den Ulmen
hervor, wie ein schüchterner Geist, ins helle Mondlicht blickte. Fünf liebliche
Säulen trauerten über dem Schutt, und ein königlich Portal lag niedergestürzt zu
ihren Füssen.
    Durch tausend blühende Gebüsche wuchs mein Pfad nun aufwärts. Vom schroffen
Abhang neigten lispelnde Bäume sich, und übergossen mit ihren zarten Flocken
mein Haupt. Ich war des Morgens ausgegangen. Um Mittag war ich auf der Höhe des
Gebirgs. Ich stand, sah fröhlich vor mich hin, genoss der reineren Lüfte des
Himmels. Es waren selige Stunden.
    Wie ein Meer, lag das Land, wovon ich heraufkam, vor mir da, jugendlich,
voll lebendiger Freude; es war ein himmlisch unendlich Farbenspiel, womit der
Frühling mein Herz begrüsste, und wie die Sonne des Himmels sich wiederfand im
tausendfachen Wechsel des Lichts, das ihr die Erde zurückgab, so erkannte mein
Geist sich in der Fülle des Lebens, die ihn umfing, von allen Seiten ihn
überfiel.
    Zur Linken stürzt' und jauchzte, wie ein Riese, der Strom in die Wälder
hinab, vom Marmorfelsen, der über mir hing, wo der Adler spielte mit seinen
Jungen, wo die Schneegipfel hinauf in den blauen Aeter glänzten; rechts wälzten
Wetterwolken sich her über den Wäldern des Sipylus; ich fühlte nicht den Sturm,
der sie trug, ich fühlte nur ein Lüftchen in den Locken, aber ihren Donner hört
ich, wie man die Stimme der Zukunft hört, und ihre Flammen sah ich, wie das
ferne Licht der geahneten Gotteit. Ich wandte mich südwärts und ging weiter. Da
lag es offen vor mir, das ganze paradiesische Land, das der Kayster durchströmt,
durch so manchen reizenden Umweg, als könnt er nicht lange genug verweilen in
all dem Reichtum und der Lieblichkeit, die ihn umgibt. Wie die Zephyre, irrte
mein Geist von Schönheit zu Schönheit selig umher, vom fremden friedlichen
Dörfchen, das tief unten am Berge lag, bis hinein, wo die Gebirgkette des
Messogis dämmert.
    Ich kam nach Smyrna zurück, wie ein Trunkener vom Gastmahl. Mein Herz war
des Wohlgefälligen zu voll, um nicht von seinem Überflusse der Sterblichkeit zu
leihen. Ich hatte zu glücklich in mich die Schönheit der Natur erbeutet, um
nicht die Lücken des Menschenlebens damit auszufüllen. Mein dürftig Smyrna
kleidete sich in die Farben meiner Begeisterung, und stand, wie eine Braut, da.
Die geselligen Städter zogen mich an. Der Widersinn in ihren Sitten vergnügte
mich, wie eine Kinderposse, und weil ich von Natur hinaus war über all die
eingeführten Formen und Bräuche, spielt ich mit allen, und legte sie an und zog
sie aus, wie Fastnachtskleider.
    Was aber eigentlich mir die schale Kost des gewöhnlichen Umgangs würzte, das
waren die guten Gesichter und Gestalten, die noch hie und da die mitleidige
Natur, wie Sterne, in unsere Verfinsterung sendet.
    Wie hatt ich meine herzliche Freude daran! wie glaubig deutet ich diese
freundlichen Hieroglyphen! Aber es ging mir fast damit, wie ehemals mit den
Birken im Frühlinge. Ich hatte von dem Safte dieser Bäume gehört, und dachte
wunder, was ein köstlich Getränk die lieblichen Stämme geben müssten. Aber es war
nicht Kraft und Geist genug darinnen.
    Ach! und wie heillos war das übrige alles, was ich hört und sah.
    Es war mir wirklich hie und da, als hätte sich die Menschennatur in die
Mannigfaltigkeiten des Tierreichs aufgelöst, wenn ich umher ging unter diesen
Gebildeten. Wie überall, so waren auch hier die Männer besonders verwahrlost und
verwest.
    Gewisse Tiere heulen, wenn sie Musik anhören. Meine bessergezognen Leute
hingegen lachten, wenn von Geistesschönheit die Rede war und von Jugend des
Herzens. Die Wölfe gehen davon, wenn einer Feuer schlägt. Sahn jene Menschen
einen Funken Vernunft, so kehrten sie, wie Diebe, den Rücken.
    Sprach ich einmal auch vom alten Griechenland ein warmes Wort, so gähnten
sie, und meinten, man hätte doch auch zu leben in der jetzigen Zeit; und es wäre
der gute Geschmack noch immer nicht verloren gegangen, fiel ein anderer
bedeutend ein.
    Dies zeigte sich dann auch. Der eine witzelte, wie ein Bootsknecht, der
andere blies die Backen auf und predigte Sentenzen.
    Es gebärdet' auch wohl einer sich aufgeklärt, machte dem Himmel ein
Schnippchen und rief, um die Vögel auf dem Dache hab er nie sich bekümmert, die
Vögel in der Hand, die seien ihm lieber! Doch wenn man ihm vom Tode sprach, so
legt' er stracks die Hände zusammen, und kam so nach und nach im Gespräche
darauf, wie es gefährlich sei, dass unsere Priester nichts mehr gelten.
    Die Einzigen, deren zuweilen ich mich bediente, waren die Erzähler, die
lebendigen Namenregister von fremden Städten und Ländern, die redenden
Bilderkasten, wo man Potentaten auf Rossen und Kirchtürme und Märkte sehn kann.
    Ich war es endlich müde, mich wegzuwerfen, Trauben zu suchen in der Wüste
und Blumen über dem Eisfeld.
    Ich lebte nun entschiedner allein, und der sanfte Geist meiner Jugend war
fast ganz aus meiner Seele verschwunden. Die Unheilbarkeit des Jahrhunderts war
mir aus so manchem, was ich erzähle und nicht erzähle, sichtbar geworden, und
der schöne Trost, in Einer Seele meine Welt zu finden, mein Geschlecht in einem
freundlichen Bilde zu umarmen, auch der gebrach mir.
    Lieber! was wäre das Leben ohne Hoffnung? Ein Funke, der aus der Kohle
springt und verlischt, und wie man bei trüber Jahrszeit einen Windstoss hört, der
einen Augenblick saust und dann verhallt, so wär es mit uns?
    Auch die Schwalbe sucht ein freundlicher Land im Winter, es läuft das Wild
umher in der Hitze des Tags und seine Augen suchen den Quell. Wer sagt dem
Kinde, dass die Mutter ihre Brust ihm nicht versage? Und siehe! es sucht sie
doch.
    Es lebte nichts, wenn es nicht hoffte. Mein Herz verschloss jetzt seine
Schätze, aber nur, um sie für eine bessere Zeit zu sparen, für das Einzige,
Heilige, Treue, das gewiss, in irgend einer Periode des Daseins, meiner
dürstenden Seele begegnen sollte.
    Wie selig hing ich oft an ihm, wenn es, in Stunden des Ahnens, leise, wie
das Mondlicht, um die besänftigte Stirne mir spielte? Schon damals kannt ich
dich, schon damals blicktest du, wie ein Genius, aus Wolken mich an, du, die mir
einst, im Frieden der Schönheit, aus der trüben Woge der Welt stieg! Da kämpfte,
da glüht' es nimmer, dies Herz.
    Wie in schweigender Luft sich eine Lilie wiegt, so regte sich in seinem
Elemente, in den entzückenden Träumen von ihr, mein Wesen.
                             Hyperion an Bellarmin
Smyrna war mir nun verleidet. Überhaupt war mein Herz allmählich müder geworden.
Zuweilen konnte wohl der Wunsch in mir auffahren, um die Welt zu wandern oder in
den ersten besten Krieg zu gehn, oder meinen Adamas aufzusuchen und in seinem
Feuer meinen Missmut auszubrennen, aber dabei blieb es, und mein unbedeutend
welkes Leben wollte nimmer sich erfrischen.
    Der Sommer war nun bald zu Ende; ich fühlte schon die düstern Regentage und
das Pfeifen der Winde und Tosen der Wetterbäche zum voraus, und die Natur, die,
wie ein schäumender Springquell, emporgedrungen war in allen Pflanzen und
Bäumen, stand jetzt schon da vor meinem verdüsterten Sinne, schwindend und
verschlossen und in sich gekehrt, wie ich selber.
    Ich wollte noch mit mir nehmen, was ich konnte, von all dem fliehenden
Leben, alles, was ich draussen liebgewonnen hatte, wollt ich noch hereinretten in
mich, denn ich wusste wohl, dass mich das wiederkehrende Jahr nicht wieder finden
würde unter diesen Bäumen und Bergen, und so ging und ritt ich jetzt mehr, als
gewöhnlich, herum im ganzen Bezirke.
    Was aber mich besonders hinaustrieb, war das geheime Verlangen, einen
Menschen zu sehn, der seit einiger Zeit vor dem Tore unter den Bäumen, wo ich
vorbei kam, mir alle Tage begegnet war.
    Wie ein junger Titan, schritt der herrliche Fremdling unter dem
Zwergengeschlechte daher, das mit freudiger Scheue an seiner Schöne sich
weidete, seine Höhe mass und seine Stärke, und an dem glühenden verbrannten
Römerkopfe, wie an verbotner Frucht mit verstohlnem Blicke sich labte, und es
war jedesmal ein herrlicher Moment, wann das Auge dieses Menschen, für dessen
Blick der freie Aeter zu enge schien, so mit abgelegtem Stolze sucht' und
strebte, bis es sich in meinem Auge fühlte und wir errötend uns einander
nachsahen und vorüber gingen.
    Einst war ich tief in die Wälder des Mimas hineingeritten und kehrt erst
spät abends zurück. Ich war abgestiegen, und führte mein Pferd einen steilen
wüsten Pfad über Baumwurzeln und Steine hinunter, und, wie ich so durch die
Sträuche mich wand, in die Höhle hinunter, die nun vor mir sich öffnete, fielen
plötzlich ein paar karabornische Räuber über mich her, und ich hatte Mühe, für
den ersten Moment die zwei gezückten Säbel abzuhalten; aber sie waren schon von
anderer Arbeit müde, und so half ich doch mir durch. Ich setzte mich ruhig
wieder aufs Pferd und ritt hinab.
    Am Fusse des Berges tat mitten unter den Wäldern und aufgehäuften Felsen sich
eine kleine Wiese vor mir auf. Es wurde hell. Der Mond war eben aufgegangen über
den finstern Bäumen. In einiger Entfernung sah ich Rosse auf dem Boden
ausgestreckt und Männer neben ihnen im Grase.
    Wer seid ihr? rief ich.
    Das ist Hyperion! rief eine Heldenstimme, freudig überrascht. Du kennst
mich, fuhr die Stimme fort; ich begegne dir alle Tage unter den Bäumen am Tore.
    Mein Ross flog, wie ein Pfeil, ihm zu. Das Mondlicht schien ihm hell ins
Gesicht. Ich kannt ihn; ich sprang herab.
    Guten Abend! rief der liebe Rüstige, sah mit zärtlich wildem Blicke mich an
und drückte mit seiner nervigen Faust die meine, dass mein Innerstes den Sinn
davon empfand.
    O nun war mein unbedeutend Leben am Ende!
    Alabanda, so hiess der Fremde, sagte mir nun, dass er mit seinem Diener von
Räubern wäre überfallen worden, dass die beiden, auf die ich stiess, wären
fortgeschickt worden von ihm, dass er den Weg aus dem Walde verloren gehabt und
darum wäre genötigt gewesen, auf der Stelle zu bleiben, bis ich gekommen. Ich
habe einen Freund dabei verloren, setzt' er hinzu, und wies sein totes Ross mir.
    Ich gab das meine seinem Diener, und wir gingen zu Fusse weiter.
    Es geschah uns recht, begann ich, indes wir Arm in Arm zusammen aus dem
Walde gingen; warum zögerten wir auch so lange und gingen uns vorüber, bis der
Unfall uns zusammenbrachte.
    Ich muss denn doch dir sagen, erwidert' Alabanda, dass du der Schuldigere, der
Kältere bist. Ich bin dir heute nachgeritten.
    Herrlicher! rief ich, siehe nur zu! an Liebe sollst du doch mich nimmer
übertreffen.
    Wir wurden immer inniger und freudiger zusammen.
    
    Wir kamen nahe bei der Stadt an einem wohlgebauten Khan vorbei, das unter
plätschernden Brunnen ruhte und unter Fruchtbäumen und duftenden Wiesen.
    Wir beschlossen, da zu übernachten. Wir sassen noch lange zusammen bei offnen
Fenstern. Hohe geistige Stille umfing uns. Erd und Meer war selig verstummt, wie
die Sterne, die über uns hingen. Kaum, dass ein Lüftchen von der See her uns ins
Zimmer flog und zart mit unserm Lichte spielte, oder dass von ferner Musik die
gewaltigern Töne zu uns drangen, indes die Donnerwolke sich wiegt' im Bette des
Aeters, und hin und wieder durch die Stille fernher tönte, wie ein schlafender
Riese, wenn er stärker atmet in seinen furchtbaren Träumen.
    Unsre Seelen mussten um so stärker sich nähern, weil sie wider Willen waren
verschlossen gewesen. Wir begegneten einander, wie zwei Bäche, die vom Berge
rollen, und die Last von Erde und Stein und faulem Holz und das ganze träge
Chaos, das sie aufhält, von sich schleudern, um den Weg sich zu einander zu
bahnen, und durchzubrechen bis dahin, wo sie nun ergreifend und ergriffen mit
gleicher Kraft, vereint in Einen majestätischen Strom, die Wanderung ins weite
Meer beginnen.
    Er, vom Schicksal und der Barbarei der Menschen heraus, vom eignen Hause
unter Fremden hin und her gejagt, von früher Jugend an erbittert und verwildert,
und doch auch das innere Herz voll Liebe, voll Verlangens, aus der rauhen Hülse
durchzudringen in ein freundlich Element; ich, von allem schon so innigst
abgeschieden, so mit ganzer Seele fremd und einsam unter den Menschen, so
lächerrlich begleitet von dem Schellenklange der Welt in meines Herzens liebsten
Melodien; ich, die Antipatie aller Blinden und Lahmen, und doch mir selbst zu
blind und lahm, doch mir selbst so herzlich überlästig in allem, was von ferne
verwandt war mit den Klugen und Vernünftlern, den Barbaren und den Witzlingen -
und so voll Hoffnung, so voll einziger Erwartung eines schönern Lebens -
    Mussten so in freudig stürmischer Eile nicht die beiden Jünglinge sich
umfassen?
    O du, mein Freund und Kampfgenosse, mein Alabanda, wo bist du? Ich glaube
fast, du bist ins unbekannte Land hinübergegangen, zur Ruhe, bist wieder
geworden, wie einst, da wir noch Kinder waren.
    Zuweilen, wenn ein Gewitter über mir hinzieht, und seine göttlichen Kräfte
unter die Wälder austeilt und die Saaten, oder wenn die Wogen der Meersflut
unter sich spielen, oder ein Chor von Adlern um die Berggipfel, wo ich wandre,
sich schwingt, kann mein Herz sich regen, als wäre mein Alabanda nicht fern;
aber sichtbarer, gegenwärtiger, unverkennbarer lebt er in mir, ganz, wie er
einst dastand, ein feurig strenger furchtbarer Kläger, wenn er die Sünden des
Jahrhunderts nannte. Wie erwachte da in seinen Tiefen mein Geist, wie rollten
mir die Donnerworte der unerbittlichen Gerechtigkeit über die Zunge! Wie Boten
der Nemesis, durchwanderten unsre Gedanken die Erde, und reinigten sie, bis
keine Spur von allem Fluche da war.
    Auch die Vergangenheit riefen wir vor unsern Richterstuhl, das stolze Rom
erschröckte uns nicht mit seiner Herrlichkeit, Aten bestach uns nicht mit
seiner jugendlichen Blüte.
    Wie Stürme, wenn sie frohlockend, unaufhörlich fort durch Wälder über Berge
fahren, so drangen unsre Seelen in kolossalischen Entwürfen hinaus; nicht, als
hätten wir, unmännlich, unsre Welt, wie durch ein Zauberwort, geschaffen, und
kindisch unerfahren keinen Widerstand berechnet, dazu war Alabanda zu verständig
und zu tapfer. Aber oft ist auch die mühelose Begeisterung kriegerisch und klug.
    Ein Tag ist mir besonders gegenwärtig.
    Wir waren zusammen aufs Feld gegangen, sassen vertraulich umschlungen im
Dunkel des immergrünen Lorbeers, und sahen zusammen in unsern Plato, wo er so
wunderbar erhaben vom Altern und Verjüngen spricht, und ruhten hin und wieder
aus auf der stummen entblätterten Landschaft, wo der Himmel schöner, als je, mit
Wolken und Sonnenschein um die herbstlich schlafenden Bäume spielte.
    Wir sprachen darauf manches vom jetzigen Griechenland, beede mit blutendem
Herzen, denn der entwürdigte Boden war auch Alabandas Vaterland.
    Alabanda war wirklich ungewöhnlich bewegt.
    Wenn ich ein Kind ansehe, rief dieser Mensch, und denke, wie schmählich und
verderbend das Joch ist, das es tragen wird, und dass es darben wird, wie wir,
dass es Menschen suchen wird, wie wir, fragen wird, wie wir, nach Schönem und
Wahrem, dass es unfruchtbar vergehen wird, weil es allein sein wird, wie wir, dass
es - o nehmt doch eure Söhne aus der Wiege, und werft sie in den Strom, um
wenigstens vor eurer Schande sie zu retten!
    Gewiss, Alabanda! sagt ich, gewiss es wird anders.
    Wodurch? erwidert' er; die Helden haben ihren Ruhm, die Weisen ihre
Lehrlinge verloren. Grosse Taten, wenn sie nicht ein edel Volk vernimmt, sind
mehr nicht als ein gewaltiger Schlag vor eine dumpfe Stirne, und hohe Worte,
wenn sie nicht in hohen Herzen widertönen, sind, wie ein sterbend Blatt, das in
den Kot herunterrauscht. Was willst du nun?
    Ich will, sagt ich, die Schaufel nehmen und den Kot in eine Grube werfen.
Ein Volk, wo Geist und Grösse keinen Geist und keine Grösse mehr erzeugt, hat
nichts mehr gemein, mit andern, die noch Menschen sind, hat keine Rechte mehr,
und es ist ein leeres Possenspiel, ein Aberglauben, wenn man solche willenlose
Leichname noch ehren will, als wär ein Römerherz in ihnen. Weg mit ihnen! Er
darf nicht stehen, wo er steht, der dürre faule Baum, er stiehlt ja Licht und
Luft dem jungen Leben, das für eine neue Welt heranreift.
    Alabanda flog auf mich zu, umschlang mich, und seine Küsse gingen mir in die
Seele. Waffenbruder! rief er, lieber Waffenbruder! o nun hab ich hundert Arme!
    Das ist endlich einmal meine Melodie, fuhr er fort, mit einer Stimme, die,
wie ein Schlachtruf, mir das Herz bewegte, mehr brauchts nicht! Du hast ein
herrlich Wort gesprochen, Hyperion! Was? vom Wurme soll der Gott abhängen? Der
Gott in uns, dem die Unendlichkeit zur Bahn sich öffnet, soll stehn und harren,
bis der Wurm ihm aus dem Wege geht? Nein! nein! Man frägt nicht, ob ihr wollt!
Ihr wollt ja nie, ihr Knechte und Barbaren! Euch will man auch nicht bessern,
denn es ist umsonst! man will nur dafür sorgen, dass ihr dem Siegeslauf der
Menschheit aus dem Wege geht. O! zünde mir einer die Fackel an, dass ich das
Unkraut von der Heide brenne! die Mine bereite mir einer, dass ich die trägen
Klötze aus der Erde sprenge!
    Wo möglich, lehnt man sanft sie auf die Seite, fiel ich ein.
    Alabanda schwieg eine Weile.
    Ich habe meine Lust an der Zukunft, begann er endlich wieder, und fasste
feurig meine beeden Hände. Gott sei Dank! ich werde kein gemeines Ende nehmen.
Glücklich sein, heisst schläfrig sein im Munde der Knechte. Glücklich sein! mir
ist, als hätt ich Brei und laues Wasser auf der Zunge, wenn ihr mir sprecht von
glücklich sein. So albern und so heillos ist das alles, wofür ihr hingebt eure
Lorbeerkronen, eure Unsterblichkeit.
    O heiliges Licht, das ruhelos, in seinem ungeheuren Reiche wirksam, dort
oben über uns wandelt, und seine Seele auch mir mitteilt, in den Strahlen, die
ich trinke, dein Glück sei meines!
    Von ihren Taten nähren die Söhne der Sonne sich; sie leben vom Sieg; mit
eignem Geist ermuntern sie sich, und ihre Kraft ist ihre Freude. -
    Der Geist dieses Menschen fasste einen oft an, dass man sich hätte schämen
mögen, so federleicht hinweggerissen fühlte man sich.
    O Himmel und Erde! rief ich, das ist Freude! - Das sind andre Zeiten, das
ist kein Ton aus meinem kindischen Jahrhundert, das ist nicht der Boden, wo das
Herz des Menschen unter seines Treibers Peitsche keucht. - Ja! ja! bei deiner
herrlichen Seele, Mensch! Du wirst mit mir das Vaterland erretten.
    Das will ich, rief er, oder untergehn.
    Von diesem Tag an wurden wir uns immer heiliger und lieber. Tiefer
unbeschreiblicher Ernst war unter uns gekommen. Aber wir waren nur um so seliger
zusammen. Nur in den ewigen Grundtönen seines Wesens lebte jeder, und schmucklos
schritten wir fort von einer grossen Harmonie zur andern. Voll herrlicher Strenge
und Kühnheit war unser gemeinsames Leben.
    Wie bist du denn so wortarm geworden? fragte mich einmal Alabanda mit
Lächeln. In den heissen Zonen, sagt ich, näher der Sonne, singen ja auch die
Vögel nicht.
    Aber es geht alles auf und unter in der Welt, und es hält der Mensch mit
aller seiner Riesenkraft nichts fest. Ich sah einmal ein Kind die Hand
ausstrecken, um das Mondlicht zu haschen; aber das Licht ging ruhig weiter seine
Bahn. So stehn wir da, und ringen, das wandelnde Schicksal anzuhalten.
    O wer ihm nur so still und sinnend, wie dem Gange der Sterne, zusehn könnte!
    Je glücklicher du bist, um so weniger kostet es, dich zu Grunde zu richten,
und die seligen Tage, wie Alabanda und ich sie lebten, sind wie eine jähe
Felsenspitze, wo dein Reisegefährte nur dich anzurühren braucht, um unabsehlich,
über die schneidenden Zacken hinab, dich in die dämmernde Tiefe zu stürzen.
    Wir hatten eine herrliche Fahrt nach Chios gemacht, hatten tausend Freude an
uns gehabt. Wie Lüftchen über die Meeresfläche, walteten über uns die
freundlichen Zauber der Natur. Mit freudigem Staunen sah einer den andern, ohne
ein Wort zu sprechen, aber das Auge sagte, so hab ich dich nie gesehen! So
verherrlicht waren wir von den Kräften der Erde und des Himmels.
    Wir hatten dann auch mit heitrem Feuer uns über manches gestritten, während
der Fahrt; ich hatte, wie sonst, auch diesmal wieder meines Herzens Freude daran
gehabt, diesem Geist auf seiner kühnen Irrbahn zuzusehn, wo er so regellos, so
in ungebundner Fröhlichkeit, und doch meist so sicher seinen Weg verfolgte.
    Wir eilten, wie wir ausgestiegen waren, allein zu sein.
    Du kannst niemand überzeugen, sagt ich jetzt mit inniger Liebe, du
überredest, du bestichst die Menschen, ehe du anfängst; man kann nicht zweifeln,
wenn du sprichst, und wer nicht zweifelt, wird nicht überzeugt.
    Stolzer Schmeichler, rief er dafür, du lügst! aber gerade recht, dass du mich
mahnst! nur zu oft hast du schon mich unvernünftig gemacht! Um alle Kronen möcht
ich von dir mich nicht befreien, aber es ängstiget denn doch mich oft, dass du
mir so unentbehrlich sein sollst, dass ich so gefesselt bin an dich; und sieh,
fuhr er fort, dass du ganz mich hast, sollst du auch alles von mir wissen! wir
dachten bisher unter all der Herrlichkeit und Freude nicht daran, uns nach
Vergangenem umzusehn.
    Er erzählte mir nun sein Schicksal; mir war dabei, als säh ich einen jungen
Herkules mit der Megära im Kampfe.
    Wirst du mir jetzt verzeihen, schloss er die Erzählung seines Ungemachs,
wirst du jetzt ruhiger sein, wenn ich oft rauh bin und anstössig und
unverträglich?
    O stille, stille! rief ich innigst bewegt; aber dass du noch da bist, dass du
dich erhieltest für mich!
    Ja wohl! für dich! rief er, und es freut mich herzlich, dass ich dir denn
doch geniessbare Kost bin. Und schmeck ich auch, wie ein Holzapfel, dir zuweilen,
so keltre mich so lange, bis ich trinkbar bin.
    Lass mich! lass mich! rief ich; ich sträubte mich umsonst; der Mensch machte
mich zum Kinde; ich verbargs ihm auch nicht; er sah meine Tränen, und weh ihm,
wenn er sie nicht sehen durfte!
    Wir schwelgen, begann nun Alabanda wieder, wir töten im Rausche die Zeit.
    Wir haben unsre Bräutigamstage zusammen, rief ich erheitert, da darf es wohl
noch lauten, als wäre man in Arkadien. - Aber auf unser vorig Gespräch zu
kommen!
    Du räumst dem Staate denn doch zu viel Gewalt ein. Er darf nicht fordern,
was er nicht erzwingen kann. Was aber die Liebe gibt und der Geist, das lässt
sich nicht erzwingen. Das lass er unangetastet, oder man nehme sein Gesetz und
schlag es an den Pranger! Beim Himmel! der weiss nicht, was er sündigt, der den
Staat zur Sittenschule machen will. Immerhin hat das den Staat zur Hölle
gemacht, dass ihn der Mensch zu seinem Himmel machen wollte.
    Die rauhe Hülse um den Kern des Lebens und nichts weiter ist der Staat. Er
ist die Mauer um den Garten menschlicher Früchte und Blumen.
    Aber was hilft die Mauer um den Garten, wo der Boden dürre liegt? Da hilft
der Regen vom Himmel allein.
    O Regen vom Himmel! o Begeisterung! Du wirst den Frühling der Völker uns
wiederbringen. Dich kann der Staat nicht hergebieten. Aber er störe dich nicht,
so wirst du kommen, kommen wirst du, mit deinen allmächtigen Wonnen, in goldne
Wolken wirst du uns hüllen und empor uns tragen über die Sterblichkeit, und wir
werden staunen und fragen, ob wir es noch seien, wir, die Dürftigen, die wir die
Sterne fragten, ob dort uns ein Frühling blühe - frägst du mich, wann dies sein
wird? Dann, wann die Lieblingin der Zeit, die jüngste, schönste Tochter der
Zeit, die neue Kirche, hervorgehn wird aus diesen befleckten veralteten Formen,
wann das erwachte Gefühl des Göttlichen dem Menschen seine Gotteit, und seiner
Brust die schöne Jugend wiederbringen wird, wann - ich kann sie nicht verkünden,
denn ich ahne sie kaum, aber sie kömmt gewiss, gewiss. Der Tod ist ein Bote des
Lebens, und dass wir jetzt schlafen in unsern Krankenhäusern, dies zeugt vom
nahen gesunden Erwachen. Dann, dann erst sind wir, dann ist das Element der
Geister gefunden!
    Alabanda schwieg, und sah eine Weile erstaunt mich an. Ich war hingerissen
von unendlichen Hoffnungen; Götterkräfte trugen, wie ein Wölkchen, mich fort -
    Komm! rief ich, und fasst Alabanda beim Gewande, komm, wer hält es länger aus
im Kerker, der uns umnachtet?
    Wohin, mein Schwärmer, erwidert' Alabanda trocken, und ein Schatte von Spott
schien über sein Gesicht zu gleiten.
    Ich war, wie aus den Wolken gefallen. Geh! sagt ich, du bist ein kleiner
Mensch!
    In demselben Augenblicke traten etliche Fremden ins Zimmer, auffallende
Gestalten, meist hager und blass, so viel ich im Mondlicht sehen konnte, ruhig,
aber in ihren Mienen war etwas, das in die Seele ging, wie ein Schwert, und es
war, als stünde man vor der Allwissenheit; man hätte gezweifelt, ob dies die
Aussenseite wäre von bedürftigen Naturen, hätte nicht hie und da der getötete
Affekt seine Spuren zurückgelassen.
    Besonders einer fiel mir auf. Die Stille seiner Züge war die Stille eines
Schlachtfelds. Grimm und Liebe hatt in diesem Menschen gerast, und der Verstand
leuchtete über den Trümmern des Gemüts, wie das Auge eines Habichts, der auf
zerstörten Palästen sitzt. Tiefe Verachtung war auf seinen Lippen. Man ahnete,
dass dieser Mensch mit keiner unbedeutenden Absicht sich befasse.
    Ein andrer mochte seine Ruhe mehr einer natürlichen Herzenshärte danken. Man
fand an ihm fast keine Spur einer Gewaltsamkeit, von Selbstmacht oder Schicksal
verübt.
    Ein dritter mochte seine Kälte mehr mit der Kraft der Überzeugung dem Leben
abgedrungen haben, und wohl noch oft im Kampfe mit sich stehen, denn es war ein
geheimer Widerspruch in seinem Wesen, und es schien mir, als müsst er sich
bewachen. Er sprach am wenigsten.
    Alabanda sprang auf, wie gebogner Stahl, bei ihrem Eintritt.
    Wir suchten dich, rief einer von ihnen.
    Ihr würdet mich finden, sagt' er lachend, wenn ich in den Mittelpunkt der
Erde mich verbärge. Sie sind meine Freunde, setzt' er hinzu, indes er zu mir
sich wandte.
    Sie schienen mich ziemlich scharf ins Auge zu fassen.
    Das ist auch einer von denen, die es gerne besser haben möchten in der Welt,
rief Alabanda nach einer Weile, und wies auf mich.
    Das ist dein Ernst? fragt' einer mich von den Dreien.
    Es ist kein Scherz, die Welt zu bessern, sagt ich.
    Du hast viel mit einem Worte gesagt! rief wieder einer von ihnen. Du bist
unser Mann! ein andrer.
    Ihr denkt auch so? fragt ich.
    Frage, was wir tun! war die Antwort.
    Und wenn ich fragte?
    So würden wir dir sagen, dass wir da sind, aufzuräumen auf Erden, dass wir die
Steine vom Acker lesen, und die harten Erdenklösse mit dem Karst zerschlagen, und
Furchen graben mit dem Pflug, und das Unkraut an der Wurzel fassen, an der
Wurzel es durchschneiden, samt der Wurzel es ausreissen, dass es verdorre im
Sonnenbrande.
    Nicht, dass wir ernten möchten, fiel ein andrer ein; uns kömmt der Lohn zu
spät; uns reift die Ernte nicht mehr.
    Wir sind am Abend unsrer Tage. Wir irrten oft, wir hofften viel und taten
wenig. Wir wagten lieber, als wir uns besannen. Wir waren gerne bald am Ende und
trauten auf das Glück. Wir sprachen viel von Freude und Schmerz, und liebten,
hassten beide. Wir spielten mit dem Schicksal und es tat mit uns ein Gleiches.
Vom Bettelstabe bis zur Krone warf es uns auf und ab. Es schwang uns, wie man
ein glühend Rauchfass schwingt, und wir glühten, bis die Kohle zu Asche ward. Wir
haben aufgehört von Glück und Missgeschick zu sprechen. Wir sind emporgewachsen
über die Mitte des Lebens, wo es grünt und warm ist. Aber es ist nicht das
Schlimmste, was die Jugend überlebt. Aus heissem Metalle wird das kalte Schwert
geschmiedet. Auch sagt man, auf verbrannten abgestorbenen Vulkanen gedeihe kein
schlechter Most.
    Wir sagen das nicht um unsertwillen, rief ein anderer jetzt etwas rascher,
wir sagen es um euertwillen! Wir betteln um das Herz des Menschen nicht. Denn
wir bedürfen seines Herzens, seines Willens nicht. Denn er ist in keinem Falle
wider uns, denn es ist alles für uns, und die Toren und die Klugen und die
Einfältigen und die Weisen und alle Laster und alle Tugenden der Roheit und der
Bildung stehen, ohne gedungen zu sein, in unsrem Dienst, und helfen blindlings
mit zu unsrem Ziel - nur wünschten wir, es hätte jemand den Genuss davon, drum
suchen wir unter den tausend blinden Gehülfen die besten uns aus, um sie zu
sehenden Gehülfen zu machen - will aber niemand wohnen, wo wir bauten, unsre
Schuld und unser Schaden ist es nicht. Wir taten, was das unsre war. Will
niemand sammeln, wo wir pflügten, wer verargt es uns? Wer flucht dem Baume, wenn
sein Apfel in den Sumpf fällt? Ich habs mir oft gesagt, du opferst der
Verwesung, und ich endete mein Tagwerk doch.
    Das sind Betrüger! riefen alle Wände meinem empfindlichen Sinne zu. Mir war,
wie einem, der im Rauch ersticken will, und Türen und Fenster einstösst, um sich
hinauszuhelfen, so dürstet ich nach Luft und Freiheit.
    Sie sahen auch bald, wie unheimlich mir zu Mute war, und brachen ab. Der Tag
graute schon, da ich aus dem Khan trat, wo wir waren beisammen gewesen. Ich
fühlte das Wehen der Morgenluft, wie Balsam an einer brennenden Wunde.
    Ich war durch Alabandas Spott schon zu sehr gereizt, um nicht durch seine
rätselhafte Bekanntschaft vollends irre zu werden an ihm.
    Er ist schlecht, rief ich, ja, er ist schlecht. Er heuchelt grenzenlos
Vertrauen und lebt mit solchen - und verbirgt es dir.
    Mir war, wie einer Braut, wenn sie erfährt, dass ihr Geliebter insgeheim mit
einer Dirne lebe.
    O es war der Schmerz nicht, den man hegen mag, den man am Herzen trägt, wie
ein Kind, und in Schlummer singt mit Tönen der Nachtigall!
    Wie eine ergrimmte Schlange, wenn sie unerbittlich herauffährt an den Knieen
und Lenden, und alle Glieder umklammert, und nun in die Brust die giftigen Zähne
schlägt und nun in den Nacken, so war mein Schmerz, so fasst' er mich in seine
fürchterliche Umarmung. Ich nahm mein höchstes Herz zu Hülfe, und rang nach
grossen Gedanken, um noch stille zu halten, es gelang mir auch auf wenige
Augenblicke, aber nun war ich auch zum Zorne gestärkt, nun tötet ich auch, wie
eingelegtes Feuer, jeden Funken der Liebe in mir.
    Er muss ja, dacht ich, das sind ja seine Menschen, er muss verschworen sein
mit diesen, gegen dich! Was wollt er auch von dir? Was konnt er suchen bei dir,
dem Schwärmer? O wär er seiner Wege gegangen! Aber sie haben ihren eigenen
Gelust, sich an ihr Gegenteil zu machen! so ein fremdes Tier im Stalle zu haben,
lässt ihnen gar gut! -
    Und doch war ich unaussprechlich glücklich gewesen mit ihm, war so oft
untergegangen in seinen Umarmungen, um aus ihnen zu erwachen mit
Unüberwindlichkeit in der Brust, wurde so oft gehärtet und geläutert in seinem
Feuer, wie Stahl!
    Da ich einst in heitrer Mitternacht die Dioskuren ihm wies, und Alabanda die
Hand aufs Herz mir legt' und sagte: Das sind nur Sterne, Hyperion, nur
Buchstaben, womit der Name der Heldenbrüder am Himmel geschrieben ist; in uns
sind sie! lebendig und wahr, mit ihrem Mut und ihrer göttlichen Liebe, und du,
du bist der Göttersohn, und teilst mit deinem sterblichen Kastor deine
Unsterblichkeit! -
    Da ich die Wälder des Ida mit ihm durchstreifte, und wir herunterkamen ins
Tal, um da die schweigenden Grabhügel nach ihren Toten zu fragen, und ich zu
Alabanda sagte, dass unter den Grabhügeln einer vielleicht dem Geist Achills und
seines Geliebten angehöre, und Alabanda mir vertraute, wie er oft ein Kind sei
und sich denke, dass wir einst in Einem Schlachttal fallen und zusammen ruhen
werden unter Einem Baum - wer hätte damals das gedacht?
    Ich sann mit aller Kraft des Geistes, die mir übrig war, ich klagt ihn an,
verteidigt ihn, und klagt ihn wieder um so bittrer an; ich widerstrebte meinem
Sinne, wollte mich erheitern, und verfinsterte mich nur ganz dadurch.
    Ach! mein Auge war ja von so manchem Faustschlag wund gewesen, fing ja kaum
zu heilen an, wie sollt es jetzt gesundere Blicke tun?
    Alabanda besuchte mich den andern Tag. Mein Herz kochte, wie er hereintrat,
aber ich hielt mich, so sehr sein Stolz und seine Ruhe mich aufregt' und
erhitzte.
    Die Luft ist herrlich, sagt' er endlich, und der Abend wird sehr schön sein,
lass uns zusammen auf die Akropolis gehn!
    Ich nahm es an. Wir sprachen lange kein Wort. Was willst du? fragt ich
endlich.
    Das kannst du fragen? erwiderte der wilde Mensch mit einer Wehmut, die mir
durch die Seele ging. Ich war betroffen, verwirrt.
    Was soll ich von dir denken? fing ich endlich wieder an.
    Das, was ich bin! erwidert' er gelassen.
    Du brauchst Entschuldigung, sagt ich mit veränderter Stimme, und sah mit
Stolz ihn an, entschuldige dich! reinige dich!
    Das war zuviel für ihn.
    Wie kommt es denn, rief er entrüstet, dass dieser Mensch mich beugen soll,
wies ihm gefällt? - Es ist auch wahr, ich war zu früh entlassen aus der Schule,
ich hatte alle Ketten geschleift und alle zerrissen, nur Eine fehlte noch, nur
eine war noch zu zerbrechen, ich war noch nicht gezüchtiget von einem
Grillenfänger - murre nur! ich habe lange genug geschwiegen!
    O Alabanda! Alabanda! rief ich.
    Schweig, erwidert' er, und brauche meinen Namen nicht zum Dolche gegen mich!
    Nun brach auch mir der Unmut vollends los. Wir ruhten nicht, bis eine
Rückkehr fast unmöglich war. Wir zerstörten mit Gewalt den Garten unsrer Liebe.
Wir standen oft und schwiegen, und wären uns so gerne, so mit tausend Freuden um
den Hals gefallen, aber der unselige Stolz erstickte jeden Laut der Liebe, der
vom Herzen aufstieg.
    Leb wohl! rief ich endlich, und stürzte fort. Unwillkürlich musst ich mich
umsehn, unwillkürlich war mir Alabanda gefolgt.
    Nicht wahr, Alabanda, rief ich ihm zu, das ist ein sonderbarer Bettler?
seinen letzten Pfenning wirft er in den Sumpf!
    Wenns das ist, mag er auch verhungern, rief er, und ging.
    Ich wankte sinnlos weiter, stand nun am Meer und sah die Wellen an - ach!
da hinunter strebte mein Herz, da hinunter, und meine Arme flogen der freien
Flut entgegen; aber bald kam, wie vom Himmel, ein sanfterer Geist über mich, und
ordnete mein unbändig leidend Gemüt mit seinem ruhigen Stabe; ich überdachte
stiller mein Schicksal, meinen Glauben an die Welt, meine trostlosen
Erfahrungen, ich betrachtete den Menschen, wie ich ihn empfunden und erkannt von
früher Jugend an, in mannigfaltigen Erziehungen, fand überall dumpfen oder
schreienden Misslaut, nur in kindlicher einfältiger Beschränkung fand ich noch
die reinen Melodien - es ist besser, sagt ich mir, zur Biene zu werden und sein
Haus zu bauen in Unschuld, als zu herrschen mit den Herren der Welt, und wie mit
Wölfen, zu heulen mit ihnen, als Völker zu meistern, und an dem unreinen Stoffe
sich die Hände zu beflecken; ich wollte nach Tina zurück, um meinen Gärten und
Feldern zu leben.
    Lächle nur! Mir war es sehr Ernst. Bestehet ja das Leben der Welt im Wechsel
des Entfaltens und Verschliessens, in Ausflug und in Rückkehr zu sich selbst,
warum nicht auch das Herz des Menschen?
    Freilich ging die neue Lehre mir hart ein, freilich schied ich ungern von
dem stolzen Irrtum meiner Jugend - wer reisst auch gerne die Flügel sich aus? -
aber es musste ja so sein!
    Ich setzt es durch. Ich war nun wirklich eingeschifft. Ein frischer Bergwind
trieb mich aus dem Hafen von Smyrna. Mit einer wunderbaren Ruhe, recht, wie ein
Kind, das nichts vom nächsten Augenblicke weiss, lag ich so da auf meinem
Schiffe, und sah die Bäume und Moskeen dieser Stadt an, meine grünen Gänge an
dem Ufer, meinen Fusssteig zur Akropolis hinauf, das sah ich an, und liess es
weiter gehn und immer weiter; wie ich aber nun aufs hohe Meer hinauskam, und
alles nach und nach hinabsank, wie ein Sarg ins Grab, da mit einmal war es auch,
als wäre mein Herz gebrochen - o Himmel! schrie ich, und alles Leben in mir
erwacht' und rang, die fliehende Gegenwart zu halten, aber sie war dahin, dahin!
    Wie ein Nebel, lag das himmlische Land vor mir, wo ich, wie ein Reh auf
freier Waide, weit und breit die Täler und die Höhen hatte durchstreift, und das
Echo meines Herzens zu den Quellen und Strömen, in die Fernen und die Tiefen der
Erde gebracht.
    Dort hinein auf den Tmolus war ich gegangen in einsamer Unschuld; dort
hinab, wo Ephesus einst stand in seiner glücklichen Jugend und Teos und Milet,
dort hinauf ins heilige trauernde Troas war ich mit Alabanda gewandert, mit
Alabanda, und, wie ein Gott, hatt ich geherrscht über ihn, und, wie ein Kind,
zärtlich und glaubig, hatt ich seinem Auge gedient, mit Seelenfreude, mit
innigem frohlockendem Genusse seines Wesens, immer glücklich, wenn ich seinem
Rosse den Zaum hielt, oder wenn ich, über mich selbst erhoben, in herrlichen
Entschlüssen, in kühnen Gedanken, im Feuer der Rede seiner Seele begegnete!
    Und nun war es dahin gekommen, nun war ich nichts mehr, war so heillos um
alles gebracht, war zum ärmsten unter den Menschen geworden, und wusste selbst
nicht, wie.
    O ewiges Irrsal! dacht ich bei mir, wann reisst der Mensch aus deinen Ketten
sich los?
    Wir sprechen von unsrem Herzen, unsern Planen, als wären sie unser, und es
ist doch eine fremde Gewalt, die uns herumwirft und ins Grab legt, wie es ihr
gefällt, und von der wir nicht wissen, von wannen sie kommt, noch wohin sie
geht.
    Wir wollen wachsen dahinauf, und dortinaus die Äste und die Zweige breiten,
und Boden und Wetter bringt uns doch, wohin es geht, und wenn der Blitz auf
deine Krone fällt, und bis zur Wurzel dich hinunterspaltet, armer Baum! was geht
es dich an?
    So dacht ich. Ärgerst du dich daran, mein Bellarmin! Du wirst noch andere
Dinge hören.
    Das eben, Lieber! ist das Traurige, dass unser Geist so gerne die Gestalt des
irren Herzens annimmt, so gerne die vorüberfliehende Trauer festält, dass der
Gedanke, der die Schmerzen heilen sollte, selber krank wird, dass der Gärtner an
den Rosensträuchen, die er pflanzen sollte, sich die Hand so oft zerreisst, o!
das hat manchen zum Toren gemacht vor andern, die er sonst, wie ein Orpheus,
hätte beherrscht, das hat so oft die edelste Natur zum Spott gemacht vor
Menschen, wie man sie auf jeder Strasse findet, das ist die Klippe für die
Lieblinge des Himmels, dass ihre Liebe mächtig ist und zart, wie ihr Geist, dass
ihres Herzens Wogen stärker oft und schneller sich regen, wie der Trident, womit
der Meergott sie beherrscht, und darum, Lieber! überhebe ja sich keiner.
                             Hyperion an Bellarmin
Kannst du es hören, wirst du es begreifen, wenn ich dir von meiner langen
kranken Trauer sage?
    Nimm mich, wie ich mich gebe, und denke, dass es besser ist zu sterben, weil
man lebte, als zu leben, weil man nie gelebt! Neide die Leidensfreien nicht, die
Götzen von Holz, denen nichts mangelt, weil ihre Seele so arm ist, die nichts
fragen nach Regen und Sonnenschein, weil sie nichts haben, was der Pflege
bedürfte.
    Ja! ja! es ist recht sehr leicht, glücklich, ruhig zu sein mit seichtem
Herzen und eingeschränktem Geiste. Gönnen kann mans euch; wer ereifert sich
denn, dass die bretterne Scheibe nicht wehklagt, wenn der Pfeil sie trifft, und
dass der hohle Topf so dumpf klingt, wenn ihn einer an die Wand wirft?
    Nur müsst ihr euch bescheiden, lieben Leute, müsst ja in aller Stille euch
wundern, wenn ihr nicht begreift, dass andre nicht auch so glücklich, auch so
selbstgenügsam sind, müsst ja euch hüten, eure Weisheit zum Gesetz zu machen,
denn das wäre der Welt Ende, wenn man euch gehorchte.
    Ich lebte nun sehr still, sehr anspruchslos in Tina. Ich liess auch wirklich
die Erscheinungen der Welt vorüberziehn, wie Nebel im Herbste, lachte manchmal
auch mit nassen Augen über mein Herz, wenn es hinzuflog, um zu naschen, wie der
Vogel nach der gemalten Traube, und blieb still und freundlich dabei.
    Ich liess nun jedem gerne seine Meinung, seine Unart. Ich war bekehrt, ich
wollte niemand mehr bekehren, nur war mir traurig, wenn ich sah, dass die
Menschen glaubten, ich lasse darum ihr Possenspiel unangetastet, weil ich es so
hoch und teuer achte, wie sie. Ich mochte nicht gerade ihrer Albernheit mich
unterwerfen, doch sucht ich sie zu schonen, wo ich konnte. Das ist ja ihre
Freude, dacht ich, davon leben sie ja!
    Oft liess ich sogar mir gefallen, mitzumachen, und wenn ich noch so
seelenlos, so ohne eignen Trieb dabei war, das merkte keiner, da vermisste keiner
nichts, und hätt ich gesagt, sie möchten mirs verzeihen, so wären sie
dagestanden und hätten sich verwundert und gefragt: was hast du denn uns getan?
Die Nachsichtigen!
    Oft, wenn ich des Morgens dastand unter meinem Fenster und der geschäftige
Tag mir entgegenkam, konnt auch ich mich augenblicklich vergessen, konnte mich
umsehn, als möcht ich etwas vornehmen, woran mein Wesen seine Lust noch hätte,
wie ehmals, aber da schalt ich mich, da besann ich mich, wie einer, dem ein Laut
aus seiner Muttersprache entfährt, in einem Lande, wo sie nicht verstanden wird
- wohin, mein Herz? sagt ich verständig zu mir selber und gehorchte mir.
    Was ists denn, dass der Mensch so viel will? fragt ich oft; was soll denn die
Unendlichkeit in seiner Brust? Unendlichkeit? wo ist sie denn? wer hat sie denn
vernommen? Mehr will er, als er kann! das möchte wahr sein! O! das hast du oft
genug erfahren. Das ist auch nötig, wie es ist. Das gibt das süsse,
schwärmerische Gefühl der Kraft, dass sie nicht ausströmt, wie sie will, das eben
macht die schönen Träume von Unsterblichkeit und all die holden und die
kolossalischen Phantome, die den Menschen tausendfach entzücken, das schafft dem
Menschen sein Elysium und seine Götter, dass seines Lebens Linie nicht gerad
ausgeht, dass er nicht hinfährt, wie ein Pfeil, und eine fremde Macht dem
Fliehenden in den Weg sich wirft.
    Des Herzens Woge schäumte nicht so schön empor, und würde Geist, wenn nicht
der alte stumme Fels, das Schicksal, ihr entgegenstände.
    Aber dennoch stirbt der Trieb in unserer Brust, und mit ihm unsre Götter und
ihr Himmel.
    Das Feuer geht empor in freudigen Gestalten, aus der dunkeln Wiege, wo es
schlief, und seine Flamme steigt und fällt, und bricht sich und umschlingt sich
freudig wieder, bis ihr Stoff verzehrt ist, nun raucht und ringt sie und
erlischt; was übrig ist, ist Asche.
    So gehts mit uns. Das ist der Inbegriff von allem, was in
schröckendreizenden Mysterien die Weisen uns erzählen.
    Und du? was frägst du dich? Dass so zuweilen etwas in dir auffährt, und, wie
der Mund des Sterbenden, dein Herz in Einem Augenblicke so gewaltsam dir sich
öffnet und verschliesst, das gerade ist das böse Zeichen.
    Sei nur still, und lass es seinen Gang gehn! künstle nicht! versuche kindisch
nicht, um eine Ehle länger dich zu machen! - Es ist, als wolltest du noch eine
Sonne schaffen, und neue Zöglinge für sie, ein Erdenrund und einen Mond
erzeugen.
    So träumt ich hin. Geduldig nahm ich nach und nach von allem Abschied. - O
ihr Genossen meiner Zeit! fragt eure Ärzte nicht und nicht die Priester, wenn
ihr innerlich vergeht!
    Ihr habt den Glauben an alles Grosse verloren; so müsst, so müsst ihr hin, wenn
dieser Glaube nicht wiederkehrt, wie ein Komet aus fremden Himmeln.
                             Hyperion an Bellarmin
Es gibt ein Vergessen alles Daseins, ein Verstummen unsers Wesens, wo uns ist,
als hätten wir alles gefunden.
    Es gibt ein Verstummen, ein Vergessen alles Daseins, wo uns ist, als hätten
wir alles verloren, eine Nacht unsrer Seele, wo kein Schimmer eines Sterns, wo
nicht einmal ein faules Holz uns leuchtet.
    Ich war nun ruhig geworden. Nun trieb mich nichts mehr auf um Mitternacht.
Nun sengt ich mich in meiner eignen Flamme nicht mehr.
    Ich sah nun still und einsam vor mich hin, und schweift in die Vergangenheit
und in die Zukunft mit dem Auge nicht. Nun drängte Fernes und Nahes sich in
meinem Sinne nicht mehr; die Menschen, wenn sie mich nicht zwangen, sie zu
sehen, sah ich nicht.
    Sonst lag oft, wie das ewigleere Fass der Danaiden, vor meinem Sinne dies
Jahrhundert, und mit verschwenderischer Liebe goss meine Seele sich aus, die
Lücken auszufüllen; nun sah ich keine Lücke mehr, nun drückte mich des Lebens
Langeweile nicht mehr.
    Nun sprach ich nimmer zu der Blume, du bist meine Schwester! und zu den
Quellen, wir sind Eines Geschlechts! ich gab nun treulich, wie ein Echo, jedem
Dinge seinen Namen.
    Wie ein Strom an dürren Ufern, wo kein Weidenblatt im Wasser sich spiegelt,
lief unverschönert vorüber an mir die Welt.
                             Hyperion an Bellarmin
Es kann nichts wachsen und nichts so tief vergehen, wie der Mensch. Mit der
Nacht des Abgrunds vergleicht er oft sein Leiden und mit dem Aeter seine
Seligkeit, und wie wenig ist dadurch gesagt?
    Aber schöner ist nichts, als wenn es so nach langem Tode wieder in ihm
dämmert, und der Schmerz, wie ein Bruder, der fernher dämmernden Freude
entgegengeht.
    O es war ein himmlisch Ahnen, womit ich jetzt den kommenden Frühling wieder
begrüsste! Wie fernher in schweigender Luft, wenn alles schläft, das Saitenspiel
der Geliebten, so umtönten seine leisen Melodien mir die Brust, wie von Elysium
herüber, vernahm ich seine Zukunft, wenn die toten Zweige sich regten und ein
lindes Wehen meine Wange berührte.
    Holder Himmel Ioniens! so war ich nie an dir gehangen, aber so ähnlich war
dir auch nie mein Herz gewesen, wie damals, in seinen heitern zärtlichen
Spielen. -
    Wer sehnt sich nicht nach Freuden der Liebe und grossen Taten, wenn im Auge
des Himmels und im Busen der Erde der Frühling wiederkehrt?
    Ich erhob mich, wie vom Krankenbette, leise und langsam, aber von geheimen
Hoffnungen zitterte mir die Brust so selig, dass ich drüber vergass, zu fragen,
was dies zu bedeuten habe.
    Schönere Träume umfingen mich jetzt im Schlafe, und wenn ich erwachte, waren
sie mir im Herzen, wie die Spur eines Kusses auf der Wange der Geliebten. O das
Morgenlicht und ich, wir gingen nun uns entgegen, wie versöhnte Freunde, wenn
sie noch etwas fremde tun, und doch den nahen unendlichen Augenblick des
Umarmens schon in der Seele tragen.
    Es tat nun wirklich einmal wieder mein Auge sich auf, freilich, nicht mehr,
wie sonst, gerüstet und erfüllt mit eigner Kraft, es war bittender geworden, es
fleht' um Leben, aber es war mir im Innersten doch, als könnt es wieder werden
mit mir, wie sonst, und besser.
    Ich sah die Menschen wieder an, als sollt auch ich wirken und mich freuen
unter ihnen. Ich schloss mich wirklich herzlich überall an.
    Himmel! wie war das eine Schadenfreude, dass der stolze Sonderling nun Einmal
war, wie ihrer einer, geworden! wie hatten sie ihren Scherz daran, dass den
Hirsch des Waldes der Hunger trieb, in ihren Hühnerhof zu laufen! -
    Ach! meinen Adamas sucht ich, meinen Alabanda, aber es erschien mir keiner.
    Endlich schrieb ich auch nach Smyrna, und es war, als sammelt' alle
Zärtlichkeit und alle Macht des Menschen in Einen Moment sich, da ich schrieb;
so schrieb ich dreimal, aber keine Antwort, ich flehte, drohte, mahnt an alle
Stunden der Liebe und der Kühnheit, aber keine Antwort von dem Unvergesslichen,
bis in den Tod geliebten - Alabanda! rief ich, o mein Alabanda! du hast den Stab
gebrochen über mich. Du hieltest mich noch aufrecht, warst die letzte Hoffnung
meiner Jugend! Nun will ich nichts mehr! nun ists heilig und gewiss!
    Wir bedauern die Toten, als fühlten sie den Tod, und die Toten haben doch
Frieden. Aber das, das ist der Schmerz, dem keiner gleichkömmt, das ist
unaufhörliches Gefühl der gänzlichen Zernichtung, wenn unser Leben seine
Bedeutung so verliert, wenn so das Herz sich sagt, du musst hinunter und nichts
bleibt übrig von dir; keine Blume hast du gepflanzt, keine Hütte gebaut, nur dass
du sagen könntest: ich lasse eine Spur zurück auf Erden. Ach! und die Seele kann
immer so voll Sehnens sein, bei dem, dass sie so mutlos ist!
    Ich suchte immer etwas, aber ich wagte das Auge nicht aufzuschlagen vor den
Menschen. Ich hatte Stunden, wo ich das Lachen eines Kindes fürchtete.
    dabei war ich meist sehr still und geduldig, hatte oft auch einen
wunderbaren Aberglauben an die Heilkraft mancher Dinge; von einer Taube, die ich
kaufte, von einer Kahnfahrt, von einem Tale, das die Berge mir verbargen, konnt
ich Trost erwarten.
    Genug! genug! wär ich mit Temistokles aufgewachsen, hätt ich unter den
Scipionen gelebt, meine Seele hätte sich wahrlich nie von dieser Seite kennen
gelernt.
                             Hyperion an Bellarmin
Zuweilen regte noch sich eine Geisteskraft in mir. Aber freilich nur zerstörend!
    Was ist der Mensch? konnt ich beginnen; wie kommt es, dass so etwas in der
Welt ist, das, wie ein Chaos, gärt, oder modert, wie ein fauler Baum, und nie zu
einer Reife gedeiht? Wie duldet diesen Herling die Natur bei ihren süssen
Trauben?
    Zu den Pflanzen spricht er, ich war auch einmal, wie ihr! und zu den reinen
Sternen, ich will werden, wie ihr, in einer andren Welt! inzwischen bricht er
auseinander und treibt hin und wieder seine Künste mit sich selbst, als könnt
er, wenn es einmal sich aufgelöst, Lebendiges zusammensetzen, wie ein Mauerwerk;
aber es macht ihn auch nicht irre, wenn nichts gebessert wird durch all sein
Tun; es bleibt doch immerhin ein Kunststück, was er treibt.
    O ihr Armen, die ihr das fühlt, die ihr auch nicht sprechen mögt von
menschlicher Bestimmung, die ihr auch so durch und durch ergriffen seid vom
Nichts, das über uns waltet, so gründlich einseht, dass wir geboren werden für
Nichts, dass wir lieben ein Nichts, glauben ans Nichts, uns abarbeiten für
Nichts, um mählich überzugehen ins Nichts - was kann ich dafür, dass euch die
Knie brechen, wenn ihrs ernstlich bedenkt? Bin ich doch auch schon manchmal
hingesunken in diesen Gedanken, und habe gerufen, was legst du die Axt mir an
die Wurzel, grausamer Geist? und bin noch da.
    O einst, ihr finstern Brüder! war es anders. Da war es über uns so schön, so
schön und froh vor uns; auch diese Herzen wallten über vor den fernen seligen
Phantomen, und kühn frohlockend drangen auch unsere Geister aufwärts und
durchbrachen die Schranke, und wie sie sich umsahn, wehe, da war es eine
unendliche Leere.
    O! auf die Knie kann ich mich werfen und meine Hände ringen und flehen, ich
weiss nicht wen? um andre Gedanken. Aber ich überwältige sie nicht, die
schreiende Wahrheit. Hab ich mich nicht zwiefach überzeugt? Wenn ich hinsehe ins
Leben, was ist das Letzte von allem? Nichts. Wenn ich aufsteige im Geiste, was
ist das Höchste von allem? Nichts.
    Aber stille, mein Herz! Es ist ja deine letzte Kraft, die du verschwendest!
deine letzte Kraft? und du, du willst den Himmel stürmen? wo sind denn deine
hundert Arme, Titan, wo dein Pelion und Ossa, deine Treppe zu des Göttervaters
Burg hinauf, damit du hinaufsteigst und den Gott und seinen Göttertisch und all
die unsterblichen Gipfel des Olymps herabwirfst und den Sterblichen predigest:
bleibt unten, Kinder des Augenblicks! strebt nicht in diese Höhen herauf, denn
es ist nichts hier oben.
    Das kannst du lassen, zu sehn, was über andere waltet. Dir gilt deine neue
Lehre. Über dir und vor dir ist es freilich leer und öde, weil es in dir leer
und öd ist.
    Freilich, wenn ihr reicher seid, als ich, ihr andern, könntet ihr doch wohl
auch ein wenig helfen.
    Wenn euer Garten so voll Blumen ist, warum erfreut ihr Otem mich nicht
auch? - Wenn ihr so voll der Gotteit seid, so reicht sie mir zu trinken. An
Festen darbt ja niemand, auch der Ärmste nicht. Aber Einer nur hat seine Feste
unter euch; das ist der Tod.
    Not und Angst und Nacht sind eure Herren. Die sondern euch, die treiben euch
mit Schlägen an einander. Den Hunger nennt ihr Liebe, und wo ihr nichts mehr
seht, da wohnen eure Götter. Götter und Liebe?
    O die Poeten haben recht, es ist nichts so klein und wenig, woran man sich
nicht begeistern könnte.
    So dacht ich. Wie das alles in mich kam, begreif ich noch nicht.
 
                                  Zweites Buch
                             Hyperion an Bellarmin
Ich lebe jetzt auf der Insel des Ajax, der teuren Salamis.
    Ich liebe dies Griechenland überall. Es trägt die Farbe meines Herzens.
Wohin man sieht, liegt eine Freude begraben.
    Und doch ist so viel Liebliches und Grosses auch um einen.
    Auf dem Vorgebirge hab ich mir eine Hütte gebaut von Mastixzweigen, und Moos
und Bäume herumgepflanzt und Tymian und allerlei Sträuche.
    Da hab ich meine liebsten Stunden, da sitz ich Abende lang und sehe nach
Attika hinüber, bis endlich mein Herz zu hoch mir klopft; dann nehm ich mein
Werkzeug, gehe hinab an die Bucht und fange mir Fische.
    Oder les ich auch auf meiner Höhe droben vom alten herrlichen Seekrieg, der
an Salamis einst im wilden klugbeherrschten Getümmel vertobte, und freue des
Geistes mich, der das wütende Chaos von Freunden und Feinden lenken konnte und
zähmen, wie ein Reuter das Ross, und schäme mich innigst meiner eigenen
Kriegsgeschichte.
    Oder schau ich aufs Meer hinaus und überdenke mein Leben, sein Steigen und
Sinken, seine Seligkeit und seine Trauer und meine Vergangenheit lautet mir oft,
wie ein Saitenspiel, wo der Meister alle Töne durchläuft, und Streit und
Einklang mit verborgener Ordnung untereinanderwirft.
    Heut ists dreifach schön hier oben. Zwei freundliche Regentage haben die
Luft und die lebensmüde Erde gekühlt.
    Der Boden ist grüner geworden, offner das Feld. Unendlich steht, mit der
freudigen Kornblume gemischt, der goldene Weizen da, und licht und heiter
steigen tausend hoffnungsvolle Gipfel aus der Tiefe des Hains. Zart und gross
durchirret den Raum jede Linie der Fernen; wie Stufen gehn die Berge bis zur
Sonne unaufhörlich hinter einander hinauf. Der ganze Himmel ist rein. Das weisse
Licht ist nur über den Aeter gehaucht, und, wie ein silbern Wölkchen, wallt der
schüchterne Mond am hellen Tage vorüber.
                             Hyperion an Bellarmin
Mir ist lange nicht gewesen, wie jetzt.
    Wie Jupiters Adler dem Gesange der Musen, lausch ich dem wunderbaren
unendlichen Wohllaut in mir. Unangefochten an Sinn und Seele, stark und
fröhlich, mit lächelndem Ernste, spiel ich im Geiste mit dem Schicksal und den
drei Schwestern, den heiligen Parzen. Voll göttlicher Jugend frohlockt mein
ganzes Wesen über sich selbst, über Alles. Wie der Sternenhimmel, bin ich still
und bewegt.
    Ich habe lange gewartet auf solche Festzeit, um dir einmal wieder zu
schreiben. Nun bin ich stark genug; nun lass mich dir erzählen.
    Mitten in meinen finstern Tagen lud ein Bekannter von Kalaurea herüber mich
ein. Ich sollt in seine Gebirge kommen, schrieb er mir; man lebe hier freier als
sonstwo, und auch da blüheten, mitten unter den Fichtenwäldern und reissenden
Wassern, Limonienhaine und Palmen und liebliche Kräuter und Myrten und die
heilige Rebe. Einen Garten hab er hoch am Gebirge gebaut und ein Haus; dem
beschatteten dichte Bäume den Rücken, und kühlende Lüfte umspielten es leise in
den brennenden Sommertagen; wie ein Vogel vom Gipfel der Ceder, blickte man in
die Tiefen hinab, zu den Dörfern und grünen Hügeln, und zufriedenen Herden der
Insel, die alle, wie Kinder, umherlägen um den herrlichen Berg und sich nährten
von seinen schäumenden Bächen.
    Das weckte mich denn doch ein wenig. Es war ein heiterer blauer Apriltag, an
dem ich hinüberschiffte. Das Meer war ungewöhnlich schön und rein, und leicht
die Luft, wie in höheren Regionen. Man liess im schwebenden Schiffe die Erde
hinter sich liegen, wie eine köstliche Speise, wenn der heilige Wein gereicht
wird.
    Dem Einflusse des Meers und der Luft widerstrebt der finstere Sinn umsonst.
Ich gab mich hin, fragte nichts nach mir und andern, suchte nichts, sann auf
nichts, liess vom Boote mich halb in Schlummer wiegen, und bildete mir ein, ich
liege in Charons Nachen. O es ist süss, so aus der Schale der Vergessenheit zu
trinken.
    Mein fröhlicher Schiffer hätte gerne mit mir gesprochen, aber ich war sehr
einsilbig.
    Er deutete mit dem Finger und wies mir rechts und links das blaue Eiland,
aber ich sah nicht lange hin, und war im nächsten Augenblicke wieder in meinen
eignen lieben Träumen.
    Endlich, da er mir die stillen Gipfel in der Ferne wies und sagte, dass wir
bald in Kalaurea wären, merkt ich mehr auf, und mein ganzes Wesen öffnete sich
der wunderbaren Gewalt, die auf Einmal süss und still und unerklärlich mit mir
spielte. Mit grossem Auge, staunend und freudig sah ich hinaus in die Geheimnisse
der Ferne, leicht zitterte mein Herz, und die Hand entwischte mir und fasste
freundlichhastig meinen Schiffer an - so? rief ich, das ist Kalaurea? Und wie er
mich drum ansah, wusst ich selbst nicht, was ich aus mir machen sollte. Ich
grüsste meinen Freund mit wunderbarer Zärtlichkeit. Voll süsser Unruhe war all
mein Wesen.
    Den Nachmittag wollt ich gleich einen Teil der Insel durchstreifen. Die
Wälder und geheimen Tale reizten mich unbeschreiblich, und der freundliche Tag
lockte alles hinaus.
    Es war so sichtbar, wie alles Lebendige mehr, denn tägliche Speise, begehrt,
wie auch der Vogel sein Fest hat und das Tier.
    Es war entzückend anzusehn! Wie, wenn die Mutter schmeichelnd frägt, wo um
sie her ihr Liebstes sei, und alle Kinder in den Schoss ihr stürzen, und das
Kleinste noch die Arme aus der Wiege streckt, so flog und sprang und strebte
jedes Leben in die göttliche Luft hinaus, und Käfer und Schwalben und Tauben und
Störche tummelten sich in frohlockender Verwirrung unter einander in den Tiefen
und Höhn, und was die Erde festielt, dem ward zum Fluge der Schritt, über die
Gräben brauste das Ross und über die Zäune das Reh, und aus dem Meergrund kamen
die Fische herauf und hüpften über die Fläche. Allen drang die mütterliche Luft
ans Herz, und hob sie und zog sie zu sich.
    Und die Menschen gingen aus ihren Türen heraus, und fühlten wunderbar das
geistige Wehen, wie es leise die zarten Haare über der Stirne bewegte, wie es
den Lichtstrahl kühlte, und lösten freundlich ihre Gewänder, um es aufzunehmen
an ihre Brust, atmeten süsser, berührten zärtlicher das leichte klare
schmeichelnde Meer, in dem sie lebten und webten.
    O Schwester des Geistes, der feurigmächtig in uns waltet und lebt, heilige
Luft! wie schön ists, dass du, wohin ich wandre, mich geleitest, Allgegenwärtige,
Unsterbliche!
    Mit den Kindern spielte das hohe Element am schönsten.
    Das summte friedlich vor sich hin, dem schlüpft' ein taktlos Liedchen aus
den Lippen, dem ein Frohlocken aus offner Kehle; das streckte sich, das sprang
in die Höhe; ein andres schlenderte vertieft umher.
    Und all dies war die Sprache Eines Wohlseins, alles Eine Antwort auf die
Liebkosungen der entzückenden Lüfte.
    Ich war voll unbeschreiblichen Sehnens und Friedens. Eine fremde Macht
beherrschte mich. Freundlicher Geist, sagt ich bei mir selber, wohin rufest du
mich? nach Elysium oder wohin?
    Ich ging in einem Walde, am rieselnden Wasser hinauf, wo es über Felsen
heruntertröpfelte, wo es harmlos über die Kieseln glitt, und mählich verengte
sich und ward zum Bogengange das Tal, und einsam spielte das Mittagslicht im
schweigenden Dunkel -
    Hier - ich möchte sprechen können, mein Bellarmin! möchte gerne mit Ruhe dir
schreiben!
    Sprechen? o ich bin ein Laie in der Freude, ich will sprechen!
    Wohnt doch die Stille im Lande der Seligen, und über den Sternen vergisst das
Herz seine Not und seine Sprache.
    Ich hab es heilig bewahrt! wie ein Palladium, hab ich es in mir getragen,
das Göttliche, das mir erschien! und wenn hinfort mich das Schicksal ergreift
und von einem Abgrund in den andern mich wirft, und alle Kräfte ertränkt in mir
und alle Gedanken, so soll dies Einzige doch mich selber überleben in mir, und
leuchten in mir und herrschen, in ewiger, unzerstörbarer Klarheit! -
    So lagst du hingegossen, süsses Leben, so blicktest du auf, erhubst dich,
standst nun da, in schlanker Fülle, göttlich ruhig, und das himmlische Gesicht
noch voll des heitern Entzückens, worin ich dich störte!
    O wer in die Stille dieses Auges gesehn, wem diese süssen Lippen sich
aufgeschlossen, wovon mag der noch sprechen?
    Friede der Schönheit! göttlicher Friede! wer einmal an dir das tobende Leben
und den zweifelnden Geist besänftigt, wie kann dem anderes helfen?
    Ich kann nicht sprechen von ihr, aber es gibt ja Stunden, wo das Beste und
Schönste, wie in Wolken, erscheint, und der Himmel der Vollendung vor der
ahnenden Liebe sich öffnet, da, Bellarmin! da denke ihres Wesens, da beuge die
Knie mit mir, und denke meiner Seligkeit! aber vergiss nicht, dass ich hatte, was
du ahnest, dass ich mit diesen Augen sah, was nur, wie in Wolken, dir erscheint.
    Dass die Menschen manchmal sagen möchten: sie freueten sich! O glaubt, ihr
habt von Freude noch nichts geahnet! Euch ist der Schatten ihres Schattens noch
nicht erschienen! O geht, und sprecht vom blauen Aeter nicht, ihr Blinden!
    Dass man werden kann, wie die Kinder, dass noch die goldne Zeit der Unschuld
wiederkehrt, die Zeit des Friedens und der Freiheit, dass doch Eine Freude ist,
Eine Ruhestätte auf Erden!
    Ist der Mensch nicht veraltert, verwelkt, ist er nicht, wie ein abgefallen
Blatt, das seinen Stamm nicht wieder findet und nun umhergescheucht wird von den
Winden, bis es der Sand begräbt?
    Und dennoch kehrt sein Frühling wieder!
    Weint nicht, wenn das Trefflichste verblüht! bald wird es sich verjüngen!
Trauert nicht, wenn eures Herzens Melodie verstummt! bald findet eine Hand sich
wieder, es zu stimmen!
    Wie war denn ich? war ich nicht wie ein zerrissen Saitenspiel? Ein wenig
tönt ich noch, aber es waren Todestöne. Ich hatte mir ein düster Schwanenlied
gesungen! Einen Sterbekranz hätt ich gern mir gewunden, aber ich hatte nur
Winterblumen.
    Und wo war sie denn nun, die Totenstille, die Nacht und Öde meines Lebens?
die ganze dürftige Sterblichkeit?
    Freilich ist das Leben arm und einsam. Wir wohnen hier unten, wie der
Diamant im Schacht. Wir fragen umsonst, wie wir herabgekommen, um wieder den Weg
hinauf zu finden.
    Wir sind, wie Feuer, das im dürren Aste oder im Kiesel schläft; und ringen
und suchen in jedem Moment das Ende der engen Gefangenschaft. Aber sie kommen,
sie wägen Aeonen des Kampfes auf, die Augenblicke der Befreiung, wo das
Göttliche den Kerker sprengt, wo die Flamme vom Holze sich löst und siegend
emporwallt über der Asche, ha! wo uns ist, als kehrte der entfesselte Geist,
vergessen der Leiden, der Knechtsgestalt, im Triumphe zurück in die Hallen der
Sonne.
                             Hyperion an Bellarmin
Ich war einst glücklich, Bellarmin! Bin ich es nicht noch? Wär ich es nicht,
wenn auch der heilige Moment, wo ich zum ersten Male sie sah, der letzte wäre
gewesen?
    Ich hab es Einmal gesehn, das Einzige, das meine Seele suchte, und die
Vollendung, die wir über die Sterne hinauf entfernen, die wir hinausschieben bis
ans Ende der Zeit, die hab ich gegenwärtig gefühlt. Es war da, das Höchste, in
diesem Kreise der Menschennatur und der Dinge war es da!
    Ich frage nicht mehr, wo es sei; es war in der Welt, es kann wiederkehren in
ihr, es ist jetzt nur verborgner in ihr. Ich frage nicht mehr, was es sei; ich
hab es gesehn, ich hab es kennen gelernt.
    O ihr, die ihr das Höchste und Beste sucht, in der Tiefe des Wissens, im
Getümmel des Handelns, im Dunkel der Vergangenheit, im Labyrinte der Zukunft,
in den Gräbern oder über den Sternen! wisst ihr seinen Namen? den Namen des, das
Eins ist und Alles?
    Sein Name ist Schönheit.
    Wusstet ihr, was ihr wolltet? Noch weiss ich es nicht, doch ahn ich es, der
neuen Gotteit neues Reich, und eil ihm zu und ergreife die andern und führe sie
mit mir, wie der Strom die Ströme in den Ozean.
    Und du, du hast mir den Weg gewiesen! Mit dir begann ich. Sie sind der Worte
nicht wert, die Tage, da ich noch dich nicht kannte -
    O Diotima, Diotima, himmlisches Wesen!
                             Hyperion an Bellarmin
Lass uns vergessen, dass es eine Zeit gibt und zähle die Lebenstage nicht!
    Was sind Jahrhunderte gegen den Augenblick, wo zwei Wesen so sich ahnen und
nahn?
    Noch seh ich den Abend, an dem Notara zum ersten Male zu ihr ins Haus mich
brachte.
    Sie wohnte nur einige hundert Schritte von uns am Fusse des Bergs.
    Ihre Mutter war ein denkend zärtlich Wesen, ein schlichter fröhlicher Junge
der Bruder, und beede gestanden herzlich in allem Tun und Lassen, dass Diotima
die Königin des Hauses war.
    Ach! es war alles geheiliget, verschönert durch ihre Gegenwart. Wohin ich
sah, was ich berührte, ihr Fussteppich, ihr Polster, ihr Tischchen, alles war in
geheimem Bunde mit ihr. Und da sie zum ersten Male mit Namen mich rief, da sie
selbst so nahe mir kam, dass ihr unschuldiger Otem mein lauschend Wesen
berührte! - -
    Wir sprachen sehr wenig zusammen. Man schämt sich seiner Sprache. Zum Tone
möchte man werden und sich vereinen in Einen Himmelsgesang.
    Wovon auch sollten wir sprechen? Wir sahen nur uns. Von uns zu sprechen,
scheuten wir uns.
    Vom Leben der Erde sprachen wir endlich.
    So feurig und kindlich ist ihr noch keine Hymne gesungen worden.
    Es tat uns wohl, den Überfluss unsers Herzens der guten Mutter in den Schoss
zu streuen. Wir fühlten uns dadurch erleichtert, wie die Bäume, wenn ihnen der
Sommerwind die fruchtbaren Äste schüttelt, und ihre süssen Äpfel in das Gras
giesst.
    Wir nannten die Erde eine der Blumen des Himmels, und den Himmel nannten wir
den unendlichen Garten des Lebens. Wie die Rosen sich mit goldnen Stäubchen
erfreuen, sagten wir, so erfreue das heldenmütige Sonnenlicht mit seinen
Strahlen die Erde; sie sei ein herrlich lebend Wesen, sagten wir, gleich
göttlich, wenn ihr zürnend Feuer oder mildes klares Wasser aus dem Herzen
quille, immer glücklich, wenn sie von Tautropfen sich nähre, oder von
Gewitterwolken, die sie sich zum Genusse bereite mit Hülfe des Himmels, die
immer treuer liebende Hälfte des Sonnengotts, ursprünglich vielleicht inniger
mit ihm vereint, dann aber durch ein allwaltend Schicksal geschieden von ihm,
damit sie ihn suche, sich nähere, sich entferne und unter Lust und Trauer zur
höchsten Schönheit reife.
    So sprachen wir. Ich gebe dir den Inhalt, den Geist davon. Aber was ist er
ohne das Leben?
    Es dämmerte, und wir mussten gehen. Gute Nacht, ihr Engelsaugen! dacht ich im
Herzen, und erscheine du bald mir wieder, schöner göttlicher Geist, mit deiner
Ruhe und Fülle!
                             Hyperion an Bellarmin
Ein paar Tage drauf kamen sie herauf zu uns. Wir gingen zusammen im Garten
herum. Diotima und ich gerieten voraus, vertieft, mir traten oft Tränen der
Wonne ins Auge, über das Heilige, das so anspruchlos zur Seite mir ging.
    Vorn am Rande des Berggipfels standen wir nun, und sahen hinaus, in den
unendlichen Osten.
    Diotimas Auge öffnete sich weit, und leise, wie eine Knospe sich
aufschliesst, schloss das liebe Gesichtchen vor den Lüften des Himmels sich auf,
ward lauter Sprache und Seele, und, als begänne sie den Flug in die Wolken,
stand sanft empor gestreckt die ganze Gestalt, in leichter Majestät, und
berührte kaum mit den Füssen die Erde.
    O unter den Armen hätt ich sie fassen mögen, wie der Adler seinen Ganymed,
und hinfliegen mit ihr über das Meer und seine Inseln.
    Nun trat sie weiter vor, und sah die schroffe Felsenwand hinab. Sie hatte
ihre Lust daran, die schröckende Tiefe zu messen, und sich hinab zu verlieren in
die Nacht der Wälder, die unten aus Felsenstücken und schäumenden Wetterbächen
herauf die lichten Gipfel streckten.
    Das Geländer, worauf sie sich stützte, war etwas niedrig. So durft ich es
ein wenig halten, das Reizende, indes es so sich vorwärts beugte. Ach! heisse
zitternde Wonne durchlief mein Wesen und Taumel und Toben war in allen Sinnen,
und die Hände brannten mir, wie Kohlen, da ich sie berührte.
    Und dann die Herzenslust, so traulich neben ihr zu stehn, und die zärtlich
kindische Sorge, dass sie fallen möchte, und die Freude an der Begeisterung des
herrlichen Mädchens!
    Was ist alles, was in Jahrtausenden die Menschen taten und dachten, gegen
Einen Augenblick der Liebe? Es ist aber auch das Gelungenste, Göttlichschönste
in der Natur! dahin führen alle Stufen auf der Schwelle des Lebens. Daher kommen
wir, dahin gehn wir.
                             Hyperion an Bellarmin
Nur ihren Gesang sollt ich vergessen, nur diese Seelentöne sollten nimmer
wiederkehren in meinen unaufhörlichen Träumen.
    Man kennt den stolzhinschiffenden Schwan nicht, wenn er schlummernd am Ufer
sitzt.
    Nur, wenn sie sang, erkannte man die liebende Schweigende, die so ungern
sich zur Sprache verstand.
    Da, da ging erst die himmlische Ungefällige in ihrer Majestät und
Lieblichkeit hervor; da weht' es oft so bittend und so schmeichelnd, oft, wie
ein Göttergebot, von den zarten blühenden Lippen. Und wie das Herz sich regt' in
dieser göttlichen Stimme, wie alle Grösse und Demut, alle Lust und alle Trauer
des Lebens verschönert im Adel dieser Töne erschien!
    Wie im Fluge die Schwalbe die Bienen hascht, ergriff sie immer uns alle.
    Es kam nicht Lust und nicht Bewunderung, es kam der Friede des Himmels unter
uns.
    Tausendmal hab ich es ihr und mir gesagt: das Schönste ist auch das
Heiligste. Und so war alles an ihr. Wie ihr Gesang, so auch ihr Leben.
                             Hyperion an Bellarmin
Unter den Blumen war ihr Herz zu Hause, als wär es eine von ihnen.
    Sie nannte sie alle mit Namen, schuf ihnen aus Liebe neue, schönere, und
wusste genau die fröhlichste Lebenszeit von jeder.
    Wie eine Schwester, wenn aus jeder Ecke ein Geliebtes ihr entgegenkömmt, und
jedes gerne zuerst gegrüsst sein möchte, so war das stille Wesen mit Aug und Hand
beschäftigt, selig zerstreut, wenn auf der Wiese wir gingen, oder im Walde.
    Und das war so ganz nicht angenommen, angebildet, das war so mit ihr
aufgewachsen.
    Es ist doch ewig gewiss und zeigt sich überall: je unschuldiger, schöner eine
Seele, desto vertrauter mit den andern glücklichen Leben, die man seelenlos
nennt.
                             Hyperion an Bellarmin
Tausendmal hab ich in meiner Herzensfreude gelacht über die Menschen, die sich
einbilden, ein erhabner Geist könne unmöglich wissen, wie man ein Gemüse
bereitet. Diotima konnte wohl zur rechten Zeit recht herzhaft von dem Feuerherde
sprechen, und es ist gewiss nichts edler, als ein edles Mädchen, das die
allwohltätige Flamme besorgt, und, ähnlich der Natur, die herzerfreuende Speise
bereitet.
                             Hyperion an Bellarmin
Was ist alles künstliche Wissen in der Welt, was ist die ganze stolze Mündigkeit
der menschlichen Gedanken gegen die ungesuchten Töne dieses Geistes, der nicht
wusste, was er wusste, was er war?
    Wer will die Traube nicht lieber voll und frisch, so wie sie aus der Wurzel
quoll, als die getrockneten gepflückten Beere, die der Kaufmann in die Kiste
presst und in die Welt schickt? Was ist die Weisheit eines Buchs gegen die
Weisheit eines Engels?
    Sie schien immer so wenig zu sagen, und sagte so viel.
    Ich geleitete sie einst in später Dämmerung nach Hause; wie Träume,
beschlichen tauende Wölkchen die Wiese, wie lauschende Genien, sahen die seligen
Sterne durch die Zweige.
    Man hörte selten ein »wie schön!« aus ihrem Munde, wenn schon das fromme
Herz kein lispelnd Blatt, kein Rieseln einer Quelle unbehorcht liess.
    Diesmal sprach sie es denn doch mir aus - wie schön!
    Es ist wohl uns zuliebe so! sagt ich, ungefähr, wie Kinder etwas sagen,
weder im Scherze noch im Ernste.
    Ich kann mir denken, was du sagst, erwiderte sie; ich denke mir die Welt am
liebsten, wie ein häuslich Leben, wo jedes, ohne gerade dran zu denken, sich ins
andre schickt, und wo man sich einander zum Gefallen und zur Freude lebt, weil
es eben so vom Herzen kömmt.
    Froher erhabner Glaube! rief ich.
    Sie schwieg eine Weile.
    Auch wir sind also Kinder des Hauses, begann ich endlich wieder, sind es und
werden es sein.
    Werden ewig es sein, erwiderte sie.
    Werden wir das? fragt ich.
    Ich vertraue, fuhr sie fort, hierinnen der Natur, so wie ich täglich ihr
vertraue.
    O ich hätte mögen Diotima sein, da sie dies sagte! Aber du weisst nicht, was
sie sagte, mein Bellarmin! Du hast es nicht gesehn und nicht gehört.
    Du hast recht, rief ich ihr zu; die ewige Schönheit, die Natur leidet keinen
Verlust in sich, so wie sie keinen Zusatz leidet. Ihr Schmuck ist morgen anders,
als er heute war; aber unser Bestes, uns, uns kann sie nicht entbehren und dich
am wenigsten. Wir glauben, dass wir ewig sind, denn unsere Seele fühlt die
Schönheit der Natur. Sie ist ein Stückwerk, ist die Göttliche, die Vollendete
nicht, wenn jemals du in ihr vermisst wirst. Sie verdient dein Herz nicht, wenn
sie erröten muss vor deinen Hoffnungen.
                             Hyperion an Bellarmin
So bedürfnislos, so göttlichgenügsam hab ich nichts gekannt.
    Wie die Woge des Ozeans das Gestade seliger Inseln, so umflutete mein
ruheloses Herz den Frieden des himmlischen Mädchens.
    Ich hatt ihr nichts zu geben, als ein Gemüt voll wilder Widersprüche, voll
blutender Erinnerungen, nichts hatt ich ihr zu geben, als meine grenzenlose
Liebe mit ihren tausend Sorgen, ihren tausend tobenden Hoffnungen; sie aber
stand vor mir in wandelloser Schönheit, mühelos, in lächelnder Vollendung da,
und alles Sehnen, alles Träumen der Sterblichkeit, ach! alles, was in goldnen
Morgenstunden von höhern Regionen der Genius weissagt, es war alles in dieser
Einen stillen Seele erfüllt.
    Man sagt sonst, über den Sternen verhalle der Kampf, und künftig erst,
verspricht man uns, wenn unsre Hefe gesunken sei, verwandle sich in edeln
Freudenwein das gärende Leben, die Herzensruhe der Seligen sucht man sonst auf
dieser Erde nirgends mehr. Ich weiss es anders. Ich bin den nähern Weg gekommen.
Ich stand vor ihr, und hört und sah den Frieden des Himmels, und mitten im
seufzenden Chaos erschien mir Urania.
    Wie oft hab ich meine Klagen vor diesem Bilde gestillt! wie oft hat sich das
übermütige Leben und der strebende Geist besänftigt, wenn ich, in selige
Betrachtungen versunken, ihr ins Herz sah, wie man in die Quelle sieht, wenn
sie still erbebt von den Berührungen des Himmels, der in Silbertropfen auf sie
niederträufelt!
    Sie war mein Lete, diese Seele, mein heiliger Lete, woraus ich die
Vergessenheit des Daseins trank, dass ich vor ihr stand, wie ein Unsterblicher,
und freudig mich schalt, und wie nach schweren Träumen lächeln musste über alle
Ketten, die mich gedrückt.
    O ich wär ein glücklicher, ein trefflicher Mensch geworden mit ihr!
    Mit ihr! aber das ist misslungen, und nun irr ich herum in dem, was vor und
in mir ist, und drüber hinaus, und weiss nicht, was ich machen soll aus mir und
andern Dingen.
    Meine Seele ist, wie ein Fisch aus ihrem Elemente auf den Ufersand geworfen,
und windet sich und wirft sich umher, bis sie vertrocknet in der Hitze des Tags.
    Ach! gäb es nur noch etwas in der Welt für mich zu tun! gäb es eine Arbeit,
einen Krieg für mich, das sollte mich erquicken!
    Knäblein, die man von der Mutterbrust gerissen und in die Wüste geworfen,
hat einst, so sagt man, eine Wölfin gesäugt.
    Mein Herz ist nicht so glücklich.
                             Hyperion an Bellarmin
Ich kann nur hie und da ein Wörtchen von ihr sprechen. Ich muss vergessen, was
sie ganz ist, wenn ich von ihr sprechen soll. Ich muss mich täuschen, als hätte
sie vor alten Zeiten gelebt, als wüsst ich durch Erzählung einiges von ihr, wenn
ihr lebendig Bild mich nicht ergreifen soll, dass ich vergehe im Entzücken und im
Schmerz, wenn ich den Tod der Freude über sie und den Tod der Trauer um sie
nicht sterben soll.
                             Hyperion an Bellarmin
Es ist umsonst; ich kanns mir nicht verbergen. Wohin ich auch entfliehe mit
meinen Gedanken, in die Himmel hinauf und in den Abgrund, zum Anfang und ans
Ende der Zeiten, selbst wenn ich ihm, der meine letzte Zuflucht war, der sonst
noch jede Sorge in mir verzehrte, der alle Lust und allen Schmerz des Lebens
sonst mit der Feuerflamme, worin er sich offenbarte, in mir versengte, selbst
wenn ich ihm mich in die Arme werfe, dem herrlichen geheimen Geiste der Welt, in
seine Tiefe mich tauche, wie in den bodenlosen Ozean hinab, auch da, auch da
finden die süssen Schrecken mich aus, die süssen verwirrenden tötenden Schrecken,
dass Diotimas Grab mir nah ist.
    Hörst du? hörst du? Diotimas Grab!
    Mein Herz war doch so stille geworden, und meine Liebe war begraben mit der
Toten, die ich liebte.
    Du weisst, mein Bellarmin! ich schrieb dir lange nicht von ihr, und da ich
schrieb, so schrieb ich dir gelassen, wie ich meine.
    Was ists denn nun?
    Ich gehe ans Ufer hinaus und sehe nach Kalaurea, wo sie ruhet, hinüber, das
ists.
    O dass ja keiner den Kahn mir leihe, dass ja sich keiner erbarme und mir sein
Ruder biete und mir hinüberhelfe zu ihr!
    Dass ja das gute Meer nicht ruhig bleibe, damit ich nicht ein Holz mir zimmre
und hinüberschwimme zu ihr.
    Aber in die tobende See will ich mich werfen, und ihre Woge bitten, dass sie
an Diotimas Gestade mich wirft! -
    Lieber Bruder! ich tröste mein Herz mit allerlei Phantasien, ich reiche mir
manchen Schlaftrank; und es wäre wohl grösser, sich zu befreien auf immer, als
sich zu behelfen mit Palliativen; aber wem gehts nicht so? Ich bin denn doch
damit zufrieden.
    Zufrieden? ach das wäre gut! da wäre ja geholfen, wo kein Gott nicht helfen
kann.
    Nun! nun! ich habe, was ich konnte, getan! Ich fodre von dem Schicksal meine
Seele.
                             Hyperion an Bellarmin
War sie nicht mein, ihr Schwestern des Schicksals, war sie nicht mein? Die
reinen Quellen fodr' ich auf zu Zeugen, und die unschuldigen Bäume, die uns
belauschten, und das Tagslicht und den Aeter! war sie nicht mein? vereint mit
mir in allen Tönen des Lebens?
    Wo ist das Wesen, das, wie meines, sie erkannte? in welchem Spiegel
sammelten sich, so wie in mir, die Strahlen dieses Lichts? erschrak sie freudig
nicht vor ihrer eignen Herrlichkeit, da sie zuerst in meiner Freude sich gewahr
ward? Ach! wo ist das Herz, das so, wie meines, überall ihr nah war, so, wie
meines, sie erfüllte und von ihr erfüllt war, das so einzig da war, ihres zu
umfangen, wie die Wimper für das Auge da ist.
    Wir waren Eine Blume nur, und unsre Seelen lebten in einander, wie die
Blume, wenn sie liebt, und ihre zarten Freuden im verschlossnen Kelche verbirgt.
    Und doch, doch wurde sie, wie eine angemasste Krone, von mir gerissen und in
den Staub gelegt?
                             Hyperion an Bellarmin
Eh es eines von uns beeden wusste, gehörten wir uns an.
    Wenn ich so, mit allen Huldigungen des Herzens, selig überwunden, vor ihr
stand, und schwieg, und all mein Leben sich hingab in den Strahlen des Augs, das
sie nur sah, nur sie umfasste, und sie dann wieder zärtlich zweifelnd mich
betrachtete, und nicht wusste, wo ich war mit meinen Gedanken, wenn ich oft,
begraben in Lust und Schönheit, bei einem reizenden Geschäfte sie belauschte,
und um die leiseste Bewegung, wie die Biene um die schwanken Zweige, meine Seele
schweift' und flog, und wenn sie dann in friedlichen Gedanken gegen mich sich
wandt, und, überrascht von meiner Freude, meine Freude sich verbergen musst, und
bei der lieben Arbeit ihre Ruhe wieder sucht' und fand -
    Wenn sie, wunderbar allwissend, jeden Wohlklang, jeden Misslaut in der Tiefe
meines Wesens, im Momente, da er begann, noch eh ich selbst ihn wahrnahm, mir
entüllte, wenn sie jeden Schatten eines Wölkchens auf der Stirne, jeden
Schatten einer Wehmut, eines Stolzes auf der Lippe, jeden Funken mir im Auge
sah, wenn sie die Ebb und Flut des Herzens mir behorcht' und sorgsam trübe
Stunden ahnete, indes mein Geist zu unentaltsam, zu verschwenderisch im üppigen
Gespräche sich verzehrte, wenn das liebe Wesen, treuer, wie ein Spiegel, jeden
Wechsel meiner Wange mir verriet, und oft in freundlichen Bekümmernissen über
mein unstet Wesen mich ermahnt', und strafte, wie ein teures Kind -
    Ach! da du einst, Unschuldige, an den Fingern die Treppen zähltest, von
unsrem Berge herab zu deinem Hause, da du deine Spaziergänge mir wiesest, die
Plätze, wo du sonst gesessen, und mir erzähltest, wie die Zeit dir da vergangen,
und mir am Ende sagtest, es sei dir jetzt, als wär ich auch von jeher dagewesen
-
    Gehörten wir da nicht längst uns an?
                             Hyperion an Bellarmin
Ich baue meinem Herzen ein Grab, damit es ruhen möge; ich spinne mich ein, weil
überall es Winter ist; in seligen Erinnerungen hüll ich vor dem Sturme mich ein.
    Wir sassen einst mit Notara - so hiess der Freund, bei dem ich lebte - und
einigen andern, die auch, wie wir, zu den Sonderlingen in Kalaurea gehörten, in
Diotimas Garten, unter blühenden Mandelbäumen, und sprachen unter andrem über
die Freundschaft.
    Ich hatte wenig mitgesprochen, ich hütete mich seit einiger Zeit, viel Worte
zu machen von Dingen, die das Herz zunächst angehn, meine Diotima hatte mich so
einsilbig gemacht -
    Da Harmodius und Aristogiton lebten, rief endlich einer, da war noch
Freundschaft in der Welt. Das freute mich zu sehr, als dass ich hätte schweigen
mögen.
    Man sollte dir eine Krone flechten um dieses Wortes willen! rief ich ihm zu;
hast du denn wirklich eine Ahnung davon, hast du ein Gleichnis für die
Freundschaft des Aristogiton und Harmodius? Verzeih mir! Aber beim Aeter! man
muss Aristogiton sein, um nachzufühlen, wie Aristogiton liebte, und die Blitze
durfte wohl der Mann nicht fürchten, der geliebt sein wollte mit Harmodius
Liebe, denn es täuscht mich alles, wenn der furchtbare Jüngling nicht mit Minos
Strenge liebte. Wenige sind in solcher Probe bestanden, und es ist nicht
leichter, eines Halbgotts Freund zu sein, als an der Götter Tische, wie
Tantalus, zu sitzen. Aber es ist auch nichts Herrlicheres auf Erden, als wenn
ein stolzes Paar, wie diese, so sich untertan ist.
    Das ist auch meine Hoffnung, meine Lust in einsamen Stunden, dass solche
grosse Töne und grössere einst wiederkehren müssen in der Symphonie des Weltlaufs.
Die Liebe gebar Jahrtausende voll lebendiger Menschen; die Freundschaft wird sie
wiedergebären. Von Kinderharmonie sind einst die Völker ausgegangen, die
Harmonie der Geister wird der Anfang einer neuen Weltgeschichte sein. Von
Pflanzenglück begannen die Menschen und wuchsen auf, und wuchsen, bis sie
reiften; von nun an gärten sie unaufhörlich fort, von innen und aussen, bis jetzt
das Menschengeschlecht, unendlich aufgelöst, wie ein Chaos daliegt, dass alle,
die noch fühlen und sehen, Schwindel ergreift; aber die Schönheit flüchtet aus
dem Leben der Menschen sich herauf in den Geist; Ideal wird, was Natur war, und
wenn von unten gleich der Baum verdorrt ist und verwittert, ein frischer Gipfel
ist noch hervorgegangen aus ihm, und grünt im Sonnenglanze, wie einst der Stamm
in den Tagen der Jugend; Ideal ist, was Natur war. Daran, an diesem Ideale,
dieser verjüngten Gotteit, erkennen die Wenigen sich und Eins sind sie, denn es
ist Eines in ihnen, und von diesen, diesen beginnt das zweite Lebensalter der
Welt - ich habe genug gesagt, um klar zu machen, was ich denke.
    Da hättest du Diotima sehen sollen, wie sie aufsprang und die beeden Hände
mir reichte und rief: ich hab es verstanden, Lieber, ganz verstanden, so viel es
sagt.
    Die Liebe gebar die Welt, die Freundschaft wird sie wieder gebären.
    O dann, ihr künftigen, ihr neuen Dioskuren, dann weilt ein wenig, wenn ihr
vorüberkömmt, da, wo Hyperion schläft, weilt ahnend über des vergessenen Mannes
Asche, und sprecht: er wäre, wie unser einer, wär er jetzt da.
    Das hab ich gehört, mein Bellarmin! das hab ich erfahren, und gehe nicht
willig in den Tod?
    Ja! ja! ich bin vorausbezahlt, ich habe gelebt. Mehr Freude konnt ein Gott
ertragen, aber ich nicht.
                             Hyperion an Bellarmin
Frägst du, wie mir gewesen sei um diese Zeit? Wie einem, der alles verloren hat,
um alles zu gewinnen.
    Oft kam ich freilich von Diotimas Bäumen, wie ein Siegestrunkner, oft musst
ich eilends weg von ihr, um keinen meiner Gedanken zu verraten; so tobte die
Freude in mir, und der Stolz, der allbegeisternde Glaube, von Diotima geliebt zu
sein.
    Dann sucht ich die höchsten Berge mir auf und ihre Lüfte, und wie ein Adler,
dem der blutende Fittig geheilt ist, regte mein Geist sich im Freien, und
dehnt', als wäre sie sein, über die sichtbare Welt sich aus; wunderbar! es war
mir oft, als läuterten sich und schmelzten die Dinge der Erde, wie Gold, in
meinem Feuer zusammen, und ein Göttliches würde aus ihnen und mir, so tobte in
mir die Freude; und wie ich die Kinder aufhub und an mein schlagendes Herz sie
drückte, wie ich die Pflanzen grüsste und die Bäume! Einen Zauber hätt ich mir
wünschen mögen, die scheuen Hirsche und all die wilden Vögel des Walds, wie ein
häuslich Völkchen, um meine freigebigen Hände zu versammeln, so selig töricht
liebt ich alles!
    Aber nicht lange, so war das alles, wie ein Licht, in mir erloschen, und
stumm und traurig, wie ein Schatte, sass ich da und suchte das entschwundne
Leben. Klagen mocht ich nicht und trösten mocht ich mich auch nicht. Die
Hoffnung warf ich weg, wie ein Lahmer, dem die Krücke verleidet ist; des Weinens
schämt ich mich; ich schämte mich des Daseins überhaupt. Aber endlich brach denn
doch der Stolz in Tränen aus, und das Leiden, das ich gerne verleugnet hätte,
wurde mir lieb, und ich legt es, wie ein Kind, mir an die Brust.
    Nein, rief mein Herz, nein, meine Diotima! es schmerzt nicht. Bewahre du dir
deinen Frieden und lass mich meinen Gang gehn. Lass dich in deiner Ruhe nicht
stören, holder Stern! wenn unter dir es gärt und trüb ist.
    O lass dir deine Rose nicht bleichen, selige Götterjugend! Lass in den
Kümmernissen der Erde deine Schöne nicht altern. Das ist ja meine Freude, süsses
Leben! dass du in dir den sorgenfreien Himmel trägst. Du sollst nicht dürftig
werden, nein, nein! du sollst in dir die Armut der Liebe nicht sehn.
    Und wenn ich dann wieder zu ihr hinabging - ich hätte das Lüftchen fragen
mögen und dem Zuge der Wolken es ansehn, wie es mit mir sein werde in einer
Stunde! und wie es mich freute, wenn irgend ein freundlich Gesicht mir auf dem
Wege begegnete, und nur nicht gar zu trocken sein »schönen Tag!« mir zurief!
    Wenn ein kleines Mädchen aus dem Walde kam und einen Erdbeerstrauss mir zum
Verkaufe reichte, mit einer Miene, als wollte sie ihn schenken, oder wenn ein
Bauer, wo ich vorüberging, auf seinem Kirschbaum sass und pflückte, und aus den
Zweigen herab mir rief, ob ich nicht eine Handvoll kosten möchte; das waren gute
Zeichen für das abergläubische Herz!
    Stand vollends gegen den Weg her, wo ich herabkam, von Diotimas Fenstern
eines offen, wie konnte das so wohltun!
    Sie hatte vielleicht nicht lange zuvor herausgesehn.
    Und nun stand ich vor ihr, atemlos und wankend, und drückte die
verschlungnen Arme gegen mein Herz, sein Zittern nicht zu fühlen, und, wie der
Schwimmer aus reissenden Wassern hervor, rang und strebte mein Geist, nicht
unterzugehn in der unendlichen Liebe.
    Wovon sprechen wir doch geschwind? konnt ich rufen, man hat oft seine Mühe,
man kann den Stoff nicht finden, die Gedanken daran festzuhalten.
    Reissen sie wieder aus in die Luft? erwiderte meine Diotima. Du musst ihnen
Blei an die Flügel binden, oder ich will sie an einen Faden knüpfen, wie der
Knabe den fliegenden Drachen, dass sie uns nicht entgehn.
    Das liebe Mädchen suchte sich und mir durch einen Scherz zu helfen, aber es
war wenig damit getan.
    Ja, ja! rief ich, wie du willst, wie du es für gut hältst - soll ich
vorlesen? Deine Laute ist wohl noch gestimmt von gestern - vorzulesen hab ich
auch gerade nichts -
    Du hast schon mehr, als einmal, sagte sie, versprochen, mir zu erzählen, wie
du gelebt hast, ehe wir uns kannten, möchtest du jetzt nicht?
    Das ist wahr, erwidert ich; mein Herz warf sich gerne auf das, und ich
erzählt ihr nun, wie dir, von Adamas und meinen einsamen Tagen in Smyrna, von
Alabanda und wie ich getrennt wurde von ihm, und von der unbegreiflichen
Krankheit meines Wesens, eh ich nach Kalaurea herüberkam - nun weisst du alles,
sagt ich zu ihr gelassen, da ich zu Ende war, nun wirst du weniger dich an mir
stossen; nun wirst du sagen, setzt ich lächelnd hinzu, spottet dieses Vulkans
nicht, wenn er hinkt, denn ihn haben zweimal die Götter vom Himmel auf die Erde
geworfen.
    Stille, rief sie mit erstickter Stimme, und verbarg ihre Tränen ins Tuch, o
stille, und scherze über dein Schicksal, über dein Herz nicht! denn ich versteh
es und besser, als du.
    Lieber - lieber Hyperion! Dir ist wohl schwer zu helfen.
    Weisst du denn, fuhr sie mit erhöhter Stimme fort, weisst du denn, woran du
darbest, was dir einzig fehlt, was du, wie Alpheus seine Aretusa, suchst, um
was du trauertest in aller deiner Trauer? Es ist nicht erst seit Jahren
hingeschieden, man kann so genau nicht sagen, wenn es da war, wenn es wegging,
aber es war, es ist, in dir ists! Es ist eine bessere Zeit, die suchst du, eine
schönere Welt. Nur diese Welt umarmtest du in deinen Freunden, du warst mit
ihnen diese Welt.
    In Adamas war sie dir aufgegangen; sie war auch hingegangen mit ihm. In
Alabanda erschien dir ihr Licht zum zweiten Male, aber brennender und heisser,
und darum war es auch, wie Mitternacht, vor deiner Seele, da er für dich dahin
war.
    Siehest du nun auch, warum der kleinste Zweifel über Alabanda zur
Verzweiflung werden musst in dir? warum du ihn verstiessest, weil er nur nicht gar
ein Gott war?
    Du wolltest keine Menschen, glaube mir, du wolltest eine Welt. Den Verlust
von allen goldenen Jahrhunderten, so wie du sie, zusammengedrängt in Einen
glücklichen Moment, empfandest, den Geist von allen Geistern bessrer Zeit, die
Kraft von allen Kräften der Heroen, die sollte dir ein Einzelner, ein Mensch
ersetzen! - Siehest du nun, wie arm, wie reich du bist? warum du so stolz sein
musst und auch so niedergeschlagen? warum so schröcklich Freude und Leid dir
wechselt?
    Darum, weil du alles hast und nichts, weil das Phantom der goldenen Tage,
die da kommen sollen, dein gehört, und doch nicht da ist, weil du ein Bürger
bist in den Regionen der Gerechtigkeit und Schönheit, ein Gott bist unter
Göttern in den schönen Träumen, die am Tage dich beschleichen, und wenn du
aufwachst, auf neugriechischem Boden stehst.
    Zweimal, sagtest du? o du wirst in Einem Tage siebzigmal vom Himmel auf die
Erde geworfen. Soll ich dir es sagen? Ich fürchte für dich, du hältst das
Schicksal dieser Zeiten schwerlich aus. Du wirst noch mancherlei versuchen,
wirst -
    O Gott! und deine letzte Zufluchtsstätte wird ein Grab sein.
    Nein, Diotima, rief ich, nein, beim Himmel, nein! So lange noch Eine Melodie
mir tönt, so scheu ich nicht die Totenstille der Wildnis unter den Sternen; so
lange die Sonne nur scheint und Diotima, so gibt es keine Nacht für mich.
    Lass allen Tugenden die Sterbeglocke läuten! ich höre ja dich, dich, deines
Herzens Lied, du Liebe! und finde unsterblich Leben, indessen alles verlischt
und welkt.
    O Hyperion, rief sie, wie sprichst du?
    »Ich spreche, wie ich muss. Ich kann nicht, kann nicht länger all die
Seligkeit und Furcht und Sorge bergen - Diotima! - Ja du weisst es, musst es
wissen, hast längst es gesehen, dass ich untergehe, wenn du nicht die Hand mir
reichst.«
    Sie war betroffen, verwirrt.
    Und an mir, rief sie, an mir will sich Hyperion halten? ja, ich wünsch es,
jetzt zum ersten Male wünsch ich, mehr zu sein, denn nur ein sterblich Mädchen.
Aber ich bin dir, was ich sein kann.
    O so bist du ja mir Alles, rief ich!
    »Alles? böser Heuchler! und die Menschheit, die du doch am Ende einzig
liebst?«
    Die Menschheit? sagt ich; ich wollte, die Menschheit machte Diotima zum
Losungswort und malt' in ihre Paniere dein Bild, und spräche: heute soll das
Göttliche siegen! Engel des Himmels! das müsst ein Tag sein!
    Geh, rief sie, geh, und zeige dem Himmel deine Verklärung! mir darf sie
nicht so nahe sein.
    Nicht wahr, du gehest, lieber Hyperion?
    Ich gehorchte. Wer hätte da nicht gehorcht? Ich ging. So war ich noch
niemals von ihr gegangen. O Bellarmin! das war Freude, Stille des Lebens,
Götterruhe, himmlische, wunderbare, unerkennbare Freude.
    Worte sind hier umsonst, und wer nach einem Gleichnis von ihr fragt, der hat
sie nie erfahren. Das Einzige, was eine solche Freude auszudrücken vermochte,
war Diotimas Gesang, wenn er, in goldner Mitte, zwischen Höhe und Tiefe
schwebte.
    O ihr Uferweiden des Lete! ihr abendrötlichen Pfade in Elysiums Wäldern!
ihr Lilien an den Bächen des Tals! ihr Rosenkränze des Hügels! Ich glaub an
euch, in dieser freundlichen Stunde, und spreche zu meinem Herzen: dort findest
du sie wieder, und alle Freude, die du verlorst.
                             Hyperion an Bellarmin
Ich will dir immer mehr von meiner Seligkeit erzählen.
    Ich will die Brust an den Freuden der Vergangenheit versuchen, bis sie, wie
Stahl, wird, ich will mich üben an ihnen, bis ich unüberwindlich bin.
    Ha! fallen sie doch, wie ein Schwertschlag, oft mir auf die Seele, aber ich
spiele mit dem Schwerte, bis ich es gewohnt bin, ich halte die Hand ins Feuer,
bis ich es ertrage, wie Wasser.
    Ich will nicht zagen; ja! ich will stark sein! ich will mir nichts
verhehlen, will von allen Seligkeiten mir die seligste aus dem Grabe beschwören.
    Es ist unglaublich, dass der Mensch sich vor dem Schönsten fürchten soll;
aber es ist so.
    O bin ich doch hundertmal vor diesen Augenblicken, dieser tötenden Wonne
meiner Erinnerungen geflohen und habe mein Auge hinweggewandt, wie ein Kind vor
Blitzen! und dennoch wächst im üppigen Garten der Welt nichts Lieblichers, wie
meine Freuden, dennoch gedeiht im Himmel und auf Erden nichts Edleres, wie meine
Freuden.
    Aber nur dir, mein Bellarmin, nur einer reinen freien Seele, wie die deine
ist, erzähl ichs. So freigebig, wie die Sonne mit ihren Strahlen, will ich nicht
sein; meine Perlen will ich vor die alberne Menge nicht werfen.
    Ich kannte, seit dem letzten Seelengespräche, mit jedem Tage mich weniger.
Ich fühlt, es war ein heilig Geheimnis zwischen mir und Diotima.
    Ich staunte, träumte. Als wär um Mitternacht ein seliger Geist mir
erschienen und hätte mich erkoren, mit ihm umzugehn, so war es mir in der Seele.
    O es ist ein seltsames Gemische von Seligkeit und Schwermut, wenn es so sich
offenbart, dass wir auf immer heraus sind aus dem gewöhnlichen Dasein.
    Es war mir seitdem nimmer gelungen, Diotima allein zu sehn. Immer musst ein
Dritter uns stören, trennen, und die Welt lag zwischen ihr und mir, wie eine
unendliche Leere. Sechs todesbange Tage gingen so vorüber, ohne dass ich etwas
wusste von Diotima. Es war, als lähmten die andern, die um uns waren, mir die
Sinne, als töteten sie mein ganzes äusseres Leben, damit auf keinem Wege die
verschlossene Seele sich hinüber helfen möchte zu ihr.
    Wollt ich mit dem Auge sie suchen, so wurd es Nacht vor mir, wollt ich mich
mit einem Wörtchen an sie wenden, so erstickt' es in der Kehle.
    Ach! mir wollte das heilige namenlose Verlangen oft die Brust zerreissen, und
die mächtige Liebe zürnt' oft, wie ein gefangener Titan, in mir. So tief, so
innigst unversöhnlich hatte mein Geist noch nie sich gegen die Ketten gesträubt,
die das Schicksal ihm schmiedet, gegen das eiserne unerbittliche Gesetz,
geschieden zu sein, nicht Eine Seele zu sein mit seiner liebenswürdigen Hälfte.
    Die sternenhelle Nacht war nun mein Element geworden. Dann, wann es stille
war, wie in den Tiefen der Erde, wo geheimnisvoll das Gold wächst, dann hob das
schönere Leben meiner Liebe sich an.
    Da übte das Herz sein Recht, zu dichten, aus. Da sagt' es mir, wie Hyperions
Geist im Vorelysium mit seiner holden Diotima gespielt, eh er herabgekommen zur
Erde, in göttlicher Kindheit bei dem Wohlgetöne des Quells, und unter Zweigen,
wie wir die Zweige der Erde sehn, wenn sie verschönert aus dem güldenen Strome
blinken.
    Und, wie die Vergangenheit, öffnete sich die Pforte der Zukunft in mir.
    Da flogen wir, Diotima und ich, da wanderten wir, wie Schwalben, von einem
Frühling der Welt zum andern, durch der Sonne weites Gebiet und drüber hinaus,
zu den andern Inseln des Himmels, an des Sirius goldne Küsten, in die
Geistertale des Arcturs -
    O es ist doch wohl wünschenswert, so aus Einem Kelche mit der Geliebten die
Wonne der Welt zu trinken!
    Berauscht vom seligen Wiegenliede, das ich mir sang, schlief ich ein, mitten
unter den herrlichen Phantomen.
    Wie aber am Strahle des Morgenlichts das Leben der Erde sich wieder
entzündete, sah ich empor und suchte die Träume der Nacht. Sie waren, wie die
schönen Sterne, verschwunden, und nur die Wonne der Wehmut zeugt' in meiner
Seele von ihnen.
    Ich trauerte; aber ich glaube, dass man unter den Seligen auch so trauert.
Sie war die Botin der Freude, diese Trauer, sie war die grauende Dämmerung,
woran die unzähligen Rosen des Morgenrots sprossen. -
    Der glühende Sommertag hatte jetzt alles in die dunkeln Schatten gescheucht.
Auch um Diotimas Haus war alles still und leer, und die neidischen Vorhänge
standen mir an allen Fenstern im Wege.
    Ich lebt in Gedanken an sie. Wo bist du, dacht ich, wo findet mein einsamer
Geist dich, süsses Mädchen? Siehest du vor dich hin und sinnest? Hast du die
Arbeit auf die Seite gelegt und stützest den Arm aufs Knie und auf das Händchen
das Haupt und gibst den lieblichen Gedanken dich hin?
    Dass ja nichts meine Friedliche störe, wenn sie mit süssen Phantasien ihr Herz
erfrischt, dass ja nichts diese Traube betaste und den erquickenden Tau von den
zarten Beeren ihr streife!
    So träumt ich. Aber indes die Gedanken zwischen den Wänden des Hauses nach
ihr spähten, suchten die Füsse sie anderswo, und eh ich es gewahr ward, ging ich
unter den Bogengängen des heiligen Walds, hinter Diotimas Garten, wo ich sie zum
ersten Male hatte gesehn. Was war das? Ich war ja indessen so oft mit diesen
Bäumen umgegangen, war vertrauter mit ihnen, ruhiger unter ihnen geworden; jetzt
ergriff mich eine Gewalt, als trät ich in Dianens Schatten, um zu sterben vor
der gegenwärtigen Gotteit.
    Indessen ging ich weiter. Mit jedem Schritte wurd es wunderbarer in mir. Ich
hätte fliegen mögen, so trieb mein Herz mich vorwärts; aber es war, als hätt ich
Blei an den Sohlen. Die Seele war vorausgeeilt, und hatte die irdischen Glieder
verlassen. Ich hörte nicht mehr und vor dem Auge dämmerten und schwankten alle
Gestalten. Der Geist war schon bei Diotima; im Morgenlichte spielte der Gipfel
des Baums, indes die untern Zweige noch die kalte Dämmerung fühlten.
    Ach! mein Hyperion! rief jetzt mir eine Stimme entgegen; ich stürzt hinzu;
»meine Diotima! o meine Diotima!« weiter hatt ich kein Wort und keinen Otem,
kein Bewusstsein.
    Schwinde, schwinde, sterbliches Leben, dürftig Geschäft, wo der einsame
Geist die Pfennige, die er gesammelt, hin und her betrachtet und zählt! wir sind
zur Freude der Gotteit alle berufen!
    Es ist hier eine Lücke in meinem Dasein. Ich starb, und wie ich erwachte,
lag ich am Herzen des himmlischen Mädchens.
    O Leben der Liebe! wie warst du an ihr aufgegangen in voller holdseliger
Blüte! wie in leichten Schlummer gesungen von seligen Genien, lag das reizende
Köpfchen mir auf der Schulter, lächelte süssen Frieden, und schlug sein äterisch
Auge nach mir auf in fröhlichem unerfahrenem Staunen, als blickt' es eben jetzt
zum ersten Male in die Welt.
    Lange standen wir so in holder selbstvergessener Betrachtung, und keines
wusste, wie ihm geschah, bis endlich der Freude zu viel in mir sich häufte und in
Tränen und Lauten des Entzückens auch meine verlorne Sprache wieder begann, und
meine stille Begeisterte vollends wieder ins Dasein weckte.
    Endlich sahen wir uns auch wieder um.
    O meine alten freundlichen Bäume! rief Diotima, als hätte sie sie in langer
Zeit nicht gesehn, und das Andenken an ihre vorigen einsamen Tage spielt' um
ihre Freuden, lieblich, wie die Schatten um den jungfräulichen Schnee, wenn er
errötet und glüht im freudigen Abendglanze.
    Engel des Himmels! rief ich, wer kann dich fassen? wer kann sagen, er habe
ganz dich begriffen?
    Wunderst du dich, erwiderte sie, dass ich so sehr dir gut bin? Lieber!
stolzer Bescheidner! Bin ich denn auch von denen, die nicht glauben können an
dich, hab ich denn nicht dich ergründet, hab ich den Genius nicht in seinen
Wolken erkannt? Verhülle dich nur und siehe dich selbst nicht; ich will dich
hervorbeschwören, ich will -
    Aber er ist ja da, er ist hervorgegangen, wie ein Stern; er hat die Hülse
durchbrochen und steht, wie ein Frühling, da; wie ein Kristallquell aus der
düstern Grotte, ist er hervorgegangen; das ist der finstre Hyperion nicht, das
ist die wilde Trauer nicht mehr - o mein, mein herrlicher Junge!
    Das alles war mir, wie ein Traum. Konnt ich glauben an dies Wunder der
Liebe? konnt ich? mich hätte die Freude getötet.
    Göttliche! rief ich, sprichst du mit mir? kannst du so dich verleugnen,
selige Selbstgenügsame! kannst du so dich freuen an mir? O ich seh es nun, ich
weiss nun, was ich oft geahnet, der Mensch ist ein Gewand, das oft ein Gott sich
umwirft, ein Kelch, in den der Himmel seinen Nektar giesst, um seinen Kindern vom
Besten zu kosten zu geben. -
    Ja, ja! fiel sie schwärmerisch lächelnd mir ein, dein Namensbruder, der
herrliche Hyperion des Himmels ist in dir.
    Lass mich, rief ich, lass mich dein sein, lass mich mein vergessen, lass alles
Leben in mir und allen Geist nur dir zufliegen; nur dir, in seliger endeloser
Betrachtung! O Diotima! so stand ich sonst auch vor dem dämmernden Götterbilde,
das meine Liebe sich schuf, vor dem Idole meiner einsamen Träume; ich nährt es
traulich; mit meinem Leben belebt ich es, mit den Hoffnungen meines Herzens
erfrischt', erwärmt ich es, aber es gab mir nichts, als was ich gegeben, und
wenn ich verarmt war, liess es mich arm, und nun! nun hab ich im Arme dich, und
fühle den Otem deiner Brust, und fühle dein Aug in meinem Auge, die schöne
Gegenwart rinnt mir in alle Sinnen herein, und ich halt es aus, ich habe das
Herrlichste so und bebe nicht mehr - ja! ich bin wirklich nicht, der ich sonst
war, Diotima! ich bin deines gleichen geworden, und Göttliches spielt mit
Göttlichem jetzt, wie Kinder unter sich spielen. -
    Aber etwas stiller musst du mir werden, sagte sie.
    Du hast auch recht, du Liebenswürdige! rief ich freudig, sonst erscheinen
mir ja die Grazien nicht; sonst seh ich ja im Meere der Schönheit seine leisen
lieblichen Bewegungen nicht. O ich will es noch lernen, nichts an dir zu
übersehen. Gib mir nur Zeit!
    Schmeichler! rief sie, aber für heute sind wir zu Ende, lieber Schmeichler!
die goldne Abendwolke hat mich gemahnt. O traure nicht! Erhalte dir und mir die
reine Freude! Lass sie nachtönen in dir, bis morgen, und töte sie nicht durch
Missmut! - die Blumen des Herzens wollen freundliche Pflege. Ihre Wurzel ist
überall, aber sie selbst gedeihn in heitrer Witterung nur. Leb wohl, Hyperion!
    Sie machte sich los. Mein ganzes Wesen flammt' in mir auf, wie sie so vor
mir hinwegschwand in ihrer glühenden Schönheit.
    O du! - rief ich und stürzt ihr nach, und gab meine Seele in ihre Hand in
unendlichen Küssen.
    Gott! rief sie, wie wird das künftig werden!
    Das traf mich. Verzeih, Himmlische! sagt ich; ich gehe. Gute Nacht, Diotima!
denke noch mein ein wenig!
    Das will ich, rief sie, gute Nacht!
    Und nun kein Wort mehr, Bellarmin! Es wäre zuviel für mein geduldiges Herz.
Ich bin erschüttert, wie ich fühle. Aber ich will hinausgehn unter die Pflanzen
und Bäume, und unter sie hin mich legen und beten, dass die Natur zu solcher Ruhe
mich bringe.
                             Hyperion an Bellarmin
Unsere Seelen lebten nun immer freier und schöner zusammen, und alles in und um
uns vereinigte sich zu goldenem Frieden. Es schien, als wäre die alte Welt
gestorben und eine neue begönne mit uns, so geistig und kräftig und liebend und
leicht war alles geworden, und wir und alle Wesen schwebten, selig vereint, wie
ein Chor von tausend unzertrennlichen Tönen, durch den unendlichen Aeter.
    Unsre Gespräche gleiteten weg, wie ein himmelblau Gewässer, woraus der
Goldsand hin und wieder blinkt, und unsre Stille war, wie die Stille der
Berggipfel, wo in herrlich einsamer Höhe, hoch über dem Raume der Gewitter, nur
die göttliche Luft noch in den Locken des kühnen Wanderers rauscht.
    Und die wunderbare heilige Trauer, wann die Stunde der Trennung in unsre
Begeisterung tönte, wenn ich oft rief: nun sind wir wieder sterblich, Diotima!
und sie mir sagte: Sterblichkeit ist Schein, ist, wie die Farben, die vor unsrem
Auge zittern, wenn es lange in die Sonne sieht!
    Ach! und alle die holdseligen Spiele der Liebe! die Schmeichelreden, die
Besorgnisse, die Empfindlichkeiten, die Strenge und Nachsicht.
    Und die Allwissenheit, womit wir uns durchschauten, und der unendliche
Glaube, womit wir uns verherrlichten!
    Ja! eine Sonne ist der Mensch, allsehend, allverklärend, wenn er liebt, und
liebt er nicht, so ist er eine dunkle Wohnung, wo ein rauchend Lämpchen brennt.
    Ich sollte schweigen, sollte vergessen und schweigen.
    Aber die reizende Flamme versucht mich, bis ich mich ganz in sie stürze,
und, wie die Fliege, vergehe.
    Mitten in all dem seligen unverhaltnen Geben und Nehmen fühlt ich einmal,
dass Diotima stiller wurde und immer stiller.
    Ich fragt und flehte; aber das schien nur mehr sie zu entfernen, endlich
flehte sie, ich möchte nicht mehr fragen, möchte gehn, und wenn ich wiederkäme,
von etwas anderm sprechen. Das gab auch mir ein schmerzliches Verstummen, worein
ich selbst mich nicht zu finden wusste.
    Mir war, als hätt ein unbegreiflich plötzlich Schicksal unsrer Liebe den Tod
geschworen, und alles Leben war hin, ausser mir und allem.
    Ich schämte mich freilich des; ich wusste gewiss, das Ungefähr beherrsche
Diotimas Herz nicht. Aber wunderbar blieb sie mir immer, und mein verwöhnter
untröstlicher Sinn wollt immer offenbare gegenwärtige Liebe; verschlossne Schätze
waren verlorne Schätze für ihn. Ach! ich hatt im Glücke die Hoffnung verlernt,
ich war noch damals, wie die ungeduldigen Kinder, die um den Apfel am Baume
weinen, als wär er gar nicht da, wenn er ihnen den Mund nicht küsst. Ich hatte
keine Ruhe, ich flehte wieder, mit Ungestüm und Demut, zärtlich und zürnend, mit
ihrer ganzen allmächtigen bescheidnen Beredsamkeit rüstete die Liebe mich aus
und nun - o meine Diotima! nun hatt ich es, das reizende Bekenntnis, nun hab ich
und halt es, bis auch mich, mit allem, was an mir ist, in die alte Heimat, in
den Schoss der Natur die Woge der Liebe zurückbringt.
    Die Unschuldige! noch kannte sie die mächtige Fülle ihres Herzens nicht, und
lieblich erschrocken vor dem Reichtum in ihr, begrub sie ihn in die Tiefe der
Brust - und wie sie nun bekannte, heilige Einfalt, wie sie mit Tränen bekannte,
sie liebe zu sehr, und wie sie Abschied nahm von allem, was sie sonst am Herzen
gewiegt, o wie sie rief: abtrünnig bin ich geworden von Mai und Sommer und
Herbst, und achte des Tages und der Nacht nicht, wie sonst, gehöre dem Himmel
und der Erde nicht mehr, gehöre nur Einem, Einem, aber die Blüte des Mais und
die Flamme des Sommers und die Reife des Herbsts, die Klarheit des Tags und der
Ernst der Nacht, und Erd und Himmel ist mir in diesem Einen vereint! so lieb
ich! - und wie sie nun in voller Herzenslust mich betrachtete, wie sie, in
kühner heiliger Freude, in ihre schönen Arme mich nahm und die Stirne mir küsste
und den Mund, ha! wie das göttliche Haupt, sterbend in Wonne, mir am offnen
Halse herabsank, und die süssen Lippen an der schlagenden Brust mir ruhten und
der liebliche Otem an die Seele mir ging - o Bellarmin! die Sinne vergehn mir
und der Geist entflieht.
    Ich seh, ich sehe, wie das enden muss. Das Steuer ist in die Woge gefallen
und das Schiff wird, wie an den Füssen ein Kind, ergriffen und an die Felsen
geschleudert.
                             Hyperion an Bellarmin
Es gibt grosse Stunden im Leben. Wir schauen an ihnen hinauf, wie an den
kolossalischen Gestalten der Zukunft und des Altertums, wir kämpfen einen
herrlichen Kampf mit ihnen, und bestehn wir vor ihnen, so werden sie, wie
Schwestern, und verlassen uns nicht.
    Wir sassen einst zusammen auf unsrem Berge, auf einem Steine der alten Stadt
dieser Insel und sprachen davon, wie hier der Löwe Demostenes sein Ende
gefunden, wie er hier mit heiligem selbsterwähltem Tode aus den macedonischen
Ketten und Dolchen sich zur Freiheit geholfen - Der herrliche Geist ging
scherzend aus der Welt, rief einer; warum nicht? sagt ich; er hatte nichts mehr
hier zu suchen; Aten war Alexanders Dirne geworden, und die Welt, wie ein
Hirsch, von dem grossen Jäger zu Tode gehetzt.
    O Aten! rief Diotima; ich habe manchmal getrauert, wenn ich dahinaussah,
und aus der blauen Dämmerung mir das Phantom des Olympion aufstieg!
    Wie weit ists hinüber? fragt ich.
    Eine Tagreise vielleicht, erwiderte Diotima.
    Eine Tagereise, rief ich, und ich war noch nicht drüben? Wir müssen gleich
hinüber zusammen.
    Recht so! rief Diotima; wir haben morgen heitere See, und alles steht jetzt
noch in seiner Grüne und Reife.
    Man braucht die ewige Sonne und das Leben der unsterblichen Erde zu solcher
Wallfahrt.
    Also morgen! sagt ich, und unsre Freunde stimmten mit ein.
    Wir fuhren früh, unter dem Gesange des Hahns, aus der Reede. In frischer
Klarheit glänzten wir und die Welt. Goldne stille Jugend war in unsern Herzen.
Das Leben in uns war, wie das Leben einer neugebornen Insel des Ozeans, worauf
der erste Frühling beginnt.
    Schon lange war unter Diotimas Einfluss mehr Gleichgewicht in meine Seele
gekommen; heute fühlt ich es dreifach rein, und die zerstreuten schwärmenden
Kräfte waren all in Eine goldne Mitte versammelt.
    Wir sprachen unter einander von der Trefflichkeit des alten Atenervolks,
woher sie komme, worin sie bestehe.
    Einer sagte, das Klima hat es gemacht; der andere: die Kunst und
Philosophie; der dritte: Religion und Staatsform.
    Atenische Kunst und Religion, und Philosophie und Staatsform, sagt ich,
sind Blüten und Früchte des Baums, nicht Boden und Wurzel. Ihr nehmt die
Wirkungen für die Ursache.
    Wer aber mir sagt, das Klima habe dies alles gebildet, der denke, dass auch
wir darin noch leben.
    Ungestörter in jedem Betracht, von gewaltsamem Einfluss freier, als irgend
ein Volk der Erde, erwuchs das Volk der Atener. Kein Eroberer schwächt sie,
kein Kriegsglück berauscht sie, kein fremder Götterdienst betäubt sie, keine
eilfertige Weisheit treibt sie zu unzeitiger Reife. Sich selber überlassen, wie
der werdende Diamant, ist ihre Kindheit. Man hört beinahe nichts von ihnen, bis
in die Zeiten des Pisistratus und Hipparch. Nur wenig Anteil nahmen sie am
trojanischen Kriege, der, wie im Treibhaus, die meisten griechischen Völker zu
früh erhitzt' und belebte. - Kein ausserordentlich Schicksal erzeugt den
Menschen. Gross und kolossalisch sind die Söhne einer solchen Mutter, aber schöne
Wesen, oder, was dasselbe ist, Menschen werden sie nie, oder spät erst, wenn die
Kontraste sich zu hart bekämpfen, um nicht endlich Frieden zu machen.
    In üppiger Kraft eilt Lacedämon den Ateniensern voraus, und hätte sich eben
deswegen auch früher zerstreut und aufgelöst, wäre Lycurg nicht gekommen, und
hätte mit seiner Zucht die übermütige Natur zusammengehalten. Von nun an war
denn auch an dem Spartaner alles erbildet, alle Vortrefflichkeit errungen und
erkauft durch Fleiss und selbstbewusstes Streben, und soviel man in gewissem Sinne
von der Einfalt der Spartaner sprechen kann, so war doch, wie natürlich,
eigentliche Kindereinfalt ganz nicht unter ihnen. Die Lacedämonier durchbrachen
zu frühe die Ordnung des Instinkts, sie schlugen zu früh aus der Art, und so
musste denn auch die Zucht zu früh mit ihnen beginnen; denn jede Zucht und Kunst
beginnt zu früh, wo die Natur des Menschen noch nicht reif geworden ist.
Vollendete Natur muss in dem Menschenkinde leben, eh es in die Schule geht, damit
das Bild der Kindheit ihm die Rückkehr zeige aus der Schule zu vollendeter
Natur.
    Die Spartaner blieben ewig ein Fragment; denn wer nicht einmal ein
vollkommenes Kind war, der wird schwerlich ein vollkommener Mann. -
    Freilich hat auch Himmel und Erde für die Atener, wie für alle Griechen,
das ihre getan, hat ihnen nicht Armut und nicht Überfluss gereicht. Die Strahlen
des Himmels sind nicht, wie ein Feuerregen, auf sie gefallen. Die Erde
verzärtelte, berauschte sie nicht mit Liebkosungen und übergütigen Gaben, wie
sonst wohl hie und da die törige Mutter tut.
    Hiezu kam die wundergrosse Tat des Teseus, die freiwillige Beschränkung
seiner eignen königlichen Gewalt.
    O! solch ein Samenkorn in die Herzen des Volks geworfen, muss einen Ozean von
goldnen Ähren erzeugen, und sichtbar wirkt und wuchert es spät noch unter den
Atenern.
    Also noch einmal! dass die Atener so frei von gewaltsamem Einfluss aller Art,
so recht bei mittelmässiger Kost aufwuchsen, das hat sie so vortrefflich gemacht,
und dies nur konnt es!
    Lasst von der Wiege an den Menschen ungestört! treibt aus der engvereinten
Knospe seines Wesens, treibt aus dem Hüttchen seiner Kindheit ihn nicht heraus!
tut nicht zu wenig, dass er euch nicht entbehre und so von ihm euch unterscheide,
tut nicht zu viel, dass er eure oder seine Gewalt nicht fühle, und so von ihm
euch unterscheide, kurz, lasst den Menschen spät erst wissen, dass es Menschen,
dass es irgend etwas ausser ihm gibt, denn so nur wird er Mensch. Der Mensch ist
aber ein Gott, so bald er Mensch ist. Und ist er ein Gott, so ist er schön.
    Sonderbar! rief einer von den Freunden.
    Du hast noch nie so tief aus meiner Seele gesprochen, rief Diotima.
    Ich hab es von dir, erwidert ich.
    So war der Atener ein Mensch, fuhr ich fort, so musst er es werden. Schön
kam er aus den Händen der Natur, schön, an Leib und Seele, wie man zu sagen
pflegt.
    Das erste Kind der menschlichen, der göttlichen Schönheit ist die Kunst. In
ihr verjüngt und wiederholt der göttliche Mensch sich selbst. Er will sich
selber fühlen, darum stellt er seine Schönheit gegenüber sich. So gab der Mensch
sich seine Götter. Denn im Anfang war der Mensch und seine Götter Eins, da, sich
selber unbekannt, die ewige Schönheit war. - Ich spreche Mysterien, aber sie
sind. -
    Das erste Kind der göttlichen Schönheit ist die Kunst. So war es bei den
Atenern.
    Der Schönheit zweite Tochter ist Religion. Religion ist Liebe der Schönheit.
Der Weise liebt sie selbst, die Unendliche, die Allumfassende; das Volk liebt
ihre Kinder, die Götter, die in mannigfaltigen Gestalten ihm erscheinen. Auch so
wars bei den Atenern. Und ohne solche Liebe der Schönheit, ohne solche Religion
ist jeder Staat ein dürr Gerippe ohne Leben und Geist, und alles Denken und Tun
ein Baum ohne Gipfel, eine Säule, wovon die Krone herabgeschlagen ist.
    Dass aber wirklich dies der Fall war bei den Griechen und besonders den
Atenern, dass ihre Kunst und ihre Religion die echten Kinder ewiger Schönheit -
vollendeter Menschennatur - sind, und nur hervorgehn konnten aus vollendeter
Menschennatur, das zeigt sich deutlich, wenn man nur die Gegenstände ihrer
heiligen Kunst, und die Religion mit unbefangenem Auge sehn will, womit sie jene
Gegenstände liebten und ehrten.
    Mängel und Misstritte gibt es überall und so auch hier. Aber das ist sicher,
dass man in den Gegenständen ihrer Kunst doch meist den reifen Menschen findet.
Da ist nicht das Kleinliche, nicht das Ungeheure der Aegyptier und Goten, da ist
Menschensinn und Menschengestalt. Sie schweifen weniger als andre, zu den
Extremen des Übersinnlichen und des Sinnlichen aus. In der schönen Mitte der
Menschheit bleiben ihre Götter mehr, denn andre.
    Und wie der Gegenstand, so auch die Liebe. Nicht zu knechtisch und nicht gar
zu sehr vertraulich! -
    Aus der Geistesschönheit der Atener folgte denn auch der nötige Sinn für
Freiheit.
    Der Aegyptier trägt ohne Schmerz die Despotie der Willkür, der Sohn des
Nordens ohne Widerwillen die Gesetzesdespotie, die Ungerechtigkeit in
Rechtsform; denn der Aegyptier hat von Mutterleib an einen Huldigungs- und
Vergötterungstrieb; im Norden glaubt man an das reine freie Leben der Natur zu
wenig, um nicht mit Aberglauben am Gesetzlichen zu hängen.
    Der Atener kann die Willkür nicht ertragen, weil seine göttliche Natur
nicht will gestört sein, er kann Gesetzlichkeit nicht überall ertragen, weil er
ihrer nicht überall bedarf. Drako taugt für ihn nicht. Er will zart behandelt
sein, und tut auch recht daran.
    Gut! unterbrach mich einer, das begreif ich, aber, wie dies dichterische
religiöse Volk nun auch ein philosophisch Volk sein soll, das seh ich nicht.
    Sie wären sogar, sagt ich, ohne Dichtung nie ein philosophisch Volk gewesen!
    Was hat die Philosophie, erwidert' er, was hat die kalte Erhabenheit dieser
Wissenschaft mit Dichtung zu tun?
    Die Dichtung, sagt ich, meiner Sache gewiss, ist der Anfang und das Ende
dieser Wissenschaft. Wie Minerva aus Jupiters Haupt, entspringt sie aus der
Dichtung eines unendlichen göttlichen Seins. Und so läuft am End auch wieder in
ihr das Unvereinbare in der geheimnisvollen Quelle der Dichtung zusammen.
    Das ist ein paradoxer Mensch, rief Diotima, jedoch ich ahn ihn. Aber ihr
schweift mir aus. Von Aten ist die Rede.
    Der Mensch, begann ich wieder, der nicht wenigstens im Leben Einmal volle
lautre Schönheit in sich fühlte, wenn in ihm die Kräfte seines Wesens, wie die
Farben am Irisbogen, in einander spielten, der nie erfuhr, wie nur in Stunden
der Begeisterung alles innigst übereinstimmt, der Mensch wird nicht einmal ein
philosophischer Zweifler werden, sein Geist ist nicht einmal zum Niederreissen
gemacht, geschweige zum Aufbaun. Denn glaubt es mir, der Zweifler findet darum
nur in allem, was gedacht wird, Widerspruch und Mangel, weil er die Harmonie der
mangellosen Schönheit kennt, die nie gedacht wird. Das trockne Brot, das
menschliche Vernunft wohlmeinend ihm reicht, verschmähet er nur darum, weil er
ingeheim am Göttertische schwelgt.
    Schwärmer! rief Diotima, darum warst auch du ein Zweifler. Aber die Atener!
    Ich bin ganz nah an ihnen, sagt ich. Das grosse Wort, das en diaperon eayto
(das Eine in sich selber unterschiedne) des Heraklit, das konnte nur ein Grieche
finden, denn es ist das Wesen der Schönheit, und ehe das gefunden war, gabs
keine Philosophie.
    Nun konnte man bestimmen, das Ganze war da. Die Blume war gereift; man
konnte nun zergliedern.
    Der Moment der Schönheit war nun kund geworden unter den Menschen, war da im
Leben und Geiste, das Unendlicheinige war.
    Man konnt es aus einander setzen, zerteilen im Geiste, konnte das Geteilte
neu zusammendenken, konnte so das Wesen des Höchsten und Besten mehr und mehr
erkennen und das Erkannte zum Gesetze geben in des Geistes mannigfaltigen
Gebieten.
    Seht ihr nun, warum besonders die Atener auch ein philosophisch Volk sein
mussten?
    Das konnte der Aegyptier nicht. Wer mit dem Himmel und der Erde nicht in
gleicher Lieb und Gegenliebe lebt, wer nicht in diesem Sinne einig lebt mit dem
Elemente, worin er sich regt, ist von Natur auch in sich selbst so einig nicht,
und erfährt die ewige Schönheit wenigstens so leicht nicht wie ein Grieche.
    Wie ein prächtiger Despot, wirft seine Bewohner der orientalische
Himmelsstrich mit seiner Macht und seinem Glanze zu Boden, und, ehe der Mensch
noch gehen gelernt hat, muss er knieen, eh er sprechen gelernt hat, muss er beten;
ehe sein Herz ein Gleichgewicht hat, muss es sich neigen, und ehe der Geist noch
stark genug ist, Blumen und Früchte zu tragen, ziehet Schicksal und Natur mit
brennender Hitze alle Kraft aus ihm. Der Aegyptier ist hingegeben, eh er ein
Ganzes ist, und darum weiss er nichts vom Ganzen, nichts von Schönheit, und das
Höchste, was er nennt, ist eine verschleierte Macht, ein schauerhaft Rätsel; die
stumme finstre Isis ist sein Erstes und Letztes, eine leere Unendlichkeit und da
heraus ist nie Vernünftiges gekommen. Auch aus dem erhabensten Nichts wird
Nichts geboren.
    Der Norden treibt hingegen seine Zöglinge zu früh in sich hinein, und wenn
der Geist des feurigen Aegyptiers zu reiselustig in die Welt hinaus eilt,
schickt im Norden sich der Geist zur Rückkehr in sich selbst an, ehe er nur
reisefertig ist.
    Man muss im Norden schon verständig sein, noch eh ein reif Gefühl in einem
ist, man misst sich Schuld von allem bei, noch ehe die Unbefangenheit ihr schönes
Ende erreicht hat; man muss vernünftig, muss zum selbstbewussten Geiste werden, ehe
man Mensch, zum klugen Manne, ehe man Kind ist; die Einigkeit des ganzen
Menschen, die Schönheit lässt man nicht in ihm gedeihn und reifen, eh er sich
bildet und entwickelt. Der blosse Verstand, die blosse Vernunft sind immer die
Könige des Nordens.
    Aber aus blossem Verstand ist nie Verständiges, aus blosser Vernunft ist nie
Vernünftiges gekommen.
    Verstand ist ohne Geistesschönheit, wie ein dienstbarer Geselle, der den
Zaun aus grobem Holze zimmert, wie ihm vorgezeichnet ist, und die gezimmerten
Pfähle an einander nagelt, für den Garten, den der Meister bauen will. Des
Verstandes ganzes Geschäft ist Notwerk. Vor dem Unsinn, vor dem Unrecht schützt
er uns, indem er ordnet; aber sicher zu sein vor Unsinn und vor Unrecht ist doch
nicht die höchste Stufe menschlicher Vortrefflichkeit.
    Vernunft ist ohne Geistes-, ohne Herzensschönheit, wie ein Treiber, den der
Herr des Hauses über die Knechte gesetzt hat; der weiss, so wenig, als die
Knechte, was aus all der unendlichen Arbeit werden soll, und ruft nur: tummelt
euch, und sieht es fast ungern, wenn es vor sich geht, denn am Ende hätt er ja
nichts mehr zu treiben, und seine Rolle wäre gespielt.
    Aus blossem Verstande kömmt keine Philosophie, denn Philosophie ist mehr,
denn nur die beschränkte Erkenntnis des Vorhandnen.
    Aus blosser Vernunft kömmt keine Philosophie, denn Philosophie ist mehr, denn
blinde Forderung eines nie zu endigenden Fortschritts in Vereinigung und
Unterscheidung eines möglichen Stoffs.
    Leuchtet aber das göttliche en diaperon eayto, das Ideal der Schönheit der
strebenden Vernunft, so fodert sie nicht blind, und weiss, warum, wozu sie
fodert.
    Scheint, wie der Maitag in des Künstlers Werkstatt, dem Verstande die Sonne
des Schönen zu seinem Geschäfte, so schwärmt er zwar nicht hinaus und lässt sein
Notwerk stehn, doch denkt er gerne des Festtags, wo er wandeln wird im
verjüngenden Frühlingslichte.
    So weit war ich, als wir landeten an der Küste von Attika.
    Das alte Aten lag jetzt zu sehr uns im Sinne, als dass wir hätten viel in
der Ordnung sprechen mögen, und ich wunderte mich jetzt selber über die Art
meiner Äusserungen. Wie bin ich doch, rief ich, auf die trocknen Berggipfel
geraten, worauf ihr mich saht?
    Es ist immer so, erwiderte Diotima, wenn uns recht wohl ist. Die üppige
Kraft sucht eine Arbeit. Die jungen Lämmer stossen sich die Stirnen an einander,
wenn sie von der Mutter Milch gesättiget sind.
    Wir gingen jetzt am Lykabettus hinauf, und blieben, trotz der Eile, zuweilen
stehen, in Gedanken und wunderbaren Erwartungen.
    Es ist schön, dass es dem Menschen so schwer wird, sich vom Tode dessen, was
er liebt, zu überzeugen, und es ist wohl keiner noch zu seines Freundes Grabe
gegangen, ohne die leise Hoffnung, da dem Freunde wirklich zu begegnen. Mich
ergriff das schöne Phantom des alten Atens, wie einer Mutter Gestalt, die aus
dem Totenreiche zurückkehrt.
    O Partenon! rief ich, Stolz der Welt! zu deinen Füssen liegt das Reich des
Neptun, wie ein bezwungener Löwe, und wie Kinder, sind die andern Tempel um dich
versammelt, und die beredte Agora und der Hain des Akademus -
    Kannst du so dich in die alte Zeit versetzen, sagte Diotima.
    Mahne mich nicht an die Zeit! erwidert ich; es war ein göttlich Leben und
der Mensch war da der Mittelpunkt der Natur. Der Frühling, als er um Aten her
blühte, war er, wie eine bescheidne Blume an der Jungfrau Busen; die Sonne ging
schamrot auf über den Herrlichkeiten der Erde.
    Die Marmorfelsen des Hymettus und Pentele sprangen hervor aus ihrer
schlummernden Wiege, wie Kinder aus der Mutter Schoss, und gewannen Form und
Leben unter den zärtlichen Atener-Händen.
    Honig reichte die Natur und die schönsten Veilchen und Myrten und Oliven.
    Die Natur war Priesterin und der Mensch ihr Gott, und alles Leben in ihr und
jede Gestalt und jeder Ton von ihr nur Ein begeistertes Echo des Herrlichen, dem
sie gehörte.
    Ihn feiert', ihm nur opferte sie.
    Er war es auch wert, er mochte liebend in der heiligen Werkstatt sitzen und
dem Götterbilde, das er gemacht, die Kniee umfassen, oder auf dem Vorgebirge,
auf Suniums grüner Spitze, unter den horchenden Schülern gelagert, sich die Zeit
verkürzen mit hohen Gedanken, oder er mocht im Stadium laufen, oder vom
Rednerstuhle, wie der Gewittergott, Regen und Sonnenschein und Blitze senden und
goldene Wolken -
    O siehe! rief jetzt Diotima mir plötzlich zu.
    Ich sah, und hätte vergehen mögen vor dem allmächtigen Anblick.
    Wie ein unermesslicher Schiffbruch, wenn die Orkane verstummt sind und die
Schiffer entflohn, und der Leichnam der zerschmetterten Flotte unkenntlich auf
der Sandbank liegt, so lag vor uns Aten, und die verwaisten Säulen standen vor
uns, wie die nackten Stämme eines Walds, der am Abend noch grünte, und des
Nachts darauf im Feuer aufging.
    Hier, sagte Diotima, lernt man stille sein über sein eigen Schicksal, es
sei gut oder böse.
    Hier lernt man stille sein über Alles, fuhr ich fort. Hätten die Schnitter,
die dies Kornfeld gemäht, ihre Scheunen mit seinen Halmen bereichert, so wäre
nichts verloren gegangen, und ich wollte mich begnügen, hier als Ährenleser zu
stehn; aber wer gewann denn?
    Ganz Europa, erwidert' einer von den Freunden.
    O, ja! rief ich, sie haben die Säulen und Statuen weggeschleift und an
einander verkauft, haben die edlen Gestalten nicht wenig geschätzt, der
Seltenheit wegen, wie man Papageien und Affen schätzt.
    Sage das nicht! erwiderte derselbe; und mangelt' auch wirklich ihnen der
Geist von all dem Schönen, so wär es, weil der nicht weggetragen werden konnte
und nicht gekauft.
    Ja wohl! rief ich. Dieser Geist war auch untergegangen noch ehe die
Zerstörer über Attika kamen. Erst, wenn die Häuser und Tempel ausgestorben,
wagen sich die wilden Tiere in die Tore und Gassen.
    Wer jenen Geist hat, sagte Diotima tröstend, dem stehet Aten noch, wie ein
blühender Fruchtbaum. Der Künstler ergänzt den Torso sich leicht.
    Wir gingen des andern Tages früh aus, sahen die Ruinen des Partenon, die
Stelle des alten Bacchusteaters, den Teseustempel, die sechszehn Säulen, die
noch übrig stehn vom göttlichen Olympion; am meisten aber ergriff mich das alte
Tor, wodurch man ehmals aus der alten Stadt zur neuen herauskam, wo gewiss einst
tausend schöne Menschen an Einem Tage sich grüssten. Jetzt kömmt man weder in die
alte noch in die neue Stadt durch dieses Tor, und stumm und öde stehet es da,
wie ein vertrockneter Brunnen, aus dessen Röhren einst mit freundlichem
Geplätscher das klare frische Wasser sprang.
    Ach! sagt ich, indes wir so herumgingen, es ist wohl ein prächtig Spiel des
Schicksals, dass es hier die Tempel niederstürzt und ihre zertrümmerten Steine
den Kindern herumzuwerfen gibt, dass es die zerstümmelten Götter zu Bänken vor
der Bauernhütte und die Grabmäler hier zur Ruhestätte des weidenden Stiers
macht, und eine solche Verschwendung ist königlicher, als der Mutwille der
Kleopatra, da sie die geschmolzenen Perlen trank; aber es ist doch schade um all
die Grösse und Schönheit!
    Guter Hyperion! rief Diotima, es ist Zeit, dass du weggehst; du bist blass und
dein Auge ist müde, und du suchst dir umsonst mit Einfällen zu helfen. Komm
hinaus! ins Grüne! unter die Farben des Lebens! das wird dir wohltun.
    Wir gingen hinaus in die nahegelegenen Gärten.
    Die andern waren auf dem Wege mit zwei britischen Gelehrten, die unter den
Altertümern in Aten ihre Ernte hielten, ins Gespräch geraten und nicht von der
Stelle zu bringen. Ich liess sie gerne.
    Mein ganzes Wesen richtete sich auf, da ich einmal wieder mit Diotima allein
mich sah; sie hatte einen herrlichen Kampf bestanden mit dem heiligen Chaos von
Aten. Wie das Saitenspiel der himmlischen Muse über den uneinigen Elementen,
herrschten Diotimas stille Gedanken über den Trümmern. Wie der Mond aus zartem
Gewölke, hob sich ihr Geist aus schönem Leiden empor; das himmlische Mädchen
stand in seiner Wehmut da, wie die Blume, die in der Nacht am lieblichsten
duftet.
    Wir gingen weiter und weiter, und waren am Ende nicht umsonst gegangen.
    O ihr Haine von Angele, wo der Ölbaum und die Zypresse, umeinander
flüsternd, mit freundlichen Schatten sich kühlen, wo die goldne Frucht des
Zitronenbaums aus dunklem Laube blinkt, wo die schwellende Traube mutwillig über
den Zaun wächst, und die reife Pomeranze, wie ein lächelnder Fündling, im Wege
liegt! ihr duftenden heimlichen Pfade! ihr friedlichen Sitze, wo das Bild des
Myrtenstrauchs aus der Quelle lächelt! euch werd ich nimmer vergessen.
    Diotima und ich gingen eine Weile unter den herrlichen Bäumen umher, bis
eine grosse heitere Stelle sich uns darbot.
    Hier setzten wir uns. Es war eine selige Stille unter uns. Mein Geist
umschwebte die göttliche Gestalt des Mädchens, wie eine Blume der Schmetterling,
und all mein Wesen erleichterte, vereinte sich in der Freude der begeisternden
Betrachtung.
    Bist du schon wieder getröstet, Leichtsinniger? sagte Diotima.
    Ja! ja! ich bins, erwidert ich. Was ich verloren wähnte, hab ich, wonach ich
schmachtete, als wär es aus der Welt verschwunden, das ist vor mir. Nein,
Diotima! noch ist die Quelle der ewigen Schönheit nicht versiegt.
    Ich habe dirs schon einmal gesagt, ich brauche die Götter und die Menschen
nicht mehr. Ich weiss, der Himmel ist ausgestorben, entvölkert, und die Erde, die
einst überfloss von schönem menschlichen Leben, ist fast, wie ein Ameisenhaufe,
geworden. Aber noch gibt es eine Stelle, wo der alte Himmel und die alte Erde
mir lacht. Denn alle Götter des Himmels und alle göttlichen Menschen der Erde
vergess ich in dir.
    Was kümmert mich der Schiffbruch der Welt, ich weiss von nichts, als meiner
seligen Insel.
    Es gibt eine Zeit der Liebe, sagte Diotima mit freundlichem Ernste, wie es
eine Zeit gibt, in der glücklichen Wiege zu leben. Aber das Leben selber treibt
uns heraus.
    Hyperion! - hier ergriff sie meine Hand mit Feuer, und ihre Stimme erhub mit
Grösse sich - Hyperion! mich deucht, du bist zu höhern Dingen geboren. Verkenne
dich nicht! der Mangel am Stoffe hielt dich zurück. Es ging nicht schnell genug.
Das schlug dich nieder. Wie die jungen Fechter, fielst du zu rasch aus, ehe noch
dein Ziel gewiss und deine Faust gewandt war, und weil du, wie natürlich, mehr
getroffen wurdest, als du trafst, so wurdest du scheu und zweifeltest an dir und
allem; denn du bist so empfindlich, als du heftig bist. Aber dadurch ist nichts
verloren. Wäre dein Gemüt und deine Tätigkeit so frühe reif geworden, so wäre
dein Geist nicht, was er ist; du wärst der denkende Mensch nicht, wärst du nicht
der leidende, der gärende Mensch gewesen. Glaube mir, du hättest nie das
Gleichgewicht der schönen Menschheit so rein erkannt, hättest du es nicht so
sehr verloren gehabt. Dein Herz hat endlich Frieden gefunden. Ich will es
glauben. Ich versteh es. Aber denkst du wirklich, dass du nun am Ende seist?
Willst du dich verschliessen in den Himmel deiner Liebe, und die Welt, die deiner
bedürfte, verdorren und erkalten lassen unter dir? Du musst, wie der Lichtstrahl,
herab, wie der allerfrischende Regen, musst du nieder ins Land der Sterblichkeit,
du musst erleuchten, wie Apoll, erschüttern, beleben, wie Jupiter, sonst bist du
deines Himmels nicht wert. Ich bitte dich, geh nach Aten hinein, noch Einmal,
und siehe die Menschen auch an, die dort herumgehn unter den Trümmern, die rohen
Albaner und die andern guten kindischen Griechen, die mit einem lustigen Tanze
und einem heiligen Märchen sich trösten über die schmähliche Gewalt, die über
ihnen lastet - kannst du sagen, ich schäme mich dieses Stoffs? Ich meine, er
wäre doch noch bildsam. Kannst du dein Herz abwenden von den Bedürftigen? Sie
sind nicht schlimm, sie haben dir nichts zuleide getan!
    Was kann ich für sie tun, rief ich.
    Gib ihnen, was du in dir hast, erwiderte Diotima, gib -
    Kein Wort, kein Wort mehr, grosse Seele! rief ich, du beugst mich sonst, es
ist ja sonst, als hättest du mit Gewalt mich dazu gebracht -
    Sie werden nicht glücklicher sein, aber edler, nein! sie werden auch
glücklicher sein. Sie müssen heraus, sie müssen hervorgehn, wie die jungen Berge
aus der Meersflut, wenn ihr unterirdisches Feuer sie treibt.
    Zwar steh ich allein und trete ruhmlos unter sie. Doch Einer, der ein Mensch
ist, kann er nicht mehr, denn Hunderte, die nur Teile sind des Menschen?
    Heilige Natur! du bist dieselbe in und ausser mir. Es muss so schwer nicht
sein, was ausser mir ist, zu vereinen mit dem Göttlichen in mir. Gelingt der
Biene doch ihr kleines Reich, warum sollte denn ich nicht pflanzen können und
baun, was not ist?
    Was? der arabische Kaufmann säete seinen Koran aus, und es wuchs ein Volk
von Schülern, wie ein unendlicher Wald, ihm auf, und der Acker sollte nicht auch
gedeihn, wo die alte Wahrheit wiederkehrt in neu lebendiger Jugend?
    Es werde von Grund aus anders! Aus der Wurzel der Menschheit sprosse die
neue Welt! Eine neue Gotteit walte über ihnen, eine neue Zukunft kläre vor
ihnen sich auf.
    In der Werkstatt, in den Häusern, in den Versammlungen, in den Tempeln,
überall werd es anders!
    Aber ich muss noch ausgehn, zu lernen. Ich bin ein Künstler, aber ich bin
nicht geschickt. Ich bilde im Geiste, aber ich weiss noch die Hand nicht zu
führen -
    Du gehest nach Italien, sagte Diotima, nach Deutschland, Frankreich -
wieviel Jahre brauchst du? drei - vier - ich denke drei sind genug; du bist ja
keiner von den Langsamen, und suchst das Grösste und das Schönste nur -
    »Und dann?«
    Du wirst Erzieher unsers Volks, du wirst ein grosser Mensch sein, hoff ich.
Und wenn ich dann dich so umfasse, da werd ich träumen, als wär ich ein Teil des
herrlichen Manns, da werd ich frohlocken, als hättst du mir die Hälfte deiner
Unsterblichkeit, wie Pollux dem Kastor, geschenkt, o! ich werd ein stolzes
Mädchen werden, Hyperion!
    Ich schwieg eine Weile. Ich war voll unaussprechlicher Freude.
    Gibts denn Zufriedenheit zwischen dem Entschluss und der Tat, begann ich
endlich wieder, gibts eine Ruhe vor dem Siege?
    Es ist die Ruhe des Helden, sagte Diotima, es gibt Entschlüsse, die, wie
Götterworte, Gebot und Erfüllung zugleich sind, und so ist der deine. -
    Wir gingen zurück, wie nach der ersten Umarmung. Es war uns alles fremd und
neu geworden.
    Ich stand nun über den Trümmern von Aten, wie der Ackersmann auf dem
Brachfeld. Liege nur ruhig, dacht ich, da wir wieder zu Schiffe gingen, liege
nur ruhig, schlummerndes Land! Bald grünt das junge Leben aus dir, und wächst
den Segnungen des Himmels entgegen. Bald regnen die Wolken nimmer umsonst, bald
findet die Sonne die alten Zöglinge wieder.
    Du frägst nach Menschen, Natur? Du klagst, wie ein Saitenspiel, worauf des
Zufalls Bruder, der Wind, nur spielt, weil der Künstler, der es ordnete,
gestorben ist? Sie werden kommen, deine Menschen, Natur! Ein verjüngtes Volk
wird dich auch wieder verjüngen, und du wirst werden, wie seine Braut und der
alte Bund der Geister wird sich erneuen mit dir.
    Es wird nur Eine Schönheit sein; und Menschheit und Natur wird sich vereinen
in Eine allumfassende Gotteit.
 
                                  Zweiter Band
                 mh pynai, ton apanta nika logon. to d'epei panh bhnai keiten,
                oten per hkei, poly deiteron os taxisa.
                                                                      SOPHOKLES.
 
                                  Erstes Buch
                             Hyperion an Bellarmin
Wir lebten in den letzten schönen Momenten des Jahrs, nach unserer Rückkunft aus
dem Attischen Lande.
    Ein Bruder des Frühlings war uns der Herbst, voll milden Feuers, eine
Festzeit für die Erinnerung an Leiden und vergangne Freuden der Liebe. Die
welkenden Blätter trugen die Farbe des Abendrots, nur die Fichte und der Lorbeer
stand in ewigem Grün. In den heitern Lüften zögerten wandernde Vögel, andere
schwärmten im Weinberg, und im Garten und ernteten fröhlich, was die Menschen
übrig gelassen. Und das himmlische Licht rann lauter vom offenen Himmel, durch
alle Zweige lächelte die heilige Sonne, die gütige, die ich niemals nenne ohne
Freude und Dank, die oft in tiefem Leide mit einem Blicke mich geheilt, und von
dem Unmut und den Sorgen meine Seele gereinigt.
    Wir besuchten noch all unsere liebsten Pfade, Diotima und ich, entschwundne
selige Stunden begegneten uns überall.
    Wir erinnerten uns des vergangenen Mais, wir hätten die Erde noch nie so
gesehen, wie damals, meinten wir, sie wäre verwandelt gewesen, eine silberne
Wolke von Blüten, eine freudige Lebensflamme, entledigt alles gröberen Stoffs.
    Ach! es war alles so voll Lust und Hoffnung, rief Diotima, so voll
unaufhörlichen Wachstums und doch auch so mühelos, so seligruhig, wie ein Kind,
das vor sich hin spielt, und nicht weiter denkt.
    Daran, rief ich, erkenn ich sie, die Seele der Natur, an diesem stillen
Feuer, an diesem Zögern in ihrer mächtigen Eile.
    Und es ist den Glücklichen so lieb, dies Zögern, rief Diotima; weisst du? wir
standen einmal des Abends zusammen auf der Brücke, nach starkem Gewitter, und
das rote Berggewässer schoss, wie ein Pfeil, unter uns weg, aber daneben grünt'
in Ruhe der Wald, und die hellen Buchenblätter regten sich kaum. Da tat es uns
so wohl, dass uns das seelenvolle Grün nicht auch so wegflog, wie der Bach, und
der schöne Frühling uns so still hielt, wie ein zahmer Vogel, aber nun ist er
dennoch über die Berge.
    Wir lächelten über dem Worte, wiewohl das Trauern uns näher war.
    So sollt auch unsre eigne Seligkeit dahin gehn, und wir sahns voraus.
    O Bellarmin! wer darf denn sagen, er stehe fest, wenn auch das Schöne seinem
Schicksal so entgegenreift, wenn auch das Göttliche sich demütigen muss, und die
Sterblichkeit mit allem Sterblichen teilen!
                             Hyperion an Bellarmin
Ich hatte mit dem holden Mädchen noch vor ihrem Hause gezögert, bis das Licht
der Nacht in die ruhige Dämmerung schien, nun kam ich in Notaras Wohnung zurück,
gedankenvoll, voll überwallenden heroischen Lebens, wie immer, wenn ich aus
ihren Umarmungen ging. Es war ein Brief von Alabanda gekommen.
    Es regt sich, Hyperion, schrieb er mir, Russland hat der Pforte den Krieg
erklärt; man kommt mit einer Flotte in den Archipelagus2; die Griechen sollen
frei sein, wenn sie mit aufstehn, den Sultan an den Euphrat zu treiben. Die
Griechen werden das Ihre tun, die Griechen werden frei sein und mir ist herzlich
wohl, dass es einmal wieder etwas zu tun gibt. Ich mochte den Tag nicht sehn, so
lang es noch so weit nicht war.
    Bist du noch der Alte, so komm! Du findst mich in dem Dorfe vor Koron, wenn
du den Weg von Misistra kömmst. Ich wohne am Hügel, in dem weissen Landhause am
Walde.
    Die Menschen, die du in Smyrna bei mir kennen lerntest, hab ich verlassen.
Du hattest recht mit deinem feinern Sinne, dass du in ihre Sphäre nicht tratest.
    Mich verlangt, uns Beede in dem neuen Leben wiederzusehn. Dir war bis jetzt
die Welt zu schlecht, um ihr dich zu erkennen zu geben. Weil du nicht
Knechtsdienste tun mochtest, tatest du nichts, und das Nichtstun machte dich
grämlich und träumerisch.
    Du mochtest im Sumpfe nicht schwimmen. Komm nun, komm, und lass uns baden in
offener See!
    Das soll uns wohl tun, einzig Geliebter!
    So schrieb er. Ich war betroffen im ersten Moment. Mir brannte das Gesicht
vor Scham, mir kochte das Herz, wie heisse Quellen, und ich konnt auf keiner
Stelle bleiben, so schmerzt' es mich, überflogen zu sein von Alabanda,
überwunden auf immer. Doch nahm ich nun auch um so begieriger die künftige
Arbeit ans Herz. -
    Ich bin zu müssig geworden, rief ich, zu friedenslustig, zu himmlisch, zu
träg! - Alabanda sieht in die Welt, wie ein edler Pilot, Alabanda ist fleissig
und sucht in der Woge nach Beute; und dir schlafen die Hände im Schoss? und mit
Worten möchtest du ausreichen, und mit Zauberformeln beschwörst du die Welt?
Aber deine Worte sind, wie Schneeflocken, unnütz, und machen die Luft nur trüber
und deine Zaubersprüche sind für die Frommen, aber die Unglaubigen hören dich
nicht. - Ja! sanft zu sein, zu rechter Zeit, das ist wohl schön, doch sanft zu
sein, zur Unzeit, das ist hässlich, denn es ist feig! - Aber Harmodius! deiner
Myrte will ich gleichen, deiner Myrte, worin das Schwert sich verbarg. Ich will
umsonst nicht müssig gegangen sein, und mein Schlaf soll werden, wie Öl, wenn die
Flamme darein kömmt. Ich will nicht zusehn, wo es gilt, will nicht umhergehn und
die Neuigkeit erfragen, wann Alabanda den Lorbeer nimmt.
                             Hyperion an Bellarmin
Diotimas Erblassen, da sie Alabandas Brief las, ging mir durch die Seele. Drauf
fing sie an, gelassen und ernst, den Schritt mir abzuraten und wir sprachen
manches hin und wider. O ihr Gewaltsamen! rief sie endlich, die ihr so schnell
zum Äussersten seid, denkt an die Nemesis!
    Wer Äusserstes leidet, sagt ich, dem ist das Äusserste recht.
    Wenns auch recht ist, sagte sie, du bist dazu nicht geboren.
    So scheint es, sagt ich; ich hab auch lange genug gesäumt. O ich möchte
einen Atlas auf mich laden, um die Schulden meiner Jugend abzutragen. Hab ich
ein Bewusstsein? hab ich ein Bleiben in mir? O lass mich, Diotima! Hier, gerad in
solcher Arbeit muss ich es erbeuten.
    Das ist eitel Übermut! rief Diotima; neulich warst du bescheidner, neulich,
da du sagtest, ich muss noch ausgehn, zu lernen.
    Liebe Sophistin! rief ich, damals war ja auch von ganz was anderem die Rede.
In den Olymp des Göttlichschönen, wo aus ewigjungen Quellen das Wahre mit allem
Guten entspringt, dahin mein Volk zu führen, bin ich noch jetzt nicht geschickt.
Aber ein Schwert zu brauchen, hab ich gelernt und mehr bedarf es für jetzt
nicht. Der neue Geisterbund kann in der Luft nicht leben, die heilige Teokratie
des Schönen muss in einem Freistaat wohnen, und der will Platz auf Erden haben
und diesen Platz erobern wir gewiss.
    Du wirst erobern, rief Diotima, und vergessen, wofür? wirst, wenn es hoch
kommt, einen Freistaat dir erzwingen und dann sagen, wofür hab ich gebaut? ach!
es wird verzehrt sein, all das schöne Leben, das daselbst sich regen sollte,
wird verbraucht sein selbst in dir! Der wilde Kampf wird dich zerreissen, schöne
Seele, du wirst altern, seliger Geist! und lebensmüd am Ende fragen, wo seid ihr
nun, ihr Ideale der Jugend?
    Das ist grausam, Diotima, rief ich, so ins Herz zu greifen, so an meiner
eignen Todesfurcht, an meiner höchsten Lebenslust mich festzuhalten, aber nein!
nein! nein! der Knechtsdienst tötet, aber gerechter Krieg macht jede Seele
lebendig. Das gibt dem Golde die Farbe der Sonne, dass man ins Feuer es wirft!
Das, das gibt erst dem Menschen seine ganze Jugend, dass er Fesseln zerreisst! Das
rettet ihn allein, dass er sich aufmacht und die Natter zertritt, das kriechende
Jahrhundert, das alle schöne Natur im Keime vergiftet! - Altern sollt ich,
Diotima! wenn ich Griechenland befreie? altern, ärmlich werden, ein gemeiner
Mensch? O so war er wohl recht schal und leer und gottverlassen, der
Atenerjüngling, da er als Siegesbote von Maraton über den Gipfel des Pentele
kam und hinabsah in die Täler von Attika!
    Lieber! Lieber! rief Diotima, sei doch still! ich sage dir kein Wort mehr.
Du sollst gehn, sollst gehen, stolzer Mensch! Ach! wenn du so bist, hab ich
keine Macht, kein Recht auf dich.
    Sie weinte bitter und ich stand, wie ein Verbrecher, vor ihr. Vergib mir,
göttliches Mädchen! rief ich, vor ihr niedergesunken, o vergib mir, wo ich muss!
Ich wähle nicht, ich sinne nicht. Eine Macht ist in mir und ich weiss nicht, ob
ich es selbst bin, was zu dem Schritte mich treibt. Deine volle Seele gebietet
dirs, antwortete sie. Ihr nicht zu folgen, führt oft zum Untergange, doch, ihr
zu folgen, wohl auch. Das beste ist, du gehst, denn es ist grösser. Handle du;
ich will es tragen.
                             Hyperion an Bellarmin
Diotima war von nun an wunderbar verändert.
    Mit Freude hatt ich gesehn, wie seit unserer Liebe das verschwiegne Leben
aufgegangen war in Blicken und lieblichen Worten und ihre genialische Ruhe war
mir oft in glänzender Begeisterung entgegengekommen.
    Aber wie so fremd wird uns die schöne Seele, wenn sie nach dem ersten
Aufblühn, nach dem Morgen ihres Laufs hinauf zur Mittagshöhe muss! Man kannte
fast das selige Kind nicht mehr, so erhaben und so leidend war sie geworden.
    O wie manchmal lag ich vor dem traurenden Götterbilde, und wähnte die Seele
hinwegzuweinen im Schmerz um sie, und stand bewundernd auf und selber voll von
allmächtigen Kräften! Eine Flamme war ihr ins Auge gestiegen aus der gepressten
Brust. Es war ihr zu enge geworden im Busen voll Wünschen und Leiden; darum
waren die Gedanken des Mädchens so herrlich und kühn. Eine neue Grösse, eine
sichtbare Gewalt über alles, was fühlen konnte, herrscht' in ihr. Sie war ein
höheres Wesen. Sie gehörte zu den sterblichen Menschen nicht mehr.
    O meine Diotima, hätte ich damals gedacht, wohin das kommen sollte?
                             Hyperion an Bellarmin
Auch der kluge Notara wurde bezaubert von den neuen Entwürfen, versprach mir
eine starke Partei, hoffte bald den Korintischen Istmus zu besetzen und
Griechenland hier, wie an der Handhabe, zu fassen. Aber das Schicksal wollt es
anders und machte seine Arbeit unnütz, ehe sie ans Ziel kam.
    Er riet mir, nicht nach Tina zu gehn, gerade den Peloponnes hinab zu reisen,
und durchaus so unbemerkt, als möglich. Meinem Vater sollt ich unterweges
schreiben, meint' er, der bedächtige Alte würde leichter einen geschehenen
Schritt verzeihn, als einen ungeschehenen erlauben. Das war mir nicht recht nach
meinem Sinne, aber wir opfern die eignen Gefühle so gern, wenn uns ein grosses
Ziel vor Augen steht.
    Ich zweifle, fuhr Notara fort, ob du wirst auf deines Vaters Hülfe in
solchem Falle rechnen können. Darum geb ich dir, was nebenbei doch nötig ist für
dich, um einige Zeit in allen Fällen zu leben und zu wirken. Kannst du einst, so
zahlst du mir es zurück, wo nicht, so war das meine auch dein. Schäme des Gelds
dich nicht, setzt' er lächelnd hinzu; auch die Rosse des Phöbus leben von der
Luft nicht allein, wie uns die Dichter erzählen.
                             Hyperion an Bellarmin
Nun kam der Tag des Abschieds.
    Den Morgen über war ich oben in Notaras Garten geblieben, in der frischen
Winterluft, unter den immergrünen Zypressen und Zedern. Ich war gefasst. Die
grossen Kräfte der Jugend hielten mich aufrecht und das Leiden, das ich ahnete,
trug, wie eine Wolke, mich höher.
    Diotimas Mutter hatte Notara und die andern Freunde und mich gebeten, dass
wir noch den letzten Tag bei ihr zusammen leben möchten. Die Guten hatten sich
alle meiner und Diotimas gefreut und das Göttliche in unserer Liebe war an ihnen
nicht verloren geblieben. Sie sollten nun mein Scheiden auch mir segnen.
    Ich ging hinab. Ich fand das teure Mädchen am Herde. Es schien ihr ein
heilig priesterlich Geschäft, an diesem Tage das Haus zu besorgen. Sie hatte
alles zurechtgemacht, alles im Hause verschönert und es durft ihr niemand dabei
helfen. Alle Blumen, die noch übrig waren im Garten, hatte sie eingesammelt,
Rosen und frische Trauben hatte sie in der späten Jahrszeit noch
zusammengebracht.
    Sie kannte meinen Fusstritt, da ich heraufkam, trat mir leis entgegen; die
bleichen Wangen glühten von der Flamme des Herds und die ernsten grossgewordnen
Augen glänzten von Tränen. Sie sah, wie michs überfiel. Gehe hinein, mein
Lieber, sagte sie; die Mutter ist drinnen und ich folge gleich.
    Ich ging hinein. Da sass die edle Frau und streckte mir die schöne Hand
entgegen - kommst du, rief sie, kommst du, mein Sohn! Ich sollte dir zürnen, du
hast mein Kind mir genommen, hast alle Vernunft mir ausgeredet, und tust, was
dich gelüstet, und gehest davon; aber vergebt es ihm, ihr himmlischen Mächte!
wenn er Unrecht vorhat, und hat er Recht, o so zögert nicht mit eurer Hülfe dem
Lieben! Ich wollte reden, aber eben kam Notara mit den übrigen Freunden herein
und hinter ihnen Diotima.
    Wir schwiegen eine Weile. Wir ehrten die traurende Liebe, die in uns allen
war, wir fürchteten uns, sich ihrer zu überheben in Reden und stolzen Gedanken.
Endlich nach wenigen flüchtigen Worten bat mich Diotima, einiges von Agis und
Kleomenes zu erzählen; ich hätte die grossen Seelen oft mit feuriger Achtung
genannt und gesagt, sie wären Halbgötter, so gewiss, wie Prometeus, und ihr
Kampf mit dem Schicksal von Sparta sei heroischer, als irgend einer in den
glänzenden Myten. Der Genius dieser Menschen sei das Abendrot des griechischen
Tages, wie Teseus und Homer die Aurore desselben.
    Ich erzählte und am Ende fühlten wir uns alle stärker und höher.
    Glücklich, rief einer von den Freunden, wem sein Leben wechselt zwischen
Herzensfreude und frischem Kampf.
    Ja! rief ein anderer, das ist ewige Jugend, dass immer Kräfte genug im Spiele
sind und wir uns ganz erhalten in Lust und Arbeit.
    O ich möchte mit dir, rief Diotima mir zu.
    Es ist auch gut, dass du bleibst, Diotima! sagt ich. Die Priesterin darf aus
dem Tempel nicht gehen. Du bewahrst die heilige Flamme, du bewahrst im Stillen
das Schöne, dass ich es wiederfinde bei dir.
    Du hast auch recht, mein Lieber, das ist besser, sagte sie, und ihre Stimme
zitterte und das Aeterauge verbarg sich ins Tuch, um seine Tränen, seine
Verwirrung nicht sehen zu lassen.
    O Bellarmin! es wollte mir die Brust zerreissen, dass ich sie so schamrot
gemacht. Freunde! rief ich, erhaltet diesen Engel mir. Ich weiss von nichts mehr,
wenn ich sie nicht weiss. O Himmel! ich darf nicht denken, wozu ich fähig wäre,
wenn ich sie vermisste.
    Sei ruhig, Hyperion! fiel Notara mir ein.
    Ruhig? rief ich; o ihr guten Leute! ihr könnt oft sorgen, wie der Garten
blühn und wie die Ernte werden wird, ihr könnt für euren Weinstock beten und ich
soll ohne Wünsche scheiden von dem Einzigen, dem meine Seele dient?
    Nein, o du Guter! rief Notara bewegt, nein! ohne Wünsche sollst du mir von
ihr nicht scheiden! nein, bei der Götterunschuld eurer Liebe! meinen Segen habt
ihr gewiss.
    Du mahnst mich, rief ich schnell. Sie soll uns segnen, diese teure Mutter,
soll mit euch uns zeugen - komm Diotima! unsern Bund soll deine Mutter heiligen,
bis die schöne Gemeinde, die wir hoffen, uns vermählt.
    So fiel ich auf ein Knie; mit grossem Blick, errötend, festlichlächelnd sank
auch sie an meiner Seite nieder.
    Längst, rief ich, o Natur! ist unser Leben Eines mit dir und
himmlischjugendlich, wie du und deine Götter all, ist unsre eigne Welt durch
Liebe.
    In deinen Hainen wandelten wir, fuhr Diotima fort, und waren, wie du, an
deinen Quellen sassen wir und waren, wie du, dort über die Berge gingen wir, mit
deinen Kindern, den Sternen, wie du.
    Da wir uns ferne waren, rief ich, da, wie Harfengelispel, unser kommend
Entzücken uns erst tönte, da wir uns fanden, da kein Schlaf mehr war und alle
Töne in uns erwachten zu des Lebens vollen Akkorden, göttliche Natur! da waren
wir immer, wie du, und nun auch da wir scheiden und die Freude stirbt, sind wir,
wie du, voll Leidens und doch gut, drum soll ein reiner Mund uns zeugen, dass
unsre Liebe heilig ist und ewig, so wie du.
    Ich zeug es, sprach die Mutter.
    Wir zeugen es, riefen die andern.
    Nun war kein Wort mehr für uns übrig. Ich fühlte mein höchstes Herz; ich
fühlte mich reif zum Abschied. Jetzt will ich fort, ihr Lieben! sagt ich, und
das Leben schwand von allen Gesichtern. Diotima stand, wie ein Marmorbild und
ihre Hand starb fühlbar in meiner. Alles hatt ich um mich her getötet, ich war
einsam und mir schwindelte vor der grenzenlosen Stille, wo mein überwallend
Leben keinen Halt mehr fand.
    Ach! rief ich, mir ists brennendheiss im Herzen, und ihr steht alle so kalt,
ihr Lieben! und nur die Götter des Hauses neigen ihr Ohr? - Diotima! - du bist
stille, du siehst nicht! - o wohl dir, dass du nicht siehst!
    So geh nur, seufzte sie, es muss ja sein; geh nur, du teures Herz!
    O süsser Ton aus diesen Wonnelippen! rief ich, und stand wie ein Betender,
vor der holden Statue - süsser Ton! noch Einmal wehe mich an, noch Einmal tage,
liebes Augenlicht!
    Rede so nicht, Lieber! rief sie, rede mir ernster, rede mit grösserem Herzen
mir zu!
    Ich wollte mich halten, aber ich war wie im Traume.
    Wehe! rief ich, das ist kein Abschied, wo man wiederkehrt.
    
    Du wirst sie töten, rief Notara. Siehe, wie sanft sie ist, und du bist so
ausser dir.
    Ich sah sie an und Tränen stürzten mir aus brennendem Auge.
    So lebe denn wohl, Diotima! rief ich, Himmel meiner Liebe, lebe wohl! -
Lasset uns stark sein, teure Freunde! teure Mutter! ich gab dir Freude und Leid.
Lebt wohl! lebt wohl!
    Ich wankte fort. Diotima folgte mir allein.
    Es war Abend geworden und die Sterne gingen herauf am Himmel. Wir standen
still unter dem Hause. Ewiges war in uns, über uns. Zart, wie der Aeter, umwand
mich Diotima. Törichter, was ist denn Trennung? flüsterte sie geheimnisvoll mir
zu, mit dem Lächeln einer Unsterblichen.
    Es ist mir auch jetzt anders, sagt ich, und ich weiss nicht, was von beiden
ein Traum ist, mein Leiden oder meine Freudigkeit.
    Beides ist, erwiderte sie, und beides ist gut.
    Vollendete! rief ich, ich spreche wie du. Am Sternenhimmel wollen wir uns
erkennen. Er sei das Zeichen zwischen mir und dir, solange die Lippen
verstummen.
    Das sei er! sprach sie mit einem langsamen niegehörten Tone - es war ihr
letzter. Im Dämmerlichte entschwand mir ihr Bild und ich weiss nicht, ob sie es
wirklich war, da ich zum letzten Male mich umwandt' und die erlöschende Gestalt
noch einen Augenblick vor meinem Auge zückte und dann in die Nacht verschied.
                             Hyperion an Bellarmin
Warum erzähl ich dir und wiederhole mein Leiden und rege die ruhelose Jugend
wieder auf in mir? Ists nicht genug, Einmal das Sterbliche durchwandert zu
haben? warum bleib ich im Frieden meines Geistes nicht stille?
    Darum, mein Bellarmin! weil jeder Atemzug des Lebens unserm Herzen wert
bleibt, weil alle Verwandlungen der reinen Natur auch mit zu ihrer Schöne
gehören. Unsre Seele, wenn sie die sterblichen Erfahrungen ablegt und allein nur
lebt in heiliger Ruhe, ist sie nicht, wie ein unbelaubter Baum? wie ein Haupt
ohne Locken? Lieber Bellarmin! ich habe eine Weile geruht; wie ein Kind, hab ich
unter den stillen Hügeln von Salamis gelebt, vergessen des Schicksals und des
Strebens der Menschen. Seitdem ist manches anders in meinem Auge geworden, und
ich habe nun so viel Frieden in mir, um ruhig zu bleiben, bei jedem Blick ins
menschliche Leben. O Freund! am Ende söhnet der Geist mit allem uns aus. Du
wirsts nicht glauben, wenigstens von mir nicht. Aber ich meine, du solltest
sogar meinen Briefen es ansehn, wie meine Seele täglich stiller wird und
stiller. Und ich will künftig noch so viel davon sagen, bis du es glaubst.
    Hier sind Briefe von Diotima und mir, die wir uns nach meinem Abschied von
Kalaurea geschrieben. Sie sind das liebste, was ich dir vertraue. Sie sind das
wärmste Bild aus jenen Tagen meines Lebens. Vom Kriegslärm sagen sie dir wenig.
Desto mehr von meinem eigneren Leben und das ists ja, was du willst. Ach und du
musst auch sehen, wie geliebt ich war. Das konnt ich nie dir sagen, das sagt
Diotima nur.
                              Hyperion an Diotima
Ich bin erwacht aus dem Tode des Abschieds, meine Diotima! gestärkt, wie aus dem
Schlafe, richtet mein Geist sich auf.
    Ich schreibe dir von einer Spitze der Epidaurischen Berge. Da dämmert fern
in der Tiefe deine Insel, Diotima! und dortinaus mein Stadium, wo ich siegen
oder fallen muss. O Peloponnes! o ihr Quellen des Eurotas und Alpheus! Da wird es
gelten! Aus den spartanischen Wäldern, da wird, wie ein Adler, der alte
Landesgenius stürzen mit unsrem Heere, wie mit rauschenden Fittigen.
    Meine Seele ist voll von Tatenlust und voll von Liebe, Diotima, und in die
griechischen Täler blickt mein Auge hinaus, als sollt es magisch gebieten:
steigt wieder empor, ihr Städte der Götter!
    Ein Gott muss in mir sein, denn ich fühl auch unsere Trennung kaum. Wie die
seligen Schatten am Lete, lebt jetzt meine Seele mit deiner in himmlischer
Freiheit und das Schicksal waltet über unsre Liebe nicht mehr.
                              Hyperion an Diotima
Ich bin jetzt mitten im Peloponnes. In derselben Hütte, worin ich heute
übernachte, übernachtete ich einst, da ich, beinahe noch Knabe, mit Adamas diese
Gegenden durchzog. Wie sass ich da so glücklich auf der Bank vor dem Hause und
lauschte dem Geläute der fernher kommenden Karawane und dem Geplätscher des
nahen Brunnens, der unter blühenden Akazien sein silbern Gewässer ins Becken
goss.
    Jetzt bin ich wieder glücklich. Ich wandere durch dies Land, wie durch
Dodonas Hain, wo die Eichen tönten von ruhmweissagenden Sprüchen. Ich sehe nur
Taten, vergangene, künftige, wenn ich auch vom Morgen bis zum Abend unter freiem
Himmel wandre. Glaube mir, wer dieses Land durchreist, und noch ein Joch auf
seinem Halse duldet, kein Pelopidas wird, der ist herzleer, oder ihm fehlt es am
Verstande.
    So lange schliefs - so lange schlich die Zeit, wie der Höllenfluss, trüb und
stumm, in ödem Müssiggange vorüber?
    Und doch liegt alles bereit. Voll rächerischer Kräfte ist das Bergvolk
hieherum, liegt da, wie eine schweigende Wetterwolke, die nur des Sturmwinds
wartet, der sie treibt. Diotima! lass mich den Otem Gottes unter sie hauchen,
lass mich ein Wort von Herzen an sie reden, Diotima. Fürchte nichts! Sie werden
so wild nicht sein. Ich kenne die rohe Natur. Sie höhnt der Vernunft, sie stehet
aber im Bunde mit der Begeisterung. Wer nur mit ganzer Seele wirkt, irrt nie. Er
bedarf des Klügelns nicht, denn keine Macht ist wider ihn.
                              Hyperion an Diotima
Morgen bin ich bei Alabanda. Es ist mir eine Lust, den Weg nach Koron zu
erfragen, und ich frage öfter, als nötig ist. Ich möchte die Flügel der Sonne
nehmen und hin zu ihm und doch zaudr ich auch so gerne und frage: wie wird er
sein?
    Der königliche Jüngling! warum bin ich später geboren? warum sprang ich
nicht aus Einer Wiege mit ihm? Ich kann den Unterschied nicht leiden, der
zwischen uns ist. O warum lebt ich, wie ein müssiger Hirtenknabe, zu Tina, und
träumte nur von seinesgleichen noch erst, da er schon in lebendiger Arbeit die
Natur erprüfte und mit Meer und Luft und allen Elementen schon rang? triebs denn
in mir nach Tatenwonne nicht auch?
    Aber ich will ihn einholen, ich will schnell sein. Beim Himmel! ich bin
überreif zur Arbeit. Meine Seele tobt nur gegen sich selbst, wenn ich nicht bald
durch ein lebendig Geschäft mich befreie.
    Hohes Mädchen! wie konnt ich bestehen vor dir? Wie war dirs möglich, so ein
tatlos Wesen zu lieben?
                              Hyperion an Diotima
Ich hab ihn, teure Diotima!
    Leicht ist mir die Brust und schnell sind meine Sehnen, ha! und die Zukunft
reizt mich, wie eine klare Wassertiefe uns reizt, hinein zu springen und das
übermütige Blut im frischen Bade zu kühlen. Aber das ist Geschwätz. Wir sind uns
lieber, als je, mein Alabanda und ich. Wir sind freier umeinander und doch ists
alle die Fülle und Tiefe des Lebens, wie sonst.
    O wie hatten die alten Tyrannen so recht, Freundschaften, wie die unsere, zu
verbieten! Da ist man stark, wie ein Halbgott, und duldet nichts Unverschämtes
in seinem Bezirke! -
    Es war des Abends, da ich in sein Zimmer trat. Er hatte eben die Arbeit bei
Seite gelegt, sass in einer mondhellen Ecke am Fenster und pflegte seiner
Gedanken. Ich stand im Dunkeln, er erkannte mich nicht, sah unbekümmert gegen
mich her. Der Himmel weiss, für wen er mich halten mochte. Nun, wie geht es? rief
er. So ziemlich! sagt ich. Aber das Heucheln war umsonst. Meine Stimme war voll
geheimen Frohlockens. Was ist das? fuhr er auf; bist du's? Ja wohl, du Blinder!
rief ich, und flog ihm in die Arme. O nun! rief Alabanda endlich, nun soll es
anders werden, Hyperion!
    Das denk ich, sagt ich und schüttelte freudig seine Hand.
    Kennst du mich denn noch, fuhr Alabanda fort nach einer Weile, hast du den
alten frommen Glauben noch an Alabanda? Grossmütiger! mir ist es nimmer indes so
wohl gegangen, als da ich im Lichte deiner Liebe mich fühlte.
    Wie? rief ich, fragt dies Alabanda? Das war nicht stolz gesprochen,
Alabanda. Aber es ist das Zeichen dieser Zeit, dass die alte Heroennatur um Ehre
betteln geht, und das lebendige Menschenherz, wie eine Waise, um einen Tropfen
Liebe sich kümmert.
    Lieber Junge! rief er; ich bin eben alt geworden. Das schlaffe Leben überall
und die Geschichte mit den Alten, zu denen ich in Smyrna dich in die Schule
bringen wollte -
    O es ist bitter, rief ich; auch an diesen wagte sich die Todesgöttin, die
Namenlose, die man Schicksal nennt.
    Es wurde Licht gebracht und wir sahen von neuem mit leisem liebendem Forschen
uns an. Die Gestalt des Teuren war sehr anders geworden seit den Tagen der
Hoffnung. Wie die Mittagssonne vom bleichen Himmel, funkelte sein grosses
ewiglebendes Auge vom abgeblühten Gesichte mich an.
    Guter! rief Alabanda mit freundlichem Unwillen, da ich ihn so ansah, lass die
Wehmutsblicke, guter Junge! Ich weiss es wohl, ich bin herabgekommen. O mein
Hyperion! ich sehne mich sehr nach etwas Grossem und Wahrem und ich hoff es zu
finden mit dir. Du bist mir über den Kopf gewachsen, du bist freier und stärker,
wie ehmals und siehe! das freut mich herzlich. Ich bin das dürre Land und du
kommst, wie ein glücklich Gewitter - o es ist herrlich, dass du da bist!
    Stille! sagt ich, du nimmst mir die Sinnen, und wir sollten gar nicht von
uns sprechen, bis wir im Leben, unter den Taten sind.
    Ja wohl! rief Alabanda freudig, erst, wenn das Jagdhorn schallt, da fühlen
sich die Jäger.
    Wirds denn bald angehn? sagt ich.
    Es wird, rief Alabanda, und ich sage dir, Herz! es soll ein ziemlich Feuer
werden. Ha! mags doch reichen bis an die Spitze des Turms und seine Fahne
schmelzen und um ihn wüten und wogen, bis er berstet und stürzt! - und stosse
dich nur an unsern Bundsgenossen nicht. Ich weiss es wohl, die guten Russen
möchten uns gerne, wie Schiessgewehre, brauchen. Aber lass das gut sein! haben nur
erst unsere kräftigen Spartaner bei Gelegenheit erfahren, wer sie sind und was
sie können, und haben wir so den Peloponnes erobert, so lachen wir dem Nordpol
ins Angesicht und bilden uns ein eigenes Leben.
    Ein eignes Leben, rief ich, ein neu, ein ehrsames Leben. Sind wir denn, wie
ein Irrlicht aus dem Sumpfe geboren oder stammen wir von den Siegern bei Salamis
ab? Wie ists denn nun? wie bist du denn zur Magd geworden, griechische freie
Natur? wie bist du so herabgekommen, väterlich Geschlecht, von dem das
Götterbild des Jupiter und des Apoll einst nur die Kopie war? - Aber höre mich,
Joniens Himmel! höre mich, Vaterlandserde, die du dich halbnackt, wie eine
Bettlerin, mit den Lappen deiner alten Herrlichkeit umkleidest, ich will es
länger nicht dulden!
    O Sonne, die uns erzog! rief Alabanda, zusehn sollst du, wenn unter der
Arbeit uns der Mut wächst, wenn unter den Schlägen des Schicksals unser Entwurf,
wie das Eisen unter dem Hammer sich bildet.
    Es entzündete einer den andern.
    Und dass nur kein Flecken hängen bleibe, rief ich, kein Posse, womit uns das
Jahrhundert, wie der Pöbel die Wände, bemalt! O, rief Alabanda, darum ist der
Krieg auch so gut -
    Recht, Alabanda, rief ich, so wie alle grosse Arbeit, wo des Menschen Kraft
und Geist und keine Krücke und kein wächserner Flügel hilft. Da legen wir die
Sklavenkleider ab, worauf das Schicksal uns sein Wappen gedrückt -
    Da gilt nichts Eitles und Anerzwungenes mehr, rief Alabanda, da gehn wir
schmucklos, fessellos, nackt, wie im Wettlauf zu Nemea, zum Ziele.
    Zum Ziele, rief ich, wo der junge Freistaat dämmert und das Panteon alles
Schönen aus griechischer Erde sich hebt.
    Alabanda schwieg eine Weile. Eine neue Röte stieg auf in seinem Gesichte,
und seine Gestalt wuchs, wie die erfrischte Pflanze, in die Höhe.
    O Jugend! Jugend! rief er, dann will ich trinken aus deinem Quell, dann will
ich leben und lieben. Ich bin sehr freudig, Himmel der Nacht, fuhr er, wie
trunken, fort, indem er unter das Fenster trat, wie eine Rebenlaube, überwölbest
du mich, und deine Sterne hängen, wie Trauben, herunter.
                              Hyperion an Diotima
Es ist mein Glück, dass ich in voller Arbeit lebe. Ich müsst in eine Torheit um
die andere fallen, so voll ist meine Seele, so berauscht der Mensch mich, der
wunderbare, der stolze, der nichts liebt, als mich und alle Demut, die in ihm
ist, nur auf mich häuft. O Diotima! dieser Alabanda hat geweint vor mir, hat,
wie ein Kind, mirs abgebeten, was er mir in Smyrna getan.
    Wer bin ich dann, ihr Lieben, dass ich mein euch nenne, dass ich sagen darf,
sie sind mein eigen, dass ich, wie ein Eroberer, zwischen euch steh und euch, wie
meine Beute, umfasse.
    O Diotima! o Alabanda! edle, ruhiggrosse Wesen! wie muss ich vollenden, wenn
ich nicht fliehn will vor meinem Glücke, vor euch?
    Eben, während ich schrieb, erhielt ich deinen Brief, du liebe.
    Traure nicht, holdes Wesen, traure nicht! Spare dich, unversehrt von Gram,
den künftigen Vaterlandsfesten! Diotima! dem glühenden Festtag der Natur, dem
spare dich auf und all den heitern Ehrentagen der Götter!
    Siehest du Griechenland nicht schon?
    O siehest du nicht, wie, froh der neuen Nachbarschaft, die ewigen Sterne
lächeln über unsern Städten und Hainen, wie das alte Meer, wenn es unser Volk
lustwandelnd am Ufer sieht, der schönen Atener wieder gedenkt und wieder Glück
uns bringt, wie damals seinen Lieblingen, auf fröhlicher Woge?
    Seelenvolles Mädchen! du bist so schön schon jetzt! wie wirst du dann erst,
wenn das echte Klima dich nährt, in entzückender Glorie blühn!
                              Diotima an Hyperion
Ich hatte die meiste Zeit mich eingeschlossen, seit du fort bist, lieber
Hyperion! Heute war ich wieder einmal draussen.
    In holder Februarluft hab ich Leben gesammelt und bringe das gesammelte dir.
Es hat auch mir noch wohlgetan, das frische Erwarmen des Himmels, noch hab ich
sie mitgefühlt, die neue Wonne der Pflanzenwelt, der reinen, immergleichen, wo
alles trauert und sich wieder freut zu seiner Zeit.
    Hyperion! o mein Hyperion! warum gehn wir denn die stillen Lebenswege nicht
auch? Es sind heilige Namen, Winter und Frühling und Sommer und Herbst! wir aber
kennen sie nicht. Ist es nicht Sünde, zu trauern im Frühling? warum tun wir es
dennoch?
    Vergib mir! die Kinder der Erde leben durch die Sonne allein; ich lebe durch
dich, ich habe andre Freuden, ist es denn ein Wunder, wenn ich andre Trauer
habe? und muss ich trauern? muss ich denn?
    Mutiger! lieber! sollt ich welken, wenn du glänzest? sollte mir das Herz
ermatten, wenn die Siegslust dir in allen Sehnen erwacht? Hätt ich ehmals
gehört, ein griechischer Jüngling mache sich auf, das gute Volk aus seiner
Schmach zu ziehn, es der mütterlichen Schönheit, der es entstammte, wieder zu
bringen, wie hätt ich aufgestaunt aus dem Traume der Kindheit und gedürstet nach
dem Bilde des Teuren? und nun er da ist, nun er mein ist, kann ich noch weinen?
o des albernen Mädchens! ist es denn nicht wirklich? ist er der Herrliche nicht,
und ist er nicht mein! o ihr Schatten seliger Zeit! ihr meine trauten
Erinnerungen!
    Ist mir doch, als wär er kaum von gestern, jener Zauberabend, da der heilge
Fremdling mir zum ersten Male begegnete, da er, wie ein trauernder Genius,
hereinglänzt' in die Schatten des Walds, wo im Jugendtraume das unbekümmerte
Mädchen sass - in der Mailuft kam er, in Joniens zaubrischer Mailuft und sie
macht' ihn blühender mir, sie lockt' ihm das Haar, entfaltet' ihm, wie Blumen,
die Lippen, löst' in Lächeln die Wehmut auf und o ihr Strahlen des Himmels! wie
leuchtetet ihr aus diesen Augen mich an, aus diesen berauschenden Quellen, wo im
Schatten umschirmender Bogen ewig Leben schimmert und wallt! -
    Gute Götter! wie er schön ward mit dem Blick auf mich! wie der ganze
Jüngling, eine Spanne grösser geworden, in leichter Nerve dastand, nur dass ihm
die lieben Arme, die bescheidnen, niedersanken, als wären sie nichts! und wie er
drauf emporsah im Entzücken, als wär ich gen Himmel entflogen und nicht mehr da,
ach! wie er nun in aller Herzensanmut lächelt' und errötete, da er wieder mich
gewahr ward und unter den dämmernden Tränen sein Phöbusauge durchstrahlt', um zu
fragen, bist dus? bist du es wirklich?
    Und warum begegnet' er so frommen Sinnes, so voll lieben Aberglaubens mir?
warum hatt er erst sein Haupt gesenkt, warum war der Götterjüngling so voll
Sehnens und Trauerns? Sein Genius war zu selig, um allein zu bleiben, und zu arm
die Welt, um ihn zu fassen. O es war ein liebes Bild, gewebt von Grösse und
Leiden! Aber nun ists anders! mit dem Leiden ists aus! Er hat zu tun bekommen,
er ist der Kranke nicht mehr! -
    Ich war voll Seufzens, da ich anfing, dir zu schreiben, mein Geliebter!
Jetzt bin ich lauter Freude. So spricht man über dir sich glücklich. Und siehe!
so solls auch bleiben. Lebe wohl!
                              Hyperion an Diotima
Wir haben noch zu gutem Ende dein Fest gefeiert, schönes Leben! ehe der Lärm
beginnt. Es war ein himmlischer Tag. Das holde Frühjahr weht' und glänzte vom
Orient her, entlockt' uns deinen Namen, wie es den Bäumen die Blüten entlockt,
und alle seligen Geheimnisse der Liebe entatmeten mir. Eine Liebe, wie die
unsre, war dem Freunde nie erschienen, und es war entzückend, wie der stolze
Mensch aufmerkte und Auge und Geist ihm glühte, dein Bild, dein Wesen zu fassen.
    O, rief er endlich, da ists wohl der Mühe wert, für unser Griechenland zu
streiten, wenn es solche Gewächse noch trägt!
    Ja wohl, mein Alabanda, sagt ich; da gehn wir heiter in den Kampf, da treibt
uns himmlisch Feuer zu Taten, wenn unser Geist vom Bilde solcher Naturen
verjüngt ist, und da läuft man auch nach einem kleinen Ziele nicht, da sorgt man
nicht für dies und das und künstelt, den Geist nicht achtend, von aussen und
trinkt um des Kelchs willen den Wein; da ruhn wir dann erst, Alabanda, wenn des
Genius Wonne kein Geheimnis mehr ist, dann erst, wenn die Augen all in
Triumphbogen sich wandeln, wo der Menschengeist, der langabwesende, hervorglänzt
aus den Irren und Leiden und siegesfroh den väterlichen Aeter grüsst. - Ha! an
der Fahne allein soll niemand unser künftig Volk erkennen; es muss sich alles
verjüngen, es muss von Grund aus anders sein; voll Ernsts die Lust und heiter
alle Arbeit! nichts, auch das kleinste, das alltäglichste nicht ohne den Geist
und die Götter! Lieb und Hass und jeder Laut von uns muss die gemeinere Welt
befremden und auch kein Augenblick darf Einmal noch uns mahnen an die platte
Vergangenheit!
                              Hyperion an Diotima
Der Vulkan bricht los. In Koron und Modon werden die Türken belagert und wir
rücken mit unserem Bergvolk gegen den Peloponnes hinauf.
    Nun hat die Schwermut all ein Ende, Diotima, und mein Geist ist fester und
schneller, seit ich in lebendiger Arbeit bin und sieh! ich habe nun auch eine
Tagesordnung.
    Mit der Sonne beginn ich. Da geh ich hinaus, wo im Schatten des Walds mein
Kriegsvolk liegt und grüsse die tausend hellen Augen, die jetzt vor mir mit
wilder Freundlichkeit sich auftun. Ein erwachendes Heer! ich kenne nichts
gleiches und alles Leben in Städten und Dörfern ist, wie ein Bienenschwarm,
dagegen.
    Der Mensch kanns nicht verleugnen, dass er einst glücklich war, wie die
Hirsche des Forsts und nach unzähligen Jahren klimmt noch in uns ein Sehnen nach
den Tagen der Urwelt, wo jeder die Erde durchstreifte, wie ein Gott, eh, ich
weiss nicht was? den Menschen zahm gemacht, und noch, statt Mauern und totem
Holz, die Seele der Welt, die heilige Luft allgegenwärtig ihn umfing.
    Diotima! mir geschieht oft wunderbar, wenn ich mein unbekümmert Volk
durchgehe und, wie aus der Erde gewachsen, einer um den andern aufsteht und dem
Morgenlicht entgegen sich dehnt, und unter den Haufen der Männer die knatternde
Flamme emporsteigt, wo die Mutter sitzt mit dem frierenden Kindlein, wo die
erquickende Speise kocht, indes die Rosse, den Tag witternd, schnauben und
schrein, und der Wald ertönt von allerschütternder Kriegsmusik, und rings von
Waffen schimmert und rauscht - aber das sind Worte und die eigne Lust von
solchem Leben erzählt sich nicht.
    Dann sammelt mein Haufe sich um mich her, mit Lust, und es ist wunderbar,
wie auch die Ältesten und Trotzigsten in aller meiner Jugend mich ehren. Wir
werden vertrauter und mancher erzählt, wies ihm erging im Leben und mein Herz
schwillt oft von mancherlei Schicksal. Dann fang ich an, von besseren Tagen zu
reden, und glänzend gehn die Augen ihnen auf, wenn sie des Bundes gedenken, der
uns einigen soll, und das stolze Bild des werdenden Freistaats dämmert vor
ihnen.
    Alles für jeden und jeder für alle! Es ist ein freudiger Geist in den Worten
und er ergreift auch immer meine Menschen, wie Göttergebot. O Diotima! so zu
sehn, wie von Hoffnungen da die starre Natur erweicht und all ihre Pulse
mächtiger schlagen und von Entwürfen die verdüsterte Stirne sich entfaltet und
glänzt, so da zu stehn in einer Sphäre von Menschen, umrungen von Glauben und
Lust, das ist doch mehr, als Erd und Himmel und Meer in aller ihrer Glorie zu
schaun.
    Dann üb ich sie in Waffen und Märschen bis um Mittag. Der frohe Mut macht
sie gelehrig, wie er zum Meister mich macht. Bald stehn sie dichtgedrängt in
macedonischer Reih und regen den Arm nur, bald fliegen sie, wie Strahlen,
auseinander zum gewagteren Streit in einzelnen Haufen, wo die geschmeidige Kraft
in jeder Stelle sich ändert und jeder selbst sein Feldherr ist, und sammeln sich
wieder in sicherem Punkt - und immer, wo sie gehen und stehn in solchem
Waffentanze, schwebt ihnen und mir das Bild der Tyrannenknechte und der ernstere
Walplatz vor Augen.
    Drauf, wenn die Sonne heisser scheint, wird Rat gehalten im Innern des Walds
und es ist Freude, so mit stillen Sinnen über der grossen Zukunft zu walten. Wir
nehmen dem Zufall die Kraft, wir meistern das Schicksal. Wir lassen Widerstand
nach unserem Willen entstehn, wir reizen den Gegner zu dem, worauf wir gerüstet
sind. Oder sehen wir zu und scheinen furchtsam und lassen ihn näher kommen, bis
er das Haupt zum Schlag uns reicht, auch nehmen wir ihm mit Schnelle die Fassung
und das ist meine Panacee. Doch halten die erfahrneren Ärzte nichts auf solche
allesheilende Mittel.
    Wie wohl ist dann des Abends mir bei meinem Alabanda, wenn wir zur Lust auf
muntern Rossen die sonnenroten Hügel umschweifen, und auf den Gipfeln, wo wir
weilen, die Luft in den Mähnen unserer Tiere spielt, und das freundliche Säuseln
in unsere Gespräche sich mischt, indes wir hinaussehn in die Fernen von Sparta,
die unser Kampfpreis sind! und wenn wir nun zurück sind und zusammensitzen in
lieblicher Kühle der Nacht, wo uns der Becher duftet und das Mondlicht unser
spärlich Mahl bescheint und mitten in unsrer lächelnden Stille die Geschichte
der Alten, wie eine Wolke aufsteigt aus dem heiligen Boden, der uns trägt, wie
selig ists da, in solchem Momente sich die Hände zu reichen!
    Dann spricht wohl Alabanda noch von manchem, den die Langeweile des
Jahrhunderts peinigt, von so mancher wunderbaren krummen Bahn, die sich das
Leben bricht, seitdem sein grader Gang gehemmt ist, dann fällt mir auch mein
Adamas ein, mit seinen Reisen, seiner eignen Sehnsucht in das innere Asien
hinein - das sind nur Notbehelfe, guter Alter! möcht ich dann ihm rufen, komm!
und baue deine Welt! mit uns! denn unsre Welt ist auch die deine.
    Auch die deine, Diotima, denn sie ist die Kopie von dir. O du, mit deiner
Elysiumsstille, könnten wir das schaffen, was du bist!
                              Hyperion an Diotima
Wir haben jetzt dreimal in Einem fort gesiegt in kleinen Gefechten, wo aber die
Kämpfer sich durchkreuzten, wie Blitze, und alles Eine verzehrende Flamme war.
Navarin ist unser und wir stehen jetzt vor der Feste Misistra, dem Überreste des
alten Sparta. Ich hab auch die Fahne, die ich einer albanischen Horde entriss,
auf eine Ruine gepflanzt, die vor der Stadt liegt, habe vor Freude meinen
türkischen Kopfbund in den Eurotas geworfen und trage seitdem den griechischen
Helm.
    Und nun möcht ich dich sehen, o Mädchen! sehen möcht ich dich und deine
Hände nehmen und an mein Herz sie drücken, dem die Freude nun bald vielleicht zu
gross ist! bald! in einer Woche vielleicht ist er befreit, der alte, edle,
heilige Peloponnes.
    O dann, du Teure! lehre mich fromm sein! dann lehre mein überwallend Herz
ein Gebet! Ich sollte schweigen, denn was hab ich getan? und hätt ich etwas
getan, wovon ich sprechen möchte, wieviel ist dennoch übrig? Aber was kann ich
dafür, dass mein Gedanke schneller ist, wie die Zeit? Ich wollte so gern, es wäre
umgekehrt und die Zeit und die Tat überflöge den Gedanken und der geflügelte
Sieg übereilte die Hoffnung selbst.
    Mein Alabanda blüht, wie ein Bräutigam. Aus jedem seiner Blicke lacht die
kommende Welt mich an, und daran still ich noch die Ungeduld so ziemlich.
    Diotima! ich möchte dieses werdende Glück nicht um die schönste Lebenszeit
des alten Griechenlands vertauschen, und der kleinste unsrer Siege ist mir
lieber, als Maraton und Termopylä und Platea. Ists nicht wahr? Ist nicht dem
Herzen das genesende Leben mehr wert, als das reine, das die Krankheit noch
nicht kennt? Erst wenn die Jugend hin ist, lieben wir sie, und dann erst, wenn
die verlorne wiederkehrt, beglückt sie alle Tiefen der Seele.
    Am Eurotas stehet mein Zelt, und wenn ich nach Mitternacht erwache, rauscht
der alte Flussgott mahnend mir vorüber, und lächelnd nehm ich die Blumen des
Ufers, und streue sie in seine glänzende Welle und sag ihm: Nimm es zum Zeichen,
du Einsamer! Bald umblüht das alte Leben dich wieder.
                              Diotima an Hyperion
Ich habe die Briefe erhalten, mein Hyperion, die du unterwegens mir schriebst.
Du ergreifst mich gewaltig mit allem, was du mir sagst, und mitten in meiner
Liebe schaudert mich oft, den sanften Jüngling, der zu meinen Füssen geweint, in
dieses rüstige Wesen verwandelt zu sehn.
    Wirst du denn nicht die Liebe verlernen?
    Aber wandle nur zu! Ich folge dir. Ich glaube, wenn du mich hassen könntest,
würd ich auch da sogar dir nachempfinden, würde mir Mühe geben, dich zu hassen
und so blieben unsre Seelen sich gleich und das ist kein eitelübertrieben Wort,
Hyperion.
    Ich bin auch selbst ganz anders, wie sonst. Mir mangelt der heitre Blick in
die Welt und die freie Lust an allem Lebendigen. Nur das Feld der Sterne zieht
mein Auge noch an. Dagegen denk ich um so lieber an die grossen Geister der
Vorwelt und wie sie geendet haben auf Erden, und die hohen spartanischen Frauen
haben mein Herz gewonnen. dabei vergess ich nicht die neuen Kämpfer, die
kräftigen, deren Stunde gekommen ist, oft hör ich ihren Siegslärm durch den
Peloponnes herauf mir näher brausen und näher, oft seh ich sie, wie eine
Katarakte, dort herunterwogen durch die Epidaurischen Wälder und ihre Waffen
fernher glänzen im Sonnenlichte, das, wie ein Herold, sie geleitet, o mein
Hyperion! und du kömmst geschwinde nach Kalaurea herüber und grüssest die stillen
Wälder unserer Liebe, grüssest mich, und fliegst nun wieder zu deiner Arbeit
zurück; - und denkst du, ich fürchte den Ausgang? Liebster! manchmal wills mich
überfallen, aber meine grössern Gedanken halten, wie Flammen, den Frost ab. -
    Lebe wohl! vollende, wie es der Geist dir gebeut! und lass den Krieg zu lange
nicht dauern, um des Friedens willen, Hyperion, um des schönen, neuen, goldenen
Friedens willen, wo, wie du sagtest, einst in unser Rechtsbuch eingeschrieben
werden die Gesetze der Natur, und wo das Leben selbst, wo sie, die göttliche
Natur, die in kein Buch geschrieben werden kann, im Herzen der Gemeinde sein
wird. Lebe wohl.
                              Hyperion an Diotima
Du hättest mich besänftigen sollen, meine Diotima! hättest sagen sollen, ich
möchte mich nicht übereilen, möchte dem Schicksal nach und nach den Sieg
abnötigen, wie kargen Schuldnern die Summe. O Mädchen! stille zu stehn, ist
schlimmer, wie alles. Mir trocknet das Blut in den Adern, so dürst ich,
weiterzukommen und muss hier müssig stehn, muss belagern und belagern, den einen
Tag, wie den andern. Unser Volk will stürmen, aber das würde die aufgeregten
Gemüter zum Rausch erhitzen und wehe dann unsern Hoffnungen, wenn das wilde
Wesen aufgärt und die Zucht und die Liebe zerreisst.
    Ich weiss nicht, es kann nur noch einige Tage dauern, so muss Misistra sich
ergeben, aber ich wollte, wir wären weiter. Im Lager hier ists mir, wie in
gewitterhafter Luft. Ich bin ungeduldig, auch meine Leute gefallen mir nicht. Es
ist ein furchtbarer Mutwill unter ihnen.
    Aber ich bin nicht klug, dass ich so viel aus meiner Laune mache. Und das
alte Lacedämon ists ja doch wohl wert, dass man ein wenig Sorge leidet, eh man es
hat.
                              Hyperion an Diotima
Es ist aus, Diotima! unsre Leute haben geplündert, gemordet, ohne Unterschied,
auch unsre Brüder sind erschlagen, die Griechen in Misistra, die Unschuldigen,
oder irren sie hülflos herum und ihre tote Jammermiene ruft Himmel und Erde zur
Rache gegen die Barbaren, an deren Spitze ich war.
    Nun kann ich hingehn und von meiner guten Sache predigen. O nun fliegen alle
Herzen mir zu!
    Aber ich habs auch klug gemacht. Ich habe meine Leute gekannt. In der Tat!
es war ein ausserordentlich Projekt, durch eine Räuberbande mein Elysium zu
pflanzen.
    Nein! bei der heiligen Nemesis! mir ist recht geschehn und ich wills auch
dulden, dulden will ich, bis der Schmerz mein letzt Bewusstsein mir zerreisst.
    Denkst du, ich tobe? Ich habe eine ehrsame Wunde, die einer meiner Getreuen
mir schlug, indem ich den Greuel abwehrte. Wenn ich tobte, so riss' ich die
Binde von ihr, und so ränne mein Blut, wohin es gehört, in diese trauernde Erde.
    Diese trauernde Erde! die nackte! so ich kleiden wollte mit heiligen Hainen,
so ich schmücken wollte mit allen Blumen des griechischen Lebens!
    O es wäre schön gewesen, meine Diotima.
    Nennst du mich mutlos? Liebes Mädchen! es ist des Unheils zu viel. An allen
Enden brechen wütende Haufen herein; wie eine Seuche, tobt die Raubgier in Morea
und wer nicht auch das Schwert ergreift, wird verjagt, geschlachtet und dabei
sagen die Rasenden, sie fechten für unsre Freiheit. Andre des rohen Volks sind
von dem Sultan bestellt und treibens, wie jene.
    Eben hör ich, unser ehrlos Heer sei nun zerstreut. Die Feigen begegneten bei
Tripolissa einem albanischen Haufen, der um die Hälfte geringer an Zahl war.
Weils aber nichts zu plündern gab, so liefen die Elenden alle davon. Die Russen,
die mit uns den Feldzug wagten, vierzig brave Männer, hielten allein aus, fanden
auch alle den Tod.
    Und so bin ich nun mit meinem Alabanda wieder einsam, wie zuvor. Seitdem der
Treue mich fallen und bluten sah in Misistra, hat er alles andre vergessen,
seine Hoffnungen, seine Siegslust, seine Verzweiflung. Der Ergrimmte, der unter
die Plünderer stürzte, wie ein strafender Gott, der führte nun so sanft mich aus
dem Getümmel, und seine Tränen netzten mein Kleid. Er blieb auch bei mir in der
Hütte, wo ich seitdem lag und ich freue mich nun erst recht darüber. Denn wär er
mit fortgezogen, so läg er jetzt bei Tripolissa im Staub.
    Wie es weiter werden soll, das weiss ich nicht. Das Schicksal stösst mich ins
Ungewisse hinaus und ich hab es verdient; von dir verbannt mich meine eigene
Scham und wer weiss, wie lange?
    Ach! ich habe dir ein Griechenland versprochen und du bekommst ein Klaglied
nun dafür. Sei selbst dein Trost!
                              Hyperion an Diotima
Ich bringe mich mit Mühe zu Worten.
    Man spricht wohl gerne, man plaudert, wie die Vögel, solange die Welt, wie
Mailuft, einen anweht; aber zwischen Mittag und Abend kann es anders werden, und
was ist verloren am Ende?
    Glaube mir und denk, ich sags aus tiefer Seele dir: die Sprache ist ein
grosser Überfluss. Das Beste bleibt doch immer für sich und ruht in seiner Tiefe,
wie die Perle im Grunde des Meers. - Doch was ich eigentlich dir schreiben
wollte, weil doch einmal das Gemälde seinen Rahmen und der Mann sein Tagwerk
haben muss, so will ich noch auf eine Zeitlang Dienste nehmen bei der russischen
Flotte; denn mit den Griechen hab ich weiter nichts zu tun.
    O teures Mädchen! es ist sehr finster um mich geworden!
                              Hyperion an Diotima
Ich habe gezaudert, gekämpft. Doch endlich muss es sein.
    Ich sehe, was notwendig ist, und weil ich es sehe, so soll es auch werden.
Missdeute mich nicht! verdamme mich nicht! ich muss dir raten, dass du mich
verlässest, meine Diotima.
    Ich bin für dich nichts mehr, du holdes Wesen! Dies Herz ist dir versiegt,
und meine Augen sehen das Lebendige nicht mehr. O meine Lippen sind verdorrt;
der Liebe süsser Hauch quillt mir im Busen nicht mehr.
    Ein Tag hat alle Jugend mir genommen; am Eurotas hat mein Leben sich müde
geweint, ach! am Eurotas, der in rettungsloser Schmach an Lacedämons Schutt
vorüberklagt, mit allen seinen Wellen. Da, da hat mich das Schicksal abgeerntet.
- Soll ich deine Liebe, wie ein Almosen, besitzen? - Ich bin so gar nichts, bin
so ruhmlos, wie der ärmste Knecht. Ich bin verbannt, verflucht, wie ein gemeiner
Rebell und mancher Grieche in Morea wird von unsern Heldentaten, wie von einer
Diebsgeschichte, seinen Kindeskindern künftighin erzählen.
    Ach! und Eines hab ich lange dir verschwiegen. Feierlich verstiess mein Vater
mich, verwies mich ohne Rückkehr aus dem Hause meiner Jugend, will mich nimmer
wieder sehen, nicht in diesem, noch im andern Leben, wie er sagt. So lautet die
Antwort auf den Brief, worin ich mein Beginnen ihm geschrieben.
    Nun lass dich nur das Mitleid nimmer irre führen. Glaube mir, es bleibt uns
überall noch eine Freude. Der echte Schmerz begeistert. Wer auf sein Elend
tritt, steht höher. Und das ist herrlich, dass wir erst im Leiden recht der Seele
Freiheit fühlen. Freiheit! wer das Wort versteht - es ist ein tiefes Wort,
Diotima. Ich bin so innigst angefochten, bin so unerhört gekränkt, bin ohne
Hoffnung, ohne Ziel, bin gänzlich ehrlos, und doch ist eine Macht in mir, ein
Unbezwingliches, das mein Gebein mit süssen Schauern durchdringt, so oft es rege
wird in mir.
    Auch hab ich meinen Alabanda noch. Der hat so wenig zu gewinnen, als ich
selbst. Den kann ich ohne Schaden mir behalten. Ach! der königliche Jüngling
hätt ein besser Los verdient. Er ist so sanft geworden und so still. Das will
mir oft das Herz zerreissen. Aber einer erhält den andern. Wir sagen uns nichts;
was sollten wir uns sagen? aber es ist denn doch ein Segen in manchem kleinen
Liebesdienste, den wir uns leisten.
    Da schläft er und lächelt genügsam, mitten in unsrem Schicksal. Der Gute! er
weiss nicht, was ich tue. Er würd es nicht dulden. Du musst an Diotima schreiben,
gebot er mir, und musst ihr sagen, dass sie bald mit dir sich aufmacht, in ein
leidlicher Land zu fliehn. Aber er weiss nicht, dass ein Herz, das so verzweifeln
lernte, wie seines und wie meines, der Geliebten nichts mehr ist. Nein! nein! du
fändest ewig keinen Frieden bei Hyperion, du müsstest untreu werden und das will
ich dir ersparen.
    Und so lebe denn wohl, du süsses Mädchen! lebe wohl! Ich möchte dir sagen,
gehe dahin, gehe dortin; da rauschen die Quellen des Lebens. Ich möcht ein
freier Land, ein Land voll Schönheit und voll Seele dir zeigen und sagen: dahin
rette dich! Aber o Himmel! könnt ich dies, so wär ich auch ein andrer und so
müsst ich auch nicht Abschied nehmen - Abschied nehmen? Ach! ich weiss nicht, was
ich tue. Ich wähnte mich so gefasst, so besonnen. Jetzt schwindelt mir und mein
Herz wirft sich umher, wie ein ungeduldiger Kranker. Weh über mich! ich richte
meine letzte Freude zu Grunde. Aber es muss sein und das Ach! der Natur ist hier
umsonst. Ich bins dir schuldig, und ich bin ja ohnedies dazu geboren, heimatlos
und ohne Ruhestätte zu sein. O Erde! o ihr Sterne! werde ich nirgends wohnen am
Ende?
    Noch Einmal möcht ich wiederkehren an deinen Busen, wo es auch wäre!
Aeteraugen! Einmal noch mir wieder begegnen in euch! an deinen Lippen hängen,
du Liebliche! du Unaussprechliche! und in mich trinken dein entzückend
heiligsüsses Leben - aber höre das nicht! ich bitte dich, achte das nicht! Ich
würde sagen, ich sei ein Verführer, wenn du es hörtest. Du kennst mich, du
verstehst mich. Du weisst, wie tief du mich achtest, wenn du mich nicht
bedauerst, mich nicht hörst.
    Ich kann, ich darf nicht mehr - wie mag der Priester leben, wo sein Gott
nicht mehr ist? O Genius meines Volks! o Seele Griechenlands! ich muss hinab, ich
muss im Totenreiche dich suchen.
                              Hyperion an Diotima
Ich habe lange gewartet, ich will es dir gestehn, ich habe sehnlich auf ein
Abschiedswort aus deinem Herzen gehofft, aber du schweigst. Auch das ist eine
Sprache deiner schönen Seele, Diotima.
    Nicht wahr, die heiligern Akkorde hören darum denn doch nicht auf? nicht
wahr, Diotima, wenn auch der Liebe sanftes Mondlicht untergeht, die höhern
Sterne ihres Himmels leuchten noch immer? O das ist ja meine letzte Freude, dass
wir unzertrennlich sind, wenn auch kein Laut von dir zu mir, kein Schatte unsrer
holden Jugendtage mehr zurückkehrt!
    Ich schaue hinaus in die abendrötliche See, ich strecke meine Arme aus nach
der Gegend, wo du ferne lebst und meine Seele erwarmt noch einmal an allen
Freuden der Liebe und Jugend.
    O Erde! meine Wiege! alle Wonne und aller Schmerz ist in dem Abschied, den
wir von dir nehmen.
    Ihr lieben Jonischen Inseln! und du, mein Kalaurea, und du, mein Tina, ihr
seid mir all im Auge, so fern ihr seid und mein Geist fliegt mit den Lüftchen
über die regen Gewässer; und die ihr dort zur Seite mir dämmert, ihr Ufer von
Teos und Ephesus, wo ich einst mit Alabanda ging in den Tagen der Hoffnung, ihr
scheint mir wieder, wie damals, und ich möcht hinüberschiffen ans Land und den
Boden küssen und den Boden erwärmen an meinem Busen, und alle süssen
Abschiedsworte stammeln vor der schweigenden Erde, eh ich auffliege ins Freie.
    Schade, schade, dass es jetzt nicht besser zugeht unter den Menschen, sonst
blieb' ich gern auf diesem guten Stern. Aber ich kann dies Erdenrund entbehren,
das ist mehr, denn alles, was es geben kann.
    Lass uns im Sonnenlicht, o Kind! die Knechtschaft dulden, sagte zu Polyxena
die Mutter, und ihre Lebensliebe konnte nicht schöner sprechen. Aber das
Sonnenlicht, das eben widerrät die Knechtschaft mir, das lässt mich auf der
entwürdigten Erde nicht bleiben und die heiligen Strahlen ziehn, wie Pfade, die
zur Heimat führen, mich an.
    Seit langer Zeit ist mir die Majestät der schicksallosen Seele
gegenwärtiger, als alles andre gewesen; in herrlicher Einsamkeit hab ich
manchmal in mir selber gelebt; ich bins gewohnt geworden, die Aussendinge
abzuschütteln, wie Flocken von Schnee; wie sollt ich dann mich scheun, den
sogenannten Tod zu suchen? hab ich nicht tausendmal mich in Gedanken befreit,
wie sollt ich denn anstehn, es Einmal wirklich zu tun? Sind wir denn, wie
leibeigene Knechte, an den Boden gefesselt, den wir pflügen? sind wir, wie
zahmes Geflügel, das aus dem Hofe nicht laufen darf, weils da gefüttert wird?
    Wir sind, wie die jungen Adler, die der Vater aus dem Neste jagt, dass sie im
hohen Aeter nach Beute suchen.
    Morgen schlägt sich unsre Flotte und der Kampf wird heiss genug sein. Ich
betrachte diese Schlacht, wie ein Bad, den Staub mir abzuwaschen; und ich werde
wohl finden, was ich wünsche; Wünsche, wie meiner, gewähren an Ort und Stelle
sich leicht. Und so hätt ich doch am Ende durch meinen Feldzug etwas erreicht
und sehe, dass unter Menschen keine Mühe vergebens ist.
    Fromme Seele! ich möchte sagen, denke meiner, wenn du an mein Grab kömmst.
Aber sie werden mich wohl in die Meersflut werfen, und ich seh es gerne, wenn
der Rest von mir da untersinkt, wo die Quellen all und die Ströme, die ich
liebte, sich versammeln, und wo die Wetterwolke aufsteigt, und die Berge tränkt
und die Tale, die ich liebte. Und wir? o Diotima! Diotima! wann sehn wir uns
wieder?
    Es ist unmöglich, und mein innerstes Leben empört sich, wenn ich denken
will, als verlören wir uns. Ich würde Jahrtausende lang die Sterne durchwandern,
in alle Formen mich kleiden, in alle Sprachen des Lebens, um dir Einmal wieder
zu begegnen. Aber ich denke, was sich gleich ist, findet sich bald.
    Grosse Seele! du wirst dich finden können in diesen Abschied und so lass mich
wandern! Grüsse deine Mutter! Grüsse Notara und die andern Freunde!
    Auch die Bäume grüsse, wo ich dir zum ersten Male begegnete und die
fröhlichen Bäche, wo wir gingen und die schönen Gärten von Angele, und lass, du
Liebe! dir mein Bild dabei begegnen. Lebe wohl.
 
                                  Zweites Buch
                             Hyperion an Bellarmin
Ich war in einem holden Traume, da ich die Briefe, die ich einst gewechselt, für
dich abschrieb. Nun schreib ich wieder dir, mein Bellarmin! und führe weiter
dich hinab, hinab bis in die tiefste Tiefe meiner Leiden, und dann, du letzter
meiner Lieben! komm mit mir heraus zur Stelle, wo ein neuer Tag uns anglänzt.
    Die Schlacht, wovon ich an Diotima geschrieben, begann. Die Schiffe der
Türken hatten sich in den Kanal, zwischen die Insel Chios und die asiatische
Küste hinein, geflüchtet, und standen am festen Lande hinauf bei Tschesme. Mein
Admiral verliess mit seinem Schiffe, worauf ich war, die Reihe, und hub das
Vorspiel an mit dem ersten Schiffe der Türken. Das grimmige Paar war gleich beim
ersten Angriff bis zum Taumel erhitzt, es war ein rachetrunknes schreckliches
Getümmel. Die Schiffe hingen bald mit ihrem Tauwerk aneinander fest; das wütende
Gefecht ward immer enger und enger.
    Ein tiefes Lebensgefühl durchdrang mich noch. Es war mir warm und wohl in
allen Gliedern. Wie ein zärtlichscheidender, fühlte zum letzten Male sich in
allen seinen Sinnen mein Geist. Und nun, voll heissen Unmuts, dass ich Besseres
nicht wusste, denn mich schlachten zu lassen in einem Gedränge von Barbaren, mit
zürnenden Tränen im Auge, stürmt ich hin, wo mir der Tod gewiss war.
    Ich traf die Feinde nahe genug und von den Russen, die an meiner Seite
fochten, war in wenig Augenblicken auch nicht Einer übrig. Ich stand allein da,
voll Stolzes, und warf mein Leben, wie einen Bettlerpfenning, vor die Barbaren,
aber sie wollten mich nicht. Sie sahen mich an, wie einen, an dem man sich zu
versündigen fürchtet, und das Schicksal schien mich zu achten in meiner
Verzweiflung.
    Aus höchster Notwehr hieb denn endlich einer auf mich ein, und traf mich,
dass ich stürzte. Mir wurde von da an nichts mehr bewusst, bis ich auf Paros,
wohin ich übergeschifft war, wieder erwachte.
    Von dem Diener, der mich aus der Schlacht trug, hört ich nachher, die beiden
Schiffe, die den Kampf begonnen, seien in die Luft geflogen, den Augenblick
darauf, nachdem er mit dem Wundarzt mich in einem Boote weggebracht. Die Russen
hatten Feuer in das türkische Schiff geworfen, und weil ihr eignes an dem andern
festing, brannt es mit auf.
    Wie diese fürchterliche Schlacht ein Ende nahm, ist dir bekannt. So straft
ein Gift das andre, rief ich, da ich erfuhr, die Russen hätten die ganze
türkische Flotte verbrannt - so rotten die Tyrannen sich selbst aus.
                             Hyperion an Bellarmin
Sechs Tage nach der Schlacht lag ich in einem peinlichen todähnlichen Schlaf.
Mein Leben war, wie eine Nacht, von Schmerzen, wie von zückenden Blitzen,
unterbrochen. Das Erste, was ich wieder erkannte, war Alabanda. Er war, wie ich
erfuhr, nicht einen Augenblick von mir gewichen, hatte fast allein mich bedient,
mit unbegreiflicher Geschäftigkeit, mit tausend zärtlichen häuslichen Sorgen,
woran er sonst im Leben nie gedacht, und man hatt ihn auf den Knien vor meinem
Bette rufen gehört: o lebe, mein Lieber! dass ich lebe!
    Es war ein glücklich Erwachen, Bellarmin! da mein Auge nun wieder dem Lichte
sich öffnete, und mit den Tränen des Wiedersehens der Herrliche vor mir stand.
    Ich reicht ihm die Hand hin, und der Stolze küsste sie mit allen Entzücken
der Liebe. Er lebt, rief er, o Retterin! o Natur! du gute, alles heilende! dein
armes Paar, das vaterlandslose, das irre, verlässest doch du nicht! O ich will
es nie vergessen, Hyperion! wie dein Schiff vor meinen Augen im Feuer aufging,
und donnernd, in die rasende Flamme die Schiffer mit sich hinaufriss, und unter
den wenigen geretteten kein Hyperion war. Ich war von Sinnen und der grimmige
Schlachtlärm stillte mich nicht. Doch hört ich bald von dir und flog dir nach,
sobald wir mit dem Feinde vollends fertig waren. -
    Und wie er nun mich hütete! wie er mit liebender Vorsicht mich gefangen
hielt in dem Zauberkreise seiner Gefälligkeiten! wie er, ohne ein Wort, mit
seiner grossen Ruhe mich lehrte, den freien Lauf der Welt neidlos und männlich zu
verstehen!
    O ihr Söhne der Sonne! ihr freieren Seelen! es ist viel verloren gegangen in
diesem Alabanda. Ich suchte umsonst und flehte das Leben an, seit er fort ist;
solch eine Römernatur hab ich nimmer gefunden. Der Sorgenfreie, der
Tiefverständige, der Tapfre, der Edle! Wo ist ein Mann, wenn ers nicht war? Und
wenn er freundlich war und fromm, da wars, wie wenn das Abendlicht im Dunkel der
majestätischen Eiche spielt und ihre Blätter träufeln vom Gewitter des Tags.
                             Hyperion an Bellarmin
Es war in den schönen Tagen des Herbsts, da ich von meiner Wunde halbgenesen zum
ersten Male wieder ans Fenster trat. Ich kam mit stilleren Sinnen wieder ins
Leben und meine Seele war aufmerksamer geworden. Mit seinem leisesten Zauber
wehte der Himmel mich an, und mild, wie ein Blütenregen, flossen die heitern
Sonnenstrahlen herab. Es war ein grosser, stiller, zärtlicher Geist in dieser
Jahrszeit, und die Vollendungsruhe, die Wonne der Zeitigung in den säuselnden
Zweigen umfing mich, wie die erneuerte Jugend, so die Alten in ihrem Elysium
hofften.
    Ich hatt es lange nicht mit reiner Seele genossen, das kindliche Leben der
Welt, nun tat mein Auge sich auf mit aller Freude des Wiedersehens und die
selige Natur war wandellos in ihrer Schöne geblieben. Meine Tränen flossen, wie
ein Sühnopfer, vor ihr, und schaudernd stieg ein frisches Herz mir aus dem alten
Unmut auf. O heilige Pflanzenwelt! rief ich, wir streben und sinnen und haben
doch dich! wir ringen mit sterblichen Kräften Schönes zu baun, und es wächst
doch sorglos neben uns auf! nicht wahr, Alabanda? für die Not zu sorgen, sind
die Menschen gemacht, das übrige gibt sich selber. Und doch - ich kann es nicht
vergessen, wie viel mehr ich gewollt.
    Lass dir genug sein, Lieber! dass du bist, rief Alabanda, und störe dein
stilles Wirken durch die Trauer nicht mehr.
    Ich will auch ruhen, sagt ich. O ich will die Entwürfe, die Fodrungen alle,
wie Schuldbriefe, zerreissen. Ich will mich rein erhalten, wie ein Künstler sich
hält, dich will ich lieben, harmlos Leben, Leben des Hains und des Quells! dich
will ich ehren, o Sonnenlicht! an dir mich stillen, schöner Aeter, der die
Sterne beseelt, und hier auch diese Bäume umatmet und hier im Innern der Brust
uns berührt! o Eigensinn der Menschen! wie ein Bettler, hab ich den Nacken
gesenkt und es sahen die schweigenden Götter der Natur mit allen ihren Gaben
mich an! - Du lächelst, Alabanda? o wie oft, in unsern ersten Zeiten, hast du so
gelächelt, wann dein Knabe vor dir plauderte, im trunknen Jugendmut, indes du
da, wie eine stille Tempelsäule, standst, im Schutt der Welt, und leiden
musstest, dass die wilden Ranken meiner Liebe dich umwuchsen - sieh! wie eine
Binde fällts von meinen Augen und die alten goldenen Tage sind lebendig wieder
da.
    Ach! rief er, dieser Ernst, in dem wir lebten und diese Lebenslust!
    Wenn wir jagten im Forst, rief ich, wenn in der Meersflut wir uns badeten,
wenn wir sangen und tranken, wo durch den Lorbeerschatten die Sonn und der Wein
und Augen und Lippen uns glänzten - es war ein einzig Leben und unser Geist
umleuchtete, wie ein glänzender Himmel, unser jugendlich Glück. Drum lässt auch
keiner von dem andern, sagte Alabanda.
    O ich habe dir ein schwer Bekenntnis abzulegen, sagt ich. Wirst du mir es
glauben, dass ich fort gewollt? von dir! dass ich gewaltsam meinen Tod gesucht!
war das nicht herzlos? rasend? ach und meine Diotima! sie soll mich lassen,
schrieb ich ihr, und drauf noch einen Brief, den Abend vor der Schlacht - und da
schriebst du, rief er, dass du in der Schlacht dein Ende finden wolltest? o
Hyperion! Doch hat sie wohl den letzten Brief noch nicht. Du musst nur eilen, ihr
zu schreiben, dass du lebst.
    Bester Alabanda! rief ich, das ist Trost! Ich schreibe gleich und schicke
meinen Diener fort damit. O ich will ihm alles, was ich habe, bieten, dass er
eilt und noch zu rechter Zeit nach Kalaurea kömmt. -
    Und den andern Brief, wo vom Entsagen die Rede war, versteht, vergibt die
gute Seele dir leicht, setzt' er hinzu.
    Vergibt sie? rief ich; o ihr Hoffnungen alle! ja! wenn ich noch glücklich
mit dem Engel würde!
    Noch wirst du glücklich sein, rief Alabanda; noch ist die schönste
Lebenszeit dir übrig. Ein Held ist der Jüngling, der Mann ein Gott, wenn ers
erleben kann.
    Es dämmerte mir wunderbar in der Seele bei seiner Rede.
    Der Bäume Gipfel schauerten leise; wie Blumen aus der dunklen Erde, sprossten
Sterne aus dem Schosse der Nacht und des Himmels Frühling glänzt' in heiliger
Freude mich an.
                             Hyperion an Bellarmin
Einige Augenblicke darauf, da ich eben an Diotima schreiben wollte, trat
Alabanda freudig wieder ins Zimmer. Ein Brief, Hyperion! rief er; ich schrak
zusammen und flog hinzu.
    Wie lange, schrieb Diotima, musst ich leben ohne ein Zeichen von dir! Du
schriebst mir von dem Schicksalstage in Misistra und ich antwortete schnell;
doch allem nach erhieltst du meinen Brief nicht. Du schriebst mir bald darauf
wieder, kurz und düster, und sagtest mir, du seist gesonnen, auf die russische
Flotte zu gehn; ich antwortete wieder; doch auch diesen Brief erhieltst du
nicht; nun harrt auch ich vergebens, vom Mai bis jetzt zum Ende des Sommers, bis
vor einigen Tagen der Brief kömmt, der mir sagt, ich möchte dir entsagen,
Lieber!
    Du hast auf mich gerechnet, hast mirs zugetraut, dass dieser Brief mich nicht
beleidigen könne. Das freute mich herzlich, mitten in meiner Betrübnis.
    Unglücklicher, hoher Geist! ich habe nur zu sehr dich gefasst. O es ist so
ganz natürlich, dass du nimmer lieben willst, weil deine grössern Wünsche
verschmachten. Musst du denn nicht die Speise verschmähn, wenn du daran bist,
Durstes zu sterben?
    Ich wusste es bald; ich konnte dir nicht Alles sein. Konnt ich die Bande der
Sterblichkeit dir lösen? konnt ich die Flamme der Brust dir stillen, für die
kein Quell fleusst und kein Weinstock wächst? konnt ich die Freuden einer Welt in
einer Schale dir reichen?
    Das willst du. Das bedarfst du, und du kannst nicht anders. Die grenzenlose
Unmacht deiner Zeitgenossen hat dich um dein Leben gebracht.
    Wem einmal, so, wie dir, die ganze Seele beleidiget war, der ruht nicht mehr
in einzelner Freude, wer so, wie du, das fade Nichts gefühlt, erheitert in
höchstem Geiste sich nur, wer so den Tod erfuhr, wie du, erholt allein sich
unter den Göttern.
    Glücklich sind sie alle, die dich nicht verstehen! Wer dich versteht, muss
deine Grösse teilen und deine Verzweiflung.
    Ich fand dich, wie du bist. Des Lebens erste Neugier trieb mich an das
wunderbare Wesen. Unaussprechlich zog die zarte Seele mich an und
kindischfurchtlos spielt ich um deine gefährliche Flamme. - Die schönen Freuden
unserer Liebe sänftigten dich; böser Mann! nur, um dich wilder zu machen. Sie
besänftigten, sie trösteten auch mich, sie machten mich vergessen, dass du im
Grunde trostlos warst, und dass auch ich nicht fern war, es zu werden, seit ich
dir in dein geliebtes Herz sah.
    In Aten, bei den Trümmern des Olympion ergriff es mich von neuem. Ich hatte
sonst wohl noch in einer leichten Stunde gedacht, des Jünglings Trauer sei doch
wohl so ernst und unerbittlich nicht. Es ist so selten, dass ein Mensch mit dem
ersten Schritt ins Leben so mit Einmal, so im kleinsten Punkt, so schnell, so
tief das ganze Schicksal seiner Zeit empfand, und dass es unaustilgbar in ihm
haftet, dies Gefühl, weil er nicht rauh genug ist, um es auszustossen, und nicht
schwach genug, es auszuweinen, das, mein Teurer! ist so selten, dass es uns fast
unnatürlich dünkt.
    Nun, im Schutt des heiteren Atens, nun ging mirs selbst zu nah, wie sich
das Blatt gewandt, dass jetzt die Toten oben über der Erde gehn und die
Lebendigen, die Göttermenschen drunten sind, nun sah ichs auch zu wörtlich und
zu wirklich dir aufs Angesicht geschrieben, nun gab ich dir auf ewig recht. Aber
zugleich erschienst du mir auch grösser. Ein Wesen voll geheimer Gewalt, voll
tiefer unentwickelter Bedeutung, ein einzig hoffnungsvoller Jüngling schienst du
mir. Zu wem so laut das Schicksal spricht, der darf auch lauter sprechen mit dem
Schicksal, sagt ich mir; je unergründlicher er leidet, um so unergründlich
mächtiger ist er. Von dir, von dir nur hofft ich alle Genesung. Ich sah dich
reisen. Ich sah dich wirken. O der Verwandlung! Von dir gestiftet, grünte wieder
des Akademus Hain über den horchenden Schülern und heilige Gespräche hörte, wie
einst, der Ahorn des Ilissus wieder.
    Den Ernst der Alten gewann in deiner Schule der Genius unserer Jünglinge
bald, und seine vergänglichen Spiele wurden unsterblicher, denn er schämte sich,
hielt für Gefangenschaft den Schmetterlingsflug. -
    Dem hätt, ein Ross zu lenken, genügt; nun ist er ein Feldherr. Allzugenügsam
hätte der ein eitel Liedchen gesungen; nun ist er ein Künstler. Denn die Kräfte
der Helden, die Kräfte der Welt hattest du aufgetan vor ihnen in offenem Kampf;
die Rätsel deines Herzens hattest du ihnen zu lösen gegeben; so lernten die
Jünglinge Grosses vereinen, lernten verstehn das Spiel der Natur, das
seelenvolle, und vergassen den Scherz. - Hyperion! Hyperion! hast du nicht mich,
die Unmündige, zur Muse gemacht? So ergings auch den andern.
    Ach! nun verliessen so leicht sich nicht die geselligen Menschen; wie der
Sand im Sturme der Wildnis irrten sie untereinander nicht mehr, noch höhnte sich
Jugend und Alter, noch fehlt' ein Gastfreund dem Fremden und die
Vaterlandsgenossen sonderten nimmer sich ab und die Liebenden entleideten alle
sich nimmer; an deinen Quellen, Natur, erfrischten sie sich, ach! an den
heiligen Freuden, die geheimnisvoll aus deiner Tiefe quillen und den Geist
erneun; und die Götter erheiterten wieder die verwelkliche Seele der Menschen;
es bewahrten die herzerhaltenden Götter jedes freundliche Bündnis unter ihnen.
Denn du, Hyperion! hattest deinen Griechen das Auge geheilt, dass sie das
Lebendige sahen, und die in ihnen, wie Feuer im Holze schlief, die Begeisterung
hattest du entzündet, dass sie fühlten die stille stete Begeisterung der Natur
und ihrer reinen Kinder. Ach! nun nahmen die Menschen die schöne Welt nicht
mehr, wie Laien des Künstlers Gedicht, wenn sie die Worte loben und den Nutzen
drin ersehn. Ein zauberisch Beispiel wurdest du, lebendige Natur! den Griechen,
und entzündet von der ewigjungen Götter Glück war alles Menschentun, wie einst,
ein Fest; und zu Taten geleitete, schöner als Kriegsmusik, die jungen Helden
Helios Licht.
    Stille! stille! Es war mein schönster Traum, mein erster und mein letzter.
Du bist zu stolz, dich mit dem bübisschen Geschlechte länger zu befassen. Du tust
auch recht daran. Du führtest sie zur Freiheit und sie dachten an Raub. Du
führst sie siegend in ihr altes Lacedämon ein und diese Ungeheuer plündern und
verflucht bist du von deinem Vater, grosser Sohn! und keine Wildnis, keine Höhle
ist sicher genug für dich auf dieser griechischen Erde, die du, wie ein
Heiligtum, geachtet, die du mehr, wie mich, geliebt.
    O mein Hyperion! ich bin das sanfte Mädchen nicht mehr, seit ich das alles
weiss. Die Entrüstung treibt mich aufwärts, dass ich kaum zur Erde sehen mag und
unablässig zittert mein beleidigtes Herz.
    Wir wollen uns trennen. Du hast recht. Ich will auch keine Kinder; denn ich
gönne sie der Sklavenwelt nicht, und die armen Pflanzen welkten mir ja doch in
dieser Dürre vor den Augen weg.
    Lebe wohl! du teurer Jüngling! geh du dahin, wo es dir der Mühe wert
scheint, deine Seele hinzugeben. Die Welt hat doch wohl Einen Walplatz, eine
Opferstätte, wo du dich entledigen magst. Es wäre schade, wenn die guten Kräfte
alle, wie ein Traumbild, so vergingen. Doch wie du auch ein Ende nimmst, du
kehrest zu den Göttern, kehrst ins heilge, freie, jugendliche Leben der Natur,
wovon du ausgingst, und das ist ja dein Verlangen nur und auch das meine.
    So schrieb sie mir. Ich war erschüttert bis ins Mark, voll Schrecken und
Lust, doch sucht ich mich zu fassen, um Worte zur Antwort zu finden.
    Du willigest ein, Diotima? schrieb ich, du billigest mein Entsagen? konntest
es begreifen? - Treue Seele! darein konntest du dich schicken? Auch in meine
finstern Irren konntest du dich schicken, himmlische Geduld! und gabst dich hin,
verdüstertest dich aus Liebe, glücklich Schosskind der Natur! und wardst mir
gleich und heiligtest durch deinen Beitritt meine Trauer? Schöne Heldin! welche
Krone verdientest du?
    Aber nun sei es auch des Trauerns genug, du Liebe! Du bist mir nachgefolgt
in meine Nacht, nun komm! und lass mich dir zu deinem Lichte folgen, zu deiner
Anmut lass uns wiederkehren, schönes Herz! o deine Ruhe lass mich wiedersehen,
selige Natur! vor deinem Friedensbilde meinen Übermut auf immer mir
entschlummern.
    Nicht wahr, du Teure! noch ist meine Rückkehr nicht zu spät, und du nimmst
mich wieder auf und kannst mich wieder lieben, wie sonst? nicht wahr, noch ist
das Glück vergangner Tage nicht für uns verloren?
    Ich hab es bis aufs Äusserste getrieben. Ich habe sehr undankbar an der
mütterlichen Erde gehandelt, habe mein Blut und alle Liebesgaben, die sie mir
gegeben, wie einen Knechtlohn, weggeworfen und ach! wie tausendmal undankbarer
an dir, du heilig Mädchen! das mich einst in seinen Frieden aufnahm, mich, ein
scheu zerrissnes Wesen, dem aus tiefgepresster Brust sich kaum ein Jugendschimmer
stahl, wie hie und da ein Grashalm auf zertretnen Wegen. Hattest du mich nicht
ins Leben gerufen? war ich nicht dein? wie konnt ich denn - o du weisst es, wie
ich hoffe, noch nicht, hast noch den Unglücksbrief nicht in den Händen, den ich
vor der letzten Schlacht dir schrieb? Da wollt ich sterben, Diotima, und ich
glaubt, ein heilig Werk zu tun. Aber wie kann das heilig sein, was Liebende
trennt? wie kann das heilig sein, was unsers Lebens frommes Glück zerrüttet? -
Diotima! schöngebornes Leben! ich bin dir jetzt dafür in deinem Eigensten um so
ähnlicher geworden, ich hab es endlich achten gelernt, ich hab es bewahren
gelernt, was gut und innig ist auf Erden. O wenn ich auch dort oben landen
könnte an den glänzenden Inseln des Himmels, fänd ich mehr, als ich bei Diotima
finde?
    Höre mich nun, Geliebte!
    In Griechenland ist meines Bleibens nicht mehr. Das weisst du. Bei seinem
Abschied hat mein Vater mir so viel von seinem Überflusse geschickt, als
hinreicht, in ein heilig Tal der Alpen oder Pyrenäen uns zu flüchten, und da ein
freundlich Haus und auch von grüner Erde so viel zu kaufen, als des Lebens
goldene Mittelmässigkeit bedarf.
    Willst du, so komm ich gleich und führ an treuem Arme dich und deine Mutter
und wir küssen Kalaureas Ufer und trocknen die Tränen uns ab, und eilen über den
Istmus hinein ans Adriatische Meer, von wo ein sicher Schiff uns weiter bringt.
    O komm! in den Tiefen der Gebirgswelt wird das Geheimnis unsers Herzens
ruhn, wie das Edelgestein im Schacht, im Schosse der himmelragenden Wälder, da
wird uns sein, wie unter den Säulen des innersten Tempels, wo die Götterlosen
nicht nahn, und wir werden sitzen am Quell, in seinem Spiegel unsre Welt
betrachten, den Himmel und Haus und Garten und uns. Oft werden wir in heiterer
Nacht im Schatten unsers Obstwalds wandeln und den Gott in uns, den liebenden,
belauschen, indes die Pflanze aus dem Mittagsschlummer ihr gesunken Haupt erhebt
und deiner Blumen stilles Leben sich erfrischt, wenn sie im Tau die zarten Arme
baden, und die Nachtluft kühlend sie umatmet und durchdringt, und über uns blüht
die Wiese des Himmels mit all ihren funkelnden Blumen und seitwärts ahmt das
Mondlicht hinter westlichem Gewölk den Niedergang des Sonnenjünglings, wie aus
Liebe schüchtern nach - und dann des Morgens, wenn sich, wie ein Flussbett unser
Tal mit warmem Lichte füllt, und still die goldne Flut durch unsre Bäume rinnt,
und unser Haus umwallt und die lieblichen Zimmer, deine Schöpfung dir verschönt,
und du in ihrem Sonnenglanze gehst und mir den Tag in deiner Grazie segnest,
Liebe! wenn sich dann, indes wir so die Morgenwonne feiern, der Erde geschäftig
Leben, wie ein Opferbrand, vor unsern Augen entzündet, und wir nun hingehn, um
auch unser Tagwerk, um von uns auch einen Teil in die steigende Flamme zu
werfen, wirst du da nicht sagen, wir sind glücklich, wir sind wieder, wie die
alten Priester der Natur, die heiligen und frohen, die schon fromm gewesen, eh
ein Tempel stand.
    Hab ich genug gesagt? entscheide nun mein Schicksal, teures Mädchen, und
bald! - Es ist ein Glück, dass ich noch halb ein Kranker bin, von der letzten
Schlacht her, und dass ich noch aus meinem Dienste nicht entlassen bin; ich
könnte sonst nicht bleiben, ich müsste selbst fort, müsste fragen, und das wäre
nicht gut, das hiesse dich bestürmen. -
    Ach Diotima! bange törichte Gedanken fallen mir aufs Herz und doch - ich
kann es nicht denken, dass auch diese Hoffnung scheitern soll.
    Bist du denn nicht zu gross geworden, um noch wiederzukehren zu dem Glück der
Erde? verzehrt die heftige Geistesflamme, die an deinem Leiden sich entzündete,
verzehrt sie nicht alles Sterbliche dir?
    Ich weiss es wohl, wer leicht sich mit der Welt entzweit, versöhnt auch
leichter sich mit ihr. Aber du, mit deiner Kinderstille, du, so glücklich einst
in deiner hohen Demut, Diotima! wer will dich versöhnen, wenn das Schicksal dich
empört?
    Liebes Leben! ist denn keine Heilkraft mehr für dich in mir? von allen
Herzenslauten ruft dich keiner mehr zurück, ins menschliche Leben, wo du einst
so lieblich mit gesenktem Fluge dich verweilt? o komm, o bleib in dieser
Dämmerung! Dies Schattenland ist ja das Element der Liebe und hier nur rinnt der
Wehmut stiller Tau vom Himmel deiner Augen.
    Und denkst du unsrer goldenen Tage nicht mehr? der holdseligen,
göttlichmelodischen? säuseln sie nicht aus allen Hainen von Kalaurea dich an?
    Und sieh! es ist so manches in mir untergegangen, und ich habe der
Hoffnungen nicht viele mehr. Dein Bild mit seinem Himmelssinne, hab ich noch,
wie einen Hausgott, aus dem Brande gerettet. Unser Leben, unsers ist noch
unverletzt in mir. Sollt ich nun hingehn und auch dies begraben? Soll ich
ruhelos und ohne Ziel hinaus, von einer Fremde in die andre? Hab ich darum
lieben gelernt?
    O nein! du Erste und du Letzte! Mein warst du, du wirst die Meine bleiben.
                             Hyperion an Bellarmin
Ich sass mit Alabanda auf einem Hügel der Gegend, in lieblichwärmender Sonn, und
um uns spielte der Wind mit abgefallenem Laube. Das Land war stumm; nur hie und
da ertönt' im Wald ein stürzender Baum, vom Landmann gefällt, und neben uns
murmelte der vergängliche Regenbach hinab ins ruhige Meer.
    Ich war so ziemlich sorglos; ich hoffte, nun meine Diotima bald zu sehn, nun
bald mit ihr in stillem Glücke zu leben. Alabanda hatte die Zweifel alle mir
ausgeredet; so sicher war er selbst hierüber. Auch er war heiter; nur in andrem
Sinne. Die Zukunft hatte keine Macht mehr über ihn. O ich wusst es nicht; er war
am Ende seiner Freuden, sah mit allen seinen Rechten an die Welt, mit seiner
ganzen siegrischen Natur sich unnütz, wirkungslos und einsam, und das liess er so
geschehn, als wär ein zeitverkürzend Spiel verloren.
    Jetzt kam ein Bote auf uns zu. Er bracht uns die Entlassung aus dem
Kriegsdienst, um die wir beide bei der russischen Flotte gebeten, weil für uns
nichts mehr zu tun war, was der Mühe wert schien. Ich konnte nun Paros
verlassen, wenn ich wollte. Auch war ich nun zur Reise gesund genug. Ich wollte
nicht auf Diotimas Antwort warten, wollte fort zu ihr, es war, als wenn ein Gott
nach Kalaurea mich triebe. Wie das Alabanda von mir hörte, veränderte sich seine
Farbe und er sah wehmütig mich an. So leicht wirds meinem Hyperion, rief er,
seinen Alabanda zu verlassen?
    Verlassen? sagt ich, wie denn das?
    O über euch Träumer! rief er, siehest du denn nicht, dass wir uns trennen
müssen?
    Wie sollt ichs sehen? erwidert ich; du sagst ja nichts davon; und was mir
hie und da erschien an dir, das wie auf einen Abschied deutete, das nahm ich
gerne für Laune, für Herzensüberfluss -
    O ich kenn es, rief er, dieses Götterspiel der reichen Liebe, die sich
selber Not schafft, um sich ihrer Fülle zu entladen und ich wollt, es wäre so
mit mir, du Guter! aber hier ists Ernst!
    Ernst? rief ich, und warum denn?
    Darum, mein Hyperion, sagt' er sanft, weil ich dein künftig Glück nicht
gerne stören möchte, weil ich Diotimas Nähe fürchten muss. Glaube mir, es ist
gewagt, um Liebende zu leben, und ein tatlos Herz, wie meines nun ist, hält es
schwerlich aus.
    Ach guter Alabanda! sagt ich lächelnd, wie misskennst du dich! Du bist so
wächsern nicht und deine feste Seele springt so leicht nicht über ihre Grenzen.
Zum ersten Mal in deinem Leben bist du grillenhaft. Du machtest hier bei mir den
Krankenwärter und man sieht, wie wenig du dazu geboren bist. Das Stillesitzen
hat dich scheu gemacht -
    Siehst du? rief er, das ists eben. Werd ich tätiger leben mit euch? und wenn
es eine Andre wäre! aber diese Diotima! kann ich anders? kann ich sie mit halber
Seele fühlen? sie, die um und um so innig Eines ist, Ein göttlich ungeteiltes
Leben? Glaube mir, es ist ein kindischer Versuch, dies Wesen sehn zu wollen ohne
Liebe. Du blickst mich an, als kenntest du mich nicht? Bin ich doch selbst mir
fremd geworden, diese letzten Tage, seit ihr Wesen so lebendig ist in mir.
    O warum kann ich sie dir nicht schenken? rief ich.
    Lass das! sagt' er. Tröste mich nicht, denn hier ist nichts zu trösten. Ich
bin einsam, einsam, und mein Leben geht, wie eine Sanduhr, aus.
    Grosse Seele! rief ich, muss es dahin mit dir kommen?
    Sei zufrieden! sagt' er. Ich fing schon an zu welken, da wir in Smyrna uns
fanden. Ja! da ich noch ein Schiffsjung war und stark und schnell der Geist und
alle Glieder mir wurden bei rauher Kost, in mutiger Arbeit! Wenn ich da in
heiterer Luft nach einer Sturmnacht oben am Gipfel des Masts hing, unter der
wehenden Flagge, und dem Seegevögel nach hinaussah über die glänzende Tiefe,
wenn in der Schlacht oft unsre zornigen Schiffe die See durchwühlten, wie der
Zahn des Ebers die Erd und ich an meines Hauptmanns Seite stand mit hellem Blick
- da lebt ich, o da lebt ich! Und lange nachher, da der junge Tiniote mir nun am
Smyrner Strande begegnete, mit seinem Ernste, seiner Liebe, und meine verhärtete
Seele wieder aufgetaut war von den Blicken des Jünglings und lieben lernt' und
heilig halten alles, was zu gut ist, um beherrscht zu werden, da ich mit ihm ein
neues Leben begann, und neue seelenvollere Kräfte mir keimten zum Genusse der
Welt und zum Kampfe mit ihr, da hofft ich wieder - ach! und alles was ich hofft
und hatte, war an dich gekettet; ich riss dich an mich, wollte mit Gewalt dich in
mein Schicksal ziehn, verlor dich, fand dich wieder, unsre Freundschaft nur war
meine Welt, mein Wert, mein Ruhm; nun ists auch damit aus, auf immer und all
mein Dasein ist vergebens.
    Ist denn das wahr? erwidert ich mit Seufzen.
    Wahr, wie die Sonne, rief er, aber lass das gut sein! es ist für alles
gesorgt.
    Wie so, mein Alabanda? sagt ich.
    Lass mich dir erzählen, sagt' er. Ich habe noch nie dir ganz von einer
gewissen Sache gesprochen. Und dann - so stillt es auch dich und mich ein wenig,
wenn wir sprechen von Vergangenem.
    Ich ging einst hülflos an dem Hafen von Triest. Das Kaperschiff, worauf ich
diente, war einige Jahre zuvor gescheitert, und ich hatte kaum mit wenigen ans
Ufer von Sevilla mich gerettet. Mein Hauptmann war ertrunken und mein Leben und
mein triefend Kleid war alles, was mir blieb. Ich zog mich aus und ruht im
Sonnenschein und trocknete die Kleider an den Sträuchen. Drauf ging ich weiter
auf der Strasse nach der Stadt. Noch vor den Toren sah ich heitere Gesellschaft
in den Gärten, ging hinein, und sang ein griechisch lustig Lied. Ein trauriges
kannt ich nicht. Ich glühte dabei vor Scham und Schmerz, mein Unglück so zur
Schau zu tragen. Ich war ein achtzehnjähriger Knabe, wild und stolz, und hasst es
wie den Tod, zum Gegenstande der Menschen zu werden. Vergebt mir, sagt ich, da
ich fertig war mit meinem Liede; ich komme so eben aus dem Schiffbruch und weiss
der Welt für heute keinen bessern Dienst zu tun, als ihr zu singen. Ich hatte
das, so gut es ging, in spanischer Sprache gesagt. Ein Mann mit ausgezeichnetem
Gesichte trat mir näher, gab mir Geld und sagt' in unserer Sprache mit Lächeln:
Da! kauf einen Schleifstein dir dafür und lerne Messer schärfen und wandre so
durchs feste Land. Der Rat gefiel mir. Herr! das will ich in der Tat; erwidert
ich. Noch wurd ich reichlich von den übrigen beschenkt und ging und tat, wie mir
der Mann geraten hatte, und trieb mich so in Spanien und Frankreich einige Zeit
herum.
    Was ich in dieser Zeit erfuhr, wie an der Knechtschaft tausendfältigen
Gestalten meine Freiheitsliebe sich schärft' und wie aus mancher harten Not mir
Lebensmut und kluger Sinn erwuchs, das hab ich oft mit Freude dir gesagt.
    Ich trieb mein wandernd schuldlos Tagewerk mit Lust, doch wurd es endlich
mir verbittert.
    Man nahm es für Maske, weil ich nicht gemein genug daneben aussehn mochte,
man bildete sich ein, ich treib im stillen ein gefährlicher Geschäft, und
wirklich wurd ich zweimal in Verhaft genommen. Das bewog mich dann, es
aufzugeben und ich trat mit wenig Gelde, das ich mir gewonnen, meine Rückkehr an
zur Heimat, der ich einst entlaufen war. Schon war ich in Triest und wollte
durch Dalmatien hinunter. Da befiel mich von der harten Reise eine Krankheit und
mein kleiner Reichtum ging darüber auf. So ging ich halbgenesen traurig an dem
Hafen von Triest. Mit Einmal stand der Mann vor mir, der an dem Ufer von Sevilla
meiner einst sich angenommen hatte. Er freute sich sonderbar, mich wieder zu
sehen, sagte mir, dass er sich meiner oft erinnert und fragte mich, wie mirs
indes ergangen sei. Ich sagt ihm alles. Ich sehe, rief er, dass es nicht umsonst
war, dich ein wenig in die Schule des Schicksals zu schicken. Du hast dulden
gelernt, du sollst nun wirken, wenn du willst.
    Die Rede, sein Ton, sein Händedruck, seine Miene, sein Blick, das alles
traf, wie eines Gottes Macht, mein Wesen, das von manchem Leiden jetzt gerad
entzündbarer, als je, war, und ich gab mich hin.
    Der Mann, Hyperion, von dem ich spreche, war von jenen einer, die du in
Smyrna bei mir sahest. Er führte gleich die Nacht darauf in eine feierliche
Gesellschaft mich ein. Ein Schauer überlief mich, da ich in den Saal trat und
beim Eintritt mein Begleiter mir die ernsten Männer wies und sagte: Dies ist der
Bund der Nemesis. Berauscht vom grossen Wirkungskreise, der vor mir sich auftat,
übermacht ich feierlich mein Blut und meine Seele diesen Männern. Bald nachher
wurde die Versammlung aufgehoben, um in Jahren anderswo sich zu erneuern und ein
jeder trat den angewiesenen Weg an, den er durch die Welt zu machen hatte. Ich
wurde denen beigesellt, die du in Smyrna einige Jahre nachher bei mir fandst.
    Der Zwang, worin ich lebte, folterte mich oft, auch sah ich wenig von den
grossen Wirkungen des Bundes und meine Tatenlust fand kahle Nahrung. Doch all
dies reichte nicht hin, um mich zu einem Abfall zu vermögen. Die Leidenschaft zu
dir verleitete mich endlich. Ich habs dir oft gesagt, ich war wie ohne Luft und
Sonne, da du fort warst; und anders hatt ich keine Wahl; ich musste dich
aufgeben, oder meinen Bund. Was ich erwählte, siehst du.
    Aber alles Tun des Menschen hat am Ende seine Strafe, und nur die Götter und
die Kinder trifft die Nemesis nicht.
    Ich zog das Götterrecht des Herzens vor. Um meines Lieblings willen brach
ich meinen Eid. War das nicht billig? muss das edelste Sehnen nicht das freieste
sein? - Mein Herz hat mich beim Worte genommen; ich gab ihm Freiheit und du
siehst, es braucht sie.
    Huldige dem Genius Einmal und er achtet dir kein sterblich Hindernis mehr
und reisst dir alle Bande des Lebens entzwei.
    Verpflichtung brach ich um des Freundes willen, Freundschaft würd ich
brechen um der Liebe willen. Um Diotimas willen würd ich dich betrügen und am
Ende mich und Diotima morden, weil wir doch nicht Eines wären. Aber es soll
nicht seinen Gang gehn; soll ich büssen, was ich tat, so will ich es mit
Freiheit; meine eignen Richter wähl ich mir; an denen ich gefehlt, die sollen
mich haben.
    Sprichst du von deinen Bundesbrüdern? rief ich; o mein Alabanda! tue das
nicht!
    Was können sie mir nehmen, als mein Blut? erwidert' er. Dann fasst' er sanft
mich bei der Hand. Hyperion! rief er, meine Zeit ist aus, und was mir übrig
bleibt, ist nur ein edles Ende. Lass mich! mache mich nicht klein und fasse
Glauben an mein Wort! Ich weiss so gut, wie du, ich könnte mir ein Dasein noch
erkünsteln, könnte, weil des Lebens Mahl verzehrt ist, mit den Brosamen noch
spielen, aber das ist meine Sache nicht; auch nicht die deine. Brauch ich mehr
zu sagen? Sprech ich nicht aus deiner Seele dir? Ich dürste nach Luft, nach
Kühlung, Hyperion! Meine Seele wallt mir über von selbst und hält im alten
Kreise nicht mehr. Bald kommen ja die schönen Wintertage, wo die dunkle Erde
nichts mehr ist, als die Folie des leuchtenden Himmels, da wär es gute Zeit, da
blinken ohnedies gastfreundlicher die Inseln des Lichts! - dich wundert die
Rede? Liebster! alle Scheidenden sprechen, wie Trunkne, und nehmen gerne sich
festlich. Wenn der Baum zu welken anfängt, tragen nicht alle seine Blätter die
Farbe des Morgenrots?
    Grosse Seele, rief ich, muss ich Mitleid für dich tragen?
    Ich fühlt an seiner Höhe, wie tief er litt. Ich hatte solches Weh im Leben
nie erfahren. Und doch, o Bellarmin! doch fühlt ich auch die Grösse aller
Freuden, solch ein Götterbild in Augen und Armen zu haben. Ja! stirb nur, rief
ich, stirb! Dein Herz ist herrlich genug, dein Leben ist reif, wie die Trauben
am Herbsttag. Geh, Vollendeter! ich ginge mit dir, wenn es keine Diotima gäbe.
    Hab ich dich nun? erwidert' Alabanda, sprichst du so? wie tief, wie
seelenvoll wird alles, wenn mein Hyperion es einmal fasst! Er schmeichelt, rief
ich, um das unbesonnene Wort zum zweiten Male mir abzulocken! gute Götter! um
von mir Erlaubnis zu gewinnen zu der Reise nach dem Blutgericht!
    Ich schmeichle nicht, erwidert' er mit Ernst, ich hab ein Recht, zu tun, was
du verhindern willst, und kein gemeines! ehre das!
    Es war ein Feuer in seinen Augen, das, wie ein Göttergebot, mich
niederschlug und ich schämte mich, nur ein Wort noch gegen ihn zu sagen.
    Sie werden es nicht, dacht ich mitunter, sie können es nicht. Es ist zu
sinnlos, solch ein herrlich Leben hinzuschlachten, wie ein Opfertier, und dieser
Glaube machte mich ruhig.
    Es war ein eigner Gewinn, ihn noch zu hören, in der Nacht darauf, nachdem
ein jeder für seine eigne Reise gesorgt, und wir vor Tagesanbruch wieder
hinausgegangen waren, um noch einmal allein zusammen zu sein.
    Weisst du, sagt' er unter andrem, warum ich nie den Tod geachtet? Ich fühl in
mir ein Leben, das kein Gott geschaffen, und kein Sterblicher gezeugt. Ich
glaube, dass wir durch uns selber sind, und nur aus freier Lust so innig mit dem
All verbunden.
    So etwas hab ich nie von dir gehört, erwidert ich.
    Was wär auch, fuhr er fort, was wär auch diese Welt, wenn sie nicht wär ein
Einklang freier Wesen? wenn nicht aus eignem frohem Triebe die Lebendigen von
Anbeginn in ihr zusammenwirkten in Ein vollstimmig Leben, wie hölzern wäre sie,
wie kalt? welch herzlos Machwerk wäre sie?
    So wär es hier im höchsten Sinne wahr, erwidert ich, dass ohne Freiheit alles
tot ist.
    Ja wohl, rief er, wächst doch kein Grashalm auf, wenn nicht ein eigner
Lebenskeim in ihm ist! wie viel mehr in mir! und darum, Lieber! weil ich frei im
höchsten Sinne, weil ich anfangslos mich fühle, darum glaub ich, dass ich endlos,
dass ich unzerstörbar bin. Hat mich eines Töpfers Hand gemacht, so mag er sein
Gefäss zerschlagen, wie es ihm gefällt. Doch was da lebt, muss unerzeugt, muss
göttlicher Natur in seinem Keime sein, erhaben über alle Macht, und alle Kunst,
und darum unverletzlich, ewig.
    Jeder hat seine Mysterien, lieber Hyperion! seine geheimern Gedanken; dies
waren die meinen; seit ich denke.
    Was lebt, ist unvertilgbar, bleibt in seiner tiefsten Knechtsform frei,
bleibt Eins und wenn du es scheidest bis auf den Grund, bleibt unverwundet und
wenn du bis ins Mark es zerschlägst und sein Wesen entfliegt dir siegend unter
den Händen. - Aber der Morgenwind regt sich; unsre Schiffe sind wach. O mein
Hyperion! ich hab es überwunden; ich hab es über mich vermocht, das Todesurteil
über mein Herz zu sprechen und dich und mich zu trennen, Liebling meines Lebens!
schone mich nun! erspare mir den Abschied! lass uns schnell sein! komm! -
    Mir flog es kalt durch alle Gebeine, da er so begann.
    O um deiner Treue willen, Alabanda! rief ich vor ihm niedergeworfen, muss es,
muss es denn sein? Du übertäubtest mich unredlicherweise, du rissest in einen
Taumel mich hin. Bruder! nicht so viel Besinnung liessest du mir, um eigentlich
zu fragen, wohin gehst du?
    Ich darf den Ort nicht nennen, liebes Herz! erwidert' er; wir sehn
vielleicht uns dennoch einmal wieder.
    Wiedersehn? erwidert ich; so bin ich ja um einen Glauben reicher! und so
werd ich reicher werden und reicher an Glauben und am Ende wird mir alles Glaube
sein.
    Lieber! rief er, lass uns still sein, wo die Worte nichts helfen! lass uns
männlich enden! Du verderbst die letzten Augenblicke dir.
    Wir waren so dem Hafen näher gekommen.
    Noch Eines! sagt' er, da wir nun bei seinem Schiffe waren. Grüsse deine
Diotima! Liebt euch! werdet glücklich, schöne Seelen!
    O mein Alabanda! rief ich, warum kann ich nicht an deiner Stelle gehn?
    Dein Beruf ist schöner, erwidert' er; behalt ihn! ihr gehörst du, jenes
holde Wesen ist von nun an deine Welt - ach! weil kein Glück ist ohne Opfer,
nimm als Opfer mich, o Schicksal, an, und lass die Liebenden in ihrer Freude! -
    Sein Herz fing an, ihn zu überwältigen und er riss sich von mir und sprang
ins Schiff, um sich und mir den Abschied abzukürzen. Ich fühlte diesen
Augenblick, wie einen Wetterschlag, dem Nacht und Totenstille folgte, aber
mitten in dieser Vernichtung raffte meine Seele sich auf, ihn zu halten, den
teuren Scheidenden und meine Arme zückten von selbst nach ihm. Weh! Alabanda!
Alabanda! rief ich, und ein dumpfes Lebewohl hört ich vom Schiffe herüber.
                             Hyperion an Bellarmin
Zufällig hielt das Fahrzeug, das nach Kalaurea mich bringen sollte, noch bis zum
Abend sich auf, nachdem Alabanda schon den Morgen seinen Weg gegangen war.
    Ich blieb am Ufer, blickte still, von den Schmerzen des Abschieds müd, in
die See, von einer Stunde zur andern. Die Leidenstage der langsamsterbenden
Jugend überzählte mein Geist, und irre, wie die schöne Taube, schwebt' er über
dem Künftigen. Ich wollte mich stärken, ich nahm mein längstvergessenes
Lautenspiel hervor, um mir ein Schicksalslied zu singen, das ich einst in
glücklicher unverständiger Jugend meinem Adamas nachgesprochen.
Ihr wandelt droben im Licht
Auf weichem Boden, selige Genien!
Glänzende Götterlüfte
Rühren euch leicht,
Wie die Finger der Künstlerin
Heilige Saiten.
Schicksallos, wie der schlafende
Säugling, atmen die Himmlischen;
Keusch bewahrt
In bescheidener Knospe,
Blühet ewig
Ihnen der Geist,
Und die seligen Augen
Blicken in stiller
Ewiger Klarheit.
Doch uns ist gegeben,
Auf keiner Stätte zu ruhn,
Es schwinden, es fallen
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer
Stunde zur andern,
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen,
Jahr lang ins Ungewisse hinab.
So sang ich in die Saiten. Ich hatte kaum geendet, als ein Boot einlief, wo ich
meinen Diener gleich erkannte, der mir einen Brief von Diotima überbrachte.
    So bist du noch auf Erden? schrieb sie, und siehest das Tageslicht noch? Ich
dachte dich anderswo zu finden, mein Lieber! Ich habe früher, als du nachher
wünschtest, den Brief erhalten, den du vor der Schlacht bei Tschesme schriebst
und so lebt ich eine Woche lang in der Meinung, du habst dem Tod dich in die
Arme geworfen, ehe dein Diener ankam mit der frohen Botschaft, dass du noch
lebest. Ich hatt auch ohnedies noch einige Tage nach der Schlacht gehört, das
Schiff, worauf ich dich wusste, sei mit aller Mannschaft in die Luft geflogen.
    Aber o süsse Stimme! noch hört ich dich wieder, noch einmal rührte, wie
Mailuft, mich die Sprache des Lieben, und deine schöne Hoffnungsfreude, das
holde Phantom unsers künftigen Glücks, hat einen Augenblick auch mich getäuscht.
    Lieber Träumer, warum muss ich dich wecken? warum kann ich nicht sagen, komm,
und mache wahr die schönen Tage, die du mir verheissen! Aber es ist zu spät,
Hyperion, es ist zu spät. Dein Mädchen ist verwelkt, seitdem du fort bist, ein
Feuer in mir hat mählich mich verzehrt, und nur ein kleiner Rest ist übrig.
Entsetze dich nicht! Es läutert sich alles Natürliche, und überall windet die
Blüte des Lebens freier und freier vom gröbern Stoffe sich los.
    Liebster Hyperion! du dachtest wohl nicht, mein Schwanenlied in diesem Jahre
zu hören.
                                  Fortsetzung
Bald, da du fort warst, und noch in den Tagen des Abschieds fing es an. Eine
Kraft im Geiste, vor der ich erschrak, ein innres Leben, vor dem das Leben der
Erd erblasst' und schwand, wie Nachtlampen im Morgenrot - - soll ichs sagen? ich
hätte mögen nach Delphi gehn und dem Gott der Begeisterung einen Tempel bauen
unter den Felsen des alten Parnass, und, eine neue Pytia, die schlaffen Völker
mit Göttersprüchen entzünden, und meine Seele weiss, den Gottverlassnen allen
hätte der jungfräuliche Mund die Augen geöffnet und die dumpfen Stirnen
entfaltet, so mächtig war der Geist des Lebens in mir! Doch müder und müder
wurden die sterblichen Glieder und die ängstigende Schwere zog mich unerbittlich
hinab. Ach! oft in meiner stillen Laube hab ich um der Jugend Rosen geweint! sie
welkten und welkten, und nur von Tränen färbte deines Mädchens Wange sich rot.
Es waren die vorigen Bäume noch, es war die vorige Laube - da stand einst deine
Diotima, dein Kind, Hyperion, vor deinen glücklichen Augen, eine Blume unter den
Blumen und die Kräfte der Erde und des Himmels trafen sich friedlich zusammen in
ihr; nun ging sie, eine Fremdlingin unter den Knospen des Mais, und ihre
Vertrauten, die lieblichen Pflanzen, nickten ihr freundlich, sie aber konnte nur
trauern; doch ging ich keine vorüber, doch nahm ich einen Abschied um den andern
von all den Jugendgespielen, den Hainen und Quellen und säuselnden Hügeln.
    Ach! oft mit schwerer süsser Mühe bin ich noch, so lang ichs konnte, auf die
Höhe gegangen, wo du bei Notara gewohnt, und habe von dir mit dem Freunde
gesprochen, so leichten Sinns, als möglich war, damit er nichts von mir dir
schreiben sollte; bald aber, wenn das Herz zu laut ward, schlich die Heuchlerin
sich hinaus in den Garten, und da war ich nun am Geländer, über dem Felsen, wo
ich einst mit dir hinab sah, und hinaus in die offne Natur, ach! wo ich stand,
von deinen Händen gehalten, von deinen Augen umlauscht, im ersten schaudernden
Erwarmen der Liebe und die überwallende Seele auszugiessen wünschte, wie einen
Opferwein, in den Abgrund des Lebens, da wankt ich nun umher und klagte dem
Winde mein Leid, und wie ein scheuer Vogel, irrte mein Blick und wagt' es kaum,
die schöne Erde anzusehn, von der ich scheiden sollte.
                                  Fortsetzung
So ists mit deinem Mädchen geworden, Hyperion. Frage nicht wie? erkläre diesen
Tod dir nicht! Wer solch ein Schicksal zu ergründen denkt, der flucht am Ende
sich und allem, und doch hat keine Seele Schuld daran.
    Soll ich sagen, mich habe der Gram um dich getötet? o nein! o nein! er war
mir ja willkommen, dieser Gram, er gab dem Tode, den ich in mir trug, Gestalt
und Anmut; deinem Lieblinge zur Ehre stirbst du, konnt ich nun mir sagen. -
    Oder ist mir meine Seele zu reif geworden in all den Begeisterungen unserer
Liebe und hält sie darum mir nun, wie ein übermütiger Jüngling, in der
bescheidenen Heimat nicht mehr? sprich! war es meines Herzens Üppigkeit, die
mich entzweite mit dem sterblichen, Leben? ist die Natur in mir durch dich, du
Herrlicher! zu stolz geworden, um sichs länger gefallen zu lassen auf diesem
mittelmässigen Sterne? Aber hast du sie fliegen gelehrt, warum lehrst du meine
Seele nicht auch, dir wiederzukehren? Hast du das äterliebende Feuer
angezündet, warum hütetest du mir es nicht? - Höre mich, Lieber! um deiner
schönen Seele willen! klage du dich über meinem Tode nicht an!
    Konntest du denn mich halten, als dein Schicksal dir denselben Weg wies?
und, hättst du im Heldenkampfe deines Herzens mir geprediget - lass dir genügen,
Kind! und schick in die Zeit dich - wärst du nicht der eitelste von allen eiteln
gewesen?
                                  Fortsetzung
Ich will es dir gerade sagen, was ich glaube. Dein Feuer lebt' in mir, dein
Geist war in mich übergegangen; aber das hätte schwerlich geschadet, und nur
dein Schicksal hat mein neues Leben mir tödlich gemacht. Zu mächtig war mir
meine Seele durch dich, sie wäre durch dich auch wieder stille geworden. Du
entzogst mein Leben der Erde, du hättest auch Macht gehabt, mich an die Erde zu
fesseln, du hättest meine Seele, wie in einen Zauberkreis, in deine umfangenden
Arme gebannt; ach! Einer deiner Herzensblicke hätte mich fest gehalten, Eine
deiner Liebesreden hätte mich wieder zum frohen gesunden Kinde gemacht; doch da
dein eigen Schicksal dich in Geisteseinsamkeit, wie Wasserflut auf Bergesgipfel
trieb, o da erst, als ich vollends meinte, dir habe das Wetter der Schlacht den
Kerker gesprengt und mein Hyperion sei aufgeflogen in die alte Freiheit, da
entschied sich es mit mir und wird nun bald sich enden.
    Ich habe viele Worte gemacht, und stillschweigend starb die grosse Römerin
doch, da im Todeskampf ihr Brutus und das Vaterland rang. Was konnt ich aber
bessers in den besten meiner letzten Lebenstage tun? - Auch treibt michs immer,
mancherlei zu sagen. Stille war mein Leben; mein Tod ist beredt. Genug!
                                  Fortsetzung
Nur Eines muss ich dir noch sagen.
    Du müsstest untergehn, verzweifeln müsstest du, doch wird der Geist dich
retten. Dich wird kein Lorbeer trösten und kein Myrtenkranz; der Olymp wirds,
der lebendige, gegenwärtige, der ewig jugendlich um alle Sinne dir blüht. Die
schöne Welt ist mein Olymp; in diesem wirst du leben, und mit den heiligen Wesen
der Welt, mit den Göttern der Natur, mit diesen wirst du freudig sein.
    O seid willkommen, ihr Guten, ihr Treuen! ihr Tiefvermissten, Verkannten!
Kinder und Älteste! Sonn und Erd und Aeter mit allen lebenden Seelen, die um
euch spielen, die ihr umspielt, in ewiger Liebe! o nimmt die allesversuchenden
Menschen, nimmt die Flüchtlinge wieder in die Götterfamilie, nimmt in die Heimat
der Natur sie auf, aus der sie entwichen! -
    Du kennst dies Wort, Hyperion! Du hast es angefangen in mir. Du wirsts
vollenden in dir, und dann erst ruhn.
    Ich habe genug daran, um freudig, als ein griechisch Mädchen zu sterben.
    Die Armen, die nichts kennen, als ihr dürftig Machwerk, die der Not nur
dienen und den Genius verschmähn, und dich nicht ehren, kindlich Leben der
Natur! die mögen vor dem Tode sich fürchten. Ihr Joch ist ihre Welt geworden;
Besseres, als ihren Knechtsdienst, kennen sie nicht; scheun die Götterfreiheit,
die der Tod uns gibt?
    Ich aber nicht! ich habe mich des Stückwerks überhoben, das die
Menschenhände gemacht, ich hab es gefühlt, das Leben der Natur, das höher ist,
denn alle Gedanken - wenn ich auch zur Pflanze würde, wäre denn der Schade so
gross? - Ich werde sein. Wie sollt ich mich verlieren aus der Sphäre des Lebens,
worin die ewige Liebe, die allen gemein ist, die Naturen alle zusammenhält? wie
sollt ich scheiden aus dem Bunde, der die Wesen alle verknüpft? Der bricht so
leicht nicht, wie die losen Bande dieser Zeit. Der ist nicht, wie ein Markttag,
wo das Volk zusammenläuft und lärmt und auseinandergeht. Nein! bei dem Geiste,
der uns einiget, bei dem Gottesgeiste, der jedem eigen ist und allen gemein!
nein! nein! im Bunde der Natur ist Treue kein Traum. Wir trennen uns nur, um
inniger einig zu sein, göttlicher friedlich mit allem, mit uns. Wir sterben, um
zu leben.
    Ich werde sein; ich frage nicht, was ich werde. Zu sein, zu leben, das ist
genug, das ist die Ehre der Götter; und darum ist sich alles gleich, was nur ein
Leben ist, in der göttlichen Welt, und es gibt in ihr nicht Herren und Knechte.
Es leben umeinander die Naturen, wie Liebende; sie haben alles gemein, Geist,
Freude und ewige Jugend.
    Beständigkeit haben die Sterne gewählt, in stiller Lebensfülle wallen sie
stets und kennen das Alter nicht. Wir stellen im Wechsel das Vollendete dar; in
wandelnde Melodien teilen wir die grossen Akkorde der Freude. Wie Harfenspieler
um die Tronen der Ältesten, leben wir, selbst göttlich, um die stillen Götter
der Welt, mit dem flüchtigen Lebensliede mildern wir den seligen Ernst des
Sonnengotts und der andern.
    Sieh auf in die Welt! Ist sie nicht, wie ein wandelnder Triumphzug, wo die
Natur den ewigen Sieg über alle Verderbnis feiert? und führt nicht zur
Verherrlichung das Leben den Tod mit sich, in goldenen Ketten, wie der Feldherr
einst die gefangenen Könige mit sich geführt? und wir, wir sind wie die
Jungfrauen und die Jünglinge, die mit Tanz und Gesang, in wechselnden Gestalten
und Tönen den majestätischen Zug geleiten.
    Nun lass mich schweigen. Mehr zu sagen, wäre zu viel. Wir werden wohl uns
wieder begegnen. -
    Trauernder Jüngling! bald, bald wirst du glücklicher sein. Dir ist dein
Lorbeer nicht gereift und deine Myrten verblühten, denn Priester sollst du sein
der göttlichen Natur, und die dichterischen Tage keimen dir schon.
    O könnt ich dich sehn in deiner künftigen Schöne! Lebe wohl.
Zugleich erhielt ich einen Brief von Notara, worin er mir schrieb:
Den Tag, nachdem sie dir zum letzten Mal geschrieben, wurde sie ganz ruhig,
sprach noch wenig Worte, sagte dann auch, dass sie lieber möcht im Feuer von der
Erde scheiden, als begraben sein, und ihre Asche sollten wir in eine Urne
sammeln, und in den Wald sie stellen, an den Ort, wo du, mein Teurer! ihr zuerst
begegnet wärst. Bald darauf, da es anfing, dunkel zu werden, sagte sie uns gute
Nacht, als wenn sie schlafen möcht, und schlug die Arme um ihr schönes Haupt;
bis gegen Morgen hörten wir sie atmen. Da es dann ganz stille wurde und ich
nichts mehr hörte, ging ich hin zu ihr und lauschte.
    O Hyperion! was soll ich weiter sagen? Es war aus und unsre Klagen weckten
sie nicht mehr.
    Es ist ein furchtbares Geheimnis, dass ein solches Leben sterben soll und ich
will es dir gestehn, ich selber habe weder Sinn noch Glauben, seit ich das mit
ansah.
    Doch immer besser ist ein schöner Tod, Hyperion! denn solch ein schläfrig
Leben, wie das unsre nun ist.
    Die Fliegen abzuwehren, das ist künftig unsre Arbeit und zu nagen an den
Dingen der Welt, wie Kinder an der dürren Feigenwurzel, das ist endlich unsre
Freude. Alt zu werden unter jugendlichen Völkern, scheint mir eine Lust, doch
alt zu werden, da wo alles alt ist, scheint mir schlimmer, denn alles. -
    Ich möchte fast dir raten, mein Hyperion! dass du nicht hieher kommst. Ich
kenne dich. Es würde dir die Sinne nehmen. Überdies bist du nicht sicher hier.
Mein Teurer! denk an Diotimas Mutter, denk an mich und schone dich!
    Ich will es dir gestehn, mir schaudert, wenn ich dein Schicksal überdenke.
Aber ich meine doch auch, der brennende Sommer trockne nicht die tiefern
Quellen, nur den seichten Regenbach aus. Ich habe dich in Augenblicken gesehn,
Hyperion! wo du mir ein höher Wesen schienst. Du bist nun auf der Probe, und es
muss sich zeigen, wer du bist. Leb wohl.
    So schrieb Notara; und du fragst, mein Bellarmin! wie jetzt mir ist, indem
ich dies erzähle?
    Bester! ich bin ruhig, denn ich will nichts Bessers haben, als die Götter.
Muss nicht alles leiden? Und je trefflicher es ist, je tiefer! Leidet nicht die
heilige Natur? O meine Gotteit! dass du trauern könntest, wie du selig bist, das
konnt ich lange nicht fassen. Aber die Wonne, die nicht leidet, ist Schlaf, und
ohne Tod ist kein Leben. Solltest du ewig sein, wie ein Kind und schlummern, dem
Nichts gleich? den Sieg entbehren? nicht die Vollendungen alle durchlaufen? Ja!
ja! wert ist der Schmerz, am Herzen der Menschen zu liegen, und dein Vertrauter
zu sein, o Natur! Denn er nur führt von einer Wonne zur andern, und es ist kein
andrer Gefährte, denn er. -
    Damals schrieb ich an Notara, als ich wieder anfing aufzuleben, von Sizilien
aus, wohin ein Schiff von Paros mich zuerst gebracht:
    Ich habe dir gehorcht, mein Teurer! bin schon weit von euch und will dir nun
auch Nachricht geben; aber schwer wird mir das Wort; das darf ich wohl gestehen.
Die Seligen, wo Diotima nun ist, sprechen nicht viel; in meiner Nacht, in der
Tiefe der Traurenden, ist auch die Rede am Ende.
    Einen schönen Tod ist meine Diotima gestorben; da hast du recht; das ists
auch, was mich aufweckt, und meine Seele mir wiedergibt.
    Aber es ist die vorige Welt nicht mehr, zu der ich wiederkehre. Ein
Fremdling bin ich, wie die Unbegrabnen, wenn sie herauf vom Acheron kommen, und
wär ich auch auf meiner heimatlichen Insel, in den Gärten meiner Jugend, die
mein Vater mir verschliesst, ach! dennoch, dennoch, wär ich auf der Erd ein
Fremdling und kein Gott knüpft ans Vergangne mich mehr.
    Ja! es ist alles vorbei. Das muss ich nur recht oft mir sagen, muss damit die
Seele mir binden, dass sie ruhig bleibt, sich nicht erhitzt in ungereimten
kindischen Versuchen.
    Es ist alles vorbei; und wenn ich gleich auch weinen könnte, schöne
Gotteit, wie du um Adonis einst geweint, doch kehrt mir meine Diotima nicht
wieder und meines Herzens Wort hat seine Kraft verloren, denn es hören mich die
Lüfte nur.
    O Gott! und dass ich selbst nichts bin, und der gemeinste Handarbeiter sagen
kann, er habe mehr getan, denn ich! dass sie sich trösten dürfen, die
Geistesarmen, und lächeln und Träumer mich schelten, weil meine Taten mir nicht
reiften, weil meine Arme nicht frei sind, weil meine Zeit dem wütenden
Prokrustes gleicht, der Männer, die er fing, in eine Kinderwiege warf, und dass
sie passten in das kleine Bett, die Glieder ihnen abhieb.
    Wär es nur nicht gar zu trostlos, allein sich unter die närrische Menge zu
werfen und zerrissen zu werden von ihr! oder müsst ein edel Blut sich nur nicht
schämen, mit dem Knechtsblut sich zu mischen! o gäb es eine Fahne, Götter! wo
mein Alabanda dienen möcht, ein Termopylä, wo ich mit Ehren sie verbluten
könnte, all die einsame Liebe, die mir nimmer brauchbar ist! Noch besser wär es
freilich, wenn ich leben könnte, leben, in den neuen Tempeln, in der
neuversammelten Agora unsers Volks mit grosser Lust den grossen Kummer stillen;
aber davon schweig ich, denn ich weine nur die Kraft mir vollends aus, wenn ich
an Alles denke.
    Ach Notara! auch mit mir ists aus; verleidet ist mir meine eigne Seele, weil
ich ihrs vorwerfen muss, dass Diotima tot ist, und die Gedanken meiner Jugend, die
ich gross geachtet, gelten mir nichts mehr. Haben sie doch meine Diotima mir
vergiftet!
    Und nun sage mir, wo ist noch eine Zuflucht? - Gestern war ich auf dem Aetna
droben. Da fiel der grosse Sizilianer mir ein, der einst des Stundenzählens satt,
vertraut mit der Seele der Welt, in seiner kühnen Lebenslust sich da hinabwarf
in die herrlichen Flammen, denn der kalte Dichter hätte müssen am Feuer sich
wärmen, sagt' ein Spötter ihm nach.
    O wie gerne hätt ich solchen Spott auf mich geladen! aber man muss sich höher
achten, denn ich mich achte, um so ungerufen der Natur ans Herz zu fliegen, oder
wie du es sonst noch heissen magst, denn wirklich! wie ich jetzt bin, hab ich
keinen Namen für die Dinge und es ist mir alles ungewiss.
    Notara! und nun sage mir, wo ist noch Zuflucht?
    In Kalaureas Wäldern? - Ja! im grünen Dunkel dort, wo unsre Bäume, die
Vertrauten unsrer Liebe stehn, wo, wie ein Abendrot, ihr sterbend Laub auf
Diotimas Urne fällt und ihre schönen Häupter sich auf Diotimas Urne neigen,
mählich alternd, bis auch sie zusammensinken über der geliebten Asche, - da, da
könnt ich wohl nach meinem Sinne wohnen!
    Aber du rätst mir, wegzubleiben, meinst, ich sei nicht sicher in Kalaurea
und das mag so sein.
    Ich weiss es wohl, du wirst an Alabanda mich verweisen. Aber höre nur!
zertrümmert ist er! verwittert ist der feste, schlanke Stamm, auch er, und die
Buben werden die Späne auflesen und damit ein lustig Feuer sich machen. Er ist
fort; er hat gewisse gute Freunde, die ihn erleichtern werden, die ganz
eigentlich geschickt sind, jedem abzuhelfen, dem das Leben etwas schwer
aufliegt; zu diesen ist er auf Besuch gegangen, und warum? weil sonst nichts für
ihn zu tun ist, oder, wenn du alles wissen willst, weil eine Leidenschaft am
Herzen ihm nagt, und weisst du auch für wen? für Diotima, die er noch im Leben
glaubt, vermählt mit mir und glücklich - armer Alabanda! nun gehört sie dir und
mir!
    Er fuhr nach Osten hinaus und ich, ich schiffe nach Nordwest, weil es die
Gelegenheit so haben will. -
    Und nun lebt wohl, ihr Alle! all ihr Teuern, die ihr mir am Herzen gelegen,
Freunde meiner Jugend und ihr Eltern und ihr lieben Griechen all, ihr Leidenden!
    Ihr Lüfte, die ihr mich genährt, in zarter Kindheit, und ihr dunkeln
Lorbeerwälder und ihr Uferfelsen und ihr majestätischen Gewässer, die ihr Grosses
ahnen meinen Geist gelehrt - und ach! ihr Trauerbilder, ihr, wo meine Schwermut
anhub, heilige Mauern, womit die Heldenstädte sich umgürtet und ihr alten Tore,
die manch schöner Wanderer durchzog, ihr Tempelsäulen und du Schutt der Götter!
und du, o Diotima! und ihr Täler meiner Liebe, und ihr Bäche, die ihr sonst die
selige Gestalt gesehn, ihr Bäume, wo sie sich erheitert, ihr Frühlinge, wo sie
gelebt, die Holde mit den Blumen, scheidet, scheidet nicht aus mir! doch, soll
es sein, ihr süssen Angedenken! so erlöscht auch ihr und lasst mich, denn es kann
der Mensch nichts ändern und das Licht des Lebens kommt und scheidet, wie es
will.
                             Hyperion an Bellarmin
So kam ich unter die Deutschen. Ich foderte nicht viel und war gefasst, noch
weniger zu finden. Demütig kam ich, wie der heimatlose blinde Oedipus zum Tore
von Aten, wo ihn der Götterhain empfing; und schöne Seelen ihm begegneten -
    Wie anders ging es mir!
    Barbaren von alters her, durch Fleiss und Wissenschaft und selbst durch
Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben
bis ins Mark zum Glück der heiligen Grazien, in jedem Grad der Übertreibung und
der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos,
wie die Scherben eines weggeworfenen Gefässes - das, mein Bellarmin! waren meine
Tröster.
    Es ist ein hartes Wort und dennoch sag ichs, weil es Wahrheit ist: ich kann
kein Volk mir denken, das zerrissner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst
du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine
Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen -
ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder
zerstückelt untereinander liegen, indessen das vergossne Lebensblut im Sande
zerrinnt?
    Ein jeder treibt das Seine, wirst du sagen, und ich sag es auch. Nur muss er
es mit ganzer Seele treiben, muss nicht jede Kraft in sich ersticken, wenn sie
nicht gerade sich zu seinem Titel passt, muss nicht mit dieser kargen Angst,
buchstäblich heuchlerisch das, was er heisst, nur sein, mit Ernst, mit Liebe muss
er das sein, was er ist, so lebt ein Geist in seinem Tun, und ist er in ein Fach
gedrückt, wo gar der Geist nicht leben darf, so stoss ers mit Verachtung weg und
lerne pflügen! Deine Deutschen aber bleiben gerne beim Notwendigsten, und darum
ist bei ihnen auch so viele Stümperarbeit und so wenig Freies, Echterfreuliches.
Doch das wäre zu verschmerzen, müssten solche Menschen nur nicht fühllos sein für
alles schöne Leben, ruhte nur nicht überall der Fluch der gottverlassnen Unnatur
auf solchem Volke. -
    Die Tugenden der Alten sei'n nur glänzende Fehler, sagt' einmal, ich weiss
nicht, welche böse Zunge; und es sind doch selber ihre Fehler Tugenden, denn da
noch lebt' ein kindlicher, ein schöner Geist, und ohne Seele war von allem, was
sie taten, nichts getan. Die Tugenden der Deutschen aber sind ein glänzend Übel
und nichts weiter; denn Notwerk sind sie nur, aus feiger Angst, mit Sklavenmühe,
dem wüsten Herzen abgedrungen, und lassen trostlos jede reine Seele, die von
Schönem gern sich nährt, ach! die verwöhnt vom heiligen Zusammenklang in edleren
Naturen, den Misslaut nicht erträgt, der schreiend ist in all der toten Ordnung
dieser Menschen.
    Ich sage dir: es ist nichts Heiliges, was nicht enteiligt, nicht zum
ärmlichen Behelf herabgewürdigt ist bei diesem Volk, und was selbst unter Wilden
göttlichrein sich meist erhält, das treiben diese allberechnenden Barbaren, wie
man so ein Handwerk treibt, und können es nicht anders, denn wo einmal ein
menschlich Wesen abgerichtet ist, da dient es seinem Zweck, da sucht es seinen
Nutzen, es schwärmt nicht mehr, bewahre Gott! es bleibt gesetzt, und wenn es
feiert und wenn es liebt und wenn es betet und selber, wenn des Frühlings holdes
Fest, wenn die Versöhnungszeit der Welt die Sorgen alle löst, und Unschuld
zaubert in ein schuldig Herz, wenn von der Sonne warmem Strahle berauscht, der
Sklave seine Ketten froh vergisst und von der gottbeseelten Luft besänftiget, die
Menschenfeinde friedlich, wie die Kinder, sind - wenn selbst die Raupe sich
beflügelt und die Biene schwärmt, so bleibt der Deutsche doch in seinem Fach und
kümmert sich nicht viel ums Wetter!
    Aber du wirst richten, heilige Natur! Denn, wenn sie nur bescheiden wären,
diese Menschen, zum Gesetze nicht sich machten für die Bessern unter ihnen! wenn
sie nur nicht lästerten, was sie nicht sind, und möchten sie doch lästern, wenn
sie nur das Göttliche nicht höhnten! -
    Oder ist nicht göttlich, was ihr höhnt und seellos nennt? Ist besser, denn
euer Geschwätz, die Luft nicht, die ihr trinkt? der Sonne Strahlen, sind sie
edler nicht, denn all ihr Klugen? der Erde Quellen und der Morgentau erfrischen
euern Hain; könnt ihr auch das? ach! töten könnt ihr, aber nicht lebendig
machen, wenn es die Liebe nicht tut, die nicht von euch ist, die ihr nicht
erfunden. Ihr sorgt und sinnt, dem Schicksal zu entlaufen und begreift es nicht,
wenn eure Kinderkunst nichts hilft; indessen wandelt harmlos droben das Gestirn.
Ihr entwürdiget, ihr zerreisst, wo sie euch duldet, die geduldige Natur, doch
lebt sie fort, in unendlicher Jugend, und ihren Herbst und ihren Frühling könnt
ihr nicht vertreiben, ihren Aeter, den verderbt ihr nicht.
    O göttlich muss sie sein, weil ihr zerstören dürft, und dennoch sie nicht
altert und trotz euch schön das Schöne bleibt! -
    Es ist auch herzzerreissend, wenn man eure Dichter, eure Künstler sieht, und
alle, die den Genius noch achten, die das Schöne lieben und es pflegen. Die
Guten! Sie leben in der Welt, wie Fremdlinge im eigenen Hause, sie sind so
recht, wie der Dulder Ulyss, da er in Bettlersgestalt an seiner Türe sass, indes
die unverschämten Freier im Saale lärmten und fragten, wer hat uns den
Landläufer gebracht?
    Voll Lieb und Geist und Hoffnung wachsen seine Musenjünglinge dem deutschen
Volk heran; du siehst sie sieben Jahre später, und sie wandeln, wie die
Schatten, still und kalt, sind, wie ein Boden, den der Feind mit Salz besäete,
dass er nimmer einen Grashalm treibt; und wenn sie sprechen, wehe dem! der sie
versteht, der in der stürmenden Titanenkraft, wie in ihren Proteuskünsten den
Verzweiflungskampf nur sieht, den ihr gestörter schöner Geist mit den Barbaren
kämpft, mit denen er zu tun hat.
    Es ist auf Erden alles unvollkommen, ist das alte Lied der Deutschen. Wenn
doch einmal diesen Gottverlassnen einer sagte, dass bei ihnen nur so unvollkommen
alles ist, weil sie nichts Reines unverdorben, nichts Heiliges unbetastet lassen
mit den plumpen Händen, dass bei ihnen nichts gedeiht, weil sie die Wurzel des
Gedeihns, die göttliche Natur nicht achten, dass bei ihnen eigentlich das Leben
schal und sorgenschwer und übervoll von kalter stummer Zwietracht ist, weil sie
den Genius verschmähn, der Kraft und Adel in ein menschlich Tun, und Heiterkeit
ins Leiden und Lieb und Brüderschaft den Städten und den Häusern bringt.
    Und darum fürchten sie auch den Tod so sehr, und leiden, um des
Austernlebens willen, alle Schmach, weil Höhers sie nicht kennen, als ihr
Machwerk, das sie sich gestoppelt.
    O Bellarmin! wo ein Volk das Schöne liebt, wo es den Genius in seinen
Künstlern ehrt, da weht, wie Lebensluft, ein allgemeiner Geist, da öffnet sich
der scheue Sinn, der Eigendünkel schmilzt, und fromm und gross sind alle Herzen
und Helden gebiert die Begeisterung. Die Heimat aller Menschen ist bei solchem
Volk und gerne mag der Fremde sich verweilen. Wo aber so beleidigt wird die
göttliche Natur und ihre Künstler, ach! da ist des Lebens beste Lust hinweg, und
jeder andre Stern ist besser, denn die Erde. Wüster immer, öder werden da die
Menschen, die doch alle schöngeboren sind; der Knechtsinn wächst, mit ihm der
grobe Mut, der Rausch wächst mit den Sorgen, und mit der Üppigkeit der Hunger
und die Nahrungsangst; zum Fluche wird der Segen jedes Jahrs und alle Götter
fliehn.
    Und wehe dem Fremdling, der aus Liebe wandert, und zu solchem Volke kömmt,
und dreifach wehe dem, der, so wie ich, von grossem Schmerz getrieben, ein
Bettler meiner Art, zu solchem Volke kömmt! -
    Genug! du kennst mich, wirst es gut aufnehmen, Bellarmin! Ich sprach in
deinem Namen auch, ich sprach für alle, die in diesem Lande sind und leiden, wie
ich dort gelitten.
                             Hyperion an Bellarmin
Ich wollte nun aus Deutschland wieder fort. Ich suchte unter diesem Volke nichts
mehr, ich war genug gekränkt, von unerbittlichen Beleidigungen, wollte nicht,
dass meine Seele vollends unter solchen Menschen sich verblute.
    Aber der himmlische Frühling hielt mich auf; er war die einzige Freude, die
mir übrig war, er war ja meine letzte Liebe, wie konnt ich noch an andre Dinge
denken und das Land verlassen, wo auch er war?
    Bellarmin! Ich hatt es nie so ganz erfahren, jenes alte feste
Schicksalswort, dass eine neue Seligkeit dem Herzen aufgeht, wenn es aushält und
die Mitternacht des Grams durchduldet, und dass, wie Nachtigallgesang im Dunkeln,
göttlich erst in tiefem Leid das Lebenslied der Welt uns tönt. Denn, wie mit
Genien, lebt ich jetzt mit den blühenden Bäumen, und die klaren Bäche, die
darunter flossen, säuselten, wie Götterstimmen, mir den Kummer aus dem Busen.
Und so geschah mir überall, du Lieber! - wenn ich im Grase ruht, und zartes
Leben mich umgrünte, wenn ich hinauf, wo wild die Rose um den Steinpfad wuchs,
den warmen Hügel ging, auch wenn ich des Stroms Gestade, die luftigen umschifft'
und alle die Inseln, die er zärtlich hegt.
    Und wenn ich oft des Morgens, wie die Kranken zum Heilquell, auf den Gipfel
des Gebirgs stieg, durch die schlafenden Blumen, aber vom süssen Schlummer
gesättiget, neben mir die lieben Vögel aus dem Busche flogen, im Zwielicht
taumelnd und begierig nach dem Tag, und die regere Luft nun schon die Gebete der
Täler, die Stimmen der Herde und die Töne der Morgenglocken herauftrug, und
jetzt das hohe Licht, das göttlichheitre den gewohnten Pfad daherkam, die Erde
bezaubernd mit unsterblichem Leben, dass ihr Herz erwarmt' und all ihre Kinder
wieder sich fühlten - o wie der Mond, der noch am Himmel blieb, die Lust des
Tags zu teilen, so stand ich Einsamer dann auch über den Ebnen und weinte
Liebestränen zu den Ufern hinab und den glänzenden Gewässern und konnte lange
das Auge nicht wenden.
    Oder des Abends, wenn ich fern ins Tal hinein geriet, zur Wiege des Quells,
wo rings die dunkeln Eichhöhn mich umrauschten, mich, wie einen
Heiligsterbenden, in ihren Frieden die Natur begrub, wenn nun die Erd ein
Schatte war, und unsichtbares Leben durch die Zweige säuselte, durch die Gipfel,
und über den Gipfeln still die Abendwolke stand, ein glänzend Gebirg, wovon
herab zu mir des Himmels Strahlen, wie die Wasserbäche flossen, um den durstigen
Wanderer zu tränken -
    O Sonne, o ihr Lüfte, rief ich dann, bei euch allein noch lebt mein Herz,
wie unter Brüdern!
    So gab ich mehr und mehr der seligen Natur mich hin und fast zu endlos. Wär
ich so gerne doch zum Kinde geworden, um ihr näher zu sein, hätt ich so gern
doch weniger gewusst und wäre geworden, wie der reine Lichtstrahl, um ihr näher
zu sein! o einen Augenblick in ihrem Frieden, ihrer Schöne mich zu fühlen, wie
viel mehr galt es vor mir, als Jahre voll Gedanken, als alle Versuche der
allesversuchenden Menschen! Wie Eis, zerschmolz, was ich gelernt, was ich getan
im Leben, und alle Entwürfe der Jugend verhallten in mir; und o ihr Lieben, die
ihr ferne seid, ihr Toten und ihr Lebenden, wie innig Eines waren wir!
    Einst sass ich fern im Feld, an einem Brunnen, im Schatten efeugrüner Felsen
und überhängender Blütenbüsche. Es war der schönste Mittag, den ich kenne. Süsse
Lüfte wehten und in morgendlicher Frische glänzte noch das Land und still in
seinem heimatlichen Aeter lächelte das Licht. Die Menschen waren weggegangen,
am häuslichen Tische von der Arbeit zu ruhn; allein war meine Liebe mit dem
Frühling, und ein unbegreiflich Sehnen war in mir. Diotima, rief ich, wo bist
du, o wo bist du? Und mir war, als hört ich Diotimas Stimme, die Stimme, die
mich einst erheitert in den Tagen der Freude -
    Bei den Meinen, rief sie, bin ich, bei den Deinen, die der irre
Menschengeist misskennt!
    Ein sanfter Schrecken ergriff mich und mein Denken entschlummerte in mir.
    O liebes Wort aus heilgem Munde, rief ich, da ich wieder erwacht war, liebes
Rätsel, fass ich dich?
    Und Einmal sah ich noch in die kalte Nacht der Menschen zurück und schauert
und weinte vor Freuden, dass ich so selig war und Worte sprach ich, wie mir
dünkt, aber sie waren, wie des Feuers Rauschen, wenn es auffliegt und die Asche
hinter sich lässt -
    »O du, so dacht ich, mit deinen Göttern, Natur! ich hab ihn ausgeträumt, von
Menschendingen den Traum und sage, nur du lebst, und was die Friedenslosen
erzwungen, erdacht, es schmilzt, wie Perlen von Wachs, hinweg von deinen
Flammen!
    Wie lang ists, dass sie dich entbehren? o wie lang ists, dass ihre Menge dich
schilt, gemein nennt dich und deine Götter, die Lebendigen, die Seligstillen!
    Es fallen die Menschen, wie faule Früchte von dir, o lass sie untergehn, so
kehren sie zu deiner Wurzel wieder, und ich, o Baum des Lebens, dass ich wieder
grüne mit dir und deine Gipfel umatme mit all deinen knospenden Zweigen!
friedlich und innig, denn alle wuchsen wir aus dem goldnen Samkorn herauf!
    Ihr Quellen der Erd! ihr Blumen! und ihr Wälder und ihr Adler und du
brüderliches Licht! wie alt und neu ist unsere Liebe! - Frei sind wir, gleichen
uns nicht ängstig von aussen; wie sollte nicht wechseln die Weise des Lebens? wir
lieben den Aeter doch all und innigst im Innersten gleichen wir uns.
    Auch wir, auch wir sind nicht geschieden, Diotima, und die Tränen um dich
verstehen es nicht. Lebendige Töne sind wir, stimmen zusammen in deinem
Wohllaut, Natur! wer reisst den? wer mag die Liebenden scheiden? -
    O Seele! Seele! Schönheit der Welt! du unzerstörbare! du entzückende! mit
deiner ewigen Jugend! du bist; was ist denn der Tod und alles Wehe der Menschen?
- Ach! viel der leeren Worte haben die Wunderlichen gemacht. Geschiehet doch
alles aus Lust, und endet doch alles mit Frieden.
    Wie der Zwist der Liebenden, sind die Dissonanzen der Welt. Versöhnung ist
mitten im Streit und alles Getrennte findet sich wieder.
    Es scheiden und kehren im Herzen die Adern und einiges, ewiges, glühendes
Leben ist Alles.«
    So dacht ich. Nächstens mehr.
 
                                    Fussnoten
1 Es ist wohl nicht nötig, zu erinnern, dass derlei Äusserungen als blosse
Phänomene des menschlichen Gemüts von Rechts wegen niemand skandalisieren
sollten.
2 Im Jahr 1770.
 
    