
        
                        Wilhelmine Karoline von Wobeser
                                     Elisa
                        oder das Weib wie es sein sollte
  Fater of light and life! tou Good supreme!
 O teach me what is good! teach me Tyself!
 Save me from folly, vanity and vice,
 From every low pursuit! and feed my soul
 Wit Knowledge, conscious peace, and virtue pure;
 Sacred, substantial, never fading bliss!
                                      Allen
                                        
                               teutschen Mädchen
                                        
                                      und
                                        
                                    Weibern
                                        
                                   gewidmet.
 
In einem Jahrhundert, in welchem Kultur, Aufklärung und Verfeinerung zu einem so
hohen Grade gestiegen sind, sollte man natürlicherweise den Einfluss davon auch
auf das andere Geschlecht bemerken. Man könnte erwarten, unter den Weibern mehr
Ausbildung des Geistes, und richtigere Begriffe von ihren Pflichten und von
ihrer Bestimmung zu finden. Sie, welche in alle Verhältnisse des bürgerlichen
Lebens verflochten sind, deren Einfluss sich von den einzelnen Teilen auf das
Ganze erstreckt, sind noch weit entfernt, den Platz auszufüllen, welchen sie in
der bürgerlichen Gesellschaft einnehmen. In der grossen Welt sind die Weiber in
ihren Sitten, Ton und Manieren verfeinert; allein an wahrer Geisteskultur fehlt
es ihnen. Doch über diese Sphäre hat der Luxus zu sehr seine verderblichen
Fittige ausgebreitet, als dass man hier hoffen könnte, durch heilsame, aber
einfache Wahrheiten, Gutes stiften zu können. Ich wende mich also an Euch, meine
Mitbürgerinnen, die ihr nicht zu der Klasse gehört, in welcher die Bildung des
Äußern der letzte Zweck der Erziehung zu sein scheint, und wo auf die Begierde
zu gefallen, alle Fähigkeiten des jungen Mädchens gerichtet werden. Euch trage
ich das Resultat meiner Betrachtungen vor. Euch widme ich dieses Werk, welches
ich nur darum schrieb, um in den Herzen mancher unter Euch gute Empfindungen zu
erwecken. Ich traure oft, wenn ich sehe, dass eine so grosse Anzahl von
Geschöpfen, von der Natur mit ihren schönsten Anlagen begabt, entweder durch
Erziehung verdrehet, oder ungebildet und roh auf der Bahn des Lebens
fortwandelt, ohne im Geringsten sich ihrer Bestimmung zu nähern. Es tut mir
wehe, Menschen zu sehen, welche so tief unter dem wahren Menschen stehen: und
wäre mein Buch nur ein Tropfen im Meere der Wahrheit und Aufklärung, so ist mir
der Gedanke doch süss, vielleicht durch diesen Tropfen Einigen meiner
Mitbürgerinnen Erkenntnis ihrer Bestimmung gegeben zu haben; denn der
Gesichtspunkt, aus welchem das Weib betrachtet wird, ist meistens noch falsch,
er ist selbst bei wenigen Männern nur richtig. Nur weil man sich noch nicht
recht überzeugen will, wie gross der Nutzen sein kann, den das Weib in ihrer
Sphäre zu stiften vermag, bleiben so viele Kräfte ihrer Seele unentwickelt. Die
Erziehung, welche die Weiber bekommen, kann in zwei Klassen geteilt werden: in
der Einen wird alles auf das schimmernde gelenkt; da lernt das Mädchen die
geistigen und körperlichen Gaben anwenden, nur um zu glänzen, um zu gefallen. In
dieser Klasse findet man angenehme Gesellschafterinnen; aber man gehe in ihre
Wohnungen, wird man Gattinnen, wird man Mütter finden? - In dieser Klasse bilden
sich noch die weiblichen bel esprits, von allen Weibern die schädlichsten; weil
durch sie Kenntnisse im Weibe lächerrlich gemacht werden, da doch Kenntnisse das
Weib, so wie den Mann, vervollkommen.
    In der Zweiten Erziehungsklasse wird das Weib zur Hausfrau gebildet: da
findet man gute Wirtschafterinnen; aber wie wenig für den, der den ganzen
Umfang der Pflichten des Weibes kennt! O, wie wenige Weiber gibt es, welche
wahrhaft aufgeklärt über ihre Pflichten und Bestimmung mit ausgebildetem Geiste
und edlem Herzen auf der Bahn, auf welcher sie wandeln, alles das Gute und
Nützliche stiften, welches innerhalb ihres Wirkungskreises liegt! Und o, meine
Mitbürgerinnen, warum sollten Sie nicht Alle von dem Stolze beseelt sein, sich
über die Schranken zu erheben, welche Alltagsmeinungen Ihrem Geschlechte setzen?
Warum sollten Sie das nicht in Ihrer Sphäre werden, was der Mann in der seinigen
ist? Blicken Sie um sich, sehen Sie, wie gross Ihr Einfluss ist! Sie sind ein
Mitglied der grossen Kette, an welcher alles zum Guten mitwirken soll! Ihr Platz
ist nicht unwichtig, füllen Sie ihn aus! - Und o, möchte doch unser Jahrhundert
noch, so fruchtbar an grossen Entdeckungen, an grossen Geistesprodukten, doch auch
der Nachwelt unsere Weiber als Muster vorstellen!
 
                          Vorrede zur zweiten Auflage
Die Nachsicht, mit der man ein Werk aufgenommen hat, welches der erste Versuch
einer jugendlichen Feder war, macht es mir zur Pflicht, die Gründe darzutun,
welche mich bewogen haben, Elisa, in jedem Moment ihres Lebens, gerade so, und
nicht anders, darzustellen. Ein Ideal kann nur einmal sein, sagt man, und
dieses ist wahr; allein ich wollte nur zeigen, wie in einzelnen Fällen, das Weib
wohl am besten handeln würde. Freilich hat jede individuelle Lage ihre eigenen
Verpflichtungen; allein die Gründe, welche Elisa zu ihren Handlungen bewogen,
und ihr System, stets nach dem Gesetze des Guten zu handeln, und die Vernunft
als ihre erste Führerinn anzuerkennen, dieses sollte sich wohl jedes Weib zu
eigen machen. Ich stellte dieses System in einer Reihe von Handlungen auf, und
concentrirte sie in einer Person, weil ich gewiss glaube, dass Mann oder Weib, wer
dieses System befolgt, glücklich ist. Hiezu gehört freilich ein höherer Grad der
Ausbildung des Verstandes, um das Bessere zu erkennen; eine Standhaftigkeit;
eine Festigkeit im Guten. Um alle diese Eigenschaften zu erlangen, hat der
Mensch nicht selten mit Schwierigkeiten zu kämpfen, welche durch seine frühere
Erziehung, durch Convenienz, bürgerliche Einrichtungen, Gesellschaften und
manches Individuelle in seiner Lage, erzeugt werden; allein sollten wir darum
jeden Versuch zur Besserung der Menschen aufgeben, weil so viele Ursachen
vorhanden sind, die dieser Besserung entgegen wirken? Oder ist dieses nicht
vielmehr ein Antrieb, wahre Aufklärung, und reine, einfache Moral, immermehr
unter die Menschen zu verbreiten? Wenn wir gleich, unter unsern Weibern, keine
Elisa finden möchten, so finden wir doch Manche unter ihnen, so empfänglich für
jedes Gute, so bereitwillig es auszuüben, dass es ihnen oft nur an Berichtigung
ihrer Begriffe, und mehrerer Ausbildung derselben fehlt, um ganz das leisten zu
können, was sie als Weiber leisten sollten; und für diese werden die Schriften,
welche für sie geschrieben sind, nicht ganz ohne Nutzen bleiben.
    Man hat es Unrecht gefunden, dass die sterbende Elisa Zweifel gegen die
Unsterblichkeit der Seele hegte. Es war meine Absicht, dass reine Moral die
Bewegungsgründe zu Elisa's Handlungen ausmachte, und keine Grundsätze der
positiven Religion, welche nur zu oft schwankend werden. Dann aber musste Elisa
über positive Religion ganz aufgeklärt sein, oder sie war nicht das Weib, wie
ich sie schildere. Und sie, welche ihr ganzes Leben hindurch, Hoheit des Geistes
und Festigkeit zeigte, hätte nicht sagen können, dass sie sich schon die
Zerstörung ihres Wesens gedacht hätte? Mit der Erkenntnis, dass wir von einer
Fortdauer nach dem Tode nichts wissen können, ist schon der Gedanke von der
Zerstörung unsers Wesens verbunden, und viele Menschen müssen ihn schon gedacht
haben. Ich wollte zeigen, dass die Ruhe im Tode wohl hauptsächlich aus der
Ueberzeugung entspringt, auf der Erde unsere Pflichten erfüllt zu haben; weiter
hinaus ist ein Vorhang vorgezogen, den wir Menschen wohl nie aufheben werden.
Halbe Aufklärung ist immer schädlich, warum sollen aber denn die Weiber nur halb
aufgeklärt sein? Wer wird es verhindern, dass sie nicht viele Schriften lesen, in
welchen über den Satz von der Unsterblichkeit der Seele entgegengesetzte
Meinungen aufgestellt sind? Wird diese Ungewissheit sie aber nicht unglücklich
machen, wenn sie diesen Satz als eine Bedingung ihrer Glückseeligkeit angenommen
haben? Und wäre es nicht besser, wenn jeder Einzelne diesen Satz als eine
philosophische Meinung betrachtete, dessen Entscheidung ausserhalb dem Gebiete
des Menschen liegt, und eben deshalb auf die Ruhe und das Glück des Menschen
keinen Einfluss haben kann? Bei mehrerm Nachdenken werden vielleicht die meisten
Menschen zu dieser Ueberzeugung gelangen, die vielleicht im Tode am meisten Ruhe
gewährt, da wir uns alsdann gewöhnt haben, an die Zukunft mit Ruhe zu denken.
Warum sollten wir aber das Nachdenken der Weiber nicht auch auf diesen
Gegenstand leiten, da es für sie eben so wichtig ist, hier eine ruhige, feste
Ueberzeugung zu erhalten.
    Ich übergebe also meinen Mitbürgerinnen Elisa noch einmal in derselben
Gestalt. Selbst ein Weib, wünsche ich, wahre Tugend und höhere Ausbildung des
Geistes immer mehr unter meinem Geschlechte verbreitet zu sehen, von welchen wir
uns, durch eine falsche Richtung des Verstandes, immer mehr entfernen. Durch die
Kunst gebildet, wünschte ich das Weib zur Einfachheit und zur Natur
zurückgeführt zu sehen.
    Dieses war mein Zweck, als ich dieses Buch meinen Mitbürgerinnen weihete.
Mögen Andere diesen Zweck durch kräftigere Mittel erreichen, mögen edle Männer
es sich zur Pflicht machen, durch ihr Verhalten die Weiber zur Tugend zu
erziehen, jedes edle Weib wird ihnen danken! Und die Verfasserinn der Elisa wird
gern ihr Buch der Vergessenheit übergeben, wenn sie hoffen darf, dass das System,
welches Elisa befolgte, in den Herzen unserer meisten Weiber eingeprägt ist.
 
                Vorbericht des Verlegers zu der dritten Auflage
Um diesem musterhaften Buche, welches bereits in tausend Händen ist, den
möglichsten Grad von Vollkommenheit zu geben, schrieb ich nach Erscheinung der
vortreflichen Rezension über Elisa (in der A. L. Zeitung 1797 S. 381) an die
verehrungswürdige Verfasserinn, sandte ihr dieses Blatt und bat, wo möglich die
Wünsche und Winke des Rezensenten zu erfüllen, und zu benutzen, da ich im
Begriffe sei, eine N. Auflage zu machen; zugleich forderte ich sie abermals auf,
mir zu erlauben, doch jetzt ihrem Buche ihren Namen vordrucken zu dürfen, weil
ein grosser Teil ihrer Leser und Leserinnen wünschten, die Verfasserinn der
Elisa wenigstens dem Namen nach zu kennen. Ueber alles dieses erhalte ich
folgenden Brief, der als Neue Vorrede der Verfasserinn gelten mag.
    »Ich sage Ihnen meinen Dank für die Uebersendung des Blattes der allgemeinen
Litteratur-Zeitung. Sie wünschen also eine dritte Auflage zu veranstalten? - Ich
muss Ihnen aufrichtig gestehen, dass es nur wäre, um Ihrem Wunsche ein Gnüge zu
leisten, wenn ich mich noch einmal einer Arbeit an Elisa unterzöge. Es ist ein
Zug in meinem Charakter, dass ich mich ungern, und nicht mit glücklichem Erfolge,
mit einem schon beendigten Werke noch einmal beschäftige, es fehlt mir hierzu an
gehöriger Anstrengung, und es kostet mir viele Mühe, einen Faden wieder
anzuknüpfen, den ich seit vielen Jahren fallen liess.
    Als ich Elisa schrieb, gehörte es in meinen Plan, sie sterben zu lassen. Ich
wollte die Ruhe schildern, welche das tugendhafte Weib bis ins Grab begleitet.
Ich legte ihr meine Ueberzeugungen in den Mund, wie ich es in dem ganzen Buche
getan hatte, ohne zu wähnen, dass man hieran den mindesten Anstoss nehmen könnte;
denn die sterbende Elisa sagt ja nicht: Ich glaube an keine Unsterblichkeit der
Seele, sie sagt nur: Die Zukunft sei wie sie wolle, ich sterbe ruhig, weil ich
mit dem Bewusstsein sterbe, meine Pflichten erfüllt zu haben. Ich finde dieses
Gefühl in dem tugendhaften Sterbenden so natürlich, dass ich Elisa nie anders
sterben lassen könnte; und wohl dem Menschen, der mit diesem Gefühl in den Tod
gehen kann! - - Doch sollte Elisa zum Drittenmale verändert erscheinen, so würde
ich sie nun gar nicht mehr sterben lassen. Der Rezensent sagt zwar selbst, dass
die Wendung verbraucht ist, ihr ihren ersten Geliebten zum zweiten Gatten zu
geben; wünschen Sie aber noch eine dritte Auflage von Elisa zu machen, so will
ich sehen, wie mir diese Wendung gelingen wird, ob ich mir gleich nicht viel
davon verspreche, da ich wenig Neues hinzufügen könnte, indem meine Gedanken
über weibliche Pflichten in der Elisa, wie sie gegenwärtig ist, entalten sind.
Doch ich würde alsdann meinen Versuch Ihrer Prüfung überlassen, und es würde
Ihnen immer frei stehen, ob Sie diesen Anhang der Elisa beifügen wollen oder
nicht. Ich bitte Sie, mir hierüber bald zu antworten, und mir Ihre Gedanken
mitzuteilen. - Nur kann ich Ihnen nicht versprechen, das Geschäft bald zu
beschleunigen, denn ich erwarte in einigen Monaten, Mutter zu werden, welches
mir bei dieser Arbeit einige Hindernisse verursachen könnte. Was Ihr zweites
Verlangen betrifft, so kann ich Ihnen die Erfüllung desselben nicht gewähren.
Ich sage Ihnen meinen Dank für Ihre Verschwiegenheit, und bitte Sie, sie in
Absicht meiner beizubehalten. Ich bin so wenigen Menschen bekannt, dass durch
Nennung meines Namens ich doch den meisten, welche mein Buch lesen, nicht
bekannter werde, und in dem Zirkel, in welchem ich lebe, würde die Nennung
meines Namens als eine Anmassung gelten, die mir einen Teil der Achtung und des
Zutrauens rauben könnte, deren ich jetzt geniesse« u.s.w.
    Alle diese hier von der Verfasserinn selbst aufgestellten Gründe - die
Notwendigkeit der baldigen Erscheinung dieser dritten Auflage, da ich kein
einziges Exemplar mehr hatte, und die Nachricht, dass in Mannheim ein elender
Nachdruck existire, bestimmten mich, auf alle Umänderung Verzicht zu tun.
Mitin tritt Elisa bloss verschönerter, und völlig von allen kleinen Fehlern
frei, zum Drittenmale auf, und in dieser Gestalt ist sie auch zum Behuf für
Lernende der französischen Sprache, in dieser Sprache übersetzt worden. - Heil
und Segen der würdigen Verfasserinn; denn ihre Lehren und ihre aufgestellten
Beispiele der Tugend müssen hundertfältige Früchte bringen.
 
»Fast ein halbes Jahrhundert habe ich durchlebt, viele Menschen habe ich
gesehen, aber selten wahres Glück angetroffen; ich habe Unwürdigen Ehrenstellen
erteilen, und sie vom Rechtschaffnen, aber minder Beglückten, beneiden sehen;
aber nicht den gefunden, der bei harten Schlägen des Schicksals sich sagte: und
dennoch bin ich glücklich! Nicht den, dessen Wünsche nicht seine Kräfte
überschritten hätten, der zufrieden mit dem Platze, den das Schicksal ihm
angewiesen, sich nicht immer aus demselben versetzt, und allentalben Glück, nur
da wo er sein musste, Unglück sah. Und eben weil die Menschen nie ihrer Lage
gemäss denken und handeln, entsteht so mannichfaches Uebel. Nein, die Welt ist
weder ein Himmel noch eine Hölle, und die Menschen weder Engel noch Teufel!
Manche frohe Stunde wirst Du haben, meine Tochter, aber auch manche Leiden
warten Deiner. Erwarte stets beides. Denke im Taumel des Glücks, dass ein fernes
Uebel Dir droht, und in Widerwärtigkeiten vergiss nicht, dass auch dann noch
Freude Dir lächelt. Sei in beiden Dir gleich, sei immer tugendhaft. Handle, wie
Du handeln musst. Sei stets da, wo das Schicksal Dich berief, dann wird Stärke
des Geistes Dich nie verlassen, und der Schimmer des Glücks Dich nie verführen.
Liebe die Menschen, ertrage sie, verzeihe ihnen Beleidigungen, wirke stets
Gutes, so viel Du kannst, und Du wirst nie das Unglück kennen.«
    So sprach auf seinem Sterbebette der Baron von Hohnau zu Elisa, seiner
dreizehnjährigen Tochter, und starb bald darauf. Seine Worte prägten sich tief
in ihr Herz; sie fiel nieder bei der Leiche ihres Vaters, küsste seine erstarrte
Hand, und sprach: Vater, ich will stets Deine Tochter sein! Lange blieb sie
sprachlos bei dem entseelten Leichnam liegen; ihre junge Seele fasste ganz den
Schmerz der Trennung. Elisa trauerte lange um den Verlust ihres Vaters, aber im
Frühlinge des Lebens ist der Schmerz nicht dauernd, er sollte es am Abende auch
nicht sein. - Elisa hörte auf zu weinen, aber sie vergass nicht die Lehren ihres
Vaters; sein Bild umschwebte sie, und seinen Schatten zu verehren, bildete sie
ihre Seele zu jedem Guten. In einer der grössten Städte Deutschlands hatte der
Baron von Hohnau mit seiner Familie gelebt. Sie bestand aus seiner Frau und zwei
Töchtern, von welchen Elisa die älteste war; ihre Mutter verliess die Stadt nach
dem Tode ihres Mannes, und begab sich auf das Land.
    Die Baroninn von Hohnau verband mit einem guten Herzen und einem richtigen
Verstande viele Fehler: stolz, strenge, von einem kalten, gleichgültigen
Charakter, war sie immer bereit, zu verdammen; die unschuldigsten Handlungen
hörten es auf in ihrem Auge zu sein, sobald sie der Schicklichkeit zuwider
waren, und Ahnenstolz nannte sie Schicklichkeit. Ganz das Gegenteil der
sanften, gefühlvollen, Alles liebenden Elisa, liebte sie diese nicht sehr,
sondern zog ihr Caroline, ihre jüngere Schwester, vor, welche fast ganz das
Ebenbild ihrer Mutter, nur böser, als jene, war.
    Elisa besass eine Freundin, ihr Name war Henriette von Wanberg; sie war
einige Jahre älter als Elisa, eine Waise und dürftig. Die Baroninn von Hohnau
erlaubte, dass sie die Gesellschafterinn ihrer Töchter wurde, und bot ihr ihr
Haus zu ihrem Aufentalte an.
    An der Seite ihrer teuren Henriette verlebte Elisa die ersten Jahre ihres
angehenden Frühlings. Sie ordnete ihre allzu feurige Einbildungskraft, durch
welche die junge Elisa hätte irre geleitet werden können. Am Grabe ihres Vaters
wiederhohlte ihr Henriette oft seine Lehren, und gerührt erwiederte ihr einst
Elisa: Ja, unvergesslich sind mir seine letzten Worte, unvergesslich ist mir seine
Tugend, seine Grösse der Seele! Ach, Henriette! ich versprach es seinem Schatten,
ihm ähnlich zu werden, sage, hielt ich mein Versprechen?
    Henr. Liebe Elisa, es zu wollen, ist schon Tugend.
    Elisa. Nein, nein, weg mit jener Gemeintugend, weg mit jenen guten
Vorsätzen, welche unausgeführt bleiben! Sieh, Henriette, den reinen heitern
Himmel, er soll immer das Bild meiner Seele sein, ewig rein und unbefleckt!
    Henr. Wohl Dir dann, meine Freundin, wenn dieses stets so ist. - O, dass
Kummer immer so entfernt von Dir sein mag, als es das Laster gewiss sein wird!
    Elisa. Warum diese Betrachtung, Henriette? Ich kann erwarten, dass ich den
Kummer nicht kennen werde. Ich kenne nur ein Glück, Liebe und Tugend können es
gewähren. Mit einem edeln Manne verbunden zu sein, ist das einzige Gut, nach
welchem ich strebe; es wird mir zu Teil werden, und an seiner Seite werde ich
jedes Ungemach ertragen.
    Henr. Warum nur unter dieser Bedingung, Elisa? Wer hat Dir Dein Loos gesagt?
Keine Schwärmerei! Sie wird Dich elend machen. Den Mann nach Deinem Herzen
findest Du nicht. Sanfte, gefühlvolle, erhabene Seele, Du lebtest nur in der
Einsamkeit, Du weisst nicht, wie in der Welt Leidenschaften und entgegengesetztes
Interesse mit einander kämpfen, wie bald die Tugend unterliegt, wie besonders
jene Delikatesse, jene seine Gefühle bald erstickt werden, welche in der
männlichen Seele nie in der Stärke als in der weiblichen sind. O, Elisa! eine
Eigenschaft fehlt Dir noch, ohne welche die Tugend nur Schwachheit ist, und
welche die letzte Rede Deines Vaters Dich lehren sollte: Stärke der Seele, und
richtige Beurteilung. Erwarte Mittelmässigkeit von den Menschen, erwarte von der
Hand des Schicksals Kummer und Freude. Dieses -
    Elisa. Dieses waren seine Worte; glaube nicht, dass ich sie vergessen werde.
Ach, Henriette! führe, leite mich. Ich kann es mir oft nicht vorstellen, dass die
Menschen nicht eben so dächten, eben so empfänden, als ich. Alles Grosse und
Schöne erregt ja ein so erhabenes Gefühl in uns, gefällt, so bald wir es
erkennen, und erzeugt das Verlangen, es zu erreichen.
    Henr. Wohl wahr, meine Freundinn, wenn alle Menschen so wie Du und ich Zeit
hätten, auf ihre inneren Gefühle zu merken. Wenn sie nicht vom Strome der
Leidenschaften und von tausend Begebenheiten hingerissen würden, welche es
ihnen. unmöglich machen, richtig zu urteilen; und wenn endlich, noch ehe sie
denken konnten, nicht schon ihr Geschmack eine falsche Richtung bekommen hätte,
wo sie nicht mehr fähig sind, weder das Schöne zu erkennen, noch Gefühl dafür zu
haben.
    Elisa. (Mit einem Seufzer.) Ach, Henriette! so würde ich mich ja fast allein
in der Welt finden? so fände ich nicht Seelen, die mich verstehen, so müsste ich
einsam, von den Menschen entfernt, meine Tage zubringen?
    Henr. Nein, ein so trauriges Bild wollte ich nicht in Dir erregen. Fliehen
sollst Du die Menschen nicht, nur keine überspannten Begriffe von ihrer Tugend
haben. Jede gute Seele wird Dich verstehen (und deren gibt es noch viele), wenn
Du nicht Vollkommenheit von ihnen heischest. Nein, die Tugend selbst hörte auf,
es zu sein, wenn sie nicht mit Menschen leben könnte; und welche gefühlvolle
Seele wünschte nicht lieber von Menschen hintergangen zu werden, als nur in sich
verschlossen zu leben?
    Elisa. Ich fühle die Wahrheit Deiner Worte, auch erwarte ich nicht, mich in
jedem Menschen zu finden; aber es gibt doch deren gewiss, welche eben so denken,
eben so empfinden, als ich.
    Henr. Weit entfernt sei es von mir, die menschliche Natur so zu erniedrigen,
um das Dasein schöner Seelen zu bezweifeln. Ja, sie sind noch, die, welche das
Gute nur um seiner selbst willen lieben, die uneigennützig edel handeln, die
Wohlwollen und Liebe für jedes Wesen empfinden.
    Aber, ob Du sie antreffen wirst, Elisa? Ob sie sich nicht in der Menge
verlieren werden, und Du sie dann nicht wahrnimmst? Wer kann dir das
versprechen?
    Elisa. Mein Herz! - Es wird sie finden!
    Henr. Liebenswürdige Schwärmerinn! oft wirst Du glauben, sie gefunden zu
haben, und wirst dann trauern, wenn Du Dich hintergangen hast!
    Elisa. (Sie umarmend.) Henriette, so wirst Du mir doch bleiben! aber warum
zerstörst Du immer die süssen Bilder meiner Einbildungskraft?
    Henr. Weil es Bilder sind, und Du sie als Wirklichkeit betrachtest. Elisa,
ich schwärme vielleicht auch, aber meine Einbildungskraft zeigt mir Dich, als
das Ideal weiblicher Vollkommenheit, und ich will, dass Du es erreichen sollst.
    Elisa. Ich, Vollkommenheit erreichen, so weit sie ein Weib erreichen kann?
O, Henriette, dieser Gedanke erhöht mein ganzes Selbst!
    Henr. Und er schmeichelt meinem Stolze, wenn ich denke, dass auch ich daran
arbeite. Doch, ich täusche mich. Wenn Elisa die Vollkommenste ihres Geschlechts
wird, so ist sie es durch ihren Vater, durch sich selbst geworden.
    Elisa. Vollkommenheit! hoher, erhabener Begriff, den wir kaum fassen können,
dir werde ich mich nicht nähern! aber gut will ich werden, und hierzu, meine
Henriette, bedarf ich Deiner Hülfe!
    Henr. Ja, Elisa, nie werde ich schweigen, wenn Du fehlst, nie Dir die
Wahrheit verhüllen. Meine ganze Seele hängt an Dir, ich teile Deine Tugenden,
Deine Fehler, ja die Erstern machen mich stolz.
    Elisa. Liebes Mädchen! Sei versichert, von heute an bilde ich mir keine
Menschen mehr, Du zeigst mir, dass ich Unrecht hätte, wenn ich mehr suchte, als
ich schon gefunden habe. -
    Elisa und Henriette umarmten sich, wie nur reine Seelen sich umarmen können,
welche der Tugend Bund beschwören. Stummes Entzücken, und Ergiessung des Herzens,
war in dem Kusse der Freundschaft. Eine sah in der Andern die liebevolle,
erhabene Seele, und beide liebten sich um so mehr. So verflossen noch einige
Jahre, in welchen Elisa, immer noch von ihrer feurigen Einbildungskraft
geleitet, das Ideal des Schönen und Grossen nicht mehr in Andern suchte, sondern
in sich zu erreichen sich bestrebte. Sie gewöhnte sich, Dinge und Menschen zu
betrachten, wie sie wirklich waren. Den schönen Traum von Tugend; Freiheit,
Gleichheit unter allen Menschen, träumte sie zwar auch, sah auch ein, dass es
möglich werden könnte, und dass, wenn die Menschen besser wären, sie auch
glücklicher sein würden; allein dieses wurde zu ihrer Zeit so viel gesagt und
geschrieben, ohne dass die, welche es am häufigsten sagten, bei sich selbst diese
grosse Verbesserung anfingen. Elisa sagte es nicht, aber sie wollte es sich durch
sich selbst beweisen. Sie sah, dass die Menschen nach unsern politischen und
bürgerlichen Einrichtungen nicht besser sein konnten; dass notwendige Ursachen
eben diese Einrichtungen hervorgebracht hatten, das sah sie auch, und dass diese
gleichwohl nicht eher würden geändert werden, als bis die Menschen klüger und
besser würden, das erkannte sie. Auch dachte sie, dass ein Jeder, der dieses
einsieht, hierzu beitragen könnte; zwar nicht durch das beständige Zurufen:
Werdet besser, und werdet glücklicher! sondern durch Handlungen, diesem
Grundsatze gemäss. Zeigt es erst den Menschen, dass dieses so ist, sprach sie zu
ihrer Henriette, und dann fordert es von ihnen! Klagt nicht, dass das Glück nicht
das Verdienst belohnt, zeigt, dass es in eurem Verdienste, in eurer Tugend, in
Euch selbst besteht, dass fremde Güter es Euch nicht geben, und Unfälle es Euch
nicht rauben können, weil Ihr es mit Euch führt! Bereitet Tugenden der künftigen
Generation, und erzeiget der gegenwärtigen Gutes! Oft muss ein halbes Jahrhundert
erst eine Revolution in der Denkungsart bewirken. - So wurde Elisa, immer noch
feurig in ihren Empfindungen, kalt in ihren Urteilen und Schlüssen; sie empfand
lebhaft, aber sie dachte richtig. Uneigennützige Liebe und Wohlwollen hegte sie
gegen alle Menschen, aber sie erwartete sie nicht von ihnen; wenn sie sie
antraf, empfieng sie die Beweise davon mit Dank und Rührung. Jedoch weit
entfernt, misstrauisch zu sein, ahndete sie nicht Böses in jeder Handlung ihrer
Mitgeschöpfe; nein, sie wusste, dass die Menschen immer nach dem Guten streben,
und dass falsche Begriffe allein sie irre leiten; nie würden sie einander
beleidigen, nie sich zu schaden suchen, wenn sie sich nicht gegenseitig als ein
Hindernis ihrer Glückseeligkeit betrachteten. Dieses machte sie weniger
empfindlich für Beleidigungen, und bereiter zu verzeihen. Liebe und Güte
schienen in der ganzen Natur zu atmen, und schienen allein ihr Wesen
auszumachen. Sie verehrte in allen Geschöpfen den ersten Ursprung aller Wesen.
Wenn sie zum Himmel blickte, sich Millionen Welten dachte, so verlor sich ihr
Geist in diesen Betrachtungen. Die Pracht, die Grösse, die Mannichfaltigkeit der
Welt erhob ihn; im stummen Staunen stand sie da, und empfand endlich, dass der
Geist zu dieser Unendlichkeit sich nicht erheben könnte; wenn aber der Gesang
der Vögel im nahen Hain erschallte, wenn der Nachtigall liebliches Lied ertönte,
wenn sie den brausenden Käfer, den Wurm zu ihren Füssen, die wimmelnden Insekten,
welche die Lust erfüllten, sah, dann fiel sie nieder und rief aus: Ja, du bist!
du bist! Der Wurm so wie der Sternen Heere beweisen dein Dasein; das Insekt, das
ich einatme, zeigt deine Grösse! - Und dieses Gefühl vom Dasein eines ersten
Wesens, welches nur Sophisterei bezweifelt, das Herz aber immer erkennt, und der
Verstand immer begreift, war ihr das seligste. Wohin sie sah, erblickte sie den
Urheber alles Seins: Was du auch bist, sprach sie, gewiss, du hörst nie auf zu
wirken; ich erkenne es, deine Kraft belebt die ganze Natur! - Elisa glaubte, dass
es des Menschen edelstes Geschäft wäre, den Geist aufzuklären, und ihn dadurch
zu veredeln; sie bildete ihren Verstand, erwarb sich Talente und Kenntnisse, und
durch Lesen und Nachdenken hatte sie die Eigenschaften erlangt, welche sie so
liebenswürdig machten. Lesen, auf Gelehrsamkeit Anspruch machen, schöne Geister
sein zu wollen, war zwar zu ihrer Zeit unter den Frauenzimmern so gewöhnlich,
dass sie oft ihre wichtigern Pflichten darüber versäumten, und dass vernünftige
Männer, welche diesen Missbrauch einsahn, alle Beschäftigungen des Geistes für
ein Frauenzimmer verwarfen, weil sie sie als Quelle dieses Uebels betrachteten,
und sie zur Unwissenheit verdammten; weil Missbrauch der edelsten
Beschäftigungen, falsche Anwendung derselben, und das Verlangen, mit Kenntnissen
zu prahlen, sie zu Törinnen machte. Wer hätte aber eine Elisa getadelt, welche
nur lernte, um besser zu werden? die edles Vergnügen, stärkern Reiz zur Tugend
in den Beschäftigungen des Geistes fand, die, weit entfernt durch Witz, Verstand
und Gelehrsamkeit glänzen zu wollen, jeden Schein davon vermied, und welche auch
die geringste Handarbeit nicht verachtete, ihr willig ihre liebsten
Beschäftigungen aufopferte, sobald Pflicht es heischte? Elisa teilte einst
selbst ihre Gedanken über diesen Gegenstand ihrer Henriette mit, nachdem sie
einige Stunden in einer Gesellschaft schöner Geister von beiden Geschlechtern
zugebracht hatte.
    Elisa. (Henrietten, welche ihr entgegen kommt, freudig umarmend.) O, wie
wohl ist mir, Henriette, dass ich wieder bei Dir bin!
    Henr. Habe ich diese Freude Deiner Liebe zu mir, oder der Langenweile, die
Du empfandest, zu verdanken?
    Elisa. Beidem, liebes Mädchen! doch ich gestehe es Dir, in diesem
Augenblicke mehr noch der letztern. (Sie gähnt.) O, es ist unerträglich
langweilig, mit Leuten umzugehen, welche aufgehört haben, die Sprache der Natur
zu sprechen; die alle vor Verlangen brennen, ein wenig Witz und einige seichte
Kenntnisse zu zeigen, und aus allzu grosser Gelehrsamkeit oft Ungereimteiten
sagen.
    Henr. Du sprichst so? Du, die Du in den Unterhaltungen des Geistes Dein
grösstes Vergnügen findest, und mit Entzücken die Schriften grosser Männer
liefest?
    Elisa. Ja, Henriette; ich verehre wahre Gelehrsamkeit, aber ich verachte
eben so sehr jeden Schein derselben, den nur unwissende Pedanten annehmen, um
sich verächtlicher zu machen. - Grosses Wesen! wenn es der edelste Vorzug des
Menschen ist, dass er fähig ist, durch anhaltendes Forschen höhere Kenntnisse zu
erlangen, wie sehr erniedriget er sich, wenn er die grossen Fähigkeiten, welche
du ihm gabest, nur anwendet, durch Missbrauch derselben unverdiente Bewunderung
zu erlangen! Wenn der, den das Glück begünstiget, seinen Geist zu bilden, sich
nur begnügt, statt Begriffe leere Worte zu sammeln, mit welchen er vor
Unwissenden, sich den Schein tiefer Gelehrsamkeit gibt, und noch stolz auf
diese nichtige Wissenschaft ist!
    Henr. Liebe Elisa, bist Du nicht allzu strenge gegen diese armen Würmer der
Gelehrsamkeit, welchen, sich hinaufzuschwingen, Flügel fehlen?
    Elisa. Nein, Henriette, ich verlange nur, dass man seine Ohnmacht fühle, dass
man einen Blick in sich selbst tue. Wüssten alle schöne Geister und
philosophirende Damen, wie töricht sie durch das Bestreben werden, mit der
Oberfläche von Kenntnissen zu glänzen, welche nur ihre Unwissenheit beweist, sie
würden ihrer Eitelkeit bald eine andre Richtung geben, und aufhören, Kenntnissen
und Gelehrsamkeit den Anstrich des Lächerlichen zu geben.
    Henr. Aber, meine liebe Moralistin, Sie schelten auf philosophirende Damen,
und philosophiren doch selbst so gern.
    Elisa. Henriette! ich bin doch keine Pedantinn. Unglücklich wäre das Weib,
wenn es zur Unwissenheit verdammt wäre! Nein, die Natur gab uns gleiche
Fähigkeiten, wir haben also gleiche Verpflichtung, sie auszubilden. Ja, unsere
bürgerliche und gesellschaftliche Verfassung erfordert, dass Weiber in den höhern
Ständen Welt-, Menschen- und Sachkenntnisse besitzen. Und warum sollten sie des
edlen Vergnügens beraubt sein, ihren Geist immer mehr aufzuklären, ihren
Verstand zu bilden? Mögen sich auch die Männer dagegen aufwerfen, so werden sie
doch gern das kluge Weib zu ihrer Gefährtinn wählen. Doch nein, der vernünftige,
edle Mann verachtet nicht höhere Eigenschaften in dem Weibe, aber er verachtet
in ihr jeden Anspruch, jeden Schein von Gelehrsamkeit, welcher sie ihre
Pflichten vernachlässigen macht. O, wer nur in der Veredlung seines Geistes
Vergnügen findet, der wird nie, um Bewunderung zu erregen, mit lächerlicher
pedantischer Miene ein wenig Gelehrsamkeit auskramen; denn dieses erniedriget
uns! Nie wird das Weib von richtigen Kenntnissen und Verstande und erhabenen
Gesinnungen eine Pedantinn werden; nie nach einem höhern Rufe, als nach dem Rufe
eines guten, ihren Pflichten getreuen Weibes streben.
    Henr. Ich höre Dich mit Vergnügen, meine Freundinn! Nein, die Mode-Torheit
unsers Zeitalters wird für Dich nicht ansteckend sein! Du hast ins Innere
geblickt, und den Schein von der Wirklichkeit getrennt, der so manches, in der
Tat, kluge Frauenzimmer verführt.
    Elisa. Ich fühle es auch, Henriette, wie leicht selbst ein kluges
Frauenzimmer durch ihn verführt werden kann; und die Männer, welche das
pedantische, das gelehrte Weib tadeln, sind doch selbst die Ursache des
gelehrten Paroxismusses, der jetzt unter unserm Geschlechte so herrschend ist.
Warum geben sie uns Beifall, indem sie uns verdammen? Durch Lob und Eitelkeit
verblendet, sehen wir nur den Beifall, und hören nicht den Tadel, und nun
verdoppelt sich das Bestreben, grössern Beifall zu erhalten. Ich bedaure immer
das Frauenzimmer, welche stets bereit ist, ihre höhern Kenntnisse zu zeigen, und
um sich eine Schaar Bewunderer zu sehen glaubt; gern möchte ich ihr zurufen: Ein
Heer der Spötter versammelst du um dich! Suche Bewunderung durch Tugend, nicht
durch Gelehrsamkeit zu erlangen!
    Henr. Billigest Du auch nicht, wenn ein wirklich kluges und bescheidenes
Frauenzimmer die Gesellschaft gelehrter Männer sucht, nicht um zu glänzen,
sondern um zu hören?
    Elisa. Dieses ist der Strand, an dem die Bescheidenheit scheitert, und
Eitelkeit und das Verlangen zu glänzen, sich ihrer Seele bemächtigen. Ich
verlange nicht, dass ein Frauenzimmer sich das Vergnügen einer klugen
Unterhaltung untersagen soll; sie soll den klugen Mann nicht meiden, sie kann
ihn suchen, nur nicht pedantisch ihm anhängen, nicht gelehrte Clubs besuchen.
Denn macht sie hierdurch nicht schon einen Anspruch auf Gelehrsamkeit? Sich in
der Gesellschaft gelehrter Männer befinden! - O, Ihr Weiber! die Ihr Euch über
den gemeinen Haufen Eures Geschlechts erhebt! die Ihr richtige Kenntnisse und
Bescheidenheit besitzt, sagt selbst: Macht dieser Gedanke Euch nicht stolz?
Erregte er nie Eure Eitelkeit? Waret Ihr nur immer Zuhörerinnen? Empfandet Ihr
nie das Verlangen, selbst zu glänzen? Erfülltet Ihr es nie? Und endlich,
verliesst Ihr diese Gesellschaften mit dem Vorsatze, bessere Gattinnen, bessere
Mütter, bessere Kinder, bessere Menschen zu sein? Oder wolltet Ihr nicht
vielmehr, bei Vernachlässigung Eurer wichtigsten Pflichten, Euch in den Stand
setzen, einen der ersten Plätze in diesem geistreichen Zirkel einzunehmen? War
Euer Gefühl für Tugend wärmer, als wenn einsam Ihr Euch mit Euern Betrachtungen
über Euch selbst, über Eure Pflichten, über den Zweck des Menschen, über Gott
und die Schöpfung unterhieltet? Nein, gewiss nicht! aber auch nicht gelehrter
verliesst Ihr jene Gesellschaften, und das Vergnügen, das Ihr empfandet,
entsprang bloss aus der Eitelkeit.
    Henr. O, meine Elisa! dass doch unsere Schwestern, welche aus Verblendung
irren, Deinen Zuruf gehört hätten! Sie halten jene gelehrten Clubs für ganz
unschädlich.
    Elisa. Sie glauben vielmehr, Veredlung des Geistes da zu finden. Es wird da
so viel über Tugend, über unsere Gefühle und Leidenschaften moralisirt. Die
grossen Worte: Philosophie, Religion, Naturalismus, Toleranz und Menschenliebe,
werden so oft wiederholt, dass man das, was man hört, zu sein glaubt. Schöne,
erhabene Gedanken, welche in einer Versammlung gelehrter Männer gewiss oft statt
finden, werden zwar mit Begeisterung angehört, aber das Verlangen, selbst
Bewunderung zu erregen, erlaubt dem Verstande nicht, sie richtig zu fassen, sie
sich verständlich zu machen, und sie bleiben ohne Nutzen. Ja, ich behaupte, dass
selbst Männer diese Clubs ohne Nutzen besuchen; denn ein jeder kömmt nur hin,
sich selbst und nicht Andere zu hören. Hier, wo nur Stolz und Selbstbewunderung
die Versammlung beschäftiget, werden sich die Begriffe nicht erweitern. Im
freundschaftlichen Gespräche, im Zirkel einiger denkenden Köpfe, welche ohne
Prahlerei versammelt sind, nicht Gelehrsamkeit zum Zwecke haben, ist es, wo
durch Mitteilung der Gedanken, Beobachtungen über Gegenstände unserer
Aufmerksamkeit würdig, neue Begriffe in unserer Seele entstehen, sich erweitern,
sich mit jenen verbinden, und unser Geist aufgeklärter wird. Und dieses
Vergnügen ist auch für die Wenigen unsers Geschlechts, welche durch höhere
Begriffe, bessere Handlungen, sich über die gewöhnlichen Weiber erheben. Ja,
meine Schwestern! dieses Vergnügen ist süsser, ist edler, als mit dem Scheine der
Gelehrsamkeit zu glänzen, bei welchem unsere Eigenliebe so oft Demütigungen
erfährt. Auch in Eurem häuslichen Zirkel könnt Ihr dessen geniessen, und die
Erfüllung Eurer Pflichten wird Euch den Genuss verdoppeln.
    Henr. Lass Dich umarmen, meine Elisa! O, ihr Weiber; lernt, wie sie, denken!
dann werdet Philosophinnen, Gelehrte, ihr werdet unter jedem Namen
verehrungswürdig sein. -
    So war Elisa, als Herrmann von Birkenstein seine Mutter besuchte, welche
ohnweit Hohnauschloss, (Rittersitz der Baronin von Hohnau) auf einem einsamen
Landgütchen lebte. Die Baronin von Hohnau kannte die Frau von Birkenstein nicht;
sie war arm, ihre Familie hatte ihren alten Glanz verloren, und Frau von Hohnau
würdigte sie nicht eines Besuchs. Aber Elisa und Henriette waren ihr oft (da
beide Güter an einander grenzten) auf ihren einsamen Spaziergängen begegnet,
hatten in ihr Edelmut, sanfte Gefälligkeit und wahre Güte wahrgenommen, und
eilten zuweilen, wenn Caroline sie nicht begleitete, nach Birkenstein, wo nicht
der finstre Ernst einer alten Matrone, sondern die mütterliche Zärtlichkeit
einer erfahrnern Freundinn sie aufnahm. Bei einem dieser Besuche war es, wo
Herrmann und Elisa sich zuerst sahen; sie war mit ihrer Freundinn, ihrer
Gewohnheit nach, nach Birkenstein gegangen; beim Eingange des Dorfs erblickten
sie eine Schaar junger Bäuerinnen, ländlich geschmückt, und Blumenkränze
tragend. Der Zug ging nach dem Wohnhause der Frau von Birkenstein. Was bedeutet
das? ruft Elisa den jungen Mädchen zu. O, rufen Alle, heute ist der Geburtstag
unserer guten Mutter, unserer gnädigsten Gebieterinn; sie tut uns so viel
Gutes, wir wollen ihr zeigen, dass wir sie auch lieben; aber wir können ihr
nichts als Blumen bringen!
    Elisa. Und Eure Dankbarkeit und Eure Liebe? Nicht so?
    Die Mädchen. O gewiss! gewiss!
    Elisa. Nun, gute Mädchen, das ist ein köstliches Geschenk, und sie wird
gewiss sich dessen freuen. Aber, wollt Ihr uns wohl mitnehmen?
    Die Mädchen. Herzlich gern! Sie lieben ja auch unsere gute Mutter.
    Elisa. Komm, Henriette, lass uns ihr auch Blumenkränze bringen!
    Schnell riss Elisa den Hut vom Kopfe, bekränzte ihr Haar mit Blumen, gürtete
ihr Kleid auf, und erhielt von den guterzigen Landmädchen den schönsten
Blumenkranz. Henriette folgte ihrem Beispiele, und nun führten Beide den Zug an.
Schon in der Ferne erblickte Elisa Frau von Birkenstein, welche vor ihrem Hause
unter dem Schatten einer Linde sass. Elisa verdoppelt ihre Schritte; ihr warmes
Gefühl für Tugend lässt sie mit Entzücken das Schauspiel geniessen, welches die
Liebe und Dankbarkeit dieser guten Landleute gegen ihre Wohltäterin ihr
darbietet. O, Natur! ruft sie aus, in deinem Schosse gibt es noch gute Menschen!
Diese freudige Empfindung erhöhte das Rot ihrer Wangen. Sie hatte sich nun der
Frau von Birkenstein genähert, voller Rührung wirft sie sich ihr in die Arme.
Liebe Mutter! ruft sie aus, unsere Herzen huldigen Ihnen heute, sein Sie uns
noch lange das Beispiel der Tugend und Güte.
    Alles drängte sich nun um Frau von Birkenstein, ein Jeder wollte ihre Hand,
ihren Rock ergreifen; man legte die Blumen zu ihren Füssen, man küsste den Saum
ihres Kleides. Mit freudigem Wohlwollen blickte sie auf die guten Geschöpfe. Ich
danke Euch, meine Lieben, sprach sie mit sanftem Tone, ich werde mich bemühen,
Eure Liebe zu verdienen. O, gnädigste Frau, beste Gebieterinn! rufen Alle wie
aus Einem Munde, wie können wir Ihnen vergelten.... Genug, genug, fällt Frau von
Birkenstein ein, wir wollen uns immer gegenseitig lieben, gegenseitig dienen. -
Elisa hing noch immer an ihren Blicken, und bemerkte nicht Herrmann, der neben
seiner Mutter stand. Aber seine Blicke waren unverändert auf sie geheftet; er
sah nicht die freudige Menge, welche um seine Mutter sich versammelte, nicht
die mit Blumen geschmückten Mädchen; er sah nur Elisa, hörte noch immer ihre
sanfte Stimme, als sie schon längst nicht mehr sprach. Stärker hatte ihm sein
Herz geschlagen, als sie die Frau von Birkenstein Mutter nannte, und gerne wäre
er neben ihr an den Busen der Mutter gesunken. Schon waren die ersten Ausbrüche
des Danks und der Freude gemindert, als erst Elisa Herrmann erblickte. War es
Bestürzung, hier so unvermutet einen jungen Mann zu sehen? war es Verwirrung,
weil ihre Blicke den seinigen begegneten? Kurz, Elisa schlug die Augen nieder,
und errötete. Doch bald blickt sie ihn wieder an, und findet, dass er schön ist.
Noch nie hatte sie bei einem Manne diese Anmerkung gemacht; aber Herrmanns Auge
war so voll Geist, das Feuer desselben schien so durch Güte und Menschlichkeit
gemildert zu sein, es war eine so sanfte Rührung in seinen Blicken, dass die
ihrigen mit Wohlgefallen auf ihm verweilten. (Sie wendet sich zu Henrietten.)
Wer mag der junge Mann dort sein?
    Henr. Ich habe ihn schon lange bemerkt; seine Bescheidenheit, glaube ich,
erlaubt ihm nicht, sich näher mit uns bekannt zu machen.
    Elisa. Ich sah noch nie so interessante Züge, als die seinigen.
    Henr. (Lächelnd.) Auch noch nie würdigtest Du einen Mann so vieler
Aufmerksamkeit.
    Hier wurden sie von Frau von Birkenstein unterbrochen, welche ihnen Herrmann
als ihren Sohn vorstellte. Er überraschte mich gestern, sprach sie; es sind nun
fünf Jahre, dass ich ihn nicht gesehen habe; urteilen Sie, wie gross meine Freude
war!
    Herrmann und Elisa begrüssten sich mit Verwirrung. Kommen Sie aus B...?
fragte sie ihn endlich mit bewegter Stimme. Ja, mein Fräulein, war seine ganze
Antwort, und nun hatte die Unterredung ein Ende. Ich weiss nicht, Herrmann, hub
Frau von Birkenstein an, wie du mit einemmale geworden bist? Du warest noch vor
wenigen Augenblicken so heiter, aufgelegt, und nun bist Du still,
kopfhängerisch.
    Herrm. Liebe Mutter, Ueberraschung, Freude über diesen Tag, der Sie werden
liess, um mich durch die beste Mutter zu beglücken. O, hätte ich nicht empfinden
sollen, da hier alles empfand, nicht zehnfach diese Empfindungen der Liebe und
Dankbarkeit hegen sollen? - Mit Inbrunst drückte er hier seiner Mutter Hand an
seine Lippen; ein Lächeln mütterlicher Zärtlichkeit war ihre Antwort. Tief wurde
Elisa durch diese Scene kindlicher und mütterlicher Liebe gerührt; denn ach! sie
kannte das Glück nicht, von einer Mutter mit Zärtlichkeit geliebt zu werden; sie
dachte an ihren Vater, und eine helle Träne glänzte in ihrem schönen Auge. Aber
Henriette sah, dass Elisa's Gegenwart die Wärme erzeugte, mit welcher Herrmann
sprach; sie sah ihre Freundinn bewegt, und zitterte schon für sie. Sie wollte
dieser stummen Scene, in welcher Empfindung so laut sprach, ein Ende machen; sie
wandte sich also gegen Frau von Birkenstein: In der Tat, sprach sie, die Freude
hat uns sprachlos gemacht, und ein wenig Zerrüttung in uns hervorgebracht. Wir
sind alle stumm, und haben uns doch alle etwas zu sagen. Elisa und ich sollten
Ihnen unsern Glückwunsch über die Ankunft Ihres Sohnes abstatten, und der Herr
von Birkenstein könnte uns wohl seine Freude bezeigen, über das Glück, zwei so
angenehme Nachbarinnen zu finden.
    Herrm. Nur wenn ich schwach empfinde, drücke ich meine Empfindungen durch
Worte aus, und dieses ist heute nicht der Fall.
    Henr. Gut, nun wir davon unterrichtet sind, sehen wir Ihr Stillschweigen als
das grösste Compliment an.
    Herrm. Ihnen kann man nie ein Compliment machen.
    Henr. O, Herr von Birkenstein, man merkt es, dass Sie aus B... kommen; aber
wir Landmädchen können Ihnen hierauf nicht antworten.
    Fr. v. B. Im Gegenteil, liebe Henriette, scheint mein Sohn heute sogar
unter uns Landleuten verlegen.
    Herrm. Liebe Mutter, häufen Sie doch nicht so viele Beschuldigungen gegen
mich! Wie werde ich mich gegen Sie Alle verteidigen können?
    Elisa. Um Verzeihung, Herr von Birkenstein, Sie haben es nur mit zweien zu
tun; ich nahm keinen Anteil an der Beschuldigung meiner Freundinn.
    Herrm. (Ihre Hand an seine Lippen drückend.) Ihr huldreicher, sanfter Blick
lässt mich hoffen, in Ihnen eine Beschützerinn zu finden.
    Elisa. Sie rechtfertigen in diesem Augenblicke, was Ihnen meine Freundinn
zuvor sagte.
    Herrm. O, gewiss nicht, gewiss nicht! Meine Mutter kann es Ihnen sagen, schon
als Knabe entfernte ich mich nie von der Wahrheit.
    Fr. v. B. Auch glaube ich mit Dir, Herrmann, dass Elisa und Henriette nur die
Wahrheit hören können, wenn ihnen Lob erteilt wird.
    Henr. Frau von Birkenstein, Sie treten zu seiner Partei über; Elisa
erklärt, dass von ihrer Seite kein Anariff geschehen ist; ich sehe mich also
allein auf dem Kampfplatze, und wohl oder übel, muss ich nun wohl Friede machen.
    Die scherzhafte Wendung, welche das Gespräch nahm, stimmte Herrmanns und
Elisa's Empfindungen zu dem vertraulichen Tone der Freundschaft um. Gleich edel,
gleich gefühlvoll für das Schöne, empfanden sie, dass sie sich verstanden, und
verbannt war zwischen ihnen jenes steife Ceremoniel, welches nur kalte Seelen
erfanden und an die Stelle des Gefühls setzen. -
    Frau von Birkenstein schlug vor, die jungen Mädchen hier unter der grossen
Linde tanzen zu lassen. Elisa, Henriette und Herrmann freueten sich dieses
Einfalls, riefen den jungen Mädchen und Burschen, und tanzten selbst im
Reihentanze mit. O, sagte Elisa zu Herrmann, nachdem sie sich wieder gesetzt
hatten, wie angenehm ist das Bild der Freude, und wo wird es treuer dargestellt,
als auf ländlichen Festen!?
    Herrm. Wohl wahr! die Erinnerung an dieselben rührt mich oft, wenn ich in
B... die Säle der Langeweile besuchen muss, zu denen man, als den Schauplätzen
des Vergnügens hineilt.
    Elisa. Das lebhafte Gefühl für die Natur ist gewiss das seligste, das
beglückendste! Ich freue mich, wenn ich es antreffe; denn der Mensch, in dem es
wohnt, ist gut, wie die Natur.
    Herrm. Sie beweisen dieses! Ja, nur mit einer schönen, erhabenen Seele
konnte man so, wie Sie, mit den Bäuerinnen tanzen.
    Elisa. Schmeicheln Sie mir nicht, Herr von Birkenstein, aus Ihrem Munde
könnte mir das Lob gefährlich werden; denn ich würde geneigt sein, es zu
glauben.
    Elisa errötete, nachdem sie diese Worte ausgesprochen hatte; sie schätzte
Birkenstein, und nicht gewohnt, zu heucheln, gestanden ihm diese Worte ihre
Empfindung; allein sie erkannte gleich, dass sie einem Manne, den sie gar nicht
kannte, zu schnell ihre Gesinnungen entdeckt habe; er bemerkte ihre Verwirrung,
und weit entfernt, sie durch eine Miene der Freude und Selbstzufriedenheit zu
vergrössern, bestrebte er sich, sie zu vermindern. Nein, edles Märchen, sprach
er, das Lob eines Mannes, der die Tugend verehrt, kann für eine schöne Seele
nicht verderblich sein! Elisa erblickte in diesem Betragen seine zärtliche
Aufmerksamkeit für sie, und ihr Herz dankte ihm.
    Elisa. (Nach einer Pause.) Wo ist denn Ihre Mutter und Henriette?
    Herrm. Mich dünkt, sie gingen dort jenen bedeckten Gang.
    Elisa. Lassen Sie uns zu ihnen gehen.
    Nun gingen Beide, schweigend, zu Henrietten und Frau von Birkenstein. Liebe
Elisa, sprach Henriette, weisst Du wohl, dass es schon acht Uhr ist? und eine
Stunde gehen wir von hier bis Hohnauschloss.
    Elisa. Schon so spät? Aber in Birkenstein beflügelt Freude die Zeit.
    Herrm. (Lebhaft.) Nicht in Birkenstein, sondern da, wo Sie sind! sie ist mit
den Grazien, ihren Schwestern, immer in Ihrem Gefolge.
    Verwirrt schlug Elisa die Augen nieder: mit Entzücken heftete Herrmann seine
Blicke auf sie; lose lächelte Henriette, und Frau von Birkenstein betrachtete
einige Augenblicke diese Gruppe mit Aufmerksamkeit. - Henriette unterbrach
endlich diese Stille: O, über die ewigen Complimente! sprach sie; sie könnten
uns endlich noch so gut gefallen, dass sie uns am Ende gar hier fesselten.
Wohlan, Elisa! wir wollen uns der Gefahr mit Gewalt entreissen.
    Elisa lächelte, und Beide nahmen nun Abschied von der Frau von Birkenstein.
Herrmann bat, dass sie ihm erlauben möchten, sie zu begleiten, und Elisa und
Henriette, Beide so gewissenhaft in der Beobachtung äusserer Anständigkeit,
hielten doch dieses nicht für unschicklich, sondern Elisa reichte ihm ihre Hand.
Man sprach wenig auf dem Wege; Henriette bemühete sich vergebens, die
Unterhaltung lebhaft und allgemein zu machen; es gelang ihr nicht. Vor
Hohnauschloss trennten sich die beiden Freundinnen von Herrmann. Er blieb stehen,
bis dass er sie aus dem Gesichte verloren hatte, und ging dann nachdenkend nach
Birkenstein zurück. Was wird Deine Mutter sagen, sprach Henriette, nachdem
Herrmann sie verlassen hatte, dass wir so spät zu Hause kommen?
    Elisa. Ich weiss nicht, ich fürchte ihren Anblick.
    Ihr Herz schlug ihr, als sie in die Türe trat; man sagte ihnen, dass Frau
von Hohnau mit ihrer Tochter schon im Speisesaale wären; zitternd eilten sie
hinein. Der Blick der Frau von Hohnau war finster. Warum, sprach sie, kommt ihr
so spät zurück?
    Elisa. (Mit zitternder Stimme.) Liebe Mutter, wir wussten nicht, wie viel Uhr
es war.
    Caroline. (Welche die Uhr an ihrer Seite erblickt, spöttisch.) Warum hattest
Du denn die Uhr mitgenommen, Schwester?
    Elisa. (Verwirrt.) Ich? die Uhr? Ich hatte nicht weiter daran gedacht.
    Fr. v. Hohn. Warum bist Du denn so verlegen? Ich will wissen, wo Du gewesen
bist?
    Carol. (Immer spöttisch.) Hätte sich etwa ein junger Nachbar eingefunden,
der sie auf ihren Spaziergängen überrascht, und ihnen die Zeit verkürzt hätte?
    Röte überzog Elisa's Wangen, allein ihre Stimme wurde fester; Carolinens
unedles Betragen gab Elisa'n die Würde der Tugend, und frei antwortete sie ihrer
Mutter: Wir sind in Birkenstein gewesen.
    Fr. v. Hohn. Ich werde Euch bitten, nicht mehr ohne mich Besuche
abzustatten.
    Elisa bat ihre Mutter um Verzeihung, dass sie, ohne es zu wollen, sie
beleidigt habe, und Frau von Hohnau antwortete ihr kalt, es wäre schon gut.
Caroline lächelte spöttisch, Elisa klagte nicht, zurück in ihrem Zimmer
unterhielt sie sich nur mit Henrietten, von Birkenstein und Herrmann. Henriette
benachrichtigte sie, dass Herrmann schon seit einem Jahre in B... beim
Kammergerichte angestellt wäre, und Hoffnung habe, bald eine Stelle zu bekommen.
    Elisa. Ich werde mich dessen freuen. Der junge Mann verdient gewiss glücklich
zu sein. Er hat eine solche offene Physiognomie, seine Züge sind so sanft, sein
ganzes Wesen zeigt Güte und Menschlichkeit.
    Henr. Dein Urteil ist sehr schnell, liebe Elisa, Du sahest ihn nur einmal.
    Elisa. O, hätte ich ihn nur einen Augenblick gesehen, er wäre hinreichend
gewesen, mich zu überzeugen!
    Henr. Das sagtest Du nicht im Ernste. Ich will Dir zugestehen, dass Herrmanns
Ansehen für ihn spricht; aber Du bist zu klug, um deswegen von seiner innern
Güte überzeugt zu sein.
    Elisa. Ach, Henriette! wenn unser Herz ein günstiges Urteil fällt, ist es
dem Verstande nicht erlaubt, dessen Ausspruch anzunehmen?
    Henr. Wenn Du jetzt bei dieser Frage nicht interessirt wärest, wie würdest
Du sie beantworten?
    Elisa. (Nach einer Pause.) Ich erkenne es, Henriette, Du hast Recht! Erst
will ich Herrmann beobachten, und allein meine Erkenntnis soll das Urteil
fällen. -
    Auch Herrmanns Herz urteilte günstig von Elisa, und ihre Gestalt schwebte
ihm im Traume vor. Er eilte gleich am andern Morgen unter die Linde, wo er sie
am vorigen Tage zuerst gesehen hatte, und seine Mutter fand ihn im tiefen
Nachdenken versunken. Er war zerstreut; Herrmann, sprach Frau von Birkenstein,
Elisa hat eine schnelle Veränderung in Dir bewirkt.
    Herrm. Mutter, ich liebte noch nie; ich glaube auch nicht, dass ich jetzt
schon liebe, aber ein Mädchen, wie Elisa, sah ich noch nie.
    Fr. v. B. Sei vorsichtig, Herrmann! Nie kann Elisa die Deine werden! -
    Herrmann und Elisa begegneten einander nach einigen Tagen; er war
entschlossen, sein Herz vor der Liebe zu bewahren, und Elisa wollte ihn
beobachten. Kalt und mit Zurückhaltung redeten sie einander an; dieser Zwang war
Beiden lästig, der feurige Jüngling konnte ihn nicht länger ertragen. Elisa,
rief er aus, fehlt Ihnen etwas? Habe ich Sie beleidiget?
    Elisa, (Mit sanfter Stimme.) Nein, lieber Birkenstein, aber Sie selbst sind
ja verändert.
    Herrm. (feurig.) Ich, verändert? gegen Sie? Ha! ...
    Henr. (Einfallend.) O, des brausenden Menschen! Sagen Sie mir nur, warum Sie
in so heftige Bewegung geraten?
    Herrm. Ach, verzeihen Sie, Elisa! Ich bin seit einigen Tagen so unruhig.
Kommen Sie, lassen Sie uns auf jene Anhöhe gehen; mich dünkt, man atmet freier,
wenn man die Erde unter seinen Füssen sieht, und sich den Wolken nähert.
    Er ergriff ihre Hand, und sie erstiegen den Berg.
    Elisa. (Nachdem sie einige Zeit in stummer Betrachtung da gestanden hatte.)
Wie schön ist es hier! Ihr, die ihr unzufrieden mit dem Schicksale seid, kommt
hierher! Seht, wie schön die Erde ist! Seht jenen Wald, der auch für euch seine
Schatten ausbreitet! Sauget der Blumen Balsamdüfte, die auch für euch da stehen!
Sehet im Werke des Allmächtigen die Spur der Menschenhände, welche auch eure
Brüder sind!
    Herrm. (Feierlich.) Allgütige Natur, Mutter aller Freuden, lass uns dieses
Augenblicks nie vergessen! Sollten wir je des Schicksals Härte empfinden, so
erinnere uns, dass in deinem Schoss uns der Freuden Fülle noch bleibt!
    Alle waren bewegt; langsam richtete Elisa ihre Augen auf Herrmann. O, wie
schön schien er ihr in diesem Augenblicke! Würde und Sanftmut war in seinen
Blicken vereiniget, Grösse lag in seinen Zügen. Sie reichte ihm ihre Hand. Wohl!
wohl! sprach sie, wollen wir des Augenblicks immer gedenken, um selbst bei
Widerwärtigkeiten noch glücklich zu sein!
    Eine Träne entschlüpfte bei diesen Worten ihrem Auge. Herrmann schlang
seinen Arm um ihren Leib. Elisa kann nie unglücklich sein, rief er; und nun riss
er sich von ihr los, und eilte hinweg. Staunend sah ihm Elisa nach, und
seufzte, als er vor ihren Blicken verschwand. Sie verlor sich in ihren
Betrachtungen über ihn, und bald sah sie nicht mehr die wirklichen Gegenstände,
welche sie umgaben: sie sah nur Herrmann, der schon weit von ihr entfernt war.
Henriette, welcher keine ihrer Bewegungen entgieng, näherte sich ihr endlich.
Hat Herrmann, sprach sie, so ganz Deine Aufmerksamkeit mit sich genommen, dass Du
alles übrige vergisst?
    Elisa. Zum wenigsten einen grossen Teil derselben; sein Betragen war sehr
sonderbar.
    Henr. (Lächelnd.) War sehr natürlich.
    Elisa. Du scherzest jetzt immer, Henriette, und nie war ich weniger zu
scherzen aufgelegt, als jetzt.
    Henr. Sage auch, nie war ich so ungerecht, zu verlangen, dass Anderer Launen
sich nach den meinigen richten sollten, als jetzt.
    Elisa. Verzeihe, liebe Henriette! und tausend Dank Dir, dass Du mir meine
Fehler sagest. - Ohne Dich würde ich ein albernes Mädchen werden.
    Henr. Das nicht, liebe Elisa! ich verbessere nur hin und wieder kleine
Flecken, um den Glanz noch zu erhöhen.
    Elisa. Mein Herz sagt mir in diesem Augenblicke, dass ich Dein Lob diesmal
nicht verdiene. Aber komm, lass uns zu Hause gehen, es wird kalt! -
    Elisa wurde nun nachdenkender; sie lächelte seltner; oft sass sie in Gedanken
verloren, und Herrmann war der Gegenstand ihres Nachdenkens gewesen. Ich weiss
nicht, sprach sie zu Henrietten, einige Tage nach ihrem letzten Spaziergange,
warum Herrmann uns nicht besucht?
    Henr. Er glaubt vielleicht, dass deine Mutter ihn nicht gut aufnehmen würde.
    Elisa. O, dann kennt er sich - dann weiss er nicht, wie einnehmend er ist:
(Henriette lächelt. Elisa errötend nach einer Pause.) Ich gestehe, ich bin
feurig in seinem Lobe; wenn ich ihn sehe, schwindet der Vorsatz, ihn zu
beobachten; mich dünkt, ich beleidige die Menschheit und die Natur, wenn ich bei
seinem Anblicke noch zweifle, dass er Einer der Besten unter den Sterblichen ist.
Sein Ausruf, seine Anrede auf dem Berge an die Natur, wie ungekünstelt! wie
feierlich! Henriette, ich hätte mögen Tage da stehen, und ihn betrachten!
    Henr. So ist es denn wieder ein Ideal von Schönheit und Vollkommenheit,
welches Dich zu Herrmann hinreisst?
    Elisa. Kein Ideal, welches in meiner Einbildungskraft entsprang. Seine
Zärtlichkeit für seine Mutter, seine Ehrfurcht für die Tugend, sein lebhaftes
Gefühl für die Natur, dieses alles ist Wirklichkeit; und wehe den kalten Seelen,
welche diesen Eigenschaften nicht Achtung zollen! -
    Noch an eben dem Tage liess sich Herrmann bei der Baroninn von Hohnau melden.
Elisa's Wange wurde feuriger bei seinem Namen; ihr zur Erde gesenkter Blick
empfing ihn; langsam drückte er ihre Hand an seine Lippen, und ein Seufzer
entfuhr seiner Brust.
    Herrm. (Nachdem er sich gesetzt hatte, zur Baroninn von Hohnau.) Gnädige
Frau, die Bitte eines Unglücklichen führt mich zu Ihnen, ein Bauer aus
Birkenstein ...
    Baroninn v. H. (Einfallend.) Ich hoffe nicht, Herr von Birkenstein, dass Sie
sich dieses Diebes annehmen wollen?
    Herrm. (Sanft.) Er ist ja ein Mensch, und ist unglücklich, sollte ich ihm
denn nicht beistehen, wenn er meiner Hülfe bedarf?
    B. v. H. Sie aber nicht verdient.
    Herrm. (Mit Wärme.) Wann hört der Beistand auf, den der Mensch dem Andern
leisten soll, wer wagt das zu bestimmen? - Doch erlauben Sie mir, gnädige Frau,
Ihnen sein Verbrechen und die Veranlassung dazu zu erzählen, und Sie werden
sehen, dass hier Gerechtigkeit Härte sein würde. Vor zwei Jahren starb der Vater
des jungen Harberg; auf seinem Sterbebette sagte er seinem Sohne, dass er seit
vielen Jahren einem andern Bauer zwanzig Taler schuldig wäre; er habe aber die
Schuld abgeschworen; doch nun erwache sein Gewissen, und er könne nicht ruhig
sterben, wenn er ihm nicht verspräche, die Schuld zu bezahlen. Harberg
hinterliess zwar seinem Sohne nichts; allein der Jüngling hatte lange gedient,
war sparsam und ordentlich gewesen, und hatte gerade so viel gesammelt, als die
Schuld seines Vaters betrug; er brachte die Summe augenblicklich dem Gläubiger
seines Vaters und dieser segnete ihn sterbend. Er bekam nun den Hof des
Verstorbenen; allein er fand in demselben weder Hausgeräte noch Vieh; er musste
borgen, um das Notwendige kaufen zu können. Der Mann, welcher der Gläubiger
seines Vaters gewesen, und in guten Umständen war, gerührt durch seinen
Edelmut, bot ihm seine Tochter zum Weibe an; allein der junge Harberg liebte
schon lange, und wurde wieder von einem redlichen, aber dürftigen, Mädchen
geliebt. Er wollte nicht treulos werden, und schlug die Tochter des alten Jacobs
aus. Er heiratete das Mädchen, das er liebte, arbeitete fleissig, und bezahlte
auch immer etwas von seiner Schuld; allein der schlechte Einschnitt im
vergangenen Jahre liess ihn nun wieder Mangel fühlen. Sein Weib kam vor vierzehn
Tagen nieder, und war dem Tode nahe; noch liegt sie auf dem Krankenlager; er
besass noch kaum soviel, um einige Brode backen zu können; sein Vieh hatte schon
seit einigen Tagen gehungert; er hatte weder Stroh noch Heu, und im ganzen Dorfe
wollte ihm kein Mensch etwas leihen; er konnte sein Vieh, das Mittel seiner
Unterhaltung, nicht sterben lassen, und die Not zwang ihn, die Wiese abzumähen,
welche Ihnen, gnädige Frau, gehört, und an Birkenstein gränzt. Sie haben ihn
verklagt, der Richter hat ihn zum Ersatze, und zur vierwöchentlichen
Gefängnissstrafe verdammt. Der Ersatz macht zwanzig Taler; hier sind sie; aber
ein Wort von Ihnen kann ihn von der Gefängnissstrafe befreien, welche ihn in
seinen gegenwärtigen Umständen zum Bettler machen würde.
    B. v. H. Ich werde an den Richter schreiben; allein in der Folge wird selbst
Ihre Fürbitte den Dieben nichts helfen; das Laster muss bestraft werden.
    Herrm. Ist Armut, worein Edelmut stürzte, Laster? O, gnädige Frau! der
gerechteste Richter ist die Stimme der Menschlichkeit!
    B. v. H. Mit diesen schönen Phrasen, wenn sie in Tribunälen gälten, würde
der Staat sehr schlecht verwaltet werden.
    Herrm. O, dass doch so wenig Menschen sich überzeugen können, dass Güte und
Menschlichkeit mehr Tugenden bewirken, als Strenge! Was hilft es, dass wir es in
allen Schriften lesen, so lange wir noch Härte in den Herzen der Menschen
finden! Nein, gnädige Frau, wenn erst Billigkeit, Untersuchung der Tatsache,
und Nachsicht mehr, als ungerechte Gesetze, gelten werden, dann erst kann man
hoffen, die Menschen besser und glücklicher zu sehen!
    Elisa. (Leise zu Henrietten.) Edler Mann! Höre ihn, Henriette, welche reine
Menschenliebe aus ihm spricht!
    Die Unterhaltung nahm nun eine andre Wendung; die Baronin von Hohnau hatte
sich durch seine Worte beleidiget gefunden; er bemerkte es, und es tat ihm
wehe. Er wollte nicht ihrem Stolze schmeicheln, aber er konnte Elisa's Mutter
nicht auf sich zürnen sehen. Gnädige Frau, sagte er endlich mit einer
Freimütigkeit, welche in Elisa's Augen ihn noch erhabener machte, ich sprach
zuvor mit Eifer, die Sache der Menschheit flösst ihn mir immer ein; meine Worte
aber waren nicht an Sie gerichtet; denn musste ich nicht voraussetzen, dass das
sanfte weibliche Herz jede Äusserung der Güte und Liebe billigte?
    Die Baroninn von Hohnau ward beschämt durch Herrmanns Betragen. Wir
verstanden einander nicht recht, anwortete sie; wie könnte ich in Ihnen
Menschenliebe tadeln? Nur muss sie recht geleitet werden.
    Bald darauf brach Herrmann seinen Besuch ab; er hat um die Erlaubnis, ihn
wiederholen zu dürfen, und erhielt sie.
    B. v. H. (Nachdem er hinaus war.) Ein artiger junger Mann!
    Carol. Nur etwas zu frei.
    Elisa. (Mit sanftem Tone.) Du tadelst beständig Schwester!
    Carol. (Spöttisch.) Und Dir gefällt man sehr leicht.
    Elisa. (Errötend.) Ich sagte ja nicht, dass mir Herr von Birkenstein
gefiele.
    Carol. (Im vorigen Tone.) Deine Röte beweist es!
    Glücklicherweise bemerkte die Baroninn von Hohnau diese Unterredung nicht;
Elisa war so schüchtern, dass sie den ganzen Abend nicht mehr sprach, und dieses
gab Carolinen immer mehr Stoff zu ihren Spöttereien; die sanfte, geduldige Elisa
ertrug sie gelassen. Sie sagte oft: es ist eine der ersten unter den geselligen
Tugenden, Anderer Schwachheiten ertragen, und das sicherste Mittel, sie für sich
unschädlich zu machen.
    Herrmann kam nun oft nach Hohnauschloss; er und Elisa kannten keine höhere
Wonne, als sich zu sehen. Das gefühlvolle Mädchen glaubte, Achtung und
Freundschaft wären ihre Empfindungen für den liebenswürdigen Jüngling, und er,
ach! er fühlte wohl, dass Elisa ihm Alles war; aber er wagte es nicht, sich
selbst seine Empfindungen zu gestehen. - So waren vierzehn Tage seit seinem
ersten Besuche in Hohnauschloss verflossen, als an einem Morgen plötzlich ein
junger Bauer in Elisa's Zimmer trat. Es war Harberg. Gott grüss Sie, schönes
Fräulein! Verzeihen Sie, dass ich gerade in die Stube komme: war seine Anrede.
    Elisa. Das hat nichts zu sagen, mein Freund, entdecke Er mir nur sein
Verlangen.
    Harb. Ich wollte Sie bitten, dass Sie möchten Gevatter bei meinem Mädchen
stehen. Ich bin so arm gewesen, dass ich bis jetzt nicht habe können taufen
lassen, aber unser gütiger junger Herr hat mich fortgeholfen. (Er zieht einen
Brief aus der Tasche.) Hier ist ein Brief von der gnädigen Frau, sie bittet auch
für mich.
    Harb. (Nachdem Elisa gelesen hatte.) Verzeihen Sie, dass ich so frei bin, Sie
so geradezu zu bitten; aber als ich Sie auf unserer gnädigen Frau Geburtstage
sah, wie Sie so freundlich gegen uns arme Leute, und so voll Liebe gegen unsre
gute Mutter waren, ach! da kann ich gar nicht sagen, wie mir war! Ich hätte
mögen zu Ihnen rennen, und Ihnen den Rock küssen, wenn es sich so geschickt
hätte!
    Elisa. Ich danke ihm für seine Liebe. Ich werde kommen, wenn meine Mutter es
erlaubt. Aber, ist seine Frau nun wieder besser?
    Harb. Ja, Gott und unserm gütigen Herrn sei Dank! O, was ist das für ein
Herr! Ich war in seiner Jugend sein Spielkamerad; die gnädige Frau sagte dann
immer: Herrmann, sei höflich und gefällig gegen Jürgen, er ist so gut, wie du!
Und wenn wir uns stritten, und Herrmann hatte Unrecht, so musste er mich um
Verzeihung bitten, und die gnädige Frau achtete mich dann weit mehr, als ihn,
bis dass er sein Unrecht erkannte. Aber ihre Lehren haben auch geholfen; er ist
ein Engel geworden.
    Elisa. (Schnell einfallend.) O, erzähle Er mir doch etwas von ihm. (Sie holt
einen Stuhl.) Setze Er sich, lieber Harberg, Er wird müde sein?
    Harb. O, das ist zu viel! das ist zu viel! Liebes Fräulein, machen Sie doch
nicht so viel Umstände mit mir armen Manne!
    Elisa. Er erzeigt mir einen Gefallen, wenn Er sich setzt; ich habe es nicht
gern, wenn die Leute vor mir stehen.
    Harb. (Setzt sich.) So ist unser gnädiger Herr eben! Als er des Abends zu
mir kam, wie meine Frau noch krank war, und im Bette lag, und ich nur einen
einzigen Schemel hatte, so musste ich sitzen und er stand. Er sagte: Harberg, Er
hat gearbeitet und ich nicht, Er muss nun ruhen! Er kam wohl viermahl des Tages,
wie meine Frau so schlecht war, um zu sehen, ob sie die Arznei ordentlich bekam,
welche er vom Doktor verschreiben liess, dem er täglich dafür, dass er aus der
Stadt kam, einen Taler gab, und dann nahm er noch ein Weib an, welche meine
Frau und mein Kind warten und pflegen musste. Ach, und wie ich das Gras gestohlen
hatte, was gab er mir da für Lehren! Harberg, sagte er, wie Er durch eine
einzige Handlung sich unglücklich gemacht hat! wäre er zu mir gekommen, und
hätte mir sein Leid geklagt, ich hätte ihm geholfen, und wäre ich noch nicht
hier gewesen, so hätte es meine Mutter getan; denn ehrlichen Leuten steht man
immer bei. Nun kann Er aber ins Gefängnis kommen, und dann bleibt seine ganze
Wirtschaft den Sommer über liegen, und Er wird dadurch an den Bettelstab
gebracht. Er erregt dann kein Mitleiden mehr; man sagt: Er ist ein Dieb, Er
verdient sein Schicksal! Verachtung liest Er auf allen Gesichtern, und womit
kann Er sich dann trösten! Mit innerlicher Zufriedenheit? Er hat sie verloren,
Er wird sich in jedem Augenblicke sagen: Ich habe mein Weib, mein Kind
Zeitlebens unglücklich gemacht! Sie werden aufhören, Ihn zu lieben. Von einem
Jeden verachtet, und von Keinem geliebt, wird Er sein Leben zubringen. Mit
Tränen wird er das erbettelte Stück Brod benetzen, weinen, wenn er sein Weib
ansehen wird, die Er sonst mit so inniger Freude in seinen Armen drückte.
Vergleiche er diesen Zustand mit dem Tage, an dem Er die Schuld seines Vaters
bezahlte! Da verlor Er alles, aber Er war vergnügt. Mit dem Tage, an dem sein
liebes Mädchen sein Weib wurde, da war Er auch arm, aber Er handelte ehrlich,
und Er fühlte seine Armut nicht! Sie war ihm süss; sie ist Ihm erst drückend
geworden, seitdem Er gestohlen hat! Diesen Unterschied wird Er immer empfinden.
je nachdem Er Recht oder Unrecht tut. Seine eigne Erfahrung hat Ihn schon davon
überzeugt. Armut ist nicht eher ein Unglück, als bis man Böses tut, dann fühlt
man alle Leiden doppelt. - So etwas hatte mir der Priester nie gesagt; aber ich
war auch noch nie so gerührt gewesen; denn ich fühlte, dass alles wirklich so
war, wie mir der gnädige Herr gesagt hatte; denn ich konnte mein Weib nicht
ansehen, ohne zu weinen, und wenn mir der Herr Pastor auch noch so viel von
Höllenstrafen vorsagte, so empfand ich davon nichts, und ich dachte dann nicht
weiter daran. Ich werde es nie vergessen, was der gnädige Herr sagte, wie einem
Diebe zu Mute wäre, und ich wollte nicht mehr stehlen, sollte ich auch
verhungern; denn ich würde dadurch doch nicht so unglücklich werden, als ich es
jetzt bin. - Aber Sie sollten mahl den Bedienten des jungen Herrn hören, wenn der
von ihm erzählt! Ach, da muss man weinen, wie ein Kind! Eine Geschichte
besonders! die vergesse ich nie, denn sie ist gar zu schön!
    Elisa. (Mit angenommener Gleichgültigkeit.) Wie ist sie denn!
    Harb. Unser junger Herr ist doch in Berlin in Diensten, und da ist in
demselben Fach noch ein Herr, der ist neidisch auf ihn gewesen, weil er so
geschickt ist, und der Minister so viel aus ihm machte; er hat ihn also nicht
leiden können, und immer Böses von ihm zum Minister gesprochen. Endlich sollte
unser junger Herr eine Stelle erhalten; allein der Andere hat so lange gemacht,
bis dass er es verhindert hat. Dies alles hat nun unser junger Herr wohl gewusst;
allein er hat sich nichts merken lassen. Bald drauf wird der Andre krank, und da
er immer sehr lustig lebt, so hat er kein Geld, und Verwandten hat er auch nicht
in Berlin, da geht es ihm nun sehr schlecht; dies erfährt unser junger Herr, der
eben auch nicht bei Gelde ist, denn er lässt sich nur sehr wenig von seiner
Mutter geben, weil sie auch nicht viel hat; und er sagt, er will es hier den
Armen nicht entziehen, welchen sie es gibt. Er weiss sich nun nicht anders zu
helfen, als dass er Stunden geben muss, um den Andern beizustehen; da, sagt
Christian, hat er vier Wochen lang des Abends um sechs Uhr einen Oberrock
angezogen, ist in eine andere Gegend der Stadt, und bei Leute gegangen, wo er
nicht bekannt war, und hat bis um neun Uhr Stunden gegeben; dann ist er zu dem
Menschen gegangen, hat ihn gepflegt, ihm einen Doktor und eine Wartefrau
angenommen; aber das Geld hat er ihm durch die Post geschickt, so dass der nicht
gewusst hat, von wem er es bekommen hat! er ist immer erst spät von ihm gegangen,
und oft, sagt Christian, wenn er dann hat viel Arbeit gehabt, hat er des Nachts
gearbeitet, um nicht die Stunden zu versäumen. - Wir hatten alle die Augen voll
Wasser, als Christian das erzählte, Gott segne den guten jungen Herrn, und gebe
ihm ein gutes Weib, die ihn für alles das belohne!
    Harberg stand nun auf, er bat Elisa'n noch einmal, zu ihm zu kommen; sie
versprach es ihm, und er verliess das Zimmer.
    Elisa. (Nachdem Harberg hinaus ist, indem einige Tränen ihre Wangen
herabrollten.) Herrmann! edler, guter Jüngling! Ja wohl, möchtest Du
unaussprechlich glücklich sein! O, könnte ich Dein Glück mit meinem Leben
erkaufen! Jeder Tag sollte für Dich ein Tag der Wonne sein!
    So blieb sie noch lange sitzen, dachte nur an Herrmann, und rief in ihr
Gedächtnis alles zurück, was Harberg ihr gesagt hatte. Sie erhielt von ihrer
Mutter die Erlaubnis, nach Birkenstein zu gehen, und nun beschäftigte sie sich,
für Harbergs Tochter einen Anzug zu verfertigen. Ihre liebende Seele dachte sich
die Freude der Mutter, wenn sie das kleine Geschöpf so geschmückt sehen würde,
es war ihr süss, diese selbst zu bereiten. Henriette wollte Elisa'n begleiten,
allein sie befand sich am andern Morgen nicht wohl, und Caroline sagte, sie
hielte es nicht für eine Ehre, die Gevatterinn eines Bauern zu sein, also fuhr
Elisa allein nach Birkenstein. Herrmann erwartete sie schon vor dem Dorfe, und
führte sie zu seiner Mutter. Beide konnten kaum die Freude verbergen, sich zu
sehen. Ihr Schweigen, Herrmanns trunkene Blicke, und Elisa's stärker klopfender
Busen, Alles entdeckte ihre Empfindungen, und Frau von Birkenstein las in ihren
Herzen. Ach, könnte ich sie doch einmal als Tochter umarmen! sprach sie zu sich
selbst.
    Sie gingen nun zusammen zu dem ehrlichen Harberg, und die feierliche
Handlung nahm ihren Anfang. Elisa hielt das Kind über die Taufe; sanfter Ernst
und Wohlwollen war während dieser Zeit auf ihrem Gesichte verbreitet. Ich werde
ihre zweite Mutter sein, sprach sie zur jungen Frau, indem sie ihr ihre Tochter
wieder gab.
    Harb. (zu Herrmann, nachdem die Taufe vollzogen ist.) Gott weiss es, gnädiger
Herr, Sie haben mir viel Gutes getan, und was ich empfinde, kann ich Ihnen
nicht sagen! (Er wischt sich einige Tränen von seinen Wangen.) Aber kann ich
Ihnen mahl mit meinem Leben dienen, so befehlen Sie! Weib und Kind will ich
vergessen, und für Sie sterben! Sie haben sie mir erhalten, und haben mich
wieder zum ehrlichen Kerl gemacht!
    Herrm. (Gerührt.) Ich freue mich, Harberg, Ihn wieder glücklich zu sehen!
Sei Er immer gut, dann wird Er das erste auch sein.
    Harb. Das weiss ich nun schon aus Erfahrung, und wer in Birkenstein mehr als
einmal sündiget, der muss ein Schurke sein!
    (Zwei Bauern, die gegenwärtig sind.) Da spricht Er ein wahres Wort! Wo eine
gute Herrschaft ist, die einen unterstützt, da sind gewiss nicht viel schlechte
Kerl! Das können Sie uns glauben, gnädige Frau, wir liessen Alle unser Leben für
Sie; aus Liebe für Sie, möchten wir nichts Böses tun!
    (Alle Anwesende.) Nein, gewiss, gewiss nicht!
    Gerührt dankte Frau von Birkenstein Allen für diese Äusserungen der Liebe.
Seid gut! seid glücklich! sprach sie, dann werde ich es auch sein!
    Elisa. (Nach einer Pause, zur Frau von Birkenstein.) Würdige Frau, wenn ich
je ein Glück beneiden könnte, so wäre es das Ihrige! Welche himmlische Wollust
muss es sein, die Menschen zu bessern, sie gut und glücklich zu machen!
    F. v. B. Ja, liebe Elisa, des Bild des Glücks und der Ordnung gefällt uns
immer; gern verweilen wir bei demselben; aber doppelt süss ist es, sich als
Schöpfer desselben zu sehen. Die Freude erscheint uns dann noch in einem hellern
Gewande, und die Tugend noch grösser. Man schreiet über das Verderben der
Menschheit, und wie leicht kann man den Menschen das Gute liebenswürdig und
annehmlich machen, wenn man jede seiner Pflichten erfüllt. Dieses ist mein
einziges Verdienst. Einfach, von der Natur selbst eingegeben, sind die Mittel,
welche ich anwende, das Gute zu befördern, und Freude zu verbreiten. Ich liebe
die Einwohner von Birkenstein, und unterstütze sie; denn ihre Bedürfnisse sind
so klein, dass, ob ich gleich nicht reich bin, ich sie doch befriedigen kann.
Dieses gewann mir ihre Liebe, und ihr Bestreben, mir zu gefallen. Ueberzeugt,
dass sie stets auf meinen Beistand rechnen können, wenden sie keine
unrechtmässigen Mittel an, ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Sie tun das Gute,
weil es zu ihrem Nutzen gereicht, und lieben einander, weil kein Eigennutz sie
trennt. So leicht kann man den grossen Haufen zum Guten gewöhnen, wenn man Mangel
von ihm entfernt, und das Laster ihm schädlich werden lässt. Dieses sollten jene
Menschenbesserer bewirken. Dieses sollte das Bestreben jedes Mannes, jedes
Weibes, in jeder Klasse, in jeder Sphäre werden; dann würden wir bald den
grössten Haufen der Menschen, so wie in Birkenstein, gut und fröhlich sehen. -
Aber leider! finden wir mehr heftige Declamationen über Sittenverderbniss und
Menschenelend, als tätiges Bestreben, es zu verringern!
    Harberg und sein Weib zogen nun Herrmanns und Elisa's Aufmerksamkeit auf
sich. Er hielt sie lange umarmt, und rief endlich; Hanne, wie glücklich bin ich,
dass ich dich wieder habe! - Sie weinte, blickte auf ihn, und auf das Mädchen,
welches in ihrem Schoss lag, und drückte sie wechselsweise an ihren Busen. Es
ist für dein Kind, sprach sie, dass ich so viel ausgestanden habe; meine Liebe
hat mir alles überstehen helfen. Gott gebe uns nur seinen Segen, dass unser
Mädchen fromm und gross werde! Bei diesen Worten reichte sie ihm seine Tochter;
er nahm sie in seine Arme, drückte Mutter und Kind an sein Herz, und vergoss
Tränen der Freude. Auch Herrmanns und Elisa's Augen füllten sich mit Tränen,
leise Seufzer drängten sich aus ihrer Brust. Sie fühlten Beide die Allgewalt der
Liebe und der Natur, und Beider Herzen sprachen leise: In Herrmanns, in Elisa's
Armen, würde auch ich so glücklich sein! - Mit diesen Empfindungen verliessen sie
diese Wohnung der Unschuld und der Zufriedenheit, als eben ein Bote der Frau von
Birkenstein einen Brief brachte, welcher eine augenblickliche Antwort
erforderte. Frau von Birkenstein entschuldigte sich bei Elisa'n und verliess sie.
Gleich hinter dem Garten der Frau von Birkenstein war ein Park, in welchem Elisa
gern verweilte. Herrmann hatte dieses von seiner Mutter gehört, und schlug
Elisa'n vor, zusammen in den Park zu gehen, indes seine Mutter schrieb. -
Schweigend gingen sie nun durch die dunkeln Gänge wohlduftender Linden, und nur
zuweilen unterbrach der Luftbewohner Abendgesang die feierliche Stille um sie.
Sie erstiegen eine Anhöhe; die Sonne warf ihre letzten Strahlen auf die Erde;
noch sahen sie sie durch die Zweige majestätischer Buchen brechen, welche am
Fusse des Hügels standen, auf welchem sie sassen. Herrmann hatte seinen Arm um
Elisa'n geschlungen, und mit niedergesenktem Blicke sass sie da; höher hob sich
ihr Busen; Herrmanns Auge wurde funkelnder; Liebe wehete ihm das Rauschen der
Blätter zu; Liebe hörte er im Gesange der hoch sich schwingenden Lerche. Er
ergreift Elisa's Hand; sie zittert. Er blickt sie an; eine Träne glänzt in
ihrem Auge. Elisa, stammelt er, meine Elisa! und drückt seine Lippen auf die
ihrigen. Purpurröte überzieht ihre Wangen; sie windet sich aus seinen Armen,
und wagt es nicht, ihn anzusehen.
    Herrm. Bin ich schuldig?
    Elisa. (Mit bebender Stimme.) So bin ich es denn auch, Herrmann?
    Herrm. (Sie feurig umarmend.) Nein, meine Elisa, das sind wir nicht! Wir
gehorchen der Stimme unsers Schöpfers, der aus Liebe uns schuf, durch Liebe uns
werden liess, und durch sie uns beglücken wird!
    Elisa. (Ihren Kopf an seine Schulter lehnend.) O, Herrmann! -
    Herrm. Meine Elisa, wie glücklich machen Sie mich! Ich wagte nicht, es zu
glauben - Liebe! Liebe! wie gross sind deine Freuden!
    Elisa. (Gen Himmel blickend.) Dank dir, mein Schöpfer, dass du mich ihn
finden liessest, diesen Mann, der allein dieses selige Entzücken mich fühlen
lassen konnte! (Sie reichte ihm ihre Hand.) Herrmann, Ihre Liebe macht mich
stolz, macht mich glücklich!
    Herrm. (Kniet vor Elisa'n, und hält lange ihre Hand an seine Lippen.)
Himmlisches Mädchen! ich vermag es nicht, meine Gefühle auszudrücken!
    Bei diesen Worten sank er in ihre Arme, und Beide schwiegen nun. Die Sprache
des Gefühls ist zu mächtig, zu trunken das Wonnegefühl der Liebe, um durch Worte
sie auszudrücken. Ihre Blicke nur sagten sich ihr Glück.
    Elisa. (Nach einer langen Pause.) Herrmann, die Sonne ist untergegangen, wir
müssen zurückgehen.
    Herrm. O, dass ich eine Ewigkeit hier sitzen könnte!
    Elisa. Lassen Sie uns hoffen, nie getrennt zu werden! Ach, ich könnte den
Gedanken, ohne Sie zu leben, nicht ertragen!
    Herrm. Und ich ihn nicht fassen! Ohne Sie kann mir kein Glück mehr werden!
    Elisa. Wir wollen ihn nicht denken, mein Herrmann; das Schicksal liess uns
einander finden, unsere Liebe wird uns auf ewig vereinigen!
    Herrm. Süsses, liebevolles Geschöpf! Dank dir, gütiger Vater, du liessest mich
einen Engel finden!
    Ein holdlächelnder Blick, ein Kuss, den sie errötend auf seine Lippen
drückte, war Elisa's Antwort. Schnell eilte sie nun fort; doch Herrmann
erreichte sie bald wieder. Im tiefen Schweigen war schon die Natur versenkt;
allein ihre Liebe belebte Alles, oder vielmehr hörten sie auf, andere
Gegenstände zu bemerken. In der ganzen Natur sah Herrmann nur Elisa, und Elisa
nur Herrmann. Zum Erstenmale erblickte sie ohne Entzücken den gestirnten Himmel,
den aufgehenden Mond; zum Erstenmale hörte Herrmann nicht die Schallmeie des
fröhlichen Hirten, welche in der Ferne erschallte, und welche er sonst mit
Vergnügen belauschte. Im stummen Entzücken gingen sie fort, nur Seufzer der
Liebe weheten die Lüfte ihnen nach. Frau von Birkenstein erwartete sie am
Eingange des Gartens. (Elisa nähert sich ihr verwirrt.) Sind Sie schon fertig,
liebe Mutter?
    Fr. v. B. Es freuet mich, dass Herrmann Sie so gut unterhalten hat, dass Sie
den Verlauf zweier Stunden nicht bemerkt haben.
    Elisa. (Immer verwirrter, sieht errötend nach der Uhr.) In der Tat, es ist
schon spät. Wir sind weit gegangen....
    Herrm. Mutter, unsere Unterhaltung war die, welche Jahre zu Minuten macht!
    (Elisa verbirgt ihr Gesicht am Busen der Frau von Birkenstein, welche sie
umarmt.)
    Fr. v. B. Erröten Sie nicht, meine Freundinn! Herrmann ist Ihrer Liebe
würdig; und Liebe in solchem Herzen, als das Ihrige, ist Engelgefühl!
    Herrm. (Kniet nieder, vor Elisa und seiner Mutter.) Meine Elisa! Hier, vor
meiner Mutter, gelobe ich Ihnen Liebe und Treue, und bekenne, dass Sie mir das
Heiligste auf der Erde sind!
    Elisa (Ihn aufhebend.) Und hier eröffne ich Ihnen ganz mein Herz.
Unaussprechlich, Herrmann, liebe ich Sie; nur unbedingte Pflicht kann mich je
von Ihnen reissen, und nie wird ein Mann, so wie Sie, meine Liebe besitzen!
    Fr. v. B. (Beide umarmend.) O, meine Kinder! möchte doch Eure Liebe Euer
Glück und meine Freude im Alter machen!
    Der Mutter und der beiden Liebenden Tränen der Freude und des Gefühls
vermischten sich mit einander; dichter, als ihre Arme, waren ihre Herzen in
einander gekettet, und nur mit Mühe entriss sich ihnen Elisa, und eilte zurück
nach Hohnauschloss. Der Schleier der Nacht lag schon auf der Natur verbreitet,
Elisa'n war er willkommen; des Tages Geräusch hätte sie aus ihren Empfindungen
geweckt, und Elisa konnte und wollte nur an Herrmann denken, und sich zurück
träumen an seine Seite, seine Lippen auf den ihrigen gedrückt. - Der Wagen hielt
endlich still, Elisa stieg aus, schauete noch einmal mit einem Seufzer nach der
Gegend hin, wo Birkenstein lag, und ging zu ihrer Mutter. Hier verweilte sie
nicht lange; bald sagte sie ihrer Mutter und Carolinen gute Nacht, und eilte zu
Henrietten. Sie warf sich in ihre Arme. Henriette, ich liebe! schrie sie, und
drückte sie fester an ihren Busen.
    Henr. Heute sagt mir es Dein Mund; aber Deine Blicke sagten es mir schon
lange.
    Elisa. Meine Blicke? Nein, Henriette, noch fühlte ich nicht wie jetzt! Hätte
ich Liebe fühlen können, wenn ich entfernt von Herrmann war? Hätten meine Blicke
beredt sein können, ehe seine Küsse mir Leben und Feuer einhauchten?
    Henr. Elisa, auch auf Dich wirkt der Zauber der Liebe so heftig?
    Elisa. O! Henriette, Du kennst nicht seine Macht! - Als ich an deiner Seite
sass, Herrmann, als deine feurigen Blicke, deine stammelnden Lippen mich das
seligste Gefühl kennen lehrten; als vor mir alle Gegenstände schwanden, ich nur
dich sah, nur dein und meines Herzens Klopfen hörte; als der erste Feuerkuss
meine Lippen berührte, dein erstes Geständnis das Blut in meinen Adern stärker
wallen liess: da hätte ich die Frage für unmöglich gehalten?
    Henr. Schwärmerinn!
    Elisa. Immerhin, Henriette, will ich umherschwärmen in dem Gebiete der
Liebe; ich habe die Tugend und Herrmann zu meinen Gefährten. O, dass Du heute
nicht mit uns warest, Henriette! Nicht sahest unsere Liebe, nicht fühltest unser
Glück!
    Henr. Elisa, Deine allzufeurige Einbildungskraft liess mich immer die Liebe
für Dich fürchten.
    Elisa. Fürchten? Warum denn fürchten? Sonst dachte ich nicht oft an die
Liebe; ich begehrte nicht, sie zu kennen; doch ich glaubte nicht, dass man sie zu
fürchten brauche. Aber, nun ich sie an deiner Seite, in deinen Augen, durch
deinen Händedruck, Herrmann, kennen lernte; nun ihre Entzückungen meinen Busen
heben, und ich durch sie dich, edelsten Mann, beglücken kann: nun dünkt mich
Furcht vor ihr, so wie Furcht vor der Sonne, die Alles belebt, wie Furcht vor
dem Urquell aller Wesen, der Allen Dasein gab!
    Henr. Dass sie Dir immer diese Wonne gewähren möge!
    Elisa. Sie wird es! Das Andenken ihrer vergangenen Freuden wird in trüben
Tagen mich aufrichten! Werde ich meinem Herrmann entrissen, so wird banger
Kummer mein Loos! Aber die Erinnerung unsrer Liebe wird mich durch das Leben
begleiten, und mir noch in den letzten Augenblicken süss sein!
    Henr. (Lächelnd.) Wer würde in dieser Heftigkeit die sanfte Elisa erkennen?
Nein, liebes Mädchen, die Liebe muss Dich nicht umschaffen! Sollte sie Dich
allein unvollkommener machen?
    Elisa. Nein, Henriette, das soll sie nicht! Mein Herrmann ist so edel, so
gut; er würde mich nicht mehr lieben, wenn ich aufhörte, es zu sein!
    Henr. Du würdest also endlich die Tugend nur um Herrmann lieben?
    Elisa. Das nicht, Henriette! Ja, ich fühle es, ich würde ihr selbst meine
Liebe aufopfern! aber - doch warum diese Frage? - Sprich, Henriette, versäume
ich meine Pflichten seit dem Tage? - Ach, ich liebte ihn schon damahls, als
meine Augen ihn zuerst erblickten!
    Henr. Elisa, Du bist unruhig! Lass uns von andern Gegenständen reden.
    Elisa. Ich kann nicht, Henriette. Herrmann schwebt vor meinen Augen, sein
Bild ist in meinem Herzen, und selbst wider meinen Willen würden meine Lippen
seinen Namen stammeln!
    Henr. Elisa, ich hörte Dich so oft sagen: Nie müsse man sich irgend einer
Leidenschaft mit Heftigkeit überlassen.
    Elisa. Wahr, Henriette! ich fühle noch die Richtigkeit dieses Satzes; allein
Herrmann, und eine Vereinigung mit ihm, erfüllt so ganz jeden Begriff, den ich
von Glückseligkeit hatte, welchem ich zwar nicht nachhieng, weil ich ihn nie
erfüllt zu sehen glaubte; aber nun ich ihn kenne, den Mann - Ach, Henriette! nun
kann ich der Liebe nicht widerstehen!
    Henr. Liebe Elisa, mein Wunsch war stets, Dich glücklich zu sehen. Wirst Du
es durch die Liebe, so werde ich den Tag segnen, an welchem die Natur und Dein
Herrmann sie Dich zuerst kennen lehrten.
    Elisa. (Henrietten umarmend.) O, Freundschaft! Auch du hast deine Freuden!
Stärker, als je, Henriette, schlägt mein Herz heute für Dich.
    Henriette erwiederte den freundschaftlichen Kuss; lange hielten sie sich
umarmt. Möchte uns doch das Schicksal nie trennen! riefen Beide aus: O Herrmann!
o Henriette! sprach Elisa, an Eurer Seite meine Tage verleben! - Gott! das wäre
mehr, als eine Sterbliche erwarten könnte! das kann nicht geschehen!
    Dieser Gedanke trübte ihre Stirn. Ich fühle es, sprach sie, mit der Liebe
schwindet die Ruhe, bange Besorgnisse erfüllen meine Brust! - O Herrmann!
Möchtest doch du nie sie kennen! Möchtest doch du nur der Liebe Freuden
geniessen, ich will ihre Leiden tragen! -
    Aber auch Herrmann empfand wechselsweise Entzücken, Hoffnung, Zweifel und
Furcht; er eilte am andern Tage nach Hohnauschloss. Wie schlug nun Elisa's Herz,
als er sich ihr näherte! Wie zitterte nun seine Hand, als er die ihrige
berührte! - Leise sprach er zu Henrietten: Henriette, wissen Sie mein Glück?
    Henr. Ja wohl sind Sie glücklich, Birkenstein; denn Elisa's Herz schlägt nur
für Sie!
    Herrm. O, dass ich ihr gleich zu ihren Füssen danken, vor der ganzen Welt
bekennen könnte: Elisa, ich liebe Dich!
    Henr. Nicht so heftig, lieber Birkenstein, noch müssen Sie sich nicht
verraten.
    Er entfernte sich von ihr, und augenblicklich kam Elisa und fragte: Was
sagte er Dir?
    Henr. Er sprach, wovon die Geliebten gewöhnlich sprechen, von seiner Liebe.
    Elisa. O, nein, er spricht nicht wie Andere, lass mich jedes Wort hören!
    Henr. Man bemerkt uns, Elisa, Du musst vorsichtig sein.
    Elisa. O, des unerträglichen Zwanges! Wie kann man seine Empfindungen
verbergen? -
    Frau von Birkenstein, welche nichts unterlassen wollte, Herrmanns und
Elisa's Glück zu befördern, hatte ihrem Sohne aufgetragen, die Baroninn von
Hohnau um Erlaubnis zu bitten, ihr ihre Aufwartung machen zu dürfen. Die
Baroninn konnte dieses nicht abschlagen, und nach einigen Tagen stattete die
Frau von Birkenstein einen Besuch in Hohnauschloss ab, welchen die Baroninn von
Hohnau erwiederte; und nun erhielten Elisa und Henriette die Erlaubnis, zuweilen
nach Birkenstein zu gehen. Fast täglich sahen sich nun Herrmann und Elisa; ihre
Liebe wuchs mit jedem Tage; ihre Besorgnisse schwanden; sie tranken nun aus dem
Kelch der Liebe und der Freude. -
    An einem Nachmittage ging Elisa allein in einen kleinen Birkenwald, welcher
zwischen Hohnauschloss und Birkenstein lag. Ihr begegnete Herrmann; sich einander
sehen, und einander in die Arme fliegen, war immer das Werk eines Augenblicks.
Herrmann war einige Tage abwesend gewesen, also noch feuriger war heute ihr Kuss.
O, mein Herrmann, fieng endlich Elisa an, wie sehr habe ich Ihre Abwesenheit
empfunden! Wie öde schien mir der Wald, da ich wusste, Sie atmeten nicht in
seiner Nähe!
    Herrm. Auch mir bot die Natur vergebens ihre Schönheiten dar; wo Elisa nicht
ist, da ist für mich Tod und Verwüstung.
    Elisa. Anmutiger lächeln nun wieder die Gefilde. - O Natur! alle deine
Werke liess der Hauch der Liebe werden!
    Herrm. (Nach einer Pause.) Kannst Du es fühlen, Elisa, das Entzücken,
welches meine Brust belebt; kannst Du sie begreifen, die unnennbaren
Empfindungen, welche durch meine Nerven beben, wenn ich Dich höre die Liebe
preisen, und mir dann sage: Ich schuf dieses Gefühl in ihr; ich belebe das Feuer
ihrer Augen; ich röte ihre Wange; ich lass ihn stärker sich heben, diesen
klopfenden Busen? - Kannst Du es, Elisa? O! dann ist dein Gefühl das Gefühl
eines Gottes, der Welten voller Wonne um sich schafft!
    Elisa. Bist denn nicht auch Du der Schöpfer meines Glücks?
    Herrm. (Sie an seine Brust drückend.) Gott! diese Worte aus Deinem Munde! -
Welchem Fühllosen würden sie nicht Gefühl einhauchen!
    Elisa. Wie heftig, Herrmann! Kommen Sie, lassen Sie uns unter den Schatten
jener lieblichen Birken setzen, und erzählen Sie mir da von Ihrer Reise.
    Herrm. Von meiner Reise? O! ich will Ihnen Alles sagen, was ich sah und
hörte. Unter jeder Linoe sah ich meine Elisa; die Winde weheten mir das Lispeln
ihrer Stimme zu; ich hörte immer diese sanften schmelzenden Töne; aber ich
konnte nicht, wie jetzt, sie in meinen Armen drücken, nicht ihr sagen: Herrmann
lebt nur für dich, lebt nur da, wo du bist! - Sie setzten sich nun; ein kleiner
Bach, der ohnweit aus einem Berge floss, rauschte an ihrer Seite; sein Murmeln,
die graue Dunkelheit des Waldes, des Tages Schwüle, Alles wiegte ihr Herz in
jene dunkle Empfindung des Verlangens, und der Wollust Träne rollte von ihren
Wangen. Herrmann sprach noch; aber seine Stimme zitterte, und nur leise lispelte
Elisa: mein Herrmann! und liess ihren Kopf auf seine Schulter sinken. Das Tuch,
welches um ihren Hals sich schlang, entfaltete sich, und liess Herrmann den
schönen Busen erblicken, auf welchem sanft ihre braunen Locken spielten, und
welchen der Liebe Seufzer bewegten. Feuriger drückte er sie an sein Herz, und
heisser wurden seine Küsse. Er wagt es, und drückt seine brennenden Lippen auf
ihren Busen; aber nun erwachte Elisa aus dem Taumel der Wollust und der Liebe;
eilig stand sie auf. Herrmann, lass uns fliehen, die Tugend verlässt uns!
    Herrm. (Bleibt liegen zu ihren Füssen.) Elisa, verzeihe! Ach! wer kann der
Allgewalt der Schönheit widerstehen!
    Elisa. (Ihn umarmend.) O, mein Herrmann! Dank sei der gütigen Vorsicht, dass
ich Kraft hatte, mich Deinen Armen zu entreissen! Jetzt weine ich Tränen der
Freude, und einige Augenblicke vielleicht noch, vergösse ich Tränen des
Schmerzes!
    Herrm. Edle Seele! Nur an Deiner Seite kann mir der Wollust Reiz gefährlich
werden; aber auch Du kannst ihn mich besiegen lehren!
    Elisa. O Tugend! Diese Gewalt verdank' ich dir! Nie werde du von mir
entweihet! Lassen Sie uns nicht öfter der Gefahr trotzen, Herrmann. Ach, im Arme
der Liebe ist die Tugend so wankend! - Nie wollen wir uns mehr allein sehen.
    Herrmann schwieg, sein Herz murrte; aber er verehrte Elisa'n, und jeder
ihrer Aussprüche war ihm heilig. Er sah in ihren Blicken die heitre
Zufriedenheit, welche jede edle Tat gewährt, und sie schien ihm schöner, als da
zum Erstenmale ihre Lippen ihm Liebe stammelten. Nur der Wollüstling wird
trauren, dass das Mädchen nicht in seinen Armen Unschuld und Tugend zurückliess,
nicht der Mann von Gefühl. Auch die besten Menschen können straucheln; auch
ihnen zeichnet die Leidenschaft ihre Zauberbilder vor, und so verblendet, reisst
sie sie mit sich fort; aber bald lässt Gefühl für das wahre Schöne sie ihren
Irrtum erkennen; sie kehren zurück, und freuen sich ihres Sieges. So freuete
sich auch Herrmann, als er seine Elisa noch in der vollen Blüte der Unschuld,
und mit dem süssen Bewusstsein, die heftigste Leidenschaft besiegt zu haben, vor
sich erblickte. Die Stärke des Gefühls liess ihn ausrufen: Nein, Elisa, selbst in
Deinen Armen würde ich die Wonne nicht empfinden, die jetzt das selige Gefühl
der Tugend mir gibt!
    Elisa. (Mit tränendem, gen Himmel gerichtetem Blick.) Wohl mir, Tugend, du
bist kein Traum! Du lebest in der Brust des edelsten Mannes! Und dieser Mann ist
mein! liebt mich - werde mein Loos nun, welches es wolle! Ich habe des Glücks
Grösstes gekannt!
    Herrm. O, Elisa! Warum kann ich nicht alle Mädchen der Erde um Dich
versammeln, Dich ihnen zeigen, und ihnen sagen: Werdet wie Elisa, und Welten
werden euch verehren!
    Elisa. Entusiastischer Schwärmer! - Auch dem Weisesten hält die Liebe ihr
Vergrösserungsglas vor.
    Herrm. Nicht dem, der Dich liebt, Elisa! Deine Strahlen blenden nicht; nur
nach und nach erblickt man den Glanz, der Dich umgibt.
    Elisa. (Legt ihre Hand auf seinen Mund.) Still, Herrmann. Sie wissen, aus
Ihrem Mund ist das Lob mir gefährlich! Ich könnte mich erheben, und - lassen Sie
mich immer Ihrer würdig bleiben.
    Herrm. Welch ein Ausdruck! - Doch Sie sollen nicht allein die Stufen der
Vollkommenheit ersteigen; auch ich will hinanklimmen, und durch Ihren Anblick
gestärkt, mich bestreben, dem Gipfel mich zu nähern.
    Elisa. Dieser Vorsatz veredelt uns, mein Herrmann, und macht uns des Glücks
würdiger, welches unsere Liebe uns gewährt. Er wird selbst, wenn das Schicksal
uns trennen sollte, uns Standhaftigkeit verleihen.
    Herrm. Elisa, warum mischen Sie diesen bittern Gedanken in den Kelch der
Freude?
    Elisa. Ach, er drängt sich zuweilen mit aller Gewalt in mein Herz, um es mit
Angst zu erfüllen! (Eine Pause.) Doch es ist unweise, sich der Zukunft wegen zu
ängstigen; sie liegt ja im Schleier verborgen, und wir können ihn doch nicht
aufheben! - (Sie küsst Herrmann.) Lassen Sie mich von Ihrer Stirne die trüben
Wolken wegküssen, welche ich aufsteigen liess!
    Herrm. (Sie mit Wehmut an seine Brust drückend.) Ach, Mädchen! Du lässest
mich fühlen, dass Trennung von Dir mehr als zehnfacher Tod wäre!
    Elisa. Nicht weiter davon, mein Herrmann. Noch bin ich Dein, und mein Herz
sagt mir, Dein werde ich bleiben.
    Herrm. Holdes Geschöpf! Mögest Du wahr reden! -
    Sie waren jetzt am Eingange von Hohnauschloss, und mussten sich trennen.
Heiter kehrte Elisa zurück; ihr Gefühl war Freude, und edle Selbstzufriedenheit;
die süsseste Belohnung, welche Tugend gewährt.
    Elisa hielt ihr Versprechen, und sah Herrmann nicht anders, als in
Henriettens Begleitung.
    Nach einigen Tagen reiste die Baroninn von Hohnau mit Carolinen zu ihrer
Schwester, und war vierzehn Tage abwesend. Dieses waren Tage der Wonne für
Herrmann und Elisa; fast täglich ging Elisa nach Birkenstein; mit mütterlicher
Zärtlichkeit empfing sie Frau von Birkenstein, und an ihrem Busen weinte oft
Elisa Tränen der Liebe und der Freude. Zuweilen führten Herrmann und Elisa die
gute Mutter auf die Anhöhe, auf welcher sie sich zuerst ihre Liebe gestanden. O,
Mutter! hub dann Herrmann an, hier fing mein Glück an; hier drückte ich den
ersten Kuss auf Elisa's zitternde Lippen; hier sah ich, dass Liebe ihre Wangen
rötete!
    Elisa. Und was empfand ich da! Menschensprache kann dieses nicht ausdrücken!
    Es glänzten Tränen der Freude im Auge der Frau von Birkenstein. Ich habe
schon viel der Freuden gekannt, sprach sie; aber die grösste, gütigste Vorsicht,
bereitest du mir noch! Das Glück meines Sohnes, meines Lieblings, kann ich noch
sehen! - O, Elisa! wenn Sie werden Mutter sein, werden Sie diese Empfindung
begreifen!
    Elisa errötete, und lebhafter drückte Herrmann ihre Hand.
    Fr. v. B. Gefühlvolles Mädchen, viele Freuden warten Ihrer noch! Aber alle
werden sie aus der Hand der Tugend gegeben. Wäre Ihre Seele nicht der Abdruck
der Tugend und der Unschuld, Ihre Liebe würde Sie nicht so glücklich machen! Wie
oft entweihet man den Namen Liebe! Nur der Tugendhafte kennt sie, und alle ihre
seligen Empfindungen! Unordentliche Begierden, eine Verbindung, welche nur Genuss
zum Zwecke hat, verdienen diesen Namen nicht; sie haben in ihrem Gefolge Unmut,
und die Ruhe flieht vor ihnen. - Wohl Euch, meine Kinder, dass Ihr die wahren
Freuden des Lebens kennen lerntet, und dass kein falscher Schimmer derselben Euch
irre leitete!
    Herrm. Ihnen verdanke ich dieses, meine Mutter!
    Elisa. (Eine Träne im Auge.) Und ich Dir, heiliger Schatten meines
unvergesslichen Vaters! Du leitetest mein Herz zu jedem Guten! Deine letzten
Worte waren Lehren der Tugend! Du warest es, der durch sie mir meinen Herrmann
gab!
    Mit Entzücken drückte sie dann Herrmann an seine Brust, und Frau von
Birkenstein freuete sich ihres Glücks.
    Die Baroninn von Hohnau kam zurück; mit ihr zwei Herren von Wallenheim,
welche sie bei ihrer Schwester gesehen hatte. Sie waren Vettern; der Eine war
der einzige Sohn eines reichen Vaters; der Andere der Neffe des alten von
Wallenheim, ohne Vermögen, und ganz abhängig von dem Willen seines Onkels. Sie
erregten Elisa's Aufmerksamkeit nicht; nur mit Herrmann beschäftiget, bemerkte
sie andere Männer kaum. Von ihm unterhielt sie sich am andern Morgen mit ihrer
Henriette, als ihre Mutter sie zu sich rufen liess.
    B. v. H. (Nach dem ersten Morgengrusse.) Wie gefällt Dir Karl von Wallenheim?
(Es war der Sohn des noch lebenden Wallenheim.)
    Elisa. Er scheint sehr finster, sehr in sich verschlossen zu sein.
    B. v. H. Er soll Dein Gemahl werden.
    Elisa. (Stutzt. Nach einer Pause.) Meine Mutter, ich muss den Mann erst
kennen, dem ich meine Hand gebe.
    B. v. H. Du wirst ihn kennen lernen. Allein Dein Urteil über ihn sei,
welches es wolle, so erwarte ich Gehorsam.
    Elisa. Und ich kann hoffen, dass meine Mutter mich nicht wird unglücklich
machen wollen.
    B. v. H. Kein Romanengeschwätz! Wenn Du Deine Pflichten erfüllst, wirst Du
nicht unglücklich werden.
    Elisa. Ich würde es, wenn ich Ihrem Willen gehorchen müsste. Denn - teure
Mutter, verzeihen Sie mir mein Geständnis: Ich liebe....
    B. v. H. (Spöttisch.) Der Gegenstand Deiner Liebe wird wohl so edel sein,
als es Deine Denkungsart ist.
    Elisa. Er ist edel durch sein Herz, durch seine Gesinnungen, aber auch durch
seine Geburt. Ich liebe Herrmann von Birkenstein!
    B. v. H. Nie hätte ich in eine Verbindung mit ihm gewilliget, wenn ich auch
nicht wichtige Ursachen hätte, Dich mit dem Herrn von Wallenheim zu
verheiraten.
    Elisa. (Mit Tränen im Auge.) O, meine Mutter! Können Sie so mit kaltem
Blute das ganze Glück meines Lebens aufopfern?
    B. v. H. Willst Du mir das Meinige rauben? Wisse, Caroline liebt Philipp von
Wallenheim mit einer Heftigkeit, welche mich für sie fürchten lässt, und sein
Oheim, aufgebracht, dass sein Neffe, und nicht sein Sohn, das reiche Mädchen
heiraten sollte, verbot ihm, Carolinen wieder zu sehen; Caroline wurde krank;
ich fuhr selbst zum alten Wallenheim; nichts konnte ihn bewegen, bis dass er
endlich hörte, dass ich noch eine Tochter hätte; da versprach er, seine
Einwilligung in seines Neffen Verbindung mit Carolinen zu geben, doch unter der
Bedingung, dass sein Sohn Dich heiraten würde. Ich fürchte, meine Caroline zu
verlieren, wenn ihr Wunsch nicht erfüllt wird, und Du würdest es sein, welche
meinem Herzen diese Wunde schlüge!
    Elisa. Das soll nicht geschehen, meine Mutter! Schreiben Sie Herrn von
Wallenheim, ich entsage meinem ganzen Vermögen; sein Sohn soll der Besitzer
desselben werden, dann wird er in Carolinens Verbindung willigen. Und ich? - O,
meine Mutter! werde an Birkensteins Seite meine Tage verleben können! Er wird
bald eine Stelle bekommen; die Einkünfte davon, und das geringe Vermögen,
welches er besitzt, werden hinlänglich sein, mich glücklich zu machen.
    B. v. H. Nie soll Birkenstein mein Sohn werden! Dein Vorschlag kann nicht
angenommen werden; Du musst Wallenheim Deine Hand geben.
    Elisa. Meine Mutter, lassen Sie mich an Herrn von Wallenheim schreiben.
Vielleicht wird er gerührt durch die Schilderung meines Kummers. Vielleicht
schreckt ihn der Gedanke, zwei schuldlose Geschöpfe unglücklich zu machen. -
    B. v. H. Elisa, so viel Widersprüche bin ich nicht gewohnt!
    Elisa. (Wirft sich zu den Füssen der Baroninn, und ergreift ihre Hände.) O,
meine Mutter! ich bestrebte mich immer, meine Pflichten zu erfüllen; jeder Ihrer
Winke war mir Befehl, welchen ich nie uberschritt, und mein ganzes Leben soll
Gehorsam gegen Sie sein! - Ich entsage Birkenstein, aber ich kann keinem andern
Manne meine Hand geben!
    B. v. H. (Entzieht Elisa'n ihre Hände, und wendet sich von ihr.) Du sollst
sie Wallenheim geben! - Caroline liebte nicht; versprach sich nicht wider meinen
Willen; ich werde sie Dir nicht aufopfern.
    Elisa. (Mit einem Ausbruche von Tränen.) Gott! so muss ich das Opfer sein!
Meine Mutter, bin ich denn nicht auch Ihre Tochter?
    B. v. H. Eine widerstrebende, ungehorsame Tochter!
    Elisa. O, meine Mutter! mit der Vernunft gab mir der Schöpfer das Recht,
selbst mein Glück zu wählen. Indem ich Ihnen gehorche, widerstehe ich dem ersten
Gebote der Natur, welches mich zum Glücke ruft!
    B. v. H. Das erste Gebot der Natur ist kindlicher Gehorsam.
    Elisa. Ich weiss es! Allein er hört da auf, wo das ganze Glück des Lebens, wo
die Tugend selbst auf dem Spiele steht, ohne dass die Urheber unserer Tage
Vorteil davon ziehen. Werden Sie glücklicher sein, wenn Sie mich unter der Last
des Kummers gebeugt sehen werden? Wird Ihr Ohr, ermüdet von meinen Seufzern,
noch den Tönen der Freude offen sein?
    B. v. H. Und wenn mir dieses alles Caroline auch sagte?
    Elisa. Tat ich Ihnen nicht einen Vorschlag, welcher uns Beide befriedigen
könnte? Nehmen Sie ihn an! Und wenn ihn Wallenheim ausschlägt, kann Philipp
nicht den Tod seines Oheims erwarten?
    B. v. H. Sein Oheim ist noch nicht alt, und er drohet ihn in ein Kloster zu
stecken, wenn er Carolinen nicht gänzlich entsagt. Und das erstere - würde von
Deiner Seite ein sehr unschicklicher Schritt sein.
    Elisa. Meine Lage rechtfertigt ihn, und fremdes Urteil ist mir
gleichgültig, wenn ich weiss, dass ich recht handle.
    B. v. H. Allein, hoffe nicht Birkensteins Weib zu werden!
    Elisa. (Mit erstickten Tränen.) Ich habe Ihnen schon gesagt, meine Mutter,
ich entsage ihm! - (Nach einer Pause.) Darf ich schreiben?
    B. v. H. Du erzwingst meine Einwilligung! Schreibe!
    Elisa verliess das Zimmer, wankend ging sie in das ihrige, und sinnlos warf
sie sich in einen Sessel. Lange sass sie da; betäubt waren ihre Empfindungen, und
trocken ihr Auge. Nur Seufzer drängten sich aus ihrem Busen; ihr Auge war gen
Himmel gerichtet, und schien Hülfe von der unbekannten Macht zu erflehen. Ein
Ring von Herrmanns Haaren geflochten, und den sie erst am vorigen Tage von ihm
erhielt, erweckte endlich ihre Empfindungen. Ihr Blick fiel auf ihn, sie drückte
ihn mit Inbrunst an ihre Lippen, und eine Flut von Tränen rollte von ihren
Wangen. Sie weinte lange. Herrmann, rief sie endlich aus, so habe ich dir denn
entsagt! So habe ich denn mit einem Worte alle Freuden von deinen und meinen
Tagen verscheucht! O, dass ich nicht die Last deines Kummers tragen kann! Dass ich
dich unglücklich mache, indem ich elend werde! - Das alles forderte Pflicht von
mir? - Ich gehorche! - Nie, nie soll meine Liebe über die Tugend siegen. - Ich
will Leiden tragen lernen. - Von dir getrennt, Herrmann, werde ich meine Tage
verweinen; aber ich werde mir sagen: Ich erfüllte das Gebot meiner Mutter; nie
streuete ich Unmut auf ihre Tage. - O, dann werde ich noch in meinen Tränen
Trost finden! Aber einem Andern meine Hand geben? - Nein - ich will bei meiner
Mutter bleiben - ich will Carolinens Glück sehen - mich dessen freuen - Ach! es
kostete mir ja Alles! - Aber namenlos würde mein Elend, wenn ich Wallenheim - o,
der Name ist mir verhasst! - Liebe schwören müsste! - Dagegen will ich alle meine
Kräfte aufbieten. - Ich will es tragen das harte Geschick, von Herrmann getrennt
zu sein! - O, mein Vater! Du ahndetest es, als Du sterbend mich noch Ergebung in
den Willen des Schicksals und Standhaftigkeit lehrtest! - Wohl! Ich will Dir
folgen - ich will sie erfüllen jede Pflicht, die Du mir auferlegtest - Aber mich
in einen Abgrund stürzen, aus welchem nur der Tod mich retten kann? - Nein, das
kann nicht Mutterbefehl! - Herrmann! Herrmann! Du sollst mich nicht in den Armen
eines Andern sehen! -
    Nun stand sie auf, setzte sich an ihren Schreibtisch, und schrieb folgende
Zeilen an den Herrn von Wallenheim:
»Mein Herr,
    Unbekannt werden Ihnen diese Züge sein, wie mir bisher Ihr Name war! Ihr
Name, den ich nun zitternd ausspreche! - Doch nein, voll des Vertrauens auf die
Güte, welche der Schöpfer in jedes menschliche Herz pflanzte, nähere ich mich
Ihnen, und wage, Sie, jetzt Gebieter meines Schicksals, um Mitleiden anzuflehen!
- Ohne mich zu kennen, glaubten Sie mich würdig, die Gattinn Ihres Sohnes zu
werden. - Ich erkenne es in seinem ganzen Umfange, dieses edle Vertrauen, und
wäre mein Herz frei gewesen, so würde ich mich bestrebt haben, es zu verdienen.
Aber schon lange fesselt mich Uebereinstimmung der Neigungen und der Denkungsart
an einen edlen Jüngling. Und wie kann ich nun, mit einem Herzen voll
unaussprechlicher Liebe gegen ihn, Ihrem Sohne die Hand geben, mich schuldig,
und ihn unglücklich machen? Das kann ein Vater nicht wollen. Er darf nicht die
Mutter seiner Kinder unglücklich machen, sonst würden einst Ihre Enkel Ihnen
meine Tränen vorwerfen! Aber Sie verlangen, mich als Gattinn Ihres Sohnes, oder
das Band zerrissen zu sehen, welches meine Schwester an Ihren Neffen knüpfte!
Sie wollen sie trennen, sie, welchen die Liebe einander zurief und vereinigte!
Und ich, ich sollte es sein, welche Kummer auf die Tage meiner Schwester
verbreitete? Welche dem Herzen ihrer und meiner Mutter jede Freude raubte, indem
sie die blühende Tochter dahin welken sah? - O, wohin ich blicke, wartet meiner
Verbrechen und Elend! - Ihre Güte allein kann mich retten! Ein Wort von Ihnen
sichert mein und meiner Schwester Glück! - Aber der Wille meiner Mutter, welche
mich bestimmte, die Gattinn Ihres Sohn's zu werden, legt mir eine Pflicht auf,
die ich erfüllen will. Meine Hand kann ich dem Herrn von Wallenheim nicht geben;
aber mein Vermögen sehe ich als das Seinige an. Ich entsage Allem, was ich
besitze, und mache ihn zum Herrn desselben. Es ist mir süss, ihm diesen Beweis
meiner Achtung zu geben, und kränken würde es mich, wenn Ihre Grossmut ihn
ausschlüge! - Das erwarte ich nicht; denn es ist nicht ein Sold, den ich geben
will, um Ihre Einwilligung zur Verbindung meiner Schwester mit Ihrem Neffen zu
erlangen - O nein! das Glück so vieler Geschöpfe kann nicht mit Gelde bezahlt
werden! Und über jeder Belohnung, als über die, welche Tugend gewährt, ist der,
welcher so viel Segen über seine Mitgeschöpfe verbreitet! Nur unser Dank, nur
unser spätester Segen kann Ihnen lohnen, nie unser Geld! - Das Meinige gehört
nach allen Rechten Ihrem Sohne; es verwerfen, hiesse mich verachten! -
    Ich habe Sie nun in meinem Herzen lesen lassen; ich habe Ihnen alle meine
Gesinnungen entdeckt, muss ich nun noch Ihren Ausspruch fürchten? O, bedenken
Sie, dass das Glück meines Lebens von ihm abhängt! dass er es ist, welcher jeden
meiner Tage zu Tagen der Wonne machen wird! - Mehr wage ich nicht hinzuzusetzen.
Wenn Ihr Gefühl nicht für mich spricht, so bin ich verloren!
                                                              Elisa von Hohnau.«
Diesen Brief brachte sie ihrer Mutter, und bat sie zugleich, in ihrem Zimmer
bleiben zu dürfen, bis dass sie eine Antwort von Herrn von Wallenheim würde
erhalten haben. Die Baroninn von Hohnau erlaubte es ihr, verbot ihr aber, an
Herrmann zu schreiben, und auch Henriette erhielt Befehl, nicht ohne Carolinen
das Haus zu verlassen. Beide gehorchten; die sanfte Elisa murrte nicht, auch
klagte sie nicht länger vergebens; sie bestrebte sich, ihren niedergeschlagenen
Geist wieder aufzurichten. Unaufhörlich war sie beschäftiget; sie suchte jedes
Gfühl zu betäuben; las ernste philosophische Schriften, um ihre Gedanken von
Herrmann und von ihrer Liebe abzuziehen. Oft hatte sie sonst gesagt: Ein jeder
Mensch wird physikalisch und moralisch gezwungen, sich dem Gesetze der
Notwendigkeit zu unterwerfen; aber nur der Weise erkennt es, und ergibt sich
ihm ohne Murren und Widerstand; denn er weiss, dass keine Macht im ganzen Weltall
es aufheben kann. - Dieser Worte erinnerte sie sich jetzt. Ach, sagte sie sich
mit einem Seufzer, ich muss nun das ausüben, was ich sonst als weise und gut
erkannte! - Selten nur sprach sie mit Henrietten von ihrer Liebe, und so
erlangte sie, Ruhe in ihrem Herzen zu erhalten. Aber Wallenheim ihre Hand geben?
- Diesen Gedanken konnte sie nicht ertragen. Dann flog von ihren Lippen das
heitre Lächcln, welches ihr Antlitz zum Bilde der Unschuld und der Tugend
machte.
    Ihre Mutter hatte ihren Brief dem Herrn von Wallenheim geschickt, und am
sechsten Tage nach seiner Absendung, erhielt Elisa eine Antwort. Die Baroninn
von Hohnau brachte sie ihr, und Caroline begleitete sie. Elisa war bei ihrer
Freundinn; zitternd erbrach sie den Brief; er entielt folgende Worte:
»Gnädiges Fräulein,
    Ich konnte Sie nicht zwingen, die Gattinn meines Sohn's zu werden; aber nie
werde ich in die Verbindung meines Neffen mit Ihrer Schwester willigen. Ich
beharre stets auf meinem Entschluss, und was ich einmal für gut erkenne, das
ändere ich nie. - Die Welt würde mich als den eigennützigsten Mann betrachten,
wenn ich Ihr Geld annähme; das kann also nicht geschehen. Und da mein Sohn nicht
das Glück gehabt hat, Ihnen zu gefallen, so soll er unverzüglich mit meinem
Neffen zurückkommen. Dieses habe ich ihm auch geschrieben. - Ich bedaure
übrigens, dass ich nicht das Glück haben kann, mit Ihnen und Ihrer Familie
verbunden zu sein, und dass Sie mir jede Gelegenheit geraubt haben, Ihnen zu
beweisen, wie sehr Sie lieben würde
                                                                             Ihr
                                                               ergebener Diener,
                                                          Franz von Wallenheim.«
Elisa sank auf einen Stuhl, nachdem sie ihn durchgelesen hatte; sie reichte ihn
ihrer Mutter: Er entält meinen Tod, sprach sie.
    Caroline. (Nachdem auch sie den Brief gelesen hat.) Nein, meine Mutter,
Philipp soll mich nicht verlassen!
    B. v. H. Elisa, Du musst Dich entschliessen....
    Elisa. (Wirft sich der Baroninn und Carolinen zu Füssen.) Meine Mutter!
Caroline! Ach, Mitleid! Mitleid! Tausendfache Leiden zerreissen meine Brust!
    B. v. H. Elisa, Deine Mutter bittet Dich!
    Caroline. (Umarmt Elisa'n.) Schwester, Du machst mich unglücklich!
    Elisa. Ach, Caroline, hast Du nur Gefühl für Dein eignes Unglück? Könntest
Du einem Andern die Hand geben, in dem Augenblicke, da Du Philippen entsagen
müsstest?
    B. v. H. Dein Zaudern würde nur Deine Verbindung mit Wallenheim aufschieben,
aufheben nicht, so lange Caroline lebt. Was würde es Dir helfen, täglich ihre
und meine Tränen zu sehen. Du würdest durch sie nicht glücklicher; denn
Birkenstein soll nie der Deine werden. - Fluch würde dann mein letzter Gedanke
an Dich sein; Fluch der Tochter, die das Herz ihrer Mutter zerriss!
    Elisa. Gott!
    Caroline. O, dass jede meiner Tränen höllische Martern in Deine Brust giessen
möge!
    Elisa. Halt ein, Caroline! Ach, Muttersegen, Mutterfluch, beide machen mich
elend! - Und nirgends ein Ausweg für mich, nirgends mehr Hülfe!
    B. v. H. Noch in Deinem Gehorsam, Elisa.
    Caroline. Noch in dem Wonnegefühl, wie Du es nennst, Andere glücklich zu
machen. Oder hättest Du nur gelernt, schön zu sprechen, und - schlecht zu
handeln?
    B. v. H. Sprich, Elisa, was ist Dein Entschluss?
    Elisa. (Mit schwacher Stimme.) Zu sterben, aber Ihnen zu gehorchen.
    Caroline. (Wirft sich Elisa'n um den Hals.) Elisa, Elisa, was soll ich tun?
    Elisa. Mir nicht danken. Dein Dank, Deine Freude lässt mich mein Unglück
fühlen! (Nach einer Pause.) Nur eine Bitte, meine Mutter, gewähren Sie mir!
Lassen Sie mich noch einige Tage in meinem Zimmer bleiben; ich muss Kräfte
sammeln, um Wallenheim sprechen zu können, und - o Gott! - lassen Sie mich
selbst meinem Herrmann sagen, dass er und ich ewig elend sind!
    Hier sank sie wieder kraftlos in einen Sessel, und verhüllte ihr Gesicht in
ein Tuch. Henriette eilte zu ihr, fasste sie in ihre Arme; aber vergebens waren
ihre Bemühungen, sie aus der Betäubung zu ziehen. Die Baroninn von Hohnau und
Caroline verliessen das Zimmer, und die Erstere sagte Henrietten, sie willige in
das Verlangen ihrer Tochter. Henriette weinte. Grausame Mutter, sprach sie, um
die Leidenschaft deiner einen Tochter zu befriedigen, opferst du die Ruhe der
Andern auf? - Ach! mögest du nie dein Verbrechen empfinden!
    In Elisa's Seele kehrte nun das Andenken ihrer letzten Worte zurück; sie
erhob ihren Kopf, und sah die weinende Henriette an ihrer Seite. Auch Dich,
meine Freundinn, sagte sie, mache ich unglücklich! O, meine Mutter! dass auch
diese Tränen Dir mögen vergeben werden!
    Henr. (Für sich.) Die edle Seele! wie entfernt ist Zorn von ihr!
    Elisa. So werde ich dich auch nicht mehr lieben dürfen, mein Herrmann? Ach,
Henriette! Das war mein Trost, als ich ihm entsagte, dass mein Herz ihm doch
immer bleiben würde, und nun soll ich sein Bild darin vertilgen! Nun darf ich
seinen Namen nicht mehr nennen! Gott! können Menschen dieses fordern, und kann
ich das alles halten?
    Henr. Ich erwarte Stärke von deiner Tugend.
    Elisa. (Nach einer Pause, fällt auf ihre Knie.) Ewige, unsichtbare Macht,
dein erster Wille lenkte die Begebenheiten aller Zeiten hindurch; auch ich bin
mit begriffen in dem Gesetze ewiger Notwendigkeit; ach, lass mich immer
überzeugt sein, dass es so am besten in der Reihe der Dinge war! (Sie lässt ihren
Kopf auf Henriettens Schoss sinken) Henriette! ich wollte ihn aussprechen den
Schwur, nicht mehr zu lieben. - Ich kann nicht!
    Henr. (Hebt sie auf.) Fasse Dich, meine Freundinn! Du musst nun Dein Glück
allein in der Tugend suchen.
    Elisa. Sprich nicht von Glück, Henriette; erflehe nur Ruhe für mich; dem
Glücke habe ich entsagt!
    Sie schwieg nun; ruhig war ihr Blick und alle ihre Bewegungen. Henriette
sagte ihr, dass ihre Mutter ihr ihre Bitte gewähre; ein Seufzer war ihre Antwort.
Ach! sprach sie endlich, dass Herrmann mich vergessen möge, dass er nur möge
glücklich werden! Eine Träne zitterte bei diesen Worten in ihrem Auge: aber
Elisa unterdrückte jeden Ausbruch des Schmerzes.
    Täglich war Herrmann in den Birkenwald gegangen, in welchem er stets seine
Elisa anzutreffen pflegte. Hoffnung beflügelte an jedem Tage seine Schritte, und
voll düstrer Schwermut wankte er an jedem Abend zurück nach Birkenstein. Er
weiss kaum, was er denken soll. Er wagt es nicht, irgend einer Mutmassung Raum zu
geben; denn schwarze Bilder schweben um seine Einbildungskraft. Er wagt es
endlich am fünften Tage, nach Hohnauschloss zu reiten; allein die Baroninn von
Hohnau nimmt seinen Besuch nicht an; er zieht Erkundigungen ein, und kann weiter
nichts erfahren, als dass Elisa und Henriette nicht das Zimmer verlassen, ob sie
gleich ganz wohl sind. Dieses vermehrt nur seine Besorgnisse; er geht am andern
Tage wieder in den Birkenwald; unruhig durchläuft er alle Gänge, welche nach
Hohnauschloss führen; da erblickt er endlich seine Elisa, welche wankend daher
kömmt; er eilt ihr entgegen, und kraftlos sinkt sie in seine Arme.
    Herrm. Gott! was ist das? Elisa, Dein Herz schlägt heute so schwach gegen
das meinige?
    Elisa. (Entreisst sich seinen Armen, mit angenommener Standhaftigkeit und
fester Stimme.) Herrmann, wir sehen uns heute zum letztenmale!
    Herrm. (Blickt sie starr an; Elisa hält ihre Hand vor die Augen; er fällt
endlich zu ihren Fussen.) Elisa, sprichst Du mein Todesurteil?
    Elisa. Herrmann, erschwere mir meine Pflicht nicht; ich wollte bei Dir
Standhaftigkeit suchen.
    Herrm. (Steht auf.) Spötterinn! Du kannst noch meines Elends spotten?
    Elisa. (Mit sanfter, einschmeichelnder Stimme.) Höre mich, mein Herrmann!
Mutterbefehl entreisst mich Dir! Ach, ich würde in Deinen Armen nicht mehr
glücklich sein, wenn meiner Mutter Fluch auf mir ruhete!
    Herrm. Elisa, warum bist Du so vollkommen, und ich so unglücklich? O,
Mädchen! wärest Du in den Tiefen eines Abgrundes gewesen, an dessen Rande
tausend Dolchstiche meine Brust zerfleischt hätten; mit dem Tode ringend wäre
ich zu Dir geeilt, hätte Dich in meine Arme genommen, wäre gestorben, aber wäre
glücklich gewesen! - Ach, Elisa, ich kannte nur Leben und Glück, seit dem
Augenblicke, da ich Dich sah! Nein, ich hatte kein Dasein zuvor! Und nun
stössest Du mich zurück in ewige Finsternis! - O, welche herrliche Aussicht lag
vor mir! Wie ergötzte ich mich oft, wenn ich in die Zukunft blickte! Elisa gab
Licht und Leben allen Gegenständen, die ich sah! - Und nun? - Schauder ergreift
mich - meine Tage werden öde sein - kein Gefühl kenne ich mehr - Nun wird
Verzweiflung mir süss und Raserei mein Loos sein.
    Elisa. Halt ein, Herrmann! Du zerreissest mein Herz. - O Mutter! Mutter!
Mögen seine Flüche nie über Dich kommen! (Sie sinkt nieder auf den Rasen.) Wo
soll ich Kraft hernehmen, seinen Schmerz zu tragen?
    Herrm. (Setzt sich neben sie, und umarmt sie.) Elisa, Weib meines Herzens,
Du willst mich verlassen?
    Elisa. (Ein Strom von Tranen rollt von ihren Wangen; sie legt ihren Kopf
auf seine Schulter; nach einer Pause.) Herrmann, ich bin doppelt unglücklich!
Ich muss einem Andern meine Hand geben; Du darfst mich lieben; ich muss Dich
vertilgen, aus diesem Herzen, in welchem Du herrschest. - Aber, schwuren wir uns
nicht oft, der Tugend treu zu bleiben? Mein Herrmann, gedenke des Tages, an dem
Du sagtest, wir wollen zusammen die Leiter der Vollkommenheit ersteigen. -
Wollen wir nur auf der untersten Sprosse stehen bleiben?
    Herrm. (Seinen Kopf auf seine Hände gestützt.) Gott! ich soll sie verlieren?
O! wie werde ich Kraft zum Leben behalten?
    Elisa. Blicke um Dich, mein Herrmann, die Natur verlässt keines ihrer Kinder;
in ihrem Schoss wirst Du Balsam für Deine Wunden finden.
    Herrm. Vergebene Hoffnung! mit Dir schwindet jeder Genuss; alles ist nun todt
für mich!
    Elisa. Aber ich bin ja noch; meine Ruhe hängt von der Deinigen ab! Herrmann!
Herrmann! könnte ich mit diesem Leben Dein Glück erkaufen! - Ach! schone meiner!
    Herrm. (Drückt sie mit Inbrunst an seine Brust.) Himmel! wäre dieses der
letzte meiner Augenblicke, ich wollte ihn segnen! Ich stürbe an meiner Elisa
Brust!
    Elisa. Ach, Herrmann, wie schwer machest Du mir den Kampf zwischen Liebe und
Pflicht!
    Herrm. Hat denn die Liebe nicht auch ihre Pflichten?
    Elisa. Wäre ich Dein Weib geworden, ich hätte sie alle erfüllt; aber
Herrmann, ich bin das versprochene Weib eines Andern.
    Herrm. Schreckliches Wort! Der Gedanke »Zernichtung,« ist es weniger als Du!
    Elisa. Lass uns nicht mit allem Gefühl des Schmerzes an diesem Augenblicke
hängen! - Herrmann, viel werden Deiner Tage noch sein; wende sie an zum Wohl
Deiner Brüder; werde gross und gut; streue Segen um Dich her! - Du bist Mann;
weit kann Dein Wirkungskreis werden; viel des Guten, welches Du stiften kannst!
Blicke dahin, solltest Du da nicht Trost finden?
    Herrm. An Deiner Seite hätte ich mich hinauf schwingen wollen zu jeder edlen
Tat; hätte handeln wollen, wie ein Mann von Ehre und Gefühl! Meine Ruhe hätte
ich meinen Pflichten, Vergnügungen meinen Geschäften aufgeopfert. Dein Lächeln
hätte mich belohnt. Ach, es wäre der süsseste Lohn gewesen! - Er fehlt mir nun,
und mit ihm verschwindet jede Kraft zu handeln.
    Elisa. Nicht so, mein Herrmann! Wenn ich Dir nicht mehr zulächeln kann, so
bleibt Dir doch die innere Stimme Deines Herzens, die Dir lohnen, zehnfach
lohnen wird! Es bleibt Dir das selige Gefühl, Dich des Glücks zu freuen, welches
Du schufest!
    Herrm. (Mit aufgehabenen Händen.) Ach, jedes ihrer Worte lässt mich die
Stärke meines Unglücks fühlen! (Er lässt seinen Kopf auf ihren Schoss sinken.)
Elisa, Engel, ich koste Dir Tränen! - Was soll aus mir werden!
    Elisa. (Umarmt ihn.) Sei standhaft, mein Herrmann! Verdopple meine Leiden
nicht; ich muss unterliegen, wenn ich Deinen Schmerz sehe!
    Herrm. Aber, Elisa, wie konntest Du auch so bereit sein, Deiner Mutter zu
gehorchen?
    Elisa. Herrmann! Du weisst nicht, wodurch ich dahin gebracht wurde! Meiner
Schwester, meiner Mutter Glück fordert es von mir. Wenn ich Wallenheim meine
Hand gebe, darf meine Schwester Philippen von Wallenheim, den sie liebt,
heiraten. Dieses ist der Wille des alten Wallenheim, und meine Mutter drohte
mir mit ihrem Fluche, wenn ich ihrer Tochter den Geliebten raubte.
    Herrm. Grausame Mutter, Dich opfert sie also auf?
    Elisa. Schweig, Herrmann! Liebe ist unwillkührlich. Eine ihrer Töchter musste
sie zum Opfer bestimmen; wie natürlich also, dass es die wurde, welche ihrem
Herzen am wenigsten teuer ist.
    Herrm. Wie bereit Du bist, sie zu entschuldigen! O Elisa! liebtest Du wie
ich, Du könntest es nicht!
    Elisa. Herrmann, werde nicht unbillig! Du warest sonst so edel! O, wenn ich
gegen meine Liebe kämpfen, wenn ich heisse Tränen des Schmerzes weinen werde,
dass sie stärker als Vernunft und Tugend in mir ist, dann lass mir den Trost, in
meiner Liebe die Entschuldigung zu finden, dass ich den edelsten Mann liebe!
    Herrm. Gott! welch ein Weib! O, dass Wallenheim ganz ihren Wert erkennen
möge! (Er drückt sie mit Wehmut an seine Brust, mit erstickten Tränen.) Meine
Elisa, werde glücklich, vergiss Deinen Herrmann!
    Er steht schnell auf, und lehnt sich an einen Baum; Elisa nähert sich ihm,
nimmt seine Hand, und drückt ihre Lippen auf die seinigen. Herrmann, bleibe mein
Freund; ich bleibe ewig Deine Freundinn! - Nun entfernte sie sich mit starken
Schritten; Herrmann wandte sich um, er sieht sie forteilen, und fast sinnlos
sinkt er an den Baum zurück. Elisa! Gott! ruft er aus. Sie sieht sich noch
einmal um, und mit schwacher Stimme ruft sie ihm zu: Er gebe Dir Kraft,
Geliebter meiner Seele! Sie verdoppelt ihre Schritte, und bald erreicht sie den
Eingang des Gartens, an welchem Henriette ihrer wartete; sie wirft sich in ihre
Arme; ihre Kräfte waren erschöpft; sie bleibt empfindungslos am Busen ihrer
Freundinn liegen. Ihre Augen waren geschlossen, Blässe überzog ihre Wangen;
Henriette legt sie auf den Rasen; mit mitleidsvollem Auge blickt sie auf ihre
Freundinn, und trauert, dass das edle Geschöpf so jung den Kummer kennt. Sie
reibt ihre Stirne und Schläfe, und Elisa kehrte zurück ins Leben. Ihre ersten
Worte waren, indem sie Henrietten umarmte: Ach, Henriette, nie, nie werde ich
ihn nun wiedersehen! Ein Strom von Tränen brach durch ihr mattes Auge. Meine
Seele, mein ganzes Dasein, sprach sie, ist bei ihm zurückgeblieben - aber - ich
habe meine Pflicht erfüllt! Trost war ihr dieser Gedanke; ihre Tränen wurden
ruhiger. Ach, dachte Henriette, möchten doch Alle die, auf welchen die Hand des
Kummers ruht, sich dieses sagen können! Ihr Schmerz würde nicht so zerreissend,
ihre Seele des Trostes fähig sein.
    Am Arme ihrer Freundinn ging Elisa zurück. Sie kam vor ihrer Mutter Zimmer
vorbei! sie hört Wallenheims Stimme, und schaudert. Gott! sagt sie voller
Schrecken, bald bin ich sein Weib! In düstre Schwermut stürzt sie diese
Betrachtung; ihr Schweigen war schrecklich; ihre Blicke drückten Verzweiflung
aus.
    Henr. (Sie umarmend) Elisa, meine Freundinn, Dein Zustand zerreisst mein
Herz!
    Elisa. Ich Elende! Alles, was mich liebt, mache ich unglücklich!
    Henr. O, meine süsse Elisa, wer würde nicht gern mit Dir leiden, wenn man von
Dir geliebt wird?!
    Elisa. (Mit aufgehobenem und tränenvollem Blicke.) Ach, in den bittersten
Stunden unsers Lebens gibt es noch süsse Augenblicke! Nie fühlte ich so, wie
jetzt, die Seligkeit der Freundschaft!
    Henr. Nie, meine Elisa, warest Du mir so teuer! O, könnte ich Glück und
Leben geben, und Dich glücklich sehen!
    Elisa. Dank Dir, Henriette! Du lässest mich empfinden, dass es noch Freuden
für mich gibt.
    Henr Liebes Mädchen, die Zukunft wird Dir noch mehrere bereiten!
    Elisa. Ach, wenn mein Herrmann nur nicht so unglücklich wäre! Wie gerne
wollte ich leiden, wie willig Alles tragen, was die Hand des Schicksals mir
auferlegte, wenn ich wüsste, dass er frei von Kummer, sorgenlos und heiter wäre,
wie am Tage, da ich ihn zuerst sah. Ich raubte ihm jede Freude des Lebens! Ich
verbitterte seine Tage; ich machte ihn namenlos elend! - O, Henriette, als ich
ihn verliess, da stand er an einen Baum gelehnt, hatte nicht die Kraft, mich
zurückzurufen!
    Henr. Ja, sein Schmerz wird gross, wie seine Liebe, sein; aber, liebe Elisa,
er wird ihn bekämpfen, und wird einst, so wie Du, auch wieder Ruhe finden!
    Elisa. Wollte der Himmel, mein Andenken erlöschte heute in seinem Herzen! -
Ich wollte mich freuen, wenn ich von ihm vergessen würde! Zwar ist mir der
Gedanke, von ihm vergessen zu sein, schmerzhaft; aber mein Herrmann würde ruhig
sein; sein Bild voll Jammer umschwebte mich dann nicht mehr! - Könnte ich ihn
nur noch einmal mit dem heitern Lächeln auf den Lippen, mit der edlen
Zufriedenheit auf der Stirne sehen, mit welcher er an meiner Seite sass, als am
Geburtstage seiner Mutter die Bäuerinnen unter der grossen Linde tanzten!
    Henr. Warum rufst Du diesen Tag in Dein Gedächtnis zurück? Elisa, Du musst
nun Deine Blicke von der Vergangenheit abwenden!
    Elisa. Ach, ich weiss es, dass ich ihn nicht mehr lieben darf! ich will sie
auch bekämpfen, diese Leidenschaft. - Aber noch einmal will ich sie zurückrufen,
alle Scenen der Wonne, alle seligen Augenblicke, welche ich mit meinem Herrmann
durchlebte. - Ihr Andenken soll mich stärken, den dunkeln Pfad zu betreten, der
vor mir liegt. Ich will denken: Einst war ich glücklich!
    Henr. Wie wenig Kraft wirst Du dann haben, wenn Du diese Liebe zu Herrmann
unterhältst!
    Elisa. (Weinend.) Ach, Henriette, ich kann ihn nicht mit einemmale aus
meinem Herzen reissen! - Aber ich will nicht mehr von ihm sprechen. - Da, nimm
den Ring, den er mir gab; trage ihn immer, nur nicht in meiner Gegenwart. (Sie
küsst den Ring.) Du warst mir so teuer; meine Blicke weilten so gern auf dir,
und auch von dir muss ich mich trennen! (Sie gibt Henrietten den Ring und
verhüllt ihr Gesicht in ein Tuch.)
    Henr. Das ist ein Opfer, welches Du der Tugend machest; sie wird Dich nicht
unbelohnt lassen!
    Elisa. (Nach einer Pause.) Dieses Wort erweckt jede schlummernde Kraft
meiner Seele. (Sie reicht Henrietten die Hand.) Dir, Henriette, gelobe ich es,
bei dem Andenken meines Herrmanns schwöre ich es, Alles, was Tugend von mir
heischt, will ich erfüllen! - - O, dann werde ich stark sein, alle
Widerwärtigkeiten des Lebens zu ertragen!
    Henr. (Elisa'n umarmend.) Ja, meine Freundinn, dann wird Glück und
Zufriedenheit Dich bis zum letzten Hauche Deines Lebens begleiten! O, dass Dein
Vater seine Tochter sehen, dass er das edle Geschöpf an seine Brust drücken
könnte, in welches er den Keim zu jeder Tugend, und dadurch den Grund
dauerhafter Glückseligkeit für sie legte! -
    Elisa seufzte noch; aber sie fühlte sich stärker; fest war sie entschlossen,
ihren Widerwillen gegen Wallenheim zu bekämpfen, und jede Erinnerung an Herrmann
zu entfernen.
    Lange noch stand Herrmann in der Stellung, in welcher Elisa ihn verlassen
hatte; Schmerz war jeder Ausdruck seiner Züge, Verzweiflung das einzige Gefühl,
das ihn belebte. So kehrte er zurück nach Birkenstein; aber noch heftiger ward
sein Schmerz, als er sich der Linde näherte, unter welcher er seine Elisa zuerst
gesehen hatte. Gott! ruft er aus, und wirft sich unter ihren Schatten, hier hub
ein Tag des Glücks, und eine Ewigkeit von Qualen für mich an! Frau von
Birkenstein, welche alle Abende unter dem wohltätigen Schatten der Linde
verweilte, kam nun auch; hier freuete sie sich immer des verlebten Tages, wenn
sie vom Unglücklichen den Kummer verscheucht, und statt dessen sanfte Freude in
seinem Herzen verbreitet hatte. Noch heute hatte sie das Glück zweier Geschöpfe
befördert, indem sie ein junges Mädchen der Gewalt einer Stiefmutter entriss,
welche Tyranninn gegen sie war, und ihr eine Ausstattung gab, welche sie in den
Stand setzte, dem Mann, den sie liebte, ihre Hand zu geben. Noch begleitete sie
der Segen des liebenden Paars; da dachte sie an Herrmann, und an seine Liebe,
und Tränen der Freude, Tränen des Danks gegen die gütige Vorsicht, die unter
den Leiden, welche die Sterblichen sich bereiten, so mannichfaltige Freuden auf
sie schüttet, rollten von ihrem Auge. So erblickt sie Herrmann; er sah seine
Mutter nicht; im Schmerze vergraben lag er da, und nur Elisa's Bild schwebte vor
seinen Augen.
    Fr. v. B. Herrmann, was ist Dir?
    Herrm. (Steht auf.) Sie hier, meine Mutter?
    Fr. v. B. Warum sind Deine Blicke so fürchterlich? Du bist blass, Du
zitterst? O, mein Sohn! welch ein Unglück droht Dir?
    Herrm. Das schrecklichste, Mutter, welches den elenden Erdensohn treffen
kann! Elisa ist verloren, ewig verloren für mich!
    Fr. v. B. Herrmann, sei ein Mann!
    Herrm. Ich fühle, dass ich es bin. Denn der Schmerz dringt langsam, aber
desto tiefer in meine Nerven, und Verzweiflung rollt wild in meinen Adern!
    Fr. v. B. Unglücklicher Herrmann! Deine Liebe zu mir führte Dich hierher,
und hier musstest Du die Quelle Deines Grams finden!
    Herrm. O, hätte ich es gewähnt, als ich Elisa'n hier zum Erstenmale
erblickte, ich wäre geflohen, ich hätte ihren Zauberblicken mich länger nicht
genähert! Aber wer hätte ihr widerstanden? Wer Unglück geahndet in der
Gesellschaft eines Engels? - So liebevoll schmiegte sie sich an Ihren Busen, so
sanft blickte sie auf mich, so offen, so vertraulich war ihr Gespräch! - O,
Augenblicke der Wonne, nie kehret ihr mehr zurück!
    Fr. v. B. Aber woher entstand diese plötzliche Veränderung?
    Herrm. Von der Grausamkeit ihrer Mutter; sie opfert sie Carolinen auf; sie
muss einem reichen Herrn von Wallenheim ihre Hand geben, damit Caroline dessen
Vetter heiraten kann, welches sonst der Vater nicht zugegeben hätte.
    Fr. v. B. Das arme Mädchen, wie viel wird ihr Herz leiden!
    Herrm. Ach, Mutter, und ich mache sie so unglücklich! Hätte sie mich nicht
gesehen, hätte ich ihr meine Liebe nicht entdeckt, nicht Alles angewandt, die
ihrige zu gewinnen, so wäre sie jetzt ruhig, so gehorchte sie jetzt willig dem
Befehle ihrer Mutter! - Und nun - Ach, wie sie kämpfte, wie sie litt!
    Fr. v. B. O, dass ich Eure Liebe so tief Wurzel fassen liess! Dass ich Dich
nicht wegschickte, Herrmann, ehe dieses alles so weit kam!
    Herrm. Mutter! machen Sie sich keine Vorwürfe, dass Sie nicht der Zukunft
Schleier entüllen konnten! Sie wollten mein Glück, von fern liess das Schicksal
es mich erblicken, um es mir zu entreissen!
    Fr. v. B. Herrmann, muss Erfahrung Dich erst lehren, dass der unaufhörliche
Wechsel der Freude und des Leidens das ewige Loos aller Sterblichen ist? Der
gemeine Haufen der Menschen erwartet Trost von der Hand der Zeit, aber der Weise
kömmt ihr durch Standhaftigkeit zuvor.
    Herrm. Ach! Mutter, Sie verloren nicht alles, was das Leben Ihnen teuer
machte!
    Fr. v. B. Ich verlor es einst. Aber keine Trennung hebt je unsere Pflichten
als Mensch auf, darum müssen wir uns fassen, um fortwirken zu können.
    Herrm. Ich fortwirken? Nein, Mutter, der Unglückliche hört auf zu wirken!
    Fr. v. B. Mein Sohn, mein Herrmann, verdrängte die Liebe zu Elisa'n jede
andere Liebe aus Deinem Herzen? O, es gibt noch ein Wesen, dessen Wohl ganz von
dem Deinigen abhängt!
    Herrm. Teure Mutter! - Ach, verzeihen Sie dem ersten Ausbruch meines
Schmerzes - Ich fühle es, das Glück meines Lebens ist dahin!
    Fr. v. B. Aber Deine Ruhe muss es nicht sein! - Komm mit mir in das Haus,
weine an meinem Busen; ich bin nicht unempfindlich gegen Deinen Schmerz.
    Herrmann folgte seiner Mutter; aber Ruhe war diese Nacht von seinem Lager
verscheucht. Er durchstrich am andern Morgen früh alle Gänge, welche er einst an
der Hand seiner Elisa durchging. Ich kann nicht länger in Birkenstein bleiben,
rief er endlich aus; hier, wo ich sie nie mehr sehen werde, ist das Leben mir
eine unerträgliche Qual! Gefasst war nun sein Entschluss, das Königreich wollte er
verlassen, und weit von seinem Vaterlande Ruhe oder den Tod suchen. Er entdeckte
diesen Vorsatz seiner Mutter; sie widersetzte sich ihm nicht; denn sie wusste,
dass Zerstreuung das beste Heilungsmittel ist. Noch war er in ihrem Zimmer, als
ein Bote aus Hohnauschloss kam; er brachte der Frau von Birkenstein einen Brief;
er war von Elisa'n. Herrmann küsste das Siegel, die Aufschrift. Also heute, noch
heute, du Innigstgeliebte, hast du dich mit mir beschäftiget? Hast meinen Namen
noch gedacht, ihn noch genannt? - So sprach er, und eine Träne entschlüpfte bei
diesen Worten seinem männlichen Auge. Frau von Birkenstein las indes folgende
Zeilen:
»Verehrungswürdige Frau,
    Mit welchem Gefühl soll ich heute mich Ihnen nähern, da ich bisher gewohnt
war, Sie als Mutter zu betrachten, zu verehren? Welcher Worte soll ich mich
bedienen, Ihnen zu sagen, dass das Band zerrissen ist, welches meinem Herzen so
teuer war? - O, ich wähnte es nicht, als ich das Letztemal von Birkenstein
ging, dass ich es nie wieder betreten würde! Denn - verzeihen Sie mir, meine
Mutter, (noch sprechen meine Lippen unwillkührlich diesen Namen aus), ich darf
nicht mehr nach Birkenstein kommen; ich darf nicht den Abschiedskuss auf Ihre
Lippen drücken; ich würde auf ihnen die Spur von Herrmanns Küssen suchen. - Ach,
es war eine Zeit, da umschlossen Ihre Arme uns Beide! - Sie ist dahin, und das
Andenken an sie ist nun Verbrechen für mich. - Oft ermahnten Sie mich zur
Tugend; seine Pflichten aufs strengste erfüllen, ist die höchste Tugend; ich
will suchen, sie zu erreichen. Ich darf also den Ort nicht wieder sehen, an
welchem Alles mich an meine Liebe, an den Mann erinnern würde, dessen Namen ich
nicht mehr aussprechen darf. O, wie gerne weinte ich noch einmal an dem
mütterlichen Busen, an welchem jetzt auch mein Herrmann Tränen des Schmerzes
vergisst! Aber der Gedanke, Verbrechen, schreckt mich zurück! In wenigen Wochen
bin ich das Weib eines Andern, und dann ist Gedanke an ihn schon Sünde. - Also
nur diese Zeilen dürfen Ihnen Lebewohl sagen! Meine Blicke werden Sie nie mehr
sehen; aber mein Herz wird Sie ewig lieben! - Trösten Sie meinen Herrmann! Ach,
dass er noch glücklich werden möchte! Dieses ist das Einzige, was ich jetzt vom
Himmel erflehe! - Leben Sie wohl, meine Mutter! meine Freundinn!
                                                              Elisa von Hohnau.«
Frau von Birkenstein benetzte diesen Brief mit ihren Tränen; sie gab ihn
Herrmann. Ich noch dein Herrmann? rief er aus, nachdem er ihn durchgelesen
hatte. Einziges Mädchen! Das Andenken. Deiner Liebe soll mir Trost sein. - Ach,
Wallenheim ist noch unglücklicher als ich! (Zur Frau von Birkenstein.) Meine
Mutter, lassen Sie mir diesen Brief; er ist der letzte Beweis ihrer Liebe. Wenn
stiller Kummer an meinem Herzen naget, dann will ich ihn lesen; er wird mir
Stärke geben! Frau von Birkenstein gewährte ihm seine Bitte, und Elisa'n
antwortete sie folgende Zeilen:
»Teure Elisa!
    Welch ein Ausdruck soll Ihnen die Empfindungen meines Herzens bekannt
machen? - O, meine junge Freundinn, ich fühle Ihren Schmerz, ich sehe Herrmanns
Leiden, und weine um den Verlust einer Tochter! - Jede freudige Hoffnung meines
Alters ist verschwunden. - - Doch gerne wollte ich die Ruhe meiner übrigen Tage
dahingeben, wenn ich sie dadurch in Ihr Herz zurückrufen könnte. Ich klage mich
jetzt an, wegen der Nachsicht gegen meinen Sohn, dass ich seine Liebe duldete;
aber ich war Mutter, und wünschte sein Glück, und meine Zärtlichkeit sprach
lauter, als die Klugheit, welche mir hätte vorhersagen können, dass Elisa von
Hohnau nie das Weib meines Sohnes werden würde. Verzeihen Sie mir dieses, Elisa!
- Ach, wer kann Sie kennen, und nicht wünschen, Sie Tochter zu nennen! - Mein
Herz ist zerrissen, bei dem Gedanken, dass ich Sie nicht mehr sehen soll; und
doch erkenne ich, dass dieses notwendig ist. Ihre Lage würde mich zittern
machen, wenn Sie eines der gewöhnlichen Weiber wären! Mit einem Herzen voll
Liebe gegen einen Andern einem Manne, den Sie nie kannten, Ihre Hand zu geben! -
Wie viel Standhaftigkeit gehört hierzu, um tugendhaft zu bleiben! Aber ich kenne
Sie, meine Freundinn; ich weiss, Sie werden Ihren Pflichten jede Leidenschaft
aufopfern, welche Ihnen an ihrer Ausübung hinderlich sein könnte, und noch
verehrungswürdiger werden Sie dann sein, meine Freundinn! Die Achtung des
Mannes, den Sie zum glücklichsten Gatten machen werden, und der Beifall Ihres
Herzens, wird Ihre Belohnung sein, und Sie der Tage voll Kummer vergessen
machen, welche Sie jetzt verleben. Auch mein Herrmann wird sich dann bestreben,
durch Bekämpfung seiner Leidenschaft, der Liebe würdig zu sein, welche die
Edelste Ihres Geschlechts einst für ihn hegte. Sie werden ihn dann als Freund
wiedersehen, und vielleicht ist es mir noch erlaubt, Sie noch einmal zu umarmen!
Ich werde indes Ihre mütterliche Freundinn bleiben, und Sie als meine Tochter
lieben. Jeder meiner Wünsche wird für Ihr Glück und meines Sohn's Ruhe sein! -
O, lassen Sie mich bald hören, meine süsse Elisa, dass meine Wünsche nicht
vergebens waren; dann werde ich sterbend noch mich freuen, und dem ewigen Geber
alles Guten danken, dass er das letzte Gebet erhörte von
                                                     Kunigunde von Birkenstein.«
Herrmann sagte seiner Mutter, dass er am andern Tage von Birkenstein abreisen,
und nur dann zurückkehren wolle, ihr das letzte Lebewohl zu sagen, wenn Elisa
Hohnauschloss verlassen haben würde. Frau von Birkenstein hiess Alles gut; sie
verschloss den Gram, welchen sie bei dem Gedanken der nahen Trennung von ihm
empfand; sie wünschte nur seine Ruhe, und wollte seinen Kummer nicht vermehren.
Mögen ihn doch meine mütterlichen Arme, so sprach sie zu sich selbst, nicht mehr
umschliessen, und er nur fern von hier Glück und Ruhe finden! So reiste er am
andern Morgen ab, von ihrem Segen und von seiner Liebe begleitet. Noch sah er
in der Ferne den Turm von Hohnauschloss hervorragen. Ewiger Friede auf dir,
himmlische Bewohnerinn dieses engen Bezirks, welchen du zum Aufentalte der
höchsten Freuden machtest! Ach, bald verschwindet diese Turmspitze! Elisa, ewig
entferne ich mich von dir! - O, als ich noch mit dir jene Anhöhen erstieg, von
welchen wir die Natur in ihrer Pracht erblickten, sie bewunderten, ihren
Schöpfer preisten, da war ich gewiss der Glücklichste der Sterblichen! und nun? -
Grosses Wesen! Nun bin ich das Elendeste deiner Geschöpfe! So sprach Herrmann.
Helle Tränen glänzten in seinem Auge; er blickte zurück; verschwunden war die
Turmspitze, an welcher sein Blick mit schmerzlichem Vergnügen hieng; er
streckte seine Arme nach der Gegend aus. Ewig! so rief er donnernd, und nun sank
sein Haupt; seine Empfindungen wurden stumpf. Fort rollte der Wagen; die Natur
voränderte ihre Scenen um ihn; Herrmann bemerkte es nicht. Er kam in B... an;
das laute Getümmel auf den Gassen weckte ihn nicht aus seiner Betäubung. Ewige
Trennung von Elisa'n! - dieses war der einzige Gedanke, welcher ihn
beschäftigte, und nichts vermochte ihn davon abzuziehen. -
    Elisa hatte indes Alles angewandt, um ihren Schmerz zu bekämpfen. Henriette
verliess sie nicht; aber Elisa versagte sich den Trost, an ihrem Busen zu weinen;
sie sprach den Namen ihres Geliebten nicht mehr aus. Oft suchte sie Zerstreuung
an ihrem Clavier; aber sie sang nicht mehr die Arien, welche ihr Herrmann gern
hörte. So vergingen ihr vier Tage; am fünften kam ihre Mutter am Morgen zu ihr.
Sie schien die Blässe auf Elisa's Wangen nicht zu bemerken, und nach dem
Morgengrusse sprach sie zu ihr: Elisa, wann wird es Dir endlich gefällig sein,
den Herrn von Wallenheim zu sprechen?
    Elisa. Wenn Sie es befehlen, meine Mutter.
    B. v. H. So geschehe es noch heute; man merkt es, dass Deine Krankheit nur
vorgegeben ist, und dieses ist nicht sehr schmeichelhaft für Deinen künftigen
Gatten.
    Elisa. Weiss er es denn nicht, dass bloss unbedingte Notwendigkeit mich
zwingt, ihm die Hand zu geben?
    B. v. H. Ich habe es ihm nicht gesagt; ich schrieb gleich nach Deiner
Einwilligung an seinen Vater, und sagte ihm, dass Du nur einige Tage Bedenkzeit
verlangt hättest, welche ich Dir zugestanden hätte, und dass Du jetzt bereit
wärest, meinen Willen zu erfüllen. Ich hoffe, sprach er, dass Fräulein von Hohnau
dieses nicht ungern tut? Ich versicherte ihn vom Gegenteil, und sagte ihm
zugleich, dass eine kleine Unpässlichkeit Dich verhinderte, das Zimmer zu
verlassen. Er erkundigt sich fleissig nach Deiner Gesundheit, und gestern haben
er und ich Briefe vom alten Wallenheim empfangen. Er wünscht seinem Sohne Glück,
dass er alle Schwierigkeiten überwunden hat, und erlaubt ihm, bis nach
Vollziehung der Hochzeit hier zu bleiben.
    Elisa seufzte, die Baroninn von Hohnau befahl ihr, beim Mittagsmahle zu
erscheinen, und verliess das Zimmer. Gott! was waren da Elisa's Empfindungen! Sie
stand lange unbeweglich da, bis endlich Henriette hinein kam.
    Elisa. Ach, Henriette, heute soll ich ihn nun sehen! Werde ich stark genug
sein, seinen Anblick zu ertragen, den Antrag zu hören, den er mir machen wird?
    Henr. Frägt Elisa mich das, welche immer stark zu Allem war, was Pflicht von
ihr heischte?
    Elisa. Ach, bisher war es mir so leicht, gut zu sein; ich folgte nur dem
Hange meines Herzens. Aber nun empören sich alle meine Empfindungen gegen meine
Pflichten.
    Henr. Und nun wirst Du beweisen, dass feste Grundsätze alle Leidenschaften
besiegen, und dass, wenn man unwandelbar fortgeht auf dem Wege zum Guten, man
Kraft hat, alle Hindernisse zu überwinden.
    Elisa. O, meine Freundinn! ich fühle es, dass diese Anhänglichkeit zum Guten
mir jetzt Trost gibt; ich müsste unterliegen, wenn nicht der Gedanke mich
unterstützte: Ich tue meine Pflicht!
    Henr. Er begleite Dich beständig, meine holde Freundinn, und Du wirst
erfahren, dass der Satz wahr ist: dass für den Rechtschaffenen der Freuden mehr,
und der Leiden weniger in der Welt sind.
    Elisa umarmte ihre Freundinn mit einem Seufzer; ihr Bestreben war nun, die
erforderliche Gemütsruhe zu erlangen, um mit Wallenheim zu sprechen. Bisher
hatte sie Herrmanns Gemählde an ihrem Halse unter dem Tuche getragen, heute band
sie es ab, küsste es, benetzte es mit ihren Tränen, und verschloss es. O, dass ich
zugleich meine Liebe aus meinem Herzen verbannen könnte! sprach sie. Einige
Augenblicke hieng sie dem Gedanken an Herrmann nach; aber dann entriss sie sich
ihm, ergriff ein Buch, und las mit anstrengender Aufmerksamkeit, bis dass
Henriette ihr rief, mit ihr zu Tische zu gehen. Blässe überzog jetzt ihre
Wangen; aber sie fasste sich schnell, und trat voller Würde in das Zimmer.
Wallenheim näherte sich ihr augenblicklich, und fragte nach ihrer Gesundheit.
Höflich, aber kurz, waren ihre Antworten. Sie erhielt ihren Platz neben ihm.
Alle waren fröhlich; aber sie vermochte es nicht zu sein; ihr Blick war ernst;
allein Achtung und Gefälligkeit bezeigte sie Wallenheim. Ihre Mutter schlug nach
Tische einen Spaziergang im Garten vor, und als Wallenheim ihr seinen Arm anbot,
konnte sie sich des Gedankens nicht erwehren: Ach, so oft durchstrich ich die
Gänge an Herrmanns Seite! Diese Rückerinnerung ihres vorigen Glücks war in
diesem Augenblicke ihr schmerzhaft; ihr Busen hob sich höher; sie zitterte; aber
Wallenheim bemerkte diese Bewegung nicht. Elisa war ihm gleichgültig, und sein
künftiges Weib schien ihm bis jetzt noch keiner Aufmerksamkeit würdig. Sie
gingen nun, nur die Mutter und Henriette blieben zurück, und bald entfernte sich
Caroline mit ihrem Geliebten von ihrer Schwester. Sie war nun allein mit
Wallenheim, und sie befanden sich eben am Eingange einer Laube. Wallenheim
fragte sie, ob sie einige Augenblicke ruhen wollte? Elisa wünschte es; denn kaum
vermochte sie noch zu gehen. Sie setzten sich nun. In eben dieser Laube hatte
sie so oft mit Herrmann gesessen, hatte mit ihm von ihrer Liebe, von einer
glücklichen Zukunft gesprochen; jedes Wehen der Blätter lispelte ihr hier den
Namen Herrmann zu. Elisa war stark erschüttert, allein sie unterdrückte ihre
Empfindungen; ihr Blick war zur Erde gesenkt; denn sie wagte es nicht,
Wallenheim anzublicken. Er ergriff endlich ihre Hand. Mein gnädiges Fräulein,
sprach er, Ihre Frau Mutter hat mir Hoffnung gemacht, dass ich vielleicht so
glücklich sein würde, bald diese Hand zu erhalten.
    Er küsste bei diesen Worten die Hand, welche er hielt.
    Elisa. (Mit einem Tone voll Würde) Mein Herr, man hat mich bestimmt, Ihre
Gattinn zu werden; es ist der Wille Ihres Vaters und meiner Mutter. Ich gehorche
ihm - aber ich werde den Mann nicht betrügen, dessen Gattinn ich werden soll.
Ich liebe, mein Herr; edel und gut ist der Jüngling, den ich allen Andern
vorziehe; allein ich weiss, dass meine Liebe nun zum Verbrechen wird, und ich will
sie bekämpfen; ich will mich bestreben, die Gesinnungen zu erlangen, welche ich
Ihnen schuldig bin. Wenn Sie nach diesem Geständnisse mich noch würdig finden,
Ihre Gattinn zu werden, so sei mein ganzes künftiges Leben angewandt, Ihre Liebe
zu verdienen.
    Elisa schwieg; Wallenheim sah sie staunend an; sie schien ihm so edel, und
dieses machte ihn verlegen; endlich sagte er stotternd: Glauben Sie, mein
gnädiges Fräulein, dass ich bis jetzt nichts hiervon gewusst habe; es wird mir nun
schwer werden, meiner Hoffnung zu entsagen.
    Elisa. Aber darf ich hoffen, dass, wenn ich gleich nicht Ihre Gattinn werde,
Sie von Ihrem Herrn Vater die Einwilligung zur Verbindung meiner Schwester
bewirken werden?
    Wallenh. Dieses kann ich nicht versprechen: jede Mühe, welche ich anwenden
würde, würde vergeblich sein.
    Elisa. Nun dann, mein Herr, so stehe ich nicht länger an, Ihre Hand
anzunehmen.
    Wallenh. Mein Fräulein, darf ich wohl hoffen, Sie des glücklichen Mannes
vergessen zu machen?
    Elisa. Ich werde es nie vergessen, dass ich Ihre Gattinn sein werde.
    Nun stand Elisa auf, und sprach von andern Gegenständen. Unbefangen und
ruhig war ihr Wesen, aber auch ruhig war ihre Seele; zwar schien ihr Wallenheim
nicht liebenswürdig; zwar entflohen ihr Seufzer, sobald sie an Herrmann dachte,
und sie dachte nur ihn; allein ein Blick, den sie auf ihre Mutter und ihre
Schwester warf, gab ihr das Wonnegefühl der Tugend, und dieses Kraft, ihren
Schmerz zu tragen. Sie war voller Aufmerksamkeit gegen Wallenheim; er begegnete
ihr höflich; sie erwartete nicht seine Liebe; aber seine Achtung wollte sie
verdienen, und nichts verriet ihm den Widerwillen, den sie im Herzen gegen ihn
hegte. Vier Wochen vergingen so, und der Tag kam endlich, der sie mit
Wallenheim, und ihre Schwester mit Philippen vereinigen sollte. Welch ein Tag
war dieses für Elisa'n! Kaum hatte er angefangen, so eilte sie hinaus, ins freie
Feld, erstieg eine Anhöhe, und fiel da nieder auf ihre Knie, ihre Augen gen
Himmel gerichtet, ihre Hände gefaltet. Verwirrt waren ihre Empfindungen; der
erste Strahl der Sonne weckte Alles zu neuer Freude, nur in ihrem Herzen blieb
es öde. Die Lerche zwitscherte ihren Morgengesang; alle Bewohner der Luft
schwangen sich jauchzend in die Höhe; es blökten in der Ferne die hüpfenden
Heerden; Leben war wieder verbreitet in der ganzen Natur! Vater der Natur, rief
endlich Elisa aus, du schufest ja alle deine Geschöpfe zur Freude! Und ich sitze
hier in der Mitte deiner fröhlichen Schöpfung, und kann mich nicht freuen! Die
wiederkehrende Sonne, ihr Strahl, der Alles belebt, erleuchtet den Tag der
Trauer für mich. - Nur noch einige Stunden, und ich bin das Eigentum eines
Mannes, den ich nicht lieben kann! - In deinem Schoss, allgütige Natur, will
ich mich stärken. - Ordnung und Schönheit erblicke ich hier, wo ich nur meine
Blicke hinwerfe. - Ach, dieses lehrt mich, dass alle meine Empfindungen, Gedanken
und Handlungen dieses Gepräge haben müssen, wenn ich glücklich werden will. Ich
nehme heute alle Verbindlichkeiten eines Weibes auf mich; ich werde nun ein
wirkendes Mitglied der Gesellschaft. - Schon längst wusste ich meine Bestimmung;
aber nie erschien sie mir so feierlich als heute, und nie wähnte ich sonst, dass
die Pflichten der Gattinn mir würden so schwer zu erfüllen werden. - Heute soll
ich Wallenheim Treue und eheliche Liebe versprechen! Und noch denke ich mit
Schaudern an den Augenblick, der uns vereinigen soll! - Doch über alle Wesen auf
der Erde ist ja der Mensch erhaben. - Er hat die Kraft, gross und gut zu handeln.
- O! hier im Angesichte der Natur schwöre ich es, ich will Wallenheim den Schwur
halten, den ich ihm heute schwören werde. - Täglich will ich ihn erneuern und in
seiner Haltung die Kraft finden, im Guten standhaft zu bleiben. -
    Sie stand nun auf und fühlte sich gestärkt; sie kehrte zurück; ihre
Schwester kam ihr entgegen, und umarmte sie. Ach, Elisa, heute werde ich ganz
glücklich! Elisa's Augen füllten sich mit Tränen; sie suchte sie zu
unterdrücken. Mögest Du es immer sein! sprach sie, und entriss sich ihr; sie
eilte zu ihrer Henriette, welche, voller Besorgnisse für ihre Freundinn, diese
Nacht schlaflos zugebracht hatte.
    Elisa. Was ist Dir, Henriette, Du bist so blass?
    Henr. Elisa, Dein Hochzeittag ist mir so traurig.
    Elisa. Gutes, teilnehmendes Geschöpf! Aber, liebe Henriette, ich habe
gebetet, ich habe es mir vorgenommen, meiner Pflicht getreu zu bleiben. - O, ich
fühle es, ich werde standhaft sein!
    Henr. Aber Du leidest, meine Freundinn!
    Elisa. Meine Schwester begegnete mir, und sagte mir, sie würde heute ganz
glücklich. Dieses soll mich stärken, mein Opfer zu vollenden; ich werde Freude
in ihren Augen sehen, und, Henriette, nie bleibe ich gleichgültig bei Anderer
Glück; ich werde das ihrige teilen, es wird mich mein trauriges Loos vergessen
machen.
    Henr. Ich danke dem Himmel für Deine Ruhe! O, meine süsse Elisa, ich zittere
nicht länger für Dein Glück; eine Seele, wie die Deinige, muss es stets finden!
    Elisa. Mein künftiges Loos soll mich länger nicht beschäftigen. Ich erwarte
keine Freuden mehr; ich will nur Leiden tragen lernen, nur lernen, Andere
glücklich machen. O, dass es mir vergönnt sein möge, Heiterkeit auf die Tage
meines Gatten zu streuen, und oft von der Wange des Unglücklichen die Träne des
Kummers abzutrocknen; dann will ich den meinigen vergessen, vergessen, dass ich
dem Glücke entsagen musste, und nur mich freuen, dass mein Herz der Empfindungen
der Menschenliebe und des Wohlwollens fähig ist!
    Elisa seufzte hier, und tränenvoll richtete sie ihren Blick gen Himmel. Sie
fuhr fort nach einer Pause: Aber etwas ist noch, welches meinem Herzen wieder
Freude geben könnte, und das wäre, Versicherung zu erhalten, dass Herrmann wieder
glücklich ist. Nenne mir nie seinen Namen; aber wenn Du weisst, dass Freude wieder
um ihn lächelt, dann sage es mir.
    Sie umarmte Henrietten, und eilte in ihr Zimmer.
    Da lag schon der hochzeitliche Schmuck, der heute sie zieren sollte; sie
kleidete sich an, mit einem Herzen voller Wehmut; schon hörte sie auf dem
Schlosshofe die Wagen rollen, die Gäste versammelten sich, auch der alte
Wallenheim war zu diesem Tage gekommen, und noch immer zögerte sie, sich in das
Gesellschaftszimmer zu begeben; endlich erschien sie, schön wie die Göttinn der
Jugend, aber traurig und voll sanften Ernsts. Sie sprach es aus, das Ja, welches
sie ewig mit dem Manne verband, gegen den sie, ungeachtet aller ihrer
Bemühungen, nur Widerwillen empfand. Allein sie war standhaft, und keiner ihrer
Züge entdeckte dem Zuschauer, was in ihrem Herzen vorging.
    Wallenheim bekleidete eine ansehnliche Stelle in B...; allein er besass auch
noch ein Landgut, wo er oft im Sommer einige Wochen zu verweilen pflegte, und
dortin wollte er für das erste seine Gemahlinn führen. Philipp, welcher bisher
die Aufsicht auf den Gütern seines Oheims gehabt hatte, sollte nun mit Carolinen
in Hohnauschloss wohnen bleiben, weil die Mutter sich nicht von der Tochter
trennen wollte. Henriette wünschte ihre Freundinn begleiten zu können, und nicht
minder wünschte Elisa, ihre teure Henriette zur Gesellschafterinn zu behalten.
Sie hoffte es auch gewiss, dass ihre Mutter ihr diese Bitte nicht abschlagen
würde, und sie entdeckte ihr ihr Verlangen am Tage vor ihrer Abreise von
Hohnauschloss. Caroline war gegenwärtig, und antwortete sogleich: Ich bin an
Henriettens Gesellschaft gewöhnt; auch hat Henriette bisher von der Gnade meiner
Mutter gelebt, und nicht von der Deinigen, sie darf uns also nicht verlassen.
    Elisa. Wenn meine Mutter befiehlt, dass Henriette in Hohnauschloss bleiben
soll, so weiss ich, dass es meine Pflicht ist, nichts weiter dagegen zu sagen;
Aber, teure Mutter, vergönnen Sie sie mir nur auf einige Zeit. Ich komme in
eine ganz fremde Welt, mein Mann selbst ist mir fremd. - O, das geringste
Geschöpf hat ja noch einen Freund, mit dem es vertraulich schwatzen kann, soll
ich denn ganz verlassen sein?
    Carol. Es ist Dir gut, wenn Du nicht mit Henrietten so viel von Birkenstein
plaudern kannst, dann wirst Du ihn vergessen.
    Elisa. Caroline, sollte das Glück harterzig machen?
    B. v. H. Mir ist Henriettens Gegenwart oder Abwesenheit gleichgültig; allein
Du, Elisa, kömmst nach B... und wirst dort mehr Gesellschafterinnen finden, als
Carsline hier in einigen Jahren sieht.
    Elisa. Aber keine Freundinn, meine Mutter. Und Caroline bleibt hier in der
Gesellschaft einer geliebten Mutter, und eines Gatten, den sie liebt.
    Carol. (Spöttisch.) Wer verbietet Dir, den Deinigen zu lieben?
    Ein Blick voll Verachtung war Elisa's einzige Antwort.
    B. v. H. Caroline, vielleicht kennst Du ein junges Mädchen, welches Dir
Henriettens Stelle ersetzen würde? Lass sie mit Elisa'n ziehen, sie liebt Sie
ohnehin mehr als Dich.
    Carol. Aber mir gefällt Henriette. Ich verlange keine andere
Gesellschafterinn, und sehe Elisa's Forderung als eine Unbilligkeit an.
    B. v. H. Nun denn mag Henriette hier bleiben. (Zu Elisan.) Du wirst es
selbst einsehen, Elisa, dass ich Carolinen dieses nicht wohl abschlagen kann.
    Elisa. Sie wissen, meine Mutter, dass Ihr Wille mir immer heilig ist.
    Elisa verliess hierauf das Zimmer; weinend ging sie zu ihrer Henriette; sie
umarmte sie, und hieng lange an ihrem Halse.
    Elisa. (Nachdem sie sich wieder aufgerichtet hat.) Auch diese Wonne ist mir
versagt, meine Henriette, Du darfst nicht mit mir gehen.
    Henr. (Tränen rollten von ihren Wangen.) Elisa, ich soll Dich verlassen?
    Elisa. Es ist meiner Mutter und Carolinens Wille.
    Henr. Zum erstenmale empfinde ich mit Schmerz meine Abhängigkeit.
    Elisa. Ach, es ist hart, sich von Allem zu trennen, was einem teuer ist!
    (In diesem Augenblicke tritt Wallenheim herein.)
    Wallenh. Haben Sie schon alle Anstalten zu unserer Abreise getroffen? Ich
werde morgen früh wegreisen.
    Elisa. (Trocknet ihre Augen.) Ja, mein Bester, ich werde Sie gewiss nicht auf
mich warten lassen.
    Wallenh. (Spöttisch.) Und ich besorgte fast, Sie würden mir gar nicht folgen
können?
    Elisa. Warum das?
    Wallenh. (Im vorigen Tone.) Ihre Augen lassen mich mutmassen, dass Sie die
Trennung nicht ertragen werden?
    Elisa. Können Sie es mir verdenken, Wallenheim, dass ich Schmerz empfinde,
indem ich meine Mutter, die Gespielinn meiner Jugend, und den Ort verlasse, wo
ich bisher so glücklich war?
    Wallenh. Sie brauchten ihn mir aber doch nicht in seiner ganzen Stärke zu
zeigen?
    (Wallenheim entfernte sich jetzt, Elisa seufzte und schwieg.)
    Es war am sechsten Tage nach ihrer Verbindung mit ihm, als sie Hohnauschloss
verliess. Sie umarmte ihre Mutter und Carolinen, und benetzte ihre Wangen mit
ihren Tränen; aber als sie Henrietten in ihre Arme schloss, da schlug ihr Herz
heftiger, ihr Schmerz war stumm, und ihr Mund sprach das Lebewohl nicht aus. Auf
dem Schlosshofe waren alle Einwohner Hohnau's versammelt. Sie wollten sie segnen,
sie noch einmal sehen, sie, die so oft Freude in ihren niedrigen Hütten
verbreitet hatte. Alles drängte sich um sie, und Elisa nahm von einem Jeden
Abschied, und drückte denen, von welchen sie wusste, dass sie arm waren, noch
einige Goldstücke in die Hand. Auch Harbergen erblickte sie; er ergriff ihren
Rock, küsste ihn und weinte, und sie hörte ihn sagen: Ach, unser guter junger
Herr! was wäre er glücklich gewesen! Diese Worte erschütterten sie stark; sie
stieg eilends in den Wagen, wollte ihren Tränen Einhalt tun, und vermochte es
nicht. Der Wagen rollte fort; noch einmal überschauete sie die Fluren, welche
sie froh durchwandelt hatte, an der Hand der Liebe und der Freundschaft. Das
Andenken an Herrmann und an Henrietten drängte sich an ihr Herz, und einige
Augenblicke, vergessend, dass Wallenheim an ihrer Seite sass, hieng sie ganz ihrem
Schmerze nach. Allein ein Blick auf ihn, sagt ihr, dass sie schuldig ist; sie
trocknet ihre Augen, und verschliesst tief in ihr Herz die Leiden, welche es
zerreissen.
    Ernst und finster waren Wallenheims Blicke; Elisa sucht ihn aufzuheitern,
keine Träne entschlüpft mehr ihrem Auge, sondern nur beschäftigt ist sie, die
Wolken von der Stirne des Gatten wegzutreiben. Allein es gelang ihr nicht; denn
Wallenheim war stets in sich verschlossen. Nie hatte sich sein Herz der
Freundschaft oder der Liebe geöffnet! er kannte Begierden, aber nicht
Empfindungen; die Menschen waren ihm gleichgültig, und die Vergnügungen, welche
er liebte, waren wild und rauh, wie seine Seele war.
    Sie langten am zweiten Tage ihrer Reise in Wallental an; (so hiess das
Landgut Wallenheims.) und nach einigen Tagen schrieb Elisa folgenden Brief an
ihre Henriette:
»Meine teure Henriette!
    Auch entfernt von Dir ist mir Deine Freundschaft noch Trost. Ach, ich kenne
jetzt nur die Sprache des Zwanges! Wie wohl ist mir, dass ich einmal wieder die
der Freiheit sprechen darf! Du lasest stets in meiner Seele, und Du allein
sollst auch noch ihre geheimsten Gedanken wissen. Nein, diese meine
Offenherzigkeit gegen Dich kann nicht strafbar sein! Du bist verschwiegen, und
was ich der Freundschaft entdecken darf, soll für jeden Andern tief in meiner
Brust verschlossen bleiben. - O, Henriette, sollte ich Dir jetzt meine
Empfindungen schildern, oder vielmehr würde ich es können? - Doch eine
Beschreibung von Wallental wird Dir einen Begriff von meiner jetzigen Lage
geben. Das Wohnhaus, oder das Schloss, wie es die Einwohner nennen, ist in
einiger Entfernung vom Dorfe; hohe Linden und Kastanienbäume beschatten den
grünen Hofplatz, und verdunkeln die grossen, gewölbten Zimmer des Hauses, an
welches auf der entgegengesetzten Seite der Garten stösst. Dunkle Cypressengänge
laden hier die Seele zu melancholischen Betrachtungen ein, aus welchen sie durch
nichts erweckt wird; denn ein schwarzer Tannenwald, der gleich hinter dem Garten
anhebt, begränzt die Aussicht. Die Natur scheint hier in ewiger Trauer verhüllt;
in den hohlen Tannen haben die Unken ihre Wohnung aufgeschlagen, und singen ihr
Trauerlied. In der Ferne hört man einen Wasserfall, der sich mit dem
Eulengeschrei, und mit dem Brausen des Windes vermischt. - Und hier, Henriette,
bringe ich meine Tage allein zu; denn die Jagd ist Wallenheims liebste
Beschäftigung, ihr weihet er jede Stunde des Tages. Früh so wie der Tag
anbricht, entfernt er sich; zwar kehrt er zum Mittagsessen zurück, allein nach
geendigter Mahlzeit eilt er schon wieder fort; und ich bleibe dann allein mit
meinen Gedanken. - O, Henriette, sie sind oft quälend! Herrmanns Bild drängt
sich dann mit Gewalt in mein Herz, lebhaft wird die Vorstellung seiner Liebe,
und wider meinen Willen vergleiche ich Wallenheim mit ihm. - Ach, ich fühle dann
auch, dass ich schuldig bin! Heisse Tränen der Reue vergiesse ich, und doch möchte
ich sie vor Wallenh im verbergen. Ich erzwinge Heiterkeit auf meinem Gesichte,
und in seiner Gegenwart öffnet sich mein Mund dem Lächeln der Freude. Ich weiss
es zu gut, dass meine Schwermut ihn noch mehr von mir entfernen würde, und mein
ganzes Bestreben ist jetzt, ihn Vergnügen in meiner Gesellschaft finden zu
lassen. - Aber ich habe auch angefangen, die dunkeln Bilder meiner Phantasie,
und die nur zu wirklichen Empfindungen meiner Seele zu zerstreuen. O, es gibt
nur eine Art Zerstreuung für mich, und diese suche ich. Ich muss die Leere in
meinem Herzen ausfüllen, ich muss Empfindungen darin unterdrücken, und wie werde
ich es besser können, als wenn ich andere an ihre Stelle setze? - Ich habe
meinen Spaziergängen einen Zweck gegeben, der mich stets heiter zurückkehren
lässt; ich besuche die Einwohner des Dorfs, ich unterhalte mich mit ihnen, ich
suche ihre Liebe, ihr Vertrauen zu erlangen, und will mich beschäftigen, ihre
Bedürfnisse zu befriedigen, ihre Begriffe aufzuklären, jede Last ihnen zu
erleichtern, und jedes ihnen nützliche Vergnügen zu verschaffen. Durch ein gutes
Beispiel, durch Wohltaten, Herablassung und jene Popularität, vermöge welcher
man durch Gespräche die Begriffe des gemeinen Mannes aufklären, und ihm ein
richtiges Urteil über Recht und Unrecht geben kann, geschieht es, dass man zur
Vervollkommnung einer Menschenklasse beitragen kann, welche noch der
Aufmerksamkeit selbst der besten Menschen entgeht. Wie mancher würdige
Gutsbesitzer könnte, wenn er auf diesen Gegenstand seine Aufmerksamkeit
richtete, in dem kleinen Bezirke, in welchem sein Wille Befehl ist, Generationen
beglücken, und das durch höchst einfache Mittel! Der falsche Wert, den man den
meisten Dingen beigelegt hat, ist schuld, dass so wenig Menschen das wirklich
Nützliche erkennen, und es befördern. Fast jede Staatsverwaltung ist ein
glänzendes Rad, woran ein Jeder sich hänget, unbekümmert, ob die Säulen, welche
es stützen, auch Festigkeit genug haben. Der gemeine Mann, der in allen Staaten
den grössten Teil der Einwohner ausmachet, ist der, auf dessen moralische
Bildung und physische Verbesserung seiner Lage am wenigsten Sorgfalt verwendet
wird. Glänzende politische Anschläge beschäftigen die Köpfe der Minister, aber
dem Wohl des Volks weihen sie nicht eine Stunde. Henriette, man sollte glauben,
die Menschen wären der Convenienz und des politischen Gleichgewichtes wegen da,
so sehr beschäftigen sich unsere grössten Köpfe mit allem dem glänzenden Nichts,
und so wenig mit Menschenglück. - Doch wo gerate ich hin? Ich wollte Dir sagen,
dass ich mich bestreben will, in der Sphäre, in der ich mich befinde, so viel als
möglich, nützlich zu werden; dass dieses mich stark machen wird, jede
Widerwärtigkeit zu ertragen, und dass dieses Wirken zum Wohl meiner Mitmenschen
mich von dem Gegenstande abziehen wird, der so tief in meinem Herzen eingegraben
ist. Untätigkeit nährt jede Leidenschaft, keinen Augenblick erlaube ich sie
mir; und mit jeder Stunde erkenne ich es, wie gross der Nutzen ist, wenn die
Erziehung unsern Geist ausgebildet, und uns Talente gegeben hat. Wie manches
junge Weib wird zur Coquette, weil mit einem gefühlvollen Herzen und einem
lebhaften Verstande, sie nicht gelernt hat, sich zu beschäftigen; das Lesen
einiger Romane, und unsere Handarbeiten, können ihr nicht hinlängliche
Unterhaltung gewähren; sie wird immer eine Leere in ihrem Herzen empfinden,
durch nichts kann sie sie ausfüllen, als durch eine Leidenschaft, welcher man
oft mit den festesten Grundsätzen kaum zu widerstehen vermag. - Aeltern, wenn
Ihr eure Töchter zu Opfern bestimmtet, o so lehret sie die Mittel, ihren Geist
zu unterhalten, wenn diese unglücklichen Geschöpfe nicht die Schande ihrer
Familie, und die Zerstörerinnen dessen Glücks werden sollen! - Diese
Betrachtungen lehrt mich mein eigenes Schicksal, und könnte ich sie doch allen
Aeltern lebhaft vorstellen, könnte ich ihnen die Empfindungen schildern, welche
das Herz eines jungen Weibes zerreissen, welche sich auf Lebenslang mit dem Mann
verbunden sieht, gegen den sie Widerwillen heget, und der sie mit
Gleichgültigkeit behandelt! - O, sie würden vielleicht aufhören, die Tyrannen
ihrer Kinder zu sein! Sie würden nicht länger zu dem Sittenverderbnisse
beitragen, welches durch die Ehen, welche Interesse knüpfet, und in welchen
gegenseitige Abneigung sich verbindet, so sehr befördert wird! - Ich muss
aufhören, Henriette, - diesen Gegenstand hätte ich nicht berühren sollen, mein
Herz leidet zu sehr dabei. - Lebe wohl!« -
Oft wurde Elisa durch ähnliche Betrachtungen in Traurigkeit versenkt, aber immer
entriss sie sich ihr. Aufrichtig war ihr Bestreben, eine stets gleich heitere
Laune zu erhalten; nie sah Wallenheim auf ihrem Gesichte die Spur von Tränen,
welche sie oft in der Einsamkeit vergoss, und doch blieb er, ungeachtet aller
Bemühungen seiner Gattinn, mürrisch und in sich verschlossen. Elisa scherzte um
ihn, und kaum lächelte er; sie suchte jene Vertraulichkeit gegen ihn anzunehmen,
ohne welche selbst die Liebe bald erkaltet, aber Wallenheim erwiederte sie
nicht. Er fuhr fort seine Tage auf der Jagd zuzubringen, oder Besuche in der
Nachbarschaft zu machen, doch nie in Elisa's Begleitung. Die ziemlich späte
Jahrszeit, denn schon näherten sie sich der Mitte des Herbstes, erlaubte Elisa'n
nur selten noch spazieren zu gehen, und sie brachte Tage zu, ohne ihr Zimmer zu
verlassen. Sie waren bereits zwei Wochen in Wallental, als ein schöner
Herbstmorgen den braunen Tannenwald vergoldete. Die Sonne schien noch einmal der
Erde zuzulächeln, prachtvoll warf sie ihren Glanz auf die gelben Blätter, welche
der Herbst gefärbt hatte. Elisa ergötzte sich an diesem Anblicke. Natur, rief
sie aus, selbst wenn du dahin sinkest, bist du schön! Sanfte Freude liegt noch
auf dir verbreitet! O, dass ich auch einst, in meinen letzten Tagen, so
zurückschauen könnte auf den Sommer meines Lebens, und mich seiner freuen! Ruhig
und heiter eilte sie nun hinaus; ihr Gefühl war Freude, sie vergass auf einen
Augenblick ihre Leiden, um im Angesichte der Natur den Empfindungen der
Bewunderung und der Verehrung gegen den Urheber alles Daseins nachzuhängen.
Plötzlich sah sie ohnweit vom Dorfe ein Weib ohnmächtig auf dem Grase liegen;
sie näherte sich ihr. Heftige Krämpfe verzogen bald alle Muskeln dieser
Unglücklichen, und Elisa's Beistand vermochte nicht, sie ins Leben
zurückzurufen. Elisa eilte in das Dorf, und so schnell als möglich kehrte sie
mit noch mehrern Personen zur Hülfe des armen Weibes zurück. Sie wurde in das
Dorf gebracht, und Elisa ging selbst in das Schloss, um einige Arzneimittel zu
hohlen; sie verliess die Frau nicht eher, als bis sie ganz wieder hergestellt,
und kein Rückfall mehr zu befürchten war. Sie kehrte nun zurück; aber Wallenheim
war schon vor ihr zu Hause gekommen; sie eilte zu ihm: Verzeihen Sie, mein
Bester, sprach sie, dass ich so spät zurück gekommen bin; allein eine
Unglückliche, der ich begegnete, welche leblos auf dem Boden lag, heischte Hülfe
von mir, und dieses hat mich so lange aufgehalten.
    Wallenh. (Kalt.) Sie täten wohl, wenn Sie lernten die Pflichten der
Menschlichkeit mit den Pflichten gegen Ihren Gatten vereinigen.
    Elisa schwieg; sie unterdrückte selbst einen Seufzer, der aus ihrer Brust
sich drängen wollte. Wallenheim sprach während der ganzen Mahlzeit nicht, und
nur beim Weggehen sagte er: Ich hoffe, Elisa, dass Sie mich am Abend nicht wieder
werden warten lassen? Erteilen Sie Ihre Hülfe zur rechten Zeit, damit Sie Ihre
Schuldigkeit nicht versäumen.
    Er ging fort, und Tränen strömten von Elisa's Wangen. Welch eine Zukunft
stellte sich ihr dar, und o wie bitter waren ihre Empfindungen! Sie wollte sie
unterdrücken, und ging an ihren Schreibtisch, um an Henrietten zu schreiben. In
einem Kästchen verschlossen lag da Herrmanns Gemählde. Noch hatte Elisa das
Kästchen nicht geöffnet, seit dem Tage, an dem sie das Gemählde hineingelegt
hatte. Heute öffnet sie es unwillkührlich, und der Anblick des Gemähldes
verdoppelt ihren Schmerz. Sie nimmt es heraus, sie küsst es: Ach, Herrmann,
sprach sie, du hättest mir nicht so begegnet! Bewegt legt sie es weg, bald
ergreift sie es aber wieder: Ich will nicht strafbar werden, ruft sie aus, ich
will es Henrietten schicken, aber noch einmal will ich diese Züge betrachten,
die ich nie wieder sehen werde! Zu bewegt, um schreiben zu können, ging sie in
den Garten, indem sie noch das Gemählde hielt. Noch erwärmte die Sonne die
Atmosphäre, und Elisa setzte sich, beleuchtet von ihrem milden Strahl. Alle
Scenen der Vergangenheit stellten sich ihr jetzt lebhaft dar, und bei jeder
Rückerinnerung benetzte Elisa das Gemählde mit ihren Tränen. Sie sass da, den
Kopf auf ihre Hand gestützt, als der Fusstritt eines Menschen sie aus ihrem
Nachdenken weckt; sie blickt auf, und - Herrmann steht vor ihr. Der Schreck
machte sie sprachlos. Herrmann schloss sie in seine Arme: Verzeihen Sie, Elisa,
rief er aus, ich entferne mich auf ewig von Ihnen, und nur noch einmal will ich
Sie sehen!
    Elisa. Herrmann, besser wäre es für uns, wir hätten uns nie gesehen!
    Herrm. Elisa, gönnen Sie mir nicht einen Augenblick Erleichterung meiner
Leiden?
    Elisa. O, Herrmann! Diese Sprache darf ich nicht mehr hören! Sie wissen nur
zu gut, wie sehr Ihr Kummer mich schmerzt!
    Sie wischte bei diesen Worten eine Träne aus ihren Augen, welche sie vor
Herrmann verbergen wollte; er sah sie aber, ergriff ihre Hand, und drückte sie
an sein Herz.
    O, meine sanfte, meine süsse Elisa, Sie lieben mich noch; ich fühle in diesem
Augenblicke keinen Kummer! Ich nehme den Trost mit mir, dass Sie mein bleiben,
mein, durch das Band ewiger Liebe, das kein Mensch trennen soll!
    Elisa. Halten Sie ein, Herrmann, ich bin Gattinn; mein Bestreben ist, Sie zu
vergessen! - Wollen Sie mich strafbar machen, Sie, für den mein Herz so warm
noch schlägt? O nein! Lassen Sie mir die Freude, Sie sehen zu dürfen, ohne mir
sagen zu brauchen: du bist schuldig!
    Herrm. Kann meine Elisa fürchten, dass ich ihre Ruhe aufopfern will? Und weiss
ich nicht, dass sie diese nur in der Tugend findet? Verzeihen Sie, wenn mich die
Liebe auf einen Augenblick hinriss! - Ach, kann ich vergessen, dass vor wenig
Monden -
    Hier schwieg er, ihre Blicke begegneten sich, sie seufzten Beide, und
Tränen rollten von Beider Wangen.
    Elisa. (Nach einer langen Pause.) Herrmann, der Vergangenheit dürfen wir
nicht mehr gedenken, sie verschwand mit ihren Freuden! - Und in künftigen Jahren
werden auch diese Tage voll Kummer nur noch in unserm Gedächtnisse leben; neue
Freuden, vielleicht auch neue Leiden, werden ihr Andenken verdrängen. O, dass wir
es jetzt schon tun könnten! Mein Herrmann, vergessen Sie, dass Sie mich liebten!
Denken Sie nicht immer an Elisa, entreissen Sie sich jeder Erinnerung an sie,
die Ruhe wird Ihnen dafür lohnen.
    Herrm. Wohl, Elisa, ich will Ihrer würdig bleiben! Ich will eine
Leidenschaft bekämpfen, durch welche ich einst glücklich war. - O, sagen Sie mir
nur noch, dass Sie nicht unglücklich sind, dann will ich mich vergessen, dann
soll der Kummer nicht mehr an meinem Herzen nagen, Ihr Glück wird mir Trost
sein!
    Elisa. Ich suche meine Pflichten zu erfüllen, urteilen Sie selbst, ob ich
unglücklich bin?
    Herrm. Aber Sie weinten, Elisa, als ich Sie überraschte?
    Elisa. (Reicht ihm das Gemählde) Dieses war die Ursach meiner Tränen,
Uebereilung und Zufall hatten mir es wieder in die Hände gegeben, und - ich bin
noch nicht stark genug, um bei dem Anblicke desselben gleichgültig zu bleiben.
    (Herrmann ergreift das Gemählde, und bleibt mit seinem Kopfe auf Elisa's
Hand liegen.)
    Elisa. (Nach einer Pause, zieht ihre Hand zurück.) Herrmann, wir müssen uns
trennen, auch Sie können meinen Anblick nicht ertragen!
    Herrm. Elisa, heute zum Letztenmale. O, nur noch einige Augenblicke!
    Elisa. Wie, und warum kamen Sie hierher?
    Herrm. Ich war in Birkenstein gewesen, um von meiner Mutter Abschied zu
nehmen, denn auch sie werde ich nicht mehr sehen. O, Elisa! wenn Sie nach
Hohnauschloss kommen, besuchen Sie die unglückliche Mutter, trösten Sie sie wegen
des Verlustes ihres Sohnes - sie liebt Sie ja als ihre Tochter! - Ich verlasse
mein Vaterland, vielleicht sehe ich es nie wieder. Ich suche nicht Glück unter
einem andern Himmelsstriche, aber Ihre und meine Ruhe, welche wir nicht erlangen
würden, wenn nur wenige Meilen uns trennten. Aber mich ewig von Ihnen entfernen,
ohne Ihnen noch einmal Lebewohl zu sagen, war mir unmöglich! Ich wusste, dass die
strengste Tugend dieses nicht verdammen könnte, und ich flog nach Wallental, um
noch einmal, Elisa, Sie zu sehen, Sie, die mich einst des Lebens höchste Freuden
kennen lehrten!
    Elisa. Herrmann, ich entferne Sie von Freunden und vom Vaterlande? - Edler
Jüngling! Sie suchen meine Ruhe? O! möchte ich nie sie finden, wenn Sie nicht
glücklich werden!
    Herrm. Nichts davon, Elisa! Ich will nicht murren, nicht klagen an Ihrer
Seite. - Mein künftiges Schicksal sei welches es wolle! - Ich konnte nur ein Gut
verlieren - und ...
    Elisa. Auch ich verlor das einzige Gut, Herrmann, und wir müssen Beide
lernen, den Verlust ertragen.
    Herrm. Schreckliche Notwendigkeit! Warum stellten Sie sie mir in diesem
Augenblicke vor?
    Elisa. Weil ich nicht vergessen darf, was ich bin! Wollen Sie zürnen,
Herrmann, dass ich meine Pflichten mehr liebe als Sie?
    Herrm. Weib! Weib! Eben Deine Tugend macht meine Liebe unauslöschlich!
    Elisa. Aber die Tugend soll sie auch heiligen, soll sie nicht zur
verzehrenden Flamme machen. Sie soll wieder Frieden in Deine Seele giessen.
(Elisa's Augen füllen sich mit Tränen, eine Pause, sie reicht ihm ihre Hand)
Reisen Sie jetzt, Herrmann! Zeit und Zerstreuungen werden Ihre Wunde heilen, und
nach Jahren vielleicht werden wir uns wieder umarmen können!
    Mit stummen Schmerze drückte Herrmann sie an sein Herz. Lebe wohl! rief er
aus, teures ewig geliebtes Weib!
    Elisa. Noch eine Bitte, Herrmann, gewähren Sie mir. Nehmen Sie dieses
Gemählde mit, ich darf es nicht länger besitzen - Aber Ihr Bild soll als das
Bild eines teuren Freundes ewig in meinem Herzen leben!
    Er nahm es, seufzte, drückte noch einen Kuss auf ihre Lippen, und flog fort!
Ihre Blicke folgten ihm, und ihre Tränen flossen, als er vor ihnen verschwand.
Erst einige Augenblicke war Herrmann fort, als Elisa Wallenheim kommen sah; er
war an diesem Tage früh zurückgekehrt, und hatte Herrmann aus dem Garten kommen
sehen, er fand Elisa'n weinend.
    Wallenh. Wer war das, der so eben von Ihnen ging?
    Elisa. Birkenstein.
    Wallenh. Sie scheinen es vergessen zu haben, dass Sie mir einst sagten, Sie
würden sich immer erinnern, dass Sie meine Gattinn wären! Oder denken Sie nur
daran in meiner Anwesenheit, und glauben Sie, dass Ihre Pflichten aufhören,
sobald ich abwesend bin?
    Elisa. Ich scheine diesen Vorwurf zu verdienen, und doch, Wallenheim, bin
ich noch eben so schuldlos, als da Sie mich verliessen.
    Wallenh. Vielleicht hatten Sie auch da schon Ihren Geliebten bestellt.
    Elisa. Diese Vermutung ist demütigend für mich; nie glaubte ich Sie dazu
berechtiget zu haben. Birkenstein kam, um Abschied von mir zu nehmen, weil er
sein Vaterland verlässt, und wenn ich schuldig bin, so bin ich es nur, dass ich
litt, dass er so lange hier verweilte.
    Wallenh. Weil dieses verursachte, dass ich ihn gesehen habe, und Sie nun Ihre
Zusammenkünfte werden einstellen müssen.
    Elisa. Diese Worte kränken mich nicht, Wallenheim, das Gefühl der Unschuld
lässt sie mich ertragen.
    Wallenh. Ich bin solche schöne Phrasen von Ihnen gewohnt, und um dass Sie
diese erhabene Teorie desto leichter in Ausübung bringen mögen, so verbiete ich
Ihnen, so lange wir noch in Wallental sind, Ihr Zimmer zu verlassen: Ihre
Spatziergänge geben Anlass zu Begebenheiten, welche nicht meinen Beifall haben.
    Elisa. Könnte ich doch durch die willige Aufopferung dieses Vergnügens Ihnen
beweisen, wie bereit ich immer sein werde, jeden Ihrer Wünsche zu erfüllen!
    Wallenh. (Kalt.) Heute haben Sie dazu den Anfang nicht gemacht; doch soll es
mich freuen, wenn es in der Folge geschieht.
    Er verliess hierauf Elisa'n, und sie ging zurück in ihr Zimmer; sie sah ihn
an diesem Abend nicht mehr, und am andern Morgen reiste er weg, ohne Abschied
von ihr zu nehmen, und war einige Tage abwesend. Geduldig ertrug sie diese
Begegnung. Es waren noch einige schöne Herbstage, sie genoss ihrer nur an ihrem
Fenster, aber sie murrte nicht; sie schrieb hierüber folgendes an ihre
Henriette:
    »Noch einmal habe ich Herrmann gesehen, noch einmal mich von ihm getrennt!
O, Henriette! ich konnte den Schmerz nicht unterdrücken, ich konnte nicht
gleichgültig scheinen, aber doch dachte ich an meine Pflichten, und gewiss,
Empfindungen, die wir nicht zu erregen suchen, die wir aber doch unwillkührlich
hegen, können uns nicht schuldig machen! Herrmann wird mir immer der teuerste
von allen Männern sein. Meine Leidenschaften werde ich bekämpfen, aber das
innige Gefühl der Achtung, ein lebhaftes Interesse an seinem Schicksal werden
immer gleich stark in mir sein. Und doch werde ich mich als Gattinn nicht
schuldig finden, weil ich stets über mich wachen werde, um diese Empfindungen
nicht zu stark werden zu lassen. Sie sind unwillkührlich, sie gründen sich auf
Tugend, auf gegenseitige Achtung und Uebereinstimmung; aber die Vernunft soll
sie leiten, und Festigkeit im Charakter wird mich der Liebe und der Sinnlichkeit
widerstehen lassen. So kann ich ohne Gefahr Empfindungen hegen, welche zu stark
sind, als dass ich sie gänzlich unterdrücken könnte; aber gewiss, hätte ich nicht
den festen Vorsatz, alle meine Pflichten genau zu erfüllen, und alles zu
entfernen, was mich daran hindern könnte, so würde ich fürchten, dass Liebe unter
der Larve von Achtung und Freundschaft, in meinem Herzen versteckt bliebe, und
mich endlich, durch Sophistereien, welche die Sprache der Vernunft und Tugend
entlehnen, von meinen Pflichten entfernte. So gefährlich ist es, wenn wir einem
andern Manne in unserm Herzen den Vorzug gewähren. - O, das Weib, welches dieses
weiss und sich nicht täglich prüft, nicht eine beständige Aufmerksamkeit auf sich
selbst, und auf ihre geheimsten Empfindungen hat, wird endlich, selbst mit den
besten Grundsätzen, mit Anhänglichkeit an Tugend und an ihre Pflichten, doch von
ihnen entfernt; sie wird ihre Stimme nicht mehr hören, wenn sie vernachlässiget
hat, die Liebe zu bekämpfen: Ich, meine Henriette, will mir diesen Vorwurf nie
machen; Nachsicht gegen mich selbst werde ich mir nie erlauben, sie ist immer
Schwachheit. -
    Wallenheim glaubt mich schuldig, er hat Herrmann weggehen sehen, und hat mir
verboten, mein Zimmer zu verlassen, so lange wir noch in Wallental wären; und
ich lebe jetzt, gleich einer Gefangenen. Aber ich verzeihe Wallenheim; der
Schein war wider mich, und an Tugend glaubt er nicht. Er ist jetzt abwesend, ich
könnte sein Gebot überschreiten, und wenn ich es den Bedienten verböte, so
würden sie mich nicht verraten, denn sie lieben mich; aber ich würde mich in
ihrer Achtung heruntersetzen, mich einigermassen von ihnen abhängig machen; und
der Ruf, zuweilen die Ruhe eines Weibes, hängen von der Meinung ihrer Leute, und
von dem, was sie von ihr sagen, ab. Die unschuldigste Handlung, wenn wir ihr den
Anstrich des Geheimnisses geben, bekömmt den Anschein der Schuld, und gibt zu
falschen Mutmassungen Anlass; man sollte dieses immer vermeiden. - O, wie viel
Vorsicht muss man in der Ehe anwenden, wenn man sich stets in der Achtung seines
Gatten und seiner Untergebenen erhalten will! Und dieses ist notwendig zum Wohl
der ganzen Familie. -
    Ich kann Dir nicht sagen, mit welcher Empfindung ich jetzt an meinem Fenster
die Luft einatme, welche ich unter dem freien Himmel nicht geniessen darf. Es
ist ein gemischtes Gefühl von Ruhe und Traurigkeit; eine dunkle Empfindung von
Abhängigkeit, und dann wieder das Bewusstsein: ich verdiene diese Begegnung
nicht. O, dann scheint mir der Himmel heiterer zu sein! Mein Herz schlägt mir
vor Freude, es erhebt sich, es blickt mit Gleichgültigkeit auf alle
Begebenheiten des Lebens; denn es fühlt, dass etwas in ihm ist, welches es über
sie erhebt, und es mächtiger macht, als das Schicksal. - Henriette, es ist mir
ein tröstender Gedanke, dass, so lange ich der Tugend anhänge, ich standhaft sein
werde, alle Widerwärtigkeiten zu ertragen. - Dank der gütigen Vorsicht, dass mein
Platz in der Reihe der Geschöpfe so war, dass meine Seele zum Guten gebildet
werden konnte! Jeder Umstand meiner Jugend, welcher meinem Geiste eben diese
Bildung gab, war eine Quelle immerwährender Zufriedenheit für mich, und ohne
Furcht blicke ich in die Zukunft, welche mir trübe scheint.« -
    Mit eben der Ruhe empfing Elisa ihren Gatten, als er zurück kam; sie freuete
sich in der Tat, ihn wieder zu sehen, und ihre Blicke sagten es ihm. Sie
verdoppelte nun ihr Bestreben, ihm zu gefallen, und jeden Argwohn von ihm zu
entfernen; aber kälter, als sonst, war jetzt Wallenheim gegen seine Gattinn!
Nach einigen Wochen schrieb Elisa wieder an Henrietten:
    »Ich habe Dich immer von meinem Schmerz unterhalten, nimm auch heute Teil
an meiner Freude. Henriette, es öffnen sich mir Aussichten des Glucks! Ich kann
noch wieder vergnügt und heiter werden, wie ich es in meinen glücklichen Tagen
in Hohnauschloss war. - Doch ich muss Dir die Veranlassung meiner Freude erzahlen.
- Wallenheim war, seitdem er zurückgekommen, mürrischer noch als zuvor; oft
vergingen Tage, ohne dass wir zusammen sprachen; denn er antwortete mir nicht auf
meine Fragen, und schien mich nicht zu hören, wenn ich mit ihm sprach. Ich
verdoppelte nun meine Aufmerksamkeit und meine Gefälligkeiten gegen ihn; ich
bedauerte ihn aufrichtig: denn wie viele Freuden des Lebens muss er entbehren, da
er seine Seele vor allen den Empfindungen verschliesst, welche sie uns geniessen
lassen! Diese Betrachtung machte mich nachsichtig gegen ihn. Ich verziehe ihm,
denn ich fühlte, dass, obgleich eingeschlossen, obgleich getrennt von allen, die
ich liebe, fast von aller menschlichen Gesellschaft, ich doch noch glücklicher
war, als er.
    Gestern Abend war er mürrischer als gewöhnlich zurückgekommen; stumm und
vedriesslich sass er in meiner Stube auf dem Sofa, und schien mich kaum zu
bemerken; ich ging an das Clavier, spielte und sang eine Arie, deren Melodie
sanft, einnehmend un fröhlich war; sie erregte Wallenheims Aufmerksamkeit. Als
ich dieses bemerkte, wiederhohlte ich sie, und er stellte sich nun hinter meinen
Stuhl. Wie ich geendigt hatte, bat er mich fortzufahren. Man kann Sie nicht ohne
Vergnügen hören, sprach er. Ich wählte nun lauter Stücke von gefälliger Melodie,
und bestrebte mich, meinen Vortrag angenehm zu machen; er blieb neben mir
stehen, wurde heiter, wir scherzten zusammen, endlich umarmte er mich, und
sagte: Ich danke Ihnen, Elisa, Sie haben meine Launen weggespielt! Ich fühle,
dass ich heute diese Aufmerksamkeit von Ihnen nicht verdiente! Ich erwiederte
seine Umarmung: Möchte ich doch immer so glücklich sein, Wallenheim, Ihnen jeden
Verdruss vergessen machen zu können! Gewiss, dieses sollte die angenehmste
Beschäftigung meines Lebens werden! Er küsste meine Hand: Sie sind ein liebes
gutes Weib, ich erkenne es, dass ich oft Ihrer Nachsicht bedarf!
    Ich lächelnd. Und glauben Sie nicht, Wallenheim, dass ich nicht auch auf die
Ihrige rechne? O, ich bin zu eigennützig, um etwas unentgeldlich zu geben!
    Er lachte, küsste mich und sagte; Ich kenne Sie und mich genug, um mutmassen
zu können, dass ich Ihr Schuldner bleiben werde. So scherzten wir noch einige
Zeit; wir setzten uns auf den Sofa, und zum Erstenmale wurde unser Gespräch
vertraulich. Ich hatte schon lange einen Plan gehabt, zu dessen Ausführung aber
ich Wallenheims Einwilligung bedurfte; ich entdeckte ihn ihm, und er willigte in
mein Verlangen. O, wie viele Freuden schenkte er mir mit dieser Einwilligung! Du
weisst, Henriette, dass es immer mein Wunsch war, die Zahl der Unglücklichen
vermindern zu können; meine Lage setzt mich in den Stand, ihn zum Teil in
Erfüllung zu bringen, und ernstlich dachte ich, seitdem ich in Wallental bin,
auf Mittel, meinen Mitgeschöpfen nützlich zu werden. Ich sah stets mit Abscheu
und Mitleiden auf die Elenden, welche auf unsern Landstrassen und in unsern
Dörfern wimmeln, und welche niederträchtig genug sind, lieber vom Allmosen, als
von ihrer Hände Arbeit zu leben. Zum letzten Grade der Sittenverderbniss ist
diese Menschenklasse gesunken; sie vereinigen mit der Roheit des ungesitteten
Menschen alle Laster und Ausschweifungen gebildeter Nationen. Bei ihrem Anblicke
trauert man, dass die Menschheit so tief sinken kann. Aber noch stärker wird
dieses Gefühl, wenn man auf ihre Kinder blickt; sie von der Natur mit allen
Anlagen zum Guten begabt, und durch ihre Geburt zum Laster und Elende verdammt
sieht! O, ihr Menschenfreunde! Generationen dem Laster und dem Elende entziehen,
dieses müssten eure Bemühungen sein! Hierauf, Regenten, Minister, müsste eure
Sorgfalt gerichtet sein! Es sind Menschen, diese unglücklichen Kleinen, welchen
die Natur gleiche Rechte mit Euch gab; Menschen, welche zu jedem Grossen und
Edlen fähig sind, deren Kräfte zum Nutzen ihrer Mitbürger gebraucht werden
können; aber eure Nachlässigkeit erstickt jede Anlage zum Guten in ihnen, und
macht sie, unter der Leitung ihrer Aeltern, gleich ihnen, zum Abschaum der
Menschheit!
    Einen Teil dieser Kinder will ich dem Verderben entziehen, und sie zu
nützlichen Mitbürgern machen. Noch in diesem Jahre lasse ich ein Gebäude für sie
aufführen, und werde dann zehn Kinder, fünf Knaben und fünf Mädchen, erziehen
lassen. Ich werde sie alle in einem Alter von zehn Jahren annehmen, und bis in
ihr sechszehntes sollen sie in diesem Erziehungshause bleiben; die Knaben sollen
Handwerke oder Feldarbeiten, und die Mädchen alle Arbeiten lernen, welche sie in
den Stand setzen, sich ihren Unterhalt zu verschaffen. Sie sollen in den
Kenntnissen unterrichtet werden, welche für ihren Stand erforderlich sind, und
unter der Aufsicht eines vernünftigen Mannes und eines vernünftigen Weibes
stehen. Ausser den Kosten, welche die ersten Einrichtungen erfordern, wird diese
Anstalt nicht sehr kostbar werden; das Gehalt des Mannes und des Weibes wird
nicht sehr gross sein, da sie freie Wohnung und freien Unterhalt bekommen; und
ein Garten, der neben dem Gebäude sein wird, und den sie selbst bestellen
sollen, wird sie fast hinlänglich mit Lebensmitteln versorgen; die Mädchen und
auch die Knaben, welche keine Handwerke lernen, werden für uns arbeiten. So
werde ich alle sechs Jahre mit wenigen Kosten, welche vielleicht nur das Opfer
einiger neuer Kleider und einiger neuer Moden erfordern, zehn Menschen dem
Elende entziehen, und sie vielleicht auf ihr ganzes Leben beglücken! O,
Henriette! welche beseligende Aussicht! welch ein frohes Gefühl wartet meiner
mein ganzes Leben hindurch! Könnte ich es doch allen Menschen begreiflich
machen! Sie würden gewiss alle die Kleinigkeiten, die sie beschäftigen, mit dem
Wonnegefühl vertauschen, welches sich in uns regt, wenn wir uns sagen können:
ich habe Menschen beglückt!
    Aber auch das sinkende Alter will ich unterstüzzen; Ruhe will ich auf die
letzten Tage des Greises verbreiten. Er soll noch einmal lächeln, der
Unglückliche, welcher sein Leben durchweint hat! - Ich lasse in Wallental noch
ein Haus bauen, welches zehn Stuben entalten soll; alte dürftige Männer und
Weiber nehme ich hier auf; zu jeder Stube soll ein kleiner Garten sein, und alle
Woche werde ich ihnen alles, was zu ihrem Unterhalt erforderlich ist, austeilen
lassen, und jedesmal, wenn durch den Tod eines von ihnen eine Stelle ledig wird,
soll ein anderer Unglücklicher sie ersetzen. Ich selbst werde die Aufsicht über
dieses alles haben; ich selbst werde das Lager des Greises, und die Wohnung der
Kinder besuchen.
    Und dieses alles auszuführen, hat mir Wallenheim erlaubt; im künftigen
Frühjahre werden die Gebäude fertig sein, dann eile ich nach Wallental, und im
Schoss der gütigen Natur will ich, indem sie Segen auf alle Sterblichen
schüttet, am Glücke Einiger meiner Mitmenschen arbeiten.
    Lebhaft und innig war mein Dank gegen Wallenheim; seitdem ich Hohnauschloss
verliess, brachte ich noch nie einen so glücklichen Abend zu. Wallenheims Güte
machte mich beherzt; ich hatte bemerkt, dass er sich wenig um seine
Angelegenheiten bekümmerte, er hatte die Verwaltung seines Vermögens und seines
Landguts einem Menschen übertragen, welcher mir nicht dieses Vertrauens würdig
schien, ich hatte Nachlässigkeiten und Betrügereien entdeckt. Ich sagte ihm
dieses und bat ihn, mir diese Verwaltung zu überlassen. Ich versicherte ihm, dass
alle Geschäfte, durch welche ich ihm Vorteil verschaffen könnte, mir angenehm
sein würden. Nun, sagte er lächelnd, so setze ich Sie als meinen Sachwalter ein,
schalten Sie mit meinem Vermögen wie Sie wollen; ich will keine Rechenschaft
fordern. - Ich habe auch heute schon angefangen, mir von dem Verwalter, dem
Wallenheim den Abschied geben wird, alle Rechnungen und einen Bericht von
Wallenheims Angelegenheiten geben zu lassen.
    Zwar besitze ich zu solchen Geschäften weder Erfahrung, noch die
erforderlichen Kenntnisse; allein Ordnung, Achtsamkeit und Fleiss sollen sie, bis
ich sie erlangt habe, ersetzen. Die Aufsicht auf die häuslichen Angelegenheiten
ist eine der ersten Pflichten des Weibes. Wenn ich in der Reihe der Geschöpfe
keins erblicke, dessen Dasein ohne Nutzen ist, und ich sehe dann so viel Weiber,
welche nichts zu dem grossen Zwecke der Schöpfung, Nutzen zu verbreiten,
beitragen, welche unbekümmert ihrer selbst, ihrer Familie und ihrer Mitmenschen
dahin leben, und der Bildsäule gleichen, welche nur zum Beschauen, nicht zum
Wirken, dasteht, o dann seufze ich über unser Geschlecht! Solch ein Weib
erniedriget sich unter die Ameise, welche für ihre kleine Wohnung und ihre
Nahrung sorgt. Sehr eingeschränkt ist die Sphäre des Weibes, weit erstreckt sich
ihr Wirkungskreis nicht; aber sehr gross kann der Nutzen sein, den sie in diesem
stiften kann, und gewiss ist die Leitung der innern Wirtschaft und aller
häuslichen Angelegenheiten, wenn der Mann solche vernachlässiget, nicht einer
der geringsten. Wie könnte ich Wohltaten erweisen, wenn ich nicht zu gleicher
Zeit auf die Erhaltung unsers Vermögens bedacht wäre? Verschwenderisch und
strafbar würde ich alsdann werden! Nein, ihr Unglücklichen! Eure Hülfe, euer
Beistand zu bleiben, muss ich Wirtschafterinn sein, und mit tätigem Fleisse
unsere Angelegenheiten besorgen! Auch meines Mannes Achtung werde ich dadurch
gewinnen. - O, wie viele Bewegungsgründe sind dieses nicht, auch diese Pflicht
redlich zu erfüllen. -
    Wir bleiben bis im December hier, und - so schrecklich mir diese Einsamkeit
auch im Anfange war, so ist es mir doch jetzt angenehm, dass wir unsern
Aufentalt noch nicht sobald verändern. Diese Stille stimmt mit meinen
Empfindungen überein; mich dünkt, ich bin hier freier und heiterer, als ich es
in B... sein würde. Nur der Glückliche kann im Geräusche der Welt Vergnügen
finden, der Unglückliche fühlt da zu sehr, dass er der Freude entsagen muss, und
die, welche ich mir bereite, finde ich in Wallental. Gern bliebe ich unter den
Eulen, welche unsre Wohnung umgeben, den ganzen Winter hier; ihr Klagelied ist
mir nicht mehr traurig, es lässt mich empfinden, dass vielleicht kein Unfall ist,
der mir ganz meine innere Zufriedenheit rauben könnte. - Mit diesem Gefühl,
Henriette, gibt es Augenblicke, in welchen ich mich glücklich preise; denn ich
erkenne, dass es das Loos aller Sterblichen ist, Widerwärtigkeiten zu erfahren;
aber nur Wenige haben gelernt, sie zu ertragen, nur Wenige sehen standhaft dem
Sturm entgegen, der nur den Mutlosen gänzlich unterdrückt. Meine Bemühungen
sollen immer sein, meine Schwäche zu bekämpfen, damit ich immer standhaft dem
Schicksal entgegen lächeln kann.« -
    So blieb Elisa sich stets gleich; immer bestrebte sie sich, auch die
kleinsten ihrer Pflichten zu erfüllen, und nie dehnte ein Weib solche mehr aus,
als sie. Ihre Aufmerksamkeit, ihre Gefälligkeit gegen Wallenheim, vermehrte sich
mit jedem Tage, und mit Wachsamkeit und tätigem Fleisse ordnete sie ihre innere
Wirtschaft und alle häusliche Angelegenheiten. Innere Ruhe und das Vergnügen,
Wallenheim weniger mürrisch, weniger unzufrieden zu sehen, waren ihr Lohn. So
reisten sie nach B... Stolz, Liebe zur Pracht und zum Spiel führten Wallenheim
in glänzende Gesellschaften, in welchen er übrigens kein Vergnügen fand, und
bewogen ihn auch, in seinem Hause viele Leute zu sehen. Elisa empfand einen
Widerwillen gegen diese Lebensart. Ihr Geist fand in den rauschenden, glänzenden
Zirkeln keine Unterhaltung, und ihnen musste sie Beschäftigungen aufopfern,
welche ihr Vergnügen gewährten; allein nie verriet ein Wort, eine Miene, ihr
inneres Missvergnügen: Wallenheim wollte es, und dieses war genug, um jede
Unzufriedenheit in ihr zu unterdrücken; und mit eben der heitern Miene, mit
welcher sie einsam in Wallental ihn empfing, wenn er den Tag abwesend gewesen
war, folgte sie ihm jetzt in die glänzenden Versammlungen, wo sie wusste, dass sie
Langeweile fand, welche jedoch kein Sterblicher auf ihrem Gesichte las. Edel und
offen war der Anstand, mit welchem sie in ihrem Hause die Leute empfing; ihre
Miene, ihr Wesen schien einem Jeden zu sagen, dass sie sich freuete, ihn zu
sehen; selbst dann, wenn sie gern den rauschenden Zirkel mit ihrem einsamen
Zimmer vertauscht hätte. Aber auch mit eben der Sorgfalt, als in Wallental,
ordnete sie in B... ihre häuslichen Angelegenheiten; auch nicht der kleinste
Umstand entging ihrer Aufmerksamkeit, und nicht die geringste Nachlässigkeit
erlaubte sie sich; denn sie war zu sehr überzeugt, dass diese immer grössere nach
sich ziehen. Wallenheim war, seit dem sie in B... waren, wieder kälter und
zurückhaltender gegen sie; seine Geschäfte und andere Gegenstände entfernten ihn
dort mehr, als in Wallental, von ihr. Er kannte die Tugenden seines Weibes;
allein ihre Seele war über die Seinige zu erhaben, als dass er in ihr jene
Uebereinstimmung gefunden hätte, welche die Herzen vereiniget, und zwei Wesen
gegenseitig mit dem süssesten Gefühle erfüllt.
    Man sah bald, dass Elisa ihrem Gatten gleichgültig war, und ungeachtet aller
ihrer Aufmerksamkeit gegen ihn, bemerkte man doch, dass auch sie nicht viel mehr
für ihn empfand. Elisa war jung, schön, und wurde von ihrem Gatten
vernachlässiget; wie viel Gründe, um bald ein Heer junger Stutzer um sie zu
versammeln, und auch den gefühlvollen Mann zu ihr zu führen, der den Wert des
liebevollen Weibes erkannte, und - empfand. Allein Elisa, welche ihre Pflicht
als Gattinn, selbst in Herrmanns Anwesenheit nicht vergessen hatte, entfernte
durch Ernst und Würde diejenigen, welche ihr den Hof machten. Sie hielt diesen
Zeitvertreib, wenn er auch nicht zu sträflichern Folgen leitete, doch eines
Weibes unwurdig. Die kleinen weiblichen Coquetterien machen das Weib zum
Zeitvertreib des Mannes; aber sie entsagt durch sie der Achtung, auf die sie
Anspruch machen kann. Bald hört sie auf die Männer zu belustigen, allein das
Andenken an das Vergangene löscht sie nicht aus; sie werden sie immer als eine
Puppe betrachten, mit der sie spielten, so lange es ihnen gefiel. Wie natürlich
also, dass Geringschätzung jetzt die Stelle ihrer vorigen scheinbaren Anbetung
einnimmt, und ihr die Ehrfurcht versagt wird, welche das tugendhafte Weib jedem
Manne einflösst. So dachte Elisa, und ihre Anbeter verehrten sie, indem sie sie
entfernte; denn es war nicht die stolze Spröde, sondern das ihrer Würde sich
bewusste Weib, welches durch Sanftmut sie abwies. Auch sah sie nicht mehr einen
Hof Verehrer um sich, allein ihr Name erweckte Ehrfurcht, und man näherte sich
ihr mit der Achtung, welche man selbst unwillkührlich der Tugend zollt. Und
selbst die Weiber sagten von ihr: sie ist eine liebenswürdige Frau! Elisa,
unbekümmert dessen, was man von ihr sprach, entfernt von der Begierde zu glänzen
oder Bewunderung zu erwecken, erfüllte treu ihre Pflichten, und wurde dadurch
nur noch verehrungswürdiger. Folgendes schrieb sie an Henrietten, nachdem sie
einige Wochen in B... gewesen war:
    »Meine Henriette, schon bin ich vier Wochen in B...., und noch habe ich Dir
keine Nachricht von mir gegeben. Glaube aber ja nicht, dass die rauschende
Lebensart, welche ich hier führe, mich Dich vergessen lässt O, nein, meine
Henriette! Eben in den glänzenden Zirkeln empfinde ich recht lebhaft, dass ich
einer Freundinn beraubt bin. Ich sehe hier so viele Gesichter, bin von so vielen
Wesen umringt; aber alle lassen eine Leere in meinem Herzen zurück. Es dünkt
mich immer, wenn ich unsre grossen Gesellschaften besuche, ich komme unter eine
Anzahl sich bewegender Bildsäulen, welche alle durch eine einzige Maschine
aufgezogen sind, die ihre Bewegungen leitet, so viel Gleichförmigkeit haben hier
die Menschen in ihrem Wesen; denn indem sie sich von der Natur entfernen,
entfernen sie sich auch von der Eigentümlichkeit des Charakters, welche in
grossen Gesellschaften allein Annehmlichkeit verbreiten könnte, und sie durch
ihre Verschiedenheit für den Beobachter anziehend machen würde. Allein so wie
man bei einem jeden in seiner Kleidung die herrschende Mode findet, so haben
auch der Ton, das Wesen, die Manieren dieselbe Gestalt, hier und da mit einigen
kleinen Abänderungen; und dieses gibt den Menschen das Leblose, macht die
Gesellschaften langweilig, verbannt aus ihnen alle geistige Unterhaltungen, um
schalen Witz und schönen Unsinn an ihre Stelle zu setzen. Zwar bin ich
überzeugt, dass manches vernünftige Weib, mancher kluge Mann sich in diesen
Zirkeln befindet; allein nur eine nähere Bekanntschaft kann jene bessere
Eigenschaften uns entwickeln: denn wenn man auch in grossen Gesellschaften sich
nicht vom Strom hinreissen lässt, nicht spricht wie der gemeine Haufen, so spricht
man doch nichts anders; man schweigt, oder spricht von gleichgültigen Dingen, um
sich nicht zu unterscheiden, und nur ein Zufall kann uns mit den wenigen
Personen, welche in der grossen Welt durch Kopf und Herz sich unterscheiden,
bekannt machen. Ich suche diese Gelegenheiten nicht. Zwar bin ich nicht
unempfindlich gegen das Vergnügen, welches der Umgang und die Unterhaltung
kluger Personen gewährt; allein ich besitze jetzt nicht die gehörige Heiterkeit
und Unbefangenheit, um an solchen Gesprächen Teil zu nehmen. Die natürliche
Unterhaltung mit einer Freundinn würde jetzt meinem Herzen wohltun. Wenn ich
ganze Tage dem Zwange, der Langenweile, und allen den leeren Beschäftigungen,
welche die Gesellschaft von uns fordert, aufgeopfert habe, o, wie glücklich
würde ich dann sein, einige Augenblicke in den Armen der Freundschaft zu ruhen,
ihr meine Empfindungen mitzuteilen, und der immer erneuerten Wonne zu geniessen,
welche Freundschaft und Liebe zwei Seelen, die sie verbunden haben, empfinden
lassen! Wie glücklich ist das Weib, welches dieses in dem Gatten findet!
Welches, bei den Unannehmlichkeiten des Lebens, durch das Vertrauen, durch die
Liebe ihres Freundes gestärkt wird, sie mit frohem Mute zu ertragen, und in
seinen Blicken Vergessenheit mancher trüben Stunden findet. O, Ihr, die ihr in
freundschaftlicher Uebereinstimmung zusammen die Bahn des Lebens durchwandertet,
sprecht, war euch eure Liebe, eure gegenseitige Teilnehmung an dem
gemeinschaftlichen Schicksal, kein Trost in den Widerwärtigkeiten, die euch
trafen? Und wenn er es war? - O, so gönnt ihn auch euern Kindern! Gebt ihnen den
Gefährten, an dessen Seite die Freude höher ihre Wangen färbt, ihr Herz
entzückender klopfen und das Leiden seine Gewalt sie minder fühlen lässt! -
    Weniger als je herrscht diese Freundschaft, diese Vertraulichkeit zwischen
Wallenheim und mir; wir sind einander hier wieder so fremd, er sieht mich so
wenig, und diese Entfernung von einander erzeugt in ihm wieder die Kälte gegen
mich, welche in Wallental sich zu verlieren schien. Männer, welche es sich zum
Geschäft machen, gleich einer Biene um jede Blume zu sumsen, haben mich trösten
wollen; selbst einige, welche Verdienste besitzen, und nicht, gleich den Gecken,
jedem Frauenzimmer den Hof machen, aber doch der Denkungsart der grossen Welt
beitreten, welche die Liebeshändel einer Frau mit dem Namen Galanterien belegt,
und diese ganz untadelhaft findet, haben auch die Zahl meiner Anbeter vermehrt.
Aber, Henriette! Herrmanns Bild, mit so starken, so liebenswürdigen Zügen in
meinem Herzen eingegraben, lässt mich nicht fürchten, dass ich meine Pflichten
vergessen werde! Zwar hoffe ich, dass, wenn ich auch nicht so liebte, dass keine
andere Liebe sich mehr in mein Herz einschleichen kann, weil mein Herz, ohne es
zu wollen, Vergleichungen anstellt, und mir dann zuflüstert: Herrmann bleibt von
allen diesen Männern der edelste, der liebenswürdigste - dass ich, diesem
ungeachtet, doch den Namen Gattinn nicht entweihen würde. Allein mehr auf meiner
Hut würde ich sein. Die Gecken fürchte ich nicht, aber der Mann von Gefühl
könnte mich empfindlich finden, ihn würde ich vermeiden. Ich glaube nicht, dass
das Band der Ehe uns unempfindlich macht, besonders wenn die Liebe es nicht
geknüpft hat; aber eine Neigung zu einem Andern unterhalten, ist strafbar, weil
wir ihre Gränzen nie bestimmen können, weil sie bald in uns zur heftigen
Leidenschaft wird, die Befriedigung fordert, und zu fehlerhaften Handlungen uns
verleitet. Ja, ich würde bei dem Bestreben des angenehmen, des verdienstvollen
Mannes, mir zu gefallen, mich fragen: Hat er auch keinen Eindruck auf Dich
gemacht? Ich würde, wenn es wäre, diesem entgegen arbeiten, ich würde ihn
fliehen. - Lache nicht, Henriette, die Flucht verrät vielleicht Schwachheit;
allein Misstrauen in uns selbst kann uns Leidenschaften besiegen lassen, und wird
uns immer verhindern, ihnen zu unterliegen. - Doch, das Andenken an Herrmann, an
seine Liebe, wird nie in meinem Herzen erlöschen! Rein, schuldlos war seine
Liebe. - O, es gibt noch Augenblicke, in welchen diese Erinnerung mich
entzückt! Nie werde ich sie mit dem Bewusstsein einer strafbaren Leidenschaft
vertauschen. Unschuld erhöhete das entzückende Gefühl, welches an Herrmanns
Seite mich beseligte; sie ist es, welche noch heute mir diese Ruhe einflösst,
wenn ich an ihn denke, die selbst dieses Andenken nicht zum Verbrechen macht. Ja
wenn ich ihn gleich immer noch liebe, so ist meine Seele doch noch eben so
schuldlos; denn wäre er hier, er würde seine und meine Leidenschaft bekämpfen,
ich würde mich in Wallenheims Arme werfen, und mir sagen: Ich bin seine Gattinn!
- Mit diesem Gefühl wird jeder andere Mann mir gleichgültig bleiben, und jede
andere Liebe verwerflich, weil ich mit ihr nicht Unschuld und Tugend vereinigen
könnte.«
    Elisa verlebte nun den Winter auf die Art, wie sie ihn angefangen hatte;
Wallenheim und sie veränderten Beide nichts in ihrem Betragen; er abwechselnd
freundlich, mürrisch, kalt; sie immer aufmerksam, ihm zu gefallen, immer sich
bestrebend, jedem seiner Wünsche zuvorzukommen; nie hörte er von ihr eine Klage
oder einen Vorwurf, nie sah er Ihre Stirne sich runzeln; er fand immer in ihr
das gelassene, heitere, gefällige Weib, und oft sagte er es sich, dass Elisa die
Erste der Weiber wäre. Der Frühling kam; Elisa bat ihren Gatten, mit ihr nach
Wallental zu reisen, damit sie dort die erste Einrichtung ihrer wohltätigen
Anstalten treffen könnte. Er schlug es ab; doch erlaubte er ihr, allein
hinzureisen. Froh, einmal wieder im Schoss der Natur der Freiheit und der Wonne
zu geniessen, welche ihre mannichfaltigen Scenen im Herzen des gefühlvollen
Bewunderers erwecken, und Jahre voll Zwanges vergessen machen können, reiste
Elisa von B... Sie hatte ihrer Mutter und Carolinen geschrieben, und sie
gebeten, Henrietten zu erlauben, zu ihr nach Wallental zu kommen, und Beide,
Elisa und Henriette, langten an demselben Tage dort an. Mit welchem Wonnegefühl
schlossen sie einander in die Arme! Meine Henriette! Meine Elisa! stammelten
Beider Lippen, und innig empfanden sie das süsse Glück des Wiedersehens, welches
nur empfunden, nie beschrieben werden kann. Sie blieben vierzehn Tage in
Wallental; dieses waren frohe Tage für Elisa'n. An der Seite ihrer Henriette,
beschäftiget Nutzen und Glück zu verbreiten, atmete ihre Seele die reine Wonne
ausübender Tugend, und genoss des ruhigen, befriedigenden Genusses der
Freundschaft in seinem ganzen Umfange. Ohne Mühe hatte sie von den
herumziehenden Bettlern zehn Kinder erhalten, alle in einem Alter von zehn
Jahren. Sie liess sie kleiden, und in sechs Tagen waren sie alle in dem für sie
bestimmten Hause eingerichtet. Sie ordnete ihre Beschäftigungen und ihren
Unterricht, welcher stets noch unter den Landleuten und niedrigen Einwohnern der
Städte so sehr vernachlässiget wird. - Aber indem Elisa sich mit dem Glück der
blühenden Jugend beschäftigte, vergass sie nicht das leidende Alter, Ruhe und
Bequemlichkeit suchet der Mensch am Ende seiner Laufbahn, und zehn Greise
sollten sie in Wallental finden. Schon waren in dem Hause der Greise neun
Stuben bewohnt, aus welchen Elisa'n Segen und Dank entgegen strömten, als sie an
einem Morgen mit Henrietten in dem an der Landstrasse gelegenen Tannenwalde
spazieren ging. Ein klägliches Rufen: O, meine Tochter! meine Tochter! erregte
bald ihre Aufmerksamkeit. Es ist das Geschrei eines Unglücklichen, rief Elisa,
lass uns zu ihm eilen, Henriette! Sie gingen nun dahin, von wo der Schall kam,
und sahen einen Greis, ein Bild des Jammers. An Kräften erschöpft, war er auf
den Rasen gesunken, und helle Tränen tröpfelten in seinen eisgrauen Bart. Ach,
meine Tochter, du musst sterben! rief er wieder. Er schien seine Seele mit diesen
Worten auszuhauchen; er rang seine Hände, und blickte langsam empor gen Himmel.
Jetzt hatten Elisa und Henriette sich ihm genähert; er erblickte sie und
versuchte aufzustehen; allein seine Schwäche fesselte ihn an den Boden.
    Elisa. Bleib er sitzen, guter Alter, er scheint müde zu sein, er muss erst
ausruhen.
    Greis. (Seufzt.) Ach, gnädige Frau, ich werde wohl hier die ewige Ruhe
finden! Ich habe lange genug gelitten, und doch, wenn der Himmel nur noch ein
Paar Tage mein Leben gefristet hätte!
    Elisa. Er ist unglücklich, guter Mann, o, sage er mir, was Menschenhülfe
tun kann, ihn zu unterstützen? und ich will suchen, die letzten Tage seines
Lebens frei vom Kummer zu machen!
    Greis. (Faltet seine Hände.) Gott, ich danke dir, du sendest mir einen
Retter! (Zu Elisa'n.) O, gnädige Frau! noch nie flehete ich um Allmosen, aber
heute, heute muss ich. - (Er bricht in Tränen aus, welche ihn verhindern weiter
zu sprechen.)
    Elisa. (Gerührt, setzt sich neben ihn.) Beruhige er sich, guter Alter! Es
ist ja keine Schande, dürftig zu sein!
    Greis. Ach, gnädige Frau! und doch blicken so viel Menschen auf den Armen
mit Verachtung! - Aber meine Tochter, wenn ich nur die retten könnte!
    Elisa. Wo ist sie, mein Freund, ich will sie holen, ich will ihr Hülfe
erteilen.
    Greis. Wir wohnen andertalb Meilen von hier, nahe bei Dunkelwalde; schon
seit acht Tagen ist meine Tochter krank, und seit einigen Tagen so schlecht, dass
ich gestern glaubte, sie würde sterben. Da wollte ich nun heute in die Stadt
gehen, zu dem Doctor, und auf den Knien ihn bitten, zu meiner Tochter zu kommen;
aber es ist noch eine Meile von hier, und ich habe gestern und heute nichts
gegessen - ich konnte nicht mehr! -
    Neue Tränen hemmten wieder seine Sprache. Elisa sprang auf. Bleibe bei ihm,
Henriette, ich bin gleich wieder hier. Sie eilte nun zu Hause, liess einen Wagen
anspannen, befahl, dass sogleich ein anderer in die Stadt fahren sollte, um den
Arzt zu holen, nahm eine Bouteille Wein und Brod mit sich, und kehrte zu dem
Greise und Henrietten zurück.
    Elisa. (Schenkt ein Glas Wein ein, und reicht es dem Greis.) Trink er, guter
Alter! Ich habe auch etwas Brod mitgebracht, stärke er sich erst; dann wollen
wir zusammen zu seiner Tochter fahren, und sie hierher holen, ich habe auch
schon nach dem Arzte geschickt.
    Greis. (Nimmt das Glas.) Gnädige Frau, ich kann Ihnen nicht danken. - Aber,
Gott! Du siehest mein Herz!
    Elisa. Guter Greis, wenn nur seine Tochter wieder hergestellt wird, und er
noch einige Zeit zufrieden in unserm Dorfe lebt, das wird mir Danks genug sein!
    Greis. (Blickt dankbar gen Himmel.) Gütiger Vater, ich will nicht mehr
klagen, da es noch solche gute Menschen auf deiner Erde gibt!
    Der Greis fühlte sich gestärkt; die Hoffnung, seine Tochter ins Leben
zurückzurufen, belebte ihn. Er stand auf, Elisa leitete ihn selbst zum Wagen,
setzte sich mit ihm und Henrietten hinein, und befahl dem Kutscher, so
geschwinde als möglich zu fahren. Der Greis sass nun da mit gefalteten Händen,
mit Tränen im Auge, seine Blicke bald auf Elisa'n, bald gen Himmel gerichtet.
    Elisa. (Nach einer Pause.) Guter Alter, ich segne heute meinen Spatziergang!
O, wie will ich mich freuen, wenn wir erst bei seiner Tochter sein werden! -
Aber - sage er mir, ist er schon lange mit der Dürftigkeit bekannt?
    Greis. Ueber die Hälfte meiner Tage waren Tage der Leiden für mich! Die
Geschichte meines Lebens mag dieses beweisen, wenn die gnädigen Frauen sie
anhören wollen?
    Elisa und Henriette. (Zugleich.) Gern, guter Alter.
    Greis. Mein Vater war Kaufmann in B..., von Geburt ein Franzose, welcher aus
Liebe zu meiner Mutter, durch welche er auch in den Besitz eines geringen
Vermögens gekommen war, sich in B... niedergelassen hatte. Sein Handel war nicht
sehr ausgebreitet, und seine Vermögens-Umstände nur mittelmässig; er machte also
keine Einwendung gegen mein Verlangen, das Tischlerhandwerk zu erlernen, zu
welchem ich viel Neigung hatte; denn er war nicht reich genug, mich zum Handel
bestimmen zu können, da ich nicht sein einziger Sohn war, sondern noch einen
Bruder und eine Schwester hatte. Ich hatte schon ausgelernt, als mein Vater
banquerott machte. Wir gerieten nun in die äusserste Armut. Mein Grossvater
lebte noch in Frankreich, und mein Vater beschloss, dass ich hinreisen, und von
ihm einige Hülfe erflehen sollte. Ich musste einige Monate arbeiten, um mir
einiges Reisegeld zu verschaffen, und ich ging dann nach Hamburg, wo ich mich an
Bord eines französischen Schiffes begab. Dieses Schiff sollte im Hafen von
Marseille einlaufen; allein im mittelländischen Meere erreichte uns ein
Algierischer Kaper, und ungeachtet unsers Widerstandes wurden wir zu Gefangenen
gemacht. Wir kamen nach Algier und wurden Sklaven. Ach, gnädige Frau! keine
Vorstellung kann die Wirklichkeit der Misshandlungen und des Jammers erreichen,
welche die unglücklichen Sklaven dort erfahren. Man spannte uns bei Tage gleich
Ochsen an den Pflug, und des Nachts wurden wir gefesselt in eine Art von Stall
geworfen, wo man uns in einem Trog eine elende Nahrung vorsetzte. Die
Vorstellung von meinem Vater, welcher vergebens auf Hülfe wartete, seine
Verzweiflung über die betrogene Hoffnung, die Armut meiner Familie, ihr Trauern
um mich, die Klagen, das Leiden meiner unglücklichen Gefärten, dieses alles
zerriss zehnfach mein Herz, und machte, verbunden mit meinem eignen Leiden, mein
Leben zur Empfindung eines immerwährenden Schmerzes. Meine Gefühle wurden
endlich abgestumpft, ich wurde empfindungslos gegen alles. So verlebte ich zehn
Jahre; nach Verlauf derselben traf auch mich die Reihe, von den Algierischen
Fesseln, durch das Lösegeld, befreit zu werden, welches in Europa von
mildtätigen Menschenfreunden zur Befreiung der Christen-Sklaven in Algier
gesammelt wird. Welch ein Augenblick war das, als man mir die Fesseln abnahm! -
Nein, nie werden Worte die unnennbaren Gefühle ausdrücken, welche mich
durchströmten! Ich stand da, war kaum meines Daseins gewiss, zweifelte an der
Wirklichkeit meiner Befreiung, und freuete mich ihrer doch, und hielt Alles doch
nur für Träume, welche meine Einbildungskraft umschwebten. Plötzlich drang die
Vorstellung von meinem Vater, von meiner Mutter tief in meine Seele; ich fiel
nieder zur Erde, weinte und rief aus: Ich werde sie wieder sehen! Nun wurde das
Verlangen, meine Aeltern und mein Vaterland wieder zu sehen, das herrschende
Gefühl in mir, und das Vermögen, dass ich es konnte, erfüllte mich mit
unaussprechlicher Freude; allein ein Blick auf meine unglücklichen Gefährten,
welche zurückblieben, schlug auf einige Zeit sie wieder nieder. Diese jammerten
laut, als sie uns weggehen sahen. Ach ich empfand das Schreckliche ihres Gefühls
bei unserer Befreiung, und ich hatte zu lange gelitten, als dass fremde Leiden
mich nicht tiëf durchdrungen hätten! Ich weinte mit ihnen, ich liess sie von der
Zukunft Befreiung ihres Unglücks hoffen, und teilte mit ihnen das wenige Geld,
welches ich erhalten hatte, damit, zum wenigsten einen Tag, sie sich
Erleichterung verschaffen könnten. Mit mir waren noch neun Gefangene befreit
worden; wir wurden alle auf ein französisches Schiff gebracht, und hatten die
Ueberfahrt bis Frankreich frei. Diese Reise ist der glücklichste Zeitpunkt
meines Lebens. Die wieder genossene Freiheit nach zehn Jahren unnennbaren
Elendes, die Erwartung, die Personen wieder zu sehen, welche mir so teuer
waren, dieses alles wiegte mich in die sanftesten Empfindungen der Freude, der
frohen Hoffnungen und des Genusses gegenwärtigen Glücks. Wir kamen in Marseille
an, und ich beschloss, nach Languedoe zu gehen, wo mein Grossvater gelebt hatte,
und wo ich einige von meinen Verwandten zu finden hoffte. Kaum reichte das
wenige Geld, das ich hatte, zu dieser Reise; selten kehrte ich in ein Wirtshaus
ein, mein Lager war der Rasen unter dem Schatten eines Baums, und ein Stück
trocken Brod oft meine ganze Nahrung. Ich kam endlich in Languedoe an, und nach
vielen Erkundigungen fand ich den Bruder meines Vaters. Mein Grossvater war seit
einigen Jahren todt, und hatte eine geringe Erbschaft hinterlassen, welcher sich
mein Oheim ganz bemächtiget, weil er in einigen Jahren nichts von meinem Vater
gehört hatte. Ich gab mich ihm zu erkennen, stellte ihm die Armut meines
Vaters, und die Billigkeit der Teilung vor. Er sagte mir aber, dass er keine
Ueberzeugung davon habe, dass ich sein Neffe sei, und dass, wenn dieses auch sei,
er doch keinen Teil seines Vermögens missen könnte, weil er sonst selbst mit
seiner Familie würde betteln müssen. Freilich war er selbst nur in mittelmässigen
Umständen, und ich, fremd und arm, konnte nichts gegen ihn ausrichten. Er
erlaubte mir, einige Tage in seinem Hause zu bleiben, um mich von meiner Reise
zu erholen, gab mir dann einige Hemden, einen alten Rock, denn meine Kleidung
war so zerrissen, dass ich mich kaum noch sehen lassen konnte, und einiges
Reisegeld, und riet mir nun, in mein Vaterland zurückzukehren. Ich trat also
meine Reise mit dem kummervollen Gedanken an, dass ich zu meinen Aeltern ohne die
geringste Erleichterung ihrer Armut zurückkehrte. Das Geld, welches ich von
meinem Oheim bekommen hatte, reichte, bei aller meiner Sparsamkeit, denn oft
lebte ich Tage lang, ohne etwas zu geniessen, als das Wasser, welches ich aus
einer frischen Quelle schöpfte, doch nicht weiter, als bis ich in Strassburg
angekommen war. Um Almosen konnte ich nicht flehen; bis B... mich von den
erbettelten Gaben meiner Mitmenschen zu erhalten, welche sie oft mit Verachtung
und Beschimpfung mir zuwerfen würden: dieser Gedanke war mir unerträglich. Ach
es ist so demütigend, Anderer Mitleiden anzuflehen! Ich hatte zwar
erniedrigende Begegnungen genug erfahren, allein ich hatte sie mir doch nicht
selbst zugezogen; ich hatte Grausamkeiten erlitten, aber doch nicht Verachtung
ertragen müssen. Ich beschloss also, mein Handwerk wieder so lange zu treiben,
bis dass ich mir das Geld zur Reise erworben haben würde. Ich bot einem
Tischlermeister meine Dienste an, und wurde angenommen. Ich blieb drei Monate in
Strasburg, allein ich musste noch einigemahl auf meiner Reise in einigen andern
Städten arbeiten, weil ich immer nicht viel mehr als meinen Unterhalt erwarb.
Endlich langte ich, nachdem ich ein Jahr auf dieser Reise zugebracht hatte, in
dem Städtchen R..., wohin ich heute zu gehen gedachte, an. Ich hatte nun noch
zehn Meilen bis B..., und je mehr ich mich meiner Vaterstadt näherte, desto
unentschlossener war ich, mich in diesen armseligen Umständen meinen Aeltern zu
zeigen. Ich fand in einem Wirtshause in R... einen Handelsmann aus B..., ich
geriet in ein Gespräch mit ihm; er wohnte in der Nachbarschaft meines Vaters,
und konnte mir daher Nachricht von ihm erteilen. Meine Mutter war todt, und
mein Vater und meine Geschwister lebten in der äussersten Armut. Sie arbeiteten
alle für Tagelohn, um sich zu unterhalten; allein sie konnten nur das
Notdürftigste erwerben, weil mein Vater schon sehr schwach wurde, und nicht
mehr viel arbeiten konnte. Diese Nachricht erregte neuen Gram in meinem Herzen.
Mein Vater hatte einige Unterstützung gehofft, als er mich nach Frankreich
schickte, und - ach! ich sollte mit leeren Händen zu ihm zurückkehren! Ich
sollte noch seine Dürftigkeit durch meinen Aufentalt bei ihm vermehren; denn
wer wusste, ob ich gleich einen Meister finden, der mich annehmen würde? O,
dachte ich, wenn ich doch zuvor, ehe ich zu ihm zurückkehre, mir noch etwas
erwerben könnte, um ihm einige Hülfe erteilen zu können. Mit diesem Gedanken
beschäftigte ich mich den ganzen Tag; am folgenden war ich immer noch
unentschlossen, auch befand ich mich nicht wohl; ich ging früh zu Bette, und
bekam ein heftiges Fieber; ich war drei Monate so krank, dass ich das Bette nicht
verlassen konnte. Mein weniges Geld, was ich gehabt hatte, ging nun darauf, ich
musste meinen Rock auch noch verkaufen; kurz, ich besass nicht einen Pfennig,
nachdem ich wieder hergestellt war. Nun konnte ich mich unmöglich entschliessen
nach B... zu gehen; ich hätte von Dorf zu Dorf mich hinbetteln müssen, und
welcher Meister in B... hätte mich in dem elenden Aufzuge, in welchem ich mich
jetzt befand, genommen? Ich hätte mich keinem einmal zeigen können. Ich ging
also zu dem Tischlermeister, welcher in dem Städtchen war, klagte ihm meine
Not, und bat ihn, mich anzunehmen; er brauchte eben einen Gesellen, und wollte
es, wie er sagte, mit mir versuchen. Der Meister hatte wenig Bestellungen, ich
erwarb also nicht viel. Immer beharrte ich auf dem Vorsatze, so viel zu
erwerben, um nicht mit dem Ansehen eines Bettlers zu meinem Vater
zurückzukehren. Ich blieb also fünf Jahre in R... Ich hatte mir nun wieder
einige Kleidungsstücke angeschafft, und hatte noch überdem zehn Taler, diese
wollte ich meinem Vater bringen. Ich ging nach B. Aber - Ach, gnädige Frau, wie
werde ich Ihnen meinen Schmerz beschreiben können, als ich meinen Vater nicht
mehr fand! Er war seit einem halben Jahre todt, und meine Geschwister waren
nicht mehr in B ... Ich stand da, als wenn meine Füsse an den Boden geheftet
wären; zernichtet war jede Hoffnung für mich, ich glaubte mich allein in einer
Einöde zu sehen. O wie viele Vorwürfe machte ich mir! Eine falsche Schaam hatte
mich abgehalten, zu meinem Vater zu eilen, als ich ihn noch sehen konnte, und
nun hatte ich ihn auf ewig verloren! Ich ging endlich in die Stube, in welcher
er gewohnt hatte, da warf ich mich auf den Boden, und schluchzte laut. Ach eine
düstre Schwermut verbreitete sich seit diesem Augenblicke auf mein ganzes
Leben! Ich kehrte am folgenden Tage zurück nach R..., denn man konnte mir den
Aufentalt meiner Geschwister nicht sagen. Mein Bruder war als Bedienter in die
Dienste eines Herrn getreten, der auf Reisen war, und meine Schwester hatte
geheiratet; allein man wusste nicht, wo sie hingekommen war. Ich arbeitete nun
wieder bei meinem vorigen Meister, war aber unaufhörlich traurig. Er war ein
guter Mann, er suchte oft mich zu trösten, und begegnete mir als seinem eigenen
Sohne; ich gewöhnte mich nach und nach, mich als ein Glied dieser Familie zu
betrachten. Wir teilten gegenseitig Kummer und Freude. Der Meister hatte fünf
Söhne und eine Tochter; das Mädchen hatte mich liebgewonnen. Einst sagte ihr
Vater zu mir: Martin, du bist zwar arm, aber arbeitsam, meine Tochter ist auch
arm, ein reicher Mann heiratet sie doch nicht, das Mädchen liebt dich, kannst
du sie leiden, so nimm sie; Gott wird euch seinen Segen geben! Mir hatte das
Mädchen stets gefallen, mich dünkte immer, dass ich weniger traurig war, wenn ich
bei ihr war. Ich dankte dem Vater, und fragte Lotten, so hiess sie, ob sie mich
wohl haben möchte? Ach Martin, sprach sie, ich bin dir so herzlich gut, gern
will ich Freud und Leid mit dir teilen! Sie weinte bei diesen Worten; auch ich
weinte und küsste sie. Vier Wochen darauf war unsere Hochzeit. Ich fuhr fort bei
meiner Frauen Vater zu arbeiten; wir lebten dürftig, aber wir erwarben uns doch
unsern Unterhalt. Mein Schwiegervater lebte noch fünf Jahre, meine Frau war
indes Mutter zweier Söhne geworden. Als mein Schwiegervater starb, wollte ich
Meister in R. werden; allein ein andrer Tischlermeister, welcher sich schon vor
einiger Zeit dort niedergelassen hatte, suchte dieses zu verhindern; es gelang
ihm, denn er war reich. Ich musste aus R... ziehen, weil ich dort keinen
Verdienst mehr fand. Ich mietete das Haus bei Dunkelwalde, in welchem ich noch
jetzt wohne. Nun arbeitete ich als Taglöhner, auch mein gutes Weib arbeitete
fast Tag und Nacht; nie klagte sie über Armut oder Mühseligkeiten. Lieber Mann,
sagte sie mir oft, wir werden immer so viel verdienen, dass wir leben können, und
was brauchen wir mehr? Unsern Kindern wird Gott weiter helfen! Ihr Mut, ihre
Standhaftigkeit half mir unsere Dürftigkeit ertragen, ein Leben voll Kummer
hätte die meinige niedergeschlagen. Nach einem Jahr gebar meine Frau eine
Tochter; sie war acht Tage in Wochen, da bekamen unsere Söhne die Blattern, und
starben Beide. - Ach jetzt war keins von uns fähig, den Andern zu trösten! Als
unser zweiter Sohn die Augen schloss, da reichte ich meiner Frau die Hand, und
sprach: Weib, wir verbanden uns, alles Ungemach zu tragen! Sie sank auf seinen
Leichnam und ich auf meine Knie, und lange lagen wir so und schluchzten laut,
bis endlich die kleine Lotte schrie; da richtete ich mich auf: »Weib, sprach
ich, wir haben noch ein Kind, Dein allzuheftiger Schmerz wird es umbringen! Ach
bereite uns nicht noch mehr Leiden!« Ich nahm das Mädchen aus der Wiege, und gab
sie der Mutter. Sie drückte sie mit innigster Wehmut an ihr Herz, benetzte sie
mit ihren Tränen, und legte sie endlich an ihre Brust. »Ach! mein Fritz, mein
Ludwig, rief sie aus, auch euch ernährte ich einst an meinem Busen, und nun -«
Verzweiflungsvoll rang sie wieder die Hände. Ich fürchtete, sie würde sich und
das Kind tödten, ich nahm ihr es wieder, und legte es in die Wiege. Ich umarmte
sie: Meine Lotte, sprach ich, vergiss nicht deines dritten Kindes! Sie hing sich
nun an meinen Hals, und unsere Tränen flossen zusammen. Wir durchweinten die
Nacht. Am Morgen bat ich Lotten, sich ins Bette zu legen, sie schlummerte eine
Stunde; aber unsere folgenden Tage waren nun alle trübe. Ach! der Anblick
unserer Kinder hatte uns so oft erfreuet und gestärkt, hatte uns jede Arbeit
erleichtert, wenn wir das mit Mühe erworbene Brod mit ihnen teilten! - Indes
wuchs unsere Lotte heran, und in ihr vereinigte sich nun unsere ganze Liebe und
Sorgfalt; sie wurde ein gutes Mädchen. Als sie erwachsen war, teilte sie jede
Arbeit und Beschwerde mit uns. So verlebten wir nun unsere Jahre, zwar unter
Mühseligkeiten, doch in Ruhe; allein unsere Kräfte nahmen ab, folglich auch die
Mittel zu unserer Unterhaltung. Vor zwei Jahren starb mein Weib. - Der Schmerz
über diesen Verlust machte mich so schwach, dass ich nicht mehr zu arbeiten
vermochte. Meine Tochter war nun meine einzige Unterstützung, ihrer Hände Arbeit
unser einziger Unterhalt; auch arbeitete das gute Mädchen unaufhörlich. Ach, oft
benetzte ich mit meinen Tränen das Brod, welches sie so sauer erworben hatte,
und wusste nicht einmal, dass meine Tochter hungerte, um es mir zu geben! Und
mitten unter diesen Mühseligkeiten tröstete sie mich, wenn ich kummervoll auf
sie blickte. Ach, sie war das letzte, das einzige Gut, welches mir übrig blieb;
ihre Liebe, ihre Sorgfalt machte mich jede Not, oft selbst die Bekümmernis um
sie vergessen, und nun - o, meine Tochter! nun sollst du sterben! -
    Elisa. (Ihn bei der Hand fassend.) Guter Greis, seine Tochter kann ja noch
gerettet werden. Mangel an Hülfsmitteln und gehöriger Pflege haben vielleicht
ihre Krankheit so schlimm gemacht, und diese Ursachen sollen nun aufhören.
    Nun erblickte sie in der Ferne das Haus, welches der Greis bewohnte; er
wurde unruhiger, je mehr er sich demselben näherte. Ach, meine Tochter, werde
ich dich noch sehen? rief er, als der Wagen stille hielt. Angst und Liebe gaben
ihm Kräfte; er ging schnell in das Haus, Elisa und Henriette folgten ihm. Ein
Tisch, zwei Betten und zwei Stühle war alles, was in der Stube stand, und alles,
was der Greis besass. Er warf sich auf das Bette seiner Tochter, sie lebte noch;
sie schlief, aber sie schien eine brennende Hitze zu haben. Sie erwachte bald;
allein sie bekam einen heftigen Paroxysmus, aus welchem Elisa und Henriette
schlossen, dass sie das hitzige Fieber hätte. Elisa schickte nach Dunkelwalde,
und liess dort den Amtmann um Citronen bitten, und bereitete Citronenwasser,
welches sie ihr trinken liess, nachdem der Paroxismus vorüber war. Sie liess sie
nun in den Wagen bringen, und sie fuhren zurück nach Wallental; sie wurde
gleich in die Stube gebracht, welche für sie und ihren Vater bestimmt war; auch
war der Arzt schon vor ihnen da, und versicherte den Greis, dass sie noch nicht
ohne Hoffnung wäre. Elisa und Henriette wachten diese Nacht wechselsweise bei
dem Mädchen, und nach einigen Tagen befand sie sich in der Besserung. Den Tag
vor ihrer Abreise ging Elisa mit ihrer Henriette noch einmal in die Wohnungen,
welche sie für das Glück und die Ruhe so vieler Menschen errichtet hatte; sie
hatten dem Prediger von Wallental die Aufsicht über diese Anstalten ihrer
Wohltätigkeit gegeben. Sie nahm nun Abschied von den Kindern, versicherte sie
ihrer beständigen Sorgfalt für sie, ermahnte sie zum Fleisse, zur Gelehrigkeit,
und ihre Aufseher zur Ordnung und Treue. Die fröhliche Miene der Kinder, ihre
kindischen Versicherungen, dass sie immer alles gern tun würden, was die gnädige
Frau haben wollte, freueten sie sehr; sie erteilte noch einem jeden ein kleines
Geschenk und verliess sie.
    Elisa (Zu Henrietten, nachdem sie aus dem Hause der Kinder gekommen ist.)
Liebe Henriette, was ist es doch für eine süsse Empfindung, wenn man für das Wohl
der Menschen arbeitet! Wenn ich diese Kinder sehe, ist mir, als wäre ich an
einem schönen Sommermorgen voller Erwartung eines schönen Tages; ihre
Gutmütigkeit lässt mich hoffen, dass sie den Zweck des Menschen erreichen werden,
sie werden glücklich und in ihrem Stande nützlich sein. Doch nun komm zu unsern
Greisen, auch von ihnen will ich Abschied nehmen.
    Sie fanden diese alle vor dem Hause versammelt; auch Lotte war
herausgekommen, um der schönen Frühlingsluft zu geniessen, ob sie gleich noch
nicht völlig hergestellt war.
    Elisa. (Nähert sich ihnen.) Guten Tag, meine Lieben! Seid Ihr alle noch
wohl, noch zufrieden?
    Einige. Ach, gnädige Frau! Ihre Güte -
    Elisa. Ihr könnt doch wohl noch einige Bedürfnisse haben, die ich nicht
kenne, und die ich leicht befriedigen könnte?
    Einige. Einen Wunsch haben wir noch; aber den kann nur der Himmel erfüllen.
Er ist für Ihr Glück.
    Elisa. Ich danke Euch, meine Lieben! (Eine Pause.) Ich kam hierher, um von
Euch Abschied zu nehmen, ich reise morgen weg. (Alle sehen sich betrübt an,
Elisa wendet sich zu Martin.) Guter Greis, Er wird doch wohl nun auch bei uns
wohnen bleiben? Er sieht unsre Einrichtung. Seine Tochter braucht nun Seinen
Unterhalt nicht mehr kümmerlich zu erwerben; allein wenn sie künftig durch ihrer
Hände Arbeit für sich etwas verdienen will, so werde ich dafür sorgen, dass sie
immer Arbeit bekömmt.
    Greis. (Tränen strömen von seinen Wangen.) O, gnädige Frau! Sie retteten
sie vom Tode, Sie senkten Ruhe auf meine alten Tage, durch Sie kann ich mich
meiner letzten Lebenstage freuen! - Nein, keine Worte können Ihre Güte und
meinen Dank ausdrücken!
    Alle zugleich. Ach, Sie haben uns alle glücklich gemacht!
    Elisa. (Gerührt.) Es freut mich, meine Lieben, wenn es mir gelungen ist,
Euch zufrieden gemacht zu haben. Ihr könnt glauben, dass ich glücklich dadurch
werde. Lebt nun in Eintracht unter einander, und wenn ihr etwas verlanget, so
sagt es dem Herrn Prediger, er wird es mir schreiben, und ich werde es euch
gewähren, wenn ich kann.
    Alle weinten jetzt, alle schlossen einen Kreis um Elisa'n, sie reichte einem
Jeden die Hand. Lotte warf sich zu ihren Füssen. Gott, ihr deinen Segen;
stammelte ihr Vater. - Lebt wohl, meine Freunde! rief Elisa, ich werde euch
nicht verlassen! Sie wollte nun gehen, aber noch hielten einige ihr Kleid,
einige ihre Hand. Süsse Tränen der Empfindung und der belohnten Tugend glänzten
in Elisa's Auge. Liebevoll blickte sie noch auf einen Jeden, und riss sich dann
von ihnen los. Segenswünsche und Danksagungen folgten ihr, und auf allen
Gesichtern waren dieselben Empfindungen: Liebe, Dank, Freude und Rührung,
ausgedrückt.
    Henr. (Nachdem sie einige Zeit schweigend fortgegangen sind.) O! meine
Elisa, empfange meinen Dank, dass Du mich zur Zeuginn Deines Glücks machtest!
    Elisa. (Umarmt Henrietten.) Deine teilnehmende Freundschaft erhöht jedes
mich beseligende Gefühl, und Dir verdanke ich sie auch, Du lehrtest mich meine
Pflichten erfüllen!
    Henr. Nein, meine Elisa, die Vernunft gab Dir die Kraft, eine Leidenschaft
zu besiegen, und die Natur dieses richtige Gefühl für das Gute und Schöne.
    Elisa. Ja! Dank der gütigen Vorsicht, dass ich beider Stimmen hören konnte,
und dass nichts ausser mir sie übertäubte! Sie schenken dem Sterblichen, der auf
sie hört, die seligsten Freuden!
    Henr. Du kannst Dir nicht vorstellen, Elisa, wie sehr, seitdem ich hier bin,
mein Glaube an Tugend und an die Glückseligkeit, die sie gewährt, gestärkt ist!
- Es ist mir so süss, Deine Seelenruhe zu sehen, ich fühle es überzeugend, dass Du
glücklich bist, und glücklich durch die Ausübung Deiner Pflichten!
    Elisa. Ja, meine Henriette, ich bin es! Mein Glück ist der Genuss innrer,
wahrer Zufriedenheit, und die Aussicht einer immer glücklichern Zukunft; denn
jedes tätige Bestreben, Nutzen und Glück um mich zu verbreiten, wird diese
Zufriedenheit erhöhen. - Und, Henriette - bald werde ich die süssesten Pflichten,
Mutterpflichten zu erfüllen haben. - O, welch ein seliges Vergnügen wird in
ihrer Ausübung liegen! Schon der Gedanke daran erfüllt mich mit
unaussprechlicher Freude!
    Henr. Ja, meine Elisa, auch ich fühle es, dass die Summe Deines Glücks sich
mit der Summe Deiner Pflichten vermehrt. Edles Weib! Dank sei der Tugend, dass
sie Dich belohnt für die Opfer, die Du ihr brachtest!
    Elisa. Gewiss, Henriette, das tut sie immer, wenn die Menschen dieses nur
versuchen wollten. O, es ist so etwas Beruhigendes, so etwas Seliges in dem
Gedanken: ich erfülle alle meine Pflichten; und je schwerer sie sind, desto mehr
erhebt er uns in unserer eignen Meinung, desto mehr Kraft finden wir in unserm
Selbstgefühl, bloss nach den Gesetzen des Guten und Edlen zu handeln, selbst mit
Aufopferung unserer liebsten Neigungen, um in uns die höchste Stufe menschlicher
Grösse zu erblicken; denn Eigenliebe und Stolz bleiben doch immer mächtige
Triebfedern unserer Handlungen. - Ja, Henriette, oft denke ich, wie weit
entfernt ich noch von jener himmlischen Tugend bin, welche immer sich gleich,
stets ihren Pflichten gemäss handelt, ihnen ihre Neigungen, ihre Freuden opfert,
und über alle Leidenschaften siegt. Oft frage ich mich: Wenn ich Herrmann
zuweilen sähe, würde ich ihm und der Liebe widerstehen? Würde ich mich
bestreben, eben so meine Pflichten gegen Wallenheim zu erfüllen, würde ich nicht
nachlässiger darin werden, würde ich eben so geduldig, eben so bereit sein,
jeden seiner Wünsche zu erfüllen? Ich zittere dann, die Antwort meines Herzens
zu hören, und unterdrücke sie. Siehe, heute, wo ich wirklich mit den Kindern,
und der Besorgung für die Bequemlichkeit und Ruhe der Greise beschäftiget, wo
ich von ihrem Abschied, von ihrem Dank gegen mich, gerührt war, wo selbst die
göttliche Empfindung: Diese Menschen mache ich glücklicher, mein ganzes Wesen
durchströmte, lag doch der Gedanke: Heute vor einem Jahre sah ich Herrmann zum
Erstenmahle, wie im Hinterhalte meiner Seele. Sein Bild, wie er neben seiner
Mutter stand, voll kindlicher Liebe, und Blicke des Wohlgefallens auf mich wars,
schwebte beständig vor mir; Tränen des seligsten Vergnügens und der Rührung
vergoss ich, als ich Abschied von den guten Leuten nahm; aber zu gleicher Zeit
entfuhren mir Seufzer, welche Herrmanns Andenken erpresste.
    Henr. Meine edle Freundinn, keine Blicke in die Vergangenheit! Freude und
Leid erteilte das Schicksal Dir in diesem Jahre, mutlos und traurig könnte ihr
Andenken auf einige Zeit Dich machen!
    Elisa. Besorge nichts, Henriette! Hast Du vergessen, dass ich mir auch
Gegenmittel bereitete? O, ich darf nur an meine Einwohner in Wallental denken,
ich darf nur durch meine Bemühungen Wallenheim zufrieden und freundlich sehen,
dann verliert das Andenken von seiner Stärke, und ich werde wieder ruhig.
    Henr. Ja, diese Ruhe wird unvergänglich wie Deine Tugend sein!
    Elisa. Entusiastische Lobrednerinn! Vergisst Du mein voriges Geständnis?
    Henr. Du selbst, Elisa, tadelst Du Dich dessen?
    Elisa. Ich habe Dir schon gesagt, dass diese fortdauernde Liebe zu Herrmann
mich von meinen Pflichten abziehen könnte, und also finde ich sie verwerflich.
Allein mir selbst kann ich bezeugen, dass ich diese Liebe zu schwächen mich
bestrebe, dass ich nie vergesse, dass ich Gattinn bin, und dass ich noch
aufmerksamer auf mich sein würde, wenn Herrmann gegenwärtig wäre - und endlich,
dass ich in ihm die Tugend liebe, und dass zugleich seine liebenswürdigen
Eigenschaften es mir ohnmöglich machen, ganz aufzuhören, ihn zu lieben!
    Henr. Du entschuldigest Dich also?
    Elisa. Ich kann über mich keinen Ausspruch tun, ich habe Dir mein Herz
geöffnet.
    Henr. In jeder gemeinen Seele würde ich so viel Liebe gegen einen Andern
verdammen; aber mit Deiner Standhaftigkeit, mit Deiner Anhänglichkeit an Tugend,
wird sie für Dich unschädlich!
    Elisa. Glaubst Du, Henriette, dass das Weib, welches gewohnt wäre, alle ihre
Begierden zu befriedigen, so lieben könnte, als ich?
    Henr. Wahr, Elisa! Du lässt mich fühlen, dass keine gemeine Seele so lieben
würde.
    Elisa. Ach, ich mag mich nicht entschuldigen! Ich fühle ja, wie teuer mir
Herrmann noch ist; allein wenn es nicht in meiner Gewalt ist, meine Neigung ganz
zu unterdrücken, so sind doch meine Handlungen in derselben, und nie leitete
Leidenschaft diese, sondern Erkenntnis des Guten.
    Henr. Ja, Dank dem Urheber Deiner Tage!
    Elisa. Wohl, Dank ihm! Bei seinem Andenken schwur ich, der Tugend treu zu
bleiben, auch bei dem Andenken des liebenswürdigsten Mannes, und nun bald werde
ich es schwören, bei dem heiligen Namen Mutter, den ich erlangen werde! - -
Könnte ich wohl einen dreifachen Meineid begehen?
    Henr. O, Tugend! wie erhaben machst du! welch ein seliger Anblick, den
Sterblichen zu schen, in dessen Herzen du wohnest!
    Elisa. (Umarmt Henrietten mit Innigkeit.) Meine Henriette, diese Wärme für
sie teiltest Du mir mit! Ja, Deine Gegenwart belebt jedes gute Gefühl dann aufs
neue in mir. Dein Herz versteht das meinige, dieses gibt ihm Leben und Wärme -
Äch, und morgen schon müssen wir uns trennen! - (Tränen rollten bei diesen
Worten von Beider Wangen. Eine Pause.) O, wie gerne bliebe ich hier in
Wallental wohnen! Hier sind mir meine Beschäftigungen alle so angenehm, und sie
mit Dir teilen, ist mir doppelt süss. In B... ist das Leben, welches ich führe,
langweilig, ich habe dort keinen Freund, und hier finde ich der Freuden so
viele.
    Henr. Vielleicht kannst Du Wallenheim bewegen, einen Teil des Sommers hier
zuzubringen.
    Elisa. Vor der Jagdzeit wird er nicht herkommen, und dann fängt die Natur
schon an zu trauern. Und das Andenken an den vorigen Sommer wird in B... gewiss
mir trauriger sein, als es mir hier sein würde.
    Henr. Fast sollte ich glauben, dass die Einsamkeit und die Spatziergänge es
lebhafter in Dir erwecken, und Dich folglich trauriger machen würden.
    Elisa. Nein, Henriette; hier beschäftigen so viele andere Gegenstände meinen
Kopf und mein Herz. Selbst wenn ich auf unsern Spatziergängen an Herrmann, an
die Liebe und an ihre Freuden dachte, so zerstreute mich das Vergnügen, welches
ich immer im Genuss der Natur empfinde. Wenn man ihre Schönheit, ihre
Mannichfaltigkeit betrachtet, so drängen sich so viele Gefühle, so viele
Betrachtungen auf, dass man von den Hauptvorstellungen der Seele abgezogen wird.
Allein, eingeschlossen in B..., ist nichts, was zu meinem Herzen so nahe
spricht, um mich jenen Erinnerungen zu entziehen.
    Henr. Es sind aber auch keine Gegenstände da, welche Dich auf diese
Erinnerungen leiten.
    Elisa. (Lächelnd.) Dann werde ich nichts mehr von meiner Liebe für Herrmann
fürchten, wenn ich an ihn erst muss erinnert werden. (Sie seufzt.) Und jetzt - wo
jeder Tag mir die Vergangenheit zurückruft! - Doch lass uns hievon abbrechen,
Henriette; ich habe schon das Gesetz, welches ich mir machte, überschritten. -
    Sie gingen nun schweigend nach Hause. Dieser Abend war für Beide traurig,
denn Beide empfanden aufs Neue den Schmerz der Trennung. Indes freuete sich doch
Elisa, ihren Gatten wieder zu sehen; ihre Abneigung gegen ihn hatte sie
überwunden, und nach ihren Grundsätzen konnte der Mann, der ihr Gatte war, der
Vater ihres Kindes sein würde, ihr nicht gleichgültig sein. Sie hatte ihm
geschrieben, und ihm den Tag bestimmt, an welchem sie zurückkommen würden;
allein sie fand ihn nicht zu Hause. Erst um Mitternacht kam er zurück; sie eilte
ihm entgegen und umarmte ihn.
    Wallenh. (Verwundert.) Sie noch auf, Elisa? Ich glaubte, Sie würden zu sehr
von der Reise ermüdet sein?
    Elisa. In der Tat bin ich etwas müde; allein ich wünschte doch, Sie heute
noch zu sehen!
    Wallenh. (Küsst ihre Hand.) Elisa, Sie sind zu gütig!
    Ein Lächeln, und der sanfteste Händedruck war ihre Antwort. Wallenheim war
gerührt über ihre Aufmerksamkeit, ihre Nachsicht gegen ihn, in dem Augenblick,
da er ihr den empfindlichsten Beweis seiner Kälte gegeben hatte. Den ganzen
folgenden Tag war er äusserst gefällig gegen sie; allein der Eindruck verlosch
wieder, und sein Betragen gegen sie blieb dasselbe. - Erst in der Mitte Augusts
reiste Wallenheim mit seiner Gattinn nach Wallental. Wie im vergangenen Jahre
war dort die Jagd seine einzige Beschäftigung, und Elisa der Einsamkeit
überlassen; allein ihre Beschäftigungen machten ihr diese süss. Unaufhörlich mit
dem Glücke der Einwohner Wallentals beschäftiget, vergoss sie oft
Freudentränen, wenn sie auf so vielen Gesichtern Zufriedenheit und Freude las.
Täglich besuchte sie die Kinder und die Greise, und der Anblick aller dieser
Geschöpfe war eine unerschöpfliche Quelle des süssesten Vergnügens für sie. Auch
war sie jetzt nicht bloss ruhig und heiter, sondern lustig und froh. Selbst
Wallenheim teilte sie diese Heiterkeit mit; oft vergass er des Nachmittags zur
Jagd zurückzukehren, indem er mit Elisa'n die Stunden verplauderte; sie ging
dann mit ihm in das Dorf. Fleiss, Unschuld und Freude fand er, durch die
Bemühungen seiner Gattinn, bei seinen Untertanen vereiniget, er wurde oft
dadurch gerührt; denn wo ist der Sterbliche, auf den das Bild der Tugend und des
Glücks ganz seine Macht verloren hätte? Elisa freuete sich, wenn sie sein Herz
sich den Empfindungen der Liebe und der Freude öffnen sah; er selbst war dann
vergnügter, und sagte zu Elisa'n, sie sei für ihn die Schöpferinn neuer, ihm
unbekannter, Freuden.
    Elisa. O, Carl! dann wäre ja mein heissester Wunsch, Sie heiter und glücklich
zu machen, erfüllt!
    Wallenheim. O, dass ich eine Seele hätte, wie die Ihrige; so empfänglich für
jedes Gute, so wohlwollend, so frei von Fehlern, damit auch Sie in der
Uebereinstimmung mit mir, so glücklich würden, als Sie es verdienen!
    Elisa. Glauben Sie mir, Wallenheim, ich bin es schon durch Ihren Beifall,
Ihre Zufriedenheit, und die Liebe, welche alle diese guten Leute gegen mich
hegen.
    Wallenheim. (Umarmt sie.) Vortreffliches Weib! -
    So nannte Wallenheim stets seine Gattinn, wenn er von ihren Tugenden gerührt
war; allein der Eindruck davon war nicht von Dauer. Von Natur zurückhaltend,
kalt und in sich verschlossen, konnten Bewunderung und Liebe wohl auf einige
Augenblicke sein Herz erwärmen, aber nicht in demselben haften. Sein Charakter
blieb derselbe, und äusserte sich immer auf eine gleiche Art. Gegen Ende des
Septembers kam Wallenheim mit seiner Gattinn zurück nach B..., weil Elisa ihre
Niederkunft erwartete. Sie gebahr einen Sohn. Sie schrieb an Henrietten, sechs
Wochen, nachdem sie Mutter geworden war:
    »O, meine Henriette, lass mich Dir das süsse Gefühl mitteilen, welches mich
jetzt so unaussprechlich glücklich macht! Ich schreibe Dir, neben der Wiege
meines Sohns, fast in jedem Augenblicke meine Blicke auf ihn richtend, mein Herz
ihm entgegen klopfend. - Wie sanft er ruhet! - O, Henriette! mächtig drängt sich
der Gedanke mir auf: Immer wird er so ruhen, wenn Du sein Herz zur Tugend
bildest! - Ach! seit dem Augenblicke seines Daseins fühlte ich diese
Verpflichtung, und zitterte, dass ich zu ohnmächtig sein würde, sie ganz erfüllen
zu können! Wie kann man noch leichtsinnig sein, nachdem man Mutter ist? Wie kann
es noch Weiber geben, welche bei dem Gedanken nicht erschüttert werden: Dieses
Geschöpf ist deiner Sorgfalt anvertrauet, du kannst vielleicht durch die guten,
oder die schlechten Eindrücke, die es durch dich empfängt, das Glück oder das
Unglück seines Lebens bestimmen? Und dieses Geschöpf, dessen Schicksal
vielleicht in deiner Hand steht - ist dein Kind! Henriette, diese Worte schallen
beständig vor meinen Ohren. Wenn ich des Nachts erwache, so ist Carl mein erster
Gedanke, und stundenlang bin ich mit Entwürfen seiner Erziehung beschäftiget.
Denn ungeachtet alles dessen, was man jetzt über Erziehung schreibt, ist sie
doch im Ganzen noch nicht viel besser als sonst. Und so lange Mütter nicht
selbst dieses Geschäft übernehmen, wird sie es auch nie sein; denn die erste
Erziehung ist ganz von ihnen abhängig, und schon in den ersten Jahren der
Kindheit kann man die junge Seele zum Guten gewöhnen, ihr Liebe dafür einflössen;
denn die Eindrücke, welche sie dann bekömmt, bleiben unauslöschlich das ganze
Leben hindurch. Und wer ist wohl geschickter, das Herz eines Kindes zu bilden,
als eine kluge und tugendhafte Mutter? Wer wird mit mehrerer Wärme, mit mehrerer
Sorgfalt daran arbeiten, als sie? Gewiss, auch der geschickteste Erzieher nicht.
- O, ich will sie alle erfüllen die Pflichten, welche die Natur mir auferlegte!
Mein Carl soll beständig bei mir sein, ich will seine ersten Handlungen, seine
ersten Neigungen leiten; stets will ich ihn beobachten, um die Anlagen seiner
Seele zu entdecken, und ich selbst will seine ersten Fähigkeiten entwickeln. Nur
meine Liebe zu ihm, fürchte ich, könnte mich vielleicht verblenden, parteiisch
machen. Ach, ich kenne so viele gute Mütter, welche es nicht ahnden, dass sie die
Fehler ihrer Kinder übersehen , und sich von ihrem Willen leiten lassen! O,
wärest Du bei mir, meine Henriette, Du solltest mich warnen, wenn Du sähest, dass
mütterliche Zärtlichkeit die Klugheit besiegte! - Ich bin allein; Wallenheim
beobachtet mich zu wenig, und ist zu wenig bei mir, als dass er bei der Erziehung
meines Kindes mein Freund und Ratgeber werden könnte; ich muss mich also auf
mich selbst verlassen, und mit doppelter Anstrengung will ich über mich wachen,
damit meine Liebe nicht Schwachheit werde. - Du weisst, dass ich selbst mein Kind
stille, Wallenheim erlaubte es mir, und stets hielt ich es ja für die erste
Pflicht der Mutter, wenn ihre Gesundheit es erlaubet; und jede unverdorbene
Seele, jedes Weib, welches nicht Gefühl für die Natur und ihre Freuden verloren
hat, wird gewiss in dieser mütterlichen Pflicht eine ihrer seligsten Vergnügungen
finden. O, wenn mein Carl an meinem Busen liegt, wenn das Lächeln seines
Wohlbehagens mir der Ausdruck seines Danks und seiner Liebe zu sein scheint, und
ich mir dann sage: Mit der ersten Nahrung, welche die Natur ihm bereitete, saugt
er keine wilden Leidenschaften, keine Keime des Lasters ein, sondern die
ruhigen, wohlwollenden Empfindungen seiner Mutter; wenn seine Bildung, sein
künftiges Glück mich dann beschäftigen - O, Henriette, dann kenne ich nur zwei
Empfindungen: Liebe und Freude! die reinste Liebe und die seligsten Freuden!
Mütterliche Empfindungen sind noch über die Empfindungen der Liebe, und nie war
ich so glücklich an Herrmanns Seite, als ich es bin, meinen Sohn in meinen Armen
haltend. Selbst Wallenheim ist mir, seitdem ich Mutter bin, teurer geworden. Er
ist der Vater meines Kindes. - Ach, ich fühle es, wie viel Liebe dieser Name
heischt! Und auch ich bin ihm nicht mehr so gleichgültig, seitdem ich Mutter
bin. Er wünschte sehr einen Sohn, und Du kannst nicht glauben, wie sehr ich mich
freuete, dass sein Wunsch erfüllt wurde. Als er zum Erstenmahle das Kind an
meinem Busen sah, blieb er lange, mich betrachtend, stehen; seine Blicke
drückten Vergnügen und Rührung aus. Endlich umarmte er mich und das Kind, und
sprach: O, möchtest du doch mit der Milch deiner Mutter alle ihre Tugenden
einsaugen! Dieser Ausruf rührte mich sehr; o! ich nahm es mir vor, mit Geduld
seine Fehler zu ertragen! Ich sehe, dass sein Herz der Empfindung fähig ist, und
wären wir immer in Wallental, es würde mir gelingen, es für jedes gute Gefühl
zu erweichen; allein in B... erstickt Liebe zur Pracht und zum Spiel jede andere
Empfindung, welche Vaterliebe und Achtung zu mir in ihm erregt. Auch ist er
jetzt wieder viel abwesend, und wenig bei mir; allein die ersten Wochen nach
meiner Niederkunft verliess er mich fast gar nicht.
    Ich werde diesen Winter wenig ausgehen. Wie froh bin ich, dass ich von dem
Zwange und der lästigen Gesellschaften befreit sein werde! Zu Hause, mit meinem
Kinde beschäftiget, werde ich der stillen häuslichen Freuden geniessen, und die
Gesellschaft meines kleinen Carls wird mir unterhaltender sein, als alle die
glänzenden Zirkel, in welchen ich im vergangenen Jahre so viele Stunden
langweilig zubrachte. Hätte ich meine Henriette nun noch, o, dann würde
Freundschaft und mütterliche Liebe, jede Stunde mir den reinsten Genuss des
Lebens gewähren! - Carl erwacht. - Lebe wohl, meine Henriette! Mein Sohn
entzieht mich Dir!« -
    Ja, Elisa erfüllte sie treu, die Pflichten der Mutter; sie wurde ihres
Sohnes erste Erzieherinn, und schon mit dem ersten Augenblick seines Daseins
weihete sie ihm ihre ganze Sorgfalt. Sie hatte es von Wallenheim erlangt, dass,
auch nachdem sie aufgehört hatte, ihn zu stillen, sie doch nicht mehr so viel in
Gesellschaft zu gehen brauchte, und nachdem Carl ein Jahr alt war, nahm sie ein
Frauenzimmer von mittlerm Alter und guter Erziehung zu sich, welcher sie den
Plan ihrer Erziehung mitteilte, ihr Verhalten gegen ihn bestimmte, unter deren
Aufsicht er blieb, wenn sie abwesend war.
    Im Sommer ging Wallenheim mit seiner Gattinn wieder auf einige Wochen nach
Wallental, und Henriette, welche sie nun über ein Jahr nicht gesehen hatte,
erhielt von der Baroninn von Hohnau und Carolinen die Erlaubnis, ihre Freundinn
dort zu besuchen. Sie fand Elisa'n vergnügt und glücklich; ihre Miene war ganz
wieder der Ausdruck der Ruhe und Unschuld: aber Wallenheim schien ihr noch eben
so rauh, eben so mürrisch zu sein, als er es in Hohnauschloss war. Wie ehrwürdig
fand sie ihre Freundinn, wenn er voller übler Laune ihr sein Missvergnügen über
einige Anordnungen, die sie in ihren häuslichen Angelegenheiten gemacht hatte,
und welche nicht seinen Beifall hatten, in ziemlich harten Ausdrücken zu
verstehen gab, und sie dann mit dem sanftesten Tone ihm ihre Ursachen, warum sie
so gehandelt habe, sagte, und ihm bewies, dass es auch so am besten wäre; allein
immer noch hinzusetzte: Doch, lieber Wallenheim, wenn Sie da noch einige Fehler
entdecken, so sagen Sie es mir, wir wollen es abändern. Wir Beide vereint,
werden gewiss die Sache richtiger einsehen, als wenn ich sie nur allein
betrachte. - Wenn er sein Unrecht erkannte, so schwieg er, oder sagte: Ich hatte
diese Ursachen nicht erwogen. Dann blickte sie ihn liebevoll an, ergriff seine
Hand, und sagte: Sie sind doch nicht böse? Aber gewiss, ich hätte nicht geglaubt,
dass Sie diese Anordnung missbilligen würden. Einst antwortete er ihr unwillig:
»Ich habe Ihnen ja schon gesagt, dass es gut ist,« und wandte sich weg. Henriette
sah eine Träne in Elisa's Auge, aber in eben dem Augenblicke ging sie hinaus,
und kam mit Carln auf dem Arme zurück; ihre Miene war freundlich und heiter; sie
spielte einige Zeit mit dem Kinde, und Wallenheim betrachtete mit Vergnügen die
Lebhaftigkeit und freundliche Miene desselben. Als sie dieses bemerkte, näherte
sie sich ihm, und der Kleine streckte seine Arme gegen ihn aus. Beider Blicke
fielen auf ihn, und begegneten sich; Güte und Liebe drückten Elisa's Blicke aus.
Wallenheim gerührt umarmt sie.
    Elisa. (Nach einer Pause, indem Wallenheim noch seinen Arm um sie
geschlungen hat, und seinen Sohn liebkoset.)
    Wie glücklich unser Carl ist, wenn er zwischen uns Beiden ist!
    Wallenh. (Nimmt das Kind auf seinen Arm.) O, Carl, sei Du immer mein
Fürsprecher bei Deiner Mutter!
    Elisa. Und der Meinige bei Deinem Vater!
    Wallenh. (Nimmt ihre Hand und küsst sie.) Nein, meine Elisa, Ihre Tugenden
sind das! -
    Nun drückte er sein Weib und seinen Sohn noch einmal an seine Brust, und
ging hinaus.
    Henr. (Nachdem er hinaus ist.) Vortrefliches Weib! Wie rührend, wie erhaben
war Deine Sanftmut, Deine Zärtlichkeit, Deine Güte!
    Elisa. Sage auch Wallenheims Vaterliebe, das schweigende Bekenntnis seines
Unrechts.
    Henr. Jeder Deiner Blicke musste es ihn ja fühlen lassen. O, er hätte
aufhören müssen, ein Mensch zu sein, wenn Deine Sanftmut, Deine Zweifel, indem
Du wusstest, dass Du Recht hattest, die scheinende Vergessenheit seiner
Beleidigung, als Du mit dem Kinde zurückkamest, und Deine, nur Liebe sprechenden
Blicke nicht diese Wirkung auf ihn gemacht hätten!
    Elisa. Zu sehr, meine Henriette, erhebt Deine Freundschaft mein Verdienst.
Eine Frau sollte, ohne die Zustimmung ihres Mannes, keine Anordnung in ihren
häuslichen Angelegenheiten machen; nur weil Wallenheim sich so wenig um die
Seinigen bekümmert, und mir oft, wenn ich ihn um Rat frage, antwortet: »Tun
Sie, wie Sie wollen!« bin ich genötiget, fast immer nach meinem eignen
Gutdünken zu handeln. Doch selten tue ich es, ohne es ihm zuvor gesagt zu
haben; allein als ich diese Anordnung traf, über die er unzufrieden war, war er
abwesend, und sie schien mir so notwendig zu sein, dass ich weiter kein Bedenken
darüber hatte. Allein, aus welchem Rechte konnte ich verlangen, dass Wallenheim
sie aus eben dem Gesichtspunkte betrachten sollte, als ich? Es war also meine
Pflicht, sie ihm in demselben zu zeigen; aber nicht in einem entscheidenden,
seines Rechts sich bewusst, und es behauptenden Tone; dieser erzeugt Erbitterung,
und auf der andern Seite auch Behauptung des Willens; sondern Gründe der
Vernunft, Sanftmut und Zweifel über die Gerechtigkeit unserer Sache, müssen wir
anwenden, wenn wir überzeugen und uns rechtfertigen wollen. Wer kann ihnen
widerstehen? Der Vernunft muss man oft selbst unwillkührlich nachgeben: allein
dieses Nachgeben beleidiget doch oft unsere Eigenliebe, und dieses machte
Wallenheim unwillig auf mich. Im ersten Augenblicke schmerzte mich dieses;
allein die Betrachtung, dass, Wallenheims eigensinnigem, unbeweglichem Charakter
gemäss, es ihn ärgern musste, dass er zwar nicht mir, doch meinen Gründen nachgeben
musste, liess mich seine Beleidigung vergessen, oder vielmehr machte, dass ich sie
nicht mehr als eine solche empfand. Ich war hinausgegangen, weil sein
ungerechter Unwille mir eine Träne erpresste, und ich wollte nicht, dass er sie
erblickte, weil sie ihm ein Vorwurf seines Unrechts gewesen wäre; allein sobald
die vorige Betrachtung dieses entschuldigte, sann ich auf ein Mittel, ihn zu
besänftigen. Ich hätte ihm sonst als ein herrschsüchtiges Weib erscheinen
können, ich hätte vielleicht einen Teil seiner Achtung verloren, und mir diese
bei ihm zu erhalten, ist mir Pflicht. Ich wusste, dass Carl ihn von seinen
Gedanken abziehen, und mir ein Mittel verschaffen würde, mich mit ihm wieder
auszusöhnen, und darum kam ich mit ihm herein. Du siehst also, Henriette, dass
ich nur meine Pflicht erfüllte, und dass jedes andere Betragen tadelhaft gewesen
wäre.
    Henr. Möchten doch alle Weiber Alles in einem solchen Lichte betrachten, als
Du, und solche richtige Folgerungen machen, wie viel seltner würden in den Ehen
Zwist und Uneinigkeit sein, welche oft Hass und wirkliche Uebel erzeugen!
    Elisa. Gewiss, Henriette, wenn Gatten es sich zum Gesetze machten, nur der
Vernunft zu folgen, so würde fast immer Uebereinstimmung zwischen ihnen sein.
Wenn entgegengesetzte Meinungen sie von einander entfernen, so muss Vernunft der
Mittelpunkt sein, der sie wieder vereiniget. Von ihrer Fackel erleuchtet, müssen
sie unparteiisch die Gründe für und wider untersuchen, und von denen sich leiten
lassen, welche sie für die besten erklärt. O, dass wir uns doch gewöhnten, dass
wir doch unsre Kinder gewöhnen möchten, von Jugend an nach Gründen zu handeln!
Wenn ein Weib in jedem Augenblicke ihrem Gatten sagen könnte: warum sie so
gehandelt habe, warum sie so handeln will? - Wenn sie dieses mit Sanftmut
täte, und Vernunft und Wahrheit wären auf ihrer Seite, würde er wohl da noch
zornig sein, noch hartnäckig seinen Willen behaupten? Allein gesetzt, er fände
das Gegenteil für besser, dann ist es ihre Pflicht, seinem Willen gemäss zu
handeln, wenn dieses nicht gegen die ersten Pflichten, gegen die Pflichten als
Mensch streitet. - Hätte mir Wallenheim heute, nachdem ich ihm meine Gründe
vorgestellt hatte, gesagt: Ich finde diese Ursachen nicht hinreichend, und ich
will, dass dieses anders eingerichtet werden soll, - so hätte ich seinem Willen
gefolgt, ohne ihm weiter etwas zu sagen. Aber auch dann muss das Weib nicht
mürrisch sein, nicht Unwillen oder Unzufriedenheit zeigen, nicht dem Gatten
Vorwürfe machen, wenn die Folgen seines genommenen Entschlusses unangenehm sind,
sondern suchen, sie aufzuheben, oder sie unwirksam zu machen. - So wird sie Ruhe
und Einigkeit erhalten, und das Glück ihres Gatten, ihr eigenes, und das ihrer
Familie machen.
    Henr. Ich höre Dich mit Vergnügen. O, wenn man diese Grundsätze den jungen
Mädchen ins Herz prägte, wenn man sie es empfinden liesse, es ihnen anschaulich
machte, welchen erhabenen Platz sie in der Schöpfung einnehmen könnten, wenn ihr
Gatte, ihre Kinder, die Unglücklichen, deren Wohltäterinnen sie waren, und
künftige Generationen noch, sie als die Stifterinnen ihres Glücks verehrten,
würden sie um diesen Preis nicht den so wenig befriedigenden, so schnell
vorübergehenden Vergnügungen, den Künsten der Coquetterie, und das Wohlgefallen
daran, welches sie verächtlich macht, entsagen?
    Elisa. Ja, Henriette, die wahre Bestimmung des Weibes ist edel, und wer
dieses recht empfindet, wird gewiss suchen, sie zu erfüllen. Allein lehrt man sie
diese kennen? - In den grossen Städten, in der grossen Welt, wird der Wert des
Weibes in Annehmlichkeit und Grazie gesetzt; zu glänzen, dieses ist der Zweck
ihrer Erziehung; hierauf wurden alle Fähigkeiten ihres Geistes gerichtet. Mit
dem Verlangen nun Eroberungen zu machen, mit der Begierde der Vergnügungen zu
geniessen, mit einer Leere des Geistes und des Herzens tritt das junge Mädchen
nun in ihrem funfzehnten oder sechszehnten Jahre in die Welt. Alles schmeichelt
da ihre Sinne, überall erblickt sie Beispiele der Coquetterie, der
Zügellosigkeit, in dem Gewande des Witzes, der Annehmlichkeit und der
Galanterie; sie wird fortgerissen, sie glaubt auf der Bahn der Vergnügungen die
Blumen ihres Frühlings zu pflücken; so wird sie verheiratet, ihre Vergnügungen,
ihre Leidenschaften zu befriedigen, ist ihr zum Bedürfnis geworden, weil ihr
Geist keine andere Beschäftigungen kennt, als diese, und ihnen opfert sie die
Pflichten der Gattinn und Mutter, von denen sie kaum einen Begriff hat. - Auf
dem Lande und in den Provinzstädten ist der Begriff vom wahren Werte des Weibes
eben so unrichtig; man lässt ihn in einer guten Haushälterinn bestehen, und macht
also einen Teil ihrer Pflichten zum ganzen Umfange derselben. Allein an die
moralische Bildung des Mädchens wird nirgends gedacht; sie kann so eine gute
Wirtschafterinn, eine geschickte Näherinn werden, allein nicht Gattinn, nicht
Mutter, nicht Erzieherinn; nicht das kluge, über das wahre Interesse ihrer
Familie aufgeklärte Weib, nicht die weise und gute Hausfrau, welche die Mutter
aller ihrer Leute ist, nicht die liebevolle Freundinn der Menschen, welche
tätig am Glücke ihrer Mitbrüder arbeitet. - Denn nur der richtige Begriff von
ihrer wahren Bestimmung, und eine richtige Bildung des Verstandes, werden sie zu
dem allen machen. -
    Kaum hatte Elisa aufgehört, zu sprechen, als Wallenheim mit einem andern
jungen Manne hereinkam; er nahm ihn bei der Hand, und führte ihn zu seiner Frau:
Liebe Elisa, sprach er, Herr von Felsing ist seit Kurzem unser Nachbar geworden;
er ist einer meiner besten Freunde, und er wünschte, die Gattinn seines Freundes
kennen zu lernen. Elisa begrüsste ihn freundlich. Felsing blieb zu Mittage bei
ihnen; er hatte nicht das Rauhe von Wallenheim, sondern etwas Sanftes und
Einnehmendes in seinem Wesen. Die Gewohnheit, sich von ihrer ersten Jugend an zu
sehen, hatte Felsing und Wallenheim zu Freunden gemacht; denn Beider Landgüter
gränzten an einander; allein Felsing war erst seit einigen Wochen, nach dem Tode
seines Vaters, Besitzer desselben geworden; sein Vermögen war indes nur
mittelmässig. Er kam oft nach Wallental, Henriette gefiel ihm; Elisa sah mit
Vergnügen ihre gegenseitige Neigung. Oft wenn Felsing und Henriette traulich
beisammen gingen, dachte sie an Herrmann, an ihre Liebe, und dieses Andenken
erpresste ihr Tränen. Sie verliess sie dann, eilte zu ihrem Carl, drückte ihn an
ihren Busen, und rief aus: Du bist Wallenheims Sohn! Mütterliche Liebe
unterdrückte das zu lebhafte Andenken an ihren Geliebten, sie wurde dann wieder
ruhig und heiter, und ihren Carl im Arme, erwartete sie das liebende Paar, und
freuete sich ihres Glücks. Einst als sie von ihrem Spatziergange zurückgekommen
waren, warf Henriette sich um ihren Hals: Elisa, sei Du die Erste, welche meine
Empfindungen mit mir teile, und welche der Wahl meines Herzens Beifall gebe!
    Elisa. Schon längst billigte ich sie, meine Henriette, und freuete mich, dass
durch sie wir nun nicht mehr so viel getrennt sein würden.
    Felsing. O, meine gnädige Frau! könnte ich ihnen die Grösse meines Glücks
schildern! Noch immer zweifelte ich, ob meine Henriette meine Liebe erwiedern
würde. Oft hoffte ich es, wenn ich sah, dass errötend ihre Blicke sich von mir
wandten, und doch hatte ich nur erst heute den Mut, ihr meine Seele zu öffnen.
    Elisa. Einer meiner heissesten Wünsche war Henriettens Glück, und seine
Gewährung erfüllt mich mit Freude.
    Gerührt umarmten sich Elisa und Henriette. Felsing nahm Beider Hände und
küsste sie; endlich schlang er seinen Arm um Henrietten: O, Henriette! sprach er,
ich empfange Sie aus der Hand Ihrer Freundinn! Und jetzt empfand Henriette die
ganze Grösse des Opfers, welches Elisa der Tugend gebracht hatte; sie empfand,
wie viel sie gelitten hatte, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Auch Elisa
erinnerte sich, wie sie, nach dem ersten Geständnisse ihrer Liebe, mit Herrmann
am Halse seiner Mutter hing, welche Freudentränen vergass, und alle Scenen ihrer
Liebe und ihrer Leiden schwebten mit Einemmahle vor ihrer Einbildungskraft. Sie
drückte ihrer Freundinn die Hand; eine lange Pause erfolgte; endlich stand Elisa
auf: Sein Sie glücklich! sprach sie bewegt, und ging hinein, um dem Andenken
ihres Herrmanns einige Tränen zu weihen.
    Felsings Mutter lebte noch, und wohnte bei ihm in Felsingburg. Als Felsing
ihr seinen Entschluss eröffnete, Henrietten zu heiraten, fragte sie gleich: wie
viel Vermögen Henriette besässe? Und erklärte ihrem Sohne, nachdem dieser ihr
gesagt, dass sie gar nichts besässe, dass sie nie in die Heirat willigen würde, da
sein verstorbener Vater es ihr anbefohlen hätte, keine Heirat ihres Sohnes mit
einem armen Mädchen zu gestatten, weil noch Schulden auf Felsingburg hafteten,
welche, wenn nicht ein Teil davon bezahlt würde, vielleicht Felsing in der
Folge nötigen könnten, das Gut zu verkaufen, und er wollte nicht, dass es je aus
seiner Familie kommen sollte. Alle Versicherungen Felsings, nie Felsingburg zu
verkaufen, sondern durch Sparsamkeit und gute Wirtschaft die Schulden in der
Folge abzutragen, konnten Frau von Felsing nicht bewegen, ihren Entschluss zu
ändern. Nie, sagte sie, wirst Du mit meiner Einwilligung Fräulein von Wannberg
heiraten, und ich werde Alles tun, diese Verbindung zu hindern.
    Niedergeschlagen kam also Felsing am andern Tage nach Wallental, und
entdeckte Henrietten und Elisa'n die Widersetzung seiner Mutter gegen seine
Verbindung, und ihre Gründe dazu. Allein die Gesetze, sprach er zu Henrietten,
machen mich unabhängig von dem Willen meiner Mutter; ich bin frei, und nichts
soll mich hindern, Sie, liebenswürdige Henriette, die Meinige zu nennen!
    Henr. Felsing! Nie werde ich es ohne die Einwilligung Ihrer Mutter! Ich
weiss, dass Kinder nicht genötiget sind, dem Eigensinne ihrer Aeltern ihr Glück
zu opfern, dass sie es selbst nicht müssen, wenn nicht unbedingte Notwendigkeit,
oder die dringendsten Ursachen sie dazu bewegen. Allein ich will nicht die
Ursache Ihres Ungehorsams gegen Ihre Mutter sein, durch mich soll das heiligste
Band der Natur nicht zerrissen, und Mutter und Sohn nicht getrennt werden.
    Nun wandte Felsing auch bei Henrietten vergebens seine Beredtsamkeit an,
ihren Entschluss zu ändern; sie beharrte auf ihrem Vorsatz. Elisa versprach
Felsingen, am folgenden Tage mit Wallenheim nach Felsingburg zu kommen, und
Alles anzuwenden, seiner Mutter Einwilligung zu erhalten. Sie erfüllte ihr
Versprechen; allein ihre Bemühungen waren umsonst. Frau von Felsing erklärte;
Hätte Henriette nur einiges, nur weniges Vermögen, so wollte sie in die
Verbindung willigen, um ihrem Sohne zu willfahren; allein ein ganz armes Mädchen
könnte nicht ihre Schwiegertochter werden, sie würde sonst die letzte Pflicht
gegen ihren verstorbenen Gatten verletzen. Wallenheim und seine Gattinn
verliessen also Felsingburg, ohne den geringsten Vorteil für ihre Freunde
erlangt zu haben. Als sie zurückfuhren, bat Elisa ihren Gatten, ihr zu erlauben,
Henrietten sechstausend Taler von ihrem Vermögen zu schenken. Sie versprach
ihm, den Aufwand für ihre Person, der zwar geringe war, noch mehr
einzuschränken. Glauben Sie mir, Carl, sagte sie, es wird mich stolz machen, in
meinem einfachen Gewande neben den prächtig gekleideten Weibern zu stehen! Ich
werde es mit Entzücken fühlen, dass ich besser mit den wahren Freuden des Lebens
bekannt bin! Wenn Andere in der Sphäre ihres Putzes leben, werde ich des Glücks
meiner Freundinn geniessen, und mir sagen: auch ich trug bei, es zu befördern!
    Wallenh. Ich werde Sie nie verhindern, die uneingeschränkte Sachwalterinn
Ihres Vermögens zu sein, es ist das Ihrige; ich bin reich; was Sie verschenken,
ist Ihr Verlust!
    Lebhaft dankte ihm Elisa; sie konnte kaum ihre Freude verbergen, als sie
Henrietten die abschlägige Antwort der Frau von Felsing mitteilte. Am andern
Morgen gingen die beiden Freundinnen, wie gewöhnlich, spazieren; Elisa hatte
diesesmahl Carln mitgenommen; sie trug ihn selbst. Sie setzten sich auf eine
Rasenbank im Tannenwalde. - Es war hier, wo Felsing Henrietten seiner Liebe
versichert, und das Geständnis ihrer Gegenliebe erhalten hatte, darum wählte
Elisa diesen Platz.
    Henriette war sehr niedergeschlagen, ihre Blicke weilten auf Elisa'n, welche
mit dem vollen Ausdrucke mütterlicher Zärtlichkeit und mütterlicher Freude ihren
Sohn anlächelte, der an ihrem Busen lag. Henriette dachte an Felsing, an den
Abend, da er ihr hier seine Liebe gestand, und mit dieser Erinnerung verbanden
sich dunkle Vorempfindungen von Freuden, die sie gehofft hatte, und welche
Elisa's Anblick in ihr erregte. Ihr selber unbewusst, rollten Tränen von ihren
Wangen; die aufmerksame Elisa erblickte sie, sie reichte ihrer Freundinn die
Hand. Henriette, sprach sie, Dir verdank' ich grösstenteils das Glück meines
Lebens! Als der Tod mir meinen Vater entriss, und meine Mutter und Caroline nur
Gleichgültigkeit gegen die Tochter und die Schwester empfanden, da warest Du mir
Alles! Du warest das einzige Geschöpf, welches mich liebte, das Einzige, in
dessen Arme ich mit Zuversicht mich werfen konnte! Aber Du befestigtest mein
Glück, als Du meine Einbildungskraft ordnetest. Auf wirkliche Gegenstände
geleitet, lernte ich durch Dich die wahren Verhältnisse kennen, und die
Pflichten, die sie heischen; ich lernte, dass nicht eine warme Einbildungskraft,
nicht aufwallende Empfindungen, sondern kalte Vernunft unsere Führerinn sein
muss; und dieser Richtung meines Geistes verdank' ich meine Ruhe, meine
Heiterkeit; sie gab mir Kraft, mein Glück meinen Pflichten aufzuopfern, und
belohnte mich dafür. O, in den trüben Stunden meines Kampfes warest Du wieder
meine Trösterinn, meine Ratgeberinn! An Deinem Busen konnte ich weinen, als man
mir Mitleid versagte; warmes Mitgefühl schlug in Deinem Herzen, als ich auf
jedem Gesichte Kälte las! - Und, Henriette, für alle diese Erteilungen des
Trostes, der Freude, erlaubest Du der Freundschaft, Dir eine zu erwiedern?
    Henr. Ich verstehe Dich nicht, Elisa.
    Elisa. Darf ich Dir nicht einen von den unzähligen Vorteilen zurück geben,
welche ich durch Deine Freundschaft erhielt?
    Henr. Liebe Elisa, gewährte mir denn die Deinige nicht eben so viel, als Dir
die Meinige?
    Elisa. O, wenn das ist, meine Henriette, wenn Du fühlst wie ich; dann wirst
Du mir meine Bitte nicht abschlagen!
    Henr. Und du könntest zweifeln, dass ich etwas Dir versagen würde, was Dir
Vergnügen machet?
    Elisa. Verzeihe mir, meine Henriette! Aber Du kannst mich so glücklich
machen.
    Henr. Du spannst meine Erwartung auf das Höchste, so sprich doch!
    Elisa. (Umarmt sie) Sei gross genug, meinen Dank nicht auszuschlagen! Erröte
nicht, ein Geschenk von der Freundschaft anzunehmen!
    Henr. (Verwundernd.) Was willst Du tun?
    Elisa. Dir Deinen Felsing geben! (Sie gibt ihr ein Blatt Papier, welches
die Verschreibung der sechstausend Taler ist.) Hier sind sechstausend Taler,
sie gehörten mir, jetzt Dir!
    Henr. Nein, Elisa, Deine Grossmut verschweigt Dir die Grösse dieses
Geschenks!
    Elisa. So siegt falsche Delicatesse über mich, über die Freundschaft? So
glaubt Henriette, dass sie grösser handelt, wenn sie mich kränkt, als wenn sie
mich ihres Glücks geniessen liesse? O, Henriette, wir waren ja lange schon über
den Wert des Geldes einig, wir sahen es als ein Mittel an, diejenigen Güter zu
erlangen, welche viel zum Glücke des Lebens beitragen. Vergnügen und Freuden
müssen die Zinsen sein, welche wir aus dem todten Metalle ziehen; und welch ein
reineres Vergnügen könnte ich geniessen, als wenn ich meine Henriette glücklich
in den Armen eines geliebten und würdigen Gatten sähe, und mir sagen könnte;
auch ich arbeitete an ihrem Glück? Welch ein seliges Gefühl, wenn wir uns
gegenseitig als die Schöpferinnen unserer Freuden betrachten, und desto inniger
uns lieben, wenn wir Beide uns sagen: Auch ich beförderte das Glück meiner
Freundinn, auch ich schenkte ihr Freuden. O Henriette! kann wohl der Stolz Dir,
mir die sechs tausend Taler dieses gewähren?
    Henr. (Wirft sich Elisa'n um den Hals) Elisa, Du hast gesiegt! Ja, ich will
Dir jede Freude meines Lebens verdanken!
    Elisa. Dank Dir, meine Freundinn! Ganz erkenne ich Deine edle Seele! -
    Als Felsing am Nachmittage kam, sagte ihm Henriette, welches Geschenk sie
von ihrer Freundinn erhalten hatte. Ich habe nicht errötet, es anzunehmen,
Felsing, setzte sie hinzu; ich kenne die edle Seele meiner Freundinn, sie will
nicht Verbindlichkeiten auflegen, sie will Glückliche machen. Sie fühlte, dass
ihr Anerbieten mich demütigen könnte, und sie machte es mir, indem sie selbst
demütig bat, und meine Freundschaft beschwor. O, meine Weigerung würde unedel
gewesen sein! Es hätte geschienen, als setzte ich Misstrauen in diese schöne
Seele; ihr und mir war ich schuldig, ihr diesen Beweis meiner Achtung zu geben!
    Felsing bewunderte beide Weiber, er dankte Elisa'n, sie gab ihm seine
Henriette. Nach einigen Tagen lud Wallenheim die Frau von Felsing mit ihrem
Sohne zu Mittage ein; sie hatten verabredet, ihr zu sagen, die Baroninn von
Hohnau habe Henrietten sechstausend Taler zu ihrer Aussteuer geschenkt, welche
sie ihr einst schon versprochen habe. Wallenheim stellte der Frau von Felsing
Henrietten vor, und zeigte ihr zugleich die Verschreibung der sechstausend
Taler. Henriettens Bescheidenheit nahm die Frau von Felsing für sie ein. Wenn
Du mir gewiss versprichst, nie Felsingburg zu verkaufen, sprach sie zu ihrem
Sohn, so will ich meine Einwilligung zu Deiner Verbindung mit dem Fräulein von
Wannberg geben.
    Felsing versicherte ihr, nie ihrem und seines verstorbenen Vaters Willen
entgegen zu handeln.
    Fr. v. F. Nun so heirate sie, da sie doch jetzt einiges Vermögen hat!
    Felsing umarmte seine Henriette, und führte sie zu seiner Mutter. Nie,
sprach Henriette, indem sie die Hand der Frau von Felsing ergriff, nie hoffe
ich, werden Sie mich des Namens Ihrer Tochter unwürdig finden! Frau von Felsing
umarmte sie: Sie scheinen ein gutes Mädchen zu sein, sagte sie, und ich freue
mich über die Wahl meines Sohnes!
    Mit gerührtem Entzücken betrachtete Elisa diesen Auftritt; Henriette blickte
auf sie, sie las ihr eignes Glück in ihrer Freundinn Augen, sie flog an ihren
Hals, Beide verstanden ihre gegenseitige Empfindungen, und ihre Umarmung war die
Ergiessung ihrer Seelen. -
    Nun blieben Wallenheim, Elisa und Henriette nur noch wenige Tage in
Wallental. Henriette reiste wieder an einem Tage mit ihrer Freundinn ab;
Felsing wollte ihr in einigen Tagen folgen, um der Baroninn von Hohnau seinen
Antrag um sie zu machen. Die Baroninn saate ihm gleich, dass Henriette von ihr
ganz unabhängig wäre, und es wurde festgesetzt, dass im Herbste die Hochzeit
vollzogen werden sollte. Die Baroninn von Hohnau und Henriette baten Elisa'n, zu
derselben nach Hohnauschloss zu kommen, und Elisa erhielt von ihrem Gatten die
Erlaubnis auf acht Tage hinzureisen. Sie wurde erschüttert, als ihr Wagen auf
dem Felde von Hohnauschloss dahin rollte, sie sah in der Ferne den Turm von
Birkenstein, sie kam vor dem Platze vorbei, wo sie von ihrem Herrmann Abschied
genommen hatte; die Stärke ihrer Empfindungen wuchs mit der Lebhaftigkeit jener
Erinnerungen. Endlich hielt der Wagen vor dem Wohnhause, Elisa musste einige
Augenblicke sich sammeln, sie wankte, als sie heraus stieg. Die Baroninn von
Hohnau, Caroline, ihr Gatte und Felsing waren ausgegangen; Henriette war allein,
sie eilt ihrer Freundinn entgegen, Elisa stürzt sich weinend in ihre Arme, und
Henriette drückt mit inniger Teilnehmung die Freundinn an ihr Herz.
    Elisa. (Nachdem siewieder einige Fassung gesammlet hat.) Ach wie froh bin
ich, dass sich meine Mutter nicht gleich fand, und einige Augenblicke meinen
Empfindungen Raum geben konnte! Mein Herz war so gepresst.
    Henr. (drückt ihr mitleidsvoll die Hand.)
    Elisa. Du bist immer so nachsichtig, Henriette, und ich noch immer so
schwach! Aber, ich konnte hier das Andenken an ihn nicht unterdrücken, wo Alles
es erweckt! Indes, fürchte nichts für meine Ruhe, Henriette, ich hatte ja die
Kraft mich ihm zu entreissen, sollte ich nicht auch die haben, mich hier, wo
Alles meines kurzen Glücks mich erinnert, meiner Tugend zu freuen?
    Henr. Ja, Elisa, ich weiss, dass Deine Ruhe erschüttert, nie zernichtet werden
kann!
    Jetzt hörte man Geräusch im Hause, Elisa konnte nun mit Fassung ihrer Mutter
entgegen gehen, und diese freuete sich, sie zu sehen. Caroline empfing ihre
Schwester mit Gleichgültigkeit, und Felsing und Wallenheim bezeugten ihr
Ehrerbietung. Auch Caroline war Mutter, sie hatte eine Tochter. Allein Elisa
bemerkte, dass die Liebe zwischen Wallenheim und seiner Gattinn erkaltet war;
Caroline liess auch ihn die Heftigkeit ihres Charakters empfinden; fast täglich
war ein Streit zwischen ihnen, und selten war bei ihnen Uebereinstimmung. Elisa
bestrebte sich, ihre gewöhnliche Ruhe und Heiterkeit wieder anzunehmen; sie ging
nicht allein spazieren, und vermied die Spatziergänge, wo sie Herrmann am
häufigsten gesehen hatte. Einst fragte die Baroninn von Hohnau sie: Bist Du
glücklich?
    Elisa. Ja, meine Mutter.
    B. v. H. Dem Himmel sei gedankt! Deine Schwester lebt fast in beständiger
Uneinigkeit mit ihrem Manne, und schon warf ich es mir vor, Deine Neigung
gezwungen zu haben, da doch Caroline dadurch nicht glücklich geworden ist.
    Elisa. (Gerührt.) Dieser Gedanke beunruhige Sie nie, meine Mutter! Ich
besitze die Achtung meines Gatten, und bestrebe mich, sie zu verdienen, und
finde mein Glück in den Bemühungen, meine Pflichten zu erfüllen.
    B. v. H. (Mit einem Seufzer, umarmt Elisa'n.) Elisa, ich verkannte Dich!
    Sie verliess hierauf das Zimmer. Elisa sah, dass ihre Mutter ihre vorige
Härte gegen sie bereuete, sie wollte sie darüber keinen Schmerz empfinden
lassen. Heiterer als zuvor wurde nun ihre Miene; sie scherzte froh mit den
Uebrigen, und durch das Bestreben, ihre Mutter von ihrer Zufriedenheit zu
überzeugen, vergass sie, dass in Hohnauschloss sie einst zerstört wurde.
    Henriette war nun seit zwei Tagen Felsings Gattinn, und der vierte Tag nach
ihrer Hochzeit war zu ihrer und Elisa's Abreise festgesetzt. Elisa konnte aber
Hohnauschloss nicht verlassen, ohne noch einmal die Frau von Birkenstein zu
sehen. Sie ging mit Henrietten am Tage vor ihrer Abreise nach Birkenstein, und
Carl musste mit seiner Wärterinn sie begleiten. Die beiden Freundinnen sprachen
auf dem ganzen Wege kein Wort; Elisa war im tiefen Nachdenken verloren, und nur
zuweilen drängte sich ein Seufzer aus ihrer Brust. Stärker schlug ihr Herz, als
sie sich dem Wohnhause der Frau von Birkenstein näherten. - Nun war sie bei der
Linde, unter welcher sie Herrmann zuerst gesehen hatte; allein ihre Blicke
weilten nicht auf dieser Stelle, sie nahm Carln auf den Arm, und eilte schnell
in das Haus. Frau von Birkenstein kam ihr entgegen, Elisa warf sich in ihre
Arme; sie blieb lange in dieser Stellung. Endlich fühlte sie sich von den
Tränen der Frau von Birkenstein benetzt, und sie selbst weinte, ohne es zu
wissen. Sie richtete sich nun auf, ergriff die Hand der Frau von Birkenstein: So
lieben Sie mich denn noch?
    Fr. v. B. (Sie noch einmal in ihre Arme drückend.) Elisa, wer einmal meine
Liebe erhielt, verliert sie nie.
    Sie gingen nun in ein Zimmer; ruhiger Ernst verbreitete sich allmählig
wieder auf Elisa's Gesicht.
    Fr. v. B. (Nachdem sie einige Zeit von gleichgültigen Dingen gesprochen
haben.) Liebenswürdige Elisa, Sie haben einen meiner heissesten Wünsche erfüllt!
O, so oft regte sich das Verlangen in mir, Sie noch einmal zu sehen!
    Elisa. Beste Frau, wie hätte ich können in Hohnauschloss sein, und nicht nach
Birkenstein kommen? Nein, das Andenken an Ihre Güte, Ihre Liebe wird nie in
meinem Herzen erlöschen!
    Fr. v. B. O, meine teure Freundinn, ich freue mich, dass ich in Ihrem Herzen
fortleben werde! Die liebenswürdige Henriette verlässt nun auch Hohnauschloss -
nun kann ich der Freundschaft, der Liebe Aller, die mir teuer sind, nur noch in
Ihrem Andenken geniessen.
    Elisa. (Eine Träne im Auge, drückt der Frau von Birkenstein die Hand, nach
einer Pause.) Erlauben Sie mir eine Frage, aber ihre Beantwortung kann mich
ruhiger machen. - Ist Herrmann wieder glücklich?
    Fr. v. B. (Mit einem Seufzer.) Er ist Geheimderat in D **, und beschäftiget
sich, seine Mitmenschen glücklich zu machen, und dem Staate nützlich zu sein.
Diese Arbeit bleibt nicht unbelohnt; sein Glück ist das Glück des
Rechtschaffnen; allein sein Herz ist noch das eines Jünglings.
    Elisa. Männertugend wird es mit männlicher Kraft erfüllen, und ihn über des
Jünglings Empfindungen siegen lassen, und glücklich dann durch sich selbst,
glücklich durch den Sieg über Leidenschaft, wird sein Glück erhaben, wie seine
Tugend sein! Ja, diese Hoffnung erfüllt mich mit Freude! Ihr Sohn ist wieder
ruhig, dreifach bin ich es nun!
    Fr. v. B. Dank sei der Vorsicht, welche mir noch die Erfüllung meines
Wunsches gewährte! Ich lese auch auf Ihrer Stirne Ruhe und Heiterkeit, selbst
Ihre Tränen verwischten diese Züge nicht, sie scheinen mit Ihrem Wesen
eingewebt zu sein. - Sie sind also glücklich, meine Elisa! Und Zufriedenheit des
Weisen wird vielleicht bald meines Sohnes Eigentum! Und dieses für Sie Beide zu
erlangen, hätte ich gerne die Ruhe meines Alters aufgeopfert, und neue
Beschwerden, neue Trübsale unternommen!
    Elisa. (Umarmt sie mit Lebhaftigkeit.) O, noch einmal wieder meine Mutter!
Durch Ihre Liebe meine Mutter! - Ja, Sie sehen mich glücklich! Zwar ist Ihr Sohn
noch von allen Sterblichen mir der Teuerste, und wird es immer sein; - allein
ich erfülle meine Pflichten, und mein Herz hegt die Empfindungen der Gattinn und
Mutter. -
    F. v. B. Beide Nahmen verehren Sie immer, sie sind die ersten Titel des
Weibes! Weil Sie ihren Wert recht erkannten, blieben Sie tugendhaft, und wurden
glücklich in einer Lage, in welcher die meisten Weiber sich entweder dem Laster
oder der Verzweiflung in die Arme werfen.
    Elisa. (Drückt Carln an ihren Busen.) Ach, die kennen nicht Muttergefühl!
    Fr. v. B. Meine Elisa, mögen Sie eine glückliche Mutter werden! (Sie nimmt
Carln und küsst ihn.) Und du, der würdige Sohn des würdigsten Weibes!
    Nun stand Elisa auf; ihre Trennung von der würdigen Frau wurde ihr schwer;
auch Henriette vergoss Tränen am Busen der Frau von Birkenstein. Sie drückte
Beide in ihre Arme. Ich werde es nie vergessen, sagte sie, als sie nun sich von
ihr losgerissen, dass Sie Beide am Abend meines Lebens mir manche Stunde
erheiterten!
    Elisa. (Mit einem Seufzer.) Ach ich verbitterte Ihnen so viele!
    Fr. v. B. Nein Elisa, das ewige Verhängnis tat es! Menschen müssen wir
dieses nicht zurechnen.
    Elisa und Henriette ergriffen nun noch einmal ihre Hand, drückten sie, und
eilten fort. Sie kamen vor Harbergs Wohnung vorbei. O wie viele Erinnerungen
wurden da wieder bei Elisa'n lebhaft! Ich möchte gerne wissen, sagte sie zu
Henrietten, wie es dem guten Manne geht? Komm mit mir hinein!
    Harberg sass mit seinem Weibe und mit seinen Kindern am Tische beim
Nachtessen. Freudig erschrack er, als er Elisa'n erblickte: Ach gnädige Frau,
sind Sie einmal wieder hier gewesen? Ach wie wird sich unsere gnädige Frau
gefreut haben!
    Elisa. Auch ich habe mich gefreuet, einmal wieder in Birkenstein zu sein.
Wie ist es ihm denn immer gegangen, lieber Harberg?
    Harb. Gott, und unserm guten jungen Herrn sei Dank, ich habe nicht Not
gelitten! Wir leben zufrieden! meine Hanne und ich. Aber es betrübt uns oft, dass
unsere gute gnädige Frau immer so traurig ist. Ach es ist ganz anders! seitdem
Sie und der junge Herr nicht mehr hier sind!
    Elisa. Wie so, lieber Harberg? Herr von Birkenstein war ja nur eine so kurze
Zeit hier, und ich habe nie einmal die Gelegenheit gehabt, Euch meine
Bereitwilligkeit, Euch zu dienen, zu beweisen.
    Harb. Wir freueten uns doch, Sie zu sehen. Freilich wir haben noch unsere
gute Herrschaft behalten; aber die armen Bauern in Hohnauschloss - Ach, die
trauern noch immer, dass Sie nicht mehr da sind!
    Elisa. Ich konnte ihnen auch nicht viel helfen, als ich noch zu Hause war.
    Harb. O, liebe gnädige Frau, eine kleine Unterstützung ist für einen Armen
immer viel! Doch wer weiss, wie es uns noch gehen wird? Man sagt, der junge Herr
wird gar nicht wieder ins Land kommen. Wie er hier war, da freueten wir uns
immer in ihm! Ich habe oft die alten Bauern weinen sehen, wenn er so recht
freundlich und herzlich mit ihnen gesprochen hatte. Gottlob! sagten sie denn,
unsere Kinder werden es so gut haben als wir! Aber wenn nun unsere gute Mutter
stirbt; ach, dann verlieren wir alles mit ihr!
    Harbergen stand eine Träne im Auge, und auch Elisa war sehr gerührt; sie
nahm von Harberg und seinem Weibe Abschied, und drückte dem kleinen Mädchen,
ihrer Pate, ein Goldstück in die Hand, und ging eilig hinaus; allein das Kind
zeigte das Geld gleich seiner Mutter. Beide Aeltern folgten nun Elisa'n;
aufrichtige, ungekünstelte Danksagungen strömten von ihren Lippen. Vor der Tür
sass die Wärterinn mit Carln; Harberg erblickte ihn.
    Harb. Ach, gnädige Frau, ist das Ihr Kind? O, erlauben Sie mir, den kleinen
Junker einen Augenblick auf den Arm zu nehmen!
    Elisa. I, ja, guter Harberg.
    Harb. (Nimmt Carln auf den Arm und küsst ihn.) Hanne, weisst du wohl noch, wie
der junge Herr und die gnädige Frau bei unserm Mädchen Gevatter standen, da
sagte ich dir noch am selben Abend: Ihre Kinder wollen wir einst recht lieben
und ehren, und Gut und Blut für sie lassen.... Ach, da dachte ich, es würde
anders kommen! - Doch, wie Gott gewollt hat! Die Kinder unsers jungen Herrn
werde ich vielleicht nimmermehr sehen; aber zwischen Ihnen Beiden machten wir
keinen Unterschied, und so bin ich doch so glücklich gewesen, und habe Ihren
Junker auf meinem Arme gehabt. - (er küsst ihn noch einmal.) Alle Tage will ich
zu Gott beten, dass er möge gross und glücklich werden, und Sie recht viel Freude
an ihm erleben!
    Elisa. (Sehr gerührt). Der gütige Vater erfülle auch dieses an seinen
Kindern! Lehre er sie meinen Namen, Harberg, und wenn sie in Mangel geraten,
oder etwas wünschen, zu dem ich ihnen helfen könnte, so sage er ihnen, sie
sollen zu mir kommen, ich hätte ihren Aeltern versprochen, ihre Mutter zu sein!
Elisa ging, und Tränen des Danks folgten ihr. Allein Harberg hatte mit der
Vergangenheit auch ihren Schmerz zurückgerufen; sie war stark gewesen, als sie
Frau von Birkenstein verliess, weil sie in Herrmann den nützlichen Staatsbürger,
den Menschenfreund erblickte; allein Harberg hatte ihr Herrmann, ihren Geliebten
wieder vorgestellt, die Gegenwart verschwand, und ihre Einbildungskraft verlohr
sich in den Vorstellungen der Vergangenheit. Menschenliebe, mächtiger in ihr,
als jedes andere Gefühl, verdrängte in Hohnauschloss wieder jede andere
Empfindung in Elisa'n; sie erinnerte sich, was ihr Harberg von den Bauern in
Hohnauschloss gesagt hatte, und ihre ersten Worte waren, seitdem sie Birkenstein
verlassen hatte: Henriette, ich muss suchen Einigen dieser armen Einwohner zu
helfen. - Sie ging nun zu einer jeden Familie, fragte nach ihren Bedürfnissen,
nach den Beschwerden, die sie hätten, gab den Armen Geld, versprach ihnen, dass
sie ihre Fürsprache anwenden wollte, ihnen Erleichterung zu verschaffen, sie
tröstete sie, bewies ihnen, dass durch Unterwürfigkeit und Geduld sie die Härte
ihres Schicksals mildern könnten. Sie schienen die Beschwerden nicht mehr zu
empfinden, als Elisa mit ihnen sprach, und sie hatte an diesem Abend in den
Wohnungen von Hohnauschloss Zufriedenheit verbreitet.
    Caroline war hart, selbst Armut konnte bei ihr nicht Anspruch auf Schonung
machen, und ihre unfreundliche Miene entfernte von ihr den Unglücklichen, der es
nicht wagte, ihr seine Not zu klagen. Wallenheim war nicht genug mit dem
Zustande der armen Einwohner bekannt; es war also keiner, der sie gegen
Carolinens Härte schützte, keiner, der ihrem Mangel abhalf. Elisa unterrichtete
ihre Mutter von den Beschwerden und Unterdrückungen, die sie litten, und bat
sie, ihnen beizustehen; die Baroninn von Hohnau versprach es ihr, und vergnügter
verliess am andern Tage Elisa Hohnauschloss; denn sie nahm das Bewusstsein mit,
auch hier Gutes gestiftet zu haben.
    Sie begleitete Henrietten nach Felsingburg, und blieb einige Tage in
Wallental. Henriette wollte auch, wie ihre Freundinn, Wohltäterin der
Menschen werden. Zwar war ihr Vermögen nur eingeschränkt; allein dem wahren
Menschenfreunde bleiben Kräfte und Hülfsquellen genug, seinen Mitbrüdern
beizustehen. Sie schlug ihrem Felsing, welcher immer die wohltätigen Anstalten
Elisa's bewundert hatte, vor, zwei Häuser nach eben dem Plane erbauen zu lassen;
allein dies sollte erst in den beiden folgenden Jahren geschehen, weil die
Ausgabe für sie mit Einemmale, zu gross gewesen wäre; auch war die Zahl der
Greise und der Kinder, die sie versorgen würden, nur auf fünfe gesetzt. Mehrere
zu unterhalten, erlaubte ihnen ihr Vermögen nicht; und nur Sparsamkeit und weise
Anwendung des Geldes setzten sie in den Stand, mehr Gutes zu wirken, als karge
und verschwenderische Reiche, wenn sie Jahrhunderte durchlebt haben. -
    Elisa war nun wieder in B... Unverändert blieb ihre Art zu handeln,
unverändert ihre Sanftmut, ihre Gefälligkeit, ihr Wohlwollen. Die Geschäfte
ihrer Haushaltung, die Besorgung aller häuslichen Angelegenheiten, die Erziehung
ihres Sohnes, die Erwerbung höherer Kenntnisse, die Ausbildung ihres Verstandes,
die Uebung ihrer Talente, dieses waren ihre Beschäftigungen; zu allen hatte sie
Zeit, und stets war sie bereit, ihren Gatten, so oft er es verlangte, in
Gesellschaft oder zu Lustpartien zu begleiten, oder in ihrem Hause Gesellschaft
zu sehen. Wallenheim fand immer in ihr die muntere Gesellschafterinn, deren
Bestreben es war, ihn aufzuheitern, ihn zu ergötzen; aber sie war auch seine
Ratgeberinn, seine Freundinn. Ernstaft, scharfsinnig und klug, wenn er von
Geschäften mit ihr sprach, liebevoll und sanft, wenn er verdriesslich war, oder
eine Unannehmlichkeit erfahren hatte, und scherzhaft, wenn seine Seele
Aufheiterung gebrauchte. Innere Zufriedenheit, Ruhe und Heiterkeit waren mit der
Tugend in ihr vereiniget; sie war glücklich, weil sie ihres eigenen Beifalls
versichert war; sie war froh, weil sie Freude um sich verbreitete. Die Ruhe, die
Heiterkeit ihrer Seele gab ihrem Wesen eine Annehmlichkeit, welche ein jeder
empfand; sie wurde in allen Gesellschaften geliebt und gesucht. Man liebte sie,
ohne es zu wissen, und sie zog alle Herzen an sich, ohne es selbst zu ahnden.
Höflichkeit, Bescheidenheit und Güte waren in Gesellschaft die Hauptzüge, von
denen sie sich nie entfernte. Immer lobte Elisa Anderer Tugenden, und
entschuldigte Anderer Fehler: immer war sie bereit, einem Jeden zu dienen, und
stets sah man sie in Gesellschaft den untersten Platz einnehmen. Auch nannte
man sie allgemein die liebenswürdige Frau von Wallenheim, und manches junge
Mädchen, dessen Herz noch unverdorben war, wurde von ihrer sanften Tugend
eingenommen, und beschloss, ihrem Beispiel zu folgen. Wenn Elisa dieses merkte,
so suchte sie mit denen, welche sie zu lieben oder zu bewundern schienen, in
Verbindung zu kommen; sie bat sie oft zu sich, und erfüllte in ihrer Gegenwart
ihre Pflichten; aber auch stets bemühete sie sich, ihren jungen Freundinnen
Vergnügungen zu verschaffen; durch sie wollte sie ihnen die Tugend annehmungs-
und liebenswürdig machen. Des Sommers veranstaltete sie daher fast immer
Lustfahrten auf dem Lande, Spatziergänge, Wasserfahrten, und Fröhlichkeit und
muntrer Scherz herrschte dann unter ihnen. Im Hause waren Musik, witzige und
kluge Unterhaltungen, kleine gewählte Gesellschaften, und angenehme Lektüre ihre
Unterhaltungen. Langeweile war aus ihren Zirkeln verbannt, und Elisa liess ihre
Freundinnen empfinden, dass wahre Freuden, wahrer Genuss des Lebens, nur mit
Unschuld verbunden ist. Sie fühlten es, dass bei ihr die Freude und die Tugend
Hand in Hand gingen, und sie gewöhnten sich, sie immer vereiniget zu denken. Sie
fühlten sich besser und froher, wenn sie mit Elisa'n den Tag durchlebt hatten.
So bildete sie ihren Geschmack und ihr Herz; ihr Beispiel und eine nähere
Bekanntschaft mit ihr, bewahrte manches Mädchen vor Ausschweifung und Torheit.
    Stets bestrebte sich noch Elisa, ihren Wirkungskreis zu erweitern; nie
glaubte sie, dem Nutzen, welchen sie stiften könnte, Gränzen setzen zu können.
Hörte sie von einem Unglücklichen, so eilte sie zu ihm, und bemühete sich, seine
Leiden zu vermindern. Anderer Wünsche zu gewähren, Anderer Bedürfnisse zu
befriedigen, ruhige Ergebung, aufrichtige Liebe zum Guten in Andern zu
befördern, dieses waren ihre Bemühungen, und waren selten fruchtlos, weil sie
immer die besten Massregeln ergriff. Unter diesen Beschäftigungen verlebte sie
jeden ihrer Tage.
    Carl war zwei Jahre alt, da wurde Elisa zum zweitenmahle Mutter, und Mutter
einer Tochter; sie nannte sie Henriette. Auch Frau von Felsing war einige
Monate zuvor niedergekommen; sie hatte einen Sohn, und Felsing hatte ihn
Heinrich genannt.
    Carl und Henriette machten nun Elisa's süssestes Vergnügen; ihrer Erziehung
widmete sie alle ihre Sorgfalt. Als Carl vier Jahr alt war, sagte einst an einem
Morgen Wallenheim zu seiner Gattinn: Ich bin entschlossen, Carln in eine
öffentliche Erziehungs-Anstalt zu bringen; die Erziehung der Söhne im
väterlichen Hause taugt selten etwas.
    Elisa. (Erschrocken.) Jetzt schon wollen Sie ihn aus dem Hause bringen?
    Wallenh. Warum nicht? Je früher in der Erziehung der Anfang gemacht wird,
desto leichter wird sie nachgehends, und desto besser ist ihr Erfolg.
    Elisa. Sie haben Recht. Und ich habe mich bemühet, seit der Geburt meines
Sohnes diesem Grundsatze gemäss zu handeln. Aber könnten wir ihn nicht noch
ferner in unserm Hause erziehen?
    Wallenh. Unter ihrer Aufsicht allein?
    Elisa. Nein, Wallenheim; ich besitze nicht alle die Kenntnisse, die er einst
wird haben müssen, und ich allein kann seine Erziehung nicht vollbringen. Allein
wir wollen einen geschickten Erzieher nehmen, und gemeinschaftlich an seiner
Erziehung arbeiten.
    Wallenh. Sie erzeigen den Hofmeistern viel Ehre, wenn Sie sie Erzieher
nennen. Dieses ist eben das, was sie nie sind, und aus eben der Ursache bin ich
entschlossen, nie Einen zu nehmen.
    Elisa. Es ist der Aeltern Schuld, wenn sie dieses nicht sind; wir wollen ihn
dazu bilden. O, Wallenheim, wie kann man sich wundern, dass die Hofmeister nicht
Erzieher sind, da die Aeltern selbst es nicht sind? Man betrachte das Betragen
der Aeltern gegen ihre Kinder, und gegen denjenigen, denen sie ihre Erziehung
anvertrauet haben, wie zwecklos, wie planlos! Der Erzieher sollte der erste
Freund der Aeltern sein; er ist ja ihr Gehülfe bei der moralischen Bildung ihrer
Kinder, eben bei dem, was eigentlich sie zu Menschen macht; er teilt ja mit
ihnen ihre Mühe für ihr Wohl; ein Zweck, ein Plan, ein Interesse, so viel es
sein könnte, sollte sie verbinden. Man sollte durch Liebe, durch Achtung, durch
das Versprechen, ihn Lebenslang zu besolden, ihn zum Mitglied der Familie
machen. Dann, Wallenheim, dann würden sich auch Erzieher finden. - Die meisten,
welche es jetzt sind, werden, indes sie eine Stelle bekommen, Hofmeister, um
sich ihren Unterhalt zu verschaffen, und werden auch in den meisten Häusern als
die ersten Bedienten behandelt. Sie sind jung, sie haben nie über Erziehung
nachgedacht, selten darüber gelesen; sie konnten nicht ein eignes Studium daraus
machen, weil sie wussten, dass ihnen dieses nie ihren Unterhalt verschaffen würde.
Allein, man lasse auch die Erzieher hoffen, dass durch ihre Geschicklichkeit in
diesem Fache, sie sich ansehnliche Versorgungen versprechen können; man
versicherte ihnen, als Erziehern, Besoldungen auf Lebenslang; man mache ihnen
dieses Geschäfte angenehm; man mache den edlen Wunsch in ihnen rege, Menschen
bilden zu wollen; man zolle Dank und Ehrfurcht dem Manne, der ihn zu erfüllen
strebet; und gewiss, Viele würden sich ganz dem Erziehungsgeschäfte widmen. Doch
jetzt bleibt allen Hofmeistern keine andere Aussicht übrig, als durch ihre
eigenen Bemühungen sich eine Stelle zu verschaffen; da sie in den meisten
Häusern auf einen unangenehmen Fuss stehen, so suchen sie diese bald zu erlangen;
daher der öftere Wechsel der Hofmeister, der immer der Erziehung nachteilig
ist; daher ihre wenige Anhänglichkeit an dieses Geschäfte, und an ihre Zöglinge.
- Doch, Wallenheim, da wir diese Fehler einsehen, so können wir sie vermeiden.
Lassen Sie uns einen Mann von Kenntnissen und von guter Aufführung suchen, und
wo möglich, lassen Sie uns einen jungen Mann nehmen. Ein junger Mann wird sich
eher leiten lassen, er wird mehr für sein Geschäft erwärmt werden, er wird sich
noch nicht Ruhe und Bequemlichkeit wünschen, und folglich noch nicht so bald an
eine Versorgung denken, besonders wenn wir ihn durch Liebe und Zutrauen an uns
gefesselt haben, und seine Lage ihm angenehm machen. Wenn wir diesen gefunden
haben, o so lassen Sie von seinem ersten Eintritt in unser Haus, völlige
Gleichheit unter uns eingeführt sein, damit wir seinen Charakter und seine
Meinungen über Erziehung kennen lernen; lassen Sie uns ihm unsere Begriffe
darüber mitteilen, und gemeinschaftlich einen Erziehungsplan entwerfen, nach
unsern vereinigten Einsichten den besten, und ihn gemeinschaftlich ausführen.
    Wallenh. Zu allem diesen habe ich nicht Zeit; dieser schöne Plan wird also
wohl müssen unausgeführt bleiben.
    Elisa. O, so vertrauen Sie mir das Geschäft! Es wird mir zu wichtig sein,
als dass ich es je vernachlässigen sollte! Glauoen Sie denn, Wallenheim, dass
Fremde mit mehrerer Aufmerksamkeit über Ihren Sohn wachen werden, als ich, seine
Mutter? Glauben Sie, dass ihre Bemühungen für seine Erziehung ernstlicher sein
werden, als die meinigen? Doch vielleicht könnte es mir noch an hinlänglicher
Kenntnis fehlen; allein auch die will ich suchen zu erlangen. Sie sollen den
Entwurf zu seiner Erziehung beurteilen, so viel Zeit werden Sie ja wohl haben?
Er soll mit dem übereinstimmen, was hierüber am besten gesagt und geschrieben
worden ist, und vorzüglich, er soll dem Charakter meines Sohnes angemessen sein.
Versuchen Sie es doch nur! Ueberlegen Sie doch nur meine Gründe!
    Wallenh. Welche haben Sie denn gegen die Erziehung ausser dem Hause?
    Elisa. Beispiele haben mir so oft gezeigt, dass sie von allen die
schlechteste ist; denn sie wird gewiss immer am meisten vernachlässiget. Die
Kinder sind ja fast nur in den öffentlichen Lehrstunden unter Aufsicht; auf ihre
Handlungen wird nicht gemerkt; man sucht nicht Begierde nach Kenntnissen in
ihnen zu erregen, und die Bildung ihres Herzens wird gänzlich unterlassen.
    Wallenh. Allein sie lernen Menschen- und Weltkenntnis; sie lernen mit
Menschen umgehen, und die Regeln der Vorsicht praktisch ausführen.
    Elisa. Sollte man in der Privaterziehung nicht auch diesen Vorteil erlangen
können, wenn man Proben veranstaltete, welche die Kinder Erfahrung lehrten? und
gesetzt, man erreichte dieses nicht ganz in dem Grade, sollte der kluge,
einsichtsvolle, mit festen Grundsätzen begabte Jüngling, wenn er in die Welt
tritt, nicht bald lernen, den Regeln der Klugheit und der Vorsicht gemäss zu
handeln? Man lehre ihn beobachten, und er wird bald die Menschen und die Welt
kennen lernen; und seine Beobachtungen werden für ihn von doppeltem Nuzzen sein,
da er sie nicht unter fremder Leitung, sondern mit dem recht angewandten
Gebrauche seiner reifern Vernunft anstellte.
    Wallenh. Um eben dieser kluge, einsichtsvolle Jüngling zu werden, will ich
ihn in eine öffentliche Erziehungs-Anstalt bringen.
    Elisa. Und dieser Zweck wird da vielleicht am ersten verfehlt. Wie kann man
über den Vorzug, den die Privaterziehung vor der öffentlichen hat, noch einige
Zweifel haben? Man wendet ja auf die erste weit mehr Sorgfalt? Kennt man den
Lehrer, dessen Privat- man in einer öffentlichen Erziehungs-Anstalt die Kinder
übergibt? Weiss man, ob er sich ihre Erziehung angelegen sein lässt? Kann man ihn
beobachten? - Nein, man setzt sich ausser Stand, die Erziehung seines Kindes
selbst zu ordnen, das Fehlerhafte davon zu entdecken, und ihm abzuhelfen. Man
weiss vielmehr, dass das Kind meistens sich selbst überlassen ist, dass es mit so
vielen die Bemühungen des Lehrers teile, dass es diesem unmöglich ist, seine
Beschäftigungen und seine Aufmerksamkeit nur einem zu widmen; man muss es also
auf das Ohngefähr ankommen lassen, ob das Kind zum guten oder zum schlechten
Menschen, zum nützlichen Bürger, oder zum ausschweifenden Toren gebildet werde.
Allein wenn wir unsern Sohn im Hause behalten, so können wir ja alle Sorgfalt
auf seine Erziehung wenden; er bleibt unter beständiger Aufsicht. Und wenn auch
Sie, lieber Wallenheim, diesem Geschäfte keine Zeit widmen können, so werden
doch die Bemühungen zweier, die, eines geschickten Erziehers, (denn diesen hoffe
ich durch die Mittel, die ich ihnen gesagt habe, zu erhalten) und die meinigen,
fruchtbarer sein, als der geteilte Unterricht eines Lehrers, den kein so
starkes Interesse belebt. Wird man wohl in einer öffentlichen Erziehungs-Anstalt
so die Handlungen meines Kindes beobachten, so seine Neigungen ausspähen, und
ihnen die edle Richtung geben, wie ich beflissen sein werde, es zu tun? Glauben
Sie mir, Wallenheim, Aeltern sind die besten Erzieher, wenn sie es aufrichtig
sein wollen, und zu diesem Geschäfte die erforderlichen Einsichten besitzen! Ich
zittere für Carln, wenn man nicht sucht, seinem Charakter Festigkeit zu geben.
Vielleicht wird es kein Anderer bemerken, dass in seinem Charakter eine
Leichtigkeit ist, welche zur Schwäche wird. Ich, die ich ihn immer beobachte,
habe dieses nur zu oft wahrgenommen. Er beharrt nie auf einem einmal genommenen
Entschluss; augenblicklich geht er durch Anderer Zureden, durch den Anblick
anderer Gegenstände, von dem, was er tun wollte, ab. Diese Schwäche kann ihn
einst, mit den besten Eigenschaften, zu den grössten Fehlern, selbst Verbrechen
verleiten. Auch hatte ich schon auf Mittel gedacht, ihm Festigkeit zu geben. Ich
wollte, wenn er erst selbst Schlüsse machen könnte, Proben veranstalten, durch
welche er den Schaden seiner Nachgiebigkeit selbst empfinden sollte; dieses oft
und auf verschiedene Art wiederholt, würde gewiss endlich Festigkeit in ihm
hervorbringen. - Und dieses Alles wird in einer öffentlichen Erziehungsanstalt
verabsäumt. Da wird an keine Bildung des Charakters gedacht, keine Mittel
gebraucht, durch welche moralische Eigenschaften in den Seelen der Zöglinge
haften. Und Carl kann ja in unserm Hause eben den Unterricht geniessen, welcher
in den öffentlichen Erziehungs-Anstalten erteilt wird; wir könnten ihm Lehrer
halten, welche ihn in denjenigen Kenntnissen unterrichteten, die sein Lehrer
nicht besitzt. - O, Wallenheim! Nie drang ich in Sie, mir eine Bitte zu
willfahren - Aber diesesmahl - es betrifft das Wohl meines Sohnes - lassen Sie
ihn mir im Hause!
    Wallenh. Elisa, Sie sollten wissen, dass ich nie von einem einmal genommenen
Entschluss abgehe. Carl soll ausser dem Hause erzogen werden.
    Elisa. Lieber Wallenheim, ich bitte Sie ja nur, meine Gründe zu prüfen. Carl
ist noch so jung, und erhält jetzt dadurch noch keinen Vorteil, wenn er auch in
die beste Erziehungs-Anstalt gebracht würde. Sein Alter hingegen erfordert noch
so viel Sorgfalt, ist noch so vielen Unfällen ausgesetzt, dass nur älterliche
Zärtlichkeit diese von ihm wenden, und jene ihm widmen können. Versuchen Sie
also den Plan, den ich zu seiner Erziehung entworfen habe; lassen Sie ihn bis in
sein zwölftes Jahr unter unserer Aufsicht in unserm Hause erziehen, und glauben
Sie dann noch, dass die Erziehung ausser dem Hause besser ist, nun so werden doch
die Jahre seiner Kindheit auch nicht für ihn verloren gegangen sein, und die
öffentliche Erziehung wird dann vielleicht von mehrerm Nutzen für ihn sein;
jetzt kann sie ihm in jedem Betracht nur schädlich werden. Entreissen Sie ihn
also nicht der mütterlichen Sorgfalt, um ihn Händen anzuvertrauen, welche
vielleicht nicht wissen, wie sie das Kind behandeln sollen, und nicht gewohnt
sind, den Mängeln dieses Alters ihre Aufmerksamkeit zu weihen.
    Wallenh. Elisa, ich verlange keine Widerrede mehr; ich habe Ihnen nicht
meinen Willen bekannt gemacht, um Widersprüche zu hören.
    Elisa. Ach, verlangten Sie mein Glück, mein Leben von mir, Sie sollten sie
nicht von mir hören! All in es gilt das Glück meines Sohns - Auch mir gebot die
Natur, es zu befördern; sie machte mich zu seiner ersten Versorgerinn, und ich
fühle es, dass ihm kein Anderer meine Stelle ersetzen könnte. Auch kann ich mir
selbst bezeugen, dass ich bisher die Mutterpflichten gegen ihn treu erfüllte, und
dieses Bewusstsein lässt mich hoffen, dass ich immer im Stande sein würde, es zu
tun. Verzeihen Sie mir also, Wallenheim, meine Einwendungen, da ich sehe, dass
Sie im Begriff sind, von einem Ohngefähr die moralische Bildung, und mitin das
Glück Ihres Sohnes abhängen zu lassen, indem ich glaube, Mittel anwenden zu
können, ihm dieses zu versichern. Und ich bitte Sie ja nur, die Ausführung Ihres
Entschlusses auf einige Jahre zu verzögern. Nehmen Sie doch Rücksicht auf Carls
Alter; wie leicht kann er krank werden, und vielleicht wenig Pflege alsdenn
bekommen. Der Mangel an Aufsicht (denn ein öffentlicher Lehrer kann sich
unmöglich viel mit einem Kinde von seinem Alter beschäftigen) kann ihm
Gebrechen, Schaden zuziehen, und ihn vielleicht dem Tode nahe bringen, selbst
ins Grab ihn stürzen - O, Carl! ersparen Sie sich Vorwürfe, welche diese
Handlung vielleicht für die Zukunft Ihnen bereitet, und mir die Angst, beständig
in der Ungewissheit über den Zustand meines Sohnes zu sein!
    Wallenh. Ihre Beredsamkeit ist diesesmahl umsonst! Sagen Sie mir kein Wort
mehr, sondern suchen Sie sich in Absicht Carls zu beruhigen; ich werde schon
gehörige Sorge für ihn tragen, und bemühen Sie sich, die Trennung von ihm
gelassen zu ertragen!
    Elisa. (Sie unterdrückt eine Träne.) Wallenheim, o dann gewähren Sie mir
nur eine Bitte! Erlauben Sie mir zum wenigsten, Sie und Carln zu begleiten,
damit ich selbst die Personen sehe und kennen lerne, deren Aufsicht mein Carl
anvertraut wird, um, wo möglich, ihnen meine Liebe, meine Sorgfalt einzuflössen,
und eine Mutter dort bei der Liebe zu ihren Kindern zu beschwören, mütterliche
Sorgfalt für meinen Carl zu haben!
    Wallenh. Dieses Alles wird nicht nötig sein; ich bin Carls Vater, und werde
wohl selbst gehörige Massregeln ergreifen können, damit er gut gehalten werde.
Auch würden Sie wohl noch wollen Henrietten, ihre Wärterinn und die Mamsell
mitnehmen, und mit solchem Gefolge liebe ich nicht zu reisen. Setzen Sie also
Carln nur in den Stand, in einigen Tagen mit mir wegzureisen, ohne sich wider
meinen Willen zu meiner Gesellschafterinn aufzudringen.
    Er verliess hierauf das Zimmer; Elisa war sehr gerührt; sie drückte ihren
Sohn mit inniger Wehmut an ihre Brust. O, mein Carl! rief sie aus, du sollst
nicht länger an dem mütterlichen Busen ruhen! - Wallenheim, ich ertrug Alles;
aber dass du mich meines Kindes beraubest, dass du mich ausser Stand setzest, an
seiner Erziehung, an seinem Glücke zu arbeiten, dieses zu ertragen, dazu gehört
eine höhere Kraft! - (Eine Pause.) allein er ist Gatte und Vater, und auch hier
ist es meine Pflicht, geduldig seinem Willen ergeben zu sein. Nein, ich will
nicht murren, nicht mit ihm zürnen, sondern jedes sanfte Mittel, jede
vernünftige Vorstellung noch anwenden, um ihn von seinem Entschlusse
abzubringen. Ich will seinen Zorn gelassen ertragen; ich spreche ja für das Wohl
meines Kindes, und zu dem Vater desselben. - Und reisst er dich doch aus meinen
Armen! - O, dann, Vernunft, mache mich stark, auch dann meine Pflicht nicht zu
vergessen! Standhaftigkeit, Festigkeit und Geduld, bleibe auch dann
unveränderlich in mir! - Kann ich Carln auch nicht selbst erziehen, so will ich
doch Alles anwenden, ihn mit der Zeit gute Grundsätze einzuflössen! (Sie drückt
Carln wieder mit Heftigkeit an ihre Brust.) O, mein Kind, mögest du edel und gut
werden! - - Ach, Wallenheim, dass du mich dieses nicht bewirken lassen willst! -
    Elisa trocknete indes ihre Tränen wieder, und erwartete Wallenheim mit
heiterer Miene; allein alle ihre Versuche, ihn zu bewegen, Carln nicht aus dem
Hause zu bringen, waren vergebens; er beharrte auf seinem Entschlusse. Elisa
verbarg zwar vor ihm ihre Tränen; allein es war ihr doch unmöglich, so heiter
zu sein, als sie gewöhnlich zu sein pflegte. Indes schien Wallenheim ihre
Traurigkeit nicht zu bemerken, sondern reisste mit Carln am vierten Tage, nachdem
er Elisa'n seinen Vorsatz entdeckt harte, ab, und brachte ihn nach D**. Diese
Trennung von ihrem Sohne war Elisa'n sehr schmerzhaft; allein ihr Betragen gegen
Wallenheim blieb dasselbe, blieb gleich sanft und freundlich. Sie reiste nach
Wallental, um in den Umarmungen der Freundschaft Erleichterung ihres Kummers zu
suchen. Felsing und Henriette lebten einig und glücklich; Henriette hatte sich
ihre Freundinn zum Muster genommen; sie besass ihre sanften Tugenden, und Elisa's
liebevolle Seele atmete nur Freude, wenn sie das Glück ihrer Freunde sah. -
    Zum Drittenmahle wurde Elisa Mutter. In Wallental war es, wo sie, ein Jahr
nach Carls Entfernung aus dem Hause, niederkam, und einen Knaben zur Welt
brachte. Er war acht Tage alt, und man hatte noch keinen Namen für ihn bestimmt.
Wie wollen wir denn unsern Knaben nennen? fragte Wallenheim seine Gattinn, als
er mit Henrietten an einem Morgen an ihrem Bette sass.
    Elisa. Er mag Herrmann heissen! Sehen Sie Wallenheim, seine grosse Augen, wie
offen sein Blick einst werden wird! O, gewiss, ein süsses Vorgefühl sagt es mir,
er wird ein biederer Junge werden, und dieser Name ihm am angemessensten sein!
    Wallenh. (Lächelnd.) Nun, er mag ihn erhalten; denn Sie scheinen sich viel
von dem Namen zu versprechen.
    Auch Elisa lächelte, und bald darauf ging Wallenheim hinaus.
    Henr. (Nachdem Wallenheim das Zimmer verlassen hat.) Elisa! So soll Dein
Sohn Dich denn in jedem Augenblick an Deinen Geliebten erinnern?
    Elisa. Nenne ihn nicht mehr so, Henriette; als Mutter dreier Kinder bin ich
nun wohl ganz Wallenheims Gattinn. Herrmanns Andenken kann mich nicht mehr
schmerzen, kann keine andere Empfindungen, als die Empfindungen inniger Achtung
und Freundschaft in mir erregen. Gern höre ich jetzt von ihm, gern spreche ich
von ihm. Wenn ich an ihn und an seine Liebe denke, so ist mir, als sähe ich in
ein schönes Land zurück, wo ich einst weilte und wo ich einen Begleiter fand,
der dort meinen Weg mit Blumen bestreuete. Ich erinnere mich des Entzückens, das
ich empfand, und mein Herz liebt noch den Urheber desselben; allein das
Entzücken ist vorüber, und mit ihm das lebhafte Gefühl für den, der es erzeugte.
Warum sollte ich meinen Sohn nicht Herrmann nennen, da dieser Name mir
Erinnerung meiner Freuden, meiner Leiden, und ich darf auch sagen, meiner
Standhaftigkeit ist? Ich denke mir Herrmann nicht mehr als meinen Geliebten,
nicht mehr, wie er auf dem Berge in Birkenstein mir seine Liebe erklärte, nicht,
wie er beim Abschiede verzweiflungsvoll mich an seine Brust drückte; nein, ich
denke ihn mir als den edeln Mann, den nützlichen Staatsbürger, den warmen
Menschenfreund, und mit immer erneuerter Tätigkeit wird mich diese Vorstellung
beleben, meinen Sohn dazu zu bilden! Wenn ich ihn nennen werde, werde ich in ihm
den edelsten Mann, den liebenswürdigsten Sterblichen erblicken, und alle meine
Bemühungen sollen dahin gehen, dass er es werde.
    Henr. (Lächelnd.) Ich erkenne Dich so ganz wieder Elisa! Noch immer ist Dein
Gefühl für jedes Gute und Edle schwärmerisch.
    Elisa. O, Henriette, in der Liebe schwärmt man immer, so auch in der Liebe
zur Tugend! Doch hüte man sich, so viel man kann, vor dieser Schwärmerei! Leicht
kann man durch sie die wahre Tugend verkennen, und empfindsame Hirngespinnste an
ihre Stelle setzen. Wer wahrhaft warmes Gefühl für Tugend hat, der lasse auch in
den Augenblicken der Begeisterung die kalte, prüfende Vernunft seine Führerinn
sein.
    Herrmann wurde nun, ohne dass sie es selbst ahndete, seiner Mutter, und bald
auch seines Vaters Liebling; allein der Knabe rechtfertigte diesen Vorzug. Er
war erst einige Jahre alt, und man bemerkte schon ihn ihm ein gutes fühlendes
Herz, und jede Anlage zum grossen Geiste. Mit Entzücken drückte ihn oft Elisa an
ihre Brust, und sagte dann: O, er wird Dir ähnlich sein, Herrmann! mein Sohn,
mein Herrmann, ich werde dich verehren, wie ihn!
    Es waren nun sechs Jahre, dass Elisa in Wallental die zehn Kinder angenommen
hatte. Sie waren alle sechszehn Jahre alt, und ein jedes hatte gelernt, durch
seiner Hände Arbeit sich seinen Unterhalt zu verschaffen. Sie sollten nun
eingesegnet werden, und dann das Erziehungshaus verlassen. Elisa reiste zu der
Zeit nach Wallental, und wohnte der Einsegnung bei. Nach dieser Feierlichkeit
bestellte sie sie auf das Schloss; sie empfieng sie auf dem Hofe; gerührt
näherten sich ihr die Jünglinge und Mädchen. O, unsere Wohltäterin! riefen
alle, und fielen vor ihr nieder. -
    Elisa. Steht auf, meine Kinder, und setzt Euch hier neben mich. (Alle
gehorchten, und setzten sich auf die Bänke, welche Elisa für sie hatte
hinstellen lassen. Sie fährt fort.) Wir werden uns vielleicht nun nicht mehr oft
sehen; es ist vielleicht heute das Letztemal, dass wir hier alle versammelt sind,
und glaubt mir, meine Kinder, die Trennung von Euch geht mir nahe; denn Euer
Wohl liegt mir am Herzen! - Doch sie ist notwendig. Ihr seid nun in einem
Alter, in welchem Ihr Euch selbst Euren Unterhalt erwerben könnt, und es ist
meine Sorge gewesen, Euch in den Stand zu setzen, dieses tun zu können. Nun ist
es Eure Pflicht, für Euch selbst zu sorgen. O, meine Kinder, Ihr nahmt heute die
Verbindlichkeit auf Euch, gute Menschen zu sein; vergesst dieses nie, wenn Ihr
wollt, dass es Euch wohl gehen soll! Seid treu in Eurem Dienste, arbeitsam,
geduldig und liebreich gegen Eure Nebenmenschen; dann werden Eure Herrschaften
Euch lieben und Eure Treue belohnen, und diejenigen, mit denen Ihr umgeht, Euch
gerne Gefälligkeiten erweisen. Lebt aber auch ordentlich und eingezogen; denn
eine liederliche Lebensart stürzt in Unglück, Krankheit und Laster, und seid
versichert, dass, wenn Ihr Euch gut aufführt, Ihr immer in mir eine Mutter finden
werdet, die bereit sein wird, Euch zu helfen. Kommt nur zu mir, wenn Ihr in
Mangel oder in Elend geratet, selbst wenn die geringste Widerwärtigkeit Euch
trifft, ich werde Euch unterstützen. Alles, was ich für Euch tat, geschahe in
der Absicht, Euch glücklich zu machen, und es würde mich sehr kränken, wenn Ihr
durch eine schlechte Aufführung selbst Euer Glück zerstörtet. O, meine lieben
Kinder, versprecht mir, dass Ihr mir nie diesen Gram machen wollt!
    Alle weinten, und fielen wieder zu Elisa's Füssen, die nächsten umfassten ihre
Kniee. O, gnädige Frau, o, unsere liebreiche Mutter! nimmer! nimmer!
    Elisa. Wenn das ist, meine Kinder, so werde ich Euch ruhiger von hier ziehen
sehen; und solltet Ihr auch einmal einen Fehltritt begehen, so verliert doch
nicht Euer Zutrauen zu mir, kommt auch dann noch zu mir, auch dann werde ich
Euch aufnehmen, Euch zurecht weisen; denn nie werde ich aufhören, Euch zu
lieben! - Sollten jetzt einige von Euch sein, welche noch keinen Dienst haben,
oder noch kein Mittel wissen, sich ihren Unterhalt zu erwerben; so können sie,
bis sie einen Dienst bekommen, hier in Wallental auf dem Schloss bleiben, und
indes für uns arbeiten. -
    Nun ging Elisa zu einem jeden, richtete ihn auf, drückte ihm die Hand und
gab einem jeden zwei Taler. Dank strahlte aus aller Augen, und ein Jeder
versprach es sich selbst, seiner Wohltäterin würdig zu bleiben. Elisa las es
in ihren Herzen, sie sah ihren Vorsatz, er erfüllte sie mit der reinsten
Freude. Ich habe sie dem Laster und dem Elende entrissen, sprach sie zu sich
selbst, ich habe sie zu Menschen gebildet, ich habe an ihrem Glücke gearbeitet!
- Diese Vorstellungen strömten Wonnegefühl und das seligste Entzücken in ihr
Herz. Sie vergoss Tränen der seligsten Empfindung, der Freude über sich selbst,
Menschen beglückt zu haben; voll dieses Gefühls, eilte sie in ihr Zimmer, warf
sich auf ihre Kniee, und erhob ihr schönes Auge, aus welchem reine Verehrung der
Gotteit und warme Menschenliebe blickten. Dank Dir, gütige Vorsicht, rief sie
aus, Du lehrtest mich die edelsten Freuden kennen! Durch Deine Leitung wurde
meine Seele gefühlvoll und liebend! O, dass ich nie gleichgültig gegen
Menschenwohl werde! dass ich nie erkalte in dem tätigen Eifer, es ;u befördern!
Dir, erste und wohltätige Quelle alles Daseins, erneuere ich das Gelübde, mein
ganzes Leben hindurch Menschenglück zu befördern! Und dass jeder Blick gen Himmel
mich dessen erinnere, oder mit Vorwürfen mich strafe, wenn ich kalt in seiner
Erfüllung werde! -
    Nun ging Elisa wieder hinunter; ihr Blick schien der Blick eines Engels, und
über ihrem ganzen Wesen lag holde Milde verbreitet. Auch schlugen alle Herzen
voll Liebe für sie. Es waren auf dem Hofe viele Einwohner des Dorfs versammelt,
und alle sagten unter einander: O, wie schön ist unsere gnädige Frau! Wie gütig
sieht sie aus! O, wir wollen immer Alles tun, was sie verlangt, gält es auch
unser Leben; denn sie ist ja immer bemüht, uns zufrieden zu machen!
    Elisa hatte für alle Kinder, welche an diesem Tage eingesegnet worden waren,
eine Mahlzeit bereiten lassen; sie liess nun auf dem Hofe einen Tisch decken, und
sie mussten sich an denselben setzen. Fröhlichkeit herrschte bei diesem Mahle,
und Elisa genoss mit Entzücken den Anblick unschuldiger, jugendlicher Freude. Der
kleinen Henriette trug sie auf, zu Allen zu gehen, zu fragen, was sie
verlangten, zu sehen, was sie wünschten, und es ihnen dann zu bringen; sie
wollte sie jung gewöhnen, Vergnügen in Dienstleistungen, und in der Austeilung
von Geschenken zu finden. Die folgenden Tage war Elisa beschäftiget, zehn andere
Kinder anzunehmen, welche die Stelle der Erstern ersetzten, und reiste dann
wieder zurück nach B...
    In dieser Zeit starb Elisa's Mutter, und sie erbte nun ein ziemlich
ansehnliches Vermögen; allein gleich einfach blieb sie in ihrer Kleidung, und in
ihrer Lebensart; gleich aufmerksam in der Besorgung ihrer Wirtschaft und allen
ihren häuslichen Angelegenheiten. Wallenheim hatte indessen schon einen grossen
Teil seines Vermögens im Spiele durchgebracht, und Elisa's Bemühungen, ihn von
dieser Leidenschaft zu heilen, waren vergebens. Auch wollte er nun, dass mehr
Prunk in seinem Hause herrschen sollte; er nahm noch einige Bedienten an, und
fing wieder an, viel Gesellschaft in seinem Hause zu sehen, in welchem alles auf
einen sehr glänzenden Fuss eingerichtet werden musste. Oft reiste er allein nach
Wallental, gab dort grosse Jagden, und verspielte dort ansehnliche Summen.
Ungern erfüllte Elisa, in Absicht des Aufwandes, den er führen wollte, seinen
Willen. Sie machte Vorstellungen dagegen; allein er antwortete ihr: ich will es
so, Elisa! Es ist von meinem Vermögen. Sie schwieg dann, und bestrebte sich, in
Allem, was er wünschte, ihm gefällig zu sein, und so viel es sein konnte, mit
den wenigsten Kosten diesen Aufwand zu führen. Sie erhielt auch von ihm, dass er
für Herrmann, als dieser fünf Jahr alt war, einen Erzieher ins Haus nahm. Schon
seit einigen Jahren hatte sie gesucht, mit vielen jungen Männern bekannt zu
werden, welche sich dem Erziehungsgeschäfte widmen wollten. Jetzt fiel ihre Wahl
auf einen jungen Mann, welcher mit edlen Gesinnungen und einem biedern Herzen
nützliche und gründliche Kenntnisse verband. Zwar besass er wenig Weltkenntnis;
auch hatte er wenige Begriffe über Erziehung, und es fehlte ihm an Bildung in
seinem äussern Wesen; allein Elisa hoffte, dass er dieses alles durch Erfahrung
erlangen würde; doch nur in dem Umgange mit ihr konnte dieses geschehen: denn
sie wurde, ohne dass er es wusste, seine Lehrerinn. Sie teilte ihm ihre Begriffe
über Erziehung mit, machte ihn aufmerksam auf den Charakter und die Anlagen
ihres Sohnes, sagte ihm, welches die beste Art sein würde, ihn zu behandeln.
Nach einem Jahr war Waldin (so hiess der Lehrer des jungen Wallenheims) fähig, im
eigentlichen Sinne des Worts, Erzieher zu sein. Unaufhörlich beobachtete er
seinen Zögling, nicht ein Gedanke, nicht ein Verlangen des Kindes entging seiner
Aufmerksamkeit, und jedes seiner eignen Worte und Handlungen hatte Herrmanns
Erziehung zum Zwecke. Elisa's höfliches, vertrauliches und liebreiches Betragen
gegen ihn, hatte verursacht, dass sein äusseres Wesen jene feine Politur bekam,
welche man nur beim Weltmann antrifft, und welche doch der Erzieher stets haben
sollte. Verehrung ihrer Tugenden und Liebe gegen Herrmann, als den Gegenstand
seiner Bemühungen, und das Wesen, welches durch ihn seine moralische Bildung
erhalten sollte, fesselte ihn an die Wallenheimsche Familie, und machten ihm
seine Stelle angenehm. Einst, als Elisa lange mit ihm über ihre Kinder, über den
Erziehungsplan, den sie gemeinschaftlich entworfen, und gemeinschaftlich
ausführten, gesprochen hatte, sagte sie ihm endlich: Herr Waldin, Ihnen werde
ich vielleicht künftig das süsseste Glück meines Lebens verdanken, womit werde
ich dieses vergelten können? Sie opfern der Erziehung meines Sohns Ihre Jugend
und die Vergnügungen derselben, und ich werde Ihnen nichts geben können als
meinen Dank?
    Waldin. Der Dank der Edelsten Ihres Geschlechts ist viel wert, gnädige
Frau, und doch wird er nur eine meiner geringsten Belohnungen sein! Lassen Sie
mich Herrmann zum Mann bilden, und ich darf sagen, mein Gefühl wird dem Ihrigen
gleich kommen, es wird in sich seine Belohnung führen!
    Elisa. Es wird noch erhabener sein, Herr Waldin. Alles, was ich tue, heisst
Muttergefühl mir, und Mutterfreuden werden mich belohnen; aber Ihre Bemühungen
sind eben so uneigennützig, als sie gross sind!
    Waldin. Und rein wird meine Freude einst sein! O, gnädige Frau, Sie nur
können die Gedanken und alle die seligen Empfindungen begreifen, welche in
seinem Gefolge sind! Den Gedanken: ich habe einen Menschen gebildet, ich habe
ihn zum nützlichen Mitgliede der Gesellschaft gemacht, ohne irgend ein anderes
Interesse als das, Gutes tun zu wollen, ohne irgend einen andern Antrieb als
den, meine Pflicht und den erhabensten Beruf zu erfüllen! Alles Gute, welches
dieser Mensch tut, fällt mir, als dem ersten Urheber desselben, zu! Wenn er
seine Mitbürger beglückt, und sie ihn segnen, so segnen sie mich! Wenn er
glücklich durch seine Tugend ist, so ist er es durch mich, und ich zehnfach
durch ihn! - Ich arbeitete an dem Glücke der würdigsten Mutter; jede
Freudenträne, welche sie über ihren Sohn vergisst, strömt Segen auf mich herab.
-
    In diesem Augenblicke kam Herrmann angelaufen; er warf sich auf den Schoss
seiner Mutter, und schrie in einem freudigen Tone: Liebe Mutter, ich bin recht
vergnügt!
    Elisa. Das freuet mich, mein Herrmann; aber was macht Dich denn so vergnügt?
    Herrm. Ich ging vor die Türe, liebe Mutter, eben als Sie mir die Kirschen
und das Brod gegeben hatten, und da sass ein kleiner Junge; er weinte so sehr,
und ich fragte ihn weswegen? Er sagte mir, ihn hungerte sehr, und seine Aeltern
könnten ihm heute den ganzen Tag nichts zu essen geben; da gab ich ihm meine
Kirschen und das Brod. Ich war zwar auch hungrig, und ich hatte mich sehr auf
die Kirschen gefreuet; aber ich dachte nicht mehr daran. Ich habe ihm auch
gesagt, er sollte auf den Abend wieder kommen, ich wollte ihm mein Abendbrod
geben; ich kann ja morgen essen, und des Nachts fühle ich den Hunger nicht. O da
war er recht vergnügt, als ich das sagte; er sprang und rennte freudig weg, und
das machte mich auch lustig!
    Bei diesen Worten hüpfte der Knabe aufs neue. Elisa blickte auf Waldin;
inniger Dank war ihr Blick, und eine Träne der Freude rollte über ihre Wange;
sie nahm ihren Sohn in ihre Arme. Waldin verstand den Blick; ihn ganz will ich
verdienen, sprach er zu sich selbst, und fest haftete der Vorsatz in seiner
Seele.
    Elisa. (welche noch immer Herrmannen auf ihrem Schoss hält.) Jedesmahl,
mein lieber Herrmann, wenn du den Armen etwas geben, oder etwas tun wirst, was
ihnen Freude macht, wirst du so vergnügt sein.
    Herrm. Jedesmahl, liebe Mutter? Und Sie werden mich dann auch immer lieben
wie jetzt?
    Elisa. Gewiss, Herrmann, ich werde dich jedesmahl mehr lieben.
    Herrm. O wenn doch recht oft kleine Jungen kämen, welche hungerten, ich
wollte ihnen immer geben, was ich hätte!
    Elisa. Weisst Du kein Mittel, Herrmann, wodurch dieses geschehen könnte?
    Herrm. Keins, Mutter. - (Es sinnt nach.) Doch etwas fällt mir ein, ich
könnte, wenn ich spazieren ginge, die kleinen Jungen, welche traurig und
schlecht angezogen sind, fragen, ob sie hungrig sind? und dann sie mit mir
nehmen.
    Elisa. Ja, das geht an. Aber sage mir, sagte der kleine Knabe, mit dem du
heute sprachest, dass er oft hungere?
    Herrm. Das habe ich ihn nicht gefragt. Doch ich weiss schon, was ich tun
werde, ich werde ihm sagen, dass jedesmahl, wenn er hungere, er zu mir komme, und
dann wird er sich jedesmahl so freuen, als heute.
    Elisa. Tue das, Herrmann, er soll dann jedesmahl neben dir mit uns am
Tische essen.
    Herrmann fällt seiner Mutter freudig um den Hals. Neben mir? und ich werde
auch essen? O, das ist herrlich! - (Nach einigem Besinnen.) Doch, liebe Mutter,
er hat nur so ein schlechtes Kleid an, es ist so schmutzig und so zerrissen.
    Elisa. Der arme Knabe, wie mag ihn im Winter frieren?
    Herrm. Ach ja! und dann kann er so nicht mit uns am Tische essen.
    Elisa. Warum nicht, Herrmann? Dein Kleid ist oft schmutzig, und das deines
Vaters und das Meinige sind stets rein; wenn wir dich nun mit dem beschmutzten
Kleide nicht wollten an den Tisch nehmen?
    Herrm. O liebe Mutter, das wäre hart! Ich kann oft nicht dafür, dass mein
Kleid beschmutzt wird; es geschieht auf den Spatziergängen, und wenn ich im
Garten arbeite, ohne dass ich es weiss.
    Elisa. Der arme Knabe kann noch weniger dafür, dass seine Aeltern ihm kein
gutes Kleid kaufen können.
    Herrm. Nein, gewiss nicht.
    Elisa. Ist denn nun sein Kleid ein Hindernis, dass er nicht mit uns essen
kann?
    Herrm. (Beschämt.) Nein, liebe Mutter. - (Er wird nachdenkend, nach einer
Pause.) Aber, wenn er doch nun für den Winter ein andres Kleid hätte, damit er
nicht zu frieren brauchte?
    Elisa. Und gewiss haben auch seine Aeltern nicht einmal Holz, um einheitzen
zu können?
    Herrmann, der bisher noch immer im Nachdenken versunken war, springt freudig
auf, und klatscht mit den Händen. O, liebe Mutter, mir ist etwas eingefallen; o,
er wird nun nicht so frieren!
    Elisa. Wie wirst du dem abhelfen können?
    Herrm. Ich will ihm eins von meinen Kleidern geben. O, wie vergnügt er sein
wird, wie er springen wird! -
    Er läuft freudig fort. Waldin geht ihm nach, ihn zu beobachten. Elisa mit
freudigem Entzücken: Herrmann, dein Geist ruht auf ihm! Er wird einst edel sein,
wie Du, und ich werde einst noch in meinem Sohne Dich lieben!
    Auf diese Art beschäftigte Elisa sich mit ihren Kindern; täglich wuchs ihre
Zärtlichkeit gegen sie, und vorzüglich gegen Herrmann. Carl besuchte seine
Aeltern alle Jahre, und jedesmahl vermehrten sich Elisa's Besorgnisse um ihn.
Zwar besass er innere Güte; allein sein Charakter blieb schwankend. Er liebte das
Gute, und liess zum Bösen sich hinreissen; seine Leidenschaften waren heftig, und
sein Verstand träge, unfähig zum ernsten Denken, unfähig, jene unter die
Herrschaft der Vernunft zu bringen. Oft erneuerte Elisa die Versuche, Wallenheim
zu bewegen, Carln wieder in ihr Haus zurückzunehmen; allein jedesmahl erhielt
sie eine abschlägliche Antwort. Sie trauerte im Stillen darüber, ohne weiter
ihrem Gatten Vorwürfe zu machen. Doch noch einen empfindlichern Schmerz
bereitete ihr Wallenheim. Einst als er einen grossen Verlust im Spiele erlitten
hatte, beredete ihn einer seiner Freunde, ihn zur Redoute zu begleiten, um sich
zu zerstreuen. Gleichgültig, wohin er seine Schritte wendet, missmütig und
mürrisch folget er seinem Freunde, und setzt auf der Redoute sich gedankenvoll
in einen Winkel; eine weibliche Stimme weckt ihn aus seinem Nachdenken: Gehen
Sie, liebe Wilhelmine, hohlen Sie mich hier wieder ab, ich bin so müde, dass ich
hier einige Augenblicke ruhen will! - Dieses waren die Worte, welche an seiner
Seite erschallten; er wendet sich um, und erblickt neben sich eine weibliche
Figur, welche in diesem Augenblicke die Maske abnimmt, und dadurch Wallenheim
auf einige Augenblicke stutzen macht. Noch nie hatte Schönheit auf ihn Eindruck
gemacht; allein Rosalie war eins von den Geschöpfen, auf welche die Natur ihre
liebsten Züge drückte: sanfter Zauber war ihr Blick, Liebe lächelte um ihren
Mund, Grazie war in jeder ihrer Bewegungen; ein schwarzer Mantel schlang sich in
weiten Falten um ihren schlanken Leib, ohne die Schönheiten ihres Körpers zu
verhüllen; durch ihn sah man den schönsten Busen sich bewegen, auf welchem
sanft ihre braunen Locken spielten. Kaum sass sie, so wendete sie sich zu
Wallenheim; ihre Unterhaltung war angenehm, sie schwatzte den Missmut aus seiner
Seele; er vergass seinen Verlust, und er fühlte, dass er dieses Vergessen seiner
schönen Nachbarinn zu verdanken hatte. Bald vergass er jeden andern Gegenstand,
und in dem ganzen Zirkel erblickte er nur die schöne Rosalie; sie bot alle
Künste der feinsten Coquetterie auf, ihn immer mehr an sich zu ziehen; schon
berauscht er sich in ihren Blicken, schon zittert Wollust in seinen Adern, als
er seinen Arm um ihren halbentblössten Körper schlingt. So führt ihn Rosalie weg
in ihre Wohnung; hier lässt sie ihn nicht geniessen, sie gibt ihm aber den
Vorschmack von dem, was Genuss ihm gewähren würde; sie erregt sein Verlangen,
reizt seine Begierden, und windet sich dann aus seinen Armen. Er muss sie
verlassen, ohne dass einmal seine Hand auf ihrem klopfenden Busen geruhet habe,
und doch zitternd vor Verlangen nach ihrem Besitze. Er kehrte am andern Tage zu
ihr zurück, und mit starken Zügen lässt ihn Rosalie aus dem Becher der Freude und
der Wollust trinken; doch lässt sie ihn denselben nicht ausleeren. Immer weiss sie
den Freuden, welche in ihre Arme ihn locken, einen neuen Reiz zu geben, bis dass
sie um ihn die Kette der Liebe und Wollust geschlungen hat, aus welcher er sich
nicht mehr winden kann. Rosalie beherrscht ihn nun ganz; grosse Summen empfängt
sie von ihm, die sie wieder verschwendet; Pracht und Überfluss muss in ihrem
Hause herrschen, und jedem ihrer Wünsche bestrebt sich Wallenheim zuvorzukommen.
Schon sechs Monate dauerte seine Leidenschaft zu Rosalien, und Elisa ahndete
nichts von der Untreue ihres Gatten, als er einst nach Wallental gereiset war,
und bei seiner Zurückkunft seinen Bedienten vorausschickte, welcher Elisan
sagte, dass er seinen Herrn am Tore verlassen habe, welcher ihm unverzüglich
folgen würde. Elisa wollte die Ankunft ihres Gatten erwarten, und nicht eher zu
Bette gehen; allein schon war Ludwig, (Wallenheims Bedienter) eine Stunde
zurück, und Wallenheim kam noch nicht. Elisa liess Ludwig noch einmal kommen; im
ängstlichen Tone sagte sie zu ihm: Ludwig, mein Mann kommt ja nicht? Wenn ihm
nur kein Unfall begegnet ist?
    Ludwig. Ihr Gnaden, er war dicht am Tore, es kann ihm unmöglich mehr etwas
zugestossen sein.
    Elisa. O, es muss doch sein! Warum würde er aussen bleiben? Er war ja diesen
Abend nicht versagt? Und er selbst sagte mir, dass er ihm gesagt habe, er würde
gleich ihm folgen! Gott! wenn er nur nicht gestürzt ist, es ist so dunkel! ...
    Ludwig. Ich bitte um Verzeihung, Ihr Gnaden, es ist heller Mondschein.
    Elisa. O, es wäre doch möglich! Ich kann unmöglich länger ruhig sein! Reite
er wieder bis an den Ort hin, wo er ihn verlassen hat, Ludwig, ziehe er
Erkundigungen von ihm ein, und bringe er mir bald Nachricht von ihm.
    Ludwig erfüllte ihren Befehl; allein er kam zurück, ohne ihr eine
befriedigende Antwort zu bringen, er hatte nichts von seinem Herrn gehört.
Elisa's Unruhe stieg nun immer höher. Sie lief alle Augenblicke an das Fenster,
um ihn um so eher zu erblicken; allein der Wächter rief zwölfe, und Wallenheim
kam nicht; er rief eins, und Wallenheim war noch nicht da. Endlich hört Elisa
das Traben eines Pferdes: O, das ist er! ruft sie froh, und eilt hinaus. Er war
es; doch wild und zerstört war seine Miene. Elisa empfängt ihn an der Treppe,
und umarmt ihn freudig. O, Wallenheim, wie froh bin ich, dass ich Sie sehe! Ich
dachte, ein Unfall wäre Ihnen begegnet, ich konnte mir Ihr langes Aussenbleiben
nicht erklären!
    Wallenh. (Kalt, erwiedert ihre Umarmung nicht.) Es wäre natürlicher gewesen,
wenn Sie geglaubt hätten, Einer meiner Bekannten wäre mir begegnet, und ich
hätte mit ihm diese Zeit zugebracht, wie denn dieses wirklich der Fall ist.
    Elisa. (Lächelnd.) O, wer kann immer der geschäftigen Einbildungskraft
Einhalt tun, wenn Besorgnisse über einen teuren Gegenstand in uns erregt sind!
    Wallenh. (Im vorigen Tone) Es tut mir leid, dass Sie meinetwegen, und ohne
Not diese Besorgnisse gehabt haben. Ersparen Sie sich dieselben in der Zukunft!
Ich liebe es ohne dies nicht, ausgespähet zu werden, und von jedem meiner
Schritte Rechenschaft geben zu müssen.
    Er wandte sich hierauf weg, und ging in sein Zimmer; auch Elisa ging in das
Ihrige, und gab ihren Tränen ungehindert Lauf. Am andern Morgen erwachte sie
früh; sie hatte leise das Fenster geöffnet, und stand an demselben, die
Morgenluft einzuatmen. An der einen Seite ihres Schlafgemachs war das Zimmer
ihrer Kammerjungfer; auch dort waren die Fenster offen. Elisa hört Ludwig
hineintreten. Friederike ruft ihm entgegen. Geh er sachte, Ludwig, die gnädige
Frau schläft noch, sie ist gestern Abend spät zu Bette gegangen.
    Ludw. Unsere gute, gnädige Frau! Sie jammerte mich gestern recht! Wie
bekümmert sie war! O, hätte ich ihr nur die Augen öffnen dürfen! Doch aus Liebe
zu ihr möchte ich es ihr nicht sagen.
    Frieder. Was meint er, Ludwig?
    Ludw. Sie wissen also nicht, Mamsell Friederike, was in der ganzen
Nachbarschaft schon längst von unserm Herrn bekannt ist?
    Frieder. Ich habe wohl was sprechen hören, doch nichts Bestimmtes. Ich
bekümmere mich um dergleichen Geschwätze nicht; der gnädigen Frau darf ich von
keinem Menschen, am wenigsten von unserm Herrn etwas erzählen. Sie hat mir
gleich gesagt, sie hasse das Klatschen, sie wolle mir alle meine Fehler
verzeihen; allein merke sie diesen an mir, so entliesse sie mich ihrer Dienste.
    Ludw. Die rechtschaffene Frau! Und eine solche Buhldirne muss ihr bei unserm
Herrn den Rang ablaufen! Ich ärgere mich jedesmahl, wenn ich mit ihm zu ihr
gehen, oder ihr die prächtigsten Sachen hintragen muss. Auch glaubte ich es
gestern gleich, dass er bei ihr sein würde, und die Versicherung davon erhielt
ich jetzt von ihrem Bedienten, der so eben einen Brief von ihr brachte.
    Frieder. So vornehm ist sie also?
    Ludw. Durch unsern Herrn geworden. Allein ein gemeines Mädchen war sie
nicht. Sie heisst Mamsell Werner; sie ist eines Mahlers Tochter, und ist viel mit
ihrem Vater gereist, der vor zwei Jahren gestorben ist, worauf sie diese
Lebensart angefangen hat. Allein jetzt, glaube ich, gehört sie nur unserm Herrn
allein, der sie stets seine schöne Rosalie nennt, und bis zum Sterben in sie
verliebt ist. Den geringsten ihrer Wünsche erfüllt er, ihr Wille leitet seine
Handlungen; in ihrem Hause ist es so prächtig, als in dem Unsrigen, und sie
kleidet sich kostbarer, als unsere gnädige Frau. Ich weiss auch, dass er schon ein
Paarmahl Geld geborgt hat, um es ihr zu schicken. Und Sie sollten sehen, welche
Aufmerksamkeit er ihr bezeigt, welche Zärtlichkeit er gegen sie hat! - Als er
neulich in Wallental gewesen war, stieg er auch bei ihr ab; ich folgte ihm, sie
kam ihm entgegen, er schlug seinen Arm um sie, drückte sie lange an seine Brust,
und sagte endlich: O, meine Rosalie, ich habe nicht gelebt die Tage, da ich Dich
nicht gesehen habe! Schmeichler, antwortete sie, verlangst Du nun etwa doppelte
Entschädigung? Ja, ja, sagte er, lass sie mich nur hier suchen! Bei diesen Worten
griff er ihr in den Busen, und als führet der Bräutigam zum Erstenmahle die
Braut ins hochzeitliche Bette, so ging er mit ihr hinein. Doch schön ist sie,
das ist wahr! Sie hat ein Paar schwarze Augen, so voll Feuer, und doch so voll
Sanftmut, einen so niedlichen Mund, so schönes Haar, welches auf einem so
weissen Nacken, und auf einem so schönen Busen, der nur immer halb bedeckt ist,
spielt. Allein unsere gnädige Frau ist doch auch schön, mir kömmt sie immer wie
ein Engel vor; es geht Einem durchs Herz, wenn sie einen ansieht und anlächelt.
Und unser Herr - Wenn er nur noch der Buhldirne überdrüssig würde! Allein er ist
noch eben so vernarrt in sie, als er es vor sechs Monaten war. -
    Nicht ein Wort dieses Gesprächs blieb von Elisa'n ungehört; ihr selbst
unbemerkt, rollten Tränen von ihren Wangen. Sie machte das Fenster wieder leise
zu, um nicht gehört zu werden, und an demselben Tage schrieb sie folgenden Brief
an Henrietten.
»Meine Henriette!
    Jahre verflossen mir in ruhiger Heiterkeit; glücklich in meinen Kindern,
ahndete ich keinen andern Schmerz, als ihren Verlust. Noch gestern glaubte ich
nicht, dass ich heute Tränen gekränkter Liebe vergiessen würde - Doch, was klage
ich? - O, Henriette! wir werden unbillig, wenn wir lange glücklich sind! Wir
fordern dann, dass kein Wölkchen den heitern Himmel trüben soll. Doch ich will es
nicht sein, ich will auch jetzt meine Empfindungen unterdrücken - Henriette,
Wallenheim liebt, liebt eine Buhlerinn, und diese ist jetzt seine Maitresse. Ein
Zufall machte, dass ich heute eine Unterredung zwischen Friedriken und Ludwigen
hörte, welche mich hiervon unterrichtete. Ich gestehe Dir, Schmerz war meine
erste Empfindung; ich vergoss einen Strom von Tränen. Zwölf Jahre eines
traulichen Umgangs, zwölf Jahre durch Ein Interesse verbunden, zwölf Jahre er
und die Beförderung seines Glücks und seiner Zufriedenheit der Gegenstand meiner
Bemühungen, und die Triebfeder meiner Handlungen, haben mir Wallenheim endlich
teuer gemacht; ich liebe ihn jetzt, und es kränkt mich, dass eine Andere seinem
Herzen näher war als ich. Ich weinte lange - O, Henriette, es waren bittere
Tränen, welche ich vergoss. Seit langer Zeit wieder hatte mir Wallenheim oft
übel begegnet; allein ich hatte es für eine seiner gewöhnlichen Launen gehalten,
und jede Empfindlichkeit darüber unterdrückt. Jetzt glaubte ich, dass seine Liebe
ihm Abneigung gegen mich eingeflösst hätte, und dieser Gedanke war mir
schrecklich! Ich wollte indes meine Tränen vor ihm verbergen, es war am Morgen,
und wir frühstücken stets zusammen, nachdem Wallenheim aufgestanden ist. Ich
hörte schon seine Stimme, er war gestern von Wallental zurückgekommen, und erst
spät in der Nacht zu Hause gekommen, weil er so lange bei seiner schönen
Rosalie, (wie er sie nennt) gewesen war; ich hatte ihn erwartet, weil sein
langes Aussenbleiben mich besorgt machte, und er hatte mir hierüber Vorwürfe
gemacht. Ich erkannte, dass das Bewusstsein seiner Schuld diese veranlasst hatte,
und ich verzieh ihm. - Nein, ich will ihn nicht von mir entfernen! sagte ich zu
mir selbst, und suchte meine gewöhnliche Heiterkeit wieder anzunehmen. Ich
erwähnte des vorigen Tages nicht; ich unterhielt ihn, ich war lustig, er still
und missmütig; ich holte heute beim Frühstücke unsere Kinder, er sah sie und
mich mit Rührung, an, er küsste sie herzlich, und küsste auch mich beim Weggehen.
Noch hasst er mich nicht, sagte ich mir, und nun prüfte ich mich, ob ich etwa
nachlässig in dem Bestreben, ihm zu gefallen, gewesen wäre? Ich konnte mir
nichts vorwerfen; allein ich kann unwissentlich gefehlt haben. - Das Mädchen
soll schön sein, Wallenheim kannte die Liebe noch nicht, Verlangen hatte ihn nie
in meine Arme geführt, Wollust konnte ich ihm nicht mitteilen; denn ich empfand
sie nicht in den seinigen. Und vielleicht ist dieses alles nur eine
vorübergehende Leidenschaft, ein Rausch der Wollust, der wieder aufhören wird.
Dem sei wie ihm wolle, ich bin entschlossen, die grösste Aufmerksamkeit auf mich
zu haben, um mein Betragen gegen ihn nicht zu verändern. Ich werde ihm nie über
seine Neigung etwas sagen, er soll nie mich mürrisch oder verdriesslich sehen;
durch mich soll er in keiner seiner Handlungen, in keinem seiner Schritte
eingeschränkt werden; nie will ich als Ausspäherinn vor ihm erscheinen, und kein
Blick, kein Wort, keine Bewegung soll mich verraten, dass ich das Geheimnis
seines Herzens weiss. Vor einem Jeden will ich dieses verbergen. Ich will weiter
nicht nachforschen, ich will nichts mehr zu erfahren suchen. Die Empfindungen
sind unwillkührlich, und wehe dem Weibe, welches durch Zwang den Gatten erhalten
will! Nein, Wallenheim! Ich werde Dir keine Fesseln anlegen! Die der Liebe
banden uns nicht, so wollte es das Geschick! Auch glaubte ich immer, Henriette,
dass der Mann nie fühlen müsste, dass er als Gatte weniger frei ist; die Ehe muss
nicht das Grab seiner Vergnügungen sein. Die Männer werden durch Coquetterie,
durch den Reitz der Neuheit zu den Weibern hingezogen, und das Weib muss durch
Annehmlichkeit, durch eine beständige Aufmerksamkeit, dem Gatten zu gefallen,
jene Eindrücke zu schwächen suchen, welche Andere zuweilen auf ihn machen. Sie
darf nicht Beständigkeit von ihm erwarten, sie muss ihn nicht einschränken, sie
muss ihn glücklich machen, und er wird sie immer lieben. Dieses war mein
Bestreben, seit dem Augenblicke, da ich Wallenheims Gattinn wurde; ich
verdoppelte es, als mir Wallenheim teuer wurde; allein Wallenheim liebt mich
nicht - O, gewiss, ohne Eifersucht hatte ich ihn unbeständig gesehen, ich ertrug
seine Gleichgültigkeit; aber dass ein anderes Weib sein Zutrauen, seine Liebe
besitzt, dass ich ihm jetzt weniger bin, als ihm seine Buhlerinn ist - O,
Henriette! dieses schmerzt mich; denn gern hätte ich seine Liebe verdienen
mögen! Allein Vorwürfe werde ich ihm nie machen. Nein, mit jedem Morgen will ich
mir zurufen: Durch Liebe musst du ihn wieder zu gewinnen suchen! und gewiss, nicht
Langeweile, nicht Unzufriedenheit über mich, soll ihn Rosalien suchen lassen! -
Ich fühle mich jetzt ruhiger, da ich mein Betragen gegen ihn bestimmt habe; ich
suche Wallenheims Glück, und ich bin froh, dass ich zum wenigsten nichts tue, es
zu zerstören. Ich fühle, dass ich seine Liebe verdient hätte, und dieses Gefühl
gibt mir noch Zufriedenheit, selbst wenn ich Tränen vergiesse. - Doch,
Henriette, ich habe noch mehr Besorgnisse: Ich fürchte, Rosalie kostet
Wallenheim viel, und ich mutmasse, dass er seit kurzem grosse Summen im Spiele
verloren hat. Ich weiss, dass seine Angelegenheiten in grosser Unordnung sind; ich
habe auch schon mit ihm deshalb gesprochen; allein er antwortet mir: Ich sollte
mich nicht darum bekümmern, er wüsste schon, wie es mit seinen Sachen stände, und
er wüsste auch, welche Massregeln er ergreifen müsste. Ich habe geschwiegen, ich
sage nun nichts mehr; allein ich will mich noch mehr einschränken, ich will
meine Ausgaben berechnen, es werden noch viele sein, welche nicht notwendig
sind; diese will ich ausstreichen. Wallenheim und meine Kinder sollen in ihren
Vergnügungen nicht eingeschränkt, die Unglücklichen nicht meiner Hülfe beraubt
werden; dieses verbietet mir Menschenpflicht, und mein Herz würde sich dagegen
sträuben; allein mir will ich Alles entziehen, was nicht unbedingte
Notwendigkeit fordert. O, Henriette, ich fühle, dass ich eine höhere Wollust
empfinden werde, wenn ich dem Notleidenden die Summe geben werde, welche für
meine Gemächlichkeit, für mein Vergnügen bestimmt war - Nein, ich darf nicht
sagen, dass ich ein Opfer tue, ein höheres Glück bereite ich mir! -
    Nun ist es schon ein Jahr, meine Henriette, dass ich Dich nicht gesehen habe!
Sehnlich wünschte ich einmal wieder nach Wallental reisen zu können; allein
ich darf es jetzt wohl nicht hoffen. Es sind vier Wochen, dass ich Wallenheim
mein Verlangen äusserte; allein er antwortete mir, dass seine Geschäfte ihm nicht
erlauben würden, diesen Sommer einige Wochen von B ... abwesend zu sein. Er will
sich nicht von Rosalien trennen, und ich will nicht ohne ihn hinreisen; heftiger
würde sonst seine Liebe zu ihr, da nichts ihr das Gegengewicht halten würde;
allein ich will alle meine Bemühungen anwenden, ihn zu bewegen, mit mir nach
Wallental zu reisen. Sein Aufentalt dort würde ihn vielleicht eher zu mir
zurückbringen. Abwesenheit würde ihr Bild schwächen, ländliche Stille seine von
Leidenschaft berauschte Seele wieder in Ruhe einwiegen, und die natürlichen
Empfindungen der Gatten-und Vaterliebe, im Schoss der Natur, vielleicht stärker
wieder erregt werden. O, ich kann noch nicht die Hoffnung aufgeben, einmal
wieder seine Liebe zu gewinnen! - Noch sind ihm seine Kinder nicht gleichgültig,
Herrmann wird ihm täglich teurer. O, Henriette, wenn Du den Knaben siehest,
wirst Du Dich mit mir über ihn freuen! Der Keim jeder Tugend scheint in des
Knabens Seele zu sein. Täglich ruft er mir Birkensteins Bild zurück; wie die
seinige, ist seine Stirne offen; edel, wie der seinige, ist sein Blick, und
schon sehe ich männliches Feuer in seinen Augen funkeln. - Doch auch meine
Henriette wird ein liebenswürdiges Geschöpf; sie ist so sanft, so gehorsam, so
fleissig, so aufmerksam, meinen Willen zu erfüllen; ihre kleine Seele findet
schon ein Wohlgefallen darin, Andern Freuden zu schaffen; sie fühlt schon
Anderer Leiden, und ist die Trösterinn unserer Leute. Wenn Herrmanns Wildheit
ihn zu Fehlern verleitet, so entschuldiget sie sie, und verbirgt sie vor uns. O,
Henriette! ich darf hoffen, dass ihre Seele einst mit der meinigen übereinstimmen
wird! Wenn ich nicht eine glückliche Gattinn bin, so werde ich doch vielleicht
eine glückliche Mutter werden! Und welches Recht habe ich denn, alle die
Glückseeligkeiten zu besitzen, welche einzeln unter uns Erdenkindern verteilt
sind? - Nein, ich will jedes Leiden willig ertragen, und dankbar jedes Guten
mich freuen, welches mir zu Teile wird! - O, mir ward ja so viel! Ich kenne ja,
von meiner Kindheit an, die süsse Empfindung der Freundschaft! Noch heute habe
Dank dafür, meine Henriette; denn noch heute empfand ich recht lebhaft, wie süss,
wie beruhigend es ist, in dem Busen der Freundschaft alle Empfindungen der
Freude und des Kummers ausschütten zu können!« -
An eben dem Tage, als Henriette diesen Brief empfieng, erhielt Felsing folgenden
von Wallenheim:
»Ich soll Dir schreiben, Felsing? Du beschwerst Dich, dass Du nichts mehr von mir
hörtest? Ich lasse Deine Briefe unbeantwortet, ich reise nach Wallental, und
komme nicht zu Dir? Alles wahr! Doch, Felsing, ich kann mich jetzt nicht mit mir
selbst beschäftigen, viel weniger mit Gegenständen ausser mir! Ich kann nicht
denken, Alles ist Leidenschaft in mir! Ich lebe nur in dem Anschauen, in den
Umarmungen eines Weibes, und bin wütend, wenn ich an ihrem Busen mich gesättigt
habe! Ich rase über meine Leidenschaft, und bin nur glücklich in ihrer
Befriedigung! Ich verehre mein Weib, und hasse sie wegen ihrer Vollkommenheit!
In diesem Zustande, was soll ich Dir sagen, Felsing? Unwiderstehlich hingezogen
zu Rosalien, zu dem schönsten Weibe, das ich je sah, mache ich mir unaufhörlich
Vorwürfe, dass ich die Vortrefflichste aller Weiber hintergehe! Ihr, die ihr
Leben anwendet, mich vergnügt und glücklich zu machen, lohne ich mit Untreue und
Undank, und doch kann, doch mag ich Rosalien nicht entsagen! Seit ich sie kenne,
weiss ich, was Liebe ist! Ein unglückliches Verhängnis wollte, dass ich mein Weib
nie lieben konnte, ob sie gleich so schön, so liebevoll ist. Ich bewundere sie;
ich kann sagen, ich verehre sie wie eine Gotteit; denn wer kann sie täglich
sehen, täglich ihre Handlungen beobachten, und nicht glauben, die Tugend sei
herabgestiegen, und habe ihre Gestalt angenommen, und doch - Ja, Felsing, mein
Leben opferte ich Elisa'n auf; allein mit Rosalien möchte ich es zubringen, an
ihrer Seite möchte ich meine Tage verleben - Solltest Du sie kennen, diese
Rosalie, solltest Du nur einmal ihre Zauberkraft empfinden! Doch, ich spreche
wie ein Jüngling - Elisa's Umgang hatte mein Herz zu weichen Gefühlen gestimmt;
ich hatte jene vorige Rauhigkeit verloren; ich war fähig zu lieben - In diesem
Zustande fand ich einst an meiner Seite ein Weib - das Meisterstück der Natur!
Ihre Stimme war Gesang - ich war schwermütig, sie schwatzte den Missmut aus
meiner Seele - mein Herz öffnete sich neuen Gefühlen - ich umschlang sie, ihr
Hauch war Liebe, und mein ganzes Wesen ward es nun! Sechs Monate sind es jetzt
schon, dass ich in Rosaliens Besitze glücklich und unglücklich bin! Bei ihr bin
ich glücklich, ich vergesse alles Uebrige, ich lebe nur in ihr, ich empfinde nur
durch sie! Allein kehre ich zu Elisa'n zurück, dann liegt das Bewusstsein meiner
Schuld schwer auf mir. Wenn sie mit ihrer himmlischen Sanftmut mich empfängt,
wenn sie lächelnd mir meine Kinder zuführt, wenn munterer Scherz von ihren
Lippen strömt, der, als ich noch nichts liebte, so oft mich erheiterte - O,
Felsing! dann ist es, als wenn eine Stimme mir zurief: Du bist ein Unmensch! Ich
werde wütend, und lasse gegen Elisa'n den Zorn über mich selbst aus! Ihre
Liebkosungen erwiedere ich mit Kälte, ihre Sanftmut mit Unwillen. Noch diese
Nacht - O, wie habe ich das arme Weib gekränkt! Ich war in Wallental gewesen,
und flog zurück in Rosaliens Arme. Zwei Tage hatte ich sie nicht gesehen, zwei
Tage nicht an ihrem Busen geruhet, heiss war mein Empfang, zärtlich der Ihrige;
ich schwelgte an ihrer Seite die halbe Nacht hindurch; noch berauscht von ihren
Küssen, riss ich mich von ihr los, und ritt nach Hause. Mein Weib empfieng mich;
dieses war ein Donnerschlag für mich; ich glaubte, sie stände da, mir mein Glück
vorzuwerfen, und ich begegnete ihr hart - Wie gewöhnlich, machte sie mir keine
Vorwürfe, und klagte nicht; allein Kummer war heute über allen ihren Zügen
verbreitet, ob sie gleich sich bestrebte, heiter zu sein. Sollte sie die Ursache
meines Aussenbleibens erfahren haben? - Dieses beunruhiget mich, Felsing. - O,
durch mich wurde Elisa aller Freuden der Jugend und der Liebe beraubt; ich
bestreuete den Pfad ihres Lebens mit Dornen! Muss ich nun noch durch Untreue ihre
übrigen Tage verbittern? - Dieses waren meine Betrachtungen, als ich sie heute
sah, Felsing, und ich war sehr gerührt. Gewiss, ich werde es nicht bemerken
können, ob sie meine Liebe zu Rosalien weiss, denn ich bin überzeugt, ihr
Betragen gegen mich wird unverändert bleiben. Noch nie sprach ihr Mund gegen
mich einen Vorwurf aus, und diese himmlische Sanftmut, diese beständige
Aufmerksamkeit, mir zu gefallen, und jedes Missvergnügen von mir zu entfernen,
macht mich jetzt noch unglücklicher; denn es vergrössert meine Schuld. Jetzt
denke ich oft: warum konnte ich doch nicht Elisa'n lieben, wie ich Rosalien
liebe? Wie glücklich wäre ich gewesen! Letzt kam ich einmal an einem Morgen von
Rosalien, ich hatte die Nacht in ihren Armen geruhet, ich hatte auf ihrem Busen
gespielt - ganz hatte ich den Becher der Liebe und Wollust geleert, den die
schönste Tochter der Freude mir dargeboten hatte. Die Vorstellung genossener
Freuden umschwebte mich noch, als ich zurückkam; in ihnen verloren und
zerstreut, öffnete ich das Schlafzimmer meiner Frau, statt der Tür des meinigen
- Ich weiss nicht, welche Wirkung in diesem Augenblick ihr Anblick auf mich
machte - Die Vorhänge ihres Bettes waren zurückgeschlagen, ihre Hand war
entblösst, ihr Busentuch hatte sich geöffnet - sie schien mir so schön - ich
näherte mich ihr - ihr Hauch war so leise, ihre Miene so ruhig, so heiter;
selbst schlafend lächelte ihr Mund, ihr Busen hob sich so sanft - sie schien mir
das Bild der Unschuld - Ich weiss nicht, welche Gefühle sich in mir drängten -
Ich fiel vor ihr nieder - Ach, ich hatte sie oft in meinen Armen gehabt, und
hatte nichts empfunden! Zum Erstenmale erkannte ich, welcher Freuden ich hätte
geniessen können! - In der Tat, vor meiner Bekanntschaft mit Rosalien, war mir
mein Weib seit einiger Zeit teuer geworden, und ich glaube, auch sie fing an
mich zu lieben; denn heisser wurden ihre Küsse, und immer drückte ich sie oft an
meine Brust; allein ein Kuss von Rosalien machte mich kalt gegen Elisa's
Umarmungen. - O, Felsing, hätte ich doch Elisa'n schon lange vor meiner
Verheiratung gekannt, hätte sie mich doch da schon empfinden lehren können! Ich
hätte erkannt, welche Seligkeit es sein müsste, von einem solchen Weibe geliebt
zu werden! Jetzt ist diese Erkenntnis zu spät, sie macht mich missmutig, oft
wütend! Ich mag dem Gedanken nicht nachhängen, und doch drängt er sich oft mir
unwillkührlich auf! Vorzüglich wenn ich von Rosalien komme, und dort glücklich
gewesen bin, und dann wider meinen Willen die stillen Tugenden meines Weibes
verehren muss. Darum meide ich jetzt ihren Anblick, und bin missmutig, wenn ich
bei ihr bin, und nur selten gelingt es ihr jetzt, mich aufzuheitern; ich fliehe
dann zu Rosalien, in ihren Armen liegt Vergessenheit meiner Sorgen. Ich habe
jetzt noch mehrere, diese wird Elisa mit mir teilen - Lebe wohl, Felsing! Fast
möchte ich erröten, wie ein Knabe, dass ich Dich nur von Weibern unterhalten
habe. Als ich ein Jüngling war, erwähnte ich ihrer nicht, und jetzt - Doch ich
möchte den Mann sehen, der Elisa'n nicht bewundern, und Rosalien nicht lieben
würde!
    P. S. Zeige diesen Brief nicht Deiner Gattinn.«
Ihrem Vorsatze treu, änderte Elisa nicht ihr Betragen gegen ihren Gatten. Gleich
blieb ihre Liebe, ihre Gefälligkeit, ihre Geduld. Selbst ihre Traurigkeit
verbarg sie vor ihm. Oft prüfte sie sich, ob auch ihr Betragen noch untadelhaft
wäre, und ermunterte sich zur Ausübung ihrer Pflichten gegen ihren Gatten. Noch
bereitwilliger verzieh sie ihm jetzt Äusserungen des Zorns oder des Missmuts;
denn sie schrieb sie seiner Leidenschaft zu Rosalien zu. So verflossen noch
sechs Monate, als an einem Morgen, da Wallenheim abwesend war, ein Mädchen einen
Brief an ihn brachte, und ihn Elisa'n, welche ihr begegnete, mit den Worten gab:
Der Herr möchte ihn doch ja gleich erbrechen; denn er wäre von der äussersten
Wichtigkeit. Schnell lief das Mädchen wieder weg, ohne dass Elisa sie fragen
konnte, von wem der Brief wäre. Elisa, welche sich nie erlaubte, offene Briefe,
welche ihr Gatte in ihrem Zimmer vergass, zu lesen, stand unschlüssig da, ob sie
diesen Brief eröffnen sollte. Wallenheim war nach Wallental gereist; er hatte
ihr nicht gesagt, wenn er zurückkommen würde, und vielleicht betraf dieser Brief
eine Sache, welche keinen Aufschub litt. Wenn er vielleicht gar von einem
Gläubiger wäre, sprach Elisa zu sich selbst, und ich könnte Wallenheim eine
Unannehmlichkeit ersparen? Diese Betrachtung bewog sie, das Siegel zu erbrechen;
sie las folgenden Inhalt:
»Eilen Sie zu meiner Rettung, Wallenheim! Zwar muss ich mich schuldig erkennen;
Ich habe meinem unglücklichen Hange zur Verschwendung nicht genug widerstanden!
Aber Mann - Warum warest Du auch so königlich in Deinen Geschenken, als Du in
Deiner Liebe zärtlich bist? O, Du verwöhntest mich! - Meine Bücher- und
Gemähldesammlung, welche ich vor einigen Monaten kaufte, ist noch nicht bezahlt,
ich borgte das Geld dazu; ich wollte die Summe von Ihnen nicht fordern, da Sie
mich mit Geschenken überhäufen, und ich glaubte, sie nach und nach abtragen zu
können. Im Taumel der Freuden, die Deine Liebe mir schafft, vergass ich, dass ich
Schuldnerinn war. Ich konnte und wollte den hundert Kleinigkeiten nicht
entsagen, wodurch ich Dir gefalle, und welche nur ihren Wert durch Deinen
Beifall erhalten; ich konnte meine Vergnügungen nicht einschränken; denn sie
sind die Deinigen, und - Wallenheim, die Bedingung war, dass ich nach drei
Monaten den vierten Teil meiner Schuld bezahlen sollte. Viere sind verflossen,
ich habe noch nichts bezahlt. Mein Gläubiger fordert nun die ganze Summe, es
sind 3000 Taler; er drohet mir mit Gesängnissstrafe, wenn ich sie nicht in
dreien Tagen schaffe. Der vorige Besitzer meiner Bücher- und Gemähldesammlung
ist nicht mehr hier; er würde sie vielleicht wieder annehmen, und einen andern
Käufer finde ich nicht so bald. Könnte ich auch die Gemählde verkaufen,
Wallenheim, vor welchen Du und ich so oft Arm in Arm geschlungen standen, und
.... O welche Erinnerungen erwachen da in meiner Seele! In diesem Augenblicke
sitze ich vor dem Gemählde des .... wie er mit zauberischen Zügen die Göttinn
der Liebe schildert, als sie den Trojanischen Königssohn bewog, ihr der
Schönheit Preis zu geben. Ach Du verglichest einst meine Gestalt mit der
Ihrigen, da sank ich, von süssen Gefühlen überwältigt, in Deine Arme; mir schwand
jedes Bewusstsein, ich fühlte nur noch Deine zitternden Lippen auf meinem Busen,
ich warf noch einen Blick auf die Göttinn, ich fühlte Dein Herz an dem meinigen
schlagen, und ..... Doch wohin leitet mich meine Phantasie? Sie sollte mir einen
Kerker zeigen, wenn Wallenheim mich verlässt! Schon habe ich Dich gestern den
ganzen Tag nicht gesehen; dieses erfüllte mich schon mit Bangigkeit. Sollte mein
Glück nur so kurze Zeit gedauert haben? - Schon wieder einen Brief von meinem
Peiniger: in einigen Stunden will er mir einen Polizeidiener schicken - O,
Wallenheim! komm zu mir! Der Anblick wird Deine Rosalie wieder beruhigen!« -
Bestürzt stand Elisa nach Lesung des Briefes. Tränen rollten von ihren Wangen.
Wie zärtlich wird sie geliebt! sprach sie. Sie machte den Brief wieder zu, und
legte ihn in Wallenheims Zimmer. Er soll ihn erhalten, sprach sie, nachdem
Rosalie schon wird gerettet sein. Elisa fürchtete, dass Wallenheim nicht mehr die
Summe besitzen möchte, welche Rosalie verlangte; sie wusste aber auch, dass er sie
ihr dennoch schaffen würde, und sie besorgte, dass er in Schulden geraten
möchte. Sie beschloss also, ihre Juwelen zu verkaufen, deren Wert sich auf drei
tausend Taler belief; denn von ihrem Vermögen konnte sie an baarem Gelde diese
Summe nicht sobald erhalten; auch wollte sie sie nicht aufnehmen. Ich darf die
Juwelen zu meinem Gebrauche bestimmen; sie sind ein Zierrat, den ich entbehren
kann; durch sie entreisse ich Wallenheim einer Verlegenheit, und verhindere, dass
er noch eine grössere Summe verliert. - Dieses waren in diesem Augenblicke
Elisa's Betrachtungen. - Sie nahm die Juwelen, und fuhr zu zwei Juwelierern.
Beide schätzten ihren Wert auf 3000 Taler; allein baares Geld konnten sie ihr
sogleich nicht geben, und Elisa wollte, dass Rosalie die Summe vor Wallenheims
Zurückkunft erhalten sollte. Allein Wallenheim war an demselben Morgen von
Wallental zurück, und bei Rosalien angekommen, als diese eben den Brief an ihn
weggesandt hatte. Beide befanden sich in grosser Verlegenheit. Wallenheim gestand
Rosalien, dass er genörhiget wäre, die Summe aufzunehmen, und dass seine
Angelegenheiten jetzt in der grössten Unordnung wären, und Rosalie machte sich
heimlich Vorwürfe, dass sie die Schuld dieser Zerrüttung seiner Vermögensumstände
wäre; denn sie hatte einen ansehnlichen Teil desselben verschwendet. Diessmahl
hatten Scherz und Freude sie verlassen; ihre Unterhaltung war ernst, und Unmut
las man auf ihren Gesichtern. Plötzlich erblickt Wallenheim seinen Wagen vor der
Tür, und seine Frau in demselben.
    Wallenh. (wird blass.) Himmel! da ist mein Weib! Was bedeutet das?
    Rosalie. (erschrocken.) Ihre Frau? Ich zittere! Ihr ist gewiss der
unglückliche Brief in die Hände geraten, den ich Ihnen am Morgen schrieb?
    Wallenh. Wie! wäre das möglich? sie eröffnet meine Briefe nie! Doch welche
Absicht es auch sei, welche sie hierher leitet, sie kann nicht anders als gut
sein. Sie kennen das Weib nicht, alle ihre Handlungen sind die eines höhern
Wesens.
    In diesem Augenblicke kam ein Bedienter herein, und meldete Rosalien eine
Unbekannte, welche sie bitten liess, ihr eine Unterredung einer halben Stunde zu
gewähren.
    Rosalie. Ich kann sie nicht annehmen!
    Wallenh. Nehmen Sie sie an, Rosalie, ich bin Bürge, dass Sie keine
Beleidigungen zu befürchten haben, und ich würde es auch zu rächen wissen!
    Rosalie. (zum Bedienten.) Nun, so führe er die Dame in mein Zimmer! (Der
Bediente geht hinaus) Aber wo bleiben Sie, Wallenheim?
    Wallenh. Ich werde hier in dieses Kabinet gehen.
    Rosalie. O, entfernen Sie sich nur nicht weiter! Gott! was wird das für eine
Unterredung sein!
    Wallenh. (küsst sie.) Werden Sie nicht mutlos, Rosalie, die Liebe wird Ihnen
beistehen! - Er ging hinaus, und Elisa trat in das Zimmer.
    Elisa. (Nachdem sie eine Verbeugung gemacht hat.) Verzeihen Sie,
Mademoiselle, mein Besuch ist vielleicht unbescheiden, allein eine wichtige
Angelegenheit führt mich zu Ihnen.
    Rosalie. (Verwirrt. Sie ist dieses während der ganzen Unterredung.) Gnädige
Frau, in der Tat kann ich nicht begreifen, wodurch ich die Ehre Ihres Besuchs
erhalte, da ich nicht die Ehre habe, von Ihnen gekannt zu sein?
    Elisa. Ich fühle es, ich bin zudringlich, ich muss um Ihre Nachsicht bitten!
Der Titel einer Unbekannten, und meinen Namen kann ich Ihnen nicht entdecken,
gibt mir keinen Anspruch, von Ihnen gehört zu werden, wenn Sie mir dieses nicht
aus Güte gewähren.
    Rosalie. Gnädige Frau, Sie setzen mich in Erstaunen - -
    Elisa. (Einfallend.) Ich werfe mir Ihre Verwirrung vor ... allein, (Sie
ergreift ihre Hand.) können Sie einer Unbekannten eine Bitte gewähren?
    Rosalie. Ich kann es nicht versprechen, wenn ich nicht ihren Inhalt weiss.
    Elisa. Mademoiselle, unwillkührlich, und durch einen Zufall, bin ich die
Inhaberinn eines Ihrer Geheimnisse geworden. Werden Sie nicht unwillig darüber!
Ich bin benachrichtiget worden, dass Sie dreitausend Taler schuldig sind, und
dass Sie diese gleich bezahlen sollen; ich wusste, dass Sie sie schleunig
verlangten, und dieses bewog mich, Ihnen meine Juwelen anzubieten, deren Wert
sich auf diese Summe beläuft. (Sie zog bei diesen Worten das Kästchen mit den
Juwelen aus ihrer Tasche.) Ich hoffe von Ihrer Grossmut, dass Sie sie nicht
ausschlagen werden. Ich kann sie entbehren; doch wollen Sie sie nicht annehmen,
so betrachten Sie sie als eine Schuld, welche Sie abtragen können, sobald es
Ihre Umstände erlauben. Nur eine Bitte wage ich hinzu zu setzen: sagen Sie
keinem Menschen, auch dem Herrn von Wallenheim nicht, dass Sie diese Juwelen
erhalten haben!
    Rosalie. (bestürzt.) Wissen Sie meine Verbindung mit Ihrem Gatten?
    Elisa. Er liebt Sie. Ich wünschte stets sein Glück, o, möchte er es doch
finden, selbst in den Armen einer Andern! Ich kann nur bedauern, dass ein
unglückliches Verhängnis es ihn fern von mir suchen liess, ohne ihm andere
Fesseln anlegen zu wollen, als die der Liebe! (mit immer steigender Wärme; sie
ergreift Rosaliens Hand.) Werden Sie ihm also, was ich seinem Herzen nicht
werden konnte, vergelten Sie ihm wieder Liebe, lassen Sie sie aber nicht bloss in
sinnlichen Freuden bestehen, sondern lehren Sie ihn auch das Glück kennen,
welches zwei Wesen in der Uebereinstimmung ihrer Seelen finden; dass er mit
Entzücken fühlen mag, dass ein Wesen mit ihm verbunden ist, welches jedes Gefühl
mit ihm teilt; dass er in dieser Empfindung jede Zufriedenheit, jede Freude des
Lebens finden mag! O, darum sein Sie ihm Geliebte und Freundinn! - - (stockend.)
Aber entziehen Sie ihn nicht ganz einer Gattinn, die ihn liebt, und die ihre
Ruhe der seinigen aufopfern will - (mit erstickten Tränen.) Entziehen Sie
meinen Kindern nicht ihren Vater: - dann soll Ihnen in der Stunde meines Todes
meine Dank noch werden!
    (Sie will das Zimmer verlassen, Wallenheim eilt aus dem Kabinet, und wirft
sich zu ihren Füssen.)
    Wallenh. Elisa! edles, grossmütiges Weib!
    Elisa. (bestürzt, nach einer Pause.) Wallenheim, Sie hier? Und in welcher
Stellung? O, stehen Sie auf!
    Wallenh. (immer zu ihren Füssen,) Ich will Ihre Verzeihung erflehen! O,
Elisa! mein Herz ist nicht ganz ohne Gefühl! Ich kann den Adel Ihrer Seele
empfinden, und in diesem Augenblicke fühle ich keinen andern Schmerz, als dass
ich Ihnen keine so erhabene, so uneigennützige Liebe erwiedern kann, und dass Sie
diesen Mangel empfinden werden!
    Elisa. (gerührt, umarmt ihn, und hebt ihn auf.) Wallenheim, Sie werden mir
stets so teuer sein, als jetzt, und kann ich einst Ihre Liebe erhalten, so wird
diese mich zum glücklichsten Weibe machen!
    (Tränen glänzen in Wallenheims Auge, er küsst mit Inbrunst Elisa's Hand.)
    Rosalie. (nähert sich Elisa'n.) Gnädige Frau, mit dem Bewusstsein meiner
Schuld hätte ich vom ersten Augenblicke an nicht Ihren Anblick ertragen können,
wenn Ihre holdselige Güte mir nicht Mut eingeflösst hätte. Ich flehe nicht um
Ihre Verzeihung, es ist unter Ihrer grossen Seele, solche zu erteilen, Sie
konnten nicht zürnen. Ich habe die Tugend in ihrer ganzen Grösse gesehen, und in
ihr meine eigne Niedrigkeit erblickt. Mich wieder über mich selbst erheben, und
die Wollust fliehen, soll von heute an das Bestreben meines Lebens werden. Ich
verlasse morgen B .... Nehmen Sie aber Ihre Juwelen zurück, gnädige Frau, Sie
sehen, dass, wenn ich alle diese Sachen verkaufe, die nur Bedürfnisse des Luxus
sind, und mir unnötig werden, ich meine Schuld bezahlen kann. Ich opfere diese
Sachen auch nur meinem eignen Stolze; denn sie würden mir unaufhörlich zurufen:
Wir sind der Lohn deiner Schande!
    Elisa. Wohl Ihnen, Rosalie, Ihre Seele ist unverdorben geblieben! Sie war
von der Natur zur Tugend bestimmt; nur jugendlicher Leichtann und Uebereilung
konnten Sie auf Abwege führen. Es ist schön, in der Blüte der Jugend und
Schönheit, von ihnen zurückzukommen! Allein, (sie ergreift Rosaliens Hand.) Sie
sollen der Tugend nicht Ihre Gemächlichkeit opfern, Ihre Rückkehr zu ihr soll
Ihnen durch Entbehrung des Angenehmen nicht schmerzhaft werden, Sie sollen nicht
in Mangel geraten; Ihre Phantasie könnte Ihnen sonst Ihre vorige Lage mit
verschönerten Farben wieder vorstellen, und sie Sie zurückwünschen lassen. Sie
sollen empfinden, dass man im Schoss der Tugend jedes Gute doppelt geniesst.
Behalten Sie also von Ihren Sachen, was Notwendigkeit Ihnen nicht heischt, zu
verkaufen, und - (sie wendet sich gegen Wallenheim.) Wallenheim, Sie erlauben
mir doch, Rosalien meine Juwelen, als ein Geschenk anzubieten?
    Wallenh. Sie allein können nur über alles, was Sie besitzen, gebieten, und
ich kann nur Sie bewundern!
    Elisa. (Errötet, und mit dem ganzen Ausdruck der Liebe blickt sie auf
Wallenheim, zu Rosalien.) Um der Tugend willen also, schöne Rosalie, nehmen Sie
mein Geschenk an!
    Rosalie. O, gnädige Frau! wollen Sie denn nur allein so grossmütig sein?
    Elisa. Rosalie, in Ihrer gegenwärtigen Lage ist es eben so grossmütig mein
Geschenk anzunehmen.
    Rosalie. Ich sehe es, es wäre Beleidigung, Sie glauben zu lassen, ich hätte
Sie missverstanden! (Sie nimmt die Juwelen, und führt Elisa'n in ihr Kabinet vor
ein Gemählde, auf welchem die Tugend geschildert ist, welche dem Titus eine
Krone reicht, auf welcher die Worte stehn: Ich mache unsterblich.)
    Alles, was Sie hier sehen, nehme ich als ein Geschenk von Ihnen an; aber von
Allem soll dieses mir das Teuerste sein. Ich werde es ansehen, als hätten Sie
es mir gegeben, um mich zur Tugend zu ermuntern. Es soll gerade über meinem
Bette hängen, und an jedem Morgen wird es bei meinem Erwachen das Erste sein,
was ich erblicken werde: ich werde in der Tugend Ihre Züge zu erkennen glauben,
und mich dann erinnern, dass ich Ihnen gelobte, zu ihr zurückzukehren.
    Elisa. Welche feine Züge des Schönen liegen in Ihrer Seele, Rosalie! sie
sind Ihrer äussern Bildung gleich. Sein Sie unverzagt; einmal zur Tugend
zurückgekehrt, werden Sie ihre Anhängerinn bleiben; da Sie sie jetzt schon
verehren, werden Sie sie lieben, wenn Sie sie näher kennen werden! - (Sie umarmt
sie.) Leben Sie wohl! Meine besten Wünsche werden Sie begleiten. -
    Elisa verliess nun das Zimmer. Wallenheim ergriff Rosaliens Hand, drückte sie
an seine Lippen, und rief; Leben Sie wohl, Rosalie! Nach meiner Gattinn werden
Sie mir stets unter allen Weibern das Liebste sein! Rosalie sprach nicht, sie
vergoss Tränen, Tränen des Danks, der Bewunderung, der Reue und der
Demütigung. - Wallenheim folgte seiner Gattinn sprachlos sass er an ihrer Seite,
Vorwürfe waren in ihm erwacht, er trauerte, dass er der Nachsicht seiner Gattinn
bedurfte, und dieses Gefühl demütigte ihn, und machte ihn niedergeschlagen.
Elisa las es in seiner Seele, sie wollte jeden Schmerz von ihm entfernen, sie
wollte ihn wieder mit sich selbst aussöhnen. Sie suchte seine Aufmerksamkeit auf
andere Gegenstände zu richten, sie bewies ihm so viel Liebe, so viel Achtung; in
ihrem ganzen Wesen war eine ungezwungene Heiterkeit, sie bestrebte sich, ihm zu
zeigen, dass sie glücklich sei. Er fühlte das Edle ihres Betragens, er war
gerührt. So langten sie in ihrer Wohnung an. Wallenheim begleitete seine Gattinn
in ihr Zimmer; hier drückte er sie in seine Arme, und in seinem Auge glänzte
eine Träne. Die sanfte, gefühlvolle Elisa weinte Tränen des süssesten Gefühls.
O Wallenheim, sagte sie, indem sie ihren Kopf auf seine Schulter lehnte, wie
glücklich werde ich nun sein! Wallenheim vermochte nicht zu sprechen, er drückte
nur ihre Hand, und sagte zu sich selbst: wie konnte ich doch das Weib nicht
lieben? Nun kamen Henriette und Herrmann herein, und in diesem Augenblicke
machte ihr Anblick Wallenheim seine Gattinn noch teurer. -
    Wallenh. (Zu seiner Gattinn, nachdem die Kinder wieder hinausgegangen sind.)
Elisa, ich bedarf Ihre Nachsicht noch weit mehr! meine Vermögensumstände sind in
der grössten Zerrüttung, ich habe Schulden, ich habe Spekulationen gemacht, bei
welchen ich ansehnliche Summen verloren habe, ich fürchte, mir bleibt nichts
mehr übrig.
    Elisa. Ich besitze ja noch mein ganzes Vermögen, teurer Wallenheim. Lassen
Sie uns morgen Ihre Angelegenheiten untersuchen, ich werde Ihre Schulden
bezahlen, und bleibt uns nicht viel übrig, so wollen wir nach Wallental ziehen;
unser Aufentalt dort wird weniger kostbar sein, als in B...
    Wallenh. Elisa! Weib! Ich raubte Dir die Freuden Deiner Jugend. Ich streuete
Gram auf den Pfad Deines Lebens; und nun soll ich Dich auch noch Deines
Eigentums berauben? Nun sollst Du in die Einsamkeit fliehen, mit dem Manne, den
Da nicht lieben kannst? Nun sollst Du büssen für meine Schuld? -
    Elisa. Nicht doch, lieber Wallenheim! Das Vergangene ist nicht mehr. Ich
hatte auch Freuden an Ihrer Seite. Wie oft waren wir froh, wenn unsere Kinder um
uns spielten! - Da unser Erstgebohrner zum Erstenmahle in meinem Schoss ruhete,
o, da umarmten Sie mich mit der innigen Zärtlichkeit des Gattin und des Vaters!
- Seitdem wuchs meine Liebe zu Ihnen, und ich darf sagen Ihre Achtung zu mir -
und ich war glücklich. - Ich war glücklich, wenn ich Ihren Beifall, glücklich,
wenn ich Sie zufrieden sah, glücklich, wenn Sie mit Liebe auf mich und meine
Kinder blickten; und dieses dankte ich Ihnen! Der trüben Stunden wollen wir
vergessen, sie zogen ja bald vorüber. - Sollte ich denn nun mein Interesse von
dem Ihrigen trennen? - Sie und ich können es nicht, Wallenheim; es ist zu genau
verbunden. Lassen Sie uns also gemeinschaftlich an der Wiederherstellung unsers
Vermögens arbeiten! Ich gebe Ihnen ja nichts, wenn Sie mit meinem Gelde Ihre
Schulden bezahlen, es ist ja Ihr Eigentum, ich genoss ja des Ihrigen. - Und
können Sie glauben, dass ich unglücklich in Wallental sein werde? Ich liebe das
Land, Sie und meine Kinder begleiten mich, und mit ihnen meine süssesten Freuden.
Nur eine Besorgnis würde ich kennen, das wäre, Sie unglücklich zu sehen. - Doch
nein, auch Sie, mein Wallenheim, werden das Süsse der häuslichen Freuden
empfinden, wenn Sie sie kennen werden. Sie sind mit den rauschenden Vergnügungen
bekannt, o, lassen Sie mich Sie mit dem stillen Vergnügen des häuslichen Glücks
bekannt machen! Es soll in Wallental das Unsrige werden. Es wird es sein, wenn
inniger vereiniget wir unser gemeinschaftliches Bestes zu erreichen streben, und
gegenseitig jeden Verdruss von einander entfernen, und dann an jedem Abend mit
der innern Ueberzeugung, unsere Pflichten erfüllt zu haben, uns in der Mitte
unserer Kinder befinden, welche wir zu nützlichen Menschen erziehen, und deren
Anblick die süsseste Freude in uns erwecken wird; wenn wir fortfahren, unsern
unglücklichen Mitbrüdern beizustehen: wenn wir, obgleich nicht mehr reich, doch
nicht aufhören, die Greise zu unterstützen, und die Kinder des Elendes zu
erziehen. O, dann wird jede Gabe, welche wir den Unglücklichen reichen,
zehnfache Wonne auf uns strömen; denn bisher gaben wir nur von unserm Überfluss,
jetzt opfern wir vielleicht einige unserer Bequemlichkeiten, allein edle
Selbstzufriedenheit wird uns lohnen, und der Seegen der Unglücklichen uns
Freudentränen erpressen! Manche Stunden schenken wir dann auch der
Freundschaft. Ihr Felsing und meine Henriette, werden uns unsere Einsamkeit noch
süsser machen; mit ihnen geniessen wir die Annehmlichkeiten der Natur. Alles ist
Genuss für eine zufriedne Seele. Ein ländliches Mahl auf dem grünen Rasen, an der
Seite unserer Freunde, von unsern Kindern umringt, wird ein Fest für uns sein.
Unsere Spatziergänge, mein Wallenheim, werden Ihnen süss werden, wenn Sie erst
ein lebhafteres Gefühl für die Natur haben werden! Die Freude soll uns immer
begleiten, ich werde dafür sorgen, sie bei uns zu erhalten. Abwechslung soll in
unsern Beschäftigungen, in unsern Vergnügungen sein, und so können wir der
Langeweile Trotz bieten. Eine Reihe zufriedener, im Genusse der Freundschaft und
der Liebe durchlebter Tage, wird unser Leben nun sein - (Sie ergreift
Wallenheims Hand.) O, mein Wallenheim! diese Aussicht ist nicht so trübe!
    Aus Wallenheims Augen stürzten Tränen, er umarmte mit Heftigkeit seine
Gattinn: Elisa! Elisa! Der Mann, der sie verdient hätte, wäre der glücklichste
Sterbliche gewesen! Nach diesen Worten flohe er aus dem Zimmer.
    Elisa eilte nun, den Zustand von Wallenheims Vermögen zu untersuchen; alle
Gläubiger mussten sich melden, und Elisa fand, dass ihr ganzes Vermögen zur
Bezahlung der Schuld erfordert wurde. Sie gab es hin, ohne Klagen, ohne Murren;
sie vermied es, mit Wallenheim über seine Angelegenheiten zu sprechen, und
nachdem sie in Richtigkeit gebracht waren, ging sie zu ihm, brachte ihm alle
Papiere, welche sie hierüber hatte, und gab sie ihm mit den Worten: Wallental
bleibt uns. - Wallenheim antwortete nicht, er umarmte seine Gattinn, und
benetzte sie mit seinen Tränen. Schon seit einiger Zeit hatte Wallenheim den
Dienst verlassen, und seinen Abschied genommen, um unabhängiger zu sein. Er
konnte also B.... verlassen. - Dieses geschahe bald. Nicht ganz gleichgültig
verliess Elisa B..., sie musste dem Umgange einiger Personen entsagen, welche ihr
teuer waren. Zwar hatte sie ungern in der grossen Welt gelebt; allein kleine
Gesellschaften einiger von ihr gewählten Freunde, deren sie öfters gehabt hatte,
in der Zeit, dass Wallenheim Rosalien liebte; Schauspiele und Musik hatten ihr
manches Vergnügen gewährt. Sie fürchtete nicht die Langeweile, allein sie liebte
die Unterhaltungen des Geistes, und sie wusste, dass bei einem beständigen
Aufentalte auf dem Lande, und bei ihrer eingeschränkten Lage, man deren viele
entbehren muss. Indes verbarg sie ihre Empfindungen vor ihrem Gatten, und war nur
aufmerksam, ihn zu erheitern, und zu zerstreuen.
    Es war in den ersten Tagen des Märzmonats, als Wallenheim mit seiner
Familie aus B... reiste. Schon hatte die Natur ihr weisses Gewand abgelegt,
freundlicher blickte aus Osten die Sonne, und schien den Sterblichen wieder neue
Freuden zuzulächeln. Es war über ein Jahr, dass Elisa nicht in Wallental gewesen
war, über ein Jahr, dass sie der ländlichen Freuden nicht genossen hatte, und sie
vergass, als sie die ersten Spuren des herannähernden Frühlings sah, alle
traurige Empfindungen, welche sie bei ihrer Abreise aus B... gehabt hatte, und
überliess sich der Freude, welche sie stets im Schoss der Natur empfunden hatte.
Sobald sie in Wallental waren, war ihr erstes Bestreben, ihre innere
Wirtschaft so viel als möglich einzuschränken, ohne dieses jedoch Wallenheim
empfinden zu lassen. Er entbehrte keine seiner vorigen Bequemlichkeiten; zwar
herrschte an seinem Tische nicht mehr der Überfluss, aber doch noch immer
Zierlichkeit. Elisa wurde eine eifrige Landwirtinn, und widmete sich diesen
Beschäftigungen, wiewohl nur einige Stunden des Tages, ob sie gleich die ganze
Wirtschaft, selbst die Feldwirtschaft bestellte; allein in der Folge bewog sie
Wallenheim, sich mit derselben zu beschäftigen. Bisher hatte Elisa von
weiblichen Arbeiten nur so viel getan, als zu ihrem Vergnügen gereichte; um
aber nicht in ihren Wohltaten gegen Unglückliche eingeschränkt zu sein, hatte
sie alle ihre weibliche Bediente, ein einziges Mädchen ausgenommen,
verabschiedet; sie verrichtete also nun selbst alle Handarbeiten, und nähere für
ihren Gatten, für sich und ihre Kinder. Es waren bereits sechs Jahre, dass Elisa
zum Zweitenmahle Kinder in dem Erziehungshause angenommen hatte; sie sollten es
nun verlassen, und andere ihre Stelle ersetzen, und sie verfertigte zum Teil
selbst die Kleidungsstücke, welche sie bei ihrer Ankunft erhielten. So fuhr sie
fort, Gutes zu stiften, und ihren Mitmenschen nützlich zu sein, ob sie gleich
nicht mehr reich war. Indes vernachlässigte sie bei allen diesen Beschäftigungen
doch Henriettens Erziehung nicht. Henriette war stets bei ihr; sie büdete ihren
Geist und ihr Herz; sie unterrichtete sie in der Musik und in fremden Sprachen.
Zu diesem allen hatte Elisa Zeit, denn sie liebte ihre Pflichten, und hatte sich
stets daran gewöhnt, sie zu erfüllen. Die Einteilung ihres Tages war: Sie stand
um fünf Uhr auf, und las bis um sieben; um diese Zeit war Wallenheim
aufgestanden, dann ging sie zu ihm und frühstückte mit ihm. Nach dem Frühstücke
kam Henriette zu ihr, welche dann angekleidet sein musste; sie musste nun in ihrer
Mutter Zimmer schreiben, entweder Briefe oder Auszüge und Aufsätze machen;
während dem war Elisa mit den Anordnungen ihrer Wirtschaft beschäftiget;
gemeiniglich dauerte dieses andertalb Stunden, dann setzte sie sich auf, und
kleidete sich an; dieses beschäftigte sie nur eine Stunde, indes erteilte sie
Henrietten Unterricht im Rechnen, alsdann sah sie das, was sie geschrieben
hatte, nach, womit sie gewöhnlich um eilf Uhr fertig war; dann gab sie
Henrietten eine Stunde entweder in der englischen, oder in der italiänischen
Sprache; da Waldin beide Sprachen nicht konnte, so wohnte auch Herrmann dieser
Stunde bei. Um zwölf Uhr musste Henriette ihrer Mutter aus der Geschichte
vorlesen, und Elisa unterhielt sich mit ihr über das Gelesene, machte
Anmerkungen darüber, hörte die ihrer Tochter, und bemühete sich, dass Henriette
auf diese Art deutliche und wahre Begriffe erhielt. Dieses dauerte bis halb
zwei; während dieser ganzen Zeit war Elisa mit ihrer Handarbeit beschäftiget. Um
halb zwei musste Henriette entweder zu ihrem Bruder gehen, und den Unterricht,
welchen er in der Geographie erhielt, mit ihm teilen, oder sie musste sich auf
dem Klavier oder auf der Harfe üben. Elisa fuhr dann mit ihrer Beschäftigung
fort, indem sie sich mit ihrem Gatten unterhielt, der um diese Zeit gewöhnlich
in ihr Zimmer kam. Um zwei Uhr setzten sie sich zur Mittagsmahlzeit, welche eine
Stunde dauerte. Nach Tische pflegte Elisa noch mit ihrem Gatten zu plaudern, mit
ihm umher zu gehen, oder einige Anordnungen in der Wirtschaft zu machen.
Henriette ging dann mit ihrem Bruder spazieren, oder spielte mit ihm, oder
arbeitete mit ihm im Garten, immer unter der Aufsicht ihrer Erzieherinn und
Herrn Waldins, welcher auf diesen Spatziergängen seinen Zöglingen, in der Form
eines Gesprächs, Unterricht in der Naturgeschichte erteilte. Um vier Uhr ging
sie wieder zu ihrer Mutter, welche ihr eine Stunde auf dem Klavier oder auf der
Harfe gab, und sie singen liess. Um fünf Uhr musste sie ihr wieder vorlesen, und
die Bücher, welche Elisa dazu wählte, dienten ihr zum Unterricht und zur
Unterhaltung: wie am Morgen machte sie dann wieder Anmerkungen, und unterhielt
sich mit ihrer Tochter über das Gelesene. Wenn das Wetter nicht erlaubte
spazieren zu gehen, so musste Henriette sich auch eine Stunde mit Handarbeiten
beschäftigen; sie konnte diejenigen wählen, zu welchen sie an diesem Tage die
meiste Lust hatte, und gewöhnlich wünschte sie eben die Arbeit zu machen, mit
welcher sie ihre Mutter beschäftiget sah. Um sieben Uhr kam auch Herrmann zu
seiner Mutter, und er und Henriette konnten sich nun die Zeit vertreiben, wie
sie wollten. War es schön Wetter, so ging Elisa mit ihrem Gatten, ihren Kindern,
Herrn Waldin und Henriettens Erzieherinn spazieren; sie bestrebte sich dann
Wallenheim die Zeit zu vertreiben. Oft stellte sie kleine Lustpartieen an,
ländliche Feste im Walde, Wasserfahrten, oder gab am Sonntage den Bauern ein
Fest, manchmahl nur den Kindern; besuchte zuweilen mit ihrem Gatten und Kindern
die Greise und das Erziehungshaus. Durch ihre Bemühungen herrschte Fröhlichkeit
an solchen Festen; sie waren einfach, allein Heiterkeit, Scherz und Freiheit
gaben ihnen Anmut, und Wallenheim empfand in ihrem Genuss wirkliches Vergnügen.
Wenn Elisa die Abende in ihrem Zimmer zubrachte, so suchte sie Wallenheim durch
ihre Unterhaltung und durch Musik, welche er liebte, die Zeit zu verkürzen. Mit
jedem Tage wurde sie ihrem Gatten teurer, er fand sich glücklich in ihrem
Besitze. Er war nicht mehr der mürrische, unzufriedene, in sich verschlossene
Mann; nein, seine Seele war jeder Empfindung offen, und jedes Genusses fähiger,
den Freundschaft, Liebe und die Natur den Sterblichen bereiten. Wie natürlich
also, dass seine finstre Laune wich, jemehr er mit den wahren Freuden des Lebens
bekannt wurde, und sie empfand. Elisa weinte Freudentränen, wenn sie ihren
Gatten glücklich sah; sie selbst war nie so glücklich gewesen. Wallenheims
Liebe, sein Dank, die Uebereinstimmung, in der sie mit ihm lebte, lohnte ihr
jetzt für ihre Tugenden. Nun genoss sie das Glück einer zufriedenen Ehe, und
dieses war um so grösser für sie, da sie nur allein dessen Schöpferinn war, und
sie es durch so viele Aufopferungen, durch so manche trübe durchlebte Stunde
errungen hatte. Für ihre liebende Seele war es höchste Seligkeit, dass eben ihr
Glück auch das ihres Gatten machte. Sie teilte ihrer Henriette oft ihre frohe
Empfindungen mit, und sagte ihr dann: Nein, Henriette; Tugend ist kein
Verdienst; denn ihr Lohn ist überschwenglich gross! O, ein Tag, wie jetzt alle
meine Tage sind, wiegt ein Leben voll Mühseligkeiten auf! Doch, was sage ich?
Sind mit der Tugend auch Mühseligkeiten verbunden? Nein, sie macht selbst die
schwerste Pflicht leicht, und lohnt uns dann noch mit den seligsten
Empfindungen, und mit der reinsten Zufriedenheit! -
Wallenheim war nun mit seiner Familie fünf Monate in Wallental, als an einem
Abende Elisa allein vor der Türe auf dem Hofe sass. Sie hörte das Traben eines
Rosses, schlug die Augen auf, und erblickte einen Mann, den ihr Herz
augenblicklich erkannte; sie flog ihm entgegen, und umarmte ihn mit der ganzen
Unbefangenheit ihres Herzens. Schweigend schloss sie Birkenstein in seine Arme,
er fühlte sein Herz klopfen, und er empfand, dass dreizehn Jahre Abwesenheit das
Andenken seiner Liebe noch nicht erloschen hatte.
    Elisa. (Nach einer Pause.) Willkommen, Birkenstein, willkommen mir! O, wie
sehr freue ich mich, Sie zu sehen!
    Birk. (Küsst Elisan die Hand.) Indem ich in mein Vaterland zurückkehre,
konnte ich nicht unterlassen, derjenigen zuerst meine Aufwartung zu machen,
deren Andenken ich stets verehrt habe.
    Elisa. Sie kehren also zurück zu Ihrer Mutter? Ich habe lange nichts von ihr
gehört.
    Birk. (Indem eine Träne in seinem Auge glänzt.) Ihr Tod ruft mich zurück.
    Elisa. (Mit Rührung.) Sie ist todt? - O, würdige Frau! Möchtest Du doch noch
jenseits des Grabes diese Empfindungen kindlicher Liebe erblicken können, welche
für Dich mein Herz so warm, so innig hegte!
    Birk. Dank Ihnen, Elisa, für diese Tränen, welche Sie dem Andenken der
bessten Mutter weihn.
    Mit stiller Wehmut gingen Herrmann und Elisa, Hand in Hand den Hof herauf,
bis an die Stelle, wo Elisa gesessen hatte. Elisa fühlte, dass ihre Lage in der
jetzigen Stimmung ihrer Seele gefährlich war; sie unterbrach das Schweigen,
welches so empfindungsvoll war.
    Elisa. Birkenstein, werden sie nun wieder Ihr Vaterland verlassen?
    Birk. Meine guten Bauern in Birkenstein glauben, durch nichts über den
Verlust meiner Mutter getröstet werden zu können, als wenn ich bei ihnen wohne.
Sie haben die ersten Ansprüche auf meine Beschützung, auf meine Sorgfalt, und
ich darf sie ihnen nicht versagen.
    Elisa. Sie sind gewohnt, Glückliche zu machen, Sie werden in dieser edlen
Bemühung fortfahren!
    Birk. Bisher erfüllte ich nur meine Pflichten; dem Staate, der mich
unterhielt, war ich meine Dienste schuldig, und um seine Wohlfart zu befördern,
suchte ich seine Einwohner der Armut zu entreissen.
    In diesem Augenblicke kam Henriette zu ihrer Mutter gelaufen; sie stutzte,
als sie einen Fremden erblickte.
    Birk. Ihre Tochter, Elisa? O, lassen Sie mich sie an mein Herz drücken! (Er
umarmt Henrietten; nach einer Pause.) Nennen noch mehr solcher holdseligen
Geschöpfe Sie Mutter?
    Elisa. Ich habe noch zwei Söhne, der Aelteste ist nicht in unserm Hause, der
zweite, v. Birkenstein, das ist ein lieber Knabe!
    Sie erblickte ihn in der Ferne, und rief ihm zu: Herrmann, Herrmann, komm
her! und errötete, als sie diesen Namen aussprach. Birkenstein bemerkte es; er
freuete sich, dass sie ihrem Sohne den Namen gegeben hatte, von dem er glauben
konnte, dass er einst ihr teuer war; seine Blicke sagten ihr dieses, und ihre
Verwirrung stieg höher. Endlich kam Herrmann angelaufen. Als er Birkenstein
sah, sagte er zu Elisa'n: Liebe Mutter, diesen Mann habe ich noch nicht bei uns
gesehen?
    Elisa. Es ist ein alter Bekannter von mir, Herrmann, der bisher weit von
hier gewesen ist.
    Herrm. (reicht Birkenstein mit naiver Guterzigkeit die Hand.) Wenn sie ein
Freund meiner Mutter sind, so bin ich Ihnen auch gut!
    Birk. (schliesst ihn in seine Arme.) Liebenswürdiger Knabe! Sei immer so
offen wie jetzt! - O, Elisa! Diese Kinder sagen mir, Sie werden eine glückliche
Mutter werden.
    Elisa. (gerührt.) Es ist das Einzige, was ich von der gütigen Vorsicht
erbitte; jede ihrer Fügungen sind mir willkommen, mögen meine Kinder nur gut und
glücklich werden! Es ist mein Bestreben, dass sie das Erste werden, ich weiss, dass
man das Zweite dann ist.
    Die Kinder haben sich indes entfernt; Herrmann ergreift Elisa's Hand:
Gefühlvolles Weib! Und wie erhaben in jedem Deiner Gefühle! O, dieser Knabe! Er
ist der Abdruck Deiner Seele, seine Züge sind so edel, und doch so sanft das
Feuer, das in seinen Augen glühet.
    Elisa. Herrmann, kein so feuriges Lob, ich bin jetzt Gattinn.
    Birk. O, ich verehre diesen Titel in Ihnen! - Und, meine Elisa, doch auch
eine glückliche Gattinn?
    Elisa. (Mit Ernst.) Ja, Birkenstein, Wallenheim liebt mich.
    Birk. Elisa, ich wollte Sie nicht beleidigen! Leidenschaft lodert nicht mehr
in mir; allein warme, innige Freundschaft, diese erlauben Sie mir doch, für Sie
zu fühlen?
    Elisa. (reicht ihm lächelnd die Hand.) O, nie hörte ich auf, diese für Sie
zu hegen! Ich hätte nicht einmal den Gedanken ertragen können, dass ich Ihnen
gleichgültig geworden wäre! O, Birkenstein, zu einer höhern Empfindung, als die
brausende Leidenschaft des Jünglings ist, können wir uns erheben! Freundschaft,
uneigennützige Freundschaft und wahre Hochachtung wird und soll uns vereinigen.
    Birk. (lässt seinen Kopf auf ihre Hand sinken.) Diese Versicherung fehlte mir
noch zu meinem Glücke; nun bleibt mir kein Wunsch mehr übrig.
    (Jetzt sah Elisa Wallenheim kommen, sie stand auf, und ging ihm mit
Herrmann entgegen.)
    Elisa. Lieber Wallenheim, ich stelle Ihnen hier den Herrn von Birkenstein
vor, einen Mann, den ich freudig willkommen hiess, weil ich ihm schon seit vielen
Jahren den Titel eines Freundes erteilte, den er, hoffe ich, auch von Ihnen
erhalten wird?
    Wallenh. (verlegen und kalt.) Ich freue mich, mein Herr, die Ehre zu haben,
Ihre Bekanntschaft zu machen.
    Birk. (offen, und mit edlem Anstande.) Verbannen Sie jedes Misstrauen, mein
Herr! Es ist wahr, ich liebte sonst Ihre Gattinn; allein meine Liebe zu Ihr
entfernte mich von Ihr. Ich kehre jetzt zurück, weil Verehrung Ihrer Tugenden
das einzige Gefühl ist, welches ich jetzt für Sie hege, und indem ich nach
Wallental kam, wollte ich nicht minder mich um Ihre Freundschaft bewerben, als
Ihre Gattinn um die Ihrige bitten.
    Wallenh. Ich sehe es, dass solch ein Mann von meiner Gattinn geliebt werden
musste.
    Elisa. (umarmt Wallenheim.) Lassen Sie uns doch vom Vergangenen nicht mehr
reden. Birkenstein, Wallenheim, Sie sind mir Beide teuer, und dieses muss Sie
vereinigen, dieses muss Sie zu Freunden machen.
    Birk. (reicht Wallenheim die Hand.) Wollen wir nicht den Willen derjenigen
erfüllen, die wir Beide verehren?
    Wallenh. (umarmt Birkenstein.) Der Freund meiner Elisa kann nicht anders als
auch der Meinige sein! -
    Birkenstein wollte nun Wallenheim und seine Gattinn verlassen, aber Beide
baten ihn in Wallental die Nacht zu bleiben, und er willigte ein. Sie setzten
sich zum Abendessen. Elisa war heiter wie immer, sie suchte alles, was die
Vergangenheit hätte zurückrufen können, zu vermeiden; ihre Unbefangenheit, ihr
munterer Scherz hob jede Verlegenheit zwischen ihrem Gatten und Birkenstein auf;
indes war doch Wallenheim ernst, und auf Herrmanns Zügen lag eine sanfte Rührung
verbreitet. Seine Blicke folgten jeder Bewegung Elisa's, und oft entfuhr ihm ein
Seufzer, wenn er ihre liebevolle Aufmerksamkeit für ihren Gatten, ihre zärtliche
Sorgfalt für ihre Kinder sah. Unter vertraulichen Gesprächen blieben sie spät
bis in die Nacht zusammen. Wallenheim begleitete Birkenstein in sein Zimmer.
Elisa blieb gedankenvoll, als sie das ihrige verlassen hatten. Endlich fühlte
sie eine Träne ihre Wangen hinabrollen. Gott! rief sie aus, hätte mich dieses
Wiedersehen zu tief gerührt? Wäre ich noch nicht stark genug in der Tugend, um
dem Zauber der Liebe zu widerstehen? O, ich muss mich prüfen! Ich muss den
Empfindungen dieses Tages nachspüren! So hätte mich denn nur Abwesenheit vor
einem Vergehen bewahrt? So wäre sie denn jetzt noch nötig, jetzt, da ich
Wallenheim liebe? - (Nach einer Pause, im erhabensten Tone.) Nein, Herrmann
könnte an jedem Tage mir zur Seite sein, ich würde mich bewachen, so wie heute
würde ich an jedem Abend mein Herz befragen, und dann wäre es unmöglich, dass
eine wärmere Empfindung als Freundschaft sich darein einschliche. Wahr ist es,
Herrmann ist mir sehr teuer; aber an der Seite meines Gatten fürchte ich ihn
nicht! Ich empfand heute keine Unruhe, ich empfand ja Freude, sie beisammen zu
sehen - O, dieser Freude will ich mich überlassen; denn ich fühle es, sie ist
unschuldig! - Aber Wallenheim war heute unruhig - O, ich muss gehen, ihn zu
beruhigen!
    Elisa fand ihren Gatten im tiefen Nachdenken; sie flog an seinen Hals. Mein
Wallenheim, Birkensteins Besuch hat doch Ihre Ruhe nicht gestört? Gewiss, er
würde sich dieses vorwerfen, wenn er es glauben könnte, und mich würde der
Gedanke schmerzen! Ja, wenn ich auch einst Birkenstein liebte, so fühle ich doch
jetzt zu gut, dass ich Ihre Gattinn bin, und er mir nur Freund ist!
    Wallenh. (drückt Elisa'n an seine Brust.) Bestes, edles Weib! Dieser Mann
ist ganz Ihrer Liebe würdig!
    Elisa. Ja, Wallenheim, er ist edel, und ich schätze ihn, ich liebe ihn als
den teuersten meiner Freunde. Aber jene Liebe unserer Jugendjahre - (lächelnd.)
o, die ist längst erloschen, und wird nicht wieder angefacht!
    Wallenh. Es war nicht dieses, was ich fürchtete. Der einzige Gedanke, der
mich beunruhigte, war dieser, dass Sie vielleicht aufs neue bereuen könnten ....
    Elisa. (scherzhaft.) O, weg mit diesen Grillen! Ich stelle mich sonst morgen
verliebt in Birkenstein; denn gestraft müssten Sie doch für diesen Gedanken
werden.
    Wallenh. Er hat also keine Wirklichkeit?
    Elisa. (mit Ernst.) Sehen Sie mich an, Wallenheim! Lesen Sie je Unwahrheiten
in diesen Blicken?
    Wallenh. Nein!
    Elisa. Nun dann, wenn diese Augen nie Ihnen logen, so werden sie die
Wahrheit meiner Worte bestätigen: dass noch nicht der entfernteste Gedanke von
dem, was Sie besorgten, in mir aufgestiegen war.
    Wallenh. (umarmt Elisa'n mit Herzlichkeit.) Nun, meine Elisa, bin ich Deinem
Birkenstein noch einmal so gut! -
    In der Tat empfieng Wallenheim am andern Morgen Birkenstein mit einer weit
offenern und heiterern Miene, als er am vorigen Tage gehabt hatte. Elisa war
hierüber sehr vergnügt, und empfieng Birkenstein mit noch mehrerer Herzlichkeit.
Wallenheim wollte seiner Gattinn beweisen, wie entfernt er von jeder Eifersucht
sei, und verliess sie und Herrmann bald nach dem Frühstücke. Einige Stunden
flohen ihnen nun in traulicher Unterhaltung, in welchen Beide sich glücklich
fühlten. Birkenstein sagte endlich Elisa, Unschuld gibt doch jeder Empfindung
Wert! O, wenn wir in jenen Jahren der Leidenschaft nachgegeben hätten, würden
wir wohl jetzt so vertraut, so zufrieden, Hand in Hand zusammen sitzen?
    Birk. Ja, meine süsse Elisa, der Tugend Wert lehrt uns erst eigene
Erfahrung! Wohl der Jugend, wenn sie sich entschliesst, sich selbst davon zu
überzeugen! Man mache es sich nur zum Gesetze, sich nie von dem, was Recht ist,
zu entfernen, und die schwersten Opfer werden uns dann belohnt, so wenig wir
auch in jenen Augenblicken Schadloshaltung für möglich halten. Als das Schicksal
mich von Ihnen riss, als ich Birkenstein verliess, da betrachtete ich die ganze
Welt nur als eine Wüste, in welcher jede Freude für mich erstorben war. Ich war
überzeugt, ich würde mein ganzes Leben hindurch elend sein, ich würde ihn immer
fühlen, den nagenden Schmerz, der mir fast alle Denkkraft raubte. Indes gewohnt,
den Gesetzen des Guten zu folgen, war ich stark genug, mir ihren Anblick zu
versagen, welcher mir doch das einzige für mich übrig gebliebene Glück zu sein
schien. Ich sagte mir es nicht; allein das Bewusstsein blieb mir, dass ich doch
noch nützlich sein könnte, und so suchte ich Dienste ausser meinem Vaterlande.
Jeder Ort war mir gleich, ich fühlte nur meinen Schmerz, ich kam zuerst nach D
...., und blieb dort. Fleiss, und einige gute Anschläge, welche ich gab, machten,
dass man mich bald auszeichnete, und in eine höhere Sphäre setzte. Anstrengung in
meinen Geschäften hatte das Wütende meines Schmerzes und meiner Leidenschaft
gedämpft; ich war wieder des Denkens fähig; ich sah, dass ich für Menschenwohl
arbeiten könnte, und dieses war der erste Trost, welchen meine leidende Seele
erhielt. Ich ergab mich nun mit Eifer diesem Geschäfte, ich fühlte Linderung,
ich empfand oft Freude, aber eben so oft vergoss ich auch noch Tränen des
bittersten Schmerzes. Wenn die Unschuld, deren Rechte ich verteidigt, und
welche ich ihren Unterdrückern entrissen hatte, mir Dank stammelte, und vor mir
Freudentränen vergoss, o, dann sagte ich mir, ich wäre glücklich, wenn ich mit
Elisa'n meine Empfindungen teilen könnte; der Beifall einer Welt ist mir
nichts, wenn ich nicht den ihrigen in ihren Blicken lesen kann! So achtete ich
auch den meinigen nicht, empfand noch nicht jene edle Selbstzufriedenheit, die
Triebfeder grosser Taten. Ich fühlte endlich, dass, um mich des Guten freuen zu
können, was ich tat, um nicht bloss maschinenmässig meine Pflichten zu erfüllen,
ich nicht allein gut handeln, sondern auch weise werden, auch meine Leidenschaft
bekämpfen müsste; jetzt entzog ich mich jedes Gedankens an Sie, suchte
Zerstreuungen, spürte der innern Verwaltung des Staats nach, entdeckte ihre
Mängel, machte Plane zu deren Verbesserung, überreichte sie dem Fürsten,
unterhielt mich mit ihm über die Mittel, seinen Untertanen aufzuhelfen, und
seinen Staat blühender zu machen. Je ernstlicher ich meine Leidenschaft
bekämpfte, je mehr ich mich jeder Erinnerung meiner Liebe entzog, desto mehr
fühlte ich innere Stärke, desto mehr erwachte Tätigkeit in meiner Seele. Bisher
hatte ich nur einzelne gute Handlungen verrichtet; jetzt bekamen meine
Handlungen und Geschäfte, Zweck und Verbindung. Ich wurde erster Geheimerrat in
D ..., allentalben richtete ich meine Blicke, und half, wo ich helfen konnte.
Nun genoss ich meines eignen Beifalls, ich genoss des Glücks und des Wohlstandes
vieler Einwohner. Nun erst erfuhr ich, dass Tugend belohnt; die höchste
Zufriedenheit war nun mein; die edelsten Freuden durchdrangen oft mein Herz. Ihr
Bild, meine Elisa, erschien mir jetzt in einem sanften Schimmer, es zerstörte
nicht mehr meine Glückseligkeit; nein, es erhöhete sie. Zwar dachte ich oft, an
Elisa's Seite wäre ich doppelt glücklich gewesen. - Allein wäre sie mein
geworden, ohne ihrer Mutter Einwilligung; so hätten wir Beide wider unsere
Pflicht gehandelt, und wir wären Beide unglücklich geworden! Allein mit dieser?
- Doch dieses war unmöglich! Alle Begebenheiten sind unabänderlich in die Kette
der Dinge gereihet, und Tugend ist es eben, wenn man, selbst bei den widrigsten
derselben, nicht aufhört, seine Pflichten zu erfüllen.
    Elisa. (drückt Herrmanns Hand, eine Träne glänzt in ihrem Auge.) O, wir
hielten das Gelübde, welches wir einst im Feuer unserer Liebe taten, stets auf
der Tugend Pfad zu wandeln! und wir wurden glücklich! Vereiniget, Herrmann, wäre
dieses vielleicht nicht gewesen.
    Herrmanns Kopf sank auf Elisa's Hand, sie blieben einige Augenblicke in
dieser Stellung. Endlich sagte Elisa: Auch ich, Herrmann, suchte in einer
kleinen Sphäre für Menschenwohl zu arbeiten: Kommen Sie! ich will Sie zu meinen
angenommenen Kindern, und zu meinen Greisen führen, vielleicht können Sie noch
einige Verbesserungen in meinen Einrichtungen treffen.
    Herrmann folgte Elisa'n: sie ging mit ihm in das Erziehungshaus, und in das
Pflegehaus der Greise. Er bewunderte, wie mit so vieler Einfachheit sie für das
Glück so vieler Menschen arbeitete. Diese Kinder bekamen durch Sie einen Platz
in der bürgerlichen Gesellschaft, und am Rande des Grabes fand hier der
Unglückliche noch Unterstützung; und dieses waren keine vorübergehenden
Wohltaten, nein, ein ganzes Menschenleben hindurch wurden hier Menschen
beglückt. Und dieses geschahe so ganz ohne alles Gepränge. O, Tugend, fuhr
Herrmann fort, als er aus dem Pflegehause der Greise ging, hier strahlst Du in
Deinem wahren Glanze, erhaben und einfach! Hier sollte eine Welt niederfallen,
und Dich verehren!
    Herrmann hatte Elisa's Hand auf diesem Wege öfter und inniger gedrückt; eine
Träne hatte er aus seinem Auge getrocknet, als sie sich bei den Greisen
befanden! Elisa's Güte und zärtliche Sorgfalt für sie, der Greise Dank, Liebe
und tiefe Verehrung gegen sie, ihre emporgehobenen Blicke und Hände, um für
Elisa'n den Segen des Himmels herabzuflehen, war für Herrmann ein rührender
Auftritt gewesen, und schweigend ging er an Elisa's Seite zurück.
    Elisa hatte ihm gesagt, dass Henriette unweit von Wallental wohne, und er
beschloss, sie zu besuchen. Nach geendigter Mittagsmahlzeit, nahm Herrmann von
Wallenheim und seiner Gattinn Abschied. Er schloss Elisa'n in seine Arme, und
fühlte eine Träne seine Wangen hinabrollen, und sah auch die Ihrige in ihrem
seelenvollen Auge; fest drückte er den jungen Herrmann an seine Brust, der zu
ihm sagte, Lieber, fremder Mann, besuche uns doch bald wieder! Herrmann
lächelte, küsste ihn noch einmal, und eilte hinaus. Wallenheim begleitete ihn,
Herrmann umarmte ihn noch einmal. Ich scheide doch als Ihr Freund von Ihnen?
    Wallenh. (drückt ihm die Hand.) Ja, Birkenstein, mein Weib ist zu
tugendhaft, Sie zu edel, als dass Ihr Besuch Besorgnisse in mir erweckt hätte,
Ich habe Sie kennen gelernt, und liebe Sie.
    Birk. Ich danke Ihnen, Wallenheim, für dieses edle Vertrauen! Nie werde ich
es missbrauchen, ich fühle mich stark genug, den Anblick Ihres Weibes zu
ertragen, und doch - nur in vielen Jahren sehen wir uns wieder!
    Nun schwang er sich auf sein Pferd, und eilte fort. Elisa sah ihm nach, und
trocknete ihre Augen. Herrmann erblickte bald den Turm von Felsingburg; er liess
sich bei Henrietten melden. Birkenstein? fragte sie staunend, und schon sah sie
ihn den Hof heraufkommen. Sie ging ihm entgegen: Staunen und Freude, Sie zu
sehen, Birkenstein, machen mich fast unfähig, Sie zu begrüssen!
    Birk. (Küsst ihr die Hand.) Welch ein süsses Vergnügen ist mir dieses, mir
schmeicheln zu können, dass ich noch unter die Zahl Ihrer Freunde gehöre?
    Henr. (Lächelnd.) Sie trauen also der Abwesenheit nicht viel?
    Birk. So nicht, gnädige Frau! Bei Gott, ich fühle es, es gibt Verbindungen,
welche durch nichts geschwächt werden, und so war auch die Unsrige!
    (Jetzt begleitete Birkenstein Henrietten in ihr Zimmer, Felsing war
abwesend; doch erwartete ihn Henriette am Abend.)
    Birk. (Nach einer Pause.) Ich komme von Wallental!
    Henr. O, hätte ich doch dem ersten Augenblicke Ihres Wiedersehens mit
Elisa'n beiwohnen können!
    Birk. Wir freueten uns Beide, unsere Beider Herzen schlugen heftiger. O
gnädige Frau, Jünglingsfeuer rollt nicht mehr in meinen Adern; allein wärmer
schied ich doch von ihr, als ich bei meiner Ankunft war.
    Henr. Sie lieben sie noch?
    Birk. Ueberzeugt, dass ich nur warme, innige Freundschaft für sie empfand,
kam ich nach Wallental. Ihr Anblick rufte in mir die Scenen der Vergangenheit
zurück, ich umarmte meine vorige Geliebte; aber dieser Name konnte nur auf einen
Augenblick mein Herz erschüttern, ich war gewohnt, sie mir als Wallenheims
Gattinn zu denken; allein Elisa'n sehen, ihre Tugenden bewundern, sie geliebt zu
haben, und nur ihr Freund bleiben - nein, Henriette, das vermag ich noch nicht!
Welche sanfte Gefälligkeit hat sie gegen ihren Gatten, wie geflissen war sie,
durch ihr Betragen ihm jeden Verdacht gegen sich und mich zu benehmen! Ihr
Lächeln, jede ihrer Mienen spricht ihm Liebe, und doch mir so zugetan, so
unverstellt, so offen in ihrem Betragen gegen mich. Indem sie nur jedes
Verlangen ihres Gatten aus seinen Augen zu lesen schien, um diesem
zuvorzukommen, indem sie uns auf die angenehmste Art unterhielt, wendete sie
doch eine beständige Aufmerksamkeit auf ihre Kinder; Keins ihrer Worte entging
ihnen, und ich sah, dass Elisa in keinem Augenblicke aufhörte, ihre Erzieherinn
zu sein. Und welche Ordnung herrscht in ihrem Hause! Früh am andern Morgen hatte
sie schon ihr Hauswesen bestellt, und ich fand sie angekleidet. Allein, wenn
Elisa in dem Zirkel ihrer Familie bewunderungswürdig ist, wie vielmehr ist sie
es nicht, wenn man sie als Wohltäterin ihrer Gegend betrachtet; wenn man ihr
in das Erziehungshaus und in das Pflegehaus der Greise folgt; wenn man mit den
Bauern in Wallental spricht, welche sich glücklich preisen, und bei denen man
mehr gesunde Vernunft antrift, als in dieser Classe bei den Einwohnern einer
ganzen Provinz zusammengenommen. O könnte ich doch ihr ganzes Geschlecht nach
Wallental rufen, ihnen Elisa'n zeigen, wie wirklich gross und erhaben sie durch
ihre Tugenden ist! - Weiber! ihr wollt Alle glänzen! Möchtet ihr doch Alle die
Mittel erwählen, durch welche Elisa das Erste der Weiber wurde! Wahrlich! wenn
schon Silberlocken eure Stirne zierten, würden wir euch doch noch Dank,
Verehrung und Liebe zollen!
    Henr. Und Sie sahen sie nur einen Tag, Birkenstein? Wenn man ihr aber in
jedem Auftritte ihres Lebens folgt, wie viel grösser erscheint sie dann! Der
erste Augenblick, in welchem Wallenheim sie in seine Arme empfing, war für sie
abscheulich, und doch von diesem Augenblicke an, versagte sie sich jeden
Gedanken an Sie. Der rauheste, der mürrischste Mann, den ich je sah, war
Wallenheim, ihre Sanftmut schuf ihn um, sie zwang ihm, sie zu lieben; es war
kein Opfer, welches sie ihm nicht brachte, keine unwürdige Behandlung von ihm,
welche sie nicht geduldig ertrug. Sein Herz öffnete sich endlich dem Gefühl, und
sie machte ihn glücklich. Er hat ihr Vermögen verschwendet, ein nur kärgliches
Einkommen bleibt ihnen übrig, und Elisa versagt sich jede Bequemlichkeit, um
ihren Gatten nicht die Verringerung ihres Vermögens empfinden zu lassen, welche
er verursachte. Sie verbirgt dieses vor ihm, damit er sich keine Vorwürfe mache.
Sie arbeitet oft in der Nacht; denn bei Tage widmet sie ihre Stunden dem
Unterrichte ihrer Tochter, und die Abende der Unterhaltung ihres Gatten; sie
macht sich's zum Geschäft, ihm die Zeit angenehm zu vertreiben. Noch ist sie
eben so reich in ihren Wohltaten, und in ganz Wallental empfindet nur sie den
Verlust ihres Vermögens. Dieses Alles, Birkenstein, wussten Sie noch nicht, und,
sollte man glauben, dass diese Tugenden noch einer Erhöhung fähig sind? Und doch
erhöhet sie Elisa noch durch ihr Betragen. Ihre Seele ist so erhaben, und doch,
welche Leichtigkeit, welche Gefälligkeit in ihrem Wesen! Alle ihre Handlungen
führen in sich das innere Gepräge der Tugend; allein es erscheint in ihnen so
viel Einfachheit, dass man es kaum fühlt, dass Elisa so erhaben ist über Alles,
was sie umgibt. Man fühlt sich zur Bewunderung hingerissen, nein, zur Liebe!
den Elisa sucht sich einem Jeden gleich zu stellen, und will nicht über Andere
erhaben scheinen. Und diese Bescheidenheit ist bei ihr nicht erkünstelt, nein,
sie ist überzeugt, sie erfüllt nur ihre Pflichten, und ist weit entfernt, sich
den Wert beizulegen, den der Beobachter ihrer Handlungen ihr zugestehen muss.
Und dann eine beständige Aufmerksamkeit, Andern Vergnügen zu machen, welche sich
auf das geringste Individuum erstreckt, wirft auf ihr ganzes Wesen eine
Liebenswürdigkeit, welcher man nicht zu widerstehen vermag, und man empfindet,
dass Elisa auch das angenehmste der Weiber ist; und fast möchte ich sagen, auch
die Glücklichste! Ruhe und Heiterkeit liegen auf ihren Zügen verbreitet, und sie
sind das Bild ihrer Seele. Zwar ging sie durch so manchen unangenehmen Auftritt
des Lebens; allein diese blieben unverändert in ihr. Ich sah oft ihr Auge
trübe; allein nie hörte ich sie klagen über das Geschick. Immer fand ich Elisa'n
noch heiter, wenn auch Schmerz ihre Seele niederbeugte; denn sie ist überzeugt,
dass jede Begebenheit eine notwendige Folge vorhergegangener Ursachen ist, und
so bleibt sie ruhig, auch bei den Widerwärtigkeiten des Lebens. Sie hört auch
dann nicht auf, tätig im Guten zu sein, und sie findet Trost in dem Bewusstsein,
dass sie ihre Pflichten erfüllt. So bleibt sie sich stets gleich, stets wirksam,
die Uebel, die sie treffen, für Andere unschädlich zu machen, und so ist sie
fähiger, jedes Ungemach zu ertragen.
    Birk. Wie vortrefflich schildern Sie Ihre Freundinn, Henriette! Und wie nahe
müssen Sie selbst dem Bilde kommen, dem Sie so aufrichtig ihre Verehrung zollen!
    Henr. Die innigste Freundschaft vereinigte uns ja stets; schon in unsern
Frühlings-Tagen machte mich der Gedanke stolz, dass die, welche ich so sehr
liebte, sich vielleicht einst dem Gipfel weiblicher Vollkommenheit nähern würde.
    Birk. O, Henriette, welche Tage rufen Sie zurück! Doch, meine Elisa wäre
nicht das Muster weiblicher Tugend geworden, wäre sie nicht die Gattinn des
Mannes geworden, vor dem sie Widerwillen empfand.
    Henr. (Nach einer Pause.) Also ersetzte noch kein Weib Elisa's Stelle in
Ihrem Herzen?
    Birk. Keins, und wird es nie; denn Elisa ist einzig. Zwar sah ich manches
liebenswürdige Weib; allein Elisa's Bild, ob ich gleich nicht mehr liebte,
entfernte doch jede andere Liebe von meinem Herzen. Sie war die Erste, die
dieses Gefühl mich kennen lehrte, und das in seiner ganzen Reinheit. Elisa
vereinigte Alles: Verstand, Reitze, Tugend, Liebenswürdigkeit, und nur die
höchste Liebe konnte man für sie empfinden. Nie wird eine zweite Liebe in meinem
Herzen Platz finden, und der Gedanke erregt mir Widerwillen, mein Schicksal mit
einem Weibe zu vereinigen, welches ich nicht so lieben könnte, als ich noch
jetzt Elisa'n liebe. Mich dünkt, ich würde das einzige Band zerreissen, welches
uns jetzt noch verbindet. Elisa, obgleich schon längst meine Leidenschaft zu ihr
aufgehört hat, ist doch noch immer der Gegenstand meiner liebsten Gedanken und
Empfindungen, und dann dürfte sie es nicht mehr sein; und ich kann mir nicht das
Vergnügen rauben, an sie zu denken; ich kann nicht undankbar gegen ein Weib
werden das mich vielleicht allein lieben würde, und dem ich diese Liebe nicht
erwiedern könnte!
    Henr. Aber, Birkenstein, fürchten Sie nicht, einst eine Leere in Ihren
Herzen zu finden, wenn kein Gegenstand es fesselt, keiner Ihre liebende Seele
erfüllt?
    Birk. Nein, Henriette! Die Unglücklichen sollen mich fesseln! Die, deren
Loos ich verbesserte, meine Seele erfüllen! Ich werde für sie arbeiten, ich
werde suchen, frohe Menschen um mich zu versammeln, und ich werde glücklich
sein! Ich werde Elisa's wohltätige Anstalten nachahmen, ich werde Menschen
erziehen, und auch in Birkenstein soll, wie in Wallental, das dahin sinkende
Alter Unterstützung finden. Wie viel Gegenstände, Henriette, welche mein Herz
erfüllen werden! und dann, Elisa und ihre Kinder - Elisa, welche mir immer
teuer sein wird, und in deren Gesellschaft ich künftig manche Stunde verleben
will! Wundern Sie sich nicht über diesen Vorsatz, Henriette, jetzt reise ich
weg, und komme in vielen Jahren erst wieder! Zwar traue ich mir Tugend genug zu,
um nicht das Weib eines Andern zu verführen, und ich weiss, das Elisa vor dem
Gedanken zurückbeben würde, einen Andern, als ihren Gatten, zu lieben - Allein
wenn ich sie sehen kann, ohne dass ich aufhöre, ein ehrlicher Mann zu sein, so
kann ich sie nicht sehen, ohne dass ich sie liebe, und auch ihr Herz würde oft
unwillkührlich bei meinem Anblick stärker klopfen; dieses will ich ihr und mir
ersparen! Wir bekämpften Beide unsere Leidenschaft, wir siegten, der Kampf soll
nicht erneuert werden! Allein, Henriette, wenn kälter das Blut in meinen Adern
rollt, dann will ich ein Mitglied der Wallenheimischen Familie, dann will ich
Elisa's Bruder werden! Hier in Städtchen R... kauf ich mir dann ein Haus, und
verlebe hier sechs Monate des Jahrs; denn meine Bauern in Birkenstein verlasse
ich nie ganz. Elisa's Kinder sollen dann die Meinigen werden, wenn Herrmann,
dieser Knabe, aus dessen Blicken der Mutter liebevolle Seele strahlt, und der
mir noch teurer ist, durch den Namen, den er von ihr erhielt, und durch den sie
ein Denkmahl ihrer Liebe stiftete, wenn er der mütterlichen Leitung entwachsen
ist, dann will ich sein Führer werden, dann will ich ihn zum Manne bliden, und
ihn ihr dann wieder geben! - O, Henriette! wie kann ich eine Leere fürchten?
Elisa's Freund, ihr Bruder, ihre Kinder die Meinigen, und einige Sterbliche, an
deren Glück ich arbeiten und die ich lieben werde!
    Henr. (gerührt.) Herrmann! Elisa! Möchten doch eure Namen in den Annalen der
Tugend aufgeschrieben werden!
    Herrm. (drückt Henriettens Hand.) Ja, Henriette, wünschte ich, dass er je
unvergesslich würde, so wäre es dort!
    Herrmann und Henriette schwiegen, und dieses Schweigen war feierlich und
ernst; ein Wagen, der daher rollte, weckte sie aus ihrem Nachdenken, und Felsing
trat herein. Herrmann und Felsing wurden Freund, und erst am andern Tage schied
Herrmann von ihm und seiner Gattinn. Viel sprachen Elisa und Henriette bei ihrem
Wiedersehen von ihrem Freunde; allein Henriette sah bald, dass Elisa über ihr
Herz gewacht, und jede aufkeimende Empfindung darin unterdrückt hatte. In der
Tat suchte Elisa, seitdem Herrmann in Wallental gewesen war, ihrem Gatten noch
mehr Liebe zu beweisen. Er sah diese Bemühung, schätzte sein Weib um so mehr,
und Beide waren glücklich.
    Es war ein Jahr, dass sie nun in Wallental waren, da wurde Herrmann krank;
man fing bald an, für sein Leben besorgt zu sein. Elisa zitterte, sie verliess
sein Bette nicht, ihre Augen füllten sich mit Tränen, wenn sie auf ihren Sohn
blickte, und doch wollte sie sie vor ihrem Gatten verbergen, der trostlos ihr
zur Seite sass. Wallenheims ganzes Herz hieng an dem Knaben, sein Anblick hatte
ihn stets mit Freuden erfüllt, auf allen seinen Spatziergängen war er sein
Begleiter gewesen, und oft hatte ein Lächeln, ein kindischer Einfall des Knaben,
des Vaters Unmut zerstreuet. O, Elisa, sprach er zu seiner Gattinn, wenn mir
Herrmann entrissen wird, dann wird mein ganzes Leben öde und freudenleer werden.
Wie viel versprach ich mir nicht von dem Knaben! Er war Ihr Ebenbild! Er sollte
die Freude meines Alters werden! Ach, er war ja jetzt schon die Freude meines
Leben!
    Elisa weinte, sie umarmte ihren Gatten. Lassen sie uns stark sein,
Wallenheim! Wir dürfen ihm nicht unterliegen, dem Schmerze! Wir müssen - (hier
stockte ihre Stimme, und ihre Tränen flossen häufiger) wir müssen für unsere
andern Kinder leben!
    Wallenheims Tränen verdoppelten sich, er verliess das Zimmer; da sank Elisa
auf ihre Kniee, sie nahm des Knaben Hand, ihr Kopf sank auf dieselbe: O,
Herrmann, mein Sohn, bald wirst du nicht mehr sein! Im stummen Schmerze blieb
sie liegen. Endlich stand sie auf, blickte gen Himmel, umarmte dann Herrmann:
Ach, seitdem er lebt, hat er mein Herz mit Freude erfüllt! so manchen süssen
Augenblick gewährte er mir! Dank dir, mein Sohn! Dank Dir, gütige Vorsicht, die
mich acht Jahre durch ihn eine glückliche Mutter sein liess! Ich will sie nicht
vergessen, diese Jahre der Freude! Noch jetzt will ich mit Dankbarkeit mich
ihrer erinnern! Jetzt, wo ich ihn verliere, auf ewig verliere! - (sie bricht
aufs neue in Tränen aus.) O, mein Herz ist zerrissen! Aber meine
Standhaftigkeit soll mich nicht verlassen! - Dir, gütige Vorsicht, opfere ich
meine Leiden, opfere ich den Schmerz, der jetzt in meinem Busen wühlt - Beim
Eintritte in die Welt, harrten meiner Leiden und Freuden! - Ich will sie tragen
die Leiden, ich genoss ja die Freuden! - (sie wirft sich wieder auf Herrmanns
Bette.) O, Herrmann, mein Sohn, du wirst nicht mehr sein! - Aber, Elisa, deine
Pflichten hören nicht auf! Dein Gatte, deine übrigen Kinder leben, du musst an
ihrem Glücke arbeiten! Dazu berief dich die Natur! Und ehe sie mich nicht
zurückruft, vom Schauplatze des Lebens, eher darf ich nicht aufhören zu wirken!
Dazu muss ich stark sein! - (sie fällt nieder auf ihre Kniee, und hebt die Hande
gen Himmel.) Ja, ich will es sein! - Ich will mit ruhiger Ergebung das grösste
der Leiden tragen - ich will ihn bekämpfen, den Schmerz - ich muss Wallenheim
trösten - O, Wallenheim! Du sollst nicht zu gleicher Zeit deine Gattinn und
deinen Sohn verliehren!
    Nun stand Elisa auf, und setzte sich wieder neben ihrem Herrmann; er war
schon seit zwei Tagen ohne Empfindung. Sie nahm ihn oft in ihre Arme, weinte;
aber eben so oft blickte sie empor zum Himmel, und rief aus: Du wirst mich
stärken, grosses Wesen!
    Wallenheim kam wieder herein; es war schon Abend, Elisa bat ihn zu Bette zu
gehen. Meine Elisa, sprach er, soll ich nicht mit Ihnen diese traurigen Stunden
teilen? Wollen Sie allein jene bange Bekümmernis über sich nehmen, allein ihn
mit unermüdeter Sorgfalt bewachen, und ich - soll ruhen?
    Elisa. Ja, mein Wallenheim, suchen Sie auf einige Stunden zu ruhen. Unser
Sohn stirbt noch nicht! Noch ist der Faden seines Lebens nicht durchschnitten!
Vielleicht! - doch gehen Sie jetzt, Ihre Gegenwart hier würde mich noch mit
mehrerer Besorgnis erfüllen, ich würde auch für Sie zittern!
    Wallenheim umarmte sie, weinte, und verliess das Zimmer. Elisa glaubte, dass
Herrmann in dieser Nacht sterben würde, und sie wollte nicht, dass Wallenheim
diesem traurigen Auftritte beiwohnen sollte. Wallenheim ging zu Bette, von Gram
und Tränen abgemattet, schlossen sich seine Augen. Er war eine Stunde weg, da
hörte Elisa ihren Sohn leise röcheln; das Röcheln nahm zu, sie sah mit
unverwandtem Blick auf ihn, ihr Busen hob sich hoch und heftig, Schmerz wütete
in ihrem Innern. Jetzt drängt sich das letzte Röcheln aus Herrmanns Brust, seine
Seele entfliehet, seine Augen sind auf ewig geschlossen! Elisa sinkt auf den
todten Leichnam, sie heftet ihre Lippen auf die entseelten Lippen ihres Kindes,
hier bleibt sie eine halbe Stunde liegen; man will sie wegbringen. O, lasst mich,
ruft sie aus, meinen Schmerz auf seinen Lippen aushauchen! Dieses war der
einzige heftige Ausbruch ihres Schmerzes. Nach einer halben Stunde stand sie
auf, und ging in ihr Zimmer. Nun flossen ihre Tränen; allein sie war ruhig. Oft
richtete sie ihre Blicke gen Himmel, und einigemahl rief sie aus: Grosser Urheber
alles Seins, Du wolltest es so!
    Wallenheim hatte einige Stunden geschlafen; allein schon lange hatten ihn
bange Besorgnisse geweckt. Indes herrschte eine Stille im ganzen Hause, und
diese liess ihn nichts Böses ahnden. Endlich klingelt er; da trat Elisa herein,
warf sich in seine Arme, und rief aus: O, mein Wallenheim! er ist nicht mehr! -
Ach, wir verbanden uns, Freude und Leid zu tragen!
    Wallenh. Herrmann? Elisa! Herrmann? -
    Elisa weinte. Auf ewig, auf ewig Dich verloren? rief Wallenheim.
    Elisa. (drückt Wallenheim an ihren Busen.) Mein Wallenheim, mein Gatte, lass
uns stark sein!
    Lange weinten nun Beide; endlich sagte Elisa! Trocknen Sie Ihre Tränen,
Geliebtester, kommen Sie, beim entseelten Körper meines Sohns wollen wir
Standhaftigkeit schwören!
    Wallenh. Elisa, Du bist ein Weib, Du bist Mutter, und Du kannst? -
    Elisa. Ach, Wallenheim! mein Herz ist zerrissen; aber ich habe gelernt
Leiden zu tragen!
    Sie gingen nun zu dem Leichnam ihres Sohnes. Beide knieeten vor demselben:
O, mein Sohn! mein Sohn! rief Elisa, entrissen meinem Herzen! Ach, es blutet!
Tief im Innern nagte der Schmerz! Aber einst kniete ich so, wie jetzt, vor der
Leiche meines Vaters, und da schwur ich der Tugend! - Es ist ja auch Tugend,
standhaft zu sein! Ich will es sein, - (Sie steht auf und ergreift Wallenheims
Hand.) Wallenheim, lass uns weinen um unsern Sohn; lange werden meine Tränen
noch fliessen; aber dass der Schmerz uns nicht unsere Pflichten versäumen lasse.
    Nun riss sie ihn mit sich fort, ging zu Henrietten, tröstete sie. Bald kam
Felsing mit seiner Gattinn. Mit inniger Teilnehmung umarmte Henriette ihre
Freundinn. Komm auf einige Tage mit deinem Gatten und Henrietten nach
Felsingburg, sprach sie zu ihr, Waldin und Felsing werden alles besorgen!
    Die Scenen des Kummers, die Zurüstungen trauriger Obliegenheiten zu
vermeiden, ist Pflicht, wenn man sich ihrer entziehen darf. Dieses wusste Elisa,
und sie folgte ihrer Freundinn. Die Beerdigung ihres geliebten Sohnes wurde nun
Felsings und Waldins Geschäft, und nach sechs Tagen kehrte die Wallenheimsche
Familie nach Wallental zurück. Wallenheim und seine Gattinn setzten ihrem Sohne
kein Denkmahl; sie wussten, er wurde in ihren Herzen fortleben; aber sie wollten
durch keinen sinnlichen Gegenstand ihrem Schmerze Nahrung geben.
    Jene Untätigkeit, welcher man sich im Schmerze so gern ergibt, vermied
Elisa jetzt. Zurück in Wallental, fing sie auch ihre Beschäfftigungen wieder
an. Zwar unterbrachen ihre Tränen sie oft; allein sie gestattete es sich nicht,
sich dem Schmerze zu ergeben; weinend setzte sie ihre Beschäfftigungen fort, und
zwang so ihre Aufmerksamkeit, sich auf andere Gegenstände zu richten. Sie las
viel, und bewog auch Wallenheim viel zu lesen; sie wählte ernste Bücher, welchen
sie ihre Aufmerksamkeit widmen musste. So sehr sie auch um ihren Herrmann
trauerte, so bemühete sie sich doch, Wallenheim zu trösten. Sie verliess ihn in
den ersten Tagen fast gar nicht, sie vermischten ihre Tränen; aber mitten unter
denselben bestrebte sich Elisa, seine Gedanken von seinem Sohne abzuziehen, ihm
das Gesetz der Notwendigkeit in seiner ganzen Stärke vorzustellen, und ihm
diejenige Ergebung einzuflössen, welche der Weise, selbst bei den härtesten
Schlägen des Schicksals, noch behält; welche zwar den Schmerz empfinden lässt,
aber Verzweiflung entfernt. -
    Gleich nach Herrmanns Tode hatten Wallenheim und seine Gattinn Carln kommen
lassen. Die Natur erwachte jetzt aufs neue aus ihrem Schlummer; das grüne Gewand
der Erde ging wieder aus ihrem Schoss hervor; aber die blühende, lachende Natur
goss neue Traurigkeit in Wallenheims und seiner Gattinn Herzen. Ach, sagte Elisa,
Alles bluhet, und mein Herrmann ist dahin! - Doch bald erinnerte sich Elisa, dass
sie so oft Trost im Schoss der Natur gefunden hatte, dass ihre Freuden nie
ersterben, sie besuchte also den Wald, den Garten, die grünen Felder wieder, und
so schmerzhaft ihr auch im Anfange die wiederkehrende Freude der Natur gewesen
war, so goss sie doch bald wieder Ruhe in ihr Herz; es war zu empfindungsvoll,
als dass es hätte fühllos gegen die allgemeine Freude bleiben können. Auch
Wallenheim bewog sie, sie auf ihren Spatziergängen zu begleiten, und ihre Kinder
folgten ihnen dann. Es war an einem sanften Frühlingstage, als Elisa zum
Erstenmahle nach Herrmanns Tode mit ihrem Gatten spazieren ging. Sie gingen
durch den Tannenwald auf eine Anhöhe, von welcher man auf der einen Seite über
den dunkeln Wald hinblickte, und auf der andern erstreckten sich grüne Auen, in
einer dem Auge unerreichbaren Länge. Sie setzten sich; Henriette hascht einen
Schmetterling, sieht ihn an, und fängt an zu weinen. Ach, Mutter! sonst haschte
Herrmann die Schmetterlinge, und half mir Kräuter suchen! Ach, ich kann es immer
noch nicht vergessen, jedesmahl dass ich spazieren gehe!
    Wallenh. (nimmt Henrietten wehmütig in seine Arme) Armes Mädchen! (er
weint.)
    Ja, Elisa, jeder Baum im Tannenwalde hat mich an den Knaben erinnert! Wenn
ich mit ihm auf die Jagd ging, und er dann vergnügt an meiner Seite hüpfte, mir
die Vögel zeigte, und unter dem Baume lauschte, o, dann habe ich mich so oft
über des Knaben Munterkeit gefreuet! Gefreuet, wenn ich so viel Züge seines
guten Herzens, so manchen Beweis seines lebhaften Verstandes sah! O, Elisa! ich
kann Ihnen nicht sagen, wie jetzt Alles so öde, so freudenleer um mich ist!
    Elisa. (drückt Wallenheim die Hand und trocknet ihre Augen; nach einer
Pause.) Meine Wallenheim, blicken Sie um sich, die Natur ist noch immer schön!
Zwar ein grosser Teil unsers Glücks, unserer Freuden ist uns entrissen; aber
viel bleibt uns noch übrig! Unsere Kinder werden wieder lustig werden, sie
werden, hoffe ich, gut werden, und uns noch manche Freude gewähren! Wir werden
noch manchmahl hier der sanften Freuden der Natur geniessen! Sehen Sie das
lachende Grün, hören Sie das frohe Zwitschern der Vögel! O lassen Sie Ihr Herz
die Uebereinstimmung, die Harmonie der Natur empfinden, und wenn wir dann um
unsern Herrmann weinen, so lassen Sie uns auch empfinden, dass in der Schöpfung
doch noch Freuden für uns sind!
    Wallenh. (umarmt Elisa'n.) Sanftes, liebevolles Weib! Ja, ich fühle mich
getröstet, ich fühle mich stärker, wenn ich bei Ihnen bin! -
    Auf diese Art bestrebte sich Elisa, immer Wallenheims Gram zu mindern, und
dem Ihrigen das Bittere desselben zu benehmen. Zwar trauerte sie lange um ihren
Herrmann; allein ihr Gram war eine sanfte Schwermut, mit derjenigen ruhigen
Heiterkeit vereiniget, welche Elisa'n fast nie verliess. -
    Jahre verflossen nun, ohne dass der Wallenheimischen Familie etwas
Merkwürdiges begegnete. Henriette war der Gegenstand der Zärtlichkeit ihrer
Aeltern geworden; allein Elisa hatte über ihre Liebe zu ihr gewacht, und hatte
mit den Jahren ihre Sorgfalt für ihre Erziehung verdoppelt; und schon erkannte
man in Henrietten die Tugenden ihrer Mutter. Herr Waldin war in Wallental
geblieben, bis dass er einen Dienst bekommen hatte, welchen er durch Elisa's
Bemühungen erhielt. Als er weg war, erhielt Henriette allein ihren Unterricht
von ihrer Mutter, welche sich täglich um mehrere Kenntnisse bewarb, um den
Verstand ihrer Tochter gehörig zu bilden. Uebrigens blieb Elisa sich gleich; der
Jugend Blüte war von ihr geschwunden, aber nicht der Reiz derselben; in keine
ernstern Falten zog sich ihre Stirne; eben das ruhige, sanfte Lächeln tronte
noch auf ihren Lippen, und eben derselbe liebevolle Blick, der einst Herrmann
zuerst die Liebe kennen lehrte, begleitete noch jede ihrer Handlungen, und jedes
ihrer Worte. Unaufhörlich blieb sie beschäftiget, die Summe des Glücks zu
vermehren, und nachdem die Zeit und ihre Bemühungen den Schmerz über Herrmanns
Tod getilgt hatten, rief sie die Freude zurück an ihre Seite, und verbreitete
sie wieder über Alles, was sie umgab, über ganz Wallental, soweit es dem
Menschen möglich ist, und nur selten sah man dort einen kummer- oder
unmutsvollen Blick.
In seinem funfzehnten Jahre war Carl in den Militairdienst getreten; oft schon
hatte Elisa bittere Tränen um ihn vergossen. Sein Charakter hatte keine
Festigkeit bekommen, seine Leidenschaften, welche heftig waren, keine gehörige
Richtung. Sie hatte Wallenheim oft ihre Besorgnisse mitgeteilt, ohne ihm indes
Vorwürfe zu machen; allein er wollte aus falscher Schaam es nie gestehen, dass
sein Weib Recht habe, und nie hatte sie ihn bewegen können, in Absicht Carls
andere Massregeln zu nehmen. Er war nun vier Jahre beim Regimente, und überliess
sich jetzt, da er sich frei glaubte, seinen Leidenschaften ohne Einschränkung.
Das Spiel war fast seine einzige Beschäftigung, und die Stunden, welche er fern
vom Spieltische zubrachte, verlebte er in den Armen feiler Buhlerinnen. Er war
zwanzig Meilen von Wallental entfernt; allein Elisa liess ihn beobachten, sie
war von jeder seiner Handlungen unterrichtet; aber sie verschwieg ihrem Gatten
seine Aufführung, um ihm die Vorwürfe, welche er sich machen könnte, zu
ersparen, und auch, weil sie besorgte, dass er vielleicht, um ihn zu bessern,
falsche Massregeln ergreifen könnte. Sie wollte einige Zeit seine Leidenschaften
ausbrausen lassen; sie glaubte, dass, wenn ein Jüngling eine schlechte Erziehung
bekommen hätte, und seinen Leidenschaften nicht schon vor ihrem Erwachen ein
Zügel angelegt worden wäre, sie einem reissenden Strome glichen, der alle Dämme
durchbricht, welche man ihm entgegensetzt; dass folglich in der ersten Hitze
derselben jedes Mittel zur Besserung vergebens sei, und sie wollte diese nicht
eher anwenden, als bis er einige Zeit seine Leidenschaften befriediget haben
würde. Doch jetzt näherte er sich dem zwanzigsten Jahre; nun, glaubte sie, wäre
es Zeit, ihn von seinen Ausschweifungen zurückzubringen, sonst bliebe er
Lebenslang ein Spieler und ein Wollüstling. Sie beschloss, selbst nach S... zu
reisen, wo er in Garnison stand. Sie sagte ihrem Gatten, dass Carl sich von
heftigen Leidenschaften hinreissen liesse, und dass sie hoffte, dass, wäre sie
einige Zeit in S..., sie vielleicht Gelegenheit haben würde, kräftige Massregeln
zu seiner Besserung anzuwenden. Eine zwanzigjährige Erfahrung hatte Wallenheim
zu sehr von der Klugheit und Vorsicht seiner Gattinn überzeugt, als dass er jetzt
nur einen Augenblick hätte zweifeln können, dass Elisa nicht ganz so handeln
würde, als Zeit und Umstände es erforderten. Er war gewohnt, sie in allen Fällen
die besten Massregeln ergreifen zu sehen, und schon seit langer Zeit schränkte er
sie in keiner ihrer Handlungen mehr ein, und Elisa gebrauchte diese Freiheit
nur, ihn und ihre Kinder zu beglücken. Reisen Sie, teure Elisa, sprach er, es
wird der besten Mutter aufbehalten sein, den Sohn zurückzubringen, den des
Vaters Fehler auf Irrwege leitete!
    Und Elisa reiste.
    Sie trat in S.... in einem Gastofe ab; sie verbarg ihren Namen; viel hörte
sie von ihrem Sohn sprechen; er hatte zweitausend Taler Schulden in S...., und
täglich fand man bei ihm eine Versammlung von Spielern und Freudenmädchen.
Inzwischen erzählte man sich auch Züge seines guten Herzens: Der junge
Wallenheim, hörte Elisa einige Männer sagen, kann nur der Verführung nicht
widerstehen; es ist zu viel Schwäche in seinem Charakter; ich weiss, dass er oft
die besten Vorsätze nimmt, allein sie schwinden im andern Augenblicke, sobald
einer seiner Freunde zu ihm sagt: komm mit mir zum Pharotische.
    Aus allen diesen Reden schöpfte Elisa Hoffnung. Er ist noch nicht ganz
verdorben! sagte sie zu sich selbst. Sie erfuhr, dass am andern Tage wieder eine
Versammlung seiner Spielgesellen bei ihm sein würde. Sie bat die Wirtin, bei
welcher Carl wohnte, ihr für ein gutes Trinkgeld zu erlauben, während der Zeit,
dass bei dem jungen Wallenheim Gesellschaft wäre, sich in dem Zimmer neben dem
Seinigen aufzuhalten. Die Frau gestattete ihr dieses, und Elisa ging am
Nachmittage dahin. Bald hört sie das wilde Jauchzen, die üppige Fröhlichkeit
Carls und seiner Gesellschafter; sie unterscheidet unter ihnen zwei weibliche
Stimmen, welche ihn zum Spiele ermunterten: Mache Wallenheim, dass du gewinnst,
riefen sie ihm zu, allein wir bekommen die Hälfte des Gewinnstes, aber dafür
sollst du auch eine göttliche Nacht haben! O, ihr werdet sie wohl sehr
menschlich machen, antwortete Einer aus der Gesellschaft, und ein wildes
Gelächter erscholl. Doch jetzt hörte Elisa, dass man sich um den Pharotisch
versammelte, und nach einer halben Stunde hörte sie Carln ausrufen: Der Teufel!
schon hundert Louisd'or weg! Da öffnete sie plötzlich die Tür, und trat in das
Zimmer. Wie vom Blitze gerührt, stand Carl da; Elisa schwieg. Teufel! rief ihm
einer seiner Cameraden zu, was machst du, Wallenheim? Das Weib sieht ja nicht so
schrecklich aus, um dir ein solch Herrjemines Gesicht abzujagen?
    Wallenh. Schweig! es ist meine Mutter!
    Nun wurde die Bestürzung unter Carls Gesellschaftern allgemein; alle
schwiegen.
    Elisa. (nähert sich ihm einige Schritte.) Carl, und du heissest mich nicht
einmal willkommen?
    Carl. (bedeckt sein Gesicht mit seinen Händen.) O! meine Mutter!
    Elisa. Carl! wenn die kindliche Liebe nicht in dir spricht, so spricht doch
die mütterliche Liebe desto lauter in meinem Herzen! Komm in meine Arme, ich
habe dich in so langer Zeit nicht gesehen.
    Carl. (stürzt sich schluchzend in Elisa's Arme.) O, meine Mutter! darf ich
Sie umarmen?
    Elisa. Bist du denn mein Sohn nicht mehr? Carl! lass mir die Hoffnung, dass
der Knabe, den ich unter meinem Herzen trug, nicht ganz aufhören kann, mein Sohn
zu sein!
    Carl. Meine Mutter! Was kann ich Ihnen sagen? Ich kann mich nicht
rechtfertigen, alles spricht hier gegen mich.
    Elisa. Lass diese Zeugen deiner Handlungen in der Zukunft aufhören, und ich
werde sie vergessen!
    Carl. Ach, Mutter! ich fühle es, ich muss ein schlechter Mensch sein, dass ich
solch ein Wüstling wurde, und solche vortreffliche Mutter habe!
    Elisa. Genug, mein Sohn, von dem Vergangenen. Lass mich hoffen, dass du dich
in der Zukunft meiner Leitung überlassen wirst, und ich werde auch durch dich
eine glückliche Mutter werden.
    Carl. Mutter, wenn der Eindruck Ihrer Güte nicht fest in meiner Seele
haftete, so müsste ich jede Empfindung verlieren, und aufhören ein Mensch zu
sein!
    Elisa. (hebt Carln auf, und umarmt ihn.) Dank dir, mein Carl, für die süssen
Hoffnungen, mit welchen du mich belebest. O, wenn du weise und gut sein wirst,
dann, dann drücke ich dich noch mit mehrerm Entzücken an mein Herz, als am Tage
deiner Geburt!
    Carl weinte am Halse seiner Mutter. Carl, sagte endlich Elisa, du vergissest
deine Gesellschafter.
    Carl wurde verwirrt; er kehrte zum Spieltische zurück, um welchen Alle noch
versammelt standen: Meine Freunde, sprach er, ihr müsst mich heute verlassen.
Verzeiht, dass meiner Mutter Ankunft mir nicht länger erlaubt, mit euch zu sein!
    Aber unser Geld, Wallenheim? flüsterten ihm Einige leise zu.
    Carl. Ich werde es euch zustellen! jetzt habe ich es nicht.
    Baron von T... (Der wildeste von Carls Gesellschaftern.) O, deine Mutter
wird dich zum Heiligen machen, und dann wirst du eine Spielschuld nicht
bezahlen, gieb sie nur lieber gleich!
    Carl. Aber T..., ich habe sie nicht!
    B. v. T... Na, Bruder, dann komme ich morgen früh wieder: denn länger warte
ich nicht!
    Elisa. (hat indes ihre Uhr abgemacht, und reicht sie dem B. von. T...) Mein
Herr, diese Uhr wird den Wert der Summe ausmachen, welche mein Sohn Ihnen
schuldig ist!
    Carl. O, meine Mutter!
    Baron von T... (verwirrt.) Ich kann warten, meine gnädige Frau!
    Elisa. Einmahl muss die Schuld doch bezahlt werden.
    Carl. Aber, liebe Mutter, Ihre Uhr!
    Elisa. Ich bin nicht reich, Carl!
    Carl, (schlägt sich verzweiflungsvoll vor die Stirn.) O, ich Elender!
    Elisa. (zum Baron von T...) Ich bitte Sie, mein Herr, nehmen Sie die Uhr!
Mir bleibt kein anderes Mittel, meines Sohnes Schuld abzutragen.
    Baron von T... (nimmt die Uhr gerührt.)
    Alle entfernten sich, indem sie sich ehrerbietig gegen Elisa'n verneigten.
Die beiden Freudenmädchen blieben. Mit frecher Geberde stellten sie sich an ein
Fenster, und sprachen zusammen. Elisa tat, als bemerkte sie sie nicht, und
Carls Verwirrung stieg immer höher; endlich nähert er sich ihnen: Wollen Sie
mich nicht auch jetzt verlassen? sprach er.
    Nach erhaltener Bezahlung, Herr von Wallenheim, war Beider Antwort.
    Carl. Aber, Mädchen, ihr seid ja noch für diese Nacht frei. Warum sollte ich
euch bezahlen, da ich euch nicht von weiterm Verdienste abhalte?
    Die Eine. Herr von Wallenheim, wir kamen unter der Bedingung, dass Sie jeder
von uns fünf Louisd'or geben würden. Sie wissen, wir gehen nicht zu einem jeden.
    Carl. Aber, Mädchen, ich habe euch nicht gebraucht!
    Die Andere. (laut lachend.) Darum bleiben wir auch hier, um uns unser Geld
noch zu verdienen.
    Die Erste. Und genug, Herr von Wallenheim, wir geben nicht ohne Bezahlung.
    Carl. (hitzig.) O, der unverschämten Geschöpfe!
    Die Vorige. Keine Beschimpfungen, Herr von Wallenheim! Auch wir werden uns
Recht verschaffen können; entweder bezahlen Sie uns, oder wir verklagen Sie
morgen. Baron von T... ist Zeuge Ihrer Versprechungen gewesen, auf ihn berufen
wir uns!
    Carl. (für sich.) Was soll ich anfangen? (er wirft sich seiner Mutter zu
Füssen.) O, meine Mutter, befreien Sie mich!
    Elisa. (geht zu den beiden Mädchen, und gibt jeder fünf Louisd'ors. Beide
entfernen sich augenblicklich.)
    Elisa. (nachdem sie hinausgegangen sind.) Dieses sind also die Freuden,
Carl, denen du deine Ruhe, dein Glück, deine Ehre opferst? Denn ein Mann von
Ehre wird die Drohungen einer öffentlichen Buhldirne als einen Schimpf ansehen,
den er nicht ertragen kann; ein Mann von Ehre wird nicht anderer Geld entwenden;
denn Schulden machen, die man nicht bezahlen kann, ist doch wohl so gut als
Raub? - Und diese Freuden erkaufst du mit den Tränen deiner Aeltern? Armer
Jüngling, wie wenig musst du mit den wahren Freuden des Lebens bekannt sein, um
diesen ein so grosses Opfer zu bringen!
    Carl lag noch auf seinen Knieen und weinte. Scham, Reue und Liebe zu seiner
Mutter waren die Empfindungen, welche in seinem Herzen abwechselten. Elisa
überliess ihn diesen Gefühlen; sie schwieg. Ein starkes Anpochen an der Tür riss
Carln aus denselben. Er steht auf, öffnet die Tür. Fünf seiner Gläubiger stehen
vor ihm; er erschrickt. Gut, junger Herr, fängt der Eine von ihnen an, dass wir
ihre Mutter noch bei ihnen finden; Sie werden uns doch erlauben, mit ihr unsere
Sache abzumachen?
    Carl richtet seinen Blick furchtsam auf seine Mutter; er hätte gewünscht in
die Erde sinken zu können. Nun traten die Herren herein, und zogen Rechnungen
und Schuldverschreibungen heraus. Was ist das, Carl, fragte Elisa? Nichts,
gnädige Frau, antwortete jener Mann, welcher schon zuvor gesprochen hatte, als
Rechnungen und Schuldverschreibungen, welche sich auf zweitausend Taler
belaufen, welche Ihr Herr Sohn uns schuldig ist.
    Elisa. (erschrocken.) Gott! zweitausend Taler? Wo soll ich die hernehmen?
    Der Gläubiger. Gnädige Frau, richten Sie es ein, wie Sie können; nur soviel
sage ich Ihnen, wenn wir nicht bezahlt werden, oder Sie uns nicht Bürge für die
Bezahlung sind, so lassen wir den jungen Herrn nicht aus der Stadt.
    Elisa. Meine Herrn, hier sind fünfhundert Taler, in jedem der drei
folgenden Jahre sollen Sie eine gleiche Summe erhalten, und im Vierten die
Zinsen des Capitals. (Sie setzt sich hin und schreibt.) Hier haben Sie das
schriftliche Versprechen und - hier das Geld! (Sie zählt auf einen Tisch hundert
Louisdo'r.)
    Die Gläubiger nahmen nun mit vielen Complimenten von Elisa'n Abschied.
Sobald sie das Zimmer verlassen haben, bricht Elisa in Tränen aus.
    Carl. Meine Mutter, Sie weinen? O, ich Unglücklicher!
    
    Elisa. Mein Herz ist zerrissen. Wozu habe ich mich anheischig machen müssen?
Meinen Vergnügungen habe ich kein Geld bestimmt, ich kann also das Geld, deine
Schulden zu bezahlen, nicht mir entziehen; denn ich habe keine andere Ausgaben
für mich, als die, welche unbedingte Notwendigkeit fordern. Und das Wenige,
welches ich zur Annehmlichkeit deines Vaters und deiner Schwester bestimme, soll
ich ihnen entziehen? O, ich werde die Klagen des Vaters über den Sohn hören
müssen, der ihm nichts übrig liess, als das blosse Stück Brod! Ich werde meine
süsse Henriette in den Jahren der Freude sehen, und ihr jedes Mittel zum
Vergnügen entziehen müssen! Doch schwerer noch wird es meinem Herzen werden, dem
Unglücklichen jede Hülfe zu versagen! Die Summe, welche ich den Armen gab, ist
die einzige, über welche ich bestimmen kann, das Einzige, welches ich besitze.
Armer, hülfloser Greis, wenn du nun vor meiner Tür vorbeischleichest, darf ich
dir nicht mehr ein Labsal reichen! Ich muss deine Tränen sehen, und darf sie
nicht trocknen! Ich darf dich nicht unterstützen, unglückliche Mutter, wenn du
mich um ein Stück Brod ansprichst, deine Kinder zu unterhalten! Ich werde euch
sehen, meine bedrängten Brüder, euer Elend empfinden, und euch nicht helfen
können! Carl! dieses schmerzt mich! O, gern opferte ich dir alles, was ich
besässe, müsste ich dir nur nicht Pflichten gegen meine unglücklichen Mitmenschen
aufopfern!
    Carl. (wieder zu den Füssen seiner Mutter.) Meine Mutter! O, wie gross ist
meine Schuld! Ich fühle es, Sie können mich nicht mehr lieben!
    Elisa. (Mit sanfter, rührender Stimme, indem sie ihn umarmt.) Du bist mein
Sohn!
    Carl weinte noch einige Zeit in ihren Armen; endlich sprach Elisa zu ihm:
Ich wünschte, dass du mich begleitetest! Du bist in langer Zeit nicht in
Wallental gewesen, siehe zu, dass du auf drei Monate Urlaub bekömmst.
    Carl erhielt diesen Urlaub. Elisa kehrte am Abend in den Gastof zurück, und
sagte ihm, dass sie ihn am andern Morgen erwarte, um mit ihm abzureisen. Carl kam
am andern Morgen; er fand seine Mutter schon angekleidet; allein er sah weder
eine Kutsche, noch Pferde. Haben Sie die Postpferde schon bestellt? fragte er
nach einiger Zeit.
    Elisa. Ich habe kein Geld mehr, und ich mag meine Schulden nicht vermehren.
Ich werde zu Fusse gehen, du kannst ja reiten!
    Carl. Meine Mutter! Sie, zu Fusse gehen, von hier bis Wallental; es sind ja
zwanzig Meilen!
    Elisa. Ich kann es nicht ändern, Carl. Freilich wird es langsam gehen;
allein in sieben Tagen denke ich hinzukommen.
    Carl. Meine Mutter, alle die Mühseligkeiten einer solchen Reise wollen Sie
ertragen? O, ich bitte Sie, borgen Sie die Summe, welche zu Ihrer Reise
erforderlich ist, und ziehen Sie es mir von meinem Taschengelde ab!
    Elisa. Nein, mein Sohn, ich will deinen Bedürfnissen nichts entziehen. Lass
mich zu Fusse gehen, du wirst sehen, ich werde es schon aushalten können.
    Carl schwieg, er machte sich Vorwürfe, und verabscheuete seine vorige
Aufführung. Elisa hatte nun alles zur Abreise bereitet; ein Bedienter hatte sie
begleitet; sie versprach ihm, den Weg, den er mit ihr machen müsste, zu belohnen.
Sie wollte durch dieses Mittel Carln lange seine Schuld empfinden lassen. Sie
machten sich nun auf den Weg, Carl ging beschämt durch die Strassen; es
demütigte ihn, dass man seine Mutter und ihn in diesem geringen Aufzuge sah. Er
war auf dem ganzen Wege traurig und niedergeschlagen; oft weinte er, wenn er
seine Mutter vor Hitze und Durst ganz abgemattet sah, und sie dann ermüdet auf
den Rasen sank, und nur nach einigen Stunden wieder Kräfte sammeln konnte, um
ihren Weg fortzusetzen; aber liebevoll sprach ihm dann Elisa Trost ein; sie
machte ihm nie Vorwürfe, sie klagte nie, ob sie gleich viel Unbequemlichkeiten
auf dieser Reise zu ertragen hatte. Sie waren an jedem Tage drei Meilen
gegangen, und am Siebenten langten sie endlich in Wallental an. Man hatte sie
nicht kommen hören; sie traten in das Zimmer. Hier fand Elisa, ausser ihrem
Gatten und ihrer Tochter, Birkenstein und Felsing mit seiner Gattinn und seinem
Sohne.
    Wallenheim eilt Elisa'n entgegen, und schliesst sie in seine Arme. Aber,
teure Elisa, wir haben kein Geräusch gehört, sind Sie denn nicht gefahren?
    Elisa. Nein, Wallenheim!
    Wallenh. (verwundert.) Warum nicht?
    Elisa. Ich konnte nicht.
    Wallenheim sieht sie voller Verwunderung an, und erblickt Carln, welcher
verwirrt an der Tür stehen geblieben ist. Elisa wendet sich um. Wallenheim, ich
habe Ihnen unsern Sohn mitgebracht. Carl warum begrüssest du nicht deinen Vater?
    Carl nähert sich beschämt und verwirrt; Wallenheim empfängt ihn kalt;
Henriette hat sich indes in die Arme ihrer Mutter geworfen. Alle nähern sich nun
Elisa'n und bewillkommen sie.
    Birkenstein. Elisa, Sie sehen mich hier unter der Zahl ihrer Freunde, und
gewiss nicht als einen der Letzten, der sich freuet, Sie zu sehen!
    Elisa. Birkenstein, Sie können glauben, dass meine Verwunderung, Sie hier zu
sehen, mir nicht unangenehm ist.
    Birk. (Drückt Elisa'n die Hand.) Unsere Herzen verstanden sich ja immer, sie
sind gewiss auch einstimmig im süssen Tone der Freundschaft!
    Elisa erwiederte den Druck der Hand.
    Birk. Ich bin jetzt Ihr Nachbar. Ich habe mir ein Haus im Städtchen R...
gekauft, und von nun an verlebe ich hier die Hälfte des Jahrs.
    Elisa. O welch ein herrlicher Einfall! Nun werde ich also stets im Kreise
aller meiner Lieben sein!
    Birk. Konnten Sie denn glauben, dass ich mich stets Ihres Umgangs, Ihrer
Freundschaft entziehen würde? Nein, Elisa! Jetzt können wir uns ohne Gefahr
sehen, und jetzt wollen wir uns ruhig im Genusse unserer Freundschaft freuen.
    Elisa. Dank Ihnen, Birkenstein, dass Sie durch Ihren Aufentalt hier noch die
Summe meines Glücks vermehren werden!
    Birk. O, um diese Worte aus dem Munde des verehrungswürdigsten Weibes zu
hören, lohnte es der Mühe, Leidenschaften zu bekämpfen, und weise zu werden!
    Froh brachten Wallenheim und seine Gattinn mit ihren Freunden den Abend zu.
Zwar war Elisa ausserordentlich ermüdet; allein dieses blieb unbemerkt, weil sie
es nicht scheinen wollte. Carl war der Einzige, welcher sah, wie viel
Anstrengung seine Mutter anwendete, um nicht der Müdigkeit zu unterliegen. Sein
Herz dankte ihr dafür, und immer fester haftete darin der Vorsatz, seine Mutter,
welche so vieles für ihn tat, nie wieder zu kränken. Er blieb an diesem ganzen
Abend traurig; ihn dünkte, ein Jeder kenne seine Schuld, und er läse Verachtung
in eines Jeden Blicke. Tief schlug ihn dieses nieder, und nur beschämt und
furchtsam blickte er umher. Elisa suchte ihn Mut zu machen; immer redete sie
ihn liebevoll an, und noch mehr rührte dieses den Jüngling. Gern wäre er zu den
Füssen seiner Mutter gestürzt, um dort seine Schuld abzubüssen.
    Ein ganz anderes Betragen hatte der junge Felsing; er war seit vier Jahren
vom väterlichen Hause entfernt, und seit einem Jahre auf der Universität in G
...; jetzt war er während der Ferien nach Felsingburg gekommen, und wollte zwei
Monate dort bleiben. Seine Bildung war angenehm, und in seinem äussern Anstande
vereinigte er mit dem Feuer der Jugend sanften Ernst. Mit Eifer und Fleiss ergab
er sich den Studien, und diese Neigung entfernte ihn von Ausschweifungen. Mit
trefflichen Anlagen war er auf der Schule unter die Aufsicht eines geschickten
Mannes gekommen, welcher seiner Seele eine edle Bildung gab, und seine
Leidenschaften auf das Schöne und Erhabene lenkte, und Heinrich von Felsing war
ein Jüngling, von dem man erwarten konnte, dass er als Mann die schönsten Früchte
tragen würde. Erst seit zwei Tagen war er in Felsingburg, und die ihn zärtlich
liebende Henriette, welche glaubte, dass Elisa in Wallental zurück sein würde,
wollte mit ihr ihre Freude über ihn teilen, und darum fand Elisa sie dort bei
ihrer Ankunft. Heinrich gewann schon am ersten Abend Elisa's Achtung; er war
bescheiden, und doch nicht blöde; wenn er sprach, so geschahe es nie in einem
entscheidenden Tone. Sein Scherz war witzig und fein, und seine Urteile der
schlichten Vernunft gemäss; zuvorkommend war er gegen Carln; er bemerkte, dass er
traurig war, und suchte ihn zu zerstreuen. Carl, dessen Herz durch die Stimmung,
in welcher er heute war, mehr als sonst noch, jedem Eindrucke offen war, gewann
den jungen Felsing lieb, und bald wurden Heinrich und Carl vertraute Freunde.
Elisa sah diese Freundschaft gern; sie glaubte, dass Carl durch die Unterhaltung
seines Freundes zum Guten geneigter werden würde; sie selbst sprach mit
Heinrichen über diesen Gegenstand, und bat ihn, Carln das Gute in einem Lichte
vorzustellen, welches ihn es lieben mache; allein sie glaubte, dass jede Mühe,
welche sie bis jetzt zu seiner Besserung angewandt hatte, vergeblich sein würde,
wenn sie ihn nicht Liebe zur Beschäftigung einflösste, und in ihm Gefühl für das
wahre Schöne erregte. Sie fing also an, ihm den Geschmack zum Lesen einzuflössen;
dann bildete sie seine Begriffe, erweiterte sie, machte ihn empfänglich für jede
Naturscene. Hatte Carl einen fröhlichen Tag in der Gesellschaft seiner Aeltern
und seines Freundes durchlebt, so machte ihn Elisa darauf aufmerksam, liess ihn
seine jetzigen Gefühle mit seinen vorigen vergleichen, und Carl fand sich jetzt
glücklicher. Fast täglich veranstaltete sie ein neues ländliches Vergnügen, wo
Scherz und Freude herrschten, um Carln den Genuss der einfachen Freuden der Natur
annehmlich zu machen; und wenn er dann zuweilen im Kreise munterer Jünglinge und
Mädchen war, und froher Scherz von eines Jeden Lippe floss, und sie auf dem Rasen
mit jugendlichen Spielen und Tänzen die Stunden hinweg gaukelten, dann liess sie
ihn in das Zimmer kommen, setzte ihn an einen L'Hombre- oder Pharotisch; allein
der Glanz des Goldes konnte Carln nicht mehr den Reiz des Vergnügens ersetzen.
Oft blickte er mit Verlangen nach dem Fenster, wenn er draussen das fröhliche
Jauchzen und Lachen seiner Gesellschafter hörte, und das Spiel wurde ihm
zuwider, weil er ihm manche vergnügte Stunde aufopfern musste. In allem diesem
arbeitete Elisa gemeinschaftlich mit dem jungen Felsing. Es schien nicht, als
hätte sie die Absicht, Carln zu bessern; er hörte von ihr keine Vorwürfe mehr;
keine langweiligen Ermahnungen scheuchten ihn aus der Gesellschaft seiner
Mutter; nein, an der hand der Freundschaft leitete ihn Elisa auf den Weg, auf
welchem sie wünschte, dass er fortgehen sollte; nur zuweilen liess sie ihn, in
Absicht ihrer, die Folgen seiner Schuld empfinden. Es traf sich einigemahl, dass
er bei ihr war, und dass ein Unglücklicher, welche alle wussten, dass sie in
Wallental Unterstützung zu erwarten hatten, Elisa'n um eine Gabe ansprach; dann
wendete sich Elisa weg, ging fort, und Carl sah eine Träne in ihrem Auge.
Dieses war ein Dolchstich für ihn. Einen Strom von Tränen vergoss er dann, und
war sein Freund Felsing gegenwärtig, so warf er sich in seine Arme, machte sich
Vorwürfe, und Felsing ergriff diese Gelegenheit, jeden Vorsatz zum Guten in ihm
zu befestigen. Es blieb Elisa'n nun noch übrig, so viel als möglich zu verhüten,
dass Carl nicht wieder unter seine vorigen Gesellschafter geriete. Sie schrieb
also an den General des Regiments, bei welchem Carl war, um ihn zu bitten, dass
er ihn nach einer andern Garnison versetzen möchte, und dieser bewilligte ihr
Verlangen. Elisa war nun ruhig in Absicht ihres Sohns. Es waren beinahe zwei
Monate verflossen, seitdem Carl in Wallental war, und viel hatte die Bildung
seines Herzens und seines Verstandes in dieser Zeit gewonnen. Seine Grundsätze
waren fester, seine Begriffe von den wahren Gütern des Lebens richtiger, und die
Gewohnheit war in ihm entstanden, in seinen Handlungen den Gesetzen der Vernunft
zu folgen. Elisa konnte also hoffen, dass Leidenschaften ihn nicht mehr zu
solchen grossen Fehlern hinreissen würden; allein dass sie ganz ihre Macht über
ihn verlieren würden, dieses erwartete sie nicht, weil sie den Menschen kannte,
und nicht vergass, was doch so viele Aeltern tun, dass ihr Sohn nur ein
zwanzigjähriger Jüngling war, und dass Weisheit in diesem Alter noch nicht
ausgeübt, nur erst erlernt werden muss.
    Doch fast eben so sehr als Carl beschäfftigte ietzt Henriette ihre
Aufmerksamkeit. Henriette und Felsing hatten sich oft gesehen, und Elisa
bemerkte, dass Henriette freudiger aufblickte, wenn Felsing in die Stube trat;
dass sie rot wurde, wenn man von ihm sprach; dass ihre Blicke mit Vergnügen auf
ihm verweilten, und dass Henriette in Felsings Abwesenheit nicht mehr so
fröhlich, so heiter als ehedem, ja sogar unruhig war, wenn sie ihn erwartete.
Aber auch in Heinrichs Augen glänzte ein höheres Feuer, wenn er mit Henrietten
sprach, und es blieb Elisa'n nicht unbemerkt, dass ein sanfter Händedruck oft
seine Begrüssung war. Mit doppelter Aufmerksamkeit beobachtete Elisa ihre
Tochter, ohne sie dieses merken zu lassen, und beschäfftigte sie mehr als sonst,
um sie jetzt nicht den Spielen der Einbildungskraft zu überlassen, welche bald
jene aufkeimende Liebe zur lodernden Flamme werden lässt. Elisa teilte
Wallenheim ihre Beobachtungen mit. Wird Felsing ein redlicher Mann, sprach er,
und hat etwas gelernt, so kann er unsere Tochter heiraten; Liebe wird sie
vereinigen. Elisa wünschte das Glück ihrer Tochter; ihre geliebte Henriette,
wünschte sie, möchte nur der Liebe Süssigkeit, nicht auch ihre Bitterkeit
empfinden, und darum sah sie ihre Liebe zu Felsing nicht gern, weil, um
lebenslängliche Fesseln zu tragen, er noch zu jung war. Indes sagte sie ihr
nichts, um sie nicht misstrauisch gegen sich zu machen.
    Es war nun am Tage vor Heinrichs Abreise. Wallenheim war mit seiner Familie
zwei Tage in Felsingburg gewesen, und er und Elisa baten beim Abschiede Felsing
und seine Gattinn, den letzten Tag von Heinrichs Aufentalte in Felsingburg, in
Wallental zuzubringen. Henriette kam, wie gewöhnlich, nach dem Frühstücke schon
angekleidet zu ihrer Mutter. Schwermut lag in ihren Zügen, ihr Blick war trübe,
und ihre Augen rot vom Weinen. Elisa tat, als merkte sie dieses nicht, war
noch liebevoller gegen sie, und umarmte sie mit inniger Zärtlichkeit. Henriette,
welche in dieser Stunde stets ihrer Mutter aus philosophischen Schriften etwas
vorlas, wobei Elisa fortfuhr, ihre Begriffe zu bilden und zu erweitern, ergriff
auch heute ein Buch; allein sie war zerstreut, ihre Stimme zitterte, sie hörte
nicht ihre Mutter, wenn diese sprach, und antwortete ihr nicht.
    Elisa. Henriette, du bist heute vielleicht zum Lesen nicht aufgelegt. Du
bist nicht wohl. Lege das Buch weg, meine Tochter; du musst dir keinen Zwang
auflegen!
    Henriette. (Macht das Buch zu, errötet, und schlägt die Augen nieder.)
    Elisa. Komm zu mir, meine Henriette, setze dich hier neben mich. Du bist
seit einiger Zeit nicht mehr so fröhlich als sonst, und dieses tut mir wehe!
Das Glück meiner Kinder ist mein einziger Wunsch; alle meine Handlungen zielen
dahin, und es schmerzt mich, dass ich diesen Zweck versehle!
    Henr. (Wirft sich weinend in die Arme ihrer Mutter.) O, meine gütige, meine
liebe Mutter!
    Elisa. Besitze ich dein Zutrauen nicht? Ich würde doch so gern Alles tun,
um die Ursache deines Missvergnügens aufzuheben?
    Henriette. Meine Mutter, ich hätte Ihnen schon lange alles gesagt, wenn ich
nur recht gewusst hätte, was eigentlich in meinem Herzen vorginge; allein ...
(Henriette errötet, und wird verwirrt.)
    Elisa. Liebe Henriette, ich errate dich. Gieb mir die Hand, meine Tochter,
erröte nicht. Es ist das erste, das seligste Gefühl, welches die Natur in
unsere Herzen legte, wir müssen es nur gehörig leiten, und dieses zu tun,
versprich mir, meinen Beistand anzunehmen.
    Henr. O, meine Mutter, leiten Sie mich! Gern, gern folge ich Ihnen, müsste
ich auch meine Liebe zu Heinrichen aufgeben. Wenn Sie es wollten, so wüsste ich,
es wäre gut.
    Elisa. Dieses ist der seligste Augenblick meines Lebens! In meiner Kinder
Herzen versprach ich mir den Lohn für jede meiner Handlungen, und Dank dir,
meine Henriette, du hast meine Erwartung nicht betrogen! Du wolltest mir deine
Liebe aufopfern? Ich weiss, was dieses deinem Herzen kosten würde. Und meine
sorgfältigsten Bemühungen für dein Glück sollen mich deines unbeschränkten
Vertrauens immer würdiger machen!
    Henr. (Küsst ihrer Mutter gerührt die Hand.)
    Elisa. Jetzt lass uns von deinen Angelegenheiten sprechen. Gestand dir
Felsing seine Liebe?
    Henr. Meine Mutter, ich will Ihnen Alles, Alles sagen, was zwischen uns
vorgegangen ist. Ich hatte bisher auf meine Empfindungen nicht gemerkt; ohne es
zu wissen, empfand ich Vergnügen in Felsings Gesellschaft. Felsing war so
zuvorkommend gegen mich, er suchte mir immer Gefälligkeiten zu erzeigen, oder
mir Vergnügen zu machen; sein Ton war so sanft, wenn er mit mir sprach; seine
Worte hatten so das Gepräge der Innigkeit und Herzlichkeit, dass ich immer
gerührt war, wenn ich einige Stunden mit ihm verplaudert hatte. Gestern auf
unserm Spatziergange redete er mit mir von seiner Abreise; das machte mich
traurig. Als wir zurückkamen, setzten Sie sich, liebe Mutter, mit Felsings und
meinem Vater auf den grossen Rasenplatz vor dem Hause. Herrn von Birkenstein sah
ich mit meinem Bruder und Heinrichen im Garten den Laubengang hinunter gehen.
Unwillkührlich entfernte ich mich von Ihnen, liebe Mutter, und ging auf die
entgegengesetzte Seite des Gartens. Ich kam an die kleine Grotte, neben dem
Teiche, dessen Ufer die schönen Castanienbäume beschatteten; ich setzte mich da,
die Sonne war untergegangen, stille und traurig war Alles um mich. Ich dachte
nur an Felsings Abreise; mein Herz war so beklommen, dass ich endlich in Tränen
ausbrach. Mich dünkte, nun höre jedes Vergnügen für mich auf; dieser Garten, den
ich so oft an Felsings Hand froh durchstrichen hatte, verlohr nun seinen Reitz
für mich. Alles wird nun öde sein, sprach ich zu mir selbst, und meine Tränen
verdoppelten sich. Dieses machte mich endlich aufmerksam auf mich selbst. War
ich denn nicht auch vergnügt, fragte ich mich, ehe Felsing hierher kam? Und
werde ich eben so traurig bei Carls Abreise sein? Nein; und Carl ist doch mein
Bruder, und ich liebe ihn so sehr! ... Ach, Mutter! da suhlte ich, dass ich eine
vorzügliche Neigung für Felsing empfand, und ich machte mir Vorwürfe, dass ich
dieses nicht eher bemerkt, und Ihnen entdeckt hätte. Ich war noch in diesen
Betrachtungen versunken, als ich Jemand kommen hörte; ich wandte mich um, es war
Felsing. Ich erschrack, ich zitterte; er kam eilig zu mir: Henriette, sagte er,
wollen Sie mir Ihre Gesellschaft den letzten Abend entziehen, an welchem ich mit
Ihnen sein kann? Er sprach diese Worte in einem wehmütigen Tone, und seine
Stimme zitterte. Ich war sehr verrwirrt; er setzte sich neben mich, mein Herz
schlug gewaltig. O, Henriette, hub er aufs neue an, wie glücklich wäre ich, wenn
ich Felsingburg mit der Hoffnung verlassen könnte, dass ich einst alle künftigen
Tage meines Lebens an Ihrer Seite verleben würde? Er blickte mir bei diesen
Worten ins Gesicht: eine Träne entfiel mir; er sah es, und schlug seinen Arm
um meinen Leib. Mit Heftigkeit drückte er mich an seine Brust, und zum
Erstenmahle drückte er seine Lippen auf die Meinigen. O, Henriette! rief er aus,
wenn Liebe Liebe versteht? - O, meine süsse Freundinn, dann darf ich hoffen ...
Er schwieg, ich schlug die Augen nieder; endlich wand ich mich aus seinen Armen.
Hören Sie, Felsing, sprach ich, es ist wahr, ich glaube, ich liebe Sie. Der
Schmerz über Ihre nahe Abreise hat mich über meine Empfindungen belehrt, und
warum sollte ich es Ihnen nicht sagen? Ich glaube, dass es das Glück meines
Lebens machen würde, wenn ich mich einst als Ihre Gattin sähe. Hier errötete
ich, und er drückte mir sanft die Hand. Doch, fuhr ich fort, unsere Aeltern
müssen unsere Liebe billigen. Wir müssen uns ihnen entdecken, und bis dahin kein
Wort mehr von unserer Liebe; was sie über uns beschliessen, dem unterwerfe ich
mich. Sie kennen die Güte, die Tugend, die Klugheit meiner Mutter; was sie will,
ist gewiss das Beste für mich. - Nun standen wir auf, Heinrich ergriff meine
Hand, und sprach in einem feierlichen Tone: Henriette, diese Worte, über welche
vielleicht mancher Jüngling klagen würde, machen Sie mir noch
verehrungswürdiger! Ich werde mich bestreben, Sie durch Tugend zu verdienen, und
dann glaube ich, dass ich ruhig den Ausspruch Ihrer verehrungswürdigen Mutter
erwarten kann. Wir beschlossen nun, dass er heute seinen Aeltern seine Liebe
entdecken, und auch Sie mit derselben bekannt machen sollte. Und nun - (in einem
ängstlichen Tone) meine Mutter, entscheiden Sie!
    Elisa. Sei ruhig, liebe Henriette, du wirst stets Gebieterinn über dich
selbst bleiben, nur du kannst über dich bestimmen! Aeltern haben bloss das Recht,
ihren Kindern das Beste vorzustellen, ihnen die Mittel zu zeigen, durch welche
sie glücklich werden können, die Wahl, welche sie ergreifen wollen, muss ihnen
überlassen sein. Hier hört das Recht der Aeltern auf; der Menschheit heilige
Rechte nehmen ihren Anfang, und der Mensch muss es dem Menschen überlassen,
welche Mittel zur Erreichung seines Glücks er nach seinen Empfindungen und
Vorstellungen für die besten hält, und ihn diese ergreifen lassen. Ich will dir
also meine Gedanken über eine Verbindung mit dir und Heinrichen mitteilen, und
dann, meine Henriette, kann nicht ich, sondern du musst entscheiden. Heinrich ist
jetzt achtzehn Jahr, nur wenige Monate ist er älter als du. Er wird noch ein
Jahr in G ... bleiben, dann wird er in B ... angestellt werden, und vor seinem
zwei und zwanzigsten Jahre gebe ich es nicht zu, dass er dich heiratet. Du,
meine Henriette, bist dann vollkommen fähig, Gattinn, Mutter und Hausfrau zu
werden; allein Heinrich ist dann noch immer der brausende Jüngling, in der
ganzen Stärke seiner Leidenschaften. Erwarte es nicht, dass du ihn fesseln wirst!
Wenn er dir treu bleibt, und wie kannst du dir dieses für gewiss von einem
achtzehnjährigen Jüngling versprechen? so hört er auf es zu sein, wenn er dein
Gatte ist. Alles rejetzt dann noch seine Sinne, Alles erweckt seine Begierde. Du,
meine Henriette, näherst dich dann dem Alter, wo des Frauenzimmers erste Blüte
schon vorüber ist, und doch musst du deinem jugendlichen Ehemanne jetzt
reitzender erscheinen, als in den ersten Tagen eurer Liebe. Um den Mann zu
fesseln, muss das Weib sich nur bestreben, seine Achtung zu erlangen, und seine
Liebe zu erhalten; allein des Jünglings Gattinn muss bei diesem noch seine
Begierden erwecken. Du musst der ersten Jugend frohen Leichtsinn annehmen! Zu
gleicher Zeit musst du seinem Herzen teuer sein, seine Sinne reitzen, und seine
Vernunft muss dir Beifall geben! Erwäge dieses recht, Henriette! Dieses ist
wahrlich nicht so leicht! Jetzt stürzt sich manches junge Mädchen in die Arme
des Jünglings, wähnt sich Ewigkeiten des Glücks, ohne eine von den Eigenschaften
zu besitzen, welche den Grund zu demselben legen könnten. Jünglingsliebe ist
nicht der Grundstein desselben, sondern Weiber-Klugheit, Weiber-Tugend. Wenn du
Heinrichs Gattinn wirst, so muss es in den ersten Jahren deiner Ehe eine deiner
Hauptbemühungen sein, dass du in Heinrichs Liebe für dich immer einen hohen Grad
von Feuer und Lebhaftigkeit unterhältst. Die Vergnügungen, welche er in deinem
Umgange geniesst, müssen daher stets abwechselnd sein, und ihm neu scheinen, und
es wird eine wichtige Angelegenheit für dich sein, ihm Vergnügungen zu
verschaffen, und ihm die Zeit zu vertreiben. Ich sehe es daher gern dass ihr in B
.. sein werdet, auf das Land sollten junge Eheleute, wenn der Ehemann in
Heinrichs Alter ist, nie gehen. Einförmigkeit tödtet die Liebe,
Mannichfaltigkeit unterhält sie. Dieses ist ein wahrer Satz, er wird uns oft
gesagt; aber, leider! beherzigen ihn unsere jungen Weiber nicht sehr. Du, meine
Henriette, wirst, hoffe ich, ihn in Ausübung bringen, dass Heinrich nie die Zeit
lang werde, wenn er bei dir ist. Du musst die Gefährtinn seines jugendlichen
Frohsinns werden der Fröhlichkeit und dem Scherze musst du tausend verschiedene
Gestalten geben, und sie dich stets umgeben lassen. In deiner ganzen Figur musst
du einen Reitz zu unterhalten suchen, und wenn Heinrich in andern Armen
geschwärmt hat, so muss er doch stets mit Wollust in die Deinigen zurückkehren.
Dieses ist die grosse Kunst, von welcher kein Mädchen sich etwas träumt, von
welcher unsere Mütter uns nichts vorsagen, und welche doch so notwendig ist,
wenn besonders, wie jetzt gebräuchlich ist, nicht Männer, sondern Jünglinge
heiraten. Darum, meine Henriette, wenn du Heinrichs Gattinn bist, ergreife
jedes Mittel, welches dir jene, den Weibern natürliche, Coquetterie und eine
genaue Kenntnis seines Geschmacks und seiner Neigungen, an die Hand geben, um
seiner Liebe, so weit es der Natur der Sache nach möglich ist, stets neue
Lebhaftigkeit zu geben. Verschaffe ihm Vergnügungen, und dieses oft, und dass er
dich als die Schöpferinn derselben erblicke. Doch bei diesem allem, Henriette,
wiederhole ich dir, dein Gatte wird nicht beständig sein. Allein nie müssen
deine Blicke, dein Betragen, deine Worte, ihm den geringsten Verdacht verraten;
nie musst du ihn einzuschränken suchen, nie dein Betragen gegen ihn verändern und
unfreundlich werden! Nein, gieb ihm immer die überzeugendsten Beweise deiner
Liebe; in deinen Blicken, in deinen Worten, in deinen Handlungen atme stets
Liebe gegen ihn; arbeite in jedem Augenblicke deines Lebens an seinem Glücke, an
seiner Zufriedenheit; dann wirst du stets seinem Herzen teuer sein. Wo einmal
gegenseitige Liebe statt fand, da wird Liebe immer Liebe erwiedern, und dann
kannst du ohne Furcht ihn in Anderer Armen erblicken, in welche Sinnlichkeit ihn
leitete; wenn er den Gegenstand seiner heissen Begierden mit mehrerm Entzücken an
sein Herz drückt, so wird er doch dich mit mehrerer Innigkeit an dasselbe
drücken.
    Vergisst sich Heinrich in deiner Gegenwart, lässt er sich in deiner Gegenwart
durch Schönheit, Annehmlichkeit oder Sinnlichkeit zu diesem oder jenem Weibe
hinreissen, und gibt ihr durch sein Betragen den Eindruck zu erkennen, den sie
auf ihn gemacht hat; so tue, als sähest du dieses nicht. Dein Ton, deine Laune,
deine äussere Stimmung müssen dieselben bleiben; ohne den Schein davon zu haben,
wetteifere in Annehmlichkeiten mit deiner Nebenbuhlerinn, und besonders hüte
dich, weder öffentlich, noch allein mit deinem Gatten, ihm dann weniger Achtung,
oder mehrere Gleichgültigkeit zu bezeigen. - Und bei dem allem, Henriette, kann
dir sein Herz entrissen werden. Der Eindruck, den man auf den Jüngling macht,
ist nicht dauernd: Oft die Sinnlichkeit befriediget, und die Liebe verfliegt. Es
ist nicht das Alter, in dem der Mann geschickt ist, Gatte und Vater zu werden,
und die vielen Heiraten, welche jetzt von Jünglingen geschlossen werden, müssen
das Sittenverderbniss vergrössern, und die unglücklichen Ehen vermehren. Wird in
dem Alter, in welchem der Jüngling nur geniessen will, und von einem Vergnügen
zum andern eilet, er sich lebenslängliche Fesseln anlegen, und sich den
häuslichen Sorgen unterziehen? Nein, er heiratet, weil er in das Mädchen
verliebt ist, welches er vielleicht nach einem oder zwei Jahren in eine andere
eben so sehr sein wird; allein einschränken wird er sich nicht, er wird seinen
Vergnügungen eben so gut nachgehen, und seine häuslichen Angelegenheiten wird er
nach seiner jedesmaligen Laune oder seinem Eigensinne anordnen, unbekümmert, ob
zum Nutzen oder Schaden derselben: und gleichgültig wird er in der Folge gegen
häusliche Freuden werden, da er sie eher kennen lernte, als er ihren Genuss zu
schätzen wusste.
    O, wie viel anders ist es, wenn der Mann heiratet, bei dem mit den
Jünglings-Jahren auch die Jünglings-Leidenschaften aufgehört haben! Seine
Gattinn ist nicht bloss der Gegenstand, der nur seine Begierden befriedigen soll;
nein, er sieht zugleich in ihr seine Gesellschafterinn, seine Freundinn. Er hat
jedes Vergnügen genossen, jetzt will er der Ruhe geniessen, und sie soll sie ihm
versüssen. Bleibend wird der Eindruck sein, den das Weib seiner Liebe auf sein
Herz gemacht hat, wenn sie diese zu erhalten weiss. Nicht wilder Ungestüm wird
ihn in der Anordnung seiner häuslichen Angelegenheiten leiten; sondern weise,
mit seiner Gattinn wohl überlegte, Massregeln wird er ergreifen, und Beide
werden an ihrem gegenseitigen Glücke, an dem Glücke ihrer Familie mit
vereinigten Kräften arbeiten. Dieses, meine Henriette, ist die Lage, in welcher
ich dich gewünscht hätte; doch Liebe ruft dich in die Arme des Jünglings.
Grössere und mehrere Pflichten werden dir zu Teil, ungewisser dein Glück, deine
Ruhe! Heftig sind die Leidenschaften des Jünglings, du musst sie leiten, du musst
die Führerinn werden, an deren Hand Heinrich in fernen Jahren Glück und Ehre
findet. Wie viel Klugheit, wie viel Geschicklichkeit sind erforderlich, um die
Leidenschaften und Neigungen des Jünglings so zu leiten, dass seine Handlungen
seinem wahren Interesse entsprechen! Bestrebe dich, sobald du Heinrichs Gattinn
bist, dieses aus einem richtigen Gesichtspunkte zu betrachten, und dieses sei
das Ziel, zu welchem du ihn leitest. Allein, Henriette, in deinem Äußern müsse
nichts Herschsüchtiges sein, nicht den Schein einer geringsten Ueberlegenheit
müssest du über ihn annehmen. Vernunft und Sanftmut sind die einzigen Mittel,
durch welche du ihn leiten kannst. Bestrebe dich, sein Vertrauen, und vorzüglich
seine Achtung zu erlangen, damit Heinrich überzeugt werde, dass in jeder deiner
Handlungen Vernunft deine Führerinn ist; dann kannst du ihn sicher ihre Stimme
hören lassen, und er wird selbst dich zu seiner Ratgeberinn erwählen.
Widersprich ihm nie in den ersten Aufwallungen seiner Leidenschaft, verhindere
nur, dass in wichtigen Fällen er dann nicht handelt!
    Die Leitung eurer häuslichen Angelegenheiten musst du allein übernehmen;
genau musst du, wenn du Heinrichs Gattinn bist, dich mit den seinigen bekannt
machen; allein wider seinen Willen unternimm nichts! Bestrebe dich nur, dass jede
Anordnung, welche du triffst, so und nicht anders am besten ist; dann wird
Heinrich deine Massregeln billigen, und du überhebest ihn der kleinen häuslichen
Sorgen, welche dem Jünglinge den Ehestand zuwider machen, woraus bald
Gleichgültigkeit oder Abneigung gegen seine Gattinn, als die Ursache derselben,
entspringt, und jedes häusliche Glück untergräbt. Allein, mehr als der Mann, hat
der Jüngling Launen und Eigensinn; diesen gieb nach, und bestrebe dich nur, so
viel als möglich, sie unschädlich zu machen!
    Kannst du dieses alles erfüllen, Henriette? Nun, so werde Felsings Gattinn!
Doch auch jetzt überlass dich nicht ganz deiner Liebe! Heinrich sah erst wenig
Mädchen, jetzt erst hat sich sein Herz den Empfindungen der Liebe geöffnet, er
sah dich zuerst, und er liebte dich. Ob aber in deiner Abwesenheit ein anderes
Mädchen nicht eine eben so starke Liebe in ihm anzünden kann? Dieses kann er dir
selbst nicht versprechen, so feurig, so aufrichtig auch jetzt seine
Versicherungen sein mögen; denn sehr wenige Menschen sind in ihrem Entstehen
Herr über ihre Empfindungen, und am wenigsten der Jüngling.
    Henr. Meine Mutter, Heinrich ist kein gewöhnlicher Jüngling! Sie kennen
seine edeln Grundsätze. Uebereinstimmung erzeugte unsere Liebe, und ich darf
hoffen, dass er mich immer mehr als jedes andere Mädchen lieben wird! Doch, meine
Mutter, der Tugend, so wie der Notwendigkeit, werde ich immer meine
Leidenschaft opfern können, und Sie und ich wollen über mein Herz wachen, dass
sie nicht zu stark werde. Und meine Pflichten einst als Heinrichs Gattinn? - O,
meine Mutter, ich erkenne ihren ganzen Umfang! Doch, Sie werden mich leiten
durch Ihre Lehren; durch Ihr Beispiel werde ich die Eigenschaften erlangen,
welche mir noch fehlen!
    Bei diesen Worten sank Henriette in die Arme ihrer Mutter, und in demselben
Augenblicke traten Wallenheim, Felsing, seine Gattinn und Heinrich herein.
Henriette erschrack! Kommen Sie, Felsing, sprach Elisa, Sie lieben meine
Tochter? (zu Felsing und seiner Gattinn.) Henriette, Felsing, billigen Sie seine
Liebe?
    Henr. Deine Tochter die Meinige nennen zu können? O, Elisa, wie sehr wird
dieses ein Glück erhöhen!
    Elisa. Nun dann, Felsing, so empfangen Sie sie; mein Gatte williget in Ihre
Verbindung! Aber in diesem Augenblicke, wichtig und feierlich für mich, für
meine Henriette, für Sie, lege ich Ihnen die Verbindlichkeit auf, sie glücklich
zu machen! Ich habe ihr die Gefahren einer Verbindung mit einem Jünglinge
vorgestellt, sie will sich ihnen aussetzen, sie will ihre Ruhe Ihrem Glücke
aufopfern! Prüfen Sie sich jetzt, ob Sie ihr stets diese Liebe erwiedern können?
Sie sind jung; nach dem Besitze Ihrer Gattinn werden Sie vielleicht anders
denken, als jetzt. Sie werden es vielleicht bereuen, so jung Ihrer Freiheit und
so manchem Vergnügen entsagt zu haben, welches für Sie, als Ehemann, als
Hausvater aufhört! - Wenn dieses ist? O, so entsagen Sie meiner Tochter! Nähren
Sie keine Liebe in Ihrem Herzen, welche sie unglücklich machen könnte; oder
fürchten Sie zugleich die Vorwürfe einer Mutter, welche, indem sie Ihnen ihre
Tochter gibt, Ihnen die Sorge für ihr Glück überträgt.
    Heinrich. Gnädige Frau, ich sagte gestern zu Henrietten, ich wollte sie
durch Tugend verdienen; dieses bleibt noch mein Vorsatz! Nach einigen Jahren
tun Sie den Ausspruch über mich! Und wenn ich einmal den Pfad der Tugend
betreten habe, sollte ich ihn verlassen, wenn ich im Besitze des
liebenswürdigsten Weibes sein werde?
    Elisa. (lächelnd.) Schöne Jünglings-Phrasen! Doch, (sie wendet sich gegen
Wallenheim.) Wallenheim, unsere Tochter ist frei. - Sie mag entscheiden!
    Heinrich und Henriette blickten sich an, und warfen sich zu gleicher Zeit in
Elisa's Arme, indem sie ausriefen: O, meine Mutter, wir wollen stets gut sein!
Wir wollen Ihnen Freude machen, durch unsere Liebe, durch das Bestreben, uns
gegenseitig glücklich zu machen!
    Elisa umarmte sie Beide: auch Wallenheim schloss seine Tochter in seine Arme;
und gerührt drückte Henriette den Sohn an ihr Herz. Die süssen Namen: Vater,
Mutter, Tochter, Sohn, erschollen aus jedem Munde, und Beider Aeltern fühlten
ihre Freundschaft durch die Liebe ihrer Kinder verstärkt.
    Auch Birkenstein kam an diesem Tage nach Wallental; er teilte mit ihnen
das Glück seiner jungen Freunde, und versprach Elisa'n, Heinrichs Bildung zu
vollenden. Das erste Jahr, dass er in B... sein wird, sprach Birkenstein, werde
ich mit ihm dort zubringen. Ich werde seine Leidenschaften leiten, jedes Schöne
und Erhabene werde ich ihm als wünschenswert vorstellen, und seine Neigungen
darauf richten; ich werde ihn lehren Menschen kennen, und ihn gewöhnen, selbst
in der Hitze der Leidenschaft auf die Stimme der Vernunft zu hören, und ihr zu
folgen. Kurz, mein Bestreben soll sein, dass Heinrich einst nicht nur edel denkt,
sondern stets gut handelt; und schön wird der Abend meines Lebens sein, wenn ich
dazu beitragen kann, Sie einst in Ihrer Tochter glücklich zu machen!
    Elisa dankte ihrem edeln Freunde. Vergnügt verlebte dieser Zirkel guter und
glücklicher Menschen nun diesen Tag. Heinrich und Henriette dachten nicht an den
Abschied, sie empfanden nur ihr gegenwärtiges Glück, und genossen des künftigen.
Doch sie kam, die Abschiedsstunde; allein frühzeitig hatte Elisa ihrer Tochter
Standhaftigkeit eingeflösst, und Henriette zeigte sich ihrer Mutter würdig bei
der Trennung von ihrem Freunde. Tränen rollten zwar von ihren Wangen; allein
sie flossen ohne Heftigkeit, und nach einigen Tagen hatte Henriette ganz ihre
vorige Heiterkeit wieder. Elisa fuhr fort, sie sehr zu beschäftigen, und zu
verhindern, dass Heinrich nicht stets der Gegenstand ihrer Gedanken sei; sie liess
sie jetzt selten allein, und ging öfterer, als sie bisher getan hatte, mit ihr
in Gesellschaft. Doch eben so sehr bestrebte sie sich, Henrietten die
Eigenschaften zu geben, welche sie als Heinrichs Gattinn von ihr forderte. Sie
bildete ihren Geschmack, erteilte ihr einige Kenntnisse in den schönen Künsten
und in der schönen Litteratur, weil sie glaubte, dass Henriette eine angenehme
Unterhaltung dadurch bekommen würde, und dass, wenn man sucht, dem Verstande
Grazie und Feinheit zu geben, dieses sich auch auf das äussere Wesen ergiesst, und
dem Weibe Annehmlichkeit gibt. Allein auch Menschen- und Weltkenntnis fand
Elisa für nötig, dass sie ihre Tochter erlangte. Sie bat also ihren Gatten, dass
er einen Winter in B .. mit ihr und ihrer Tochter zubringen möchte. Hier suchte
sie die Gesellschaften, welche von den klügsten und artigsten Weibern B... s
besucht wurden, und hier bildete sie ihre Tochter zum liebenswürdigsten,
angenehmsten Mädchen. Allein indem Henriette in ihrem Wesen die Politur der
feinen Welt annahm, blieb sie doch ungekünstelt und natürlich. Die Natur schien
bei ihr durch die Grazien geschmückt zu sein. - Doch Henriette sollte nicht nur
das reizende, das angenehme, sondern auch das gute, das vernünftige Weib sein.
Von ihrer Jugend an hatte Elisa ihre Begriffe, ihre Grundsätze gebildet; jetzt
gab sie ihr Gelegenheit zu handeln, machte sie darauf aufmerksam, wenn sie
fehlte, und flösste ihr Beharrlichkeit im Guten ein. Aber auch die Besorgung
aller häuslichen Geschäfte übertrug jetzt Elisa ihrer Tochter; sie liess sie in
das Detail jeder wirtschaftlichen Angelegenheit gehen, und Henriette erlangte
auch bald in diesem Fache alle Vollkommenheiten einer guten Hausfrau.
    Elisa war glücklich in diesen Beschäftigungen, die guten Eigenschaften ihrer
Tochter wurden mit jedem Tage erweitert, und durch sie Elisa's Glück erhöhet.
Ihr mütterliches Herz kannte jetzt nur Freuden; auch in ihrem Sohne wurden ihre
Bemühungen um sein Glück ihr belohnt. Carl hatte seinen Ausschweifungen auf
immer entsagt; er näherte sich keinem Spieltische, ohne an die Aufopferungen zu
denken, welche seine Mutter seiner Leidenschaft zum Spiele gemacht hatte, und
diese Erinnerung trieb ihn weg vom Spiel. Er hatte in Wallental das Gute kennen
und lieben gelernt, und jetzt bestrebte er sich, es zu befolgen. Er kam nach
einem Jahre zurück nach Wallental; die Freudentränen seiner Mutter flossen
über seine Wangen, und der Jüngling fühlte, dass Tugend auch glücklich macht.
Aber auch ihr zweiter Sohn, wie Elisa Heinrichen nannte, strömte Freude in ihr
Herz. Birkenstein war auf ein Jahr sein Führer gewesen, und er versicherte
Elisa'n von seiner guten Aufführung, und seiner edeln Denkungsart. Oft sagte sie
entzückt zu Wallenheim: Ich werde meine Kinder glücklich sehen! Und die süssesten
Tränen flossen dann von ihren Wangen.
    So flossen die Tage ihres Lebens jetzt froh und glücklich dahin. Immer noch
beschäftiget, Gutes zu tun, und nützlich zu sein, in der Mitte aller derer,
welche sie liebte, und von welchen sie angebetet wurde, genoss Elisa eines
Glücks, welches ihr doppelt süss war, da es nicht das Werk des Zufalls war,
sondern sie es sich durch Tugend errungen hatte, und Tugend ihr den Genuss
erhöhete. -
    Jetzt hatte Heinrich sein zwei und zwanzigstes Jahr erreicht; er eilte nach
Felsingburg. Henriette errötete, als sie ihn jetzt wieder sah. Elisa lächelte,
und der Hochzeittag wurde festgesetzt. Auch Carl war nach Wallental gekommen,
und Alles atmete Freude. Da wurde Elisa krank, und nach drei Tagen erklärte der
Arzt, dass die Symptomen der Krankheit gefährlich wären, und dass er ihre
Wiederherstellung bezweifelte. Schrecken verbreitete sich auf allen Gesichtern.
Felsing, seine Gattinn, Heinrich, Birkenstein blieben Tag und Nacht in
Wallental, und alle verliessen kaum auf einen Augenblick Elisa's Bette. Elisa
war ruhig, ohne Furcht fühlte sie die Abnahme ihrer Kräfte. Zwar füllten sich
ihre Augen mit Tränen, wenn sie alle ihre Lieben um ihr Bette sah, welche sie
nun bald verlassen würde; allein auch jetzt noch blieb sie standhaft, und
bekämpfte ihren Schmerz. Der Tod, sprach sie zu ihren Freunden, wird mir nur
schwer, weil ich euch verlassen muss. Um die Zukunft bin ich unbekümmert. Zwar
habe ich keine Gewissheit über die Unsterblichkeit unserer Seele; allein ich habe
immer geglaubt, dass etwas in uns ist, welches fortdauert. auch wenn die jetzige
Organisation unsers Wesens aufhört. Doch dem sei wie ihm wolle, sterben ist
ewiges Gesetz der Natur! Ich dachte mir oft die Zerstörung meines Wesens, und
ich bin dazu bereit.1 Ich habe mein Leben nicht unnütz zugebracht, ich habe zum
Glücke einiger meiner Mitbrüder beigetragen, ich habe mich stets bestrebt, meine
Pflichten zu erfüllen, und dieses macht jetzt meine Beruhigung, meine Freude.
Mein künftiges Schicksal sei welches es wolle, ich sterbe mit dem Bewusstsein,
dass ich mitwirkte, die Summe des Guten zu vermehren, und meine Bestimmung als
Mensch erfüllte, Und dieses Bewusstsein? O, meine Freunde! es gibt ein
unaussprechlich süsses Gefühl, welches selbst die Annäherung des Todes nicht
zerstört, und über dessen Schrecken uns siegen lässt! Die Trennung von Euch ist
jetzt der einzige Schmerz, den ich empfinde und euer Gram um meinen Verlust,
meine einzige Bekümmernis! Doch, meine Freunde! euch bleibt noch immer viel zum
frohen Genusse des Lebens, wenn ich auch nicht mehr unter euch wandle! Seid
stark, und überwindet euern Schmerz! Mein Wallenheim, die Liebe deiner Kinder
wird dir meinen Verlust ersetzen! Carl, Henriette, ich machte es zur
Hauptbeschäftigung meines Lebens, an euers Vaters Glücke zu arbeiten, euch
übertrage ich dieses nun! Es ist die letzte Bitte eurer Mutter! Tröstet euern
Vater! Ersetzt ihm meine Sorgfalt, meine Liebe für ihn! O, meine guten Kinder!
Ich sehe es, ihr werdet es tun, und ich sterbe freudiger! Komm her, meine
Henriette, komm her, mein Carl! (hier füllten sich ihre Augen mit Tränen, sie
umarmte Beide.) O, ihr waret meinem Herzen so teuer! Doch auch euch kann ich
ruhig verlassen! Ich kann nichts mehr zu eurem Glücke beitragen; ihr allein habt
es jetzt in euern Händen; ihr kennt die Mittel dazu, wendet sie an, meine
Kinder, und süsser Friede wird immer in euern Herzen wohnen! Dich erwarten nun
bald neue Pflichten, neue süsse Empfindungen, meine Henriette! Ich sehe dich
schon im Geiste in den Armen deines Gatten, und dann darfst du meinem Andenken
nur die ruhigen Tränen der Wehmut widmen! Keine anderen Tränen, meine
Freunde, müssen auf mein Grab fallen! Kommen Sie auch hierher, Heinrich! Sie
sind edel, ich bin unbesorgt um meiner Tochter Glück! Und du, Henriette, du
wirst ihre Mutter, ersetze ihr meine mütterliche Sorgfalt! Und nun Dank Ihnen
Allen, meine Freunde, die Sie mein Leben versüssten! Henriette, Birkenstein,
Felsing, Ihre Freundschaft erhob mein Leben zum höchsten Gipfel der Wonne, und
meine letzten Empfindungen sind Dank und Liebe gegen Sie! -
    Elisa reichte einem Jeden nach der Reihe die Hand; ein holdseliges Lächeln
begleitete ihre letzten Worte; man ehrte ihre Ruhe, und ein Jeder verbarg im
Innern seines Herzens den Schmerz über den Verlust des holdseligsten Weibes.
    Jetzt, am Rande des Grabes schon, war Elisa doch noch beschäfftiget, Gutes
zu wirken, selbst nach ihrem Tode noch. Sie vermachte eine Summe für die
Stiftungen der Kinder und Greise in Wallental, welche von den Zinsen derselben,
auf eben die Art wie bisher, unterhalten werden sollten, und trug Henrietten die
Aufsicht über dieselben auf. Die Greise, die Kinder aus dem Erziehungshause, die
Einwohner Wallentals, viele der Unglücklichen, welchen sie geholfen hatte, Alle
kamen auf das Schloss, und wollten noch einmal ihre Wohltäterin sehen. Elisa
sprach mit ihnen, dankte ihnen für ihre Liebe, und zeigte ihnen, dass Tugend,
auch in den letzten schrecklichen Augenblicken, nicht aufhöre, glücklich zu
sein. So entschlief sie, unter den Segnungen derer, die sie umgaben, ruhig und
sanft, wie sie stets im Leben gewesen war, und ihre Miene war noch nach ihrem
Tode der Ausdruck des sanften Friedens, der bis zu ihrem letzten Atemzuge in
ihrem Herzen gewohnt hatte.
    Henriette bewies jetzt die Vortrefflichkeit der Lehren ihrer Mutter. Sie
weinte; allein ruhig war ihr Schmerz, und aufrichtig bekämpfte sie ihn, ob sie
gleich ihre Mutter anbetete. Nur Wallenheim fiel in eine düstre Schwermut;
nichts konnte ihn aus derselben reissen. Meine Freunde, sprach er, ihr Alle
kennt nicht die Grösse meines Verlustes! Was Elisa mir war, kann nur ich
empfinden. Nur ich sah sie in jedem Augenblicke ihres Lebens, und fand sie
immer gross! Nur ich weiss, wie fest sie an jedem Guten und an ihren Pflichten
hieng, wie unablässig sie bemühet war, Glück um sich zu verbreiten, und besonders
mich glücklich zu machen! Sie schuf in mir Gefühle, mein Weib machte mich zum
Menschen! Sie lehrte mich die Güter des Lebens kennen und geniessen! In ihren
Kindern hat sie ihre Tugenden fortgepflanzt, sie können glücklich werden, wie
sie war. Nur ich bleibe einsam zurück, - ich lebte nur durch sie, meine Gefühle
sterben mit ihr! -
    Und Lebenslang trauerte Wallenheim um sein Weib.
    Lange beweinte sie Birkenstein, weil sie bis zu ihrem Tode der Inbegriff
seiner wärmsten, seiner innigsten Empfindungen gewesen war. Aber länger dauerte
das Gute, welches Elisa gewirkt hatte. Sie hatte in den niedrigen Klassen viele
Menschen besser, und folglich glücklicher gemacht. Sie hatte durch ihr Beispiel
viele Weiber über ihre Pflichten aufgeklärt, und sie zur Nachahmung angereizt.
Sie hatte durch die vortreffliche Erziehung, welche sie Henrietten gab, ihre
Tugenden in ihr erblich gemacht, welche diese fortzupflanzen sich bestrebte, und
so, wie ihre Mutter, Glück um sich verbreitete. Lange blieb ihr Andenken
unvergesslich, und ihr Name Antrieb zur Tugend. Und Elisa zeigte allen Weibern,
dass des Weibes schönster Ruhm Tugend sei, und dass durch sie das Weib in jeder
Sphäre Gutes wirken, und selbst Generationen beglücken kann.
 
                                    Fussnoten
1 Ueber die Einwürfe, die man mir wegen dieser Stelle gemacht hat, habe ich mich
in der Verrede erklärt.
 
    